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Von der „Rekonstruktion“ zur „Krise des Marxismus“

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Udo Winkel

I.

War im 1. Teil (siehe Udo Winkel: Die Krise des Marxismus, in: MK Nr. 2) auf die Verwandlung des akademischen „Marxismus“ in einen positivistischen Splitter des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus eingegangen worden, so soll im 2. Teil eine Auseinandersetzung mit der Arbeit von E. Dozekal folgen, der den Anspruch erhebt, die „Krise des Marxismus“ durch die Form seiner Rezeption zu bestimmen: DOZEKAL, EGBERT: VON DER „REKONSTRUKTION“ DER MARX’SCHEN THEORIE ZUR „KRISE DES MARXISMUS“. DARSTELLUNG UND KRITIK EINES DISKUSSIONSPROZESSES IN DER BUNDESREPUBLIK 1967 bis 1984; Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1985, 36.- DM.

Dozekal versucht die Logik eines theoretischen Prozesses herauszuarbeiten, der von einer bestimmten Rekonstruktion, d.h. der Verwandlung des Marxismus in Erkenntnistheorie und Methode ausgehend, über seine empirische Verifikation als Realanalyse insbesondere als Krisentheorie und – Prognose, hin zur Krise als Demontage der rekonstruierten Marx’schen Theorie führte. „Die ‚Rekonstruktion‘ der Marx’schen Theorie im Gefolge der Studentenbewegung wurde explizit in Opposition zu und als Kritik an der etablierten ‚bürgerlichen‘ Gesellschaftswissenschaft betrieben, … und die Marx’sche Theorie (wurde) als theoretische Begründungsinstanz anerkannt, an der sich die gesamte Sozialwissenschaft zu messen habe; und zwar nicht mehr an einer auf die ‚Frühschriften‘ verkürzten Marxrezeption, sondern auf einem Gebiet, das auch Marx als sein Hauptanliegen und -Werk bezeichnete, der ‚Kritik der Politischen Ökonomie‘. 15 Jahre später bietet sich das umgekehrte Bild. Nicht bloß, daß die Diskussion um die ‚Politische Ökonomie‘ an der Wende zu den 80er Jahren zu einer weitgehend akademischen Debatte geworden ist, wenn sie überhaupt noch geführt wird. Vielmehr haben eben die Protagonisten der seinerzeitigen ‚Rekonstruktion‘ der Marx’schen Theorie selbst … die ‚Krise des Marxismus‘ ausgerufen“ (S. 9-10). Symptomatisch erscheint auch, daß die Arbeit Dozekals u.W. bisher vollständig ignoriert, also weder rezipiert noch kritisiert wurde.

II.

Dozekal sieht die Intention einer verhängnisvollen „Rekonstruktion“ der Marx’schen Theorie – sein Ausgangspunkt bildet das Kolloquium „Kritik der politischen Ökonomie heute – 00 Jahre ‚Kapital'“, das 1967 in Frankfurt/M stattfand – in: 1. der Isolierung einer „dauerhaften Methode“ getrennt von den materialen Aussagen, 2. verbunden mit einer Kritik an den materialen Aussagen von Marx, 3. der Glaube an eine Überlegenheit der Methode des ‚Kapital‘ ohne eine inhaltliche Überprüfung und 4. daraus folgend der Rekonstruktion der Marx’schen Theorie als Methode. Schon hier zeigt sich, daß Dozekal es sich sehr einfach macht, indem

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er die Rezeptionsprozesse undifferenziert einem Schema subsumiert, es ihm somit eher um die Sache der Logik als die Logik der Sache geht. Seine Darstellung bleibt theorieimmanent, abstrahiert von den Bedingungen dieser seit Mitte der sechziger Jahre einsetzenden Rezeption, verkürzt ihren komplexen Charakter und verkennt damit ihre Bedeutung. Diese kann nur erfaßt werden, wenn der damalige Stand oder Zustand des „Marxismus“ berücksichtigt wird – hier kann auf diese Probleme nur verwiesen werden; Aufarbeitung und Darstellung der Problematik bleibt ein Desiderat. Es dominierten damals der in ein Formelsystem gegossene, der Realität übergestülpte positivistische „Sowjetmarxismus“ des „Realsozialismus“ mit seiner Funktion als Rechtfertigungsideologie und seine „marxologischen“ Kritiker andererseits, die den jungen gegen den alten Marx ausspielten, d.h. ihn anthropologisierten und zu einer Variante des Existenzialismus machten. Wo im akademischen Bereich an Marx als einem gesellschaftskritischen Theoretiker festgehalten wurde, geschah es im Rahmen der „Kritischen Theorie“ der „Frankfurter Schule“ als Kulturkritik und in der Marburger Abendroth-Schule als politische Theorie.

In diesem Zusammenhang kann die Wiederentdeckung des Marxismus als einer „Kritik der politischen Ökonomie“ – gerade im Gegensatz zum Verständnis einer positiven Wissenschaft – in ihrer Bedeutung und Eröffnung einer neuen Perspektive kaum überschätzt werden.

ROSDOLSKY verwies auf dem Frankfurter Kolloquium auf die großen Veränderungen „seit dem Ende des letzten Weltkrieges, seitdem der westliche Kapitalismus so gewaltige Wandlungen erfahren und seitdem es auch gilt, die im Osten neu entstandenen Gesellschaftsgebilde wissenschaftlich zu erfassen. Auch diesmal muß sich die Theorie, um mit Marx zu sprechen, ‚im Dünger der Widersprüche‘ emporarbeiten, wenn sie allem Neuen, das die konkrete Wirklichkeit darbietet, Rechnung tragen soll. Und unsere Theorie KANN es, wenn sie sich von jedem Dogmatismus fernhält und wenn sie die unendlich fruchtbare Methode des KAPITAL richtig anzuwenden weiß, d.h. wenn sie jene Vermittlungen aufzufinden vermag, die die abstrakten Theoreme dieses Werkes mit der konkreten Wirklichkeit VON HEUTE verbinden. Eben das erscheint uns als die Zentralaufgabe der heutigen marxistischen Ökonomie; und sollte unser Beitrag irgendwie zur Bewußtwerdung dieser theoretischen Aufgabe beigesteuert haben, dann ist sein Zweck vollauf erfüllt“(1).

Diese Forderung nach den Vermittlungen ist nicht nur legitim, sondern notwendig, wenn die Oberflächenphänomene der kapitalistischen Realität begriffen werden sollen und wenn man nicht, wie anscheinend Dozekal, bei der „Kerngestalt“ (Marx) stehenbleiben will. Eine Kritik Rosdolskys hätte dort einzusetzen, wo er von der Verbindung der „abstrakten Theoreme“ mit der „konkreten Wirklichkeit von heute“ spricht und damit verkennt, daß diese „abstrakten Theoreme“ eben die verdinglichte kapitalistische Realität ausdrücken.

Die Bedeutung des Kolloquiums für die Überwindung des alten, sich selbst als positive Wissenschaft verstehenden verdinglichten „Marxismus“ und die Aufzeigung einer neuen, dem originären Marx verpflichteten theoretischen Perspektive zeigen etwa die Diskussionsbei-

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träge von Alfred Schmidt. So betont er etwa die Aufhebung der verdinglichten „zweiten Natur“ als Voraussetzung des Kommunismus: „Immerhin hat Marx sehr deutlich gesagt, daß er unter Kommunismus einen Zustand versteht, in dem es keine Verhältnisse und Mächte gibt, die von den Menschen unabhängig existieren. Man darf nicht zur wissenschaftlichen Norm erheben, sozusagen zur Tugend eines erkenntnistheoretischen Realismus machen, was die Not des von Marx kritisierten Zustands war. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Es hat gar keinen Sinn, in der Theorie noch einmal zu fetischisieren, was in der Wirklichkeit schon fetischisiert ist. Je ‚objektiver‘ diese Gesetze sind, desto schlimmer für uns. Engels hat früh bereits den klassischen Ökonomen, die sich viel zugute hielten auf die ‚Naturgesetze‘ der kapitalistischen Produktion, entgegnet: Worauf beruhen diese Naturgesetze? Auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten – und das scheint mir überhaupt der Sinn des Sozialismus bei Marx zu sein, daß man nicht bei der bloßen Konstatierung stehenbleibt (man geniert sich fast, es zu wiederholen), daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt – endlich

soll das Bewußtsein übers Sein gebieten. Es ist doch der Zweck der Ökonomie, wie sie Marx vorgeschwebt hat, daß die Menschen bewußt ihre Verhältnisse gestalten und durch keine zweite Natur gefesselt werden, die viel gewalttätiger ist als die erste, und zwar deshalb, weil das Subjekt sich in ihr vergegenständlicht hat. Je mehr Subjektivität nämlich in der Objektivität verkörpert ist, desto ‚bewußtseinsunabhängiger‘ ist sie – im zu kritisierenden und aufzuhebenden Sinne“(2).

Und zur Wertproblematik führte Schmidt aus: „Während noch Ricardo, der fortgeschrittenste klassische Ökonom, sich damit begnügt, die Wertbildung als naturgegebene Eigenschaft der Arbeit anzusehen, deckt Marx den spezifisch gesellschaftlichen, das heißt historisch vergänglichen Charakter des Wertes auf. Er geht von der Wertgröße zur Analyse der Wertform über. Wenn die unter dem Aspekt des Tauschwerts betrachteten Waren sich nur quantitativ unterscheiden, dann setzt das ihre qualitative EINHEIT voraus, den Umstand, daß sie abstrakt menschliche Arbeit verkörpern. Diese Konsequenz entgeht den klassischen Ökonomen, weshalb sie auch den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang nicht begreifen. Der Marx’sche Begriff der Produktionsverhältnisse, ja der bürgerlichen Gesellschaft, steht und fällt mit der Anerkennung der zugleich logischen und historischen Objektivität des Wertes. Marx hat keineswegs geglaubt, es handle sich hier um einen ‚denkökonomischen‘ Begriff im Sinn der positivistischen Wissenschaftstheorie. Vielmehr können wir ihn nur deshalb nützlich anwenden, weil ihm eine tagtäglich im Produktionsprozeß vollzogene Abstraktion entspricht, die sich in den einzelnen Kaufakten bloß manifestiert. Er darf nicht nur als Arbeitshypothese, als denktechnische Notwendigkeit betrachtet werden. Marx hat schon in der KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, also 1859, nachgewiesen, daß es sich bei der Wertbildung um eine Abstraktion handelt, die nicht nur methodisch bedeutsam ist, sondern das Objekt der Untersuchung selbst strukturiert. Übergehen wir diesen Punkt, dann geraten wir in große Schwierigkeiten, dann können wir den für Marx so wichtigen Zusammenhang zwischen politischer Ökonomie und gesellschaftlicher Totalität nicht wirklich erfassen“(3).

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(Das auf dem Kolloquium gehaltene Referat von Alfred Schmidt: Zum Erkenntnisbegriff der Kritik der politischen Ökonomie, S. 30-43, bietet immer noch eine ausgezeichnete Einführung in die Problematik der Kritik der politischen Ökonomie). Dozekal expliziert nun seine Kritik an der Marxrezeption am Beispiel von H. Reichelt, C. Offe und J. Bischoff. Er verweist darauf, daß für REICHELT die „Kritik der politischen Ökonomie“ eine doppelte theoretische Herausforderung darstellt: „Auf der einen Seite hat sich die Rezeption des ‚Kapital‘ weiterhin mit Problemen der METHODE bei Marx, ‚der dialektischen Darstellung der Kategorien und Erörterung dieser Darstellungsform‘, der Extrapolation einer ‚Ableitungsstruktur als methodisches Vorbild‘, der möglichen historischen Beeinflussung der ‚abstrakt kategorialen Darstellungsform‘ usw. im Bewußtsein zu befassen, daß es nur so ‚möglich wird, sich abschlußhaft über die Marx’sche Methode und ihre Eignung für die Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus zu äußern‘. Auf der anderen Seite ist die methodische Selbstbeschäftigung mit dem ‚Kapital‘ durch ein später als ‚REALANALYSE‘ bezeichnetes ‚Studium des wirklichen Kapitalismus‘ im Bewußtsein zu ergänzen, erst dadurch ‚wirkliches‘ Wissen über den gegenwärtigen Kapitalismus zu erarbeiten und damit zugleich die ‚Eignung‘ der aus dem ‚Kapital‘ extrapolierten Marx’schen Methode zu verifizieren“ (S. 75).

Hier gilt es eine differenziertere Beurteilung als die im schlechten Sinne abstrakte Dozekals. Er verkennt, daß es hier ja erst einmal um die Entdeckung und Aneignung der „Kritik der politischen Ökonomie“ ging und die theoretisch-methodischen Reflexionen Reichelts in seiner Arbeit „Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx“ diese Aneignung förderten. In Bezug auf die „Realanalyse“ legt Dozekal den Finger auf die Wunde, wobei es hier allerdings nicht um eine Kritik an der Forderung der Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus gehen kann, sondern an der fehlenden bzw. nicht gelingenden Vermittlung zur „Kernstruktur“. So degenerierte die „Realanalyse“ tatsächlich vielfach zur positivistischen Aneignung der erscheinenden Oberfläche.

Dozekal zeigt richtig, daß OFFE schon damals Fragestellungen entwickelte, die sich heute im akademischen „Marxismus“ durchgesetzt haben. Er wendet sich dagegen, „die Frage nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus in naiver Weise zu stellen“. „Offe will vielmehr den marxistischen Krisentheoretikern die methodischen Bedingungen vorgeben, wie dieselbe Frage reflektiert zu stellen und ergänzend zu beantworten wäre: ‚Unter diesen Bedingungen wäre eine Krisentheorie nur dann überzeugend, wenn sie als eine Theorie über die Grenzen politischen und ökonomischen Krisenmanagements aufträte…‘. Die sachliche Unhaltbarkeit von Krisentheorien, die ‚dem Kapitalismus eine graue Zukunft prophezeien‘, bildet also geradezu die Grundlage, auf der das methodologische Konzept von Offe beruht. In ihm entwickelt umgekehrt Offe unabhängig vom sachlichen Gehalt der Krisentheorien die methodischen Maßstäbe und systemtheoretischen Kriterien, wann ihre Begutachtung der Überlebenschancen des kapitalistischen Systems als gelungen angesehen werden darf. Den ERFOLG einer kritischen Sozialwissenschaft, die sich auf die Marx’sche Kapitalis-

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musanalyse beruft, sieht Offe dabei zuallererst in der ‚Wahl‘ des überlegenen methodischen ‚Rahmens‘ verkörpert und durch ihn garantiert. Zugleich allerdings gilt Offe von Anfang an der ‚Marx’sche Kapitalismus-Begriff‘ als ‚Wahl‘ eines bloß möglichen ‚Ansatzes‘, jederzeit vergleichbar, ergänzbar und kombinierbar mit ebenso möglichen systemtheoretischen Entwürfen. Indem der politische Soziologe Offe schon 1971 das Problem aufwarf, ‚ob und inwiefern systemtheoretische Konzepte dem Bezugsrahmen der Marx’schen politischen Ökonomie legitimerweise integriert werden können‘, hat er bereits in der Phase der Rekonstruktion der Marx’schen Theorie deren Relativierung betrieben. Insofern hat Offe die RELATIVITÄT der Marx’schen Kapitalismuskritik je schon behauptet – zehn Jahre vor der ‚Krise des Marxismus’…“ (S. 93).

In seiner BISCHOFF-Kritik verweist Dozekal auf ein m.E. wichtiges Moment in der damaligen Marxrezeption, was in seiner Logik tatsächlich zur ‚Krise des Marxismus‘ führte: die unmittelbare Bindung der Theorie an den praktischen Erfolg einer politischen Bewegung. „Die Identifikation der theoretischen Geltung des wissenschaftlichen Sozialismus mit der erfolgreichen praktisch politischen Durchsetzung einer kommunistischen Bewegung, die sich wissenschaftlich begründet, hat folgenschwere Konsequenzen: Auf der einen Seite wird damit das praktische Erfolgskriterium der als Ideologie kritisierten bürgerlichen Sozialwissenschaften übernommen, denen wissenschaftliche Urteile als ‚graue Theorie‘ gelten, solange sie nicht die gesellschaftlichen ‚Fakten‘ auf ihrer Seite haben. Aus einer ursprünglich GEGEN die etablierten Geistes- und Sozialwissenschaften gerichteten Rekonstruktion der Marx’schen Theorie wird ein Konkurrenzverhältnis MIT der ‚bürgerlichen‘ Wissenschaft, welche Theorierichtung über den adäquaten ‚theoretischen Ausdruck‘ der bestehenden Praxis verfügt. Damit ist auf der anderen Seite der Umschlag der Geltung der Marx’schen Theorie in die INFRAGESTELLUNG ihrer theoretischen Gültigkeit immer schon in nuce angelegt. Die methodische Vorgabe des praktischen Erfolgs einer politischen Bewegung als Instanz der wissenschaftlichen Gültigkeit der theoretischen Kapitalismuskritik zieht im Falle des praktischen Mißerfolgs die prinzipielle Skepsis nach sich, ob die Marx’sche Theorie nicht ein inadäquater und unzeitgemäßer ‚Ausdruck‘ der wirklichen Verhältnisse sei“ (S. 106-107).

Nun führte dieses Verständnis – dies gilt es Dozekal ergänzend festzuhalten – bei Bischoff im weiteren nicht einfach zum „Abschied vom Marxismus“, sondern zum Reformismus, zur Anpassung an die real existierende „Arbeiterbewegung“, um ausgehend von der SEW/DKP über die italienische KP schließlich wieder bei der SPD zu landen (Die ML-Parteien kamen übrigens zu einem noch kurzschlüssigeren „Theorie-Praxis“-Verhältnis im Sinne einer unmittelbaren Instrumentalisierung der Theorie für die „revolutionäre Praxis“).

III.

Für Dozekal liegt nun der Skandal bei der weiteren Entwicklung des so rezipierten „Marxismus“ darin, daß etwa ALTVATER versuchte, aus dem Verhältnis von „Marx’scher Darstellung des Kapitalbegriffs“ und Interpretation der „empirischen Oberfläche“ die methodische Not-

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wendigkeit einer „Realanalyse“ zu begründen. „Marx selbst hat in einer Fülle von Artikeln, Erklärungen, Reden, Adressen permanent zu aktuellen politischen Fragen Stellung bezogen, ohne jeweils im einzelnen auf den ‚Kapitalbegriff im Allgemeinen‘ zu rekurrieren … Insofern ist die Aneignung der Marx’schen Theorie unbedingt notwendig, aber nicht als ein Instrument, das VOR der Auseinandersetzung mit Problemen der wirklichen Bewegung und Theorien gelernt sein muß, und auch nicht als ein Dogma, das nur noch ‚ex cathedra‘ auslegebedürftig sei, sondern als BEGRIFFLICHE Abstraktion der WIRKLICHEN Bewegung des Kapitalverhältnisses, die mit der historischen Entwicklung des Kapitalismus auch neue Fragen aufwirft, die nicht das Wesen dieser Gesellschaft, die Form ihrer Widersprüchlichkeit, wohl aber die Erscheinungsformen des Kapitalverhältnisses berühren. Und die ‚Realanalyse‘ umschließt sowohl die Analyse des Wesens als auch der Erscheinungen (sowohl in ihrer systematischen begrifflichen Herleitung als auch ihren konkreten historischen Verlaufsformen). Die Betonung des ‚doppelgleisigen‘ Vorgehens – Aneignung der von Marx dargestellten logischen Struktur des Kapitalbegriffs und Analyse historischer Erscheinungsformen des Kapitalismus – darf allerdings keinesfalls als methodisches Postulat verstanden werden. Allerdings gibt es auch keinen Königsweg vom allgemeinen Kapitalbegriff zur Oberfläche des Kapitalverhältnisses und den historischen Verlaufsformen einer konkreten Gesellschaft“(4).

Die Problematik liegt nicht in der fehlenden Abstinenz Altvaters und der „Prokla“, die sich zurecht nicht der Dozekal’schen Askese unterwerfen, – sie geben durch ihre Vermittlungsversuche und ihre Diskussionen, wie immer sie heute im einzelnen eingeschätzt werden können, eine marxistische Perspektive, deren kritische Aufarbeitung auch heute noch lohnt. Nicht Klassenanalyse, Konjunktur- und Krisenanalyse und -Prognose sind von Übel, sondern, wie schon oben vermerkt, der UNMITTELBARE PRAKTISCHE BEZUG auf die bestehende Arbeiterbewegung, bei Altvater und der „Prokla“ vor allem auf die Gewerkschaften. Die seit Anfang der 70er Jahre erstellten Konjunktur- und Krisenprognosen enthielten als Quintessenz die These, daß die Krise des Kapitals zwangsläufig einen Aufschwung der Klassenkämpfe in der BRD bringen würde. Zehn Jahre später konstatiert Altvater, daß die westdeutsche „Arbeiterbewegung mit ihren Organisationen, den Gewerkschaften und den traditionellen Arbeiterparteien in eine Krise geraten ist … Manche haben behauptet, mit der ökonomischen Krise, mit der Situation der wachsenden Arbeitslosigkeit mit Lohnminderungen, mit zunehmender Arbeitshetze würde auch ein Aufschwung revolutionären Bewußtseins einhergehen, die Leute würden dann, um es etwas burschikos auszudrücken, gleich sauer werden und gegen das System anrennen, um es über den Haufen zu werfen. Das ist offensichtlich nicht so!“(5).

Dozekal konstatiert hier richtig: „Die beständige praktische Widerlegung des in den Krisenprognosen erwarteten Zusammenhangs von Krise des Kapitals und Aufschwung des Klassenkampfs macht Altvater zum Argument für eine pauschale Infragestellung der bislang für gültig befundenen marxistischen Krisentheorie, die über eine kritische Überprüfung einzelner Urteile und behaupteter Zusammenhänge auf ihre Stimmigkeit längst hinaus ist. Altvater äußert den Generalzweifel, ob er nicht in seiner bisherigen Theorie das Funktionieren

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des bundesrepublikanischen Kapitalismus und die Stabilität seiner Herrschaft unterschätzt habe, ob also seiner bisherigen Kritik nicht angesichts des Erfolgs des ‚Modell Deutschland‘ der Boden unter den Füßen weggezogen sei. Die ‚Krise des Marxismus‘ besteht somit darin, daß marxistische Theoretiker Abstand nehmen von ihren früheren Krisentheorien und Krisenprognosen, indem sie den praktischen ERFOLG des Kapitalismus zu einem theoretischen ARGUMENT gegen SICH machen: ‚Die vielberedete ‚Krise‘ der Linken rührt zu einem guten Teil daher, daß ein ganzer Traditionsbestand an politischen Analysen, Konzepten und Strategien sozialrevolutionärer Veränderung fragwürdig, ja, von der Entwicklung nachhaltig dementiert worden ist‘ (J. Hirsch)…“ (S. 203-204).

Die „Krise des Marxismus“, so ist Dozekal zuzustimmen, bezeichnet eine Blamage früherer „revolutionsstrategischer Erwartungen“ westdeutscher Linker, nicht eine Widerlegung von Marx. „Vom Standpunkt der an der Selbstverständnisdebatte über die ‚Krise des Marxismus‘ Beteiligten stellt sich dieser Sachverhalt allerdings genau umgekehrt dar: Weil für SIE die rekonstruierte Marx’sche Theorie von Anfang an weniger die theoretische AnaIyse und wissenschaftliche Kritik der kapitalistischen Verhältnisse leisten, sondern vor allem empirische Einschätzungen zukünftiger Krisenentwicklungen und realanalytische Interpretationen möglicher Klassenkämpfe erstellen sollte, wird in ihren Augen der praktische Erfolg des bundesdeutschen Kapitalismus in den 70er Jahren, die Krisenbewältigung ohne merkliche Gegenwehr der von ihr betroffenen Arbeiterklasse durchgesetzt zu haben, zu einem theoretischen Argument gegen den MARXISMUS“ (S. 226-227).

Der 3. Teil der Arbeit erscheint mir als der interessanteste, wo Dozekal die Blüten zeigt, die die „Krise des Marxismus“ treibt. Neben dem „Abschied vom Proletariat“ des früheren Syndikalisten André Gorz und der „Hinwendung zur Menschheit“ bei Rudolf Bahro sind vor allem die Schlußfolgerungen aus der „Krise des Marxismus“ bei M.Th. Greven, J. Hirsch und W.E. Haug symptomatisch.

GREVEN knüpft an der „Dialektik der Aufklärung“ an. Während aber die Studentenbewegung versuchte, mit Hilfe des Marcuse’schen Aktivismus, die Adorno-Horkheimer’sche Spätform der Kritischen Theorie zu transzendieren, geht Greven hier voll konform, indem er vom „Ende der Geschichte“, vom „Übergang zur verwalteten Welt“, von der „Geschichte als Verhängnis“ spricht. Ja, er zieht Konsequenzen, die ein „Überschreiten“ in ganz andere Richtung bedeuten: „Der praktische Anspruch der Theorie bleibt ohne historisches Subjekt konsequenz- und perspektivlos … Die Kritik wird, ohne sich je affirmativ zum Bestehenden verhalten zu können, gleichwohl fest ans Gewordene und Bestehende gebunden. Darin liegt ihr konservatives Moment…“, und „wo sich in der wirklichen geschichtlichen Situation der Gegenwart die offenkundigen Widersprüche und Konflikte eben nicht zur wirklichen Bewegung über den gegebenen Zustand hinaus verdichten, da kann Geschichtstheorie, die das angemessen reflektiert, gar nicht anders, als konservativ sein“(6).

Es kommt zu einer Konvergenz von kritischer und konservativer Theorie, sozusagen zu einer neuen Theorie des status quo, der attestiert wird, adäquater Ausdruck der Realität zu

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sein: „Der Konservatismusbegriff … löst sich von seinem sozialgeschichtlichen Entstehungskontext ebenso wie von der damit verbundenen sozialen und interessenbedingten Basis und wird zur Strukturkategorie, in der der historisch neuartige Verlust der transzendierenden Zukunftsperspektive ebenso wie der sie tragenden sozialen und politischen Bewegung begriffen wird“(7).

Der vorgebliche Realismus der Anerkennung dieser Strukturgesetzlichkeit drückt allerdings – wie auch im französischen Strukturalismus – nichts anderes aus, als das Aufsitzender unbegriffenen gesellschaftlichen als verdinglichter Realität.

J. HIRSCH plädiert für eine andere Perspektive: die Weitertreibung der marxistischen Theorie zu einem die Erfahrung der Individuen integrierenden „plebejischen Wissen“. Die Marx’sche Theorie erscheint selbst als „Herrschaftswissen“: „Viel bedeutsamer als an vielleicht korrekturbedürftigen Einzelaussagen (des Marxismus) ist indessen die Kritik an einer spezifischen STRUKTUR von Theorie … – Theorie als im Rahmen herrschaftlicher Arbeitsteilung formulierte Auskunft ÜBER Subjekte und deren Handeln, als Feststellung von Regelmäßigkeiten und objektiven Zusammenhängen von außen, als katalogisierende Typisierung und Ordnung, kurz: als Produktion von Wissen ÜBER gesellschaftliche Individuen, das diese verfügbar macht und das wenig zu tun hat mit praktischem Wissen der Handelnden von und über sich selbst. Diese Wissensform, die im Kern den ‚bürgerlichen‘ Charakter von Wissenschaft ausmacht, prägt in eigentümlicher Weise und gegen ihren Anspruch auch wesentliche Teile der sich auf Marx berufenden Theorie. Das beginnt in bestimmter Weise schon bei Marx selbst, dessen ökonomisches Spätwerk … sich als ‚Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft‘ auf die Analyse objektiver gesellschaftlicher Strukturzusammenhänge und Bewegungsgesetze konzentriert“(8).

Hirsch sieht Marx also durch die Brille des positivistisch verstandenen „Marxismus“ und lastet ihm – dem es ja gerade um die Entschleierung des „gesellschaftlich notwendigen Scheins“ (Marx) und letztlich um die Aufhebung der „zweiten Natur“ geht – die gesellschaftlich produzierte Verdinglichung an. Die Fiktion einer Wissenschaft, die dem Subjekt Gewalt antut, weil sie es zum Objekt ihrer Betrachtung macht – während umgekehrt das Kapital als Subjekt der warenproduzierenden Gesellschaft die Menschen den Marktgesetzen unterwirft – führt zur Forderung nach „Lebensnähe“, nach dem Aufgreifen von Erfahrungen des Alltagsverstandes und der Phantasien der Individuen. Hier reproduziert sich ideologisch letztlich die alte Problematik der bürgerlichen Gesellschaft, daß die Menschen zwar ihre Geschichte selbst machen, aber ohne Bewußtsein (als bewußtem Sein): Die Gesellschaft als verdinglichte Struktur, als „realité sui generis“ (Durkheim), wird mit dem irrationalistischen Willen der Individuen konfrontiert, der Positivismus findet sein Pendant in der Lebensphilosophie.

HAUG schließlich „löst“ die „Krise des Marxismus“ auf spezifisch originelle Weise, indem er allen „marxistischen“ Varianten ihre Lebensberechtigung zuerkennt und auf einen „plurizentrischen Marxismus“ setzt. Er gibt sich als „ideeller Gesamtmethoduloge“ (Dozekal),

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dem es um eine „produktive Konvergenz auch in der Divergenz der unterschiedlichen Marxismen“(9) geht, um eine „marxistische Ökumene“. So landet Haug im Methodenpluralismus, die Akademisierung der „marxistischen“ Varianten wird vollendet, in der universitären Gelehrtenrepublik kann trefflich und folgenlos gestritten werden.

V.[! Abschnitt IV nicht vorhanden!]

Dozekals Arbeit hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. So wichtig es ist, daß Dozekal die Problematik der Marxrezeption überhaupt stellt und so richtig und nützlich viele Fingerzeige seiner Darstellung sind, sie leidet letztlich doch an ihrer rein theorieimmanenten Logik. Dozekal resümiert richtig: „… wenn die VORtheoretischen ‚Erwartungen‘ auf Gesellschaftsveränderung zum methodischen Leitgedanken der THEORIEbildung erhoben werden, dann muß sich das Ausbleiben solcher Veränderung nicht nur als Niederlage des praktischen Interesses an ihr, sondern auch als grundsätzliches Versagen der eigenen Theorie darstellen. Nur dann erscheint die Stabilität des ‚Modell Deutschland‘ nicht als Anlaß der theoretischen und praktischen KRITIK der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern als Argument für eine längst überfällige SELBSTKRITIK des Marxismus“ (S. 292).

Doch indem er die theoretischen Bedingungen der von ihm kritisierten Rezeption ausklammert und sich nicht um den Zustand des „Marxismus“ heute, auch jenseits dieses Rezeptionsprozesses, kümmert, erscheint er selbst eher als „Marxismuspapst“ à la Kautsky, der von den Zinnen des „Kapital“ seinen Bannfluch schleudert, die Abweichler an Marx mißt, sie züchtigt und dann weiter macht wie vorher.

Ein Marxverständnis, das sich dagegen als Moment der realen Totalität begreift, muß in der Kritik des verkürzten Theorie-Praxis-Verständnisses der dargestellten Marxrezeption die Notwendigkeit der relativen Selbständigkeit des „theoretischen Pols“ erkennen, den Entwicklungsstand der kapitalistischen Vergesellschaftung untersuchen und damit die Problematik des Obsoletwerdens des Wertgesetzes klären, um von hier aus überhaupt erst zu einer kommunistischen Perspektive zu kommen.

ZITATENNACHWEISE

(1) Kritik der politischen Ökonomie heute – l00 Jahre „Kapital“, hgg. von W. Euchner und A. Schmidt, Ffm. 1968, S. 21

(2) ebenda, S. 57

(3) ebenda, S. 277

(4) Altvater, Elmar: Zu einigen Problemen des Staatsinterventionismus, in: Probleme des Klassenkampfs – Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik Nr. 3/1972, S. 3

(5) Altvater, Elmar: Es muß sich noch mehr ändern, als sich bereits geändert hat!, in: Redaktionsgruppe Sozialistische Konferenz (Hg.): Ökologie und Sozialismus, Hannover

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1980, S. 12-13

(6) Greven, Michael Th.: Konservative Kultur- und Zivilisationskritik in „Dialektik der Aufklärung“ und „Schwelle der Zeiten“, in: Konservatismus – Eine Gefahr für die Freiheit?, hgg. von E. Henning und R. Saage, München 1983, S. 156

(7) ebenda

(8) Hirsch, Joachim: Der Sicherheitsstaat, Ffm. 1980, S. 136

(9) Haug, Wolfgang Fritz: Krise oder Dialektik des Marxismus?, in: Aktualisierung Marx‘, Argument Sonderband l00, Berlin 1983, S. 31