31.12.1988  Beitrag drucken

Marxistische Kritik 5 — Editorial

[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]

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Über eines besteht sicher Einigkeit: 1988, 20 Jahre nach dem längst mythologisierten 68, ist vom Impuls von damals, soweit er nicht in der Modernisierung der bürgerlichen Verkehrsform aufging, wenig übriggeblieben.

Die Schlüsse, die aus dieser unbestreitbaren Tatsache zu ziehen sind, sind allerdings weniger eindeutig. Die meisten Kämpfer von damals haben die Diskrepanz zwischen dem „Was wir wollten“ und dem „Was wir wurden“ dadurch aufgelöst, daß sie in der widerlich augenzwinkernden Pose des endlich weise und realistisch Gewordenen ihre Wünsche und Hoffnungen von Anno 68 und Umgebung auf das Niveau des tatsächlich Erreichten zurückgeschraubt haben. Hinter der so gern postulierten Forderung nach überschaubaren „konkreten Utopien“, die mit dem einstigen abstrakten Revolutionswillen kontrastieren sollen, maskiert sich notdürftig die bedingungslose Kapitulation vor dem schlecht Faktischen. „Wir“ haben Revolution gewollt und Reformen erreicht, wenn „wir“ nun endlich auch nur mehr Reformen wollen, ist alles im rechten Lot und „wir“ können ruhig schlafen, klingt es da altväterlich. Mit dieser Art der Beseitigung der Spannung zwischen objektiver Funktion der 68er Bewegung und dem subjektiven revolutionären Wollen ihrer Träger können wir für unseren Teil uns allerdings nicht anfreunden. Unsere theoretische Arbeit zielt nicht auf die Beweihräucherung des Abschieds von der Revolution. Wir wollen die Beschränkungen der damaligen Bewegung und ihrer Folgeprodukte analysieren, um über sie hinwegzukommen und nicht um uns endlich guten Gewissens in die bestehenden Verhältnisse hineinzufinden. Diese Stoßrichtung unterscheidet uns von all jenen, die dieses Jahr im buntscheckigen Blätterwald 20jähriges Jubiläum feiern, in Jugenderinnerungen schwelgen und die Ereignisse aus jenen Jahren so gern ins anekdötchenhafte entwirklichen. Bei deren seltsamen Leichenzug können wir nicht mitlaufen. Wir wollen den Stachel, den der revolutionäre Impetus dieser Bewegung hinterlassen hat, nicht nachträglich ziehen; uns geht es in letzter Instanz um die Einlösung des revolutionären Versprechens von damals. In diesem Sinne beziehen wir uns gerade dort, wo wir grundsätzliche Kritik üben, auch positiv auf die antiautoritäre Bewegung und ihr Erbe, während jene, die heute milde zurückblicken, endlich von deren systemsprengenden Ansprüchen nicht mehr belästigt werden wollen. Unser eigenes Projekt erwächst letztendlich selber mit aus der geistigen Strömung, die mit jenem Epochenjahr verknüpft ist. Unsere theoretische Arbeit, die einen grundsätzlichen neuen Zugang zum Marxschen Denken, zu einer revolutionären Theorie unsererZeit schaffen will, ist wesentlich auch Reaktion auf die Niederlage dieser Bewegung und ihrer diversen Auflösungsformen. Denn wenn die Wiederkunft des revolutionären Willens in den auf 1968 folgenden Jahren abstrakt blieb und folgenlos verpuffte, so nicht zuletzt auch

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deshalb, weil der neuen Linken die Entwicklung einer eigenständigen, unserer Zeit adäquaten revolutionären Theorie nicht gelang. Sie kam nicht darüber hinaus, die Theorien der Vergangenheit noch ein mal an s Licht zu zerren und dem Vergessen zu entreißen. Sie schaffte es aber nicht, zu einer Theorie der kommunistischen Revolution im ausgehenden 20. Jahrhundert durchzustoßen. Ihr theoretisches Rüstzeug bezog sie – und was heute von ihr noch übrig geblieben ist, tut das noch immer – aus den Requisitenkammern der vergangenen, bürgerlichen Revolutionen.(1) Was die Theorierezeption angeht, so fungierten die APO und die einzelnen Flügel, in die sie sich schließlich auflöste, als gigantischer Durchlauferhitzer. Alles theoretische Rüstzeug, dessen sich die revolutionären Kämpfe der Vergangenheit bedient hatten, wurde nacheinander aus dem Schrank geholt, ausprobiert und schließlich verworfen. Auch die Marxrezeption fiel dem anheim. Die Marxsche Theorie, wie sie im Gefolge der 68er Bewegung wieder aufgegriffen wurde, erlebte keine von den Grundkategorien ausgehende Fortentwicklung, die sie auf die Höhe der Empirie un serer Zeit gehoben hätte; die eigene Gegenwart wurde durch ständig ausgewechselte Prismen betrachtet, die aus den Tiefen marxistischer Theoriegeschichte stammten (theoretisch am fruchtbarsten und realitätstüchtigsten war paradoxerweise vielleicht noch die reine Marxphilologie kapitallogischer Anläufe). Die eigenen Aufgaben wurden so immer durch eine theoretische Brille gesehen, die einer unentwickelten, noch in der Durchsetzung bürgerlicher Verhältnisse befangenen Sicht entsprachen.(2) Die Reise in die Vergangenheit oder in exotische Gebiete wurde auf der Suche nach fertigen revolutionären Handlungsanweisungen unternommen, die man hierzulande nur mehr anzuwenden gedachte, und damit längst gelöste gesellschaftliche Probleme folkloristisch verfremdet auf die realen objektiven Widersprüche, an denen sich die Bewegung abzuarbeiten hatte, projiziert. Der Bezug zu den marxistischen Theorien der Vergangenheit gewann so etwas Unwirkliches und Pubertäres. Wo kritische Aufarbeitung vonnöten gewesen wäre, lösten sich blinde Identifikationen und enttäuschte Liebe ab. Auch heute noch erleben wir die Fortschreibung dieses Drehbuchs und der seit Jahren beklagte Verfall der Linken ist nur logische Folge des nie überwundenen beschränkten Ausgangspunktes. Nachdem die Neue Linke erfolglos die Kleiderkisten der ersten Jahrhunderthälfte und des vorigen Jahrhunderts durchwühlt hat und dieses Unterfangen nun enttäuscht aufgibt, hat sie nichts besseres zu tun, als ihr Interesse nun bevorzugt dem 18. Jahrhundert zuzuwenden. Die längst ausgelaugten und erschöpften Ideale der bürgerlichen Revolutionen sollen nicht sterben, und in den Würdigungen des 20jährigen Jubiläums heuer klingt schon schwer der 200-jährige Geburtstag mit, der nächstes Jahr ansteht. Während die bürgerliche Verkehrsform ihre objektive Schranke zu erreichen beginnt und auf allen Ebenen in die Krise gerät, sucht die ergraute Neue Linke den Weg in die Zukunft abermals im Sturm auf die längst eingeebnete Bastille. Sie reagiert offen regressiv und krallt sich an den bürgerlichen Idealen fest, deren Basis längst in Zersetzung begriffen ist.

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Die aus der 68er Bewegung hervorgegangenen Strömungen haben es allesamt nicht vermocht, eine genuin revolutionäre Theorie entwickelter kapitalistischer Gesellschaften zu schaffen. Sie sind darin steckengeblieben, verschiedene Theorien, unter deren Banner und mit deren stillem Einverständnis die Herausbildung und Vollendung der Wertvergesellschaftung sich Bahn gebrochen hat, zu hypostasieren und in die Zukunft zu verlängern. Sie übernahmen damit den blinden Fleck der tradierten Revolutionskonzepte. Die Revolutionsvorstellungen der Vergangenheit stellten die bürgerliche Gesellschaft nicht in ihrem Keim, in der Wertbeziehung in Frage, sondern pflanzten ihn als selbstverständliche und naturgegebene Qualität fort. Sie bewegten sich von vornherein in dem durch die historische Herausarbeitung der reinen Wertbeziehung gesetzten Rahmen und wurden selber zu deren Moment. Die Neue Linke hat mit ihrem unkritischen Rückgriff auf diese Theoreme der Vergangenheit den Schlüssel zum Verständnis der entfalteten bürgerlichen Gesellschaft, die ihren Dreh- und Angelpunkt gerade in der Entwicklung der Wertvergesellschaftung hat, aus der Hand gegeben. Statt das Fundament der bürgerlichen Gesellschaft, Wert und Ware, anzugreifen, kam dieser entscheidende Punkt gar nicht in ihr Blickfeld, und ihre Kapitalismuskritik verlor sich in sekundären, abgeleiteten Fragestellungen. Dieses Versäumnis gilt es nachzuholen. Unsere Zeitschrift hat sich in einer Zeit, wo geistige Selbstgenügsamkeit und theoretische Selbstbeschränkung zum guten Umgangston gehört, die nicht gerade bescheidene Aufgabe gestellt, dazu einen Beitrag zu leisten. Das ist aber nicht ganz einfach. Denn es reicht eben nicht, eine im wesentlichen schon vorhandene, revolutionär-marxistische Theorie weiterzuzimmern. Die Neubestimmung revolutionärer Theorie muß von Grund auf einsetzen. Sie muß von der abstraktesten und allgemeinsten Ebene, also vom Wert und Doppelcharakter der sich in ihm „verkörpernden Arbeit“ ausgehend die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft erneut in Angriff nehmen und die Marxsche Theorie, zur Wertkritik zugespitzt, gegen den überlieferten Marxismus selber wenden.(3)

Diese Ausgangssituation bestimmt das Konzept der „MK“ und spiegelt sich auch in dieser Nummer wider. Obwohl wir diesmal kein Schwerpunktthema haben, die angekündigte Krisennummer bedarf einer länger als erwarteten Anlaufzeit, fällt auch diese Ausgabe nicht einfach in disparate Artikel auseinander. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen Beiträgen der „MK“ 5 stellt sich nicht äußerlich über eine gemeinsame Thematik her, er existiert aber über das Gesamtkonzept vermittelt. Es geht uns darum, von verschiedensten, zunächst vielleicht weit auseinander liegenden Aspekten aus die gleiche Grundproblematik zu beleuchten:

Der Titelbeitrag von Robert Kurz befaßt sich „zwanzig Jahre später“ mit der „antiautoritären“ Basis-Ideologie der Neuen Linken seit jenem gesellschaftlichhistorischen Einschnitt von 1968. Ausgehend vom Begriff abstrakter bürgerlicher Individualität, dessen Äußerungen sukzessive mit dem Aufstieg und der Totalisierung der Warenproduktion durch das gesellschaftliche Bewußtsein geistern,

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wird der permanente Selbst-Widerspruch dieser Individualität gezeigt, die sich zunehmend „revoltistisch“ oppositionell gegen ihren eigenen unbegriffenen Vergesellschaftungs-Zusammenhang periodisch auflehnt, ohne ihn doch überwinden zu können. Zwar ist von dieser Position aus durchaus ein historischer Fortschritt in der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft festzustellen, so etwa in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule oder noch mehr bei den französischen Situationisten; der „archimedische Punkt“, die konkretisierte Kritik der Warenform selber, konnte nicht berührt werden. Der Niedergang der 68er Bewegung wird zum Menetekel für jede gegenwärtige und zukünftige Radikalität: der Weg von der revolutionären „Selbstbestimmung“ über die alternativ-lebensreformerische „Selbstverwaltung“ zur neokapitalistischen „Selbstbewirtschaftung“ des „Humankapitals“ ist vorgezeichnet, wenn die Radikalität der Kritik es nicht vermag, die warenförmige Konstituiertheit des Subjekts aufzusprengen.

Johanna W. Stahlmann widmet ihren Artikel „Der unsichtbare Sozialismus“ der Sektion einer der letzten heiligen Kühe marxistischer Provenienz. Ihre Kritik bringt zwar sicher keine abschließende Würdigung von Georg Lukács‘ Gesamtwerk, trotzdem wirft die kritische Auseinandersetzung mit dem älteren Lukács auch ein bezeichnendes Licht zurück auf den jungen Lukacs, der bisher in der Wertschätzung der hiesigen Linken als einer der Urväter des „Westlichen Marxismus“ immer einen Ehrenplatz genossen hat.

Ernst Lohoff schließlich folgt Henryk Grossmann durch die Marxschen Reproduktionsschemata, um dessen Zusammenbruchstheorie einer ebenso verheerenden wie detaillierten Kritik zu unterwerfen. Er zeigt auf, wie wenig dieser Autor in der Lage war, den selbst gesteckten Anspruch einer grundlegenden „Rekonstruktion der Marxschen Krisen- und Zusammenbruchstheorie“ gerecht zu werden und beleuchtet dabei gleichzeitig die theoretische Beschränktheit der gesamten klassischen marxistischen Krisendebatte.

Peter Klein setzt seine in der „MK“ 3 begonnene Artikelserie zum Thema Demokratie und Demokratieillusion mit dem Beitrag „Der politische Inhalt der Räte“ fort. Es wird gezeigt, daß „Gesellschaft“ und „Staat“ notwendig auseinanderfallen, solange die Produktion wertförmig ist. Ein „Volk“ von „Arbeitern“ und „Bauern“, also von Warenverkäufern, kann demzufolge seinen gesellschaftlichen Zusammenhang nicht unmittelbar als es selbst organisieren, sondern benötigt hierzu den Staat als (nicht nur) rechtsetzende Instanz. Die bolschewistische Illusion, man könne die Distanz zwischen dem abstrakt-unmittelbaren Interesse des einzelnen Warenbesitzers und dem abstrakt-allgemeinen Interesse der Gesamtheit der Warenbesitzer mit organisatorischen und rechtlichen Mitteln (imperatives Mandat, ungleiches Wahlrecht zugunsten der Arbeiter) überbrücken oder gar aufheben, erklärt sich aus der Nähe des ständisch-absolutistischen Staatsapparates, gegen den sich die Oktoberrevolution unmittelbar richten mußte. Die „MK“ wird die Kritik des Demokratie-Fetischismus als historisch-gesellschaftliches Moment waren

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förmig reproduzierender Gesellschaften weiter aufgreifen und lädt zu kritischen und kontroversen Stellungnahmen ein.

Wenn auch diesmal zwischen zwei Nummern der „MK“ mehr als ein halbes Jahr ins Land gegangen ist, so liegt das mit Sicherheit nicht daran, daß uns mittlerweile der Stoff zum Forschen und Schreiben ausgegangen wäre und unsere Konzeption stringenter, grundsätzlicher Aufarbeitung sich erschöpft hätte: im Gegenteil. Die Widerstände, an denen wir uns abarbeiten, resultieren aus der Tragweite unseres Neuansatzes. Diese vielleicht paradox klingende Schwierigkeit ergibt sich zwangsläufig aus dem Inhalt unserer theoretischen Bemühungen. Mit der „fundamentalen Wertkritik“ haben wir der marxistischen Diskussion nicht einfach eine neue, weitere Facette hinzugefügt, sondern wir haben das gesamte Universum des tradierten Marxismus, also unter Einschluß seiner häretischen Spielformen in Frage gestellt, und suchen nun unseren Weg außerhalb des überkommenen common sense marxistischen Denkens. Abseits der vertrauten Trampelpfade schwadroniert es sich nicht so leicht, locker und allgemeinverständlich wie beim Wiederkäuen abgestandener Plattheiten. Der Versuch einer grundsätzlichen Neubestimmung kann zunächst nur auf hohem Abstraktionsniveau einsetzen. Das macht sein erstes Erscheinen vorderhand eher unanschaulich und relativ schwer faßbar. G.W.F. Hegel hat in seiner „Phänomenologie des Geistes“ die Schwierigkeit, mit der wir zu kämpfen haben, recht treffend vorweggenommen. In der Vorrede liefert er eine recht genaue Beschreibung der Situation, in der sich die „fundamentaleWertkritik“ heute befindet(4): „Allein eine vollkommene Wirklichkeit hat dies Neue so wenig als das eben geborene Kind; und dies ist wesentlich nicht außer acht zu lassen. Das erste Auftreten ist erst seine Unmittelbarkeit oder sein Begriff. So wenig ein Gebäude fertig ist, wenn sein Grund gelegt worden, so wenig ist der erreichte Begriff des Ganzen das Ganze selbst. Wo wir eine Eiche in der Kraft ihres Stammes und in der Ausbreitung ihrer Äste und den Massen ihrer Belaubung zu sehen wünschen, sind wir nicht zufrieden, wenn uns an Stelle dieser eine Eichel gezeigt wird.“ Genau in dieser Situation befinden wir uns aber heute. Gegen den in sich morsch gewordenen, aber ausgebreiteten Eichbaum des alten Denkens, mit all seinen Verästelungen, haben wir erst einmal allein eine Eichel ins Feld zu führen. Die Enttäuschung, die aus diesem Umstand erwächst, kann nicht überraschen und sie zeichnet auch den weiteren Weg unserer Tätigkeit vor. Was ansteht, ist die Konkretion unseres Ansatzes. Die „Eichel“ muß sich zur „Eiche“ entfalten, um greifbar und wirksam werden zu können. Dabei kann es sich allerdings um keinen rein positiven Entwicklungsprozeß handeln. Das Keimen der „Eichel“ macht sie als solche erst kenntlich. Es enthüllt sie als neues, unabhängiges Ganzes, macht deutlich, daß es sich bei ihr nicht nur um ein abgefallenes, totes Bruchstück des verdorrten alten Baumes handelt. Unsere theoretische Arbeit bleibt zunächst weiterhin in erster Linie negativ bestimmt. Jede weitere Entfaltung unseres theoretischen Ansatzes bedeutet nicht nur, daß dieser an sich selber nach und nach an Anschaulichkeit und

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positiver Greifbarkeit gewinnt, parallel dazu schreitet auch die Kritik und Zerstörung des tradierten Marxismus beschleunigt voran. Nach der altehrwürdigen „sozialistischen Warenproduktion“ attackieren wir nun auch die allerheiligste Selbstverständlichkeit neulinker Politik, die „sozialistische Demokratie“, als contradictio in adjecto. Mit jeder Konkretion der fundamentalen Wertkritik fallen die eingeschliffenen Denkfiguren eine nach der anderen wie Dominosteine und der geplagte Rezipient, der sich auf die Logik des Gedankenganges einläßt, sieht sich nolens volens aus dem neulinken Universum herauskatapultiert. In der fundamentalen Wertkritik trifft er auf ein Denken, das seinem ganzen Inhalt und seiner Herangehensweise nach inkompatibel mit der übrigen Linken und ihren Kontroversen ist und quer zu den gewohnten Fronten und Diskussionen innerhalb der Linken steht. Das erleichtert den Zugang zu unserem Ansatz nicht gerade. Das revolutionär Neue an der fundamentalen Wertkritik macht ihre Aneignung per se zur geistigen Anstrengung. Die Schwierigkeiten schlagen aber auch, und das macht die „MK“-Lektüre wirklich nicht leicht, in der Darstellungsform durch. Wir haben die alten Ufer verlassen und alles, was dem Leser, wenn auch nicht immer lieb, so doch vertraut war, wird plötzlich unsicher. Wo andere auf stillschweigend allgemein übliche Annahmen bauen können, muß sich unser Stoß zunächst gerade gegen diese richten. Wir können nicht wie andere scheinbar voraussetzungslos einsetzen, wir müssen die theoretischen Grundlagen mit dem Inhalt gleich mitentwickeln. Selbst die Terminologie, die Bedeutung bestimmter Begrifflichkeiten, wird auf dieser Ausgangsbasis schon zum theoretischen Schlachtfeld und unsere grundsätzliche Neubestimmung muß schon auf dieser Ebene einsetzen. Wer das Marxsche Kategoriensystem bislang von Definitionsübungen diverser „Kapitalschulungen“ kennt, wird umdenken und sich die Marxsche Theorie unter anderen Vorzeichen neu aneignen müssen. Das macht Schreiben und Lesen der „MK“ gleichermaßen mühevoll. Gerade das neue und revolutionäre unseres Ansatzes läßt den Zugang zu ihm beim heutigen Entwicklungsstand nur auf einer grundsätzlichen kategorialen Ebene zu. Die Analyse scheint sich über weite Strecken in bloßen Spitzfindigkeiten herumzutreiben und ihre Aneignung mag daher oft als unpraktische, esoterisch verschrobene Denksportaufgabe erscheinen. Wir machen erste, noch etwas unsichere Schritte auf einem neuen Kontinent, dessen genaue Umrisse noch im Dunkeln liegen und müssen gleichzeitig feststellen, daß das übliche, gewohnte begriffliche Werkzeug unter den neuen Bedingungen morsch wird und ersetzt werden muß.

Die Situation bestimmt wesentlich unsere theoretische Arbeit insgesamt und sie geht selbstverständlich auch am Erscheinungsbild der bisherigen „MKs“ nicht spurlos vorbei. Die „MK“-Autoren konnten sich nicht darauf beschränken, einige eng eingegrenzte Aspekte eines theoretischen Problems zu erörtern; jedes Teilproblem verwies augenblicklich auf einen ganzen Rattenschwanz unaufgearbeiteter grundsätzlicher Fragestellungen. Die Kritik von R.K. an den Produktiv

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kraftkritikern Ullrich und Thaa etwa konnte ohne eine gleichzeitige Abgrenzung vom traditionellen Marxismus nicht auskommen und so wuchs der Beitrag sehr schnell zu einem halben Buch an und damit über den Zeitschriftenrahmen hinaus. Der Anschaulichkeit und leichten Zugänglichkeit war das nicht gerade förderlich.

Die meisten, und gerade die zentralen, Beiträge sprengten mit ihren grundsätzlichen Fragestellungen von vornherein die Artikelform und die „MKs“ setzten sich regelmaßig aus gewaltsam zusammengestutzten, unvollendet gebliebenen Büchern zusammen.

Solange sich die Wertkritik in statu nascendi befand und erst dabei war, sich als eigenständige Position herauszuarbeiten und zu konstituieren, war dieser leserunfreundliche Zustand kaum zu vermeiden. Heute sind wir allerdings zumindest einen kleinen Schritt weiter. In einigen Wochen erscheint unter dem Titel „Auf der Suche nach dem verlorenen sozialistischen Ziel“ ein „Manifest für die Erneuerung revolutionärer Theorie“, das erstmals unsere Position zusammenhängend formuliert und darstellt. Damit wird die Stoßrichtung unserer theoretischen Bemühungen endlich einmal als Ganze sichtbar. Die Grundsteine sind hier gesetzt, die Abgrenzung gegen den traditionellen Marxismus ist zumindest in ihren Grundzügen geleistet und von dieser schon gewonnenen Basis aus lassen sich nun sicher leichter einzelne Momente herausarbeiten, ohne den Gesamtzusammenhang jedesmal von Adam und Eva an neu aufzurollen. Wenn das Manifest auch sicherlich nicht alle Probleme, die unser Neuansatz aufwerfen muß, auflöst, so werden doch wenigstens die Fragestellungen klar herausgearbeitet, von denen unsere Einzelarbeiten ausgehen und erst ihre Berechtigung schöpfen.

Nach dieser Zäsur muß und kann sich unsere publizistische Tätigkeit verändern. Wo Form und Inhalt bislang in stetigem Kampf lagen, sollen die durcheinander laufenden Ebenen auf der gewonnenen Grundlage geschieden werden. Die weitere grundsätzliche theoretische Aufarbeitung soll endlich in der ihr angemessenen Form stattfinden. Die angerissenen Buchkonzepte dürfen künftig zu Ende geschrieben werden, während die Zeitschrift – von diesem Ballast befreit – sich endlich als solche entfalten soll. Sicher wird sich dieses Konzept so ideal nicht durchhalten lassen; die Generalrichtung unserer weiteren publizistischen Tätigkeit muß sich aber in diesem Sinne umorientieren und der gequälte „MK“-Leser darf sich mit der Aussicht trösten, künftig einen zugegeben nicht gerade einfachen Inhalt wenigstens in angemessenerer Form präsentiert zu bekommen.

Zur Form gehört selbstverständlich das Outfit. Die „MK“ 5 ist die letzte Ausgabe im alten Stil, und wir hoffen, mit dem „Manifest“ als erster „MK“-Broschüre und mit der nächsten „MK“ auch auf diesem Gebiet die Experimentierphase ein stückweit abschließen zu können. Die nächsten Monate werden also auch die Präsentation der beiden neuen Kleider der „MK“ bringen.

Die jetzige Ausgabe hat Übergangscharakter. Das macht sich natürlich auch an den Artikeln bemerkbar. Am meisten entspricht der Beitrag von R.K. der neuen

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Konzeption. Er verzichtet auf eine umfassende Aufarbeitung der 68er Bewegung und beschränkt sich darauf, einige wesentliche Aspekte anzureißen. DerArtikel von E.L. hingegen ist seiner Form nach noch voll von dem alten Stadium der „MK“-Produktion geprägt. Es handelt sich bei ihm um das Bruchstück eines umfangreichen, noch nicht ausgearbeiteten Konvoluts zur „klassischen Krisendebatte“. Auch der unvermeidliche Fortsetzungsroman von P.K. über „Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung“ würde künftig unzerlegt von vornherein als Broschüre vorgelegt werden. Trotz dieser Mängel wird der geneigte Leser aber sicher auch die „MK“ 5 als weitere Präzisierung unserer Position zu schätzen wissen.

DIE REDAKTION

(1) Wir haben mittlerweile gelernt, auch die „große sozialistische Oktoberrevolution“ und ihre Nachfolger in allerWelt als Momente der Durchsetzung bürgerlicher Verhältnisse zu begreifen.

(2) Diesem Verdikt verfällt die gesamte alte Arbeiterbewegung, also unter Einschluß sämtlicher Häresien.

(3) Wir unterscheiden bewußt zwischen Marxismus und Marxscher Theorie. Unter Marxismus verstehen wir die Veränderung der Marxschen Theorie in ihrer Wirkungsgeschichte.

(4) G.W.F. Hegel, „Phänomenologie des Geistes“, Hamburg 1952, S. 16.