31.12.1991  Beitrag drucken

Pretty Woman

Reflexionen über einen Kinobesuch oder warum dem Überdruß des Raffens keine Renaissance des Schaffens folgt

Johanna W. Stahlmann

Für Theoretiker und Theoretikerinnen hält das Leben, neben der ihnen seit der Romantik zugerechneten Einsamkeit, die von der Psychoszene um eine selbstverständliche Sexualneurose ergänzt wurde, auch einige Genüsse bereit, die für den Alltagsverstand unerreichbar sind. Zentrales Glücksmoment ist hierbei möglicherweise die Aufhebung der Trennung von Arbeit und Vergnügen, dahingehend, daß für die Theoretikerin und ihren Kollegen auch der Besuch eines Fußballspiels, das Durchblättern der „Neuen Revue“ oder der Besuch eines Landgasthofs, durchaus nicht nur Unterhaltung und Bauchbepinselung beinhalten, sondern im Sinne einer der Totalität und des Durchgehens durch alle „Ebenen“ verpflichteten Gesellschaftstheorie auch Anregungen, empirisches Material für weitergehende theoretische Reflexionen zu liefern imstande sind. Für Otto oder Ottilie Normalverbraucher dagegen ist seine/ihre Arbeitzeit bis zur Absurdität getrennt von seiner/ihrer Freizeit, erscheint ihm/ihr seine/ihre Arbeit als Beruf und Geldquelle, alles außerhalb ihrer als Vergnügen (oder auch nicht) in Reinheit – steht komplementär zur Arbeit abstrakt die Freiheit abstrakt.

Selbstverständlich gibt es auch alltagsverständige Charaktermasken, wie etwa den Feulletonisten oder Kulturkritiker (Diese Spezies als Theoretiker zu bezeichnen wäre angesichts ihrer inhaltlichen Verkommenheit ein allzu greulicher Euphemismus), die für die Beschreibung „privater“ Freuden und Leiden mit Geld entlohnt werden; gerade dieser letztere Aspekt, die Entlohnung des kritischen Erfassens als beruflich beschränkte Selbstverständlichkeit, führt aber zu psychischen wie inhaltlichen Verkarstungen, die sich sowohl in der zum Satirestandard verkommenen Phrasenhaftigkeit der Kritiken, als auch im äußerlichen Zustand ihrer Subjekte plastisch darstellen.

Schaut man sich neuere Entwicklungen an, so nehmen die Berufssparten sogar zu, die freizeitlich-vergnügliches Interesse mit Arbeit verbinden, von der Mode-und Geschmacksberaterin bis zum Werbefachmann mit künstlerischem Hintergrund. Doch fällt schon auf den ersten Blick die inhaltliche Beschränktheit auf das als Klientel zwanghafte Konkurrenz – und Konsumsubjekt auf, so auf den zweiten das ungleich zwingendere Hindurchmüssen durch das Nadelöhr des Geldes. Die Absolutheit dieses Zwanges setzt sowohl dem Vergnügen als auch der Arbeit enge Grenzen, läßt zudem beide in ihrer Abstraktheit einander gegenüberstehen.

Das Glück, sein Vergnügen als Arbeit betrachten zu können und sich bei seiner Arbeit zu vergnügen, steht somit nur dem Theoretiker frei, in seiner Freiheit vom Zwang des Geldes. In gewisser Weise ist es der Vorschein eines Absolutwerdens des Vergnügens jenseits der Arbeitsgesellschaft, wenngleich nicht abzustreiten ist, daß die Isolation dieses Vorscheins im denkenden Subjekt jene zu Beginn geschilderte Verlassenheit gleichzeitig beinhaltet. Auf die fundamentale Absurdität, welche in der Tatsache liegt, daß sich die Theorie gegenüber der Restgesellschaft in einem speziellen, berufsmäßigen Personenkreis verselbständigt, wollen wir hier nicht eingehen.

Wenn im Folgenden also ein wenig vom Anekdotischen in die Sphären der Theorie geschwebt wird, so ist dies der Sehnsucht nach Öffentlichkeit geschuldet, in der sich das Leiden der Theoretikerin ausdrückt, ihr Glück nicht mit Anderen teilen zu können.

Vom Theoretiker im Allgemeinen zu sprechen, erweist sich allerdings schon beim Einstieg als fragwürdig, da die Liebe zum Kino, speziell zur amerikanischen Schnulze, wie sie dieses Essay voraussetzt, so gar nicht der gängigen Typisierung entspricht. Doch wie es schon Hegel ausdrückt: „Es ist die Ohnmacht der Natur, die Begriffsbestimmungen nur abstrakt zu erhalten und die Ausführung des Besonderen äußerer Bestimmbarkeit auszusetzen“. Hinzu kommt, daß zwischen jenen Archetypen, wie Hegel oder Marx, und dem was heute zu potentiellen Theoretikern und Theoretikerinnen heranwächst, eine gesellschaftliche Entwicklung liegt, die an die Stelle einer Ausbildung mit Platon und Euripides, eine mit dem Universalmedium des Fernsehens setzt. Serie und Spielfilm sind Ersatz für Gedicht und Roman geworden, was nicht nur den Sprung in die theoretische Auseinandersetzung vergrößert, sondern auch der Anstrengung der Phantasie Abbruch tut. Zwingt jeder Roman, noch mehr die Poesie, zum Einsatz der Vorstellungskraft, sei er auch noch so „realistisch“, so suggeriert auch der phantastischste Film die unmittelbare Realität des Dargebotenen, zeigt direkt was passiert. Bei regelmäßigen Konsumenten geht dies soweit, daß, vor allem bei Alltagsserien, der Unterschied zwischen Realität und Illusion verschwimmt, Ich und Nicht-Ich mit den jeweiligen Protagonisten identifiziert werden. Das auf Zelluloid gebannte Drama vermittelt nicht mehr die Distanziertheit des Subjekts von sich selbst, die dem Theater selbstverständlich ist. Dem Medium Film gebricht es so ganz prinzipiell an Künstlichkeit. Es mag aber gerade jene suggerierte Unmittelbarkeit sein, welche die Theoretikerin als „berufsmäßige“ Vermittlerin, durch ihr Anderssein so unsäglich reizt.

Was nun in jenem Film, von dem hier die Rede sein soll, vorging war folgendes: verpackt in schmelzende 50er Jahre- Musik, und mit der bei US-Schauspielern üblichen Perfektion präsentiert, wird uns ein gefühlskalter, aber in seinem Inneren grundanständiger Raider vorgestellt, der genauso, wie er Unternehmen nur übernimmt, um sie auszuschlachten, also Einzelteile profitabel zu verkaufen, und ihnen dabei die hierfür notwendige Kreditaufnahme zu überschreiben und so mit Null Eigeninvestition den größtmöglichen Reibach zu machen, auch mit seinen Gefühlen verfährt und Frauen nur vernutzt ohne „wirkliche“ Gefühle zu investieren. Doch eine wunderschöne und zartfühlende Prostituierte, die er eben aus dem Grund aufgabelt, weil er meint, hier keine Gefühle investieren zu müssen, weckt schließlich den schlummernden guten Menschen in ihm und bringt ihn dazu, von seinem schmählichen Tun abzulassen. Es ist eine nachgerade wagnerische Erlösung des unglücklichen Raffers durch Pretty Kundry, die sich hier anbahnt, jedoch zum Schluß in greulicher Biedernis versinkt. In der Schlußsequenz bietet er einem zur Übernahme anstehenden, in Ehren ergrauten Ben-Cartwright-Kapitalisten die Hand zum gemeinsamen Aufbau eines wirklich produktiven und sinnvollen Unternehmens (Onkel Ben produziert unter anderem Schiffe für die Regierung, was einen grausamen Verdacht aufkeimen läßt) und verspricht seiner „Pretty woman“ die Ehe. Aus dem raffenden Profitgeier mit verkorkstem Gefühlshaushalt ist ein schaffender Tatmensch geworden, der sogar noch seine Herzdame dazu erzieht, sich anständig anzuziehen. Aschenputtel dagegen hat nun genügend Kohle, sich soviel Klammotten zu kaufen, wie es will. Tränen gab es ob dieser rührenden Story im Kino nur wenige, wohnt doch in des Bürgers Brust meist eine Seele zu viel – und empfindet die gute Seele auch problemlos die Glückseeligkeit von Schaffen und Lieben nach, so wird die böse Seele sich wohl doch fragen, ob der Kerl nicht eine geniale Methode des Geldmachens hatte, und ob dem Grauen einer anständigen amerikanischen Vorstadtkleinfamilie nicht doch die Rolle der ungebundenen Monade vorzuziehen sei. Einige werden es wohl auch als Anachronismus empfunden haben, wie ungebrochen hier industrielle Produktion als gute Tat betrachtet wird, wo doch gerade in den letzten Jahrzehnten deren In-Frage-Stellen zur ideologischen Mode geworden ist, und dies angesichts der ökologischen und sozialen Folgen nicht zu Unrecht. Wir werden noch darauf zurückkommen, daß jenes suggerierte Glück heute das Schmunzeln der Beliebigkeit zeigt, wobei es gleichgültig ist, ob bewußt oder unbewußt; doch stellen wir jenen Topos des raffenden und schaffenden Kapitals, der uns hier am guten Prinzen vorgeführt wird, zunächst einmal in eine andere Zeit, wo er eine andere Attitüde trägt.

1.

Wenn so ganz ungezwungen schaffendes gegen raffendes Kapital ausgespielt wird, so bietet sich als erste und bekannteste Assoziation natürlich die faschistische Ideologie an, die diesen Widerspruch als ideologische Waffe mit nicht geringem Erfolg benutzte und sich damit sogar als, wenn auch rechter Kritiker von Geld und Kapital, im Bewußtsein sowohl der Alltagsmenschen als auch der Ideologen etablieren konnte. Die Kritik des Geldes als Spekulationsobjekt ist jedoch weit älter.

Mit seiner Entstehung produziert der Kapitalismus auch seine immanenten Kritiker, die im Laufe seiner Entwicklung alle seine Widersprüche und Absurditäten aufdröseln und anprangern, ohne jedoch in der Lage zu sein, die Vermittlung und Aufhebung der einzelnen Momente zu vollziehen. Die Schmähung des raffenden Kapitals ist dabei weder die neueste, noch die originellste Variante. Als Kritik der Spekulation kann sie allerdings erst entstehen, wenn diese bereits einen gewissen Entfaltungsgrad erreicht hat und zur Verherrlichung der Industrie bedarf es gründerzeitlichen Pioniergeistes. Noch die Romantik ist in ihrer Kritik viel allgemeiner und diffuser, indem sie die Abstraktion als solches angreift und eine ebenso diffuse Sehnsucht nach der Einheit von Mensch und Natur, nach Unmittelbarkeit gegenüber den Vermittlungszwängen von Geld und Rationalismus geltend macht. Sie sucht deshalb ihre Ideale in einer imaginären Vergangenheit, in der der Mensch dem Menschen und der Natur angeblich näher stand, ohne Dazwischenkunft von Geld, Recht, Abstraktion. Mit dem „Schaffen um des Schaffens willen“ kann sich der Romantiker so gar nicht anfreunden:

„Wie unvermögend ist doch der gutwilligste Fleiß der Menschen gegen die Allmacht der Begeisterung.“

Hölderlin/Hyperion

Die Hilflosigkeit dieser diffusen Sehnsucht als Kritik liegt in ihrer Projektion auf die Vergangenheit und ihrem Apell an die bloße Freisetzung von Gefühlen. Sie kann damit zwar leicht Sympathien gewinnen, aber schwerlich Konsequenzen zeitigen.

Unser Thema kam erst einige Jahrzehnte später auf, in der Zeit der Eisenbahnen und Bankenkräche, in der auch die Spezialisierung der Kritik weiter fortgeschritten war – die Kritiker waren nun nicht mehr Universalisten, sondern Empiriker, von der „Weltentrücktheit“ zur Kritik bestimmter Mißstände fortgeschritten. War eines der Lieblingsthemen der romantischen Malerei die Ruine, als Inbegriff der schmerzlichen Sehnsucht nach vergangenen Zeiten gewesen, so wurde nun „Auferstanden aus Ruinen“. Die in jener dem Aufstreben so zugewandten und fortschrittsgläubigen Zeit sich geltend machende Kritik mußte nun zur Funktion werden, Mißstände anprangern und damit selbst dem Fortschritt zutragen. Sie konnte nicht mehr fern der Welt stehen. Allgemeiner wird die Kritik lediglich da, wo auch die Mißstände ein weites Ausmaß annehmen, wie eben in jenen Börsen- und Bankenkrisen der 60er Jahre.

Die Menschen als Geldmonaden waren Thema Balzacs, die Spezialisierung und Zuspitzung der Analyse lieferte Zola, der in der Untersuchung des Widerspruchs von raffendem und schaffendem Kapital als erstes Beispiel herhalten soll. Wir müssen ihn jedoch gleich zu Beginn in Schutz nehmen gegen Ideologen wie Ernest Mandel, der Zolas Börsenroman „Das Geld“ ausschlachtet als Agit-Prop-Geschreibsel gegen betrügerische Spekulanten und damit die Dimension von Literatur überhaupt wegsprengt. Denn Zola geht es natürlich in seinem Roman nicht um die Verdammung seines Hauptprotagonisten Saccard als zynischem Bösewicht; Literatur ist überhaupt niemals Kritik in diesem ideologischen Sinne. Im Roman geht es darum, den Zeitgeist eben dieser Industrialisierungsepoche auf den Punkt zu bringen; die Leistung eines Schriftstellers besteht eben darin, sowohl von der Person seiner Protagonisten abstrahieren zu können, sie quasi-objektiv darzustellen, als auch sich gleichzeitig in sie hineinzuversetzen. So werden Saccards Motive so weit als möglich und vor allem in ihrer Ambivalenz analysiert, bis hin zur Ursache seines Scheiterns, daß er sich auf Dauer als zu phantasievoll und implusiv für die Kälte und Trockenheit des Geldgeschäfts erweist. In ihm spitzt sich aber auch der analysierte Zeitgeistwiderspruch von raffendem und schaffendem Kapital bis ins Extrem zu, indem er einerseits derjenige ist, der die Spekulation als Selbstzweck bis zum Irrationalen anheizt, zudem aber seine letzte Sehnsucht darein legt, die guten Werke der Fürstin d’Orviedo zu unterstützen, ihre Sozialinstitution „Werk der Arbeit“(auch das für moderne Ohren eher ein makaberer Witz), was ihm verwehrt bleibt.

Um nun näher zu dem uns interessierenden Teil des Inhalts zu kommen, sei folgende kurze Einführung gegeben. Die Spekulationswelle um die es sich im Roman, sowie in der Realität des Jahres 1866 handelt, hatte einen durchaus stofflichen Hintergrund; sie war notwendig, um die Kapitalmassen zur industriellen Erschließung, des Aufbaus der Infrastruktur, sowie vor allem des Eisenbahnbaus zur Verfügung zu stellen. Ziel der Protagonisten von Zolas Roman ist die Gründung einer riesigen Handelsgesellschaft zur Erschließung des Nahen Ostens, eine Aufgabe, die durch die Brille der eigentlich positiven Helden, des Ingeneurs Hamelin und seiner Schwester Caroline in für heutige Augen lächerlich romantisierenden Farben geschildert wird:

„Aber vor allem entwarf er ein sehr farbiges Bild von der abgelegenen Schlucht im Karmel, wo der Abbau der Silbererzvorkommen im vollen Gange war. Der wilde Ort wurde menschlich, in der Nähe des Bergwerks war schon ein ganzes Dorf erbaut worden, der Beginn einer Stadt die wachsen sollte, solange die Erzgänge fündig blieben… Von früh bis spät brummten die Fördermaschinen, rumpelten Karren unter schallendem Peitschenknall über die Wege, sangen Frauen, spielten und schrien Kinder in dieser Einöde, in dieser Todesstille, wo früher nur der langsame Flügelschlag der Adler zu hören gewesen war“(Zola 1977, S. 326f).

Eine derartige Romantisierung von Dingen wie Bergwerken, brummenden Fördermaschinen, und schallendem Peitschenknall kann nur in dieser Epoche einer beginnenden Industrialisierung gelingen, bei den Romantikern hätte sie Entsetzen ausgelöst, bei den aufgeklärten Konsummonaden Ende des 20sten Jahrhunderts würde sie bestenfalls als interessante Absurdität durchgehen, Anklang höchstens bei Freunden des Realsozialismus finden (daß Zola nicht subjektiv Bergwerksromantisierer ist, sondern wieder nur den Zeitgeist einfängt, zeigt sein Roman Germinal). Der Raider aus unserem Film hätte eine solche Schilderung jedoch kaum zum Einsatz bringen dürfen. Die Ideologie des „Etwas-Schaffens“ hat dennoch überlebt als Vorstellung vom Tatmenschen, der scheinbar Konkretes, Praktisches tut, nicht nur mit Abstraktionen hantiert, wenn diese Illusion in der modernen Gesellschaft, in der das eigentliche Schaffen mehr und mehr Maschinentätigkeit ist, auch bis zur Lächerlichkeit surreal wird. So etwa, wenn Versicherungsmakler einen Vertragsabschluß als Produktion bezeichnen, womöglich um ihm den Heiligenschein des lebendigen Schaffens zu verleihen.

Erst hier zeigt sich natürlich mit Notwendigkeit, daß der scheinbare Widerspruch von raffendem und schaffendem Kapital völlig falsch angelegt ist, indem in ihm die Oberflächenabstraktion Geld um des Geldes willen kritisiert, ihre soziale Grundlage aber, Arbeiten um des Arbeitens willen, zur positiven Konkretheit erhoben wird. Weiter als bis zu dem Punkt, an dem nun das stoffliche Abstraktwerden (als Enteignung von Fähigkeiten) dieser fetischistischen Arbeit kritisiert wird, kann diese Kritik nicht kommen. Aber auch in diesem weitestgehenden Fall ergibt sich daraus nur die Forderung nach dem Erhalt des schaffenden Arbeiters. Dieser und sein lebendiger Arbeitsprozeß werden der Verdinglichung im Geld gegenübergestellt, dabei gänzlich vergessend, daß es eben jenes Verhältnis abstrakter Wertproduktion ist, welches die lebendige Arbeit in tote Arbeit verwandelt und dadurch notwendig das Geld als Darstellungsform eines verdinglichten Verhältnisses hervorbringt. Dieses verdinglichte Verhältnis abstrakter Produzenten nicht erkannt, wird so entweder das Geld als dingliche Inkarnation kritisiert oder das empirische Abstraktwerden der lebendigen Arbeit. Im letzteren Fall geht die Konsequenz in Richtung Produktivkraftkritik oder dem Versuch die verbliebenen Qualifikationen des abstrakten Arbeiters zu erhalten; im ersteren Fall geht die Stoßrichtung, wie wir noch zeigen werden, auf Personifikation aus, da das Ding Geld an sich neutral, nicht schuldfähig ist, es sei denn es wird zum mystischen Gegenstand erklärt. Etwas von diesem Mythos haftet dem vertrakten Geld auch bei Zola an, einfach weil alle persönlichen Schuldzuweisungen nicht funktionieren, im allgemeinen Gärungsprozeß der tragisch verstrickten abstrakten Individuen ihre Rechtfertigung finden. Die Kritik der Produktivkraft kann aber in seiner Zeit noch überhaupt nicht auf der Tagesordnung stehen und auch vom Schriftsteller nicht antizipiert werden. Wie wir gesehen haben, scheint das Bewußtsein vom geraden Gegenteil dominiert zu sein.

In Zolas Zeit hat die Verherrlichung der Industrie ihre einfache und durchaus rationelle Ursache in der im großen Umfang beginnenden Industrialisierung, in der Notwendigkeit sowohl der Affirmation des abstrakten Produktivismus, als auch der abstrakten Arbeit. Das Geld darf dazu nur Mittel sein, das spekulative Geld oder fiktive Aktienkapital nur Mittel im erweiterten Sinne zur Ausdehnung der Größenverhältnisse im Allgemeinen, und der dazu notwendigen Infrastruktur im Besonderen. Geld als Selbstzweck wäre nur als Betrug denkbar:

„Da gewann Frau Caroline plötzlich die Überzeugung, daß das Geld der Misthaufen war, auf dem diese Menschheit von Morgen wuchs… das Vergiftende zerstörerische Geld wurde zum Gärstoff jeglichen sozialen Wachstums“ (Zola 1977, S. 328f).

Jede darüber hinausgehende Spekulation aber fällt dem Verdikt der guten, der bürgerlichen Seelen anheim. So kämpfen Hamelin und Caroline (die Frau wird in der dummen Arroganz des Literaten immer nur mit Vornahmen erwähnt, wie bei Liebknecht und Rosa) beständig, und von ständigen moralischen Skrupeln gequält, gegen die Spekulationswut Saccards an. Denn letztlich ist ihnen das Geld ein Greuel, eine obskure Macht, welche sich nicht einfach auf ein Mittel reduzieren läßt, sondern schließlich auch die „gute“ stoffliche Entwicklung mit in den Abgrund ziehen muß, vor allem aber für eine Modernisierung steht, die nicht nur stoffliche Entfaltung und damit menschliche Erleichterung beinhaltet, sondern die Zersetzung der überkommenen Strukturen mit sich bringt.

„In diesen lautlosen, feigen Geldschlachten, wo man die Schwachen geräuschlos niedermetzelt, gibt es keine Bindungen, keine Verwandschaft und keine Freundschaft mehr: es herrscht das gräßliche Gesetz der Starken, die fressen um nicht gefressen zu werden“ (Zola 1977 S.467).

Diese Kritik des Geldes oder hier spezieller, des raffenden Kapitals, also des Geldes als Selbstzweck, führt prinzipiell eine Zuspitzung mit sich, die schlaglichtartig die Bedeutung scheinbar theoretischer Spitzfindigkeiten anzeigt: indem die Analyse nicht bis auf den Funktionsmechanismus des Geldes und den Wert als automatisches Subjekt, als verdinglichtes soziales Verhältnis zurückgeführt wird, sondern die Protagonisten einer sozialen Situation für sich selbst, als letzthinniger Grund angenommen werden, kann die Konsequenz nur Personifikation von Schuld sein. Ohne es theoretisch zu wissen kann dies Zola an seinem Hauptprotagonisten bildhaft zeigen. Wie der Marxist Mandel in Saccard oder allen Spekulanten und Kapitalisten die Inkarnation des Bösen sieht, so hat auch Saccard selbst sein personifiziertes Böses – die jüdischen Bankiers:

„Aber das Sonderbare war, daß er, Saccard, dieser schreckliche Geschäftemacher, dieser Henker des Geldes mit den schmutzigen Händen, jede Selbstbesinnung verlor, sobald es sich um einen Juden handelte; er sprach dann von Seinesgleichen mit einer Schärfe, mit der rachedürstigen Empörung eines ehrlichen Menschen, der von seiner Hände Arbeit lebt und an jeglicher Art von Wuchergeschäften nicht teilhat“ (Zola 1977 S.128f).

Das Reizvolle an dieser Stelle ist, daß Saccard hier seine eigene böse Seele in eine andere Person, in den Juden, inkarniert, die Absurdität jeglicher Personifikation von Funktionsmechanismen wird genial aufgezeigt. Über Zola hinaus sollten wir aber festhalten, daß die eigentliche Schizophrenie darin liegt, die Wertabstraktion im Begriff des schaffenden Kapitals zu affirmieren und zugleich Auswüchse des Geldraffens kritisieren zu wollen, was die Ideologie letzlich in den Ausweg der Personifikation treibt. Daß letztlich „die Juden“ dafür herhalten müssen, hat historische Ursachen; jedenfalls werden sie zum festen Bestandteil der Ideologie des raffenden Kapitals.

Zolas kleiner Kosmos des bürgerliche Bewußtseins wird abgeschlossen, mit der tragischen Figur des Sigismond, der in einer abstrusen Mischung aus Romantik und Positivismus die Abschaffung des Geldes vertritt:

„Der Wert des Geldes nimmt also ab, warum sollte das Geld nicht ganz verschwinden, warum sollte nicht eine neue Vermögensform die gesellschaftlichen Beziehungen regeln“ (Zola 1977 S.420).

Daß schließlich er selbst an Schwindsucht stirbt, und nicht das Geld, ist nur konsequent, da die Potenzen des Geldes zu seiner Zeit noch lange nicht ausgereizt sind. Daß sein Bruder der übelste Wucherer ist und alle seine Liebe auf ihn projiziert, weist wiederum auf die gute und die böse bürgerliche Seele hin. Der Raffer rafft und ernährt dabei seinen schärfsten Kritiker, weil dieser seine Sehnsucht nach dem „Nichtmehrraffenmüssen“ verkörpert. Der Geldkritiker gilt als edlster Charakter unter allen Charaktermasken, von all den Raffern mit Ehrfurcht betrachtet.

2.

Vom kleinen Kosmos den uns Zola bietet, müssen wir nun fortschreiten in flachere und schmalere Sphären, in die Epoche der entfalteten Industrialisierung, die auch die Fordistische genannt wird, nach ihrem berühmtesten Unternehmer und Ideologen – Henry Ford. Dieser hat sein Credo für die ihm nachfolgende Epoche hinterlassen, rhetorisch dick aufgetragen, stilistisch dürr, mit dem Pathos eines evangelischen Geistlichen, aber im Zuspitzen des Zeitgeistes Zola kaum nachstehend, nur daß er sich selbst Protagonist ist, zudem die primitive Ideologie vom raffenden und schaffenden Kapital in Reinkultur vertritt. Viel deutlicher und einseitiger kristallisiert sich bei ihm die Affirmation der abstrakten Arbeit heraus, der Arbeit als Naturprinzip, die Inbegriff allen menschlichen Handelns ist:

„Es ist natürlich zu arbeiten und anzuerkennen, daß Glück und Wohlstand sich nur durch ehrliche Arbeit gewinnen lassen… Ich habe nichts zu bieten, was über die rückhaltlose Anerkennung dieses Naturprinzips hinausgeht“ (Ford 1923 S. 3).

„Freiheit ist das Recht eine angemessene Zeit zu arbeiten“ (S. 5).

„Dagegen vermag die Arbeit, Arbeit ganz allein, Güter zu schaffen“ (S. 9).

„Das wirtschaftliche Grundprinzip ist die Arbeit. Die Arbeit ist das menschliche Element, das sich die fruchttragenden Gezeiten der Erde zu Nutze macht“ (S. 10).

„die Zivilisation hat keinen Platz für die Müßiggänger“ (S. 15).

Das schaffende Prinzip wird hier in all seiner Abstraktheit als Arbeiten um des Arbeitens willen hervorgepredigt in wahrhaft rosenkranzbetender Wiederholung und wird zur Grundlage einer Epoche in der Arbeiten per se etwas Positives ist, ohne Ansicht ihrer Zwecke und Zusammenhänge. Was sich also zunächst wie seniles Gefasel eines Pfaffen anhört, schlägt durch bis in die heutige Zeit, in der das Erhalten von Arbeitsplätzen immer noch als Rechtfertigung für den größten Schwachsinn herhält. Henry Ford hat dies in der dem Arbeitsidiotismus entsprechenden Einfachheit ausgedrückt.

Arbeit, Produktion – das waren Henrys Götter und die nach ihm benannte Epoche tat es. Und auch das Geld, das mit Arbeit und Produktion verdient wird kritisierte er nicht, denn wer die Werte schafft darf auch den Rahm abschöpfen – ganz anders dagegen die Spekulanten, die abschöpfen, was andere schufen:

„Die Spekulation in bereits produzierten Dingen hat dagegen nichts mit Geschäften zu tun – sie bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine angesehenere Form von Diebstahl“ (Ford 1923 S. 8).

Wie selbstverständlich trifft Henry hier den Punkt, daß es der geschaffene Wert ist der zählt, die Verdopplung der Werte durch Spekulation mit bereits produzierten Dingen, Werten, unproduktiv, und damit vom Standpunkt des Kapitals aus verwerflich ist. Doch hat die Ideologie des raffenden und schaffenden Kapitals mehrere Implikationen. Da ist natürlich zunächst der eben genannte rationale Kern, daß es das schaffende Kapital ist, welches den kapitalistischen, also wertmäßigen Reichtum schafft, während die sich darüber erhebende Ebene des fiktiven Kapitals nur eine scheinbare Verdopplung darstellt, nicht real die Reichtumspotenzen erweitert.

Die Betonung des schaffenden Prinzips, der Arbeit um der Arbeit willen, hat aber noch den weiteren Sinn als Ideologie einer expansiven Ausdehnung der kapitalistischen Produktion und der damit verbundenen Notwendigkeit, Arbeitskraft in Massen einzusaugen, ohne daß damit ein selbstverständliches Prestige verbunden wäre, etwa vergleichbar dem eines Kunsthandwerkers oder eines Arztes etc. Dem von vorneherein auf nicht sehr qualitativen Niveau tätigen Fabrikarbeiter, mußte das Arbeiten als solches als Wert an sich verkauft werden, indem ihm die vereinzelte „Depperlestätigkeit“ des Drehers oder Schlossers als besondere Qualifikation verkauft wurde. Zudem mußte klar sein, daß dem Wert an sich, Arbeit, auch der entsprechende Wert an Gegenleistung geliefert wurde.

„Wer schwer arbeitet dem gebührt ein bequemer Stuhl, ein behagliches Heim und eine angenehme Umgebung. Sie sind sein gutes Recht. Aber niemandem gebührt die Muße, der nicht zuvor seine Arbeit verrichtet hat“ (Ford 1923 S. 324).

Dem Abstraktum Arbeit steht das Abstraktum Genuß als Gegenleistung gegenüber, ihm wird geboten was dem Wert seiner Leistung entspricht – abgesehen vielleicht von ein bißchen Mehrwert für Henry. Daß der prinzipiell qualitätslosen Arbeit sich entsprechend krude Genüsse gegenüberstellen, nämlich Fressen, Ficken, Fernsehen, wobei zweiteres im Laufe der Geschichte von Henry’s Produkt, dem Massenauto abgelöst wird, dürfte klar sein. Jeder kriegt was er gibt! Aber was kriegt der, der nichts leistet?

„Hat er nichts an die Allgemeinheit entrichtet, so hat er von ihr auch nichts zu fordern. Die Freiheit zu verhungern bleibe ihm unbenommen“ (Ford 1923 S. 12).

Für einen Zola und auch die Industrieromantiker in seinem Roman wäre eine derartige Brutalität, noch undenkbar gewesen. Es ist tatsächlich erst der Fordismus, der das Zwangsarbeitsprinzip bei Geldentzugsstrafe durchsetzt und so ins Alltagsbewußtsein versteinert, daß es schließlich zur Schande wird nicht zu arbeiten, sei man nun Bettler oder Spekulant; jegliches nichtarbeitende Einkommen erscheint als Betrug, Betrug an der Wertschöpfung. Die Verinnerlichung dieses Denkprinzips ist allerdings nicht als Indoktrination durch Ideologen zu verstehen, sondern entsteht in erster Linie als Selbstschutz der abstrakten Arbeitsmonade, die ihre eigene dequalifizierte Tätigkeit vor sich rechtfertigen muß. Dieser psychologische Mechanismus geht oft bis zur Absurdität, wenn auch der letzte Maschinenhandlanger noch mit proletenstolz geschwellter Brust von seinem Fleiß und seinen Fähigkeiten schwadroniert. Die Ideologie des schaffenden Kapitals trifft so in ihrer Epoche auf einen vorgefurchten Boden und kann reiche Früchte tragen.

Gleichzeitig geht aber noch eine weitergehende Faszination von der Verteufelung des raffenden Spekulanten aus, da sich in ihm die Abstraktion der Wertvergesellschaftung in ihrer ausgeprägten Oberflächenform, dem Geld, personifizieren läßt. Während die Arbeit als konkrete Tätigkeit betrachtet wird, durch welche eben nicht nur Wert, Geld, Profit, sondern auch reale faßbare Dinge geschaffen werden (wie fragwürdig deren Nutzen in der Realität als totaler auch immer sein mag), erscheint das Geld als Äußerliches, Fremdes, Abstraktes, das sich zwischen die Menschen schiebt, so wie es auch schon Romantik und Lebensphilosophie betrachtet hatten. Doch ist die Ideologie des raffenden Kapitals, wie wir bereits gefunden haben, ungleich moderner als die abstrakt-romantische Geldkritik; sie kann nämlich durchaus unterscheiden zwischen dem wohlverdienten Salär, der guten Abstraktion für gute Arbeit, und dem spekulativen Geld, welches zum Selbstzweck wird und dadurch schon an der Oberfläche als Abstraktion sichtbar ist. Der Haß gegen die Abstraktion, der sich eigentlich gegen die eigenen abstrakten Arbeits- und Lebensverhältnisse richten sollte, also selbstkritisch gegen die eigene Existenz als abstrakte Indivivualität, kann sich, auch im Sinne des oben genannten Selbstschutzes, nur gegen Andere oder Anderes richten, wobei die abstrakte Geldkritik der Romantik sich hier als weniger durchschlagskräfitg erweist, als die Personifikation des raffenden Prinzips im raffenden Spekulanten, „genauer“ bestimmt – im Juden. Man braucht schon fast nicht mehr dazuzusagen, daß auch unser lieber Henry sich nicht gewisser Tiraden gegen jene Religion und ihre Bank- und Pressemächtigen enthalten kann. Sein Herausgeber Kurt Thesing bringt dies 1923 treffend auf den Punkt:

„Sein Kampf gilt nicht dem einzelnen Juden, noch der jüdischen Rasse, sondern nur gewissen sozialen und politischen Erscheinungen. Er hält es für eine Gefahr, daß die Banken und die Presse Amerikas zum größten Teil in jüdischen Händen sind“ (Ford 1923 Vorwort S. VII).

Sein Kampf richtet sich nicht gegen Juden als Menschen, aber gegen Juden als Inbegriff des raffenden Kapitals, des Verbrechens mit geschaffenen Werten zu spekulieren, als Personifikation jener Oberflächenabstraktion des Geldes als Selbstzweck und nicht als adäquater Entlohnung für abstrakte Arbeit.

3.

Die Affirmation des werteschaffenden Arbeiters gegen das Geldraffen als Selbstzweck wurde zur radikalen Ideologie allerdings nur in jenen Ländern, die ihr auf Grund gewisser Rückständigkeiten in ihrer kapitalistischen Entwicklung, größeren Nachdruck verleihen mußten. In der Sowjetunion wurde das Prinzip des Schaffens zum Kampfschrei für die Treibjagd in die Fabriken, für die treibhausmäßige Entwicklung eines Industrieproletariats als Grundlage für eine entfaltete Wertvergesellschaftung. In dieser ideologischen Abart wurden allerdings auch die Fords als Nicht-Werteschaffer entlarvt und demgemäß den Raffern zugeschlagen, aus der Notwendigkeit einer geplanten Nachholung heraus. In reinerer Form sollte Henry’s Ideale der deutsche Faschismus verwirklichen, der zwar nicht unbedingt das Recht zu Verhungern durchsetzen konnte, sich vielmehr sogar zur Einführung gewisser Sozialnetze gezwungen sah, aber die Entlohnung abstrakter Arbeit mit gerechtem Konsum auf ihre eigentliche fordistische Spitze trieb, mit dem Slogan: „Jedem Deutschen ein Auto.“ Der fordistische Nachholungsmotor Faschismus, schaffte so auf Grund des Zwangs zur ideologischen und praktischen Aggressivität, durch einen mangelhaft vorgefurchten Boden, eine viel konsequentere Verwirklichung der Ideologie des raffenden und schaffenden Kapitals, als sie die fordistische Arbeitsgesellschaft unter normalen Bedingungen schaffen kann.

Das schaffende Prinzip als Mittelpunkt nationalsozialistischer Ideologie braucht nicht erst lange nachgewiesen zu werden; nur zwecks der Anschaulichkeit und des Bezugspunkts hier ein paar Zitate:

„Der Nationalsozialismus stellt den Arbeiter und den Bauern, den Handwerker und den Angestellten, mit einem Wort, alle schaffenden Deutschen in den Mittelpunkt seines Denkens und Handelns und damit in den Mittelpunkt seines Staates, und den Raffenden und den Bonzen macht er unschädlich“ (Robert Ley 1933 Zit.n. Hofer 1957 S. 60).

oder

„Erste Pflicht jedes Staatsbürgers muß es sein, geistig oder körperlich zu schaffen… darum fordern wir. Abschaffung des Arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft….. Die Partei bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist“ (Programm der NSDAP 1920 Zit.n. Hofer 1957 p 29).

Die Weihe der Arbeit als höherer Wert und als wertschaffend, die Arbeit als a priori des Menschseins, als Abstraktum, welches jeder qualitativen Bestimmung vorausgesetzt wird, das ist der gleiche Inhalt den wir bei Ford fanden, nur daß die Zuspitzungen noch deutlicher sind, noch mehr im Alltagsbewußtsein Boden finden können, weil sie die politischen Konsequenzen beinhalten. Die Ausstrahlungskraft dieser Ideologie ist einleuchtend: sie greift die Abstraktion des Geldes als Selbstzweck, des arbeitslosen Einkommens, der Zinsknechschaft an, fordert ganz praktisch deren Abschaffung, geht aber nicht wie die Lebensphilosophie fort zur Kritik der Abstraktion als solcher, was für das Alltagsbewußtsein nicht nachvollziehbar wäre, nicht unmittelbar und praktisch bleibt. Was sie den abstrakten Individuen aber läßt, ist ihre abstrakte Arbeit, deren Schalheit nicht auch noch unter ihren Füßen weggezogen wird, sondern eine höhere ideologische Weihe erhält. Hier leuchtet die Gemeinsamkeit mit der Lebensphilosophie auf, die zumindest ideologisch den Boden bereitete: Geld, Recht und Rationalismus als menschenferne, äußerliche Abstrakta, die unmittelbare Arbeit, das Alltagsleben, das Gefühl als Konkretionen, die der Abstraktheit entgegenstehen und affirmiert werden.

Die faschistische Ideologie, ebenso wie die marxistische oder auch die Lebensphilosophie, läßt als bürgerliche die Kritik der abstrakten Arbeit außen vor, kann nicht das Fundament ihrer eigenen Existenz einreißen; sie ist aber durchaus in der Lage an die Leiden der Monaden unter der Abstraktion des Werts, an die romantische Sehnsucht nach unmittelbaren Beziehungen, großen Gefühlen, Naturzusammenhang, anzuknüpfen. Hier liegt eine der Schwächen des Marxismus gegenüber dem Faschismus: während die „Kommunisten“ sich bloß auf die Arbeiterfaust, das werteschaffende Prinzip als Inbegriff des Konkreten, Wirklichen beziehen können, damit ganz den Notwendigkeiten der sowjetischen Entwicklung angedienert, kann die Rechte all die scheinkonkreten Emotionen, vaterlandischen Gefühle, Naturmystik, scheinbar feste, unmittelbare Bindungen gegen die Zumutung der Abstraktionen der Wertvergesellschaftung, ins Feld führen. Zudem ist der Faschismus in der Lage all diese Zumutungen im „geldraffenden, materialistischen, arbeitsscheuen“ Juden zu personifizieren und damit die adäquate Form für das Alltagsbewußtsein zu finden, wobei er auf uralte Vorurteile zurückgreifen kann.

Falsch wäre es nun aber zu behaupten, der Faschismus sei damit in seiner Kritik etwa konsequenter gewesen als die Arbeiterbewegung, habe sie durch seine „Geldkritik“ und seine Kritik am Abstraktwerden der Welt links überholt. Überhaupt arbeiten all die hier behandelten Ideologien in ihrer Kritik der Geldabstraktion mit puren Scheinkonkretionen und können damit kaum als mehr oder weniger revolutionär eingestuft werden. Die gemeinsame und in ihrer Zeit durchaus angemessene Grundlage ist die Affirmation der abstrakten Arbeit, die Anbetung des werteschaffenden Arbeiters als scheinbar Konkretem gegenüber all dem Überbau – seien es Spekulanten oder Intellektuelle, seien es auch die Kapitalisten. Die eigentliche Basis des Ganzen, daß die abstrakte Vernutzung menschlicher Arbeitskraft der Prozeß der Wertschöpfung ist, daß in dieser Produktion um der Produktion willen mit dem einzigen Ziele der Realisation von Wert im schlußfolgenden Austausch die Verwandlung von lebendiger in tote Arbeit stattfindet, konkrete Arbeit sich also als abstrakte darstellen muß, ist die crux all der Arbeitsideologien. Sie beinhaltet, daß, was der Abstraktion als Konkretes und Lebendiges entgegengeschleudert wird, selbst nur ein Totes und Abstraktes ist. Der Marxismus erweist sich hier sogar am Konsequentesten indem er die Anhimmelung des werteschaffenden Arbeiters am weitesten treibt, vor allem auch rein auf den Arbeiter zuspitzt, die wertmäßig unproduktiven Funktionen als minderwertige bezeichnet, in systematischer Abstufung bis hin zum raffenden Spekulanten.

Wie die Arbeit, so erweisen sich bei näherer Betrachtung auch all die anderen Konkretionen als pure Abstrakta, sei es das Naturgefühl der Romantik, der einheitliche Lebensstrom der Lebensphilosophie oder Blut und Boden des Faschismus. Dennoch gewinnen sie eine ungeahnte Ausstrahlung einfach dadurch, daß sie die kokrete Lebensunmittelbarkeit suggerieren und damit eine Sehnsucht des abstrakten Individuums ansprechen, ohne ihm seine Lebensgrundlage, seine Tätigkeit als Arbeitsmonade streitig zu machen und den Selbstschutzwall abzubrechen. Der Erfolg des Faschismus lag darin, daß er nicht wie der Marxismus nur den werteschaffenden produktiven Arbeiter selbst affirmierte, sondern auch alle abgeleiteten Lebensformen, außer eben jener des Spekulanten um des reinen Geldes willen. Nicht der geringste Vorteil war dabei, daß auch der proletarische Alltagsverstand merkte, daß produktiver Arbeiter sein kein Glück ist, sondern ein Pech, daß der Ausstieg aus dem Wertschöpferdasein vielleicht angenehmer sein könnte, als der Stolz auf den Status quo.

4.

Die Ideologie des raffenden und schaffenden Kapitals kann natürlich nur in einer Zeit massenhafte Ausstrahlungskraft beweisen, in welcher der produktive Sektor, die Masse der werteschaffenden Arbeiter in Expansion befindlich ist, die spekulative Sphäre selbst in ihrer Ausdehnung noch auf diese ihre Basis bezogen ist. Hier stellt der produktive Arbeiter noch die Masse dar, der eigentliche Spekulant läßt sich noch als bestimmte Schicht definieren, die zudem personell eng begrenzt ist. In einer Zeit, in der Arbeiter, Studenten, Hausfrauen statt zu sparen lieber spekulieren, in der so nebenbei 4000 Spekulanten von einer Großbank auf die Straße geworfen werden, ist sie ein Anachronismus, weil „raffen“ im allgemeinen Bewußtsein zur Normalität, der „Raffer“ selbst möglicherweise Gewerkschaftsmitglied, geworden ist. Noch 1929 galt es als Grund auszusteigen, „wenn die Dienstmädchen an die Börse gehen“ und dies geschah nur in den USA; der gängige Symboltypus eines Kapitalisten war eben der asketisch-evangelische Henry Ford, dem beim Anblick der Symbolgestalten der 80er Jahre, Campeau, Trump, Bond etc das Feuerzeug in der Hosentasche aufgegangen wäre. Wie aufteigend produktiv und romantisch pionierhaft ein Kapitalist in jener Zeit war, zeigt eine Anekdote aus Henry’s Jugend:

„Das wichtigste Ereignis jener Knabenjahre war mein Zusammentreffen mit einer Lokomobile etwa acht Meilen von Detroit, als wir eines Tages zur Stadt fuhren. Ich war damals 12 Jahre alt. Das zweitwichtigste Ereignis, das noch in das gleiche Jahr fiel, war das Geschenk einer Uhr. Ich kann mich an die Machine erinnern als wäre es gestern; war sie doch das erste nicht von Pferden gezogene Fahrzeug, das ich in meinem Leben zu Gesicht bekam. …Jene Lokomobile war daran Schuld, das ich in die Automobiltechnik hineingeriet. Ich versuchte Modelle herzustellen und brachte einige Jahre später auch ein recht brauchbares zusammen. Von jener Zeit an, bis auf den heutigen Tag hat mein stärkstes Interesse dem Problem der Herstellung einer selbsttätig fahrenden Maschine gegolten“ (Ford 1923 S. 26f).

Welch ein grandioser Weg, von technisch interessierten Bauernbuben zum epochemachenden Automobilfabrikanten, american dream und Inbegriff von Fleiß und Ehre in einem. Ein Protagonist der 80er Jahre beschreibt seinen Anreiz, ein großer Mann zu werden, vollkommen anders:

„Eines Tages spielten wir in unserem Kinderzimmer mit Bauklötzen. Ich wollte einen hohen Turm bauen, stellte aber fest, daß ich nicht genügend Steine hatte. Ich fragte Robert, ob er mir seine geben könne, und er antwortete: „In Ordnung aber ich will sie zurückhaben, wenn du fertig bist.“ Ich verbaute also zuerst meine eigenen Klötze, danach seine. Als der Turm stand, gefiel er mir so gut, das ich die Bauklötze kurzerhand zusammmenleimte. Robert hatte wie so oft das Nachsehen“ (Trump 1989 S. 67).

Trump könnte nun als die Idealgestalt von Fords Spekulanten dastehen, doch ist dem mitnichten so. Zum einen hätte sich wohl Ford einen fiktiven Spekulationsüberbau von heutigen Ausmaßen und Geschäfte im Umfange eines Trump kaum vorstellen können, zum anderen ist einfach das Schwergewicht verschoben: die Dinosaurier a la Ford sind einfach ausgestorben, während die Spezies der Trumps in kleinerer oder größerer Form die Erde übervölkert. Doch ist dies nicht allein eine subjektive Frage, so als hätten sich die Gene der Menschen verändert, es ist eine Frage gesellschaftlicher Entwicklung überhaupt, subjektiv-objektiv. Der zu Ende gehende Fordismus zeigt ein wirtschaftliches Wachstum, welches in erster Linie ein fiktiv-spekulatives ist, nicht reale Wertschöpfung, als massenhafte Einsaugung abstrakter Arbeit, zur Grundlage hat, sondern durch eine künstliche Aufblähung der Geldmenge gepusht wird. Selbst die produktiven Sektoren werden nicht selten durch immense Verschuldung und Subventionen am Leben erhalten. Nicht zuletzt Henry’s ganzer Stolz, der einstige Fels Automobilindustrie, erweist sich als maroder Pudding, dessen Gewinne mit der Banken und Börsenkrise einbrechen, weil sie nicht zuletzt auf dem Wege der Spekulation kreditfinanziert waren. Als bloßes Schlaglicht hier das Statement eines eher optimistischen US-Analysten über das Untenehmen eines im öffentlichen Ansehen durchaus würdigen Ford-Nachfolgers namens Iacocca:

„Von den sich um Chrysler rankenden Übernahmengerüchten (Fiat) hält Glantz nichts. Chrysler sei ein schwieriger Fall. Von den oftmals beschworenen 33 Dollar Substanz je Aktie entfielen nicht weniger als 22 Dollar auf Goodwill. Es verbleiben an wirklicher Substanz nur 10,83 Dollar, und ein Aufkäufer sähe sich mit Milliarden von Dollar nicht ordentlich finanzierter Sozialverpflichtungen konfrontiert. Letztere hätten 1989 nicht weniger als 340 Dollar je Aktie ausgemacht…. Bei möglichen Kurssteigerungen, aufgrund von Übernahmespekulationen, sollte man die Aktie verkaufen.“ SZ 17.8.90

Natürlich kann Glantz nur den äußersten Schein der Medaille treffen, die fundamentalen Grundlagen und Konsequenzen der Krise sind nicht sein Thema (siehe dazu: Flugschrift Nr. 2 zur Krise des Geldes), dennoch reichen selbst diese schmalen Fakten bereits hin, die Tatsache zu beleuchten, daß die wertproduktive Aufstiegsphase, in welcher die Ideologie des raffenden und schaffenden Kapitals zünden konnte, längst vorbei ist, daß der Phase der arbeitseinsaugenden Innovationen eine Periode spekulativen Kampfes um die letzten Stückchen Kuchen gefolgt ist. Wie stark die kapitalistische Produktionsweise spekulativ geworden ist, läßt sich auch an einem anderen ihrer Produkte, vielleicht dem großartigsten, verfolgen – dem Teddybär. Seine wechselhafte Geschichte ist zugleich die Entwicklung der Wertvergesellschaftung von ihrer aufsteigenden produktiven Phase in ihre mehr und mehr spekulative Krisenperiode.

Als Margarete Steiff (ein Gretchen aus Schwaben) 1880 ihre ersten acht Elefäntles nähte, tat sie dies nur für ein paar Bekannte, doch bald gesellten sich Esel, Bär, Kamel und Löwe hinzu und bereits 1893 wurde eine kleine Spielwarenfabrik gegründet, in der 4 Mitarbeiterinnen und 10 Heimarbeiterinnen gemeldet waren. Der Gesamtumsatz betrug 40000 Mark. Die Stofftiere wurden schnell erfolgreich und das Unternehmen zum Inbegriff deutschen Fleißes und handwerklicher Qualität. Den entscheidenden Kick aber brachte ein Ereignis des Jahres 1902, als der amerikanische Präsident Theodor Roosevelt sich auf einer Jagd entrüstet weigerte, einen hilflosen Jungbären zu erschießen. Zeichnungen davon gingen um die Welt und eben auch nach Giengen – eines der bedeutendsten Produkte des 20sten Jahrhunderts war geboren – der Teddybär. Von vorneherein mit den höheren Weihen einer Präsidententat geehrt, wurde er in den USA zum Inbegriff der Liebe des amerikanischen Volkes zu seinem Präsidenten, weltweit aber als Symbol moralischer Werte wie Mildtätigkeit, Naturverbundenheit und Ehrbarkeit zu einem grandiosen Erfolgsschlager. Bereits im Jahre 1907 verkaufte Steiff 975000 Stück.

Der Teddybär stand für die gute Seele in der Brust des bürgerlichen Individuums, seiner Sehnsucht nach Einheit mit der Natur, nach Liebe und Verständnis, er galt zugleich als Symbol deutschen Fleißes und deutscher Qualität, als stoffliches Konkretum schlechthin. Die Kritik des Teddybären, die hier natürlich nicht erschöpfend zu leisten ist, müßte dagegen zeigen, daß es nur der verdrehten Phantasie abstrakter Individuen und deren versteinerter Verhältnisse entspringen kann, an die Stelle der direkten Beziehungen zu anderen Menschen und eines offenen Verhältnisses zur Natur, die Liebe zu einem weichgestopften Stofftier zu stellen. Diese absurde Vorstellung gipfelt in den perversen Lobeshymnen der Spießbürger über ein achgottsobraves Kind, welches statt mit anderen Kindern in der Gegend herumzutoben, lieber in seinem Zimmer mit seinen Teddybären spielt. Doch würde es zu weit gehen dem Teddybär dafür die Schuld in die Schuhe zu schieben, denn auch er ist nur Opfer der Verhältnisse in die er hineingenäht wurde. Zudem wissen wir aus eigener Erfahrung, daß der Umgang mit Teddybären nicht nur zu einem zwanghaften Zuneigungsverhältnis zu Dingen (Stoffbären, Bildern, Autos, Büchern) führen, sondern ebenso auch Phantasie und Kreativität anspornen kann. Wer liebte nicht jene Geschichten von mit Leben begabten Teddybären und Schaukelpferden etc.? Doch sind auch sie natürlich nur Erlebnisersatz, basieren eben auf einer Gesellschaft in der sinnvolle und direkte Beziehungen zwischen Menschen noch nicht hergestellt sind. Die Negation dieses Verhältnisses wäre in der Zukunft zu suchen, nicht in naturhaft-sinnlichen Zuständen der Vergangenheit, in der die Menschen noch zwischen echten Bären lebten – demgegenüber ist der Teddybär tatsächlich ein Fortschritt.

Auch Gretchens Qualitätsprodukt wurde allerdings, ebenso wie Henry’s Auto, Objekt der Spekulationswelle der 80er Jahre und kann dabei mit der Börse und dem Kunstmarkt durchaus mithalten. So wurde jüngst ein Teddybär aus dem Jahre 1926 für 168000 DM versteigert, noch krasser aber: ein limitierter Teddy, der 1989 für 250 DM in den Handel kam, ist heute nicht mehr unter tausend Mark zu haben (Welt 28.10.90) – ein knallhartes Beispiel wie durch den Versuch, Spekulationen durch stoffliche Grundlagen abzusichern – Immobilien, Kunstwerke, Teddybären – diese Grundlagen selbst spekulativ werden.

5.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich also geändert, was nichts anderes heißt, als daß sich ihre menschlichen Protagonisten verändert haben, ihr Bewußtsein einer veränderten Wirklichkeit angehört. In diesem Zustand nun gehen sie ins Kino, nicht wissend, daß ihnen nun die Moral vergangener Zeiten vorgebetet wird, verpackt in die Gewänder der neuesten Entwicklungen, sei es der Mode, sei es der Finanzmärkte. Daß die Folge nicht Haß gegen die im Film personifizierte Spekulation sein kann, Raiderpogrome nicht die soziale Folge, dürfte schon aus der einfachen Tatsache klar sein, daß vielleicht ein nicht unbeträchtlicher Teil der zumeist jungen Kinobesucher selbst spekuliert oder zumindest mit Geld und Aktien konfrontiert wird. In der BRD sind 60% der Berufstätigen im Dienstleistungsbereich tätig, was nichts andereres bedeutet, als daß sie Unschuldigen Versicherungen aufschwatzen, Aktienportefeuilles verwalten, verdünnten Alkohol oder schlechtes Essen verkaufen und zu horrenden Preisen Haare schneiden. Sie haben schon als Kinder ihre Oma nur besucht, um Kohle abzuzocken und haben seit ihrem 15ten Lebensjahr einen Überziehungkredit auf ihrem Girokonto. Sie sind auch jederzeit bereit, dieses letzte bißchen Berfufsethos noch aufzugeben, zu studieren und dabei BaFöG oder Sozialhilfe zu kassieren, um anschließend Broker oder Werbefachmann zu werde. Diese Möglichkeit ins Studium auszuweichen, verbreitert sich übrigens stetig, im Rahmen einer statistisch nachgewiesenen Tendenz zum Abitur als normalem Schulabschluß, eine Tatsache, welche die Distanz zur halbgebildeten und selbsternannten Theoretikerin objektiv verkleinert, auch diesen Sprung wieder etwas erleichtert.

Nun geht es nicht darum, daß alle Kinoinsassen oder gar die empirische Bevölkerung, geradeso denken und handeln, sondern nur darum, daß in jedem der von der Filmmoral angesprochenen Alltagsbewußtseine ein Teil dieser Lebensverhältnisse und Vorstellungen eingenistet ist, woraus sich eine moderne Reaktionsebene ergibt, die des immanenten Unverständnisses: Jetzt hat dieser Kerl eine derart perfekte Methode des Geldschöpfens gefunden, ist ebenso perfekt in ihrer Ausführung, ist ein „Master of the Universe“ (Tom Wolfe) geworden, um schließlich sang und klanglos im Spießermuff einer Kleinfamilie zu versinken und einen stinkenden Industriebetrieb zu organisieren, statt sein Leben zu genießen. Dies wäre vielleicht die Reaktion von Seele Nummer eins (wir gehen inzwischen von der „Multiseeligkeit “ des bürgerlichen Busens aus) im Busen des modernen Jungbürgers, die ihr rationales Moment in der veränderten gesellschaftlichen Realität und des damit veränderten Selbstschutzmechanismus hat: das neue Alltagsbewußtsein muß eher seine Existenz als spekulierendes und spekulativ (beliebig) werdendes Individuum rechtfertigen, als seine Existenz als werteschaffender Arbeiter. Freilich erweist sich dies als einiges schwieriger als die Selbstverehrung des Proletariers, was zu jener seltsamen Erscheinung führt, daß es jenen Jungmonaden oft eher peinlich ist Bankangestellter, Sozialpädagogikstudent, Friseurlehrling oder Bekleidungsfachverkäufer zu sein, der Sprung ins angebotene Beliebigkeitsjobberdasein leicht fällt.

Diese Beliebigkeit und Flexibilität der modernen Existenz macht übrigens auch die Ausstrahlung und den Erfolg von „Pretty woman“ aus, weil die Protagonisten in scheinbar völliger Freiheit und Beliebigkeit über ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Gefühle, ihren Konsum verfügen können, auch wenn man ihre „Entscheidung“ am Schluß vielleicht schwachsinnig findet (Man könnte hier fast von einer Popularisierung existentialistischen Theaters sprechen).

Unsere Zuschauer werden also auf Grund ihrer Flexibilität auch durchaus nicht gewillt sein, das große Leben des Spekulanten gegen den Muff des schaffenden Familienoberhaupts zu verteidigen. Seele Nummer 1 ist eine gespaltene, was dazu führt daß auch der flippige Jobber im nächsten Moment auf seinen Job in einer richtigen Fabrik furchtbar stolz ist, weil für die Restexistenz als Betriebswirtschaftsstudent nicht mit Stolz bezahlt wird. Daß allerdings die abstrakte Arbeit in diesen Verhältnissen kein Wert an sich mehr ist, sondern eine höchst scheel beäugte Notwendigkeit, dürfte klar sein. Objektiv wie subjektiv ist die Zeit des produktiven Arbeiters vorbei; wo er noch existiert, ist er eine peinliche Existenz neben anderen, hat er weder als marxistisches Wertschöpfungsvehikel noch als schaffender Arbeitsmensch irgendeine Ausstrahlung, nicht einmal auf sich selbst.

Den produktiven Arbeiter zu Grabe zu tragen heißt allerdings die Basis kapitalistischer Produktion anzunagen, was unsere Seele Nummer eins bereits unbewußt tut, indem sie nicht nur nicht mehr produktiv schafft, sondern dies auch nicht mehr erstrebenswert findet. Sie deutet damit rein negativ ein Anderes an (um es adornoesk auszudrücken), eine Gesellschaft jenseits der Arbeitsgesellschaft, allerdings eben nur unbewußt und negativ, als noch zu aktivierende Potenz (das ist allerdings die Tragik der Theoretikerin, daß sie zwischen ihrer Potenz sitzt und sie nicht aktivieren kann).

Noch mehr in Frage gestellt wird allerdings vom modernen Bewußtsein, die unkritische Haltung gegenüber industrieller Produktion, wie sie bei Zola’s Protagonisten, bei Ford und auch im Film vorausgesetzt wird. Die zweite Seele in des modernen Bürgers Brust würde sofort nachfragen, was denn da produziert wird, welche Umweltschäden die Folge sind, welche Gifte das Produkt enthält, welche Folgen sich aus dem Abbau der Rohstoffe ergeben, wieviel Tiere bei der Erforschung verkabelt werden; ein Kosmos von Zweifeln, geschürt von einem mit diffuser Empirie gestopften Halbwissen, würde sich über den Unternehmer ergießen. Als ungebrochen positiver Wert jedenfalls würde das Schaffen kaum durchgehen. Natürlich steckt hierhinter noch kein Durchschauen der notwendigen Effekte betriebswirtschaftlicher Vernutzung von menschlicher Arbeitskraft und natürlicher Ressourcen, aber immerhin die grauenvollen Erfahrungen mit seiner Anhäufung von Umweltkatastrophen und stiller wirkenden „Zivilisationskrankheiten“. Wer würde wohl noch die Erschließung eines einsamen Tals im Karmel durch Bergwerke als positiv empfinden, wer hat noch ein so völlig romantische Verhältnis zu Maschinen wie Henry? Selbst unser lieber Teddybär würde befragt, ob sein Füllmaterial krebserregend ist, seine Knopfaugen aus Kunststoff oder Naturhorn sind. Der Fortschritt hierin gegenüber dem platten Verherrlichen der schaffenden Kraft ist klar – es wird plötzlich nach den Inhalten der Produktion und ihren stofflichen Folgen gefragt, die abstrakte Produktion um der Produktion willen hinterfragt, und damit die Suche nach Konkretion, nach Herstellen der Zusammenhänge ein Stück weitergetrieben. Klar dürfte natürlich sein, daß dieses Hinterfragen der abstrakten Arbeit durch die abstrakten Individuen, selbst kaum unmittelbar auf gesellschaftlichen Zusammenhang und Totalität zielt, somit selbst abstrakt bleibt und nicht selten Absurditäten erzeugt. Auf grausame Weise lächerlich ist etwa der Fall einer jungen Waffenverkäuferin, die Verpackungsmaterialien an die Lieferanten zurückschickt, um etwas gegen das Ozonloch zu unternehmen, gleichzeitig aber Schnappmesser, Wurfsterne und Gaspistolen an die Jugendlichen im Stadtviertel verkauft. Die Beispiele für Ähnliches sind Legion. Und dennoch liegt auch hier eine Potenz brach, die weit über das hinausgehen könnte, was der Verwertungslogik entspricht, die immerhin Ansatzpunkte für eine bewußte gesellschaftliche Organisation, jenseits der organisierten Bewußtlosigkeit, bietet.

Klarzustellen ist allerdings, daß hier nicht eine eingleisige Entwicklung in Richtung Glückseeligkeit stattfindet, sich im Gegenteil erst einmal eine Zuspitzung der Widersprüche ergibt. Der erste Aufschein etwa der Kritik des Autos und der Perversität des Individualverkehrs, fällt zusammen mit dem Höhepunkt von dessen Ausbreitung, sowie dem nahen Zusammenbruch dieses Systems. Der Höhepunkt der Entwicklung und der Höhepunkt der Krise sind identisch.

Auch Seele Nummer zwei lebt zudem im permanenten Widerspruch, ist doch das Subjekt der Kritik gleichzeitig Subjekt des kritisierten Prozeßes, in irgendeiner Form daran beteiligt. Die Konsequenzen aus diesem verzwickten Problem können sowohl in Resignation, als auch in Verzweiflung, aber genausogut in der Selbstsuggerierung des Außenstehens liegen, sie können in der Opferpose ebenso münden, wie im bemühten Zynismus; eins allerdings können diese Subjekt-Objekte keinesfalls: ihren Frieden schließen mit der Wertvergesellschaftung, indem sie irgendeine Perspektive in ihr finden, sie werden auch beim besten Willen keine schaffenden Helden mehr werden, höchstens selbst die Personifikation des raffenden Geldhechts. Letztere Perspektive ist allerdings ein schale, kurzatmige, deren Ende sich bereits aktuell in den kleinen und großen Farcen der Finanzmärkte abspielt.

Aus diesem Blickwinkel heraus erklärt sich auch, warum jener unterhaltsame Film nichts weiter als das Lächeln der Beliebigkeit zeigen konnte. Er ist gemacht von und für Menschen, die sich selbst peinlich sind.

LITERATUR:

Ford Henry/ Mein Leben und Werk, Leipzig 1923

Hofer Walter (Hrsg.)/ Der Nationalsozialismus, Frankfurt 1957

Trump Donald/ Die Kunst des Erfolgs, München 1990

Zola Emile/ Das Geld, München 1977