31.12.1996  Beitrag drucken

Fetisch Religion

Eine kleine abendländische Glaubenskunde

Von Franz Schandl

Es war „die luftige, neumodische Welt, welche alles zu Geld macht, weil sie viel Geld braucht“, schrieb der Schweizer Pfaffe Jeremias Gotthelf vor mehr als 150 Jahren. Der himmlischen Personalisierung folgte die irdische Versachlichung der Welt durch Ware und Wert.

Doch der alte Fetisch war mehr als zählebig, er lebte in der neuen Form und ihren Bewegungen weiter, obwohl er nur noch einen schwachen Abglanz alter Absolutheit darstellte. Religion erfährt im Kapitalismus eine Wandlung hin vom allgemeinen Mittler des Geschehens zu einem bloß besonderen Surrogat. Die bürgerliche Religion verstehen wir als einen transzendierten Fortbestand des alten Überfetischs als Sonderfetisch, der der neuen Wertform aber ganz entschieden unterworfen ist, so sehr er auch als deren Korrektur auftreten will.

Von Feuerbach zu Marx

Ludwig Feuerbach war der erste wirklich radikale Religionskritiker: „Die Religion ist die Entzweiung des Menschen mit sich selbst: er setzt sich Gott als ein ihm entgegengesetztes Wesen gegenüber. Gott ist nicht, was der Mensch ist – der Mensch nicht, was Gott ist. Gott ist das unendliche, der Mensch das endliche Wesen; Gott vollkommen, der Mensch unvollkommen; Gott ewig, der Mensch zeitlich; Gott allmächtig, der Mensch ohnmächtig; Gott heilig, der Mensch sündhaft. Gott und Mensch sind Extreme.“

Doch diesen falschen Dualismus enttarnt Feuerbach. Gott wird eindeutig und durchgehend als menschengeschaffen erkannt, als das vom Menschen freigesetzte absolute Extrem: „Das Bewußtsein Gottes ist das Selbstbewußtsein des Menschen, die Erkenntnis Gottes die Selbsterkenntnis des Menschen. Aus seinem Gott erkennst du den Menschen, und wiederum aus dem Menschen seinen Gott; beides ist eins. Was dem Menschen Gott ist, das ist sein Geist, seine Seele, und was des Menschen Geist, seine Seele, sein Herz, das ist sein Gott; Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.“ Kurzum: „die Religion ist das erste und zwar indirekte Selbstbewußtsein des Menschen.“

Gott ist die Abstoßung des Menschen von ihm selbst zu ihm hin. Mangels eigener Attraktion verliert er sich in der Repulsion. Seine endliche Nichtigkeit übersetzt er durch Transzendierung in unendliche Wichtigkeit. „Die Religion ist eben die Anerkennung des Menschen auf einem Umweg. Durch einen Mittler.“ Es ist der allgemeine materielle und dadurch auch ideelle Mangel, der den Menschen zu fetischistischen Formen der Kommunikation zwingt: sei es der Tausch oder die Politik, das Recht oder die Religion. Immer herrscht hier eine indirekte Bezüglichkeit. Solange der Mensch Knecht seiner Verhältnisse ist, sind diese Formen unbedingt notwendig, ja bis zu einem gewissen Grad immer auch emanzipatorisch zu deuten. Nichtsdestotrotz sind sie – ganz anders als sie den Menschen in ihrer zeitlichen, örtlichen und geistigen Beschränktheit erscheinen – eherne Gesetzlichkeiten des Menschseins.

Fetisch meint, daß die Menschen sich nicht selbst sind, sondern eines Konstruktes bedürfen, um sinnvoll miteinander in Beziehung treten zu können. Die Anerkennung des Menschen erfolgt nicht direkt, sondern durch objektiv aufoktroyierte wie subjektiv realisierte Formen. Der Fetisch ist Folge der Dialektik materiellen Mangels und geistiger Hilflosigkeit. Er kann somit nicht einfach weggezaubert werden. Der Fetisch ist ein Surrogat. Er erscheint deshalb ontologisch, weil er bisher noch nicht entschieden durchbrochen werden konnte. Ein fetischfreie Bezug bedeutet hingegen die direkte Anerkennung des Du, des Anderen, eben nicht als gesellschaftliche Rolle oder Charaktermaske.

Religion ist das Eingeständnis, daß der Mensch nicht zu sich finden kann, sich außer sich setzen muß, um sich anzuerkennen. Sie ist die verinnerlichte Kritik, der jedoch die äußere Seite fehlt. Sie ist das stete Zu-Kurz-Kommen. Beten statt Denken ist angesagt, Erflehen statt Fordern. Leiden erschlägt die Aktivität, Demut das Aufbegehren. Armut und Elend werden in einem Jammern und Klagen zugedeckt, zur karitativen Frage, eben nicht als soziales Problem behandelt. Oben und Unten werden als selbstverständlich angesehen, was heißt: gottgegeben und gottgewollt. Glauben meint das, was Erkenntnis erstickt, Kirche das, was Kritik erdrückt.

Elend und Opium

Für den jungen Marx war die Kritik der Religion mit Feuerbach „im wesentlichen beendigt“. Zusammenfassend schreibt er: „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewußtsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistige Aroma die Religion ist.

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Prostestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

Marx schlußfolgert: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusion bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.“ „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist (…).“

Im „Kapital“ schreibt er dann: „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zu Natur darstellen. Die Gestalt des gesellschaftlichen Lebensprozesses, streift nur ihren mystischen Nebelschleier ab, sobald sie als Produkt frei vergesellschafteter Menschen unter deren bewußter planmäßiger Kontrolle steht. Dazu ist jedoch eine materielle Grundlage der Gesellschaft erheischt oder eine Reihe materieller Existenzbedingungen, welche selbst wieder das naturwüchsige Produkt einer langen und qualvollen Entwicklungsgeschichte sind.“

Allerletzte Sekten

Der Zerfall der abendländischen Kirchen und Religionen ist weit fortgeschritten. Er ist nicht mehr umkehrbar. Das, was Kirche in Vorzeiten großgemacht hat, wurde in der Zwischenzeit durch die Herrschaft des Geldes ziemlich niedergemacht. Von einem Basisprinzip der Gesellschaft ist die Religion zu einer bloßen Sinnstiftungsvariante unter vielen abgestiegen. Austauschbar wie alles, was unter die Herrschaft des Werts gerät. Nachdem das Geld Gott endgültig abgelöst hat, ist es für ihn schwierig geworden, zu bestehen. Darin liegt der eigentliche Grund der Krise der Kirche.

Der Mythos, ein ganz besonderer Verein zu sein, der ist längst dahin. Heute konkurrieren auch die Großkirchen am Markt der Warensortimente und Glückssurrogate als beliebige Markenartikel unter vielen. Der Traditionalismus ist die zähe Kraft, der viele Menschen dort verharren läßt, wenngleich sich die meisten um nichts mehr kümmern, was von dort kommt. Nur bei Taufe, Heirat und Tod soll halt ein Priester da sein, weil es sich so gehört.

Was kann die Kirche also tun? – Eine weitere Demokratisierung ist mehr als problematisch, untergräbt sie doch den Glauben durch die jeweilige Stimmung. Wenn der ehemalige Herausgeber des österreichischen Wochenmagazins profil, Hubertus Czernin fragt: „Wird der Klerus jetzt endlich begreifen, daß die Grundsätze der demokratischen Gesellschaft auch innerhalb der Kirche gelten müssen?“, dann ist das eine ausgesprochen dumme Frage. Kirche ist Autorität und Hierarchie, nicht Demokratie. Ihre historische Kraft liegt nicht in der Mitbestimmung, sondern im Gehorsam. Es sind also gerade die Reformer, die das Fundament in frommer Bewußtlosigkeit unterminieren, da haben die Reaktionäre schon recht.

Eine geschwisterliche Kirche ist ein Widerspruch in sich. Wenn die Kirche sich also diesen modernen Strömungen gänzlich ausliefert, dann führt das nicht, wie die internen Kritiker meinen, zu einer neuen Renaissance, sondern beschleunigt das Erodieren ihrer Restbestände. Wozu denn dann überhaupt?, ist die sich sofort aufdrängende Frage. Man kann Gott nicht durch Göttin ersetzen, abwählen, rotieren lassen etc.- Die demokratische Kirche ist ein hölzernes Eisen. Langfristig gesehen ist die Säkularisierung der Tod der Kirche. Detto freilich auch die Nichtsäkularisierung. Was natürlich ein Dilemma ist.

Was Katholiken und Protestanten nicht mehr bieten können, diese allerletzte Wahrheit und Gewißheit (im permanenten Arrangement mit Geld und Demokratie wurde ihnen das gründlich ausgetrieben), das ist nun scheinbar das Kennzeichen der Sekten geworden. In einer Welt, in der immer alles schneller fließt, ist die Suche nach dem Halt notwendig, dieser aber immer seltener in positivistischer Sachlichkeit zu finden. Da nun auch der Sozialismus als konkreter und abstrakter Vorgriff vorerst einmal als Alternative ausgeschieden ist, wird der Rückgriff auf Versatzstücke abendländischer Kultur bzw. der Zugriff auf außereuropäische oder vorzeitliche Muster (z.B. indianische oder keltische Mythen) etc. immer stärker und erfolgreicher. An irgendetwas muß schließlich geglaubt werden. Das Revival inszeniert sich allerdings als galoppierende Farce.

Die vielen Sekten und neuen transzendentalen Sinnsuchereien sind ebensowenig ein Kennzeichen eines nochmaligen Aufstiegs der Religion, sondern verdeutlichen deren endgültigen Niedergang. Wo der Glauben wie die Unterhose gewechselt werden kann, ist es schlecht um ihn bestellt, so sehr manche Granatsplitter auch leuchten. Die Obskuranz und Destruktivität dieser Gruppierungen ist oft kaum noch zu überbieten, nur ihre konkrete gesamtgesellschaftliche Isoliertheit schützt vor Pogromen, Verbrennungen und massenhaften Gewaltausbrüchen. Auf kleinem Raum finden sie ja heute schon statt.

Noch nie waren die geistigen Opiate so zahlreich wie heute, nur verbreiten sie in Summe kein Aroma mehr, sondern einen bestialischen Gestank. Die Religion fault ab. Da helfen kein Wojtila, kein Fortschrittspapst, keine betenden Schwestern, keine Rohrstaberln, aber auch keine Fernsehprediger. Seit der bürgerlichen Aufklärung geht es mit den abendländischen Kirchen zu Ende. Die Verfügungsmacht über die Menschen ist ihnen weitgehend abhanden gekommen, von den Zwangsmitteln ganz zu schweigen. Auch wenn sie noch kräftig nerven und unzählige Menschen Opfer ihrer verqueren Vorurteile werden, sie bewegen sich auf dünnem Eis. Institutionen, die durch Jahrhunderte geworden sind, verschwinden zwar nicht von einem Tag auf den anderen, doch ihr „geistiges Aroma“ (Marx) verzieht sich.