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Arbeit und Wahn I

erschienen in: Karoshi

„Sie proklamieren das Recht auf Arbeit als ein revolutionäres Prinzip. Schande über das französische Proletariat! Sklaven nur sind einer solchen Erniedrigung fähig. 20 Jahre kapitalistischer Zivilisation müßte man aufwenden, um einem Griechen des Altertums eine solche Entwürdigung begreiflich zu machen!“ — Paul Lafargue 1883 über die Revolution von 1848

Gaston Valdivia

1 [1]) Die Sklaverei wurde verboten, Mord und Folter sind geächtet und werden verfolgt; man bekämpft die Armut – aber wie steht es mit der Arbeit? Es ist doch seltsam, daß sie, die häufigste unnatürliche Krankheits- und Todesursache bis heute ganz und gar frei ausgeht. Sie scheint in und um uns so omnipräsent geworden zu sein, daß sie als unhinterfragbares Naturphänomen wahrgenommen wird, das sich genauso wenig beseitigen läßt wie ein Herbststurm oder eine todbringende Dürre. Für die schaffenskräftigen Bürger alleinige Existenzberechtigung und Daseinsform schlechthin, ist sie für das betende Volk darüber hinaus göttliche Bestimmung.

Von der Tätigkeit zur Arbeit

2 [2]) uns freu’n, welche die Göttin uns schenkt.“.(3 [3])

Befreiung in der Arbeit

In den antiken Stadtstaaten noch inzipient und marginal, kamen im Mittelalter einige auf den Warentausch ausgerichtete Tätigkeiten auf, die sich ganz allmählich aus der üblichen Lebensgestaltung herauslösten und sich nach den langsam aufkommenden Marktgepflogenheiten zu modellieren begannen. Auch die fürstliche Berufung zu besonderer, mit barer Münze entgoltener Tätigkeit kann ihrem Wesen und ihrer Form nach als eine der ersten Arbeiten gelten. Doch die religiösen Feudalstrukturen mit ihren Bräuchen, sittlichen und moralischen Maßstäben, ihren großen Familienverbänden sowie die allgemeine Verachtung der „leidvollen, sklavischen Tätigkeiten“ und des Gelderwerbs setzten der Produktion für das Marktgeschehen enge Grenzen und blockierten so einen Aufbruch in die Zukunft der Arbeit. Das war so gar nicht nach dem Geschmack der geldorientierten Vorhut aus Kaufleuten, HandwerkerInnen, bezahlten Scharlatanen und nicht zuletzt zahlreicher Feudalherren selbst, die eine Ausdehnung der Tätigkeit für den Warentausch gern gesehen hätten.

Bevor die feudalistischen Hindernisse mit Waffengewalt aus dem Weg geräumt werden konnten, mußten all die leidvollen Tätigkeiten vom negativen Image befreit und im Gegenzug Verschwendungssucht, unproduktiver Müßiggang und simple Geldabpressung verdammt werden. Gott sei’s gedankt, ein stimmgewaltiger bärtiger Mann namens Luther trat auf die Geschichtsbühne und führte diesen ideologischen Kampf an. Der Protestantismus war geboren und mit ihm die Religion der gottgefälligen ,arbejioiz‘, der „Mühsal, Not, die man leidet oder freiwillig übernimmt“. Nur wer selber leidet (arbeitet), sollte Gottes Segen zu spüren bekommen und ein Recht auf Nahrung haben, so das lutherische Credo für die künftige bürgerliche Arbeitswelt. Das Werterad drehte sich, drückte Geist, Frohsinn, Verschwendung und Muße in den Staub und ,adelte‘ die aufkommende Arbeit. Angepaßter Lebensrhythmus wandelte sich allmählich zu kostbarer Arbeitszeit und Untätigkeit zu verschwendeter Zeit. „Der Protestantismus, diese den neuen Handels- und Industriebedürfnissen der Bourgeoisie angepaßte Form der Kirche, kümmert sich wenig um die Erholung des Volkes; er entthronte die Heiligen im Himmel, um ihre Feste auf Erden abschaffen zu können“, pointierte der erklärte Arbeitsfeind Paul Lafargue diesen Sachverhalt (ebenda, S. 33).

Geld zu Arbeit, Arbeit zu Kapital

4 [4]) und exorzierten Muße und unbekümmerten Genuß. Die Arbeit entfaltete und universalisierte sich, produzierte die Gesellschaft als einen Zusammenhang indirekt vergesellschafteter Subjekte und richtete sich schließlich ihrer Form nach als eigenständige Sphäre in ihr ein. Die neue Welt war gespalten in Privatheit und Öffentlichkeit und brachte weitere Sphären wie Recht, Politik, Ordnungsmacht, Gesundheit, Ökonomie etc. hervor, die der Gewährleistung der Arbeitsverwertung dienten. Den Großteil der Tageszeit an besondere Arbeiten gefesselt, mußten sich andere um die allgemeinen Angelegenheiten kümmern, deren Bewältigung sich alsbald selbst in die Form partikularer, ungesellschaftlicher Arbeit goß. Arbeitszeiten, die jedem und jeder antiken SklavIn einen Schauer über den Rücken gejagt hätten, machten es den ArbeiterInnen unmöglich, sich ihren Lieben und sich selbst in Muße zu widmen. Die bürgerliche Rollenzuschreibung feierte fröhliche Urständ: Sie degradierte die Frau zur häuslichen Sklavin für die Arbeitskraftreproduktion des Mannes und zu dessen seelischem Mülleimer; sie erfand die hingebungsvolle, liebende Gattin und Mutter und nannte dies natürliche Bestimmung. Verdammt zur grausamen Einsamkeit des individuellen Gelderwerbs, standen sich nun mehr und mehr Menschen als unversöhnliche Konkurrenten um Existenzrechte gegenüber, objektiv voneinander getrennt, nur für sich zuständig und verantwortlich. Die Glaubensgewißheit und festgefügte Ordnung des Feudalismus mußte einer neuen, allgegenwärtigen und permanenten existenziellen Verunsicherung weichen.

Sozialismus, die Fortsetzung des Protestantismus mit anderen Mitteln

5 [5])

Die unermüdlich voranschreitende Arbeitsverwertung brachte bald mächtige Industrienationen hervor, hinter denen immer mehr Regionen der Erde zurückblieben und zu kolonialen Plünderungsreservoiren herabgedrückt wurden. Gewaltige Revolutionen erschütterten den Globus und konstituierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sozialistische Staaten, die fortan danach trachteten, Anschluß an die entfesselte und unermeßliche Reichtumsproduktion der kapitalistischen Mächte zu bekommen. Eine nachholende, beschleunigte Akkumulation wurde in Gang gebracht, die der ursprünglichen hinsichtlich Grausamkeit bei der Durchsetzung von Lohnarbeit und Zeitdisziplin in nur wenigem nachstand. Abermillionen Menschen wurden aus der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft herausgerissen, um als LohnarbeiterInnen die aus dem Boden gestampften Fabriken zu alimentieren. „Der russische Mensch ist ein schlechter Arbeiter im Vergleich mit den fortgeschrittenen Nationen (…). Arbeiten lernen – diese Aufgabe muß die Sowjetmacht dem Volk in ihrem ganzen Umfang stellen“, so der verzweifelte Lenin, der angesichts der drückenden Notwendigkeiten und dem Zustand seiner real existierenden Völkerschaften allmählich seine Hoffnungen auf eine kommunistische Zukunft dahinschwinden sah. Auch diesmal bedurfte es einer Religion, um dem Ganzen Sinn und Zukunftsaussicht zu geben. Wie einst Luther, setzte Stalin eine Religion der Arbeit in die Welt, die als ,Marxismus-Leninismus‘ in die Geschichte eingehen und von zahllosen „Zuspätgekommenen“ übernommen werden sollte.

Moderne Arbeitswelt

Aufgrund von technischen Errungenschaften und einer fortgeschrittenen Arbeitszerlegung konnte den vereinseitigten ArbeiterInnen bald ihr stählernes „Ebenbild“ zur Seite gestellt werden. Folgerichtig schmückte man diese mechanischen ArbeiterInnen mit dem russischen Namen ihrer lebendigen Vorbilder: Roboter, hergeleitet von ,Knecht‘, ,Diener‘ oder ,Sklave‘. Industrielle Automation, rasant wachsender stofflicher Reichtum und schließlich wachsende KonsumentInnenheere, die bedient werden wollten, erforderten immer neue, qualifiziertere Arbeiten, verlangten nach Bildung, Wissenschaft und Forschung. Immer weiter fächerte sich die Arbeitswelt in Spezialgebiete auf und hinterließ dennoch gewaltige Residuen von Monotonie, Einseitigkeit und körperlicher Plackerei. Doch wie immer ihre gesellschaftlichen Durchgangsstadien bezeichnet werden mögen, als ,tayloristisch‘, ,tertiär‘, ,modern‘ oder ,postmodern‘ etwa; ob die Menschen geistig oder manuell tätig waren und sind, ob lohnabhängig oder selbständig; ob sie als ManagerIn oder LehrerIn ihr Dasein fristen; ob sie sich zur Arbeit berufen fühlen oder diese lediglich als lästigen Job begreifen: An Doppelcharakter und Unbedingtheit der Arbeit hat sich substantiell nichts geändert. Als abstrakte konstituiert sie jene Form indirekter Vergesellschaftung, die sich unabhängig vom individuellen Willen hinter dem Rücken der ProduzentInnen durchsetzt und beständig unverrückbare Sachzwänge erzeugt. Den Einzelnen oktroyiert sie sich als einzig mögliche Art der Existenzsicherung und hält sie in ihrem jeweiligen Arbeitsmikrokosmos gefangen. Sie zwingt sie so dazu, sich als unversöhnliche Konkurrenzsubjekte auschließlich um das eigene Fortkommen zu bemühen, immer nur für sich selbst verantwortlich und deshalb für andere prinzipiell nicht zuständig. Sie hat sich zum „automatischen Subjekt“ (Marx) über die Menschheit erhoben und bestimmt deren Geschicke. Moral, Ethik und Ideologie fungieren als Sinnstifter und notwendiges Korrektiv für die dieser „phantasmagorischen“ (Marx) Gesellschaftsform innewohnenden automatischen Vernichtungslogik. In ihrer konkreten Gestalt ist sie Lebenssinn und Plage zugleich. Sie verlangt nach Identifikation und stößt zugleich beständig ab. Sie nimmt den größten Teil der Lebenszeit in Beschlag und drückt auch dort, wo sie nicht wertproduktiv ist, ihren Formstempel auf. Ob im Bodybuildingstudio, im Hobbykeller, unter gleißender Sonne oder im Haushalt, nahezu überall dominieren ihre Maßstäbe. Ehrgeiz, Ausdauer, Selbstdisziplinierung, Motorikrationalisierung, Hetze, Leistungswahn und Äquivalenzdenken steuern selbst die intimsten Lebensäußerungen. „Gib mir deinen Saft, ich geb dir meinen…“ besingen die ,Fantastischen Vier‘ den modernen Äquivalenz- und Leistungssex. Statt Muße herrscht Ruhe als Mittel der Regeneration, und Faulheit stellt nur die unproduktive Kehrseite der Arbeit dar. Und was macht der inzwischen vielbeschworene bewußte Genußmensch, der Hedonist? Er wähnt sich frei und individuell, weil er die Markt- und Arbeitszwänge „genüßlicher“ als seine Konkurrenten exekutiert. Der moderne Arbeitsmensch ist einsichtig und treibt sich zumeist selber an. Peitsche und radikale Arbeitsideologien haben ausgedient. Am meisten stört ihn, so die Umfragen, wenn andere weniger arbeiten als er und sollten ein Kollege oder eine Kollegin morgens zu spät zur Arbeit erscheinen, schallt ihnen, zumindest in Deutschland, unüberhörbar das kollektiv ausgerülpste „Mahlzeit!“ entgegen.

Aufhebung oder Barbarei

Widerspruch gegen verschiedene Momente der Arbeit hat es immer gegeben. Doch erst Marx legte eine umfassende Kritik ihres Wesens und der von ihr erzeugten Totalität vor, die, wie oben angeführt, von seinen Jüngern und Jüngerinnen schnell zurechtgestutzt und schließlich begraben wurde. Heute überwiegt eine Kritik, die diesen Namen nicht verdient hat. Durch Umgestaltungen und Bereicherungen sollen die Sinnhaftigkeit der Arbeit bestärkt und die Moral hochgehalten werden. Durch Flexibilisierung und Verkürzung wird versucht, sie auf möglichst viele Köpfe zu verteilen und zugleich ihren Effizienzgrad zu erhöhen. Ein ganzer Arbeitskosmos aus Arbeitssphäre, existenzieller Arbeitsabhängigkeit, Arbeitsethik wie Arbeitssozialisation hält die Mehrzal der Menschen bisher in ihrem Arbeitswahn gefangen und hindert sie daran, ihm auch nur gedanklich zu entfliehen. Die mit der Wohlstandsgesellschaft eingetretenen partiellen Einbrüche in Arbeitsethik und -moral, die als Basis für eine Kritik der Arbeit unbedingt zu begrüßen waren und sind, geraten unter dem Druck der anschwellenden Arbeitslosenheere in den Hintergrund und scheinen sich ganz zu verflüchtigen. Ketzerisches haftet ihnen an. Selbst den freudigsten ArbeitsverächterInnen vergeht derzeit die Stänkerlaune.

6 [6])

7 [7]) und deren energische Durchsetzung auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Fortsetzung [8]

1 [9]) Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, München 1995, S. 55 ff.

2 [10]) Die Verwendung der Begriffe „arbeitslos“ oder „Arbeit“ in Texten antiker Dichter und Denker beruht im Grunde auf falschen Übersetzungen bzw. Interpretationen, die auf einer typisch bürgerlichen Übertragung des Arbeitsbegriffs in antike Sprachen und Lebenswelten beruht.

3 [11]) Antiparos, zit. in Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit, Frankfurt/M. 1966, Seite 32.

4 [12]) Die „Zeit“ ist, salopp formuliert, eine „Erfindung“ der bürgerlichen Arbeitsgesellschaft. Sie kommt mit der Tauschökonomie in die Welt und universallisiert sich mit der kapitalistischen Lohnarbeit. Einerseits Grundlage des Wertes, Abstraktion von konkreter Arbeit auf Zeit, wird sie andererseits erst mit der Expansion des Wertes durch Lohnarbeit zu einer „gesellschaftlichen Realkategorie“. Dialektisch: Zugleich Grundlage und Resultat des prozessierenden Kapitalverhältnisses. Zum Thema Zeitvergesellschaftung verweise ich auf meinen Aufsatz „‚Zeit‘ ist Geld und Geld ist ,Zeit‘; Von der Produktion der ,Zeit‘ zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion“ in Krisis, Nr. 19.

5 [13]) Karl Marx: Über Friedrich Liszt, Berlin 1972, S. 24.

6 [14]) Hierin ist weder eine moralische Bewertung anderer menschlicher Gemeinschaften noch die Annahme impliziert, die historisch entstandene ,Zivilisation‘ samt ihrer ,Vernuft‘ hätte universelle Geltung oder sollte sie haben.

7 [15]) Der Begriff ist als Provisorium gedacht und dient zunächst der Distanzierung von den bisher üblichen sozialistischen, kommunistischen, modern bürgerlichen oder naturalwirtschaftlichen Zukunftsvisionen.


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