31.12.1998  Beitrag drucken

Die Aneignung des enteigneten Wissens

Über die Perspektiven studentischen Protests in der Krise der Warengesellschaft

Norbert Trenkle

Die Krise der modernen Warenproduktion alias Kapitalismus hat ihre Ursache in einem irrwitzigen Paradoxon: sie geht nicht auf materiellen Mangel zurück, sondern im Gegenteil auf eine ungeheuer fortgeschrittene Produktivität. Unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen könnte diese ohne weiteres dafür genutzt werden, alle Menschen der Welt in ausreichendem Maße mit materiellen Gütern zu versorgen und außerdem noch einen gewaltigen Zeitfonds für Muße und kreativ-spielerische Betätigung jeder Art freizusetzen. Unter dem Zwangssystem der Warenproduktion und der abstrakten Arbeit jedoch führt der erreichte Stand der Produktivkraft unweigerlich zum Ausschluß einer immer größeren Zahl von Menschen vom Zugang zu den elementarsten Existenzmitteln. Jede noch so gut gemeinte Absicht der „Umverteilung“ ist unter den gegebenen Bedingungen letzlich zum Scheitern verurteilt, weil das Kriterium zur Beteiligung am gesellschaftlichen Produkt die Verausgabung von Arbeit bleibt. Darum kommen auch Gedanken wie etwa die eines „Grundeinkommens“ oder „Bürgergeldes“ nicht herum, denn sie setzen die Abschöpfung von Wert aus dem betriebswirtschaftlichen Vernutzungsprozeß lebendiger Arbeitskraft in der Warenproduktion voraus. Soll dieser Prozeß nicht abgewürgt werden (und das wäre das Ende der ganzen Münchhausiade), kann die monetäre Umverteilung in der Praxis nur auf eine Almosenzuteilung noch unter Sozialhilfeniveau hinauslaufen. Und auch eine Arbeitszeitverkürzung oder -flexibilisierung (in welcher Variante auch immer) kann allenfalls einen kleinen Teil der Herausgefallenen temporär wieder ins System der Arbeit integrieren – und dies meist nur bei erheblich verschlechtertem Geldeinkommen.

All dies läßt sich auf den fundamentalen und immanent unlösbaren Grundwiderspruch der modernen Warenproduktion zurückführen, der darin besteht, daß sie einerseits auf das massenhafte In-Bewegung-Setzen von Arbeit angewiesen ist, weil sie ihren verrückten, unsinnlichen „Sinn“ der Kapitalakkumulation nur auf diese Weise erfüllen kann. Denn das Kapital ist nichts anderes als die fetischistische Darstellung von vergangener oder „toter Arbeit“ (Marx), von Arbeit, die im betriebswirtschaftlichen Verwertungsprozeß verausgabt wurde. Andererseits erzwingt aber die Marktkonkurrenz eine permanente Steigerung des betriebswirtschaftlichen Produktivitätsniveaus, also gerade ein Überflüssigmachen von Arbeitskraft, und untergräbt so ständig die eigene ökonomische Existenzgrundlage. Bis in die siebziger Jahre konnte der Kapitalismus diesen Grundwiderspruch durch territoriale Expansion und durch die Erschließung neuer arbeitsintensiver Branchen und Bereiche entschärfen (z.B. Autoproduktion). Mit dem Ende des Fordismus ist jedoch diese Aufschubstrategie an ihre Grenzen gestoßen; denn die mikroelektronischen und informationstechnologischen Produktivitätspotentiale sorgen für ein massives Abschmelzen der Arbeit in den produktiven Kernsektoren der Verwertung, für die es keine auch nur annähernde Kompensation mehr gibt. Die angeblich neuen zukunftsträchtigen Sektoren der „Beschäftigung“, insbesondere im sogenannten Dienstleistungsbreich, erweisen sich bei näherem Hinsehen sehr schnell als Chimäre.

Soweit dort tatsächlich eine Expansion stattgefunden hat und nicht nur durch statistische Tricks vorgetäuscht wird, ist das keinesfalls ein Anzeichen für eine auch nur temporäre Lösung des kapitalistischen Dilemmas. Erstens basieren die „Beschäftigungserfolge“ teils direkt, teils indirekt auf der enormen Aufblähung des Kredit- und Spekulationsbereichs, der längst zum Hauptmotor der Weltkonjunktur geworden ist. Entgegen der landläufigen Meinung stellt die Abwanderung von Kapital in diese Sphäre nämlich nicht etwa ein Hemmnis für produktive Investitionen dar, sondern bietet primär eine willkommene Ausweichmöglichkeit für Gelder, die in der Realwirtschaft nicht mehr „rentabel“ angelegt werden können. Die basale Verwertungskrise wird zwar auf diese Weise nicht gelöst, aber dennoch für eine Weile aufgeschoben. Je länger freilich dieser Aufschub währt, je mehr sich die Spekulation verselbständigt, desto gewaltiger wird auch der Rückschlag auf die Realakkumulation, die Sozialsysteme und die Staatsfinanzen sein (die Ereignisse in Südostasien sind nur ein schwacher Vorschein hiervon).

Solange das Spiel allerdings noch funktioniert, tragen die Rückflüsse wesentlich zum Erhalt und zur Schaffung von „Arbeitsplätzen“ bei, die ansonsten niemals finanziert werden könnten. Dies gilt nicht nur für den Staatssektor, der längst auf Gedeih und Verderb am Kredittropf hängt, sondern ebenso und in zunehmendem Maße für einen großen Teil der privat-kapitalistischen „Beschäftigung“; denn die Spekulationsgewinne werden ja teilweise auch wieder für den Kauf von Konsumgütern, Gebäuden und Dienstleistungen verausgabt und setzen damit Arbeit in Bewegung. Vor allem in den USA, wo viele Kleinanleger ihr Vermögen in Aktien angelegt haben, sind die Börsengewinne in den letzten Jahre ein entscheidender Konsummotor gewesen. Und wenn der US-Staatshaushalt 1999 zum ersten Mal seit 30 Jahren ein leichtes Plus aufweisen wird, dann liegt das vor allem an den abgeschöpften Spekulationsgewinnen. Wie der ehemalige US-Notenbankgouverneur Lawrence Lindsey vorgerechnete, hat die Clinton-Regierung insgesamt 225 Mrd. Dollar entsprechender Zusatzeinnahmen bis zum Jahr 2002 fest eingeplant (vgl. Wirtschaftswoche 13.11.97). „Manna vom Himmel“ nennt Lindsey dies ironisch; allerdings handelt es sich um einem höchst profanen Himmel, der ziemlich bald einstürzen dürfte

Zweitens sind aber bekanntlich die meisten neuen „Arbeitsplätze“ insbesondere im tertiären Sektor nur deshalb überhaupt konkurrenzfähig, weil die Löhne extrem niedrig sind, die sozialen und arbeitsrechtlichen Sicherungen weitgehend oder völlig ausgebaut wurden und kaum noch Steuern und Abgaben gezahlt werden. Die mangelnde ökonomische Produktivität wird so durch eine extreme Ausbeutung der Arbeitskraft und durch die Verschiebung von Kosten auf den Staat oberflächlich (und nur partiell) auf der monetären Ebene ausgeglichen. Doch der die Krise induzierende Grundwiderspruch kann dadurch nicht gelöst werden. Denn vom Standpunkt der Kapitalverwertung zählt nicht einfach, daß überhaupt Arbeitskraft verausgabt wird, sondern ob und wieviel Wert sie darstellt. Das Kriterium dafür ist die auf dem gegebeben Stand der Produktivkraft gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für die Herstellung eines bestimmten Produkts. Daher wird der Maßstab des Werts von den produktiven Kernsektoren der Weltmarktproduktion bestimmt. Dem kann sich auch der Billiglohnsektor nicht entziehen, der immer dieser Konkurrenz ausgesetzt bleibt.

So können etwa 500 Arbeitsstunden einer Stoff-Zuschneiderin in einer Hinterhof-Schwitzbude durchaus weniger Stückzahlen abwerfen und daher auch weniger Wert darstellen, als eine einzige Arbeitsstunde an einem laserbestückten Textilroboter. In der entwicklungstheoretischen Diskussion der 70er Jahre war dieses Phänomen als „versteckte Arbeitslosigkeit“ bekannt, weil hier, volkswirtschaftlich gesehen, überflüssige Arbeitszeit verausgabt wird. Es galt als Übergangsphänomen in den Ländern der Dritten Welt, das im Zuge einer anvisierten (und mittlerweile gescheiterten) kapitalistischen Modernisierung verschwinden sollte. Im Zynismus des neoliberalen Diskurses hingegen gilt es als das höchste der Gefühle, wenn nun auch in den westlichen Metropolen die Menschen zunehmend dazu gezwungen werden, ihre Arbeitskraft kapitalistisch unterproduktiv und daher zu den miserabelsten Bedingungen zu verkaufen. Hauptsache sie arbeiten überhaupt.

Dieser Terrorismus der Arbeit kann zwar ökonomisch letztlich nicht aufgehen, doch als Krisenverwaltungsstrategie ist er momentan in erschreckendem Maße erfolgreich. Wie zu Beginn der kapitalistischen Warenproduktion wird der Arbeitszwang wieder ganz offen propagiert und eingesetzt, nun aber nicht mehr, um den Menschen die Fabrikdisziplin einzubleuen und sie für die „Armeen der Arbeit“ zu rekrutieren, sondern als Disziplinierungsmittel für eine Bevölkerung, die vom Standpunkt der Verwertung eigentlich überflüssig ist. Dienten die neuzeitlichen Arbeitshäuser der Durchsetzung einer neuen Form gesellschaftlicher Reproduktion gegen den Widerstand großer Teile der Bevölkerung, so hat der aktuelle von Neoliberalen, Sozialdemokraten und Rechtsradikalen gleichermaßen propagierte Zwang zur Arbeit keinen anderen Zweck, als die Aufrechterhaltung dieser historisch längst überholten Form. Das Schlimmste ist, daß damit offenbar ein tiefverwurzeltes Massenbedürfnis bedient wird. Wo sich überhaupt Proteste regen, stehen die Menschen nicht gegen, sondern für die Arbeit auf – soweit sich ihre Wut nicht gleich in rassistischen, antisemitischen und sozialdarwinistischen Projektionen äußert. Während die Krise unaufhaltsam voranschreitet, klammern sie sich verzweifelt an die masochistische Illusion, ihre Lebensenergie weiterhin zu immer miserableren Bedingungen verkaufen zu dürfen.

Auch die studentischen Proteste des vergangenen Winters haben hier leider keine Ausnahme gemacht. Der Ruf nach Bildung im Hinblick auf verwertbare Arbeitsqualifikationen oder gar zur „Sicherung des Standorts“ ist ebenso blauäugig wie reaktionär. Denn erstens schließt diese vorauseilende Identifikation mit der eigenen zukünftigen Verwertbarkeit (und sei es nur der phanatsierten) jede grundsätzliche Kritik am selbstzweckhaften System der abstrakten Arbeit von vorneherein aus. Zweitens ist mit dieser (wie mit jeder anderen) Interessenbornierung zugleich ein mehr oder weniger heimliches Ausgrenzungsprogramm formuliert, das letztlich im nationalen Korporatismus münden muß. Wer den eigenen marktwirtschaftlichen Erfolg oder den des „Standorts“ zum Kriterium seiner Forderungen erhebt, will letztlich auch vor potentiellen oder imaginierten Konkurrenten „geschützt“ werden, auch wenn das nicht immer offen ausgesprochen zu werden braucht, weil die soziale Selektion ohnehin funktioniert und der Staat seine Grenzen längst dichtgemacht hat.

Drittens schließlich suggerierten die studentischen Forderungen, es könnten tatsächlich alle, die das deutsche Bildungssystem (und nur um dieses ging es ja) ausspuckt, einen Platz in der Verwertungsmaschinerie finden; dabei braucht es keiner weitreichenden gesellschaftskritischen Analyse, um zu begreifen, daß dies illusorisch ist. Wer dennoch mit der eigenen Verwertbarkeit und vor allem Verwertungsbereitschaft hausieren geht, beteiligt sich an der ideologischen Krisenverwaltung, die auf das Ausbrennen der Verwertungsdynamik mit einer aggressiven Stimmungsmache pro „Arbeit und Leistung“ reagiert, um den Leuten einzureden, daß jede/r kann, wenn sie/er nur wirklich will. Das löst zwar die Krise nicht, verschärft aber den Konkurrenzkampf und würgt jeden Gedanken an eine grundsätzliche gesellschaftliche Alternative gleich im Ansatz ab. Kein Wunder also, daß die StudentInnen mit ihren Protesten nur offene Türen einrannten; eine bessere Propagandashow für die herrschende Logik hat es seit langem nicht mehr gegeben.

Alle Versuche, diese Bornierungen zu durchbrechen und die studentische Bewegung im gesellschaftskritischen Sinne zu politisieren, blieben bestenfalls im Ansatz stecken. Es genügt halt nicht, der neoliberalen Krisenverwaltung ein Sammelsurium an gut gemeinten Wünschen entgegenzuhalten, wie sie etwa im Forderungskatalog des studentischen Basiskongresses vom Januar 1998 versammelt sind. Denn die setzen allesamt das prinzipielle Weiterfunktionieren der kapitalistischen Dynamik voraus, die als solche auch gar nicht kritisiert wird, sondern nur anders „reguliert“ und durch allerlei soziale und politische Reformen „humanisiert“ werden soll. Es ist ein Leichtes, zu zeigen, daß die meisten dieser frommen Wünsche nicht einmal auf dem Höhepunkt ökonomischer Prosperität den Hauch einer Chance gehabt hätten und in der säkularen Krise allenfalls noch dazu dienen, die Illusionen auf bessere Verhältnisse innerhalb des bestehenden Irrsinns wachzuhalten. Im Grunde weiß das auch jede und jeder. Und deshalb werden diese politischen Sandkastenspiele auch von niemandem ernst genommen, nicht einmal von den StudentInnen selbst – von der sonstigen Öffentlichkeit ganz zu schweigen.

Wenn studentische oder andere soziale Proteste heute einen emanzipatorischen Charakter haben wollen, dann müssen sie sich zuallererst und offensiv den Zumutungen des Warenlogik verweigern. Es muß unmißverständlich erklärt werden, daß man/frau nicht mehr bereit ist, sich als „Arbeitskraft“ oder „Humankapital“ zu definieren und sich in dieser Eigenschaft um die immer kleineren Brocken zu raufen, die die Verwertungsmaschinerie noch abwirft. Nur so kann mit dem herrschenden Konsens gebrochen werden, der da will, daß es so weiter geht wie bisher, auch wenn darüber alles ins Stücke fliegt. Erst vom selbstbewußt bezogenen Standpunkt der eigenen Entwertung aus, lassen sich emanzipatorische Perspektiven entwickeln, die über eine bornierte Interessenvertretung und eine unernste Pseudo-Politik hinausweisen. Das hieße übrigens ganz und gar nicht, auf Forderungen an den Staat oder auf die Abwehr von Restriktionen wie etwa Studiengebühren oder Studienzeitbegrenzungen zu verzichten. Nur würde dieser Kampf dann nicht mehr um die Ausbildungsbedingungen und damit um die eigene Verwertbarkeit geführt; vielmehr ginge es darum, die immer noch existierenden Freiräume an den Universitäten zu verteidigen, und dort wieder ein Klima zu schaffen, in dem eine radikale Kritik der Warengesellschaft und eine kritische Theorie gesellschaftlicher Transformation gedeihen kann. Schon die bloße, laut vorgetragene Weigerung, seinen Kopf weiterhin mit Dingen vollzustopfen, die einzig und allein dem Betrieb der blinden warengesellschaftlichen Destruktionsdynamik dienen, stellt in der Ära des „positiven Denkens“ und des demonstrativen Leistungswillens eine ungeheuere Provokation dar, könnte als solche eine gewaltige Ausstrahlungskraft auf andere gesellschaftliche Bereiche haben und Kräfet freisetzen, die bisher negativ in der Alltagskonkurrenz gebunden sind. Vielleicht könnte dann der studentische Protest sogar zum Katalysator und Ausgangspunkt einer neuen gegen die Warenproduktion gerichteten gesellschaftlichen Bewegung werden, die heute noch unvorstellbar erscheint. Die Entkopplung des eigenen Denkens von den instrumentellen Zwängen und Bornierungen der Warenform und die Aneigung des enteigneten gesellschaftlichen Wissens, könnten erste Schritte eines emanzipatorischen Aneignungsprozesses des gesellschaftlichen Zusammenhangs – der Häuser und Wohnverhältnisse, der Produktions- und Verkehrsmittel, der sozio-kulturellen Räume und der Medien – sein. Ein Aneignungsprozeß, der sich im zähen Kampf mit der alten, zerfallenden Ordnung sicherlich über viele Jahre erstrecken wird, der aber endlich begonnen werden muß.