31.12.1998  Beitrag drucken

Kant und Hegel vor dem Sexshop

Zeitversetztes Zerwürfnis zweier Zufrühgekommener. Zusammengestückelt

von Franz Schandl*

nigsberg, Mai 1799. Der junge Hegel besucht den alten Kant. Beim Spazierengehen stoßen der abgehende und der angehende Philosoph zufällig auf ein temporär irrtümlich um viele Jahre zu früh plaziertes Pornogeschäft. Mehr als verwundert bleiben sie davor stehen, betrachten die in einer Auslage ausgestellten Bilder und Gegenstände. Nach einigen Momenten der Sprachlosigkeit entspinnt sich zwischen den beiden folgender aufschlußreiche Dialog.

Kant (noch immer ganz entrückt, fast so, als rede er vor sich hin): Vergnügen ist eine Lust durch den Sinn, und was diesen belustigt, heißt angenehm. (XII:550)

Hegel(mehr verzückt als entrückt): Der Trieb ist fürs erste etwas Innerliches, etwas, das eine Bewegung von sich selbst anfängt oder eine Veränderung aus sich hervorbringt. Der Trieb geht von sich aus. Durch äußere Umstände erwacht er zwar, aber dessen ungeachtet ist er schon vorhanden. Er wird dadurch nicht hervorgebracht. (4:218)

Kant (selbst ganz ergriffen ob der Objekte, pflichtet ihm bei): Begierde, mein lieber Kollege, appetitio, ist die Selbstbestimmung der Kraft eines Subjekts durch die Vorstellung von etwas Künftigen, als einer Wirkung derselben. Die habituelle sinnliche Begierde heißt Neigung. Das Begehren ohne Kraftanwendung zu Hervorbringung des Objekts ist der Wunsch. (XII:579)

Hegel (eben diesen Wunsch mehr als bloß hegend): Der Mensch hat Triebe, d.h. er hat innerliche Bestimmungen in seiner Natur oder nach derjenigen Seite, nach welcher er ein Wirkliches überhaupt ist. Diese Bestimmungen sind also ein Mangelhaftes, insofern sie nur ein Innerliches sind. Sie sind Triebe, insofern sie darauf ausgehen, diesen Mangel aufzuheben, d.h. sie fordern ihre Realisierung, die Übereinstimmung des Äußerlichen mit dem Innerlichen. Diese Übereinstimmung ist das Vergnügen. (4:253) (Er deutet mit einer Kopfbewegung an, reinzuwollen, will daß Kant mitgeht, doch dieser hält ihn am Arm zurück.)

Kant (der sich schnell wieder erfangen hat, durchschaut die obligaten Gelüste des um vieles jüngeren Zeitgenossen, versucht ihm daher gut zuzureden): Will man das Sinnenvermögen lebendig erhalten, so muß man nicht von den starken Empfindungen anfangen, sondern sie sich lieber anfänglich versagen und sich kärglich zumessen, um immer höher steigen zu können. (XII:462) (Kurze Pause. Doziert dann weiter, beginnt leise, wird immer lauter.) Das Passive in der Sinnlichkeit, was wir doch nicht ablegen können, ist eigentlich die Ursache alles des Übels, was man ihr nachsagt. Die innere Vollkommenheit des Menschen besteht darin: daß er den Gebrauch aller seiner Vermögen in seiner Gewalt habe, um ihn seiner freien Willkür zu unterwerfen. Dazu aber wird erfordert, daß der Verstand herrsche, ohne doch die Sinnlichkeit (die an sich Pöbel ist, weil sie nicht denkt) zu schwächen: weil ohne sie es keinen Stoff geben würde, der zum Gebrauch des gesetzgebenden Verstandes verarbeitet werden könnte. (XII:433)

Hegel (hat nicht zugehört, will aber unbedingt rein): Das Element, worin die Begierde und ihr Gegenstand gleichgültig gegeneinander und selbständig bestehen, ist das lebendige Dasein; der Genuß der Begierde hebt dies, insofern es ihrem Gegenstand zukommt, auf. (3:271) In Trieb und Begierde ist der praktische Geist in der Natürlichkeit ein abhängiges unfreies Wesen. (4:58) Der Trieb geht nicht über seinen Zweck hinaus und heißt insofern blind. (Lächelt süffisant.) Er befriedigt sich, die Folgen mögen sein, welche sie wollen. (4:218) (Will abgehen.)

Kant (um einiges bestimmter, schreit): Junger Mann! Versage dir die Befriedigung der Lustbarkeit, (nach einer kurzen Unterbrechung etwas sanfter) wenn auch nicht in stoischer Absicht, ihrer gar entbehren zu wollen, sondern in der feinen epikurischen, um einen immer noch wachsenden Genuß im Prospekt zu haben. (XII:462)

Hegel (jedoch will es wissen): Die genossene Lust hat wohl die positive Bedeutung, sich selbst als gegenständliches Selbstbewußtsein geworden zu sein, aber ebensosehr die negative, sich selbst aufgehoben zu haben. (3:272)

Kant (will seinen jungen Kollegen, da er ihn nicht mehr zurüchalten kann, noch entschuldigen, kopfschüttelnd meint er): Eine jede böse Handlung muß, wenn man den Vernunftursprung derselben sucht, so betrachtet werden, als ob der Mensch unmittelbar aus dem Stande der Unschuld in sie geraten wäre. (VIII:690)

Hegel (nun etwas verärgert ob der Schulmeisterung): Jeder findet es unerträglich, wenn Fremde sich in seine Sachen, besonders in seine Handlungsweise mischen; am unerträglichsten sind öffentlich aufgestellte Sittenwächter. Wer mit lauterem Herzen handelt, wird am ersten mißverstanden von den Leuten mit dem moralischen und religiösen Lineal. (1:67) (Hegel ab in den Sexshop.)

Kant (seufzend und mit einer nichtigen Handbewegung, wirkt enttäuscht): Die durch die Vernunft des Subjekts schwer oder gar nicht bezwingliche Neigung ist Leidenschaft. (XII:580) Ist etwa eine Leidenschaft besonders mächtig, so hilft die Verstandesfähigkeit dagegen nur wenig (II:889). (Geht ab.)

Fortan haben sich die beiden, wie allgemein bekannt, nie wieder getroffen, was ja sowieso stimmt. Ansonsten allerdings entspricht jedes Wort der blanken Wahrheit.

Die Ziffern in Klammern bezeichnen Band und Seitenzahl in den Gesammelten Werken von Hegel und Kant (Suhrkamp-Ausgabe).

*) Franz Schandl ist freier Autor in Wien und Mitglied im Kritischen Kreis.