31.12.1998  Beitrag drucken

Vom Geld der Gelder. Die Deutsche Mark

Aus einem Buch über 50 Jahre D-Mark (Elefantenpress)

Ernst Lohoff

1.

Der homo teutonicus unterhält bekanntlich zu seiner Landeswährung eine ganz besondere Beziehung. Während die Bewohner der Nachbarstaaten, wenn sie den Geldbeutel zücken, darin lediglich das landesübliche Zahlungsmittel entdecken, findet der Bundesdeutsche in seiner Brieftasche noch etwas ganz anderes vor. Er kann mit „seinem“ Geld nicht nur Waren erwerben und Rechnungen begleichen, mit jedem Markstück hält der stolze Besitzer gleichzeitig eine kleine Ikone der hiesigen Nationalreligion in Händen. Frankreich, Großbritannien oder Italien haben den Franc, die Lira und das Pfund, die Bundesrepublik ist die D-Mark.

Der Aufstieg der heiligen Mark zum Inbegriff der bundesdeutschen Identität hat natürlich seine Wurzeln in der besonderen Geschichte dieses Landes. Die D-Mark-Religion verdankt ihre Entstehung wesentlich der sonderbaren Verbindung von Weltkriegstrauma und Wirtschaftswunder. Das militärische, politische und moralische Desaster, in dem das nationalsozialistische Deutschland untergegangen war, hatte das deutsche Sendungsbewußtsein für unabsehbare Zeit von seinem traditionellen Betätigungsfeld abgeschnitten. Der Nachkriegsboom und die wachsende ökonomische Potenz Westdeutschlands eröffneten in dieser unglücklichen Situation aber ein neues, scheinbar nicht kontaminiertes Feld, auf dem sich das „deutsche Wesen“ nach Herzenslust austoben konnte. Ein Volk, das um die verlorene Weltgeltung des „deutschen Soldaten“ trauerte, fand am Nimbus der „deutschen Wertarbeit“ Trost – und die alte Blitzkriegsherrlichkeit in den Exportoffensiven ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln.

Die D-Mark steht zweifellos für den wirtschaftlichen Triumph des westdeutschen Teilstaates. Für sich genommen vermag diese Symbolfunktion die bedingungslose Identifikation des Bundesdeutschen mit seiner Währung indes noch nicht erschöpfend zu erklären. Japan beispielsweise kann bekanntlich auf eine kaum weniger spektakuläre Entwicklung als die BRD zurückblicken. Dennoch hat der Yen niemals eine mit seinem westdeutschen Pendant auch nur annähernd vergleichbare libidinöse Besetzung erfahren. Daß die Kollektivseele des westdeutschen Wirtschaftwunderlandes sich gerade in der Form der landesüblichen Münzen und Banknoten verkörperte, spricht von daher nicht nur für den immensen identifikatorischen Drang, der hier am Wirken war und ist; die Wahl ist vielmehr auch in den Spezifika des auserkorenen Fetisch-Gegenstandes begründet. Was also prädestinierte die D-Mark mehr als jede andere Währung für diese Rolle?

Die Suche nach Identität ist wesentlich die Suche nach Stabilität und Kontinuität. In einer dem beschleunigten Wandel unterworfenen Welt kann sich das Bedürfnis nach einem solchen Halt nur an den wenigen Dingen festmachen, die als substantiell unveränderlich erscheinen. In qualitativer Hinsicht erfüllt Geld diese Bedingung per se vorbildhaft. Als eine stofflich qualitätslose Qualität und als eine überhaupt nur vermittelt über seine Austauschbeziehung zu anderen Waren existierende Größe darf Geld zweifellos als Inbegriff der Selbstgleichheit gelten. Die entfesselte Verwertungsbewegung mag alle gesellschaftlichen Verhältnisse permanent umwälzen, im monetären Zentrum des Orkans herrscht immer die gleiche stille Tautologie: ein Pfund ist ein Pfund, ein Yen ein Yen, eine Mark eine Mark. Wenn Geld aber wirklich identitätsstiftendes Vertrauen einflößen soll, dann muß die Stillstellung von Wandel auch die quantitative Seite, die Austauschverhältnisse, mit einschließen. Der Geldbesitzer muß darauf bauen können, auch in Zukunft noch sein Geld für einen entsprechenden Gegenwert in andere Waren verwandeln zu können.

Keine Währung, nicht einmal der Schweizer Franken, hat diese Bedingung in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg, die von permanenten (mal offenen, mal schleichenden) Prozessen globaler Geldentwertung gezeichnet waren, auch nur annähernd in demselben Maße erfüllt wie die D-Mark. Die D-Mark ist nicht nur eine Mark, angesichts eines langjährig konkurrenzlos geringen Kaufkraftschwunds ist sie auch für ihre Besitzer mehr als jede andere Währung immer eine Mark geblieben (1). Nimmt man statt des inneren Werts den Außenwert zum Maßstab, so erweist sich die D-Mark nicht nur als stabil, sondern geradezu als hyperstabil. Gegenüber der Leitwährung Dollar stieg der Wert der D-Mark seit 1960 um das 2,3-fache, und noch eindrucksvoller sieht die langfristige Bilanz im Vergleich mit den großen europäischen Partnerländern aus (2), von anderen Staaten dieser Welt ganz zu schweigen.

Die archetypischen Bilder, die sich an die beiden wichtigsten Währungen der Welt in der Nachkriegszeit knüpfen, spiegeln diese Fakten wieder. Der Dollar erscheint als die Währung, in der Geld weltweit gemacht wird. Dollars gibt man aus, um mehr Dollars zu bekommen; und gelegentlich wird einer dieser grünen Scheine zum Anzünden einer Zigarre benutzt. Der Dollar existiert im Plural, in der Form von Geldscheinbündeln. Die D-Mark dagegen wird im Singular als einzelne Münze und als unbrennbar gedacht. Ihr haftet etwas Substantielles an; und selbst noch die deutschen Banknoten scheinen mit ihrem traditionellen Metallstreifen und ihrer Knitterfestigkeit vergessen machen zu wollen, daß der Besitzer Papiergeld in Händen hält.

Diese Assoziationen mögen klischeehaft wirken, sie haben dennoch ihre makroökonomische Entsprechung und spiegeln getreulich die Arbeitsteilung, die sich in den letzten Jahrzehnten zwischen diesen beiden wichtigsten internationalen Währungen entwickelt hat. Mit der Aufhebung der Gold-Konvertibilität des Dollar und dem Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods zu Beginn der 70er Jahre haben sich die beiden zentralen Aufgaben des Weltgeldes auf zwei Währungen verteilt. Die Funktion des universellen Tauschmittels, die bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert im nationalen Rahmen vorwiegend von Banknoten erfüllt worden war, verblieb auf der internationalen Bühne im wesentlich beim Greenback; die Funktion des universellen Wertaufbewahrungsmittels dagegen, die traditionell dem Gold zugekommen war und die der Dollar in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg nur deswegen erfüllt hatte, weil er als letzte ans Gold gebundene Währung als dessen Stellvertreter legitimiert war, ging hingegen (soweit sie im spekulativen take off nicht ersatzlos fortfiel) vornehmlich auf die jugendliche D-Mark über. Mit der Demonetarisierung des Goldes verflüchtigte sich die metallisch gebundene „Wertsubstanz“ des Geldes endgültig; ihr Schatten aber heftete sich an das Wertversprechen der deutschen Bundesbank, scheinbar ebenso sicher gedeckt durch das Gewicht der Exportweltmeister-Ökonomie, und lebte in dieser Zombiegestalt fort.

2.

Als im Juni 1948 die D-Mark aus der Taufe gehoben wurde, hätte sich sicherlich keiner der Paten auch nur ansatzweise etwas von dieser Blitzkarriere träumen lassen. Die Väter der DM trieb zwar schon damals der Ehrgeiz um, das neue Geld müsse die Konkurrenz zum „golden dollar“ bestehen; damit war aber nur die in der unmittelbaren Nachkriegszeit beliebteste US-amerikanische Zigarettenmarke gemeint, die mit der Ausbreitung des Schwarzmarkts immer mehr das offizielle Zahlungsmittel verdrängt hatte.

So bescheiden diese Zielsetzung auch gemessen am späteren Aufstieg der D-Mark wirken mag, in der damaligen Situation stellte schon der Versuch, in den drei westlichen Besatzungszonen ein funktionstüchtiges nationalstaatliches Geldsystem zu etablieren, ein überaus ehrgeiziges Projekt dar. Der verlorene Krieg hatte nicht nur Millionen von Menschen das Leben gekostet und Europa in Trümmer gelegt, er hatte auch das nationale Geldwesen heillos zerrüttet. Bei ihrem Bemühen, alle gesellschaftlichen Ressourcen für den totalen Krieg zu mobilisieren, hatte die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik eine unüberbrückbare Diskrepanz zwischen den aufakkumulierten monetären Ansprüchen und der realen Güterproduktion aufgerissen.

Während zwischen 1933 und 1947 die Geldmenge und Masse der Spareinlagen fast auf das Zehnfache gewachsen war, erreichte das Bruttoinlandsprodukt 1947 gerade einmal noch 40% des Vorkriegsstandes. Der dieser gegenläufigen Entwicklung von Warenangebot und Geldmenge inhärente Inflationsdruck ließ sich zwar administrativ zurückstauen, diese „Lösung“ war indes de facto gleichbedeutend mit der Verdrängung der offiziellen Währung durch verschiedenen Formen von Warengeld (Naturalien). Auf einer solchen prekären tauschwirtschaftlichen Basis war an eine „Rekonstruktion“ der deutschen Ökonomie aber nicht zu denken.

In dieser Situation gab es beim Bemühen um kapitalistische Normalisierung nur eine einzige Alternative zur wilden Entwertung via Hyperinflation (wie nach dem 1. Weltkrieg): Die Kluft zwischen realer Güterproduktion und monetärem Überbau mußte durch eine drastische offizielle Entwertung der akkumulierten monetären Ansprüche geschlossen werden. Die Ausnahmesituation nach dem 2. Weltkrieg machte einen solchen radikalen Schritt aber nicht nur notwendig, sie ermöglichte gleichzeitig auch eine derartige gigantische Enteignungsaktion zugunsten des produktiven Kapitals. Bei der Währungsreform wurden alle laufenden Einnahmen (also Löhne, Mieten und Renten) im Verhältnis 1:1 von Reichsmark auf D-Mark umgestellt; alle Sparguthaben und Schuldtitel schrumpften dagegen auf gerade einmal noch 5% ihres Ausgangswertes.

Dieser Befreiungsschlag im Inneren hätte allerdings kaum Wirkung gezeigt, wenn er nicht mit einem ebenso konsequenten Schnitt bei der Außenverschuldung des Nachfolgestaates des Dritten Reiches einhergegangen wäre. Auch in dieser Hinsicht kam die politische Großwetterlage dem Sanierungsprojekt entgegen. Angesichts des heraufziehenden Kalten Krieges, der den westdeutschen Teilstaat zum Frontstaat machte, und in Erinnerung an die negativen Erfahrungen nach dem 1. Weltkrieg verzichteten die westlichen Alliierten auf nennenswerte Reparationen und auf das Gros ihrer Forderungen überhaupt. Vom Schuldenberg des Reichs und anderer öffentlicher Einrichtungen blieben mit der Währungsreform so insgesamt nur 17 Mrd. D-Mark übrig, deren Tilgung auch noch von vornherein bis zum Ende des 20. Jahrhunderts gestreckt wurde.

3.

Die gewaltsame Wiederherstellung der Kongruenz von Realökonomie und monetärem Überbau hatte zweifellos ein Hindernis beseitigt, das der kapitalistischen Reorganisation der westdeutschen Wirtschaft im Wege stand. Für sich genommen kann sie aber natürlich schwerlich jenen nachhaltigen Aufschwung erkären, der schon bald nach der Gründung der Bundesrepublik einsetzte und den D-Mark-Mythos erst begründete. Ein „gesundes nationales Geldwesen“ allein garantiert noch lange keine ökonomische Blüte. Aus welchen Quellen speiste sich aber das „Wirtschaftswunder“ und damit die besondere Position der deutschen Währung im internationalen Geld-Konzert?

Die nationale Marktwirtschaftspropaganda mag noch so selbstverliebt den Mythos von der „Stunde Null“ und der wundersamen Wirkung ihrer Rezepte pflegen, bei näherem Hinsehen entpuppt sich das „westdeutsche Mirakel“ als das Resultat genau bestimmbarer, historisch spezifischer Bedingungen. Zu diesen Bedingungen gehörte zunächst einmal natürlich die Einbindung der deutschen Entwicklung in den allgemeinen kapitalistischen Nachkriegsboom. Als in den 50er Jahren in der Bundesrepublik die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts auf 7,8% hochschnellte und in den 60er Jahren noch immer stattliche 4,8% erreichte (3), erlebte die gesamte warenproduzierende Welt unter Einschluß der realsozialistische Abteilung (4) historisch einmalige Wachstumsraten. Nur in den USA fiel dieser Anstieg mit 3,2% bzw. 4,3% gegenüber 2,9% in der Zwischenkriegsperiode vergleichsweise bescheiden aus (allerdings auf einem wesentlich höheren Niveau als in Europa).

Daß die bundesdeutsche Erfolgsstory als Bestandteil des globalen, durch den Dreiklang von industrieller Massenarbeit, Massenkonsum und wohlfahrtsstaatlicher Regulation geprägten fordistischen Booms zu fassen ist, läßt allerdings die Frage offen, warum ausgerechnet Westdeutschland am „golden age of capitalism“ in besonderer Weise partizipieren konnte. Für die europäischen Binnenbeziehungen läßt sich das Rätsel relativ einfach lösen. Die spätere Bundesrepublik hatte gegenüber ihren benachbarten Konkurrenten erhebliche Startvorteile. Schon in der Weimarer Republik und erst recht unter der nationalsozialistischen Herrschaft war das „Deutsche Reich“, was die Übernahme der fordistischen Massenfertigungsmethoden anging, zum „amerikanischsten“ Land der Alten Welt geworden. Der Übergang zur totalen Kriegswirtschaft hatte diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt.

Auch wenn ein Teil des Kapitalstocks kriegsbedingt vernichtet worden war, so war deshalb das entsprechende know how doch nicht verschwunden und überdies stand mit mehr als 10 Millionen Flüchtlingen eine umfängliches, qualifiziertes und vor allem kapitalistisch diszipliniertes Arbeitskraftreservoir zur Verfügung, wodurch eine schnelle Erhöhung des Lohnniveaus lange Zeit verhindert wurde. Angesichts dieses Potentials war die Bundesrepublik, sobald auf der Basis der neuen fordistischen Industrien eine allgemeine grenzüberschreitende Wachstumsdynamik einsetzte, einfach für die ökonomische Vormachtrolle in Europa prädestiniert. Eine Volkswirtschaft, die schon bei der Massenproduktion von Panzern und LKWs die neuen Technologien und Arbeitsmethoden eingeübt hatte, konnte nicht nur bei der „friedlichen“ Automobilmachung des Kontinents die erste Geige spielen; sie hatte auch die besten Voraussetzungen, um im Kampf um die Erhöhung der Arbeitsproduktivität und die Verallgemeinerung der neuen fordistischen Fabrikdisziplin insgesamt bis auf weiteres die Nase vorn zu behalten.

Überraschender als die Vorreiterrolle der BRD innerhalb Westeuropas ist etwas anderes: Wie ist es zu erklären, daß die bundesrepublikanische Kopie sich nicht nur im Wettstreit mit den konkurrierenden Kopien überlegen erwies, sondern sich auch gegenüber dem US-Original behaupten konnte? Mehr noch: Warum fiel der fordistische Boom mit einem rasanten Überholvorgang zusammen, bei dem das um die Bundesrepublik reorganiserte Westeuropa und bald auch Japan der US-amerikanischen Heimat des Fordismus innerhalb weniger Jahre ihren Rang als „Werkstatt der Welt“ abliefen?

Betrachtet man die Ausgangsbedingungen nach dem 2. Weltkrieg, dann war eine solche Kräfteverschiebung eigentlich nicht unbedingt zu erwarten. Ende der 40er Jahre erschien die industrielle Übermacht der Vereinigten Staaten nicht allein wegen ihres absoluten Gewichts erdrückend; damals machte deren Anteil an der industriellen Weltproduktion immerhin rund 50% aus. Angesichts des bestehenden enormen Produktivitätsgefälles – bis tief in die 50er Jahre erreichte die Arbeitsproduktivität der westeuropäischen Volkswirtschaften, von der japanischen ganz zu schweigen, gerade einmal 50 bis 70% des US-amerikanischen Niveaus – hätte der von der westlichen Vormacht propagierte Übergang zu einer „freien Weltwirtschaft“ eigentlich eher mit der Deindustrialisierung der amerikanischen Partner enden müssen als mit einer historisch einmaligen Aufholjagd. Die Entwicklung der unmittelbaren Nachkriegsjahre deutete denn auch zunächst genau in diese Richtung. Alle europäischen Staaten wiesen in dieser Phase gegenüber den USA eine hoffnungslos defizitäre Leistungsbilanz auf. Die damals vielzitierte „Dollarlücke“, die sich damit auftat, behinderte nachhaltig die Versorgung der europäischen Volkswirtschaften mit modernen US-amerikanischen Kapitalgütern und drohte bereits 1947 sowohl den anlaufenden Wiederaufbau im Keim zu ersticken als auch den Rückstand gegenüber den USA zu verewigen.

Daß Westeuropa aus den damaligen Dilemmata blockierter Entwicklung herausfand, verdankt es vorderhand einem „außerökonomischen Faktor“, der politischen Systemkonfrontation. Der einsetzende kalte Krieg und die Furcht, ein verelendetes Europa könne der kommunistischen Versuchung erliegen, trieb die US-amerikanische politische Klasse dazu, den sich abzeichnenden ökonomischen circulus vitiosus der Europäer zu öffnen. Mit Hilfe des berühmten Marshallplans gelang es, zunächst den akuten Dollarmangel einigermaßen zu überbrücken. Diese Maßnahme wäre indes wirkungslos verpufft, wenn die westliche Vormacht ihren armen europäischen Vettern nicht noch viel weiter entgegengekommen wären und sich nicht zu erheblichen Abstrichen bei der Umsetzung ihrer heißgeliebten Freihandelsdoktrin bereit gefunden hätten.

Im Juli 1947 hatte Großbritannien noch mit einer enormen Kapitalflucht für die Wiederherstellung der Konvertibilität des britischen Pfundes büßen müssen, die von den USA als erster wichtiger Schritt zur Liberalisierung der Handelsbeziehungen erzwungen worden war. Innerhalb weniger Wochen verlor die britische Notenbank zwei Drittel ihrer Reserven und stand damit am Rande des Ruins. Aus solchen Erfahrungen klug geworden, billigten die USA nicht nur die vorläufige Rückkehr bzw. Beibehaltung der Devisenbewirtschaftung, sie akzeptierten auch, daß die Liberalisierung der Handelsbeziehungen bis auf weiteres allein auf den Handel zwischen den westeuropäischen Nationalökonomien beschränkt blieb. Auch wenn die marktwirtschaftliche Mythenbildung davon nichts wissen will und auch wenn es den notorisch gedächtnisschwachen westlichen Ideologen wenig in den Kram paßt: Die weitgehende Realisierung der Freihandelsprinzipien steht keineswegs am Anfang des großen Nachkriegsbooms, sie wurde überhaupt erst auf dessen Höhepunkt möglich. Erst 1958 hatte sich die Dollarlücke so weit geschlossen, daß die Devisenbewirtschaftungs-Systeme verschwinden, der Übergang zu der in den Vereinbarungen von Bretton Woods vorgesehenen allgemeinen Währungskonvertibilität vollzogen und damit die entscheidenden Schritte hin zur gepriesenen Freizügigkeit des Kapitals eingeleitet werden konnten.

4.

Die Furcht vor dem realsozialistischen Schreckgespenst war sicher ein Beweggrund dafür, daß die USA darauf verzichteten, den kriegszerstörten Kontinent völlig niederzukonkurrieren. Das politische Motiv allein hätte aber wohl schwerlich ausgereicht, um die dem Kapital nun einmal angeborenen kannibalistischen Neigungen auf längere Zeit stillzustellen. Wenn die USA über Jahre bereitwillig den Part des reichen Onkels übernahmen, dann hat das auch seinen innerökonomischen Hintergrund. Die Struktur der westlichen Wachstumsgemeinschaft, die auch den „Wohlstand“ der Vormacht sicherte, schrieb ihr eine gewisse „Großzügigkeit“ gegenüber der armen Verwandtschaft einfach vor.

Im Zusammenhang mit dem „kurzen Sommer des Fordismus“ fällt regelmäßig das Stichwort „selbsttragender Akkumulationsschub“. Diese Klassifizierung trifft insofern in der Tat etwas ganz Wesentliches, als die sprunghafte Ausdehnung der Verwertungsbasis und damit das massenhafte Einsaugen lebendiger Arbeit in die neuen Zweige der Massenfertigung gleichzeitig für die kaufkräftige Nachfrage sorgten, die wiederum den massenhaften Absatz der neuen Produkte sicherte. Als treibende Kraft dieser zirkulären Bewegung war allerdings – und das ist entscheidend – der Verwertungsdruck, der von dem durch das produktive Kapital bereits angehäuften Reichtum ausging, in keiner Weise hinreichend. Der Boom lebte vielmehr zunehmend von dem Vorgriff auf erst zu schaffende Werte.

Zunächst einmal gilt dies für die Einzelbetriebe. Das mit dem Übergang zur fordistischen Massenfertigung einhergehende Steigen der Kapitalintensität war für die Unternehmen aus den laufenden Einnahmen schwerlich zu finanzieren und erzwang eine nachhaltige Ausdehnung des Kredits. Das bloße Zusammenkratzen der in der Gesellschaft verstreut gespeicherten Ersparnisse und ihre Mobilisierung für produktive Zwecke brachte für sich genommen aber noch lange nicht genug Brennstoff für den fordistischen Gesamtmotor. Dazu mußte sich schon das Geldmedium selber in Kredit verwandeln, sich also vom Gold und damit von seiner traditionellen Rückbindung auf vergangene tote Arbeit weitgehend emanzipieren, um als Repräsentant künftiger Wertschöpfung die Akkumulationsbewegung durch ihre monetäre Antizipation auf Touren zu bringen.

Diese für eine laufende Vorfinanzierung des fordistischen Zirkels unverzichtbare Entsubstantialisierung des Geldes warf allerdings ein grundsätzliches Problem auf. Wenn das jeweilige nationale Geld nicht mehr für real vorhandenen „geronnenen“ Reichtum steht, sondern für kreditäre Ansprüche und Zahlungsversprechen, die allein nachträglich durch die Produktion von warenförmigem Reichtum gedeckt werden können, dann stellt sich nach innen wie nach außen unweigerlich das Problem der Wertabsicherung der nationalen Währungen.

In der Nachkriegszeit fand diese Frage ihre provisorische Lösung im Aufstieg des Dollar, der einzig noch verbliebenen goldkonvertiblen Währung (5), zum Weltgeld. Indem das System von Bretton Woods alle anderen Währungen in ein festes Verhältnis zu der des ökonomischen übermächtigen Amerika setzte, sorgte es nicht nur für eine Restgediegenheit, weil alle Währungen über diesen Umweg doch noch auf das klassische Warengeld, das Gold, vermittelt bezogen waren; gleichzeitig erlaubte es die Festschreibung von Fixkursen den schwächeren kapitalistischen Ländern auch, indirekt an der besonderen Kreditwürdigkeit und Kreditschöpfungspotenz der Vormacht zu partizipieren. Um „solides Kreditgeld“ schöpfen zu können, mußten sie nur dafür Sorge tragen, daß nach innen die Zunahme der Geldmenge nicht allzusehr der realwirtschaftlichen Expansion vorauslief und sie mußten nach außen imstande sein, in ausreichender Menge Dollars zu erwirtschaften.

Das Weltgeld Dollar übernahm damit zwei für den fordistischen Boom gleichermaßen unverzichtbare, dabei aber diametral entgegengesetzte Aufgaben. Es sorgte zugleich für die Erdung des internationalen monetären Überbaus und für eine geordnete Befreiung der monetären Reichtumsproduktion von der ihr durch den Rückbezug auf reales Warengeld gesetzten Grenzen, also für ihre weitgehende Emanzipation vom „barbarischen Metall“ (Keynes). Das System abgeleiteter Bonität hatte allerdings einen kleinen Fehler. Es konnte nur funktionieren, indem es seine beiden Voraussetzungen unterminierte, nämlich die absolute wirtschaftliche Vorrangstellung der USA und die relative Gediegenheit der amerikanischen Währung.

Um die Weltkonjunktur auf Touren zu bringen und die Dollardeckung der Partnerwährungen sicherzustellen, reichte es nämlich nicht, daß der Dollar als Rechnungsgröße universell verfügbar war: Das Lebenselexier mußte auch leibhaftig den Weg nach Europa und Japan finden. Die notwendigen Dollarzuströme konnten aber nur als die monetäre Kehrseite einer amerikanischen Verschwendungswirtschaft zustandekommen. Um ihre Funktion als Lokomotive der Weltkonjuktur auszufüllen, mußten die USA als universeller Nachfrager auftreten und schließlich dazu übergehen, ihre Rechnungen durch den Export von ungedeckten Dollarmassen zu begleichen.

Diese Praxis war gleichzeitig die konsequente Fortsetzung des „amerikanischen Altruismus“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit und gleichzeitig dessen Umkehrung. In den frühen 50er Jahren hatten neben Hilfsgeldern vor allem der Export hochproduktiven US-amerikanischen Anlagekapitals bei den Partnerländern für die erforderliche Manövriermasse an Weltgeld gesorgt. Mit und aufgrund dieses Zustroms, der die Form von realem Anlagekapital annahm, mußte sich aber der Produktivitätsabstand zwischen den USA und ihren Partnern verringeren. Damit wurde die Dollarversorgung zunehmend an den Warenexport in die USA gebunden. Mehr noch, die Last immenser unproduktiver Militärausgaben führte angesichts der Verschiebung in den Wettbewerbsbedingungen schließlich zu einer chronisch defizitären Zahlungsbilanz der Vormacht. Auf der monetären Ebene bedeutet dies aber, daß der systemstabilsierende Rückstand der USA in Sachen Entsubstantialisierung des Geldes aufgebraucht, ja auf Dauer in sein Gegenteil verkehrt wurde.

Der erste Wendepunkt war Ende der 60er Jahre parallell zur Eskalation des Vietnamkriegs erreicht. Wie schon der Koreakrieg, so wirkte auch der Konflikt in Indochina wie ein gigantisches Konjunkturprogramm, an dem die Europäer und allen voran die BRD als Exportwirtschaften nach Kräften partizipierten. Im Unterschied zur Startphase des Nachkriegsbooms mußten diesmal aber nicht die USA, sondern die Partner die Kreditierung übernehmen. Aufgrund der Festkursordnung und der Dollareinlösepflicht waren die an das Bretton-Woods-System gebundenen Zentralbanken nämlich genötigt, die zusätzlich von den USA zur Kriegsfinanzierung emittierten Dollarmassen in ihren Tresoren als Devisenreserven anzusammeln.

5.

Die Karriere der DM läßt sich nur vor dem Hintergrund dieses Szenarios verstehen. Die Pseudogediegenheit und Stärke, die seit den 60er Jahren charakteristisch für die D-Mark wurde, ist nichts weiter als die andere Seite des für den fordistischen Boom konstitutiven beschleunigten Substanzverlustes des Weltgeldes Dollar. Wenn der fordistische Boom eine internationale Arbeitsteilung zur Bedingung hatte, in der die USA als Weltgeldemittent den Part des kreditgeldschaffenden Defizitproduzenten und Ressourcenverschwenders übernehmen mußten, dann bedeutet dies nicht nur zwangsläufig, daß die zweite kapitalistische Macht entsprechende Überschüsse aufakkumulierte und zum Exportweltmeister avancierte, sondern auch, daß deren Währung der Part des immanenten monetären Fluchtpunktes zufiel und sie zusehends auf den Finanzmärkten in den Rang einer Alternative zum der Auszehrung unterliegenden Dollar rückte. Die Absetzbewegung vom Greenback, die in mehreren Schüben im selben Maße einsetzte, wie an die Stelle der Dollarlücke der frühen 50er Jahre die Dollarschwemme der 60er Jahre trat, nahm dementsprechend zwei Formen an.

Zum einen nahm die Spekulation auf das Gold zu; zum andern fand dieser Prozeß in einem chronischen Aufwertungsdruck auf die D-Mark seinen Niederschlag. Alle Versuche, diesen Druck durch partielles Nachgeben, d.h. durch kontrollierte Korrekturen der Wechselkursverhältnisse innerhalb des Festkurssystems zu verringern, scheiterten schließlich daran, daß sich die Grundkonstellation beharrlich reproduzierte. Eine dauerhafte Korrektur wäre nur um den Preis massiver globaler Wachstumseinbrüche möglich gewesen. So blieb zuletzt nichts anderes übrig, als die Konsequenz zu ziehen und sowohl die Goldbindung des Greenback als auch das System fester Wechselkurse fallen zu lassen.

Die Initiative zu diesem Schritt ging außer von der Schweizer Zentralbank in erster Linie von den Frankfurter Herren aus. Nachdem die Bundesbank allein im Februar 1973 auf dem Höhepunkt der letzten Spekulationswelle im Rahmen des Bretton-Woods-Systems trotz einer 10-prozentigen Abwertung des Dollar 23 Milliarden DM zur Kursstützung verausgaben und dementsprechend die D-Mark-Geldmenge inflationsträchtig ausweiten mußte, nötigte sie die europäischen Partner, zusammen mit ihr den Leitkurs überhaupt aufzugeben und zum kollektiven Floaten überzugehen. Damit war die Zeit der Alleinherrschaft des Dollar zu Ende und die D-Mark löste pünktlich zu ihrem 25. Geburtstag in Europa den Dollar als entscheidende Bezugswährung ab.

6.

Vergegenwärtigt man sich am Vorabend des 50. und (jedenfalls den politischen Vorgaben nach) letzten Geburtstags der D-Mark mit dem Wissen um die Entwicklung im letzten Vierteljahrhundert die Konstellation, der die D-Mark ihren Aufstieg von einer beliebigen nationalen Währung in eine Überwährung, in das Geld der Gelder verdankt, so macht sich ein merkwürdiges, aus Vertrautheit und Fremdheit gemischtes Gefühl breit. Einerseits charakterisiert immer noch dieselbe Grundproblematik und Rollenverteilung die kapitalistische Weltwirtschaft. Auch nach dem Auslaufen des fordistischen Booms ist die Defizitakkumulation der USA der globale Wachstumsmotor schlechthin geblieben, während die relative Stärke der DM bis 1989 allein auf der extremen Exportposition der BRD und der sich daraus ergebenden Möglichkeit beruhte, die allgemeine Überschuldungsdynamik nur verzögert mitzumachen und sich über viele Jahre vom globalen Inflationszug nicht zuletzt durch die aufwertungsbedingte relative Verbilligung von Importen weitgehend abzukoppeln.

Andererseits aber wirken die Dimensionen der früheren Ungleichgewichte im Vergleich mit dem heutigen Stand geradezu lächerlich. Anfang der 70er Jahre reichte ein jährliches Leistungsbilanzdefizit der USA von rund 10 Milliarden und ein Handelsbilanzminus von knapp 2 Milliarden Dollar, um das System von Bretton Woods in die Luft zu jagen, obwohl die USA damals immerhin noch weltweit mit Abstand der größte Nettokapitalexporteur waren. 1996 überschritt allein das amerikanische Handelsbilanzdefizit die Grenze von 190 Milliarden Dollar und bereits seit 1986 sind die USA auch in Sachen Kapitalbilanz zum größten Nettoschuldner aller Zeiten aufgestiegen. Parallel dazu haben sich die Exportüberschüsse der BRD zwischen 1968 und 1988 von 4,7 Milliarden auf 73,6 Milliarden Dollar erhöht und damit mehr als verfünfzehnfacht. Und Japan, das in den 60er Jahren noch eine untergeordnete Rolle gespielt und übrigens bis 1976 noch Handelsbilanzdefizite auszuweisen hatte, hat die Bundesrepublik in dieser Hinsicht sogar noch überflügelt.

Diese langfristige Entwicklung deckt sich in keiner Weise mit den Erwartungen, die die Kritiker der Ordnung von Bretton Woods an deren Abschaffung geknüpft hatten. Nicht nur die deutsche Bundesbank ging damals nämlich davon aus, daß ein vorübergehend sinkender Dollarkurs, sobald die außeramerikanischen Zentralbanken ihrer Verpflichtung ledig wären, die amerikanischen Defizite durch Dollarstützungen zu finanzieren, für einen Ausgleich der bestehenden Ungleichgewichte sorgen würde. Daß diese Rechnung sich als grobe Fehleinschätzung erwies, liegt indes nicht daran, daß sie völlig aus der Luft gegriffen gewesen wäre. In dem Bezugssystem, wie es durch den boomenden Fordismus und das Primat der Realakkumulation gesetzt war, hätte dieser Mechanismus (allerdings um den Preis stark deflationärer Tendenzen) zweifellos gegriffen.

Was die Bundesbank allerdings nicht vorausgesehen hatte, war die Tatsache, daß der Kapitalismus im Begriff stand, überhaupt die ihm durch den Bezug auf Realakkumulation gesetzten Grenzen zu verabschieden und zusehends den spekulativen Überbau zu seiner prekären Pseudo-Grundlage umfunktionierte. Der „parasitären Weltmachtökonomie“ der USA war zwar die Möglichkeit verbaut, die überschüssigen und für die weltwirtschaftliche Dynamik doch auch wieder unverzichtbaren Dollarmassen weiterhin nach Belieben in den Tresoren befreundeter Zentralbanken endzulagern; dafür erschloß ihr aber die explosionsartige und dabei vornehmlich in der Gestalt der traditionellen Weltwährung Dollar vonstatten gehende Ausdehnung des Finanzüberbaus ungeahnte Möglichkeiten der Geldschöpfung und der Absorption dieser vornehmlich privat geschöpften Geldmassen.

Im gleichen Maße also, wie an die Stelle des realen (wenn auch zunehmend kreditär vorfinanzierten) fordistischen Booms der substanzlose Kasinokapitalismus trat, differenzierte sich auch jene nicht immer ganz spannungslose Arbeitsteilung weiter aus, die sich schon in den 60er Jahren zwischen den USA und ihrem westdeutschen Junior angebahnt hatte. Auf der realwirtschaftlichen Ebene wirkte sich die spekulative Dynamik in der Weise aus, daß sie den USA als deren Hauptträger vor dem Hintergrund scheinbar unlimitierter Verschuldung eine beschleunigte Tertiarisierung, also die Ausdehnung wertunproduktiver Sektoren bei insgesamt einigermaßen konstanter (allerdings zunehmend prekärer) Beschäftigung erlaubte.

Die Bundesrepublik dagegen erlebte die Freuden eines sekundären Export-Fordismus. Während der Anteil der Beschäftigung im industriellen Sektor in den USA bereits Ende der 80er Jahre auf 26% gesunken war und auch bei den europäischen Nachbarn nur mehr knapp über 30% lag, konnte die BRD bis zur deutsch-deutschen Vereinigung immerhin einen Stand von 40% halten und den Übergang zur armuts- und krisengesättigten vermeintlichen „Dienstleistungsgesellschaft“ hinausschieben. Dem entsprach unter den Bedingungen flexibler Wechselkurse die Struktur der internationalen Währungsordnung. Sooft die spekulative Dynamik, der das Weltgeld Nummer 1 inzwischen seinen Rang und seine prekäre Stabilität verdankte, auf Hemmnisse traf, bot sich die Anlage in der von der Bundesbank in vielerlei Hinsicht in vorspekulativer Manier verwalteten D-Mark als Ausweichmöglichkeit und damit letztlich als der immanente Stabilisator an.

7.

Diese Arbeitsteilung hat jedoch die 80er Jahre nicht überlebt. Seit der Wiedervereinigung (aber nicht allein ihretwegen) mutiert die Bundesrepublik vom immanenten Währungs-Gegenpol der USA zu deren Kopie und aus dem Antidollar wird zusehends eine Art von zweitem Dollar. Erwuchs die DM-Stärke ursprünglich auf der privilegierten Position der BRD als dem neben Japan bedeutensten Waren- und Kapitalexporteur, so hat die BRD mittlerweile ebenso wie die USA die Stellung eines privilegierten Nettogroßschuldners inne. Daß die Bundesrepublik im internationalen Vergleich noch ganz gut dazustehen scheint, verdankt sie einzig und allein den besonders günstigen Konditionen, die die internationalen Finanzmärkte aus alter Liebe nach wie vor diesem neuen Kreditstaubsauger einräumen.

Die jüngste Doppelbesetzung der Rolle des Megaschuldners dürfte sich aber über kurz oder lang sowohl als äußerst fatal für das Gesamtkunstwerk des globalen Kasinokapitalismus als auch für das neue Ersatzamerika erweisen. Die spekulative Spirale müßte sich nicht nur insgesamt noch schneller drehen, um die nunmehr eineinhalb USA mit dem Stoff zu versorgen, von dem sie abhängig sind; der Kasinokapitalismus verliert mit der monetären Amerikanisierung der BRD darüber hinaus auch sein stabilisierendes Widerlager auf der Währungsebene, und ein Ersatz dafür ist weit und breit nicht in Sicht. Das Privileg einer jahrzehntelang wirksamen spekulativ vermittelten defizitären Vormacht läßt sich nicht ewig verlängern, geschweige denn auf mehrere Länder übertragen.

Die Grundlagen des D-Mark-Mythos im Aufbau des kapitalistischen Weltgefüges sind weggebrochen, und doch lebt dieser Mythos fort. Eine Entmystifizierung und Ernüchterung steht auch in Zukunft kaum zu erwarten, im Gegenteil. Die D-Mark scheint das unverschämte Glück zu haben, rechtzeitig abgeschafft zu werden, bevor ihr strukturelles Elend manifest wird. Ihre Erblasten, die Abhängigkeit ihrer Pseudogediegenheit vom Funktionieren kasinokapitalistischer Scheinakkumulation und ihre direkte Beteilung an der spekulativen Aufblähung, werden nicht mehr auf sie selber zurückfallen, sondern auf die Nachfolgewährung Euro. Wenn das Viertel der Weltliquidität, das mittlerweile in D-Mark gebunden ist (auf den Dollar entfallen 60%), seine Repatriierung anstrebt, weil das Vertrauen in diese Währung nachläßt und die spekulative Spirale rückwärts zu laufen beginnt, wird es in Form von „Euros“ zurückkehren und dann erst in dieser Währung einen manifesten Inflationsschub auslösen.

Es bedarf keiner besonders großen Phantasie, um zu antizipieren, wie die DM-nationalistische deutsche Volksseele auf diese traumatische Erfahrung reagieren wird. Wenn der Euro schon deshalb nicht so stark wie die Mark sein kann, weil die Mark substantiell nicht annähernd so stark ist, wie sie scheint, und diese Schwäche zu Tage tritt, dürfte der tief verankerte Glaube an die in der D-Mark geronnene deutsche Wertarbeit und Solidität in einer neuen Dolchstoßlegende seine logische Fortsetzung finden. Für die nationalistischen Krieger von 1918 stand bekanntlich fest, daß die unerschütterte deutsche Armee von Bolschewisten, Kriegsgewinnlern und anderen Juden rücklings ermeuchelte wurde; für die verlassenen Kinder des deutschen sekundären Fordismus dürfte 80 Jahre später ebenso klar sein, daß der einzige Stolz dieses Landes, die unerschütterte D-Mark, durch die europäischen Partner und ihre hiesigen Helfershelfer feige hingemordet wurde. Die Folgen kann man sich ausmalen.

(1) Zwischen 1973 und 1979 betrug der durchschnittliche jährliche Anstieg der Verbraucherpreise in der BRD zwar bis zu 4,7%, in der gleichen Phase hatten die USA aber eine Teuerungsrate von 8,5%, Japan von 9,9%, Frankreich von 10,7%, Italien von 16,7% und Großbritannien von 15,6% zu verzeichnen. Allein die Schweiz konnte eine günstigere Quote verbuchen. In der Zeit von 1949 bis zum (vorläufigen) Ende der globalen Inflation Anfang bis Mitte der 80er Jahre lag die durchschnittliche Inflationsrate in der BRD mit 2,7% niedriger als in jedem anderen westlichen Land.

(2) Zwischen 1960 und 1987 stieg der Wert der D-Mark gegenüber dem französischen Franc insgesamt um das 2,8-fache, gegenüber dem britischen Pfund um das 4-fache und gegenüber der italienischen Lira fast um das 5-fache.

(3) Zwischen 1913 und 1950 hatte die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate in Deutschland bei 1,3% gelegen.

(4) Das russische bzw. sowjetische Bruttosozialprodukt war zwischen 1913 bis 1938 im Schnitt um 2,8% pro Jahr gestiegen, in den 50er Jahren um 6,6%.

(5) Die amerikanische Notenbank verfügte bei Kriegsende über fast 90% des weltweit vorhandenen Währungsgoldes!