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Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft

31.12.2001 Beitrag drucken

Auf Teufel komm raus

Franz Schandl

Fast sind wir sie ja schon los, diese lästige Neutralität. Doch jetzt will man ihr den entscheidenden Schlag versetzen. Die fatale Terrorserie in den USA ist für viele der willkommene Anlass. Endlich. Jetzt darf uns nichts mehr zurückhalten. Wir dürfen nicht neutral sein! Sagt der Kanzler (ÖVP. Wir müssen solidarisch sein! Sagt die Verteidigungsminister (FPÖ). Österreich muss irgendwie dabei sein, so die nationale Frohbotschaft. Auch hier und wir: Auf nach Kabul!

Warum man USA und NATO unterstützen soll, ist bei der flächendeckenden Selbstverständlichkeit dieser Art von “Solidarität” schon eine ketzerische Frage. “Geh doch rüber in die Sowjetunion, Kommunist”, hätte man früher zur Antwort bekommen. Nun soll man sich wohl zu den Mullahs schleichen, auch wenn die Sympathie für diese zero ist. Wer kein Freund ist, ist ein Feind. “Auch ich stehe zu diesem Hass”, sagt der Generalsekretär der FPÖ, Peter Sichrovsky.

Die Neutralität ist jedenfalls die letzte formale Schranke für die heimischen Kreuzritter. Indes, den hiesigen Kämpen dürfte es sowieso egal sein, ob sie Recht brechen oder nicht. Überflugsgenehmigungen? – kein Problem. Durchfahrtsgenehmigungen? – aber bitte. Abfangjäger? – unbedingt. Selbst, dass sich die westliche Militärpolitik als völlig untauglich in den aktuellen Konfrontationen erweist, stört nicht. Siehe Jugoslawien. Überall wo die NATO auftritt, wird es nur noch schlimmer. Sie ist jene Kraft, die Konflikte multipliziert.

Was wollen USA und NATO gewinnen, was das Regime in Kabul verlieren kann? Selbst wenn dort viele Leben verloren gehen, gewonnen werden für den Westen keine. Höchstens eine noch entschlossenere Generation von wahnwitzigen Kriegern, die sodann gezielt, aber auch blindwütig, ja geradezu tollwütig Rache nehmen. Auf Teufel komm raus. Wenn die abendländische Phalanx ganze Landstriche des Südens ausradiert, dann darf sie sich jedenfalls nicht wundern, wenn in den Kindergärten und Schulen, den Kaufhäusern und Vergnügungszentren der Metropolen Bomben explodieren. In London. In Paris. In Wien.

Doch die Geilheit von Terror und Krieg hat scheinbar alle angesteckt: todessüchtige Terroristen, infantile Präsidenten, freiheitliche Minister, geifernde Journalisten, durchgeknallte Linke. In den virtuellen Schützengräben wird gebetet, bald soll dies auch in den reellen geschehen: Den Herren werden wir denen zeigen, den Kameltreibern, die sich da anmaßen, unserere Werte von der Freiheit bis zu den Börsekursen zu erschüttern. Eine Wertegemeinschaft taumelt in die Offensive.

Zweifellos, ein Siegesrausch muss her: “Wir werden der Welt den Sieg bringen!”, sagt das Kind im Weißen Haus, und auch der Papa in Texas nickt mit dem Kopf. “Ein langer Krieg steht bevor”, verkündet der liberale Starkolumnist Hans Rauscher, wobei dessen Name als Nestroyscher Komparativ des Hauptwortes zu lesen ist. Das Ranking um den Rauschigsten ist allerdings noch nicht ausgestanden. Staatsmänner, das sind torkelnde Kriegstreiber beim Intonieren von Schlachtgesängen. All over the world. Krieg, das ist nicht fürchtenswert, Krieg, das ist wünschenswert. Fürchten sollen sich die andern: Gegen den Terror! Für noch mehr Terror!