Inifinitive Justice
Von Franz Schandl
Die dreckigste Vorhaben schreien nach dem tollsten Vokabular. Und nichts ist so toll wie die Wut, daher steht gegenwärtig die Tollwut so hoch im Kurs. Sie ist wahrlich eine planetarische Infektion. Infinite justice, grenzenlose Gerechtigkeit, kann doch nur so verstanden sein, dass bloß im Tod alle gleich sind. Den gilt es jetzt zu verbreiten. “Justice will be done” sagt Bush und empfiehlt sich als das scharfe Schwert seiner Werte, die unsere zu sein haben. Dort, wo das Beten beginnt, hört das Denken auf. Aber dazu ist der Glauben ja da, sei es an Gott oder Geld oder beides.
Wo solche “Begriffe” ins Spiel gebracht werden, verstirbt das Denken. Es herrscht das emotionale Ressentiment. Das Gute kämpft gegen das Böse, es ist wie in einem dieser kulturindustriellen fairy-tales made in Hollywood. Das Schlimme ist nicht, dass die Leute sich da was vorlügen, das Schlimme ist, dass sie an das Gerechtigkeitsgefasel glauben. Inbrünstig schreien sie: Give war a chance!
Eigentlich sollte man der US-Administration ja dankbar sein, dass sie ihr Vorhaben so unverschämt ausspricht, auch wenn sie dessen Folgen eigentlich nicht abschätzen kann. Tatsache jedenfalls bleibt, dass die dickste Blutspur, die ab Sommer 1945 gezogen wurde, jene der Vereinigten Staaten von Amerika ist. Das ist nun keineswegs die Folge einer besonderen amerikanischen Böswilligkeit, sondern Ausdruck dessen, dass es sich dabei um die stärkste kapitalistische Formation handelt.
Was sich abzeichnet, ist nicht die Durchsetzung der Gerechtigkeit, sondern das Ende des Rechts. It’s the finish of law. Die einen Terroristen haben es vorgemacht. Die anderen Terroristen machen es nach. Wer die besseren sind, ist eine Frage der Geschmacklosigkeit. Infinite justice meint, dass, wer nicht glauben will, daran glauben muss. Da sind sich Amerikaner und Talibaner einig: “Nieder mit den Ungläubigen!” Und die ganze Welt meint, Partei ergreifen zu müssen, anstatt sich dieser Front strikt zu verweigern.
Interessant würde sein, wer das Morden beenden kann, nicht aber wer es angefangen hat. Letzteres ist eine beschränkte Frage, die stets eine Begründung findet: “Hättet ihr nicht, dann täten wir nicht….”. Wer Tote gegen Tote aufwiegt, wird immer wieder Tote produzieren. Diese Logik muss durchbrochen werden. Ob das der Fall sein kann, ist allerdings fraglich. Alle Erfahrung spricht dagegen, alle Notwendigkeit dafür. So rüsten nun die Gotteskrieger auf allen Seiten, und der Widerstand dagegen ist gering. Im heiligen Krieg, das wissen wir, ist niemandem mehr etwas heilig. Alles darf zum Ziel des Todes werden. Denn der Tod ist das Ziel. Das einzige, was Menschen grenzenlos sein können, ist tot. Definitiv. Was ansteht, ist die Verallgemeinerung der Todessucht. Schlag um Schlag. Anschlag um Anschlag.



