Über den Krisis-Zusammenhang
Wie kann der Krisis-Zusammenhang zu einem solchen werden?
Ein paar Überlegungen von Ernst Lohoff und Norbert Trenkle für die Gesprächsrunde auf dem Krisis-Seminar am 23.6.2001
1.
Die Krisis möchte eine Zeitschrift sein und zugleich doch mehr. Der Anspruch des Projekts impliziert eigentlich einen höheren Verbindlichkeitsgrad, als es die Beziehung von Autor und individualisierter Leser- und Zuhörerschaft, die sich das Ihre zum Angebotenen denkt, normalerweise hergibt. Die Existenz des Krisis-Zusammenhangs steht in gewisser Weise für diesen weitergehenden Anspruch. In der Praxis mag er vorderhand nur als loser, im Zeichen von Theorie-Rezeption stehender Diskussionszusammenhang existieren, der wertkritische Ansatz weckt jedoch auch das Bedürfnis nach einem weniger folgenlosen Bezug.
Die theoretische Praxis der Krisis-Gruppe läuft im wesentlichen auf Publikationspraxis hinaus. Wer publiziert, läuft Gefahr rezipiert zu werden – grundsätzlich ein Feld voller Überraschungen. Die Intentionen der Autoren beim Abfassen eines Textes und das, was Rezipienten jeweils für sich herausholen, deckt sich, gelinde gesagt, nicht immer so ganz. Dies ist indes mehr als nur eine Frage von “Missverständnissen”. Bei jeder Lektüre ist die eigene Situation und Haltung unweigerlich mit präsent. Zur Übertreibung neigende Spötter behaupten, es gäbe eigentlich immer ziemlich genau so viele Lesarten wie Leser und Leserinnen.
Die Wertkritik teilt das allgemeine Schicksal von Publizistik, aber sie teilt es in spezifischer und spezifizierbarer Weise. Ihr besonderer Inhalt und ihre Stoßrichtung, die radikale Neuformulierung von Gesellschaftskritik im Bruch mit Soziologismus und Klassenkampfdenken, in einer durch die Zersetzung des traditionellen Antikapitalismus geprägten Situation, machen sich auch an ihrer Wirkgeschichte bemerkbar. Literaten tun im Allgemeinen gut daran, die Interpretationen ihrer Texte eher schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Für die Wertkritik muss die Reflexion darauf Teil des eigenen analytischen Bemühens sein.
Was die publizistischen Gesamt-Aktivitäten der Krisis-Autoren angeht, so lassen sich zwei Grundmuster von Rezeption unterscheiden. Die meisten Leser und Leserinnen nehmen die laufende Textproduktion nur sehr selektiv wahr; sie goutieren die eine oder andere Analyse, den einen oder anderen Autor, während der theoretischeHintergrund und auch die fundamental kritische Intention weitgehend ausgeblendet bleibt. Unter diesem Vorzeichen werden Bruchstücke der wertkritischen Positionen inzwischen erstaunlich leicht geschluckt (von Verdauung kann freilich häufig nicht die Rede sein). Eine Minderheit hingegen bezieht sich auf die Position als Position. Für diese eigentlichen Krisis-Rezipienten – die anderen lesen für gewöhnlich gar nicht die Zeitschrift, sondern Texte die in anderen Kontexten erscheinen – ist das Projekt Wertkritik nicht trotz, sondern gerade aufgrund seines Anspruchs attraktiv, an der Neufundierung radikaler Gesellschaftskritik mitzuwirken.
Man sollte annehmen, dass diese Art von Bezug für Ausstrahlung und Entwicklung des wertkritischen Ansatzes langfristig die entscheidende wäre. Gerade hier kann man aber nicht gerade behaupten, dass alles was zusammen will auch zusammenkommt. Oft macht es vielmehr den Eindruck, als ob die Schwierigkeiten mit der Position mit dem Grad an Verständnis und Einverständnis eher zu- denn abnehmen. Zugespitzt und als Paradoxon formuliert: Je mehr Menschen mit dem wertkritischen Ansatz etwas anfangen können und wollen, desto weniger können sie oft anfangen.
Natürlich lassen sich die verschiedenen Verarbeitungsformen der Wertkritik nur schwer auf einen Nenner bringen. Ein Muster wiederholt sich aber erstaunlich oft und wirft ein bezeichnendes Licht auf die Gesamtkonstellation. Immer wieder löst die Erstbegegnung mit der Wertkritik einen Euphorieschub aus, dem allerdings alsbald Ernüchterung folgt. Menschen, denen die Misere gesellschaftskritischer Theorie und Praxis schon lange ein Problem war, wird die Entdeckung der Wertkritik zunächst zum Heureka-Erlebnis. Mit einem Schlag scheinen sich die eigenen Zweifel und kritischen Überlegungen in ein neues Bezugssystem einzufügen. Man ist auf eine Position gestoßen, die den Eindruck erweckt, sie habe das, was man selber irgendwie schon angedacht hatte, weiter und zu Ende gedacht. Die Horizont scheint sich plötzlich wieder zu öffnen. Indes lässt der Rückschlag in der Regel nicht lange auf sich warten. Die Grundlage des eigenen oppositionellen Selbstverständnisses hatte vorher schon heftig geschwankt. Der Ansatz, der das erklärt und in einen größeren Zusammenhang stellt, ist aber geeignet, den Boden endgültig unter den Füssen wegzuziehen.
Das hat für viele auch eine ideengeschichtliche Komponente. Oft stellt sich sehr schnell die Frage, wie weit die Übereinstimmung mit den eigenen kritischen Überlegungen und Bezugspunkten tatsächlich reicht. So attraktiv und befreiend der Anspruch auf eine grundsätzliche Neuformulierung von Gesellschaftskritik auch ist, so mancher findet, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, Positionen disqualifiziert und mitverworfen, auf die er sich gerade eben noch gestützt hat. Der Unterschied zwischen einer grundsätzlich-kritischen Aufarbeitung der Geschichte des (oppositionellen) Denkens angesichts eines Epochenbruchs und einem Tabula-rasa-Machen hat die Krisis entweder nicht immer deutlich genug gemacht oder die Message ist nicht so recht angekommen. Auf die Anekdotenebene heruntergebracht: Bei uns haben sich tatsächlich schon Menschen ohne jeden Anflug von Ironie erkundigt, ob es vom wertkritischen Standpunkt aus, außer den Wertkritikern selber noch andere lesenswerte Autoren gäbe. Sie waren völlig verblüfft, dass wir über diese Frage völlig verblüfft waren.
Insbesondere für diejenigen, die sich noch auf das eine oder andere Segment linker Diskussions- und Restbewegungs-Zusammenhänge beziehen, ist das Gefühl, mit dem Einlassen auf die Wertkritik würde sich der kritische geistesgeschichtliche Fixsternhimmel verdunkeln, noch das geringere Problem. Die Hinwendung zur Wertkritik stürzt die Betroffenen regelmäßig in massive Inkompatibilitäts-Probleme. Der Versuch, das eigene oppositionelle Milieu mit den in der Auseinandersetzung mit dem wertkritischen Ansatz deutlicher gewordenen Fragen zu behelligen, endete für ganze Generationen von Rezipienten (übrigens auch Autoren) mit der Verabschiedung aus ihrer Szene. Was ursprünglich individuell oder auf der Ebene der Kleingruppe als Vermittlungsbemühen intendiert war, vermittelte und legitimierte biographisch letztlich das Ausscheiden aus dem vertrauten linken Sub-Soziotop. Die Begegnung mit der Wertkritik hat so zwar entscheidend zur Desavouierung der gängigen linken Wald und Wiesen-Praxis beigetragen, konnte aber bisher keine andere lebenspraktische Perspektive oppositioneller Betätigung eröffnen – sieht man einmal von der seltsamen Zumutung ab, zum Vollzeit-Theoretiker zu mutieren.
2.
Das Verhältnis der Krisis-Wertkritik zur Linken hat doppeldeutige Züge. Zwar gibt es wenig Grund, die Absetzbewegung vom traditionellen Antikapitalismus inhaltlich zu relativieren; diese klare Positionierung befreit uns aber nicht aus der Verstrickung mit ihr. Will sie nicht so tun, als sei sie im Nirvana zuhause, bleibt die Wertkritik als eine Art von grundsätzlicher Selbstkritik auf die Linke bezogen. Damit profitiert sie aber nicht nur von deren Misere, sondern hat indirekt zugleich an ihr teil. Von der Mikroebene her gesehen reproduziert sich die Zersplitterung der Linken im wertkritischen Rahmen insofern, als sich die Absetzwege zum Krisis-Ansatz nicht unbedingt treffen. Als äußere Limitierung sind die Restbestände linker Kultur immer schon mitpräsent, wenn das in dieser Gesellschaft vorhandene Protestpotential sich seiner Ohnmacht versichert. Eine vom linken Erbe unbelastete, spontane Oppositionsbewegung gibt es nicht nur aktuell nicht, es ist sehr fraglich, ob es sie so – also quasi als Schöpfung aus dem Nichts – überhaupt je geben kann.
Nicht zufällig ist die ganzen Jahre hindurch, trotz aller Kritik an ihm, das linke Spektrum der maßgebliche (wenn auch nicht der einzige) Bezugsrahmen für unsere theoretischen und publizistischen Interventionen geblieben. Der Grund dafür liegt einfach darin, dass die Linke trotz ihres äußerst maroden Zustands immer noch eine Attraktionskraft auf all diejenigen ausübt, die sich in irgendeiner Weise oppositionell orientieren möchten (freilich sind auch die Durchlaufzyklen erheblich kürzer geworden). Innerhalb der schrumpfenden antikapitalistischen Diskussion ist die Wertkritik mittlerweile zu einem zentralen Referenzpunkt geworden. Die linksintellektuelle “Konkurrenz” soll angesichts des Einsickerns des Ansatzes teilweise an einer Art Hase-und-Igel-Syndrom leiden. Kaum ein Segment des hochgradig fragmentierten oppositionellen Spektrums, in dem nicht das eine oder andere Individuum, das eine oder andere Grüppchen die Wertkritik aufgreifen würde. Untereinander haben all diese Menschen aber erst einmal wenig bis nichts gemein. Ende der 80er Jahre betrieb die kleine Krisis-Autorengruppe eine Art Flaschenpostproduktion und war fast auf sich gestellt. Heute sind die wertkritisch Interessierten in ihren Teil-Szenen und voneinander mehr oder minder isoliert. Der Krisis-Ansatz ist gewissermaßen gleichzeitig überall und nirgends.
Der Krisis-Zusammenhang spiegelt das auf seine Weise wider. Er spielt sowohl bei der Vermittlung wie bei der theoretischen Fortentwicklung der wertkritischen Position nur eine periphere Rolle. Was ersteres angeht, so haben den zentralen Part Menschen übernommen, die sich in der politisch-theoretischen Landschaft nicht primär (wenn überhaupt) als Wertkritiker verstehen, sondern im Rahmen von Projekten mit eigener Geschichte und Ausrichtung (oft Medienprojekte) den Ansatz wahrnehmen und aufgreifen. Die Theorieproduktion konzentriert sich weiterhin auf einen relativ kleinen Kreis von Autoren. Und selbst die Funktion eines Anlaufpunkts für all diejenigen, die sich näher auf den wertkritischen Ansatz einlassen wollen, füllt der Krisis-Zusammenhang nicht so recht aus.
Die inhaltliche Durchschlagskraft der Wertkritik und ihre momentan noch recht schwache Fähigkeit sich selber zu organisieren, dürften die gleiche Wurzel haben. Das Krisis-Projekt steht für weit mehr als eine ideologische Neukomponierung innerhalb des linken Milieus und hat deswegen eine breite Ausstrahlung; es spricht Menschen mit sehr unterschiedlichem Hintergrund an. Als reines Theorieprojekt kann es diejenigen, die sich darauf beziehen aber nur auf der höchsten Abstraktionsebene in einen gemeinsamen Kontext stellen. Andere linke Theorie-Zeitschriften haben es da zunächst einmal deutlich einfacher. Noch die Miterben vierten bis fünften Grades verebbter Protestbewegungen bleiben in bestimmten Sozial- und Denkmilieus eingebettet, auch wenn die allesamt der Austrocknung unterliegen. Sogar (genauer gerade) die anderen ebenefalls unter dem Label Wertkritik firmierenden Theoriegruppen haben in diesem Sinne in ihrer Negativfixierung auf die linke Szene eine starke Tendenz zum Heimatverein und zur Identitätsstiftung. Die Krisis-Wertkritik, die sich auf eine Leerstelle bezieht, nämlich auf die prinzipielle Möglichkeit einer fundamentalkritischen Oppositionsbewegung, hat in dieser Hinsicht wenig zu bieten – und sie sollte sich auch gar nicht darum bemühen.
3.
Es kann nicht darum gehen, dem bestehenden Angebot oppositioneller Identitäten eine weitere hinzuzufügen. Die Verbindlichkeit zwischen den verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen, die sich auf die Wertkritik beziehen, kann sich nur über die Frontstellung gegen die Warengesellschaft herstellen und diese gemeinsame Negativ-Orientierung, erlaubt prinzipiell ein viel höheres Maß an heterogenen Bezügen als eine per se ab- und ausschließende “Identität” (auch wenn die Entwicklung der Krisis keinesfalls frei von Auseinandersetzungen geblieben ist, welche die Form der Identitätsbehauptung annahmen). Doch dieses Verbindlichkeit existiert momentan, wie schon gesagt, fast nur auf der höchsten Abstraktionsstufe der “Wertkritik überhaupt” her. Unterhalb dieser Ebene gibt es nur wenige “horizontale” Bezüge, auch wenn sich in dieser Hinsicht in den letzten Jahren das ein oder andere getan hat. Von einem Krisis-Zusammenhang läßt sich deshalb auch nur unter großem Vorbehalt sprechen. Dieser unbefriedigende Zustand lässt sich jedoch nicht einfach wegdekretieren. Zu einem Gutteil reflektiert er einfach den Stand der theoretischen Entwicklung. Solange die Theorieproduzenten im engeren Sinne selbst sich hauptsächlich im Grundsätzlichen bewegen und darüber hinaus die Handlungs- und Subjektebene kaum thematisieren; solange sie und nur hie und da Versuche unternehmen, die Wertkritik an den vielfältigen Erscheinungen, Widersprüchen und Zumutungen zu konkretisieren, in denen der kapitalistische Irrsinn sich manifestiert und täglich spürbar wird; solange bleiben auch diejenigen, die in jeweils sehr unterschiedlichen Bezügen und Feldern bestimmte Konkretisierungs- und Vermittlungsversuche unternehmen, weitgehend auf sich selbst verwiesen und voneinander isoliert.
Doch darin geht das Problem nicht auf. Auch beim jetzigen Stand ließe sich durchaus ein höheres Maß an Verbindlichkeit und wechselseitiger Bezugnahme herstellen und damit überhaupt erst so etwas wie einen Krisis-Zusammenhang schaffen. Nicht gemeint ist damit eine wie auch immer geartete organisatorische Vereinheitlichung. Die gegenwärtige Heterogenität ist durchaus ein Positivum und auf jeden Fall erhaltenswert. Bisher stellt sie sich jedoch eher als ein wenig verbundenes Nebeneinander dar. Anzustreben wäre dagegen ein Untereinander. Gerade die unterschiedlichen Bezüge und Perspektiven auf die Wertkritik bergen ein nicht zu unterschätzendes Potential für die Weiterentwicklung und Konkretisierung derselben. Und nur wenn sich wirklich so etwa wie ein Zusammenhang entwickelt, lässt sich übrigens auch die immer noch gegebene Zentrierung auf die relativ kleine Gruppe der bisherigen Krisis-Autoren aufbrechen. Natürlich müssen diese letzteren auch ihren Teil dazu beitragen und das heißt im wesentlichen: viel stärker als bisher gezielt Diskussionen anstoßen und strukturieren, die dann auch in der Krisis ihren publizistischen Niederschlag finden. Wir wollen keine allzu großartigen Versprechungen abgeben, sind aber doch zumindest dabei, die Redaktionstätigkeit besser zu organisieren, um einige Schritte in diese Richtung zu unternehmen.
Falsch wäre es sicherlich, anfangs die Erwartungen allzu hoch zu hängen, aber versucht werden sollte, was geht. Das kann Unterschiedliches bedeuten: mündliche und schriftliche Diskussionen führen, sich wechselseitig zu Veranstaltungen einladen, gemeinsam Seminare organisieren, Absprachen und gegenseitige Unterstützung bei der Publizistik oder bei Interventionen in öffentliche Debatten etc. Dabei wird selbstverständlich nicht jeder und jede mit jedem und jeder können und wollen. Weshalb auch? Auch bedeutet die Rede vom Zusammenhang nicht, ihn als abgeschlossene Einheit mit klar definierten Innen und Außen, Dazugehörig und Nicht-Dazugehörig zu verstehen. Gehört derjenige dazu, der etwa als Redakteur einer Zeitung regelmäßig Artikel aus dem Krisis-Umfeld veröffentlicht, weil er in mancher Hinsicht mit der Position sympathisiert? Oder diejenige, die sich eine Zeitlang an einer bestimmten Diskussion intensiv beteiligt, sich danach aber wieder ausklinkt? Es gibt überhaupt keinen Grund, hier klare Definitionen abzuverlangen. Das wäre sogar grundverkehrt. Die Grenzen sind fließend und sollten es auch bleiben. Wie jetzt schon wird es verschiedene und wechselnde Grade von Verbindlichkeit geben, was nicht im Widerspruch zu dem Anliegen steht, die Verbindlichkeit insgesamt zu stärken.



