31.12.2002  Beitrag drucken

Mythen und Moneten


Essay über die Notwendigkeit einer Weltgesellschaft ohne Geld

Die moderne, über das Geld vermittelte Warenproduktion demonstriert täglich auf grausame Weise, dass sie zum Scheitern verurteilt ist. Denn entgegen ihrem Versprechen hat die kapitalistische Globalisierung Elend und Zerstörung hervorgebracht. Die Frage nach der emanzipatorischen Aufhebung von Ware und Geld stellt sich daher nicht als wolkige Utopie, sondern als negativer Imperativ.

Aus: blätter des iz3w, Nr. 258, Jan/Feb. 2002

Von Norbert Trenkle

Es waren einmal zwei Affenmenschen, die lebten auf den Bäumen. Doch dann hatten sie eine geniale Idee: dass es nämlich „jedem von ihnen besser ginge, wenn sie etwas von einem Gut abgeben würden im Austausch für ein anderes“. Die menschliche Zivilisation war geboren. Aus den Affenmenschen waren Menschen geworden, die nun eifrig Bärenfell gegen Mammutfleisch und gesammelte Nüsse eintauschten, bis sie eines Tages feststellten, dass sich der „einfache Tauschhandel unter schweren Nachteilen vollzieht“. Denn was passiert, wenn der Mammutjäger einfach keine Nüsse ausstehen kann und schon ein Bärenfell besitzt? Er legt sich auf dieses und lässt den Walddämonen einen guten Mann sein. So blockierte er auf höchst unverantwortliche Weise den Fortschritt, bis ihm eines Tages eine weitere Erleuchtung kam: „Eine komplizierte Arbeitsteilung ist undenkbar ohne die Einführung einer wesentlichen Verbesserung: die Verwendung von Geld“. Nun gab es kein Halten mehr. Der Mammutjäger schulte zum Rinderzüchter um, weil sein Produktionszweig mangels Masse einging; die clevere Nusssammlerin legte eine Obstplantage an und schuf Hunderte von Arbeitsplätzen; der Bärenhäuter gründete eine Schneidereiwerkstatt und gerbte fortan seinen Angestellten das Fell; und keiner hing mehr von den schwankenden Vorlieben des anderen ab. So ging es mit Riesenschritten voran, bis endlich der wunderbare Zustand erreicht war, in dem sich die Welt heute befindet.

So oder ähnlich wird einer der Gründungsmythen der bürgerlichen Gesellschaft erzählt. Geld soll danach gleichbedeutend mit menschlicher Zivilisation und Vergesellschaftung schlechthin sein. Zwar sei es zunächst nichts weiter als ein besonders praktisches Mittel, um den Warentausch in großem Maßstab zu ermöglichen. Da aber der Warentausch angeblich zu den Grundvoraussetzungen menschlichen Zusammenlebens gehört, käme eine Abschaffung des Geldes einer radikalen Entgesellschaftung gleich, einer Zersplitterung der Welt in kleinräumige, lokal-bornierte Subsistenzwirtschaften auf niedrigstem Produktivkraftniveau. Diese Rechtfertigung des Kapitalismus hat einer kritisch-theoretischen Analyse noch nie standhalten können, mittlerweile tritt sie aber in schreienden Widerspruch zur brutalen Wirklichkeit des globalen Marktsystems. Die unübersehbaren Tendenzen der Zersetzung gesellschaftlicher Zusammenhänge sind ja nicht etwa das Produkt einer zu gering entwickelten Warenproduktion, sondern ihrer Verallgemeinerung.

Fetisch Geld

Nachdem in einem langen historischen Prozess alle anderen Formen von Gesellschaftlichkeit zerstört worden sind und die moderne Warenproduktion sich als Weltsystem etabliert hat, zeigt sich auf grausame Weise, dass sie zum Scheitern verurteilt ist. Die Menschen, die heute auf den Balkonen ihrer Hochhauswohnungen Schweine züchten, auf den Müllhalden der Megastädte nach ein paar Resten wühlen oder in den Auffanglagern der UNO von den „humanitären Spenden“ des Nordens leben müssen, sind keine Relikte eines prämodernen Zustands, sondern das Produkt einer Moderne, die ihnen keine andere Existenzmöglichkeit mehr gewährt.

Wäre das Geld nichts weiter als ein praktisches Instrument für eine effektive Arbeitsteilung, dürfte es heute keinen einzigen darbenden Menschen mehr auf der Erde geben. Bekanntlich haben aber die Globalisierung der Produktions- und Distributionsprozesse und der gewaltige Produktivkraftschub der dritten industriellen Revolution (die vor allem auf der Mikroelektronik beruht, aber auch Bio- bzw. Gentechnologien einschließt) gerade im Gegenteil zu einer ungeheuren Verschärfung des weltweiten Elends geführt. Das erklärt sich nicht aus einem irgendwie „falschen Umgang“ mit dem „praktischen Mittel“ der Vergesellschaftung, sondern ist auf die innere Widerspruchslogik eines gesellschaftlichen Systems zurückzuführen, in dem das Geld nicht einfach nur Tausch- und Zahlungsmittel, sondern fetischistischer Selbstzweck ist. Als Repräsentant des Werts, also der Darstellung vergangener abstrakter Arbeitszeit, ist das Geld der bewegte Beweger der modernen Warenproduktion. Diese ist im entwickelten Kapitalismus nicht darauf ausgerichtet, Produkte herzustellen, um sie anschließend zu tauschen, sondern jede einzelne Transaktion ist dem vorausgesetzten Zweck unterworfen, den „Wert“ zu vermehren: aus Geld muss mehr Geld werden.

Das Ausschlußprinzip

Da aber die Substanz dieser Selbstzweckbewegung, die in der Warenproduktion verausgabte abstrakte Arbeit, im Zuge der dritten industriellen Revolution abgeschmolzen wird, weil die Produktivkraftsteigerung nicht mehr durch absolute Expansion der Verwertungsproduktion kompensiert werden kann, wird auch das Geld ganz grundsätzlich in Frage gestellt. Vom Medium der gesellschaftlichen Integration mutiert es zunehmend zu einem Medium des gesellschaftlichen Zerfalls. Strukturell gesehen hat es zwar schon immer zugleich ein- und ausgeschlossen: Wer sich außerhalb der Geldform bewegt, wer kein Geld besitzt, wer nichts verkaufen kann, nicht einmal die eigene Arbeitskraft, ist ein soziales Nichts, hat kein Recht auf Existenz. Der Exklusionsmechanismus wurde allerdings in der rasanten kapitalistischen Expansionsbewegung der letzten hundertfünfzig Jahre von einem allgemeinen Trend der Inklusion überlagert, der immer größere Teile der Welt in die Verwertungslogik hineinzog. Doch dieser Trend kehrt sich im strukturellen Krisenprozeß um. Immer mehr Menschen und Regionen werden faktisch für „überflüssig“ erklärt, weil sie für die Verwertung nicht mehr benötigt werden. Wo an den Rändern des globalisierten Marktes nicht auf die ein oder andere Weise noch ein paar Brocken für sie abfallen, sind sie buchstäblich zum Tode verurteilt.

Angesichts dieser von der strukturellen Krisenlogik selbst betriebenen negativen Abschaffung des Geldes mit all ihren mörderischen Konsequenzen, stellt sich die Frage nach dessen emanzipatorischer Aufhebung als negativer Imperativ. Wenn die Menschheit sich nicht von der nun vollends selbstdestruktiven Selbstzweckbewegung des Werts in den Abgrund reißen lassen will, muss sie sich von ihr befreien. Deshalb kommt eine antikapitalistische Bewegung, die diesen Namen verdient, heute nicht mehr daran vorbei, die Aufhebung des Geldes zum Orientierungspunkt ihres Handelns zu machen.

Was aber kann das bedeuten? Ein üblicher Einwand des landläufigen Antikapitalismus gegen diese Konsequenz lautet, sie sei zu abstrakt und verleite aufgrund ihrer Absolutheit zum Attentismus, zum passiven Warten auf bessere Zeiten. Dagegen komme es darauf an, Forderungen zu formulieren, die zwar in ihrer Reichweite begrenzt, aber doch gerade deshalb greifbar, konkret und prinzipiell realisierbar seien; Forderungen, wie etwa die nach einer Regulation der Weltmarktbewegung im allgemeinen und der Finanzmärkte im besonderen. Doch die „Konkretheit“ dieser Forderungen entpuppt sich bei näherem Hinsehen als bloßer Schein, der nur deshalb blendet, weil er dem warenfetischistischen Bewusstsein ganz unmittelbar einleuchtet. Diesem ist nichts selbstverständlicher als die Existenz von Ware und Geld: was liegt da näher als die Vorstellung, es komme nur auf den politischen Willen an, was gesellschaftlich mit diesen „Mitteln“ angestellt wird? Immerhin scheint das ja in den kurzen Jahrzehnten des Fordismus zumindest in den kapitalistischen Zentren leidlich funktioniert zu haben. Warum also nicht dieses Modell ein wenig renovieren und im globalen Maßstab neu installieren? Gar nicht erst in den Sinn kommt diesem hemdsärmeligen Denken, dass die fetischistische Selbstzweckbewegung des Werts die Bedingungen für das Funktionieren nicht nur der fordistischen Regulation, sondern von Regulation überhaupt irreversibel untergraben haben könnte.

Trügerische Sicherheit

So erweist sich das scheinkonkrete Denken selber als höchst abstrakt, freilich im schlechten Sinne eines bewusstlosen Abstrahierens von der Wirklichkeit. Wo die Scheinkonkretion nicht gleich in die potenziell antisemitische Personalisierung des Abstrakten („Die Spekulanten sind schuld!“) umschlägt, verkommt sie entweder zur Simulation von Politik, zur symbolischen Ersatzhandlung oder kippt gleich offen in Affirmation um. Kein zufälliger Ausrutscher ist es, wenn der Gründer von Attac, Bernard Cassen, zu Protokoll gibt: „Niemals war Bush näher an Attac als heute“ (Die ZEIT, 18.10.2001), nur weil nach dem 11. September weltweite Finanztransaktionen schärfer kontrolliert und Steueroasen unter Beschuss genommen werden sollen und weil die US-Regierung massenhaft Geld in die Wirtschaft pumpt, um die Finanzmärkte und die Konjunktur noch einmal vor dem Absaufen zu retten. Dass dieser Börsen- und Kriegskeynesianismus fast schon zu einer emanzipatorischen Leistung geadelt wird (wie sich das mit der Opposition gegen den Krieg verträgt, bleibt Cassens Geheimnis), liegt durchaus in der Logik jeder Regulationstheorie, auch einer solchen, die differenzierter als Attac zu argumentieren vermag. Wer sich der „Konkretion“ wegen auf die Logik des warenproduzierenden Systems einläßt, betreibt heute potentiell Krisenverwaltung – und sei es als pseudo-oppositionelle Begleitmusik zum Regierungskurs.

Die Abstraktheit einer Perspektive der Aufhebung von Ware und Geld ist dagegen eine, die in der Sache liegt. Sie ist dem (vorläufigen) Fehlen einer emanzipatorischen Bewegung geschuldet, die sich diese Perspektive zu eigen macht. Denn letztlich kann sie nur in einem sich reflektierenden und lang andauernden Prozess aufhebender Praxis konkretisiert werden. Was das im einzelnen heißen kann, lässt sich nicht im strengen Sinne theoretisch voraussagen. Dennoch lassen sich qua bestimmter Negation, also durch die Kritik, Kriterien benennen, an denen sich ein solcher Prozess orientieren müsste; und es lässt sich ein Feld von Möglichkeiten umreißen, das sich in dem Maße eröffnet, wie die Zwänge des Warenfetischs aufgehoben werden.Auf den allgemeinsten Nenner gebracht, geht es um die Aufhebung der gesellschaftlichen Bewusstlosigkeit, also eines Zustandes, in dem die Menschen von ihren eigenen sozialen Beziehungen blind beherrscht werden. Das heißt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): nicht die Eroberung des Staates, sondern dessen Rücknahme in die Gesellschaft durch die umfassende Aneignung des eigenen sozialen Zusammenhangs; nicht die Installation eines neuen allgemeingültigen Mediums der Vergesellschaftung (z.B. Staatssozialismus), sondern die Entwicklung vielfältiger Formen und Institutionen einer direkten gesellschaftlichen Kommunikation; nicht die hierarchische Zurichtung der gesamten Welt nach einem formellen Prinzip, sondern Pluralität und Dezentralisierung der Lebenszusammenhänge ohne auf eine weltgesellschaftliche Kooperation zu verzichten; nicht Technisierung und Automatisierung ohne Rücksicht auf Gefahren und längerfristige Konsequenzen, sondern selektive Nutzung und Weiterentwicklung der Produktivkraftpotentiale gemäß konkreten Bedürfnissen und qualitativen Kriterien.

Gegenwehr ist möglich

Naheliegend ist die Frage, ob es in der kruden kapitalistischen Wirklichkeit überhaupt Ansatz- und Anknüpfungspunkte für eine emanzipatorische Bewegung, die sich an einer solchen Perspektive orientiert, geben kann. Auch diese Frage lässt sich nicht positiv in dem Sinne beantworten, wie wir es aus der traditionellen Linken gewohnt sind, die immer irgendein revolutionäres Subjekt und irgendeine Strategie aus dem Ärmel zaubern konnte. Ihren Bezug zur herrschenden gesellschaftlichen Wirklichkeit kann eine Kritik an Ware und Geld nur negatorisch herstellen. Aber gerade deshalb und aufgrund ihres grundsätzlichen Anspruchs ist sie sehr wohl zu einer praktischen Vermittlung in der Lage. Indem sie die Systemimperative der Warengesellschaft bedingungslos in Frage stellt, schafft sie einen Bezugsrahmen, der prinzipiell offen ist für jede Form der Gegenwehr gegen die verschärften Zumutungen des Krisenkapitalismus, die sich der Logik der Konkurrenz, des Ausschlusses und der identitären Selbstbehauptung verweigert.

Die Forderung nach bedingungslosem Schuldenerlass für die peripheren Länder ist aus dieser Perspektive genauso richtig, wie der Widerstand gegen den Abbau der öffentlichen Gesundheitsversorgung hierzulande und der Kampf der brasilianischen Landlosenbewegung um Grund und Boden – um nur drei Beispiele zu nennen. Diese Forderungen werden nicht dadurch verkehrt, dass sie sich derzeit mehrheitlich auf Begründungszusammenhänge beziehen, die selbst noch mehr oder weniger fest auf dem Boden der Warengesellschaft stehen. Diese sind zu kritisieren, ohne jedoch die Sache selbst zu verwerfen. Das erfordert Ideologiekritik ebenso wie eine fundierte, kritische Analyse der sozial-ökonomischen Verhältnisse.

Zu zeigen wäre, dass unter den Bedingungen des fundamentalen Krisenprozesses jedes scheinkonkrete, pseudo-politische Konstrukt von „Reform“ oder „Regulation“ nicht einfach nur zu kurz greift, sondern letztlich sogar eine Durchsetzung konkreter Einzelforderungen auf der Ebene der unmittelbaren Lebensverhältnisse hintertreibt; dass also selbst simple immanente Forderungen heute nur noch durchgesetzt werden können, wenn sie sich auf eine fundamentale Kritik von Ware und Geld beziehen; und dass das zivilisatorische Erbe (in einem weiten, nicht eurozentrisch beschränkten Sinne), der weltgesellschaftliche Zusammenhang und nicht zuletzt auch die selbst vom Kapitalismus hervorgebrachten Produktivkraftpotentiale nur gegen dessen eigene Destruktionsdynamik, und das heißt: durch die Aufhebung des Geldes, bewahrt und weiterentwickelt werden können. Die Weltgesellschaft der Zukunft kann nur eine sein, die das Geld nur noch als absurden, fetischistischen Spuk einer dunklen Vergangenheit kennt.

Norbert Trenkle ist Redakteur der Zeitschrift „Krisis“ (www.krisis.org).