31.12.2004  Beitrag drucken

Fan und Führer (Thesen)

Thesen zu einer Typologie des affirmativen Unwesens

Bei nachfolgendem Thesenpapier handelt es sich um ein Exzerpt eines gleichnamigen längeren Beitrags, der kurz vor seiner Fertigstellung steht und in der nächsten Ausgabe der Krisis erscheinen soll. Über Rückmeldungen, Ergänzungen, Widersprüche, Einwände und Tipps würden wir uns freuen.

hier veröffentlicht: 28. Mai 2004

Von Franz Schandl

1.

Populismus projiziert reale Anliegen auf oberflächliche Muster und Reflexe. Seine Faszination besteht geradewegs in der Einfachheit und Beschränktheit seiner Lösungen. Diese Einfachheit unterstellt stets, dass etwas hintertrieben wird, oder besser noch: dass jemand etwas hintertreibt. Es gilt nunmehr die dunklen Mächte und ihre Machenschaften zu benennen. Der Populismus urteilt vor jeder Kenntnis, in die er sich gar nicht erst versetzen will. Umgekehrt: die Unkenntnis ist der Boden, auf der der Populismus gedeihen kann. Dafür äußert es sich dann in präpotenter Überzeugtheit ausgesprochen handfest: „Wenn ich etwas zu sagen hätte“, so beginnt eine dieser standardisierten Leerformeln des Stammtischs. Der Populismus ist konsequent antikritisch. Er meint Auslieferung an die Stimmungen durch ihre Einforderung. Er ist die entschiedene Kommerzialisierung des politischen Sektors.

2.

Der Fanatiker von heute heißt Fan. Der Führerkult hat sich im Starprinzip demokratisiert, aber keineswegs aufgelöst. Die Promiparade ist der Laufsteg der Kulturindustrie. Diese ständige Idolisierung ist Ausgeburt drückend empfundener Mangelhaftigkeit und Minderwertigkeit. Die (und das Wort ist hier in seiner ganzen maskulinen Bedeutung gemeint) Verherrlichung von Stars durch Fans, die flächendeckende Idolatrie, ist eines der gängigsten Muster der Selbstmissachtung. Von Kindesbeinen an werden die Menschen auf Vorbilder ausgerichtet. Wer kein Idol hat, ist nicht.

3.

Die potenzielle Stärke des Ichs negiert sich in der Personalisierung durch ihre Außersichsetzung in ein Anderes. Der demokratische Heldenkult, das Promi-Glotzen, das Star-Verehren, das Persönlichkeiten-Anerkennen hat gerade die spürbare Nichtigkeit des Selbst zur Bedingung. Was es in sich nicht spürt, aber spüren will, projiziert es in Leitfiguren, zu denen es dann aufschauen will. Diese Fixierung ist eine fetischistische.

4.

Fanatismus, die höchste Form dieser Projektion, meint eine Bezugnahme, die außer Identität nichts zulassen will. Jedes „Aber“, jeder Einwand soll ausgeschlossen werden. Fans hängen sich an, und die Begriffe Anhänger, Anhängerschaft und Anhänglichkeit verdeutlichen das.

5.

Der Fan ist das kritiklose Unwesen. Wobei Unwesen zu verstehen ist als das sich unwesentlich machen des Anhängers: Erhöhung durch Selbstaufgabe. Fan sein meint Außer-Sich-Sein. Dieses Außer-Sich-Geraten, das Abfahren, ist das spezifische Charakteristikum des Fans. Der Fan ist süchtig, im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht um Starmania, wie ein neuer Ausdruck es unabsichtlich begreift.

6.

Es ist der „Kleinheitswahn“ (Freud), der sich in Größenwahn versetzt und sich in der Masse versteckt. Masse meint auch die Transzendierung des Minderwertigkeitsgefühls in eine Stimmung der Überwertigkeit. Masse bedeutet Erhöhung des Unerhöhten, ein Teilhaftigwerden an etwas Größerem als dem „Sich“. Im erniedrigenden und selbsterniedrigenden Gerede vom „kleinen Mann“ steckt schon dieser Keim des Größenwahns, der in der Masse sein Betätigungsfeld sucht. Die Masse ist die Ansammlung der Schwachen, die keine Schwäche dulden.

7.

Das Ich ist noch kein Für-Sich, sondern ein An-Sich, organischer Reflektor gesellschaftlicher Konstellationen. Seine wichtigste Rolle ist die des Konkurrenten, die Behauptung am Markt. Es muss sich nach den ungeschriebenen Geboten seiner Verwertung richten: verrichten, anrichten, herrichten, hinrichten, abrichten, nachrichten, unterrichten.

8.

Das uns bekannte Ich ist das doppelt durchgestrichene. Einmal durch die objektiven Zwänge, und das andere Mal durch die subjektiven Fügungen. Dieses Ich gibt es nur als Ich. Ich meint das, was der Einzelne durchstreicht. Wo das Ich, obwohl ideologisch so überhöht und angebetet, tatsächlich aber so vernachlässigt wird wie in der bürgerlichen Gesellschaft, ist der Abschied vom Ich eigentlich naheliegend, auch wenn er sich partout nicht als solcher verstehen will. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich die egomanische Ichversessenheit als krude Ichvergessenheit.

9.

Der Unmut der Durchflexibilisierten, ihre Haltlosigkeit schreit nach einem festen Halt. Führung verspricht, den Haltlosen Halt zu geben. Auch wenn dieser nur simuliert ist, ergriffen wird er. Der Haltlose will gar nicht verstehen. Er will zugehörig sein. Er will gehörig sein. Er will hörig sein. Er will treu sein. Er will. Einen Führer brauchen jene, die sich nicht auskennen, aber genau wissen, wo es lang geht.

10.

Führer wie Star berauschen sich an der Masse, ohne die sie nichts wären. Sie schöpfen Kraft aus dem, was umgekehrt aus ihnen Kraft schöpft. „Ich bin, weil du bist“ ist das sinnliche Einmaleins von Fan und Führer. Es ist ihre Gewissheit. Beiderseits. Sie sind durch Angewiesenheit miteinander verbunden. Lust auf Führung korrespondiert mit der weitverbreiteten Lust auf Gefolgschaft. Ja beide sind eigentlich eins, das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

11.

Der Führer hat freilich nur die Führung übernommen und inne. Des Weges zu ziehen ist seine unbedingte Aufgabe, die ihm oft Lust, manchmal auch Last ist. Er steht auf jeden Fall unter Erfolgsdruck, was meint Wachstumsdruck. Er folgt dem komparativen Zwang. Die Masse will sich vermehren. Sie will akkumulieren. Ökonomisch ausgedrückt: Die Verwertung der Masse ist ihre permanente Massierung.

12.

Wir merken uns, was wir uns merken sollen, aber wir bemerken nicht, was wir uns da zu merken haben. Unaufmerksame Aufmerksamkeiten konditionieren Menschen wider Willen und Bewusstsein. Es zieht in sie, also in uns, ein, ohne je nach dem Einlass zu bitten. Wir wissen gar viel, aber wir wissen wenig über Struktur, Absicht und Hinterlist des Merkbaren. Wir stellen uns vorab keine Fragen, auf die die Matrix keine Antwort gibt, ja umgekehrt, deren Antworten sind unsere Fragen gewesen, egal ob wir sie gestellt haben oder ob sie bloß mitgeliefert wurden. Wir sind nicht nur unserer Antworten enteignet, sondern auch der Fragen. Was wir uns zu fragen haben, werden wir nicht gefragt.

13.

Das bürgerliche Subjekt, das automatische, wird hergestellt und reproduziert in Fabriken und Büros, auf Märkten und in Schulen, durch Medien und Freizeit. Wobei die Kulturindustrie die allermeisten Räume (Orte wie Zeiten) des Lebens bereits erobert hat, und wo nicht direkt, so doch indirekt. Der Einzug etwa des Fernsehers nicht nur in die Wohn- und Kinderzimmer, sondern insbesondere auch in die Schlafzimmer erwachsener Personen ist von geradezu „epochaler“ Bedeutung. Schon von Kindesbeinen werden wir trainiert. Eingefordert wird nichts als willige Angeschlossenheit, eine, die sich als Aufgeschlossenheit halluziniert. In der Sprache der Werbung heißt das: „Ich habe den Anschluss nicht verpasst!“ Den Anschluss nicht zu verpassen ist Gebot der Stunde. Nicht die Distanz von der rasenden Läufigkeit der Welt wird eingefordert, sondern die unhinterfragte Anpassung.

14.

Ganz reibungslos kann diese Formatierung nicht ablaufen. Das Publikum ist zwar indoktriniert, aber es wird auch zusehends indifferenter und inaktiver auf allen Ebenen. Die Mobilisierung wird nicht leichter, sondern im Gegenteil schwieriger. Die augenblickliche Identifikation mag intensiv und bedingungslos sein, aber zumeist ist sie oberflächlicher Natur, sie ist mehr ein kurzes Verlieren, ein Black-Out, keine allzu lange Narkose. Es ist so auch nicht verwunderlich, dass Einzelne nicht nur in zeitlichen Abständen auf Unterschiedlichstes abfahren können, nein auch parallel laufen hier in ein und derselben Person die unterschiedlichsten, ja sich selbst widersprechendsten Identifikationsprogramme ab. Das Subjekt ist fragmentiert, ein oft multiples und brüchiges Wesen, wo eins das andere in sich nicht nur nicht erkennt, sondern nicht einmal kennt.

15.

Fans als Masse betrachtet, gibt es der Form nach in zwei Aggregaten, als Herde und als Horde. Horde meint nichts anderes als die Herde, die ins Rasen geraten ist. Panik zeichnet sie aus, unabhängig davon, ob sie diese verbreitet oder ob sie selbst in diese geschlittert ist. Von der Herde zur Horde ist es oft bloß ein kleiner Schritt.

16.

Die Masse ist der Feind des Individuums. Sie ist eine Zwangsgruppe von Zwänglern. Nicht Masse gegen Masse steht daher an, sondern Destruktion der Masse. In ihr ist der Mensch stets „Dividuum“ (Anders), Herdentier, Hordenvieh, Untertan, Subjekt, Objekt, auf jeden Fall ein Nicht-Sich-Selbst-Seiender, sondern ein von Fetischen gesteuertes Unwesen. Masse macht dumm. Es ist nicht einzusehen, warum Menschen sich massieren, d.h. fest gruppieren sollen.

17.

Der Fan ist der Affirmatiker par excellence, dessen Idealtypus. In ihm wird der zaghafte, ja verzagte Verteidiger (seiner selbst) zum Stürmer (gegen die anderen). Der Erniedrigte erhöht sich, indem er andere zu erniedrigen versucht oder, denken wir an unseren Fall: niedermachen läßt. Das Opfer schreit nach Opfern.

18.

Diese Leidenschaft will im wahrsten Sinne des Wortes Leiden schaffen, nicht abschaffen. Es handelt sich dabei sowohl um masochistische als auch sadistische Bedürfnisse. Dort, wo das Leben ein permanenter Opfergang sein soll, wird dieses Leid gar nicht mehr als solches wahrgenommen. Positiv denken meint unter anderem auch, das eigene Leid und das der anderen nicht mehr beklagen zu dürfen, ja beklagen zu können. Nackt betrachtet ist das bürgerliche Konkurrenzsubjekt der verängstigte Angstmacher, der verletzte Verletzer, der verhetzte Verhetzer.

19.

Das banale „Lasst uns einfach aufhören mit dem Opfern!“ kann jedoch nicht kommen in einer Gesellschaft, die den Zwang zum Opfern internalisiert und ritualisiert hat. Das Opfer erscheint den heutigen Gesellschaftsgliedern als Bedingung ihres existenziellen Daseins, und das ist es auch, aber eben nicht als existenzielle Grundlage, sondern nur betreffend eine spezifische Form, in der wir uns bewegen. Es ist also demokratisch betrachtet keine Untugend, die sich hier breit macht, sondern eine Verpflichtung gegenüber der Form. Emanzipatorisches Ziel ist es, nicht nur nicht Opfer sein zu wollen, sondern das Opfern überhaupt zu überwinden.