31.12.2004  Beitrag drucken

Tabula rasa.

Aufklärung ist kein Versprechen, sondern eine Drohung: Mit „Blutige Vernunft“ will Robert Kurz den „geistigen Gesamtmüll des Abendlandes“ entsorgen

erschienen in: junge Welt vom 6.12.2004

von Ernst Lohoff

Die Erwartung, der Endsieg des Westens würde eine Epoche allgemeinen Wohlstands und Friedens einleiten, blieb unerfüllt. Stattdessen begann mit dem Übergang zum entgrenzten Kapitalismus ein Zeitalter entfesselter Gewalt, beschleunigter sozialer Verelendung, ökonomischer Verwerfungen und ökologischer Katastrophen. Das Scheitern des großen marktwirtschaftlichen Heilsversprechens hat eine ideologische Geistertanzbewegung ausgelöst. Quer durch die politischen Lager werden die „universellen westlichen Werte“ beschworen. In den Stürmen der hereinbrechenden Krisenepoche soll die Wiederentdeckung der Ideen der Aufklärung und insbesondere des Kantschen Pflichtdenkens für Orientierung und Rettung sorgen. Gegen diese Entwicklung macht Robert Kurz Front – in seinen unter dem Titel „Blutige Vernunft“ kürzlich vom Horlemann-Verlag republizierten Abschiedsaufsätzen aus der wertkritischen Zeitschrift Krisis. Die vermeintliche Lösung gilt ihm als die Wurzel des Desasters: „Der Mob des 21. Jahrhunderts“ … „ist die zu sich gekommene Aufklärung selber.“ „Ihrer Natur nach“ … „war die Aufklärungsphilosophie“ … „kein Versprechen, sondern in Wahrheit eine Drohung“.

400 Jahre Modernisierung

Unter Aufklärung verstehen die Lexika eine eng umschriebene philosophische Strömung, die im 17. Jahrhundert aufkam und mit dem Tod Kants vor 200 Jahren ihren Abschluß fand. Robert Kurz faßt diesen Begriff viel weiter. Unter die Rubrik Aufklärung fallen bei ihm nicht nur sämtliche Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich positiv auf das Erbe von Kant und Co. bezogen; selbst die expliziten Gegner der Aufklärungsphilosophie, von der Romantik über Nietzsche bis zu den Naziideologen, ordnet Kurz der Gesamtbewegung Aufklärung zu. Damit aber nicht genug. Der Autor behandelt die Aufklärung keineswegs als ein bloß geistesgeschichtliches, sondern zugleich als ein realgeschichtliches Phänomen. Aufklärung wird zum Synonym für die letzten 400 Jahre Modernisierungsgeschichte.

Die erste mit der Verwandlung der Aufklärung in einen Epochenbegriff einhergehende Grenzüberschreitung ist für radikale Gesellschaftskritik unabdingbar. Ohne den Angriff auf die gemeinsamen Grundlagen der feindlichen Brüder Aufklärung und Gegenaufklärung läßt sich in der Krisenepoche in der Tat keine emanzipative Perspektive mehr formulieren. Sie kann nur noch jenseits dieser beiden Scheinalternativen liegen. So steht etwa der rassistische Ausschluß, wie Kurz, eigene Texte und die anderer Krisis-Autoren resümierend, feststellt, keineswegs im Gegensatz zu den Ideen der Aufklärung. Als eine Art Kleingedrucktes ist er den allgemeinen Prinzipien Arbeit und Vernunft selber eingeschrieben. Überzeugend, weil systematisch, arbeitet Kurz vor allem die Verschränkung von universalistischer Aufklärungskritik und der Abwertung des „Weiblichen“ heraus. In dieser Hinsicht markiert die „Blutige Vernunft“ gegenüber früheren Kurz-Texten, in denen die Auseinandersetzung mit dem strukturellen Sexismus der Warengesellschaft eher noch den Status eines lila Ringelschwänzchens hatte, einen entscheidenden Erkenntnisgewinn.

Als realgeschichtlicher Prozeß umfaßt die Aufklärung für Kurz die gesamte Konstitutions- und Durchsetzungsgeschichte der modernen Subjektform. Eigentlich impliziert bereits die Verwendung des Begriffs Subjektform die Existenz von bestimmten Bewusstseins- und Gefühlsinhalten, die nicht in dieser Form aufgehen müssen und in Konflikt mit ihr geraten können. Aus radikal kritischer Perspektive kann schwerlich von der Subjektform als der dominanten sozialen Beziehungsform gesprochen werden, ohne dieses potentielle Spannungsverhältnis von Form und Inhalt auch auf dieser Ebene mitzudenken.

Ding der Unmöglichkeit

Um dieses Problem jedoch schlägt die „Blutige Vernunft“ einen großen Bogen. Bei seinem Versuch, „Tabula rasa“ mit der Aufklärung zu machen, wischt Kurz alles mit vom Tisch, was Widerstand gegen den Subjektform-Terror denkmöglich machen könnte. Proklamierende Sätze wie „die Epoche der Aufklärung geht nicht in der Aufklärung auf“ ändern daran wenig. Kurz geht mit diesem Gütezeichen nämlich nicht nur sehr sparsam um; entgegen der ansonsten praktizierten Ausdehnung des Aufklärungsbegriffs auf den Realprozeß verleiht er es überhaupt ausschließlich Theorieprodukten. Die Kritische Theorie und nicht näher bestimmte feministische Ansätze will Kurz bei der Entsorgung des „geistigen Gesamtmülls des Abendlandes“ partiell ausgespart wissen. Kein Moment sozialer Praxis scheint eine vergleichbare Ehre zu verdienen.

Auf zwei Wegen kaschiert Kurz dieses zentrale Problem. Zunächst nutzt er die Tatsache, daß sich die Frage nach der Spannung zwischen gesellschaftlicher Form und ihrem Inhalt auch mit zweifelhaften Vorzeichen stellen läßt. Kurz nimmt solange alle ihm denkmöglich erscheinenden falschen oder inkonsequenten Antworten auseinander, bis er die Frage erfolgreich unter seinen Antikritiken verschüttet hat. Dann präsentiert er dem Leser eine Ersatzantwort, die kaum inhaltsleerer und abstrakter sein könnte: „Das Leiden“ soll der „konkrete Ausgangspunkt“ von radikaler Gesellschaftskritik und aufhebender Praxis sein. Dummerweise kann Leid in seiner völligen Bestimmungslosigkeit aber zum Ausgangspunkt von allem Möglichen werden. Selbstzerstörung und Pogrom liegen als Reaktionsbildungen allemal mindestens genauso nah wie der Übergang zu bewußtem Widerstand. Radikale Aufklärungskritik endet in der „Blutigen Vernunft“ im leeren existentiellen Gestus.

Robert Kurz: Blutige Vernunft – Essays zur emanzipatorischen Kritik der kapitalistischen Moderne und ihrer westlichen Werte, Horlemann, Bad Honnef 2004, 129 S., 12,90 Euro