RSS - wie funktioniert das? News mit RSS abonnieren

krisis

Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft

07.11.2008 Beitrag drucken

Kapitalismus tötet

Andreas Exner

Zwischen 2007 und 2008 wurden Nahrungsmittel global gesehen um 52 Prozent teurer. Laut FAO vergrößerten 2007 deshalb 75 Millionen Menschen das Heer der Hungernden. Weltweit sind damit schätzungsweise 923 Millionen Menschen mangelhaft ernährt.

Die Ursachen scheinen auf den ersten Blick recht unterschiedlich. Ungünstige Wetterverhältnisse zwischen 2005 und 2007 verringerten die Ernten der globalen Hauptproduktionsgebiete. Zugleich verdoppelten sich im letzten Jahr die Düngerpreise. Und auch die Preise der fossilen Treibstoffe erreichten ungeahnte Höhen. Parallel dazu wuchs die Nachfrage nach Agrotreibstoff. Zwischen 2000 und 2007 verdreifachte sich laut FAO die Produktion von Agrosprit, der gegenwärtig 2 Prozent des weltweiten Treibstoffbedarfs des Transports abdeckt. Die Spekulation mit Nahrungsmitteln verstärkte den Aufwärtstrend der Preise noch.

Seit Jahresmitte sind die Preise bei Mais, Weizen und Reis um 60 bis 40 Prozent gefallen. Doch die weltweite Hungerkrise droht sich erneut zu verschärfen, warnen UNO und FAO. Diesmal auf noch höherem Niveau. Denn die Finanzkrise hat inzwischen den Agrarmarkt erreicht. Bauern und Agrounternehmen steht weniger Kredit zur Verfügung, um Düngemittel zu finanzieren. Bei fallenden Preisen für Agrarprodukte sinkt zudem der kapitalistische Produktionsanreiz. Umso mehr, als hohe Treibstoff- und Düngerpreise die Profitabilität der Agrarproduktion zusätzlich reduzieren. Wird weniger gepflanzt, so fällt die Ernte geringer aus.

Ziehen die Agrarpreise wieder an, so trifft das Länder, die Nahrungsmittel importieren müssen, nun mit doppelter Gewalt. Sie können auf den krisengeschüttelten Finanzmärkten nur schwer Geld dafür locker machen. Dabei stiegen die weltweiten Importe von Nahrungsmitteln heuer zum ersten Mal auf über 1 Billion US-Dollar, 23 Prozent mehr als letztes Jahr und 64 Prozent mehr als 2006. Entwicklungsländer werden dieses Jahr um 35 Prozent mehr Geld für Nahrungsmittelimporte ausgeben als 2007. Die Konsequenz dieser Entwicklung liegt auf der Hand. Künftig wird weniger importiert und der Hunger nimmt weiter zu. Selbst wenn die Agrarpreise während der Erntesaison 2009 und 2010 nicht wie befürchtet steigen, werden Menschen massenhaft verhungern, weil ihnen das Grundnahrungsmittel des Kapitalismus fehlt: Kapital.

Immer brutaler verletzen die Auswirkungen dieses sinnlosen Systems die Grenzen des Erträglichen. Immer mehr Menschen sterben, weil das Kapital Zugang zu Lebensnotwendigem nur gegen Bares erlaubt. Und weil es unsere Umwelt lebensfeindlich macht. So sind die schlechten Ernten der letzten Jahre wahrscheinlich bereits als eine Folge des vom Kapitalismus verursachten Klimawandels zu begreifen. Der Anstieg bei den Treibstoffpreisen wiederum kündigt den Peak Oil, das Fördermaximum beim Erdöl an, das bereits eingetreten oder in den nächsten Jahren zu erwarten ist – Konsequenz des enormen Hungers nach fossilen Stoffen, dem das Kapital alles opfert.

Agrosprit soll nun beide Probleme lösen: erstens den Klimawandel bremsen, zweitens die Erdölabhängigkeit verringern. Wie sich jetzt allerdings mit Gewissheit zeigt, verdrängt der Umstieg auf Sprit aus Biomasse den Anbau von Nahrungsmitteln. Und NGOs wie Biofuelwatch argumentieren, dass der Biomasseanbau für Agrosprit den Klimawandel sogar verstärkt. Der Preisanstieg beim Stickstoffdünger schließlich spiegelt nicht zuletzt die Teuerung bei Erdgas, das man bei dessen Produktion benötigt.

Nicht nur Nahrungsmittel, Energie und Düngemittel verteuerten sich in den letzten Jahren. Auch Metalle legten preislich kräftig zu. Schon vor der Finanzkrise übten steigende Rohstoff- und Energiepreise spürbar Druck auf die Profitrate aus. Sie hätten das kapitalistische Wachstum selbst ohne den Zusammenbruch der weltweiten Immobilienblase stark geschwächt. Der Kapitalismus stößt also Schritt für Schritt an seine materiellen Schranken. Indem er seine Basisstoffe erschöpft, entzieht er sich selbst immer mehr die stoffliche Produktionsgrundlage. Ökologische und ökonomische Grenzen werden zusehends deckungsgleich.

Die aktuelle Hungerkrise freilich zeigt in grellem Licht, was es bedeutet, wenn eine Alternative ausbleibt. So geht der globale Norden buchstäblich über Leichen, indem er sich an den Fetisch Auto klammert, den Klimaschutz zur Polit-Show deklariert und Kriege um Ressourcen führt. Das ist aber nur die zerstörerische Seite. Jenseits von Ignoranz und Unbewusstheit steht ein wachsendes Bedürfnis nach Befreiung. Darin leuchtet ein klarer Gedanke auf, den inzwischen eine Vielzahl von Ansätzen reflektiert: Wir müssen eine grundsätzlich neue Art der Produktion entwickeln. Es geht um eine solidarische Ökonomie, die Kostendeckung und Profitorientierung abschafft und konkrete Versorgungsziele an ihre Stelle setzt.

Das ist die erweiterte Einleitung zur kommenden Nummer der Contraste – Monatszeitung für Selbstorganisation. Darin haben wir den Schwerpunkt “Ressourcenkrise” gestaltet. Mit Artikeln zu Transition Towns, Peak Oil, den Grenzen der Erneuerbaren, Fülle und Verzicht sowie zur Perspektive Globaler Dörfer. Unsere Empfehlung: abonnieren, lesen.

Literaturtip: Exner, Lauk & Kulterer: “Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern” (Ueberreuter, 2008)