03.05.2014 

Care, Cash und Crash

Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsform werden Care-Tätigkeiten niemals eine angemessene Wertschätzung erfahren.

von Peter Samol

Dieser Text erschien zuerst in der jungle world vom 24.04.2014

Im März fand die erste »Aktionskonferenz Care Revolution« statt. Die Teilnehmer waren vor allem Menschen, die in ganz verschiedenen Bereichen mit der Sorge (engl.: care) für andere Menschen betraut sind. Ihre Tätigkeitsfelder erstrecken sich von unentgeltlicher Hausarbeit über bezahlte Pflege bis hin zur Arbeit im Erziehungsbereich. Der wichtigste Befund der Konferenz besteht in der Feststellung, dass Care fast überall unter massivem Zeit- und Kostendruck steht. Und das, obwohl sie eine wesentliche Bedingung der menschlichen Existenz ist. Wo sie als Erwerbsarbeit geleistet wird, macht sich dieser Druck in Form von Personaleinsparungen, Arbeitshetze, Zeitknappheit und häufig auch miserabler Bezahlung bemerkbar. Zwar wird der Löwenanteil der Sorgetätigkeiten, zum Beispiel Kindererziehung, sowieso unbezahlt im privaten Bereich verrichtet, aber hier herrscht wegen der fehlenden Bezahlung umso stärkerer zeitlicher und finanzieller Druck.

Im unbezahlten wie auch im bezahlten Bereich ist Care nahezu ausschließlich Frauensache. In der im Internet veröffentlichten Resolution der Aktionskonferenz wird nicht näher erläutert, warum das so ist. Weiterhelfen kann hier ein Blick in die Veröffentlichungen der wertabspaltungskritischen Theoretikerin Roswitha Scholz. Demnach fand im Zuge der historischen Entwicklung des Kapitalismus einerseits die Ausprägung einer männlich konnotierten öffentlichen Sphäre statt, in der unter anderem auch die »Arbeit« angesiedelt ist. Andererseits wurde zugleich die private Sphäre ausgebildet, in welcher Familie, Fürsorge, Sexualität etc. ihren festen Platz bekamen. Je stärker beide im Laufe der Zeit voneinander geschieden wurden, desto eindeutiger bildeten sich zugleich die Geschlechtsdifferenzen heraus, die uns heute als »natürlich« erscheinen. Den Frauen wurden dabei auch innerpsychische Momente wie etwa Fürsorglichkeit, Einfühlsamkeit und Sensibilität zugeschrieben. Im allgemeinen Konkurrenzkampf sind diese Eigenschaften für ihre Träger von Nachteil, zugleich sind sie aber für die Reproduktion der Menschheit unverzichtbar. Schließlich kann keine Gesellschaft auf Dauer existieren, ohne dass in ihr Kinder einfühlsam betreut werden bzw. ohne dass generell auch außerhalb von Geschäfts- und Arbeitsbeziehungen fürsorglich mit Menschen umgegangen wird. Aus diesem Grunde wird der allgemeine Konkurrenzkampf vorwiegend von Männern beherrscht, während für Sorgetätigkeiten vor allem Frauen zuständig sind.

Die Stoßrichtung der sogenannten Care-Revolution geht nun dahin, Sorgetätigkeiten – bezahlte wie unbezahlte – aufzuwerten. Aber anders als beispielsweise die auf dem Feld der Care-Ökonomie sehr umtriebige Schweizer Ökonomin Mascha Madörin, die alle Sorgetätigkeiten zu vollwertiger »Arbeit« im kapitalistischen Sinne aufwerten möchte, fordern die Care-Revolutionäre ganz im Gegenteil, die Ökonomisierung der Sorgetätigkeiten zu stoppen. Daran tun sie gut, denn Madörins Vorschlag kann schon deshalb nicht funktionieren, weil bei Care-Tätigkeiten nur ein geringes Potenzial an kapitalistischer Verwertbarkeit vorhanden ist. Denn nur Tätigkeiten, mit denen sich Geld erwirtschaften lässt, werden im Kapitalismus in den Status der »Arbeit« erhoben. Bei den meisten Sorgearbeiten ist das nicht der Fall. Sofern sie bezahlt werden, sind sie meist durch staatliche Institutionen wie etwa Krankenkassen finanziert. In diesem Fall findet aber keine kapitalistische Wertschöpfung, sondern nur eine Weitergabe von Geld statt, das anderswo produktiv erwirtschaftet wurde. Das zeigt sich vor allem dann, wenn die öffentliche Daseinsfürsorge in Krisenzeiten zurückgebaut wird, wie derzeit besonders drastisch in Griechenland zu beobachten ist. Sofern Care-Tätigkeiten doch einmal zu gewinnträchtigen Geschäftsfeldern gemacht werden können, ändert sich dadurch ihr Charakter: Sie werden zu Privatkonsum, der bezahlt werden muss. Dadurch wird fehlendes Geld zum unüberwindlichen Hindernis. Nun gelten aber die meisten Sorgetätigkeiten naturgemäß jungen, alten oder kranken Menschen, also gerade jenen, die eher nicht über genügend Geld verfügen, wie bereits die marxistische Feministin Frigga Haug vor einem Vierteljahrhundert feststellte. Dieser Umstand setzt der ökonomischen Verwertbarkeit von Care-Tätigkeiten sehr enge Grenzen.

Weit entfernt von der Forderung nach einer Ökonomisierung fordern die Care-Revolutionäre vielmehr eine zeitliche und materielle Absicherung für Menschen, die Sorgetätigkeiten verrichten. Hierzu »sollen neue Modelle sozialer Infrastrukturen entwickelt werden, in denen der gesellschaftliche Reichtum so eingesetzt werden soll, dass auch die Sorgetätigkeiten entsprechend berücksichtigt, gewürdigt und ermöglicht werden sollen«, wie es in der Resolution heißt. Dabei bleibt offen, inwiefern Staat und Wirtschaft hierzu herangezogen werden sollen. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern eine krisenkapitalistische Gesellschaft wie die unsere überhaupt noch in der Lage ist, entsprechende Mittel bereitzustellen. Ziel der kapitalistischen Produktion ist bekanntlich einzig und allein die Vermehrung von Kapital; produziert wird nur, wenn Profit zu erwarten ist. Das ist das Kerngeschehen der gegenwärtigen Gesellschaftsform. Sobald dieses ins Stocken gerät, steht zuerst alles andere zur Disposition und wird notfalls geopfert, um die Kapitalverwertung wieder in Gang zu bringen. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Dauerkrise ist kaum zu erwarten, dass ausreichend Mittel für einen Bereich bereitgestellt werden, der nach der Systemlogik schlichtweg »unproduktiv« ist.

Es ist auch keine Besserung in Sicht. Die digitale Revolution vernichtet Jobs schneller, als sie neue schafft, wie zum Beispiel Andrew MacAfee, Direktor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), im April vergangenen Jahres feststellte. Seit Jahrzehnten nimmt der Umfang aller geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland ab, und das vielgelobte Jobwunder beruht vor allem auf Jobzuwächsen im prekären Bereich. Kürzlich stellte das hauseigene Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit, das Institut für Arbeit und Beschäftigungsforschung (IAB), fest, dass die Zahl der Vollzeitstellen seit 1991 um 17 Prozent zurückgegangen ist. Bei einer sinkenden Beschäftigtenzahl droht jedoch ein Einbruch des Warenabsatzes. Um ihre Produkte angesichts dieser Lage billig und konkurrenzfähig zu halten, reagieren die Unternehmen darauf mit weiteren Personaleinsparungen bei gleichzeitiger Erhöhung der Arbeitsintensität für das verbliebene Personal. Daher resultieren aus Produktivitätssteigerungen nicht Arbeitszeitverkürzung und Umverteilung der Arbeit, sondern steigende Arbeitshetze für die einen und Erwerbslosigkeit oder Prekarität für die anderen. Im Zuge dieser Entwicklung geraten auch Care-Tätigkeiten unter Druck. In diesem Zusammenhang liegt Hannah Wettig mit ihrer im Rahmen dieser Disko-Reihe aufgestellten Diagnose (Jungle World 13/2014) falsch, wonach der Sexismus vor allem auf die religiösen und kulturellen Bestrebungen verängstigter Männer (und zum Teil auch Frauen) zurückzuführen ist, die angesichts der Verunsicherung durch den entfesselten weltweiten Kapitalismus Sicherheit im Althergebrachten suchen. Die Verunsicherung findet ja nicht nur auf der Ebene der subjektiven Orientierung statt, vielmehr bringt die ökonomische Entwicklung für Millionen von Menschen reale Verschlechterungen und Bedrohungen ihrer Existenz mit sich. Wenn die Integration durch Arbeit immer weniger funktioniert und der Sozialstaat sich auf dem Rückzug befindet, sind es im Zweifelsfall immer die Frauen, die wieder auf die Care-Arbeit in den Familien zurückgeworfen werden.

Alles in allem ist im Rahmen der Systemlogik kaum zu erwarten, dass Umverteilungen zugunsten von Care-Tätigkeiten stattfinden. Die Ausgliederung und Herbwürdigung der Sorgetätigkeiten ist eine strukturelle Eigentümlichkeit der kapitalistischen Vergesellschaftungsform, die sich nur gemeinsam mit dieser überwinden lässt.