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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Massenausfall</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 06:00:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle; Entwertung;]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie der Kapitalismus an seiner eigenen Produktivität erstickt Norbert Trenkle Die Entfesselung der Finanzmärkte wird als der schlechthinnige Sündenfall gebrandmarkt, der die aktuelle Krise ausgelöst haben soll. Wurde in der Diskussion über die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ in den 1970er und 1980er Jahren noch der durchschlagende Effekt der Produktivkraftentwicklung thematisiert und darüber nachgedacht, wie die neuen [...]]]></description>
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</span></p>
<h3>Wie der Kapitalismus an seiner eigenen Produktivität erstickt</h3>
<p>Norbert Trenkle</p>
<p>Die Entfesselung der Finanzmärkte wird als der schlechthinnige Sündenfall gebrandmarkt, der die aktuelle Krise ausgelöst haben soll. Wurde in der Diskussion über die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ in den 1970er und 1980er Jahren noch der durchschlagende Effekt der Produktivkraftentwicklung thematisiert und darüber nachgedacht, wie die neuen Reichtumspotentiale vor allem durch Arbeitszeitverkürzung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Gesellschaft genutzt werden könnten, so verschob sich seit den 1990er Jahren der Fokus immer mehr hin zu einer verkürzten „Kapitalismuskritik“, die sich darauf fixierte, das Problem sei das „Überwuchern“ der Finanzmärkte.<br />
Keinesfalls jedoch ist die „übertriebene“ Spekulation die Ursache für die ökonomischen und sozialen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte, und sie trägt auch nicht die Schuld an dem aktuellen Krisenschub, der immer bedrohlichere Dimensionen annimmt.<span id="more-4766"></span><br />
 Gerade umgekehrt gilt: Ohne die massenhafte Kapitalisierung von Zukunftserwartungen hätten die gewaltigen Rationalisierungseffekte der dritten industriellen Revolution bereits in den 1980er Jahren eine unaufhaltsame Spirale massenhafter Entwertung in Gang gesetzt, und das warenproduzierende System wäre zunehmend an sich selbst erstickt. Die Entfesselung von Spekulation und Kredit verhinderte dies zunächst, weil sie neue Anlagemöglichkeiten für Kapital schuf, die in den Kernsektoren der Verwertung aufgrund der beschleunigten Verdrängung lebendiger Arbeitskraft nicht mehr gegeben waren. Doch das Verdrängte kehrt nun mit vervielfachter Gewalt zurück.</p>
<h4>Wie die Produktivitätsrevolution unsichtbar gemacht wird</h4>
<p>In den 1980er Jahren galt es noch allgemein als ausgemacht, dass die breitflächige Anwendung der IuK-Technologien zu einer massenhaften „Freisetzung“ von Arbeitskraft führen würde und deshalb, wie es damals hieß, „der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht“. Diese Einschätzung ist jedoch in dem Maße zurückgenommen worden, wie die dritte industrielle Revolution voranschritt und ihre einschneidenden Auswirkungen den anfänglichen Schrecken verloren, während gleichzeitig die Aufblähung des fiktiven Kapitals nicht nur die Krise der Kapitalverwertung überdeckte, sondern auch zur Schaffung neuer Jobs führte. Nun lag freilich der Schwerpunkt der neu geschaffenen Arbeitsplätze keinesfalls in der Industrieproduktion, sondern im sogenannten Dienstleistungssektor, der allenthalben als der große Hoffnungsträger gehandelt wurde. Schon seit den 1970er Jahren galt es als ausgemacht, dass sich die moderne Gesellschaft von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft wandeln werde. Und in der Tat schienen sich, gemessen an der quantitativen Verschiebung zwischen den Beschäftigungssektoren, diese Prognosen auch zu bestätigen. In allen kapitalistischen Kernländern ist seit den 1970er Jahren die Beschäftigung im primären und sekundären Sektor massiv zurückgegangen, während der Dienstleistungssektor einen gewaltigen Zuwachs an Arbeitsplätzen erlebt hat. So ist in den G7-Staaten der Anteil des tertiären Sektors von 62 Prozent im Jahr 1984 auf 74 Prozent in 2007 angewachsen. In den USA waren es im Jahr 2007 sogar 79 Prozent (OECD 2008, S. 38 f.).<br />
Dieser empirische Befund darf jedoch nicht zu der Annahme verleiten, dass damit auch die Abschmelzung der Arbeits- und Wertsubstanz gestoppt worden wäre. Denn entscheidend für die Verwertung des Werts ist ja nicht, dass überhaupt gearbeitet wird, sondern dass diese Arbeit einen Wert und einen Mehrwert „produziert“, der abgeschöpft werden kann. Das ist aber nur dort der Fall, wo Arbeitskraft in der Produktion von Waren im Dienste eines Kapitals vernutzt wird – und genau das trifft für einen Großteil der im Dienstleistungssektor verausgabten Arbeit gerade nicht zu.<br />
Die durchgreifenden Effekte der dritten industriellen Revolution sind aber nicht nur mit Blick auf das scheinbare „Jobwunder“ im tertiären Sektor geleugnet worden. Teilweise ist auch ganz grundsätzlich in Frage gestellt worden, dass sie überhaupt einen nennenswerten Sprung in der Produktivitätsentwicklung bewirkt habe. (So etwa auch Exner 2009.) Am weitesten ging die These vom sogenannten Produktivitätsparadoxon der IT, die zuerst von dem US-Ökonomen Robert M. Solow im Jahr 1987 aufgebracht und vor allem in den 1990er Jahren heftig diskutiert wurde. (Vgl. im Überblick Piller 1998.) Ihr zufolge soll die Einführung der Informationstechnologien überhaupt keine signifikanten Produktivitätssteigerungen zur Folge gehabt oder die Produktivitätsentwicklung sogar gebremst haben. „You can see computing everywhere but in the productivity statistics“, so Solows drastische Formulierung (Solow 1987). Die empirische Beweisführung für diese These war jedoch selbst nach den gängigen statistischen Standards immer schon mehr als fragwürdig und ist daher auch vielfach kritisiert worden; mittlerweile gilt sie als widerlegt (Arens 2004, S. 252).<br />
Im Wesentlichen operierten die Vertreter der Produktivitätsparadoxon-These mit hochaggregierten Zahlen der volkswirtschaftlichen Statistik, die alle Sektoren zusammenfassten und schon allein aus diesem Grund für eine Analyse des behaupteten Kausalzusammenhangs völlig ungeeignet sind. So argumentierte Solow, dass die IT-Investitionen in den USA seit den frühen 1960er Jahren zwar exponentiell zugenommen hätten, bei der gesamtwirtschaftlichen Produktivität jedoch keine signifikante Veränderung feststellbar sei. Unter die Kategorie „IT-Investitionen“ subsumierte er dabei im Prinzip aber alle irgendwie gearteten Ausgaben für die Computertechnologie im weitesten Sinne, ganz egal, welche Anwendungen sich dahinter verbargen. Teilweise wurden sogar die Gesamtverkaufszahlen von Computern als Indikator für den IT-Einsatz herangezogen, ohne auch nur privaten Konsum und Investitionen auseinanderzuhalten (Brödner/Rolf 2005). Es ist klar, dass die Umstrukturierungen im Produktionsprozess sich damit nicht einmal annäherungsweise erfassen lassen, sondern im Gegenteil statistisch unsichtbar gemacht werden. Soweit Solow und seine Anhänger überhaupt zwischen volkswirtschaftlichen Sektoren unterschieden, mussten sie zwar zugeben, dass die Produktivitätsentwicklung in der Industrieproduktion deutliche Steigerungen aufwies, doch galt ihnen das als nicht sehr bedeutsam, weil dieser Sektor vor allem in den USA einen nur geringen Anteil der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung repräsentiere. Im Mittelpunkt der Argumentation stand daher der Dienstleistungssektor, dessen (der statistischen Messung zufolge) äußerst schwache Produktivitätsentwicklung als Beleg für das Produktivitätsparadoxon galt.<br />
Nun sind zum einen die Kriterien für die Produktivitätsberechnung im Dienstleistungssektor selbst nach den üblichen statistischen Methoden ziemlich willkürlich und daher auch heftig umstritten: „Wenn die Statistik den Umsatz als Output-Maßgröße wählen würde, dann würde sie beispielsweise im Falle geringerer Abschlussgebühren für Versicherungen von einer fallenden Produktivität ausgehen, wenngleich die Senkung der Gebühren der gestiegenen Produktivität der Verwaltung geschuldet sein mag. Aus diesem Grunde nimmt das US-amerikanische Bundesamt für Statistik für die meisten dieser Bereiche die Lohnsumme als Maßgröße für die Ausbringungsmengen. Dies führt allerdings dazu, dass das Produktivitätswachstum weitgehend mit den Lohnsteigerungen gleichgesetzt wird.“ (Scherrer 2000, S. 11 f.) Entscheidend ist hier aber noch ein anderer Aspekt: Mit der Fokussierung auf den tertiären Sektor wurden ausgerechnet die technologisch-organisatorischen Umwälzungen im für die Wertproduktion zentralen sekundären Sektor ausgeblendet und für nebensächlich erklärt. Mehr noch: Die Abnahme der Beschäftigung in der Industrieproduktion, die ja wesentlich der rasanten Rationalisierung geschuldet war, geriet sogar implizit zum Argument für die These vom mangelnden Produktivitätszuwachs im Gefolge der IT-Investitionen.<br />
Schon eine einfache Aufschlüsselung auf Branchenebene verdeutlicht die Haltlosigkeit dieser These. Robert Brenner zufolge lag in den USA das Wachstum der Arbeitsproduktivität in den Industriezweigen für dauerhafte Güter von 1993 bis 1999 im jährlichen Durchschnitt zwischen 3,5 Prozent bei Kfz und Ausrüstungen, 12,9 Prozent bei Maschinerie für Handel und Gewerbe und stolzen 20,1 Prozent bei elektrischen und elektronischen Ausrüstungen (Brenner 2002, S. 256, FN 12). Von einer schwachen Produktivitätsentwicklung also keine Spur.<br />
Aber selbst diese durchaus beeindruckenden Zahlen zeichnen noch ein höchst unvollständiges Bild vom tatsächlichen Ausmaß der dritten industriellen Revolution. Denn die üblichen statistischen Indikatoren zur Berechnung der Arbeitsproduktivität tendieren dazu, die Entwicklung dieser Größe systematisch zu unterschätzen. Der Grund dafür liegt darin, dass die Arbeitsproduktivität ein Verhältnis zwischen stofflichem Output und Arbeitseinsatz darstellt, also in der Menge an hergestellten Waren pro Arbeitsstunde gemessen werden müsste. Da aber die Statistik gewöhnlich auf monetären Größen (Preise, Umsatz, Kosten, Einkommen, Gewinne etc.) basiert, kann sie nur indirekte Rückschlüsse auf die stoffliche Ebene ziehen (Costas 1984, S. 141). Dieses Zurückrechnen wirft jedoch eine ganze Reihe von letztlich unlösbaren Problemen und Widersprüchen auf, die umso stärker ins Gewicht fallen, je höher das statistische Aggregationsniveau ist, je mehr unterschiedliche Waren und Produktionszweige also auf einen gemeinsamen monetären Nenner gebracht werden.<br />
Ein ganz offensichtliches Problem besteht zunächst darin, dass in die Preise alle möglichen betrieblichen und außerbetrieblichen Komponenten eingehen, die mit dem Produktivitätsniveau in der Produktion nicht das Geringste zu tun haben: Verwaltungs- und Vertriebskosten, Steuern und Abgaben, Währungsschwankungen und Rohstoffspekulationen etc. Deshalb sind selbst schon auf der Ebene von Einzelunternehmen direkte Rückschlüsse vom Umsatz auf den stofflichen Output mehr als fraglich. Und selbstverständlich verschärft sich das Problem, je mehr Zahlen von Unternehmen und Branchen zusammengefasst werden. Eine Berechnung der „volkswirtschaftlichen Produktivität“ aus dem Verhältnis BIP zu Arbeitseinsatz, also auf dem höchsten Aggregationsniveau, ist daher für eine Analyse der gesellschaftlichen Produktivkraft vollkommen unbrauchbar. Allenfalls hat sie den Charakter einer Rentabilitätsberechnung (also ein Verhältnis von Geldgrößen), sagt aber rein gar nichts über die Entwicklung der stofflichen Produktivität aus.<br />
Hinzu kommt aber noch ein ganz grundsätzlicher Aspekt, der sich direkt aus dem inneren kapitalistischen Selbstwiderspruch zwischen abstraktem und stofflichem Reichtum ergibt. Wenn die Produktivitätsentwicklung ein Verhältnis zwischen physischen Größen (Menge an Produkten) und verausgabter Arbeitszeit bezeichnet, dann heißt das nichts anderes, als dass sie in der Dimension des stofflichen oder konkreten Reichtums angesiedelt ist. Steigerung der Produktivität bedeutet, dass eine größere Menge stofflichen Reichtums pro Zeiteinheit hergestellt werden kann. Damit wird die gesellschaftliche Arbeitsstunde, also die zeitliche Norm, die den Wertmaßstab bestimmt, neu definiert: Der Wert jeder einzelnen Ware des betreffenden Produktionszweiges sinkt, weil sie ja nun, bezogen auf den gesellschaftlichen Standard, weniger abstrakte Arbeitszeit repräsentiert. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Wert der gesellschaftlichen Arbeitsstunde verändern würde. Dieser sinkt nicht und steigt nicht, sondern bleibt immer gleich (Postone 2003, S. 434 f.). Was sich verändert, ist die zeitliche Norm, die den stofflichen Inhalt bestimmt. Mit jedem Zuwachs der Produktivität stellt sich die in einer gesellschaftlichen Arbeitsstunde verausgabte abstrakte Arbeit in einem höheren Produktausstoß dar, was umgekehrt heißt, dass sich die durch sie repräsentierte Wertsumme auf eine größere Anzahl von Waren aufteilt. Wird also beispielsweise die Produktionszahl von Flachbildfernsehern pro Arbeitsstunde verdoppelt und deshalb der Wert pro Stück von, sagen wir, 600 Euro auf 300 Euro halbiert, dann bleibt der Produktionswert pro Stunde gemessen in Geldeinheiten genau gleich, nur dass die 600 Euro sich jetzt in zwei Fernsehern statt in einem darstellen. (Anm. d. Verf.: Zum Zweck der Veranschaulichung liegen dieser Argumentation einige vereinfachende Annahmen zugrunde. Zum einen wurde so getan, als ließe sich der Wert direkt in Preise übersetzen, was aus verschiedenen Gründen nicht der Fall ist. Zum anderen: Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Preisentwicklung die Wertminderung adäquat widerspiegelt, reduziert sich durch eine Halbierung der notwendigen Arbeitszeit zunächst nur der in der Produktion des Fernsehers neu zugesetzte Wert. Andere Wertbestandteile, die auf das Produkt übertragen werden, dargestellt etwa in Rohstoffen, Vorprodukten und anteiligem Maschinenverschleiß, werden im Zuge einer allgemeinen Produktivitätsentwicklung auch reduziert, aber möglicherweise nicht im gleichen Ausmaß.)<br />
Versuchen wir nun aber, die Produktivitätsentwicklung in monetären Größen zu messen, kommen wir zu dem Ergebnis, dass gar keine Veränderung stattgefunden hat. Die gleiche Zahl an Arbeitskräften „produziert“ die gleiche Wertsumme wie zuvor. Dass diese Wertsumme sich auf eine größere Menge stofflichen Reichtums aufteilt, kann in der Dimension des abstrakten Reichtums gar nicht abgebildet werden, weil in ihr ja gerade vom konkreten Inhalt der Produktion und mithin auch von den veränderten Produktionsbedingungen abstrahiert wird. Damit wird aber auch die historische Basisdynamik ausgeblendet, die, vom inneren kapitalistischen Selbstwiderspruch angetrieben, jenen „Tretmühleneffekt“ erzeugt, der sich auch als eine permanente Verdichtung der Zeit beschreiben lässt (Postone 2003, S. 436 f.). In der Dimension des abstrakten Reichtums herrscht ein merkwürdiger unhistorischer Stillstand, der in einem schreienden Kontrast steht zur ungeheuren historischen Dynamik, die der Kapitalismus gerade aufgrund des daraus resultierenden Zwangs zur ständigen Neubestimmung der vorherrschenden zeitlichen Norm, also der „gesellschaftlichen Arbeitsstunde“, entwickeln muss: „Die abstrakte Zeiteinheit lässt ihre historische Neubestimmung nicht manifest zutage treten: sie behält ihre konstante Form als Gegenwartszeit. Somit existiert der historische Fluss hinter dem Rahmen abstrakter Zeit, erscheint aber nicht in ihm. Der historische ‚Inhalt‘ der abstrakten Zeiteinheit bleibt genauso verborgen wie der gesellschaftliche ‚Inhalt‘ der Ware.“ (Postone 2003, S. 444) Aus diesem Grund ist jeder Versuch, die Produktivitätsentwicklung monetär abzubilden, von vorneherein und ganz grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.</p>
<h4>Der hedonische Preisindex und seine Brüder</h4>
<p>Ganz besonders deutlich wird das ausgerechnet dort, wo die Statistiker versuchen, der Tatsache methodisch Rechnung zu tragen, dass nicht nur die Produktionsverfahren sich verändern, sondern auch die Produkte im Zuge des technischen Fortschritts komplexer werden. So unterscheidet sich etwa ein Auto aus dem Jahr 2011 ganz wesentlich von einem aus den 1970er Jahren. Selbst ein Kleinwagen ist heute vollgestopft mit Elektronik und allerlei Sicherheitstechnologie, die früher nicht einmal in Luxuskarossen enthalten war, weil die Technik dafür schlicht nicht zur Verfügung stand. Ein Golf der ersten Generation hat mit dem neuesten Modell von heute eigentlich nur noch den Namen gemeinsam. Noch krasser stellt sich dieses Problem bei allen Produkten und Anwendungen der IuK-Technologien, wo der technologische Fortschritt extrem schnell voranschreitet. Dem sogenannten Moore’schen Gesetz zufolge verdoppelt sich die Leistung von Mikroprozessoren und Computern alle achtzehn Monate, während im gleichen Zeitraum der Preis für rechnergestützte Informationsverarbeitung auf die Hälfte fällt. Wie aber lässt sich das statistisch abbilden? Wie schlägt es sich in der Produktivitätsberechnung nieder, dass ein PC heute sehr viel billiger ist als vor zehn Jahren, dabei aber ein Vielfaches der Rechenkapazität enthält, oder ein Handy inzwischen zu einem tragbaren Multimediagerät geworden ist?<br />
Die Statistiker haben dafür verschiedene Methoden entwickelt, deren bekannteste der sogenannte hedonische Preisindex ist. Im Kern laufen alle diese Methoden darauf hinaus, die qualitativen Veränderungen der Produkte monetär zu bewerten, um auf diese Weise eine allgemeine Vergleichbarkeit herzustellen. (Vgl. Europäische Gemeinschaften 2005, S. 20 ff; Statistisches Bundesamt 2002.) Demnach wird dann beispielsweise ein Auto der neuesten Modellreihe, das gegenüber seinem Vorgängermodell zusätzliche Ausstattungsmerkmale besitzt, rechnerisch mit einem, sagen wir, 10 Prozent höheren Wert angesetzt. Ist nun der Verkaufspreis ebenfalls um 10 Prozent angehoben worden, gilt das nicht als Preiserhöhung, sondern als monetäre Entsprechung eben dieser qualitativen Verbesserung. Weil dem Mehr an Geld ja auch ein Mehr an Leistung entspricht, wird der gestiegene Preis in der Statistik daher wieder herausgerechnet.<br />
Sie weist dann bei Autos eine Inflationsrate von null aus. Bleibt der nominelle Verkaufspreis gleich, vermeldet die Statistik gar eine Preissenkung, weil ja für die gleiche Geldsumme mehr „Nutzwert“ gekauft werden kann. Tatsächlich ist aus diesem Grund der offizielle Preisindex für Automobile beispielsweise im Zeitraum 1995 bis 2001 um nur 5,2 Prozent gestiegen, während die Verkaufspreise mit 17,2 Prozent deutlich stärker zugelegt haben. Die Differenz, so die Erklärung des Statistischen Bundesamtes, „ist auf Qualitätsverbesserungen der PKWs zurückzuführen, die im gesamten Zeitraum einen Wertanteil von 11,9 Prozent der Verkaufspreise des Jahres 1995 ausmachen“ (Statistisches Bundesamt 2003). (Zu den Berechnungsmethoden im Einzelnen vgl. Frei 2005.)<br />
Was dabei freilich unberücksichtigt bleibt, ist die Tatsache, dass die Neuwagenkäufer ja gar nicht die Wahl zwischen einem Auto der neuen und einem der alten Modellreihe haben und daher die höheren Preise so oder so zahlen müssen, auch wenn die Statistik etwas anderes vermerkt. Der Alltagsverstand hat also durchaus nicht ganz Unrecht, wenn er sich über die Diskrepanz zwischen der offiziellen Inflationsrate und dem von ihm wahrgenommenen Kaufkraftschwund wundert.<br />
Nun könnten der hedonische Preisindex und ähnliche Verfahren zwar zunächst einmal als Versuch gewertet werden, die Veränderungen auf der Ebene der stofflichen Reichtumsproduktion wenigstens annäherungsweise abzubilden. Doch statt diese Veränderungen als solche in den Blick zu nehmen und systematisch darzustellen, richtet sich das ganze Bemühen darauf, sie monetär zu beziffern, also in die Kategorien der abstrakten Reichtumsproduktion zu übersetzen. Dadurch wird aber der Widerspruch zwischen den beiden Dimensionen der kapitalistischen Reichtumsform nicht etwa aufgelöst, sondern auf absurde Weise noch einmal reproduziert, womit dann die Verwirrung komplett wäre.<br />
Schauen wir uns das Vorgehen noch einmal an: Um die Qualitätsveränderungen zu erfassen, wird zunächst der in der Wertproduktion vollzogene Abstraktionsprozess zurückverfolgt. Wurden hier die qualitativ unterschiedlichen Waren A, B, C etc. einander gleichgesetzt und darauf reduziert, Ausdruck einer bestimmten Summe an Wert zu sein, versuchen die Statistiker nun in sehr aufwendigen Verfahren die stofflich-konkreten Unterschiede wieder zu entschlüsseln, die auf der Wert- und Preisebene unsichtbar sind, bei Autos beispielsweise eine Verbesserung des Bremssystems, ein höherer Aufprallschutz und hellere Scheinwerfer oder bei Computern eine höhere Taktfrequenz, schnellere Zugriffszeiten etc. Selbstverständlich kann das aufgrund der hohen Komplexität der Produkte und der Produktionsverfahren allenfalls ansatzweise gelingen, weil eine Vielzahl von Parametern berücksichtigt und verglichen werden müssen, dennoch findet zumindest eine gewisse Annäherung an die Ebene der stofflichen Reichtumsproduktion statt.<br />
Dann aber wird die ganze Sache sogleich wieder auf den Kopf gestellt. In einem nächsten Schritt werden nun nämlich die so identifizierten qualitativen Differenzen mit einem fiktiven monetären Maßstab bewertet, um daraus dann die neuen statistischen Pseudopreise zu berechnen. Kostet also beispielsweise ein Computer im Laden genauso viel wie das Vorgängermodell, sagen wir 500 Euro, weist aber eine höhere Taktfrequenz und schnellere Zugriffszeiten auf, die von den Statistikern mit 100 Euro bewertet werden, so ist er rechnerisch um 100 Euro billiger geworden, wird in der Verbraucherpreisstatistik also nur mit 400 Euro ausgewiesen, obwohl der Käufer eben jene 500 Euro hinblättern musste. Der kurze Ausflug in die Dimension des Stofflich-Konkreten endet also wieder genau da, wo er seinen Anfang nahm: in der Dimension des abstrakten Reichtums. Nur dass mit den Maßstäben auch die Ergebnisse verändert wurden, ganz so, als wollten die Statistiker den Prozess der Wertabstraktion, der seinem Wesen nach bewusstlos und hinter dem Rücken der Menschen verläuft, bewusst nachvollziehen und rechnerisch „korrigieren“.<br />
Wer sich jetzt die Augen reibt, hat Recht. Nicht ganz zufällig erinnert das Ganze an die Versuche im sogenannten Realsozialismus, die „wahren Werte“ der Produkte auszurechnen und für die volkswirtschaftliche Planung zu nutzen; eine Planung, die zum Scheitern verurteilt war, weil sie immer schon die Grundkategorien der kapitalistischen Reichtumsform (Ware, Wert, Geld, Preis, Lohn etc.) voraussetzte und sich einredete, die der Wertproduktion inhärenten, objektivierten Zwangsgesetze ließen sich bewusst steuern und „anwenden“. Dies zu versuchen kommt jedoch einer Quadratur des Kreises gleich. (Vgl. Stahlmann 1990 sowie etwas ausführlicher Kurz 1991.)<br />
Aber nicht nur methodisch, sondern auch politisch gesehen lassen sich Parallelen zum verblichenen Staatssozialismus ziehen, insofern nämlich Verfahren wie der „hedonische Preisindex“ das Material für eine systematische Schönfärberei der offiziellen Statistik liefern, die durchaus mit der im ehemaligen Ostblock vergleichbar ist. Einen Effekt haben wir schon angesprochen: Durch die monetäre Bewertung der Qualitätsverbesserungen wird die in der offiziellen Statistik ausgewiesene Inflation kleingerechnet. Weit weniger wahrnehmbar, weil weit entfernt von der unmittelbaren Erfahrung, ist der zweite wichtige Effekt: die statistische Vergrößerung des BIP. Dieser Effekt kommt so zustande, dass in Umkehrung des bei der Inflationsberechnung angewandten Verfahrens die Umsätze der qualitativ verbesserten Produkte rechnerisch höher angesetzt werden und als solche in die volkswirtschaftliche Bilanzierung eingehen.<br />
Das klingt verrückt, folgt aber der immanenten Logik, alle qualitativen Veränderungen auf der Preisebene abzubilden. Um noch einmal auf das Beispiel des Computers zurückzukommen: Da dieser unverändert 500 Euro kostet, aber die genannten technischen Verbesserungen enthält, die von den Statistikern mit 100 Euro bewertet werden, korrigieren sie in der BIP-Statistik den Preis um eben diesen Betrag nach oben, auf 600 Euro. Beträgt dann der jährliche Gesamtumsatz mit diesen und ähnlichen Computermodellen effektiv sagen wir 5 Mrd., so weist hingegen das BIP einen rechnerischen Betrag von 6 Mrd. aus. Mit anderen Worten: Das offizielle BIP, das eigentlich nur die monetäre Summe der Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr produziert wurden, ausweisen sollte, enthält in Wahrheit auch rein fiktive Zahlen, denen keine realen Umsätze entsprechen.<br />
Spätestens hier schlägt das Verfahren des hedonischen Preisindex’ vollends ins Absurde um. Was als Versuch begann, die stofflich-konkreten Prozesse abzubilden, gerät zu einer blanken Manipulation der Statistik. Statt die Dimension des stofflichen Reichtums sichtbar zu machen, mündet die monetäre Bewertung der mühsam herausgefilterten Qualitätsveränderungen gerade im Gegenteil darin, die Akkumulation abstrakten Reichtums schönzurechnen.<br />
Es ist gewiss kein Zufall, dass diese kosmetische Operation an der Statistik in den USA ausgerechnet in den 1990er Jahren eingeführt wurde, als die dritte industrielle Revolution an Fahrt gewann – die EU zog rund zehn Jahre später nach (Statistisches Bundesamt 2002; FAZ 21.4.2005). Ausschlaggebend war vor allem der rasante Preisverfall bei IT-Produkten im Gefolge des gewaltigen Produktivitätssprungs, der sich negativ auf die offiziellen Wachstumszahlen auswirkte. Der stoffliche Reichtum rückte also ausgerechnet zu dem Zeitpunkt ins Visier der politischen Statistik, als dieser in ein zunehmendes Missverhältnis zur Dimension des abstrakten Reichtums geriet und die Produktivitätsentwicklung zunehmend die Wertproduktion untergrub. Wo diese Tendenz ihre Spuren im BIP hinterließ, besann sich die Politik plötzlich darauf, dass die monetäre Dimension ja gar nicht den gesamten gesellschaftlichen Reichtum abbildet – allerdings nur, um genau diese Dimension noch einmal kosmetisch zu rehabilitieren.<br />
Dass fiktive rechnerische Umsätze keinen Beitrag zur Kapitalverwertung leisten, wird sogar der unkritischste Volkswirt wohl zugeben müssen. Zu den Kuriositäten des auf der Dynamik des fiktiven Kapitals beruhenden Krisenaufschubs gehört es aber, dass das statistische Facelifting dennoch seinen Teil dazu beigetragen hat, die weltwirtschaftliche Dynamik wieder in Schwung zu bringen. Denn obwohl sich die Manipulation der Statistik vor den Augen der Öffentlichkeit vollzog und in Wissenschaft und Medien breit diskutiert und kritisiert wurde, war das bald wieder vergessen und die geschönten Wachstumszahlen galten schließlich doch als Zeichen für die gewaltigen Zukunftsperspektiven der „New Economy“.<br />
Die Simulation dynamischen Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig niedriger Inflation schürte so jene Zukunftserwartungen, die den Treibsatz der Aktien- und Wertpapierspekulation ausmachten, welche wiederum auch die Realwirtschaft wieder in Schwung brachte. Insofern ist die systematische statistische Schönfärberei ein Moment der zunehmenden Fiktionalisierung der Ökonomie seit den 1990er Jahren, die auf einer permanenten Errichtung potemkinscher Dörfer beruhte. Auch darin erwies sich der westliche Kapitalismus seinem untergegangenen Bruder aus dem Osten als weit überlegen.</p>
<p>* Es handelt sich um einen gekürzten Auszug aus dem Buch „Die große Entwertung“, das der Autor zusammen mit Ernst Lohoff derzeit verfasst und das im Frühjahr 2012 im Unrast Verlag erscheinen wird.</p>
<hr />
<h4>Literatur</h4>
<p>Arens, Thomas (2004): Methodische Auswahl von CRM-Software, Göttingen 2004.<br />
Brenner, Robert (2002): Boom &amp; Bubble, Hamburg 2002.<br />
Brödner, Peter/Rolf, Arno (2005): Das Produktivitätsparadoxon der IT. Wahn und Wirklichkeit einer neuartigen Technik. Thesen zur 25. Tagung „Mensch-Maschine- Kommunikation“ (MMK 2005), http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/zentrale_einrichtungen/mz/veranstaltungen/konferenzen/2005/mmk_2005/arbeitsgruppen/moderation_ag1.pdf.<br />
Costas, Ilse (1984): Grundlagen der Wirtschafts- und Sozialstatistik, Frankfurt/M. 1984.<br />
Europäische Gemeinschaften (2005): Handbuch zur Preis- und Volumenmessung in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, Luxemburg.<br />
Exner, Andreas (2009): Krise der Produktivität, Grenzen des Wachstums, in: Streifzüge 46/2009.<br />
Frei, Andreas (2005): Was hätte man 1960 für einen Sharan bezahlt?, Diplomarbeit an ETH Zürich, www.ivt.ethz.ch/docs/students/sa139.pdf.<br />
KfW (2004): Triebfedern des US-BIP-Wachstums im Jahr 2003, KfW-Research, Nr. 11, Februar 2004, Frankfurt/M.<br />
Kurz, Robert (1991): Der Kollaps der Modernisierung, Frankfurt/M.<br />
OECD (2008): Labour Force Statistics 1987–2007.<br />
Piller, Franz Thomas (1998): Das Produktivitätsparadoxon der Informationstechnologie, in: WIST, 27. Jg. (1998), H. 5, S. 257–262.<br />
Postone, Moishe (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, Freiburg/Brsg.<br />
Solow, Robert M. (1987): Review of ‚Manufacturing Matters‘, in: The New York Times Book Review, 12.7.1987.<br />
Scherrer, Christoph (2000): „New Economy“: Theoretische Perspektiven, in: Duisburger Arbeitspapiere Ostasienwissenschaften, Nr. 34/2000, S. 1–16.<br />
Stahlmann, Johanna (1990): Die Quadratur des Kreises. Funktionsmechanismus und Zusammenbruch der sowjetischen Planökonomie, in: Krisis 8/9, Erlangen.<br />
Statistisches Bundesamt (2002): Erstmals hedonische Qualitätsbereinigung in der Preisstatistik, innovationsreport 11.7.2002, http://www.innovations-report.de/html/berichte/statistiken/bericht-11257.html.<br />
Statistisches Bundesamt (2003): Hedonische Preismessung bei Personenkraftwagen, innovationsreport 17.2.2003, http://www.innovations-report.de/html/berichte/statistiken/bericht-16511.html.<br />
Trenkle, Norbert (1999): Es rettet Euch kein Billiglohn, in: Kurz, Robert/Lohoff, Ernst/Trenkle, Norbert (Hrsg.): Feierabend. Elf Attacken gegen die Arbeit, Hamburg 1999.</p>
<p>(veröffentlicht in: <a href="http://www.streifzuege.org/2011/massenausfall">Streifzüge 53/2011</a>)</p>
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		<title>Der Bauchbahnhof</title>
		<link>http://www.krisis.org/2012/der-bauchbahnhof</link>
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		<pubDate>Thu, 05 Jan 2012 18:48:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lothar Galow-Bergemann]]></category>
		<category><![CDATA[Markus Hofmann]]></category>

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		<description><![CDATA[Was den Wutbürger treibt und was ihm fehlt &#8211; Abgesang auf eine vermeintliche Demokratiebewegung. Lothar Galow-Bergemann und Markus Hofmann Daß die Gegner der geplanten Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs bei der Volksabstimmung über das Projekt scheitern würden, war bereits unmittelbar nach dem Amtsantritt des neuen grünen Ministerpräsidenten Kretschmann klar, der wesentlich geschickter als sein Vorgänger Mappus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Was den Wutbürger treibt und was ihm fehlt &#8211; Abgesang auf eine vermeintliche Demokratiebewegung.</h3>
<p><em>Lothar Galow-Bergemann und Markus Hofmann </em></p>
<p>Daß die Gegner der geplanten Tieferlegung des Stuttgarter Hauptbahnhofs bei der Volksabstimmung über das Projekt scheitern würden, war bereits unmittelbar nach dem Amtsantritt des neuen grünen Ministerpräsidenten Kretschmann klar, der wesentlich geschickter als sein Vorgänger Mappus (CDU) mit der Protestbewegung umging. Während diese nach der Abstimmungsniederlage nun erwartungsgemäß bröckelt, ist zu befürchten, daß ein neuer Mythos etabliert wird: der vom Aufschwung des demokratischen Bewußtseins im Ländle. An ihm stricken nicht nur die S21-Gegner selbst, sondern auch die rotgrüne Landesregierung, die nicht zuletzt den Protesten ihren Amtsantritt verdankt. Aber wie das mit Mythen so geht: Auch dieser hält einer Prüfung nicht stand.<span id="more-4796"></span></p>
<p>Beginnen wir ab ovo: In den Schulen bröckelt der Putz, in den Krankenhäusern sterben Menschen, weil es zu wenig Personal gibt, Sozialleistungen werden zusammengestrichen &#8211; aber um 19 Minuten schneller von Stuttgart nach Ulm zu kommen, werden gigantische Summen verbaut. Das Projekt S21 ist einem Zwang zur Produktivitäts- und Effizienzsteigerung geschuldet, dem&#8217;s nicht um ein gutes Leben für alle, sondern einzig darum geht, dass die kapitalistische Maximalprofit- und Wachstumsmaschine weiter brummt.</p>
<p>Das aber hat der Protest in und um Stuttgart herum nie verstanden. Er war vor allem ein Beleg dafür, daß Wut kein Ausweis für Kritik ist. Als Ausdruck eines vagen Bauchgefühls war und ist der Protest gegen das Stuttgarter Bahnprojekt vor allem bloßer &#8220;Reflex der Realität&#8221; (Adorno); er verlängert die schlechten Verhältnisse und ihre Zwänge, wie der Anstecker mit der Mordsphantasie zeigt, mit dem manche S21-Gegner herumlaufen: &#8220;Grube auf, Grube rein, Grube zu, dann isch Ruh.&#8221; Wirklich?</p>
<p>Charakteristisch für die Proteste deutscher Wutbürger/innen ist generell, worüber sie sich nicht empören: die täglichen Abschiebungen von Nicht-Deutschen, Hartz IV, Rente mit 67, Verelendung der abgehängten Unterschicht, Sarrazins menschenfeindliche Thesen, alte und neue Nazis, gleich ob sie höchste politische Ämter auch im &#8220;Ländle&#8221; bekleiden oder mordend durch die Republik ziehen, deutsche Rekorde beim Handel mit dem iranischen Holocaustleugner-Regime – solche Petitessen bringen Wutbürger/innen im allgemeinen nicht aus der Ruhe. Heimatverbunden wie sie sind, heften sie &#8211; Beispiel Stuttgart &#8211; ihre Empörung zu Zehntausenden an ein Infrastrukturprojekt, an dem sie nicht nur die immensen Kosten, sondern auch die beabsichtigte Schlachtung zweier Kühe stört, die den Deutschen heilig sind: Tradition und Baumbestand samt Juchtenkäfer.<br />
Der Gegenstand der Empörung macht den Sozialcharakter der Protestler sichtbar, deren Affekte sich unmittelbar gegen diejenigen wendet, die sein Alltagsbewusstsein ihm anbietet: gegen &#8220;die da oben&#8221; &#8211; Politiker, Wirtschaftsbosse oder die Verflechtung beider, namentlich die <em>Spätzle-Connection</em>. Das Gefühl aber, &#8220;von oben&#8221; bedrängt, paßt zu dem, &#8220;von unten&#8221; um die Früchte der eigenen, ehrlichen Arbeit betrogen zu werden. Auch wenn es bei den Stuttgarter Protesten nennenswerte Ausfälle gegen Marginalisierte nicht gab, so hat doch grundsätzlich, wer zur Personalisierung der Verhältnisse neigt, kaum ein Gegenmittel parat, wenn ihm sein Gefühl neben &#8220;denen da oben&#8221; auch mal &#8220;die da unten&#8221; als Schuldige anbietet und Ressentiments gegen &#8220;faule Griechen&#8221;, Migranten oder sonstige &#8220;Sozialschmarotzer&#8221; empfiehlt. Die Attraktivität des Schlachtrufs &#8220;Oben bleiben!&#8221; &#8211; wo man sich doch gerade in einer Auseinandersetzung mit &#8220;denen da oben&#8221; wähnt &#8211; erklärt sich jedenfalls auch aus sozialen Abstiegsängsten und Ohnmachtsgefühlen. Diese waren in Deutschland stets alles andere als Vorboten paradiesischer Zustände. </p>
<p>Wen weder der skandalöse Ausschluß von Millionen ökonomisch Abgehängter noch die Tatsache, daß diese keine <em>Gegenwart </em>mehr haben, auf die Straße treibt, während er selbst bloß Angst vor der <em>Zukunft </em>hat, dem darf man unterstellen, vor allem an der Rechtfertigung und Rationalisierung eigener Privilegien und Besitzstände interessiert zu sein, den reizt zum Protest nicht die gesellschaftliche Ordnung samt ihrer ökonomischen Sachzwänge, sondern allein das Personal, das diese exekutiert (bzw. im Ernstfall dann auch die Konkurrenz um die eigene Wohlfahrt). </p>
<p>Unter Wutbürgern ist Kapitalismuskritik nur als Karikatur zu haben: als Lobbykritik nämlich. Lobbyismus aber, also das Verfolgen eigener Interessen in einem kapitalistischen Universum, ist der deutschen Ideologie, der es immer ums halluzinierte Großeganze geht, seit jeher besonders suspekt. Ralf Schröder hat diese Haltung treffend charakterisiert: &#8220;Man halluziniert den Apparat der staatlichen Verwaltungen und Parlamente als bloße und damit neutrale Form, die recht ordentlich und auch im Sinne des Gemeinwohls funktionieren würde, sobald alle Staatsbürger gleichberechtigt und öffentlich ihre Anliegen hineinkommunizieren dürften. Aus der Perspektive des lobbykritischen Betriebskindergartens können die Erfordernisse der Kapitalverwertung alle anderen Ansprüche nur deshalb beständig dominieren, weil ihre Agenten über einen kurzen Draht zu den &#8216;Entscheidungsträgern&#8217; verfügen&#8221; (KONKRET 11/10). </p>
<p>Wenn man auch nicht, um einer von linken Bewegungsfans häufig gestellten Frage zu begegnen, Marx oder Freud gelesen haben muß, um protestieren zu dürfen, so finden sich doch bei beiden Erkenntnisse, ohne die kein sachlich adäquater Begriff der gegenwärtigen Gesellschaft auskommt: daß nämlich weder die Gesellschaftsmitglieder noch ihr Ich Herr im eigenen Haus sind. Die reale Ohnmacht der Menschen angesichts der Vormacht der Verhältnisse, in denen sie leben, drängt Wutbürger aber nicht nur zur Identifikation unmittelbar &#8220;Schuldiger&#8221;, sondern auch zur Durchsetzung des &#8220;Volkswillens&#8221;.</p>
<p>Auch mit Blick auf Stuttgart waren viele Linke mal wieder regelrecht &#8220;vom Volk besoffen&#8221; und vergaßen jede Kritik, sobald sich die geliebten Massen auf die Straße begaben. &#8220;Direkte Demokratie&#8221; – ja, du meine Güte! Wo einem doch bei klarem Verstand vor dem &#8220;Prinzip Volksentscheid&#8221; unter den obwaltenden Umständen nur grausen kann. Die Zustimmungswerte für Thilo Sarrazin, die Schweizer Abstimmungen übers Minarettverbot und die &#8220;Ausschaffung krimineller Ausländer&#8221; – schon vergessen? Ob sich nun, nach der Stuttgarter Lektion in direkter Demokratie, bei diesen Linken Ernüchterung einstellt?<br />
Kritik, die der Gesellschaft an die Substanz geht, hat es naturgemäß schwer: Sie nötigt zur mühsamen Auseinandersetzung mit abstrakten Verhältnissen und findet keinen Trost im Positiven. Doch Wutbürger/innen scheuen die vorbehaltlose Kritik, sie möchten das rettende Ufer des gleichwohl Machbaren nicht aus den Augen verlieren. So wurde das Alternativprojekt &#8220;Kopfbahnhof21&#8243; aus der Kritikverweigerung geboren – man musste endlich nicht mehr &#8220;nur dagegen&#8221; sein, man war ein &#8220;Freund des Kopfbahnhofes&#8221; und bereicherte fortan das Stadtbild mit Unmengen grüner K21-Jutetaschen. K21 aber bricht gerade nicht mit dem herrschenden Geschwindigkeits-, Leistungs- und Wachstumswahn, den es zu attackieren gälte. Originalzitate: &#8220;Der TGV von Paris nach Stuttgart wird durch S21 nicht schneller.&#8221; &#8211; &#8220;Ebenso falsch ist die Behauptung, nur mit S21 könne die Fahrtzeit nach Ulm verkürzt werden.&#8221; &#8211; &#8220;Vordringlich sollte die Kapazität im Hauptbahnhof durch einen neuen Rosensteintunnel gesteigert und die Neubaustrecke realisiert werden, weil allein sie die Reisezeit verkürzt.&#8221; Und, als Gipfel: Mit K21 werde &#8220;eine größere Leistungsfähigkeit erreicht als beim Durchgangsbahnhof&#8221;. Kurz: Mehr Wachstum und Geschwindigkeit mit K21! Es ist das Kennzeichen der konformistischen Rebellion, enorme Aufregung zu produzieren, die eigentlichen Ursachen der Misere aber zu ignorieren.</p>
<p>Die Stuttgarter Protestler/innen haben &#8211; ganz entgegen dem eigenen Anspruch &#8211; deutlich gemacht, wie wenig die NS-Vergangenheit in Deutschland verstanden und aufgearbeitet ist. Es gab und gibt etwas, das Gegner und Befürworter des Projekts eint: Je länger der Nationalsozialismus her ist, desto eifriger verspüren sie das Bedürfnis, sich als Widerstandskämpfer zu profilieren. Da verglich ein prominenter S21-Befürworter das Trillerpfeifengetute der Gegner mit Nazi-Methoden. S21-Gegner faselten von KZ und Auschwitz, als die Polizei ankündigte, Knastcontainer aufstellen zu wollen. Dem bedauernswerten Opfer eines Wasserwerfereinsatzes wurde allen Ernstes der Georg-Elser-Preis verliehen, der an einen der wenigen wirklichen Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus erinnert. Ein Protestsong, der &#8211; man will es nicht glauben &#8211; wahrhaftig in den Ausruf &#8220;Stuttgart erwache!&#8221; mündet, erhielt die höchste Bewertung aller User auf der &#8220;Parkschützer&#8221;-Seite. Und der Schlichter Heiner Geissler fragte schon mal nach, ob man denn eigentlich den &#8220;totalen Krieg&#8221; wolle.</p>
<p>Anstatt aber nun danach zu fragen, wie man auf den perversen Gedanken kommen kann, das, was in Stuttgart passiert(e), gedanklich auch nur in die Nähe des totalen Kriegs zu rücken, den die Nazideutschen geführt haben, wird weiter verdrängt, umgearbeitet und zurechtgelegt, daß sich die Schienen biegen. Offenbar ist der demokratische Firnis dünn: Kaum werden Bürgerin und Bürger wütend, mögen sie nicht mehr so recht unterscheiden zwischen bürgerlich-demokratischem Staatswesen und nationalsozialistischem Terror.  </p>
<p>Es ist daher auch keineswegs uninteressant, daß ausgerechnet der abstoßende graubraune Bahnhofsklotz in Stuttgart auf so viel Sympathie stößt, daß sich noch nicht einmal die Betreiber des S21-Projekts trauen, das Ding restlos dorthin zu befördern, wo es hingehört: auf den Müllhaufen der Geschichte. <em>Ein</em> Ergebnis stand deswegen leider schon vor der Volksabstimmung fest: Man wird in Stuttgart weiter mit dieser widerlichen Mischung aus wilhelminischer Trutzburg und Reichsparteitagsgelände leben müssen. Nimmt man den 1928 fertiggestellten Bahnhofsbau in Augenschein, so kann man sich jedenfalls lebhaft vorstellen, daß Paul Bonatz, sein Erbauer, schon zwei Jahre zuvor gegen die Stuttgarter Weißenhofsiedlung, ein Paradestück modernen Bauens (Leitung: Ludwig Mies van der Rohe) protestiert hatte, weil &#8220;Stuttgart doch keine Vorstadt von Jerusalem&#8221; sei, und dafür ab 1933 am Gegenprojekt der Kochenhofsiedlung mitarbeiten durfte. Auch überrascht es nicht, daß er begeistert am Straßenbauprogramm des Führers mitwirkte und sich öffentlich ausmalte, wie sehr diesem eine Stuttgarter Höhenbekrönung &#8220;mit Freitreppen wie bei den Propyläen&#8221; gefiele (siehe dazu  <a href="http://clemensheni.wordpress.com/" target="_blank">http://clemensheni.wordpress.com</a>). Die Liebe der Stuttgarter Wutbürger/innen zu ihrem &#8220;Bonatz-Bau&#8221; aber währet ewig. Als eine Stadträtin der Grünen den Abbruch des Bahnhofsnordflügels mit &#8220;der Zerstörung der einzigartigen Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan in Afghanistan durch rückwärts gewandte, militante Taliban” verglich, jubelten ihr Tausende frenetisch zu. </p>
<p>Und dann diese Faszination, die der Schlichtungsgedanke gleich bundesweit auslöste, egal ob pro oder contra S21! Obwohl für jeden denkenden Menschen von vornherein feststand, daß bei Geißlers Talkshows im Stuttgarter Rathaus nichts Gescheites herauskommen konnte, man seine Zeit folglich vergnüglicher und sinnvoller als vor dem Bildschirm hätte verbringen können, feierte der übertragende Nachrichtensender Phoenix die höchsten Einschaltquoten aller Zeiten. Die darin sich manifestierende Sehnsucht nach dem „Großen Schlichter“, der Zank und Hader beenden und dem „Großen Ganzen“ dienen möge, war im Kern die Sehnsucht nach dem einigen Volk. Noch im Motto von Geißlers lächerlichem Kompromißvorschlag, der die schlechten Seiten beider Projekte vereint (Untertunnelung <em>plus </em>Fortbestand der Gleisfläche) schwingt diese Sehnsucht mit: &#8220;Frieden für Stuttgart&#8221;. </p>
<p>Und so bleibt denn wenig übrig vom Mythos, ausgerechnet im Schwabenländle sei mit den Bahnhofsprotesten ein Schritt zum Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit gegangen worden. Es gab und gibt selbstredend genügend gute Gründe, gegen das Unsinnsprojekt S21 zu sein. Doch wenn &#8220;die Verzweiflung (noch lange) keine Idee und kein Ideal der Humanisierung hervorbringt&#8221; (Roger Behrens), dann bleibt nur, dem instinktiven Mißtrauen gegen scheinbar verantwortliche Bösewichter selbst zu mißtrauen. Bevor also Stuttgarter Wutbürger/innen wieder für den Juchtenkäfer statt für die Opfer neonazistischer Mörderbanden demonstrieren, sollten sie vielleicht doch mal bei Adorno nachlesen: &#8220;Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend. Denken hat die Wut sublimiert.&#8221;</p>
<p>(erschienen in <a href="http://www.konkret-verlage.de/kvv/kh.php?jahr=2012&#038;mon=01" target="_blank">KONKRET 1/2012</a>)</p>
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		<title>Vortrag: Gier und Weltverschwörung</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Jan 2012 18:36:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Lothar Galow-Bergemann]]></category>
		<category><![CDATA[termine]]></category>

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		<description><![CDATA[Regressiver Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment Vortrag von Lothar Galow-Bergemann Donnerstag, 19. Januar 2012, 19.30 Uhr Jüdisches Museum München (St.-Jakobs-Platz 16, 80331 München), Foyer Geht es gegen Banken und &#8220;die Finanzmärkte&#8221;, sind sich schnell alle einig: Parteipolitiker, Gerwerkschaften, Linke, Rechte, Hobby-Ökonomen und wer sonst noch so in Krisenzeiten das Wort ergreift. Es entstehen sonderbar anmutende [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Regressiver Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment</h3>
<p><em>Vortrag von Lothar Galow-Bergemann<br />
Donnerstag, 19. Januar 2012, 19.30 Uhr<br />
Jüdisches Museum München (St.-Jakobs-Platz 16, 80331 München), Foyer</em></p>
<p>Geht es gegen Banken und &#8220;die Finanzmärkte&#8221;, sind sich schnell alle<br />
einig: Parteipolitiker, Gerwerkschaften, Linke, Rechte, Hobby-Ökonomen<br />
und wer sonst noch so in Krisenzeiten das Wort ergreift. Es entstehen<br />
sonderbar anmutende Schulterschlüsse, wenn es gegen die<br />
&#8220;Zirkulationssphäre&#8221; geht. Doch die Aufspaltung des kapitalistischen<br />
Prinzips in &#8220;produktives Kapital&#8221; auf der einen und &#8220;das Finanzkapital&#8221;<br />
auf der anderen Seite leistet nicht selten einer Dämonisierung des<br />
Finanzsektors Vorschub, die dabei mal mehr, mal weniger bewusst auf<br />
antisemitische Stereotype zurückgreift.<span id="more-4794"></span></p>
<p>Eintritt: 6,00 €, Ermäßigt: 3,00€</p>
<p>Eine Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München AG in<br />
Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum München.</p>
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		<title>Die Krise kurz erklärt</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 11:20:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Tomasz Konicz]]></category>

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		<description><![CDATA[Was Sie schon immer über die Krise wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Die etwas anderen FAQ zur kapitalistischen Dauerkrise Tomasz Konicz Haben Sie sich in der Dauerkrise schon häuslich eingerichtet? Können Sie noch den Überblick behalten, bei all den über uns zusammenbrechenden Schuldenbergen? Für alle, die endlich im Krisendickicht durchblicken wollen, hier nun [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Was Sie schon immer über die Krise wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Die etwas anderen FAQ zur kapitalistischen Dauerkrise</h4>
<p><em>Tomasz Konicz</em></p>
<p>Haben Sie sich in der Dauerkrise schon häuslich eingerichtet? Können Sie noch den Überblick behalten, bei all den über uns zusammenbrechenden Schuldenbergen? Für alle, die endlich im Krisendickicht durchblicken wollen, hier nun ein ganz besonderer Service: Werden Sie in wenigen Minuten zum Krisenexperten und Bescheidwisser, mit den großen FAQ zur Krise – diesmal mit verbesserter Kapitalismuskritikformel! In wenigen Antworten auf selbst erfundene Fragen werden die Krisenursachen benannt und die häufigsten Krisenmythen entlarvt. Der Clou dabei: Am Ende einer jeden Antwort finden sich Links zu Texten, die weitergehende Infos und Hintergründe zu den entsprechenden Themenkomplexen bieten. Soviel Krise war noch nie – jetzt neu mit krisenbedingter Zufriedenheitsgarantie!<span id="more-4763"></span></p>
<p><strong>Überall türmen sich gigantische Schuldenberge auf. Wer ist nun schuld an der gegenwärtigen Schuldenkrise? Die faulen Südeuropäer oder unsere gierigen Banker?</strong></p>
<p>Statt nach “Schuldigen” müssen wir nach den systemischen Ursachen der Verschuldungsdynamik suchen. Diese gigantischen Schuldenberge sind in den vergangenen Jahrzehnten entstanden, weil sie notwendig waren, um den Kapitalismus überhaupt funktionsfähig zu erhalten. Ohne Schuldenmacherei zerbricht das System an sich selbst. Private und/oder staatliche Verschuldung stellt im zunehmenden Maße eine Systemvoraussetzung dar, ohne die der Kapitalismus nicht mehr reproduktionsfähig ist.</p>
<p>Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, dass die Kreditaufnahme eigentlich einen Wechsel auf die Zukunft darstellt, bei dem Finanzmittel im Hier und Jetzt zur Verfügung gestellt werden, die erst später vom Kreditnehmer erwirtschaftet und zurückgezahlt werden müssen. Und diese Kredite werden ja für Investitionen, Bautätigkeit oder Konsum aufgewendet. Somit schafft die Verschuldung eine zusätzliche, kreditfinanzierte Nachfrage, die stimulierend auf die Wirtschaft wirkt.</p>
<p>Im Endeffekt ist es egal, ob der Staat, die private Wirtschaft oder die Konsumenten sich verschulden: Gemeinhin stimuliert diese kreditgenerierte Nachfrage die Konjunktur und führt zu weiterem Wirtschaftswachstum. Ob nun der amerikanische Staat neue Marschflugkörper ordert, in Spanien zur Spekulationszwecken neue Ferienhäuser gebaut oder in Osteuropa Konsumentenkredite vergeben werden: All diese Aktionen generieren Nachfrage, schaffen Arbeitsplätze und beleben die entsprechenden Industriezweige. Wenn die Verschuldungsdynamik stark genug ist, dann entsteht eine sogenannte Defizitkonjunktur. Hierbei handelt es sich um einen Wirtschaftsaufschwung, der durch das Anhäufen von Schulden, also von Defiziten, getragen wird.</p>
<p>Es waren gerade diese Defizitkonjunkturen, die in der Epoche vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in 2008 als maßgeblicher Motor der Weltwirtschaft fungierten. Hierbei handelt es sich um einen langfristigen, graduell an Intensität gewinnenden Prozess, der zeitgleich mit der Durchsetzung des Neoliberalismus und dem Aufstieg des Finanzsektors in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte. Diese mit der Expansion der Finanzmärkte einhergehende Verschuldungsdynamik ging mit der Ausbildung von gigantischen Spekulationsblasen auf dem Finanzsektor einher, die ebenfalls – bis zu ihrem Zusammenbruch – stimulierend auf die Wirtschaft wirkten. Hier sind insbesondere die zwischen 2007 und 2008 geplatzten Immobilienblasen zu nennen, die ja vielfältige belebende Effekte auf die Industrie zeitigten, da sie ja mit realer Bautätigkeit einhergingen.</p>
<p>Es verschuldeten sich aber nicht alle Länder gelichmäßig: Die stärksten Defizitkonjunkturen – mitsamt den einhergehenden Schuldenbergen – bildenden mit weitem Abstand die USA aus, gefolgt von Südeuropa, Osteuropa, Irland und Großbritannien. Diese Länder und Regionen wiesen immer weiter ansteigende Leistungsblianz- und/oder Handelsdefizite aus, während sie zugleich eine fortschreitende Deindustrialisierung erfuhren.</p>
<p>Daneben bildete sich in einem scharfen Verdrängungswettbewerb eine Reihe von Ländern aus, die enorme Handelsüberschüsse erwirtschaften konnten und weiterhin über einen nennenswerten Industriesektor verfügen. In diesem Zusammenhang müssen China, Deutschland, Japan oder Südkorea genannt werden. Diese Länder konnten vermittels ihrer Handelsüberschüsse von den Verschuldungsprozessen in den USA oder Südeuropa profitieren, ohne sich selber verschulden zu müssen. Die enormen globalen und europäischen “Ungleichgewichte” in den Handelsbilanzen sind genau auf diese Entwicklung zurückzuführen.</p>
<p>Der Kapitalismus als ein Weltsystem kann ohne diese Defizitkonjunkturen und die damit einhergehenden Ungleichgewichte nicht mehr funktionieren: Sobald die – private oder staatliche – kreditgenerierte Nachfrage wegbricht, setzt eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale ein, in der Überproduktion zu Massenentlassungen führt, die wiederum die Nachfrage senken und weitere Entlassungswellen nach sich ziehen.<br />
<em><br />
Weitere Informationen:</em><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29184/1.html" target="_blank">Das Ende des “Goldenen Zeitalters” des Kapitalismus und der Aufstieg des Neoliberalismus</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29235/1.html" target="_blank">Explosionsartige Ausweitung der Finanzmärkte in der Clinton-Ära</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29356/1.html" target="_blank">Von der Immobilienspekulation zum Zusammenbruch der globalen Defizitkonjunktur</a></p>
<p><strong>Wieso sollte der Kapitalismus, der als eine auf höchstmögliche Effizienz ausgelegte Wirtschaftsweise gilt, nicht mehr ohne Schuldenmacherei funktionieren? Was ist die Ursache dieser angeblichen Abhängigkeit des kapitalistischen Weltsystems vom Kredit?</strong></p>
<p>Es ist gerade diese in den vergangenen Jahren immer weiter gesteigerte betriebswirtschaftliche Effizienz, die den Kapitalismus auf volkswirtschaftlicher Ebene in einen regelrechten Verschuldungszwang treibt. Das System ist zu produktiv, um weiterhin seine Reproduktion innerhalb seiner Produktionsverhältnisse ohne Defizitbildung aufrechterhalten zu können.</p>
<p>Frei nach Marx ließe sich zusammenfassen: Die Produktivkräfte sprengen gerade die Fesslen der Produktionsverhältnisse. Diese kapitalistische Systemkrise ist also tatsächlich eine Krise des Kapitals. Das Kapital muss hier bei als ein soziales Verhältnis, als ein Produktionsverhältnis begriffen werden: Der Unternehmer investiert sein als Kapital fungierendes Geld in Maschinen, Arbeitskräfte und Rohstoffe, um in Fabriken hieraus neue Waren zu schaffen, die mit Gewinn auf dem Markt verkauft werden. Das hiernach vergrößerte Kapital wird in diesem uferlosen Verwertungsprozess des Kapitals reinvestiert, um wiederum noch mehr Waren herzustellen. Dieser Prozess der Akkumulation oder Verwertung von Kapital funktioniert nicht mehr ohne die besagte Schuldenmacherei.</p>
<p>Um diese Diagnose vollauf verständlich zu machen, müssen die berühmten Widersprüche kurz dargelegt werden, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnen. Neben dem bekannten Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit prägt das System noch eine weitere fundamentale Unvereinbarkeit, die einen permanenten Strukturwandel zur Folge hat.</p>
<p>Obwohl Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, strebt das Kapital zugleich danach, die Lohnarbeit möglichst weitgehend durch Rationalisierung aus dem Produktionsprozess zu verbannen: Es ist eine Art <a href="http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Wettlauf-mit-den-Maschinen-1370433.html" target="_blank">Wettlauf mit den Maschinen</a>. Die Marktkonkurrenz zwingt die Unternehmer in allen Industriezweigen dazu, ihre Produktion dank wissenschaftlich-technischer Innovationen immer weiter zu rationalisieren, sodass die Beschäftigung in den Wirtschaftszweigen immer weiter fällt, die schon längere Zeit etabliert sind und deren Märkte schon erschlossen sind.</p>
<p>Der gleiche technische Fortschritt, der zum Arbeitsplatzabbau in den etablierten Industriezweigen führt, lässt aber auch neue Industriezweige entstehen. Schon immer gab es in der Geschichte des Kapitalismus einen Strukturwandel, bei dem alte Industrien verschwanden und neue hinzukamen, die wiederum Felder für Investitionen und Lohnarbeit eröffneten. Folglich ist die Geschichte des Kapitalismus durch eine Abfolge von Leitsektoren der Wirtschaft gekennzeichnet, die als Akkumulations-, Konjunktur-, und insbesondere Beschäftigungslokomotiven fungierten: Textilindustrie, Schwerindustrie, Chemie, Elektroindustrie, Fahrzeugbau.</p>
<p>Dieser Strukturwandel funktioniert aber mit dem Aufkommen der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik und Informationstechnologie nicht mehr. Die IT-Industrie schafft zwar Arbeitsplätze, aber ihre Technologien und Produkte erfahren eine <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Forscher-IT-vernichtet-mehr-Jobs-als-sie-schafft-1371177.html" target="_blank">gesamtwirtschaftliche Anwendung</a>, bei der im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen weitaus mehr Arbeitsplätze verschwinden. Es findet ein Prozess des Abschmelzens der Lohnarbeit innerhalb der Warenproduktion statt: Immer weniger Arbeiter können in immer kürzerer Zeit immer mehr Waren herstellen.</p>
<p>Die avancierten kapitalistischen Gesellschaften gerieten folglich in die Krise der Arbeitsgesellschaft, die mit steigender Arbeitslosigkeit, allgemeiner Prekarisierung und/oder einem stagnierenden Lohnniveau einhergeht. Zugleich steigen mit dem technischen Niveau der Produktion die Aufwendungen für Infrastruktur, Bildung oder Produktionsinvestitionen, was wiederum die Massennachfrage und/oder die Unternehmensgewinne belastet. Die gesamtgesellschaftlichen notwendigen Investitionen zur Aufrechterhaltung der Akkumulation von Kapital wachsen immer weiter an, wodurch das Verhältnis zwischen profitabler Kapitalverwertung und den hierfür notwendigen Aufwendungen sich zugunsten der Letzteren verschiebt.</p>
<p>Die wahren Krisenursachen liegen also konträr zu der populistischen Parole, wonach die Bevölkerung der Schuldenländer Europas oder der USA “über ihren Verhältnissen” gelebt habe. Es verhält sich gerade umgekehrt: Der Kapitalismus hat ein derartig hohes Produktivitätsniveau erreicht, dass er nur noch durch ein “Leben über den Verhältnissen”, also durch Schuldenmacherei eine Zeit lang eine Art Zombieleben führen kann – bis zum großen Crash.</p>
<p><em>Weitere Informationen:</em><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/32/32551/1.html" target="_blank">Krisenmythos Griechenland</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35245/1.html" target="_blank">Roboter statt Arbeiter</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Wettlauf-mit-den-Maschinen-1370433.html" target="_blank">Der Wettlauf mit den Maschinen</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/5/5659/1.html" target="_blank">Ein Leichnam regiert die Gesellschaft</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/13/13628/1.html" target="_blank">Vielleicht sind wir alle schon die Insassen eines Gesamt-Irrenhauses</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35138/1.html" target="_blank">Von Schulden und Jobs</a></p>
<p><strong><br />
Welche Rolle spielen die Finanzmärkte? Es heißt doch überall, die bösen “Bankster” haben uns die Krise mit ihrer maßlosen Gier eingebrockt</strong></p>
<p>Da der Finanzkrach dem Wirtschaftseinbruch vorangeht, kann der Eindruck entstehen, dass die Finanzmärkte die reale Wirtschaft in den Abgrund gestoßen haben. Tatsächlich aber hielten die Finanzmärkte durch ihre Kreditvergabe die reale Wirtschaft überhaupt am Laufen, indem sie – wie ausgeführt – kreditfinanzierte Massennachfrage erzeugten. Die Finanzmärkte ermöglichten erst die besagten Defizitkonjunkturen, da der Kredit ja generell die wichtigste “Ware” der Finanzwirtschaft bildet.</p>
<p>Erst der Zusammenbruch der Immobilienblasen in 2008 und die damit einhergehende “Kreditklemme” ließen die Nachfrage wegbrechen, was zur Wirtschaftskrise von 2009 führte. Das jahrzehntelange Wachstum der Finanzmärkte ist selbst Folge der oben beschriebenen, aus fortschreitenden Rationalisierungsschüben resultierenden Krise der Arbeitsgesellschaft. Kapital strömt nun mal dort hin, wo die höchsten Renditen zu erwarten sind. Den Bankern maßlose Gier vorzuwerfen, ist geradezu absurd, da “Gier” – als die höchstmögliche Kapitalvermehrung – das Wesen des Kapitals bildet.</p>
<p>Dies gilt aber nicht nur für die Finanzbranche, sondern auch für die Warenproduktion. Wenn die Verwertung von Kapital in der realen, warenproduzierenden Wirtschaft stockt und zunehmende Verdrängungskonkurrenz die Renditen absenkt, dann strömt anlagewilliges Kapital nun mal in die Finanzmärkte. Generell gilt, dass Finanzexzesse auf eine Krise in der Warenproduktion hindeuten.</p>
<p>Somit schienen die rasch expandierenden Finanzmärkte die Rolle des beschriebenen Leitsektors der Wirtschaft einzunehmen, da der besagte Strukturwandel in der realen Wirtschaft nicht mehr funktionierte. Diese finanzielle Explosion ab den 80ern – und verstärkt ab den 90ern – Jahren des 20. Jahrhunderts war aber auf Dauer nicht tragfähig, obwohl selbstverständlich auch im Finanzsektor viele Arbeitsplätze geschaffen wurden. Dieses explosionsartige Wachstum der Finanzwirtschaft war auf Sand gebaut. Kapitalistischer, sich in Warenfülle äußernder Reichtum muss im Rahmen der dargelegten Kapitalverwertung tatsächlich erarbeitet werden. Die Finanzmärkte können zu diesem Prozess beitragen, indem sie Unternehmen Kreide gewähren, die zur Modernisierung der Produktionsanlagen und/oder Ausweitung der Produktionsmengen verwendet werden.</p>
<p>Aufgrund der beschriebenen systemischen Überproduktionskrise in der realen Wirtschaft verlief die Expansion der Finanzmärkte hauptsächlich in eine andere Richtung: in die reine Spekulation, die letztendlich immer zur Blasenbildung führen muss. Wir haben es seit gut zwei Jahrzehnten mit einer Art Finanzblasenkapitalismus zu tun, der durch das Aufsteigen immer größerer Spekulationsblasen gekennzeichnet ist, die in ihrer Aufstiegsphase als regelrechte Konjunkturmotoren fungieren – und die beim Platzen immer größere Verwüstungen hinterlassen.</p>
<p>Hierbei handelt es sich um einen langwierigen Prozess, in dem die Abhängigkeit des Gesamtsystems von der Verschuldungsdynamik sukzessive ansteigt: Angefangen von der Asienkrise Ende der 90er, über die Hightech-Blase von 2000, die 2008 geplatzte Immobilienspekulation, bis zur gegenwärtig zusammenbrechenden Liquiditätsblase. Dabei konnten bisher die verheerenden Folgen dieser zusammenbrechenden Spekulationsdynamik nur durch erneute Blasenbildung – durch eine blinde “Flucht nach vorn” in weitere Spekulationsexzesse- hinausgezögert werden.</p>
<p>Wir müssen uns auch vergegenwärtigen, dass die derzeitige Staatsschuldenkrise größtenteils auf das Platzen der Spekulationsblasen auf dem Immobiliensektor zurückzuführen ist. Spanien oder Irland wiesen vor Krisenausbruch in 2008 eine niedrigere Staatsverschuldung als etwa die Bundesrepublik auf. Erst durch die milliardenschweren “Hilfsmaßnahmen” für die taumelnden Finanzmärkte und die “Sozialisierung” der Krisenverlauste explodierte die Staatsverschuldung in vielen Ländern. Es scheint paradox, aber tatsächlich haben die Staaten die Finanzmärkte im Endeffekt durch weitere Verschuldung auf den Finanzmärkten stabilisiert. Damit wird die europäische Staatsschuldenkrise aber auch automatisch zu einer Finanzmarktkrise, da Staatspleiten sofort die Banken in den Bankrott treiben werden, die Staatsanleihen aufgekauft haben.</p>
<p>Beide Pole kapitalistischer Vergesellschaftung – der Staat wie das Kapital – sind somit in einer Krisensymbiose aneinander gefesselt. Es lohnt, sich in Erinnerung zu rufen, dass staatliche und private Schulden denselben gesamtgesellschaftlichen Effekt zeitigten: die Stimulierung der Wirtschaft. Folglich bilden die nun angehäuften Schuldenberge ebenfalls eine gesamtgesellschaftliche Belastung. Die Schuldenkrise ist nicht nur eine Krise der Staaten oder der Banken, sondern des gesamten Systems.</p>
<p>Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein wucherungsartig anschwellender Finanzsektor als ein eindeutiges Krisenphänomen zu deuten ist – nicht aber als die Krisenursache. Es ist der stürmisch vom Kapitalismus vorangetriebene Fortschritt der Produktivkräfte, der die Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise unterminiert. Die Krise hat ihre Ursache nicht im Finanzsektor, sondern in den Widersprüchen der warenproduzierenden Industrie. Gerade das exzessive Wuchern der Finanzmärkte hat die unter einer latenten Überproduktion leidende reale Wirtschaft durch schuldengenerierte Nachfrage am Leben gehalten.</p>
<p><em>Weitere Infos:</em><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29356/1.html" target="_blank">Von der Immobilienspekulation zum Zusammenbruch der globalen Defizitkonjunktur</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/31/31777/1.html" target="_blank">Das Wunder an der Wall Street</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/31/31137/1.html" target="_blank">Hurra, der (Pseudo-) Aufschwung ist da!</a></p>
<p><strong>Was können die finanziell klammen Staaten nun überhaupt noch unternehmen? Welche Optionen hat die Politik noch?</strong></p>
<p>Die Politik kann mit dem ihr zur Verfügung stehenden Instrumentarium die gegenwärtige Krise nicht lösen, sie kann aber sehr wohl den drohenden schweren Wirtschaftseinbruch hinauszögern.</p>
<p>Die Krisenpolitik befindet sich in einer Aporie, in einem unlösbaren Selbstwiderspruch, bei dem sie nur zwischen zwei unterschiedlichen Wegen in die Krise wählen kann: Die Politik kann einerseits die Staatsverschuldung immer höher treiben, um den wirtschaftlichen Absturz zu verhindern. Dieser Ansatz, der zumeist mit einer expansiven Geldpolitik einhergeht, führt letzten Endes zur Inflation oder zum Staatsbankrott – da letzten Endes die Notenpresse angeworfen werden muss, um die Verschuldungsdynamik aufrechtzuerhalten. Andererseits können Regierungen versuchen, die staatlichen Schuldenberge durch drakonische Kürzungen abzubauen. Dies jedoch bewirkt einen sofortigen ökonomischen Einbruch, der auch zu erheblicher Verelendung in der betroffenen Gesellschaft führt.</p>
<p>Die meisten Regierungen entschieden sich zuerst für die Schuldenmacherei: Die Staaten haben nach Krisenausbruch die auf den Finanzmärkten betriebene Verschuldungsdynamik im Endeffekt durch kreditfinanzierte Konjunkturprogramme ab 2008 weiter aufrecht gehalten. Die vormals durch die Finanzmärkte organisierte Defizitkonjunktur, bei der die Anhäufung von Schulden konjunkturbelebend wirkt, wurde nach Krisenausbruch verstaatlicht – bis die Staaten selber an ihre finanzielle Belastungsgrenze stießen. Mit zunehmender Krisenintensität eskalieren auch die Streitereien um die Krisenpolitik. Derzeit konnte die deutsche Regierung die Europäische Union auf strikte Sparprogramme verpflichten, während etwa die USA auf einer Fortführung von Verschuldung und Anleiheaufkäufen beharren.</p>
<p>Die Auseinandersetzungen um die konkrete Ausgestaltung der kapitalistischen Krisenpolitik gewinnen auch deswegen an Härte, weil beide Fraktionen in diesem Disput die desaströsen Konsequenzen der Politik der Gegenseite durchaus zurecht fürchten. Fakt ist, dass etliche Länder ihre Haushaltsdefizite aufgrund ausartender Staatsverschuldung tatsächlich nicht mehr auf den Finanzmärkten refinanzieren können – und etwa unter den “Euro-Rettungsschirm” flüchten mussten. Fakt ist aber auch, dass eine Einstellung der schuldenfinanzierten Konjunkturprogramme zu einer Konjunkturflaute führt, die in Stagnation und Rezession mündet.</p>
<p>Somit befinden sich tatsächlich beide Seiten in dem finanzpolitischen Streit um die Ausgestaltung der künftigen Krisenpolitik bei ihrer Diagnose im Recht: Weitere Staatsverschuldung wird unweigerlich zum Staatsbanktrott oder zur Hyperinflation führen, ein Ende der staatlichen Verschuldung wird in die Rezession führen. Beide Parteien befinden sich aber auch auf dem Holzweg, wenn sie davon ausgehen, dass ihre “Therapien”, ihre Politikkonzepte, die fundamentale Krise der Weltwirtschaft lösen könnten, die seit 2008 nur durch ausufernde staatliche Verschuldung verlängert werden konnte.</p>
<p>Aus der Unmöglichkeit, diese Systemkrise mit dem Instrumentarium der Krisenpolitik zu bewältigen, resultieren auch die irrationellen und ins Chauvinistische tendierenden Reflexe, die in Politik und Massenmedien an Breite gewinnen – und bei denen die gegebenen kapitalistischen Ideologien ins Extrem gesteigert werden.</p>
<p><em>Weitere Infos:</em><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35303/1.html" target="_blank">Politik in der Krisenfalle</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35813/1.html" target="_blank">Krise und Wahn</a></p>
<p><strong>Wieso bildet Europa derzeit das globale Krisenzentrum, obwohl andere Staaten – wie etwa die USA – ähnlich hoch verschuldet sind?</strong></p>
<p>Die Schuldenberge der USA und Europas sind in ähnlich gigantische Dimensionen angewachsen, und auch die Ursachen der Schuldenbildung auf beiden Seiten des Altantik sind auf den gescheiterten Strukturwandel und die besagte Krise der Arbeitsgesellschaft zurückzuführen. Konfrontiert mit der obig dargelegten Krisenfalle, hat die Politik in den USA aber einen anderen Weg eingeschlagen als in der Eurozone.</p>
<p>Der Unterschied zwischen den USA und der EU besteht in der Bereitschaft der USA, die Verschuldungsdynamik des US-amerikanischen Staates durch Aufkäufe von Staatsanleihen aufrechtzuerhalten – und mittelfristig eine ausartende Inflation in Kauf zu nehmen. Indem die US-Notenbank Fed notfalls im großen Stil die amerikanischen Staatsanleihen aufkauft, wird die Zinslast der USA niedrig gehalten und ein katastrophaler Wirtschaftseinbruch verhindert, da zumindest die staatliche Verschuldungsdynamik – und somit auch die kreditfinanzierte staatliche Nachfrage – weiter aufrechterhalten werden kann.</p>
<p>In der EU setzte sich hingegen Deutschland mit der Forderung nach sofortiger Haushaltssanierung durch, während die Aufkäufe von Staatsanleihen durch die EZB von Berlin vehement abgelehnt werden. Ohne Anleiheaufkäufe durch die EZB oder den ESM wird die Zinslast der südeuropäischen Schuldenstaaten bald untragbar sein, ein Auseinanderbrechen der Eurozone wird so sehr wahrscheinlich. Ohne fortgesetzte Verschuldung wird die Eurozone in einer schweren Rezession versinken, die sich bereit mit europaweit fallender Industrieproduktion ankündigt. Ein Schuldenabbau wir so vollends illusionär.</p>
<p>Zudem muss beachtet werden, dass der Euro zur Ausbildung gigantischer Ungleichgewichte in der Eurozone beigetragen hat – und dass die Krisenpolitik der EU von eskalierenden nationalen Interessensgegensätzen geprägt ist. In der Eurozone wurden Volkswirtschaften mit sehr unterschiedlichen Produktivitätsniveaus in einem Währungsraum zusammengefasst, sodass die ökonomisch unterlegenen Länder in Südeuropa ohnehin zur Ausbildung von Handelsdefiziten gegenüber den überlegenen Ländern im Zentrum neigten. Der Euro nahm den schwächeren Staaten die Möglichkeit, mittels Währungsabwertungen ihre Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen.</p>
<p>Zusätzlich setzte in der Bundesrepublik wenige Jahre nach der Einführung des Euro ein rabiater Sozialkahlschlag ein, der in der Einführung der Hartz-IV-Gesetze gipfelte und zur allgemeinen Prekarisierung des Arbeitslebens und einer Absenkung des Lohnniveaus beitrug. Hierdurch konnte die deutsche Exportwirtschaft weitere Exportvorteile gegenüber der Eurozone gewinnen und einen gigantischen Leistungsbilanzüberschuss von inzwischen 770 Milliarden Euro akkumulieren. Bei der EU handelte es sich also bereits um eine Transferunion – um eine Transferunion zugunsten der deutschen Exportindustrie, die nicht zuletzt dank sinkender Löhne und der Prekarisierung der Lohnabhängigen in der BRD ermöglicht wurde.</p>
<p>Diese deutschen Exportüberschüsse in die Eurozone trugen also maßgeblich zur Ausbildung der Schuldenberge in der Eurozone bei – die Exportüberschüsse Deutschlands sind logischerweise die Defizite der Zielländer deutscher Exportoffensiven.</p>
<p>Rückblickend betrachtet war die “europäische Integration” selber ein Reflex auf diese Krise. Das “Europäische Haus” wurde spätestens seit der Euroeinführung auf einen beständig wachsenden Schuldenberg errichtet, der bis zum Platzen dieser Schuldenblase allen Beteiligten die Illusion gab, an einem allgemein vorteilhaften Integrationsprozess beteiligt zu sein: Deutschlands Industrie erhielt dank des Euro Exportmärkte, während Europas Schuldenstaaten ihre kreditfinanzierte Deifizitkonjunktur erfuhren.</p>
<p>Weitere Infos:<br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35813/1.html" target="_blank">Krisenmythos Griechenland</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35514/1.html" target="_blank">Zerbricht Europa an der Krise?</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35052/1.html" target="_blank">Transatlantischer Schuldenturmbau im Vergleich</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/30/30415/1.html" target="_blank">Die Weltwirtschaftskrise als Schuldenkrise</a></p>
<p><strong>Wie schlimm wird die Krise werden? Worauf müssen wir uns einstellen?</strong></p>
<p>Kurzfristig wird das System mit Sicherheit in einer schweren Wirtschaftskrise versinken, sobald die Verschuldungsdynamik zusammenbricht, die den Kapitalismus – noch – am Laufen hält. Die anstehende globale Depression könne durchaus die Schärfe und Dramatik der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts erreichen, inklusive schwerwiegender sozialer und politischer Verwerfungen und Umbrüche. Der Wirtschaftseinbruch in Südeuropa wird nicht mehr von einem späteren Aufschwung abgelöst werden. Stattdessen findet in der Peripherie der EU ein dauerhafter wirtschaftlicher und sozialer Absieg statt, der die betroffenen Länder in ihrer zivilisatorischen Entwicklung zurückwerfen wird. Es ist, als ob die “Dritte Welt” von sich Nordafrika über das Mittelmeer bis nach Südeuropa ausbreiten würde. Es findet derzeit ein Prozess des “Abschmelzens” der reaktiven Wohlstandsinseln der “Ersten Welt” im globalen Maßstab statt.</p>
<p>Die kommende globale Depression bildet dabei nur das jüngste Stadium eines langfristigen, weltgeschichtlichen Prozesses, bei dem das kapitalistische Weltsystem nach einer gut 500-jährigen Entwicklungsperiode an die dargelegte innere Schranke seiner Entwicklungsfähigkeit stößt und an seinen eskalierenden Widersprüchen zugrunde geht. Das System tritt nun in eine Phase des chaotischen Umbruchs ein, wobei die Richtung und der Ausgang dieses Prozesses nicht prognostizierbar sind. Der US-amerikanische Soziologe Immanuel Wallerstein hat diese Periode des systemischen Umbruchs folgendermaßen beschrieben: <em>“Wir leben in einer Phase des Übergangs von unserem existierenden Weltsystem, der kapitalistischen Wirtschaft, zu einem anderen System oder anderen Systemen. Wir wissen nicht, ob dies zum Besseren oder zum Schlechteren sein wird. Wir werden dies erst wissen, wenn wir dorthin gelangt sind, was möglicherweise noch weitere 50 Jahre dauern kann. Wir wissen allerdings, dass die Periode des Übergangs für alle, die in ihr leben, eine sehr schwierige sein wird. … Es wird eine Zeit der Konflikte oder erheblicher Störungen … sein. Es wird auch, was nicht paradox ist, eine Zeit sein, in der der Faktor des freien Willens zum Maximum gesteigert wird, was bedeutet, dass jede individuelle und kollektive Handlung eine größere Wirkung bei Neuaufbau der Zukunft haben wird als in normalen Zeiten, also während der Fortdauer eines historischen Systems.”</em> (Immanuel Wallerstein, Utopistik, Wien, 2002, S. 43)</p>
<p>Im gewissen Sinne können die bereits global eskalierenden Auseinandersetzungen und Verwerfungen als Teil dieses Kampfes um die Ausgestaltung des künftigen Weltsystems aufgefasst werden, auch wenn dies den Akteuren dieser Kämpfe zumeist nicht klar ist. Die ungeheure Intensivierung der Umbrüche und Konflikte resultiert aus der Tatsache, dass das gegenwärtige System für immer mehr Menschen unerträglich wird, da es an seine Entwicklungsgrenzen stößt.</p>
<p>Immer mehr Menschen fallen aus dem Prozess der Kapitalakkumulation heraus, sie werden “überflüssig” – während der Druck auf die noch in Arbeit befindlichen Lohnabhängigen immer weiter wächst. Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen im arabischen Raum etwa bildete eine wichtige Triebkraft der Umbrüche in dieser Region. Deutschland kann als eine Burnout-Republik bezeichnet werden, während in Südeuropa zweistellige Arbeitslosenraten erreicht werden.</p>
<p>Mit zunehmender Krisenintensität werden sich diese Widersprüche verschärfen. Der Ausgang dieses chaotischen Transformationsprozesses ist – wie von Wallerstein konstatiert – völlig unklar, da er von den unendlich komplex verwobenen Handlungen der daran Beteiligten Menschen abhängig ist. Das kommende Weltsystem kann viel schlimmer (hieratischer und diktatorischer) als das Gegenwärtige werden – oder auch besser, egalitärer und demokratischer. Mit Sicherheit kann aber jetzt schon konstatiert werden, dass die aus dieser Transformation hervorgehende Gesellschaft keine kapitalistische sein wird, da es das dargelegte Kapitalverhältnis selbst ist, das an seine inneren Grenzen stößt und die tiefere Ursache der gegenwärtigen Krise bildet.</p>
<p>Letztendlich scheint es angebracht, diese Krise auch als Chance wahrzunehmen; als Chance auf die Errichtung eines besseren, demokratischeren und egalitären Gesellschaftssystems. Bei Abstrahierung von den konkreten Formen kapitalistischer Vergesellschaftung nimmt die Krise ja einen regelrecht absurden Charakter an: Die Gesellschaft erstickt an ihrem Überfluss.</p>
<p>Der Kapitalismus verliert letztendlich seinen ewigen “Wettlauf mit den Maschinen.” Weil zu viele Waren mit immer weniger Arbeitskräften hergestellt werden können, versinken immer mehr Bevölkerungsgruppen und Weltregionen in Marginalisierung und Verelendung. Die technischen und materiellen Voraussetzungen zur Errichtung einer Gesellschaft, die die Grundbedürfnisse aller Menschen weltweit befriedigt, sind aber objektiv gegeben.</p>
<p><em>Weitere Infos:</em><br />
<a href="http://www.youtube.com/watch?v=nLvszWBf6BQ" target="_blank">Immanuel Wallerstein on the end of Capitalism</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29687/1.html" target="_blank">“In 30 Jahren wird es keinen Kapitalismus mehr geben”</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/32/32931/1.html" target="_blank">Schleifung der Überkapazitäten</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/32/32932/1.html" target="_blank">Zweite Welle der globalen Wirtschaftskrise innerhalb der nächsten Jahre</a></p>
<p>(erschienen auf <a href="http://www.heise.de/tp/artikel/36/36123/1.html">Telepolis 23.12.2011</a>)</p>
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		<item>
		<title>Die Krise heisst (Finanz-)Kapitalismus!? (Audio)</title>
		<link>http://www.krisis.org/2011/die-krise-heisst-finanz-kapitalismus-audio</link>
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		<pubDate>Wed, 21 Dec 2011 16:12:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>

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		<description><![CDATA[Mitschnitt einer Diskussionsveranstaltung mit Norbert Trenkle und Thomas Sablowski Download als mp3 oder als WMA Quelle: Archive.org Hier der Ankündigungstext: mit Norbert Trenkle und Thomas Sablowski Zeit: Di., 30.11., 20.00 Ort: Café KoZ, Campus Bockenheim, Universität Frankfurt Die seit 2008 andauernde Immobilien- und Finanzkrise hat geschafft woran sich die Linke nicht nur hierzulande seit Jahren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Mitschnitt einer Diskussionsveranstaltung mit Norbert Trenkle und Thomas Sablowski</p>
<p>Download als <a href="http://www.archive.org/download/30.11.10-DieKriseHeistfinanzkapitalismus_632/WS_30017.mp3">mp3</a> oder als <a href="http://www.archive.org/download/30.11.10-DieKriseHeistfinanzkapitalismus_632/WS_30017.WMA">WMA</a><br />
Quelle: <a href="http://www.archive.org/details/30.11.10-DieKriseHeistfinanzkapitalismus_632">Archive.org</a><br />
<span id="more-4847"></span><br />
Hier der Ankündigungstext:<br />
mit Norbert Trenkle und Thomas Sablowski<br />
Zeit: Di., 30.11., 20.00<br />
Ort: Café KoZ, Campus Bockenheim, Universität Frankfurt</p>
<p>Die seit 2008 andauernde Immobilien- und Finanzkrise hat geschafft woran sich die Linke nicht nur hierzulande seit Jahren die Zähne ausbeißt: Mit mal mehr, öfter weniger kritischem Gehalt wird das Stichwort „Kapitalismus“ auch über das Feuilleton hinaus gesellschaftlich wieder diskutiert.</p>
<p>In der Praxis stellte sich die Linke aber mehr als einmal ziemlich ratlos dar. Die Krise soll möglichst einfach erklärt werden, der theoretische Klärungsprozess steht allerdings noch am Anfang.</p>
<p>Die bisher vorgelegten unterschiedlichen Kriseninterpretationen folgen teilweise konkurrierenden Einschätzungen: Sind die Banken z.B. Verursacher oder nur Profiteure der Krise, oder vielleicht beides?Wie lässt sich die, mitunter tiefgreifende Veränderungen in den sozialen Bereiche auslösende, gesellschaftliche Entwicklung begreifen? Wäre die für Frankfurt geplante Bankenblockade eine angemessene linke Intervention gewesen? Welche praktischen Konsequenzen lassen sich überhaupt für die Linke aus einer theoretischen Einordnung der Krise gewinnen?</p>
<p>Diese und ähnlich Fragen wollen wir gemeinsam mit euch und Norbert Trenkle (Krisis) sowie Thomas Sablowski (Uni Ffm) auf der Veranstaltung diskutieren.</p>
<p>Eine Veranstaltung der Antifa [F], Frankfurt/M.</p>
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		<title>Il y a le feu chez les pompiers!</title>
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		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 17:08:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Français]]></category>

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		<description><![CDATA[Deutsche Version Ernst Lohoff La dégringolade actuelle des bourses est la plus forte enregistrée depuis la faillite de la banque Lehman Brothers à l’automne 2008. D’après le journal Welt-online, à travers la planète, l’équivalent de cinq mille milliard de dollars en actifs se seraient dissipés dans les dernières semaines. Maintenant que l’agence de cotation Standard [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.krisis.org/2011/brennende-loeschfahrzeuge">Deutsche Version</a></p>
<p><em>Ernst Lohoff</em><span id="more-4780"></span></p>
<p>La dégringolade actuelle des bourses est la plus forte enregistrée depuis la faillite de la banque Lehman Brothers à l’automne 2008. D’après le journal Welt-online, à travers la planète, l’équivalent de cinq mille milliard de dollars en actifs se seraient dissipés dans les dernières semaines. Maintenant que l’agence de cotation Standard &#038; Poor’s a abaissé la note de solvabilité concernant les emprunts d’Etat des Etats-Unis, les places financières vont certainement chuter encore. </p>
<p>Depuis les années quatre-vingts, l’industrie de la finance est devenue l’industrie de base du système capitaliste mondial et a subi régulièrement des échecs. Mais les événements actuels ont acquis une nouvelle dimension. Lors de toutes les crises précédentes qui touchaient les centres capitalistes, c’étaient toujours les Etats, prompts à s’endetter, qui jouaient le rôle de pompier. Aujourd’hui les pompiers d’hier sont le foyer de l’incendie.</p>
<p>Ce déplacement du point de départ de la crise n’est pas le fait du hasard, c’est la conséquence logique de la manière dont on a tenté de résoudre les crises précédentes. Que ce soit lors du krach de la nouvelle économie ou à la suite de la grande crise des marchés financiers de 2008, les marchés ont commencé à chuter parce que les investisseurs, déçus par la non réalisation des promesses de rentabilité, se sont détournés massivement des entreprises privées « prometteuses », ont arrêté d’acheter des actions des « entreprises d’avenir » ainsi que de fournir des nouveaux crédits hypothécaires douteux. Le soin d’enrayer la spirale descendante de l’économie mondiale était laissé aux Etats. Au moyen d’une politique de l’argent pas cher (taux d’intérêts bas), les banques centrales fournissaient la matière première pour la création d’une nouvelle bulle spéculative encore plus importante. Grace à une politique de dépense intensive,,, la puissance publique a freiné la chute de ce qu’on appelle l’économie réelle : l’augmentation toujours plus rapide de la dette devait servir de tampon jusqu’à ce que la dynamique de création de capital fictif se trouve une nouvelle sphère prometteuse et privée qui relance la machine. Après le krach de la nouvelle économie en 2000, cette approche a encore donné satisfaction. Pendant deux ou trois ans, la conjoncture mondiale restait faible mais par la suite les bulles successives, comme celle de l’immobilier étatsunien, permettaient de nouveau une croissance de l’économie mondiale. Mais après la crise des marchés financiers de 2008, aucune nouvelle sphère privée prometteuse ne s’est établie. Au moyen d’une politique de taux d’intérêts extrêmement bas, et la nationalisation des pertes de la spéculation, on a réussi à éviter l’effondrement des marchés financiers. Les programmes de soutien à l’économie ont permis de stabiliser l’économie réelle, mais la production de l’industrie financière privée est restée en dessous du niveau qui aurait permis une limitation de l’endettement public. 15 mille milliards de dollars est la somme que l’ensemble des Etats ont bien voulu débourser pour dépasser la crise de 2008, ce qui fait grimper dramatiquement l’endettement total de tous les Etats de la planète jusqu’à 39 mille milliards de dollars.</p>
<p>Et il n’y a pas d’embellie à l’horizon. L’endettement des Etats est devenu la bulle la plus importante de l’industrie financière et c’est précisément cette bulle-là qui est en train d’éclater. La politique économique se trouve devant un dilemme énorme. D’un côté l’expansion de l’endettement étatique doit se poursuivre afin d’éviter une déflation. En même temps, les Etats doivent en permanence annoncer le retour vers des budgets équilibrés afin de maintenir leur propre crédibilité pour contracter de nouveaux crédits. Ce casse-tête représente l’arrière-plan de la panique réelle qui envahit actuellement les marchés financiers. On ne peut pas définir précisément, ni pour l’Europe ni pour les Etats-Unis, ce qui fait le plus accélérer la dégringolade des bourses : est-ce qu’il s’agit de la peur que les plans d’austérités annoncés entrainent une déflation, ou alors de l’inquiétude concernant la solvabilité des débiteurs étatiques ?</p>
<p>Dans cette situation bloquée, il ne reste plus qu’une sortie. En soi la politique économique n’a plus de marge de manœuvre, mais il reste encore une option monétaire. Vu que les taux directeurs sont déjà extrêmement bas, les banques centrales ne peuvent plus baisser  les taux d’intérêts, mais par contre ils rachètent les emprunts des Etats en difficulté. Cela ouvre aux Etats de nouvelles perspectives pour s’endetter et empêche dans l’immédiat que les emprunts d’Etats qui circulent dans l’industrie financière soient dévalorisés. Le capitaliste idéel général (l’Etat) fait ici quelque chose que personne d’autre ne peut faire, il s’endette auprès de lui-même.</p>
<p>Cela était considéré il y a quelques années comme le plus grand péché contre la stabilité monétaire et cela non sans raison : une banque centrale qui stocke, pour garantir la stabilité monétaire, à la place de titres rentables des créances pourries déplace la crise sur un nouveau terrain. La dévalorisation de l’endettement public est ajournée et la conséquence est une dévalorisation rampante de l’argent. La prochaine étape logique du processus de crise est le passage de la crise des budgets étatiques vers la crise du médium argent. Le capitalisme dépasse ses crises en préparant les suivantes,  toujours plus importantes. Karl Marx disait déjà cela, mais jamais la transmutation du moyen d’éteindre la dernière crise en combustible pour la prochaine crise ne s’est faite aussi rapidement.</p>
<p>Traduction: Paul Braun</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Der Conferencier als Condottiere</title>
		<link>http://www.krisis.org/2011/der-conferencier-als-condottiere</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2011/der-conferencier-als-condottiere#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 18 Dec 2011 06:00:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Schandl]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.krisis.org/?p=4736</guid>
		<description><![CDATA[Franz Schandl Auch in seinem neuesten Buch beweist Slavoj Žižek sich als Großmeister der Sprunghaftigkeit In den Köpfen herrscht die Matrix: „Ganz gleich wie sehr wir den natürlichen Reproduktionskreislauf stören, wir vertrauen auf die Natur und erwarten, dass sie ihren stabilen Lauf fortsetzt. Ganz gleich wie viel wir spekulieren, wir vertrauen auf den Markt und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Franz Schandl</em></p>
<h4>Auch in seinem neuesten Buch beweist Slavoj Žižek sich als Großmeister der Sprunghaftigkeit</h4>
<p>In den Köpfen herrscht die Matrix: „Ganz gleich wie sehr wir den natürlichen Reproduktionskreislauf stören, wir vertrauen auf die Natur und erwarten, dass sie ihren stabilen Lauf fortsetzt. Ganz gleich wie viel wir spekulieren, wir vertrauen auf den Markt und erwarten, dass er sich wieder erholt. Dieses grundsätzliche Vertrauen ist mehr als eine nur psychologische Kategorie. Es konstituiert erst unseren Realitätssinn.“ (S. 304) „Wir glauben nicht weniger, sondern viel stärker, als wir uns zu glauben einbilden.“ (S. 8)<span id="more-4736"></span></p>
<p>Selbst die Empörung vieler Menschen ist mehr Pose als Praxis, nicht mehr als eine ledige Haltung: Wir glauben zwar an nichts mehr zu glauben, tatsächlich aber sind wir aktivierte Affirmatiker. Abgeklärte Monaden, die trotzig an dem festhalten, selbst wenn wir meinen zu verneinen. „Aufgrund ihres alles durchdringenden Charakters erscheint die Ideologie als ihr eigenes Gegenteil, als Nichtideologie, als Kern unserer menschlichen Identität jenseits aller ideologischen Etikettierungen.“ (S. 243)</p>
<p>Zuallererst ist das Treiben des Slavoj Žižek ein äußerst sympathisches. Überall dort, wo die radikale Linke abgerüstet hat (und wurde), dort rüstet er kräftig auf. Der Kommunismus erscheint bei ihm alles andere als antiquiert – als eine brandaktuelle Aufgabe. Und er selbst versteht sich als Meister des Zündelns. Vor allem wendet er sich auch gegen die obligate Beschwörung der Demokratie, die nach noch mehr Demokratisierung schreit. Da ist Žižek (in Anlehnung an Alain Badiou) nicht mit von der Partie. Einer dieser lästigen, aber letztlich harmlosen Denker, das möchte er nicht sein.</p>
<p>Die Zunft und ihre Gepflogenheiten kümmern unseren Philosophen jedenfalls wenig. So gesehen ist Žižek auch nicht unbedingt seriös. Aber was ist schon seriös? Der sich wiederkäuende Mainstream der wissenschaftlichen Wüste, die Pragmatiker des Sachzwangs, die fußnotenheischenden Fetischisten, die hermetischen Hermeneutiker, die flagranten Kartellzitierer, die Podiumsbesetzer und Talkschwätzer? Da ist Žižek weiter, wenn auch – wie zu zeigen sein wird – auf der gleichen kulturindustriellen Sprossenleiter.<br />
Bluff und Blende</p>
<p>Es gibt keinen Intellektuellen, der nicht blufft und blendet, zweifellos. Werden diese Prädikate aber substantivistisch aufgeladen, das Treibmittel zur Methode verdichtet, zerstören sie die Substanz des Denkens. Rausch, Droge, Placebo. Alles in Ordnung. Wie soll das Versetzen von Wirklichkeit in Wahrheit auch sonst gelingen? Durch eine Statistik? Eine Kurve? Gar ein Diagramm? Es gibt keine Reflexion ohne Rausch, aber ein Rausch ist noch keine Reflexion. Die Dosis, mit der Žižek operiert, ist jedoch eine Überdosis. Was Theorie betrifft, ist Žižek kein Trinker, sondern ein Säufer.</p>
<p>Da begegnen uns etwa Passagen, die zwar in ihrer Konstruktion nicht kompliziert erscheinen, letztlich aber in ihrer Dekonstruktion Leere hinterlassen. Beispiel: „Das Reale ist gleichzeitig generativ und destruktiv: destruktiv, wenn es freie Hand bekommt, aber auch wenn es verneint wird, da seine Verneinung eine Wut freisetzt, welche es imitiert – ein Zusammenfall der Gegensätze.“ (S. 19) Was mag das wohl heißen? Oder sollte man gar nicht wagen, solche Fragen zu stellen, weil sie nur die eigene Unkenntnis bloßlegen? Oder werden wir vom Theoretiker bloß gelegt?</p>
<p>Žižek zerstört zwar nicht die Form der Sätze, er ruiniert aber deren inhaltliche Aussage. Sequenzen wie die eben zitierte finden sich einige und man hat das Gefühl, dass der Verfasser schon bei der Abfassung über das Publikum lacht. Über jene, die es nicht verstehen, sowieso, aber mehr noch über jene, die es verstehen. Denn die verstehen tatsächlich das Unverständliche. Und was würde der schlagfertige Autor, darauf angesprochen, sagen? Nun, dass man nicht alles, was man schreibt, auch selbst verstehen muss. Locker bleiben, ganz locker. Dialektik ist mitunter auch die Finesse, diverse Ungereimtheiten elegant zu umschiffen. Es ist überhaupt ein Kennzeichen unseres Philosophen, unvereinbare Botschaften in sich zu vereinen.</p>
<p>Slavoj Žižek ist ein Großmeister der Sprunghaftigkeit. Noch ehe der Rezipient den vorgetragenen Gedanken verdauen kann, serviert der Denker bereits den übernächsten. Der Leser ist ein armer Hund, er kann davonlaufen oder hinterherhecheln. Mehr Möglichkeiten bietet die Žižeksche Führung nicht. Der Autor zieht die Register. Kein Fass, das nicht geöffnet wird. Dazu gehört auch die Abschweifung in Permanenz: Das wäre noch zu bemerken, und übrigens verweise er auf, und da sei auch noch, und zu Adorno und Althusser und Freud und und und wäre auch noch vieles zu sagen, und in der Unzahl der Klammersätze wird es sowieso angedeutet. Uff!<br />
Heidegger als Wegbereiter</p>
<p>Wenn es nach Žižeks neuestem Buch geht, dann ist der große Wegbereiter dieser Linken des 21. Jahrhunderts ein gewisser Martin Heidegger. Fast ein Drittel des Bandes ist ihm gewidmet und immer wieder tritt er als Zeuge auf. Man fühlt sich direkt an den frühen Sloterdijk erinnert, der einst eine heideggersche Linke einforderte. Indes drücken diese Abschnitte doch einiges an Befangenheit aus. Der Provokateur stolpert des Öfteren: „Heidegger ist nicht trotz, sondern wegen seines NS-Engagements ,groß‘, seine Beteiligung ist ein wesentliches Element seiner ,Größe‘.“ (S. 49), heißt es etwa. Oder: „Sein NS-Engagement war nicht ,völlig falsch‘ – das Tragische ist, dass es fast richtig war, indem es die Struktur eines revolutionären Akts aufwies, die dann durch die faschistische Verzerrung zerstört wurde.“ (S. 74) Es mag zwar einen falschen Schritt in die richtige Richtung geben, was aber ein richtiger Schritt in die falsche Richtung ist, ist uns schleierhaft. Eben einen solchen soll Heidegger laut Žižek 1933 getan haben. (S. 13)</p>
<p>Dass Žižek die Gefahr nicht scheut, spricht zwar für ihn, dass er aber ungesichert durch Heideggers Schwarzwald läuft, lässt an seinem Verstand zweifeln. Mehr als eine gefinkelte Apologie ist nicht drinnen, dazu steht er zu sehr im Bann des deutschen Meisterdenkers. Nicht dass er sich dem „Fascinating Fascism“ stellt, ist das Problem – das ist gegen den seichten antifaschistischen Mainstream notwendiger denn je – sondern wie er es tut. Er verliert sich ganz in der Affinität.</p>
<p>„Es ist nichts ,in sich Faschistisches‘ an Begriffen wie Ent-scheidung, Wiederholung, Annahme des eigenen Schicksals (oder mehr auf die ,gewöhnliche‘ Politik bezogen, an Begriffen wie Massendisziplin, Opfer für die Gemeinschaft usw.).“ (S. 70) Formal mag das stimmen, aber wie es vorgetragen wird, liest es sich so, als hätte die Totalitarismustheorie in ihrer Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus denn doch recht. Es ist allerdings ein Unterschied, ob in bestimmten Situationen Disziplin nötig ist (man denke etwa an den Straßenverkehr) oder ob man Disziplin (noch dazu jene der Massen) zur Tugend kürt. Ein apodiktischer Satz wie „Wer nichts hat, hat nur seine Disziplin.“ (S. 73), ist völlig durchgeknallt. Was die Gesellschaft einfordert, wird hier einfach dupliziert. Es kann nicht Aufgabe des Kommunismus sein, Kaserne und Fabrik nachzubauen. Das hatten wir schon. Gegen die gesellschaftliche Disziplin diszipliniert vorzugehen, mag eine taktische Varianz ausdrücken, mehr aber nicht. Jede Aufladung solcher Notwendigkeiten zu Prinzipien und Imperativen ist unangebracht.<br />
Gewalt und Terror</p>
<p>Das Böse wird in dieser Logik als unvermeidbar, als „nicht aufhebbares Grundwesen“ (S. 84) vorgestellt. Es ist nicht Resultat (wie doch jeder noch so krude Materialismus nahe legen würde) einer bestimmten historischen Konstellation und Sozialisation, es ist „nicht einfach ein Abfall vom ontologischen Wesen des Menschen, sondern muss in diesem ontologischen Wesen begründet liegen.“ (S. 84) Man staunt nur so: Ontische Emanationen erscheinen als ontologische Gegebenheiten, um es heideggerisch zu formulieren. Das Böse rührt aus „den Windungen des Seins“ (S. 84), gleicht einem Trieb (S. 85).</p>
<p>Diesem Trieb gibt Žižek sich nun ganz hin. Wenn schon, denn schon. Das Böse ist nur böse, wenn es von den Bösen kommt; gut wäre demnach böser als die Bösen zu sein. Auf dieses Programm lassen sich diverse Ausführungen bringen, mögen sie auch noch so elaboriert daherstolzieren. Auf Heidegger schließen dann viele Seiten ausgelobter Mao-Exzerpte an. Nahtlos.</p>
<p>Getreu dem Motto, dass es besser ist Schrecken zu verbreiten als sich schrecken zu lassen, singt Žižek das Lied des Terrors, denn „dieser Schrecken ist nichts Geringeres als die Bedingung der Freiheit“ (S. 113): „Wer A sagt – Gleichheit, Menschenrechte und Freiheit –, sollte nicht vor den Folgen zurückschrecken und den Mut aufbringen, auch B zu sagen, um A wirklich verteidigen und behaupten zu können, braucht es den Terror.“ (S. 96) Denn „göttliche Gewalt = unmenschlicher Terror = Diktatur des Proletariats“. (S. 102) So reden gedopte Schreckgespenster, denen es darum geht, „den emanzipatorischen Terror neu zu erfinden“ (S. 119).</p>
<p>Tatsächlich ist es bereits daneben, den Kommunismus anhand der bürgerlichen Werte zu definieren. Schlimmer aber ist, dass Stalin und Mao nicht eingemeindet werden in die leidvolle Geschichte der kapitalistischen Modernisierung (und nichts anderes stellten diese Regimes dar), sondern als nicht so ganz geglückte Alternativen weiterhin hofiert werden. Der Stalinismus wird „mit Bedauern“ (S. 175) gutgeheißen. Indes, der Stalinismus war eine ernsthafte Tragödie, der nicht nachzuweinen ist. Ob des Kommunismus oder für den Kommunismus oder beides, das alles wären spannende Fragen. Die Beschönigungen hingegen sind schon in den 1930erJahren falsch (aber angesichts des Nationalsozialismus teilweise verständlich) gewesen, heute jedoch sind sie bloß noch eine unerträgliche Farce.</p>
<p>So plädiert Žižek – und der absolute Tiefpunkt ist nun erreicht –, als Subjekt zu „einer Art ,lebendem Toten‘ zu werden, auf alle persönlichen Eigenarten zu verzichten und sein ganzes Leben der Vernichtung derer zu widmen, die es gezwungen haben, die Opfertat zu begehen. Eine solch ,unmenschliche‘ Position der absoluten Freiheit (in meiner Einsamkeit kann ich tun und lassen, was ich will, niemand hat Gewalt über mich) gepaart mit der absoluten Hingabe an eine Aufgabe (der einzige Sinn meines Lebens besteht darin, Rache zu üben) charakterisiert vielleicht am treffendsten das revolutionäre Subjekt.“ (S. 115)</p>
<p>Unfreiwillig punziert sich dieser Kommunismus der lebenden Toten als Zombie-Bolschewismus. Der nüchterne Lenin hätte nie so einen Blödsinn geschrieben, für ihn „unterscheidet sich der Marxismus von allen primitiven Formen des Sozialismus dadurch, dass er die Bewegung nicht an irgendeine Kampfform bindet.“ (Lenin, Der Partisanenkrieg (1906), in: LW 11, S. 239) Bei Lenin kann man zweifellos einiges lernen, bei Žižek ist er lediglich ein Abziehbild. Diese Zeilen erinnern auch mehr an Ernst Jüngers heroischen Realismus, an einen Menschenschlag, „der sich mit Lust in die Luft zu sprengen vermag.“ (Ernst Jünger, Der Arbeiter, S. 37)</p>
<p>Gegen Anpassung und Opportunismus propagiert Žižek jedenfalls die Tugend des Terrors. Robespierre, der auch oft zu Wort kommt, lässt grüßen. Das Buch ist geradezu von kratologischer Lust getragen. In der Gewaltdebatte bringt es freilich keinen Jota weiter, im Gegenteil, es zieht Fronten auf und plädiert für den Krieg. Cui bono? Da werden keine Verhältnisse zum Tanzen gebracht, sondern nur ein Beitrag zur Eskalation der gesellschaftlichen Kommunikation geleistet.</p>
<p>Abseits aller Bekenntnisse zum Gewaltmonopol des Staates einerseits als auch zur revolutionären Gewalt andererseits ist die Gewalt als gesellschaftliche Drohung und Notwendigkeit zu realisieren, aber stets in der Perspektive ihrer Abschaffung zu debattieren. Ein Kern der Herrschaft liegt ja nach wie vor in der Gewalt, so domestiziert sie in den Rechtsstaaten auch daherkommt. Gesellschaftliche Transformation ist ohne Bruch des Gewaltmonopols nicht zu haben. Das muss man sich nicht unbedingt gewalttätig vorstellen, es kann aber auch durchaus gewalttätig vor sich gehen. Das Problem ist nicht, dass Žižek die Gewaltfrage aufmacht, das Problem ist, dass er sie gleich wieder zumacht.<br />
Böse Großkapitalisten</p>
<p>Wenn jemand sagt: „,Die Juden sind an unserem Elend schuld‘, dann meint das eigentlich: ,Das Großkapital‘ ist an unserem Elend schuld.“. So „verdeckt der ,schlechte‘ explizite Inhalt (Antisemitismus) den ,guten‘ impliziten Inhalt (Klassenkampf, Hass gegen Ausbeutung).“ (S. 276) Žižek aber sagt damit, dass die Grundstruktur dieses Reflexes adäquat sei – die Leute spüren das Richtige, sie suchen den Schuldigen bloß im falschen Adressaten. Ein Feinbild aber muss sein: Das Großkapital ist unser Unglück. Das ist, gelinde gesagt, Unsinn. Nach wie vor werden hier gesellschaftliche Zustände auf Schuldige und Unschuldige projiziert, nicht als Zwangsverhältnisse gesehen, die in unterschiedlichem Ausmaße alle gesellschaftlichen Mitglieder drangsalieren, sie als Interessensträger positionieren und als Konkurrenten gegeneinander aufbringen. Aber an sich weiß Žižek das doch, an anderer Stelle verweist er selbst auf „die falsche ,Personalisierung‘ (,Psychologisierung‘) eigentlich objektiver sozialer Prozesse.“ (S. 317)</p>
<p>Und sind Hass und Kampf (somit auch der Klassenkampf) von oben, aber auch von unten, in letzter Konsequenz nicht destruktive Formen, die die Gesellschaft der Konkurrenten zusammenhalten, indem sie die Menschen gegeneinander um das Gleiche kämpfen lassen: Geld? Sind Hass und Kampf Alternativen zu Krise und Zusammenbruch oder deren immanenter Bestandteil? Wenn der Kapitalismus zusehends die Verhältnisse barbarisiert, dann schreit Žižek: Das können wir auch. Seien wir froh, dass es nicht stimmt, er nur ein Condottiere in einem Cabaret ist. Die Revolution ist mehr als ein Maskenball, wo alle noch einmal ihre historischen Kostüme anziehen. Žižek aber ist zweifellos dessen Conferencier. Dass den Buchumschlag Hammer und Sichel zieren, ist bezeichnend.</p>
<p>Es ist schon eigenartig: Einerseits verkündet unser Autor selbst das Ende der Epoche der Oktoberrevolution, sie werde zwar „für immer ein wesentlicher Teil unserer Erinnerung bleiben, aber diese Geschichte ist vorbei, alles sollte neu überdacht werden, wir sollten wieder bei null anfangen“ (S. 295), andererseits vermag er nichts anderes zu unterbreiten als folgendes Szenario: „Revolutionäre müssen geduldig auf den (meist sehr kurzen) Moment warten, in dem das System offensichtlich versagt oder zusammenbricht; dieses kleine Zeitfenster müssen sie nutzen, die Macht an sich zu reißen, die in diesem Moment sozusagen auf der Straße liegt und greifbar ist, und diese Macht dann festigen, repressive Apparate aufbauen usw., sodass es, wenn die Verwirrung vorüber und die Mehrheit ernüchtert und vom neuen Regime enttäuscht ist, zu spät sein wird, um es wieder loszuwerden, weil es bereits verankert ist.“ (S. 298f.)</p>
<p>Stünde das in einem kleinen linksradikalen Blatt, würden die Leute lachen. Warum lachen sie bei Žižek nicht? Was habt ihr vor?, werden die Kommunisten gefragt. Und die sagen: Wir machen es so wie 1917. ?!?! Das ist doch eine Parodie! An diesen Überlegungen ist nicht einmal eine Nuance neu, geschweige denn weiterführend. Welch Posse: Da machen Verwirrte eine Revolution, und wenn sie dann genug davon haben und zu den alten Zuständen zurückwollen, werden sie durch Repression daran gehindert. Mit Verlaub, das sind trübe Aussichten. Es ist nicht einmal in Ansätzen auszumachen, was an diesem Modell irgendwie attraktiv sein soll. Wie Žižek alsdann die beschworene Arbeiterklasse, die heute in drei Teile, die geistigen Arbeiter, die ,proletenhaften‘ Arbeiter und die Ausgestoßenen (S. 324), gespalten ist, nicht nur einigen, sondern für dieses Programm begeistern könnte, ist ein völliges Rätsel.<br />
Himmel als Hölle</p>
<p>Nicht einmal das Jüngste Gericht darf in diesem katholisch dampfenden Kommunismus fehlen. Was da kommen soll, ist ein „Tag der vollkommenen Abrechnung“ (S. 325). „Die ,göttliche Gewalt‘ wäre der Akt des Ziehens der Notbremse im Zug des historischen Fortschritts.“ (S. 326) Wir tun eh nix, wir sind eh brav, das war gestern, nun vermittelt der (laut Eigenwerbung des Verlags) „gefährlichste Philosoph des Westens“: Wir reißen euch den Arsch schon noch auf! Zweifellos, ersteres ödet an, letzteres lässt Aufreißer und Aufgerissene wohlig erschauern. Da kommt Prickeln auf. Endlich ist da einer, der sich nicht duckt. Der gibt’s uns aber. Und darin liegt auch seine Faszination. Slavoj Žižek verteilt revolutionäre Potenzpillen an ein ausgehungertes Publikum. Die schmecken nicht so schlecht, vor allem aber machen sie high. Sie erhitzen, aber sie haben keine Wärme, die hält.</p>
<p>Nicht nur im Katholizismus vermag ein Turiner Leichentuch seine Wirkung zu entfalten, auch Putin lässt einen Revolutionsführer im Mausoleum liegen, und Žižek möchte diesen gar wieder auftauen. Schließlich gelte es Lenin als Helden zu wählen (S. 75) und die „nicht realisierten Möglichkeiten des Leninismus ans Licht bringen“ (S. 75). Wenn kritisiert wird, Che Guevera funktioniere doch als Ikone und Poster, dann legt Žižek sinngemäß nahe: Wir brauchen solche Ikonen und noch viel mehr Poster. „Warum sollte die revolutionäre Politik denn nicht den katholischen Märtyrerkult übernehmen? Man sollte auch nicht davor zurückschrecken, hier ganz konsequent zu bleiben und (für so manchen Liberalen sicherlich undenkbar) dasselbe auch für Leni Riefenstahl gelten zu lassen.“ (S. 71)</p>
<p>Es ist wahrlich der Ballast von gestern, der via Žižek eine geradezu penetrierende Energie entwickelt hat. Revolutionärer Kitsch, bestenfalls Pop. Anstatt die bösen Geister auszutreiben, will er sie wieder zum Glühen bringen. Doch wenn dieser sphärische Treffpunkt mit Paulus und Stalin, Heidegger und Mao, Chesterston und Riefenstahl der Himmel ist, dann sollte man diesen wie Heinrich Heine „den Engeln und den Spatzen“ überlassen und sich vor solchen Himmelfahrten hüten. Ein lebendiger Kommunismus sollte weniger seine Leichen schminken, als seine Toten begraben, auch wenn man deren Leistungen durchaus hoch einschätzen möchte. Sie mögen etwas vorgelegt haben, aber sie sind dezidiert keine Vorlage.</p>
<p>Eigentlich ist der ganze Band eine einzige Themenverfehlung. Anstatt über die Perspektive der Emanzipation zu schreiben, schwelgt da einer in seiner selbst gebastelten Ahnengalerie. Es wird mehr analogisiert als analysiert und vor allem in einem fort schwadroniert. Man hat das Gefühl, herumliegende Manuskripte mussten unbedingt unter einen Deckel, und der Titel des Bandes wurde aus Verkaufsgründen gewählt. Bei dieser geistlichen Auferstehungsprozession kommt das irdische Dasein einfach zu kurz. Sehr wenig sagt Žižek über den bürgerlichen Alltag, das tägliche Kaufen und Verkaufen, die grenzenlose Vermarktung und Verwertung der Welt, das ökologische Desaster und die galoppierende Zeitnot, auch nichts über das gute Leben. Dafür redet er von Terror und Disziplin, von Kadern und Opfern.</p>
<p>Damit wir uns nicht missverstehen, ich teile Žižeks Anliegen, sowohl die Motivation als auch die Intention. Was ihm zuwider ist, ist ihm zurecht zuwider. Nichts ist heute notwendiger, als offen und offensiv über den Kommunismus nachzudenken. Žižek aber vergibt diese Chance leichtfertig, und das ist äußerst ärgerlich.</p>
<p>Slavoj Žižek, Die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Frank Born, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 326 Seiten, gebunden, 22,95 Euro.</p>
<p>(In einer gekürzten Version erschienen in <a href="http://www.streifzuege.org/2011/der-conferencier-als-condottiere">Streifzüge 53/2011</a>.</p>
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		<title>Die Zeit der Arbeit</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Dec 2011 19:50:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Patriarchat und Geschlechterverhältnis]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Bierwirth]]></category>

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		<description><![CDATA[Julian Bierwirth Wer über Arbeit reden will, sollte über die Zeit nicht schweigen. Wenn der Kapitalismus in seinem Wesen auf dem Terror der Arbeit beruht, dann ist dieser bei Lichte betrachtet nicht mehr als die Tyrannei der Zeit. Kaum etwas dürfte – neben der Arbeit – dem modernen Menschen so in Fleisch und Blut übergegangen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Julian Bierwirth</em></p>
<p>Wer über Arbeit reden will, sollte über die Zeit nicht schweigen. Wenn der Kapitalismus in seinem Wesen auf dem Terror der Arbeit beruht, dann ist dieser bei Lichte betrachtet nicht mehr als die Tyrannei der Zeit.<br />
Kaum etwas dürfte – neben der Arbeit – dem modernen Menschen so in Fleisch und Blut übergegangen sein wie die Zeit. Nicht nur, dass wir uns selber aufgrund unseres Alters oder doch zumindest aufgrund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lebensabschnitt definieren (und somit über so etwas wie einen Lebenslauf verfügen) – wir sind auch darüber hinaus in ein umfangreiches und sich neuerdings ständig wandelndes Zeitregime eingebunden. Egal ob in der Schule, am Arbeitsplatz, beim Gang zum Amt oder bei der Anmeldung zur Prüfung – überall begegnen uns abstrakte, unser Leben reglementierende und sich stetig wandelnde Zeitvorgaben, die einzuhalten von uns verlangt wird – zumindest wenn wir denn bekommen wollen, wonach uns der Sinn steht.<span id="more-4731"></span></p>
<p>&lt;h4&gt;Vor der modernen Zeitform&lt;/h4&gt;</p>
<p>Über Jahrhunderte hinweg war eine solche Diktatur der Zeit nicht einmal vorstellbar. Die gängigen Zeitvorstellungen waren keineswegs auf Leistungsvergleich und Disziplinierung abgestellt, sondern an den Anforderungen der allgemeinen Lebensumstände und der kulturellen Gepflogenheiten bemessen. Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Ernte- und Aussaatzeit waren einige der relevanten Pfeiler, an denen sich die Zeitvorstellungen der Menschen für gewöhnlich gebildet haben. Dabei waren diese aus heutiger Perspektive nicht selten als „natürlich“ erscheinenden Marker der allgemeinen Zeitregulierung in kulturell-traditionelle Lebenspraktiken eingebunden. Eine besondere Bedeutung hatten dabei nicht selten religiöse Riten. Zwar hängen sowohl die Einteilung des Jahres in zwölf Monate als auch die weitere Einteilung in Wochen und Tage mit beobachtbaren Naturphänomenen zusammen, oft haben diese Beobachtungen jedoch nicht von sich aus, sondern erst durch eine theologische Setzung ihre Bedeutung für das jeweilige Sozialwesen bekommen. Alleine die Unterschiedlichkeit vieler Zeitrechnungsverfahren, die sich teils auf die Sonne, teils auf den Mond bezogen, macht deutlich, dass hier nicht objektive Natur, sondern bereits deren sozio-kulturelle Interpretation die zeitgenössischen Zeitvorstellungen prägte.<br />
Entgegen einer oberflächlichen Wahrnehmung wurden bei solchen zyklischen Vorstellungen von Zeit die natürlichen Phänomene wie der sich wiederholende Auf- und Untergang der Sonne anhand der täglichen Lebenspraxis durch eine bestimmte sozio-kulturell geprägte Brille betrachtet und entsprechend interpretiert. Das neue Jahr wurde im Mittelalter als erneute Wiederholung von etwas bereits Bekanntem gefeiert, obschon sich doch niemals tatsächlich Identisches wiederholte. Die Zeit war die Zeit Gottes, sie war Heilszeit und als solche auf Weltuntergang und Erlösung ausgerichtet. Anders als in vielen zeithistorischen Studien nahegelegt, war die vormoderne Zeitvorstellung nicht naturnäher, sondern lediglich durch andere soziale und kulturelle Praktiken gerahmt, als das in der kapitalistischen Gesellschaft der Fall sein sollte.</p>
<p>&lt;h4&gt;Die Etablierung der modernen Zeitform&lt;/h4&gt;</p>
<p>Die ersten Vorboten der modernen Zeitform etablierten sich im ausgehenden 14. Jahrhundert. Oftmals wird ihre Ausbreitung mit der Erfindung der mechanischen Uhr durch europäische Handwerker verknüpft. Erst sie habe es ermöglicht, die linear fließende Zeit zu messen. Eine solche Reduktion der gesellschaftlichen Entwicklung auf technische Neuerungen ist jedoch wenig plausibel, zumal solche Uhren beispielsweise in China bereits lange Zeit bekannt waren, ohne dass sie dadurch gesellschaftliche Relevanz gewonnen hätten. Ganz im Gegenteil: Obwohl die dortigen Uhrwerke oftmals auf ein- und ausfließendem Wasser beruhten, wurden komplexe Erweiterungen der Maschinerie erdacht, um die Uhr an die Zeiterfordernisse der Menschen anzupassen.<br />
Stattdessen geht die Etablierung der gleichförmigen, unabhängigen Stunde auf die frühe Stoffmanufaktur in Westeuropa zurück. Durch Notlagen sahen die in diesen Manufakturen beschäftigten Pauper sich genötigt, um eine Ausdehnung ihrer Arbeitszeit zu kämpfen – um so eine Erhöhung des Lohnes zu erreichen. Das wiederum wurde nur möglich durch den Bezug auf abstrakte Zeiteinheiten, die den Arbeitstag unabhängig von Tag und Nacht messen konnten. Mit der sich ausbreitenden Warenwirtschaft und der zunehmenden Bedeutung von Handel und Lohnarbeit setzte sich diese Logik innerhalb der folgenden Jahrhunderte Stück für Stück und zumeist nicht ohne den erbitterten Widerstand der aus ihren bisherigen sozialen Zusammenhängen entbetteten Menschen durch.<br />
Die Logik der modernen Zeitform</p>
<p>Schon ihr Entstehungsprozess macht deutlich, dass die moderne Zeitform nicht jenseits der Logik von Arbeit und Ware gedacht werden kann. Und so hat auch bereits Marx darauf verwiesen, dass kapitalistisch produzierte Waren sich nicht einfach aufgrund beliebiger Zufälle austauschen, sondern aufgrund der verausgabten Arbeit. Und auch nicht einfach aufgrund der tatsächlich geleisteten Arbeit und der für sie aufgewendeten Zeit, sondern aufgrund der Arbeitszeit, die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendig ist, um die jeweiligen Waren herzustellen. Die produzierten Waren werden (etwa auf dem Markt) miteinander in Beziehung gesetzt, indem die zu ihrer Produktion notwendigen Arbeitszeiten miteinander verglichen werden. Dieser Vergleich zeigt, was der gesellschaftliche Durchschnitt an abstrakter Zeit ist, der für die Produktion der jeweiligen Ware angemessen ist. Während also die Arbeiten der Produzenten und der Bezug dieser Arbeiten aufeinander zunächst das gesellschaftlich relevante Zeitquantum konstituieren, müssen sie sich gleichsam dem Ergebnis dieses gesellschaftlichen Vermittlungsprozesses beugen. Der so durch menschliches Handeln etablierte Maßstab menschlichen Tätigseins verwandelt sich bereits in dem Moment, in dem er entsteht: er ist nicht bloß ein Resultat der Arbeit, sondern zugleich ihr Maßstab. Die Zeit wird so einerseits abhängig vom Handeln der Menschen und gleichzeitig die Voraussetzung für deren Handeln. Und die Menschen selber sind, obschon sie das alles doch erst durch ihr Tun ermöglicht haben, der so geschaffenen Logik der Zeit gleichsam unterworfen.<br />
Das so von den Menschen errichtete Herrschaftsregime der Zeit ist jedoch keineswegs statisch. Ganz im Gegenteil: die Notwendigkeit, den Anforderungen des Zeittaktes genügen zu können, verlangt ihnen immer neue Höchstleistungen, immer komprimiertere Arbeitsprozesse und einen immer dichteren Zeittakt ab. Der Aufwand bzw. das Arbeitstempo, das als abstrakte Zeiteinheit (etwa: eine Stunde) gilt, ist einem geschichtlichen Wandel unterworfen. Diese auf gesellschaftlicher Ebene angesiedelte historische Bewegung der Beschleunigung nennt Moishe Postone „historische Zeit“.<br />
Auf der Ebene der Subjekte sieht die Sache ganz ähnlich aus: Die je Einzelnen bringen zwar via Warenproduktion ihre eigene Unterwerfung hervor, imaginieren sich jedoch gleichsam als handelnde AkteurInnen und versuchen so im Rahmen der von ihnen hervorgebrachten Struktur möglichst viel Aktivität zu entfalten – die dann eben nur als ewiges Mehr von bloßem Handeln gedacht werden kann. Hier hat die moderne Beschleunigungsmaschinerie ihre zweite Quelle.<br />
Es lohnt sich die mit der historischen Zeit einhergehende gesellschaftliche Dynamik genauer zu betrachten. Um den stets steigenden gesellschaftlichen Ansprüchen genügen zu können, muss die eigene Arbeit stetig beschleunigt werden. Nun ist der kapitalistische Gesamtprozess auf die Zeit als Maßstab für gesellschaftlichen Reichtum ausgerichtet. Seine Dynamik ist auf eine Erhöhung der Menge verausgabter Zeitquanta ausgerichtet, die dann in der Kritischen Theorie unter dem Begriff Wert firmieren. Gleichzeitig jedoch strebt eben diese Dynamik dazu, die in den individuellen Produktionsprozessen verausgabte Zeit zu minimieren.<br />
Dieser innere Widerspruch der Warenproduktion hatte lange Zeit eine ziemlich durchsichtige Verlaufsform: Durch eine stete absolute Ausdehnung der produktiv vernutzten (Arbeits-)Zeit und damit durch eine stete Ausdehnung der produzierten Warenmassen wurde die gesamtgesellschaftlich akkumulierte tote Zeit stetig erhöht. Die absolute Masse des produzierten Wertes stieg an. Doch als dann in Folge der mikroelektronischen Revolution die Produktivität in einem vorher kaum für möglich gehaltenen Maße anstieg, versagte dieser Mechanismus. Von nun an war es augenscheinlich nicht mehr möglich, die an der einen Stelle freigesetzten Kapazitäten durch Erweiterungen an anderer Stelle wieder auszugleichen. Seitdem schrumpft die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendig verausgabte Arbeitszeit – und damit die produzierte Wertmasse. Das Regime von Arbeit und Zeit geriet in seine große Krise.</p>
<p>&lt;h4&gt;Die Zeit und ihr Anderes&lt;/h4&gt;</p>
<p>Die neue Zeitform prägt das Leben in modernen, kapitalistischen Gesellschaften – und doch ist sie trotz ihrer Dominanz nicht die einzige Zeitlogik, die für moderne Menschen erlebbar ist. Sie konnte ihre historisch beispiellose Effektivität nur dadurch erreichen, dass sie durch raumzeitliche Trennung alle lebensweltlichen Momente aus ihren Abläufen zu verbannen wusste. Diese Momente wurden in gesonderte, eigens zu diesem Zweck etablierte gesellschaftliche Sphären abgeschoben: die der Freizeit, der Familie, der Religion etc.<br />
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits Marx hat darauf verwiesen, dass mit der Etablierung der Zeit als Arbeitszeit zugleich die zeitliche Beschränkung dieser Arbeitszeit gesetzt ist. Sie hat einen Anfang und ein Ende – und bezieht sich derweil auf ihr abstraktes Gegenüber, die Freizeit. Freizeit ist dementsprechend, da sind sich die Sozialwissenschaften ausnahmsweise mal ganz einig, in erster Linie dazu da, die kapitalistischen Arbeitssubjekte wieder fit zu machen für das Arbeitsleben.<br />
Die Durchsetzung dieser Sphärentrennung gilt hier als zentrales Merkmal der Moderne. Und tatsächlich ist die Abtrennung aller lebensweltlichen, nicht-rationalen Bezüge aus der Arbeitswelt keineswegs ein historischer Zufall, ohne den die kapitalistische Moderne zwar einen anderen, aber eben doch einen stabilen Entwicklungspfad beschritten hätte.<br />
Denn das selbstidentische Wandeln innerhalb von Zeitstrukturen mit dem steten Zwang zu Optimierung und Rationalisierung würde, beherrschte es die Gesellschaft in ihrer Totalität, die Subjekte an den Anforderungen gnadenloser Selbstdisziplin scheitern lassen und so das kapitalistische Unterfangen als solches bedrohen. Würde etwa Kindererziehung ausnahmslos nach dem Prinzip der Zeitrationalisierung vorgenommen, wäre als Ergebnis dieses Erziehungsprozesses kaum ein den gesellschaftlichen Anforderungen gewachsenes Subjekt zu erwarten. Und gäbe es tatsächlich keine Möglichkeit für die Subjekte, sich auf sich selbst zu fokussieren und abzuschalten, wäre vermutlich für niemanden das Leben langfristig auszuhalten.</p>
<p>&lt;h4&gt;Das Geschlecht des Anderen&lt;/h4&gt;</p>
<p>Wenn also das Leben der kapitalistischen Subjekte von diesem Doppelcharakter von Arbeits- und Freizeit geprägt ist, stellt sich die Frage, wer derweil den Abwasch macht. Dieser Lebensbereich wird als Reproduktion bezeichnet, als „Aufrechterhaltung“ der gesellschaftlichen Bedingungen. Historisch wurde dieser Bereich zumeist Frauen überantwortet, die hier ausgeführten Tätigkeiten (umsorgen, pflegen, zuhören, putzen) wurden als „weibliche Eigenschaften“ entsprechend naturalisiert. Die Reproduktionssphäre kennt weder die festen Zeitstrukturen der Arbeit noch die Freizeit als ihr Gegenstück. Haushaltsbezogene Tätigkeiten enden nie und sind doch gleichsam unsichtbar. Berichte aus dem Alltag von Hausfrauen belegen eindrücklich, das hier eine (mindestens gefühlte) stete Zuständigkeitserwartung vorherrscht, die sie von morgens bis abends unter Strom setzt, ihnen keine Ruhe und keine Auszeit lässt. Wenn Kinder und Mann nach Hause kommen, wollen sie (nicht selten zu je verschiedenen Uhrzeiten) etwas zu essen haben, bedürfen der Zuwendung, des Zuspruchs und der Zuneigung. Es ist gerade dieser Anspruch an stete Verfügbarkeit, der die haushaltsbezogenen Tätigkeiten jenseits der Welt der Arbeit gleichsam als deren Voraussetzung implementiert.<br />
Trotz alledem – oder gerade deshalb – bleiben die vielfältigen Tätigkeiten im Haushalt zumeist unsichtbar. Das regelmäßige Putzen und Aufräumen der Wohnung mag aufwendig und anstrengend sein – kaum sind die übrigen Familienmitglieder eine Weile daheim, sieht es wieder aus, als sei seit Längerem nicht aufgeräumt worden. Es ist diese Verunsichtbarmachung, die Roswitha Scholz versucht hat mit dem Terminus der Abspaltung zu umschreiben.<br />
Dabei ist stets klar, dass die Trennung der gesellschaftlichen Sphären und die Wirkmächtigkeit von Zeitlogiken niemals vollständig synchron übereinander lagen. Schon immer waren sowohl die Freizeit als auch die Organisation des Haushalts mit Rationalitätskriterien konfrontiert, die von der Arbeitswelt in die übrigen Lebensbereiche ausgestrahlt sind. Und auch andersherum spielen emotionale Momente spätestens seit den 40er Jahren eine nicht zu unterschätzende Rolle in der rationalen Betriebsorganisation. Trotz allem zeigen ihre Bedeutung und Dynamik, dass hier keineswegs von wahlloser Beliebigkeit die Rede sein kann, sondern dass die beiden Zeitpraktiken in einem systematischen Verhältnis der Über- und Unterordnung sowie der gleichzeitigen gegenseitigen Verwiesenheit stehen.</p>
<p>&lt;h4&gt;Die Krise der modernen Zeitform&lt;/h4&gt;</p>
<p>Zusammen mit der Krise der Arbeitsgesellschaft entsteht auch eine Krise des modernen Zeitregimes und seiner dunklen Rückseite. Der Modus einer simplen quantitativen Ausdehnung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit scheint an seine absolute Grenze gestoßen zu sein. Seitdem zapft der Kapitalismus in erster Linie die Zukunft an: Fiktive Kapitalien, die nicht auf bereits verausgabte Arbeitszeiten, sondern auf in einer potentiellen Zukunft zu erwirtschaftende Werte verweisen, stehen im Mittelpunkt der spätkapitalistischen Dynamik.<br />
Seit einigen Jahren ist zudem eine Erosion dieser spezifischen modernen Zeitarrangements zu beobachten. Die starre Trennung von Arbeits- und Freizeit bricht auf, ihre Grenzen verfließen mehr und mehr. Die Folge davon ist jedoch keinesfalls eine völlige Kontingenz der Zeitlogiken, sondern vielmehr eine immer umfassendere Kolonisation der lebensweltlichen und verunsichtbarten Zeitpraktiken durch die moderne Zeitform. Jede Lebensregung soll sich nun vor den unumstößlichen Ansprüchen an Effizienz und Rationalität bewähren. Dies führt nun aber dazu, dass sich in allen Lebensbereichen das Gefühl ausbreitet, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein und gewissermaßen auf rutschenden Abhängen zu stehen: Eine vollständig auf den lebensweltlichen Alltag ausgedehnte Tretmühlen-Zeitlogik bewirkt nicht weniger als stete Unruhe und Betriebsamkeit, was letzten Endes bei vielen ZeitgenossInnen zu dem Gefühl führt, für nichts mehr Zeit zu haben und selbst hinter den notwendigsten Anforderungen nicht mehr herzukommen. Die Folgen sind unübersehbar: Burn-Out, Stress, Herzinfarkt, Karoshi und Depressionen sind nur einige der prominentesten Symptome der postmodernen Arbeits- und Beschleunigungsgesellschaft.<br />
Während die Arbeitswelt in der Frühmoderne noch vor irrationalen, ineffektiven Zeitpraktiken geschützt werden musste, hat ihre Dominanz in Laufe der Jahre die übrige Lebenswelt erfolgreich infiziert. Sie hat im Innern der kapitalistischen Arbeitssubjekte derart erfolgreich Wurzeln geschlagen, dass diese auch in ihrem Freizeitverhalten derart auf fremdbestimmte Zeiteffizienz getrimmt sind, dass der abstrakten Zeit von dieser Seite aus keine Gefahr mehr droht.<br />
Auch die starre Aufteilung in Produktion und Reproduktion, wie sie viele im Laufe des Fordismus liebgewonnen haben, ist in ihrer idealtypischen Reinform längst überholt. Damit ist das dieser Trennung eingeschriebene patriarchale Geschlechterverhältnis jedoch keineswegs überwunden. Es lebt vielmehr weiter als ein Phänomen, das als „Doppelte Vergesellschaftung“ beschrieben wird: Frauen sind zwar für gewöhnlich erwerbstätig, bleiben jedoch nichtsdestotrotz in weiten Teilen für Hausarbeit und Kindererziehung zuständig.<br />
Unproblematisch ist diese Entwicklung also nicht. Weder für die Menschen, noch für die Reproduktionsfähigkeit des Systems. Denn auch wenn die abstrakte Zeit ihren Siegeszug endlos fortsetzen zu können scheint, unterminiert sie mit jeder gewonnenen Schlacht ihre eigenen Voraussetzungen. Die gesellschaftlichen Institutionen, die den Subjekten als Haltepunkte in der sich immer mehr beschleunigenden Gesellschaft gedient haben, erodieren nämlich mehr und mehr. Familie, abstrakte Ich-Identität, Verlässlichkeit von Vertragsbeziehungen – alles das, was zwar selber Teil des modernen Horrors darstellt, seine Funktion aber nicht zuletzt darin fand, die Verhältnisse für die Subjekte auf perfide Weise erträglich zu machen, tritt uns im Zustand seiner Auflösung entgegen. Das zunehmende Tempo der Moderne führt nicht nur zur Krise der Arbeit, sondern mit ihr zur Krise der Moderne als ganzer.</p>
<p>&lt;h4&gt;Literatur&lt;/h4&gt;</p>
<p>Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, Freiburg, Ca Ira 2003.<br />
E.P. Thompson: Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, in: Ders.: Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jhdts., Frankfurt a. M., Berlin, Wien, Ullstein 1980.<br />
Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Frankfurt a. M., Suhrkamp 2005.<br />
Regina Becker-Schmidt; Gudrun-Axeli Knapp; Beate Schmidt: Eines ist zuwenig, beides ist zuviel: Erfahrungen von Arbeiterfrauen zwischen Familie und Fabrik, Bonn, Dietz 1984.<br />
Peter Borscheid: Das Tempo-Virus. Eine Kulturgeschichte der Beschleunigung, Frankfurt/New York, Campus 2004.</p>
<p>(erschienen in: Streifzüge 53/2011)</p>
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		<title>Homophobie musulmane, Occident éclairé?</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Dec 2011 17:01:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Georg Klauda En 2005, le gouvernement du Land de Bade-Wurtemberg élaborait un questionnaire sous le nom de &#8220;test musulman&#8220;, destiné à servir de fil conducteur dans les entretiens avec des immigrés venant de pays musulmans qui veulent obtenir la nationalité allemande. Une partie de ce questionnaire vise à vérifier si le candidat fait preuve de [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Georg Klauda</em></p>
<p>En 2005, le gouvernement du Land de Bade-Wurtemberg élaborait un questionnaire sous le nom de &#8220;<em>test musulman</em>&#8220;, destiné à servir de fil conducteur dans les entretiens avec des immigrés venant de pays musulmans qui veulent obtenir la nationalité allemande. Une partie de ce questionnaire vise à vérifier si le candidat fait preuve de la tolérance nécessaire face à des modes de vie homosexuels. Ce procédé contient une double insinuation : d’abord que l’acceptation de l’amour entre personnes du même sexe<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup> ferait partie de la culture dominante allemande et deuxièmement que les immigrés d’origine musulmane représenteraient une menace pour cette culture dominante. Pour mettre en évidence à quel point cette affirmation est grotesque, on ne rappellera jamais assez que ce sont justement les auteurs de ce questionnaire, c’est-à-dire les membres de la CDU (Parti Chrétien Démocrate allemand), qui ont voulu qu’à la fin de la Seconde guerre mondiale, le paragraphe anti-homosexuels (§ 175), rendu plus répressif par les nazis, fût maintenu inchangé. Jusqu’en 1969, ce paragraphe a servi dans pas moins de 100.000 procédures judiciaires pour &#8220;<em>attentat à la pudeur</em>&#8220;, et ce n’est qu’en 1994 que le parlement allemand s’est décidé à abolir complètement cet instrument de répression anti-homosexuels.<span id="more-4841"></span><br />
On pourrait néanmoins être tenté de se demander si la situation n’a pas complètement changé aujourd’hui. Un film sorti deux ans avant ce fameux &#8220;<em>test musulman</em>&#8221; met sérieusement en question une telle vision. Je n’en connais aucun, seul parmi des hétéros est un film documentaire de Jochen Hicks qui tente de montrer l’existence marginale d’homosexuels dans les régions rurales du Bade-Wurtemberg. Il démontre bien que leur destin déplorable n’est évidemment pas dû aux musulmans, mais bien aux électeurs et aux sympathisants de la CDU. Ce sont eux qui font subir un véritable calvaire à ceux qui ont des relations amoureuses homme-homme ou femme-femme.  Et qui sont les boucs émissaires punis pour cela par le gouvernement ? Ce sont les immigrés musulmans en Allemagne.</p>
<h4>L’image européenne de l’Orient</h4>
<p>Dans l’histoire européenne, les musulmans ont toujours été les boucs émissaires quand il s’agissait de sexualité entre hommes, sauf que la stigmatisation était, jusqu’à il y a peu, encore tout à fait différente. Depuis l’époque des croisades, les musulmans, qu’on appelait alors Sarrasins, étaient décriés comme ayant une sexualité débordante et contre nature. Dans le livre de Wilhelm Adams, paru en 1317, <em>De modo Sarracenos extirpandi</em> (Comment éliminer les Sarrasins), l’auteur reproche aux chrétiens de s’enrichir en vendant à des musulmans de jeunes coreligionnaires masculins qu’ils ont entrepris de rendre plus &#8220;<em>roses et tendres</em>&#8221; avec de la bonne nourriture et des boissons délicates: </p>
<blockquote><p>&#8220;<em>Quand ces hommes concupiscents, criminels et sans scrupules – les Sarrasins, qui pervertissent la nature humaine –, voient ces jeunes hommes, déjà pris dans le piège du diable, ils s’enflamment de désir sexuel et se hâtent comme des chiens en rut pour les acheter afin de s’adonner à la fornication.</em>&#8220;</p></blockquote>
<p>C’est entre autres à cause de cette hystérie pendant la période des Croisades que la peine de mort fut mise en place en Europe entre 1250 et 1300 pour les actes de sodomie. En Angleterre, un peu plus tard, le <em>Good Parliament</em> soumit une pétition au roi en 1376, en lui demandant d’expulser hors du royaume les artisans et les commerçants étrangers, surtout &#8220;<em>les juifs et les Sarrasins</em>&#8220;. Ce sont eux qui auraient importé sur l’île «ce terrible vice qu’il ne faut pas nommer par son nom» et qui risque de détruire le royaume. En Angleterre, pendant toute la modernité, les rapports sexuels entre hommes sont ainsi appelés le &#8220;<em>vice turc&#8221;</em>.<br />
Pendant l’époque du colonialisme, ces clichés ont été réactualisés au sein des puissances coloniales européennes qui étaient de nouveau en contact avec des musulmans, cette fois-ci sous le prétexte de leur apporter notre civilisation et notre mode de vie. Charles Sonnini, ingénieur français dans la marine de guerre, s’offusque, dans un rapport de voyage datant de 1798, des mœurs en Egypte, conquise cette année-là par Napoléon:</p>
<blockquote><p><em>&#8220;L’amour contre nature (…) est le plaisir, ou disons plutôt l’infamie des Egyptiens. Leurs chansons d’amour ne sont pas composées pour les femmes, leurs cajoleries ne s’adressent pas à elles, ce sont d’autres objets qui allument la flamme en eux. (…) La dépravation des mœurs qui leur est propre fait honte aux nations civilisées. Mais cette infamie est très répandue en Egypte; les riches y sont tout autant infectés que les pauvres.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>En 1886, dans le dernier article de sa traduction en dix tomes des Mille et une nuits, accessible uniquement à des souscripteurs privés, Richard F. Burton, orientaliste et chercheur sur l’Afrique, s’étend sur plus de cinquante pages sur le sujet qui est <em>&#8220;pour le lecteur anglais, même le moins prude, tout à fait dégoûtant&#8221;</em>. Mais la confrontation avec ce sujet serait indispensable &#8220;<em>afin de combattre ce mal grandissant qui est mortel pour le taux de natalité, pilier essentiel de la prospérité nationale</em>&#8220;.<br />
Pour tenter d’expliquer l’augmentation intolérable de relations amoureuses au sein du même sexe dans le monde non occidental, Burton a développé une espèce de théorie raciale couplée à l’étude climatologique et il définit ainsi une « zone de sodomie&#8221;. Il s’agit d’une ceinture géographique fictive qui s’étend de la Méditerranée en passant par l’Asie mineure, la Mésopotamie, la Perse, l’Afghanistan, la partie musulmane de l’Inde, la Chine, le Japon et enfin l’Amérique latine. Le climat dans ces zones serait responsable du fait que &#8220;<em>les tempéraments masculins et féminins se mélangent</em>&#8221; de sorte que l’homme devient tout autant actif que passif et que la  femme devient &#8220;<em>tribade</em>&#8220;<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup>. Dans cette zone, ce que nos voisins appellent le vice contre la nature est &#8220;<em>populaire et endémique</em>&#8220;, et est traité, au pire, comme une &#8220;<em>simple peccadille</em>&#8220;, c’est-à-dire un péché véniel, &#8220;<em>alors que les races au sud et au nord de cette zone définie ne le pratiquent que très rarement et se font mépriser par leurs concitoyens</em>&#8220;. En tant qu’orientaliste, pour Burton il n’y a pas de doute, le Coran interdit cet &#8220;<em>amour pathologique</em>&#8220;. Malgré cela, &#8220;<em>ni le christianisme, ni l’islam n’ont pu amener un changement significatif</em>&#8220;.<br />
Néanmoins, dans les quarante années pendant lesquelles Burton a côtoyé le monde musulman, il a pu constater certains changements de comportement dans la population. Il pense que c’est dû à l’influence positive de la morale que des gens comme lui leur ont apportée. Il écrit: </p>
<blockquote><p><em>&#8220;De nos jours, le contact régulier avec des Européens n’a certes pas entraîné une réformation mais quand même une certaine discrétion parmi les représentants des classes supérieures. Ils sont toujours aussi dépravés, mais ils veillent à cacher leur vice du regard moqueur des étrangers.&#8221;</em></p></blockquote>
<h4>La vision ottomane de l’Occident</h4>
<p>Jusqu’au XIXème siècle, les élites perses et ottomanes ne se rendaient pas compte à quel point l’Europe chrétienne avait horreur de l’amour entre hommes, très répandu chez les musulmans. Cette ignorance saute aux yeux quand on étudie l’œuvre d’Enderunlu Fazil, poète turc, mort en 1810. Dans son manuscrit brillamment illustré, Hubannme (Le livre des beautés), Fazil se demande &#8220;<em>dans quelle nation se trouvent les plus beaux hommes</em>&#8220;. Avec son savoir, il prétend satisfaire la curiosité de son amant. Voici ce qu’il dit par exemple sur les Grecs: </p>
<blockquote><p><em>&#8220;Autant les hommes que les femmes sont d’une beauté éclatante. Leurs corps sont étonnamment bien faits. Oh Allah, quel délice pour l’œil, et quel regard profond. Ce cou en ivoire et ces cheveux noirs comme du jais rendent toute résistance impossible. (…) Et il n’y a pas une trace de barbe, même pas sur le visage du garçon le plus grand. Ils marchent comme des courtisanes et au travail dans les tavernes de Galata, ils peuvent séduire les meilleurs hommes. Quand une mèche tombe sur ta joue, tu perds l’esprit, et quand il cède, tu meurs de lascivité.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Par contre, son jugement sur les Hollandais est court et sobre; apparemment, il a appris à connaître leur rigueur calviniste:</p>
<blockquote><p><em><br />
&#8220;Avec leur peau froide, ils sont loin d’être attractifs. Ils ressemblent à des Russes, en couleur crème. Ils passent le plus beau de leur temps à l’église au lieu d’être avec un amant.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>En écrivant ces lignes libres de tout souci, Fazil ne pouvait savoir que dans le nord-ouest de l’Europe s’était déjà formée une subculture &#8220;<em>homosexuelle</em>&#8221; séparée de la société et persécutée par l’Etat. Par centaines, ils étaient cloués au pilori, enfermés à vie dans des cachots, pendus publiquement, exécutés par le fer ou alors noyés dans des tonneaux. Inconscient de ces faits, Fazil proclame, fier comme un coq, connaître les qualités sexuelles des hommes anglais de par sa propre expérience.</p>
<blockquote><p><em>&#8220;Les roses anglaises: ce sont des beautés calmes mais très désirées. Ils te font tourner la tête. Ils habitent sur une île calme. Ces jeunes hommes, imberbes de nature, sont de taille moyenne et ont le teint blanc comme le plus blanc des nénuphars dans une rivière. La plupart de ces hommes, beaux comme des poissons, sont marins et ont un appareil sexuel bien développé. Malgré cela, je ne peux pas dire qu’ils offrent une grande satisfaction sexuelle.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Ce n’est que dans les années qui ont suivi la mort de Fazil, au moment où les armées napoléoniennes envahissaient l’Egypte, que les Perses et les Ottomans ont commencé à réaliser à quel point les Occidentaux les méprisaient pour leur attitude, comme ils disaient, &#8220;<em>contre nature</em>&#8220;. Le cheik Rifa al-ah Awi en est un exemple frappant. Il est envoyé à Paris en 1826 par Ali Pacha, le vice-roi d’Egypte pour suivre des études pendant cinq ans. Dans son journal intime, il remarque, en 1834: &#8220;<em>En France, il est mal vu de dire: ‘J’aime ce garçon’. Ce serait mal vu et considéré comme répugnant. Si donc quelqu’un traduit un de nos livres, il écrit, pour cette phrase: ‘J’aime cette fille’ ou alors, pour échapper à ce problème: ‘J’aime cette personne.’</em>&#8221; Chose étonnante, Rifa al-ah awi est favorable à cette manière de voir, qu’il considère comme moralement supérieure. Il essaye de convaincre ses concitoyens au moyen des lois scientifiques du magnétisme. Au sujet des Parisiens, il écrit:</p>
<blockquote><p><em>&#8220;C’est une belle caractéristique de leur langue et de leur poésie que de refuser l’érotisme entre deux membres du même sexe. Et ils ont bien raison, car il est vrai qu’un sexe possède une certaine propriété pour l’autre, ce qui le rend attractif. On peut comparer cela à la propriété qu’a l’aimant d’attirer le fer, ou à celle de l’ambre qui (après avoir été frotté) attire d’autres corps. Dans l’amour au sein du même sexe, cette propriété se perd, et on constate un phénomène contre nature.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Mais quand Rifa al-ah awi vient à parler du racisme des Français, on voit à quel point ses positions sont encore contradictoires. Dans un domaine où il ne réfléchit pas explicitement à la question de l’homosexualité, c’est-à-dire quand il veut critiquer la suffisance raciste des Français, il cite tout à fait normalement une poésie d’amour avec un jeune garçon noir:</p>
<blockquote><p><em>&#8220;(Les Parisiens) ne pensent pas que les Noirs puissent avoir quoi que ce soit de beau. Chez eux, la peau noire est synonyme de laideur. (…) d’après eux, ce qu’un poète a dit au sujet d’un garçon noir manque tout à fait de tact: </p>
<p>‘Ton visage est comme si c’étaient mes doigts qui l’avaient écrit<br />
comme un mot qui dicte mes espoirs.<br />
La beauté de la pleine lune est son sens,<br />
et c’est la nuit qui l’a saupoudrée de ses pigments.’&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Au fond, on touche un problème qui s’est posé aux élites arabes jusqu’à nos jours. La poésie arabe est complètement pénétrée par des histoires d’amour au sein du même sexe, et ceux qui veulent faire appel à une renaissance nationaliste sur la base de leur héritage littéraire sont confrontés à un dilemme. D’un côté, ils doivent critiquer leur propre histoire et de l’autre, c’est précisément cette critique qu’ils veulent adresser à l’Occident, c’est-à-dire d’être décadent, dépravé et homosexuel.<br />
Les analyses relatives de Carl Brockelmanns<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> ont été largement reprises par les philologues arabes et on peut lire dès 1925 dans les manuels d’éducation supérieure égyptiens que la poésie concernant l’amour entre jeunes hommes est un &#8220;<em>crime contre la littérature et une honte pour l’histoire de la poésie arabe</em>&#8220;.<br />
Le rapport entre l’islam traditionnel et le contenu de cette poésie peut être explicité de manière symptomatique avec un exemple de la littérature datant du XIème siècle. </p>
<h4>Poésie et religion</h4>
<p>C’est l’histoire d’amour entre Al-Mutamid, 17 ans, futur émir de Séville et le poète Ibn Ammăr, son aîné de neuf ans. L’histoire a commencé quand Al-Mutamid, après une journée festive passée à boire du vin et réciter de la poésie, dit à son ami: &#8220;<em>Ce soir, tu dormiras sur le même oreiller que moi.</em>&#8221; Plus tard, Ibn Ammăr écrira au père d’Al-Mutamid:</p>
<blockquote><p><em><br />
&#8220;Pendant la nuit de l’union, Je sentais dans ses caresses le parfum du crépuscule. Mes larmes coulaient sur les jolis jardins De ses joues, pour arroser ses myrtes et ses lys.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Ce poème est plein d’amertume et de lamentation, car Ibn Ammăr vivait à ce moment déjà en exil à Saragosse. Après le mariage de son fils, le père d’Al-Mutamid avait jugé nécessaire de mettre fin à l’amitié des deux hommes en expulsant hors de Séville Ibn Ammăr. Mais dix ans plus tard, quand Al-Mutamid devient lui-même émir, il fait immédiatement revenir son ami à la cour, et lui confie des postes importants. Douze ans après, l’amitié va se briser sur des questions de rivalité politique, et Ibn Ammăr écrira au sujet de son ancien amant (qui va plus tard le tuer dans une crise de colère): </p>
<blockquote><p><em>&#8220;Te rappelles-tu notre jeunesse, Quand tu ressemblais au croissant de lune dans le ciel? J’avais l’habitude d’embrasser ton corps frais,<br />
Et je tétais l’eau pure de tes lèvres, Me satisfaisant de t’aimer juste avant harăm, Et tu jurais que ce que nous faisions était halăl!&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Harăm et halăl sont les mots pour désigner les actes interdits ou acceptés par l’islam. A travers cette histoire, on voit très bien le rôle de la religion. Dire que l’islam interdit l’homosexualité est absurde car les interdits de la charia ne visent que des actes spécifiques comme par exemple la sodomie entre hommes. On ne peut donc pas affirmer que l’islam classique condamnait l’amour entre personnes du même sexe.<br />
Un exemple très éloquent est fourni par l’argumentation de l’un des intellectuels les plus reconnus du monde musulman d’Andalousie. Dans son livre consacré à l’amour, Le collier de la colombe, on trouve des narrations et des poèmes consacrés à la liaison entre hommes et femmes mais également à l’amour passionnel entre deux hommes. A un niveau abstrait, Ibn Hazm (mort en 1064), ainsi que tous les auteurs arabes d’avant la modernité, met toujours au masculin l’amant et l’amoureux. C’est comme si les relations homosexuelles représentaient le modèle de base usuel qu’on a en tête quand on ne pense pas à un couple d’amoureux spécifique. Dans la préface de son œuvre, il explique pourquoi la religion n’interdit aucune forme d’amour en tant que telle: </p>
<blockquote><p><em>&#8220;La piété ne condamne pas l’amour, et la loi ne l’interdit pas, les cœurs sont dans les mains de Dieu le Tout-Puissant, au dessus de nous.» Plus loin, il explicite:<br />
«Il suffit que le musulman s’abstienne de ce que Dieu le Tout-Puissant a en principe interdit. Il peut néanmoins faire ce que sa volonté lui dicte mais le jour du Jugement dernier, il en sera responsable. Mais le plaisir devant la beauté et la domination de l’amour est tout à fait naturel, et n’a besoin d’être ni commandé ni interdit.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>Il n’est donc pas étonnant que des juristes religieux aient participé sans problème au genre littéraire qu’on appelle la poésie d’amour entre hommes (ghazal al-mudhakkar). Comme par exemple l’imam al-Schafii, fondateur du shafiitisme, la plus importante école de droit musulmane. Il écrit:</p>
<blockquote><p><em><br />
&#8220;Tenez cet animal pour responsable de la perte de ma vie, il m’a tué avec les flèches de son regard et de son désir. Mais ne le tuez pas, car je suis son esclave. Et d’après mon école, un homme libre ne meurt pas à cause d’un esclave.&#8221;</em></p></blockquote>
<p>On voit ici la différence entre l’islam dans sa version traditionaliste, qui a évidemment une approche restrictive à l’égard de toute forme de sexualité, au sein du même sexe ou non, et le système d’homophobie moderne, né dans un contexte européen. Le système occidental ne se voit pas obligé d’interdire certains actes, son pouvoir se déploie en classifiant les gens en sujets normaux et anormaux selon la différence de leurs désirs. Même dans les périodes les plus répressives, il ne serait jamais venu à l’idée des juristes musulmans de définir des gens comme malades ou anormaux uniquement parce qu’ils désiraient quelqu’un du même sexe. Bien au contraire, le juriste ultraconservateur Ibn al-Dschauzi par exemple se fâchait quand quelqu’un voulait nier qu’il était attiré par des jeunes hommes.</p>
<blockquote><p>
<em>&#8220;Celui qui prétend ne pas ressentir le désir monter en lui quand il voit un joli garçon est un menteur. S’il fallait le croire, c’est que ce serait un animal et non pas un être humain.&#8221;</em></p></blockquote>
<p><H4>La charia</H4></p>
<p>Quelle est alors la peine que prévoit la charia pour la pénétration anale (en arabe liwăt)? La question est très complexe et je ne peux ici que donner quelques indications. L’histoire musulmane connaît sept différentes écoles de droit qui varient toutes à ce sujet. La plus importante de ces écoles est celle des Hanafites, d’un côté parce qu’elle est encore suivie aujourd’hui par presque la moitié des sunnites et de l’autre parce qu’elle était l’école de droit officielle de l’empire ottoman. Contrairement à la plupart des autres écoles, les Hanafites ne considèrent pas la liwăt entre hommes comme un acte d’adultère. La peine relève donc de l’appréciation. Dans l’empire ottoman, cela pouvait aller d’une amende jusqu’à 39 coups de fouet. Dans des cas exceptionnels, pour maintenir l’ordre public ou alors en cas de récidive, l’Etat pouvait prononcer des peines de siăysa. C’est ce qui s’est passé en 1713 à Çankiri, une ville du nord de l’Anatolie, où un groupe de cinq hommes était accusé d’avoir battu et violé un autre garçon. Après leurs aveux, tous les cinq avaient été condamnés à mort.<br />
Mais de manière générale, il était très rare que des relations sexuelles illicites fussent punies. Bien que l’adultère fût passible de lapidation, il n’y a qu’un seul cas connu, pendant l’empire ottoman, où des rapports sexuels extraconjugaux furent punis par lapidation. C’était en 1680, quand la condamnée fut exécutée dans l’hippodrome d’Istanbul en présence du sultan Mehmed IV. L’événement était tellement remarquable qu’il fut consigné dans les chroniques officielles.<br />
C’est la particularité de la procédure pénale de la charia qui explique pourquoi aussi peu de peines ont été prononcées. Pour les crimes de type Hadd<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup>, la charia n’accepte pas les preuves par indices. Toutes les écoles de droit prévoient normalement qu’une condamnation ne peut être prononcée que s’il y a quatre témoins masculins, sans antécédents judiciaires, qui ont vu l’acte litigieux de leurs propres yeux. L’autre possibilité est que le coupable avoue ses actes: pour cela il faut qu’il avoue quatre fois chez un juge. Mais dans le cas de liwăt et de l’adultère, accusations et aveux sont socialement mal vus. Il faut ajouter à cela que si jamais il n’y a pas quatre témoins ou qu’ils se contredisent sur des détails importants, les témoins risquent jusqu’à 80 coups de fouet pour diffamation.<br />
Les juristes n’étaient pas traumatisés par le fait que la procédure pénale rendait presque impossible une condamnation pour liwăt ou pour adultère. Bien au contraire, ils ont souvent soulevé ce fait avec approbation comme Ali al-Qări al Harawi (décédé en 1605), un savant de Médine:</p>
<blockquote><p><em>&#8220;C’est parce que Dieu le tout puissant aime que les péchés de ses sujet restent voilés, que l’exigence de réunir quatre témoins pour pouvoir condamner quelqu’un pour adultère a été instaurée. Il est très rare que quatre témoins voient ce péché et cela va donc dans ce sens.&#8221;</em></p></blockquote>
<h4>Les persécutions en Iran</h4>
<p>Vers la fin du XIXème siècle, presque tous les pays musulmans, à l’exception de l’Arabie Saoudite, ont aboli la charia en la jugeant mal appropriée pour les poursuites pénales. Elle a été remplacée par le droit anglais ou français. Mais ces deux systèmes de droit présentent une grande différence. Depuis Napoléon, le droit français (mis en place en Egypte et en Turquie) avait complètement dépénalisé les rapports sexuels consentants, alors que le droit anglais (repris par exemple au Pakistan) prévoyait des peines d’emprisonnement allant jusqu’à dix ans pour des rapports sexuels entre hommes.<br />
L’échec du nationalisme panarabe et la montée de l’islamisme ont entraîné, dans les années 1970, la réintroduction de la charia dans toute une série de pays : d’abord en Libye, ensuite au Pakistan, en Iran, au Soudan, en Afghanistan et finalement en 2000 au nord du Nigeria. C’est précisément en Iran, pays sécularisé de force par le Shah, que ce fondamentalisme a pris le plus d’ampleur. Très vite, Khomeiny a identifié &#8220;<em>l’homosexualité</em>&#8221; avec l’Occident tant haï. La Fondation Boroumand<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup>, qui tient à jour une base de données à ce sujet, affirme que les tribunaux révolutionnaires ont fusillé en cinq ans, entre mars 1979 et janvier 1984, pas moins de 98 hommes accusés &#8220;<em>d’homosexualité</em>&#8220;. Par la suite, entre 1984 et 2004, en application de la charia régulière, au minimum huit hommes ont été exécutés pour des actes de liwăt (en persan: lawăt). Depuis l’arrivée à la présidence de Mahmud Ahmadinejad, islamiste radical, le nombre de rapports sur de telles exécutions augmente de nouveau. Mais avec la politique de désinformation du gouvernement iranien, il est souvent difficile de connaître les causes exactes d’une exécution. Souvent, des accusations telles que liwăt, adultère, trafic de stupéfiants, banditisme ou espionnage sont ajoutées, pêle-mêle. En tout cas, aujourd’hui, les juges iraniens peuvent contourner l’obstacle que représente la procédure pénale de la charia en faisant faire des recherches criminalistiques sur les suspects. Ils peuvent prononcer des peines capitales s’ils trouvent des traces de sperme dans l’anus. La spécificité de l’interprétation shiite de la charia, qui accepte le savoir du juge comme preuve, permet même de maintenir une espèce de vitrine d’Etat de droit. Amir, un réfugié iranien de 22 ans, cite un juge dans un tribunal de la charia: &#8220;<em>Si le médecin peut garantir que ton anus a été pénétré d’une manière ou d’une autre, tu seras condamné à mort.</em>&#8221;<br />
Il est important de signaler ici que, dans son délire de persécution, le régime des mollahs utilise déjà le concept moderne d’&#8221;<em>homosexualité</em>&#8220;. Le néologisme persan hamdschens bazi, qui veut dire «comportement avec quelqu’un du même sexe», en est un bon exemple. La différence avec le concept de liwăt est très claire: il ne parle plus d’un acte sexuel spécifique, mais peut englober tout ce qui touche à l’intimité entre deux hommes ou deux femmes, embrasser, étreindre, ou même juste n’importe quelle attitude romantique. Une construction conceptuelle telle que hamdschens bazi sert a politiser &#8220;<em>l’homosexualité</em>&#8221; dans un sens large et à l’exclure de la société. Car le problème du régime est bien là. Ali Mahdjoubi, un exilé iranien de gauche, constate que les relations amoureuses au sein du même sexe sont aujourd’hui encore tout à fait courantes dans le quotidien iranien:</p>
<blockquote><p><em>&#8220;Dans le langage populaire iranien, il n’y a rien d’extraordinaire à ce que deux hommes affirment qu’ils s’aiment ou qu’ils sont amoureux. Cela ne suscite ni soupçon ni méfiance, c’est plutôt accepté avec compréhension. Il serait drôle d’essayer de répertorier, autant dans le langage quotidien que dans le langage intellectuel, toutes les expressions qui parlent des relations entre hommes ainsi que des différents degrés de ces relations amoureuses.&#8221;</em>
</p></blockquote>
<p>En 2005 deux jeunes, Ayaz Marhon et Mahmud Asgari, furent pendus à Maschhad. C’est le premier cas qui a eu une résonance médiatique internationale. Il est intéressant de voir quelle stratégie ils ont adoptée pour leur défense. Premièrement, ils ont affirmé qu’ils ne savaient pas que les faits qui leur étaient reprochés étaient passibles de la peine de mort. Vu qu’entre 1984 et 2004 il n’y a eu que très peu de condamnations à mort mises à exécution, leur affirmation peut éventuellement être crédible. Mais leur déclaration était probablement d’ordre stratégique, car d’après la charia connaître la punition est une condition pour que la peine puisse être appliquée. Deuxièmement, ils ont aussi affirmé que tous les jeunes hommes dans leur quartier avaient des relations sexuelles entre eux. D’après Mahdjoubi, cela est tout à fait possible:</p>
<blockquote><p><em>&#8220;A ce que je sache, il n’y avait personne qui n’ait eu des expériences homosexuelles, autant dans mon quartier, où il y avait beaucoup d’enfants, qu’à l’école où j’ai passé douze ans dans des classes non mixtes. (…) Au fond, ce n’était pas un secret, ni à l’école ni dans le quartier, de savoir qui avait des relations sexuelles avec qui et à quel moment. On se racontait mutuellement ses expériences. (…) Si on voulait avoir une relation sexuelle avec un garçon qu’on ne connaissait pas ou qu’on n’osait pas aborder, il y avait toujours quelqu’un pour arranger une rencontre. Il y en avait qui faisaient cela avec beaucoup de délicatesse et qui protégeaient même les deux heureux élus de toute surprise inopinée pendant leur rendez-vous dans les ruines du château de la ville.&#8221;<br />
</em></p></blockquote>
<p>Si les mollahs veulent vraiment nettoyer la société de tout hamschens bazi, ils ont encore un énorme travail à faire. Ce travail fera d’eux, contre leur gré, les acteurs d’une modernisation de rattrapage. Ce qui existe déjà chez nous, et dont l’histoire de la mise en place a été tout aussi brutale, doit encore être fabriqué en Iran : une société complètement normalisée au niveau hétérosexuel, une société dans laquelle &#8220;<em>l’homosexualité</em>&#8221; est construite comme un attribut particulier qui ne peut être vécu que dans les enclos de la subculture des grandes villes.</p>
<h4>Le mythe du progrès occidental</h4>
<p>Et c’est ainsi qu’on revient au début de ce texte, avec la question de savoir si on peut opposer l’Occident éclairé à l’islamisme moyenâgeux ? Certainement pas, car c’est au temps des Lumières, au XVIIème et au XVIIIème siècles, que se sont mises en place dans le nord-ouest de l’Europe les structures de base d’un monde hétéronormé, toujours caractéristique de l’Occident d’aujourd’hui. Ces changements se sont accompagnés de persécutions massives comparables à celles de l’Iran d’aujourd&#8217;hui. Voici quelques chiffres pour illustrer ces propos: à Berlin, 6 personnes sur 10 ayant des relations amoureuses homme-homme ou femme-femme ont affirmé avoir déjà pensé à se suicider pour cause de solitude. 18% des interrogés ont déjà fait une ou plusieurs tentatives de suicide. Cela représente quatre à cinq fois plus que la moyenne dans cette classe d’âge. Une étude américaine parmi des adolescentes homo- et bisexuelles atteste qu’elles sont victimes, à cause de leurs orientations sexuelles, d’agressions verbales pour 64% et physiques pour 38%. Un recensement réalisé par un institut de recherche sur la sexualité à Hambourg démontre qu’entre 1970 et 1990, le pourcentage d’adolescents masculins affirmant avoir eu des expériences sexuelles avec d’autres hommes est tombé de 18% à 2%. Ce sont des changements massifs qui prouvent qu’il n’est pas devenu plus facile de nos jours pour un-e adolescent-e de tomber amoureux de quelqu’un du même sexe.<br />
Tout cela devrait mener à plus de remise en question. L’homophobie n’est pas un vestige prémoderne d’un monde dépassé depuis longtemps que les méchants musulmans seraient en train de ramener maintenant en Allemagne. Non, nous vivons au milieu de cette société homophobe, qui n’a même plus besoin d’inscrire sa violence hétéronormative dans le code pénal, et qui produit de manière hautement efficace une classification dont les mollahs en Iran ne peuvent que rêver. </p>
<p><a name="t01" href="#f01">01</a> L’auteur critique l’utilisation du terme d’homosexualité, car c’est un concept élaboré à la fin du XIXème siècle pour désigner un comportement déviant ou une maladie. Il utilise donc des expressions comme «l’amour au sein du même sexe» ou «relation amoureuse entre gens du même sexe». Cela alourdit certes la lecture, mais sert à insister sur le fait  que le concept d’homosexualité a été forgé dans une culture spécifique et à une période déterminée (NdT.)<br />
<a name="t02" href="#f02">02</a> Issu du grec tribein, qui signifie frotter, s’entrefrotter. A longtemps désigné la lesbienne en caricaturant ses supposées parodies «viriles». (NdT)<br />
<a name="t03" href="#f03">03</a> Linguiste allemand (1868 &#8211; 1956), professeur d’université à Berlin et spécialiste des langues du Moyen-Orient.<br />
<a name="t04" href="#f04">04</a> Les Hudûd (singulier: Hadd) comprennent les incriminations et les peines définies par le Coran qui ne peuvent être remises en cause par les juges. Le droit musulman considère cette catégorie de crime comme des crimes contre la «Loi de Dieu». Les peines prévues pour les crimes de type Hadd sont fixes car elles ont été fixées par Dieu et se trouvent explicitement dans le Coran.<br />
<a name="t05" href="#f05">05</a><br />
www.abfiran.org (en anglais).</p>
<p>Traduction: Paul Braun</p>
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		<title>Sp(r)itzenleistungen</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Dec 2011 07:00:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Doping am Arbeitsplatz dürfte langsam aber sicher zum Normalfall werden Peter Samol Um in der Arbeitsgesellschaft als vollwertiges Mitglied zu gelten, genügt es für gewöhnlich nicht, eine Arbeit zu haben. Man muss darüber hinaus auch ein gewisses Maß an Leistung vorweisen. Meistens ein sehr hohes. Sonst drohen Anerkennungsverlust, Druck von Seiten der Kollegen bzw. Vorgesetzten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Doping am Arbeitsplatz dürfte langsam aber sicher zum Normalfall werden</h4>
<p><em>Peter Samol </em></p>
<p>Um in der Arbeitsgesellschaft als vollwertiges Mitglied zu gelten, genügt es für gewöhnlich nicht, eine Arbeit zu haben. Man muss darüber hinaus auch ein gewisses Maß an Leistung vorweisen. Meistens ein sehr hohes. Sonst drohen Anerkennungsverlust, Druck von Seiten der Kollegen bzw. Vorgesetzten und nicht selten am Ende der Rauswurf. Darüber hinaus verdichten sich in allen Berufsfeldern stetig die Leistungsanforderungen, meist begleitet von wachsendem Konkurrenzdruck und der Angst vor Stellenstreichungen. Um all dem besser gewachsen zu sein und damit man nach außen hin immer noch den fleißigen und belastbaren Mitarbeiter geben kann, steigt die Bereitschaft zur Einnahme von Medikamenten, die der Leistungssteigerung dienen sollen. Allein in Deutschland putschen sich mehr als zwei Millionen gesunde Menschen regelmäßig auf, um besser mit ihrer Arbeit fertig zu werden. Das sind fünf Prozent aller Beschäftigten. Es ist zu befürchten, dass diese Art des Medikamentenmissbrauchs künftig zunehmen wird.<span id="more-4693"></span></p>
<h4>Sport im Drogenkoma</h4>
<p>Begonnen hat der Missbrauch von Medikamenten zur Leistungssteigerung im Sport. Hier wird die Einnahme entsprechender körperfremder Substanzen als Doping bezeichnet. Zum ersten Mal wurden leistungssteigernde Substanzen im Jahr 1910 beim Pferdesport nachgewiesen. Richtig los ging es mit dem Sportdoping in den 1950er Jahren. Von dieser Zeit an wurden verschiedene Substanzen für den Leistungszuwachs von Sportlern systematisch erprobt und verwendet.</p>
<p>Es begann seinerzeit mit Pervitin, einer Substanz, die Soldaten bereits im zweiten Weltkrieg gegen Müdigkeit und zur Steigerung der Aufmerksamkeit verabreicht wurde. In den Siebzigern waren dann Anabolika, sprich muskelaufbauende Präparate, das bevorzugte Mittel der Wahl, kurz darauf gefolgt von Wachstumshormonen. Anfang der 1990er Jahren geriet dann vor allem das Blut in den Fokus der künstlichen Leistungssteigerung. Beim Blutdoping wird die Anzahl der roten Blutkörperchen durch die Gabe von Fremd- oder Eigenblut sowie durch Epo-Präparate (Erythropoetin – kurz Epo – ist ein Hormon, das die Produktion der roten Blutkörperchen anregt) über den Normalwert hinaus gesteigert. Dadurch kann das Blut mehr Sauerstoff zu den Muskeln transportieren, w-as die sportliche Leistungsfähigkeit deutlich erhöht.</p>
<p>Mittlerweile ist der Spitzensport total von der Pharmakologie durchdrungen. Bei anonymen Umfragen räumt fast jeder zweite Spitzensportler freiwillig ein, schon einmal verbotene leistungssteigernde Substanzen zu sich genommen zu haben (siehe Pitsch, Emrich, Klein 2005, S. 68). Man kann also getrost davon ausgehen, dass nur ein relativ geringer Teil der Spitzensportler nicht gedopt ist. Vor allem, da die Leistungen im Spitzensport häufig nur um winzige Bruchteile von Sekunden oder Millimetern voneinander differieren. Hier kann eine leistungssteigernde Substanz den entscheidenden Unterschied zum Sieg ausmachen.</p>
<p>Eine Sportlerkarriere ist Darwinismus pur. In ihr setzen sich nur die Starken durch, während die Schwachen auf der Strecke bleiben und aussortiert werden. Noch dazu haben fast alle Spitzensportler ihre Kindheit und ihre Jugend dem Sport geopfert. Sie haben oft nichts anderes mehr und leben ständig in der begründeten Angst, diesen auch noch zu verlieren, wenn sie nicht gut genug sind. Was aber sollen sie tun, wenn sie bereits alles aus sich herausgeholt haben und es immer noch nicht reicht? Dann ist die Versuchung ungeheuer groß, mit unerlaubten Mitteln nachzuhelfen. Die Namensliste der erwischten Sportler ist lang. Sie umfasst die Radsportprofis Lance Armstrong und Jan Ulrich, den 100-Meter-Sprintprofi Justin Gatlin und viele andere. Das Thema schwebt über allen Sportarten, vor allem über denjenigen, bei denen es um individuell zurechenbare Einzelleistungen geht: Radrennen, Boxen, Gewichtheben, Kugelstoßen, Schwimmen, Leichtathletik, Tennis, Biathlon, Skilanglauf, Eisschnelllauf und viele mehr.</p>
<p>In den meisten Hochleistungssportarten werden immer neue Rekorde gefordert, um sie interessant zu halten. Aber weil die natürlichen Grenzen des menschlichen Körpers längst erreicht sind, ist das auf normalen Wegen praktisch nicht mehr zu schaffen. Wenn dessen ungeachtet buchstäblich übermenschliche Leistungen gefordert werden, dann wird die Unterstützung durch unerlaubte Mittel zur systemimmanenten Größe. Wie sollen sonst die ständig neuen Bestwerte im Spitzensport noch zustandekommen? Man kann davon ausgehen, dass viele Weltrekorde nur mit pharmazeutischer Hilfe errungen wurden. Ein Beispiel von vielen ist der 100-Meter-Sprint-Weltrekord des amerikanischen Athleten Justin Gatlin bei den olympischen Spielen in Athen 2004, der ihm später wieder aberkannt wurde.</p>
<p>Noch schwerer als die Rekordsucht dürfte der Umstand wiegen, dass die Sportler auf Erfolgsprämien und Sponsorenverträge angewiesen sind. Beides macht aus den Sportlern Leistungslöhner. Bei den Siegprämien von mehreren 10.000 Dollar sowie Weltrekordprämien von etwa 100.000 Dollar herrscht das „The-Winner-Takes-It-All-Prinzip“. Die Erstplatzierten bekommen fast alles; allenfalls erhalten Zweit- und Drittplatzierte noch nennenswerte Beträge und Ehrungen, während alle anderen gar nichts bekommen, egal wie gut sie ansonsten gewesen sind.</p>
<p>Und nur Sieger bekommen lukrative Sponsorenverträge. In den meisten Spitzensportarten verdienen weltweit nur die ungefähr zehn Besten von mehreren tausend Anwärtern nennenswerte Geldsummen. Wenn aber der Sieg zur Frage der Existenz wird, dann sind rasch alle Mittel recht. Wer nicht dopt, verspielt die eigenen Chancen auf den Sieg und damit auf Geld und Ruhm. Fast jeder Sportler steht früher oder später vor der Alternative, entweder als nicht leistungsfähig genug ausscheiden zu müssen oder zum Betrug mit Hilfe nicht erlaubter Substanzen zu greifen. Vor diesem Hintergrund ist die Erkenntnis, dass im Sport auf breiter Basis gedopt wird, so wenig überraschend wie die Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist.</p>
<h4>Doping für die Arbeit</h4>
<p>Nachdem Doping im Leistungssport schon seit Jahrzehnten der Normalfall ist, wandert es zunehmend auch in die Arbeitswelt ein. Der schillernde spanische Philosoph und Essayist José Ortega y Gasset pflegte den Sport als „Bruder der Arbeit“ zu bezeichnen. Die Verwandtschaft gründet darin, dass in beiden Bereichen Leistung das wesentliche Prinzip ist.</p>
<p>Immer mehr Beschäftigte nehmen systematisch körperfremde Substanzen ein, um ihre Arbeit besser, schneller und ausdauernder verrichten zu können. Eine im Auftrag der DAK (Deutsche Angestellten-Krankenkasse) durchgeführte deutschlandweite Befragung von gut 3.000 Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 50 Jahren aus dem Jahr 2008 ergab, dass fünf Prozent der Befragten regelmäßig dopen, um den Stress am Arbeitsplatz besser zu bewältigen oder ihre Leistung zu steigern (DAK-Gesundheitsreport 2009, S. 105). Umgerechnet auf die etwa 40 Millionen in Deutschland Beschäftigten ergibt das eine Zahl von zwei Millionen Dopingfällen. Darüber hinaus wären 60 Prozent der Berufstätigen dazu bereit, Mittel zur Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit zu nehmen, wenn keine Nebenwirkungen zu befürchten und sie legal erhältlich wären (ebd., S. 37).</p>
<p>Weit mehr als die Hälfte aller Berufstätigen haben sich also bereits mit dem Gedanken an eine Einnahme leistungssteigernder Substanzen im Job angefreundet. Diese hohe Einnahmebereitschaft dürfte stark mit den Veränderungen der modernen Arbeitswelt zusammenhängen. Ist doch die allgemeine Arbeitssituation durch wachsenden Stress, Arbeitsplatzunsicherheit und starken Konkurrenzdruck geprägt (ebd., S. 107). Tabletten erleichtern endlose Arbeitstage, schaffen Abhilfe bei wachsender Arbeitsverdichtung, hohem Zeitdruck sowie permanenter Verfügbarkeit rund um die Uhr. Alles in allem bekommt man zunehmend den Eindruck, dass für die Arbeitswelt nur noch olympiareife Athleten in Frage kommen.</p>
<p>Ähnlich wie beim Sport muss sich auch hier jeder gegen die Konkurrenz durchsetzen sowie stets am Ball und auf keinen Fall auf der Strecke bleiben. Kein Wunder also, dass immer mehr gesunde Menschen mit Medikamenten nachhelfen, um ständig auf Höchsttouren laufen zu können und den wachsenden Anforderungen am Arbeitsplatz zu genügen.</p>
<p>Anders als bei Leistungssportlern geht es bei der Arbeit aber nicht um eine Steigerung der körperlichen, sondern vor allem um eine der geistigen Leistungsfähigkeit. Um schneller, länger und konzentrierter arbeiten zu können, im Kundenkontakt „besser drauf zu sein“ oder mit weniger Schlaf auszukommen, beeinflussen arbeitende Menschen mit Hilfe von Medikamenten vor allem ihre Hirnfunktionen.</p>
<p>In diesem Zusammenhang nimmt der außermedizinische Einsatz von Psychopharmaka seit Ende der 1980er Jahre ständig zu (siehe Schäfer, Groß 2008, S. 188). Dabei handelt es sich vor allem um Mittel, die normalerweise bei Demenzerkrankungen, Depressionen, Aufmerksamkeitsstörungen oder zur Beruhigung gegeben werden. Manager schlucken Beruhigungsmittel, um dem Stress besser gewachsen zu sein, Außendienstmitarbeiter nehmen Mittel gegen Demenz sowie Stimmungsaufheller, um sich die Namen ihrer Kunden besser merken und sie stets freundlich bedienen zu können, und Büroangestellte verordnen sich selbst Aufputschmittel, um nach einer Sechzehn-Stunden-Schicht am nächsten Morgen wieder frisch auf der Matte zu stehen.</p>
<p>Je nach Bedarf wird medikamentös aufgeputscht, beruhigt und vor allem die kognitive Leistungsfähigkeit gesteigert, um den Belastungen bei der Arbeit gewachsen zu sein. Das wird auch als „Neuroenhancement“ bezeichnet. „Enhancement“ bedeutet dabei soviel wie „Steigerung“, „Verbesserung“ oder „Stärkung“. Andere Begriffe in diesem Zusammenhang sind auch „Performance Enhancement“, „Hirndoping“, „Brain-Boosting“ oder „Minddoping“. Sie bedeuten alle dasselbe: Den Versuch, die kognitiven Fähigkeiten oder psychischen Befindlichkeiten von gesunden Menschen mit Hilfe von Medikamenten über das normale Maß hinaus zu steigern.</p>
<p>Selbst junge Menschen sind zunehmend gedopt. In den spätkapitalistischen Gesellschaften gilt das Prinzip des Wettbewerbs oft schon ab dem Kindergarten. Im Bildungssystem macht sich zunehmend eine Haltung breit, wonach Freude über „nur“ mittelmäßige Leistungen verpönt ist und ein Leben ohne Abitur praktisch schon als gelaufen gilt. In dieser Situation verschaffen viele Eltern ihren Sprösslingen bereitwillig „Unterstützung“ durch entsprechende Medikamente. Eine hohe Dunkelziffer von Schulkindern wird für Klassenarbeiten gedopt.</p>
<p>Tabletten sollen das Pauken in den Tagen vor der Prüfung erleichtern, Ängste mindern oder die Konzentration während der Prüfung erhöhen. Laut einer Befragung würden 80 Prozent der Schüler und Studenten leistungssteigernde Medikamente einnehmen, wenn diese frei zugänglich wären; nur für elf Prozent von ihnen käme ihre Einnahme überhaupt nicht in Frage (Lieb 2010, S. 25).</p>
<p>Alles in allem genießt die Einnahme von Medikamenten zur Problembewältigung gesellschaftlich ein höheres Ansehen als beispielsweise kürzer zu treten, sich Ruhe zu gönnen oder Krankheiten auszukurieren. Mindern doch all diese Maßnahmen die Leistungsbilanz, während Medikamente schneller und unkomplizierter wirken und obendrein auch noch die Leistung steigern. Daher wird Doping mehr und mehr zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit. Dass die Optimierung der menschlichen Leistungsfähigkeit auch einträgliche Geschäfte verspricht, versteht sich in einer kapitalistischen Gesellschaft sowieso von selbst – der weltweite Handel mit Dopingmitteln aller Art ist mengenmäßig durchaus mit dem Drogenhandel vergleichbar.</p>
<p>Auch die mit den Mitteln verbundenen Risiken werden gern ignoriert. Viele Medikamente sind noch so neu, dass „die Langzeitfolgen bei dauerhafter Einnahme noch nicht ausreichend erforscht sind“ (Schäfer, Groß 2008, S. 189). Bei den Mitteln zur geistigen Leistungssteigerung besteht aber auf jeden Fall die große Gefahr, dass die natürlichen Gehirnprozesse massiv beeinträchtigt werden. Die Neuro-Pillen greifen in hochkomplexe Hirnstrukturen ein und bringen dabei eine sehr fein aufeinander abgestimmte Physiologie durcheinander. Es kann dabei zu Hirnveränderungen kommen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Im schlimmsten Fall können die Mittel sogar Wahnvorstellungen oder Psychosen auslösen.</p>
<h4>Gedopte Zukunft</h4>
<p>Alles deutet darauf hin, dass wir uns erst am Anfang einer künftigen allgemeinen gesellschaftsweiten Doping-Praxis befinden, die weit über den Sport hinausgeht. Dass immer mehr Menschen bereit sind, diese Risiken einzugehen, um sich für noch mehr und noch intensivere Leistungen im Beruf fit zu machen, ist Ausdruck für eine strukturelle Überforderung. Die Leistungsgesellschaft verlangt den Menschen mehr ab, als sie auf Dauer zu erbringen vermögen. Wenn obendrein Schwächeren die Ausgrenzung droht, dann ist die Angst, von den Intelligenteren, Ausdauernderen ins Abseits gedrängt zu werden, allgegenwärtig. Dabei sinkt nicht nur die Hemmschwelle für den Gebrauch von Psychopharmaka, es entsteht auch ein wachsender Druck auf diejenigen, die nicht bereit sind, leistungssteigernde Mittel einzunehmen.</p>
<p>Wenn alle Menschen schneller und effizienter als ihre Mitkonkurrenten sein müssen, um sich die eigenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu sichern und immer mehr von ihnen zu diesem Zweck leistungssteigernde Mittel verwenden, dann verschieben sich über kurz oder lang die Standards dessen, was als „normale“ Leistung gilt. „Dann könnten die Leistungen der nicht ‚verbesserten‘ Personen als unterdurchschnittlich angesehen werden“ (Schäfer, Groß 2008, S. 189). Am Ende wird sich praktisch jeder dazu gezwungen sehen, aus Wettbewerbsgründen zu leistungssteigernden Medikamenten zu greifen.</p>
<p>Auf diese Weise wird eine Konkurrenzspirale in Gang gesetzt, bei der immer mehr gedopt wird, egal ob Körper und Psyche das auf Dauer aushalten oder nicht. Was bedeuten schon die gesundheitlichen Folgen von morgen, wenn es um die Existenz von heute geht? Eine Gesellschaft, in welcher der Leistungsgedanke alles andere beiseite fegt, entsorgt früher oder später auch die Grundlagen, auf denen Doping überhaupt als Problem wahrgenommen werden kann. Als Problemfälle gelten dann vielmehr diejenigen, die nicht dopen. Natürlich wird dadurch das Grundproblem der Konkurrenzgesellschaft in keiner Weise angetastet. „Minderleister“ gibt es in der Konkurrenz immer, ganz egal wie hoch das allgemeine Leistungsniveau liegt. Eine gesellschaftsweite Doping-Praxis spitzt den allgemeinen Leistungswahnsinn einfach nur weiter zu. Das dürfte spätestens dann jedem klar werden, wenn Menschen selbst mit Spritze im Arm und Pille im Bauch deklassiert und ausgeschlossen werden, weil sie nicht genügend Leistung erbringen.</p>
<h4>Literatur</h4>
<p>DAK-Gesundheitsreport: Schwerpunktthema Doping am Arbeitsplatz, in: ders. S. 37-90 sowie 105-108, 2009.<br />
Lieb, Klaus: Hirndoping: Warum wir nicht alles schlucken sollten, Mannheim 2010.<br />
Pitsch, Werner; Emrich, Eike; Klein, Markus: Zur Häufigkeit des Dopings im Leistungssport, in: Leipziger Sportwissenschaftliche Beiträge, Jg. 46, Heft 2, S. 63-77, 2005.<br />
Schäfer, Gereon; Groß, Dominik: Enhancement – Eingriff in die personale Identität, in: Deutsches Ärzteblatt, Jg. 105, Heft 5, S. 188-190, Februar 2008.</p>
<p>(erschienen in: <a href="http://www.streifzuege.org/2011/spritzenleistungen">Streifzüge 53 / Herbst 2011</a>)</p>
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