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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
	<lastBuildDate>Thu, 04 Mar 2010 12:20:27 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Arm, aber mutig</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Mar 2010 12:15:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Bierwirth]]></category>

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		<description><![CDATA[Julian Bierwirth

Der Kapuzinerm&#246;nch richtet seinen besorgtem Blick in die Kamera: Viel zu viele Jugendliche in Deutschland lebten in zu gro&#223;er Not, h&#228;tten keine Arbeit und kein zu Hause. Deshalb, so Bruder Paulus, unterst&#252;tze er das Europ&#228;ische Jahr 2010, weil es die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben fordere. Die Kamera zoomt dichter an den Geistlichen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Julian Bierwirth</em></p>
<p><em></em><br />
Der Kapuzinerm&#246;nch richtet seinen besorgtem Blick in die Kamera: Viel zu viele Jugendliche in Deutschland lebten in zu gro&#223;er Not, h&#228;tten keine Arbeit und kein zu Hause. Deshalb, so Bruder Paulus, unterst&#252;tze er das Europ&#228;ische Jahr 2010, weil es die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben fordere. Die Kamera zoomt dichter an den Geistlichen heran. Alles im Auftreten des Bettelm&#246;nchs ist auf einen Effekt aus: der sorgsam einstudierte Text, der mitf&#252;hlende Blick, das aufmunternde Nicken beim Sprechen, die sorgsam eingestreuten Vokabeln aus einer vermeintlichen Alltagssprache von Jugendlichen: es soll Lebensn&#228;he und F&#252;rsorglichkeit, Kompetenz in der Sache und Ernsthaftigkeit im Anliegen gleicherma&#223;en zum Ausdruck bringen.<span id="more-4001"></span></p>
<p>Zu finden ist dieser Effekt auf der Homepage zum Europ&#228;ischen Jahr 2010 zur Bek&#228;mpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung mit dem passenden Titel &#8216;Mit neuem Mut&#8217;. Unter diesem Motto n&#228;mlich m&#246;chten EU und Bundesregierung gemeinsam mobil machen – nein, nicht gegen Armut und Ausgrenzung. Aber zumindest doch daf&#252;r, dass Armut und Ausgrenzung den Menschen nicht egal sein sollte. In ihrem Gru&#223;wort z&#228;hlt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen einige der vielen Probleme auf, die mit Armut einhergehen. Und verk&#252;ndet auch gleich, wie sie die Probleme anzugehen gedenkt: „&#220;berall in Deutschland gibt es eine Vielzahl von Initiativen, die gezielte Unterst&#252;tzung anbieten und den Betroffenen neuen Mut machen.“</p>
<p>Und so konnten sich soziale Initiativen bewerben, um von der EU ein wenig finanzielle Unterst&#252;tzung zu bekommen. &#220;ber 800 Projektantr&#228;ge sind eingereicht worden Es habe „sehr gute, sehr mutige Ideen“ gegeben, so von der Leyen. Und ganze 40 von ihnen sollen nun als „Leuchtt&#252;rme“ im Kampf gegen Armut und Ausgrenzung die deutsche Sozialpolitik hell erstrahlen lassen. In G&#246;ttingen gibt es beispielsweise ein Projekt, das vom Landkreis G&#246;ttingen in Kooperation mit der Kreisvolkshochschule angeboten wird und das dem einzigen Zweck dient, Langzeitarbeitslose in Ein-Euro-Jobs zu vermitteln. In einem Projekt in Sassnitz sollen Jugendliche dazu animiert werden sich weiterzuqualifizieren und „erforderliche Schulabschl&#252;sse“ nachzuholen, um „mittelfristig am Erwerbsleben teilnehmen k&#246;nnen“. In einer mecklenburgischen Kleinstadt sollen Jugendliche durch Lehmbau Selbstbewusstsein aufbauen und Gemeinschaftsgef&#252;hl erleben, in Bremen zielt die Teilnahme an einem Zirkusprojekt auf ganz &#228;hnliche Ziele.</p>
<p>Was diese &#252;beraus mutigen Projekte eint, ist der grunds&#228;tzliche Blick auf Armut und Ausgrenzung: sie gelten nicht als gesellschaftlich hervorgebrachte und entsprechend auch nur gesellschaftlich l&#246;sbare Ph&#228;nomene, sondern als im wesentlich selbstverantwortet und durch individuelle Hilfestellungen aus der Welt zu schaffen. Dabei liegt das Problem gem&#228;&#223; dieser Sichtweise auch weniger in fehlenden finanziellen Ressourcen als vielmehr im Ausschluss der Betroffenen aus einem als wesentlich erachteten gesellschaftlichen Bereich: dem der Arbeit.</p>
<p>So reiht sich das Europ&#228;ische Jahr gegen Armut und Ausgrenzung in einen Zeitgeist ein, der zwar von individuellem Fehlverhalten gerne spricht, von der Krise der Arbeitsgesellschaft aber um so vehementer schweigt. Da die besagte Krise nicht zuletzt auch in einer Krise des Leistungsprinzips besteht, soll letzteres reanimiert werden. Dabei wird die g&#228;ngige christliche Doktrin, dass nur essen soll wer auch arbeitet erg&#228;nzt um die umgekehrte Annahme, dass wer nicht isst, scheinbar vor allem der Arbeit bedarf. Vor dem Hintergrund von sinkenden Staatseinnahmen und steigenden Staatsausgaben sollen die staatlichen Sozialleistungen durch Eigenengagement und nichtstaatliche Projekte abgel&#246;st werden. Damit kann der Staat einerseits das ernsthafte Bem&#252;hen zu k&#252;nftigen Einsparungen demonstrieren und andererseits die Ideologie forcieren, die Menschen seien selbst schuld an ihrem Schicksal.</p>
<p>Doch damit nicht genug &#8211; auf der Kampagnenhomepage k&#246;nnen wir lesen, worum es beim Europ&#228;ischen Jahr 2010 gehen soll: „Das &#246;ffentliche Bewusstsein f&#252;r die Risiken von Armut und sozialer Ausgrenzung zu st&#228;rken und die Wahrnehmung f&#252;r ihre vielf&#228;ltigen Ursachen und Auswirkungen zu sch&#228;rfen &#8211; das sind die Ziele des Europ&#228;ischen Jahres 2010“. Nun ist bekannterma&#223;en auch und gerade in der Regierung, der Arbeitsministerin von der Leyen angeh&#246;rt, das Bewusstsein f&#252;r die Risiken von Armut und sozialer Ausgrenzung nicht gerade besonders hoch. Erst vor kurzem bemerkte Vizekanzler Westerwelle, das Leben mit Arbeitslosengeld II sei geradezu „r&#246;mische Dekadenz“ und auch Kanzlerin Merkel wollte ihm nicht widersprechen. „Das sind nicht meine Worte“, so konnten wir von ihr h&#246;ren. In der Sache aber schien es keinen Dissenz zu geben.</p>
<p>Nun k&#246;nnte es scheinen, als sei das Europ&#228;ische Jahr ein blo&#223;es Lippenbekenntnis, dass niemanden ernstlich interessiert. Dem ist jedoch bei Weitem nicht so. Vielmehr f&#252;gt es sich elegant ein in die sozialpolitischen Reformbestrebungen im krisenhaften Kapitalismus. So ist auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes entgegen der Hoffnung nicht zuletzt vieler Linker bei weitem noch nicht klar, wohin der Zug f&#228;hrt: das Gericht hat ausdr&#252;cklich angemerkt, nicht die H&#246;he der Leistungen zu kritisieren, sondern lediglich ein Abweichen von einer als solcher problemlosen Berechnungsmethode an einigen wenigen Stellen. Ob das jedoch ein Mehr oder ein Weniger an Leistungen bedeutet, ist bislang noch nicht absehbar.</p>
<p>Die Auseinandersetzung um die zuk&#252;nftige H&#246;he der Sozialleistungen ist jedenfalls in vollem Gange. Westerwelles Vorsto&#223; dient wohl vor allem dazu, gesellschaftliche Ressentiments zu wecken und eine Erh&#246;hung als Ungerechtigkeit gegen&#252;ber den Menschen mit niedrigen Einkommen erscheinen zu lassen. Tats&#228;chlich hat sich seit der Einf&#252;hrung des Arbeitslosengeld II ein ansehnlicher Niedriglohnsektor gebildet, in dem die Menschen oftmals nicht viel mehr verdienen, als ihnen an Arbeitslosengeld zusteht. Da insbesondere die Zuverdienstm&#246;glichkeiten f&#252;r sog. „Mini“- und „Midi“-Jobs verbessert wurden und die ausgezahlten Gelder f&#252;r ein anst&#228;ndiges Leben vorne und hinten nicht reichen, gehen viele nebenbei Jobben – auch, wenn da nicht viel Geld extra im Portemonnaie ankommt.</p>
<p>Diese Erkenntnis ist nicht zuletzt das Ergebnis einer unl&#228;ngst vorgestellten Studie der Organisation f&#252;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). In der Studie wurde die finanzielle Absicherung von Arbeitslosen in Relation zu ihrem letzten Verdienst im internationalen Vergleich dargestellt. Die in Deutschland ausgezahlten Sozialbez&#252;ge liegen zwar oberhalb des Durchschnitts aller untersuchten L&#228;nder, innerhalb der EU allerdings in der unteren H&#228;lfte. Das Ergebnis ist dabei ein ziemlich direkter Spiegel der Sozialpolitik in den letzten Jahren. So ist beispielsweise auff&#228;llig, dass in Deutschland sowohl bei Normal- als auch bei Geringverdienenden Haushalte mit Kindern besser abschneiden als Familien ohne Kinder. W&#228;hrend alleinstehende Langzeitarbeitslose im Durchschnitt nur 36% ihres letzten Nettoverdienstes ausgezahlt bekommen, bekommen sie satte 61%, wenn im Haushalt zwei Kinder leben. In Familien mit bislang einem Erwerbst&#228;tigen steigen die durchschnittlichen Sozialleistungen von 46% auf 63%, sobald zwei Kinder der Haushaltsgemeinschaft angeh&#246;ren. Der Grund ist daf&#252;r ist recht simpel: die Einkommen sind schlicht und ergreifend zu gering, um Familien mit Kindern auf einem ertr&#228;glichen und deutlich &#252;ber dem Existenzminimum liegenden Niveau zu versorgen.</p>
<p>Auch wenn es graduelle Unterschiede zwischen einzelnen Staaten gibt, vom Grundsatz her trifft dieser Befund f&#252;r sie alle zu. In Zeiten knapper Kassen und kriselnder &#214;konomien sollen die Bed&#252;rfnisse der Menschen nach einem guten Leben in noch st&#228;rkerem Ma&#223;e ignoriert werden als das bislang der Fall war. &#220;ber diese Entwicklungen wird dann auch im M&#228;rz beim 6. Europ&#228;ischen Sozialforum in Istanbul gestritten werden. Es wird sich zeigen ob die AktivistInnen der sozialen Bewegungen bereit sind, offensiv sowohl mit der staatlichen Verarmungspolitik als auch mit den endlosen Versuchen zur St&#228;rkung des Leistungsprinzips zu brechen. Was es daf&#252;r br&#228;uchte, w&#228;re jedoch eine Perspektive nicht nur f&#252;r soziale Sicherheit, sondern f&#252;r eine solidarische Gesellschaft jenseits von Markt und Staat. Und davon ist derzeit allerdings nicht viel zu sehen.</p>
<p>(Der Text wurde in einer gek&#252;rzten und leicht  ver&#228;nderten Version in der  <a href="http://jungle-world.com/artikel/2010/08/40408.html">Jungle World 08/2010</a> ver&#246;ffentlicht.)</p>
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		<title>Griechenland ist &#252;berall</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 11:56:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Aktuelle Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Tomasz Konicz]]></category>

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		<description><![CDATA[Tomasz Konicz
&#220;berlebensdroge oder letzte &#214;lung? Staaten erzeugen Nachfrage auf Pump, um Kapitalismus zu retten. Risiken und Nebenwirkungen werden in Kauf genommen
Schlimmer geht’s immer: Laut aktuellen Berichten k&#246;nnte das griechische Haushaltsdefizit noch h&#246;her ausfallen als bislang erwartet. (Allerdings steht Athen damit nicht allein.). Ende vergangenen Jahres mu&#223;te die neugew&#228;hlte Regierung eingestehen, da&#223; die bisherigen Angaben manipuliert [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Tomasz Konicz</em></p>
<p><strong>&#220;berlebensdroge oder letzte &#214;lung? Staaten erzeugen Nachfrage auf Pump, um Kapitalismus zu retten. Risiken und Nebenwirkungen werden in Kauf genommen</strong></p>
<p>Schlimmer geht’s immer: Laut aktuellen Berichten k&#246;nnte das griechische Haushaltsdefizit noch h&#246;her ausfallen als bislang erwartet. (Allerdings steht Athen damit nicht allein.). Ende vergangenen Jahres mu&#223;te die neugew&#228;hlte Regierung eingestehen, da&#223; die bisherigen Angaben manipuliert waren (sie jW vom Donnerstag). Mit 12,7 Prozent des j&#228;hrlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) sei der Fehlbetrag doppelt so hoch wie von der abgew&#228;hlten konservativen Regierung nach Br&#252;ssel gemeldet. Die Gesamtverschuldung des Landes liegt inzwischen bei 125 Prozent des Jahres-BIP. Ratingagenturen reagierten auf den Bilanzschwindel mit Herabstufung der Kreditw&#252;rdigkeit des Landes. Am Dienstag erkl&#228;rte die EU-Kommission, das griechische Haushaltsdefizit k&#246;nnte noch gr&#246;&#223;er ausfallen »als bisher erwartet«. Das Statistikamt in Athen arbeite »ineffektiv« und sei »anf&#228;llig f&#252;r politische Einmischungen«.<span id="more-3996"></span></p>
<h3>Rekordverschuldung</h3>
<p>Nie zuvor in der Geschichte des Kapitalismus haben sich dStaaten in so kurzer Zeitspanne derma&#223;en verschuldet wie seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 2007. In der EU weisen Spanien, Gro&#223;britannien und Irland ein &#228;hnlich hohes Defizit aus wie die klammen Hellenen. Die Verschuldung der USA ist gigantisch. Da scheint die BRD fast solide – obwohl Bund, L&#228;nder und Kommunen in den ersten drei Quartalen 2009 durch neue Kredite in H&#246;he von nahezu 100 Milliarden Euro das Defizit gegen&#252;ber dem Vorjahreszeitraum versechsfacht hatten.</p>
<p>Die Ursachen dieser Entwicklung sind zumindest in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems vergleichbar. Die Rezession f&#252;hrte zu verminderten Steuereinnahmen, w&#228;hrend hektische Ma&#223;nahmen zur Stabilisierung des Finanzsektors und Konjunkturprogramme die Ausgaben in die H&#246;he schnellen lie&#223;en. In den USA wurde allein zwischen Oktober und November 2009 ein Minus von nahezu 300 Milliarden US-Dollar registriert. Das Manko im abgelaufenen Haushaltsjahr 2008/2009 betrug rund 1400 Milliarden Dollar – bisher lag die annualisierte Rekordverschuldung des Landes bei etwa 400 Milliarden.</p>
<p>Die vom Kieler Institut f&#252;r Weltwirtschaft (IfW) auf gut 3000 Milliarden US-Dollar gesch&#228;tzten Konjunkturprogramme (rund 4,7 Prozent des Welteinkommens) haben einen Absturz der Wirtschaft zumindest vorl&#228;ufig verhindert. Die staatlich erzeugte Nachfrage entspricht aber auch neuen Verbindlichkeiten in derselben H&#246;he. Hinzu kommen die weitaus gr&#246;&#223;er dimensionierten Rettungs- und St&#252;tzungsprogramme f&#252;r die Finanzm&#228;rkte. Allein in den USA haben diese ein Volumen von 23700 Milliarden Dollar. Sobald die damit initiierte Spekulationsblase platzt, wird ein Gro&#223;teil dieser B&#252;rgschaften f&#252;r den Finanzsektor f&#228;llig, Staatsbankrotte inklusive. Auch die BRD-Regierung hatte einen 480 Milliarden Euro teuren »Rettungsschirm« in Form staatlicher B&#252;rgschaften f&#252;r den heimischen Finanzsektor aufgespannt.</p>
<p>An der Peripherie Europas sehen sich bereits einige Volkswirtschaften mit einem drohenden Staatsbankrott konfrontiert: Die Ukraine, Lettland, Ungarn, Rum&#228;nien, Serbien und Belarus mu&#223;ten vom Internationalen W&#228;hrungsfonds (IWF), der Weltbank und der EU-Kommission mit milliardenschweren Notkrediten vor drohender Zahlungsunf&#228;higkeit bewahrt werden. Doch wie Griechenland zeigt, kommt die Krise flott voran.</p>
<h3>Staatsbankrotte</h3>
<p>Nun taumeln Staaten, die schon seit Jahrzehnten Mitglieder der EU sind. So mu&#223;te auch Spanien eine Herabstufung in Sachen Bonit&#228;t hinnehmen. Im als superstabil geltenden &#214;sterreich sorgten &#196;u&#223;erungen des US-&#214;konomen Kenneth Rogoff f&#252;r Aufregung, denen zufolge die Alpenrepublik vom Bankrott bedroht sein k&#246;nnte. Dortige Banken hatten viel Geld in Osteuropa ausgeliehen, Geld, das auf absehbare Zeit nur zum Teil oder gar nicht zur&#252;ckgezahlt wird. Bei einer erneuten Versch&#228;rfung der Krise m&#252;&#223;te Wien daf&#252;r b&#252;rgen. Auch Japan scheint nun an seinen gigantischen Schulden zu ersticken. Die Verbindlichkeiten der zweitgr&#246;&#223;ten Volkswirtschaft der Welt sollen in diesem Jahr 227 Prozent des BIP erreichen, die haupts&#228;chlich gegen&#252;ber den eigenen B&#252;rgern bestehen. Inzwischen ist jedoch die Sparquote der Bev&#246;lkerung von 14 Prozent des BIP 1990 auf nur noch zwei Prozent gefallen. Nachfragekapazit&#228;t f&#252;r weitere Staatsanleihen gibt es kaum noch.</p>
<p>Zugleich werden international neue Konjunkturprogramme gefordert. Der bisher erreichte Aufschwung sei nicht »selbsttragend«, bemerkte beispielsweise das deutsche Institut f&#252;r Makro&#246;konomie und Konjunkturforschung Anfang Januar. Auch im h&#246;chsten Gremium der US-Notenbank wurden bei dessen letzter Sitzung im Dezember Forderungen nach weiteren Korrekturma&#223;nahmen f&#252;r die US-Wirtschaft laut.</p>
<p>Damit werden zugleich die Ursachen der &#246;ffentlichen Verschuldungsorgie deutlich. Die Staaten schl&#252;pften in die Rolle der Finanzm&#228;rkte und der inzwischen klammen US-Konsumenten. Diese hatten zuvor die Nachfrage auf Pump angeheizt. Nun wird versucht, den Aufschwung auf Kreditgrundlage (Defizitkonjunktur) per Steuergeld anzuheizen. Die jahrzehntelang unter einer systemischen &#220;berproduktionskrise leidende Weltwirtschaft wurde so am Leben erhalten. Ohne Verschuldung kann der Kapitalismus schlicht nicht mehr funktionieren. Ob er mit ihr weiterwurschteln kann bleibt abzuwarten, denn Griechenland ist &#252;berall.</p>
<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst in der Jungen Welt vom 14.01.2010</em></p>
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		<title>Crash!</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/crash</link>
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		<pubDate>Fri, 18 Dec 2009 16:15:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Español]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>

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		<description><![CDATA[Una nueva leyenda está haciendo furor sobre el origen de la crisis : “nuestra economía” ha sido víctima de la codicia sin límites de un puñado de banqueros y especuladores. Alimentados por el dinero barato del banco central de EE.UU. y apoyado por decisiones de políticos irresponsables, que han llevado al mundo al borde del [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Una nueva leyenda está haciendo furor sobre el origen de la crisis : “nuestra economía” ha sido víctima de la codicia sin límites de un puñado de banqueros y especuladores. Alimentados por el dinero barato del banco central de EE.UU. y apoyado por decisiones de políticos irresponsables, que han llevado al mundo al borde del abismo, mientras que las victimas han sido los de siempre “ la gente honrada”</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/2008/crashkurs-flugblatt-zur-finanzkrise">Deutsche Version</a> &#8212; <a href="http://www.krisis.org/2008/crash-course">English version</a> &#8212; <a href="http://www.krisis.org/2009/crash-course">Version française</a> &#8212; <a href="http://www.krisis.org/2008/crashcursus">Nederlandse versie</a> &#8212; <a href="http://www.krisis.org/2008/crashkurs-appunti-sulla-crisi-finanziaria">Versione italiana</a> &#8212; <a href="http://www.krisis.org/2008/2907">българска версия<br />
<span id="more-3978"></span></a></p>
<p><em>Grupo Krisis</em></p>
<p>Nada es tan objetivamente incorrecto e ideológicamente peligroso par la opinión pública que estos tópicos y leyendas. Se trata exactamente de todo lo contrario El crecimiento desmedido de los mercados financieros no es la causa de la miseria y de la crisis, sí no una maniobra evasiva antes la crisis fundamental que se enfrenta la sociedad capitalista desde la década de 1970. En ese tiempo terminó el boom de crecimiento de la posguerra, basado en un largo período de apoyo a un crecimiento económico real, que basado en la extensión y generalización del modo de producción industrial a nuevos sectores como la fabricación de automóviles. Para la producción de productos básicos eran necesarias en la década de 1950 y 60, una multitud de trabajadores adicionales que alcanzaron salarios que superaron el nivel de la supervivencia y que podían por esa razón también acceder al consumo de masas. Desde la racionalización generalizada en los sectores básicos de la producción mundial, más y más trabajadores fueron sustituidos por procedimientos automatizados que destruyeron las condiciones para un boom económico impulsado por el consumo. La crisis capitalista clásica ha sido así sustituida por la crisis más fundamental y que afecta a la misma posibilidad del trabajo</p>
<h4>La “ humanidad superflua”</h4>
<p>Es una de las contradicciones enloquecedor del modo capitalista de producción que el gran salto en la productividad hecho posible por la “revolución microelectrónica” no e ha dado lugar una vida mejor para todos. Ha ocurrido finalmente lo contrario, el trabajo se ha acelerado, el ritmo y la presión laboral ha aumentado. Para supervivir cada dia millones de personas, en todo el mundo, deben vender ,en las peores condiciones , su fuerza de trabajo, que es valorada por el nivel de productividad , y que de esta forma se ve cada vez más devaluada.</p>
<p>Esta es una de las contradicciones del capitalismo, pero también significa es también un factor que contribuye a la autodestrucción de sus propias bases. Una sociedad que se fundamenta en la explotación del trabajo humano, está llegando a sus límites estructurales, cuando convierte al trabajador cada vez en algo más obsoleto. La economía mundial se ha mantenido , durante más de treinta años, sólo por la inflación y el aumento de la especulación y el crédito ( “capital ficticio”) en continuo movimiento. Si el capital se concentró en los mercados financieros fue debido a que la economía real no ofrece suficientes oportunidades de inversión. Los Estados están en deuda para cubrir sus presupuestos y un número creciente de personas, directa o indirectamente, financian su consumo con el crédito. De esta manera, la esfera financiera se convierte en la industria de base del motor del crecimiento capitalista. La “economía real”, tan cacareada, no es fue asfixiada por los mercados financieros, Por el contrario, el “milagro económico chino” y el “record de exportación de Alemania” no hubiese sido posible sin el gran ciclo de expansión y crecimiento de la deuda global de las últimas décadas, con los EE.UU. en el centro.</p>
<h4>Gestión de emergencias y la estanflación</h4>
<p>En el momento presente las posibilidades de controlar los efectos de la crisis son limitados. Y ello no debe ser motivo de celebración. Las consecuencias serán dramáticas. Por ahora descarga toda la crisis y la devaluación de la potencia acumulada de los últimos treinta años con toda su fuerza. La política tiene la mayor parte de responsabilidad en el ritmo y el progreso de este proceso. Básicamente, no puede parar. O elimina el billón de dólares de los “rescate” , con consecuencias desastrosas para la economía “real”. O aumenta de manera exorbitante la deuda pública nacional y establece así las condiciones para un aplazamiento de la crisis, que surgirá aún mayor y más grave en el futuro próximo. Las consecuencias será el regreso de la “estanflación” – la simultaneidad de la recesión crónica y la inflación galopante – a un nivel mucho más alto que en la década de 1970..</p>
<p>Todo empuja en gran medida, y durante los decenios pasados ; la caída de los salarios, las condiciones de trabajo precarias, la privatización de gran parte del sector público se privatiza, al hecho de que es una cantidad inesperadamente grande y creciente de la humanidad hayan sido declaradas simplemente superflua. La pregonada “nueva función del Estado” no va a consistir de ninguna manera en la restauración del capitalismo el “renano” de los años 60 con pleno empleo y una mayor prosperidad. Esta aparente vuelta del Estado si puede consistir en la organización y administración de la exclusión social, racial y nacionalista. El retorno de la ”regulación” y “capitalismo de Estado” es concebible sólo en la forma de un Estado autoritario y represivo de la gestión de las emergencias.</p>
<h4>El mundo es demasiado rico para el capitalismo</h4>
<p>La actual crisis financiera marca el punto de inflexión en la era de capital ficticio y por lo tanto la crisis fundamental del capitalismo, que se puso de manifiesto ya en la década de 1970, alcanzando un nuevo nivel. Esta crisis no es sólo una crisis específica del “sistema imperio” anglosajón o del “neoliberalismo”, como pretende la movilización antiaméricana, con ribetes claramente antisemitas. Más bien, ahora parece que el mundo es demasiado rico par a la pobreza del modo de producción capitalista. por el modo capitalista de producción pobres es demasiado rico y la sociedad está condenada a la barbarie ,la miseria y la irracionalidad sin no es capaz de superar el capitalismo.</p>
<p>El problema no son los ”especuladores” y los mercados financieros , sino lo absurdo de una sociedad que produce riqueza sólo como un producto de desecho del valor real o para la utilización del capital ficticio. Un retorno a un capitalismo de bases aparentemente sólidas, centrado en el uso de ejércitos de manos de obra, no es ni posible ni deseable.</p>
<p>Cada víctima que ahora se exige para mantener la dinámica destructiva de esta producción absurda , es una burla a la buena vida, que hace mucho tiempo era posible: en una sociedad más allá de la producción de mercancías, dinero y Estado . La crisis actual no es sino la puesta en cuestión, finalmente, del sistema mismo.</p>
<p>Traducción Paralelo36</p>
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		<title>Bildung – Kampfbegriff oder Pathosformel?</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/bildung-kampfbegriff-oder-pathosformel</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2009/bildung-kampfbegriff-oder-pathosformel#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 16 Dec 2009 19:32:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Ribolits]]></category>

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		<description><![CDATA[Erich Ribolits
(Vortrag bei der Tagung: Bibliothek als kritischer Raum, Renner-Institut, 7. Nov. 2009)
Seit fast drei Wochen finden – ausgehend von der Wiener Akademie der bildenden K&#252;nste – an vielen &#246;sterreichischen Universit&#228;ten weitreichende und durchaus spektakul&#228;re studentische Aktionen gegen die aktuelle bildungspolitische Situation statt. Losungen unter denen die Aktionen stattfinden lauten: Bildung ist keine Ware, Menschenrecht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erich Ribolits</em></p>
<p>(Vortrag bei der Tagung: Bibliothek als kritischer Raum, Renner-Institut, 7. Nov. 2009)</p>
<p>Seit fast drei Wochen finden – ausgehend von der Wiener Akademie der bildenden K&#252;nste – an vielen &#246;sterreichischen Universit&#228;ten weitreichende und durchaus spektakul&#228;re studentische Aktionen gegen die aktuelle bildungspolitische Situation statt. Losungen unter denen die Aktionen stattfinden lauten: Bildung ist keine Ware, Menschenrecht auf Bildung, freier Hochschulzugang, Demokratisierung und ausreichende Finanzierung der Universit&#228;ten.</p>
<p>Jeder, der die Zust&#228;nde an &#246;sterreichischen Universit&#228;ten kennt und sich auch nur einen minimalen Rest der Vorstellung bewahrt hat, dass Bildung etwas zu tun hat, mit Selbstbewusstsein und dem m&#252;ndigen Einfordern menschenw&#252;rdiger Lebensbedingungen kann nicht umhin, Sympathie f&#252;r die Demonstranten und ihre Forderungen zu entwickeln.<span id="more-3968"></span> Und als Bildungswissenschafter bin ich &#252;ber die Sympathie hinsichtlich der Tatsache hinaus, dass junge Menschen bereit sind, f&#252;r bessere Studienbedingungen zu k&#228;mpfen, besonders davon angetan, dass sich als erster Punkt im Forderungskatalog der aufm&#252;pfigen Student/innen die grunds&#228;tzliche Forderung nach „Bildung statt Ausbildung“ findet. Schlie&#223;en die Protestierenden doch damit an eine Grundsatzaussage der Bildungswissenschaft an, dass Bildung und Ausbildung ein Gegensatzpaar darstellen und es ziemlich schwer ist, beide unter einen Hut zu bringen, sowie, dass Lernprozesse nicht auf ein Lernen zum Brauchbarwerden reduziert werden d&#252;rfen! Eine Untersuchung des Instituts f&#252;r Jugendkunde, die w&#228;hrend der zweiten Protestwoche durchgef&#252;hrt wurde, brachte &#252;brigens zutage, dass die Forderung „Bildung statt Ausbildung“ von fast 70% aller protestierenden Student/innen als die wichtigste Aussage ihres Forderungskatalogs betrachtet wird.</p>
<p>Obwohl ich mit dem gegenw&#228;rtigen Protest somit durchaus sympathisiere und ihn in seinem Kern f&#252;r zutiefst richtig halte und ich ihn dort, wo es f&#252;r mich m&#246;glich ist, auch nach Kr&#228;ften unterst&#252;tze, m&#246;chte ich die von den Student/innen aufgestellten Forderungen f&#252;r meinen heutigen Vortrag in kritischer Form aufgreifen. Ich m&#246;chte zeigen, dass selbst dann, wenn Bildung heute noch im Sinne eines Kampfbegriffs aufgegriffen wird und daf&#252;r dient, die aktuell gegebenen bildungspolitischen Verh&#228;ltnisse in grunds&#228;tzlicher Form zu kritisieren – wie das in der aktuellen Situation passiert –, der Begriff – eh’ man sich’s versieht – klammheimlich den Charakter einer Pathosformel annimmt.</p>
<p>Kritisiert wird von den Studierenden der mit dem System der Verwertung von Allem und Jedem bzw. Jeder konform gehende Umbau der Universit&#228;ten. Die Proteste richten sich gegen die in den letzten Jahren mit un&#252;bersehbarer Konsequenz vorangetriebene Verwandlung von Schulen, Hochschulen und Universit&#228;ten in marktwirtschaftlich agierende Dienstleistungsunternehmen. Dienstleistungsunternehmen in denen &#246;konomisch verwertbares Wissen, Qualifikationen und Kompetenzen zur systematischen Produktion von Humankapital vermittelt werden. Moniert wird, dass im Zuge der aktuellen Entwicklungen die hinter dem Begriff Bildung stehende Idee der Entwicklung des Subjekts zu einem autonomen Individuum durch Aufkl&#228;rung verloren geht. Und dass an seine Stelle nun die konsequente Zurichtung der Subjekte zu Elementen betriebswirtschaftlicher Verwertung trete, verbunden mit der Banalisierung von Wissen zu einer kauf- und verkaufbaren Ware sowie der Reduzierung auch der &#246;ffentlich organisierten Bildungsangebote auf eine, durch unterschiedliche Zugangsh&#252;rden, zu denen zumindest zum Teil auch durch Studiengeb&#252;hren geh&#246;ren, k&#252;nstlich knapp gehaltene Dienstleistung.</p>
<p>Auch wenn die Proteste der Studierenden im Sinne eines Aufschreis von Menschen gegen ihre voranschreitende Degradierung zu Humanressourcen, die mit allen Mitteln der p&#228;dagogischen Kunst verwertungstauglich gemacht werden, durchaus nachvollziehbar sind, zeigt auch ein nur ein fl&#252;chtiger Blick auf den Gesamtzusammenhang, dass die kritisierten Zust&#228;nde System haben und dass mit mehr Geld f&#252;r Bildung oder entsprechenden organisatorischen Ver&#228;nderungen im Bildungsbereich die zurecht als Skandal empfundenen Zust&#228;nde ganz sicher nicht grunds&#228;tzlich ver&#228;ndert werden k&#246;nnen. Die l&#228;ngst transnational agierende kapitalistische &#214;konomie zwingt Staaten, Regionen, Unternehmen und Individuen bei Strafe ihres sonstigen Untergangs in einen immer umfassenderen Konkurrenzkampf. Die damit verbundene konsequente Unterordnung des Bildungswesens inklusive der Universit&#228;ten unter die Verwertungspr&#228;misse stellt somit keine wirkliche Neuigkeit dar. Die aktuell stattfindenden Ver&#228;nderungen machen es blo&#223; unm&#246;glich, weiterhin so zu tun, als ob zumindest die Universit&#228;ten ein Hort m&#252;ndig machender Bildung bleiben k&#246;nnten. Es wird blo&#223; offensichtlich, dass die sch&#246;ngeistige Idee der Bildung immer nur ideologischer &#220;berbau f&#252;r die kapitalkonforme Zurichtung der Menschen war. Auch im Bildungsbereich wird blo&#223; kenntlich, was den Kapitalismus von allem Anfang an gekennzeichnet hat, die Verwertungslogik des Marktes!</p>
<p>Die Vermarktwirtschaftlichung der Bildung hat n&#228;mlich keineswegs erst in den letzten Jahren begonnen. Bildung, bzw. das, was sich daf&#252;r ausgibt, ist nicht erst im Neoliberalismus zur Ware geworden. Sie ist Ware, seit der Besuch von Schulen und Universit&#228;ten nicht mehr nur einer privilegierten Minderheit vorbehalten, sondern zum Aufstiegsvehikel im Kampf um vorteilhafte gesellschaftliche Positionen geworden war. Sie ist zur Ware genau innerhalb jenes Systems geworden, das wir mit den durchaus positiv konnotierten Begriffen Aufkl&#228;rung und wissenschaftlich-technische Revolution verkn&#252;pfen. Schon seit mindestens 150 Jahren ist besiegelt, dass Wissen eine Ware ist und Bildung wurde sp&#228;testens seit sie in institutionalisierter Form als umfassendes Bildungssystem praktisch wurde, ihrer systemkritischen Potenz beraubt. Das haben Kulturkritiker wie Friedrich Nietzsche oder Siegfried Bernfeld schon vor ungef&#228;hr einem Jahrhundert beklagt. Und diese Analyse haben andere kritische Denker, wie beispielweise Theodor Adorno oder André Gorz, auch dann aufrechterhalten, als in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Vorstellung Karriere gemacht hat, das Gesellschaftssystem lie&#223;e sich &#252;ber die Reform nationaler Bildungssysteme aushebeln.</p>
<p>Die in den letzten Jahrzehnten vorangetriebene Liberalisierung des Wissensmarktes durch die im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO geschlossenen Abkommen, wie beispielsweise dem GATT (General Agreement on Tarifs and Trade) oder dem GATS (General Agreement on Trade in Services) und der damit er&#246;ffnete Handel mit der Ware Wissen war blo&#223; der logische n&#228;chste Schritt im Zuge des sich global ausweitenden Kapitalismus. Und die Notwendigkeit auf den globalen kapitalistischen Konkurrenzkampf zu reagieren, war auch Ursache f&#252;r den von der Europ&#228;ischen Union 1999 in Bologna eingeleiteten Prozess der Reformierung der europ&#228;ischen Hochschulsysteme. Durch den sogenannten Bolognaprozess sollen die Universit&#228;ten in Dienstleistungsunternehmen in einem wettbewerbsgesteuerten Wissensmarkt umgestaltet und die Voraussetzung geschaffen werden, um die EU bis zum Jahr 2010 zum „weltweit gr&#246;&#223;ten wissensbasierten Wirtschaftsraum“ zu machen.</p>
<p>Wenn hier auch in euphemistischer Manier von „Wettbewerb“ gesprochen wird und nicht von einem konkurrenzgepeitschten Kampf, und selbstverst&#228;ndlich schon gar nicht von einem Krieg, der mit &#246;konomischen Mitteln gef&#252;hrt wird, bei dem es allerdings durchaus um Leben und Tod geht, zeigt die Metapher vom wissensbasierten Wirtschaftsraum ganz klar, worum es geht: Um die konsequente Reduktion von Bildungsprozessen auf vergleichbare, quantifizierbare und somit mess- und abpr&#252;fbare Leistungen sowie die Reduktion der Absolvent/innen von Bildungseinrichtungen auf berechenbare Verk&#246;rperungen verwertbarer Kompetenzen. Wissen und Wissende sollen objektiviert werden und in Mittel zur Steigerung &#246;konomischer Macht im globalen Kampf der EU mit den USA auf der einen Seite sowie Japan und China auf der anderen Seite verwandelt werden. Die durch technologisch bedingte Produktivit&#228;tsfortschritte und globale Wirtschaftsm&#246;glichkeiten sich seit vielen Jahren verdichtende kapitalistische Verwertungskrise bedingt einen massiv steigenden Konkurrenzdruck in allen gesellschaftlichen Bereichen. Dadurch wird derzeit offenbar endg&#252;ltig der idyllischen Vorstellung der Boden entzogen, durch ein im Rahmen der Konkurrenz&#246;konomie organisiertes Lernen k&#246;nnte Bildung im Sinne einer Entwicklung in Gang gesetzt werden, bei der Menschen ihr humanes Potential entfalten und sich selbst zum Menschen machen.</p>
<p>Der verzweifelte Aufschrei der Student/innen, dass Bildung keine Ware sein darf, sondern Menschenrecht sei und mit Ausbildung nicht gleichgesetzt werden d&#252;rfe, kn&#252;pft an das philosophische Menschenbild an, dem leider schon vor langer Zeit der Boden entzogen worden war. Ein Menschenbild, das in den deutschsprachigen L&#228;ndern Mitteleuropas um 1800 zwar kurze Zeit eine institutionelle Entsprechung in der Humbold’schen Universit&#228;t gefunden zu haben schien, aber sehr rasch zum sch&#246;ngeistigen &#220;berbau des Bildungswesens degradiert wurde – zu einer Pathosformel, die zur Legitimation einer weitgehend anderen Kriterien entsprechenden Realit&#228;t dient. Die Idee, die hinter der antiquierten Vision des gebildeten Menschen steht, ist die der Philosophie: Durch Wissen &#252;ber sich und die Welt kann der Mensch Selbstbewusstsein und Autonomie erreichen. Er emanzipiert sich von den ihn unterschwellig beeinflussenden M&#228;chten und gewinnt damit die M&#246;glichkeit, sich von Herrschaft jeder Art zu befreien. Finales Ziel dieser Entwicklung ist die zur vollen Entfaltung und Freiheit gelangte Menschheit. Bildung bezeichnet in diesem Menschenbild den Prozess der Erm&#228;chtigung zu Selbstbewusstsein und Autonomie. Sie steht damit – quasi per Definition – den jeweils vorhanden, sich als unver&#228;nderlich pr&#228;sentierenden und damit dem Menschen entfremdeten politischen, gesellschaftlichen, &#246;konomischen und kulturellen Verh&#228;ltnissen kritisch gegen&#252;ber.</p>
<p>Bekannterma&#223;en gilt Sokrates als Begr&#252;nder der Philosophie im skizzierten Sinn. Das Au&#223;ergew&#246;hnliche seines Verhaltens – das ihm diesen Ruf eingebracht hat – bestand darin, dass er die B&#252;rger Athens nicht zu belehren versuchte, wie dies zu jener Zeit die Sophisten taten, die ihr Wissen gegen Geld an den Mann zu bringen versuchten. Sokrates suchte den vern&#252;nftigen Dialog mit den Menschen. An den unmittelbaren Interessen seiner Gespr&#228;chspartner ankn&#252;pfend, hinterfragte er ihre Meinungen nach den Regeln der Logik, um ihr immanent unvern&#252;nftiges, da unlogisches Alltagsbewusstsein zu entlarven und sie zum folgerichtigen Selberdenken zu animieren. Seine Bem&#252;hungen ersch&#246;pften sich jedoch nicht in logischen Sprachspielen, sie zielten auf reale gesellschaftliche Ver&#228;nderungen, auf ein von Vernunft getragenes Zusammenleben freier B&#252;rger die sich dialogisch aufkl&#228;ren und als selbstbewusste Subjekte konstituieren.</p>
<p>Vergessen wird dabei allerdings meist, dass die wohl wesentlichste Voraussetzung eines derartigen Philosophierens die M&#246;glichkeit der freien B&#252;rger war, ein Leben in Mu&#223;e zu f&#252;hren. Im Gegensatz zu heute galt das Arbeiten in jener Zeit ja noch keineswegs als Tugend, es war Sache der Unfreien – der Sklaven und Frauen –, deren Unfreiheit ja genau darin gesehen wurde, dass sie der „Notdurft des Daseins“ unterworfen waren. Das von Sokrates propagierte Hinterfragen als selbstverst&#228;ndlich geltender und allgemein akzeptierter Grundlagen des sozialen Lebens ist n&#228;mlich letztendlich nur m&#246;glich im Sinne eines Zur&#252;cktretens vom allt&#228;glichen Handlungsdruck und einer gelassenen Auseinandersetzung mit den Tatsachen der Welt. Reflexion setzt Mu&#223;e voraus, die Schule sollte der antiken Vorstellung gem&#228;&#223; ein dementsprechender Ort sein. Der Name „Schule“ hat – auch wenn es der heutigen Realit&#228;t Hohn spricht – seinen Ursprung ja auch im altgriechischen scholé, dem Wort f&#252;r Mu&#223;e. &#220;bertr&#228;gt man die Notwendigkeit der Mu&#223;e als die Grundbedingung der M&#246;glichkeit von Bildung auf die heutige Situation, ist es offensichtlich: Der gegenw&#228;rtig allen organisierten Lernprozessen immanente Zeit- und Effektivit&#228;tsdruck sowie der Zwang, gewonnene Erkenntnisse unter Androhung des Untergangs im allgegenw&#228;rtigen Konkurrenzkampf einsetzen zu m&#252;ssen, ist der Bildungsidee im Sinne des sokratischen Philosophierens diametral entgegengesetzt.</p>
<p>Grundprinzip der Philosophie ist der Zweifel, Philosophie ist getragen vom Bewusstsein der Unabgeschlossenheit und Relativit&#228;t des Wissens. Dementsprechend korreliert Philosophie stets auch mit immanenter Kritik an der sophistischen Vorstellung, dass es m&#246;glich w&#228;re, Wissen wie privates Eigentum zu besitzen und als Ware mit ihm Gesch&#228;fte zu machen. Bildungsprozesse, die sich im skizzierten Sinn am philosophischen Menschenbild orientieren, zielen darauf ab, dass den Menschen die Welt fraglich wird und sie auch die sozialen Verh&#228;ltnisse nicht unhinterfragt akzeptieren. Aufkl&#228;rung bedeutet nicht das Vermitteln vorgeblich gesicherten Wissens, sondern das Hinf&#252;hren zum Hinterfragen vorgeblich unverr&#252;ckbar geltender Tatsachen.</p>
<p>Diese am philosophischen Menschenbild ausgerichtete Vorstellung von Bildung war &#252;ber 2000 Jahre wirksam – selbstverst&#228;ndlich stets nur bezogen auf die sogenannten Freien in der Bev&#246;lkerung, jene Gruppe also, die das Privileg der Mu&#223;e f&#252;r sich beanspruchen konnten. Die bei Sokrates noch gegebene Verkn&#252;pfung von Selbst- und Welterkenntnis mit Gotteserkenntnis verlor in der Neuzeit immer mehr ihre Bedeutung. Die Bildungsidee wechselte in der Folge ihren Wohnort und &#252;bersiedelte aus den theologischen Gelehrtenstuben in die zunehmend entstehenden Universit&#228;ten. Zugleich wurde der Bildungsbegriff in seiner s&#228;kularisierten Form auch zum Leit- und Kampfbegriff des um seine gesellschaftliche Vormachtstellung k&#228;mpfenden B&#252;rgertums. Die b&#252;rgerliche Revolutionsbewegung bezog ihre Dynamik aus der Vorstellung, dass die Positionsverteilung in der Gesellschaft nicht durch Geburtsprivilegien, sondern &#252;ber die Bereitschaft entschieden werden soll, an der Vervollkommnung seiner selbst als Mensch zu arbeiten. Die Bildungsidee war auf das Engste mit den revolution&#228;ren Bewegungen des 19 Jahrhunderts verbunden.</p>
<p>Der urspr&#252;ngliche Konnex zwischen der Bildungsidee und dem Anspruch einer Umw&#228;lzung der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse wurde in den deutschsprachigen L&#228;ndern Mitteleuropas allerdings sehr bald wieder aufgebrochen. Denn w&#228;hrend die b&#252;rgerlichen Revolutionen in vielen anderen L&#228;ndern unmittelbar zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Umw&#228;lzungen f&#252;hrte, blieb die Revolution in Mitteleuropa quasi am halben Weg stehen. Zu bedeutsamen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen kam es erst nach und nach und nicht als direkte Folge revolution&#228;rer Aufst&#228;nde. Hintergrund daf&#252;r war, dass sich durch die Entdeckung und Eroberung Amerikas der europ&#228;ische Welthandel an den Atlantik verlagert hatte, wodurch sich die Zentren des b&#252;rgerlichen Fortschritts ebenfalls in Richtung Westen, nach Frankreich, in die Niederlande und nach England verschoben. Das deutschsprachige Mitteleuropa stagnierte in seiner sozio&#246;konomischen Entwicklung – f&#252;r eine erfolgreiche b&#252;rgerliche Revolution fehlte damit die gesellschaftliche Grundlage. Die Idee der Bildung verlor damit in den deutschsprachigen L&#228;ndern ihren revolution&#228;r-gesellschaftlichen Bezug und wurde zunehmend auf Innerlichkeit beschr&#228;nkt – sie wandelte sich von einer Kampflosung zu einem Pathosbegriff. Als ein solcher wurde sie konserviert und konnte sich – allerdings auch nur kurze Zeit und nur f&#252;r die gesellschaftliche Elite – im Ideal der Humboldt’schen Universit&#228;t verwirklichen.</p>
<p>Dass es au&#223;erhalb der deutschen Sprache keine begriffliche Entsprechung des Wortes Bildung gibt, h&#228;ngt genau mit der skizzierten und unerf&#252;llten revolution&#228;ren Hoffnung in den „deutschen L&#228;ndern“ zusammen. Der revolution&#228;re Gehalt der Bildungsidee wurde hier kastriert, er wurde von gesellschaftlicher Praxis abgekoppelt und als blo&#223; sch&#246;ngeistige Theorie bewahrt. Hegel hat den Unterschied zwischen Deutschland und dem revolution&#228;ren Frankreich in diesem Sinn folgenderma&#223;en charakterisiert: „Wir haben allerhand Rumor im Kopfe und auf dem Kopfe; dabei l&#228;sst der deutsche Kopf eher seine Schlafm&#252;tze ganz ruhig sitzen und operiert innerhalb seiner.“</p>
<p>Letztendlich wurde das was im deutschen Begriff Bildung zwar weiterhin idealisiert wurde, anti-revolution&#228;r und zum Widerspruch jener philosophische Idee, auf die weiterhin Bezug genommen wird. Schon Kant spaltet die Freiheit in eine innere und eine &#228;u&#223;ere auf – w&#228;hrend &#228;u&#223;ere Freiheit f&#252;r ihn eine soziale Gr&#246;&#223;e darstellt und z.B. rechtliche, soziale und politische Umst&#228;nde umfasst, beschreibt innere Freiheit einen Zustand, in dem der Mensch sich von inneren Zw&#228;ngen wie z.B. Trieben, Erwartungen, Gewohnheiten oder Konventionen befreit. Bildung war f&#252;r Kant der Schl&#252;ssel zur inneren Freiheit. Im, wie er formulierte, „b&#252;rgerlichen Amte“ hingegen, sei der Mensch blo&#223; ein Werkzeug und zum Gehorsam gezwungen. Fichte, Humboldt und Schleiermacher idealisierten in &#228;hnlicher Diktion die Universit&#228;t als eine Ort, wo man sich vom Materialismus der b&#252;rgerlichen Welt zur&#252;ckzieht, um „in Einsamkeit und Freiheit“ die Wahrheit zu suchen. Frei von autorit&#228;ren Weisungen und demokratisch verfasst sollten die Universit&#228;ten St&#228;tten des freien Denkens sein – keinesfalls jedoch Zellen des gesellschaftlichen Widerstandes. Die im Humboldt’schen Universit&#228;tsideal zur Geltung kommende Vorstellung von Bildung korreliert mit einem Untertanengeist, der die &#228;u&#223;ere Welt einerseits verachtet und sich ihr andererseits widerstandslos unterordnet. In derart kastrierter Form konnte die Bildungsidee auch ziemlich problemlos mit dem autorit&#228;ren Staat und dem autorit&#228;ren Charakter in Einklang gebracht werden.</p>
<p>Endg&#252;ltig von ihren gesellschaftskritischen Wurzeln abgeschnitten wurde Bildung dann im Zuge der wissenschaftlich-technischen zweiten industriellen Revolution. Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte eine Auff&#228;cherung der universit&#228;ren Disziplinen, verbunden mit ihrer Abnabelung von der Philosophie. Zugleich wurden die Fachwissenschaften zunehmend &#246;konomischen Imperativen unterworfen. Das System gesellschaftlich organisierten Lernens, das weiterhin als Bildungssystem bezeichnet wurde, nahm auch an den Universit&#228;ten rasch den Charakter von Ausbildung an. Bildung reduzierte sich auf Wissensvermittlung, auf den Kauf und Verkauf von n&#252;tzlichem, &#246;konomisch verwertbarem Wissen – Bildung wurde zu einer Ware. Auch Universit&#228;ten wurden zu blo&#223;en Produktionsst&#228;tten verwertbarer Fachkr&#228;fte – von Fachidioten, wie es die Studentenbewegung der 1968er Jahre formulierte.</p>
<p>Das vorl&#228;ufig letzte Kapitel im skizzierten Niedergang der Bildungsidee wird aktuell im Neoliberalismus geschrieben. An die Stelle bewusster, nach &#246;konomisch-rationalen Gesichtspunkten vorgenommener staatlicher Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft tritt im Neoliberalismus der Wettbewerb und die Anarchie des Marktes. Nationalstaaten verlieren angesichts des globalisierten wirtschaftlichen Geschehens zunehmend ihre Autonomie, ihre Funktion ersch&#246;pft sich immer mehr darin, Garanten juristisch stabiler Verwertungsr&#228;ume zu sein. Oberste gesellschaftliche Instanz ist nun der Wettbewerb, durch ihn soll alles gesteuert und ihm muss dementsprechend alles untergeordnet werden.</p>
<p>Auch f&#252;r die EU stellt es ein Grundsatzziel dar, alle wesentlichen bisher durch politische Mechanismen gesteuerten Gesellschaftsbereiche dem Markt zu &#252;berantworten und nach Kriterien der Konkurrenz zu gestalten. Selbstredend geh&#246;rt dazu auch der Bildungsbereich und dabei nicht an letzter Stelle die Universit&#228;ten. Bildungseinrichtungen sollen auf diese Art in ihrer Funktion als Wissensbetriebe zur Produktion verwertbaren Humankapitals effektiver werden – Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler sowie Studentinnen und Studenten sollen in einem permanenten Wettbewerb stehen, ihre Leistungen sollen permanent getestet und verglichen werden. F&#252;r den Krieg mit &#246;konomischen Mitteln m&#252;ssen alle Reserven aktiviert werden.</p>
<p>Der Zusammenhang von Bildung, vernunftbegr&#252;ndeten sozialen Utopien und Humanit&#228;t wird nun endg&#252;ltig auch ideologisch verabschiedet; Bildung tritt faktisch nur noch als Wettbewerbsformel ins allgemeine Bewusstsein. Dazu hat der langj&#228;hrige Leiter des deutschen Max-Plank Instituts f&#252;r Bildungsforschung, Hellmut Becker in einer bereits in den 1960er Jahren gef&#252;hrten Diskussion mit dem Philosophen Theodor Adorno, die 1971 unter dem Titel „Erziehung zur M&#252;ndigkeit“ ver&#246;ffentlicht wurde, festgestellt, dass der zum Prinzip erhobene Wettbewerb die Grundlage der Enthumanisierung der Gesellschaft darstellt. Adorno stimmte dieser These nachdr&#252;cklich zu. Auch er identifizierte den Wettbewerb als jeder humanen Entwicklung entgegenstehend und meinte, Menschen d&#252;rften sich nicht dumm machen lassen und m&#252;ssten sich dem im allumfassenden Konkurrenzgedanken widerspiegelnden gesellschaftlichen Analphabetismus entgegensetzen.</p>
<p>Zwischenzeitlich gilt allerdings jeder, der sich im Sinne dieser Aussagen nicht dumm machen l&#228;sst und an Markt und Konkurrenz als den idealen Steuerungsinstrumente des sozialen Zusammenlebens zweifelt, schlichtweg als verr&#252;ckt. Das dem alles umfassenden Wettbewerb untergeordnete organisierte Lernen ist als Mittel, um die Irrationalit&#228;t des Wettbewerbsprinzips zu hinterfragen, zahnlos, da es l&#228;ngst selbst Teil des Machtmolochs Markt ist. Die im Wettbewerb erzogenen Menschen haben gelernt, sich selbst blo&#223; noch in Relation zu ihrem Marktwert wahrzunehmen und sich dem Zwang zum permanenten Vergleich widerspruchslos zu unterwerfen. Und sie haben gelernt gesellschaftliche Krisen in individuelle Defizite umzudeuten. An die Stelle des Zusammenhangs von Bildung und Revolution ist in der totalit&#228;ren Wettbewerbsgesellschaft der Zusammenhang von entfremdeten Wissen und Reform getreten.</p>
<p>In dieser Situation blo&#223; den l&#228;ngst zur Pathosformel reduzierten Bildungsbegriff aus der Mottenkiste zu holen und Bildung statt Ausbildung zu propagieren greift meines Erachtens zu kurz. Der Bildungsbegriff birgt in sich zwar tats&#228;chlich ein Menschenbild, das dem hierzulande geradezu totalit&#228;ren Konkurrenzprinzip diametral entgegengesetzt ist. Allerdings wurde diesem Menschenbild schon im Zuge der Installierung des Konkurrenzkapitalismus und nicht erst im Zuge seiner krisenhaften Entwicklung der letzten Jahre das Wasser abgegraben. Wer die Bildungsidee wirklich reanimieren will, muss erst einmal die Gr&#252;nde ihrer Liquidierung aufdecken. Und die sind im Konkurrenzkapitalismus mit seiner Pr&#228;misse der Verwertung von Allem und Jeden begr&#252;ndet.</p>
<p>Als Kampfbegriff taugt der Bildungsbegriff nur, wenn er aus den Fesseln seiner b&#252;rgerlichen Domestizierung und der damit verbundenen Anbindung am markt(wert)orientierten Leistungsbegriff befreit wird. Ein Primat von Bildung zu fordern und sich daf&#252;r einzusetzen, dass organisiertes Lernen nicht blo&#223; daran orientiert ist, Menschen zu brauchbaren Gesellschaftsmitgliedern und n&#252;tzlichen Arbeitnehmern zu machen, muss am Hinterfragen des Marktwerts als Richtgr&#246;&#223;e aller gesellschaftlicher Entwicklungen ansetzen. Letztendlich kann Bildung ihre urspr&#252;ngliche gesellschaftstransformierende Potenz nur wiedergewinnen, wenn sie jenseits von Wert und Verwertung, wenn sie also als wert los begriffen wird!</p>
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		<title>Vorank&#252;ndigung krisis 33</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Dec 2009 17:23:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zuordnung offen]]></category>

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		<description><![CDATA[Thema: Aspekte der globalen Krise
Nach dem Platzen der Immobilienblase ist allenthalben von der Krise des Kapitalismus die Rede. Gemeint ist aber zumeist nur die Krise des so genannten Finanzmarktkapitalismus, die auf die „Gier der Banker und Spekulanten“ zur&#252;ckgef&#252;hrt wird – verbunden mit der Hoffnung auf eine R&#252;ckkehr zum „gesunden Kapitalismus“. Tats&#228;chlich jedoch hat die derzeitige [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Thema: Aspekte der globalen Krise</h3>
<p>Nach dem Platzen der Immobilienblase ist allenthalben von der Krise des Kapitalismus die Rede. Gemeint ist aber zumeist nur die Krise des so genannten Finanzmarktkapitalismus, die auf die „Gier der Banker und Spekulanten“ zur&#252;ckgef&#252;hrt wird – verbunden mit der Hoffnung auf eine R&#252;ckkehr zum „gesunden Kapitalismus“. Tats&#228;chlich jedoch hat die derzeitige Weltwirtschaftkrise einen viel grunds&#228;tzlicheren Charakter. Sie stellt eine weitere Etappe der Krisenversch&#228;rfung  und -beschleunigung im Verlauf eines langen, s&#228;kularen Prozesses dar, der alle Sph&#228;ren und Ebenen der Warengesellschaft erfasst und deren Grundlagen ersch&#252;ttert. Verschiedene Aspekte dieses fundamentalen Krisenprozesses stehen im Fokus dieser krisis-Ausgabe.<span id="more-3964"></span><br />
Karl-Heinz Lewed untersucht die Krise der modernen Subjektivit&#228;t und richtet dabei den Blick vor allem auf deren Verlaufsform in den islamisch gepr&#228;gten L&#228;ndern. Er f&#252;hrt den enormen Zuspruch zum islamischen Fundamentalismus auf die narzistische Pr&#228;gung des modernen Subjekts zur&#252;ck, das angesichts des Scheiterns der nachholenden Modernisierung nun seine Gr&#246;&#223;enphantasien auf „Gott“ statt auf die „Nation“ richtet. Erg&#228;nzend dazu analysieren Ernst Lohoff und Attila Steinberger die Hintergr&#252;nde der Massenproteste im Iran und stellen dabei vor allem die Frage, wieso die Opposition trotz der eklatanten Krise des Regimes nicht in der Lage war, dieses zu st&#252;rzen.<br />
Auf einen anderen Aspekt konzentriert sich der Aufsatz von Julian Bierwirth. Er setzt sich mit den post-operaistischen Konzepten der Immateriellen Arbeit und des General Intellect auseinander und zeigt, dass diese die Krise der Arbeit zwar indirekt reflektieren aber nicht dechiffrieren k&#246;nnen. Neil Larsen w&#252;rdigt Adornos Methode der immanenten Kritik, verweist aber auch auf deren historische Grenzen vor allem im Hinblick auf die Kritik von Aufkl&#228;rung und moderner Vernunft. Tomasz Konicz schlie&#223;lich analysiert den Krisenverlauf in verschiedenen osteurop&#228;ischen L&#228;ndern und seine sozialen, politischen und ideologischen Konsequenzen.</p>
<p>Inhalt:<br />
Karl-Heinz Lewed: Erweckungserlebnis als letzter Schrei. Der Islamismus als Heilsversprechen in der Krise der modernen Subjektivit&#228;t<br />
Ernst Lohoff: Die etwas andere Normalisierung. Der Teheraner Fr&#252;hling und die Krise des warenproduzierenden Systems<br />
Attila Steinberger: Protest und konservative Restauration im Iran<br />
Julian Bierwirth: Streifz&#252;ge im Postfordismus. Anmerkungen zu Immaterieller Arbeit und General Intellect<br />
Neil Larsen: Das Idiom der Krise. &#220;ber die historische Immanenz der Sprache bei Adorno<br />
Tomasz Konicz: Osteuropa in der Krise. Von der Defizitkonjunktur zur Datschenwirtschaft</p>
<p>Ca. 170 Seiten, 12 Euro. Erscheint im Fr&#252;hjahr 2010</p>
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		<title>Streifz&#252;ge Nr. 47 erscheinen am 4. Dezember 2009</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/streifzuege-nr-47-erscheinen-am-4-dezember-2009</link>
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		<pubDate>Sun, 29 Nov 2009 22:42:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Zuordnung offen]]></category>

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		<description><![CDATA[Inhalt:
Andreas Exner: Neuland statt Krise
Schwerpunkt: Living Room
Franz Schandl: Raum f&#252;r die meiste Zeit &#8211; Lose Vermutungen zur allt&#228;glichen Praxis des Wohnens
aramis: ortsans&#228;ssig?
Peter Pott: Sch&#246;ner Wohnen &#8212; in der Kommune
Roger Behrens: Gentrification und urbane Bewegung
G&#252;nter Schneider: Von Mieterrevolten zum freien Markt &#8211;
Stadtentwicklung und Mietrecht in Wien. Ein Abriss
Hausprojekt: Umsonst&#246;konomischer Ansatz &#8211; Eine Dokumentation
Franz Schandl: Sonderbare Sonderware [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Inhalt:</strong><span id="more-3950"></span></p>
<p>Andreas Exner: Neuland statt Krise</p>
<p>Schwerpunkt: Living Room<br />
Franz Schandl: Raum f&#252;r die meiste Zeit &#8211; Lose Vermutungen zur allt&#228;glichen Praxis des Wohnens<br />
aramis: ortsans&#228;ssig?<br />
Peter Pott: Sch&#246;ner Wohnen &#8212; in der Kommune<br />
Roger Behrens: Gentrification und urbane Bewegung<br />
G&#252;nter Schneider: Von Mieterrevolten zum freien Markt &#8211;<br />
Stadtentwicklung und Mietrecht in Wien. Ein Abriss<br />
Hausprojekt: Umsonst&#246;konomischer Ansatz &#8211; Eine Dokumentation<br />
Franz Schandl: Sonderbare Sonderware &#8212; Zur Politischen &#214;konomie des Wohnens<br />
Birgit v. Criegern: Ausharren im Nirgendwo &#8212; Fl&#252;chtlinge in Deutschland<br />
Nicoletta Wojtera: Hinterwirklichkeiten<br />
Gedanken zum literarischen (Wohn-)Raum von Rainer Maria Rilke bis Botho Strau&#223; und David Foster Wallace</p>
<p>Home Stories: Mit Beitr&#228;gen von Maria W&#246;lflingseder, Sara Kleyhons, Franz Schandl, Severin Heilmann und Lorenz Glatz<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br />
Lothar Galow-Bergemann: You can&#8217;t get something for nothing<br />
Erich Ribolits: Bildung hat keinen Wert &#8212; &#220;ber den Verlust von Bildung, sobald dieser Wert zugeschrieben wird<br />
Lorenz Glatz: What we do matters &#8212; Zu Friederike Habermann: Der homo oeconomicus und das Andere</p>
<p>Kolumnen<br />
Dead Men Working von Maria W&#246;lflingseder: Arbeit(slos) &#8212; Wohnung(slos)<br />
Immaterial World von Stefan Meretz: Gesellschaft<br />
R&#252;ckkopplungen von Roger Behrens: Thriller!</p>
<p>Rubrik 2000 abw&#228;rts<br />
Julian Bierwirth: Adorno wohnt trotzdem<br />
Franz Schandl: Die Betriebskostenverrechner<br />
Dominika Meindl: B&#252;ro 2.0: Vom Wohnen in der Legebatterie<br />
Ricky Trang: Die Spezialisten des &#220;berlebens<br />
Pichl Peter: Schreckstellungen zu Scheuringer und seinen Kontrahenten</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Soziales Wirtschaften</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/soziales-wirtschaften</link>
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		<pubDate>Wed, 18 Nov 2009 22:43:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Theorie und Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Bierwirth]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Linken wimmelt es von falschen und geschichtslosen Antworten auf die Krise
Phase2, Nr. 33, 2009
Julian Bierwirth
Seit dem Kriseneinbruch im Sp&#228;tsommer 2009 ist, so scheint es, die gestalterische Kraft der Politik zur&#252;ck. Die gro&#223;e Koalition aus SPD und CDU setzt ohne Z&#246;gern und in rasantem Tempo reformerische Ideen um, auf die innerhalb der politischen Landschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In der Linken wimmelt es von falschen und geschichtslosen Antworten auf die Krise</h3>
<p>Phase2, Nr. 33, 2009</p>
<p><em>Julian Bierwirth</em></p>
<p>Seit dem Kriseneinbruch im Sp&#228;tsommer 2009 ist, so scheint es, die gestalterische Kraft der Politik zur&#252;ck. Die gro&#223;e Koalition aus SPD und CDU setzt ohne Z&#246;gern und in rasantem Tempo reformerische Ideen um, auf die innerhalb der politischen Landschaft in Deutschland bis vor kurzem noch die Linkspartei ein Monopol hatte. Das Tempo und der Stil, in dem diese Reformen vor sich gehen, erinnern bisweilen an eine neue Variante der Notstandsgesetzgebung. Die Linkspartei, Attac und auch die Gr&#252;nen ficht das jedoch nicht an. Sie wollen, mit einer Formulierung von Elmar Altvater, den Kapitalismus »bis zur Unkenntlichkeit reformieren«.<br />
Die Kritik ist derweil auf den Hund gekommen.<span id="more-3941"></span> Die Linkspartei etwa fordert einen »Schutzschirm f&#252;r die Menschen«<sup><a name="f01" href="#t01">1</a></sup> und betont, die aktuelle Krise sei die Krise einer Wirtschaftsordnung, die allein f&#252;r den Profit und nicht f&#252;r den Bedarf produziert.« Attac fordert w&#228;hrenddessen auf der Aktionsseite »Das Casino schlie&#223;en«,<sup><a name="f02" href="#t02">2</a></sup> die Entmachtung der Banken, die Kontrolle der Finanzm&#228;rkte, das Schlie&#223;en der Steueroasen und dergleichen mehr. Beklagt wird eine »Politik radikaler Marktgl&#228;ubigkeit«. Auch nach Auffassung der Gr&#252;nen »ist etwas aus dem Lot geraten, wenn Wohlstand immer ungerechter verteilt wird und Geiz und Gier die M&#228;rkte dominieren.«<sup><a name="f03" href="#t03">3</a></sup><br />
Schuld daran sind »die oberen Zehntausend« (Linkspartei) bzw. die »Rahmenbedingungen f&#252;r die heutige globale Wirtschaftspolitik« (Attac), die in den »vergangenen Jahrzehnten von der Politik bewusst gestaltet worden«<sup><a name="f04" href="#t04">4</a></sup> sind. Damit soll jetzt jedoch Schluss sein. »Es ist Zeit f&#252;r echte Alternativen«, wie die Linkspartei schreibt. Die Gr&#252;nen sehen das ganz &#228;hnlich und fordern »einen gr&#252;nen neuen Gesellschaftsvertrag«.<br />
Was hier mit dem Flair des radikal Neuen daherkommt, ist jedoch nichts mehr als das altbackene Bekenntnis zu Markt, Staat und Kapital. Was hier mit »Systemkritik« verwechselt wird, hat mit einer Kritik des Kapitalismus reichlich wenig zu tun. Stattdessen soll der Hund, auf den die Kritik gekommen ist, nun an die Kette.</p>
<h4>Teufel und Beelzebub</h4>
<p>Geht es nach dem Willen von Attac, Linkspartei und Gr&#252;nen, dann soll im Grunde alles so weitergehen wie bislang. Dieses Faktum steht in erstaunlichem Kontrast zur Vehemenz, mit der die tief greifenden Auswirkungen der Krise geschildert werden. Von der heftigsten Wirtschaftskrise seit 1929 ist die Rede, von nie gesehenen Einbr&#252;chen bei Export und Wirtschaftswachstum – doch die Rezepte nehmen sich dagegen vergleichsweise zur&#252;ckhaltend aus. Geht es nach dem Willen der Linkspartei, so werden eine Million&#228;rssteuer, eine h&#246;here Besteuerung von Unternehmen, Erbschafts- und Verm&#246;genssteuer, ein staatliches Investitionsprogramm in H&#246;he von 100 Milliarden und andere Forderungen, wie wir sie bereits aus den Wahlprogrammen der letzten Jahrzehnte kennen, die Lage unter Kontrolle bringen. Bei den Gr&#252;nen sieht es nicht anders aus, und auch Attac macht kaum mehr, als alte Forderungen aufzuw&#228;rmen. Das Kapital soll – auch in seiner Form des Finanzkapitals – nicht abgeschafft, sondern eingehegt werden. Im Parteitagsbeschluss zum »Green New Deal« haben die Gr&#252;nen dies auf die eing&#228;ngige Formel »Bienen statt Heuschrecken« gebracht.<sup><a name="f05" href="#t05">5</a></sup><br />
Den Hintergrund dieser Forderungen bildet eine im medialen Mainstream weitgehend durchgesetzte Sicht auf die Hintergr&#252;nde der aktuellen Weltmarktkrise. Gem&#228;&#223; dieser Sichtweise hat die Politik seit den siebziger Jahren die institutionellen Rahmenbedingungen derart ver&#228;ndert, dass das Kapital statt in produktive Maschinen und Anlagen lieber in Finanzanlagen investiert habe. Diese ver&#228;nderte Schwerpunktsetzung habe dann ebenso die gestiegene Sockelarbeitslosigkeit wie auch die Abkopplung der Finanzm&#228;rkte von der Entwicklung der realen Produktion zur Folge gehabt.<br />
Diese Sichtweise verkehrt jedoch Ursache und Wirkung. Denn tats&#228;chlich gab es Mitte der siebziger Jahre in den gro&#223;en Industrienationen eine Halbierung der Unternehmensgewinne und gro&#223;e Mengen brachliegenden Kapitals, die sich nicht mehr lohnend in die von &#220;berkapazit&#228;ten gezeichneten Fabriken investieren lie&#223;en. Nachdem die Krise zun&#228;chst in den Achtzigern durch steigende Staatsausgaben &#252;berbr&#252;ckt werden konnte, kam es seit den Neunzigern verst&#228;rkt zu virtueller Kapitalvermehrung. Finanztitel unterschiedlichster Bauart wurden als Eigentumstitel gehandelt und haben so eine von der realen Produktion unabh&#228;ngige Preisentwicklung durchgemacht, auf die ein Gro&#223;teil des wirtschaftlichen Wachstums seit dieser Zeit zur&#252;ckgef&#252;hrt werden kann. Dar&#252;ber hinaus konnten die so erwirtschafteten Gewinne dann genutzt werden, um reale Waren zu konsumieren und so die Wirtschaft noch einmal anzutreiben.<br />
Die so entstandenen riesigen Mengen ungedeckten fiktiven Kapitals waren also weniger eine Belastung f&#252;r die Real&#246;konomie, sondern haben sich zu ihrem letzten Motor entwickelt. Eine selbsttragende &#246;konomische Perspektive nach dem Fordismus gab es nicht – weshalb diese Epoche zumeist lediglich in Abgrenzung zu diesem als Postfordismus bezeichnet wurde. Die vielen, oft inbr&#252;nstig vorgetragenen Anklagen gegen das b&#246;se Finanzkapital und die vermeintlich &#252;ber die flei&#223;ig arbeitenden Deutschen herfallenden Heuschrecken waren daher schon immer nicht nur mit antisemitischen Denkmustern eng verwandt, sondern auch schlicht und ergreifend falsch.</p>
<h4>Kategoriale Bestimmungen</h4>
<p>Doch auch bei dieser Feststellung ist Vorsicht angebracht. Denn selbstverst&#228;ndlich war es so, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten in gro&#223;em Stil Reichtum umverteilt wurde. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde gr&#246;&#223;er, ebenso wie der Anteil derer, die faktisch nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen k&#246;nnen. Und sicherlich waren es politische Entscheidungen, die dies erm&#246;glicht haben, die im Zweifelsfall auch anders h&#228;tten ausfallen k&#246;nnen. Es gibt keine &#246;konomische Notwendigkeit, dass im Rahmen von Steuerreformen Spitzensteuers&#228;tze st&#228;rker sinken m&#252;ssen als die Steuers&#228;tze der GeringverdienerInnen. Insofern gehen auch die Reformen der letzten 30 Jahre nicht in Systemzw&#228;ngen auf.<br />
Trotz allem l&#228;sst sich aber auch nicht verleugnen, dass der Kapitalismus partout nicht das machen will, was die Menschen von ihm wollen. Das liegt zun&#228;chst einmal daran, dass die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse hier nicht transparent gestaltet werden, sondern »hinter dem R&#252;cken der Produzenten«.<sup><a name="f06" href="#t06">6</a></sup> In warenproduzierenden Gesellschaften produzieren die Menschen nicht f&#252;r sich selber und kommunizieren auch nicht miteinander dar&#252;ber, was sie sich arbeitsteilig gegenseitig zur Verf&#252;gung stellen m&#246;chten. Sie produzieren vielmehr Dinge, damit diese dann von anderen Menschen konsumiert werden k&#246;nnen. Daf&#252;r bekommen sie Geld, und f&#252;r dieses Geld k&#246;nnen sie sich die Arbeitsprodukte anderer kaufen. Diese wurden ebenfalls von Menschen produziert, die sie keineswegs zum Zweck sinnvoller Nutzung hergestellt haben, sondern die sie lediglich als M&#246;glichkeit sehen, die von Anderen hergestellten Produkte zu erwerben.<br />
Die Menschen stehen sich dabei als getrennte PrivatproduzentInnen gegen&#252;ber, wobei privat nichts weiter bedeutet als »nur die eigene Person betreffend«<sup><a name="f07" href="#t07">7</a></sup>. Gleichzeitig produzieren sie aber f&#252;r die Gesellschaft, denn schlie&#223;lich wollen sie die Waren gar nicht selber konsumieren. Die Arbeit ist also gleichzeitig private Arbeit und gesellschaftliche Arbeit und daher auch von eben diesem Widerspruch gepr&#228;gt. Der Zugriff der Einzelnen auf den gesellschaftlichen Reichtum h&#228;ngt nun prim&#228;r davon ab, in welchem Ma&#223;e es ihnen gelingt, die verausgabte Arbeit (f&#252;r gew&#246;hnlich auf dem Markt) anerkennen zu lassen. Wird die Ware verkauft, ergibt sich daraus eine Konsumm&#246;glichkeit. Und andersherum: Die eigenen Konsumm&#246;glichkeiten sind abh&#228;ngig davon, ob die Waren auf dem Markt absetzbar sind. Und so sind es nicht mehr die Menschen, die ihre gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse machen, sondern die Waren respektive die Dinge. Ihr Verh&#228;ltnis untereinander reguliert den gesellschaftlichen Austausch, weshalb dieser Umstand oftmals auch als Verdinglichung bezeichnet wird.<br />
Diese widerspr&#252;chliche Konstitution geht mit einem grunds&#228;tzlichen Unterschied von betriebs- und volkswirtschaftlicher Logik einher. W&#228;hrend es f&#252;r die kapitalistische &#214;konomie als Ganze notwendig ist, immer mehr gesellschaftlich notwendige Arbeit in den kapitalistischen Gesamtprozess einzusaugen, funktioniert diese Logik f&#252;r die isolierten PrivatproduzentInnen oftmals andersherum: Hier kann der Ersatz von Arbeitskraft durch Maschinen die Voraussetzung f&#252;r eine effektivere und damit g&#252;nstigere Produktion sein. Wenn es den Betrieben m&#246;glich ist, mit einer Produktivit&#228;t oberhalb des gesellschaftlichen Durchschnitts zu produzieren, dann ergibt sich daraus f&#252;r sie die M&#246;glichkeit, einen Extraprofit auf sich zu ziehen. Gesamtgesellschaftlich hat dies jedoch (bei gleichbleibendem Aussto&#223;) zun&#228;chst einmal ein Sinken der vernutzten Arbeit – und damit ein Sinken des kapitalistischen Reichtums zur Folge. Solange dieser Trend durch eine Erweiterung der Produktpalette bzw. eine Ausdehnung der produzierten St&#252;ckzahlen ausgeglichen werden kann, kommt er nicht als Krisenmoment zur Geltung. Es steigt schlie&#223;lich die Menge kapitalistisch verwerteter Arbeit. Das allerdings gelingt – wie oben gezeigt – seit Mitte der siebziger Jahre nicht mehr wirklich. Seitdem kriselt es in der Wirtschaft – und es gelingt den gesellschaftlichen Eliten mehr schlecht als recht, dieses Kriseln zu kaschieren.</p>
<h4>Wirtschaft und Demokratie</h4>
<p>Den gesamtgesellschaftlichen Trends kann sich kein Unternehmen vollends entziehen. Sicherlich gibt es immer Nischen, Marktl&#252;cken, clevere Gesch&#228;ftsideen und dergleichen mehr. Aber letztlich bleibt jedes betriebswirtschaftliche Kalk&#252;l stets auf die Gesamtgesellschaft bezogen und steht daher auch in Abh&#228;ngigkeit zu ihr. Das weist auch alle &#220;berlegungen von Wirtschaftsdemokratie in enge Grenzen. Wirtschaftsdemokratie meint f&#252;r gew&#246;hnlich zweierlei: Zum einen sollen betriebliche Entscheidungsabl&#228;ufe demokratisiert werden, zum anderen soll eine Globalsteuerung der &#246;konomischen Prozesse erreicht werden.<br />
Im Heft 4 der linken Zeitschrift Lunapark 21<sup><a name="f08" href="#t08">8</a></sup> pr&#228;sentierte Beat Ringer wirtschaftsdemokratische &#220;berlegungen als eine »&#214;konomie des Irrtums« und versuchte anhand der Entwicklung in Bolivien das Nebeneinander von privat- und gemeinwirtschaftlicher &#214;konomie, von Profit- und Gemeinwohlorientierung und eine Transformation der &#214;konomie hin zu einem neuen Sozialismus zu skizzieren. Die Aufgabe, vor der &#246;konomische Transformationsprozesse st&#252;nden, so Ringer, sei es, die unbewusste und ungeplante &#214;konomie des Marktes in eine geplante zu verwandeln. Die &#246;konomischen Prozesse sollten unter die demokratisch ausgehandelten Bed&#252;rfnisse der Menschen untergeordnet werden, statt dass weiterhin die demokratischen Prozesse durch &#246;konomische Notwendigkeiten begrenzt w&#252;rden.<sup><a name="f09" href="#t09">9</a></sup><br />
Bei n&#228;herem Hinsehen wird offensichtlich, dass die von Ringer vorgeschlagenen Ma&#223;nahmen keinesfalls mit der herrschenden Wirtschaftsweise brechen und entsprechend kaum in der Lage sein d&#252;rften, dem Anspruch gerecht zu werden, »gesellschaftliche Strukturen und Prozesse zielgerichtet zu entwickeln.«<sup><a name="f10" href="#t10">10</a></sup> Denn wie in jeder anderen auf Geld und Ware beruhenden Gesellschaft w&#252;rden sich auch in diesem »neuen Sozialismus« deren Zwangsgesetze fr&#252;her oder sp&#228;ter Geltung verschaffen.</p>
<h4>Die M&#228;r von der rationalen Planung</h4>
<p>Bereits die realsozialistischen Planversuche in Osteuropa hatten mit diesen Widerspr&#252;chen zu k&#228;mpfen. Den ProtagonistInnen des Realsozialismus war es dabei durchaus gel&#228;ufig, dass es sich bei ihrer Gesellschaft um eine warenproduzierende handelt. Der Sozialismus galt ihnen als »das Gegenst&#252;ck zum Kapitalismus, nicht aber zur Warenproduktion schlechthin.«<sup><a name="111" href="#t11">11</a></sup> Und im Unterschied zur kapitalistischen Warenproduktion sollten deren Widerspr&#252;che nun »in das System der Beziehungen der planm&#228;&#223;ig organisierten Produktion eingeschlossen« werden und somit nur »eine untergeordnete Rolle« spielen.<sup><a name="f12" href="#t12">12</a></sup><br />
Dieser Versuch ist jedoch nicht nur historisch gescheitert, es lassen sich auch Gr&#252;nde angeben, die daf&#252;r nicht unwesentlich mitverantwortlich zeichnen.<sup><a name="f13" href="#t13">13</a></sup> Denn als warenproduzierende Gesellschaften zeichneten sich auch die realsozialistischen &#214;konomien durch den Widerspruch von gleichsam privater und gesellschaftlicher Produktion aus. Die sozialistischen B&#252;rokratien gaben zentrale Planvorgaben aus, die von den einzelnen Betrieben abgeleistet werden mussten. Gleichzeitig wurde die Abnahme der produzierten G&#252;ter garantiert. Wenn nun beispielsweise viel Arbeit in die Produkte floss, dann waren sie in diesem Sinne mehr »Wert«, da der Staat ihre Abnahme zugesichert hatte und die verausgabte Arbeit somit gesellschaftlich anerkannt wurde. Die jeweiligen Betriebe haben sich entsprechend dieser Ausgangslage dann mehr oder weniger rational zu der staatlichen Planungsinstanz als gesellschaftlicher Allgemeinheit verhalten. Sie versuchten, so viel gesellschaftlichen Reichtum auf sich zu ziehen, wie es nur irgendwie m&#246;glich erschien.<br />
Solange die Abnahme garantiert war, machte es durchaus Sinn, viel Arbeit f&#252;r die Produktion aufzuwenden. Wenn zus&#228;tzlich gebrauchswertorientierte Ma&#223;st&#228;be wie etwa Materialverbrauch angegeben wurden, dann konnte es sinnvoll sein, bei der Produktion m&#246;glichst viel Material aufzuwenden.<sup><a name="f14" href="#t14">14</a></sup> Die jeweilige Ausrichtung der betrieblichen Praxis war dabei an einem umfangreichen Kennziffernsystem orientiert. Zum einen wurde die verausgabte Arbeit gemessen. Um die Produktion nicht alleine durch ein sehr abstraktes Ma&#223; zu quantifizieren, wurden zus&#228;tzliche Erfolgswerte definiert. Das konnten ebenso monet&#228;re Kennziffern wie die Gewinnabf&#252;hrung, aber auch produzierte St&#252;ckzahlen oder Materialverbrauch sein.<sup><a name="f15" href="#t15">15</a></sup> Die zu erreichenden Werte wurden zun&#228;chst anhand der bekannten Betriebsdaten festgelegt. Bereits hier begann freilich ein ungewollter Wettbewerb, denn die Betriebe versuchten geradezu systematisch, die eigene Leistungsf&#228;higkeit vor den h&#246;heren Instanzen zu verschleiern. So versuchten sie das vielf&#228;ltige System aus Leistungsanreizen und Messzahlen so zu beeinflussen, dass es ihrem internen Betriebsablauf m&#246;glichst entgegenkam. Wurde beispielsweise im Wohnungsbau die bewegte Menge der verbrauchten Materialien pr&#228;miert, so wirkte sich das auf das Arbeitsergebnis aus, indem m&#246;glichst viel verbaut wurde. Waren sie nicht Teil der Leistung, so konnte es auch mal vorkommen, dass H&#228;user vollst&#228;ndig auf Schutt aufgebaut wurden und &#252;ber kurz oder lang einst&#252;rzten.<sup><a name="f16" href="#t16">16</a></sup> Oder, um ein anderes Beispiel zu bem&#252;hen: Wenn das Auto oder der Traktor erst einmal gebaut war, k&#252;mmerte sich niemand mehr um sp&#228;ter anfallende Reparaturen. Die waren nicht Teil der Planauflagen und deshalb auch nicht Teil des Kalk&#252;ls der Betriebsleitung. Das f&#252;hrte etwa in der Sowjetunion zu einer Situation, in der die Herstellungskosten der Fahrzeuge nur etwa 2 bis 4 Prozent der gesellschaftlichen Gesamtkosten ausmachten – der Rest durfte in Form von Reparaturen, Wartung etc. von den KonsumentInnen &#252;bernommen werden.<sup><a name="f17" href="#t17">17</a></sup><br />
All dies hei&#223;t nun selbstverst&#228;ndlich nicht, dass der Mensch an sich b&#246;se und gemein w&#228;re oder nicht in der Lage, sich solidarisch auf andere Menschen zu beziehen. Er wird dies lediglich dann nicht tun, wenn er sich innerhalb gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse bewegt, die ihn in einen institutionellen Antagonismus sowohl zu seinen Mitmenschen als auch zur gesellschaftlichen Allgemeinheit setzen. Solange die Menschen nicht f&#252;r sich oder aufgrund transparenter Aushandlungsprozesse auch f&#252;r andere produzieren, sondern stattdessen f&#252;r eine anonyme AbnehmerInnen-Gruppe unter Ber&#252;cksichtigung der jeweils verausgabten Arbeitszeit, ist ihre Produktion weder an den Bed&#252;rfnissen der NutzerInnen orientiert noch an der Nutzbarkeit der Dinge. Es braucht vielmehr zus&#228;tzliche Mechanismen, die garantieren, dass der Produktion von Unfug zumindest partiell Einhalt geboten wird.<br />
In marktvermittelten &#214;konomien ist der Markt ein solcher Mechanismus. Da die KonsumentInnen zumindest prinzipiell die M&#246;glichkeit haben, zwischen unterschiedlichen Produkten zu w&#228;hlen, lassen sich vollst&#228;ndig funktionsunt&#252;chtige Hightech-Ger&#228;te zumindest dauerhaft nicht absetzen. Im Realsozialismus war das keineswegs der Fall. Denn hier gab es die staatliche Abnahmegarantie. Und so wurde gem&#228;&#223; den Vorgaben der Planb&#252;rokratie munter drauflos produziert, auch wenn der Gebrauchswert im Zweifel gegen Null tendierte. Das Hauptziel war das Einsaugen von Ressourcen aller Art, um diese dann in m&#246;glichst umfangreiche Pr&#228;mien umwandeln zu k&#246;nnen.<sup><a name="f18" href="#t18">18</a></sup><br />
Trotz Ausschaltung der Marktfunktionen war es also nicht m&#246;glich, das Prinzip der Konkurrenz aus dem &#246;konomischen Betrieb herauszudr&#228;ngen. Sie trat hier lediglich in einer verqueren Form, n&#228;mlich der der negativen Konkurrenz, auf. Um das mit einem Beispiel zu illustrieren: Da im Zweifel damit gerechnet werden muss, dass die gelieferten Vorprodukte aufgrund der Abnahmegarantie nicht immer voll funktionst&#252;chtig waren, wurden zun&#228;chst auf Verdacht m&#246;glichst gro&#223;e Bedarfsmengen angegeben – und zwar von allen. Diese Praxis sorgte dann daf&#252;r, dass nicht nur alles stets knapp war, sondern die Betriebe zudem ihre Produktionsmengen mit dem Argument senken konnten, es fehle ihnen ja an Rohstoffen.<sup><a name="f19" href="#t19">19</a></sup><br />
Der Betrieb, der in dem Spiel mit offenen Karten spielte, bekam nicht nur weniger, er musste auch mehr leisten. Kurzum: Da der eigene Anteil am gesellschaftlichen Reichtum davon abhing, m&#246;glichst gro&#223;e Mengen bestimmter Plandaten im eigenen Betrieb zu verausgaben, wurde so eine &#214;konomie der Verschwendung in Gang gesetzt. M&#246;glichst viel Material, m&#246;glichst viel Arbeitskraft – Hauptsache, es z&#228;hlt.<sup><a name="f20" href="#t20">20</a></sup></p>
<h4>Commonismus und Peer-Production</h4>
<p>Jede Vergesellschaftung, die &#252;ber den Vergleich von Arbeitszeiten organisiert ist, muss sich diesem Problem stellen. Auch wenn im Zuge deutlicher werdender kapitalistischer Krisenmomente wieder Diskussionen um postkapitalistische Gesellschaftsmodelle in Mode zu kommen scheinen, so fehlt ihnen in aller Regel ein Bewusstsein f&#252;r die werttheoretischen Implikationen sowohl einer Kritik kapitalistischer Verh&#228;ltnisse als auch deren Folgen f&#252;r Vorstellungen von sozialer Befreiung. Im Folgenden soll diese Problemstellung kurz anhand des von Christian Siefkes vorgeschlagenen Modells der Peer-Economy diskutiert werden.<sup><a name="f21" href="#t21">21</a></sup>F&#252;r andere Ans&#228;tze wie etwa die Alternativen aus dem Rechner von den schottischen Wirtschaftswissenschaftlern Cockshott und Cottrell<sup><a name="f22" href="#t22">22</a></sup> gelten die aufgeworfenen Probleme jedoch analog.<br />
Ausgehend von den Ph&#228;nomenen der Freien Software und der Internetpiraterie versucht Siefkes die sich in diesen Bereichen als soziale Praxis etablierenden Kommunikations- und Interaktionsformen auch f&#252;r die nichtkapitalistische Produktion materieller G&#252;ter fruchtbar zu machen und entsprechend zu theoretisieren. Eine nach den Prinzipien der Peer-Economy organisierte Gesellschaft w&#228;re dezentral in unterschiedlichen Projekten mit lokalem oder auch globalem Bezug organisiert. Er geht dabei davon aus, dass innerhalb dieser Projekte eine grunds&#228;tzliche Koppelung von Geben und Nehmen beibehalten wird, dass also der Zugriff auf den produzierten Reichtum in der einen oder anderen Weise von den geleisteten Arbeitsmengen abh&#228;ngig bleiben soll. Unter Verweis auf die Robinsonade<sup><a name="f23" href="#t23">23</a></sup> im Fetischkapitel des Kapital und die marxschen &#220;berlegungen zum &#196;quivalententausch in der Kritik des Gothaer Programm gilt ihm dies als postkapitalistisches Prinzip und mit dem marxschen Werk im vollen Einklang.<sup><a name="f24" href="#t24">24</a></sup> Davon abgesehen, dass die hohe Autorit&#228;t von Marx als solche noch keine triftige Begr&#252;ndung darstellt, &#252;bersieht er dabei, in welchem argumentatorischen Kontext die marxschen Ausf&#252;hrungen stehen. Im Fetischkapitel etwa bringt Marx das Beispiel mit der Distribution der G&#252;ter anhand der zu ihrer Produktion aufgewendeten Arbeitszeit ausdr&#252;cklich »nur zur Parallele mit der Warenproduktion«<sup><a name="f25" href="#t25">25</a></sup>. Und in der Kritik des Gothaer Programm begr&#252;ndet Marx seine Annahme &#252;ber den Automatismus eines historischen Materialismus und eine damit verbundene klassische Revolutionstheorie, bei der die gesellschaftliche Macht auf einen Schlag vom Proletariat &#252;bernommen wird.<sup><a name="f26" href="#t26">26</a></sup> Diese Grundannahme bei&#223;t sich jedoch mit dem Anliegen des Konzeptes der Peer-Economy, das gerade darin besteht, kommunistische Organisierung bereits vor einer vermeintlichen Revolution zu erm&#246;glichen.<br />
Doch auch inhaltlich macht Siefkes Argument wenig Sinn. Sicherlich ist es richtig, dass im Rahmen einer Kopplung von Geben und Nehmen, bei der die Bed&#252;rfnisse und Arbeitsbelastungen bereits vor der Produktion gekl&#228;rt werden, die klassische Konkurrenz der Marktgesellschaften hinf&#228;llig wird. Doch durch die Aufrechterhaltung der Kopplung wird die Konsumtion der je Einzelnen weiterhin abh&#228;ngig bleiben von ihrer Produktion bzw. davon, wie viel dieser Arbeit gesellschaftlich anerkannt wird. Sie treten sich weiterhin als vereinzelte Einzelne gegen&#252;ber. Um am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben zu k&#246;nnen, m&#252;ssen sie ein bestimmtes Pensum an gewichteten Arbeitsstunden abliefern. Ihre individuell verausgabte Arbeit existiert auch hier zugleich als gesellschaftliche Arbeit. Entsprechend wird sich auch hier die bereits aus den realsozialistischen &#214;konomien bekannte Negative Konkurrenz etablieren.<br />
Daran &#228;ndert auch die Tatsache nichts, dass die ProduzentInnen in der einen oder anderen Weise auch KonsumentInnen sind.<sup><a name="f27" href="#t27">27</a></sup> Es ist gerade der bewusstlose Prozess, der sich hier gegen die Menschen mit ihren Bed&#252;rfnissen durchsetzt. Auch dieses Problem kennen wir aus dem Realsozialismus, in dem es ebenfalls keine Seltenheit war, dass »der an fehlerhaften oder vertragswidrig angelieferten Einzelteilen verzweifelnde Betriebsleiter kaltl&#228;chelnd selber Ausschussproduktion an den Mann bzw. an die Frau zu bringen versucht. Und somit alle und jeder einander gegenseitig und dadurch aufgrund ihres allseitigen gesellschaftlichen Vernetzungszusammenhangs letztendlich sich selber st&#228;ndig &#252;ber das ausgestreckte Bein stolpern lassen.«<sup><a name="f28" href="#t28">28</a></sup><br />
Dar&#252;ber hinaus stellt sich bei derartigen &#214;konomie-Modellen immer auch die Frage, welche T&#228;tigkeiten in den Zeitverteilungspool aufgenommen werden sollen und welche nicht – welche T&#228;tigkeiten also als Arbeit gesellschaftlich anerkannt werden und welche nicht. Denn diese Modelle und Vorstellungen m&#252;ssen strukturell von der &#214;konomie als einer aus dem gesellschaftlichen Leben herausgel&#246;sten Sph&#228;re ausgehen. Arbeit und Nicht-Arbeit, Produktion und Reproduktion, &#214;konomie und Kultur sollen als gesonderte Bereiche aufrechterhalten werden. Damit w&#252;rde jedoch auch die patriarchale Arbeitsteilung kapitalistischer Gesellschaften &#252;bernommen. Fielen beide Begriffe hingegen in eins, w&#228;re eine Bemessung von Arbeitszeiten nur um den Preis einer allumfassenden Unterwerfung aller T&#228;tigkeiten und Lebensregungen unter das zentrale Planregime m&#246;glich. Damit w&#228;re die befreite Gesellschaft eine, die von morgens bis abends unter dem Diktat von Berechnung und N&#252;tzlichkeit steht. Und das w&#228;re sicherlich auch nicht erstrebenswert.</p>
<h4>What&#8217;s left?</h4>
<p>Was also bleibt nach diesen Betrachtungen? Die kl&#228;glichen Versuche der parlamentarischen Restlinken, die Marktwirtschaft wieder flott zu kriegen, scheinen nicht sonderlich Erfolg versprechend. Und auch den zaghaften Bem&#252;hungen, zum Markt eine Alternative ins Rennen zu werfen, fehlt es derzeit noch an &#220;berzeugungskraft und inhaltlicher Stringenz. Nichtsdestotrotz werden hier die ersten Gehversuche einer Debatte unternommen, um die wir nicht herumkommen werden. Denn wenn wir tats&#228;chlich den Kapitalismus mitsamt seinen inhumanen Verwerfungen und ideologischen Borniertheiten hinter uns lassen wollen, dann werden wir um die Frage, was ein emanzipativer Postkapitalismus eigentlich w&#228;re und was er eben nicht ist, kaum herumkommen.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a name="t01" href="#f01"> 1</a> Beschluss des Parteivorstandes vom 14. M&#228;rz 2009. <a href="http://die-linke.de/fileadmin/download/parteivorstand/2008/beschluss_67-2008_schutzschirm_fuer_die_menschen.pdf">http://die-linke.de/fileadmin/download/parteivorstand/2008/beschluss_67-2008_schutzschirm_fuer_die_menschen.pdf</a></p>
<p><a name="t02" href="#f02"> 2</a> Zit. n. <a href="http://www.casino-schliessen.de/">http://www.casino-schliessen.de/</a>.</p>
<p><sup><a name="f03" href="#t03">3</a></sup> Wahlprogramm von B&#252;ndnis 90/Die Gr&#252;nen zur Bundestagswahl.<a href="http://www.gruene-partei.de/cms/files/dokbin/295/295495.wahlprogramm_komplett_209.pdf"> http://www.gruene-partei.de/cms/files/dokbin/295/295495.wahlprogramm_komplett_209.pdf</a></p>
<p><a name="t04" href="#f04"> 4</a> Zit. n. <a href="http://www.attac.de/aktuell/krisen/">http://www.attac.de/aktuell/krisen/</a>.</p>
<p><a name="t05" href="#f05"> 5</a> Zit. n. http://www.gruene.de/cms/partei/dokbin/207/2074Siebzig.aufbruch_zu_neuer_gerechtgkeit.pdf.</p>
<p><a name="t06" href="#f06"> 6</a> Karl Marx, Friedrich Engels, Marx-Engels-Werke 23, 59.</p>
<p><a name="t07" href="#f07"> 7</a> Zit. n. http://www.mydict.com/Wort/privatere; ob diese Person dabei eine nat&#252;rliche (also ein Mensch) oder eine juristische (also etwa ein Unternehmen) ist, spielt keine Rolle.</p>
<p><a name="t08" href="#f08"> 8</a> Lunapark 21 ist eine »Zeitschrift f&#252;r Politische &#214;konomie« unter Chefredakteur Winfried Wolf.</p>
<p><a name="t09" href="#f09"> 9</a> Beat Ringer: socialism revisited. In: Lunapark 21, 2009 H5, 40–49.</p>
<p><a name="t10" href="#f10">10</a> Ebd. 42.</p>
<p><a name="t11" href="#f11">11</a> Autorenkollektiv: Lehrbuch Politische &#214;konomie Sozialismus, Frankfurt a.M. 1972, 274.</p>
<p><a name="t12" href="#f12">12</a> Ebd., 259.</p>
<p><a name="t13" href="#f13">13</a> Im Folgenden wird lediglich auf im engeren Sinne &#246;konomische Gr&#252;nde eingegangen. Ideologische Ph&#228;nomene wie der historische Materialismus, der F&#252;hrerglaube und dergleichen mehr werden nicht ber&#252;cksichtigt. Vgl. hierzu einf&#252;hrend Bini Adamczak, Gestern Morgen. M&#252;nster 2007.</p>
<p><a name="t14" href="#f14">14</a> Johanna W. Stahlmann, <a href="http://www.krisis.org/1990/die-quadratur-des-kreises">Die Quadratur des Kreises</a>. Funktionsmechanismus und Zusammenbruch der sowjetischen Plan&#246;konomie. In: Krisis 8/9. Erlangen 1990, 47ff.</p>
<p><a name="t15" href="#f15">15</a> Zum &#220;berblick &#252;ber das Kennziffernsystem in der Sp&#228;tphase der DDR vgl.: Hannelore Hamel (Hrsg.), Bundesrepublik Deutschland – DDR. Die Wirtschaftssysteme. M&#252;nchen 1983.</p>
<p><a name="t16" href="#f16">16</a> Stahlmann, <a href="http://www.krisis.org/1990/die-quadratur-des-kreises">Quadratur</a>, 53.</p>
<p><a name="t17" href="#f17">17</a> Abel Aganbegja, &#214;konomie und Perestroika. Gorbatschows Wirtschaftsstrategien. Hamburg 1989, 56f.</p>
<p><a name="t18" href="#f18">18</a> Das hei&#223;t nun nicht, dass es nicht im Einzelfall durchaus hochwertige Produkte gegeben hat, die aus dem planwirtschaftlichen Produktionsaggregat ausgeworfen wurden.</p>
<p><a name="t19" href="#f19">19</a> Aganbegjan, Perestroika, 55f.</p>
<p><a name="t20" href="#f20">20</a> Zur negativen Konkurrenz vgl. Stahlmann, <a href="http://www.krisis.org/1990/die-quadratur-des-kreises">Quadratur</a> 1990, 58ff. Und: Ernst Lohoff, <a href="http://www.krisis.org/1996/der-dritte-weg-in-den-buergerkrieg">Der Dritte Weg in den B&#252;rgerkrieg</a>. Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung. Bad Honnef 1996, 57ff.</p>
<p><a name="t21" href="#f21">21</a> Zur detaillierten Beschreibung des Peer-Economy-Modells vgl. Christian Siefkes, Beitragen statt tauschen. Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software, Neu-Ulm 2008.</p>
<p><a name="t22" href="#f22">22</a> W. Paul Cockshott/Allin Cottrell, Alternativen aus dem Rechner. F&#252;r sozialistische Planung und direkte Demokratie. K&#246;ln 2006.</p>
<p><a name="t23" href="#f23">23</a> Als Robinsonade werden Geschichten oder wissenschaftliche Abhandlungen bezeichnet, die das Motiv der – zumeist unfreiwilligen – Isolation auf einer Insel bem&#252;ht.</p>
<p><a name="t24" href="#f24">24</a> Christian Siefkes, Ist Commonismus Kommunismus? Commonsbasierte Peer-Produktion und der kommunistische Anspruch. In: Prokla 155. Zeitschrift f&#252;r kritische Sozialwissenschaft. M&#252;nster 2009, 259f.</p>
<p><a name="t25" href="#f25">25</a> MEW 23, 93.</p>
<p><a name="t26" href="#f26">26</a> MEW 19, 20.</p>
<p><a name="t27" href="#f27">27</a> Siefkes, Commonismus, 263.</p>
<p><a name="t28" href="#f28">28</a> Robert Kurz, Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Welt&#246;konomie. Frankfurt a.M. 1991, 102.</p>
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		<title>Il “ritorno dello Stato” come amministratore della crisi</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/il-ritorno-dello-stato-come-amministratore-della-crisi</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2009/il-ritorno-dello-stato-come-amministratore-della-crisi#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 18 Nov 2009 18:13:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Italiano]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Deutsche Version &#8211; English Version
Norbert Trenkle 
1.
Gran parte della sinistra riconduce l&#8217;attuale crisi economica mondiale a cause politiche. Secondo questa sinistra, il neo-liberalismo, che ha totalmente deregolamentato il mercato e in modo particolare scatenato i mercati finanziari, ha fallito. Adesso ci aspetterebbe una nuova era di regolamentazione e controllo statale, su cui diventerebbe perciò essenziale [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.krisis.org/2009/die-rueckkehr-des-staates-als-krisenverwalter"><strong>Deutsche Version</strong></a><strong> &#8211; </strong><a href="http://www.krisis.org/2009/die-rueckkehr-des-staates-als-krisenverwalter"><strong></strong></a><strong><a href="http://www.krisis.org/2009/the-return-of-the-state-as-crisis-administrator"><strong>English Version</strong></a></strong></p>
<p><em>Norbert Trenkle</em> <span id="more-3928"></span></p>
<p>1.<br />
Gran parte della sinistra riconduce l&#8217;attuale crisi economica mondiale a cause politiche. Secondo questa sinistra, il neo-liberalismo, che ha totalmente deregolamentato il mercato e in modo particolare scatenato i mercati finanziari, ha fallito. Adesso ci aspetterebbe una nuova era di regolamentazione e controllo statale, su cui diventerebbe perciò essenziale incidere. Punti centrali sarebbero il ridimensionamento del capitale finanziario e il rafforzamento dell&#8217;economia reale, la quale da parte sua dovrebbe essere riformata in senso ecologico e sociale. La riuscita di questo progetto dipenderebbe soprattutto dai rapporti di forza e dalla mobilitazione politica.</p>
<p>2.<br />
Questa analisi trascura però l&#8217;origine di fondo della crisi globale. Anche se essa è stata innescata da un crack dei mercati finanziari, le sue cause vanno cercate in tutt&#8217;altro luogo. L&#8217;enorme rigonfiamento dei mercati finanziari degli ultimi 30 anni non dipende da decisioni politiche arbitrarie o sbagliate, ma è espressione di una crisi strutturale della valorizzazione del capitale, crisi che è emersa con la fine del boom fordista del dopoguerra. Grazie alla fondamentale riorganizzazione dei rapporti di lavoro e di produzione avvenuta con il passaggio alla terza rivoluzione industriale (automatizzazione dei processi produttivi, flessibilizzazione e precarizzazione del lavoro, catena di creazione del valore su basi transnazionali, etc) si è pervenuti ad una massiva razionalizzazione del lavoro nei settori chiave del capitalismo. Con ciò si sono però scalzate al tempo stesso le basi della valorizzazione capitalistica, che poggiano sull&#8217;utilizzo sempre crescente di forza lavoro. Poiché l&#8217;“economia reale” non permetteva più una valorizzazione sufficiente, questo ha determinato il dirottamento di un sempre maggior flusso di capitali verso i mercati finanziari, dando luogo ad una gigantesca bolla di “capitale fittizio” (Marx) non coperto da alcun valore reale. Senza questo passaggio, che ha permesso di rimandare la crisi dell&#8217;accumulazione capitalistica, l&#8217;economia mondiale sarebbe saltata già da un pezzo. Il prezzo è stato l&#8217;accumularsi di un potenziale di crisi sempre più grande. Sorprendente perciò non è che si sia arrivati al crash dei mercati finanziari: ciò che andrebbe chiarito è piuttosto come mai questo crash si sia fatto attendere così a lungo.</p>
<p>3.<br />
Questo differimento è stato possibile solo perché da decenni la politica statale e internazionale ha puntato in maniera determinata a sostenere la dinamica dei mercati finanziari reagendo perciò ad ogni crisi finanziaria (crisi messicana, crisi asiatica, crisi russa, crisi della new economy, etc) nel medesimo modo, cioè attraverso la creazione di credito supplementare, così inducendo il rigonfiamento di sempre nuove bolle. Questo modello di reazione indica come le cause strutturali del processo di crisi non dipendano dalla politica, ma da una contraddizione fondamentale propria della dinamica storica del capitalismo, contraddizione che precede ogni agire cosciente. Il capitalismo crea enormi forze produttive e un enorme potenziale di ricchezza, che potrebbero render possibile ad ogni persona (e veramente a tutti) una buona vita. Ma esse non sono conciliabili con l&#8217;ottuso scopo autoreferenziale dell&#8217;utilizzo della forza lavoro vivente ai fini della produzione di plusvalore, poiché rendono superfluo sempre più lavoro. Finiscono cioè per determinare un processo fondamentale di crisi che non solo mina le fondamenta della valorizzazione del capitale, ma anche al tempo stesso i rapporti sociali di riproduzione che ne dipendono e le stesse condizioni naturali della vita. Il rigonfiamento dei mercati finanziari non è la causa di questa crisi, bensì il suo sintomo. Esso mostra che l&#8217;accumulazione capitalistica può ancora funzionare, in modo precario, solo come appendice del capitale fittizio.</p>
<p>4.<br />
Su questo sfondo diventa chiaro quali contenuti abbia di fatto il tanto evocato “ritorno dello stato”. Nonostante tutte le dichiarazioni per una “regolamentazione” e un ritorno all&#8217;economia reale, il sostegno ai mercati finanziari e il rigonfiamento di una nuova bolla speculativa e creditizia sarà anche in avvenire al centro di ogni politica di amministrazione della crisi. Anche i socialdemocratici di sinistra, i sindacati ed esponenti di Attac esigono la salvezza delle banche. La differenza è solo nei dettagli, cioè nella questione se esse dovranno essere nazionalizzate o meno e chi ne sosterrà i costi. Quest&#8217;ultima domanda tuttavia è già decisa: i costi sono talmente giganteschi, che essi potranno venir coperti solo con un massiccio indebitamento pubblico. Tutto il resto ha solo un carattere simbolico (“tassazione delle ricchezza”, porre limiti ai guadagni dei manager, responsabilità civili dei banchieri, etc.). Non c&#8217;è naturalmente niente da obbiettare nel caso si tolgano soldi ai ricchi, alle banche e agli imprenditori per ripartirli fra chi ne ha bisogno, tuttavia la funzione di una tale rivendicazione nel dibattito politico finisce per essere regressiva, perché serve solo a stigmatizzare quelli che diventano “capri espiatori” e a calmare l&#8217;irritazione moralistica, mentre copre la vera dimensione della crisi.</p>
<p>5.<br />
Anche se, attraverso una enorme cascata di denaro, dovesse riuscire ad arrestare il processo di crisi &#8211; sia pure ancora una volta in modo precario &#8211; nel gigantesco indebitamento per salvare il sistema finanziario è prefigurato il fatto che nei prossimi anni gran parte della riproduzione sociale venga rasa al suolo, poiché essa non sarà più “finanziabile”. È certo che la massa dei debiti accumulati non potrà essere smantellata nemmeno con la più restrittiva politica del risparmio. Non è di fatto neanche possibile che sia la massa dei salariati, dei precari e dei disoccupati a pagarla. Essi però subiranno gli effetti del “patto di salvataggio” in tutta la sua durezza, poiché l&#8217;indebitamento richiederà restrizioni brutali a qualsiasi politica del futuro, quale che sia il partito o la tendenza. Così, mentre in futuro un ulteriore indebitamento dello stato verrà posto entro stretti confini, il peso degli interessi crescerà enormemente. Le conseguenze sono facilmente intuibili: la politica si  concentrerà sulla salvaguardia delle “funzioni rilevanti per il sistema”, ovvero, accanto ai mercati finanziari, i rimanenti centri e “cluster” di valorizzazione produttiva del capitale, le infrastrutture e il personale ad essi necessari, mentre l&#8217;infrastruttura generale, lo stato sociale, il sistema sanitario pubblico saranno ulteriormente demoliti, salari e pensioni decurtati (attraverso tagli e come risultato dell&#8217;inflazione), e la massa di persone precarizzate e “superflue” in continuo aumento. Per queste ultime “amministrazione”della crisi significherà mensa dei poveri, disciplinamento autoritario ed esclusione. Questo tipo di gestione della crisi sarà perseguito anche da ogni partito che perverrà al potere con le parole d&#8217;ordine di “riforme sociali ed ecologiche”.</p>
<p>6.<br />
L&#8217;attuale dibattito sulle riforme è una farsa, poiché suggerisce una prospettiva per la quale non vi è più alcuna base materiale. Nel periodo di crescita del capitalismo, e in particolare nell&#8217;epoca del boom fordista del dopo guerra, era possibile un relativo miglioramento delle condizioni di lavoro e di vita entro lo spazio capitalistico, poiché la dinamica di accrescimento del movimento di valorizzazione spingeva verso l&#8217;integrazione di un crescente numero di persone nel sistema dell&#8217;utilizzo di forza lavoro e della produzione di merci. Da quando un sempre maggior numero di persone è diventato “superfluo” dal punto di vista capitalistico, la funzione della “politica delle riforme” si è ridotta ad organizzare e regolare la sempre più crescente frammentazione sociale e regionale della società. Questa tendenza non potrà che rafforzarsi nel corso della crisi. Per contrastare questa politica di “demolizione” è necessaria una radicale trasformazione della concezione di ricchezza sociale. Solo allora le lotte – quelle dei lavoratori come quelle contro l&#8217;abbattimento dello stato sociale e delle infrastrutture o quelle che puntano all&#8217;appropriazione diretta e collettiva delle risorse (mezzi di produzione, abitazioni, spazi culturali e sociali, etc.) &#8211; potranno avere una nuova prospettiva di di emancipazione. Finché la ricchezza verrà pensata solo nella forma della merce e del valore, quindi l&#8217;accesso alla ricchezza materiale apparirà sempre solo possibile attraverso il denaro, le restrizioni e le follie di questa forma sociale verranno presupposte ed accettate. Così per esempio la massiva chiusura di siti produttivi, dove magari vengono prodotte cose utili (come ad esempio buoni alimenti), sembrerà sempre “inevitabile”, mentre al tempo stesso si lotterà accanitamente per il mantenimento e l&#8217;ampliamento della produzione di auto, sebbene gli effetti di avvelenamento del clima siano oramai da lungo tempo noti a tutti. L&#8217;unica via di uscita dal corso autodistruttivo della società della merce sembra così bloccata da questa forma-mentis. Essa comincia nella testa e prosegue nell&#8217;orientamento dell&#8217;azione. Sta a noi forzare questo blocco.</p>
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		<title>Thesen zu Vergangenheit und Zukunft der Bildung</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/thesen-zu-vergangenheit-und-zukunft-der-bildung</link>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 17:10:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Bierwirth]]></category>

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		<description><![CDATA[Julian Bierwirth
1. Mit der Aufkl&#228;rung begann in Europa auch eine Debatte um Bildung. Das aufkl&#228;rerische Jahrhundert wurde gar als ein „p&#228;dagogisches Jahrhundert“ bezeichnet. Die aufkommende Industriegesellschaft ben&#246;tigte Arbeitskr&#228;fte, die &#252;ber zumindest rudiment&#228;re Kenntnisse in verschiedensten Wissensbereichen verf&#252;gte.  Entsprechend hat die Aufkl&#228;rungsp&#228;dagogik Sinn und Zweck von Bildung auch stets an den gesellschaftlichen Zweck gekoppelt. Ziel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Julian Bierwirth</em></p>
<p>1. Mit der Aufkl&#228;rung begann in Europa auch eine Debatte um Bildung. Das aufkl&#228;rerische Jahrhundert wurde gar als ein „p&#228;dagogisches Jahrhundert“ bezeichnet. Die aufkommende Industriegesellschaft ben&#246;tigte Arbeitskr&#228;fte, die &#252;ber zumindest rudiment&#228;re Kenntnisse in verschiedensten Wissensbereichen verf&#252;gte.  Entsprechend hat die Aufkl&#228;rungsp&#228;dagogik Sinn und Zweck von Bildung auch stets an den gesellschaftlichen Zweck gekoppelt. <span id="more-3922"></span>Ziel war die Erziehung zur „Industri&#246;sit&#228;t“, womit diejenigen menschlichen Eigenschaften gemeint waren, die dem lateinischen Ursprungswort „industria“ nahestanden: arbeitsam, eifrig und flei&#223;ig sollten die Menschen werden. Sie sollten ihre individuellen F&#228;higkeiten und Bed&#252;rfnisse ganz unter die Anforderungen der Gesellschaft unterordnen.</p>
<p>2. Mit Rousseau trat dann – wenn auch nur sehr zur&#252;ckhaltend – ein neuer Gedanke in die Diskussion ein: dem Kind wurde pl&#246;tzlich ein Eigenrecht zugestanden. Es sollte nicht umstandslos auf ein vorgegebenes Ziel hin erzogen werden, sondern vielmehr ganz allgemeine F&#228;higkeiten erhalten, die es ihm dann erm&#246;glichen w&#252;rden, in diesem oder jenem freigew&#228;hlten Beruf erfolgreich zu sein. Zwar war diese Erziehung noch immer darauf bezogen, dass die Einzelnen sich dem gesellschaftlichen Ganzen unterzuordnen haben, doch zum ersten Mal tauchte in der p&#228;dagogischen Literatur der Hinweis auf b&#252;rgerliche Freiheitsvorstellungen auf.</p>
<p>3. Dieser Gedanke wurde dann im deutschsprachigen Raum vom sog. Neuhumanismus aufgegriffen. Dieser rekrutierte sich aus einem entt&#228;uschten B&#252;rgertum, das nicht l&#228;nger bereit war, sich unter die gesellschaftlichen Notwendigkeiten unterzuordnen, wenn ihm selber jede politische Machtstellung innerhalb dieser Gesellschaft durch die feudalen Eliten verweigert wurde. Und so begannen Humboldt, Niethammer, Evers und andere das Individuum konsequent in den Mittelpunkt der bildungstheoretischen &#220;berlegungen zu stellen. Es sollte allen eine Grundbildung zukommen, die es ihnen erm&#246;glichte, die eigene Rolle in der Welt finden zu k&#246;nnen. Die allgemeine Menschenbildung sollte Vorrang haben vor der speziellen Berufsausbildung. Um das gew&#228;hrleisten zu k&#246;nnen, sollte der Staat aus der Bildungspolitik zur&#252;ckgedr&#228;ngt werden und den Bildungsinstitutionen der Kampf gegen die Untertanenmentalit&#228;t aufgetragen werden.</p>
<p>4. Doch der kritische Impuls konnte sich nicht halten. Denn Humboldt und Co. hatten in ihrem Bildungsverst&#228;ndnis die Bildung als Absolutum gesetzt. Da die real existierende Gesellschaft  sich b&#252;rgerlicher Partizipation und Gestaltungsm&#246;glichkeiten entzog, hatten sie die Entfaltung der eigenen Individualit&#228;t fernab jedweder Politik von ihren gesellschaftlichen Bedingungen abgekoppelt. Im Guten wie im Schlechten war „der Gedanke an die Zweckbeziehung von Bildung verp&#246;nt. Nicht darf an der Wunde ger&#252;hrt werden, da&#223; Bildung allein die vern&#252;nftige Gesellschaft nicht garantiert. Man verbei&#223;t sich in die tr&#252;gende Hoffnung, jene k&#246;nne von sich aus den Menschen geben, was die Realit&#228;t ihnen versagt. Der Traum der Bildung, Freiheit vom Diktat der Mittel, der sturen und kargen N&#252;tzlichkeit, wird verf&#228;lscht zur Apologie einer Welt, die nach jenem Diktat eingerichtet ist.“ (Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung)</p>
<p>Eine vom gesellschaftlichen Leben unbefleckte Bildung konnte es nicht geben. Fr&#252;her oder sp&#228;ter mussten die gesellschaftlichen Realit&#228;ten die idealistischen Konstruktionen des Neuhumanismus einholen. „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ &#8211; h&#228;tte Humboldt doch auf Tocotronic geh&#246;rt. Denn die in Teilen st&#228;ndisch, in Teilen b&#252;rgerlich organisierte Gesellschaft war nicht in der Lage, den hehren Anspruch des Neuhumanismus umzusetzen. Statt dass Bildung zu dem wurde, wodurch die Menschen sich qualitativ unterscheiden (weil alle sich in anderen Zweigen der Gelehrsamkeit bilden), was ihnen aber quantitativ gleicherma&#223;en zukommen soll, wurde sie zu einem gerade quantitativen Unterscheidungsmerkmal von Gebildeteren und weniger Gebildeteren, die sich jedoch alle an einem mehr oder minder engen Kanon abzuarbeiten hatten. Das alles &#228;ndert jedoch nichts daran, dass mit der Idee von Bildung als Menschenbildung gleichsam die Idee „eines Zustands der Menschheit ohne Status und &#220;bervorteilung postuliert“ (Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung) wurde. In eben dieser Gesellschaft w&#228;re Bildung m&#246;glich. Im Kapitalismus ist sie es allem Anschein nach nicht.</p>
<p>5. Dabei widerspricht dieser Bildungsbegriff keineswegs der kapitalistischen Logik. Er reflektiert lediglich die eine Seite des Grundwiderspruchs von gleichzeitig privater und gesellschaftlicher Existenz aller in den Kapitalismus eingebundenen Menschen. W&#228;hrend sie sich um sich und ihre eigenen Angelegenheiten k&#252;mmern, w&#228;hrend sie beispielsweise Waren f&#252;r einen anonymen Markt produzieren, verrichten sie gleichzeitig ein gesellschaftliches Gesch&#228;ft: sie produzieren eben nicht f&#252;r sich, sondern f&#252;r andere. Das gilt in gleichem Ma&#223;e auch f&#252;r die Ausbildung der Ware Arbeitskraft. Auch hier kommen subjektive und objektive Momente zusammen.</p>
<p>Es ist wie so h&#228;ufig in warenproduzierenden Gesellschaften: die Individuen, die sich als freie und gleiche gegen&#252;bertreten sind gleichzeitig durch die gesellschaftliche Bande aneinandergekettet, gleichsam ohne es zu merken &#8211; „Sie wissen es nicht, aber sie tun es“ (Marx). Und so k&#246;nnen sie sich lediglich  dem Zwang eines naturhaften Systems unterworfen oder aber als g&#228;nzlich davon unabh&#228;ngig vorstellen. W&#228;hrend die Aufkl&#228;rungsp&#228;dagogik den ersten Part ausf&#252;llte, zehren die Vorstellungen Humboldts von der Imagination eines g&#228;nzlich von der Gesellschaft losgel&#246;sten Subjekts, das sein eigenes Gl&#252;ck zu schaffen in der Lage ist. Das jedoch ist nichts weiter als ein Abbild des Warenproduzenten (dass der strukturell m&#228;nnlich ist, l&#228;sst sich bereits in Rousseaus&#8217; Émile nachlesen) als vereinzeltem Einzelnen.</p>
<p>6. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 wurden jedoch auch die wenigen kleinen Reformschritte in Richtung eines auf den Menschen bezogenen Bildungsideals von der restaurativen Schulpolitik der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts zunichte gemachte. Diese in Preu&#223;en vor allem mit dem Namen Ferdinand Stiehl verbundene Bindung der schulischen Erziehung an die unmittelbaren und direkten Vorstellungen der staatlichen Obrigkeit kann heute als Versuch gelesen werden, die bereits im Verfall befindliche st&#228;ndische Ordnung mit einem letzten Kraftakt durch eine umfassende Ausbildungsreform zu retten. Es gelte, so die Auffassung der ReformerInnen, „den Z&#246;gling (zu) erziehen im Glauben an gegebene Wahrheiten, zur Liebe f&#252;r gegebene Zust&#228;nde.“ Die diesem Ziel entgegenstehende Bildungsforderung des Neuhumanismus jedoch habe das Ziel „ihn zu erziehen zur Kritik, zum Verlangen nach Verbesserung, nach Um&#228;nderung des Bestehenden.“ (Friedrich Julius Stahl, zitiert nach Herwig Blankertz: Geschichte der P&#228;dagogik)</p>
<p>7. In den kommenden Jahrzehnten war die bildungspolitische und bildungstheoretische Auseinandersetzung stets von einem Schwanken zwischen den Polen Individuum und Gesellschaft bestimmt. Noch die Vorschl&#228;ge des Wissenschaftsrates von 1965, die sp&#228;ter als „autokratische Hochschulreform“ in die Geschichte eingehen sollten, sind von der Dialektik dieser beiden Momente gepr&#228;gt. Einerseits wurde stets versucht, das Bildungssystem an den Anforderungen der sich dynamisch fortentwickelnden Warenproduktion auszurichten. Andererseits wurde aber die Notwendigkeit, dass die B&#252;rgerInnen als Freie und Gleiche auch die M&#246;glichkeit haben m&#252;ssten, sich selbst durch Bildung zu individuieren, nicht selten betont und ist lange Zeit Teil der schul- und hochschulpolitischen Curricula gewesen.</p>
<p>8. In den seit Mitte der 90er  Jahre vollzogenen Reformen im Bildungssystem ist von dieser Ambivalenz jedoch nichts mehr zu sp&#252;ren. Hier ist Anpassung an den stummen Zwang der gesellschaftlichenVerh&#228;ltnisse bereits zur alleinigen Maxime  geworden. Reform hat hier, genau wie in der restaurativen Phase am Ende des 19. Jahrhunderts, eine r&#252;ckschrittliche Wendung: Die repressiven Anforderungen der Aufkl&#228;rung werden nun g&#228;nzlich gegen die in ihrem Gefolge aufscheinenden Momente von Befreiung ausgespielt. Das gilt nicht nur f&#252;r die mittlerweile nahezu vollst&#228;ndige Verdr&#228;ngung kritischer Theorie aus den Bildungsinstitutionen, es gilt auch f&#252;r die Konzeption neuer Studieng&#228;nge, den inneruniversit&#228;ren Wandel von einer zumindest partiell demokratisch legitimierten Gremienuniversit&#228;t hin zu einem autokratischen Industriebetrieb, die Debatten um Elite-Universit&#228;ten und die faktische Schlie&#223;ung der Gesamtschulen durch verk&#252;rzte Schulzeiten im Rahmen des G8-Projekts, wie sie zumindest in einigen deutschen Bundesl&#228;ndern bereits umgesetzt ist.</p>
<p>9. Auch diesmal geht die Krise des Bildungsbegriffs mit einer gesellschaftlichen Krise einher. Bereits seit den 70er Jahren ist der zuvor scheinbar endlos ratternde Motor der industriellen Wachstumsmaschinerie ins Stottern geraten. Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, betriebswirtschaftliche Rationalisierung und sozialpolitische Deregulierung werden seitdem als neuer Treibstoff angepriesen. Doch auch sie konnten nicht helfen den Karren wieder flott zu machen. Da sich das nunmehr brachliegende Kapital nicht mehr produktiv verwenden lies, wich es schlie&#223;lich in die Finanzm&#228;rkte aus und vermehrte sich als ungedecktes „fiktives Kapital“ (Marx). Dass auch das ein Traum war, hat sich sp&#228;testens im Sp&#228;tsommer 2008 gezeigt, als die hoffnungslos &#252;berbewerteten Wertpapierkurse zumindest einen Gro&#223;teil ihrer hei&#223;en Luft entlie&#223;en.</p>
<p>Bezogen auf die Krise verfolgen die Bildungsreformen an Schulen und Hochschulen zwei Ziele: zum einen geht es darum, durch das einbeziehen der Bildungsinstitutionen in den Verwertungsprozess neue Akkumulationsm&#246;glichkeiten zu schaffen, mit denen die Wirtschaft wieder in Schwung gebracht werden kann. Doch nicht nur diese ganz materiell gelagerten Ziele lassen sich ausmachen. Zu ihnen tritt der unbedingte Wille, die gesellschaftlichen Strukturen zu erhalten und von jeder Kritik auszunehmen. Je weniger die Einzelnen die reale M&#246;glichkeit haben, sich durch eine gute Ausbildung einen Platz an der Sonne zu sichern, um so st&#228;rker wird dieser Weg als der einzig zul&#228;ssige proklamiert. Kritik, Ausbildung von Individualit&#228;t, jede Lebensregung jenseits von Verwertung, Effektivierung und Plusmacherei – alles das soll ersetzt werden durch den „Glauben an gegebene Wahrheiten“ und die „Liebe f&#252;r gegebene Zust&#228;nde“, wie das Friedrich Julius Stahl einst f&#252;r den Absolutismus formulierte.</p>
<p>10. In der Krise ist die Gesellschaft alles, das Individuum hingegen nichts. Dessen einzige Aufgabe besteht darin, sich den Anforderungen eines stetig prek&#228;rer werdenden Arbeitsmarktes zu unterwerfen. Entsprechend werden nun die Bildungsinhalte einzig an ihrer &#246;konomischen Verwertbarkeit gemessen. Das schl&#228;gt sich ebenso in der stetigen Rede vom Humankapital nieder, das wir alle in einem Prozess lebenslangen Lernens auszubilden haben wie in den diversen Versuchen, das geleistete Lernpensum der je Einzelnen anhand von Messzahlen zu errechnen und so das gesamte Schul- und Studienzeit nach betriebswirtschaftlichen Rationalisierungskriterien zu organisieren. Da der <em>Job</em>, also die inhaltlich gleichg&#252;ltige T&#228;tigkeit zum Zwecke der Einkommenserzielung, als Ziel individueller Verwirklichung scheinbar unantastbar geworden ist, vollziehen viele „Opfer“ der Entwicklung diese Zw&#228;nge bewu&#223;t oder unbewu&#223;t mit und fordern gegen ihre eigene Individualit&#228;t das Recht ein, sich sp&#228;ter auf dem Arbeitsmarkt ausbeuten lassen zu d&#252;rfen.</p>
<p>Die Bildungsinstitutionen dienen so immer mehr dazu, sich einen Fensterplatz auf der Titanic zu sichern. Staatlich gef&#246;rdert und privat gefordert nimmt dementsprechend die soziale Selektionsfunktion des Bildungssystems zu. Die Branche der Privatschulen boomt, da sie es einkommensstarke Schichten erm&#246;glicht, ihre Kinder aus den mehr und mehr verrottenden staatlichen Schulen heraus nehmen k&#246;nnen. Der Staat f&#246;rdert derweil die soziale Selektion in allen Bildungsinstanzen. LehrerInnen in Bayern, die zu gute Noten geben, werden versetzt. Das Hochschulsystem wird differenziert in Exzellenz- und Massenuniversit&#228;ten. Gleichzeitig werden durch Studiengeb&#252;hren und die Zugangsbeschr&#228;nkungen zum Master-Studiengang die Zugangsbarrieren erh&#246;ht.</p>
<p>11. Was bleibt, ist der kritische Impuls des Bildungsbegriffes: wirklich frei wird das Individuum erst dann, wenn es in der Lage ist, sich mit der Welt um sich herum auseinanderzusetzen. Und das auf eine ganz besondere, nur ihm eigene Weise. Erst dadurch wird es im wahrsten Sinne des Wortes individuiert, zum Individuum.</p>
<p>Dieser Akt ist jedoch nicht mit, sondern lediglich gegen die herrschenden Bildungsinstitutionen zu haben. Schulen, Fachhochschulen und Universit&#228;ten sind immer weniger in der Lage, wenigstens in Ans&#228;tzen dem einst so hochgehaltenen Anspruch an Bildung nachzukommen. Im Zweifel gilt es also, den Anspruch an die eigene Befreiung nicht abh&#228;ngig zu machen von den Anspr&#252;chen und Anforderungen, die von der Gesellschaft und den in ihr vorherrschenden Bildungsinstitutionen an uns herangetragen werden.</p>
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		<title>Gedoptes Wachstum</title>
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		<pubDate>Mon, 09 Nov 2009 09:44:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
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Konjunkturprogramm l&#228;&#223;t Chinas Wirtschaft trotz Krise zulegen. Deutliche Zeichen spekulativer Blasenbildung am Finanz- und Immobilienmarkt
China boomt weiter, der Immobilienmarkt bricht alle Rekorde. 56,6 Millionen US-Dollar erzielte die Firma Henderson Land beim Verkauf einer Hochhauswohnung in Hongkong, berichtete die New York Times (NYT) Mitte Oktober. Das Unternehmen sprach von einem Quadratmeterpreis, der in dieser H&#246;he [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Tomasz Konicz</em></p>
<p><strong>Konjunkturprogramm l&#228;&#223;t Chinas Wirtschaft trotz Krise zulegen. Deutliche Zeichen spekulativer Blasenbildung am Finanz- und Immobilienmarkt</strong></p>
<p>China boomt weiter, der Immobilienmarkt bricht alle Rekorde. 56,6 Millionen US-Dollar erzielte die Firma Henderson Land beim Verkauf einer Hochhauswohnung in Hongkong, berichtete die New York Times (NYT) Mitte Oktober. Das Unternehmen sprach von einem Quadratmeterpreis, der in dieser H&#246;he bislang »nirgendwo sonst« erzielt wurde. <span id="more-3915"></span>Ein weiterer Wohnungsverkauf aus dem September macht deutlich, welcher Wahnsinn derzeit auf Teilen des chinesischen Immobilienmarktes dominiert. So habe laut NYT ein »lokaler Gesch&#228;ftsmann« ein Luxusappartement von knapp 76 Quadratmetern f&#252;r 25,4 Millionen US-Dollar gekauft – Quadratmeterpreis rund 322000 US-Dollar. Mitte Oktober warnte der Chef der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong, Donald Tseng, vor spekulativen Tendenzen auf dem Immobilienmarkt der Metropole. Er sprach von der »M&#246;glichkeit einer Immobilienblase«. Dabei bildet Hongkong keine Ausnahme in China. Alle chinesichen Megacitys &#8211; kaum eine hat unter zehn Millionen Einwohner &#8211; verzeichnen einen rasanten Anstieg der Grundst&#252;cks- und Immobilienpreise. Der private Nachrichtendienst Strategic Forcasting (Stratfor) bezeichnet in einer Analyse vor allem die vier St&#228;dte »ersten Ranges« (Peking, Shenzhen, Guangzhou und Schanghai), sowie 20 weitere Provinzhauptst&#228;dte und K&#252;stenmetropolen als Zentren eines enormen Immobilienbooms. Dessen Urspr&#252;nge k&#246;nnen bis zu den K&#252;rzungen beim sozialen Wohnungsbau 1998 sowie der Legalisierung von privatem Wohnungseigentum zur&#252;ckverfolgt werden.</p>
<p>Die Privatisierung habe »die chinesische Wahrnehmung von pers&#246;nlichen Eigentum ge&#228;ndert und so einen wichtigen Einflu&#223; auf den Immobiliensektor ausge&#252;bt«, so Stratfor. Wohnungen seien auch in China eine finanzielle Investition. Nun drohe eine &#228;hnliche Entwicklung, wie sie sich auch bei der Blasenbildung in den USA vollzog: »Die steigenden Landpreise w&#252;rden schlie&#223;lich die Immobilienpreise au&#223;erhalb der Reichweite der Bev&#246;lkerung« katapultieren. Stratfor nennt als Beispiel die Stadt Guangzhou (Kanton), in der der Quadratmeterpreis zwischen 2003 und 2007 um 700 Prozent gestiegen ist. Das Lohnwachstum im selben Zeitraum betrug nur 24 Prozent. Der Nachrichtendienst zitiert auch aus einer 2006 durchgef&#252;hrten Studie der Nationalen Kommission f&#252;r Reformen und Entwicklung, die sich den Disproportionen zwischen Immobilienpreisen und Eink&#252;nften widmete. In vielen St&#228;dten lag demnach die Relation zwischen dem Wachstum der Haus- und Wohnungspreise und dem der L&#246;hne bei 21 zu eins, in Peking betrug sie sogar 27 zu eins.</p>
<p>Einen ersten kurzen Einbruch erlebte der Immobilienmarkt Ende 2007. Doch seit die Staatsf&#252;hrung Anfang 2009 ein gewaltiges Konjunkturpaket aufgelegt hat, sind die Wohnungspreise wieder auf einem H&#246;henflug. Umgerechnet 586 Milliarden US-Dollar wendet Peking insgesamt zur St&#252;tzung der Wirtschaft auf, das sind etwa 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der drittgr&#246;&#223;ten globalen Wirtschaftsmacht. Inzwischen treten Ph&#228;nomene auf, die an jene US-»Flipper« erinnern, die auf dem H&#246;hepunkt der dortigen Immobilienspekulation einen schnellen Dollar zu machen versuchten. Einem Report des Immobilienforschungsinstituts Shanghai Yiju Real Estate zufolge sind in Peking 16,6 Prozent aller neuerbauten Wohnimmobilien ungenutzt, wobei der Leerstand in einigen Stadtteilen sogar 30 Prozent erreicht. Es sind bereits verkaufte Objekte, deren Besitzer sie einzig und allein aus spekulativen Erw&#228;gungen erworben haben. W&#228;hrend immer weniger Menschen sich den Kauf eines Hauses leisten k&#246;nnten, bestehe weiter exzessive Nachfrage nach »Investitionswohnimmobilien«, so Stratfor.</p>
<p>Den gr&#246;&#223;ten Anschub dieser Bonanza lieferte die expansive Geldpolitik der Notenbank. Die Geldmenge (M1) wuchs offiziellen Angaben zufolge in diesem Jahr um 24 bis nahezu 30 Prozent. Im September stieg sie im Vergleich zum Vorjahresmonat um 29,5 Prozent, in Juni lag dieser Wert bei 28,5 Prozent. Dabei wuchs die Wirtschaft im dritten Quartal »nur« um 8,9 Prozent.</p>
<p>In den vier Boomjahren bis 2008, als China zweistellige Zuwachsraten beim BIP verzeichnete, pendelte das Geldmengenwachstum zwischen 14 und 18 Prozent. Mehr Geld im Umlauf hei&#223;t nat&#252;rlich auch enormes Kreditwachstum. Allein im ersten Halbjahr 2009 vergaben die chinesischen Banken Darlehen in H&#246;he von umgerechnet 736 Milliarden Euro – eine Verdreifachung des Kreditvolumens im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Ende September warnte der Internationale W&#228;hrungsfonds Peking vor einer allzu laxen Geldpolitik, da hierdurch »Exzesse an den Finanzm&#228;rkten« bef&#246;rdert w&#252;rden.</p>
<p>Die aufgenommenen Schulden wurden nicht nur f&#252;r die Immobilienfinanzierung genutzt. Auch der Aktienmarkt profitierte von dem Geldstrom. So stieg z. B. der Shanghai-Stock-Exchange-Composite-Index von gut 1800 Punkten im Oktober 2008 auf inzwischen 3200 Z&#228;hler. Der Publizist und fr&#252;here Morgan-Stanley-Analyst Andy Xie geht davon aus, da&#223; die chinesischen Aktien um etwa 50 Prozent &#252;berbewertet sind und prophezeite k&#252;rzlich eine substantielle Marktkorrektur im »vierten Quartal dieses Jahres«.</p>
<p>Auch der private Konsum konnte von der »exzessiven Geld- und Kreditmengenausweitung« profitieren, wie der Web-Blog »Wirtschaftsquerschu&#223;« anhand des »explodierenden« Absatzes von Autos erl&#228;uterte. Demnach sind die Pkw-Verk&#228;ufe im September um 18,3 Prozent gegen&#252;ber dem Vormonat und um 83,6 Prozent gegen&#252;ber dem Vorjahresmonat gestiegen. Derzeit sei das Wachstum in China »zu vier F&#252;nfteln auf staatliche St&#252;tzungsma&#223;nahmen zur&#252;ckzuf&#252;hren«, gab die Frankfurter allgemeinen Zeitung (FAZ) die Meinung der Weltbank wieder. »Das war ein Wachstum mit Hilfe von Steroiden«, erkl&#228;rte Michael Pettis, Professor f&#252;r Finanzen an der Universit&#228;t Peking, gegen&#252;ber der FAZ. Die Frage sei nun, so Pettis, »wie k&#246;nnen sie aufh&#246;ren, so viel Geld ins System zu pumpen, ohne das Wachstum stark zu dr&#252;cken«.</p>
<p>Dieser Text ist erschienen in“Junge Welt” vom  24.10.2009</p>
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