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	<title>krisis &#187; Attila Steinberger</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Von der konservativen Restauration zum Massengrab –  Nach der Wahl im Iran</title>
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		<pubDate>Tue, 28 Jul 2009 10:54:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Attila Steinberger]]></category>

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		<description><![CDATA[Attila Steinberger 1. Proteste und staatliche Gewalt Entz&#252;ndeten sich die Proteste im Iran an der Wahlmanipulation und der Repression, so griffen sie bald das System selbst an.1 Schon im Laufe der ersten Woche &#228;nderte sich der Tenor zu einer grunds&#228;tzlichen Infragestellung der Islamischen Republik. Die Demonstranten forderten die Abschaffung des W&#228;chterrats und des Amts des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Attila Steinberger</em></p>
<h3>1. Proteste und staatliche Gewalt </h3>
<p>Entz&#252;ndeten sich die Proteste im Iran an der Wahlmanipulation und der Repression, so griffen sie bald das System selbst an.<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup> Schon im Laufe der ersten Woche &#228;nderte sich der Tenor zu einer grunds&#228;tzlichen Infragestellung der Islamischen Republik. Die Demonstranten forderten die Abschaffung des W&#228;chterrats und des Amts des Obersten F&#252;hrers sowie ein Leben frei von sozialer Kontrolle und Bevormundung.<span id="more-3734"></span> Die Proteste waren zun&#228;chst auch von der „gr&#252;nen Welle“ der Sympathisanten und Anh&#228;nger Moussavis getragen. Ihre Zahl bzw. die offenen Bekundungen zu Moussavi gingen aber dann dramatisch zur&#252;ck. In dieser ersten Woche trafen sich mehrfach Khamenei und Ahmedinejad um dar&#252;ber zu beraten, wie sie mit den Unruhen und den Forderungen Moussavis und Karrubis umgehen sollten. F&#252;r sie steht aber au&#223;er Frage, den Reformern politischen Freiraum zu gew&#228;hren. Am 19. Juni  verk&#252;ndete Khamenei in seiner Freitagspredigt in Teheran, die Wahl Ahmedinejads sei g&#252;ltig und forderte die Demonstranten auf, das Ergebnis zu akzeptieren und nach Hause zu gehen. Ahmedinejad enth&#228;lt sich jeglicher politischen &#196;u&#223;erungen zu dem Thema und geht den allt&#228;glichen Gesch&#228;ften nach, z.B. Auslandsbesuche in Russland und Kabinettsdiskussionen. Die Proteste behandelt er wie die Delikte von Kriminellen, worum sich der Sicherheitsapparat zu k&#252;mmern habe. Politische Motive spricht er den Protesten ab, auch um ihren Ausl&#246;ser, die konservative Politik, zu leugnen.</p>
<p>Mohammad Javari, Oberkommandierender der Pasdaran und ausgewiesener Experte in asymmetrischer Kriegsf&#252;hrung und Aufstandsbek&#228;mpfung, drohte den Demonstranten mit Gewalt. Das Wochenende vom 19. auf den 21. Juni waren die bislang gewaltt&#228;tigsten Tage. Obwohl Khamenei ein Demonstrationsverbot verh&#228;ngt hatte, str&#246;mten zehntausende Menschen in Teheran, Isfahan, Shiraz, Mashad, T&#228;briz und vielen anderen St&#228;dten auf die Stra&#223;e. Die Taktik des Sicherheitsapparats am 20. Juni in Teheran erinnerte dabei fatal an das Massaker auf dem Istanbuler Taksim-Platz 1976. Die Hauptstra&#223;e vom Unabh&#228;ngigkeitsmonument zur Innenstadt wurde beiderseits auf mehreren Kilometern abgesperrt und damit zur Falle f&#252;r die Demonstranten. Heckensch&#252;tzen er&#246;ffneten das Feuer und Basiji-Milizion&#228;re<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup> zerschlugen die Demonstration, auch wenn sich die K&#228;mpfe in den umliegenden Vierteln bis in die Nacht hineinzogen. Neben der Stra&#223;engewalt gingen die Sicherheitskr&#228;fte gegen die Kommunikationsinfrastruktur und Organisationen vor, um die Demonstrationen zu behindern und zu vereinzeln. Die Pasdaran<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> halten sich aber noch zur&#252;ck. Dies kann eventuell daran liegen, dass sie keine milit&#228;rische, sondern „nur“ logistische Hilfe und Aufkl&#228;rung bieten. Eine weitere Ursache kann bei der reformorientierten Fraktion der Pasdaran liegen. Um ein Fiasko wie zwischen 1999 und 2001 unter General Mohsen Rezai<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</a></sup></sup> – ein weiterer Kandidat der aktuellen Wahl – zu verhindern, wurden erste Pasdarankader inhaftiert<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup>. Denn damals weigerten sich Mitglieder, die Demonstranten niederzuschie&#223;en. Auch jetzt bekunden einige Kader ihre Ablehnung des Regimes. Dies ist umso &#252;berraschender als Khamenei ab dem Jahr 2000 mehrere S&#228;uberungswellen durchf&#252;hrte. Eine neue Welle geht daher auch jetzt wieder &#252;ber die Pasdaran.</p>
<h4>2. Der „Kulturanschlag“ und die konservative Restauration</h4>
<p>Gewaltwellen hat es im Iran bereits von 1994 bis 1996 gegen Streikende<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup> und von 1999 bis 2001 gegen Reformer gegeben, nur eben bei internationalem Desinteresse. Letztere hatten die „Demokratisierung des Staates“<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup> und das Ende der sozialen Kontrolle eingefordert. In hunderten Zeitungen, Zeitschriften und auf Internetseiten dr&#252;ckten sie ihre Ablehnung des Regimes aus und forderten politische und soziale Ver&#228;nderungen. Zu den aktivsten Akteuren z&#228;hlen die Frauen- und Jugendbewegung, Intellektuelle und K&#252;nstler sowie liberale Kleriker (Kadivar, Shabesteri, Sanei, Eshkevari). Eine Trennung der Ansichten in religi&#246;s = konservativ und s&#228;kular/laizistisch = liberal<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup>, wie sie im Westen konstruiert wird, gibt es im Iran nicht. Nicht zuletzt war es Khomeini, der zur Abwehr der Reformer (z.B. Shariatmaderi) Sondergerichtsh&#246;fe einrichtete. Europ&#228;ische Medien, die dies als Dissens innerhalb des klerikalen Establishments interpretieren, stellen hier eine Einheit her, die es gar nicht gibt und auch nie gegeben hat.<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup> Waren die Reformer unter der Pr&#228;sidentschaft Rafsanjanis (1989-1997) noch eher z&#246;gerlich, radikalisierten sie sich unter Khatami (1997-2005). Die Reaktion der Konservativen folgte entlang der Staatsdoktrin vom „islamischen System“. Kritik und Forderungen der Reformer verweisen sie kategorisch aus dem Rahmen „islamischer Legitimit&#228;t“ und verdammen sie als „Kulturanschlag“<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup>. Darin offenbart sich auch ihr unbedingter Wille, die Macht nicht aufzugeben. Zur Restauration des Systems ab 1999 verhalf Khamenei eine neue bzw. wieder erstarkte Gruppe innerhalb der Konservativen, die sog. Ousulgarayan (Prinzipientreuen), die hier Gesellschaftskonservative genannt werden. Sie stammen aus den Pasdaran, den Basiji und Ansar-e Hezbollah<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup> und bilden das R&#252;ckgrat von Ahmedinejads Anh&#228;ngern. Sie sind ma&#223;geblich f&#252;r Stra&#223;enk&#228;mpfe mit Demonstranten, Folter und politische Morde verantwortlich und erm&#228;chtigen sich selbst als Sittenpolizei aufzutreten um dem „Verfall gesellschaftlicher Werte“ entgegen zu treten. Von 1999 bis 2001 zerschlugen sie – und nicht etwa die Polizei – die Demonstrationen, ermordeten &#252;ber 200 Menschen und ver&#252;bten auf mehrere hundert weitere Personen Anschl&#228;ge (u.a. Ebadi, Hajjarian). Gleichzeitig lie&#223; Khamenei &#252;ber Sondergerichte Reformer verurteilen, B&#252;rgermeister unter fadenscheinigen Vorw&#252;rfen ihres Amtes entheben und Zeitungen verbieten. &#220;ber seine institutionellen Vollmachten im W&#228;chterrat blockierte er Gesetze. Die Restauration erreichte unter der Amtszeit Ahmedinejads ihren H&#246;hepunkt. Er proklamierte die „Kultur der Bescheidenheit“, was nichts weiter als eine Fassade f&#252;r Unterdr&#252;ckung und Ablenkung von sozialen Verwerfungen war. Selbst die Wirtschaftsversprechen Ahmedinejads drehen sich nicht um konkrete Verbesserungen f&#252;r die Armen<sup><a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></a></sup>, sondern konzentrieren sich auf Korruptions- und Selbstbereicherungsvorw&#252;rfen gegen Reformer, die Oberschicht und sogar Konservative. Dies nennt er &#246;konomische und soziale Korruption und suggeriert, mit ihrer Beseitigung, w&#228;ren die materiellen Probleme gel&#246;st. Am kapitalistischen System erkennt er keine Fehler. Da die Verbesserung der miserablen Lebensumst&#228;nde gro&#223;er Bev&#246;lkerungsteile nicht gelang, wurde zumindest „symbolisch“ den Anspr&#252;chen des Konservatismus Rechnung getragen.<sup><a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a></sup> Frauen und Jugendliche wurden strenger kontrolliert und die Zensur ausgeweitet.</p>
<p>Der unbedingte Wille, die Reformer einzuschr&#228;nken dr&#252;ckte sich auch in der vorletzten Pr&#228;sidentschaftswahl 2005 und den Parlamentswahlen 2004 und 2008 aus. 2005 ging Rafsanjani mit Ahmedinejad in die Stichwahl und verlor. Rafsanjani galt nicht als Sympathietr&#228;ger, sondern als korrupter Bonze, so dass es nahe liegend ist, dass viele Menschen Ahmedinejads bescheidenes Auftreten honoriert haben.<sup><a name="sdfootnote14anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a></sup> Dessen ungeachtet lag die Wahlbeteiligung in der Stichwahl bei unter 50% und damit niedriger als in der 1. Runde, v.a. weil viele Reformanh&#228;nger den Wahlen fern blieben. Schon zur ersten Runde hat der Reformfl&#252;gel um Akbar Ganji zum Wahlboykott aufgerufen. Verschiedene Autoren (z.B. Ehtesami&#038;Zweiri 2007) machen zus&#228;tzlich Manipulationen f&#252;r den Wahlsieg Ahmedinejads verantwortlich. So wurde das Milit&#228;r einen Tag vor der Wahl mobilisiert und im ganzen Land aktiviert um die Wahllokale zu „besch&#252;tzen“. Basiji sollten zudem die Leute anhalten zur Wahl zu gehen und schlie&#223;lich erlie&#223; Khamenei eine Fatwa, die die Leute dazu aufrief, w&#228;hlen zu gehen und an der Urne die „Werte der Revolution zu verteidigen“. Bei den Parlamentswahlen 2004 und 2008 lehnte der W&#228;chterrat die Kandidatur mehrerer hundert Reformer ab. Zur Wahl 2009 gingen die Konservativen sogar noch weiter. Hossein Shariatmaderi drohte im Februar in der konservativen Zeitung „Kayhan“ dem Reformkandidaten und ehemaligen Pr&#228;sidenten Khatami. Er solle sich davor h&#252;ten eine zweite Benazir Bhutto zu werden, die 2007 in Rawalpindi von Islamisten ermordet wurde. Zahlreiche B&#252;ros und Wahlkampfhelfer Moussavis wurden &#252;berfallen und bei der Wahl von der Beobachtung der Stimmausz&#228;hlung abgehalten. Ayatollah Mesbah-Yazdi forderte schlie&#223;lich wenige Tage vor der Pr&#228;sidentschaftswahl in einer Fatwa zugunsten Ahmedinejads die Wahl zu f&#228;lschen.<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup></p>
<h4>3. Die konservativen Fraktionen</h4>
<p>Die Konservativen sind intern nicht so einheitlich strukturiert wie es zun&#228;chst scheinen mag. Sie treten nur gegen die Reformer einheitlich auf. Es gibt zwei Lager, die Gesellschaftskonservativen um den Haqqani-Zirkel, v.a. Mesbah-Yazdi, und die Staatskonservativen um den Obersten F&#252;hrer Khamenei. Khameneis Politik ist von Pragmatik gepr&#228;gt. Daher bietet auch eine Analyse seiner Schriften kaum neue Erkenntnisse, da er sich an den Bedingungen in Staat, Gesellschaft und Au&#223;enpolitik orientiert. Dennoch ist sein Ziel die Islamische Republik nach innen und au&#223;en zu erhalten und interne Streitigkeiten nur in einem gewissen Rahmen zuzulassen. Weder soll das Regime infrage gestellt, noch der Staat zerfallen oder von au&#223;en bedroht werden.<sup><a name="sdfootnote16anc" href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a></sup> Wegen dieser &#228;u&#223;eren Bedrohung m&#246;chte er es auch vermeiden, dass sich interne Streitigkeiten zu Existenzkrisen entwickeln und in B&#252;rgerkriegen ausarten. Konflikte wie in Nachbarl&#228;ndern, z.B. T&#252;rkei, Afghanistan, Pakistan, Berg-Karabach-Konflikt sieht er als negative Vorbilder. Dazu ist er auch bereit, der Opposition Freir&#228;ume und Partizipation zuzugestehen. Er gew&#228;hrte den Pr&#228;sidenten Rafsanjani und Khatami gewisse Freir&#228;ume, schr&#228;nkte sie dann aber auch wieder ein. Die soziale Kontrolle wurde in den 90er Jahren enorm aufgeweicht und er kam Forderungen nach der sog. „Politik der Freude“ nach, z.B. durften Frauen Fu&#223;ballstadien besuchen, Diskotheken er&#246;ffneten, moderne Unterhaltungsmusik wurde im Rundfunk &#252;bertragen. Bislang war Khameneis pragmatische Politik auch erfolgreich. Selbst die Reformer akzeptierten das System insofern, dass sie in ihm die Macht anstrebten, aber es nicht grunds&#228;tzlich infrage stellten und etwas Neues anstrebten. Die Proteste gegen den Staat 1999 waren zwar vom verbalen Standpunkt radikal, aber ihnen fehlten die Masse und damit die Durchschlagskraft. Dass wie im Juni 2009 hunderttausende Menschen auf die Stra&#223;e gehen, kam nie vor. Khamenei konnte diese Freir&#228;ume auch gut kontrollieren durch die Mittel, die ihm in seiner Position zur Verf&#252;gung standen. So versch&#228;rfte er ab Ende der 90er Jahre auch wieder die soziale Kontrolle und unterst&#252;tzte die Gesellschaftskonservativen gegen die Reformer.<br />
Die zweite konservative Fraktion sieht sich vor allem als Restaurator der Ideen Khomeinis. Nach dem „kleinen Jihad“ im Krieg gegen den Irak, ist sie gewillt, den „gro&#223;en Jihad“ im eigenen Land zu f&#252;hren (Rajaee 2007, S.167). Dem „Kulturanschlag“ der Reformer wollen sie nicht nur entgegen wirken, sondern ihn ausrotten. Sprachlich verbannen sie diese aus der herrschenden Ideologie und der Gesellschaft. Kritik nennen sie wahlweise „Abfall vom Islam“, „Beleidigung des Islam“ oder „Hochverrat“. Die Ayatollahs Mesbah-Yazdi und Hossein Noori Hamedani geben die Rechtfertigung f&#252;r Unterdr&#252;ckung und Mord, Basiji und Ansar-e Hizbollah setzen sie um.<sup><a name="sdfootnote17anc" href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a></sup> Ergebnis sind die niedergeschlagenen Proteste der Vergangenheit und hunderte politischer Morde im In- und Ausland. Sie folgen in diesem Vorgehen der Staatsr&#228;son, wie sie bereits Khomeini formuliert hat. Er f&#252;hrte in „velayet-e faqih“ aus, dass „die Statthalterschaft des Rechtsgelehrten (…) eine relative Angelegenheit [ist]; sie wird durch Ernennung &#252;bertragen, ein Akt, der vergleichbar ist mit der Ernennung eines Vormunds f&#252;r Minderj&#228;hrige.“ (Mansour &#038; Talattof 2000, S.256f) Mit dem Statthalter des Rechtsgelehrten ist nat&#252;rlich der Oberste F&#252;hrer gemeint. Dieser ist nach Khomeini der Garant, um das Allgemeine Beste zu gew&#228;hrleisten. Denn eine menschliche Gesellschaft ist durch widerstreitende Interessen gekennzeichnet und f&#252;hrt damit immer nur zu Ungerechtigkeit und Anarchie. Nur  der Oberste F&#252;hrer garantiert die Einheit des Staates und d&#228;mmt das Selbstinteresse zugunsten des Allgemeinen Besten ein.<sup><a name="sdfootnote18anc" href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a></sup> Die Gesellschaftskonservativen sehen daher das Verh&#228;ltnis der Bev&#246;lkerung zum Obersten F&#252;hrer als eines von Gehorsam und bedingungsloser Unterordnung. Mohammed Larijani fordert die bedingungslose Unterwerfung unter dessen Politik: „Solange die Regierung ihren Pflichten dem Volk gegen&#252;ber gewissenhaft nachgeht, ist das Volk verpflichtet ihr Gefolgschaft zu leisten. Sollte die Leistungsf&#228;higkeit der Regierung aber nachlassen, besteht die einzige Aufgabe aller Gesellschaftsmitglieder darin, sie voll und ganz zu unterst&#252;tzen, damit die Regierung ihre Probleme &#252;berwinden kann.“ (nach Sabzehei 2007, S.128) Die Menschen sollen blind darauf vertrauen, dass der Oberste F&#252;hrer alles richtig macht, weil er &#252;ber sie befohlen wurde. Kritik haben sie zu unterlassen um seine Position nicht zu gef&#228;hrden, Dissens und damit Interessengegens&#228;tze sind zu vermeiden. </p>
<p>Mit seiner Unterst&#252;tzung Ahmedinejads 2005 und heute verfolgt Khamenei zwei Zwecke. Erstens ist es f&#252;r ihn notwendig, die aufstrebenden Gesellschaftskonservativen zu integrieren. Gleichwohl militarisieren jene dadurch personell den Staat (vgl. Alamderi 2005). Denn viele stammen nicht nur aus Milit&#228;rbeh&#246;rden. Sie verfolgen einen unerbittlichen Kurs gegen&#252;ber den Reformern und gesellschaftlichen „Abweichlern“, was immerhin zu gewaltt&#228;tigen gesellschaftlichen Konflikten f&#252;hrt. Der zweite Zweck f&#252;r Khamenei liegt darin die Reformer auszugrenzen und perspektivisch ganz auszuschalten. Dies ist f&#252;r ihn umso wichtiger, als er um die Integrit&#228;t des Staates f&#252;rchtet und sich besonders von den USA bedroht f&#252;hlt. 2001 wurde trotz aller Beileidsbekundungen Khatamis und der iranischen Bev&#246;lkerung zum 11. September<sup><a name="sdfootnote19anc" href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a></sup> der Iran zur Achse des B&#246;sen zugeh&#246;rig erkl&#228;rt. 2005 forderte Bush den „regime change“ in den Pr&#228;sidentschaftswahlen. Den bekam er auch. Ahmedinejad wurde gew&#228;hlt. Die Politik des Dialogs<sup><a name="sdfootnote20anc" href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a></sup> der Reformer wurde von Khamenei als Schw&#228;che interpretiert, die Angriffe provoziere. Zus&#228;tzlich muss man Khameneis angegriffenen Gesundheitszustand ber&#252;cksichtigen. Im Fr&#252;hjahr kamen schon Ger&#252;chte &#252;ber schwere Krankheiten auf, da er wochenlang &#246;ffentlich nicht mehr auftrat. Angesichts dessen, mag er, wie einst Khomeini, zum Ergebnis gekommen sein, die inneren Gegner zu liquidieren um den Fortbestand des Regimes zu gew&#228;hrleisten und einen w&#252;rdigen Nachfolger zu finden – oder zumindest weniger w&#252;rdige Nachfolger zu isolieren oder zu ermorden.</p>
<p>Auch wenn sich die Konservativen gegen&#252;ber den Reformern eintr&#228;chtig zeigen und das System verteidigen, sind die Beziehungen untereinander durch die Konkurrenz um Einfluss, Kontrolle und Ressourcenfragen gepr&#228;gt. Khamenei hat die Gesellschaftskonservativen stark gef&#246;rdert. In einer Fatwa forderte er die Unterst&#252;tzung f&#252;r Ahmedinejad bei seiner Wahl 2005 und gab ihm logistische Hilfe. In Ministerien und Beh&#246;rden gab er viele &#196;mter an Mitglieder des Haqqani-Zirkels und finanzierte ihre Lehranstalten und Think-Tanks. Allerdings stellte er sich auch gegen die Gesellschaftskonservativen. Er kann ihnen durch seine Machtposition entgegenwirken und eine eigene Politik verfolgen. So wurde Rafsanjani 2007 zum Vorsitzenden des Expertenrates gemacht, der darin die Tagesordnung bestimmen und Veto einlegen kann. Rafsanjani hatte in der Direktwahl zu diesem Gremium Mesbah-Yazdi vernichtend geschlagen, was eine besondere Dem&#252;tigung gewesen ist. Bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen 2005 favorisierte Khamenei zun&#228;chst Ali Larijani und 2009 Mohsen Rezai – der nat&#252;rlich nie zur Opposition geh&#246;rt hat, sondern Oberkommandierender der Pasdaran gewesen ist. Im Parlament besitzen die konservativen Parteien zwar die Mehrheit, aber sie sind auf einander angewiesen. Die Partei „K&#228;mpfende Klerikervereinigung“<sup><a name="sdfootnote21anc" href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a></sup> ist sogar in einen Rafsanjani- und einen Khamenei-Fl&#252;gel gespalten. Das Parlament muss auch jedem Minister des Kabinetts zustimmen und hat f&#252;nf Kandidaten Ahmedinejads abgelehnt. Dies betraf die Ressorts f&#252;r &#214;l, Staatsbetriebe, Wohlfahrt &#038; Soziale Sicherheit und Erziehung &#038; Zensur. Gerade &#252;ber die Ministerien &#214;l, Staatsbetriebe und Wohlfahrt flie&#223;en die Gelder und Investitionen der Staatskonservativen und ihrer opportunistischen Anh&#228;nger, um deren Kontrolle daher bei jedem Pr&#228;sidenten gerungen wurde.<sup><a name="sdfootnote22anc" href="#sdfootnote22sym"><sup>22</sup></a></sup> Zum Au&#223;enminister wurde Ali Larijani bestimmt, der allerdings in der Zwischenzeit von diesem Amt zur&#252;cktrat und Parlamentssprecher wurde. Dem Schlichtungsrat gew&#228;hrte Khamenei gr&#246;&#223;ere Kontrolle durch Informationseinsicht in die Arbeit des Chefs der Justiz, des Parlamentssprechers und des Pr&#228;sidenten.</p>
<h4>4. &#214;ffnung oder Massengrab? M&#246;gliche Szenarien nach den Protesten</h4>
<p>Der unwahrscheinlichste, aber bislang in den Medien am weitesten besprochene Fall ist eine neue Wahl abzuhalten. Diese Vorstellung liegt vor allem an der b&#252;rgerlichen Staatsfixierung. Dieses Szenario ist aber durch die Entscheidungen der Wahlkommission im W&#228;chterrat nicht mehr m&#246;glich, da diese formell die G&#252;ltigkeit der Wahl best&#228;tigt hat. Abgesehen von der institutionellen Frage blenden solche Ausf&#252;hrungen nat&#252;rlich vorz&#252;glich die gesellschaftliche Dimension aus. Die scheint tats&#228;chlich kaum zu interessieren. Denn die Repression hat bereits zu gro&#223;en Verheerungen gef&#252;hrt und bestimmt das gesellschaftliche Klima. Den Reformern wie progressiven Kr&#228;ften im Iran ist nahezu der Boden entzogen. Gro&#223;e Teile ihrer Kommunikationswege – z.B. B&#252;ros, Verbandsstrukturen, Studentenwohnheime – wurden angegriffen und zerst&#246;rt. Viele Menschen wurden verhaftet und Opfer von Gewalt.<br />
F&#252;r den Verfasser ist folgendes Szenario am ehesten vorstellbar: Die Konservativen werden eine Doppelstrategie fahren um die Lage zu beruhigen. Einerseits setzen sie auf Erm&#252;dung der Demonstranten. Sie lassen diese solange demonstrieren bis sie keine Lust mehr haben und halten zugleich die Repression in der &#214;ffentlichkeit in der bisherigen Gr&#246;&#223;enordnung. Weil sich f&#252;r die Demonstranten kein Erfolg einstellen wird, werden sie immer weniger, da sie die Hoffnung aufgeben werden, auf diesem Wege das System zu &#228;ndern. Andererseits wird noch gr&#246;&#223;ere Gewalt eingesetzt um die Grundlagen der Protestierenden zu zerschlagen. Man wird sie aus Staatsbetrieben entfernen, von der Wohlfahrt ausschlie&#223;en und ihre Einrichtungen schlie&#223;en. Wenn Ahmedinejad weiter regiert, wird in den folgenden Monaten eine Repressionswelle &#252;ber die Netzwerke und die gro&#223;e Masse unorganisierter Demonstranten und Streikenden hereinbrechen. Wie blutr&#252;nstig dies ablaufen wird, wie viele Menschen inhaftiert, gefoltert und hingerichtet werden bzw. verschwinden, h&#228;ngt ma&#223;geblich davon ab, inwieweit Ahmedinejad und der Haqqani-Zirkel die Repression kontrollieren, oder ob dies von den Revolutionsgerichten gemacht wird, die Khamenei unterstehen.<sup><a name="sdfootnote23anc" href="#sdfootnote23sym"><sup>23</sup></a></sup> F&#252;hrt Khamenei die Repression durch, dann wird er haupts&#228;chlich die R&#228;delsf&#252;hrer und ein paar hundert Menschen zur Abschreckung hinrichten. Der Haqqani-Zirkel wird dagegen ein Massaker &#228;hnlich jenem der sp&#228;ten 80er Jahre anrichten. Um die symbolische Hoheit auf der Stra&#223;e zur&#252;ck zu gewinnen, werden die Basiji-Milizen und die Sittenpolizei noch massiver vorgehen und dabei auch in Studentenwohnheimen und in Privatr&#228;umen eindringen, um die soziale Kontrolle gegen&#252;ber unangepassten Menschen durchzusetzen. Dies wird flankiert durch &#214;ffentlichkeitsarbeit, die einerseits eine heile Welt suggerieren soll, andererseits die Unruhen und das Vorgehen des Repressionsapparates aus konservativer Perspektive darstellt, um den Anliegen der Demonstranten die Legitimit&#228;t abzusprechen und Antipathien dagegen zu wecken. Die staatskonservative Zeitung Kayhan schreibt z.B., dass die Demonstranten nur eine kleine Menge schlechter Verlierer seien, die nur Randale und Gewalt im Sinn h&#228;tten. Dazu montieren sie Bilder (z.B. ausgebrannte Busse, blutende Basiji und Polizisten), die die z&#252;gellose Gewalt der Demonstranten suggerieren soll. Hinzu gesellen sich die &#252;blichen Verschw&#246;rungstheorien, z.B. dass die Demonstranten von Israel und dem Westen gesteuert werden. Als „Beweis“ daf&#252;r dienen einige Projekte aus dem Ausland, die verabsolutiert und auf die Gesamtheit der Protestierenden &#252;bertragen werden. In diesem Fall werden einige Reformer, Reformzeitungen und –institute von Beh&#246;rden und Exiliranern aus England und den USA unterst&#252;tzt. Menschen erhalten Stipendien f&#252;r Auslandsaufenthalte oder werden zu Kongressen geladen. So avancierte die Berliner Tagung zur Wahl im Iran 2001, ausgerichtet von der Heinricht-B&#246;ll-Stiftung, zu einem au&#223;erordentlichen Feindbild, und ein Gro&#223;teil der iranischen Teilnehmer wurde wegen „Abfall vom Glauben“ oder „Beleidigung des Islam“ verurteilt. Diese Vorw&#252;rfe erf&#252;llen nat&#252;rlich f&#252;r das Regime eine bestimmte Funktion. Auf diesem Wege scheiden sie die Protestierenden von der Islamischen Republik ab und gesellen sie einem externen Feind zu.<sup><a name="sdfootnote24anc" href="#sdfootnote24sym"><sup>24</sup></a></sup> Damit bleibt auch f&#252;r sie ideologisch die Einheit des Establishments gewahrt.</p>
<p>F&#252;r Khamenei und Ahmedinejad bedeutet sowohl die Vorgehensweise bei der Wahl und gegen die Demonstranten als auch das Einnehmen des Standpunkts der Staatsr&#228;son einen enormen Legitimit&#228;tsverlust. Sie erkennen damit bereits selber die Regeln ihres eigenen politischen Systems nicht an. Mit der Weltwirtschaftskrise wird die schon immer bestehende Legitimit&#228;tskrise der Politik die Menschen zu versorgen noch weiter zunehmen. Um die Macht im Staat weiter zu erhalten, werden sich Khamenei und Ahmedinejad noch st&#228;rker ann&#228;hern. In der Gesellschaftspolitik wird dabei Khamenei besonders in der sozialen Kontrolle Ahmedinejad entgegen kommen; au&#223;erdem ist zu erwarten, dass viele Zeitungen verboten und das Internet st&#228;rker kontrolliert werden.<sup><a name="sdfootnote25anc" href="#sdfootnote25sym"><sup>25</a></sup></sup> Angesichts schwindender Einnahmen durch die Krise, werden die konservativen Kr&#228;fte aber auch die Ressourcen der staatlich kontrollierten Wirtschaft, wie die Pasdaranbetriebe, die Staatsbetriebe, die staatlichen Erd&#246;leinnahmen, Ausfuhrsteuern und die Bonyad-Stiftungen, noch st&#228;rker als bisher unter sich aufteilen. Besonders die Erd&#246;leinnahmen werden aufgrund der sinkenden Nachfrage im Zuge der Weltwirtschaftskrise sinken. Mit der Krise der Staatsbetriebe und der &#246;ffentlichen Haushalte wird sich schlie&#223;lich die Versorgung der Bev&#246;lkerung verschlechtern.</p>
<p>Ein drittes, in den Medien gehandeltes Szenario dreht sich um Rafsanjani. Dieser solle demnach als Vorsitzender des Expertenrates und als Graue Eminenz Khamenei absetzen und wahlweise sich selbst oder ein Gremium als Obersten F&#252;hrer einsetzen. Anschlie&#223;end werde er zusammen mit Moussavi Ahmedinejad zum R&#252;cktritt zwingen. Da nun aber alle Mitglieder des Expertenrates vom W&#228;chterrat zugelassen wurden, kann man hier kaum mit vielen Kooperationspartnern rechnen. Zudem m&#252;ssen sie ein konstruktives Misstrauensvotum stellen und sich dazu auf einen oder mehrere neue F&#252;hrer einigen, was nicht so einfach werden wird.<sup><a name="sdfootnote26anc" href="#sdfootnote26sym"><sup>26</sup></a></sup> Anschlie&#223;end w&#252;rde man Ahmedinejad &#252;ber die Vollmachten des F&#252;hrers isolieren.<br />
Mit ein wenig Zynismus m&#246;chte man fast meinen, dass Ahmedinejad sich dies gefallen l&#228;sst, um vielleicht wieder einen seiner alten Berufe aufzunehmen, z.B. in einem Folterkeller Protokolle zu f&#252;hren oder an einer Hochschule Verkehrsplanung zu lehren. Doch ist es illusorisch, zu glauben, er w&#252;rde wie selbstverst&#228;ndlich in die zweite Reihe zur&#252;cktreten. Viele Leute vergessen dabei, was f&#252;r eine Person Ahmadinejad ist. Er ist gewaltt&#228;tig und bereit f&#252;r seine Ziele auch eigene Anh&#228;nger zu opfern. Im 1. Golfkrieg (1980-88) war er zun&#228;chst bei den Basiji damit beauftragt, Kinder in Minenfelder zu schicken. Sp&#228;ter kam er zu Infiltrationseinheiten in den Nordirak und in den 80er Jahren folterte er linke und liberale Gefangene. Es ist nur schwer vorstellbar, dass er mit all seinen militanten Anh&#228;ngern akzeptieren wird, dass er von der Macht verdr&#228;ngt wird. W&#228;hrend die Protestierenden relativ friedlich demonstrieren, ein paar Steine werfen und Autoreifen anz&#252;nden, w&#252;rde er in einer Situation, die ihn von der Macht ausschaltet, massenhaft Blut vergie&#223;en und die Ansar-e Hizbollah- und Pasdaran-Zellen w&#252;rden terroristische Akte ausf&#252;hren.</p>
<p>Das Rafsanjani-Szenario besitzt deswegen so viele Anh&#228;nger, weil es zum einen Hoffnung vermittelt, zum anderen, weil Rafsanjani als Graue Eminenz (posht-e padeh = hinter dem Vorhang) gilt. Er hat in den 80er Jahren viele seiner Ziele durch informelle Netzwerkstrategien erreicht und als Mehrheitsbeschaffer f&#252;r Khomeini gedient. Andere Personen wurden dank ihm ins gesellschaftliche Abseits bef&#246;rdert, z.B. Ali Montazeri<sup><a name="sdfootnote27anc" href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a></sup>. Die Ironie dabei ist, dass er 1989 erfolgreich Khamenei als Obersten F&#252;hrer installiert hat. Auch heute noch verf&#252;gt Rafsanjani dank seiner strategischen F&#228;higkeiten, seinem Reichtum (durch Bauwirtschaft, also Korruption, und Pistazienexporte, also Bestechung) und seiner Klientelpolitik &#252;ber einen gewissen Einfluss, wird aber an der H&#252;rde des Expertenrats scheitern, weil er dort nicht gen&#252;gend Unterst&#252;tzung hat. Au&#223;erdem gehen alle Spekulationen in diesem Szenario davon aus, dass es auch Rafsanjanis Wille ist, Khamenei zu st&#252;rzen. Immerhin hat er Khamenei seine Position im Expertenrat zu verdanken, ist ein Freitagsprediger in Teheran und geh&#246;rt derselben Partei an. Seinem &#246;konomischen Selbstinteresse werden keine Grenzen gesetzt und er ist ein akzeptiertes Mitglied des tats&#228;chlichen Establishments. Alle seine bisherigen Forderungen richteten sich nur an den W&#228;chterrat. Er kritisierte auch mit keinem Wort Khamenei. In der Freitagspredigt am 17. Juli in Teheran bot sich ihm ein gro&#223;es Forum. Er forderte de Gefangenen frei zu lassen, den Protest der Menschen ernst zu nehmen und nicht eine Partei einseitig zu favorisieren. Um zu einem Ergebnis zu kommen – er hat es nicht n&#228;her benannt – verlangte er eine offene Diskussion und eine Atmosph&#228;re der Gewaltfreiheit und Unvoreingenommenheit.</p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<p>Alamderi, K. (2005). the power structure of the Islamic Republic of Iran: transition from populism to clientelism and militarization of government.<br />
in: Third World Quarterly 26/8, S. 1285 – 1301.</p>
<p>Bayat, A. (2007). Making Islam democratic: Social movements and the post-islamist turn.</p>
<p>Dabashi, H. (2007). Iran. A people interrupted.</p>
<p>Ehteshami, A. &#038; M. Zweiri (2007). Iran and the rise of its neoconservatives. The politics of Tehran’s silent revolution.</p>
<p>Moaddel. Mansour &#038; Kamran Talattof (2000). Modernist and fundamentalist debates in Islam. A Reader</p>
<p>Rajaee, F. (2007). Islamism and Modernism. The changing discourse in Iran.</p>
<p>Sabzehei, M. T. (2007). Rechtsstaat und Zivilgesellschaft im heutigen Iran.</p>
<p>Wedel, K-H. (2003). Die H&#246;llenfahrt des Selbst.</p>
<p>http://www.krisis.org/wp-content/data/die-hoellenfahrt-des-selbst.pdf</p>
<p>Alamderi, K. (2005). the power structure of the Islamic Republic of Iran: transition from populism to clientelism and militarization of government.<br />
in: Third World Quarterly 26/8, S. 1285 – 1301.</p>
<p>Bayat, A. (2007). Making Islam democratic: Social movements and the post-islamist turn.</p>
<p>Dabashi, H. (2007). Iran. A people interrupted.</p>
<p>Ehteshami, A. &#038; M. Zweiri (2007). Iran and the rise of its neoconservatives. The politics of Tehran’s silent revolution.</p>
<p>Moaddel. Mansour &#038; Kamran Talattof (2000). Modernist and fundamentalist debates in Islam. A Reader</p>
<p>Rajaee, F. (2007). Islamism and Modernism. The changing discourse in Iran.</p>
<p>Sabzehei, M. T. (2007). Rechtsstaat und Zivilgesellschaft im heutigen Iran.</p>
<p>Wedel, K-H. (2003). Die H&#246;llenfahrt des Selbst.</p>
<p>http://www.krisis.org/wp-content/data/die-hoellenfahrt-des-selbst.pdf</p>
<p><strong>Fu&#223;noten:</strong></p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc"> 1</a> Zahlreiche Dokumente und Links finden sich unter http://entdinglichung.wordpress.com/category/iran/<br />
<a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc"> 2</a>   Die Basiji sind nat&#252;rlich nicht nur Stra&#223;enschl&#228;ger. Sie gehen auch vollkommen „zivilen“ Aufgaben nach, z.B. als Sittenpolizei Frauen und P&#228;rchen zu bel&#228;stigen, Partys zu st&#252;rmen und Blockwartfunktionen zu &#252;bernehmen. Urspr&#252;nglich waren die Basiji M&#228;rtyrerbrigaden, die aus Kindersoldaten gebildet wurden, um in irakischen Minenfeldern verheizt zu werden. Im Laufe der 80er Jahre wurden sie erg&#228;nzt um paramilit&#228;rische und Antiaufruhrfunktionen. Ansonsten sind sie daf&#252;r da die jungen Leute zur sozial-moralischen Erziehung „von der Stra&#223;e zu holen“ und betreiben Jugend- und soziale Aktivit&#228;ten, wodurch sie auch Menschen ansprechen, die sich sozial engagieren m&#246;chten. Beispiele dieser Engagements sind Gesundheits- und Erziehungskampagnen.<br />
<a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc"> 3</a> Eine Analyse der Pasdaran findet sich bei Ali Shirasi, auch wenn sie zu einheitlich dargestellt werden http://alischirasi.blogsport.de/2009/06/23/die-pasdaran-der-unaufhaltsame-aufstieg-zur-macht/<br />
<a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc"> 4</a> Mohsen Rezai wird mit internationalem Haftbefehl gesucht, weil er in Buenos Aires eine Synagoge gesprengt und &#252;ber 80 Menschen ermordet hat.<br />
<a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc"> 5</a> http://www.guardian.co.uk/news/blog/2009/jun/22/iran-ayatollah-ali-khamenei<br />
<a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc"> 6</a> Da es im Iran bis 1999 keine freien Gewerkschaften und Gewerbeverb&#228;nde gab, werden organisierte Arbeitnehmer und Kleingewerbetreibende (z.B. Taxifahrer, Stra&#223;enh&#228;ndler) verfolgt.<br />
<a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc"> 7</a>   Das iranische System ist durch eine Doppelstruktur aus demokratischen und diktatorischen Elementen gekennzeichnet. Pr&#228;sident, Parlament, Expertenrat und Stadtr&#228;te werden vom Volk gew&#228;hlt. Der Oberste F&#252;hrer wird dagegen vom Expertenrat bestimmt. Er steht mehreren Beh&#246;rden vor, wie Polizei, Pasdaran, Fernsehen und Radio, Basiji, Milit&#228;r und Wohlfahrtsstiftungen. Er ernennt den Chef der Justiz und bestimmt zur H&#228;lfte die Mitglieder des W&#228;chterrates und des Schlichtungsrates. Der W&#228;chterrat kann Kandidaten f&#252;r die Wahlen ausschlie&#223;en und gegen Parlamentsgesetze votieren. N&#228;heres dazu bei Steinberger 2009.<br />
<a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc"> 8</a>   Es sei hier auch angemerkt, dass „Individualismus“ nicht mit „liberal“ oder „emanzipativ“ gleichzusetzen ist. Individuelle Ansichten k&#246;nnen auch beinhalten, dass das Individuum sich selbst zuzurichten hat, als Arbeitsmonade oder als „tugendhaftes Mitglied“ der Gesellschaft. Dies ist z.B. das Hauptelement zur Bestimmung des Verh&#228;ltnisses von Individuum und „Tugend“ im arabisch-sunnitischen Islamismus. Das Individuum muss nach ihnen die richtige Erkenntnis vorweisen, um als wahrer Moslem zu gelten. Weder ist man darin eingeboren, noch reichen Rituale aus. Zur Kritik des Aufkl&#228;rungs-Individualismus siehe Wedel 2003.<br />
<a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc"> 9</a> Leider ist es immer wieder sehr l&#228;stig, aber notwendig auf die Peter-Scholl-Latourisierung der Berichterstattung und Analysen hinzuweisen. Dies ist umso erstaunlich als zum Iran fast so viele hochwertige Politik- und Gesellschaftsstudien vorliegen wie zu &#196;gypten, das am ausf&#252;hrlichsten untersucht ist. Mit Ausf&#252;hrungen zum Aufbrechen des Establishments versuchen Autoren auf diesem Wege nur ihre nun offensichtlich falschen Ansichten der empirischen Sachlage anzupassen.<br />
<a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc">10</a> Der Begriff geht auf das gleichlautende Buch Khameneis von 1996 zur&#252;ck.<br />
<a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc">11</a>   Diese Gruppe  ist mit der Fr&#252;hphase der gleichnamigen libanesischen Islamisten vergleichbar und wird vor allem f&#252;r gewaltt&#228;tige Repressionen verwendet, z.B. politische Morde, das Zerschlagen von Demonstrationen.<br />
<a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc">12</a> Seine Wahlgeschenke an die Armen – Kartoffeln, Reis und Orangen – wurden &#252;brigens nicht positiv, sondern sehr negativ aufgenommen, da sich die „Beschenkten“ sehr wohl des instrumentellen Motivs bewusst waren und sich unmittelbar die Frage stellten, warum es eigentlich sonst nicht so funktioniert und woher denn das notwendige Geld des „bescheidenen Ahmedinejad“ stammt.<br />
<a name="sdfootnote13sym" href="#sdfootnote13anc">13</a>  Dies ist auch eine Parallele zu europ&#228;ischen Konservativen, z.B. Helmut Kohls geistig-moralischer Wende.<br />
<a name="sdfootnote14sym" href="#sdfootnote14anc">14</a> z.B. erkl&#228;rt selbst Hamid Dabashi (2007), dass er aus lauter Antipathie gegen&#252;ber Rafsanjani Ahmedinejad favorisiert h&#228;tte, wenn er nicht die Wahl boykottiert h&#228;tte.<br />
<a name="sdfootnote15sym" href="#sdfootnote15anc">15</a> http://www.roozonline.com/english/news/newsitem/article/2009/june/09//mesbah-yazdis-decree-to-rig-votes.html<br />
<a name="sdfootnote16sym" href="#sdfootnote16anc">16</a> F&#252;r Europ&#228;er meist sehr verwunderlich, werden im Iran US-Milit&#228;rbasen in Turkmenistan, Aserbaidschan, der T&#252;rkei, Irak, Pakistan und Afghanistan sowie eine starke Milit&#228;rpr&#228;senz am Golf als sehr bedrohlich wahrgenommen. Massaker an Schiiten im Irak und im Atomwaffenstaat Pakistan sowie die Diskriminierung von Schiiten in den Golfstaaten werden mit gro&#223;er Sorge verfolgt. Zudem ist der Dank f&#252;r den Sturz der Regierung Mossadegh und daf&#252;r, dass Saddam Hussein von Saudi-Arabien und den USA auf den Iran gehetzt wurde, nur bei Schah-Anh&#228;ngern gro&#223;.<br />
<a name="sdfootnote17sym" href="#sdfootnote17anc">17</a> z.B. f&#252;hrt Mesbah-Yazdi aus, dass zur „Verteidigung des Islam“ f&#252;r jeden Moslem Mord gerechtfertigt und dringend ausf&#252;hrbar sei. Dies widerspricht selbst dem konservativen Strafrecht, da es ohne Gerichtsverfahren geschieht. Hamedani ist f&#252;r seine zahlreichen Hetzreden gegen ethnische und religi&#246;se Minderheiten und eine Todesdrohungen gegen Reformer ber&#252;chtigt.<br />
<a name="sdfootnote18sym" href="#sdfootnote18anc">18</a> Dies ist eine bemerkenswerte Parallele zum europ&#228;ischen Konservatismus, z.B. Platon, Hobbes, Burke, und zum Neokonservatismus von Thatcher, Sarkozy und Reagan. Wie in Fu&#223;note 9 angerissen, werden aus bestimmten „intellektuellen“ Gr&#252;nden solche Sachverhalte gerne ausgeblendet.<br />
<a name="sdfootnote19sym" href="#sdfootnote19anc">19</a>   Im Umgang mit dem Islamismus wird gerade der 11. September als weltzivilisatorische Bruch gesehen. In der Regel werden diese 3000 Opfer nur instrumentalisiert f&#252;r Bedrohungsszenarien des m&#228;nnlichen, wei&#223;en Subjekts. Diese 3000 Opfer werden stellvertretend f&#252;r die eigene Bedrohung gesetzt. In derselben Form wie diese 3000 Menschen instrumentalisiert werden, werden 3 Millionen Opfer islamistischer Gewalt in Bangladesch, 500 000 in Indonesien, Hunderttausende in Afghanistan oder 100 000 in Algerien, 40 000 in &#196;gypten u.v.m. ignoriert. Dies bildet auch den kulturalistischen Kern der Instrumentalisierung.<br />
<a name="sdfootnote20sym" href="#sdfootnote20anc">20</a>   Im Iran wird es als „Dialog der Zivilisationen“ bezeichnet und begann in den 50er Jahren. Federf&#252;hrend sind Dariush Shayegan, Javad Tabatabei und Siyed Hossein Nasr. W&#228;hrend Claudia Roth von D&#246;ner und Khoy-Fischen beim Chinesen schw&#228;rmt, geht es den iranischen Vertretern im Wesentlichen um erkenntnistheoretische Positionen. Sie gehen von unterschiedlichen Zug&#228;ngen aus, die das Gleiche wollen, z.B. individuelle Glaubenserkenntnis, Pluralismus. Sie orientieren sich dabei stark an der Ph&#228;nomenologie. Dabei fixieren sie sich auf Kulturen und verfestigen damit das Gerede von Nationen und Kulturgrenzen.<br />
<a name="sdfootnote21sym" href="#sdfootnote21anc">21</a> Nicht zu verwechseln mit der Reformpartei „Vereinigung der k&#228;mpfenden Kleriker“.<br />
<a name="sdfootnote22sym" href="#sdfootnote22anc">22</a> Gerade die Sicherung materieller Ressourcen f&#252;r die konservative Seite veranlasst auch Bayat (2007) zu der Feststellung, dass die Ideologie im Wesentlichen doch nur der Instrumentalisierung und Verschleierung dient. Samir Amin und Edward Said betrachten aus dieser Perspektive sogar den gesamten Islamismus. Diese materialistische Analyse ist dahingehend problematisch, dass sie zwar die Eliten erkl&#228;rt, aber die subjektiven Einstellungen ihrer Anh&#228;nger unbeachtet l&#228;sst, insb. jener die keine materiellen Vorteile genie&#223;en. Iranische Feministinnen sehen daher z.B. in der Konservierung des Patriarchats einen Vorteil f&#252;r M&#228;nner. Der weibliche Teil der Bev&#246;lkerung wird isoliert, w&#228;hrend der m&#228;nnliche Teil quasi als Komplize der Konservativen gewonnen wird, die ihn mit der Arbeitskraft und dem Sexualobjekt Frau ausstatten und diese unter seine Kontrolle befehlen.Die Ironie ausgerechnet der Worte Khameneis zur Funktion von Religion als Ideologie aus „Ruh-e Tawhid“ m&#246;chte ich den Leserinnen nicht vorenthalten: <em>„In heidnischen Gesellschaften, in welcher Menschen entlang der zwei Klassen der Unterdr&#252;cker und der Beherrschten geteilt sind – im besonderen der Klasse der reichen Ausbeuter und der Klasse der Verelendeten und Benachteiligten -, ist die am meisten auffallende Erscheinung der Beziehung zwischen dem „Objekt der Verehrung“ und dem „Verehrer“ die ungerechte Beziehung zwischen den beiden Klassen. Es ist f&#252;r die Identifizierung von Idolen und G&#246;ttern historischer Gesellschaften bei weitem nicht ausreichend eine Studie von Realem und Imaginiertem, Belebtem und Unbelebtem der Gottheiten ihrer Kulte zu machen; ihre wahren Idole und G&#246;tter sind die Unterdr&#252;cker selbst, die die Unterdr&#252;ckten unter ihre Autorit&#228;t gezwungen haben und sie zu verehrenden Sklaven machten um ihre eigene Gier, Streben nach Macht und r&#228;uberischen Zwecken zu befriedigen.“ </em>(eigene &#220;bersetzung)<br />
<a name="sdfootnote23sym" href="#sdfootnote23anc">23</a> Die Revolutionsgerichte wurden von Khomeini eingerichtet um gegen Schah-Anh&#228;nger und die Feinde der Revolution vorzugehen. Dies betraf Liberale, Linke, S&#228;kularisten und v.a. 1988/89 die Anh&#228;nger der Mojahedin-e Khalq, die massenhaft ermordet wurden. Gelegentlich wird auch Moussavi als damals amtierender Ministerpr&#228;sident daf&#252;r verantwortlich gemacht. Formell ist dies jedoch nicht m&#246;glich, da diese Gerichte dem Obersten F&#252;hrer unterstehen. Ob Moussavi allerdings informell etwas damit zu tun hatte, entzieht sich der Kenntnis des Verfassers.<br />
<a name="sdfootnote24sym" href="#sdfootnote24anc">24</a> Die externen Feindbilder sind nat&#252;rlich „die Juden“ und der Westen. So hei&#223;t eine Erweiterung des „Kulturanschlags“ auch „westlicher Kulturanschlag“ (Tahajom Farhangi Gharb, gharb=westlich).<br />
<a name="sdfootnote25sym" href="#sdfootnote25anc">25</a> Allerdings werden hier ausl&#228;ndische Fernsehsender wie „Voice of America“ und „Al Jazeera“ mit ihren kritischen Sendungen die L&#252;cke zum Teil schlie&#223;en k&#246;nnen.<br />
<a name="sdfootnote26sym" href="#sdfootnote26anc">26</a> Im Iran sind alle Wahlen sehr personalisiert und weniger von der Partei und der Parteilinie abh&#228;ngig. Daher funktionieren Instrumente wie der Fraktionszwang kaum.<br />
<a name="sdfootnote27sym" href="#sdfootnote27anc">27</a> Dessen Lehren sind in der „Vereinigung der Lehrer und Forscher von Qom“ sehr verbreitet, die k&#252;rzlich den W&#228;chterrat kritisiert hat. Montazeri selbst erkl&#228;rte den Sieg Ahmedinejads f&#252;r ung&#252;ltig und Khamenei f&#252;r illegitim.</p>
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		<item>
		<title>Unter dem allgemeinen Besten: Der iranische Pr&#228;sident und seine institutionellen Verflechtungen</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/unter-dem-allgemeinen-besten-der-iranische-praesident-und-seine-institutionellen-verflechtungen</link>
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		<pubDate>Wed, 17 Jun 2009 18:47:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Mythos vom Kampf der Kulturen]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Attila Steinberger]]></category>
		<category><![CDATA[Iran]]></category>

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		<description><![CDATA[Attila Steinberger Der Text wurde vor den Wahlen im Iran am 12.6.2009 erstellt und ber&#252;cksichtigt insofern noch nicht die aktuellen Ereignisse. Am 12. Juni fanden im Iran die Pr&#228;sidentschaftswahlen statt. Im Unterschied zum herrschenden eurozentristischen Blick wird hier dargelegt welche Wirkung es f&#252;r die Menschen im Iran hat. Ungeachtet dessen wird f&#252;r die Leserin nur [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Attila Steinberger</em></p>
<p><em>Der Text wurde vor den Wahlen im Iran am 12.6.2009 erstellt und ber&#252;cksichtigt insofern noch nicht die aktuellen Ereignisse.</em></p>
<p>Am 12. Juni fanden im Iran die Pr&#228;sidentschaftswahlen statt. Im Unterschied zum herrschenden eurozentristischen Blick wird hier dargelegt welche Wirkung es f&#252;r die Menschen im Iran hat. Ungeachtet dessen wird f&#252;r die Leserin nur auf deutsche und englische Literatur verwiesen, um weiteres Lesen zu erm&#246;glichen.<span id="more-3631"></span></p>
<p>Vier Vertreter<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup> der drei gro&#223;en politischen Lager treten an, die sich v.a. deutlich in der sozialen Kontrolle unterscheiden. Seit 2003 haben die Konservativen alle Wahlen gewonnen und die Reformer gro&#223;e Verluste erlitten. Dies lag vor allem daran, dass die Wahlbeteiligung rapide sank, z.T. um fast 20% bei steigender Bev&#246;lkerung. Viele Anh&#228;nger der Reformer blieben den Urnen fern und hunderte Kandidaten wurden bei den Wahlen nicht zugelassen. (Ehteshami&amp;Zweiri 2007, S.57ff) Aber in den letzten Wahlen zu Parlament und Expertenrat verloren die Konservativen bereits leicht und in den Institutionen bilden sich zwei konservative Fl&#252;gel heraus, die sich gegenseitig bek&#228;mpfen und daher aufsplittern. Mit dem Sieg bei den Pr&#228;sidentschaftswahlen verbinden die Reformer die Erwartung auf gesellschaftliche Liberalisierung.<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup> Der Pr&#228;sident ist allerdings eingebunden in ein institutionelles Geflecht, in welchem er seine Entscheidungen auch durchsetzen muss. Er ist aber auch au&#223;erinstitutionell eingebunden. Verschiedene Gruppen sind in der Lage &#252;ber Unterst&#252;tzung, Protest und Aufruhr die Politik zu beeinflussen. Den Wandel nur &#252;ber eine gewonnene Pr&#228;sidentenwahl herbeizuf&#252;hren ist illusion&#228;r. Daher werden nicht nur die politischen Lager beschrieben, sondern es soll grunds&#228;tzlich der Frage nachgegangen werden, welchen Einfluss der Pr&#228;sident &#252;berhaupt hat. Grunds&#228;tzlich entfaltet die Fixierung auf die Pr&#228;sidentenwahl und allgemein Wahlen eine besondere Wirkung, die einen Wandel hemmt.</p>
<h3>Die politischen Lager im Iran</h3>
<p>Der aktuelle Wahlkampf ist von vier Hauptthemen bestimmt: (1) das Erreichen eines besseren Lebensniveaus, v.a. die Bek&#228;mpfung der Armut, (2) dem Verh&#228;ltnis von individueller Freiheit zum Staat, (3) gesellschaftlichen Reformen und (4) au&#223;enpolitischer Orientierung.<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> Jeder Vertreter bezieht sich unterschiedlich auf sie, nicht nur in den Methoden, sondern in grundlegend unterschiedlichen Ansichten. Am deutlichsten tritt diese Divergenz bei der Gesellschaftspolitik hervor. Die Weltwirtschaftskrise hat bislang in den Wahlprogrammen keinen Niederschlag gefunden. Wenn &#252;berhaupt, wird sie je nach Ansicht unter dem Aspekt Armut oder Wirtschaftsstellung in der Region betrachtet.</p>
<p>Ahmedinejad ist der aussichtsreiche Kandidat des konservativen<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup> Lagers, der sog. Usulgarayan (Prinzipientreuen, usul=Wurzel, Ursprung). Jedoch ist er weder unumstritten, noch der einzige Kandidat. Denn zwei Leitbilder herrschen vor: der staatliche und der gesellschaftliche Konservatismus. Beide sehen sich in der Tradition der Lehren Khomeinis. Grundlage von Khomeinis Ideologie ist nicht wie im sonstigen Islamismus, z.B. der Muslimbr&#252;der oder der Jamaat-e Islami, die Vorstellung, dass alle Moslems vom Glauben abgefallen seien, die man nun reislamisieren m&#252;sse. Diese Reislamisierung bed&#252;rfe der Mission und der individuellen Erkenntnis.<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup> Dagegen &#228;hnelt Khomeinis Staats- und Gesellschaftsphilosophie dem europ&#228;ischen Staatskonservatismus (z.B. Platon, Hobbes, Burke) stark, ohne aber auf partizipative Elemente zu verzichten.<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup> Er vertritt die Ansicht, dass die Menschen durch ihre gegens&#228;tzlichen und konkurrierenden Interessen und privaten Befindlichkeiten zu „Anarchie“ und Sittenverfall neigen w&#252;rden.<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup> Daher st&#252;tzt er sich auf die Autorit&#228;t des 12. Imam, dessen Herrschaft die rechte Ordnung gew&#228;hrt. Da der Imam aber gerade abwesend ist, kann man – und dies ist der rationale Aspekt – aber nicht gleichzeitig auf eine islamische Ordnung verzichten, da ansonsten das Zusammenleben und die islamische Ordnung gef&#228;hrdet seien. Religion wird dadurch von einer privaten Glaubensangelegenheit zum Mittel um soziale und politische Missst&#228;nde zu beheben (Feldman 2008, S.112f) und gleichzeitig zur Legitimation der Autorit&#228;t. Eine &#252;ber den Menschen stehende Instanz, die &#252;ber Streitigkeiten und materiellen wie sozialen (z.B. Ruhm) Bereicherungen stehe, muss daher die Ordnung gew&#228;hrleisten. Sie darf jedoch nicht nach eigenen Befindlichkeiten handeln, sondern muss sich von moralischen Grunds&#228;tzen leiten lassen um das allgemeine Beste in materieller und tugendhafter Hinsicht zu erreichen. Diese Instanz ist die Institution des rechtgeleiten/prinzipientreuen F&#252;hrers (velayet-e faqih, auch vali amir, rahbe und im dt. Revolutionsf&#252;hrer, Oberster F&#252;hrer), der sich durch ein tugendhaftes Leben und eine theologische Ausbildung qualifiziert.<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup> Jedoch war bereits bei Khomeini verankert, dass trotz des absolutistischen Charakters Institutionen gew&#228;hlt werden, &#252;ber denen gleichwohl der Oberste F&#252;hrer steht um die Einheit und Entscheidungsf&#228;higkeit zu sichern. Dies zeigt sich z.B. in der Einschr&#228;nkung durch charakterliche Eignung, wodurch der Zugang zu Institutionen reglementiert wird. Das genaue Verh&#228;ltnis zwischen dem Obersten F&#252;hrer und gew&#228;hlten Institutionen blieb offen. &#220;ber dieses offene Verh&#228;ltnis zwischen Staat und Individuum und wie viel gesellschaftliche Kontrolle ausge&#252;bt werden soll bzw. wie viel Entscheidungsspielraum die Menschen besitzen &#252;ber ihr Leben zu entscheiden gehen die Meinungen im konservativen Lager auseinander.<br />
Der wichtigste Vertreter des Staatskonservatismus ist Khamenei. Er ist der Oberste F&#252;hrer im Staat und verf&#252;gt damit &#252;ber eine enorme Machtf&#252;lle. Er sieht sich als Garant des Staates. Dies legt er so aus, dass die staatlichen Institutionen in ihrer jetzigen Form zu bewahren seien. Um den Staat zu erhalten, ging Khamenei in der Vergangenheit soweit andere Ideen Khomeinis auszusetzen, z.B. die regionale Expansion der Islamischen Revolution, und verhielt sich gegen&#252;ber gesellschaftlichen Kr&#228;ften zun&#228;chst opportunistisch um die Sch&#228;den des 1. Golfkrieges zu beseitigen und den Staat nicht zu gef&#228;hrden. Den fr&#252;heren Pr&#228;sidenten Rafsanjani und Khatami gew&#228;hrte er Freir&#228;ume, ging aber auch gegen sie vor, wenn sie die Institutionenstruktur gef&#228;hrdeten (Ehtesami&amp;Zweiri 2007, S.4, S16ff). In der Wirkung lief es auf einen kontrollierten Pluralismus hinaus, dem eindeutige Grenzen aufgezeigt wurden. Erst vor wenigen Wochen hat er mit Mohsen Rezai einen Vertreter aufgestellt, der sich vornehmlich als Konkurrenz zu Ahmedinejad versteht. Die Gesellschaftskonservativen sind dagegen an einer Renaissance der sog. authentischen Werte Khomeinis interessiert. Sie wollen die Gesellschaft in einer dritten Revolution (zur ersten wird die Verfassungsrevolution 1905 umgedeutet) s&#228;ubern und auf den richtigen Weg bringen. Wichtigste Identit&#228;tsanker sind die Revolutionszeit von 1979-1989 und der 1. Golfkrieg. Ahmedinejad ist als Pr&#228;sident ihr wichtigster, politischer Vertreter. Sein ideologischer Ideengeber ist Ayatollah Mesbah-Yazdi.<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup> Er ist Dozent an Khomeinis ehemaliger Lehranstalt, dem Qom-Seminar, welches f&#252;r die 12er Schia das drittwichtigste nach Najaf und Kerbala ist. Er steht der konservativen Haqqani-Schule vor und ist Mitglied im Expertenrat (s.u. Institutionen). Zahlreiche Politiker, Milit&#228;rs, Mitglieder der Verwaltungs- und Wirtschaftseliten, wurden in Qom ausgebildet und sind Mitglied im Haqqani-Zirkel. Viele bilden heute das R&#252;ckgrat des konservativen Establishments in Institutionen und Beh&#246;rden und sind f&#252;r ihre kompromisslos repressive Haltung ber&#252;chtigt: z.B. Ali Larijani, Ali Fallahian, Ahmad Jannati, Hossein Noori Hamdani, Ayatollah Javed Amoli, Ali Younesi, Ahmed Ahmadi, Rahim Safavi.<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup> Wichtigste These Mesbahs ist es die Macht des Obersten F&#252;hrer zu erhalten und die demokratischen Institutionen einzuschr&#228;nken. Nach ihm w&#252;rden die Begehrlichkeiten der Bev&#246;lkerung in politischen Entscheidungen zu falschen Ergebnissen f&#252;hren, zu Lasten des allgemeinen Besten und einer tugendhaften Lebensf&#252;hrung. Die Tugendhaftigkeit des Obersten F&#252;hrers w&#252;rde dies dagegen garantieren. Die Gesellschaft m&#246;chte er st&#228;rker seinen rigiden Vorstellungen unterwerfen um sie einerseits von Begehrlichkeiten zu erl&#246;sen und andererseits die Autorit&#228;t des Obersten F&#252;hrers und der islamischen Ordnung zu sichern.<br />
Beide konservativen Fl&#252;gel vertreten nicht nur konservative Staatswerte, sondern umm&#228;nteln weitere Themen religi&#246;s. Ein bedeutendes Element ist die Thematisierung der Armut als materieller Not und die Einf&#252;hrung eines Systems, das Gerechtigkeit herstellt in Form sozialer, moralischer und politischer Gerechtigkeit. Die Rechtsforderung geht bis auf die gescheiterte Verfassungsrevolution 1905 zur&#252;ck, die ein Eckpunkt politischer Kultur im Iran ist und hohes Ansehen genie&#223;t. Mit dem Ziel Gerechtigkeit durchsetzen, etablierten die Islamisten zu Beginn der 80er Regeln, die f&#252;r alle galten und die sie damit legitimierten, dass sie das allgemeine Beste seien. Bereits Khomeini argumentiert die Notwendigkeit des Staates aus der Vernunft um ein Gemeinwesen f&#252;r alle einzuf&#252;hren, das allen diene und f&#252;r alle G&#252;ltigkeit bes&#228;&#223;e. Auf dieser Gerechtigkeitsdebatte gr&#252;nden die Gesellschaftskonservativen ihre Angriffe auf die liberalen und staatskonservativen Gegner. Zentral nennen sie die Aspekte der materiellen Korruption und der moralischen Korruption, die das Zusammenleben und den Staat gef&#228;hrden w&#252;rden. Nach ihnen gehen Armut und unislamisches Verhalten Hand in Hand. In ihrem werte- und staatsfetischistischen Weltbild w&#252;rde Armut durch tugendhaftes Verhalten beseitigt werden, weil der Grund der Armut in moralischer Korruption l&#228;ge. Das &#228;ndert nat&#252;rlich nichts an den kapitalistischen Gesetzen, da das Problem gar nicht tangiert wird. So bleibt ihnen als einziger Ausweg um noch den Anschein einer tugendhaften Gesellschaftsordnung zu wahren, bedeutungsschwangere Symbolpolitik zur Tagesordnung zu erheben. Damit sichern sie zugleich die Autorit&#228;t ihrer Ordnungsvorstellungen ab. Sie gehen gegen unangepasste Frauen, Intellektuelle und Jugendliche vor, die durch ihr Verhalten den Staat und die soziale Ordnung gef&#228;hrden w&#252;rden und denen sie in der Regel unislamisches Verhalten oder Angriff auf den Islam vorwerfen. So nimmt der Diskurs vom allgemeinen Besten auch eine Transformation hin zur Bewahrung der Autorit&#228;t. In der gesellschaftlichen Wirkung bleibt die soziale Kontrolle &#252;ber die Menschen und das Patriarchat in der Familie gewahrt – also Zugriffsrechte einer bestimmten Gruppe &#252;ber eine andere. Dies wird von einem Rechtfertigungsdiskurs begleitet, der auf das allgemeine Beste und die Unterst&#252;tzung der Prinzipien abhebt und gar nicht so un&#228;hnlich hiesigen Ansichten ist. Zum Diskurs der Frauenunterdr&#252;ckung ist die konservative Ministerin Nasrin Soltankhan zu nennen. Sie verficht das Konzept der Selbstverwirklichung der Frau in Familie und Beruf und zwar mit der Forderung nach Chancengleichheit. Der egalit&#228;re Ton dieser Agenda – gleiche Chancen, mehr Berufe f&#252;r Frauen &#8211; erzeugt die Illusion eines doch passablen Lebens der Frauen im Iran. Einmal abgesehen von der Fragw&#252;rdigkeit dises neoliberalen Selbstverwirklichungsdiskurses, wird hier die Forderung nach beruflichem Fortkommen f&#252;r Frauen mit der gleichzeitigen R&#252;ckbindung der Reproduktionsfunktion an die Familie verbunden ganz so, wei es auch der politischen Praxis entspricht (so werden z.B. bisher staatliche Sozial- und Erziehungsprogramme gestrichen und die Aufgaben auf die Familie und damit i.d.R. die Frau abgeladen). Zugleich wird nicht thematisiert,  welche sozialen und famili&#228;ren Voraussetzungen erf&#252;llt sein m&#252;ssen, um in den Genuss der Chancen zu kommen. Es erscheint daher so, als sei alles in bester Ordnung, als gebe es  keine juristische Ungleichheit, h&#228;usliche Gewalt, geringeren Lohn, &#220;berwachung durch Repressionsorgane und die Reduktion der Frauen auf Arbeitstiere im Haushalt. Ausgeblendet werden dementsprechend auch die Folgen auf Seite der Frauen wie erzwungene Unterw&#252;rfigkeit, verbreitete Depressionen und Selbstmorde (Bayat 2007, S.60ff).<br />
Ein weiteres wichtiges Element konservativer Politik, besonders f&#252;r die innere Konsolidierung, ist die Instrumentalisierung der Au&#223;enpolitik. Dies ist vor allem die Selbstbehauptung im internationalen System.<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup> Dabei stellen sich die Konservativen in eine lange Reihe popul&#228;rer Pers&#246;nlichkeiten und Ereignisse &#8211; von Mossadeqs Verstaatlichung der Erd&#246;lindustrie und anschlie&#223;ender US-Intervention, Jalal-e Ahmeds bekannten s&#228;kular-nationalistischen Werk Gharbzadegi (Verwestgiftung) bis zum 1. Golfkrieg, als die westlichen Regierungen Saddam Hussein auf den Iran hetzten. Gerade durch diesen Krieg gelang es bereits Khomeini seine Islamische Kulturrevolution durchzusetzen. Er verwies darauf, dass man einheitlich vorgehen m&#252;sse und sich durch Streit nicht zersplittern d&#252;rfe. Opposition wie Kritiker gleicherma&#223;en verfolgte und ermordete er und setzte schlie&#223;lich seine „Prinzipienrevolution“ in Erziehung und Bildung durch. Noch heute hat der Krieg immense Bedeutung, da praktisch jede Familie Opfer zu beklagen hat, und fast alle gro&#223;en St&#228;dte Bomben- und Giftgasangriffen ausgesetzt waren. Der traditionelle-schiitische M&#228;rtyrerkult machte daraus eine Tradition, die bis heute eine enorme Wirkung entfaltet. Ahmedinejad – in guter Tradition Khomeinis – instrumentalisiert schlie&#223;lich den Nahostkonflikt um sich selbst profilieren zu k&#246;nnen. In einer politischen Gerechtigkeitsdebatte attackiert er die israelische Politik um sich selber als tugendhaft und standhaft darstellen zu k&#246;nnen. Damit zielt er sowohl auf die Region wie auf die eigene Bev&#246;lkerung um Zustimmung zu gewinnen. (Takeyh 2006, S.190)<br />
In Gesellschaft und Wirtschaft sind die beiden konservativen Lager auf drei Ebenen verankert. (1) In Staat und Beh&#246;rden halten sie zahlreiche Spitzen&#228;mter besetzt, v.a. in Kultur- und Erziehungsbeh&#246;rden und im Sicherheitsapparat. (2) Sie rekrutieren sich aus jeweils bestimmten gesellschaftlichen Schichten und werden von diesen finanziell, personell und moralisch unterst&#252;tzt. Bis zur Revolution und in den 80er Jahren waren dies die Bazaarh&#228;ndler. Sie wurden aber zunehmend von institutionalisierten Kreisen abgel&#246;st (vgl. Keshavarzian 2007). Die Staatskonservativen werden v.a. von opportunistischen Gruppen in der Mittelschicht unterst&#252;tzt, die ihren Status halten m&#246;chten. Die Gesellschaftskonservativen werden dagegen von keiner bestimmten Gruppe unterst&#252;tzt, sondern sind sowohl von ihrer Ideologie populistisch wie in den Unterst&#252;tzerkreisen. Die Spitzenelite besteht jedoch aus Milit&#228;rs (s.o. Haqqani-Zirkel). Religi&#246;s Gebildete finden sich bis auf wenige Ausnahmen wenige. So ist nach den vergangenen beiden Pr&#228;sidenten Ahmedinejad der erste ohne klerikalen Titel oder auch nur tiefere theologischer Kenntnis.<sup><a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></sup> (3) Die institutionalisierten Gruppen finden sich nicht nur in &#196;mtern. In der Wirtschaft finden sie sich in den Staatsbetrieben der Pasdaran, dem Waqf und der Bonyads. Waqf hei&#223;en die religi&#246;sen Stiftungen mit Farmland, Plantagen und Immobilien. Sie sind jeweils an Moscheen, Medressen (Hochschulen) und Hawzas (Seminare) gebunden. Bonyads sind verwaltungstechnisch spezielle Waqf. Sie unterstehen nominell dem Obersten F&#252;hrer, der ihre Verwaltung mit geeigneten Leuten besetzt. Beide Institutionen sind wichtig als Unternehmen und Agenturen f&#252;r Sozialf&#252;rsorge.</p>
<p>Das wirtschafts- und mittelschichtfreundliche Reformlager bildete mit Rafsanjani von 1989 bis 1997 die Regierung. F&#252;r sie tritt Mehdi Karroubi an. Er kritisiert den W&#228;chterrat vehement. Dieser hatte zahlreiche Kandidaten von der Wahl gebannt und Gesetze blockiert. Er ist aber nach wie vor Anh&#228;nger Khomeinis und h&#228;lt an der Institution des Obersten F&#252;hrer fest. Wirtschaftspolitisch vertritt er eine exportorienterte Industrialisierung und kontrollierte &#214;ffnung der G&#252;ter- und Finanzm&#228;rkte. Dies soll Direktinvestitionen aus dem Ausland anlocken und Arbeitspl&#228;tze f&#252;r die wachsende Bev&#246;lkerung schaffen. Damit steht er etwa auf der Linie der Weltbank, was wiederum von Ahmedinjad als Kapitulation vor ausl&#228;ndischen Forderungen angegriffen wird. Bereits die Ann&#228;herung an China, Russland und die EG/EU unter Rafsanjani bewertet er so. Die Mehrzahl der Anh&#228;nger stammt aus dem Milieu der aufstiegsorienterten und konservativen Mittelschicht. Sie sind gesellschaftlich konservativ, wie &#246;konomisch opportunistisch und versprechen sich durch Liberalisierung der Ein- und Ausfuhrbeschr&#228;nkungen materielle Verbesserungen.</p>
<p>Die liberalsten Ansichten vertrat im Iran bislang die Regierung Khatami von 1997-2005.<sup><a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a></sup> Mit ihr gelangte eine liberalere, pluralistisch aufgestellte Gesellschaftsauffassung auch ins Parlament. Presse-, Informations- und Versammlungsrechte wurden liberalisiert. Zahlreiche Zeitungen wurden gegr&#252;ndet und soziale Bewegungen kritisierten nun viel offener das restriktive Gesellschaftsmodell, den &#220;berwachungsstaat und griffen selbst die theokratischen Institutionen wie den Obersten F&#252;hrer und den W&#228;chterrat an. Die Reformer haben drei wesentliche gesellschaftliche Wurzeln: (1) liberale Kleriker<sup><a name="sdfootnote14anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a></sup>, (2) soziale Bewegungen der Jugend, Frauen und Intellektuellen und (3) ehemalige Revolution&#228;re und Mitglieder der Golfkriegsgeneration mit liberalen Ansichten. Besonders die herausragenden Pers&#246;nlichkeiten entstammen Sicherheitsbeh&#246;rden, den Pasdaran (Akbar Ganji) oder waren Revolution&#228;re (z.B. der Besetzer der US-Botschaft Abbas Abdi). Diese Entwicklung in der Gesellschaft wie auch in staatlichen Institutionen zeigt auch wie sehr konservative Ansichten schwanden seit dem Tod Khomeinis. Der gr&#246;&#223;te Mangel der Reformer liegt aber zugleich in der Vielfalt ihrer Meinungen und Vorstellungen. Abgesehen von dem Willen zur Reform und Macht&#252;bernahme verbindet sie nichts. Sie k&#246;nnen sich nicht &#252;ber den Charakter und Inhalt von Regierung und Reform einig werden. Zu sozialen Fragen haben sie sich kaum ge&#228;u&#223;ert. Dieses Feld konnte daher Ahmedinejad leicht besetzen und warf den liberalen Anh&#228;ngern aus der Mittelschicht moralische Korruption vor. Wegen der Repression und der Zerw&#252;rfnisse im Lager der Reformer blieben ihre Anh&#228;nger seit 2003 Wahlen fern.<br />
Die Liberalen wie auch Khatami haben ihre Unterst&#252;tzung f&#252;r Mir Hossein Moussavi bekundet. Er war in den 80er Jahren Premierminister und hat die Wirtschaft w&#228;hrend des Golfkrieges aufrechterhalten und v.a. die Notleidenden versorgt. Dadurch besitzt er enormes wirtschaftliches und soziales Renomée. Er stammt jedoch nicht aus einem liberalen Milieu und man mutma&#223;t eine Beteiligung an den Massenmorden an Oppositionellen in den 80er Jahren.</p>
<h3>Einschr&#228;nkungen im institutionellen und au&#223;erinstitutionellen Politikgef&#252;ge</h3>
<p>Das wichtigste Kennzeichen des iranischen Staates ist seine Doppelstruktur. Es gibt repr&#228;sentative Elemente, die sich aus Parlament, Expertenrat und Pr&#228;sident zusammensetzen. Diese Institutionen werden von der Bev&#246;lkerung gew&#228;hlt. Da Khomeinis Ideologie vom vilayet-e faqih aber davon ausgeht, dass menschliche Begehrlichkeiten notwendig zu Ungerechtigkeit und Anarchie f&#252;hren, gibt es eine zweite Struktur, die &#252;ber die Einhaltung des allgemeinen Besten wacht. Der Oberste F&#252;hrer steht an ihrer Spitze. Er ist auch das Staatsoberhaupt. Nach dem Tod Khomeinis &#252;bt seit 1989 Khamenei dieses Amt aus. Seine Aufgabe ist die Bewahrung der islamistischen Ordnung in der Gesellschaft durch staatliche Eingriffe. Er wird auf unbestimmte Dauer vom Expertenrat gew&#228;hlt und kann von ihm auch wieder abgew&#228;hlt werden bei entsprechenden Verfehlungen oder wenn dem Rat Personen besser geeignet erscheinen. Der Expertenrat hat dar&#252;ber hinaus die Funktion den F&#252;hrer zu beraten und eine Liste m&#246;glicher Nachfolger zu erstellen. Der W&#228;chterrat bildet die zweite S&#228;ule der Kontrollstruktur. Der W&#228;chterrat setzt sich parit&#228;tisch zusammen aus sechs vom Parlament vorgeschlagenen und vom Chef der Justiz best&#228;tigten Personen und sechs durch den Obersten F&#252;hrer ernannte Personen. Gegen&#252;ber dem Parlament nimmt er quasi die Funktion einer zweiten Kammer ein. Gesetze, die das Parlament verabschiedet hat, k&#246;nnen vom W&#228;chterrat abgelehnt werden. In der Vergangenheit hat diese Kompetenz zu zahlreichen Konflikten mit dem Parlament gef&#252;hrt. Daher wurde der Schlichtungsrat eingerichtet, der zu ihrer L&#246;sung als unabh&#228;ngige Vermittlungskommission auftritt. Die Mitglieder dieses Rats werden ebenfalls vom Obersten F&#252;hrer bestimmt. Die zweite Kontrollfunktion des W&#228;chterrates besteht darin Kandidaten f&#252;r das Parlament und den Expertenrat auf ihre Eignung zu testen und abzulehnen. Auf einer dritten Ebene befinden sich Beh&#246;rden, die dem Oberste F&#252;hrer unterstehen. Dies sind das Fernsehen, die Revolutionsgarden (Pasdaran), die Streitkr&#228;fte, das Revolutionsgericht, die Sondergerichte und nat&#252;rlich die Sicherheitskr&#228;fte in Geheimdienst und Polizei. Der Oberste F&#252;hrer bestimmt auch den Chef des Justizsystems – im Iran gibt es kein eigenes Verfassungsgericht, diese Aufgaben werden vielmehr von verschiedenen Gerichten wahrgenommen.<br />
Der Oberste F&#252;hrer steht einer Vielzahl Institutionen und Beh&#246;rden vor und kann somit seine eigene Politik durchsetzen.<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup> Die zentrale Rolle des Obersten F&#252;hrers wird aus seiner Machtf&#252;lle deutlich, die er direkt und indirekt aus&#252;ben kann.<sup><a name="sdfootnote16anc" href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a></sup> So ist er quasi nicht absetzbar, da die Mitglieder des Expertenrats, die diese Kompetenz besitzen, vom W&#228;chterrat zugelassen werden. Der Oberste F&#252;hrer bestimmt zu 50% den W&#228;chterrat und die andere H&#228;lfte wird vom Chef der Justiz &#252;berpr&#252;ft, den er auch wieder bestimmt. Der W&#228;chterrat kann durch seine Vetorechte auch das Parlament einschr&#228;nken.<br />
Die jeweiligen M&#246;glichkeiten des Pr&#228;sidenten h&#228;ngen somit sehr stark vom jeweiligen F&#252;hrer ab. Khamenei ist zwar ein Konservativer, aber priorit&#228;r vertritt er den Erhalt des Staates statt sozialer Kontrolle. In der Innenpolitik verf&#228;hrt Khamenei integrativ, in dem er Reformer um Rafsanjani und Khatami einbindet, auch wenn er damit dem System zumindest in Bereichen liberalere Auslegung gestatten muss.<sup><a name="sdfootnote17anc" href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a></sup> Somit trat bei ihm der Anspruch die Gesellschaft entlang ideologischer Leitlinien zu strukturieren in den Hintergrund und wurde zunehmend von polit&#246;konomischen Entscheidungen abgel&#246;st. Werden die Forderungen von Oppositionellen zu gro&#223;, ging er repressiv vor oder der W&#228;chterrat blockierte Gesetze. Rafsanjanis Privatisierungswelle h&#228;tte auch die Betriebe der Pasdaran umfasst und wurde daher blockiert. Das Vorhaben der Reformer um Khatami ging sogar weit &#252;ber die Wahrnehmung der B&#252;rgerrechte hinaus. Die Institutionen wollten sie so transformieren, dass der Oberste F&#252;hrer nur noch die Repr&#228;sentationsfunktion besitze solle und vom Volk zu w&#228;hlen sei. Die Konservativen griffen dagegen zu zwei Instrumenten. Khameneis Gerichtsh&#246;fe sprachen Zensur und Presseverbote aus und klagten Intellektuelle und liberale Kleriker an. Gegen Demonstrationen ging man nicht nur in den Medien vor und die soziale Kontrolle &#252;ber Frauen, Jugendlichen und Intellektuelle sollte versch&#228;rft werden. Aber Beh&#246;rden, die eigentlich Khamenei unterstanden, setzten seine Politik kaum oder nur z&#246;gerlich um, und selbst die Pasdaran waren in drei Fl&#252;gel gespalten, einen reformerischen und die zwei konservativen. Das Dilemma des schwindenden Einflusses der Konservativen zeigte sich darin, dass kaum mehr Polizisten bereit waren die Demonstranten niederzukn&#252;ppeln oder Frauen zu kontrollieren. Daher wurde das zweite, das au&#223;erinstitutionelle Instrument der Islamisten aktiviert. Schl&#228;gertrupps der Basiji und Ansar-e Hizbullah wurden auf die Demonstranten gehetzt und gewaltt&#228;tige Zwischenf&#228;lle mit den Sicherheitsorganen inszeniert. In der Folge distanzierte sich Khatami von den Demonstranten. Geheimdienste und Schl&#228;gertrupps greifen bis heute die Opposition an, verschleppen, foltern und ermorden zahlreiche Mitglieder. Ende der 90er Jahre hat man gezielt in der &#214;ffentlichkeit, also auf offener Stra&#223;e oder in Veranstaltungen, Intellektuelle angegriffen oder ermordet um die Reformer einzusch&#252;chtern. Bekannteste F&#228;lle sind der Anschlag auf Saeed Hajjarian und die Serienmorde 1998.</p>
<h3>Die gesellschaftliche Wirkung</h3>
<p>Die Wahl des Pr&#228;sidenten ist f&#252;r alle drei Lager wichtig, da sie gleichzeitig mit dem Amt gesellschaftliche und wirtschaftliche &#196;nderungen verbinden. Wie die institutionelle Verflechtung zeigt, ist es aber nicht m&#246;glich nur &#252;ber die gewonnene Pr&#228;sidentenwahl einen Wandel herbeizuf&#252;hren. Begr&#252;&#223;enswert ist aber ein Sieg der Reformer dahingehend, dass zumindest in Teilen die soziale Kontrolle abnimmt. Allerdings geben sie sich einer Politikillusion hin. Sie glauben durch die &#196;nderung politischer Parameter – wie die gewonnen Wahlen – eine &#196;nderung der sozialen Kontrolle herbeif&#252;hren zu k&#246;nnen. Ungeachtet der Oberhoheit des Obersten F&#252;hrers und den au&#223;erinstitutionellen Vetom&#228;chten, trifft dies das Problem nicht wesentlich. Ganz im Gegenteil entfaltet diese Staatsfixierung drei Wirkungen: (1) Jegliche Aktivit&#228;t richtet sich nur noch an den Staat als Adressaten, da man in ihm den Garanten des allgemeinen Besten sieht &#8211; so z.B. die Kampagne „Eine Millionen Unterschriften“ f&#252;r die juristische Gleichstellung der Frauen. (2) Um an der Politik teilnehmen zu k&#246;nnen, akzeptieren die Kandidaten die Regeln mit all ihren Einschr&#228;nkungen. F&#252;r die Wahl werden sie durch den W&#228;chterrat zugelassen und dadurch in die Mechanismen des herrschenden Konservatismus integriert und m&#252;ssen seinen Diskurs und seine Politik akzeptieren. Damit nehmen sich viele freiwillig zur&#252;ck und unterlassen sich exponiert kritisch zu &#228;u&#223;ern – viele andere machen dies dennoch und werden daher vom W&#228;chterrat von der Wahl ausgeschlossen. (3) Dadurch baut sich auch die dritte Wirkung auf. Politik wird nur noch als das Erreichen des Mandats betrachtet. Es tritt dabei in den Hintergrund, welchen Zweck man anstrebt. Verwaltung und Bestand des Systems bleiben gewahrt, da weder eine ideologische, noch praktische Infragestellung stattfindet, und sich jede &#196;nderung auch nur &#252;ber die Politik artikuliert. Interessenkonflikte werden somit zu Konflikten um Zugang zum Machtapparat.<br />
Die weiteren Ebenen des Wandels, in der Gesellschaft, in den Medien und Kultur – Ansichten zu nichtkapitalistischer Bed&#252;rfnisbefriedigung sind nat&#252;rlich nicht zu erwarten – werden dagegen wenig verfolgt. Dabei wird au&#223;er Acht gelassen, welches eine der gesellschaftlichen Basen der Konservativen ist, die man &#228;ndern k&#246;nnte. Gerade die Ansicht der Gesellschaftskonservativen zur Wirtschaft zeigt die ideologische Verarbeitungsform, dass n&#228;mlich moralische und soziale Korruption verschr&#228;nkt seien. Materielle Gerechtigkeitsdebatten werden so gef&#252;hrt, dass der Vorwurf an die Mittelschichten und die Reichen sich in der Form artikuliert, warum sie nicht selber arm sind. An der Armut wird diese Politik nichts &#228;ndern, sondern sie nur als Ausdruck der moralischen Korruption umdeuten. Eine Gegenposition, die dabei nicht die materielle Basis aufnimmt, wird daher auch ideologisch nicht wirksam werden.<br />
Die dominanten Diskurse im Iran zeigen grundlegend ein besonderes Ph&#228;nomen. Nicht nur ist wie in jedem Staat die Staatsaffirmation zu sehen. Das Basisprinzip des allgemeinen Besten, von dem Forderungen und Weltanschauungen abgeleitet werden, ist fast immer die Religion. Wesentliche Fragen, wie die der Bed&#252;rfnisse, werden so bestenfalls indirekt behandelt. Es ist auch nicht sehr verwunderlich, wenn man bedenkt, dass viele Reformer und Liberale selber klerikale W&#252;rdentr&#228;ger sind, die fr&#252;her an der Revolution und dem Golfkrieg mitgewirkt haben. Asef Bayat (2007) hat diese historische Entwicklung als Post-Islamismus bezeichnet. Das Prinzip die Religion als ideologische Leitlinie zu etablieren haben die Postislamisten abgelegt. Sie greifen die Entwicklungen in der Gesellschaft nach Partizipation, pluralen Lebensstilen und selbstgew&#228;hlter Entfaltung Rechnung, verbinden sie aber mit Glauben und Religiosit&#228;t. (Bayat 2007, S.10f) Dabei k&#246;nnen sie viel besser der Modernisierung im Iran der vergangenen 30 Jahren mit gestiegener Kaufkraft, der Herausbildung einer Mittelschicht und des hohen Akademikeranteils gerecht werden als die Konservativen. W&#228;hrend die Konservativen Vorschriften machen und auf die Einhaltung ihrer Ansichten pochen, m&#246;chte die Mittelschicht sowohl Glauben wie Partizipation miteinander verbinden. Damit f&#252;hren sie nur den konsequent den religi&#246;sen Diskurs weiter und l&#246;sen ihn v&#246;llig von der materiellen Ebene. Sie erwecken damit auch fast den Eindruck, dass materielle Fragen nicht interessieren. Angesichts der Armut im Iran ist daher kaum verwunderlich, dass die Reformer haupts&#228;chlich in der Mittelschicht Anh&#228;nger finden, die sich selbst verwirklichen m&#246;chte.<br />
<strong><br />
Fu&#223;noten:</strong></p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1</a> In der politischen Kultur des Iran spielen Frauen praktisch keine Rolle und hatten sie ungeachtet diverser Kommentare auch nicht unter dem Schah. Um dies entsprechend zu reflektieren wird an den entsprechenden Stellen nur das m&#228;nnliche Genus verwendet.<br />
<a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2</a> Einen guten Eindruck der Hoffnung und Erwartung der Reformer bietet die persisch-englische Online-Zeitung Rooz.<br />
<a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">3</a> Weitere Themen sind die Nutzung der Kernenergie, F&#246;rderung der Exportwirtschaft, F&#246;rderung des l&#228;ndlichen Raumes, Bildung und Reformen staatlicher Institutionen.<br />
<a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">4</a> In diesem Artikel wird Konservatismus synonym zum iranischen Islamismus betrachtet. Der iranische Islamismus unterscheidet sich durch seine Staatsfixiertheit und die klerikale Institutionalisierung von anderen Islamisten, z.B. von den Muslimbr&#252;dern oder der Jamaat-e Islami. Zudem fehlt ihm ein &#228;hnliches Konzept zur Jahiliya, d.h. der Bewertung, dass alle Moslems au&#223;er ihnen selbst degenerierte Moslems seien, die es zu islamisieren gelte. Aber sie verf&#252;gen im Gegensatz zum europ&#228;ischen Konservatismus &#252;ber kein Identit&#228;tskonzept, das Volksgemeinschaft und Herkunft in den Mittelpunkt r&#252;ckt. Im Mittelpunkt steht im Iran der 12. Imam, der nach g&#228;ngiger Eschatologie als Mahdi zur&#252;ckkehren wird (vgl. zum Schi’ismus Halm 1988).<br />
<a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">5</a> &#220;ber diese individuelle Erkenntnis verankern sunnitische Islamisten auch das individuelle Leistungs- und Anerkennungsprinzip, sowie die als Almosensteuer firmierende Social Charity.<br />
<a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc">6</a> Eine gute Untersuchung konservativer Ansichten &#252;ber den Staat bietet Greiffenhagen (1986, S.172-191) mit verbl&#252;ffenden Parallelen zum Staatsverst&#228;ndnis iranischer Konservativer.<br />
<a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc">7</a> Man muss dazu sagen, dass hiervon auch viele normative Demokratietheorien ausgehen. Es sollen jedoch Partikularinteressen durch Gewaltenteilung und Kompetenzverschr&#228;nkung geb&#228;ndigt werden statt durch einen Herrscher. Je nach Ansicht, soll sich dann entweder das Interesse mit dem gr&#246;&#223;ten R&#252;ckhalt durchsetzen oder ein Kompromi&#223; gefunden werden, der Mindermeinungen und –interessen ber&#252;cksichtigt.<br />
<a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc">8</a> Wie im klassischen Konservatismus sind also alle Menschen asozial, faul und selbsts&#252;chtig, au&#223;er eben die Vertreter der Obersten Gewalt und die ihnen beigeordneten Repressionsorgane. Atypisch ist hier Platons Politeia mit der Gliederung von Philosophenk&#246;nig, W&#228;chter und Handwerker/Bauern, die bestimmte Funktionen im Staat zu erf&#252;llen haben. Im Leninismus f&#252;llt die Avantgarde diese Rolle aus.<br />
<a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc">9</a> Bei der Lekt&#252;re Mesbahs Schriften f&#228;llt zun&#228;chst der hohe intellektuelle Anspruch auf sowie seine breite W&#252;rdigung klassische griechischer, westlicher und islamischer Staatsphilosophie. Westliche Konservative, z.B. Udo di Fabio, Alain de Benoist, verf&#252;gen nicht &#252;ber derartige intellektuelle F&#228;higkeiten.<br />
<a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc">10</a> Hier sei auf die Recherche des Lesers im Internet verwiesen um sich &#252;ber ihre bisherigen Taten von Zensur, Unterdr&#252;ckung und Mord ein Bild zu machen.<br />
<a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc">11</a> Einige Autoren nennen es Antiimperialismus, einige europ&#228;ische Linke vermeinen dies auch. Stattdessen handelt es sich um einen Gegenimperialismus. Weder geht es um Emanzipation, noch um Befreiung, sondern tats&#228;chlich um regionale Dominanz, die aktuell Ahmedinejad und die Pasdaran anhand der 2020-Strategie diskutieren.<br />
<a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc">12</a> Das „Institut zur Verbreitung der Ideen Ahmedinejads“ unter Leitung Mesbah-Yazdis ist daher stets bem&#252;ht seine &#196;u&#223;erungen irgendwie religi&#246;s zu fassen bzw. zu legitimieren. Da Ahmedinejads Gesellschaftsbild jedoch recht schlicht ist, ist dies nicht sonderlich schwierig.<br />
<a name="sdfootnote13sym" href="#sdfootnote13anc">13</a> Das „Institut zur Verbreitung der Ideen Ahmedinejads“ unter Leitung Mesbah-Yazdis ist daher stets bem&#252;ht seine &#196;u&#223;erungen irgendwie religi&#246;s zu fassen bzw. zu legitimieren. Da Ahmedinejads Gesellschaftsbild jedoch recht schlicht ist, ist dies nicht sonderlich schwierig.<br />
<a name="sdfootnote14sym" href="#sdfootnote14anc">14</a> Bush forderte bekanntlich vor der Wahl 2005 den „regime change“. Den bekam er dadurch auch. Ahmedinejad setzte sich durch.<br />
<a name="sdfootnote15sym" href="#sdfootnote15anc">15</a> In der EU gibt es mit der Kommission &#252;brigens ein Gremium, das mit einem &#228;hnlichen demokratischen Defizit ausgestattet ist.<br />
<a name="sdfootnote16sym" href="#sdfootnote16anc">16</a> Eine tiefere und detailreichere Analyse findet sich bei Ganji (2008).<br />
<a name="sdfootnote17sym" href="#sdfootnote17anc">17</a> In vielen autorit&#228;ren Staaten ist dieser korporativistische Zug vorhanden. Dabei wird die Kontrolle der Gesellschaft durch Einbindung von Berufs- und Sozialgruppen, z.B. Anwalts-, Studenten- und Frauenverb&#228;nde, angestrebt, w&#228;hrend die Gesellschaft einer kontrollierten Toleranz unterworfen wird. Geradezu paradigmatisch ist hier Mexiko zu nennen, aber auch &#196;gypten oder Turkmenistan.</p>
<p><strong>Literatur:</strong><em></em></p>
<p><em>Bayat, A. (2007). Making Islam democratic: Social movements and the post-islamist turn. Stanford University Press.</em></p>
<p><em>Ehteshami, A. &amp; M. Zweiri (2007). Iran and the rise of its neoconservatives. The politics of Tehran’s silent revolution. I.B.Tauris.</em></p>
<p><em>Feldman, N. (2008). The fall and rise of the Islamic State. Princeton University Press.</em></p>
<p><em>Ganji, A. (2008). The latter-day Sultan. Power and Politics in Iran.<br />
In: Foreign Affairs. Nov/Dec 2008</em><em></em></p>
<p><em>Greiffenhagen, M. (1986). Das Dilemma des Konservatismus in Deutschland. Suhrkamp.</p>
<p>Halm, H. (1988). Die Schia. Wissenschaftlicher Buchverlag.</p>
<p>Keshavarzian, A. (2007). Bazaar and State in Iran. The politics of Tehran Marketplace. Cambridge University Press.</p>
<p>Takeyh, R. (2006). Hidden Iran. Paradox and Power in the Islamic Republic. Times Books.</em></p>
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