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	<title>krisis &#187; Dead Men Working</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Arbeitsterror und Arbeitskritik</title>
		<link>http://www.krisis.org/2007/arbeitsterror-und-arbeitskritik</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2007/arbeitsterror-und-arbeitskritik#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 31 Dec 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>

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		<description><![CDATA[Repressive Toleranz und ihre Grenzen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/a83241269ef044cdb0da6db5bff2a125" width="1" height="1" alt=""></span></p>
<h3>Repressive Toleranz und ihre Grenzen</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/2007/terreur-du-travail-et-critique-du-travail">franz&#246;sische Version</a></p>
<p>Erweiterung des Textes von 2000 f&#252;r die krisis-Homepage</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>Die moderne westliche Gesellschaft feiert sich gewohnheitsm&#228;&#223;ig als Hort von Toleranz und Freiheit und das moderne Warensubjekt behauptet gerne von sich, es kenne keine Tabus. N&#228;her besehen erweist sich die vermeintliche Vorurteilsfreiheit des modernen Warensubjekts indes als blo&#223;e Schmerzunempfindlichkeit und als Resultat einer mimetische Anpassung an einen Zustand konsequenter Entm&#252;ndigung. Diese Gesellschaft konditioniert ihre Mitglieder darauf, dass die Entscheidung &#252;ber den Inhalt des gesellschaftlichen Reichtums und die Ausgestaltung des sozialen Zusammenhangs nicht ihrer bewussten Verst&#228;ndigung obliegt, sondern einer anonymen Instanz, dem Markt. Ob Senf oder Waschpulver, ob sexuelle Pr&#228;ferenzen oder politische Meinungen, das Marktg&#228;ngige ist das Richtige und das Unverk&#228;ufliche das Falsche. Offen und vorurteilsfrei geht das moderne Warensubjekt nur insofern durchs Leben als es die Stellung des Marktes als einzig legitime Anerkennungsinstanz verinnerlicht hat und sich ihm gesellschaftliche Beziehungen immer schon in Angebots- und Nachfragerelationen &#252;bersetzen.</p>
<p><span id="more-315"></span>Ihre Identifizierung mit der vorbehaltlosen Unterwerfung unter die Macht von Ware und Markt kennzeichnet die herrschende Toleranz aber nicht nur als „repressive Toleranz“ (Herbert Marcuse) Dieser innere Zusammenhang bestimmt gleichzeitig deren Grenzen und den Umschlagspunkt, an dem der alles verdauende Stumpfsinn des Warensubjekts blankem Hass Platz macht. In einer Gesellschaft, in der Verk&#228;uflichkeit das alles entscheidende Kriterium ist, gilt eines prinzipiell als unannehmbar und asozial: die Weigerung die eigene Haut zu Markte zu tragen und mangelnde Disziplin bei der Selbstzurichtung zur Ware. In dieser Hinsicht zeigt sich der sonst so coole Warenverstand ausgesprochen humorlos und sieht angesichts jeder Widerborstigkeit sofort rot: Wer kein Geld hat, Wer kein Geld hat, mit dem er arbeiten l&#228;sst, hat selbst zu arbeiten oder zumindest seine unbedingte Arbeitsbereitschaft unter Beweis zu stellen, oder sein Existenzrecht ist verwirkt. Die erlittene Zumutung, sich permanent als „Humankapital“ zuzurichten, findet ihr Ventil in einer permanenten Mobilmachung gegen alles, was sich diesem Zwang nicht bedingungslos f&#252;gen k&#246;nnte.</p>
<p>Dieser Geist „repressiver Toleranz“ durchweht die politische Sph&#228;re. Mehrheitsf&#228;hig sind heute vornehmlich virtuose Eklektiker, die sich allzeit „undogmatisch“, „lernf&#228;hig“ und nach allen Seiten hin „dialogbereit“ zeigen. In der Politik k&#246;nnen aber nur deshalb alle mit allen &#252;ber alles reden, weil au&#223;er Zweifel steht, was das Ziel aller gesellschaftlichen Ziele ist, n&#228;mlich: „Arbeit, Arbeit, Arbeit“.</p>
<p>Man gibt sich offen, weil es immer nur um Umsetzungsfragen geht, darum, wie die unter dem Label „Modernisierung“ und „Besch&#228;ftigung“ verkauften &#246;konomischen Imperative durchzusetzen sind, w&#228;hrend das Ob und Warum immer schon au&#223;er Frage steht.</p>
<p>Wer sich an diese Gesch&#228;ftsordnung nicht h&#228;lt und die Zwangsorientierung auf Akkumulation und Besch&#228;ftigung selbst zum Thema macht, erf&#228;hrt sehr schnell die Grenzen der offiziell allzeit beschworenen Diskussionsbereitschaft. Wirtschaftswachstum und Arbeit sind heute mindestens so sakrosankt wie im Mittelalter die heilige Dreifaltigkeit. Auch die Warengesellschaft hat ihr Tabu, an das niemand r&#252;hren darf, ohne dass sich die ach so Aufgekl&#228;rten sofort als regelrechte Gotteskrieger entpuppen.</p>
<p><strong>Wer das Kapital loswerden will, muss die Arbeit loswerden</strong></p>
<p>1999 trat die Gruppe „Krisis“ mit einem „Manifest gegen die Arbeit“ an die &#214;ffentlichkeit. Schon der Titel verr&#228;t, dass die Publikation Ansto&#223; erregen sollte. Wo alle politischen Richtungen sich im Schrei nach Arbeit einig sind, erkl&#228;rt das Manifest das Gut der G&#252;ter zum Grund&#252;bel und die versprochene Erneuerung der arbeitsgesellschaftlichen Perspektive im Zeichen von New Economy, Dienstleistungskapitalismus und Arbeitskraftunternehmertum als veritable Drohung.</p>
<p>Den Verfassern ging es indes um mehr als eine gezielte Provokation. Die ebenso groteske wie allgegenw&#228;rtige Arbeitsideologie verweist unmittelbar auf den Kern kapitalistischer Zurichtung. Mit der Attacke auf die Arbeit soll die Grundlage und der schwache Punkt der warengesellschaftlichen Ordnung blo&#223;gelegt werden. Der Arbeitszwang und der positive Bezug auf ihn spielt die Schl&#252;sselrolle bei der Abrichtung der Menschen zu Warensubjekten.</p>
<p>Bei der Kritik der Arbeit und dem Gedanken ihrer Aufhebung handelt es sich um weit mehr als eine polemische &#220;berspitzung. Beides ist durchaus w&#246;rtlich zu nehmen. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass sich heute eine theoretische konsistente und auf der H&#246;he der Zeit befindliche Kapitalismuskritik &#252;berhaupt nur noch als konsequente Arbeitskritik formulieren l&#228;sst.</p>
<p>Der Versuch, Kapitalismuskritik mit einer radikalen Kritik der Arbeit neu zu begr&#252;nden, hebt sich sehr deutlich vom &#252;berlieferten Antikapitalismus ab. Im Soziologenjargon w&#252;rde man wohl von einem „Paradigmenwechsel“ sprechen.</p>
<p>Das traditionelle linke Verst&#228;ndnis deutete Arbeit und Kapital als einander feindliche Prinzipien, und ihre Beziehung als absoluten Gegensatz. Die Arbeit galt ihm als eine „ewige Naturnotwendigkeit“, die nur &#228;u&#223;erlich vom Kapital &#252;berformt und f&#252;r den Zweck der Profitproduktion missbraucht wird. Die Kritik der Arbeit hebt auf einen anderen Zusammenhang ab. Die Kategorien Arbeit und Kapital bezeichnen einen relativen Gegensatz, einen Gegensatz innerhalb des gleichen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisses. Sie stehen f&#252;r zwei Seiten der gleichen Ordnung, betrachten dasselbe gesellschaftliche Verh&#228;ltnis, nur von zwei verschiedenen Seiten her. Arbeit kann grunds&#228;tzlich gar nichts anderes sein als die spezifisch kapitalistische T&#228;tigkeitsform. Das Kapital wiederum stellt „geronnene Arbeit“ dar.</p>
<p>Die Identit&#228;t von Arbeit und Kapital ist nicht blo&#223; im Sinne der vom Marxismus aus der klassischen National&#246;konomie &#252;bernommenen „objektiven Wertlehre“ zu verstehen, derzufolge die Arbeit die „Substanz“ des Werts und damit die einzige Quelle von Wertsch&#246;pfung bildet. Sie reicht wesentlich tiefer. All das, was kapitalistische Herrschaft ausmacht, ist bereits der Kategorie Arbeit eigen.</p>
<p>Wer das Hohe Lied der Arbeit anstimmt, hat damit begrifflich bereits die Gleichg&#252;ltigkeit der Verwertungsbewegung gegen&#252;ber ihrem stofflichen Inhalt und den Selbstzweckcharakter der kapitalistischen Produktion akzeptiert. Au&#223;erdem l&#228;sst sich die Melodie letztlich nicht intonieren, ohne die gesellschaftliche Sph&#228;rentrennung als Selbstverst&#228;ndlichkeit zu behandeln und implizit alle nicht direkt in die kapitalistische Verwertung integrierbaren T&#228;tigkeitsbereiche abzuwerten. Insbesondere eine begrifflich stringente Kritik patriarchaler Strukturen ist von daher nur als Kritik der Arbeit und nicht auf der Grundlage eines positiven Arbeitsbegriffs formulierbar. Weil der arbeitskritische Zugang es erlaubt, diese Dimensionen von Kapitalismuskritik in Beziehung zueinander zu setzen und viel pr&#228;gnanter zu fassen, als es die marxistischen Termini konnten, ist dieser Neukonzeption der Vorzug gegen&#252;ber traditionellen antikapitalistischen Vorstellungen zu geben.</p>
<p><strong>Die Arbeit und ihr Inhalt</strong></p>
<p>Der Prozess der Wertverwertung kann nicht vonstatten gehen, „tote Arbeit“ (Kapital) kann nicht aufgeh&#228;uft werden, ohne dass sie die Gestalt irgendwelcher Gebrauchswerte annimmt. Der kapitalistische Verwertungsprozess verf&#252;gt aber &#252;ber keinerlei Sensorium f&#252;r seine eigene stoffliche Seite. Solange sich Arbeitsprodukte mit Gewinn verkaufen lassen, besteht kein Unterschied zwischen Kampfflugzeugen, Rheumapflastern oder Blument&#246;pfen. Als austauschbare Darstellungsformen abstrakter Arbeit und damit als Waren sind sie gesellschaftlich ein und dasselbe. Diese Nivellierung wird der Arbeit aber nicht erst von au&#223;en, durch die profitgierigen Kapitalisten aufoktroyiert, sondern ist vielmehr bereits der Kategorie Arbeit selber eigen.</p>
<p>Was ihren sinnlichen Gehalt betrifft, haben der Unterricht von Kindern, die Produktion von Giftgas, die Darstellung k&#252;nstlerischer Leistungen vor zahlendem Publikum und der Bau von M&#246;beln nicht das Geringste miteinander gemein. Konzentriert man sich auf das, was getan wird, und sieht konsequent von der gesellschaftlichen Form ab, in der es getan wird, l&#246;st sich die Abstraktion Arbeit gleich doppelt auf. Es l&#228;sst sich einerseits kein allgemeines Merkmal angeben, das die Artverwandtschaft all der Aktivit&#228;ten begr&#252;nden k&#246;nnte, die als Arbeit gelten. Andererseits ist vom Standpunkt einer rein stofflichen Betrachtungsweise genauso wenig zu erkl&#228;ren, warum ein und dieselbe T&#228;tigkeit &#8211; beispielsweise das Singen von Liedern oder die Z&#252;chtung von Blumen &#8211; einmal als Arbeit gilt, dann wieder als Hobby, je nachdem, ob sie dem Geldverdienen dient oder nicht. Ohne die Subsumtion unter die gleiche gesellschaftliche Zwangsform des Sich-Verkaufens existiert demnach zwar eine breite Palette unterschiedlicher Reichtum schaffender konkreter T&#228;tigkeiten, aber keine allgemeine T&#228;tigkeitsform namens Arbeit. Sie ist das Produkt einer das gesamte gesellschaftliche Gef&#252;ge bestimmende Zwangsreduktion von Reichtum und Reichtumserzeugung auf Warenproduktion. Die vorkapitalistischen Gesellschaften sind denn auch nie auf die seltsame Idee verfallen, die T&#228;tigkeit von Sklaven und Freien, von Priestern und Seefahrern unter eine gemeinsame Kategorie zu zwingen.</p>
<p>In allen europ&#228;ischen Sprachen bezeichneten die W&#246;rter, die heute f&#252;r Arbeit stehen, urspr&#252;nglich entweder nur das Dasein der sozial Abh&#228;ngigen oder ganz allgemein Not und Leid, jedenfalls keine Allgemeinheit gesellschaftlich anerkannter T&#228;tigkeit. Eine nachkapitalistische Gesellschaft h&#228;tte genauso wenig Grund, an einem solchen Prinzip festzuhalten.</p>
<p><strong>Arbeit ist Selbstzweckt&#228;tigkeit</strong></p>
<p>Kapitalistische Produktion zeichnet sich durch ihren Selbstzweckcharakter aus. Die Erzeugung von G&#252;tern zieht ihre Daseinsberechtigung nicht daraus, dass sie Mittel zur Befriedigung menschlicher Bed&#252;rfnisse bereitstellen w&#252;rde. Produziert wird vielmehr um der Produktion willen, und die Bed&#252;rfnisse sind umgekehrt der Verwertung wegen da. Sie haben Abzugskan&#228;le f&#252;r die Warenstr&#246;me zu &#246;ffnen. F&#252;r soziale Bed&#252;rfnisse, die sich mit blo&#223;em Warenkonsum nicht abspeisen lassen, ist in dieser so reichen Gesellschaft dementsprechend kein Platz. Den &#252;brigen kommt wiederum nur ein Existenzrecht zu, soweit sie sich in zahlungskr&#228;ftige Nachfrage &#252;bersetzen und damit dem kapitalistischen Reproduktionskreislauf unterordnen lassen.</p>
<p>Die traditionelle marxistische Kapitalismuskritik konnte nicht das Hohelied der Arbeit singen, ohne die absurde Verkehrung von Mittel und Zweck de facto zu &#252;bernehmen. Die Erhebung der Arbeit zum Kerninhalt des menschlichen Daseins bedeutet ebenso das Lob des produktivistischen Selbstzwecks wie das Ja zum kapitalistischen Wirtschaftswachstum.</p>
<p>Sp&#228;testens der &#246;kologische Protest hat aufs Tapet gebracht, dass der Zwang, die Welt unter Fabrikationsst&#228;tten und Warenlawinen zu begraben, sehr viel mit Zerst&#246;rung und Unterwerfung und nichts mit Emanzipation zu tun hat. Solange Antikapitalismus im Bannkreis eines positiven Bezugs auf Arbeit gefangen bleibt, l&#228;sst sich der produktivistische Irrsinn aber nur als eine von der eigentlichen Kapitalismuskritik getrennte Frage interpretieren und damit missverstehen. Die konservative Konsumkritik hat diese Leerstelle besetzt und es sogar fertiggebracht, den Ekel vorm Gebrauchswert der Waren gegen den antikapitalistischen Impuls zu mobilisieren.</p>
<p>Eine als Kritik der Arbeit reformulierte Kapitalismusanalyse nimmt das Bed&#252;rfnis- und Gebrauchswertelend mit ins Blickfeld. Sie behandelt es als genuinen Bestandteil einer in sich koh&#228;renten Gesamtkritik der Selbstzweckbewegung des Werts. Die Kritik der Arbeit zeigt auf, wie grotesk und zynisch es ist, den produktivistischen Wahn mit &#252;berschie&#223;ender Bed&#252;rfnisbefriedigung gleichzusetzen, um ihm irgendeine Verzichtsideologie entgegenzuhalten. Vielmehr geh&#246;ren Akkumulationszwang, das rigide Abschneiden menschlicher Potenziale und die Reduktion menschlichen Bed&#252;rfnisreichtums zusammen.</p>
<p>Die Kritik der Arbeit hebt zugleich schon begrifflich darauf ab, dass es eben nicht allein darum geht, die abstrakte, wertsetzende Arbeit f&#252;r sich aus der Welt zu schaffen. Auch die konkrete Arbeit, die Art und Weise, in der das Kapital die Naturaneignung organisiert, muss zur Disposition stehen. Die Arbeit &#252;berhaupt, also konkrete und abstrakte Arbeit, ist aufzuheben, weil die konkrete Arbeit als Arbeit von vornherein gar nichts anderes sein kann als der sinnlich-empirische Niederschlag eines &#252;bergreifenden Abstraktionsprozesses.</p>
<p><strong>Arbeiten macht arm</strong></p>
<p>Ihre Apologeten feiern die Arbeit als die entfesselte menschliche Schaffenskraft und den Kapitalismus als die Gesellschaft, in der Flei&#223;, T&#252;chtigkeit und Effizienz den ihnen geb&#252;hrenden Rang gefunden haben. Und tats&#228;chlich, die Indienstnahme der sinnlichen Reichtumsproduktion durch die gro&#223;e Arbeits- und Verwertungsmaschine l&#228;sst sich als Verflei&#223;igungsprozess beschreiben. Allerdings ist der nicht positiv zu werten, sondern als Verarmungsbewegung, als Ausl&#246;schung sinnlicher Qualit&#228;ten.</p>
<p>Der sinnliche Reichtum vorkapitalistischen Gesellschaften setzte sich aus den Resultaten <em>uneinheitlicher </em>produktiver T&#228;tigkeiten zusammen, die jeweils wesentlich von Naturrhythmen, Tradition und den Eigent&#252;mlichkeiten des umzuformenden Naturstoffs angepasst waren. Das Kapital zerst&#246;rte diese Ordnung, um an ihre Stelle die Allgegenwart der <em>immergleichen, azyklisch-linearen T&#228;tigkeitsform der Arbeit</em> zu setzen. Die Verflei&#223;igung mag zu einer Intensivierung der Beziehung des Arbeitenden zu seinem Arbeitsgegenstand f&#252;hren und sinnliche, die Pers&#246;nlichkeitsentfaltung anregende Qualit&#228;ten haben; allerdings allein in dem Sinne wie Folteropfer eine ausgesprochen intensive Erfahrungen mit ihrem K&#246;rper und den peinigenden Instrumenten machen. Arbeit, als T&#228;tigkeit, die permanent an sich selber sparen und die eingesetzte Zeit pro Einzelprodukt, pro Arbeitsvorgang um jeden Preis minimieren muss &#8211; nichts anderes hei&#223;t Effizienz &#8211; kennt die Eigenheiten des zu bearbeitenden Gegenstandes nur als den best&#228;ndigen Arbeitsfluss hemmendes Hindernis. Auch das biologische Erholungsbed&#252;rfnis des Menschen und seine Neigung, zwischen Aktivit&#228;t und Mu&#223;e zu wechseln, erscheint vom Standpunkt der Arbeit, des kontinuierlich nimmerm&#252;den Anstrengens, als blo&#223;e St&#246;rquelle, die es so weit wie irgend m&#246;glich auszuschalten gilt. Das kennzeichnet die Arbeit als permanenten Zweifrontenkrieg. Sowohl seiner eigenen Sinnlichkeit als auch den sinnlichen Qualit&#228;t seines Arbeitsgegenstandes steht der Arbeitende in der Arbeit wie einem Feind gegen&#252;ber, der nur existieren darf, so er sein Eigenleben aufgegeben hat und blo&#223;e Ressource geworden ist.</p>
<p><strong>Arbeit ist patriarchal </strong></p>
<p>Bei der Arbeit handelt es sich um eine verarmte Form von T&#228;tigwerden, um Ent&#228;u&#223;erung statt um die Aneignung von sinnlichen Reichtum. Gerade aufgrund dieses Defizits ist sie nicht in der Lage, tats&#228;chlich s&#228;mtliche Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion zu erfassen. Die Herrschaft der Arbeit ist ohne einen umf&#228;nglichen Sektor von „Schattent&#228;tigkeiten“ gar nicht denkbar, die sich ihrem Inhalt nach nur bedingt oder gar nicht in die azyklisch-lineare Verausgabung von Muskel, Nerv und Hirn &#252;bersetzen lassen und sich der Organisation als Erwerbsquelle sperren. Keine Gesellschaft kann existieren, ohne dass Kinder betreut werden und ohne dass Menschen f&#252;r sich und andere die t&#228;gliche Reproduktion erledigen. Die Adelung der Arbeit zur einzig g&#252;ltigen gesellschaftlichen T&#228;tigkeitsform f&#228;llt mit der Abwertung dieser T&#228;tigkeiten zusammen, die zugleich strukturell „weiblich“ eingeschrieben und in der Regel den Frauen zugewiesen werden. Sie m&#246;gen so unverzichtbar sein wie die Luft zum Atmen, da nicht an die qualit&#228;tslose Qualit&#228;t aus Geld mehr Geld zu machen gekoppelt, werden sie zur inferioren „Privatsache“ degradiert und bleiben gr&#246;&#223;tenteils unsichtbar. Solange die menschliche Existenz und die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum nichts anderes sein k&#246;nnen und d&#252;rfen als ein Abfallprodukt der Wertverwertung in der gro&#223;en Arbeitsm&#252;hle sind diese „weiblichen“ T&#228;tigkeiten strukturell blo&#223; stille Voraussetzung kapitalistischer Reproduktion. Weder rhetorische Muttertagsblumen noch gut gemeinte Definitions&#252;bungen, die darauf beharren, dass Arbeit eigentlich mehr sein sollte als Erwerbsarbeit und auch die Hausarbeit umfasst, schaffen diesen Umstand aus der Welt.</p>
<p><strong>Arbeit hei&#223;t Sph&#228;rentrennung</strong></p>
<p>Das herrschende Bewusstsein ist darauf konditioniert, die historischen spezifischen Verr&#252;cktheiten der Warengesellschaft zur ewigen Naturbedingung zu erkl&#228;ren und sie in die Vergangenheit und die Zukunft zu projizieren. Bei der Arbeit gelingt das dem Alltagsverstand und seinen theoretischen F&#252;rsprechern in fast schon klassischer Manier. Offiziell will er in ihr nur ein unschuldiges Synonym f&#252;r den „Stoffwechselprozess des Menschen mit der Natur“ (Marx) sehen. Unter der Hand wird aber mit dem Begriff Arbeit immer schon die spezifische warengesellschaftliche Konstellation eingef&#252;hrt und f&#252;r unhintergehbar erkl&#228;rt.</p>
<p>Wer von Arbeit spricht, dr&#252;ckt keineswegs nur die banale Tatsache aus, dass Menschen in jeder denkbaren Gesellschaft in irgendeiner Weise aktiv werden m&#252;ssen, um die produktiven Potenzen zu entwickeln und zu realisieren. Der Terminus hat &#252;berhaupt nur einen Sinn, solange er im Kontrast zu anderen, entgegengesetzten Formen menschlicher Praxis steht, die dann unter Rubriken wie Freizeit, Hobby, freiwilliges Engagement, Familienleben usw. anderen, separierten (pr&#228;-) gesellschaftlichen Bereichen zuzurechnen sind.</p>
<p>W&#228;re alles Arbeit, dann w&#228;re nichts mehr Arbeit und der Ausdruck h&#228;tte jede Bedeutung verloren. Indem die Arbeit in den Rang einer ewigen Naturnotwendigkeit erhoben wird, ist daher immer schon klammheimlich unterstellt, dass die Reichtumsproduktion sich als eine von allen anderen Lebens&#228;u&#223;erungen fein s&#228;uberlich getrennte Form der Lebensent&#228;u&#223;erung zu vollziehen hat und eine eigene, aus dem &#252;brigen sozialen Zusammenhang herausabstrahierte Sph&#228;re bildet.</p>
<p>Das mag dem Warensubjekt „nat&#252;rlich“ erscheinen. Es ist daran gew&#246;hnt, eine zerlegte Existenz zu f&#252;hren und in den Privatmenschen, den Staatsb&#252;rger und den Arbeitshomunkulus zu zerfallen, der tagein, tagaus acht Stunden lang eine aus den sonstigen Lebensbez&#252;gen herausfallende und dementsprechend auf einen betriebswirtschaftlich-zweckrationalen Kern reduzierte T&#228;tigkeit verrichtet. Genau diese schizophrene Struktur macht aber eines der ganz zentralen Momente des warengesellschaftlichen Terrors aus.</p>
<p>Die Abstraktion Arbeit ist bei der Beschreibung vorkapitalistischer Verh&#228;ltnisse schlicht fehl am Platz. Wo das Wirtschaften wie in den traditionellen Gesellschaften in weitergehende soziale und herrschaftliche Zusammenh&#228;nge eingebunden war, konnte sich kein Sonderph&#228;nomen Arbeit ausbilden. Die Unterstellung, auch jede nachkapitalistische Gesellschaft m&#252;sste Arbeit kennen, ist aber fast noch gef&#228;hrlicher als dieser Anachronismus. Sie hintertreibt den Gedanken der Aufhebung der Sph&#228;rentrennung &#8211; und ohne dieses Motiv kann es heute keine Str&#246;mung geben, die das Attribut antikapitalistisch zu Recht f&#252;hren w&#252;rde.</p>
<p>Der klassische marxistische Gedanke, eine k&#252;nftige Gesellschaft zerfalle in ein „Reich der Freiheit“ und „ein Reich der Notwendigkeit“, schreibt, leicht verquast, die Aufspaltung unseres Dasein in entleerte Privatheit und Arbeitsschwachsinn f&#252;r alle Zeiten fest. Dass auch eine befreite Gesellschaft nicht wie das Schlaraffenland aussehen kann und keineswegs jedes Moment materieller Notwendigkeit hinter sich l&#228;sst, ist eine Sache. Die Vorstellung, sie als ein abgesondertes Gegenreich organisieren zu wollen, ist etwas v&#246;llig anderes.</p>
<p><strong>Antikapitalismus muss arbeitskritisch sein oder er wird nicht sein</strong></p>
<p>Der Begriff Arbeit geh&#246;rt gleichzeitig zwei Welten an. Er kann einerseits zusammen mit dem Wert als die abstrakteste und allgemeinste Kategorie der Kritik der Politischen &#214;konomie gelten, schlie&#223;lich bezeichnet er nichts anderes als dessen T&#228;tigkeitsseite. Andererseits ist Arbeit millionenfach unmittelbare Alltagspraxis und -erfahrung. Mit der Entwicklung der letzten Jahre hat dieses Spannungsverh&#228;ltnis noch eine zus&#228;tzliche Komponente gewonnen. Die Arbeitszumutung, der best&#228;ndig versch&#228;rfte Zwang, sich zu verkaufen, steht im Mittelpunkt jenes sozialen Pr&#228;ventivkriegs, den heute die H&#252;ter der herrschenden Ordnung angesichts der realen Krise der Arbeitsgesellschaft gegen das ihrem Zugriff ausgelieferte Menschenmaterial f&#252;hren. Arbeit ist im Zeitalter von Dauerarbeitslosigkeit, neuem Arbeitskraftunternehmertum, amtlicher Zwangsarbeit sowie Billig- und Kombilohnkampagnen mehr denn je zum Kampfbegriff geworden.</p>
<p>Heute pr&#228;gen Brutalisierung, Vereinzelung und Egomanie das soziale Klima und lassen das Projekt der Emanzipation als hoffnungslos &#252;berholt erscheinen. Diese Tendenz zur totalen, keine Grenzen mehr anerkennenden Konkurrenz hat aber nichts anderes zum Ausgangspunkt als die bedingungslose Unterwerfung unter die Arbeitsdiktatur. Eine antikapitalistische Str&#246;mung hat nur dann die Chance, noch einmal Ausstrahlungskraft zu gewinnen und offensiv zu werden, wenn sie das Arbeits- und Inwertsetzungsdiktat als Fokus begreift, an dem sich die Gewalt der herrschenden Vergesellschaftungsform b&#252;ndelt, und dessen Kritik zu ihrem eigenen Brennpunkt macht. Solange die Linke theoretisch wie praktisch jedoch auf Tauchstation geht und es vers&#228;umt, sich auf das heute erreichte, nur als Amoklauf der heiligen Arbeit beschreibbare Widerspruchsniveau der Warengesellschaft zu orientieren, wird sie keinen Fu&#223; mehr auf den Boden bekommen. Im 21. Jahrhundert wird es entweder keinen Antikapitalismus mehr geben oder er wird die Kritik der Arbeit zum Fokus haben.</p>
<p><strong>Repression und Emanzipation </strong></p>
<p>Mehr als hundert Jahre lang zog Generation um Generation von Antikapitalisten im Namen der Arbeit gegen den Status quo zu Felde. Von wenigen, randst&#228;ndigen Positionen einmal abgesehen &#8211; man denke etwa an Paul Lafargues „Lob der Faulheit“ &#8211; identifizierten sowohl „Reformisten“ wie „Revolution&#228;re“ Befreiung beharrlich mit der Befreiung der Arbeit. Diese z&#228;he Gleichsetzung war nat&#252;rlich nicht einfach Ergebnis eines kollektiven Blackouts.</p>
<p>Vor allem zwei s&#228;kularen Trends verdankte das Missverst&#228;ndnis, das ein letztes Mal in der durch die 68er Bewegung eingeleiteten sozialdemokratischen Reform&#228;ra geschichtsm&#228;chtig wurde, seine einstmalige Plausibilit&#228;t. Zum einen lie&#223; sich die Arbeit, solange sich das System der kapitalistischen Arbeitsverwertung auf einem historischen Expansionskurs befand, als soziales Integrationsprinzip verstehen. Der nur von &#246;konomischen Krisen zeitweilig unterbrochene Hei&#223;hunger nach zus&#228;tzlicher Arbeitskraft bot den Besitzern dieser Ware auf dem Boden der bestehenden Ordnung tats&#228;chlich eine Perspektive.</p>
<p>Zum anderen konnte in der Auseinandersetzung mit &#228;lteren, aus der Fr&#252;hgeschichte der Warengesellschaft stammenden personellen Autorit&#228;tsbeziehungen der emanzipatorische Impuls mit dem Systemimperativ interferieren, die traditionellen sozialen Schranken einzurei&#223;en und an ihre Stelle die versachlichten Beziehungen gleichberechtigter Waren- und Arbeitssubjekte zu setzen. Die sukzessive Zentrierung sozialer Herrschaft auf das Akkumulationsgebot und die Indienstnahme des Staates f&#252;r den Selbstzweck der Wertverwertung wurde weniger als Zuspitzung und Totalisierung von versachlichter sozialer Kontrolle wahrgenommen denn unter dem Aspekt der Zur&#252;ckdr&#228;ngung sichtbarer, personaler Gewalt. Das „Geh&#228;use der H&#246;rigkeit“ (Max Weber), das Menschen nur als Charaktermasken, als Arbeitsidioten, Rechtssubjekte, Staatsb&#252;rger usw. kennt und behandelt, konnte so als sein eigenes Gegenteil, als m&#252;hsam erk&#228;mpfter potenzieller Freiheitsgrad erscheinen.</p>
<p>Die antikapitalistischen K&#228;mpfer hatten nat&#252;rlich nie davon getr&#228;umt, die Fabrikherren in „Sozialpartner“ zu verwandeln und die hungernden proletarischen Massen in Proleten mit Eigenheim, Mercedes und Gewerkschaftsbuch. Indem sie sich darauf versteiften, f&#252;r das kapitalistische Prinzip der Arbeit Partei zu ergreifen, konnte aber kaum etwas anderes am Ende ihrer heroischen Anstrengungen stehen.</p>
<p>Der Kampf gegen die Sonderinteressen der Bourgeoisie und f&#252;r die Verbesserung der Lebensbedingungen der breiten Massen merzte an der herrschenden Ordnung nur aus, was anachronistisch, also gemessen an den Kriterien warengesellschaftlicher Rationalit&#228;t kontraproduktiv geworden war.</p>
<p>Gegen seine eigene Intention funktionierte der antikapitalistische Protest damit selbst als Motor der Durchsetzung der Warenlogik. Dieser „Modernisierungserfolg“ w&#228;re ohne ein &#252;berschie&#223;endes Moment, ohne die Entschlossenheit, mit der kapitalistischen Herrschaft Schluss zu machen, schwerlich zu haben gewesen.</p>
<p>Er war freilich auch gleichbedeutend mit dem sukzessiven Verlust dieses weitergehenden Impulses. Die paradoxe Vorstellung, man k&#246;nne mit Ausbeutung und Herrschaft brechen und gleichzeitig die Arbeit hochleben lassen, hat sich als Jugendflause in der Geschichte der Warengesellschaft desavouiert. Es ist aber kein Zeichen von Altersweisheit, sondern von Altersschwachsinn, wenn daraus abgeleitet wird, man m&#252;sse den Gedanken der Emanzipation endlich in der Mottenkiste versenken. Anachronistisch ist nicht die Idee der Befreiung, sondern die Diktatur der Arbeit und noch mehr die Verkn&#252;pfung von Emanzipation und Arbeit.</p>
<p><strong>Die Gemeinschaft der Arbeitenden</strong></p>
<p>Arbeit bedeutet nicht nur die Zurichtung des jeweiligen Arbeitsgegenstandes, seine Unterwerfung unter die Gesetze der betriebswirtschaftlichen Rationalit&#228;t und der Verwertbarkeit. Sie schlie&#223;t immer auch die Selbstzurichtung des Arbeitssubjekts ein. Auch und gerade wenn das Arbeitssubjekt lernt, sich mit der ihm angetanen Gewalt zu identifizieren, hinterl&#228;sst diese repressive Erfahrung unweigerlich ihren Stachel. Das Trauma, der Arbeit unterworfen zu sein, verkehrt sich in die Ablehnung derer, die nicht dem Idealbild des allzeit arbeitsbereiten wei&#223;en Arbeitsmannes entsprechen wollen oder k&#246;nnen. Wo die Ehre der Arbeit hochgehalten wird, gelten sie als minderwertig und f&#252;hren eine Randexistenz.</p>
<p>Trotz aller Gleichheitsemphase klang diese Herabsetzungslogik auch in den Verlautbarungen des linken Fl&#252;gels der gro&#223;en Pro-Arbeits-Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts regelm&#228;&#223;ig an &#8211; und oft genug kaum &#252;berh&#246;rbar. In erster Linie waren es aber die Rechten, die mit der dem Arbeitsethos inh&#228;renten Inferiorit&#228;tsdoktrin Ernst machten.</p>
<p>Diese Tendenz zum Ausschluss blieb w&#228;hrend der Aufstiegsphase der Arbeitsgesellschaft Gegenmoment innerhalb einer gro&#223;en historischen Inklusionsbewegung. Die gemeinsame Distanz zu den im Sinne der Arbeitsherrlichkeit „Minderwertigen“ stiftete ein stilles Einverst&#228;ndnis im Lager der Arbeit. Von der Identifikation mit dem arbeitsteiligen Prozess in den gro&#223;en Fabriken war es nur ein kleiner Schritt zur Beschw&#246;rung der gro&#223;en „Betriebsgemeinschaft“, und die lie&#223; sich durchaus auch klassen&#252;bergreifend interpretieren.</p>
<p>Die konkurrierenden Ideologien der Epoche hatten in der Bruderschaft der Arbeit ihren gemeinsamen Nenner. Die sozialistische Variante der Arbeitsreligion setzte sich das Ziel, die als ewige und urspr&#252;ngliche Kraft missverstandene kapitalistische T&#228;tigkeitsform von der vermeintlich usurpatorischen Macht der Ausbeuter zu befreien. Dementsprechend definierte sie die Klasse der „Werkt&#228;tigen“ in entschiedener Frontstellung zum Kapital. Auf diese Herausforderung antworteten die rechten und liberalen Kontrahenten keineswegs damit, das Kapital als seinen eigenen Endzweck abzufeiern, sondern mit einer alternativen, klassen&#252;bergreifenden Bestimmung der „Gemeinschaft der Arbeit“. Die Legitimation kapitalistische Herrschaft bestand darin, die Funktionstr&#228;ger des Kapitals selber als einen speziellen Arbeitertypus zu deklarieren, als jenen Teil der „Gemeinschaft der Arbeit“, dem die Aufgabe der Koordination und Organisation obliegt.</p>
<p><strong>Deifizierung der Arbeit und Antisemitismus </strong></p>
<p>Die Adelung des Kapitals zum ersten Diener der Arbeit war vor allem in ihrer rechten Variante an dessen projektive Aufspaltung gebunden. Das produktive Kapital erhielt den Nimbus das „Gute“ und konkret Sinnliche zu verk&#246;rpern, indem im Gegenzug das Zerst&#246;rerische und Abstrakte kapitalistischer Herrschaft einseitig dem Geld- und Finanzkapital zugeschrieben wurde. Von dieser Externalisierung der Schrecken des Kapitalismus, die das f&#252;r die Konstruktion einer klassen&#252;bergreifenden Gemeinschaft der Arbeit unerl&#228;ssliche Feindbild liefert, f&#252;hrt nur ein kleiner Schritt zur antisemitischen Personalisierung. Nicht nur in der nationalsozialistischen Weltanschauung verschmolz die phantasmagorische Trennung von „schaffendem und raffendem Kapital“ mit der Gegen&#252;berstellung von heiliger „nationaler Arbeit“ und wurzellosem „j&#252;dischen Geld“. Genauso wie Arbeitsreligion und rassistische Vorstellungen gut miteinander kompatibel sind, zeichnet diese auch eine tiefe Affinit&#228;t zu antisemitischen Denkmustern aus. Singul&#228;r ist die deutsche Entwicklung allerdings insofern als das „Vaterland der Arbeit“ den Schritt von der ideologischen Perhorreszierung zur staatlich organisierten industriellen Vernichtungspraxis vollzog. Nur im Nationalsozialismus fand die totale Mobilmachung der nationalen Arbeit ihre Erg&#228;nzung im Aufbau pseudo-antikapitalistischer Alptraumfabriken, „Fabriken zur Vernichtung des Werts“ (Moishe Postone), in denen zusammen mit den realen j&#252;dischen Opfern phantasmagorisch die von der idealisierten Arbeit abgetrennten Momente der Herrschaft des Abstrakten vergast und verbrannt werden sollten. Die Br&#252;derschaft der „Arbeiter der Stirn“ und der „Arbeiter der Faust“ wurde mit dem Mord an jenen besiegelt, die vorher aus der Gemeinschaft der deutschen Arbeit herausdefiniert worden waren.</p>
<p>Die Shoah sprengt den Rahmen warengesellschaftlicher Funktionalit&#228;t nicht allein aufgrund ihres irrationalen Zieles, sondern auch, weil sie das vertraute Verh&#228;ltnis von Arbeit und Zerst&#246;rung auf den Kopf stellte. W&#228;hrend f&#252;r gew&#246;hnlich Zerst&#246;rung ein Begleitmoment der kapitalistischen Praxis ist und die Anh&#228;ufung von Profit das Ziel aller Ziele bildet, hat sich mit Auschwitz die Arbeit an der Vernichtung zum eigentlichen Inhalt verselbst&#228;ndigt. Dass Menschen massenhaft dazu gezwungen werden, sich zum Wohle der kapitalistischen Reichtumsproduktion zu Tode zu schuften, ist seit den Tagen der „urspr&#252;nglichen Akkumulation“ immer wieder vorgekommen. Im Genozid an den europ&#228;ischen Juden funktionierte dagegen die reale Arbeitsvernutzung als blo&#223;es Mittel, w&#228;hrend die Ausl&#246;schung von Leben zum eigentlichen Zweck aufstieg. Die M&#246;glichkeit dieser Verkehrung k&#252;ndet von einem weit intimeren Verh&#228;ltnis zwischen Arbeit und Tod als dem, das ein am Ausbeutungsparadigma orientierter Antikapitalismus unterstellt.</p>
<p><strong>Zweierlei Entwertung der Ware Arbeitskraft </strong></p>
<p>In der Geschichte der Arbeitsgesellschaft markieren die 1970er Jahre einen Wendepunkt. Mit dem Auslaufen des fordistischen Nachkriegsbooms lie&#223; der Hei&#223;hunger der Verwertungsmaschine auf immer mehr Arbeitskraft nicht nur vor&#252;bergehend nach, im Gefolge der mikroelektronischen Revolution entwickelte das Kapital, so etwas wie strukturelle Appetitlosigkeit. Die s&#228;kulare Expansion der Arbeitsgesellschaft ging zu Ende und ihre Krise begann.</p>
<p>F&#252;r sich genommen ist die Entwertung der Ware Arbeitskraft kein unbekanntes Ph&#228;nomen. Auch in den zyklischen Krisen der Vergangenheit war im Rahmen allgemeiner periodischer Kapitalvernichtung variables Kapital au&#223;er Kurs gesetzt worden. Man denke an die gro&#223;e Depression oder die Weltwirtschaftskrise. Im Zeichen des vielbeschworenen „jobless growth“ setzte nun aber ein zyklus&#252;bergreifender, gegen&#252;ber der allgemeinen Kapitalentwertung verselbst&#228;ndigter Prozess der Entwertung speziell der Ware Arbeitskraft ein. Damit ver&#228;ndert sich das Verh&#228;ltnis von Entwertung und Inwertsetzung von Arbeitskraft grundlegend. Von der industriellen Revolution bis in die 1970er Jahre hinein hatte lang- und mittelfristig die Inwertsetzung von zus&#228;tzlichem Menschenmaterial gegen&#252;ber der Freisetzung von Arbeitskraft dominiert. In unserer Epoche wurde die Entwertung von Arbeitskraft zum &#252;bergreifenden, die historische Entwicklung bestimmenden Moment.</p>
<p>Diese Ver&#228;nderung blieb f&#252;r den sozialen Inhalt der Arbeitsdiktatur keineswegs folgenlos. Hatte die Herrschaft der Arbeit lange Zeit &#8211; zumindest in den Weltmarktzentren – als ein System repressiver <em>Integration</em> funktioniert, so nimmt das arbeitsgesellschaftliche Gef&#252;ge zunehmend den Charakter einer brutalen Exklusionsordnung an. Die viel beschworene Modernisierung der Gesellschaft, insbesondere der sogenannte „Umbau des Sozialstaats“ schafft hierzu den rechtlichen und institutionellen Rahmen. Selbst in den kapitalistischen Kernl&#228;ndern steht einem immer kleiner werdenden arbeitsgesellschaftlichen Kern ein wachsendes Heer Marginalisierter gegen&#252;ber, die gar keine oder nur prek&#228;re Besch&#228;ftigung finden.</p>
<p>Vor allem in den L&#228;ndern des Euro-Raums nahm die neue, auf der gro&#223;fl&#228;chigen Beseitigung des Normalarbeitsverh&#228;ltnisses beruhende arbeitsgesellschaftliche Ordnung verz&#246;gert Konturen. In Deutschland etwa leiteten den gro&#223;en Dammbruch erst die „Arbeitsmarktreformen“ der Schr&#246;der-Regierung ein. In Frankreich steht der ganz gro&#223;e Prekarisierungsschub sogar noch aus. Viel schneller &#8211; und das weltweit &#8211; wandelte sich dagegen das gemeinsame Legitimationsverh&#228;ltnis von Kapital und Arbeit. Schon der neoliberale Diskurs der 80er und 90er Jahre setzte gegen&#252;ber der fordistischen Vorstellungswelt einen Rollentausch durch. Hatte sich bis dahin das Kapital als Arbeit zu verkaufen, so muss sich seitdem die Arbeit als „Humankapital“ bew&#228;hren. Die Unternehmer firmieren nicht mehr als Arbeiter der etwas anderen Art, sondern umgekehrt die Besitzer der Ware Arbeitskraft als „Arbeitskraftunternehmer“.</p>
<p>Man sollte diese seltsamen Umwertung nicht nur als leeres Wortgeklingel abtun. Sie k&#252;ndet auf verquere Weise durchaus von einschneidenden realen Ver&#228;nderungen, n&#228;mlich vom &#220;bergang zu einer konsequent entsolidarisierten und atomisierten Arbeitsgesellschaft und bereitete diesen mental vor. Wo der Lohn vom kollektiv ausgehandelten Preis einer Ware zum Profit eines isolierten Humankapitals mutiert, ist die extreme Aufspreizung des Gehaltsgef&#252;ges das Normalste der Welt und es geh&#246;rt zum &#252;blichen unternehmerischen Risiko, dass er auch schon mal ganz wegfallen kann.</p>
<p>Die Lohnarbeiter der fordistischen &#196;ra lebten noch in einer Welt doppelt eingehegter Konkurrenz. Zum einen stiftete Kooperation im Produktionsprozess in Hinblick auf den Einzelbetrieb repressiv-paternalistische Gemeinschaft, zum anderen setzte die national&#246;konomische Formatierung der Arbeitsgesellschaft der Konkurrenz Schranken. Die Leitfigur des moderne Humankapitalunternehmers steht dagegen f&#252;r die direkte Subsumtion unter das Weltmarktdiktat und f&#252;r die sukzessive Schw&#228;chung der Intermedi&#228;rgewalten. (Gewerkschaften, Betriebsr&#228;te, Wohlfahrtsstaat).</p>
<p>Im Kontrast zur weltmarktunmittelbaren Apartheidsgesellschaft des 21. Jahrhunderts mag das verblichene fordistische Fabrikregime, mit seinem Dreiklang von Massenarbeit, Massenkonsum und sozialstaatlicher Absicherung fast schon wieder in einem milden Licht erscheinen. Und doch ist im Kampf gegen den Amokkapitalismus unserer Tage jede nostalgische Orientierung auf die Wiederherstellung der verlorenen Ehre der Arbeit fehl am Platz. Eine solche Zielsetzung w&#228;re nicht nur &#228;rmlich, sie l&#228;uft unter den gegebenen Rahmenbedingungen auf die vorauseilende Selbstentwaffnung der Opposition hinaus. Die Metamorphose der Arbeit von einem Prinzip repressiver gesellschaftlicher Integration zu einem Ausschluss- und Desintegrationsprinzip ist irreversibel. Eine Linke, die von einer R&#252;ckkehr zu weniger schlimmen Formen der Arbeitsknechtschaft tr&#228;umt und diese verkl&#228;rt, bleibt praktische zahn- und hilflos und ger&#228;t ideologisch in einen Graubereich, in der die Grenzen zu national-reaktion&#228;ren Erkl&#228;rungsmustern verschwimmen. Nicht die Wiederaufwertung der Arbeit gegen&#252;ber dem Kapital ist die ad&#228;quate Antwort auf den realen Entwertungsprozess, sondern eine Programm bewusster emanzipativer Entwertung des Allerheiligsten.</p>
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		<title>Dead Men Working &#8212; Infoblatt</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Handzettel, Download: <a href="http://www.krisis.org/wp-content/data/dead-men-working.pdf">dead-men-working.pdf</a></p>
<p>Verlagsvorstellung: <a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,136,7.html">http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,136,7.html</a></p>
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		<title>Vorwort &#8211; Dead Men Working</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
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		<description><![CDATA[Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/d9a79f495c5d447c8b71f92b57bc08a0" width="1" height="1" alt=""><br />
</span></p>
<h3><strong>Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs</strong></h3>
<p>Unrast-Verlag, M&#252;nster</p>
<p><em>Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed und Maria W&#246;lflingseder (Hg.):</em></p>
<h4>Vorwort</h4>
<p>Unabl&#228;ssig wird uns die immergleiche Botschaft ins Hirn geh&#228;mmert: Neue Arbeit braucht das Land. Die aber sei nur zu haben, wenn die betriebswirtschaftliche Rentabilit&#228;t endlich bedingungslos als gesellschaftliche Leitkultur anerkannt werde. Dann bl&#252;he uns ein Leben in materiellem Wohlstand und Freiheit.</p>
<p><span id="more-477"></span>Die gesellschaftliche Realit&#228;t jedoch passt nicht so recht zu diesem Dogma. Die L&#228;nder des S&#252;dens und des Ostens haben die totale Entfesselung der Marktkr&#228;fte nach 1989 mit Verarmungssch&#252;ben bezahlt, zu denen sich h&#246;chstens in der Epoche der »urspr&#252;nglichen Akkumulation« (Marx) Parallelen finden lassen. Aber auch im Auge des Orkans wird es immer ungem&#252;tlicher. Mit rasanter Geschwindigkeit wird hier das gleiche Zerst&#246;rungswerk vollzogen wie in den Verliererl&#228;ndern des Weltmarkts. Nur um die kapitalistische Produktions- und Gesellschaftsform, die Warenproduktion, zu retten, werden alle sozialen und &#246;kologischen Standards entsorgt. Der Abriss der sozialen Sicherungssysteme und die Pl&#252;nderung der &#246;ffentlichen Infrastruktur hinterl&#228;sst eine breite Schneise gesellschaftlicher Verw&#252;stung und sozialer Verrohung. Auch nach Deutschland kehrt die l&#228;ngst als angeblich gel&#246;st vergessene ›soziale Frage‹ zur&#252;ck. Die sch&#246;ne neue Welt der Selbstvermarktung reimt sich f&#252;r die Einzelnen auf prek&#228;re Lebensverh&#228;ltnisse, zunehmenden Stress, Mobbing und hochgradig unsichere Zukunftsperspektiven. Aber bitte, immer sch&#246;n positiv denken und das penetrante Verk&#228;uferl&#228;cheln nicht vergessen!</p>
<p>Wenn ihre gro&#223;spurigen Gl&#252;cksversprechen nicht aufgehen, reagieren Sekten vorzugsweise mit verst&#228;rkten Druck auf ihre Anh&#228;nger. Die Doktrin darf nie das Problem sein, sondern stets nur mangelnde Konsequenz und fehlende Hingabe bei deren Umsetzung; insofern liegt es allemal allein an den J&#252;ngern, durch mehr Opferwille und Einsicht doch noch die Erl&#246;sung zu erlangen. Die Vertreter der marktwirtschaftlichen Heilslehre ticken keinen Deut anders. K&#246;nnen Sie tats&#228;chlich in den ›Chancen und Risiken‹ der Selbstvermarktung nicht das h&#246;chste Gl&#252;ck auf Erden erkennen? Offensichtlich haben Sie ein massives Wahrnehmungsproblem. Wer die Welt zwanghaft negativ sieht, sabotiert seinen pers&#246;nlichen Erfolg und zugleich den ›unseres Standorts‹. Ganze Weltregionen brechen weg und verelenden? Dort muss es an der Bereitschaft gefehlt haben, die verordnete Kur der totalen &#214;konomisierung mit n&#246;tiger Konsequenz anzuwenden. Ausgerechnet Argentinien, der Musterknabe des IWF, ist wirtschaftlich ins Bodenlose abgest&#252;rzt? Das l&#228;sst nur einen Schluss zu: Die bei der Verfolgung der reinen neoliberalen Lehre eifrigste F&#252;hrung auf der Welt war noch nicht eifrig genug. Die einstigen Lieblingskinder der viel gepriesenen ›New Economy‹, die neuen Informationsarbeiter, liegen zu Hunderttausenden auf der Stra&#223;e oder r&#228;umen bei Aldi die Regale ein? Offenbar haben sie es nicht verstanden, alsbald neue Karrierechancen zu nutzen, und damit schon bewiesen, dass sie v&#246;llig zu Recht als unt&#252;chtig aussortiert wurden. Jedem das Seine. Der Markt hat immer Recht, und der Arbeitsmarkt sowieso.</p>
<p>Die ›Reform‹-Hysterie die derzeit &#252;ber Deutschland und andere europ&#228;ische L&#228;nder hereinbricht, markiert einen historischen Einschnitt. Es geht nicht mehr blo&#223; um die R&#252;cknahme einzelner sozialer Standards, die dem Kapitalismus abgerungen werden konnten. Es geht um den Totalabriss. Die auf Arbeit und Warenproduktion basierende Gesellschaft ist in einen fundamentalen Krisenprozess eingetreten, der sie in ihren Fundamenten ersch&#252;ttert. Gerade in diesem Prozess enth&#252;llt sie noch einmal ihren zutiefst irrationalen und destruktiven Charakter und tritt in eine offen terroristische Phase ein. Sozialer Widerstand dagegen regt sich kaum. Hierzulande noch weniger als anderswo. Das Heer der Arbeitslosen wird auf Di&#228;t gesetzt, darf sich bei der Arbeitssuche alles gefallen lassen und r&#252;hrt sich nicht. Millionen stellen sich resigniert darauf ein, dass ›&#252;berkommene Besitzst&#228;nde‹ wie die Aussicht auf einen Zahnersatz demn&#228;chst zum &#252;berfl&#252;ssigen Luxus werden. So manche Faust ballt sich – bislang aber leider nur in der Tasche.</p>
<p>Der &#246;konomieterroristische Amoklauf schreit geradezu nach einer Gegenbewegung und nach einer Renaissance von Gesellschaftskritik. Und doch ist die antikapitalistische Opposition wie gel&#228;hmt, zeigt sich schicksalsergeben und orientierungslos. Weit davon entfernt, dem aufkeimenden Unwillen zur Sprache zu verhelfen, versinkt sie selber in Sprachlosigkeit und stellt alles andere als den Kristallisationskern f&#252;r einen m&#246;glichen Widerstand dar.</p>
<p>Zun&#228;chst einmal erscheint diese Paralyse als Folge einer thematischen Ausblendung. Krieg und Frieden, Rassismus, Sexismus, &#214;kologie und internationale Solidarit&#228;t haben die Linke in den letzten Jahrzehnten immer wieder mobilisiert und heftige Debatten ausgel&#246;st. Die soziale und Arbeitswirklichkeit im eigenen Land kam hingegen in den Diskussionen fast nicht mehr vor und spielte f&#252;r das linke Selbstverst&#228;ndnis kaum eine Rolle. Daher versetzt die Wiederkehr der ›sozialen Frage‹ die antikapitalistische Opposition in die terra incognita eines ihr unvertrauten gesellschaftlichen Konfliktfelds.</p>
<p>F&#252;r die grobe Vernachl&#228;ssigung von Fragen der allt&#228;glichen Reproduktion im Kapitalismus sind freilich nicht einfach nur die politischen Konjunkturen verantwortlich zu machen. Das systematische Desinteresse ist auch und vor allem der verqueren Perspektive geschuldet, unter der das antikapitalistische Denken diesen Problemkreis gewohnheitsm&#228;&#223;ig wahrgenommen hat und (wenn &#252;berhaupt) bis heute wahrnimmt. Die Neue Linke begriff die soziale und Arbeitswirklichkeit nie als eigenst&#228;ndigen Kritikgegenstand. Stattdessen hat sie – dem marxistischen Erbe entsprechend – die Auseinandersetzung damit beharrlich der ber&#252;hmt-ber&#252;chtigten ›Klassenfrage‹ untergeordnet. Der allgemeine gesellschaftliche Zwang, lebenslang die eigene Haut zu Markte zu tragen, verdiente Aufmerksamkeit nur unter einer Pr&#228;misse: Kapital und Arbeitskraftverk&#228;ufer seien per se antagonistische gesellschaftliche Kr&#228;fte und die Arbeit ein Gegenprinzip zur kapitalistischen Ordnung.</p>
<p>In den 70er Jahren war f&#252;r das linke Selbstverst&#228;ndnis noch wesentlich die positive, klassenromantische Variante dieser Vorstellung pr&#228;gend. Man phantasierte sich die Lohnarbeiterschaft zum eingeborenen Tr&#228;ger einer emanzipativen Mission zurecht und schrieb der Arbeit ein mysteri&#246;se befreiende Kraft zu. Diese Hoffnung blamierte sich zwar sehr schnell an der Wirklichkeit. Doch die abstruse Vorstellung, eine Kritik des kapitalistischen Arbeitsregimes m&#252;sse auf einem positiven Klassenstandpunkt fu&#223;en, &#252;berlebte negativ gewendet dieses Dementi. Generation um Generation von Linken diente das alsbald nur noch vom H&#246;rensagen bekannte Proletkult-Intermezzo dazu, die eigene Ignoranz gegen die Arbeitswirklichkeit und jeden Bezug auf die ›soziale Frage‹ als Ausfluss h&#246;herer Einsicht zu legitimieren.</p>
<p>Die Wiederkehr der ›sozialen Frage‹ deckt indes nicht nur massive inhaltliche Defizite auf. Sie bringt die Linke auch als Soziotop nachhaltig in die Bredouille. In oppositionellen Zusammenh&#228;ngen finden seit jeher vorzugsweise Menschen zusammen, die in einer gewissen Distanz zum herrschenden Arbeits- und Konkurrenzwahn leben. Die Energie zum Engagement bringen in erster Linie jene auf, die es verstanden haben, die eigene Reproduktion vergleichsweise arbeitsarm zu organisieren und sich Zeit und Nerv f&#252;r etwas anderes als die Verwertung und Regeneration des eigenen ›Humankapitals‹ zu reservieren. Obwohl jedoch die gesamte linke Subkultur auch und nicht zuletzt auf dieser stillen ›lebensweltlichen‹ Voraussetzung beruht, war Schaffung und Sicherung disponibler Zeit nie selber Inhalt linker Politik und blieb stets im schlimmsten Wortsinn Privatangelegenheit. Die arbeitsterroristische Generalmobilmachung ist drauf und dran diese Existenzbedingung zu zerst&#246;ren. Wenn kaum mehr jemand mit Nebenjobs &#252;ber die Runden kommt, wenn unter dem Druck der arbeitsreligi&#246;sen Offensive systematisch alle gesellschaftlichen Luftl&#246;cher verschwinden, die das Bildungssystem und der Sozialstaat bis dato gelassen haben, dann wird damit nebenbei auch den linken Soziotopen die Luft abgedr&#252;ckt. Die regierende Arbeitskirche tut alles, damit Menschen nur noch f&#252;r zwei Dinge im Leben Zeit und Kraft haben: f&#252;r die Arbeit und f&#252;r die Arbeitssuche. Das individuelle Ausweichen vor diesen Zumutungen nimmt zusehends selber den Charakter einer Schwerstarbeit an. Damit verwandeln sich aber die bisherigen Formen oppositionellen Engagements f&#252;r immer mehr Menschen in eine kaum noch dauerhaft in die eigene Biographie integrierbare psycho-soziale Luxusleistung.</p>
<p>Auch insofern bedarf es einer grunds&#228;tzlichen Neuorientierung der gesellschaftlichen Opposition. Es gilt die ›soziale Frage‹ auch im Bezug auf den eigenen Alltag und die eigenen Lebensverh&#228;ltnisse ernst zu nehmen. Nicht im Sinne einer ›Politik in der ersten Person‹, wie in der verblichenen Alternativbewegung, sondern als alle vom Kapitalismus gezogenen Grenzen &#252;berschreitende Solidarisierung jenseits von Stellvertreterpolitik und Romantisierung eines phantasierten revolution&#228;ren Subjekts.</p>
<p>Die auf Zerst&#246;rung und Selbstzerst&#246;rung programmierte Herrschaft von Arbeit, Warenproduktion und Verwertung stellt radikale Antikapitalisten prinzipiell vor die gleichen Probleme wie alle anderen Menschen, die ein Leben als Konkurrenzautomat und Selbstverk&#228;ufer unertr&#228;glich finden und denen es vor der um sich greifenden sozialen Verwilderung graut. Insofern ist der Wechsel von einem positiven Bezug auf die Arbeit zu einer konsequenten Kritik dieses Allerheiligsten der Warengesellschaft nicht nur unerl&#228;sslich, um eine Kritik des globalisierten Krisenkapitalismus auf der H&#246;he der Zeit zu entwickeln. Vielmehr liegt f&#252;r radikale Gesellschaftskritik in der arbeits- und sozialkritischen Neuorientierung zugleich die Chance, eine Ausstrahlungskraft weit &#252;ber die bisherigen oppositionellen Segmente und Subkulturen hinaus zu gewinnen.</p>
<p>Die Arbeitskirche begegnet der fundamentalen Krise der Arbeit mit Gesundbeterei, dem Auft&#252;rmen hohler Ideologiegebirge und versch&#228;rfter Repression. Vor allem setzt sie darauf, dass der &#220;berlebenskampf in der Vereinzelung keinen Widerstand aufkommen l&#228;sst. Das gilt es zu durchbrechen. Radikale Gesellschaftskritik kann ihren Beitrag dazu leisten, indem sie die Unertr&#228;glichkeit und die Unhaltbarkeit der Arbeits- und Warengesellschaft beim Namen nennt und damit m&#246;glicherweise einem allgemeineren Bed&#252;rfnis mit zur Sprache verhilft.</p>
<p>Einen Schritt in diese Richtung zu unternehmen, ist die Intention des hier vorliegenden Buches. Es versteht sich als Fortsetzung einer Kritik, die im Rahmen der Zeitschrift Krisis entwickelt und mit dem »<a href="http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit">Manifest gegen die Arbeit</a>« (Gruppe Krisis, 1999) sowie dem Buch »<a href="http://www.krisis.org/navi/feierabend-elf-attacken-gegen-die-arbeit">Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit</a>« (Hrsg.: Robert Kurz, Ernst Lohoff und Norbert Trenkle, Hamburg 1999) in eine breitere &#214;ffentlichkeit getragen wurde. Weitere Schritte werden folgen. Wer sich daf&#252;r interessiert, sei insbesondere auf die Krisis und auf das arbeits- und wertkritische Magazin Streifz&#252;ge sowie auf unsere Homepages verwiesen (<a href="http://www.krisis.org">www.krisis.org</a> und <a href="http://www.streifzuege.org">www.streifzuege.org</a>).</p>
<p><em>Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed und Maria W&#246;lflingseder</em></p>
<p><em>Mai 2004</em></p>
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		<title>Das Notwehrheer</title>
		<link>http://www.krisis.org/2004/das-notwehrheer</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Tobias Peschke]]></category>

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		<description><![CDATA[Blattsch&#252;sse auf Arbeitsplatzhirsche: Ein Sammelband der Krisis-Gruppe]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Blattsch&#252;sse auf Arbeitsplatzhirsche: Ein Sammelband der Krisis-Gruppe</h3>
<p>Erschienen in: junge Welt vom 27.7.04</p>
<p><em>Tobias Peschke</em></p>
<p>Nach allgemeiner Auffassung haben nur diejenigen einen Anspruch auf Wohlstand, die etwas zu seiner Herstellung beitragen. Dieser Beitrag wird gew&#246;hnlich »Arbeit« genannt. Aber Arbeit wird knapp. &#220;berall liegt die Drohung von Entlassungen und Betriebsschlie&#223;ungen in der Luft. In dieser Situation werden Arbeitszeitverl&#228;ngerungen und Lohnverzicht durchgesetzt. Propagiert werden Flexibilit&#228;t, Mobilit&#228;t und die bedingungslose Verf&#252;gbarkeit der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten. Trotzdem gelten immer mehr Menschen als zu alt, zu unerfahren oder werden schlichtweg unbrauchbar. Gleichzeitig wird ein harter politischer Kurs gegen Arbeitslose gefahren: Jede nur denkbare Gelegenheit zur Streichung von Leistungen wird genutzt. Wer beim Arbeitsamt nicht permanent nachweist, sich intensiv um Arbeit zu bem&#252;hen und nicht an jeder verordneten Zwangsma&#223;nahme teilnimmt, sei sie auch noch so unsinnig, wird zumindest zeitweise aus dem Leistungsbezug ausgeschlossen.</p>
<p><span id="more-478"></span>Die Krise deklassiert die Leute schneller, als es die meisten f&#252;r m&#246;glich halten. Nach den neuesten »Arbeitsmarktreformen« wird das noch schlimmer. Die Autoren des vorliegenden Buches reagieren mit einem bewu&#223;ten Tabubruch: Sie sprechen der Arbeit ihren Rang als unhinterfragbare Grundlage des Lebens ab. Sie sind Angeh&#246;rige der N&#252;rnberger »Krisis«-Gruppe, die 1999 mit ihrem »Manifest gegen die Arbeit« erstmals an die &#214;ffentlichkeit getreten ist. Wer Kritik an der Notwendigkeit zu arbeiten &#228;u&#223;ert, gilt im allgemeinen als weltfremder Spinner. Dabei war es vor langer Zeit selbst unter renommierten b&#252;rgerlichen Wissenschaftlern ein Allgemeinplatz, da&#223; die Arbeit im Zuge der technischen Revolution verschwindet. Offenbar ist das v&#246;llig in Vergessenheit geraten. Den Krisis-Autoren ist klar, da&#223; die Menschen Dinge f&#252;r ihr &#220;berleben herstellen m&#252;ssen und dies nicht immer ohne M&#252;hsal m&#246;glich ist. Sie kritisieren aber den Umstand, da&#223; es beim Einsatz von Arbeit nicht in erster Linie um die Herstellung n&#252;tzlicher Dinge, sondern vor allem um deren Verk&#228;uflichkeit geht. Arbeit wird nur nachgefragt, wenn sich mit ihrem Einsatz Geld verdienen l&#228;&#223;t. Dieser Zusammenhang hat zur Folge, da&#223; viele lebenswichtige Dinge kaum noch hergestellt werden, weil hinter ihnen keine zahlungskr&#228;ftige Kundschaft steht.</p>
<p>Wer sich auf diesen Kritik-Ansatz einl&#228;&#223;t, gelangt zu &#252;berraschenden Einsichten. Vieles erscheint als v&#246;llig irrwitzig. Auch die gegenw&#228;rtige Krise: Obwohl sich an den konkreten Produktionsbedingungen nichts verschlechtert hat, werden immer mehr Menschen vom Wohlstand ausgeschlossen. Berge von G&#252;tern liegen in den L&#228;den und finden keinen Absatz. Es ist, als w&#228;re &#252;ber Nacht eine unsichtbare Mauer zwischen Menschen und Dingen errichtet worden. Die Autoren betrachten Arbeitskritik als Akt der sozialen Notwehr. Da das System von Arbeit und Geld zunehmend unser Leben in Frage stellt, ist es h&#246;chste Zeit, das System von Arbeit und Geld in Frage zu stellen. Auch eine von »Arbeit« befreite Gesellschaft s&#228;he nicht aus wie das Schlaraffenland, aber es w&#252;rde weniger unn&#246;tiges Leid geben. Die pr&#228;gnanten Texte der Gruppe »Krisis« waren bisher vor allem theoretischer Natur. Das vorliegende Buch enth&#228;lt dar&#252;ber hinaus ein breites Spektrum an Erlebnisberichten. So kann man leicht erfahren, wie die eigene Situation mit grundlegenden gesellschaftlichen Entwicklungen zusammenh&#228;ngt.</p>
<p>* Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria W&#246;lfingseder (Hrsg.): Dead Men Working. Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. UNRAST-Verlag, M&#252;nster 2004, 304 S., 18 Euro</p>
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		<title>Der N&#228;chste bitte&#8230;</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Lothar Galow-Bergemann]]></category>

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		<description><![CDATA[BEMERKUNGEN ZUR AKTUELLEN DURCHKAPITALISIERUNG DES LEBENS AM BEISPIEL DER KRANKENH&#196;USER]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>BEMERKUNGEN ZUR AKTUELLEN DURCHKAPITALISIERUNG DES LEBENS AM BEISPIEL DER KRANKENH&#196;USER</h3>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/">Streifz&#252;ge</a> 30/2004</p>
<p><em>von Lothar Galow-Bergemann</em></p>
<p><em>(Vorabdruck aus &#8220;Dead Men Working &#8211; Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs&#8221;, hg. von Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria W&#246;lflingseder, das im Juni 2004 im Unrast Verlag erscheint.)</em></p>
<p><em>Der nachfolgende Text ist aus der Praxis des Autors als Gewerkschafter und Personalrat in einem Gro&#223;klinikum entstanden. Er hat einen Beitrag zur innergewerkschaftlichen Debatte um die Positionierung zu den gegenw&#228;rtigen tief greifenden Ver&#228;nderungen in der Krankenhauslandschaft der BRD zur Grundlage.</em><a name="1" href="#a1">1</a></p>
<p><span id="more-643"></span>Was f&#228;llt jemandem ein, der zwar die Folgen seines Tuns kommen sieht (oder doch wenigstens einige davon), aber trotzdem felsenfest davon &#252;berzeugt ist, dass er &#8220;eigentlich&#8221; das Richtige tut? Er kennt nur eine einzige Herausforderung: das Richtige muss auch richtig &#8220;gemacht&#8221; werden. Alles erscheint nur noch als eine Frage des &#8220;Handlings&#8221;. Schon immer hatten die Sachwalter des entfesselten Marktes ein vermeintliches Zaubermittel parat, wenn sie mit den Problemen, die ihnen ihr Libidoobjekt beschert hatte, nicht mehr weiter wussten. Sein Name: Management.</p>
<p>Verr&#228;terisch die Herkunft des Wortes, bedeutet doch lateinisch manus agere nichts anderes als &#8220;H&#228;nde f&#252;hren&#8221;. Die Leute m&#252;ssen nur an der Hand genommen und richtig gef&#252;hrt werden, damit alles im Griff und unter Kontrolle bleibt. Eigentlich, so das zugrunde liegende Credo, w&#252;rde alles zum Besten laufen, w&#252;rde sich menschliches Verhalten nur m&#246;glichst naht- und bruchlos den als naturgesetzlich vorausgesetzten Erfordernissen der Kapitalverwertung anpassen.</p>
<p>Allein &#8211; die st&#246;rende Realit&#228;t war doch stets irgendwie peinlich und schmerzhaft. Die fortschreitende Minimierung menschlicher Inkompatibilit&#228;ten mit den Notwendigkeiten des Marktes blieb folglich st&#228;ndige Aufgabe im Prozess der Durchkapitalisierung des Lebens.In Zeiten der Ich- AGs haben sich die Marktsubjekte zunehmend selber zu managen.Wie f&#252;hren sich die Leute selber an der Hand oder besser &#8211; an der Nase herum? Diese geniale Fragestellung markiert die Geburtsstunde einer h&#246;heren Form des manus agere: Das Qualit&#228;tsmanagement erblickte das Licht der Welt.</p>
<h4>Der Ozean der Ellenbogenkonkurrenz vertr&#228;gt keine Inseln der Menschlichkeit</h4>
<p>Aufgrund neu geschaffener gesetzlicher Regelungen h&#228;lt diese Missgeburt nun auch in den Krankenh&#228;usern der BRD fl&#228;chendeckend Einzug. Krankenh&#228;user sind verpflichtet, &#8220;einrichtungsintern ein Qualit&#228;tsmanagement einzuf&#252;hren und weiterzuentwickeln.&#8221; <a name="2" href="#a2">2</a> H&#228;usern, die sich dem verweigern, drohen Abschl&#228;ge bei den mit den Krankenkassen auszuhandelnden Budgetfestsetzungen.</p>
<p>Was verbirgt sich nun hinter diesem Begriff, der doch f&#252;r nicht wenige Ohren erst einmal &#8220;gar nicht so schlecht&#8221; klingt? Zun&#228;chst tritt Qualit&#228;tsmanagement den Besch&#228;ftigten n&#228;mlich recht demokratisch gegen&#252;ber, und das weckt noch allemal Sympathien. &#8220;Bittesch&#246;n, arbeiten wir gemeinsam an der Verbesserung unserer Leistungen &#8211; zum Wohle der Patienten und zur Steigerung unserer Arbeitszufriedenheit. Und das alles v&#246;llig hierarchiefrei und offen, von der Putzfrau bis zum Chefarzt, alle d&#252;rfen mitreden.&#8221; Dass es in den Kliniken so manches zu verbessern g&#228;be, wei&#223; aus eigener Erfahrung nicht nur die eine oder andere Patientin, besonders die dort Besch&#228;ftigten zweifeln daran keineswegs. An sachlich fundierten Verbesserungsvorschl&#228;gen aus Mitarbeiterkreisen mangelt es denn auch in keinem Krankenhaus. Die Crux ist nur, dass eine Verbesserung der Qualit&#228;t von Patientenbetreuung in der Hauptsache auch eine bessere personelle Ausstattung erfordern w&#252;rde. Dies aber w&#252;rde die Ausgaben erheblich steigern, denn noch immer entfallen, sehr zum Leidwesen aller Rationalisierer, zirka 70 Prozent eines Klinikbudgets auf Personalkosten.Erkl&#228;rterma&#223;en sind aber gerade Kostensenkungen der Sinn der ganzen Veranstaltung. Illusionen sind folglich fehl am Platz.</p>
<p>Es ist kein Zufall, dass Qualit&#228;tsmanagement im Krankenhaus gerade heute forciert wird. Dabei handelt es sich in gewisser Weise um die propagandistische Begleitmusik zum Programm der Durchkapitalisierung, das in den Kliniken aktuell vor allem mit Hilfe der Einf&#252;hrung so genannter Fallpauschalen durchgesetzt wird. N&#228;heres dazu unten. Diese Durchkapitalisierung st&#246;&#223;t in den Spit&#228;lern allerdings auf nicht geringe Widerst&#228;nde. Denn dort hat sich bis heute &#8211; sowohl historisch als auch im fordistischen Sozialstaatskompromiss der Nachkriegsjahrzehnte begr&#252;ndet &#8211; so etwas wie &#8220;verwertungsfreie Zonen&#8221; am Leben erhalten.Alles andere als marktkonform ist beispielsweise der Grundsatz, dass ein schwer verletzter Neuzugang vorrangig zu behandeln sei und sich jede Frage danach kategorisch verbiete, ob es sich hierbei um ein mehr oder weniger &#8220;n&#252;tzliches&#8221; Mitglied der Arbeitsgesellschaft handelt.Es wird vermutlich noch ein wenig dauern, bis in den Zentren kapitalistischer Verwertung ein solcher Grad der Barbarisierung erreicht ist, dass auch dieser Grundsatz auf dem M&#252;llhaufen so genannter &#8220;Standort gef&#228;hrdender Sozialromantik&#8221; landet.Auf anderen Gebieten sind wir da schon weiter. Wie nicht nur das Beispiel des Herren Mi&#223;felder von der Jungen Union zeigt, der &#8220;85- J&#228;hrigen keine teuren H&#252;ftgelenke mehr einbauen&#8221; will, rechnen sich hoffnungsfrohe Nachwuchskrisenverwalter mit mutigen Tabubr&#252;chen dieser Art mittlerweile bereits Karrierechancen aus &#8211; und zwar ganz und gar nicht unberechtigt.</p>
<p>Die &#246;konomisch-politischen Rahmenbedingungen in der Krankenhauslandschaft wandeln sich seit geraumer Zeit.Wir haben es mit der Orientierung auf die fast vollst&#228;ndige Unterwerfung auch dieses Bereiches der Gesellschaft unter die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten des freien Marktes zu tun. Die Studie einer Managementberatungsfirma aus dem Jahre 1999 beschreibt (wohl leider nicht unrealistisch) in einem fingierten R&#252;ckblick aus dem Jahr 2015 die Entwicklung der vor uns liegenden n&#228;chsten Jahre wie folgt:</p>
<p>&#8220;Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machten bereits Anfang des neuen Jahrhunderts die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems in den beste- henden Strukturen unm&#246;glich. Es kam zu einer Liberalisierung des Gesundheitswesens. Der Staat zog sich mehr und mehr zur&#252;ck und sorgte f&#252;r eine steuerfinanzierte Grundversorgung. Die Bev&#246;lkerungsschichten, die nicht in der Lage waren, f&#252;r ihre eigene Krankenversicherung zu sorgen, wurden mit dieser Grundversorgung abgesichert.</p>
<p>Die Krankenversicherungen managen effizient den Einkaufsbereich, die Kosten und Leistungen der station&#228;ren Einrichtungen sind transparent, die gesetzlichen Krankenversicherungen wie es sie noch am Ende des letzten Jahrhunderts gegeben hat, bestehen in dieser Form nicht mehr.</p>
<p>Der Versicherungsnehmer entscheidet (&#252;ber den Beitrag), welche Gesundheitsrisiken abgedeckt werden. Die Krankenversicherungen treten gegeneinander im Wettbewerb an.</p>
<p>Ausgel&#246;st durch den zunehmend freien Wettbewerb und das Einkaufsmanagement der Krankenversicherungen ist der Kampf um den , Kunden&#8217; Patient entbrannt.Investitionen in Geb&#228;ude, Infrastruktur und Ausstattung wurden f&#252;r wesentliche Teile der &#246;ffentlich-rechtlichen station&#228;ren Einrichtungen notwendig, um mit den freigemeinn&#252;tzigen und privaten Mitbewerbern konkurrieren zu k&#246;nnen. Dort, wo das nicht m&#246;glich war, sind die H&#228;user inzwischen vom Markt verschwunden oder von anderen privaten oder freigemeinn&#252;tzigen Gruppen &#252;bernommen worden.&#8221;<a name="3" href="#a3">3</a></p>
<p>Nach Einsch&#228;tzung des &#8220;Gesundheitsexperten&#8221; von Rot-Gr&#252;n, K.W. Lauterbach, wird als Folge der gegenw&#228;rtigen Weichenstellungen in der Gesundheitspolitik ein gro&#223;es Krankenhaussterben einsetzen.Von 2.242 Krankenh&#228;usern seien 1.410 &#8220;&#252;ber- fl&#252;ssig&#8221; und von den gegenw&#228;rtig 559.651 Klinikbetten in der BRD sollen 231.651 von der &#8220;unsichtbaren Hand des Marktes&#8221; hinweggezaubert werden.<a name="4" href="#a4">4</a> Dies alles bei steigenden Patientenzahlen.Des R&#228;tsels L&#246;sung liegt in der anvisierten radikalen Verk&#252;rzung der Verweildauer, also der Anzahl Tage, die ein Patient in der Klinik verbringt. Derzeit arbeiten noch ca.eine Million Menschen in diesem Bereich, es ist absehbar, was diese Entwicklung f&#252;r die Arbeitspl&#228;tze bedeuten wird. &#8220;Die Pr&#228;sidentin des Deutschen Pflegerates, Marie-Luise M&#252;ller, bef&#252;rchtet, dass in den n&#228;chsten Jahren rund 100.000 Pflegekr&#228;fte arbeitslos werden k&#246;nnten, wenn die Verweildauer in den Krankenh&#228;usern um 50 Prozent sinken sollte&#8230; F&#252;r die Pflege besteht das Problem darin, dass sie in diesem System nur als Kostenfaktor bei der Berechnung von Kostengewichten auftaucht.&#8221;<a name="5" href="#a5">5</a> Es w&#252;rde im &#220;brigen nicht &#252;berraschen, sollte eben jener Lauterbauch f&#252;r seine unsterblichen Verdienste um die &#214;konomisierung des Gesundheitswesens demn&#228;chst mit einer Stelle in dem auf Bundesebene neu entstehenden &#8220;Institut f&#252;r Qualit&#228;t und Wirtschaftlichkeit&#8221; in der Medizin belohnt werden. Durchkapitalisierung und Qualit&#228;tsmanagement sind nun einmal siamesische Zwillinge.</p>
<h4>Dammbruch, dein Name sei Fallpauschale</h4>
<p>Einen starken Schub erh&#228;lt die ganze Entwicklung derzeit mit der v&#246;lligen Umstellung der Krankenhausfinanzierung.Weg vom Bedarfsdeckungsprinzip hin zum fallpauschalierten Verg&#252;tungssystem nach DRG (&#8220;Diagnosis Related Groups&#8221;, von Klinikbesch&#228;ftigten auch mit &#8220;Durchschleusen, Rausschmei&#223;en, Gewinnmachen&#8221; &#252;bersetzt). Erhielten die Kliniken bisher f&#252;r jeden Behandlungstag eines Patienten einen bestimmten Betrag, so gibt es k&#252;nftig nur noch eine festgelegte Pauschale pro Fall.Das System befindet sich derzeit in der Einf&#252;hrungsphase, mit Jahresbeginn 2007 soll es vollst&#228;ndig durchgesetzt und wirksam sein.</p>
<p>Damit ist der Durchkapitalisierung eines weiteren gro&#223;en Lebensbereiches, der Krankenversorgung, T&#252;r und Tor ge&#246;ffnet. Denn von nun an herrscht auch dort gnadenloser Wettbewerb: Sieger im Konkurrenzkampf der Kliniken um Marktpositionen wird sein, wer m&#246;glichst viele Patienten m&#246;glichst schnell durchschleust, wer den Krankenkassen zwar m&#246;glichst viele Diagnosen seiner Patienten pr&#228;sentiert, es nichtsdestotrotz aber am besten versteht, die meisten &#8220;attraktiven F&#228;lle&#8221; in m&#246;glichst geringer Zeit mit m&#246;glichst wenig Personalkosten durchzuziehen und sich um &#8220;unattraktive&#8221; Patienten zu dr&#252;cken.Attraktiv ist dabei der junge, gesunde, privat versicherte Kurzlieger, der eben mal schnell und bei Unterschreitung der durchschnittlich &#252;blichen Zeit seinen Blinddarm sanieren l&#228;sst, unattraktiv der &#228;ltere, multimorbide, lang liegende Kassenpatient, wom&#246;glich mit Diabetes, Herzproblemen und mangelnder h&#228;uslicher Versorgung.</p>
<p>Die zu erwartende radikale Senkung der durchschnittlichen Verweildauer in den n&#228;chsten Jahren wird nur zu einem geringen Teil wirklichen medizinischen Fortschritten wie etwa der minimal invasiven Chirurgie zu verdanken sein.In der Hauptsache wird es sich um die Folgen des entfesselten Marktes handeln.Was Patienten teils heute schon erleben und worauf sie sich in Zukunft noch mehr einstellen sollten, macht der unter Chirurgen beliebte Sarkasmus von der so genannten &#8220;englischen Verlegung&#8221; deutlich: Da geht&#8217;s hopplahopp und der Patient ist beim Verlassen des Hauses halt noch &#8220;ein bisschen blutig&#8221;, so wie das englische Steak eben&#8230; Der N&#228;chste bitte!</p>
<p>Absehbar sind dramatische Einbr&#252;che in der Finanzierung ganzer Bereiche, so der Kinderversorgung und der Aidsbehandlung. <a name="6" href="#a6">6</a> Anhand besonders krasser Beispiele l&#228;sst sich erahnen, zu welch ungeheuren Konsequenzen die Durchkapitalisierung der Operationss&#228;le f&#252;hren wird. Ben&#246;tigt ein Patient drei Herzklappen, so kann man ihm die meistens mit einer Operation einbauen. Das Problem ist nur, dass die Klinik k&#252;nftig genauso viel verdient, wenn sie ihm nur eine Herzklappe einsetzt.Das Vorgehen nach der Methode: &#8220;Herr Maier, jetzt versuchen wir&#8217;s erstmal mit einer Klappe&#8230; Herr Maier, jetzt sollten wir doch noch eine zweite einsetzen&#8230; usw.&#8221; k&#246;nnte Herrn Maier also drei Operationen bescheren und der Klinik den dreifachen Ertrag.<a name="7" href="#a7">7</a> Vergisst der Chirurg k&#252;nftig bei der Entfernung einer Gallenblase einen Clip im Bauch und verletzt den Gallengang, so erh&#228;lt die Klinik das Doppelte dessen, was sie bekommen h&#228;tte, wenn ihm diese Fehler nicht unterlaufen w&#228;ren. Muss er gar den Gallengang n&#228;hen, darf die Klinik mit dem vierfachen Betrag rechnen.<a name="8" href="#a8">8</a> Bem&#252;ht sich ein Arzt k&#252;nftig darum, einem Patienten den aufgrund von Durchblutungsst&#246;rungen gef&#228;hrdeten Vorfu&#223; mit konservativer Behandlung zu retten, so prellt er seine Klinik um ein stattliches S&#252;mmchen, denn w&#228;re er gleich zur Amputation geschritten, h&#228;tte das Haus den viereinhalbfachen Betrag einstecken k&#246;nnen.<a name="9" href="#a9">9</a> Es ist absehbar, dass unter solchen Bedingungen in einem Umfeld st&#228;ndig wachsenden &#246;konomischen Druckes fr&#252;her oder sp&#228;ter auch die letzten D&#228;mme brechen werden.</p>
<p>&#8220;Ein weiteres Problem kommt hinzu: Da ein Krankenhaus mehr Geld einnehmen kann, wenn es schwerere F&#228;lle abrechnet, ist es nahe liegend, jede M&#246;glichkeit auszun&#252;tzen, um die Patienten zumindest auf dem Papier kr&#228;nker zu machen als sie sind&#8230; Aber selbst wenn hierbei nicht betrogen wird, erfordert es doch eine ganz andere Sicht der &#196;rzte auf den Patienten. Die Vizepr&#228;sidentin der Nordw&#252;rttembergischen &#196;rztekammer hat dieses Problem treffend zusammengefasst: &#8220;&#196;rzte werden ausgebildet, um im Interesse des kranken Menschen zu beobachten, zu untersuchen und weiterzudenken. Im Zentrum steht f&#252;r sie der Patient, und wahrlich nicht die Sammlung von Hauptund Nebendiagnosen zur Gewinnoptimierung. (&#8230;) Wenn derzeit ein Klinikarzt 5 Minuten f&#252;r den Patienten aufwenden kann und dann 20 Minuten Dokumentationsb&#246;gen ausf&#252;llen muss, ist das im Sinne einer menschlichen Medizin eine absolute Fehlentwicklung.&#8221;<a name="10" href="#a10">10</a> In den USA, wo bereits seit den 80er Jahren nach Fallpauschalen abgerechnet wird, wenn auch nicht in dieser Radikalit&#228;t, wie es jetzt in der BRD Wirklichkeit werden soll, &#8220;hat dies dazu gef&#252;hrt, dass 60.000 Stellen von &#196;rzten und Schwestern abgebaut wurden. Stattdessen wurden 6.000 Verwaltungsstellen neu geschaffen sowie Computerprogramme und Hardware im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar angeschafft.&#8221; <a name="11" href="#a11">11</a></p>
<h4>Mit &#8220;Kundenorientierung&#8221; Fassadensanierung betreiben</h4>
<p>Sein oder Nichtsein f&#252;r die Kliniken und f&#252;r diejenigen, die ihren Lebensunterhalt dort verdienen. Die Krankenschwester, die sich Zeit nimmt f&#252;r ein einf&#252;hlendes Gespr&#228;ch mit der Oma von Zimmer 19, der Arzt, der eine schonendere, aber langwierigere und finanziell weniger attraktive Therapie in Erw&#228;gung zieht, der Pfleger, der einen Sterbenden begleitet &#8211; sie alle werden mit ihrem menschlichen Verhalten letztendlich ihren eigenen Arbeitsplatz gef&#228;hrden. Dementsprechend werden solche sympathischen Erscheinungen tendenziell immer weniger anzutreffen sein.</p>
<p>Geld als Ma&#223; aller Dinge &#8211; auch in den letzten Refugien der Humanit&#228;t. Alle menschlichen Beziehungen werden zur Ware und s&#228;mtliche Menschen zu Kunden, auch Patienten.Wohin die Entwicklung f&#252;hrt, ist vorgezeichnet:Weg vom bed&#252;rftigen Menschen hin zum m&#246;glichst rentablen Fall.</p>
<p>Ein wesentliches Ziel von Qualit&#228;tsmanagement ist es deshalb auch, die Umdefinition von PatientInnen und deren Angeh&#246;rigen zu Kunden in den K&#246;pfen der Klinikbesch&#228;ftigten zu verankern.Dabei wird geschickt an dem in diesen Kreisen durchaus verbreiteten Unbehagen an dem Begriff &#8220;Patient&#8221; angesetzt.<a name="12" href="#a12">12</a> Der leidende, unm&#252;ndige Patient ist nicht das, was man sich eigentlich w&#252;nscht. Zu Recht wird die im Bild des Patienten enthaltene reduktionistische Sicht des Menschen kritisiert. Als scheinbare Alternative wird nun der Begriff &#8220;Kunde&#8221; ins Spiel gebracht. Aber diese Neubestimmung l&#228;uft nur auf eine noch radikalere Reduktion von Menschen hinaus.&#8221;Kundenbeziehungen&#8221; sind Geldbeziehungen. Der Kunde ist nur solange K&#246;nig, wie er zahlungskr&#228;ftig ist. Und ist das in der Kundenvorstellung enthaltene Bild vom &#8220;kritischen Konsumenten&#8221; in Bezug auf das Gesundheitswesen nicht noch viel abstruser und realit&#228;tsfremder als beim Auto- und &#196;pfelkauf? Was kann der &#8220;Kunde&#8221; Patient beurteilen? Ist er in der Lage, die Zusammenh&#228;nge im Krankenhaus zu verstehen, eine kritische Sicht auf die Umst&#228;nde und die Art und Weise seiner Behandlung zu entwickeln, gen&#252;gend qualifiziertes Personal einzufordern, das &#252;ber gen&#252;gend Zeit und Spielr&#228;ume verf&#252;gt, um sich ihm in angemessener Weise zuwenden zu k&#246;nnen? Nat&#252;rlich nicht. Das w&#228;re ja ein anderer, ein m&#252;ndiger Patient. Aber genau darum geht es Qualit&#228;tsmanagement nicht.Der &#8220;Kunde&#8221; Patient kann beurteilen, ob die Br&#246;tchen frisch oder hart sind und ob die R&#228;ume hell und freundlich sind. Das soll er dann geboten bekommen &#8211; in der Hoffnung, damit im Kampf um Marktanteile bestehen zu k&#246;nnen.</p>
<p>Nichts gegen frische Br&#246;tchen und helle R&#228;ume. Aber der &#8220;Kunde&#8221; Patient wird sich in aller Regel nicht auf gleicher Augenh&#246;he mit dem ihn umgebenden Fachpersonal und der Klinikmaschinerie befinden. Er wird in den seltensten F&#228;llen Medizin studiert haben und schon gar nicht &#252;ber klinische Erfahrung auf verschiedensten Spezialgebieten verf&#252;gen. Auch bekommt er es schlicht und ergreifend &#252;berhaupt nicht mit, wenn beispielsweise im OP und auf der Intensivstation ein nicht zu verantwortender Personalmangel herrscht, er kann h&#246;chstens im Nachhinein und in Betrachtung eventueller Symptome dergleichen mutma&#223;en&#8230; Was wei&#223; er beispielsweise von jener Studie in einer schottischen Intensivstation, die einen unzweifelhaften Zusammenhang zwischen personeller Besetzung der Station und der Anzahl der Todesf&#228;lle unter den PatientInnen nachgewiesen hat? Die Einzeluntersuchung der schwerkranken F&#228;lle zeigte, dass die Zahl der Todesf&#228;lle umso mehr &#252;ber der m&#246;glichen Voraussage lag, je schlechter das aktuelle Verh&#228;ltnis zwischen Belegung und Personalstand war. Bei guter Personalausstattung starben 17 Prozent der PatientInnen, im schlechtesten Fall 47 Prozent.<a name="13" href="#a13">13</a> Und selbst wenn er von der Studie w&#252;sste, was w&#252;sste er &#252;ber die Zust&#228;nde in der Klinik, in der er behandelt wird? Und wenn er auch die kennen w&#252;rde, wie k&#246;nnte er sie &#228;ndern? Auf keinen Fall w&#228;re ihm beispielsweise zu raten, diejenigen, die unter Verweis auf Budgetdeckelungen eine gute personelle Ausstattung von Intensivstationen verweigern, als potentielle M&#246;rder zu bezeichnen. Das h&#228;tte vermutlich strafrechtliche Konsequenzen.</p>
<p>Selten wird auf den ersten Blick augenf&#228;lliger, wie wenig es mit selbstbestimmter Lebensweise, mit Lebensqualit&#228;t zu tun hat, wenn Menschen in das Korsett eines Marktteilnehmers gepresst werden.Weil es auf der Hand liegt, dass &#8220;Kunden&#8221; im Krankenhaus per se nur sehr unzureichend beurteilen k&#246;nnen, was f&#252;r sie von eminenter, mitunter von Lebensbedeutung ist, wird deutlich, was die ber&#252;hmte &#8220;Kundenorientierung&#8221; eigentlich nach sich zieht: Ablenkung von der Hauptsache, den Blick auf die Fassade richten, um nicht &#252;ber die eigentlichen Probleme reden zu m&#252;ssen. Demgegen&#252;ber m&#252;sste es gerade Ziel einer menschlichen Gesundheitsversorgung sein, sich der Unterordnung zwischenmenschlicher Beziehungen unter den Aspekt der Geldvermittlung zu widersetzen.</p>
<p>In L&#228;ndern, in denen die Durchkapitalisierung des Gesundheitswesens schon weiter vorangeschritten ist, etwa in den USA oder in Gro&#223;britannien, sind die Ergebnisse dieser Entwicklung bereits zu besichtigen: Eine menschenverachtende Zwei- und Dreiklassen-Medizin mit heruntergekommenen Billigangeboten f&#252;r die Armen und Luxusmedizin f&#252;r diejenigen, die es sich leisten k&#246;nnen.Aber die Aufholund &#220;berholjagd des &#8220;alten Europa&#8221; findet auch auf diesem Gebiet statt.W&#228;hrend KassenpatientInnen auf lebenswichtige Herzoperationen immer l&#228;nger warten m&#252;ssen, w&#228;hrend viele Kliniken ganz bewusst den Anteil von wenig qualifizierten Pflegekr&#228;ften zwecks Kostensenkung erh&#246;hen, w&#228;hrend es zusehends vorkommt, dass &#228;ltere Menschen, die zu Hause keine Betreuung haben, aus den Kliniken &#8220;ins Nichts&#8221; entlassen werden, w&#228;hrend Zeitungsmeldungen auftauchen, wonach Rettungshubschrauber von einer &#252;berbelegten Klinik nach der anderen abgewiesen wurden &#8211; w&#228;hrend alledem k&#246;nnen wir uns durch einen Klick auf www.medizin plus.com davon &#252;berzeugen, dass es auch anders geht.</p>
<p>Hier wird dem verw&#246;hnten Kunden nur vom Feinsten geboten: &#8220;medizinplus befindet sich im Zentrum des Klinikums N&#252;rnberg, ist aber trotzdem nicht f&#252;r , jedermann&#8217; zug&#228;nglich.Von dort haben Sie einen wundervollen Blick auf die romantische N&#252;rnberger Altstadt und die ber&#252;hmte Kaiserburg.Die geringe Anzahl der Patientenzimmer verschafft die ruhige Atmosph&#228;re, die weniger an ein Krankenhaus als an ein Hotel erinnert&#8230;&#8221; Auf der Sonderstation, f&#252;r die &#8220;keine Versorgungsvertr&#228;ge mit den gesetzlichen Krankenkassen&#8221; bestehen, wird dem betuchten Patienten f&#252;r saftige Preise alles geboten, wonach er sich sehnt: ein &#8220;gepflegtes Ambiente&#8221; mit &#8220;hochwertiger Ausstattung der R&#228;ume, angenehmen Teppichb&#246;den, Hotel-Atmosph&#228;re und Lounge, Einzelzimmer mit Bad, TV und DVD&#8221;. Und w&#228;hrend der finanziell unattraktive Opa Schulze zwei Stockwerke darunter gerade viel zu fr&#252;h ins Pflegeheim entsorgt wird, darf sich der verw&#246;hnte Gast beim Anblick historischer Gem&#228;uer an ged&#252;nsteter Heilbuttschnitte in Kr&#228;utersauce, Blattspinat und Butterkartoffeln &#8220;gem&#228;&#223; den Preisen der Speisekarte&#8221; laben oder sich f&#252;r den geringen Aufpreis von 120 Euro pro Tag eine &#8220;Begleitperson&#8221; in seiner Suite halten. Keine Frage, dass auch eine stationseigene Sauna, &#8220;verschiedene Massagen&#8221;, ein Sekretariatsservice (&#8220;Preis pro Tag, nach Aufwand&#8221;) und ein Fitness- und Entspannungsraum zur Verf&#252;gung stehen. Ach ja, nicht zu vergessen &#8220;die Chefarztbehandlung in einer besonderen Umgebung&#8230; eine optimale medizinische Versorgung&#8230; das Beste, was wir Ihnen geben k&#246;nnen&#8221;. Ein &#8220;pers&#246;nlicher Safe&#8221; versteht sich bei alledem von selbst.</p>
<h4>Rahmenbedingungen sollen kritiklos akzeptiert werden</h4>
<p>Lassen wir noch einmal die eingangs zitierte Studie &#252;ber die Krankenhauslandschaft der BRD im Jahre 2015 zu Wort kommen: &#8220;Es fehlen in den staatlichen Krankenh&#228;usern seit Jahren Finanzmittel, um ausreichend Ersatzinvestitionen vorzunehmen. Neue, zukunftsweisende Investitionen werden seit Jahren nicht mehr durchgef&#252;hrt. Die Schere zwischen staatlichen H&#228;usern auf der einen Seite sowie freigemeinn&#252;tzigen und privaten H&#228;usern auf der andern Seite hat sich weiter ge&#246;ffnet.&#8221; Und: &#8220;Art und Umfang der Grundversorgung liegen deutlich unter dem Leistungsniveau Ende der 90er Jahre&#8230; Es gibt nicht mehr die einst im Sozialgesetzbuch V definierten Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung, sondern es besteht freie Vertragsgestaltungsm&#246;glichkeit&#8221;<a name="14" href="#a14">14</a> &#8211; je nach Geldbeutel, versteht sich &#8230;</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird der innere Zusammenhang zwischen der Auslieferung der Krankenh&#228;user an die Marktgesetze und der Einf&#252;hrung von &#8220;Qualit&#228;tsmanagement&#8221; und &#8220;Kundenorientierung&#8221; verst&#228;ndlich. Diese Begriffe dienen nicht selbstkritischer Reflexion, in dem Sinne, dass hinterfragt werden k&#246;nnte, ob Fallpauschalierungen und von den Krankenkassen verordnete Budgetdeckelungen f&#252;r Kliniken<a name="15" href="#a15">15</a> der richtige Weg sind, ob der R&#252;ckzug des Staates und der Kommunen aus einer gewissen Verantwortlichkeit gegen&#252;ber allen Einwohnern &#8211; auf den Punkt gebracht in dem b&#252;rokratisch-paternalistischen Begriff der &#8220;Daseinsf&#252;rsorge&#8221; &#8211; &#252;berhaupt verantwortbar ist oder nicht.</p>
<p>Qualit&#228;tsmanagement behandelt im Gegenteil gerade diese Fragen als &#8220;unzul&#228;ssige Fragen&#8221;.Es fordert die kritiklose Akzeptanz der wirtschaftlich und politisch gesetzten Bedingungen als quasi unver&#228;nderliche Naturkonstanten. &#8220;Wir haben gar keine andere Chance, als uns alle so zu verhalten, wie der Markt es von uns verlangt.&#8221; Dieser Satz soll zum Glaubensbekenntnis aller werden. Der Gedanke an eine m&#246;gliche Alternative zur Subsummierung der Krankenversorgung unter die Gesetze des Marktes darf erst gar nicht aufkommen.</p>
<p>Qualit&#228;tsmanagement tritt mit dem Anspruch auf, als k&#246;nnten all die voraussehbaren negativen Auswirkungen eines liberalisierten Krankenhausmarktes durch &#8220;richtiges&#8221; Handeln in den Kliniken selbst aufgefangen und quasi ungeschehen gemacht werden.Wie illusion&#228;r das ist, liegt auf der Hand. Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass die Ideologen des freien Marktes mit ihrer Erfindung des &#8220;Qualit&#228;tsmanagements&#8221; gleichzeitig ein ganz unfreiwilliges Eingest&#228;ndnis machen: Irgendwie scheinen sie n&#228;mlich selbst nur ein begrenztes Vertrauen in ihr Allerheiligstes zu haben. Denn w&#252;rde die von ihnen sonst bei jeder Gelegenheit ger&#252;hmte &#8220;invisible hand&#8221; des Marktes wirklich alles wie von selbst zum Besten regeln, br&#228;uchte man sich kaum ein extra Handwerkszeug zulegen, welches ausgerechnet dazu dienen soll, Qualit&#228;t herzustellen.</p>
<h4>Managementkonzept: Gold raus aus den K&#246;pfen &#8211; Angst rein</h4>
<p>Mittels Qualit&#228;tsmanagement und Kundenorientierung sollen die Besch&#228;ftigten der Kliniken f&#252;r den Verdr&#228;ngungswettbewerb &#8220;fit gemacht&#8221; werden.Aus dem Munde des Managements h&#246;rt sich das so an:&#8221;Wir m&#252;ssen das Gold in den K&#246;pfen unserer Mitarbeiter heben.&#8221; Jetzt wird deutlicher, was es mit dem eingangs beschriebenen demokratischen Habitus des Qualit&#228;tsmanagements auf sich hat:Will Durchkapitalisierung heute voranschreiten, braucht sie wahrhaftig die Mitarbeit eines jeden im Kampf um die Standortsicherung, m&#246;glichst die Selbstidentifizierung aller mit &#8220;ihrem&#8221; Betrieb, mit &#8220;ihrer&#8221; Klinik.Fr&#252;her einmal hat es nach dem Befehlsprinzip funktioniert. Heute funktioniert es nur noch demokratisch.Besser wird es dadurch allerdings nicht.<a name="16" href="#a16">16</a></p>
<p>Die Goldgrube in den K&#246;pfen gilt es also zu heben.Womit sie anschlie&#223;end aufzuf&#252;llen ist, ist auch kein Geheimnis: Mit Angst. Um die Arbeitspl&#228;tze. Wer nicht immer mehr &#8220;Leistung&#8221; aus sich herauspresst, verliert seine Existenzgrundlage. Intel-Chef Andrew Grove beschreibt das so: &#8220;Die wichtigste Aufgabe der F&#252;hrungskr&#228;fte ist, eine Umgebung zu schaffen, in der die Mitarbeiter leidenschaftlich entschlossen sind, auf dem Markt erfolgreich zu sein.Furcht spielt eine gro&#223;e Rolle, diese Leidenschaft zu entwickeln und zu bewahren. Angst vor dem Wettbewerb, Angst vor einem Bankrott, Angst, einen Fehler zu machen, und Angst zu verlieren, k&#246;nnen starke Motivationskr&#228;fte sein.&#8221;<a name="17" href="#a17">17</a></p>
<p>Die Zeiten, in denen die PatientInnen und Besch&#228;ftigten im Gesundheitswesen zumindest von der bedingungslosen Durchsetzung solcher unbesch&#246;nigten Wahrheiten des Kapitalismus halbwegs verschont blieben, sind unwiderruflich vorbei. <a name="18" href="#a18">18</a> Von einem Vertreter der Sana<a name="19" href="#a19">19</a> bekamen die Mitarbeiter eines Stuttgarter Krankenhauses zu h&#246;ren: &#8220;Das Wesentliche ist, auf dem Markt bestehen zu bleiben. Der Friedhof ist voll von Leuten, die geglaubt haben, dass sie unersetzlich sind. Glauben Sie mir, der pers&#246;nliche Arbeitsplatz ist eine gro&#223;e Motivation.&#8221; Und so soll denn auch die oben beschriebene Luxusstation f&#252;r Superreiche auf einmal mit anderen Augen gesehen werden. Denn ist es nicht so, dass dadurch mehr Geld in die Klinik kommt? Geld, das wom&#246;glich noch &#8211; und sei es vor&#252;bergehend &#8211; den einen oder anderen Arbeitsplatz sichert? Muss man angesichts dieses Totschlagarguments nicht auch noch vor der himmelschreiendsten Zumutung die Augen verschlie&#223;en?</p>
<h4>Unentrinnbares Schicksal?</h4>
<p>Gleich, ob sich Menschen als PatientInnen oder als Besch&#228;ftigte in den Kliniken befinden: Fallpauschalen, Qualit&#228;tsmanagement und Kundenorientierung sind Instrumente ihrer Zurichtung f&#252;r die Notwendigkeiten der Kapitalverwertung. Sind wir dieser Entwicklung ausgeliefert?</p>
<p>Eine Frage, die mit Ja zu beantworten sich verbietet. Deren Beantwortung mit Nein jedoch zugegebenerma&#223;en eine geh&#246;rige Portion Optimismus, um nicht zu sagen Voluntarismus voraussetzt. Hier soll nicht dar&#252;ber spekuliert werden, ob es gelingen kann, eine menschliche, emanzipatorische Alternative gegen die weltweit um sich greifende Durchkapitalisierung des Lebens zu verwirklichen. Nur, so viel sollte klar sein:Eine isolierte L&#246;sung wird es auch f&#252;r das Gesundheitswesen nicht geben.Aus der Brandung der Barbarei werden keine Inseln der Gl&#252;ckseligkeit auftauchen.</p>
<p>Trotzdem gelten die Grunds&#228;tze &#8220;Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt&#8221; und &#8220;Nur wer nichts macht, macht auch keine Fehler&#8221;. Die Besch&#228;ftigten in den Kliniken, die dortigen GewerkschafterInnen und Personalr&#228;tInnen werden sich zun&#228;chst auf Schadensbegrenzung konzentrieren m&#252;ssen. Es wird darum gehen, zuallererst einmal ein Bewusstsein f&#252;r die Gefahren zu schaffen, und schon das ist eine Riesenaufgabe.Der Kampf um die K&#246;pfe darf dem Management nicht &#252;berlassen werden. Es gilt, sich mit Fragen wie diesen auseinander zu setzen: Ist der entfesselte Markt wirklich der Gl&#252;cksbringer f&#252;r Besch&#228;ftigte und PatientInnen, als der er hingestellt wird, oder macht er nicht eher eine solidarische, qualitativ hoch stehende Gesundheitsversorgung f&#252;r alle Menschen unm&#246;glich? Was ist wirkliche Qualit&#228;t im Krankenhaus und was ist Augenwischerei oder oberfl&#228;chliches Marketing? Lohnt es sich, um Alternativen zu k&#228;mpfen?</p>
<p>Sodann gilt es, alles zu tun, um den Gedanken von Solidarit&#228;t und Solidargemeinschaft gegen die hereinbrechende Ideologie des &#8220;jeder gegen jeden&#8221; zu verteidigen. Wo immer m&#246;glich, gilt es, den Spie&#223; umzudrehen:&#8221;Wo Qualit&#228;t drauf steht, da muss auch Qualit&#228;t drin sein.&#8221; Damit sind die Entscheidungstr&#228;ger innerhalb der H&#228;user, aber auch die politisch Verantwortlichen zu konfrontieren. F&#252;r Fassadensanierung à la &#8220;hier noch ein Fr&#252;hst&#252;cksbuffet und da noch ein Schnickschnack&#8221;, w&#228;hrend gleichzeitig an allen Ecken das Personal fehlt, sollten sich die Besch&#228;ftigten nicht hergeben. Das beste Qualit&#228;tsmanagement wird es sein, die politischen Entscheidungstr&#228;ger und die &#214;ffentlichkeit mit den wirklichen Verh&#228;ltnissen in den Kliniken zu konfrontieren und f&#252;r Besserung einzutreten. Die Zeit ist reif f&#252;r die Bildung m&#246;glichst breiter soziale Netzwerke von Betroffenen. Ob Gewerkschaften, Kirchengemeinden, Arbeitslosen-, Anwohner- oder Patienteninitiativen &#8211; folgende Anspr&#252;che d&#252;rfen nicht aufgegeben, m&#252;ssen im Gegenteil un&#252;berh&#246;rbar formuliert werden: Alle PatientInnen in allen Kliniken m&#252;ssen gut versorgt werden.Alle Besch&#228;ftigten in allen Kliniken m&#252;ssen unter ordentlichen Bedingungen arbeiten k&#246;nnen, ohne &#220;berlastungsstress und &#220;berstundenschieberei und ohne schlechtes Gewissen gegen&#252;ber den PatientInnen.</p>
<p>Soweit, so immanent. So notwendig, so unzureichend. Denn auf Dauer wird selbst das beste &#8220;Kr&#228;fteverh&#228;ltnis&#8221; die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten der &#214;konomie nicht aushebeln k&#246;nnen.Angesagt ist eine Doppelstrategie, deren zweiter Teil allerdings erst noch zu entwickeln w&#228;re. Einerseits die noch vorhandenen Spielr&#228;ume der Politik ausloten und ausnutzen.Denn noch gibt es, um in der BRD zu bleiben, nicht unerhebliche Unterschiede zwischen relativ reichen Regionen &#8211; wie beispielsweise Stuttgart und M&#252;nchen &#8211; und bereits weitgehend ausgelaugten wie Berlin und Mecklenburg.Andrerseits wird auch bei den gewerkschaftlichen Akteuren ein schmerzlicher Prozess der Losl&#246;sung von Illusionen &#252;ber die M&#246;glichkeiten der Politik einsetzen m&#252;ssen, die doch immer nur am tendenziell versagenden Tropf der &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; h&#228;ngt.M&#246;glicherweise hilft auch ein Blick nach Argentinien dabei, dass sich Zweifel an der allzu einfachen Losung &#8220;Geld ist genug da&#8221; verbreiten.Geld ist eben keine Naturkonstante. Es kann mit einem Crash von heute auf morgen verschwinden. Auf Dauer sollten wir deswegen aus wohlverstandenem Eigeninteresse lieber nicht auf eine derart windige Luftnummer wie die &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; unseres Lebens setzen.</p>
<p>Dies nat&#252;rlich ist das schwierigste Kapitel von allen. Und trotzdem wird die Notwendigkeit einer &#8220;zweiten Linie&#8221; auch auf dem Feld der Gesundheitsversorgung immer dr&#228;ngender. Sie w&#228;re aufzubauen hinter der &#8220;ersten Linie&#8221;, der Forderung nach hinreichender monet&#228;rer Absicherung unserer Lebenszusammenh&#228;nge.Was k&#246;nnte das konkret hei&#223;en, sich Gesundheits- und Krankenversorgung &#8220;anzueignen&#8221;, ohne sich auf das Funktionieren von Wert-, Ware- und Geldbeziehungen zu verlassen? Es m&#252;sste eine Bewegung sein, die sich gleicherma&#223;en aus dem Angewidertsein davon speist, dass Menschen zu Waren gemacht werden, als auch aus der &#220;berzeugung, dass dieses System keine Zukunft mehr hat. Eine Bewegung, die sich dessen bewusst ist, dass die Degradierung der Menschen zu passiven Arbeitsgegenst&#228;nden, m&#246;gen sie nun &#8220;Patienten&#8221; oder &#8220;Kunden&#8221; hei&#223;en, schon weit vor der Einf&#252;hrung von Fallpauschalen und Qualit&#228;tsmanagement begonnen hat, dass diese Zumutung ihre letztendliche Ursache in der waren- und wertf&#246;rmigen Konstituiertheit der Gesellschaft hat.</p>
<p>Sicherlich gilt auch f&#252;r eine solche, dringend notwendige &#8220;Aufhebungsbewegung&#8221;, dass das Beginnen, und sei es nach der Methode &#8220;trial and error&#8221;, allemal lohnender ist als das Achselzucken.</p>
<hr />
<h4><em>Anmerkungen</em></h4>
<p><em><a name="a1" href="#1">1</a> Lothar Galow-Bergemann, &#8220;, Qualit&#228;tsmanagement&#8217; &#8211; Der entfesselte Markt wirft seine Schatten voraus. Der Mensch oder das Geld im Mittelpunkt? Grunds&#228;tzliche Bemerkungen zur Einf&#252;hrung von Qualit&#228;tsmanagement in Krankenh&#228;usern&#8221;, ver.di infodienst krankenh&#228;user April 2001/Nr.11.</em></p>
<p><em><a name="a2" href="#2">2</a> Sozialgesetzbuch V, §§135ff.</em></p>
<p><em><a name="a3" href="#3">3</a> Arthur Anderson, Das Krankenhaus 2015 &#8211; Wege aus dem Paragraphendschungel, 1999.</em></p>
<p><em><a name="a4" href="#4">4</a> &#196;rzte Zeitung 2.10.02.</em></p>
<p><em><a name="a5" href="#5">5</a> FAZ, 26. Januar 2001.</em></p>
<p><em><a name="a6" href="#6">6</a> Das Krankenhaus 12/02, Dt. &#196;rzteblatt 10/03.</em></p>
<p><em><a name="a7" href="#7">7</a> Das Krankenhaus 9/02, S. 703.</em></p>
<p><em><a name="a8" href="#8">8</a> Deutsches &#196;rzteblatt 21/2002, S. 1105.</em></p>
<p><em><a name="a9" href="#9">9</a> Dohmen/Baitsch, Hochrheinklinik Bad S&#228;ckingen, Die Kehrseite der Medaille 24/ 5/03.</em></p>
<p><em><a name="a10" href="#10">10</a> Thomas B&#246;hm, Warum Privatisierung und Profitlogik die Gesundheitsversorgung verschlechtern und verteuern. &#8211; Referat auf dem Fachkongress &#8220;Gesundheit f&#252;r alle &#8211; nicht nur f&#252;r Reiche&#8221;, ver.di, IGM und DGB Stuttgart, 02.02.2002.</em></p>
<p><em><a name="a11" href="#11">11</a> a.a.O.</em></p>
<p><em><a name="a12" href="#12">12</a> patiens (lat.) = ertragend, erduldend.</em></p>
<p><em><a name="a13" href="#13">13</a> Quelle: Deutsches &#196;rzteblatt, 17.11.2000.</em></p>
<p><em><a name="a14" href="#14">14</a> &#8220;Das Krankenhaus 2015 &#8211; Wege aus dem Paragraphendschungel&#8221;, Arthur Anderson, 1999.</em></p>
<p><em><a name="a15" href="#15">15</a> Dass die Krankenkassen, die als Finanziers der Kliniken fungieren, ihrerseits ebenfalls dem m&#246;rderischen Konkurrenzdruck des Marktes ausgeliefert sind, sei hier nur am Rande erw&#228;hnt. &#8220;Zu welchen perfiden Methoden diese Entfaltung der Konkurrenz f&#252;hrt, geht aus einem Rundschreiben eines McDonalds Franchise- Nehmers an die , lieben Mitarbeiter&#8217; mit der &#220;berschrift: , M&#246;glicher Wechsel der Krankenkasse&#8217; hervor. Er schreibt: , Als gesunder junger Mensch haben Sie bei der BKK (also Betriebskrankenkasse) keine Nachteile. Sie erhalten ebenso wie bei der AOK im Normalfall die Leistung bei ihrem Arzt. Sollte Sie jedoch chronisch krank sein (Asthma, R&#252;ckenleiden, Krebs etc.) wechseln Sie bitte auf keinen Fall die Krankenkasse.Die AOK hat dann wesentlich bessere Leistungen.Wechseln Sie auf keinen Fall, wenn kranke Familienmitglieder bei Ihnen mitversichert sind. Sollten Sie bereits &#252;ber 45 Jahre alt sein, w&#252;rde ich an Ihrer Stelle auch nicht mehr von der AOK wechseln.&#8217; Das Schreiben endet mit den Worten:, Wenn Sie kein Interesse am Wechseln der Krankenkasse haben, vernichten Sie diese Unterlagen und den Briefumschlag.Werfen Sie alles weg.&#8217;&#8221; Thomas B&#246;hm, &#8220;Warum Privatisierung und Profitlogik die Gesundheitsversorgung verschlechtern und verteuern.&#8221; Referat auf dem Fachkongress &#8220;Gesundheit f&#252;r alle &#8211; nicht nur f&#252;r Reiche&#8221;, verdi, IGM und DGB Stuttgart, 02.02.2002.</em></p>
<p><em><a name="a16" href="#16">16</a> Ein Vorgang, der, nebenbei bemerkt, zum Nachdenken dar&#252;ber anregen sollte, was Demokratie heute noch mit der Befreiung aus allen Verh&#228;ltnissen zu tun haben kann, &#8220;in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver&#228;chtliches Wesen ist&#8221; (Karl Marx).</em></p>
<p><em><a name="a17" href="#17">17</a> Zitiert nach: Klaus Pickshaus, Motivationsfaktor Angst?, Mitbestimmung 7/2002, S. 46f.</em></p>
<p><em><a name="a18" href="#18">18</a> Dabei zeigt der Umstand, dass dies erst jetzt geschieht und auch, zumindest hierzulande, in gewisser Hinsicht noch in den Anf&#228;ngen steckt, dass wir es mitnichten mit einer bereits voll und ganz durchkapitalisierten Welt zu tun haben.Wenn denn der unscharfe Begriff der &#8220;Globalisierung&#8221; einen wirklichen Sachverhalt benennt, so wohl den, dass wir gegenw&#228;rtig in einer Phase der versuchten Durchsetzung der Kapitalverwertung in m&#246;glichst alle Lebensbereiche hinein, auch in die buchst&#228;blich unm&#246;glichen, leben. Ein Unterfangen, das freilich ebenso katastrophale Folgen nach sich ziehen wird, wie es letztendlich doch erfolglos bleiben muss.</em></p>
<p><em><a name="a19" href="#19">19</a> Sana Kliniken GmbH, 1976 von den privaten Krankenkassen gegr&#252;ndete Gesellschaft mit dem Ziel der Umgestaltung und Privatisierung der Krankenhauslandschaft in der BRD, mittlerweile zum gr&#246;&#223;ten privaten Krankenhausbetreiber in der BRD aufgestiegen; www.sana.de</em></p>
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		<title>Vento que vem do sul</title>
		<link>http://www.krisis.org/2004/vento-que-vem-do-sul</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[VENTO QUE VEM DO SUL - Lampejos de desalienação em meio ao colapso argentino]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lampejos de desalienação em meio ao colapso argentino</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/2003/wind-des-suedens">deutsche Version</a></p>
<p><em>Marco Fernandes</em></p>
<p>O capitalismo argentino foi à lona. Durante quase dez anos, o ex-presidente Carlos Menem fez de tudo para cumprir à risca a cartilha neoliberal do FMI: dolarização da economia, privatização em massa, derrubada de tarifas alfandegárias, enxugamento da máquina estatal e outras tantas reformas. Graças à paridade artificial com a moeda yankee, a classe média viu seu poder de compra aumentar da noite para o dia e agora ela podia consumir o mundo, estava realizada e apoiava seu presidente. E enquanto Michel Camdessus, ex-diretor do FMI, tecia elogios rasgados ao governo e apresentava o país como modelo de &#8220;Estado moderno&#8221;, a classe dominante argentina sonhava em finalmente adentrar o seleto clube dos &#8220;países do 1º mundo&#8221;.</p>
<p><span id="more-661"></span>Menem saiu do poder e deixou a batata quente na mão de seu sucessor, Fernando de La Rúa, que foi eleito para salvar o país da recessão que atingia a economia desde 1998, mas vai entrar para a história na ingrata posição de presidente deposto. Sua última medida para tentar evitar o colapso da economia foi politicamente suicida: decretou a retenção das poupanças e das contas correntes das classes média e alta para que o sistema financeiro argentino não virasse pó, depois que a desvalorização do peso provocou uma correria aos bancos. Foi a gota d’água para que a classe média enfurecida se somasse aos justos e raivosos protestos de desempregados e movimentos sociais que tomaram as ruas do país em 19 e 20 de dezembro de 2001. E a imagem de De La Rúa que vai ficar registrada nas mentes de todos é a de sua fuga de helicóptero da Casa Rosada para escapar da multidão enfurecida.</p>
<p>A festa consumista de quase uma década terminou numa ressaca histórica e o saldo é uma crise social inédita na história da República Argentina. O país se tornou uma espécie de &#8220;tipo ideal&#8221; da crise da sociedade do trabalho: dos 14 milhões de habitantes que compõem a PEA (população economicamente ativa), 2,4 milhões estão desempregados, outros 2 milhões recebem salário-desemprego e quase 3 milhões são funcionários públicos, ou seja, há um contingente de aproximados 7 milhões de trabalhadores que não produzem lucro. Por outro lado, dos 7 milhões de trabalhadores empregados, estima-se que em torno de 20% estejam em &#8220;subempregos&#8221;, uma vez que o valor real dos salários desabou a níveis relativos próximos aos de 1940. E o desemprego não é ainda maior porque, desde o ano 2000, mais de 260 mil argentinos se mudaram para o exterior. Para se ter uma idéia da dimensão da diáspora, basta lembrar que durante o período sanguinário da ditadura militar (76-83), menos de 40 mil argentinos abandonaram o país.</p>
<p>Existem hoje na Argentina, de acordo com o próprio governo, em torno de 21 milhões de pessoas abaixo da linha de pobreza. Num país de 37 milhões de habitantes, trata-se de uma tragédia, cujas conseq&#252;ências não são ainda mais graves porque o governo, temendo uma verdadeira ameaça à ordem, achou melhor se prevenir e abrir uma pequena fresta no cofre do Estado a fim de evitar a miséria absoluta de milhões de pessoas. São mais de 2 milhões de famílias recebendo os chamados &#8220;Planos Chefes e Chefas de Lar&#8221;, de 150 pesos por mês, o que certamente não satisfaz as necessidades mínimas de uma pessoa sequer. Um panorama inimaginável há algumas décadas numa nação cuja chamada &#8220;classe média&#8221; chegou a constituir 75% da população nos anos 70. Com a catástrofe econômica dos últimos anos, a classe média representa hoje menos de 30% da população.</p>
<p>Basta andar nas ruas da capital Buenos Aires para constatar os reflexos da crise em toda parte. Nos metrôs, crianças de até 4 anos de idade e adultos desempregados vendem de tudo um pouco. Em algumas praças, intermináveis filas são formadas durante o dia por pessoas em busca de um simples prato de comida. Todos eles disputando as últimas migalhas que a economia ainda reserva aos excluídos do mercado. À noite, pode-se ver dezenas de milhares de &#8220;cartoneros&#8221;: um verdadeiro batalhão de pessoas que recolhem papéis nos lixos para vendê-los por alguns trocados aos recicladores. Até há poucos anos, eles se resumiam a alguns jovens desempregados, mas hoje são famílias inteiras vagando pelas esquinas da capital portenha, tentando não morrer de fome.</p>
<p>Talvez em poucos lugares da cidade seja possível vislumbrar os resultados da política econômica dos anos 90 como em Puerto Madero. Outrora, uma região do porto da cidade que havia sido abandonada e que na metade da década passada foi escolhida para ser restaurada. Dezenas de milhões de dólares foram investidos na construção de modernas torres de arquitetura arrojada que atrairiam grandes empresas, além de hotéis, lojas e restaurantes de alto padrão para turistas com grande poder de consumo. Finalizando o conjunto, dezenas de iates luxuosos foram ancorados no pequeno rio do local, emprestando ao lugar um ar sofisticado que conjugava negócios e lazer.</p>
<p>Mas como a economia argentina não era tão calma como as escuras águas da Bacia do Prata, veio a recessão do final da década e muitas das obras pararam pela metade. A imagem atual é bizarra: ao lado de edifícios hiper-modernos e iates milionários, permaneceram restos de antigas fábricas não demolidas, prédios sem paredes e guindastes enferrujados, que transmitem ao passante a eterna sina dos países da periferia do sistema capitalista: a cada surto de desenvolvimento da economia, a classe dominante tenta se modernizar, mas como por aqui a torneira do crédito internacional abre e fecha rapidamente, são obrigados a conviver com as ruínas das quais queriam se livrar.</p>
<p>E é a partir de algumas dessas ruínas, que dezenas de milhares de argentinos tentam hoje reconstruir a sua vida coletivamente. Nos últimos anos, surgiram inúmeras organizações com o objetivo de responder à incapacidade das instituições de um sistema falido em garantir as necessidades mais básicas da população. Na periferia das grandes cidades, milhares de desempregados, chamados de &#8220;piketeros&#8221;, se organizam em movimentos combativos que afrontam o Estado e organizam a vida nos bairros de forma cada vez mais autônoma. Assim também o fazem as &#8220;assembléias barriais&#8221;, sobretudo nos bairros de classe média.</p>
<p>Com a retração de mais de 20% da economia do país nos últimos quatro anos e o fechamento de mais de 4.000 fábricas, alguns milhares de trabalhadores resolveram resistir à ameaça do desemprego, e em vez de engrossar o exército industrial de reserva, resolveram romper o tabu da propriedade privada e retomaram a produção das fábricas abandonadas pelos seus antigos donos. &#8220;Ocupar para produzir&#8221; é um dos seus lemas.</p>
<p>CONTROLANDO OS MEIOS DE PRODUÇÃO</p>
<p>Ainda é muito difícil obter um quadro completo das transformações ocorridas no interior das fábricas que foram ocupadas pelos trabalhadores argentinos nos últimos anos. Em parte, por se tratar de um fenômeno muito recente cujas conseq&#252;ências ainda são obscuras, mas também porque até agora somente uma pesquisa mais abrangente foi feita. Ela foi coordenada pelo Professor Gabriel Fajn, da Universidade de Buenos Aires, e reuniu uma equipe de pesquisadores. Contudo, a pesquisa foi fechada com as primeiras 87 fábricas ocupadas, enquanto já se estima que exista hoje em torno de 180 fábricas na mesma situação em todo o país, num total de mais de 10.000 trabalhadores produzindo em sistema de autogestão (no Brasil, estima-se que haja em torno de 30 mil trabalhadores em sistema de autogestão, aos poucos se organizando na ANTEAG – Associação Nacional dos Trabalhadores de Empresas de Autogestão &#8211; mas esta é outra história&#8230;).</p>
<p>De acordo com o Professor Fajn, das 87 fábricas que pesquisaram, 80% são de pequeno porte com uma média de 38 trabalhadores, e somente 20% possuem em média mais de 100 trabalhadores. Trata-se então de fábricas que, em sua maioria, ainda se enquadram no padrão fordista-taylorista, com baixo índice de adoção de métodos mais &#8220;avançados&#8221; de produção, ditos &#8220;toyotistas&#8221;. Constatou-se uma média de 52% de utilização da capacidade produtiva das fábricas, mas a maior parte delas se encontra próxima dos 40%. Por outro lado, percebeu-se que em 70% dos casos as fábricas atingiram, ou mesmo superaram, os níveis de produção anteriores à ocupação. Quanto aos salários, segundo Fajn, notou-se que em 16% dos casos continuou num nível similar, em 31% dos casos os salários são maiores e em 52% das empresas eles diminuíram. Mas é preciso levar em conta, diz Gabriel, que em algumas fábricas permaneceram pessoal de administração ou gerência, que certamente viram seus salários diminuírem, enquanto na mesma fábrica o salário dos trabalhadores da linha de produção tendeu a aumentar. Há casos excepcionais, como o da metalúrgica Union y Fuerza, que em dois anos pagou todas as dívidas (créditos, luz, água, gás e insumos), comprou um forno de 90 mil pesos e acumulou um estoque de 140 toneladas de cobre. Os salários aumentaram em quase quatro vezes.</p>
<p>Quanto à jornada de trabalho, continuou basicamente a mesma, em torno de oito horas, às vezes um pouco menos: é o caso da Brukman, em Buenos Aires, que teve uma diminuição média de 2 horas diárias na jornada. Uma preocupação dos pesquisadores era quanto aos perigos de &#8220;auto-exploração&#8221; numa situação de auto-gestão, mas a maioria das fábricas diminuiu a produção, e naquelas que aumentaram não se constatou um aumento da exploração do trabalho. Talvez isso se deva ao fato de que em 90% dos casos, foram eliminadas as hierarquias, tudo se decide por meio de assembléia, e todos, do faxineiro ao presidente ou coordenador-geral, ganham o mesmo salário. Essa é, provavelmente, a estatística mais interessante apontada pela pesquisa, já que demonstra uma grande mudança no cotidiano das fábricas a partir do momento em que se cria na assembléia um espaço aberto de discussão, troca de experiências e tomadas de decisão a respeito da produção e, eventualmente, das articulações políticas com outros setores da sociedade.</p>
<p>Fajn diz ainda que somente em 25% dos casos houve acordo entre patrões e empregados, enquanto que nos 75% restantes o conflito resultou em ocupações, acampamentos nas ruas, confrontos com a polícia e com os ex-donos. Por isso mesmo, ainda são muito instáveis a situação jurídica e o controle da propriedade das fábricas. Na maioria dos casos, o Estado aprovou uma expropriação temporária do edifício e das máquinas por 2 anos, mas não se sabe o que acontecerá ao término do prazo. Os trabalhadores lutam pelo direito de se tornarem donos das fábricas e o fazem apoiados nas imensas dívidas acumuladas pelos ex-donos: são centenas de milhões de pesos em salários e contribuição à previdência (a maior parte), além de impostos e contas de água, luz e gás. Mas é óbvio que o Estado argentino, dominado pela quadrilha de peronistas, não parece disposto a conceder aos trabalhadores a mesma benevolência que costuma reservar aos empresários na hora de perdoar impostos ou liberar créditos milionários. Mesmo porque, em inúmeros casos, os empresários seguiram a mesma estratégia: percebendo que com a crise econômica do país seria cada vez mais difícil manter as taxas de lucro desejadas, foram &#8220;esvaziando&#8221; as fábricas nos últimos anos. Dinheiro dos salários e da previdência, além de recursos para novos investimentos, vinham sendo desviados para especulações no mercado financeiro a fim de salvar suas fortunas pessoais. Revelando assim a nova realidade da acumulação capitalista: vender mercadorias não é mais um bom negócio&#8230;</p>
<p>LAMPEJOS DE DESALIENAÇÃO</p>
<p>Do ponto de vista da economia nacional, as okupas são ainda praticamente inexpressivas. E apesar da grande diversificação de setores da produção envolvidos nesta experiência, a constituição das redes de troca entre as fábricas – cujo funcionamento traria benefícios econômicos e políticos – ainda caminha lentamente. Contudo, este fenômeno inédito na história argentina vem produzindo conseq&#252;ências mais importantes do que a simples manutenção dos postos de trabalho nas fábricas falidas. Afinal de contas, que tipo de transformação pode ocorrer no momento em que o controle dos meios de produção é assumido pelos trabalhadores? O que significa para o coletivo de trabalhadores não mais ter de se submeter à hierarquias rígidas, nem tampouco às arbitrariedades dos patrões, mas sim assumir a responsabilidade pelo controle da produção e pelos critérios de distribuição da riqueza produzida? Ainda que a coerção das leis do mercado e seus limites objetivos continuem de pé, seria possível pensar na constituição de um &#8220;espaço autônomo&#8221; para os trabalhadores no interior das &#8220;fábricas sem patrão&#8221;? E o que se passa, então, com a subjetividade de um trabalhador envolvido neste processo?</p>
<p>Se levarmos em conta a dimensão assustadora que os índices de stress no trabalho vêm assumindo nos últimos anos graças à precarização das relações de trabalho (aumento da jornada, diminuição dos salários, medo do desemprego etc.) algumas das experiências que vêm sendo construídas com a autogestão adquirem uma importância ainda maior do ponto de vista político, pois demonstram em ato que a produção material da sociedade já poderia ser organizada de outra forma.</p>
<p>Conversas que tive com trabalhadores de algumas destas fábricas argentinas podem nos sugerir reflexões a respeito.</p>
<p>PRA QUÊ PATRÃO?</p>
<p>Quando pedi para Ana Maria, atendente da Clínica Junín, de Córdoba, para descrever o seu cotidiano antes ocupação da clínica, recebi resposta quase imediata:</p>
<p>&#8220;Te digo: antes eu chegava aqui, sentava nessa cadeira que você está vendo&#8221;, e ia reproduzindo seus movimentos enquanto os descrevia, &#8220;fazia meu trabalho o dia todo, e mal olhava para o lado. Enquanto eu estava aqui, era como se eu estivesse fechada numa ‘Tupperware’, sabe?&#8221;, e nessa hora usava as mãos para desenhar no ar o formato de um pote de plástico enquanto a cabeça permanecia olhando para baixo, como se estivesse trabalhando. &#8220;Depois&#8221;, continuou, &#8220;encerrado o expediente, voltava pra casa, morta, sentava na poltrona e ficava babando em frente à TV. Não podia, nem conseguia, pensar em nada! Também, não bastasse o duro que a gente dava, ainda tinha de ouvir patrão reclamando no ouvido da gente, e ultimamente nem receber a gente recebia.&#8221;</p>
<p>Em poucas palavras, Ana Maria sintetizava a experiência cotidiana comum à maioria absoluta dos trabalhadores. Submetidos a uma rotina de trabalho cada vez mais extensa e extenuante nestes tempos bicudos de crise do capital, as intermináveis horas passadas no local de trabalho são vivenciadas como uma estadia diária na prisão. E a volta pra casa, depois de horas de expropriação de seus corpos e mentes, é somente um breve alívio até que o despertador toque na manhã seguinte convocando a todos com a ameaça de exclusão do mercado de trabalho. Mas mesmo este &#8220;tempo livre&#8221; não pode ser aproveitado: depois de mais de 8 horas de trabalho, além do tempo gasto nos transportes coletivos (que em São Paulo e Buenos Aires chega facilmente a 4 ou 5 horas), não sobra muito para se viver. O corpo consumido durante o dia inteiro já não sabe mais de onde tirar energia, por isso, &#8220;babar em frente à TV&#8221; na sala de casa é praticamente a única alternativa (e no caso da América Latina não são poucos os que nem casa possuem). Contudo, para Ana Maria, as coisas parecem ter mudado um pouco de figura desde que, junto com seus companheiros da clínica, ela ocupou seu local de trabalho e passou a controlá-lo.</p>
<p>É verdade que as dificuldades financeiras ainda são grandes: por problemas jurídicos ainda não podem fazer internações; além do que, decidiram cobrar apenas 5 pesos (1,5 euro) por consulta, para que mais pessoas pudessem ter acesso ao atendimento. Por isso, cada um dos trabalhadores da clínica vinha recebendo em torno de 200 pesos por mês, pouco mais do que as migalhas do salário-desemprego e absolutamente insuficientes para os gastos mínimos mensais de uma pessoa. Ao contar isso, Ana Maria mantinha o semblante sério, mas depois de permanecer em silêncio por alguns segundos, como quem reflete friamente sobre o que está falando, soltou a seguinte pérola:</p>
<p>&#8220;Olha, cê quer saber de uma coisa? Tá tudo muito difícil aqui, é verdade! Às vezes dá até vontade de desistir&#8230; Mas uma coisa é certa e eu te digo: não há dinheiro no mundo que pague o fato de a gente não ter mais patrão!!!&#8221;,</p>
<p>e soltou uma gargalhada contagiante, num desabafo cuja verdade toca fundo no imaginário de quem, por precisar vender sua força de trabalho para sobreviver, tem de se submeter ao arbítrio do patrão, cada vez mais poderoso em tempos de escassez de empregos. Em geral, o fato de trabalhar numa &#8220;fábrica sem patrão&#8221; aparecia nos depoimentos como uma conquista inestimável, algo de que eles se orgulhavam e que representava uma mudança qualitativa em seu cotidiano tão sofrido. A figura do patrão, evidentemente, condensa as determinações capitalistas da produção: da expropriação da mais-valia ao regime de controle no chão da fábrica, da submissão obrigatória à hierarquia da produção até mesmo às relações pessoais de dominação diariamente repostas. Quando estas determinações se dissolvem pelo ato de ocupar a fábrica e reorganizá-la de forma autogestionária, os sujeitos readquirem a autonomia que a submissão obrigatória a seu patrão e às relações de trabalho impostas lhes roubava, conferindo uma dimensão inédita à realidade cotidiana de sua atividade.</p>
<p>REAPROPRIAÇÃO DO ESPAÇO E REORGANIZAÇÃO DA DIVISÃO DO TRABALHO</p>
<p>O controle do tempo e do espaço numa fábrica é um dos mecanismos fundamentais para garantir as demandas do lucro capitalista. O primeiro assegura que os trabalhadores cheguem e saiam na hora determinada pelo patrão, bem como mantenham o ritmo de produção exigido pela empresa; o segundo, que cada um ocupe na fábrica somente o espaço que lhe é determinado pela divisão do trabalho, e principalmente que não tenha acesso a todos os setores da produção, mantendo os trabalhadores no desconhecimento da totalidade do processo de produção em que estão envolvidos. Para essa função, gerentes e chefes de setor agem como policiais no chão da fábrica e são os responsáveis diretos por uma boa parte do stress produzido nos operários.</p>
<p>&#8220;Antes eu tinha de permanecer o tempo todo aqui no forno, não podia nem ao menos ir no setor ao lado conversar com um companheiro que já vinha alguém mandar eu voltar&#8221;, diz Angel, trabalhador da Cerâmica Zanon, enquanto aponta o setor ao lado há uns dez metros de distância. &#8220;Sabe, aqui tinha gerente pra tudo, eu nunca vi tanto gerente num lugar só! E o pior é que eles ficavam o dia inteiro pra lá e pra cá, pra lá e pra cá, fuçando que nem cachorro, procurando alguma coisa, um detalhezinho que fosse, pra implicar com a gente e dar bronca. Vocês podem imaginar o clima aqui dentro como era&#8221;!</p>
<p>A rigidez fordista da divisão do trabalho também começou a se dissolver com a autogestão das fábricas: primeiro porque grande parte dos gerentes, bem como do pessoal dos setores administrativos, abandonaram as fábricas quando estas fecharam por se recusarem a trabalhar num regime que lhes tirou os privilégios hierárquicos. Isto obrigou os trabalhadores a reorganizar a divisão de tarefas da fábrica. Além disso, como agora as questões internas são passíveis de discussão no espaço das assembléias, é possível conseguir uma mudança de função desde que aprovada pelo coletivo. É o que conta Sérgio, trabalhador da Brukman:</p>
<p>&#8220;Desde que ocupamos a fábrica as coisas também mudaram um pouco nesse ponto. A gente agora tem mais liberdade de escolher o que faz aqui dentro. Eu, por exemplo, trabalho no corte, mas também na administração, e às vezes, como agora, dou uma força nas vendas. É que, na verdade, quando alguém quer fazer alguma coisa diferente, é só levar o pedido para a assembléia, e lá a gente vê o que dá pra fazer. É legal assim, porque se alguém tem vontade de aprender uma outra atividade aqui dentro, a gente tem esse espaço para desenvolver outras capacidades. É bom, né? Fazer a mesma coisa o tempo todo, como era antes, é um pé no saco, chega uma hora em que a gente não ag&#252;enta mais!&#8221;</p>
<p>Quanto à jornada de trabalho e o controle do tempo, algumas mudanças significativas também ocorreram. Em virtude da diminuição da produção, em muitos casos a jornada de trabalho diminuiu. Contudo, mesmo onde ela permaneceu oficialmente a mesma, as coisas se passam de forma mais amena, além do que há novas necessidades de emprego do tempo numa fábrica que decide tudo de forma coletiva. De acordo com Rosa, da Zanon:</p>
<p>&#8220;Antes trabalhávamos realmente 8 horas por dia, mal podíamos parar para respirar, pois sempre tinha alguém para controlar a gente. Agora não. Em geral trabalhamos um pouco, fazemos um intervalo, tomamos um mate, voltamos ao trabalho, e assim vai. Acho que trabalhamos umas 4, 5 horas por dia. Veja só, ali está o nosso coordenador&#8221;, e apontava um senhor mais velho entretido com uma das máquinas, &#8220;e aqui estamos nós, tomando um pouco de mate e batendo papo. Além do que, agora temos outras atividades como assembléias e reuniões de setor, o que também exige bastante tempo, mas é menos pesado do que trabalhar na linha de produção&#8221;.</p>
<p>Todas estas transformações, além de nitidamente diminuirem a tensão constante e ameaçadora que os gerentes exerciam sobre os trabalhadores – o que representa em si um grande alívio na dura realidade da linha de produção &#8211; fizeram o próprio espaço da fábrica adquirir novas funções de sociabilidade entre os trabalhadores, transformando a relação que estes tinham com um espaço que não lhes pertencia. Quando perguntado sobre as impressões do primeiro dia de trabalho no novo sistema, Angel respondeu:</p>
<p>&#8220;Ah, foi muito estranho! Pra começar, não tinha ninguém passando pra controlar a gente. Às vezes, eu parava, olhava em volta, via os companheiros trabalhando concentrados, ou mesmo conversando, e não vinha ninguém atrás de mim, nem deles, pra tirar satisfação. Ao mesmo tempo, eu sabia que as coisas seriam mais difíceis agora, pois não bastava mais eu vir aqui e fazer o meu trabalho todos os dias e receber o salário no final do mês (se bem que nem salário se recebia mais!). A gente agora é responsável por tudo e na assembléia todos têm de decidir em conjunto o que vai ser feito, mas isto não é nada fácil.&#8221;</p>
<p>E ainda:</p>
<p>&#8220;Você pode imaginar que muita coisa mudou, né? A gente tem liberdade de se mover aqui dentro, e não só de conversar com o colega ao lado, mas de aprender também o que ele está fazendo. Então agora sei como funciona tudo, conheço todo o processo de produção das cerâmicas e acho que talvez por isso, a gente tem um pouquinho mais de orgulho agora, a gente sente que a cerâmica é mais nossa&#8230;&#8221;</p>
<p>Entre os ceramistas da Zanon, não são poucos os que têm aprendido nos últimos meses o funcionamento dos diversos setores da fábrica. Se o saber da produção vai sendo aos poucos socializado, fica cada vez mais difícil que ele se torne instrumento de dominação nas mãos de &#8220;sábios&#8221;. Muitos dos ceramistas se orgulham em mostrar aos inúmeros visitantes todos os momentos da produção da cerâmica, desde a chegada da argila, até o empacotamento dos pisos e revestimentos, e garantem, baseados em dados técnicos, que o índice de qualidade da produção aumentou desde então.</p>
<p>E agora que o local de trabalho lhes pertence, também é possível imaginar novos usos para este espaço, mudando a relação dos trabalhadores com ele. Como observa Sérgio, da Brukman:</p>
<p>&#8220;Mas você quer ver uma coisa que mudou bastante? Tá vendo quanta gente ainda tem aqui?&#8221;, e apontava com o dedo indicador o movimento de gente dentro da fábrica que era realmente grande. &#8220;Pois é, você já viu que horas são?&#8221;, olhava no relógio para confirmar, &#8220;São quase quatro da tarde! O final do expediente é às 3, e ainda tem um montão de gente aqui. Antigamente, quando dava três e dez já não tinha mais uma alma viva aqui dentro, a não ser, claro, a patronal&#8230; Ninguém ficava um minuto a mais! Agora, dá 3, 4 horas da tarde e o pessoal ainda tá por aqui: às vezes terminando uma tarefa, ou batendo papo, tomando um mate, esperando um companheiro ou companheira para saírem juntos&#8230;. É que aqui é como se fosse uma continuação da nossa casa, a gente se sente à vontade aqui dentro. Tem companheiras que até trazem os filhos pequenos quando não têm com quem deixá-los, aí a gente dá um jeitinho por aqui, se reveza, e a criançada passa o dia numa boa&#8221;. [1]</p>
<p>Aos poucos, o espaço da fábrica vai ganhando novos contornos e deixando de se assemelhar a uma espécie de cárcere: de alguma maneira, a cisão entre o espaço da casa e do trabalho vai se dissolvendo, porém não sob a forma de uma invasão da rotina de trabalho em plena sala de estar, ao contrário, nas palavras do próprio Sérgio, trata-se da apropriação de um espaço outrora privado, que ao assumir um caráter coletivo encontra novas funções no cotidiano dos operários. Em algumas fábricas no país, por exemplo, já existem &#8220;centros culturais&#8221; organizados por trabalhadores e estudantes, onde se organizam diversas oficinas (teatro, música, artesanato etc.) além da exibição gratuita de filmes e peças teatrais, aos poucos consolidando laços até então inexistentes com a vizinhança e com a assembléia do bairro: laços que vão muitas vezes garantir um razoável poder de mobilização, seja para ajudar a resistir à polícia, seja para conseguir sobreviver nos meses em que a produção ainda está parada.</p>
<p>O MITO DO SABER TÉCNICO</p>
<p>A restrição do acesso ao conhecimento técnico é um dos instrumentos mais eficazes da dominação de classe no interior da fábrica. O tipo de conhecimento que se possui determina desde o lugar em que o sujeito ocupa na hierarquia até o salário que ele recebe, e esse conhecimento depende, é claro, da classe da qual se faz parte: afinal, o diploma universitário é para poucos. Por isso, um dos casos mais reveladores das mudanças geradas pelas ocupações de fábricas me foi relatado por Eduardo, que trabalha no laboratório da Zanon, o setor mais importante da fábrica – responsável pelo planejamento da produção, fabricação dos maltes, das tintas e dos desenhos da cerâmica.</p>
<p>&#8220;Mas você já tinha experiência nesse serviço, estudou química?&#8221;, perguntei com ingenuidade. &#8220;Imagina! Comecei a trabalhar aqui porque estavam precisando de gente e me pareceu um trabalho interessante. Mas gostei tanto que aprendi rápido&#8221;, me explicava enquanto mostrava alguma das apostilas que estudava avidamente nos últimos meses para aprender a mexer com os produtos químicos. &#8220;Olha que eu nem terminei o secundário!&#8221;.</p>
<p>Como o coordenador do laboratório estava de férias, era Eduardo o responsável pelo laboratório naquele momento; e após uma breve pausa quando pareceu se dar conta da dimensão daquela experiência, soltou o seguinte comentário: &#8220;Veja você como são as coisas: antes o chefe do laboratório era um engenheiro, com diploma universitário e tudo. Ganhava muito mais do que qualquer trabalhador da linha de produção e volta e meia desqualificava algum companheiro do laboratório que chegava com uma idéia nova. Ele é que tinha estudado anos, ele é que sabia das coisas&#8221;, e com uma risada oportuna, concluiu: &#8220;Hoje o responsável sou eu, um jovem que aprendeu o ofício há poucos meses!&#8221;</p>
<p>A historinha que Eduardo acabara de contar revelava o quanto há de mistificação na hierarquia da divisão do trabalho no interior das fábricas. Muitas vezes, o saber técnico reivindicado por especialistas em determinadas funções e corroborado por um diploma universitário nada mais é do que um instrumento de legitimação de hierarquias caducas, pois dado o nível de especialização atingido pela divisão do trabalho há cada vez menos funções que não possam ser aprendidas por qualquer trabalhador após alguns meses de dedicação. A &#8220;exclusividade&#8221; desse conhecimento não é senão um fator de diferenciação no mercado de trabalho, um mecanismo que serve para justificar, na maioria dos casos, a brutal desigualdade de salários e o autoritarismo dos chefes [2]. Não é o caso da autogestão da Zanon, onde um rapaz que não terminou o secundário pode assumir a função outrora reservada a um engenheiro e ganhar o mesmo que a cozinheira, o faxineiro e todos os outros trabalhadores.</p>
<p>POLITIZAÇÃO E IDENTIDADE ENTRE OPRIMIDOS</p>
<p>As histórias das ocupações de fábrica na Argentina são mais ou menos semelhantes e beiram a epopéia: ficar meses sem receber salários, vivendo da contribuição dos vizinhos e das famílias, tendo de montar guarda permanente na fábrica para impedir uma ação de surpresa da polícia tentando efetivar a ação de despejo, lutando ao mesmo tempo contra o Estado e contra o patrão, organizando coletivamente a retomada da produção e todo o trabalho que isso demanda, para enfim experimentar na própria pele as possibilidades de mudança do cotidiano que o controle dos meios de produção nas mãos dos próprios trabalhadores pode proporcionar. O &#8220;antes&#8221; e o &#8220;depois&#8221; marcavam o ritmo dos depoimentos: a expressão corporal, o rosto e o tom da voz empregados na narrativa se modificavam muitas vezes durante a conversa de acordo com a experiência recordada.</p>
<p>Ana Maria, aquela mesma que lembra o significado do chegar em casa após mais um dia de torturas laborais &#8211; não conseguir mais pensar em nada, e por isso babar em frente à TV afundada na poltrona &#8211; deu a seguinte resposta quando lhe perguntei o que mais mudara em sua vida cotidiana:</p>
<p>&#8220;Agora, não. Eu venho aqui, trabalho, as coisas estão difíceis, como eu te disse, mas eu tô aqui, participo das assembléias com os companheiros, participo das assembléias do meu bairro, faço piquete na rua, e sei o que acontece no país; posso discutir com qualquer um! Me sinto parte de algo maior, de um coletivo, de um todo&#8221;.</p>
<p>Praticamente ninguém nas fábricas havia tido algum tipo de envolvimento com política, pois o fenômeno comum de desmobilização da classe trabalhadora nas últimas décadas é agravado na Argentina pelo fato de que a esquerda foi literalmente exterminada no país pela ditadura militar genocida: 30 mil pessoas foram assassinadas entre 76 e 83. Por isso mesmo, a politização gerada por esta experiência adquire um significado radical nas palavras de Angel, quando lhe perguntei o que costumava pensar ao ver os piketeros (movimentos de desempregados) se manifestando na rua, paralisando o trânsito e transformando a cidade num &#8220;caos&#8221;:</p>
<p>- &#8220;Aquilo me enojava!&#8221;, respondeu Angel.</p>
<p>- &#8220;Mas, por quê?&#8221;, indaaaguei cuidadoso.</p>
<p>- &#8220;Não sei, acho que n&amp;atilllde;o entendia o que aquelas pessoas queriam com aquilo. Ficava pensando: pra quê isso tudo? Por que ficar lá, atrapalhando todo mundo, causando um grande quilombo, fazendo as pessoas perderem tempo e tudo o mais? Eu não conhecia ninguém do movimento, e não conseguia entender o que estava em jogo ali!&#8221;, nessa hora a expressão de Angel era a mais séria desde que começáramos a conversar. Ele sabia que estava tocando num ponto delicado e que sua resposta o expunha diante de uma pessoa desconhecida, mas não parecia preocupado em esconder seu passado.</p>
<p>- &#8220;Mas e agora, o que você aaacha disso?&#8221;, perguntei.</p>
<p>- &#8220;Agora, chico? Agora, EU fa&amp;ccedddil;o piquete! Como já te disse, sabemos que se ficarmos aqui dentro vamos ser derrotados mais cedo ou mais tarde. Nossa luta tem de se dar aqui dentro e lá fora, e os piquetes são uma das melhores formas de mobilização que temos&#8221;!</p>
<p>A experiência de viver o mundo do ponto de vista de um desempregado que tem de se organizar para lutar coletivamente por sua sobrevivência fez com que Angel agora se identificasse com aqueles mesmos &#8220;delinq&#252;entes&#8221; que há poucos meses deveria xingar, reproduzindo a visão da classe dominante. Ele precisou ir para as ruas protestar e reorganizar a produção, recebeu cassetadas da polícia, sentiu o terrível olhar de desprezo dos passantes que, como ele outrora, se enojam com tamanha baderna e entendeu &#8220;o que estava em jogo&#8221;: Angel diz que considera a luta dele dentro da fábrica como &#8220;anticapitalista&#8221; e que, certamente por isso, as coisas jamais serão fáceis.</p>
<p>Também é comum que essa falta de identificação e solidariedade com os desempregados se reproduza no interior da fábrica, entre os próprios trabalhadores. Em alguns casos, o desejo de ascensão e distinção social distancia pessoas de mesma origem e posição, impossibilitando a construção de uma identidade comum no local de trabalho. Isso também foi modificado pela experiência das ocupações, ao menos no caso de Gladys, trabalhadora da Brukman, que havia sido demitida um mês e meio antes da quebra e foi chamada de volta por seus companheiros assim que a fábrica foi por eles ocupada. Mais uma vez, o &#8220;antes&#8221; e o &#8220;depois&#8221; revelam o conteúdo transformador:</p>
<p>- &#8220;Ih, Marco, mudou tanta coisa&#8230; deixa ver&#8230; olha, no começo foi um pouco difícil pra mim a integração com os companheiros, afinal de contas agora a gente precisa se organizar e isso quer dizer que a gente precisa ter muito mais conversa, mais diálogo entre a gente, não dava mais pra chegar aqui, receber as ordens, fazer o trabalho e ir pra casa. Pra começar, que não há mais &#8220;ordens&#8221;, a gente decide tudo em assembléia, né? E antes eu não tinha muita relação com o pessoal daqui, sabe como é&#8230;&#8221;</p>
<p>- &#8220;Você não tinha amiiizade com o pessoal da fábrica?&#8221;, senti pela sua expressão nesse momento que tocava num ponto delicado para ela</p>
<p>- &#8220;Ah, muito pouco, viu. É que&#8230; eu não me identificava muito com o pessoal daqui&#8230; Sabe, eu também venho de família humilde&#8230; mas eu pude estudar, fiz faculdade de comunicação na UBA, minhas amizades eram outras, sei lá&#8230; eles eram de outra classe, nem temos o mesmo vocabulário, essas coisas&#8230; não tínhamos muito diálogo&#8230; Além do que, é verdade que eu também tinha uma vida muito corrida: trabalhava aqui o dia todo e quando terminava o expediente tinha de sair correndo pra faculdade assistir as aulas, daí não sobrava tempo pra mais nada.&#8221;</p>
<p>- &#8220;Mas então depois de tudooo o que aconteceu&#8230; as coisas mudaram?&#8221;, continuei.</p>
<p>- &#8220;Mudou, mudou bastante. Sim. Agooora eu conheço todo mundo, e tenho amizade com muitas pessoas aqui dentro. E eles confiam mais em mim também. Acho que pra mim a mudança mais significativa foi mesmo a relação com as pessoas aqui dentro, hoje eu me sinto mais unida ao pessoal, tenho mais identificação. Acho que é isso, sim.&#8221;</p>
<p>A experiência da ocupação da fábrica foi, pelo visto, capaz de transformar pessoas a cuja visão de mundo atribuiríamos um certo grau de &#8220;conservadorismo&#8221;: que eles sejam capazes de reconhecer suas limitações ideológicas anteriores à experiência, elaborá-las e transformá-las num sentimento de identificação com os dominados (que, afinal de contas, são eles mesmos) nos traz um pouco da dimensão de politização individual e coletiva envolvida na história das okupas: mudou a maneira como essas pessoas encaram o mundo à sua volta, como vivenciam sua posição objetiva nas relações de produção e o inevitável conflito com o capital . Ou como costuma dizer Célia, da Brukman:</p>
<p>&#8220;Até alguns meses atrás eu era somente uma dona-de-casa. Hoje, quero mudar o mundo! E isto significa lutar pela construção do socialismo!&#8221;</p>
<p>A ZANON E A DESMERCANTILIZAÇÃO DA PRODUÇÃO</p>
<p>A experiência da Cerâmica Zanon talvez seja, entre as okupas, a mais avançada do ponto de vista político. Outrora uma gigante do setor, a Zanon chegou a controlar, nos áureos tempos, em torno de 20% do mercado de cerâmica argentino, além de exportar para mais de 30 países. Faturava em torno de 100 milhões de dólares e contava com a boa vontade do Estado na hora de conseguir crédito e financiamento. Nos últimos tempos, insatisfeito com as taxas de lucro de sua fábrica, Luigi Zanon fez como a maioria dos empresários: começou a esvaziar a fábrica e deixou de pagar salários e impostos, enviando a grana para algum paraíso fiscal onde pudesse manter sua fortuna no cassino do mercado financeiro.</p>
<p>Depois de quase um ano de luta, que começou reivindicando mais segurança na linha de produção (um jovem morreu num acidente de trabalho), se estendeu pelo pagamento dos salários atrasados, pela conquista da direção do sindicato (antes controlado pelos patrões) e culminou com a ocupação da fábrica, os ceramistas parecem ter atingido um nível de organização e de consciência política que impressiona pelo conteúdo de suas novas reivindicações. De acordo com Manotas, coordenador-geral da fábrica eleito pela assembléia:</p>
<p>&#8220;Nós não queremos ser uma empresa capitalista como todas as outras. Não queremos simplesmente produzir cerâmica e vendê-la no mercado para quem pode comprar, e depois embolsar os lucros. Aliás, se fosse assim, já poderíamos estar ganhando mais de 800 pesos aqui. Mas não, não é esse o nosso objetivo, pois sabemos que sozinhos não vamos nos salvar! Por isso, reivindicamos a estatização: em primeiro lugar, porque queremos que o Estado assuma os investimentos necessários ao aumento da produção e do número de trabalhadores. Mas principalmente, porque queremos produzir para atender as necessidades concretas da sociedade, quer dizer, produziríamos cerâmica para escolas e hospitais públicos, para moradias de baixa renda etc., tudo isso junto com um Plano de Obras Públicas financiado pelo Estado e que poderia empregar muita gente, além de responder às necessidades da população. Dessa maneira, os lucros da fábrica seriam revertidos para toda a comunidade&#8221;.</p>
<p>Os ceramistas vêm lutando pelo projeto de &#8220;estatização sob controle operário&#8221;. Não se trata de nenhum tipo de ilusão quanto a soluções estatistas para a crise do capital, mesmo porque se referiam ao Estado como uma corja de ladrões e assassinos: além da recente experiência da ditadura, ficou muito claro para os ceramistas, durante todo o processo de ocupação, em nome de quais interesses o Estado fala e age. Trata-se simplesmente de uma solução estratégica para garantir, por um lado, os investimentos necessários ao aumento da produção e dos empregos, e por outro, mais importante ainda, como tentativa de desmercantilizar a sua produção: em vez de simplesmente produzir cerâmica para trocá-la por dinheiro no mundo da mercadoria, os trabalhadores da Zanon preferem lutar para que sua fábrica adquira o caráter de coisa pública, e produza para atender a demanda de edifícios públicos e de famílias de baixa renda.</p>
<p>No atual contexto argentino é muito difícil que este projeto seja aprovado pelo Estado, mas enquanto isso, os ceramistas vão fazendo o que podem neste sentido, dirigindo seus lucros e dívidas com o Estado para fins coletivos. Há alguns meses, a Província de Neuquen cobrava uma dívida do antigo dono e pressionava a fábrica: os ceramistas aceitaram pagar a dívida, mas sob uma condição: o pagamento seria em cerâmicas ao invés de dinheiro, e eles mesmos determinariam o destino dos produtos. Dessa maneira, algumas escolas, hospitais e instituições sociais foram diretamente beneficiados pelo pagamento da dívida, que certamente desapareceria no poço sem fundo dos cofres estatais. Outra medida inovadora vem sendo concretizada junto ao MTD de Neuquen (Movimento de trabalhadores desempregados da região). Os ceramistas estão juntando dinheiro para financiar a construção de uma fábrica de caixas de papelão para empacotar sua produção. A fábrica, é claro, será autogerida pelos integrantes do movimento, que aliás já têm preferência na hora em que a Zanon precisa incorporar mais trabalhadores à fábrica. Desde o começo do ano, já incorporaram mais de 30 novos companheiros, e segundo sua política interna, metade das vagas se destina ao MTD e a outra metade é dividida entre outras organizações (parte dos lucros da fábrica também ajudam a financiar um &#8220;fundo de greve nacional&#8221;, para que outras fábricas que forem ocupadas disponham de um mínimo de recursos até que volte a produzir).</p>
<p>Esta é, aliás, outra novidade na luta dos trabalhadores da Zanon, pois as transformações surtidas no interior da fábrica já se espraiam por seu entorno: eles têm conseguido se articular com outros movimentos, sindicatos e partidos de esquerda. Ajudaram a fundar a &#8220;Coordenadora do Alto Valle&#8221;, uma espécie de central autônoma de lutas políticas da região e vão se tornando, aos poucos, uma referência no interior dos movimentos sociais.</p>
<p>LABORATÓRIO PARA O SOCIALISMO?</p>
<p>&#8220;Enquanto, porém, a virtude não for recompensada aqui na Terra, a ética, imagino eu, pregará em vão. Acho também bastante certo que, nesse sentido, uma mudança real nas relações dos seres humanos com a propriedade seria de muito mais ajuda que quaisquer ordens éticas&#8221;. (Sigmund Freud, O Mal-estar na Civilização)</p>
<p>Seria arriscado emitir um juízo mais categórico a respeito das transformações ocorridas no cotidiano e na subjetividade dos trabalhadores das fábricas ocupadas, pois as conversas que tive durante janeiro e fevereiro de 2003 se limitaram a 3 fábricas (Zanon, Brukman e Grissinopolis) e à Clínica Junín. Também é verdade que nestes lugares, os depoimentos dos trabalhadores eram muito semelhantes e a percepção das mudanças ocorridas em seu cotidiano partiam de pontos comuns (por uma questão de limites de espaço selecionei alguns depoimentos que resumiam as questões abordadas, mas pude conversar com mais trabalhadores dos que aparecem aqui). Sem dúvida, é preciso mais material empírico, mas não é de se estranhar que a experiência possibilitada numa fábrica autogestionária detone mudanças subjetivas em todos aqueles acostumados à vivência diária, individual e coletiva, do sofrimento no trabalho (e da falta dele).</p>
<p>Voltamos então a um dos pilares do materialismo histórico: a tese que diz que o modo como a produção material da sociedade é organizada determina a subjetividade dos indivíduos. Mas e o que acontece com estes mesmos indivíduos quando, a despeito da sociedade permanecer capitalista, suas condições concretas de produção são modificadas? Pelos depoimentos que ouvimos, é como se a &#8220;teoria da alienação&#8221; encontrasse sua demonstração empírica negativa, ou seja, a algumas mudanças fundamentais no funcionamento de uma célula produtiva correspondesse algo como &#8220;lampejos de desalienação&#8221; dos sujeitos. De alguma forma, uma crise grave de reprodução do capital – além de gerar miséria e exclusão – também pode revelar conteúdos sociais fetichistas encobertos pelas leis gravitacionais do mercado ou pelo simples poder social dos donos dos meios de produção.</p>
<p>E estes &#8220;lampejos&#8221; parecem gerar conseq&#252;ências políticas nada desprezíveis quando o que se tem em vista é a superação do &#8220;sistema produtor de mercadorias&#8221;. Para que haja movimentos emancipatórios é preciso haver &#8220;subjetividades anticapitalistas&#8221; capazes de organizá-los, e isso parece estar sendo gestado em experiências como as das okupas. Em geral, eu perguntava aos trabalhadores, depois de toda a conversa, se alguma vez passara pela cabeça deles que seria possível tocar a produção de uma fábrica sem hierarquias nem patrões. As respostas, como era de se esperar, eram mais ou menos a mesma que me deu Angel:</p>
<p>&#8220;Jamais! Nunca achei que isso fosse possível. Aliás, acho que ninguém aqui achava que seria possível. A gente ajudava a planejar o nosso setor, e olhe lá. Eles fazem a gente acreditar que não somos capazes, mas estamos mostrando aqui, todos os dias, que podemos controlar a produção, que todos os trabalhadores são capazes de fazer o mesmo!&#8221;</p>
<p>Ao lado dos mecanismos objetivos de dominação – como a coerção econômica e as armas da polícia – a classe dominante também conta com mecanismos subjetivos para manter a ordem que lhe interessa. A submissão aos mecanismos de mercado e às ordens hierárquicas no trabalho cotidiano sustentadas pela coerção produtiva são parte do arsenal utilizado para fazerem os dominados &#8220;acreditarem que não são capazes&#8221;, retirando-lhes a capacidade de agir e falar em nome de interesses que não são os do lucro. Nesse sentido, estar imbuído da tarefa de controlar os próprios meios de subsistência (ainda que as leis do mercado continuem sendo uma ameaça) pode representar uma espécie de &#8220;fortalecimento egóico&#8221; indispensável para a construção de &#8220;formas embrionárias anti-sistêmicas&#8221; que apontem para além do mundo da mercadoria e do capital.</p>
<p>E se o capital já esbarra em limites de sua reprodução, demonstrando cotidianamente a sua incapacidade de resolver os problemas materiais (e espirituais) de uma parcela cada vez mais gigantesca da população, algumas experiências nas fábricas argentinas vêm provando na prática que imaginar uma sociedade onde perguntas do tipo: &#8220;o quê?&#8221;, &#8220;como?&#8221; e &#8220;pra quem?&#8221; produzir, podem ser respondidas pelos próprios trabalhadores organizados e não pelas leis cegas do sujeito automático. Num país que produz comida, segundo a OMS, para 300 milhões de pessoas é um crime que 7 milhões dos 37 milhões de seus habitantes se encontram abaixo da linha de pobreza, quer dizer, passam fome. Mas não é de crimes que é feito capitalismo?</p>
<p>A questão política central, afinal de contas, é: Quem controla os meio de produção? Uns poucos proprietários ou o conjunto dos trabalhadores organizados? Revolucionar o modo como a sociedade organiza sua produção material, socializando seus meios produtivos – isto é, máquinas e conhecimento &#8211; , é nossa única chance de escapar da barbárie devastadora que o capitalismo vem gerando dia a dia.</p>
<p>É no que pensa Manotas quando, do alto de sua experiência, afirma:</p>
<p>&#8220;Veja o tamanho dessa fábrica. É imensa, automatizada, com computadores e tudo o mais. Estamos aqui dentro provando que os trabalhadores podem administrar e controlar a produção! E eu te pergunto: se fazemos isso aqui, porque não podemos fazer isso no país inteiro, no continente inteiro?&#8221;</p>
<p>Por que não?</p>
<p>[1] &#8220;Os operários só se sentirão realmente em suas casas, em seu país, menbros responsáveis pelo seu país, quando se sentirem em casa na fábrica, enquanto trabalham&#8221;. (Simone Weil, A condição operária, p.166).</p>
<p>[2] o mesmo que fica evidente num diálogo entre André Gorz e um jovem técnico subalterno – que se dizia maoísta. O jovem estudara 3 anos e ganhava duas vezes mais do que um operário. Perguntado sobre a diferença de conhecimento existente entre ele e os operários que supervisionava, respondeu: &#8221; (jovem maoísta) Fiz cálculo diferencial e mecânica e sou muito bom em desenho industrial. /(Gorz)Você usa cálculo diferencial no seu trabalho?/ (jovem) Não. Mas foi bom eu ter feito. Serve para formar a mente. / (Gorz) E o desenho industrial, você usa bastante? / (jovem) Lógico. A gente não consegue acertar uma peça se não souber ler o esquema do plano. É o beabá. / (Gorz) Mas, se todos os operários sabem ler o esquema do plano, que conhecimentos você tem que eles não têm, além do cálculo diferencial? / (jovem) Tenho a visão do conjunto. O meu pessoal está, cada um, com o nariz na sua máquina. Eu conheço as possibilidades de todas as máquinas, preparo e organizo seu trabalho e, quando há um problema, explico-lhes como resolver. / (Gorz) Será que os operários poderiam saber tanto quanto você sem ter estado numa escola como a sua? / (jovem) Há uns velhos na minha oficina que sabem um colosso. Só que leva tempo. / (Gorz) Quanto tempo? / (jovem) Oh, ao menos cinco ou seis anos. (André Gorz, Crítica da divisão do trabalho, p.236-7).</p>
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		<title>Die Simulation der Simulation</title>
		<link>http://www.krisis.org/2004/die-simulation-der-simulation</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Achim Bellgart]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>

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		<description><![CDATA[EIN AUGENZEUGENBERICHT VON DER PRIVATISIERUNG DER ARBEITSLOSENVERWALTUNG]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>EIN AUGENZEUGENBERICHT VON DER PRIVATISIERUNG DER ARBEITSLOSENVERWALTUNG</h3>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/">Streifz&#252;ge</a> 30/2004</p>
<p><em>von Achim Bellgart</em></p>
<p><em>(Dieser Text ist ein Vorabdruck aus &#8220;Dead Men Working &#8211; Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs&#8221;, hg. von Ernst Lohoff u.a.)</em></p>
<p>Die Hartz-&#8221;Reformen&#8221; zielen bekanntlich darauf ab,die Kosten zu senken, die das allm&#228;hliche Verschwinden der Arbeit verursacht. Dazu geh&#246;rt der Rausschmiss der Langzeitarbeitslosen aus der Arbeitslosenhilfe. Aber es kann auch noch zus&#228;tzlich gespart werden, denkt sich das Arbeitsamt. Und weil dessen B&#252;rokraten sich inzwischen als Manager f&#252;hlen, haben sie schon was von kostensenkendem Outsourcing geh&#246;rt. Gedacht, getan. Diejenigen, die gar nicht mehr zu vermitteln sind, sollen nicht mehr mit ihrer massenhaften Anwesenheit in den neuen Kundencentern der Bundesanstalt st&#246;ren.</p>
<p><span id="more-667"></span>In Bremen muss seit Anfang 2003 ein Teil der Langzeitarbeitslosen die regelm&#228;&#223;ige Meldung (fr&#252;her hie&#223; das Stempeln gehen) bei einem Unternehmen absolvieren. Die Simulationsmaschine Arbeitsamt wird von outgesourcten Dienstleistern nochmals simuliert. Die Vorladung der Firma verhei&#223;t neben der obligatorischen Drohung des Geldentzugs im Falle des Nicht-Erscheinens eine Informationsveranstaltung zum Thema Jobrecherche. Der Seminarraum des Mini-Unternehmens, das Coaching (wohl eher Ich-AG-Beratung) und Jobvermittlung betreibt, f&#252;llt sich nur z&#246;gerlich. Schlie&#223;lich ist ungef&#228;hr die H&#228;lfte der Vorgeladenen da, alle mit den Anfangsbuchstaben A und B. Alle mit den Buchstaben W bis Z fehlen. Das ist kein Wunder, bemerkt eine Frau, die ihrer zweiten Vorladung gefolgt ist, die erste kam zwei Tage nach der Veranstaltung an. Das betretene Schweigen des &#8220;Coachs&#8221;, Herrn P., nutzt ein kostenbewusster Arbeitsloser zu der Frage, ob dieses Procedere nicht viel teurer k&#228;me als das alte. Falsch, ist die Antwort, schon bei einer wegen Nichterscheinen verh&#228;ngten Sperrfrist seien die Kosten der Veranstaltung drin, erfahrungsgem&#228;&#223; seien es mehr als eine.</p>
<p>Obwohl darauf hingewiesen wird, dass der nun folgende Informationsteil freiwillig ist, geht niemand. Das sollte sich f&#252;r viele der Anwesenden als Entt&#228;uschung herausstellen, f&#252;r die anderen nicht, die haben sich gl&#228;nzend am&#252;siert.</p>
<p>Zun&#228;chst dominiert Langeweile, zu oft haben die Teilnehmer die abgestandenen Tipps, wo Arbeitspl&#228;tze angeboten werden, geh&#246;rt, zu sicher wissen sie, dass f&#252;r sie nichts dabei ist. Auch das eingestreute Angebot, wer Herrn P. anmaile ,bekomme eine Link-Liste mit 200 (in Worten:zweihundert) Arbeitsplatz- B&#246;rsen im Internet zugeschickt, vermag niemanden vom Hocker zu rei&#223;en. Komischerweise wollten bisher erst drei Leute die Liste haben, mault der &#8220;Coach&#8221;.</p>
<p>&#8220;Ausgetretene Pfade verlassen!&#8221; &#8211; Die Ank&#252;ndigung des neuen Kapitels mit Hilfe einer vermeintlich professionellen Power-Point-Pr&#228;sentation rei&#223;t einige aus dem D&#246;sen. Hier hat sich Herr P. einen besonderen Leckerbissen ausgedacht: Aus zuverl&#228;ssigen Quellen wei&#223; er, dass Arbeitspl&#228;tze, die wegen lang andauernder Krankheit oder gar wegen eines Todesfalles verwaist sind, aus Piet&#228;t nicht gleich &#246;ffentlich ausgeschrieben werden. W&#228;hrend im Falle der Krankheit nur die besonders Pfiffigen den zum Erfolg n&#246;tigen Riecher entwickeln, werden im anderen Falle, dank der Todesanzeigen von Belegschaften, die Informationen frei Haus geliefert. Wieder keine Begeisterung, nur die Nachfrage, ob das Arbeitsamt im Falle des Auffliegens einer sich aufdr&#228;ngenden nicht v&#246;llig gewaltfreien Arbeitsbeschaffungsma&#223;nahme Rechtsbeistand gew&#228;hre.</p>
<p>Da der Elan der Anwesenden nicht zu weiteren Fragen reicht, ist die Pr&#228;sentation viel schneller vorbei als die veranschlagten eineinhalb Stunden. Da Herr P. flexibel ist, folgen Informationen &#252;ber Neuerungen im Sozialrecht, z.B.die Versch&#228;rfungen der Zumutbarkeits- Regelungen. Die sind manchmal unzumutbar, ereifert sich der Impresario und erz&#228;hlt die wahre Geschichte einer Frau aus Ostfriesland, die einen Arbeitsplatz an der Unterweser angeboten bekam. Da die Nahverkehrsverh&#228;ltnisse dort sehr schlecht sind, h&#228;tte sie zwar die 70 Kilometer nach Hause am Feierabend schon bis 21 Uhr geschafft, h&#228;tte aber schon um 19 Uhr f&#252;r den Arbeitsbeginn am n&#228;chsten Morgen aufbrechen m&#252;ssen. Da h&#228;tte er wie ein L&#246;we f&#252;r diese Frau gek&#228;mpft (&#8220;Das habe ich gelernt, als ich noch bei der Gewerkschaft gearbeitet habe.&#8221;), mit dem Ergebnis, dass das Arbeitsamt der Frau einen F&#252;hrerschein finanziert h&#228;tte. F&#252;r das Auto gingen dann zwar ihre Ersparnisse drauf, aber sie h&#228;tte einen Arbeitsplatz gehabt und &#8211; Kunstpause &#8211; h&#228;tte an eben demselben ihren Lebenspartner kennen gelernt. Erst hatte sie nichts, danach F&#252;hrerschein, Arbeitplatz und Mann, alles dem Arbeitsamt und der famosen Vermittlungs-Firma zu verdanken.</p>
<p>Ob dieser Verarschung wird die Stimmung im Raum gereizter. Anlass f&#252;r Herrn P., Mitleid zu erheischen. So h&#228;tten die Neuregelungen zur Umschulung zwar zu schmerzhaften Einschnitten in die Fortbildungsm&#246;glichkeiten f&#252;r Arbeitslose gef&#252;hrt. Dar&#252;ber solle aber keinesfalls vergessen werden, dass diese K&#252;rzungen allein in Bremen 300 Lehrkr&#228;fte im Weiterbildungsbereich arbeitslos gemacht h&#228;tte; bei rund 40.000 Arbeitslosen im Lande Bremen mache das immerhin fast ein Prozent Zuwachs aus. Jetzt ist die Geduld und die Humorf&#228;higkeit der Anwesenden doch arg strapaziert, das F&#252;&#223;escharren wird intensiver. Der Unmut der Arbeitslosen bricht sich Bahn, die Bemerkungen bewegen sich zwischen &#8220;Alles K&#228;se&#8221; und &#8220;Die da oben machen sowieso,was sie wollen&#8221;. Schlie&#223;lich wird die naheliegende Erkenntnis ausgesprochen, dass das alles keinen einzigen Arbeitsplatz bringe. Ein Blick zur Uhr l&#228;sst Herrn P. k&#252;hn werden: &#8220;Doch, meinen!&#8221;. Die Veranstaltung ist beendet.</p>
<p>Die Wirkung eines solchen absurden Theaters auf die Betroffenen in Hinblick auf eine m&#246;gliche Gegenwehr d&#252;rfte eher gering ausfallen. Beim Rausgehen wurde sich ausgiebig emp&#246;rt &#252;ber die Veranstaltung und wie mit einem &#252;berhaupt umgegangen werde. Dass sich in dieser Absurdit&#228;t die Krise der Arbeitsgesellschaft ausdr&#252;ckt und weniger die Krise der Arbeitsverwaltung, schien wenig zu interessieren. Schlie&#223;lich m&#252;sse man ja von was leben. Also weiter nach einem Platz in der Maschinerie suchen, wenn schon nicht oben, wie von vielen mal erhofft, dann wenigstens irgendwo. Und wie dieses Suchen aussieht, machte einer vor dem Auseinandergehen ganz reformkonform deutlich: &#8220;Alles muss man selber machen.&#8221;</p>
<p>Beim Casting f&#252;r die Billig-Jobs beim neuesten Bremer Pleite-Projekt Space Park, einer Event-Schmiere zum Thema Raumfahrt, dr&#228;ngelten sich Tausende.</p>
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		<title>Tote arbeiten l&#228;nger</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Bernhard Redl]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>

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		<description><![CDATA[akin-Pressedienst der nichtkommerziellen Wiener Wochenzeitung &#8216;akin&#8217; 14. September 2004 Bernhard Redl Was bin ich? So hiess es fr&#252;her bei Robert Lembke. Was bin ich? Sozialarbeiter, Netzwerkadministratorin, Buchhalter, Bauer, Politikerin. Was bist du? Auf diese Frage sagt niemand: 36 Jahre alt, ledig, Heimwerker, Tarockspieler, Tangot&#228;nzer, Biertrinker, Wiener, Zigarrenraucher, Warmduscher. Selbst wenn man nicht einer Lohn- oder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>akin-Pressedienst</em><em></em><em> der nichtkommerziellen Wiener Wochenzeitung &#8216;akin&#8217;</em></p>
<p><em></em></p>
<p>14. September 2004</p>
<p><em>Bernhard Redl</em></p>
<p>Was bin ich? So hiess es fr&#252;her bei Robert Lembke. Was bin ich? Sozialarbeiter, Netzwerkadministratorin, Buchhalter, Bauer, Politikerin. Was bist du? Auf diese Frage sagt niemand: 36 Jahre alt, ledig, Heimwerker, Tarockspieler, Tangot&#228;nzer, Biertrinker, Wiener, Zigarrenraucher, Warmduscher. Selbst wenn man nicht einer Lohn- oder Einkommensarbeit nachgeht, definiert man sich &#252;ber den Beruf: Sch&#252;lerin, Pensionist, Hausfrau oder arbeitslos. Das sind die g&#228;ngigen Antworten.</p>
<p><span id="more-479"></span>So ist es kein Wunder, wenn ein Buch zur Arbeitsgesellschaft &#8220;Dead Men Working&#8221; heisst. Was sind wir schon ohne unsere Arbeit? Sind wir irgendwas? Existieren wir &#252;berhaupt? Und falls doch: Haben wir denn &#252;berhaupt ein Recht, zu existieren?</p>
<p>Der Buchtitel spielt nat&#252;rlich auf den Ausspruch &#8220;Dead man walking&#8221; hin, jenen Ausruf, der in den USA M&#228;nner zur Hinrichtungsst&#228;tte begleitet, und der durch den gleichnamigen Film auch bei uns bekannt geworden ist. Man kann es auch so lesen: Wir sind schon tot, aber wir wissen es noch nicht, denn wir arbeiten ja noch. Die Arbeit t&#246;tet uns t&#228;glich und h&#228;lt zugleich uns Tote auf einer untoten Existenzstufe, quasi &#8220;am Leben&#8221;.</p>
<p>Wir lieben unsere Arbeit &#8212; weil wir nichts anderes kennen, weil wir nicht anders k&#246;nnen, weil wir es uns anders nicht leisten k&#246;nnten, dieses Leben.</p>
<p>Doch die mutige, ja sch&#246;ne neue Marktwirtschaft will nicht so ganz den Wohlstand f&#252;r alle bringen. &#220;berall kracht es im Geb&#228;lk. Dennoch: Die totale Entfesselung der Marktkr&#228;fte nach 1989, die &#8220;Empfehlungen&#8221; des IMF, die Logik der neuen Freiheit durch Deregulierung bleibt von der landl&#228;ufigen Kritik unangetastet.</p>
<p>Die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes vergleichen in ihrem Vorwort die kapitalistische Arbeitsgesellschaft mit einer Kirche: &#8220;Die Doktrin darf nie das Problem sein, sondern stets nur mangelnde Konsequenz und fehlende Hingabe bei deren Umsetzung: insofern liegt es allemal allein an den J&#252;ngern, durch mehr Opferwillen und Einsicht noch die Erl&#246;sung zu erlangen.&#8221; Das Volk muss endlich lernen, wie toll doch die Segnungen dieser neuen Freiheit sind und diese auch n&#252;tzen und sich nur voll in die Arbeit knien, dann wird alles gut. Gehts der Wirtschaft gut, gehts uns allen gut. Oder so.</p>
<p>Da aber nicht alle so denken, m&#252;ssen sie zu ihrem Gl&#252;ck gezwungen werden. Und das bedeutet, es m&#252;sse auch die letzten Nischen anderer Existenzen zugekleistert werden, damit sich niemand mehr darin verstecken kann: Erschwernisse beim Zugang zur Arbeitslosenunterst&#252;tzung, Aufhebung von Zumutbarkeitsgrenzen, Infragestellung der Pensionen &#8212; das alles beim gleichzeitigen Trommelfeuer des Konsumterrors, bei den Versprechungen des warenf&#246;rmigen Gl&#252;cks, das man sich halt immer weniger wird leisten k&#246;nnen, wenn man nicht an die Grenzen seiner Arbeitsf&#228;higkeit geht</p>
<p>Dass die Linke dabei ziemlich schm&#228;hstad geworden ist, liegt nicht nur an der Frustration, die durch den Niedergang der Sowjetunion &#8212; die trotz allem doch noch als Gegenmodell erschien &#8212; ausgel&#246;st wurde, sondern auch daran, dass sie ihre Kapitalkritik nur selten auch als Arbeitskritik verstehen konnte. Man wusste zwar schon, dass es ziemlich sinnlos ist, Waren zu produzieren, die eigentlich niemand braucht, nur um sich Waren leisten zu k&#246;nnen, die man selber nicht braucht &#8212; und alles deswegen, damit einige wenige sich jene goldenen Nockerln leisten k&#246;nnen, die diese offensichtlich doch fressen k&#246;nnen. Aber so wirklich vom Arbeitsfetisch trennen wollen sich weite Teile der Linken immer noch nicht so recht. Denn der Proletarier galt doch immer als revolution&#228;res Subjekt und die Arbeit hatte neben der Revolution sein h&#246;chstes Ziel zu sein. Arbeitslosigkeit war ein &#220;bel, Faulheit gar eine S&#252;nde. Der Lumpenproletarier hatte ganz einfach das falsche Bewusstsein &#8212; denn nach der Revolution hatte die Sonn´ ohn Unterlass aufs Arbeiter- und Bauernparadies zu scheinen.</p>
<p>Eine Warnung: Das vorliegende Buch ist an vielen Stellen &#228;hnlich polemisch wie diese Rezension. Und es ist auch ziemlich dick: 302 Seiten sind f&#252;r diese Art der Lekt&#252;re und f&#252;r unsere heute so schnellebige Zeit schon viel und der Rezensent gesteht: Er hat das Buch nicht ganz gelesen. Denn es ist kein Werk zum z&#252;gigen Durchlesen. Es ist ein Buch zum Schm&#246;kern. Da trifft staubtrockene Theorie auf pointierte Polemik, Texte zum Thema Jugend- und Siegerwahn auf Texte zum Thema Hatz auf &#8220;Arbeitsscheue&#8221;, der sehr pers&#246;nliche Bericht einer arbeitslosen Geisteswissenschafterin auf die fast n&#252;chterne Schilderung der gesellschaftlichen Akteptanz des Selbstmords wegen Arbeitslosigkeit in Japan.</p>
<p>Es ist ein Lesebuch, das man immer in die Hand nehmen kann, wenn man sich fragt: Wozu das alles? Und: Bin ich der einzige, der sich diese Frage stellt?</p>
<p>Es ist ein Buch, das vielleicht mit dazu beitragen kann, dass man sich dazu entschliesst, a) sein Leben und b) die Gesellschaft ver&#228;ndern zu wollen. Ob man es dann aber tats&#228;chlich auch ernsthaft versucht, ist eine andere Frage. Das kann das Buch &#8212; wie alle anderen seiner Thematik &#8211; nat&#252;rlich nicht leisten, das m&#252;ssen wir schon selber tun.</p>
<p><a href="http://akin.mediaweb.at/2004/20/20buch.htm">http://akin.mediaweb.at/2004/20/20buch.htm</a><br style="mso-special-character:line-break" /> <br style="mso-special-character:line-break" /></p>
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		<title>Dead Men Working bestellen</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>

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		<description><![CDATA[Einladung zur Subskription]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>F&#252;r Mitglieder des F&#246;rderverein Krisis: Einladung zur Subskription von</h3>
<p><em>Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria W&#246;lflingseder (Hg.):</em></p>
<h4>Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs</h4>
<p>Die derzeit laufende Generalmobilmachung gegen den Sozialstaat, die zunehmenden Repressionen gegen Arbeitslose und Ausgegrenzte und die Forcierung eines breiten Sektors der Elendsarbeit sind noch nicht das letzte Wort einer Krisenverwaltung der Arbeits- und Warengesellschaft, die auch in den Zentren des Weltmarkts immer brutalere Z&#252;ge annimmt. L&#228;ngst ist klar, dass eine R&#252;ckkehr zur &#8220;Vollbesch&#228;ftigung&#8221; nie wieder gelingen wird, denn die rasante Entwicklung der Produktivit&#228;t macht immer mehr Arbeit &#252;berfl&#252;ssig. Diese Gesellschaft klammert sich aber an die entgegengesetzte Perspektive. Die immer rastlosere und bedingungslosere Verausgabung von Arbeit soll das &#220;berfl&#252;ssigwerden der Arbeit verhindern. Damit verwandelt sie potentiellen materiellen &#220;berfluss und Reichtum an frei verf&#252;gbarer Zeit in Hetze, Verelendung und Ausgrenzung. Hohe Zeit, dieser globalen Verr&#252;cktheit, die sich f&#252;r den Inbegriff von Vernunft h&#228;lt, entgegenzutreten.</p>
<p>Mit Beitr&#228;gen von: Achim Bellgart, Lothar Galow-Bergemann, Martin Dornis, Andreas Exner, Marco Fernandes, Christian H&#246;ner, Karl-Heinz Lewed, Ernst Lohoff, Frank Rentschler, Erich Ribolits, Franz Schandl, Holger Schatz, Norbert Trenkle, Gaston Valdivia und Maria W&#246;lflingseder.</p>
<p><strong>Mitglieder die jetzt bestellen, erhalten das Buch zum Preis von 10 Euro inkl. Versand</strong> (ca. 260 Seiten, Ladenpreis ca.16 Euro) gleich nach seinem Erscheinen Ende April 2004. Um uns die Arbeit zu erleichtern, ist die Bestellung nur gegen Vorauszahlung (Scheck oder Geldschein) m&#246;glich</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;</p>
<p>An den F&#246;rderverein Krisis, Postfach 21 11, 91011 Erlangen</p>
<p>Ich bestelle &#8230;.. Ex.  <strong>Dead Men Working</strong> zum Subskriptionspreis von 10 Euro (inkl. Versand)</p>
<p>Name &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;</p>
<p>Adresse  &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;</p>
<p>Datum/Unterschrift&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;</p>
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