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	<title>krisis &#187; Dead Men Working</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Arbeitsterror und Arbeitskritik</title>
		<link>http://www.krisis.org/2007/arbeitsterror-und-arbeitskritik</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2007/arbeitsterror-und-arbeitskritik#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 31 Dec 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>

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		<description><![CDATA[Repressive Toleranz und ihre Grenzen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/a83241269ef044cdb0da6db5bff2a125" width="1" height="1" alt=""></span></p>
<h3>Repressive Toleranz und ihre Grenzen</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/2007/terreur-du-travail-et-critique-du-travail">französische Version</a></p>
<p>Erweiterung des Textes von 2000 für die krisis-Homepage</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>Die moderne westliche Gesellschaft feiert sich gewohnheitsmäßig als Hort von Toleranz und Freiheit und das moderne Warensubjekt behauptet gerne von sich, es kenne keine Tabus. Näher besehen erweist sich die vermeintliche Vorurteilsfreiheit des modernen Warensubjekts indes als bloße Schmerzunempfindlichkeit und als Resultat einer mimetische Anpassung an einen Zustand konsequenter Entmündigung. Diese Gesellschaft konditioniert ihre Mitglieder darauf, dass die Entscheidung über den Inhalt des gesellschaftlichen Reichtums und die Ausgestaltung des sozialen Zusammenhangs nicht ihrer bewussten Verständigung obliegt, sondern einer anonymen Instanz, dem Markt. Ob Senf oder Waschpulver, ob sexuelle Präferenzen oder politische Meinungen, das Marktgängige ist das Richtige und das Unverkäufliche das Falsche. Offen und vorurteilsfrei geht das moderne Warensubjekt nur insofern durchs Leben als es die Stellung des Marktes als einzig legitime Anerkennungsinstanz verinnerlicht hat und sich ihm gesellschaftliche Beziehungen immer schon in Angebots- und Nachfragerelationen übersetzen.</p>
<p><span id="more-315"></span>Ihre Identifizierung mit der vorbehaltlosen Unterwerfung unter die Macht von Ware und Markt kennzeichnet die herrschende Toleranz aber nicht nur als „repressive Toleranz“ (Herbert Marcuse) Dieser innere Zusammenhang bestimmt gleichzeitig deren Grenzen und den Umschlagspunkt, an dem der alles verdauende Stumpfsinn des Warensubjekts blankem Hass Platz macht. In einer Gesellschaft, in der Verkäuflichkeit das alles entscheidende Kriterium ist, gilt eines prinzipiell als unannehmbar und asozial: die Weigerung die eigene Haut zu Markte zu tragen und mangelnde Disziplin bei der Selbstzurichtung zur Ware. In dieser Hinsicht zeigt sich der sonst so coole Warenverstand ausgesprochen humorlos und sieht angesichts jeder Widerborstigkeit sofort rot: Wer kein Geld hat, Wer kein Geld hat, mit dem er arbeiten lässt, hat selbst zu arbeiten oder zumindest seine unbedingte Arbeitsbereitschaft unter Beweis zu stellen, oder sein Existenzrecht ist verwirkt. Die erlittene Zumutung, sich permanent als „Humankapital“ zuzurichten, findet ihr Ventil in einer permanenten Mobilmachung gegen alles, was sich diesem Zwang nicht bedingungslos fügen könnte.</p>
<p>Dieser Geist „repressiver Toleranz“ durchweht die politische Sphäre. Mehrheitsfähig sind heute vornehmlich virtuose Eklektiker, die sich allzeit „undogmatisch“, „lernfähig“ und nach allen Seiten hin „dialogbereit“ zeigen. In der Politik können aber nur deshalb alle mit allen über alles reden, weil außer Zweifel steht, was das Ziel aller gesellschaftlichen Ziele ist, nämlich: „Arbeit, Arbeit, Arbeit“.</p>
<p>Man gibt sich offen, weil es immer nur um Umsetzungsfragen geht, darum, wie die unter dem Label „Modernisierung“ und „Beschäftigung“ verkauften ökonomischen Imperative durchzusetzen sind, während das Ob und Warum immer schon außer Frage steht.</p>
<p>Wer sich an diese Geschäftsordnung nicht hält und die Zwangsorientierung auf Akkumulation und Beschäftigung selbst zum Thema macht, erfährt sehr schnell die Grenzen der offiziell allzeit beschworenen Diskussionsbereitschaft. Wirtschaftswachstum und Arbeit sind heute mindestens so sakrosankt wie im Mittelalter die heilige Dreifaltigkeit. Auch die Warengesellschaft hat ihr Tabu, an das niemand rühren darf, ohne dass sich die ach so Aufgeklärten sofort als regelrechte Gotteskrieger entpuppen.</p>
<p><strong>Wer das Kapital loswerden will, muss die Arbeit loswerden</strong></p>
<p>1999 trat die Gruppe „Krisis“ mit einem „Manifest gegen die Arbeit“ an die Öffentlichkeit. Schon der Titel verrät, dass die Publikation Anstoß erregen sollte. Wo alle politischen Richtungen sich im Schrei nach Arbeit einig sind, erklärt das Manifest das Gut der Güter zum Grundübel und die versprochene Erneuerung der arbeitsgesellschaftlichen Perspektive im Zeichen von New Economy, Dienstleistungskapitalismus und Arbeitskraftunternehmertum als veritable Drohung.</p>
<p>Den Verfassern ging es indes um mehr als eine gezielte Provokation. Die ebenso groteske wie allgegenwärtige Arbeitsideologie verweist unmittelbar auf den Kern kapitalistischer Zurichtung. Mit der Attacke auf die Arbeit soll die Grundlage und der schwache Punkt der warengesellschaftlichen Ordnung bloßgelegt werden. Der Arbeitszwang und der positive Bezug auf ihn spielt die Schlüsselrolle bei der Abrichtung der Menschen zu Warensubjekten.</p>
<p>Bei der Kritik der Arbeit und dem Gedanken ihrer Aufhebung handelt es sich um weit mehr als eine polemische Überspitzung. Beides ist durchaus wörtlich zu nehmen. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass sich heute eine theoretische konsistente und auf der Höhe der Zeit befindliche Kapitalismuskritik überhaupt nur noch als konsequente Arbeitskritik formulieren lässt.</p>
<p>Der Versuch, Kapitalismuskritik mit einer radikalen Kritik der Arbeit neu zu begründen, hebt sich sehr deutlich vom überlieferten Antikapitalismus ab. Im Soziologenjargon würde man wohl von einem „Paradigmenwechsel“ sprechen.</p>
<p>Das traditionelle linke Verständnis deutete Arbeit und Kapital als einander feindliche Prinzipien, und ihre Beziehung als absoluten Gegensatz. Die Arbeit galt ihm als eine „ewige Naturnotwendigkeit“, die nur äußerlich vom Kapital überformt und für den Zweck der Profitproduktion missbraucht wird. Die Kritik der Arbeit hebt auf einen anderen Zusammenhang ab. Die Kategorien Arbeit und Kapital bezeichnen einen relativen Gegensatz, einen Gegensatz innerhalb des gleichen gesellschaftlichen Verhältnisses. Sie stehen für zwei Seiten der gleichen Ordnung, betrachten dasselbe gesellschaftliche Verhältnis, nur von zwei verschiedenen Seiten her. Arbeit kann grundsätzlich gar nichts anderes sein als die spezifisch kapitalistische Tätigkeitsform. Das Kapital wiederum stellt „geronnene Arbeit“ dar.</p>
<p>Die Identität von Arbeit und Kapital ist nicht bloß im Sinne der vom Marxismus aus der klassischen Nationalökonomie übernommenen „objektiven Wertlehre“ zu verstehen, derzufolge die Arbeit die „Substanz“ des Werts und damit die einzige Quelle von Wertschöpfung bildet. Sie reicht wesentlich tiefer. All das, was kapitalistische Herrschaft ausmacht, ist bereits der Kategorie Arbeit eigen.</p>
<p>Wer das Hohe Lied der Arbeit anstimmt, hat damit begrifflich bereits die Gleichgültigkeit der Verwertungsbewegung gegenüber ihrem stofflichen Inhalt und den Selbstzweckcharakter der kapitalistischen Produktion akzeptiert. Außerdem lässt sich die Melodie letztlich nicht intonieren, ohne die gesellschaftliche Sphärentrennung als Selbstverständlichkeit zu behandeln und implizit alle nicht direkt in die kapitalistische Verwertung integrierbaren Tätigkeitsbereiche abzuwerten. Insbesondere eine begrifflich stringente Kritik patriarchaler Strukturen ist von daher nur als Kritik der Arbeit und nicht auf der Grundlage eines positiven Arbeitsbegriffs formulierbar. Weil der arbeitskritische Zugang es erlaubt, diese Dimensionen von Kapitalismuskritik in Beziehung zueinander zu setzen und viel prägnanter zu fassen, als es die marxistischen Termini konnten, ist dieser Neukonzeption der Vorzug gegenüber traditionellen antikapitalistischen Vorstellungen zu geben.</p>
<p><strong>Die Arbeit und ihr Inhalt</strong></p>
<p>Der Prozess der Wertverwertung kann nicht vonstatten gehen, „tote Arbeit“ (Kapital) kann nicht aufgehäuft werden, ohne dass sie die Gestalt irgendwelcher Gebrauchswerte annimmt. Der kapitalistische Verwertungsprozess verfügt aber über keinerlei Sensorium für seine eigene stoffliche Seite. Solange sich Arbeitsprodukte mit Gewinn verkaufen lassen, besteht kein Unterschied zwischen Kampfflugzeugen, Rheumapflastern oder Blumentöpfen. Als austauschbare Darstellungsformen abstrakter Arbeit und damit als Waren sind sie gesellschaftlich ein und dasselbe. Diese Nivellierung wird der Arbeit aber nicht erst von außen, durch die profitgierigen Kapitalisten aufoktroyiert, sondern ist vielmehr bereits der Kategorie Arbeit selber eigen.</p>
<p>Was ihren sinnlichen Gehalt betrifft, haben der Unterricht von Kindern, die Produktion von Giftgas, die Darstellung künstlerischer Leistungen vor zahlendem Publikum und der Bau von Möbeln nicht das Geringste miteinander gemein. Konzentriert man sich auf das, was getan wird, und sieht konsequent von der gesellschaftlichen Form ab, in der es getan wird, löst sich die Abstraktion Arbeit gleich doppelt auf. Es lässt sich einerseits kein allgemeines Merkmal angeben, das die Artverwandtschaft all der Aktivitäten begründen könnte, die als Arbeit gelten. Andererseits ist vom Standpunkt einer rein stofflichen Betrachtungsweise genauso wenig zu erklären, warum ein und dieselbe Tätigkeit &#8211; beispielsweise das Singen von Liedern oder die Züchtung von Blumen &#8211; einmal als Arbeit gilt, dann wieder als Hobby, je nachdem, ob sie dem Geldverdienen dient oder nicht. Ohne die Subsumtion unter die gleiche gesellschaftliche Zwangsform des Sich-Verkaufens existiert demnach zwar eine breite Palette unterschiedlicher Reichtum schaffender konkreter Tätigkeiten, aber keine allgemeine Tätigkeitsform namens Arbeit. Sie ist das Produkt einer das gesamte gesellschaftliche Gefüge bestimmende Zwangsreduktion von Reichtum und Reichtumserzeugung auf Warenproduktion. Die vorkapitalistischen Gesellschaften sind denn auch nie auf die seltsame Idee verfallen, die Tätigkeit von Sklaven und Freien, von Priestern und Seefahrern unter eine gemeinsame Kategorie zu zwingen.</p>
<p>In allen europäischen Sprachen bezeichneten die Wörter, die heute für Arbeit stehen, ursprünglich entweder nur das Dasein der sozial Abhängigen oder ganz allgemein Not und Leid, jedenfalls keine Allgemeinheit gesellschaftlich anerkannter Tätigkeit. Eine nachkapitalistische Gesellschaft hätte genauso wenig Grund, an einem solchen Prinzip festzuhalten.</p>
<p><strong>Arbeit ist Selbstzwecktätigkeit</strong></p>
<p>Kapitalistische Produktion zeichnet sich durch ihren Selbstzweckcharakter aus. Die Erzeugung von Gütern zieht ihre Daseinsberechtigung nicht daraus, dass sie Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bereitstellen würde. Produziert wird vielmehr um der Produktion willen, und die Bedürfnisse sind umgekehrt der Verwertung wegen da. Sie haben Abzugskanäle für die Warenströme zu öffnen. Für soziale Bedürfnisse, die sich mit bloßem Warenkonsum nicht abspeisen lassen, ist in dieser so reichen Gesellschaft dementsprechend kein Platz. Den übrigen kommt wiederum nur ein Existenzrecht zu, soweit sie sich in zahlungskräftige Nachfrage übersetzen und damit dem kapitalistischen Reproduktionskreislauf unterordnen lassen.</p>
<p>Die traditionelle marxistische Kapitalismuskritik konnte nicht das Hohelied der Arbeit singen, ohne die absurde Verkehrung von Mittel und Zweck de facto zu übernehmen. Die Erhebung der Arbeit zum Kerninhalt des menschlichen Daseins bedeutet ebenso das Lob des produktivistischen Selbstzwecks wie das Ja zum kapitalistischen Wirtschaftswachstum.</p>
<p>Spätestens der ökologische Protest hat aufs Tapet gebracht, dass der Zwang, die Welt unter Fabrikationsstätten und Warenlawinen zu begraben, sehr viel mit Zerstörung und Unterwerfung und nichts mit Emanzipation zu tun hat. Solange Antikapitalismus im Bannkreis eines positiven Bezugs auf Arbeit gefangen bleibt, lässt sich der produktivistische Irrsinn aber nur als eine von der eigentlichen Kapitalismuskritik getrennte Frage interpretieren und damit missverstehen. Die konservative Konsumkritik hat diese Leerstelle besetzt und es sogar fertiggebracht, den Ekel vorm Gebrauchswert der Waren gegen den antikapitalistischen Impuls zu mobilisieren.</p>
<p>Eine als Kritik der Arbeit reformulierte Kapitalismusanalyse nimmt das Bedürfnis- und Gebrauchswertelend mit ins Blickfeld. Sie behandelt es als genuinen Bestandteil einer in sich kohärenten Gesamtkritik der Selbstzweckbewegung des Werts. Die Kritik der Arbeit zeigt auf, wie grotesk und zynisch es ist, den produktivistischen Wahn mit überschießender Bedürfnisbefriedigung gleichzusetzen, um ihm irgendeine Verzichtsideologie entgegenzuhalten. Vielmehr gehören Akkumulationszwang, das rigide Abschneiden menschlicher Potenziale und die Reduktion menschlichen Bedürfnisreichtums zusammen.</p>
<p>Die Kritik der Arbeit hebt zugleich schon begrifflich darauf ab, dass es eben nicht allein darum geht, die abstrakte, wertsetzende Arbeit für sich aus der Welt zu schaffen. Auch die konkrete Arbeit, die Art und Weise, in der das Kapital die Naturaneignung organisiert, muss zur Disposition stehen. Die Arbeit überhaupt, also konkrete und abstrakte Arbeit, ist aufzuheben, weil die konkrete Arbeit als Arbeit von vornherein gar nichts anderes sein kann als der sinnlich-empirische Niederschlag eines übergreifenden Abstraktionsprozesses.</p>
<p><strong>Arbeiten macht arm</strong></p>
<p>Ihre Apologeten feiern die Arbeit als die entfesselte menschliche Schaffenskraft und den Kapitalismus als die Gesellschaft, in der Fleiß, Tüchtigkeit und Effizienz den ihnen gebührenden Rang gefunden haben. Und tatsächlich, die Indienstnahme der sinnlichen Reichtumsproduktion durch die große Arbeits- und Verwertungsmaschine lässt sich als Verfleißigungsprozess beschreiben. Allerdings ist der nicht positiv zu werten, sondern als Verarmungsbewegung, als Auslöschung sinnlicher Qualitäten.</p>
<p>Der sinnliche Reichtum vorkapitalistischen Gesellschaften setzte sich aus den Resultaten <em>uneinheitlicher </em>produktiver Tätigkeiten zusammen, die jeweils wesentlich von Naturrhythmen, Tradition und den Eigentümlichkeiten des umzuformenden Naturstoffs angepasst waren. Das Kapital zerstörte diese Ordnung, um an ihre Stelle die Allgegenwart der <em>immergleichen, azyklisch-linearen Tätigkeitsform der Arbeit</em> zu setzen. Die Verfleißigung mag zu einer Intensivierung der Beziehung des Arbeitenden zu seinem Arbeitsgegenstand führen und sinnliche, die Persönlichkeitsentfaltung anregende Qualitäten haben; allerdings allein in dem Sinne wie Folteropfer eine ausgesprochen intensive Erfahrungen mit ihrem Körper und den peinigenden Instrumenten machen. Arbeit, als Tätigkeit, die permanent an sich selber sparen und die eingesetzte Zeit pro Einzelprodukt, pro Arbeitsvorgang um jeden Preis minimieren muss &#8211; nichts anderes heißt Effizienz &#8211; kennt die Eigenheiten des zu bearbeitenden Gegenstandes nur als den beständigen Arbeitsfluss hemmendes Hindernis. Auch das biologische Erholungsbedürfnis des Menschen und seine Neigung, zwischen Aktivität und Muße zu wechseln, erscheint vom Standpunkt der Arbeit, des kontinuierlich nimmermüden Anstrengens, als bloße Störquelle, die es so weit wie irgend möglich auszuschalten gilt. Das kennzeichnet die Arbeit als permanenten Zweifrontenkrieg. Sowohl seiner eigenen Sinnlichkeit als auch den sinnlichen Qualität seines Arbeitsgegenstandes steht der Arbeitende in der Arbeit wie einem Feind gegenüber, der nur existieren darf, so er sein Eigenleben aufgegeben hat und bloße Ressource geworden ist.</p>
<p><strong>Arbeit ist patriarchal </strong></p>
<p>Bei der Arbeit handelt es sich um eine verarmte Form von Tätigwerden, um Entäußerung statt um die Aneignung von sinnlichen Reichtum. Gerade aufgrund dieses Defizits ist sie nicht in der Lage, tatsächlich sämtliche Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion zu erfassen. Die Herrschaft der Arbeit ist ohne einen umfänglichen Sektor von „Schattentätigkeiten“ gar nicht denkbar, die sich ihrem Inhalt nach nur bedingt oder gar nicht in die azyklisch-lineare Verausgabung von Muskel, Nerv und Hirn übersetzen lassen und sich der Organisation als Erwerbsquelle sperren. Keine Gesellschaft kann existieren, ohne dass Kinder betreut werden und ohne dass Menschen für sich und andere die tägliche Reproduktion erledigen. Die Adelung der Arbeit zur einzig gültigen gesellschaftlichen Tätigkeitsform fällt mit der Abwertung dieser Tätigkeiten zusammen, die zugleich strukturell „weiblich“ eingeschrieben und in der Regel den Frauen zugewiesen werden. Sie mögen so unverzichtbar sein wie die Luft zum Atmen, da nicht an die qualitätslose Qualität aus Geld mehr Geld zu machen gekoppelt, werden sie zur inferioren „Privatsache“ degradiert und bleiben größtenteils unsichtbar. Solange die menschliche Existenz und die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum nichts anderes sein können und dürfen als ein Abfallprodukt der Wertverwertung in der großen Arbeitsmühle sind diese „weiblichen“ Tätigkeiten strukturell bloß stille Voraussetzung kapitalistischer Reproduktion. Weder rhetorische Muttertagsblumen noch gut gemeinte Definitionsübungen, die darauf beharren, dass Arbeit eigentlich mehr sein sollte als Erwerbsarbeit und auch die Hausarbeit umfasst, schaffen diesen Umstand aus der Welt.</p>
<p><strong>Arbeit heißt Sphärentrennung</strong></p>
<p>Das herrschende Bewusstsein ist darauf konditioniert, die historischen spezifischen Verrücktheiten der Warengesellschaft zur ewigen Naturbedingung zu erklären und sie in die Vergangenheit und die Zukunft zu projizieren. Bei der Arbeit gelingt das dem Alltagsverstand und seinen theoretischen Fürsprechern in fast schon klassischer Manier. Offiziell will er in ihr nur ein unschuldiges Synonym für den „Stoffwechselprozess des Menschen mit der Natur“ (Marx) sehen. Unter der Hand wird aber mit dem Begriff Arbeit immer schon die spezifische warengesellschaftliche Konstellation eingeführt und für unhintergehbar erklärt.</p>
<p>Wer von Arbeit spricht, drückt keineswegs nur die banale Tatsache aus, dass Menschen in jeder denkbaren Gesellschaft in irgendeiner Weise aktiv werden müssen, um die produktiven Potenzen zu entwickeln und zu realisieren. Der Terminus hat überhaupt nur einen Sinn, solange er im Kontrast zu anderen, entgegengesetzten Formen menschlicher Praxis steht, die dann unter Rubriken wie Freizeit, Hobby, freiwilliges Engagement, Familienleben usw. anderen, separierten (prä-) gesellschaftlichen Bereichen zuzurechnen sind.</p>
<p>Wäre alles Arbeit, dann wäre nichts mehr Arbeit und der Ausdruck hätte jede Bedeutung verloren. Indem die Arbeit in den Rang einer ewigen Naturnotwendigkeit erhoben wird, ist daher immer schon klammheimlich unterstellt, dass die Reichtumsproduktion sich als eine von allen anderen Lebensäußerungen fein säuberlich getrennte Form der Lebensentäußerung zu vollziehen hat und eine eigene, aus dem übrigen sozialen Zusammenhang herausabstrahierte Sphäre bildet.</p>
<p>Das mag dem Warensubjekt „natürlich“ erscheinen. Es ist daran gewöhnt, eine zerlegte Existenz zu führen und in den Privatmenschen, den Staatsbürger und den Arbeitshomunkulus zu zerfallen, der tagein, tagaus acht Stunden lang eine aus den sonstigen Lebensbezügen herausfallende und dementsprechend auf einen betriebswirtschaftlich-zweckrationalen Kern reduzierte Tätigkeit verrichtet. Genau diese schizophrene Struktur macht aber eines der ganz zentralen Momente des warengesellschaftlichen Terrors aus.</p>
<p>Die Abstraktion Arbeit ist bei der Beschreibung vorkapitalistischer Verhältnisse schlicht fehl am Platz. Wo das Wirtschaften wie in den traditionellen Gesellschaften in weitergehende soziale und herrschaftliche Zusammenhänge eingebunden war, konnte sich kein Sonderphänomen Arbeit ausbilden. Die Unterstellung, auch jede nachkapitalistische Gesellschaft müsste Arbeit kennen, ist aber fast noch gefährlicher als dieser Anachronismus. Sie hintertreibt den Gedanken der Aufhebung der Sphärentrennung &#8211; und ohne dieses Motiv kann es heute keine Strömung geben, die das Attribut antikapitalistisch zu Recht führen würde.</p>
<p>Der klassische marxistische Gedanke, eine künftige Gesellschaft zerfalle in ein „Reich der Freiheit“ und „ein Reich der Notwendigkeit“, schreibt, leicht verquast, die Aufspaltung unseres Dasein in entleerte Privatheit und Arbeitsschwachsinn für alle Zeiten fest. Dass auch eine befreite Gesellschaft nicht wie das Schlaraffenland aussehen kann und keineswegs jedes Moment materieller Notwendigkeit hinter sich lässt, ist eine Sache. Die Vorstellung, sie als ein abgesondertes Gegenreich organisieren zu wollen, ist etwas völlig anderes.</p>
<p><strong>Antikapitalismus muss arbeitskritisch sein oder er wird nicht sein</strong></p>
<p>Der Begriff Arbeit gehört gleichzeitig zwei Welten an. Er kann einerseits zusammen mit dem Wert als die abstrakteste und allgemeinste Kategorie der Kritik der Politischen Ökonomie gelten, schließlich bezeichnet er nichts anderes als dessen Tätigkeitsseite. Andererseits ist Arbeit millionenfach unmittelbare Alltagspraxis und -erfahrung. Mit der Entwicklung der letzten Jahre hat dieses Spannungsverhältnis noch eine zusätzliche Komponente gewonnen. Die Arbeitszumutung, der beständig verschärfte Zwang, sich zu verkaufen, steht im Mittelpunkt jenes sozialen Präventivkriegs, den heute die Hüter der herrschenden Ordnung angesichts der realen Krise der Arbeitsgesellschaft gegen das ihrem Zugriff ausgelieferte Menschenmaterial führen. Arbeit ist im Zeitalter von Dauerarbeitslosigkeit, neuem Arbeitskraftunternehmertum, amtlicher Zwangsarbeit sowie Billig- und Kombilohnkampagnen mehr denn je zum Kampfbegriff geworden.</p>
<p>Heute prägen Brutalisierung, Vereinzelung und Egomanie das soziale Klima und lassen das Projekt der Emanzipation als hoffnungslos überholt erscheinen. Diese Tendenz zur totalen, keine Grenzen mehr anerkennenden Konkurrenz hat aber nichts anderes zum Ausgangspunkt als die bedingungslose Unterwerfung unter die Arbeitsdiktatur. Eine antikapitalistische Strömung hat nur dann die Chance, noch einmal Ausstrahlungskraft zu gewinnen und offensiv zu werden, wenn sie das Arbeits- und Inwertsetzungsdiktat als Fokus begreift, an dem sich die Gewalt der herrschenden Vergesellschaftungsform bündelt, und dessen Kritik zu ihrem eigenen Brennpunkt macht. Solange die Linke theoretisch wie praktisch jedoch auf Tauchstation geht und es versäumt, sich auf das heute erreichte, nur als Amoklauf der heiligen Arbeit beschreibbare Widerspruchsniveau der Warengesellschaft zu orientieren, wird sie keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen. Im 21. Jahrhundert wird es entweder keinen Antikapitalismus mehr geben oder er wird die Kritik der Arbeit zum Fokus haben.</p>
<p><strong>Repression und Emanzipation </strong></p>
<p>Mehr als hundert Jahre lang zog Generation um Generation von Antikapitalisten im Namen der Arbeit gegen den Status quo zu Felde. Von wenigen, randständigen Positionen einmal abgesehen &#8211; man denke etwa an Paul Lafargues „Lob der Faulheit“ &#8211; identifizierten sowohl „Reformisten“ wie „Revolutionäre“ Befreiung beharrlich mit der Befreiung der Arbeit. Diese zähe Gleichsetzung war natürlich nicht einfach Ergebnis eines kollektiven Blackouts.</p>
<p>Vor allem zwei säkularen Trends verdankte das Missverständnis, das ein letztes Mal in der durch die 68er Bewegung eingeleiteten sozialdemokratischen Reformära geschichtsmächtig wurde, seine einstmalige Plausibilität. Zum einen ließ sich die Arbeit, solange sich das System der kapitalistischen Arbeitsverwertung auf einem historischen Expansionskurs befand, als soziales Integrationsprinzip verstehen. Der nur von ökonomischen Krisen zeitweilig unterbrochene Heißhunger nach zusätzlicher Arbeitskraft bot den Besitzern dieser Ware auf dem Boden der bestehenden Ordnung tatsächlich eine Perspektive.</p>
<p>Zum anderen konnte in der Auseinandersetzung mit älteren, aus der Frühgeschichte der Warengesellschaft stammenden personellen Autoritätsbeziehungen der emanzipatorische Impuls mit dem Systemimperativ interferieren, die traditionellen sozialen Schranken einzureißen und an ihre Stelle die versachlichten Beziehungen gleichberechtigter Waren- und Arbeitssubjekte zu setzen. Die sukzessive Zentrierung sozialer Herrschaft auf das Akkumulationsgebot und die Indienstnahme des Staates für den Selbstzweck der Wertverwertung wurde weniger als Zuspitzung und Totalisierung von versachlichter sozialer Kontrolle wahrgenommen denn unter dem Aspekt der Zurückdrängung sichtbarer, personaler Gewalt. Das „Gehäuse der Hörigkeit“ (Max Weber), das Menschen nur als Charaktermasken, als Arbeitsidioten, Rechtssubjekte, Staatsbürger usw. kennt und behandelt, konnte so als sein eigenes Gegenteil, als mühsam erkämpfter potenzieller Freiheitsgrad erscheinen.</p>
<p>Die antikapitalistischen Kämpfer hatten natürlich nie davon geträumt, die Fabrikherren in „Sozialpartner“ zu verwandeln und die hungernden proletarischen Massen in Proleten mit Eigenheim, Mercedes und Gewerkschaftsbuch. Indem sie sich darauf versteiften, für das kapitalistische Prinzip der Arbeit Partei zu ergreifen, konnte aber kaum etwas anderes am Ende ihrer heroischen Anstrengungen stehen.</p>
<p>Der Kampf gegen die Sonderinteressen der Bourgeoisie und für die Verbesserung der Lebensbedingungen der breiten Massen merzte an der herrschenden Ordnung nur aus, was anachronistisch, also gemessen an den Kriterien warengesellschaftlicher Rationalität kontraproduktiv geworden war.</p>
<p>Gegen seine eigene Intention funktionierte der antikapitalistische Protest damit selbst als Motor der Durchsetzung der Warenlogik. Dieser „Modernisierungserfolg“ wäre ohne ein überschießendes Moment, ohne die Entschlossenheit, mit der kapitalistischen Herrschaft Schluss zu machen, schwerlich zu haben gewesen.</p>
<p>Er war freilich auch gleichbedeutend mit dem sukzessiven Verlust dieses weitergehenden Impulses. Die paradoxe Vorstellung, man könne mit Ausbeutung und Herrschaft brechen und gleichzeitig die Arbeit hochleben lassen, hat sich als Jugendflause in der Geschichte der Warengesellschaft desavouiert. Es ist aber kein Zeichen von Altersweisheit, sondern von Altersschwachsinn, wenn daraus abgeleitet wird, man müsse den Gedanken der Emanzipation endlich in der Mottenkiste versenken. Anachronistisch ist nicht die Idee der Befreiung, sondern die Diktatur der Arbeit und noch mehr die Verknüpfung von Emanzipation und Arbeit.</p>
<p><strong>Die Gemeinschaft der Arbeitenden</strong></p>
<p>Arbeit bedeutet nicht nur die Zurichtung des jeweiligen Arbeitsgegenstandes, seine Unterwerfung unter die Gesetze der betriebswirtschaftlichen Rationalität und der Verwertbarkeit. Sie schließt immer auch die Selbstzurichtung des Arbeitssubjekts ein. Auch und gerade wenn das Arbeitssubjekt lernt, sich mit der ihm angetanen Gewalt zu identifizieren, hinterlässt diese repressive Erfahrung unweigerlich ihren Stachel. Das Trauma, der Arbeit unterworfen zu sein, verkehrt sich in die Ablehnung derer, die nicht dem Idealbild des allzeit arbeitsbereiten weißen Arbeitsmannes entsprechen wollen oder können. Wo die Ehre der Arbeit hochgehalten wird, gelten sie als minderwertig und führen eine Randexistenz.</p>
<p>Trotz aller Gleichheitsemphase klang diese Herabsetzungslogik auch in den Verlautbarungen des linken Flügels der großen Pro-Arbeits-Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts regelmäßig an &#8211; und oft genug kaum überhörbar. In erster Linie waren es aber die Rechten, die mit der dem Arbeitsethos inhärenten Inferioritätsdoktrin Ernst machten.</p>
<p>Diese Tendenz zum Ausschluss blieb während der Aufstiegsphase der Arbeitsgesellschaft Gegenmoment innerhalb einer großen historischen Inklusionsbewegung. Die gemeinsame Distanz zu den im Sinne der Arbeitsherrlichkeit „Minderwertigen“ stiftete ein stilles Einverständnis im Lager der Arbeit. Von der Identifikation mit dem arbeitsteiligen Prozess in den großen Fabriken war es nur ein kleiner Schritt zur Beschwörung der großen „Betriebsgemeinschaft“, und die ließ sich durchaus auch klassenübergreifend interpretieren.</p>
<p>Die konkurrierenden Ideologien der Epoche hatten in der Bruderschaft der Arbeit ihren gemeinsamen Nenner. Die sozialistische Variante der Arbeitsreligion setzte sich das Ziel, die als ewige und ursprüngliche Kraft missverstandene kapitalistische Tätigkeitsform von der vermeintlich usurpatorischen Macht der Ausbeuter zu befreien. Dementsprechend definierte sie die Klasse der „Werktätigen“ in entschiedener Frontstellung zum Kapital. Auf diese Herausforderung antworteten die rechten und liberalen Kontrahenten keineswegs damit, das Kapital als seinen eigenen Endzweck abzufeiern, sondern mit einer alternativen, klassenübergreifenden Bestimmung der „Gemeinschaft der Arbeit“. Die Legitimation kapitalistische Herrschaft bestand darin, die Funktionsträger des Kapitals selber als einen speziellen Arbeitertypus zu deklarieren, als jenen Teil der „Gemeinschaft der Arbeit“, dem die Aufgabe der Koordination und Organisation obliegt.</p>
<p><strong>Deifizierung der Arbeit und Antisemitismus </strong></p>
<p>Die Adelung des Kapitals zum ersten Diener der Arbeit war vor allem in ihrer rechten Variante an dessen projektive Aufspaltung gebunden. Das produktive Kapital erhielt den Nimbus das „Gute“ und konkret Sinnliche zu verkörpern, indem im Gegenzug das Zerstörerische und Abstrakte kapitalistischer Herrschaft einseitig dem Geld- und Finanzkapital zugeschrieben wurde. Von dieser Externalisierung der Schrecken des Kapitalismus, die das für die Konstruktion einer klassenübergreifenden Gemeinschaft der Arbeit unerlässliche Feindbild liefert, führt nur ein kleiner Schritt zur antisemitischen Personalisierung. Nicht nur in der nationalsozialistischen Weltanschauung verschmolz die phantasmagorische Trennung von „schaffendem und raffendem Kapital“ mit der Gegenüberstellung von heiliger „nationaler Arbeit“ und wurzellosem „jüdischen Geld“. Genauso wie Arbeitsreligion und rassistische Vorstellungen gut miteinander kompatibel sind, zeichnet diese auch eine tiefe Affinität zu antisemitischen Denkmustern aus. Singulär ist die deutsche Entwicklung allerdings insofern als das „Vaterland der Arbeit“ den Schritt von der ideologischen Perhorreszierung zur staatlich organisierten industriellen Vernichtungspraxis vollzog. Nur im Nationalsozialismus fand die totale Mobilmachung der nationalen Arbeit ihre Ergänzung im Aufbau pseudo-antikapitalistischer Alptraumfabriken, „Fabriken zur Vernichtung des Werts“ (Moishe Postone), in denen zusammen mit den realen jüdischen Opfern phantasmagorisch die von der idealisierten Arbeit abgetrennten Momente der Herrschaft des Abstrakten vergast und verbrannt werden sollten. Die Brüderschaft der „Arbeiter der Stirn“ und der „Arbeiter der Faust“ wurde mit dem Mord an jenen besiegelt, die vorher aus der Gemeinschaft der deutschen Arbeit herausdefiniert worden waren.</p>
<p>Die Shoah sprengt den Rahmen warengesellschaftlicher Funktionalität nicht allein aufgrund ihres irrationalen Zieles, sondern auch, weil sie das vertraute Verhältnis von Arbeit und Zerstörung auf den Kopf stellte. Während für gewöhnlich Zerstörung ein Begleitmoment der kapitalistischen Praxis ist und die Anhäufung von Profit das Ziel aller Ziele bildet, hat sich mit Auschwitz die Arbeit an der Vernichtung zum eigentlichen Inhalt verselbständigt. Dass Menschen massenhaft dazu gezwungen werden, sich zum Wohle der kapitalistischen Reichtumsproduktion zu Tode zu schuften, ist seit den Tagen der „ursprünglichen Akkumulation“ immer wieder vorgekommen. Im Genozid an den europäischen Juden funktionierte dagegen die reale Arbeitsvernutzung als bloßes Mittel, während die Auslöschung von Leben zum eigentlichen Zweck aufstieg. Die Möglichkeit dieser Verkehrung kündet von einem weit intimeren Verhältnis zwischen Arbeit und Tod als dem, das ein am Ausbeutungsparadigma orientierter Antikapitalismus unterstellt.</p>
<p><strong>Zweierlei Entwertung der Ware Arbeitskraft </strong></p>
<p>In der Geschichte der Arbeitsgesellschaft markieren die 1970er Jahre einen Wendepunkt. Mit dem Auslaufen des fordistischen Nachkriegsbooms ließ der Heißhunger der Verwertungsmaschine auf immer mehr Arbeitskraft nicht nur vorübergehend nach, im Gefolge der mikroelektronischen Revolution entwickelte das Kapital, so etwas wie strukturelle Appetitlosigkeit. Die säkulare Expansion der Arbeitsgesellschaft ging zu Ende und ihre Krise begann.</p>
<p>Für sich genommen ist die Entwertung der Ware Arbeitskraft kein unbekanntes Phänomen. Auch in den zyklischen Krisen der Vergangenheit war im Rahmen allgemeiner periodischer Kapitalvernichtung variables Kapital außer Kurs gesetzt worden. Man denke an die große Depression oder die Weltwirtschaftskrise. Im Zeichen des vielbeschworenen „jobless growth“ setzte nun aber ein zyklusübergreifender, gegenüber der allgemeinen Kapitalentwertung verselbständigter Prozess der Entwertung speziell der Ware Arbeitskraft ein. Damit verändert sich das Verhältnis von Entwertung und Inwertsetzung von Arbeitskraft grundlegend. Von der industriellen Revolution bis in die 1970er Jahre hinein hatte lang- und mittelfristig die Inwertsetzung von zusätzlichem Menschenmaterial gegenüber der Freisetzung von Arbeitskraft dominiert. In unserer Epoche wurde die Entwertung von Arbeitskraft zum übergreifenden, die historische Entwicklung bestimmenden Moment.</p>
<p>Diese Veränderung blieb für den sozialen Inhalt der Arbeitsdiktatur keineswegs folgenlos. Hatte die Herrschaft der Arbeit lange Zeit &#8211; zumindest in den Weltmarktzentren – als ein System repressiver <em>Integration</em> funktioniert, so nimmt das arbeitsgesellschaftliche Gefüge zunehmend den Charakter einer brutalen Exklusionsordnung an. Die viel beschworene Modernisierung der Gesellschaft, insbesondere der sogenannte „Umbau des Sozialstaats“ schafft hierzu den rechtlichen und institutionellen Rahmen. Selbst in den kapitalistischen Kernländern steht einem immer kleiner werdenden arbeitsgesellschaftlichen Kern ein wachsendes Heer Marginalisierter gegenüber, die gar keine oder nur prekäre Beschäftigung finden.</p>
<p>Vor allem in den Ländern des Euro-Raums nahm die neue, auf der großflächigen Beseitigung des Normalarbeitsverhältnisses beruhende arbeitsgesellschaftliche Ordnung verzögert Konturen. In Deutschland etwa leiteten den großen Dammbruch erst die „Arbeitsmarktreformen“ der Schröder-Regierung ein. In Frankreich steht der ganz große Prekarisierungsschub sogar noch aus. Viel schneller &#8211; und das weltweit &#8211; wandelte sich dagegen das gemeinsame Legitimationsverhältnis von Kapital und Arbeit. Schon der neoliberale Diskurs der 80er und 90er Jahre setzte gegenüber der fordistischen Vorstellungswelt einen Rollentausch durch. Hatte sich bis dahin das Kapital als Arbeit zu verkaufen, so muss sich seitdem die Arbeit als „Humankapital“ bewähren. Die Unternehmer firmieren nicht mehr als Arbeiter der etwas anderen Art, sondern umgekehrt die Besitzer der Ware Arbeitskraft als „Arbeitskraftunternehmer“.</p>
<p>Man sollte diese seltsamen Umwertung nicht nur als leeres Wortgeklingel abtun. Sie kündet auf verquere Weise durchaus von einschneidenden realen Veränderungen, nämlich vom Übergang zu einer konsequent entsolidarisierten und atomisierten Arbeitsgesellschaft und bereitete diesen mental vor. Wo der Lohn vom kollektiv ausgehandelten Preis einer Ware zum Profit eines isolierten Humankapitals mutiert, ist die extreme Aufspreizung des Gehaltsgefüges das Normalste der Welt und es gehört zum üblichen unternehmerischen Risiko, dass er auch schon mal ganz wegfallen kann.</p>
<p>Die Lohnarbeiter der fordistischen Ära lebten noch in einer Welt doppelt eingehegter Konkurrenz. Zum einen stiftete Kooperation im Produktionsprozess in Hinblick auf den Einzelbetrieb repressiv-paternalistische Gemeinschaft, zum anderen setzte die nationalökonomische Formatierung der Arbeitsgesellschaft der Konkurrenz Schranken. Die Leitfigur des moderne Humankapitalunternehmers steht dagegen für die direkte Subsumtion unter das Weltmarktdiktat und für die sukzessive Schwächung der Intermediärgewalten. (Gewerkschaften, Betriebsräte, Wohlfahrtsstaat).</p>
<p>Im Kontrast zur weltmarktunmittelbaren Apartheidsgesellschaft des 21. Jahrhunderts mag das verblichene fordistische Fabrikregime, mit seinem Dreiklang von Massenarbeit, Massenkonsum und sozialstaatlicher Absicherung fast schon wieder in einem milden Licht erscheinen. Und doch ist im Kampf gegen den Amokkapitalismus unserer Tage jede nostalgische Orientierung auf die Wiederherstellung der verlorenen Ehre der Arbeit fehl am Platz. Eine solche Zielsetzung wäre nicht nur ärmlich, sie läuft unter den gegebenen Rahmenbedingungen auf die vorauseilende Selbstentwaffnung der Opposition hinaus. Die Metamorphose der Arbeit von einem Prinzip repressiver gesellschaftlicher Integration zu einem Ausschluss- und Desintegrationsprinzip ist irreversibel. Eine Linke, die von einer Rückkehr zu weniger schlimmen Formen der Arbeitsknechtschaft träumt und diese verklärt, bleibt praktische zahn- und hilflos und gerät ideologisch in einen Graubereich, in der die Grenzen zu national-reaktionären Erklärungsmustern verschwimmen. Nicht die Wiederaufwertung der Arbeit gegenüber dem Kapital ist die adäquate Antwort auf den realen Entwertungsprozess, sondern eine Programm bewusster emanzipativer Entwertung des Allerheiligsten.</p>
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		<title>Dead Men Working &#8212; Infoblatt</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>

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		<description><![CDATA[Handzettel.pdf]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Handzettel, Download: <a href="http://www.krisis.org/wp-content/data/dead-men-working.pdf">dead-men-working.pdf</a></p>
<p>Verlagsvorstellung: <a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,136,7.html">http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,136,7.html</a></p>
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		<title>Vorwort &#8211; Dead Men Working</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Karl-Heinz Lewed]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/d9a79f495c5d447c8b71f92b57bc08a0" width="1" height="1" alt=""><br />
</span></p>
<h3><strong>Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs</strong></h3>
<p>Unrast-Verlag, Münster</p>
<p><em>Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed und Maria Wölflingseder (Hg.):</em></p>
<h4>Vorwort</h4>
<p>Unablässig wird uns die immergleiche Botschaft ins Hirn gehämmert: Neue Arbeit braucht das Land. Die aber sei nur zu haben, wenn die betriebswirtschaftliche Rentabilität endlich bedingungslos als gesellschaftliche Leitkultur anerkannt werde. Dann blühe uns ein Leben in materiellem Wohlstand und Freiheit.</p>
<p><span id="more-477"></span>Die gesellschaftliche Realität jedoch passt nicht so recht zu diesem Dogma. Die Länder des Südens und des Ostens haben die totale Entfesselung der Marktkräfte nach 1989 mit Verarmungsschüben bezahlt, zu denen sich höchstens in der Epoche der »ursprünglichen Akkumulation« (Marx) Parallelen finden lassen. Aber auch im Auge des Orkans wird es immer ungemütlicher. Mit rasanter Geschwindigkeit wird hier das gleiche Zerstörungswerk vollzogen wie in den Verliererländern des Weltmarkts. Nur um die kapitalistische Produktions- und Gesellschaftsform, die Warenproduktion, zu retten, werden alle sozialen und ökologischen Standards entsorgt. Der Abriss der sozialen Sicherungssysteme und die Plünderung der öffentlichen Infrastruktur hinterlässt eine breite Schneise gesellschaftlicher Verwüstung und sozialer Verrohung. Auch nach Deutschland kehrt die längst als angeblich gelöst vergessene ›soziale Frage‹ zurück. Die schöne neue Welt der Selbstvermarktung reimt sich für die Einzelnen auf prekäre Lebensverhältnisse, zunehmenden Stress, Mobbing und hochgradig unsichere Zukunftsperspektiven. Aber bitte, immer schön positiv denken und das penetrante Verkäuferlächeln nicht vergessen!</p>
<p>Wenn ihre großspurigen Glücksversprechen nicht aufgehen, reagieren Sekten vorzugsweise mit verstärkten Druck auf ihre Anhänger. Die Doktrin darf nie das Problem sein, sondern stets nur mangelnde Konsequenz und fehlende Hingabe bei deren Umsetzung; insofern liegt es allemal allein an den Jüngern, durch mehr Opferwille und Einsicht doch noch die Erlösung zu erlangen. Die Vertreter der marktwirtschaftlichen Heilslehre ticken keinen Deut anders. Können Sie tatsächlich in den ›Chancen und Risiken‹ der Selbstvermarktung nicht das höchste Glück auf Erden erkennen? Offensichtlich haben Sie ein massives Wahrnehmungsproblem. Wer die Welt zwanghaft negativ sieht, sabotiert seinen persönlichen Erfolg und zugleich den ›unseres Standorts‹. Ganze Weltregionen brechen weg und verelenden? Dort muss es an der Bereitschaft gefehlt haben, die verordnete Kur der totalen Ökonomisierung mit nötiger Konsequenz anzuwenden. Ausgerechnet Argentinien, der Musterknabe des IWF, ist wirtschaftlich ins Bodenlose abgestürzt? Das lässt nur einen Schluss zu: Die bei der Verfolgung der reinen neoliberalen Lehre eifrigste Führung auf der Welt war noch nicht eifrig genug. Die einstigen Lieblingskinder der viel gepriesenen ›New Economy‹, die neuen Informationsarbeiter, liegen zu Hunderttausenden auf der Straße oder räumen bei Aldi die Regale ein? Offenbar haben sie es nicht verstanden, alsbald neue Karrierechancen zu nutzen, und damit schon bewiesen, dass sie völlig zu Recht als untüchtig aussortiert wurden. Jedem das Seine. Der Markt hat immer Recht, und der Arbeitsmarkt sowieso.</p>
<p>Die ›Reform‹-Hysterie die derzeit über Deutschland und andere europäische Länder hereinbricht, markiert einen historischen Einschnitt. Es geht nicht mehr bloß um die Rücknahme einzelner sozialer Standards, die dem Kapitalismus abgerungen werden konnten. Es geht um den Totalabriss. Die auf Arbeit und Warenproduktion basierende Gesellschaft ist in einen fundamentalen Krisenprozess eingetreten, der sie in ihren Fundamenten erschüttert. Gerade in diesem Prozess enthüllt sie noch einmal ihren zutiefst irrationalen und destruktiven Charakter und tritt in eine offen terroristische Phase ein. Sozialer Widerstand dagegen regt sich kaum. Hierzulande noch weniger als anderswo. Das Heer der Arbeitslosen wird auf Diät gesetzt, darf sich bei der Arbeitssuche alles gefallen lassen und rührt sich nicht. Millionen stellen sich resigniert darauf ein, dass ›überkommene Besitzstände‹ wie die Aussicht auf einen Zahnersatz demnächst zum überflüssigen Luxus werden. So manche Faust ballt sich – bislang aber leider nur in der Tasche.</p>
<p>Der ökonomieterroristische Amoklauf schreit geradezu nach einer Gegenbewegung und nach einer Renaissance von Gesellschaftskritik. Und doch ist die antikapitalistische Opposition wie gelähmt, zeigt sich schicksalsergeben und orientierungslos. Weit davon entfernt, dem aufkeimenden Unwillen zur Sprache zu verhelfen, versinkt sie selber in Sprachlosigkeit und stellt alles andere als den Kristallisationskern für einen möglichen Widerstand dar.</p>
<p>Zunächst einmal erscheint diese Paralyse als Folge einer thematischen Ausblendung. Krieg und Frieden, Rassismus, Sexismus, Ökologie und internationale Solidarität haben die Linke in den letzten Jahrzehnten immer wieder mobilisiert und heftige Debatten ausgelöst. Die soziale und Arbeitswirklichkeit im eigenen Land kam hingegen in den Diskussionen fast nicht mehr vor und spielte für das linke Selbstverständnis kaum eine Rolle. Daher versetzt die Wiederkehr der ›sozialen Frage‹ die antikapitalistische Opposition in die terra incognita eines ihr unvertrauten gesellschaftlichen Konfliktfelds.</p>
<p>Für die grobe Vernachlässigung von Fragen der alltäglichen Reproduktion im Kapitalismus sind freilich nicht einfach nur die politischen Konjunkturen verantwortlich zu machen. Das systematische Desinteresse ist auch und vor allem der verqueren Perspektive geschuldet, unter der das antikapitalistische Denken diesen Problemkreis gewohnheitsmäßig wahrgenommen hat und (wenn überhaupt) bis heute wahrnimmt. Die Neue Linke begriff die soziale und Arbeitswirklichkeit nie als eigenständigen Kritikgegenstand. Stattdessen hat sie – dem marxistischen Erbe entsprechend – die Auseinandersetzung damit beharrlich der berühmt-berüchtigten ›Klassenfrage‹ untergeordnet. Der allgemeine gesellschaftliche Zwang, lebenslang die eigene Haut zu Markte zu tragen, verdiente Aufmerksamkeit nur unter einer Prämisse: Kapital und Arbeitskraftverkäufer seien per se antagonistische gesellschaftliche Kräfte und die Arbeit ein Gegenprinzip zur kapitalistischen Ordnung.</p>
<p>In den 70er Jahren war für das linke Selbstverständnis noch wesentlich die positive, klassenromantische Variante dieser Vorstellung prägend. Man phantasierte sich die Lohnarbeiterschaft zum eingeborenen Träger einer emanzipativen Mission zurecht und schrieb der Arbeit ein mysteriöse befreiende Kraft zu. Diese Hoffnung blamierte sich zwar sehr schnell an der Wirklichkeit. Doch die abstruse Vorstellung, eine Kritik des kapitalistischen Arbeitsregimes müsse auf einem positiven Klassenstandpunkt fußen, überlebte negativ gewendet dieses Dementi. Generation um Generation von Linken diente das alsbald nur noch vom Hörensagen bekannte Proletkult-Intermezzo dazu, die eigene Ignoranz gegen die Arbeitswirklichkeit und jeden Bezug auf die ›soziale Frage‹ als Ausfluss höherer Einsicht zu legitimieren.</p>
<p>Die Wiederkehr der ›sozialen Frage‹ deckt indes nicht nur massive inhaltliche Defizite auf. Sie bringt die Linke auch als Soziotop nachhaltig in die Bredouille. In oppositionellen Zusammenhängen finden seit jeher vorzugsweise Menschen zusammen, die in einer gewissen Distanz zum herrschenden Arbeits- und Konkurrenzwahn leben. Die Energie zum Engagement bringen in erster Linie jene auf, die es verstanden haben, die eigene Reproduktion vergleichsweise arbeitsarm zu organisieren und sich Zeit und Nerv für etwas anderes als die Verwertung und Regeneration des eigenen ›Humankapitals‹ zu reservieren. Obwohl jedoch die gesamte linke Subkultur auch und nicht zuletzt auf dieser stillen ›lebensweltlichen‹ Voraussetzung beruht, war Schaffung und Sicherung disponibler Zeit nie selber Inhalt linker Politik und blieb stets im schlimmsten Wortsinn Privatangelegenheit. Die arbeitsterroristische Generalmobilmachung ist drauf und dran diese Existenzbedingung zu zerstören. Wenn kaum mehr jemand mit Nebenjobs über die Runden kommt, wenn unter dem Druck der arbeitsreligiösen Offensive systematisch alle gesellschaftlichen Luftlöcher verschwinden, die das Bildungssystem und der Sozialstaat bis dato gelassen haben, dann wird damit nebenbei auch den linken Soziotopen die Luft abgedrückt. Die regierende Arbeitskirche tut alles, damit Menschen nur noch für zwei Dinge im Leben Zeit und Kraft haben: für die Arbeit und für die Arbeitssuche. Das individuelle Ausweichen vor diesen Zumutungen nimmt zusehends selber den Charakter einer Schwerstarbeit an. Damit verwandeln sich aber die bisherigen Formen oppositionellen Engagements für immer mehr Menschen in eine kaum noch dauerhaft in die eigene Biographie integrierbare psycho-soziale Luxusleistung.</p>
<p>Auch insofern bedarf es einer grundsätzlichen Neuorientierung der gesellschaftlichen Opposition. Es gilt die ›soziale Frage‹ auch im Bezug auf den eigenen Alltag und die eigenen Lebensverhältnisse ernst zu nehmen. Nicht im Sinne einer ›Politik in der ersten Person‹, wie in der verblichenen Alternativbewegung, sondern als alle vom Kapitalismus gezogenen Grenzen überschreitende Solidarisierung jenseits von Stellvertreterpolitik und Romantisierung eines phantasierten revolutionären Subjekts.</p>
<p>Die auf Zerstörung und Selbstzerstörung programmierte Herrschaft von Arbeit, Warenproduktion und Verwertung stellt radikale Antikapitalisten prinzipiell vor die gleichen Probleme wie alle anderen Menschen, die ein Leben als Konkurrenzautomat und Selbstverkäufer unerträglich finden und denen es vor der um sich greifenden sozialen Verwilderung graut. Insofern ist der Wechsel von einem positiven Bezug auf die Arbeit zu einer konsequenten Kritik dieses Allerheiligsten der Warengesellschaft nicht nur unerlässlich, um eine Kritik des globalisierten Krisenkapitalismus auf der Höhe der Zeit zu entwickeln. Vielmehr liegt für radikale Gesellschaftskritik in der arbeits- und sozialkritischen Neuorientierung zugleich die Chance, eine Ausstrahlungskraft weit über die bisherigen oppositionellen Segmente und Subkulturen hinaus zu gewinnen.</p>
<p>Die Arbeitskirche begegnet der fundamentalen Krise der Arbeit mit Gesundbeterei, dem Auftürmen hohler Ideologiegebirge und verschärfter Repression. Vor allem setzt sie darauf, dass der Überlebenskampf in der Vereinzelung keinen Widerstand aufkommen lässt. Das gilt es zu durchbrechen. Radikale Gesellschaftskritik kann ihren Beitrag dazu leisten, indem sie die Unerträglichkeit und die Unhaltbarkeit der Arbeits- und Warengesellschaft beim Namen nennt und damit möglicherweise einem allgemeineren Bedürfnis mit zur Sprache verhilft.</p>
<p>Einen Schritt in diese Richtung zu unternehmen, ist die Intention des hier vorliegenden Buches. Es versteht sich als Fortsetzung einer Kritik, die im Rahmen der Zeitschrift Krisis entwickelt und mit dem »<a href="http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit">Manifest gegen die Arbeit</a>« (Gruppe Krisis, 1999) sowie dem Buch »<a href="http://www.krisis.org/navi/feierabend-elf-attacken-gegen-die-arbeit">Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit</a>« (Hrsg.: Robert Kurz, Ernst Lohoff und Norbert Trenkle, Hamburg 1999) in eine breitere Öffentlichkeit getragen wurde. Weitere Schritte werden folgen. Wer sich dafür interessiert, sei insbesondere auf die Krisis und auf das arbeits- und wertkritische Magazin Streifzüge sowie auf unsere Homepages verwiesen (<a href="http://www.krisis.org">www.krisis.org</a> und <a href="http://www.streifzuege.org">www.streifzuege.org</a>).</p>
<p><em>Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed und Maria Wölflingseder</em></p>
<p><em>Mai 2004</em></p>
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		<title>Das Notwehrheer</title>
		<link>http://www.krisis.org/2004/das-notwehrheer</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Tobias Peschke]]></category>

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		<description><![CDATA[Blattschüsse auf Arbeitsplatzhirsche: Ein Sammelband der Krisis-Gruppe]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Blattschüsse auf Arbeitsplatzhirsche: Ein Sammelband der Krisis-Gruppe</h3>
<p>Erschienen in: junge Welt vom 27.7.04</p>
<p><em>Tobias Peschke</em></p>
<p>Nach allgemeiner Auffassung haben nur diejenigen einen Anspruch auf Wohlstand, die etwas zu seiner Herstellung beitragen. Dieser Beitrag wird gewöhnlich »Arbeit« genannt. Aber Arbeit wird knapp. Überall liegt die Drohung von Entlassungen und Betriebsschließungen in der Luft. In dieser Situation werden Arbeitszeitverlängerungen und Lohnverzicht durchgesetzt. Propagiert werden Flexibilität, Mobilität und die bedingungslose Verfügbarkeit der abhängig Beschäftigten. Trotzdem gelten immer mehr Menschen als zu alt, zu unerfahren oder werden schlichtweg unbrauchbar. Gleichzeitig wird ein harter politischer Kurs gegen Arbeitslose gefahren: Jede nur denkbare Gelegenheit zur Streichung von Leistungen wird genutzt. Wer beim Arbeitsamt nicht permanent nachweist, sich intensiv um Arbeit zu bemühen und nicht an jeder verordneten Zwangsmaßnahme teilnimmt, sei sie auch noch so unsinnig, wird zumindest zeitweise aus dem Leistungsbezug ausgeschlossen.</p>
<p><span id="more-478"></span>Die Krise deklassiert die Leute schneller, als es die meisten für möglich halten. Nach den neuesten »Arbeitsmarktreformen« wird das noch schlimmer. Die Autoren des vorliegenden Buches reagieren mit einem bewußten Tabubruch: Sie sprechen der Arbeit ihren Rang als unhinterfragbare Grundlage des Lebens ab. Sie sind Angehörige der Nürnberger »Krisis«-Gruppe, die 1999 mit ihrem »Manifest gegen die Arbeit« erstmals an die Öffentlichkeit getreten ist. Wer Kritik an der Notwendigkeit zu arbeiten äußert, gilt im allgemeinen als weltfremder Spinner. Dabei war es vor langer Zeit selbst unter renommierten bürgerlichen Wissenschaftlern ein Allgemeinplatz, daß die Arbeit im Zuge der technischen Revolution verschwindet. Offenbar ist das völlig in Vergessenheit geraten. Den Krisis-Autoren ist klar, daß die Menschen Dinge für ihr Überleben herstellen müssen und dies nicht immer ohne Mühsal möglich ist. Sie kritisieren aber den Umstand, daß es beim Einsatz von Arbeit nicht in erster Linie um die Herstellung nützlicher Dinge, sondern vor allem um deren Verkäuflichkeit geht. Arbeit wird nur nachgefragt, wenn sich mit ihrem Einsatz Geld verdienen läßt. Dieser Zusammenhang hat zur Folge, daß viele lebenswichtige Dinge kaum noch hergestellt werden, weil hinter ihnen keine zahlungskräftige Kundschaft steht.</p>
<p>Wer sich auf diesen Kritik-Ansatz einläßt, gelangt zu überraschenden Einsichten. Vieles erscheint als völlig irrwitzig. Auch die gegenwärtige Krise: Obwohl sich an den konkreten Produktionsbedingungen nichts verschlechtert hat, werden immer mehr Menschen vom Wohlstand ausgeschlossen. Berge von Gütern liegen in den Läden und finden keinen Absatz. Es ist, als wäre über Nacht eine unsichtbare Mauer zwischen Menschen und Dingen errichtet worden. Die Autoren betrachten Arbeitskritik als Akt der sozialen Notwehr. Da das System von Arbeit und Geld zunehmend unser Leben in Frage stellt, ist es höchste Zeit, das System von Arbeit und Geld in Frage zu stellen. Auch eine von »Arbeit« befreite Gesellschaft sähe nicht aus wie das Schlaraffenland, aber es würde weniger unnötiges Leid geben. Die prägnanten Texte der Gruppe »Krisis« waren bisher vor allem theoretischer Natur. Das vorliegende Buch enthält darüber hinaus ein breites Spektrum an Erlebnisberichten. So kann man leicht erfahren, wie die eigene Situation mit grundlegenden gesellschaftlichen Entwicklungen zusammenhängt.</p>
<p>* Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria Wölfingseder (Hrsg.): Dead Men Working. Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. UNRAST-Verlag, Münster 2004, 304 S., 18 Euro</p>
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		<title>Der Nächste bitte&#8230;</title>
		<link>http://www.krisis.org/2004/der-naechste-bitte</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Lothar Galow-Bergemann]]></category>

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		<description><![CDATA[BEMERKUNGEN ZUR AKTUELLEN DURCHKAPITALISIERUNG DES LEBENS AM BEISPIEL DER KRANKENHÄUSER]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>BEMERKUNGEN ZUR AKTUELLEN DURCHKAPITALISIERUNG DES LEBENS AM BEISPIEL DER KRANKENHÄUSER</h3>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/">Streifzüge</a> 30/2004</p>
<p><em>von Lothar Galow-Bergemann</em></p>
<p><em>(Vorabdruck aus &#8220;Dead Men Working &#8211; Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs&#8221;, hg. von Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria Wölflingseder, das im Juni 2004 im Unrast Verlag erscheint.)</em></p>
<p><em>Der nachfolgende Text ist aus der Praxis des Autors als Gewerkschafter und Personalrat in einem Großklinikum entstanden. Er hat einen Beitrag zur innergewerkschaftlichen Debatte um die Positionierung zu den gegenwärtigen tief greifenden Veränderungen in der Krankenhauslandschaft der BRD zur Grundlage.</em><a name="1" href="#a1">1</a></p>
<p><span id="more-643"></span>Was fällt jemandem ein, der zwar die Folgen seines Tuns kommen sieht (oder doch wenigstens einige davon), aber trotzdem felsenfest davon überzeugt ist, dass er &#8220;eigentlich&#8221; das Richtige tut? Er kennt nur eine einzige Herausforderung: das Richtige muss auch richtig &#8220;gemacht&#8221; werden. Alles erscheint nur noch als eine Frage des &#8220;Handlings&#8221;. Schon immer hatten die Sachwalter des entfesselten Marktes ein vermeintliches Zaubermittel parat, wenn sie mit den Problemen, die ihnen ihr Libidoobjekt beschert hatte, nicht mehr weiter wussten. Sein Name: Management.</p>
<p>Verräterisch die Herkunft des Wortes, bedeutet doch lateinisch manus agere nichts anderes als &#8220;Hände führen&#8221;. Die Leute müssen nur an der Hand genommen und richtig geführt werden, damit alles im Griff und unter Kontrolle bleibt. Eigentlich, so das zugrunde liegende Credo, würde alles zum Besten laufen, würde sich menschliches Verhalten nur möglichst naht- und bruchlos den als naturgesetzlich vorausgesetzten Erfordernissen der Kapitalverwertung anpassen.</p>
<p>Allein &#8211; die störende Realität war doch stets irgendwie peinlich und schmerzhaft. Die fortschreitende Minimierung menschlicher Inkompatibilitäten mit den Notwendigkeiten des Marktes blieb folglich ständige Aufgabe im Prozess der Durchkapitalisierung des Lebens.In Zeiten der Ich- AGs haben sich die Marktsubjekte zunehmend selber zu managen.Wie führen sich die Leute selber an der Hand oder besser &#8211; an der Nase herum? Diese geniale Fragestellung markiert die Geburtsstunde einer höheren Form des manus agere: Das Qualitätsmanagement erblickte das Licht der Welt.</p>
<h4>Der Ozean der Ellenbogenkonkurrenz verträgt keine Inseln der Menschlichkeit</h4>
<p>Aufgrund neu geschaffener gesetzlicher Regelungen hält diese Missgeburt nun auch in den Krankenhäusern der BRD flächendeckend Einzug. Krankenhäuser sind verpflichtet, &#8220;einrichtungsintern ein Qualitätsmanagement einzuführen und weiterzuentwickeln.&#8221; <a name="2" href="#a2">2</a> Häusern, die sich dem verweigern, drohen Abschläge bei den mit den Krankenkassen auszuhandelnden Budgetfestsetzungen.</p>
<p>Was verbirgt sich nun hinter diesem Begriff, der doch für nicht wenige Ohren erst einmal &#8220;gar nicht so schlecht&#8221; klingt? Zunächst tritt Qualitätsmanagement den Beschäftigten nämlich recht demokratisch gegenüber, und das weckt noch allemal Sympathien. &#8220;Bitteschön, arbeiten wir gemeinsam an der Verbesserung unserer Leistungen &#8211; zum Wohle der Patienten und zur Steigerung unserer Arbeitszufriedenheit. Und das alles völlig hierarchiefrei und offen, von der Putzfrau bis zum Chefarzt, alle dürfen mitreden.&#8221; Dass es in den Kliniken so manches zu verbessern gäbe, weiß aus eigener Erfahrung nicht nur die eine oder andere Patientin, besonders die dort Beschäftigten zweifeln daran keineswegs. An sachlich fundierten Verbesserungsvorschlägen aus Mitarbeiterkreisen mangelt es denn auch in keinem Krankenhaus. Die Crux ist nur, dass eine Verbesserung der Qualität von Patientenbetreuung in der Hauptsache auch eine bessere personelle Ausstattung erfordern würde. Dies aber würde die Ausgaben erheblich steigern, denn noch immer entfallen, sehr zum Leidwesen aller Rationalisierer, zirka 70 Prozent eines Klinikbudgets auf Personalkosten.Erklärtermaßen sind aber gerade Kostensenkungen der Sinn der ganzen Veranstaltung. Illusionen sind folglich fehl am Platz.</p>
<p>Es ist kein Zufall, dass Qualitätsmanagement im Krankenhaus gerade heute forciert wird. Dabei handelt es sich in gewisser Weise um die propagandistische Begleitmusik zum Programm der Durchkapitalisierung, das in den Kliniken aktuell vor allem mit Hilfe der Einführung so genannter Fallpauschalen durchgesetzt wird. Näheres dazu unten. Diese Durchkapitalisierung stößt in den Spitälern allerdings auf nicht geringe Widerstände. Denn dort hat sich bis heute &#8211; sowohl historisch als auch im fordistischen Sozialstaatskompromiss der Nachkriegsjahrzehnte begründet &#8211; so etwas wie &#8220;verwertungsfreie Zonen&#8221; am Leben erhalten.Alles andere als marktkonform ist beispielsweise der Grundsatz, dass ein schwer verletzter Neuzugang vorrangig zu behandeln sei und sich jede Frage danach kategorisch verbiete, ob es sich hierbei um ein mehr oder weniger &#8220;nützliches&#8221; Mitglied der Arbeitsgesellschaft handelt.Es wird vermutlich noch ein wenig dauern, bis in den Zentren kapitalistischer Verwertung ein solcher Grad der Barbarisierung erreicht ist, dass auch dieser Grundsatz auf dem Müllhaufen so genannter &#8220;Standort gefährdender Sozialromantik&#8221; landet.Auf anderen Gebieten sind wir da schon weiter. Wie nicht nur das Beispiel des Herren Mißfelder von der Jungen Union zeigt, der &#8220;85- Jährigen keine teuren Hüftgelenke mehr einbauen&#8221; will, rechnen sich hoffnungsfrohe Nachwuchskrisenverwalter mit mutigen Tabubrüchen dieser Art mittlerweile bereits Karrierechancen aus &#8211; und zwar ganz und gar nicht unberechtigt.</p>
<p>Die ökonomisch-politischen Rahmenbedingungen in der Krankenhauslandschaft wandeln sich seit geraumer Zeit.Wir haben es mit der Orientierung auf die fast vollständige Unterwerfung auch dieses Bereiches der Gesellschaft unter die Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes zu tun. Die Studie einer Managementberatungsfirma aus dem Jahre 1999 beschreibt (wohl leider nicht unrealistisch) in einem fingierten Rückblick aus dem Jahr 2015 die Entwicklung der vor uns liegenden nächsten Jahre wie folgt:</p>
<p>&#8220;Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen machten bereits Anfang des neuen Jahrhunderts die Finanzierung des deutschen Gesundheitssystems in den beste- henden Strukturen unmöglich. Es kam zu einer Liberalisierung des Gesundheitswesens. Der Staat zog sich mehr und mehr zurück und sorgte für eine steuerfinanzierte Grundversorgung. Die Bevölkerungsschichten, die nicht in der Lage waren, für ihre eigene Krankenversicherung zu sorgen, wurden mit dieser Grundversorgung abgesichert.</p>
<p>Die Krankenversicherungen managen effizient den Einkaufsbereich, die Kosten und Leistungen der stationären Einrichtungen sind transparent, die gesetzlichen Krankenversicherungen wie es sie noch am Ende des letzten Jahrhunderts gegeben hat, bestehen in dieser Form nicht mehr.</p>
<p>Der Versicherungsnehmer entscheidet (über den Beitrag), welche Gesundheitsrisiken abgedeckt werden. Die Krankenversicherungen treten gegeneinander im Wettbewerb an.</p>
<p>Ausgelöst durch den zunehmend freien Wettbewerb und das Einkaufsmanagement der Krankenversicherungen ist der Kampf um den , Kunden&#8217; Patient entbrannt.Investitionen in Gebäude, Infrastruktur und Ausstattung wurden für wesentliche Teile der öffentlich-rechtlichen stationären Einrichtungen notwendig, um mit den freigemeinnützigen und privaten Mitbewerbern konkurrieren zu können. Dort, wo das nicht möglich war, sind die Häuser inzwischen vom Markt verschwunden oder von anderen privaten oder freigemeinnützigen Gruppen übernommen worden.&#8221;<a name="3" href="#a3">3</a></p>
<p>Nach Einschätzung des &#8220;Gesundheitsexperten&#8221; von Rot-Grün, K.W. Lauterbach, wird als Folge der gegenwärtigen Weichenstellungen in der Gesundheitspolitik ein großes Krankenhaussterben einsetzen.Von 2.242 Krankenhäusern seien 1.410 &#8220;über- flüssig&#8221; und von den gegenwärtig 559.651 Klinikbetten in der BRD sollen 231.651 von der &#8220;unsichtbaren Hand des Marktes&#8221; hinweggezaubert werden.<a name="4" href="#a4">4</a> Dies alles bei steigenden Patientenzahlen.Des Rätsels Lösung liegt in der anvisierten radikalen Verkürzung der Verweildauer, also der Anzahl Tage, die ein Patient in der Klinik verbringt. Derzeit arbeiten noch ca.eine Million Menschen in diesem Bereich, es ist absehbar, was diese Entwicklung für die Arbeitsplätze bedeuten wird. &#8220;Die Präsidentin des Deutschen Pflegerates, Marie-Luise Müller, befürchtet, dass in den nächsten Jahren rund 100.000 Pflegekräfte arbeitslos werden könnten, wenn die Verweildauer in den Krankenhäusern um 50 Prozent sinken sollte&#8230; Für die Pflege besteht das Problem darin, dass sie in diesem System nur als Kostenfaktor bei der Berechnung von Kostengewichten auftaucht.&#8221;<a name="5" href="#a5">5</a> Es würde im Übrigen nicht überraschen, sollte eben jener Lauterbauch für seine unsterblichen Verdienste um die Ökonomisierung des Gesundheitswesens demnächst mit einer Stelle in dem auf Bundesebene neu entstehenden &#8220;Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit&#8221; in der Medizin belohnt werden. Durchkapitalisierung und Qualitätsmanagement sind nun einmal siamesische Zwillinge.</p>
<h4>Dammbruch, dein Name sei Fallpauschale</h4>
<p>Einen starken Schub erhält die ganze Entwicklung derzeit mit der völligen Umstellung der Krankenhausfinanzierung.Weg vom Bedarfsdeckungsprinzip hin zum fallpauschalierten Vergütungssystem nach DRG (&#8220;Diagnosis Related Groups&#8221;, von Klinikbeschäftigten auch mit &#8220;Durchschleusen, Rausschmeißen, Gewinnmachen&#8221; übersetzt). Erhielten die Kliniken bisher für jeden Behandlungstag eines Patienten einen bestimmten Betrag, so gibt es künftig nur noch eine festgelegte Pauschale pro Fall.Das System befindet sich derzeit in der Einführungsphase, mit Jahresbeginn 2007 soll es vollständig durchgesetzt und wirksam sein.</p>
<p>Damit ist der Durchkapitalisierung eines weiteren großen Lebensbereiches, der Krankenversorgung, Tür und Tor geöffnet. Denn von nun an herrscht auch dort gnadenloser Wettbewerb: Sieger im Konkurrenzkampf der Kliniken um Marktpositionen wird sein, wer möglichst viele Patienten möglichst schnell durchschleust, wer den Krankenkassen zwar möglichst viele Diagnosen seiner Patienten präsentiert, es nichtsdestotrotz aber am besten versteht, die meisten &#8220;attraktiven Fälle&#8221; in möglichst geringer Zeit mit möglichst wenig Personalkosten durchzuziehen und sich um &#8220;unattraktive&#8221; Patienten zu drücken.Attraktiv ist dabei der junge, gesunde, privat versicherte Kurzlieger, der eben mal schnell und bei Unterschreitung der durchschnittlich üblichen Zeit seinen Blinddarm sanieren lässt, unattraktiv der ältere, multimorbide, lang liegende Kassenpatient, womöglich mit Diabetes, Herzproblemen und mangelnder häuslicher Versorgung.</p>
<p>Die zu erwartende radikale Senkung der durchschnittlichen Verweildauer in den nächsten Jahren wird nur zu einem geringen Teil wirklichen medizinischen Fortschritten wie etwa der minimal invasiven Chirurgie zu verdanken sein.In der Hauptsache wird es sich um die Folgen des entfesselten Marktes handeln.Was Patienten teils heute schon erleben und worauf sie sich in Zukunft noch mehr einstellen sollten, macht der unter Chirurgen beliebte Sarkasmus von der so genannten &#8220;englischen Verlegung&#8221; deutlich: Da geht&#8217;s hopplahopp und der Patient ist beim Verlassen des Hauses halt noch &#8220;ein bisschen blutig&#8221;, so wie das englische Steak eben&#8230; Der Nächste bitte!</p>
<p>Absehbar sind dramatische Einbrüche in der Finanzierung ganzer Bereiche, so der Kinderversorgung und der Aidsbehandlung. <a name="6" href="#a6">6</a> Anhand besonders krasser Beispiele lässt sich erahnen, zu welch ungeheuren Konsequenzen die Durchkapitalisierung der Operationssäle führen wird. Benötigt ein Patient drei Herzklappen, so kann man ihm die meistens mit einer Operation einbauen. Das Problem ist nur, dass die Klinik künftig genauso viel verdient, wenn sie ihm nur eine Herzklappe einsetzt.Das Vorgehen nach der Methode: &#8220;Herr Maier, jetzt versuchen wir&#8217;s erstmal mit einer Klappe&#8230; Herr Maier, jetzt sollten wir doch noch eine zweite einsetzen&#8230; usw.&#8221; könnte Herrn Maier also drei Operationen bescheren und der Klinik den dreifachen Ertrag.<a name="7" href="#a7">7</a> Vergisst der Chirurg künftig bei der Entfernung einer Gallenblase einen Clip im Bauch und verletzt den Gallengang, so erhält die Klinik das Doppelte dessen, was sie bekommen hätte, wenn ihm diese Fehler nicht unterlaufen wären. Muss er gar den Gallengang nähen, darf die Klinik mit dem vierfachen Betrag rechnen.<a name="8" href="#a8">8</a> Bemüht sich ein Arzt künftig darum, einem Patienten den aufgrund von Durchblutungsstörungen gefährdeten Vorfuß mit konservativer Behandlung zu retten, so prellt er seine Klinik um ein stattliches Sümmchen, denn wäre er gleich zur Amputation geschritten, hätte das Haus den viereinhalbfachen Betrag einstecken können.<a name="9" href="#a9">9</a> Es ist absehbar, dass unter solchen Bedingungen in einem Umfeld ständig wachsenden ökonomischen Druckes früher oder später auch die letzten Dämme brechen werden.</p>
<p>&#8220;Ein weiteres Problem kommt hinzu: Da ein Krankenhaus mehr Geld einnehmen kann, wenn es schwerere Fälle abrechnet, ist es nahe liegend, jede Möglichkeit auszunützen, um die Patienten zumindest auf dem Papier kränker zu machen als sie sind&#8230; Aber selbst wenn hierbei nicht betrogen wird, erfordert es doch eine ganz andere Sicht der Ärzte auf den Patienten. Die Vizepräsidentin der Nordwürttembergischen Ärztekammer hat dieses Problem treffend zusammengefasst: &#8220;Ärzte werden ausgebildet, um im Interesse des kranken Menschen zu beobachten, zu untersuchen und weiterzudenken. Im Zentrum steht für sie der Patient, und wahrlich nicht die Sammlung von Hauptund Nebendiagnosen zur Gewinnoptimierung. (&#8230;) Wenn derzeit ein Klinikarzt 5 Minuten für den Patienten aufwenden kann und dann 20 Minuten Dokumentationsbögen ausfüllen muss, ist das im Sinne einer menschlichen Medizin eine absolute Fehlentwicklung.&#8221;<a name="10" href="#a10">10</a> In den USA, wo bereits seit den 80er Jahren nach Fallpauschalen abgerechnet wird, wenn auch nicht in dieser Radikalität, wie es jetzt in der BRD Wirklichkeit werden soll, &#8220;hat dies dazu geführt, dass 60.000 Stellen von Ärzten und Schwestern abgebaut wurden. Stattdessen wurden 6.000 Verwaltungsstellen neu geschaffen sowie Computerprogramme und Hardware im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar angeschafft.&#8221; <a name="11" href="#a11">11</a></p>
<h4>Mit &#8220;Kundenorientierung&#8221; Fassadensanierung betreiben</h4>
<p>Sein oder Nichtsein für die Kliniken und für diejenigen, die ihren Lebensunterhalt dort verdienen. Die Krankenschwester, die sich Zeit nimmt für ein einfühlendes Gespräch mit der Oma von Zimmer 19, der Arzt, der eine schonendere, aber langwierigere und finanziell weniger attraktive Therapie in Erwägung zieht, der Pfleger, der einen Sterbenden begleitet &#8211; sie alle werden mit ihrem menschlichen Verhalten letztendlich ihren eigenen Arbeitsplatz gefährden. Dementsprechend werden solche sympathischen Erscheinungen tendenziell immer weniger anzutreffen sein.</p>
<p>Geld als Maß aller Dinge &#8211; auch in den letzten Refugien der Humanität. Alle menschlichen Beziehungen werden zur Ware und sämtliche Menschen zu Kunden, auch Patienten.Wohin die Entwicklung führt, ist vorgezeichnet:Weg vom bedürftigen Menschen hin zum möglichst rentablen Fall.</p>
<p>Ein wesentliches Ziel von Qualitätsmanagement ist es deshalb auch, die Umdefinition von PatientInnen und deren Angehörigen zu Kunden in den Köpfen der Klinikbeschäftigten zu verankern.Dabei wird geschickt an dem in diesen Kreisen durchaus verbreiteten Unbehagen an dem Begriff &#8220;Patient&#8221; angesetzt.<a name="12" href="#a12">12</a> Der leidende, unmündige Patient ist nicht das, was man sich eigentlich wünscht. Zu Recht wird die im Bild des Patienten enthaltene reduktionistische Sicht des Menschen kritisiert. Als scheinbare Alternative wird nun der Begriff &#8220;Kunde&#8221; ins Spiel gebracht. Aber diese Neubestimmung läuft nur auf eine noch radikalere Reduktion von Menschen hinaus.&#8221;Kundenbeziehungen&#8221; sind Geldbeziehungen. Der Kunde ist nur solange König, wie er zahlungskräftig ist. Und ist das in der Kundenvorstellung enthaltene Bild vom &#8220;kritischen Konsumenten&#8221; in Bezug auf das Gesundheitswesen nicht noch viel abstruser und realitätsfremder als beim Auto- und Äpfelkauf? Was kann der &#8220;Kunde&#8221; Patient beurteilen? Ist er in der Lage, die Zusammenhänge im Krankenhaus zu verstehen, eine kritische Sicht auf die Umstände und die Art und Weise seiner Behandlung zu entwickeln, genügend qualifiziertes Personal einzufordern, das über genügend Zeit und Spielräume verfügt, um sich ihm in angemessener Weise zuwenden zu können? Natürlich nicht. Das wäre ja ein anderer, ein mündiger Patient. Aber genau darum geht es Qualitätsmanagement nicht.Der &#8220;Kunde&#8221; Patient kann beurteilen, ob die Brötchen frisch oder hart sind und ob die Räume hell und freundlich sind. Das soll er dann geboten bekommen &#8211; in der Hoffnung, damit im Kampf um Marktanteile bestehen zu können.</p>
<p>Nichts gegen frische Brötchen und helle Räume. Aber der &#8220;Kunde&#8221; Patient wird sich in aller Regel nicht auf gleicher Augenhöhe mit dem ihn umgebenden Fachpersonal und der Klinikmaschinerie befinden. Er wird in den seltensten Fällen Medizin studiert haben und schon gar nicht über klinische Erfahrung auf verschiedensten Spezialgebieten verfügen. Auch bekommt er es schlicht und ergreifend überhaupt nicht mit, wenn beispielsweise im OP und auf der Intensivstation ein nicht zu verantwortender Personalmangel herrscht, er kann höchstens im Nachhinein und in Betrachtung eventueller Symptome dergleichen mutmaßen&#8230; Was weiß er beispielsweise von jener Studie in einer schottischen Intensivstation, die einen unzweifelhaften Zusammenhang zwischen personeller Besetzung der Station und der Anzahl der Todesfälle unter den PatientInnen nachgewiesen hat? Die Einzeluntersuchung der schwerkranken Fälle zeigte, dass die Zahl der Todesfälle umso mehr über der möglichen Voraussage lag, je schlechter das aktuelle Verhältnis zwischen Belegung und Personalstand war. Bei guter Personalausstattung starben 17 Prozent der PatientInnen, im schlechtesten Fall 47 Prozent.<a name="13" href="#a13">13</a> Und selbst wenn er von der Studie wüsste, was wüsste er über die Zustände in der Klinik, in der er behandelt wird? Und wenn er auch die kennen würde, wie könnte er sie ändern? Auf keinen Fall wäre ihm beispielsweise zu raten, diejenigen, die unter Verweis auf Budgetdeckelungen eine gute personelle Ausstattung von Intensivstationen verweigern, als potentielle Mörder zu bezeichnen. Das hätte vermutlich strafrechtliche Konsequenzen.</p>
<p>Selten wird auf den ersten Blick augenfälliger, wie wenig es mit selbstbestimmter Lebensweise, mit Lebensqualität zu tun hat, wenn Menschen in das Korsett eines Marktteilnehmers gepresst werden.Weil es auf der Hand liegt, dass &#8220;Kunden&#8221; im Krankenhaus per se nur sehr unzureichend beurteilen können, was für sie von eminenter, mitunter von Lebensbedeutung ist, wird deutlich, was die berühmte &#8220;Kundenorientierung&#8221; eigentlich nach sich zieht: Ablenkung von der Hauptsache, den Blick auf die Fassade richten, um nicht über die eigentlichen Probleme reden zu müssen. Demgegenüber müsste es gerade Ziel einer menschlichen Gesundheitsversorgung sein, sich der Unterordnung zwischenmenschlicher Beziehungen unter den Aspekt der Geldvermittlung zu widersetzen.</p>
<p>In Ländern, in denen die Durchkapitalisierung des Gesundheitswesens schon weiter vorangeschritten ist, etwa in den USA oder in Großbritannien, sind die Ergebnisse dieser Entwicklung bereits zu besichtigen: Eine menschenverachtende Zwei- und Dreiklassen-Medizin mit heruntergekommenen Billigangeboten für die Armen und Luxusmedizin für diejenigen, die es sich leisten können.Aber die Aufholund Überholjagd des &#8220;alten Europa&#8221; findet auch auf diesem Gebiet statt.Während KassenpatientInnen auf lebenswichtige Herzoperationen immer länger warten müssen, während viele Kliniken ganz bewusst den Anteil von wenig qualifizierten Pflegekräften zwecks Kostensenkung erhöhen, während es zusehends vorkommt, dass ältere Menschen, die zu Hause keine Betreuung haben, aus den Kliniken &#8220;ins Nichts&#8221; entlassen werden, während Zeitungsmeldungen auftauchen, wonach Rettungshubschrauber von einer überbelegten Klinik nach der anderen abgewiesen wurden &#8211; während alledem können wir uns durch einen Klick auf www.medizin plus.com davon überzeugen, dass es auch anders geht.</p>
<p>Hier wird dem verwöhnten Kunden nur vom Feinsten geboten: &#8220;medizinplus befindet sich im Zentrum des Klinikums Nürnberg, ist aber trotzdem nicht für , jedermann&#8217; zugänglich.Von dort haben Sie einen wundervollen Blick auf die romantische Nürnberger Altstadt und die berühmte Kaiserburg.Die geringe Anzahl der Patientenzimmer verschafft die ruhige Atmosphäre, die weniger an ein Krankenhaus als an ein Hotel erinnert&#8230;&#8221; Auf der Sonderstation, für die &#8220;keine Versorgungsverträge mit den gesetzlichen Krankenkassen&#8221; bestehen, wird dem betuchten Patienten für saftige Preise alles geboten, wonach er sich sehnt: ein &#8220;gepflegtes Ambiente&#8221; mit &#8220;hochwertiger Ausstattung der Räume, angenehmen Teppichböden, Hotel-Atmosphäre und Lounge, Einzelzimmer mit Bad, TV und DVD&#8221;. Und während der finanziell unattraktive Opa Schulze zwei Stockwerke darunter gerade viel zu früh ins Pflegeheim entsorgt wird, darf sich der verwöhnte Gast beim Anblick historischer Gemäuer an gedünsteter Heilbuttschnitte in Kräutersauce, Blattspinat und Butterkartoffeln &#8220;gemäß den Preisen der Speisekarte&#8221; laben oder sich für den geringen Aufpreis von 120 Euro pro Tag eine &#8220;Begleitperson&#8221; in seiner Suite halten. Keine Frage, dass auch eine stationseigene Sauna, &#8220;verschiedene Massagen&#8221;, ein Sekretariatsservice (&#8220;Preis pro Tag, nach Aufwand&#8221;) und ein Fitness- und Entspannungsraum zur Verfügung stehen. Ach ja, nicht zu vergessen &#8220;die Chefarztbehandlung in einer besonderen Umgebung&#8230; eine optimale medizinische Versorgung&#8230; das Beste, was wir Ihnen geben können&#8221;. Ein &#8220;persönlicher Safe&#8221; versteht sich bei alledem von selbst.</p>
<h4>Rahmenbedingungen sollen kritiklos akzeptiert werden</h4>
<p>Lassen wir noch einmal die eingangs zitierte Studie über die Krankenhauslandschaft der BRD im Jahre 2015 zu Wort kommen: &#8220;Es fehlen in den staatlichen Krankenhäusern seit Jahren Finanzmittel, um ausreichend Ersatzinvestitionen vorzunehmen. Neue, zukunftsweisende Investitionen werden seit Jahren nicht mehr durchgeführt. Die Schere zwischen staatlichen Häusern auf der einen Seite sowie freigemeinnützigen und privaten Häusern auf der andern Seite hat sich weiter geöffnet.&#8221; Und: &#8220;Art und Umfang der Grundversorgung liegen deutlich unter dem Leistungsniveau Ende der 90er Jahre&#8230; Es gibt nicht mehr die einst im Sozialgesetzbuch V definierten Leistungen der Gesetzlichen Krankenversicherung, sondern es besteht freie Vertragsgestaltungsmöglichkeit&#8221;<a name="14" href="#a14">14</a> &#8211; je nach Geldbeutel, versteht sich &#8230;</p>
<p>Vor diesem Hintergrund wird der innere Zusammenhang zwischen der Auslieferung der Krankenhäuser an die Marktgesetze und der Einführung von &#8220;Qualitätsmanagement&#8221; und &#8220;Kundenorientierung&#8221; verständlich. Diese Begriffe dienen nicht selbstkritischer Reflexion, in dem Sinne, dass hinterfragt werden könnte, ob Fallpauschalierungen und von den Krankenkassen verordnete Budgetdeckelungen für Kliniken<a name="15" href="#a15">15</a> der richtige Weg sind, ob der Rückzug des Staates und der Kommunen aus einer gewissen Verantwortlichkeit gegenüber allen Einwohnern &#8211; auf den Punkt gebracht in dem bürokratisch-paternalistischen Begriff der &#8220;Daseinsfürsorge&#8221; &#8211; überhaupt verantwortbar ist oder nicht.</p>
<p>Qualitätsmanagement behandelt im Gegenteil gerade diese Fragen als &#8220;unzulässige Fragen&#8221;.Es fordert die kritiklose Akzeptanz der wirtschaftlich und politisch gesetzten Bedingungen als quasi unveränderliche Naturkonstanten. &#8220;Wir haben gar keine andere Chance, als uns alle so zu verhalten, wie der Markt es von uns verlangt.&#8221; Dieser Satz soll zum Glaubensbekenntnis aller werden. Der Gedanke an eine mögliche Alternative zur Subsummierung der Krankenversorgung unter die Gesetze des Marktes darf erst gar nicht aufkommen.</p>
<p>Qualitätsmanagement tritt mit dem Anspruch auf, als könnten all die voraussehbaren negativen Auswirkungen eines liberalisierten Krankenhausmarktes durch &#8220;richtiges&#8221; Handeln in den Kliniken selbst aufgefangen und quasi ungeschehen gemacht werden.Wie illusionär das ist, liegt auf der Hand. Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Ironie, dass die Ideologen des freien Marktes mit ihrer Erfindung des &#8220;Qualitätsmanagements&#8221; gleichzeitig ein ganz unfreiwilliges Eingeständnis machen: Irgendwie scheinen sie nämlich selbst nur ein begrenztes Vertrauen in ihr Allerheiligstes zu haben. Denn würde die von ihnen sonst bei jeder Gelegenheit gerühmte &#8220;invisible hand&#8221; des Marktes wirklich alles wie von selbst zum Besten regeln, bräuchte man sich kaum ein extra Handwerkszeug zulegen, welches ausgerechnet dazu dienen soll, Qualität herzustellen.</p>
<h4>Managementkonzept: Gold raus aus den Köpfen &#8211; Angst rein</h4>
<p>Mittels Qualitätsmanagement und Kundenorientierung sollen die Beschäftigten der Kliniken für den Verdrängungswettbewerb &#8220;fit gemacht&#8221; werden.Aus dem Munde des Managements hört sich das so an:&#8221;Wir müssen das Gold in den Köpfen unserer Mitarbeiter heben.&#8221; Jetzt wird deutlicher, was es mit dem eingangs beschriebenen demokratischen Habitus des Qualitätsmanagements auf sich hat:Will Durchkapitalisierung heute voranschreiten, braucht sie wahrhaftig die Mitarbeit eines jeden im Kampf um die Standortsicherung, möglichst die Selbstidentifizierung aller mit &#8220;ihrem&#8221; Betrieb, mit &#8220;ihrer&#8221; Klinik.Früher einmal hat es nach dem Befehlsprinzip funktioniert. Heute funktioniert es nur noch demokratisch.Besser wird es dadurch allerdings nicht.<a name="16" href="#a16">16</a></p>
<p>Die Goldgrube in den Köpfen gilt es also zu heben.Womit sie anschließend aufzufüllen ist, ist auch kein Geheimnis: Mit Angst. Um die Arbeitsplätze. Wer nicht immer mehr &#8220;Leistung&#8221; aus sich herauspresst, verliert seine Existenzgrundlage. Intel-Chef Andrew Grove beschreibt das so: &#8220;Die wichtigste Aufgabe der Führungskräfte ist, eine Umgebung zu schaffen, in der die Mitarbeiter leidenschaftlich entschlossen sind, auf dem Markt erfolgreich zu sein.Furcht spielt eine große Rolle, diese Leidenschaft zu entwickeln und zu bewahren. Angst vor dem Wettbewerb, Angst vor einem Bankrott, Angst, einen Fehler zu machen, und Angst zu verlieren, können starke Motivationskräfte sein.&#8221;<a name="17" href="#a17">17</a></p>
<p>Die Zeiten, in denen die PatientInnen und Beschäftigten im Gesundheitswesen zumindest von der bedingungslosen Durchsetzung solcher unbeschönigten Wahrheiten des Kapitalismus halbwegs verschont blieben, sind unwiderruflich vorbei. <a name="18" href="#a18">18</a> Von einem Vertreter der Sana<a name="19" href="#a19">19</a> bekamen die Mitarbeiter eines Stuttgarter Krankenhauses zu hören: &#8220;Das Wesentliche ist, auf dem Markt bestehen zu bleiben. Der Friedhof ist voll von Leuten, die geglaubt haben, dass sie unersetzlich sind. Glauben Sie mir, der persönliche Arbeitsplatz ist eine große Motivation.&#8221; Und so soll denn auch die oben beschriebene Luxusstation für Superreiche auf einmal mit anderen Augen gesehen werden. Denn ist es nicht so, dass dadurch mehr Geld in die Klinik kommt? Geld, das womöglich noch &#8211; und sei es vorübergehend &#8211; den einen oder anderen Arbeitsplatz sichert? Muss man angesichts dieses Totschlagarguments nicht auch noch vor der himmelschreiendsten Zumutung die Augen verschließen?</p>
<h4>Unentrinnbares Schicksal?</h4>
<p>Gleich, ob sich Menschen als PatientInnen oder als Beschäftigte in den Kliniken befinden: Fallpauschalen, Qualitätsmanagement und Kundenorientierung sind Instrumente ihrer Zurichtung für die Notwendigkeiten der Kapitalverwertung. Sind wir dieser Entwicklung ausgeliefert?</p>
<p>Eine Frage, die mit Ja zu beantworten sich verbietet. Deren Beantwortung mit Nein jedoch zugegebenermaßen eine gehörige Portion Optimismus, um nicht zu sagen Voluntarismus voraussetzt. Hier soll nicht darüber spekuliert werden, ob es gelingen kann, eine menschliche, emanzipatorische Alternative gegen die weltweit um sich greifende Durchkapitalisierung des Lebens zu verwirklichen. Nur, so viel sollte klar sein:Eine isolierte Lösung wird es auch für das Gesundheitswesen nicht geben.Aus der Brandung der Barbarei werden keine Inseln der Glückseligkeit auftauchen.</p>
<p>Trotzdem gelten die Grundsätze &#8220;Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt&#8221; und &#8220;Nur wer nichts macht, macht auch keine Fehler&#8221;. Die Beschäftigten in den Kliniken, die dortigen GewerkschafterInnen und PersonalrätInnen werden sich zunächst auf Schadensbegrenzung konzentrieren müssen. Es wird darum gehen, zuallererst einmal ein Bewusstsein für die Gefahren zu schaffen, und schon das ist eine Riesenaufgabe.Der Kampf um die Köpfe darf dem Management nicht überlassen werden. Es gilt, sich mit Fragen wie diesen auseinander zu setzen: Ist der entfesselte Markt wirklich der Glücksbringer für Beschäftigte und PatientInnen, als der er hingestellt wird, oder macht er nicht eher eine solidarische, qualitativ hoch stehende Gesundheitsversorgung für alle Menschen unmöglich? Was ist wirkliche Qualität im Krankenhaus und was ist Augenwischerei oder oberflächliches Marketing? Lohnt es sich, um Alternativen zu kämpfen?</p>
<p>Sodann gilt es, alles zu tun, um den Gedanken von Solidarität und Solidargemeinschaft gegen die hereinbrechende Ideologie des &#8220;jeder gegen jeden&#8221; zu verteidigen. Wo immer möglich, gilt es, den Spieß umzudrehen:&#8221;Wo Qualität drauf steht, da muss auch Qualität drin sein.&#8221; Damit sind die Entscheidungsträger innerhalb der Häuser, aber auch die politisch Verantwortlichen zu konfrontieren. Für Fassadensanierung à la &#8220;hier noch ein Frühstücksbuffet und da noch ein Schnickschnack&#8221;, während gleichzeitig an allen Ecken das Personal fehlt, sollten sich die Beschäftigten nicht hergeben. Das beste Qualitätsmanagement wird es sein, die politischen Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit mit den wirklichen Verhältnissen in den Kliniken zu konfrontieren und für Besserung einzutreten. Die Zeit ist reif für die Bildung möglichst breiter soziale Netzwerke von Betroffenen. Ob Gewerkschaften, Kirchengemeinden, Arbeitslosen-, Anwohner- oder Patienteninitiativen &#8211; folgende Ansprüche dürfen nicht aufgegeben, müssen im Gegenteil unüberhörbar formuliert werden: Alle PatientInnen in allen Kliniken müssen gut versorgt werden.Alle Beschäftigten in allen Kliniken müssen unter ordentlichen Bedingungen arbeiten können, ohne Überlastungsstress und Überstundenschieberei und ohne schlechtes Gewissen gegenüber den PatientInnen.</p>
<p>Soweit, so immanent. So notwendig, so unzureichend. Denn auf Dauer wird selbst das beste &#8220;Kräfteverhältnis&#8221; die Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie nicht aushebeln können.Angesagt ist eine Doppelstrategie, deren zweiter Teil allerdings erst noch zu entwickeln wäre. Einerseits die noch vorhandenen Spielräume der Politik ausloten und ausnutzen.Denn noch gibt es, um in der BRD zu bleiben, nicht unerhebliche Unterschiede zwischen relativ reichen Regionen &#8211; wie beispielsweise Stuttgart und München &#8211; und bereits weitgehend ausgelaugten wie Berlin und Mecklenburg.Andrerseits wird auch bei den gewerkschaftlichen Akteuren ein schmerzlicher Prozess der Loslösung von Illusionen über die Möglichkeiten der Politik einsetzen müssen, die doch immer nur am tendenziell versagenden Tropf der &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; hängt.Möglicherweise hilft auch ein Blick nach Argentinien dabei, dass sich Zweifel an der allzu einfachen Losung &#8220;Geld ist genug da&#8221; verbreiten.Geld ist eben keine Naturkonstante. Es kann mit einem Crash von heute auf morgen verschwinden. Auf Dauer sollten wir deswegen aus wohlverstandenem Eigeninteresse lieber nicht auf eine derart windige Luftnummer wie die &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; unseres Lebens setzen.</p>
<p>Dies natürlich ist das schwierigste Kapitel von allen. Und trotzdem wird die Notwendigkeit einer &#8220;zweiten Linie&#8221; auch auf dem Feld der Gesundheitsversorgung immer drängender. Sie wäre aufzubauen hinter der &#8220;ersten Linie&#8221;, der Forderung nach hinreichender monetärer Absicherung unserer Lebenszusammenhänge.Was könnte das konkret heißen, sich Gesundheits- und Krankenversorgung &#8220;anzueignen&#8221;, ohne sich auf das Funktionieren von Wert-, Ware- und Geldbeziehungen zu verlassen? Es müsste eine Bewegung sein, die sich gleichermaßen aus dem Angewidertsein davon speist, dass Menschen zu Waren gemacht werden, als auch aus der Überzeugung, dass dieses System keine Zukunft mehr hat. Eine Bewegung, die sich dessen bewusst ist, dass die Degradierung der Menschen zu passiven Arbeitsgegenständen, mögen sie nun &#8220;Patienten&#8221; oder &#8220;Kunden&#8221; heißen, schon weit vor der Einführung von Fallpauschalen und Qualitätsmanagement begonnen hat, dass diese Zumutung ihre letztendliche Ursache in der waren- und wertförmigen Konstituiertheit der Gesellschaft hat.</p>
<p>Sicherlich gilt auch für eine solche, dringend notwendige &#8220;Aufhebungsbewegung&#8221;, dass das Beginnen, und sei es nach der Methode &#8220;trial and error&#8221;, allemal lohnender ist als das Achselzucken.</p>
<hr />
<h4><em>Anmerkungen</em></h4>
<p><em><a name="a1" href="#1">1</a> Lothar Galow-Bergemann, &#8220;, Qualitätsmanagement&#8217; &#8211; Der entfesselte Markt wirft seine Schatten voraus. Der Mensch oder das Geld im Mittelpunkt? Grundsätzliche Bemerkungen zur Einführung von Qualitätsmanagement in Krankenhäusern&#8221;, ver.di infodienst krankenhäuser April 2001/Nr.11.</em></p>
<p><em><a name="a2" href="#2">2</a> Sozialgesetzbuch V, §§135ff.</em></p>
<p><em><a name="a3" href="#3">3</a> Arthur Anderson, Das Krankenhaus 2015 &#8211; Wege aus dem Paragraphendschungel, 1999.</em></p>
<p><em><a name="a4" href="#4">4</a> Ärzte Zeitung 2.10.02.</em></p>
<p><em><a name="a5" href="#5">5</a> FAZ, 26. Januar 2001.</em></p>
<p><em><a name="a6" href="#6">6</a> Das Krankenhaus 12/02, Dt. Ärzteblatt 10/03.</em></p>
<p><em><a name="a7" href="#7">7</a> Das Krankenhaus 9/02, S. 703.</em></p>
<p><em><a name="a8" href="#8">8</a> Deutsches Ärzteblatt 21/2002, S. 1105.</em></p>
<p><em><a name="a9" href="#9">9</a> Dohmen/Baitsch, Hochrheinklinik Bad Säckingen, Die Kehrseite der Medaille 24/ 5/03.</em></p>
<p><em><a name="a10" href="#10">10</a> Thomas Böhm, Warum Privatisierung und Profitlogik die Gesundheitsversorgung verschlechtern und verteuern. &#8211; Referat auf dem Fachkongress &#8220;Gesundheit für alle &#8211; nicht nur für Reiche&#8221;, ver.di, IGM und DGB Stuttgart, 02.02.2002.</em></p>
<p><em><a name="a11" href="#11">11</a> a.a.O.</em></p>
<p><em><a name="a12" href="#12">12</a> patiens (lat.) = ertragend, erduldend.</em></p>
<p><em><a name="a13" href="#13">13</a> Quelle: Deutsches Ärzteblatt, 17.11.2000.</em></p>
<p><em><a name="a14" href="#14">14</a> &#8220;Das Krankenhaus 2015 &#8211; Wege aus dem Paragraphendschungel&#8221;, Arthur Anderson, 1999.</em></p>
<p><em><a name="a15" href="#15">15</a> Dass die Krankenkassen, die als Finanziers der Kliniken fungieren, ihrerseits ebenfalls dem mörderischen Konkurrenzdruck des Marktes ausgeliefert sind, sei hier nur am Rande erwähnt. &#8220;Zu welchen perfiden Methoden diese Entfaltung der Konkurrenz führt, geht aus einem Rundschreiben eines McDonalds Franchise- Nehmers an die , lieben Mitarbeiter&#8217; mit der Überschrift: , Möglicher Wechsel der Krankenkasse&#8217; hervor. Er schreibt: , Als gesunder junger Mensch haben Sie bei der BKK (also Betriebskrankenkasse) keine Nachteile. Sie erhalten ebenso wie bei der AOK im Normalfall die Leistung bei ihrem Arzt. Sollte Sie jedoch chronisch krank sein (Asthma, Rückenleiden, Krebs etc.) wechseln Sie bitte auf keinen Fall die Krankenkasse.Die AOK hat dann wesentlich bessere Leistungen.Wechseln Sie auf keinen Fall, wenn kranke Familienmitglieder bei Ihnen mitversichert sind. Sollten Sie bereits über 45 Jahre alt sein, würde ich an Ihrer Stelle auch nicht mehr von der AOK wechseln.&#8217; Das Schreiben endet mit den Worten:, Wenn Sie kein Interesse am Wechseln der Krankenkasse haben, vernichten Sie diese Unterlagen und den Briefumschlag.Werfen Sie alles weg.&#8217;&#8221; Thomas Böhm, &#8220;Warum Privatisierung und Profitlogik die Gesundheitsversorgung verschlechtern und verteuern.&#8221; Referat auf dem Fachkongress &#8220;Gesundheit für alle &#8211; nicht nur für Reiche&#8221;, verdi, IGM und DGB Stuttgart, 02.02.2002.</em></p>
<p><em><a name="a16" href="#16">16</a> Ein Vorgang, der, nebenbei bemerkt, zum Nachdenken darüber anregen sollte, was Demokratie heute noch mit der Befreiung aus allen Verhältnissen zu tun haben kann, &#8220;in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist&#8221; (Karl Marx).</em></p>
<p><em><a name="a17" href="#17">17</a> Zitiert nach: Klaus Pickshaus, Motivationsfaktor Angst?, Mitbestimmung 7/2002, S. 46f.</em></p>
<p><em><a name="a18" href="#18">18</a> Dabei zeigt der Umstand, dass dies erst jetzt geschieht und auch, zumindest hierzulande, in gewisser Hinsicht noch in den Anfängen steckt, dass wir es mitnichten mit einer bereits voll und ganz durchkapitalisierten Welt zu tun haben.Wenn denn der unscharfe Begriff der &#8220;Globalisierung&#8221; einen wirklichen Sachverhalt benennt, so wohl den, dass wir gegenwärtig in einer Phase der versuchten Durchsetzung der Kapitalverwertung in möglichst alle Lebensbereiche hinein, auch in die buchstäblich unmöglichen, leben. Ein Unterfangen, das freilich ebenso katastrophale Folgen nach sich ziehen wird, wie es letztendlich doch erfolglos bleiben muss.</em></p>
<p><em><a name="a19" href="#19">19</a> Sana Kliniken GmbH, 1976 von den privaten Krankenkassen gegründete Gesellschaft mit dem Ziel der Umgestaltung und Privatisierung der Krankenhauslandschaft in der BRD, mittlerweile zum größten privaten Krankenhausbetreiber in der BRD aufgestiegen; www.sana.de</em></p>
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		<title>Vento que vem do sul</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Marco Fernandes]]></category>

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		<description><![CDATA[VENTO QUE VEM DO SUL - Lampejos de desalienação em meio ao colapso argentino]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lampejos de desalienação em meio ao colapso argentino</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/2003/wind-des-suedens">deutsche Version</a></p>
<p><em>Marco Fernandes</em></p>
<p>O capitalismo argentino foi à lona. Durante quase dez anos, o ex-presidente Carlos Menem fez de tudo para cumprir à risca a cartilha neoliberal do FMI: dolarização da economia, privatização em massa, derrubada de tarifas alfandegárias, enxugamento da máquina estatal e outras tantas reformas. Graças à paridade artificial com a moeda yankee, a classe média viu seu poder de compra aumentar da noite para o dia e agora ela podia consumir o mundo, estava realizada e apoiava seu presidente. E enquanto Michel Camdessus, ex-diretor do FMI, tecia elogios rasgados ao governo e apresentava o país como modelo de &#8220;Estado moderno&#8221;, a classe dominante argentina sonhava em finalmente adentrar o seleto clube dos &#8220;países do 1º mundo&#8221;.</p>
<p><span id="more-661"></span>Menem saiu do poder e deixou a batata quente na mão de seu sucessor, Fernando de La Rúa, que foi eleito para salvar o país da recessão que atingia a economia desde 1998, mas vai entrar para a história na ingrata posição de presidente deposto. Sua última medida para tentar evitar o colapso da economia foi politicamente suicida: decretou a retenção das poupanças e das contas correntes das classes média e alta para que o sistema financeiro argentino não virasse pó, depois que a desvalorização do peso provocou uma correria aos bancos. Foi a gota d’água para que a classe média enfurecida se somasse aos justos e raivosos protestos de desempregados e movimentos sociais que tomaram as ruas do país em 19 e 20 de dezembro de 2001. E a imagem de De La Rúa que vai ficar registrada nas mentes de todos é a de sua fuga de helicóptero da Casa Rosada para escapar da multidão enfurecida.</p>
<p>A festa consumista de quase uma década terminou numa ressaca histórica e o saldo é uma crise social inédita na história da República Argentina. O país se tornou uma espécie de &#8220;tipo ideal&#8221; da crise da sociedade do trabalho: dos 14 milhões de habitantes que compõem a PEA (população economicamente ativa), 2,4 milhões estão desempregados, outros 2 milhões recebem salário-desemprego e quase 3 milhões são funcionários públicos, ou seja, há um contingente de aproximados 7 milhões de trabalhadores que não produzem lucro. Por outro lado, dos 7 milhões de trabalhadores empregados, estima-se que em torno de 20% estejam em &#8220;subempregos&#8221;, uma vez que o valor real dos salários desabou a níveis relativos próximos aos de 1940. E o desemprego não é ainda maior porque, desde o ano 2000, mais de 260 mil argentinos se mudaram para o exterior. Para se ter uma idéia da dimensão da diáspora, basta lembrar que durante o período sanguinário da ditadura militar (76-83), menos de 40 mil argentinos abandonaram o país.</p>
<p>Existem hoje na Argentina, de acordo com o próprio governo, em torno de 21 milhões de pessoas abaixo da linha de pobreza. Num país de 37 milhões de habitantes, trata-se de uma tragédia, cujas conseqüências não são ainda mais graves porque o governo, temendo uma verdadeira ameaça à ordem, achou melhor se prevenir e abrir uma pequena fresta no cofre do Estado a fim de evitar a miséria absoluta de milhões de pessoas. São mais de 2 milhões de famílias recebendo os chamados &#8220;Planos Chefes e Chefas de Lar&#8221;, de 150 pesos por mês, o que certamente não satisfaz as necessidades mínimas de uma pessoa sequer. Um panorama inimaginável há algumas décadas numa nação cuja chamada &#8220;classe média&#8221; chegou a constituir 75% da população nos anos 70. Com a catástrofe econômica dos últimos anos, a classe média representa hoje menos de 30% da população.</p>
<p>Basta andar nas ruas da capital Buenos Aires para constatar os reflexos da crise em toda parte. Nos metrôs, crianças de até 4 anos de idade e adultos desempregados vendem de tudo um pouco. Em algumas praças, intermináveis filas são formadas durante o dia por pessoas em busca de um simples prato de comida. Todos eles disputando as últimas migalhas que a economia ainda reserva aos excluídos do mercado. À noite, pode-se ver dezenas de milhares de &#8220;cartoneros&#8221;: um verdadeiro batalhão de pessoas que recolhem papéis nos lixos para vendê-los por alguns trocados aos recicladores. Até há poucos anos, eles se resumiam a alguns jovens desempregados, mas hoje são famílias inteiras vagando pelas esquinas da capital portenha, tentando não morrer de fome.</p>
<p>Talvez em poucos lugares da cidade seja possível vislumbrar os resultados da política econômica dos anos 90 como em Puerto Madero. Outrora, uma região do porto da cidade que havia sido abandonada e que na metade da década passada foi escolhida para ser restaurada. Dezenas de milhões de dólares foram investidos na construção de modernas torres de arquitetura arrojada que atrairiam grandes empresas, além de hotéis, lojas e restaurantes de alto padrão para turistas com grande poder de consumo. Finalizando o conjunto, dezenas de iates luxuosos foram ancorados no pequeno rio do local, emprestando ao lugar um ar sofisticado que conjugava negócios e lazer.</p>
<p>Mas como a economia argentina não era tão calma como as escuras águas da Bacia do Prata, veio a recessão do final da década e muitas das obras pararam pela metade. A imagem atual é bizarra: ao lado de edifícios hiper-modernos e iates milionários, permaneceram restos de antigas fábricas não demolidas, prédios sem paredes e guindastes enferrujados, que transmitem ao passante a eterna sina dos países da periferia do sistema capitalista: a cada surto de desenvolvimento da economia, a classe dominante tenta se modernizar, mas como por aqui a torneira do crédito internacional abre e fecha rapidamente, são obrigados a conviver com as ruínas das quais queriam se livrar.</p>
<p>E é a partir de algumas dessas ruínas, que dezenas de milhares de argentinos tentam hoje reconstruir a sua vida coletivamente. Nos últimos anos, surgiram inúmeras organizações com o objetivo de responder à incapacidade das instituições de um sistema falido em garantir as necessidades mais básicas da população. Na periferia das grandes cidades, milhares de desempregados, chamados de &#8220;piketeros&#8221;, se organizam em movimentos combativos que afrontam o Estado e organizam a vida nos bairros de forma cada vez mais autônoma. Assim também o fazem as &#8220;assembléias barriais&#8221;, sobretudo nos bairros de classe média.</p>
<p>Com a retração de mais de 20% da economia do país nos últimos quatro anos e o fechamento de mais de 4.000 fábricas, alguns milhares de trabalhadores resolveram resistir à ameaça do desemprego, e em vez de engrossar o exército industrial de reserva, resolveram romper o tabu da propriedade privada e retomaram a produção das fábricas abandonadas pelos seus antigos donos. &#8220;Ocupar para produzir&#8221; é um dos seus lemas.</p>
<p>CONTROLANDO OS MEIOS DE PRODUÇÃO</p>
<p>Ainda é muito difícil obter um quadro completo das transformações ocorridas no interior das fábricas que foram ocupadas pelos trabalhadores argentinos nos últimos anos. Em parte, por se tratar de um fenômeno muito recente cujas conseqüências ainda são obscuras, mas também porque até agora somente uma pesquisa mais abrangente foi feita. Ela foi coordenada pelo Professor Gabriel Fajn, da Universidade de Buenos Aires, e reuniu uma equipe de pesquisadores. Contudo, a pesquisa foi fechada com as primeiras 87 fábricas ocupadas, enquanto já se estima que exista hoje em torno de 180 fábricas na mesma situação em todo o país, num total de mais de 10.000 trabalhadores produzindo em sistema de autogestão (no Brasil, estima-se que haja em torno de 30 mil trabalhadores em sistema de autogestão, aos poucos se organizando na ANTEAG – Associação Nacional dos Trabalhadores de Empresas de Autogestão &#8211; mas esta é outra história&#8230;).</p>
<p>De acordo com o Professor Fajn, das 87 fábricas que pesquisaram, 80% são de pequeno porte com uma média de 38 trabalhadores, e somente 20% possuem em média mais de 100 trabalhadores. Trata-se então de fábricas que, em sua maioria, ainda se enquadram no padrão fordista-taylorista, com baixo índice de adoção de métodos mais &#8220;avançados&#8221; de produção, ditos &#8220;toyotistas&#8221;. Constatou-se uma média de 52% de utilização da capacidade produtiva das fábricas, mas a maior parte delas se encontra próxima dos 40%. Por outro lado, percebeu-se que em 70% dos casos as fábricas atingiram, ou mesmo superaram, os níveis de produção anteriores à ocupação. Quanto aos salários, segundo Fajn, notou-se que em 16% dos casos continuou num nível similar, em 31% dos casos os salários são maiores e em 52% das empresas eles diminuíram. Mas é preciso levar em conta, diz Gabriel, que em algumas fábricas permaneceram pessoal de administração ou gerência, que certamente viram seus salários diminuírem, enquanto na mesma fábrica o salário dos trabalhadores da linha de produção tendeu a aumentar. Há casos excepcionais, como o da metalúrgica Union y Fuerza, que em dois anos pagou todas as dívidas (créditos, luz, água, gás e insumos), comprou um forno de 90 mil pesos e acumulou um estoque de 140 toneladas de cobre. Os salários aumentaram em quase quatro vezes.</p>
<p>Quanto à jornada de trabalho, continuou basicamente a mesma, em torno de oito horas, às vezes um pouco menos: é o caso da Brukman, em Buenos Aires, que teve uma diminuição média de 2 horas diárias na jornada. Uma preocupação dos pesquisadores era quanto aos perigos de &#8220;auto-exploração&#8221; numa situação de auto-gestão, mas a maioria das fábricas diminuiu a produção, e naquelas que aumentaram não se constatou um aumento da exploração do trabalho. Talvez isso se deva ao fato de que em 90% dos casos, foram eliminadas as hierarquias, tudo se decide por meio de assembléia, e todos, do faxineiro ao presidente ou coordenador-geral, ganham o mesmo salário. Essa é, provavelmente, a estatística mais interessante apontada pela pesquisa, já que demonstra uma grande mudança no cotidiano das fábricas a partir do momento em que se cria na assembléia um espaço aberto de discussão, troca de experiências e tomadas de decisão a respeito da produção e, eventualmente, das articulações políticas com outros setores da sociedade.</p>
<p>Fajn diz ainda que somente em 25% dos casos houve acordo entre patrões e empregados, enquanto que nos 75% restantes o conflito resultou em ocupações, acampamentos nas ruas, confrontos com a polícia e com os ex-donos. Por isso mesmo, ainda são muito instáveis a situação jurídica e o controle da propriedade das fábricas. Na maioria dos casos, o Estado aprovou uma expropriação temporária do edifício e das máquinas por 2 anos, mas não se sabe o que acontecerá ao término do prazo. Os trabalhadores lutam pelo direito de se tornarem donos das fábricas e o fazem apoiados nas imensas dívidas acumuladas pelos ex-donos: são centenas de milhões de pesos em salários e contribuição à previdência (a maior parte), além de impostos e contas de água, luz e gás. Mas é óbvio que o Estado argentino, dominado pela quadrilha de peronistas, não parece disposto a conceder aos trabalhadores a mesma benevolência que costuma reservar aos empresários na hora de perdoar impostos ou liberar créditos milionários. Mesmo porque, em inúmeros casos, os empresários seguiram a mesma estratégia: percebendo que com a crise econômica do país seria cada vez mais difícil manter as taxas de lucro desejadas, foram &#8220;esvaziando&#8221; as fábricas nos últimos anos. Dinheiro dos salários e da previdência, além de recursos para novos investimentos, vinham sendo desviados para especulações no mercado financeiro a fim de salvar suas fortunas pessoais. Revelando assim a nova realidade da acumulação capitalista: vender mercadorias não é mais um bom negócio&#8230;</p>
<p>LAMPEJOS DE DESALIENAÇÃO</p>
<p>Do ponto de vista da economia nacional, as okupas são ainda praticamente inexpressivas. E apesar da grande diversificação de setores da produção envolvidos nesta experiência, a constituição das redes de troca entre as fábricas – cujo funcionamento traria benefícios econômicos e políticos – ainda caminha lentamente. Contudo, este fenômeno inédito na história argentina vem produzindo conseqüências mais importantes do que a simples manutenção dos postos de trabalho nas fábricas falidas. Afinal de contas, que tipo de transformação pode ocorrer no momento em que o controle dos meios de produção é assumido pelos trabalhadores? O que significa para o coletivo de trabalhadores não mais ter de se submeter à hierarquias rígidas, nem tampouco às arbitrariedades dos patrões, mas sim assumir a responsabilidade pelo controle da produção e pelos critérios de distribuição da riqueza produzida? Ainda que a coerção das leis do mercado e seus limites objetivos continuem de pé, seria possível pensar na constituição de um &#8220;espaço autônomo&#8221; para os trabalhadores no interior das &#8220;fábricas sem patrão&#8221;? E o que se passa, então, com a subjetividade de um trabalhador envolvido neste processo?</p>
<p>Se levarmos em conta a dimensão assustadora que os índices de stress no trabalho vêm assumindo nos últimos anos graças à precarização das relações de trabalho (aumento da jornada, diminuição dos salários, medo do desemprego etc.) algumas das experiências que vêm sendo construídas com a autogestão adquirem uma importância ainda maior do ponto de vista político, pois demonstram em ato que a produção material da sociedade já poderia ser organizada de outra forma.</p>
<p>Conversas que tive com trabalhadores de algumas destas fábricas argentinas podem nos sugerir reflexões a respeito.</p>
<p>PRA QUÊ PATRÃO?</p>
<p>Quando pedi para Ana Maria, atendente da Clínica Junín, de Córdoba, para descrever o seu cotidiano antes ocupação da clínica, recebi resposta quase imediata:</p>
<p>&#8220;Te digo: antes eu chegava aqui, sentava nessa cadeira que você está vendo&#8221;, e ia reproduzindo seus movimentos enquanto os descrevia, &#8220;fazia meu trabalho o dia todo, e mal olhava para o lado. Enquanto eu estava aqui, era como se eu estivesse fechada numa ‘Tupperware’, sabe?&#8221;, e nessa hora usava as mãos para desenhar no ar o formato de um pote de plástico enquanto a cabeça permanecia olhando para baixo, como se estivesse trabalhando. &#8220;Depois&#8221;, continuou, &#8220;encerrado o expediente, voltava pra casa, morta, sentava na poltrona e ficava babando em frente à TV. Não podia, nem conseguia, pensar em nada! Também, não bastasse o duro que a gente dava, ainda tinha de ouvir patrão reclamando no ouvido da gente, e ultimamente nem receber a gente recebia.&#8221;</p>
<p>Em poucas palavras, Ana Maria sintetizava a experiência cotidiana comum à maioria absoluta dos trabalhadores. Submetidos a uma rotina de trabalho cada vez mais extensa e extenuante nestes tempos bicudos de crise do capital, as intermináveis horas passadas no local de trabalho são vivenciadas como uma estadia diária na prisão. E a volta pra casa, depois de horas de expropriação de seus corpos e mentes, é somente um breve alívio até que o despertador toque na manhã seguinte convocando a todos com a ameaça de exclusão do mercado de trabalho. Mas mesmo este &#8220;tempo livre&#8221; não pode ser aproveitado: depois de mais de 8 horas de trabalho, além do tempo gasto nos transportes coletivos (que em São Paulo e Buenos Aires chega facilmente a 4 ou 5 horas), não sobra muito para se viver. O corpo consumido durante o dia inteiro já não sabe mais de onde tirar energia, por isso, &#8220;babar em frente à TV&#8221; na sala de casa é praticamente a única alternativa (e no caso da América Latina não são poucos os que nem casa possuem). Contudo, para Ana Maria, as coisas parecem ter mudado um pouco de figura desde que, junto com seus companheiros da clínica, ela ocupou seu local de trabalho e passou a controlá-lo.</p>
<p>É verdade que as dificuldades financeiras ainda são grandes: por problemas jurídicos ainda não podem fazer internações; além do que, decidiram cobrar apenas 5 pesos (1,5 euro) por consulta, para que mais pessoas pudessem ter acesso ao atendimento. Por isso, cada um dos trabalhadores da clínica vinha recebendo em torno de 200 pesos por mês, pouco mais do que as migalhas do salário-desemprego e absolutamente insuficientes para os gastos mínimos mensais de uma pessoa. Ao contar isso, Ana Maria mantinha o semblante sério, mas depois de permanecer em silêncio por alguns segundos, como quem reflete friamente sobre o que está falando, soltou a seguinte pérola:</p>
<p>&#8220;Olha, cê quer saber de uma coisa? Tá tudo muito difícil aqui, é verdade! Às vezes dá até vontade de desistir&#8230; Mas uma coisa é certa e eu te digo: não há dinheiro no mundo que pague o fato de a gente não ter mais patrão!!!&#8221;,</p>
<p>e soltou uma gargalhada contagiante, num desabafo cuja verdade toca fundo no imaginário de quem, por precisar vender sua força de trabalho para sobreviver, tem de se submeter ao arbítrio do patrão, cada vez mais poderoso em tempos de escassez de empregos. Em geral, o fato de trabalhar numa &#8220;fábrica sem patrão&#8221; aparecia nos depoimentos como uma conquista inestimável, algo de que eles se orgulhavam e que representava uma mudança qualitativa em seu cotidiano tão sofrido. A figura do patrão, evidentemente, condensa as determinações capitalistas da produção: da expropriação da mais-valia ao regime de controle no chão da fábrica, da submissão obrigatória à hierarquia da produção até mesmo às relações pessoais de dominação diariamente repostas. Quando estas determinações se dissolvem pelo ato de ocupar a fábrica e reorganizá-la de forma autogestionária, os sujeitos readquirem a autonomia que a submissão obrigatória a seu patrão e às relações de trabalho impostas lhes roubava, conferindo uma dimensão inédita à realidade cotidiana de sua atividade.</p>
<p>REAPROPRIAÇÃO DO ESPAÇO E REORGANIZAÇÃO DA DIVISÃO DO TRABALHO</p>
<p>O controle do tempo e do espaço numa fábrica é um dos mecanismos fundamentais para garantir as demandas do lucro capitalista. O primeiro assegura que os trabalhadores cheguem e saiam na hora determinada pelo patrão, bem como mantenham o ritmo de produção exigido pela empresa; o segundo, que cada um ocupe na fábrica somente o espaço que lhe é determinado pela divisão do trabalho, e principalmente que não tenha acesso a todos os setores da produção, mantendo os trabalhadores no desconhecimento da totalidade do processo de produção em que estão envolvidos. Para essa função, gerentes e chefes de setor agem como policiais no chão da fábrica e são os responsáveis diretos por uma boa parte do stress produzido nos operários.</p>
<p>&#8220;Antes eu tinha de permanecer o tempo todo aqui no forno, não podia nem ao menos ir no setor ao lado conversar com um companheiro que já vinha alguém mandar eu voltar&#8221;, diz Angel, trabalhador da Cerâmica Zanon, enquanto aponta o setor ao lado há uns dez metros de distância. &#8220;Sabe, aqui tinha gerente pra tudo, eu nunca vi tanto gerente num lugar só! E o pior é que eles ficavam o dia inteiro pra lá e pra cá, pra lá e pra cá, fuçando que nem cachorro, procurando alguma coisa, um detalhezinho que fosse, pra implicar com a gente e dar bronca. Vocês podem imaginar o clima aqui dentro como era&#8221;!</p>
<p>A rigidez fordista da divisão do trabalho também começou a se dissolver com a autogestão das fábricas: primeiro porque grande parte dos gerentes, bem como do pessoal dos setores administrativos, abandonaram as fábricas quando estas fecharam por se recusarem a trabalhar num regime que lhes tirou os privilégios hierárquicos. Isto obrigou os trabalhadores a reorganizar a divisão de tarefas da fábrica. Além disso, como agora as questões internas são passíveis de discussão no espaço das assembléias, é possível conseguir uma mudança de função desde que aprovada pelo coletivo. É o que conta Sérgio, trabalhador da Brukman:</p>
<p>&#8220;Desde que ocupamos a fábrica as coisas também mudaram um pouco nesse ponto. A gente agora tem mais liberdade de escolher o que faz aqui dentro. Eu, por exemplo, trabalho no corte, mas também na administração, e às vezes, como agora, dou uma força nas vendas. É que, na verdade, quando alguém quer fazer alguma coisa diferente, é só levar o pedido para a assembléia, e lá a gente vê o que dá pra fazer. É legal assim, porque se alguém tem vontade de aprender uma outra atividade aqui dentro, a gente tem esse espaço para desenvolver outras capacidades. É bom, né? Fazer a mesma coisa o tempo todo, como era antes, é um pé no saco, chega uma hora em que a gente não agüenta mais!&#8221;</p>
<p>Quanto à jornada de trabalho e o controle do tempo, algumas mudanças significativas também ocorreram. Em virtude da diminuição da produção, em muitos casos a jornada de trabalho diminuiu. Contudo, mesmo onde ela permaneceu oficialmente a mesma, as coisas se passam de forma mais amena, além do que há novas necessidades de emprego do tempo numa fábrica que decide tudo de forma coletiva. De acordo com Rosa, da Zanon:</p>
<p>&#8220;Antes trabalhávamos realmente 8 horas por dia, mal podíamos parar para respirar, pois sempre tinha alguém para controlar a gente. Agora não. Em geral trabalhamos um pouco, fazemos um intervalo, tomamos um mate, voltamos ao trabalho, e assim vai. Acho que trabalhamos umas 4, 5 horas por dia. Veja só, ali está o nosso coordenador&#8221;, e apontava um senhor mais velho entretido com uma das máquinas, &#8220;e aqui estamos nós, tomando um pouco de mate e batendo papo. Além do que, agora temos outras atividades como assembléias e reuniões de setor, o que também exige bastante tempo, mas é menos pesado do que trabalhar na linha de produção&#8221;.</p>
<p>Todas estas transformações, além de nitidamente diminuirem a tensão constante e ameaçadora que os gerentes exerciam sobre os trabalhadores – o que representa em si um grande alívio na dura realidade da linha de produção &#8211; fizeram o próprio espaço da fábrica adquirir novas funções de sociabilidade entre os trabalhadores, transformando a relação que estes tinham com um espaço que não lhes pertencia. Quando perguntado sobre as impressões do primeiro dia de trabalho no novo sistema, Angel respondeu:</p>
<p>&#8220;Ah, foi muito estranho! Pra começar, não tinha ninguém passando pra controlar a gente. Às vezes, eu parava, olhava em volta, via os companheiros trabalhando concentrados, ou mesmo conversando, e não vinha ninguém atrás de mim, nem deles, pra tirar satisfação. Ao mesmo tempo, eu sabia que as coisas seriam mais difíceis agora, pois não bastava mais eu vir aqui e fazer o meu trabalho todos os dias e receber o salário no final do mês (se bem que nem salário se recebia mais!). A gente agora é responsável por tudo e na assembléia todos têm de decidir em conjunto o que vai ser feito, mas isto não é nada fácil.&#8221;</p>
<p>E ainda:</p>
<p>&#8220;Você pode imaginar que muita coisa mudou, né? A gente tem liberdade de se mover aqui dentro, e não só de conversar com o colega ao lado, mas de aprender também o que ele está fazendo. Então agora sei como funciona tudo, conheço todo o processo de produção das cerâmicas e acho que talvez por isso, a gente tem um pouquinho mais de orgulho agora, a gente sente que a cerâmica é mais nossa&#8230;&#8221;</p>
<p>Entre os ceramistas da Zanon, não são poucos os que têm aprendido nos últimos meses o funcionamento dos diversos setores da fábrica. Se o saber da produção vai sendo aos poucos socializado, fica cada vez mais difícil que ele se torne instrumento de dominação nas mãos de &#8220;sábios&#8221;. Muitos dos ceramistas se orgulham em mostrar aos inúmeros visitantes todos os momentos da produção da cerâmica, desde a chegada da argila, até o empacotamento dos pisos e revestimentos, e garantem, baseados em dados técnicos, que o índice de qualidade da produção aumentou desde então.</p>
<p>E agora que o local de trabalho lhes pertence, também é possível imaginar novos usos para este espaço, mudando a relação dos trabalhadores com ele. Como observa Sérgio, da Brukman:</p>
<p>&#8220;Mas você quer ver uma coisa que mudou bastante? Tá vendo quanta gente ainda tem aqui?&#8221;, e apontava com o dedo indicador o movimento de gente dentro da fábrica que era realmente grande. &#8220;Pois é, você já viu que horas são?&#8221;, olhava no relógio para confirmar, &#8220;São quase quatro da tarde! O final do expediente é às 3, e ainda tem um montão de gente aqui. Antigamente, quando dava três e dez já não tinha mais uma alma viva aqui dentro, a não ser, claro, a patronal&#8230; Ninguém ficava um minuto a mais! Agora, dá 3, 4 horas da tarde e o pessoal ainda tá por aqui: às vezes terminando uma tarefa, ou batendo papo, tomando um mate, esperando um companheiro ou companheira para saírem juntos&#8230;. É que aqui é como se fosse uma continuação da nossa casa, a gente se sente à vontade aqui dentro. Tem companheiras que até trazem os filhos pequenos quando não têm com quem deixá-los, aí a gente dá um jeitinho por aqui, se reveza, e a criançada passa o dia numa boa&#8221;. [1]</p>
<p>Aos poucos, o espaço da fábrica vai ganhando novos contornos e deixando de se assemelhar a uma espécie de cárcere: de alguma maneira, a cisão entre o espaço da casa e do trabalho vai se dissolvendo, porém não sob a forma de uma invasão da rotina de trabalho em plena sala de estar, ao contrário, nas palavras do próprio Sérgio, trata-se da apropriação de um espaço outrora privado, que ao assumir um caráter coletivo encontra novas funções no cotidiano dos operários. Em algumas fábricas no país, por exemplo, já existem &#8220;centros culturais&#8221; organizados por trabalhadores e estudantes, onde se organizam diversas oficinas (teatro, música, artesanato etc.) além da exibição gratuita de filmes e peças teatrais, aos poucos consolidando laços até então inexistentes com a vizinhança e com a assembléia do bairro: laços que vão muitas vezes garantir um razoável poder de mobilização, seja para ajudar a resistir à polícia, seja para conseguir sobreviver nos meses em que a produção ainda está parada.</p>
<p>O MITO DO SABER TÉCNICO</p>
<p>A restrição do acesso ao conhecimento técnico é um dos instrumentos mais eficazes da dominação de classe no interior da fábrica. O tipo de conhecimento que se possui determina desde o lugar em que o sujeito ocupa na hierarquia até o salário que ele recebe, e esse conhecimento depende, é claro, da classe da qual se faz parte: afinal, o diploma universitário é para poucos. Por isso, um dos casos mais reveladores das mudanças geradas pelas ocupações de fábricas me foi relatado por Eduardo, que trabalha no laboratório da Zanon, o setor mais importante da fábrica – responsável pelo planejamento da produção, fabricação dos maltes, das tintas e dos desenhos da cerâmica.</p>
<p>&#8220;Mas você já tinha experiência nesse serviço, estudou química?&#8221;, perguntei com ingenuidade. &#8220;Imagina! Comecei a trabalhar aqui porque estavam precisando de gente e me pareceu um trabalho interessante. Mas gostei tanto que aprendi rápido&#8221;, me explicava enquanto mostrava alguma das apostilas que estudava avidamente nos últimos meses para aprender a mexer com os produtos químicos. &#8220;Olha que eu nem terminei o secundário!&#8221;.</p>
<p>Como o coordenador do laboratório estava de férias, era Eduardo o responsável pelo laboratório naquele momento; e após uma breve pausa quando pareceu se dar conta da dimensão daquela experiência, soltou o seguinte comentário: &#8220;Veja você como são as coisas: antes o chefe do laboratório era um engenheiro, com diploma universitário e tudo. Ganhava muito mais do que qualquer trabalhador da linha de produção e volta e meia desqualificava algum companheiro do laboratório que chegava com uma idéia nova. Ele é que tinha estudado anos, ele é que sabia das coisas&#8221;, e com uma risada oportuna, concluiu: &#8220;Hoje o responsável sou eu, um jovem que aprendeu o ofício há poucos meses!&#8221;</p>
<p>A historinha que Eduardo acabara de contar revelava o quanto há de mistificação na hierarquia da divisão do trabalho no interior das fábricas. Muitas vezes, o saber técnico reivindicado por especialistas em determinadas funções e corroborado por um diploma universitário nada mais é do que um instrumento de legitimação de hierarquias caducas, pois dado o nível de especialização atingido pela divisão do trabalho há cada vez menos funções que não possam ser aprendidas por qualquer trabalhador após alguns meses de dedicação. A &#8220;exclusividade&#8221; desse conhecimento não é senão um fator de diferenciação no mercado de trabalho, um mecanismo que serve para justificar, na maioria dos casos, a brutal desigualdade de salários e o autoritarismo dos chefes [2]. Não é o caso da autogestão da Zanon, onde um rapaz que não terminou o secundário pode assumir a função outrora reservada a um engenheiro e ganhar o mesmo que a cozinheira, o faxineiro e todos os outros trabalhadores.</p>
<p>POLITIZAÇÃO E IDENTIDADE ENTRE OPRIMIDOS</p>
<p>As histórias das ocupações de fábrica na Argentina são mais ou menos semelhantes e beiram a epopéia: ficar meses sem receber salários, vivendo da contribuição dos vizinhos e das famílias, tendo de montar guarda permanente na fábrica para impedir uma ação de surpresa da polícia tentando efetivar a ação de despejo, lutando ao mesmo tempo contra o Estado e contra o patrão, organizando coletivamente a retomada da produção e todo o trabalho que isso demanda, para enfim experimentar na própria pele as possibilidades de mudança do cotidiano que o controle dos meios de produção nas mãos dos próprios trabalhadores pode proporcionar. O &#8220;antes&#8221; e o &#8220;depois&#8221; marcavam o ritmo dos depoimentos: a expressão corporal, o rosto e o tom da voz empregados na narrativa se modificavam muitas vezes durante a conversa de acordo com a experiência recordada.</p>
<p>Ana Maria, aquela mesma que lembra o significado do chegar em casa após mais um dia de torturas laborais &#8211; não conseguir mais pensar em nada, e por isso babar em frente à TV afundada na poltrona &#8211; deu a seguinte resposta quando lhe perguntei o que mais mudara em sua vida cotidiana:</p>
<p>&#8220;Agora, não. Eu venho aqui, trabalho, as coisas estão difíceis, como eu te disse, mas eu tô aqui, participo das assembléias com os companheiros, participo das assembléias do meu bairro, faço piquete na rua, e sei o que acontece no país; posso discutir com qualquer um! Me sinto parte de algo maior, de um coletivo, de um todo&#8221;.</p>
<p>Praticamente ninguém nas fábricas havia tido algum tipo de envolvimento com política, pois o fenômeno comum de desmobilização da classe trabalhadora nas últimas décadas é agravado na Argentina pelo fato de que a esquerda foi literalmente exterminada no país pela ditadura militar genocida: 30 mil pessoas foram assassinadas entre 76 e 83. Por isso mesmo, a politização gerada por esta experiência adquire um significado radical nas palavras de Angel, quando lhe perguntei o que costumava pensar ao ver os piketeros (movimentos de desempregados) se manifestando na rua, paralisando o trânsito e transformando a cidade num &#8220;caos&#8221;:</p>
<p>- &#8220;Aquilo me enojava!&#8221;, respondeu Angel.</p>
<p>- &#8220;Mas, por quê?&#8221;, indaaaguei cuidadoso.</p>
<p>- &#8220;Não sei, acho que n&amp;atilllde;o entendia o que aquelas pessoas queriam com aquilo. Ficava pensando: pra quê isso tudo? Por que ficar lá, atrapalhando todo mundo, causando um grande quilombo, fazendo as pessoas perderem tempo e tudo o mais? Eu não conhecia ninguém do movimento, e não conseguia entender o que estava em jogo ali!&#8221;, nessa hora a expressão de Angel era a mais séria desde que começáramos a conversar. Ele sabia que estava tocando num ponto delicado e que sua resposta o expunha diante de uma pessoa desconhecida, mas não parecia preocupado em esconder seu passado.</p>
<p>- &#8220;Mas e agora, o que você aaacha disso?&#8221;, perguntei.</p>
<p>- &#8220;Agora, chico? Agora, EU fa&amp;ccedddil;o piquete! Como já te disse, sabemos que se ficarmos aqui dentro vamos ser derrotados mais cedo ou mais tarde. Nossa luta tem de se dar aqui dentro e lá fora, e os piquetes são uma das melhores formas de mobilização que temos&#8221;!</p>
<p>A experiência de viver o mundo do ponto de vista de um desempregado que tem de se organizar para lutar coletivamente por sua sobrevivência fez com que Angel agora se identificasse com aqueles mesmos &#8220;delinqüentes&#8221; que há poucos meses deveria xingar, reproduzindo a visão da classe dominante. Ele precisou ir para as ruas protestar e reorganizar a produção, recebeu cassetadas da polícia, sentiu o terrível olhar de desprezo dos passantes que, como ele outrora, se enojam com tamanha baderna e entendeu &#8220;o que estava em jogo&#8221;: Angel diz que considera a luta dele dentro da fábrica como &#8220;anticapitalista&#8221; e que, certamente por isso, as coisas jamais serão fáceis.</p>
<p>Também é comum que essa falta de identificação e solidariedade com os desempregados se reproduza no interior da fábrica, entre os próprios trabalhadores. Em alguns casos, o desejo de ascensão e distinção social distancia pessoas de mesma origem e posição, impossibilitando a construção de uma identidade comum no local de trabalho. Isso também foi modificado pela experiência das ocupações, ao menos no caso de Gladys, trabalhadora da Brukman, que havia sido demitida um mês e meio antes da quebra e foi chamada de volta por seus companheiros assim que a fábrica foi por eles ocupada. Mais uma vez, o &#8220;antes&#8221; e o &#8220;depois&#8221; revelam o conteúdo transformador:</p>
<p>- &#8220;Ih, Marco, mudou tanta coisa&#8230; deixa ver&#8230; olha, no começo foi um pouco difícil pra mim a integração com os companheiros, afinal de contas agora a gente precisa se organizar e isso quer dizer que a gente precisa ter muito mais conversa, mais diálogo entre a gente, não dava mais pra chegar aqui, receber as ordens, fazer o trabalho e ir pra casa. Pra começar, que não há mais &#8220;ordens&#8221;, a gente decide tudo em assembléia, né? E antes eu não tinha muita relação com o pessoal daqui, sabe como é&#8230;&#8221;</p>
<p>- &#8220;Você não tinha amiiizade com o pessoal da fábrica?&#8221;, senti pela sua expressão nesse momento que tocava num ponto delicado para ela</p>
<p>- &#8220;Ah, muito pouco, viu. É que&#8230; eu não me identificava muito com o pessoal daqui&#8230; Sabe, eu também venho de família humilde&#8230; mas eu pude estudar, fiz faculdade de comunicação na UBA, minhas amizades eram outras, sei lá&#8230; eles eram de outra classe, nem temos o mesmo vocabulário, essas coisas&#8230; não tínhamos muito diálogo&#8230; Além do que, é verdade que eu também tinha uma vida muito corrida: trabalhava aqui o dia todo e quando terminava o expediente tinha de sair correndo pra faculdade assistir as aulas, daí não sobrava tempo pra mais nada.&#8221;</p>
<p>- &#8220;Mas então depois de tudooo o que aconteceu&#8230; as coisas mudaram?&#8221;, continuei.</p>
<p>- &#8220;Mudou, mudou bastante. Sim. Agooora eu conheço todo mundo, e tenho amizade com muitas pessoas aqui dentro. E eles confiam mais em mim também. Acho que pra mim a mudança mais significativa foi mesmo a relação com as pessoas aqui dentro, hoje eu me sinto mais unida ao pessoal, tenho mais identificação. Acho que é isso, sim.&#8221;</p>
<p>A experiência da ocupação da fábrica foi, pelo visto, capaz de transformar pessoas a cuja visão de mundo atribuiríamos um certo grau de &#8220;conservadorismo&#8221;: que eles sejam capazes de reconhecer suas limitações ideológicas anteriores à experiência, elaborá-las e transformá-las num sentimento de identificação com os dominados (que, afinal de contas, são eles mesmos) nos traz um pouco da dimensão de politização individual e coletiva envolvida na história das okupas: mudou a maneira como essas pessoas encaram o mundo à sua volta, como vivenciam sua posição objetiva nas relações de produção e o inevitável conflito com o capital . Ou como costuma dizer Célia, da Brukman:</p>
<p>&#8220;Até alguns meses atrás eu era somente uma dona-de-casa. Hoje, quero mudar o mundo! E isto significa lutar pela construção do socialismo!&#8221;</p>
<p>A ZANON E A DESMERCANTILIZAÇÃO DA PRODUÇÃO</p>
<p>A experiência da Cerâmica Zanon talvez seja, entre as okupas, a mais avançada do ponto de vista político. Outrora uma gigante do setor, a Zanon chegou a controlar, nos áureos tempos, em torno de 20% do mercado de cerâmica argentino, além de exportar para mais de 30 países. Faturava em torno de 100 milhões de dólares e contava com a boa vontade do Estado na hora de conseguir crédito e financiamento. Nos últimos tempos, insatisfeito com as taxas de lucro de sua fábrica, Luigi Zanon fez como a maioria dos empresários: começou a esvaziar a fábrica e deixou de pagar salários e impostos, enviando a grana para algum paraíso fiscal onde pudesse manter sua fortuna no cassino do mercado financeiro.</p>
<p>Depois de quase um ano de luta, que começou reivindicando mais segurança na linha de produção (um jovem morreu num acidente de trabalho), se estendeu pelo pagamento dos salários atrasados, pela conquista da direção do sindicato (antes controlado pelos patrões) e culminou com a ocupação da fábrica, os ceramistas parecem ter atingido um nível de organização e de consciência política que impressiona pelo conteúdo de suas novas reivindicações. De acordo com Manotas, coordenador-geral da fábrica eleito pela assembléia:</p>
<p>&#8220;Nós não queremos ser uma empresa capitalista como todas as outras. Não queremos simplesmente produzir cerâmica e vendê-la no mercado para quem pode comprar, e depois embolsar os lucros. Aliás, se fosse assim, já poderíamos estar ganhando mais de 800 pesos aqui. Mas não, não é esse o nosso objetivo, pois sabemos que sozinhos não vamos nos salvar! Por isso, reivindicamos a estatização: em primeiro lugar, porque queremos que o Estado assuma os investimentos necessários ao aumento da produção e do número de trabalhadores. Mas principalmente, porque queremos produzir para atender as necessidades concretas da sociedade, quer dizer, produziríamos cerâmica para escolas e hospitais públicos, para moradias de baixa renda etc., tudo isso junto com um Plano de Obras Públicas financiado pelo Estado e que poderia empregar muita gente, além de responder às necessidades da população. Dessa maneira, os lucros da fábrica seriam revertidos para toda a comunidade&#8221;.</p>
<p>Os ceramistas vêm lutando pelo projeto de &#8220;estatização sob controle operário&#8221;. Não se trata de nenhum tipo de ilusão quanto a soluções estatistas para a crise do capital, mesmo porque se referiam ao Estado como uma corja de ladrões e assassinos: além da recente experiência da ditadura, ficou muito claro para os ceramistas, durante todo o processo de ocupação, em nome de quais interesses o Estado fala e age. Trata-se simplesmente de uma solução estratégica para garantir, por um lado, os investimentos necessários ao aumento da produção e dos empregos, e por outro, mais importante ainda, como tentativa de desmercantilizar a sua produção: em vez de simplesmente produzir cerâmica para trocá-la por dinheiro no mundo da mercadoria, os trabalhadores da Zanon preferem lutar para que sua fábrica adquira o caráter de coisa pública, e produza para atender a demanda de edifícios públicos e de famílias de baixa renda.</p>
<p>No atual contexto argentino é muito difícil que este projeto seja aprovado pelo Estado, mas enquanto isso, os ceramistas vão fazendo o que podem neste sentido, dirigindo seus lucros e dívidas com o Estado para fins coletivos. Há alguns meses, a Província de Neuquen cobrava uma dívida do antigo dono e pressionava a fábrica: os ceramistas aceitaram pagar a dívida, mas sob uma condição: o pagamento seria em cerâmicas ao invés de dinheiro, e eles mesmos determinariam o destino dos produtos. Dessa maneira, algumas escolas, hospitais e instituições sociais foram diretamente beneficiados pelo pagamento da dívida, que certamente desapareceria no poço sem fundo dos cofres estatais. Outra medida inovadora vem sendo concretizada junto ao MTD de Neuquen (Movimento de trabalhadores desempregados da região). Os ceramistas estão juntando dinheiro para financiar a construção de uma fábrica de caixas de papelão para empacotar sua produção. A fábrica, é claro, será autogerida pelos integrantes do movimento, que aliás já têm preferência na hora em que a Zanon precisa incorporar mais trabalhadores à fábrica. Desde o começo do ano, já incorporaram mais de 30 novos companheiros, e segundo sua política interna, metade das vagas se destina ao MTD e a outra metade é dividida entre outras organizações (parte dos lucros da fábrica também ajudam a financiar um &#8220;fundo de greve nacional&#8221;, para que outras fábricas que forem ocupadas disponham de um mínimo de recursos até que volte a produzir).</p>
<p>Esta é, aliás, outra novidade na luta dos trabalhadores da Zanon, pois as transformações surtidas no interior da fábrica já se espraiam por seu entorno: eles têm conseguido se articular com outros movimentos, sindicatos e partidos de esquerda. Ajudaram a fundar a &#8220;Coordenadora do Alto Valle&#8221;, uma espécie de central autônoma de lutas políticas da região e vão se tornando, aos poucos, uma referência no interior dos movimentos sociais.</p>
<p>LABORATÓRIO PARA O SOCIALISMO?</p>
<p>&#8220;Enquanto, porém, a virtude não for recompensada aqui na Terra, a ética, imagino eu, pregará em vão. Acho também bastante certo que, nesse sentido, uma mudança real nas relações dos seres humanos com a propriedade seria de muito mais ajuda que quaisquer ordens éticas&#8221;. (Sigmund Freud, O Mal-estar na Civilização)</p>
<p>Seria arriscado emitir um juízo mais categórico a respeito das transformações ocorridas no cotidiano e na subjetividade dos trabalhadores das fábricas ocupadas, pois as conversas que tive durante janeiro e fevereiro de 2003 se limitaram a 3 fábricas (Zanon, Brukman e Grissinopolis) e à Clínica Junín. Também é verdade que nestes lugares, os depoimentos dos trabalhadores eram muito semelhantes e a percepção das mudanças ocorridas em seu cotidiano partiam de pontos comuns (por uma questão de limites de espaço selecionei alguns depoimentos que resumiam as questões abordadas, mas pude conversar com mais trabalhadores dos que aparecem aqui). Sem dúvida, é preciso mais material empírico, mas não é de se estranhar que a experiência possibilitada numa fábrica autogestionária detone mudanças subjetivas em todos aqueles acostumados à vivência diária, individual e coletiva, do sofrimento no trabalho (e da falta dele).</p>
<p>Voltamos então a um dos pilares do materialismo histórico: a tese que diz que o modo como a produção material da sociedade é organizada determina a subjetividade dos indivíduos. Mas e o que acontece com estes mesmos indivíduos quando, a despeito da sociedade permanecer capitalista, suas condições concretas de produção são modificadas? Pelos depoimentos que ouvimos, é como se a &#8220;teoria da alienação&#8221; encontrasse sua demonstração empírica negativa, ou seja, a algumas mudanças fundamentais no funcionamento de uma célula produtiva correspondesse algo como &#8220;lampejos de desalienação&#8221; dos sujeitos. De alguma forma, uma crise grave de reprodução do capital – além de gerar miséria e exclusão – também pode revelar conteúdos sociais fetichistas encobertos pelas leis gravitacionais do mercado ou pelo simples poder social dos donos dos meios de produção.</p>
<p>E estes &#8220;lampejos&#8221; parecem gerar conseqüências políticas nada desprezíveis quando o que se tem em vista é a superação do &#8220;sistema produtor de mercadorias&#8221;. Para que haja movimentos emancipatórios é preciso haver &#8220;subjetividades anticapitalistas&#8221; capazes de organizá-los, e isso parece estar sendo gestado em experiências como as das okupas. Em geral, eu perguntava aos trabalhadores, depois de toda a conversa, se alguma vez passara pela cabeça deles que seria possível tocar a produção de uma fábrica sem hierarquias nem patrões. As respostas, como era de se esperar, eram mais ou menos a mesma que me deu Angel:</p>
<p>&#8220;Jamais! Nunca achei que isso fosse possível. Aliás, acho que ninguém aqui achava que seria possível. A gente ajudava a planejar o nosso setor, e olhe lá. Eles fazem a gente acreditar que não somos capazes, mas estamos mostrando aqui, todos os dias, que podemos controlar a produção, que todos os trabalhadores são capazes de fazer o mesmo!&#8221;</p>
<p>Ao lado dos mecanismos objetivos de dominação – como a coerção econômica e as armas da polícia – a classe dominante também conta com mecanismos subjetivos para manter a ordem que lhe interessa. A submissão aos mecanismos de mercado e às ordens hierárquicas no trabalho cotidiano sustentadas pela coerção produtiva são parte do arsenal utilizado para fazerem os dominados &#8220;acreditarem que não são capazes&#8221;, retirando-lhes a capacidade de agir e falar em nome de interesses que não são os do lucro. Nesse sentido, estar imbuído da tarefa de controlar os próprios meios de subsistência (ainda que as leis do mercado continuem sendo uma ameaça) pode representar uma espécie de &#8220;fortalecimento egóico&#8221; indispensável para a construção de &#8220;formas embrionárias anti-sistêmicas&#8221; que apontem para além do mundo da mercadoria e do capital.</p>
<p>E se o capital já esbarra em limites de sua reprodução, demonstrando cotidianamente a sua incapacidade de resolver os problemas materiais (e espirituais) de uma parcela cada vez mais gigantesca da população, algumas experiências nas fábricas argentinas vêm provando na prática que imaginar uma sociedade onde perguntas do tipo: &#8220;o quê?&#8221;, &#8220;como?&#8221; e &#8220;pra quem?&#8221; produzir, podem ser respondidas pelos próprios trabalhadores organizados e não pelas leis cegas do sujeito automático. Num país que produz comida, segundo a OMS, para 300 milhões de pessoas é um crime que 7 milhões dos 37 milhões de seus habitantes se encontram abaixo da linha de pobreza, quer dizer, passam fome. Mas não é de crimes que é feito capitalismo?</p>
<p>A questão política central, afinal de contas, é: Quem controla os meio de produção? Uns poucos proprietários ou o conjunto dos trabalhadores organizados? Revolucionar o modo como a sociedade organiza sua produção material, socializando seus meios produtivos – isto é, máquinas e conhecimento &#8211; , é nossa única chance de escapar da barbárie devastadora que o capitalismo vem gerando dia a dia.</p>
<p>É no que pensa Manotas quando, do alto de sua experiência, afirma:</p>
<p>&#8220;Veja o tamanho dessa fábrica. É imensa, automatizada, com computadores e tudo o mais. Estamos aqui dentro provando que os trabalhadores podem administrar e controlar a produção! E eu te pergunto: se fazemos isso aqui, porque não podemos fazer isso no país inteiro, no continente inteiro?&#8221;</p>
<p>Por que não?</p>
<p>[1] &#8220;Os operários só se sentirão realmente em suas casas, em seu país, menbros responsáveis pelo seu país, quando se sentirem em casa na fábrica, enquanto trabalham&#8221;. (Simone Weil, A condição operária, p.166).</p>
<p>[2] o mesmo que fica evidente num diálogo entre André Gorz e um jovem técnico subalterno – que se dizia maoísta. O jovem estudara 3 anos e ganhava duas vezes mais do que um operário. Perguntado sobre a diferença de conhecimento existente entre ele e os operários que supervisionava, respondeu: &#8221; (jovem maoísta) Fiz cálculo diferencial e mecânica e sou muito bom em desenho industrial. /(Gorz)Você usa cálculo diferencial no seu trabalho?/ (jovem) Não. Mas foi bom eu ter feito. Serve para formar a mente. / (Gorz) E o desenho industrial, você usa bastante? / (jovem) Lógico. A gente não consegue acertar uma peça se não souber ler o esquema do plano. É o beabá. / (Gorz) Mas, se todos os operários sabem ler o esquema do plano, que conhecimentos você tem que eles não têm, além do cálculo diferencial? / (jovem) Tenho a visão do conjunto. O meu pessoal está, cada um, com o nariz na sua máquina. Eu conheço as possibilidades de todas as máquinas, preparo e organizo seu trabalho e, quando há um problema, explico-lhes como resolver. / (Gorz) Será que os operários poderiam saber tanto quanto você sem ter estado numa escola como a sua? / (jovem) Há uns velhos na minha oficina que sabem um colosso. Só que leva tempo. / (Gorz) Quanto tempo? / (jovem) Oh, ao menos cinco ou seis anos. (André Gorz, Crítica da divisão do trabalho, p.236-7).</p>
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		<title>Die Simulation der Simulation</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Achim Bellgart]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>

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		<description><![CDATA[EIN AUGENZEUGENBERICHT VON DER PRIVATISIERUNG DER ARBEITSLOSENVERWALTUNG]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>EIN AUGENZEUGENBERICHT VON DER PRIVATISIERUNG DER ARBEITSLOSENVERWALTUNG</h3>
<p><a href="http://www.streifzuege.org/">Streifzüge</a> 30/2004</p>
<p><em>von Achim Bellgart</em></p>
<p><em>(Dieser Text ist ein Vorabdruck aus &#8220;Dead Men Working &#8211; Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs&#8221;, hg. von Ernst Lohoff u.a.)</em></p>
<p>Die Hartz-&#8221;Reformen&#8221; zielen bekanntlich darauf ab,die Kosten zu senken, die das allmähliche Verschwinden der Arbeit verursacht. Dazu gehört der Rausschmiss der Langzeitarbeitslosen aus der Arbeitslosenhilfe. Aber es kann auch noch zusätzlich gespart werden, denkt sich das Arbeitsamt. Und weil dessen Bürokraten sich inzwischen als Manager fühlen, haben sie schon was von kostensenkendem Outsourcing gehört. Gedacht, getan. Diejenigen, die gar nicht mehr zu vermitteln sind, sollen nicht mehr mit ihrer massenhaften Anwesenheit in den neuen Kundencentern der Bundesanstalt stören.</p>
<p><span id="more-667"></span>In Bremen muss seit Anfang 2003 ein Teil der Langzeitarbeitslosen die regelmäßige Meldung (früher hieß das Stempeln gehen) bei einem Unternehmen absolvieren. Die Simulationsmaschine Arbeitsamt wird von outgesourcten Dienstleistern nochmals simuliert. Die Vorladung der Firma verheißt neben der obligatorischen Drohung des Geldentzugs im Falle des Nicht-Erscheinens eine Informationsveranstaltung zum Thema Jobrecherche. Der Seminarraum des Mini-Unternehmens, das Coaching (wohl eher Ich-AG-Beratung) und Jobvermittlung betreibt, füllt sich nur zögerlich. Schließlich ist ungefähr die Hälfte der Vorgeladenen da, alle mit den Anfangsbuchstaben A und B. Alle mit den Buchstaben W bis Z fehlen. Das ist kein Wunder, bemerkt eine Frau, die ihrer zweiten Vorladung gefolgt ist, die erste kam zwei Tage nach der Veranstaltung an. Das betretene Schweigen des &#8220;Coachs&#8221;, Herrn P., nutzt ein kostenbewusster Arbeitsloser zu der Frage, ob dieses Procedere nicht viel teurer käme als das alte. Falsch, ist die Antwort, schon bei einer wegen Nichterscheinen verhängten Sperrfrist seien die Kosten der Veranstaltung drin, erfahrungsgemäß seien es mehr als eine.</p>
<p>Obwohl darauf hingewiesen wird, dass der nun folgende Informationsteil freiwillig ist, geht niemand. Das sollte sich für viele der Anwesenden als Enttäuschung herausstellen, für die anderen nicht, die haben sich glänzend amüsiert.</p>
<p>Zunächst dominiert Langeweile, zu oft haben die Teilnehmer die abgestandenen Tipps, wo Arbeitsplätze angeboten werden, gehört, zu sicher wissen sie, dass für sie nichts dabei ist. Auch das eingestreute Angebot, wer Herrn P. anmaile ,bekomme eine Link-Liste mit 200 (in Worten:zweihundert) Arbeitsplatz- Börsen im Internet zugeschickt, vermag niemanden vom Hocker zu reißen. Komischerweise wollten bisher erst drei Leute die Liste haben, mault der &#8220;Coach&#8221;.</p>
<p>&#8220;Ausgetretene Pfade verlassen!&#8221; &#8211; Die Ankündigung des neuen Kapitels mit Hilfe einer vermeintlich professionellen Power-Point-Präsentation reißt einige aus dem Dösen. Hier hat sich Herr P. einen besonderen Leckerbissen ausgedacht: Aus zuverlässigen Quellen weiß er, dass Arbeitsplätze, die wegen lang andauernder Krankheit oder gar wegen eines Todesfalles verwaist sind, aus Pietät nicht gleich öffentlich ausgeschrieben werden. Während im Falle der Krankheit nur die besonders Pfiffigen den zum Erfolg nötigen Riecher entwickeln, werden im anderen Falle, dank der Todesanzeigen von Belegschaften, die Informationen frei Haus geliefert. Wieder keine Begeisterung, nur die Nachfrage, ob das Arbeitsamt im Falle des Auffliegens einer sich aufdrängenden nicht völlig gewaltfreien Arbeitsbeschaffungsmaßnahme Rechtsbeistand gewähre.</p>
<p>Da der Elan der Anwesenden nicht zu weiteren Fragen reicht, ist die Präsentation viel schneller vorbei als die veranschlagten eineinhalb Stunden. Da Herr P. flexibel ist, folgen Informationen über Neuerungen im Sozialrecht, z.B.die Verschärfungen der Zumutbarkeits- Regelungen. Die sind manchmal unzumutbar, ereifert sich der Impresario und erzählt die wahre Geschichte einer Frau aus Ostfriesland, die einen Arbeitsplatz an der Unterweser angeboten bekam. Da die Nahverkehrsverhältnisse dort sehr schlecht sind, hätte sie zwar die 70 Kilometer nach Hause am Feierabend schon bis 21 Uhr geschafft, hätte aber schon um 19 Uhr für den Arbeitsbeginn am nächsten Morgen aufbrechen müssen. Da hätte er wie ein Löwe für diese Frau gekämpft (&#8220;Das habe ich gelernt, als ich noch bei der Gewerkschaft gearbeitet habe.&#8221;), mit dem Ergebnis, dass das Arbeitsamt der Frau einen Führerschein finanziert hätte. Für das Auto gingen dann zwar ihre Ersparnisse drauf, aber sie hätte einen Arbeitsplatz gehabt und &#8211; Kunstpause &#8211; hätte an eben demselben ihren Lebenspartner kennen gelernt. Erst hatte sie nichts, danach Führerschein, Arbeitplatz und Mann, alles dem Arbeitsamt und der famosen Vermittlungs-Firma zu verdanken.</p>
<p>Ob dieser Verarschung wird die Stimmung im Raum gereizter. Anlass für Herrn P., Mitleid zu erheischen. So hätten die Neuregelungen zur Umschulung zwar zu schmerzhaften Einschnitten in die Fortbildungsmöglichkeiten für Arbeitslose geführt. Darüber solle aber keinesfalls vergessen werden, dass diese Kürzungen allein in Bremen 300 Lehrkräfte im Weiterbildungsbereich arbeitslos gemacht hätte; bei rund 40.000 Arbeitslosen im Lande Bremen mache das immerhin fast ein Prozent Zuwachs aus. Jetzt ist die Geduld und die Humorfähigkeit der Anwesenden doch arg strapaziert, das Füßescharren wird intensiver. Der Unmut der Arbeitslosen bricht sich Bahn, die Bemerkungen bewegen sich zwischen &#8220;Alles Käse&#8221; und &#8220;Die da oben machen sowieso,was sie wollen&#8221;. Schließlich wird die naheliegende Erkenntnis ausgesprochen, dass das alles keinen einzigen Arbeitsplatz bringe. Ein Blick zur Uhr lässt Herrn P. kühn werden: &#8220;Doch, meinen!&#8221;. Die Veranstaltung ist beendet.</p>
<p>Die Wirkung eines solchen absurden Theaters auf die Betroffenen in Hinblick auf eine mögliche Gegenwehr dürfte eher gering ausfallen. Beim Rausgehen wurde sich ausgiebig empört über die Veranstaltung und wie mit einem überhaupt umgegangen werde. Dass sich in dieser Absurdität die Krise der Arbeitsgesellschaft ausdrückt und weniger die Krise der Arbeitsverwaltung, schien wenig zu interessieren. Schließlich müsse man ja von was leben. Also weiter nach einem Platz in der Maschinerie suchen, wenn schon nicht oben, wie von vielen mal erhofft, dann wenigstens irgendwo. Und wie dieses Suchen aussieht, machte einer vor dem Auseinandergehen ganz reformkonform deutlich: &#8220;Alles muss man selber machen.&#8221;</p>
<p>Beim Casting für die Billig-Jobs beim neuesten Bremer Pleite-Projekt Space Park, einer Event-Schmiere zum Thema Raumfahrt, drängelten sich Tausende.</p>
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		<title>Tote arbeiten länger</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Bernhard Redl]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>

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		<description><![CDATA[akin-Pressedienst der nichtkommerziellen Wiener Wochenzeitung &#8216;akin&#8217; 14. September 2004 Bernhard Redl Was bin ich? So hiess es früher bei Robert Lembke. Was bin ich? Sozialarbeiter, Netzwerkadministratorin, Buchhalter, Bauer, Politikerin. Was bist du? Auf diese Frage sagt niemand: 36 Jahre alt, ledig, Heimwerker, Tarockspieler, Tangotänzer, Biertrinker, Wiener, Zigarrenraucher, Warmduscher. Selbst wenn man nicht einer Lohn- oder [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>akin-Pressedienst</em><em></em><em> der nichtkommerziellen Wiener Wochenzeitung &#8216;akin&#8217;</em></p>
<p><em></em></p>
<p>14. September 2004</p>
<p><em>Bernhard Redl</em></p>
<p>Was bin ich? So hiess es früher bei Robert Lembke. Was bin ich? Sozialarbeiter, Netzwerkadministratorin, Buchhalter, Bauer, Politikerin. Was bist du? Auf diese Frage sagt niemand: 36 Jahre alt, ledig, Heimwerker, Tarockspieler, Tangotänzer, Biertrinker, Wiener, Zigarrenraucher, Warmduscher. Selbst wenn man nicht einer Lohn- oder Einkommensarbeit nachgeht, definiert man sich über den Beruf: Schülerin, Pensionist, Hausfrau oder arbeitslos. Das sind die gängigen Antworten.</p>
<p><span id="more-479"></span>So ist es kein Wunder, wenn ein Buch zur Arbeitsgesellschaft &#8220;Dead Men Working&#8221; heisst. Was sind wir schon ohne unsere Arbeit? Sind wir irgendwas? Existieren wir überhaupt? Und falls doch: Haben wir denn überhaupt ein Recht, zu existieren?</p>
<p>Der Buchtitel spielt natürlich auf den Ausspruch &#8220;Dead man walking&#8221; hin, jenen Ausruf, der in den USA Männer zur Hinrichtungsstätte begleitet, und der durch den gleichnamigen Film auch bei uns bekannt geworden ist. Man kann es auch so lesen: Wir sind schon tot, aber wir wissen es noch nicht, denn wir arbeiten ja noch. Die Arbeit tötet uns täglich und hält zugleich uns Tote auf einer untoten Existenzstufe, quasi &#8220;am Leben&#8221;.</p>
<p>Wir lieben unsere Arbeit &#8212; weil wir nichts anderes kennen, weil wir nicht anders können, weil wir es uns anders nicht leisten könnten, dieses Leben.</p>
<p>Doch die mutige, ja schöne neue Marktwirtschaft will nicht so ganz den Wohlstand für alle bringen. Überall kracht es im Gebälk. Dennoch: Die totale Entfesselung der Marktkräfte nach 1989, die &#8220;Empfehlungen&#8221; des IMF, die Logik der neuen Freiheit durch Deregulierung bleibt von der landläufigen Kritik unangetastet.</p>
<p>Die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes vergleichen in ihrem Vorwort die kapitalistische Arbeitsgesellschaft mit einer Kirche: &#8220;Die Doktrin darf nie das Problem sein, sondern stets nur mangelnde Konsequenz und fehlende Hingabe bei deren Umsetzung: insofern liegt es allemal allein an den Jüngern, durch mehr Opferwillen und Einsicht noch die Erlösung zu erlangen.&#8221; Das Volk muss endlich lernen, wie toll doch die Segnungen dieser neuen Freiheit sind und diese auch nützen und sich nur voll in die Arbeit knien, dann wird alles gut. Gehts der Wirtschaft gut, gehts uns allen gut. Oder so.</p>
<p>Da aber nicht alle so denken, müssen sie zu ihrem Glück gezwungen werden. Und das bedeutet, es müsse auch die letzten Nischen anderer Existenzen zugekleistert werden, damit sich niemand mehr darin verstecken kann: Erschwernisse beim Zugang zur Arbeitslosenunterstützung, Aufhebung von Zumutbarkeitsgrenzen, Infragestellung der Pensionen &#8212; das alles beim gleichzeitigen Trommelfeuer des Konsumterrors, bei den Versprechungen des warenförmigen Glücks, das man sich halt immer weniger wird leisten können, wenn man nicht an die Grenzen seiner Arbeitsfähigkeit geht</p>
<p>Dass die Linke dabei ziemlich schmähstad geworden ist, liegt nicht nur an der Frustration, die durch den Niedergang der Sowjetunion &#8212; die trotz allem doch noch als Gegenmodell erschien &#8212; ausgelöst wurde, sondern auch daran, dass sie ihre Kapitalkritik nur selten auch als Arbeitskritik verstehen konnte. Man wusste zwar schon, dass es ziemlich sinnlos ist, Waren zu produzieren, die eigentlich niemand braucht, nur um sich Waren leisten zu können, die man selber nicht braucht &#8212; und alles deswegen, damit einige wenige sich jene goldenen Nockerln leisten können, die diese offensichtlich doch fressen können. Aber so wirklich vom Arbeitsfetisch trennen wollen sich weite Teile der Linken immer noch nicht so recht. Denn der Proletarier galt doch immer als revolutionäres Subjekt und die Arbeit hatte neben der Revolution sein höchstes Ziel zu sein. Arbeitslosigkeit war ein Übel, Faulheit gar eine Sünde. Der Lumpenproletarier hatte ganz einfach das falsche Bewusstsein &#8212; denn nach der Revolution hatte die Sonn´ ohn Unterlass aufs Arbeiter- und Bauernparadies zu scheinen.</p>
<p>Eine Warnung: Das vorliegende Buch ist an vielen Stellen ähnlich polemisch wie diese Rezension. Und es ist auch ziemlich dick: 302 Seiten sind für diese Art der Lektüre und für unsere heute so schnellebige Zeit schon viel und der Rezensent gesteht: Er hat das Buch nicht ganz gelesen. Denn es ist kein Werk zum zügigen Durchlesen. Es ist ein Buch zum Schmökern. Da trifft staubtrockene Theorie auf pointierte Polemik, Texte zum Thema Jugend- und Siegerwahn auf Texte zum Thema Hatz auf &#8220;Arbeitsscheue&#8221;, der sehr persönliche Bericht einer arbeitslosen Geisteswissenschafterin auf die fast nüchterne Schilderung der gesellschaftlichen Akteptanz des Selbstmords wegen Arbeitslosigkeit in Japan.</p>
<p>Es ist ein Lesebuch, das man immer in die Hand nehmen kann, wenn man sich fragt: Wozu das alles? Und: Bin ich der einzige, der sich diese Frage stellt?</p>
<p>Es ist ein Buch, das vielleicht mit dazu beitragen kann, dass man sich dazu entschliesst, a) sein Leben und b) die Gesellschaft verändern zu wollen. Ob man es dann aber tatsächlich auch ernsthaft versucht, ist eine andere Frage. Das kann das Buch &#8212; wie alle anderen seiner Thematik &#8211; natürlich nicht leisten, das müssen wir schon selber tun.</p>
<p><a href="http://akin.mediaweb.at/2004/20/20buch.htm">http://akin.mediaweb.at/2004/20/20buch.htm</a><br style="mso-special-character:line-break" /> <br style="mso-special-character:line-break" /></p>
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		<title>Dead Men Working bestellen</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>

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		<description><![CDATA[Einladung zur Subskription]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Für Mitglieder des Förderverein Krisis: Einladung zur Subskription von</h3>
<p><em>Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria Wölflingseder (Hg.):</em></p>
<h4>Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs</h4>
<p>Die derzeit laufende Generalmobilmachung gegen den Sozialstaat, die zunehmenden Repressionen gegen Arbeitslose und Ausgegrenzte und die Forcierung eines breiten Sektors der Elendsarbeit sind noch nicht das letzte Wort einer Krisenverwaltung der Arbeits- und Warengesellschaft, die auch in den Zentren des Weltmarkts immer brutalere Züge annimmt. Längst ist klar, dass eine Rückkehr zur &#8220;Vollbeschäftigung&#8221; nie wieder gelingen wird, denn die rasante Entwicklung der Produktivität macht immer mehr Arbeit überflüssig. Diese Gesellschaft klammert sich aber an die entgegengesetzte Perspektive. Die immer rastlosere und bedingungslosere Verausgabung von Arbeit soll das Überflüssigwerden der Arbeit verhindern. Damit verwandelt sie potentiellen materiellen Überfluss und Reichtum an frei verfügbarer Zeit in Hetze, Verelendung und Ausgrenzung. Hohe Zeit, dieser globalen Verrücktheit, die sich für den Inbegriff von Vernunft hält, entgegenzutreten.</p>
<p>Mit Beiträgen von: Achim Bellgart, Lothar Galow-Bergemann, Martin Dornis, Andreas Exner, Marco Fernandes, Christian Höner, Karl-Heinz Lewed, Ernst Lohoff, Frank Rentschler, Erich Ribolits, Franz Schandl, Holger Schatz, Norbert Trenkle, Gaston Valdivia und Maria Wölflingseder.</p>
<p><strong>Mitglieder die jetzt bestellen, erhalten das Buch zum Preis von 10 Euro inkl. Versand</strong> (ca. 260 Seiten, Ladenpreis ca.16 Euro) gleich nach seinem Erscheinen Ende April 2004. Um uns die Arbeit zu erleichtern, ist die Bestellung nur gegen Vorauszahlung (Scheck oder Geldschein) möglich</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;</p>
<p>An den Förderverein Krisis, Postfach 21 11, 91011 Erlangen</p>
<p>Ich bestelle &#8230;.. Ex.  <strong>Dead Men Working</strong> zum Subskriptionspreis von 10 Euro (inkl. Versand)</p>
<p>Name &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;</p>
<p>Adresse  &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;</p>
<p>Datum/Unterschrift&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;</p>
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