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	<title>krisis &#187; Debatte mit Michael Heinrich zur Krise</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Weil nicht sein kann, was nicht sein darf</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2000 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte mit Michael Heinrich zur Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Über Michael Heinrichs Versuch, die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen – Diskussion mit Heinrich zur Krise]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><span class="zaehl"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/16c90d32b90c4821be64f3d908799207" width="1" height="1" alt=""></span><br />
<h3>
Über Michael Heinrichs Versuch, die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen</h3>
<p>Streifzüge 1/2000</p>
<p><em>von Norbert Trenkle</em></p>
<p>Michael Heinrich hat sich in den 90er Jahren den Ruf erworben, ein sehr guter Kenner der Marxschen Wert- und Krisentheorie zu sein. Sein Buch &#8220;Die Wissenschaft vom Wert&#8221;, das soeben in einer zweiten, erheblich erweiterten Ausgabe erschienen ist, gilt mittlerweile, zumindest in akademischen Kreisen, als einschlägiges Standardwerk. Darüberhinaus dient es auch als Referenz für eine Kritik an den in der <em>Krisis</em> entwickelten wertkritischen und krisentheoretischen Positionen. Dabei hat sich teils explizit, teils implizit eine etwas seltsame Gegenüberstellung eingebürgert. Heinrichs Werk gilt als &#8220;fundierte&#8221; und &#8220;ernsthafte&#8221; Auseinandersetzung mit dem Thema; der <em>Krisis</em>-Ansatz hingegen bleibe angeblich &#8220;oberflächlich&#8221;, theoretisch &#8220;indiskutabel&#8221; und empirisch völlig unbegründet. Allein der Einfluß, den dieser Ansatz derzeit im gesellschaftskritischen Diskurs hat, rechtfertige, daß man sich überhaupt zu einer Auseinandersetzung mit ihm herablasse.</p>
<p><span id="more-330"></span>Nun gehören solche Abwehrmechanismen zu den üblichen ebenso leicht durchschaubaren wie lächerlichen Verhaltensmustern etablierter theoretischer Zitierkartelle. Hinter ihnen verbirgt sich nicht viel mehr als der Versuch, die eigenen, brüchig gewordenen Paradigmen gegen Kritik zu immunisieren und noch eine Zeitlang über die Runden zu retten (sehr schön nachzulesen bei Kuhn 1976/1962). Frappierend ist dennoch der ungeheure Kontrast zwischen der vorgeblichen &#8220;Wissenschaftlichkeit&#8221; und der theoretischen Substanz vom dem, was da geboten wird. Selbst gemessen an den Standards der linksakademischen Publikationen der 70er Jahre aus dem Umfeld der Zeitschrift <em>PROKLA</em> (deren geschäftsführender Redakteur Heinrich heute ist), insbesondere aber des &#8220;Hegel-Marxismus&#8221; (Backhaus, Reichelt u.a.), stellt Heinrichs Buch einen eklatanten Absturz dar. Wenn das nicht wahrgenommen wird, dann nur, weil die Theorierezeption insgesamt diese Absturzbewegung mitgemacht hat.</p>
<p>Wie schwach schon Heinrichs Grundlegung der Werttheorie ist, wurde an dieser Stelle bereits von Franz Schandl und mir (&#8220;Was Wert ist. Zu Heinrich&#8221; F. Schandl, <em>Streifzüge</em> 2/99 bzw. &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise">Was ist der Wert? Was soll die Krise</a>&#8221; 3/98) angemerkt. Heinrich macht den Wert letztlich zu einer Kategorie der Zirkulationssphäre, deren Bezug zur Verausgabung abstrakter Arbeit einen bloß noch formalen Charakter hat, und konstruiert so (genau darauf kommt es ihm auch an) eine Kompatibilität zwischen der Marxschen Theorie und der positivistischen bürgerlichen Volkswirtschaftslehre. In der nächsten Ausgabe der <em>Streifzüge</em> werde ich mich damit anhand des ersten Teils der Neuausgabe seines Buches noch einmal ausführlicher beschäftigen und dabei vor allem die argumentativen &#8220;Tricks&#8221; unter die Lupe nehmen, mit denen Heinrich versucht, die Kritik der politischen Ökonomie zu positivieren und unschädlich zu machen. Hier möchte ich mich zunächst mit dem krisentheoretischen Kapitel auseinandersetzen, das in der Erstfassung des Buches noch nicht enthalten war.<a href="#1">1</a><a name="z1"></a></p>
<p>Heinrichs zentrales Anliegen ist es, jede zusammenbruchstheoretische Implikation aus der Marxschen Theorie herauszusäubern. Daß nicht sein kann, was nicht sein darf, steht als oberstes Gebot über allen seinen Erörterungen. Marx habe zwar gezeigt, die kapitalistische Produktionsweise sei ihrem Wesen nach krisenhaft, keinesfalls jedoch, daß sie aus ihrer eigenen inneren Dynamik heraus letztlich an eine absolute historische Schranke stoßen müsse. Einschlägige Aussagen, die eindeutig in diese Richtung weisen, sollen einer Phase der Ökonomiekritik entstammen, in der Marx den ganzen Zusammenhang noch nicht so recht durchschaute. &#8220;Diesen frühen Gedankenblitz&#8221; habe er dann aber &#8220;recht schnell ad acta&#8221; gelegt &#8211; &#8220;ganz im Unterschied zu manchen seiner Interpreten&#8221; (S. 350),<a href="#2">2</a><a name="z2"></a> wie Heinrich sich zu versichern beeilt. Im späteren Marxschen Werk dagegen fänden sich die &#8220;Elemente eines <em>allgemeinen</em> Krisenbegriffs &#8230;, der auch noch für eine Analyse der Krisenprozesse des 20. Jahrhunderts geeignet zu sein scheint. &#8230; Dieser allgemeine Krisenbegriff unterscheidet sich sowohl von der Vorstellung einer <em>Zusammenbruchskrise</em>, als auch von einem Verständnis der Krise als einem Moment der <em>zyklischen Ausgleichsbewegung</em>. Gegen die Vorstellung einer Zusammenbruchskrise wird festgehalten, daß Krisen <em>Lösungen</em>, wenn auch gewaltsame, von Widersprüchen sind: Gerade das Zerstörerische der Krisen ist für die kapitalistische Entwicklung ein produktives Moment&#8221; (S. 369).</p>
<p>Nähreres zur theoretischen Begründung diesen &#8220;allgemeinen Krisenbegriffs&#8221; erfahren wir von Heinrich nicht. Angedeutet wird nur (S. 344), daß er sich weitgehend mit jenem bekannten regulationstheoretischen Paradigma deckt, wonach es zu strukturellen Kriseneinbrüchen kommt, wenn ein bestimmtes &#8220;Akkumulationsmodell&#8221; (z.B. der Fordismus) an seine Grenzen stößt; womit immer nur die Durchsetzung eines neuen &#8220;Akkumulationsmodells&#8221; vorbereitet wird (vgl. zur Kritik Trenkle 1998). Insofern schwimmt Heinrich ganz im marxistischen Mainstream, zu dessen Grundüberzeugungen es immer schon gehört hat, daß Krisen stets bloße &#8220;Reinigungskrisen&#8221; innerhalb eines prinzipiell nicht davon erschütterten kapitalistischen Kontinuums sind. Den Nachweis, daß Marx einen solchen &#8220;allgemeinen Krisenbegriff&#8221; vertritt, muß Heinrich freilich schuldig bleiben. Dafür erteilt er sich gleich zu Beginn seiner Auseinandersetzung mit dem Problem die Generalabsolution, indem er nämlich behauptet, es sei unmöglich einen &#8220;konsistenten Kern Marxscher Krisentheorie&#8221; ausfindig zu machen, da nur &#8220;inhaltlich divergierende Ansätze vorliegen&#8221; (S. 342).<a href="#3">3</a><a name="z3"></a> Außerdem habe Marx noch gar keinen adäquaten Krisenbegriff entwickeln können, weil die kapitalistische Produktionsweise zu seinen Lebzeiten noch nicht ausreichend entwickelt gewesen sei, um sie &#8220;in ihrem idealen Durchschnitt&#8221; zu erfassen (S. 343).</p>
<p>Nun hängt die Richtigkeit einer kritischen Theorie des warenproduzierenden System natürlich nicht per se davon ab, ob sie sich mit den Marxschen Auffassungen deckt oder nicht. Wer aber wie Heinrich den Anspruch erhebt, an der Marxschen Theorie anzuknüpfen und sie weiterzuentwickeln, muß sich doch daran messen lassen, wie ernst er diese nimmt. Selbstverständlich kann und muß Marx ebenso kritisiert werden wie jeder andere Theoretiker auch. Daß jedoch das Marxsche Werk unabgeschlossen geblieben ist und bleiben mußte, Widersprüche aufweist<a href="#4">4</a><a name="z4"></a> und im übrigen in mancher Hinsicht seiner Zeit verhaftet bleibt, darf kein Freibrief dafür sein, ihm nach Belieben die eigene Lesart aufzuzwingen. Genau in dieser Weise verfährt Heinrich jedoch schon in &#8220;methodischer&#8221; Hinsicht. Die Tatsache, daß die Kritik der politischen Ökonomie natürlich nicht jenseits der Empirie entwickelt worden ist, dient ihm als Alibi, Marx ein empiristisch-induktives Erkenntnismodell zu unterschieben und somit seine Einsichten in das Wesen und die innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise grundsätzlich zu entwerten (übrigens ein nicht gerade neues Verfahren, um die Marxsche Theorie wahlweise für obsolet zu erklären oder durch äußerliche Anbauten zu &#8220;ergänzen&#8221;).</p>
<p>Zwar grenzt Heinrich sich verschiedentlich gegen eine positivistische Interpretation der Marxschen Theorie ab, doch sein Vorgehen spricht eine andere Sprache.<a href="#5">5</a><a name="z5"></a> Wollte er den eigenen Anspruch ernst nehmen, müßte er nachweisen, daß seit dem 19. Jahrhundert tatsächlich Entwicklungen stattgefunden haben, welche die kapitalistische Basislogik und insbesondere auch die Krisenlogik substantiell verändert haben. Was er jedoch anführt, ist auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt, nämlich auf der Ebene der kapitalistischen Binnengeschichte, der Durchsetzung, Totalisierung und Entfaltung der modernen Warenproduktion und ihrer institutionellen Ausdifferenzierung. Er spricht von &#8220;Faktoren&#8221; (schon der Begriff verrät alles), &#8220;wie die Struktur des nationalen Kapitals, die institutionellen Beziehungen des Bankensystems, die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit, die gesellschaftlichen Konsummuster oder die Rolle sozialstaatlicher Sicherungssysteme&#8221; (S. 344) und dergleichen mehr. Auch der typisch positivistische Einwand, Marx habe zu seinen Lebzeiten nur &#8220;Krisen innerhalb des industriellen Zyklus kennengelernt&#8221; (S. 343), strukturelle Krisen (wie die &#8220;Gründerzeitkrise&#8221; von 1873 ff.) hingegen zwar &#8220;noch genau registriert, theoretisch aber nicht mehr verarbeitet&#8221; (ebd.) zielt vollkommen am Problem vorbei. Denn seinen Krisenbegriff hat Marx eben gerade nicht aus der unmittelbaren Anschauung der Empirie gewonnen, sondern aus der theoretischen Einsicht in die grundsätzliche innere Widersprüchlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise, wie ich gleich noch ausführlicher zeigen werde. Die Frage, in welcher Form sich diese Widersprüchlichkeit in den Krisen des 19. Jahrhunderts ausgedrückt hat, steht auf einem anderen Blatt.</p>
<p>Seine Interpretation der Marxschen Krisentheorie kann Heinrich nur scheinplausibel machen, weil er geradezu gewaltsam mit den Marxschen Schriften verfährt. Er degradiert Marx nicht nur zum positivistischen Ökonomen, sondern blendet darüberhinaus auch auf der Ebene des vorliegenden Textmaterials systematisch alle Aussagen aus, die nicht in sein Bild passen. Was dann noch übrigbleibt, ist ein &#8220;Marx&#8221;, der nun wirklich kaum noch von Keynes zu unterscheiden oder jedenfalls voll und ganz mit diesem kompatibel ist. Auch auf die Gefahr hin, daß es mir als philologische Pedanterie ausgelegt wird, bleibt mir keine andere Wahl, als dieses Urteil zumindest an einigen zentralen Stellen exemplarisch zu verdeutlichen.</p>
<h4>Die Marxsche Zusammenbruchsdiagnose</h4>
<p>Beginnen wir mit jener bekannten Passage aus den <em>Grundrissen</em>, auf die ich oben schon angespielt habe. Marx insistiert dort darauf, daß der unauflösliche kapitalistische Selbstwiderspruch zwischen der Produktivkraftentwicklung und den Produktionsverhältnissen diese Verhältnisse früher oder später &#8220;in die Luft sprengen&#8221; (MEW 42, S. 602) muß. Denn der über die Konkurrenz vermittelte Zwang, beständig Arbeitskraft durch Sachkapital zu ersetzen, untergräbt letztlich das System der Verwertung des Werts, dessen Grundlage ja gerade die massenhafte Vernutzung von Arbeitskraft ist: &#8220;Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt&#8221; (a.a.O., S. 601). Ausdrücklich geht es dabei nicht um eine allgemeine Beschreibung der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung, sondern um deren Kulmination, um den Punkt, an dem die Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses in einen immanent nicht mehr aufhebbaren Konflikt mit dem Zwang zur Verwertung des Werts gerät. An diesem Punkt nämlich, sagt Marx, tritt der Arbeiter &#8220;neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein. In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eignen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper &#8230; die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint. Der <em>Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht</em>, erscheint miserable Grundlage gegen die neuentwickelte, durch die große Industrie selbst geschaffne. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. [...] Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen &#8230;&#8221; (MEW 42, S. 601).</p>
<p>An Deutlichkeit läßt diese, angesichts der damals noch wenig entwickelten Produktivkraft geradezu visionäre, Passage wenig zu wünschen übrig. Bemerkenswert ist vor allem, daß Marx hier ausdrücklich als Grund für den letztlich unvermeidlichen Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise die <em>absolute</em> Verdrängung lebendiger Arbeitskraft angibt, was nichts anderes bedeutet, als das Schrumpfen der gesamtgesellschaftlich produzierten Wert- und Profit<em>masse</em>. Genau über diesen Punkt hat die gesamte marxistisch inspirierte krisentheoretische Debatte stets hinweggesehen und sich stattdessen auf das Theorem vom tendenziellen Fall der Profit<em>rate</em> fixiert. Auch Heinrich macht hier keine Ausnahme. Indem er dieses Theorem vermeintlich widerlegt (ich werde darauf noch zurückkommen), glaubt er auch die Basis <em>jeder</em> Zusammenbruchstheorie widerlegt zu haben und bemerkt gar nicht, daß er damit am Kernproblem vorbeizielt. Entscheidend ist nämlich nicht, ob der <em>relative</em> Anteil des Profits pro eingesetzem Kapital sinkt, wenn sich die &#8220;organische Zusammensetzung des Kapitals&#8221; erhöht, also sich das wertmäßige <em>Verhältnis</em> von Arbeit und Sachkapital zugunsten des letzteren verschiebt; denn es gibt keinen logisch zwingenden Grund dafür, weshalb die Kapitalakkumulation zum Erliegen kommen sollte, wenn im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt (und von dem ist hier ja immer die Rede) statt sagen wir 10 Prozent nur noch 5 Prozent oder 1 Prozent Gewinn erzielt werden. Solange nur das angewandte gesellschaftliche Gesamtkapital schneller wächst als die Durchschnittsprofitrate sinkt, bleibt das Kapital als gesellschaftliches Gesamtverhältnis auf Expansionskurs. Wenn hingegen im Zuge einer umfassenden Verwissenschaftlichung der Produktion die <em>absolute</em> Anzahl der vernutzten Arbeitskräfte im gesamtgesellschaftlichen Maßstab sinkt, die Produktivkraftentwicklung also Arbeit im säkluaren Trend überflüssig macht, dann greift dies die Grundlage des Verwertungssystems an.</p>
<p>Heinrich hält diesen Gedanken offenbar für so abwegig, daß er bei Marx einfach nicht vorkommen darf.<a href="#6">6</a><a name="z6"></a> Da er aber die entsprechende Passage aus den <em>Grundrissen</em> ob ihrer Bekanntheit nicht einfach übergehen kann, muß sie wenigstens, gegen ihren Wortlaut, auf ungefährliches Normalmaß zurechtgestutzt werden. Was Marx hier beschreibe, sei nichts anderes, als die im <em>Kapital</em> analysierte &#8220;immanente Tendenz des Kapitals zur Steigerung des relativen Mehrwerts&#8221; (S. 350) und die gehöre ja nun einmal zum ganz normalen Funktionieren des Kapitalismus dazu. &#8220;Der &#8216;processierende Widerspruch&#8217; (Reduktion der Arbeitszeit auf ein Minimum, obwohl Arbeitszeit Maß des Wertes ist), von dem Marx in den <em>Grundrissen</em> so frappiert war, daß er gleich die ganze, auf dem Tauschwert beruhende Produktion zusammenbrechen sah, ist jetzt (im <em>Kapital</em>; N.T.) auf ein in der Theoriegeschichte aufgetretenes &#8216;Räthsel&#8217; geschrumpft, mit dem bereits Quesnay seine Gegner geqäult habe &#8230;, das allerdings leicht zu begreifen sei, wenn man berücksichtigt, daß es den Kapitalisten nicht um die absolute Wertgröße der Ware, sondern um den in ihr steckenden Mehrwert gehe. Die angeführte Zusammenbruchsthese beruhte in den <em>Grundrissen</em> auf einer unzureichenden Auffassung der <em>kapital</em>istischen Produktionsweise&#8221; (ebd.). Fast muß man sich fragen, ob Heinrich die Stelle eigentlich gelesen hat. Denn dort geht es leicht erkennbar überhaupt nicht um die &#8220;absolute Wertgröße der Ware&#8221;, sondern darum, daß die Arbeitszeit als Grundlage des kapitalistischen <em>Gesamtprozesses</em> obsolet wird, mithin also die gesamtgesellschaftlich dargestellte <em>Wertmasse</em> schrumpft. Marx dürfte sich stets über die grundlegende Differenz zwischen der einzel- und gesamtkapitalistischen Ebene im Klaren gewesen sein und er argumentiert an dieser Stelle eindeutig auf der Ebene des Gesamtkapitals. Heinrich dagegen springt in seiner Argumentation unvermittelt zum einzelkapitalistischen Standpunkt, der in diesem Zusammenhang nichts zu suchen hat. Fragt sich, wer hier die kapitalistische Produktionsweise nur &#8220;unzureichend durchschaut&#8221;.</p>
<p>Wenn Heinrich dann fortfährt: &#8220;Das Argument, daß die Verbilligung der Waren aufgrund der Produktivkraftentwicklung zum Zusammenbruch des Kapitalismus führen würde, taucht bei Marx nie wieder auf&#8221; (ebd.), dann stimmt das nur insofern, als ein solches Argument bei Marx schlechterdings niemals auftaucht. Die Zusammenbruchsdiagnose im Sinne der oben zitierten Stelle hingegen, hält er bis zum Schluß aufrecht &#8211; auch im <em>Kapital</em>, das Heinrich gegen die Grundrisse ausspielt. Deutlich wird das etwa in folgender Passage aus Kapital III, die ich wegen ihrer zentralen Bedeutung noch einmal ausführlich zitieren möchte. Marx schreibt dort: &#8220;Die <em>wahre Schranke</em> der kapitalistischen Produktion ist das <em>Kapital selbst</em>, ist dies: daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint; daß die Produktion nur Produktion für das <em>Kapital</em> ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die <em>Gesellschaft</em> der Produzenten sind. Die Schranken, in denen sich die Erhaltung und Verwertung des Kapitalwerts, die auf der Enteignung und Verarmung der großen Masse der Produzenten beruht, allein bewegen kann, diese Schranken treten daher beständig in Widerspruch mit den Produktionsmethoden, die das Kapital anwenden muß und die auf unbeschränkte Vermehrung der Produktion, auf die Produktion als Selbstzweck, auf unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit lossteuern. Das Mittel &#8211; unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte &#8211; gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck der Verwertung des vorhandnen Kapitals. Wenn daher die kapitalistische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser ihrer historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen&#8221; (MEW 25, S. 260).</p>
<p>Da auch in dieser Passage Tacheles geredet wird, kommt Heinrich nicht umhin, sich mit ihr zu beschäftigen &#8211; in der oben schon bewährten Weise, versteht sich. Zunächst zitiert er sie bloß unvollständig, indem er den mittleren Satz (&#8220;Die Schranken, in denen sich &#8230; der Arbeit lossteuern&#8221;) und den letzten Satz (&#8220;Wenn daher die &#8230; Produktionsverhältnisse&#8221;) einfach ausläßt. Das ist auch nur konsequent, denn sonst wäre es allzu offensichtlich, daß sein lapidarer Kommentar dazu sich mit dem Text einfach nicht verträgt: &#8220;Die &#8216;Schranke&#8217; von der hier die Rede ist, meint jedoch keine absolute Entwicklungsschranke der kapitalistischen Produktion, bei deren Erreichen irgendein katastrophischer Zusammenbruch stattfinden würde, sondern die <em>Begrenztheit des Zwecks kapitalistischer Produktion</em>, und diese Begrenztheit existiert ganz unabhängig von einer stärkeren oder schwächeren Akkumulation&#8221; (S. 360; Hervorheb. N.T.). Heinrich versucht also die Brisanz der Marxschen Aussage dadurch zu entschärfen, daß er sie zu dem Allgemeinplatz macht, der Zweck der kapitalistischen Produktion sei nun einmal &#8220;begrenzt&#8221;. Dabei zeigt selbst ein nur flüchtiges Lesen, daß Marx die Beschränktheit des kapitalistischen Produktionszwecks hier als bereits bekannt voraussetzt und als ein <em>Moment</em> des fundamentalen Selbstwiderspruchs benennt, dessen <em>Entfaltung</em> jene Schranke(n) erst hervorbringt. Das geht schon aus dem von Heinrich verstümmelten Zitatfragment hervor, doch insbesondere die nicht wiedergegebenen Sätze lassen keinen Zweifel daran. Hier ist nämlich (wie schon in den <em>Grundrissen</em>) die Rede vom &#8220;beständige(n) <em>Widerspruch</em>&#8221; zwischen dem kapitalistisch-inhärenten Zwang, die <em>Produktivkraft permanent zu steigern</em> und damit lebendige Arbeitskraft zu verdrängen und dem <em>beschränkten Selbstzweck der Produktion</em>, der Verwertung des Werts, der sich nur durch die ständig erweiterte Vernutzung von Arbeitskraft realisieren läßt.</p>
<p>Damit ist nicht nur eine eindeutige krisentheoretische Aussage gemacht &#8211; was Heinrich mit seiner banalisierenden Interpretation schlicht abstreitet; darüberhinaus versteht es sich im Kontext der an Hegels Philosophie orientierten Marxschen Begrifflichkeit,<a href="#7">7</a><a name="z7"></a> auch von selbst, daß ein <em>beständiger</em> Widerspruch letztlich zu einer <em>endgültigen</em> Aufhebung und damit in diesem Fall zur Sprengung der herrschenden Produktionsverhältnisse drängt.<a href="#8">8</a><a name="z8"></a> Dies erschließt sich übrigens besonders deutlich aus dem Satz, der dem Zitierten unmittelbar vorangeht und den Heinrich wohl nicht zufällig ebenfalls unter den Tisch fallen läßt: &#8220;Die kapitalistische Produktion strebt beständig, diese ihr immanenten Schranken zu überwinden, aber sie überwindet sie nur durch Mittel, die ihr diese Schranken aufs neue und auf gewaltigerm Maßstab entgegenstellen&#8221; (MEW 25, S. 260). Keinesfalls ist hier also eine endlose Kette wiederkehrender Eruptionen des Widerspruchs zwischen Produktivkraftentwicklung und Produktionsverhältnissen gemeint, der eine ebenso endlose Kette aufeinanderfolgender &#8220;Akkumulations- und Regulationsmodelle&#8221; entspricht, wie Heinrich in Anlehnung an die Regulationstheorie behauptet. Vielmehr ist jede bloß temporäre Aufhebung des Widerspruchs gleichbedeutend mit seiner Reproduktion auf historisch <em>höherem Niveau</em> (oder auf &#8220;höherer Stufenleiter&#8221; wie Marx sich häufig ausdrückt<a href="#9">9</a><a name="z9"></a>), also mit seiner säkularen <em>Zuspitzung</em>. Damit ist zwar noch nicht gesagt, <em>wann</em> der Punkt erreicht ist, an dem dieser Prozeß eklatiert, aber doch jedenfalls <em>daß</em> es ihn gibt. Deshalb ist es wohl auch kein Zufall, daß im folgenden (oben zitierten) Satz nicht mehr von &#8220;den Schranken&#8221; (im Plural) die Rede ist, sondern es im Singular heißt: &#8220;Die <em>wahre Schranke</em> der kapitalistischen Produktion ist <em>das Kapital</em> selbst&#8221; (s.o.).<a href="#10">10</a><a name="z10"></a></p>
<p>Offenbar ist Heinrich sehr daran gelegen, diese Passage zu entschärfen, denn er schiebt noch eine zusätzliche völlig sinnverdrehende Interpretation nach. Zunächst einmal wird wieder Friedrich Engels zum bösen Buben abgestempelt, der erst durch einen Einschub in seiner Edition der Marxschen Textes eine zusammenbruchstheoretische Lesart der zitierten Stelle nahegelegt haben soll (was nicht einmal der Gliederung nach einsichtig ist, weil sich der Einschub, den Heinrich hier zitiert, erst 13 Seiten später in einem von Engels mit &#8220;Nachträge&#8221; überschriebenen Abschnitt findet). Dort steht jedoch das genaue Gegenteil dessen, was Marx schreibt. Engels behauptet hier nämlich (MEW 25, S. 272 f.), die kapitalistische Produktionsweise erweise sich zunehmend als <em>Hemmschuh</em> für die Produktivkraftentwicklung und werde insofern ihrem &#8220;historischen Beruf&#8221; untreu. Wäre diese Behauptung richtig, würde das gerade die <em>Sistierung</em> des von Marx aufgezeigten Widerspruchs bedeuten und eben nicht dessen Reproduktion und Zuspitzung auf immer höherem Niveau. Engels spricht insofern ganz konsequent keinesfalls von einem bevorstehenden <em>Zusammenbruch</em> der kapitalistischen Produktionsweise, sondern sagt vielmehr, diese beweise &#8220;damit nur aufs neue, daß sie altersschwach wird und sich mehr und mehr überlebt.&#8221; (ebd.). Was hier anklingt, ist eine Interpretation der kapitalistischen Entwicklung, wie sie später im Gefolge von Lenins Imperialismustheorie zum marxistischen Allgemeingut werden sollte: Danach zerbricht der Kapitalismus nicht an der ihm inhärenten widersprüchlichen Dynamik, sondern &#8220;verfault&#8221;, weil diese Dynamik (durch die angebliche Monopolisierung) blockiert worden ist &#8211; eine Blockade, die durch die proletarische Revolution überwunden werden soll.<a href="#11">11</a><a name="z11"></a> Heinrich schert sich nicht weiter darum, sondern setzt Engels Pseudo-Zusammenbruchstheorie einfach mit der Marxschen Prognose identisch, um sich ihr so auf die billigste Weise entledigen zu können.<a href="#12">12</a><a name="z12"></a> Beruhigt kann er nach diesem Interpretations-Salto feststellen: &#8220;&#8230; eine &#8216;Zusammenbruchstheorie&#8217; läßt sich mit dem Marxschen Manuskript zum dritten Band des <em>Kapital</em> jedenfalls nicht begründen&#8221; (S. 360).</p>
<h4>Fall der Profitrate und Schrumpfen der Wertmasse</h4>
<p>Das Problem einer schrumpfenden Profitmasse kommt bei Heinrich nur in einem einzigen Kontext vor, dem einer <em>zyklischen</em> Überproduktions- oder Überakkumulationskrise (vgl. S. 361 f.). In diesem Fall gerät die Akkumulation ins Stocken, weil die industrielle Reservearmee gegen Null sinkt, also sich das Arbeitskräftereservoir in einem bestimmten ökonomischen Bezugsrahmen erschöpft hat und deshalb keine zusätzliche Mehrwertproduktion mehr möglich ist (vgl. MEW 25, S. 261 f.). Nun steht außer Frage, daß sich solche Konstellationen regelmäßig auf dem Höhepunkt kurzfristiger konjunktureller ebenso wie langfristiger struktureller Zyklen herstellen bzw. hergestellt haben (z.B. gegen Ende des fordistischen Booms in den 60er Jahren). Allerdings ist dies nur eine von zwei grundsätzlich verschiedenen Formen der Überakkumulation von Kapital, die in ihren Ursachen geradezu konträr sind. In der von Heinrich erörterten Form ist die Akkumulationsdynamik als solche ungebrochen, sie stößt jedoch an die ihr gegenüber <em>äußerliche </em>Grenze des Mangels an Arbeitskräften. In der zweiten Form, die Heinrich vorsichtshalber nicht einmal erwähnt, weil sie auf jene Problemebene verweist, die er systematisch ausblendet, resultiert die Grenze der Akkumulation aus dem (oben erläuterten) <em>inneren</em> Selbstwiderspruch der kapitalistischen Logik: die Verwertungsbasis schmilzt ab, weil im Zuge der beschleunigten Produktivkraftentwicklung Arbeitskraft zunehmend und absolut durch Sachkapital und die Anwendung von Wissenschaft ersetzt wird. Überakkumulation von Kapital (also das Fehlen zusätzlicher Anlagemöglichkeiten) geht deshalb in diesem Fall auch paradoxerweise einher mit einem zunehmenden &#8220;<em>Überfluß</em>&#8221; an kapitalistisch vernutzbarer Bevölkerung.<a href="#13">13</a><a name="z13"></a></p>
<p>Wenn Heinrich dieser Zusammenhang bisher noch nicht einsichtig geworden sein sollte, müßte ihm doch zumindest aufgefallen sein, daß Marx auch an der hier diskutierten Stelle ausdrücklich zwischen zwei völlig unterschiedlichen Varianten von Überakkumulation unterscheidet. Seine Erläuterungen zur <em>zyklischen Überakkumulation</em> leitet er mit dem Satz ein: &#8220;In <em>beiden Fällen</em> fände auch ein starker und plötzlicher Fall der allgemeinen Profitrate statt, diesmal aber wegen eines Wechsels in der Zusammensetzung des Kapitals, <em>der nicht der Entwicklung der Produktivkraft geschuldet wäre</em>, sondern einem Steigen des Geldwerts des variablen Kapitals (wegen der gestiegenen Löhne)&#8221; (MEW 25, S. 262; Hervorheb. N.T.). Wie schon gewohnt, zitiert Heinrich diesen Satz bloß halb, um dann einfach über die darin aufgemachte Differenz hinweg zu gehen. Übrig bleibt jener Fall der Überakkumulation, der sich mühelos in sein Schema vom ewigen Leben des Kapitalismus einordnen läßt: die wiederkehrende Krise, die im wesentlichen durch die Vernichtung von Kapital, die Erhöhung der Produktivität und die Freisetzung von Arbeitskräften überwunden werden kann. Darüberhinaus hat dieser Reduktionismus auch noch den Vorteil, daß er ohne weiteres mit dem alten Klassenkampfdenken zusammenpaßt, das, wenn auch nur mehr als Schatten seiner selbst noch durch Heinrichs Buch spukt (z.B. S. 361 oder S. 370).<a href="#14">14</a><a name="z14"></a></p>
<p>Nachdem Heinrich das Problem der Überakkumulation und des Schrumpfens der Wert- und Profitmasse auf diese Weise entsorgt hat, vermeint er noch das &#8220;Theorem vom tendenziellen Fall der Profitrate&#8221; widerlegen zu können, mit dem sich die marxistische Krisentheorie seit Generationen mehr oder weniger erfolglos abgequält hat. Nun läßt sich, wie schon gesagt, mit diesem Theorem der Kern der Zusammenbruchsdiagnose ohnehin nicht erfassen (vgl. dazu auch Lohoff 2000), weshalb Heinrich schon im Ansatz falsch liegt. Darüberhinaus ist aber sein Widerlegungsversuch (S. 327 &#8211; 341) bezeichnend für seine positivistische und formalistische Vorgehensweise, die sich nur wenig vom Modellplatonismus der neoklassischen Mikroökonomie unterscheidet. Da sich aufgrund der &#8220;entgegenwirkenden Ursachen&#8221; eine Entwicklungsrichtung der Profitrate nicht formal eindeutig bestimmen läßt, führt er die zusätzliche Bedingung ein, wonach eine neue Produktionsmethode nur dann angewandt wird, wenn der Aufwand an zusätzlichem konstanten Kapital kleiner ist, als die Einsparung an variablem Kapital. Als formal-logische Konsequenz daraus ergibt sich, knapp gesagt, daß die organische Zusammensetzung des Kapitals (also das Verhältnis von c zu v) langsamer wächst als die Mehrwertrate, weshalb dann die Profitrate im langfristigen Trend nicht etwa fällt, sondern steigt (vgl. S. 337 &#8211; 340). Verwunderlich ist dieses Ergebnis nicht, denn wie immer bei solchen Modellrechnungen kommt genau das heraus, was zuvor in der Gestalt von &#8220;Annahmen&#8221; hineingelegt wurde. Verwunderlich ist allerdings schon, daß Heinrich wirklich glaubt, damit das Problem gelöst zu haben. Sein &#8220;Beweis&#8221;, so schränkt er freilich ein, gelte nur &#8220;auf der von Marx gewählten Abstraktionsebene&#8221; (S. 339); dagegen lasse sich &#8220;ein Fall der Profitrate &#8230; erst plausibel machen, wenn wir diese Abstraktionsstufe verlassen&#8221; (S. 340). Doch was dann folgt ist kein &#8220;Verlassen&#8221;, sondern ein regelrechter Absturz. Heinrich landet nämlich bei einer hundsordinären Verteilungsrechnung, wonach die Höhe des Gewinns letztlich von nichts anderem abhängt als von der Höhe des Lohns. Damit wäre es ihm mal wieder gelungen, nach einem aufwendigen Umweg über die unverstandenen Marxschen Kategorien wieder dorthin zu gelangen, wo die bürgerliche Volkswirtschaftslehre immer schon war und wohin es im übrigen auch den traditionellen Marxismus mit stets verschlagen hat.</p>
<p>Man muß wohl annehmen, daß Heinrich sich auf der &#8220;von Marx gewählten Abstraktionsebene&#8221; nicht zurechtfindet und es ihm deshalb nicht weiter auffällt, daß er in seiner Modellrechnerei wieder einmal <em>ein partielles einzelkapitalistisches Kalkül</em> unzulässigerweise auf die Ebene des gesellschaftlichen Gesamtkapitals hochrechnet. Daß dieses Kalkül auf der <em>betriebswirtschaftlichen </em>Ebene eine gewisse Rolle bei kurzfristigen Investitionsentscheidungen spielt, ist natürlich richtig. Allerdings steht es dabei ständig mit anderen Motiven im Konflikt, die über die Konkurrenz immer schon mit dem makroökonomischen Zusammenhang vermittelt sind (und die Marx im übrigen teilweise auch benennt): so etwa Strategien der Markteroberung oder der schlichte Zwang, im technologisch-organisatorischen Wettbewerb mitzuhalten. Insbesondere in Situationen eines Umbruchs auf der Ebene der <em>Basistechnologien</em> (wie etwa im Zuge der mikroelektronischen Produktivkraftrevolution) kann es sich kein am Weltmarkt agierender Betrieb leisten, die entsprechenden Innovationen nicht einzuführen, auch auf das Risiko hin, kurzfristig Verluste zu machen.<a href="#15">15</a><a name="z15"></a> Weiterhin stehen auch andere Momente, wie z.B. Ungleichzeitigkeiten in der Produktivkraftentwicklung zwischen unterschiedlichen Produktionssektoren und Weltregionen, dem Versuch entgegen, einzelkapitalistische Rentabilitäts-Entscheidungen einfach linear und formalistisch auf die Ebene des Gesamtkapitals hochzurechnen. Viel wichtiger aber ist, daß Heinrich in seiner Rechnung die entscheidende Ebene der allgemeinen Rahmenbedingungen der fortgeschrittenen Produktivkraftentwicklung (Verkehrsinfrastruktur, Forschung und Entwicklung, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem, Kommunikationswesen, militärische und polizeiliche Absicherung, Verwaltung der allgemeinen Angelegenheiten usw.) gar nicht berücksichtigen kann, die jeder einzelnen Investitionsentscheidung immer schon vorausgesetzt ist und zugleich als &#8220;faux frais&#8221; (in Gestalt von &#8220;Overheadkosten&#8221;, Steuern, Abgaben und gesetzlichen Auflagen) auf ihr lastet. Es heißt, die Marxsche Theorie grundsätzlich mißzuverstehen, wenn man versucht, all diese verschiedenen Momente zu formalisieren und in ein mathematisches Modell mit einer eindeutigen Lösung pressen.</p>
<p>Abgesehen davon <em>kann</em> die Profitrate durchaus steigen, obwohl <em>gleichzeitig</em> die Wert- und die Profitmasse abnehmen, die Grundlage der Kapitalverwertung also unterhöhlt wird. Denn zwar liegt beiden Entwicklungen grundsätzlich der gleiche kapitalistische Selbstwiderspruch zugrunde, doch besteht keine lineare Beziehung zwischen ihnen, in dem Sinne, daß eine nach und nach fallende Profitrate auf Seiten der fungierenden Kapitalien ab einem gewissen Punkt in eine schrumpfende Wert- und Profitmasse übergehen würde. Vielmehr sind sowohl gleich- als auch gegenläufige Bewegungsrichtungen möglich und üblich.<a href="#16">16</a><a name="z16"></a> Der Grund dafür liegt auf der Hand: Bei der Profitrate handelt es sich um eine <em>relative Zahl</em> (das gesamtgesellschaftliche Verhältnis von Profit und eingesetztem Kapital), bei Profit- und Wertmasse hingegen um <em>absolute</em> Größen. Ich hatte oben schon darauf hingewiesen, daß eine fallende Profitrate auf der Ebene des Gesamtkapitals nicht unbedingt zum Problem gerät, solange es gelingt, neue, zusätzliche Sektoren der massenhaften Anwendung lebendiger Arbeitskraft auf dem gegebenen Produktivkraftniveau zu erschließen und damit die Akkumulationsbasis insgesamt zu erweitern. Auch wenn die relativen Gewinne sinken, finden sich unter diesen Voraussetzungen immer wieder zusätzliche Möglichkeiten für die verwertungsträchtige Anlage von neu akkumuliertem Kapital.</p>
<p>Die &#8220;entgegenwirkenden Ursachen&#8221; (genauer müßte es eigentlich heißen: entgegenwirkende Momente), insbesondere die Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals, die Steigerung der Mehrwertrate und die Erhöhung der Umlaufgeschwindigkeit des Kapitals, können freilich auch eine Erhöhung der Profitrate bewirken, während gleichzeitig die Profitmasse zunimmt. Umgekehrt kann aber von einem Steigen der Profitrate <em>nicht</em> zwingend auf ein Wachstum von Wert- und Profitmasse geschlossen werden. Denn im Zuge eines säkularen Abschmelzens der wertproduktiven Arbeitskraftvernutzung können ja diejenigen Kapitalien, die noch im Rennen bleiben, duchaus eine hohe Profitrate erzielen. Das wäre dann der Fall, wenn die Vernichtung von Wert überwiegend durch die Verdrängung nicht mehr profitabler Einzelkapitalien (bis hin zur Entwertung ganzer Weltregionen) vermittelt ist und nun dem insgesamt geschrumpften Kapital eine zwar <em>absolut</em> geschrumpfte Profitmasse gegenübersteht, die aber bezogen auf das übriggebliebene Kapital eine gleichbleibende oder sogar gestiegene Profit<em>relation</em> ergibt.<a href="#17">17</a><a name="z17"></a> Allerdings vollzieht sich eine solche Entwicklung nicht linear, sondern in diskontinuierlichen Schüben und mit Verlusten oder Gewinneinbußen auch für die zunächst überlebenden Kapitalien, die aber dann zumindest temporär wieder ihre Profitraten steigern können. Wer daher die vermeintlich oder tatsächlich hohen Gewinne des fungierenden Kapitals als Beleg für die angebliche Lebenskraft der modernen Warenproduktion heranzieht, verwechselt die partikulare einzelkapitalistische Perspektive mit einer kritischen Analyse des kapitalistischen Gesamtzusammenhangs &#8216; und nur um die kann es hier ja gehen.</p>
<h4>Kreditkrise und fiktives Kapital</h4>
<p>Es gehört zu den großen Leistungen von Marx, in einer von seinen Epigonen nie wieder erreichten Klarheit den Zusammenhang zwischen dem Kredit- und Geldsektor und der Sphäre der Realakkumulation in seinen wesentlichen (und dazu gehören auch die krisenhaften) Vermittlungen analysiert zu haben. Freilich ist auch diese Analyse, wie vieles in seinem Werk, ein Torso geblieben und natürlich konnte sie die späteren Entwicklungen und institutionellen Ausdifferenzierungen nicht vorwegnehmen. Ihre Stärke beweist sie jedoch gerade darin, daß sie auch heute noch ein äußerst brauchbares Instrumentarium liefert, um die Entwicklungen an den Geld- und Finanzmärkten in ihrem Kern zu begreifen (vgl. dazu etwa Kurz 1995 und Lohoff 1995). Es erstaunt daher zunächst ein wenig (wenn man sich das Staunen bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgewöhnt hat), daß Heinrich behauptet: &#8220;Da Marx in seinen krisentheoretischen Ansätzen die Frage nach dem Verhältnis von Produktion und Kredit nicht mehr explizit aufgenommen hat, ist seine Krisentheorie nicht nur in einem quantitativen Sinne unabgeschlossen (insofern ein Teil fehlt), sondern vor allem in einem <em>systematischen</em> Sinn unvollständig und auch nicht in eindeutiger Weise oder mit dem Anspruch auf &#8216;Authentizität&#8217; zu vervollständigen&#8221; (S. 368). Diese Behauptung ist schlicht und einfach falsch. Denn auch wenn es stimmt, daß die Marxschen Untersuchungen über den Zusammenhang von Kredit und Realakkumulation nicht in einer in sich geschlossenen Gesamtdarstellung vorliegen (obwohl das Wichtigste wohl immerhin in <em>Kapital III</em>, allerdings verstreut über mehrere Kapitel, zu finden ist), so erschließt sich doch im kritisch-verstehenden Nachvollzug (um &#8220;Authentizität&#8221; geht es ohnehin nicht) eine weitgehend kohärente Analyse.</p>
<p>Heinrich verschließt sich dieser Zusammenhang, weil er die Marxschen Erörterungen über das Geld- und Kreditsystem vollkommen eindimensional wahrnimmt. Den Kredit reduziert er im wesentlichen auf seine Funktion, durch die Konzentration von Geldkapital und durch zusätzliche Geldschöpfung eine erweiterte und flexiblere Akkumulation von Kapital zu gewährleisten, was er bezeichnenderweise die &#8220;Steuerungsfunktion des Kreditwesens&#8221; nennt &#8211; vermutlich um sich so die Kompatibilität mit dem Keynesianismus und der Regulationstheorie zu bewahren (vgl. S. 299 &#8211; 305). Nun ist das aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die zwangsläufige Verselbständigung des Kredit- und Spekulationsüberbaus im Zuge eines jeden Krisenprozesses. Das heißt natürlich nicht, daß die Aufblähung von Kredit- und Spekulation die Ursache kapitalistischer Krisen wäre &#8211; die muß vielmehr immer auf der Ebene der Realakkumulation gesucht werden; sie ist aber ein notwendiges Moment jeder Krise und zwar in doppelter Hinsicht: Zunächst dienen Kredit und Spekulation dazu, den Kriseneinbruch aufzuschieben, weil sie fiktive Anlagemöglichkeiten für überschüssiges (also: überakkumuliertes) Kapital schaffen und gleichzeitig wertmäßig ungedeckte Kaufkraft schöpfen; letztlich führt das jedoch zu einer Krisenverschärfung, weil mit dem Platzen der Finanzblase auf einen Schlag ein ungeheures Entwertungspotential realisiert wird.</p>
<p>Diesen Zusammenhang macht Marx mehrfach explizit. So etwa an folgender Stelle: &#8220;Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar. Und in der Tat handelt es sich nur um die Konvertibilität der Wechsel in Geld. Aber diese Wechsel repräsentieren der Mehrzahl nach wirkliche Käufe und Verkäufe, deren das gesellschaftliche Bedürfnis weit überschreitende Ausdehnung schließlich der ganzen <em>Krisis</em> zugrunde liegt&#8221; (MEW 25, S. 507). Noch etwas deutlicher wird er in einem geradezu frappierend aktuell wirkenden Kommentar zur Handelskrise von 1857 in der &#8220;New York Daily Tribune&#8221;: &#8220;Wenn Spekulation gegen Ende einer bestimmten Handelsperiode als unmittelbarer Vorläufer des Zusammenbruchs (crash) auftritt, sollte man nicht vergessen, daß die Spekulation selbst in den vorausgehenden Phasen der Periode erzeugt worden ist und daher selbst ein Resultat und eine Erscheinung (accident) und nicht den letzten Grund und das Wesen (the final cause and the substance) darstellt. Die politischen Ökonomen, die vorgeben, die regelmäßigen Zuckungen (spasms) von Industrie und Handel durch Spekulation zu erklären, ähneln der jetzt ausgestorbenen Schule von Naturphilosophen, die das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten ansehen&#8221; (MEW 12, S. 336 f.).</p>
<p>Diesen von Marx immer wieder betonten Sachverhalt entsorgt Heinrich auf die schon bekannte Weise, indem er nämlich den zentralen Begriff des &#8220;fiktiven Kapitals&#8221; gründlich banalisiert. Unter fiktivem Kapital verstehe Marx angeblich &#8220;die bloßen <em>Ansprüche</em> auf einen Teil der Erträge (des fungierenden Kapitals; N.T.) aufgrund von Schuldverschreibungen oder Aktienanteilen. Da diese Ansprüche verkauft werden können, besitzen sie scheinbar einen eigenen Wert, stellen Kapital dar unabhängig vom wirklichen Kapital&#8221; (S. 295). Was Heinrich hier zum besten gibt, ist aber nicht einmal die Hälfte der Miete. Er beschreibt lediglich die allgemeinste <em>Voraussetzung</em> für die Bildung von zinstragendem Kapital überhaupt, nämlich die Verdoppelung des Kapitals in fungierendes Kapital und papierne Ansprüche auf Kapital. Das fiktive Kapital ist aber nicht identisch mit dem zinstragenden Kapital, sondern eine (allerdings gewichtige) Sonderform davon; eine Form, bei der nämlich, ganz allgemein ausgedrückt, die Ansprüche auf eine bestimmte Wertsumme und deren Verzinsung nicht (mehr) durch die reale Verwertungsbewegung gedeckt sind.</p>
<p>Ein klassischer Fall dafür ist der Staatskredit, denn der Staat investiert das geliehene Geld in der Regel nicht in Projekte der Kapitalverwertung, sondern gibt es für seine konsumtiven Zwecke aus. &#8220;Das Kapital selbst ist aufgegessen, verausgabt vom Staat. Es existiert nicht mehr&#8221; (MEW 25, S. 482). Dennoch geistert die betreffende Wertsumme in der Form von Schuldsscheinen die Zinsen &#8220;abwerfen&#8221; weiter durch die Gegend, bis es zu einer endgültigen Tilgung kommt (oder auch nicht). &#8220;Das Kapital, als dessen Abkömmling (Zins) die Staatszahlung betrachtet wird, ist illusorisch, fiktives Kapital. Nicht nur, daß die Summe, die dem Staat geliehen wurde, überhaupt nicht mehr existiert. Sie war überhaupt nie bestimmt, als Kapital verausgabt, angelegt zu werden, und nur durch ihre Anlage als Kapital hätte sie in einen sich erhaltenden Wert verwandelt werden können&#8221; (MEW 25, S. 483). Analoges gilt auch für den Konsumentenkredit, wie Marx ausdrücklich klarstellt. Für den Gläubiger &#8220;repräsentiert der ihm zufallende Teil der jährlichen Steuer Zins von seinem Kapital, wie dem Wucherer der ihm zufallende Teil des Vermögens des Verschwenders, obgleich in beiden Fällen die geliehene Geldsumme nicht als Kapital verausgabt ward&#8221; (ebd.). Bei der dritten wichtigen Form des fiktiven Kapitals, der Aktienspekulation, verhält es sich ein wenig komplizierter (vgl. MEW 25, S. 485). Analytisch ist hier zu unterscheiden zwischen jenem Teil der Aktie, die den Anspruch auf einen realen Kapitalwert etwa in Gestalt von Produktionsanlagen, Lagerbeständen, Gebäuden etc. repräsentiert und einem zweiten, spekulativen Teil, der nur durch die Erwartungen auf die Zukunft &#8220;gedeckt&#8221; ist &#8211; oder eben nicht.</p>
<p>Indem Heinrich jedoch das fiktive Kapital identisch setzt mit dem zinstragenden Kapital schlechthin, gelingt es ihm, den bei Marx deutlich aufgezeigten Zusammenhang zur Krisentheorie zu entsorgen, den er dann später wundersamerweise vermissen wird. Das Problem reduziert sich bei ihm darauf, daß die Kursbewegungen der Anleihen und Aktien ganz allgemein ein von der realen Verwertung relativ verselbständigtes Dasein führen. Dies allein und für sich genommen hat allerdings mit einem Krisenprozeß nichts zu tun. Es ist wiederum nur die allgemeinste Voraussetzung dafür, daß sich unter den ensprechenden Bedingungen eine krisenhafte Verselbständigung der Finanzmärkte entwickeln kann. Wird der im Kredit und der Aktienspekulation ausgedrückte Vorgriff auf eine zukünftig zu &#8220;schaffende&#8221; Wertsumme eingelöst, findet also eine entsprechende reale Verwertung statt, gibt es keinerlei Problem; es hat dann die ganze Operation tatsächlich nur dazu gedient, eine Akkumulation auf erweiterter Stufenleiter zu ermöglichen. Werden jedoch Ansprüche auf die Zukunft angehäuft, die nie und nimmer realisiert werden können, dann kann der Zeitpunkt, an dem dies spürbar wird, durch die weitere Schöpfung von ungedeckter Liquidität (d.h. von fiktivem Kapital) zwar hinausgezögert werden, doch nur um den Preis, ein zusätzliches Entwertungs- und Krisenpotential zu schaffen, das sich früher oder später entladen muß.</p>
<p>An diesem Mechanismus, der prinzipiell sowohl in zyklischen als auch in strukturellen Krisen wirksam wird, hat sich seit den Lebzeiten von Marx nichts wesentliches geändert, wie sich mühelos auch empirisch für so ziemlich alle Kriseneinbrüche des 20. Jahrhunderts, einschließlich jener der jüngsten Zeit (etwa in Mexiko oder Südostasien), nachweisen läßt (vgl. z.B. Trenkle 1995). Was sich allerdings verändert hat, sind die ungeheuren Möglichkeiten eines überlangen Krisenaufschubs vor allem aufgrund der Entkopplung des Geldes vom Gold und der Deregulierung der transnationalisierten Finanzmärkte. Das heißt aber nur, daß auch der letztlich unvermeidliche Absturz, der nichts anderes ist, als die gewaltsame Herstellung der inneren Einheit von Finanzüberbau und Realakkumulation, umso verheerender sein muß. Es gilt hier cum grano salis das, was Marx bereits in den <em>Grundrissen</em> als allgemeinste Bestimmung der inhärenten Krisenhaftigkeit des warenproduzierenden Systems festhält: &#8220;Nachdem sie (die Ökonomen; N.T.) uns gezeigt haben, daß im Unterschied von der Ware Geld nötig ist, behaupten sie all at once, daß kein Unterschied zwischen dem Geld und der Ware existiert. Zu dieser Abstraktion wird Zuflucht genommen, weil in der wirklichen Entwicklung des Geldes Widersprüche vorkommen, die der Apologetik des bürgerlichen common sense unangenehm sind und daher vertuscht werden müssen. Insofern Kauf und Verkauf, die beiden wesentlichen Momente der Zirkulation, gleichgültig gegeneinander sind, in Raum und Zeit getrennt, brauchen sie keineswegs zusammenzufallen. Ihre Gleichgültigkeit kann zur Befestigung und scheinbaren Selbständigkeit des einen gegen das andere fortgehn. Insofern sie aber beide wesentlich Momente eines Ganzen bilden, muß ein Moment eintreten, wo die selbständige Gestalt gewaltsam gebrochen und die innre Einheit äußerlich durch eine gewaltsame Explosion hergestellt wird. So liegt schon in der Bestimmung des Geldes als Mittler, in dem Auseinanderfallen des Austauschs in zwei Akte, der Keim der Krisen&#8221; (MEW 42, S. 128).</p>
<p>Heinrich macht den gleichen simplen Fehler, wie jene Ökonomen, von denen Marx hier spricht. Er setzt die Einheit von Finanzüberbau und Realakkumulation immer schon harmonistisch voraus, denn die &#8220;relative Selbständigkeit&#8221;, die er dem Kredit zugestehen möchte, ist so eingeschränkt, daß sie sich per definitionem nie und nimmer zu einem Moment von Krisenaufschub und Krisenverschärfung auswachsen kann. Daher muß ihm auch jedes Insistieren auf diesem Moment als äußerliche &#8220;Störfaktorentheorie des Kredits&#8221; (so der Vorwurf an Robert Kurz auf S. 300, FN 70) erscheinen, die nicht weit entfernt sei vom bekannten antisemtischen Konstrukt, wonach ein &#8220;&#8216;raffendes&#8217;, irgendwie irreales Finanzkapital (jüdisch) &#8230; zum Parasiten des Realkapitals wird&#8221; (Heinrich 2000).<a href="#18">18</a><a name="z18"></a> Man darf nach einer Lektüre von Heinrichs Buch wohl annehmen, daß solchen Auslassungen weniger einer bewußten diffamatorischen Energie, als vielmehr tatsächlich ehrlichem Unverständnis geschuldet sind. Nur so erklärt sich auch, daß Heinrich allen Ernstes ausgerechnet Marx vorwirft, dieser reduziere den &#8220;Kredit auf ein bloß oberflächliches Phänomen ohne selbständige Bedeutung&#8221; (S. 368), um dann zur &#8220;Lösung&#8221; des Problems mit einer ganz platten positivistischen Zwei-Faktoren-Theorie aufzuwarten, wie sie jedem Volkswirtschaftsprofessor helle Freude bereiten würde: &#8220;bei der weiteren Ausarbeitung der Krisentheorie&#8221; sei nämlich &#8220;an der <em>Interaktion</em> der Produktions- und der Kreditbedingungen anzusetzen&#8221; (S. 368; Hervorheb. Heinrich). Damit freilich hätte er konsequenterweise auch terminologisch das Problem des inneren Zusammenhangs von Kredit und Realakkumulation ausgelöscht. Denn zwei selbständige &#8220;Faktoren&#8221; (ebd.) die &#8220;interagieren&#8221; stehen nun einmal bloß äußerlich und oberflächlich miteinander in Beziehung. Wie sie sich zueinander verhalten (oder angeblich verhalten), hängt dann nur noch von den &#8220;Modellannahmen&#8221; und damit vom Interesse des Modellkonstrukteurs ab. Heinrichs Interesse ist bekannt: eine fundamentale Krise darf nicht sein, weshalb nur die &#8220;Steuerungsfunktion des Kreditsystems&#8221; in Betracht gezogen wird. Genausogut ließe sich aber mit diesem Modell &#8220;beweisen&#8221;, daß Kredit und Spekulation die Realakkumulation &#8220;behindern&#8221; oder &#8220;parasitär&#8221; auf ihr lasten. Diese Konsequenz zieht Heinrich nicht, aber er ahnt sie wohl, wie seine projektive Abwehrreaktion vermuten läßt. So findet ein rundum mißglückter Versuch, die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen, seinen krönenden Abschluß.</p>
<hr />
<h4>Literatur:</h4>
<p>Heinrich, Michael: Die Wissenschaft vom Wert (2. überarb. und erweit. Auflage), Münster 1999</p>
<p>Ders.: Blase im Blindflug, in Konkret 3/2000</p>
<p>Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt 1976 (zuerst 1962)</p>
<p>Kurz, Robert: <a href="http://www.exit-online.org/html/link.php?tab=autoren&amp;kat=Robert%20Kurz&amp;ktext=Postmarxismus%20und%20Arbeitsfetisch">Postmarxismus und Arbeitsfetisch</a>, in Krisis 15, Bad Honnef 1995</p>
<p>Ders.: <a href="http://www.exit-online.org/html/link.php?tab=autoren&amp;kat=Robert%20Kurz&amp;ktext=Die%20Himmelfahrt%20des%20Geldes">Die Himmelfahrt des Geldes</a>, in Krisis 16/17, Bad Honnef 1995</p>
<p>Ders.: Die Welt als Wille und Design, Berlin 1999</p>
<p>Lohoff, Ernst: <a href="http://www.krisis.org/1995/die-harte-landung-des-dollar">Die harte Landung des Dollar</a>, in Krisis 16/17, Bad Honnef 1995</p>
<p>Ders.: <a href="http://www.krisis.org/2000/grosse-fluchten">Große Fluchten</a>, in Weg und Ziel 1/2000</p>
<p>Marx, Karl: Das Kapital, Band 3 (MEW 25)</p>
<p>Ders.: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (MEW 42)</p>
<p>Postone, Moishe: <a href="http://www.krisis.org/2003/zeit-arbeit-und-gesellschaftliche-herrschaft">Time, labor, and social domination</a>, Cambridge 1996 (zuerst 1993)</p>
<p>Trenkle, Norbert: <a href="http://www.krisis.org/1995/chronik-einer-angekuendigten-krise">Chronik einer angekündigten Krise</a>, in ILA 12/95</p>
<p>ders.: <a href="http://www.krisis.org/1998/kein-anschluss-unter-dieser-nummer">Kein Anschluß unter dieser Nummer oder: Weshalb es nie ein &#8216;postfordistisches Regulationsmodell&#8217; geben wird</a>, in Weg und Ziel 5/1998</p>
<hr />
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#z1">1</a><a name="1"></a> Zugleich kann dieser Artikel auch als eine Replik auf Karl Reitters <a href="http://www.streifzuege.org/2000/das-ende-naht">Kritik an der Krisis</a> in <em>Weg und Ziel</em> 1/2000 verstanden werden, soweit sich diese an Heinrich anlehnt.</p>
<p><a href="#z2">2</a><a name="2"></a> Alle Seitenangaben ohne weiteren Literaturverweis beziehen sich auf Heinrichs Buch (1999).</p>
<p><a href="#z3">3</a><a name="3"></a> Strengenommen müßte Heinrich die Marxsche Krisentheorie in toto verwerfen da er ja bereits deren allgemeinste Grundlage, nämlich, daß die Arbeit die Substanz des Werts ist, negiert. Daß er trotzdem den Fall der Profitrate, die Überakkumulation etc. überhaupt auch nur diskutiert, gehört zu den vielen Ungereimtheiten seines Buches.</p>
<p><a href="#z4">4</a><a name="4"></a> In der Krisis haben wir dafür den Begriff des &#8220;doppelten Marx&#8221; geprägt. Unterschieden wird dabei zwischen dem Modernisierungstheoretiker und dem Kritiker des Warenfetischs (vgl. etwa Kurz 1995). Beide Seiten des Marxschen Denkens (die nicht immer sauber auseinander zu halten sind) durchziehen das gesamte theoretische Werk, lassen sich also keinesfalls einfach einer bestimmten Schaffensperiode zuordnen (&#8220;junger Marx&#8221; vs. &#8220;reifer Marx&#8221;) wie es etwa auch Heinrich tut.</p>
<p><a href="#z5">5</a><a name="5"></a> An einigen Stellen macht Heinrich ungewollt sein positivistisches Wahrnehmungsraster auch explizit; so etwa in FN 40 (S. 343), wo er den äußerlichen Gegensatz aufmacht, Marx sei &#8220;nicht bloß &#8216;Theoretiker&#8217;, sondern ein durchaus moderner, empirisch orientierter Sozialforscher&#8221; gewesen.</p>
<p><a href="#z6">6</a><a name="6"></a> Es geht hier ja wohlgemerkt nicht um die Frage, ob sich der Kapitalismus derzeit in einer solchen Situation befindet (eine Frage, über die man gesondert streiten muß), sondern zunächst nur um die theoretische Möglichkeit. Allein diese schon streitet Heinrich ab.</p>
<p><a href="#z7">7</a><a name="7"></a> Wie Marx die Hegelschen Begrifflichkeiten im Sinne seiner Kritik der politischen Ökonomie aufgreift, hat am besten Moishe Postone in seinem grundlegenden Werk (1993, hier zitiert nach der broschierten Ausgabe von 1996, vgl. vor allem S. 71 ff.) dargestellt, auf den Heinrich auch in der überarbeiteten Neuauflage seines Buches mit keiner Zeile eingeht.</p>
<p><a href="#z8">8</a><a name="8"></a> Um gleich den gängigen Unterstellungen vorzubeugen, die einer solchen Aussage immer auf den Fuß folgen: Mit der Sprengung der herrschenden Produktionsverhältnisse ist nicht anderes gemeint, als daß diese an ihre objektive Schranke stoßen, also unhaltbar werden. Ob sich daran eine emanzipatorische Aufhebung anschließt oder nicht, ist keinesfalls determiniert und steht somit auf einem ganz anderen Blatt.</p>
<p><a href="#z9">9</a><a name="9"></a> Diesen Grundgedanken wiederholt Marx an vielen Stellen, so z.B. etwas später im gleichen Kapitel (MEW 25, S. 268 und 270).</p>
<p><a href="#z10">10</a><a name="10"></a> Worin diese Schranke besteht, sagt Marx ausdrücklich noch einmal ein paar Seiten weiter: &#8220;Eine Entwicklung der Produktivkräfte, welche die absolute Anzahl der Arbeiter verminderte, d.h. in der Tat die ganze Nation befähigte, in einem geringern Zeitteil ihre Gesamtproduktion zu vollziehn, würde Revolution herbeiführen, weil sie die Mehrzahl der Bevölkerung außer Kurs setzen würde. Hierin erscheint wieder die spezifische Schranke der kapitalistischen Produktion. [...] Ihre Schranke ist die überschüssige Zeit der Arbeiter&#8221; (MEW 25, S. 274). Daß Marx einen direkten Kausalzusammenhang zwischen dieser Entwicklung und einer (proletarischen) Revolution herstellt (ähnlich wie in jener berühmten Passage aus dem 23. Kapitel von Kapital I), ist seinem historischen Bezugsrahmen geschuldet, ändert jedoch nichts am ökonomischen Gehalt der Aussage. Diese wie viele andere einschlägige Passagen &#8220;überliest&#8221; Heinrich.</p>
<p><a href="#z11">11</a><a name="11"></a> Immerhin scheint Engels gemerkt zu haben, daß irgendetwas nicht zusammenpaßt, denn er sagt ausdrücklich: &#8220;Hier fällt die kapitalistische Produktionsweise in einen neuen Widerspruch&#8221; (ebd.; Hervorheb N.T.). Allerdings scheint ihm nicht weiter aufzufallen, daß dieser angeblich &#8220;neue Widerspruch&#8221; nicht einfach friedlich neben dem oben aufgeführten bestehen kann, sondern ihn im Gegenteil negiert.</p>
<p><a href="#z12">12</a><a name="12"></a> Den gleichen &#8220;Trick&#8221; wendet Heinrich auch immer wieder gerne gegen die Krisendiagnose der <em>Krisis</em> im allgemeinen und Robert Kurz im besonderen an, so neuerdings wieder in Heinrich 2000.</p>
<p><a href="#z13">13</a><a name="13"></a> Den betreffenden Abschnitt im 15. Kapitel von <em>Kapital III</em> nennt Engels (dem die Sache offenbar selbst nicht ganz klar ist) in der von ihm redigierten und zusammengestellten Version bezeichnenderweise &#8220;Überfluß an Kapital bei Überfluß an Bevölkerung&#8221;, obwohl dort primär der Fall einer zyklischen Überakkumulation behandelt wird.</p>
<p><a href="#z14">14</a><a name="14"></a> Dies ist ein Grund dafür, weshalb Heinrichs Buch auch in traditionell-linksradikalen Kreisen durchaus positiv rezipiert wird.</p>
<p><a href="#z15">15</a><a name="15"></a> Das zeigt sich übrigens auch empirisch: Fusionen und Umstruktrurierungen &#8220;rentieren&#8221; sich nur selten schon in den ersten Jahren (und nicht selten auch nie).</p>
<p><a href="#z16">16</a><a name="16"></a> Wenn Marx feststellt: &#8220;Die Abnahme (der Profitrate; N.T.) ist relativ, nicht absolut, und hat in der Tat mit der absoluten Größe der in Bewegung gesetzten Arbeit und Mehrarbeit nichts zu schaffen&#8221; (MEW 25, S. 227), dann gilt das auch in umgekehrter Richtung.</p>
<p><a href="#z17">17</a><a name="17"></a> Um dies zu veranschaulichen: Wenn das gesellschaftliche Gesamtkapital zum Zeitpunkt 1 k1 = 1000 und die Profitmasse p1 = 100, ergibt sich eine Profitrate von 10%. Sinkt zum Zeitpunkt 2 das Gesamtkapital auf k2 = 600 und die Profitmasse p2 = 80, steigt die Profitrate auf 13,3 %.</p>
<p><a href="#z18">18</a><a name="18"></a> Vgl. zur Auseinandersetzung mit solchen vorsichtshalber nicht belegten Vorwürfen, die nicht nur von Heinrich erhoben werden, Kurz 1999.</p>
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		<title>Neues vom Weltuntergang?</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2000 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte mit Michael Heinrich zur Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Heinrich]]></category>

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		<description><![CDATA[Replik zu N. Trenkles Weil nicht sein kann, was nicht sein darf" - Diskussion mit Heinrich zur Krise"]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Replik zu Norbert Trenkles <a href="http://www.krisis.org/2000/weil-nicht-sein-kann-was-nicht-sein-darf">&#8220;Weil nicht sein kann, was nicht sein darf&#8221;</a> Über Michael Heinrichs Versuch, die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen &#8211; in <em>Streifzüge</em> 1/2000</h3>
<p>Streifzüge 2/2000</p>
<p><em>von Michael Heinrich</em></p>
<h4>Über gute Argumente und böse Absichten</h4>
<p>Als Autor ist man über Besprechungen seiner Arbeiten stets erfreut. Auch wenn sie äußerst kritisch sind, läßt sich aus der Auseinandersetzung doch meistens etwas lernen. Der Artikel von Norbert Trenkle ist nun gleich in doppelter Hinsicht aufschlußreich: er spricht nicht nur inhaltliche Fragen an, die in meinem Buch &#8220;Die Wissenschaft vom Wert&#8221; behandelt werden, er demonstriert auch eine weitere Facette der für die Krisis-Gruppe typischen Denkweise. In einer Besprechung von Robert Kurz &#8220;Schwarzbuch des Kapitalismus&#8221; (<em>Konkret</em> 3/2000) hatte ich darauf hingewiesen, daß Kurz trotz heftigster Abgrenzung vom &#8220;Arbeiterbewegungsmarxismus&#8221; einige von dessen zentralen Elementen reproduziert: so etwa einen technologisch begründeten Geschichtsdeterminismus (Einführung der Mikroelektronik führt zum Zusammenbruch des Kapitalismus) und eine moralische Kapitalismuskritik (der Kapitalismus wird an Zwecken gemessen, die er überhaupt nicht hat, so etwa, wenn das &#8220;Scheitern&#8221; des Kapitalismus konstatiert wird, insofern er Arbeitslosigkeit und Elend produziert). Trenkles Text läßt ein weiteres Element aus diesem Spektrum erkennen: auf Positionen, die von der eigenen Auffassung abweichen, wird nicht in erster Linie durch inhaltliche Kritik geantwortet, den Abweichlern werden vielmehr finstere <em>Absichten </em>unterstellt, aufgrund deren sie überhaupt ihre abweichenden Positionen vertreten. In der Geschichte der Arbeiterbewegung kennt man dieses Verhalten von autoritär strukturierten kommunistischen Parteien. Noch weit mehr Erfahrung damit hat die katholische Kirche und zumindest an diesem Punkt teilen beide dasselbe Denkmuster. Da sich die Führung von Partei bzw. Kirche nicht nur im Besitz der einzigen Wahrheit glaubt, sondern diese Wahrheit auch noch als eine ganz offensichtliche betrachtet, die jedermann sofort einleuchten müßte, kann Kritik nur zwei Umständen geschuldet sein: entweder der geistigen Unfähigkeit des Kritikers oder seiner bösen Absicht, die Verbreitung der Wahrheit zu verhindern.</p>
<p><span id="more-331"></span>Die erste Variante des Umgangs mit Kritikern konnte man bereits in dem von der Krisis herausgegebenen &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221; nachlesen. Dort wird im ersten Absatz die zentrale These des Manifests formuliert, dass der &#8220;Leichnam der Arbeit&#8221; die Gesellschaft beherrschen würde und daß sich &#8220;alle Mächte rund um den Globus&#8221; zur Verteidigung dieser Herrschaft verbündet hätten. Im zweiten Absatz heißt es dann: &#8220;Wer das Denken noch nicht verlernt hat, erkennt unschwer die Bodenlosigkeit dieser Haltung. Denn die von der Arbeit beherrschte Gesellschaft erlebt keine vorübergehende Krise, sie stößt an ihre absolute Schranke.&#8221; Wer also die Weltsicht der Krisis nicht teilt, dem wird ganz einfach vorgeworfen, er habe &#8220;das Denken verlernt&#8221;.</p>
<p>Da mir Trenkle das Denken anscheinend noch zutraut (was mich natürlich freut), ich aber trotzdem anderes vertrete als die Krisis, schließt er messerscharf, daß üble Absichten hinter meiner Position stecken müssen. Trenkle entlarvt diese Absichten bereits im Untertitel seines Textes: Motiv meiner Argumentation sei der Versuch, &#8220;die Marxsche Krisentheorie unschädlich zu machen&#8221;. Schon auf der ersten Seite erfährt man dann noch mehr: &#8220;genau darauf kommt es ihm [als mir, M.H.] auch an&#8221; &#8211; nämlich: eine &#8220;Kompatibilität zwischen der Marxschen Theorie und der positivistischen bürgerlichen Volkswirtschaftslehre&#8221; (S. 16) herzustellen. Nach einigen weiteren Entlarvungen kann Trenkle dann am Ende seines Textes triumphierend erklären: &#8220;Heinrichs Interesse ist bekannt: eine fundamentale Krise darf nicht sein&#8221; (S. 21).</p>
<p>Mit Spekulationen darüber, was eine Kritik jenseits aller inhaltlichen Argumente motiviert hat, kann man zwar Stimmungen schüren, den Gegner beim Publikum anschwärzen und die eigene Position immunisieren, die angeblich gar nicht kritisiert, sondern nur &#8220;abgewehrt&#8221; werde; für eine inhaltliche Auseinandersetzung sind solche Spekulationen aber gänzlich irrelevant &#8211; unabhängig davon, ob die vermuteten Absichten vorhanden sind oder nicht. Dies läßt sich an Trenkle selbst demonstrieren: aus seinem einleitenden Absatz, daß mein Buch in &#8220;akademischen Kreisen&#8221; als &#8220;fundiert&#8221;, der Ansatz der Krisis-Gruppe dagegen als &#8220;oberflächlich&#8221; gilt, könnte man schließen, daß Trenkle ob solcher Reaktionen doch etwas beleidigt ist (zumal er in Anm. 14 zugeben muß, daß meine Thesen nicht nur in akademischen, sondern auch in &#8220;traditionell-linksradikalen Kreisen&#8221; positiv rezipiert werden). Aber selbst wenn dieses Beleidigtsein das Motiv von Trenkles Kritik sein sollte &#8211; es wäre für die inhaltliche Auseinandersetzung völlig irrelevant: denn auch aus einem beleidigten Kopf kann ein kluger Gedanke oder eine zutreffende Kritik entspringen, mit der man sich dann inhaltlich auseinandersetzen muß.</p>
<p>Allerdings macht es Trenkle seinen LeserInnen nicht ganz leicht zur inhaltlichen Ebene seines Textes durchzudringen. Neben der Entlarvung böser Absichten findet sich bei ihm noch ein weiteres Verfahren, den Opponenten noch vor der inhaltlichen Auseinandersetzung anzuschwärzen: man etikettiert die nicht genehme Position mit einem zwar nur vage bestimmten, aber eindeutig negativ besetzten Attribut. Bei Trenkle spielt diese Rolle der Ausdruck &#8220;positivistisch&#8221;. Ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, diesen Begriff näher zu bestimmen, wird er von Trenkle geradezu inflationär verwendet: ich würde positivistisch argumentieren, bringe typisch positivistische Einwände, würde Marx in einen positivistischen Ökonomen verwandeln etc. Positivismus war ursprünglich eine erkenntnistheoretische Richtung, die allein von den unmittelbar &#8220;gegebenen&#8221; Wahrnehmungskomplexen ausgehen wollte. Im Gefolge des sogenannten &#8220;Positivismusstreits in der Soziologie&#8221; in den 60er Jahren wurde Positivismus im linken Mainstream (der von der Krisis ansonsten wortreich kritisiert wird) zum weitgehend inhaltsleeren Schimpfwort, mit dem nicht nur flächendeckend die &#8220;bürgerliche&#8221; Wissenschaft belegt wurde, sondern gerne auch solche Interpretationen des Marxismus, die von der eigenen abwichen. Diese Tradition setzt auch Trenkle fort.</p>
<h4>&#8220;Zusammenbruchsdiagnose&#8221; bei Marx?</h4>
<p>Im Zentrum von Trenkles inhaltlicher Argumentation steht &#8211; wie von einem Vertreter der Krisis auch nicht anders zu erwarten &#8211; die Zusammenbruchstheorie.<a href="#1">1</a><a name="z1"></a> Die Krisis-Gruppe sieht darin die schärfste Spitze der Marxschen Theorie. In der &#8220;Wissenschaft vom Wert&#8221; hatte ich die Auffassung vertreten, daß Marx zwar in den &#8220;Grundrissen&#8221; von 1857/58 an einer vielzitierten Stelle zusammenbruchstheoretisch argumentiert habe, im danach entstandenen &#8220;Kapital&#8221; aber nicht mehr. Als Beleg dafür, daß Marx auch noch im dritten Band des Kapital eine Zusammenbruchstheorie vertreten habe, führt Trenkle die bekannte Passage aus dem 15. Kapitel an, wo Marx davon spricht, daß die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion das Kapital selbst sei, daß das Mittel (Entwicklung der Produktivkräfte) in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck (Kapitalverwertung) gerate (MEW 25, S. 260). Trenkle wirft mir vor, ich hätte diese Stelle mit Absicht nur gekürzt zitiert, um schließen zu können, hier würde es gar nicht um einen Zusammenbruch gehen. Von Zusammenbruch, unüberwindlicher Schranke oder irgendeiner Art von Ende des Kapitalismus ist aber auch in der längeren Textpassage, die Trenkle seinen LeserInnen präsentiert, nicht die Rede.<a href="#2">2</a><a name="z2"></a></p>
<p>Marx spricht nicht vom Ende der kapitalistischen Produktionsweise, sondern vom &#8220;beständigen Widerspruch&#8221;, in der sich diese Produktionsweise befindet. Dies scheint auch Trenkle irgendwann bemerkt zu haben und so sieht er sich zu einer bemerkenswerten Hilfskonstruktion gezwungen: &#8220;&#8230; darüberhinaus versteht es sich im Kontext der an Hegels Philosophie orientierten Marxschen Begrifflichkeit auch von selbst, daß ein <em>beständiger</em> Widerspruch letztlich zu einer <em>endgültigen</em> Aufhebung und damit in diesem Fall zur Sprengung der herrschenden Produktionsweise drängt&#8221; (S. 18, Hervorhebungen von Trenkle). Was sich hier alles &#8220;auch von selbst&#8221; versteht, ist schon erstaunlich. Die Hegelsche Philosophie &#8211; eine der komplexesten Gestalten abendländischer Geistesgeschichte &#8211; wird auf die simple Aussage heruntergebracht, daß Widersprüche zu ihrer Aufhebung drängen. Das Verhältnis Marx-Hegel, ebenfalls kein einfaches Thema, wird darauf reduziert, daß sich die Marxsche Begrifflichkeit an Hegels Philosophie &#8220;orientiert&#8221; habe, unbestimmter kann man es kaum formulieren. Diese Unbestimmtheit hindert Trenkle aber nicht die weitreichendsten Schlußfolgerungen zu ziehen: Aufgrund dieser &#8220;Orientierung&#8221; der Begrifflichkeit müsse Marx den Zusammenbruch des Kapitalismus im Sinn gehabt haben &#8211; auch wenn er nicht davon spricht! Wer solche Konstruktionen als ernst gemeinte Argumente offeriert, sollte sich eigentlich nicht wundern, wenn sein Ansatz als &#8220;oberflächlich&#8221; gilt.<a href="#3">3</a><a name="z3"></a></p>
<h4>Profitratenfall: innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise oder Sprung in die Empirie?</h4>
<p>Für die Frage, ob die Durchschnittsprofitrate langfristig fällt oder steigt, ist das Verhältnis der Wachstumsraten von organischer Kapitalzusammensetzung und Mehrwertrate entscheidend. Im dritten Band des &#8220;Kapital&#8221; versucht Marx nachzuweisen, daß die Mehrwertrate langfristig nicht so stark steigen kann, als daß damit das Wachstum der organischen Zusammensetzung kompensiert werden könnte. In meinem Buch versuchte ich in einem ersten Schritt zu zeigen, daß die Begründungsversuche, die sich dazu bei Marx und in der marxistischen Literatur finden, unzureichend sind: Mit der im dritten Band entwickelten Argumentation läßt sich über eine langfristige Bewegungstendenz der Profitrate nichts aussagen, so meine Folgerung. In einem zweiten Schritt berücksichtigte ich dann ein Argument, das im dritten Band nicht auftaucht: eine neue Produktionsmethode wird nur dann eingeführt, wenn das für sie zusätzlich benötigte konstante Kapital (pro Wareneinheit) kleiner ist als das (pro Wareneinheit) eingesparte variable Kapital. Mit anderen Worten: es werden keine Produktivkraftsteigerungen eingeführt, die beliebig viel zusätzliches konstantes Kapital benötigen. Mit einer einfachen Rechnung läßt sich zeigen, daß die Durchschnittsprofitrate <em>nicht</em> sinkt, wenn alle Einzelkapitale bei der Einführung neuer Produktionsmethoden diesem Kriterium genügen.</p>
<p>Trenkle meint nun, der gerade skizzierte Argumentationsgang sei &#8220;bezeichnend&#8221; für meine &#8220;positivistische und formalistische Vorgehensweise&#8221; (S. 19): ich würde eine zusätzliche Bedingung einführen, in der das Beweisziel schon enthalten sei und dabei unzulässigerweise ein Kalkül der einzelwirtschaftlichen Ebene (unter welchen Bedingungen wird eine neue Produktionsmethode eingeführt) auf die makroökonomische Ebene (Durchschnittsprofitrate) übertragen.</p>
<p>In seinem Eifer, mich wieder einmal als Positivist zu entlarven, ist es Trenkle offensichtlich entgangen, daß gar nicht ich es bin, der willkürlich eine zusätzliche (und noch dazu fragwürdige) Bedingung für den Einsatz neuer Produktionsmethoden einführt. Vielmehr ist es Marx, der diese Bedingung im 13. Kapitel des ersten Kapital-Bandes einführt und zwar nicht als irgendeine, sondern als die zentrale wertmäßige Bedingung, unter der es im Kapitalismus zur Anwendung von Maschinerie kommt. Ich habe lediglich dieses Argument aus dem ersten Band (mit voller Quellenangabe) bei der Diskussion über den dritten Band des &#8220;Kapital&#8221; berücksichtigt.<a href="#4">4</a><a name="z4"></a> Aber lassen wir die Quellenlage auf sich beruhen und kommen zu Sache selbst.</p>
<p>Trenkle wendet sich prinzipiell gegen jede &#8220;Modellrechnerei&#8221; und erklärt, es hieße die Marxsche Theorie mißzuverstehen, wenn man alle Momente formalisieren und in ein mathematisches Modell packen wolle (S. 20). Nun ist es zwar richtig, daß man nicht die gesamte Marxsche Theorie in ein mathematisches Modell packen kann, allerdings finden sich bei Marx eine Reihe quantitativer Aussagen (wie etwa zum Profitratenfall) und auch die Krisis benutzt solche Aussagen (&#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221;). Zieht man jedoch quantitative Folgerungen, dann muß man es sich auch gefallen lassen, daß zumindest diese Folgerungen in einem quantitativen Rahmen diskutiert und geprüft werden.</p>
<p>Trenkle zieht sich allerdings nicht hinter diesen Generaleinwand zurück, er versucht auch zu zeigen, daß das von mir herangezogene Kriterium des ersten Bandes (das eingesparte variable Kapital muß größer sein als die Zusatzausgabe an konstantem Kapital) nur eines von mehreren kapitalistischen Motiven sei. Trenkle zählt eine Reihe weiterer Motive auf, wobei ihm aber offensichtlich nicht immer klar ist, in welchem Zusammenhang sie zu dem von ihm kritisierten Kriterium aus dem ersten Band des &#8220;Kapital&#8221; stehen. So schreibt er beispielsweise, daß die Einzelkapitale auch unter dem Zwang stehen &#8220;im technologisch-organisatorischen Wettbewerb mitzuhalten&#8221; (S. 19). Das ist ja richtig, aber wie setzt sich dieser Zwang durch? Indem mit den technisch fortgeschritteneren Methoden billiger produziert werden kann. Und warum kann mit den neuen technischen Methoden billiger produziert werden, obwohl doch die neue Maschinerie zusätzliche Kosten verursacht? Weil die Zusatzkosten für Maschinerie geringer sind als das, was an Löhnen eingespart wird, womit wir wieder bei dem Kriterium wären, das Trenkle gerade loswerden wollte.</p>
<p>Natürlich können sich einzelne Kapitalisten bei der Einführung neuer Technologien auch irren (so ist wohl Trenkles Hinweis zu verstehen, daß es auch gescheiterte Fusionen gibt, Anm. 15), oder es können neue Technologien eingeführt werden, die kurzfristig Verluste bringen (ein weiteres Beispiel von Trenkle) &#8211; aber diese Verluste nehmen die Kapitalisten doch nur deshalb in Kauf, weil sie sich langfristig höhere Gewinne versprechen und die kommen eben nur zustande, wenn durch die Einführung der neuen Technologien die Kosten sinken, wobei wir wieder bei dem Kriterium aus dem ersten Band wären.</p>
<p>Die Argumentationsweise von Trenkle ist hier aber nicht wegen seiner unbegriffenen Beispiele interessant, sie ist vor allem in methodischer Hinsicht aufschlußreich: Trenkle, der mir weiter oben in seinem Text vorgeworfen hatte, ich würde Marx ein &#8220;empiristisch-induktives Erkenntnismodell unterschieben&#8221; und damit dessen &#8220;Einsichten in das Wesen und die innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise grundsätzlich entwerten&#8221; (S. 16) macht hier selbst einen unreflektierten Sprung in die kapitalistische Empirie und läßt jede &#8220;innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise&#8221; hinter sich. Nur zur Erinnerung: Marx wollte im &#8220;Kapital&#8221; nicht eine besondere Phase des Kapitalismus analysieren, sondern dessen innere Logik, die allen seinen Entwicklungsphasen unterliegt (soweit wird wohl auch noch Trenkle zustimmen). Das hat aber Konsequenzen für die Argumentationsweise (und hier kommt Trenkle schwer ins Trudeln): Man kann nämlich nicht <em>besondere</em> Bedingungen als Begründung für <em>allgemeine</em>, dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise geschuldete Tendenzen anführen. Sowohl im 13. Kapitel des ersten Bandes (Maschinerie), als auch im 13. Kapitel des dritten Bandes (Profitratenfall) will Marx allgemeine Tendenzen aufzeigen, die <em>jeder</em> kapitalistischen Produktion immanent sind, die dementsprechend auch nur aus den allgemeinen Bestimmungen der kapitalistischen Produktionsweise abgeleitet werden dürfen. In diesem Sinne führt Marx das Kriterium für die Anwendung neuer Produktionsmethoden im ersten Band ein: es folgt allein aus der Bestimmung des Kapitals, daß sein einziger Zweck die Verwertung ist und nicht aus den besonderen Umständen unter denen die Verwertung stattfindet (mit solchen Umständen glaubt aber Trenkle, dieses Kriterium relativieren zu können). Daßelbe gilt für das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate im dritten Band: Marx will demonstrieren, daß es sich um ein allgemeines Gesetz jeder kapitalistischen Produktion handelt, daher verwendet er zu dessen Begründung auch nur die allgemeinsten Bestimmungen des Kapitals und nicht Eigenschaften, die vielleicht in einer bestimmten Entwicklungsphase auftreten (wie die von Trenkle erwähnte, gegenwärtig große Steuer- und Abgabenlast zur Herstellung der Infrastruktur). Will man das Marxsche &#8220;Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate&#8221; ernsthaft diskutieren, dann muß man sich schon auf die Voraussetzungen einlassen, unter denen es von Marx formuliert wird, und das sind allgemeine, sich auf die &#8220;innere Logik der Produktionsweise&#8221; beziehende und keine besonderen, aus der jeweiligen Empirie aufgegriffene wie bei Trenkle.</p>
<h4>Die Untiefen der &#8220;Makroökonomie&#8221;</h4>
<p>Den Streit um das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate hält Trenkle aber sowieso nicht für so wichtig, denn der Kern der &#8220;Zusammenbruchsdiagnose&#8221; würde sich mit ihm gar nicht erfassen lassen. Diesen Kern finde man vielmehr im &#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221;. Auch wenn die Profitrate steigt, könne die gesamtgesellschaftliche Wertmasse abnehmen, &#8220;womit die Grundlage der Kapitalverwertung also unterhöhlt wird&#8221; (S. 19). Das Ganze möchte Trenkle als &#8220;kritische Analyse des kapitalistischen Gesamtzusammenhangs&#8221; verstanden wissen, während eine Untersuchung der Profitrate auf die &#8220;partikulare einzelkapitalistische Perspektive&#8221; (S. 20) hinauslaufe, die hier nichts zu suchen habe.</p>
<p>Zunächst einmal fällt auf, daß Trenkle den &#8220;Gesamtzusammenhang&#8221; abstrakt der einzelkapitalistischen Perspektive gegenüberstellt und darin ganz unkritisch der Unterscheidung von Mikro- und Makroökonomie der etablierten Volkswirtschaftslehre folgt.<a href="#5">5</a><a name="z5"></a> In der Volkswirtschaftslehre wird dabei von den fertigen Phänomenen ausgegangen: das Einzelkapital und der gesamtwirtschaftliche Zusammenhang werden so aufgefaßt wie sie in der Empirie sichtbar sind. Im Unterschied dazu ist sich Marx darüber im Klaren, daß weder das Einzelkapital noch dieser gesamtwirtschaftliche Zusammenhang einfach &#8220;gegeben&#8221; ist, sondern erst kategorial entwickelt werden muß. Dabei bedeutet kategoriale &#8220;Entwicklung&#8221; nicht einfach nur Beschreibung, sondern Auflösung eines realen, in der Empirie vorhandenen Zirkels. Der reale Zirkel besteht darin, daß sich das Gesamtkapital einerseits aus den Einzelkapitalen konstituiert, es den Einzelkapitalien andrerseits aber den Rahmen ihrer Bewegung vorgibt: Voraussetzung und Resultat schlagen ineinander um. Marx löst diesen Zirkel auf, indem er das individuelle Kapital und die Konstitution des Gesamtkapitals auf der Darstellungsebene jedes Kapital-Bandes gesondert betrachtet (also gerade nicht in die Empirie springt) und damit eine ganze Stufenfolge von Vermittlungen erhält, anstatt nur abstrakt zwei Ebenen gegeneinander zu stellen (vergl. dazu den letzten Teil des neu eingefügten fünften Kapitels in der &#8220;Wissenschaft vom Wert&#8221;). Für Trenkle reduziert sich dieser komplexe Zusammenhang darauf, daß es einen Unterschied von einzelkapitalistischer und gesamtkapitalistischer Ebene gibt, daß auch bei gestiegener Profitrate der Einzelkapitale die gesamtgesellschaftliche Wertmasse sinken könne, wenn sich die Zahl der Kapitale vermindert. Soll es sich dabei aber um eine dauerhafte Tendenz handeln, dann wäre dafür auch eine Begründung und nicht nur die Konstruktion der bloßen Möglichkeit erforderlich. Was Trenkle und die Krisis-Gruppe zu begründen versuchen, ist jedoch nur der zweite Teil der Aussage, das &#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221;.<a href="#6">6</a><a name="z6"></a></p>
<p>Daß sich in der unreflektierten Rede von der &#8220;Wertmasse&#8221; ein naiv-substanzialistisches Verständnis von Wert Bahn bricht, welches davon ausgeht, daß bereits die Verausgabung von Arbeit allein Wert konstituiert, noch ohne jede gesellschaftliche Vermittlung im Tausch, will ich hier nicht weiter ausführen.<a href="#7">7</a><a name="z7"></a> Zumal das von der Krisis behauptete &#8220;Schrumpfen&#8221; noch auf einer weiteren Verballhornung Marxscher Begrifflichkeiten beruht, nämlich dem Unterschied von im kapitalistischen Sinne &#8220;produktiver&#8221; (mehrwertbildender) und &#8220;unproduktiver&#8221; (nicht mehrwertbildender) Arbeit. Bei Marx hat diese Unterscheidung nichts mit dem stofflichen Inhalt der jeweiligen Tätigkeit zu tun, sondern mit ihrer Formbestimmung: Das Backen einer Pizza ist unproduktive Arbeit, wenn es als persönliche Dienstleistung eines Kochs für den Konsum seines Arbeitgebers erfolgt (die Pizza ist nicht einmal Ware, sie wird nicht getauscht); dagegen ist dieselbe Backtätigkeit &#8220;produktive&#8221;, mehrwertbildende Arbeit, wenn sie in einem kapitalistisch geführten Restaurant erfolgt. Die Krisis löst den formspezifischen Unterschied von produktiver und unproduktiver Arbeit <em>de facto</em> (eine explizite Klärung der Begriffe sucht man in ihren Texten vergeblich) in einen stofflichen Unterschied auf: &#8220;industrielle&#8221; Produktionsprozesse seien produktiv, &#8220;Dienstleistungen&#8221; dagegen im wesentlichen unproduktiv (so auch Trenkle 1999, S.124ff.), müßten also aus den im industriellen Prozeß geschaffenen Werten bezahlt werden. Da nun gleichzeitig behauptet wird, daß aufgrund der Einführung der Mikroelektronik die industriellen Arbeitsplätze in rasendem Tempo verschwinden, ist das &#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221; im Handumdrehen abgeleitet, was dann auch noch zum &#8220;Zusammenbruch&#8221; des Kapitalismus führen soll.</p>
<p>Was von der Krisis als &#8220;Schrumpfen der Wertmasse&#8221; bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Übersetzung eines in Soziologie und Ökonomie schon lange diskutierten Phänomens &#8211; des &#8220;Übergangs von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft&#8221; &#8211; in eine verballhornte Marxsche Begrifflichkeit. Während bürgerliche Politik und Wissenschaft diesen Übergang feiert, Chancen entdeckt und riesige Beschäftigungspotentiale sieht, betont die Krisis-Gruppe immer wieder, daß erstens ein solches Beschäftigungswunder nicht zu erwarten ist (weder von den &#8220;Dienstleistungen&#8221; noch von einem Akkumulationsschub der klassisch-industriellen Sektoren) und daß zweitens viele der neu entstehenden Jobs am Rande der Armutsgrenze entlohnt werden, so daß sich die Elendsbereiche der Gesellschaft ausdehnen. Beide Punkte sind richtig (und werden auch keineswegs nur von der Krisis so gesehen) &#8211; nur hat das alles noch längst nichts mit einem &#8220;Zusammenbruch&#8221; des Kapitalismus zu tun. Was verschwindet ist der klassische Industriekapitalismus, der in seiner fordistischen Phase in der Lage war &#8211; allerdings auch nur in einigen Ländern und nur für einige Jahre &#8211; &#8220;Vollbeschäftigung&#8221; herzustellen. Das Verschwinden dieser Form des Kapitalismus (und jeder Hoffnung auf eine erneute &#8220;Vollbeschäftigung&#8221;) ist aber keineswegs mit dem Ende des Kapitalismus identisch, wie die Krisis meint.</p>
<p>Eine Debatte über diesen Punkt wird allerdings auch noch dadurch erschwert, daß in den Texten der Krisis zwar ständig von Zusammenbruch, Zusammenbruchskrise, Fundamentalkrise etc. die Rede ist, aber völlig ungeklärt bleibt, wie dieser Zusammenbruch eigentlich aussehen soll: ist damit eine weitgehende Verelendung, Entzivilisierung und Brutalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse gemeint (bei Fortexistenz eines kapitalistischen Kernbereichs) oder tatsächlich ein Zusammenbruch von Geldwirtschaft und Warenproduktion. Ich hatte diese Frage in meinem letzten Beitrag in den <em>Streifzügen</em> explizit aufgeworfen, eine klare Antwort läßt sich bei Trenkle aber auch jetzt nicht entdecken. Lediglich in einer Fußnote bemerkt er: &#8220;Mit der Sprengung der herrschenden Produktionsverhältnisse ist nichts anderes gemeint, als daß diese an ihre objektive Schranke stoßen, also unhaltbar werden.&#8221; (Anm. 8) Wie das aber aussieht, wenn sie &#8220;unhaltbar&#8221; werden, das würde man schon gerne etwas genauer erfahren.</p>
<h4>Vom Finanzsystem und mancherlei Fiktionen</h4>
<p>Allerdings scheint auch die Krisis-Gruppe in letzter Zeit etwas ungeduldig geworden zu sein, was den als sicher geglaubten Zusammenbruch des Kapitalismus angeht. Für dessen Ausbleiben wird der Finanzsektor verantwortlich gemacht. Hier fände das überschüssige Kapital &#8220;fiktive Anlagemöglichkeiten&#8221; (S. 20), die aber nur zu einer riesigen Finanzblase führen würden, deren Platzen nicht zu verhindern sei. Wie schon der Ausdruck &#8220;fiktive Anlagemöglichkeit&#8221; andeutet, wird die Marxsche Kategorie des &#8220;fiktiven Kapitals&#8221; hier in einem recht eigentümlichen Sinne gebraucht, denn eine &#8220;fiktive Anlage&#8221; ist etwas anderes als eine Anlage in fiktivem Kapital. Von Trenkle erfahren wir, &#8220;fiktives Kapital&#8221; sei eine &#8220;Sonderform&#8221; des zinstragenden Kapitals, nämlich diejenige Form, bei der &#8220;die Ansprüche auf eine bestimmte Wertsumme und deren Verzinsung nicht (mehr) durch die reale Verwertungsbewegung gedeckt sind&#8221; (S. 20). Folgt man dieser Auffassung, dann wäre &#8220;fiktives Kapital&#8221; diejenige &#8220;Form&#8221; des Kapitals, die sich als ungedeckt erweist und somit wertlos wird. Der Verwertungs<em>erfolg</em> bzw. <em>-mißerfolg</em> dient hier zur Grundlage einer kategorialen Unterscheidung: insofern ist jede Anlage in &#8220;fiktivem Kapital&#8221; automatisch &#8220;fiktiv&#8221; im Sinne von wertlos.</p>
<p>Im Gegensatz dazu macht Marx seine Kategorien nicht daran fest, ob eine Spekulation erfolgreich war oder nicht, ihm geht es bei kategorialen Unterscheidungen stets um unterschiedliche <em>Formbestimmungen</em> von Wert und Kapital. Die Kategorie des &#8220;fiktiven Kapitals&#8221; führt Marx im Unterschied zum industriellen Kapital und zum Handelskapital ein: während beim industriellen Kapital das vorgeschossene Geldkapital den Kreislauf Geldkapital, produktives Kapital, Warenkapital, Geldkapital vollzieht (beim Handelskapital den Kreislauf Geldkapital, Warenkapital, Geldkapital), spricht Marx von fiktivem Kapital, wenn das vorgeschossene Geldkapital zum Kauf von bloßen <em>Ansprüchen</em> (auf Zins- und Tilgungszahlung bei Krediten, auf Dividendenzahlung beim Aktienkauf) verwendet wird. Dieser Unterschied ist deshalb wesentlich, weil industrielles Kapital und fiktives Kapital völlig unterschiedliche Bewegungsformen besitzen, von unterschiedlichen Momenten beeinflußt werden etc. All das ist Gegenstand der kategorialen Analyse. Ob jedoch die Verwertung, die gleichermaßen Zweck des industriellen wie des fiktiven Kapitals ist, erfolgreich ist oder nicht (ob sich die Kapitalanlage im nachhinein als &#8220;fiktiv&#8221; erweist oder nicht), konstituiert bei Marx zurecht nirgendwo eine kategoriale Unterscheidung.</p>
<p>Wird nun einerseits davon gesprochen, daß das fiktive Kapital in den letzten Jahren enorm zugenommen hat (und wenn man den Marxschen Sinn der Kategorie zugrunde legt, ist dies auch völlig richtig) und wird andererseits davon ausgegangen, daß dem fiktiven Kapital der Bankrott immer schon auf der Stirn geschrieben steht, dann ist es natürlich ein Leichtes zu folgern, daß das ganze Finanzsystem nur in einem großen Crash enden könne. Daß das Finanzsystem eine Krise zunächst aufschieben und sie dann verstärken kann, ist unstrittig. Nur reduziert Trenkle und die Krisis-Gruppe das Finanzsystem allein auf diesen Punkt. Bereits die Ausweitung von Kreditbeziehungen erscheint dann als Krisensymptom, da der Kredit dem fungierenden Kapital als etwas völlig anderes gegenübergestellt wird. Nicht gesehen wird dabei, daß das Finanzsystem nicht bloß eine äußerliche Zutat zur &#8220;realen&#8221; kapitalistischen Akkumulation ist, sondern daß es dieser inhärent ist. Sowohl die Notwendigkeit wie auch die Möglichkeit des Kreditsystems erwächst gleichermaßen aus dem kapitalistischen Geldsystem (vergl. dazu das dritte Kapitel des ersten &#8220;Kapital&#8221;-Bandes) wie auch aus dem Zirkulationsprozeß des Kapitals (vergl. dazu die Erörterungen zur Notwendigkeit des wechselseitigen Vorschusses der Kapitalisten bei der Untersuchung des Gesamtreproduktionsprozesses im zweiten Band des &#8220;Kapital&#8221;). Daß das Kreditsystem das Steuerungszentrum kapitalistischer Akkumulation ist, wird von Marx schließlich im dritten Band des &#8220;Kapital&#8221; hervorgehoben, aber nur ansatzweise untersucht (vergl. dazu die &#8220;Wissenschaft vom Wert&#8221;, S.299ff). Da Trenkle das Kreditsystem aber einzig auf das Moment von &#8220;Krisenaufschub und Krisenverschärfung&#8221; reduziert, und mit seinem schiefen Begriff des &#8220;fiktiven Kapitals&#8221; ist auch kaum etwas anderes möglich, ist es nicht allzu verwunderlich, daß er mir vorwirft, ich würde die &#8220;Einheit von Finanzüberbau und Realakkumulation immer schon harmonistisch&#8221; voraussetzen (S. 21). Daß die &#8211; unbewußte -Steuerung der Akkumulation über das Kreditsystem keineswegs krisenfrei von statten geht, liegt auf der Hand, &#8220;harmonisch&#8221; ist hier gar nichts. Um die tatsächliche Krisenhaftigkeit dieser Steuerung zu verstehen ist allerdings mehr erforderlich als die gebetsmühlenartige Wiederholung der Prophezeiung vom großen Crash &#8211; zumindest sollte mit präzisen Begriffen gearbeitet werden.</p>
<p>Auch hier kann man, wie schon weiter oben, nur feststellen: wer derart ungenau mit den verwendeten Kategorien umgeht und zwar den für die eigene Argumentation zentralen Kategorien wie produktive Arbeit, fiktives Kapital und Zusammenbruch, der muß sich nicht wundern, daß sein Ansatz als &#8220;oberflächlich&#8221; gilt. Am Eingang seines Artikels bezieht sich Trenkle auf Thomas Kuhn, der in seinem Buch &#8220;Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen&#8221; gezeigt hat, daß Beiträge, die später als wissenschaftliche Revolutionen galten, zunächst auf Ablehnung stießen und als &#8220;theoretisch indiskutabel&#8221; angesehen wurden. Diese Beobachtungen von Kuhn sind vollkommen richtig, nur leider kann man nicht den Umkehrschluß ziehen, daß das, was abgelehnt wird, auch schon ein verkannter Geniestreich sei. Vieles von dem, was als &#8220;oberflächlich&#8221; und &#8220;theoretisch indiskutabel&#8221; gilt, ist eben tatsächlich nur &#8220;oberflächlich&#8221; und &#8220;theoretisch indiskutabel&#8221;.</p>
<hr />
<h4>Literatur</h4>
<p>Grossmann, Henryk: Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Leipzig 1929.</p>
<p>Heinrich, Michael: Die Wissenschaft vom Wert, 2. überarb. u. erw. Auflage, Münster 1999.</p>
<p>Ders.: <a href="http://www.krisis.org/1999/untergang-des-kapitalismus">Untergang des Kapitalismus?</a> Die &#8220;Krisis&#8221; und die Krise, in: <em>Streifzüge</em> 1/1999.</p>
<p>Ders.: Blase im Blindflug, in: Konkret 3/2000</p>
<p>Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/M. 1976.</p>
<p>Kurz, Robert: Schwarzbuch Kapitalismus, Frankfurt/M. 1999.</p>
<p>Krisis: <a href="http://www.krisis.org/1999/manifest-gegen-die-arbeit">Manifest gegen die Arbeit</a>, Erlangen 1999.</p>
<p>Trenkle, Norbert: <a href="http://www.krisis.org/1999/es-rettet-euch-kein-billiglohn">Es rettet Euch kein Billiglohn!</a> in: Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg.): Feierabend, Hamburg 1999.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a href="#z1">1</a><a name="1"></a> Um den Umfang meiner Replik nicht zu sprengen, werde ich im folgenden nur auf einige der von Trenkle angesprochenen Punkte eingehen, was aber nicht heißt, daß es zu den anderen nichts zu sagen gäbe.</p>
<p><a href="#z2">2</a><a name="2"></a> Apropos gekürzte Zitate: In Anm. 10 zitiert Trenkle eine Bemerkung von Marx, worin es um die &#8220;überflüssige Arbeiterbevölkerung&#8221; als &#8220;Schranke&#8221; der kapitalistischer Produktionsweise geht (MEW 25, S.274), was Trenkle als weiteren Beleg für seine zusammenbruchstheoretische Argumentation ansieht. Von irgendeiner Art von Zusammenbruch ist dort zwar auch nicht die Rede, dafür aber von &#8220;periodischen Krisen&#8221;, was gerade im Gegensatz zu Trenkles Zusammenbruchsvorstellung steht &#8211; diesen Teil des Zitats hat Trenkle allerdings ausgelassen.</p>
<p><a href="#z3">3</a><a name="3"></a> Wundern muß man sich auch über ein anderes Argument. Ich hatte darauf hingewiesen (Wissenschaft vom Wert, S.360), daß Engels an zwei Stellen den Begriff &#8220;Zusammenbruch&#8221; bzw. &#8220;Zusammenbrechen&#8221; in den Marxschen Text aufgenommen hatte (ohne dies als eigene Formulierung kenntlich zu machen, so daß die Leser annehmen mußten, Marx habe so formuliert) und daß Engels in einem gekennzeichneten Einschub von der &#8220;altersschwachen&#8221; kapitalistischen Produktionsweise spricht, die sich mehr und mehr selbst &#8220;überleben&#8221; würde (MEW 25, S.273). Daraus hatte ich gefolgert, daß die Engelssche Edition des dritten Bandes (die auch nach wie vor in MEW 25 vorliegt) zusammenbruchstheoretischen Interpretationen, wie sie dann z.B. von Henryk Grossmann (1929) vertreten wurden, Vorschub geleistet habe. (Dies gilt unabhängig von Engels&#8217; eigener Auffassung eines &#8220;Zusammenbruchs&#8221;, auf die sich Trenkle in seinem Artikel kapriziert). Trenkle meint nun, mein Verweis auf Engels sei schon deshalb absurd, weil sich der gekennzeichnete Engelssche Einschub 13 Seiten hinter der oben angesprochenen Stelle (MEW 25, S.260) befindet, auf die er seine eigene zusammenbruchstheoretische Interpretation hauptsächlich stützt: als ob eine Passage, die sich auf S.273 befindet nicht auch das Verständnis von S.260 beeinflussen könnte. Wie um Himmels willen werden bei der Krisis eigentlich wissenschaftliche Texte gelesen?</p>
<p><a href="#z4">4</a><a name="4"></a> Dies macht Marx nicht, wobei allerdings zu bedenken ist, daß das Manuskript des dritten Bandes nicht nur ein Fragment blieb, sondern auch vor dem Manuskript zum ersten Band geschrieben wurde. In manchen Punkten ist der erste Band daher theoretisch weiter fortgeschritten als der dritte Band.</p>
<p><a href="#z5">5</a><a name="5"></a> Auch explizit spricht Trenkle nicht nur in seinem Streifzüge-Artikel ohne jede kritische Distanz vom &#8220;makroökonomischen Zusammenhang&#8221; (S.19, vergl. auch Trenkle 1999).</p>
<p><a href="#z6">6</a><a name="6"></a> Profit und Profitrate verschwinden in den neueren Veröffentlichungen der Krisis völlig aus ihrem Blickfeld. In einem anderen Text heißt es bei Trenkle der &#8220;objektivierten Logik der Kapitalverwertung&#8221; komme es nur darauf an &#8220;wieviel ökonomischer &#8216;Wert&#8217;&#8221; produziert werde (Trenkle 1999, S.115) und im &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221; ist davon die Rede, daß das Kapital davon lebe &#8220;massenhaft menschliche Energie durch Verausgabung von Arbeitskraft in seine Maschinerie aufzusaugen, je mehr desto besser&#8221; (Manifest, S.27). Aber weder das Einzelkapital noch das Gesamtkapital saugt Arbeit um der Arbeit willen auf oder produziert Wert um des Wertes willen: Zweck der kapitalistischen Produktion ist immer noch Mehrwert und Profit.</p>
<p><a href="#z7">7</a><a name="7"></a> In seinem Artikel macht mir Trenkle den Vorwurf, den Wert zu einer Kategorie der Zirkulation zu machen (S. 16). Wenn man wie Trenkle meint, der Wert müsse doch entweder in der Produktionssphäre oder in der Zirkulationssphäre entstehen und man ihm sagt, der Wert des Brötchens entsteht nicht in der gleichen Weise in der Backstube wie das Brötchen selbst, dann muß sich ihm natürlich die Folgerung aufdrängen, hier werde die Entstehung des Werts in die Zirkulation verlagert. Das Problem ist jedoch, daß bereits die Frage: entsteht der Wert in der Produktionssphäre oder in der Zirkulationssphäre falsch gestellt ist. Vergl. zur Kritik am Substanzialismus von Trenkles Wertauffassung meinen früheren Beitrag in <em>Streifzüge 1/1999</em>.</p>
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		<title>Im bürgerlichen Himmel der Zirkulation</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2000 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte mit Michael Heinrich zur Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein paar Anmerkungen zu Michael Heinrichs Wert- und Arbeitsbegriff - Diskussion mit Heinrich zur Krise]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><span class="zaehl"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/f73dffd56ced44949111407e8aa28176" width="1" height="1" alt=""></span></p>
<h3>Ein paar Anmerkungen zu Michael Heinrichs Wert- und Arbeitsbegriff</h3>
<p><a href="http://www.streifzuege.org" target="_blank">Streifzüge 3/2000 </a></p>
<p><em>von Norbert Trenkle</em></p>
<p>Die Auseinandersetzung Heinrich-Trenkle in den <em>Streifzügen</em> hat nun schon vier Runden durchlaufen und gerät langsam in die Gefahr, zu einem langweiligen Fortsetzungsroman zu werden. Deshalb möchte ich meine bereits angekündigte Kritik am ersten Teil von Heinrichs neuaufgelegtem Buch so kurz wie möglich halten und mich auf einige Bemerkungen zu der dort entwickelten Fassung des Wert- und Arbeitsbegriffs beschränken, mit der die <em>Wissenschaft vom Wert</em> steht und fällt. Auch werde ich auf eine explizite Antwort auf <a href="http://www.krisis.org/2000/neues-vom-weltuntergang">Heinrichs Antikritik in <em>Streifzüge</em> 2/2000</a> verzichten, zumal ich dabei ohnehin gezwungen wäre, <a href="http://www.krisis.org/2000/weil-nicht-sein-kann-was-nicht-sein-darf">meine hauptsächlichen Einwände</a> gegen seine Krisentheorie (<em>Streifzüge</em> 1/2000) zu wiederholen, auf die er entweder gar nicht oder in nicht gerade überzeugender Weise eingegangen ist; andererseits ist jedoch klar, daß die Antwort auf die Frage, worin die Substanz des Werts besteht, für die Krisentheorie von entscheidender Bedeutung ist.</p>
<h4><span id="more-332"></span>1.</h4>
<p>Heinrich hält sich zugute, herausgefunden zu haben, daß Marx in wesentlichen Teilen seiner Argumentation dem &#8220;theoretischen Feld&#8221; der klassischen politischen Ökonomie verhaftet geblieben sei und dieses erst im Laufe seiner Arbeit am Kapital konsequent verlassen bzw. mit ihm gebrochen habe. Für sich genommen ist dieser Gedanke durchaus richtig, denn selbstverständlich steckte Marx, wie jeder andere Theoretiker auch, in seiner Zeit, selbst wenn er zugleich in vieler Hinsicht weit über sie hinaus dachte. Reformulierung radikaler Kapitalismuskritik muß deshalb heute auch heißen, die innere Widersprüchlichkeit der Marxschen Theorie sichtbar zu machen, also, kurz gesagt, die Momente einer bürgerlichen Modernisierungstheorie von denen einer transzendierenden Kritik der modernen Warenproduktion zu unterscheiden, die heute erst ihre volle Aktualität erhält. Heinrich kann dazu allerdings kaum etwas beitragen. Seiner Grundthese, der Marxsche Arbeitsbegriff trage zumindest teilweise noch die Spuren einer naturalistischen Auffassung, wie sie für die politische Ökonomie typisch ist (vgl. vor allem Heinrich 1999, S. 206 &#8211; 220), wäre zwar prinzipiell zuzustimmen; aber ein genaueres Hinsehen zeigt, daß Heinrich weit davon entfernt ist, den Kern des Problems aufzudecken.</p>
<p>Er kritisiert nicht etwa, daß Marx häufig, und übrigens gerade im <em>Kapital</em>, die Kategorie der &#8220;Arbeit als solche&#8221; nicht weiter problematisiert, sondern zur &#8220;ewige(n) Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben, zu vermitteln&#8221; (MEW 23, S. 57) erklärt.<a name="z1" href="#1">1</a> Als &#8220;Naturalisierung&#8221; erscheint Heinrich vielmehr etwas ganz anderes: &#8220;Wird abstrakte Arbeit als eine rein <em>gesellschaftliche</em> Bestimmung der Waren produzierenden Arbeit begriffen, so kann die Rede von abstrakter Arbeit als Wertsubstanz nur bedeuten, daß der spezifisch gesellschaftliche Charakter der Arbeit im Wertcharakter der Arbeitsprodukte <em>gegenständlich reflektiert</em> wird: das gesellschaftliche Verhältnis wird als gegenständliche Eigenschaft der Sachen zurückgespiegelt. Die beiden ersten Unterabschnitte des ersten Kapitels des <em>Kapital</em> erlauben aber auch eine <em>naturalistische</em> Auffassung von abstrakter Arbeit (der Begriff des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit taucht dort überhaupt nicht auf). Damit wird es möglich, Wertsubstanz nicht als gegenständliche Reflexion eines spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisses zu begreifen, sondern als <em>Substrat, das in der einzelnen Ware</em> vorhanden ist. Wertgegenständlichkeit wäre dann eine Eigenschaft der einzelnen Ware, die ihr durch Verausgabung abstrakter Arbeit (als &#8216;pysiologischer&#8217; Eigenschaft jeder Arbeit) übertragen worden wäre <em>und zwar noch vor und unabhängig vom Tausch</em>. In dieser Weise wird das &#8216;gemeinsame Dritte&#8217;, von dem Marx zu Beginn des Warenkapitels spricht, häufig verstanden: als eine Eigenschaft, die jede Ware für sich, schon vor dem Tausch besitzt und die dann die Gleichsetzung im Tausch erst ermöglicht&#8221; (Heinrich 1999, S. 214 f.).</p>
<p>Diese Aussage vermengt Richtiges und Falsches. Richtig ist selbstverständlich, daß der Wert kein irgendwie geartetes natürliches Substrat ist, das in den Waren &#8220;sitzt&#8221;, sondern die &#8220;gegenständliche Reflexion eines spezifischen gesellschaftlichen Verhältnisses&#8221;. Doch diese gesellschaftliche Beziehung wird keinesfalls erst <em>im Tausch</em> hergestellt. Indem Heinrich dies postuliert geht er nicht über Marx hinaus, sondern fällt im Gegenteil hinter ihn zurück und landet selbst auf dem Boden der bürgerlichen Volkswirtschaftlehre. Backhaus und Reichelt ist voll und ganz zuzustimmen, wenn sie schreiben: &#8220;Im Einklang mit der Gesamtökonomie des &#8216;ersten Feldes&#8217;, also aller Paradigmen der atomistischen Theorie (gemeint sind die klassische politische Ökonomie und die subjektive Wertlehre bzw. Neoklassik; N.T.), gibt es für Heinrich eine absolute Zweiteilung der Ökonomie in naturale Realsphäre, in der keine Waren, sondern Produkte hergestellt werden, und der Sphäre des Austausches. (Obwohl er sich gegen eine solche Vorstellung ausdrücklich zur Wehr setzt.)&#8221; (Backhaus/Reichelt 1995, S. 68).<a name="z2" href="#2">2</a></p>
<p>Wer die Sphäre der Produktion zu einer vorgesellschaftlichen Separat-Welt naturalen Charakters erklärt,<a name="z3" href="#3">3</a> dem muß in der Tat die Feststellung, daß im Kapitalismus die Produkte als Waren hergestellt werden und selbstverständlich schon vor dem Tausch Wertgegenständlichkeit besitzen, als &#8220;Naturalismus&#8221; reinsten Wassers erscheinen. Doch damit projiziert Heinrich nur seine eigene Sichtweise auf Marx; dessen scheinbarer &#8220;Naturalismus&#8221; ist hingegen nichts anderes, als die adäquate Analyse der &#8220;zweiten Natur&#8221; der Warengesellschaft, die Heinrich nur in der Zirkulationssphäre verortet. Zu dieser zirkulationstheoretischen Interpretation gehört konsequenterweise auch, daß er die widersprüchliche Einheit von abstrakter Privatheit und abstrakter Gesellschaftlichkeit dichotomisch auseinanderreißt; so etwa an folgender Stelle, an der er wie so oft ein aus dem Zusammenhang gerissenes Marxzitat als scheinbaren Beleg heranzieht: &#8220;Nun ist die Warenproduktion nicht einfach eine unter vielen Formen der Produktion. Vielmehr besteht ein entscheidender struktureller Unterschied zwischen der Warenproduktion und den verschiedenen Formen gemeinschaftlicher Produktion. Während bei der Warenproduktion die Arbeit privat verausgabt wird und ihren gesellschaftlichen Charakter, ihre Anerkennung als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erst <em>nachträglich</em>, im Austausch erhält, ist bei einer gemeinschaftlichen Produktion, der gesellschaftliche Charakter der Production <em>vorausgesetzt</em>&#8221; (MEGA II.1.1/103; Gr 89, Herv. von mir)&#8221; (Heinrich 1999, S. 204).</p>
<p>Der &#8220;gesellschaftliche Charakter&#8221; der warenproduzierenden Arbeit und ihre &#8220;Anerkennung als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit&#8221; sind jedoch zwei verschiedene Dinge, die Heinrich hier fälschlicherweise identisch setzt. Selbstverständlich ist auch bei der Verausgabung warenproduzierender Arbeit ihr gesellschaftlicher Charakter immer schon vorausgesetzt. Nur eben anders, als in den diversen Formen gemeinschaftlicher Produktion. Gesellschaftlich ist sie in der für die Warengesellschaft konstitutiven widersprüchlichen Form der &#8220;ungesellschaftlichen Gesellschaftlichkeit&#8221;: Die Warenproduzenten produzieren als abstrakt Private, nur ihren Partikularinteressen folgend, aber sie produzieren nicht unmittelbar für sich, sondern für den abstrakten gesellschaftlichen Zusammenhang, der zwar ihr eigener ist, ihnen aber als fremde und unbeherrschbare Macht gegenübertritt. Ihre Privatheit ist also keine irgendwie vor- oder ungesellschaftliche, sondern selbst gesellschaftlich konstituiert, ebenso wie die Sphäre der abstrakten Allgemeinheit. &#8220;Die Pointe liegt &#8230; darin, daß das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebnen Mitteln erreicht werden kann; also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse der Privaten; aber dessen Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung, durch von allen unabhängige gesellschaftliche Bedingungen gegeben. Die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegeneinander gleichgültigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedrückt im <em>Tauschwert</em>, worin für jedes Individuum seine eigne Tätigkeit oder sein Produkt erst eine Tätigkeit und ein Produkt und ein Produkt für es wird; es muß ein allgemeines Produkt produzieren &#8211; den <em>Tauschwert</em>&#8221; (MEW 42, S. 90).</p>
<h4>2.</h4>
<p>Die kapitalistischen Privatproduzenten produzieren also niemals unschuldige &#8220;Produkte&#8221;, sondern immer schon Waren und das heißt: Repräsentanten von Wert.<a name="z4" href="#4">4</a> Ob diese Waren später tatsächlich abgesetzt werden können und damit auch der Wert realisiert wird, den sie repräsentieren, die verausgabte abstrakte Arbeit also als &#8220;Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit&#8221; anerkannt wird, ist eine nachgelagerte Frage. Was Heinrich hier verwechselt bzw. identisch setzt sind zwei unterschiedliche Abstraktionsebenen im Fortgang der begrifflichen Analyse des warenproduzierenden Systems: Die basale Ebene der gesellschaftlichen Form und die abgeleitete Ebene der <em>Vermittlung</em> von Produktions- und Zirkulationssphäre <em>innerhalb</em> dieser Form. Daß die Realisation des Werts mißlingen kann, liegt in der Sache selbst; diese Möglichkeit ist logisch durch das Auseinanderfallen des ökonomischen Zusammenhangs in die beiden getrennten und doch zusammengehörigen Sphären gesetzt.<a name="z5" href="#5">5</a> Der Kreislaufprozeß des Kapitals kann dann nicht erfolgreich abgeschlossen werden und der in der Ware dargestellte Wert wird <em>entwertet</em>. Vereinzelt geschieht dies andauernd, wo es massenhaft vorkommt, haben wir es mit einer mehr oder weniger heftigen Krise zu tun.</p>
<p>Doch das berührt die Ebene der Formbestimmung in keiner Weise, sondern setzt diese vielmehr bereits voraus. Heinrichs Argumentation legt die absurde Vorstellung nahe, es würde mit jedem einzelnen Tauschakt die Warenförmigkeit eines Dings überhaupt erst konstituiert. Das ist aber genauso verkehrt, wie zu behaupten, dies geschehe in jedem einzelnen Produktionsakt. Vielmehr ist die <em>gesellschaftliche Beziehungsform</em> beiden immer schon als stummes Apriori vorausgesetzt.<a name="z6" href="#6">6</a> Die grundsätzliche Frage nach der Bestimmung des Werts muß deshalb auch auf dieser fundamentalen Ebene der Form geklärt werden ohne sie mit Problemen zu vermengen, die sich erst auf abgeleiteten Abstraktionsebenen stellen.</p>
<p>Nun sind auf der Formebene des gesellschaftlichen Verhältnisses Arbeit und Ware insofern logisch gleichursprünglich, als sie sich wechselseitig voraussetzen. Daß abstrakte Arbeit verausgabt wird, setzt die Warenform, also die Form der Austauschbarkeit der Arbeitsprodukte voraus. Und umgekehrt: daß die gesellschaftlichen Beziehungen die Form von Warenbeziehungen annehmen bedeutet immer schon, daß die Arbeit den gesellschaftlichen Zusammenhang herstellt, wie Moishe Postone sehr zu Recht immer wieder betont: &#8220;Zwar konstituiert und determiniert laut Marx die Arbeit tatsächlich die Gesellschaft &#8211; aber <em>nur</em> im Kapitalismus. Sie wirkt aufgrund ihres spezifischen historischen Charakters bestimmend und nicht einfach als eine Tätigkeit, die den Stoffwechselprozeß von Mensch und Natur vermittelt&#8221; (Postone 1993, S. 62; eigene Übersetzung). So gesehen stellt also die Ware eine bestimmte gesellschaftliche <em>Form</em> dar, deren Inhalt oder <em>Substanz</em> die Arbeit ist, geradeso wie, davon abgeleitet, die abstrakte Arbeit die Substanz des Werts darstellt.</p>
<p>Wenn Marx den ersten Abschnitt des <em>Kapital</em> nicht unmittelbar mit der Arbeit beginnt, sondern zunächst mit dem Doppelcharakter der Ware, um dann erst zum Doppelcharakter der Arbeit überzugehen, dann liegt das einfach daran, daß der Wert in der Beziehung zweier Waren <em>erscheint</em>, keinesfalls aber, daß er dort erst entsteht. In diesem Sinne schreibt er in der ersten Auflage des <em>Kapital</em>: &#8220;Als <em>Werthe</em> sind die Waren Ausdrücke <em>derselben</em> <em>Einheit</em>, der abstrakten menschlichen Arbeit. In der Form des <em>Tauschwerts</em> <em>erscheinen</em> sie einander <em>als Werthe</em> und <em>beziehn</em> sich auf einander <em>als Werthe</em>. Sie beziehn sich damit zugleich auf die abstrakte menschliche Arbeit als <em>ihre gemeinsame gesellschaftliche Substanz</em>. Ihr <em>gesellschaftliches</em> Verhältnis besteht ausschließlich darin einander als nur quantitativ verschiedene, aber qualitativ gleiche und daher auch durch einander ersetzbare und miteinander vertauschbare Ausdrücke dieser ihrer gesellschaftlichen Substanz zu gelten. [...] Die <em>Form</em> worin sie sich als Werthe, als menschliche Arbeitsgallerte <em>gelten</em>, ist daher ihre <em>gesellschaftliche Form</em>. <em>Gesellschaftliche Form</em> der Waare und <em>Werthform</em> oder <em>Form der Austauschbarkeit</em> sind also eins und dasselbe&#8221; (MEGA II.5, S. 38).</p>
<p>Die gesellschaftliche Form der Warenproduktion vorausgesetzt besitzt also tatsächlich jedes einzelne als Ware hergestellte Produkt immer schon Wertgegenständlichkeit die sie durch die Verausgabung abstrakter Arbeit erhält; damit wird die abstrakte Arbeit keinesfalls als eine &#8220;&#8216;physiologische&#8217; Eigenschaft jeder Arbeit&#8221; (Heinrich 1999, S. 215) aufgefaßt, wie Heinrich polemisch anmerkt, sondern als konstitutives Moment der &#8220;zweiten Natur&#8221;. Daß man der einzelnen Ware ihre Wertgegenständlichkeit nicht ansieht, daß bisher &#8220;noch kein Chemiker Tauschwert in Perle oder Diamant entdeckt hat&#8221;, wie Marx ironisch feststellt (MEW 23, S. 98) versteht sich deshalb auch von selbst. Es verweist auf den Unterschied zwischen natürlicher Substanz und gesellschaftlicher Substanz einerseits und den zwischen Wesen und Erscheinung andererseits (der Wert erscheint als Tauschwert im Tauschakt). Dieser Unterschied ist Heinrich offenbar nicht bewußt, sonst könnte er die Marxsche Wertkritik nicht ganz im Jargon der Postmoderne als &#8220;substantialistisch&#8221; (gleichgesetzt mit &#8220;naturalistisch&#8221;) abqualifizieren.</p>
<h4>3.</h4>
<p>Die Frage nach der Wertgegenständlichkeit wirft notwendig auch die nach der Bestimmung der Wertgröße auf. Heinrich sucht die Antwort auch hier konsequenterweise in der Zirkulationssphäre und wird so, trotz aller Kritik an der subjektiven Wertlehre, letztlich eben doch mit dieser kompatibel. Schauen wir uns das Problem also noch einmal etwas genauer an. Als Wertding befindet sich die Ware in einer <em>Form</em>, die ihre allgemeine Vergleichbarkeit erlaubt, denn der Wert ist seinem Wesen nach qualitätslos, Darstellung abstrakter Quantität. Diese abstrakte Quantität kann aber gar nichts anderes sein, als die abstrakte Arbeitszeit, denn das ist die einzige gemeinsame Dimension, auf die sich die qualitativ und stofflich-sinnlich vollkommen unterschiedlichen Arbeiten reduzieren lassen: sie gelten als &#8220;Arbeit überhaupt&#8221; verausgabt im Maßstab der abstrakten Zeit.</p>
<p>Daß die Wertgröße nicht von der Arbeitszeit bestimmt wird, die individuell für die Produktion einer einzelnen Ware benötigt wird, ist eine Binsenwahrheit. Entscheidend ist &#8220;die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit&#8221;, also die &#8220;Arbeitszeit erheischt, um irgendeinen Gebrauchswert mit den vorhandenen gesellschaftlich-normalen Produktionsbedingungen und dem gesellschaftlichen Durchschnittsgrad von Geschick und Intensität der Arbeit darzustellen&#8221; (MEW 23, S. 53). Dieser gesellschaftliche Durchschnitt verschiebt sich bekanntlich im historischen Prozeß der Produktivkraftentwicklung: Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für die Herstellung der Warendinge verkürzt sich beständig, was bedeutet, daß das in jeder einzelnen Ware dargestellte Wertquantum ebenso beständig sinkt. Verläuft dieser Prozeß von Branche zu Branche zwar unterschiedlich und ungleichzeitig, so setzt er sich als solcher dennoch allgemein durch und zwar vermittelt über die Konkurrenz, die die einzelnen Produzenten zwingt, sich den Durchschnittsbedingungen immer wieder anzupassen. Tun sie das nicht, stellt ihre individuell verausgabte Arbeitszeit immer weniger Wert dar und sie werden letztlich vom Markt gedrängt. &#8220;Nach der Einführung des Dampfwebstuhls in England z.B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handweber brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor diesselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines frühern Werts&#8221; (MEW 23, S. 53).</p>
<p>Heinrich verwirft diese grundlegende Marxsche Einsicht mit einer ziemlich erstaunlichen Begründung: &#8220;Wenn &#8216;gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit&#8217; rein technologisch bestimmt wird, so handelt es sich um eine Bestimmung <em>konkreter</em> Arbeit. Wird also die &#8216;wertbildende Substanz&#8217;, abstrakte Arbeit, durch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit gemessen, so wird abstrakte Arbeit letztlich an konkreter Arbeit gemessen. Eine solche Auffassung ist zwar mit der Vorstellung von abstrakter Arbeit als physiologischer Eigenschaft von Arbeit verträglich, sofern dabei abstrakte Arbeit mit einfacher unqualifizierter Arbeit identifiziert wird. Wird abstrakte Arbeit aber als ein bestimmtes <em>gesellschaftliches Verhältnis</em> der Privatarbeiten zueinander aufgefaßt, so ist es unmöglich die Dauer der Verausgabung der Arbeitskraft umstandslos zum Maß der Menge abstrakter Arbeit zu erklären. Abstrakte Arbeit als gesellschaftliches Verhältnis kann überhaupt nicht &#8216;verausgabt&#8217; werden. Indem Marx ohne weiteres abstrakte Arbeit durch die Dauer konkreter Arbeit mißt, gerät er auf den Boden der klassischen politischen Ökonomie&#8221; (Heinrich 1999, S. 218).</p>
<p>Was Heinrich hier heillos durcheinanderwirft sind schlicht und einfach die beiden Seiten der warenproduzierenden Arbeit: die konkrete und die abstrakte Seite. Konkret ist die Arbeit insofern, als jede Ware eine spezifische Gebrauchswertgestalt besitzen muß, um überhaupt als Ware zu gelten; und dafür müssen nun einmal ganz spezifische Tätigkeiten verrichtet werden. Die Herstellung eines Wollpullovers erfordert nun einmal andere Arbeitsgänge und eine andere Technologie als die Herstellung eines Mikrochips. &#8220;Konkret&#8221; sind diese unterschiedlichen Tätigkeiten und Funktionsabläufe aber nur im paradoxen Sinne, die konkrete Seite einer Abstraktion zu sein, denn sie setzen immer schon ihre andere Seite, die abstrakte Arbeit, voraus und beide zusammen wiederum die abstrakte gesellschaftliche Form der Arbeit überhaupt (vgl. dazu auch <a href="http://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise">meinen Aufsatz</a> in <em>Streifzüge</em> 3/1998). Um diese konkrete Seite der Arbeit geht es bei der Bestimmung der Wertgröße jedoch ganz offensichtlich nicht, sondern um die Frage nach der notwendigen <em>Arbeitszeit</em>. Die Arbeitszeit kann aber nicht der konkreten Seite der Arbeit zugerechnet werden, sondern ist die vorausgesetzte, abstrakte gesellschaftliche Dimension <em>in</em> der sich jeder einzelne Arbeitsvorgang im System der modernen Warenproduktion vollzieht, wie unterschiedlich die stofflich-sinnlichen Verrichtungen auch sein mögen. Deshalb und nur deshalb lassen sich alle qualitativ unterschiedlichen Arbeiten darauf reduzieren bloß noch quantitativ verschiedene Ausdrücke desselben zu sein, wenn von ihren besonderen, &#8220;konkreten&#8221; Merkmalen abgesehen wird.<a name="z7" href="#7">7</a></p>
<p>Die Reduktion auf den Wert ist insofern identisch mit der Reduktion auf die abstrakte (Arbeits-)Zeit, die keinesfalls der ersten Natur zugerechnet werden darf und alles andere ist als eine &#8220;physiologische Eigenschaft von Arbeit&#8221;, wie Heinrich behauptet. Vielmehr handelt es sich um eine der zentralen Form-Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft, die historisch zusammen mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise entsteht (vgl. ausführlich Postone 1993). Nicht zufällig rechnet Kant die Zeit zum Apriori der menschlichen Erkenntnis überhaupt, womit er zwar den bürgerlichen Gesellschaftszusammenhang ontologisiert aber dennoch auf das mit ihm gesetzte Verhältnis von Form und Inhalt verweist (vgl. Müller 1977).</p>
<p>Richtig ist freilich, daß die klassische politische Ökonomie die Arbeitszeit als ein &#8216;natürliches Maß&#8217; ansah, wie ja überhaupt das bürgerliche Denken alle Kategorien der Warengesellschaft zu Kategorien der ersten Natur verklärt. Die Schärfe der Marxschen Theorie besteht darin, dies dechiffriert zu haben, indem sie nicht etwa die bürgerlichen Kategorien abstrakt negiert, sondern sie als ideologische Reflexe eine falschen Wirklichkeit ernst nimmt und damit in Kategorien der Kritik verwandelt: Was als erste Natur erscheint ist in Wirklichkeit die zweite Natur der Warengesellschaft und nur deshalb überhaupt kritikabel. Heinrich versteht genau das offenbar nicht und verwirft deshalb zusammen mit dem nicht begriffenen Naturalismus der Klassik auch den Marxschen Wertbegriff nur um sich in die Sphäre der Zirkulation zu flüchten, zieht also genau jene Konsequenz, die auch die neoklassische subjektive Wertlehre aus ihrer immanent-verkürzten Kritik an der Klassik gezogen hat. Wenn er Marx vorwirft, dieser gerate hier auf &#8220;den Boden der klassischen politischen Ökonomie&#8221; (s.o.), dann übersieht er, daß Marx den Wert und die abstrakte Arbeitszeit eben gerade nicht zu anthropologischen Grundtatsachen verklärt, sondern als warengesellschaftliche Realabstraktionen kritisiert.</p>
<h4>4.</h4>
<p>Theoretisch einigermaßen konsequent wäre nun der Schluß gewesen, die Arbeitszeit sei vollkommen irrelevant für die Bestimmung der Wertgröße. Freilich hätte Heinrich dann seine <em>Wissenschaft vom Wert</em> wohl kaum mehr als kritische Reinterpretation der Marxschen Theorie verkaufen können. Innertheoretisch bleibt es allerdings unerklärlich, weshalb die Arbeitszeit als Maßstab des Werts plötzlich und unverhofft in der Sphäre der Zirkulation wieder auftaucht, wenn auch wohl nicht zufällig gleich zweimal relativiert als &#8220;eine sozusagen &#8216;abstrakte Arbeitszeit&#8217;&#8221; (ebd.), die &#8220;derjenige Anteil der vom individuellen Produzenten privat verausgabten konkreten Arbeitszeit&#8221; sein soll, &#8220;der im Tausch als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird&#8221; (ebd.). Hier wird es nun geradezu metaphysisch &#8211; allerdings nicht im Sinne eines kritischen Durchleuchtens der warengesellschaftlichen Real-Metaphysik. Heinrich kann nicht angeben, wie die beiden dichotomisch auseinanderfallenden Ebenen von Produktion und Zirkulation miteinander vermittelt sind. Zwischen ihnen tut sich &#8220;ein tiefer Abgrund (auf), der logisch nicht zu überbrücken ist&#8221; (Backhaus/Reichelt 1995, S. 68). Es bleibt vollkommen nebelhaft, wie sich die sogenannte &#8220;konkrete Arbeitszeit&#8221; in die sie &#8220;sozusagen &#8216;abstrakte Arbeitszeit&#8217;&#8221; verwandelt. Diese kommt anscheinend aus dem bürgerlichen Himmel des Marktes auf die Waren herab wie der Heilige Geist auf die Seelen der gläubigen Christen.</p>
<p>Oberflächlich scheinplausibel wird Heinrichs Argumentation nur dadurch, daß er auch hier, wie schon gewohnt, das primäre Problem der Wertbildung mit dem abgeleiteten Problem der Wertrealisation identisch setzt. Bei Marx ist das Verhältnis der beiden Ebenen ziemlich unmißverständlich geklärt: Die durchschnittlich notwendige Arbeitszeit (im oben erläuterten Sinne) bestimmt die Wertgröße einer Ware. Doch so wie der Wert keine empirische Kategorie ist, ist es auch die Wertgröße einer Ware nicht. Diese läßt sich deshalb nicht messen, weder mit der Uhr noch mit irgendeinem anderen Instrument, und erscheint nur durch viele verschiedenen Vermittlungschritte hindurch im Preis. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie besteht zu einem Gutteil darin, diese Vermittlungen nachzuvollziehen, um schließlich auch die Bewegungen an der empirischen Oberfläche, der ökonomischen Erscheinungsebene, erklären zu können. Eine der Fragen, die sich dabei stellt, ist die, nach der Wirkung der Marktbewegung, also des Wechselspiels von Angebot und Nachfrage. Um sie zu beantworten führt Marx im dritten Band des <em>Kapital</em> die analytische Kategorie des &#8220;Marktwerts&#8221; ein, die wohlgemerkt nicht empirisch zu verstehen ist, etwa als identisch mit dem Marktpreis einer Ware.</p>
<p>Der Marktwert wird bei einem Nachfrageüberschuß von den Waren bestimmt, deren Produktionsbedingungen unter dem Produktivitätsdurchschnitt liegen und umgekehrt bei einem Angebotsüberschuß von den Waren, deren Produktionsbedingungen darüber liegen. Die vom jeweils herrschenden Produktivitätsstandard bestimmte durchschnittlich notwendige Arbeitszeit ist also als Maßstab des Werts vorausgesetzt, der Marktwert ist nur die Vermittlungsinstanz zwischen Produktion und Zirkulation. Findet beispielsweise ein Teil der produzierten Waren keinen Absatz, so wirkt da so <em>als</em> <em>ob</em> insgesamt zuviel Arbeit verausgabt wurde: &#8220;ein Teil der gesellschaftlichen Arbeit (ist) vergeudet, und die Warenmasse repräsentiert dann auf dem Markt ein viel kleineres Quantum gesellschaftlicher Arbeit, als wirklich in ihr enthalten ist&#8221; (MEW 25, S. 197). Mit anderen Worten, es findet dann eine Entwertung von bereits verausgabter, in unverkäuflichen Waren dargestellter abstrakter Arbeitssubstanz statt.</p>
<p>Heinrich macht aus diesem abgeleiteten Vermittlungsverhältnis zweier Abstraktionsebenen ein gleichberechtigtes Verhältnis zweier &#8220;Faktoren&#8221;. Die &#8220;&#8216;gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit&#8217;&#8221; sei &#8220;damit <em>nicht nur</em> technologisch bestimmt, <em>sondern auch</em> durch die gesellschaftliche Nachfrage, die aber erst im Austauschprozeß durch die Beziehung der Waren auf das Geld, wirksam wird&#8221; (Heinrich 1999, S. 241; Hervorheb. N.T.). Damit hat er erneut die Brücke zu einer reinen Zirkulationstheorie des Werts geschlagen. Zwar behauptet er ein &#8220;Determinationsverhältnis&#8221; zwischen Wert und Preis, doch zu Recht bemerken Backhaus und Reichelt dazu: &#8220;Heinrich gibt uns keinen Hinweis, wie dieses &#8216;Determinationsverhältnis&#8217; zu denken ist. Angesichts der oben erwähnten Doppelbestimmung der Arbeitszeit als technologische und zugleich das gesamtgesellschaftliche Bedürfnis einbeziehend kann offenbar nur dieses Wort wiederholt werden. Es wäre wünschenswert gewesen, wenn uns Heinrich angedeutet hätte, wie er beispielsweise das Problem der Überproduktion diskutiert. Denn diese könnte es ja gar nicht mehr geben, wenn die Oszillationsbewegung der Preise immer unmittelbar beides impliziert&#8221; (Backhaus/Reichelt 1995, S. 69).</p>
<p>Würde der Wert nämlich erst auf dem Markt &#8220;entstehen&#8221;, könnte es eine Entwertung von in Waren dargestellten aber nicht realisierbaren Wertquanten gar nicht geben, weil ja ganz tautologisch als Wert nur gilt, was auf dem Markt anerkannt wird und nur diejenigen &#8220;Produkte&#8221; auch Waren sind, die sich wirklich verkaufen. Krisen können vom Standpunkt einer solchen Zirkulationstheorie des Werts strengenommen nicht mehr aus den immanenten Widersprüchen der Warenproduktion heraus, sondern nur durch &#8220;externe Faktoren&#8221; erklärt werden, ganz wie in der bürgerlichen Volkswirtschaftlehre; eine Konsequenz, die Heinrich freilich nicht ziehen mag, obwohl sie der Logik seines theoretischen Ansatzes entspräche. Diese Inkonsequenz ist typisch für die gesamte <em>Wissenschaft vom Wert</em>. Heinrich versucht das Unmögliche, nämlich an der Marxschen Werttheorie (die eigentlich eine Wertkritik ist) festzuhalten und sie gleichzeitig zu entsorgen, also kompatibel mit dem theoretischen Universum der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre zu machen. Mag sein, daß er damit einem verbreiteten Bedürfnis insbesondere im akademischen Betrieb entgegenkommt; zur Neuformulierung einer fundamentalen Kapitalismuskritik trägt es kaum etwas bei.</p>
<hr />
<h4>Literatur:</h4>
<p>Hans-Georg Backhaus/Helmut Reichelt: Wie ist der Wertbegriff in der Ökonomie zu konzipieren, in Beiträge zur Marx-Engels-Forschung: N.F., Engels&#8217; Druckfassung versus Marx&#8217; Manuskripte zum III. Buch des <em>Kapital</em>, Hamburg 1995</p>
<p>Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert (2. Auflage), Münster 1999</p>
<p>Karl Marx: Das Kapital, Band I, MEW 23 (vierte Auflage von 1890)</p>
<p>ders.: Das Kapital, Band I, MEGA, 2. Abt., Bd. 5 (erste Auflage von 1867)</p>
<p>ders.: Das Kapital, Band III, MEW 25</p>
<p>ders.: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42</p>
<p>Rudolf Wolfgang Müller: Geld und Geist, Frankfurt/New York 1977</p>
<p>Moishe Postone: <a href="http://www.krisis.org/2003/zeit-arbeit-und-gesellschaftliche-herrschaft">Time, labor and social domination</a>, Cambridge 1993 (der im Text zitierte ins Deutsche übersetzte <a href="http://www.krisis.org/2003/vom-blossen-arbeiter-zum-vollstaendigen-menschen">Ausschnitt</a> erschien in Jungle World 12.7.2000).</p>
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a name="1" href="#z1">1</a> Kritischere Bemerkungen zur Kategorie der Arbeit finden sich gerade in den früheren Schriften, so etwa in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten oder in der berühmten Einleitung zu den Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie (MEW 42, S. 38f.). Heinrich zitiert zum Teil entsprechende Passagen, aber anscheinend fällt ihm der Widerspruch zu seiner These gar nicht auf, erst der späte &#8220;Marx des Kapitals&#8221; habe sich vom Naturalismus der Klassik befreit; was übrigens wohl damit zusammenhängt, daß er Marx Naturalismus unterstellt, wo gar keiner vorkommt, sondern von der &#8220;zweiten Natur&#8221; die Rede ist, Heinrich andererseits aber der Kategorie der &#8220;Arbeit&#8221; gegenüber unkritisch ist.</p>
<p><a name="2" href="#z2">2</a> Diese Kritik weist Heinrich zwar in der Neuauflage seines Buches verbal zurück, doch setzt er ihr argumentativ rein gar nichts entgegen, sondern wiederholt einfach nur die kritisierte Auffassung. Das Auseinanderfallen in eine &#8220;&#8216;naturale Realsphäre&#8217;, in der es keine Waren, sondern nur Produkte gebe&#8221; und eine &#8220;Welt des Austauschs&#8221; drücke, &#8220;so allgemein gefaßt&#8221;, &#8220;nur die spezifische Gesellschaftlichkeit der Arbeit in der bürgerlichen Gesellschaft aus&#8221; (Heinrich 1999, S. 216). Den Unterschied zwischen seiner Auffassung und derjenigen der klassischen und neoklassischen Ökonomie sieht Heinrich darin, daß diese von einer &#8220;Dichotomie zwischen &#8216;realen&#8217; und &#8216;monetären&#8217; Größen&#8221; ausgehe und deshalb &#8220;Probleme mit der Wertgegenständlichkeit&#8221; habe (ebd., S. 217). Es fragt sich allerdings, ob die Volkswirtschaftlehre in dieser Hinsicht nicht logisch konsequenter als Heinrich ist. Wenn man behauptet, die Wertgegenständlichkeit existiere &#8220;nur in der gesellschaftlichen Beziehung des Tauschs&#8221; (ebd.) und: &#8220;Isoliert für sich betrachtet, außerhalb des Austauschs ist der Warenkörper nicht Ware, sondern bloßes Produkt&#8221; (ebd., S. 216), dann kann man im Grunde auf die aufwendige marxologische Terminologie verzichten und gleich zur subjektiven Wertlehre überlaufen.</p>
<p><a name="3" href="#z3">3</a> In Übereinstimmung damit führt Heinrich übrigens auch eine höchst eigentümliche Bestimmung des Doppelcharakters der Arbeit ein: &#8220;abstrakte Arbeit&#8221; existiert demnach nur in der Zirkulation, wogegen &#8220;konkrete Arbeit&#8221; als Synonym für die &#8220;unmittelbare Arbeit&#8221; des Privatproduzenten am einzelnen Produkt verstanden wird (vgl. S. 219). Damit trifft er sich auch hier wieder mit dem traditionellen Marxismus und seiner Apologie der &#8220;konkreten Arbeit&#8221;.</p>
<p><a name="4" href="#z4">4</a> Etwas anderes ist es, wenn ein kapitalistisches Individuum im privaten Rahmen, abseits der Marktvermittlung, Produkte für den eigenen Bedarf herstellt (etwa Gemüseanbau im eigenen Garten). Dabei handelt es sich selbstverständlich nicht um Waren. Aber darum geht es hier nicht.</p>
<p><a name="5" href="#z5">5</a> &#8220;Die Produktions- und Distributionsverhältnisse hängen miteinander zusammen, sind aber nicht identisch. Marx weist darauf hin, daß die Distributionsverhältnisse sich als Kategorien der unmittelbaren Alltagserfahrung darstellen, daß sie manifeste Formen der Produktionsverhältnisse sind, die diese Verhältnisse sowohl ausdrücken als auch verschleiern; und zwar auf eine Weise verschleiern, die dazu führen kann, daß erstere für letzteren gehalten werden. Wenn der Marxsche Begriff der Produktionsverhältnisse, wie im traditionellen Marxismus, nur in Bezug auf die Distributionsweise interpretiert wird, werden die manifesten Formen für das Ganze gehalten. Diese Art systematischer Fehldeutung, die in den bestimmten Erscheinungsformen der kapitalistischen Vergesellschaftung angelegt ist, hat Marx in seinen Ausführungen zum &#8216;Fetisch&#8217; auf den Begriff zu bringen versucht&#8221; (Postone 1993, S.70; eigene Übersetzung).</p>
<p><a name="6" href="#z6">6</a> Wie verständnislos Heinrich der Ebene der gesellschaftlichen Form gegenübersteht, wird auch aus folgender Antwort auf die gegen ihn vorgebrachten Einwände nicht näher benannter Kritiker deutlich: &#8220;Das Argument, daß gerade bei kapitalistischer Produktion nicht ins Blaue hinein, sondern stets im Hinblick auf den Markt produziert werde, man daher auch schon vor dem Tausch von Ware und Wert sprechen könne, verfehlt allerdings den Sachverhalt, um den es hier geht: die bloße Absicht des Produzenten, sein Produkt als Ware auf den Markt zu bringen, verleiht diesem noch keine Wertgegenständlichkeit. Ob seine individuell verausgabte Privatarbeit tatsächlich als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird, stellt sich erst im nachhinein heraus&#8221; (Heinrich 1999, S. 216). Heinrich versucht hier das Formproblem empiristisch aufzulösen und kennt deshalb nur zwei Alternativen: Entweder der Wert ensteht aufgrund subjektiven Willens der vereinzelten Privatproduzenten (was er als Lösung ablehnt) oder aus dem Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage auf dem Markt. Beides geht aber an der Sache vorbei, denn sowohl der Wille und die Absichten der Privatproduzenten als auch die Marktbewegung sind immer schon wertförmig konstituiert. Insofern verweisen sie zwar auf die Form, stellen sie aber nicht her.</p>
<p><a name="7" href="#z7">7</a> Heinrich versucht sich, vielleicht weil er ahnt, daß er begrifflich ins Schleudern gekommen ist, durch folgende Aussage aus der Affäre zu ziehen: &#8220;Dies ändert allerdings nichts daran, daß der Wert der Ware auch eine quantitative Bestimmung hat &#8230;&#8221; (Heinrich 1999, S. 218; Hervorheb. N.T.). Es wäre interessant, zu erfahren, welches denn die &#8220;qualitative Bestimmung&#8221; sein soll, die der Wert dann ja &#8220;auch&#8221; haben müßte.</p>
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		<title>Untergang des Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1999 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte mit Michael Heinrich zur Krise]]></category>
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		<description><![CDATA[Die KRISIS und die Krise – Diskussion mit Heinrich zur Krise]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die ‚Krisis‘ und die Krise</h3>
<p>Streifzüge 1/1999</p>
<p>Überarbeitetes Referat, gehalten an der Universität Wien am 24.Juni 1998 bei der Veranstaltung &#8220;Was ist der Wert? Was soll die Krise?&#8221;</p>
<p><em>von Michael Heinrich</em></p>
<p>In der Vergangenheit hat der Kreis um die Zeitschrift Krisis, dem auch mein Co-Referent Norbert Trenkle angehört, die über den Wert vermittelte Form der Vergesellschaftung als den eigentlichen Ansatzpunkt ihrer Kritik hervorgehoben. Damit unterscheidet sich dieser Kreis positiv von vielen anderen, sich als links verstehenden Gruppen. Wie es sich für eine ordentliche Kontroverse gehört, werde ich mich im Folgenden äußerst kritisch mit Trenkle und der Krisis-Gruppe auseinandersetzen, doch sollte man berücksichtigen, daß dies vor dem Hintergrund solcher Gemeinsamkeiten erfolgt. <a href="http://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise">Das Referat von Norbert Trenkle</a>, auf das ich mich im folgenden beziehe, erschien in Streifzüge 3/1998.</p>
<h4><span id="more-329"></span><a name="q1"></a>Wert und Tausch</h4>
<p>In seinem Text hebt Trenkle hervor, daß &#8220;Arbeit&#8221; keine ahistorische Bedingung menschlichen Lebens, sondern eine besondere historische Form menschlicher Lebenstätigkeit ist, die sich erst mit der Verallgemeinerung der Warenproduktion durchsetzt. &#8220;Arbeit&#8221; sei hier eine von allen anderen Lebensbereichen abgetrennte und einem abstrakten Zeitregime unterworfene Tätigkeit und somit selbst schon eine Abstraktion (also noch vor der Unterscheidung in abstrakte und konkrete Arbeit). Dem ist ohne weiteres zuzustimmen und richtig ist auch, daß dieser Sachverhalt im &#8220;Kapital&#8221; nicht besonders klar herauskommt, sondern durch Marx’ Rede von der (nützlichen) Arbeit als &#8220;ewiger Naturnotwendigkeit&#8221; (MEW 23, S.57) eher verschleiert wird.<a href="#1">1</a>) Und genauso berechtigt ist auch die Kritik an der im Marxismus weit verbreiteten Auffassung, daß &#8220;die Arbeit&#8221; genauso Wert produzieren würde wie etwa der Bäcker die Brötchen (Trenkle S.8).</p>
<p>Um so erstaunlicher ist daher die dann folgende Argumentation von Trenkle, die sich kritisch auf mein Buch &#8220;Die Wissenschaft vom Wert&#8221; bezieht. Dort hatte ich unter anderem zu zeigen versucht, daß die werttheoretischen Grundbegriffe von Marx gewisse Ambivalenzen aufweisen, so auch sein Begriff der wertbildenden abstrakten Arbeit. Einerseits findet sich ein &#8220;naturalistisches Konzept&#8221;, das abstrakte Arbeit als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft im &#8220;physiologischen&#8221; Sinne auffaßt (vgl. MEW 23, S.61), die (ganz wie der Bäcker die Brötchen) unabhängig von allen Tauschvorgängen Wert &#8220;produziert&#8221;, der somit bereits dem einzelnen Produkt zukommt. Andererseits gibt es bei Marx aber auch ein &#8220;gesellschaftliches&#8221; Konzept abstrakter Arbeit. Hier beruht abstrakte Arbeit nicht auf &#8220;natürlichen&#8221; Attributen &#8220;der&#8221; Arbeit — und nichts anderes ist die von Marx angeführte Verausgabung von Hirn, Muskel, Nerv etc., (MEW 23, S.58) — sondern auf einem bestimmten gesellschaftlichen Geltungsverhältnis: im Tausch gelten die verschiedenen Arbeiten als gleiche, was aber nur möglich ist, wenn von ihrer realen Verschiedenheit abstrahiert wird. Abstrakte Arbeit verdankt sich dann nicht &#8220;natürlichen&#8221; Eigenschaften &#8220;der Arbeit&#8221;, sondern einer unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen stattfindenden Zuschreibung, die aber nur möglich ist, wenn &#8220;Ware&#8221; im Plural auftritt (vgl. dazu MEW 23, S.87f; MEGA II.6, S.41 sowie Heinrich 1991, S.167ff).</p>
<p><a name="q2"></a>Die von mir kritisierte naturalistische Tendenz bei Marx wird nun aber von Trenkle (S.8) insofern verteidigt, als er es als ganz wesentlich ansieht, daß die Produkte noch vor dem Tausch Wertcharakter besitzen (Trenkle S.9). Wenn ich Trenkle richtig verstehe, führt er dafür im wesentlichen zwei Gründe an. Erstens: Die kapitalistische Produktion geschieht nicht ins Blaue hinein, sondern ist immer schon auf den Markt ausgerichtet. Dies wird von niemandem bestritten, nur stellt sich die Frage, ob die Verwertungsabsicht des Kapitalisten und die entsprechende Organisation der Produktion bereits ausreicht, dem Produkt Wertgegegenständlichkeit zu verleihen, oder ob es diese erst im gesellschaftlichen Zusammenhang erhält. <a href="#2">2</a>) &#8220;Davon zu sprechen, daß der Wert in der Form des Tauschwerts erst auf der Ebene der Zirkulation erscheint, setzt bereits die Einsicht voraus, daß er nicht hier entsteht, wie Sohn-Rethel und andere Tauschtheoretiker sowie alle Vertreter der subjektiven Wertlehre meinen; die Einsicht also, daß es einen Unterschied zwischen dem Wesen des Werts und seinen Erscheinungsformen gibt.&#8221; (Trenkle S.9) Hier scheint mir zum einen ein gewisser Kategorienfehler vorzuliegen, wenn aus dem &#8220;Ort&#8221; einer &#8220;Erscheinungsform&#8221; (Wert erscheint in der Zirkulationssphäre) geschlossen wird, daß das Wesen, das da erscheint, dann aber an einem anderen Ort &#8220;entstanden&#8221; sein müsse (in der Produktionssphäre): Differenzen zwischen logischen Kategorien werden umstandslos mit Differenzen innerhalb einer räumlichen Metapher ineins gesetzt.</p>
<p>Wichtiger ist jedoch, daß Trenkle überhaupt die Frage stellt, &#8220;wo entsteht der Wert?&#8221;. Explizit oder implizit wurde diese Frage sowohl von der klassischen politischen Ökonomie als auch von der subjektiven Wertlehre gestellt und von der ersten mit &#8220;in der Produktionssphäre&#8221; von der zweiten mit &#8220;in der Zirkulationssphäre&#8221; beantwortet. Bei Marx (sofern er nicht gerade &#8220;naturalistisch&#8221; argumentiert) wird dagegen deutlich, daß sich bereits diese Frage einer dem Fetischismus der Warenproduktion aufsitzenden Problemstellung verdankt. Für die Wertgegenständlichkeit gilt nämlich das Gleiche, was Marx für die Äquivalentform ausführte: es handelt sich um eine Eigenschaft, die einem Ding in einem bestimmten Verhältnis zu einem anderen Ding zukommt und da die Eigenschaften der Dinge normalerweise nicht aus ihren Verhältnissen zu anderen Dingen entspringen, sondern schon vorher da sind, scheinen sie ihre Eigenschaften unabhängig von diesem Verhältnis zu besitzen (vgl. MEW 23, S.72). Daß den Waren ihre Wertgegenständlichkeit auch einzeln, unabhängig von dem gesellschaftlichen Zusammenhang zukommt, ist gerade der Schein, durch den eine gesellschaftliche Eigenschaft in eine natürliche verwandelt wird. Zweitens: Der Wert &#8220;entsteht&#8221; daher nicht irgendwo und ist dann &#8220;da&#8221;, der Wert ist vielmehr die gegenständliche Reflexion eines bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses. Beim Brötchen macht es durchaus Sinn zu fragen, wo es &#8220;entstanden&#8221; ist, ob in der Backstube oder auf der Ladentheke; glaubt man aber dem Wert mit derselben Frage beikommen zu können, dann deutet dies darauf hin, daß man doch noch die Vorstellung hat, daß die Arbeit in einer ähnlichen Weise den Wert produziert wie der Bäcker das Brötchen.</p>
<p><a name="q3"></a>Aber warum ist diese Frage überhaupt so wichtig, daß man damit das Publikum quält? Tatsächlich geht es um das Verständnis der spezifischen Art von Gesellschaftlichkeit, die in der bürgerlichen Gesellschaft existiert. Zwischen den Produzenten (unter kapitalistischen Bedingungen: den kapitalistischen Unternehmen) existiert eine allseitige Abhängigkeit, zugleich sind diese Produzenten aber unabhängig voneinander, die Produktion ist &#8220;privat&#8221;. Inwieweit diese &#8220;Privatproduktion&#8221; zum Bestandteil gesellschaftlicher Produktion wird, stellt sich erst im nachhinein heraus und zwar in einem über Geld (und weiterentwickelt: Kredit) vermittelten Prozeß. Verlegt man nun die Wertgegenständlichkeit bereits in das privat produzierte Produkt, dann gilt dieses bereits als an sich schon Gesellschaftliches; die Vermittlung, in der die private Produktion überhaupt erst als Gesellschaftliche anerkannt wird, wird dann zu einem bloßen Randphänomen. Aber gerade die Formen dieser Vermittlung werfen entscheidende theoretische Probleme auf: die zahlreichen Ansätze zur Wertformanalyse und der unvollendete (und auf der gegebenen Grundlage wahrscheinlich auch nicht vollendbare) Kreditabschnitt des dritten Bandes des &#8220;Kapital&#8221; machen dies deutlich. Dementsprechend wurden im &#8220;klassischen&#8221; Marxismus der Arbeiterbewegung, der ebenso wie Trenkle die Wertgegenständlichkeit der Produkte bereits mit der kapitalistischen Produktion als gegeben ansieht, gerade diese schwierigen Teile der Marxschen Ökonomiekritik weitgehend ignoriert.<a href="#3">3</a>)</p>
<h4>Profitrate, produktive Arbeit und Krise</h4>
<p>In den recht knappen Ausführungen zur Krise referiert Trenkle (S.10) die bekannte Zusammenbruchsthese der Krisis-Gruppe, &#8220;daß die moderne Warenproduktion in einen fundamentalen Krisenprozeß eingetreten ist, der nur in ihrem Untergang münden kann&#8221;, Begründungen werden allenfalls angedeutet.</p>
<p>Nun sind Zusammenbruchstheorien keineswegs neu. Sie gehörten vor 1914 zum ideologischen Kernbestand sowohl des &#8220;marxistischen Zentrums&#8221; in der SPD um Bebel und Kautsky als auch des linken Flügels um Rosa Luxemburg (wenngleich diese Theorien unterschiedliche politische Funktionen hatten: beim Zentrum dienten sie der Rechtfertigung eines &#8220;revolutionären Attentismus&#8221;, man wartete auf den &#8220;großen Kladderadatsch&#8221; (Bebel) und verwarf jede frühere revolutionäre Aktion als &#8220;voluntaristisch&#8221;; bei Luxemburg hatte die Zusammenbruchstheorie dagegen eine mobilisierende Funktion, die Linke hatte nicht nur den Gang der Geschichte auf ihrer Seite, es sollte auch die mit dem Zusammenbruch einhergehende Barbarei durch eine vorher stattfindende Revolution verhindert werden). Auch die kommunistischen Parteien der 20er und 30er Jahre hielten an der Zusammenbruchstheorie fest: Lenin hatte den Imperialismus bereits als verfaulenden, im Niedergang befindlichen Kapitalismus charakterisiert und als sich dieser Kapitalismus in den 20er Jahren unübersehbar erholte und sogar zu einer beschleunigten Entwicklung der Produktivkräfte führte, wo doch Stagnation vorhergesagt war, mußten Autoren wie Eugen Varga mit der These von der &#8220;allgemeinen Krise des Kapitalismus&#8221; einspringen, wo jeder Aufschwung als letztes Aufbäumen vor dem endgültigen (und durch den Aufschwung noch beschleunigten!) Niedergang interpretiert wurde. Als dann der Marxismus im Gefolge der Studentenbewegung in den späten 60er und den 70er Jahren in Westeuropa wieder Konjunktur hatte, gab es auch wieder zusammenbruchstheoretische Ansätze (etwa bei Ernest Mandel), wenngleich sie nicht dieselbe Bedeutung erlangten wie früher In den 80er Jahren waren sie weitgehend verschwunden, bis sie schließlich von Robert Kurz und der Zeitschrift Krisis wieder aus der Versenkung hervorgeholt wurden. Gerade angesichts der vielfach zutreffenden Kritik an den Bornierungen des klassischen Marxismus der Arbeiterbewegung ist es verwunderlich, daß sich die Krisis-Gruppe nun ausgerechnet mit dieser Perle des Arbeiterbewegungsmarxismus schmückt.</p>
<p>Problematisch sowohl bei den alten Zusammenbruchstheorien als auch bei ihrem neuerlichen Revival ist bereits der &#8220;Zusammenbruch&#8221; selbst: was für einen gesellschaftlichen Zustand soll man sich darunter vorstellen? Elend und Massenarbeitslosigkeit überall? Aber was ist dann der Unterschied zu einer &#8220;normalen&#8221; Krise? Oder wirklich das Ende der Warenproduktion? Aus Trenkles Text kann ich keine eindeutige Antwort entnehmen. Einerseits ist wie oben zitiert vom &#8220;Untergang der Warenproduktion&#8221;, also vom tatsächlichen Verschwinden der Produktionsweise die Rede. Andererseits soll &#8220;theoretisch und empirisch&#8221; gezeigt worden sein, &#8220;daß es keinen neuen, säkularen Akkumulationsschub mehr geben wird, sondern daß der Kapitalismus unwiderruflich in eine barbarische Niedergangs- und Zerfallsepoche eingetreten ist&#8221; (Trenkle S.10). In diesem Fall gäbe es weiterhin Warenproduktion und Kapitalismus, aber stagnierend und mit fürchterlichen sozialen Auswirkungen.</p>
<p>Drei Argumente werden bei Trenkle angedeutet (und zum Teil in anderen Texten der Krisis-Gruppe ausgeführt), die zwar keinen endgültigen &#8220;Untergang&#8221; der Warenproduktion, aber vielleicht den &#8220;unwiderruflichen&#8221; Niedergang des Kapitalismus plausibel machen können: Erstens: die &#8220;Abschmelzung der Arbeitssubstanz &#8230; in den produktiven Kernsektoren der Weltmarktproduktion&#8221;, zweitens der &#8220;fortschreitende Rückzug des Kapitals aus riesigen Weltregionen&#8221;, drittens die &#8220;gewaltige Aufblähung und Entfesselung der Kredit- und Spekulationsmärkte&#8221;.</p>
<p>Sehen wir uns diese Argumente im Einzelnen an. Am schwächsten scheint mir Argument Nr. 2 zu sein. Abgesehen davon, daß man diskutieren könnte, ob der hier genannte empirische Befund tatsächlich so zutrifft (d.h. gibt es tatsächlich &#8220;riesige Weltregionen&#8221;, die schon einmal kapitalisiert waren und erst jetzt entkapitalisiert werden?), läßt sich die behauptete globale Niedergangstendenz mit ihm nicht begründen. Betrachtet man die Entwicklung des Industriekapitalismus in den letzten 200 Jahren so gab es ein ständiges Auf und Ab einzelner Regionen: die frühen Industriereviere in Mittelengland, die Automobilindustrie in Detroit, das Ruhrgebiet sie alle waren einmal zentrale Standorte des Kapitals, erfuhren einen Niedergang, neue Standorte (im amerikanischen Sunbelt, in Südengland, in Süddeutschland) entstanden, zum Teil konnten sich die alten Standorte erholen, zum Teil nicht. Dies gilt aber nicht nur für die Bedeutung von Regionen innerhalb eines Nationalstaats, sondern auch für Bedeutung ganzer Staaten und Weltregionen. Daß es sich im Moment aber nicht nur um dieses Auf und Ab verschiedener Regionen handelt, daß sich der Kapitalismus von einer weltumspannenden Macht auf wenige (und immer weniger werdende) Inseln in einem Meer nicht-kapitalistischer Produktionsweise zurückzieht, darauf scheint mir gegenwärtig nichts hinzudeuten.</p>
<p>Der in Argument Nr. 3 angesprochene Sachverhalt wurde von Robert Kurz (1995b) ausführlicher behandelt. Bei der Lektüre dieses Aufsatzes drängt sich aber der Eindruck auf, daß bereits die bloße Ausdehnung von Kreditbeziehungen in der kapitalistischen Produktion schon als Unterminierung der ganzen Produktionsweise angesehen wird, da die Zinsforderungen, die aus den Krediten folgen, das &#8220;reale&#8221; Kapital &#8220;einschnüren&#8221; und zu &#8220;ersticken&#8221; drohen. Nun hat bereits Marx in seiner (sicher unzureichenden) Analyse des Kredits recht plausibel herausgearbeitet, daß die Kreditvermittlung der Produktion und damit auch die Aufspaltung des Profits in Zins und Unternehmergewinn gerade der Normalfall in einem entwickelten Kapitalismus ist. Und in der Tat steigert der Kredit erheblich die Dynamik und Flexibilität des Kapitalismus: zum einen ist die Akkumulation des Einzelkapitals nicht mehr durch den von ihm selbst produzierten Profit begrenzt, die gesellschaftlichen Ressourcen können erheblich schneller in neue Kanäle geleitet werden, zum anderen hat gerade die &#8220;Einschnürung&#8221; des Kapitals durch die Zinszahlungen zur Folge, daß das Einzelkapital auch unabhängig von den Konkurrenzverhältnissen zur Steigerung der Produktivkraft und zur Ökonomisierung des konstanten Kapitals gezwungen wird. Kann ein Unternehmen bei diesem beständigen Wettlauf nicht mehr mithalten, dann verschwindet es bei Kreditfinanzierung schneller als wenn es nur mit Eigenkapital arbeiten würde und noch eine Zeitlang &#8220;von der Substanz&#8221; zehren könnte, was zwar für den einzelnen Kapitalisten und die von ihm beschäftigten Arbeitskräfte sehr unangenehm sein mag, die &#8220;Effizienz&#8221; des kapitalistischen Systems als Ganzem aber erhöht. Kredit und Spekulation steigern nicht nur Dynamik und Flexibilität des Kapitalismus, sie können auch Krisen auslösen oder vorhandene Krisentendenzen verstärken, aber auch diese Krisen sind für den Kapitalismus als Ganzen durchaus funktional. Wird der &#8220;Zinsdruck&#8221; nicht nur für einzelne Kapitale, sondern für die meisten Kapitale zu stark, dann gerät nicht nur das &#8220;reale&#8221; Kapital unter Druck, sondern auch das Bankensystem: dessen Kredite werden &#8220;faul&#8221;. Der zu hohe &#8220;Zinsdruck&#8221; wird dann durch eine Krise &#8220;bereinigt&#8221;, der sowohl ein Teil des industriellen wie des Bankkapitals zum Opfer fallen mag, aber noch lange nicht das kapitalistische System als Ganzes.</p>
<p>Bleibt noch das erste von Trenkle erwähnte Argument, das auch in vielen Texten der Krisis-Gruppe eine wichtige Rolle spielt, das &#8220;Abschmelzen produktiver Arbeit&#8221;. Wenn ich es richtig sehe, dann überkreuzen sich hier zwei verschiedene Argumentationslinien. Zum einen werden Überlegungen aufgenommen, die Marx im Rahmen seiner Begründung des &#8220;Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate&#8221; anstellt, zum anderen wird mit einem neuen Begriff von produktiver Arbeit operiert.</p>
<p><a name="q4"></a>Den langfristigen Fall der gesellschaftlichen Durchschnittsprofitrate begründete Marx kurz gesagt damit, daß der Anteil des &#8220;variablen Kapitals&#8221; (mit dem die Arbeitskraft gekauft wird) am vorgeschossenen Gesamtkapital immer mehr abnehme, da die Steigerung der Produktivkraft eine immer teurere Maschinerie erfordern würde. Mehrwert (und damit auch seine verwandelte Form Profit) entstehe aber nur durch die Verausgabung lebendiger Arbeitskraft, so daß das Kapital im Laufe seiner Entwicklung die Quelle seiner Verwertung untergrabe und daher die Profitrate langfristig sinke. Das Problem bei dieser Argumentation besteht darin, daß der skizzierte Prozeß nicht nur den von Marx hervorgehobenen Aspekt (Vermehrung des konstanten Kapitals gegenüber dem variablen) hat, der allein betrachtet eine Senkung der Profitrate bewirkt, sondern auch noch andere, die Profitrate steigernde Eigenschaften aufweist: die Produktivkraftsteigerung wirkt verbilligend auf das eingesetzte konstante Kapital und außerdem steigert sie die Mehrwertrate (d.h. die gleiche Menge Arbeitskraft liefert in derselben Zeit einen größerer Mehrwert). Die Bewegung der Profitrate ist erst das Resultat aller drei Effekte. Zwar wurden die beiden zuletzt erwähnten Punkte auch von Marx gesehen, doch hielt er sie für untergeordnet, ohne dies jedoch ausreichend belegen zu können. Wer einen Fall der Profitrate behauptet (oder darauf gestützt eine Abnahme der produktiven Arbeit), also eine quantitative Aussage macht, muß dafür auch eine quantitative Begründung vorlegen (in unserem Fall: es müßte gezeigt werden, daß der erste, die Senkung der Profitrate bewirkende Effekt quantitativ tatsächlich größer ist als die beiden anderen Effekte zusammengenommen). Der an dieser Stelle oft gehörte Einwand, daß es aber doch nicht um quantitative Größen, sondern um gesellschaftliche Verhältnisse gehe, ist wenig überzeugend, wenn derjenige, der diesen Einwand vorbringt, vorher selbst mit der quantitativen Veränderung bestimmter Größen argumentiert hat.<a href="#4">4</a>)</p>
<p>Es finden sich bei der Krisis-Gruppe aber noch Überlegungen ganz anderer Art, die das &#8220;Abschmelzen der produktiven Arbeit&#8221; begründen sollen. Dabei wird der Begriff der produktiven Arbeit in einer etwas ungewöhnlichen Weise umdefiniert. Marx hatte in den &#8220;Theorien über den Mehrwert&#8221; herausgestellt, daß die Begriffe produktive/unproduktive Arbeit, wenn sie für eine sinnvolle Analyse taugen sollen, vom Charakter der Produktionsweise und nicht von irgendwelchen konkreten Eigenschaften des Arbeitsprozesses abhängig gemacht werden müssen. Unter kapitalistischen Verhältnissen sei daher nicht schon jede Lohnarbeit &#8220;produktiv&#8221;, sondern nur diejenige, die auch Mehrwert produziert. Die Arbeit eines Gärtners, der den Garten eines Kapitalisten pflegt, ist solange unproduktiv, wie dieser Garten einzig dem Genuß dieses Kapitalisten dient. Erst wenn die Gartenprodukte auf dem Markt mit Gewinn verkauft werden, wird die Arbeit des Gärtners (ohne daß sich konkret etwas an ihr geändert hätte) &#8220;produktive Arbeit&#8221;. Als unproduktiv betrachtet Marx auch solche Arbeiten, die, obwohl sie im Rahmen einer kapitalistischen Produktion stattfinden, lediglich den Formwechsel von Ware und Geld zum Gegenstand haben, also nicht durch die Produktion selbst, sondern durch ihre kapitalistische Form bedingt sind. Unproduktive Arbeit trägt nicht zur Mehrwertproduktion bei, sondern muß aus dem Mehrwert bezahlt werden und schmälert somit die Möglichkeiten der Akkumulation.</p>
<p><a name="q5"></a>In dem schon erwähnten Aufsatz von Kurz (1995b) werden die Marxschen Überlegungen zwar zunächst zutreffend referiert, es findet sich dann aber die Tendenz, die unproduktiven Arbeiten doch wieder an gewissen stofflichen Eigenschaften (nämlich als Dienstleistungen im Unterschied zur &#8220;substantiellen&#8221; Warenproduktion) festzumachen.<a href="#5">5</a>) Wichtiger als solche Unschärfen ist jedoch, daß Kurz eine grundsätzliche Erweiterung des begrifflichen Umfangs produktiver Arbeit vornimmt. &#8220;Produktiv&#8221; sollen nur diejenigen Arbeiten sein, die nicht nur einzelbetrieblich, sondern auch auf der Ebene der gesamten Gesellschaft für die Reproduktion des Kapitals erforderlich sind. Seine Überlegungen laufen darauf hinaus, daß beispielsweise die Arbeit der Arbeitskräfte in einer Brotfabrik produktiv ist, sofern ihr Produkt (die Brote) von Arbeitskräften verzehrt wird, die selbst ebenfalls wieder produktive Arbeit verrichten, nicht aber, wenn diese Brote von nicht-produktiven Arbeitern (wie etwa dem Hausdiener eines Unternehmers) verzehrt werden. Damit eine Arbeitskraft &#8220;produktiv&#8221; verausgabt wird, ist dann nicht nur notwendig, daß sie ein Produkt produziert, das verkauft wird und bei dessen Verkauf Gewinn erzielt wird, es kommt auch auf die weitere Verwendung dieses Produkts an: Produktiv im Sinne von Kurz ist eine Arbeit nur, wenn ihr Produkt von produktiven Arbeitern (als Konsumtions- oder als Produktionsmittel) verzehrt wird.</p>
<p><a name="q6"></a>Stören wir uns nicht an der offensichtlichen Zirkularität dieser Definition (produktive Arbeit wird durch produktive Arbeit definiert),<a href="#6">6</a>) sondern unterstellen ruhig einmal (und darauf will Kurz letzten Endes hinaus), daß der Anteil unproduktiver Arbeit an der Gesamtarbeit tatsächlich zunimmt oder andersherum, daß wir die &#8220;Abschmelzung&#8221; (Trenkle) produktiver Arbeit beobachten können. Ob damit schon der Untergang des Kapitalismus eingeläutet wird, müßte aber erst noch gezeigt werden. Zwar ist bei Kurz mehrfach von einer &#8220;Schmerzgrenze&#8221; der Kapitalreproduktion die Rede, die durch die Zunahme unproduktiver Arbeit sogar schon überschritten sei; auf eine inhaltliche Bestimmung der Größe einer solchen &#8220;Schmerzgrenze&#8221;, wartet man jedoch vergeblich. Hat man aber nicht einmal eine vage Vorstellung von der Bestimmung dieser Schmerzgrenze, woher weiß man dann, daß sie bereits überschritten ist?</p>
<p>Hinter der Rede von einer &#8220;Schmerzgrenze&#8221; steckt anscheinend die Vorstellung, daß der &#8220;produktive&#8221; mehrwertschaffende Bereich den wachsenden unproduktiven alimentieren muß und daß dann nicht genügend Mehrwert für die Akkumulation in der &#8220;substantiellen Warenproduktion&#8221; übrig bleibt. Allerdings haben wir es hier mit einem ähnlichen Problem wie beim Fall der Profitrate zu tun: die wachsende Produktivkraft sorgt dafür, daß die von einer &#8220;produktiven&#8221; Arbeitskraft produzierte Mehrwertmasse beständig steigt, daß also eine &#8220;produktive&#8221; Arbeitskraft eine ständig wachsende Masse unproduktiver Arbeit unterhalten kann. Wird behauptet, die unproduktive Arbeit werde zur untragbaren Last, dann müßte mindestens gezeigt werden, daß sie schneller wächst als die Produktivkraft (wobei noch zu berücksichtigen wäre, daß die &#8220;Rationalisierung&#8221; vor den &#8220;unproduktiven&#8221; Sektoren keineswegs haltmacht, also auch die &#8220;unproduktiven&#8221; Leistungen mit immer geringerer Arbeitsverausgabung erbracht werden). Denn erst wenn dies der Fall ist, kann sich die Zunahme der unproduktiven Arbeit einer (wie auch immer bestimmten) &#8220;Schmerzgrenze&#8221; überhaupt nähern.</p>
<h4>Zusammenbruch oder reinigendes Gewitter?</h4>
<p>Wenn die gerade skizzierten Überlegungen zutreffen, dann ist bis jetzt nicht wirklich plausibel gemacht worden, daß der Kapitalismus gerade seine &#8220;Zusammenbruchskrise&#8221; erlebt. Andererseits ist die Existenz von Krisen (und wohl auch schärfer werdenden Krisen) nicht zu bestreiten. Welche Bedeutung haben nun diese Krisen, wenn sie nicht auf den Zusammenbruch des Kapitalismus hinauslaufen?</p>
<p>Bereits zu Anfang meines Textes wurde die spezifische Gesellschaftlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft angedeutet: die Produktion ist trotz allseitiger Abhängigkeit &#8220;privat&#8221; organisiert, erst im Nachhinein, auf dem Markt zeigt sich inwieweit die Privatprodukte als Produkte gesellschaftlicher Arbeit anerkannt werden. Indem das innerlich Zusammengehörige durch die Form von Kauf und Verkauf auseinandergerissen wird, ist bereits die Möglichkeit der Krise gegeben, wie Marx im ersten Abschnitt des ersten &#8220;Kapital&#8221;-Bandes festhält. Um zu sehen, wie aus dieser bloßen Möglichkeit eine wirkliche Krise wird, muß der Gesamtprozeß kapitalistischer Produktion und Reproduktion untersucht werden, was Marx im dritten Band des &#8220;Kapital&#8221; unternimmt. Hier finden sich dann vor allem im 15. Kapitel verschiedene Ansätze zur Krisentheorie. Obwohl diese Ansätze unvollständig und auch systematisch unzureichend sind (vor allem weil das Kreditsystem ausgeblendet bleibt), kann Marx deutlich machen, daß Krisen keine &#8220;zufälligen&#8221; Ereignisse sind, die durch eine geschickte staatliche Wirtschaftspolitik abgewendet werden könnten. Gerade der &#8220;bewußtlose&#8221; Charakter der Vergesellschaftung einerseits und der Imperativ maximaler Kapitalverwertung andrerseits bauen immer wieder Ungleichgewichte, Widersprüche und Blockaden auf, die nur gewaltsam — vermittels einer Krise — beseitigt werden können. Insofern haben Krisen eben nicht nur eine zerstörerische Wirkung; für das Kapital als Ganzes haben sie eine außerordentlich positive Funktion. Genauer: gerade aufgrund ihrer zerstörerischen Wirkungen haben die Krisen diese positive Funktion. Indem nicht mehr profitable Einzelkapitale entwertet, dysfunktional gewordene gesellschaftliche Strukturen beseitigt, Arbeiter und Arbeiterinnen massenhaft arbeitslos werden und ihr Reproduktionsniveau gesenkt wird, werden für die verbleibenden Kapitale die Verwertungsbedingungen enorm verbessert und es kann ein neuer Akkumulationsschub einsetzen, der schließlich zu neuen Widersprüchen und Blockaden führen wird, die durch die nächste Krise beseitigt werden müssen. Der Kapitalismus verhält sich hier ähnlich wie ein Krebsgeschwür: auch wenn 90% eines Tumors vernichtet werden, hindert dies die restlichen 10% keineswegs am weiteren Wachstum, dies erfolgt eventuell sogar noch schneller.</p>
<p>Was nun die gegenwärtigen Krisenprozesse angeht, so scheinen sie mir alles andere als das Ende des Kapitalismus anzuzeigen. So ist die sogenannte &#8220;Asienkrise&#8221; nicht der Anfang vom Ende des Kapitalismus in Ostasien, sondern eher dessen Beginn: der in den Zeiten des Kalten Krieges politisch (sowohl von den einzelnen Nationalstaaten als auch von der Hegemonialmacht USA) stabilisierte Kapitalismus Ostasiens, hatte wie üblich in solchen Situationen, riesige spekulative Blasen hervorgebracht. In den letzten anderthalb Jahren sind nicht nur einige dieser Blasen geplatzt, der Kapitalismus der (vorgeblichen) &#8220;Tigerstaaten&#8221; muß auch damit zurechtkommen, daß er eben nicht mehr das Hätschelkind der USA ist. Insofern bewirkt die Asienkrise, daß der Kapitalismus in Ostasien auf ein &#8220;realistisches&#8221; Entwicklungsniveau zurückgestutzt wird, was für die Masse der Bevölkerung mit einer enormen Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen verbunden ist. Auf dieser reduzierten Basis wird sich der ostasiatische Kapitalismus dann aber aus eigener Kraft weiterentwickeln können und wahrscheinlich schon bald ein viel schärferer Konkurrent für das US-amerikanische und westeuropäische Kapital werden, als er dies jemals zuvor war. Und auch Afrika (das Trenkle wahrscheinlich im Sinn hatte, als er davon sprach, daß sich das Kapital aus ganzen Weltregionen zurückziehen würde) scheint eher am Anfang als am Ende einer kapitalistischen Entwicklung zu stehen. Mit der Abschaffung der Apartheid in Südafrika ist die politische Blockade für die weitere Expansion der mit Abstand stärksten wirtschaftlichen Macht Afrikas gefallen. Inzwischen dominiert Südafrika nicht nur die südafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft, südafrikanische Konzerne sind auch schon neben US-amerikanischen in Zentralafrika in Stellung gegangen, um die Ausbeutung dieser rohstoffreichen Region nicht mehr nur französischen Unternehmen zu überlassen, so daß die Zeichen eher auf eine Verstärkung als auf eine Abschwächung kapitalistischer Entwicklung hindeuten, wenngleich diese auf niedrigem Niveau stattfinden und sich eher in Jahrzehnten als in Jahren bemessen wird.</p>
<p>Der Zusammenbruch des Realsozialismus ist wohl nicht das Anfang vom Ende der Warenproduktion, sondern eher der Anfang eines historisch zum ersten Mal auftretenden: &#8220;globalen&#8221; Konkurrenzkapitalismus. Wenn die &#8220;Konkurrenz auf dem Weltmarkt&#8221; wirklich die &#8220;Basis und die Lebensatmosphäre der kapitalistischen Produktionsweise bildet&#8221;, wie Marx im dritten Band des &#8220;Kapital&#8221; formulierte (MEW 25, S.120), dann ist dieser &#8220;Weltmarkt&#8221; heute zum ersten Mal soweit entwickelt, daß er tatsächlich die gesamte Welt umfaßt. Insofern wird die reale Existenz der kapitalistischen Produktionsweise jetzt zum ersten Mal &#8220;ihrem Begriff adäquat&#8221;. Dieser nun endlich realisierte Kapitalismus scheint mir zwar sehr weit entfernt von allem &#8220;Niedergang&#8221; oder &#8220;Untergang&#8221; zu sein, er wird aller Voraussicht nach aber auch nicht viel mit den (aus heutiger Perspektive) nachgerade komfortablen Zuständen des &#8220;Wirtschaftswunders&#8221; der Nachkriegszeit gemein haben. Zumindest in Westeuropa und den USA herrschte über etwa 20 Jahre hinweg (von Mitte der 50er bis Anfang der 70er Jahre) nahezu Vollbeschäftigung, die Reallöhne stiegen, sozialstaatliche Leistungen wurden ausgebaut und die kapitalistische Entwicklung verlief zwar zyklisch aber ohne größere Kriseneinbrüche. Solche fast schon idyllischen Zustände (die aber auch damals nur in den kapitalistischen Metropolen und nicht in den Ländern der sog. 3.Welt existierten) sind, zumindest für absehbare Zeit, nicht mehr zu erwarten. Das Ende eines bestimmten kapitalistischen Entwicklungsmodells (das üblicherweise mit den Begriffen &#8220;Fordismus&#8221; und &#8220;keynesianischer Wohlfahrtsstaat&#8221; etikettiert wird), dessen Existenz auf einer Reihe von ökonomischen und politischen Sonderfaktoren beruhte, ist nicht zu verwechseln mit dem Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise als solcher. Mir scheint, daß viele Erscheinungen, die Trenkle wahrscheinlich der &#8220;barbarischen Niedergangsepoche&#8221; des Kapitalismus zuschreibt, viel eher zu dessen ganz normaler Funktionsweise gehören, von der wir nur eine Zeitlang mehr oder weniger verschont geblieben sind. Und diese &#8220;barbarische&#8221; Normalität des Kapitalismus ist nach wie vor ein guter Grund, sich Gedanken über dessen Abschaffung zu machen.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a> In der &#8220;Einleitung&#8221; von 1857 hob Marx allerdings selbst hervor, daß Arbeit als scheinbar einfache Kategorie sich bereits einer Abstraktion verdankt. — Nicht unproblematisch ist es, wenn etwa bei Robert Kurz (1995a) dieser &#8220;Arbeitsfetisch&#8221; zum Angelpunkt sowohl der Kritik an Marx (insofern sich hier seine &#8220;Janusköpfigkeit&#8221; &#8211; Kritiker und zugleich Vertreter der &#8220;Modernisierung&#8221; zu sein &#8211; zeige) als auch der Kritik an der &#8220;Modernisierung&#8221; gemacht wird: zum einen wird dabei das Konzept der &#8220;Modernisierung&#8221; weitgehend unkritisch aus der bürgerlichen Soziologie übernommen (die ihm zugrunde liegende Dichotomie traditional/modern wäre gerade zu hinterfragen), zum anderen besteht die Gefahr, daß die strukturellen Sachverhalte, die Marx mit den Begriffen des Waren-, Geld- und Kapitalfetischs faßt, hinter diesem &#8220;Arbeitsfetisch&#8221; verschwinden.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a> Daß Marx’ eigene Darstellung zu Beginn des &#8220;Kapital&#8221; diesem Schein Vorschub leistet, wird von ihm bei der Überarbeitung der ersten Auflage anerkannt. In seinem Überarbeitungsmanuskript heißt es, nachdem er seine Darstellung kurz referiert hat: &#8220;So wurden der Rock und Leinwand als Werthe, jedes für sich auf Vergegenständlichung menschlicher Arbeit schlechthin reducirt. Aber in dieser Reduktion wurde vergessen, daß keines für sich solche Wertgegenständlichkeit ist, sondern daß sie solches nur sind, soweit das ihnen gemeinsame Gegenständlichkeit ist. Ausserhalb ihrer Beziehung auf einander &#8211; der Beziehung worin sie gleichgelten &#8211; besitzen weder der Rock noch die Leinwand Werthgegenständlichkeit oder ihre Gegenständlichkeit als blosse Gallerten menschlicher Arbeit schlechthin. Diese gesellschaftliche Gegenständlichkeit besitzen sie auch nur als gesellschaftliche Beziehung.&#8221; (MEGA II.6, S.30, Hervorhebungen von mir).</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a> Vor allem Hans-Georg Backhaus (dessen gesammelte Aufsätze 1997 erschienen sind) kommt das Verdienst zu, daß er immer wieder auf die zentrale Bedeutung hingewiesen hat, welche die Wertformanalyse für die Marxsche Ökonomiekritik besitzt.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">4</a> Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate, bei der auch gezeigt wird, daß sich aus dem 13. Kapitel des ersten Bandes des &#8220;Kapital&#8221; ein wichtiges Argument gegen dieses Gesetz entnehmen läßt, wird in der im Frühjahr 1999 erscheinenden, erweiterten Neuauflage der &#8220;Wissenschaft vom Wert&#8221; enthalten sein.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a> So werden z.B. sämtliche bei einem Unternehmen anfallenden &#8220;Gemeinkosten&#8221; den unproduktiven Arbeiten zugerechnet (Kurz 1995b, S.32f). Dies ist zwar für die Lohnabrechnung richtig, nicht aber für das ebenfalls erwähnte Putzpersonal: während erstere lediglich dem Formwandel Ware-Geld geschuldet ist, bildet die Tätigkeit der Putzkolonnen eine der Voraussetzungen dafür, daß die Arbeitskräfte geordnet produzieren können.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a> Über diese Zirkularität scheint sich auch Kurz im Klaren zu sein, denn er merkt an, daß sein Begriff produktiver Arbeit &#8220;dem positivistisch verseuchten definitorischen Denken ungewöhnlich erscheinen&#8221; mag (Kurz 1995b, S.35) — womit zukünftige Kritiker schon mal in die Schranken gewiesen sind, denn wer mag schon &#8220;positivistisch verseucht&#8221; sein. Würde man nicht nur, wie in Kurz’ Artikel, von &#8220;kreislauftheoretischer Betrachtung&#8221; sprechen, sondern auch eine anstellen, etwa auf der Grundlage der von Marx’ im zweiten Band des &#8220;Kapital&#8221; betrachteten Reproduktionsschemata, dann ließe sich diese Zirkularität ohne weiteres beseitigen. Allerdings wäre mit einer konsistenten Definition noch nicht ausgemacht, daß sie für eine Analyse auch sinnvoll ist.</p>
<h4>Literatur</h4>
<p>Hans-Georg Backhaus (1997): Dialektik der Wertform, Freiburg.</p>
<p>Michael Heinrich (1991): Die Wissenschaft vom Wert, Hamburg (2. erw. Auflage, Münster 1999).</p>
<p>Robert Kurz: (1995a): <a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Postmarxismus und Arbeitsfetisch</a>, in: Krisis 15.</p>
<p>Robert Kurz (1995b): <a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Die Himmelfahrt des Geldes</a>, in: Krisis 16/17.</p>
<p>Norbert Trenkle (1998): <a href="http://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise">Was ist der Wert? Was soll die Krise?</a> Streifzüge 3/98.</p>
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		<title>Qu&#8217;est-ce que la valeur, qu&#8217;en est-il de la crise?</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 1998 00:00:00 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Retranscription retravaillée d&#8217;un exposé tenu à l&#8217;université de Vienne (Autriche) le 24 juin 1998 deutsch: Was ist der Wert, was soll die Krise? spanisch: ¿Qué es el valor? ¿Qué significa la crisis? Norbert Trenkle Le tour d&#8217;horizon que je voudrais faire aujourd&#8217;hui est très large. Il part du niveau le plus fondamental de la théorie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Retranscription retravaillée d&#8217;un exposé tenu à l&#8217;université de Vienne (Autriche) le 24 juin 1998</h3>
<p>deutsch: <a href="http://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise">Was ist der Wert, was soll die Krise?</a></p>
<p>spanisch: <a href="http://www.krisis.org/1998/que-es-el-valor-que-significa-la-crisis">¿Qué es el valor? ¿Qué significa la crisis?</a></p>
<p><em>Norbert Trenkle</em></p>
<p>Le tour d&#8217;horizon que je voudrais faire aujourd&#8217;hui est très large. Il part du niveau le plus fondamental de la théorie de la valeur, ou plus exactement de la critique de la valeur, c.a.d. au niveau des catégories de base de la société de production de marchandises : travail, valeur, marchandise et argent. Nous parlerons ensuite du niveau auquel appartiennent ces catégories, apparaissant comme des faits et des contraintes objectifs, réifiés et fétichistes, prétendument « naturels ». À ce niveau, celui du prix, du profit, du salaire, de la circulation etc., les contradictions internes et le côté historiquement insoutenable de la société marchande moderne se manifestent ouvertement sous forme de crise. Il est clair qu&#8217;ici, dans un temps limité, je ne peux pas livrer plus qu&#8217;une esquisse, mais j&#8217;espère quand même arriver à rendre compréhensibles les corrélations les plus importantes.</p>
<p><span id="more-190"></span>Comme point de départ, j&#8217;aimerais prendre une catégorie qui est généralement acceptée comme une condition allant de soi de l&#8217;existence humaine : le « travail ». Chez Marx, dans « Le Capital », cette catégorie est peu critiquée. Elle est introduite plutôt comme une caractéristique anthropologique valable partout et toujours dans toutes les sociétés. Marx écrit : « C&#8217;est pourquoi le travail, en tant que formateur de valeurs d&#8217;usages, en tant que travail utile, est pour l&#8217;homme une condition d&#8217;existence indépendante de toutes les formes de société, une nécessité naturelle éternelle, médiation indispensable au métabolisme qui se produit entre l&#8217;homme et la nature, et donc à la vie humaine. » (Le Capital, PUF, p. 48)</p>
<p>Néanmoins, pour Marx, la catégorie « travail » n&#8217;est pas aussi anodine que peut le laisser croire cette citation. À d&#8217;autres endroits, surtout dans ce qu&#8217;on appelle ses écrits de jeunesse, il parle en des termes beaucoup plus critiques. Dans le manuscrit de la critique de l&#8217;économiste allemand Friedrich List, publié seulement en 1970, Marx parle de la nécessité du dépassement du travail comme condition préalable à toute émancipation. Il y écrit : « Le &#8221; travail &#8221; est dans son essence une activité soumise, inhumaine et antisociale, conditionnée par et créant la propriété privée. La suppression de la propriété privée ne deviendra réalité que quand elle sera comprise comme suppression du &#8221; travail &#8220;&#8230; » (Marx 1972, p. 436) Dans « Le Capital » également, on trouve des passages qui rappellent ses premières convictions. Mais il ne s&#8217;agit pas ici de démontrer les ambivalences dans la pensée marxienne concernant le « travail » (à ce propos, voir Kurz 1995) ; j&#8217;aimerais plutôt aborder la question de savoir ce que représente vraiment cette catégorie. Est-ce que le « travail » est vraiment une constante anthropologique ? Peut-on le prendre comme point de départ acritique d&#8217;une analyse de la société marchande ? Ma réponse est clairement non.</p>
<p>Marx distingue travail concret et abstrait ; il appelle cela la double nature spécifique du travail dans la société de production de marchandises. Ainsi il affirme (et le dit explicitement) que c&#8217;est seulement à ce niveau de dédoublement ou de scission qu&#8217;a lieu un processus d&#8217;abstraction. Le travail abstrait est abstrait à partir du moment où il ne considère pas les qualités concrètes et matérielles ni les particularités de chaque activité spécifique, couture, menuiserie ou boucherie, en les réduisant à une troisième chose commune. Marx ne voit pas que le travail comme tel est déjà une abstraction. (Le marxisme n&#8217;a quant à lui jamais développé une conscience critique à ce niveau.) Et pas seulement une abstraction de la pensée comme un animal, un arbre ou une plante, mais bien plus une abstraction réelle, imposée historiquement, dominant la société en soumettant les humains à son pouvoir.</p>
<p>Au sens littéral, « faire abstraction » veut dire enlever ou séparer de quelque chose. Dans quel sens le travail est-il alors une abstraction, une séparation de quelque chose ? La particularité sociale et historique du travail ne se tient évidemment pas dans le fait que des choses soient produites ni que des activités sociales soient réalisées. Effectivement, chaque société fait cela. Mais c&#8217;est la forme sous laquelle cela se passe, dans la société capitaliste, qui est particulière. C&#8217;est typiquement sous cette forme que le travail est isolé dans une sphère séparée des autres relations sociales. Celui qui travaille ne fait que ça et ne fait rien d&#8217;autre. Se reposer, s&#8217;amuser, vaquer à ses intérêts, s&#8217;aimer etc. doit se faire en dehors du travail ou ne doit en tous cas pas avoir une influence gênante sur le fonctionnement rationalisé. Évidemment, cela ne marche jamais totalement parce que, bien qu&#8217;il ait été dressé pendant des siècles, l&#8217;homme n&#8217;est jamais complètement devenu une machine. Je parle ici d&#8217;un principe structurel que l&#8217;on ne rencontre pas empiriquement de manière pure, bien qu&#8217;en Europe occidentale le processus de travail ressemble déjà largement à cet horrible modèle idéal. C&#8217;est pour cette raison, c.a.d. à cause de l&#8217;expulsion de tous les moments de non-travail en dehors de la sphère du travail, que se sont créées d&#8217;autres sphères sociales séparées. Historiquement, quand le travail s&#8217;est imposé, on a relégué dans ces autres sphères tous les moments séparés. Ces nouvelles sphères ont elles-mêmes pris un caractère exclusif (dans le sens du mot exclusion, expulsion, relégation, disqualification) : le temps libre, le privé, la culture, la politique, la religion, etc.</p>
<p>Une des conditions structurelles essentielles pour la séparation vis-à-vis du contexte social est le rapport des genres, avec ses attributs dichotomiques et hiérarchiques de la masculinité et de la féminité.  La sphère du travail tombe de manière évidente sous l&#8217;empire du « masculin ». Cela, comme on peut déjà le voir avec les exigences subjectives qui sont formulées dans cette sphère : rationalité abstraite pour atteindre un but finaliste, objectivité, pensée formelle, tendance à la concurrence, etc. Bien sûr, les femmes doivent aussi respecter ces exigences si elles veulent « réussir » dans un métier. Mais le domaine, l&#8217;instance, du masculin ne peut exister structurellement, uniquement parce qu&#8217;on a relégué à l&#8217;arrière-plan le domaine séparé et infériorisé du féminin, où le travailleur peut, au moins idéalement, se régénérer auprès de la femme au foyer, fidèle, qui s&#8217;occupe de son bien-être physique et émotionnel. Ce rapport structurel, depuis toujours idéalisé et romantisé par l&#8217;idéologie bourgeoise (dans de nombreuses louanges emphatiques à l&#8217;égard de la femme et de la mère attentionnée et prête au sacrifice), a déjà été suffisamment analysé et documenté, dans les trente dernières années, par la recherche féministe. On peut donc certainement affirmer d&#8217;emblée la thèse selon laquelle le travail et le rapport hiérarchique moderne des genres sont inséparablement liés. Les deux sont des principes structurels de base de l&#8217;organisation de la société bourgeoise et de production de marchandises.</p>
<p>Je ne peux pas approfondir ici cette question, car mon exposé porte sur les médiations spécifiques et les contradictions internes des sphères du travail, de la marchandise et de la valeur qui sont historiquement et structurellement investies par le masculin. Je veux donc y revenir. Plus haut, j&#8217;avais déjà expliqué que le travail, comme forme d&#8217;activité spécifique à la société marchande, était déjà <em>per se</em> abstrait. Il constitue une sphère séparée, extraite du reste du rapport social. Cette sphère comme telle n&#8217;existe que là où la production de marchandises est déjà devenue la forme dominante de socialisation, c.a.d. dans le capitalisme, où l&#8217;activité humaine sous forme de travail n&#8217;a d&#8217;autre but que la valorisation de la valeur.</p>
<p>Les gens ne rentrent pas de manière volontaire dans cette sphère du travail. Ils le font parce que, dans un processus historique long et sanglant, ils ont été séparés des moyens de production et d&#8217;existence les plus élémentaires. Il ne peuvent survivre qu&#8217;en se vendant pour un certain temps, ou plus exactement en vendant leur énergie vitale, sous forme de force de travail, pour un but qui leur est extérieur et indifférent. Pour eux, le travail représente donc principalement un vol de forces vitales et il est donc de ce point de vue une abstraction tout à fait réelle. C&#8217;est d&#8217;ailleurs pour cela que l&#8217;équation travail = peine est juste, et c&#8217;est aussi ce qu&#8217;on retrouve dans l&#8217;origine étymologique du verbe « laborare ».</p>
<p>Finalement, l&#8217;abstraction domine dans la sphère du travail encore à l&#8217;aide d&#8217;une autre forme tout à fait spécifique : celle du règne du temps abstrait, linéaire et homogène. Ce qui compte est le temps objectivement mesurable, séparé des sentiments subjectifs, des sensations et des expériences des individus qui travaillent. Le capital a loué le travailleur pour un laps de temps exactement défini, pendant lequel il doit produire un maximum de marchandises ou de services. Chaque minute qui n&#8217;est pas consacrée à la production est du point de vue de l&#8217;acheteur de la marchandise « force de travail » un gaspillage. Chaque minute est précieuse et compte pareillement, car elle représente littéralement de la valeur potentielle.</p>
<p>Historiquement, le moment où le règne du temps abstrait, linéaire et homogène, s&#8217;est imposé représentait une des plus grosses ruptures avec toutes les formes d&#8217;organisation sociale précapitalistes. Comme on le sait, il aura fallu plusieurs siècles de pressions manifestes et d&#8217;utilisation de la force brute pour que la masse des humains intériorise cette forme de rapport au temps et n&#8217;éprouve plus rien de particulier à l&#8217;idée de devoir se présenter tous les matins à la même heure précise à l&#8217;usine ou au bureau, en laissant sa vie à la porte d&#8217;entrée pour se soumettre pendant un laps de temps défini au rythme monotone des dispositifs de production et de fonctionnement donnés. Déjà, à lui seul, ce fait bien connu démontre que la forme imposée d&#8217;activité sociale appelée travail n&#8217;a rien d&#8217;une évidence.</p>
<p>Si le travail n&#8217;est donc pas une constante anthropologique, mais déjà lui-même une abstraction (socialement très puissante et efficace), qu&#8217;en est-il du double caractère du travail, représenté dans les marchandises, que Marx analyse et qui forme la base de sa théorie de la valeur ? Comme on le sait, Marx constate que le travail produisant des marchandises a deux côtés : un concret et un abstrait. En tant que travail concret, il est créateur de valeur d&#8217;usage, et produit alors certaines choses utiles. Comme travail abstrait, par contre, il n&#8217;est que simple dépense de travail, au-delà de toute définition qualitative. Comme tel, il crée de la valeur qui se représente dans la marchandise. Mais que reste-t-il au-delà de toute définition qualitative ? La seule chose que toutes les différentes sortes de travail ont en commun, une fois qu&#8217;on a fait abstraction de leurs côtés matériels et concrets, est évidemment d&#8217;être des sortes différentes de dépense de temps de travail abstrait. Le travail abstrait est alors la réduction de tous les travaux de producteurs de marchandises à un dénominateur commun. En réduisant les travaux à une quantité purement abstraite et réifiée de temps écoulé, il les rend comparables et ainsi échangeables. C&#8217;est ainsi qu&#8217;il forme la substance de la valeur.</p>
<p>Presque tous les théoriciens marxistes ont pris cette détermination conceptuelle, qui ne va pas du tout de soi, comme une définition banale d&#8217;un fait anthropologique et quasi naturel et l&#8217;ont rabâchée sans réflexion. Ils n&#8217;ont jamais compris pourquoi Marx s&#8217;était donné tant de peine pour écrire le premier chapitre du Capital (qu&#8217;il a réécrit plusieurs fois) et pourquoi une chose apparemment aussi évidente a été rendue inutilement opaque, soi-disant, à travers le recours au langage hégélien employé. Pour le marxisme, le travail était une évidence. Il affirmait que le travail créait de la valeur littéralement comme le boulanger fait des petits pains. Il pensait aussi que la valeur stockait le temps de travail écoulé sous forme morte. Marx lui-même n&#8217;a pas soulevé le fait que le travail abstrait présuppose, logiquement et historiquement, déjà le travail comme forme spécifique d&#8217;activité sociale, qu&#8217;il s&#8217;agit donc de l&#8217;abstraction d&#8217;une abstraction. Autrement dit, la réduction d&#8217;activités à des unités de temps homogènes présuppose déjà l&#8217;existence d&#8217;une mesure abstraite du temps dominant la sphère du travail. Il ne serait par exemple jamais venu à l&#8217;idée d&#8217;un paysan du Moyen Âge de mesurer en heures et en minutes le temps qu&#8217;il lui fallait pour moissonner un champ. Ceci non pas parce qu&#8217;il ne possédait pas de montre, mais parce que cette activité était intimement liée à l&#8217;ensemble de sa vie et qu&#8217;en faire une abstraction temporelle n&#8217;aurait donc pas eu de sens.</p>
<p>Bien que Marx n&#8217;ait pas éclairé suffisamment le rapport entre le travail comme tel et le travail abstrait, il ne laisse planer aucun doute sur la folie absolue d&#8217;une société dans laquelle l&#8217;activité humaine, comme processus vivant, se coagule en une forme réifiée et s&#8217;érige en puissance sociale dominante. Marx ironise à propos de l&#8217;idée courante selon laquelle ce fait serait naturel, en rétorquant aux pontes de l&#8217;économie politique, qui ont une approche positiviste face à la théorie de la valeur : « Aucun chimiste n&#8217;a encore jamais trouvé de valeur d&#8217;échange dans une perle ou dans un diamant. » (Le Capital, PUF, p. 95) Quand Marx démontre alors que le travail abstrait forme la substance de la valeur et que donc la quantité de valeur est définie par le temps de travail moyennement dépensé, il ne reprend pas du tout le point de vue physiologique ou naturaliste des économistes classiques, comme le prétend Michael Heinrich, à côté de moi aujourd&#8217;hui, dans son livre « La science de la valeur ». Comme la meilleure partie de la pensée bourgeoise depuis les Lumières, les économistes classiques comprennent les rapports (sociaux) bourgeois jusqu&#8217;à un certain point, mais seulement pour les renvoyer aussitôt à « l&#8217;ordre naturel ». Marx critique cette idéologisation des rapports dominants en la décryptant comme reflet fétichiste d&#8217;une réalité fétichiste. Il démontre que la valeur et le travail abstrait ne sont pas de pures représentations que les humains pourraient simplement effacer de leur esprit. Le système de travail et de production moderne de marchandises forge le cadre de leurs pensées et activités. Dans celui-ci, toujours présupposé, leurs produits se tiennent réellement face à eux comme une manifestation réifiée de temps de travail abstrait, comme une force de la nature. Les rapports sociaux sont devenus pour les bourgeois leur « deuxième nature », selon la formule pertinente de Marx. C&#8217;est cela le caractère fétichiste de la valeur, de la marchandise et du travail.</p>
<p>Alfred Sohn-Rethel a forgé le concept d&#8217;« abstraction réelle » pour désigner cette forme folle d&#8217;abstraction. Par ce terme, il voulait exposer un procédé d&#8217;abstraction qui ne se réalise  pas dans la conscience des humains comme façon de penser, mais qui, comme structure à priori de fabrication sociale, précède et détermine la pensée et l&#8217;action humaines. Mais pour Sohn-Rethel, l&#8217;abstraction réelle est identique à l&#8217;acte d&#8217;échange ; elle domine alors là où le marché met les marchandises en relation les unes avec les autres. D&#8217;après lui, c&#8217;est seulement ici que des choses inégales deviennent équivalentes, que des choses qualitativement différentes sont réduites à un tiers commun : la valeur, ou plus précisément la valeur d&#8217;échange. Mais de quoi ce tiers commun est-il constitué ? Si les différentes marchandises trouvent dans la forme valeur ou la valeur d&#8217;échange un dénominateur commun, dans lequel sont exprimées des quantités abstraites différentes, il faut aussi pouvoir indiquer le contenu de cette valeur de mauvais augure ainsi que son échelle de mesure pour la comptabiliser. Sur ce point-là, Sohn-Rethel nous doit toujours une réponse. On peut mettre en cause sa vision étroite, presque mécanique du contexte de la société de production de marchandises.</p>
<p>Selon lui, le travail apparaît comme un espace pré-social, où des producteurs privés fabriqueraient leurs produits en n&#8217;étant nullement touchés par une forme sociale particulière. Ensuite seulement, les produits deviendraient marchandises en étant jetés dans la sphère de la circulation où, à travers l&#8217;échange, on ferait abstraction de leurs particularités matérielles et donc aussi du travail concret dépensé pour leur fabrication. Ainsi ils se transformeraient en porteurs de valeur. Cette vision, qui sépare et oppose extérieurement la sphère de la production à celle de la circulation, passe complètement à côté du contexte interne du système de production de marchandises moderne. Sohn-Rethel confond systématiquement deux niveaux d&#8217;observation : premièrement, la nécessité que la production et la vente d&#8217;une marchandise particulière aient lieu l&#8217;une après l&#8217;autre dans le temps, et, deuxièmement, que ce processus particulier présuppose, logiquement et dans la réalité sociale, l&#8217;unité du processus de valorisation et d&#8217;échange.</p>
<p>J&#8217;aimerais insister un peu sur cette question, car ce point de vue n&#8217;est pas du tout une spécialité de Sohn-Rethel. C&#8217;est un argument qui est largement répandu dans des variantes différentes. On le retrouve tout au long du livre déjà cité de Michael Heinrich (1991). Il y affirme, pour ne prendre qu&#8217;une citation parmi beaucoup d&#8217;autres, que le corps de la marchandise « reçoit sa forme-objet-valeur (Wertgegenständlichkeit) seulement dans l&#8217;échange » et poursuit : « Isolé, observé en tant que tel, le corps de la marchandise n&#8217;est pas marchandise, mais seulement simple produit. » (Heinrich 1991, p. 173) De cette citation, et de beaucoup d&#8217;autres semblables, Heinrich ne tire pas les mêmes conclusions théoriques que Sohn-Rethel. Mais la logique de son argumentation est bien la même. Il y échappe seulement grâce à un bricolage théorique peu convaincant, qui consiste dans le fond à séparer la forme valeur de la substance valeur (voir Heinrich 1991, p. 187, ainsi que la critique de Backhaus / Reichelt 1995).</p>
<p>Il est bien évident que dans le processus de production capitaliste les produits ne sont pas fabriqués comme des choses utiles et innocentes qui arriveraient seulement sur le marché à posteriori. Chaque procédé de production est prévu à l&#8217;avance pour valoriser du capital et il est organisé comme tel. Les produits sont déjà élaborés sous la forme fétichiste de chose-valeur, ils ne peuvent qu&#8217;avoir un seul but : celui de représenter le temps de travail concret, écoulé, sous forme de valeur. La sphère de la circulation, le marché, ne sert donc pas simplement à échanger des marchandises, mais c&#8217;est l&#8217;endroit où la valeur qui est représentée dans les produits se réalise ou le devrait. Pour que cela puisse marcher (condition nécessaire mais pas suffisante), les marchandises doivent aussi être des choses utiles. Mais c&#8217;est seulement pour l&#8217;acheteur potentiel qu&#8217;elles le doivent. Le sens ou le but de la production n&#8217;est pas le côté matériel ou concret d&#8217;une marchandise. La valeur d&#8217;usage est d&#8217;une certaine manière seulement un effet secondaire inévitable. Du point de vue de la valorisation, elle n&#8217;est pas nécessaire. C&#8217;est d&#8217;ailleurs d&#8217;une certaine manière le cas. On produit massivement des choses complètement inutiles, ou qui se cassent très vite. Mais la valeur ne peut pas se passer d&#8217;un support matériel. Personne n&#8217;achèterait comme tel du « temps de travail mort », mais seulement sous la forme d&#8217;un objet, auquel un acheteur attribue un quelconque sens.</p>
<p>C&#8217;est pour cela que le côté concret du travail n&#8217;échappe pas du tout à l&#8217;influence de la forme de socialisation dominante. Si le travail abstrait est l&#8217;abstraction d&#8217;une abstraction, le travail concret ne représente que le paradoxe du côté concret d&#8217;une abstraction (à savoir de la forme-abstraction « travail »).  Il est « concret » seulement dans le sens très étroit et borné où les marchandises différentes requièrent des processus de production différents : une voiture est construite différemment d&#8217;un cachet d&#8217;aspirine ou d&#8217;un taille-crayon. Mais par rapport à leur but préétabli, qui est la valorisation, ces processus de production, du point de vue technique et organisationnel, ne sont pas du tout neutres. Je n&#8217;ai sûrement pas besoin d&#8217;expliquer longuement comment les processus de production capitalistes sont organisés à cet égard. La seule maxime qui définit leur organisation est celle de produire le plus possible avec le moins de temps possible. C&#8217;est cela qu&#8217;on appelle l&#8217;efficacité économique d&#8217;une entreprise. Le côté concret matériel du travail n&#8217;est alors rien d&#8217;autre qu&#8217;une forme manifeste dans laquelle le diktat du temps de travail abstrait s&#8217;oppose au travailleur, et le soumet à son rythme.</p>
<p>Il est donc tout à fait juste de dire que les marchandises produites dans le système du travail abstrait représentent déjà de la valeur, avant même de rentrer dans la sphère de la circulation. Mais il est dans la logique des choses que la réalisation de la valeur puisse échouer : les marchandises peuvent être invendables ou être vendues en-dessous de leur valeur, mais c&#8217;est un tout autre aspect du problème. Pour pouvoir rentrer dans le processus de circulation, un produit doit déjà se trouver sous la forme fétichiste d&#8217;une chose-valeur. Comme telle, elle n&#8217;est rien d&#8217;autre que la représentation du travail abstrait dépensé (et cela veut donc dire du temps de travail abstrait écoulé) et possède donc impérativement également une quantité de valeur définie. En tant que forme pure, sans substance (c.a.d. sans le travail abstrait), la valeur ne peut pas exister sans entrer en crise et sans finalement se briser.</p>
<p>Comme on le sait, la quantité de la valeur n&#8217;est pas définie par le temps écoulé pour la production d&#8217;une marchandise individuelle, mais par le temps de travail socialement nécessaire pour cette réalisation. Cette moyenne n&#8217;est pas fixe, elle change avec le niveau de productivité en vigueur (la tendance séculaire voulant que le temps de travail nécessaire par marchandise baisse, et donc aussi que la quantité de valeur représentée en elle diminue). Cette moyenne, comme mesure de la valeur, est définie antérieurement à chaque processus de production, et y règne impitoyablement. Un produit ne représente alors une certaine quantité de travail abstrait que s&#8217;il peut gagner devant le tribunal de la mesure de la productivité sociale. Les produits d&#8217;une entreprise qui travaille en sous-productivité ne représentent évidemment pas plus de valeur que ceux réalisés dans des conditions socialement moyennes. L&#8217;entreprise en question doit donc à terme augmenter sa productivité ou disparaître du marché.</p>
<p>Ce qui prête légèrement à confusion dans ce contexte, c&#8217;est que la forme objet de la valeur (Wertgegenständlichkeit) et la quantité de valeur n&#8217;apparaissent pas dans le simple produit, mais seulement dans l&#8217;échange de marchandises au moment où il rentre en relation avec d&#8217;autres produits du travail abstrait. À ce moment-là, la valeur d&#8217;une marchandise apparaît dans une autre marchandise. La valeur de 10 oeufs par exemple s&#8217;exprime dans 2 kilos de farine. Dans le système de production de marchandises développé (et c&#8217;est de cela qu&#8217;on parle ici), la deuxième marchandise est remplacée par un équivalent général, l&#8217;argent, dans lequel la valeur de toutes les marchandises s&#8217;exprime, et qui agit comme moyen social de mesure de la valeur. Affirmer que la valeur n&#8217;apparaît, dans sa forme de valeur d&#8217;échange, que dans la sphère de la circulation, présuppose avoir compris qu&#8217;elle n&#8217;est pas créée là, comme le prétendent Sohn-Rethel ou d&#8217;autres théoriciens de l&#8217;échangisme, ainsi que les représentants de la théorie subjectiviste de la valeur. Il faut comprendre qu&#8217;il y a une différence entre l&#8217;essence de la valeur et les formes sous lesquelles elle apparaît.</p>
<p>La théorie subjectiviste de la valeur qui, dans son empirisme plat, s&#8217;accroche à l&#8217;apparence de la circulation s&#8217;est toujours moquée de la critique de la valeur-travail comme métaphysique. C&#8217;est un reproche qui a aujourd&#8217;hui, sous l&#8217;habit post-moderne, de nouveau le vent en poupe. Involontairement, il en dit long sur le caractère fétichiste de la société de production de marchandises. Si les relations sociales réifiées s&#8217;érigent comme pouvoir aveugle au-dessus des humains, qu&#8217;est-ce d&#8217;autre que de la métaphysique incarnée ? La théorie subjectiviste de la valeur ainsi que le positivisme marxiste s&#8217;appuient sur le fait que la valeur ne peut jamais être appréhendée empiriquement. Car effectivement on ne peut pas extraire la substance-travail des marchandises, pas plus qu&#8217;on ne peut calculer en retour de manière consistante les valeurs des marchandises à partir de leurs manifestations empiriques (ou à partir de leurs prix). Mais où est cette valeur suspecte ? C&#8217;est la question que formulent nos positivistes, en la rejetant aussitôt, car ce qui n&#8217;est pas empiriquement mesurable et saisissable n&#8217;a pas d&#8217;existence dans leur vision du monde.</p>
<p>Mais cette critique ne fait mouche qu&#8217;à l&#8217;encontre d&#8217;une variante grossière et positiviste de la théorie de la valeur-travail, bien que typique de la plus grande part du marxisme. Ce marxisme-là se référait toujours dans un sens doublement positif à la catégorie de la valeur. Premièrement, comme je l&#8217;ai déjà évoqué, il considérait vraiment la valeur comme un fait naturel ou anthropologique. Il lui semblait tout à fait normal que le travail ou le temps de travail écoulé puisse littéralement être stocké comme chose dans les produits. Il fallait au moins pouvoir donner la preuve arithmétique qu&#8217;un prix différent pouvait résulter de la valeur d&#8217;une marchandise. Deuxièmement, il était donc logique pour eux d&#8217;essayer de régler la production sociale à l&#8217;aide de ces catégories conçues positivement. Leur critique principale adressée au capitalisme était que le marché cache la « vraie valeur » des produits et l&#8217;empêche de se faire valoir. Dans le socialisme à l&#8217;inverse, selon une sentence célèbre d&#8217;Engels, il serait facile de calculer exactement combien d&#8217;heures de travail sont « contenues » dans une tonne de blé ou d&#8217;acier.</p>
<p>Ceci était le noyau programmatique, voué à l&#8217;échec, de l&#8217;ensemble du socialisme réel ainsi que, d&#8217;une manière diluée, celui de la social-démocratie. Il était produit et accompagné, de façon plus ou moins critique et constructive, par des légions entières d&#8217;économistes politiques, ainsi qu&#8217;on les nomme. Tentative vouée à l&#8217;échec parce que la valeur est une catégorie non empirique qui, d&#8217;après son essence, n&#8217;est pas matérielle. Elle s&#8217;impose de manière fétichiste dans le dos des gens et leur impose ses lois aveugles. C&#8217;est une contradiction en soi que de vouloir diriger consciemment un rapport inconscient. La punition historique pour cette tentative ne se fit pas attendre.</p>
<p>Quand je dis que la valeur est une catégorie non empirique, cela veut-il dire qu&#8217;elle n&#8217;est pas significative pour le développement économique réel ? Évidemment, non. Cela veut seulement dire que la valeur n&#8217;est pas matérielle ; elle doit traverser différents niveaux de médiation avant d&#8217;apparaître sous une forme transformée à la surface de l&#8217;économie. Ce que Marx a accompli dans « Le Capital », c&#8217;est de démontrer le lien logique et structurel entre ces différents niveaux de médiation. Il explique comment les niveaux de la surface économique que sont le prix, le profit, le salaire et l&#8217;intérêt découlent et peuvent être analysés à partir de la catégorie de la valeur et de sa dynamique interne. Mais il n&#8217;a jamais sacrifié à l&#8217;illusion que ces médiations pourraient être calculées empiriquement au cas par cas. C&#8217;est ce que l&#8217;économie politique et le marxisme positiviste exigent, sans jamais parvenir à répondre à cette exigence. Mais tout cela n&#8217;est pas un déficit de la théorie de la valeur, cela ne fait que révéler l&#8217;inconscience de ces médiations. Marx n&#8217;a jamais eu la prétention de formuler une théorie positive et encore moins un instrument de politique économique. Son désir était de démontrer la folie, les contradictions internes et finalement le côté intenable d&#8217;une société basée sur la valeur. De ce point de vue, on peut considérer sa théorie de la valeur comme étant au fond une critique de la valeur et aussi essentiellement une théorie de la crise (ce n&#8217;est pas pour rien que le sous-titre de son oeuvre principale s&#8217;intitule : « Critique de l&#8217;économie politique »).</p>
<p>D&#8217;après la logique interne de tout ceci, le fondement empirique de la critique de la valeur et la théorie de la crise en particulier ne peuvent pas être réalisées de manière quasi-scientifique dans une forme de mathématisation exacte. Là où cette mesure méthodologique est appliquée à priori, comme par exemple dans le débat du marxisme académique concernant la transformation de la valeur en prix, on se rend compte que la compréhension de la valeur et du contexte général qu&#8217;elle constitue est déjà fondamentalement faussée. Bien sûr, la critique de la valeur et la théorie de la crise peuvent être illustrées empiriquement. Mais la méthode doit suivre les médiations et les contradictions internes de l&#8217;objet. Ce que cela signifie, je ne peux que l&#8217;indiquer. Prenons par exemple cette affirmation fondamentale de la théorie de la crise : le capital, depuis les année 70, en excluant de manière radicale la force de travail vivante du processus de valorisation au niveau mondial, a atteint les limites historiques de sa puissance d&#8217;expansion et également de sa capacité d&#8217;exister. Autrement dit, la production de marchandises moderne est entrée dans un processus de crise fondamentale qui ne peut mener qu&#8217;à son naufrage.</p>
<p>Ce résultat n&#8217;est évidemment pas une déduction purement logique et conceptuelle, mais provient d&#8217;une compréhension théorique et empirique des changements structurels qui se sont produits dans le système mondial de production de marchandises depuis la fin du fordisme. À cela s&#8217;ajoute le fait que la substance travail (c.a.d. le temps de travail abstrait dépensé dans la proportion du niveau de productivité moyen en vigueur) est en train de fondre dans les secteurs productifs essentiels de la production pour le marché mondial. S&#8217;y ajoute également le retrait continuel du capital d&#8217;énormes régions de la planète, qui sont ainsi largement exclues des circuits de marchandises et d&#8217;investissements, et sont ainsi livrées à elles-mêmes. Dans ce contexte, il faut finalement compter avec le gonflement et le déferlement énorme des marchés du crédit et de la spéculation. On y trouve du capital fictif accumulé dans une dimension qui n&#8217;avait jamais existé dans l&#8217;histoire. Cela explique en partie pourquoi la crise ne frappe pas encore de plein fouet les régions centrales du marché mondial, mais laisse aussi prévoir la violence destructive de la vague de dévalorisation qui est maintenant imminente.</p>
<p>Certainement, la théorie de la crise basée sur la critique de la valeur peut se tromper sur certains diagnostics et elle ne peut pas non plus anticiper tous les déroulements du processus de crise, bien qu&#8217;elle puisse tout à fait se révéler appropriée dans des analyses de détails. En tout cas, elle peut prouver théoriquement et empiriquement qu&#8217;il n&#8217;y aura plus d&#8217;expansion prolongée d&#8217;accumulation et que le capitalisme est entré irréversiblement dans une époque de déclin et de décomposition barbarisés. Cette preuve s&#8217;accompagne obligatoirement d&#8217;une critique sans pitié du travail, de la marchandise, de la valeur et de l&#8217;argent. Elle n&#8217;a d&#8217;autre but que le dépassement de ces abstractions réelles, fétichistes, et comme son domaine d&#8217;application doit être dépassé, la théorie de la valeur doit se dépasser elle-même.</p>
<p>Traduction: Paul Braun</p>
<h4>[Ouvrages] :</h4>
<p><strong>Backhaus, Hans-Georg / Reichelt, Helmut :</strong> Hamburg 1995</p>
<p><strong>Heinrich, Michael : </strong>Die Wissenschaft vom Wert, Hamburg 1991</p>
<p><strong>Kurz, Robert :</strong> Postmarxismus und Arbeitsfetisch, Krisis 15, 1995</p>
<p><strong>Marx, Karl :</strong> Das Kapital MEW 23</p>
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		<title>¿Qué es el valor? ¿Qué significa la crisis?</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 1998 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Debatte mit Michael Heinrich zur Krise]]></category>
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		<description><![CDATA[A partir de una conferencia sostenida el 24 de junio de 1998 en la Universidad de Viena deutsch: Was ist der Wert, was soll die Krise? francais: Qu&#8217;est-ce que la valeur, qu&#8217;en est-il de la crise? Norbert Trenkle El asunto al que me voy a referir es muy amplio. Se extiende desde el plano más [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>A partir de una conferencia sostenida el 24 de junio de 1998 en la Universidad de Viena</h3>
<p>deutsch: <a href="http://www.krisis.org/1998/was-ist-der-wert-was-soll-die-krise">Was ist der Wert, was soll die Krise?</a></p>
<p>francais: <a href="http://www.krisis.org/1998/quest-ce-que-la-valeur-quen-est-il-de-la-crise">Qu&#8217;est-ce que la valeur, qu&#8217;en est-il de la crise?</a></p>
<p><em>Norbert Trenkle</em></p>
<p>El asunto al que me voy a referir es muy amplio. Se extiende desde el plano más elemental de la teoría del valor o, más bien, de la crítica del valor (es decir, desde el plano de las categorías fundamentales de la sociedad productora de mercancías: trabajo, valor, mercancía, dinero) al plano donde estas categorías fundamentales se manifiestan objetivadas y fetichistas, como hechos aparentemente “naturales” y “necesidades objetivas”. En este plano (el plano del precio, el beneficio, sueldo, circulación, etc.) se manifiestan abierta y simultáneamente las contradicciones internas de la sociedad de mercancías moderna; allí se pone en claro su última imposibilidad histórica: en la forma de la crisis. Está claro que sólo podré hacer una aproximación esquemática en el tiempo que se me ha concedido, pero espero conseguir poner en claro las ideas esenciales.</p>
<p><span id="more-187"></span>Para establecer un punto de partida me gustaría empezar con una categoría que se entiende por lo común como una condición absolutamente obvia de la existencia humana: el “trabajo”. Esta categoría no se problematiza, por lo general, en todo el <em>Capital</em> de Marx y se introduce en éste como una característica antropológica válida en toda sociedad y en todo momento. “<em>Cómo escultor de los valores de cambio</em>”, escribe Marx, “<em>como trabajo eficiente, el trabajo es, por ello, una condición existencial de los hombre</em><em>s independiente de todas las formas sociales, una necesidad natural eterna para facilitar el intercambio entre hombre y naturaleza, es decir, la vida humana</em>” (<em>MEW</em> 23, 57).</p>
<p>La categoría de “trabajo” en Marx no es, sin duda, tan poco problemática como parece en esta cita. En otros lugares, sobre todo en los llamados escritos de juventud, replican tonos mucho más críticos. En su manuscrito, públicado por primera vez en los años setenta, sobre la crítica al economista nacional Friedrich List habla incluso explícitamente de la superación del trabajo como condición previa de la emancipación. Allí escribe: “<em>el </em><em>‘trabajo’ es, atendiendo a su esencia, la actividad no libre, inhumana, asocial, condicionada por la propiedad privada y creadora de propiedad privada. La superación de la propiedad privada se convertirá en realidad cuando se entienda como superación del trabajo&#8230;</em>” (Marx, 1972, p. 436). Tambien en el <em>Capital </em>se encuentran pasajes que recuerdan a esa opinión de juventud. Pero no voy a intentar aquí analizar las ambivalencias del pensamiento de Marx en relación al “trabajo” (véase, por ejemplo, Kurz, 1995), sino que querría llegar directamente a la cuestión de qué conlleva esta categoría. ¿Es el “trabajo” efectivamente una constante antropológica? ¿Podemos hacer de ella como tal punto de partida no problemático de un análisis de la sociedad de mercancías? Mi respuesta es un no rotundo.</p>
<p>Marx distingue entre trabajo concreto y abstracto y lo denomina el doble carácter específico de la sociedad productora de mercancías. De esta manera, insinua (y dice explícitamente) que en el plano de esa duplicación o doblez tiene lugar un proceso de abstracción. El trabajo abstracto es abstracto en tanto que prescinde de las propiedades y particularidades materiales concretas de la actividad específica correspondiente, como, por ejemplo, trabajo de costura, de carpintería, de carnicería, y se reduce a un tercero común. Pero Marx ( y el marxismo no ha desarrollado una conciencia del problema en este plano) no se fija en que el trabajo ya es una abstracción como tal. Y no una mera abstracción del pensamiento, como “árbol”, “animal” o “planta”, sino una abstracción real impuesta históricamente y socialmente poderosa que subyuga a la gente bajo su autoridad.</p>
<p>Abstraer significa literalmente separar o restar de una cosa. ¿En qué sentido es el trabajo una abstracción, es decir, una separación de algo? Lo específico socio-históricamente en el trabajo no es, obviamente, que se poduzcan cosas en general y que se instituyan las más distintas actividades sociales. Eso lo tiene que hacer de hecho cada sociedad. Lo específico es la forma en que tal cosa sucede en la sociedad capitalista. En esta forma es esencial ante todo que el trabajo sea una esfera segregada, separada de otro contexto social. El que trabaja sólo trabaja y no hace nada más. Descansar, divertirse, alimentar sus intereses, amar, etc. tiene que pasar fuera del trabajo o, como poco, no puede influir en prejuicio de los procesos de función completamente racionalizados. Por supuesto, esto nunca sale bien del todo, porque nunca se ha podido, pese a siglos de adiestramiento, hacer de las personas máquinas. Pero aquí se trata de un principio estructural que nunca se da empíricamente con absoluta pureza; aunque, como poco en Europa central, el proceso empírico del trabajo corresponde generosamente ese espantoso tipo ideal. Por esta razón, es decir, por la exclusión de todo momento de no-trabajo de la esfera del trabajo, la imposición histórica del trabajo va de la mano de la configuración de otras esferas sociales separadas en cada una de las cuales se destierran los momentos separados; esferas que obtienen también un carácter exclusivo (literalmente en sentido de exclusión, es decir, separación): tiempo libre, privacidad, cultura, política, religión, etc.</p>
<p>Condición estructural esencial para ese desdoblamiento del contexto social son las relaciones modernas de género con sus prescripciones jerárquicas-dicotómicas de masculinidad y feminidad. La esfera del trabajo cae claramente en el reino de la “masculinidad”, a lo que se remiten las demandas subjetivas que se plantean: racionalidad abstracta respecto a fines, objetividad, pensamiento formal, capacidad de competencia, etc., demanadas que, por supuesto, también cuentan para las mujeres que “quieren llegar a ser algo” profesionalmente. Ese reino de la masculinidad sólo puede existir, estructuralmente, ante el contrafondo del reino separado y situado inferiormente de la feminidad, en el que el hombre trabajador siempre se puede regenerar porque un ama de casa fiel se ocupa de su bienestar corporal y emocional. Este contexto estructural que la ideología burguesa ha idealizado y romantificado desde hace tanto tiempo (en innumerables alabanzas pomposasdel ama de casa y madre amante y dispuesta a sacrificarse), lo ha analizado y documentado la investigación feminista de los últimos 30 años más que suficientemente. Gracias a estoo, es posible sostener sin más la tesis de que el trabajo y las relaciones de género modernas, jerárquicas, están ligadas inseparablemente. Ambos son principios estructurales fundamentales del orden social burgués-orientado a la mercancía.</p>
<p>No puedo entrar en más detalles sobre este contexto, ya que el tema de mi ponencia son la mediaciones específicas y las contradicciones internas dentro del reino del trabajo, la mercancía y el valor histórico-estructuralmente ocupados por la masculinidad. Voy a volver a esto. Más arriba he señalado que el trabajo como forma específica de la sociedad de mercancías es ya de <em>per se</em> abstracto, porque constituye una esfera separada, apartada del contexto social restante. Y, como tal, sólo existe allí donde la producción de mercancías ya se ha convertido en una forma determinada de la socialización; es decir, en el capitalismo, donde la actividad humana en la forma de trabajo sólo sirve al fin de valorizar el valor.</p>
<p>La gente, sin embargo, no se introduce en la esfera del trabajo voluntariamente. Lo hacen porque han sido separados en un proceso largo y sangriento de los medios más elementales de producción y existencia y ya sólo pueden sobrevivir en tanto que se vendan temporalmente o, dicho más precisamente, en tanto que vendan su energía vital por un fin tan externo e indiferente como la mano de obra. Por ello, el trabajo significa para ellos, principalmente, una resta elemental de energía vital y es también, desde este punto de vista, una abstracción altamente real. Sólo por eso funciona la igualdad: trabajo = sufrir, tal y como conllevaba el significado originario del verbo <em>laborare</em>.</p>
<p>Finalmente, sin embargo, domina la abstracción en la esfera del trabajo también en la forma de un régimen temporal específico, a saber, abstracto-lineal y homogéneo. Lo que cuenta es lo objetivamente medible, es decir, el tiempo separado de la percepción, el sentido y la vivencia subjetivos de los individuos trabajadores. El capital los ha alquilado para un periodo de tiempo definido con precisión y, en ese periodo de tiempo tienen que producir el máximo <em>output</em> de mercancías o servicios. Cada minuto que no empleen en ello es, desde el punto de vista del comprador de la mercancía mano de obra, una pérdida. Cada minuto es valioso y tiene, por tanto, el mismo precio, en tanto que representa, en sentido literal, valor potencial.</p>
<p>Históricamente, la imposición del régimen temporal abstracto-lineal y homogéneo representa una de las rupturas más agudas con todos los órdenes sociales precapitalistas. Como se sabe, hicieron falta muchos siglos de coacción manifiesta y uso abierto de la violencia hasta que las masas interiorizaron esta forma de referencia temporal y ya no les importase entrar todos los días puntualmente en la fábrica o en la oficina, dejar su vida en la puerta de entrada y someterse durante un fragmento de tiempo exactamente preestablecido al ritmo uniforme del transcurso de la producción y la función. Ya sólo este hecho conocido muestra lo poco obvia que es la actividad social impuesta bajo el nombre de trabajo.</p>
<p>Si, entonces, el trabajo no es tal constante antropológica, sino que es él mismo una abstracción (en cualquier caso, una abstracción con un alto grado de poder social), ¿qué conlleva, entonces, el doble carácter del trabajo representado en las mercancías que Marx analiza y que forma el fundamento de su teoría del valor? Como se sabe, Marx establece que el trabajo productor de mercancías tiene dos partes: una concreta y la otra abstracta. Como trabajo concreto es productor de valores de uso, produce, entonces, cosas provechosas. Como trabajo abstracto, por el contrario, es el gasto de trabajo, es decir, de trabajo más allá de cualquier determinación cualitativa. Como tal, constituye el valor representado en las mercancías. Pero, ¿qué queda más allá de toda determinación cualitativa? Lo único que tienen en común todas las clases diferentes de trabajos cuando se las resta su parte material-concreta, está completamente claro, es ser formas diferentes de gasto de tiempo de trabajo abstracto. El trabajo abstracto es, por tanto, la reducción de todos los trabajos productores de mercancías a ese denominador común. Los hace comparables y, por ello, intercambiables en tanto que los reduce a una cantidad puramente abstracta, concretizada de tiempo transcurrido. Como tal se conforma la sustancia del valor.</p>
<p>Casi todos los teóricos marxistas han interpretado esta determinación conceptual tan y tan poco obvia como definición plana de un hecho antropológico y quasi natural y, como tal, la han repetido sin meditar. Nunca han entendido por qué Marx se ha esforzado tanto con el primer capítulo del capital (que reescribió varias veces) y por qué, supuestamente sin necesidad, volvió tan confuso mediante un lenguaje hegeliano un estado de cosas aparentemente tan claro. Al marxismo el trabajo le parecía tan obvio, como obvio le parecía también que el valor se produce en sentido literal, igual que el pandero hace pan, y que en el valor se almacena el tiempo de trabajo pasado como trabajo muerto. También en el mismo Marx sigue sin estar claro que el trabajo abstracto mismo presupone lógica e históricamente el trabajo como forma específica de actividad social; que, entonces, es la abstracción de una abstracción; o, dicho de otra forma, que la reducción de una actividad a unidades de tiempo homogéneas presupone la existencia de una medida abstracta de tiempo que domina la esfera del trabajo como tal. A un agricultor medieval, por ejemplo, nunca se le hubiese ocurrido medir en horas y minutos la siega de sus campos y no porque no tuviese un reloj, sino porque esa actividad quedaba absorvida por su contexto vital y una abstracción temporal no hubiese tenido sentido.</p>
<p>Aunque Marx no aclare suficientemente la relación entre trabajo como tal y trabajo abstracto, no deja dudas sobre la absoluta demencia de una sociedad en la que la actividad humana, es decir, un proceso vital, se coagula en una forma objetiva y, como tal, se contituya como poder social dominante. Marx ironiza con la idea común de que esto sea un hecho natural cuando, por ejemplo, señala frente a la teoría del valor positivista de la economía política clásica: “<em>hasta ahora ningún químico ha descubierto el valor de cambio en perlas y diamantes</em>” (<em>MEW</em> 23, p. 98). Cuando Marx demuestra que el trabajo abstracto compone la sustancia del valor y, por ello, la cantidad del valor se define por la media de tiempo de trabajo gastado, entonces no está cayendo, de ninguna manera, en el punto de vista psicologicista o naturalista de la economía clásica, como afirma el ponente Michael Heinrich en su libro <em>Die Wissenschaft von Wert</em>. Como la mejor parte del pensamiento burgués desde la Ilustración, la economía clasica entiende las relaciones burguesas hasta cierto punto, pero sólo para declararlas, sin haberlo pensado, “orden natural”. Marx critica esta ideologización de las relaciones dominantes en tanto que las descifra como reflejo fetichista de una realidad fetichista. Muestra que el valor y el trabajo abstracto no son meras fantasías que sólo haya que sacarse de la cabeza. Más bien se enfrentan, bajo las condiciones del sistema del trabajo y de la producción moderna de mercancías que siempre se ha presupuesto y que constituye su pensamiento y su acción, a sus productos de facto como manifestaciones de tiempo objetivado abstracto de trabajo como si fuesen una autoridad natural. Sus propias condiciones sociales se han vuelto para la burguesía una “segunda naturaleza”, como Marx dice acertadamente. Esto conforma el carácter fetichsta del valor, la mercancía y el trabajo.</p>
<p>Alfred Sohn-Rethel ha creado el concepto de la abstracción real para esa forma absurda de la abstracción. Con él se refiere al proceso de abstracción que no se lleva a cabo en la conciencia de la gente como proceso de pensamiento, sino que se presupone a su pensar y actuar como estructura a priori de la síntesis social y los determina. Para Sohn-Rethel, la abstracción real es, en cualquier caso, idéntica a acto de cambio; por tanto, domina allí donde la mercancía entra en juego en el contexto de función del mercado. Sólo aquí, según su argumentación, se iguala lo desigual, se reducen cosas cualitativamente distintas a un tercero común: al valor, o valor de cambio. ¿En qué radica este tercero común? Si las distintas mercancías se reducen a un denominador común en el valor o valor de cambio como manifestaciones de tamaño distinto de cantidad abstracta, habrá que poder establecer cual es el contenido de este valor ominoso y cual es su medida. Sohn-Rethel no da esas respuestas. Y esto radica, no en último lugar, en su concepto reducido, casi hasta se pude decir que mecánico, del contexto de la sociedad de mercancías.</p>
<p>Después la esfera del trabajo aparenta ser un ámbito presocial, en la que fabricantes privados producen sus productos aún completamente ajenos a toda forma social concreta. Sólo después los lanzan como mercancías en la esfera de la circulación, donde después se abstraen en el intercambio de sus particularidades materiales (e indirectamente, de esta forma, del trabajo concreto gastado en ellos) y, así, se convierten en protadores de valor. Pero este punto de vista, que separa las esferas de la producción y la circulación y las opone externamente se equivoca del todo con las condiciones internas del sistema productor de mercancías de la modernidad. Sohn-Rethel equivoca sistemáticamente dos puntos de vista del examen: en primer lugar, la sucesión temporal necesaria de la producción y venta de las mercancías particulares. Y, en segundo lugar, la unidad lógica y real-social de los procesos de valoración y de cambio siempre presupuesta a este transcurso particular.</p>
<p>Me gustaría entrar en más detalles respecto a esto, ya que este punto de vista no es, en absoluto, exclusivo de Sohn-Rethel, sino que, por el contrario, está extendido en distintas versiones. También en el libro mencionado de Michael Heinrich (1991) se encuentra a cada paso. Heinrich afirma (por citar sólo un ejemplo) que, los objetos de mercancía “<em>sólo obtienen su objetividad de valor dentro del cambio</em>” y continua de la siguiente manera: “<em>aislado, examinado en sí mismo, el objeto de mercancía no es mercancía, sino un mero producto</em>” (Heinrich 1991, p. 173). Heinrich, sin embargo, no saca las mismas conclusiones teóricas que Sohn-Rethel de estas o otras afirmaciones semejantes, pero subyacen a la lógica de su argumentación. Sólo mediante contrucciones teóricas auxiliares poco convincentes (en esencia mediante la separación radical de forma de valor y sustancia de valor), puede esquivarlas (véase Heinrich 1991, p. 187, así como <em>Kritik von Backhaus/Reichelt</em> 1995).</p>
<p>Obviamente, los productos no se producen en el proceso de producción capitalista como cosas útiles inofensivas que acaban sólo <em>a posteriori</em> en el mercado, sino que todo proceso de producción está orientado de entrada a la valorización del capital y organizado en consecuencia. Es decir, los productos se fabrican ya en la forma fetichista del valor, sólo tienen que cumplir una función: representar el tiempo de trabajo usado en la producción en la forma de valor. La esfera de la circulación, del mercado, no está, por tanto, únicamente al servicio del intercambio de mercancías, sino que es más bien el lugar donde se lleva a cabo o, en todo caso, se tendría que llevar a cabo, el valor representado por los productos. Para que esto pueda suceder (como condición necesaria, aunque no suficiente) las mercancías tienen que ser también objetos de uso, aunque objetos de uso sólo para compradores potenciales. La parte material-concreta de la mercancía, es decir, el valor de uso, no es el sentido ni el fin de la producción, sino sólo, en cierta medida, su efecto secundario. Desde el punto de vista de la valorización se podría buenamente y con ganas prescindir de él (y, en cierta forma, lo hace, en tanto que se fabrican masivamente cosas completamente absurdas, u otras que se desgastan en poco tiempo), pero el valor no sale adelante sin un portador material. Ya que nadie compra “tiempo de trabajo muerto” como tal, sino sólo cuando éste se presenta como un objeto que adjudique al comprador algún uso.</p>
<p>Por ello, la parte concreta del trabajo no deja de estar influida, de ninguna manera, de la forma presupuesta de la socialización . Si el trabajo abstracto es la abstracción de una abstracción, entonces el trabajo concreto sólo representa la paradoja de la parte concreta de una abstracción (a saber, de la forma de abstracción “trabajo”). “Concreto” es sólo en el sentido estrecho y obtuso de que diferentes mercancías exigen materialmente procesos de producción distintos: un coche se fabrica de manera diferente que una aspirina o la mina de un lápiz. Pero estos procesos de producción se comportan técnica y organizativamente repesto al fin presupuesto de la valorización de cualquier manera menos neutralmente. No necesito extenderme mucho en explicar como funciona el proceso de producción capitalista desde este punto de vista: se organiza única y exclusivamente según la máxima de producir la mayor cantidad posible de productos en la menor cantidad posible de tiempo. Esto se llama eficiencia empresarial. La parte concreta-material del trabajo no es, por tanto, otra cosa que la figura real en la que el dictado del tiempo del trabajo abstracto hace frente a los trabajadores y los subyuga bajo su ritmo.</p>
<p>Por lo tanto, es correcto afirmar que las mercancías producidas en el sistema del trabajo abstracto ya representan valor antes de haber entrado en la esfera de la circulación. Forma parte de la lógica del asunto que la realización del valor puede salir mal, es decir, las mercancías pueden ser invendibles o colocarse muy por debajo de su valor, pero esto se refiere a un ámbito completamente distinto del asunto. Puesto que para que un producto entre en el proceso de circulación, se tiene que encontrar ya en la forma fetichista del objeto de valor; y, ya que como tal no es otra cosa que la representación de trabajo abstracto pasado (y eso significa siempre también de tiempo de trabajo abstracto pasado), le pertenece siempre también una determinada cantidad de valor. Puesto que como forma pura sin sustancia (es decir, sin trabajo abstracto) el valor no puede existir sin entrar en crisis y, en última instancia, sin acabar cercenado.</p>
<p>La cantidad de valor de una mercancía no queda definida, como es sabido, por el tiempo de trabajo empleado directamente en su fabricación individual, sino por la media social de tiempo de trabajo necesario. Esta media, por su parte, no es una cantidad fija, sino que cambia junto a nivel válido en cada caso de la fuerza de producción (es decir, la tendencia secular rebaja el tiempo de trabajo necesario por mercancía y, de esa manera, la cantidad de valor representada con él). Como unidad de medida del valor siempre se presupone, sin embargo, cada proceso de producción particular y lo gobierna como un dictador inexorable. Un producto, entonces, sólo representa una cantidad determinada de valor en tanto que lo pueda demostrar ante la tribuna de la masa de productividad social. Si en una empresa se trababja de forma poco productiva, sus productos no representan, obviamente, más valor que aquellos que se fabrican bajo las condiciones sociales medias. Esa empresa tiene, por tanto, que elevar su productividad a la larga o desaparecer del mercado.</p>
<p>Resulta un poco confuso en este contexto que la objetividad del valor y la cantidad de valor no se presenten en productos particulares, sino sólo en el intercambio de mercancías; es decir, sólo cuando entra en relación directa con otros productos de trabajo abstracto. El valor de una mercancía se presenta entonces en la otra mercancía. Por ejemplo, se puede expresar el valor de 10 huevos en 2 kilos de harina. En la producción de mercancías desarrollada (y es de la que se trata aquí), el lugar de esa otra mercancía es ocupado por un equivalente general: el dinero, en tanto que expresa el valor de todas las mercancías y funciona como unidad de medida social. Decir que el valor en forma de valor de cambio aparece sólo en el ámbito de la circulación, da por supuesto el punto de vista de no surge aquí, como opininan Sohn-Rethel y otros teóricos del intercambio, así como todos los defensores de la teoría subjetiva del valor; el punto de vista, por tanto, de que hay una diferencia entre la esencia del valor y sus formas de darse.</p>
<p>La teoría subjetiva del valor que, en su empirismo vulgar, se queda estancado en la apariencia de circulación, siempre ha descalificado a la teoría del valor del trabajo como metafísica, una objeción que ha vuelto a encontrar conyuntura con la nueva tendencia posmoderna. Sin quererlo, divulga algunas cosas sobre el carácter fetichista de la sociedad productora de mercancías. Cuando las relaciones sociales objetivadas se erigen en poder ciego sobre la gente: ¿qué es sino metafísica encarnada? La teoría subjetiva del valor y, también, el positivismo marxista se apoyan en el hecho de que no se puede atrapar empíricamente al valor a toda costa. Puesto que de hecho ni se puede refiltrar la sustancia de trabajo de las mercancías, ni es posible deducir los valores de la mercancía del ámbito de la aparición empírica (es decir, del ámbito de los precios) de forma consistente. ¿Donde está, entonces, el valor ominoso?, preguntan nuestros positivistas, sólo para desechar inmediatamente toda la cuestión. Ya que los que no sea empíricamente tangible y medible, no existe en su concepción del mundo.</p>
<p>Esta crítica sólo afecta, sin embargo, a una versión cruda y también positivista de la teoría del valor del trabajo, como es, en cualquier caso, propio de la mayor parte del marxismo. Puesto que se refiere positivamente siempre en doble sentido a la categoría del valor: en primer lugar, como ya he mencionado, se considera el valor, en efecto, como un hecho natural o antropológico. Parece, por tanto, completamente obvio que se pueda conservar el trabajo pasado o tiempo de trabajo pasado en los productos como si fuera una cosa. Como poco, habría que poder dar una prueba contable de como se obtiene del valor de una mercancía su precio derivado de éste. Y, en segundo lugar, sería consecuente intentar dirigir la producción social con ayuda de esta categoría entendida positivamente. La principal objeción al capitalismo consistía, por tanto, en que en el mercado se ocultan los “valores reales” de los productos y no se les daba importancia. En el socialismo, por el contrario, según una conocida sentencia de Engels, es fácil sacar la cuenta exacta de cuantas horas de trabajo “se han echado” en una tonelada de trigo o de hierro.</p>
<p>Ese era el programa fundamental, condenado a fracasar, de todo el socialismo real y, de forma diluida, de la socialdemocracia, que fue planeada por auténticas legiones de economistas políticos y acompañado de una forma más o menos crítica-constructiva. Y estaba condenada al fracaso porque el valor es una categoría no-empírica, cuya esencia no se puede atrapar, sino que se impone como objeto fetichista por la espalda de la gente que actúa y les impone sus leyes ciegas. Es, sin embargo, una contradicción en sí misma querer dirigir conscientemente una condición inconsciente. Por esa razón, no se podía evitar el castigo histórico por el intento.</p>
<p>Cuando digo que el valor no es una categoría empírica, ¿estoy diciendo que no tiene ninguna relevancia para la evolución económica real? Claro que no. Significa que el valor no se puede atrapar como tal, sino que tiene que pasar por distintos planos de mediación antes de presentarse como una forma transformada en la superficie económica. Lo que Marx consigue en el <em>Capital</em> es mostrar el contexto lógico y estructural de esos planos de mediación. Muestra como las categorías de la superficie económica, como precio, beneficio, sueldo, interés, etc. se deducen de la categoría del valor y de su dinámica interna de movimiento y, por ello, también se puede estudiar analíticamente. Pero de ninguna manera cae en la ilusión de que sea posible calcular empíricamente en cada caso, como exigen la teoría de economía política y el marxismo armado de positivismo (sin poder haber dado nunca una solución a tal exigencia). Pero esto no es un defecto de la teoría del valor, sino que sólo indica la falta de conciencia de estos procesos. Marx no tuvo nunca la intención de formular una teoría positiva que fuese adecuada como instrumento político-económico. Su deseo era demostrar la demencia, las contradicciones internas y, por ello, la imposibilidad última de la sociedad basada en el valor. Por esta razón su teoría del valor es, en esencia, una crítica del valor (no es casual que su obra principal lleve el subtítulo de <em>Crítica de la economía política</em>) y, a la vez, fundamentalmente, una teoría de crisis.</p>
<p>La fundamentación empírica de la crítica del valor es general y de la teoría de crisis en particular no puede dar cuenta de la lógica interna del asunto según una matematización exacta en forma quasi-científica. Allí donde se instaura esa medida metodológica <em>a priori</em>, como , por ejemplo, en el famoso debate de la transformacion del valor en precio del marxismo académico, el concepto de valor y el contexto general que constituye está equivocado en lo fundamental. Es cierto que la crítica del valor y la teoría de crisis se puede fundamentar empíricamente, pero el método tiene que dar cuenta de las mediaciones internas y de las contradicciones. Sólo puedo señalar someramente que significa esto. Tomemos como ejemplo el hecho esencial de la teoría de crisis de que el capital desde los años setenta ha alcanzado, mediante la expulsión mundial y absoluta de mano de obra de su proceso de valorización, los límites históricos de su fuerza de expansión y, de esa forma, su capacidad de existencia. Dicho de otra forma: que la producción de mercancías moderna ha entrado en un proceso de crisis fundamental, que sólo puede desembocar en su final.</p>
<p>Este hecho, naturalmente, no se basa en una deducción puramente lógico-conceptual, sino que se obtiene de la ratificación teórica y empírica de las transformaciones estructurales del sistema mundial productor de mercancías desde el final de fordismo. A esto hay que sumar, por ejemplo, como <em>factum</em> fundamental, la ablación de la sustancia del trabajo (es decir, de tiempo de trabajo abstracto gastado a la altura del nivel dominande de furza productiva) en los sectores nucleares productivos de la producción de los mercados mundiales; además la retirada progesiva del capital de enormes regiones del mundo, que se han desacoplado en gran medida de los flujos de mercancías e inversiones y han quedado abandonadas a su suerte. Finalmente, se situa en este contexto el desinfle violento y el desencadenamiento de los mercados de crédito y de especulación; que se haya acumulado en una medida históricamente nunca vista capital ficticio, explica por un lado que la irrupción de la crisis en la regiones nucleares de los mercados mundiales haya sido hasta ahora tan suave y, por otro lado, permite deducir, sin embargo, la violencia contundente del impulso desvalorizador que se aproxima.</p>
<p>Seguro que una teoría de crisis basada en la crítica del valor puede equivocarse en algunos diagnósticos y no puede anticipar todos los procesos del proceso de crisis, aunque se base sobre todo en análisis de detalles. En cualquier caso, puede demostrar teórica y empíricamente que no va a haber más impulsos seculares de acumulación, sino que el capitalismo ha entrado irrevocablemente en una época bárbara de derrota y decadencia. Esta demostración empieza invitablemente con la crítica inexorable al trabajo, la mercancía, el valor y el dinero y continua con el fin de la superación de la abstracciones fetichistas reales y, de esta manera, por lo demás, ya que su campo de validez tiene que superarse, con la superación de la teoría del valor.</p>
<h4>Bibliografía:</h4>
<p><strong>Backhaus, Hans-Georg/Reichelt, Helmut</strong>: “Wie ist der Wertbegriff in der Ökonomie zu konzipieren?” en: <em>Engels&#8217; Druckfassung versus Marx&#8217; Manuskript zum III. Buch des &#8220;Kapital&#8221;</em> (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Neue Folge), Hamburgo 1995, pp. 60 &#8211; 94</p>
<p><strong>Heinrich, Michael:</strong> <em>Die Wissenschaft vom Wert</em>, Hamburg 1991</p>
<p><strong>Kurz, Robert:</strong> Postmarxismus und Arbeitsfetisch, in Krisis 15, Bad Honnef 1995</p>
<p><strong>Marx, Karl:</strong> “Über Friedrich Lists Buch &#8220;Das nationale System der politischen Ökonomie&#8221;, en <em>Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung</em>, año 14, n° 3, 1972, pp. 423 &#8211; 446 y: <em>Das Kapital I</em>, <em>MEW</em> 23</p>
<p>Traducción: Marta M. Fernández</p>
<p>Original en alemán en<a href="http://www.krisis.org"> www.krisis.org</a></p>
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		<title>Was ist der Wert? Was soll die Krise?</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Dec 1998 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Debatte mit Michael Heinrich zur Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>
		<category><![CDATA[Zum Einlesen]]></category>

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		<description><![CDATA[Überarbeitung eines Referates, gehalten am 24. Juni 1998 an der Universität Wien]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/5eef62a12dc84f98baeb234225b1f45f" alt="" width="1" height="1" /></span></p>
<h3>Überarbeitung eines Referates, gehalten am 24. Juni 1998 an der Universität Wien</h3>
<p><em>francais: <a href="http://www.krisis.org/1998/quest-ce-que-la-valeur-quen-est-il-de-la-crise">Qu&#8217;est-ce que la valeur, qu&#8217;en est-il de la crise?</a></em></p>
<p><em>spanisch: <a href="http://www.krisis.org/1998/que-es-el-valor-que-significa-la-crisis">¿Qué es el valor? ¿Qué significa la crisis?</a></em></p>
<p><em>Norbert Trenkle</em></p>
<p>Der Bogen, den ich schlagen möchte, ist sehr weit gespannt. Er führt von der allergrundsätzlichsten Ebene der Werttheorie oder vielmehr der Wertkritik &#8211; also von der Ebene der Grundkategorien der warenproduzierenden Gesellschaft: Arbeit, Wert, Ware, Geld &#8211; zur Ebene, auf der diese Grundkategorien als verdinglichte und fetischistische, als scheinbar &#8220;natürliche&#8221; Tatsachen und &#8220;Sachzwänge&#8221; erscheinen. Auf dieser Ebene &#8211; der Ebene von Preis, Profit, Lohn, Zirkulation etc. &#8211; treten zugleich die inneren Widersprüche der modernen Warengesellschaft offen zutage; dort erweist sich ihre letztliche historische Unhaltbarkeit: und zwar in Gestalt der Krise. <span id="more-334"></span>Es ist klar, dass ich hier in der gebotenen Kürze nicht mehr als eine Skizze davon liefern kann, hoffe aber, dass es mir gelingt die wesentlichen Zusammenhänge einsichtig zu machen.</p>
<p>Um einen Ausgangspunkt zu gewinnen, möchte ich mit einer Kategorie beginnen, die gemeinhin als völlig selbstverständliche Bedingung menschlicher Existenz hingenommen wird: der &#8220;Arbeit&#8221;. Diese Kategorie bleibt auch im Marxschen Kapital weitgehend unproblematisiert und wird dort als anthropologisches Merkmal eingeführt, das für jede Gesellschaft überall und immer gilt. &#8220;Als Bildnerin von Gebrauchswerten&#8221;, schreibt Marx, &#8220;als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln&#8221; (MEW 23, 57).</p>
<p>Ganz so unproblematisch, wie es in diesem Zitat erscheint, ist die Kategorie &#8220;Arbeit&#8221; für Marx freilich nicht. An anderen Stellen, insbesondere in den sogenannten Frühschriften, schlägt er da weitaus kritischere Töne an. In einem erst in den 1970er Jahren veröffentlichten Manuskript zur Kritik am deutschen Nationalökonomen Friedrich List spricht er sogar ausdrücklich von der Aufhebung der Arbeit als Voraussetzung von Emanzipation. Er schreibt dort: &#8220;Die &#8216;Arbeit&#8217; ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der &#8216;Arbeit&#8217; gefasst wird &#8230;&#8221; (Marx 1972, S. 436). Auch im Kapital selbst finden sich Passagen, die noch an diese frühe Einsicht erinnern. Doch geht es mir hier nicht darum, die Ambivalenzen im Marxschen Denken in bezug auf die &#8220;Arbeit&#8221; nachzuzeichnen (vgl. dazu etwa Kurz 1995), sondern ich möchte direkt zu der Frage kommen, was es mit dieser Kategorie auf sich hat. Ist die &#8220;Arbeit&#8221; tatsächlich eine anthropologische Konstante? Können wir sie als solche zum unproblematischen Ausgangspunkt einer Analyse der Warengesellschaft machen? Meine Antwort ist ein eindeutiges Nein.</p>
<p>Marx unterscheidet zwischen abstrakter und konkreter Arbeit und nennt dies den spezifischen Doppelcharakter der Arbeit in der warenproduzierenden Gesellschaft. Damit legt er nahe (und spricht es auch explizit aus), dass erst auf der Ebene dieser Verdoppelung oder Aufspaltung ein Abstraktionsprozess stattfindet. Abstrakt ist die abstrakte Arbeit, insofern sie von den konkreten stofflichen Eigenschaften und Besonderheiten der jeweils spezifischen Tätigkeiten: etwa Schneiderarbeit, Tischlerarbeit oder Metzgerarbeit, absieht und sie auf ein gemeinsames Drittes reduziert. Marx übersieht hier aber (und der Marxismus hat ohnehin kein Problembewusstsein auf dieser Ebene entwickelt), dass bereits die Arbeit als solche eine Abstraktion ist. Und zwar nicht einfach eine Denkabstraktion, wie Baum, Tier oder Pflanze, sondern eine historisch durchgesetzte, gesellschaftsmächtige Realabstraktion, die die Menschen unter ihre Gewalt zwingt.</p>
<p>Abstrahieren heisst im Wortsinne abziehen oder von etwas abziehen. In welchem Sinne ist nun die Arbeit eine Abstraktion, also ein Abzug von etwas? Das gesellschaftlich-historisch Spezifische an der Arbeit ist selbstverständlich nicht, dass überhaupt Dinge produziert und verschiedenste gesellschaftliche Tätigkeiten verrichtet werden. Das muss in der Tat jede Gesellschaft tun. Spezifisch ist die Form, in der dies in der kapitalistischen Gesellschaft geschieht. Wesentlich für diese Form ist zunächst einmal, dass die Arbeit eine gesonderte, vom übrigen gesellschaftlichen Zusammenhang abgetrennte Sphäre ist. Wer arbeitet, der arbeitet nur und tut sonst nichts anderes. Ausruhen, sich vergnügen, seinen Interessen nachgehen, lieben usw. das hat ausserhalb der Arbeit zu geschehen oder darf sich zumindest nicht störend auf die durchrationalisierten Funktionsabläufe auswirken. Natürlich gelingt das nie ganz, weil der Mensch nun einmal trotz jahrhundertelanger Zurichtung nicht ganz zur Maschine gemacht werden konnte. Aber die Rede ist ja hier von einem Strukturprinzip, das in völliger Reinheit empirisch nie vorkommt &#8211; obwohl zumindest in Mitteleuropa der empirische Arbeitsprozess schon sehr weitgehend diesem schrecklichen Idealtypus entspricht. Aus diesem Grund, also aufgrund des Ausschlusses aller Momente von Nicht-Arbeit aus der Sphäre der Arbeit, geht die historische Durchsetzung der Arbeit mit der Herausbildung weiterer separierter gesellschaftlicher Sphären einher, in die jene abgespaltenen Momente verbannt werden; Sphären, die selbst exklusiven Charakter gewinnen (ganz im Wortsinne von Exklusion, also Ausschluss): Freizeit, Privatheit, Kultur, Politik, Religion etc.</p>
<p>Wesentliche Strukturbedingung für diese Aufspaltung des gesellschaftlichen Zusammenhangs ist das moderne Geschlechterverhältnis mit seinen dichotomisch-hierarchischen Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Sphäre der Arbeit fällt dabei eindeutig in das Reich des &#8220;Männlichen&#8221;, worauf schon die subjektiven Anforderungen verweisen, die hier gestellt werden: abstrakte Zweckrationalität, Sachlichkeit, formales Denken, Konkurrenzorientierung etc.; Anforderungen, denen selbstverständlich auch Frauen gerecht werden müssen, die es im Beruf &#8220;zu etwas bringen&#8221; wollen. Doch kann dieses Reich des Männlichen strukturell nur vor dem Hintergrund des abgespaltenen und inferior gesetzten Reich des Weiblichen existieren, in dem sich der Arbeitsmann wieder regenerieren kann, weil sich dort idealiter die treusorgende Hausfrau um sein leibliches und emotionales Wohl kümmert. Dieser strukturelle Zusammenhang, den die bürgerliche Ideologie seit jeher idealisiert und romantisiert hat (in unzähligen schwülstigen Lobpreisungen der liebevollen und aufopferungswilligen Ehefrau und Mutter), ist von der feministischen Forschung in den letzten 30 Jahren ja mehr als hinreichend analysiert und belegt worden. Insofern lässt sich wohl ohne weiteres die These vertreten, dass die Arbeit und das moderne, hierarchische Geschlechterverhältnis untrennbar miteinander verknüpft sind. Beides sind grundlegende Strukturprinzipien der bürgerlich-warenförmigen Gesellschaftsordnung.</p>
<p>Ich kann hier diesen Zusammenhang als solchen nicht weiter verfolgen, denn das Thema meines Vortrags sind ja die spezifischen Vermittlungen und inneren Widersprüche innerhalb des historisch-strukturell männlich besetzten Reichs von Arbeit, Ware und Wert. Ich will also dorthin zurückkehren. Oben hatte ich bemerkt, dass die Arbeit, als spezifische Form warengesellschaftlicher Tätigkeit, schon insofern per se abstrakt ist, weil sie eine separierte, vom übrigen gesellschaftlichen Zusammenhang abgezogene Sphäre konstituiert. Und als solche existiert sie überhaupt nur, wo die Warenproduktion bereits zur bestimmenden Form der Vergesellschaftung geworden ist; das heisst im Kapitalismus, wo die menschliche Tätigkeit in der Form der Arbeit keinem anderen Zweck dient, als der Verwertung des Werts.</p>
<p>In diese Sphäre der Arbeit treten die Menschen aber nicht freiwillig ein. Sie tun es, weil sie in einem langen und blutigen historischen Prozess von den elementarsten Produktions- und Existenzmitteln getrennt worden sind und nun nur überleben können, indem sie sich auf Zeit verkaufen oder genauer gesagt, indem sie ihre Lebensenergie für einen äusserlichen und gleichgültigen Zweck als Arbeitskraft verkaufen. Daher bedeutet Arbeit für sie prinzipiell einen elementaren Abzug an Lebensenergie und ist also auch in dieser Hinsicht eine höchst reale Abstraktion. Nur deshalb geht übrigens auch die Gleichung auf: Arbeit = Leiden, wie sie die ursprüngliche Wortbedeutung des Verbs laborare noch transportierte.</p>
<p>Schliesslich aber herrscht die Abstraktion in der Sphäre der Arbeit auch in Gestalt eines ganz spezifischen, nämlich abstrakt-linearen und homogenen Zeitregiments. Was zählt, ist die objektiv messbare, also vom subjektiven Empfinden, Fühlen und Erleben der arbeitenden Individuen abgetrennte Zeit. Das Kapital hat sie für einen genau definierten Zeitraum gemietet und in diesem Zeitraum müssen sie einen maximalen Output an Waren oder Dienstleistungen produzieren. Jede Minute, die sie nicht dafür aufwenden, ist vom Standpunkt des Käufers der Ware Arbeitskraft eine Verschwendung. Jede einzelne Minute ist wertvoll und zählt insofern gleich, als sie im buchstäblichen Sinne potentiell Wert darstellt.</p>
<p>Historisch stellt die Durchsetzung des abstrakt-linearen und homogenen Zeitregiments wohl einen der schärfsten Brüche mit allen vorkapitalistischen Gesellschaftsordnungen dar. Bekanntlich bedurfte es vieler Jahrhunderte manifesten Zwangs und offener Gewaltanwendung, bis die Masse der Menschen diese Form des Zeitbezugs verinnerlicht hatte und nichts mehr dabei fand, jeden Tag pünktlich zu einer ganz bestimmten Uhrzeit in der Fabrik oder im Büro anzutreten, ihr Leben an der Pforte abzugeben und sich für einen genau abgegrenzten Zeitabschnitt dem gleichmässigen Rhythmus der vorgegebenen Produktions- und Funktionsabläufe zu unterwerfen. Schon allein dieses wohlbekannte Faktum zeigt, wie wenig selbstverständlich die unter dem Namen Arbeit durchgesetzte Form gesellschaftlicher Tätigkeit ist.</p>
<p>Wenn also Arbeit als solche keine anthropologische Konstante, sondern selbst schon eine Abstraktion ist (allerdings eine gesellschaftlich höchst wirkungsmächtige Abstraktion), was hat es dann mit dem Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit auf sich, den Marx analysiert und der die Grundlage seiner Werttheorie bildet? Bekanntlich stellt Marx fest, dass die warenproduzierende Arbeit zwei Seiten hat: eine konkrete und eine abstrakte. Als konkrete Arbeit ist sie Bildnerin von Gebrauchswerten, produziert also bestimmte nützliche Dinge. Als abstrakte Arbeit dagegen ist sie die Verausgabung von Arbeit überhaupt, also von Arbeit jenseits jeglicher qualitativen Bestimmung. Als solche bildet sie den in den Waren dargestellten Wert. Was aber verbleibt jenseits jeglicher qualitativer Bestimmung? Das einzige, was alle verschiedenen Sorten von Arbeit gemeinsam haben, wenn man von ihrer stofflich-konkreten Seite abstrahiert, ist ganz eindeutig, unterschiedliche Sorten der Verausgabung von abstrakter Arbeitszeit zu sein. Die abstrakte Arbeit ist also die Reduktion aller warenproduzierenden Arbeiten auf diesen einen gemeinsamen Nenner. Sie macht sie vergleichbar und damit gegeneinander austauschbar, indem sie sie auf die reine abstrakte, verdinglichte Quantität verflossener Zeit reduziert. Als solche bildet sie die Substanz des Werts.</p>
<p>Fast alle marxistischen Theoretiker haben diese ganz und gar nicht selbstverständliche begriffliche Bestimmung als platte Definition einer anthropologischen und quasi-naturgesetzlichen Tatsache aufgefasst und als solche unreflektiert wiedergekäut. Sie haben nie verstanden, wieso sich Marx solche Mühe mit dem ersten Kapitel des Kapital gemacht hat (das ja mehrfach umgeschrieben wurde) und warum er einen scheinbar so einleuchtenden Sachverhalt durch eine hegelsche Sprache angeblich unnötig verunklarte. So selbstverständlich dem Marxismus die Arbeit war, so selbstverständlich erschien es ihm auch, dass diese Wert im ganz buchstäblichen Sinne produziert, so wie der Bäcker Brötchen bäckt, und dass im Wert die vergangene Arbeitszeit als tote aufbewahrt wird. Auch bei Marx selbst bleibt allerdings unklar, dass die abstrakte Arbeit selbst schon die Arbeit als spezifische Form gesellschaftlicher Tätigkeit logisch und historisch voraussetzt; dass sie also die Abstraktion einer Abstraktion ist; oder anders gesagt, dass die Reduktion einer Tätigkeit auf homogene Zeiteinheiten die Existenz eines abstrakten Zeitmasses voraussetzt, welches die Sphäre der Arbeit als solche beherrscht. Ein mittelalterlicher Bauer zum Beispiel wäre nie auf die Idee gekommen, etwa das Abernten seines Feldes in Stunden und Minuten zu messen, nicht weil er keine Uhr besass, sondern weil diese Tätigkeit in seinem Lebenszusammenhang aufging und ihre zeitliche Abstraktifizierung keinen Sinn gemacht hätte.</p>
<p>Obwohl aber Marx das Verhältnis von Arbeit als solcher und abstrakter Arbeit nicht hinreichend klärt, lässt er doch keinen Zweifel über die vollkommene Verrücktheit einer Gesellschaft, in der die menschliche Tätigkeit, also ein lebendiger Prozess, zur dinglichen Form gerinnt und sich als solche zur beherrschenden sozialen Macht aufschwingt. Die landläufige Vorstellung, dies sei ein natürliches Faktum, ironisiert Marx, wenn er etwa gegenüber der positivistischen Werttheorie der klassischen Politischen Ökonomie bemerkt: &#8220;Bisher hat noch kein Chemiker Tauschwert in Perle oder Diamant entdeckt&#8221; (MEW 23, S. 98). Wenn Marx also zeigt, dass die abstrakte Arbeit die Substanz des Werts ausmacht und daher auch die Wertgrösse durch die durchschnittlich verausgabte Arbeitszeit bestimmt wird, dann verfällt er damit keinesfalls der physiologistischen oder naturalistischen Sichtweise der ökonomischen Klassik, wie mein Co-Referent Michael Heinrich in seinem Buch &#8220;Die Wissenschaft vom Wert&#8221; behauptet. Wie der bessere Teil des bürgerlichen Denkens seit der Aufklärung überhaupt begreift die ökonomische Klassik zwar die bürgerlichen Verhältnisse bis zu einem gewissen Grad, aber nur um sie kurzerhand zur &#8220;natürlichen Ordnung&#8221; zu erklären. Marx kritisiert diese Ideologisierung der herrschenden Verhältnisse, indem er sie als fetischistischen Reflex einer fetischistischen Wirklichkeit entziffert. Er zeigt, dass der Wert und die abstrakte Arbeit keine blosse Einbildungen sind, die sich die Menschen nur aus dem Kopf zu schlagen brauchten. Vielmehr treten ihnen unter den Bedingungen des immer schon vorausgesetzten und ihr Denken und Handeln konstituierenden Systems von Arbeit und moderner Warenproduktion ihre Produkte tatsächlich als Ausdrücke verdinglichter abstrakter Arbeitszeit entgegen, als ob sie eine Naturgewalt wären. Ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse sind den bürgerlichen Menschen zur &#8220;zweiten Natur&#8221; geworden, wie Marx es treffend formuliert. Das macht den Fetischcharakter von Wert, Ware und Arbeit aus.</p>
<p>Alfred Sohn-Rethel hat für diese verrückte Form der Abstraktion den Begriff der Realabstraktion geprägt. Damit meinte er einen Abstraktionsvorgang, der nicht im Bewusstsein der Menschen als Denkakt vollzogen wird, sondern der als apriorische Struktur gesellschaftlicher Synthesis ihrem Denken und Handeln vorausgesetzt ist und dieses bestimmt. Für Sohn-Rethel war die Realabstraktion allerdings identisch mit dem Tauschakt; sie herrscht also dort, wo sich die Waren im Funktionszusammenhang des Marktes gegenübertreten. Erst hier, so seine Argumentation, wird Ungleiches gleich gemacht, werden qualitativ verschiedene Dinge auf ein gemeinsames Drittes reduziert: auf den Wert bzw. den Tauschwert. Worin besteht jedoch dieses gemeinsame Dritte? Wenn die verschiedenen Waren im Wert bzw. Tauschwert als unterschiedlich grosse Ausdrücke abstrakter Quantität auf einen Nenner gebracht werden, muss man auch angeben können, welches der Inhalt dieses ominösen Werts und welches sein Massstab ist. Die Antworten hierauf bleibt Sohn-Rethel schuldig. Und das liegt nicht zuletzt an seinem verkürzten, man muss fast sagen: mechanischen, Begriff des warengesellschaftlichen Zusammenhangs.</p>
<p>Danach erscheint nämlich die Sphäre der Arbeit als vorgesellschaftlicher Raum, in dem private Produzenten ihre Produkte noch völlig unberührt von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form herstellen. Erst im nachhinein werfen sie diese als Waren in die Sphäre der Zirkulation, wo dann im Tausch von ihren stofflichen Besonderheiten (und damit indirekt von der auf sie verausgabten konkreten Arbeit) abstrahiert wird und sie sich somit in Träger von Wert verwandeln. Diese Sichtweise, die Produktions- und Zirkulationssphäre auseinander reisst und äusserlich gegenüberstellt, verfehlt jedoch völlig den inneren Zusammenhang des warenproduzierenden Systems der Moderne. Sohn-Rethel verwechselt hier systematisch zwei Ebenen der Betrachtung: Erstens das notwendige zeitliche Nacheinander von Produktion und Verkauf einer einzelnen Ware. Und zweitens die diesem einzelnen Vorgang immer schon vorausgesetzte logische und realgesellschaftliche Einheit von Verwertungs- und Austauschprozess.</p>
<p>Ich möchte hier etwas ausführlicher darauf eingehen, weil diese Sichtweise keinesfalls eine Spezialität von Sohn-Rethel, sondern im Gegenteil in verschiedenen Varianten weitverbreitet ist. Auch im erwähnten Buch von Michael Heinrich (1991) findet sie sich auf Schritt und Tritt. Heinrich behauptet dort (um nur ein Zitat unter vielen herauszugreifen), die Warenkörper erhielten &#8220;ihre Wertgegenständlichkeit nur innerhalb des Austausches&#8221; und fährt dann folgendermassen fort: &#8220;Isoliert, für sich betrachtet ist der Warenkörper nicht Ware, sondern blosses Produkt&#8221; (Heinrich 1991, S. 173). Zwar zieht Heinrich aus dieser und vielen anderen gleichgelagerten Aussagen nicht die selben theoretischen Schlussfolgerungen wie Sohn-Rethel, doch liegen sie in der Logik seiner eigenen Argumentation. Nur durch wenig überzeugende theoretische Hilfskonstruktionen (im Kern durch das Auseinanderreissen von Wertform und Wertsubstanz) kann er ihnen ausweichen (vgl. Heinrich 1991, S. 187 sowie die Kritik von Backhaus/Reichelt 1995).</p>
<p>Selbstverständlich werden im kapitalistischen Produktionsprozess die Produkte nicht als unschuldige nützliche Dinge hergestellt, die erst aposteriori auf den Markt gelangen, sondern jeder Produktionsvorgang ist von vorneherein auf die Verwertung von Kapital ausgerichtet und entsprechend organisiert. Das heisst, die Produkte werden bereits in der fetischistischen Form des Wertdings hergestellt; sie sollen nur einen einzigen Zweck erfüllen: die für ihre Produktion aufgewandte abstrakte Arbeitszeit in der Form von Wert darstellen. Die Sphäre der Zirkulation, der Markt, dient daher auch nicht einfach dem Warentausch; vielmehr ist sie der Ort, an dem der an den Produkten dargestellte Wert realisiert wird oder jedenfalls realisiert werden soll. Damit dies überhaupt gelingen kann (notwendige aber nicht hinreichende Bedingung) müssen die Waren bekanntlich auch Gebrauchsdinge sein; doch Gebrauchsdinge nur für den potentiellen Käufer. Die stofflich-konkrete Seite der Ware, also der Gebrauchswert ist nicht Sinn und Zweck der Produktion, sondern nur ein gewissermassen unvermeidlicher Nebeneffekt. Vom Standpunkt der Verwertung könnte gut und gern darauf verzichtet werden (und gewisser Hinsicht geschieht dies auch, indem massenhaft völlig unsinnige Dinge hergestellt werden oder solche, die in kürzester Zeit verschleissen), doch kommt der Wert nicht ohne einen stofflichen Träger aus. Denn niemand kauft &#8220;tote Arbeitszeit&#8221; als solche, sondern nur dann, wenn sich diese an einem Gegenstand darstellt, dem der Käufer einen irgendwie gearteten Nutzen zuschreibt.</p>
<p>Daher bleibt auch die konkrete Seite der Arbeit von der vorausgesetzten Form der Vergesellschaftung keinesfalls unberührt. Ist die abstrakte Arbeit die Abstraktion einer Abstraktion, so stellt die konkrete Arbeit nur das Paradoxon der konkreten Seite einer Abstraktion (nämlich der Form-Abstraktion &#8220;Arbeit&#8221;) dar. &#8220;Konkret&#8221; ist sie nur in dem ganz engen und bornierten Sinne, dass die unterschiedlichen Waren nun einmal stofflich unterschiedliche Produktionsvorgänge erfordern: ein Auto wird anders hergestellt als eine Aspirintablette oder ein Bleistiftspitzer. Doch auch diese Produktionsvorgänge verhalten sich technisch und organisatorisch dem vorausgesetzten Zweck der Verwertung gegenüber alles andere als neutral. Ich brauche wohl nicht gross zu erläutern, wie es um den kapitalistischen Produktionsprozess in dieser Hinsicht bestellt ist: er ist einzig und allein nach der Maxime organisiert, möglichst viele Produkte in möglichst kurzer Zeit herzustellen. Das nennt sich dann betriebswirtschaftliche Effizienz. Die konkret-stoffliche Seite der Arbeit ist also nichts anderes als die handfeste Gestalt, in der das Zeitdiktat der abstrakten Arbeit den Arbeitenden gegenübertritt und sie unter ihren Rhythmus zwingt.</p>
<p>Insofern ist es auch durchaus richtig, zu behaupten, dass die im System der abstrakten Arbeit produzierten Waren auch dann schon Wert darstellen, wenn sie noch nicht in die Zirkulationssphäre eingetreten sind. Dass die Realisation des Werts misslingen kann, Waren also unverkäuflich sein oder nur weit unter ihrem Wert abgesetzt werden können, liegt in der Logik der Sache, betrifft aber eine ganz andere Ebene des Problems. Denn um überhaupt in den Zirkulationsprozess einzutreten, muss ein Produkt sich bereits in der fetischistischen Form des Wertdings befinden; und da es als solches nichts als die Darstellung von vergangener abstrakter Arbeit ist (und das heisst immer auch von vergangener abstrakter Arbeitszeit), besitzt es notwendig immer auch schon eine bestimmte Wertgrösse. Denn als reine Form ohne Substanz (das heisst ohne die abstrakte Arbeit) kann der Wert nicht existieren, ohne in die Krise zu geraten und letztlich daran zu zerbrechen.</p>
<p>Nun wird die Wertgrösse einer Ware bekanntlich nicht durch die unmittelbar für ihre individuelle Herstellung aufgewandte Arbeitszeit, sondern durch die im gesellschaftlichen Durchschnitt notwendige Arbeitszeit bestimmt. Dieser Durchschnitt wiederum ist keine fixe Grösse, sondern verändert sich zusammen mit dem jeweils gültigen Niveau der Produktivkraft (das heisst, im säkularen Trend sinkt die notwendige Arbeitszeit pro Ware und damit auch die an ihr dargestellte Wertmenge). Als Massstab des Werts ist er aber jedem einzelnen Produktionsvorgang immer schon vorausgesetzt und regiert als unerbittlicher Herrscher in ihn hinein. Ein Produkt stellt also eine bestimmte Quantität abstrakter Arbeitszeit nur insoweit dar, als es vor dem Richtstuhl des gesellschaftlichen Produktivitätsmasses bestehen kann. Wird in einem Betrieb unterproduktiv gearbeitet, repräsentieren seine Produkte natürlich nicht mehr Wert als solche, die unter den gesellschaftlichen Durchschnittsbedingungen gefertigt wurden. Der betreffende Betrieb muss deshalb auf die Dauer seine Produktivität anheben oder vom Markt verschwinden.</p>
<p>Ein wenig verwirrend in diesem Zusammenhang ist, dass die Wertgegenständlichkeit und die Wertgrösse nicht am einzelnen Produkt erscheinen, sondern erst im Warentausch; also erst, wenn sie in direkte Relation zu anderen Produkten abstrakter Arbeit treten. Der Wert einer Ware erscheint dann in der anderen Ware. Also beispielsweise mag sich der Wert von 10 Eiern in 2 Kilo Mehl ausdrücken. Bei entwickelter Warenproduktion (und von der ist ja hier immer die Rede) wird der Platz dieser anderen Ware von einem allgemeinen Äquivalenten eingenommen: dem Geld, in dem sich der Wert aller Waren ausdrückt und der als gesellschaftlicher Wertmassstab fungiert. Davon zu sprechen, dass der Wert in der Form des Tauschwerts erst auf der Ebene der Zirkulation erscheint, setzt bereits die Einsicht voraus, dass er nicht hier entsteht, wie Sohn-Rethel und andere Tauschtheoretiker sowie alle Vertreter der subjektiven Wertlehre meinen; die Einsicht also, dass es einen Unterschied zwischen dem Wesen des Werts und seinen Erscheinungsformen gibt.</p>
<p>Die subjektive Wertlehre, die in ihrem platten Empirismus dem Schein der Zirkulation aufsitzt, hat die Arbeitswerttheorie immer als Metaphysik verhöhnt, ein Vorwurf, der im postmodernistischen Gewand wieder Hochkonjunktur hat. Ungewollt plaudert sie damit einiges über den fetischistischen Charakter der warenproduzierenden Gesellschaft aus. Wenn die verdinglichten gesellschaftlichen Beziehungen sich zur blinden Macht über die Menschen aufwerfen: was ist das anderes als inkarnierte Metaphysik? Worauf sich die subjektive Wertlehre aber auch der marxistische Positivismus stützt, ist die Tatsache, dass der Wert partout nicht empirisch dingfest gemacht werden kann. Denn in der Tat kann weder die Arbeitssubstanz aus den Waren herausgefiltert werden, noch lässt sich überhaupt von der Ebene der empirischen Erscheinung (also von der Ebene der Preise) in konsistenter Form auf die Warenwerte zurückrechnen. Wo ist also der ominöse Wert?, fragen unsere Positivisten, nur um dann sogleich die ganze Fragestellung zu verwerfen. Denn was nicht empirisch greifbar und messbar ist, existiert ihrem Weltbild nach nicht.</p>
<p>Diese Kritik trifft aber nur eine krude und selbst positivistische Variante der Arbeitswerttheorie, wie sie allerdings für den grössten Teil des Marxismus typisch ist. Denn der bezog sich immer im doppelten Sinne positiv auf die Kategorie des Werts: Erstens wurde, wie bereits erwähnt, der Wert tatsächlich als eine natürliche oder anthropologische Tatsache betrachtet. Es erschien also als vollkommen selbstverständlich, dass vergangene Arbeit bzw. Arbeitszeit buchstäblich als Ding in den Produkten aufbewahrt werden kann. Zumindest aber musste der rechnerische Beweis erbracht werden können, wie sich aus dem Wert einer Ware ihr davon abweichender Preis ergibt. Und zweitens war es dann nur konsequent, zu versuchen, die gesellschaftliche Produktion mit Hilfe dieser positiv aufgefassten Kategorie zu steuern. Ein Hauptvorwurf an den Kapitalismus lautete daher auch, auf dem Markt würden die &#8220;wirklichen Werte&#8221; der Produkte verschleiert und nicht zur Geltung kommen. Im Sozialismus dagegen sei es, nach einer berühmten Sentenz von Engels, ein Leichtes, genau nachzurechnen, wieviel Arbeitsstunden in einer Tonne Weizen oder Eisen &#8220;steckten&#8221;.</p>
<p>Das war das zum Scheitern verurteilte Kernprogramm des gesamten Realsozialismus und in verdünnter Form auch der Sozialdemokratie, das von ganzen Legionen sogenannter Polit-Ökonomen vorgedacht und mehr oder weniger kritisch-konstruktiv begleitet wurde. Zum Scheitern verurteilt war es, weil der Wert eine nicht-empirische Kategorie ist, die ihrem Wesen nach nicht dingfest gemacht werden kann, sondern sich als fetischistische hinter dem Rücken handelnden Menschen durchsetzt und ihnen ihre blinden Gesetze aufherrscht. Es ist aber ein Widerspruch in sich, ein bewusstloses Verhältnis bewusst steuern zu wollen. Die historische Strafe für den Versuch konnte deshalb nicht ausbleiben.</p>
<p>Wenn ich nun aber gesagt habe, der Wert sei eine nicht-empirische Kategorie, heisst das dann auch, dass er keinerlei Relevanz für reale ökonomische Entwicklung besitzt? Natürlich nicht. Es bedeutet nur, dass der Wert nicht als solcher dingfest gemacht werden kann, sondern durch verschiedene Vermittlungsebenen hindurch muss, ehe er in verwandelter Gestalt an der ökonomischen Oberfläche erscheint. Was Marx im Kapital leistet, ist, den logischen und strukturellen Zusammenhang dieser Vermittlungsebenen nachzuweisen. Er zeigt, wie sich ökonomische Oberflächen-Kategorien wie Preis, Profit, Lohn, Zins etc. aus der Kategorie des Werts und ihrer inneren Bewegungsdynamik ableiten und daher auch analytisch verfolgen lassen. Keinesfalls sass er aber der Illusion auf, diese Vermittlungen liessen sich empirisch im einzelnen nachrechnen, so wie es die Volkswirtschaftslehre und der positivistisch abgerüstete Marxismus verlangen (ohne diesen Anspruch jedoch selbst jemals einlösen zu können). Doch das ist kein Manko der Werttheorie, sondern verweist nur auf die Bewusstlosigkeit dieser Vermittlungen. Marx hatte jedoch nie den Anspruch, eine positive Theorie zu formulieren, die gar als wirtschaftspolitisches Instrument geeignet wäre. Sein Anliegen war es, die Verrücktheit, innere Widersprüchlichkeit und damit letztliche Unhaltbarkeit der auf dem Wert basierenden Gesellschaft nachzuweisen. Insofern ist seine Werttheorie im Kern eine Wertkritik (nicht zufällig trägt sein Hauptwerk ja den Untertitel &#8220;Kritik der Politischen Ökonomie&#8221;) und zugleich wesentlich Krisentheorie.</p>
<p>Die empirische Fundierung der Wertkritik im allgemeinen und der Krisentheorie im besonderen kann also der inneren Logik der Sache nach überhaupt nicht quasi-naturwissenschaftlich in Gestalt einer exakten Mathematisierung erfolgen. Wo dieser methodische Massstab apriori angelegt wird, wie etwa in der berühmt-berüchtigten Wert-Preis-Transformationsdebatte des akademischen Marxismus, ist der Begriff des Werts und des von ihm konstituierten Gesamtzusammenhangs bereits grundlegend verfehlt. Freilich lassen sich Wertkritik und Krisentheorie durchaus empirisch untermauern, nur muss die Methode die inneren Vermittlungen und Widersprüche ihres Gegenstandes nachvollziehen. Was dies konkret bedeutet, kann ich hier nur andeuten. Nehmen wir zum Beispiel den grundlegenden krisentheoretischen Befund, dass das Kapital seit den siebziger Jahren durch die weltweite, absolute Verdrängung von lebendiger Arbeitskraft aus dem Verwertungsprozess die historischen Grenzen seiner eigenen Expansionskraft und damit auch seiner Existenzfähigkeit erreicht hat. Anders ausgedrückt: dass die moderne Warenproduktion in einen fundamentalen Krisenprozess eingetreten ist, der nur in ihrem Untergang münden kann.</p>
<p>Dieser Befund beruht selbstverständlich nicht auf einer rein logisch-begrifflichen Ableitung, sondern ergibt sich aus dem theoretischen und empirischen Nachvollzug der strukturellen Umbrüche im warenproduzierenden Weltsystem seit dem Ende des Fordismus. Dazu gehört etwa, als grundlegendes Faktum, die Abschmelzung der Arbeitssubstanz (also der verausgabten abstrakten Arbeitszeit auf der Höhe des herrschenden Produktivkraftniveaus) in den produktiven Kernsektoren der Weltmarktproduktion; weiterhin etwa der fortschreitende Rückzug des Kapitals aus riesigen Weltregionen, die weitgehend von den Waren- und Investitionsströmen abgekoppelt und sich selbst überlassen werden. Schliesslich ordnet sich aber auch die gewaltige Aufblähung und Entfesselung der Kredit- und Spekulationsmärkte in diesen Zusammenhang ein; dass dort in einem historisch nie dagewesenen Ausmass fiktives Kapital aufgehäuft wurde, erklärt zum einen, wieso der Kriseneinbruch in den Kernregionen des Weltmarkts bisher vergleichsweise milde ausgefallen ist, lässt zum anderen aber auch auf die durchschlagende Gewalt des jetzt kurz bevorstehenden Entwertungsschubs schliessen.</p>
<p>Sicher kann eine wertkritisch fundierte Krisentheorie in einzelnen Diagnosen falsch liegen und sie kann auch nicht jede Verlaufsform des Krisenprozesses antizipieren, obwohl sie sich durchaus auch in Detailanalysen bewährt. Jedenfalls aber kann sie theoretisch und empirisch nachweisen, dass es keinen neuen säkularen Akkumulationsschub mehr geben wird, sondern dass der Kapitalismus unwiderruflich in eine barbarische Niedergangs- und Zerfallsepoche eingetreten ist. Dieser Nachweis fällt notwendig mit der unerbittlichen Kritik an Arbeit, Ware, Wert und Geld zusammen und verfolgt kein anderes Ziel, als die Aufhebung dieser fetischistischen Realabstraktionen; und damit übrigens auch, da ja der eigene Gültigkeitsbereich aufgehoben werden soll, die Selbstaufhebung der Werttheorie.</p>
<h4>Literatur:</h4>
<p><strong>Backhaus, Hans-Georg/Reichelt, Helmut</strong>: Wie ist der Wertbegriff in der Ökonomie zu konzipieren? in: Engels&#8217; Druckfassung versus Marx&#8217; Manuskript zum III. Buch des &#8220;Kapital&#8221; (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Neue Folge), Hamburg 1995, S. 60 &#8211; 94</p>
<p><strong>Heinrich, Michael:</strong> Die Wissenschaft vom Wert, Hamburg 1991</p>
<p><strong>Kurz, Robert:</strong> Postmarxismus und Arbeitsfetisch, in Krisis 15, Bad Honnef 1995</p>
<p><strong>Marx, Karl:</strong> Über Friedrich Lists Buch &#8220;Das nationale System der politischen Ökonomie&#8221;, in Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 14. Jg., Heft 3, 1972, S. 423 &#8211; 446 ders.: Das Kapital I, MEW 23</p>
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