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	<title>krisis &#187; Erich Ribolits</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Bildung – Kampfbegriff oder Pathosformel?</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Dec 2009 19:32:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Ribolits]]></category>

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		<description><![CDATA[Erich Ribolits (Vortrag bei der Tagung: Bibliothek als kritischer Raum, Renner-Institut, 7. Nov. 2009) Seit fast drei Wochen finden – ausgehend von der Wiener Akademie der bildenden Künste – an vielen österreichischen Universitäten weitreichende und durchaus spektakuläre studentische Aktionen gegen die aktuelle bildungspolitische Situation statt. Losungen unter denen die Aktionen stattfinden lauten: Bildung ist keine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Erich Ribolits</em></p>
<p>(Vortrag bei der Tagung: Bibliothek als kritischer Raum, Renner-Institut, 7. Nov. 2009)</p>
<p>Seit fast drei Wochen finden – ausgehend von der Wiener Akademie der bildenden Künste – an vielen österreichischen Universitäten weitreichende und durchaus spektakuläre studentische Aktionen gegen die aktuelle bildungspolitische Situation statt. Losungen unter denen die Aktionen stattfinden lauten: Bildung ist keine Ware, Menschenrecht auf Bildung, freier Hochschulzugang, Demokratisierung und ausreichende Finanzierung der Universitäten.</p>
<p>Jeder, der die Zustände an österreichischen Universitäten kennt und sich auch nur einen minimalen Rest der Vorstellung bewahrt hat, dass Bildung etwas zu tun hat, mit Selbstbewusstsein und dem mündigen Einfordern menschenwürdiger Lebensbedingungen kann nicht umhin, Sympathie für die Demonstranten und ihre Forderungen zu entwickeln.<span id="more-3968"></span> Und als Bildungswissenschafter bin ich über die Sympathie hinsichtlich der Tatsache hinaus, dass junge Menschen bereit sind, für bessere Studienbedingungen zu kämpfen, besonders davon angetan, dass sich als erster Punkt im Forderungskatalog der aufmüpfigen Student/innen die grundsätzliche Forderung nach „Bildung statt Ausbildung“ findet. Schließen die Protestierenden doch damit an eine Grundsatzaussage der Bildungswissenschaft an, dass Bildung und Ausbildung ein Gegensatzpaar darstellen und es ziemlich schwer ist, beide unter einen Hut zu bringen, sowie, dass Lernprozesse nicht auf ein Lernen zum Brauchbarwerden reduziert werden dürfen! Eine Untersuchung des Instituts für Jugendkunde, die während der zweiten Protestwoche durchgeführt wurde, brachte übrigens zutage, dass die Forderung „Bildung statt Ausbildung“ von fast 70% aller protestierenden Student/innen als die wichtigste Aussage ihres Forderungskatalogs betrachtet wird.</p>
<p>Obwohl ich mit dem gegenwärtigen Protest somit durchaus sympathisiere und ihn in seinem Kern für zutiefst richtig halte und ich ihn dort, wo es für mich möglich ist, auch nach Kräften unterstütze, möchte ich die von den Student/innen aufgestellten Forderungen für meinen heutigen Vortrag in kritischer Form aufgreifen. Ich möchte zeigen, dass selbst dann, wenn Bildung heute noch im Sinne eines Kampfbegriffs aufgegriffen wird und dafür dient, die aktuell gegebenen bildungspolitischen Verhältnisse in grundsätzlicher Form zu kritisieren – wie das in der aktuellen Situation passiert –, der Begriff – eh’ man sich’s versieht – klammheimlich den Charakter einer Pathosformel annimmt.</p>
<p>Kritisiert wird von den Studierenden der mit dem System der Verwertung von Allem und Jedem bzw. Jeder konform gehende Umbau der Universitäten. Die Proteste richten sich gegen die in den letzten Jahren mit unübersehbarer Konsequenz vorangetriebene Verwandlung von Schulen, Hochschulen und Universitäten in marktwirtschaftlich agierende Dienstleistungsunternehmen. Dienstleistungsunternehmen in denen ökonomisch verwertbares Wissen, Qualifikationen und Kompetenzen zur systematischen Produktion von Humankapital vermittelt werden. Moniert wird, dass im Zuge der aktuellen Entwicklungen die hinter dem Begriff Bildung stehende Idee der Entwicklung des Subjekts zu einem autonomen Individuum durch Aufklärung verloren geht. Und dass an seine Stelle nun die konsequente Zurichtung der Subjekte zu Elementen betriebswirtschaftlicher Verwertung trete, verbunden mit der Banalisierung von Wissen zu einer kauf- und verkaufbaren Ware sowie der Reduzierung auch der öffentlich organisierten Bildungsangebote auf eine, durch unterschiedliche Zugangshürden, zu denen zumindest zum Teil auch durch Studiengebühren gehören, künstlich knapp gehaltene Dienstleistung.</p>
<p>Auch wenn die Proteste der Studierenden im Sinne eines Aufschreis von Menschen gegen ihre voranschreitende Degradierung zu Humanressourcen, die mit allen Mitteln der pädagogischen Kunst verwertungstauglich gemacht werden, durchaus nachvollziehbar sind, zeigt auch ein nur ein flüchtiger Blick auf den Gesamtzusammenhang, dass die kritisierten Zustände System haben und dass mit mehr Geld für Bildung oder entsprechenden organisatorischen Veränderungen im Bildungsbereich die zurecht als Skandal empfundenen Zustände ganz sicher nicht grundsätzlich verändert werden können. Die längst transnational agierende kapitalistische Ökonomie zwingt Staaten, Regionen, Unternehmen und Individuen bei Strafe ihres sonstigen Untergangs in einen immer umfassenderen Konkurrenzkampf. Die damit verbundene konsequente Unterordnung des Bildungswesens inklusive der Universitäten unter die Verwertungsprämisse stellt somit keine wirkliche Neuigkeit dar. Die aktuell stattfindenden Veränderungen machen es bloß unmöglich, weiterhin so zu tun, als ob zumindest die Universitäten ein Hort mündig machender Bildung bleiben könnten. Es wird bloß offensichtlich, dass die schöngeistige Idee der Bildung immer nur ideologischer Überbau für die kapitalkonforme Zurichtung der Menschen war. Auch im Bildungsbereich wird bloß kenntlich, was den Kapitalismus von allem Anfang an gekennzeichnet hat, die Verwertungslogik des Marktes!</p>
<p>Die Vermarktwirtschaftlichung der Bildung hat nämlich keineswegs erst in den letzten Jahren begonnen. Bildung, bzw. das, was sich dafür ausgibt, ist nicht erst im Neoliberalismus zur Ware geworden. Sie ist Ware, seit der Besuch von Schulen und Universitäten nicht mehr nur einer privilegierten Minderheit vorbehalten, sondern zum Aufstiegsvehikel im Kampf um vorteilhafte gesellschaftliche Positionen geworden war. Sie ist zur Ware genau innerhalb jenes Systems geworden, das wir mit den durchaus positiv konnotierten Begriffen Aufklärung und wissenschaftlich-technische Revolution verknüpfen. Schon seit mindestens 150 Jahren ist besiegelt, dass Wissen eine Ware ist und Bildung wurde spätestens seit sie in institutionalisierter Form als umfassendes Bildungssystem praktisch wurde, ihrer systemkritischen Potenz beraubt. Das haben Kulturkritiker wie Friedrich Nietzsche oder Siegfried Bernfeld schon vor ungefähr einem Jahrhundert beklagt. Und diese Analyse haben andere kritische Denker, wie beispielweise Theodor Adorno oder André Gorz, auch dann aufrechterhalten, als in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Vorstellung Karriere gemacht hat, das Gesellschaftssystem ließe sich über die Reform nationaler Bildungssysteme aushebeln.</p>
<p>Die in den letzten Jahrzehnten vorangetriebene Liberalisierung des Wissensmarktes durch die im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO geschlossenen Abkommen, wie beispielsweise dem GATT (General Agreement on Tarifs and Trade) oder dem GATS (General Agreement on Trade in Services) und der damit eröffnete Handel mit der Ware Wissen war bloß der logische nächste Schritt im Zuge des sich global ausweitenden Kapitalismus. Und die Notwendigkeit auf den globalen kapitalistischen Konkurrenzkampf zu reagieren, war auch Ursache für den von der Europäischen Union 1999 in Bologna eingeleiteten Prozess der Reformierung der europäischen Hochschulsysteme. Durch den sogenannten Bolognaprozess sollen die Universitäten in Dienstleistungsunternehmen in einem wettbewerbsgesteuerten Wissensmarkt umgestaltet und die Voraussetzung geschaffen werden, um die EU bis zum Jahr 2010 zum „weltweit größten wissensbasierten Wirtschaftsraum“ zu machen.</p>
<p>Wenn hier auch in euphemistischer Manier von „Wettbewerb“ gesprochen wird und nicht von einem konkurrenzgepeitschten Kampf, und selbstverständlich schon gar nicht von einem Krieg, der mit ökonomischen Mitteln geführt wird, bei dem es allerdings durchaus um Leben und Tod geht, zeigt die Metapher vom wissensbasierten Wirtschaftsraum ganz klar, worum es geht: Um die konsequente Reduktion von Bildungsprozessen auf vergleichbare, quantifizierbare und somit mess- und abprüfbare Leistungen sowie die Reduktion der Absolvent/innen von Bildungseinrichtungen auf berechenbare Verkörperungen verwertbarer Kompetenzen. Wissen und Wissende sollen objektiviert werden und in Mittel zur Steigerung ökonomischer Macht im globalen Kampf der EU mit den USA auf der einen Seite sowie Japan und China auf der anderen Seite verwandelt werden. Die durch technologisch bedingte Produktivitätsfortschritte und globale Wirtschaftsmöglichkeiten sich seit vielen Jahren verdichtende kapitalistische Verwertungskrise bedingt einen massiv steigenden Konkurrenzdruck in allen gesellschaftlichen Bereichen. Dadurch wird derzeit offenbar endgültig der idyllischen Vorstellung der Boden entzogen, durch ein im Rahmen der Konkurrenzökonomie organisiertes Lernen könnte Bildung im Sinne einer Entwicklung in Gang gesetzt werden, bei der Menschen ihr humanes Potential entfalten und sich selbst zum Menschen machen.</p>
<p>Der verzweifelte Aufschrei der Student/innen, dass Bildung keine Ware sein darf, sondern Menschenrecht sei und mit Ausbildung nicht gleichgesetzt werden dürfe, knüpft an das philosophische Menschenbild an, dem leider schon vor langer Zeit der Boden entzogen worden war. Ein Menschenbild, das in den deutschsprachigen Ländern Mitteleuropas um 1800 zwar kurze Zeit eine institutionelle Entsprechung in der Humbold’schen Universität gefunden zu haben schien, aber sehr rasch zum schöngeistigen Überbau des Bildungswesens degradiert wurde – zu einer Pathosformel, die zur Legitimation einer weitgehend anderen Kriterien entsprechenden Realität dient. Die Idee, die hinter der antiquierten Vision des gebildeten Menschen steht, ist die der Philosophie: Durch Wissen über sich und die Welt kann der Mensch Selbstbewusstsein und Autonomie erreichen. Er emanzipiert sich von den ihn unterschwellig beeinflussenden Mächten und gewinnt damit die Möglichkeit, sich von Herrschaft jeder Art zu befreien. Finales Ziel dieser Entwicklung ist die zur vollen Entfaltung und Freiheit gelangte Menschheit. Bildung bezeichnet in diesem Menschenbild den Prozess der Ermächtigung zu Selbstbewusstsein und Autonomie. Sie steht damit – quasi per Definition – den jeweils vorhanden, sich als unveränderlich präsentierenden und damit dem Menschen entfremdeten politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Verhältnissen kritisch gegenüber.</p>
<p>Bekanntermaßen gilt Sokrates als Begründer der Philosophie im skizzierten Sinn. Das Außergewöhnliche seines Verhaltens – das ihm diesen Ruf eingebracht hat – bestand darin, dass er die Bürger Athens nicht zu belehren versuchte, wie dies zu jener Zeit die Sophisten taten, die ihr Wissen gegen Geld an den Mann zu bringen versuchten. Sokrates suchte den vernünftigen Dialog mit den Menschen. An den unmittelbaren Interessen seiner Gesprächspartner anknüpfend, hinterfragte er ihre Meinungen nach den Regeln der Logik, um ihr immanent unvernünftiges, da unlogisches Alltagsbewusstsein zu entlarven und sie zum folgerichtigen Selberdenken zu animieren. Seine Bemühungen erschöpften sich jedoch nicht in logischen Sprachspielen, sie zielten auf reale gesellschaftliche Veränderungen, auf ein von Vernunft getragenes Zusammenleben freier Bürger die sich dialogisch aufklären und als selbstbewusste Subjekte konstituieren.</p>
<p>Vergessen wird dabei allerdings meist, dass die wohl wesentlichste Voraussetzung eines derartigen Philosophierens die Möglichkeit der freien Bürger war, ein Leben in Muße zu führen. Im Gegensatz zu heute galt das Arbeiten in jener Zeit ja noch keineswegs als Tugend, es war Sache der Unfreien – der Sklaven und Frauen –, deren Unfreiheit ja genau darin gesehen wurde, dass sie der „Notdurft des Daseins“ unterworfen waren. Das von Sokrates propagierte Hinterfragen als selbstverständlich geltender und allgemein akzeptierter Grundlagen des sozialen Lebens ist nämlich letztendlich nur möglich im Sinne eines Zurücktretens vom alltäglichen Handlungsdruck und einer gelassenen Auseinandersetzung mit den Tatsachen der Welt. Reflexion setzt Muße voraus, die Schule sollte der antiken Vorstellung gemäß ein dementsprechender Ort sein. Der Name „Schule“ hat – auch wenn es der heutigen Realität Hohn spricht – seinen Ursprung ja auch im altgriechischen scholé, dem Wort für Muße. Überträgt man die Notwendigkeit der Muße als die Grundbedingung der Möglichkeit von Bildung auf die heutige Situation, ist es offensichtlich: Der gegenwärtig allen organisierten Lernprozessen immanente Zeit- und Effektivitätsdruck sowie der Zwang, gewonnene Erkenntnisse unter Androhung des Untergangs im allgegenwärtigen Konkurrenzkampf einsetzen zu müssen, ist der Bildungsidee im Sinne des sokratischen Philosophierens diametral entgegengesetzt.</p>
<p>Grundprinzip der Philosophie ist der Zweifel, Philosophie ist getragen vom Bewusstsein der Unabgeschlossenheit und Relativität des Wissens. Dementsprechend korreliert Philosophie stets auch mit immanenter Kritik an der sophistischen Vorstellung, dass es möglich wäre, Wissen wie privates Eigentum zu besitzen und als Ware mit ihm Geschäfte zu machen. Bildungsprozesse, die sich im skizzierten Sinn am philosophischen Menschenbild orientieren, zielen darauf ab, dass den Menschen die Welt fraglich wird und sie auch die sozialen Verhältnisse nicht unhinterfragt akzeptieren. Aufklärung bedeutet nicht das Vermitteln vorgeblich gesicherten Wissens, sondern das Hinführen zum Hinterfragen vorgeblich unverrückbar geltender Tatsachen.</p>
<p>Diese am philosophischen Menschenbild ausgerichtete Vorstellung von Bildung war über 2000 Jahre wirksam – selbstverständlich stets nur bezogen auf die sogenannten Freien in der Bevölkerung, jene Gruppe also, die das Privileg der Muße für sich beanspruchen konnten. Die bei Sokrates noch gegebene Verknüpfung von Selbst- und Welterkenntnis mit Gotteserkenntnis verlor in der Neuzeit immer mehr ihre Bedeutung. Die Bildungsidee wechselte in der Folge ihren Wohnort und übersiedelte aus den theologischen Gelehrtenstuben in die zunehmend entstehenden Universitäten. Zugleich wurde der Bildungsbegriff in seiner säkularisierten Form auch zum Leit- und Kampfbegriff des um seine gesellschaftliche Vormachtstellung kämpfenden Bürgertums. Die bürgerliche Revolutionsbewegung bezog ihre Dynamik aus der Vorstellung, dass die Positionsverteilung in der Gesellschaft nicht durch Geburtsprivilegien, sondern über die Bereitschaft entschieden werden soll, an der Vervollkommnung seiner selbst als Mensch zu arbeiten. Die Bildungsidee war auf das Engste mit den revolutionären Bewegungen des 19 Jahrhunderts verbunden.</p>
<p>Der ursprüngliche Konnex zwischen der Bildungsidee und dem Anspruch einer Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse wurde in den deutschsprachigen Ländern Mitteleuropas allerdings sehr bald wieder aufgebrochen. Denn während die bürgerlichen Revolutionen in vielen anderen Ländern unmittelbar zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzungen führte, blieb die Revolution in Mitteleuropa quasi am halben Weg stehen. Zu bedeutsamen gesellschaftlichen Veränderungen kam es erst nach und nach und nicht als direkte Folge revolutionärer Aufstände. Hintergrund dafür war, dass sich durch die Entdeckung und Eroberung Amerikas der europäische Welthandel an den Atlantik verlagert hatte, wodurch sich die Zentren des bürgerlichen Fortschritts ebenfalls in Richtung Westen, nach Frankreich, in die Niederlande und nach England verschoben. Das deutschsprachige Mitteleuropa stagnierte in seiner sozioökonomischen Entwicklung – für eine erfolgreiche bürgerliche Revolution fehlte damit die gesellschaftliche Grundlage. Die Idee der Bildung verlor damit in den deutschsprachigen Ländern ihren revolutionär-gesellschaftlichen Bezug und wurde zunehmend auf Innerlichkeit beschränkt – sie wandelte sich von einer Kampflosung zu einem Pathosbegriff. Als ein solcher wurde sie konserviert und konnte sich – allerdings auch nur kurze Zeit und nur für die gesellschaftliche Elite – im Ideal der Humboldt’schen Universität verwirklichen.</p>
<p>Dass es außerhalb der deutschen Sprache keine begriffliche Entsprechung des Wortes Bildung gibt, hängt genau mit der skizzierten und unerfüllten revolutionären Hoffnung in den „deutschen Ländern“ zusammen. Der revolutionäre Gehalt der Bildungsidee wurde hier kastriert, er wurde von gesellschaftlicher Praxis abgekoppelt und als bloß schöngeistige Theorie bewahrt. Hegel hat den Unterschied zwischen Deutschland und dem revolutionären Frankreich in diesem Sinn folgendermaßen charakterisiert: „Wir haben allerhand Rumor im Kopfe und auf dem Kopfe; dabei lässt der deutsche Kopf eher seine Schlafmütze ganz ruhig sitzen und operiert innerhalb seiner.“</p>
<p>Letztendlich wurde das was im deutschen Begriff Bildung zwar weiterhin idealisiert wurde, anti-revolutionär und zum Widerspruch jener philosophische Idee, auf die weiterhin Bezug genommen wird. Schon Kant spaltet die Freiheit in eine innere und eine äußere auf – während äußere Freiheit für ihn eine soziale Größe darstellt und z.B. rechtliche, soziale und politische Umstände umfasst, beschreibt innere Freiheit einen Zustand, in dem der Mensch sich von inneren Zwängen wie z.B. Trieben, Erwartungen, Gewohnheiten oder Konventionen befreit. Bildung war für Kant der Schlüssel zur inneren Freiheit. Im, wie er formulierte, „bürgerlichen Amte“ hingegen, sei der Mensch bloß ein Werkzeug und zum Gehorsam gezwungen. Fichte, Humboldt und Schleiermacher idealisierten in ähnlicher Diktion die Universität als eine Ort, wo man sich vom Materialismus der bürgerlichen Welt zurückzieht, um „in Einsamkeit und Freiheit“ die Wahrheit zu suchen. Frei von autoritären Weisungen und demokratisch verfasst sollten die Universitäten Stätten des freien Denkens sein – keinesfalls jedoch Zellen des gesellschaftlichen Widerstandes. Die im Humboldt’schen Universitätsideal zur Geltung kommende Vorstellung von Bildung korreliert mit einem Untertanengeist, der die äußere Welt einerseits verachtet und sich ihr andererseits widerstandslos unterordnet. In derart kastrierter Form konnte die Bildungsidee auch ziemlich problemlos mit dem autoritären Staat und dem autoritären Charakter in Einklang gebracht werden.</p>
<p>Endgültig von ihren gesellschaftskritischen Wurzeln abgeschnitten wurde Bildung dann im Zuge der wissenschaftlich-technischen zweiten industriellen Revolution. Ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte eine Auffächerung der universitären Disziplinen, verbunden mit ihrer Abnabelung von der Philosophie. Zugleich wurden die Fachwissenschaften zunehmend ökonomischen Imperativen unterworfen. Das System gesellschaftlich organisierten Lernens, das weiterhin als Bildungssystem bezeichnet wurde, nahm auch an den Universitäten rasch den Charakter von Ausbildung an. Bildung reduzierte sich auf Wissensvermittlung, auf den Kauf und Verkauf von nützlichem, ökonomisch verwertbarem Wissen – Bildung wurde zu einer Ware. Auch Universitäten wurden zu bloßen Produktionsstätten verwertbarer Fachkräfte – von Fachidioten, wie es die Studentenbewegung der 1968er Jahre formulierte.</p>
<p>Das vorläufig letzte Kapitel im skizzierten Niedergang der Bildungsidee wird aktuell im Neoliberalismus geschrieben. An die Stelle bewusster, nach ökonomisch-rationalen Gesichtspunkten vorgenommener staatlicher Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft tritt im Neoliberalismus der Wettbewerb und die Anarchie des Marktes. Nationalstaaten verlieren angesichts des globalisierten wirtschaftlichen Geschehens zunehmend ihre Autonomie, ihre Funktion erschöpft sich immer mehr darin, Garanten juristisch stabiler Verwertungsräume zu sein. Oberste gesellschaftliche Instanz ist nun der Wettbewerb, durch ihn soll alles gesteuert und ihm muss dementsprechend alles untergeordnet werden.</p>
<p>Auch für die EU stellt es ein Grundsatzziel dar, alle wesentlichen bisher durch politische Mechanismen gesteuerten Gesellschaftsbereiche dem Markt zu überantworten und nach Kriterien der Konkurrenz zu gestalten. Selbstredend gehört dazu auch der Bildungsbereich und dabei nicht an letzter Stelle die Universitäten. Bildungseinrichtungen sollen auf diese Art in ihrer Funktion als Wissensbetriebe zur Produktion verwertbaren Humankapitals effektiver werden – Schülerinnen und Schüler sowie Studentinnen und Studenten sollen in einem permanenten Wettbewerb stehen, ihre Leistungen sollen permanent getestet und verglichen werden. Für den Krieg mit ökonomischen Mitteln müssen alle Reserven aktiviert werden.</p>
<p>Der Zusammenhang von Bildung, vernunftbegründeten sozialen Utopien und Humanität wird nun endgültig auch ideologisch verabschiedet; Bildung tritt faktisch nur noch als Wettbewerbsformel ins allgemeine Bewusstsein. Dazu hat der langjährige Leiter des deutschen Max-Plank Instituts für Bildungsforschung, Hellmut Becker in einer bereits in den 1960er Jahren geführten Diskussion mit dem Philosophen Theodor Adorno, die 1971 unter dem Titel „Erziehung zur Mündigkeit“ veröffentlicht wurde, festgestellt, dass der zum Prinzip erhobene Wettbewerb die Grundlage der Enthumanisierung der Gesellschaft darstellt. Adorno stimmte dieser These nachdrücklich zu. Auch er identifizierte den Wettbewerb als jeder humanen Entwicklung entgegenstehend und meinte, Menschen dürften sich nicht dumm machen lassen und müssten sich dem im allumfassenden Konkurrenzgedanken widerspiegelnden gesellschaftlichen Analphabetismus entgegensetzen.</p>
<p>Zwischenzeitlich gilt allerdings jeder, der sich im Sinne dieser Aussagen nicht dumm machen lässt und an Markt und Konkurrenz als den idealen Steuerungsinstrumente des sozialen Zusammenlebens zweifelt, schlichtweg als verrückt. Das dem alles umfassenden Wettbewerb untergeordnete organisierte Lernen ist als Mittel, um die Irrationalität des Wettbewerbsprinzips zu hinterfragen, zahnlos, da es längst selbst Teil des Machtmolochs Markt ist. Die im Wettbewerb erzogenen Menschen haben gelernt, sich selbst bloß noch in Relation zu ihrem Marktwert wahrzunehmen und sich dem Zwang zum permanenten Vergleich widerspruchslos zu unterwerfen. Und sie haben gelernt gesellschaftliche Krisen in individuelle Defizite umzudeuten. An die Stelle des Zusammenhangs von Bildung und Revolution ist in der totalitären Wettbewerbsgesellschaft der Zusammenhang von entfremdeten Wissen und Reform getreten.</p>
<p>In dieser Situation bloß den längst zur Pathosformel reduzierten Bildungsbegriff aus der Mottenkiste zu holen und Bildung statt Ausbildung zu propagieren greift meines Erachtens zu kurz. Der Bildungsbegriff birgt in sich zwar tatsächlich ein Menschenbild, das dem hierzulande geradezu totalitären Konkurrenzprinzip diametral entgegengesetzt ist. Allerdings wurde diesem Menschenbild schon im Zuge der Installierung des Konkurrenzkapitalismus und nicht erst im Zuge seiner krisenhaften Entwicklung der letzten Jahre das Wasser abgegraben. Wer die Bildungsidee wirklich reanimieren will, muss erst einmal die Gründe ihrer Liquidierung aufdecken. Und die sind im Konkurrenzkapitalismus mit seiner Prämisse der Verwertung von Allem und Jeden begründet.</p>
<p>Als Kampfbegriff taugt der Bildungsbegriff nur, wenn er aus den Fesseln seiner bürgerlichen Domestizierung und der damit verbundenen Anbindung am markt(wert)orientierten Leistungsbegriff befreit wird. Ein Primat von Bildung zu fordern und sich dafür einzusetzen, dass organisiertes Lernen nicht bloß daran orientiert ist, Menschen zu brauchbaren Gesellschaftsmitgliedern und nützlichen Arbeitnehmern zu machen, muss am Hinterfragen des Marktwerts als Richtgröße aller gesellschaftlicher Entwicklungen ansetzen. Letztendlich kann Bildung ihre ursprüngliche gesellschaftstransformierende Potenz nur wiedergewinnen, wenn sie jenseits von Wert und Verwertung, wenn sie also als wert los begriffen wird!</p>
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		<title>Wer bitte sind hier die Bildungsfernen?</title>
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		<pubDate>Mon, 01 Dec 2008 20:27:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Ribolits]]></category>

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		<description><![CDATA[Streifzüge 44/2008 Erich Ribolits Wer heute schwerwiegende Mängel in den Grundkompetenzen des Lesens, Schreibens, Rechnens sowie der Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat, gehört zu den programmierten Verlierern des Arbeitsmarktes. Denn zum einen haben die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte den Großteil jener Tätigkeiten zum Verschwinden gebracht, bei denen derartig gehandicapte Personen früher problemlos eingesetzt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Streifzüge 44/2008</p>
<p><em>Erich Ribolits</em></p>
<p>Wer heute schwerwiegende Mängel in den Grundkompetenzen des Lesens, Schreibens, Rechnens sowie der Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat, gehört zu den programmierten Verlierern des Arbeitsmarktes. Denn zum einen haben die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte den Großteil jener Tätigkeiten zum Verschwinden gebracht, bei denen derartig gehandicapte Personen früher problemlos eingesetzt werden konnten, und zum anderen haben die erreichten Produktivitätsfortschritte den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft generell verringert. <span id="more-2842"></span>Das dadurch bedingte Überangebot an Arbeitskräften erlaubt Arbeitgebern heute durchaus auch schon bei der Besetzung anspruchsloser beruflicher Positionen wählerisch zu sein. Die Grenzqualifikation für das Ergattern eines Erwerbsarbeitsplatzes steigt auf diese Weise sukzessive an &#8211; zunehmend rückt schon der &#8220;bloße&#8221; Pflichtschulabschluss in die Nähe des Analphabetentums. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck beschrieb dieses Phänomen, das zwischenzeitlich allerdings noch deutlich an Dynamik gewonnen hat, schon vor mehr als 20 Jahren: &#8220;Im achtzehnten Jahrhundert war es noch ‚selbstverständlich&#8217;, ohne Kenntnis des Alphabets seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts wird die Beherrschung des Lesens und Schreibens mehr und mehr zur Einstiegsvoraussetzung in das expandierende industrielle Beschäftigungssystem. Im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts reicht schließlich sogar der Hauptschulabschluss allein immer weniger hin, um arbeitsmarktvermittelt die materielle Existenz zu sichern&#8221; (Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 1986, S. 245/246).</p>
<p>Auch die Statistik spricht hier eine ganz eindeutige Sprache: Von der nachlassenden Fähigkeit des Kapitalismus zur Vernutzung menschlicher Arbeitskraft sind &#8211; logischerweise &#8211; an erster Stelle diejenigen betroffen, die am Arbeitsmarkt das relativ geringste Verwertungspotential einbringen können. Auf der Strecke bleiben die &#8220;Verwertungsgehandicapten&#8221; &#8211; Behinderte, Alte, z.T. Frauen und in besonderem Maße Personen, die nicht oder nur gering qualifiziert sind. Zwischen der Höhe des Bildungsabschlusses, den jemand nachweisen kann, und seinem statistisch zu erwartenden Arbeitslosigkeitsrisiko besteht eine enge Korrelation. So waren in Österreich im September 2007 13,3 Prozent jener Personen arbeitslos, die über maximal einen Pflichtschulabschluss verfügen, was bedeutet, dass sich aus dieser Bevölkerungsgruppe nahezu die Hälfte aller Arbeitslosen rekrutiert. Und selbstverständlich sind innerhalb dieser Risikogruppe jene Personen, die nicht einmal das letzte Pflichtschuljahr positiv abgeschlossen haben oder gravierende Mängel in den oben genannten Grundkompetenzen des Lesens, Schreibens, Rechnens und der Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien haben, noch um ein Vielfaches mehr gefährdet arbeitslos zu werden. Trotzdem liegt es auf der Hand, dass diese Menschen bloß &#8220;Symptomträger&#8221; eines gesamtgesellschaftlichen Problems sind, dass ihre &#8220;Auffälligkeit&#8221; also nicht als isolierte, individuelle Störung betrachtet werden kann, sondern sie quasi stellvertretend für das &#8220;kranke&#8221; System, in dem sie existieren. Gelingt es ihnen, sich von ihrem Verwertungshandicap zu befreien, kann das ihre persönliche Situation zwar deutlich verbessern, am allgemein stagnierenden Arbeitskräftebedarf ändert sich dabei jedoch gar nichts &#8211; es sind dann eben bloß andere, die wegen irgendeiner Verwertungseinschränkung vom System der Arbeitskraftvernutzung ausgesondert werden.</p>
<p>In diesem Sinn müssen auch die aktuell kolportierten Prozentsätze von &#8211; funktionalen &#8211; Analphabet/innen in den Industrieländern interpretiert werden. Sie ergeben sich nicht in Relation zu einem aus dem kulturellen Status quo abgeleiteten Standard, sie spiegeln bloß die relative &#8220;Unbrauchbarkeitsrate&#8221; des Arbeitskräfteangebots im Verwertungsprozess wider. Mit dem Begriff &#8220;Grundbildungsmangel&#8221; wird nicht ein kulturelles, sondern ein arbeitsmarktspezifisches Handicap angesprochen! Schwierigkeiten, einen komplexen Text sinnverstehend zu lesen &#8211; etwa einen solchen, der mit dem Begriff &#8220;klassische Literatur&#8221; angesprochen wird -, haben wahrscheinlich (nicht nur hierzulande) wesentlich größere Teile der Bevölkerung als jene, die in der Statistik als funktionale Analphabet/innen ausgewiesen werden. Nicht umsonst finden Zeitschriften, die in ihrer Berichterstattung um eine differenzierte und damit notgedrungen auch schwieriger zu lesende Darstellung bemüht sind, keine großartige Verbreitung. Dennoch gelten derartig um ihre &#8220;kulturellen Teilhabemöglichkeiten&#8221; geprellte Menschen noch lange nicht als Analphabet/innen &#8211; mit diesem Etikett werden sie erst gebrandmarkt, wenn sie den aktuell bestehenden Verwertungsbedingungen nicht ausreichend entsprechen. Das heißt nichts anderes, als dass der (Arbeits-)Markt definiert, wer ein/e Analphabet/in ist, bzw. was als (Grund-)Bildungsmangel zählt &#8211; damit letztendlich aber auch, was überhaupt als Bildung gilt!<br />
Funktionale Analphabet/innen</p>
<p>Das nicht aus den Augen zu verlieren, ist insofern wichtig, als ja sehr oft darauf hingewiesen wird, dass funktionale Analphabet/innen nahezu durchwegs aus sogenannten &#8220;bildungsfernen&#8221; Bevölkerungsgruppen stammen. Mit dem Begriff &#8220;Bildungsferne&#8221;, der in den letzten Jahren &#8211; vielfach im Zusammenhang mit den Detailauswertungen der PISA-Studien &#8211; Eingang in die bildungspolitische Diskussion gefunden hat, soll hervorgestrichen werden, dass bei den diversen Schulleistungsvergleichsuntersuchungen besonders häufig solche Heranwachsende schlecht abschneiden, deren Eltern über keinen oder nur über einen sehr niedrigen Schulabschluss verfügen. Die dem Begriff innewohnende These lautet: Da bildungsferne Eltern das in weiterführenden Bildungsgängen vermittelte Wissen sowie die dort für ein erfolgreiches Bestehen notwendigen Einstellungen selbst nicht besitzen, ist es für sie auch nicht möglich, ihren Kindern das für das &#8220;höhere&#8221; Bildungssystem nötige Wissen bzw. die dort herrschenden Praktiken und Möglichkeiten zu vermitteln, was dazu führt, dass deren Schulleistungen auf niedrigem Niveau stagnieren. Abgesehen davon, dass durch die Fokussierung auf die Tatsache der Bildungsferne die Schuld für die Benachteiligung von Kindern aus niedrigen sozialen Schichten klammheimlich auf deren Eltern abgewälzt und von Übervorteilungsmechanismen in der Gesellschaft bzw. im Bildungssystem abgelenkt wird, transportiert der Begriff Bildungsferne auch eine aus der Interessenslage sozial Benachteiligter äußerst problematische Sichtweise von Bildung: Bildung wird gleichgesetzt mit dem Erreichen höherer Schulabschlüsse bzw. dem Nachweis der im Rahmen von Schulleistungsvergleichsuntersuchungen getesteten funktionalen Kompetenzen; als gebildet gilt, wer den &#8211; oftmals mit kulturellem Nimbus verbrämten &#8211; Brauchbarkeitsvorgaben des Verwertungssystems entspricht.</p>
<p>Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Begriff Bildungsferne so neu gar nicht ist. Er wurde schon vor etwa einem dreiviertel Jahrhundert im Roman &#8220;Schöne neue Welt&#8221; von Aldous Huxley (Fischer TB-Verlag, Frankfurt a.M. Bd. 26) verwendet &#8211; jedoch mit einer weitgehend anderen Sinnzuschreibung. Der Sinngehalt, mit dem Huxley den Begriff Bildungsferne eingesetzt hat, sollte meines Erachtens allerdings zu einem kritischen Hinterfragen seiner heutigen Verwendung anregen. In seinem Roman beschreibt Huxley ein Gesellschaftssystem, in dem es gelungen ist, ein (nahezu) friktionsfrei funktionierendes &#8211; friedliches &#8211; Zusammenleben der Menschen zu erreichen. Neben einer Reihe von Maßnahmen, die zur Verwirklichung dieses Ziels beitragen, wie die frühe Konditionierung der Menschen im Sinne des herrschenden Menschen- und Gesellschaftsbildes, ein durch strikte Zuchtwahl quasi genetisch abgesichertes Kastensystem, hedonistische Freizügigkeit sowie ein politisches System, das in verführerisch-freundlichen Formen totalitär ist, trägt in der schönen neuen Welt das Prinzip der Bildungsferne ganz wesentlich zum &#8220;friedlichen&#8221; Zusammenleben bei. Gemeint ist damit, dass Bildung sich auf einen pragmatischen, eindimensional aus den Erfordernissen des Funktionierens innerhalb der gegebenen Gesellschaft abgeleiteten Wissenserwerb beschränkt. Ihr Ziel ist es nicht, Menschen zu befähigen und anzuregen, Unzulänglichkeiten der Gesellschaft entdecken oder verändern zu wollen. Ziel von Bildung ist die Übernahme von Funktionen innerhalb der gegebenen Ordnung und nicht die Befähigung zum Hinterfragen derselben. Die Methode, um eine kritische Sichtweise auf die Welt &#8211; die ja nur auf Basis des Wissens um ihre Geschichtlichkeit möglich ist &#8211; zu verhindern, besteht darin, Bildung im Sinne einer bewussten Auseinandersetzung mit Überliefertem (Geschichte, Kultur, &#8230;) systematisch zu unterdrücken. Konsequenterweise lautet daher einer der Leitsätze der &#8220;Weltregierung&#8221;: &#8220;Geschichte ist Mumpitz&#8221; &#8211; übrigens ein bekannter Ausspruch von Henry Ford, den Huxley in seinem Roman nicht zufällig als den allgemein verehrten Godfather der schönen neuen Welt fungieren lässt.</p>
<p>Der Begriff Bildungsferne bei Huxley korreliert somit stark mit dem, was Adorno viele Jahre später mit dem Begriff Halbbildung umschrieben hat. Halbbildung äußerst sich nach Adorno nicht in irgendwelchen gravierenden Wissensmängeln, sondern darin, dass jemand, der möglicherweise sogar sehr viel gelernt hat, sein Wissen &#8211; im Gegensatz zu jemandem, auf den die Bezeichnung Bildung zu Recht angewandt wird &#8211; bloß in verdinglichter, domestizierter Form gebraucht. Es dient ihm nicht dafür, das &#8220;gute Leben&#8221; anzustreben, sondern stellt nur ein Überlebensmittel im Rahmen vorgegebener Verhältnisse dar. Indem Wissen bloß strategisch eingesetzt und nicht in Relation zu einem selbst erkannten Sinn gesetzt wird, ist der Mensch diesem ausgeliefert. Anstatt dass ihm sein Wissen ermöglicht, sich zum Gestalter der Welt zu machen, unterjocht es ihn und macht ihn zum Sklaven der Verhältnisse. Nach Adorno ist &#8220;Bildung [...] nichts anderes als Kultur nach der Seite ihrer subjektiven Zueignung&#8221; (Adorno, Theodor W.: Theorie der Halbbildung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2006, S. 9), und Kultur selbst wieder durch einen unauflöslichen Doppelcharakter bestimmt -&#8221;Geisteskultur&#8221; einerseits und &#8220;Gestaltung des realen Lebens&#8221; im Sinne einer &#8220;Bändigung des animalischen Menschen&#8221; andererseits, also seine Anpassung zum Zwecke der Stärkung des &#8220;fortdauernd prekären Zusammenhang[s] der Vergesellschaftung&#8221; (Ebd. S. 11). Als Prozess der Aneignung von Kultur darf sich in diesem Sinn dann auch Bildung nur solange als solche bezeichnen, als sie den Doppelcharakter von Widerstand und Anpassung aufrechterhält.<br />
Verwertungsdiktat</p>
<p>Allerdings konstatierte Adorno bereits Ende der 1950er Jahre, dass Anpassung im Zuge der fortschreitenden Ausweitung des kapitalistischen Prinzips auf alle Lebensbereiche in anwachsendem Maß totalitär wird. Heutzutage bedarf es keiner besonderen Analysefähigkeit mehr, um zu erkennen, dass Bildung im alltäglichen Diskurs nahezu völlig mit der Fähigkeit gleichgesetzt wird, sich auf allen Ebenen möglichst optimal den Bedingungen des marktgesteuerten Systems unterwerfen zu können; Bildung ist im allgemeinen Bewusstsein zur kauf- und verkaufbaren Ware im allumfassenden Konkurrenzkampf geworden. Genau genommen war es um den Doppelcharakter von Bildung allerdings schon sehr bald, nachdem sie als Legitimation für den Befreiungskampf des Bürgertums ausgedient hatte, schlecht bestellt gewesen. Denn mit der Etablierung der bürgerlichen Gesellschaft &#8211; die hierzulande ja nicht das Ergebnis einer siegreichen Revolution war, sondern über den Weg des &#8220;Scheiterns der revolutionären Bewegungen, die in den westlichen Ländern den Kulturbegriff als Freiheit verwirklichen wollten&#8221; (Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik (1966); in: Ders.: Gesammelte Schriften, Band 6; Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998, S. 94), stattfand -, mit dem Entstehen des Proletariats und der bald erfolgten Abgrenzung des Bürgertums gegenüber den lohnabhängig Arbeitenden wurden die dialektische Verschränkung der beiden Momente Geist und Anpassung aufgelöst und beide Aspekte zum Fetisch jeweils unterschiedlicher Statusmöglichkeiten degradiert. Für alle, die es sich leisten können, gibt es das prestigeträchtige Dekor einer wertfreien &#8220;Allgemeinbildung&#8221; &#8211; am &#8220;Wahren, Guten und Schönen&#8221; orientiert und vom Anspruch gesellschaftlicher Relevanz weitgehend &#8220;gereinigt&#8221;. Im Übrigen fungiert &#8220;Ausbildung&#8221; als Anpassung an das Verwertungsdiktat &#8211; sie stellt die Grundlage für Entfremdung und das hilflose Bemühen dar, im Konkurrenzkampf um optimale Verwertbarkeit möglichst gut abzuschneiden.</p>
<p>Wie schon weiter vorne angesprochen, stellt unter diesen Umständen auch die Bezeichnung &#8220;Bildungsferne&#8221; bloß einen Hinweis auf die mangelnde Verwertbarkeit derjenigen dar, die mit diesem Etikett versehen werden. Was in einer bestimmten historisch-gesellschaftlichen Epoche mit dem Begriff Bildung bzw. seiner Negation angesprochen wird, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der jeweiligen Vorstellung über das Wesen des Menschen, darüber also, was ihn definiert und aus der restlichen Natur heraushebt. Heute nehmen sich Menschen selbst aber nahezu ausschließlich nur mehr als Träger von &#8220;Wert&#8221; wahr &#8211; die aktuellen gesellschaftlichen Umstände zwingen ihnen ein derartiges Selbstverständnis geradezu auf. Die Sichtweise ihrer eigenen Person und die anderer Menschen leitet sich &#8211; kaum je hinterfragt und nahezu unmittelbar &#8211; aus ihrer Rankingposition im Bereich von Arbeit und Konsum ab. Auch im Rahmen politischer Maßnahmen kommt der Mensch heute faktisch nur als (Human-)Ressource im Rahmen einer Ökonomie in den Fokus, die sich darin erschöpft, aus allem und jedem Profit zu schlagen. In dieser Situation wirkt es entsprechend antiquiert, darauf zu bestehen, dass das Problem einer Distanz zu Bildung bzw. einer Distanz zu Kultur nicht primär in reduzierten Verwertungsmöglichkeiten kulminiert, sondern in eingeschränkten Möglichkeiten, Selbstbestimmungsfähigkeit entwickeln zu können. Der noch von Adorno urgierte Aspekt von Bildung, Freiheit inmitten der und vor allem im Widerspruch zu den jeweils bestehenden Vergesellschaftungszwängen zu ermöglichen, ist heute weitgehend verdrängt. Verdrängt ist damit aber auch die Vorstellung, dass Bildung etwas zu tun hat mit einer die &#8220;politischen Herrschaftsverhältnisse und -interessen einbeziehenden und enthüllenden emanzipatorischen Befreiung des Menschen zu sich selbst&#8221; (Brockhaus-Enzyklopädie unter Bezugnahme auf Herwig Blankertz).</p>
<p>Würde man Bildung nämlich derart fassen &#8211; als die Befähigung, sich gegenüber den aus den aktuellen Machtverhältnissen resultierenden Systemzwängen der Gesellschaft behaupten zu können -, bekäme auch der Begriff Bildungsferne eine völlig andere Notation. Sich gegen die totalitäre Ausrichtung des Lebens an einer möglichst erfolgreichen Performance in Arbeit und Konsum zu stellen, würde implizieren, die Natur nicht bloß als Ausbeutungsobjekt und Mitmenschen nicht nur als Konkurrenten wahrzunehmen. Menschen, die in einem derartigen Sinn gebildet wären, würden es nicht zulassen, dass die Zahl der Ausgesonderten und Überflüssigen in der Gesellschaft immer mehr anwächst und die soziale Kluft zwischen den in beispiellosem Euphemismus zu Gewinnern und Verlierern Schöngeredeten immer größer wird und dabei immer mehr Menschen um jene Lebensmöglichkeiten betrogen werden, die aufgrund des aktuellen Standes der Produktivkraftentwicklung möglich wären. Dann dürften aber auch nicht jene als bildungsfern bezeichnet werden, die aufgrund eines niedrigen Schulabschlusses oder unzureichender Grundbildung nur eingeschränkt verwertbar sind. Es würde offensichtlich, dass Bildungsferne ein Massenphänomen ist, das einen bestimmenden Faktor der gegenwärtigen Gesellschaftsformation darstellt und von dieser systematisch produziert wird. Wenn Kultur in der oben angedeuteten Form als eine Gestaltung der Welt nach humanen Gesichtspunkten gesehen und der Zusammenhang von Kultur und Bildung im Sinne von zwei Seiten ein- und derselben Medaille ernst genommen wird, dann ist Bildungsferne nämlich nichts anderes als Ausdruck kultureller Verarmung. Einer kulturellen Verarmung, die sich darin zeigt, dass soziale Ausgrenzung und Inhumanität in einer Gesellschaft stillschweigend hingenommen werden, ja letztendlich von denen, die vom Verwertungssystem (noch) nicht ausgespuckt wurden, sogar mit klammheimlicher Freude quittiert werden müssen. Schließlich ist in einem Gesellschaftssystem, in dem die Lebensmöglichkeiten der Gesellschaftsmitglieder per Konkurrenzmechanismen geklärt werden, die eigene gute Position nur um den Preis des Untergangs anderer zu haben!</p>
<p>Der vorliegende Text geht von der Aussage aus, dass, wer heute schwerwiegende Mängel in den Grundkompetenzen des Lesens, Schreibens, Rechnens sowie der Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat, zu den programmierten Verlierern des Arbeitsmarktes gehört. Dem entsprechend, was innerhalb der Konkurrenzgesellschaft an Gerechtigkeit möglich ist, kann nur gefordert werden, diesen Menschen jedwede nur mögliche Unterstützung angedeihen zu lassen, um ihre Grundbildungsmängel reduzieren und auf diese Art ihr Verwertungspotential steigern zu können. Selbst eine solche Forderung bedeutet ja schon, über den eigenen durch den Gesellschaftscharakter gebildeten sprichwörtlichen Schatten zu springen. Dennoch ändert eine derartige Hilfe &#8211; wie schon dargestellt &#8211; nichts am grundsätzlichen Problem, dass in einer Gesellschaft, die den Prämissen von Verwertung und Profitmaximierung unterworfen ist, mit rückgängigem Arbeitskraftbedarf nur durch Ausgrenzung der jeweils am wenigsten Verwertbaren umgegangen werden kann. Diesen Skandal zu überwinden und Bedingungen zu schaffen, in der sich Produktivitätsgewinne in Form erweiterter Lebensmöglichkeiten und weniger Arbeit für alle niederschlagen, bedarf es gebildeter Menschen. Solcher nämlich, die ein Bewusstsein über die wirklichen Verhältnisse der Gesellschaft erworben haben und sich &#8211; aufgrund ihres unverstellten Konnexes zu ihren Lebensbedürfnissen &#8211; mit den Surrogaten des Kapitalismus im Tausch für reale Lebendigkeit nicht zufrieden geben. Dazu bedarf es tatsächlich einer Überwindung der gesellschaftlich geförderten Bildungsferne, indem &#8211; wie es Hartmut von Hentig in einem seiner Texte ausdrückt &#8211; Menschen durch &#8220;Belebung und authentische Erfahrungen Selbstfindung und Selbstbestimmung gegenüber dem Systemcharakter der Gesellschaft ermöglicht&#8221; wird (Brockhaus-Enzyklopädie unter Bezugnahme auf Hartmut von Hentig).</p>
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		<title>Die Arbeit hoch?</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 1994 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Die Arbeit hoch?]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Ribolits]]></category>

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		<description><![CDATA[Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus</h3>
<p><em>Erich Ribolits</em></p>
<h4>Inhaltsverzeichnis</h4>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-vorwort">Vorwort zur zweiten Auflage</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-einleitende-bemerkungen">Einleitende Bemerkungen</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-1">1. Zum Zusammenhang von Arbeit, Bildung und politisch-ökonomischem System</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-2">2. Die Krise des Fordismus und das endgültige &#8220;Zur Ware Werden&#8221; der Bildung</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-3">3. Von der tayloristischen Modernisierung zur heutigen &#8220;Postmodernisierung&#8221; der Arbeitswelt</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-4">4. Unternehmenskultur, Lean production, Ganzheitlichkeit, Flexibilisierung &#8230; die Unternehmens-strategien des Post-Taylorismus</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-5">5. Schlüsselqualifikationen &#8211; der zentrale berufspädagogische Ideologiebegriff des Post-Fordismus</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-6">6. Entfremdung &#8211; das unveränderte Merkmal der Arbeits- Freizeit-Gesellschaft</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-7">7. Muße &#8211; die vergessene Chance</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-8">8. Ohne Muße keine (berufliche) Bildung</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-9">9. Anstatt einer Zusammenfassung: Heinrich Böll: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-kapitel-10">10. Literaturverzeichnis</a></p>
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		<title>Die Arbeit hoch? &#8212; Vorwort</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 1994 23:55:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus &#62;&#62; Inhaltsverzeichnis Vorwort zur zweiten Auflage Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches sind knapp mehr als zwei Jahre vergangen. Die Entwicklungen in dieser Zeit haben die dem Buch zugrundeliegende Annahme einer gegenwärtigen, existentiellen &#8220;Krise der Arbeitsgesellschaft&#8221; leider vollinhaltlich bestätigt. Viele der in diesem Zusammenhang angesprochenen Trends [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch">&gt;&gt; Inhaltsverzeichnis</a></p>
<h4>Vorwort zur zweiten Auflage</h4>
<p>Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches sind knapp mehr als zwei Jahre vergangen. Die Entwicklungen in dieser Zeit haben die dem Buch zugrundeliegende Annahme einer gegenwärtigen, existentiellen &#8220;Krise der Arbeitsgesellschaft&#8221; leider vollinhaltlich bestätigt. Viele der in diesem Zusammenhang angesprochenen Trends sind in der Zwischenzeit sogar erst zur vollen Deutlichkeit gelangt. Kaum mehr angezweifelt kann heute werden, daß der Arbeitsgesellschaft zunehmend ihr namensgebendes Gut &#8211; die Lohnarbeit in ihrer &#8220;klassischen&#8221; Ausprägungsform &#8211; ausgeht. An ökonomische Verwertbarkeit geknüpfte Arbeit wird unübersehbar auch in den Industrieländern zu einem &#8220;Luxusartikel&#8221;, der für immer weniger Menschen zur Verfügung steht.</p>
<p><span id="more-2205"></span>Zugleich &#8211; und im engsten Zusammenhang damit &#8211; findet gegenwärtig auch eine deutliche Machtverschiebung im gesellschaftlichen Kräftespiel von &#8220;Kapital&#8221; und &#8220;Arbeit&#8221; statt. Die in Europa allerorts hohen und noch weiter steigenden Arbeitslosenzahlen, der anwachsende Zwang für viele Amerikaner, sogenannte &#8220;Mc-Jobs&#8221; anzunehmen &#8211; Tätigkeiten gegen eine Entlohnung mit der sich nicht einmal die grundsätzlichen Lebenshaltungskosten abdecken lassen &#8211; und der sinkende Anteil der Löhne und Gehälter am Gesamteinkommen bei steigenden Kapitalgewinnen sind insgesamt unübersehbare Indikatoren einer massiven &#8220;Entwertung&#8221; des Faktors Arbeit. Durch die Globalisierung der Wirtschaft, die Liberalisierung der Finanzmärkte und die Möglichkeiten neuer Technologien hat sich das Kräfteverhältnis von &#8220;Kapital und Arbeit&#8221; in den letzten Jahren massiv zugunsten der Kapitalbesitzer verschoben.</p>
<p>Die Folgen sind zum einen ein weltweiter Rückgang des Anteils den die Lohnbezieher vom gesellschaftlichen Reichtum für sich verbuchen können und ein rapides Weniger-werden des Beitrags, den die Vermögensbesitzer zur Finanzierung der staatlicher Ausgaben leisten, was die bekannten Budgetprobleme in faktisch allen Industriestaaten mitverursacht. Zum anderen bewirkt die Machtverschiebung zwischen Kapital und Arbeit, daß Arbeitnehmer an der technologisch bedingten erhöhten Produktivität in Form von Arbeitszeitverkürzungen nicht bloß nicht partizipieren können, sondern sogar gezwungen sind, Arbeit immer häufiger auch unter Bedingungen anzunehmen, die weit unter den Standards der letzten Jahre und Jahrzehnte liegen. Die Zahl der Menschen, die anwachsende Phasen ihres Lebens ohne Lohnarbeit auskommen müssen, wird zunehmend größer und zugleich ist die kollektive Macht der verbleibenden &#8220;Träger der Ware Arbeitskraft&#8221; einer massiven Erosion ausgesetzt.</p>
<p>Diese Entwicklung macht die im vorliegenden Buch aufgestellte These von der drängenden Notwendigkeit, für das Leben einen anderen Sinn zu finden als die Vernutzung in Arbeit und Konsum, nur umso bedeutsamer. Denn bevor das unserer Gesellschaft immanente Arbeitsethos nicht grundsätzlich relativiert wird, besteht überhaupt keine Chance, die Situation des Weniger-werdens der Lohnarbeit dafür zu nützen, um gesellschaftspolitische Alternativen jenseits der Lohnarbeit zu entwickeln. Das verinnerlichte Arbeitsethos kettet die Bewohner der industrialisierten Welt an die mit Ausbeutung, Zerstörung und Ungleichheit verbundene Arbeitsgesellschaft und macht sie zu &#8220;Mittätern&#8221;. Solange Arbeit zum Definitionsmerkmal der menschlichen Existenz hochstilisiert und in der durch äußere Zwänge vorgegebenen Arbeit das wesentliche Strukturmerkmal humanen Lebens gesehen wird, gibt es kein Entrinnen aus der Arbeitsideologie. Das krampfhafte Festhalten am Arbeitsfetisch ist es, wodurch verhindert wird, daß die Spaltung der Gesellschaft in Menschen, die sich um Arbeitsplätze immer heftiger konkurrieren müssen, und in solche, deren Profite genau dadurch anwachsen, nicht als &#8220;politisch-ökonomischer Skandal&#8221; wahrgenommen und entsprechend bekämpft werden kann. In diesem Sinn werden heute zwar von allen Seiten &#8220;neue Arbeitsplätze&#8221; gefordert aber kaum je eine gerechtere Aufteilung des gesellschaftlichen Reichtums.</p>
<p>Das gegenwärtige Offensichtlich-werden der Tatsache, daß jene &#8220;Voll-beschäftigung&#8221;, wie wir sie hierzulande einige Jahrzehnte gekannt haben, nicht wiederherzustellen ist, birgt in sich aber auch die Chance eines grundsätzlichen Infragestellens des allgemein anerkannten Arbeitsethos. In jüngster Zeit lassen sich in verschiedenen Publikationen und Veranstaltungen tatsächlich erste Ansätze einer diesbezüglichen Diskussion erkennen. Das vorliegende Buch konnte &#8211; wie sich in einer Reihe von Veranstaltungen, zu denen der Verfasser in den letzten beiden Jahren eingeladen war, gezeigt hat &#8211; ein klein wenig zur beginnenden Suche nach Lösungen jenseits der ideologischen Vernebelung durch den Arbeitsfetisch beitragen. Die Hoffnung, die diesbezügliche Diskussion noch weiter zu treiben, motivierte zur nunmehr vorliegenden zweiten Auflage. Denn worum es heute geht, ist nicht das Schaffen neuer Arbeit, sondern das Herstellen von gesellschaftlichen Bedingungen, die allen Menschen maximale kulturelle Teilhabe bei einem Minimum an geforderter Arbeit ermöglichen. Unter emanzipatorischen Gesichtspunkten kann &#8211; wie ein Rezensent treffend formuliert hat &#8211; das Ziel nicht sein, daß die Menschen voll beschäftigt sind, sondern daß sie weniger beschäftigt werden, damit sie sich beschäftigen können, womit sie sich beschäftigen wollen.</p>
<p>Wien, Februar 1997</p>
<p>Erich Ribolits</p>
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		<title>Die Arbeit hoch? &#8212; Einleitende Bemerkungen</title>
		<link>http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch-einleitende-bemerkungen</link>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 1994 23:50:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
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		<category><![CDATA[Erich Ribolits]]></category>

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		<description><![CDATA[Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus Inhaltsverzeichnis Einleitende Bemerkungen Wenn ich nicht im Grunde ein sehr arbeitsamer Mensch wäre, wie wäre ich je auf die Idee gekommen, Loblieder und Theorien des Müßiggangs auszudenken. Die geborenen, die genialen Müßiggänger tun dergleichen niemals. &#8212; Hermann Hesse Der bekannte österreichische Theologe und Religionsphilosoph Adolf Holl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch">Inhaltsverzeichnis</a></p>
<h4>Einleitende Bemerkungen</h4>
<blockquote><p><em>Wenn ich nicht im Grunde ein sehr arbeitsamer Mensch wäre, wie wäre ich je auf die Idee gekommen, Loblieder und Theorien des Müßiggangs auszudenken. Die geborenen, die genialen Müßiggänger tun dergleichen niemals.</em> &#8212; Hermann Hesse</p></blockquote>
<p>Der bekannte österreichische Theologe und Religionsphilosoph Adolf Holl meinte vor einiger Zeit in einem Interview, daß der Kapitalismus gewissermaßen als die erste tatsächliche &#8220;Weltreligion&#8221; bezeichnet werden kann. Er stellt sich als ein weltumspannendes &#8220;Glaubensbekenntnis&#8221; dar, dem heute mehr Menschen anhängen als jemals in der Geschichte irgendeiner anderen Religion. Und daß alle derzeitigen Gegenbewegungen zum Kapitalismus unter einer im wesentlichen religiösen Motivation antreten &#8211; sich zum Beispiel als fundamentalistische, okkultistische oder ähnliche Bewegungen artikulieren -, ist die logische Konsequenz dieses &#8220;religiösen Charakters&#8221; des Kapitalismus. Wenn man das provokante Bild von der &#8220;kapitalistischen Religion&#8221; weiterentwickelt, dann müßte die <em>Verausgabung</em> <em>des Menschen durch (ökonomisch verwertbare) Arbeit als der &#8220;Gottesdienst des Kapitalismus&#8221;</em> bezeichnet werden; und die Opfergaben, die im Rahmen dieses Gottesdienstes dargebracht werden, wären dann wir selbst &#8211; die Bewohner der kapitalistischen Gesellschaften &#8211; sowie unsere natürlichen Lebensgrundlagen.</p>
<p><span id="more-2211"></span>Wenngleich eine solche Gleichsetzung der politisch-ökonomischen Formation Kapitalismus mit Religion vermutlich auf heftige Ablehnung bei den meisten gläubigen Menschen stößt und höchstwahrscheinlich auch nur von wenigen Kollegen des angesprochenen Religionsphilosophen geteilt wird, läßt sich doch ein wesentliches Element der skizzierten Metapher nur schwer leugnen: Die menschliche Arbeit ist in den industriewirtschaftlichen Gesellschaften &#8211; die zwischenzeitlich ja allesamt konkurrenzlos von der <em>kapitalistischen</em> Ökonomie dominiert werden &#8211; heute mit einer geradezu kultischen Bewertung belegt. Sie nimmt eine zentrale Stelle im gesellschaftlichen Normen- und Wertegefüge ein und kann ohne Übertreibung als der Kristallisationspunkt allen gesellschaftlichen Geschehens bezeichnet werden. Über alle weltanschaulichen Grenzen hinweg wird Arbeit heute als die grundlegende Bestimmungsgröße des Menschen gesehen, ja sogar unsere gesamte Sozietät wird stolz als eine &#8220;Arbeitsgesellschaft&#8221; definiert. Diese zentrale Stellung der Arbeit in den Industriegesellschaften läßt leicht vergessen, daß die ethische Überhöhung der Arbeit historisch gesehen eine nur sehr kurze Karriere hinter sich hat. Erst das neuzeitlich-bürgerliche Postulat, daß die gesellschaftliche Positionsverteilung nicht durch geburtsständische Determinierungen, sondern über die Fähigkeit und Bereitschaft zur Leistungsverausgabung bestimmt sein soll, hat die menschliche Arbeit ja in einen solchen überragenden gesellschaftlichen Rang befördert.</p>
<p>Zugleich mit der neuzeitlichen Karriere der Arbeit hat die Loslösung des Menschen von der ständischen Gebundenheit auch einen gewaltigen Bedeutungsgewinn für das gesellschaftliche Subsystem Erziehung und (Aus?)Bildung ausgelöst. Nachdem die Arbeit ihren Makel als &#8220;ein von Gott auferlegtes Übel&#8221; abgeschüttelt hatte und zur Lebensbestimmung des Menschen avanciert war &#8211; zum bestmöglichen Weg, um <em>zu sich selbst</em> zu finden -, galt es, zur Arbeitsverausgabung<em> zu erziehen</em>. Arbeit wurde zur primären Bezugsgröße für Erziehung und die Vorbereitung der Heranwachsenden auf die Übernahme von Positionen in der Berufs- und Arbeitswelt durch Erziehung und (Aus?)Bildung zu einer zentralen Aufgabe der Gesellschaft. Damit war der Grundstein gelegt für ein Verständnis von Pädagogik, das auf die Optimierung von Lernprozessen in Hinblick auf deren Relevanz für ökonomisch verwertbare Arbeit abgestellt ist. Die Pädagogik war damit nicht nur zur zentralen Agentur für die Vermittlung arbeitsrelevanter Einstellungen, Kenntnisse und Fähigkeiten geworden, die strukturellen Bedingungen des Arbeitens unter bürgerlich-kapitalistischen Bedingungen selbst hatten die Pädagogik eingeholt und ihr in weiterer Folge zunehmend einen das Arbeitsverausgabungssystem stabilisierenden Charakter aufgedrängt.</p>
<p>Gegenwärtig befindet sich die Formation bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft in der Anfangsphase einer tiefgreifenden Krise. Gewaltige technologische Innovationsschübe, die fortschreitende Internationalisierung des wirtschaftlichen Geschehens und die anwachsenden ökologischen Probleme im Gefolge der Profitökonomie haben das in den kapitalistischen Kernländern etwa ein halbes Jahrhundert lang relativ gut funktionierende Zusammenspiel von Produktivität, Arbeitskräftebedarf und Konsum völlig aus dem Gleichgewicht gekippt. Just in jenem historischen Moment, in dem mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende der großen, einander feindlich gegenüberstehenden Machtblöcke der Traum eines Lebens in Freiheit und Wohlstand für alle in greifbare Nähe gerückt schien, wurde unübersehbar, daß auch der Kapitalismus &#8211; der &#8220;Sieger des historischen Systemstreits&#8221; &#8211; an einem krisenhaften Punkt seiner Adaptionsfähigkeit angelangt ist. Der augenscheinlichste Indikator dieser Krise zeigt sich in der abnehmenden Fähigkeit zur Vernutzung menschlicher Arbeitskraft im Rahmen der wirtschaftlichen Prozesse. In der gesamten industrialisierten Welt können heute hohe und &#8211; über längere Zeiträume betrachtet &#8211; durchwegs steigende Arbeitslosenraten beobachtet werden. Parallel zu diesem Ansteigen der statistisch ausgewiesenen Arbeitslosigkeit läßt sich auch ein rasantes Anwachsen der &#8220;Langzeitarbeitslosen&#8221; verzeichnen. Schließlich wächst auch noch die Zahl sogenannter &#8220;prekärer Arbeitsverhältnisse&#8221; (Teilzeitjobs, befristete und arbeitsrechtlich wenig abgesicherte Beschäftigungen, &#8220;Arbeit auf Abruf&#8221;, Beschäftigungen mit Bezahlungsbedingungen an der Armutsgrenze und ähnliches) rapid an.</p>
<p>Diese Entwicklung wurde über viele Jahre damit relativiert, daß sich das kapitalistische Wirtschaftssystem offensichtlich in einer seiner periodisch auftretenden Krisen befinde und die Dinge nach einiger Zeit mehr oder weniger von selber wieder ins Lot geraten würden. Zunehmend müssen wir jedoch zur Kenntnis nehmen, daß die derzeitige &#8220;Krise der Arbeitsgesellschaft&#8221; keine vorübergehende, konjunkturbedingte Erscheinung darstellt. Auch bei Wachstumsdaten der Wirtschaft &#8211; die bis jetzt immer von einem Anwachsen des Arbeitskräftebedarfs begleitet waren &#8211; wächst die Zahl der (&#8220;mehr oder weniger&#8221;) Arbeitslosen derzeit weiter an. Zugleich werden Kompensationseffekte, auf die man in der Vergangenheit zählen konnte, heute immer unwahrscheinlicher. Da sich die technologische Entwicklungen zunehmend auch im Dienstleistungssektor arbeitskräfteeinsparend auswirken und der Ausbau eines &#8220;persönlichen Dienstleistungssektors&#8221; eine nicht vorhandene, ausreichend große Zahl von Personen voraussetzen würde, die sich solche Dienstleistungen überhaupt leisten können, kann heute auch nicht mehr erwartet werden, daß der Dienstleistungssektor die freigesetzten Arbeitskräfte aus anderen Wirtschaftssektoren in größerem Umfang aufnehmen wird. Der seit der ersten industriellen Revolution andauernde Prozeß, daß der durch die permanente Erhöhung der Produktivität ausgelöste <em>relativ</em> andauernd sinkende Arbeitskräftebedarf durch einen anwachsenden Bedarf an lebendiger Arbeit aufgrund der fortschreitenden Ausweitung der Produktion und des Angebots an Dienstleistungen konterkariert oder zumindest kompensiert wird, ist offensichtlich an seine &#8220;natürlichen&#8221; Grenzen gestoßen. Heute ist kaum mehr zu übersehen, daß das immer weitere Anwachsen der Masse der produzierten Güter eine Zerstörung der ökologischen Grundlagen der menschlichen Existenz nach sich zieht. Neben die Produktivitätssteigerung, als den traditionellen Jobkiller der auf Profit programmierten kapitalistischen Ökonomie, tritt damit heute zunehmend der &#8220;Jobkiller Überlebenschance der Menschheit&#8221;. Damit impliziert die angedeutete Entwicklung jedoch wesentlich mehr als &#8220;bloß&#8221; dramatisch verschlechterte Lebensbedingungen für die vielen bereits unmittelbar von Arbeitslosigkeit oder verschlechterten sozial- und arbeitsrechtlichen Bedingungen betroffenen Menschen. Sie bedeutet in letzter Konsequenz das <em>Ende des Mythos, daß es uns durch Arbeit gut geht und durch mehr Arbeit besser geht.</em></p>
<p>Wenn heute darüber diskutiert wird, wie unter ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten dem Problem der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten begegnet werden soll und ob durch Arbeitszeitverkürzung wieder Arbeit für mehr Menschen geschaffen werden kann, dann geht diese Diskussion am Kern des Problems weitgehend vorbei. Der Mensch der spätkapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft arbeitet ja keineswegs nur deshalb, um ökonomisch zu überleben, <em>er definiert sich über die Arbeit</em>, sie ist das strukturierende Merkmal seiner Existenz, und sie vermittelt ihm sein <em>Selbstverständnis als Mensch</em>. Ohne gesellschaftlich honorierte Arbeit ist er nicht &#8220;bloß&#8221; in seinem materiellen Dasein gefährdet, ohne <em>eine derartige</em> Arbeit verliert der heutige Bewohner der industrialisierten Länder faktisch seine gesamte <em>ideelle</em> Existenzbasis. Wodurch unsere Sozietät überhaupt erst zu dem geworden ist, was wir heute mit dem Begriff Arbeitsgesellschaft zusammenfassen, ist die &#8211; mit jedem Generationsschritt reibungsloser ablaufende &#8211; allgemeine Verinnerlichung eines &#8220;aus sich selbst&#8221; begründeten Werts des Arbeitens jenseits &#8220;bedürfnisorientierter Notwendigkeiten&#8221;. Die gegenwärtige Verringerung des Gesamtausmaßes der zur Verfügung stehenden, gesellschaftlich honorierten Arbeit ist &#8211; um noch einmal am anfangs erwähnten Bild vom &#8220;Kapitalismus als Religion&#8221; anzuschließen &#8211; somit mit dem Verbot einer identitätsstiftenden Kulthandlung vergleichbar und kann dementsprechend von den Gesellschaftsmitgliedern nur im Sinne einer massiven <em>psychischen Destabilisierung </em>wahrgenommen werden.</p>
<p>Somit bleibt &#8211; selbst wenn es durch einen sozialen Umbau der Gesellschaft möglich wäre, die materiellen Probleme, die mit der sukzessiven Verringerung der Arbeitsplätze verbunden sind, in den Griff zu bekommen &#8211; die Tatsache bestehen, daß wir allesamt &#8220;verlernt&#8221; haben, ohne Arbeit und in Muße zu leben. Denn auch das, was wir heute als Frei-Zeit bezeichnen, unterliegt ja in jeder Hinsicht denselben Strukturen wie die Arbeitserbringung im Rahmen der Profitökonomie. Es handelt sich dabei keineswegs um eine unverzweckte Muße-Zeit, die einem &#8220;inneren Bedürfnis&#8221; folgend gelebt wird &#8211; Freizeit unterliegt im selben Maß wie die Arbeit den Bedingungen der Entfremdung. In der Arbeitsgesellschaft ist die von entlohnter Arbeitsverausgabung freigehaltene Zeit in hohem Maß gleichzusetzen mit Konsum, stellt damit aber auch bloß die Kehrseite der Vernichtung der ökologischen Lebensgrundlagen durch Arbeit dar. Es ist wohl unbestreitbar, daß eine Ausweitung der extensiven Freizeitgewohnheiten von Europäern und Amerikanern auf die restliche Menschheit genauso katastrophale ökologische Auswirkungen hätte wie die Verallgemeinerung dessen, was wir Lebensstandard nennen. Auch im Hinblick auf ihre &#8220;ökologische Unverträglichkeit&#8221; können Freizeit und Arbeit als siamesisches Zwillingspaar bezeichnet werden. Die Freizeit ist in jeder Hinsicht bloß die <em>präsentable Kehrseite </em>der Arbeit, sie ist mit ihr untrennbar verbunden und bietet in ihrem heutigen Verständnis sicher keinen Ansatzpunkt, das durch die Strukturen der Arbeitsgesellschaft ansozialisierte Selbstverständnis des Menschen als &#8220;homo laborans&#8221; zu relativieren.</p>
<p>Das was weiter vorne als Krise der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft angesprochen wurde, bedeutet also wesentlich mehr als eine ökonomische Umbruchssituation, es handelt sich dabei um eine kaum mehr kaschierbare <em>Krise des gesellschaftlichen Systems selbst</em>. Wenn der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht, beziehungsweise ökologische Notwendigkeiten es dem Menschen verunmöglichen, &#8220;sein Heil&#8221; weiter in der Arbeit zu suchen, dann wird damit das neuzeitliche Weltbild vollständig aus den Angeln gehoben. Spätestens an diesem Punkt muß ersichtlich werden, daß durch das Problem der Verringerung des Gesamtvolumens der gesellschaftlich honorierten Arbeit auch massiv die Pädagogik betroffen ist. Pädagogik beschäftigt sich mit Erziehung und Bildung, ihr geht es um die Frage, &#8220;wie der Mensch zum Menschen wird&#8221;, welche Begleitumstände es sind, die ihm helfen, sein humanes Potential zur Entfaltung zu bringen. Eine Pädagogik, die dabei von der Annahme ausgeht, daß Arbeit eine &#8220;conditio sine qua non&#8221; für den Menschen ist und zum menschlichen Leben gehört wie &#8220;das Salz zur Suppe&#8221; ist untrennbar mit der Arbeitsorientierung der bürgerlich-kapitalistichen Gesellschaft verbunden. Sie ist Agent des Arbeitsethos und nicht in der Lage, bei der Suche nach Orientierungen für eine &#8220;Post-Arbeitsgesellschaft&#8221; behilflich zu sein &#8211; sie ist paralysiert angesichts der Tatsache, daß Arbeit in Zukunft immer weniger der organisierende Lebensmittelpunkt der Menschen wird sein können.</p>
<p>Noch herrscht heute weitgehend der Glaube vor, daß durch ein besser, das heißt &#8220;arbeitsmarktgerechter&#8221; qualifiziertes Humankapital, durch mehr Engagement, Flexibilität und Mobilität der Arbeitskräfte, durch neue Arbeitszeitmodelle und ähnliche Maßnahmen die Gefahr, daß der Arbeitsgesellschaft die Arbeit &#8211; ihr bestimmendes Gut &#8211; ausgeht, gebannt werden könne. Noch sind alle Lösungsmodelle für die Krise der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft getragen vom Arbeitsethos und orientieren sich am Modell: &#8220;Mehr arbeiten bringt Segen&#8221;. Noch wird ja auch überwiegend die Illusion aufrechterhalten, daß die Arbeitslosigkeit nur ein temporäres und randständiges gesellschaftliches Problem sei und man den heute schon Arbeitslosen durch geeignete Maßnahmen mittelfristig wieder Arbeit anbieten wird können. Neben Schritten zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums lauten wesentliche diesbezügliche Rezepte: Weiterbildung und Umschulung. Auf diese Art ist die Pädagogik in höchstem Maße in die Krisenstrategien zur Aufrechterhaltung des Systems der Arbeitsverausgabung eingebunden. Ihr wird heute geradezu die Schlüsselrolle bei der Modernisierung des &#8220;Humankapitals&#8221; zugewiesen &#8211; sie soll leisten, was Politik längst schon nicht mehr zustandebringt: Indem sie Handlungsanweisungen für Erziehung und (Aus?)Bildung liefert, die gewährleisten, daß möglichst schnell (wieder) ein optimal brauchbares Arbeitskräftepotential zur Verfügung steht, soll sie den Bestand des Systems und damit Wohlstand und wirtschaftliche Prosperität absichern.</p>
<p>Aber wäre es nicht heute, angesichts der Tatsache, daß immer schwerer an der Erkenntnis vorbeigegangen werden kann, daß die derzeit heranwachsende Arbeitslosigkeit keine konjunkturelle sondern strukturelle Ursachen hat und daß ein Aufrechterhalten der Arbeitsverfallenheit der Menschen geradewegs in die ökologische Katastrophe führt, allerhöchste Zeit, daß die Pädagogik endlich das Denkkorsett der Arbeitsgesellschaft verläßt? Wäre es nicht höchste Zeit, daß die Pädagoik ihre eigene Arbeitsorientiertheit kritisch reflektiert und sich der Erkenntnis besinnt, daß der Mensch sich nicht als arbeitender Konsument vom Tier unterscheidet, sondern als denkendes, reflexionsfähiges Wesen. Lange können sich die Menschen in den Industrieländern wohl nicht mehr um die Erkenntnis drücken, daß es heute nicht bloß um irgendwelche ökologische Teilkorrekturen des ökonomischen Systems geht, sondern daß &#8211; wenn die Überlebenschancen auf diesem Planeten nicht endgültig verspielt werden sollen &#8211; es mit dem Ende der Ära des energie- und ressourcenvergeudenden, exzessiven Konsums auch notwenig wird, <em>von der Arbeitsgesellschaft endgültig Abschied zu nehmen</em>. Für die Bewohner der Industriegesellschaften gilt es heute, eine Orientierung zu finden, die jenseits der Verzweckung durch Arbeit und Konsum liegt. Die Pädagogik als jene Disziplin, in deren Zentrum die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von &#8220;Bildung&#8221; steht &#8211; einer Größe, die zwar nie losgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen gefaßt werden kann, aber dennoch nur Sinn gibt, wenn sie in ihrer konkreten Auswirkung über den gesellschaftlichen Status quo hinausweist -, ist aufgerufen, ihren Beitrag zu dieser notwendigen Neuorientierung zu leisten. Dazu wird es erforderlich sein, den pädagogischen Stellenwert des Arbeitens radikal zu hinterfragen und sich im Gegenzug des pädagogischen Stellenwerts der Muße (neu) zu besinnen. Für eine Pädagogik, die sich in ihrer Aufgabe als Hebamme humaner Entwicklung ernst nimmt, scheint es heute hoch an der Zeit, sich von der &#8220;Ideologie der Arbeit&#8221; zu emanzipieren.</p>
<p>Allerdings darf dabei auch nicht so getan werden, als ob, unabhängig vom ökonomisch vermittelten Arbeitszwang, der Mensch sein Verhältnis zur Arbeit frei definieren könne. Ein heute anstehendes Besinnen der Pädagogik auf den Wert der Muße für die Entwicklung des autonomen Individuums muß dementsprechend verbunden sein mit einer Reflexion der gesellschaftlich-ökonomischen, also der<em> politischen Rahmenbedingungen,</em> unter denen die Sozialisierung zum &#8220;Arbeits- und Konsumtier&#8221; erfolgt. Ein bloßes pädagogisches Neuentdecken der &#8220;Muße als bildende Kraft&#8221; ist genauso scheinheilig wie eine Pädagoik, die sich unkritisch in den Dienst der Requalifizierung der Krisenopfer stellen läßt, ohne gemeinsam mit den Betroffenen nach Antworten auf die zugrundeliegenden, systembegründeten Ursachen der Krise zu suchen. Ein idealistisch-wertfreies pädagogisches Besinnen auf die Muße bleibt zahnlos und heuchlerisch angesichts der Tatsache, daß die (Über?) Lebensmöglichkeiten der Menschen in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft auf das engste mit Lohnarbeit verbunden sind. Das Denkkorsett der Arbeitsgesellschaft zu verlassen bedeutet mehr als ein appellatorisches Einfordern einer Mußeorientierung des Menschen, es bedeutet, die &#8220;politische Funktion&#8221; der Arbeitsgesellschaft in den Fokus einer, auch die eigene Disziplin selbstkritisch durchleuchtenden pädagogischen Reflexion zu nehmen und die Arbeitsgesellschaft auf ihre Nutznießer zu hinterfragen.</p>
<p>Im vorliegenden Buch soll ein Ansatz in diese Richtung unternommen werden. Es wird versucht, ein Hinterfragen der Arbeitsorientiertheit der Pädagogik mit einer kritischen Reflexion der diese bestimmenden politisch-ökonomischen Verhältnisse zu verknüpfen. Grundlage der Überlegungen ist die Annahme (die durchaus auch auf die im gegenständlichen Buch vertretenen Gedanken anzuwenden ist), daß die Entwicklung und Durchsetzung von pädagogischen Theorien nicht allein aus dem Binnenraum der Pädagogik begriffen werden kann, sondern daß zu ihrer Deutung immer auch die Mitberücksichtigung der je parallel auftretenden historisch-politischen Konstellationen erforderlich ist. Pädagogik und gesellschaftliche Verfaßtheit werden zueinander in einer dialektisch vermittelten Beziehung wahrgenommen; eine Wechselbeziehung, die allerdings dann in politische Verzweckung der Pädagogik umschlägt, wenn sich diese ihrer politischen Bedeutung nicht bewußt ist und ihr Erkenntnisinteresse nicht selbst unter politischen Gesichtspunkten reflektiert. In diesem Sinn wird die Tatsache, daß gerade heute unter wohlklingenden Stichwörtern wie &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221;, &#8220;Handlungsorientierung&#8221; oder &#8220;Ganzheitlichkeit&#8221; am (berufs?)pädagogischen Theoriegebäude weitgehende Um- und Neubauten vorgenommen werden, als Herausforderung ersten Ranges zur Reflexion (berufs?)pädagogischer Begründungsprämissen gesehen. Dies insbesondere deshalb, als die neuen pädagogischen Paradigmen nahezu ausschließlich unter dem Aspekt des Reagierens auf politisch-ökonomische Veränderungsprozesse legitimiert werden, was nichts anderes als ein verstecktes Bekenntnis zur anwachsenden Verzweckung von Bildungsprozessen für die Aufrechterhaltung des ökonomisch-gesellschaftlichen Ist-Zustands und somit einen (weiteren) Verlust an <em>pädagogischer</em> Legitimation signalisiert.</p>
<p>Nach dem vorher Gesagten braucht kaum mehr darauf hingewiesen werden, daß der vorliegende Text in Anerkenntnis einer &#8220;kritischen Pädagogik&#8221; verfaßt wurde und getragen ist von der <em>Vision einer radikalen Humanisierung und Demokratisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse</em>, die ohne ein gleichzeitiges Interesse an einer Veränderung der ökonomischen Prämissen der Arbeitsgesellschaft bloße Ideologie wäre. Er stellt einen Versuch dar, Ansätze für die Lösung pädagogischer Grundfragen im gesellschaftlichen Kontext zu entwickeln. In diesem Sinn kann er auch als ein Beitrag dafür verstanden werden, der Bildungsidee jene politische Brisanz wiederzugeben, die sie beim letzten großen Umbau des politisch-ökonomischen Systems &#8211; am Übergang zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft &#8211; innehatte.</p>
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		<title>Die Arbeit hoch? &#8212; Kapitel 1</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 1994 23:45:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Die Arbeit hoch?]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Ribolits]]></category>

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		<description><![CDATA[Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus Inhaltsverzeichnis 1. Zum Zusammenhang von Arbeit, Bildung und politisch-ökonomischem System Es gibt kein Land und kein Volk, meine ich, das dem Zeitalter der Muße und des Überflusses ohne Furcht entgegensehen könnte. Denn wir sind zu lange dazu erzogen worden, nach Leistung zu streben; wir haben nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch">Inhaltsverzeichnis</a></p>
<h4>1. Zum Zusammenhang von Arbeit, Bildung und politisch-ökonomischem System</h4>
<blockquote><p><em>Es gibt kein Land und kein Volk, meine ich, das dem Zeitalter der Muße und des Überflusses ohne Furcht entgegensehen könnte. Denn wir sind zu lange dazu erzogen worden, nach Leistung zu streben; wir haben nicht gelernt, wie man das Dasein genießt.</em> &#8212; John Maynard Keynes</p></blockquote>
<p>Unbestreitbar stellen &#8220;Arbeit&#8221; und &#8220;Arbeiten&#8221; in den industrialisierten Gesellschaften heute zutiefst positiv besetzte Begriffe dar. Die Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung gilt als ein ganz wesentliches Kennzeichen eines &#8220;achtenswerten&#8221; Menschen, und für die Majorität der Bewohner der Industriegesellschaften stellt Arbeit gewissermaßen auch jenes selbstverständliche &#8220;Geländer&#8221; dar, an dem entlang ihr Leben organisiert ist. Unsere durch Arbeit artikulierte Tüchtigkeit sowie die der Generationen vor uns erscheint uns gemeinhin als die Basis des gesellschaftlichen Wohlstands und dient uns zugleich als Abgrenzung gegenüber Kulturen, in denen Arbeit (noch) nicht jene herausragende Bedeutung genießt wie bei uns. Insgesamt können wir heute konstatieren, daß in unserer Gesellschaft eine Entwicklung ihre Erfüllung gefunden hat, die in der frühen Neuzeit ihren Anfang genommen hatte, mit den bürgerlichen Revolutionen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ihre grundlegende gesellschaftliche Legitimation erhalten hatte und schließlich um die Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert unter tatkräftiger Unterstützung der Arbeiterbewegung endgültig zum Durchbruch gelangt war &#8211; der Sieg des bürgerlichen Leistungsstrebens gegenüber der feudalen, parasitären Faulheit.</p>
<p><span id="more-2215"></span>Die Wurzeln der heutigen Wertschätzung der Arbeit reichen bis in die Renaissance zurück. Damals begann in den entwickelten Kulturen Europas ein Prozeß, der sich als <em>Emanzipation des Menschen von der Vorstellung eines schicksalhaften Ausgeliefertseins an Natur und Vorsehung</em> bezeichnen läßt. Es kam zu einer Abkehr vom bis dahin dominierenden augustinischen Menschenbild, wo wahre Tugend jenseits dessen angesiedelt war, was der Mensch <em>aufgrund eigener Kraft</em> erreichen kann und tugendhaftes Verhalten demgemäß nicht als Effekt eigenen Bemühens, sondern nur als Ausfluß göttlicher Gnade denkbar erschien. Im Rückgriff auf antike Vorstellungen begann sich zunehmend ein &#8220;Vertrauen in die Freiheit und Stärke der menschlichen Natur&#8221; durchzusetzen. Das Besondere am Menschen wurde nun immer weniger in seiner unsterblichen Seele gesehen, sondern &#8220;in seiner Fähigkeit, sein Schicksal durch Intelligenz und Willenskraft zu bestimmen&#8221;. Die damit implizierte Vorstellung von der Machbarkeit menschlicher Geschichte &#8211; das wesentliche Kennzeichen der Moderne &#8211; ist jener Hintergrund, auf dem eine zunehmende Verteufelung der Faulheit und die Würdigung der Arbeit Platz greifen konnte. <em>Aktivität, im Sinne des Herstellens gewünschter Wirklichkeit</em>, begann sich als anstrebenswerte Seinsform zu etablieren. Zunehmend setzte sich das Bewußtsein der Notwendigkeit durch, die &#8211; vordem als endgültig angesehene &#8211; &#8220;Schöpfung&#8221; nach menschlichem Willen umzugestalten und zu verbessern. An die Stelle &#8220;der &#8220;Natürlichkeit&#8221; der Wahrheit trat die Wahrheit als Ergebnis von &#8220;Arbeit&#8221;"<a name="1" href="#a1">1</a>.</p>
<p>Als Folge davon, daß der Mensch die real vorfindbare Welt nun nicht mehr als die &#8211; entsprechend unbegreiflich-göttlichem Ratschluß &#8211; vollkommenste aller möglichen Welten interpretierte, hatte er sich zwar befreit von der Unterworfenheit unter die Bedingungen der Vorsehung, war nun jedoch genötigt, durch vorausschauende Erkenntnis und tätiges Tun in diese Schöpfung einzugreifen. Die Aufgabe des Menschen stellte sich nicht mehr darin dar, das Joch der vorfindbaren Bedingungen akzeptierend zu (er-)tragen, sondern darin, sich in der Welt zu bewähren, indem er diese &#8220;nach seinem Willen&#8221; gestaltet. Die vorfindbare, von Gott dem Menschen zur &#8220;Vervollkommnung&#8221; überlassene Welt galt es ab nun zu verbessern. Damit erschloß sich aber für die vormals eher geschmähte Arbeit eine völlig neue Dimension. Galt sie im Mittelalter als ein Aspekt der von Gott auferlegten, diesseitigen Existenz, als unausweichliche Notwendigkeit des Überlebens, aber dem geistlichen Leben und der Frömmigkeit selbstverständlich untergeordnet, tritt sie nun in das Zentrum der menschlichen Sinnsuche.</p>
<p>&#8220;Wenn die gegebene Welt nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem unendlichen Spielraum der Möglichkeiten ist, wenn die Sphäre der natürlichen Fakten keine höhere Rechtfertigung und Sanktion mehr ausstrahlt&#8221; und es dementsprechend als Aufgabe erscheint, &#8220;nicht nur das Wirkliche vom Möglichen her zu beurteilen und zu kritisieren, sondern auch durch Realisierung des Möglichen [...] das nur Faktische aufzufüllen&#8221;<a name="2" href="#a2">2</a>, also ordnend in die gegebene Welt einzugreifen, dann wird Arbeit zur Schlüsselgröße des Lebens. &#8220;Durch Arbeit rechtfertigt sich das Leben als einbezogen in den Prozeß, das Vorfindliche und Ereignishafte [...] nicht länger letztlich hinzunehmen als Gewährung oder Heimsuchung, sondern [...] rückhaltlos in den Griff zu bekommen und aus oder mit ihm das zu machen, was dem Glück des Menschen oder was auch immer  als kollektives oder individuelles Fortschrittsziel angepeilt wird, zustattenkommt.&#8221;<a name="3" href="#a3">3</a> Die Bestimmung des Daseins erfüllt sich dann über Arbeit; durch sie &#8211; und letztendlich nur durch sie &#8211; erhält das menschliche Leben dann Sinn, allerdings &#8220;in der Paradoxie, daß Arbeit stets auf etwas bezogen ist, was ihr in der Zukunft vorausliegt&#8221;<a name="4" href="#a4">4</a>.</p>
<p>Mit dem Ziel des Herstellens gewünschter Wirklichkeit tritt sowohl der Begriff &#8220;Fortschritt&#8221; als auch die &#8220;Erziehung&#8221; im modernen Sinn in die Welt. Indem die am Jenseits orientierte Teleologie an Bedeutung verliert, wird der traditionelle Tugendbegriff seines ursprünglichen Sinns entleert und erfährt eine radikale Veränderung im Hinblick auf die nunmehrige Orientierung an einer wünschenswerten Welt. Er wandelt sich zu einer, den jeweiligen <em>gesellschaftlichen</em> Zielvorstellungen geschuldeten, lehr- und lernbaren <em>Moral</em>. Die Selbstbefreiung des Menschen aus der Begrenztheit durch die Vorsehung kann somit als die &#8220;Geburtsstunde von Erziehung und Erziehungstheorie&#8221;<a name="5" href="#a5">5</a> bezeichnet werden. Sowohl unter quantitativen als auch unter qualitativen Gesichtspunkten läßt sich &#8220;Erziehung&#8221; dementsprechend eindeutig als ein den Paradigmen der Neuzeit verhaftetes Phänomen charakterisieren, ihr Bedeutungsgewinn erfolgte parallel zur &#8220;Entdeckung der Kindheit&#8221; in der sich zunehmend herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft<a name="6" href="#a6">6</a>. Nun erst wurde die Kernfrage der Pädagogik, &#8220;wer der Mensch ist, wie er sein kann und sein soll&#8221; zu einer gesellschaftlichen Problemstellung, und nun wurde es auch wichtig, daß Menschen lernen, ihr Verhalten im Sinne einer <em>gesellschaftlich </em>festgelegten Zielvorstellung von Fortschritt zu modifizieren. Der moderne Begriff von Erziehung ist untrennbar mit der Idee des durch aktives Eingreifen in die Geschichte vermittelten Fortschritts &#8211; und somit auch mit der neuzeitlichen Einstellung zur Arbeit &#8211; verknüpft.</p>
<p>Die durch das Heraustreten aus der &#8220;Begrenzung durch Natur und Vorsehung&#8221; gewonnene Freiheit zwingt den Menschen, sich nun<em> selbst</em> unter das Diktat von Arbeit und Leistung zu stellen sowie Heranwachsende durch &#8220;Erziehung&#8221; zur Übernahme der jeweiligen <em>gesellschaftsrelevanten</em> Werte, Normen und Verhaltensmuster zu bringen. Erziehungstheorie stand dementsprechend auch &#8211; wie zum Beispiel durch Katharina Rutschky nachgewiesen &#8211; von Anfang an unter der Not, Rechtfertigungslehre für die den jeweiligen &#8220;Fortschrittsvorstellungen&#8221; geschuldete Erziehungspraxis zu sein. Der Rekurs darauf, &#8220;was die pädagogischen Begriffe von Anfang an versprochen haben: daß Erziehung geschehe um des &#8220;Ausgangs des Menschen&#8221; &#8220;aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit&#8221; (Kant) willens&#8221;<a name="7" href="#a7">7</a> kettet sie untrennbar an die je gültige Vorstellung des &#8220;befreiten&#8221; Menschen und macht sie damit zum Agenten des &#8220;Über-Ichs&#8221;. Rutschky führt in diesem Zusammenhang aus: &#8220;Noch ihre kritische Kraft gegenüber gesellschaftlichen Forderungen und Mißständen, jene Differenz von Erziehung und Gesellschaft, auf die sich fortschrittliche Pädagogik immer wieder beruft &#8211; hat sie jeweils gewonnen aus der lediglich avancierteren beziehungsweise rigideren Interpretation der naturwüchsig von der Gesellschaft produzierten Normen, nicht aus der Parteinahme für die von jenen Mißständen Betroffenen.&#8221;<a name="8" href="#a8">8</a></p>
<p>Die radikale Neuinterpretation der Bedeutung der Arbeit im Rahmen der menschlichen Existenz schuf die Voraussetzung dafür, daß Arbeit in den Rang der zentralen Bezugsgröße für Erziehung aufrücken konnte. Wenn Arbeit nicht den Überlebensnotwendigkeiten geschuldetes Übel, sondern Bestimmungsmerkmal des Menschlichen am Menschen ist, wenn &#8211; wie es Friedrich Engels später pointiert ausgedrückt hat &#8211; es die Arbeit ist, die &#8220;den Affen zum Menschen&#8221; macht, dann ist die logische Konsequenz, daß Arbeit und ihre Anforderungen zum Bezugspunkt der Zielbestimmung von Erziehung beziehungsweise Bildung<a name="9" href="#a9">9</a> werden. Dementsprechend war die Geschichte des neuzeitlich-pädagogischen Denkens auch von Beginn an untrennbar verbunden mit der sich seit Ende des Mittelalters herausbildenden Veränderung des Stellenwerts der Arbeit im Bewußtsein der Menschen.</p>
<p>Schon im siebzehnten Jahrhundert war Bildung durch Johann Amos Comenius in ein untrennbares Naheverhältnis zu &#8220;Arbeit&#8221; und &#8220;Zucht&#8221; gesetzt worden. In seiner &#8220;Großen Didaktik&#8221; forderte er 1657, daß Schulen &#8220;nichts anderes sein [sollen] als Werkstätten, in denen tüchtig gearbeitet wird&#8221; und man demgemäß &#8220;die Kinder zur Arbeit und beständiger Beschäftigung anhalten [muß], damit sie Müßiggang nicht mehr ertragen können&#8221;.<a name="10" href="#a10">10</a> Er, dessen Denken durch die von den Hussiten ausgelöste Emanzipationsbewegung beeinflußt war und sich deutlich von der mittelalterlichen Vorstellung der &#8220;Prädestination&#8221; des Menschen abhob, entwikkelte die Überzeugung, daß das Reich Gottes nicht &#8220;ad hoc, als Spontanvorgang&#8221; erreicht werden kann, sondern &#8220;über Mühe und Arbeit erworben werden [muß], die der Lernprozeß widerspiegelt&#8221;.<a name="11" href="#a11">11</a> Comenius kann damit als ein erster Wegbereiter kapitalistisch-bürgerlichen Leistungsdenkens bezeichnet werden, wenngleich in anderen Teilen seines Werkes nur allzu deutlich erkennbar ist, daß seine Utopie wesentlich weiter ging und &#8220;im Untergrund einer Erwartung&#8221; bleibt, &#8220;die den Konkurrenzkapitalismus hinter sich läßt&#8221;.<a name="12" href="#a12">12</a></p>
<p>In der Epoche der Aufklärung rückt Arbeit in den Rang einer zentralen anthropologischen Größe auf. Die Fähigkeit des Menschen zu arbeiten, also &#8220;etwas Nützliches mit Einsicht und Vorsatz zu tun&#8221;<a name="13" href="#a13">13</a>, wurde als emanzipatorische Möglichkeit erkannt &#8211; die Verknüpfung von Arbeit und Bildung war die logische Folge. Für das Bürgertum, das nur über den Abbau der Vorstellung von der vorherbestimmten gesellschaftlichen Positionsverteilung an die politische Macht gelangen konnte, wurde Bildung im Sinne eines Beförderns des &#8220;Vernunftprinzips&#8221; zum wesentlichen Motor seiner Emanzipationsbestrebungen. &#8220;Der Bildungsbegriff [...] war die Fortsetzung des politischen Kampfes des Bürgertums mit pädagogischen Mitteln.&#8221;<a name="14" href="#a14">14</a> Eine dem an die Macht drängenden Bürgertum &#8220;vernünftig&#8221; geltende Gesellschaftsordnung war eine solche, in der die Arbeitsleistung, die der einzelne für das Gemeinwohl zu erbringen bereit ist, über die erreichbare gesellschaftliche Position bestimmt und nicht die durch Geburt determinierte Standeszugehörigkeit. &#8220;Vernünftig&#8221; wurde damit zum Synonym für Quantifizierbares, Meß- und Zählbares und eine Bildung, in deren Mittelpunkt ein derart &#8220;ökonomisiertes&#8221; Vernunftprinzip steht, tendenziel zu einer Bildung, bei der es um die Vermittlung von Qualifikationen und Verhaltensweisen geht, die in Arbeitsprozessen &#8220;verwertbar&#8221; sind. Das ist gemeint, wenn Herwig Blankertz feststellte, daß die Aufklärungspädagogik &#8220;eo ipso Berufserziehung&#8221; war &#8211; nicht in bezug auf die Installierung von Berufsausbildung in unserem heutigen Verständnis, sondern im Hinblick darauf, &#8220;daß Fragen der ökonomischen Nützlichkeit, verbunden mit Fragen der staatsbürgerlichen Verläßlichkeit, hier erstmals eine größere pädagogische Relevanz erhielten&#8221;<a name="15" href="#a15">15</a>. Bildung mutierte zur Förderung der Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung.</p>
<p>Ganz in diesem Sinne postulierten die &#8220;Aufklärungspädagogen&#8221; des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, daß menschliche Vollkommenheit durch Erziehung zu industriöser Tüchtigkeit, zu Brauchbarkeit und Nützlichkeit zu erreichen sei. Die Integration des Menschen unter die Bedingungen der frühen Industrie wurde von ihnen damit &#8211; ohne jede Relativierung im Hinblick auf Art und Ziel des Arbeitens in diesem System &#8211; zur Zielsetzung pädagogischen Bemühens hochstilisiert.<a name="16" href="#a16">16</a> Damit war endgültig der Grundstein für eine pädagogische Denktradition gesetzt, die mit der Vorstellung von der &#8220;Bildung durch Arbeit&#8221; das griechische &#8220;scholé&#8221; &#8211; das Wort für Muße (das, trotz einer zwischenzeitlichen Realität, die dem Begriff hohn spricht, in unserem Begriff &#8220;Schule&#8221; fortlebt) &#8211; radikal in sein Gegenteil wendete. In den populärpädagogischen Schriften der damaligen Zeit wurde das neue Erziehungsziel dann entsprechend deutlich unters Volk gebracht. So hieß es beispielsweise im &#8220;Erziehungsratgeber&#8221; <em>Robinson der Jüngere</em> von Joachim Heinrich Campe: &#8220;Eltern, wenn ihr eure Kinder liebt, so gewöhnt sie ja frühzeitig zu einem frommen, mäßigen, arbeitsamen Leben!&#8221; und weiter: &#8220;Kinder [...] hütet euch &#8211; o hütet euch &#8211; vor Müßiggang, aus welchem nichts als Böses kommt!&#8221;<a name="17" href="#a17">17</a>; Jean-Jacques Rousseau formulierte in seinem Erziehungsroman <em>Emile</em>: &#8220;Arm oder reich, mächtig oder schwach, jeder müßige Bürger ist ein Schmarotzer&#8221;; und die beiden ersten der 1849 formulierten &#8220;Zehn Gebote&#8221; der &#8220;Arbeiterverbrüderung&#8221; lauteten strikt: &#8220;Du sollst arbeiten&#8221; und &#8220;Du sollst keinen Müßiggang neben dir dulden&#8221;<a name="18" href="#a18">18</a>.</p>
<p>Bis etwa zur Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert war die Arbeit in die Position der zentralen gesellschaftlichen Bezugsgröße aufgestiegen. &#8220;Fleiß war nun nicht mehr allein eine Tugend der kleinen Leute, auch die Oberschichten hatten, wenngleich auf andere Weise, zu arbeiten. Es begann jener merkwürdige Wettlauf um die Visitenkarte des Arbeitenden. Auch Tätigkeiten, die bisher kein Mensch als Arbeit angesehen hatte &#8211; künstlerische Produktion, wissenschaftliche Forschung, Liebesgeschäfte, artistische und sportliche Leistungen -, rückten in den Kreis der &#8220;Arbeit&#8221; ein.&#8221; Die <em>geistige</em> <em>Arbeit</em> &#8211; &#8220;verbunden mit der Übertragung des Arbeitsrhythmus und Arbeitsstils der industriellen Handarbeit auf die Tätigkeiten des Arztes, Pfarrers, höheren Beamten, Kaufmanns und selbstverständlich auch des Unternehmers&#8221;<a name="19" href="#a19">19</a> &#8211; war entdeckt. Wesentlichen Anteil an der gesellschaftlichen Verankerung des bürgerlichen &#8220;Emanzipationsbegriffs&#8221; Arbeit hatte Bildung, die in diesem Sinn von Hans-Jochen Gamm auch als &#8220;Kampfparole&#8221;<a name="20" href="#a20">20</a> des an die Macht drängenden Bürgertums bezeichnet wird .</p>
<p>Parallel und in Abgrenzung zur &#8220;Theorie der Bildung durch Arbeit&#8221; entstand jedoch auch der konträre Ansatz &#8211; die Vorstellung, daß die (frühzeitige) Verzweckung des Menschen unter die Notwendigkeiten der Arbeit seiner Bildung hinderlich und seine Entfaltung nur &#8220;durch Muße in Freiheit&#8221; möglich sei. Der &#8220;klassische Bildungsbegriff&#8221; Wilhelm Humboldts ist wesentlicher Ausdruck und Grundlage dieser pädagogischen Denktradition. Durch ihn und andere Exponenten des Neuhumanismus wurde der in der Aufklärungspädagogik vertretene Anspruch einer Einheit von Arbeit und Bildung entschieden zurückgewiesen. In Orientierung am Ideal des klassisch-griechischen Menschentums, von dem postuliert wurde, daß es durch allseitige Entfaltung seiner Anlagen und Kräfte zu seiner vollkommenen Gestalt gelangt sei, wurde eine Erziehung zur menschlichen Vollkommenheit, die eben nur in Freiheit von den Ansprüchen der Welt, der Zwecke und der Nützlichkeit zu erreichen sei, proklamiert.</p>
<p>Kritische Auseinandersetzung, nicht bloße Anpassung an Welt und Gesellschaft, Emanzipation zu persönlicher Freiheit und Mündigkeit war das deklarierte Ziel der neuhumanistischen Pädagogik &#8211; mit ästhetischer und literarischer (Allgemein-)Bildung sollte der Weg dorthin geebnet werden. Allgemeinbildung wurde zur Bildung schlechthin erklärt und eine Orientierung an der Welt der Arbeit dementsprechend rigoros abgelehnt.<a name="21" href="#a21">21</a> Statt dessen wurde für jeden Menschen eine anfängliche allgemeine Bildung gefordert, die Voraussetzung und Grundlage sowohl für die spätere berufliche Ausbildung als auch für die verantwortliche Mitgestaltung an der Welt durch mündige Individuen sein sollte. Mit dieser kritischen Qualität des Bildungsbegriffs einerseits, verbunden mit der Abschottung von Bildung gegenüber berufsrelevanten Inhalten andererseits, war der Weg geebnet für die begriffliche Trennung von Bildung und Ausbildung; <em>Bildung</em> verstanden als Befähigung zu freiem Urteil und zu Kritik &#8211; Voraussetzung für Emanzipation und Personalisation, <em>Ausbildung</em> als Anpassung an vorgegebene Lebensverhältnisse &#8211; Grundlage für Entfremdung und Ausbeutung. Die Distanz des Neuhumanismus zu gesellschaftlichen Herrschaftsansprüchen und das idealistisch-humanistische Postulat der Abschirmung der Bildung von gesellschaftlicher Verzweckung hatte den der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft innewohnenden &#8220;Widerspruch zwischen Bildung und Herrschaft&#8221;<a name="22" href="#a22">22</a> freigelegt.</p>
<p>Noch heute wird das Bildungsideal des Neuhumanismus in der gymnasialen Allgemeinbildung tradiert, und die humanistischen Bildungsvorstellungen sind bis in die Gegenwart Orientierung und Ausgangspunkt unzähliger pädagogisch-theoretischer Erörterungen. Dennoch kann festgestellt werden, daß nicht die Idee von der Entfaltung des Menschen durch die zweckfreie Beschäftigung mit dem Wahren, Guten und Schönen die gesellschaftliche Realität der Bevölkerungsmehrheit in den letzten beiden Jahrhunderten geprägt hat, sondern die Vorstellung, daß es die Arbeit ist, die den Menschen zum Menschen macht und daß demgemäß auch die Zielsetzungen für Erziehung und Bildung aus den gesellschaftlichen Arbeitsanforderungen herzuleiten seien.</p>
<p>Wie schon skizziert, war die Überhöhung der Arbeit zum Garanten für Fortschritt, Vernunft und Aufklärung, für gesellschaftliches und individuelles Glück<a name="23" href="#a23">23</a> die grundlegende ideologische Basis der sich im achtzehnten Jahrhundert herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft und ein wesentlicher Aspekt ihrer Abgrenzung vom &#8220;Ancien règime&#8221;. Müßiggang wurde als Lebensform der feudalen Klasse gebrandmarkt, Arbeit zu &#8220;des Bürgers Zierde&#8221;<a name="24" href="#a24">24</a> hochgelobt und Fleiß und Leistung zu den Grundwerten des durch Arbeitszucht konstituierten &#8220;homo faber&#8221; idealisiert. Zum gesellschaftlichen Leitbild wurde der arbeitsame Mensch, der danach trachtet, <em>aus innerem Antrieb</em> jede Gelegenheit zur unnützen Muße zu vermeiden. Allerdings wurde im Gefolge des wirtschaftlichen Erstarkens des Bürgertums im neunzehnten Jahrhundert die Idealisierung und die Orientierung an der Arbeit bald wieder relativiert. Die Muße, vordem Privileg des bekämpften Adels, wurde als das Statussymbol der politisch Mächtigen nun auch vom Bürgertum entdeckt und &#8211; weitgehend jedoch reduziert zur prestigeträchtigen Dekoration &#8211; für sich beansprucht. Aufbauend auf dem Gedankengut des Neuhumanismus zeigten sich deutliche Tendenzen einer Renaissance der positiven Bewertung von Muße und Müßiggang &#8211; Texte von Thorsten Veblen, Heinrich Mann oder &#8220;Wilhelm Meisters Lehrjahre&#8221; von Johann Wolfgang Goethe geben dafür Beispiele ab. &#8220;Mußeerziehung wurde zum Privileg der bürgerlichen Eliten im akademischen Bildungswesen, die Gestaltung von &#8220;Muße&#8221; in &#8220;Freiheit&#8221; wurde Herrschaftswissen, Herrschaftsfähigkeit und Herrschaftsgrundlage&#8221;<a name="25" href="#a25">25</a>.</p>
<p>Die bürgerliche Gesellschaft brachte, nachdem sie unter emanzipatorischen Losungen wie &#8220;Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit&#8221; erkämpft worden war und das &#8220;unvernünftig-ungerechte&#8221; (selbstverständlich nur unter &#8220;aufgeklärt-bürgerlichen&#8221; Bewertungsmaßstäben!) Feudalsystem beseitigt war, aus sich sehr rasch eine neue privilegierte Klasse hervor. Und genauso wie unter dem Begriff &#8220;Aufklärung&#8221; das Gedankengut zusammengefaßt werden kann, das die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft legitimiert hatte, gab die neuhumanistische Erweiterung des Aufklärungsdenkens jene Ideologie ab, mit der die in ihrer Position nun gefestigte bürgerliche Klasse die Privilegien ihrer Macht sicherte. Dem emanzipatorischen Instrument für die Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft, der &#8220;Freisetzung der Vernunft durch Bildung&#8221; &#8211; was ja nichts anderes bedeutet als die Befähigung zum Hinausdenken über die Fesseln des Status quo der <em>durch die jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen</em> eingeforderten Werte, Normen und Verhaltensweisen -, war genau durch die Befreiung von utilitaristischer Verzweckung und der daraus folgenden Reduzierung von Bildung zu einer &#8220;wertfreien&#8221; Allgemeinbildung die politische Sprengkraft genommen worden. Bildung &#8211; Waffe im Kampf gegen feudalistisches Unrecht und Leitstern im Streben um eine Gesellschaft von Freien und Gleichen &#8211; war mutiert zur Legitimation bürgerlicher Vormachtstellung.</p>
<p>Der ehemals revolutionäre Charakter von Bildung war damit in Ketten gelegt &#8211; entstanden als Instrument des Widerstands gegen gesellschaftliche Unvernunft, war Bildung nun selbst zur <em>systemstabilisierenden Kraft</em> geworden. Die von allen Bezügen auf die realen politisch-gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Verhältnisse freigehaltene &#8220;Allgemein-Bildung&#8221; war zur Agentur einer zahnlosen Kritikfähigkeit verkommen; &#8220;die Auseinandersetzung mit der Welt [nahm] nunmehr den Charakter von ritterlichen Kampfspielen an, von &#8220;Turnieren des Geistes&#8221; allerdings&#8221;<a name="26" href="#a26">26</a>. Während die sozioökonomischen Strukturen der Gesellschaft &#8211; und damit ganz speziell auch die Organisationsform von Arbeit sowie Fragen nach der Zielsetzung und den Nutznießern des Arbeitens in der heranwachsenden bürgerlich-kapialistischen Gesellschaft &#8211; der &#8220;vernünftigen&#8221; Reflexion durch Bildung entzogen wurden und Bildung in den wertfreien Raum der Beschäftigung mit dem &#8220;Wahren, Guten und Schönen&#8221; entrückt wurde, konnten die gegebenen Strukturen der Arbeitswelt um so sicherer als nicht hinterfragbarer Sachzwang für die Ausbildung gelten. Die politische Kritik von gesellschaftsstützender Ideologie und technologischer Entwicklung &#8211; den wesentlichen Instrumenten gesellschaftlicher Herrschaft, zu der Bildung auch in der bürgerlichen Gesellschaft führen müßte, sofern ihr Vernunftbegriff an einer Bedürfnistheorie des Menschen angekoppelt und nicht auf ökonomische Verwertbarkeit verkürzt ist &#8211; wurde damit sowohl für (Allgemein-)Bildung als auch für die (Berufs-)Ausbildung exekutiert.</p>
<p>Diese Entwicklung stellte den Hintergrund dar für die kritische Bewertung des Neuhumanismus durch die &#8220;Berufsbildungstheoretiker&#8221; des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.<a name="27" href="#a27">27</a> Nur zu deutlich erkennbar war die herrschaftsstabilisierende Doppelzüngigkeit der bürgerlich-humanistischen Anthropologie, die zwar auf Muße zielte, dabei jedoch weitestgehend die Tatsache ignorierte, daß diese nur einer privilegierten Minderheit &#8211; genau auf dem von Arbeit gekrümmten Rücken der Bevölkerungsmehrheit &#8211; möglich war. Der Bildungsanspruch des Neuhumanismus war zur bürgerlichen Ideologie, im Sinne einer bloßen gesellschaftlichen Rechtfertigungslehre einer Kaste von &#8220;Gebildeten&#8221;, verkommen, die sich ihre überhebliche Distanz gegenüber der Arbeitswelt nur deshalb leisten konnte, weil ihre gesellschaftlich privilegierte Stellung durch die &#8220;Arbeitszucht&#8221; der Mehrheit ökonomisch immer wieder aufs neue abgesichert wurde. Deshalb kann, &#8220;wo Humboldt mit Bildung die höchstmögliche Humanität <em>jedes</em> einzelnen Menschen gemeint hatte (Königsberger und Littauischer Schulplan 1809: &#8220;Das neue Schulwesen bekümmert sich daher um keine Kaste&#8221; und zielt &#8220;ziemliche Gleichheit&#8221; an), Nietzsche [ein wenig mehr als ein Jahrhundert später] nur noch ihre Entartung im &#8220;Bildungsphilister&#8221; seiner Zeit sehen, dem er die &#8220;übergehängte moderne Bildungshaut abziehen&#8221; möchte, da &#8220;die allergemeinste Bildung eben die Barbarei&#8221; sei.&#8221;<a name="28" href="#a28">28</a></p>
<p>Genau die Vertreter der Berufsbildungstheorie waren es allerdings, die den Stachel, der auch der neuhumanistischen Variante des Bildungsbegriff im Kern noch immer anhaftete, dann endgültig entschärften. Indem sie zwar das humanistische Postulat menschlicher Selbstverwirklichung aufnahmen, es allerdings reduziert um die kritische Distanz des ursprünglichen neuhumanistischen Bildungsansatzes gegenüber <em>allem</em> Vorfindbaren verwendeten, verfestigten sie das in der Zwischenzeit um sich greifende integrative Bildungsverständnis. Zwar vollzogen sie eine pädagogische Rehabilitation der Berufsausbildung und stilisierten diese zur &#8220;Pforte der Menschenbildung&#8221; (Kerschensteiner) hoch, machten jedoch genau damit die <em>Integration</em> in die bürgerlich-kapitalistisch strukturierte Arbeitswelt zum Ziel von Bildung und entzogen diese damit zugleich endgültig der kritischen Reflexion durch Bildung. Nicht um Bildung <em>aus Anlaß</em> des Berufs &#8211; also um die Freisetzung der Vernunft zum Zwecke des kritischen Durchdringens der Bedingungen des Arbeitens im (Früh-)Kapitalismus &#8211; ging es ihnen, sondern um Bildung <em>durch </em>den Beruf. Dem <em>Erwerb</em> berufsrelevanter Fähigkeiten und Kenntnisse wurde per se bildender Charakter zugesprochen. Wohl selbst die &#8220;bloß&#8221; idealistisch ausgerichtete humanistische Bildung hätte unter den frühindustriellen Bedingungen des neunzehnten Jahrhunderts noch einiges an Sprengkraft besessen; eine &#8220;Bildung durch den Beruf&#8221; dagegen &#8211; die Anbindung der Bildung an den durch Leistungs- und Konkurrenzprinzip untrennbar mit der bürgerlichen Gesellschaft verbundenen Arbeitsbegriff also &#8211; mußte zwangsläufig integrierend wirken.</p>
<p>Wie schon in der Aufklärungspädagogik ging es auch den Vertretern der Berufsbildungstheorie gar nicht so sehr um den Inhalt der Arbeit, für die &#8220;gebildet&#8221; wird, sondern um den Arbeitsakt, um die Verinnerlichung der Selbstverständlichkeit regelmäßigen Arbeitens unabhängig von konkret-sinnlichen Bedürfnissen, um Arbeitsfleiß und gehorsames Verhalten. Dementsprechend orientiert sich die von ihnen propagierte Berufs-&#8221;Bildung&#8221; auch nicht an den realen beruflichen und arbeitsorganisatorischen Voraussetzungen ihrer Zeit, sondern an einer organisatorischen Strukturierung des Arbeitslebens im Sinne einer in der Zwischenzeit weitgehend anachronistisch gewordenen Berufsordnung, die an handwerklich-kleinbetrieblichen Leitbildern der vorindustriellen Ständeordnung ausgerichtet ist. Nicht zuletzt aus diesem Grund war das (berufs-)schulische Ausbildungssystem, das ja auf dem dergestalt orientierten Berufsbildungsbegriff aufbaut und ein entsprechend statisch-reaktionäres Gesellschaftsverständnis transportiert, auch immer wieder als besonders ausgeprägtes rückschrittliches Relikt obrigkeitsstaatlichen Denkens kritisiert worden.<a name="29" href="#a29">29</a></p>
<p>War die Arbeit im Zeitalter der Reformation aus der &#8220;Unschuld&#8221; des menschlichen Unterworfenseins unter die <em>Notwendigkeiten der Natur</em> befreit und zum Beruf als <em>offizium, einer von Gott gestellten Aufgabe,</em> umgewandelt worden, wurde sie von den Vertretern der Berufsbildungstheorie am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts säkularisiert und <em>zur staatsbürgerlichen Pflicht</em> umgemünzt. Nun galt es nicht mehr zum Wohlgefallen Gottes zu arbeiten, sondern zum Nutzen des vorgeblichen &#8220;Gemeinwohls&#8221;. Die Leistung der Berufsbildungstheoretiker bestand darin, die pädagogische Verfemung der Berufsausbildung und den Odem des Utilitarismus, der ihr seit der Aufklärung anhaftete<a name="30" href="#a30">30</a>, aufzulösen und Beruf und Arbeit in einer neuen Form zu &#8220;heiligen&#8221;. Die nunmehrige Botschaft lautete: Indem der einzelne durch seinen unermüdlichen Arbeitseinsatz der Gemeinschaft dient, gewinnt er sich selbst als Mensch im emphatischen Sinn, nämlich als Persönlichkeit.<a name="31" href="#a31">31</a> Genau dieser Versuch, den klassischen Persönlichkeitsbegriff in die Berufsbildungstheorie hinüberzuretten &#8211; also die Entfaltung der individuell-menschlichen Möglichkeiten als Bildungsziel aufrechtzuerhalten -, verunmöglichte allerdings die Ausrichtung des Berufs-Bildungsbegriffes an den gegebenen Arbeitsbedingungen der industriellen Arbeitswelt und zwang zu einer Orientierung an der (angeblich) nicht entfremdeten Arbeitssituation des vorindustriellen Handwerkers. In Sinne einer unkritischen Idealisierung überholter Arbeits- und Lebensformen postulierten die Vertreter der Berufsbildungstheorie, daß &#8220;die unmittelbare Beziehung des Handwerkers zu dem von ihm hergestellten Gegenstand, seinem Werk, und das patriarchalische Verhältnis des Meisters zu seinem Lehrling [...] die Entfaltung individueller Möglichkeiten, die Bildung der Person&#8221;<a name="32" href="#a32">32</a>, zulassen.</p>
<p>Damit war Berufsausbildung zwar einerseits in einem idealistischen Sinn als &#8220;Bildung&#8221; rehabilitiert; Bildung aber andererseits endgültig ihrer gesellschaftskritischen Potenz beraubt und &#8211; in utilitaristischer Anbindung an den Status quo &#8211; vollständig zur Agentur des Arbeitsethos, der zentralen Größe der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, reduziert. In seiner berühmten Preisschrift für die Königliche Akademie zu Erfurt hat der Gründungsvater der Berufsbildungstheorie, Georg Kerschensteiner, die von ihm propagierte berufsbezogene &#8220;Fortbildungsschule&#8221; (die spätere Berufsschule) auch dementsprechend deutlich mit den Aspekten des bürgerlichen Arbeitsethos: &#8220;Fleiß, Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit, Beharrlichkeit, Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit, Geduld, Selbstbeherrschung, Hingabe an ein festes, außer uns liegendes Ziel&#8221;<a name="33" href="#a33">33</a> verknüpft &#8211; Zielsetzungen, die er als die &#8220;wichtigsten staatsbürgerlichen Tugenden&#8221; (im bürgerlichen Staat!) charakterisierte. Die im Frühjahr 1890 von der Akademie gestellte Preisfrage hatte gelautet: &#8220;Wie ist unsere männliche Jugend von der Entlassung aus der Volksschule bis zum Eintritt in den Heeresdienst am <em>zweckmäßigsten</em> für die staatsbürgerliche Gesellschaft zu erziehen?&#8221;<a name="34" href="#a34">34</a> Und Kerschensteiner hat den ausgeschriebenen Preis wohl dadurch gewonnen, daß es ihm gelungen war, die utilitäre Verzweckung des einzelnen im Sinne der bürgerlichen Leistungsideologie zum Königsweg der Persönlichkeitsbildung umzudeuten. Einerseits hatte er in der systematischen Berufsausbildung den &#8220;zweckmäßigsten&#8221; Weg zur Herstellung von Massenloyalität gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft im Hinblick auf deren grundlegendes Ideologieelement, <em>der Selbstzwecksetzung der menschlichen Arbeit, </em>erkannt. Zugleich war es ihm aber gelungen, die Unterordnung unter das bürgerliche Arbeitsethos als den Weg zum entfalteten Menschentum hochzustilisieren, zu einer, wie er sich ausdrückt, &#8220;ethischen Verschmelzung des Egozentrismus mit dem Altruismus auf Grund der Veredlung der beiden Grundtriebe der Seele&#8221;<a name="35" href="#a35">35</a>.</p>
<p>Dabei ging Kerschensteiner vom Gedanken aus, daß bei der &#8220;<em>Ausbeutung</em> der Arbeit als Erziehungsfaktor&#8221; an den privaten Interessen der Heranwachsenden anzuknüpfen sei, und erkannte, daß deren Interessen &#8220;gar nicht in der Richtung der allgemeinen Bildung liegen&#8221; (einer im &#8220;wertfreien Raum&#8221; schwebenden Allgemeinbildung, deren inhaltliche und strukturelle Ausrichtung ja tatsächlich total an der Lebensrealität der heranwachsenden Arbeiter-Jugendlichen vorbeiging), sondern praktisch-beruflicher Natur seien, motiviert durch die ökonomisch-produktive Arbeit, die sie zu leisten hätten. Diese privaten Interessen gelte es <em>auszunützen</em>, um das vorgebliche &#8220;Gemeinwohl&#8221; durch &#8220;die steigende Einsicht in den Wert guter Arbeit, die Stärkung des Bewußtseins der Arbeitspflicht und vor allem die <em>Zurückdämmung des Strebens nach übertriebenem arbeitsfeindlichem Genuß durch die erwachende Arbeitsfreudigkeit</em>&#8220;<a name="36" href="#a36">36</a> zu fördern. Die Notwendigkeit einer Berufsausbildung für die zum Überleben auf den &#8220;Verkauf ihrer Arbeitskraft&#8221; Angewiesenen wurde damit quasi zur &#8220;List&#8221;, um deren eventuelle Relativierung des Werts einer Arbeit jenseits konkret-sinnlicher Bedürfnisse hintanzuhalten und sie dazu zu bringen, ihre Arbeitsverausgabung als Dienst an der Gemeinschaft zu empfinden.</p>
<p>Genau in dieser Anbindung der beruflichen Erziehung am &#8220;Primat der Gemeinnützigkeit&#8221; liegt &#8211; wie schon Blankertz aufgezeigt hat &#8211; der utilitaristische und somit der Entfaltung der Persönlichkeit zuwiderlaufende Charakter der Berufsbildungstheorie. &#8220;Die schicksalhafte Verknechtung des Menschen in den Forderungen der täglichen Arbeit wird begründet mit der [...] übergreifenden Interessenverknüpfung&#8221;. Nachdem sich aber &#8220;Wohl und Wehe des einzelnen Menschen in unmittelbarer Weise als abhängig vom Gemeinwohl manifestiert, bedarf es in der utilitaristischen Berufserziehung nicht einmal der ausdrücklichen Vergegenwärtigung dieser Beziehung. [...] Die berufliche Leistung, belohnt nach dem Grad ihrer Gemeinnützigkeit, ist das Interesse des einzelnen selbst, so daß das Gemeinwohl im Appell an den Egoismus gemeint sein darf.&#8221; Eine solche Berufserziehung nimmt sich &#8211; so führt Blankertz weiter aus -, &#8220;indem sie die Notwendigkeit der beruflichen Leistungsfähigkeit des einzelnen um des Gemeinwohl willens befördert [...] das Recht, den Blick des Zöglings streng auf das im jeweiligen Fall &#8220;Nützliche&#8221; zu beschränken, und sei es um den Preis möglicher menschlicher Entwicklung und Vervollkommnung. Das Opfer, welches der Mensch der ihn bedingenden Gemeinschaft unter Umständen zu bringen hat, wird [...] überlagert durch die im Vordergrund wirkende These, eben diese Erziehung sei für den Zögling selbst so ungemein &#8220;nützlich&#8221;. Damit aber, daß die Erziehung hier in stellvertretender Verantwortung für den Zögling das Opfer der Person vorwegnimmt, entschwindet die wie auch immer behauptete Begründung. Denn nicht die Person opfert in der Einsicht ihrer Verpflichtung, sondern die Personwerdung wird auf der Schlachtbank des gemeinsamen Wohls geopfert.&#8221;<a name="37" href="#a37">37</a></p>
<p>Die in der Berufsbildungstheorie vorgenommene Adaptierung des liberalökonomischen Glaubensbekenntnisses von Adam Smith (das ja auch die Grundlage der Marktwirtschaft, die auf dem freien Spiel der Kräfte aufgebaute liberal-kapitalistische Wirtschaftsordnung, darstellt), daß das Gemeinwohl besser aufgehoben ist, wenn jeder einzelne seinem eigenen Vorteil nachgeht, als wenn das Gemeinwohl selbst zur Maxime des Handelns erhoben wird, bedeutete somit den Abschied vom Bildungsziel der mündigen Person. Wenn das Verfolgen egoistischer Einzelinteressen zur idealen Basis eines wie auch immer definierten &#8220;Gemeinwohls&#8221; erklärt wird, mutiert eine am Gemeinwohl orientierte Bildung &#8211; trotz aller eventuellen gegenteiligen Beteuerungen &#8211; zur Beförderung des Egoismus. Der &#8220;kategorische Imperativ&#8221; ist damit außer Kraft gesetzt und Bildung auf ihren qualifikatorischen Aspekt reduziert; sie wird zum Hilfsmittel dafür, die Chancen im allumfassenden Konkurrenzkampf um günstige gesellschaftliche Positionen (und um Arbeitsplätze) zu verbessern. Damit ist der Grundstein gelegt für eine Sichtweise von (beruflicher) Bildung, in deren Fokus jenes Individuum steht, das sich mittels permanenter, marktgerechter (Weiter-) Qualifizierung selbst um seine erfolgreiche Vermarktung im Prozeß der Arbeitskraftvernutzung bemüht, ohne jemals die Frage nach dem Sinn eines Arbeits- und Wirtschaftssystems zu stellen, welches ihm solches abverlangt. Der nächste Schritt war nur noch eine Frage der Zeit: <em>das Ident-Werden dessen, was weiterhin als Bildung etikettiert wird, und der Arbeit</em>; bald schon sollte die zur Qualifikation degenerierte Bildung nicht mehr bloß Vorbereitung für die lebenslange Arbeitsverausgabung jenseits konkret-sinnlicher Bedürfnisse sein, sondern selbst den Stellenwert<em> sinnloser lebenslanger Arbeit</em> bekommen.</p>
<p>Doch noch war es nicht soweit, noch galt es jenen seit Beginn der Industrialisierung in Gang befindlichen, gewaltigen Prozeß der sozialen Disziplinierung zu Ende zu bringen und aus dem &#8220;naturwüchsigen Knecht vom Lande&#8221; und den &#8220;durch das Handwerk bereits vordressierten Gesellen&#8221;<a name="38" href="#a38">38</a> den &#8220;neuen Menschen&#8221; zu formen, der den Arbeitsanforderungen des Industriekapitalismus entsprach. Es galt bei den Angehörigen des parallel zur Herausbildung des Kapitalismus entstandenen Proletariats durch &#8220;Arbeitserziehung&#8221; in den Volksschulen, den Industrieschulen und den nun neu hinzugekommenen &#8220;Berufsschulen&#8221; die Ideologie zu verankern, daß die ihnen abverlangte Arbeitsleistung heilige Pflicht an der Gemeinschaft ist, daß also die Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung schon einen Wert an sich verkörpert, unabhängig vom Grad der Entfremdung, unter dem die Arbeit zu leisten ist. Neben dem Denkkorsett eines von jeder Frage nach Sinn und Nutznießern befreiten Arbeitsethos mußte dazu noch eine weitere Ideologie in den Köpfen der Benachteiligten verankert werden: nämlich jene, daß für höhere berufliche Positionen eine geringere und vor allem auch spätere Koppelung zwischen Bildung und Arbeit notwendig ist. Das zweigeteilte Bildungswesen, in dem sich die Annahme widerspiegelt, daß &#8211; je nach angeblicher Begabung &#8211; der Weg zu der als Bildungsmythos aufrechterhaltenen &#8220;entfalteten Persönlichkeit&#8221; sowohl über berufliche Verzweckung als auch über eine wertfreie Beschäftigung mit dem &#8220;Wahren, Guten und Schönen&#8221; möglich sei, mußte zur allgemein akzeptierten Ideologie werden. Nur so konnte Allgemeinbildung zur beruflichen Bildung für die Herrschenden und Berufsbildung zur allgemeinen Bildung für die Beherrschten (F. Engels) werden.</p>
<p>Im Sinne einer Stabilisierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft war es am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts vor allen Dingen aber auch noch notwendig, gegen das Infragestellen der strukturellen Rahmenbedingungen des Arbeitens anzukämpfen. Kein gesellschaftliches System kann ja auf Dauer nur mit Gewalt aufrechterhalten werden, für eine bleibende Verankerung ist die Loyalität von zumindest der Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder notwendig. Dementsprechend wichtig war es, die am Marxistischen Gedankengut orientierte Kritik der frühen Arbeiterbewegung an den Entfremdungsbedingungen der Arbeit im Kapitalismus zu brechen. Zwar hatte ja auch Marx die Arbeit zum entscheidenden Medium humaner Selbstverwirklichung erklärt, aber anders als in der Berufsbildungstheorie nicht im Rückgriff auf eine bestimmte historische Erscheinungsform, sondern im Hinblick auf ihren politisch-ökonomischen Bezug. Er hat den Ansatz Hegels, der den Menschen als Resultat seiner eigenen Arbeit definiert hatte, aufgegriffen und ihn um eine politische Dimension erweitert.</p>
<p>Das Postulat von Hegel hatte gelautet, daß der Mensch sich nur dadurch, daß er <em>arbeitet</em>, also die Natur gestaltet und sie so in menschliche Kultur verwandelt, über die Natur erhebt; daß er sich dadurch seiner selbst, als Nicht-Natur, als Geistwesen, bewußt werden kann, indem er sich in seinem geschaffenen Werk selbst erkennen und damit den grundsätzlichen Aspekt der Menschlichkeit, die Möglichkeit, Selbst-Bewußtsein zu entwickeln, entfalten kann.<a name="39" href="#a39">39</a> Marx hat diesen Gedankengang mit der Kritik an den realen Strukturbedingungen des Arbeitens im Kapitalismus verknüpft. Zwar konstituiert sich für ihn der Mensch ebenfalls über Arbeit, er definiert sie als &#8220;eine von allen Gesellschaftsbedingungen unabhängige Existenzbedingung des Menschen&#8221;<a name="40" href="#a40">40</a>; unter den Bedingungen entfremdeter Lohnarbeit im Kapitalismus kann sie jedoch, so sein Postulat, nur im Kontext eines politischen Kampfes um die Befreiung der Arbeiterklasse Ansatzpunkt und Möglichkeit von Menschenbildung sein. Berufsbildung kann &#8211; als Konsequenz dieses dialektischen Ansatzes für den Arbeitsbegriff &#8211; damit nur als <em>politische</em> Bildung gefaßt werden, die primär auf Aufhebung der entfremdenden Arbeitsbedingungen ausgerichtet ist. Arbeit wird begriffen als<em> Anlaß</em> für eine Bildung, die auf politisches Bewußtsein zielt.</p>
<p>Marx stellt sich damit gewissermaßen in die Tradition der Aufklärung, er gibt dem in die Richtung der unverbindlichen Zielsetzung einer &#8220;entfalteten Persönlichkeit&#8221; entrückten Bildungsbegriff wieder seinen gesellschaftlichen Bezug zurück. Bildung soll Motor sein für gesellschaftliche Entwicklung, ihr kritisches Potential soll sie aus der vernünftigen Reflexion der vorfindbaren (Arbeits-)Bedingungen schöpfen. Eine so verstandene (Berufs-)Bildung hat allerdings mit der Ideologie des wertfreien Arbeitsbegriffs gebrochen, bestreitet, daß Arbeiten, unabhängig von den politisch-ökonomischen Bedingungen, unter denen die Arbeitsleistung zu erbringen ist, das Menschliche am Menschen zur Entfaltung bringt, und stellt damit die ideologische Grundlage der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft radikal in Frage. Für die wissenschaftliche Pädagogik, die &#8211; wie skizziert &#8211; gegenüber dieser Gesellschaft in der Zwischenzeit ja einen immanent systemstabilisierenden Charakter angenommen hatte, konnte eine solche Wendung des Bildungsbegriffs (noch dazu aus dem &#8220;außerpädagogischen&#8221; Raum kommend) nur außerhalb ihres Horizonts bleiben. Die pädagogische Dimension der Marxschen Theorie wurde dementsprechend auch jahrzehntelang völlig ignoriert und erst in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts einer Reflexion durch die wissenschaftliche Pädagogik unterzogen.<a name="41" href="#a41">41</a></p>
<p>Zwar läßt sich für die Pädagogik insgesamt somit nur feststellen, daß die pädagogische Relevanz der Theorie der Arbeiterbewegung lange Zeit nicht erkannt wurde, für die Anhänger der &#8220;Theorie der Bildung durch den Beruf&#8221; muß allerdings durchaus mehr als eine bloße &#8220;Beschäftigungsabstinenz&#8221; gegenüber dem sozialistischen Theoriegebäude postuliert werden. Die Vorstellung, daß berufliche Ausbildung ein gangbarer &#8211; beziehungsweise sogar der optimale &#8211; Weg zur Bildung ist, steht in einem spezifischen gesellschaftlichen Kontext, sie wurde &#8220;im historischen Gleichschritt mit gesellschaftlichen Interessensgegensätzen&#8221;<a name="42" href="#a42">42</a> entwickelt und kann sicher nicht ohne Berücksichtigung ihrer politischen Funktion gesehen werden. Mit der Vorstellung vom &#8220;Beruf als Ordnungsmacht&#8221; spielten die Berufspädagogen der ersten Stunde &#8211; ob bewußt oder unbewußt &#8211; jedenfalls massiv den Unternehmerinteressen in die Hände. Unübersehbar ist, daß die Vermittlung fachlicher Qualifikationen immer nur eine Seite der beruflichen Bildung war, von Anfang an intendierte sie auch <em>politische</em> Erziehung, jedoch nicht im Marxschen aufklärerischen Sinne, sondern eine solche, &#8220;mit der Arbeitende dazu gebracht werden sollten, allgemeine Ordnungsgebote zu respektieren und im Betrieb möglichst selbstlos zu dienen.&#8221;<a name="43" href="#a43">43</a></p>
<p>Dementsprechend finden sich in der schon erwähnten Preisschrift von Kerschensteiner nicht zufällig neben Textstellen, wo er die &#8220;Bedeutung des Werts wahrhafter Arbeit für die staatsbürgerliche Erziehung der großen Massen des Volkes herausstreicht, auch mehrere Passagen, in denen er gegen die &#8220;Irrlehren der Sozialdemokratie&#8221;<a name="44" href="#a44">44</a> wettert und eine in seinem Sinne verstandene Berufsbildung als einen Weg propagiert, um die Arbeiterjugend von diesen &#8220;Irrlehren&#8221; fernzuhalten. Er beweist mit solchen Aussagen seine Linientreue gegenüber dem zu diesem Zeitpunkt noch vollständig von bürgerlichen Kräften gesteuerten Staat. Nur allzu deutlich hatte ja auch hinter der von der königlichen Akademie gestellten Aufgabe die Frage durchgeschimmert, wie Schule und Unterricht in den Kampf gegen die Sozialdemokratie einzubinden seien. Etwa im Sinn des 1889 durch Kaiser Wilhelm II. in Deutschland herausgegebenen Erlasses, wonach die Schule bestrebt zu sein habe, &#8220;schon der Jugend die Überzeugung zu verschaffen, daß die Lehren der Sozialdemokraten nicht nur den göttlichen Geboten und der christlichen Sittenlehre widersprechen, sondern in Wirklichkeit unausführbar sind&#8221;.<a name="45" href="#a45">45</a></p>
<p>Es ist aber wahrscheinlich auch nicht nur mit opportunistischen Gründen erklärbar, daß Kerschensteiner diese Passagen bei den späteren Neuauflagen seiner Schrift nach 1909 wieder ausgemerzt hat. Die polemische Abgrenzung war offenbar kaum mehr notwendig, die Arbeiterbewegung hatte schon begonnen, die Ideologie der von politisch-ökonomischen Bedingungen losgelösten Idealisierung der Arbeit zu integrieren. Das geknechtete Proletariat war daran gegangen, seine Not zu einer Tugend umzufunktionieren und damit der bürgerlichen Arbeitsideologie zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen. Sie hat &#8211; in einer beispiellosen Überhöhung der Ideologie ihrer Unterdrücker &#8211; den geknechteten und unterdrückten Arbeiter zum Heroen der Geschichte und die entfremdete Arbeit zum Hohelied des Industriezeitalters umgedeutet. Die geradezu kultische Überhöhung der Arbeit zeigt sich wohl am deutlichsten an den Plakaten und Motivbildern und in den Schriften der damaligen Gewerkschaftsbewegung und der sozialdemokratischen Parteien, die eine geradezu frappante Ähnlichkeit mit Heiligenbildern aufweisen. Sie können nur als Kultbilder zur &#8220;Verehrung&#8221; der Arbeit interpretiert werden und sollten offensichtlich dazu dienen, tief verwurzelte Erlösungswünsche der Menschen auf die Arbeit zu projizieren. Ganz in diesem Sinn konnte es schon vorkommen, daß in einschlägigen Texten die &#8220;Arbeit&#8221; tatsächlich zum &#8220;Heiland der neuen Zeit&#8221; hochstilisiert wurde und erwartet wurde, daß sie &#8220;vollbringen kann, was kein Erlöser vollbracht hat&#8221;<a name="46" href="#a46">46</a>.</p>
<p>Wieweit die Mystifikation der Arbeit &#8211; trotz der Kritik an den Bedingungen der &#8220;Klassengesellschaft, in der den Arbeitern das Produkt ihrer Arbeitsverausgabung durch die Besitzer der Produktionsmittel vorenthalten wird&#8221; &#8211; in den Schriften der damaligen Arbeiterbewegung ging, soll ein Textbeispiel aus einem diesbezüglichen, 1905 erschienenen Buch zeigen. Das Werk, das von einer der großen und bedeutenden sozialdemokratischen Teilorganisationen Deutschlands, dem &#8220;Zentralverband der Maurer Deutschlands&#8221;, herausgegeben wurde, sollte, wie es im Vorwort heißt, &#8220;die Belehrung und Aufklärung der Verbandsmitglieder&#8221; fördern und gegen eine &#8220;den Geist verderbenden, das selbständige, freie Denken verhindernde Dressur im Interesse der privilegierten Selbstsucht&#8221; zu Felde ziehen. Unter der Überschrift &#8220;Arbeit und Ethik&#8221; wird ausgeführt: &#8220;Die Arbeit adelt den Menschen, wie sie die unversiegbare Quelle des Menschtums, der Humanität im besten und reinsten Sinne des Wortes überhaupt ist. Der Menschheit Würde und Menschheit Los ist bei ihr, offenbart und gestaltet sich nur durch sie. Schon auf den untersten primitivsten Stufen tritt ihr veredelnder Einfluß hervor, sie entwickelt alle natürlichen Anlagen des Menschen, stählt und diszipliniert seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten, weist dem Denken bestimmte Richtungen an und weckt und fördert bestimmte Begriffe, die man als &#8220;sittliche&#8221; und &#8220;ethische&#8221; bezeichnet und als Norm des menschlichen Handelns erklärt.&#8221; Und auf dieser euphorische Bewertung der Arbeit aufbauend wird gefordert: &#8220;Es muß mit den wirtschaftlichen Einrichtungen dem Selbstzweck der Arbeit, nämlich der Erhaltung, Veredelung und Verschönerung des menschlichen Daseins, Genüge geleistet werden; es muß praktische Geltung haben die unanfechtbare Wahrheit, daß Arbeit des Menschen höchste und heiligste Pflicht, eine vernünftigerweise und gerechtermaßen unabweisbare Selbst- und Nächstenpflicht ist [...]. Die Arbeit soll geachtet sein, als Quelle aller Kultur, als die Mutter der Humanität, als die Seele des Staats- und Gesellschaftskörpers, als Inbegriff der natürlichen Bestimmung des Menschen und als schönster Ausdruck seiner Würde.&#8221;<a name="47" href="#a47">47</a></p>
<p>Die Arbeiterbewegung übernahm zunehmend die von Max Weber als begründende Ideologie der bürgerlichen Moderne charakterisierte &#8220;Auffassung der Arbeit als Selbstzweck, als &#8220;Beruf&#8221;, wie sie der Kapitalismus fordert&#8221;.<a name="48" href="#a48">48</a> Die von Marx am Begriff der Entfremdung gebrochene Bewertung der Arbeit rückte zunehmend in den Hintergrund; der befreiende Wert der Arbeit &#8220;aus sich selbst&#8221; erhielt dagegen immer mehr an Bedeutung. Im Gothaer Programm der zur &#8220;Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands&#8221; verschmolzenen großen deutschen politischen Arbeitervereinigungen wurde schon 1875 die Arbeit euphorisch nicht nur zur &#8220;Quelle allen Reichtums&#8221;, sondern auch gleich zur &#8220;Quelle aller Kultur&#8221; erklärt &#8211; eine Formulierung, die sich ja auch im oben zitierten Text wiederfindet. Und wenn sich auch Marx selbst in seiner &#8220;Kritik des Gothaer Programms&#8221; von den an die Arbeit geknüpften Heilserwartungen deutlich absetzt, so geht die Vorstellung von der &#8220;Erlösung der Menschheit durch Arbeit&#8221; doch im wesentlichen auf ihn zurück. Sein paradoxes Postulat lautete ja: Befreiung von der Arbeit<em> durch </em>Arbeit. Im Gegensatz zur bisherigen Geschichte der Menschheit, wo die Freiheit von Wenigen immer nur durch die Arbeit von Vielen möglich gewesen war, vermeinte er in der Industrialisierung jene historische Situation zu erkennen, wo die Möglichkeit besteht, durch die endgültige Entfesselung der Arbeit &#8211; dadurch, daß sie zur vollen Höhe ihrer Möglichkeiten getrieben wird, sie also quasi &#8220;totalisiert&#8221; wird &#8211; die Arbeitsnotwendigkeit des Menschengeschlechts insgesamt ein für allemal aufzuheben. Marx siedelt wahre &#8221; Freiheit&#8221; damit zwar jenseits der Arbeitsnotwendigkeit an, sieht allerdings im Weg der Arbeit den einzigen gangbaren Weg zum &#8220;Reich der Freiheit&#8221;.</p>
<p>Auf dem Hintergrund dieser Vorstellung war es möglich, auch die unter entwürdigendsten Umständen zu erbringende Arbeit in der industriellen Frühphase im Sinne einer für die Menschheit insgesamt positiven Entwicklung zu interpretieren. Damit ergab sich für die Arbeiterbewegung zwar das politische Ziel, die ungerechtfertigten Nutznießer der Arbeitsverausgabung der Massen, die Eigentümer der Produktionsmittel, zu entmachten und der Arbeiterschaft den gerechten Anteil ihrer Arbeitsleistung zukommen zu lassen, aber nicht, die Verzweckung des Menschen unter die Arbeit anzuzweifeln. Denn die Befreiung des Menschen von der Notwendigkeit des Arbeitens stellt sich in diesem Sinn nicht primär als eine politische Aufgabe, sondern ist als Effekt der historischen Entwicklung zu erwarten. Die zunehmende Verwissenschaftlichung von Produktion und Arbeit &#8211; möglich durch die Verbreiterung des gesellschaftlich verfügbaren Wissens &#8211; sowie die damit mögliche endgültige Entwicklung des Maschinensystems wurden als der Schlüssel angesehen für eine unermeßliche Steigerung der Produktivität der menschlichen Arbeitskraft und eine damit mögliche sukzessive Entlastung des Menschen von der Arbeit. Nicht die Arbeit als historisches Faktum gilt es zu relativieren, sondern die Tatsache, daß den Arbeitern ein Teil des von ihnen erarbeiteten Mehrwerts von den Unternehmern vorenthalten wird. Dementsprechend wenig unterschieden sich in der positiven Bewertung der Arbeit auch die (ja erst vor kurzem weitgehend von der politischen Landschaft verschwundenen) &#8220;realsozialistischen&#8221; Gesellschaftsformationen von denen des kapitalistischen Westens.<a name="49" href="#a49">49</a> Die Notwendigkeit des Kampfes um Arbeitszeitverkürzungen erklärt sich im Gefolge der Vorstellung eines &#8220;Arbeitens um der Überwindung der Arbeit willen&#8221; bloß daraus, daß die sich aus dem Produktivitätsfortschritt ergebende Erhöhung des erarbeiteten Mehrwerts sonst zur Gänze vom Kapital (also den Unternehmern) beansprucht werden würde.</p>
<p>Was durch diese Idee jedoch legitimiert wurde, war die Entfesselung der Produktivkräfte, also die radikale Beförderung des technologischen Fortschritts. Die technische Entwicklungsdynamik avancierte im allgemeinen Bewußtsein zunehmend zur Voraussetzung für die Entfaltungsmöglichkeiten der Individuen.<a name="50" href="#a50">50</a> Der Begriff &#8220;Fortschritt&#8221; mutiert in diesem Sinn im &#8220;sozialdemokratischen Jahrhundert&#8221; zur aktuellen Vermittlungsgröße des Arbeitsethos. Damit verbunden war aber auch ein gewaltiger Bedeutungszuwachs der technisch-ökonomischen Rationalität &#8211; die Frage nach einem transzendenten Sinn gesellschaftlichen Handelns tritt weit in den Hintergrund, als sinnvoll gilt, was dem (technologischen) Fortschritt dient und die Leistungsfähigkeit der industriellen Megamaschine steigert. Diesem Fortschritt hat sich auch Bildung unterzuordnen, das durch Bildung vermittelte Arbeitsethos zielt auf Leistungssteigerung, gefragt ist die an technisch-ökonomischem Wachstum orientierte Intelligenz. Nicht mehr die bloße Verwertung des Leistungspotentials der vorhandenen menschlichen Arbeitskräfte gilt als die wesentliche Grundlage des gesamtgesellschaftlichen Reichtums, sondern die gezielte Verbreiterung des gesellschaftlich verfügbaren Wissens, die Aktivierung der &#8220;Produktivkraft&#8221; Mensch zur maximalen Steigerung der Produktivität.</p>
<p>Die unter dem Namen &#8220;wissenschaftliche Betriebsführung&#8221; und &#8220;Wirtschaftspädagogik&#8221; ab den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts auftretenden neuen industriepädagogischen Strömungen konnten neben ihrer Anbindung an die &#8220;Berufsbildungstheorie&#8221; auf dieser positiven Wendung in der Bewertung des industriellen Fortschritts aufbauen. Sie waren eindeutig an technisch-ökonomischem Denken und Handeln orientiert, und ihre Vorschläge bezüglich einer Humanisierung der Arbeitsplätze und einer Neugestaltung der Arbeitsorganisation lassen sich klar dem Ziel einer Steigerung der Leistungsbereitschaft der Industriearbeiter zuordnen. &#8220;Die Festigung der &#8220;Betriebsgemeinschaft&#8221; wird für sie zur entscheidenden Voraussetzung einer Stabilisierung des Produktionssystems &#8211; durchaus eine neofeudalistische Variante der kleinbetrieblich-ständischen Meisterlehre -, die sich nicht nur auf die stärkere Verinnerlichung des Leistungsbewußtseins und des verbreiteten Fortschrittsglaubens stützen kann, sondern auch auf die Forderung nach absoluter Loyalität der Beschäftigten gegenüber einer Betriebsleitung, die sich &#8211; mit welchem Recht auch immer &#8211; vor allem als sachverständig und primär dem Gemeinwohl verpflichtet darzustellen versucht.&#8221;<a name="51" href="#a51">51</a> Arbeit und Bildung sind in diesem Gedankengebäude denselben betriebswirtschaftlichen Kalkülen untergeordnet &#8211; der Imperialismus der fortschrittsorientierten Wirtschaftsordnung fungiert als Legitimation der Gleichsetzung von Arbeitserziehung und Menschenbildung.</p>
<p>Dem gesellschaftlichen Konsens der Idealisierung des &#8220;Fortschritts&#8221; entsprechend, erreichte &#8220;Arbeit&#8221; im Verlauf der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts dann schließlich ihre heutige, umfassende und von allen gesellschaftlichen Gruppierungen mitgetragene Wertschätzung. Diese <em>arbeitsgesellschaftliche</em> Grundlage wurde zum Kriterium, um in den Kreis jener Gesellschaften aufzurücken, die sich gegenseitig das Etikett &#8220;zivilisiert&#8221; verleihen. Der Mythos &#8220;Fortschritt&#8221; stellt auch heute noch die Legitimationsgrundlage für eine, entsprechend den jeweiligen Verwertungsbedingungen zwar modifizierte, aber grundsätzlich immer weiter voranschreitende, <em>Verausgabung von Arbeitskraft, losgelöst von konkreten subjektiv-sinnlichen Bedürfnissen, </em>dar. Die Perspektive eines sich über die Arbeit verwirklichenden Fortschreitens in die Richtung einer <em>zukünftigen arbeitsfreien Gesellschaft</em> gilt allerdings längst als obsolet und ist heute abgelöst vom &#8220;<em>Zwang</em> zum wirtschaftlichen Wachstum&#8221;. &#8220;Fortschritt&#8221; &#8211; zunehmend nur mehr verstanden als die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen eines Wirtschaftsraumes &#8211; entpuppte sich unter den ökonomischen Sachgesetzlichkeiten des Kapitalismus als untrennbar verknüpft mit permanentem Wirtschaftswachstum &#8211; eine Tatsache, die den ideologischen Rechtfertigungszwang bezüglich der Arbeitsnotwendigkeit schließlich gänzlich zum Verschwinden brachte. Kein Glaube an eine von Gott gestellte Aufgabe, nicht der Wunsch, der Gemeinschaft dienen zu wollen, und auch nicht die Vision eines &#8220;Reichs der Freiheit jenseits der Arbeitsnotwendigkeit&#8221; sind heute erforderlich, um die Menschen zur Arbeitsverausgabung zu motivieren. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und damit auch der Partizipationsmöglichkeit am gesellschaftlichen Reichtum ist Triebkraft genug &#8211; gearbeitet wird heute, um morgen überhaupt noch einen Arbeitsplatz zu haben.</p>
<p>Denn die wachstumsabhängige kapitalistische Wirtschaft stößt zunehmend an ihre Grenzen; allenthalben wird heute eine &#8220;Krise der Arbeitsgesellschaft&#8221; konstatiert. Und es handelt sich dabei nicht nur um eine der auch schon bisher periodisch aufgetretenen ökonomischen Krisen als Folge von Konjunkturschwankungen &#8211; die kapitalistische Produktionsweise selbst in ihrer Struktur und ihren grundsätzlichen Zusammenhängen scheint heute in Frage gestellt. Gemeint ist damit, daß jenes etwa vier Jahrzehnte lang relativ gut funktionierende Zusammenspiel von Massenproduktion, Massenbeschäftigung, wachsendem Massenwohlstand und permanent steigenden Profitraten zunehmend außer Tritt gerät und es dadurch zu einem zwar periodisch immer wieder unterbrochenen, aber insgesamt kontinuierlichem Ansteigen der Arbeitslosigkeit in allen Industriestaaten kommt. Das völlig Neue dabei ist, daß das bisherige Generalrezept für kapitalistische Krisen &#8211; das Ankurbeln der Wachstumsspirale &#8211; nur mehr vorübergehend und nur in Teilbereichen des wirtschaftlichen Geschehens greift<a name="52" href="#a52">52</a> sowie, daß heute kaum mehr darüber hinweg gesehen werden kann, daß dieses Lösungsmuster nur eine noch viel ausweglosere, global-ökologische Krise beschleunigt.</p>
<p>Die wachstumsfixierte Faszination gegenüber dem &#8220;Fortschritt&#8221;, mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft ein Immer-Mehr an Waren produzieren zu können, hatte nämlich dazu geführt, daß etwas ganz Wesentliches übersehen worden war: Der Produktivitätsgewinn bezogen auf die Anzahl der Arbeitskräfte beruht nicht auf einer &#8220;unschuldigen&#8221;, immer weiter fortschreitenden &#8220;wissenschaftlichen Durchdringung der Arbeitsprozesse&#8221;, sondern ist vom Handwerker bis zum Arbeiter der Automatisierungsgeneration nur möglich gewesen durch einen zunehmenden Raubbau an der Natur und das Unterlaufen ökologischer Gleichgewichte. Der Einsatz künstlich erzeugter Energie, der weit über der Recyclingrate der Natur liegende Verbrauch von Rohstoffen und die Überlastung der Natur mit Zivilisationsabfall waren es, womit der einer ökonomischen Rationalität verpflichtete wissenschaftliche Geist die sprunghafte Produktivitätssteigerung der Industriegesellschaft vorangetrieben hatte. Bei den fortschrittsorientierten Arbeitstheorien war der <em>Zerstörungsfaktor von Arbeit</em>, im Sinne eines schlichten &#8220;Aufbrauchens von Umwelt&#8221;, völlig ausgeblendet worden. Walter Benjamin bemerkte diesbezüglich in seinen geschichtsphilosophischen Thesen pointiert: &#8220;Zu den korrumpierten Begriffen der Arbeit gehört als sein Komplement die Natur, welche [...] &#8220;gratis da ist&#8221;"<a name="53" href="#a53">53</a>.</p>
<p>Trotzdem wir, geblendet vor Stolz, kaum erkennen wollen, daß der uns umgebende (bei weitem nicht einmal gleichmäßig verteilte!) Wohlstand keineswegs nur unserem Arbeitsfleiß geschuldet ist, bleibt es uns heute nicht erspart, ängstlich auf die Rechnung für &#8220;durch Arbeit&#8221; von uns selbst weitgehend zerstörten natürlichen Lebensgrundlagen zu warten. Und selbst wenn in einer &#8220;Heut&#8217;-ist-heut&#8217;-Mentalität&#8221; versucht wird, die Erkenntnis der ökologischen Folgen der Arbeitsgesellschaft zur Seite zu schieben, bleiben die sozialen Folgen einer Gesellschaft unübersehbar, in der das gesellschaftsadäquate Überleben des einzelnen an einen Lohn-Arbeitsplatz gekoppelt ist. Daß das traditionelle, auch von der Arbeiterbewegung idealisierte Rezept, durch Wirtschaftswachstum die Sicherheit von Arbeitsplätzen zu garantieren, längst nicht mehr greift, zeigt heute ja bereits ein einfacher Vergleich der Wirtschaftswachstumstrends mit der Entwicklung der Arbeitslosenzahlen. Unübersehbar ist der zweifache Druck, unter dem die auf der Arbeitsideologie aufgebaute bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft heute steht. Dennoch wird erstaunlicherweise bei nahezu allen Versuchen, die gegenwärtige &#8220;Strukturkrise&#8221; auch nur theoretisch in den Griff zu bekommen, kaum über den Anteil der geradezu mythologischen Überhöhung von Arbeit und Leistung am gesellschaftlichen Status quo nachgedacht. Eine tiefe Angst scheint die Menschen daran zu hindern, die Wurzeln der gegenwärtigen Krise endlich genau auf jener Ebene zu suchen, auf der alle bisherigen Gesellschaftssysteme der Moderne angesiedelt waren &#8211; <em>in der Selbstzwecksetzung der menschlichen Arbeit</em>.</p>
<p>Wie dargestellt, war die Pädagogik mehr als nur am Rande an der Installierung der arbeitsethischen Grundlagen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft beteiligt. Ihre Geschichte stellt sich über weite Strecken als ident mit der sukzessiven Durchdringung der Gesellschaft mit dem Geist der Arbeit dar, einer Arbeit, die   uns heute schon allein &#8220;durch ihre überragende Nützlichkeit und die Sinnfälligkeit ihrer Funktionalität&#8221;<a name="54" href="#a54">54</a> rechtfertigungsfähig erscheint. Nur über den Zwischenschritt einer pädagogischen Anthropologie, die mit der Behauptung, daß der Mensch sich über Arbeit verwirklicht, die Frage nach einer übergeordneten Begründung menschlichen Tuns weitgehend exekutiert hatte, war es möglich, daß die Arbeit eine so zentrale Stellung in der menschlichen Existenz einnehmen konnte. Wenn aber das gängige pädagogische Menschenbild Arbeit schlechthin als jene Größe definiert, durch die verwirklicht wird, worauf das pädagogische Geschäft &#8211; die Bildung &#8211; abzielt, dann kann die <em>Pädagogik</em> ohne Übertreibung als <em>der klammheimliche Förderer des gesellschaftlichen Arbeitsethos</em> bezeichnet werden; Arbeit und Bildung sind dann nur mehr zwei Erscheinungsformen desselben gesellschaftlichen Phänomens. Ganz in diesem Sinn stellt sich Arbeit und Bildung in der heutigen gesellschaftlichen Situation auch weitgehend ident dar. Einerseits erscheint die zur Qualifikation reduzierte Bildung als die Voraussetzung, um in Arbeitsprozesse eingebunden zu werden, und andererseits wird de facto allgemein davon ausgegangen, daß sich der Mensch primär über Arbeit bestimmt und daß Arbeit damit den Weg zu seiner Selbstentfaltung &#8211; dem pädagogischen Ziel der &#8220;entfalteten Persönlichkeit&#8221; &#8211; darstellt<a name="55" href="#a55">55</a>.</p>
<p>Heute, wo Arbeitslosigkeit in den Industriestaaten immer mehr zu einem bestimmenden Phänomen der Gesellschaft wird und die Ideen für das Schaffen neuer Arbeitsplätze zunehmend an strukturellen Grenzen scheitern, könnte sich &#8211; als logischer gesellschaftlicher Stabilisierungseffekt &#8211; bald das Phänomen ergeben, daß Arbeit &#8211; in dem über die letzten zweihundert Jahre gewachsenen Verständnis von &#8220;Lohn-Arbeit&#8221; &#8211; wieder eine ideologische Relativierung erfährt. Ein zunehmendes Infragestellen der parallel mit dem Heranwachsen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft installierten Wertorientierung an der Arbeit könnte die Folge sein. Wolfgang Müller hat in einem Referat am 9. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft darauf hingewiesen, daß es bei zunehmender Arbeitslosigkeit schnell darum geht, die Bedeutung des Arbeitsplatzverlustes für diejenigen herunterzuspielen, die ihren Arbeitsplatz schon verloren haben oder diesbezüglich gefährdet sind. Für ihn zeigt sich diese Entwicklung derzeit schon am vermehrten Auftauchen der &#8220;beruhigenden Rede&#8221;, daß Menschen ja auch ohne dauerhafte und gesicherte Berufsarbeit leben könnten und &#8220;vielleicht sogar besser als ihre berufstätigen Leidgenossen, die durch abhängige Arbeit, Lohnarbeit, entfremdete Arbeit an der Ausbildung ihrer genuin menschlichen Kapazitäten ohnedies gehindert würden&#8221;<a name="56" href="#a56">56</a> sowie daß es für jene, die keinen Lohnarbeitsplatz bekommen, ja sowieso im sozialen Sektor genügend sinnvolles zu &#8220;arbeiten&#8221;<a name="57" href="#a57">57</a> gebe.</p>
<p>Solange eine solche &#8220;Erkenntnis&#8221; nicht begleitet ist von einer grundsätzlichen kritischen Auseinandersetzung mit den strukturellen Bedingungen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung, kann sie nur als zynisch bezeichnet werden. Die Selbstzwecksetzung der Arbeit ist im Rahmen unserer Gesellschaft weder ein marginales noch ein temporäres Phänomen, sondern das begründende Faktum und untrennbar mit dem (Weiter-)Bestand der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verbunden. Den Wert der Arbeit als Medium menschlicher Sinnstiftung herunterzuspielen und davon zu schwärmen, daß ein &#8220;erfülltes Leben&#8221; auch jenseits von (Lohn-)Arbeit möglich ist, ohne gleichzeitig die Tatsache zu thematisieren, daß Arbeit gegen Entgelt für nahezu alle Gesellschaftsmitglieder derzeit die einzige Möglichkeit ist, um überhaupt adäquat <em>über-</em>leben zu können, spiegelt den Versuch wider, das gegenwärtige System, möglichst unangetastet von Sockelarbeitslosigkeit und sozialstaatlichem Abbau, in die Zukunft zu retten. Bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft und Arbeitsgesellschaft sind Synonyme für denselben gesellschaftlichen Status quo, und das bürgerliche Individuum hat nicht die Möglichkeit, auf die Vorteile einer Mitgliedschaft in dieser Gesellschaft zu rekurrieren und sich dennoch für oder gegen seine Selbstdefinition über Arbeit zu entscheiden.</p>
<p>Pädagogik im allgemeinen und die Berufspädagogik im besonderen ist, wie in den weiteren Kapiteln der gegenständlichen Arbeit dargestellt wird, in höchstem Maße in die derzeitigen Krisenstrategien der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft eingebunden. Eine fortgesetzte und immer herrischer sich gebärdende <em>Verberuflichung aller Bildung</em>, sogenannte &#8220;neue Methoden&#8221; der (beruflichen) Bildung, die ein besseres Funktionieren der Ausgebildeten unter den um sich greifenden neuen arbeitsorganisatorischen Strukturen versprechen, wie beispielsweise &#8220;Projektausbildung&#8221;, &#8220;Lernstatt&#8221; oder &#8220;Leittextmethode&#8221;, die Ausrichtung des pädagogischen Handelns an berufsübergreifenden &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; oder einer <em>arbeitsbezogenen</em> &#8220;Handlungsorientierung&#8221; sind dementsprechende Indikatoren. Im Zusammenhang mit den angesprochenen Maßnahmen wird heute faktisch durchwegs auf eine Begründung anhand eigenständiger, <em>bildungsimmanenter</em> Ziele verzichtet; die neuen Ausbildungskonzepte werden in der Regel nur aus der Notwendigkeit hergeleitet, (zukünftigen) ArbeitnehmerInnen neue, sich aus den veränderten Bedingungen der Berufs- und Arbeitswelt ergebende &#8211; also im Sinne ihrer ökonomischen Verwertung notwendige &#8211; <em>Qualifikationen</em> vermitteln zu müssen. Die Legitimation für neue Ausbildungsmaßnahmen wird eindimensional aus dem von der Wirtschaft formulierten Bedarf nach &#8220;verwertbarem Humankapital&#8221; sowie dem &#8220;Verwertungszwang&#8221; der Auszubildenden abgeleitet.</p>
<p>Pädagogen, die sich eine kritische Distanz gegenüber der Tatsache bewahrt haben, daß Bildung heute immer offenkundiger zur Qualifikation reduziert wird, versuchen oft in verzweifeltem Trotz, den auf Muße gegründeten neuhumanistischen Bildungsbegriff zu reanimieren. Das ist jedoch sicher zu wenig, um der die heutige pädagogische Theorie immanent prägenden Vorstellung von der &#8220;Bildung durch Arbeit&#8221; wirklich etwas entgegenzustellen. Im Sinne des Vorhergesagten erscheint das nur Hand in Hand mit der Bereitschaft möglich, auch die in der Selbstzwecksetzung der Arbeit fundierte bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft in die kritische Analyse miteinzubeziehen. Ansonsten kommt die Pädagogik sehr schnell in das Fahrwasser, bloß die Rechtfertigungsideologie dafür zu liefern, daß die Arbeitsgesellschaft &#8211; nach einer nicht einmal ein halbes Jahrhundert dauernden Periode ihres diesbezüglich leidlichen Funktionierens &#8211; aufs neue zunehmend nicht in der Lage ist, das durch einen Lohnarbeitsplatz abgesicherte Überleben aller Gesellschaftsmitglieder zu gewährleisten. Um sich dergestalt von der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu emanzipieren, wäre es für die Pädagogik allerdings auch erforderlich, die enge Nähe von Bildungsbegriff und bürgerlichem Arbeitsethos zu reflektieren. Damit ist nicht bloß die de facto Durchsetzung der arbeitszentrierten gegenüber der mußezentrierten pädagogischen Anthropologie gemeint, sondern insbesonders auch die Tatsache der gemeinsamen Wurzeln von Bildungsbegriff und bürgerlichem Arbeitsethos.</p>
<p>Erst eine Pädagogik, die sich dieser Nähe zum bürgerlichen Arbeitsethos bewußt ist, kann sich von ihrer &#8220;geburtsständischen Anbindung&#8221; und ihren &#8220;familiären Verpflichtungen&#8221; gegenüber einer gesellschaftlichen Ordnung emanzipieren, die auf der Selbstzwecksetzung der Arbeit aufbaut. Nur durch ein solches selbstreflexives Quellenstudium läßt sich der &#8220;Zusammenhang zwischen Ökonomie und Bildungsideologie&#8221;<a name="58" href="#a58">58</a> aufdecken, und es kann möglich werden, daß sich mehr als bloß eine kritische Haltung gegenüber der Vorstellung, daß Arbeit bildet, entwickelt, sondern daß auch die Strukturen und die Folgen der arbeitszentrierten Gesellschaft selbst in den kritischen Fokus pädagogischer Theorie gelangen.</p>
<p><a name="a1" href="#1">1</a> Blumenberg, H. Zit. nach: Fischer, Der Mensch &#8211; animal laborans? Philosophische und pädagogische Rückfragen zur neuzeitlichen Karriere der &#8220;Arbeit&#8221;. In: Fischer: Unterwegs zu einer skeptisch-transzendentalkritischen Pädagogik. Sankt Augustin 1989, S. 183.</p>
<p><a name="a2" href="#2">2</a> Ebda., S. 186.</p>
<p><a name="a3" href="#3">3</a> Ebda,, S. 186.</p>
<p><a name="a4" href="#4">4</a> Ebda., S. 186.</p>
<p><a name="a5" href="#5">5</a> Vgl. Erich Weniger, der die &#8220;Geburtsstunde der pädagogischen Theorie&#8221; sinngemäß in der &#8220;Loslösung des Menschen aus der ständischen Gebundenheit&#8221; ortet. Weniger, Zur Geistesgeschichte und Soziologie der Pädagogischen Fragestellung. In: Röhrs (Hg.), Erziehungswissenschaft und Erziehungswirklichkeit, 19672, S. 358.</p>
<p><a name="a6" href="#6">6</a> Vgl. Rutschky, Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Pädagogik. Frankfurt a.M./Berlin/Wien 1977, S. XXI.</p>
<p><a name="a7" href="#7">7</a> Ebda., S. XXIII.</p>
<p><a name="a8" href="#8">8</a> Ebda., S. XXIV.</p>
<p><a name="a9" href="#9">9</a> Der Bildungsbegriff wurde zwar verschiedentlich dafür verwendet, um &#8211; im Gegensatz zur Unterordnung des Menschen unter die Arbeitszucht durch Erziehung &#8211; die kritische Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten von Welt und Gesellschaft, die Emanzipation zu Freiheit und Eigengestaltung als primäres pädagogisches Ziel herauszustellen. Diese begriffliche Unterscheidung zwischen Erziehung und Bildung, die im wesentlichen auf den klassischen Bildungsbegriff von Humboldt Bezug nimmt, kann jedoch durchaus nicht als pädagogisch-begrifflicher Standard bezeichnet werden. Genauso wie die beiden Begriffe fallweise synonym verwendet wurden, gab es auch Phasen einer Betonung des einen oder anderen Begriffs, wobei der Bildungsbegriff durchaus nicht immer von der Orientierung am Arbeitsethos befreit war.</p>
<p><a name="a10" href="#10">10</a> Comenius, J.A.: Große Didaktik (1657), zit. nach Nahrstedt, W.: Arbeit &#8211; Muße &#8211; Mündigkeit. Perspektiven für eine &#8220;dualistische&#8221; Anthropologie zur Überwindung der &#8220;Krise&#8221;. In: Zeitschrift für Pädagogik, 19. Beiheft, Weinheim und Basel 1985, S. 115.</p>
<p><a name="a11" href="#11">11</a> Koneffke G./Heydorn H.J.: Pädagogik der Aufklärung. München 1973, S. 22.</p>
<p><a name="a12" href="#12">12</a> Ebda., S. 25.</p>
<p><a name="a13" href="#13">13</a> Villaume, Peter: Geschichte des Menschen. Leipzig 1788. Zit. nach: Heydorn, H.J.: Über den Widerspruch von Bildung und Herrschaft, Bildungstheoretische Schriften Bd. 2, Frankfurt a.M. 1979.</p>
<p><a name="a14" href="#14">14</a> Gamm, H.J.: Einführung in das Studium der Erziehungswissenschaft. München 1974, S. 149.</p>
<p><a name="a15" href="#15">15</a> Gruber, E.: Bildung zur Brauchbarkeit? Berufliche Bildung zwischen Anpassung und Emanzipation. München/Wien 1995, S. 122.</p>
<p><a name="a16" href="#16">16</a> Vgl. insbesonders: Blankertz, H.: Die Geschichte der Pädagogik. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Wetzlar 1982, S. 56ff., sowie Gruber, a.a.O., S. 161ff.</p>
<p><a name="a17" href="#17">17</a> Campe, J.H.: Robinson der Jüngere. Ein Lesebuch für Kinder, 1. und 2. Teil, Dortmund 1978 (1860), S. 202.</p>
<p><a name="a18" href="#18">18</a> Zit. nach Asholt, W./Fähnders, W. (Hg.): Arbeit und Müßiggang 1789-1914. Dokumente und Analysen. Frankfurt a.M. 1991, S. 10.</p>
<p><a name="a19" href="#19">19</a> Wilhelm, Th.: Das Arbeitsethos der Gegenwart im Lichte der deutschen Bildungsüberlieferung. In: Straatmann/Bartel (Hg.): Berufspädagogik. Ansätze zu ihrer Grundlegung und Differenzierung. Köln 1975, S. 97.</p>
<p><a name="a20" href="#20">20</a> Gamm 1974, a.a.O., S. 145.</p>
<p><a name="a21" href="#21">21</a> Nicht ohne Sarkasmus weist Dikau (unter Bezugnahme auf Blankertz) allerdings darauf hin, daß die Ablehnung des Neuhumanismus gegenüber der aufklärungspädagogischen Zielsetzung, einer &#8220;Erziehung zu Brauchbarkeit und Nützlichkeit&#8221;, ihren pointiertesten Exponenten, Wilhelm von Humboldt, allerdings nicht hinderte im &#8220;Litauischen Schulplan&#8221; zu formulieren, &#8220;daß &#8220;jede Beschäftigung&#8221; (also beispielsweise auch das Tischemachen) &#8220;den Menschen zu adeln&#8221; vermöge: &#8220;Nur auf die Art, wie sie betrieben wird, kommt es an&#8221;, und auf die Möglichkeit, damit humane Vollendung zu bewirken.&#8221; Dickau, J.: Zum Verhältnis von Arbeit und Bildung in historischer Perspektive. Referat auf dem 9. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft am 27. März 1984 in Kiel, Vortragsmanuskript, S. 14.</p>
<p><a name="a22" href="#22">22</a> Heydorn, a.a.O.</p>
<p><a name="a23" href="#23">23</a> Vgl. Asholt/Fähnders, a.a.O., S. 9f.</p>
<p><a name="a24" href="#24">24</a> Friedrich Schiller: &#8220;Das Lied von der Glocke&#8221;</p>
<p><a name="a25" href="#25">25</a> Nahrstedt, a.a.O., S. 115.</p>
<p><a name="a26" href="#26">26</a> Stütz, G.: Berufspädagogik unter ideologiekritischem Aspekt, Frankfurt a.M. 1970, S. 26.</p>
<p><a name="a27" href="#27">27</a> Insbesondere sind hier zu nennen G. Kerschensteiner, E. Spranger und A. Fischer. Nur Kerschensteiner nimmt allerdings die &#8220;radikale&#8221; Position ein, daß berufliche Arbeit &#8220;Voraussetzung und Einstieg&#8221; für Menschenbildung sei, Spranger sieht in der Berufsbildung eine notwendige &#8220;Durchgangsstufe&#8221;, und Fischer strebt eine &#8220;Synthese von Fachbildung und Allgemeinbildung&#8221; an. Vgl. Dickau, a.a.O., S. 35.</p>
<p><a name="a28" href="#28">28</a> Zit. nach Wehnes, Franz-Josef: Theorien der Bildung &#8211; Bildung als historisches und aktuelles Problem. In: Roth (Hg.): Pädagogik. Handbuch für Studium und Praxis. München 1991, S. 263/264.</p>
<p><a name="a29" href="#29">29</a> Vgl. insbesonders: Blankertz, H.: Der Begriff des Berufs in unserer Zeit. In: Arbeitslehre in der Hauptschule; hg. v. H. Blankertz. Essen 1967, S 75 ff., sowie Stütz, a.a.O.</p>
<p><a name="a30" href="#30">30</a> Blankertz, H.: Bildung im Zeitalter der großen Industrie. Pädagogik, Schule und Berufsbildung im 19. Jahrhundert, Hannover 1969, S. 139.</p>
<p><a name="a31" href="#31">31</a> Stütz, a.a.O., S. 31.</p>
<p><a name="a32" href="#32">32</a> Ebda., S. 32.</p>
<p><a name="a33" href="#33">33</a> Kerschensteiner, G.: Staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend. Erfurt 193110, S. 36.</p>
<p><a name="a34" href="#34">34</a> Hervorhebung E.R.</p>
<p><a name="a35" href="#35">35</a> Ebda., S. 34.</p>
<p><a name="a36" href="#36">36</a> Ebda., S. 39 und 40. Hervorhebung E.R.</p>
<p><a name="a37" href="#37">37</a> Blankertz, H.: Berufsbildung und Utilitarismus. Problemgeschichtliche Untersuchungen. Weinheim und München 1985, S. 114/115.</p>
<p><a name="a38" href="#38">38</a> Nahrstedt, a.a.O., S. 115.</p>
<p><a name="a39" href="#39">39</a> Vgl.: Wehnes, a.a.O., S. 262.</p>
<p><a name="a40" href="#40">40</a> Marx, K.: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Marx/Engels: Gesammelte Werke, Bd. 23. Berlin (Ost) 198817, S. 57.</p>
<p><a name="a41" href="#41">41</a> Vgl. dazu insbesondere: Groth, G.: Die pädagogische Dimension im Werk von Karl Marx. Neuwied/Darmstadt 1978, S. 5ff.</p>
<p><a name="a42" href="#42">42</a> Seubert, R: Berufserziehung und Politik, Ein Beitrag zur Geschichte eines aktuellen Konflikts. In: Lisop/Markert/Seubert: Berufs- und Wirtschaftspädagogik. Eine problemorientierte Einführung. Kronberg/Ts 1976, S. 69.</p>
<p><a name="a43" href="#43">43</a> Ebda., S. 65.</p>
<p><a name="a44" href="#44">44</a> Blankertz 1969, a.a.O., S. 208.</p>
<p><a name="a45" href="#45">45</a> Zit. nach Lisop I.: Die Berufs- und Wirtschaftspädagogik in Wissenschaft und Praxis. In: Lisop/Markert/Seubert. a.a.O., S. 14.</p>
<p><a name="a46" href="#46">46</a> Dietzgen, J.: Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit (1869) Zit. nach Klopfleisch, R.: Die Pflicht zur Faulheit. Düsseldorf/Wien/New York 1991, S. 29.</p>
<p><a name="a47" href="#47">47</a> Frohme. K.: Arbeit und Kultur. Eine Kombination naturwissenschaftlicher, kulturgeschichtlicher, volkswirtschaftlicher und sozialpolitischer Studien. Hamburg 1905, S. 81/82.</p>
<p><a name="a48" href="#48">48</a> Weber, M.: Die protestantische Ethik I. Eine Aufsatzsammlung. Hrsg. von Johannes Winckelmann. Gütersloh 19847.</p>
<p><a name="a49" href="#49">49</a> Robert Kurz, ein radikaler &#8220;Kritiker der letzten Stunde&#8221; am warenproduzierenden System der Moderne, faßt diesbzüglich zusammen: &#8220;Wenn Alexej Stachanow, jener Mensch, der in der Nacht zum 31. August 1935 im Donezbecken während einer Schicht von fünf Stunden und 45 Minuten 102 Tonnen Kohle gefördert haben soll, zum sowjetischen Vorbild und Arbeitsmythos geworden ist, so verkörpert er damit gerade das <em>kapitalistische</em> Prinzip abstrakter Arbeitskraftverausgabung, in dessen Bann Arbeit als tautologischer Selbstzweck gesetzt wird.&#8221; [...] &#8220;Daran ändert nichts, daß die Motivation der Menschen unter die Arbeitsmaschine von den Individuen auf den Staat und dessen nationalökonomische Metaziele übertragen wurde; die Abstraktion erscheint darin nur umso roher und rigider, weil noch nicht einmal mit dem bloßen Schein individueller Zwecksetzung versehen.&#8221; Kurz, R.: Der Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie. Frankfurt a.M. 1991, S. 12 und 14.</p>
<p><a name="a50" href="#50">50</a> Auch Marx hatte einen entwicklungsautomatischen Zusammenhang zwischen technischer Fortschrittsdynamik und individueller Selbstentfaltung schon in den &#8220;Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie&#8221; postuliert. Berlin (Ost) 1953, S. 592ff.</p>
<p><a name="a51" href="#51">51</a> Dickau, a.a.O., S. 16.</p>
<p><a name="a52" href="#52">52</a> Galt es bisher als ehernes Wirtschaftsgesetz, daß auf rezessionsbedingte Entlassungswellen im Zuge des nächsten Wirtschaftsaufschwungs stets auch wieder eine Erholung des Arbeitsmarkts folgt, tritt neuerdings in allen industrialisierten Ländern das Phänomen auf, daß auch gute Wirtschaftsdaten nicht in der entsprechenden Form auf den Arbeitsmarkt durchschlagen. Der derzeit stattfindende dramatische Strukturwandel beruht genau darauf, die Anzahl der Arbeitsplätze der durch den Technologieschub dramatisch gestiegenen und noch deutlich weiter steigerbaren Produktivität anzupassen. Selbst dort, wo neue Produktionen entstehen, wirken sich die Investitionen kaum im Sinne einer Vermehrung der Arbeitsplätze aus. Vgl.: &#8220;Wirtschaftswoche&#8221; Nr. 41/8. Okt. 1992.</p>
<p><a name="a53" href="#53">53</a> Benjamin, W.: Einbahnstraße (1928). Zit. nach Guggenberger, B.: Wenn uns die Arbeit ausgeht. Die aktuelle Diskussion um Arbeitszeitverkürzung, Einkommen und die Grenzen des Sozialstaats. München/Wien 1988, S. 41.</p>
<p><a name="a54" href="#54">54</a> Guggenberger, ebda.</p>
<p><a name="a55" href="#55">55</a> Überlegungen zu Erziehung Schule und Ausbildung sind in diesem Sinn &#8211; wie es der amerikanische Erfolgsautor Neil Postman in seinem jüngst erschienenen Buch ausdrückt &#8211; gegenwärtig auch nahezu ausschließlich beherrscht vom &#8220;Gott der ökonomischen Nützlichkeit&#8221;, <em>eines Gottes</em> &#8211; wie er ausführt &#8211; nach dessen Regeln<em> die Arbeit </em>den Menschen definiert<em>,</em> man also <em>ist</em>, was man<em> tut</em>. (Postman, N.: Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung. Berlin 1995) Weitgehend unhinterfragt gilt die unter den Prämissen von Wirtschaftswachstum, ökonomischem Konkurrenzkampf und quantitativ definiertem Fortschritt vorgenommene Orientierung pädagogischer Maßnahmen an der Bereitschaft zur Aneignung arbeitsmarktorientierter Qualifikationen als sakrosankter Wert. Der Verführung erlegen, Schlüsselfunktion für das Funktionieren der Arbeitsgesellschaft zu besitzen, ist die Pädagogik auf diese Art allerdings zu einem ohnmächtigen Anhängsel wirtschaftlichen Geschehens geworden. Zugleich damit wird die gegenwärtig kaum mehr kaschierbare &#8220;Krise der Arbeitsgesellschaft&#8221; auch zu einer <em>Krise der Pädagogik</em>. Sie soll leisten, was Politik längst nicht mehr zustandebringt. Indem sie sich eilfertig darum bemüht, Rezepte für eine <em>zukunftsträchtige</em> Heranbildung von Arbeitskräften zu liefern &#8211; von denen heute allerdings niemand weiß, ob sie morgen <em>überhaupt</em> noch gebraucht werden &#8211; wirkt sie mit am Aufrechterhalten des rational längst unhaltbaren <em>Mythos, daß es uns durch Arbeit gut geht und durch mehr Arbeit noch besser geht</em>.</p>
<p><a name="a56" href="#56">56</a> Müller, C. W.: Von meiner eigenen Verlegenheit. In: Zeitschrift für Pädagogik, 19. Beiheft, Weinheim und Basel 1985, S. 99.</p>
<p><a name="a57" href="#57">57</a> Diese Argumentation taucht häufig im Zusammenhang mit den sogenannten &#8220;Reproduktionsarbeiten&#8221; auf, die ja bis jetzt überwiegend von Frauen (Müttern, Ehefrauen, Töchtern, Schwiegertöchtern) &#8211; vielfach neben einem Lohnarbeitsverhältnis &#8211; unbezahlt erledigt werden. Bei einer solchen Ausweitung des Arbeitsbegriffs wird allerdings das zentrale Definitionsmerkmal von Arbeit im Rahmen unserer Gesellschaft, nämlich der Entfremdungscharakter, negiert. Da es einen Arbeitsbegriff &#8220;an sich&#8221; jedoch nicht gibt, sondern der Arbeitsbegriff nur einen Reflex auf die gegebene Gesellschaftsordnung darstellt, geht auf diese Art der Arbeitsbegriff schließlich überhaupt verloren, &#8220;die Grenzen zwischen Arbeit und Nichtarbeit, zwischen Arbeit, Tätigkeit und sogar Leben zerfließen, [der Arbeitsbegriff] und arbeitsbezogene Bildung gerät in den Sog postmoderner Beliebigkeit&#8221;. Vgl. Drechsel, R.: Einwände gegen eine Erweiterung des Arbeitsbegriffs aus bildungstheoretischer Sicht. In: Abschied von der Lohnarbeit. Diskussionsbeiträge zu einem erweiterten Arbeitsbegriff. Bremen 1990, S. 195f.</p>
<p><a name="a58" href="#58">58</a> Gamm 1974, a.a.O., S. 146.</p>
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		<title>Die Arbeit hoch? &#8212; Kapitel 2</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 1994 23:40:20 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Die Arbeit hoch?]]></category>
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		<description><![CDATA[Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus Inhaltsverzeichnis 2. Die Krise des Fordismus und das endgültige &#8220;Zur Ware Werden&#8221; der Bildung Wenn ein Hungernder stiehlt, brauche ich keine Psychologie. Ich benötige Psychologie, schließlich auch Massenpsychologie, um zu erklären, warum ein Hungernder nicht stiehlt, warum die Menschen an der unmittelbaren Wahrnehmung ihrer Interessen von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch">Inhaltsverzeichnis</a></p>
<h4>2. Die Krise des Fordismus und das endgültige &#8220;Zur Ware Werden&#8221; der Bildung</h4>
<blockquote><p><em>Wenn ein Hungernder stiehlt, brauche ich keine Psychologie. Ich benötige Psychologie, schließlich auch Massenpsychologie, um zu erklären, warum ein Hungernder nicht stiehlt, warum die Menschen an der unmittelbaren Wahrnehmung ihrer Interessen von unsichtbaren inneren Barrieren gehindert werden.</em> &#8212; Wilhelm Reich</p></blockquote>
<p>In den sozialwissenschaftlichen Analysen herrscht heute weitgehend Einigkeit darüber, daß sich jene &#8211; in der neueren diesbezüglichen Literatur pointiert als &#8220;Fordismus&#8221; bezeichnete<a name="1" href="#a1">1</a> &#8211; &#8220;ökonomisch-gesellschaftliche Formation&#8221;, die sich in den USA im Gefolge der Weltwirtschaftskrise ab den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts und in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat, in der Anfangsphase einer tiefgreifenden und grundsätzlichen Veränderung befindet. Dieser Veränderungsprozeß wirft zwar schon seit den siebziger Jahren deutliche Schatten voraus, aber erst seit Mitte der neunziger Jahre sind die Indikatoren des Wandels unübersehbar. Die gegenwärtigen Veränderungen politischer, ökonomischer und technischer Natur sind so umfassend, daß für die meisten Menschen der Sinn für Tempo, Ausmaß und vor allem Zusammenhang der verschiedenen Aspekte des Wandels kaum mehr herstellbar sind. Die fordistische Ausprägungsform der kapitalistischen Gesellschaft, die seit mehr als einem halben Jahrhundert das Leben und die Arbeitsbedingungen der Menschen in der industrialisierten Welt geprägt hat, scheint insgesamt am Ende ihrer geschichtlichen Epoche angelangt zu sein. Ihre tragenden Säulen, tayloristische Arbeitsorganisation, permanente Steigerung der Arbeitsproduktivität, Massenproduktion von Konsumgütern und immer rascherer Warenumlauf durch die Ankurbelung des Massenkonsums, beginnen heute rasant brüchig zu werden.</p>
<p><span id="more-2217"></span>Der Begriff &#8220;Fordismus&#8221;, der sich in der sozialwissenschaftlichen Literatur erst in den letzten Jahren als Bezeichnung für die von etwa 1920 bis 1980 dauernde Phase der modernen Warenproduktion eingebürgert hat, knüpft an historische Wurzeln an. Er verweist auf die zentrale Symbolfigur der modernen Industrieproduktion, den Automobilbauer Henry Ford. In der kurzen Spanne zwischen 1903 und 1926 war es diesem gelungen &#8211; auf der Basis eines für damalige Verhältnisse revolutionären Fertigungs- und Vermarktungskonzepts -, seinen vormals unbedeutenden Betrieb mit acht Beschäftigten zu einem Konzern, bestehend aus 88 Fabriken mit 600 000 Beschäftigten und einem Produktionsvolumen von zwei Millionen Automobilen pro Jahr, auszubauen. Nicht nur dieser wirtschaftliche Erfolg, auch die vergleichsweise hohen Löhne und der Achtstundentag in den Fordschen Fabriken sowie die &#8220;Demokratisierung&#8221; des Automobils durch den Verbilligungseffekt der Serienfertigung führten in der Folge sowohl bei Befürwortern als auch bei Kritikern der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsformation zu geradezu euphorischen Auseinandersetzungen mit dem &#8220;Fordismus&#8221;<a name="2" href="#a2">2</a>.</p>
<p>Die gegenwärtige Neuaufnahme des Begriffs &#8220;Fordismus&#8221; trägt der Tatsache Rechnung, &#8220;daß das in den Fordschen Fabriken realisierte produktionsorganisatorische Konzept mit dem sozialen und ökonomischen Umfeld, das es erforderte, im Kern die Struktur der Formation enthielt, die der Kapitalismus in den Jahrzehnten um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts weltweit ausgeprägt hatte&#8221;<a name="3" href="#a3">3</a>. Weit über den Automobilbau hinaus wurde mit dem fordistischen Konzept das Modell der laufenden Produktionserhöhung durch eine permanente Ankurbelung des Massenverbrauchs auch in Bereichen möglich, die bis dahin dem betriebswirtschaftlichen Verwertungskalkül kaum zugänglich waren. Die neuen Massenindustrien schufen damit die Grundlage für eine in der bisherigen Geschichte des Kapitalismus beispiellose Kapitalakkumulation sowie für ein neues &#8220;Gesellschaftsmodell&#8221;, das sich in tiefgreifenden Veränderungen der Lebensweise der Bevölkerungsmehrheit zum einen, im Sinne einer &#8220;Totalisierung der abstrakten Arbeit&#8221;, und zum anderen einem Massenwohlstand, in Form einer &#8220;kompensatorischen, standardisierten &#8220;Freizeitkultur&#8221;"<a name="4" href="#a4">4</a> artikulierte. Insgesamt dient der Begriff &#8220;Fordismus&#8221; somit als Synonym für die, auf dem Prinzip der Produktion von immer mehr Gütern durch die Vernutzung immer größerer Arbeitskraftmengen beruhende und etwa seit Beginn der achtziger Jahre zu Ende gehende Prosperitätsphase des Kapitalismus.</p>
<p>Derzeit stellen stagnierende Wachstumsraten sowie anhaltend hohe und vielfach noch steigende Arbeitslosenzahlen in fast allen OECD-Ländern die augenfälligsten Signale der Wirtschaftsentwicklung dar. Der fordistische Kapitalismus scheint just in der Epoche seines historischen &#8220;Sieges&#8221; über die &#8220;realsozialistische Konkurrenz&#8221; an seine immanenten Grenzen gestoßen zu sein. Zunehmend müssen wir heute zur Kenntnis nehmen, daß sich die ökonomisch-gesellschaftliche Formation der industrialisierten Welt in einer so tiefen und existentiellen Krise befindet, daß eine wachsende Anzahl kritischer Analytiker dieses Systems sogar überzeugt ist, daß wir uns derzeit in der Anfangsphase eines totalen Systemkollaps befinden.<a name="5" href="#a5">5</a> Die Krise des Fordismus hat ihre Wurzeln primär in einem weltweiten, völligem Aus-dem-Gleichgewicht-Geraten von Produktivität, Arbeitskräftebedarf und Konsum und hängt zum Teil auch damit zusammen, daß die bisherige hemmungslose Ausbeutung der Natur und ihre Zerstörung als Nebeneffekt der industriellen Produktion nun langsam beginnt, wirtschaftlich kontraproduktiv zu wirken. Die Kombination von Marktkräften und staatlicher Regulierung, die in der Nachkriegszeit &#8211; mehr oder weniger ausgeprägt &#8211; in allen Industrieländern etabliert worden war und zu einer einzigartigen Aufschwungsphase, begleitet von einer permanent steigenden Massennachfrage nach Waren und Dienstleistungen, geführt hat, stößt in dieser Situation zunehmend an ihre Grenzen. Verstärkt wurde die krisenhafte Entwicklung in den letzten Jahren &#8211; zumindest für Europa &#8211; noch durch einen gewaltigen Strukturbruch, bedingt durch das &#8220;In-den-Markt-Treten&#8221; der ehemaligen Ostblockländer<a name="6" href="#a6">6</a>.</p>
<p>Trotz des vor wenigen Jahren euphorisch proklamierten Sieges der (sozialstaatlich gezähmten) Marktwirtschaft ist derzeit nicht einmal mehr sicher, daß die Ausweitung dieses Systems auf den ehemaligen &#8220;Ostblock&#8221; für die Betroffenen jemals die erhofften Vorteile zu bringen imstande sein wird.<a name="7" href="#a7">7</a> Daß für die &#8220;Nicht-Industrieländer&#8221;<a name="8" href="#a8">8</a> irgendwann ein &#8220;euro-amerikanischer Lebensstandard&#8221;<a name="9" href="#a9">9</a> möglich werden könne, glaubt heute sowieso kaum jemand mehr. Die Vorstellung von der Angleichung des Lebensstandards der &#8220;unterentwickelten&#8221; Länder an den der industrialisierten Welt hat sich als absurd herausgestellt &#8211; der Traum vom &#8220;universellen Warenparadies&#8221; ist ausgeträumt. Heute, wo über Satellit und fast eine Milliarde Fernsehschirme nahezu alle Menschen dieser Erde &#8211; bis ins kleinste asiatische und afrikanische Dorf &#8211; permanent mit der Vorstellung vom Glück durch materiellen Wohlstand genährt werden, ist diese Verheißung längst an ihre Grenzen gestoßen.<a name="10" href="#a10">10</a> Die diesbezüglichen Versprechungen des seinerzeitigen amerikanischen Präsidenen Harry Truman, der noch vor wenig mehr als vierzig Jahren von einer &#8220;wesentlichen Verbesserung des Lebensstandards&#8221; in den &#8220;unterentwickelten Ländern&#8221; durch die &#8220;Hebung der Industrieproduktion&#8221;<a name="11" href="#a11">11</a> &#8211; also durch eine Entwicklung für alle nach westlichem Vorbild &#8211; sprach, erweisen sich als völlig uneinlösbar. Heute wird der Alltag der benachteiligten drei Fünftel der Menschheit ganz sicher nicht durch Aufstieg und Wohlstand, sondern immer mehr von Elend, Hunger, ökologischer Zerstörung und kultureller Degeneration bestimmt.</p>
<p>Aber auch die Menschen der &#8220;fordistischen Kernländer&#8221; in Westeuropa, Nordamerika und Japan werden derzeit recht unsanft aus dem Traum vom gesicherten Leben in ständig steigendem Wohlstand gerissen. Der rasche Verfall ganzer Regionen zu &#8220;Industriefriedhöfen&#8221;, regelmäßige Meldungen über Industriezusammenbrüche und Massenentlassungen, relativ hohe Arbeitslosenraten, ungünstige Konjunkturwerte sowie häufige Hinweise auf die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Verschärfung dieser Situation signalisieren einen Bruch in der wirtschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit, der verschiedentlich Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre aufkommen läßt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, scheint jene Zeit, in der man sich auf den bisherigen, &#8220;kalkulierbaren&#8221; Zyklus von Konjunktur und Rezession einstellen und nach vorübergehenden mageren wieder mit fetten Jahren des Wachstums und der Vollbeschäftigung rechnen konnte, bis auf weiteres vorbei zu sein. Manche Wirtschaftsforscher sprechen heute auch tatsächlich recht unverblümt von einer &#8220;Wiederholung der dreißiger Jahre&#8221; und davon, daß in den Industriestaaten in den nächsten Jahren mit anhaltend hohen Dauerarbeitslosenraten gerechnet werden muß, sich die Bewohner dieser Länder mit einem &#8220;Wohlstandsabbau&#8221; abfinden müßten und von den Arbeitnehmern &#8220;künftig mehr Leistung zu gleichen Löhnen&#8221; gefordert werden würde.<a name="12" href="#a12">12</a> Die ökonomisch-gesellschaftliche Formation Kapitalismus hat offensichtlich jene Fähigkeit verloren, die ihr in der fordistischen Variante zu einer zunehmenden allgemeinen Akzeptanz und zugleich auch zur Attraktivität bei jenen Menschen verholfen hatte, die im seinerzeitigen &#8220;Konkurrenzsystem&#8221;, in den Ländern des sogenannten &#8220;realen Sozialismus&#8221;, leben mußten: <em> Die erfolgreiche Koppelung der Unterordnung der Bevölkerungsmehrheit unter das Lohnarbeitsdiktat mit der Möglichkeit des &#8220;Konsums für alle&#8221;</em>.</p>
<p>Während in den vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen ja noch kein allgemeines Motiv existiert hatte, das imstande gewesen wäre, eine kontinuierliche Produktivkraftentwicklung zu bewirken, setzte der Kapitalismus, durch die <em> Freisetzung der Konkurrenz als gesellschaftliches Grundprinzip</em>, eine diesbezüglich unbändige Triebkraft frei. Die sukzessive Durchdringung der Gesellschaft durch das Konkurrenzprinzip stellte die grundlegende Voraussetzung für jenen technologischen und arbeitsorganisatorischen Entwicklungsschub dar, der &#8211; nach dem Ende der Phase der &#8220;Großen Depression&#8221;, etwa ab der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert &#8211; zu einem rasant wachsenden Arbeitskräftebedarf in der industriellen Produktion führte und schließlich die Grundlage für Massenbeschäftigung und zunehmenden Massenwohlstand in der Spätphase des Kapitalismus &#8211; dem Fordismus &#8211; lieferte. Diese historische Leistung des fordistischen Kapitalismus, verbunden mit der Steigerung der Produktivität, einen gewaltigen Bedarf an lebendiger Arbeitskraft  in Gang zu setzen, kehrt sich heute allerdings in ihr Gegenteil um. Denn etwa ein halbes Jahrhundert nach der &#8220;Erfindung des Fließbands&#8221; brachte der nächste große Technologieschub in der konkurrenzgepeitschten Produktivkraftentwicklung die Möglichkeit, lebendige Arbeitskraft in immer größeren Bereichen der Produktion durch elektronisch-mechanische Aggregate zu ersetzen. Die Massenproduktion funktioniert nun zunehmend auch ohne den Massenarbeiter &#8211; der Kapitalismus büßt immer mehr seiner &#8220;Ausbeutungsfähigkeit&#8221; ein.</p>
<p>Für den radikalen Kritiker und &#8220;Untergangsvisionär&#8221; des Kapitalismus, Karl Marx, lag genau in der gesellschaftlichen Freisetzung der Konkurrenz das positive, fortschrittliche Moment und die &#8220;zivilisatorische Mission des Kapitals&#8221;. Im Gegensatz zur damals in der Arbeiterbewegung verbreiteten moralischen Kritik an der Konkurrenz ist sie für Marx historisch unumgänglich, um den Prozeß menschlicher Emanzipation von den bloßen Naturgrundlagen und von der Arbeit als Leid &#8220;im Schweiße des Angesichts&#8221; einleiten zu können.<a name="13" href="#a13">13</a> Im gesellschaftlichen Mechanismus der Konkurrenz als &#8220;stummer Zwang&#8221; des warenproduzierenden Systems &#8211; entstanden und wirkend &#8220;hinter dem Rücken&#8221; der Subjekte &#8211; identifizierte er jene Triebkraft, die in der Lage ist, die Entwicklung der Produktivkräfte explosionsartig voranzutreiben<a name="14" href="#a14">14</a>. Rückblickend kann heute festgestellt werden, daß das gesellschaftliche Konkurrenzprinzip, im vergleichsweise winzigen historischen Zeitraum von knapp zweihundert Jahren, tatsächlich eine wahrscheinlich größere Steigerung der Produktivität bewirkt hat, als die gesamte vorherige Geschichte den Menschen gebracht hatte. Die Grundlage für eine umfassende Befriedigung der Bedürfnisse bei gleichzeitiger tendentieller Befreiung der Menschheit vom &#8220;Joch der Arbeit&#8221; wurde damit gelegt. Allerdings verhindert genau das kapitalistische Konkurrenzprinzip als die wesentliche Dimension der gesellschaftlichen Regulierung zugleich auch wieder, daß der Erfolg dieser gewaltigen Produktivitätssteigerung sich automatisch und problemlos als eine Verringerung der Arbeitsbelastung für alle auswirkt.</p>
<p>Das konkurrenzgesteuerte warenproduzierende System bewegt sich &#8211; indem es &#8220;bloß&#8221; seinen immanenten Gesetzmäßigkeiten folgt &#8211; unaufhaltsam auf die Zerstörung seiner wesentlichen Grundlage, der Lohnarbeit (und damit gleichzeitig des im Fordismus erreichten fragilen Gleichgewichts von Massenproduktion und Massenkonsum, bzw. des relativ funktionierenden Zusammenspiels von Lohn, Preis und Profit), hin.<a name="15" href="#a15">15</a> Der durch den Konkurrenzdruck erzeugte, unerbittliche Zwang zu immer neuen Produktivitäts- und Verwissenschaftlichungsschüben, macht menschliche Arbeitskraft zunehmend ersetzbar. Allerdings tritt die sukzessive &#8220;Abschaffung der Arbeit&#8221; unter den Bedingungen des warenproduzierenden Systems in keiner Weise als glückhafte Erscheinung zutage, sondern immer nur in ihrer negativen Form, als Krise (als Ansteigen der Arbeitslosigkeit, Sinken der Kaufkraft und damit Absatzschwierigkeiten). Solange noch Wirtschaftswachstum &#8211; &#8220;Mehrwertproduktion&#8221; in einem anderen Wirtschaftsbereich &#8211; möglich ist, kann der &#8220;Verlust&#8221; an Lohnarbeitsplätzen durch das &#8220;Schaffen&#8221; neuer, bezahlter Arbeit oder durch Arbeitszeitverkürzungen kompensiert werden, die Krise bleibt temporär. Da Wachstum aber naturgemäß irgendwann an Grenzen stoßen muß, bewegt sich die kapitalistische Weltgesellschaft immer schon auf ihre Existenzkrise zu, auf jenen Punkt ihrer Entwicklung, an den sie selbst sich die arbeitsgesellschaftliche Basis ihres Funktionierens entzieht.</p>
<p>Die &#8220;elektronische Revolution&#8221;, verbunden mit den damit möglich gewordenen tiefgreifenden Veränderungen der Arbeitsorganisation, stellt offensichtlich einen wesentlichen Schritt in der skizzierten Entwicklung dar. Das erst am Beginn seiner Umsetzung stehende Produktivitätspotential der Informations- und Kommunikationstechnologien macht die Herstellung wachsender Warenmengen sowie die Bewältigung immer größerer Anteile der verwalterischen Tätigkeiten mit zunehmend weniger menschlicher Arbeitskraft möglich<a name="16" href="#a16">16</a>. Zugleich erlaubt der wirtschaftliche Konkurrenzkampf, der sich längst nicht mehr nur innerhalb von regionalen und nationalen Grenzen abspielt, allerdings immer weniger, die Substitutionseffekte moderner Produktions- und Verwaltungstechnologien durch &#8211; national erkämpfte &#8211; Arbeitszeitverkürzungen abzufangen. Ganz im Gegenteil, heute werden, bei der Suche nach Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft, sogar immer häufiger soziale Errungenschaften und ArbeitnehmerInnenrechte &#8211; einschließlich der &#8220;zu arbeitnehmerfreundlichen&#8221; Arbeitszeitregelungen &#8211; zur Disposition gestellt. Selbst in den industriellen Kernländern wird damit genau das immer schwerer möglich, was den seinerzeitigen Durchbruch des fordistischen Kapitalismus in diesen Ländern bewirkt hat; nämlich die gleichzeitige Eingliederung nahezu aller Arbeitswilligen in die Arbeitsprozesse und die Möglichkeit, diese durch einen entsprechend hohen Lohn &#8211; wieder ermöglicht durch die fortlaufende Steigerung der Produktivität und das Wecken ständig neuer Bedürfnisse (die permanente &#8220;Ausweitung der inneren Märkte&#8221;) &#8211; auch zu Konsumenten der von ihnen produzierten Artikel zu machen.</p>
<p>Das dadurch ausgelöste Anwachsen der Arbeitslosigkeit in faktisch allen Industriestaaten sowie das Einfrieren und die teilweise Rücknahme sozialer Errungenschaften wirken sich allerdings durchaus nicht als eine für alle Gesellschaftsmitglieder in gleichem Maß gegebene Verschlechterung des Lebensstandards aus. Ganz im Gegenteil verteilen sich die Lasten der &#8220;Fordismuskrise&#8221; äußerst ungleich, und es läßt sich derzeit eine daraus folgende, deutliche Verschärfung des Gegensatzes von Arm und Reich in den verschiedenen Ländern beobachten. Auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens kommt es zu einer Vertiefung der sozialen Unterschiede.<a name="17" href="#a17">17</a> Diese Polarisierung ergibt sich jedoch nicht nur aus der Aufspaltung in Arbeitsplatzbesitzer und Arbeitslose, auch bei den Einkommen und bei der Qualität und Sicherheit der Arbeitsplätze läßt sich ein zunehmendes Auseinanderdriften der sozialen Gruppen feststellen. Die Gruppe jener Menschen, die schlecht bezahlte Jobs annehmen müssen und permanent in Gefahr sind, in die Arbeitslosigkeit abgedrängt zu werden, wächst derzeit genauso an wie die Zahl derjenigen, die bereits unmittelbar von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die Folge ist ein immer hektischerer Wettlauf darum, nicht zu den Verlierern im allgemeinen Konkurrenzkampf um die attraktiven gesellschaftlichen Positionen zu gehören, verbunden mit deutlich anwachsenden Entsolidarisierungseffekten. Obwohl die &#8220;Zwei-Drittel-Gesellschaft&#8221; in den meisten Industrieländern längst statistisch nachweisbare Realität ist, wird fast nirgends über Schritte zur Veränderung dieses untragbaren Zustands diskutiert, sondern primär darüber, wieweit die Deprivierten an ihrer Situation denn nicht selber schuld und ob die sozialen Netze nicht zu eng geknüpft seine und dadurch zur mißbräuchlichen Inanspruchnahme verführten.</p>
<p>Aber nicht nur die Tatsache, daß der Kapitalismus, durch den ihm innewohnenden Antrieb zur fortschreitenden Produktivkraftentwicklung, sich selbst seines ursprünglich unersättlichen Vermögens zur Vernutzung immer größerer Arbeitskraftmengen beraubt hat, scheint den Fordismus in die Nähe seines &#8220;Verfallsdatums&#8221; geführt zu haben. Ein Aufrechterhalten der fordistischen Gesellschaftsformation oder gar eine Ausweitung dieses Systems auf die bisher nicht industrialisierten Länder wird auch deshalb unmöglich, da das mit permanentem Wachstum untrennbar verbundene Prinzip der hemmungslosen Ausbeutung aller Ressourcen immer unbewältigbarere ökologische Probleme nach sich zieht. Eine der entscheidenden Grundlagen der fordistischen Prosperität war die leichte Verfügbarkeit über billige Rohstoffe und Energien sowie die nahezu uneingeschränkte Möglichkeit, die Naturgrundlagen der Produktion quasi als &#8220;Gratisproduktivkraft&#8221; auszubeuten. Heute ist der daraus resultierende Prozeß der tendentiellen Zerstörung der Natur, den Karl Marx, am Beispiel der Industrialisierung der Vereinigten Staaten, bereits Ende des neunzehnten Jahrhunderts aufgezeigt und &#8211; neben der hemmungslosen Ausbeutung lebendiger Arbeitskraft &#8211; als ein grundsätzliches Phänomen der kapitalistischen Produktion beschrieben hat<a name="18" href="#a18">18</a>, für jedermann bereits unmittelbar erkennbare Realität geworden. Es läßt sich kaum mehr übersehen, daß der Kapitalismus &#8211; ganz besonders in seiner auf Massenproduktion und Massenkonsum aufbauenden fordistischen Variante &#8211; die Tendenz hat, fortschreitend wachsende Rohstoff- und Energieprobleme sowie ökologische Zerstörungen auf progressiver Stufenleiter zu produzieren.</p>
<p>Immer offensichtlicher wird, daß die gewaltigen Produktivitätszuwächse der letzten Jahrzehnte nur auf der Basis des schrankenlosen Raubbaus und der systematischen Zerstörung der Naturgrundlagen unserer Existenz erzielbar waren. Die brutale Ausbeutung der Arbeitenden, die den Frühkapitalismus gekennzeichnet hatte, war in weiterer Folge bloß abgelöst worden von einer ebensolchen Ausbeutung und Verstümmelung der Natur. Mit jenen heute aus ökologischen Notwendigkeiten eingeforderten &#8220;Grenzen des Wachstums&#8221; (Dennis Meadows) sind damit aber auch die Grenzen des, auf permanente Ausweitung von Warenkonsum, Warenumlauf, sowie der ununterbrochenen Steigerung der Produktivität programmierten fordistischen Kapitalismusmodells erreicht. Denn die Natur- und Umweltzerstörung hat inzwischen Dimensionen angenommen, die immer häufiger regulierende staatliche Eingriffe in Produktion und Konsum zwingend erforderlich machen. Dadurch wird aber eine &#8211; von André Gorz als &#8220;destruktives Wachstum&#8221; bezeichnete<a name="19" href="#a19">19</a> &#8211; <em> systemparalysierende ökonomische Dynamik</em> in Gang gesetzt. Ein zunehmendes Quantum des Sozialprodukts kann nicht in den Prozeß der permanenten Bedürfnisweckung und -befriedigung einfließen, sondern muß zum Zweck der Kompensation von Zerstörungen abgezweigt werden. Die Kosten des quantitativen Wachstums beginnen heute deutlich seinen Nutzen zu schmälern<a name="20" href="#a20">20</a>. Daraus folgen die zunehmende Notwendigkeit einer Veränderung der Produktions- und Konsumstandards sowie neue gesellschaftliche Verteilungskämpfe und Konflikte.</p>
<p>Heute ist das Gleichgewicht des Ökosystems Erde bereits so fundamental gestört, daß die Folgen sowie die Möglichkeiten der Schadensbegrenzung längst schon nicht mehr abschätzbar sind. Treibhauseffekt und Klimaveränderung, die Gefährdung der stratosphärischen Ozonschicht, die Übersäuerung von Boden- und Wasserressourcen, das Waldsterben und die Bodenverschlechterung sowie schließlich eine allgemeine Verschmutzung und Vergiftung der Umwelt durch Chemikalien sind die Stichwörter für jene ökologischen Probleme, die in der Zwischenzeit zu Elementen der Alltagsdiskussion geworden sind. Im selben Maß, in dem offensichtlich wird, daß die derzeitige Form der Ressourcenvergeudung und der Umweltzerstörung in den industrialisierten Ländern, die ja nichts anderes als die Kehrseite dessen darstellt, was wir gemeinhin unter einem anstrebenswerten, angenehmen Leben verstehen, nur um den Preis des allgemeinen Untergangs fortzuführen wäre, beginnen sich auch die Konturen eines neuen gesellschaftlichen Verteilungskampfes abzuzeichnen. Wer und wie viele Menschen dürfen weiterhin &#8220;angenehm&#8221; auf Kosten ihrer Mitwelt leben? Zunehmend läßt sich abschätzen, daß mit dem fast weltweiten &#8220;Sieg des Kapitalismus&#8221; nicht ein harmonisches, konfliktfreies Leben für alle, im Sinne jenes vom nordamerikanischen Philosophen Francis Fukuyama 1989 euphorisch proklamierten &#8220;Ende der Geschichte&#8221; angebrochen ist, sondern für die unmittelbare Zukunft eher ein brutaler Kampf um die Vorteile des energievergeudenden und umweltzerstörerischen &#8220;Wohlstands&#8221; zu erwarten ist.</p>
<p>Zusammenfassend können die Ursachen für die Existenzkrise und tendenzielle Auflösung der fordistischen Gesellschaftsformation also darin gesehen werden, daß die ihr zugrunde liegende Struktur der Mehrwertproduktion &#8211; tayloristische Massenproduktion auf der Basis einer Ausdehnung des &#8220;inneren Marktes&#8221; sowie einer schrankenlosen Ausbeutung der Naturressourcen &#8211; zunehmend nicht mehr geeignet ist, Quelle stabiler oder sogar steigender Profitraten zu sein. Die &#8220;Fordismuskrise&#8221;, als das Aus-dem-Tritt-Geraten des fast ein halbes Jahrhundert lang profitabel funktionierenden Zusammenspiels von Massenproduktion, Massenbeschäftigung und Massenkonsum, bedeutet eine dramatische Zäsur in der Geschichte des Kapitalismus und wird dementsprechend auch begleitet von tiefgreifenden gesellschaftlichen Brüchen. Oskar Negt spricht in diesem Zusammenhang von &#8220;einer die Gesamtgesellschaft erfassenden und bis in ihre Poren eindringenden Entmischung des vorher selbstverständlich Zusammengehörigen&#8221;<a name="21" href="#a21">21</a>. Die von ihm als &#8220;Erosionskrise&#8221; bezeichnete aktuelle Erschütterung des gesellschaftlichen Gefüges von Arbeit und Leben führt dazu, daß über lange Zeit tradierte und gesellschaftsstabilisierende Einstellungen, Wertsysteme, Erziehungsmuster, politische Regulationsmechanismen und Organisationsformen von Interessen heute massiv in Frage gestellt werden.</p>
<p>Die Tatsache, daß &#8211; ganz der Logik der kapitalistischen Krisenbewältigung folgend &#8211; Konkurrenz heute auf allen Ebenen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Geschehens verstärkt in den Vordergrund tritt, läßt auch wieder ganz massiv das sozialdarwinistische Leistungsverständnis der vor-fordistischen Ära des Kapitalismus aufleben. Ganz in diesem Sinn kann zum Beispiel in allen industrialisierten Ländern heute festgestellt werden, daß die in den letzten Jahrzehnten überwiegend und zunehmend akzeptierten &#8220;egalitären politischen Entwürfe&#8221; derzeit mehr und mehr in Verruf geraten und dagegen individuelle &#8220;Leistung&#8221; sowie robustes &#8220;soziales Durchsetzungsvermögen&#8221; wieder zu allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Leitbildern werden. Auch der &#8220;politische Keynesianismus sozialdemokratischer Prägung&#8221; hat weithin liberalen Marktideologien Platz gemacht, und allenthalben wird heute laut über die Reduzierung sozialer Errungenschaften nachgedacht. Generell haben zentrale Wertmuster und Gesellschaftsbilder der sechziger, siebziger und zum Teil auch noch der achtziger Jahre &#8211; die auf materielles Wachstum gestützte, durch politische Maßnahmen initiierte Emanzipation gesellschaftlich Benachteiligter, der Glaube an den gesellschaftlichen Fortschritt, überhaupt die Vorstellung von der politischen Machbarkeit der Lebensverhältnisse &#8211; in letzter Zeit rasch an Bedeutung verloren. Die Faszination des bürokratisch verwalteten, durch technischen Fortschritt ermöglichten und korporativ regulierten Marschs in eine Zukunft, <em> in der es allen besser geht</em>, ist heute weitgehend passé<a name="22" href="#a22">22</a> &#8211; statt dessen etabliert sich zunehmend der &#8220;Sachzwang Markt&#8221; im allgemeinen Bewußtsein als geeignetes Regulativ auch für außerökonomische Probleme und Aufgaben.</p>
<p>Der allgemeine Glaube an die wirtschaftliche Prosperität als Problemlöser läßt unter den Begleitumständen von Krise und Arbeitslosigkeit die in den vorigen Jahrzehnten etablierten korporativen Konfliktlösungsmechanismen zunehmend stumpf erscheinen. Zugleich bewirkt diese Situation auch einen sukzessiven Vertrauensverlust in die traditionellen Arbeitnehmerorganisationen, Gewerkschaften und traditionellen sozialdemokratischen Parteien, die ja schon längst keine systemkritischen Vorstellungen mehr propagieren, sondern eine Besserstellung ihres Klientels im Rahmen und unter Ausnützung des gegebenen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Systems anstreben. Die Verunsicherung großer Bevölkerungsgruppen, daß die fast ein halbes Jahrhundert gut funktionierenden Muster des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts nun nicht mehr so recht greifen wollen, verschafft rechtspopulistischen Lösungsansätzen massiven Auftrieb. Dabei beherrschen primär die zwei Vorstellungen die Szene, das Konkurrenzprinzip am Arbeitsmarkt durch das Ausgrenzen ausländischer Arbeitnehmer abzuschwächen sowie mit mehr Härte gegen angeblich zu wenig leistungswillige Gesellschaftsmitglieder vorzugehen. Nicht zufällig wird von extremen Verfechtern solcher &#8220;Lösungen&#8221; meist auch gleich die bürgerliche Demokratie, die ihre unbestrittene Bedeutung ja erst unter den Bedingungen des fordistischen Kapitalismus erlangt hat in Frage gestellt.</p>
<p>Gewinn und Wachstum galten seit Jahrzehnten als Wege zu einem Glück, von dem heute eine wachsende Zahl von Menschen ernüchtert feststellen muß, daß es in immer weitere Ferne rückt. Die unübersehbar voranschreitende Zerstörung der Umwelt und die wachsende Bedrohung, arbeitslos zu werden, läßt die Ängste in der Gesellschaft massiv wuchern. Diese Ängste stellen den idealen Nährboden für Populismus, Nationalismus, Rechtsextremismus und Gewalt dar. Verunsicherung und Angst sind heute auch zunehmend häufig das Motiv, fallweise laut über die Lösungskapazität der Demokratie nachzudenken. Relativ oft werden derzeit auch von Personen, denen eine verstärkte Berücksichtigung ökologischer Prämissen ein Anliegen ist, Zweifel daran geäußert, daß die Demokratie in ihrer gegebenen Form geeignet ist, die diesbezüglich drängenden Zeitprobleme zu lösen. So glauben beispielsweise die Autoren des Berichts des Club of Rome 1991, trotz eines an anderen Stellen herausgestrichenen grundsätzlichen Bekenntnisses zur Demokratie, in ihrer Publikation nicht ohne die Bemerkung auskommen zu können, daß die Demokratie &#8220;kein Patentrezept&#8221; ist, und &#8220;in ihrer heute praktizierten Form für die vor uns liegenden Probleme nicht mehr besonders gut geeignet&#8221; scheint<a name="23" href="#a23">23</a>. Die Krise der fordistisch-kapitalisitischen Gesellschaftsformation forciert offenbar, sowohl unter ihrem ökonomischen als auch unter dem ökologischen Aspekt, radikale, demokratisch nicht legitimierbare Lösungsmuster.</p>
<p>Jedoch nicht nur die Politik, auch die Alltagskultur hat sich grundlegend geändert &#8211; pointiert kann derzeit von der Rückkehr eines politisch-gesellschaftlichen Biedermeier gesprochen werden. Zukunftsängste und die zunehmende Erosion politischer Visionen führen dazu, daß sicherheitsvermittelnde Klischees verstärkt idealisiert werden. Ein neuer Nationalismus und Regionalismus, der Rückzug ins Private, die Renaissance von Familien-, Gemeinschafts- und Heimatmythen können durchaus als die Kehrseite der Ängste vor Auflösung der Grenzen, Flüchtlingsflut, wachsender Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und ökologischen Bedrohungen interpretiert werden<a name="24" href="#a24">24</a>. Besonders das Ideal der harmonischen Familie, deren Mitglieder sich gegenseitig stützen, scheint als &#8220;affektiver Strohhalm&#8221; gegen den sich zunehmend verschärfenden und vielfach als Bedrohung erlebten, in alle gesellschaftlichen Bereiche verstärkt durchschlagenden Konkurrenzkampf zu fungieren. Nicht zufällig taucht sowohl in der Produktwerbung als auch in Wahlkämpfen in den letzten Jahren immer häufiger &#8220;die Idylle&#8221; &#8211; in Form der harmonischen Familie<a name="25" href="#a25">25</a>, des traditionell werkelnden Handwerkers oder der &#8220;unberührten Natur&#8221; &#8211; auf. Dazu paßt dann auch, daß nach einer 1991 durchgeführten internationalen Wertestudie sechsundachzig Prozent der Österreicher ihr Glück in der &#8220;kleinen Lebenswelt&#8221; zu finden glauben, nur sieben Prozent dagegen durch Politik<a name="26" href="#a26">26</a>. Zusätzlich treten Katastrophenängste und Endzeitstimmungen, häufig gepaart mit diffusen Heilserwartungen, auf. Ganz in diesem Sinn haben heute Esoterik, Magie, Versatzstücke verschiedenster okkulter Heilslehren und diverse Naturmythen &#8211; ähnlich wie in den dreißiger Jahren<a name="27" href="#a27">27</a> &#8211; Hochkonjunktur und dringen in immer größere Bereiche des Alltags ein.</p>
<p>Selbstverständlich war auch die bisherige Geschichte des Fordismus begleitet von Brüchen, Krisen und wirtschaftlichen Rezessionen. Was sich jedoch grundsätzlich geändert hat, ist das Ausmaß der Möglichkeit, auf die krisenhafte Wirtschaftsentwicklung mittels einzelstaatlich-politischer Steuermaßnahmen zu reagieren. Heute existiert ein <em> Weltwirtschaftssystem</em>, in dem die nationalstaatlichen Ökonomien immer weniger als <em> Volkswirtschaften</em>, sondern eher als Bestandteile eines integrierten Weltmarkts mit exportorientierten Konzernen bezeichnet werden können.</p>
<p>Zum einen wird das wirtschaftliche Geschehen heute zu einem großen Teil von transnationalen Unternehmungen bestimmt, deren wirtschaftliches Agieren durch nationale Maßnahmen sowieso kaum beschränkt werden kann. Produziert wird dort, wo die höchste Rendite für das eingesetzte Kapital erwartet werden kann; geringere Investitionskosten, eine relativ kleine steuerliche Belastung, niedrige Löhne und Sozialleistungen<a name="28" href="#a28">28</a> oder eine erwartete höhere Produktivität durch entsprechend qualifizierte Arbeitskräfte können einen diesbezüglichen Anreiz bieten. Zum anderen zwingt die internationale wirtschaftliche Verflochtenheit und gegenseitige Abhängigkeit die einzelnen Staaten heute immer mehr, sich transnationalen Abkommen zu unterwerfen, durch die Möglichkeiten protektionistischer Wirtschaftspolitik und der Aufbau antiliberalistischer Wirtschaftsbarrieren gegenüber anderen (Industrie-)Ländern weitgehend verhindert werden. In diesen Gegebenheiten sind zwar die Hauptgründe dafür zu sehen, daß &#8211; im Gegensatz zur Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre &#8211; der Welthandel derzeit keinerlei Zusammenbruchstendenzen zeigt, gleichzeitig aber stellt sich damit der Effekt ein, daß bei den &#8211; weiterhin einzelstaatlich verhandelten und festgelegten &#8211; Löhnen, Sozialleistungen und Unternehmenssteuern ein unaufhörlicher Druck in die Richtung des &#8220;kleinsten gemeinsamen Nenners&#8221; stattfindet.</p>
<p>Staatliche Wirtschaftspolitik gerät im Zuge dieser Entwicklung in ein eigentümliches Dilemma: Sie steht zwar einerseits unter dem immer stärkeren Zwang zur Erhaltung und Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit des jeweiligen nationalen Standorts, aber andererseits grenzen die Imperative des Weltmarkts die politischen Handlungsmöglichkeiten immer mehr ein. &#8220;Internationale Kapitalverflechtung und die politisch nur sehr beschränkt beeinflußbare Dynamik des Weltmarkts sind nationalstaatlichen Aktivitäten immer schon vorgelagert und zwingen die Regierungen weitgehend zu einer Anpassungsstrategie. [...] Der Staat wurde mit wachsender Internationalisierung des Kapitals immer unvermittelter zum bestenfalls politisch modifizierten Exekutor des sich auf Weltmarktebene um so ungehinderter durchsetzenden kapitalistischen Wertgesetzes&#8221;<a name="29" href="#a29">29</a>.</p>
<p>Die Notwendigkeit, Strukturanpassungen und Modernisierungsprozesse im Sinne einer laufenden Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit durch staatliche Maßnahmen zu fördern, bei gleichzeitig wachsender Außendeterminierung der diesbezüglichen Handlungsalternativen, führt somit zum widersprüchlichen Effekt, daß der Staat zwar immer mehr als Akteur im Zusammenhang mit ökonomischen und gesellschaftlichen Krisen erscheint, die Spielräume nationaler Politik real jedoch zunehmend abnehmen. Im Gegensatz zum populären Slogan &#8220;Mehr Privat und weniger Staat&#8221; kann es sich der Staat &#8211; trotzdem sein Regulierungsspielraum zunehmend eingeengt und seine Regulierungsmaßnahmen immer stärker vorgegeben erscheinen &#8211; heute immer weniger leisten, in das ökonomische Geschehen <em> nicht</em> einzugreifen. Die Aussage, daß heute &#8220;der Kapitalismus den nationalen Staat [überholt], nachdem er ihn durch die internationale Ausdifferenzierung des warenproduzierenden Systems unregierbar gemacht hat&#8221;<a name="30" href="#a30">30</a>, stellt eine gelungene Zusammenfassung der derzeitigen Situation dar.</p>
<p>Der Staat wird immer mehr auf die Funktion einer Wirtschaftsförderungsagentur reduziert. Steuerbefreiungen und Zinsenzuschüsse für Unternehmen, Stützungsaktionen für marode Betriebe, Ausfallshaftungen für Großprojekte<a name="31" href="#a31">31</a> im Verkehr mit anderen Ländern und Ähnliches binden damit jedoch immer stärker die zur Verfügung stehenden Ressourcen. Für Sozialmaßnahmen bleibt &#8211; trotz der objektiv immer größeren Notwendigkeit diesbezüglicher Politik &#8211; immer weniger Spielraum. Politik wird damit weitgehend reduziert zu einer &#8220;Fortsetzung der Ökonomie mit anderen Mitteln&#8221;. Die Aufgabe des Staates fokussiert sich in erster Linie darin, förderliche Rahmenbedingungen für das wirtschaftliche Geschehen und das ökonomische Wachstum zu schaffen. Ausgaben in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die nicht mit dem Wirtschaftsförderungsetikett versehen werden können, sind immer schwerer argumentierbar. Diskussion um die (angeblich zu) hohen Kosten für die staatliche Verwaltung, die große Zahl von Beamten oder darüber, wieweit &#8220;wir&#8221; uns die öffentliche Bezuschussung von Kranken- und Pensionsversicherungen leisten können, sind Indikatoren dieser Entwicklung. Aber auch die Tatsache, daß ökologisch sinnvolle Begrenzungen wirtschaftlichen Handelns und das Einhalten diesbezüglicher umweltschonender Standards faktisch nur über den Weg massiver staatlicher Unterstützungen erreicht werden können (da der heimischen Wirtschaft ja sonst ein Wettbewerbsnachteil im internationalen Konkurrenzkampf erwachsen würde), zeigt deutlich die Dimensionen heutiger einzelstaatlich-politischer Handlungsmöglichkeiten auf.</p>
<p>Durch das skizzierte Dilemma des Staates, immer stärker in die Rolle einer Wirtschaftswachstumsförderungsagentur gedrängt zu sein und damit weniger Spielraum beim Einsatz der Budgetmittel zu haben, gerät auch das Bildungs- und Ausbildungswesen heute zunehmend unter Druck. Einerseits stellen Schule, Universität und die öffentlich finanzierten Teile der Aus- und Weiterbildung einen durchaus nicht unwesentlichen Ausgabenposten in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung dar und kommen im Sinne der dargestellten Entwicklung logischerweise unter Legitimationszwang. Andererseits kommt dem Qualifikationsprofil der erwerbsfähigen Bevölkerung heute unzweifelhaft eine große Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft im grenzüberschreitenden Konkurrenzkampf zu. Allgemein wird sogar angenommen, daß &#8211; neben den drei klassischen Wirtschaftsfaktoren Grund und Boden, Finanzkapital und Arbeit &#8211; die Bedeutung des sogenannten &#8220;Humankapitals&#8221; als Produktionsfaktor in Zukunft sogar noch weiter anwachsen wird. Maßnahmen zur Erhöhung und systematischen Steuerung des Qualifikationsprofils der arbeitsfähigen Bevölkerung werden damit &#8211; als ein wesentlicher Impuls zum Erhalt und zur Steigerung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit &#8211; immer wichtiger. Zugleich erhöht sich &#8211; im Sinne der angesprochenen Logik &#8211; aber auch der Druck, die Mittel für Aus- und Weiterbildung nach <em> ökonomisch</em> sinnvollen Kriterien einzusetzen, das heißt, sie immer mehr unter dem Gesichtspunkt ihrer Zweckgerichtetheit im Hinblick auf den gegebenen und prognostizierten <em> Qualifikationsbedarf als Funktion wirtschaftlicher Prosperität</em> zu kanalisieren.</p>
<p>Die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung des Qualifikationspotentials der Erwerbstätigen läßt &#8220;Lernen&#8221; aber auch immer mehr zu jener zentralen gesellschaftlichen Größe werden, bei der sich die spezifischen Interessen der Lohnabhängigen scheinbar mit den &#8220;nationalen Wirtschaftsinteressen&#8221; decken. Im Besitz genau jener Qualifikationen zu sein, nach denen am Arbeitsmarkt Nachfrage besteht, verspricht dem Einzelnen den Erfolg im Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze. Zugleich macht die Summe der Bemühungen um arbeitsmarktkonforme Qualifikationen, den jeweiligen nationalen Standort für Kapitalinvestitionen attraktiv, da das dergestalt entsprechend adaptierte Humankapital eine hohe Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Wirtschaft verspricht. Dementsprechend sind sich heute auch alle &#8211; Gewerkschaften, Unternehmer, Parteien, Regierungen, &#8230; &#8211; in der Betonung der Wichtigkeit von Bildung und insbesondere der von Weiterbildung einig. Der vordergründige Interessenskonsens kulminiert in der wohlklingenden, bei jeder Gelegenheit wiederholten Phrase von der &#8220;lebenslangen Bildung&#8221;, die sich bei näherem Hinsehen allerdings bloß als die Notwendigkeit zu einer in immer rascherer Folge zu vollziehenden &#8220;Anpassungsleistung&#8221; herausstellt. Nicht um &#8220;Bildung&#8221; geht es dabei, nicht um die Subjektentwicklung von Individuen, sondern um &#8220;Anpassung von Humankapital&#8221; an die sich immer schneller verändernden Bedingungen in Lebenswelt und Beschäftigungssystem. Nicht die Reflexionsleistung freier Individuen wird mit der Parole von der &#8220;lebenslangen Bildung&#8221; angesprochen, sondern ein unerbittlicher <em> Zwang zur lebenslänglichen (Nach-)Qualifizierung unter Androhung des sonstigen Untergangs im allgesellschaftlichen Konkurrenzkampf</em>.</p>
<p>Jeder wird &#8211; so lautet heute die permanent wiederholte, aber nur selten auf ihre Konsequenzen hinterfragte Botschaft &#8211; im Laufe seines Lebens mehrmals umlernen müssen. Die nötige Untermauerung bekommt diese Prognose durch die ebenfalls immer wieder vorgebrachten Hinweise auf die laufenden Prozesse der Strukturveränderung, die Mechanismen von Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit sowie die Notwendigkeit des überwiegenden Teils der Bevölkerung, auch morgen noch einen Käufer für ihre Arbeitskraft zu finden. Weiterbildung wird somit zu einem Zwang, dem zu entziehen sich kaum jemand leisten kann. Nicht die Möglichkeit, als Erwachsener Rückschau zu halten und eigene Erfahrung im Lichte neuer Theorien zu reflektieren, bleibt als Motiv für Weiterbildung, sondern der gesellschaftliche Auftrag und die als unabdingbare Notwendigkeit auftretenden Bedingungen des wirtschaftlichen Geschehens. Aus dem in den siebziger Jahren geforderten Recht auf (Weiter-)Bildung, im Sinne eines der Chancengerechtigkeit verpflichteten Bildungsauftrags und der antizipierten Möglichkeit derart beförderbarer Persönlichkeitsentwicklung, ist der Zwang zur laufenden Adaption von Wissen und Können an die Erfordernisse der Wirtschaft geworden. Das schöne Bild vom lebenslangen Lernen ist zur Drohung &#8220;lebenslänglichen Lernens&#8221; (Karlheinz A. Geißler) mutiert.<a name="32" href="#a32">32</a></p>
<p>Was im Postfordismus tatsächlich und endgültig &#8220;lebenslang&#8221; geworden ist, ist in erster Linie die zunehmende Gefahr, irgendwann die laufend geforderte Qualifikationsanpassung nicht zu schaffen, dadurch im Beschäftigungssystem nicht mehr brauchbar zu sein, den Arbeitsplatz zu verlieren und aus der bisher aufgebauten sozialen Position geworfen zu werden. Das Versprechen der &#8220;Moderne&#8221;, daß nicht &#8220;Vorrechte der Geburt&#8221;, sondern Faktoren wie &#8220;Leistungsfähigkeit&#8221; und &#8220;Leistungswilligkeit&#8221; ausschlaggebend für das Erreichen bestimmter sozialer Positionen sein sollen, offenbart &#8211; obzwar noch niemals wirklich eingelöst &#8211; seine brutale Kehrseite. Waren in der vorkapitalistisch-ständischen Gesellschaft von Geburt an die Weichen für die jeweiligen gesellschaftlichen Möglichkeiten gestellt, versprachen die begründenden Werte der bürgerliche Gesellschaft &#8211; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit &#8211; diese Determinierung radikal aufzubrechen. Nur die Eignung und Neigung für das Ausüben bestimmter Funktionen &#8211; nachgewiesen durch den entsprechenden Bildungsabschluß &#8211; sollte das neue gesellschaftliche Auslesekriterium darstellen. Schule, Ausbildung und Universität mutierten dementsprechend zu den Schlüsselbereichen der &#8220;Verteilung von Lebenschancen&#8221;. &#8220;Bildungspatente&#8221; (Max Weber) wurden anstelle der ehemaligen Adelsprädikate zu den Berechtigungsscheinen der Gesellschaft &#8211; die Parallelität zur Installierung der Konkurrenzökonomie ist unübersehbar, und ohne Zweifel stellte die so erfolgte &#8220;Freigabe der gesellschaftlichen Positionierung&#8221; auch einen sinngemäßen gesellschaftlichen Fortschritt dar.</p>
<p>Allerdings, trotz der heutigen, relativ gerechten Zugangsbedingungen zu den nunmehrigen Verteilungsinstanzen sozialer Chancen (die jedoch auch erst in den letzten Jahrzehnten, nach einem mehr als ein Jahrhundert dauernden Kampf erreicht worden waren), läßt sich unschwer feststellen, daß auch das Erreichen des neuen Auslesekriteriums &#8220;Eignung&#8221; nur allzu deutlich durch die soziale Herkunft determiniert wird. So sind die alten Privilegien zwar nicht ausgeschaltet, aber neue Legitimationsmuster entstanden. Denn, wenngleich als genereller Trend durchaus nicht nachweisbar, so läßt sich mit vielen Einzelschicksalen belegen, daß ein durch Leistung und Anstrengung erreichter &#8220;höherer Bildungsabschluß&#8221; den sozialen Aufstieg für einzelne ermöglichen kann. Die verschärften Konkurrenzbedingungen der postfordistischen Gesellschaft stellen nun &#8211; in positiver Wendung &#8211; quasi die Neuauflage des Versprechens auf gleiche und gerechte Zugangschancen zu den sozialen Positionen dar. Denn der nun zunehmend &#8220;lebenslang&#8221; geforderte Kampf um das Erreichen, Sichern und Erweitern beruflicher und sozialer Positionen durch &#8220;lebenslange Bildung&#8221; suggeriert im Umkehrschluß auch die Hoffnung, daß &#8220;die Karten immer wieder neu gemischt&#8221; würden und man es ja auch später noch &#8220;schaffen&#8221; kann. Die &#8220;offizielle&#8221; Verteilungsmacht für soziale Positionen verschiebt sich derzeit von Schule und Erstausbildung zur Weiterbildung, damit verbunden werden aber auch jene Mechanismen wieder unklarer, die dafür verantwortlich sind, daß die Möglichkeiten, über die Legitimation &#8220;Bildung&#8221; attraktive gesellschaftliche Positionen zu erreichen, äußerst ungleich verteilt sind.</p>
<p>Zusätzlich sollte nicht vergessen werden, daß der derzeitige Zugangsmechanismus zur Weiterbildung nicht einmal dem formaldemokratischen Kriterium der gleichen Zugangschancen gerecht wird. Das was im Schul- und Erstausbildungssystem heute gilt, daß jeder &#8211; zumindest formal &#8211; (im Rahmen der bildungshierarchischen Berechtigungen) die gleichen Chancen der Teilnahme hat und daß die materiellen Barrieren für das Durchlaufen einer Bildungskarriere heute nur mehr als relativ klein bezeichnet werden können<a name="33" href="#a33">33</a>, trifft überhaupt nicht auf den Weiterbildungsbereich zu. Es gibt derzeit &#8211; obwohl von Arbeitnehmerseite seit Jahren urgiert &#8211; kein Recht auf &#8220;Bildungsfreistellung&#8221; und nicht einmal Ansätze eines &#8220;Rechtes auf Weiterbildung&#8221;. Ein großer Teil der außerbetrieblichen Weiterbildung wird durch private Anbieter organisiert und ist absolut nicht für jedermann erschwinglich. Zum überwiegenden Teil findet Weiterbildung jedoch sowieso im Rahmen der Unternehmen und im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen statt; zu dieser betrieblichen oder betriebsbeauftragten Weiterbildung wird man &#8220;entsandt&#8221; oder bestenfalls durch die entsprechende Unternehmensinstanz &#8220;zugelassen&#8221;. Die Möglichkeit, eine Weiterbildungsveranstaltung gleichen Inhalts bei einem anderen Anbieter besuchen zu können <em> und ebenfalls vergütet zu bekommen</em> oder gar überhaupt einen anderen &#8211; <em> nicht den aktuellen Unternehmensinteressen entsprechenden</em> &#8211; Kurs auf Firmenkosten zu besuchen, besteht nahezu nie. Zugleich gibt es nur in wenigen Bereichen ein allgemein geregeltes System der Anerkennung von Weiterbildungskursen und den dabei erworbenen Zertifikaten.</p>
<p>Wenn &#8211; so wie es alle Indikatoren anzeigen &#8211; Schul- und Erstausbildungsabschlüsse in Zukunft immer stärker nur mehr die &#8220;Startvoraussetzungen&#8221; für den über die &#8220;lebenslange (Weiter-) Bildung&#8221; ausgetragenen Konkurrenzkampf um attraktive berufliche und soziale Positionen darstellen werden<a name="34" href="#a34">34</a>, dann resultieren aus den beschriebenen Tatsachen unmittelbar zwei demokratiepolitisch äußerst bedenkliche Folgen: Zum einen kann die &#8211; politisch <em> beeinflußbare</em> &#8211; staatliche Bildungspolitik damit immer weniger zur demokratischen Zielsetzung einer sozialen oder geschlechtsspezifischen Chancengerechtigkeit beitragen, und es entstehen neue Ungleichgewichte zwischen der Durchsetzungsmöglichkeit von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen; Weiterbildung wird zu einem Instrument unternehmerischer Personal(steuerungs)politik und damit zu einem neuen Machtmittel der Unternehmerseite. Zum anderen arbeitet die, im Rahmen und bei Kostenübernahme durch die Unternehmen, organisierte Weiterbildung immanent dem zu demokratischen Verhalten fähigen, mündigen Individuum entgegen, da sie sich &#8211; logischerweise &#8211; ausschließlich an (einzel-)betrieblichen Verwertungsinteressen orientiert.</p>
<p>Damit bleibt aber auf jeden Fall das wesentliche Element einer Bildung, die zu &#8220;beruflicher Mündigkeit&#8221; und nicht bloß zu beruflicher Brauchbarkeit führt, ausgeklammert, nämlich die <em> Reflexion der außerberuflichen Folgen des beruflichen Handelns!</em> So wird beispielsweise das grundsätzliche In-Frage-Stellen eines nur zum Zweck der &#8220;Mehrwertproduktion&#8221;, betriebenen Herstellens, &#8220;sinn&#8221;loser, vielleicht sogar umweltschädigender oder ressourcenvergeudender Produkte im eigenen Unternehmen wohl kaum Thema eines betrieblich organisierten und bezahlten Weiterbildungsseminars sein. Betriebliche Weiterbildung orientiert sich selbstverständlich nur am grundsätzlichen Unternehmenszweck, der Erhöhung der Dividende des investierten Kapitals, ethische oder moralische Implikationen können &#8211; im Falle des Nicht-Kollidierens mit diesem primären Zweck &#8211; bestenfalls &#8220;Nebenprodukt&#8221; betrieblicher Bildungsarbeit sein. Es geht darum, die Teilnehmer so zu qualifizieren, daß sie in der Lage sind, besser zum Unternehmensziel beizutragen, sicher nicht um ihre Befähigung, die gegebenen Arbeits- und Berufsbedingungen auf Zweck und Nutznießer zu hinterfragen, zu ihnen Stellung zu nehmen und sie selbst nach ihren Bedürfnissen und Interessen beeinflussen zu können.</p>
<p>Einerseits durch die ökonomische Bedeutung des Qualifikationspotentials der Erwerbstätigen bedingt sowie andererseits durch die Tatsache, daß nur wer verwertbare Qualifikationen nachweisen kann, auch Chancen auf einen Arbeitsplatz hat, steht allerdings auch das gesamte öffentlich organisierte Schul- und Ausbildungssystem heute zweifach unter dem &#8220;Druck von Verwertungsinteressen&#8221;. Von der Seite ihres Klientels und von der Seite der &#8220;Abnehmer&#8221; erfolgt immer deutlicher und immer massiver die Forderung nach &#8220;Praxisrelevanz&#8221; und &#8220;Brauchbarkeit&#8221; des Gebotenen. Gemeint ist damit nichts anderes als die <em> Ausrichtung von Bildungszielen, Bildungsinhalten sowie den strukturellen Bedingungen der Bildungsarbeit am Qualifikationsbedarf der Wirtschaft</em>. Der Markt und dessen Notwendigkeiten werden zum geeigneten Maßstab pädagogischen Bemühens hochstilisiert. Bildung wird damit, auch in ihrer staatlich organisierten Form, reduziert zur bloßen Qualifikation, zur <em> Anpassung an die aus ökonomischen Gegebenheiten abgeleiteten Erfordernisse</em>. Alles was über den Bereich des ökonomisch Zweckmäßigen hinausgeht, die &#8220;klassisch-humanistische Orientierung&#8221; am zweckfreien &#8220;Wahren, Guten und Schönen&#8221;, wird zum unnötigen Ballast veranstalteten Bildungsbemühens und zunehmend aus dem Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung verwiesen. Damit ergibt sich der paradoxe Effekt, daß der Besuch von Schulen und Einrichtungen der Aus- und insbesondere Weiterbildung mit dem Voranschreiten des Kapitalismus zwar immer wichtiger wird, die angesprochenen Institutionen zugleich jedoch immer mehr ihren &#8220;Bildungscharakter&#8221; verlieren.</p>
<p>Das was zwar weiterhin unter Bildung firmiert &#8211; und scheinbar den Interessen aller Beteiligten entgegenkommt -, stellt nur mehr blinde Anpassung an die vorgefundene Gesellschaft mit ihren vorgegebenen Rollen und Funktionen dar. Bildung hingegen, als die Entwicklung der Fähigkeit, den Status quo und seine Triebkräfte grundsätzlich in Frage zu stellen &#8211; im Lichte der immer wieder neu gestellten Frage, was die Menschen sind und was sie sollen, die Welt sozial verantwortlich (mit-)zuschaffen<a name="35" href="#a35">35</a> &#8211; verliert völlig ihren gesellschaftlichen Wert. Bildung, die Grundlage humaner, kultureller Entwicklung, wird ersetzt durch Qualifikation, den Motor ökonomischen Wachstums, und damit schlichtweg aufgelöst.</p>
<p>Der sich zunehmend verschärfende wirtschaftliche Konkurrenzkampf zwischen Wirtschaftsblöcken, Staaten und Regionen sowie die Tatsache, daß die Anzahl der Gewinner immer kleiner, die Folgen für die Verlierer immer massiver und die Gefahr, aus der Gewinnerposition in die Situation eines Verlierers abzusteigen<a name="36" href="#a36">36</a>, immer größer wird, zwingt alle, bis hin zum sprichwörtlichen &#8220;kleinsten Arbeiter&#8221;, unerbittlich unter die Dynamik wirtschaftlichen Wachstums &#8211; Fragen nach dem Wofür und Wozu werden irrelevant, weil jede Verhaltensalternative mit dem Preis des wirtschaftlichen Untergangs beziehungsweise der Deklassierung bezahlt werden müßte. Das Stellen der Sinnfrage &#8211; immanentes Ziel jedweder <em> Bildung</em>sbemühung, die diesen Namen wirklich verdient &#8211; wird unter solchen Begleitumständen zum Privileg jener wenigen, die sich auf Kosten der Mehrheit (noch) in einer abgesicherten Position befinden und sich dem alles umfassenden Konkurrenzkampf zumindest in Teilbereichen entziehen können.</p>
<p>Sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft leitet sich Sinn und Zweck von Bildung heute im wesentlichen nur mehr aus einer Abwägung von Kosten und <em> quantifizierbarem</em> Nutzen ab. Bildung wurde &#8220;instrumentalisiert&#8221;, sie wurde endgültig degradiert zum Einsatz beim gesamtgesellschaftlichen Verdrängungswettkampf und damit auch in den Dienst des allgemeinen Wachstumsideals genommen. Fast niemand kann es sich noch &#8220;leisten&#8221;, Bildung unter der Zielsetzung wahrzunehmen, sich selbst und die ihn umgebende Welt zu verstehen sowie zu reflektiertem Handeln fähig zu werden; sie wird heute fast ausschließlich als der Erwerb von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten gesehen, die sich durch <em> Brauchbarkeit</em> &#8211; im Sinne der verkürzten Maßstäbe individueller und gesellschaftlicher Effizienz &#8211; auszeichnen. Bildung erscheint unter den Bedingungen der fortgeschrittenenen Konkurrenzökonomie faktisch ausschließlich unter dem Aspekt der utilitaristischen Reduzierung auf abnehmeradäquate Qualifizierung. Damit ist die Beschränkung auf die Herausbildung jener Arbeitsfähigkeiten gemeint, die &#8220;vermarktbar&#8221; sind, das heißt anderen wirtschaftliche Vorteile versprechen, indem damit ein profitabel verkaufbares Gut oder eine entsprechende Dienstleistung bereitgestellt werden kann. Mit anderen Worten: Bildung unter dem konkurrenzökonomischen Aspekt der Reduzierung auf Qualifizierung ist <em> eindimensional auf die Förderung jener Fähigkeiten und Talente ausgerichtet, die einen aktuellen ökonomischen Nutzen versprechen</em>.</p>
<p>Der alle Poren der Gesellschaft durchdringende Konkurrenzkampf im fortgeschrittenen Kapitalismus und die daraus folgende Unterordnung allen Strebens unter das ökonomische Kosten-Nutzen-Kalkül läßt schließlich alles den Charakter einer Ware annehmen und zum Einsatz beim großen Verdrängungswettkampf werden. Auch Bildung wird in diesem System auf ihren Warencharakter reduziert, ihre effektive Herstellung und ihr profitabler Einsatz, entsprechend ökonomischer Kriterien, werden kalkulierbar und müssen in letzter Konsequenz auch kalkuliert werden, um nicht im alles bestimmenden Konkurrenzkampf zu unterliegen. In einer Gesellschaft, die vom Geist ökonomischen Denkens durchdrungen ist, wird auch der Luxus einer nicht in den Dienst wirtschaftlichen Wachstums genommenen Bildung immer weniger möglich; sowohl aus gesellschaftlicher als auch aus individueller Sichtweise wird Bildung schließlich ebenfalls zur Ware, in Form ihres Zerrbildes &#8211; der Qualifizierung &#8211; muß sie sich dem Prinzip <em> Wachsen oder weichen</em> unterordnen. Dementsprechend werden auch Schule und die Institutionen der Aus- und Weiterbildung heute faktisch nur mehr daran gemessen, wie sehr sie dem Produktionsprozeß, der &#8220;Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft&#8221; und verbesserten Einkommens- und Aufstiegschancen ihrer Besucher dienlich sind, <em> ihre Qualität bestimmt sich nicht am Wachstum der Subjekte, sondern am Wachstum der Wirtschaft.</em></p>
<hr />
<p><a name="a1" href="#1">1</a> Vgl. Hirsch, J./Roth, R.: Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus zum Post-Fordismus. Hamburg 1986.</p>
<p><a name="a2" href="#2">2</a> So schätzte der ehemalige Chef und Vordenker der Kommunistischen Partei Italiens, Antonio Gramsci den &#8220;Fordismus&#8221; als ein Fortschrittskonzept ein, von dem auch die Arbeiterbewegung profitieren könne, Bert Brecht meinte bewundernd, Fords Fabriken könnten auch dem Sozialismus entstammen, und Kurt Tucholsky drückte seine Bewunderung für das Fordsche Konzept damit aus, daß er &#8220;Fortschritt&#8221; gelegentlich als &#8220;Fordschritt&#8221; schrieb. Alle Zitate nach Hirsch/Roth, a.a.O.</p>
<p><a name="a3" href="#3">3</a> Ebda, S. 45.</p>
<p><a name="a4" href="#4">4</a> Kurz, a.a.O., S. 277.</p>
<p><a name="a5" href="#5">5</a> Vgl. dazu insbesondere Kurz, a.a.O. sowie Rieseberg, H.J.: Arbeit bis zum Untergang. Die Geschichte der Naturzerstörung durch Arbeit. München 1992.</p>
<p><a name="a6" href="#6">6</a> Daß es derzeit, aufgrund des niedrigeren Lohnniveaus (und teilweise auch wegen der geringeren Umweltauflagen), in verschiedenen Industriebereichen zu einem massiven Arbeitsplätzetransfer von Westeuropa in ehemalige Ostblockländer kommt, ist evident. Vgl. für die diesbezügliche österreichische Situation insbes. &#8220;Wirtschaftswoche&#8221; 33/ 12. August 1993. Auch daß die dadurch billiger produzierten Produkte eine Konkurrenz für westeuropäische Firmen darstellen, leuchtet ein. Ob der Arbeitsplatztransfereffekt nicht zumindest zum Teil wieder kompensiert wird durch das Entstehen neuer Arbeitsplätze im Westen gerade durch die &#8220;Ostöffnung&#8221;, darüber gehen die Meinungen der Fachleute auseinander. Fest steht, daß der Hinweis auf die geringeren Lohn- und Sozialkosten in Osteuropa (aber beispielsweise auch in den USA) heute sehr häufig dafür verwendet wird, um die sich laufend verschlechternde Situation am westeuropäischen Arbeitsmarkt zu legitimieren beziehungsweise um Sozialleistungen (und zum Teil auch Umweltstandards) hierzulande in Frage zu stellen. Vgl. &#8220;Kurier&#8221;, 13. 4. 93, S. 7.</p>
<p><a name="a7" href="#7">7</a> Dementsprechend erscheint es auch irreführend, heute zu erklären, daß der Ost-West-Konflikt durch den Nord-Süd-Konflikt abgelöst worden sei. Denn noch ist überhaupt nicht klar, auf welcher Seite des &#8220;neuen&#8221; Gegensatzes die ehemaligen &#8220;Ostblockländer&#8221; landen werden.</p>
<p><a name="a8" href="#8">8</a> Die in den letzten Jahrzehnten häufig übliche Einteilung der Länder der Welt, in industrialisierte, marktwirtschaftlich orientierte Länder einer sogenannten &#8220;Ersten Welt&#8221;, in die planwirtschaftlich agierenden Länder der &#8220;Zweiten Welt&#8221; und in industriell wenig entwickelte Länder der &#8220;Dritten Welt&#8221; stellt heute aus verschiedenen Gründen nur mehr ein wenig sinnvolles Unterscheidungsmerkmal dar. Zum einen haben mit dem Zusammenbruch der osteuropäischen Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme ein Großteil der Planwirtschaften zu existieren aufgehört, und zum anderen ist der Begriff &#8220;Dritte Welt&#8221; auf Grund der Vielzahl unterschiedlicher wirtschaftlicher Verhältnisse und Wirtschaftspotentiale, die unter ihn subsumiert werden, heute fast bedeutungslos geworden.</p>
<p><a name="a9" href="#9">9</a> Gegenwärtig wird es allerdings sowieso immer absurder, sich auf einen solchen &#8220;euro-amerikanischen Lebensstandard&#8221; zu beziehen. Immer deutlicher etabliert sich in den Industrieländern ein Nebeneinander von dramatisch unterschiedlichen Lebensrealitäten. Die sogenannte &#8220;Zwei-Drittel-Gesellschaft&#8221; ist längst gesellschaftliche Tatsache &#8211; innerhalb der sogenannten &#8220;reichen Länder&#8221; trennt eine unsichtbare, von der Seite der Ausgegrenzten allerdings immer unüberwindlichere Grenze die Gewinner im allumfassenden Konkurrenzkampf von den an den Rand Gedrängten.</p>
<p><a name="a10" href="#10">10</a> Die Tatsache, daß den Bewohnern der &#8220;Dritten Welt&#8221; zwar einerseits permanent durch Fernsehen und Touristen der Lebensstandard der Industriestaaten vor Augen geführt wird, ihre realen Chancen, einen solchen Lebensstandard in ihren Ländern jemals zu erreichen, für sie heute jedoch ständig sinken, läßt in nächster Zukunft ein Völkerwanderungs-Szenario erwarten, demgegenüber die bisherige Migration aus den ehemaligen Ostblockländern vergleichsweise harmlos anmutet. &#8220;Millionen werden kommen&#8221;, prophezeit der Generalsekretär des Club of Rome, Bertrand Schneider, um die zynisch-resignative Frage anzuschließen: &#8220;Wer wird den Schießbefehl geben?&#8221; &#8220;Spiegel&#8221; Nr. 2/1993, .S. 103.</p>
<p><a name="a11" href="#11">11</a> Zit. nach &#8220;Spiegel&#8221; a.a.O.</p>
<p><a name="a12" href="#12">12</a> So zum Beispiel der renommierte Wirtschaftswissenschafter Fredmund Malik von der Hochschule für Wirtschaftswissenschaften in St. Gallen bei einem Symposium in Wien. Vgl. &#8220;Standard&#8221;, 13. 5. 1993.</p>
<p><a name="a13" href="#13">13</a> Siehe dazu insbesondere: Marx 198817, a.a.O.</p>
<p><a name="a14" href="#14">14</a> Die grundsätzliche Triebkraft wirtschaftlichen Geschehens unter kapitalistischen Bedingungen ist die Vermehrung von investiertem Kapital; die Herstellung konkreter Güter oder das Anbieten von Dienstleistungen stellt in diesem Prozeß bloß das Mittel zum Zweck der &#8220;Produktion von Mehrwert&#8221; dar, für den es am Markt aber erst einen (möglichst hohen) Preis zu erzielen gilt. Denn, im Gegensatz zur zünftisch organisierten Wirtschaft, wo bei weitgehend starr vorgegebenen Produktionsmethoden auch die Preise der verschiedenen Waren fixiert und garantiert waren, müssen die einzelnen betriebswirtschaftlichen Einheiten nun einen Konkurrenzkampf um den (finanziellen) Gegenwert des produziertem Mehrwerts antreten. Sie können nicht mehr einen definierten Mehrwert in Gestalt von Gebrauchsgütern gegen die entsprechende Menge Geld &#8220;eintauschen&#8221;, wie der zünftige Schuster gegen Brot und Fleisch, sondern sie müssen sich einen Anteil an der Geldgestalt des gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts in der Zirkulation (herrührend aus vergangenen abstrakten Vernutzungsprozessen lebendiger Arbeit) erst &#8220;erkämpfen&#8221; durch den Verkauf ihrer Produkte auf dem &#8211; in der Realität zwar niemals völlig, aber von seiner prinzipellen Konzeption dennoch weitgehend &#8211; freien Markt.<br />
Wie groß der Anteil an der geldförmigen Gestalt des gesamtgesellschaftlichen Mehrwerts ist, den sich eine einzelne betriebswirtschaftliche Einheit aneignen kann, hängt von ihrem relativen Erfolg oder Mißerfolg am Markt ab. Die hier herrschende Logik der Preisregulierung durch Angebot und Nachfrage wird zwar permanent durch eine Vielzahl von Mechanismen unterlaufen (z.B. durch Preisabsprachen oder Marktmonopole), allerdings können diese &#8220;Störeinflüsse&#8221; nie die Basislogik völlig außer Kraft setzen, daß diejenige betriebswirtschaftliche Einheit am Markt den größten relativen Erfolg hat, die am billigsten anbieten kann. Diese Fähigkeit wiederum hängt aufs engste mit der höheren oder geringeren Produktivität des Unternehmens zusammen, also damit, mit einem möglichst geringen Mitteleinsatz eine möglichst große und qualitativ &#8220;konkurrenzfähige&#8221; Produktmenge herstellen zu können. Die kapitalistische Konkurrenz um die Aneignung des Mehrwerts läßt sich damit als jene Triebkraft identifizieren, die die Unternehmen um den Preis ihres Untergangs &#8211; der in der Regel erfolgt, wenn die Profitrate für das eingesetzte Kapital unter einen kritischen Wert fällt &#8211; zur permanenten Steigerung der Produktivität zwingt. Vgl. Kurz, a.a.O, S. 81-89.</p>
<p><a name="a15" href="#15">15</a> Genauso wenig wie die Produktion von Waren und Dienstleistungen das grundsätzliche Ziel der kapitalistischen Wirtschaft darstellt, ist auch die Beschäftigung von Menschen bloß Nebenprodukt der letztlich angestrebten &#8220;Mehrwertproduktion&#8221;. Die Industrieproduktion war demgemäß auch &#8211; von Anfang an &#8211; auf eine menschenlose Produktion ausgerichtet. Die menschliche Arbeitskraft spielt in diesem Produktionssystem im Grunde genommen nur eine Aushilfsrolle auf Zeit.</p>
<p><a name="a16" href="#16">16</a> Allein in der österreichischen Industrie stieg durch die Modernisierung des Produktionsapparates und die Rationalisierung des Produktionsablaufes die Produktivität je geleisteter Arbeitsstunde zwischen 1979 und 1992 um 87,4 Prozent. Die gesamte Industrieproduktion hat im gleichen Zeitraum jedoch &#8220;nur&#8221; um 40,8 Prozent zugenommen. Die Folge dieses unterschiedlichen Wachstums von &#8220;Stundenproduktivität&#8221; und allgemeiner Produktion ist ein zunehmend geringerer Bedarf an Arbeitskräften in der industriellen Produktion, die Zahl der Industriearbeiter ist demgemäß im angesprochenen Zeitraum auch um 26,6 Prozent zurückgegangen. &#8220;Standard&#8221; 16. August 1993, S. 20.</p>
<p><a name="a17" href="#17">17</a> Bezeichnet man &#8211; entsprechend einer EG-gängigen Definition &#8211; jemanden als arm, wenn er monatlich bloß einen Betrag in der Höhe der Hälfte eines Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, mußten beispielsweise 1993 in Österreich, trotz ständig steigendem Bruttosozialprodukt, bereits 771.000 Menschen als arm eingestuft werden (&#8220;Von Ausgrenzung bedroht&#8221; &#8211; Studie zur sozialen Situation in Österreich. Nach &#8220;Kurier&#8221;, 29. August 1993, S. 2). In der Bundesrepublik Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, in dem der fordistische Produktions- und Reproduktionszusammenhang noch relativ gut funktioniert, fristeten Anfang 1993 bereits 4 Millionen Menschen ihr Leben mit der Sozialhilfe, weitere 2 bis 4 Millionen lebten in versteckter Armut, etwa 1 Million hausten in Notunterkünften oder unter freiem Himmel. Und während etwa 10 Prozent der deutschen Bevölkerung unter der Armutsgrenze vegetieren sowie weitere 15 Prozent mit ihrem Lebensstandard nur knapp darüber liegen und ständig in Gefahr sind, in die Armut &#8220;abzurutschen&#8221;, verfügen die oberen zehn Prozent über die Hälfte des Volksvermögens (&#8220;Stern&#8221; 29/15. Juli 1993). Aber auch in anderen Industrieländern läßt sich feststellen, daß der Lebensstandard der armen Bevölkerungsgruppen in den letzten Jahren zunehmend gesunken ist. Zum Beispiel ist in manchen Teilen New Yorks, der klassischen Symbolmetropole westlicher Konkurrenzwirtschaft, der Lebensstandard und die Lebenserwartung der Bewohner bereits unter das Niveau des Elendssynonyms, Bangladesh, gesunken. Aber auch in anderen &#8220;Vorzeigeländern&#8221; der Konkurrenzökonomie, wie beispielsweise in Kanada, Großbritannien oder Frankreich, sind heute anwachsende Bevölkerungsteile von Armut in einer Form betroffen, die sich nur wenig von der Situation in den sogenannten unterentwickelten Ländern unterscheidet.</p>
<p><a name="a18" href="#18">18</a> Marx 198817,a.a.O., S. 529f.</p>
<p><a name="a19" href="#19">19</a> Vgl. Gorz, A.: Ökologie und Politik. Reinbek 1977.</p>
<p><a name="a20" href="#20">20</a> In seinem schon weiter vorne zitierten Buch &#8220;Die Pflicht zur Faulheit&#8221; belegt der Autor Reinhard Klopfleisch diese Aussage mit einer Untersuchung von Cristian Leipert aus dem Wissenschaftszentrum in Berlin, der berechnet hat, daß die &#8220;heimlichen Kosten des Fortschritts&#8221; im Zeitraum zwischen 1970 und 1988 von knapp 7 auf 11,6 Prozent des Bruttosozialprodukts angestiegen sind. Dabei rechnet der Wirtschaftswissenschaftler zu den Kosten, die durch das Wachstum der Wirtschaft entstehen, nicht nur Umweltschäden, sondern auch Kosten des Gesundheitssystems, des Verkehrs, der Zersiedlung der Landschaft, der Kriminalität und der Arbeitsunfälle. Klopfleisch weist allerdingsauch auf Experten hin, die sogar die in dieser Höhe angesetzten Kosten des Wachstums noch als wesentlich zu niedrig ansehen. Klopfleisch, a.a.O, S. 202/203.</p>
<p><a name="a21" href="#21">21</a> Negt, O.: Lebendige Arbeit, enteignete Zeit. Politische und kulturelle Dimensionen des Kampfes um die Arbeitszeit. Frankfurt a.M./New York 19873, S. 55.</p>
<p><a name="a22" href="#22">22</a> Vgl. Hirsch/Roth, a.a.O., S. 11f.</p>
<p><a name="a23" href="#23">23</a> King A./Schneider B.: Die globale Revolution. Bericht des Club of Rome 1991. &#8220;Spiegel Spezial&#8221; 2/1991, S. 69.</p>
<p><a name="a24" href="#24">24</a> Auch im Biedermeier des 19. Jahrhunderts, als die &#8220;Identifikationsfigur Familie&#8221; entstand, war die Idealisierung des privaten Glücks zumeist bloß Flucht vor der weitaus weniger romantischen Realität. Nur eine schmale Gesellschaftsschicht &#8211; das ökonomisch potente, aber politisch einflußlose Bürgertum &#8211; konnte auf den Spitzelstaat Metternichs mit Rückzug in die Privatheit der eigenen Wohnung reagieren und dort schöngeistige Lebensart kultivieren. Der Großteil der Bevölkerung war gar nicht verheiratet &#8211; entweder weil sie kein Recht dazu hatten, wie Knechte, Mägde, Vagabunden, oder sie sich eine eigene Familie nicht leisten konnten, weil sie keinen Anspruch auf das väterliche Erbe hatten -, litt unter Wohnungsnot, erbärmlichen Wohn- und katastrophalen Arbeitsbedingungen.</p>
<p><a name="a25        " href="#25        ">25 </a> Im amerikanischen Präsidentenwahlkampf 1992 war beispielsweise von kaum mehr etwas anderem die Rede als von &#8220;family values&#8221;. Der &#8220;Schutz der Familienwerte&#8221; ging dabei so weit, daß der damalige Vizepräsident Dan Quale es für notwendig &#8211; oder opportun &#8211; hielt, sich öffentlich darüber zu empören, daß in einer beliebten Fernsehserie die Hauptfigur als ledige Frau ein Kind bekommt und es ohne Vater großziehen will. Vgl. &#8220;Psychologie heute&#8221; 20 (1993) 3, S. 23.</p>
<p><a name="a26        " href="#26        ">26 </a> Zuhlehner/Denz/Beham/Friesl (Hg.): Vom Untertan zum Freiheitskünstler. Wien 1991. Hier zit. nach &#8220;Profil&#8221; 24 (1993) 10, S. 66.</p>
<p><a name="a27        " href="#27        ">27 </a> Vgl. Gugenberger, E./Schweidlenka, R.: Mutter Erde, Magie und Politik. Zwischen Faschismus und neuer Gesellschaft. Wien 1987.</p>
<p><a name="a28        " href="#28        ">28 </a> So hat das Lohnkostenmotiv dazu geführt, daß die Bekleidungsindustrie in den letzten Jahren durch eine Reihe asiatischer Länder, jeweils dorthin gewandert ist, wo die Lohnkosten gerade am niedrigsten waren. Begonnen hat es in Hongkong, dann folgte Macao, nach Macao ging es nach Südkorea, Taiwan, Indonesien und schließlich nach Thailand. Und der nächste Schritt ist schon vorbereitet, der Lohnkostenlogik folgend, folgt als nächstes Vietnam. Ein anders diesbezügliches Beispiel stellen die berühmten Seiko-Uhren dar, deren Produktion seinerzeit von Japan nach Hongkong verlagert wurde, von dort nach Taiwan, von Taiwan nach China und schließlich wieder zurück nach Japan. Der Grund für den Weg zurück in das Ursprungsland war, daß man die Uhr in der Zwischenzeit vollautomatisch produzieren kann und die Lohnkosten keine Rolle mehr spielen. Die Beispiele stammen aus: Bauer, H.J.: Die Internationalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen. In: BMUK/ÖIIP: Die neuen globalen Herausforderungen &#8211; Die UNO an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend. Wien 1992, S. 53.</p>
<p><a name="a29        " href="#29        ">29 </a> Hirsch/Roth, a.a.O., S. 65.</p>
<p><a name="a30        " href="#30        ">30 </a> Diese Aussage stammt aus einer Besprechung von Konrad Paul Liessmans Buch &#8220;Karl Marx. Man stirbt nur zweimal&#8221;. Der Autor führt die zitierte Aussage weiter mit einer sarkastischen Kritk an der Vorstellung, durch nationalstaatliche Zusammenschlüsse wie der &#8220;Europäischen Gemeinschaft&#8221; die Bedeutung des Staates reaktivieren zu können. &#8220;Die EG ist der immer lächerlicher werdende Versuch, diesen Nationalstaat zu retten durch die Konstruktion eines Megastaates, der den Megastrukturen des modernen Kapitalismus (Handel, Verkehr, Industrie) gewachsen ist. Eines der Mißverständnisse der modernen Politik: eine Riesenstruktur könne anstehende Probleme besser lösen. In Wirklichkeit wachsen aber die Probleme mit den wachsenden Wirtschaftsräumen. Außerdem ist ein ökonomisch geeintes Teil-Europa angesichts der beiden Weltprobleme Umwelt und Welthunger gar nicht das Thema, sondern ein um ein Marxsches Vokabel zu verwenden: abgeschmackter Anachronismus.&#8221; Dallamaßl, W.: Sag niemals Nie. In: &#8220;Akzente&#8221; 3/1993, S. 36.</p>
<p><a name="a31        " href="#31        ">31 </a> Mit Ende 1993 haftete der österreichische Staat schon für einen Betrag von insgesamt fast einer Billion Schilling, eine Summe, die etwa gleich groß ist wie die offizielle Staatsverschuldung. Vgl. &#8220;Der Standard&#8221; 18./19. Dezember 1993, S. 5.</p>
<p><a name="a32        " href="#32        ">32 </a> Interessant ist in diesem Zusammenhang ein von Karlheinz A. Geißler vertretener Gedanke. Er argumentiert, daß das &#8220;lebenslange Lernkonzept&#8221; in seinem Kern eigentlich ein &#8220;Todesverdrängungskonzept&#8221; darstellt, ein Konzept, das die Fortschrittsillusion aufrechterhält und die Fiktion, ewig produktiv und ewig entwicklungsfähig zu sein. Lebenslanges Lernen &#8211; so resümiert er &#8211; ist gegen die Endlichkeitsdemut gerichtet. In diesem Sinn fügt sich die Idealisierung des lebenslangen Hinterherhetzens hinter den jeweils neu geforderten Qualifikationsanforderungen der Arbeitswelt gut zu der &#8211; im Kapitel 7 besprochenen &#8211; &#8220;Verleugnung des Todes&#8221; der Menschen in der industrialisierten Welt. Vgl. Geißler K. A.: Die zunehmende Verparadoxierung der Erwachsenenbildung. Vortrag am 23. November 1992 im Verband Wiener Volksbildung.</p>
<p><a name="a33        " href="#33        ">33 </a> Eingeschränkt muß diesbezüglich auf jeden Fall werden, daß die materiellen Barrieren für das Besuchen des derzeit expandierenden Privatschulwesens &#8211; das ja seinen &#8220;guten Ruf&#8221; oftmals der Tatsache verdankt, daß die Absolventen mit besseren beruflichen Startchancen rechnen können &#8211; durchaus sehr hoch sind. So können beispielsweise in Österreich die &#8211; im internationalen Vergleich eher niedrigen &#8211; jährlichen Kosten für einen Privatschulbesuch bis zu 105.000.- ö.S. betragen. &#8220;Gewinn&#8221; 7/8/1993.</p>
<p><a name="a34        " href="#34        ">34 </a> Vgl. dazu insbesonders Geißler A.: Auf dem Weg in die Weiterbildungsgesellschaft. In: Wittwer, W. (Hg.): Annäherung an die Zukunft. Zur Entwicklung von Arbeit, Beruf und Bildung. Basel 1990, S. 161-188.</p>
<p><a name="a35        " href="#35        ">35 </a> Ebda.</p>
<p><a name="a36        " href="#36        ">36 </a> Siehe dazu auch die Fußnote 17 in diesem Kapitel.</p>
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		<title>Die Arbeit hoch? &#8212; Kapitel 3</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 1994 23:35:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Die Arbeit hoch?]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Ribolits]]></category>

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		<description><![CDATA[Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus Inhaltsverzeichnis 3. Von der tayloristischen Modernisierung zur heutigen &#8220;Postmodernisierung&#8221; der Arbeitswelt &#8230; zutreffend ist allerdings, daß wir in einigen Jahren deutlich weniger Arbeitsplätze haben werden. Doch das wird nicht nur Opel betreffen, sondern weltweit in der Industrie zu beobachten sein. [...] Wenn wir [...] wettbewerbsfähig bleiben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch">Inhaltsverzeichnis</a></p>
<h4>3. Von der tayloristischen Modernisierung zur heutigen &#8220;Postmodernisierung&#8221; der Arbeitswelt</h4>
<blockquote><p><em>&#8230; zutreffend ist allerdings, daß wir in einigen Jahren deutlich weniger Arbeitsplätze haben werden. Doch das wird nicht nur Opel betreffen, sondern weltweit in der Industrie zu beobachten sein. [...] Wenn wir [...] wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann brauchen wir dazu weniger Menschen.</em> &#8212; David J. Herman, Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG<a name="a1" href="#1">1</a>)</p></blockquote>
<p>Einen der wesentlichen Gründe für die fordistische &#8220;Todeskrise&#8221; stellt die aus der technologischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte resultierende Möglichkeit dar, menschliche Arbeitskraft in Produktion und Verwaltung heute in hohem Maß durch datenverarbeitende Maschinen zu ersetzen. Die Folgen, die sich daraus für den Arbeitsmarkt und die Beschäftigungssituation ergeben, wurden im vorigen Kapitel skizziert. Gleichzeitig wurden durch die neuen Technologien aber auch tiefgreifende und in ihrer Tragweite noch gar nicht in vollem Umfang abschätzbare Veränderungen in der bisherigen Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung ermöglicht und ausgelöst. Verschiedentlich wird in diesem Zusammenhang sogar von einer <em>dritten</em> industriellen Revolution<a name="a2" href="#2">2</a> gesprochen und damit angedeutet, daß die derzeitigen Veränderungen in ihrer Dramatik und ihren Konsequenzen durchaus mit den technologischen Fortschritten und den umwälzenden arbeitsorganisatorischen Neuerungen in den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts zu vergleichen sind. Mit den damaligen &#8211; heute vielfach als <em>zweite</em> industrielle Revolution bezeichneten &#8211; Entwicklungen war die Grundlage für die endgültige Durchsetzung der Industriegesellschaft und den Fordismus gelegt worden, jener prosperierenden, etwa fünfzig Jahre andauernden Phase des Kapitalismus, in der &#8211; auf Kosten einer massiven Ausbeutung und Zerstörung der Natur &#8211; eine profitabel funktionierende Verkoppelung von Massenproduktion, Massenbeschäftigung und Massenkonsum erreicht worden war.</p>
<p><span id="more-2219"></span>Die damaligen industriellen Umwälzungen waren in hohem Maß durch technische Innovationen, wie die Entwicklung härterer Werkzeugstähle oder die Starkstromtechnik, und einem damit möglich gewordenen umfassenden Mechanisierungsschub ausgelöst worden, ihre durchschlagende Dynamik ergab sich allerdings erst aus einer völligen Neuorganisation des Fabriksystems. Galt noch bis um die Jahrhundertwende die Herstellung technischer Waren in Form handwerklich organisierter Produktionsabläufe als selbstverständlich, so erfolgte in den folgenden Jahrzehnten eine systematische Neustrukturierung der industriellen Arbeitsprozesse im Sinne einer konsequenten Rationalisierung der menschlichen Arbeitsleistungen. Ausgehend von der Autoindustrie errreichte das kapitalistische Industriesystem damals eine völlig neue Stufe in seiner Entwicklung &#8211; das mit Massen- und Fließbandproduktion verknüpfte <em>industriewirtschaftliche Produktionsprinzip</em> wurde eingeführt. Bis dahin war ja sogar das Auto, das uns heute als das Symbol des Industriezeitalters schlechthin erscheint, noch weitgehend nach den Prinzipien handwerklicher Produktionsrationalität hergestellt worden &#8211; erst mit dem ab 1908 bei Ford in Amerika gefertigten &#8220;Modell T&#8221; war zum ersten Mal ein für das Fließbandsystem entwickeltes Auto konzipiert und damit gleichzeitig ein revolutionärer fertigungstechnischer Fortschritt in die Wege geleitet worden.</p>
<p>Der Ursprung der hocharbeitsteiligen, durch einen mechanischen Ablauftakt gesteuerten Arbeitsorganisation &#8211; und der damit verbundenen Degradierung der in der Produktion und teilweise auch der in Büros tätigen Menschen zu &#8220;Handlangern der Maschine&#8221; &#8211; ist wahrscheinlich in den Schlachthöfen Chicagos zu suchen, wo erstmalig ab 1905 die Arbeit entlang einem &#8220;Fließband&#8221; organisiert wurde. Eine wissenschaftliche Legitimation für das Organisationsprinzip, Menschen und Maschinen wie ein Uhrwerk miteinander zu verzahnen, wurde 1911 vom ehemaligen Stahlarbeiter aus Philadelphia und späteren Hochschullehrer an der Harvard-Universität, Frederik Winslow Taylor, mit seinem Werk &#8220;The Principles of Scientific Management&#8221; geliefert. Er legte die Grundlagen für Arbeits- und Zeitstudien und wurde zum Vorkämpfer für die strikte Trennung der betrieblichen Arbeitsbereiche, Planung und Ausführung. Die von Taylor entwickelten Methoden waren schließlich bahnbrechend für eine in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vorangetriebene Umgestaltung der industriellen Fertigung. Richtungsweisend war dabei die noch junge Autoindustrie, wo die &#8220;Prinzipien der wissenschaftlichen Betriebsführung&#8221; als erstes umgesetzt wurden.</p>
<p>Die Bezeichnung &#8220;Taylorismus&#8221; gilt heute als das Synonym für eine Arbeitsorganisation, die den Menschen zum Anhängsel einer nach ökonomisch-rationalen Kriterien organisierten industriellen Megamaschine degradiert. Doch Taylor war nur der exponierteste Vertreter einer großen Zahl von Forschern, die sich damals mit der Rationalisierung des Fabriksystems beschäftigten. Sowohl in den USA als bald auch in Europa wurden zahlreiche, teilweise sehr ähnliche Konzeptionen entwickelt, die alle das grundsätzliche Ziel hatten, das bisher zum großen Teil bei den Arbeitern konzentrierte Produktionswissen sowie deren Gestaltungskompetenz über den Arbeitsablauf so vollständig wie nur möglich der Fabrikleitung zu übertragen. Diese Verlagerung der Entscheidungsmacht sollte die Fertigung durch zentrale Planung und Koordinierung effizienter und damit vor allem <em>profitabler</em> zu machen. Die Rationalisierungsprojekte waren dementsprechend im wesentlichen alle dadurch kennzeichnet, daß man daranging, aufbauend auf eine im Hinblick auf Bewegungs- und Zeitaufwand der Arbeiter durchgeführte Analyse der Produktionsprozesse, diese nach Kriterien der Bewegungs- und Zeitökonomie neu zu strukturieren. Indem zugleich das Tätigkeitsprofil der einzelnen Arbeitsplätze möglichst eng gehalten wurde, konnte den neu geschaffenen arbeitsteilig-repetiven Tätigkeitsbereichen nahezu jede Qualifikationsanforderung abgesprochen werden. Hatte der qualifizierte Monteur der Handwerksproduktion noch alle benötigten Teile herangeschafft, sich die Werkzeuge selbst geholt, sie bei Bedarf repariert und komplexe Montagetätigkeiten ausgeführt, war der Arbeiter der nunmehrigen arbeitsteiligen Produktion nur für einen simple Bearbeitungsschritt zuständig, für den er oft nur wenige Minuten ausgebildet werden mußte. Zulieferung, Koordination und Wartung wurden an andere, ebenfalls nur für scharf abgegrenzte Aufgabenbereiche zuständige &#8220;Spezialisten&#8221; übertragen.</p>
<p>Das gewaltige Veränderungspotential der <em>industriewirtschaftlichen Produktionsrationalität</em> lag also zum einen darin begründet, daß es gelang, durch &#8220;wissenschaftliche&#8221; Zerlegung der Arbeitsprozesse in immer kleinere Teilstücke und einer Ablaufsteuerung nach ökonomisch-rationalen Kriterien das Arbeitstempo und die Effizienz der Arbeit massiv zu steigern. Das andere, mindestens ebenso wichtige Element der damaligen Rationalisierung und Standardisierung der Arbeitsvorgänge bestand in der &#8220;Normierung&#8221;. Erst die Normierung &#8211; worunter im wesentlichen <em>die Verwendung eines einheitlichen Meßsystems und verbindlicher technischer Qualitätsstandards</em> verstanden wird &#8211; schuf die unabdingbare Voraussetzung für jedwede Massenproduktion, nämlich die paßgenaue Austauschbarkeit der einzelnen Bauelemente technischer Produkte. Erst damit war die Möglichkeit geschaffen, die verschiedenen Bauteile unabhängig voneinander tatsächlich &#8220;fertig&#8221;-zustellen und sie nicht erst &#8211; wie bei der bisherigen handwerklichen Fertigung &#8211; mühselig im Rahmen des Zusammenbaus aneinander anzupassen. Eine grundlegende Voraussetzung der industriellen Betriebsorganisation lag genau in dieser <em>Ausrichtung an der Norm</em> und im Abgehen von der bisherigen Orientierung am jeweils spezifischen Produktions-<em>Fall. </em></p>
<p>Die Normierung sowie die damit verbundene Möglichkeit der Serienfertigung &#8211; einer Fertigung, in der die hergestellten Produkte einander (abgesehen von Abweichungen in einem minimalen Toleranzbereich) hundertprozentig gleichen &#8211; und der Massenproduktion war, gemeinsam mit der Segmentierung der Arbeitsabläufe, die Voraussetzung dafür, nun nicht mehr auf handwerklich umfassend ausgebildete Facharbeitskräfte angewiesen zu sein. Mußten in der bisherigen handwerklichen Produktion die Arbeiter in der Lage sein, die meist von verschiedenen Zulieferern mit teilweise stark differierenden Meßlehren hergestellten Einzelteile Stück für Stück nachzuarbeiten und, den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend, aneinander anzupassen &#8211; was durchaus hohes handwerkliches Geschick und fachliche Entscheidungskompetenz voraussetzte -, war es nun auch für angelernte Kräfte problemlos möglich, die paßgenau gefertigten Teile zusammenzusetzen. Außerdem waren bisher in der handwerklichen Fertigung im wesentlichen Allzweck-Werkzeugmaschinen zum Einsatz gekommen, deren Einsatz bei den unterschiedlichen Bearbeitungsaufgaben hohes handwerkliches Wissen und Können voraussetzte. Die Großserienfertigung machte nun aber den Einsatz von Spezial-Werkzeugmaschinen &#8211; jeweils für die Herstellung und den Zusammenbau ganz bestimmter Bauteile &#8211; möglich, womit sich spezifisches Fachwissen über Werkstoffverhalten und den jeweils entsprechenden Werkzeugeinsatz zunehmend erübrigte.</p>
<p>Damit wurde nicht nur die Normierung und die &#8220;Austauschbarkeit der Teile&#8221; ein Bestimmungsmerkmal der Fließband- und Serienproduktion, sondern auch die &#8220;Austauschbarkeit der Arbeiter&#8221;. Bei der Arbeit, in den nach industriewirtschaftlicher Produktionslogik organisierten Fabrikshallen war nur mehr eine kleine Zahl fachlich ausgebildeter &#8220;Handwerker&#8221; nötig. Der Handwerker, als das Synonym für den kompetenten und nach individuellen fachlichen Eigenarten gemessenen Experten, war damit weitgehend passé; die Orientierung der Produktion an der Norm forderte sozusagen auch den normierten, austauschbaren und angepaßten Arbeiter &#8211; der &#8220;tayloristische Massenarbeiter&#8221; (Harry Braverman) war entstanden. Von ihm wurde keine kreative handwerkliche Leistung mehr erwartet, sondern &#8220;paßgenaue&#8221; Ein- und Unterordnung in das riesige Räderwerk der industriellen Megamaschine.</p>
<p>Damit ist gleichzeitig auch das letzte wichtige Merkmal industrieller Arbeitsorganisation angesprochen &#8211; die vertikale, von &#8220;oben nach unten&#8221; ausgeübte Kontrolle des Arbeitsverhaltens, verbunden mit hoher Vorbestimmtheit der Arbeitsvollzüge, minimalen Dispositionsspielräumen der Arbeitenden und einem permanenten Druck zur Erhöhung der Arbeitsintensität. Neben dem damals entstehenden System von Vorarbeitern, Meistern und anderen Gliederungen der hierarchischen Fabriksstruktur war die Fließbandarbeit ein ganz wesentliches Mittel zur Arbeitsdisziplinierung &#8211; die Unterordnung unter den Bandtakt ließ nämlich sofort jedes Nachlassen eines Arbeiters offensichtlich werden. Die Akzeptanz der produktivitätssteigernden Unterordnung der Arbeitenden unter die Bedingungen der solcherart organisierten Produktion wurde hauptsächlich durch ausgeklügelte Leistungs- und Prämienlohnsysteme erreicht.</p>
<p>Insgesamt kann die industriewirtschaftliche Rationalität des Taylorismus damit charakterisiert werden, daß das Erreichen des primären Unternehmenszwecks &#8211; das Erzielen eines möglichst hoher Gewinns, im Sinne einer hohe Rendite für das eingesetzte Kapital, durch optimalen Einsatz der Ressourcen, inklusive der menschlichen Arbeitskraft &#8211; &#8220;von oben&#8221; durch ein hierarchisches System von Anweisung, Überwachung und Kontrolle sowie die Reduzierung der Produktionsarbeiter auf das rationelle Funktionieren in dem ihnen zugewiesenen schmalen Arbeitssegment gewährleistet wird. Das dafür erforderliche Management stellt somit genauso eine Folgeerscheinung des nach industriewirtschaftlicher Logik organisierten Fabriksystems dar wie das parallel entstandene Industrieproletariat. Die Notwendigkeit einer Organisations- und Kontrollhierarchie lag im wesentlichen in einer Entwicklung begründet, die sich schon vor der endgültigen Durchsetzung der industriellen Produktion abgezeichnet hatte und einen grundsätzlichen Unterschied zum (protoindustriellen) Verlagssystem darstellt: Die nunmehrigen &#8220;Unternehmer-Kapitalisten&#8221; kauften im Gegensatz zu den &#8220;Verleger-Kapitalisten&#8221; der vorindustriellen Epoche nicht mehr fertige Arbeitsprodukte ein, sondern <em>Arbeitskraft, </em> die erst noch in Arbeit zu transformieren war. Die effiziente Nutzung der für Tage und Stunden gemieteten Arbeitskraft machte &#8211; in Verbindung mit der nunmehrigen, immer weitergehenden Abkehr vom handwerklichen Produktionsprinzip &#8211; ein planendes Management sowie permanente Aufsicht und Kontrolle der Arbeitsverausgabung erforderlich.<a name="a3" href="#3">3</a></p>
<p>Mit dem Taylorismus war die arbeitsorganisatorische und technologische Basis für die Massenproduktion von Konsumgütern gegeben, und gleichzeitig ermöglichte die Steigerung der Arbeitsproduktivität auf längere Sicht auch eine fühlbare Erhöhung des Lohnniveaus der in der Industrie Beschäftigten. Große Teile der Arbeiterschaft konnten damit zu Konsumenten industriell erzeugter Massenprodukte werden. Das bedeutete, daß ihre traditionellen, auf &#8220;nacktes Überleben&#8221; orientierten Reproduktionsformen sukzessive von einem &#8220;Konsummodell&#8221; überlagert und schließlich weitgehend ersetzt wurden. Industriell erzeugte &#8211; zwar nicht überlebensnotwendige, das Leben aber bequemer und angenehmer machende &#8211; Konsumartikel, wie Autos, Kühlschränke oder Rundfunkgeräte, rückten für immer größere Bevölkerungsgruppen mehr und mehr in den Bereich des Denkbaren und wurden in weiterer Folge schließlich zu selbstverständlichen Artikeln des Massengebrauchs. Die bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein (trotz Kapitalismus) relativ unberührt gebliebenen traditionellen Formen der Arbeitskräftereproduktion &#8211; die überwiegend agrarisch geprägten Sozialbeziehungen, Konsumgewohnheiten und Lebensformen &#8211; erfuhren nun erst, im Zusammenhang mit industriewirtschaftlicher Arbeitsorganisation und der Massenproduktion von Konsumgütern, ihre grundlegende Veränderung. Die arbeitende Bevölkerung begann damit immer mehr auch in Form der &#8220;Reproduktion ihrer Arbeitskraft&#8221; zu Wirtschaftswachstum und Kapitalakkumulation beizutragen.</p>
<p>Wenngleich der Taylorismus sich in seiner reinen Form längst nicht in allen Bereichen der Wirtschaft (vollständig) durchgesetzt hat, formten seine arbeitsorganisatorischen Prinzipien mehr und mehr die Schlüsselsektoren der Produktion und wurden in den nächsten Jahrzehnten zur Basis der neuen dominierenden (Konsumgüter-)Industrien. Ein überproportionales Ansteigen der Angestellten mit Planungs-, Kontroll- und Administrationsaufgaben auf der einen Seite und der An- und Ungelernten mit repetiven Teilaufgaben auf der anderen Seite waren typische Folgeeffekte. Die Arbeitsdisziplin wurde insgesamt rigider, und Arbeitstempo sowie Arbeitsintensität nahmen gewaltig zu. Die Segmentierung der Arbeit und die Unterordnung der Arbeiter unter die &#8220;objektiven&#8221; Notwendigkeiten von Arbeitsablauf und Maschinennutzung ermöglichten außerdem &#8211; trotz zunehmender gewerkschaftlicher Organisiertheit &#8211; eine wesentlich straffere Disziplinierung der Belegschaft. Gleichzeitig ermöglichte die ökonomisch-rationale Arbeitsorganisation aber auch, daß die Arbeiter über höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten an ihrer eigenen intensivierten Ausbeutung mitpartizipierten. Von Anfang an konnte sich die Arbeiterbewegung dementsprechend auch der Faszination des Modells eines &#8220;gezähmten Kapitalismus&#8221; nie vollständig entziehen. Ihre diesbezüglich anfänglich jedoch durchaus noch ambivalente Haltung, wich in den nächsten Jahrzehnten zunehmend der Vorstellung eines <em>auf Wachstum und Technokratie </em>gegründeten funktionierenden kapitalistischen Weges in eine durch &#8220;Wohlstand für alle&#8221; gekennzeichnete bessere Zukunft.</p>
<p>Der Taylorismus bedeutete eine völlig neue Entwicklungsstufe in der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit, &#8220;ihre Überführung aus lebensweltlichen, unmittelbar einsichtigen Zusammenhängen unter das abstrakte &#8220;Zeit-ist-Geld&#8221;-Diktat einer kalt berechnenden Marktökonomie&#8221;.<a name="a4" href="#4">4</a> Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, daß die Unterordnung unter die sich neu herausbildenden Bedingungen gesellschaftlich organisierter Arbeit für die Arbeitenden durchaus nicht nur negative Aspekte hatte. Zum einen erfolgte mit dem Überwechseln &#8211; meist von der Landwirtschaft &#8211; in die Fabrik für sie vielfach zugleich &#8220;eine Befreiung aus oftmals entwürdigenden persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen und traditionellen Zwängen&#8221;.<a name="a5" href="#5">5</a> Und zum anderen wurde den Arbeitern die Intensivierung und verstärkte Entfremdung der Arbeit mit sukzessiven Verkürzungen der Wochenarbeitszeit und höheren Verdienstchancen durch Akkord- und &#8220;Leistungsentlohnung&#8221; schmackhaft gemacht. Edward P. Thompson resümiert diesbezüglich: &#8220;Der ersten Generation Fabrikarbeiter wurde die Bedeutung der Zeit von ihren Vorgesetzten eingebleut, die zweite Generation kämpfte in den Komitees der Zehn-Stunden-Bewegung für eine kürzere Arbeitszeit, die dritte schließlich für einen Überstundenzuschlag. Sie hatten die Kategorien ihrer Arbeitgeber akzeptiert und gelernt, innerhalb dieser Kategorien zurückzuschlagen. Sie hatten ihre Lektion &#8211; Zeit ist Geld &#8211; nur zu gut begriffen.&#8221;<a name="a6" href="#6">6</a></p>
<p>Die sich auf zwei Ebenen manifestierende Veränderung der kapitalistischen Arbeits- und Lebensformen &#8211; die Entwicklung der Arbeitsorganisation in Richtung &#8220;Taylorismus&#8221; und die parallel stattfindende Entwicklung zu einer Gesellschaft des Massenkonsums &#8211; wird (wie im zweiten Kapitel ausgeführt) zusammengenommen heute vielfach mit dem Begriff &#8220;Fordismus&#8221; charakterisiert. Mit ihren spezifischen Produktions- und Reproduktionsstrukturen stellte die fordistische Gesellschaftsformation die erfolgreiche Grundlage zur Überwindung der für die Masse der Bevölkerung elenden Bedingungen des Frühkapitalismus dar. Sie schuf, mit einem in der Arbeitswelt bisher nicht gekannten Grad an Disziplinierung und Ausbeutung, sowie einer Lohnpolitik, die die Arbeiterschaft allmählich in die Lage versetzte, Konsumenten ihrer eigenen Produkte zu werden, die Basis für ein insgesamt lang andauerndes Wirtschaftswachstum und einen zunehmenden Massenwohlstand in den industrialisierten Ländern. Der Fordismus signalisierte für die Arbeiterschaft, die sich im Frühkapitalismus als &#8220;Klasse&#8221; formiert hatte, wieder den &#8220;Abschied vom Proletariat&#8221;. Wenngleich die Durchsetzung des fordistischen Akkumulationsmodells nicht kontinuierlich verlief, sondern von heftigen sozialen und politischen Auseinandersetzungen begleitet war und durchaus auch Brüche und Rückschläge zu verzeichnen hatte, wurde das &#8220;fordistische Modell&#8221; schließlich zu jener tragfähige Basis, auf der sich die bis heute wirksame, faktisch durchgängige Akzeptanz des kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsystems herausbilden konnte.</p>
<p>Parallel dazu, daß das fordistische Kapitalismusmodell gegen Ende des zweiten Drittels des zwanzigsten Jahrhunderts jedoch immer mehr an seine Grenzen zu stoßen begann, wurden auch Taylorismus und industriewirtschaftliche Arbeitsorganisation stärker auf ihre aktuelle Brauchbarkeit hinterfragt. Zunehmend wurde offensichtlich, daß es mit dem Paradigma der industriewirtschaftlichen Rationalität &#8211; das in der Zwischenzeit nicht bloß zur weitgehend akzeptierten und im allgemeinen Verständnis auch <em>vernünftigsten</em> Prämisse gesellschaftlicher Arbeit geworden war, sondern auch die Sozialbeziehungen, Konsumgewohnheiten und Lebensformen tiefgreifend verändert und geprägt hatte &#8211; unmöglich war, brauchbare Lösungen für eine Reihe neu auftauchender Probleme in der Arbeitswelt zu entwickeln. Gleichzeitig wurde, durch die parallel stattfindenden technischen Entwicklungen, ein Paradigmenwechsel in den Prinzipien gesellschaftlicher Arbeitsorganisation auch möglich und sinnvoll. Ganz in diesem Sinn lassen sich seit dieser Zeit zunehmend Entwicklungen beobachten, die eine neuerliche tiefgreifende Veränderungen des Gesamtsystems der Produktivkräfte, verbunden mit weitreichenden Veränderungen in der Stellung und Funktion des Menschen im Arbeitsprozeß sowie im gesellschaftlichen Verständnis von Arbeit insgesamt, darstellen.</p>
<p>Die in den letzten beiden Jahrzehnten immer offensichtlicher werdende Notwendigkeit von Alternativen zur industriewirtschaftlichen Produktionslogik sowie die gleichzeitig durch technische Innovationen entstehende Möglichkeit einer grundsätzlichen Veränderung der tayloristischen Arbeitsorganisation läßt sich an einer Reihe von Gründen aufzeigen:</p>
<p>o        Zum einen wurde in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend offensichtlich, daß weitere Möglichkeiten der Produktivitätssteigerung in der industriellen Fertigung durch &#8220;tayloristische Maßnahmen&#8221; nur mehr in wenigen Teilbereichen der Produktion möglich beziehungsweise wirtschaftlich sinnvoll sind. Die traditionelle Rationalisierungsstrategie im Rahmen tayloristischer Arbeitsorganisation &#8211; durch einen immer ökonomischeren Einsatz menschlicher Arbeitskraft in Form repetiver Teilarbeiten und dem Ausbau finanzieller Anreizsysteme, wie der Akkordentlohnung, die Unternehmensgewinne zu erhöhen &#8211; sind heute weitgehend ausgeschöpft. Im gleichen Maß wie diese Produktivitätsreserven der tayloristischen Arbeitsorganisation sich als ausgereizt erwiesen, entwickelte sich durch die technischen Innovationen jedoch die Möglichkeit, standardisierte und normierbare Arbeitsaufgaben nun zunehmend überhaupt unter weitgehender Ausschaltung untergeordneter menschlicher Arbeit durch informationsverarbeitende technische Systeme zu bewältigen.</p>
<p>o        Weiters wurden in vielen Bereichen der industriellen Produktion in jüngster Zeit mehr und mehr die Grenzen des Mengenwachstums erreicht, was aber zugleich heißt, daß eine wesentliche Stärke des tayloristischen Produktionssystems, die Produktkosten durch Massenfertigung zu senken, ebenfalls weitgehend ausgeschöpft ist. Verstärkt wird diese &#8220;Krise der Massenproduktion&#8221; noch dadurch, daß der Konkurrenzkampf heute für viele Industrieprodukte eine immer häufigere Veränderung von Design oder technischer Ausführung erzwingt. In Form der neuerdings zur Verfügung stehenden technischen Systeme ergab sich zugleich wieder die Möglichkeit, eine rationelle Fertigung auch unter Abgehen von der Massenproduktion aufrechtzuerhalten. Durch das Flexibilisierungspotential der Informations- und Kommunikationstechnologien wurde es möglich &#8211; im Gegensatz zur klassischen Automatisierung -, auch die Produktion sehr unterschiedlicher Mengen und Produktvarianten zu automatisieren. Die sogenannte <em>flexible Automation</em> macht heute oft auch kleinste Losgrößen, und damit eine starke Ausrichtung an Kundenwünschen, wirtschaftlich sinnvoll.<a name="a7" href="#7">7</a></p>
<p>o        Die zunehmende Sättigung der potentiellen Märkte und die damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Erschließung neuer Absatzmöglichkeiten führten zu einer generellen Verschärfung des Konkurrenzkampfes auf dem Industrieproduktesektor. Damit wurden in den letzten Jahren besonders die international sehr unterschiedlichen Kosten der lebendigen Arbeitskraft zu einem immer bedeutenderen Wettbewerbsfaktor. Die sich daraus tendentiell entwickelnde internationale Arbeitsteilung zwischen Europa, den USA, Japan und insbesonder den Ländern des pazifischen Beckens, wie Korea, Taiwan, Hongkong oder Singapur, veranlaßte die traditionellen Industrieländer zum einen, die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien in Hinblick auf die damit gegebenen Substitutionsmöglichkeiten von &#8220;Allerweltsarbeitskraft&#8221; massiv voranzutreiben, und zum anderen, sich stärker auf jene Produktionsbereiche und Produktionsformen zurückzuziehen, die ein qualitativ gut ausgebildetes Fachpersonal voraussetzen. Dazu gehören beispielsweise komplexe, kundenorientierte Qualitätsprodukte, Industrieprodukte mit anspruchsvollem Wartungs- und Instandhaltungsaufwand sowie Produktionen, die hohe Flexibilität und termingetreue Lieferung erfordern.</p>
<p>o        Die entfremdeten, monotonen Arbeitsbedingungen der tayloristischen Arbeitsorganisation hatten zunehmend Erscheinungen &#8220;innerer Kündigung&#8221;, verbunden mit unorganisierten, individualistischen Formen der &#8220;Arbeitsverweigerung&#8221; (Absentismus, Schlamperei und dergleichen) bei den fordistischen &#8220;Massenarbeitern&#8221; entstehen lassen. Ein Grund für diesen &#8220;schleichenden Bummelstreik&#8221; kann auch in einer ganz grundsätzlichen Legitimationskrise der industriellen Arbeitsgesellschaft gesehen werden, die in den siebziger Jahren mit der zunehmenden Organisierung der &#8220;Grünbewegungen&#8221; einen relativen Höhepunkt erreichte. Die damals offensichtlich noch zum Teil ins Bewußtsein tretenden Widersprüche zwischen der fordismusimmanenten &#8220;Forderung&#8221; nach hedonistischer Konsummentalität und diszipliniertem Arbeitsverhalten sowie die erstmalig öffentlich geführte Diskussion um die Bedrohung unserer gesamten Ökosphäre durch die fordistischen Produktions- und Reproduktionsformen verschafften kurze Zeit jenen Gehör, die zu einem Ausstieg aus dieser Wirtschafts- und Lebensweise aufforderten.</p>
<p>o        Schließlich begannen sich die demotivierenden Arbeitsbedingungen der nach traditioneller industriewirtschaftlicher Logik organisierten tayloristischen Arbeitsorganisation, vor dem Hintergrund der in den sechziger und siebziger Jahren relativ gut ausgebauten Macht der Arbeitnehmervertretungen, zunehmend zu einer allgemeinen &#8220;Motivationskrise der Arbeit&#8221;<a name="a8" href="#8">8</a> zu verdichten. Die durch gesetzliche und kollektivvertragliche Regelungen verhältnismäßig gut abgesicherte Position der Arbeitnehmer begann immer stärker das traditionelle Arbeitsanreizsystem des Taylorismus zu unterlaufen, womit dieses einen Teil seine Regulationskraft verlor und damit aber auch gleichzeitig die Tatsache der unbefriedigenden Arbeitsbedingungen stärker ins allgemeine Bewußtsein treten konnte. Ein interessantes Indiz stellt in diesem Zusammenhang beispielsweise die Tatsache dar, daß in den achtziger Jahren für die europäischen Arbeiter in einigen Fällen bei Tarifverhandlungen eine weitere Reduzierung der Arbeitszeit sogar Priorität gegenüber Lohnforderungen erhielt.<a name="a9" href="#9">9</a></p>
<p>Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß, unter den heute vorfindbaren ökonomisch-technischen Bedingungen, sich die tayloristische Arbeitsorganisation einerseits aus verschiedenen Gründen immer deutlicher als wirtschaftlich kontraproduktiv herausstellt, aber andererseits, angesichts der zunehmend zur Verfügung stehenden &#8220;neuen Technologien&#8221;, ihre Aufrechterhaltung auch gar nicht mehr notwendig ist. Der massiv verschärfte internationale Konkurrenzkampf erzwingt immer mehr eine &#8220;variantenreiche Serienproduktion&#8221; sowie ein rasches und flexibles Reagieren auf sich verändernde Marktbedingungen &#8211; Vorgaben, die im Rahmen traditionell-tayloristisch organisierter Fertigungen sowieso kaum erreicht werden können.</p>
<p>Der dementsprechend heute tendentiell stattfindende Wandel von einer starren zu einer flexiblen &#8211; an den in immer wieder neuen Varianten animierten Kundenwünschen orientierten &#8211; Produktion wurde zwar, so wie seinerzeit bei der &#8220;Einführung des Taylorismus&#8221;, durch die entsprechenden Technologien ermöglicht, gleichzeitig erfordert er aber auch wieder einen neuen &#8211; nunmehr besonders &#8220;flexiblen&#8221; &#8211; Arbeitnehmertypus. Denn um die Flexibilitätspotentiale der neuen Technik optimal auszunutzen, ist der &#8220;normierte&#8221; und austauschbare &#8220;tayloristisch-disziplinierte Massenarbeiter&#8221;, der sich problemlos in die industrielle Megamaschine einfügt und auf Anweisung &#8220;brav&#8221; sein Tätigkeitssegment im Produktionsablauf erfüllt, weitgehend ungeeignet. Dazu bedarf es spezifisch qualifizierter, flexibler und &#8211; im Sinne des Unternehmensziels &#8211; auch besonders engagierter Arbeitskräfte.</p>
<p>Durch die Rationalisierungs- und Flexibilisierungspotentiale der Mikroelektronik können heute traditionelle Automatisierungsbarrieren überwunden werden und die Produktion &#8211; bei weiterhin steigender Produktivität &#8211; an variierende Losgrößen und eine Palette von Produktvarianten angepaßt werden; die <em>Kombination des Kostenvorteils der Massenfertigung, mit dem Marktvorteil einer raschen Anpassung an Nachfrageveränderungen</em>, wird möglich. Damit ist der &#8220;tayloristische Massenarbeiter&#8221; zunehmend aber nicht bloß nicht mehr erforderlich, seine rasche &#8220;Eliminierung&#8221; wird sogar zur Grundsatzfrage im Hinblick auf die Durchsetzungsmöglichkeit einer in verschiedenen Wirtschaftszweigen ökonomisch überlebensnotwendig gewordenen post-tayloristischen Produktion. Seine traditionellen Tätigkeiten &#8211; jene formalisierbaren Arbeiten, die genau beschreibbar und festlegbar sind, sich dementsprechend auf der Grundlage einer zweiwertigen Logik abbilden und in die &#8220;Sprache&#8221; eines Computers übersetzen lassen &#8211; können in wachsendem Maß durch informationsverarbeitende technische Systeme übernommen werden.</p>
<p>Damit wird die Basis der industriewirtschaftlichen Produktionslogik, die Unterordnung der menschlichen Arbeitskraft unter die Bedingungen der <em>normierten</em> Massenproduktion, zunehmend obsolet. Überall dort, wo normierbare Arbeitsabläufe oder Varianten von solchen auftreten, können heute oder in naher Zukunft Maschinen an die Stelle des Menschen treten. Da, durch die zunehmende universelle Adaptierbarkeit der Informationsverarbeitungseinheiten, die Verwendung solcher Maschinen in immer größeren Bereichen der Produktion auch billiger als die menschliche Arbeitskraft kommt, ist es &#8211; in der, dem Ziel einer maximalen Kapitalrendite geschuldeten Logik des kapitalistischen Konkurrenzkampfes &#8211; unmöglich, die traditionell-tayloristisch organisierte Produktion auf Dauer aufrechtzuerhalten.</p>
<p>Dementsprechend läßt sich derzeit, insbesondere in jenen Produktionsbereichen, die einem starken (internationalen) Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, ein Rückgang von einfachen Routinearbeiten verzeichnen, während planende und verwaltende Arbeiten, Steuerung und Überwachung von Arbeitsvorgängen, Bedienung von Informationssystemen und Beratungsaufgaben relativ wichtiger werden. Diese Entwicklung trifft nicht nur einzelne Berufe, sondern läßt sich &#8211; mehr oder weniger deutlich &#8211; quer durch alle Berufe in den entsprechenden Produktionsbereichen beobachten. Es findet eine tiefgreifende Veränderung in der Tätigkeitsstruktur und den Qualifikationsanforderungen statt. Durch den voranschreitenden Einsatz von Computertechnologie und Mikroelektronik bleiben tendentiell nur mehr die nicht-standardisierbaren Tätigkeitsbereiche &#8211; also jene, die sich keiner eindeutigen Ziel-Mittel-Schematisierung unterwerfen lassen &#8211; der &#8220;Arbeitskraft Mensch&#8221; vorbehalten. Es kann davon ausgegangen werden, daß viele, heute noch nicht von informationsverarbeitenden Maschinen &#8220;übernommene&#8221;, aber prinzipiell formalisierbare Arbeiten ebenfalls nur mehr zeitlich begrenzt ausgeübt werden, nämlich bis zu dem Zeitpunkt, bei dem sie ebenfalls von der Maschinisierungsspirale erfaßt werden beziehungsweise die entsprechenden Technologien so billig werden, daß sich das Ersetzen der menschlichen Arbeitskräfte betriebswirtschaftlich rentiert.</p>
<p>Diese Entwicklung läßt aber gleichzeitig auch die auf extreme Hierarchie und Arbeitsteilung beruhende industriewirtschaftliche Produktionslogik zunehmend ungeeignet werden. Denn betriebliche Abläufe, bei denen das optimale Ergebnis von Handlungen nicht durch eine klar definierte Ziel-Mittel-Vorgabe eingrenzbar ist, lassen sich logischerweise auch nicht mittels hierarchischer Kontrolle steuern. Das bedeutet, daß es unter den Bedingungen des Post-Taylorismus immer notwendiger wird, daß die Arbeitnehmer mit Eigenmotivation tätig sind, sich an einer verinnerlichten Arbeitsethik orientieren und auf Grund einer starken Identifikation mit dem Unternehmensziel ein hohes Maß an Selbstkontrolle entwickeln. Zugleich signalisiert diese Entwicklung auch eine neue Etappe im Kampf der Arbeitgeber um die Intensivierung der Arbeitsleistung ihrer Arbeitnehmer. Mit Hilfe neuer arbeitsorganisatorischer Maßnahmen sollen die Motivation und die Kooperationsbereitschaft der Beschäftigten gefördert werden und damit jene Leistungspotentiale der menschlichen Arbeitskräfte erschlossen werden, die von den Intensivierungsmethoden der tayloristischen Rationalisierungsmuster nicht aktiviert werden konnen. Wer sich mit dem Unternehmensinteresse identifiziert, wehrt sich nicht gegen den Arbeitsstreß.<a name="a10" href="#10">10</a></p>
<p>Mißt man diese neuen &#8220;post-tayloristischen Arbeitstugenden&#8221; an einer von Claus Offe vorgenommenen Charakterisierung von &#8220;Produktionsarbeit&#8221; und &#8220;Dienstleistungsarbeit&#8221;, bedeutet dies nichts anderes, als daß damit auch die Arbeit in den Produktionsbereichen der Wirtschaft tendentiell &#8220;Dienstleistungscharakter&#8221; annimmt.<a name="a11" href="#11">11</a> Dienstleistungsarbeit muß &#8211; im Gegensatz zur klassischen Produktionsarbeit, die vornehmlich eine technisch und zeitökonomisch normierte Tätigkeit darstellt, bei der die notwendigen Arbeitsabläufe definiert und dementsprechend &#8220;durch Dritte&#8221; gelenkt und überwacht werden können &#8211; über &#8220;reflexive Rationalität&#8221; der Arbeitsdurchführenden selbst gesteuert werden. Die eigentümlichen, komplexen Denkstrukturen des Menschen bei der Befassung mit einem &#8220;besonderen&#8221;, eben nicht vollkommen in ein Normschema integrierbaren &#8220;Fall&#8221; lassen sich nicht in ein Ziel-Mittel-Schema pressen und schon gar nicht zeit- und bewegungsökonomisch optimieren. Somit zeichnen sich aber &#8211; dadurch, daß formalisierte und formalisierbare Arbeitsabläufe heute zunehmend durch Maschinen übernommen werden, es zu einer sukzessiven Verdrängung des Menschen aus der eigentlichen Produktion kommt und für menschliche Arbeitskräfte nur mehr die vorbereitenden, beratenden und (maschinen-)überwachenden Funktionen erhalten bleiben &#8211; die für die &#8220;Arbeitskraft Mensch&#8221; verbleibenden Tätigkeiten durch ihren spezifischen &#8220;Dienstleistungscharakter&#8221; aus. Die für die neuen Marktbedingungen und den verschärften Konkurrenzkampf des Post-Fordismus notwendige betriebliche Leistungsoptimierung muß mehr durch innere Antriebskräfte der Mitarbeiter und weniger durch den Druck &#8220;von oben&#8221; erreicht werden. Im Gegensatz zur industriewirtschftlichen Arbeitsorganisation, die zur Bemächtigung der Arbeitskraft nicht unbedingt die Loyalität ihrer Eigentümer braucht, benötigt die dienstleistungsförmige Arbeitsorganisation den &#8220;ganzen Menschen&#8221;. Notwendig werden Arbeitskräfte, die sich &#8211; im Gegensatz zu den Galeerensklaven unseliger Vergangenheit &#8211; die Fesseln selbst anlegen.</p>
<p>Die derzeit beginnenden Umwälzungen der Arbeitsgesellschaft, die ja auch häufig unter dem Titel &#8220;Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft&#8221; zusammengefaßt werden, implizieren also wesentlich mehr als ein bloßes Anwachsen des Dienstleistungssektors der Wirtschaft, und es läßt sich die Entwicklung auch nicht ausreichend mit einer generellen Ausweitung der Dienstleistungstätigkeiten &#8211; auch im Rahmen der anderen Wirtschaftssektoren &#8211; charakterisieren. Denn über das quantitativ feststellbare Anwachsen des Dienstleistungssektors hinaus läßt sich &#8211; wie ansatzweise skizziert &#8211; derzeit eine viel weitergehende Entwicklung beobachten, die sich als ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel in der Organisation der Produktionsarbeit und der Beziehung der betroffenen Menschen zu ihrer Arbeit begreifen läßt. Zum einen ist dies an der beschriebenen Tendenz feststellbar, daß auch Produktionsarbeit Charakteristika annimmt, die bisher nur bei Dienstleistungstätigkeiten zu finden waren. Zum anderen &#8211; und darüber wird meines Erachtens viel zu wenig systematisch reflektiert &#8211; sind, in Verbindung damit, heute auch <em>Ansätze subtiler, aber tiefgreifender Veränderungen von Arbeit und Beruf, der Arbeitsmarktstrukturen sowie der Lebensverhältnisse der abhängig Beschäftigten im Sinne eines zunehmenden Durchdringens dieser Bereiche mit der immanenten Logik der Dienstleistungsrationalität</em> beobachtbar.</p>
<p>Zwar beginnen sich die neuen post-tayloristischen Arbeitsanforderungen vorerst unmittelbar nur für kleinere Gruppen von Arbeitnehmern &#8211; primär in den besonders stark der internationalen Konkurrenz ausgesetzten Kernsektoren der Industrie, wie in der Autoindustrie, der Maschinen- oder der Elektronikindustrie, wo auch der Einsatz der neuen Technologien schon besonders weit fortgeschritten ist &#8211; auszuwirken. Dort kommt es heute, relativ deutlich erkennbar, teilweise zu einer &#8220;Reprofessionalisierung der Industriearbeit&#8221;, in dem Sinn, daß die (verbliebenen) Arbeitsplätze nun ein erweitertes und anspruchsvolleres Aufgabenspektrum umfassen und die Arbeiter beispielsweise statt der bloßen Maschinensteuerung auch Instandhaltungsaufgaben oder selbständige Programmieroperationen durchzuführen haben.<a name="a12" href="#12">12</a> Zudem wird in diesen Industriebereichen verschiedentlich versucht, die Motivationsdefizite der Massenproduktion durch Konzepte teilautonomer Gruppenarbeit &#8211; wie zum Beispiel im Rahmen der weiter hinten beschriebenen <em> &#8220;lean-production&#8221;- </em>Organisationsmodelle &#8211; abzubauen. Insgesamt ist jedoch nicht mit einem abrupten Ende des Taylorismus und einer entsprechenden generellen Veränderung der Arbeitsanforderungen zu rechnen; im gesellschaftlichen Durchschnitt ist (zumindest für die nächste Zeit) eher eine Mischung von tayloristischen und nicht-tayloristischen Arbeitsformen zu erwarten.</p>
<p>Allerdings darf nicht vergessen werden, daß sich ja auch der Taylorismus in keiner Phase seiner Entwicklung wirklich vollständig durchgesetzt hat. Dennoch haben seine arbeitsorganisatorischen Prinzipien äußerst tiefgreifend und umfassend die Bedingungen in der Arbeitswelt insgesamt geprägt. In einem ähnlichen Sinn kann heute davon gesprochen werden, daß das heraufdämmernde Ende des Taylorismus bereits überdeutliche Schatten seiner Auswirkungen vorauswirft, die sich mit den zwei Aspekten, &#8220;Tendenz zur &#8220;(Re-)Qualifizierung&#8221; und &#8220;massiv steigende Arbeitsmarktrisiken&#8221; umschreiben lassen.<a name="a13" href="#13">13</a> Die derzeitige Auflockerung tayloristischer Produktionskonzepte ist einerseits &#8211; wie im nächsten Kapitel dargestellt &#8211; verbunden mit völlig neuen Qualifikations- und Partizipationsangeboten des Managements <em>an die Kernbelegschaften</em> und den dementsprechenden Tendenzen zu einer &#8220;Selbstkontrolle&#8221; der Arbeitskräfte; andererseits wird damit aber auch eine Ausweitung der in der Gesellschaft ohnehin angelegten Spaltungen &#8211; und dabei nicht nur der zwischen Beschäftigten und Erwerbslosen &#8211; provoziert. Am heutigen &#8220;Übergang von der tayloristischen Modernisierung zur postmodernen Arbeitsorganisation&#8221; werden die Arbeitsbedingungen deutlich uneinheitlicher, und es kommt insgesamt zu einer wachsenden Polarisierung der Gesellschaftsmitglieder in Hinblick auf die jeweiligen &#8211; positiven oder negativen &#8211; Auswirkungen der neuen Produktionskonzepte.</p>
<p>Der Bedarf an Arbeitskräften in der Industrie sinkt im Zusammenhang mit den post-tayloristischen Rationalisierungskonzepten sehr rasch.<a name="a14" href="#14">14</a> Besonders Arbeitskräfte mit niedrigen oder nicht mehr gefragten Qualifikationen sind damit massiv von Teilzeitarbeit, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung bedroht. Die Möglichkeiten, durch Umlernen und Nachqualifizierung eine neue Beschäftigung, eventuell in einem anderen Wirtschaftsbereich zu finden, und damit den bisherigen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, sind bei weitem nicht so großartig, wie das manchmal dargestellt wird. Nicht nur der für seine radikalen Analysen der gegenwärtigen Entwicklungen auf den Arbeitsmärkten der Industriestaaten bekannte André Gorz zeigt immer wieder auf, daß der größte Teil der im Zuge der heutigen &#8220;Strukturveränderungen&#8221; neu entstehenden Beschäftigungsmöglichkeiten im Niedriglohnbereich angesiedelt ist.<a name="a15" href="#15">15</a> Ganz im Sinne seiner Analysen und Prognosen wird auch in einer Studie zur Beschäftigungsentwicklung in den USA darauf hingewiesen, daß die voraussichtlich bis zum Jahr 2005 entstehenden neuen Arbeitsmöglichkeiten sich überwiegend auf unqualifiziertem Niveau und dementsprechend schlechter Bezahlung bewegen werden. Damit wird nur ein Trend fortgeschrieben, der sich schon über die letzten zwanzig Jahre nachweisen läßt: Obwohl in diesem Zeitraum in den USA etwa dreißig Millionen neuer Jobs geschaffen wurden, haben sich die durchschnittlichen Familieneinkommen kaum erhöht, weil viele der neuen Beschäftigungsmöglichkeiten im Niedrigstlohnbereich angesiedelt sind.<a name="a16" href="#16">16</a> Insbesondere im Dienstleistungssektor, von dem ja vielfach angenommen wird, daß dort die Arbeitsplätze heranwachsen, die im Produktionssektor verlorengehen, entstehen wesentlich mehr schlecht bezahlte Tätigkeiten &#8211; wie zum Beispiel Fahrradbote, Pizzaausträger oder Hundeausführer &#8211; als hochdotierte Jobs &#8211; wie solche eines Investmentberaters oder Computerprogrammierers.<a name="a17" href="#17">17</a></p>
<p>Ganz unabhängig von diesbezüglichen empirischen Untersuchungen<a name="a18" href="#18">18</a> steckt ja genaugenommen schon im Argument, daß es gegenwärtig zu einer &#8220;Tertiarisierung der Ökonomie&#8221; kommt und damit in Zukunft eine wachsende Anzahl von Menschen im Dienstleistungssektor tätig sein wird, eine Bestätigung der Tendenz zur fortschreitenden Spaltung der Gesellschaft in gutverdienende Vollbeschäftigte auf der einen Seite, die es sich leisten können, die Marginalisierten &#8220;der anderen Seite&#8221; zu ihren persönlichen Diensten heranzuziehen, weil sie selbst in der dazu notwendigen Zeit mehr verdienen können, als sie dafür zahlen müssen. Denn berücksichtigt man jene relativ vielen Dienstleistungen, die bisher von den Industriebetrieben selbst erbracht wurden &#8211; vom Transport über Lohnverrechnung bis zu Forschung und Entwicklung -, aber jetzt aus Kostengründen häufig in eigene Unternehmungen ausgelagert werden und somit zwar die Statistik der Dienstleistungstätigkeiten entsprechend aufbessern, aber real keinen Arbeitsplatzzuwachs bedeuten<a name="a19" href="#19">19</a>, beruht die tatsächlich stattfindende diesbezügliche Ausweitung des Beschäftigungsangebots sehr stark auf neu entstehenden Arbeitsplätzen in den Bereichen der &#8220;persönlichen Dienstleistungen&#8221;. Diese Tätigkeiten gehören aber, entsprechend einer von André Gorz unter Berufung auf Adam Smith dargestellten und recht leicht nachvollziehbaren Logik<a name="a20" href="#20">20</a>, nicht zufällig faktisch durchwegs dem Niedriglohnbereich an.</p>
<p>Gorz führt aus, daß das Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit überwiegend auf der sogenannten &#8220;produktiven Substitution&#8221; beruhte. Da Industrie und Dienstleistungsunternehmungen eine zunehmende Anzahl von Aufgaben, die vorher in der häuslichen Sphäre besorgt worden waren &#8211; wie beispielsweise Spinnen, Weben, Brot backen -, auf Grund von leistungsfähigen Maschinen, einem entsprechenden Energieeinsatz und rationalisierten Arbeitsverfahren <em>mit weniger Arbeitszeit und häufig auch qualitativ besser</em> erledigen konnten, waren diese Aufgaben zunehmend an sie übergegangen. Die Folge dieser Entwicklung war, daß die Menschen der industrialisierten Welt heute gemeinhin in einer Arbeitsstunde wesentlich mehr verdienen, als die Waren und Dienstleistungen kosten, die sie durch Eigenarbeit in dieser Stunde selbst herstellen könnten. Das Abgehen von der Selbstversorgung und die Industrialisierung hat auf der gesamtgesellschaftlichen Skala somit Arbeitszeit erspart, wodurch Mußezeiten oder das Produzieren zusätzlicher Reichtümer möglich wurden.</p>
<p>Ganz anders verhält sich die Sache im Bereich der persönlichen Dienstleistungen. Die Arbeitenden tun hier ja nichts, was jene Personen, die die Dienstleistung in Anspruch nehmen, nicht &#8211; in durchschnittlich derselben Zeit und der gleichen Qualität &#8211; genausogut selber tun könnten. Es handelt sich hier um eine &#8220;äquivalente Substitution&#8221;, die nur von jenen Menschen in Anspruch genommen werden kann, die um so viel mehr verdienen, als sie zu ihrer gesellschaftsadäquaten Bedürfnisbefriedigung brauchen, daß sie sich von lästiger, langweiliger und unbeliebter Arbeit freikaufen können. Das heißt aber, daß die Summe derjenigen Menschen, die auf Grund des sinkenden Arbeitskräftebedarfs in der Industrie keine Beschäftigung mehr finden und gezwungen sind, persönliche Dienstleistungen zu verrichten, immer nur gerade soviel verdienen kann, als die Gruppe derer zu &#8220;entbehren&#8221; bereit ist, die trotz (oder dank) des Einsatzes der neuen Technologien einen gut bezahlten, sicheren Arbeitsplatz hat.<a name="a21" href="#21">21</a> Stellt man nun die Tendenz in Rechnung, daß die Anzahl der Beschäftigten in den produktiven Sektoren der Wirtschaft rückgängig ist und die Arbeitsplätze im Bereich der persönlichen Dienstleistungen zunehmen, ergibt sich aus dem Dargestellten in logischer Folge eine immer größer werdende soziale Kluft zwischen diesen beiden Bevölkerungsgruppen.</p>
<p>Die post-tayloristische Tendenz zur Dienstleistungsgesellschaft impliziert somit eine fortschreitende gesellschaftliche Spaltung, die mit dem traditionell-marxistischen Erklärungsmuster der &#8220;Klassenzugehörigkeit&#8221; nur unzureichend in den Griff zu bekommen ist. Im Grunde genommen handelt es sich um eine Transformation des &#8220;Kolonialmodells&#8221; (Gorz) in die Industriegesellschaften. Die heutige Zunahme der Arbeitsplätze im Bereich der persönlichen Dienstleistungen stellt demgemäß keineswegs bloß eine wertfrei interpretierbare Umschichtung der gesellschaftlich zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze dar, sondern muß als die unmittelbare Folge der Verarmung eines größer werdenden Bevölkerungsanteils begriffen werden. Gorz faßt die heutige Entwicklung folgendermaßen zusammen: <em> &#8220;Die soziale und ökonomische Ungleichheit zwischen denen, die persönliche Dienste leisten, und denen, die sie kaufen, ist zur Triebkraft der Schaffung von Arbeitsplätzen geworden.  [...] Die Schaffung von Arbeitsplätzen hat nicht mehr die Funktion, auf der gesamtgesellschaftlichen Skala Arbeitszeit zu sparen, sondern Arbeitszeit zu verschwenden; [...] ihr Zweck ist es vielmehr, die Produktivität zu vermindern, um die Verausgabung von Arbeit durch die Entwicklung eines Dienstleistungssektors ohne soziale Nützlichkeit zu erhöhen. </em>&#8220;<a name="a22" href="#22">22</a></p>
<p>Fasziniert von den gegenwärtigen Anzeichen eines Abgehens von der tayloristischen Produktionsform verengt sich der Betrachtungsfokus häufig auf das damit vorstellbar gewordene Ende der monotonen und zerstückelten Industriearbeit sowie die Vision einer interessanten, verantwortungsvollen und abwechslungsreichen Tätigkeit in der industriellen Produktion, wo statt auf reagierende Funktionen reduzierte Arbeiter, nun selbständige und mündige Menschen gefordert sind, die kommunikativ und lernfähig sind und eine Vielzahl manueller und intellektueller Fähigkeiten beherrschen. Gerne wird in diesem Zusammenhang die Perspektive von souveränen und autonomen Mitarbeitern entwickelt, die sich ihre Tätigkeit im Team selbst organisieren und &#8211; von &#8220;flachen Hierarchien&#8221; kaum eingeengt &#8211; eigenverantwortlich die Optimierung der Produktion vorantreiben. Diese Entwicklung, die weiter vorne als der <em>Einzug der &#8220;Dienstleistungslogik&#8221; in die industrielle Produktion </em>charakterisiert wurde, stellt jedoch nur die eine Hälfte jenes &#8220;Übergangs zur Dienstleistungsgesellschaft&#8221; dar, an dessen Schwelle sich die industrialisierten Länder heute befinden. Die weitaus weniger glänzende zweite Hälfte dieser Perspektive besteht darin, daß es &#8211; wenn den gegenwärtigen Trends nicht entgegengesteuert wird &#8211; zu einem zunehmenden Auseinanderdriften der sozialen Bedingungen von Gewinnern und Verlierern des Konkurrenzkampfes um attraktive Arbeitsplätze kommt.</p>
<p>Die kurzschlüssige Euphorie des postmodernen &#8220;anything goes&#8221; mit ihren schillernden Schlagwörtern &#8220;Pluralisierung, Differenzierung und Individualisierung&#8221; verstellt heute weitgehend den Blick darauf, daß die angebliche Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten der post-fordistischen Gesellschaft jedermann gnadenlos unter das Diktat totaler Leistungsverausgabung und Konkurrenz zwingt. Die &#8220;Sportifizierung der Gesellschaft&#8221; fordert permanent, sich und die anderen zu bezwingen, weil nur wer hart und konsequent genug ist, sich durchzusetzen, an den attraktiven neuen Arbeits- und Lebensstilangeboten teilhaben kann. Das heute übliche einseitige Herausstreichen der Möglichkeit, daß ja (angeblich) jeder &#8211; nicht zuletzt durch &#8220;Weiterbildung&#8221;, im Sinne einer laufenden Nachjustierung seines Qualifikationsprofils &#8211; zu einem der Gewinner werden kann, und das damit verbundene weitgehende Verdrängen der Tatsache, <em>daß ein Konkurrenzsystem &#8211; auch dann, wenn sich alle maximal anstrengen und ihr Bestes geben &#8211; immer auch Verlierer produziert, </em> leistet gegenwärtig auch einer rasch fortschreitenden <em>Deregulierung in der Arbeitswelt </em>Vorschub.</p>
<p>Wesentliche Ansprüche, die im Rahmen der &#8220;tayloristischen Modernisierung&#8221; der Arbeit entwickelt und durchgesetzt worden waren, wie Stabilität der Beschäftigung und ausreichende soziale Sicherung für alle Arbeitenden, sind derzeit einer raschen Erosion ausgesetzt. In diesem Sinn kann heute ein relativer Rückgang der traditionellen Lohnarbeitsverhältnisse, die in Form eines &#8220;Verkaufs von <em>Arbeitskraft</em> über eine bestimmte Zeit&#8221; organisiert sind, einschließlich der damit verbundenen, in der Regel kollektiv ausgehandelten sozialen Sicherheitsmechanismen und der weitgehend üblichen Zeitentlohnung, beobachtet werden. Statt dessen steigt der Anteil solcher Arbeitsleistungen tendentiell an, die unter den Bedingungen von Liefer- oder Werkverträgen erbracht werden. Arbeitnehmer werden dadurch zu formell selbständigen, quasi <em>freien</em> Subunternehmern, die keinen Zeitlohn, sondern ein <em> &#8220;Entgelt für eine Leistung unter Bedingungen der Ungewißheit</em>&#8220;<a name="a23" href="#23">23</a> erhalten. Damit wird auch das Modell der durch einen Arbeitsvertrag abgesicherten, kontinuierlichen und relativ gleichbleibenden Bezahlung nach und nach durchlöchert und beginnt sein bisheriges Selbstverständnis einzubüßen &#8211; es kommt zu einer &#8220;Flexibilisierung&#8221; der Arbeitsverhältnisse und der Entlohnungsformen.</p>
<p>Aber auch im Rahmen (derzeit noch) traditionell organisierter Lohnarbeit zeigt sich der Trend zur &#8220;Risikogesellschaft&#8221; (Ullrich Beck) im immer häufigeren Unterlaufen des sogenannten &#8220;Normalarbeitsverhältnisses&#8221;. Insbesondere die Zahl der &#8220;Teilzeitbeschäftigten wider Willen&#8221;, die ja durchaus auch als &#8220;Teilzeitarbeitslose&#8221;<a name="a24" href="#24">24</a> bezeichnet werden können, ist seit den siebziger Jahren permanent im Steigen begriffen.<a name="a25" href="#25">25</a> Im Zunehmen begriffen sind in allen Industriestaaten auch zeitlich befristete Arbeitsverträge, Gelegenheitsarbeiten und atypische Beschäftigungsverhältnisse wie legale und illegale Leiharbeit.<a name="a26" href="#26">26</a> Diese Arbeitsformen bedeuten für die Betroffenen durchwegs vermehrte Risiken, wie geringeres Einkommen, einen schlechteren oder gar keinen Pensions- und Krankenversicherungsschutz sowie eine verringerte Absicherung im Falle von Arbeitslosigkeit. Eine weitere Aushöhlung sozialer und arbeitsrechtlicher Standards impliziert die heute weitverbreitete illegale Beschäftigung von Arbeitskräften.</p>
<p>Die damit verbundene Heterogenisierung der Lebensbedingungen von Arbeit<em>nehmern </em>zerstört die letzten Reste einer traditionellen &#8220;Solidargemeinschaft&#8221; der vom &#8220;Verkauf ihrer Arbeitskraft&#8221; Lebenden. Bei den tayloristischen Massenarbeitern konnte sich zumindest ein diffuses Bewußtsein gleicher Interessenslage von &#8220;Lohnabhängigen&#8221;, verbunden mit dem Wissen um die Bedeutung kollektiver Formen der Interessenswahrnehmung und einer ideologisch legitimierten Abgrenzung gegenüber der Interessensgruppe der Arbeit<em>geber</em>, herausbilden. Unter den heutigen Bedingungen hingegen erscheint die gesellschaftliche Bruchlinie Arbeitgeber-Arbeitnehmer im Bewußtsein der meisten Gesellschaftsmitglieder schlichtweg unwichtig. Traditionellen Formen kollektiver Interessenswahrnehmung wird dementsprechend zunehmend weniger Bedeutung zuerkannt, und statt dessen etabliert sich ein partikularer Korporatismus einander befehdender und voneinander abgrenzender Statusgruppen. Ganz im Sinne der Renaissance der Behauptung, daß dem Tüchtigen die Welt gehöre und jeder seines Glückes Schmied sei, verliert die in der traditionellen Wertehierarchie der Arbeiterbewegung äußerst hoch besetzte &#8220;Solidarität&#8221; heute rasch an Wert<a name="a27" href="#27">27</a>, was sich nicht zuletzt an der minimalen Beachtung zeigt, die &#8211; sogar von potentiell stark Betroffenen &#8211; den steigenden Arbeitslosenraten oder der Tendenz eines immer deutlicher gespaltenen Arbeitsmarktes entgegengebracht wird.</p>
<p><a name="1" href="#a1">1</a> Interview in &#8220;Top-Business&#8221;, Report IV, Oktober 1992, S. 35.</p>
<p><a name="2" href="#a2">2</a> Über die Einteilung und die Datierung der industriellen Entwicklungsschübe sind sich die Wirtschafts- und Sozialhistoriker nur zum Teil einig. Weitestgehend unbestritten ist bloß die &#8220;erste industrielle Revolution&#8221;. Ihr Beginn wird zwischen 1760 und 1780, ihr Ende zwischen 1830 und 1850 angesetzt, und sie wird allgemein als die Zeit des &#8220;Übergangs zum Fabriksystem&#8221; angesehen. Von einer &#8220;zweiten industriellen Revolution&#8221; sprechen viele Autoren im Zusammenhang mit dem &#8220;Übergang zur großindustriellen Massenproduktion&#8221; in den letzten Dekaden des 19. und den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts. Eine &#8220;dritte  revolutionäre Umwälzung der industriellen Fertigung&#8221; wird schließlich verschiedentlich in der Einführung und Anwendung von Computertechnologien in Produktion und Verwaltung seit Anfang der siebziger Jahre gesehen. Vgl.: Müller-Jentsch/Stahlmann: Management und Arbeitspolitik im Prozeß fortschreitender Industrialisierung. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 13 (1988). Heft 2, S. 6/7.</p>
<p><a name="3" href="#a3">3</a> Vgl. ebda., S. 5</p>
<p><a name="4" href="#a4">4</a> Meißl, G.: Von der Modernisierung zur Postmodernisierung der Arbeitswelt. In: Tálos, E,/Riedlsperger, A. (Hg.): Zeit-Gerecht. 100 Jahre katholische Soziallehre. Steyr 1991, S. 146.</p>
<p><a name="5" href="#a5">5</a> Ebda.</p>
<p><a name="6" href="#a6">6</a> Zit. nach: Klopfleisch, a.a.O, S. 36.</p>
<p><a name="7" href="#a7">7</a> Vgl. Rürup, B.: Die Zukunft der Arbeit. Sozioökonomische Konsequenzen des technologischen Wandels. Referat in Wien (Sommer) 1988 (hekt.).</p>
<p><a name="8" href="#a8">8</a> Müller-Jentsch/Stahlmann, a.a.O, S. 6.</p>
<p><a name="9" href="#a9">9</a> Vgl. Womack, J.P./Jones, D.T./Roos, D.: &#8220;Die zweite Revolution in der Automobilindustrie&#8221;. Konsequenzen aus der weltweiten Studie des Massachusetts Institute of Technology. Frankfurt a.M./New York 1991, S. 52.</p>
<p><a name="10" href="#a10">10</a> Vgl. Klopfleisch, a.a.O., S. 157.</p>
<p><a name="11" href="#a11">11</a> Ohne auf die Argumentationen Offes bezüglich der generellen Problematik des Definierens von &#8220;Dienstleistung&#8221; und &#8220;Dienstleistungstätigkeit&#8221; Rücksicht zu nehmen, wird hier nur auf seine Argumentation Bezug genommen, daß die &#8220;immanente Rationalität von Dienstleistungen&#8221; ganz bestimmte Rahmenbedingungen für ihr Erbringen erforderlich macht. Er führt diesbezüglich aus: Während &#8220;kontraktionelle Erwerbsarbeit umso rationeller organisiert [werden kann], je eindeutiger ihre Resultate festgelegt sind, je weniger Variationsspielräume bei der Verwendung der sachlichen Betriebsmittel und der Arbeitszeit bestehen, je größer die Kontrollierbarkeit des Arbeitshandelns ist und je geringer die Dispositionsspielräume sind, innerhalb deren sich die konfligierenden Motive der Arbeitenden zur Geltung bringen können, [...] liegen die Dinge [für das Erbringen] von Dienstleistungen ganz anders. Hier wird das gedachte Ergebnis des Handlungsablaufs umso besser erreicht, je weniger schematisch Ziele und Mittel vorgeschrieben sind, je größer Dispositions- und Interpretationsspielräume offengehalten werden, je weniger die Eigenmotivation des Dienstleistenden unter äußere Kontrolle gestellt wird und je größer daher die Möglichkeit ist, auf die Besonderheiten eines prinzipiell nicht völlig (d.h. dann nur mit widersinnigen Folgen) standardisierbaren Umweltausschnittes ad hoc einzugehen.&#8221; Offe, C.: &#8220;Arbeitsgesellschaft&#8221;: Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven. Frankfurt a.M./New York 1984, S. 296/297.</p>
<p><a name="12" href="#a12">12</a> Nachgewiesen wurde ein diesbezüglicher Trend schon Anfang der achtziger Jahre durch Horst Kern und Michael Schumann in ihrer prospektiven Studie &#8220;Das Ende der Arbeitsteilung&#8221;. Nach einer Untersuchung der vorherrschenden Rationalisierungsformen in der Automobilindustrie, dem Werkzeugmaschinenbau und der chemischen Großindustrie kamen sie damals zu dem Schluß, daß die Nutzung der fachlichen Kompetenzen der Arbeitnehmer angesichts der fortgeschrittenen Produktionstechniken effizienter ist als die tayloristische Zerstückelung der Arbeit in Einzelverrichtungen. Daraus leiteten sie ab, daß zunehmed Arbeiter mit beruflichen Qualifikationen notwendig werden, durch die garantiert ist, daß angesichts der teuren Anlagen und der vom Markt erwarteten Produktflexibilität möglichst wenig Unterbrechungen im Produktionsablauf entstehen. Dies ist nur dann möglich, wenn die Arbeiter über ein umfassendes Produktionswissen und über ein Mehr an Verantwortung verfügen. Kern, H./Schumann, M.: Das Ende der Arbeitsteilung. Rationalisierung in der industriellen Produktion. München 19852.</p>
<p><a name="13" href="#a13">13</a> Mit tragischer Deutlichkeit zeigt sich dieses Doppelgesicht des Post-Taylorismus derzeit in der europäischen Autoindustrie. In diesem Wirtschaftzweig, der besonders stark dem internationalen Konkurrenzkampf ausgeliefert ist und seit Anfang der neunziger Jahre mit massiven Absatzrückgängen konfrontiert ist, wird derzeit versucht, einerseits durch tiefgreifende Umorganisationen in Richtung &#8220;Lean production&#8221;, die Produktivkraft &#8220;Humankapital&#8221; zu aktivieren und andererseits werden seit 1991 radikal Arbeitsplätze abgebaut, sodaß bis Mitte des Jahrzehnts voraussichtlich nur mehr ungefähr zwei Drittel des ursprünglich Personals beschäftigt sein wird. Vgl. &#8220;Kurier&#8221; 13. August 1993, S. 21.</p>
<p><a name="14" href="#a14">14</a> Insgesamt ist der Anteil der in der Industrie beschäftigten Erwerbstätigen im westlichen Europa seit 20 Jahren um mehr als 20 Prozent gesunken, und ein weiteres Abnehmen von 20 bis 30 Prozent wird für die nächsten zehn Jahre prognostiziert. In Österreich fand zum Beispiel noch 1970 jeder zweite Beschäftigte seine Arbeit in einem Industriebetrieb, 1993 ist es nur mehr jeder dritte. Und diese Entwicklung setzt sich &#8211; wie in allen Industriestaaten &#8211; noch weiter fort. &#8220;Wirtschaftswoche&#8221; 31/29. Juli 1993, S. 14.</p>
<p><a name="15" href="#a15">15</a> Vgl. insbesonders Gorz, A.: Und jetzt wohin? Berlin 1991.</p>
<p><a name="16" href="#a16">16</a> Auch eine Untersuchung der Wirtschaftsprofessoren Barry Bluestone und Bennett Harrison brachte ein ähnliches Ergebnis: Fast die Hälfte &#8211; 44 Prozent &#8211; der zwischen 1979 bis 1985 in den Vereinigten Staaten neu entstandenen Arbeitsplätzen erbrachten eine Entlohnung an der Armutsgrenze. Damit hat sich die Quote der neu entstandenen Niedriglohnarbeitsplätze gegenüber den sechziger und siebziger Jahren mehr als verdoppelt. Zit. nach: Kami, M.J.: Zehn Prozent besser als die Konkurrenz. Worauf es heute ankommt, Schlüsselstrategien für den Wettbewerb. Frankfurt a.M./New York 1990, S. 23.</p>
<p><a name="17" href="#a17">17</a> Nach &#8220;Newsweek&#8221; vom 14. Juni 1993, S. 14.</p>
<p><a name="18" href="#a18">18</a> Vgl. dazu beispielsweise: Blossfeld H.-P./Mayer K.U.: Berufsstruktureller Wandel und soziale Ungleichheit. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 43 (1991), 4, S. 671-696.</p>
<p><a name="19" href="#a19">19</a> Diese &#8220;statistische Verwandlung&#8221; ehemaliger dem Industriesektor zugerechneter Arbeitsplätze in Tätigkeiten des Dienstleistungssektors macht es insgesamt sehr schwer zu überprüfen, wieweit das Argument von der zunehmenden &#8220;Tertiarisierung der Wirtschaft&#8221; überhaupt stimmt. Während die echten Produktionsabteilungen in der Industrie ständig schrumpfen, gewinnen zum Beispiel Marketing, Service, Forschung oder Weiterbildung immer mehr an Gewicht, scheinen aber erst wenn sie in eigene (Sub-)Unternehmen ausgelagert werden &#8211; was derzeit aus Kostengründen eben recht häufig passiert &#8211; im &#8220;Dienstleistungssektor der Wirtschaft&#8221; auf. Vgl. &#8220;Wochenpresse&#8221; 31/29. Juli 1993.</p>
<p><a name="20" href="#a20">20</a> Die folgende Argumentation folgt im wesentlichen der Darstellung von André Gorz 1991, a.a. O., S. 72-76.</p>
<p><a name="21" href="#a21">21</a> Dieser Mechanismus greift im übertragenen Sinn auch dann, wenn die angesprochenen persönlichen Dienste nicht auf einem &#8220;freien Markt&#8221; gehandelt werden, sondern &#8211; wie zum Beispiel verschiedene Tätigkeiten in der Altenbetreuung &#8211; durch Länder, Gemeinden oder öffentliche Körperschaften organisiert werden. Denn auch dann kann eine Bezahlung in der Höhe eines adäquaten Standards nur erfolgen, wenn öffentlicher Konsens darüber herrscht, daß das über Steuern und Abgaben erworbene öffentliche Budget entsprechend belastet werden soll. Heute läßt sich jedoch eher der Trend beobachten, die Steuerbelastung der Gutverdienenden &#8211; und damit den finanziellen Spielraum des Staates einschließlich aller seinen Gliederungen &#8211; zu verringern.</p>
<p><a name="22" href="#a22">22</a> Gorz 1991, a.a.O., S. 76; Hervorhebung E.R.</p>
<p><a name="23" href="#a23">23</a> Herbert Giersch, Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, in &#8220;Wirtschaftswoche&#8221; 10/1985, S. 38.</p>
<p><a name="24" href="#a24">24</a> Die Tatsache, daß die Anzahl der Vollzeitbeschäftigungen relativ abnimmt und die Teilzeitbeschäftigungen ansteigen, hängt ja damit zusammen, daß in den letzten Jahren die Produktivität stärker gestiegen ist, als eine Ausweitung des Konsums möglich war. Um in dieser Situation die verbleibende Arbeit zu &#8220;strecken&#8221;, besteht zum einen die Möglichkeit, die Arbeitszeit allgemein zu reduzieren. Die Alternative zu dieser Entwicklung ist, daß &#8211; wie es derzeit geschieht &#8211; zunehmend mehr Menschen in die &#8220;Vollzeit-&#8221; oder &#8220;Teilzeitarbeitslosigkeit&#8221; abgedrängt werden.</p>
<p><a name="25" href="#a25">25</a> Die OECD weist in ihrer jüngsten &#8220;Perspektive der Beschäftigung&#8221; darauf hin, daß neben der statistisch sichtbaren Arbeitslosigkeit in den Mitgliedsländern auch die &#8220;versteckte Arbeitslosigkeit&#8221; in Form von unfreiwilliger Teilzeitarbeit derzeit rasch zunimmt. So leisten im Jahre 1992 schon 13 Millionen Menschen zeitlich befristete Arbeit, obschon sie lieber einen Vollzeitarbeitsplatz hätten. &#8220;ÖGB-Nachrichtendienst&#8221; 2703/29. Juli 1993. Auch in Österreich läßt sich in den letzten Jahren ein sprunghaftes Ansteigen der Teilzeitarbeitsplätze und der sogenannten geringfügig Beschäftigten verzeichnen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hierzulande um etwa 100.000 auf 500.000 angestiegen, wobei sich diese Zunahme seit Ende der achtziger Jahre noch beschleunigt. Dabei konzentriert sich Teilzeitarbeit ganz besonders in den Wirtschaftsklassen am unteren Ende der Verdiensthierarchie. Insbesondere die weiblichen Teilzeitbeschäftigungen konzentrieren sich in einfachen Büro- und Verwaltungshilfsberufen, im Verkauf und im Handel, im Bereich der Gebäudereinigung sowie in Gesundheitsberufen. Drei Viertel der teilzeitbeschäftigten Frauen haben nur Pflichtschulabschluß mit oder ohne Lehrausbildung, mehr als die Hälfte sind Arbeitnehmerinnen mit Hilfs- oder angelernten Tätigkeiten. &#8211; Es kann angenommen werden, daß nicht alle solcherart Beschäftigten freiwillig keinen Vollzeitarbeitsplatz einnehmen. &#8220;Der Standard&#8221;, 27. 9. 1993, und 20. 12. 1993, sowie Klaus Firley, Arbeits- und Sozialrechtler an der Universität Salzburg, in der ORF-Sendung &#8220;Arbeit ohne soziales Netz&#8221;, am 16. 10. 1992.</p>
<p><a name="26" href="#a26">26</a> Vgl.: Gorz 1991, a.a.O., S. 71.</p>
<p><a name="27" href="#a27">27</a> Deutliche diesbezügliche empirische Hinweise finden sich in dem 1991 veröffentlichten Österreichteil der Europäischen Wertestudie &#8220;Religion im Leben der Österreicher 1970-1990&#8243;, wo eine deutliche Entwicklung in Richtung &#8220;postsolidarischer Gesellschaft&#8221; konstatiert wird.</p>
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		<title>Die Arbeit hoch? &#8212; Kapitel 4</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 1994 23:30:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Die Arbeit hoch?]]></category>
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		<description><![CDATA[Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus Inhaltsverzeichnis 4. Unternehmenskultur, Lean production, Ganzheitlichkeit, Flexibilisierung, &#8230; &#8212; die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus. Die Aufgabe heißt: Tag für Tag mobilisieren &#8211; die Männer und die Frauen im Unternehmen, ihre Intelligenz, ihren Einfallsreichtum, ihr Herz und ihren kritischen Verstand, ihre Freude am Spiel, am Träumen, an Qualität, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch">Inhaltsverzeichnis</a></p>
<h4>4. Unternehmenskultur, Lean production, Ganzheitlichkeit, Flexibilisierung, &#8230; &#8212; die Unternehmensstrategien des Post-Taylorismus.</h4>
<blockquote><p><em>Die Aufgabe heißt: Tag für Tag mobilisieren &#8211; die Männer und die Frauen im Unternehmen, ihre Intelligenz, ihren Einfallsreichtum, ihr Herz und ihren kritischen Verstand, ihre Freude am Spiel, am Träumen, an Qualität, ihre schöpferischen Fähigkeiten, ihre Kommunikationsfreudigkeit, ihre Beobachtungsgabe, in einem Wort: ihre reiche Vielfalt [...] Der industrielle Konkurrenzkampf wird immer unerbittlicher, und nur diese Mobilisierung wird es erlauben, sich siegreich zu behaupten.</em> &#8212; H. Servieyx/G. Archier, Unternehmen der dritten Art<a name="a1" href="#1">1</a></p></blockquote>
<p>Wie schon angedeutet wird heute &#8211; im Zusammenhang mit den im vorigen Kapitel beschriebenen neuen post-tayloristischen Arbeitsanforderungen, die in den stark der internationalen Konkurrenz ausgesetzten Kernsektoren der Wirtschaft derzeit rasch an Bedeutung gewinnen &#8211; zunehmend das klassische hierarchisch-autoritäre Führungsschema, das auf der zentralen Steuerung betrieblicher Abläufe und der Motivation der Arbeitenden primär durch finanzielle Anreize beruht, in Frage gestellt. Die wachsende Komplexität der Probleme in der hochautomatisierten Produktion, die zunehmende Vernetzung der verschiedenen Produktionsbereiche sowie die Notwendigkeit, im Sinne einer ökonomischen Nutzung der extrem kostenintensiven Technologien, rascher auf Schwierigkeiten, Ausfälle und Probleme zu reagieren, legt immer mehr eine Arbeitsteilung auch auf der Ebene der betrieblichen Entscheidungen nahe. Im Hinblick auf einen effektiven Produktionsablauf wird es immer wichtiger, daß bei Problemen nicht erst ein umständlicher innerbetrieblicher &#8220;Instanzenzug&#8221; durchlaufen wird, sondern daß notwendige Entscheidungen rasch vor Ort gefällt werden.</p>
<p><span id="more-2223"></span>Auch für die heutige Situation auf den Absatzmärkten stellt die Möglichkeit der Unternehmen, rasch und flexibel im Sinne der Marktveränderungen agieren und reagieren zu können, einen wesentlichen Erfolgsfaktor dar. Die zeitraubenden Abstimmungs- und Umstellungsprozesse im Rahmen hierarchischer und stark arbeitsteiliger, formalistischer Organisationsstrukturen werden in diesem Zusammenhang zunehmend als kontraproduktiv identifiziert und aus diesem Grund neuerdings häufig sogenannte &#8220;Selbstorganisationsstrukturen&#8221; als Lösung idealisiert.<a name="a2" href="#2">2</a> Zugleich lassen sich aufgrund der schon weiter vorne beschriebenen Tendenz, daß den menschlichen Arbeitskräften unter den neuen Produktionsbedingungen zunehmend nur die nicht-standardisierbaren Tätigkeitsbereiche vorbehalten bleiben, die Leistungen der Arbeitenden in den betroffenen Bereichen sowieso wesentlich weniger als früher über Kontrolle und Vorgabezeiten in enggegliederten Arbeitsvollzügen steuern. Diese Erkenntnisse motivieren Unternehmer und Kapitaleigentümer heute zunehmend dazu, auf extrafunktionale Elemente freiwilliger Kooperation bei den Beschäftigten und auf Anreize zur &#8220;Selbstregulierung&#8221; der Arbeitsgruppen &#8211; wie zum Beispiel auf ergebnisbezogene, arbeitszeitunabhängige Entlohnungsformen &#8211; zu setzen. Darin ist die wesentliche Ursache für die derzeitige Konjunktur neuer Personalführungskonzepte zu suchen, &#8211; Konzepte, die von Unternehmensberatern und auch von Organisationssoziologen gerne mit hochgreifenden Schlagworten wie &#8220;Unternehmenskultur&#8221; oder &#8220;konsensuelles Management&#8221; belegt werden.</p>
<p>Der verschärfte Konkurrenzkampf des Post-Fordismus fordert heute außerdem neue Formen der unternehmerischen Imagepflege. Weder nach außen noch nach innen können große internationale Unternehmen zunehmend auf Public Relations verzichten. Nach außen ist, da die Produkte verschiedener Firmen in Preis, Qualität und Gestalt oft kaum mehr unterscheidbar sind, verstärkt ein &#8220;Corporate Design&#8221; gefordert, das Einzigartigkeit suggeriert und Seriosität und Vertrauen vermittelt.<a name="a3" href="#3">3</a> Auch noch so aufwendig gestaltete Firmenlogos reichen dafür heute kaum mehr aus, zunehmend läuft die Image-Pflege über ein mit Firmennamen und -produkten geschickt verknüpftes &#8220;Wertesystem&#8221; &#8211; Sportsponsoring,<a name="a4" href="#4">4</a> Kunstausstellungen oder Kinderspielplätze sind dafür genauso geeig net, wie werbewirksam präsentierte vorgebliche Aktionen für den Umweltschutz.<a name="a5" href="#5">5</a> Aber das Unternehmensimage soll auch &#8220;nach innen&#8221; wirksam werden, auch die Betriebsangehörigen müssen vom &#8220;sichtbar gelebten Wertesystem&#8221;<a name="a6" href="#6">6</a>, vom &#8220;Unternehmensprofil&#8221;, oder, wie es derzeit gerne auch heißt, von der &#8220;Philosophie&#8221; der Firma restlos durchdrungen sein<a name="a7" href="#7">7</a>. Als &#8220;Corporate Identity&#8221; soll das Firmenimage bei der Belegschaft die Arbeitsmotivation verstärken, Engagement und Leistungsreserven freisetzen und eine produktivitätsfördernde Identifikation der, im Managementjargon neuerdings zu &#8220;Mitarbeitern&#8221; mutierten, ehemaligen &#8220;Untergebenen&#8221; mit dem Unternehmen bewirken<a name="a8" href="#8">8</a>.</p>
<p>Die betriebliche Sozialatmosphäre, die Kommunikationskultur und das Betriebsklima rücken heute, aufgrund der verstärkten Bedeutung der Motivierung und produktionsorientierten Selbstdisziplinierung &#8211; zumindest der Facharbeiter-Stammbelegschaften &#8211; zunehmend in den Fokus der Unternehmensgestaltung. Neue Formen von Gruppen- und Teamarbeit werden allenthalben installiert, &#8220;ideelle Sozialleistungen&#8221;, wie künstlerisch gestaltete Arbeits- und Pausenräume, die betriebsintere Anrede mit dem kollegialen &#8220;Du&#8221; ohne Nennung irgendwelcher Titel oder die Betriebskantine, in der der Generaldirektor &#8220;Tisch an Tisch&#8221; mit den Lehrlingen sitzt, sollen die Gleichwertigkeit aller Beteiligten des Betriebsgeschehens suggerieren<a name="a9" href="#9">9</a>, und &#8220;Qualitätszirkel&#8221;, &#8220;Projektteams&#8221; oder &#8220;Innovationsrunden&#8221; sollen schließlich den Bedürfnissen nach sozialen Kontakten, sowie nach Meinungs- und Erfahrungsaustausch abdecken. Als schon kaum mehr extra zu erwähnende Maßnahmen zur Motivationsförderung gelten Beschwerdebriefkästen, regelmäßig stattfindende gesellige Treffen oder T-Shirts und Freizeitanzüge mit dem Firmenlogo. Ziel dieser unternehmenskulturellen &#8220;Mobilmachung&#8221; ist eine &#8220;Orientierung der Mitarbeiter in Zeit und Raum, [geprägt] vom Geist des Unternehmens&#8221;<a name="a10" href="#10">10</a>, verbunden mit dem Herausbilden eines betriebsinternen &#8220;Wir&#8221;-Gefühls zu dem Zweck, die Arbeitenden dazu zu bringen, ihre Energie rückhaltslos für das Unternehmen einsetzen.</p>
<p>Im Grunde genommen geht es bei den all den neuen Management&#8221;techniken&#8221; gar nicht um die &#8220;Motiviertheit&#8221; der Arbeitenden sondern um ihre &#8220;Motivierung&#8221;. Es geht &#8211; so wie bei fremdbestimmter Arbeit immer &#8211; darum, sie zu &#8220;entfremden&#8221;, indem man sie dazu bringt, etwas zu tun, was andere wollen, aber sie gleichzeitig glauben zu machen, daß sie es selbst tun wollen. Wenn in Managementhandbüchern heute permanent die &#8220;Motivation der Mitarbeiter&#8221; beschworen wird, dann wird damit nur eine neue Stufe der Manipulation angesprochen. Die Strategien, Menschen zu gängeln und zu lenken, reichen bekannterweise vom &#8220;Bedrohen und Bestrafen&#8221; über das &#8220;Bestechen&#8221; bis hin zum &#8220;Belohnen und Belobigen&#8221;. Die heute aufgrund psychologischer Erkenntnisse und technologisch-arbeitsorganisatorischer Möglichkeiten präferierten Verfahren des Belohnens und Belobigens werden in der Regel zwar als wesentlich angenehmer erlebt als die &#8220;traditionellen&#8221; Druckmethoden, sie sind aber &#8211; in der Absicht angewendet, jemanden dazu zu bringen, etwas zu tun, was er aus sich heraus nicht tun will &#8211; trotzdem nichts anderes als ganz gewöhnliche Manipulationstricks!</p>
<p>Die Generalmobilmachung in Sachen Mitarbeitermotivierung erfordert auch ein neues Selbstverständnis und neue Verhaltensweisen der Manager. Der patriarchalische &#8220;Führer&#8221;, der seine Privilegien deutlich zur Schau stellt, im Meisterbüro beziehungsweise der Chefetage &#8220;residiert&#8221; und seine Untergebenen herumkommandiert, gilt als entsprechend überholt. Der Manager von heute muß Abschied nehmen von herkömmlich-autoritärer Personalführung, angesagt ist statt dessen die &#8220;partizipative Führung&#8221;. Propagiert werden neuerdings &#8220;flache Netzwerke als Unternehmensstrukturen und Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter coachen und kultivieren, mitreißen und zur Selbstorganisation motivieren&#8221;.<a name="a11" href="#11">11</a> Die mit hierarchischer Autorität operierende Führerpersönlichkeit hat ausgedient, heute geht es um ein subtiles, &#8220;<em>strategisches</em> Management des Humanpotentials&#8221;.<a name="a12" href="#12">12</a> Traditionelle Führungsformen und Begriffe wie &#8220;Vorgesetzte&#8221; und &#8220;Untergebene&#8221; sind nur störend für ein Managementkonzept, bei dem die Arbeitenden eine <em>gefühlsmäßige Bindung</em> an &#8220;ihr&#8221; Unternehmen und eine <em>innengelenkte</em> Arbeitsethik ausbilden sollen, um &#8220;in Profitdimensionen zu denken&#8221; und selbst Strategien der Produktivitätssteigerung zu entwickeln. Betriebswirtschaftliches Wissen und ein technokratisches Aufgabenverständnis reichen für Führungskräfte derzeit dementsprechen nur mehr selten aus, um mit den neuen Anforderungen fertig zu werden.</p>
<p>Noch in einer weiteren sehr existentiellen Form stehen unternehmerische Führungskräfte heute vor neuen Arbeitsbedingungen. Unter den Begleitumständen der &#8211; im vorigen Kapitel beschriebenen &#8211; posttayloristischen Bedingungen der Arbeitswelt ist insbesondere das untere und das mittlere Management einer radikalen Dezimierung ausgesetzt. Während die extrem hierarchisch organisierte tayloristische Arbeitsorganisation ein Heer von planenden, koordinierenden und kontrollierenden Angestellten erfordert hatte, lassen die nunmehr angestrebten flachen Hierarchien, selbstorganisierte Arbeitsgruppen sowie die Reduzierung von Koordinations- und Evidenzhaltungsaufgaben durch informationsverarbeitende technische Systeme große Teile des Managements unwichtig werden. Dementsprechend werden in allen großen, dem internationalen Konkurrenzdruck ausgesetzten Unternehmen derzeit (ganz besonders auch) im Bereich des mittleren Managements massiv Arbeitskräfte abgebaut. Wenn die Arbeiter selbst verstärkt Verantwortung für das Unternehmensziel übernehmen, ist es immer weniger notwendig, daß &#8211; so wie im Taylorismus &#8211; die ursprünglich vom Eigentümer paternalistisch wahrgenommenen Unternehmerfunktionen an eigens zu diesem Zweck installierte und mit besonderen Privilegien ausgestattete Personen übertragen wird.</p>
<p>Eine der Zauberformeln, die verunsicherten Managern heute zu einem neuen &#8220;post-tayloristischen&#8221; Führungsverständnis verhelfen soll, ist die in der einschlägigen Literatur und in Aus- und Weiterbildungen neuerdings permanent beschworene &#8220;Ganzheitlichkeit&#8221;. Unter diesem Schlagwort finden gegenwärtig die abstrusesten pseudo-spirituellen Techniken und Versatzstücke diverser Heilslehren Zugang zu den Führungsetagen großer Konzerne. Kraft für ihr neues Aufgabenverständnis wird den Führungskräften aus Entspannungs- und Energieübungen, Rebirthing<a name="a13" href="#13">13</a>, schamanistischen Reinigungsritualen oder fernöstlichen Methoden der Persönlichkeitsentwicklung versprochen. Entkleidet von allen dahinterstehenden Werthaltungen sollen diese zur bloßen Technik herabgewürdigten &#8220;Methoden&#8221; ein &#8220;Training der Harmonie von Körper, Geist und Seele&#8221;<a name="a14" href="#14">14</a> bewirken und die Manager befähigen, sich selbst und ihren &#8220;Mitarbeitern&#8221; den &#8220;Kick&#8221; für den ultimativen Einsatz im Unternehmen zu verschaffen. Als Vorbild gelten die erfolgreichen japanische Führungskräfte, die sich (wie in den diversen Seminaren mahnend erzählt wird) ebenfalls &#8220;nach traditionsreichen Riten in Zen-Klöstern auf den rauhen Wirtschaftsalltag vorbereiten&#8221;<a name="a15" href="#15">15</a>.</p>
<p>Am neuen &#8220;ganzheitlichen&#8221; Seminarmarkt für Manager geht es häufig schon zu wie auf einer &#8220;New-Age-Messe&#8221;. Da ist von &#8220;Betriebsfühlung&#8221; die Rede, von &#8220;Multimind&#8221;, vom &#8220;schöpferischen Kraftfeld&#8221; im Betrieb sowie vom &#8220;Management by love&#8221;<a name="a16" href="#16">16</a>. Und Managementseminare, in denen die Teilnehmer unter dem Gesichtspunkt eines &#8220;ganzheitlichen&#8221; Aufgabenverständnisses &#8211; nicht bloß im übertragenen Sinn &#8211; über glühende Kohlen geschickt werden oder gemeinsam im Schlauchboot einen reißenden Gebirgsfluß herunterrasen müssen<a name="a17" href="#17">17</a>, erwecken derzeit bereits kaum mehr Erstaunen. &#8211; Die Manager von heute müssen eben lernen, daß &#8220;alle im gleichen Boot&#8221; sitzen und daß sie ihre &#8220;Mitarbeiter&#8221; umso eher zum Totaleinsatz beim Bemühen, das Konkurrenzunternehmen niederzuringen, bewegen können, wenn sie unter Führung nicht &#8220;Fremd-Willensdurchsetzung&#8221;, sondern, wie es in modernen Managementhandbüchern heißt, die &#8220;Durchsetzung von Herrschaft auf den Weg der Motivierung&#8221; (Stöber/Bindig/Deosceka) verstehen.</p>
<p>Neben den Maßnahmen des motivationssteigernden &#8220;Sozialengineering&#8221; werden heute aber &#8211; wie schon erwähnt &#8211; verschiedentlich auch durchaus umfassende Schritte zur Neuorganisation betrieblicher Arbeitsabläufe in dem Sinn vorgenommen, daß die weiterhin von menschlichen Arbeitskräften durchzuführenden Tätigkeiten anspruchsvoller, komplexer und damit auch interessanter werden. Den größten Bekanntheitsgrad haben die diesbezüglichen arbeitsorganisatorischen Veränderungen in der Automobilindustrie &#8211; dem noch immer größten Industriezweig der Welt &#8211; erlangt. Dort sind, unter Titeln wie <em>&#8220;lean production&#8221;</em> und <em>&#8220;lean management&#8221;</em>, derzeit Entwicklungen im Gang, die in ihrer Dramatik durchaus mit dem Übergang von der handwerklichen Fertigung zur tayloristischen Massenproduktion verglichen werden können.<a name="a18" href="#18">18</a></p>
<p>Die Autoindustrie, als der Prototyp eines international agierenden Wirtschaftsbereiches, steht heute unter dem massiven Druck, die tayloristische Arbeitsorganisation, die im ersten Drittel dieses Jahrhunderts genau von diesem Industriezweig ihren Ausgang genommen hat, abzubauen und auf ein <em>neues System der Arbeitsorganisation</em> umzustellen. Denn der traditionelle Ansatz, bloß durch eine weitere Erhöhung des Anteils der automatisierten Montageschritte die Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen, zeitigt heute nur mehr einen unzureichenden Effekt.<a name="a19" href="#19">19</a> Durch entsprechende Studien wurde nachgewiesen, daß das Vorantreiben des Automatisierungsgrades die Effektivität der Fertigung nur mehr in einem sinkenden Ausmaß verbessern kann sowie daß, auch bei etwa gleichem Automatisierungsniveau, der Effizienzunterschied der Fabriken &#8211; international gesehen &#8211; enorm ist.<a name="a20" href="#20">20</a> Den entscheidenden Unterschied macht zunehmend die Produktions<em>organisation</em>. Japanische Automobilhersteller, die am frühesten die entsprechenden Umstellungen vorgenommen haben, schaffen es heute, auch bei bloß durchschnittlichem Automatisierungsgrad, für die Herstellung eines Fahrzeuges mit einem wesentlich geringeren Aufwand an Arbeitsstunden auszukommen als europäische oder amerikanische Werke.</p>
<p>Das neue &#8211; post-tayloristische &#8211; Organisationssystem der Produktion, das der japanischen Autoindustrie in den letzten Jahrzehnten einen gewaltigen Produktivitätsvorsprung verschaffte, hat seinen Ursprung in einem nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Toyota Motor Company in Japan von Eiji Toyoda und Taiichi Ohno entwickelten Konzept. Die heute dafür gebräuchliche Bezeichnung, <em>lean production</em> (meist mit &#8220;schlanker Produktion&#8221; oder auch &#8220;Magerproduktion&#8221; übersetzt), wurde zwar erst in den achtziger Jahren von John Krafcik, einem Mitarbeiter des Forschungsprojekts IMVP &#8211; &#8220;International Motor Vehicle Program&#8221; &#8211; am Massachusetts Institute of Technology geprägt<a name="a21" href="#21">21</a>, gibt aber den entscheidenden Hinweis auf die attraktive Besonderheit dieser Betriebsorganisation: Sie benötigt <em>weniger Personal, kleinere Produktionsflächen, geringere Investitionskosten, kürzere Produktionszeiten und geringere Lagerbestände</em>.</p>
<p>Damit ist auch schon das grundsätzliche Ziel der <em>lean production</em> umschrieben, die Steigerung der Produktivität durch ein besseres Ausnützen der zur Verfügung stehenden Ressourcen an Menschen, Maschinen und Raumkapazität.<a name="a22" href="#22">22</a> Die somit angestrebte Effizienzsteigerung der Produktion und der Versuch, billiger, schneller und besser zu produzieren, ist allerdings immanentes Ziel jedweder Rationalisierungsstrategie unter kapitalistischen Wirtschaftsbedingungen und hätte demgemäß, für sich allein genommen, auch noch keine so durchschlagende Neuigkeit dargestellt. Das tatsächlich Neue der <em>lean production</em> ist jedoch der Versuch, dieses Ziel durch die konsequente Umsetzung einer einfachen und eigentlich auch schon lange bekannten lernpsychologischen Erkenntnis zu erreichen, nämlich der Tatsache, daß zufriedene und intrinsisch motivierte Arbeiter nicht nur mehr leisten als solche, die am Produktionsablauf desinteressiert sind, sondern daß sie außerdem auch noch bereit sind, an einer laufenden Optimierung des Produktionsablaufs mitzuarbeiten und damit &#8211; bei der entsprechenden Verlagerung der Verantwortung &#8211; auch selbst aktiv werden, um jede Verschwendung von Ressourcen, Zeit, Material, Werkzeug und selbstverständlich auch Arbeitskraft, zu verhindern.</p>
<p>Selbstverständlich beruht die Effizienzsteigerung der <em>lean production</em> nicht nur auf der verändernden Form der Einbindung der Arbeitnehmer in die Produktion. Neben der Aktivierung der Belegschaft durch neue Beteiligungskonzepte baut sie im wesentlichen auf zwei weiteren grundsätzlichen unternehmensorganisatorischen Neuerungen auf. Zum einen handelt es sich dabei um die schon erwähnte flexible Automatisierung sowie die ganzheitliche Planung und Steuerung von Produktionsabläufen durch die Einführung rechnergestützter Informations- und Fertigungssysteme, verbunden mit einer damit möglich gewordenen optimalen Nutzung der betrieblichen Anlagen. Zum anderen arbeitet die <em>lean production</em> mit völlig neuen, ganzheitlichen, vor allem aber <em>betriebsübergreifenden</em> Logistikkonzepten. Man beschränkt sich nicht mehr nur auf die Optimierung und Neuorganisation der Produktion und Verwaltung im Betrieb, sondern versucht durch die Einbeziehung der Zulieferer in die Produktionsabläufe des Unternehmens permanent, auch die Kosten für Anlieferung, Umschlag und Lagerhaltung zu senken. Für die schlanke Produktion sind die Zulieferer &#8211; obwohl &#8220;selbständige Unternehmen&#8221; mit allen damit verbundenen Risken &#8211; quasi ein integraler Bestandteil der Produktion. Sie werden schon im Planungsstadium für ein neues Produkt und vor allem in die Kostenanalyse miteinbezogen.<a name="a23" href="#23">23</a> Insgesamt wird durch alle diese Maßnahmen ein beschleunigter Umschlag des eingesetzten Kapitals durch eine Gesamtoptimierung der logischen Kette Einkauf, Produktion und Verkauf angestrebt.</p>
<p>Bedingt durch die rasante Dynamik des konkurrenzverursachten Wandels in der Produktion und die zunehmende Notwendigkeit eines immer rascheren und flexibleren Reagierens auf neu auftauchende Probleme kommt jedoch den Arbeitnehmern und ihrer Bereitschaft, selbständig im Sinne einer Produktivitätserhöhung aktiv zu werden, die Schlüsselstellung bei der Ausschöpfung der sich aus den technologischen und logistischen Neuerungen ergebenden Möglichkeiten zu. Dementsprechend versucht man heute, das, was man in der industriellen Produktion bisher &#8211; meist nicht mit optimalem Erfolg &#8211; durch Außensteuerung, finanzielle Anreize sowie eine straffe und hierarchisch organisierte Kontrolle des Produktionsablaufes zu erreichen versuchte, nämlich die möglichst weitgehende Bereitschaft der Arbeitenden, sich für das Unternehmensziel zu verausgaben, über den Weg der intrinsischen Motivation zu schaffen. Neben der <em>ganzheitlichen</em> Planung der Produktionsabläufe sowie der Steuerung der Produktion unter Einbeziehung der Zulieferer und Abnehmer durch sogenannte <em>ganzheitliche</em> Logistikkonzepte arbeitet die <em>lean production</em> sozusagen auch mit dem Konzept einer <em>ganzheitlichen Optimierung der Arbeitnehmerleistungen</em>. Damit wird es auch möglich, die Unternehmenshierarchie quasi zu &#8220;verflachen&#8221;. Der organisatorische Unternehmensaufbau kann auf wenige Hierarchieebenen reduziert werden, da die bisher notwendige äußere Kontrolle einer durch Arbeitsmotivation und -zufriedenheit aufgebauten <em>Selbstkontrolle und Selbstdisziplinierung der Arbeiter</em> weicht<em>,</em> die im Endeffekt im Ziel kulminiert, daß sich diese auch den Kopf darüber zerbrechen, wie sie sich selbst wegrationalisieren können.</p>
<p>Im <em>lean-production</em>-Organisationskonzept wird &#8211; wie in allen &#8220;modernen&#8221; Managementkonzepten &#8211; versucht, die für die Selbstdisziplinierung der Arbeitenden notwendige intrinsische Motivation durch das Ausnützen der motivationspsychologischen Erkenntnis zu erreichen, daß nur &#8220;menschengerecht&#8221; geführte Mitarbeiter mit vollem Einsatz bei der Sache und nur produktive Menschen mit ihrer Arbeit auch zufrieden sind. Damit scheint wahrlich die &#8220;Quadratur des Kreises&#8221; in der Organisation fremdbestimmter Arbeit gefunden zu sein: einerseits den betrieblichen Ablauf dadurch effizienter zu machen, daß die Beschäftigten zu einem Höchstmaß an Arbeitsleistung gebracht werden, und andererseits gleichzeitig den Arbeitenden diese Steigerung ihrer Verausgabung nicht nur nicht als unangenehme Belastung erleben zu lassen, sondern sie damit sogar noch zufriedener zu machen.</p>
<p>Die Schlüsselfunktion von Anerkennung, Lob und die Betonung der Wichtigkeit der Arbeitenden für ihre Motivation und die Bereitschaft des Erbringens einer hohe Arbeitsleistung war allerdings auch schon im Zusammenhang mit der tayloristisch organisierten Massenproduktion erkannt worden und begann bereits ab den zwanziger Jahren zu einem Thema der sogenannten Arbeitswissenschaft zu werden. Insbesondere von seiten der unternehmernahen diesbezüglichen Forschung war schon sehr früh darauf hingewiesen worden, daß sich das Fördern von Arbeitsfreude, Loyalität und Verbundenheit der Arbeiter mit dem Betrieb &#8211; als entscheidende Faktoren für deren Arbeitsleistung &#8211; durchaus lohnt.</p>
<p>So wurden vom &#8220;Deutschen Institut für technische Arbeitsschulung&#8221; (DINTA) schon in der Zwischenkriegszeit entsprechende Methoden einer &#8220;neuen Arbeitspolitik&#8221; entwickelt, mit dem deklarierten Ziel der &#8220;Befriedigung und Befriedung des Arbeiters im jetzigen Wirtschaftssystem, um in ihm Disziplin, Bindungen an das Werk und Abneigung gegen die vergiftende Lehre des Marxismus zu entwickeln&#8221;<a name="a24" href="#24">24</a>. Die später unter dem nationalsozialistischen Regime geschickt eingesetzte Idee der sogenannten &#8220;Werksgemeinschaft&#8221; wurde ebenfalls schon damals intensiv diskutiert. Ein US-amerikanischer Pendant stellte diesbezüglich die von Frederick W. Taylor propagierte &#8220;Leistungsgemeinschaft&#8221; dar, bei der sich im Ziel der &#8220;Erhöhung der Produktion&#8221; die Interessen von Unternehmer und Belegschaft angeblich treffen sollten. Um die Loyalität der Arbeiterschaft zu gewinnen und über ihre Motivation die Arbeitsleistung zu steigern, waren auch schon im Rahmen der Taylorschen &#8220;Wissenschaftlichen Betriebsführung&#8221; in den USA betriebliche Wohlfahrtsprogramme entwickelt worden, die neben Rationalisierungseffekten durch geringere Fluktuationsraten vor allem der Bindung der Arbeiter an die Betriebe dienen sollten.<a name="a25" href="#25">25</a></p>
<p>Auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema &#8220;Arbeitszufriedenheit&#8221;, die interessanterweise schon viele Elemente der späteren &#8220;Untersuchungen zum Autoritären Charakter&#8221; (Th. Adorno et al.) vorweggenommen hatte, wurde schon in den Frühzeiten der industriellen Arbeitsorganisation, im Jahre 1927, vom deutschen Sozialdemokraten Hendrik de Man unter dem Titel &#8220;Der Kampf um die Arbeitsfreude&#8221; publiziert. De Man thematisierte dabei das Phänomen des Auseinanderklaffens des intellektuell-ideologischen &#8211; das Unterworfensein unter die Bedingungen der Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen äußerst kritisch reflektierenden &#8211; Weltbildes der Arbeiterbewegung und den über Generationen geformten, zutiefst an Arbeit und deren ethischer Überhöhung ausgerichteten innerpsychischen Strukturen ihrer Angehörigen. Kritisch bemerkt er über die von ihm befragten Hörerinnen und Hörer der Akademie der Arbeit in Frankfurt &#8211; meist Delegierte der damals noch äußerst klassenkämpferischen und kapitalismuskritischen Gewerkschaftsverbände:</p>
<p>&#8220;Leute, die die kapitalisitische Weltordnung in Bausch und Bogen verdammen, denen dennoch die geringste Unterbrechung der Arbeitsmonotonie, die dürftigste Verschönerung der Arbeitsumgebung, die gelindeste Milderung des betriebshierarchischen Drukkes, die leiseste Andeutung eines menschlicheren, freieren Vertrauensverhältnisses von seiten ihrer Vorgesetzten genügt, damit dieser schwache Sonnenstrahl ihr ganzes inneres Leben mit den Farben des Glücks erleuchtet! Fanatiker des allproletarischen Klassenbewußtseins, bei denen man zwischen den Zeilen nur gehemmte Neigung zum Berufsstolz herauslesen kann, die sich an die winzigsten Möglichkeiten klammern, ihren Beruf im Vergleich zu den anderen nicht zu minderwertig und unqualifiziert erscheinen zu lassen! Unversöhnliche Klassenkämpfer, die sich nur danach sehnen, sich tüchtigen und gerechten Vorgesetzten unterordnen zu dürfen! Orthodoxe Anhänger des historischen Materialismus, die vor lau ter Glück aus dem Häuschen geraten, wenn ein freundliches Wort vom Unternehmer sie fühlen läßt, daß sie für ihn auch Menschen sind.&#8221;<a name="a26" href="#26">26</a></p>
<p>Was von De Man hier kritisch registriert wird &#8211; der verinnerlichte Stolz auf das Arbeitsvermögen und die Arbeitsleistung sowie die Sehnsucht nach Anerkennung -, wurde also schon sehr früh aufgegriffen, um mit den Methoden &#8220;psychotechnischer Manipulation&#8221; Arbeiter zu einer höheren Arbeitsleistung zu motivieren. Es ging bei den diversen Maßnahmen zur Erhöhung der Arbeitszufriedenheit ja kaum um echte Veränderungen der Arbeitsbedingungen und der Arbeitsbeziehungen als solche, sondern primär um eine Bewußtseinsveränderung der Arbeiter im Sinne des Verinnerlichen eines &#8220;Arbeitsethos&#8221;. Eine Hochblüte erreichten die manipulativen Maßnahmen zur Erhöhung der Arbeitszufriedenheit in der Zeit des Nationalsozialismus, wo durch eine vordergründige Idealisierung und Heroisierung von Arbeit und Arbeitenden versucht wurde, den einzelnen dazu zu bewegen, seine Arbeitskraft rückhaltslos dem vorgeblichen &#8220;Gemeinwohl&#8221; zur Verfügung zu stellen. Den Gipfel der zynisch-ideologischen Überhöhung der Arbeit stellte dabei wohl der über den Eingangstoren der nationalsozialistischen Konzentrationslager angebrachte Spruch &#8220;Arbeit macht frei&#8221; dar, aber auch der &#8220;normale&#8221; Alltag war damals durchzogen von Parolen zur &#8220;Ehre&#8221; der Arbeit und schönfärberischen Aussagen zur Wichtigkeit des Arbeiters.</p>
<p>In den Reden führender Nationalsozialisten, in der Presse und im Rundfunk, überall wurde immer wieder verkündet, daß erst der Nationalsozialismus dem Arbeiter seinen wahren Stellenwert eingeräumt hätte. In der Zeit vor der Machtübernahme &#8211; so wurde argumentiert &#8211; &#8220;war der Mensch nichts anderes als Bedienungsmann gewesen&#8221;, als logische Folge hatte sich die Hinwendung der Arbeiterschaft zu Marxismus und Klassenkampf ergeben. Das sollte nun nicht mehr notwendig sein. Versprochen wurde statt dessen der Aufbau eines &#8220;wahren&#8221; Sozialismus, eines &#8220;Sozialismus der Tat&#8221;, in dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer harmonisch zusammenarbeiten sollten, mit dem gemeinsamen Ziel der Erbringung von Höchstleistungen für den Sieg des &#8220;Deutschtums&#8221; gegen &#8220;Judentum und Bolschewismus&#8221;.<a name="a27" href="#27">27</a> Die Motivierung der Arbeiter sollte damals nicht bloß ökonomischen Zielen dienen, es galt, den &#8220;schaffenden Menschen&#8221; das Gefühl zu geben &#8220;wesentlicher Teil der Betriebe&#8221; zu sein, damit sie das &#8220;[...] Auge vom Ich und den kleinen Betriebsgrenzen auf ein Höheres [hinzulenken bereit waren], wofür es sich lohnte, einmal nicht nur die Stunden zu messen und in die Lohntüte zu gucken, sondern anzupacken, weil gesiegt werden muß&#8221;.<a name="a28" href="#28">28</a> Der Interessensgegensatz von Kapital und Arbeit wurde dem propagierten gemeinsamen Sieg untergeordnet und aufgelöst durch das ideologische Konstrukt einer Werks- und Volksgemeinschaft.</p>
<p>Sowohl dem &#8220;DINTA&#8221; der Vorkriegszeit als auch dem &#8220;Arbeitswissenschaftlichen Institut&#8221; der Deutschen Arbeitsfront ging es primär um die &#8220;psychologische Vereinnahmung&#8221; der Arbeitenden, um ihre &#8220;Befriedung&#8221; für Zwecke der Ökonomie und des Staates durch eine <em>ideologische Umdeutung ihrer realen gesellschaftlichen Situation</em>. Echte Veränderungen der Arbeitsbedingungen in bezug auf Arbeitszeitgestaltung, Arbeitsdruck, Arbeitsteilung oder Arbeitsbelastungen durch Lärm, Gefahren oder Monotonie wurden hingegen kaum thematisiert. Managementansätze, in denen versucht wurde, die Arbeitszufriedenheit der Arbeitenden durch tatsächliche Änderungen in der demotivierenden, durch Arbeitsteilung, Hierarchie und Fremdbestimmung gekennzeichneten Arbeitsorganisation zu steigern und sie dadurch zu höherer Arbeitsleistung zu motivieren, tauchten erst viel später &#8211; insbesonders nach Ende des wirtschaftlichen Nachkriegsbooms in den sechziger und siebziger Jahren &#8211; auf.</p>
<p>Nachdem die Erkenntnisse der von Wissenschaftlern der Harvard-Universität unter der Leitung von Elton Mayo in den Hawthorne-Werken der Western Electric Company bei Chicago schon in den dreißiger Jahren durchgeführten Untersuchungen<a name="a29" href="#29">29</a> allgemein bekannt geworden waren und auch die Forschungen zu den Auswirkungen verschiedener Führungsstile von Kurt Levin sowie die Forschungsarbeiten von Abraham Maslow verstärkt die Bedeutung der Arbeitszufriedenheit auf die Produktivität aufgezeigt hatten, fanden in den darauf folgenden Jahrzehnten eine Reihe von Versuchen mit sozialpsychologisch begründeten neuen betrieblichen Organisations- und Führungsstrukturen statt. Unter den Bezeichnungen <em>Job rotation</em><a name="a30" href="#30">30</a>, <em>Job enlargement</em><a name="a31" href="#31">31</a> und <em>Job enrichment</em><a name="a32" href="#32">32</a> wurde versucht, den Problemen der zu geringen Arbeitsmotivation und Arbeitseffektivität zu begegnen. Auch mit dem System <em>autonomer</em> <em>Arbeitsgruppen</em>, die eine Reihe verschiedener Arbeitsverrichtungen im Team durchführen, war vereinzelt &#8211; zum Beispiel im Volvo-Werk in Kalmar/Schweden schon seit den siebziger Jahren &#8211; experimentiert worden.</p>
<p>Neben der schon erwähnten Harvard-Universität leisteten vor allem zwei weitere Institutionen bahnbrechende Forschungen im Zusammenhang mit der Entwicklung neuer sozialpsychologischer Theorien zur Arbeitsmotivation, die &#8220;National Trainings Laboratories&#8221; (NTL) in Bethel im US-Bundesstaat Maine und das &#8220;Tavistock Institute of Human Relations&#8221; in London. Im NTL wurden durch Kurt Levin und Leland Bradford die grundlegenden sozialen Phänomene in Kleingruppen erforscht, und Mitarbeiter des Tavistock-Institute lieferten in den fünfziger Jahren eine wesentliche Begründung für die &#8220;Gruppenorganisation&#8221;, indem sie in Waliser Kohlebergwerken nachwiesen, daß &#8220;Integratet Task Teams&#8221; (teilautonome Arbeitsgruppen) anderen Arbeitsorganisationsformen &#8211; insbesondere in bezug auf die Arbeitsproduktivität &#8211; weit überlegen sind. Bei ihren Forschungen zeigte sich, daß die Produktivität von Arbeitsgruppen, die sich die von ihnen durchzuführende Arbeit selbst einteilen und zu Ende führen konnten, um etwa ein Drittel höher war als bei bei traditionellen Arbeitsorganisationsformen, wobei gleichzeitig auch die Arbeitszufriedenheit der Betroffenen anstieg.<a name="a33" href="#33">33</a></p>
<p>Lagen den Forschungen auf dem Gebiet der Arbeitsmotivation und -zufriedenheit ursprünglich auch ausschließlich ökonomische Motive zugrunde, stellten ihre Erkenntnisse dennoch in den sechziger und siebziger Jahren die Grundlage für die &#8211; von arbeitnehmernahen Kreisen getragene &#8211; politisch argumentierte Bewegung zur &#8220;Humanisierung der Arbeitswelt&#8221; dar. Ausgehend von den politischen Ansichten im Umfeld der sogenannten Studentenbewegung und dem dabei stark in den Vordergrund gerückten Ideal der &#8220;Selbstbestimmung&#8221; gerieten damals verstärkt die Machtverhältnisse in den Betrieben und der Gesellschaft ins Blickfeld. Die Veränderung der Machtverteilung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wurde massiv eingefordert, eine &#8220;Erweiterung der Handlungs- und Entscheidungsspielräume&#8221; der Arbeitenden sowie &#8220;Mitbestimmung&#8221; statt der durch die Fremdbestimmtheit in der Arbeit gegebenen &#8220;Entfremdung&#8221;. Veränderungen der Arbeitsorganisation wurden mit einem Mal unter ideologisch-politischen Zielsetzungen gefordert &#8211; der Effekt, damit auch die Produktivität steigern zu können, wurde im Zusammenhang mit den damals aufgestellten emanzipatorischen Forderungen kaum thematisiert.</p>
<p>Die Tatsache, daß heute tatsächlich von einem Trend im Hinblick auf neue Strukturen betrieblicher Arbeitsorganisation und einer damit verbundenen tendentionellen Verlagerung von Entscheidungen über den Arbeitsablauf an hierarchisch niedrigere betriebliche Organisationsebenen gesprochen werden kann, hat allerdings gar nichts mit der Durchsetzung von emanzipatorisch-politischen Zielen zu tun. Für die heutigen im Managementansatz der <em>lean production</em> kulminierenden Versuche, die Arbeitszufriedenheit zu steigern und die Arbeitenden durch veränderte Organisationsstrukturen zu mehr Identifikation mit dem Unternehmensziel und einer höheren Arbeitsleistung anzuspornen, steht keine ideologisch motivierte Veränderung der Machtverhältnisse Pate. So effektvolle Aussagen wie &#8220;der Mitarbeiter als Rädchen im Getriebe gehört der Vergangenheit an&#8221; sind weder von humanitären noch von politischen Zielen, sondern schlicht und einfach von ökonomischen Motiven, im konkreten Fall von der Hoffnung auf &#8220;einen Kosteneffekt von fünf bis fünfzehn Prozent&#8221;, getragen. Und wenn neuerdings davon gesprochen wird, daß &#8220;Fremdbestimmung reduziert werden muß&#8221; und der &#8220;mündige Mitarbeiter&#8221;<a name="a34" href="#34">34</a> idealisiert wird, dann einzig deshalb, weil die verschärften internationalen Konkurrenzbedingungen und die daraus folgende Notwendigkeit neuer Rationalisierungsstrategien eine Kerngruppe von Arbeitnehmern erforderlich machen, die &#8220;selbstbestimmt&#8221; zu etwas bereit ist, zu dem man sie durch Vorgabezeiten und Kontrolle eben nicht bewegen kann, <em>zu ihrem Totaleinsatz für das Unternehmen</em>.</p>
<p>Die Ursache dafür, daß Managementansätze, in denen die Sehnsucht der Menschen nach autonomen Handlungsmöglichkeiten und nach Anerkennung berücksichtigen werden und die eine Demokratisierung der betrieblichen Entscheidungsstrukturen suggerieren, erst seit wenigen Jahren auf breiter Basis diskutiert und in mehr oder weniger ausgeprägter Form auch eingeführt werden, ist wohl darin zu suchen, daß im Grunde genommen erst seit den achtziger Jahren die grundlegenden Voraussetzungen dafür gegeben sind, die vorherigen Versuche mit solchen Führungsformen auch tatsächlich auf breiter Basis umzusetzen. Denn auch wenn bei den seinerzeitigen Versuchen zum Teil durchaus beachtliche Erfolge erzielt werden konnten, so scheiterte eine um sich greifende und tiefgreifende Veränderung der Arbeitsorganisation in der Industrie bis in das zweite Drittel dieses Jahrhunderts im wesentlichen an zwei Faktoren:</p>
<p>o        Zum ersten erlaubte der bisherige Stand der technischen Möglichkeiten für den Großteil der Arbeitsplätze noch keine echte Befreiung von den Fesseln des Maschinentakts und der Funktion des &#8220;Zuarbeitens&#8221; für die mechanischen Aggregate. Der Großteil der industriellen Arbeiter waren quasi &#8220;Roboter&#8221; der Maschinen und verrichteten formalisierte, im mechanischen Produktionsablauf zahnrädchenhaft eingebundene Tätigkeiten, bei denen Selbständigkeit, Kreativität oder Kooperation im Team kaum notwendig und auch gar nicht besonders vorteilhaft waren. Außerdem waren die durch Lohn und Arbeitszeit bewirkten Kostenfaktoren im Verhältnis zu den Gesamtinvestitionskosten noch wesentlich höher als heute, wo jene Investitionsmengen, die für die technischen Aggregate erforderlich sind, rapide ansteigen, die relativen Kosten der &#8220;lebendigen Arbeit&#8221; an den betrieblichen Gesamtausgaben dagegen laufend zurückgehen.</p>
<p>o        Der zweite wesentliche Faktor dafür, daß eine grundsätzliche Veränderung der traditionellen Industriebetriebsorganisation, trotz dementsprechender Erkenntnisse, noch in den fünfziger oder sechziger Jahren kaum möglich gewesen wäre, ist, daß damals &#8211; und das ist der wohl entscheidende Unterschied zu heute &#8211; das Prinzip des &#8220;Wachsens oder Weichens&#8221; noch nicht ausreichend in die Köpfe der Menschen implantiert gewesen war. Denn erst wenn das Prinzip der Marktallokation &#8211; und das bedeutet heute vor allem das Akzeptieren der Aussage, daß im Bestreben, das Konkurrenzunternehmen niederzuringen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer &#8220;im gleichen Boot sitzen&#8221; und quasi um den Preis des gemeinsamen Unterganges aneinander gekettet sind &#8211; grundsätzlich akzeptiert ist, kann das Management auf eine direkte Beherrschung der Arbeitsprozesse verzichten und braucht den kontraproduktiven Effekt einer &#8220;teamartigen Kooperation&#8221;, wie zum Beispiel das &#8220;Bremsen&#8221;, nicht mehr zu fürchten.</p>
<p>Bisher konnte offensichtlich nicht im ausreichenden Maß mit einer solchen &#8220;Normierung der Köpfe&#8221; aller Mitarbeiter kalkuliert werden. Besonders bei Arbeitnehmern in den unteren Hierarchiebereichen war nicht sichergestellt, daß sie bereit wären, ihre eigenen und unmittelbaren Bedürfnisse dem primären Unternehmenszweck &#8211; der Kapitalvermehrung &#8211; jederzeit unterzuordnen. Erst über das &#8220;Ausleseverfahren Aufstieg&#8221; wurden diejenigen Arbeitnehmer gekürt &#8211; und durch besondere Gratifikationen zur weiteren Loyalität motiviert -, die die Profitmaximierungslogik in so hohem Maß verinnerlicht hatten, daß es möglich erschien, sie stellvertretend, als Vorgesetzte, die Interessen des &#8220;Kapitals&#8221; wahrnehmen zu lassen.</p>
<p>Dezentralisierung von Entscheidungen auf hierarchisch niedereren Ebenen bzw. eine generelle Verflachung der Entscheidungshierarchie setzt ja etwas ganz Wesentliches voraus. Es muß (in hohem Maß) sichergestellt sein, daß die dezentral gefällten Entscheidungen sich derselben Logik unterordnen, das heißt das gleiche übergeordnete Ziel anpeilen, wie wenn die Entscheidungen durch eine zentrale Stabsstelle getroffen worden wären. Alle von irgendwelchen Teilgliederungen des Unternehmens vorgenommenen Schritte müssen sich in letzter Konsequenz, wie die Elemente eines Puzzles, zu einer gemeinsamen Strategie verdichten, deren Zweck die Sicherung des Unternehmensgewinns ist. Der Slogan lautet: getrennt kämpfen &#8211; gemeinsam siegen. Somit reicht es auch nicht mehr, wenn die Arbeitenden als <em>Untergebene</em> auf Anweisung funktionieren, auch ihr &#8220;individueller&#8221; Wille muß dem Unternehmensziel untergeordnet werden, sie müssen zu <em>Mit-Arbeitern</em> werden und sich so verhalten, als ob es um ihren eigenen Profit ginge. Erst dann wird es möglich, daß betriebliche Teilbereiche und einzelne Mitarbeiter zwar &#8220;autonom&#8221; und scheinbar &#8220;souverän&#8221; operierieren, das heißt auf auftauchende Probleme reagieren, ohne auf eine Anweisung aus einer &#8220;oberen&#8221; Entscheidungsebene zu warten, in ihren Entscheidungen jedoch trotzdem der Unternehmenslogik folgen! Notwendig ist sozusagen die &#8220;Funktionalisierung des ganzen Menschen&#8221;, einschließlich seines &#8211; noch immer so genannten &#8211; &#8220;freien&#8221; Willens.</p>
<p>Was angestrebt wird, ist somit nicht weniger als die &#8220;Totalverzweckung des Menschen&#8221;. Die letzten noch ungenutzten Winkel der Arbeitenden sollen mobilisiert werden. Wenn der deutsche Unternehmensberater und Wirtschaftsguru Gerd Gerken sagt, daß es heute um &#8220;minddesign&#8221; gehe, also um die systematische &#8220;<em>Anpassung des Bewußtseins</em> an neue Herausforderungen&#8221;<a name="a35" href="#35">35</a>, bringt er die Sache auf den Punkt: Der unerbittliche, in globalen Dimensionen stattfindende Konkurrenzkampf erfordert die <em>Totalmobilmachung</em>, bloße Verhaltenssteuerung traditioneller Art reicht da nicht mehr aus, die <em>ganzheitliche</em> Beeinflussung der inneren Haltung der &#8220;Mitarbeiter&#8221; ist angesagt, damit sie ihr Leben und ihr Handeln auch unkontrolliert &#8211; <em>frei-(und trotzdem)-willig</em> &#8211; dem Ziel der Produktivitätssteigerung unterordnen.</p>
<p>Im Gegensatz zur &#8220;visible hand&#8221; der industriewirtschaftlichen Produktion, einem Begriff der von Alfred Chandler von der Harvard Business School noch in den siebziger Jahren verwendet wurde<a name="a36" href="#36">36</a>, um die planende, kontrollierende, steuernde und verwaltende Funktion des Managements zu legitimieren, operiert die neue, nach den Prinzipien der <em>lean production</em> organisierte Fertigung mit der &#8220;invisible Hand&#8221; des allgemein verinnerlichten Unternehmensziels. Denn wenn das Ziel, die Unternehmensbilanz zu verbessern, zum persönlich verfolgten Interesse jedes einzelnen Mitarbeiters wird, erübrigt sich nicht nur weitgehend eine äußere Kontrolle des Arbeitsablaufs, es kann dann auch die Planung und die Verbesserung der Produktion in hohem Maß an autonome Arbeitsgruppen delegiert werden.</p>
<p>Denn im Zusammenhang mit der <em>lean production</em> geht es ja um wesentlich mehr als bloß um einen gewaltigen Modernisierungsschub der Produktion. Die schlanke Produktion ist selbst als <em>ständiger Veränderungsprozeß</em> konzipiert. In diesem Sinn trifft für die Umstellung auf <em>lean production</em> der Begriff &#8220;Rationalisierung&#8221; ja auch nur bedingt den Kern der Sache. Im herkömmlichen Verständnis bedeutet &#8220;Rationalisierung&#8221; eine Phase des Umbruchs, auf die wieder eine ruhige, stabile Phase folgt. Das Arbeitsorganisationskonzept der schlanken Produktion impliziert jedoch eine permanente und systematische Anpassung und Verbesserung im Detail<a name="a37" href="#37">37</a> sowie im Ganzen des Produktionszusammenhangs. Es handelt sich dabei quasi um einen dynamischen Prozeß ad infinitum. Dementsprechend wird im Zusammenhang mit der <em>lean production</em> auch von einem neuen Rationalisierungstypus oder von einer &#8220;systemischen Rationalisierung&#8221; (Altmann/ Sauer) gesprochen.</p>
<p>So heißt es in einem Bericht über das neue, nach <em>lean-production</em>-Prinzipen organisierte Opel-Autowerk in Eisenach/BRD: &#8220;Ziel ist es, daß die einzelnen Arbeitsgruppen ihre Arbeitsverfahren und ihren Arbeitsfluß permanent auf Tätigkeiten untersuchen, die nicht wertsteigernd sind. So lassen sich nicht nur unnötige Warte- und Liegezeiten reduzieren, auch der Materialfluß, die Lagerhaltung und die Anlieferung werden dank der konstruktiven Mitarbeit der Gruppe optimiert &#8211; und das heißt nicht zuletzt billiger.&#8221;<a name="a38" href="#38">38</a> Mit anderen Worten heißt das, die optimale Ausnutzung der Kapitalanlagen wird an die Arbeiter übertragen, sie sind für die laufende Optimierung der Produktion, für das Verhindern von Material-, Zeit- und Raumvergeudung und somit auch für ihren eigenen (immer an <em>betriebs</em>wirtschaftlichen Gesichtspunkten gemessenen!) ökonomisch-rationell gestalteten Arbeitseinsatz verantwortlich. Im Gegensatz zur tayloristischen Arbeitsorganisation, wo die Beschäftigten dem Ziel der permanenten Produktivitätssteigerung über Einteilung, Überwachung und Kontrolle &#8220;reell unterworfen&#8221; waren, fußt ihre nunmehrige diesbezügliche Selbstdisziplinierung im Rahmen der &#8220;verantwortlichen Autonomie&#8221; quasi auf einer &#8220;ideologischen Vereinnahmung&#8221;. Es kann dies durchaus &#8220;als eine Art &#8220;psychologischer Kontrakt&#8221; angesehen werden, der die formalen Arbeits- und Tarifverträge [heute zunehmend] ergänzt&#8221;<a name="a39" href="#39">39</a>.</p>
<p>Ganz wesentlich wird die angesprochene &#8220;ideologische Vereinnahmung&#8221; durch das heute übliche Aktivieren <em>innerbetrieblicher Marktmechanismen</em> gefördert. &#8220;Moderne&#8221; Unternehmensorganisationskonzepte wie die <em>lean production</em> bauen fast durchwegs darauf auf, das Verhältnis der verschiedenen Teilbereiche <em>desselben</em> Unternehmens verstärkt nach &#8220;Gesetzmäßigkeiten&#8221; des Marktes zu organisieren. Eine wesentliche Maßnahme ist dabei, daß die einzelnen Arbeitsgruppen beziehungsweise Abteilungen zueinander <em>in ein Lieferanten-Kunden-Verhältnis</em> <em>gestellt</em> werden, um auf diese Weise das Ziel einer optimalen Produktqualität zu erreichen. In der traditionellen tayloristischen Arbeitsorganisation wurde Qualitätsüberwachung von einer separaten Stelle &#8211; von Spezialisten &#8211; durchgeführt. Fehler wurden dabei oft erst spät im Produktionsablauf entdeckt, und zu ihrer Behebung waren eigene Reparatur- beziehungsweise Nacharbeitsstellen notwendig, was wiederum unproduktive Kosten nach sich zog. Die Qualitätssicherung im Sinne von <em>lean production</em> erfolgt demgegenüber durch die jeweiligen Arbeitsgruppen selbst. Jedes Team ist für seine Produktqualität selbst voll verantwortlich, und schlechte Qualität bei der Weitergabe an die nachfolgende Prozeßstufe wirkt sich durch einen &#8220;Preisabzug&#8221; bei der internen Verrechnung aus.</p>
<p>Im Endeffekt wird durch diese Maßnahme erreicht, daß die einzelnen Arbeitsgruppen und Abteilungen zueinander &#8211; unter dem Gesichtspunkt maximaler ökonomischer Effektivität &#8211; in Konkurrenz treten. Interaktion und Transaktionen zwischen Unternehmensteilbereichen erfolgten bisher im Normalfall gemäß einer fixierten Regelstruktur und definierten Aufgabenzuschreibungen. Nun wird &#8211; im Bestreben, den Markt als formellen Verhaltensmechanismus für innerbetriebliche Transaktionen zu installieren &#8211; häufig dazu übergegangen, die Leistungserbringung, den Preis und eventuelle andere Vereinbarungen zwischen den einzelnen Unternehmensbereichen <em>aushandeln</em> zu lassen, genauso wie es mit außerbetrieblichen Lieferanten oder Kunden notwendig ist.</p>
<p>In diesem Sinn werden &#8211; um die Kostentransparenz und das Kostenbewußtsein der Beschäftigten entsprechend zu erhöhen &#8211; derzeit komplexe Unternehmenssysteme häufig in selbständig bilanzierende sogenannte Profit-Centers oder Cost-Centers aufgespaltet. Jeder Teilbereich muß seine erbrachten Leistungen, entsprechend dem Verbrauch an Energie, Material, Produktions- und Lagerflächen, den Kosten der von den zuliefernden Unternehmenseinheiten oder externen Zulieferern übernommenen Teilprodukte sowie den anfallenden Arbeitskosten, kalkulieren und selbständig an einer Verbesserung im Hinblick auf eine Optimierung des Preis-Leistungs-Verhältnisses arbeiteten. Wenn die gegenseitige Leistungserbringung der einzelnen Unternehmensbereiche nun tatsächlich in einem gewissen Maß Marktmechanismen überantwortet wird und wenn der &#8220;Einkäufer&#8221; der Leistung dabei die Möglichkeit hat, im Falle eines besseren <em>externen</em> Angebots &#8211; zumindest in Grenzen &#8211; auch dieses zu nützen, zwingen die Unternehmensbereiche sich dergestalt &#8211; auch ganz ohne &#8220;äußere&#8221; Kontrolle &#8211; gegenseitig unter die Prämissen maximaler ökonomischer Rationalität.</p>
<p>Verschiedentlich gibt es auch Ansätze, diesen Effekt noch durch das Einbringen <em>unmittelbarer</em> betriebsinterner Konkurrenz zu steigern, indem zwei oder mehrere Unternehmenseinheiten mit gleichen Aufgaben, quasi gegeneinander &#8220;ins Rennen&#8221; geschickt werden. Zu einem gewissen Grad geschieht dies bei den großen, internationalen Unternehmen heute ja bereits dadurch, daß den Arbeitenden gleichartiger Abteilungen verschiedener Standorte der Vergleich ihrer Produktivität und ökonomischen Effektivität zurückgespielt wird; nicht zuletzt, um sie &#8211; im Hinblick auf die immanent ja immer gegebene Möglichkeit einer Verlagerung der Produktion &#8211; auf diese Art dem Druck permanenter Produktivitätssteigerung zu unterwerfen. Neu ist, daß auch damit experimentiert wird, zwei verschiedene Unternehmenseinheiten unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz gegeneinander &#8220;ankämpfen&#8221; zu lassen, indem bei gleicher Aufgabenstellung die &#8211; im Sinne ökonomischer Logik &#8211; innovativere Lösung darüber entscheidet, welche Abteilung beibehalten und welche aufgelöst wird. &#8220;Dies ist besonders für diejenigen Unternehmensbereiche relevant, die nicht in direktem Kontakt mit dem Markt stehen, wie dies oft bei Entwicklungsabteilungen der Fall ist&#8221;. Dabei wurde diese Methode &#8220;in gewissen Fällen und mit großem Erfolg&#8221;<a name="a40" href="#40">40</a> angewandt.</p>
<p>Nach dem vorher Gesagten erscheint es legitim, heute eher von einer Tendenz zu einem &#8220;Management by stress&#8221;<a name="a41" href="#41">41</a> als von einer solchen zum &#8220;Management by love&#8221; zu sprechen. Genauso wie die &#8220;unternehmenskulturellen Maßnahmen&#8221; zur Motivierung der Arbeitenden und ihrer besseren Identifizierung mit dem Betrieb stehen die heute hochgelobten &#8220;indirekten&#8221; und &#8220;weichen&#8221; Managementmethoden oder neue Organisationsansätze wie die <em>lean production</em> allesamt im Dienste einer Totalverausgabung der Arbeitenden. Das Ziel aller modernen Unternehmensführungskonzepte ist ein optimiertes Ausnützen der Humanressourcen, verbunden mit dem Einsparen möglichst vieler Arbeitskräfte. Die neuen Managementkonzepte stellen ein freundlich gewendetes Steuerungsinstrument dar, das auf der alten Drohung aufbaut, bei Nichterbringen der ständig geforderten Hochleistungsakrobatik den Arbeitplatz zu verlieren. Der Unterschied zu früher besteht bloß darin, daß der &#8220;Interessenswiderspruch von Kapital und Arbeit&#8221; nicht mehr durch ein loyales Management im Sinne einer optimalen Profitrate entschieden zu werden braucht, weil die Arbeiter nun selbst zu &#8220;Agenten des Kapitals&#8221; gemacht worden sind. Von einer innengeleiteten Arbeitsethik angetrieben, aktivieren sie nun selbst ihre gesamte Energie im Hinblick auf eine Steigerung der Produktivität &#8211; jedoch nicht um in Form einer verringerten Arbeitszeit davon insgesamt zu profitieren, sondern mit dem Ziel, möglichst vielen von ihnen den Arbeitsplatz zu rauben.</p>
<p>Als besondere Attraktion der <em>lean production</em> wird in den einschlägigen Publikationen immer wieder darauf hingewiesen, daß mit diesem Konzept die Verschwendung von Material, Raum, Zeit und &#8220;Humankapital&#8221; hintangehalten wird und Ressourcen optimal eingesetzt werden. Daß eine im Sinne betriebswirtschaftlicher Logik betriebene &#8220;Vermeidung von Verschwendung&#8221; jedoch vielfach nichts anderes bedeutet als die Umwälzung derselben auf den außerbetrieblichen Bereich, bleibt dabei üblicherweise ausgeblendet. Dies gilt für das betriebswirtschaftliche Zu-Buche-Schlagen der Einsparung von Lagerkosten durch die &#8220;Just-in-time&#8221;-Anlieferung von Einzelteilen, einer daraus folgenden Intensivierung des Zulieferverkehrs und den entsprechenden volkswirtschaftlichen Folgekosten durch die Belastung des Verkehrssystems und das Ansteigen der Umweltbelastung genauso wie für das &#8220;Einsparen&#8221; von Arbeitskräften. Die nicht mehr benötigten Arbeitskräfte &#8220;verschwinden&#8221; ja nicht, sie brauchen einen neuen Arbeitsplatz; ist dieser nicht vorhanden, muß (zumindest) ihr Überleben mittels volkswirtschaftlich finanzierter Aufwendungen gesichert werden.</p>
<p>Die post-tayloristischen Maßnahmen zur Optimierung der betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung stellen eine neue Strategie dar, die dem Zwang zu einem möglichst flexiblen Reagieren auf die Bedingungen eines globalen Konkurrenzkampfs besser gerecht wird. Wie bei allen Managementmaßnahmen bleibt das grundsätzliche Ziel und die Triebkraft für Veränderung aber weiterhin der maximale Profit für das in das Unternehmen investierte Kapital. Die neuen betrieblichen Führungsmethoden und Organisationsformen hingegen &#8211; so wie es derzeit gerne getan wird &#8211; zum Ausfluß eines &#8220;revolutionären&#8221;, neuen &#8220;gesellschaftlichen Paradigmas&#8221; hochzustilisieren, bedeutet ein grundsätzliches Verkennen der Situation. Wenn heute behauptet wird, &#8220;im Management &#8211; ebenso wie in der Medizin, der Ökonomie oder der Politik &#8211; erfordert die Lösung der vielfältigen Probleme unserer global vernetzten Welt einen grundlegenden Paradigmenwechsel &#8211; einen Wandel des Denkens, der Weltbilder und Wertvorstellungen, [...] die nur dann gelingen [wird], wenn wir imstande sind, ganzheitlich zu denken und zu handeln&#8221;<a name="a42" href="#42">42</a>, entsteht der Eindruck, daß mit der wohlklingenden Beifügung &#8220;ganzheitlich&#8221; vergessen gemacht werden soll, worin denn die eigentliche Triebkraft gegenwärtigen wirtschaftlichen Geschehens besteht. Noch immer geht es dabei aber um &#8220;Mehrwertproduktion&#8221;, darum, investiertes Geld in mehr Geld zu verwandeln. In diesem Sinn sollen, <em>nach den Gesichtspunkten einer betriebswirtschaftlich ausgerichteten ökonomischen Logik,</em> die im Unternehmen eingesetzten Ressourcen zwar möglichst nicht verschwendet, sondern sparsam, sprich &#8220;gewinnbringend&#8221;, eingesetzt werden, mit dem Ziel eines <em>achtungsvollen</em> Umgehens mit Menschen und Umwelt oder auch nur mit einer <em>ganzheitlichen</em> wirtschaftlichen Sichtweise hat das jedoch sicher nichts zu tun.</p>
<p>Auch die heute hochgelobten neuen gesellschaftlichen Werte &#8220;Flexibilität&#8221; und &#8220;Mobilität&#8221; sind dem Ziel betriebswirtschaftlicher Logik verpflichtet. Wenn die tayloristische Massenproduktion nun zunehmend durch anpassungfähigere Produktionsweisen ersetzt wird, die Produktionszyklen kürzer werden und Betriebe immer rascher gezwungen sind, auf Marktveränderungen zu reagieren, so impliziert das auch eine neue &#8220;flexibilisierte&#8221; Personalpolitik. Das Personal wird quasi an die flexible Produktion und die schwankenden Marktanforderungen angepaßt. Louis R. Hughes, Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG, drückt das so aus: Wir haben nun eine &#8220;Vorreiterrolle gegenüber unserer Konkurrenz bei Gruppenarbeit, einem neuen Lohnsystem, einer dritten Schicht, alles Dinge, die für die deutschen Automobilhersteller ganz neu sind. Ebenso auch die Flexibilität bei den Arbeits- und Überstunden &#8211; wir arbeiten hier fast rund um die Uhr.&#8221;<a name="a43" href="#43">43</a> Weitere Flexibilitätsfolgen sind: unverzügliche Kündigungen auch bei geringen Auftragsrückständen, unregelmäßige Arbeitszeit, Zunahme der Saison- und Leiharbeit. &#8211; Die dem verschärften Konkurrenzkampf geschuldete flexible Produktion bewirkt &#8211; wie schon im dritten Kapitel ausgeführt &#8211; auch eine Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und Entlohnungsformen und damit auch einen verschärften Konkurrenzkampf zwischen den Arbeitnehmern.<a name="a44" href="#44">44</a></p>
<p>Der damit für den Einzelnen verbundene erhöhte Streß, physische und psychische Folgen durch den &#8220;Burn-out-Effekt&#8221; dieser Totalvernutzung oder die Folgen für Familien und Sozialbeziehungen werden in der &#8220;ganzheitlichen&#8221; Sichtweise moderner Managementstrategien nicht thematisiert. Das Verbessern der Produktion durch neue Methoden des Managements und der Arbeitsorganisation zielt auf Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit und auf Profitoptimierung. Die für die wirtschaftlichen Prozesse notwendigen Menschen reduzieren sich in den diesbezüglichen Überlegungen zu kalkulierbarem &#8220;Humankapital&#8221;. Die eingesetzte Energie und die notwendigen Rohstoffe sind nicht Grundlagen allgemeinen Überlebens, sondern bloß &#8220;Ressourcen&#8221;, deren möglichst günstiger Erwerb angestrebt wird. Die zerstörte Umwelt ist schließlich &#8220;Abfall&#8221;, den es bloß dann zu reduzieren gilt, wenn er betriebswirtschaftliche zu Buche schlägt. Ganzheitlich ist bei all dem nur die <em>Totalvernutzung</em> von Mensch und Natur im Hinblick auf das Diktat der Mehrwertproduktion. Unter einer tatsächlich ganzheitlichen Herangehensweise müßten sich nämlich ganz andere Fragen stellen. So zum Beispiel die, ob neue Unternehmenskonzepte bloß dadurch schon &#8220;zukunftsträchtig&#8221; sind, weil sie Fitneß für den verschärften Konkurrenzkampf bieten.</p>
<hr />
<p><a name="1" href="#a1">1</a> Zit. nach Hahn, G.: Spurensicherung. Über die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Theoriebildung, Wien 1990, S. 151.</p>
<p><a name="2" href="#a2">2</a> Vgl. Bechtler, Th. W.: Selbstorganisation als Unternehmensvision &#8211; Der Markt als Mittel innerbetrieblicher Organisation. In: Königswieser/Lutz (Hg.): Das systemisch evolutionäre Management: Der neue Horizont für Unternehmer. Wien 19922, S. 10-17.</p>
<p><a name="3" href="#a3">3</a> Vgl. dazu beispielsweise: Karmasin, H.: Produkte als Botschaften: Was macht Produkte einzigartig und unverwechselbar? Wien 1993.</p>
<p><a name="4" href="#a4">4</a> In der Opel-Konzernzeitung &#8220;Top-Business&#8221; (Report IV/Oktober 1992) heißt es dazu: &#8220;&#8230; und wenn der Fremdwörter-Duden das englische Wort &#8220;Sponsor&#8221; mit &#8220;Gönner, Förderer, Geldgeber&#8221; übersetzt, so hat er nur rein sprachlich recht. In Wirklichkeit bekommt der Sponsor etwas zurück, profitiert vom Imagetransfer, bei dem positive Attribute des Sports wie Dynamik und Jugendlichkeit auf Unternehmen und Produkte übergehen sollen.&#8221;<br />
<a name="5" href="#a5">5</a> So sorgt sich McDonalds neuerdings in Anzeigenserien um den tropischen Regenwald, die Firma Citroen hilft den Österreichern beim &#8220;Freikaufen&#8221; des Hainburger Auwaldes, und Mercedes-Benz mahnt neben einem Weltraumfoto der Erdkugel &#8211; in ganzseitigen Hochglanzanzeigen auf schwer giftigem Tiefdruck (!) &#8211; zu ökologischer Vernunft: &#8220;Für diesen Stern gibt es kein Ersatzteil&#8221;.</p>
<p><a name="6" href="#a6">6</a> Vgl. insbesonders Peters, Th. J./Waterman, R. H.: Auf der Suche nach Spitzenleistungen. Was man von den bestgeführten US-Unternehmen lernen kann. Landsberg am Lech 1982, S. 321-334.</p>
<p><a name="7" href="#a7">7</a> Unter dem Titel &#8220;Unternehmenskultur als Erfolgsfaktor&#8221; schreibt eine erfolgreiche Unternehmensberaterin diesbezüglich: &#8220;Die &#8220;Äußerlichkeiten&#8221; des corporate designs werden in ihrer Bedeutung für das Unternehmensprofil leicht unterschätzt. Zu ihnen gehört das Erscheinungsbild der Bauten, die Gestaltung von Büros und Dokumenten ebenso wie die Wiedererkennungs-Signale, die das Unternehmen in der Werbung aussendet. Slogans und Redestil, Rituale und Zeremoniell bilden zusammen mit Mythen, Anekdoten und Legenden die äußere Hülle der &#8220;Kultur&#8221;, die alle Mitglieder des Unternehmens trägt und zu Mitwirkenden macht.&#8221; Höhler, G. in: Königswieser/Lutz, a.a.O., S. 341.<br />
<a name="8" href="#a8">8</a> Ganz im Sinne des weiter vorne schon angesprochenen &#8220;Zur Ware Werdens der Bildung&#8221; wird neuerdings &#8220;Corporate Identity&#8221; auch als Rezept für die Rekrutierungsprobleme im Schul- und Weiterbildungsbereich kolportiert. Im Kampf um &#8220;Bildungs-Marktanteile&#8221; wird heute empfohlen &#8211; beziehungsweise bleibt Schulen und den Einrichtungen der Erwachsenenbildung, wenn sie der Schrumpfung oder Schließung entgehen wollen, gar nichts anderes übrig -, sich der Marketing-Strategien und Unternehmenskulturkonzepte der Wirtschaft zu bedienen. Da sich beim Verkauf von Gütern die Verpackung und die Präsentation als immer entscheidender herausstellt, soll sich Entsprechendes auch im pädagogischen Bereich bewähren. Bildungs&#8221;messen&#8221;, &#8220;Tage der offenen Tür&#8221; und T-Shirts mit Schullogos waren diesbezüglich schon eine gute Vorübung, nun gilt es noch, das Ganze in ein durchgestyltes &#8220;Corporate-Identity&#8221;-Konzept einzubinden, dann wird die &#8220;Ware Bildung&#8221; endlich genauso konsequent vermarktet wie alle anderen Nebenprodukte der kapitalistischen Mehrwertproduktion.</p>
<p><a name="9" href="#a9">9</a> Der Geschäftsführer des neuen Opel-Werkes in Eisenach/BRD, Jürgen Gebhardt, kommentiert die Tatsache, daß dort vom Chef bis zum Arbeiter alle mit grauen Hosen und weißen Hemden eingekleidet sind, mit den Worten: &#8220;Hier muß einfach jedem klar werden, daß wir alle in einem Boot sitzen&#8221;. Zit. nach &#8220;Stern&#8221; 42/1992, S. 32.<br />
<a name="10" href="#a10">10</a> Höhler, a.a.O., S. 342.</p>
<p><a name="11" href="#a11">11</a> ,Aus einem Bericht über ein Symposium des Wirtschaftsforums für Führungskräfte (WdF) zum Thema &#8220;Holistic Management&#8221;, &#8220;Industrie&#8221;, 24. Juni 1992, S. 31.</p>
<p><a name="12" href="#a12">12</a> Bleicher, K.: Paradigmenwechsel im Management? In: Königswieser/Lutz, a.a.O., S. 125.</p>
<p><a name="13" href="#a13">13</a> Eine Atemtechnik, mit der Geburterlebnisse und diesbezügliche Traumata aufgearbeitet werden sollen.<br />
<a name="14" href="#a14">14</a> &#8220;Industrie&#8221;, 24. Juni 1992, S. 32.</p>
<p><a name="15" href="#a15">15</a> Ebda.</p>
<p><a name="16" href="#a16">16</a> Dazu der deutsche Unternehmensberater und Wirtschaftsguru Gerd Gerken in einen ORF-Interview: &#8220;Wir haben ja so unendlich viel Angst, das Wort Liebe mit Management zusammenzubringen. Warum eigentlich? Liebe ist die einzige Energie, die aus sich selbst heraus weitere Energien erwecken kann. Da wir ein energetisches Management mit mehr Produktivität brauchen &#8211; was ist so schlimm daran, daß wir Liebe ins Unternehmen bringen? Liebe zu einer Vision, Liebe zur Arbeit, Liebe zum Team, Liebe zur eigenen Dynamik, Liebe zum Boß, Liebe zu den Mitarbeitern, Liebe zur Sekretärin &#8230; Warum so viele Probleme mit der Liebe?&#8221; &#8220;Österreich 1 extra&#8221; 6. Juli 1991, 22.00 Uhr.</p>
<p><a name="17" href="#a17">17</a> Selbst in so traditionellen Unternehmen wie der Voest-Alpine MCE (Machinery, Construction &amp; Engineering) gehört für die Manager der Marsch über glühende Kohlen oder das gemeinsame Rafting-Abenteuer bereits zur jährlichen Pflichtübung im Wir-Gefühl. Vgl. &#8220;Wochenpresse&#8221; 37/9. September 1993, S. 46/67.<br />
<a name="18" href="#a18">18</a> Die Managementansätze der &#8220;lean production&#8221; und das sogenannte &#8220;lean management&#8221; werden heute am intensivsten in der Autoindustrie diskutiert und haben von dort aus großen Bekanntheitsgrad erreicht. In der Zwischenzeit sind diese Produktionskonzepte jedoch durchaus nicht mehr nur auf die Arbeitsorganisation im Automobilbau beschränkt. Eine Reihe von Unternehmen wurden in den letzten Jahren in allen industrialisierten Ländern auf dieses Konzept umgestellt. Auch in Österreich haben beispielsweise der niederösterreichische Büromöbelhersteller &#8220;Bene&#8221; und der Kranhersteller &#8220;Pallfinger&#8221; aus dem Salzburger Lengau ihre Produktion ebenfalls völlig in der entsprechenden Form umorganisiert. Vgl. &#8220;Wirtschaftswoche&#8221; 36/2. September 1993, S. 36/37.</p>
<p><a name="19" href="#a19">19</a> So versuchte beispielsweise General Motors in den achtziger Jahren, ganz in der Tradition tayloristischer Massenproduktion, durch einen Automatisierungsschub seine Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen, und erlitt dabei völligen Schiffbruch.<br />
<a name="20" href="#a20">20</a> Vgl: Womack/Jones/Roos, a.a.O.</p>
<p><a name="21" href="#a21">21</a> Ebda.</p>
<p><a name="22" href="#a22">22</a> So werden in dem, nach Prinzipien der lean production organsierten, neuen Opel-Autowerk in Eisenach/BRD 2.000 Beschäftigte jährlich rund 150.000 Autos herstellen, in der vergleichbaren Fertigung des Werkes Bochum, ebenfalls BRD, sind für die Fertigung der doppelten Anzahl von Fahrzeugen dagegen 7.000 Mitarbeiter notwendig. Der kulminierte Zeitaufwand für die Herstellung eines Autos wird in Eisenach nur mehr weniger als 20 Stunden &#8211; in anderen europäischen Werken dagegen bis zu 36 Stunden &#8211; betragen. &#8220;Top-Business&#8221; Report IV, Oktober 1992.</p>
<p><a name="23" href="#a23">23</a> In der traditionellen Massenproduktion war das Verhältnis zwischen Zulieferindustrie und Produzenten nach einfachen Preis-Kosten-Kriterien gestaltet. Langfristig mögliche Produktions- und Produktverbesserungseffekte, die aus einer innovativen Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Zulieferer resultieren können, waren nicht vorgesehen. Die heute angestrebte innovations- und verbesserungsorientierte Einbindung der Zulieferer in die Gesamtlogistik der Produktion erfolgt unter dem Gesichtspunkt einer Reduzierung der Kosten für die zugelieferten Teile, den Transport und die (auf ein Minimum abgespeckte) Lagerhaltung und führt gleichzeitig zum widersprüchlichen Effekt des &#8220;unfreien (Sub-)Unternehmers&#8221;. Der Kalkulationsspielraum sowie die Möglichkeit durch Produktivitätssteigerungen und Kostensenkungen einen höheren Gewinn für sich selbst zu erwirtschaften, nimmt für die Zulieferer ab, gleichzeitig bleibt ihr Unternehmensrisiko jedoch vollständig erhalten.<br />
<a name="24" href="#a24">24</a> Osthold, Paul: Der Kampf um die Seele unseres Arbeiters. Düsseldorf 1926. Hier zitiert nach: Witt, K.: Froh zu sein bedarf es wenig &#8230;? In: Arbeit/Mensch/Maschine. Der Weg in die Industriegesellschaft. Katalog zur oberösterreichischen Landesaustellung 1987. Linz 1987. S. 148.</p>
<p><a name="25" href="#a25">25</a> Vgl.: Moser, J.: Arbeit adelt &#8211; die Pflicht ruft. In: Arbeit/Mensch/Maschine. Der Weg in die Industriegesellschaft. Katalog zur oberösterreichischen Landesaustellung 1987. Linz 1987. S.121<br />
26        De Man, H.: Der Kampf um die Arbeitsfreude. Eine Untersuchung auf         Grund der Aussagen von 78 Industriearbeitern und Angestellten. Jena 1927, S. 287/288.</p>
<p><a name="27" href="#a27">27</a> Vgl.: Moser, a.a.O., S. 121.</p>
<p><a name="28" href="#a28">28</a> Arnold, K.: Betriebs- und Arbeitsführung in der Front der deutschen Arbeit, Leipzig 1936, S. 4. Hier zitiert nach Moser, a.a.O., S. 120.</p>
<p><a name="29" href="#a29">29</a> Die Forscher hatten sich zur Aufgabe gemacht, die Effekte von Variablen, wie beispielsweise Entlohnungssystem, Pausenregelung, Beleuchtung, Temperatur, Farben im Arbeitsraum und ähnliches, auf das Arbeitsverhalten zu untersuchen. Dabei stellten sie fest, daß, weitgehend unabhängig von objektiv vorgenommenen Veränderungen, schon allein durch ihre Anwesenheit und ihr bloßes Interesse für die (Tätigkeit der) Beschäftigten &#8211; also die den Arbeitern gezollte soziale Aufmerksamkeit &#8211; die Arbeitsmotivation und Leistung der Arbeitenden gesteigert worden war.<br />
<a name="30" href="#a30">30</a> Systematisch-zyklischer Arbeitsplatzwechsel von Fabrikarbeitern, um die Monotonie aufgrund der sich rasch wiederholenden, ständig gleichen Arbeitstätigkeit zu durchbrechen.</p>
<p><a name="31" href="#a31">31</a> Rekombination von repetitiven und auf verschiedene Arbeitende aufgeteilten Teilarbeiten zu komplexeren Arbeitsaufgabe.</p>
<p><a name="32" href="#a32">32</a> Anreicherung der Arbeiten in der Produktion durch Aufgaben, die in der tayloristischen Arbeitsorganisation üblicherweise durch Vorarbeiter und Meister wahrgenommen werden.</p>
<p><a name="33" href="#a33">33</a> Vgl.: Gottschall, D.: Lean production &#8211; schneller, besser, billiger? In: &#8220;Psychologie heute&#8221;, 19 (1992), 10, S. 62.</p>
<p><a name="34" href="#a34">34</a> Alle zitierten Aussagen aus einem Interview des Mercedes-Personalvorstands Heiner Tropitzsch, zit. nach Gottschall, a.a.O., S. 59.<br />
<a name="35" href="#a35">35</a> Zit nach Arp, P./Santner, Ch.: Die sanfte Tour &#8211; ganzheitliches Management. In: ORF-Nachlese, 10/1991, S. 20.</p>
<p><a name="36" href="#a36">36</a> Vgl.: Womack/Jones, a.a.O. S. 38.</p>
<p><a name="37" href="#a37">37</a> Im Gegensatz zu traditionell organisierten Automobilwerken, wo Fehler oder Qualitätsmängel erst nach endgültiger Fertigstellung eines Autos durch das Fachpersonal aus speziellen Reparaturabteilungen beseitigt werden, sind die Arbeiter in den nach lean-production-Prinzipien organisierten Werken angehalten, das &#8220;Band&#8221; für den Transport der Karosserien bei Fehlern anzuhalten und die Qualitätsprobleme sofort an Ort und Stelle zu beheben</p>
<p><a name="38" href="#a38">38</a> &#8220;Top-Business&#8221;, a.a.O., S. 25.<br />
<a name="39" href="#a39">39</a> Riekhof, H.C.: Strategien der Personalentwicklung. Wiesbaden 1986, S. 63.</p>
<p><a name="40" href="#a40">40</a> Bechtler, Th. W., a.a.O., S. 15, unter Hinweis auf: Peters, Th./Waterman, R.: In Search of Excellence. Lessons from America&#8217;s Best-Run Companies, 1982.</p>
<p><a name="41" href="#a41">41</a> Eine Bezeichnung, die von amerikanischen Gewerkschaftern häufig für lean-production-Betriebsorganisationsmodelle verwendet wird.</p>
<p><a name="42" href="#a42">42</a> Capra, F./Exner, A./Königswieser, R.: Veränderungen im Management &#8211; Management der Veränderung. In: Königswieser/Lutz, a.a.O., S. 112.<br />
<a name="43" href="#a43">43</a> Eine wirkliche Partnerschaft, Interview mit Louis R. Hughes. In: &#8220;Industrie&#8221;, 9. Jänner 1992, S. 12.</p>
<p><a name="44" href="#a44">44</a> Verbunden ist diese Entwicklung mit einer &#8220;Flexibilisierung&#8221; des Entlohnungssystems durch deutliche Tendenzen zur Verlagerung der bislang hoch geregelten Lohnpolitik auf betriebliche Ebene. So konstatiert zum Beispiel Mahnkopf für die BRD eine zunehmende einzelbetriebliche Koppelung der Lohnpolitik an die Produktivität. Zunehmend wird &#8220;die Gestaltung von Entgeltformen, Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitregelungen [...] standardisierter Regelung entzogen und gemäß firmenspezifischer Marktlage, Produktionsstrategien und technologischen Optionen dezentral, das heißt vornehmlich auf Unternehmensebene geregelt&#8221;. Vgl.: Mahnkopf, B.: Industrial Democracy &#8211; Europäische Arbeitskultur im Umbruch. In: &#8220;Erwachsenenbildung in Österreich&#8221; 44 (1993), 4, S. 2.</p>
<p>Aber auch in vielen anderen industrialisierten Ländern läßt sich ein dementsprechender Trend nachweisen (Für Schweden vgl. beispielsweise &#8220;Unternehmer&#8221; 7/1993). Auch die 1993 für eine Reihe von Branchen in Österreich neu ausgehandelten Kollektivverträge gehen tendenziell in dieselbe Richtung, indem, unter dem Titel &#8220;Öffnungsklausel&#8221;, für die kollektivvertraglich vereinbarten Lohnerhöhungen &#8211; falls sie für die besondere Lage einzelner Unternehmen nicht &#8220;passen&#8221; &#8211; eine &#8220;Nachrangregelung&#8221; mitbeschlossen wurde.</p>
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		<title>Die Arbeit hoch? &#8212; Kapitel 5</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Dec 1994 23:25:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Die Arbeit hoch?]]></category>
		<category><![CDATA[Erich Ribolits]]></category>

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		<description><![CDATA[Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus Inhaltsverzeichnis 5. &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; &#8212; der zentrale berufspädagogische Ideologiebegriff des Post-Fordismus Das Eigentümliche der quantitativen Bemessung ist nun, daß sie kein Prinzip von Selbstbegrenzung zuläßt. Ihr ist nicht nur die Kategorie des Genug fremd, sondern auch jene des Zuviel. Keine Menge kann, sobald sie zur Bemessung einer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Berufspädagogische Streitschrift wider die Totalverzweckung des Menschen im Postfordismus</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/1994/die-arbeit-hoch">Inhaltsverzeichnis</a></p>
<h4>5. &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; &#8212; der zentrale berufspädagogische Ideologiebegriff des Post-Fordismus</h4>
<blockquote><p><em>Das Eigentümliche der quantitativen Bemessung ist nun, daß sie kein Prinzip von Selbstbegrenzung zuläßt. Ihr ist nicht nur die Kategorie des Genug fremd, sondern auch jene des Zuviel. Keine Menge kann, sobald sie zur Bemessung einer Leistung dient, zu groß sein; kein Unternehmer kann zuviel Geld verdienen, und kein Arbeiter kann zu produktiv sein. Indem sie alles quantifiziert, um alles berechenbar zu machen, vernichtet die ökonomische Rationalisierung somit jedes Kriterium, das es ermöglicht, sich zufrieden zu geben mit dem, was man hatte, was man gemacht hatte oder sich zu tun vornahm.</em> &#8212; André Gorz<a name="a1" href="#1">1</a></p></blockquote>
<p>Schon im dritten Kapitel wurde ausgeführt, daß derzeit nur ein sehr kleiner Teil der Arbeitnehmerschaft tatsächlich schon unter post-tayloristischen Arbeitsorganisationsbedingungen arbeitet. Nur in den Kernbereichen von Produktion und Verwaltung sind dementsprechende Unternehmensstrukturen heute überhaupt in nennenswertem Ausmaß vorfindbar, und es ist (zumindest mittelfristig) auch gar nicht damit zu rechnen, daß die angesprochenen neuen Formen der Arbeitsorganisation zu jenen Rahmenbedingungen der Arbeit werden, von denen alle oder zumindest ein Großteil der Beschäftigten betroffen wird. Auch der überwiegende Teil der &#8220;unternehmenskulturellen&#8221; Maßnahmen, wie Erfolgsprämien, Mitarbeit in Qualitätszirkeln, individuelle Karrierepläne sowie die meisten Weiterbildungsangebote, kommen den verschiedenen Arbeitnehmergruppen durchaus nicht in gleichem Maß zugute. Vorwiegend profitieren derzeit bloß hochqualifizierte Facharbeiter, Manager und Abteilungsleiter von den diesbezüglichen Entwicklungen. Die &#8220;Randbelegschaften&#8221;, also leicht ersetzbare Arbeitnehmer, Angelernte, Personen an &#8220;auslaufenden Arbeitsplätzen&#8221;, Leiharbeiter oder solche mit befristeten Arbeitsverträgen, sind meist &#8220;die unkultivierten und unprivilegierten Stiefkinder der Unternehmenskulturbewegung, weil sich bei ihnen unternehmenskulturelle Maßnahmen kaum auszahlen&#8221;<a name="a2" href="#2">2</a>. Was heute häufig als Raum für berufliche Selbstverwirklichung gepriesen wird und die Basis für eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen sowie für die entsprechende Bereitschaft zur Arbeitsverausgabung abgeben soll, betrifft genaugenommen (erst) einen recht kleinen Teil der Arbeitnehmerschaft und überwiegend nur &#8220;privilegierte&#8221; Arbeitnehmer.</p>
<p><span id="more-2225"></span>Wenn derzeit vielfach dennoch so getan wird, als ob die neuen Organisationsformen betrieblicher Arbeit sowie die Notwendigkeit, neue adäquate Arbeitstugenden auszubilden, für<em> alle</em> Arbeitnehmer quasi schon &#8220;vor der Tür&#8221; stünden, kann das dementsprechend nur als eine Ausweitung der im vorigen Kapitel angesprochenen &#8220;ideologischen Vereinnahmung&#8221; interpretiert werden. Schon rein statistisch gesehen, besteht heute für den überwiegenden Teil der Arbeitnehmerschaft viel eher die Gefahr, in die Randbereiche des Arbeitsmarktes und in die Arbeitslosigkeit abgedrängt zu werden, als die Wahrscheinlichkeit, jemals in den Bereich der unternehmenskulturell umworbenen Kerngruppen der Belegschaft aufzusteigen. Dennoch bekommen sie von Arbeitsmarktforschern, Berufspädagogen und Bildungspolitikern fast ausschließlich über die Chancen der neuen arbeitsorganisatorischen Bedingungen und über die Notwendigkeit zu hören, sich rechtzeitig auf die daraus folgenden Qualifikationsanforderungen vorzubereiten. Unaufhörlich wird heute darüber gesprochen, daß bald nur mehr jene Arbeitskräfte einsetzbar sein werden, die besonderes Engagement zeigen, Kreativität, Selbständigkeit und unternehmerische Fähigkeiten entwickeln, sich laufend weiterqualifizieren und zu all dem auch noch lernen, sich selbst besser zu vermarkten. Mittransportiert wird mit dieser Aussage gleichzeitig die Botschaft, daß alle jene, die &#8220;es nicht schaffen&#8221; und im Bereich der &#8220;Reservearmee&#8221; des Arbeitsmarktes landen, eben selber schuld seien, weil sie sich offensichtlich nicht ausreichend auf die neu geforderten Arbeitnehmertugenden umgestellt haben.</p>
<p>Wenn derzeit immer wieder behauptet wird, daß Arbeitnehmer durch die lebenslange Anpassung ihrer Qualifikation der drohenden Arbeitslosigkeit entgehen können, wird jedoch schlichtweg der Zusammenhang zwischen dem Phänomen der in immer schnellerer Folge eingeforderten neuen Qualifikationen und dem Schrumpfen des (Lohn-)Arbeitspotentials ignoriert. Das Propagieren der Notwendigkeit, sich auf die durch den strukturellen Wandel ausgelösten neuen Bedingungen der Arbeitswelt einzustellen, nimmt nicht die Tatsache zur Kenntnis, daß der strukturelle Wandel ja im Kern genau darin besteht, mit <em>immer weniger</em> menschlichen Arbeitskräften auszukommen. Die Logik hinter den die Anpassungsforderung auslösenden technischen und arbeitsorganisatorischen Veränderungen besteht im Ziel der Produktivitätserhöhung. Derselben Logik sind aber auch Rationalisierungsmaßnahmen und damit verbundene Arbeitskräfteeinsparungen geschuldet. Die beiden Trends, die Notwendigkeit der Anpassung der Qualifikationen der Arbeitskräfte an die neuen Erfordernisse von Beruf und Arbeit und die permanente Verringerung des Arbeitskräftebedarfs, speisen sich aus derselben Quelle: der an der Logik der kapitalistischen Ökonomie ausgerichteten, technologischen und arbeitsorganisatorischen Entwicklung.<a name="a3" href="#3">3</a> Selbst wenn alle derzeit Arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit bedrohnten Personen lernen würden, was angeblich gebraucht wird, wären sie überzählig und können nur im Austausch mit Beschäftigten, deren profitable Verwendbarkeit sie durch ihre Nachqualifikation überbieten können, wieder einen Arbeitsplatz ergattern. Und jede neu auftauchende Notwendigkeit zur Neuqualifikation ist bloß Indiz dafür, daß sie noch überzähliger geworden sind, sie repräsentieren nicht &#8220;irrtümlich&#8221; brachliegende, sondern schlichtweg überflüssige Arbeitskraft.</p>
<p>Parallel dazu, daß die Bereitschaft, sich laufend den neuen Qualifikationsanforderungen anzupassen, heute zu jenem Universalrezept hochgelobt wird, mit dem Arbeitnehmer ihre Position im Beschäftigungssystem absichern könnten, findet derzeit eine sukzessive Entwertung von (Erstaus-)Bildungsabschlüssen im Hinblick auf deren Chancenverteilungsfunktion für berufliche und damit gesellschaftliche Positionen statt. Dieser Effekt zeigt sich an zwei Entwicklungen: einerseits am Trend, daß die Zugangsmöglichkeiten für bestimmte berufliche Positionen an sukzessiv umfangreicher werdende Formalqualifikationen geknüpft werden und andererseits daran, daß schulische beziehungsweise universitäre Abschlüsse immer weniger einen <em>direkten</em> Zugang zu Positionen des Beschäftigungssystems garantieren; zunehmend eröffnen sie nur mehr die Berechtigung dafür, am Konkurrenzkampf um attraktive berufliche Positionen überhaupt teilnehmen zu dürfen. Ulrich Beck zeichnet ein ausdrucksstarkes Bild für diese Entwicklung: &#8220;Die Zertifikate, die im Bildungssystem vergeben werden, sind keine Schlüssel mehr zum Beschäftigungssystem, sondern nur noch Schlüssel zu den <em>Vorzimmern</em>, in denen die Schlüssel zu den Türen des Beschäftigungssystems verteilt werden.&#8221;<a name="a4" href="#4">4</a></p>
<p>Allerdings verharmlost das Wort &#8220;Verteilen&#8221; die Situation, die sich an der Nahtstelle zwischen (Aus-)Bildungs- und Beschäftigungssystem immer deutlicher abzeichnet, noch weitgehend. Unter den gegenwärtigen Umständen, wo immer mehr Abgänger des Bildungssystems höhere Abschlüsse nachweisen können, gleichzeitig die Anzahl an höheren beruflichen Positionen jedoch nicht nur <em>nicht</em> ansteigt, sondern eine langfristige (zumindest relative) Verringerung der Gesamtarbeitsplätze zu verzeichnen ist, entscheidet zunehmend die Bereitschaft, sich zusätzlichen &#8220;Anpassungsmechanismen&#8221; zu unterwerfen, über eventuelle Startchancen im Beschäftigungssystem. Die Tatsache, daß sich der Übergang vom Bildungs- zum Beschäftigungssystem für Schulabsolventen heute immer häufiger nicht in Form eines Umstiegs gestaltet, sondern eher die Form einer Erprobungsphase annimmt, fügt sich in dieses Bild. &#8220;Zwischen Ausbildung und Beschäftigung [schiebt sich] eine risikoreiche Grenze labiler Unterbeschäftigung.&#8221;<a name="a5" href="#5">5</a> Konkret bedeutet das, daß sich zunehmend erst über den Zwischenschritt der &#8220;Anpassungserprobung&#8221; &#8211; die Bereitschaft, ungesicherte und atypische Arbeitsverhältnisse, wie zum Beispiel, Teilzeitarbeit, Anstellungen über befristete Werkverträge oder sogenannte &#8220;Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen&#8221; einzugehen &#8211; und der unter Beweis gestellten Bereitschaft, in die Optimierung seiner eigenen Arbeitskraft zu investieren, die Tore zum Normalarbeitsmarkt öffnen.</p>
<p>Auch eine hoch qualifizierende Ausbildung garantiert heute immer weniger einen (attraktiven) Arbeitsplatz. Im Gegensatz dazu stellt aber eine nicht-Vorhandene oder eine nur gering qualifizierende Ausbildung mit tendentiell steigender Wahrscheinlichkeit ein Ausschlußkriterium für den (Normal-)Arbeitsmarkt dar. <em>Der Wert der durch das Aus- und Weiterbildungssystem vergebenen &#8220;Qualifizierungszertifikate&#8221; bestimmt sich zunehmend weniger über eine Statuszuweisungsfunktion, sondern immer mehr über eine Ausschlußfunktion</em>. Zwar steigt die Grenzqualifikation für den Einstieg ins Erwerbsleben immer weiter an<a name="a6" href="#6">6</a>, aber es ist dennoch immer weniger die <em>besondere</em> berufsspezifische Qualifikation, die für das Erreichen von anstrebenswerten Positionen im Beschäftigungssystem notwendig ist, sondern die permanente Weiterqualifizierungsbereitschaft. Damit ist die zur Qualifikation verkürzte Bildung aber nicht nur der gesellschaftskritischen Potenz beraubt, die dem ursprünglichen Bildungsbegriff innegewohnt hatte, sie hat damit schließlich auch die Möglichkeit verloren, sich als gerechtes Kriterium für die gesellschaftliche Positionsverteilung anzubieten. Es ist so, wie wenn sich vorerst einzelne Zuschauer bei einem Fußballspiel auf die Zehenspitzen stellen, um besser zu sehen. Die Folge wird sein, daß sich auch die Dahinterstehenden auf die Zehenspitzen stellen, dann die nächsten und immer mehr &#8230;, bis schließlich alle Zuschauer auf den Zehenspitzen stehen und nun zwar <em>alle</em> unbequemer stehen, aber dennoch <em>bloß</em> <em>genau so gut</em> sehen wie am Anfang. Mit der Qualifikation ist es zunehmend genauso: sie bringt zwar nichts, aber sie ist notwendig, um überhaupt die Position halten zu können. In ihrer instrumentalisierten Qualifikationsvariante paralysiert die Bildung in letzter Konsequenz damit sogar ihren individuellen Vorteil.</p>
<p>Schule und Erstausbildung dienen dementsprechend &#8211; auch wenn das die wenigsten Lehrer heute schon wahrnehmen wollen und krampfhaft weiter an der Illusion vom Lernen für den &#8220;Lebensberuf&#8221; festhalten &#8211; auch immer weniger der Vorbereitung auf eine Karriere in einem bestimmten Beruf, sondern den &#8220;Startvorbereitungen&#8221; und dem &#8220;Fitmachen&#8221; für den lebenslangen Wettkampf um akzeptable gesellschaftliche Positionen. Im Erstausbildungssystem geht es darum, die &#8220;Notwendigkeit&#8221; des rastlosen Konkurrenzkampfes zu verinnerlichen und die Bereitschaft zur lebenslangen Adaptierung der eigenen Qualifikation &#8211; des eigenen &#8220;Einsatzes&#8221; im Konkurrenzkampf &#8211; zu entwickeln. Die (Erst-) Ausbildung wird unter diesen Umständen also keineswegs unwichtiger. Im Gegenteil: im Sinne des weiter oben dargestellten Bildes von Ulrich Beck, daß die Zertifikate des (Aus-)Bildungssystems zunehmend nur mehr die Türen zu den Vorzimmern des Beschäftigungssystems öffnen, bleibt die berufliche Zukunft ohne qualifizierenden Abschluß meist gänzlich verbaut. Denn es mag der Schlüssel für das Vorzimmer zwar unwichtig werden, sobald jemand so weit gekommen ist, sich um den &#8220;Platz im Wohnzimmer&#8221; streiten zu &#8220;dürfen&#8221;, jedoch signalisiert nur der <em>erfolgreich</em> geführte &#8220;Kampf um den Vorzimmerschlüssel&#8221; seine <em>Qualifikation,</em> um zum nachfolgenden Konkurrenzkampf um eine Position im Beschäftigungssystem überhaupt antreten zu können. Damit ergibt sich die paradoxe Situation, daß es heute zwar immer unwichtiger wird, <em>was</em> man lernt, aber gleichzeitig immer notwendiger, <em>daß</em> man lernt, um damit das eigene Durchhaltevermögen nachzuweisen und zu signalisieren, daß man den wahnwitzigen Prozeß der bewußtlosen Qualifikationsanpassung ausreichend verinnerlicht hat.</p>
<p>Damit verbunden ist ein weiterer Effekt: weiterführende berufsqualifizierende Bildungsgänge werden &#8211; um noch einmal an das Bild von Ulrich Beck anzuschließen &#8211; zu &#8220;Wartesälen&#8221; des Arbeitsmarktes. Weil ihnen ihre Erstausbildung aufgrund der &#8220;Überfüllung&#8221; des Beschäftigungssystems keinen (direkten) Zugang zu einem attraktiven Arbeitsplatz eröffnet, sie jedoch in der Hoffnung gehalten werden, mit einem Mehr an Qualifikationen ihre diesbezüglichen Einstiegschancen verbessern zu können, schließen junge Menschen heute nach ihrer Erstausbildung oft noch weitere Ausbildungsgänge an. Je länger sie jedoch im Bildungssystem bleiben, desto mehr muß sich bei ihnen &#8211; im Hinblick auf ihren immanenten Anspruch einer <em>beruflichen</em> Zukunft &#8211; das Gefühl herausbil den, ihre Zeit dort unnötig zu &#8220;versitzen&#8221;. (Berufsqualifizierende) Schulen wandeln sich zu gesellschaftlichen Aufbewahrungsanstalten. Die Funktion der <em>Qualifizierung</em>, im Sinne des Abrichtens der Schüler für eine Verwendung im Beschäftigungssystem, können sie immer schwerer erfüllen, eine Ausrichtung an nicht arbeitsmarktbezogenen Inhalten entspricht nicht ihrer Zielsetzung. Sie befinden sich in der Situation, den Schülern die pradoxe Botschaft schmackhaft machen zu müssen, daß die von ihnen offerierten Qualifikationen zwar in der Form der berufsrelevanten Kenntnisse und Fertigkeiten nutzlos sind &#8211; weil auch sie bei Abschluß der Ausbildung oft schon wieder veraltet sind -, durch den Erwerb dieser &#8220;nutzlosen&#8221; Qulifikationen aber genau jene &#8220;Persönlichkeit&#8221; herausgebildet wird, die dem Ideal der post-fordistischen Gesellschaft entspricht.</p>
<p>Das verbindende Muster der skizzierten Entwicklungen im Aus- und Weiterbildungsbereich besteht darin, daß es unter den heutigen Gegebenheiten des allumfassenden Konkurrenzkampfes im &#8220;post-fordistischen Kapitalismus&#8221; eben um wesentlich mehr geht als um neue Bereiche beruflichen Wissens und Könnens für (potentielle) Arbeitnehmer. Es geht um die endgültige<em> Durchsetzung der &#8220;Ideologie der ökonomischen Rationalität&#8221; auf der Ebene der Selbstvermarktung der Individuen</em>. Endgültig angesagt ist der Abschied von jener seit Luther noch immer in den Köpfen der Menschen herumspukenden Vorstellung, daß die berufliche Tätigkeit eines Menschen etwas mit dessen &#8220;Eignung und Neigung&#8221; &#8211; mit seiner &#8220;Berufung&#8221; &#8211; zu tun haben sollte. Heute gilt es dagegen, die <em>wahllose Vermarktung seiner selbst </em>für selbstverständlich zu halten und widersinnigerweise, trotz des immer schnelleren Veraltens der Qualifikationen, alles daranzusetzen, qualifikatorisch &#8220;am Ball&#8221; zu bleiben. Ziel heutiger Bildung ist die Akzeptanz des post-fordistischen Legitimationsmusters, daß das Recht der Partizipation an den prinzipiell knappen Früchten der gesellschaftlichen Arbeit nur jenen zusteht, die ihre grundsätzliche Austauschbarkeit akzeptiert haben und, aus diesem Bewußtsein heraus, sich permanent um ihre weitere und immer bessere Vermarktbarkeit bemühen.</p>
<p>Völlig unabhängig von tatsächlich gegebenen oder nicht gegebenen Arbeitsplatzchancen ist es heute notwendig, daß alle Gesellschaftsmitglieder diese <em>&#8220;Selbstdisziplinierung im Sinne der ökonomischen Logik&#8221; als eine nicht mehr zu hinterfragende Primärtugend verinnerlichen</em>. Als &#8220;Gebildet&#8221; erscheint der, der sich der Anforderung der Anpassung angepaßt hat und den Zwang zur lebenslangen Nachjustierung seiner Selbst als &#8220;Ware Arbeitskraft&#8221; völlig verinnerlicht hat. Nicht eine bestimmte Aus-Bildung gilt es anzustreben, sondern die ständige &#8220;Optimierung&#8221; seiner Selbst in bezug auf vermarktbare Qualifikationen. Notwendig ist die Bereitschaft, das kapitalistische Prinzip der grenzenlosen Ausbeutung gegen sich Selbst zu wenden und den eigenen Verschleiß als gerechtfertigten Tribut an die Immer-mehr-Spirale der Wachstumsgesellschaft zu akzeptieren. &#8220;Das lebenslange Lernen ist zu jenem sinnlosen Sinnersatz geworden, der die &#8220;gleichgültige&#8221;, &#8220;sinnlose&#8221; Massenproduktion immer schon war. Der &#8220;ziellose&#8221; Arbeitsprozeß hat im &#8220;endlosen&#8221; Bildungsprozeß seinen ihm immer identischer werdenden Partner gefunden.&#8221;<a name="a7" href="#7">7</a> Berufliche Weiterbildung wandelt sich unter diesen Umständen von einem Angebot, das entsprechend persönlicher Karrierewünsche angenommen werden kann oder nicht, zu einem Zwang &#8211; sie erhält totalitären Charakter. Das kapitalistische Prinzip &#8220;wachsen oder weichen&#8221; hat auch sie voll erfaßt. Ein immer größer werdendes &#8220;Angebot&#8221; an Weiterbildungsmöglichkeiten korreliert mit einer immer geringer werdenden Freiheit der Individuen, bezüglich der Entscheidung, ob sie das, was da angeboten wird, überhaupt haben wollen.<a name="a8" href="#8">8</a> Immer weniger gibt es die Chance, sich auf dem einmal erreichten &#8220;Bildungslorbeer&#8221; auszuruhen. Denn wer aus dem lebenslänglichen Prozeß der Weiterqualifizierung aussteigt, wird rasch von nachdrängenden, noch &#8220;Bildungswilligen&#8221;, eigentlich: noch &#8220;Selbstausbeutungsfähigen&#8221;, verdrängt, fällt auf untere Ränge des Beschäftigungssystems zurück oder gleich gänzlich aus dem System der Humankapitalverwertung heraus.<a name="a9" href="#9">9</a> &#8220;Adapt or die&#8221; lautet die Devise, oder &#8211; in Form eines Spruchs aus der Jugendszene &#8220;Du hast keine Chance &#8211; nutze sie!&#8221;</p>
<p>Die lebenslang lernend artikulierte Anpassungsbereitschaft &#8211; die &#8220;Bereitschaft zum lebenslangen Lernen&#8221; &#8211; wird heute auch gerne zu einer der neuen, zunehmend allgemein notwendig werdenden &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; hochgelobt. Dieser Begriff, der 1974 von Dieter Mertens in die Diskussion gebracht worden war<a name="a10" href="#10">10</a>, ist seitdem zu so etwas wie einer Konsensformel in der bildungstheoretischen und der bildungspolitischen Diskussion geworden. In einer Unzahl von wissenschaftlichen Abhandlungen wurde er von (Berufs-)Pädagogen verschiedenster Richtungen aufgegriffen und inhaltlich ausgestaltet. In den zwei Jahrzehnten seit seiner Erfindung avancierte er zu einem jener pädagogischen Zauberwörter, die dafür dienen, den Widerspruch von Mündigkeit und Brauchbarkeit in den Griff zu bekommen, jenes grundsätzliche Dilemma der Pädagogik, einerseits als philosophisch-reflektierende Wissenschaft in die zeitlos geltende Frage nach der Humanisierung des Menschen eingebunden zu sein und andererseits permanent Handlungsanweisungen für pädagogisch-praktisches Geschehen <em>unter bestimmten historisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen</em> liefern zu müssen. Von Anfang an gab es zwar auch skeptische Stimmen, die dem Konzept eine diesbezügliche Lösungskapazität und besondere Originalität abgesprochen haben<a name="a11" href="#11">11</a>, wie zum Beispiel Lisop, die unmißverständlich ablehnend von einer &#8220;Zukunftsbewältigung ohne Sinn und Verstand&#8221;<a name="a12" href="#12">12</a> spricht, oder Strunk und Geißler, die massiven &#8220;Ideologieverdacht&#8221; geltend machten<a name="a13" href="#13">13</a>. Dennoch kann festgestellt werden, daß mit dem Begriff &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; ein zentraler berufspädagogischer Leitbegriff entstanden ist, mit dem die Berufspädagogik auch versucht, sich von jenem durch Lempert auf den Punkt gebrachten Vorwurf zu befreien, sie sei &#8220;eher eine ideologische Rechfertigungslehre als eine Erfahrungswissenschaft, geschweige denn eine kritische Disziplin&#8221;<a name="a14" href="#14">14</a> und ist in diesem Sinn &#8211; wie er es an anderer Stelle ausdrückt &#8211; &#8220;sowohl hinter den Bildungsbegriff in seiner ursprünglichen Fassung zurückgefallen als auch hinter der sich wandelnden Berufswirklichkeit zurückgeblieben&#8221;<a name="a15" href="#15">15</a>.</p>
<p>Gleichzeitig hat sich der Terminus &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; aber auch zum bildungspolitischen Kampfbegriff entwickelt und wird diesbezüglich heute von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen und den verschiedensten politischen Gruppierungen gleichermaßen genutzt.<a name="a16" href="#16">16</a> Offensichtlich gelang es mit dem Konzept, das von Mertens ja auch tatsächlich als ein explizit &#8220;arbeitsmarktpolitisches&#8221; Lösungsmodell eingeführt worden war, die Vorstellung zu suggerieren, daß sich auf der Ebene der Schlüsselqualifikationen die Interessen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern treffen und sich in der Forderung nach einer entsprechend ausgerichteten beruflichen Bildung der &#8220;Widerspruch von Kapital und Arbeit&#8221; gleichsam auflöst. Geißler und Orthey, die den Schlüsselqualifikationsbegriff ob seiner Substanzlosigkeit polemisch, (aber durchaus treffend) als einen &#8220;Suchbegriff der Modernisierung&#8221;<a name="a17" href="#17">17</a> bezeichnen, haben neben einer Reihe anderer Autoren aufgezeigt, daß der Terminus trotz beziehungsweise offenbar gerade wegen seiner Unverbindlichkeit besonders gut geeignet war, gleichermaßen zu einem (berufs-)pädagogischen und bildungspolitischen Zentralbegriff aufzurücken. Durch eine Verbindung &#8220;plausibler Bildhaftigkeit&#8221; mit genügender Abstraktheit<a name="a18" href="#18">18</a> ist es mit diesem Begriff gelungen, positive Erwartungen bezüglich arbeitsmarktpolitischer Probleme auszulösen und gleichzeitig eine Befreiung aus der Not des Hinterherhetzens hinter den permanent und immer rascher sich verändernden Arbeits- und Qualifikationsanforderungen zu versprechen.</p>
<p>Mertens verfolgte mit seinem Konzept die Absicht, angesichts des Prognosedefizits der Bildungsplanung Schlüsselqualifikationen quasi als Prognoseersatz einzusetzen und damit das ungelöste Problem der Anpassung von Bildungs- und Beschäftigungssystem in den Griff zu bekommen. Es ging ihm &#8211; durchaus im Sinne einer &#8220;wirtschaftlichen und gesellschaftlichen <em>Verwertung</em> von Bildung&#8221;<a name="a19" href="#19">19</a> &#8211; um die Anpassungsfähigkeit an nicht Prognostizierbares. Der Schlüsselqualifikationsbegriff kann damit als Antwort auf die etwa Mitte der siebziger Jahre einsetzende &#8220;Sinnkrise&#8221; der (instrumentalisierten) Bildung gesehen werden. Aufgrund des beginnenden Konjunkturrückgangs und einer damit verbundenen, anwachsenden (Jugend-) Arbeitslosigkeit wurde damals die seit Ende der fünfziger Jahre propagierte beschäftigungsorientierte Bildungspolitik zunehmend ihrer Legitimation beraubt. In den späten fünfziger Jahren waren ja &#8211; im Zusammenhang mit dem sogenannten &#8220;Sputnikschock&#8221; und dem damit ausgelösten Bestreben, &#8220;Begabungsreserven&#8221; auszuschöpfen, &#8211; bildungsökonomische Fragestellungen weit in den Vordergrund bildungspolitischer Überlegungen gerückt. Die Vorstellung, durch eine verstärkte Ausrichtung von Bildungsmaßnahmen am wachsenden Bedarf der Wirtschaft nach höher qualifizierten Arbeitskräften, das ökonomische Wachstum ankurbeln zu können und damit insgesamt gesicherte Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen, war zum weitgehend anerkannten bildungspolitischen Argument avanciert.<a name="a20" href="#20">20</a> Der Konjunktureinbruch Mitte der fünfziger Jahre und das erstmalige Ansteigen der Arbeitlosenraten seit Ende der Nachkriegsära desavouierten diese Vorstellungen dann allerdings wieder massiv.</p>
<p>Die Vorhersagbarkeit des Bedarfs der Wirtschaft nach einem bestimmten Qualifikationsprofil des Arbeitskräftenachwuchses und die entsprechende Ausrichtung von Bildungsmaßnahmen wurden unter diesen Umständen wieder in Zweifel gezogen, genauso wie die Vorstellung vom ständig steigenden Bedarf der Wirtschaft an Arbeitskräften, die eine höhere Stufe der Qualifikationshierarchie erklommen haben. Ein Ausweg aus diesem Dilemma wurde darin gesehen, Qualifikationsmerkmale zu finden, die sich <em>nicht</em> an den aktuell geforderten Qualifikationen der bestehenden Arbeitsplätze orientieren, sondern den Einzelnen befähigen, sich flexibel unterschiedlichen, auch noch gar nicht absehbaren zukünftigen Arbeitsanforderungen zuzuwenden und diese &#8211; ohne zusätzlichen Umschulungsaufwand &#8211; zu bewältigen. Aufbauend auf die diesbezüglichen grundsätzlichen Überlegungen von Mertens wurde in der Folge durch verschiedenste Autoren ein Kanon relativ allgemeiner &#8220;Grund- oder Schlüsselqualifikationen&#8221; entwickelt, &#8220;die keine spezielle Fachkompetenz, sondern eher eine allgemeine &#8220;berufliche Handlungsfähigkeit&#8221; beschreiben, zu der neben einer allgemeinen Lernbereitschaft und situationsbezogenen Erfahrungsfähigkeit, neben Umstellungsfähigkeit, Rationalität, Problemlösungsfähigkeit usw. eben auch die Qualität gehört, sich relativ autonom und distanziert gegenüber wechselnden Bedingungen des Arbeitsmarktes zu verhalten.&#8221;<a name="a21" href="#21">21</a> Quasi durch eine &#8220;Erhöhung der inneren und äußeren Flexibilität&#8221; der zukünftigen Beschäftigten sollte deren Adaptionsvermögen an unterschiedliche Arbeitsanforderungen und damit auch ihre Chancen auf einen Lohnarbeitsplatz erhöht werden.</p>
<p>Aufbauend auf der Vorstellung einer Qualifizierung, deren Zielsetzung nicht in einem konkreten, detailliert benennbaren Katalog von Kenntnissen und Fertigkeiten besteht, die hingegen die Fähigkeit zur Adaption an die jeweils geforderten Arbeitsanforderungen in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellt, wurden in den letzten Jahren dann auch eine Reihe sogenannter &#8220;neuer Methoden&#8221; der beruflichen Aus- und Weiterbildung kolportiert. Hauptsächlich in großen, &#8220;bildungsinnovativen&#8221; Unternehmen der BRD wurden verschiedentlich Versuche gestartet, von den klassischen Methoden der Unterweisung abzugehen und mit neuen, auf berufliche Selbständigkeit und Autonomie ausgerichteten Formen des Erlernens beruflicher Kenntnisse und Fertigkeiten zu experimentieren. &#8220;Leittextmethode&#8221;, &#8220;Übungsfirma&#8221;, &#8220;Projektausbildung&#8221;, &#8220;Lernstatt&#8221; oder &#8220;Qualitätszirkel&#8221; sind einige der gängigen Bezeichnungen, mit denen diese neuen Methoden der beruflichen Bildung in diversen Projektberichten, Festschriften oder Informationsblättern auftauchen.<a name="a22" href="#22">22</a> Allen diesen Versuchen ist gemeinsam, daß sie auf die Herausbildung grundsätzlicher Kompetenzen des Bewältigens von Arbeitssituationen in Form sogenannter &#8220;polyvalenter Qualifikationen&#8221; abzielen, und damit die Grundlage für die Möglichkeit des permanenten und selbständigen (Neu-)Erwerbs jeweils neuer arbeitsplatzspezifischer Kenntnisse und Fertigkeiten schaffen sollen.</p>
<p>Der Begriff &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; stellt quasi den zum Wort gewordenen Wunsch nach der Zielbestimmung einer Ausbildung dar, die ihr Versprechen, für die Anforderungen des Beschäftigungssystems vorzubereiten, trotz der Situation einlöst, daß heute niemand seriös vorhersagen kann, wie diese Anforderungen auch in nur fünf Jahren konkret ausschauen werden. Er spiegelt das Bemühen wider, &#8220;den Begriff der &#8220;Qualifikation&#8221;, der spezifisch individuell und aufgabenzentriert zu bestimmen ist, durch die Voranstellung eines &#8220;Schlüssels&#8221; zur endlichen Lösung der Suche nach einem universalistischen allgemein- und berufspädagogischen Prinzip machen zu können&#8221;. &#8220;Das Wort &#8220;Schlüsselqualifikation&#8221; lebt von der Vorstellung eines von der beschleunigten Bewegung unabhängigen, quasi absoluten Ortes. Dies aber um den Preis der Entleerung, das heißt der Ortlosigkeit.<a name="a23" href="#23">23</a> Der <em>Schlüsselqualifikationsbegriff</em> stellt damit im Hinblick auf das zur &#8220;Ware Qualifikation&#8221; reduzierte heutige Bildungsverständnis gewissermaßen das <em>Pendant zum &#8220;alten&#8221; Bildungsbegriff</em> dar. Eine zeit- und bedingungslos definierte Zielbeschreibung pädagogischen Handelns, die sich in ihrer allgemeinen Fassung vergleichbar diffus darstellt, im Zuge der Konkretisierung aber ebenfalls sehr schnell ihren gesellschaftsstützend-ideologischen Kern offenbart.</p>
<p>Wer den &#8220;Schlüssel&#8221; in Form der richtigen &#8220;Qualifikationen&#8221; besitzt, dem eröffnen sich &#8211; so die durch den Schlüsselqualifikationsbegriff suggerierte hoffnungsfrohe Botschaft &#8211; die Tore zum Beschäftigungssystem, zu einem attraktiven Arbeitsplatz und zur Karriere. Aber auch das dergestalt positiv vermittelte Bild vom &#8220;Türen öffnenden Qualifikationsschlüssel&#8221; signalisiert zugleich auch das <em>versperrbare</em> Tor zur Berufstätigkeit, also auch die <em>Aussperrung</em> der Unterqualifizierten.<a name="a24" href="#24">24</a> Daß schon bald nur mehr die &#8220;Schlüssel-Qualifizierten&#8221; einen Anspruch auf die immer weniger werdenden Arbeitsplätze geltend machen können, heißt eben auch, daß immer mehr Menschen von der ökonomischen Reproduktion ausgeschlossen, also arbeitslos sein werden. Und je mehr Arbeitsplätze im Zuge der fortschreitenden Erhöhung der Produktivität wegfallen werden, desto größer wird die Anpassungsleistung sein müssen, um einen der verbleibenden Plätze im Beschäftigungssystem zu ergattern. Schlüsselqualifiziert zu sein heißt eben nicht, mit einem bestimmten, definierbaren Kanon von Kompetenzen den &#8220;Schlüssel&#8221; für das Tor zum Arbeitmarkt zu erwerben, sondern bloß, sich bewerben zu dürfen, am Konkurrenzkampf um die immer weniger werdenden Arbeitsplätze teilzunehmen. Den Schlüssel, der den Arbeitsmarkt einfach aufschließt gibt es nicht. Der Mechanismus des Entstehens und Verschwindens von Arbeitsplätzen ist <em>ökonomischer</em> Natur und hat bestenfalls einen marginalen Zusammenhang mit der konkreten Qualifikation der davon Betroffenen.</p>
<p>Dementsprechend zeigt sich ja auch immer wieder, daß Maßnahmen zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit, die (nur) auf Maßnahmen zur Erhöhung der Qualifikation der Arbeitssuchenden aufbauen, zum Scheitern verurteilt sind. Statt gesellschaftlich determinierte Ungleichheiten zu beseitigen, verstärken sie diese sogar zumeist noch. Zwar können Qualifizierungsmaßnahmen die individuellen Chancen von Personen bei der Suche nach einem Lohnarbeitsplatz erhöhen, zugleich bewirken sie jedoch auch eine weitere Verschärfung des Konkurrenzkampfes und schaffen neue Verdrängungsmechanismen unter den Arbeitnehmern. Die Zahl der Ausgegrenzten wird damit auf jeden Fall nicht geringer &#8211; wie viele Arbeitskräfte benötigt werden, bestimmt sich über den Stand der Produktivkraftentwicklung und durch die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Ökonomie. Diejenigen, die aus <em>ökonomischen</em> Gründen nicht gebraucht werden, definieren allerdings indirekt die für den Arbeitsmarkt jeweils &#8220;ungenügenden&#8221; Qualifikationen und stellen gleichzeitig die Mahnung zum Weiterlernen für die (noch) nicht vom Beschäftigungssystem Ausgegrenzten dar.</p>
<p>Insgesamt entspricht die Entwicklung völlig der Logik einer zur Ware verkommenen Bildung. Die warenförmige Bildung unterliegt eben auch dem kapitalistischen Konsumzwang. Sowohl Arbeitszwang als auch Konsumzwang sind Phänomene des fortgeschrittenen Kapitalismus, die Chance auf gesellschaftliche Normalbehandlung hat nur der, der arbeitet <em>und</em> konsumiert. Damit auch nur der, der sich &#8211; im heutigen <em>Warenverständnis</em> von (Weiter-)Bildung &#8211; &#8220;bildet&#8221;, also Qualifikation konsumiert. Durch dieses <em>tendenzielle Gleichwerden von Bildung und Konsum</em> trifft auf Bildung aber immer mehr auch eine andere grundsätzliche Tatsache des kapitalistischen Marktes zu: das nie eingelöste Versprechen der Wunscherlösung. Der kapitalistische Markt lebt vom permanenten Versprechen des Glücks und der Befriedigung, <em>nicht</em> jedoch von der Erfüllung dieser Versprechungen. Auch für die zur &#8220;Ware Qualifikation&#8221; reduzierte Bildung trifft dieser Mechanismus immer selbstverständlicher zu. Sie verspricht Glück in Form einer abgesicherten gesellschaftlichen Position, kann dieses Versprechen jedoch immer weniger einlösen, je mehr Menschen an das Glücksversprechen glauben und &#8220;Bildung&#8221; in der Hoffnung auf Aufstieg konsumieren.</p>
<p>Das zwar auch heute weitgehend nur formal eingelöste sowie über eine Vielzahl gesellschaftlicher Mechanismen gebrochene und unterlaufene Eingangsversprechen der Moderne, daß prinzipiell jedem jede gesellschaftliche Position offensteht und die Bereitschaft zur Leistungserbringung über die erreichbare gesellschaftliche Position entscheiden soll, führt in Kombination mit der sich zunehmend herausbildenden post-fordistischen, &#8220;gespaltenen Gesellschaft&#8221; dazu, daß die Bedeutung definierbarer, auf eine bestimmte berufliche Tätigkeit bezogener Kenntnisse und Fertigkeiten derzeit relativ abnimmt, dagegen die Bereitschaft, sich dem Zwang zu unterwerfen, &#8220;besser als andere&#8221; zu sein, zur Primärtugend wird, um am Arbeitsmarkt reüssieren zu können. Im Gegensatz zum &#8220;Richtig&#8221;, das immanent eine Grenze beinhaltet, kann &#8220;Besser&#8221; jedoch immer <em>noch</em> besser werden; besser ist nach oben offen, es ist durch nichts begrenzt. &#8220;Wer aufgehört hat, besser zu sein, hat aufgehört, gut zu sein&#8221;<a name="a25" href="#25">25</a> ist dementsprechend nicht bloß ein Slogan zur Steigerung der Arbeitsbereitschaft der sich selbst disziplinierenden Arbeitnehmer eines Automobilwerks, sondern ein zentrales Ideologieelement der post-fordistischen Gesellschaft überhaupt.</p>
<p>Ganz wesentlich ist dabei, daß sich das geforderte &#8220;Besser&#8221; nicht an einem ethisch oder ideologisch legitimierten Ziel mißt, sondern einzig und allein am Ziel der Vermarktbarkeit. Besser ist, was sich besser <em>verkaufen</em> läßt, was sich im System der Mehrwertproduktion als effektiver herausstellt. Besser ist demgemäß auch derjenige, der sich selbst in dem, der maximalen Mehrwertproduktion geschuldeten, allumfassenden Konkurrenzkampf so vollständig als möglich zur Ware degradiert. Derjenige also, der bereit ist, seine Persönlichkeitsmerkmale weitestgehend zu relativieren beziehungsweise &#8211; noch besser, der erst gar keine stabile Persönlichkeit im klassischen Sinne ausbildet, sondern flexibel mit den jeweiligen Bedingungen des Marktes &#8220;mitgeht&#8221;. Ganz unverblümt lautet dementsprechend die postmodern-euphorische Botschaft: &#8220;Das Ideal der stimmigen, ja selbst der klassisch starken Persönlichkeit hat offenbar inzwischen ausgespielt. [...] Ähnlich das Ideal der &#8220;reifen&#8221; Persönlichkeit. Das heißt der stabilen, in sich ruhenden [...], die ihre Identität gefunden [hat]. Statt dessen erweist sich zunehmend der vormals &#8220;unreife&#8221;, adoleszente Typ mit seiner ständig wechselnden, experimentellen Identität als<em> funktional</em> für die schnell wachsenden Anforderungen der postindustriellen Gesellschaft.&#8221; Die neuen beruflichen Anforderungen &#8220;in der <em>Epoche pluralistischer Guerrilla-Konkurrenz</em>&#8221; erfordern eben &#8211; so wird begeistert argumentiert &#8211; den &#8220;kreativen Opportunisten&#8221;. Die Folge ist, daß nun die &#8220;Wandlungsfähigkeit selbst zu einer Tugend [wird], ganz unabhängig vom Inhalt, unabhängig davon, <em>wofür</em> man offen ist&#8221;<a name="a26" href="#26">26</a>. Und selbstverständlich auch unabhängig von irgendwelchen idealistischen Vorstellungen über die &#8220;entfaltete Persönlichkeit&#8221;. Denn wenn auch ein berühmt gewordenes Graffiti postuliert: &#8220;Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein&#8221;, definiert &#8211; wie schon immer im Kapitalismus, so auch unter post-fordistischen Bedingungen &#8211; die Ökonomie, was eine Tugend ist!</p>
<p>Unmündigkeit und Intelligenz müssen verschmelzen &#8211; <em>selbst</em>reflexives Denken ist kontraproduktiv für die Wachstumsökonomie, gebraucht wird, wer nur das Lernen gelernt hat. Diese Tatsache wird konsequent übersehen, wenn verschiedentlich euphorisch der persönlichkeitsbildende Aspekt der sogenannten Schlüsselqualifikationen hervorgehoben wird. Auch Autoren, denen es an anderen Stellen durchaus nicht an einer kritischen Einschätzung der persönlichkeitsprägenden Effekte der Berufsausbildung fehlt, nehmen in diesem Zusammenhang einen erstaunlich idealisierenden Standpunkt ein. Stellvertretend für eine Reihe von Autoren, die glauben, daß unter den heraufdämmernden neuen arbeitsorganisatorischen und technologischen Bedingungen der Berufs- und Arbeitswelt der alte Widerspruch zwischen Bildung und Ausbildung obsolet wird und &#8220;Persönlichkeitsentfaltung&#8221; nun zu einem Ziel der Fachausbildung aufrückt, seien hier Brater/Büchele/Fucke/Herz zitiert. Sie stellen für &#8220;die Berufsausbildung in ihrer überkommenen Form&#8221; zwar kritisch fest, daß diese &#8220;ein &#8220;heimliches Curriculum&#8221; der Prägung von Denkweisen und Haltungsmustern, Orientierungen und personalen Grundfähigkeiten [enthält], die tatsächlich mit keinem der pädagogischen Bildungsbegriffe vereinbar ist&#8221;<a name="a27" href="#27">27</a>. Bei der Einschätzung der &#8220;modernen&#8221; Berufsausbildung entsteht allerdings der Eindruck, daß der Wusch der Autoren zum &#8220;Vater ihrer Analyse&#8221; geworden ist, wenn sie enthusiastisch postulieren, daß es neuerdings um die &#8220;Grundlage für selbständiges Handeln&#8221; und die &#8220;Autonomie der Persönlichkeit&#8221; geht und daß &#8220;moderne Berufsausbildung wirklich tätig einlösen muß, was in der neuhumanistischen Bildungsphilosophie stets nur Programm geblieben ist&#8221;<a name="a28" href="#28">28</a>.</p>
<p>Die von ihnen massiv befürworteten &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; bezeichnen die Autoren als &#8220;durchwegs &#8220;persönlichkeitsbezogene&#8221; Qualifikationen&#8221;<a name="a29" href="#29">29</a>, und eine Berufsausbildung, die auf Schlüsselqualifikationen abzielt, ist, ihrer Meinung nach, &#8220;Persönlichkeitsbildung&#8221; im besten humanistischen Sinne. Im Sinne ihrer engagierten Parteinahme für eine Bildung, die im Dienste einer Entfaltung der Persönlichkeit steht, postulieren sie begeistert: &#8220;Die Arbeitsverhältnisse heute verlangen ganz konkret eine &#8220;Entfaltung der Persönlichkeit&#8221;, eine Entwicklung autonomer Handlungsfähigkeit, Vielseitigkeit und &#8220;moralischer Reife&#8221; als konstitutive Elemente dessen, was heute real &#8220;Persönlichkeit&#8221; sein kann. Ihre pragmatischen Lernziele konvergieren zusehends mit den humanen Bildungszielen der allgemeinen Bildung.&#8221; Zwar schränken die Autoren das von ihnen gezeichnete positive Bild ein wenig ein, indem sie einräumen, daß man die Entwicklung auch &#8220;unter dem Gesichtspunkt einer Perfektionierung der Ausbeutung sehen&#8221; kann. Dennoch fassen sie in unverändert-idealistischer Diktion zusammen: &#8220;Tatsache bleibt jedoch, daß mit dieser Triebkraft aus den technisch-ökonomischen Wurzeln der Gesellschaft zumin- dest die Chance besteht, daß diese Bildungsziele (gemeint ist die Entfaltung der Persönlichkeit) nun &#8211; im Unterschied zu den Allgemeinbildungsdeklarationen der Vergangenheit &#8211; gewissermaßen subversiv &#8211; im Heydornschen Wortgebrauch &#8211; realisiert werden.&#8221;<a name="a30" href="#30">30</a></p>
<p>Die zitierten Aussagen stellen eine für die optimistische Behauptung von den persönlichkeitsentfaltenden Potentialen der neuen Arbeitswelt durchaus typische, argumentative Kapriole dar. Erstaunlicherweise gehen die Autoren ja eigentlich von einem materialistischen Standpunkt aus, wenn sie feststellen, &#8220;daß die Bildungsverläufe und Bildungsmöglichkeiten einer Epoche keine Frage subjektiver Entscheidungen oder philosophischer Ideen sind, sondern ganz entschieden gebunden [sind] an das zentrale gesellschaftliche Lernfeld &#8211; nämlich die Arbeit und ihre jeweiligen historischen Verhältnisse&#8221;. Aber genau das läßt ihre Annahme, daß sich der die pädagogische und insbesondere die berufspädagogische Diskussion prägende Gegensatz zwischen <em>Mündigkeit und Brauchbarkeit</em> heute quasi deshalb auflöst, weil die<em> Verzweckung </em>des Menschen unter die Bedingungen der Arbeit neuerdings auf den<em> unverzweckten </em>Menschen abzielt, ganz besonders widersprüchlich erscheinen. Wenn im Gegensatz zur bisherigen &#8211; den &#8220;alten&#8221; Anforderungen der Arbeitswelt geschuldeten &#8211; Reduzierung der Arbeitenden auf reagierende <em>Funktionen</em> von der neuen Betriebsorganisation nun der mündige, ich-starke Mitarbeiter mit einem hohen Maß an persönlicher Autonomie gefordert wird, würde das ja nichts anderes bedeuten, als daß sich der <em>selbstbestimmte</em> Mensch als <em>besonders brauchbar</em> herausgestellt hätte. &#8220;Brauchbar&#8221; heißt aber nichts anders, als <em>nützlich</em> zu sein, für einen vorherbestimmten, fremden <em>Zweck</em> und steht damit im diametralen Gegensatz zur Selbstbestimmung, die auf keinen fremden Zweck, sondern einen selbsterkannten <em>Sinn</em> bezogen ist.</p>
<p>Tatsächlich geht es heute nicht um eine Renaissance der humanistischen Bildungsidee &#8220;im Gleichschritt mit wirtschaftlichen Interessen&#8221;, sondern um das Ausmerzen eines am unverzweckten Menschen orientierten Bildungsbegriffs durch das <em>Verleugnen der Sinnfrage</em> als das konstituierende Merkmal der autonomen Persönlichkeit. Bei der heute immer wieder vorgebrachten Mahnung, daß für das Funktionieren in der Arbeitswelt &#8220;Regelwissen und Anwendungskönnen&#8221; bald nicht mehr ausreichen werden, weil zunehmend die <em>selbständig</em> planende, durchführende und kontrollierende Person notwendig sei, wird normalerweise auf etwas ganz Wesentliches vergessen: auf den strukturierenden Zweck des Ingangsetzens von Arbeitsprozessen im Rahmen der kapitalistischen Ökonomie. Die mit dem Etikett der &#8220;entfalteten Persönlichkeit&#8221; versehene umfassende Selbständigkeitsforderung an den &#8220;neuen Arbeiter&#8221;, nunmehr &#8220;aus eigener Handlungsquelle, aus eigenem Ich heraus, aus seiner persönlichen Verantwortung seiner eigenen Entscheidungs- und Gestaltungskraft Prozesse in Gang zu setzen und Abläufe zu gestalten&#8221;<a name="a31" href="#31">31</a>, gilt <em>nur unter der Voraussetzung einer Unterordnung unter die Absolutsetzung der ökonomischen Vernunft.</em> Das Denken ist in Zwänge hinein freigesetzt, Selbständigkeit, Autonomie und Eigenverantwortung sind gefordert, auf der Grundlage eines vorher klammheimlich erzielten Konsenses über die Zielsetzungen all der &#8220;eigenverantwortlich&#8221; zu treffenden Entscheidungen &#8211; die Produktion von Mehrwert.</p>
<p>Wenn postuliert wird, daß in Zukunft die &#8220;Haupttugend&#8221; der &#8220;Persönlichkeit des Arbeitenden&#8221; nicht mehr darin bestehen darf, &#8220;sich exakt an Regeln zu halten und diese anzuwenden, sondern [es] neuer Anforderungskern wird, in Situationen zu handeln und Probleme zu meistern, für die es keine Regeln gibt&#8221;<a name="a32" href="#32">32</a>, wird geflissentlich übersehen, daß die Richtschnur für das selbst zu bewältigende Meistern der Probleme sehr wohl schon festgelegt ist, und zwar durch die ökonomische Struktur, innerhalb deren die &#8220;selbständige&#8221; Arbeitsleistung dem vorgeblich eigenverantwortlichen Individuum abverlangt wird. Nicht die eine autonome Persönlichkeit kennzeichnende Ausrichtung ihres Handelns an einem selbsterkannten &#8220;Sinn&#8221; gibt die Richtung vor, nach der &#8220;selbst Regeln gesetzt&#8221; und &#8220;Anwendungen definiert&#8221; werden können, sondern die durch die kapitalistische Ökonomie diktierten Sachzwänge. Es geht um Produktivitätssteigerung, um Absatzmärkte, um Konkurrenz und Profit. Im Rahmen der Mehrwertproduktion gilt es zu <em>funktionieren</em>, die persönlichkeitsdefinierende Frage nach einem übergreifenden <em>Sinn</em> ist längst vom übermächtigen ökonomischen <em>Zweck</em> verdrängt und würde das Individuum im letzter Konsequenz auch bloß <em>unbrauchbar</em> machen für den Prozeß der Arbeitskraftverwertung.</p>
<p>&#8220;Die Anpassung an die Sachzwänge verdrängt das Nachdenken über die Ursachen und Auswirkungen der Sachzwänge&#8221;<a name="a33" href="#33">33</a>. Im Sinne einer profitablen Verwertung der Menschen in Arbeit und Konsum ist sicher nicht das mündige Subjekt gefragt, das die kritische Frage nach dem Sinn einer Existenz stellt, die zunehmend herrischer einem durch die Profitökonomie determinierten Wachstum unterstellt ist, von dem niemand weiß, wie nahe es uns schon an die ökologische und soziale Katastrophe herangeführt hat, und diese Frage zum Anlaß nimmt, um über die strukturellen Bedingungen und die Folgen seiner Berufsarbeit nachzudenken. Die post-fordistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung braucht den Menschen, der die dem Kapitalismus geschuldete Notwendigkeit der permanenten Produktivitätssteigerung so weit verinnerlicht hat, daß er bereit ist, sein <em>sich nur über die Sinnfrage konstituierendes</em> Selbst aufzugeben und seinen Wunsch nach Lebendigkeit freiwillig am Altar des ökonomischen Wachstums zu opfern. Gefordert wird die autonom-verzweckt handelnde Person, die sich <em>ganzheitlich</em> der ökonomischen Logik unterordnet und <em>selbst-los</em> dem wirtschaftlichen Nutzen dient. Die Schlüsselqualifikationen beziehen ihren Namen ja auch nicht daraus, weil sie vorgeben, einen Schlüssel zur umfassenden Entwicklung der Persönlichkeit darzustellen, sondern weil sie <em>angeblich </em>das Tor zur Berufstätigkeit &#8211; unter den <em>entfremdeten</em> Bedingungen der profitökonomisch-kapitalistischen Wirtschaftsordnung (!) &#8211; aufschließen.</p>
<p>Die Triebkraft des wirtschaftlichen Geschehens unter den Bedingungen der kapitalistischen Ökonomie ist selbstverständlich auch unter den Begleitumständen der neuen technologischen und arbeitsorganisatorischen Möglichkeiten dieselbe geblieben. Es geht um die Verwandlung von Geld in mehr Geld, darum, daß das in ein Unternehmen investierte Kapital eine möglichst hohe Rendite bringt. Die Form, wie dieses Ziel optimal umgesetzt werden kann, ist abhängig vom Grad der Entfaltung der Produktivkräfte, und erfordert im fortgeschrittenen, post-fordistischen Kapitalismus eben eine &#8220;ganzheitliche Nutzung der Arbeitskraft&#8221;. Die dementsprechend eingeforderte &#8220;Bindung des &#8220;ganzen Menschen&#8221; und nicht mehr nur einzelner Teile&#8221; an das Unternehmen macht Arbeitnehmer &#8220;mit komplexen Fähigkeiten auf intellektuellem, motivationalem und sozialem Gebiet&#8221;<a name="a34" href="#34">34</a> notwendig. Diesen Menschen heranzubilden ist die Aufgabe der neuen, unter der Zielsetzung der &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; antretenden beruflichen Ausbildungsmethoden. Im Hinblick darauf, daß für den Bereich der Ausbildung in einem Unternehmen die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Ökonomie ja nicht plötzlich außer Kraft gesetzt sind, müssen sich auch die in die Ausbildung der Beschäftigten investierten Kosten rentieren. Dementsprechend vermittelt Ausbildung auch weiterhin ausschließlich <em>vermarktbare</em> Qualifikationen, das heißt solche, die den &#8220;Abnehmern der Ware Arbeitskraft&#8221; wirtschaftliche Vorteile versprechen. Als ein Element im Prozeß der Kapitalvermehrung steht die Berufsausbildung unter dem &#8220;Primat der Nützlichkeit&#8221; für Zwecke <em>außerhalb</em> der individuellen Entwicklung. &#8211; Das heißt nicht, daß &#8211; im Sinne einer jedem (Aus-)Bildungsgeschehen innewohnenden Dialektik &#8211; nicht auch durch verzwecktes Lernen ein Prozeß des Mündigwerdens ausgelöst werden kann und das Denken der unter dem Nützlichkeitsprimat Ausgebildeten zur Sinnfrage führen kann, somit also jene Grenze überschreitet, die durch den Zweck, für den es in Gang gesetzt wurde vorggegeben ist.<a name="a35" href="#35">35</a> Im Sinne der ökonomisch verzweckten Ausbildung wäre eine solche Entwicklung jedoch kontraproduktiv einzuschätzen, also im höchsten Maße &#8220;unnütz&#8221;.</p>
<p>Nicht nur Hannah Arendt hat darauf aufmerksam gemacht, daß Nutzen und Sinn Begrifflichkeiten unterschiedlicher Ebenen sind und daß eine Orientierung an der Nützlichkeit nicht imstande ist, dem Leben Sinn zu geben, sondern letztendlich nur zur Sinnlosigkeit führt. Die Sinnfrage ist die zentrale Fragestellung jeder auf Mündigkeit ausgerichteten Bildung, rückt sie aus dem Horizont menschlichen Denkens, und ordnet sich der Mensch einem nicht mehr hinterfragten Zweck unter, geht auch die Utopie einer verantworteten Geschichte (jener begründende Traum der Moderne!) verloren. Die Persönlichkeits-&#8221;Bildung&#8221; die sich im Schlüsselqualifikationskonzept widerspiegelt, zielt nicht darauf ab, den Menschen zu befähigen, sich und die Welt, in der er lebt, zu verstehen und verantwortlich in ihr zu handeln, auch eine dergestalt ausgerichtete berufliche Ausbildung &#8220;verfälscht die Frage nach Sinn zu der nach Nützlichkeit&#8221;<a name="a36" href="#36">36</a>. Der Mensch wird, indem die Handlungsaspekte der mündigen und autonomen Persönlichkeit von der Sinnfrage abgekoppelt werden, zur Marionette eines zum Götzen erhobenen ökonomischen Nützlichkeitsdenkens degradiert.<a name="a37" href="#37">37</a> In Anlehnung an den Begriff der &#8220;Schein-Heiligkeit&#8221; könnte man in diesem Zusammenhang von einer &#8220;Schein-Persönlichkeit&#8221; reden. Gefragt sind unter den neuen organisatorischen und technologischen Arbeitsbedingungen nicht &#8220;autonome <em>Persönlichkeiten</em>&#8220;, sondern ein &#8211; im Dienste des Unternehmensziels und der an Wachstum gekoppelten Profitlogik- <em> autonom handelndes Personal</em>. Da paßt es dann sehr gut, wenn für den &#8220;neuen&#8221; Menschen unter postmodernen Lebens- und Arbeitsbedingungen postuliert wird, daß für ihn &#8220;Schein wichtiger wird als Sein&#8221;<a name="a38" href="#38">38</a>.</p>
<p>Während eine auf Mündigkeit ausgerichtete Erziehung in letzter Konsequenz immer subversiv wirkt, indem sie darauf abzielt, Herrschaft abzutragen, und ihr dementsprechend immer auch das Moment des Widerstandes gegen das Diktat der Ökonomie innewohnt, werden durch eine Orientierung der beruflichen Bildung an der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen die Machtverhältnisse im System der beruflich organisierten Arbeit in keiner Weise berührt. Wenn derzeit behauptet wird, daß die Bedeutung der traditionellen Anpassungs- und Unterordnungstugenden, wie Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Pflichttreue (Unternehmenstreue), heute abnimmt und an ihre Stelle der Erwerb von Flexibilität, Handlungsfähigkeit und ganzheitlicher Sichtweise tritt, ist zuallererst einmal die grundsätzliche Frage angebracht, ob auf das Antrainieren der &#8220;veralteten&#8221; Arbeitstugenden in beruflichen Erziehungsprozessen nicht bloß deshalb weniger Wert gelegt werden kann, weil diese heute im Rahmen der Primärsozialisation schon perfekt verinnerlicht werden. Denn außer einer verschwindend geringen Anzahl von Arbeitnehmern in künstlerisch-kreativen Nischen des Beschäftigungssystems wird wohl auch weiterhin kaum jemand ohne diese angeblich &#8220;veralteten&#8221; Unterordnungstugenden einen Lohn-Arbeitsplatz finden. Aber auch wenn von einer Veränderung der Qualifikationsanforderungen in die Richtung des eigenverantwortlich und selbständig tätigen Arbeitnehmers ausgegangen wird, bedeutet das sicherlich nicht, daß berufliche Ausbildung nun auf Persönlichkeitsbildung und Selbstverwirklichung abzielt beziehungsweise auf die Befähigung, die Bedingungen der (beruflichen) Selbstverwirklichung zu erkämpfen. Genau darin würde aber die Zielsetzung einer beruflichen Mündigkeit im Gegensatz zu jener der beruflichen Brauchbarkeit liegen.</p>
<p>Ein Berufsausbildungskonzept, das auf dem <em>arbeitsfunktionellen</em> Aspekt aufbaut, muß &#8211; egal welchen Carakter die durch den Verwertbarkeitsanspruch vorgegebene Qualifikationsforderung auch annimmt &#8211; im Hinblick auf eine <em>pädagogische</em> Zielsetzung immer zu kurz greifen. Denn immanent geht ein solches Konzept von einer Sichtweise aus, die den arbeitenden Menschen<em> als Objekt und nicht als Subjekt</em> im Produktionsprozeß begreift. Es zielt auf Anpassung und Zurichtung ab, auch dann, wenn Postulate mit einer hohen Affinität zur traditionell-pädagogischen Vorstellung vom mündigen Subjekt, wie &#8220;Selbstbestimmung&#8221; und &#8220;Selbständigkeit&#8221;, zum Ziel der Qualifikationsprozesse erklärt werden. Das finale Ziel eines arbeitsfunktionell ausgerichteten berufs-&#8221;pädagogischen&#8221; Konzepts ist das <em>Funktionieren</em> unter bestimmten &#8211; dem jeweiligen Stand der Produktivkraftentwicklung und dem Konkurrenzdruck geschuldeten &#8211; strukturellen Bedingungen gesellschaftlich organisierter Arbeit. Dabei kann es jedoch nie um die Befähigung gehen, die gegebene Berufs- und Arbeitswelt, ihre Nutznießer und ihre Folgen zu durchschauen und dazu kritisch Stellung beziehen können und sicher auch nicht darum, die (zukünftigen) Beschäftigten in die Lage zu versetzen, die Arbeitsweltstrukturen &#8211; auch grundsätzlich, unter dem Gesichtspunkt eines Relativierens der Logik der kapitalistischen Ökonomie &#8211; im Sinne ihrer eigenen Bedürfnisse und Interessen beinflussen zu können. Das <em>selbst</em>bestimmte, (beruflich) mündige Subjekt definiert sich aber gerade über die Fähigkeit, auf der Basis reflektierten Wissens über Ursachen, Zusammenhänge und Auswirkungen der Rahmenbedingungen, unter denen Lohnarbeit stattfindet, in diese &#8211; unter Überwindung einer verinnerlichten ökonomischen Logik &#8211; eingreifen zu können.</p>
<p>Die autonome, selbstbestimmte Persönlichkeit zum Ziel einer zweckorientierten Ausbildung zu deklarieren, stellt einen Widerspruch in sich dar. Wenn die sich selbst bestimmende Person Gegenstand von Strategie und Kalkulation einer auf das Funktionieren unter den entfremdeten Arbeitsbedingungen ausgerichteten beruflichen Ausbildung ist, geht es bloß noch um eine Verhaltenskategorie.<a name="a39" href="#39">39</a> Unter den Begleitumständen einer Ökonomie, in der es primär um die Vermehrung investierten Kapitals geht und die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse bloß einen Nebeneffekt darstellt, ist die Entfaltung von Selbstverwirklichungspotentialen nur in einer, um ihren konstituierenden Kern reduzierten Form möglich. Geißler/Kutscha stellen diesbezüglich fest, daß der paradoxe Effekt kapitalistischer Modernisierung &#8211; ein &#8220;Gewinn an Selbstverwirklichungs-<em>Möglichkeiten</em>&#8221; wird errungen durch einen gleichzeitigen &#8220;Verlust an Selbstverwirklichungs<em>-Chancen</em>&#8221; &#8211; auch auf die gegenwärtigen neuen Trends in der Berufsausbildung zutrifft: &#8220;Nicht nur für die kommunikativen Vernunftpotentiale gilt der von Habermas als &#8220;paradoxe Gleichzeitigkeit&#8221; charakterisierte Prozeß kapitalistischer Modernisierung. Er gilt auch für soziale Handlungsmöglichkeiten: daß diese nämlich gleichzeitig entfaltet und entstellt werden. Will man polemisch sein, ließe sich behaupten, daß das Ende der Idee vom selbstbestimmten bürgerlichen Subjekt am deutlichsten dadurch zum Ausdruck gebracht wird, daß diese Idee jetzt auch für die Facharbeiter (beziehungsweise deren Ausbildung) praktisch werden soll. Die Lösung von antiquierten, betriebsfeudalistischen Bedingungen und Abhängigkeiten ist nur eine Teilfreiheit. Sie bleibt innerhalb der Systemzwänge des modernen Kapitalismus notwendigerweise beschränkt. Die Gleichgültigkeit der kapitalistischen Warenproduktion vermag der neu gewonnenen Freiheit (auf der Basis entwickelter neuer Fähigkeiten) kein substantielles Fundament zu geben. Die Entwicklung von Subjektivität dient der Verfeinerung des Marketing-Ich.&#8221;<a name="a40" href="#40">40</a></p>
<p>Der den post-fordistischen Tendenzen der Arbeitskraftverwertung in Richtung &#8220;ganzheitlicher Nutzung&#8221; geschuldete Schlüsselqualifikationsbegriff intendiert, seinem kolportierten Anspruch nach, zwar den &#8220;ganzen Menschen&#8221; &#8211; durch geeignete berufliche Lernarrangements soll das kreative, selbständige, souveräne Subjekt heran-&#8221;gebildet&#8221; werden. Dieser umfassende Anspruch kann aber aus Gründen der einengenden Bedingungen kapitalistischer Systemrationalität nicht eingelöst werden; zugleich ist er paradox, weil er selbst Produkt kapitalistischer (einengender) Rationalität ist und darauf abzielt, diese aufrechtzuerhalten. Eine umfassende Entfaltung menschlicher Potentiale stellt im Hinblick auf deren Verwertung unter politisch-ökonomischen Begleitumständen, die der souveränen Persönlichkeit entgegenstehen, einen unauflöslichen Widerspruch dar &#8211; verzweckte Ausbildung kann (zumindest offiziell) nicht ihrem Zweck entgegenarbeiten. Die in den letzten Jahren propagierten, als &#8220;ganzheitlich&#8221; bezeichneten neuen Methoden beruflicher Aus- und Weiterbildung sind in diesem Sinn einzuschätzen. <em>Ihre Ausrichtung am mündigen Subjekt stellt sich unter den Begleitumständen der kapitalistischen Arbeitskraftverwertung als bildungshumanistisches Alibi heraus. </em></p>
<p>Die unter dem Titel &#8220;Schlüsselqualifikationen&#8221; eingeforderte Verhaltensdisposition von (potentiellen) Arbeitnehmern meint nichts anderes als &#8220;die Aufforderung zur Selbstmodernisierung im Rahmen modernisierter Unternehmensverhältnisse. Es ist der konkrete Ausdruck des Sachverhalts, daß in der modernisierten Moderne (im Post-Fordismus &#8211; E.R.) die Idee der Selbstverwirklichung für den kapitalistischen Verwertungsprozeß nützlich ist beziehungsweise nützlich gemacht werden kann. Man investiert ins Humankapital, und dabei geht es um <em>Personal</em>entwicklung und nicht um <em>Persönlichkeit</em>sentwicklung. Und entsprechend dem Universalitätsprinzip der Ware werden auch jene universellen Qualifikationen angestrebt, die die Abstraktion von Raum und Zeit am reinsten zum Ausdruck bringen. Im Konzept der Schlüsselqualifikationen ist die Interesselosigkeit am Arbeitsinhalt und die Selbstverleugnung der beteiligten Personen bisher am weitesten realisiert.&#8221;<a name="a41" href="#41">41</a></p>
<p>Noch ein weiterer Widerspruch offenbart sich im Zusammenhang mit dem Postulat einer Ausrichtung der beruflichen Bildung an Schlüsselqualifikationen. So signalisiert zwar der Terminus selbst sowie die kometenhafte Karriere, die der Begriff seit seinem Entstehen durchlaufen hat, daß das Konzept klar voneinander abgrenzbarer spezifischer Anforderungen, die eine dauerhafte Charakterisierung verschiedener Berufe ermöglichen, nicht mehr durchzuhalten ist. Die sich aus neuen technologischen und arbeitsorganisatorischen Möglichkeiten ergebenden Veränderungen der Anforderungsprofile in den traditionellen Berufen sowie das Heranwachsen völlig neuer Arbeitsfelder durch die Kombination von Anforderungsanteilen ehemals klar voneinander abgegrenzter Berufe lassen den Faktor &#8220;Beruf&#8221; als Strukturierungsmerkmal des Beschäftigungssystems zunehmend unbrauchbarer erscheinen. In logischer Konsequenz bedeutet das aber auch ein Fragwürdigwerden des heutigen Systems voneinander klar abgegrenzter und <em>an konkreten, speziellen Einzelberufsanforderungen ausgerichteter</em> <em>Ausbildungswege</em>. Denn auch wenn man der Argumentation folgt, daß &#8220;die inhaltliche Präzisierung berufsübergreifender Qualifikationen [...] sich zunächst am spezifischen Arbeitsbereich eines Berufs orientieren [muß]&#8220;<a name="a42" href="#42">42</a>, bleibt die Tatsache bestehen, daß nicht für einen bestimmten Einzelberuf, sondern für eine zukünftige, bezüglich ihrer Anforderungen und (beruflichen) Strukturierung völlig ungewisse Arbeitswelt vorbereitet wird und daß eine Fokussierung der Ausbildung auf die Anforderungen eines Einzelberufs im Sinne der tendentiellen Entberuflichung der Arbeitswelt einen Anachronismus darstellt.</p>
<p>Aber obwohl seit der &#8220;Inauguration&#8221; des Schlüsselqualifikationsbegriffs die Appelle, hinsichtlich einer Orientierung von Ausbildungsgängen an Begrifflichkeiten mit Universalitätsanspruch &#8211; wie beispielsweise &#8220;Ganzheitlichkeit&#8221;, &#8220;Handlungsorientierung&#8221; oder &#8220;Selbständigkeit&#8221; -, nicht abreißen, wird über die Konsequenz eines Aufsprengens der traditionellen Einzelberufsausbildung kaum gesprochen. Das was sich vordergründig als &#8220;Entberuflichung&#8221; der Ausbildung darstellt &#8211; die intendierte Ausrichtung an Ausbildungszielen mit einem hohen Grad an Allgemeinheit &#8211; hat das System des <em>einzelberuflich</em> strukturierten Ausbildungssystems und die entsprechenden Selektionsprozesse bis heute faktisch überhaupt nicht berührt. In nahezu allen Diskussionen um die Schlüsselqualifikationen wird davon ausgegangen, daß im gegenwärtigen System einer Ausbildung, die in <em>spezifischen</em> Berufen (die es in einigen Jahren vielleicht überhaupt nicht mehr, sicher aber nicht mehr in Form der derzeitigen Anforderungsprofile geben wird) erfolgt, jene <em>berufsunspezifischen</em> Qualifikationen erworben werden können, die es jemandem ermöglichen, flexibel auf die sich permanent verändernden Anforderungen des Beschäftigungssystems zu reagieren; daß <em>die mit einer Ausbildung verbundenen Berechtigungen hinsichtlich Bezahlung und Einstufung jedoch dennoch an das Merkmal &#8220;Beruf&#8221; gekoppelt</em> bleiben.</p>
<p>Auch in diesem Zusammenhang offenbart sich der Charakter der sich über das Schlüsselqualifikationskonzept realisierenden Flexibilitätsforderung: Pointiert ausgedrückt, geht es heute um das Individuum, desssen <em>Verwendbarkeit</em> zwar durch ein hohes Ausmaß an Flexibilität/Mobilität charakterisiert ist, das seine intellektuelle Mobilität jedoch nicht dafür verwendet, gesellschaftliche Widersprüche auf ihren begründenden Kern, nämlich darauf, daß das gesamte System der gesellschaftlich organisierten Arbeit primär der Mehrwertproduktion und nicht der Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse dient, zu hinterfragen. Flexibel zu sein, meint unter diesen Umständen somit nicht bloß, sich verändernden Arbeitsanforderungen des Beschäftigungssystems anpassen zu können, sondern auch, sich widersprüchlichen Gegebenheiten und Rollenanforderungen des durch Arbeit definierten sozialen Systems &#8220;flexibel anzupassen&#8221;, was konkret bedeutet: sie akzeptierend zu ertragen, ohne zu rebellieren. So sollen die Arbeitenden zwar lernen, sich mit ihrer Arbeit im Sinne eines Beitrags zum Unternehmensziel zu identifizieren, aber dennoch die grundsätzliche Machtverteilung zwischen Kapital und Arbeit nicht anzweifeln; sie sollen anerkennen, daß &#8220;alle in einem Boot sitzen&#8221;, aber auch akzeptieren, daß der &#8220;technische Fortschritt&#8221; gegebenenfalls ihre Entlassung &#8220;erforderlich&#8221; macht; sie sollen in ihrer Arbeitsausübung autonom und flexibel sein, sich aber darauf beschränken, kreative Lösungen für die Optimierung der Produktivität und somit auch für die bessere Verwertung ihrer eigenen Arbeitskraft zu finden. Zu guter Letzt sollen sie auch noch &#8220;flexibel&#8221; mit dem doppelten Dilemma umgehen, zwar einerseits als Lohnarbeiter untereinander in objektiver Konkurrenz zu stehen, arbeitsgruppenintern jedoch neuerdings verstärkt kooperieren zu müssen, die Kollegen anderer Unternehmungen und zum Teil auch die von anderen Abteilungen als Konkurrenten beim Kampf um die bessere Bilanz wahrzunehmen, aber gleichzeitig zu wissen, daß sich ihre Gesamtsituation als gesellschaftliche Gruppe nur mit solidarischem Handeln verbessern ließe.</p>
<p>Ein Ziel von Bildungsprozessen ist es, Menschen zu befähigen, solche Widersprüche zu erkennen und zu lösen, nicht sie flexible Anpassung zu lehren. Bildung zielt auf die entfaltete Persönlichkeit, auf das Individuum, das sein Leben selbstbewußt und mündig auf der Grundlage seiner &#8220;Identität&#8221; &#8211; also seines &#8220;Eigen-Sinns&#8221; &#8211; gestaltet und nicht auf einen &#8220;Protean Man&#8221;<a name="a43" href="#43">43</a>, der &#8211; so wie es der Meergott Proteus der Sage nach konnte &#8211; jede Gestalt annehmen kann, sich dabei aber nicht mehr selbst kennt und somit identitätslos ist. Schlüsselqualifikationen zielen unter den Bedingungen der Ausbildung im post-fordistischen Kapitalismus in ihrer realen Konsequenz auf den Menschen, der in der Lage ist, sich fremdbestimmten Gegebenheiten flexibel anzupassen, und nicht auf den Menschen, der sich gegen die Fremdbestimmung zur Wehr setzen kann. Das im Hinblick auf den umfassend flexibilisierten Menschen aufrechterhaltene Postulat der Persönlichkeitsbildung erweist sich damit als bloße Ideologie. Zugleich verschleiert die Vorstellung, daß sich mit dem richtigen Schlüssel das System der kapitalistischen Arbeitskraftverwertung quasi austricksen ließe und Arbeit für alle geschaffen werden könne, die Tatsache, daß über den an der ökonomischen Verwertung orientierten Qualifikationserwerb <em>systematisch</em> Ungleichheit produziert und verteilt wird. &#8220;Das legitime Bedürfnis nach einer sicheren Zukunft wird [...] auf den Fetisch Schlüsselqualifikationen verschoben, der als symbolische Handlung beziehungsweise Kategorie das Gefühl erzeugt, &#8220;sich zukunftssicher&#8221; qualifiziert zu haben beziehungsweise zu qualifizieren&#8221;<a name="a44" href="#44">44</a>. Zusammenfassend muß also festgestellt werden, daß eine an ökonomisch verwertbaren Schlüsselqualifikationen ausgerichtete (Aus-) Bildung immanent der Herausbildung von beruflicher Mündigkeit entgegensteht und ein kritisches Hinterfragen des Systems der Arbeitskraftvernutzung systematisch verhindert.</p>
<hr />
<p><a name="1" href="#a1">1</a> Gorz, A.: Kritik der ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Berlin 1989, S. 163.</p>
<p><a name="2" href="#a2">2</a> Kompa, A.: Randbelegschaften, Stiefkinder der Unternehmenskultur. In: &#8220;Mitbestimmung&#8221;, Jänner 1991<em>.</em></p>
<p><a name="3" href="#a3">3</a> Vgl. dazu insbesondere: Bremer, R.: Was Hänschen gelernt hat, muß Hans vergessen. In: &#8220;Pädagogische Korrespondenz&#8221;, Heft 5 (1989), S. 5-17.</p>
<p><a name="4" href="#a4">4</a> Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M. 1986, S. 245.</p>
<p><a name="5" href="#a5">5</a> Ebda., S. 239.</p>
<p><a name="6" href="#a6">6</a> Beck weist anhand der Tatsache, daß der Nur-Hauptschulabschluß unter einem historischen Blickwinkel heute schon in die Nähe zum Analphabetentum gerückt ist, auf den permanenten Anstieg der &#8220;Grenzqualifikation&#8221; für den Einstieg ins Erwerbsleben hin: &#8220;Im achtzehnten Jahrhundert war es noch &#8220;selbstverständlich&#8221;, <em>ohne </em>Kenntnis des Alphabets seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts wird die Beherrschung des Lesens und Schreibens mehr und mehr zur Einstiegsvoraussetzung in das expandierende industrielle Beschäftigungssystem. Im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts reicht schließlich sogar der Hauptschulabschluß <em>allein </em> immer weniger hin, um arbeitsmarktvermittelt die materielle Existenz zu sichern.&#8221; Beck, a.a.O., S. 245/246.</p>
<p><a name="7" href="#a7">7</a> Geißler, K.A./Kutscha, G.: Modernisierung der Berufsbildung &#8211; Paradoxien und Parodontosen. Oder: Was ist modern an der Modernisierung der Berufsbildung und ihrer Theorie? In: Kipp et al. (Hg.): Paradoxien in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Zur Kritik ihrer Modernitätskrisen. Frankfurt a.M. 1992, S. 16.</p>
<p><a name="8" href="#a8">8</a> Dieser Tatsache entspricht auch der Trend, daß Weiterbildung immer mehr auch als Anreiz für überdurchschnittliche Leistungen eingesetzt wird. Zu Weiterbildungsveranstaltungen entsandt zu werden, gewinnt zunehmend, neben gewinnbeteiligenden Salarisierungssystemen und anderen Formen der Beteiligung an der Wertsteigerung des Unternehmens, für Mitarbeiter in höheren Positionen die Bedeutung einer Gratifikation.</p>
<p><a name="9" href="#a9">9</a> In logischer Konsequenz zum Bisherigen zeichnet sich heute schon der Trend ab, daß es in Zukunft nicht einmal mehr genügen wird, die <em>Bereitschaft</em> zur Weiterbildung zu bekunden, zunehmend wird die &#8220;selbstorganisierte Weiterbildung&#8221; eingefordert werden. In derselben Form, wie Arbeitnehmer in modernen Unternehmensorganisationskonzepten heute aufgefordert sind, permanent über Rationalisierungsmöglichkeiten und Optimierungsmöglichkeiten des Produktionsablaufes nachzudenken und die Verantwortung für die Konkurrenzfähigkeit der jeweiligen Produkte an die unteren Hierarchieebenen delegiert werden, wird ihnen zunehmend auch die Verantwortung für die rechtzeitige Adaptierung ihrer Qualifikation zugespielt. In Zukunft wird wahrscheinlich der Arbeitnehmer gefordert, der sich der Weiterbildung nicht im Sinne einer Notwendigkeit <em>unterwirft</em>, sondern Weiterbildung <em>sucht</em> und sich, entsprechend der von ihm erkannten Möglichkeiten einer besseren Selbstvermarktung, Weiterbildung selbst organisiert und auch noch selbst bezahlt. So wie sich Handwerker früher ihr Werkzeug selbst kaufen mußten, läßt sich heute die Entwicklung absehen, daß Kosten und Verantwortung für die Aufrechterhaltung der Verwendbarkeit des &#8220;Humankapitals&#8221; quasi den Trägern des Humankapitals selbst zugespielt wird. Die ideologische Legitimation dieser Entwicklung lautet dann, daß aus dem ehemals unfreien Arbeitnehmer nun der sich selbst vermarktende selbständige Unternehmer wird.</p>
<p><a name="10" href="#a10">10</a> Mertens, D.: Schlüsselqualifikationen. Thesen zur Schulung für eine moderne Gesellschaft. In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. 7 (1974), S. 36-43.</p>
<p><a name="11" href="#a11">11</a> Mertens selbst ging ebenfalls davon aus, mit dem Schlüsselqualifikationskonzept &#8220;keineswegs einen neuartigen oder auch nur originellen Gedanken, wohl aber eine zusätzliche Fundierung für lang diskutierte und gepflegte Prinzipien der lernpsychologisch orientierten Pädagogik in die Bildungsdebatte einzubringen&#8221;. Mertens, D.: Schlüsselqualifikationen. Überlegungen zu ihrer Identifizierung im Erst- und Weiterbildungssystem. (1974), zit. nach Arnold, R.: Betriebliche Weiterbildung. Bad Heilbrunn 1991, S. 70.</p>
<p><a name="12" href="#a12">12</a> Lisop, I.: Schlüsselqualifikationen &#8211; Zukunftsbewältigung ohne Sinn und Verstand. In: Siebert, H./Weinberg, J. (Hg.): Literatur und Forschungs-Report Weiterbildung. Münster 1988 Nr. 12, S. 84-88.</p>
<p><a name="13" href="#a13">13</a> Geißler, K.A.: Schlüsselqualifikation. Die Mär vom goldenen Schlüssel. Ein Begriff, der bildungspolitische Karriere gemacht hat. In: &#8220;Lernfeld Betrieb&#8221;, (1989) 5, S. 3. Strunk, G.: Bildung zwischen Qualifizierung und Aufklärung. Bad Heilbrunn 1988.</p>
<p><a name="14" href="#a14">14</a> Lempert, W.: Erziehungswissenschaft und Verbandsinteressen als gestaltende Faktoren des westdeutschen Lehrlingswesens. In: &#8220;Neue Sammlung&#8221; 10 (1970) 3, S. 320.</p>
<p><a name="15" href="#a15">15</a> Lempert, W.: Vorwort zu Stütz, a.a.O, S. I.</p>
<p><a name="16" href="#a16">16</a> Bezeichnenderweise war das Thema der Schlüsselqualifikationen auch einer der wenigen Bereiche, wo bei der Verbändeanhörung der Enquete-Kommission &#8220;Zukünftige Bildungspolitik &#8211; Bildung 2000&#8243; des Deutschen Bundestags Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften unisono dieselben Erwartungen äußerten. Deutscher Bundestag, Drucksache 11/5349, S. 65.</p>
<p><a name="17" href="#a17">17</a> Geißler, K.A./Orthey, F.M.: Schlüsselqualifikationen. Paradoxe Konjunktur eines Suchbegriffs der Modernisierung. In: &#8220;Grundlagen der Weiterbildung&#8221;, 4 (1993) 3, S. 154-156.</p>
<p><a name="18" href="#a18">18</a> Vgl: Reetz, L.: Das Konzept der Schlüsselqualifikationen in der Berufsbildung (I). In &#8220;Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik&#8221;, 85 (1989) 5, S. 3.</p>
<p><a name="19" href="#a19">19</a> Mertens, D.: Schlüsselqualifikationen. Überlegungen zu ihrer Identifizierung im Erst- und Weiterbildungssystem, (1974). Zit. nach Arnold, a.a.O., S. 73.</p>
<p><a name="20" href="#a20">20</a> In den folgenden Jahren war dann unter dem Titel der &#8220;Herstellung von mehr Chancengleicheit&#8221; auch der &#8220;Aufstieg durch Bildung&#8221; für Kinder sozial weniger privilegierter Schichten propagiert worden. Mit Hilfe materieller Unterstützungen &#8211; wie zum Beispiel kostenloser Fahrt zur Schule, &#8220;Schulbuchaktion&#8221; oder Abschaffung der Studiengebühren &#8211; und dem Ausbau eines flächendeckenden Netzes an höheren Schulen wurde versucht, Benachteiligten den Weg zur höheren Bildung zu ebnen. Rückblickend muß heute die Vorstellung eines sozialen Aufstiegs durch den Besuch weiterführender Bildungsgänge jedoch als weitgehend gescheitert bezeichnet werden. Zwar haben diese Maßnahmen zu einer generellen Anhebung des Qualifikationsniveaus geführt und in Einzelfällen wohl auch eine schichtuntypische höhere Bildungs- und Lebenskarriere begünstigt, insgesamt wurde die Sozialstruktur der Gesellschaft sowie die Reproduktion der sozialen Schichtung damit jedoch nur marginal verändert. Vgl. dazu: Leschinsky, A.: Bildung, Ungleichheit und Markt. In: Zeitschrift für Pädagogik 39 (1993) 1, S. 19-23.</p>
<p><a name="21" href="#a21">21</a> Brater, M.: Arbeit &#8211; Beruf &#8211; Persönlichkeit. In: Beiheft 4 zur &#8220;Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik&#8221;, Wiesbaden 1983, S. 38.</p>
<p><a name="22" href="#a22">22</a> Vgl. (Auswahl): Bundesinstitut für Berufsbildung (Hg.): Lernen am Arbeitsplatz, gefördert durch Leittexte, angeleitet durch Ausbilder. Ergebnisse aus dem Modellversuch &#8220;Nachqualifizierung zum Verfahrensmechaniker&#8221;. Berlin 1989. Calchera, F.; Weber, J.C. (Bundesinstitut für Berufsbildung): Entwicklung und Förderung von Basiskompetenzen/Schlüsselqualifikationen. Berlin/Bonn 1990. Hoesch Stahl AG (Hg.): Leittexte in der betrieblichen Berufsbildung. Ziele &#8211; Entwicklungen &#8211; Erwartungen. Salzgitter 1987. Hoesch Stahl AG (Hg.): Selbstlernsysteme mit Hilfe des auftragsbezogenen Leittextes. Salzgitter 1987. Höpfner, H.D.: Entwicklung selbständigen Handelns in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Berichte zur beruflichen Bildung, Heft 142. Hrsg. durch das Bundesinstitut für Berufsbildung, Berlin/Bonn 1991. Schmidt-Hackenberg, B. et. al. (Bundesinstitut für Berufsbildung): Neue Ausbildungsmethoden in der betrieblichen Berufsausbildung. Ergebnisse aus Modellversuchen. Berlin/Bonn 1989.</p>
<p><a name="23" href="#a23">23</a> Geißler/Orthey, a.a.O., S. 155 und 154.</p>
<p><a name="24" href="#a24">24</a> Vgl.: Geißler, K.A.: Schlüsselqualifikationen &#8211; ein Schlüssel auch zum Abschließen. In: Siebert, H./Weinberg, J.(Hg.): Literatur und Forschungs-Report Weiterbildung. Münster 1988 Nr. 12, S. 89-93.</p>
<p><a name="25" href="#a25">25</a> Konzernzeitung &#8220;Audi mobil&#8221;, zit. nach &#8220;Profil&#8221; 14/2. April 1991.</p>
<p><a name="26" href="#a26">26</a> Gebhardt, E.: Abschied von der Autorität. Die Manager der Postmoderne. Wiesbaden 1991, S. 38, 12 und 11, Hervorhebungen E.R. Der Autor, Dr. Eike Gebhard &#8211; Kultur- und Sozialwissenschafter der an verschiedenen Universitäten lehrt &#8211; gibt an, mit seinem auf postmoderner Philosophie aufbauenden Buch &#8220;Einsichten und Orientierungshilfen auf Basis handfester sozialpsychologischer Erkenntnisse&#8221; geben zu wollen. &#8220;Erkenntnisse, die gerade in der persönlichen Neu-Orientierung <em>erfrischende Wahrheiten ohne Rücksicht auf überholte Moralvorstellungen</em> zutage fördern&#8221; und helfen sollen, &#8220;nicht nur den Managementalltag, sondern auch die persönliche Lebensgestaltung [zu] <em>entschlacken und bereichern</em>&#8221; In diesem Sinn fordert er: &#8220;Auch im menschlichen Umgang müssen Angebot und Nachfrage die Arten der Kommunikation regeln. Natürlich gibt es wie überall auch hier <em>Freihandelszonen, Sonderangebote, Geschenke</em>, aber es gibt, selbst wenn uns diese Terminologie nicht schmeckt &#8211; menschliche Umgebung sollte doch frei sein von solchen rüden Mechanismen -, wir wissen&#8217;s alle, auch hier Investitionen, Risiken, Rendite, Konkurrenz, Gewinner, Verlierer.&#8221; (Hervorhebungen E.R.).</p>
<p><a name="27" href="#a27">27</a> Brater, M./Büchele, U./Fucke, E./Herz, G.: Berufsbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Stuttgart 1988, S. 38.</p>
<p><a name="28" href="#a28">28</a> Ebda., S. 56 und 57.</p>
<p><a name="29" href="#a29">29</a> Ebda., S. 76.</p>
<p><a name="30" href="#a30">30</a> Ebda., S. 58.</p>
<p><a name="31" href="#a31">31</a> Bojanowski, A./Brater, M./Dedering, H.: Qualifizierung als Persönlichkeitsbildung. Analysen und Ansätze zur Verbindung von Arbeit und Lernen in Schule und Betrieb. Frankfurt a.M. 1991, S. 108.</p>
<p><a name="32" href="#a32">32</a> Ebda.</p>
<p><a name="33" href="#a33">33</a> Lenz, W.: Emanzipatorische Erwachsenenbildung. Bildung für Arbeit und Demokratie. Versammelte Aufsätze. München 1989, S. 103.</p>
<p><a name="34" href="#a34">34</a> Maier, W.: Arbeitstugenden im Wandel. Ein Vorschlag zur Strukturierung einer höchst aktuellen Debatte. In: &#8220;Journal für Sozialforschung&#8221; 27 (1987) 3/4, S. 324.</p>
<p><a name="35" href="#a35">35</a> Genau das ist auch gemeint, wenn Heydorn über die schlußendliche, subversive Durchsetzung des emanzipatorischen Auftrags von Bildung scheibt: &#8220;Das dialektische Verhältnis von Bildung und Herrschaft, der unaufgehobene Widerspruch, wird erst mit der fortschreitenden Geschichte zu seiner vollen Vergegenwärtigung gebracht; erst mit ihr gewinnt das Handeln einen universellen Charakter. Erst mit der entwickelten Instrumentalisierung von Bildung, ihrem konsequenten Einbezug in das System der gesellschaftlichen Macht, ihrer institutionellen Reife vermag sie auch ihren emanzipatorischen Auftrag wahrhaft zu erkennen und die in ihm enthaltene Konsequenz zu ziehen; erst nachdem sie, mit wachsender Entlastung der Produktivkräfte, zum notwendigen Bestandteil aller Herrschaft geworden ist, vermag sie sich in Wahrheit gegen die Herrschaft zu richten. Heydorn, a.a.O., S. 9.</p>
<p><a name="36" href="#a36">36</a> Aus einer Aussendung des Zentralkomitee der Deutschen Katholiken; zit. nach Geißler, K.A.: Berufliche Weiterbildung im Aufbruch. Vortragsmanuskript (hekt.).</p>
<p><a name="37" href="#a37">37</a> Wie schon im vorigen Kapitel dargestellt, wird zunehmend auch in den Unternehmen erkannt, daß der ultimative Einsatz der Arbeitenden davon abhängig ist, wieweit sie in ihrer Tätigkeit einen Sinn sehen, der über das bloße Geldverdienen hinausgeht. Im Zuge der verstärkten psychischen Ausbeutung der Arbeitnehmer rückt damit das elementare Bedürfnis des Menschen, seiner Existenz einen transzendenten Sinn zu geben und sich damit über das Diesseits zu erheben, immer mehr in den Fokus arbeitskräftemotivierender Maßnahmen. Die amerikanischen Unternehmensberater Peters und Waterman stellen bei Forschungen zu der Frage, was ein Unternehmen &#8220;erfolgreich&#8221; werden läßt, fest, daß eine in sich schlüssige Firmenkultur und eine &#8220;überaus reiche Mythologie&#8221; dem genuin menschlichen Streben nach &#8220;Transzendenz&#8221; entgegenkommt. Denn, so folgern sie, &#8220;das Streben nach Sinn ist so stark, daß die meisten Menschen für Institutionen, die ihnen dies bieten, bereitwillig viel an persönlicher Freiheit aufgeben.&#8221; Und die Sicherheit, die eine sinnvermittelnde Firmenkultur den Menschen zu vermitteln scheint, ist es auch, die es japanischen Firmen ermöglicht, &#8220;rücksichtslos zu reorganisieren&#8221; und Arbeitskräfte je nach Bedarf im Unternehmen zu rochieren. &#8220;Firmenkultur&#8221; als Lebenssinnsurrogat &#8211; ebenfall ein Aspekt des profitsichernden Zugriffs auf die &#8220;Herzen und Köpfe&#8221; der Beschäftigten! Vgl.: Peters/Waterman,a.a.O.</p>
<p><a name="38" href="#a38">38</a> Gebhardt, a.a.O., S. 37.</p>
<p><a name="39" href="#a39">39</a> Unter Fortführung des Gedankens von Lisop, daß Schlüsselqualifikationen in ihrer realen Umsetzung an dem vorbei gehen, was als <em>polytechnische Bildung</em> längst angedacht und didaktisch zum Teil verwirklicht ist, konstatiert auch Huisinga eine Reduktion des Schlüsselqualifikationskonzepts auf den Bereich der Schulung des Sozialverhaltens. Die von Mertens angepeilte <em>wissenschaftspropädeutische Bildung für alle -</em> also eine kritische Auseinandersetzung mit den strukturellen Gegebenheiten von Arbeit und Beruf, die die Selbstverwirklichung des Menschen in den Mittelpunkt der Reflexion stellt &#8211; fand bisher in der realen Umsetzung, wie Huisinga am Beispiel des vielbeachteten und mit öffentlichen Mitteln geförderten Modellversuchs &#8220;PETRA&#8221; (Projekt- und transferorientierte Ausbildung) der Siemens AG (BRD) zeigt, nicht statt und wird auch in den diversen Ausführungen zum Schlüsselqualifikationskonzept kaum angesprochen. Die Ursache dafür sieht Huisinga in der fehlenden bildungswissenschaftlichen Positionierung des Schlüsselqualifikationskonzeptes, also darin, daß das Konzept nicht durch pädagogische Zielsetzungen, sondern arbeitsmarktpolitische Überlegungen legitimiert ist. Ganz im Sinne der Ausrichtung am Verhaltensaspekt stellt Huisinga auch fest, daß im Zusammenhang mit den Schlüsselqualifikationen die Organisationsform der Ausbildung und die Ausbildungsmethoden deutlich im Vordergrund der Überlegungen der meisten Rezensenten stehen. Huisinga, R.: Schlüsselqualifikation und Exemplarik. In: Harney, K./Pätzold, G. (Hg.): Arbeit und Ausbildung, Wissenschaft und Politik. Frankfurt a.M. 1990.</p>
<p><a name="40" href="#a40">40</a> Geißler/Kutscha, a.a.O., S. 25, unter Verweis auf Habermas, J.: Der philosophische Diskurs der Moderne (Frankfurt a.M. 1985, S.367).</p>
<p><a name="41" href="#a41">41</a> Ebda., S. 26, Hervorhebungen E.R.</p>
<p><a name="42" href="#a42">42</a> Vgl: Laur-Ernst (1983), hier zit. nach Huisinga, a.a.O., S. 263.</p>
<p><a name="43" href="#a43">43</a> Dieser Begriff wurde vom Psycho-Historiker Robert Lifton geprägt, um den durch das heutige Dauer-Bombardement mit Informationen in seiner kulturellen Selbstverständlichkeit zerstörten neuen &#8220;identitätslosen Persönlichkeitstyp&#8221; zu beschreiben. Zit. nach Gebhardt, a.a.O., S. 206.</p>
<p><a name="44" href="#a44">44</a> Huisinga, a.a.O., S. 264.</p>
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