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	<title>krisis &#187; Gaston Valdivia</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>»Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit«</title>
		<link>http://www.krisis.org/1997/zeit-ist-geld-und-geld-ist-zeit</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Gaston Valdivia]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 19 (1997)]]></category>

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		<description><![CDATA[Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion</h3>
<p>Aus: Krisis 19</p>
<p><em>Gaston Valdivia</em></p>
<p>Das moderne Individuum klagt ständig über »Zeitmangel«. Vierundzwanzig Stunden am Tag scheinen bei weitem nicht auszureichen, um all die Anforderungen zu bewältigen, die es erfüllen soll und will. Die Ansprüche an den modernen Menschen und sein »Zeitkontingent« sind enorm und drohen, ihn schier zu zerreißen: Pädagogen und Psychologen fordern mehr »Zeit« für die Kinder; Unternehmer erwarten ganz selbstverständlich längere und dabei immer intensivere Arbeit; die »Freizeitindustrie« verlangt verstärkte »Freizeitaktivitäten« von ihren Kunden; die Gebildeteren klagen mehr »Zeit« zum Lesen ein; der Handel will seine »Erlebniswelten« besser auslasten; die Genießer hätten gern mehr Muße und alle zusammen würden gerne etwas länger schlafen.</p>
<p><span id="more-240"></span>Je mehr die »Zeit« für die gehetzten Subjekte zum knappsten aller Güter wird, desto häufiger richten sie verstohlene Blicke auf jene fernen Länder, in denen sich die Menschen noch einen gemächlicheren Lebensrhythmus bewahrt haben. Doch schnell meldet sich nach solchen Anwandlungen das schlechte Gewissen, die Sehnsucht nach Geruhsamkeit schlägt sehr schnell um, und die eben noch Beneideten und Bewunderten werden ob ihrer »Faulheit« und »Arbeitsscheue« verachtet.</p>
<p>Die subjektive Befindlichkeit verweist über die individuelle Ebene hinaus auf ein zentrales Paradox der modernen Gesellschaft. Die mit der »Ökonomisierung der Zeit« einhergehende Produktivkraftentwicklung hat zwar einerseits den für die menschliche Reproduktion notwendigen »Zeitaufwand«(<a href="#1">1</a>) auf ein Minimum reduziert; gleichzeitig aber sorgt diese gleiche »Ökonomisierung der Zeit« in Form der »Beschleunigung« und »Verdichtung« dafür, daß die »freigesetzte Lebenszeit« restlos vom warengesellschaftlichen Gesamtbetrieb verschluckt wird. Insbesondere diejenigen, die sich noch der zweifelhaften Ehre erfreuen, am Erwerbsleben partizipieren zu dürfen, bekommen das tagtäglich zu spüren. Gerade für sie bedeutet »Ökonomisierung der Zeit« in keiner Weise ein Mehr an »disponibler Zeit«, sondern einzig und allein rigide »Zeitbewirtschaftung«. Sie leiden entweder permanent unter »Zeitdruck« oder machen, scheinbar verrückt geworden, aus der Not auch noch eine Tugend, identifizieren sich mit der Zumutung, werden süchtig, treiben sich zu immer höheren Leistungen an und »navigieren in chaotischen Systemen«(<a href="#2">2</a>), bis sie der Herzinfarkt dahinrafft(<a href="#3">3</a>). Geradezu makaber-prophetisch nimmt sich in diesem Zusammenhang das Motto einer texanischen Computer-Servicegesellschaft aus. Es verspricht ganz trendy, »die Zeit bewußt zu beschleunigen« und erklärt damit die Zeitsklaverei zum Ziel aller Ziele(<a href="#4">4</a>).</p>
<p>Das Thema »beschleunigte Zeit« ist mittlerweile für Medien, Feuilleton und Literatur zu einem beliebten Gegenstand geworden. Den Ursachen des merkwürdigen Phänomens ist man deswegen indes noch lange nicht wesentlich näher gekommen. Das Gros der Betroffenen, von den führenden Politikern und Wirtschaftsrepräsentanten ganz zu schweigen, sieht sich jedenfalls durch dieses Mysterium in keiner Weise zu vertiefter Reflexion veranlaßt. Im Gegenteil, je deutlicher die »Zeitproblematik« zutage tritt, desto stolzer verweisen die Apologeten des Systems auf ihre Spitzenleistungen in Sachen kapitalistischer »Zeitkompression« und verteidigen ihren wohlverdienten Streß mit Zähnen und Klauen. »Zeitknappheit« gilt als Index für Leistung und Effizienz und ist dementsprechend libidinös besetzt. Nur wer keine »Zeit« hat, ist in dieser Gesellschaft wer, und nur eine Gesellschaft, die sich keine »Zeit« läßt, gilt als funktionstüchtig. Als der Realsozialismus implodierte, war man sich im Westen schnell über die Ursache seines Scheiterns einig: nicht rationell genug, sprich zu langsam, lautete die Diagnose der hiesigen Hobby-Pathologen. Der Realsozialismus soll also vor allem daran zugrunde gegangen sein, daß die Menschen dort zu viel »Zeit« mit zuwenig Arbeit verbracht hätten.</p>
<p>Nachdem nun die frühere Zielscheibe von Hohn und Spott für immer verschwunden war, dauerte es nicht lange, da entdeckten die Politiker und Unternehmerverbände prompt die gleichen Krankheitssymptome bei sich zu Hause. Auch im Westen stößt die Arbeitsgesellschaft an ihre Grenzen, und auf der Suche nach Gründen für das stockende Wachstum der westlichen Wirtschaft fällt den Verantwortungsträgern wieder nur eine denkbare Ursache ein. Die eigenen Arbeitskräfte müssen sich mit dem Virus der »Faulheit«, der »mangelnden Arbeitsmoral«, der »Verweichlichung« und des »Hängemattendenkens« angesteckt haben. Die Heilmittel, die aus der Misere herausführen sollen, sehen denn auch entsprechend aus. Mit moralischer Bestrafung, Einkommensentzug, Ausdehnung des Arbeitstages durch Flexibilisierung, Mehrarbeit etc. wird weiter an der Leistungsschraube gedreht, und die universelle Diktatur des Sekundenzeigers nimmt noch einmal erbarmungslosere Formen an. Gegenwehr regt sich kaum, denn das Leistungs- bzw. Effizienzprinzip ist, wie das Geld, verinnerlicht und wird als quasi göttliche Instanz akzeptiert.</p>
<p>Auf die Idee, die Warenökonomie als solche könnte gleichermaßen für die Wirtschaftskrise wie für die allgemeine »Zeitdiktatur« samt all ihren seltsamen Erscheinungsformen ursächlich sein, kommen vorerst jedenfalls nur wenige. Selbst diejenigen, die Einwände gegen dieses System vorbringen und sich oppositionell gerieren, reagieren für gewöhnlich immer noch auf die »inneren« und »äußeren« Krisen reflexhaft mit Affirmation und Vollstreckung der diesem System zugrunde liegenden verheerenden »Zeitlogik«.</p>
<p>Zwei für diese Blindheit wesentlich mitverantwortliche Momente möchte ich in diesem Beitrag etwas näher beleuchten. Zunächst soll es um das Phänomen der modernen »Zeitwahrnehmung« gehen. Anschließend will ich die Konsequenzen der verschlungenen marktwirtschaftlichen Verteilungsumwege für das gesamtgesellschaftliche »Zeitbudget« thematisieren. Insbesondere dieser zweite Aspekt hat, trotz seiner gewaltigen Sprengkraft, innerhalb der bisherigen Kapitalismuskritik keinerlei Rolle gespielt. Grund genug, ihn etwas ausführlicher darzustellen. Die Verknüpfung von abstrakter »Zeit«, Geld und Warenform wurde dagegen in älteren marxistischen Debatten und auch in die »Krisis« schon eingehender diskutiert. An diesem Punkt konzentriere ich mich daher auf die historische Dimension, also auf die Frage, wie die »Zeit« zusammen mit dem Geld über die Menschen kam.</p>
<p><strong>1. Die »Zeit«</strong></p>
<p><a name="q5"></a>Redewendungen wie »Zeit sparen«, »keine Zeit haben«, »Zeit gewinnen«, »Zeit verlieren«, »Zeitdruck«, »Zeit verausgaben« und zahllose andere dieser Art sind genaugenommen unsinnig. Weil »Zeit« kein Ding ist, sondern sich nur als eine Beziehung von Ereignissen beschreiben läßt, konnte es noch nie jemandem gelingen, sie zu speichern oder ihrer verlustig zu gehen. Wenn uns derlei eigentlich absonderliche Formulierungen dennoch völlig selbstverständlich über die Lippen kommen(<a href="#5">5</a>), dann hat das zwei Gründe. Zum einen suggeriert ihre eigene warengesellschaftliche Praxis den modernen Menschen, daß es sich bei der »Zeit« um eine Art von »substanzieller« Größe handelt, die beliebig teil- und meßbar wäre und mit der man auch sonst noch so allerlei anstellen kann. Wir sehen also in der »Zeit« vor allem deshalb einen Quasi-Gegenstand, weil wir sie verrückterweise täglich praktisch als solchen behandeln. Zum anderen hat diese Sichtweise ihre historischen Wurzeln. Auch wenn es natürlich mit der Verallgemeinerung des Warentauschs in der kapitalistischen Gesellschaftsformation erst seine heutige, wiederum besondere Ausprägung erlangt hat, lassen sich die Ursprünge unseres »Zeitverständnisses« bis in die griechische Antike zurückverfolgen, allerdings nur insoweit, als in dieser bereits ein Morgenrot erster frühbürgerlicher Bewußtseinsformen sichtbar wurde.</p>
<p><a name="q6"></a>Die Beschäftigung mit der »Zeit« als Gegenstand für sich setzt ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse voraus, das sich erst auf der Grundlage abstrakt-logischen und theoretischen Denkens herausbilden konnte. Daher verwundert es nicht, wenn zwar schon früh in der Menschheitsgeschichte Ereignisse in Erzählungen, Gesängen oder Symbolen festgehalten und in eine bestimmte (damals noch zyklische und schwankende) Reihenfolge gestellt wurden, ohne daß jedoch ein »Zeitgefühl« oder ein Begriff von »Zeit« existiert hätten. Zum Erkenntnisobjekt wurde die »Zeit« erst recht spät, soweit überliefert, zunächst bei einigen Philosophen wie Aristoteles und Euklid. In deren Gefolge avancierte sie dann aber zu einem der bevorzugten Gegenstände des philosophischen Interesses.</p>
<p>Kant ist die Einsicht zu verdanken, die »Zeit« habe transzendentale Idealität und komme daher nicht den Dingen an sich zu. Damit bestritt er die Existenz von »Zeit« außerhalb des menschlichen Individuums(<a href="#6">6</a>). Andererseits, und hierin ging er quasi seinem bürgerlich konstituierten Bewußtsein auf den Leim, hielt er die »Zeit« für allgemein und notwendig, also für eine apriori (transzendental) gegebene Form der inneren Anschauung. Etwas salopp kann man sich dies auch so vorstellen: In jedem Menschen tickt eine Uhr, noch bevor er überhaupt zur Anschauung fähig ist. Bei Kant scheint sie übrigens derart laut getickt zu haben, daß er sich zeitlebens von ihren Schlägen antreiben ließ. Es wird berichtet, daß Freunde und Nachbarn ihre Uhren nach der rigiden Einteilung seines Lebensrhythmus hätten stellen können. <a name="q7"></a>Kant verkannte offenbar, daß auch die innere Uhr ein »Geschenk« seiner Gesellschaft war, und sie keineswegs mit ihm zusammen das Licht der Welt erblickt hatte.</p>
<p>In Teilen hat die sozialhistorische Forschung inzwischen die einst fraglos akzeptierte Annahme, beim »Zeitempfinden« handle es sich um etwas Invariantes, dem Menschen Angeborenes, weitgehend revidiert. Mittlerweile dürfte sich unter Fachwissenschaftlern kaum mehr Widerstand regen, wenn der Naturwissenschaftler und Philosoph Gerald James Whitrow die These vertritt, »Zeit« sei eine zu erlernende Wahrnehmungsweise, und in seinem populärsten Werk »Die Erfindung der Zeit« ganz in diesem Sinne schreibt: »Obschon die Zeit eine grundlegende menschliche Erfahrung ist, gibt es doch keinen Anhaltspunkt dafür, daß wir einen besonderen Zeitsinn besitzen, so wie wir beispielsweise über einen besonderen Sinn für das Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten verfügen.«(<a href="#7">7</a>)</p>
<p><a name="q8"></a><a name="q9"></a>Anders als bei Kant ist für Whithrow das »Zeitempfinden« nicht der sinnlichen Erfahrung vorausgesetzt, vielmehr entspringt es erst aus der Reflexion über sie. Die Art der Reflexion hängt dabei wiederum von der besonderen Form der jeweiligen gesellschaftlichen Organisation ab.(<a href="#8">8</a>) Damit ist selbstverständlich nicht negiert, daß auch natürliche Momente die Herausbildung eines »Zeitbewußtseins« mitbegünstigen. Die Grundlage für das »Zeitempfinden« bildet ein »gewisses Bewußtsein von Dauer« (Whitrow), das wiederum entscheidend von der Aufmerksamkeit und vom Interesse an dem abhängt, womit man gerade befaßt ist. Wesentlich scheint auch die allgemeine körperliche Verfassung zu sein.(<a href="#9">9</a>)</p>
<p><a name="q10"></a><a name="q11"></a>Dauer wird dann erlebt, so Whitrow, »wenn die gegenwärtige Situation zu vergangenen Erfahrungen oder künftigen Erwartungen und Wünschen in Beziehungen gesetzt wird. (&#8230;) Unsere Fähigkeit, Erwartungen zu haben, entwickelt sich jedoch, bevor wir ein Bewußtsein von Gedächtnis haben.«(<a href="#10">10</a>) Will ein Kind etwas greifen, das es nicht erreichen kann, macht es die Erfahrung, daß es dauert, bis die räumliche Distanz überwunden werden kann. »Die erste intuitive Vorstellung von Dauer scheint also räumlicher Natur zu sein: sie wird als der Abstand empfunden, der zwischen dem Kind und der Erfüllung seiner Wünsche steht.«(<a href="#11">11</a>) Die weitere Ausbildung des »Zeitempfindens« beim Kind hängt von Einübungstechniken und von der Sprache ab, die Sprache wiederum vom erlernten Grad der Abstraktionsfähigkeit einer menschlichen Gesellschaft und diese von den besonderen Bedingungen, unter denen Erfahrungen und Handlungen reflektiert und synthetisiert werden können.</p>
<p>Wie so oft finden sich zu diesen ontogenetischen Zusammenhängen Parallelen auf der Ebene der Phylogenese. Die Menschen archaischer Lebensgemeinschaften konnten Vergangenes und Künftiges von der Gegenwart ebenfalls gar nicht oder nur sehr vage trennen und verfügten in der Regel weder über einen Begriff für »Zeit« noch über solche Begriffe und grammatikalische Formen, die sich auf »zeitliche« Aspekte beziehen. Bis zur Durchsetzung bürgerlicher Verhältnisse blieben zentrale Momente dieses »Vor-Zeitverständnisses« lange erhalten. Ja selbst heute noch gibt es zahllose vorbürgerliche Gemeinwesen, in deren »Zeitverständnis« Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer Totalität zusammenfließen, die ein Herausreißen bestimmter Ereignisse, zwecks einer klaren »zeitlichen« Zuordnung, verunmöglicht. Wo westlich sozialisierte Individuen auf Menschen treffen, die noch in solch traditionell geprägten Zusammenhängen leben und unseren immer schon als selbstverständlich unterstellten »Zeitsinn« vermissen lassen, führt diese unterschiedliche Wahrnehmung regelmäßig zu peinlichen Mißverständnissen. Wenn sich in den Aussagen oder Erzählungen der an die westlichen Empfindungsmuster noch nicht angepaßten Menschen Erlebtes, Gegenwart und mögliche Erwartungen zu einer Wirklichkeit verflechten, dann können die abendländisch geprägten Zuhörer in den Sprechern für gewöhnlich nur Lügner oder Spinner erkennen. Die Urlaubsberichte zeitgenössischer Massentouristen sowie zahlreicher Kulturbürger erinnern denn auch bis zum heutigen Tage bei diesem Thema an die Berichte der Conquistadoren über ihr Zusammentreffen mit den »Primitiven« in der »Neuen Welt«.</p>
<p><a name="q12"></a>Nicht nur die »Exoten« am Rande der westlichen Welt haben das moderne lineare »Zeitverständnis« nicht in der gleichen Weise verinnerlicht wie die Menschen in den Metropolen. Auch in der abendländischen Geschichte selber blieb das »Zeitempfinden« lange konkretistisch an sich wiederholende Vorgänge gebunden, und bis in die Gegenwart hinein lassen sich gelegentlich Überbleibsel davon finden. Fast alle unseren heutigen Begriffe für »zeitliche« Einteilungen beziehen sich bezeichnenderweise in ihrer ursprünglichen Bedeutung auf ganz bestimmte Ereignisse. »Montag« und »Monat« stehen für das Erscheinen des Mondes; der »Sonntag« geht auf den Sonnengott zurück, wobei Sonne u.a. die Zustände des Schwelens und Brennens meint und Tag vermutlich auf Gott, brennen, Hitze, warmhalten sowie die Betätigungen des Pflegens und Hegens (dahah) zurückgeht. Selbst der Begriff »Stunde« drückt ursprünglich keine sechzigminütige Maßzahl aus; stattdessen gibt er im mittelalterlichen Sprachgebrauch das Eintreten eines spezifischen Geschehens oder einer grundlegenden Veränderung im Leben an, wie beispielsweise den Moment des Todes. In der Wendung »wem die Stunde schlägt« echot diese Sichtweise noch nach. Auch die englische Sprache, darauf hat Norbert Elias hingewiesen, läßt den älteren »Zeitbezug« noch erahnen: das Wort »timing« (»zeiten«) drückt den Zweck aus, »Positionen im Nacheinander zweier oder mehrerer Geschehensabläufe aufeinander abzustimmen (&gt;zu synchronisieren&lt;).«(<a href="#12">12</a>) Unsere heutige Vorstellung vom vierundzwanzigstündigen Tag wäre jedenfalls vor dem Aufkommen abstrakt-logischen Denkens sinnlos erschienen, denn sie verschmilzt völlig unterschiedliche Phänomene, wie Dunkelheit und Helligkeit, die für die sinnliche Wahrnehmung nichts miteinander gemein haben, zu einer Einheit.</p>
<p>Ob und auf welche Art und Weise die Menschen versucht haben, Ereignisse festzuhalten und in eine besondere Reihenfolge zu stellen, hing zunächst einmal von den vorgefundenen geographischen und klimatischen Bedingungen ab, unter denen sie ihre Reproduktion gestalten mußten. Zu den Naturphänomenen traten gesellschaftliche Einschnitte wie die Geburten von Herrschern, der Tod von Heiligen, Kriege und andere Katastrophen hinzu und gaben den frühen kalendarischen Darstellungen und verbalen Überlieferungen ihr Gepräge. Dabei glichen sich die ansonsten recht unterschiedlichen Methoden der Ereigniserfassung und -prognose in zweierlei Hinsicht: zum einen dienten sie der Festlegung von rituellen Festen, Kulthandlungen und der Bestimmung von landwirtschaftlichen Aktivitäten wie Aussaatanfang und Erntebeginn; zum anderen lag ihnen die <em>zyklische</em> Vorstellung zugrunde, sämtliche wesentliche Ereignisse würden sich bis in alle Ewigkeit in gewissen Abständen wiederholen. Bis ins späte Mittelalter hinein überlebten wesentliche Aspekte dieses Kreislaufdenkens.</p>
<p>Halten wir fest: Die vom menschlichen Bewußtsein wahrgenommenen und reflektierten Formen der Veränderung &#8211; Entstehen, Werden, Vergehen, etc. &#8211; wurden in nichtbürgerlichen Gemeinwesen weder unter einen Begriff subsumiert, noch existierte eine Denkweise, die einen solchen Begriff hätte schaffen können. Von Bedeutung waren lediglich die konkreten Ereignisse in ihrem fetischhaften, rituellen Kontext.</p>
<p><a name="q13"></a>Wie kam es nun dazu, daß die Menschen damit begannen, sich von diesen Ereignissen abzulösen und stattdessen eine »Zeit« als <em>für sich seiende Objektivität</em> in Form eines <em>linearen, vorwärtsgerichteten »gleichmäßigen, einförmigen Flusses«</em> (Elias) zu setzen? Diese Frage läßt sich nur beantworten, wenn wir sie in einen weiter gespannten Rahmen stellen. Norbert Elias hat in seiner Abhandlung »Über die Zeit« diesen größeren Zusammenhang richtig benannt. Er stellt dort fest: »Eine der Schwierigkeiten, auf die man in einer Untersuchung über die Zeit stößt, (&#8230;) ist das Fehlen einer Entwicklungstheorie der Abstraktion oder richtiger: der Synthesebildung. «(<a href="#13">13</a>) Der Schlüssel zur Erklärung des Phänomens »Zeit« liegt also in den gesellschaftlichen Bedingungen, die, indem sie die bestimmte historische Form des abstrakt-logischen und theoretischen Denkens hervorgebracht haben, auch jene Dynamik in Gang brachten, die die »Zeit« »hinter dem Rücken der Menschen« zur objektivierten Triebkraft ihrer Geschicke hat werden lassen.</p>
<p><strong>2. »Zeit«, Denkform und Geld</strong></p>
<p><a name="q14"></a>Damit Menschen eine Reihe aufeinander folgender Ereignisse zu abstrakten »Zeiteinheiten« zusammenfassen, also abgelöst von jeder konkreten Situation und von den Spezifika des aktuellen Geschehens »Zeitpunkte« bestimmen können, bedarf es einer Sprache, die sowohl über grammatikalische Formen zur Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verfügt, als auch abstrakte Zahlen kennt. Nur in den indoeuropäischen Sprachen hat sich, so Whitrow, beides voll herausgebildet. In seinem Buch »The Natural Philosophy of Time« befaßt er sich detaillierter mit der Verknüpfung dieser Momente und kommt zu folgendem Schluß: »Unsere Vorstellung von Zeit hängt eng damit zusammen, daß unsere Denkweise aus einer linearen Folge diskreter Aufmerksamkeitszustände besteht. Dies führt dazu, daß wir Zeit ganz natürlich mit Zählen assoziieren, welches die einfachste Form eines Rhythmus darstellt. Es ist sicherlich kein Zufall, daß die Wörter &gt;Arithmetik&lt; und &gt;Rhythmus&lt; von zwei griechischen Begriffen abstammen, deren gemeinsame Wurzel das Wort &gt;fließen&lt; ist.«(<a href="#14">14</a>)</p>
<p><a name="q15"></a><a name="q16"></a>Die etymologische Verbindung verweist auf den historischen Kontext, in dem das Phänomen »Zeit« entstanden ist. Sie führt uns in die griechische Antike und damit zu der spezifischen historischen Formation, in der sich zeitgleich mit Münzwirtschaft und Warentausch auch der Umgang mit abstrakten Zahlen (Erfindung der Null) und das Denken in zielgerichteter »linearer Folge« herausgebildet haben. Rudolf W. Müller hat die gemeinsame Genesis von Denkform und Warenform, ausgehend von Thesen Alfred Sohn-Rethels und Theoriefragmenten von Karl Marx, insbesondere den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten«, umfassend in einem interdisziplinären Forschungsprojekt untersucht.(<a href="#15">15</a>) In komprimierter Form lautet seine Kernthese: »Diese Denkformen (gemeint sind: formale Logik, abstraktes Denken, theoretisches Erkennen, die allgemein als natürliche Form des menschlichen Denkens überhaupt gelten; G. V) stehen in einem inneren Zusammenhang mit der sich entwickelnden Warentauschgesellschaft, wie sie bereits in der griechischen Antike existierte. Der Entstehungsgeschichte und Funktion des Geldes im Warentauschprozeß entspricht die Genesis des &gt;reinen Geistes&lt;, d. h. der formalen Logik und der abstrakten Form der Identität im Denkprozeß. (&#8230;) So gewinnt der Marxsche Ausspruch einen Sinn, wonach die Logik das Geld des Geistes sei.«(<a href="#16">16</a>)</p>
<p>Das qualitativ Neue dieser Denkform wird deutlicher, wenn wir uns zum Kontrast die prä-warenförmigen Verhältnisse vergegenwärtigen. Das Bewußtsein klebte an der Unmittelbarkeit. Es mangelte dem Menschen an Distanz zu sich und zuseiner Umgebung, und so blieben seine Vorstellungen direkt an konkrete Tätigkeiten und Gegenstände gebunden. Zu Tieren, anderen Menschen und Dingen bestanden quasi persönliche Beziehungen. Um das Fehlen eines Schafes oder einer Ziege aus der Herde zu bemerken, mußten Hirten beispielsweise nicht erst durchzählen; aufgrund der intimen Beziehung und genauen Beobachtung bemerkten sie auch ohne dieses Hilfsmittel den Verlust eines ihnen gehörenden Vierbeiners. Soweit in späteren, von der Warenform noch unbeleckten Gemeinwesen, so etwas wie Mengenbestimmungen durch Zeichen entstanden, handelte es sich dabei nicht um abstrakte Bezeichnungen mittels beliebig (universell) zuordenbarer Zahlsymbole, wie sie den modernen Menschen vertraut sind, vielmehr bildeten das Maß und das Gemessene eine unauflösliche Einheit.</p>
<p><a name="q17"></a>Erst als in der Erfahrungswelt etwas auftauchte, das sowohl sinnlich wahrnehmbar als auch eine Abstraktion war, also eine »daseiende Abstraktion« (Müller)(<a href="#17">17</a>), konnte sich das Denken von der engen Koppelung an die sinnlichen Gegenstände emanzipieren und damit beginnen, abstrakte, allgemein logische Verknüpfungen herzustellen. Das Geld erfüllte diese Bedingungen in idealer Weise, denn es verkörpert in dinglicher Form den Wert anderer Waren und setzt sie damit als Werte gleich, und doch kommt ihm dabei selbst eine handgreiflich empirisch unterschiedene Daseinsform zu. Im Geld findet der Abstraktions- und Syntheseprozeß sein gesellschaftliches Substrat, weil es gleichzeitig als etwas Besonderes figuriert und die Besonderung von Stoff und Form auslöscht und als abstrakter Ausdruck beliebiger, unterschiedlicher Gegenstände sich rein quantitativ spezifiziert mit allem und jedem identisch setzt. Durch wiederholte Tauschpraxis wurde die universelle Zuordnung einer zunächst »sinnlichen« Abstraktion an verschiedene, konkrete Stoffe eingeübt und damit die Fähigkeit, immer wieder von der spezifischen Verbindung abzusehen. Aufgrund dieses gewonnenen Differenzierungs- und Synthesevermögens (organisch miteinander verwachsene Erscheinungen wurden auseinanderdividiert und getrennt unter eine gemeinsame Abstraktion subsumiert) konnte das Bewußtsein quasi zur nächsten großen Tat schreiten und schließlich zum Denken von »reinen Zahlen«, also Abstraktionen ohne jeden sinnlichen Gehalt gelangen.</p>
<p><a name="q18"></a><a name="q19"></a>Zweierlei fällt bei dieser Entwicklung zusammen: die Abstraktionsleistung als solche und die mit dem Geldumgang zwangsläufig verbundene Notwendigkeit, Abstraktion in Zahlen ausdrücken, weil nur vor diesem Hintergrund Geld als quantitativer Maßstab fungieren kann.(<a href="#18">18</a>) Für den Übergang zum »abstrakten Zählen« spielte es dabei zunächst noch keine Rolle, ob Güter äquivalent getauscht wurden und wieviel subjektive Momente (Freundschaft, bloßes Schätzen, Ehrenkodexe, etc.) bei der Preisbestimmung von Waren einflossen.(<a href="#19">19</a>) Entscheidend ist einzig die Tatsache, daß sich »hinter dem Rücken« ein abstrakter Bezug verschiedener Menschengruppen zueinander herstellte, der im Geld einen dinglichen Ausdruck fand.</p>
<p><a name="q20"></a>Welche Art und/oder Stufe von Abstraktionsvermögen sich ohne das Geld hätte entwickeln können, ist umstritten. Auch einige Anhänger der Müllerschen Thesen nehmen an, ausgehend von einer (begrenzten) Gleichsetzung ähnlicher Naturgegenstände hätten schließlich so etwas wie abstrakte Zahlen entstehen können. Ich habe daran meine Zweifel .(<a href="#20">20</a>) Wenn aber schon häufig die Genesis des Zählens vom Warentausch abgetrennt wird, so gilt das natürlich erst recht für die Entstehung des »theoretischen Bewußtseins« im allgemeinen. In der Regel müssen, je nach Erklärungsmodell, verschiedene Rituale, Ereignisse und Zustände wie Kriege, Versklavungen, Wanderungen, Reisen, rituelle »Verhandlungen mit den Göttern«, das handelnde Einwirken auf die Natur selbst oder Versuche, größere Mengen an Gütern oder Menschen zu erfassen, als Ursachen für dessen Herausbildung herhalten. Die Thesen von R. W. Müller weisen allerdings, meiner Ansicht nach, auch gerade in dieser Hinsicht die größere Plausibilität auf. Einige der genannten Aspekte mögen zum historischen Durchsetzungsprozeß der »Geld- und Geist-Logik« beigetragen haben; bestimmend dürfte indes die Entwicklung des abstrakten Vermittlungsmediums gewesen sein.</p>
<p><strong><a name="q21"></a>3. Zum Prozeß der Verwirklichung der »Zeit«</strong></p>
<p>Während das Zählen und Rechnen, bis hin zur Mathematik, seit der Antike einen gewissen Grad an Bedeutung in den gehobenen Gesellschaftskreisen erlangte, kann davon, was die »Zeit« als solche angeht, trotz diverser Kalendierungen nur bedingt die Rede sein. Die Aufmerksamkeit der allergrößten Mehrheit der Menschen galt dem »zeitlosen«, gemächlichen Alltag und den verschiedenen natürlichen und außergewöhnlichen gesellschaftlich/religiösen Ereignissen. An genaueren Datierungen waren in erster Linie die Diener der Kulte und Religionen interessiert. Auch das verstärkte Bedürfnis nach »Zeitmeßinstrumenten«, wie es sich im frühen Mittelalter zusehends bemerkbar machte, ging von der religiösen Sphäre aus. Es waren die klösterlichen Gemeinschaften, die es bei der Festlegung der zahllosen Gebetsstunden (Temporalstunden) zu einer von den natürlichen Abläufen abgelösten Zerlegung der »Zeit« drängte. Zwar fiel die Dauer der sakralen »horae« je nach religiöser Pflicht und technischer Meßbarkeit höchst unterschiedlich aus,(<a href="#21">21</a>) der erste Schritt zur Abstraktifikation der Tageszeitbestimmung war damit aber immerhin geleistet.</p>
<p>Eine ganz andere Spezies Mensch konnte einige Jahrhunderte später an diese Errungenschaften anknüpfen und die Konstituierung des modernen »Zeitempfindens« forcieren. Die Kaufleute wurden allerdings weniger von heiligem Eifer als von schnöden weltlichen Motiven getrieben. Warum gerade sie ein vitales Interesse an exakten »Zeiteinteilungen« entwickelten, ist leicht nachvollziehbar. Als die einzige Personengruppe, die ihre Existenz weder auf milde Gaben, Land- und Handarbeit, den Zehnten oder anderen feudalen Abgaben aufbauen konnte, waren die Kaufleute existentiell auf die möglichst »zeitrationelle« Abwicklung ihrer Handelsgeschäfte angewiesen. Die Dauer von Handelsreisen und Transporten, die »Zeitpunkte« für Zahlungen und Einnahme von Erträgen, Schuldenerstattungen oder die Eintreibung von Verbindlichkeiten, die Zinsberechnungen, die Datierung von Verträgen, die Bestimmung von Haftungsperioden und vieles andere mehr erforderten die Festlegung genauer, regelmäßiger und dabei allgemeingültiger »Zeiteinheiten«.</p>
<p>Zugleich waren es die Kaufleute, die mit dem Verschieben von Genüssen (Sparen) in der Erwartung um so größerer späterer Gewinne das »Zeiten« einzuüben und zu verinnerlichen begannen. Diese »Zeitpioniere« unterwarfen ihren Lebensrhythmus zwangsläufig dem sowohl bewußt als auch unbewußt geschaffenen objektivierten Maßstab. Je mehr sich Handel und Märkte in einer wechselvollen Geschichte durchsetzten, desto wichtiger wurde die rechtzeitige Präsenz und schnellere Abwicklung von Geschäften. Verglichen mit dem heutigen Zustand ging es dabei allerdings noch recht gemächlich zu.</p>
<p><a name="q22"></a>Der Verzeitlichung des kaufmännischen wie des klösterlichen Lebens war lange »Zeit« mit dem Fehlen genauer, gleichmäßig funktionierender »Zeitmeßinstrumente« eine Grenze gesetzt. Ungefähr seit dem 13. Jahrhundert schuf die Verbreitung mechanischer Uhren in Westeuropa indes Abhilfe. Ab dieser Epoche begannen reichere Gemeinden, ihre Kirchtürme mit mechanischen Uhren zu bestücken, und deren regelmäßiges Glockengeläut erinnerte fortan die gesamte Einwohnerschaft an die nun angebrochenen neuen »Zeiten«. Mit der mechanischen Uhr war nicht nur die gleichmäßige, sechzigminütige Stunde geboren, sie schuf zugleich eine wesentliche Voraussetzung für die Revolutionierung der bis dato gemächlichen bäuerlich-handwerklichen Wirtschaftsweise überhaupt. Erst nachdem die neuen Chronometer eine genaue Messung der Arbeitszeit möglich gemacht hatten, konnte sich die Lohnarbeit verallgemeinern und die sukzessive säuberliche Trennung der Arbeitszeit von anderen Beschäftigungen und Lebensäußerungen, also der Prozeß der Sphärendifferenzierung, einsetzen. Der Beginn dieser Entwicklung folgte, darauf hat Whithrow schon hingewiesen, der Erfindung der mechanischen Uhr auf dem Fuß. »In der Textilmanufaktur ersetzte die gleichförmige, sechzigminütige Stunde schon bald den Tag als Grundeinheit der Arbeitszeit. So gestattete es im Jahre 1335 der Gouverneur von Artois den Einwohnern von Aire-sur-la-Lys, einen Stadtturm mit besonderer Glocke zu bauen, um die Arbeitsstunden der Textilarbeiter ein- und auszuläuten. Das Problem der Länge des Arbeitstages war besonders in der Textilmanufaktur von großer Bedeutung, da die Löhne dort einen beträchtlichen Teil der Produktionskosten ausmachten.«(<a href="#22">22</a>) Bis sich dann die damals noch nischenhafte Lohnarbeit zur allgemeinen Existenzform verallgemeinerte, vergingen noch einige Jahrhunderte. Das schmälert die Bedeutung dieser Basisinnovation für den Take-off der Waren- und Arbeitsgesellschaft jedoch in keiner Weise.</p>
<p><a name="q23"></a><a name="q24"></a><a name="q25"></a>War der »Zeitsinn« ursprünglich eine Domäne der Kaufleute, so stieg er mit der Durchsetzung der Lohnarbeit zum Allgemeingut und zur unbedingten Pflicht auf. Mit wachsender Verbreitung der gezielten Marktproduktion in Manufakturen und Fabriken fiel dem aufkeimenden Staatswesen die Aufgabe zu, die bäuerliche Bevölkerung »fabrikreif« zuzurichten, sprich, ihr die eiserne moderne »Zeitdisziplin« und die notwendigen Grundtechniken des Abstrahierens, darunter vor allem natürlich die Grundrechenarten, einzubleuen. Das war freilich keine leichte Aufgabe. Im Jahr 1791 charakterisierte Arnold Wagemann, ein Vertreter der Industrieschulbewegung des 18. Jahrhunderts, in seiner Abhandlung »Über die Bildung des Volkes zur Industrie« die Bauern und Kinder (!) folgendermaßen: »Beide sind vom Sinnlichen sehr abhängig, weil es ihnen an Kenntnissen fehlt, die sie über das Sinnliche hinaus erheben könnten.«(<a href="#23">23</a>) Die Schwierigkeiten bei der Metamorphose solcher »Bauerntölpel« in pünktliche und fleißige Arbeiter konnten die Erzieher zur Verzweiflung treiben: »Mangel an Abstraktionsvermögens also ist es vorzüglich, welcher dem Bauern einen solchen Unterricht unnütz macht und wäre die Art des Vortrags auch noch so sehr nach seiner Fassungskraft ausgerichtet, welches wahrlich keine so leichte Kunst ist «(<a href="#24">24</a>) Die Manufaktur- und Fabrikbesitzer verwendeten schon aus Kostengründen nicht allzuviel Mühe darauf und bedienten sich, im wahrsten Sinne des Wortes, einschlägigerer pädagogischer Mittel: Der Zeiger an der Turmuhr fand im Rohrstock seine übliche Verlängerung. Äußerst brutale »Zeit«-Disziplinierungsmethoden in Fabrik, Werkstatt, Armee, Schule und häuslicher Gemeinschaft beherrschten die Szenerie vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein.(<a href="#25">25</a>)</p>
<p>In dem Maße, wie sich Geldbeziehungen, Industriearbeit und Konkurrenz verallgemeinerten und die Sondersphären »Arbeit« und »Freizeit« auseinandertraten, beschleunigte sich der Lebensrhythmus mehr und mehr, und die »Zeit« erlangte ihre Weihen als schicksalhafte, quasi naturmäßige Antriebskraft. Diese »wirkliche gewordene Zeit« hat gegenüber allen früheren Empfindungen von Dauer eine eigene Qualität: als Substanz des Wertes entstand sie unabhängig von einem gesellschaftlichen Willen und wurde zum bestimmenden Bezugssystem und universellen Existenzmaßstab. Die oben dargestellten »modernen Kulturtechniken«, ursprünglich von Kaufleuten und Priestern eingeübt und verinnerlicht, haben sich der ganzen Gesellschaft wie eine Zwangsjacke übergestülpt. Auf der Grundlage zielstrebiger Produktion für den Markt, der Schaffung exakter, gleicher »Zeiteinheiten« und eines auf künftige Gewinne und Lohnerwartung konditionierten Bewußtseins, richtete sich der »Zeitsinn« <em>nach vorne</em> aus. In unbewußtem Rückgriff darauf wurden und werden auch Gegenwart und Vergangenheit als Momente eines<em> linearen, vorwärtsgerichteten Flusses</em> empfunden und Historie als eine logische Aneinanderreihung von Ereignissen interpretiert.</p>
<p>Der historische Siegeszug des Geldes, sein Aufstieg zur alleinigen gesellschaftlichen Syntheseform ist ohne die beschriebene Entstehung der »Zeit« gar nicht denkbar. Geld, verdinglichte »Zeit«, ist nun selbst zum Maßstab der »Zeit« geworden und »Zeit« daher kostbar wie Geld. Die Volksmundweisheit »Zeit ist Geld« bringt diese Identität auf den Punkt. Jeder Augenblick, der ohne Gelderwerb verstreicht und nichts einbringt, gilt potentiell als vergeudete »Zeit« oder Geldverschwendung. Je kostbarer die »Zeit«, desto hektischer gebärdet sich das Subjekt: im Straßenverkehr mutiert es zur rasenden Wildsau, die auf der Betonpiste um jede Hundertstelsekunde Vorsprung kämpft, als ginge es um olympisches Gold. Man nimmt selbst noch den eigenen Tod in Kauf, um fünf Minuten früher am Ziel zu sein, und das Essen wird in einer Geschwindigkeit heruntergeschlungen, die selbst gefräßige Haie vor Neid erblassen läßt. Alles muß schnell gehen: »Zeitsparen« scheint Volkssport Nummer eins zu sein, und die Uhr dürfte die Körperzierde sein, die üblicherweise zu allerletzt abgelegt wird &#8211; wenn überhaupt. Für die Produktion gibt es nur eine Maxime: schneller und mehr. Aber der rasende Takt der Industrie fegt selbst durch die letzten Winkel der Wohnstuben. Auch diejenigen, die sich mangels Erwerbsarbeit nicht mehr ausbeuten lassen dürfen, können sich nicht gemächlich zurücklehnen und diesen Zustand ein Weilchen genießen. Den industriellen »Zeitsinn« haben sie vollkommen verinnerlicht &#8211; die Hektik im Alltag bleibt. Gleichzeitig macht das fehlende Geld die häusliche Reproduktion »zeitaufwendiger«. Und ist einmal gar nichts zu tun, dann wird die Seele krank, weil Körper und Geist keine gesellschaftlich anerkannte Arbeitsleistung vollbringen. So oder so, der »Zeitstreß« holt alle ein.</p>
<p>Der heutige »Zeitsinn« wurzelt in einer anerzogenen »Zeitökonomie«, die sowohl Ausdruck wie Resultat der »Arbeitszeitabstraktion« und damit ein Spiegelbild der industriellen Produktions- und Umlaufgeschwindigkeit ist. Ein Leben in »kreativem Müßiggang« (Robert Kurz) läßt sich daher nur erreichen, wenn der Warentausch und mit ihm Geld, Arbeit und Kapital endlich das »Zeitliche« segnen. Erst dann könnten die Menschen ihre Reproduktionszusammenhänge bewußt gestalten und ihren Lebensrhythmus dem Takt selbstbestimmter Tätigkeiten anpassen. Dieser innere Zusammenhang läßt sich aber auch andersherum fassen. Der Abschied von der Warenform beinhaltet notwendig die Aufhebung des von der Moderne geschaffenen »Zeitbezugs«. Der Aufstand gegen die Warenform ist immer auch schon Aufstand gegen die herrschende »Zeit«diktatur.</p>
<p><strong>4. Die »zeitraubenden« Umwege der Marktwirtschaft</strong></p>
<p>Die bisherige Darstellung des logischen und historischen Zusammenhangs von »Zeit«, Geld und Arbeit hat noch nicht erklärt, warum die Menschen trotz der modernen »zeitsparenden« Produktionsmittel immer mehr arbeiten, und sich sogar noch in der »Freizeitsphäre« ununterbrochen mit unangenehmen Dingen abplagen müssen. Deshalb will ich nun die verschlungenen Pfade unter die Lupe nehmen, auf denen die Waren zum Verbraucher wandern. Dabei wird deutlich, welchen horrenden »Zeitaufwand« die monetäre Vermittlung produziert. Die Marktwirtschaft, die von ihren Apologeten ob ihrer Effektivität gerühmt wird, entpuppt sich aus dieser Perspektive als die »zeitaufwendigste« Produktionsweise, die es jemals gab. Die Marktwirtschaft hat den rationellen Umgang mit der »Zeit« offenbar nur entwickelt, um die freigesetzte »Zeit« zu vernichten.</p>
<p><a name="q26"></a>Vor einigen Jahren begannen einige kritische WissenschaftlerInnen aus dem ökologischen Spektrum mit der Untersuchung der langen umweltzerstörenden Umwege, die Güter in Produktion und Distribution durchwandern, bevor sie endlich beim Endverbraucher anlangen. Dabei kam so manche Kuriosität ans Tageslicht. Vor allem die Geschichte »Ein Joghurt geht auf Reisen« machte eine zeitlang Furore. Gestützt auf eine Studie von Stefanie Böge konfrontierten mehrere Zeitungsredaktionen ihre werte Leserschaft mit der Tatsache, daß selbst in die Herstellung eines solch simplen und harmlosen Produkts wie eines Fruchtjoghurts sage und schreibe 7.587 LKW-Kilometer eingehen, bis es endlich im Kühlregal eines Supermarktes landet .(<a href="#26">26</a>) Im Anschluß daran tauchten immer wieder weitere Artikel auf, die die für die herrschenden Produktions- und Verteilungsbeziehungen charakteristische aberwitzige Hyperzentralisierung und die damit verbundene enorme Verschleuderung von natürlichen Ressourcen und menschlicher Lebensenergie exemplarisch aufs Korn nahmen.</p>
<p><a name="q27"></a><a name="q28"></a>Ein mehrfach kolportiertes Beispiel, das recht drastisch beleuchtet, wie wenig betriebswirtschaftliche Rationalität und Kostenminimierung mit gesellschaftlicher Vernunft und Sparsamkeit zu tun haben, ist die Herstellung von Orangensaft. Im Durchschnitt konsumiert der durstige Bundesdeutsche 21 Liter Orangensaftgetränk pro Jahr, nicht gerade wenig, wenn man bedenkt, daß die geschätzte Frucht nicht in unseren Breitengraden gedeiht. 80 Prozent der für die Saftherstellung notwendigen Orangen stammen aus Brasilien. 12.000 km legen sie auf ihrem Weg zum Konsumenten zurück. Außerdem wird bei der Erzeugung von einem Liter O-Saft die 22fache Menge an Wasser verbraucht. Damit liegt der Orangensaft aus brasilianischem Anbau aber im Vergleich zu amerikanischem Saft noch sehr günstig. In den Vereinigten Staaten, wo die Orangenplantagen künstlich bewässert werden müssen, entfallen auf einen Liter des begehrten Getränks 1.000 Liter Wasser und 2 Liter Treibstoff.(<a href="#27">27</a>) Ein noch viel dramatischeres Bild bietet sich natürlich bei der Produktion komplexer industrieller Güter. Rohstoffe und Teile des Volkswagens etwa stammen aus allen Kontinenten und legen dabei abertausende von Kilometern zurück. Wie die verzweigten und verzwickten Wege der elektronischen und mechanischen Einzelteile für die 55.000 Produkte des Siemens-Imperiums verlaufen, können nicht einmal mehr die eigenen Manager angeben.(<a href="#28">28</a>) Kreuz und quer über den gesamten Globus werden Millionen Tonnen von Gütern »kostengünstig« hin und her bugsiert. Ähnliche oder gleiche Produkte wandern in alle Himmelsrichtungen bei enormem »Zeitaufwand« nicht selten mehrmals aneinander vorbei und verpesten dabei die Luft, verzehren Energie und rauben zahlreichen Menschen die Nerven. Es erübrigt sich, die ökologischen Folgeschäden, die als »Nebenprodukt« bei einer solchen Herstellungs- und Verteilungsweise anfallen, hier im einzelnen auszubreiten.</p>
<p><a name="q29"></a><a name="q30"></a><a name="q31"></a>Einer der exponiertesten Kritiker dieser Art »ökonomischer Vernunft«, Winfried Wolf, beschränkt sich nicht darauf, den grotesken Transportaufwand zu kritisieren, der mit dem laufenden Globalisierungsprozeß immer aberwitzigere Formen annimmt. Er weist darauf hin, »daß weit über 50 Prozent der Produkte und Dienstleistungen, die im hochindustrialisierten Kapitalismus hergestellt werden, unsinnig und destruktiv sind, was durchaus von einem großen Teil der Bevölkerung auch so gesehen wird.«(<a href="#29">29</a>) Würde die Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen ökologisch sinnvoll gestaltet und von destruktiven Elementen befreit, dann wäre »ausreichend Spielraum für die Verteilung sinnvoller, gesellschaftlich notwendiger (Haus-, Büro-, Fabrik-, Land-, usw.) Arbeit« vorhanden, und dennoch wäre gleichzeitig eine bedeutsame Reduzierung der »Arbeitszeit« pro Kopf möglich.(<a href="#30">30</a>) Gegen den häufig angeführten Einwand, solch eine »Traumtänzerei« wäre aus Kostengründen nicht finanzierbar und damit unrealisierbar, führt Wolf die Folgelasten der Elendsverwaltung (Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe etc.) ins Feld. Ohne diese Ausgaben und mit Hilfe einer Umverteilung des angesparten Vermögens von 3 Billionen DM allein in der Bundesrepublik könne einiges erreicht werden, meint er. So bemerkenswert und konsequent Wolfs Kritik an zentralen Momenten der konsumistischen Lebensweise, der Ressourcenverschwendung und der ökologischen Zerstörung ist, so entwerten doch leider seine Illusionen über die Möglichkeiten von Marktregulation dieses Verdienst.(<a href="#31">31</a>) Seine Position ist gerade in dieser Hinsicht aber repräsentativ für nahezu das gesamte etablierte Spektrum »altemativer Wirtschaftspolitik«, die so verzweifelt wie erfolglos sich darum bemüht, kapitalistische Ökonomie und Ökologie irgendwie in Einklang zu bringen.</p>
<p><a name="q32"></a>Andere Autoren, die ihre Kritik aus anarchistischen und kleinbürgerlich-revolutionären Quellen beziehen und sich bei Rousseau, Bakunin oder Gesell anlehnen, preschen mit ihrer Kritik scheinbar ein ganzes Stück weiter vor. Sie begnügen sich nicht mit monetären Umverteilungsphantasien, sondern kratzen &#8211; zumindest auf den ersten Blick &#8211; am Glanz des Geldes. Die ganz Waghalsigen postulieren sogar dessen Abschaffung, in der Hoffnung, so die ökonomischen Krisen lösen zu können. Dabei erkennen sie das Geld indes nicht als den notwendigen Ausdruck allgemeiner Tauschverhältnisse, sondern halten es für eine eigenständige Instanz, die sich beliebig beseitigen ließe oder deren Charakter man einfach uminterpretieren könne. Dementsprechend verfallen sie keineswegs auf die Idee, an den Tauschverhältnissen selbst zu rütteln. Im Gegenteil, diese gelten ihnen als das natürliche Prinzip gesellschaftlicher Beziehungen. Selbst wenn sie sich das Geld wegdenken, der tiefersitzende Tauschwertfetisch hält ihr Bewußtsein gefangen. Deshalb können auch sie sich eine selbstbestimmte Produktion und Verteilung von Gütern ohne Tausch und ohne Leistungskriterien schlechterdings nicht vorstellen und führen das abstrakte Vermittlungsmedium Geld, oft ohne sich dessen überhaupt so recht gewahr zu werden, in anderem Gewand wieder ein. »Naturaltausch«, »Schwundgeld«, »Leistungsvergleiche«, »LET Systeme«, »Stundenzettel« etc. sollen an die Stelle monetärer Verrechnung treten und deren schädliche Auswirkungen tilgen.(<a href="#32">32</a>)</p>
<p>Näher besehen machen diese Konzepte allesamt den Eindruck, als solle zwar das Ei beseitigt, die Henne jedoch nicht geschlachtet werden. Gerade das entscheidende gesellschaftliche Problem wird nämlich ausgeblendet: Schon die Reduktion des Konkreten und Besonderen auf vergleichbare und quantifizierbare »Zeiteinheiten« degradiert gesellschaftliche Nützlichkeit und Verträglichkeit von Produkten qua Prinzip zur Nebensache, die keine systemische Berücksichtigung finden kann. Die Geldlogik ist nur die Erscheinungsform dieses basalen Verhältnisses. Dieses Grundproblem wiederholt sich auf der Ebene der sozialen Beziehungen, und auch hier bleiben diese Taschenspieler jede Antwort schuldig. Mit dem Warentausch ist bereits die Trennung der Produzenten, der Zwang zu <em>individueller Reproduktion</em> sowie die prinzipielle Gleichgültigkeit der Individuen gegeneinander gesetzt. Wenn sich jemand des Anderen erbarmt, sich mit Mittellosen solidarisiert oder etwas spendet, bleibt das unter dem Regiment des Tausches eine rein individuelle, ethisch-moralisch motivierte Tat.</p>
<p>Auch die Kirchen, die ihre Existenzberechtigung nun einmal von der göttlichen Moral und der Ethik und nicht vom Markt beziehen, kommen angesichts der Doppelmisere von Arbeitsgesellschaft und Wohlfahrtsstaat nicht umhin, sich mit den Ursachen der sozial verheerenden weltlichen Lebenspraxis auseinanderzusetzen. Einige ihrer frommen Glieder haben die Geldkritik für sich entdeckt. Die klerikal unterfütterte Polemik gegen die Herrschaft des Geldes klingt zunächst ganz forsch, ja bisweilen ketzerisch und fast revolutionär. Letztendlich landet sie indes doch wieder beim »guten« und »gerechten Geld«, bei einer Vorstellung also, die andere Schwestern und Brüder vor wenigen Jahren zur Gründung einer eigenen Bank bewogen hat.</p>
<p><a name="q33"></a>Die christliche Gelddebatte bringt recht kuriose Stilblüten hervor. Da es mir nur um den Gesamttenor dieser Pseudokritik geht, genügt an dieser Stelle ein charakteristisches Exempel, das wir dem Domkapitular Wolfgang Sauer verdanken: »Nun ist freilich das &gt;Gut Geld&lt;, das ich hier unbeschwert und positiv beschreibe, immer in Händen von Menschen, die aus der in sich neutralen Ware Geld gleichsam &gt;durch Ansteckung&lt; immer auch etwas Fragwürdiges oder gar Gefährliches machen können, neben all den Segnungen, die durch Geld und Reichtum in die Welt geflossen sind und fließen«, so dieser tapfere, mit den Schwächen der menschlichen Seele vertraute Christ in seinem Artikel »Unser Umgang mit Geld &#8211; Ein Anstoß zum Nachdenken.«(<a href="#33">33</a>) Diese Wendung kann nicht überraschen. Solange die Struktur selbst nicht ins Visier der Kritik genommen wird, mündet das Beklagen von Oberflächenphänomenen fast zwangsläufig entweder in illusorische links-etatistische Umverteilungsmodellen oder in rechtskonservative Appelle an die Moral.</p>
<p><a name="q34"></a><a name="q35"></a>Auch können die systembedingten Irrationalitäten im Kreislauf der kapitalistischen Produktion und Distribution nur sehr unzureichend erfaßt werden, wenn die Warenform nicht selbst in Frage gestellt wird. Wer den virtuellen Standpunkt einer Re-Produktionsform bezieht (<a href="#34">34</a>) die auf selbstbestimmte Bedürfnisbefriedigung(<a href="#35">35</a>) ausgerichtet ist und gebührend Rücksicht auf die ökologischen Lebensgrundlagen nimmt, für den oder die stellt sich der größte Teil aller im Kapitalismus verrichteten Arbeiten als gigantomanische »Zeitverschwendung« dar, gegen die sich die von Ökologen und Pseudo-Geldverächtern kritisierten Transportwege wie kurzweilige Spaziergänge ausnehmen. In dieser Gesellschaft existieren zahllose Arbeitsbereiche, die einzig und allein der Reproduktion der Warenform und somit dem bloßen Systemerhalt geschuldet sind. Diese »Zeitverschwendung« kann aber nur thematisiert werden, wenn die Warenform selbst ins Visier der Kritik gerückt wird und nicht durch die ideologische Hintertür gerettet werden soll.</p>
<p><strong>4.1 Die in der bloßen Geldverwaltung gebundene Lebenszeit</strong></p>
<p>Tauschen bedeutet zunächst einmal Kaufen und Verkaufen. Vorderhand springt denn auch die Existenz eines umfänglichen Bereichs ins Auge, der diese milliardenfachen Transaktionen ermöglicht, also die Sphäre des Handels: Menschen beschäftigen sich den ganzen lieben Tag lang mit dem Verkauf von Produkten und Dienstleistungen. Sie fahren oder laufen durch die Gegend, um anderen Kosmetika, Staubsauger und Computer anzudrehen; sie stehen in Läden, Markthallen und Kaufhäusern vor und hinter aufgetürmten Warenbergen herum oder kauern vor auf verpesteten Gehsteigen ausgebreiteten Tüchern; sie hängen in schicken Büros an Telefon, Fax und PC, akquirieren und schließen Verträge ab; sie sitzen an Fließbandkassen oder quetschen sich durch verqualmte Kneipen, um eine Rose loszuwerden. Verkäufer verkaufen an Wiederverkäufer, die zum Wiederverkauf an andere Wiederverkäufer weiterverkaufen etc. pp. Wo verkauft wird, wird gekauft. Wiederum Abermillionen Menschen sitzen in speziellen Abteilungen und kaufen für ihre Produktions- und Dienstleistungsbetriebe Rohstoffe, Halbfabrikate, Maschinen, Waren und Arbeitskräfte ein. Zahllose Stunden vergehen im Stau, im Kaufhaus, beim Schlangestehen, in Auto, Bus und Bahn, damit die Endverbraucher ihre notwendigen Konsumgüter ergattern und ihre Schnäppchen machen können.</p>
<p>Das die Tauschakte vermittelnde Geld muß in seinen unterschiedliche Existenzweisen stets aufs Neue geschaffen, vermittelt und abgesichert werden. Ob Bargeld, Schecks, Kreditkarten, schriftliche oder elektronische Überweisungen, alle monetären Transaktionen ziehen einen gewaltigen Rattenschwanz an Aktivitäten nach sich und damit einen »Zeitaufwand«, der ohne weiteres mit dem der Verkaufssphäre konkurrieren kann. Da haben wir zunächst die materielle Herstellung von Bargeld, Schecks, Überweisungsformularen und Wertpapieren; des weiteren die (Mensch und Natur vergiftende) Förderung von Gold- und Silbererz, dessen Verarbeitung, den weltumspannenden Transport und die Einlagerung zur Geldwertsicherung. Der weitaus größte »Zeitaufwand« fällt mit der Buchgeldschöpfung und der Abwicklung des Geldverkehrs an. Hierzu bedarf es unzähligen Personals, das an Schaltern, Computern und Schreibtischen in den zahlreichen Banken und Kreditinstituten sein Leben fristet. Geld ist Eigentum und steht daher niemandem per se und schon gar nicht in beliebiger Menge zu. Es muß daher vor unbefugtem Zugriff geschützt werden. Vom Bankangestellten und dem Nachtwächter, dem Polizeibeamten und dem Computerspezialisten bis zum finster dreinblickenden »Schwarzen Sheriff« widmen sich zahllose Beschäftigte tagaus, tagein einzig und allein dem Schutz des Mammons.</p>
<p>Eigentum und Habgier, Armut und Reichtum fordern zu Streit und Diebstahl heraus. Richter und Anwälte schlichten, richten und lassen in Gefängnissen sühnen, deren Erhaltung, nebenbei bemerkt, ebenfalls mit großem personellen wie finanziellen Aufwand verbunden ist.</p>
<p>Aufbewahrtes Geld kann sich, bei etwas Phantasie, auf wundersame Weise »vermehren«: Hunderttausende Banker, Broker, Spekulanten, Groß- und Kleinanleger und viele viele andere Glücksritter widmen sich weltweit dieser heiligen Mission.</p>
<p>Wo sich Banker tummeln, da sind auch Versicherungshaie nicht weit. Ihre Existenz verdanken sie der speziellen Manier der bürgerlichen Gesellschaft, jeden Schaden, sei er ideeller, Bach- oder personenbezogener Art, in Geldquanta auszudrücken. Gefühle, Gedanken und Körper bilden ein Puzzle aus addierbaren Wertgrößen, die sich u. a. durch die Höhe des zu leistenden Tributs und die quantifizierten Auswirkungen eventueller Schadensfälle bestimmen. Raquel Welchs Busen macht 10 Mio. Dollar, mein Daumen vermutlich 5.000 DM und der Kopf des Obdachlosen null Komma nix. Versicherungen verwalten nicht nur Geld, sie senden auch tausendfach Hausierer in die Lande, die die Leute nachdrücklich auf ihre bedrohlichen Lebensumstände aufmerksam machen. Die allgemeine Absicherung und Kontrolle des in Geldeinheiten abstraktifizierten und quantifizierten Eigentums der Bürger erfordert eine ununterbrochene Zählung, Abrechnung, Kontrolle und Buchung in allen ökonomischen Bereichen und Sphären. Heerscharen von Berufstätigen bevölkern Büros, kaufmännische Abteilungen und Controllingfirmen, um sich diesen ehrenwerten Arbeiten partiell oder mit ihrer gesamten Arbeitskraft zu verschreiben. Selbst beim kleinsten Handwerksbetrieb fällt eine stetig wachsende Masse an steuertechnischen und kaufmännischen Tätigkeiten an, die zur eigentlichen Dienstleistung gar nichts beitragen.</p>
<p>Die Warengesellschaft bedarf zu ihrer Reproduktion und Absicherung einer besonderen staatlichen Sphäre. Dieser Sektor kann sich selber aber nur reproduzieren, indem er sich beständig Finanzmittel verschafft, d.h. das Finanzgebaren der Bürger überwacht und eine begrenzte Umverteilung von Geldwerten organisiert. All das ist aber ebenfalls wiederum mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden. Weltweit müssen Hunderttausende von Finanzbeamten Daten überprüfen, nehmen Rückzahlungen vor, mahnen Nachzahlungen an und leiten Gelder an die Staatskasse weiter, die dort von einem enormen Stab an Sachkundigen und weniger Sachkundigen auf allen Ebenen verwaltet, verteilt und verplempert werden müssen. Nicht jeder hat es gern, wenn Big Brother gierig auf seine Geldbörse schielt. Zum Schutz davor gibt es Steuerberater, Steueranwälte, Geldwäscher, Fluchtgeldvermittler, Anlageberater und andere ehrenwerte Gestalten, die stets in ausreichender Zahl für solche Fälle zur Verfügung stehen. Die Hobby- und Berufspolitiker füllen den überwiegenden Teil ihrer »Zeit« mit Überlegungen, Beratungen und Abstimmungen über Geldverteilungskriterien sowie über deren rechtliche und praktische Umsetzung aus. Sie widmen sich der intensiven Kontaktpflege zwecks Geldakquise, was sie mitunter zwingt, ausgedehnte Dienst- und Amigoreisen über sich ergehen zu lassen.</p>
<p>Nahezu jede öffentliche und private Dienstleistung fordert ihren Preis. Bei der Post verbringen die Bediensten weniger als die Hälfte ihrer »Arbeitszeit« mit Tätigkeiten wie dem bloßen Brief- und Paketumschlag und der dazu notwendigen Planung und Logistik. Vielmehr ist der Großteil der Belegschaft mit einfallsreicher Gebühreneintreiberei, vom Briefmarkenverkauf bis zur Ausleihe von Frankiermaschinen und der Verwaltung und Abrechnung der Einnahmen, beschäftigt.</p>
<p>Selbst der Einsatz öffentlicher Verkehrsmittel verlangt nach einer großen Schar von Fahrkartenverkäufern, Fahrkartenautomatenaufstellern und Kontrolleuren. Sogar manch Bus- oder Bahnfahrerln muß noch so nebenbei als Kassiererin fungieren. Die Deutsche Bahn AG beglückt neuerdings jeden einzelnen Unternehmensbereich mit einer eigenen gigantischen kaufmännischen Verwaltung.</p>
<p><strong>4.2 Stoffliche Reichtumsverschwendung in der Distribution und Zirkulation</strong></p>
<p>Auch die Produktionssphäre, die vielen Gesellschaftskritikerinnen traditionell als die gute, bodenständige Seite der Marktwirtschaft erscheint, ist in diesen bloß systemerhaltenden Kreislauf der Verschwendung menschlicher Lebensenergie und -zeit direkt eingebunden. Denn die Verteilung der Dienstleistungs- und Warenflut nach den Prinzipien der Warenform nimmt einen enormen Teil des Produktions- und Logistikaggregats in Anspruch. Dies erstens, weil ein großer Teil der Überkomplexität und des stofflichen Aufwands in den Produktionskreisläufen, wie oben am Beispiel des Joghurts und des Orangensafts illustriert, einzig und allein auf das Prinzip der betriebswirtschaftlichen Rentabilität zurückgeht. Zweitens aber nimmt auch die Verkaufs- und Verwaltungssphäre einen großen Teil der gesellschaftlichen Produktion direkt in Anspruch. Dies beginnt mit den notwendigen Gebäuden, vom Wolkenkratzer über die Kaufhalle bis zur Pommesbude, die erst einmal gebaut sein wollen.</p>
<p>Ein Blick auf Innenstädte und Gewerbegebiete läßt ahnen, welche umbauten Flächen ausschließlich diesem Zweck geopfert werden, während Wohnraum beengt und chronisch knapp bleibt. Die Subsumtion der gesellschaftlichen Reproduktion unter die Warenform macht eine unübersehbare, allein an diesen Zweck gebundene Infrastruktur notwendig: Verkaufs- und Transportfahrzeuge, Geschäftswagen; Regale, Lager, Gefriertruhen, Dekorationen; Registrierkassen und Geldkassetten; Pappe, Papier, Farben und Tinten für Werbeblätter, Verträge, Rechnungen, Kassenbons und Verkaufsverpackungen in gigantischen Mengen; Computer, Handies, Faxgeräte, Möbel, Kopierer, Bleistiftspitzer und tausende andere Gegenstände mehr.</p>
<p>Geschäftemachen verlangt Präsentation und Repräsentation. Textil-, Schmuck- und Lederindustrie halten hierfür unerschöpfliche Varianten von Bekleidung und sonstige Accessoires bereit. Die Geldverwahrung, Geldvermehrung, Geld- und Eigentumssicherung erfordert Bankgebäude, Börsenlokale, Büroräume ohne Ende; sie setzt Keller, Bunker, Tresen, Rechner, Safes, Sicherungsanlagen, Kassetten, Überwachungskameras, Riegel, Panzerglas, zahllose kleine und große Türen, Schlösser sowie Sparschweinchen für die Kleinen voraus.</p>
<p><a name="q36"></a>Auch mittelbar beeinflußt die Geldlogik den Produktionsaufwand. Unaufhaltsam hat sie alle alten Gemeinschaftsformen gesprengt und eine auf sich selbst zurückgeworfene Geldmonade zurückgelassen. Kleinfamilien- und Singledasein haben die Re-Produktion und die Konsumgewohnheiten gründlich verändert. Die Versorgung der Kleinhaushalte mit Individual- oder Familienportionen potenziert die Verpackungsflut und macht besondere Produktionsanlagen zur Abfüllung von Minimalmengen in Flaschen, Dosen, Becher usw. notwendig. Der Rohstoffverbrauch schnellt dabei, trotz Recycling, unablässig in die Höhe. Jeder Haushalt verfügt über eine eigene gar nicht so kleine »Mini-Infrastruktur«, vom Herd über den Kühlschrank bis zur Waschmaschine. Individuelle Mobilität verlangt nach individuellen Verkehrsmitteln und getrenntes Wohnen nach entsprechend gestaltetem Wohnraum.(<a href="#36">36</a>)</p>
<p>Selbst bei intensivster empirischer Forschung dürfte es schwierig sein, den für die Warenzirkulation und Wertrealisation verausgabten »Zeitanteil« in der Produktionssphäre exakt zu ermitteln, da sich oftmals nicht genau erkennen läßt, welcher Bestimmung die eine oder andere Arbeit oder dieser oder jener Rohstoff zugeführt wird. <em>Nach meiner Schätzung könnte der Anteil bei ungefähr 60 Prozent liegen</em>. Schließt man außerdem noch die Produktion destruktiver Güter, vom Panzer bis zum Atomkraftwerk, in diese Rechnung ein, dann <em>dürfte der nicht monetär bedingte, auf die tatsächliche Reichtumsproduktion entfallende Anteil an der derzeit verausgabten gesellschaftlichen »Arbeitszeit« auf 25 bis 30 Prozent zusammenschnurren</em>.</p>
<p><strong>4.3 Tauschen muß gelernt sein</strong></p>
<p>Diese noch vorsichtige Schätzung deckt die formbedingte gesellschaftliche »Zeitverschwendung« noch immer nicht völlig ab. Damit all die anfallenden Arbeiten in Produktion, Verwaltung und Distribution auch entsprechend qualifiziert geplant und ausgeführt werden können, bedarf es zusätzlich auch noch ganzer Legionen von Lehrern, Dozenten, Professoren, Unterweisern und anderer Spezialisten, die sich den entsprechenden Aus- und Fortbildungen hauptberuflich widmen. Wenn wir das mitberücksichtigen, dann läßt sich beim besten Willen nicht mehr ausrechnen, wieviel gesellschaftliche Arbeit ausschließlich der monetären Grundlage entstammt oder ihrem Erhalt dient.</p>
<p><a name="q37"></a>Aber nicht nur die Sphäre der Erwerbstätigkeit ist von der Wert- und Warenform durchsetzt. Auch die Privatsphäre entkommt ihr nicht. Bis das Tauschprinzip »Äquivalent gegen Äquivalent« Bewußtsein und Unterbewußtsein durchdrungen hat und die intimsten Regungen steuert, muß enorm viel »Zeit« investiert werden. Wieviel Stunden mit Kampf und Krampf ins Land gehen, wieviel Tränen fließen, bis Kinder auf das Geld zugerichtet sind und endlich »verstehen«, daß eine Puppe keine Puppe, sondern nur ein Wertding von 29,99 DM ist, können die geneigten Leserinnen und Leser genauso gut wie ich beurteilen. Wieviel »Erziehungsarbeit« wird geleistet, bis im Restaurant der Teller leergegessen wird, selbst wenn der Bauch schon platzt, weil die Pizza eben keine Pizza, sondern ein entgoltener Wert von 12,50 DM »ist«? Verschenkt wird nichts! Jahre gehen ins Land, bis der Zögling einsieht, daß ihm Gebrauchsdinge nicht einfach zustehen, sondern einen Preis haben. Welche Zurichtung ist erforderlich, bis ein Mensch vor der gefüllten Schaufensterauslage verhungert, anstatt sich zu nehmen, was er zum Leben braucht? Wieviel »Zeit« verstreicht, bis man Gefühle »investiert« und nur gegen entsprechende Äquivalente eintauscht? Man braucht nur einen Augenblick darüber nachzudenken, wieviel Gespräche und Auseinandersetzungen sich im Leben um Geld und Preise drehen, um zu erahnen, in welchem fetischhaften Bann wir stehen.</p>
<p>Angesichts der schwindenden Wertmassen, bedingt durch den sinkenden Einsatz lebendiger Arbeit, verschärft sich der Konkurrenzkampf um die noch erzeugten Wertanteile auf allen Ebenen. Immer mehr Menschen halten den mörderischen Existenzkampf nicht mehr durch und werden zeitweilig oder definitiv vom legalen Gelderwerb ausgeschlossen. Gedanken über andere Geldbeschaffungsmaßnahmen drängen sich dann immer mehr in den Vordergrund und beanspruchen entsprechende »Zeit«. Der Zwang zur Marktbehauptung beflügelt die Phantasie. Alles muß in die Geldform hinein. Keine menschliche und natürliche Lebensäußerung entkommt ihrer Hinrichtung auf die Marktfähigkeit: Menschen werden vermietet oder als Sklaven verkauft, als »Ersatzteillager« gehalten und bei Bedarf zur Operation frisch auf den Tisch serviert. Nur das ständig sich distanzierende Bewußtsein eines bürgerlichen Individuums kann den Gedanken ertragen, im Körper das Herz eines eigens dafür entführten und geschlachteten Artgenossen zu tragen, wohl indem es sich suggeriert, man habe ja schließlich selbst dafür »geblutet«. Momentan sind wir Zeugen einer »zeitintensiven« Marketingkampagne, die uns von den Vorteilen einer Patentierung menschlicher, tierischer und pflanzlicher Gene überzeugen möchte, mit dem Ziel, auch noch dem kleinsten DNS-Abschnitt einen Preisstempel aufdrücken zu dürfen und die Natur restlos in den »zeitverschlingenden« Reißwolf des Tauschwertkreislaufs hineinzupressen.(<a href="#37">37</a>)</p>
<p>Der Versuch, die vom Kapitalismus erzeugten Probleme systemimmanent zu »lösen«, regt eine schier unerschöpfliche Phantasie an. Die durch all die Umwege erzeugte »Zeitknappheit« schreit geradezu nach einer Branche, die bei der individuellen »Zeitbewältigung« behilflich ist. Kontaktbüros vermitteln PartnerInnen, die mangels »Freizeit« nicht selbst erobert werden können. »Zeitseminare« lehren Managerinnen und Manager, das knapp gewordene Gut effizient und nutzenmaximiert zu verbrauchen. Fehlt die »Zeit« zum Kochen, kommt die Pizza in&#8217;s Haus, und die Planung für die nächste Reise übernimmt notfalls eine Agentur. Wer trotz all dieser nützlichen Hilfsleistungen immer noch nicht in der Lage ist, dem Streß zu entkommen und darob eines Tages zusammenklappt, braucht sich auch dann nicht zu sorgen (vorausgesetzt, er verfügt über das nötige Kleingeld oder ist gut versichert): Kuren, Erholungsreisen, Solarien, Rekreationsfarms, Spezialkliniken, Yoga und Tantracenter sorgen für eine kurze »Auszeit« und machen ihn wieder fit für die Tretmühle.</p>
<p><em>Wenn man nun die gesamte »Zeit« zusammenfaßt, die in allen Sphären unmittelbar oder mittelbar dem goldenen Kalb der Warenproduktion und Tauschwirtschaft geopfert wird, kommt man sicher gut und gerne auf 80 Prozent.</em> Niemals zuvor hat sich der homo sapiens einen derartigen »Zeitaufwand« geleistet, um in den Genuß der Resultate seiner Arbeit zu kommen, und niemals war er dabei so nahe an der völligen Zerstörung seiner Psyche, Physis und natürlichen Umgebung. Die Marktwirtschaft gleicht einer gigantischen »<em>Zeitraubmaschinerie</em>«, die von Arbeitsameisen in Schwung gehalten wird, deren Arbeits- und Leistungsstolz sich vor diesem Hintergrund als lebensgefährliche Dummheit entpuppt. Wer sich zur Tauschwirtschaft bekennt, bekennt sich zu diesem monumentalen Wahnsinn, der seiner Logik nach nur im allgemeinen Exitus enden kann.</p>
<p><strong><a name="q38"></a>5. »Utopisches« zur Überwindung von Tausch- und »Zeitdiktatur«</strong></p>
<p>Nach dem bis hierhin Ausgeführten läßt sich nun nachvollziehen, warum die Lebensgestaltung, trotz aller technologischer Errungenschaften, so »zeitaufwendig« und streßbehaftet bleibt. Erst die Sprengung der Geldfessel könnte eine günstige Ausgangskonstellation für die Gestaltung einer neuen Gesellschaft schaffen, in der das immense, von der Marktwirtschaft erzeugte, jedoch gleichzeitig gefangen gehaltene »Zeitpotential« »freigesetzt« und damit das Ende der »wirklich gewordenen Zeit« überhaupt eingeläutet wird. Wenn der fetischistische Zwang entfällt, die Welt auf abstrakte Wert- und »Zeit«quanten zu reduzieren, dann richtet sich der Einsatz moderner Technologie nicht mehr automatisch gegen Mensch und Natur, und es besteht die Möglichkeit, die Re-Produktion auf hohem Produktivkraftniveau nach bewußt bestimmtem Rhythmus zu gestalten.(<a href="#38">38</a>) Fortan könnte sich die Gesellschaft in »kreativem Müßiggang« ihrer dringlichsten Aufgabe widmen: der Aufhebung der Arbeits- und Sphärenteilung.</p>
<p><a name="q39"></a><a name="q40"></a>Die Verwertungsmaschinerie hat mit ihrem Siegeszug die produktiven Potenzen der Gesellschaft in den letzten Jahrhunderten immer mehr für sich monopolisiert. Im gleichen Maße wie mit der Verallgemeinerung der Warengesellschaft ein immer dichteres Geflecht von ausdifferenzierten Berufen und Sphären entstand, wurden die einzelnen dazu verdammt, bloße Teilfunktionen zu erledigen. Auf diese Weise bildete sich ein gemessen an den gesamtgesellschaftlich akkumulierten Fähigkeiten und Kenntnissen vereinseitigter Menschentypus heraus, der nicht so ohne weiteres imstande wäre, eine umfassende kollektive Planung und Organisation gesellschaftlicher Aufgaben zu bewerkstelligen. Andererseits müssen bereits heute immer mehr flexibilisierte metropolitane Individuen zwangsläufig wachsendes Wissen und weitergehende Kompetenzen erwerben, allein um ihre Arbeitskraft überhaupt noch verkaufen zu können. Dies kumulierte Wissen sprengt oftmals den Rahmen beruflicher Erfordernisse und kann durchaus den Wunsch nach umfassenderer, kreativer und selbstverwirklichender Tätigkeit wecken.</p>
<p>Eine direkt vernetzte moderne Gesellschaft kann ohne universell befähigte Menschen nicht auskommen. Andererseits böte eine Gesellschaft ohne die Praxis des Tausches erstmals die Chance, solch ganzheitliche Persönlichkeiten hervorzubringen.(<a href="#39">39</a>) Schon im Kampf um die Abstreifung der Geldfessel werden die beteiligten Menschen Kooperation und gegenseitige ungehinderte Wissensvermittlung erlernen müssen .(<a href="#40">40</a>) Die Geldwirtschaft verschwindet schließlich nicht mit einem lauten Knall. Vermutlich entstehen während eines zugespitzten Krisenverlaufs verschiedenste Notformen der gemeinschaftlichen Re-Produktion zur Sicherung des blanken Überlebens. Sollte es gelingen, die Tauschökonomie zu überwinden, ohne in eine neue moderne Barbarei abzugleiten, dann wird jedenfalls <em>die kontinuierliche Absprache über die Gestaltung des Lebensalltags in all seinen Facetten zur vorrangigen menschlichen Aktivität</em>. Was, wann, wie und zu welchem Zweck produziert werden soll und wie die Verteilung der Güter zu gestalten ist, muß dann beständig allseitig geklärt werden. Dies würde einschließen und voraussetzen, die abstrakte, von der Reproduktion abgekoppelte und in einer getrennten Lernsphäre (Schule, Universität) vollzogene Vermittlung von Wissen zugunsten einer an die immer vielfältigere Gestaltung des Lebensalltags gekoppelten, ununterbrochenen Wissenserweiterung aufzuheben. Dabei ginge es beileibe nicht darum, lauter Individuen mit exakt gleichen Kenntnissen und Fähigkeiten heranzubilden, wie es dem platten Egalitarismus der meisten traditionellen Sozialismus- und Kommunismusvorstellungen enstpricht. Vielmehr <em>sollten sich erstmals wirklich die individuellen Fähigkeiten</em> uneingeschränkt entfalten können.</p>
<p><strong><a name="q41"></a><a name="q42"></a>6. Das Ende der »notwendigen« und der »disponiblen Zeit«</strong></p>
<p>Zu guter Letzt möchte ich noch auf ein schwieriges Problem zu sprechen kommen, das in den diversen Utopiedebatten einen wichtigen Platz eingenommen hat und, wie mir scheint, bis heute nicht befriedigend geklärt ist. Es geht um die schon von Marx vorgenommene Trennung der gesellschaftlichen Re-Produktion in eine Sphäre der »notwendigen« und eine der »disponiblen Zeit«. In der oben angedachten neuen Gesellschaft würde sich diese Einteilung, die bis hin zu André Gorz so vielen Theoretikern Kopfzerbrechen bereitet hat, von selbst erledigen. Allgemein war und ist die Vorstellung verbreitet, in einer kommunistischen Gesellschaft müßten alle Menschen eine bestimmte, wenn auch nur noch geringfügige »Zeit« mit der handwerklichen, industriellen und landwirtschaftlichen Güterherstellung verbringen. Die verbleibende »freie Zeit« könne dann jedermann und jedefrau nach eigenem Gusto gestalten.(<a href="#41">41</a>) In der Regel liegt hier, seltsamerweise bis heute, eine recht vorsintflutliche Vorstellung von der Produktionssphäre als einem Bereich vorwiegend manueller Tätigkeiten vor (was bei Marx angesichts der Verhältnisse im 19. Jahrhundert vielleicht noch verständlich war), während das akkumulierte Wissen und die geistigen Tätigkeiten als Produktivkraft ausgeklammert bleiben.</p>
<p>Genau dieses Moment bestimmt aber längst, selbst noch unter kapitalistischen Bedingungen, die modernen Produktionszusammenhänge. Das enorme geistige Potential, das ihnen <em>vorgelagert</em> ist und auch <em>während</em> der Fabrikation ununterbrochen eingesetzt werden muß, kann offensichtlich nicht eindeutig den genannten Sphären zugeteilt werden. Die Schaffung dieser geistigen Fähigkeiten erfordert immer längere Lernphasen im Leben der einzelnen. Heute umfaßt die Schul- und Hochschulausbildung eine Periode von acht bis zwanzig, manchmal auch mehr Lebensjahren, in denen die geistigen Grundlagen sowohl für die spätere Arbeit in der Produktionssphäre als auch für die freie Betätigung in der sogenannten »freien«, »disponiblen« oder »autonomen Zeit« gelegt werden. Dieser enorme »Zeitraum« läßt sich in der Tat weder einer Sphäre der »disponiblen« noch der »notwendigen Zeit« zurechnen. Zudem kann ein großer Teil des erworbenen Wissens später sowohl beruflich als auch außerberuflich eingesetzt werden. Während dieser ersten ausgedehnten Lernphase bewegt sich das Individuum in einer <em>dritten abgetrennten Sphäre</em>, die sich als <em>Lernsphäre</em> bezeichnen ließe. Weder ist es produktiv tätig, noch gestaltet es seine »Zeit« autonom.(<a href="#42">42</a>)</p>
<p><a name="q43"></a>Wer bereits in die Erwerbstätigkeit eingetreten ist, muß zunehmend freie »Zeit« für eine Erweiterung seines Wissens nutzen. Diese Zusatzqualifikation läßt sich genausowenig nur in einem Bereich anwenden wie das schulische Wissen. In der »Freizeit« angeeignete Computerkenntnisse können ebenso zu »Hobby«-Zwecken, beispielsweise der Konstruktion eines Segelbootes, eingesetzt werden wie zur Herstellung von Werbeflugblättern für die Vermarktung irgendeines Produkts. Eine in Abendkursen erlernte Sprache kann dem privaten Dialog mit fremdsprachigen Freunden, aber auch zu Verhandlungen mit ausländischen Geschäftspartnern dienen. Der beständige Lernprozeß und der Einsatz der geistigen Potenzen läßt sich schon <em>heute nicht mehr sphärenmäßig zurechnen</em>. Wenn aber der heutige Zustand schon über die an sich antiquierte Sphärentrennung hinaustreibt, dann wäre es vollkommen unsinnig, sie ausgerechnet in einer postkapitalistischen Gesellschaft wieder restaurieren zu wollen, wie dies etwa bei Gorz recht deutlich aufscheint.(<a href="#43">43</a>) Würde sich in einer solchen Gesellschaft ein »frei assoziiertes Individuum« Gedanken über die phantasievolle Gestaltung eines neuen Wohngebäudes machen, Entwürfe dafür zeichnen, sie seinen Mitmenschen vorlegen und gemeinsam diskutieren; sich sodann an der Planung und Ausführung beteiligen; sich anschließend zurückziehen, Musik hören; dann ein Bild für das neue Gebäude malen und auf der Einweihungsfeier vorrappen: bei welcher dieser Tätigkeiten wurde »notwendige« &#8211; und bei welcher »fakultative Zeit« »verausgabt«? Was soll eine solche Zuordnung überhaupt bezwecken? Gewonnen wäre damit gar nichts. Alles was gedacht und getan wurde, diente untrennbar sowohl der angenehmen, kreativen individuellen als auch der gesellschaftlichen Entfaltung und Reproduktion. Solche Zuordnungen machen nur für ein bürgerliches Bewußtsein Sinn, das die einzelnen Tätigkeiten und deren Resultate doch wieder in ein Wertmaßstabskorsett zwängen möchte, um die individuelle Leistung bemessen zu können und Quanta »notwendiger« Zwangsarbeit für alle zu verteilen. Unter der Tischdecke lugt wieder das verinnerlichte, reaktionäre Tauschprinzip hervor, das eine Verteilung des kollektiven Gesamtprodukts nach Leistungs- und »Arbeitszeit«kriterien verlangt.</p>
<p>Fußnoten</p>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Weshalb alle Zeitattribute in Anführungszeichen stehen, wird sich gleich im ersten Abschnitt klären.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Vgl. SPEX Nr. 10, Oktober 1996, »Revolution Incorporated« von Tom Frank, S. 48. Ein empfehlenswerter Artikel über die neuen Trends zur ultimativen Ausbeutung durch die postmoderne Corporate-Identity-Revolution in den USA.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) Nach Aussagen der Krankenkassen erliegen pro Jahr ca. 200 000 Menschen allein in der Bundesrepublik streßbedingten Herzinfarkten!</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q2">4</a>) Vgl. SPEX, ebenda.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) In diesem Text greife ich immer wieder auf solche Zeitmetaphern und Attribute zurück, weil ich noch nicht über eine »neue Sprache« verfügen kann, die den Sachverhalt begrifflich auf den Punkt bringt. Bei allen Umschreibungsversuchen bleibt immer das Dilemma, daß viele Begriffe unserer Sprache bereits interpretativ sind und ein bürgerlich geprägtes Verständnis der Vergangenheit transportieren.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) Kant gilt heute fälschlicherweise vielen als Begründer einer Theorie von der realen Existenz eines Raum-Zeit-Universums. Er vertrat hingegen die Auffassung, daß man über die Realität an sich nichts aussagen könne. Die Begriffe der Dinge seien bloß Gedachte &#8211; Begriffe ohne Gegenstand (Noumena). Kants Empiriebegriff weicht von dem heute üblichen ab. Für Kant hatten Raum und Zeit »empirische Realität«, womit gemeint war, daß sie uns lediglich als Realität erscheinen. Tatsächlich aber existieren sie nur »für uns«.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) G. J. Whitrow, »Die Erfindung der Zeit«, Hamburg 1991, S. 20/21.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) Vgl. ebenda, S. 21. Whitrow beschreibt detailliert die historisch unterschiedlichen Arten des Zeitsinns. Er spricht indes unterschiedslos von Reflexion, ohne zwischen verschiedenen Denkformen zu unterscheiden. Eine warenformkritische Position kann sich damit aber nicht begnügen. Sie muß die vornehmlich von Psychologen und Ethnologen angestoßene Debatte über Denkformen mitaufgreifen und die Genesis des abstrakt-logischen und theoretischen Denkens mit zum Gegenstand machen. Eine anschauliche Zusammenfassung des derzeitigen Forschungsstandes auf diesem Gebiet bietet Isolde Demele in »Abstraktes Denken und Entwicklung &#8211; Der unvermeidliche Bruch mit der Tradition«, Frankfurt 1988.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) »Insbesondere Drogen oder längere Aufenthalte in einer kalten, dunklen Umgebung, in der keine Uhr zur Verfügung steht, können diese Wahrnehmung empfindlich verzerren« (Whitrow, ebenda, S. 20).</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) Ebenda</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) Ebenda</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) Elias, Norbert: Über die Zeit, Frankfurt 1984, S. B.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">13</a>) Ebenda, S. 5. Norbert Elias scheint die Thesen seines Zeitgenossen Sohn-Rethel über den Zusammenhang von Warenform und Denkform entweder nicht gekannt oder sie verworfen zu haben, was insofern nicht verwunderlich wäre, als er sich in seinen Werken immer schon vorwiegend auf der phänomenologischen Ebene bewegte (siehe dazu weiter unten R. W. Müller).</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>) Whitrow, The Natural Philosophy of Time, 2. Aufl., Oxford 1980, S. 174 ff.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q13">15</a>) R. W. Müller: Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike, Frankfurt (Main)/New York, 1981.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) Ebenda; Kurzdarstellung vor dem Vorwort.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) Vgl. ebenda, 5.134 ff.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) Im Gegensatz zu rudimentären Mengenbestimmungen über konkret-sinnliche Verknüpfungen. Siehe dazu die übemächste Fußnote.</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">19</a>) Anders ausgedrückt: Der Wert muß noch nicht »zu sich selbst gefunden« haben, was bekanntlich erst mit der kapitalistischen Warenproduktion der Fall ist. Die hier dargestellten Thesen werden vielfach von marxistischer Seite verworfen, weil die genannten gesellschaftlichen Ausdrucksformen, die sogenannten bürgerlichen, erst der kapitalistischen Ökonomie zugeschrieben werden. Demnach muß das abstrakt-logische und theoretische Denken seinen Ursprung anderen Ereignissen oder eigenständigen Gehirnleistungen zu verdanken haben. Besonders interessant ist an Müllers Analyse gerade die gelungene Darstellung der Gemeinsamkeiten und Differenzen, die sich aus der Tauschökonomie und deren besonderen historischen Ausprägungen ergeben.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">20</a>) Mengenangaben wurden in vorbürgerlichen Gemeinwesen, soweit bekannt, in sinnlich erfahrbaren Gegenständen angegeben, häufig mittels der Behältnisse oder Körperteile, die sie bargen: »Handvoll«, »Karaffe«, »Sack«, »Amphore«, »Schiffsladung«, »Faß« (barrel, barrel), »Schürze«, »Beutel« etc. Bei manchen (teilweise) entzifferten symbolischen Schriften konnte festgestellt werden, daß Mengenangaben gemeinsam mit dem Bezugsgegenstand jeweils durch ein eigenes Symbol dargestellt wurden. Es bedurfte daher sehr vieler verschiedenartiger Symbole, um Mengen unterschiedlicher Natur ausdrucken zu können.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Vgl. Whitrow, ebenda, S. 170.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">22</a>) Vgl. ebenda, S. 169</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">23</a>) Arnold Wagemann, zit. in Isolde Demele: Abstraktes Denken und Entwicklung. Der unvermeidliche Bruch mit der Tradition, Frankfurt/M., S. 7 f.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">24</a>) Ebenda</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">25</a>) Für die »verspäteten« Staaten, die mit Brachialgewalt den Anschluß an die westlichen Industrienationen schaffen wollten oder zu müssen meinten, wurde die Zeitdisziplinierung zu einer existenziellen Frage. Daher lesen sich die Berichte über entsprechende Maßnahmen wie schauerliche Gruselromane. Selbst vor der Todesstrafe für »Zuspätkommen« schreckte man zeitweise unter dem »Licht der Welt«, J. W. Stalin, in der Sowjetunion nicht zurück.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">26</a>) Stefanie Böge: Die Auswirkungen des Straßengüterverkehrs auf den Raum &#8211; Die Erfassung und Bewegung von Transportvorgängen in einem Produktlebenszyklus. Diplomarbeit am Fachbereich Raumplanung der Universität Dortmund, Juni 1992. Auszug in Psychologie Heute, Mai 1994, S. 30. In der Zeitschrift Stern erschien hierzu ebenfalls eine spektakulär aufgemachte Reportage.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">27</a>) Sascha Kranendonk, Stefan Bringezu: Major material flows associated with orange juice consumption in Germany. Fresenius Environmental Bulletin, Vol. 2 No. 8, August 1993. Abdruck in Friedrich Schmidt -Bleek »Wieviel Umwelt braucht der Mensch. MIPS &#8211; Das Maß für ökologisches Wirtschaften. Auszug in Psychologie Heute, Mai 1994, S. 25. In den zugrundeliegenden Aufsätzen geht es nicht nur um eine Kritik an den zurückgelegten Strecken, sie enthalten auch eine Bewertung dessen, was nützlich, verträglich oder eben schädlich sei. Ich möchte nicht unbedingt auf Orangensaft verzichten müssen, plädiere aber für eine möglichst ökorationale Produktion und Distribution.</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">28</a>) vgl. Der Spiegel 2/1993, S. 107</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q28">29</a>) Winfried Wolf, »Clockwork Orange &#8211; Die Schranke Kapital &#8211; Zwei Arten moderner Zeiten«, Sozialismus, 22.4.93 »Thema«.</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) ebenda</p>
<p><a name="31"></a><a href="#q31">31</a>) Die Argumente der von Wolf kritisierten Konservativen sind im Grunde nicht falsch. Sie entsprechen der Kapitallogik, die nicht einfach per idealistischem Willensentscheid außer Kraft gesetzt werden kann. Wolfs alternatives »Zahlenwerk« ist in sich nicht schlüssig, was hier aber nicht weiter aufgerollt werden soll. Nur soviel: Würde man die 3 Billionen DM auf 80 Mio. Deutsche aufteilen, dann stünden jedem Bürger 37.500 DM zu. Das reicht einer Familie gerade mal knapp, um ein Jahr zu überstehen. Würde im übrigen das jetzt weitgehend spekulativ angelegte Geld wirklich anders verteilt und dadurch ausgeben, käme es stante pede zu einer Hyperinflation und die ganze schöne Kaufkraft wäre dahin. Wie gewonnen, so zerronnen.</p>
<p><a name="32"></a><a href="#q32">32</a>) Experimente dieser Art hat es sowohl auf lokaler als auch auf regionaler Ebene in den Krisenzeiten der 20er und 30er Jahre in den kapitalistischen Ländern gegeben. Ähnliches trifft auf die Anfangsphase der Sowjetunion zu. Sie alle entpuppten sich als kurzlebige Krisenlösungsversuche, die schnell wieder im Geld mündeten. Die heutigen LET-Systeme, wie sie insbesondere in England praktiziert werden, erfassen nur reduzierte Bereiche der Reproduktion und alimentieren sich immer noch existentiell mittels individuellem Gelderwerb.</p>
<p><a name="33"></a><a href="#q33">33</a>) Wolfgang Sauer, im Arbeitsheft »Entwicklung braucht Entschuldung« des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Freiburg, 1994.</p>
<p><a name="34"></a><a href="#q34">34</a>) Die Schreibweise von Re-Produktion mit Bindestrich soll deutlich machen, daß hier nicht nur der Lebenserhalt durch Konsum angesprochen ist, wie der Begriff Reproduktion häufig meint, sondern die Totalität aller Lebensäußerungen einer Gesellschaft, also auch die Produktion und andere Sphären.</p>
<p><a name="35"></a><a href="#q35">35</a>) Daß die Menschen sich ernähren und durch angemessene Kleidung und Überdachung vor widrigen Umwelteinflüssen schützen müssen, kann als natürliche Konstante angenommen werden. Wie dies jeweils bewerkstelligt wird, hängt ausschließlich von der gesellschaflichen Form ab. Insofern schließt eine Kritik der Warengesellschaft auch die Kritik der heute herrschenden Bedürfnisse ein. Über die Bedürfnisse einer zukünftigen, nicht warenförmig gestalteten Gesellschaft läßt sich in der Hauptsache nur sagen, daß sie einerseits noch aus der vorhergehenden Gesellschaft »ererbte« Komponenten aufweisen und andererseits zunehmend durch die Möglichkeiten einer bewußt und gemeinsam gestalteten Re-Produktion bestimmt sein werden. Eine kommunistische Gesellschaft läßt sich erst realisieren, wenn ein großer Teil der Menschen die eigene Bedürfnisstruktur und -befriedigung in Frage gestellt hat. Bedürfnissen Attribute wie »sinnvoll« oder »falsch« beizumessen, bleibt heute ein schweres Unterfangen, da es sich dabei in erheblichem Maße auch um individuelle, subjektiv-moralische Anschauungen handelt.</p>
<p><a name="36"></a><a href="#q36">36</a>) Aus dieser Darstellung möge man bitte nicht schließen, ich sei ein Apologet der Großfamilie oder des Gemeinschaftssuhlens in kollektiven Kommunardenräumen. Sicher wünsche ich mir neue Gemeinschaftsformen, bestehe aber auf der Möglichkeit zur Privatheit.</p>
<p><a name="37"></a><a href="#q37">37</a>) Die gnadenlos naiven Forderungen manch ethisch und ökologisch rnotivierter KritikerInnen, die die Natur durch ihre »Ökonomisierung« retten wollen, treiben einem die Tränen in die Augen. Als wäre die Marktwirtschaft nicht unablässig dabei, eben dies zu tun. Die heutige Naturzerstörung resultiert ja gerade aus der Ökonomisierung aller gesellschaftlichen und natürlichen Gegebenheiten.</p>
<p><a name="38"></a><a href="#q38">38</a>) Dort wo moderne Technologie eingesetzt wird, muß sich natürlich auch der Rhythmus einer zukünftigen Gesellschaft in begrenztem Maße auf deren Geschwindigkeit einstellen. Doch dies wäre etwas anders, als die ständige Unterwerfung unter das Diktat der Beschleunigung. Handlungsdruck geht auch von der tickenden Zeitbombe enormer ökologischer Erblast aus, deren Entschärfung keinen »Zeitaufschub« duldet. Insofern wird es so schnell keinen vollständig selbstbestimmten Lebensrhythmus geben können. Daß der Lebensrhythmus auch durch die natürliche Umwelt mitgeprägt wird, versteht sich von selbst.</p>
<p><a name="39"></a><a href="#q39">39</a>) Dies mag ein wenig nach abgestandener realsozialistischer Propaganda klingen, doch darum geht es natürlich nicht. Wenn es der »realsozialistische Mensch« nur zur Karikatur eines »umfassenden neuen Menschen« gebracht hat, sich also nicht wesentlich von seinen westlichen Mitbürgern unterschied, dann liegt das in erster Linie daran, daß der Realsozialismus eine Variante bürgerlicher Warenökonomie war, und er deshalb strukturell mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatte wie der Westen; dies allerdings auch noch auf weitaus niedrigerem Produktivkraftniveau.</p>
<p><a name="40"></a><a href="#q40">40</a>) Es gehört zu den Schauerlichkeiten der Marktwirtschaft, auch dem Gedankengut durch Patentierung einen Preis zu verpassen, um seine Verbreitung an nicht zahlungskräftige Interessenten zu verhindern. So blockiert man mitunter auch die Einführung naturverträglicher Technologien, sollten sie ein ernste Gefahr für den Absatz schädlicher Produkte darstellen.</p>
<p><a name="41"></a><a href="#q41">41</a>) Marx scheint sich selbst nicht ganz schlüssig gewesen zu sein. Er identifizierte zwar meines Wissens nicht explizit die »notwendige Zeit« mit der bürgerlichen Sphäre der »Arbeit«, also mit der besonderen historischen Form gesellschaftlicher »Zeitverausgabung« im Kapitalismus, und die »disponible Zeit« mit »Freizeit«, wie viele nach ihm verfahren sind. Die Ambivalenz der Marxschen Behandlung dieses Problems läßt durchaus andere Interpretationen zu, als sie etwa Engels, Lenin oder Gorz herauslesen, die von der Unaufhebbarkeit der Dichotomie von »notwendiger« und »disponibler Zeit« ausgehen.</p>
<p><a name="42"></a><a href="#q42">42</a>) Das notwendige Universalisieren der geistigen Potenzen bringt der kapitalistischen Wirtschaftsweise erhebliche Reproduktionsprobleme. Diese »Lernsphäre« muß finanziert werden, während zugleich die produzierte Wertmasse schrumpft und mit ihr die Finanzierungsquelle versiegt.</p>
<p><a name="43"></a><a href="#q43">43</a>) Vgl. Andre Gorz: Wege ins Paradies, Berlin 1986; Kapitel »Das Notwendige und das Fakultative«, S. 89 ff.</p>
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		<title>Arbeit und Wahn I</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
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		<description><![CDATA[erschienen in: Karoshi &#8220;Sie proklamieren das Recht auf Arbeit als ein revolutionäres Prinzip. Schande über das französische Proletariat! Sklaven nur sind einer solchen Erniedrigung fähig. 20 Jahre kapitalistischer Zivilisation müßte man aufwenden, um einem Griechen des Altertums eine solche Entwürdigung begreiflich zu machen!&#8221; &#8212; Paul Lafargue 1883 über die Revolution von 1848 Gaston Valdivia Ein [...]]]></description>
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<blockquote><p><em>&#8220;Sie proklamieren das Recht auf Arbeit als ein revolutionäres Prinzip. Schande über das französische Proletariat! Sklaven nur sind einer solchen Erniedrigung fähig. 20 Jahre kapitalistischer Zivilisation müßte man aufwenden, um einem Griechen des Altertums eine solche Entwürdigung begreiflich zu machen!&#8221;</em> &#8212; Paul Lafargue 1883 über die Revolution von 1848</p></blockquote>
<p><em>Gaston Valdivia</em></p>
<p><a name="q1"></a>Ein Geschrei geht um die Welt: Wir wollen Arbeit, wir wollen Arbeit! Brave ArbeiterInnen und Angestellte werden unversehens radikal. Sie stürmen Konzernzentralen, besetzen Banken, blockieren Autobahnen, zertrümmern Mannschaftswagen und werfen mit Steinen nach PolizistInnen, als sei ihnen plötzlich die untertänige Biederkeit abhanden gekommen. Doch was so radikal eingeklagt wird, ist mehr als kläglich: Fern davon, das bedrohliche Gespenst zu sein, das einst die KapitalistInnen in Angst und Schrecken versetzte, flehen sie ihren Klassenfeind um Arbeit an. Beutet uns aus, erniedrigt uns, zerstört unsere Gesundheit, macht mit uns, was ihr wollt, aber gebt uns um Himmels willen Arbeit, lautet die message der modernen SklavInnen. Daß sich bei so viel Erniedrigung der Rest der Gesellschaft nicht kollektiv übergibt, sondern vielmehr Beifall spendet, läßt sich nur verstehen, wenn man die Durchsetzungsgeschichte dieser merkwürdigen Universalplage betrachtet, die sich derzeit so viele Menschen an den Hals wünschen. Ihre Geschichte liest sich als endlose Aneinanderreihung von Grausamkeiten, Verstümmelungen, geistiger und materieller Armut, Disziplinierung, langsamer und schneller Tode, wovon der plötzliche Arbeitstod und Herzinfarkt nur mehr die originellere moderne Variante darstellen. Es verwundert daher kaum, daß ihr Begriff etymologisch ausschließlich auf Negativbestimmungen verweist: Arbeit von ,arbejioiz&#8217;, im Germanischen die Mühsal, wiederum hergeleitet von dem germanischen Verb ,arbejo&#8217;, soll heißen &#8220;bin verwaistes und daher aus Not zu harter Tätigkeit gezwungenes Kind.&#8221; Die Arbeit im Lateinischen, ,laborare&#8217;, gleichbedeutend mit Mühe, Anstrengung, oder &#8220;das Wanken unter einer Last&#8221;. Und noch im Neuhochdeutschen drückt man im zusammengesetzten Begriff ,Mordsarbeit&#8217; den Sachverhalt recht treffend aus.(<a href="#1">1</a>) Die Sklaverei wurde verboten, Mord und Folter sind geächtet und werden verfolgt; man bekämpft die Armut &#8211; aber wie steht es mit der Arbeit? Es ist doch seltsam, daß sie, die häufigste unnatürliche Krankheits- und Todesursache bis heute ganz und gar frei ausgeht. Sie scheint in und um uns so omnipräsent geworden zu sein, daß sie als unhinterfragbares Naturphänomen wahrgenommen wird, das sich genauso wenig beseitigen läßt wie ein Herbststurm oder eine todbringende Dürre. Für die schaffenskräftigen Bürger alleinige Existenzberechtigung und Daseinsform schlechthin, ist sie für das betende Volk darüber hinaus göttliche Bestimmung.</p>
<h4><span id="more-317"></span>Von der Tätigkeit zur Arbeit</h4>
<p><a name="q2"></a><a name="q3"></a>Ein kurzer Ausflug in die Geschichte hilft, den Ursachen des kollektiven Arbeitswahns auf die Spur zu kommen. Daß Menschen schon immer die Natur zu ihren Zwecken umgeformt haben, ist banal und braucht nicht weiter betont zu werden. Daß es sich dabei schon immer um Arbeit gehandelt haben soll, wie heute von links bis rechts kolportiert wird, bestreiten wir dagegen energisch. Die ursprüngliche ,Umformung der Natur&#8217; durch Menschenwesen bildete eine unentwirrbare Synthese von körperlichen, geistigen, kultischen und fetischhaften Äußerungen, die eine von ihnen abgetrennte, eigenständige Sphäre der Arbeitstätigkeit weder kannte noch zugelassen hätte. Die allgemein üblichen Reproduktionstätigkeiten vollzogen sich in der Regel in einer gemächlichen, dem jeweiligen Lebensrhythmus weitestgehend angepaßten Atmosphäre. Fehlendes künstliches Licht, Wechsel der Jahreszeiten und die Launen des Wetters beschränkten die Betätigungen auf natürliche Weise. Mit dem Aufkommen der monotheistischen Religionen sollten zahllose Feiertage den Tätigkeitsspielraum noch weiter einschränken. Erstmals mit der Sklaverei in den sogenannten frühen Hochkulturen entstanden gesonderte Produktionsbereiche, in denen die Unterjochten zu dauerhaften und einseitigen Tätigkeiten in Bergwerken, bei der Erbauung von Kultstätten, an den Rudern der Galeeren und ähnlichem verdammt wurden. Doch der Großteil der Unfreien, zumeist Haus- und LandsklavInnen, betätigte sich in der Regel &#8211; nicht anders als die Freien &#8211; auf vielfältigste Art und Weise und pflegte seine oder die Bräuche seiner Herrschaften. Soweit in der Sklaverei und zum Zweck militärischer ,Massenproduktion&#8217; Tätigkeiten entstanden, die ihrer Form nach die Arbeit schon antizipierten, unterlagen sie der allgemeinen Verachtung und galten als sklavisch, erniedrigend, leidvoll und geistlos. Im letzten Jahrhundert vor Christus besang der griechische Dichter Antiparos deshalb begeistert die Erfindung der Wassermühle, die die Mädchen vom Getreidemahlen befreite: &#8220;Laßt uns leben das Leben der Väter, und laßt uns der Gaben arbeitslos.(<a href="#2">2</a>) uns freu&#8217;n, welche die Göttin uns schenkt.&#8221;.(<a href="#3">3</a>)</p>
<h4>Befreiung in der Arbeit</h4>
<p>In den antiken Stadtstaaten noch inzipient und marginal, kamen im Mittelalter einige auf den Warentausch ausgerichtete Tätigkeiten auf, die sich ganz allmählich aus der üblichen Lebensgestaltung herauslösten und sich nach den langsam aufkommenden Marktgepflogenheiten zu modellieren begannen. Auch die fürstliche Berufung zu besonderer, mit barer Münze entgoltener Tätigkeit kann ihrem Wesen und ihrer Form nach als eine der ersten Arbeiten gelten. Doch die religiösen Feudalstrukturen mit ihren Bräuchen, sittlichen und moralischen Maßstäben, ihren großen Familienverbänden sowie die allgemeine Verachtung der &#8220;leidvollen, sklavischen Tätigkeiten&#8221; und des Gelderwerbs setzten der Produktion für das Marktgeschehen enge Grenzen und blockierten so einen Aufbruch in die Zukunft der Arbeit. Das war so gar nicht nach dem Geschmack der geldorientierten Vorhut aus Kaufleuten, HandwerkerInnen, bezahlten Scharlatanen und nicht zuletzt zahlreicher Feudalherren selbst, die eine Ausdehnung der Tätigkeit für den Warentausch gern gesehen hätten.</p>
<p>Bevor die feudalistischen Hindernisse mit Waffengewalt aus dem Weg geräumt werden konnten, mußten all die leidvollen Tätigkeiten vom negativen Image befreit und im Gegenzug Verschwendungssucht, unproduktiver Müßiggang und simple Geldabpressung verdammt werden. Gott sei&#8217;s gedankt, ein stimmgewaltiger bärtiger Mann namens Luther trat auf die Geschichtsbühne und führte diesen ideologischen Kampf an. Der Protestantismus war geboren und mit ihm die Religion der gottgefälligen ,arbejioiz&#8217;, der &#8220;Mühsal, Not, die man leidet oder freiwillig übernimmt&#8221;. Nur wer selber leidet (arbeitet), sollte Gottes Segen zu spüren bekommen und ein Recht auf Nahrung haben, so das lutherische Credo für die künftige bürgerliche Arbeitswelt. Das Werterad drehte sich, drückte Geist, Frohsinn, Verschwendung und Muße in den Staub und ,adelte&#8217; die aufkommende Arbeit. Angepaßter Lebensrhythmus wandelte sich allmählich zu kostbarer Arbeitszeit und Untätigkeit zu verschwendeter Zeit. &#8220;Der Protestantismus, diese den neuen Handels- und Industriebedürfnissen der Bourgeoisie angepaßte Form der Kirche, kümmert sich wenig um die Erholung des Volkes; er entthronte die Heiligen im Himmel, um ihre Feste auf Erden abschaffen zu können&#8221;, pointierte der erklärte Arbeitsfeind Paul Lafargue diesen Sachverhalt (ebenda, S. 33).</p>
<h4>Geld zu Arbeit, Arbeit zu Kapital</h4>
<p><a name="q4"></a>Doch der eigentliche Durchbruch der Arbeit kam erst mit der ,Idee&#8217;, das Geld durch bezahltes fremdes ,Leiden&#8217; zu vermehren. Altar und Tausch verschmolzen zur Ideologie der Marktwirtschaft, die dieser neuen Gepflogenheit Sinn und Segen gab. Geld zu Arbeit und Arbeit zu Kapital. In den manufakturellen Laboren der ,Geldproduktion&#8217; bewährte sich alsbald die Lohnarbeit als lebendige Triebkraft eines unaufhaltsam akkumulierenden und expandierenden Kapitals. Die französische Revolution schaffte endlich den adäquaten rechtlich-institutionellen Rahmen, um die kapitalistische Akkumulation so richtig in Gang zu bringen. Sie &#8220;befreite nun die Arbeiter vom Kirchenjoch, um sie um so strenger unter das Joch der Arbeit zu spannen&#8221;, so Lafargue (ebenda, S. 33 ). Von den alten Hindernissen befreit, konnte jetzt so richtig die grausame Zurichtung von Mensch und Gemeinschaft auf die Erfordernisse des marktwirtschaftlichen Äquivalenzprinzips und des monotonen Arbeitslebens beginnen. Zuchthäuser, Schulen, Arbeitsstätten, Industrieschulen, Klerus und Militär peitschten Zeitsinn und Disziplin ein.(<a href="#4">4</a>) und exorzierten Muße und unbekümmerten Genuß. Die Arbeit entfaltete und universalisierte sich, produzierte die Gesellschaft als einen Zusammenhang indirekt vergesellschafteter Subjekte und richtete sich schließlich ihrer Form nach als eigenständige Sphäre in ihr ein. Die neue Welt war gespalten in Privatheit und Öffentlichkeit und brachte weitere Sphären wie Recht, Politik, Ordnungsmacht, Gesundheit, Ökonomie etc. hervor, die der Gewährleistung der Arbeitsverwertung dienten. Den Großteil der Tageszeit an besondere Arbeiten gefesselt, mußten sich andere um die allgemeinen Angelegenheiten kümmern, deren Bewältigung sich alsbald selbst in die Form partikularer, ungesellschaftlicher Arbeit goß. Arbeitszeiten, die jedem und jeder antiken SklavIn einen Schauer über den Rücken gejagt hätten, machten es den ArbeiterInnen unmöglich, sich ihren Lieben und sich selbst in Muße zu widmen. Die bürgerliche Rollenzuschreibung feierte fröhliche Urständ: Sie degradierte die Frau zur häuslichen Sklavin für die Arbeitskraftreproduktion des Mannes und zu dessen seelischem Mülleimer; sie erfand die hingebungsvolle, liebende Gattin und Mutter und nannte dies natürliche Bestimmung. Verdammt zur grausamen Einsamkeit des individuellen Gelderwerbs, standen sich nun mehr und mehr Menschen als unversöhnliche Konkurrenten um Existenzrechte gegenüber, objektiv voneinander getrennt, nur für sich zuständig und verantwortlich. Die Glaubensgewißheit und festgefügte Ordnung des Feudalismus mußte einer neuen, allgegenwärtigen und permanenten existenziellen Verunsicherung weichen.</p>
<h4>Sozialismus, die Fortsetzung des Protestantismus mit anderen Mitteln</h4>
<p><a name="q5"></a>Was Kirche und Bourgeoisie begonnen, setzte die Arbeiterbewegung mit unausgesetztem Impetus fort. Gegen ihre Ausbeutung führte sie nun einen säkularisierten Protestantismus in Gestalt der sozialistischen Ideologie ins Feld. Opfer der kollektiven Vergeßlichkeit, konnte sie sich ein Leben jenseits der Arbeit nicht vorstellen. Folgerichtig sollten lediglich die KapitalistInnen abgeschafft werden, um der Arbeit den Ausbeutungscharakter zu nehmen und sie weniger leidvoll gestalten zu können. Wieder fanden sich Geist und Intellekt, Muße und Schlendrian an den Pranger gestellt und jede unproduktive Arbeit geächtet. Es verwundert deshalb nicht, daß sich die Arbeiterschaft, diese &#8220;selbst nur besondere Existenzweise des Kapitals&#8221; (Marx, MEW 23, S. 353), samt ihrer geistigen Führung, bevorzugt auf jene Aussagen von Marx und Engels beriefen, die ihre arbeitsethischen Vorstellungen untermauerten. Nur wenige wollten oder konnten die Marxsche Ambivalenz hinsichtlich der Kategorie der Arbeit erkennen. Auch wenn er von der Arbeit als &#8220;ewiger Naturnotwendigkeit&#8221; sprach, so war doch zumindest klar, daß er damit nicht die Lohnarbeit meinte. Diese wollte er eindeutig abgeschafft sehen: &#8220;Es ist eins der größten Mißverständnisse, von freier, gesellschaftlicher menschlicher Arbeit, von Arbeit ohne Privateigentum zu sprechen. Die ,Arbeit&#8217; ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, von Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebug der Arbeit gefaßt wird&#8221;.(<a href="#5">5</a>)</p>
<p>Die unermüdlich voranschreitende Arbeitsverwertung brachte bald mächtige Industrienationen hervor, hinter denen immer mehr Regionen der Erde zurückblieben und zu kolonialen Plünderungsreservoiren herabgedrückt wurden. Gewaltige Revolutionen erschütterten den Globus und konstituierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sozialistische Staaten, die fortan danach trachteten, Anschluß an die entfesselte und unermeßliche Reichtumsproduktion der kapitalistischen Mächte zu bekommen. Eine nachholende, beschleunigte Akkumulation wurde in Gang gebracht, die der ursprünglichen hinsichtlich Grausamkeit bei der Durchsetzung von Lohnarbeit und Zeitdisziplin in nur wenigem nachstand. Abermillionen Menschen wurden aus der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft herausgerissen, um als LohnarbeiterInnen die aus dem Boden gestampften Fabriken zu alimentieren. &#8220;Der russische Mensch ist ein schlechter Arbeiter im Vergleich mit den fortgeschrittenen Nationen (&#8230;). Arbeiten lernen &#8211; diese Aufgabe muß die Sowjetmacht dem Volk in ihrem ganzen Umfang stellen&#8221;, so der verzweifelte Lenin, der angesichts der drückenden Notwendigkeiten und dem Zustand seiner real existierenden Völkerschaften allmählich seine Hoffnungen auf eine kommunistische Zukunft dahinschwinden sah. Auch diesmal bedurfte es einer Religion, um dem Ganzen Sinn und Zukunftsaussicht zu geben. Wie einst Luther, setzte Stalin eine Religion der Arbeit in die Welt, die als ,Marxismus-Leninismus&#8217; in die Geschichte eingehen und von zahllosen &#8220;Zuspätgekommenen&#8221; übernommen werden sollte.</p>
<h4>Moderne Arbeitswelt</h4>
<p>Aufgrund von technischen Errungenschaften und einer fortgeschrittenen Arbeitszerlegung konnte den vereinseitigten ArbeiterInnen bald ihr stählernes &#8220;Ebenbild&#8221; zur Seite gestellt werden. Folgerichtig schmückte man diese mechanischen ArbeiterInnen mit dem russischen Namen ihrer lebendigen Vorbilder: Roboter, hergeleitet von ,Knecht&#8217;, ,Diener&#8217; oder ,Sklave&#8217;. Industrielle Automation, rasant wachsender stofflicher Reichtum und schließlich wachsende KonsumentInnenheere, die bedient werden wollten, erforderten immer neue, qualifiziertere Arbeiten, verlangten nach Bildung, Wissenschaft und Forschung. Immer weiter fächerte sich die Arbeitswelt in Spezialgebiete auf und hinterließ dennoch gewaltige Residuen von Monotonie, Einseitigkeit und körperlicher Plackerei. Doch wie immer ihre gesellschaftlichen Durchgangsstadien bezeichnet werden mögen, als ,tayloristisch&#8217;, ,tertiär&#8217;, ,modern&#8217; oder ,postmodern&#8217; etwa; ob die Menschen geistig oder manuell tätig waren und sind, ob lohnabhängig oder selbständig; ob sie als ManagerIn oder LehrerIn ihr Dasein fristen; ob sie sich zur Arbeit berufen fühlen oder diese lediglich als lästigen Job begreifen: An Doppelcharakter und Unbedingtheit der Arbeit hat sich substantiell nichts geändert. Als abstrakte konstituiert sie jene Form indirekter Vergesellschaftung, die sich unabhängig vom individuellen Willen hinter dem Rücken der ProduzentInnen durchsetzt und beständig unverrückbare Sachzwänge erzeugt. Den Einzelnen oktroyiert sie sich als einzig mögliche Art der Existenzsicherung und hält sie in ihrem jeweiligen Arbeitsmikrokosmos gefangen. Sie zwingt sie so dazu, sich als unversöhnliche Konkurrenzsubjekte auschließlich um das eigene Fortkommen zu bemühen, immer nur für sich selbst verantwortlich und deshalb für andere prinzipiell nicht zuständig. Sie hat sich zum &#8220;automatischen Subjekt&#8221; (Marx) über die Menschheit erhoben und bestimmt deren Geschicke. Moral, Ethik und Ideologie fungieren als Sinnstifter und notwendiges Korrektiv für die dieser &#8220;phantasmagorischen&#8221; (Marx) Gesellschaftsform innewohnenden automatischen Vernichtungslogik. In ihrer konkreten Gestalt ist sie Lebenssinn und Plage zugleich. Sie verlangt nach Identifikation und stößt zugleich beständig ab. Sie nimmt den größten Teil der Lebenszeit in Beschlag und drückt auch dort, wo sie nicht wertproduktiv ist, ihren Formstempel auf. Ob im Bodybuildingstudio, im Hobbykeller, unter gleißender Sonne oder im Haushalt, nahezu überall dominieren ihre Maßstäbe. Ehrgeiz, Ausdauer, Selbstdisziplinierung, Motorikrationalisierung, Hetze, Leistungswahn und Äquivalenzdenken steuern selbst die intimsten Lebensäußerungen. &#8220;Gib mir deinen Saft, ich geb dir meinen&#8230;&#8221; besingen die ,Fantastischen Vier&#8217; den modernen Äquivalenz- und Leistungssex. Statt Muße herrscht Ruhe als Mittel der Regeneration, und Faulheit stellt nur die unproduktive Kehrseite der Arbeit dar. Und was macht der inzwischen vielbeschworene bewußte Genußmensch, der Hedonist? Er wähnt sich frei und individuell, weil er die Markt- und Arbeitszwänge &#8220;genüßlicher&#8221; als seine Konkurrenten exekutiert. Der moderne Arbeitsmensch ist einsichtig und treibt sich zumeist selber an. Peitsche und radikale Arbeitsideologien haben ausgedient. Am meisten stört ihn, so die Umfragen, wenn andere weniger arbeiten als er und sollten ein Kollege oder eine Kollegin morgens zu spät zur Arbeit erscheinen, schallt ihnen, zumindest in Deutschland, unüberhörbar das kollektiv ausgerülpste &#8220;Mahlzeit!&#8221; entgegen.</p>
<h4>Aufhebung oder Barbarei</h4>
<p>Widerspruch gegen verschiedene Momente der Arbeit hat es immer gegeben. Doch erst Marx legte eine umfassende Kritik ihres Wesens und der von ihr erzeugten Totalität vor, die, wie oben angeführt, von seinen Jüngern und Jüngerinnen schnell zurechtgestutzt und schließlich begraben wurde. Heute überwiegt eine Kritik, die diesen Namen nicht verdient hat. Durch Umgestaltungen und Bereicherungen sollen die Sinnhaftigkeit der Arbeit bestärkt und die Moral hochgehalten werden. Durch Flexibilisierung und Verkürzung wird versucht, sie auf möglichst viele Köpfe zu verteilen und zugleich ihren Effizienzgrad zu erhöhen. Ein ganzer Arbeitskosmos aus Arbeitssphäre, existenzieller Arbeitsabhängigkeit, Arbeitsethik wie Arbeitssozialisation hält die Mehrzal der Menschen bisher in ihrem Arbeitswahn gefangen und hindert sie daran, ihm auch nur gedanklich zu entfliehen. Die mit der Wohlstandsgesellschaft eingetretenen partiellen Einbrüche in Arbeitsethik und -moral, die als Basis für eine Kritik der Arbeit unbedingt zu begrüßen waren und sind, geraten unter dem Druck der anschwellenden Arbeitslosenheere in den Hintergrund und scheinen sich ganz zu verflüchtigen. Ketzerisches haftet ihnen an. Selbst den freudigsten ArbeitsverächterInnen vergeht derzeit die Stänkerlaune.</p>
<p><a name="q6"></a>Dabei sind die Bedingungen für eine fundamentale Kritik der Arbeit so günstig wie noch nie, denn der Kapitalismus hat definitiv mit seiner Selbstuntergrabung begonnen, indem er, von der mikroelektronischen Revolution angetrieben, sowohl die wertproduktive abstrakte wie die konkrete Arbeit in all ihren Varianten sukzessive abschafft. Die Arbeit hat ihre ,zivilisatorische Mission&#8217; erfüllt, insofern sie mit ihrer ungeheuren technischen und geistigen Produktivkraft den Grundstein für die Möglichkeit einer müßigen, kreativen, in selbstgewähltem Rhythmus vollzogenen und von allen bewußt geplanten, direkt gesellschaftlichen Lebensgestaltung gelegt hat. In dieser Hinsicht und nur in dieser, kann sie ex post als ein historisch notwendiges und progressives Durchgangsstadium gelten..(<a href="#6">6</a>)</p>
<p><a name="q7"></a>Da die in Gang gesetzte kapitalistische Dynamik immer nur weiter in eine moderne Barbarei treibt und keineswegs in die von uns gewünschte, mögliche sonnige Zukunft, geht es nun mehr darum, das begonnene Werk auf eigene Weise zu vollenden, indem diese destruktive Form überwunden wird. Das kann nur heißen, die Arbeit radikal zu kritisieren und den durch Arbeit- und Tauschökonomie versperrten Zugang zu den stofflichen und geistigen Potenzen praktisch freizumachen. Soll es nicht in die Barbarei gehen, müssen der Kampf um die Definition einer &#8220;revolutionären Modernität&#8221;.(<a href="#7">7</a>) und deren energische Durchsetzung auf die Tagesordnung gesetzt werden.</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1997/arbeit-und-wahn-2">Fortsetzung</a></p>
<p><a name="1"></a>(<a href="#q1">1</a>) Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, München 1995, S. 55 ff.</p>
<p><a name="2"></a>(<a href="#q2">2</a>) Die Verwendung der Begriffe &#8220;arbeitslos&#8221; oder &#8220;Arbeit&#8221; in Texten antiker Dichter und Denker beruht im Grunde auf falschen Übersetzungen bzw. Interpretationen, die auf einer typisch bürgerlichen Übertragung des Arbeitsbegriffs in antike Sprachen und Lebenswelten beruht.</p>
<p><a name="3"></a>(<a href="#q3">3</a>) Antiparos, zit. in Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit, Frankfurt/M. 1966, Seite 32.</p>
<p><a name="4"></a>(<a href="#q4">4</a>) Die &#8220;Zeit&#8221; ist, salopp formuliert, eine &#8220;Erfindung&#8221; der bürgerlichen Arbeitsgesellschaft. Sie kommt mit der Tauschökonomie in die Welt und universallisiert sich mit der kapitalistischen Lohnarbeit. Einerseits Grundlage des Wertes, Abstraktion von konkreter Arbeit auf Zeit, wird sie andererseits erst mit der Expansion des Wertes durch Lohnarbeit zu einer &#8220;gesellschaftlichen Realkategorie&#8221;. Dialektisch: Zugleich Grundlage und Resultat des prozessierenden Kapitalverhältnisses. Zum Thema Zeitvergesellschaftung verweise ich auf meinen Aufsatz &#8220;&#8216;Zeit&#8217; ist Geld und Geld ist ,Zeit&#8217;; Von der Produktion der ,Zeit&#8217; zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion&#8221; in Krisis, Nr. 19.</p>
<p><a name="5"></a>(<a href="#q5">5</a>) Karl Marx: Über Friedrich Liszt, Berlin 1972, S. 24.</p>
<p><a name="6"></a>(<a href="#q6">6</a>) Hierin ist weder eine moralische Bewertung anderer menschlicher Gemeinschaften noch die Annahme impliziert, die historisch entstandene ,Zivilisation&#8217; samt ihrer ,Vernuft&#8217; hätte universelle Geltung oder sollte sie haben.</p>
<p><a name="7"></a>(<a href="#q7">7</a>) Der Begriff ist als Provisorium gedacht und dient zunächst der Distanzierung von den bisher üblichen sozialistischen, kommunistischen, modern bürgerlichen oder naturalwirtschaftlichen Zukunftsvisionen.</p>
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		<title>Arbeit und Wahn II</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
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		<description><![CDATA[„der eurofighter ist unsere zukunft!“ erschienen in: karoshi 2 „Es kann (&#8230;) nichts falscher und abgeschmackter sein, als auf der Grundlage des Tauschwertes, des Geldes, die Kontrolle der vereinigten Individuen über ihre Gesamtproduktion vorauszusetzen.“ &#8212; Karl Marx Gaston Valdivia Nahezu ungebrochen herrscht der volkswirtschaftliche Aberglaube, durch mehr innovative Investitionen könnte der Arbeitsgesellschaft noch einmal auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>„der eurofighter ist unsere zukunft!“</h3>
<p>erschienen in: karoshi 2</p>
<blockquote><p><em>„Es kann (&#8230;) nichts falscher und abgeschmackter sein, als auf der Grundlage des Tauschwertes, des Geldes, die Kontrolle der vereinigten Individuen über ihre Gesamtproduktion vorauszusetzen.“ &#8212; </em>Karl Marx</p></blockquote>
<p><em>Gaston Valdivia</em></p>
<p>Nahezu ungebrochen herrscht der volkswirtschaftliche Aberglaube, durch mehr innovative Investitionen könnte der Arbeitsgesellschaft noch einmal auf die Sprünge geholfen und ihr chronischer Arbeitsplatzmangel behoben werden. Zwar dringt die Tatsache ins Bewußtsein, daß Investitionen heute vorwiegend der Rationalisierung dienen und unablässig Arbeitsplatzverlust mit sich bringen, der Glaube bewahrt aber vor der tieferen Einsicht, es könne sich dabei um einen irreversiblen, globalen Prozeß handeln, dem mit Opferkerzen, Arbeitszeit- und Kostenjonglieren nicht mehr beizukommen ist. Beizukommen ist dem Glauben leider auch nur schwer und so hält sich hartnäckig das Gerücht, man habe es zwar mit einem gräßlichen, aber nur vorübergehenden Spuk zu tun. Alles wird gut!</p>
<h4><span id="more-318"></span>Die heilige Konjunktur</h4>
<p><a name="q1"></a>Folglich konzentrieren sich die Hoffnungen der um die allgemeine Volksgesundheit besorgten EntscheidungsträgerInnen und deren ExpertInnen auf die sakrosankte Konjunktur, die durch Lohn- und Lohnnebenkostensenkung, Arbeitszeitflexibilisierung, Steuerreformen und neue Branchen soweit angekurbelt werden soll, daß alsbald alle BürgerInnen wieder in den (zweifelhaften) Genuß von Arbeit kommen könnten. Obwohl die Konjunktur kaum als Indikator für Wohlstand und Arbeitsmarktlage taugt, starren die ÖkonomInnen und PolitikerInnen gebannt auf ihre Entwicklung und knüpfen ihre Heilserwartungen an sie. Man erwartet, daß mit höheren Gewinnen ausgestattete Unternehmen in Dienstleistungen, Genlabors, Hightechcenter und Umweltprojekte investieren, sich den globalen Marktbedingungen flexibler anpassen und so der Konjunktur den ultimativen Kick verpassen. Horst Afheldt merkt dazu lakonisch an: „Millionen heute Arbeitslose werden aber kaum an Genen herumfummeln”.(<a href="#1">1</a>) Anhand der Entwicklung der Arbeitsplatzentstehung und des Sozialprodukts der letzten 30 Jahre rechnet er vor, daß es bei einem steten Konjunkturwachstum von 5,5% nicht weniger als 120 Jahre dauern würde, bis die heute allein in Deutschland fehlenden 6-7 Mio. Arbeitsplätze geschaffen wären. Und das auch nur unter der Voraussetzung unveränderter Demographie und Produktivkraftentfaltung ohne Krisen, Hyperinflation und andere realiter zu erwartende Turbulenzen.</p>
<p>Die Logik ,Investitionen gleich mehr Arbeitsplätze’ hat ihre Gültigkeit im Fordismus gehabt, heute hat sie sie verloren. Je reichlicher den Unternehmungen Geldkapital zur Verfügung steht, desto rascher setzen sie ‚arbeitsfreie’ Innovationen durch. Das übrige Vermögen kann und wird ausgiebig zur spekulativen Vermehrung in die bislang recht lukrativen Geld-, Kapital- oder Devisenmärkte gepumpt. Welches klassische Unternehmen oder welcher ‚selbstverwaltete Betrieb’ wird so töricht sein, unnötige Arbeitsplätze zu schaffen, statt sich künftige Konkurrenzvorteile durch Einsatz von Hightech und lean-management zu verschaffen? Wenn sich die gesellschaftlich relevanten Kräfte also weitgehend darin einig sind, die Kosten für Arbeit zu senken, damit die daraus resultierende Ausbeute investiert werden kann, wirken sie geradezu blind an der Durchsetzung des Gegenteils ihrer arbeitsmarktpolitischen Intentionen mit. Nicht anders ergeht es den AnhängerInnen der Nachfrageschule keyensianischer Herkunft, teils in der SPD, den GRÜNEN oder Alternativkreisen beheimatet, deren Augen ebenfalls gebannt an den Konjunkturkurven haften. Durch Schaffung kaufkräftiger Nachfrage via höhere Löhne, Arbeitsumverteilung und verbesserte Transfereinkommen glauben sie der Misere besser beikommen zu können. Doch auch dieserart induzierte Gewinne werden natürlich in Rationalisierungen gesteckt und zaubern keine neuen Arbeitsplätze her.</p>
<h4>Das alternative Wunschpotpourri</h4>
<p>Auch die gutgemeinten Konzeptionen von alternativen WirtschaftswissenschaftlerInnen und SoziologInnen erweisen sich rasch als illusorisch. Gefordert werden qualitatives, angepaßtes Wachstum, drastische Arbeitszeitverkürzung und eine Vermögensumverteilung von oben nach unten. Ein starker Sozialstaat und eine zu ihrer ‚ursprünglichen’ Funktion zurückgekehrte Politik sollen dieses Programm im Verbund mit den verschiedensten gesellschaftlichen Interessensgruppen wuppen. Die aus drastischer Senkung der Arbeitszeiten bei begrenztem Lohnausgleich resultierenden Gewinne dürften nicht mehr in erster Linie den KapitaleignerInnen zugute kommen, sondern sollten der kulturellen und sozialen Betreuung des Volkes dienen, das die nun hinzugewonnene Freizeit ausfüllen müßte. Gern wird dieses Wunschpotpourri als realistische Alternative oder positive Utopie auf dem Boden der Marktwirtschaft angepriesen. Das klingt seriös und soll davor bewahren, ins Abseits linksradikaler Spinnereien gestellt zu werden.</p>
<p><a name="q2"></a>Unbekümmert wird die längst von der realsozialistischen Wirklichkeit ad absurdum geführte Vorstellung weiter transportiert, man könne den Markt durch gelenkten Einsatz von Geld und Ressourcen in den Griff bekommen und nach eigenem Gusto gestalten. Wie bei allen anderen marktwirtschaftlichen Strömungen auch, halten sie Geld für ein notwendiges und nützliches Mittel zur Ressourcenallokation und nehmen lediglich seine praktischen Funktionen, Tauschmittel, Recheneinheit und Wertmaßstab zu sein, wahr. Dabei wird gründlich verkannt, daß im Geld das chaotische wie bewußtlose gesellschaftliche Verhältnis von einander durch abstrakte Arbeit vermittelten und zugleich getrennten Individuen dinglich dargestellt ist. Geld ist daher kein bloßes Ding, das sich den eignen Wünschen gemäß als Steuerungsinstrument einsetzen ließe, sondern vielmehr die verselbständigte ‚automatische Macht’, die die Menschen zu ‚handelnden Objekten’(<a href="#2">2</a>) degradiert. Wer nun meint, die Gesellschaft über den Markt erfolgreich planen zu können, erweist sich als Opfer der bürgerlichen ,Illusion des freien Willens’, wie Marx es einmal treffend ausgedrückt hat.</p>
<p>Auch bleiben die getrennten Sphären Staat, Politik, Arbeits- und Freizeit, Recht, Ökonomie etc. in den Modellen unangetastet – sie sollen lediglich moralisch und ethisch anders besetzt werden. Die strukturell verursachte menschliche Vereinseitigung wird nur partiell kritisiert, die Arbeitsethik bleibt gänzlich unberührt. Sie erhält im Gegenteil eine vermeintlich ganz neue, realiter uralte, sinnstiftende Bedeutung. Hinzu kommt, daß alle postulierten Umverteilungsmodelle eine stabile Nationalökonomie voraussetzen und damit zwangsläufig zwischenstaatliche Konkurrenz implizieren. Nicht zufällig titelt eine aus christlich-alternativer Feder stammende Zukunftsvision ,zukunftsfähiges Deutschland’, statt beispielsweise ,zukunftsfähige Welt’. Vor dem Hintergrund schrumpfender Wertmassen läßt sich staatliche Prosperität aber nur noch zu Lasten von Weltmarktverlierern erzielen.</p>
<p>Mit erschreckender Naivität hinsichtlich Marktmacht und deren Garanten meinen die AlternativökonomInnen ihre Konzepte durch Überzeugungsarbeit, andere Wahlergebnisse, Basisinitiativen und Gewerkschaften in die Tat umsetzen zu können. Doch obwohl es sich um keine die Marktwirtschaft transzendierenden Alternativprogramme handelt, würde ihre Durchsetzung doch eine Bewegung von gewaltigen Dimensionen erfordern, wie sie sie selbst im Traum nicht erahnen. Eine solche könnte sich auch gleich gegen das ganze Kapitalbrimborium richten und ihm den Garaus machen. Man fährt ja auch nicht mit dem Bagger auf die Wiese, nur um ein einzelnes Unkräutchen zu rupfen.</p>
<h4>Die Überflüssigen müssen weg</h4>
<p>Da bisher alle Maßnahmen zur Behebung der Arbeitsplatzmisere versagen und sich kaum jemand so recht für die ‚realistischen Utopien’ alternativer Provenienz begeistern kann, gehen die EntscheidungsträgerInnen derweil pragmatisch auf dem Weg des geringsten Widerstandes vor. Der gesunde Menschenverstand suggeriert, die Arbeitskräfte seien überflüssig, nicht die Marktwirtschaft. Was also liegt näher, als den nationalen Markt von ihnen zu ‚säubern’? Beflügelt von Ausländerfeindlichkeit und rassistischen Ressentiments haben Staatsapparat und Politik das nötige Klima für die Jagd auf Nichtdeutsche und ‚fremd’ Aussehende geschaffen. Sozialdarwinistische Literatur wird wieder populärer, um die Ausgrenzungsintentionen entsprechend wissenschaftlich untermauern zu können. Gewerkschaftsbosse wie Zwickel von der IGM fordern AusländerInnenquoten, um „den Arbeitsmarkt zu entschärfen”. Jahrelange Arbeitsquarantänen für AsylbewerberInnen und zugereiste Familienangehörige sind durchgesetzt, und an der Oder ertrinken von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt die Flüchtlinge, die von Zäunen und Wächtern am Betreten deutschen Bodens gehindert werden. (Auf Zaunprozesse werden wir allerdings vergeblich warten.) Die maliziöse Visumspflicht für in Deutschland geborene Kinder von Menschen ohne deutschen Paß könnte sich künftig als nützliche Abschiebungsmöglichkeit erweisen, falls dies arbeitspolitisch sinnvoll erscheinen sollte. Auch macht sich in manchen Kreisen seit längerem die Ansicht breit, Frauen sollten wieder ihrer ‚natürlichen Bestimmung’ gehorchen und am heimischen Herd bleiben.</p>
<p>Längst schon geistert in vielen Köpfen die Frage umher, ob RentnerInnen, ,Behinderten’, SozialhilfeempfängerInnen oder Arbeitslosen überhaupt ein Existenzrecht zustehe. Sich inflationär verbreitende entsprechende Witzeleien gehören längst zur täglichen Erheiterung des tristen betrieblichen Alltags. Flankierende rechtlich-repressive Maßnahmen gegen die störenden Überflüssigen und informellen MarktteilnehmerInnen werden in atemberaubender Geschwindigkeit durchgesetzt, beklatscht vom Pressemainstream und law-and-order-BürgerInnen.</p>
<h4>Überflüssige Arbeitszeit statt Müßiggang</h4>
<p><a name="q3"></a><a name="q4"></a>Emanzipatorische Perspektiven sind nur noch jenseits von Geld und Arbeit realisierbar. Gedanklich lassen sie sich nur ausgehend von der kritischen Analyse des Bestehenden entfalten. Die Kritik an Wesen und Wirkung der Arbeit möchte ich noch um eine Kritik der Bestimmung zahlloser besonderer Tätigkeiten erweitern, die in einer direkt vermittelten Gesellschaft schlicht überflüssig wären, heute aber in gigantischem Ausmaß Zeit ‚binden’. Damit gerät das Phänomen der Zeit ins Visier,(<a href="#3">3</a>) dessen Entschlüsselung zugleich auf Möglichkeiten einer müßigen Lebensgestaltung hinweist. Zeit kann ebensowenig wie die Arbeit als überhistorische, universelle Kategorie begriffen werden, da sie als Resultat einer spezifischen Herstellung von Realität und entsprechender Denkweise dechiffrierbar ist. Im entwickelten Kapitalismus erlangt sie als Substanz der abstrakten Arbeit quasi reale Macht über die Menschen und ‚weist’ ihnen, in unterschiedlichem Maße, Herrschaft durch Verfügungsgewalt über Zeitquanta zu. Aufhebung von Geld/Arbeit bedeutet also zugleich die ‚Befreiung von der Zeit’. Zeit ‚strukturiert’ die Gesellschaft, indem sie sich in Arbeit ‚bindet’. Grob geschätzt dienen 80% der kollektiven ‚Lebensarbeitszeit’ in den westlichen Industrienationen der Erhaltung des selbstreferenziellen Prozesses der Kapitalverwertung. Mit anderen Worten, sie erfüllen einzig und allein den Zweck, die indirekte Verteilung der Waren zu gewährleisten.(<a href="#4">4</a>)</p>
<p><a name="q5"></a><a name="q6"></a>Als Beispiel seien hier allein die unzähligen Arbeitstätigkeiten im Warenhandel, dem Finanz-, Bank- und Versicherungswesen, Abrechnungswesen, zur rechtlichen und politischen Flankierung, zur Sicherung des Geldes, Ausbildung und Kindererziehung(<a href="#5">5</a>) herausgegriffen. Gleichzeitig werden horrende stoffliche und räumliche Ressourcen verbraucht, nebst unzähliger Arbeitsstunden zu ihrer Bereitstellung. Man denke an die verbauten Flächen für Büros, Handel, Banken, Verwaltung etc. und die gesamte dazugehörige materielle Logistik. Eine Gesellschaft, die sich vom Tausch emanzipiert hätte, bedürfte all dieser Arbeiten und Ressourcenaufwendungen nicht mehr. Deren Wegfall würde erheblich zum Machtverlust der Zeit beisteuern und ihre ‚Auflösung’ in einen kreativen Müßiggang befördern. Nicht als universeller Maßstab des Lebensrhythmus, sondern bestenfalls als praktische Maßeinheit unter vielen würde sie noch ein ungefährlicheres Dasein fristen.(<a href="#6">6</a>)</p>
<p><a name="q7"></a>Ohne Zwang zur abstrakten Quantifizierung von konkreten Tätigkeiten, ohne Zeitdiktatur und vereinseitigende Arbeit wäre endlich das Tor zu einer müßigen Lebensgestaltung ohne Mangel geöffnet. Von einem Bilderverbot halte ich nicht viel. Die Wege aus der Arbeitsgesellschaft ergeben sich weder von selbst, noch entsteht eine neue Gesellschaft naturwüchsig. Neben der Kritik an den bürgerlichen Ausdrucksformen kommt es deshalb darauf an, nach in der Gesellschaft vorhandenen geistigen und materiellen Potenzen zu scannen, die für ihre gründliche Revolutionierung fruchtbar gemacht werden könnten. Sie bilden das Substrat notwendiger Überwindungsansätze.(<a href="#7">7</a>) Aufspüren lassen sie sich nur im dialektischen Spannungsverhältnis von herrschender Gesellschaft, Kritik, Begehrtem und Denken des Möglichen.</p>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Afheldt, Horst: Wohlstand für niemand? Die Marktwirtschaft entläßt ihre Kinder, München 1994, S. 100. Afheldt liefert eine materialreiche Analyse der sozio-ökonomischen Entwicklung, ohne mit seiner Kritik den Horizont der Marktwirtschaft zu verlassen. Seine Krisenlösungsvorschläge beschränken sich auf vage Andeutungen über „direkte Demokratie”‚ „umweltverträgliche Ökonomie” und „Wohlstand für Alle” – durchzusetzen mittels eines wiederzuerlangenden „Primats der Politik”.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Der in diesem Zusammenhang häufig an die Adresse der Krisis gerichtete Vorwurf, in ihrer Analyse würden den Menschen die individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit abgesprochen und so auch die KapitalistInnen von der Verantwortung für ihre weltweiten Schweinereien enthoben, geht daneben. Die bürgerlichen Individuen als Objekte des Werts zu entschlüsseln, bedeutet keinesfalls, zu ignorieren, daß sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten eigene Strategien fahren, danach trachten, ihr Vermögen zu vergrößern, und sich größtmögliche gesellschaftliche Vorteile zu verschaffen suchen. Daß die BürgerInnen Objekte des ‚automatischen Subjekts Wert’ sind und zugleich subjektiv handeln können, macht das phantasmagorische an der Subjektform, die nur in der bürgerlichen Gesellschaft vorkommt, aus.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) Vgl. die Analyse in <em>Zeit ist Geld und Geld ist Zeit. Von der Produktion der Zeit zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion</em>. In: Krisis 19, S. 166 ff.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">4</a>) Vgl. ebenda, S.177 ff.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) Um sie marktwirtschaftstauglich zu bekommen, müssen Kinder über Jahre hinweg mühselig auf das Tauschprinzip und Eigentumsdenken zugerichtet werden.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) Ohne den durch den Wert induzierten automatischen Zwang zur Identifizierung sind vermutlich auch die universell gültigen Maße nicht mehr lange sicher.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) Eine Auseinandersetzung mit der von Robert Kurz in die Debatte gebrachten Entkoppelungstheorie und der von Norbert Trenkle eingeführten „mikroelektronischen Subsistenz” soll in den nächsten Nummern erfolgen.</p>
<h4>Literatur:</h4>
<p>Kurz, Robert: <a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Antiökonomie und Antipolitik.</a> In: Krisis 19;</p>
<p>Trenkle, Norbert: <a href="http://www.krisis.org/1996/weltgesellschaft-ohne-geld">Weltgesellschaft ohne Geld.</a> In: Krisis 18;</p>
<p>Trenkle, Norbert: Chips statt Schrebergärten. In: Schwerpunkt Utopie der Blätter des Iz3W, Mai 97</p>
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		<title>Zeit für Utopie</title>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 1994 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Gaston Valdivia]]></category>

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		<description><![CDATA[Gaston Valdivia Anlässlich elnes Utopieworkshops an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg, wurden die Studentlnnen aufgefordert, doch einmal ihre Wünsche für eine neue, bessere Welt frisch und frei von der Leber weg zu artikulieren. Die Resultate lösten das blanke Entsetzen bei mir aus. Offensichtlich war ich mit meiner Annahme, linke Stundentlnnen verstünden unter [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Gaston Valdivia</em></p>
<p>Anlässlich elnes Utopieworkshops an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg, wurden die Studentlnnen aufgefordert, doch einmal ihre Wünsche für eine neue, bessere Welt frisch und frei von der Leber weg zu artikulieren. Die Resultate lösten das blanke Entsetzen bei mir aus. Offensichtlich war ich mit meiner Annahme, linke Stundentlnnen verstünden unter Utopie etwas, das sich jenseits der herrschenden Verhältnisse ansiedelt, vollkommen schief gewickelt. &#8220;Mehr staatliche Kinderbetreuung&#8221;, &#8220;billiger Wohnraum für alle&#8221;, &#8220;mehr Mitbestimmung im Betrieb und in der Politik&#8221;, &#8220;weniger Autoverkehr&#8221;, &#8220;mehr Geld für die Einkommensschwachen&#8221;, &#8220;Umverteilung&#8221;, etc., so lauteten die gewagten Ideen. Die Sachzwangrealität einer krisenhaften Zeit erzeugt offensichtlich den Drang, besonders pragmatisch und realistisch sein zu wollen. Jemehr eine Überschreitung des Horizontes notwendig wird, desto enger schliessen sich die Mauern um die Gehirnwindungen. Dass diese &#8220;realistischen Utopien&#8221; kaum etwas zu ändern vermögen, nicht einmal im bescheidensten Sinne, darauf wurde von den Krisisautoren schon öfter hingewiesen. Pragmatismus und Realitätssinn entlarven sich schnell als moderner Idealismus &#8211; Utopie im schlechten Sinn.</p>
<p><span id="more-476"></span>Zur Zeit kursieren auch andere Zukunftsvorstellungen, die nicht einfach aus dem hohlen Bauch kommen und die ein wissenschaftliches Fundament für sich beanspruchen. Es handelt sich dabei eher um empirische Zahlenwerke, die die Möglichkeit eines sinvolleren Einsatzes des Geldes zum Zwecke umwelt- und menschenverträglicher Produktion und Konsumtion belegen sollen. Die durchaus ernstzunehmenden Zweifel ihrer Autoren an der marktwirtschaftlichen Vernunft weisen etwas weiter über den beschränkten Horizont einer pausbackenen Kritik ander sogenannten imperialistischen Ausbeutung und einer &#8220;ungerechtenVermögensverteilung&#8221; hinaus, wie sie immer noch gerne von linker Seite in die politische Arena getragen wird. Es kommt ihnen das Verdienst zu, das Augenmerk auf die katastrophische ökologische Belastung und die maßlose Ressourcenverschwendung in Produktion und Distribution aufgrund struktureller Zwänge der kapitalistischen Verfaßtheit, gelenkt zu haben. Schwerpunktmäßig weisen sie auf die langen, mit Umweltverpestung einhergehenden Wege der Zulieferung für die Produktion und der Distribution und den hohen Anteil schädlicher und überflüssiger Güter hin, die in der Tat nur im Sinne der reduzierten einzelbetrieblichen Logik und des Marktbehauptungzwanges als rational begriffen werden können.</p>
<p>Vor nicht allzulanger Zeit hat der Artikel &#8220;Ein Joghurt geht auf Reisen&#8221; Furore gemacht, in dem auf die phantastisch anmutenden Strecken hingewiesen wird, die die Bestandteile eines Joghurts vom Melker bis ins Kühlregal eines Ladens zurücklegen: 7587 Straßenkilometer per LKW. Ein weiteres Beispiel: Im Durchschnitt konsumiert der durstige Bundesdeutsche 21 Liter Orangensaftgetränk pro Jahr, nicht wenig, wenn man bedenkt, daß die geschätzte Frucht in unseren Breitengraden nicht gedeiht. 80% der für dieSaftherstellung benötigten Orangen stammen aus Brasilien. 12000 km legen sie zurück und jedes Glas O-Saft verschlingt im Laufe seiner Produktion 22 GläserWasser. Noch dramatischer sieht es in den USA aus, wo die Felder künstlich bewässert werden müssen: 1000 Liter Wasser und 2 Liter Treibstoff kommen auf einen Liter des begehrten Getränks.</p>
<p>Bestandteile des Volkswagens kommen aus fast aller Herren Länder &#8211; an Deutschem hat er bald nur noch den Namen. Wie die verzweigten und verzwickten Wege der elektronischen und mechanischen Einzelteile der 55000 Produkte des Siemens-Imperiums verlaufen, können nicht einmal mehr die eigenen Manager angeben. Kreuz und quer über den gesamten Globus werden Milliarden von Gütern &#8220;kostengünstig&#8221; hin und her bugsiert. Ähnliche oder gleiche Produkte wandern in alle Himmelsrichtungen, unter enormem Zeitaufwand und nicht selten mehrmals aneinander vorbei, die Luft verpestend, Energie verzehrend und Nerven raubend. Wieviel Wald durch &#8220;Sauren Regen&#8221;, wieviel durch Verpackung, Papier und Werbematerial unwiederbringlich draufgehen muß, ist hinreichend dokumentiert.</p>
<p>Einer der exponiertesten Kritiker dieser Art ökonomischer Vernunft, Winfried Wolf, mittlerweile Verkehrsexperte der PDS und frischgebackener Bundestagsabgeordneter, verweist darauf, &#8220;daß weit über 50 Prozent der Produkte und Dienstleistungen, die im hochindustrialisierten Kapitalismus hergestellt werden, unsinnig und destruktiv sind, was durchaus von einem großen Teil der Bevölkerung auch so gesehen wird.&#8221; Hierzu, argumentiert er, werde über die Hälfte der Arbeitszeit unnötigerweise verausgabt. Wenn man Produktion und Dienstleistungen ökologisch sinnvoll gestalte und die destruktiven Elemente beseitige, wäre &#8220;ausreichend Spielraum für die Verteilung sinnvoller, gesellschaftlich notwendiger (Haus-, Büro-, Fabrik-,Land-, usw.) Arbeit&#8221; und damit eine bedeutsame Reduzierung der Arbeitszeitpro Kopf möglich. Gegen den Einwand, solch eine &#8220;Traumtänzerei&#8221; wäre mangels Geldes nicht realisierbar, führt Wolf die Kosten für die Elendsverwaltung (Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe, etc.) ins Feld. Ohne diese und mit einer Umverteilung des in der BRD angesparten Vermögens von 3 Billionen <a href="#1">(1)</a>DM<a name="q1"></a> könne einiges erreicht werden. Der anerkennenswerten Kritik an wichtigen Aspekten unserer falschen Lebensweise steht leider die idealistische Illusion über die Regulierungsmöglichkeiten des Marktgeschehens entgegen. Diese Position ist repräsentativ für nahezu das gesamte etablierte Spektrum &#8220;alternativer Ökonomie&#8221;, die sich ebenso verzweifelt wie erfolglos bemüht, Ökonomie und Ökologie irgendwie in Einklang zu bringen. Selbst wenn so der Finger auf einige Pestbeulen gelegt wird, das ganze Ausmaß der Krankheit und ihre Wurzeln bleiben verborgen.</p>
<p>Andere, waghalsigere Autoren anarchistischer, kleinbürgerlich-revolutionärer oder frühindustrieller Provenienz wie Rousseau, Bakunin, Gesell und deren heutige Adepten, wagen sich da schon etwas weiter vor. Sie kratzen beträchtlich am Glanz des Geldes, nehmen gar dessen Abschaffung ins Visier. Die seiner Existenz zugrundeliegenden Tauschverhältnisse wollen sie indessen erhalten, da sie sich eine selbstbestimmte Verteilung von Gütern &#8211; ohne Tausch und ohne Leistungskriterien schlechterdings nicht vorstellen können. Formen wie &#8220;Naturaltausch&#8221;, &#8220;Schwundgeld&#8221;, &#8220;Leistungsvergleich&#8221;, (LET-Systeme), &#8220;Stundenzettel&#8221; etc. sollen an die Stelle des Geldes treten und den Tausch von dessen schädlichen Auswirkungen befreien.</p>
<p>Damit wird in keinster Weise das entscheidende gesellschaftliche Problemaufgehoben, daß nämlich die menschlichen Tätigkeiten und deren Ergebnisse zum Zweck des Tausches in vergleichbare und quantifizierbare Zeiteinheiten abstraktifiziert werden müssen. Gerade darin besteht aber die permanente (Selbst-)Vergewaltigung der sich die Menschen bewußtlos unterwerfen und die den gesamten Rattenschwanz der Geldwirtschaft samt all seiner katastrophischen Emanationen nach sich zieht. Auch &#8220;Stundenzettel&#8221;, &#8220;Leistungsscheine&#8221; oder &#8220;Tauschknochen&#8221; sind Geldformen, selbst wenn sie sich nicht so nennen mögen, und würden, sofern eingeführt, schnell wieder zu den alten Verhältnissen zurückführen.&#8221;</p>
<p>(&#8230;)</p>
<p>Vom Standpunkt einer Re-Produktionsform (Die Schreibweise von Re-Produktion mit Bindestrich soll deutlich machen, daß hier nicht nur der Lebenserhalt durch Konsum angesprochen ist, wie der Begriff Reproduktion häufig meint, sondern die Totalität aller Lebensäußerungen einer Gesellschaft, also auch die Produktion und andere Sphären), die die Befriedigung der Bedürfnisse zum Ausgangspunkt und Ziel des Handelns macht und zugleich die gebührende Rücksicht auf die ökologischen Lebensgrundlagen nimmt, stellt sich der größte Teil aller im Kapitalismus verrichteten Arbeiten als gigantomanische &#8220;Zeitverschwendung&#8221; dar, gegen die sich die eingangs kritisierten Transportwege wie kurzweilige Spaziergänge ausnehmen. Denn sie dienen mittelbar oder ausschließlich der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Formhülle, sind notwendig nur um die Verteilung der Güter über den mühsamen Umweg des Tausches/Geldes zu organisieren.</p>
<p>Ins Auge springt zunächst die Verkaufssphäre: Abermillionen von Menschen in den entwickelten kapitalistischen Ländern tun den ganzen Tag nichts anderes als Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. Sie fahren oder laufen durch dieGegend um Anderen Kosmetika, Staubsauger und Computer anzudrehen; sie stehen in Läden, Markthallen und Kaufhäusern vor und hinter aufgetürmtenWarenbergen herum oder hocken vor ausgebreiteten Tüchern auf verpesteten Gehsteigen; sie hängen in schicken Büros am Telefon, Fax und PC aquirieren Aufträge und schließen Verträge ab; sie sitzen an Fließbandkassen oder quetschen sich durch verqualmte Kneipen um doch noch eine Rose loszuwerden.Verkäufer verkaufen an Wiederverkäufer die zum Wiederverkauf an andereWiederverkäufer weiterverkaufen, etc. pp. Wo verkauft wird, wird gekauft. Wiederum abermillionen von Menschen sitzen in speziellen Abteilungen und kaufen für ihre Produktions- und Dienstleistungsbetriebe Rohstoffe, Halbfabrikate, Maschinen, Waren und Arbeitskräfte ein. Zahllose Stunden vergehen im Stau, im Kaufhaus, beim Schlangestehen, in Auto, Bus und Bahn, um die notwendigen Konsumgüter zu ergattern und das nächste Schnäppchen zuholen.</p>
<p>Gekauft und verkauft werden kann nur mit Geld. Ob Scheck, Kreditkarte, Überweisung oder Bargeld, seine verschiedenen Existenzformen müssen stets geschaffen und abgesichert werden. Das zieht einen gewaltigen Rattenschwanz an Aktivitäten nach sich, deren &#8220;Zeitaufwand&#8221; ohne weiteres mit dem der Verkaufssphäre konkurrieren kann. Die materielle Herstellung von Bargeld, Schecks, Überweisungsformularen, Schatzanweisungen, etc. macht dabei noch den geringsten Aufwand. Schon mehr Zeit &#8220;verschlingen&#8221; Förderung, Transport und Einlagerung von Gold, das als Geldwertsicherung gehalten werden muß. Der weitaus größte Zeitanteil fällt hingegen auf die Geldwertschöpfung und Geldwertvernichtung sowie die Buchgeldschaffung und -verwaltung, Hierzu bedarf es zahllosen Personals an Schaltern, Computern, Endgeräten und Schreibtischen, in Zentral- und abertausenden von Geschäftsbanken. Weiterhin: Geld ist Eigentum und steht daher niemandem per se und erst recht nicht in beliebiger Menge zu. Es muß also vor unbefugtem Zugriff geschützt werden.Vom Bankangestellten und dem Nachtwächter, über den Polizeibeamten und den Computerspezialisten, bis zum finster dreinblickenden &#8220;Schwarzen Scheriff&#8221;, sind Millionen Tag ein Tag aus damit beschäftigt. Und da schließlich Eigentum zu Streit und Diebstahl herausfordert, bedarf es weiterhin unzähliger Richter und Anwälte, die schlichten, richten und verurteilen.</p>
<p>Aufbewahrtes Geld kann sich mit etwas Phantasie auf wundersame Weisevermehren. Hundertausende Banker, Broker, Spekulanten, Groß- und Kleinanleger und viele andere Glücksritter widmen sich dieser heiligen Mission.</p>
<p>Und wo die Banker sind, können auch die Versicherungshaie nicht weit sein. Ihre Existenz verdanken sie der speziellen Manier der bürgerlichen Gesellschaft, jeden Schaden, sei er ideeller, sach- oder personenbezogener Art in Geld zu quantifizieren. Gefühle, Gedanken und Körper bilden ein Puzzle aus addierbarenWertgrößen, die sich u.a. durch die Höhe des zu leistenden Tributs und der quantifizierten Auswirkungen des Schadens bestimmen. Raquel Welchs Busenmacht 10 Mio. US $, mein Daumen 5000 DM und der Kopf des Obdachlosen 0,0.Versicherungen verwalten nicht nur Geld, sie senden auch tausendfach Hausierer in die Lande, die die Leute nachdrücklich auf ihre bedrohlichen Lebensumstände aufmerksam machen.</p>
<p>Die allgemeine Absicherung und Kontrolle des in Geldeinheiten abstraktifizierten und quantifizierten Eigentums der Bürger erfordert eine ununterbrochene Zählung, Abrechnung, Kontrolle und Buchung in allen gesellschartlichen Bereichen und Sphären. Heerscharen von Berufstätgen müssen sich dem partiell oder in Gänze widmen.</p>
<p>Die der Geldwirtschaft und arbeitsteiligen Reproduktionsweise geschuldete gesonderte staatspolitische Sphäre überwacht das Finanzgebaren der Bürger, um den eigenen Selbsterhalt durch Tribute zu sichern und eine begrenzte Umverteilung von Vermögen zu gewährleisten. Heerscharen von Finanzbeamten und -angestellten müssen unterhalten werden, um bezogene Daten eingehend zu überprüfen, Rückzahlungen vorzunehmen, Nachzahlungen anzumahnen, und Gelder in den Staatshaushalt weiterzuleiten. Der wird wiederum von einem riesigen Stab von Sachkundigen und weniger Sachkundigen auf allen Verwaltungsebenen verwaltet, verteilt und verplemmpert. Und da es nicht jeder gern hat, wenn Big Brother gierig auf sein Vermögen schielt, schafft die Verwaltung des Geldes zugleich auch jede Menge Arbeitsplätze für Steuerberater, Steueranwälte, Geldwäscher, Fluchtgeldvermittler, Anlageberater und andere Betrüger.</p>
<p>Hobby- und Berufspolitiker füllen den überwiegenden Teil ihrer Zeit mit Überlegungen, Beratungen und Abstimmungen über Kriterien der Geldverteilung und deren rechtliche und praktische Umsetzung aus. Sie widmen sich der intensiven Kontaktpflege zwecks Geldakquise, was sie &#8211; nebenbei bemerkt -immer wieder zwingt, ausgedehnte Dienst- und Amigoreisen über sich ergehen zulassen.</p>
<p>Auch öffentliche Dienstleistungen verlangen ein Entgelt. Bei der Post etwa ist sicherlich weniger als die Hälfte der Beschäftigten mit dem Brief- und Paketumschlag und den ihm gewidmeten Planungs- und Logistikarbeiten befasst. Der restliche Belegschaftsteil verbringt seine gesamte Zeit mit einfallsreicher Gebühreneintreiberei, vom Briefmarkenverkauf bis zum Ausleih von Frankiermaschinen, und mit der Verwaltung und Abrechnung der Einnahmen. Auch der öffentliche Verkehr kommt nicht ohne eine große Schar von Fahrkartenverkäufern, Fahrkartenautomatenaufstellern und -entleerern sowie Kontrolleuren aus, und nicht wenige Busfahrer müssen nebenbei noch als Kassierer fungieren.</p>
<p>Schließlich aber müssen fast alle mit der Geldzirkulation und deren Verwaltungverbundenen Tätigkeiten erst mühsam erlernt werden. Legionen von Lehrern, Dozenten, Professoren, Unterweiser und andere Spezialisten sorgen dafür, daß der Nachwuchs realitätstüchtig in der totalen Welt des Geldes wird.</p>
<p>Damit aber nicht genug. Um diese gewaltige Zahl an Aktivitäten zur indirekten Verteilung der Warenflut und der Dienstleistungen zu gewährleisten, bedarf es eines gigantischen Produktions- und Logistikaggregats.</p>
<p>Die Verkaufssphäre erfordert alle Arten von Gebäuden, vom Wolkenkratzer über die Kaufhalle bis zur Pommesbude. Ein Blick auf Cities und Gewerbeflächen läßt ahnen, wieviel Raum auschließlich zu diesem Zweck umbaut wird. Gebraucht werden Verkaufs- und Transportfahrzeuge, Geschäftswagen, Regale, Lager, Dekorationen; Registrierkassen und Geldkasetten; Pappe, Papier, Farbe und Tinte für Werbung, Verträge, Rechnungen, Kassenbons und Verkaufsverpackungen in Megadimensionen; Handies, Faxgeräte, etc.</p>
<p>Verkaufen verlangt Präsentation und Repräsentation. Die Textil- und Lederindustrie hält hierfür unerschöpfliche Varianten der Bekleidung und andere Accessoires bereit.</p>
<p>Abrechnung, Buchung und Kontrolle erfordern Büroraum in riesigen Dimensionen; Möbel, Einrichtungen, Computer, Kopierer &#8211; vom Bleistiftspitzer bis zum Tintenstrahldrucker einfach alles.</p>
<p>Geldverwahrung, Geldvermehrung und Geldsicherung erfordern Bankgebäude, Börsenlokale, Büroraum, Keller, Bunker, Tresen, Rechner, Safes, Sicherungsanlagen, Kasetten, Überwachungskameras, Riegel, Panzerglas, unzählige kleine und große Türen, Schlösser, Sparschweine und vieles vieles mehr.</p>
<p>Auch mittelbar beeinflußt die Logik des Geldes den Produktionsaufwand. Unaufhaltsam hat sie die alten Gemeinschaften gesprengt und die auf sich selbstzurückgeworfene Geldmonade zurückgelassen. Kleinfamilien- und Singledasein prägen andere Konsumgewohnheiten, ihre Versorgung mit kleineren Portionen potenzieren die Verpackungsflut und erfordern besondere Produktionsanlagen für Kleinstmengenabfüllung in Flaschen, Dosen, Becher, usw. und erhöhen so den Rohstoffverbrauch. Jeder Kleinsthaushalt verfügt über eine eigene Infrastruktur, vom Herd, über den Kühlschrank bis zur Waschmaschine. Individuelle Mobilität verlangt nach individuellen Verkehrsmitteln und getrenntes Wohnen beansprucht überdimensionierte Flächen.</p>
<p>Selbst bei intensivster empirischer Forschung dürfte es schwierig sein, den für die (Geld-)lnfrastruktur nötigen &#8220;Zeitaufwand&#8221; in der Produktionssphäre zu ermitteln, da sich häufig nicht trennen läßt, welcher Bestimmung jener Rohstoffanteil, jener Backstein oder jene Büroklammer zugeführt werden. Grobgeschätzt dürfte es sich aber um 50% handeln. Außerdem fällt ein großer Teil der restlichen, im produktiven Sektor &#8220;verausgabten&#8221; Zeit für die Herstellung von Gütern an, die nur mittelbar mit der Geldökonomie in Zusammenhang stehen. Addiert man noch das Zeitpotential, das für die kritisierte unsinnige und destruktive Produktion &#8220;aufgwendet&#8221; wird, von der Einwegverpackung über den Panzer bis zum Atomkraftwerk, dann bleibt ein kümmerlicher Rest von ca. 20%produktiver &#8220;Zeitaufwand&#8221;, der einer nützlichen und ausreichenden Versorgung der Menschen dient.</p>
<p>Nicht nur die Sphäre der Erwerbstätigkeit steckt in den Klauen des Mammons. Auch das Private entkommt ihnen nicht. Bis das Tauschprinzip &#8220;Äquivalent gegen Äquivalent&#8221; Bewußtsein und Unterbewußtsein durchdrungen hat und die intimsten Regungen steuert, muß sehr viel Zeit &#8220;aufgebracht&#8221; werden. Wieviel Zeit vergeht, wieviel Kampf und Krampf, wieviel Tränen fließen, bis die Kinder auf das Geld zugerichtet sind bis sie endlich &#8220;verstehen&#8221;, daß eine Puppe keine Puppe, sondern ein Wertausdruck von 30,- DM ist? Wieviel Zeit vergeht, bis man im Restaurant den Teller aufißt, selbst wenn der Bauch schon platzt, weil die Pizza keine Pizza sondern 12,- DM &#8220;ist&#8221; &#8211; schließlich hat man nichts zuverschenken! Jahre gehen ins Land bis der Zögling einsieht, daß ihm Gebrauchsdinge nicht einfach zustehen, erst recht nicht wenn sie einen Preis haben. Wie lange dauert&#8217;s, bis er bereit ist, vor der Schaufensterauslage zu verhungern, anstatt sich zu nehmen was er zum Leben braucht? Wieviel Zeit verstreicht, bis man Gefühle &#8220;investiert&#8221; und nur gegen Äquivalent eintauscht? Wieviel Gespräche und Auseinandersetzungen drehen sich um Geld und Preise?</p>
<p>Angesichts der schwindenden Wertmassen verschärft sich der Kampf um die verbleibende Substanz. Immer mehr Menschen unterliegen im mörderischen Konkurrenzkampf um ihren Anteil daran und sind damit vom legalen Gelderwerb zeitweilig oder definitiv ausgeschlossen. Gedanken über Möglichkeiten an Geld heranzukommen, drängen sich immer mehr in denVordergrund und beanspruchen maßgeblich die Zeit. Der Zwang zur Behauptung auf dem Markt beflügelt die Phantasie. Alles muß in die Geldform hinein. Keine menschliche und natürliche Lebensäußerung entkommt ihrer Hinrichtung auf die Marktfähigkeit: Menschen werden vermietet oder als Sklaven verkauft, als &#8220;Ersatzteillager&#8221; gehalten und bei Bedarf zur Operation frisch auf den Tisch serviert. Nur ein ständig abstrahierendes Bewußtsein wie das bürgerliche, kann auch den Gedanken ertragen, im Körper das Herz eines geschlachteten Artgenossen zu tragen &#8211; schließlich hat man selbst dafür &#8220;geblutet&#8221;. Momentan erleben wir mit, wieviel Zeit in die Umwerbung der Bürger &#8220;investiert&#8221; wird, um die Akzeptanz für eine Patentierung der menschlichen, tierischen und pflanzlichen Gene zu erhöhen, damit auch sie endlich einen Preisstempel aufgedrückt bekommen können.</p>
<p>Faßt man die gesamte Zeit zusammen, die in allen Berufssparten und Sphären mittelbar oder unmittelbar der Geld/Tauschlogik &#8220;geopfert&#8221; wird, kommt man auf gute 80 % bis 85 % der insgesamt gesellschaftlich &#8220;verausgabten&#8221; Zeit. Niemals zuvor hat der Homo Sapiens derartig viel Zeit benötigt, um über einen absurden Umweg, verbunden mit gravierenden Folgen fur Psyche, Gesundheit und Natur, seine Produkte konsumieren zu dürfen (Welch eine Ironie! Die Geldwirtschaft kann ihre Umwege nicht mehr bezahlen. Dem Geld geht das Geld aus). Solch eine Wirtschaftsweise gleicht einer gigantischen &#8220;Zeitvernichtungsmaschinerie&#8221;, die von Arbeitsameisen in Schwung gehalten wird, deren Arbeitsstolz sich vor diesem Hintergrund als lebensgefährliche Dummheit entpuppt. Wer sich zur Tauschwirtschaft bekennt, bekennt sich zu diesem monumentalen Schwachsinn, der seiner Logik nach im allgemeinen Exodus enden muß.</p>
<p>soweit die Auszüge</p>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">(1)</a>Zu den 3 Billionen DM, die Wolf anführt bleibt noch was zu sagen.In der SZ wurde eine ähnliche Statistik gezeigt, die aber nur eine Billion deutsches Vermögen auswies. Diese Billion bestand aus ca. 1/3 Immobilien, 1/3 Gebrauchsgüter (vom Auto über die Kaffeemaschine bis zur Unterhose) und 1/3 Geldvermögen und Wertpapiere (diverse Kettenbriefe wie Lebensversicherungen). Man sieht, dass diese &#8220;Vermögen&#8221; alles andere als flüssig sind, also für eine staatliche Umverteilung nicht zur Verfügung stehen. Alle darauf aufgebauten Politikvorstellungen sind Luftschlösser.</p>
<p>Die diesbezüglichen Argumente der Konservativen sind im Grunde nicht falsch. Sie entsprechen der Kapitallogik, die nicht einfach per idealistischem Willensentscheid ausser Kraft gesetzt werden kann. Wolfs alternatives &#8220;Zahlenwerk&#8221; ist in sich nicht schlüssig, was hier aber nicht weiter aufgerollt werden soll. Nur soviel: Würde man die 3 Billionen DM auf 60 Mio. Deutsche aufteilen, dann stünden jedem Bürger 50000 DM zu. Das reicht gerade mal für ein Jahr zum Leben. Wurde das Geld indessen wirklich ausgegeben, käme es stante pede zu einer Hyperinflation und die ganze schöne Kaufkraft wäre weg. Wie gewonnen so zerronnen.</p>
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		<title>Volk im Stimmbruch</title>
		<link>http://www.krisis.org/1993/volk-im-stimmbruch</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1993 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Gaston Valdivia]]></category>
		<category><![CDATA[Rosemaries Babies]]></category>

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		<description><![CDATA[Ostdeutsche Kontinuitäten]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<table style="height: 179px;" border="0" width="50%" align="right">
<tbody>
<tr>
<td width="78%" height="32"><a href="http://www.krisis.org/1993/verlagsvorstellung">Einleitung</a></td>
<td rowspan="5" width="22%"><img src="/wp-content/data/rosmaries.jpg" alt="" width="117" height="163" /></td>
</tr>
<tr>
<td width="78%" height="36"><a href="http://www.krisis.org/1993/der-demokratische-mauerbau">Der demokratische Mauerbau</a><em> &#8211; Norbert Trenkle</em></td>
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<tr>
<td width="78%" height="35"><a href="http://exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&amp;index=18&amp;posnr=49&amp;backtext1=text1.php">Die Demokratie frißt ihre Kinder</a><em>- Robert Kurz</em></td>
</tr>
<tr>
<td width="78%" height="33"><a href="http://www.krisis.org/1993/daemokratisches-erwachen">Dämokratisches Erwachen</a> &#8211; <em>Ernst Lohoff</em></td>
</tr>
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<td width="78%" height="36">Volk im Stimmbruch &#8211; <em>Gaston Valdivia</em></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<h3>Ostdeutsche Kontinuitäten</h3>
<p><em>Gaston Valdivia</em></p>
<p>Wer sich mit Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalismus in der vergrößerten Bundesrepublik auseinandersetzt, kommt nicht umhin, einen genaueren Blick auf die spezifische Entwicklung im Ostteil Deuschlands zu werfen. Scheinen in der alten BRD-West die Morde von Mölln und Sollingen bruchlos an die nationalistische und rassistische Tradition Deutschlands anzuknüpfen, so haben sich doch die Bürger der &#8220;fünf neuen Bundesländer&#8221; weltweit nicht minder den Ruf erworben, zumindest rechtslastig, wenn nicht gar rechtsradikal, antisemitisch und faschistisch zu sein. Auch Ortsnamen wie Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda symbolisieren den deutschen Neonazismus, über Ostdeutschland fanden Ausländerfeindlichkeit und Rassismus seit der deutschen Vereinigung sogar zuerst den Weg in die Schlagzeilen. Auf den ersten Blick stehen solche Erscheinungen im Widerspruch zu 40 Jahren staatlich verordnetem &#8220;Antifaschismus&#8221;. Was ist los mit den Ossis? Haben sie es verdient, in dieses Licht gerückt zu werden?</p>
<p><span id="more-502"></span>Können wir den einschlägigen empirischen Erhebungen über rechtsradikale, ausländerfeindliche und antisemitische Einstellungen Glauben schenken, dann sind die Bewohner der EX-DDR zumindest nicht stärker vom Bazillus der Xenophobie befallen als ihre westlichen Landsleute. Sind sie also womöglich nur das Opfer westdeutscher Medien, die von den reaktionären Tendenzen und sozialpolitischen Problemen im Westen ablenken wollen, und die als Gipfel der Perfidie einige Dienstag Abende lang um einundzwanziguhrfünf einen gewissen Herrn Motzki gnadenlos auf ihre ungeliebten und wehrlosen Ostgeschwister losließen?</p>
<p>Ganz so ist es sicher nicht. Die Gewaltwelle gegen Asylbewerber, ausländische Arbeitnehmer und Besucher ging tatsächlich auch wesentlich vom Territorium des verflossenen &#8220;ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden&#8221; aus. Doch woraus resultiert diese beängstigende Entwicklung im bundesdeutschen Osten? Natürlich sind die xenophoben Exzesse der spezifischen Umbruchsituation, der krisenhaften Öffnung zum Westen geschuldet; doch greift es zu kurz, sie allein aus der wendebedingten Orientierungslosigkeit erklären zu wollen. Sie wären in dieser Art undenkbar, wenn der realsozialistische Staat nicht schon den Sprengstoff für die gegenwärtigen Explosionen zusammengetragen hätte, wenn also Rechtspopulismus und Neonazismus zwischen Elbe und Oder nicht eigene, DDR-spezifische Wurzeln hätten. Die Vereinigungskatastrophe hat das Alltagsbewußtsein von Mecklenburgern und Sachsen gründlich umgewälzt, und doch läßt sich im großen Bruch durchaus so etwas wie Kontinutität nachweisen.</p>
<p><a name="q1"></a>Die west- und ostdeutsche Restlinke tut sich insgesamt ausgesprochen schwer mit der Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit. Das findet auch in der Auseinandersetzung mit dem ostdeutschen Rechtspopulismus und Neonazismus seinen Niederschlag. Soweit auf Ursachenforschung nicht wohlweislich von vornherein verzichtet wird, müssen vorzugsweise alte Stamokap- und ML-Klischees über den bösen Einfluß des aggressiven bis faschistoiden Imperialismus als &#8220;Erklärung&#8221; herhalten. Die &#8220;Nie-wieder-Deutschland&#8221;-Fraktion, angeführt von solch illustren westdeutschen Linken wie Karl-Heinz Roth, Hermann Gremliza, Jutta Ditfurth, Wolfgang Porth u.a., sieht im Zusammenbruch der DDR lediglich das Resultat einer siegreichen imperialistischen Strategie und im &#8220;faschistoiden&#8221; Mob im wesentlichen den &#8220;unverbesserlichen deutschen Nationalcharakter&#8221; am Werk, der den unermüdlichen antifaschistischen Bemühungen der wenn nicht gerade glorreichen, so doch irgendwie &#8220;sozialistischen&#8221; SED hartnäckig getrotzt habe und nun unverhüllt und der lästigen Zähmung und Fesselung ledig wieder hervortrete. Selbst wenn der SED inzwischen der wahre sozialistische Charakter abgesprochen wird, so werden durch halbe Entschuldigungen hindurch doch letztlich Wesen und Politik der SED als eine dem aufbrechenden Nationalismus und Rassismus fremde und im Prinzip feindliche Größe dargestellt(<a href="#1">1</a>).</p>
<p>Parallell dazu wächst bei einem bedeutenden Teil der durch die Wende deklassierten und ihrer Privilegien beraubten linken Ostintellektuellen die DDR-Nostalgie. Konfrontiert mit dem krisenhaften Einbruch moderner kapitalistischer Verhältnisse, sehen nicht wenige dieser Neubundesrepublikaner den Realsozialismus und seine &#8220;Errungenschaften&#8221; &#8220;trotz aller Mängel&#8221; wieder in einem milderen Licht. Wer beharrlich Kritik am untergegangenen Realsozialismus übt, gerät mittlerweile leicht in den Geruch, mit den ignoranten und arroganten Siegern im Westen gemeinsame Sache zu machen. Besonders in der Stasidebatte wird diese Stimmung greifbar. Christa Wolf fiel in einem Interview in den USA auf die unvermeidliche Frage nach ihren alten Stasi-Kontakten bezeichnenderweise nur ein: Man solle sich angesichts der aufkommenden nationalsozialistischen Gefahr nicht so viel mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern lieber mit den drängenden Problemen der Gegenwart, inbsbesondere mit der nazistischen Bedrohung. Mit dieser Haltung, die fatal an die Art und Weise erinnert, in der die Westdeutschen einst die nationalsozialistische Vergangenheit &#8220;bewältigt&#8221; haben, steht Christa Wolf nicht allein. Auch andere reflektierte ostdeutsche Linke halten sich mit ihrer Kritik am untergegangenen Realsozialismus schwer zurück, in der Angst, sich sonst im Chor der eigenen Gegner wiederzufinden.</p>
<p>Nichts wäre aber verhängsnisvoller, als diesem Impuls zu folgen. Gerade diejenigen, die es mit der Neubestimmung einer kommunistischen Perspektive ernst meinen, können sich eine eingehende Auseinandersetzung mit der realsozialistischen Vergangenheit nicht ersparen. Wer sich vor dieser &#8220;Aufarbeitung&#8221; drückt, ebnet nur jener großen Koalition des Schweigens den Weg, die sich in den Reihen der etablierten Parteien und der Kirchen längst gebildet hat, und die &#8211; aus anderen Gründen als Christa Wolf &#8211; die Beendigung der &#8220;leidigen&#8221; Aufarbeitungsdebatte fordert. In der laufenden Stasidebatte sind Heuchelei und Selbstgerechtigkeit gang und gäbe, aber gerade deshalb dürfen kritische Geister auf die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit nicht verzichten. Es muß vielmehr darum gehen, tiefer zu graben, und jenseits bloß moralischer Schuldzuweisungen die gesellschaftlichen Strukturen der &#8220;abgewickelten&#8221; DDR zu thematisieren.</p>
<p>Mein Versuch, einige spezifische, für die Ex-DDR charakteristische Bewußtseinshaltungen zu skizzieren, und deren Wurzeln in der Vorwendezeit auszumachen, lebt wesentlich von persönlichen Erfahrungen. Im Rahmen meiner mittlerweile zweijährigen Lehrtätigkeit in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg war ich mit rund 1000 Menschen konfrontiert, die im großen und ganzen repräsentativ für die Bevölkerung des Anschlußgebiets sein dürften. In erster Linie unterrichtete ich Erwachsene, die auf eine abgeschlossene Berufsausbildung zurückblicken können, in geringerem Umfang ungelernte Industriearbeiter sowie Akademiker. Höher qualifizierte EX-DDR-Bürger traten mir in erster Linie als Berufskollegen oder Verwaltungspersonal entgegen.</p>
<p><a name="q2"></a>Von der Literatur, die ich hinzuzog, dürften die Veröffentlichungen von Hans-Joachim Maaz (&#8220;Der Gefühlsstau &#8211; Ein Psychogramm der DDR&#8221; und &#8220;Die Einheit beginnt zu zweit &#8211; Ein deutsch-deutsches Zwiegespräch&#8221;) sowie von Joachim Gauck (&#8220;Die Stasi-Akten &#8211; Das unheimliche Erbe der DDR&#8221;) nicht nur die bekanntesten, sondern auch die wichtigsten sein. Beide Autoren liefern eine Fülle von empirischen Fakten und phänomenologischen Details, deren Wert nicht durch die (besonders bei Maaz) kritisierbaren Interpretationsschemata geschmälert wird(<a href="#2">2</a>).</p>
<h4>Die protestantischen Ursprünge</h4>
<p>Sozialistische Moral war im Kern immer Arbeitsmoral. Die Arbeit galt nicht nur in der staatlichen Propaganda als oberste Richtschnur im Leben, die DDR-Bürger haben den überragenden Wert der Arbeit auch verinnerlicht. Staatsideologie und Alltagsbewußtsein trafen sich an diesem Punkt &#8211; die Wirkungen sind bis heute zu spüren. Nichts kann die Ostdeutschen so sehr beleidigen wie die Behauptung, sie wären faul, könnten nicht arbeiten, und wären deshalb selbst schuld an ihrer Misere. Das tief in ihrer Seele verankerte Arbeitsethos hat seine historische Quelle aber nicht in der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie, sie ist älteren Ursprungs. Im Grunde nämlich war die DDR-Bevölkerung in höchstem Maße der &#8220;protestantischen Ethik&#8221; verpflichtet.</p>
<p><a name="q3"></a>Für ein Land, in dem es nur wenige Kirchensteuerzahler und noch weniger praktizierende Christen gab und gibt, mag diese These zunächst etwas gewagt klingen. Selbst in Thüringen, wo Luthers Hauptwirkungsstätte lag, ist die evangelische Religion so gut wie vergessen(<a href="#3">3</a>). Kaum jemand verfügt dort über einigermaßen profunde Kenntnisse der Lutherschen Lehre. Sobald wir allerdings die Ebene religiöser Bekenntnisse verlassen und uns den tief verankerten ethischen und moralischen Grundwerten zuwenden, wird das protestantische Erbe in der DDR-Mentalität sehr schnell sichtbar.</p>
<p>Auf die zentrale Rolle der Arbeit im protestantischen Weltbild haben schon Karl Marx und Max Weber hingewiesen. Für beide spielt der Protestantismus und seine Einstellung zur Arbeit eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Während der eine im Protestantismus die dem Kapitalismus adäquate Religion sah und diese in Verbindung brachte mit der Durchsetzung frühbürgerlicher Warenverhältnisse, machte der andere den protestantischen Geist ursächlich für die Entstehung kapitalistischer Verhältnisse verantwortlich. Für Marx wie für Weber bricht sich im Protestantismus die durch den Warentausch bedingte moderne Individuation der Menschen Bahn, und diese Individuation ist von vornherein an die Deifizierung der &#8220;Arbeit&#8221; gekoppelt. Die &#8220;Freiheit eines Christenmenschen&#8221;, der unmittelbar als Einzelner allein seinem Gewissen und Gott verantwortlich sein soll, richtet sich nicht nur gegen den römischen Universalismus, sie setzt gleichzeitig dem schmarotzenden Klerus und Adel ein gottgefälliges arbeitsreiches Leben entgegen.</p>
<p><a name="q4"></a><a name="q5"></a>Am deutlichsten tritt diese Koppelung in der calvinistischen Prädestinationsvorstellung hervor. Die radikale Variante protestantischen Denkens verwirft konsequent jede kirchlich-sakramental vermittelte Heilshoffnung: &#8220;Gott hat zur Offenbarung seiner Herrlichkeit durch seinen Beschluß einige Menschen&#8230; bestimmt (predestinated) zu ewigem Leben und andere verordnet (foreordained) zu ewigem Tode.&#8221;(Westminster Confession von 1647)(<a href="#4">4</a>). Die Menschen haben aber keinerlei Zugang zu den Ratschlüssen des Herrn, und keine Kirche kann ihn verschaffen. Die Nichterkennbarkeit des Gnadenaktes wirft die einzelnen Gläubigen aber nicht nur vollkommen auf sich selbst zurück, die totale Ungewißheit über die eigene Bestimmung stürzt den Calvinisten darüber hinaus in eine schier unerträgliche psychische Situation. Er konnte diesen Druck nur ertragen, wenn er sich an irdische Zeichen seiner Auserwähltheit hielt. &#8220;Das Problem ließ sich praktisch dadurch wenden, daß jeder übertriebene Zweifel (an ihr) schon als Anfechtung des Teufels denunziert wurde. Es wurde &#8220;zur Pflicht, im täglichen Kampf sich die subjektive Gewißheit der eigenen Erwähltheit und Rechtfertigung zu erringen.&#8221; &#8220;Und andererseits wurde, um jene Selbstgewißheit zu erlangen, als hervorragendstes Mittel rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Sie und sie allein verscheuche den religiösen Zweifel und gebe die Sicherheit des Gnadenstandes.&#8221;(<a href="#5">5</a>)</p>
<p><a name="q6"></a><a name="q7"></a>Parallel zu dieser Aufwertung der Arbeit zum transzendenten Heilsmittel fordert und fördert der Protestantismus allgemeine Knausrigkeit. Jede direkte menschliche Zuwendung wird ebenso wie jeder Genuß als &#8220;Kreaturvergöttlichung&#8221; verdammt, da das Dasein ausschließlich der in der Arbeit materialisierten Verehrung des Herrn zu dienen hat. Das von Gott geforderte soziale Engagement,&#8221;sofern es seinen Ruhm mehrt und nicht etwa dem Nächsten gilt&#8221;(<a href="#6">6</a>), wird bereits mit der &#8220;Erfüllung der durch die lex naturae gegebenen Berufsaufgaben&#8221; befolgt und &#8220;nimmt damit einen eigentümlich sachlich-unpersönlichen Charakter an. Es wird zum Dienst an der rationalen Gestaltung des uns umgebenden gesellschaftlichen Kosmos durch die Arbeit.&#8221;(<a href="#7">7</a>)</p>
<p><a name="q8"></a>Diesem affektmodellierten Wesen (Elias) &#8220;erkalten&#8221; einerseits die unmittelbaren zwischenmenschlichen Beziehungen, andererseits eignet es sich zur Revolutionierung verkrusteter Ständestrukturen und birgt die ideologische Konditionierung für einen Übergang zum Kapitalismus in sich. &#8220;Die Berufung des Puritaners &#8211; sein &#8220;calling&#8221;- ist der Befehl Gottes, zu wirken. Sofern dieses Wirken ein Werken ist, legitimiert es sich am Erfolg, das heißt am Gewinn.&#8221;(<a href="#8">8</a>) Mit der wachsenden Bedeutung des Geldes im späten Mittelalter und im Verlauf des Überganges zu einer kapitalistischen Verwertung der Arbeit setzt sich das Resultat des Werkens nicht nur des Kapitalisten, sondern auch des Handwerkers, Bauern oder Arbeiters in klingende Münze um. Das Geld wird zum allgemeinen Gradmesser der im Sinne Gottes erbrachten Leistung, was auch den Umkehrschluß zuläßt, daß der Besitz von viel Geld auf besondere Gottesnähe oder göttliche Bevorzugung hindeutet. Diese Auffassung prägt bekanntlich bis heute maßgeblich die US-amerikanische Gesellschaft. Wie die Arbeit, so ist auch ihr Resultat, das Geld, als Frucht individueller Leistung aufzufassen, auf die niemand als der Einzelne selbst Anspruch hat. Wer vom Zugang zum Arbeits-Reichtum ausgeschlossen bleibt, befindet sich eben nicht im Gnadenstande, und es besteht auch kein Anlaß, ihm zu helfen. Jeder ist seines Glückes Schmied, so lautet die moderne, inzwischen allgemein anerkannte, allen religiösen Brimboriums entkleidete bürgerlich-protestantische Logik.</p>
<p>Die gegen Verschwendung und unbeschwerten Genuß gerichtete Rationalisierung der Gefühlswelt erzeugt einerseits eine Geiz- und Sparermentalität, die der Anhäufung von Gütern und Akkumulation von Geld zu Kapital entgegenkommt, der göttliche Werkauftrag wiederum bereitet dem internalisierten Zwang zur unablässigen, rastlosen Arbeit den Weg. Beides zusammengenommen macht den Protestanten zum idealen Protagonisten des Siegeszuges einer Wirtschaftsweise, die ihren Inhalt in der Arbeit als &#8220;tautologischem Bezug auf sich selbst&#8221; (R.Kurz) findet.</p>
<p><a name="q9"></a><a name="q10"></a>Protestantismus und Kapitalismus gingen solange eine Symbiose ein, bis es nicht mehr der (immer dünner werdenden) religiösen Hülle bedurfte, um die Arbeit um der Arbeit Willen in die Köpfe der Individuen zu hämmern. Angesichts dieser Wahlverwandtschaft kann es nicht verwundern, daß in der Frühphase kapitalistischer Entwicklung inbesondere den Hochburgen der radikalen Protestantismusvarianten eine Vorreiterrolle zukam. Man denke nur an England, die Niederlande und die Vereinigten Staaten. Der Protestantismus spielte aber nicht nur bei der Durchsetzung der &#8220;zivilisatorischen Mission des Kapitals&#8221; als Trägerideologie eine wesentliche Rolle, auch die Schrecken der einsetzenden Moderne wurden im wesentlichen von protestantisch geprägten Männern in Szene gesetzt. Schon die Hexenverfolgung wütete dort am schlimmsten, wo der Protestantismus begann, Wurzeln zu schlagen.(<a href="#9">9</a>) Und es waren wiederum protestantische Farmer, Proletarier, Manufakturbesitzer und Landarbeiter, die im Interesse von Arbeit und Geld an den nordamerikanischen Indianern den ersten systematischen Genozid der Geschichte inszenierten.(<a href="#10">10</a>) Diese Linie läßt sich selbst bis zum Holocaust verlängern. Die katholischen Milieus erwiesen sich gegenüber der Identifikation mit dem nationalsozialistischen Programm als vergleichsweise resistent. Die Vernichtung des europäischen Judentums im Namen von Arbeit, Rasse und kleinkariertem Pfennigfuchsertum liegt durchaus noch in der vom Protestantismus geprägten Traditionslinie.</p>
<p>Die protestantische Haltung bestimmt also den gesamten Prozeß der Modernisierung mit, und insofern ist es nur konsquent, wenn sie &#8211; säkularisiert &#8211; auch in die Arbeiterbewegung Einzug hielt. So, wie das aufstrebende protestantische Bürgertum dem schmarotzenden Klerus und Adel die Würde der Arbeit entgegengehalten hatten, wandte Jahrhunderte später die Arbeiterbewegung das berüchtigte &#8220;wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen&#8221; gegen die ungeliebte Bourgeosie. Unter dieser Parole schickte sie sich an, die Schmarotzer zu stürzen, um voll und ganz in den Genuß der Früchte ihrer Arbeit zu gelangen, die die einzige Quelle aller Werte ist. Was da losbrach, war kein Feldzug gegen entfremdete Arbeit, auch wenn häufig die ehrenwerte Handwerkelei der industriellen Arbeit vorgezogen wurde. Stattdessen ging es um die Verewigung und Adelung derselben, und um die Anerkennung der Arbeiterschaft als einzig produktiver und daher auch einzig existenzberechtigter Klasse.</p>
<p><a name="q11"></a><a name="q12"></a>In der sozialdemokratischen Strömung der westlichen Arbeiterbewegung war die Apotheose der Arbeit immer schon selbstverständliche ideologische Grundlage. Im Gefolge der Oktoberrevolution griff diese Haltung auf den rückständigen Osten des Kontinents über, und etablierte sich schließlich, radikalisiert, als neue Staatsreligion. Der Stand kapitalistischer Vergesellschaftung und industrieller Entwicklung, den Protestantismus und Geldlogik im Westen im Verlauf mehrerer Jahrhunderte durchgesetzt hatten, sollte hier in wenigen Jahrzehnten erreicht und übertroffen werden. Der &#8220;Marxismus&#8221; mußte unter diesen Umständen von allen humanistischen und auf Müßiggang, Genuß und Individualität hinweisenden Resten befreit werden, um bedingungslos als Einpeitscherideologie im Sinne der Arbeit fungieren zu können. &#8220;Der russische Mensch ist ein schlechter Arbeiter im Vergleich mit den fortgeschrittenen Nationen (&#8230;). Arbeiten lernen &#8211; diese Aufgabe muß die Sowjetmacht dem Volk in ihrem ganzen Umfang stellen&#8221;, propagiert unablässig der aus protestantischem Hause stammende Führer der sowjetischen Revolution, W.I.Lenin.(<a href="#11">11</a>) Vor die Aufgabe gestellt, subsistenz- und fronarbeitenden Bauern zu disziplinierten Lohnarbeitern zu erziehen, entwickelte sich der Marxismus/Leninismus zu einer Ideologie nachholender ursprünglicher Akkumulation. Diese Funktion prädestinierte den verprotestantisierten Marxismus dazu, auch außerhalb der sowjetischen Grenzen in den Ländern der 3. Welt eine Avantgarderolle bei der nationalen Aufholjagd einzunehmen. An den Grad westlicher Effizienz und Rationalität reichten die marxistisch-leninistischen Entwicklungsdiktaturen trotz aller Anstrengungen aber dennoch nie heran. Überall dort, wo die &#8220;freie Marktwirtschaft&#8221; schon selbst die Industrialisierung in größerem Maßstab vorangetrieben hatte, mußte diese grobe Form von Spätprotestantismus daher versagen.(<a href="#12">12</a>)</p>
<p>Mit der siegreichen Roten Armee kehrte der durch einige Metamorphosen hindurchgegangene Arbeiterbewegungs-Protestantismus in seine deutsche Heimat zurück. Allerdings traf er dort auf eine Gesellschaft, für die er schon anachronistisch war. Auf dem in Deutschland bereits erreichten Vergesellschaftungsniveau schuf die proletkulthafte Verherrlichung der Handarbeit nicht etwa einen größeren Entwicklungsspielraum im Rahmen der Weltwarengesellschaft, sondern sie beengte im Gegenteil schon vorhandene Potentiale in ihrer weiteren Entfaltung.</p>
<p>Bei den Wessis grassiert das Vorurteil, die Bevölkerung der ehemaligen DDR könne mit dem Begriff Arbeit nicht allzuviel anfangen. Das Gegenteil aber ist richtig. Die landläufige DDR-Mentalität war durch und durch vom Arbeitsethos protestantischer und marxistisch-leninistischer Provenienz geprägt. Die Unterlegenheit der östlichen Variante der Arbeitsgesellschaft, die sich auch im Arbeitsverhalten niederschlug, beruhte im Kern auf einer Phasendifferenz. Das Arbeitsethos, wie es östlich der Elbe vorherrschte und noch vorherrscht, ist deutlich vom tayloristisch-fordistischen Rhythmus und seinen Anforderungen bestimmt. Wenn die &#8220;Wessis&#8221; an der Arbeitsbereitschaft der &#8220;Ossis&#8221; zweifeln, dann nur deshalb, weil sie ihre eigenen Arbeitsmaßstäbe selbstverständlich voraussetzen und an die wenig geliebten &#8220;Brüder und Schwestern&#8221; anlegen.</p>
<p>Im gesamten ehemaligen Ostblock herrscht ein Arbeitssystem vor, das noch in starkem Maße auf körperlicher Arbeit beruht. Dieses System laugt zwar die Arbeitenden physisch stärker aus, produziert aber dennoch weniger Output pro Kopf als das auf Basis der mikroelektronischen Revolution weitgehend automatisierte Produktionsaggregat des Westens. Darüber hinaus erfordert es einen anderen Arbeitertypus. Für weitgehende Selbstverantwortung und entsprechende Arbeits-Sozialisation war in den taylorisierten DDR-Betrieben schlicht und einfach kein Platz. Arbeit bedeutet daher im Osten auch noch immer ungefähr das, was im Westen in den letzten 30 Jahren in den Hintergrund gedrängt wurde: die Ausführung repetitiver und hochgradig zerlegter Teiltätigkeiten, die dem Einzelnen keinerlei Entscheidungsspielräume gewährt.</p>
<p>Dieses grundlegende Problem wurde durch die Dysfunktionalitäten realsozialistischer Planungs- und Arbeitspraxis ergänzt und überlagert, die den Fabrik-Alltag 40 Jahre lang wesentlich mitbestimmten. Auch wenn prinzipielle Arbeitsbereitschaft vorhanden war, ergaben sich im von der staatlichen Planung stark bestimmten Produktionsalltag allerlei unüberwindliche Hürden. Der Mangel an Ersatzteilen und an Zuliefermaterial &#8211; trotz ständiger &#8220;hundertfünfzigprozentiger Planübererfüllung&#8221; &#8211; und die ineffektive innerbetriebliche Organisation führten häufig zu langen Zwangspausen. Die ungenügende Versorgung mit Konsumgütern kam dem Arbeitsablauf ebenfalls leicht und regelmäßig in die Quere. Sprach sich plötzlich herum, daß wieder Bananen oder Regenschirme zu haben seien, so verbrachte ein Teil der Belegschaft seine Arbeitszeit mit Schlangestehen. Nur in wenigen Betrieben wurde diese Gewohnheit rigoros unterbunden.</p>
<p><a name="q13"></a>Das Wissen darum, daß das hergestellte Produkt entweder nichts taugte oder die gute Ware directement ins kapitalistische Feindesland auf Nimmerwiedersehen verschwinden würde, war ebenfalls nicht gerade dazu angetan, den Einsatz am Arbeitsplatz auf olympisches Niveau zu heben. Hinzu kam noch, daß das DDR-Geld (&#8220;Aluchips&#8221;) weitgehend als wertlos empfunden wurde, weil es dafür nicht immer etwas &#8220;Vernünftiges&#8221; zu kaufen gab. Schließlich hemmte auch die Angst, durch eigenmächtige Entscheidungen oder selbständige Aktivitäten Fehler zu begehen, die der leichtfertige Aktivist dann oft bitter bereuen mußte, den verbal eingeklagten Elan im Arbeitsalltag zusätzlich(<a href="#13">13</a>). Und natürlich schwächte auch die fehlende Arbeitsplatzkonkurrenz durch weitgehende Beschäftigungsgarantie den Zwang zur dauernden Leistungsbewährung ein.</p>
<p><a name="q14"></a><a name="q15"></a>So sehr all diese Faktoren allerdings die tatsächliche Arbeitsmoral empfindlich störten, so wenig beeinträchtigten sie die grundsätzliche identitätsstiftende Bedeutung der Arbeit für die große Mehrzahl der DDRler. Doch um die hausgemachten faktischen Arbeitshemmnisse zu konterkarieren, mußte die Partei unablässig versuchen, die Menschen zu größeren Anstrengungen zu &#8220;motivieren&#8221;. Tag und Nacht traktierte sie die Menschen mit Leistungsbilanzen und &#8220;Erfolgen&#8221; und zerstach die Brust der Arbeiter mit einer Fülle von finanziell vergoldeten Abzeichen. Je mehr die Resultate ausblieben, desto überschwenglicher wurde das Vokabular: &#8220;erfolgreich, siegreich, ewig, unverbrüchlich, großartig, übererfüllt, zuversichtlich, in voller Übereinstimmung, unschätzbar, bewegend, unbeirrbar, planmäßig, einig, beharrlich, leidenschaftlich, überwältigend, unablässig, eindeutig&#8221;, lauteten die kompensatorischen Adjektive(<a href="#14">14</a>) Die höchste Auszeichnung, die ein normalsterblicher DDR-Arbeitnehmer erringen konnte, war &#8211; nach dem &#8220;Marx-Orden&#8221; &#8211; die Kür zum &#8220;Held der Arbeit&#8221;(<a href="#15">15</a>). Ein Volk von lauter Arbeiterhelden, davon dürften die SED-Bonzen unablässig geträumt haben. &#8220;Wir können noch mehr aus den Betrieben holen&#8221;, verriet Honecker einst dem Volk einen seiner Träume. Dieses nahm ihn beim Wort und holte heraus, was man als Bastler und Heimwerker so alles zuhause brauchen konnte. Wie weit diese rastlose Tätigkeit den formellen Sektor zurückgeworfen hat, läßt sich nicht beziffern. (Es wäre allerdings nicht verwunderlich, wenn sich auch darüber in den Hinterlassenschaften der schreib- und sammelwütigen Stasi noch Material finden würde.)</p>
<p><a name="q16"></a>Landolf Scherzer, eine Art moderater DDR-Wallraff, beschreibt sehr plastisch die &#8220;moralische&#8221; Aufbauphase an Bord eines Fischfang- und Verarbeitungsschiffes, das gerade Kurs auf Labrador genommen hat. Es beginnt mit der FDJ-Sitzung: &#8220;Liebe Jugendfreunde. Bald werden wir den ersten Fisch dieser Reise fangen. Unser Kampfziel zum 30. Jahrestag heißt: Jeden gefangenen Fisch der menschlichen Ernährung zuführen!&#8221; Es folgt die Reservistensitzung der wehrfähigen Männer: &#8220;Liebe Genossen Reservisten! Ich begrüße euch zur ersten Zusammenkunft dieser Reise. Wir Reservisten der NVA haben hier große Aufgaben vor uns, um den Wettbewerb zum 30. Jahrestag siegreich zu beenden und alle gefangenen Fische&#8230;.&#8221; An den nächsten Tagen versammeln sich außerdem: &#8220;Hygienekommission, Schule der sozialistischen Arbeit, junge und alte Neuerer, Kommission zur Durchführung von Sport an Bord, der Schiffsrat, die Küchenkommission, die Kommission zur Sammlung von Altstoffen, der Fotozirkel, die Kommission zur Kulturarbeit an Bord, die Teilnehmer an der Offiziersschulung, am Erste-Hilfe-Kurs und am Parteilehrjahr, die verschiedensten Brigaden der einzelnen Abteilungen, die Wandzeitungskommission, die Kommission zur Anleitung derjenigen Besatzugsmitglieder, die berechtigt sind, den Filmvorführapparat zu bedienen, der Zirkel junger Sozialisten. Die beiden Frauen allerdings haben keine DFD-Gruppe gebildet&#8230;und der CDU fehlt der dritte Mann, sonst hätte sich auch die Blockpartei versammelt.&#8221;(<a href="#16">16</a>). Alle bekommen dieselbe aufmunternde und phantasievolle Arbeitsaufforderung zu hören. Unzählige Zirkel und Organisationen, die Gewerkschaften voran, sollten unablässig Arbeitstätigkeit und Arbeitsmoral befördern.</p>
<p><a name="q17"></a>Die Partei herrschte im Sinne der zum Selbstzweck mutierten Arbeit, und das erübrigte eine Beteiligung der Arbeiter an der Machtausübung. Die Parole &#8220;Arbeite mit, regiere mit&#8221;, die meist nur spöttisches Gelächter oder ironisches Grienen hervorrief, bezeichnet einen unaufhebbaren Widerspruch, denn Regieren und Arbeiten schließen sich aus. Solange die Gesellschaft in die getrennten Sphären von Arbeit, Politik, Kultur etc. auseinanderfällt, ist auch die Funktionsvereinseitigung der Individuen nicht aufhebbar. Dies belegen nicht nur die gescheiterten Anstrengungen etwa der chinesischen Kulturrevolution, sondern auch die schnell wieder aufgegebenen Versuche mit der Arbeiter-Literatur in der DDR. Aus handfesten Proletariern, die weiterhin Proletarier sein sollen, lassen sich keine Literaturproduzenten machen, es sei denn, man operiert mit einem sehr großzügigen Literaturbegriff.(<a href="#17">17</a>)</p>
<p><a name="q18"></a>Wenn in einem Land, in dem die &#8220;Avantgarde des Proletariats&#8221; regiert, die Arbeit zur Ehre gereicht, dann kann sie eigentlich nicht gleichzeitig als allzeit probates Züchtigungsmittel dienen. Dennoch war es in der DDR die üblichste Disziplinierungsmethode, mißliebige Funktionäre und Angehörige der technischen und sozialen Intelligenz in die herrschende Klasse strafzuversetzen. Wem es an Gefügigkeit und Linientreue gebrach, oder wer als mißliebiger Konkurrent störte, der konnte sehr schnell auf einem der miesesten Arbeitsplätze landen. Hierin scheint das allgemeine Verhältnis von Ideologie und gesellschaftlicher Praxis auf. Die empirische industrielle Arbeitsrealität mit ihren vorwiegend repetitiven, monotonen und stupiden Prozessen taugte nicht zu einer Form von Identifikation mit der Tätigkeit selber, wie sie wohl vorindustrielle Bauern und Handwerker noch kannten, und daher mußte die proletarische Idealisierung der taylorisierten Arbeit von den konkreten Arbeitstätigkeiten immer abstrahieren. Es ging um das Arbeiten überhaupt und um die Chimäre &#8220;des Arbeiters&#8221;, aber nie um die bestimmte einzelne Arbeit und die leibhaftige Arbeiterrealität.(<a href="#18">18</a>) Notdürftig wurde der ärmliche Charakter der Arbeitswirklichkeit hinter aufwertenden Berufsbezeichnungen versteckt, doch der Schweinehirt bleibt ein Schweinehirt, auch wenn er sich &#8220;Zootechniker&#8221; nennen darf.</p>
<p>Dieses Zwiedenken war aber nicht nur eine Angelegenheit der Funktionärsschicht. Der eigenen Alltagsrealität zum Trotz problematisierten die Menschen in der DDR in ihrer großen Mehrheit die Arbeitsbedingungen ebenfalls kaum oder gar nicht &#8211; das reale Leiden an den vielfach zerstörerischen Arbeitsbedingungen ging mit dem Lob der Arbeit einher. So tief saß auch bei ihnen der Arbeitsfetischismus, daß sie selbst Krankheiten, die ganz offensichtlich von der übermäßigen Plackerei und der schadstoffhaltigen Luft herrührten, nicht damit in Zusammenhang brachten. Weitverbreitete Phänomene wie Alkoholmißbrauch, Medikamentensucht, Frust und Aggressionen wurden eher aus individuellen moralischen Schwächen, privaten Problemen oder auch aus der staatlichen Repression erklärt, nur nicht aus den Verhältnissen am Arbeitsplatz. Kraß, aber bezeichnend ist die Aussage eines ca. dreißigjährigen Arbeiters, den ich unterrichtete. Jahrelang hatte er ohne Absauganlage und Mundschutz in den Eisenacher Wartburg-Werken Autos lackiert und von dieser Tätigkeit unübersehbar Hirnschäden sowie starke Sprachstörungen davongetragen. Dennoch meinte er, darauf angesprochen, die Arbeit habe ihm großen Spaß gemacht und geschadet hätte sie ihm ja auch nicht. Nirgendwo in Ostdeutschland tummeln sich so viele verbrauchte junge Männer wie in den Kombinaten des produzierenden Gewerbes, und nirgendwo herrscht ein geringeres Problembewußtsein als bei jenen Arbeitern, die in den Herzstücken der DDR-Industrie beschäftigt waren.</p>
<p>Die schizophrene Besetzung der Arbeit, gleichzeitig Heil und Unheil zu verkörpern, prägte auch den Umgang mit Straffälligen und Behinderten. Arbeit war Strafe und Therapie in einem. Die &#8220;Betreuung&#8221; von schwererziehbaren Jugendlichen und sonstigen &#8220;asozialen, arbeitsscheuen Elementen&#8221; in den sogenannten &#8220;Werkhöfen&#8221; sowie von &#8211; im Prinzip in die gleiche Kategorie eingereihten &#8211; Behinderten, folgte der Zielsetzung &#8220;Genesung durch Arbeit&#8221;. Selbst international wurde, was in Wahrheit eine &#8220;Verblödung durch Arbeit&#8221; war, als erfolgreiche Reintegration der Behinderten in das Arbeitsleben bestaunt. Daß dabei in den meisten Fällen völlig stupide, Krankheit und Apathie nur befördernde Arbeit Zuwendung, Kreativitätsförderung und intensive Betreuung ersetzte, hat besonders in den sozialistischen Ländern und in der apologetischen westlichen Linken kaum jemanden interessiert. Es spricht Bände, daß der SED-Staat nichts mit denjenigen Behinderten anzufangen wußte, die sich nicht mehr im Produktionsprozeß verwerten ließen. Diese Menschen landeten fast ausnahmslos in der Obhut der Kirchen.</p>
<p><a name="q19"></a>Dem Umgang der staatlichen Instanzen mit sozialen Sorgenkindern entsprach und entspricht die Grundhaltung des Alltagsbewußtsein. Kommt man in den &#8220;fünf neuen Bundesländern&#8221; auf die Behandlung von Behinderten zu sprechen, wird als erstes in der einen oder anderen Weise die Frage nach deren &#8220;Brauchbarkeit&#8221;, &#8220;Nützlichkeit&#8221; oder &#8220;Leistungsfähigkeit&#8221; aufgeworfen. An diesem Punkt kommt die protestantische und zugleich versachlichte, klein-bürgerlich zweckrationale Denkweise zum Vorschein. Allen, die nicht arbeiten können oder wollen, wird sehr schnell prinzipiell die Existenzberechtigung abgesprochen. Ausrottungs- und Euthanasiephantasien sind gang und gäbe. Das schiere physische Dasein berechtigt noch lange nicht zur bürgerlichen Existenz.(<a href="#19">19</a>) Zwar wurden Behinderte in der DDR nicht umgebracht, dagegen sprachen humanistische Prinzipien und Imagegründe, aber von einer Akzeptanz und einer würdigen Lebensweise (im Rahmen bürgerlicher Möglichkeiten) konnte nicht die Rede sein.</p>
<p><a name="q20"></a><a name="q21"></a>Schlecht erging es auch &#8211; ob jung oder alt &#8211; den &#8220;asozialen und kriminellen Elementen&#8221;. Ihnen wurde eine &#8220;Arbeitsbehandlung&#8221; zugedacht, die sie, flankiert von unglaublich entwürdigenden Schikanen, oft bis an den Rand der totalen physischen und psychischen Erschöpfung oder sogar bis zum Zusammenbruch führte.(<a href="#20">20</a>) Wenn man die &#8220;Asozialen&#8221; schon durchfütterte, dann sollten sie bis zu ihrem Exitus wenigstens noch zu etwas nutze gewesen sein. In der Stalinära gab es hierfür den Begriff der &#8220;Wiedergutmachung durch Arbeit&#8221;, die entsprechende Praxis der gnadenlosen Ausbeutung von Sträflingen ist im Ostblock nie ausgestorben. Bis zu einem Drittel des Bruttosozialprodukts der Sowjetunion soll durch sklavenähnliche Zwangsarbeit erzeugt worden sein, und auch für die DDR war Sträflingsarbeit eine erhebliche Devisenquelle. Westliche Firmen, beispielsweise IKEA, haben stark davon profitiert.(<a href="#21">21</a>)</p>
<p>Vor diesem Hintergrund läßt sich die tiefe psychische Krise verstehen, in die die ehemaligen DDR-Bürger mit dem unerwarteten Verlauf der Wiedervereinigung geraten sind. Besonders die Männer schöpften ihr <em>gesamtes</em> patriarchalisches Selbstvertrauen aus der Fabrik- und Landarbeit und aus dem hohen moralischen Wert manueller Tätigkeit. Trotz der extrem hohen Frauenerwerbsquote verstanden sie sich in der Mehrzahl nach wie vor als die eigentlichen Ernährer der Familie, so daß sie der Verlust des Arbeitsplatzes, ihrem Verständnis nach, zu absolut nutzlosen und überflüssigen Subjekten degradiert und auf eine Stufe mit den so verhaßten &#8220;Assis&#8221; stellt. Dem Proletkult und patriarchalischen Berufsvorstellungen verhaftet, fällt es ihnen enorm schwer, sich auf andere Tätigkeitsfelder einzustellen und auf &#8220;weiblichere&#8221; oder &#8220;intellektuellere&#8221; Berufszweige umzuschulen. So verwundert es nicht, wenn sie vor dieser Zumutung einerseits häufig in den Alkohol flüchten, und wenn sich andererseits enorme Aggressionen anstauen und die allgemeine Gewaltbereitschaft wächst.</p>
<h4>Das heilige Geld</h4>
<p><a name="q22"></a>Auch in der Einstellung zum Geld erweist sich die DDR-Gesellschaft als protestantisch geprägt. Überzeugt davon, daß Geld das Resultat individueller Leistung sei, hat sich der Protestant seit jeher als ausgesprochener Pfennigfuchser bewährt. Während der Katholizismus das Teilen mit den Armen zum Menschlichkeits<em>gebot</em> erhob(<a href="#22">22</a>), überantwortet der Protestantismus dies der individuellen Entscheidung oder hält es ganz für unnötig. Dem Protestanten sind Weisheiten wie &#8220;wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert&#8221;, &#8220;beim Geld hört die Freundschaft auf&#8221;, oder &#8220;Zeit ist Geld&#8221; selbstverständliche Lebensdoktrin. Es bedarf entweder des Zwangs oder ständiger moralischer Appelle, um klein-bürgerlich-protestantisch geprägte Menschen zu einem solidarischen gesellschaftlichen Verhalten zu bewegen. Dieses Erbe haben die DDR und ihre Bürger übernommen und fortgesetzt. Auch dieser Aspekt des protestantischen Geistes hat allerdings bereits in der Arbeiterbewegung seine Wurzeln. Das von den Sozialisten zur ersten Verhaltensmaxime erhobene Prinzip der Solidarität klingt nicht nur immer schon verdächtig nach einer einklagbaren Äquivalenzbeziehung, im Solidaritätspathos schwingt gleichzeitig auch mit, daß es alles andere als selbstverständlich ist, wenn durch die Lohn- und Warenform getrennte Menschen ihre Mittel miteinander teilen. Solidarität ist proletarische Moral und muß daher immer wieder aufs neue in die Köpfe gehämmert werden.</p>
<p>Gerade in Krisenzeiten erkennen aber protestantisch geformte Menschen in der kleinkrämerischen Grundhaltung nicht sich selbst, sondern sie projizieren diese auf andere, die sie im Extremfall dann als <em>&#8220;egoistische&#8221;, &#8220;raffende&#8221;, &#8220;volksfeindliche&#8221; Elemente</em> vom Antlitz dieser Erde tilgen wollen. Diese &#8220;Projektion&#8221; wiederholt sich heute in milderer Form zwischen &#8220;Ossis&#8221; und &#8220;Wessis&#8221;. Was die Ex-DDR-Bürger zur Zeit so vehement an ihren westlichen Geschwistern kritisieren, ist nichts als ihr eigener &#8220;asozialer&#8221; Charakter. Sie, die jeden, der sich nicht anpaßt, nicht arbeitsfähig oder -willig ist oder ganz einfach anders lebt, mit ihrem Lieblingsausdruck &#8220;Assi&#8221; belegen, erweisen sich selbst als völlig unfähig, in der jetzigen Situation auch nur ansatzweise solidarisch miteinander umzugehen.</p>
<p>Beklagt wird, daß mit dem (immer herbeigesehnten) Einbruch des Kapitalismus in ihre kleine Welt plötzlich die zwischenmenschlichen Beziehungen zerbrochen seien, und jeder nur noch an sich selbst denke. Das war vor der westlichen Übernahme jedoch kein bißchen anders. Der Staat mußte beständig gegen den Widerwillen der Mehrzahl der Bürger ankämpfen, wenn es um die Erfüllung der &#8220;solidarischen Pflichten&#8221; gegenüber der Sowjetunion und der Dritten Welt ging. Ebenso ließen sich parteipolitische und kulturelle Aktivitäten nur auf der Grundlage &#8220;erzwungener Freiwilligkeit&#8221; und unermüdlicher Appelle durchsetzen, eine Aufgabe, die vor allem den staatlich gesteuerten Jugendorganisationen und Gewerkschaften zufiel. Spricht man dieses Thema an, verstummen die Klagen über diese Art von &#8220;Auspressung&#8221; überhaupt nicht mehr. Soziale Aufgaben waren staatlich durchinstitutionalisiert und blieben den Bürgern ausgesprochen fremd. Die meisten ehemaligen Parteifunktionäre ebenso wie die Mehrzahl der Arbeiter und Arbeiterinnen, denen ich begegnete, brachten kein Verständnis für die finanzielle und materielle Versorgung von Alkoholkranken, Arbeitsunfähigen oder -unwilligen auf.</p>
<p>Diese Haltung schlägt selbst noch bei unbedeutenden Alltäglichkeiten wie der Kaffeekasse und der Organisation kleiner Feiern durch. Als ich einmal im Rahmen meiner Unterrichtstätigkeit vorschlug, die Besserverdienenden könnten durch einen höheren Beitrag den Kursteilnehmern mit geringerem Einkommen die Teilnahme an einer Klassenfahrt ermöglichen, rief ich damit nur ungläubiges Staunen hervor. Die vom Standpunkt westlicher Gepflogenheiten nicht besonders originelle Idee muß wohl für die große Mehrheit einfach nicht nachvollziehbar gewesen sein.</p>
<p>Wenn also die Ostdeutschen heute einen Verlust an Gesellschaftlichkeit und Solidarität wahrnehmen, so liegt das nicht in erster Linie an der Konfrontation mit westlicher Gefühlskälte und westdeutschen Konkurrenz-Praktiken. Vor allem anderen sind es der Wegfall staatlich organisierter Geselligkeit und das Verschwinden von Quasi-Naturaltauschbeziehungen und Gefälligkeitsstrukturen, die diesen Eindruck erwecken. Da es heute alles im Laden zu kaufen gibt, scheint es so, als ginge es seit der Wende nur noch ums liebe Geld. Dabei wird allerdings geflissentlich übersehen, daß auch dem aus der Not geborenen Naturaltausch schon das bürgerliche Äquivalenzprinzip zugrundelag.</p>
<p>Dennoch herrschte damals eine etwas andere Gefühlslage vor. Sie war (zwangsweise) geprägt durch stäkere Bescheidenheit, was die materiellen Wünsche anging, und dementsprechend groß war auch die Freude über Schnäppchen, die gelegentlich ergattert werden konnten. Unbestreitbar ist ferner, daß bei dem relativ geringen Einkommensgefälle in der DDR gesellschafliche Anerkennung kaum durch Geldbesitz zu erlangen war. Dementsprechend fehlte der arrogante Protzer-Typus, der heute die Szene bestimmt. Bedenkt man noch die beruhigende Wirkung staatlich garantierter Existenzsicherheit, die &#8211; neben den geschilderten Arbeitsbedingungen &#8211; dazu beitrug, daß eine wenig gehetzte Atmosphäre vorherrschte, wird das jetzige Lamento verständlich. Dennoch: die EX-DDR-Bürger beklagen heute nur den Verlust all dessen, was sie zu DDR-Zeiten immer verflucht haben. Die Sehnsucht nach dem &#8220;richtigen&#8221; Geld der BRD hat dem SED-Regime das Genick gebrochen. Die D-Mark-Seligkeit hat aber eben auch ihre für die im Geiste des Sozialismus erzogenen Ostdeutschen überraschenden Schattenseiten.</p>
<p>Diese Entwicklung entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Immerhin ereilt dieses ernüchternde Schicksal die Bewohner eines Staatswesens, das mit Marx ausgerechnet jenen Mann zum geistigen Urvater erhob, der zu Lebzeiten die abstrakte Arbeit und das Geld radikal kritisiert hatte. Diese protestantisch geformten Gemütern ungeheuerlich und aberwitzig anmutende Vorstellung hat die SED allerdings wohlweislich nie auf ihre Fahnen geschrieben. Sie eiferte stattdessen lieber dem Beispiel jenes Papstes nach, der im Mittelalter die Vereinbarkeit von christlicher Lehre und Geldbesitz beweisen wollte. Der oberste Hirte ließ damals jedem Jesus am Kruzifix ein Geldsäckchen an den Lendenschurz binden. Die Einheitssozialisten überbrückten Jahrhunderte später den Widerspruch zwischen der Marxschen Auffassung und dem &#8220;sozialistischen Gebrauch des Geldes&#8221; dadurch, daß sie die DDR-Noten ausgerechnet mit dem Konterfei des Geldkritikers versahen. Während aber im Mittelalter noch ein Sturm der Empörung gegen den Blasphemiker losbrach, sahen die sozialistischen Bürger in diesem Vorgang wohl tatsächlich eine Ehrung des großen deutschen Revolutionärs.</p>
<p><a name="q23"></a>Die innerweltliche Askese mit ihrer Versachlichung und Rationalisierung der Gefühle hatte noch andere weitreichende Folgen für die zwischenmenschlichen Beziehungen. Gespart wurde in der DDR nicht nur am Geld, sondern auch an Gefühlen und an Körperkontakt. Der Austausch von Zärtlichkeiten ist noch heute in der Öffentlichkeit selten zu beobachten. Sexualität war und ist weitestgehend tabu; einmal angesprochen, löst das Thema meist nur Unbehagen aus. In Gesprächen taucht Sexualität hauptsächlich in Gestalt schlüpfriger Witze oder in Anspielungen auf. Nur &#8220;gesunder&#8221; Sex darf sein, so die Aussage vieler Angesprochenen, was immer dies auch ein- oder auschließen mag. Es &#8220;dominierte ungehindert eine prüde, verlogene und tabuisierende Sexualeinstellung.&#8221; &#8220;Eine Förderung der sexuellen Lust, der erotischen Raffinesse und des spielerisch-sinnlichen Umgangs mit dem Körper kam kaum vor, dagegen waren Schuld, Scham und Angst im Umgang mit der sexuellen Entwicklung der Kinder die vorherrschende Regel.&#8221; &#8220;Eine Fülle von Falschdarstellungen der menschlichen Sexualität&#8221;, geisterte durch die Familien. &#8220;Onanieren wurde meistens verleugnet und unter Strafe gestellt. Die Menstruation wurde als beschwerlich, belastend und bedrohlich dargestellt und erlebt. Vor der Aufnahme sexueller Beziehungen wurde regelmäßig gewarnt, alle möglichen Gefahren wurden heraufbeschworen.&#8221; Kinder wurden kaum ermutigt, Fragen zu stellen und &#8220;Aufklärung war, wenn es sie überhaupt gab, vorrangig sachlich-kühl, biologisch, technisch funktional und entsprach damit völlig dem vorherrschenden naturwissenschaftlich-materialistischen Weltbildes&#8221;(<a href="#23">23</a>). Insgesamt waren die Begleitumstände für die Entfaltung einer befriedigenden Sexualität also bedrückend.</p>
<p>Die Ursachen für die enorm hohe Abtreibungsrate sieht der Psychoanalytiker Maaz dementsprechend auch in den massiven sexuellen und emotionalen Problemen bei der Zeugung und während der Schwangerschaft. Letzten Endes standen die Frauen mit ihren Sorgen und Fragen meistens allein da und waren ihrer Angst und einem ungeheuren moralischen Druck ausgesetzt. Von der sexuellen &#8220;Freizügigkeit&#8221;, &#8220;Lasterhaftigkeit&#8221; und &#8220;Triebhaftigkeit&#8221;, die den proletarischen Schichten zu Beginn dieses Jahrhunderts noch zugeschrieben wurden, sind kaum Spuren übriggeblieben. Der &#8220;führenden Partei des Proletariats&#8221; ist in vierzig Jahren nicht allzuviel gelungen, in einem war sie aber auf alle Fälle sehr erfolgreich: sie hat es geschafft, die gesamte Gesellschaft auf klein-bürgerliche Moralvorstellungen zu trimmen.</p>
<p><a name="q24"></a>Die sozialistische Erziehung hat die auf strenge Affektmodellierung, Disziplin und Untertanengeist ausgerichtete protestantisch-preußische Tradition reproduziert: &#8220;Selbstbeherrschung, Kontrolle, Tapferkeit, Härte und Fügsamkeit gegenüber der Autorität und niemals Aufbegehren waren die geforderten Tugenden&#8221;(<a href="#24">24</a>). Frontalunterricht, aufrechtes Sitzen, zackiges Melden, endlos Strafarbeiten, frühzeitige Auslese oder Ausgrenzung und Demütigung der für unfähig Befundenen waren nur einige der beliebtesten pädagogischen Mittel. Schon in der Kinderkrippe war die Sauberkeitserziehung das A und O. Junge Pioniere und FDJ ergänzten die Schule der Anpassung und Vorbereitung auf die Arbeits- und Wehrfähigkeit.</p>
<p>Die Parteiführer wären nie auf die Idee gekommen, daß diese durch und durch autoritär geprägte Art von Menschführung den wirtschaftlichen Zielen der Partei irgendwann einmal in die Quere kommen könnte. Genau das ist aber geschehen. Volksaufzucht im Sinne preußisch-protestantischer Tugenden war historisch während der Durchsetzungsphase der manufakturellen und tayloristischen Industriearbeit sicherlich funktional. Sie hat in den Prozessen nachholender Akkumulation, etwa in der UDSSR oder in China, ebenso ihren Dienst geleistet wie bei der Durchkapitalisierung Deutschlands in den hundert Jahren nach 1850. Für den notwendigen Übergang in das Zeitalter verwissenschaftlichter, mikroelektronischer und automatisierter Produktion und Distribution sind solchermaßen konditionierte Bürger aber völlig ungeeignet. Die Festschreibung dieser überlebten Psychostruktur wurde daher zum Entwicklungshemmnis.</p>
<h4>Autoritäres Bewußtsein</h4>
<p>Wurden die autoritären Strukturen im Westen nach der Niederlage des Faschismus weitgehend aufgeweicht und spätestens seit dem Aufbruch von 1968 durch modernere, individualisiertere Formen kapitalistischen Zwangs ersetzt, so tat das SED-Regime alles, um sie zu konservieren. Im Sinne des &#8220;demokratischen Zentralismus&#8221; beanspruchte die Partei die unangefochtene Führung; für &#8220;linke Abweichungen&#8221; war kein Platz. Die autoritäre Hierarchie mit ihren strikt von oben nach unten verlaufenden Befehlslinien mußte schon deshalb zwangsläufig Lüge und Selbstbetrug in der Partei fördern, weil jeder Überbringer unangenehmer Nachrichten mit Sanktionen zu rechnen hatte. Es durfte in der Gesellschaft nichts ohne die Partei geschehen, jede eigenständige Regung wurde unterdrückt, und die SED versuchte unablässig, bis in die kleinsten Poren der Gesellschaft hinein, allgegenwärtig zu sein. Damit entwickelte sie sich zum Brutkasten von Opportunismus und Duckmäusertum. Wer Karriere machen oder einfach bloß eine attraktivere Arbeit bekommen wollte, der brauchte sich nur vertrauensvoll unter die Fittiche der allmächtigen Partei zu begeben. Dennoch muß die &#8220;Sozialistische Einheitspartei&#8221; unter einem erheblichen Mangel an Zulauf gelitten haben, denn bekanntlich schreckte sie nicht vor zahllosen Erpressungsmethoden zurück, um Mitglieder zu &#8220;gewinnen&#8221;. Wenn junge Leute den Wunsch hatten, zu studieren, so machten lokale Parteigremien die Erfüllung dieses Ansinnens regelmäßig davon abhängig, daß unbelehrbare Verwandte endlich in die Partei eintraten. Diese und ähnliche Anwerbemethoden waren gang und gäbe. Schon die Kleinsten wurden im Schulunterricht den Rekrutierungsbemühungen von Stasi, NVA und Partei ausgesetzt. Die Aussicht auf einen Studienplatz, einen Trabbi oder eine Videoanlage sollte den Nachwuchs anlocken.</p>
<p><a name="q25"></a>Ihrem Selbstverständnis nach wollte die Partei die Rolle des fürsorglichen Übervaters einnehmen, der für das Wohl ihrer Kinder sorgt, sie streng und gerecht zur Mündigkeit <em>erzieht</em> und <em>weise</em> führt. Daß in der Praxis Mündigkeit nur synonym für Untertänigkeit und Erziehung für Belehrung und Bevormundung stehen konnte, liegt auf der Hand. Erich Honecker brachte es selber schon auf den Punkt: &#8220;Weder wir noch die Kirche konnten&#8230;die Menschen sich selbst überlassen&#8221;(<a href="#25">25</a>). Diesen selbstgestellten Auftrag versuchte die Partei dadurch umzusetzen, daß sie die Bürger vom Säuglingsalter bis zur Bahre unablässig mit moralisierenden Parolen, ethischen Verhaltenskodexen und doktrinären Lehrsätzen bombardierte. Die Quittung folgte auf dem Fuße. In der Bevölkerung machte sich eine abgrundtiefe Aversion gegen Politik, gegen ML-Ideologie, und gegen die unglaubwürdige Partei breit. Je mehr sich aber die Menschen ins Private zurückzogen, desto stärker mußten sich die Oberen dazu veranlaßt sehen, ihre erzieherischen Anstrengungen noch zu verschärfen.</p>
<p>Bemerkenswert ist eigentlich weniger, daß die große Masse der DDR-Bürger trotz oder wegen der ideologischen Dauerberieselung nur einige ML-Parolen und stalinistische Lehrsätze kennt, ansonsten aber die marxistische Diskussion kaum wahrgenommen hat. Interessanter noch ist die merkwürdige Bewußtseinsspaltung, die sich als probate Überlebensstrategie im DDR-Alltag allgemein durchsetzte. Zum einen übernahmen die Einzelnen in der <em>offiziellen</em> Sphäre die verordnete Weltsicht und fügten sich den stereotypen Erklärungsmustern der SED, die keinerlei Widerspruch duldeten. Fast alle sangen mit: &#8220;die Partei hat immer recht&#8221;. Diese Denk- und Verhaltensebene blieb den DDR-Bürgern aber keineswegs bloß äußerlich; auch wenn sie die Partei im Stillen verfluchten, bestimmte Inhalte der politischen Ideologie eigneten sie sich mehr unbewußt als bewußt durchaus an.</p>
<p>Daneben, und getrennt von dieser hochoffiziellen Welt, existierte eine <em>nichtoffizielle</em> Öffentlichkeit, die sich auf Kollegenkreise, Freundschaften, Verwandtschaft, Clubs etc. erstreckte. Hier herrschte in der Regel eine von der Parteidoktrin weitestgehend bereinigte Sprache vor. Abgesehen von gelegentlichen Meckereien wurden hier aber politische Themen kaum angeschnitten.</p>
<p>Die dritte (Sprach-)Wirklichkeitsebene bildete die private Sphäre. Mit dem allmählichen Niedergang des Regimes erlangte sie absolute Priorität. Nur in dieser &#8220;kleinen heilen Welt&#8221; nahmen die Menschen kein Blatt vor den Mund und setzten sich über die öffentlichen Sprachkonventionen hinweg. Seiner Sache absolut sicher konnte sich indes auch hier niemand sein, denn bekanntlich versuchte der Partei- und Staatsapparat die Eltern auch noch über die Kinder zu bespitzeln. Schon beim kleinsten Verdacht, der auf eine abweichende Meinung der Eltern hindeutete &#8211; wie eine westliche Plastiktüte, ein westliches Abzeichen, fremdländisches Liedgut etc. &#8211; kam es vor, daß ihre Sprößlinge ausgehorcht wurden. Persönliche und familiäre Probleme durften nicht nach außen dringen, die Fassade anständiger, gutfunktionierender Bürgerlichkeit mußte unbedingt gewahrt bleiben. Dabei tat die protestantische, klein-bürgerlich verklemmte Erziehung mit ihrer Ächtung aller Schwächen ein übriges. Selbst unter den nächsten Angehörigen war es üblich, die eigenen Probleme, Wünsche und Sehnsüchte geheimzuhalten. Wer auf die Idee verfallen wäre, sich mit seinem Kummer einem Psychologen anzuvertrauen &#8211; allein wegen deren geringer Zahl ein schwieriges Unterfangen &#8211; hätte sich damit selber als &#8220;Geisteskranker&#8221; entlarvt. Stattdessen suchten Männer wie Frauen in erschreckend hohen Maße im Alkohol ihren &#8220;Seelentröster&#8221;.</p>
<p>Es versteht sich von selbst, daß ein solcher Zustand dauernder Bewußtseinsspaltung auf die Dauer nur schwer zu ertragen ist. Der erträglichste Weg, damit fertigzuwerden, bestand in der DDR darin, einfach auf tiefergehende Gedanken zu verzichten. Wer es sich abgewöhnte, nach Ursachen zu fragen und sein eigenes Verhalten zu reflektieren, wer sich nach außen staatskonform ausrichtete, das &#8220;Denken&#8221; zur Parteisache erklärte und sich, wo nicht zu vermeiden, von den Staatsinstitutionen am Händchen führen ließ, konnte im &#8220;Arbeiter- und Bauernstaat&#8221; eine graue, aber immerhin einigermaßen friedliche Existenz fristen. Kann es da verwundern, daß die Menschen es lernten, mit allerlei Absonderlichkeiten zu leben und sie zu erdulden? Ist es so gesehen nicht nachvollziehbar, weshalb sie widerstandslos im Winter ausgetrocknete Rasenflächen mit grüner Farbe besprühten, bei strömendem Regen Pfützen auschaufelten, Baumrinde im Wald abschabten, um sie in Wohngebieten oder Kasernen auf die verletzten Bäume zu nageln, wenn hoher Funktionärsbesuch angesagt war? Kann es noch verblüffen, daß Hausfassaden ganzer Straßenzüge, durch die sich Honecker kutschieren ließ, nur bis zum ersten Stockwerk gestrichen wurden, weil sein Blick aus dem Limousinenfenster nicht weiter hinaufreichte? Hat es nicht seine eigene Logik, daß die völlig verrostete und verrottete Fangflotte aus dem Rostocker Hafen auslief und nur ein Schiff zur Ansicht für Funktionäre zurückblieb, dessen zum Hafen gewandte Seite vorher eilends gestrichen wurde? All das gehörte jedenfalls zur alltäglichen DDR-Schizophrenie genauso wie die Tatsache, daß beim Besuch der Nomenklatura die Schaufensterauslagen und Läden in den betreffenden Städtchen und Dörfern plötzlich gefüllt wurden und mit deren Abreise die begehrten Kostbarkeiten postwendend wieder verschwanden.</p>
<h4>Partei und (Un)geist</h4>
<p>Die DDR sah sich als sozialistischer Staat, in dem mit dem Kapitalismus auch alle gesellschaftlichen Widersprüche verschwunden wären. Die Bourgeoisie war gestürzt, die Junker verjagt und die Verfügungsgewalt der in Volkseigentum verwandelten Produktionsmittel in staatlicher Hand. Alles stand also zum Besten. Es lag vollkommen außerhalb des Begriffshorizonts der SED-Nomenklatura, daß die &#8220;sozialistische Warenproduktion&#8221; selbst substantielle Widersprüche oder Probleme produzieren könnte. Unter diesen Umständen mußte daher jeder Anflug von Kritik bei der Partei Unverständnis und Mißtrauen auslösen. Für ein Nichteinverständnis mit den herrschenden Verhältnissen konnte es nur zwei Gründe geben: Entweder die aufmüpfige Person war ein Agent des Westens bzw. war zumindest durch einen solchen angestiftet worden, oder sie hatte bislang den Zugang zum richtigen proletarischen Denken noch nicht gefunden, weil sie bürgerlicher Herkunft war oder im &#8220;noch nicht sozialistischen Eigentumssektor&#8221; arbeitete.</p>
<p>Diese simple Grundüberzeugung bestimmte wesentlich den Umgang mit der kritischen Intelligenz. In der SED selbst herrschte geistige Finsternis; die internen Auseinandersetzungen reduzierten sich in der Regel auf unmittelbar zu ergreifende Maßnahmen, planerische Vorhaben, das Entwerfen von Parolen und Fragen der &#8220;richtigen&#8221; Interpretation der Parteilinie. Weitergehende theoretische Analysen und Debatten über den Kommunismus erübrigten sich in einer widerspruchsfreien Gesellschaft natürlich. Chefideologe Sindermann stellte einmal in einem Fernsehinterview klar, daß die zwei wichtigsten Ziele der KPD durchgesetzt worden seien: &#8220;Alle haben Arbeit, alle haben Brot&#8221;. Was gab es da noch zu diskutieren?</p>
<p>Damit folgte die Partei an der Macht einer Traditionslinie des Antiintellektualismus, die bereits charakteristisch für breite Teile der alten Arbeiterbewegung, nicht zuletzt aber auch für den Nationalsozialismus war. Dieser Antiintellektualismus setzte die Widersprüche der kapitalistischen Vergesellschaftung mit der Figur des Intellektuellen gleich. Der Intellektuelle galt ihm als die Verkörperung des Abstrakten, er sei blutleer und stehe für das gesellschaftliche Chaos, den Müßßiggang, den Kosmopolitismus etc. Das protestantisch- proletarische Bewußtsein teilt diese Sicht im wesentlichen. Schon zur Zeit der Weimarer Republik ähnelte die kommunistische Intellektuellen-Verachtung fatal der nationalsozialistischen Sichtweise.</p>
<p><a name="q26"></a><a name="q27"></a>Die Apologie von Arbeiterklasse und Arbeit ging einher mit einem tiefen Mißtrauen gegenüber jeglicher Form selbständiger Reflexion, der Intellektuelle erschien per se als Knecht der Bourgeosie oder zumindest als unsicherer Kantonist. Bereits Karl Kautsky hat diese Interpretation festgeschrieben: &#8220;In der heutigen Gesellschaft sind es nicht, wie in früheren Gesellschaftsformen, die Ausbeuter selbst, oder mindestens eine Klasse derselben, welche die Künste und Wissenschaften pflegen. Sie überlassen diese Tätigkeit einer besondern Klasse, die sie dafür bezahlen. Die Bildung wird Ware&#8221;(<a href="#26">26</a>). Gerade die linksradikale Intelligenz, die selbstverleugnerisch um die Gunst der Klasse buhlte, verstärkte das schon vorhandene Mißtrauen im Proletariat. Mit Vorliebe diffamierte sie ihre arbeiterbewegungs- oder parteiinternen Gegner als Intelligenzler und stellte sich selbst als willfähriges Werkzeug in den Dienst des dumpfen Klasseninstinkts. Ganz in diesem Sinne tönte Karl Schröder, Sohn eines Lehrers und promovierter Dr. phil., auf dem zweiten Parteitag der KAPD: &#8220;Das eine Wichtige hat sich in der Debatte herauskristallisiert: Ein sicherer Instinkt der Proletarier: Wir müssen uns restlos von den Intellektuellen befreien&#8221;(<a href="#27">27</a>). Wie dies zu geschehen hatte, konnte man 1920 einmal in der radikalen Zeitschrift &#8220;Die Aktion&#8221; nachlesen:</p>
<blockquote><p><em><a name="q28"></a>&#8220;1.Wer sind die größten Feinde des Proletariats?</em></p>
<p><em></em><em>Wer sind die besten Hüter des bürgerlichen Staats?</em></p>
<p><em>Wer schützt das hohe Kapital</em></p>
<p><em>Und predigt Frieden überall?</em></p>
<p><em>&#8230; Das sind die Bourgeoisieknechte, die Intellektuelln!</em></p>
<p><em></em></p>
<p><em>Der Intellektuellen gewaltig großer</em></p>
<p><em>Zahl erwehrt euch täglich, stündlich: An den Laternenpfahl!</em></p>
<p><em>Laßt baumeln sie und hängen lang,</em></p>
<p><em>Laßt tönen laut und froh den Sang:</em></p>
<p><em>&#8230; Hinweg, ihr Bourgeoisieknechte, ihr Intellektuelln!!&#8221;</em>(<a href="#28">28</a>)</p></blockquote>
<p>Während Lenin noch die vergleichsweise harmlose Auffassung vertrat, &#8220;die Intellektuellen müssen immer mit eiserner Faust angepackt werden&#8221;, sollte sich Stalin später als würdiger Vollstrecker des Klasseninstinkts bewähren.</p>
<p>Als der SED im östlichen Teil Deutschlands die Macht zufiel, stand es außer Zweifel, daß sie, um das Land wirtschaftlich und politisch voranzubringen, sich der Intelligenz bedienen mußte. Das Mißtrauen aber saß tief, und die Partei verfuhr von vornherein zweigleisig: Sie förderte eine &#8220;technisch-funktionale Intelligenz&#8221; (deren Ausbildungsstand sehr hoch war und ist), die &#8220;soziale&#8221; oder &#8220;literarische Intelligenz&#8221; hingegen stellte sie unter schärfste Kontrolle und versuchte sie an die ideologischen Intentionen der Partei zu binden. Aus dem 2.Weltkrieg und den stalinistischen Säuberungen ging die KPD praktisch intelligenzlos hervor. Die überwiegende Mehrzahl der kritischen und undogmatisch sozialistischen Autoren und Künstler war tot oder hatte sich in alle Winde zerstreut. Schon aus Gründen der Systemkonkurrenz und der Legitimation bemühte sich die SED-Führung anfänglich, die zwar mit der SBZ sympathisierenden, aber sich noch distanziert verhaltenden Intellektuellen in die zukünftige DDR &#8220;heimzuholen&#8221;. Begünstigt durch den einsetzenden Kalten Krieg und die McCarthy-Verfolgungen und -Pressionen in den USA gelang das auch zunächst teilweise. Die SBZ schien als das vermeintlich bessere, antifaschistische Deutschland Schutz, Perspektiven und materielle Sicherheit zu bieten. Aber sehr schnell stellte sich heraus, daß sich die Intellektuellen so verhielten, wie es die SED insgeheim schon immer befürchtet hatte. Sie agierten keinesfalls konform, waren schwer unter Kontrolle zu bringen und ließen sich nicht einfach als Apologeten der Partei instrumentalisieren.</p>
<p><a name="q29"></a><a name="q30"></a><a name="q31"></a>Ulbricht startete den Versuch, die Literaten an der Parteilinie auszurichten. Seine Kritik läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: &#8220;Die Hauptschwäche in der Literatur, im Film, im neuen Schauspiel besteht gerade darin, daß die kleinbürgerlichen, reaktionären Gestalten treffend charakterisiert werden, aber die Helden des Volkes, die Kämpfer gegen den Faschismus, die Helden der Arbeit sind in vielen Fällen mit wenig Liebe und wenig Verständnis dargestellt&#8221;(<a href="#29">29</a>). Ulbricht konstatierte: &#8220;die ersten Anfänge einer Literatur der neuen Zeit sind bei uns vorhanden. Dazu gehören in erster Linie die Bücher von Willi Bredel über Ernst Thälmann, &gt;50 Tage&lt; von Johannes R. Becher, &gt;Sterne und unendliches Glühen&lt; von Eduard Claudius, &gt;Menschen an unserer Seite&lt;.. usw.&#8221;(<a href="#30">30</a>). Die führenden geistigen Köpfe und Literaten wie Anna Seghers fallen bei dieser Bestandsaufnahme vielversprechender Ansätze bezeichnenderweise unter den Tisch. Sie genügen nämlich den Kriterien nicht, die Ulbricht den Kunstschaffenden auf den Weg gibt: &#8220;die Kunstschaffenden sollen sich enger mit dem Volke verbinden, das Leben des Volkes gründlich studieren, damit sie das Neue, das Fortschrittliche erkennen und künstlerisch gestalten.&#8221;(<a href="#31">31</a>)</p>
<p><a name="q32"></a>Mit dieser Direktive war der &#8220;sozialistische Realismus&#8221; geboren, und alles, was nicht mit dem Proletkult und der &#8220;konkreten Kunst&#8221; in Einklang zu bringen war, wurde unter der Bezeichnung &#8220;Formalismus&#8221; bekämpft. Die Literaten und Künstler hatten gefälligst über das Proletariat zu schreiben, die Erfolge des Aufbaus und der Partei ins rechte Licht zu rücken und sich &#8220;abgehobener&#8221;, &#8220;abstrakter&#8221; Kapriolen zu enthalten. Auch die Kunst sollte nun planmäßig produziert werden: &#8220;Auf kulturellem Gebiet ist im ersten Jahr des Fünfjahresplans die Kunst in all ihren Zweigen an die Probleme der Gegenwart heranzuführen.&#8221;(<a href="#32">32</a>). Der Stalinapologet und SED-Lakai, J.R. Becher (&#8220;Stalin, du Welt im Licht!&#8221;), durfte als Kulturminister helfen, diese überwältigende Aufgabe für die Partei in Angriff zu nehmen. Mit dem proletarisch-revolutionären Theater konnte man jetzt natürlich noch weniger anfangen als vorher. Die SED war dabei, einen ordentlichen sozialistischen Staat aufzubauen, und bei diesem Unterfangen bedurfte es weder Kritik noch kultureller Experimente. Ein Versuch, die nach wie vor eher widerspenstigen Kunstschaffenden überflüssig zu machen und die Arbeiterklasse zu eigenen literarischen Ergüssen zu bewegen, scheiterte recht bald an der Unvereinbarkeit von hartem Arbeitsalltag und geistig-schöpferischer Tätigkeit. Stattdessen reklamierte die DDR-Führung nun das klassische deutsche Kulturgut für sich: Goethe, Schiller, Lessing, Mozart, Bach, Wagner etc. traten in den Vordergrund der nun propagierten &#8220;Nationalkultur&#8221;.</p>
<p><a name="q33"></a><a name="q34"></a>Trotz des Abschieds vom sozialistischen Realismus im Jahr 1956 besserte sich das Klima für Künstler und Intellektuelle nicht. Im Gegenteil, mit Alfred Kurella hatte die SED einen Hardliner in die Kommission für Fragen der Kultur ins Politbüro gehievt. Wer zu ihm vorgeladen wurde, sich &#8220;zwecks Klärung eines Sachverhaltes&#8221; im Haus des Zentralkomitees einzufinden hatte, wußte, daß er zu sehr von der Parteilinie abgewichen war und durfte sich nun auf &#8220;Selbstkritik&#8221; einstellen. Wenn es an Selbstverleugnung mangelte, konnte der Weg sehr schnell ins Zuchthaus führen, wie beispielsweise E. Loest, W. Janka und W.Harich erfahren mußten(<a href="#33">33</a>), die bis zu 10 Jahre hinter Gitter wanderten. In der Folge begann eine Absetzbewegung gen Westen, die sich von Kantorowicz und Zwerenz bis zum Abschied Ernst Blochs zu einer Welle der Republikflucht ausweitete. Mit Biermann platzte dem Spießer Honecker dann endgültig der Kragen: &#8220;Unsere DDR ist ein sauberer Staat. In ihr gibt es unverrückbare Maßstäbe der Ethik und Moral, für Anstand und Sitte&#8221;(<a href="#34">34</a>). War schon die Beatwelle nicht aufzuhalten gewesen, so mußte nun um so schärfer durchgegriffen werden.</p>
<p>Biermanns Ausweisung erschütterte noch einmal das Intellektuellenlager und spaltete es in Biermann-Sympathisanten, die alsbald zum Verstummen gebracht oder ebenfalls ausgewiesen wurden, und in mehr oder weniger Staatstreue, die auf ihre weniger auffällige Weise ebenfalls in Schweigen versanken. Die &#8220;Dagebliebenen&#8221; richteten sich ein, vertrösteten sich mit ihren Privilegien und nutzten die ihnen eingräumten Möglichkeiten, im Westen zu publizieren. &#8220;Mit der &#8220;&#8221;großzügigen&#8221; Verteilung von Dreijahresvisa wurde die DDR die meisten der unbequemen Denker los. Viele von ihnen mußten sich ohnehin eher zur Bundesrepublik zugehörig fühlen, denn ihre Werke erschienen schon seit Jahren nur im Westen, was die Funktionäre gar nicht so ungern sahen. Schließlich flossen durch die Westverlage begehrte Devisen in den ersten sozialistischen Staat Deutschlands, der für sich in Anspruch genommen hatte, die Kunst vom Kapitalismus befreit zu haben&#8221;, bilanziert H.-J. Vormann.</p>
<p>Diese Kulturpolitik wirkt noch heute nach. Die besser ausgebildeten Ostdeutschen, mit denen ich zusammentraf &#8211; ehemalige Funktionäre, Kombinatsleiter, Lehrer und Ingenieure &#8211; hoben vor allem ihre klassische deutsche Bildung (oder das, was sie dafür halten) hervor. Hier sehen sie sich den Westlern ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Als Beleg werden bevorzugt Morgensterngedichte rezitiert oder Nietzsches dubioser Ausspruch, &#8220;gehst du zum Weibe, vergiß die Peitsche nicht&#8221; vorgetragen. Mit der internationalen Literatur der Gegenwart ist kaum jemand in Berührung gekommen, und die gesamte westliche linke Literatur und Debatte ist schlechterdings unbekannt. Auf diesem Gebiet hat die Partei wirklich effizient gewirkt. Sogar die Erinnerungen an die kritische kommunistische Vorkriegsliteratur wurden fast restlos ausgetilgt. Namen wie Trotzkij, Preobrazenskij oder Brandler haben selbst Akademiker bestenfalls nennen gehört, welche Auffassungen diese Herren einstmals vertreten haben, weiß jedoch niemand genau zu sagen.</p>
<p>Die abgrundtiefe Abneigung gegenüber allem, was mit sozialistischer oder kommunistischer Theorie zu tun hat, ist nicht das Resultat raffinierter imperialistischer Strategien oder eingeschleuster Viren, sondern geht ausschließlich auf das Konto der SED. Sie hat ganze Arbeit geleistet. Die antiintellektualistische Grundhaltung der Partei verband sich mit der überlieferten protestantisch-proletarischen Abneigung gegen Intellektuelle und hat die DDR-Bevölkerung gegen kritisches Denken erstmal gründlich immunisiert. In kaum einem Land hängt die kritische Intelligenz derart in der Luft und hat sich so weit von der Stimmung der breiten Bevölkerungsschichten abgelöst wie in der EX-DDR. Die Wendezeit hat das drastisch verdeutlicht. Geradezu niedlich mutet im nachhinein die naive Volksillusion an, die in der kirchlich abgeschirmten Jung-Opposition gedieh. Das DDR-Volk wußte nicht viel mit ihr anzufangen. Wenn die Bewohner der DDR mit der Parole &#8220;Wir sind das Volk&#8221; gegen die SED-Führung auf die Straße gingen, dann hätte diese Beschwörungsformel jedenfalls genauso gut gegen die kleine DDR-Opposition gerichtet sein können. Viel fremder noch als die verhaßte marode Führung waren und sind diesem Volk die linken Volksfreunde, die einst im Januar bei den Demonstrationen zum 70. Jahrestag des Todes von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg den letzten Akt des Gesamtschauspiels DDR eröffnet hatten.</p>
<h4>Rassismus, Neonazismus und Ausländerfeindlichkeit</h4>
<p>Ohne die Wiedervereinigung und ihre Folgeprobleme wäre die Welle rassistischer Gewalt, die heute die ehemalige DDR überschwemmt, sicherlich in dieser Weise nicht denkbar. Dennoch hat diese erschreckende Entwicklung eine Vorgeschichte, die weit hinter das Jahr 1989 zurückreicht. Denn weshalb setzt der Untergang des &#8220;ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden&#8221; ausgerechnet neonazistische Potentiale frei?</p>
<p>Die Antwort kann nach dem bereits Gesagten nicht mehr völlig verblüffen: Der DDR-Staat ist zwar damit gescheitert, seine spezifisch realsozialistische Doktrin der Bevölkerung dauerhaft aufzuoktroyieren, eine Schicht tiefer aber, jenseits der offiziellen Sonntagsreden, gingen SED-Politik und Alltagsverstand eine durchaus tragfähige und bis heute nachwirkende Verbindung ein. Die &#8220;Erziehung zum Sozialismus&#8221; hat unter der Hand andere Werte vermittelt, als es ihrer offiziellen Intention entsprach, und diese werden nun in der Rechtswendung sichtbar. Der neue ostdeutsche Neonazismus setzt sich zwar entschieden von der linken Rote-Socken-Vergangenheit ab, aber nur, um die unausgesprochenen Grundlagen der DDR-Gesellschaft ideologisch zu verlängern. Polemisch gesprochen: <em>im Umschlag von der stramm realsozialistischen DDR zur ostdeutschen Pogromstimmung kommt der wahre Kern der guten alten Totalitarismustheorie zum Vorschein.</em></p>
<p>Wie schon erwähnt, war die DDR ein fast hermetisch nach außen abgeriegelter Brutkasten, in dem zuallererst deutsches Gedankengut gedieh und fremde Ideen nur ab und zu in homöopathischen Dosen zugelassen wurden. Die DDR verstand sich in erster Linie als das bessere <em>Deutschland</em>. Sie sah sich in der Tradition des deutschen Kulturgeistes, und auch die Intelligenzia befaßte sich dementsprechend fast ausschließlich mit diesem Erbe. Heute noch rekurrieren oppositionelle Kräfte wie Grüne und Bündnis 90 ebenso wie viele frischgebackene Christ- und Sozialdemokraten in starkem Maße auf den historisch längst überholten deutschen Humanismus und treten den neonazistischen Gewalttätern in seinem Namen entgegen.</p>
<p>Die selbstgerechte DDR-Deutschtümelei kennzeichnete insbesondere den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. In der BRD kann von einer Aufarbeitung der Hitler-Diktatur nur bedingt die Rede sein, in der DDR hat sie der Staat, in stillem Einverständnis mit einer Bevölkerung, die diese Vergangenheit vergessen wollte, von vornherein unterbunden und de facto für überflüssig erklärt. Der Faschismus war dabei für die DDR nicht trotz, sondern ironischerweise gerade wegen ihres antifaschistischen Selbstverständnisses kein Problem. Alle Schattenseiten der deutschen Geschichte wurden der BRD zugewiesen, während die DDR sich als Sachwalterin eines &#8220;fortschrittlichen&#8221;, von dererlei Häßlichkeiten freien Deutschland gerierte. Sieht man von einigen kritischen Intelektuellen ab, so war das Thema Nationalsozialismus für DDR-Staat und -Volk mit der berühmt-berüchtigten Definition von Dimitroff schon erledigt. Der Faschismus galt als eine Veranstaltung, die mit der deutschen Arbeiterklasse und den Volksmassen nie etwas zu tun hatte.</p>
<p><a name="q35"></a><a name="q36"></a><a name="q37"></a>Die offizielle Faschismusanalyse der Komintern, die nach dem 2. Weltkrieg nie revidiert wurde, ermöglichte der DDR einen Start mit weißer Weste und den sofortigen Übergang zur realsozialistischen Normalität: &#8220;Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist wie das 13. Plenum des EKKI richtig charakterisiert hat, die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.&#8221; &#8220;Dies ist mittelalterliche Barbarei und Grausamkeit, zügellose Aggressivität gegenüber anderen Völkern und Ländern.&#8221; Demnach war der Faschismus &#8220;..der Feind von neun Zehnteln des deutschen Volkes..&#8221; und mußte daher unweigerlich &#8220;..den tiefen Haß und die Empörung der Massen hervorrufen..&#8221;(<a href="#35">35</a>). Auch wenn später immerhin zugestanden wurde, daß sich nicht nur zehn Finanzkapitalisten sondern eine ganze Masse Deutscher an dem System beteiligten, wurde doch implizit das Volk von jeder Verantwortung freigesprochen. Denn für das bürgerliche Bewußtsein im allgemeinen wie für das realsozialistische im besonderen ist der Volksgenosse oder Bürger an sich gut und steht auf der richtigen Seite der Barrikade, auch wenn es einigen gemeinen Verschwörern des internationalen Kapitals(<a href="#36">36</a>) gelingen mag, Teile der guten Arbeiterklasse und des sauberen Volkes mit Demagogie, Propaganda und roher Gewalt für ihre Zwecke einzuspannen. Die faschistische Ideologie wird von den finsteren Mächten ausbaldowert und von außen an die Massen herangetragen, denen sie im wesentlichen äußerlich bleibt. Dies entspricht dem Grundschema der primitiven Zweiklassentheorie, die die gesellschaftlichen Widersprüche einzig zwischen der guten Arbeiterklasse und den bösen Kapitalisten verortet.(<a href="#37">37</a>)</p>
<p>Keinerlei konstitutiven Zusammenhang konnte die sozialistische Staatsdoktrin allerdings zwischen dem Faschismus und jenen seiner Momente erkennen, die schon früh von der Kritischen Theorie thematisiert worden waren: Führerprinzip, Obrigkeitsdenken, Biologismus, Familie, Zucht und Ordnung, Sauberkeit, Affirmation des Nationalen und Distanz zum Fremden. Diese Blindheit hatte ihren guten Grund, denn genau auf dieser Grundlage wurde auch die realsozialistische Gesellschaft errichtet.</p>
<p><a name="q38"></a>Die SED beschwor den wackeren antifaschistischen Widerstand der Arbeiterklasse und gedachte ausgiebig der Unterdrückung von Kommunisten und Sozialisten. Über das völkische und antisemitische Gedankengut verloren die Partei und die übrigen Vergangenheitsbewältiger hingegen kaum ein Wort. Zu Recht kreideten westliche Faschismus-Forscher ihren ostdeutschen Kollegen regelmäßig das völlige Desinteresse am Holocaust an. In einem Aufsatz, der in der Zeitschrift &#8220;Konkret&#8221; erschien, versuchte Kurt Pätzold im vergangenen Jahr diesen Vorwurf zu entkräften. Er wies auf eine Reihe von DDR-Historikern hin, die sich der Thematik der Judenverfolgung angenommen hätten. Der Aufsatz bestätigt peinlicherweise aber nur die Kritik, die er entkräften soll. Die wenigen Autoren, die Pätzold anführen kann, verlängern nur die klassische ML-Manipulationstheorie auf Antisemitismus und Rassismus. Die Judenverfolgung wird lediglich als Resultat der faschistischen Propagandamaschinerie dargestellt, wobei die vorgestellten DDR-Forscher als einzige &#8220;Erklärung&#8221; eine primitive Sündenbocktheorie präsentieren.(<a href="#38">38</a>)</p>
<p><a name="q39"></a>Erbärmlicher noch als die Ergebnisse der Faschismus-Spezialisten ist natürlich das, was in der DDR massenhaft unters Volk gebracht wurde. An Schulen und Hochschulen bestimmten bis zuletzt Dimitroffs Verlautbarungen über den Faschismus die offizielle Linie. Wer dies nicht glauben mag, kann beispielsweise im DDR-Standard-Lexikon &#8220;Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie&#8221; unter dem Stichwort Faschismus nachschlagen. Die Erläuterung beginnt mit dem einschlägigen Satz: &#8220;Offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meinsten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals. (DIMITROFF)&#8221;(<a href="#39">39</a>). Als theoretisch-ideologisches Rüstzeug schien der Schulausflug zum KZ mit anschließendem antifaschistischen Schwur völlig ausreichend. Selbst im Standardwerk zur Jugendweihe, &#8220;Vom Sinn unseres Lebens&#8221;, findet sich kein dem Nationalsozialismus gewidmetes Kapitelchen.</p>
<p>So verbreitet fremdenfeindliche und rassistische Ansichten in der ostdeutschen Bevölkerung schon immer gewesen sind, die große Mehrheit kommt gar nicht auf die Idee, diese Haltung mit nationalsozialistischem Gedankengut in Verbindung zu bringen. Wer brav auswendig gelernt hat, daß der Faschismus eine Veranstaltung des Finanzkapitals sei, selber aber nur ein paar tausend Mark auf der Bank hat, kann sich ehrlich empört zeigen, wenn böswillige Verleumder ihn in die Nähe des neofaschistischen Lagers rücken.</p>
<p>In dem von der SED erzeugten Aufarbeitungsvakuum konnten schon sehr bald nach dem Krieg, die Mitläufer und Altnazis ihre private und inoffizielle Bewältigung der nationalsozialistischen Niederlage in Angriff nehmen. Im Windschatten der Partei und ihrer antifaschistischen Sonntagsbekenntnisse blieb genügend Raum für allerhand Legenden. So lebte beispielsweise die Vorstellung von der eigentlichen militärischen Größe und Überlegenheit Deutschlands munter fort. Ehemalige NVA-Offiziere geben daher auch heute noch die gleichen Sprüche zum besten, wie sie auch in Bundeswehrkasernen zum Alltag gehören: &#8220;Hätte Hitler rechtzeitig vor Moskau Halt gemacht, wäre der Krieg nicht verloren gegangen&#8221;, oder: &#8220;Die Wehrmacht war eine Armee tapferer, aufrechter deutscher Soldaten, sie hat sich nie an Greueltaten und Verbrechen beteiligt&#8221;, etc.</p>
<p><a name="q40"></a>Hitlerbücher, Landserhefte und Nazi-Bildbände, die nun offen verbreitet werden, gehören zunehmend auch zur Bettlektüre der technischen Intelligenz und dienen den verwirrten Bürgern bei ihrer Identitätsfindung. Spätestens in der sozialen Krise erweist sich das unaufgearbeitete nationalsozialistische Gedankengut mit der durch das SED-Regime produzierten reaktionär-autoritären und rassistischen Bewußtseinshaltung als durchaus kompatibel, und beides vermengt sich zu einem gefährlichen Gebräu.(<a href="#40">40</a>)</p>
<h4>Fremde &#8220;Genossen&#8221;</h4>
<p>Neben der spezifischen &#8220;Bewältigung&#8221; des &#8220;dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte&#8221; hat sicherlich auch die alltägliche Praxis des Umgangs mit Ausländern im Arbeiter- und Bauernstaat rassistische und xenophobe Ressentiments produziert und verfestigt. Das Besondere an den Beziehungen zu den &#8220;sozialistischen Bruderländern&#8221; bestand darin, daß jeder Ansatz von wirklichem Zusammenleben und Kennenlernen systematisch und bewußt verhindert wurde. Das Mißtrauen gegen das vielleicht nicht so leicht kontrollierbare Fremde war dabei gleichbedeutend mit praktiziertem Nationalismus und führte de facto zur &#8220;ethnischen Reinhaltung&#8221; der DDR. Alle Widersprüche im Lande wurden bevorzugt dem Wirken eingeschleuster &#8220;Agenten des Imperialismus&#8221; angelastet oder &#8220;fremden Elementen&#8221; zugeschrieben; die Behandlung der &#8220;Anderen&#8221; fiel dementsprechend aus: sie wurden präventiv unter Quarantäne gestellt.</p>
<p>Die wenigen in der DDR lebenden Ausländer stammten überwiegend aus Afrika, Cuba und einigen wenigen Ländern des Ostblocks und absolvierten entweder eine Berufsausbildung oder wurden als &#8220;Gastarbeiter&#8221; ins Land geholt, um den Arbeitskräftemangel in bestimmten Produktionssektoren zu überbrücken. Diese Menschen &#8211; deren Verweildauer in der Regel auf maximal zwei bis drei Jahre festgeschrieben war &#8211; lebten strikt von der DDR-Bevölkerung getrennt in Ausländerwohnheimen oder kleinen Ghettos. Abgesehen vom Zusammentreffen am Arbeitsplatz und bei gelegentlich organisierten Parteifröhlichkeiten, war jeder private, selbständig hergestellte Kontakt gelinde gesagt ungern gesehen, teilweise sogar schlicht verboten. Liebesaffären zwischen Deutschen und Ausländern endeten nicht selten mit einer Ausweisung oder Abberufung, insbesondere dann, wenn sich Kindersegen ankündigte. Solche Zwangsmaßnahmen gingen dabei sowohl vom Gastgeber- wie vom Ursprungsland aus. Beide Seiten waren sich in ihrer Abneigung gegen allzu intensive binationale Beziehungen einig.</p>
<p>Soweit die DDR-Deutschen Ausländer überhaupt zur Kenntnis nahmen oder am Arbeitsplatz mit ihnen konfrontiert wurden, war ihr Verhältnis aus vielerlei Gründen eher spannungsgeladen denn &#8220;kameradschaftlich&#8221;. Zum einen neidete man den Nicht-Deutschen jeden Gegenstand, den sie ohne lange Wartezeit erwerben durften und eventuell noch in ihr Heimatland verschickten. Das umso mehr, als die &#8220;Gastarbeiter&#8221; über Westvaluta verfügten, und deshalb im Intershop einkaufen und Waren erwerben konnten, die für viele Einheimische ohne Westverwandtschaft unerreichbar waren. Angesichts dieser angeblichen &#8220;Bevorzugung&#8221; nahmen die DDRler kaum wahr, daß die Ausländer kaum eine Möglichkeit hatten, sich ein heimisches Ambiente zu schaffen (z.B. konnten sie sich keine heimischen Gerichte zubereiten, weil die Zutaten fehlten). Ausländische Kultur war nicht vorgesehen, und ihr wurde keinerlei Spielraum eingeräumt. Unter diesen Umständen erschien dem Gastgebervolk denn auch die nichtdeutsche Lebensart als im wesentlichen chaotisch, laut und &#8220;dreckig&#8221;. Die Zuwanderer &#8211; so die weitverbreitete Meinung &#8211; sollten froh sein, wenn sie überhaupt gelitten und mit dem (verfetteten) Kantinenfraß durchgefüttert wurden.</p>
<p>Wenn Menschen aus Mozambique oder Angola, die in ihrer Heimat noch in vorindustriellen Verhältnissen gelebt hatten, ostdeutschen Arbeitskollektiven zugeteilt wurden, waren Konflikte im Betrieb vorprogrammiert. Unvorbereitet in die Akkordgruppe abkommandiert oder als Aushilfskräfte ans Band gestellt, mußten die Neuankömmlinge fast zwangsläufig versagen. Das Resultat liegt auf der Hand. Das Kollektiv, das sich von den Gästen tatkräftige Unterstützung bei der Normerfüllung erhofft hatte, wurde in dieser Erwartung enttäuscht und blieb auf sich gestellt. Der Frust schürte Haß und Wut und verstärkte rassistische Vorurteile, was umso weniger überraschen kann, als ja in der DDR die industrielle Lohnarbeit als Inbegriff des richtigen und einzig möglichen Daseins galt.</p>
<p>Im Kreis marginalisierter Parteiintellektueller hätte man vielleicht darüber diskutieren können, daß die mangelhafte Befähigung der Gäste, sich ohne weiteres dem stupiden Fabrikrhythmus zu unterwerfen, etwas mit der weniger durchrationalisierten sozialen und ökonomischen Wirklichkeit in ihren Heimatländern zu tun hatte. Für die offizielle Parteilinie verschwand diese Tatsache jedoch hinter der ideologischen Gemeinsamkeit: schließlich kamen die Menschen aus &#8220;sozialistischen Bruderländern&#8221;. Die &#8220;Werktätigen&#8221; wurden ohnehin nicht mit solch schwierigen Reflexionen behelligt. Für diese war klar, daß die Schwierigkeiten mit den Ausländern am Arbeitsplatz nur der angeborenen Faulheit der nichtdeutschen &#8220;Rasse&#8221; geschuldet sein konnten.</p>
<p>Umgekehrt gab es auch niemanden, der bereit gewesen wäre, den Fremden die ostdeutsche Lebensart und -einstellung nahezubringen. Da von vornherein klar war, daß sie das Land bald wieder zu verlassen hatten, sollten sie bloß keine Wurzeln schlagen. In dieser Beziehung ging es übrigens den DDRlern bei ihren Arbeitseinsätzen in anderen Ostblockstaaten nicht anders. Häufig durften Frauen nur an diesen Brigadeeinsätzen teilnehmen, wenn sie sich zuvor schriftlich verpflichteten, in dem anvisierten Zeitraum nicht schwanger zu werden. Die deutschen &#8220;Gastarbeiter&#8221; wohnten in eigenen Baracken oder Unterkünften, private Kontakte zur einheimischen Bevölkerung waren untersagt. Außerhalb der Arbeit lernten sie die Gastgeber ebenfalls nur bei &#8220;geselligen Zusammenkünften&#8221; kennen, die der Betrieb oder das Parteikomitee organisierte.</p>
<p>Einer gesonderten Betrachtung bedarf das Verhältnis der Ostdeutschen zu den Menschen aus der Sowjetunion. Die Truppen der Roten Armee und deren Familienanhang galten in der DDR schlichtweg als zivilisatorische (und oftmals hygienische) Zumutung. Die Wirklichkeit lieferte reichlich Anschauungsmaterial, um diese Einschätzung zu stützen, denn die Soldaten der SU waren häufig verschmutzt und rochen nicht immer gerade angenehm. Dieser Zustand darf allerdings nicht besonders verwundern. Wasser war in den Kasernen rationiert, einfache Soldaten durften sich oftmals nur einmal im halben Jahr den Luxus gönnen, unter eine Dusche zu steigen. Hinzu kam die bittere Armut der Siegertruppe. Aus nacktem Hunger und um ihren Speisezettel um fleischliche Nahrung erweitern, betrieben die einfachen Armeeangehörigen systematisch Haustier- und Taubenjagd. Um Tauben zu fangen, durchlöcherten sie für gewöhnlich die Kasernendächer und lockten die Vögel ins Innere &#8211; die entsprechenden Dachöffnungen können heute noch mancherorts besichtigt werden. Diese Verhältnisse waren übrigens nicht unbekannt. Unter großem Risiko steckten mitleidige Bürger denn auch vorbeimarschierenden Rekruten hin und wieder Zigaretten und Nahrungsmittel zu.</p>
<p>Die Sowjetsoldaten waren aber nicht nur nackter Armut, sondern ebenso einer ungeheuren Brutalität ausgesetzt. In der &#8220;glorreichen Roten Armee&#8221; wurde regelmäßig geschlagen, gefoltert und gemordet. Jede nur denkbare Schikane gehörte zum Alltag. So mancher Rekrut wurde zum Leibeigenen seines Vorgesetzen, und als Ausweg blieb für die Sensibleren unter ihnen oft nur der Selbstmord. Nicht all diese Mißstände drangen an die DDR-Öffentlichkeit, aber es gab genug Gelegenheiten, bei denen die Ostdeutschen zumindest eine Ahnung davon gewinnen konnten. In Eisenach wurde mir berichtet, daß sehr häufig neue sowjetische Rekruten, die nach wochenlanger Zugfahrt völlig erschlagen und ausgehungert am Bahnhof eintrafen, sofort ziellos die Flucht ergriffen. Unverzüglich wurde in solchen Fällen dann der ganze Stadtteil von bereitstehender Militärpolizei für alle Bürger abgesperrt und eine wilde Treibjagd auf die oder den Fahnenflüchtigen begann, bei der rücksichtsloser Gebrauch der Schußwaffe üblich war. Frisch erlegt wurden die Flüchtlinge, nicht selten an den entsetzten Zuschauern vorbei, zur Kompanie zurückgebracht.</p>
<p>Nicht minder schockierend fielen oft die Arbeitseinsätze im &#8220;Arbeiter- und Bauernparadies&#8221; aus. Dem durchschnittlichen DDR-Bürger war, seit er denken konnte, eingetrichtert worden, welch leuchtendes Vorbild die Sowjetunion für die Welt sei. Als Brigadist konnte er aber nur feststellen, daß nichts von diesem heroisierenden Bild der Wirklichkeit entsprach. Was er stattdessen in der UdSSR entdeckte, ist schnell aufgezählt: bitterste Armut, bettelnde Kriegsversehrte und Behinderte, Obdachlose, unvorstellbare hygienische Verhältnisse, Schlendrian, Willkür und schlechtgelaunte Menschen. Für ostdeutsche Frauen, die von ihren eigenen Betrieben auch nicht gerade durch komfortable hygienische Einrichtungen verwöhnt waren, konnte die simple Verrichtung ihrer Notdurft in der Sowjetunion zum traumatischen Spießrutenlauf ausarten. Einige ehemalige Brigadistinnen, die die zweifelhafte Ehre hatten, in einem Sowjetbetrieb zu arbeiten, berichteten von Frauentoiletten, die aus offenen Bretterverhauen bestanden. Sie waren dort daher ständig den Blicken ihrer männlichen Kollegen ausgesetzt. Wer noch nicht ganz abgestumpft war, zog es unter diesen Umständen vor, die Hintermauern des Gebäudes oder andere geschütztere Fleckchen aufzusuchen.</p>
<p>Der Kontrast zwischen den realen Verhältnissen und den parteioffiziell geschilderten paradiesischen Zuständen im Vaterland der Werktätigen hätte krasser nicht sein können. Außer in den wenigen Vorzeigebetrieben war es um die betrieblich-technische Organisation, den Arbeitsablauf, die Zuverlässigkeit und die Einhaltung von Zusagen genauso bestellt wie um die beschriebenen hygienischen Verhältnisse. In den Augen tausender Brigadisten sank die ganze UdSSR auf die Stufe eines &#8220;unterentwickelten, unzivilisierten Sauhaufens&#8221; herab.</p>
<p>Natürlich hätten sich für den erbärmlichen Zustand des Sowjet-Imperiums viele durchaus plausible Gründe anführen lassen. Die Crux bestand allerdings darin, daß die ganze Misere mit keinem Wort angesprochen werden <em>durfte</em>, geschweige denn zum Gegenstand öffentlicher Erörterung gemacht wurde. Anstatt zu versuchen, die real vorhandenen Probleme zu diskutieren und damit vielleicht, zumindest partiell, einsichtig zu machen, mußte sich jede Brigadistin und jeder Brigadist durch eine Unterschrift zum absoluten Stillschweigen verpflichten. Öffentliche Berichterstattung oder eine an die Stasi gelangte private &#8220;negative&#8221; Schilderung hätte eine Anklage wegen Verunglimpfung, Sabotage, Untergrabung der sozialistischen Moral oder dergleichen nach sich ziehen können. Die Folgen blieben nicht aus: anstelle von Verständnis und Verständigung bestätigte und verstärkte sich das latent bereits vorhandene deutschnationale Überlegenheitsgefühl.</p>
<p><a name="q41"></a>Diese Art von Gesamtpraxis in der DDR schuf, den offiziellen ideologischen Verlautbarungen zum Trotz, einen fruchtbaren Nährboden für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Es gehörte zur allgegenwärtigen Schizophrenie des DDR-Systems, daß der alltägliche, staatlich verwaltete Umgang mit Ausländern die Völkerverständigungs-Sprechblasen faktisch dementierte. Das realsozialistische Zwiedenken predigte einerseits Antirassismus und Internationalismus, parallel dazu aber propagierte und förderte es völlig konträre Ideologiemomente wie Patriotismus und Nationalismus. Dabei schreckte die SED in der Phase ihres Niedergangs auch nicht davor zurück, rassistische Hetze bewußt zu tolerieren, wo es ihr opportun erschien. Für viele DDR-Bürger haben die Polen (der Volksmund spricht von Pollacken) den Platz der Juden eingenommen. Sie stehen für Schmarotzer- und Wuchertum, Schacherei und Arbeitscheu &#8211; gelten schlicht als &#8220;minderrassig&#8221;.(<a href="#41">41</a>) Es ist kein Zufall, daß zahlreiche einschlägige Judenwitze in der DDR zu Polenwitzen umgereimt wurden. Diese Form deutschen Humors soll die SED Anfang der 80er Jahre sogar gezielt eingesetzt haben, um die aufkommende Solidarnoczbewegung in Polen zu diskreditieren. In halboffiziellen Medien häuften sich die Polenwitze, in denen die polnischen Arbeiter als asoziales Gesindel dargestellt wurden, die nur aus Faulheit streikten.</p>
<p>Die Austauschbarkeit von Polen- und Judenwitzen signalisiert allerdings auch, daß das nie thematisierte antijüdische Ressentiment keineswegs tatsächlich verschwunden ist. Seit Beginn des kapitalistischen Modernisierungsprozesses verkörpert &#8220;der Jude&#8221; in Deutschland das Angst erregende Fremde. Während dieses Bild in der alten Bundesrepublik gebrochen fortexistierte, überdauerte in der DDR der antisemitische Bodensatz unbeschädigt die letzten 40 Jahre. In der Enge der kleindeutschen DDR ist der &#8220;Jude&#8221; immer &#8220;der Andere&#8221; geblieben. Bezeichnend ist, daß ich vor allem bei jüngeren Kursteilnehmern erhebliche Schwierigkeiten hatte, glaubwürdig zu vermitteln, daß nur der kleinere Teil der Juden in Europa vor dem zweiten Weltkrieg zur reichen Oberschicht gehörte. Für viele junge, im &#8220;Arbeiter- und Bauernstaat&#8221; sozialisierte Erwachsene war es einfach kaum nachzuvollziehen, daß Juden sich genauso als Lohnarbeiter verdingen mußten wie die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften und einmal einen integralen Teil der Arbeiterklasse in Deutschland und anderen europäischen Ländern bildeten.</p>
<p>Wie selbstverständlich das mosaische Bekenntnis in der DDR mit der israelischen Staatsbürgerschaft gleichgesetzt wird, konnte Ignaz Bubis bei einem Rostockbesuch sogar von einem hohen Regierungsvertreter erfahren. Dieser Fauxpas kostete dem Mann zwar den Sessel, dennoch spricht er Bände. In der West-CDU tummeln sich sicher genug Mandatsträger, die nicht anders denken; keiner von ihnen wäre allerdings so leichtfertig gewesen, seine Position derart unverblümt naiv auszuplaudern. Bei den westdeutschen Rechtspopulisten stehen viele Antisemiten bereit, die gleiche &#8220;Wahrheit&#8221; einem kleinmütigen Deutschtum entgegenzuhalten: &#8220;Deutschsein&#8221; und &#8220;Judesein&#8221; sei zweierlei. Aber immerhin wüßten diese Herren allemal eins: Was sie sagen, ist eine Provokation. Im Osten dagegen treiben sich Menschen in Regierungsämtern herum, die solche Statements für schlichte Selbstverständlichkeiten halten, und die sich über den losbrechenden Entrüstungssturm ehrlich überrascht zeigen. Ihren Wählern dürfte es in der Mehrzahl kaum anders gehen.</p>
<h4>Brüche</h4>
<p><a name="q42"></a>Die DDR war von Anbeginn an eine anachronistische Verstaltung. Die Installation des realsozialistischen Regimes fesselte den östlichen Teil eines hochentwickelten kapitalistischen Landes an eine dort eigentlich schon abgeschlossene Durchsetzungsphase des Systems der abstrakten Arbeit. Die Bewohner der SBZ waren zum historischen Nachsitzen verurteilt. Sie mußten nach der faschistischen Modernisierungsdiktatur auch noch die angesichts des erreichten Vergesellschaftungsniveaus vollkommen dysfunktionale realsozialistische Variante nachholender Entwicklung über sich ergehen lassen.(<a href="#42">42</a>) Dementsprechend rückten sie in der östlichen Abteilung der Arbeitsgesellschaft sehr schnell zum Musterknaben auf, im Vergleich zum Westen blieb die DDR jedoch hoffnungslos zurück.</p>
<p>Diese Konstellation hat ihre Spuren hinterlassen. Der DDR-Gesellschaft haftet quer durch alle Bevölkerungsschichten ein konservativer bis reaktionärer Grundzug an. Hier haben sich Strukturen und Mentalitäten erhalten, die im Westen seit dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere aber seit 1968, aufgebrochen wurden. Wo in der alten BRD der blanke smarte Sachzwang regiert, hat die DDR bis zu ihrem Ende Autoritarismus und eine kleinbürgerlich-spießige Lebenseinstellung reproduziert.</p>
<p>Erleben und erleiden die Bewohner im Westen Deutschlands heute die Krise moderner Individualität und der entwickelten Arbeitsgesellschaft, so bricht mit der Vereinigungskatastrophe über die östlichen Landsleute gleich ein doppeltes Desaster herein. Der Zerfall der versteinerten östlichen Modernisierungsdiktatur fällt hier zusammen mit der krisenhaften Auflösung der westlichen Wohlstandsgesellschaft, die nicht mehr fähig ist, den Osten in die lahmende Akkumulationsmaschinerie zu integrieren. Vom Regen in die Traufe geraten, reagieren die Ostdeutschen hilflos und desorientiert. Der Westen gilt ihnen mittlerweile als Inbegriff von Egoismus, nacktem Geldinteresse, Kälte, Kriminalität und Unordnung; die lange gehegten westlich ausstaffierten Träume haben sich als Alpträume entpuppt. Als einziger Fluchtpunkt in diesem Klima allgemeiner Verunsicherung scheint sich die Neubesetzung des Deutschtums anzubieten. Wo die gemeinsame Grundlage der Welt-Arbeitsgesellschaft nicht erkannt wird, kann allein die Beschwörung des &#8220;Deutschen&#8221; die Ablehnung des westlichen Kosmopolitismus und die Kritik an der realsozialistischen Vergangenheit miteinander verbinden. Als die &#8220;besseren Patrioten&#8221; können die Ex-DDRler gleichzeitig ihren Anteil am westlichen Reichtum einklagen und sich der vaterlandslosen westlichen Raffgier überlegen dünken.</p>
<p><a name="q43"></a>Die ausbleibende wirtschaftliche Konsolidierung könnte diese Tendenz verschärfen und zu einer fortschreitenden inneren Abkapslung vieler Ostdeutscher gegenüber dem Westen führen. Um die liebgewordenen Gewohnheiten und tiefverankerten Einstellungen herum könnte sich so etwas wie eine Neo-DDR-Identität konstituieren. Allerdings ist kaum anzunehmen, daß in näherer Zukunft hieraus eine eigenständige und starke anti-westliche Organisation oder Bewegung erwächst(<a href="#43">43</a>), schon allein deshalb, weil mit Ausnahme einiger Jugendgruppen und oppositioneller Kreise die Bevölkerung keine Erfahrungen mit Selbstorganisation gemacht hat. Die Politik-Abstinenz und die aus der Zeit der SED-Herrschaft überkommene Gewohnheit, im Staat das einzige politische Agens zu sehen, wirken nach und werden durch die akute Krise der westlichen Demokratie noch verstärkt. Unabhängig davon, welche Partei bei den nächsten Wahlen von dieser Stimmung kurzfristig profitieren mag, die zunehmende Wut und Enttäuschung und das wachsende Ohnmachtsgefühl im Osten Deutschlands könnten den Wunsch nach einem &#8220;starken Staat&#8221; wieder Auftrieb verschaffen.</p>
<p>Doch selbst wenn sich immer mehr Ostdeutsche nach der alten Sicherheit zurücksehnen, die SED oder alles was danach riecht wollen sie nicht wiederhaben &#8211; auch dann nicht, wenn sich ihre Nachfolgeorganisation zu einer seichten, sozialstaatlich orientierten zweiten SPD mausert. Der einzige Beitrag, den die PDS für die Bestimmung einer neuen oppositionellen Strömung leisten könnte, wäre ihre Selbstauflösung. Ihre Adepten könnten eine Denk- und Verschnaufpause gut gebrauchen.</p>
<p>Der SED ist es gelungen, in 40 Jahren Sozialismus und Kommunismus im Osten Deutschlands vollkommen zu diskreditieren; Kohl und Waigel holen dies für die demokratische Marktwirtschaft im Eilverfahren nach. Eine neue systemoppositionelle Kraft wird nur dann dem aus dieser doppelten Demontage erwachsenden Neo-Nazismus erfolgreich entgegentreten können, wenn sie auf jede Form von Apologetik sowohl dem untergegangenen Realsozialismus wie der westlichen Demokratie gegenüber verzichtet.</p>
<h4>Fußnoten</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Wolfgang Pohrt, schon im Kampf gegen Saddam Hussein als Teufelsaustreiber bewährt, tut sich auch bei dieser Gegelegenheit besonders unangenehm hervor. Er bringt es fertig, über die Bürger der DDR herzuziehen und im gleichen Atemzug den SED-Staat als den, im Vergleich zur BRD, historisch besseren deutschen Teilstaat hochleben zu lassen. Offenbar begingen die Einheitssozialisten nur einen entscheidenden Fehler: sie haben sich das falsche Volk ausgesucht. Die antifaschistischen Sonntagsreden der Nomenklatura versöhnen Pohrt a posteriori mit der DDR-Wirklichkeit.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Maaz&#8217; Darstellung des empirischen Alltags in der DDR kann ich mich vorbehaltlos anschließen &#8211; jedenfalls soweit ich dies beurteilen kann. Drei Hauptkritikpunkte habe ich hingegen an dem psychoanalytischen Interpretationsansatz anzumelden: Zum einen fixiert sich Maaz sehr stark auf das gestörte Mutter-Kind-Verhältnis und auf das vom System zusätzlich verstärkte Gefühl des allgemeinen Mangels als Ursachen für die vorherrschenden Verhaltensweisen und Gefühlsstrukturen. Dabei bleibt er voll und ganz dem Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie verhaftet, nach dem die Frau für Sinnlichkeit und Emotionalität im allgemeinen und für die Sorge um die Kinder im besonderen zuständig ist. Zum anderen schreibt er dem DDR-System Wirkungsweisen zu, die er für spezifisch sozialistische hält, die tatsächlich aber allgemein bürgerlicher Natur und daher auch im Westen anzutreffen sind. Drittens schließlich vertritt er &#8211; trotz aller vernichtenden Kritik an den DDR-Bürgern &#8211; nach wie vor einen affirmativen Volksbegriff.</p>
<p><a name="3" href="#q3">3)</a> Bemerkenswerterweise sieht man mehr Luther- als Müntzerdemkmäler, was damit zusammenhängen mag, daß sich die SED zunehmend bemühte, historisch mehr an die klassische bürgerliche Tradition anzuknüpfen und weniger an die revolutionäre. Dies hat unter anderem ja auch zu einer Renaissance der Friedrichforschung geführt, die mit dessen &#8220;Rehabilitierung&#8221; endete.</p>
<p><a name="4" href="#q4">4)</a> Weber, Max, Protestantische Ethik I (S. 119), zit in Pflüger, Jörg: &#8220;Von Sinnen&#8221; &#8220;Berufung im Neuen Zeitalter&#8221;, Managerdämmerung, Frankfurt a.M., 1990, S.47</p>
<p><a name="5" href="#q5">5)</a> vgl. ebenda (PE, S.128ff)</p>
<p><a name="6" href="#q6">6)</a> ebenda, S.48</p>
<p><a name="7" href="#q7">7)</a> ebenda, (PE, S.126) Damit leitet der Protestantismus auf breiter Front die Rationalisierung der Gefühlswelt ein und verlegt, wie Marx es einmal bemerkte, den Priester in das Individuum. Jeder ist sich selbst sein Priester, und entscheidende moralische Instanz. Ständige Beherrschung, Selbstkontrolle und Zuverlässigkeit werden zum obersten Gebot. Ein Menschentypus entsteht, der sich nicht nur von tradierten Herrschaftsformen und Bräuchen abzulösen beginnt, sondern zugleich seiner Umwelt im Rahmen &#8220;innerweltlicher Askese&#8221; sachlich und mit einer unerbittlichen Neigung zur Effizienz entgegentritt.</p>
<p><a name="8" href="#q8">8)</a> ebenda</p>
<p><a name="9" href="#q9">9)</a> Spanien, das Land das als Synonym für die Heilige katholische Inquisition gelten kann, blieb von den Hexenverbrennungen bezeichnenderweise weitgehend vorschont. Nördlich der Alpen und jenseits des Ärmelkanals wurden dagegen die Scheiterhaufen nicht kalt.</p>
<p><a name="10" href="#q10">10)</a> Die spanischen und portugiesischen Eroberer begingen zwar auch unvorstellbare Greuel. Weil sie aber nicht zum Arbeiten, sondern zum &#8220;Arbeitenlassen&#8221; gekommen waren, sorgten sie nie so restlos für tabula rasa wie ihre angelsächsischen Kontrahenten. Der erobernde Herr braucht seinen Diener, sobald er sich nicht auf Raub und Raubbau beschränkt. Vor den Augen der fanatischen Anhänger der protestantischen Arbeitsreligion hatten die überflüssigen, weil zum rationalen Arbeiten untauglichen Ureinwohner hingegen keinerlei Existenzberechtigung. Sie verschwanden denn auch fast restlos.</p>
<p><a name="11" href="#q11">11)</a> Lenin, zit. in Klein Peter, <a href="http://www.krisis.org/1987/moderne-demokratie-und-arbeiterbewegung-1">Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung</a>; Marxistische Kritik Nr. 5, Erlangen 1988, S.147</p>
<p><a name="12" href="#q12">12)</a> Auch schon vor dem Zusammenbruch der realsozialistischen Gesellschaften stagnierte der Vormarsch des Marxismus/Leninismus in den stärker industrialisierten Ländern, etwa Lateinamerikas. Dafür breiteten sich seuchenartig (von der westlichen Linken weitestgehend ignoriert) unzählige protestantische Sekten aus, die vor allem aus dem US-amerikanischen Raum stammten.</p>
<p><a name="13" href="#q13">13)</a> Ich habe persönlich einige degradierte und in den Alkoholismus getriebene Ingenieure kennengelernt, deren einziges &#8220;Verbrechen&#8221; darin bestanden hatte, leichtfertigerweise den beständigen Aufrufen zu technischer Innovation und Einreichung von Verbesserungsvorschlägen Folge geleistet zu haben. Weil sie damit verschlafene Parteifunktionäre in die Bredouille brachten, wurden sie kaltgestellt. In anderen Fällen gaben Funktionäre Erfindungen von &#8220;Werktätigen&#8221; als eigenes Verdienst aus. Urheber, die gegen diese Praxis aufmuckten, mußten erfahren, was eine solche Störung des Betriebsfriedens an Folgen nach sich zieht. Ein Verstoß gegen die Parteilinie ließ sich noch jedesmal konstruieren und nachweisen.</p>
<p><a name="14" href="#q14">14)</a> Maaz, Der Gefühlsstau, Berlin 1990, S.106</p>
<p><a name="15" href="#q15">15)</a> Wie gründlich die Realsozialisten in frühbürgerlichen und radikal-kleinbürgerlichen Bewußtseinsformen befangen blieben, läßt sich u.a. am inflationären Gebrauch des Substantivs &#8220;Held&#8221; ablesen.</p>
<p><a name="16" href="#q16">16)</a> Landolf Scherzer: Fänger &amp; Gefangene, Rudolstadt 1983, S.73</p>
<p><a name="17" href="#q17">17)</a> Die westlichen Gewerkschaften können ein Lied von den Schwierigkeiten singen, arbeitende Menschen für die Vertretung auch nur minimaler Eigeninteressen in Bewegung zu setzen.</p>
<p><a name="18" href="#q18">18)</a> Die ständige Aufforderung zur Arbeit und zur Normerfüllung von seiten der Funktionäre mußte zum Bumerang werden. Die vom Arbeitsethos beseelten Arbeiter führten die Ideologie gegen deren Propheten ins Feld und beklagten deren Arbeitsunwilligkeit. Die Funktionäre, so der DDR-Alltagsverstand, behinderten nur den reibungslosen, ungestörten Betriebsablauf. Nicht daß sie zuviel arbeiten mußten, sondern daß sie zuwenig arbeiten konnten, machte viele Arbeiter und Ingenieure mißmutig.</p>
<p><a name="19" href="#q19">19)</a> Die Affinität zur nationalsozialistischen &#8220;Problemlösung&#8221; läßt sich nicht übersehen.</p>
<p><a name="20" href="#q20">20)</a> Vgl. Jürgen Fuchs, Rostock und die Schnürsenkel von Torgau, in, Frankfurter Rundschau, 18.9.92, S.16 und Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau, ein Psychogramm der DDR, München 1990. S.23 ff.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Der im Westen vielgefeierte Erfolg der chinesischen Sonderwirtschaftszonen beruht übrigens ebenfalls zu einem Gutteil auf der erbarmungslosen Auspressung von Sträflingen.</p>
<p><a name="22" href="#q22">22)</a> Dem historischen Postulat, die Hälfte des Besitzes abzugeben, sind natürlich auch die Katholiken nie nachgekommen. Aber trotz der alle Lebensäußerungen prägenden kapitalistischen Ordnung läßt sich noch heute in den katholisch dominierten Ländern eine größere Gastfreundschaft und mehr Freizügigkeit im Umgang mit dem Geld feststellen.</p>
<p><a name="23" href="#q23">23)</a> H.J.Maaz, a.a.O. S 37</p>
<p><a name="24" href="#q24">24)</a> H.J.Maaz, a.a.O. S. 34</p>
<p><a name="25" href="#q25">25)</a> Kirche im Sozialismus, in &#8220;Frankfurter Rundschau&#8221; vom 21.1.93.</p>
<p><a name="26" href="#q26">26)</a> Kautsky, zit. in: Dietz Bering, Die Intellektuellen, S.164. Nach meinem Dafürhalten Pflichtlektüre, was die Intellektuellenproblematik angeht.</p>
<p><a name="27" href="#q27">27)</a> ebenda, S.156</p>
<p><a name="28" href="#q28">28)</a> ebenda, S.190</p>
<p><a name="29" href="#q29">29)</a> Ulbricht, zit. in: Hans-Joachim Vormann, Literatur der DDR, NDR-Bildungsprogramm/Manuskript.</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) ebenda, S. 48</p>
<p><a name="31" href="#q31">31)</a> ebenda, S. 45</p>
<p><a name="32" href="#q32">32)</a> ebenda, S. 16</p>
<p><a name="33" href="#q33">33)</a> ebenda, S. 69</p>
<p><a name="34" href="#q34">34)</a> ebenda, S. 93</p>
<p><a name="35" href="#q35">35)</a> G. Dimitroff: Die Offensive des Faschismus und die Aufgaben der Kommunistischen Internationale im Kampf für die Einheit der Arbeiterklasse gegen den Faschismus, in: Ausgewählte Schriften 1933 &#8211; 1945, S.97 ff.</p>
<p><a name="36" href="#q36">36)</a> Die Kommunisten machten offiziell das international operierende Kapital für den Faschismus verantwortlich (was ein stilles Einverständnis mit dem national orientierten Kapital impliziert). Schon damals spukte allerdings die Idee einer jüdischen Weltverschwörung auch durch Kommunistenköpfe. Heute ist diese Vorstellung bei den Antiimperialisten und ML-Parteien der &#8220;3.Welt&#8221; fast schon konsensfähig.</p>
<p><a name="37" href="#q37">37)</a> Im Zuge der für den antifaschistischen Kampf von Stalin verordneten Volksfrontpolitik wurde das nicht zur Arbeiterklasse gehörende Restvolk zu deren &#8220;natürlichem&#8221; Verbündeten umdefiniert und damit politideologisch ins demokratische, antifaschistische, im Grunde schon anti-kapitalistische Lager verfrachtet.</p>
<p><a name="38" href="#q38">38)</a> Vgl. Pätzold, Kurt: &#8220;Antifaschismus und NS-Geschichte&#8221;, Konkret 11/92, S.52</p>
<p><a name="39" href="#q39">39)</a> Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, Reinbeck bei Hamburg 1983, S. 403</p>
<p><a name="40" href="#q40">40)</a> Das soll übrigens nicht heißen, daß jede Person, die Momente rassistischen Bewußtseins transportiert, als Neo-Nazi bezeichnet werden muß. Auch gute Demokraten hantieren ohne weiteres mit rassistischem Gedankengut &#8211; meist ohne dies zu bemerken. Moderne Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Biologismus wurzeln in der Abstraktifizierung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Individuation, die ihrerseits Resultat der fortschreitenden Unterwerfung der Menschen unter die Logik von Wert, Ware und Nationalstaatlichkeit sind. Gleichheit, Nation und Arbeit &#8211; Ausdruck des bürgerlichen Vergesellschaftungsprozesses &#8211; setzen logisch die Ausgrenzung all jener, die in diesen Kategorien nicht aufgehen können oder sollen. Insofern produziert jede bürgerlich verfaßte Gesellschaft strukturell rassistische und biologistische Bewußtseinshaltungen. Im Verlauf tiefergehender gesellschaftlicher Umbrüche und Erschütterungen können sich diese zu einer radikalen politischen Ideologie synthetisieren. Die ehemalige DDR bildet da keine Ausnahme. In diesem Aufsatz geht es aber im wesentlichen darum, die über diese der bürgerlichen Form als solcher immanenten Aspekte hinausgehenden Besonderheiten der SED-Diktatur zu beleuchten.</p>
<p><a name="41"></a><a href="#q41">41</a>) Ich machte recht häufig die Erfahrung, daß DDRler von sich behaupteten, in keinster Weise etwas gegen Juden zu haben, im gleichen Gespräch aber über die Polen in genau der Weise herzogen, wie Antisemiten dies über Juden zu tun pflegen. Daher wundert es mich gar nicht, wenn bei Umfragen unsere ostdeutschen Mitbürger weniger anti-semitisch eingestellt zu sein scheinen als die Westdeutschen. Würde man die gleichen statistischen Fragen auf Polen bezogen stellen, käme ein gehöriger &#8220;Polen-Antisemitismus&#8221; heraus.</p>
<p><a name="42" href="#q42">42)</a> Ähnliches gilt übrigens für die Tschechoslowakei. Auch dort war die realsozialistische Herrschaft von vornherein ein Anachronismus.</p>
<p><a name="43" href="#q43">43)</a> Das steht am ehesten dann zu erwarten, wenn sich im Westen eine starke Anti-Ossi-Stimmung breit machen sollte.</p>
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