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	<title>krisis &#187; Götz Eisenberg</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Alles mitrei&#223;en in den Untergang</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Dec 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Götz Eisenberg]]></category>

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		<description><![CDATA[JUGENDGEWALT, VANDALISMUS, AMOK]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>JUGENDGEWALT, VANDALISMUS, AMOK. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem ungebremsten Markt und der Zunahme von extremer Gewalt?</h3>
<p>Freitag 21/2007</p>
<p><em>G&#246;tz Eisenberg</em></p>
<p>Fr&#252;her, hei&#223;t es in einem Text Jean-Paul Sartres von 1960, sagten aufm&#252;pfige oder auch nur ungl&#252;ckliche B&#252;rgerkinder pl&#246;tzlich &#8220;Schei&#223;e&#8221; zu ihren Eltern, erhoben sich vom Mittagstisch, verlie&#223;en das Haus und &#8220;gingen mit Sack und Pack zur Linken&#8221;. Dort fand ihr diffuses Unbehagen seine Begriffe und strategische Codierung. Ihre in gewaltf&#246;rmigen Sozialisationsprozessen aufgestaute Wut und ihr &#8220;existenzieller Ekel&#8221; an b&#252;rgerlich-kleinb&#252;rgerlichen Formen des Umgangs fanden in der Protestbewegung politisch-rationale Ausdrucksformen. Der Widerstand gegen kleinb&#252;rgerliche Tisch- und Kleidersitten, die Revolte gegen sinnentleerte Formen des Verzichts und Gehorsams und eine rigide Sexualmoral verschmolzen mit dem Kampf gegen Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung im eigenen Land und den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt.</p>
<p><span id="more-722"></span>Die radikale Linke, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, war auch ein Sammelbecken f&#252;r allerhand skurrile Gestalten, die ihre psychischen Macken und biografischen Besch&#228;digungen mitbrachten und teilweise auch ausagierten. In den meisten F&#228;llen wirkten die Gruppe und die sie tragenden Ideen als Korrektiv und sorgten daf&#252;r, dass der Privatwahn Einzelner nicht tonangebend wurde und das Band zwischen Gewalt und Vernunft, Mitteln und Zwecken nicht zerriss.</p>
<p>Was aber sollen Jugendliche machen, fragte Sartre schon damals, &#8220;wenn die V&#228;ter links sind&#8221;, Marx und Marcuse im Regal stehen haben und abends nach getaner Arbeit die Rolling Stones und Bob Dylan auflegen? Was aber, wenn es gar keine radikale Linke gibt, auf deren Seite man sich schlagen kann? Dann eignen sich entweder die Rechten den ganzen Rohstoff von rebellischen Energien und Leidenserfahrungen an, um ihn f&#252;r ihre Ziele nach r&#252;ckw&#228;rts in Gang zu setzen, oder er bleibt brach liegen.</p>
<p>Lebenswichtige Utopien</p>
<p>Utopien m&#246;gen f&#252;r realit&#228;tst&#252;chtige Erwachsene wenig Bedeutung haben, f&#252;r Kinder und Jugendliche sind sie lebenswichtig. Kinder und Jugendliche, die gesellschaftlich-geschichtlicher Ideale beraubt sind, werden nicht nur in ihrem Wachstum behindert, sondern auch in ihren Lebenseinstellungen entmutigt und auf Ersatzgef&#252;hle gedr&#228;ngt. Diffuse Gewalt, das rebellische Umsichschlagen gegen Begrenzungen, welche die herrschende Ordnung bestimmen, k&#246;nnen laut Oskar Negt &#8220;Ausdruck einer Lebenskraft sein, der die gesellschaftlichen Ideale fehlen&#8221;. Die jugendlichen Suchbewegungen gehen ins Leere, die Wut dreht sich im Kreis, wendet sich gegen die eigenen Person oder entl&#228;dt sich richtungslos. Hinter den wohlgeordneten und glitzernden neoliberalen Fassaden gedeihen Vandalismus und Amok.</p>
<p>In sozialer Isolation, in der Individuen auf sich gestellt sind, ist der Weg zu einem kollektiven Aufbau von neuen, nicht-b&#252;rgerlichen Lebensformen, die eigenen Bed&#252;rfnissen Rechnung tragen, verrammelt und verriegelt. Der Vandalismus kann als Antwort darauf verstanden werden, dass seine Akteure nicht in der Lage sind, ihren Zorn in eine produktive und rationale Richtung zu lenken, wie das eben zum Beispiel in politischen Bewegungen geschah. Die Aggression ist und bleibt roh. Blind und bewusstlos schlagen die Herausgefallenen und f&#252;r &#252;berfl&#252;ssig Erkl&#228;rten auf die gesellschaftliche Fassade ein. Die Wut der Vandalen beschr&#228;nkt sich auf den Versuch, mit einer Baseball-Keule auf den Nebel einzuschlagen, der &#252;ber den Verh&#228;ltnissen liegt und den Einblick in ihre Strukturen versperrt. Das, was man Vandalismus nennt, ist eine Wut, die ihr Objekt eingeb&#252;&#223;t und sich in frei flottierenden Hass verwandelt hat.</p>
<p>Sp&#228;tkapitalistische Herrschaft hat sich entpersonalisiert und anonymisiert, sie tarnt sich immer perfekter als Technik und tritt den Menschen gegen&#252;ber als so genannter Sachzwang auf. Gegen wen oder was soll die aufgestaute Wut sich wenden? Wen k&#246;nnen wir zur Verantwortung ziehen? Wer ist Schuld an unserem diffusen Unbehagen und unserer Misere? Vom gerade verstorbenen Jean Baudrillard stammt die pr&#228;gnante Formulierung: &#8220;Wenn die Gewalt aus der Unterdr&#252;ckung aufsteigt, dann der Hass aus der Entleerung.&#8221;</p>
<p>Der gro&#223;e, nekrophile Bruder des Vandalen ist der Amokl&#228;ufer. An dieser Stelle m&#246;chte ich Mark Ames entschieden widersprechen, der nach dem Massaker an der Virginia Tech im Gespr&#228;ch mit dem <em>Freitag</em> (Ausgabe 17/2007) die These vertreten hat, der Amoklauf sei eine zeitgen&#246;ssische Form der Revolte und des Widerstands, gleichsam die &#8220;Sklavenrebellion des 21. Jahrhunderts&#8221;. Die Gr&#252;nde f&#252;r die Amokl&#228;ufe l&#228;gen, so Mark Ames, weder in der Pers&#246;nlichkeitsstruktur der T&#228;ter noch in Computerspielen oder fehlenden christlichen Werten. Sie seien da zu suchen, wo die Massaker passieren: In unseren B&#252;ros und in unseren Schulen. Der Reichtum habe sich bei wenigen konzentriert, die Firmenchefs verdienten das Vielfache eines Angestellten. &#8220;Die Leute werden immer mehr ausgepresst &#8211; warum sollen sie sich nicht wehren?&#8221;</p>
<p>Freilich, aber hei&#223;t Sich-Wehren an seinen aktuellen oder verloren gegangenen Arbeitsplatz zur&#252;ckzukehren und auf die (ehemaligen) Kollegen zu schie&#223;en? Muss man, wenn man unter der Unwirtlichkeit der Schulgeb&#228;ude und dem Leistungsdruck leidet, wenn man sich ausgegrenzt und von &#8220;Arschl&#246;chern&#8221; umzingelt f&#252;hlt, das Feuer auf seine Mitsch&#252;ler und Lehrer er&#246;ffnen? Das Einzige, wor&#252;ber Jugendliche wie Klebold und Harris, die Amoksch&#252;tzen der Columbine High School nahe Littleton, verf&#252;gen, ist subjektloser Hass, f&#252;r den alle Versprachlichungen &#8211; m&#246;gen sie Hitler, &#8220;Arschl&#246;cher&#8221; oder sonst wie hei&#223;en &#8211; nur Chiffren sind.</p>
<p>Zerfall der Gesellschaft</p>
<p>Ist der Amoklauf, wie Ames formuliert, tats&#228;chlich &#8220;ein Modell daf&#252;r, wie man sich wehren kann&#8221;, oder ist er nicht vielmehr Ausdruck der Tatsache, dass es den Menschen an Modellen des solidarischen Sich-zur-Wehr-Setzens fehlt? Wenn Gesellschaften ihre F&#228;higkeit der sozialen Integration einb&#252;&#223;en, ihre tragenden Ger&#252;ste und Institutionen sich zersetzen, ihre Werte und Normierungen erodieren und von Vielen nicht mehr geteilt werden, dann setzen sich neben Angst auch Formen von Aggression, Feindseligkeit und Gewalt frei. Diese bed&#252;rfen dringend der intellektuellen und moralischen Kontrolle und m&#252;ssen in eine aufkl&#228;rerische Richtung gelenkt werden, weil sie sonst ungeahnte Destruktionspotenziale entbinden, die nicht nur diese, sondern jede Gesellschaft zerst&#246;ren k&#246;nnten. Amok ist also kein Akt des Widerstands, sondern ein Symptom der Selbstzerst&#246;rung der sp&#228;tb&#252;rgerlichen Gesellschaft und des gleichzeitigen Fehlens von sozialen Gruppierungen und Strategien, die diesem Zerfall eine emanzipatorische Wendung geben k&#246;nnten.</p>
<p>Im Sinne des Ethnopsychoanalytikers George Devereux w&#228;re sogar zu fragen, ob der urspr&#252;nglich im s&#252;dostasiatischen Raum beheimatete &#8220;Amok&#8221; inzwischen nicht dabei ist, sich auch in den kapitalistischen Metropolen des Westens als ein &#8220;Modell des Fehlverhaltens&#8221; zu etablieren. Devereux zufolge stellt jede Kultur ihren Mitgliedern Schablonen zur Verf&#252;gung, nach denen Erregungs- und Spannungszust&#228;nde abgef&#252;hrt werden k&#246;nnen, ohne das System als Ganzes in Frage zu stellen. Wie sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Frankreich und Italien das &#8220;Duell der Ehre&#8221; herausbildet, das einem Edelmann genau vorschreibt, wann er gezwungen ist, jemanden herauszufordern und wie die Wahl der Waffen zu geschehen hat, so scheint es, als w&#252;rden sich unter unseren Augen das School Shooting und der Amoklauf als grausige &#8220;Ventilsitte&#8221; f&#252;r (junge) M&#228;nner etablieren, die eine au&#223;erordentliche Kr&#228;nkung oder ein schweres Trauma erlitten haben und sich in ihrem Stolz verletzt f&#252;hlen und deswegen &#8220;einen Hass haben&#8221;.</p>
<p>Aber selbst wenn der Amoklauf zum &#8220;Modell des Fehlverhaltens&#8221; avancieren w&#252;rde, sollten wir uns h&#252;ten, im Zusammenhang von blinder Gewalt und Massenmord von Widerstand gegen die herrschenden gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse zu sprechen. Hier ist unser, der Linken, Unterscheidungsverm&#246;gen gefragt, und wir m&#252;ssen darauf beharren, dass jede auf Befreiung zielende Aktion die Angemessenheit der Mittel im Bezug auf das zu erreichende Ziel zu reflektieren hat. Es gibt Formen der Gewalt, die noch nicht einmal eine revolution&#228;re Situation rechtfertigen kann, weil sie gerade den Zweck negieren, wof&#252;r die Revolution ein Mittel sein soll: die Erweiterung des Spielraums menschlicher Freiheit und Gl&#252;cksm&#246;glichkeiten. Dieser Art sind willk&#252;rliche Gewalt, Grausamkeit und unterschiedsloser, blinder Terror.</p>
<p>Gegenbild des Revolution&#228;rs</p>
<p>Der vandalische Akt, Telefonzellen zu zertr&#252;mmern oder Autos in Brand zu stecken, enth&#228;lt m&#246;glicherweise noch die Spur einer &#8220;Intention auf das Richtige&#8221; (Georg Lukács) und kann in eine historische und politische Perspektive integriert werden. Der Amokl&#228;ufer ist in allen grunds&#228;tzlichen Belangen das genaue Gegenbild des Revolution&#228;rs: Wenn dieser die Entwicklungsbedingungen des Lebendigen und des Menschlichen durch &#220;berwindung ihrer geschichtlich-gesellschaftlichen Blockierungen verbessern will, so f&#252;hlt sich jener mehr vom Toten als vom Lebendigen angezogen und ist darauf aus, Lebendiges in Totes zu verwandeln: &#8220;Au&#223;en soll sich nichts bewegen und innen kein Gef&#252;hl sein&#8221; (Klaus Theweleit). Amok beruht auf einer t&#246;dlichen Produktionsweise und ist in der Anwendung des Vernichtungsprinzips totalit&#228;r. Letztlich ist das treibende Motiv des Amokl&#228;ufers, im Banne eines b&#246;sartig gewordenen fr&#252;hkindlichen Narzissmus alles in seinen grandios inszenierten Untergang mitzurei&#223;en. &#8220;Statt darauf zu warten&#8221;, hei&#223;t es in Lothar Baiers letztem Buch <em>Keine Zeit</em>, &#8220;dass die Welt das eigene Leben verschlingt, soll die Welt in der Selbstvernichtung verschlungen werden, damit auf diese Weise Weltzeit mit Lebenszeit zusammenf&#228;llt.&#8221;</p>
<p>Von den zwischen 1974 und 2002 weltweit dokumentierten 75 Schulschie&#223;ereien entfallen 62 auf die USA, gefolgt von Deutschland mit vier und Kanada mit ebenfalls vier F&#228;llen. Schl&#228;gt die von den Metropolen des globalen Kapitalismus ausgehende neo-imperiale, kriegerische Gewalt in Gestalt einer Verwilderung und Brutalisierung der Verkehrsformen in die Mutterl&#228;nder zur&#252;ck? Gibt es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Marktfundamentalismus, der Ausbreitung einer &#8220;Kultur des Hasses&#8221; (Eric J. Hobsbawm) und einem Anstieg der Gewalt? Gilt nicht allenthalben die Devise: Nach uns die Sintflut!?</p>
<p>Im Namen des kurzfristigen Gewinns werden soziale Strukturen planiert, die &#252;ber Jahrzehnte gewachsen sind und den Menschen Schutz vor den schlimmsten Ausw&#252;chsen des Kapitalprinzips boten. Da wird flexibilisiert, dereguliert und privatisiert, da werden Kosten gesenkt ohne R&#252;cksicht auf soziale und &#246;kologische Folgen. Von den hochentwickelten L&#228;ndern werden nat&#252;rliche Ressourcen in ungebremstem Tempo verbraucht. Ein hemmungslos und wild gewordener Kapitalismus ist im Begriff, seine und unser aller Existenzvoraussetzungen zu zerst&#246;ren. Eine durch und durch kapitalistische Welt wird sich als nicht lebbar, ja nicht einmal funktionsf&#228;hig erweisen. Wenn es uns &#8211; den heute lebenden Menschen &#8211; nicht gelingt, das Steuer herumzurei&#223;en und den Wahnsinn des losgelassenen Marktes zu stoppen, drohen wir am Ende Zeugen eines marktwirtschaftlichen Amoklaufs zu werden, von dem wir alle betroffen sind.</p>
<p><em>G&#246;tz Eisenberg arbeitet als Gef&#228;ngnispsychologe in der JVA Butzbach.</em></p>
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		<title>&#8220;Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen&#8221;</title>
		<link>http://www.krisis.org/1999/wer-nicht-arbeitet-soll-auch-nicht-essen</link>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1999 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Götz Eisenberg]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur Sub- und inneren Kolonialgeschichte der Arbeitsgesellschaft]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zur Sub- und inneren Kolonialgeschichte der Arbeitsgesellschaft</h3>
<blockquote><p><em>»Denn das Leben und die Zeit des Menschen sind nicht von Natur aus Arbeit, sie sind Lust, Unstetigkeit, Fest, Ruhe, Bed&#252;rfnisse, Zuf&#228;lle, Begierden, Gewaltt&#228;tigkeiten, R&#228;ubereien etc. Und diese ganze explosive, augenblickhafte und diskontinuierliche Energie mu&#223; das Kapital in kontinuierliche und fortlaufend auf dem Markt angebotene Arbeitskraft transformieren.« &#8212; Michel Foucault </em></p></blockquote>
<p><em>G&#246;tz Eisenberg</em></p>
<p>»Mensch sein hei&#223;t K&#228;mpfer, Arbeiter sein; k&#246;stlich wird unser Leben erst dann, wenn es M&#252;he und Arbeit gewesen ist«, hei&#223;t es in Emil Kraeplins Schrift »Zur Hygiene der Arbeit«, die 1896 erschien. 1883 schrieb August Bebel in »Die Frau und der Sozialismus«, einem der meistgelesenen B&#252;cher der deutschen Arbeiterbewegung: »Der Sozialismus stimmt mit der Bibel darin &#252;berein, wenn diese sagt: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«, und Sartre stie&#223; Ende der vierziger Jahre in Warschau auf Plakate, auf denen »Die Tuberkulose hemmt die Produktion« stand. »Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite: der Hang zur Freude nennt sich bereits Bed&#252;rfnis der Erholung und f&#228;ngt an, sich vor sich selber zu sch&#228;men«, stellt Friedrich Nietzsche in »Die fr&#246;hliche Wissenschaft« fest und erinnert daran, da&#223; diese nahezu einhellige Wertsch&#228;tzung der Arbeit neueren Datums und anderen Kulturen durchaus fremd ist.</p>
<p><span id="more-484"></span>Sie ist, genauer gesagt, b&#252;rgerlicher Herkunft. Mit dem B&#252;rgertum steigt eine Klasse zur Herrschaft auf, die sich &#252;ber Arbeit definiert und sich durch eine um Leistung zentrierte, methodische Lebensf&#252;hrung von der Aristokratie abgrenzt. Der soziale Narzi&#223;mus des B&#252;rgertums beruft sich darauf, sauberer, anst&#228;ndiger, gebildeter und vor allem n&#252;tzlicher, weniger korrupt und ausschweifend zu sein als der parasit&#228;re und schmarotzende Adel. Sein Aufstieg ist mit einem enormen Zuwachs an Triebkontrolle, Selbstbeherrschung und kalkulierender Voraussicht verbunden. Die zwischen den Extremen schwanken den Affektlagen werden auf eine mittlere Linie ged&#228;mpft. Man h&#228;lt an sich, nimmt sich zusammen und bem&#252;ht sich um Distinktion. Die aufsteigenden b&#252;rgerlichen Schichten praktizieren die Tugenden der Sparsamkeit, Askese und der Arbeitsamkeit nicht nur, weil Protestantismus oder Utilitarismus es ihnen nahelegen. Der B&#252;rger beschneidet seine Bed&#252;rfnisse und unterwirft sich der »innerweltlichen Askese« (Weber), weil die Konkurrenz ihn bei Strafe des Untergangs zwingt, zu investieren und die Gewinne nicht unproduktiv zu verschwenden. Der Teil des Profits, der dem Konsum entzogen und reinvestiert wird, entspricht dem »verfemten Teil« (Bataille) des B&#252;rgers.</p>
<p>Die Selbstdisziplin, die sich das B&#252;rgertum auferlegt, schl&#228;gt um in und vollendet sich als Fremddisziplinierung. Aus der H&#228;rte gegen sich selbst leitet man das Recht, ja beinahe die Pflicht ab, unnachgiebig gegen die unproduktiven und lasterhaften Unterschichten vorzugehen: Die Unterschichten sind im B&#252;rger anwesend in Gestalt seines K&#246;rpers und seiner Begierden. Denn die ihre Gel&#252;ste befriedigenden und faulenzenden Unterschichten verk&#246;rpern das, was der B&#252;rger so m&#252;hsam und verbissen in sich niederh&#228;lt. Der Puritaner und Arbeitsfanatiker Thomas Carlyle hat diesen Zusammenhang gesehen und den arbeitenden Menschen zu einem regelrechten Kreuzzug gegen den »Erzfeind Selbstsucht und M&#252;&#223;iggang« aufgerufen: »Was unmethodisch und w&#252;ste ist, wirst Du methodisch und urbar machen. &#220;berall, wo Du Unordnung findest, da ist Dein ewiger Feind. Greif ihn rasch an und bezwinge ihn; mach Ordnung daraus, die nicht dem Chaos, sondern der Intelligenz, der Gottheit und Dir untertan ist. &#8230; Arbeit ist die Mission des Menschen auf dieser Erde. Es k&#228;mpft sich ein Tag herauf, es wird ein Tag kommen, an dem der, welcher keine Arbeit hat, es nicht f&#252;r geraten halten wird, sich in unserem Bereich des Sonnensystems zu zeigen, sondern sich anderw&#228;rts umsehen mag, ob irgendwo ein fauler Planet sei. &#8230; Nicht &gt;Waffen und der Mann&lt;, &gt;Das Werkzeug und der Mann&lt; sollte heute unser Epos hei&#223;en. Was ist unser Werkzeug &#8230; anderes als Waffen, mit welchen wir die Unvernunft drinnen oder drau&#223;en bek&#228;mpfen &#8230; «</p>
<p>Der »faule Planet« wurde sp&#228;ter in Auschwitz eingerichtet und trug &#252;ber dem Eingangstor die Inschrift: »Arbeit macht frei«. Arbeit ist Krieg von Anfang an, ein Vernichtungsfeldzug gegen das »Unkraut« drinnen und drau&#223;en.</p>
<p>Das Umschlagen der Selbstdisziplin in Fremddisziplinierung verflocht sich mit dem Zwang, die Imperative der neuen b&#252;rgerlichen Produktionsweise durchzusetzen, und gab dem epochalen Projekt der inneren Kolonialisierung seine grausame Dynamik und Durchschlagskraft.</p>
<p>Der industrielle Kapitalismus braucht die Menschen als variables Kapital, als lebendiges Arbeitsverm&#246;gen. Es steckt nur zun&#228;chst in untauglichen K&#246;rpern und ist in traditionelle Lebensformen und Gewohnheiten eingebunden. Der deshalb eingeleitete Feldzug gegen die plebejischen Unterschichten ist, wie Marx schrieb, »in die Annalen der Menschheit eingeschrieben mit Z&#252;gen von Blut und Feuer«.</p>
<p>Es begann im 16. und 17. Jahrhundert damit, da&#223; man gegen die Massen von Bettlern vorging, die der Zerfall der st&#228;ndisch-feudalen Ordnung hervorgebracht hatte. Die traditionelle mittelalterliche F&#252;rsorgesittlichkeit und Caritas geriet in Verruf: Die Leichtigkeit, mit der man ein Almosen erlangen k&#246;nne, verleite zum M&#252;&#223;iggang und demoralisiere die Menschen. Man erlie&#223; Verordnungen gegen das Betteln und die Landstreicherei. Wer bei einer Razzia aufgegriffen wurde, wurde ausgepeitscht, kahl geschoren und &#252;ber die Grenze abgeschoben. Im Wiederholungsfall drohten Brandmarkung (das Einbrennen eines Buchstabens in die Schulter), Folter, Verkauf auf die Galeere, Verst&#252;mmelung oder Hinrichtung. Hans-Ulrich Wehler schreibt in seiner »Deutschen Gesellschaftsgeschichte: »In dem kleinen bayrischen Rentamt Burghausen, das alles andere als ein zentraler Ort und kein Mittelpunkt des Gaunerunwesens war, wurden allein in der Spanne zwischen 1748 und 1776 1100 solcher Personen hingerichtet« (Wehler 1987, S. 176). Unterm Absolutismus erg&#228;nzte man diese Ausschlu&#223;ma&#223;nahmen um Internierungspraktiken. Seit dem 17. Jahrhundert richtete man auch in Deutschland Zucht- und Arbeitsh&#228;user ein, in die man die Vagantenbev&#246;lkerung einsperrte, um sie zur Arbeit anzuhalten und moralisch aufzur&#252;sten. W&#228;hrend man spinnen, Holz raspeln oder K&#246;rbe flechten mu&#223;te, bekam man aus der Bibel oder frommen Traktaten vorgelesen. Die merkantilistische Wirtschaftspolitik des Absolutismus sah in einer flei&#223;igen Arbeitsbev&#246;lkerung die beste Garantie f&#252;r die Mehrung des nationalen Wohlstands und die Sicherung und Erweiterung der Einnahmequellen des Monarchen. Also brachte man die Manufaktur ins Zucht- und Arbeitshaus oder vermietete die Insassen an deren Leiter. Weil die Faulheit und der M&#252;&#223;iggang zur S&#252;nde und zur absoluten Form der Revolte geworden waren, zwang man die Menschen mit aller Gewalt zur Arbeit. Im Amsterdamer Arbeitshaus sperrte man hartn&#228;ckige Faulenzer in einen Raum, der langsam voll Wasser lief. Der Inhaftierte konnte sich dann entscheiden: Entweder er ertrank, oder er begann kontinuierlich zu pumpen, das hei&#223;t zu arbeiten. Weitere Strafen waren: Kostschm&#228;lerung, Arrest, Fesselung, k&#246;rperliche Z&#252;chtigungen mit Rute, Stock, Tauende oder Peitsche.</p>
<p>Mit physischer Gewalt zwang man die Menschen, ihre sch&#228;dlichen Neigungen aufzugeben und Arbeit als Lebensinhalt zu akzeptieren (vgl. Marzahn o. J.; Geremek 1988; Foucault 1969; R&#252;hle 1971; Sachsse/Tennstedt, 1986). Der Sozialdisziplinierung waren nicht nur die Insassen der Zucht- und Arbeitsh&#228;user unterworfen, sondern tendenziell die ganze Bev&#246;lkerung, sofern deren Lebensweise und Arbeitsrhythmus quer lagen zu den Anforderungen der kapitalistischen Produktion. Diese ben&#246;tigt die Menschen als Lohnarbeiter, deren Arbeitskraft der Unternehmer kauft, um sie m&#246;glichst produktiv zu nutzen. Kapital ist Herrschaft der toten Arbeit &#252;ber die lebendige. Kommando &#252;ber Zeit, Muskel, Hirn und Bewegung von Menschen, die als variables Kapital in seinen Verwertungsproze&#223; eingehen, wobei die H&#246;he der Profitrate davon abh&#228;ngt, wie intensiv die vom Kapital gekaufte Arbeitszeit genutzt wird und wie geschickt man die lebendige Arbeit mit der Maschinerie kombiniert, die ihr den Rhythmus diktiert.</p>
<p>Die Imperative und Verhaltenszumutungen der Lohnarbeit, unabh&#228;ngig von biologischen und klimatischen Rhythmen Tag f&#252;r Tag dieselben monotonen Handgriffe zu wiederholen, p&#252;nktlich in der Fabrik zu erscheinen und sie nicht vor Feierabend zu verlassen, waren den vorindustriellen Menschen fremd. Ihr Leben folgte einem anderen Rhythmus und kannte die strikte Trennung von Arbeit und Leben noch nicht. Solange man &#252;berwiegend f&#252;r den eigenen Bedarf produzierte, also Gebrauchswerte herstellte, herrschte ein aufgabenorientierter Arbeitsrhythmus und eine entsprechende Zeiteinteilung. Kontakt- und Geselligkeitsbed&#252;rfnisse mischten sich in die Arbeitsvollz&#252;ge ein und unterbrachen sie, der Arbeitstag verk&#252;rzte oder verl&#228;ngerte sich je nach der zu erledigenden Aufgabe, zahllose Feste und Feiertage lockerten das Arbeitsjahr auf und sorgten f&#252;r periodische Enthemmungen und Entregelung. Solange die Menschen f&#252;r den Eigenbedarf produzierten, konnten sie ihren Arbeitsrhythmus weitgehend selbst bestimmen, und es herrschte »ein Wechsel von h&#246;chster Arbeitsintensit&#228;t und M&#252;&#223;iggang« (E. P Tompson). Ein und derselbe Mensch ging im Laufe eines Tages ganz verschiedenen T&#228;tigkeiten nach, deren Gesamtheit er wahrscheinlich trotz aller punktueller M&#252;hsal und Plage nicht einmal als »Arbeit« empfand: Es war einfach seine Lebensweise.</p>
<p>Solange die menschlichen T&#228;tigkeiten noch nicht der &#246;konomischen Rationalit&#228;t unterliegen, schreibt Gorz, »fallen sie mit Zeit, Bewegung und Rhythmus des Lebens zusammen« (Gorz 1989, S. 156). Die Gebrauchswertproduktion kennt die Kategorie des »Genug«. Mehr zu produzieren, als man zur Befriedigung der eigenen Bed&#252;rfnisse ben&#246;tigt, gilt als sinnlos und dar&#252;ber hinaus als unmoralisch. Produktion und Tausch, wo er, wie im st&#228;dtischen Zunfthandwerk, bereits vorkam, waren eingebunden in tradierte Vorstellungen vom richtigen Leben.</p>
<p>Aus der Perspektive des industriellen Kapitals waren das alles Borniertheiten, die es zu sprengen, von denen es sich im Namen schrankenloser Akkumulation zu emanzipieren galt. W&#228;hrend der ganzen Fr&#252;hphase der Industrialisierung rissen die Klagen von Unternehmern &#252;ber den »traditionalistischen Schlendrian«, &#252;ber die Unbest&#228;ndigkeit und die m&#252;&#223;igg&#228;ngerischen Neigungen der Menschen nicht ab. »Der M&#252;&#223;iggang ist in der Stadt wie auf dem flachen Lande so gro&#223;«, hei&#223;t es in einem Schreiben an den franz&#246;sischen Finanzminister Colbert, »da&#223; es keine Kleinigkeit sein wird, die Leute zu geregelter Arbeit zu bewegen« (zitiert nach R&#252;hle 1971, S. 59f.). Auch wenn man sie endlich in das Joch der Manufaktur oder Fabrik eingespannt hatte, konnte man keineswegs sicher sein, da&#223; sie dort auch blieben und t&#228;glich wiederkamen. »In der Phase der urspr&#252;nglichen Akkumulation«, schreibt Hans-J&#252;rgen Krahl, »kam es durchaus vor, da&#223; Lohnarbeiter zu arbeiten aufh&#246;rten, wenn sie ausreichend verdient hatten, und den Rest des Tages oder der Woche versoffen, verspielten oder verhurten« (Krahl 1971, S. 76).</p>
<p>Den aus handwerklichen oder agrarischen Lebenszusammenh&#228;ngen stammenden Menschen war die neue Arbeits- und Zeitdisziplin so zuwider, da&#223; viele Fabrikanten sich au&#223;erstande sahen, Leute zu finden. Und wenn sie welche fanden, waren die Abwesenheitsquoten hoch; oft k&#252;ndigten die Arbeiter nach wenigen Wochen bereits wieder oder verschwanden einfach. Die Unternehmer klagten &#252;ber den nomadenhaften Wandertrieb der Arbeiter. »Einige Gruppen verweigerten sich der neuen Fabrikdisziplin en masse. Die Bauern der schottischen Highlands konnten nicht leicht dazu gebracht werden, den neuen Zeitrahmen zu akzeptieren. Ein Beobachter bemerkte: &gt;Ein Highlander sitzt nie zufrieden am Webstuhl; es ist, als spannte man einen Hirsch vor den Pflug!&lt;« (Rifkin 1988, S. 119). Die ersten Unternehmer verzweifelten daran, da&#223; die Arbeiter keinerlei »Erwerbssinn« hatten und noch &#252;ber einen Begriff vom »Genug« verf&#252;gten. Geld war, wie Freud bemerkte, nicht nur kein Kinderwunsch, es reizte auch den noch in Kategorien der moralischen &#214;konomie denkenden Menschen nicht &#252;ber ein gewisses Ma&#223; hinaus. Er dachte gar nicht daran, so Werner Sombart, »Geld und m&#246;glichst viel Geld zu verdienen. Er will nicht erwerben um des Erwerbens willen, sondern will gerade so viel erwerben, um davon in gewohnter Weise leben zu k&#246;nnen. Er will nicht einmal immer besser leben. Hat er im Lohnverh&#228;ltnis diesen Betrag erreicht, so denkt er nicht daran, weiter zu arbeiten, sondern er h&#246;rt einfach zu arbeiten auf: das ist die Erfahrung, die alle Unternehmer, zu ihrem nicht geringen Leidwesen, bei der Besch&#228;ftigung unerzogener Arbeiter gemacht haben, die sie heute noch machen in allen Gegenden, in denen der Geist des Kapitalismus die Masse noch nicht erfa&#223;t hat« (Sombart 1928, S. 426). Auch durch eine Erh&#246;hung des Akkordlohns konnte man die Arbeiter nicht zu gr&#246;&#223;erem Arbeitseifer anspornen. Die erste Arbeitergeneration hatte ziemlich starre Ansichten dar&#252;ber, wann ein angemessener Lebensstandard erreicht war, und man zog ab einem bestimmten Punkt die Freizeit der Steigerung des Einkommens vor. Je h&#246;her der Lohn war, um so weniger mu&#223;te man leisten, um diesen Punkt zu erreichen (vgl. Landes 1973, S. 67; Weber 1969, S. 49f.).</p>
<p>Um dieser Form von Absentismus Herr zu werden, senkte man die L&#246;hne auf ein absolutes Minimum, in der Hoffnung, da&#223; das nackte Elend die Arbeiter in die Fabriken treiben w&#252;rde. Damit nicht genug: In der Manufaktur oder Fabrik wachte ein strenges Fabrikreglement dar&#252;ber, da&#223; die Arbeiter auch wirklich arbeiteten und die vom Unternehmer gekaufte Zeit nicht reine Zeit war, sondern die einer produktiven Arbeitskraft. Man errichtete eine regelrechte »Diktatur der P&#252;nktlichkeit« und eine »Mikrojustiz der Zeit« (Foucault). Zu sp&#228;t Kommende wurden bestraft, es gab Geldbu&#223;en und Lohnabz&#252;ge f&#252;r Bummelei und unerlaubtes Sichentfernen vom Arbeitsplatz, man f&#252;hrte die Fabriksirene ein, die Arbeitsbeginn, Pausen und Feierabend anzeigte. In englischen Industriest&#228;dten schrillte morgens um f&#252;nf Uhr eine Dampfpfeife, um die Leute aus dem Schlaf zu rei&#223;en. Mancherorts stellten die Unternehmer »Wachklopfer« an, die von Wohnung zu Wohnung gingen und mit Stangen an die Fenster der Arbeiterquartiere klopften. Einige dieser Wachklopfer zogen gar an Schn&#252;ren, die aus den Fenstern hingen und am Zeh des Arbeiters befestigt waren (vgl. Rifkin 1988, S. 120).</p>
<p>In Deutschland erhielten die Fabrikherren und Manufakturbesitzer mitunter vom jeweiligen Landesherren die niedere Gerichtsbarkeit, womit die Arbeiter dem Gesinde auf einem Gutshof gleichgestellt waren. H.-U. Wehler berichtet, da&#223; es in s&#252;ddeutschen Betrieben eine Art »Schands&#228;ule« gab, an die Arbeiter angekettet wurden, die gegen irgendwelche Regeln versto&#223;en hatten. Als wirkungsvollste Methode, die neue Zeitdisziplin und einen regelm&#228;&#223;igen Arbeitsrhythmus durchzusetzen, erwies sich schlie&#223;lich die Einf&#252;hrung der Maschinerie, die dem Arbeiter das Tempo diktierte und alle lebensweltlichen Beimischungen aus dem Arbeitsproze&#223; herauspre&#223;te.</p>
<p>Au&#223;erhalb der Fabrik f&#252;hrte man einen hartn&#228;ckigen Kampf gegen die Tradition des »blauen Montags«, an der die Arbeiter auch unter gewandelten Bedingungen zun&#228;chst festhielten, und gegen die gro&#223;e Zahl von Festen und Feiertagen, Kirchweihen und Jahrm&#228;rkten. Nach den Kriterien der &#246;konomischen Vernunft erschien das nicht nur als unertr&#228;gliche Vergeudung von Zeit und Geld, man f&#252;rchtete auch die alkoholischen Exzesse und die plebejische Widerspenstigkeit vieler dieser Feste, die Entladung, Enthemmung und die explosionsartige Verausgabung von Energien, die man gerade stauen und in kontinuierlich verausgabte Arbeitskraft transformieren wollte (vgl. Lafargue 1978, S. 23).</p>
<p>Auf Dauer konnte man sich allerdings auf Systeme und Einrichtungen des puren &#228;u&#223;eren Zwangs nicht verlassen. Man mu&#223;te daf&#252;r sorgen, da&#223; die Zw&#228;nge nach innen wanderten und sich dort als »innere Selbstzwangapparaturen« (Elias) festsetzten. Wie schafft man es, da&#223; Menschen arbeiten wollen und sich das Produkt ihrer Arbeit wegnehmen lassen? Wie erzeugt man gef&#252;gige und n&#252;tzliche K&#246;rper, wie akklimatisiert man die Menschen wirkungsvoll an die Regelm&#228;&#223;igkeit und die lineare Zeit des Kapitals?</p>
<p>A. Ure gelangte nach den Erfahrungen mit der ersten Arbeitergeneration zu dem Schlu&#223;, da&#223; mit Arbeitern, die der Pubert&#228;t entwachsen seien und aus dem Handwerk oder der Landwirtschaft stammten, f&#252;r industrielle Zwecke nichts anzufangen sei (vgl. Sombart 1928, S. 425f). William Temple machte 1770 den Vorschlag, arme Kinder bereits im Alter von vier Jahren in die Arbeitsh&#228;user zu schicken, wo sie Fabrikarbeit leisten und Schulunterricht erhalten sollten. »Es ist sehr n&#252;tzlich, da&#223; sie auf irgendwelche Art st&#228;ndig besch&#228;ftigt werden, wenigstens 12 Stunden am Tag, ob sie damit nun ihren Unterhalt verdienen oder nicht; denn wir hoffen, da&#223; sich auf diese Weise die heranwachsende Generation so sehr an st&#228;ndige Besch&#228;ftigung gew&#246;hnen wird, da&#223; sie diese zuletzt als angenehm und unterhaltend empfindet&#8230;« (zit. nach Thompson 1980, S. 53).</p>
<p>Es begann die grauenhafte Periode der Kinderarbeit. Kinder waren billig zu haben, anstelliger und leichter an den Rhythmus der Fabrikproduktion zu gew&#246;hnen. Kinder ab f&#252;nf Jahren hatten bis zu 16 Stunden t&#228;glich in schlecht beleuchteten und bel&#252;fteten R&#228;umen schwere Arbeiten zu verrichten. Parallel dazu begann man, Kinder in die Schule zu schicken. Und was lernten sie dort? In erster Linie Sekund&#228;rtugenden und Arbeitshaltungen. Der Rhythmus der schulischen Sozialisation entsprach dem der Produktion. Man unterteilte die Zeit in kleine Abschnitte, brachte den Kindern bei, auf Glockenzeichen zu reagieren, man zwang sie, p&#252;nktlich zu sein und stillzusitzen, man korrigierte ihre K&#246;rperhaltung und ihre Gesten, man disziplinierte ihr ganzes Verhalten und bestrafte jede noch so geringf&#252;gige Abweichung und Nachl&#228;ssigkeit mit k&#246;rperlichen Z&#252;chtigungen und Dem&#252;tigungen. Man kolonialisierte die K&#246;pfe, indem man sie mit funktionalem Wissen vollstopfte, und die K&#246;rper, indem man sie desexualisierte und zum Arbeitsinstrument herrichtete, und man verpa&#223;te den Z&#246;glingen eine Seele, die als innere Erg&#228;nzung des &#228;u&#223;eren Zwangs wirkte.</p>
<p>Die industrielle Rationalit&#228;t mischte sich schlie&#223;lich sogar in die Aufzucht und Pflege des Neugeborenen und des Kleinkindes ein. Normen der Distanz erhoben sich zwischen Mutter und Kind: Man ging nicht mehr hin, wenn das Baby schrie, man legte es weg, nahm es auf und ern&#228;hrte es nach dem Rhythmus der Uhr und nicht nach dem der kindlichen Bed&#252;rfnisse, man dressierte es, seine Exkremente p&#252;nktlich auszuscheiden, und man sorgte daf&#252;r, da&#223; es sich vor seinen K&#246;rperfl&#252;ssigkeiten ekelte. Die heiligen Grunds&#228;tze der »schwarzen P&#228;dagogik« (Rutschky), unter deren Anweisungsstrukturen Erziehung nun mehr und mehr geriet, lauten: Man beginne sofort nach der Geburt damit, den Eigensinn des Kindes zu brechen, die anarchischen Formen seiner Lust einzud&#228;mmen und den unreglementierten Trieb zu b&#228;ndigen.</p>
<p>Klaus Theweleit hat darauf hingewiesen, da&#223; auf diese Weise empfangene und erzogene Menschen »nicht zu Ende geboren« werden. Da, wo sich unter g&#252;nstigeren Umst&#228;nden ein Ich h&#228;tte entwickeln k&#246;nnen, haben diese Menschen einen unter Schmerzen angepr&#252;gelten K&#246;rperpanzer, eine Art Berstschutz, der verhindert, da&#223; sie fragmentieren und auseinanderbrechen. Das prek&#228;re Ich des Nicht-zu-Ende-Geborenen bedarf der &#228;u&#223;eren St&#252;tzung, eines Korsetts, das die Schw&#228;chen der Ich-Struktur kompensiert. Die landl&#228;ufige Form dieses Korsetts ist die Arbeit, die zum wichtigsten Ich-Erhaltungsvorgang wird. Arbeit h&#228;lt ihn bei der Stange und sichert ihm das reduzierte &#220;berleben, und zwar nicht nur, weil sie seine materielle Reproduktion &#252;ber den Lohn garantiert, sondern weil das Arbeiten sein Ich vor dem Fragmentieren und Zusammenbrechen bewahrt, vor dem Hereinbrechen verschlingender Symbiosen (vgl. Theweleit 1978, S. 244ff.).</p>
<p>Das Zusammenspiel all dieser Prozesse f&#252;hrt dazu, da&#223; Arbeit schlie&#223;lich zur zweiten Natur des Menschen wird. Die physische und manifeste Gewalt aus der Aufstiegsphase der kapitalistischen Produktionsweise kann sich in dem Ma&#223;e zur&#252;ckziehen, wie die Menschen sich selbst Zwang antun. Die Mauern, hinter die man sie einst sperrte, sind jetzt im Inneren aufgerichtet. Es ist ein weitverbreitetes Mi&#223;verst&#228;ndnis, diesen Zustand mit Freiheit zu verwechseln und aus der Tatsache, da&#223; die Ketten abgeschafft sind, mit denen man ehemals die Galeerenstr&#228;flinge an die Ruderbank fesselte, zu schlie&#223;en, die Galeerenstr&#228;flinge selbst seien abgeschafft worden.</p>
<p>Die Imperative der kapitalistischen Produktion und der &#246;konomischen Vernunft sind als eine Art trojanisches Pferd in die Menschen eingedrungen und haben den Status von Quasi-Instinkten und bedingten Reflexen angenommen. Lebensgeschichtlich fr&#252;he Rhythmisierungen der kindlichen Bed&#252;rfnisse, die Dressur der K&#246;rper und der Motorik lassen Arbeit zu einer ungreifbaren und zugleich pr&#228;gnanten Determinierung werden. Als Folge dieses epochalen psychischen Umr&#252;stungsprozesses bildet sich eine zweite innere Natur des Menschen heraus, ein Fundus von tief eingewurzelten Automatismen, (Wiederholungs-)Zw&#228;ngen und Abwehrmechanismen. Die Rigidit&#228;t und Zwanghaftigkeit des Arbeits- und Alltagsverhaltens resultiert also nicht oder nicht in erster Linie aus dem Einflu&#223; eines moralischen Diskurses: Einem solchen Zugriff k&#246;nnte der Mensch sich relativ leicht entziehen. Wenn das &#220;berich wie ein Reflex funktionieren soll, ben&#246;tigt es als Unterbau und Komplizen einen kolonialisierten K&#246;rper, der von sich aus gewisse gef&#228;hrliche Impulse wie den Wunsch nach einem Mehr an Gl&#252;ck und Zeit zum Leben abwehrt.</p>
<p>Am Anfang flohen die Menschen vor den Verhaltenszumutungen der Lohnarbeit und der Zeitdisziplin und zogen es mitunter vor, bettelnd durch die Lande zu ziehen. Auf dem H&#246;hepunkt des gigantischen Dressur- und Umr&#252;stungsprozesses waren Arbeiter von der psychischen Dekompensation und psychosomatischen Erkrankungen bedroht, wenn sie arbeitslos wurden. Wie die Studie von Marie Jahoda und anderen &#252;ber »Die Arbeitslosen von Marienthal« aus den fr&#252;hen 30er Jahren zeigt, wird Arbeitslosigkeit erlebt wie ein sozialer Tod. Seiner Identit&#228;tsprothesen und des Metronoms beraubt, das bislang den Rhythmus des Lebens vorgab, fallen die Arbeitslosen aus ihren Sicherheiten ins Nichts der Desorientierung, Verzweiflung und Resignation. Getrimmt auf extreme Zeitregulierung wissen sie mit dem pl&#246;tzlichen Reichtum an freier Zeit nichts anzufangen und verhalten sich wie ein jahrelang im K&#228;fig gehaltener Tiger, der, nachdem man ihm die Freiheit zur&#252;ckgegeben hat, weiter seine Gitterst&#228;be abschreitet und sich nach seinem K&#228;fig und seinen Sicherheiten zur&#252;cksehnt. In einer Gesellschaft, in der sich die Vergesellschaftung f&#252;r die meisten Menschen &#252;ber Lohnarbeit herstellt und Sozialisation im wesentlichen Arbeitshaltungen vermittelt, b&#252;&#223;t, wer seine Arbeit verliert, eben mehr ein als nur seine Einkommensquelle: seinen Ort, seine soziale Existenz, seine Kontakte und Beziehungen, und er wird seines wichtigsten Ich-Erhaltungsmechanismus beraubt, der &#228;u&#223;eren St&#252;tzen seines geschw&#228;chten Ichs. Das, was man den Pensionierungstod nennt, ist wohl der krasseste Ausdruck der Unterordnung des Lebens unter die entfremdete und entfremdende Arbeit.</p>
<p>Gegen Ende des 19. Jahrhunderts machte in den Metropolen des Kapitals kaum noch jemand der Arbeitsgesellschaft das Realit&#228;tsmonopol streitig. Psychiater wie Emil Kraepelin und Karl Wilmanns fa&#223;ten M&#252;&#223;iggang und Landstreicherei jetzt in Termini einer medizinisch-psychiatrischen Pathologie: Wer nicht arbeiten will, sondern sich »gleichg&#252;ltig mit den H&#228;nden in den Taschen herumdr&#252;ckt, ist geistesgest&#246;rt und ein Fall f&#252;rs Irrenhaus und eben nicht mehr in erster Linie f&#252;r Gef&#228;ngnis, Zucht- und Arbeitshaus« (vgl. Wilmanns 1906). Die Arbeiterbewegung hatte ihren anf&#228;nglichen Widerstand gegen die Verhaltenszumutungen der kapitalistischen Industrialisierung aufgegeben und versuchte, das B&#252;rgertum gewisserma&#223;en auf der &#220;berich-Seite zu &#252;berholen. Der deutsche sozialdemokratische Arbeiter um 1900 herum war stolz auf seine anst&#228;ndige Lebensf&#252;hrung, achtete streng auf seine Reputation, erzog seine Kinder zur Wehrhaftigkeit und sah ver&#228;chtlich auf Obdachlose, Faulenzer und Bummelanten herab, mit denen er nichts zu tun haben wollte. Diejenigen, die man so lange der Unzuverl&#228;ssigkeit und der Faulenzerei geziehen hatte, hatten sich inzwischen das b&#252;rgerliche Wertsystem zu eigen gemacht und wendeten es gegen die Bourgeoisie, die aus der Sicht der Arbeiter zu einer Klasse der Schmarotzer und Couponabschneider verkommen war. Erst in der sozialistischen Gesellschaft w&#252;rden die Werte der Arbeit und der Produktion zur vollen Entfaltung kommen. Dem organisierten Sozialdemokraten war der Kapitalismus nur noch zu unordentlich und anarchisch-ungeplant, und die Zukunftsgesellschaft stellte er sich als ein gigantisches Arbeitshaus mit Arbeitspflicht f&#252;r jeden vor. Etwas von der Gewalt, die n&#246;tig war, um Menschen in Lohnarbeiter zu verwandeln, ist noch in der idiosynkratischen Wut des arbeitenden Menschen auf den sp&#252;rbar, der es wirklich oder vermeintlich leichter hat, der nicht so hart arbeitet wie man selbst. So nimmt es eigentlich auch nicht wunder, da&#223; die Kolonialpolitik des Kaiserreichs auf keinen nennenswerten Widerstand seitens der Arbeiterbewegung stie&#223; und von August Bebel im Reichstag 1906 als »Kulturtat« grunds&#228;tzlich begr&#252;&#223;t wurde: »Kommen die Vertreter kultivierter und zivilisierter V&#246;lkerschaften &#8230; zu fremden V&#246;lkern als Befreier, als Freunde und Bildner, als Helfer in der Not, um ihnen die Errungenschaften der Kultur und Zivilisation zu &#252;berbringen, um sie zu Kulturmenschen zu erziehen, geschieht das in dieser edlen Absicht und in der richtigen Weise, dann sind wir Sozialdemokraten die ersten, die eine solche Kolonisation als gro&#223;e Kulturmission zu unterst&#252;tzen bereit sind« (zit. nach: Die deutsche Arbeiterbewegung 1976, S. 344f.).</p>
<p>Weiter unten an der Basis wird man es weniger vornehm ausgedr&#252;ckt und gedacht haben: »Wird Zeit, da&#223; dem faulen Neger die Hammelbeine langgezogen werden. Warum soll&#8217;s denen besser gehen als uns?«</p>
<p>Das urspr&#252;nglich b&#252;rgerliche Ressentiment gegen die Faulheit schlug bei denen, gegen die es sich richtete, in das Hohelied des Schwei&#223;es und der harten Arbeit um, und noch der sozialistische Gegenentwurf hatte etwas von dem Ressentiment des Besch&#228;digten, der gleiches Unrecht f&#252;r alle fordert.</p>
<h4>Literatur</h4>
<p>Bataille, Georges (1975): Das theoretische Werk, Bd. 1, M&#252;nchen</p>
<p>Bebel, August (1974): Die Frau und der Sozialismus, Berlin (DDR)</p>
<p>Carlyle, Thomas (o. J.): Arbeiten und nicht verzweifeln, D&#252;sseldorf und Leipzig</p>
<p>Die Deutsche Arbeiterbewegung 1848-1919 in Augenzeugenberichten (1976), M&#252;nchen</p>
<p>Elias, Norbert (1969): &#220;ber den Proze&#223; der Zivilisation, z. Bd., Bern</p>
<p>Foucault, Michel (1969): Wahnsinn und Gesellschaft, Frankfurt/M.</p>
<p>Geremek, Bronislaw (1988): Geschichte der Armut, Z&#252;rich</p>
<p>Gorz, Andre (1989): Kritik der &#246;konomischen Vernunft, Berlin</p>
<p>Jahoda, Marie et al. (1975): Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt/M.</p>
<p>Krahl, Hans-J&#252;rgen (1971): Konstitution und Klassenkampf, Frankfurt/M.</p>
<p>Kraepelin, Emil (1896): Zur Hygiene der Arbeit, Jena</p>
<p>Lafargue, Paul (1978): Das Recht auf Faulheit, o. O.</p>
<p>Landes, David S. (1973): Der entfesselte Prometheus, K&#246;ln</p>
<p>Marx, Karl (1969): Das Kapital, Bd. 1, Berlin (DDR)</p>
<p>Marzahn, Christian (o. J.): Das Zucht- und Arbeitshaus, Bremen</p>
<p>Nietzsche, Friedrich (1982): Die fr&#246;hliche Wissenschaft, Frankfurt/M.</p>
<p>Nietzsche, Friedrich (1983): Morgenr&#246;te, Frankfurt/M.</p>
<p>Rifkin, Jeremy (1988): Uhrwerk Universum, M&#252;nchen</p>
<p>R&#252;hle, Otto (1971): Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats, Bd. 1, Frankfurt/M.</p>
<p>Rutschky, Katharina (1977): Schwarze P&#228;dagogik, Frankfurt/M.-BerlinWien</p>
<p>Sachsse, Christoph/ Tennstedt, Florian (1986): Soziale Sicherheit und soziale Disziplinierung, Frankfurt/M.</p>
<p>Sombart, Werner (1928): Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus, 1. Halbband, M&#252;nchen/Leipzig</p>
<p>Theweleit, Klaus (1978): M&#228;nnerphantasien, Bd. 2, Frankfurt/M.</p>
<p>Thompson, E. P (1980): Zeit, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus, in: Plebejische Kultur und moralische &#214;konomie, Frankfurt/M.Berlin-Wien</p>
<p>Weber, Max: Die protestantische Ethik, Bd. 1, M&#252;nchen und Hamburg 1969</p>
<p>Wehler, Hans-Ulrich (1987): Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1, M&#252;nchen</p>
<p>Wilmanns, Karl (1906): Zur Psychopathologie des Landstreichers, Leipzig</p>
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