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	<title>krisis &#187; Krisis 13 (1993)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 13 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1993 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 13 (1993)]]></category>

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			<content:encoded><![CDATA[<p>Inwieweit unsere Diagnosen &#252;ber die fundamentale Krise des warenf&#246;rmigen Weltzusammenhangs zutreffen, dar&#252;ber gehen die Meinungen in der mehr oder weniger geneigten &#214;ffentlichkeit weit auseinander. Immerhin wird die Krisenanalyse angesichts der Tatsachen nicht mehr derart borniert und geringsch&#228;tzig abgewehrt wie noch vor einigen Jahren. Da&#223; nach dem S&#252;den und Osten nun auch der Westen selbst in die Reproduktionskrise st&#252;rzt, kann inzwischen bei Professor Engels u. Co. in der <em>Wirtschaftswoche</em> nachgelesen werden, und selbst im restlinken Spektrum, dem es ganz besonders schwer f&#228;llt, sich vom Glauben an die Allmacht des Kapitals zu verabschieden, scheinen klammheimlich Krisendebatten zu beginnen.</p>
<p><span id="more-257"></span>Eines hat sich allerdings nicht ge&#228;ndert. Auch wenn den von uns entworfenen Zusammenbruchs-Szenarios durchaus allm&#228;hlich ein gewisser Realit&#228;tsgehalt zugetraut wird, so bleibt doch der stets wiederholte Vorwurf, wir gefielen uns darin, die Apokalypse an die Wand zu malen. Die Kritiker des warenproduzierenden Systems, so hei&#223;t es nach wie vor, seien blo&#223;e »Untergangspropheten« mit eher nekrophilen Neigungen, die ein rein objektivistisches, negatives und nicht am leidenden und k&#228;mpfenden Subjekt orientiertes Denken an den Tag legten. »Robert Kurz automatisiert den Untergang«, so konstatiert etwa Gerhard Scheit in einer durchaus wohlwollenden kritischen Er&#246;rterung (<em>Konkret</em> 10/93), »(er) scheint das Eingreifen gar nicht f&#252;r n&#246;tig zu halten: Die Welt richtet sich erst einmal selber zugrunde. Und dem Theoretiker ist aufgegeben, den Automatismus des Untergangs zu interpretieren«. Einen ganz &#228;hnlichen Ton schl&#228;gt auch Franz Knipping in seiner Rezension unseres im September &#8217;93 erschienenen Buches <a href="http://www.krisis.org/1993/verlagsvorstellung">Rosemaries Babies &#8211; Die Demokratie und ihre Rechtsradikalen</a> an. Sichtlich ratlos res&#252;miert er die Aufs&#228;tze zum neuen Rechtsradikalismus mit dem vielsagenden Satz: »Die Antworten auf die Frage, was gegen die rechte Gewalt getan werden mu&#223;, gen&#252;gen vielleicht theoretischen Anspr&#252;chen, f&#252;r die politische Arbeit sind sie nur schwer nutzbar« (<em>Neues Deutschland</em>, Beilage zur Frankfurter Buchmesse 1993).</p>
<p>Derlei Anklagen l&#246;sen bei uns ein zwiesp&#228;ltiges Gef&#252;hl aus. Einerseits k&#246;nnte nat&#252;rlich geantwortet werden, da&#223; von Theorie und Analyse billigerweise nicht verlangt werden darf, die Antworten, Konzepte (oder gar Rezepte) gleich mitzuliefern, da&#223; die Rezipienten und Kritiker sich als blo&#223; ausw&#228;hlende Konsumenten gerieren und somit eigentlich den Diskurs verweigern, ja sogar im Grunde genommen so tun, als handle es sich lediglich um innertheoretische Probleme, mit denen sie selbst in ihrem praktischen Leben gar nichts zu tun h&#228;tten und zu denen man/frau sich zustimmend oder ablehnend verhalten k&#246;nnte. Andererseits ist die abstrakte Richtigkeit einer solchen Antwort zweifellos unbefriedigend. Letztlich m&#252;ssen Theorie und Analyse wenigstens einen Zugang zu aufl&#246;senden Konzepten erm&#246;glichen, wenn der Gegenstand wirklich durchdrungen wird. Das ist allerdings nicht unmittelbar m&#246;glich, sondern nur durch eine ganze Reihe von Vermittlungen hindurch; und das kurzschl&#252;ssige Einklagen der »Antwort« droht eben diese notwendigen Vermittlungen abzuschneiden. Au&#223;erdem folgt die Theoriebildung selber ebensowenig wie ihre gesellschaftliche Vermittlung einer innertheoretischen oder »methodischen« Systematik, wie es die Wissenschafts-Mystifikationen unterstellen, sondern sie ist mutativ, unsystematisch und springt zwischen Themen, Ebenen und Bez&#252;gen (logischer, historischer, empirischer und tagesaktueller Art etc.), um erst allm&#228;hlich ein erkennbares Bild zu weben und erst im nachhinein so etwas wie Systematik und Methodik (in einem kritisch reflektierten Sinne) erkennen zu lassen. Wie es also keine durchmarkierte Einbahnstra&#223;e von der Hypothese zum Beweis oder von der Empirie zur Theorie gibt, ebensowenig gibt es eine solche von der Theorie zur Praxis (wie &#252;berhaupt diese Begriffe in ihrer abstrakten Gegens&#228;tzlichkeit nur begrenzt tauglich sind).</p>
<p>Es handelt sich aber keineswegs nur um ein Problem der Vorgehensweise, wie von der Analyse eines objektivierten Zusammenhangs zum »Eingreifen« zu gelangen w&#228;re. Die crux besteht darin, da&#223; schon die Pr&#228;missen ungekl&#228;rt sind. Tatsache ist, da&#223; f&#252;r die meisten mehr oder weniger kritischen Rezipienten »Krisenanalyse« und »Kritik der warenproduzierenden Gesellschaft« v&#246;llig auseinanderfallen. Die immanente, »objektive« Krisenanalyse, das Aufzeigen der logischen und materialen Widerspr&#252;che wird inzwischen selbst von theoretisch wenig anspruchsvollen Menschen als plausibel und (weitgehend oder zunehmend) als realit&#228;tsgerecht und mit der eigenen Wahrnehmung &#252;bereinstimmend empfunden, w&#228;hrend umgekehrt die f&#252;r uns daraus folgende Kritik der Warenproduktion als solcher selbst von den theoretisch Anspruchsvollsten entweder abgelehnt oder nicht verstanden wird, weil eine Krisenbew&#228;ltigung nur in Warenkategorien vorstellbar ist, ja &#252;berhaupt nur warenf&#246;rmig gedacht werden kann. So m&#252;ssen wir argw&#246;hnen, da&#223; es in Wahrheit gar nicht um einen Gegensatz von »objektivistischer« Theorie einerseits und aufhebendem »Eingreifen« andererseits geht, sondern da&#223; vielmehr &#252;ber die Natur und die Zielsetzungen dieses m&#246;glichen »Eingreifens« keinerlei Klarheit und &#220;bereinstimmung besteht.</p>
<p>Dies gilt auf spezifische Weise offenbar auch f&#252;r den minorit&#228;ren Teil des alten linken und linksradikalen Diskurses, der unser Wiederaufnehmen einer grunds&#228;tzlichen Kritik der Warengesellschaft zun&#228;chst durchaus begr&#252;&#223;t und als positive Perspektive aufgenommen hat, teils mit und teils ohne Akzeptanz der Krisenprognose (was allein schon von groben Mi&#223;verst&#228;ndnissen zeugt, denn diese beiden Momente sind &#252;berhaupt nicht zu trennen, weder so- noch andersherum). Inzwischen gibt es wohl so etwas wie eine »linksradikale Entt&#228;uschung« &#252;ber die fr&#252;her als Geheimtip gehandelte <em>Krisis</em>. Wir haben nicht nur ein Problem, wir sind anscheinend auch eines. Wenn ein und dieselbe theoretische Position von den einen als ultraradikaler Utopismus und von den anderen als kapitalfreundlicher Erzreformismus verteufelt wird, dann mu&#223; mit den Kriterien der Beurteiler etwas nicht stimmen. Es scheint so zu sein, da&#223; auch diejenigen, die glaubten, sich mit der Perspektive einer Kritik der Warenproduktion anfreunden zu k&#246;nnen, dies noch ganz aus den alten linken Sch&#252;tzengr&#228;ben heraus getan haben. Daf&#252;r jedoch sind wir eine v&#246;llig falsche Adresse. Wie sich herausgestellt hat, da&#223; nicht nur die »b&#252;rgerlichen«, sondern auch die linken Konzepte zur Krisenbew&#228;ltigung v&#246;llig im waffenproduzierenden System befangen bleiben, so stellt sich auch heraus, da&#223; jede »linksradikale« Vorstellung von Kritik der Warenproduktion schon nach der ersten Wegbiegung munter diese Kritik in unerkannten abgeleiteten Formen eben dieses vermeintlich kritisierten Systems formuliert und ausagiert. So sind wir zu dem Schlu&#223; gekommen, da&#223; »Linkssein« in allen seinen Fraktionen ganz genauso wie »Rechtssein« nichts anderes als eine Variation warenf&#246;rmigen Bewu&#223;tseins darstellt und selber eine zu &#252;berwindende (statt zu erneuernde) Gr&#246;&#223;e ist, wenn mit der Kritik der Warengesellschaft tats&#228;chlich ernst gemacht werden soll.</p>
<p>Es ist f&#252;r uns l&#228;ngst (und mehrfach abgehandelt) eine Selbstverst&#228;ndlichkeit, da&#223; der »Klassenkampf« nur noch Geschichte ist und zur Durchsetzungsstory des warenproduzierenden Systems geh&#246;rt, dessen »innere Unruhe« er war, da&#223; er aber keinen Grund f&#252;r eine Systemtransformation bietet und auch die Marxsche Theorie hier sortiert und transformiert werden mu&#223;. Dagegen denkt gerade der linke Scheinradikalismus mit altersschwacher Hartn&#228;ckigkeit in den Bahnen des Klassenkampfs und eben deswegen blind warenf&#246;rmig weiter, ohne sich &#252;ber diesen Charakter seines Denkens &#252;berhaupt Rechenschaft ablegen zu k&#246;nnen. Dasselbe gilt noch viel allgemeiner f&#252;r die Kategorie des Politischen. Da die »Politik« als solche eine Sph&#228;re der Warengesellschaft darstellt, kann es uns &#252;berhaupt nicht darum gehen, umstandslos »politische Wirksamkeit« und »politische Praxis« zu postulieren oder gar harmlose Staatsb&#252;rgervereine wie die PDS oder die Gr&#252;nen f&#252;r die »politische Arbeit« zu munitionieren. Die Kritik der Warengesellschaft schlie&#223;t die Kritik des Politischen zwingend mit ein, und daher ist es durchaus in unserem Sinne, wenn die »Politikverdrossenheit« sich nicht mehr in die stehenden Gew&#228;sser des Parteien(un)wesens zur&#252;cklenken l&#228;&#223;t. Zwar ist das »postpolitische« Terrain ein gef&#228;hrliches und heute fast nur rassistisch und fundamentalistisch besetzt, aber durch dieses Terrain wird eine emanzipatorische Systemkritik in Auseinandersetzung mit der neuen Barbarei hindurchm&#252;ssen. Sicher gilt dies umgekehrt auch f&#252;r die politische Sph&#228;re selber, aber im treuherzigen, unreflektierten und altbackenen Sinne »politisch« kann eine Aufhebungsbewegung keinesfalls sein.</p>
<p>Diese sehr allgemeinen und provisorischen Aussagen, mit denen wir uns an diesem Punkt bisher beholfen haben, k&#246;nnen auf die Dauer nicht befriedigen; daher wird die Suche nach Ankn&#252;pfungspunkten und Vermittlungsschritten f&#252;r eine emanzipatorische, aufhebende Bewegung quer zu den alten Fronten zu den dringenden Aufgaben der weiteren theoretischen Arbeit geh&#246;ren. Diese Ank&#252;ndigung d&#252;rften manche unserer Kritiker sicherlich mit Skepsis aufnehmen. In der Tat wird vermutlich die Vermittlung der Warenformkritik mit aktuellen Problemen und gesellschaftspolitischen Debatten (&#214;kosozialprodukt/&#214;kobilanzen und »sustainable development«, Arbeitszeitverk&#252;rzung ohne Lohnausgleich, Ver&#228;nderung der internationalen Beziehungen usw.) eine fordistisch sozialisierte Linke erst recht aufschreien lassen. Die Idee einer Entkoppelung der Ressourcen von Markt und Staat zu entwickeln, mu&#223; auch praktisch in die Polemik gegen die altlinke Identit&#228;t ebenso wie gegen das herrschende Bewu&#223;tsein f&#252;hren. Das Problem ist hier abermals, da&#223; dieses Terrain nicht emanzipatorisch, sondern neorassistisch, elite-ideologisch oder plump technikfeindlich etc. besetzt ist. Wie schon in den fr&#252;heren Br&#252;chen des warenf&#246;rmigen Modernisierungsprozesses versuchen auch jetzt, am definitiven Ende der warenproduzierenden Moderne, ein autorit&#228;rer Neokonservatismus und ein phantastisch r&#252;ckw&#228;rtsgewandter Neo-Rechtsradikalismus in die konzeptionelle L&#252;cke zu sto&#223;en. Aber die Rechte ist in diesem Sinne erst recht und ebenso wie die Linke nur Produkt und Verfallsform der Modernisierung; sie wittert v&#246;llig zu Unrecht Morgenluft.</p>
<p>Eine Hinwendung zu praktisch-konzeptionellen Ans&#228;tzen mu&#223; allerdings begleitet sein von einer weitergehenden Kritik der Pr&#228;missen von Aufkl&#228;rung und Gesellschaftstheorie in der H&#252;lle der Warenform. Diese Aufgabe ist mit den Ans&#228;tzen einer Kritik des Klassenkampf-Paradigmas und einer Kritik des Politischen noch l&#228;ngst nicht erledigt. Die Versuche eines transformierenden Diskurses angesichts einer gr&#252;ndlich ver&#228;nderten Wirklichkeit, wo immer sie unternommen werden, leiden gegenw&#228;rtig daran, da&#223; das Aufkl&#228;rungsdenken entweder weitergesponnen wird oder scheinbar nur von rechts kritisiert werden kann, wobei jeweils das Verh&#228;ltnis zu den Zumutungen der Marktwirtschaftsdemokratie dubios bleibt. Der kryptische Text von Botho Strau&#223;, der so viel »antifaschistischen« und demokratischen Mumienstaub aufgewirbelt hat, zeigt in seiner Zwiesp&#228;ltigkeit und Amalgamierung kritischer und affirmativer, aufkl&#228;rerischer und konservativer, linker und rechter Motive die Hilflosigkeit des Bezugs auf den oxydierenden Aufkl&#228;rungsfundus. Solche diskursiven Desaster verweisen darauf, da&#223; das finstere Geraune der »konservativen Revolution» gegen die Logik des Geldes und gegen westliche Rationalit&#228;t auch in aufgew&#228;rmten Fassungen au&#223;er einigen aphoristischen Teileinsichten in der Hauptsache nur ebenso undurchsichtig wabernde wie &#252;belriechende Reflexionsblasen hervorzutreiben vermag. So ist kein aufhebendes Denken &#252;ber die b&#252;rgerliche Aufkl&#228;rung hinaus zu gewinnen. Diese Aufgabe kann nur im Kontext pr&#228;ziser &#214;konomie- und Formkritik gel&#246;st werden, und allein die Marxsche Theorie liefert den Ausgangspunkt dazu, freilich derjenige Teil des Marxschen Denkens, mit dem der modernisierungs-immanente Arbeiterbewegungsmarxismus nie etwas anfangen konnte, und der erst auf der heutigen Entwicklungsh&#246;he und Krisenreife des warenproduzierenden Systems relevant wird.</p>
<p>Einen Knotenpunkt sowohl der theoretischen Meta-Reflexion als auch der praktisch-konzeptionellen Anstrengungen bilden der aufkl&#228;rerische Subjektbegriff und seine postmoderne Dekonstruktion. Diese vielf&#228;ltige Dekonstruktion des Subjekts wird heute durchschattiert von ebensovielen post-postmodernen Subjektrettungsprojekten, die ihrerseits wieder irgendwelche theoretischen Leichenteile des Aufkl&#228;rungsdenkens ausgraben. Ob als neokonservativer Rekurs auf das dezisionistische Elite-Subjekt, ob als post-68er Beschw&#246;ren des urbanen, redseligen und b&#252;rgersinnigen Aushandlungs-Subjekts oder als post-arbeiterbewegte und sp&#228;t-linksradikale Spitzwegphantasie jenes leidenden und k&#228;mpfenden Militanz-Subjekts: der Atomkern warenf&#246;rmiger Konstitution bleibt verschlossen. Offenbar ist die Dekonstruktion des Subjektbegriffs nicht gr&#252;ndlich genug gewesen und hat zu nichts gef&#252;hrt. Damit aber wird die Frage der Praxis und der Ver&#228;nderung immer wieder auf den alten b&#252;rgerlichen Ausgangspunkt zur&#252;ckgebogen.</p>
<p>Unser Insistieren auf die Subjektlosigkeit des warenf&#246;rmigen Vergesellschaftungsprozesses wird also entweder als blo&#223; affirmative Subjektlosigkeitstheorie mi&#223;verstanden, synonym mit den bereits wieder ausgelutschten postmodernen Dekonstruktionen bzw. mit der Systemtheorie etc., und also prinzipiell als praxis- und konzeptionsunf&#228;hig. Oder das Postulat einer Aufhebung der Warenform wird als unglaubw&#252;rdig empfunden, solange nicht »das Subjekt« dieser Aufhebung angegeben werden kann. Wenn die bisherigen historischen Oppositionsbewegungen, insbesondere die Arbeiterbewegung, unserer Theorie zufolge allesamt in der einen oder anderen Weise b&#252;rgerlich-warenf&#246;rmig immanent gewesen sind, wenn jede Gesellschaftskritik in der Vergangenheit den Vormarsch des warenproduzierenden Systems nur beschleunigen statt aufhalten konnte, weshalb, so wird gefragt, sollte es dann in Zukunft anders aussehen? Wieso sollte es ausgerechnet beute m&#246;glich sein, den Systemautomatismus zu durchbrechen? Nur deshalb, weil eine Handvoll gr&#246;&#223;enwahnsinniger mittelfr&#228;nkischer Schlauberger sich einbildet, den Gang der Weltgeschichte durchschaut zu haben? »Die Theorie des automatisierten Untergangs &#8230; beteuert, da&#223; es in der Vergangenheit niemals eine reale Alternative zum Kapitalismus gegeben habe. Es gibt sie also erst, seit Robert Kurz zur Feder griff«, mokiert sich etwa Gerhard Scheit, der hier stellvertretend f&#252;r viele spricht.</p>
<p>Nun ist die Tatsache, da&#223; »ausgerechnet« heute damit begonnen werden kann, die »Herrschaft der toten Dinge« &#252;ber die menschliche Gesellschaft in ihrer ganzen historischen Tiefendimension und in ihrer strukturellen Ausformung zu dechiffrieren, nat&#252;rlich keineswegs den besonderen F&#228;higkeiten einzelner Personen zu verdanken (sich selbst als »Genie« zu outen, w&#228;re blo&#223; der Beweis f&#252;r das Ausflippen des frustrierten R&#228;sonnements, sei es von Verbitterten und sich f&#252;r verkannt Haltenden, sei es von scheintheoretischen Parven&#252;s). Zum einen steht bekanntlich jede Generation auf den Schultern ihrer Vorg&#228;nger und ist daher auch bei weniger entwickelter Geistesgr&#246;&#223;e prinzipiell in der Lage, weiter zu sehen als diese. Die einzige Voraussetzung daf&#252;r ist, die Augen aufzumachen. Zum anderen aber, und das ist das eigentlich Entscheidende, l&#228;&#223;t sich die Geheimstruktur der warenf&#246;rmigen Vergesellschaftung nicht zuf&#228;llig zum heutigen Zeitpunkt leichter entschl&#252;sseln als bisher. Der qualitativ neue Charakter der Krise, auch wenn er von vielen noch geleugnet wird, enth&#252;llt gewisserma&#223;en ex negativo erst die letzten Geheimnisse der Moderne, indem er Zug um Zug alle bisherigen Selbstverst&#228;ndlichkeiten b&#252;rgerlicher Handlungssubjektivit&#228;t auch im Alltag erodieren l&#228;&#223;t und empirisch in Frage stellt, von der abstrakten Arbeit &#252;ber die »Politik« und ihr Parteiensystem bis hin zur vermeintlich sichersten Bank der Geschlechtsidentit&#228;t.</p>
<p>W&#228;hrend das System der demokratischen Regulation aus den Fugen ger&#228;t und sein gewaltt&#228;tiger Kern im rechten Mob ebenso wie im Inneren des Staatsapparats zum Vorschein kommt, bedauerlicherweise just in dem Augenblick, in dem sich die postsozialistischen und post-befreiungsbewegten Gesellschaften zum freudigen Eintritt in das letzte Stadium der Demokratie bereit machen, zerbr&#246;ckeln gleichzeitig die glatten Ich-Fassaden der atomisierten Leistungsindividuen, und die Unlebbarkeit der b&#252;rgerlichen Subjektform wird praktisch offensichtlich. Das innere Widerspruchspotential der abendl&#228;ndischen, warenf&#246;rmigen, marktwirtschaftsdemokratischen Zivilisation wurde zwar schon in allen fr&#252;heren Krisensituationen manifest, doch waren dies nur Etappen eines »Entwicklungswegs«, auf dem jeder weitere Schritt nicht die Aufhebung des Zwangs, sondern lediglich seine Reproduktion und Potenzierung auf h&#246;herer Stufenleiter der »Realabstraktion« bedeutete. Das Widerspruchspotential ist deshalb auch nie verschwunden, und es wurde auch nie wirklich domestiziert, sondern vielmehr mit jedem Vergesellschaftungs- und Individualisierungsschub auf ein h&#246;heres »energetisches Niveau« gehoben.</p>
<p>Erschien es z.B. in den 60er Jahren (zu recht) als Fortschritt, sich von den Zw&#228;ngen lebenslanger familialer Bindung und muffig-spie&#223;iger Sexualmoral zu emanzipieren, so leiden die heutigen Individuen im fortgeschrittenen Stadium der Atomisierung nun an ihrer Entwurzelung und Bindungslosigkeit, an der totalen Beliebigkeit und Gleichg&#252;ltigkeit und am Zwang, sich immer und &#252;berall »gut verkaufen« und als leistungsstarke autonome Ichs bew&#228;hren zu m&#252;ssen. Da hiermit, was die Freisetzung abstrakter Individualit&#228;t angeht, ein Kulminationspunkt erreicht ist, hei&#223;t das aber auch, da&#223; die Entwicklung heute nicht nur auf der Ebene der objektivierten &#246;konomischen Formen, sondern auch hinsichtlich des Subjektbegriffs zu einer Aufhebung der warenproduzierenden Gesellschaft dr&#228;ngt, d.h. zu einer Kritik der Subjektform selbst und der mit ihr gesetzten gesellschaftlichen Subjekt-Objekt-Struktur, in die das »autonome Individuum« eingebettet ist. Dabei reicht es mit Sicherheit nicht aus, auf die normative Kraft des negativen Faktischen zu setzen. Die »dekonstruktivistische Arbeit« der Krise des Werts mu&#223; als solche auch begriffen werden, denn nur dann kann die Perspektive einer nicht-warenf&#246;rmigen Gesellschaftlichkeit auch praktisch Konturen gewinnen und der Umschlag in die Barbarei des blo&#223;en Zerfalls verhindert werden.</p>
<p>Ob die Antworten angesichts der destruktiven Dynamik rechtzeitig zu finden sind, das ist sicherlich offen. Jeder optimistische &#220;berschwang in der Warenformkritik w&#228;re angesichts der derzeitigen weltweit katastrophischen Entwicklungen fehl am Platze. Vielleicht stehen wir tats&#228;chlich am buchst&#228;blichen, n&#228;mlich negativen Ende der menschlichen Geschichte, und nur die gegenw&#228;rtig vorherrschenden intellektuellen und politischen Verdr&#228;ngungsk&#252;nstler k&#246;nnen diese bittere Einsicht als den blo&#223; wichtigtuerischen Gestus von »Untergangspropheten« abtun, worauf &#252;brigens vorausschauend schon G&#252;nther Anders hingewiesen hat. Diese selbstm&#246;rderischen Gestalten eines post-mittelst&#228;ndischen und sterbensm&#252;den Verdr&#228;ngungs-Eskapismus verwechseln systematisch ihren eigenen Geisteszustand mit der Krisenrealit&#228;t. So sehr aber auch die Zeit dr&#228;ngt, und gerade weil mit der bisherigen Handlungssubjektivit&#228;t nichts mehr ausgerichtet werden kann, mu&#223; gegen alle kurzschl&#252;ssigen L&#246;sungsversuche die Formulierung von praktischen Konzepten erst recht mit der begrifflichen Kritik verbunden werden. Die kritische Durchdringung der warenf&#246;rmigen Fetisch-Konstitution ist erst in Ans&#228;tzen geleistet, und ein weiteres Fortschreiten auf diesem Weg bleibt notwendig f&#252;r den &#220;bergang zu einer selbstreflexiven Gesellschaftlichkeit, die gewisserma&#223;en die negative Aneignung der negativen Vergesellschaftung voraussetzt. Wom&#246;glich aus Gr&#252;nden des praktischen Krisendrucks auf die meta-theoretische Reflexion der Subjektform selbst verzichten zu wollen, hie&#223;e nichts anderes, als zur Begriffslosigkeit der Aufkl&#228;rung in der Subjektfrage oder gar zum »Instinkt« des alten Klassensubjekts zur&#252;ckzukehren. Mit anderen Worten, es w&#228;re der paradoxe Versuch, die gesellschaftliche Bewu&#223;tlosigkeit in selber bewu&#223;tloser Form aufheben zu wollen.</p>
<p>Im Gegensatz zur Systemtheorie und zu den postmodernen Dekonstruktionen kann eine Subjektkritik als Warenformkritik nicht beim blo&#223;en Systemautomatismus oder bestenfalls beim »Automatismus der Krise« landen, wie uns voreilig unterstellt wird. Zwar setzt die objektivierte Krise auch positive Potenzen frei, doch eine Systemtransformation kann nat&#252;rlich nicht selbstl&#228;ufig erfolgen. Die Aufhebung der Warenform stellt einen Bruch mit der Form gesellschaftlicher Bewu&#223;tlosigkeit dar, und deshalb setzt sie einen gesellschaftlichen Willensakt voraus. Der gute alte Voluntarismus beh&#228;lt dabei freilich nur in einem sehr bedingten Sinne recht. Denn dieser Voluntarismus ist «Wille« nur in der Form des Subjektwahns, dem alles als machbar erscheint, die eigene Durchsetzungsst&#228;rke vorausgesetzt. Deshalb macht er das Gelingen der Emanzipation zu einer Frage lediglich der Entschlossenheit und/oder der »gesellschaftlichen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse«. F&#252;r ein solches Denken ist es daher nur konsequent, die bisherige Modernisierungsgeschichte als eine einzige Serie von Niederlagen und »mi&#223;gl&#252;ckten Versuchen« wahrzunehmen. Ein unfreiwilliger Beweis daf&#252;r, da&#223; die so gedachte Emanzipation noch gar nicht wissen kann, was sie &#252;ber die Warenform hinaus wollen sollte. Und ein ebenso unfreiwilliger Hinweis darauf, da&#223; die bisherige Durchsetzungsgeschichte der Warenform durchaus emanzipatorische Momente besa&#223;, die erst heute erl&#246;schen.</p>
<p>Die Kritik des abstrakt freien Willens kommt also zwar nicht dem Verzicht auf das emanzipative, transformierende Wollen &#252;ber die Warengesellschaft hinaus gleich; doch es macht einen gro&#223;en Unterschied, ob uns dieses Wollen als ein f&#252;r sich seiendes Abstraktum und daher auch als jederzeit M&#246;gliches erscheint, oder ob wir es konkret-historisch an den Bruchstellen der reifgewordenen Warengesellschaft und also im Zentrum ihrer heutigen Krisis verorten. In diesem Sinne w&#228;re die Aufhebung der Warenform Willensakt und Aufhebung der b&#252;rgerlichen Willenssubjektivit&#228;t zugleich. Wer dieses Problem ernst nimmt, mu&#223; sich auf &#252;berraschende Perspektivenverschiebungen gefa&#223;t machen. Um die Aufhebungsfrage konzeptionell beantworten zu k&#246;nnen, ma&#223; sie erst in der richtigen Weise gestellt werden k&#246;nnen, und das geht nur durch die Aufl&#246;sung altvertrauter Verkn&#252;pfungen. Auch wir waren gewohnt, die &#220;berwindung der Warengesellschaft in den Kategorien von Subjektivit&#228;t zu denken, die uns als gleichbedeutend mit Bewu&#223;theit erschien. Doch in der Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverh&#228;ltnis und dem Herrschaftsbegriff wuchsen allm&#228;hlich Zweifel, ob die Frage nach dem »Subjekt« der Aufhebungsbewegung &#252;berhaupt richtig gestellt ist. Es erh&#228;rtete sich der Verdacht, da&#223; die Subjektform, da selbst Moment der warenf&#246;rmigen Konstitution, gerade im Interesse einer bewu&#223;ten Aneignung der bis jetzt unbeherrschten gesellschaftlichen Potenzen, selber aufgehoben statt mobilisiert werden mu&#223;.</p>
<p>Auch das vorliegende Heft der Krisis setzt sich also wieder einmal (in einem weiteren Durchgang durch die theoretische Aufl&#246;sung des Fetisch-Problems) vornehmlich mit Fragestellungen auf der Ebene begrifflicher Selbstverst&#228;ndigung auseinander, um die blinden Axiome und handlungstheoretischen Pr&#228;missen des Aufkl&#228;rungsdenkens und der Modernisierungslinken zu kritisieren; und die Ergebnisse sind vielleicht schwerverdaulicher als je zuvor. <em>Robert Kurz</em> versucht in seinem Beitrag &#252;ber Subjektlose Herrschaft nicht nur den Stellenwert des Herrschaftsbegriffs im fetisch-kritischen Rahmen neu zu bestimmen, sondern gleichzeitig den Subjektbegriff als Binnenform des subjektlosen Formprozesses (statt als blo&#223;en »Irrtum«) aufzul&#246;sen, um zu Ans&#228;tzen einer transformierenden »Praxistheorie« zu gelangen. Nach einem kurzen Streifzug durch die Theoriegeschichte, insbesondere einer ersten Auseinandersetzung mit Strukturalismus und Systemtheorie, werden einige Bestimmungen zur aufhebenden statt blo&#223; dekonstruierenden Kritik des Subjektbegriffs erarbeitet. Der Aufsatz versteht sich als thesenhafte Ann&#228;herung an eine noch zu erschlie&#223;ende, keineswegs gen&#252;gend ausgeleuchtete Fragestellung.</p>
<p><em>Norbert Trenkle</em> besch&#228;ftigt sich in seinen <a href="http://www.krisis.org/1993/fragmente-zur-selbstkritik-der-maennlichkeit">Fragmenten zur Selbstkritik der M&#228;nnlichkeit</a> mit einem zentralen Aspekt von Subjektivit&#228;t: ihrer m&#228;nnlichen Bestimmtheit. Er skizziert in groben Z&#252;gen den Zusam menhang von wertf&#246;rmiger Vergesellschaftung und abstrakter m&#228;nnli cher Ich-Identit&#228;t und zeigt, da&#223; die M&#228;nnlichkeitskritik, wie sie in »m&#228;nnerbewegten« Kreisen formuliert wurde, trotz vieler richtiger An s&#228;tze zu kurz greift, weil sie nicht auf die Subjektform selber zielt. Die g&#228;ngige Selbstkritik der M&#228;nnlichkeit treibt im Gegenteil den grassie renden Autonomiewahn sogar noch auf die Spitze, denn sie l&#228;uft letzt lich auf den vergeblichen Versuch hinaus, die b&#252;rgerliche Geschlechter polarit&#228;t innerhalb der einzelnen Individuen zu vers&#246;hnen und so ein »entfaltetes« mann-weibliches Subjekt zu schaffen.</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em> vertieft in seinem Aufsatz zur <a href="http://www.krisis.org/1993/zur-kernphysik-des-buergerlichen-individuums">Kernphysik des b&#252;rgerlichen Individuums</a> diese &#220;berlegungen. Er geht von der Makro-Ebene des gesellschaftlichen Prozesses aus, um dann nachzuzeichnen, wie sich das f&#252;r die Warengesellschaft charakteristische Auseinandertreten von Produktion und Konsumtion an den Subjekten niederschl&#228;gt. W&#228;hrend der herrschende Individualit&#228;tskult das Idealbild einer ganzheitlichen, in sich geschlossenen Monade propagiert, wird gezeigt, da&#223; sich hinter diesem Entwurf eine ebenso schizophrene wie instabile Grundstruktur verbirgt.</p>
<p><em>Robert B&#246;sch</em> wechselt das Terrain der Auseinandersetzung. In seinem Beitrag <a href="http://www.krisis.org/1993/die-wundersame-renaissance-des-antonio-gramsci">Die wundersame Renaissance des Antonio Gramsci</a> geht er der Frage nach, weshalb der alte Vordenker der italienischen KP sich nicht nur gro&#223;er Beliebtheit in einem gewissen Spektrum der akademischen Linken, sondern auch bei der Neuen Rechten erfreut. B&#246;sch zeigt, da&#223; Gramsci, genau wie Lenin, als Modernisierungstheoretiker der b&#252;rgerlichen Gesellschaft begriffen werden kann. Seine Vorstellungen von einem »Staat der Produzenten« reflektieren die Durchsetzung der fordistischen Arbeitsgesellschaft, und insofern kann auch von einer geheimen Identit&#228;t von Fordismus, Sozialismus und Faschismus gesprochen werden. Allerdings werden zusammen mit der Arbeitsgesellschaft auch die affirmativ darauf bezogenen Theorien obsolet. Deshalb haben Gramscis Gedanken heute nicht viel mehr als historischen Wert.</p>
<p>Zum Abschlu&#223; dieser Ausgabe noch ein kleiner Abstecher in die Welt von Moral, Treue, H&#246;flichkeit und Mut. <em>Johanna W. Stahlmann</em> hat sich in ihrem Beitrag Auf dem <a href="http://www.krisis.org/1993/auf-dem-jahrmarkt-der-tugenden">Jahrmarkt der Tugenden</a> mit einer Buchreihe aus dem Elster-Verlag besch&#228;ftigt, die diesen alten Ethik-Katalog zum Leitmotiv k&#252;rt. Neue Erkenntnisse konnten dabei nicht gewonnen werden, denn die »neuen« Moralisten bohren keine dicken Bretter. Ihre »situative Ethik« erweist sich als Anpassung des Denkens an die krude Fetisch-Realit&#228;t, und nicht als Versuch, diese zu &#252;berwinden. »La&#223;t die b&#246;se Gesellschaft bleiben wie sie ist und schreitet daselbst auf dem Pfade der Tugend«, so etwa lautet der gemeinsame Nenner aller Autoren der bisher vierb&#228;ndigen Reihe. Was als philosophische Erkenntnis und als neu ausgegeben wird, erinnert verbl&#252;ffend an das Ethos von Hollywoodhelden und an die schon wieder obsolete Lebenshaltung der 80er Jahre: sich »um sich selbst zu sorgen«, w&#228;hrend nebenher die Welt untergeht.</p>
<p><em>Robert Kurz, Ernst Lohoff und Norbert Trenkle f&#252;r die Redaktion</em></p>
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		<title>Zur Kernphysik des b&#252;rgerlichen Individuums</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1993 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
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		<description><![CDATA[von Ernst Lohoff Wann immer Gesellschaftstheorie scheinbare Selbstverst&#228;ndlichkeiten zum Ausgangspunkt nimmt und &#252;berhistorische, allen Gesellschaften gemeinsame Konstanten pr&#228;sentiert, ist Vorsicht und Mi&#223;trauen angebracht. Hinter den beschworenen ontologischen Grundtatsachen verbergen sich f&#252;r gew&#246;hnlich spezifisch b&#252;rgerliche Kategorien und Verh&#228;ltnisse. Dieser apologetische Zug setzt sich regelm&#228;&#223;ig auch unabh&#228;ngig von den Intentionen der jeweiligen Theoretiker durch. Der verblichene Arbeiterbewegungsmarxismus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Ernst Lohoff</em></p>
<p>Wann immer Gesellschaftstheorie scheinbare Selbstverst&#228;ndlichkeiten zum Ausgangspunkt nimmt und &#252;berhistorische, allen Gesellschaften gemeinsame Konstanten pr&#228;sentiert, ist Vorsicht und Mi&#223;trauen angebracht. Hinter den beschworenen ontologischen Grundtatsachen verbergen sich f&#252;r gew&#246;hnlich spezifisch b&#252;rgerliche Kategorien und Verh&#228;ltnisse. Dieser apologetische Zug setzt sich regelm&#228;&#223;ig auch unabh&#228;ngig von den Intentionen der jeweiligen Theoretiker durch. Der verblichene Arbeiterbewegungsmarxismus etwa verstand sich selber als radikale Kritik der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. Dennoch wurde die marxistische Doktrin als Durchsetzungsideologie der b&#252;rgerlichen Form kenntlich und wirksam, so oft sie unab&#228;nderliche, alle Gesellschaftsformationen &#252;bergreifende Wesenheiten bem&#252;hte. Das wird besonders am „Primat der Produktion“ deutlich, das die marxistische Gemeinde ihren Lebtag lang als ein Essential des &#8220;wissenschaftlichen Sozialismus“ handelte.</p>
<p><span id="more-258"></span>Es ist ebenso trivial wie richtig, da&#223; die Menschen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen auch immer sie leben m&#246;gen, vor allein anderen die Erzeugung ihrer unmittelbaren Konsumtionsmittel sicherstellen m&#252;ssen. Der Mensch ist eine durch und durch bed&#252;rftige Kreatur, und er kann seine Bed&#252;rfnisse nur realisieren, indem er sich die ihm umgebende stoffliche Wirklichkeit aneignet und sie ihm gem&#228;&#223; umformt. In diesem durchaus banalen Sinn bildet die Reichtumsproduktion unterschiedslos f&#252;r alle Gesellschaftsformationen eine unhintergehbare Voraussetzung. Hinter dem vom Arbeiterbewegungsmarxismus emphatisch besetzten &#8220;Primat der Produktion“ verbirgt sich aber etwas g&#228;nzlich anderes als die h&#246;chst prosaische Einsicht, da&#223; Menschen unter allen Umst&#228;nden zun&#228;chst essen, trinken und wohnen m&#252;ssen. Die Marxisten sahen und sehen in der stofflichen Produktion nicht einfach einen integralen Bestandteil der menschlichen Existenz, sie erheben das Produzieren als Arbeit<a href="#1">(1)</a> <a name="r1"></a>vielmehr zur eigentlichen Kernbestimmung des menschlichen Daseins. Der Marxismus fa&#223;te den homo sapiens als animal laborans. Sowohl phylogenetisch als auch ontogentisch wird der Mensch nur als Produzent &#252;berhaupt zum Menschen.</p>
<p>Diese sakrale Rolle der Produktion aber ist nichts weniger als eine &#252;berzeitliche, von der „menschlichen Natur“ gesetzte Konstante. Was da vom Marxismus hypostasiert wird, entpuppt sich bei n&#228;herem Zusehen als das auf die Spitze getriebene protestantisch-kapitalistische Arbeitsethos. Das unbedingte &#8220;Primat der Produktion“ verbindet die b&#252;rgerliche Epoche keineswegs mit allen vorg&#228;ngigen und k&#252;nftigen Gesellschaftsformationen. Die Apotheose des Produzenten zum eigentlichen gesellschaftlichen Menschen macht gerade das Besondere an der entwickelten Warengesellschaft aus. Die kapitalistische Gesellschaft gesellt sich daher keineswegs, wie die marxistische Weltsicht annimmt, zu den &#252;brigen historischen Typen von Produktionsgesellschaften; sie ist vielmehr in einem durch und durch totalit&#228;ren Sinne die Produktionsgesellschaft par excellence. Jahrtausendelang war die Erzeugung von stofflichem Reichtum an die Erf&#252;llung ebenso klar wie eng umrissener konsumtiver Bed&#252;rfnisse gekoppelt. Erst unter der &#196;gide des Kapitals verselbst&#228;ndigt sich die Produktion zu einer eigenst&#228;ndigen, von anderen Lebens&#228;u&#223;erungen systematisch abgegrenzten Sph&#228;re, rei&#223;t sich gleichzeitig von der Kette und avanciert zum zentralen Medium von Gesellschaftlichkeit. F&#252;r die kapitalistische Gesellschaft l&#228;&#223;t sich tats&#228;chlich von einem „Primat der Produktion“ sprechen. Diese Vorherrschaft ist jedoch gerade das Kritikable an dieser Vergesellschaftungsform und macht deren (selbst)zerst&#246;rerische Potenz aus.</p>
<p>Dieser Problemhorizont war dem im Produktionsfetischismus befangenen Marxismus vollkommen fremd. Dementsprechend konnte er keinerlei Sensorium f&#252;r die im Vormarsch wertf&#246;rmiger Vermittlung gleichzeitig erzeugten und zur Schattenwelt degradierten Aspekte der gesellschaftlichen Wirklichkeit entwickeln. Im Gegenteil, der allzeit affirmativ verstandene Bezug auf die Produktion als die Basis des gesellschaftlichen Zusammenhangs war angetan, den strukturellen Ausblend- und Subordinationszwang ideologisch-theoretisch zu reproduzieren und zu zementieren. Im Lichte des marxistischen „Primats der Produktion“ lie&#223;en sich die voneinander getrennten gesellschaftlichen Sph&#228;ren insgesamt als krude Entit&#228;ten behandeln. Wo aber schon „die Politik“ und „die &#214;konomie“ zu positiven Fakten versteinerten, da mu&#223;te erst recht die aus dem gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang herausgespaltene „Privatheit“ in ihrem au&#223;ergesellschaftlichen Sosein blind akzeptiert werden. Jedem gesellschaftskritischen Zugriff schien dieser scheinbar vorgesellschaftliche Zusammenhang enthoben. Wer nur immer entschlossen die „Einsicht“ hochhielt, da&#223; die Produktion das Eigentliche sei, der hatte es von vornherein nicht n&#246;tig, einen Blick in die dunklen Abgr&#252;nde des au&#223;er&#246;konomischen „nur“ Privaten zu riskieren und ihr Verh&#228;ltnis zum gesellschaftlichen Ganzen zu problematisieren. Sobald die Zumutung, sich mit diesen Aspekten der gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinanderzusetzen, an ihn herangetragen wurde, konnte er jederzeit in vermeintlich tiefere und sicherere Gew&#228;sser abtauchen. Das „Primat der Produktion“ verkehrt sich hier zur Zauber- und Abwehrformel. Zu einer blo&#223; vorgesellschaftlichen Gr&#246;&#223;e degradiert, taugt die Welt der Konsumtion ex definitione nicht zum Gegenstand ernsthafter theoretischer Auseinandersetzung.</p>
<p>In der Theorie ist Sterilit&#228;t allerdings, zumindest langfristig, Krankheit zum Tode. Wer abtaucht, kann ertrinken, und theoretische Konzepte scheitern meist an den Problemstellungen, die sie best&#228;ndig &#252;bersehen. Der Marxismus hat ein Jahrhundert lang die Welt der Privatheit konsequent au&#223;en vor gelassen. In der zweiten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts hat dieses Schattenreich aber seine so selbstverst&#228;ndlich anmutende Ordnung verloren. Es hat sich damit, der Frauenbewegung sei Dank, ins Bewu&#223;tsein gedr&#228;ngt. Die nicht l&#228;nger zu leugnende Frage schreit nach einer theoretischen Antwort. Der Marxismus war au&#223;erstande sie zu liefern, &#252;bte sich nur in Ignoranz, und dankte auch deswegen ein f&#252;r allemal ab.</p>
<p>Die Theorie zollt der ver&#228;nderten Wirklichkeit mittlerweile ihren Tribut. Zum Primat des &#214;konomischen, wie es der Marxismus zelebrierte, mag sich heute niemand mehr bekennen. Die Welt der Privatheit ist im letzten Vierteljahrhundert sukzessive in den Rang eines legitimen Theoriegegenstandes aufger&#252;ckt. Diese &#252;berf&#228;llige Anerkennung wird jedoch dadurch entwertet, da&#223; sie zusehends mit einem R&#252;ckzug ins Mikrologische einhergeht. Es ist fast schon Mode, sich auf die bisher weggeschobenen, scheinbar vorgesellschaftlichen Schattenthemen und auf das Alltagsverhalten zu werfen; das hat aber immer schon eine kompensatorische, gegen jeden „gro&#223;theoretischen“ Anspruch gerichtete Funktion. Der wissenschaftliche Zeitgeist steht auf Selbstbescheidenheit und hat das „small is beautiful“ zum Dogma erhoben. So selbstverst&#228;ndlich die gesellschaftswissenschaftliche Besch&#228;ftigung mit Aspekten des privaten Lebens geworden ist, so streng verboten ist es, diese Untersuchungen mit der Analyse der Gesellschaft als ganzer zu verkn&#252;pfen. Ein Denken, das seine eigene Zusammenhangslosigkeit in den Rang einer Philosophie erhob, hat ein solches Ansinnen von vornherein wegeskamotiert. Die Geschichte hat nicht nur einen Motor, „die Produktion“, sie hat deren viele, und sie laufen nat&#252;rlich nicht streng synchron im Takt einer &#246;konomischen Logik. Diese Einsicht soll die Marxsche Theorie und mit ihr jedes Denken, das sich mit dem Wald und nicht mit einzelnen B&#228;umen besch&#228;ftigt, desavouieren. Kaum ein akademischer Zwergpinscher kann der Versuchung widerstehen, dem „Monokausalisten“, „&#214;konomisten“ und „Totalit&#228;tstheoretiker“ Marx nebenbei ans Schienbein zu pinkeln, wenn er den besonderen Stellenwert der sozialgeschichtlichen Anatomie seiner Lieblingsstecknadel zu belegen sucht.</p>
<p>Die sich anti&#246;konomistisch und antireduktionistisch gerierende Absetzbewegung von der Marxschen Theorie kommt schon bei der Einsch&#228;tzung des klassischen Marxismus zu fragw&#252;rdigen Ergebnissen<a href="#2">(2)</a>. <a name="r2"></a>An der Kritik der politischen &#214;konomie geht sie allemal vorbei und bleibt tief unter deren Reflexionsniveau. W&#228;hrend Gegner und Epigonen gleicherma&#223;en im &#8220;Wert“, dem Zentrum und der Basiskategorie der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie, immer nur eine positive, binnen&#246;konomische Gr&#246;&#223;e erkennen k&#246;nnen, behandelt der Wertkritiker Marx diese Basiskategorie durchg&#228;ngig als etwas ganz anderes. Er sieht im &#8220;Wert“ das Formprinzip, das der Sph&#228;rentrennung, so wie sie allein die b&#252;rgerliche Gesellschaft charakterisiert, zugrunde liegt. Marx deklariert nicht einfach, da&#223; „die &#214;konomie“ die weitere Entwicklung vorherbestimmt und Kultur sowie Politik nur abh&#228;ngige Variablen darstellen, vielmehr ist ihm ebenso die historische Herausbildung dieser Sondersph&#228;re ein Problem wie der gesellschaftliche Vermittlungs- und Bedingungszusammenhang, in dem diese Teilbereiche zueinander stehen. Das popul&#228;re Vorurteil, Marx h&#228;tte den &#246;konomischen Faktor umstandslos f&#252;r das letztlich Entscheidende erkl&#228;rt, macht keinen Sinn, weil die Marxsche &#8220;Kritik der politischen &#214;konomie“ gerade mit jeder Art von Faktorendenken energisch bricht.</p>
<p>Wie wenig die Marxsche Herangehensweise mit dem mechanischen Verst&#228;ndnis seiner Epigonen in eins zu setzen ist, zeigen schon jene Passagen, in denen sich Marx mit dem „allgemeinen Verh&#228;ltnis der Produktion zu Distribution, Austausch und Konsumtion“ auseinandersetzt. Besonders deutlich zeichnet sich das wohl in der Einleitung zu den „Grundrissen“ ab. Einem Denken, das die b&#252;rgerlichen Formen als nat&#252;rliche und ewige Grundbedingung menschlichen Verkehrs betrachtet, kann der Vermittlungszusammenhang zwischen Konsumtion und Produktion, mit dem sich Marx auseinandersetzt, gar nicht zum Problem werden. Konfrontiert mit der Marxschen Analyse mu&#223; die Problematisierung des Verh&#228;ltnisses von Konsumtion und Produktion als &#252;berfl&#252;ssige sophistische Finger&#252;bung erscheinen. Die Marxisten und andere b&#252;rgerliche Theoretiker haben denn auch &#252;ber die vermeintliche blo&#223;e Begriffsakrobatik konsequent hinweggelesen. Tats&#228;chlich bew&#228;hrt sich in diesen &#220;berlegungen aber der eminent historische Sinn des radikalen Kritikers der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. Nicht nur die Produktion und die Konsumtion sind f&#252;r sich genommen historischem Wandel unterworfen, auch die Beziehung dieser Momente zueinander hat nichts &#220;bergeschichtliches an sich. Die Entwicklung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft bringt eine ganz spezifische, f&#252;r diese Formation charakteristische Konfiguration hervor, die mit dieser Reproduktionsweise auch wieder verschwinden wird. Gerade deshalb mu&#223; sie Gegenstand von Untersuchung und Kritik werden.</p>
<p>Mit dieser Auffassung stellte sich Marx in einen scharfen Gegensatz zur klassischen National&#246;konomie. Marx wandte sich gegen Adam Smith und noch deutlicher gegen John Stuart Mill, weil diese federf&#252;hrenden National&#246;konomen ihrer Zeit so etwas wie historisch-gesellschaftlichen Wandel nur der Welt der Distribution zuordneten, w&#228;hrend sie die Reichtumserzeugung ahistorisch, „als eingefa&#223;t in von der Geschichte unabh&#228;ngige ewige Naturgesetze“<a href="#3">(3)</a>, <a name="r3"></a>verstanden. Mit dem gleichen Verdikt grenzt Marx seinen Ansatz auch von der ricardianischen Sichtweise ab. Bei Ricardo, so stellt er fest, ist zwar die Distributionsweise „gesellschaftlicher Willk&#252;r“ zug&#228;nglich, die Ausformung der Produktion hingegen deutete der Vollender der klassischen National&#246;konomie als blo&#223;en Reflex auf den jeweiligen Stand der Naturerkenntnis und trennte sie konsequent vom gesellschaftlichen Bezugsrahmen ab. Damit f&#228;llt aber letztendlich die Produktion &#252;berhaupt aus dem Zust&#228;ndigkeitsbereich der &#214;konomie heraus, und so kommt Marx zu einer unorthodoxen Wertung Ricardos: „&#214;konomen wie Ricardo, denen am meisten vorgeworfen wird, sie h&#228;tten nur die Produktion im Auge, haben&#8230; ausschlie&#223;lich die Distribution als Gegenstand der &#214;konomie bestimmt&#8230;“<a href="#4">(4)</a>.<a name="r4"></a> Marx hat in seiner Absetzbewegung von der klassischen National&#246;konomie die von der b&#252;rgerlichen Formbestimmtheit gesetzte zentrale Rolle der Produktion betont und dabei deren historischen Charakter herausgearbeitet. Vor dem von der klassischen National&#246;konomie diktierten rezeptionsgeschichtlichen Hintergrund konnte er allein auf diese Weise &#252;berhaupt eine Forschungsperspektive entwickeln, bei der „Produktion, Distribution, Austausch und Konsumtion&#8230; alle Glieder einer Totalit&#228;t bilden“. Nur so gewann sein Ziel, diese Momente als „Unterschiede innerhalb einer Einheit“<a href="#5">(5)</a><a name="r5"></a>darzustellen, Konturen.</p>
<p>Der Produktionsfetischismus der Epigonen hat diese kritische Frontstellung vollkommen eingeebnet. Das marxistische Verst&#228;ndnis f&#228;llt de facto auf Ricardo und Co zur&#252;ck. Wenn die Marxisten das „Primat der Produktion“ beschw&#246;ren, dann haftet diesem Theorem immer jener &#252;berhistorische Hauch an, der schon die klassische National&#246;konomie durchwehte. Der Marxschen Grundintention l&#228;uft diese Wendung diametral entgegen. Der Begriff verr&#228;t es schon, die Kritik der politischen &#214;konomie, wie er sie formuliert hat, hat die Kritik der Form selber zum Ausgangspunkt. Die &#214;konomie wird bei Marx nicht nur immanent kritisiert im Namen einer anderen, besseren Form des Wirtschaftens, sondern es wird das ganze Bezugssystem, in dem sich die Wirtschaft zu einem gesonderten, von anderen Lebens&#228;u&#223;erungen getrennten Ph&#228;nomen verselbst&#228;ndigt, in Frage gestellt.</p>
<p>So klar dieser radikale Bezug von der Grundintention her ist, er bleibt &#252;ber weite Strecken implizit. Der &#8220;reife Marx“ der „Grundrisse“ und des „Kapitals“ setzt sich in erster Linie mit den binnen&#246;konomischen Fetischformen und ihrer Logik auseinander. Was in den Fr&#252;hschriften vorzugsweise in der Auseinandersetzung mit der Hegelschen Philosophie und dabei selber noch in philosophischen Termini thematisiert wurde, ist nicht negiert, sondern vorausgesetzt, aber nicht weiterausgearbeitet<a href="#6">(6)</a>. <a name="r6"></a>Nur im Fetischkapitel und entsprechenden Ausf&#252;hrungen in den Grundrissen wird diese Ebene explizit. W&#228;hrend er in diesem Kontext dann immerhin die Verschlingung von Distribution und Produktion zum Problem macht, verstummt Marx v&#246;llig, sobald es um das Verh&#228;ltnis von warenf&#246;rmiger Gesellschaftlichkeit und Privatheit geht. Wo die Ware aufh&#246;rt, Ware zu sein und in die dunkle Welt privater Konsumtion und aller darum gruppierten Lebenszusammenh&#228;nge eintritt, bricht Marx als Kind seiner Zeit mit dem Durchleuchten schlichterdings ab.</p>
<p>Es w&#228;re jedoch kurzschl&#252;ssig, wollten wir aus diesem „Versagen“ des Theoretikers folgern, da&#223; die von ihm in Angriff genommene Kritik der b&#252;rgerlichen Fetischformen per se untauglich f&#252;r die Erkl&#228;rung dieser Wirklichkeitsaspekte w&#228;re. Jede gro&#223;e Gesellschaftstheorie hat Implikationen, die ihrem Sch&#246;pfer selber entgingen, und die erst mit einigen Jahrzehnten Verz&#246;gerung &#252;berhaupt ins Blickfeld geraten k&#246;nnen.</p>
<h4>2.</h4>
<p>Der Marxsche Ansatz unterscheidet sich von der klassischen National&#246;konomie und den Interpretationen der marxistischen Epigonen nicht allein aufgrund seiner historisierenden Tiefendimension. Die Differenz reicht weiter. Die marxistisch-ricardianische Richtung argumentiert werttheoretisch, die Marxsche „Kritik der politischen &#214;konomie“ ist dagegen wertkritisch ausgerichtet. Die Bedeutung dieses Unterschieds kann kaum &#252;bersch&#228;tzt werden, er ist aber wenig beachtet worden. Wenn die diversen Interpretatoren den zentralen Stellenwert der Wertkategorie in der Marxschen Theorie &#252;berhaupt wahrnahmen, dann fa&#223;ten sie f&#252;r gew&#246;hnlich die Marxsche „Kritik der politischen &#214;konomie“ in Analogie zur Hegelschen Logik. Genauso wie im Hegelschen System die alles in sich fassende Kategorie „Sein“ selbstgen&#252;gsam aus sich heraus die Wirklichkeit setzt, soll Marx die gesellschaftliche Totalit&#228;t aus dem „Wert“ abgeleitet haben.</p>
<p>Diese Annahme stellt den Marxschen Ansatz auf den Kopf. Zwar l&#228;&#223;t sich ein Ableitungszusammenhang zwischen den inner&#246;konomischen Fetischformen und zum Rechtsfetisch entwickeln<a href="#7">(7)</a>, <a name="r7"></a>das &#228;ndert aber nichts daran, da&#223; das daraus hervorgehende Ensemble nur als eine negative Totalit&#228;t zu begreifen ist. Der kontemplativ affirmative Grundtenor, unter dem Hegel die Wirklichkeit sich aus dem Begriff des „Seins“ entfalten l&#228;&#223;t, ist der Marxschen Darstellung vollkommen fremd. Der „Wert“ kann bei ihm die Realit&#228;t nicht umgreifen, er subordiniert sie seinem Formzwang, indem er sie und damit sich selber zerst&#246;rt. Die Marxsche Wertkritik akzeptiert „den Wert“ nicht als positive Grundgr&#246;&#223;e und argumentiert in seinem Namen. Sie dechiffriert seine selbstgen&#252;gsame Existenz als Schein. Gerade die fl&#228;chendeckende Realisierung wertf&#246;rmiger Vermittlung f&#252;hrt keineswegs zu deren endg&#252;ltiger in sich geschlossener „Verwirklichung“, sie f&#228;llt vielmehr mit ihrer Krise zusammen.</p>
<p>Die Wertlogik enth&#252;llt sich in ihrem Kollaps als Ausblendlogik. Der Ausblendzwang wird aber nat&#252;rlich nicht erst in der Krise als zus&#228;tzlich hinzutretendes Moment wirksam, er ist f&#252;r die Funktionsweise wertf&#246;rmiger Vermittlung &#252;berhaupt konstituierend. Die Wertlogik kann sich als prozessierender Widerspruch nicht deshalb durchsetzen, weil sie in der Lage w&#228;re, umstandslos alles Nichtwertf&#246;rmige zu liquidieren, sie herrscht, indem sie auch den formlosen Nichtwert in eine stille Voraussetzung ihrer selbst verwandelt. Der „Wert“ wird das ihm Fremde dabei nie wirklich los.</p>
<p>Auf der Ebene der Sph&#228;ren l&#228;&#223;t sich die Subordinationslogik am Verh&#228;ltnis von Konsumtion und Produktion festmachen. Die Beziehung von Konsum und Produktion erscheint auf den ersten Blick simpel und &#252;berhistorisch. Die Produktion ist das Mittel, die Konsumtion der Zweck, dem dieses Mittel dient. Genu&#223;gegenst&#228;nde werden erzeugt, um schlie&#223;lich genossen zu werden. Die warenproduzierende Gesellschaft vollzieht jedoch eine merkw&#252;rdige Verkehrung. Das Mittel mutiert hier zum Selbstzweck. Die Verwertung des Werts schwingt sich zum „automatischen Subjekt“ auf, und die tautologische Selbstbewegung der abstrakten Arbeit schl&#228;gt alles und jeden in ihren Bann. Dieser totalit&#228;re Zug der Wertproduktion befreit sie aber keineswegs von der konsumtiven Seite. Auch das verselbst&#228;ndigte Mittel bleibt unter allen Umst&#228;nden Mittel, das auf einen au&#223;er ihm liegenden Zweck verwiesen ist. In einer Welt, in der es nur Mittel g&#228;be, h&#228;tte sich die Kategorie des Mittels selber aufgehoben und damit nat&#252;rlich auch der universelle Vermittler, „der Wert“. Als scheinbar so selbstgen&#252;gsamer Souver&#228;n h&#228;ngt er also strukturell von dem ab, was er aus dem weiten Feld der glorreichen &#214;konomie konsequent ausgeschieden hat, von der subordinierten Konsumtion<a href="#8">(8)</a>.<a name="r8"></a> In der Warengesellschaft k&#246;nnen sich die erzeugten Produkte und der in ihnen enthaltene Wert in letzter Instanz nur realisieren, sofern sie sich am Ende ihres Lebensweges in einfache Gebrauchsdinge verwandeln und verzehrt werden<a href="#9">(9)</a>. <a name="r9"></a>Die Ware fungiert allein dann erfolgreich als Ware, wenn sie in der Lage ist, diese Bestimmung schlie&#223;lich abzustreifen, um sich im tats&#228;chlichen Gebrauch in einen unmittelbaren Genu&#223;gegenstand zu verwandeln. Als solcher aber befindet sie sich nicht nur jenseits der gesellschaftlichen Sondersph&#228;re &#214;konomie, sondern au&#223;erhalb der Zauberwelt gesellschaftlicher Formbestimmung &#252;berhaupt<a href="#10">(10)</a>. <a name="r10"></a>Die Warengesellschaft funktioniert mit einem Bereich im Hintergrund, der ihren abstrakten Kategorien nicht zug&#228;nglich ist, und den sie dementsprechend denn auch nur als vorgesellschaftliche Gr&#246;&#223;e fassen kann<a href="#11">(11)</a>. <a name="r11"></a></p>
<p>Die ausgelagerten Momente fallen aus der Welt der Formbestimmung heraus, sie entschwinden aber weder spurlos ein f&#252;r allemal, noch bilden sie ob ihrer Artfremdheit per se einen Hort unterschwelliger Subversion. Hermetisch geschieden von der Sph&#228;re abstrakter Gesellschaftlichkeit ist der um die Konsumtion gruppierte Lebensbereich zum gesellschaftlich Formlosen herabgesetzt. Als das Unbenennbare und Unbegriffliche gibt diese „Privatangelegenheit“ die Unterlage und den passiven Resonanzboden f&#252;r das „eigentliche“, vom „Wert“ und seinen diversen Emanationen („Arbeit“, „Recht“, „Geld“ usw.) arrangierte gesellschaftliche Schauspiel ab.</p>
<h4>3.</h4>
<p>Die Herrschaft der gesellschaftlichen Abstraktion erzeugt das Paradoxon einer „immanenten Transzendenz“. Sie schafft und definiert einen Gegenbereich, der jenseits des Werts liegt, der damit aber auch aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang herausgedr&#228;ngt ist, und selber wiederum in diesem Sinne abstrakt und negativ vom herrschenden negativen Zusammenhang erfa&#223;t wird. Diese merkw&#252;rdige Schattenbildung kennzeichnet nicht nur auf der Metaebene das Verh&#228;ltnis der konsumtiven und der produktiven Sph&#228;re, sie l&#228;&#223;t sich bis in die Keimzelle der b&#252;rgerlichen Gesellschaft zur&#252;ckverfolgen. Schon die Beziehung der Warenbesitzer im Tauschakt setzt voraus, was sie ausgeblendet haben, und dieser Abspaltungsmechanismus ist ein integraler Bestandteil der Konstitutierung moderner Waren-Subjektivit&#228;t.</p>
<p>Wo Menschen sich als K&#228;ufer und Veck&#228;ufer gegen&#252;berstehen und damit ihren gesellschaftlichen Zusammenhang herstellen, nehmen sie bekanntlich nicht pers&#246;nlich Bezug aufeinander. Nicht die Menschen treten zueinander in Beziehung, sondern ihre Waren verkehren miteinander. Weil die Waren keine eigenen Beine haben, m&#252;ssen sich die Menschen zwar dazu bequemen, sie; zu Markte zu tragen; indem die Marktteilnehmer dieses Joch auf sich, nehmen, reduzieren sie sich aber selber zu Charaktermasken ihrer Waren: Sie figurieren allein als deren Stellvertreter, und alles, was an ihnen &#252;ber diese d&#252;nne Platzhalterfunktion hinausgeht, ist in der Tauschrelation systematisch ausgel&#246;scht.<a href="#12">(12)</a> <a name="r12"></a></p>
<p>Menschliche Beziehungen verkehren sich hier zu Dingbeziehungen, und der gesellschaftliche Zusammenhang stellt sich als subjektloser Proze&#223; her. Dennoch ist die &#196;quivalenzbeziehung mit ihrer rein instrumentellen Bezugnahme auf den anderen selber wiederum subjektkonstitutiv. Die Tauschpartner sind einander pers&#246;nlich vollkommen gleichg&#252;ltig, aber ausgerechnet diese Gleichg&#252;ltigkeit wird zur Voraussetzung daf&#252;r, da&#223; sie sich f&#252;reinander in selbst&#228;ndige und allesamt gleich g&#252;ltige mit jeweils eigenem freien Willen begabte abstrakte Individuen verwandeln.</p>
<p>Wo Waren die H&#228;nde wechseln, sind die Protagonisten f&#252;r einander nur als blo&#223;e Mittel gegenw&#228;rtig und nicht als Personen, mit ihrer jeweiligen individuellen Geschichte und ihren individuellen F&#228;higkeiten und Eigenarten. Diese Degradation ist aber immer wechselseitig und selbstreflexiv. W&#228;hrend die Aneigner des Mehrprodukts in vorkapitalistischen Formationen die unmittelbaren Produzenten als Naturressource<a href="#13">(13)</a> <a name="r13"></a>behandelten, kann der einzelne Warenbesitzer sein Pendant nur als Mittel und Mittler seines eigenen Genusses benutzen, weil er sich ihm wiederum selber als Mittel und Mittler andient. Indem er aber den Standpunkt seines Gegen&#252;bers immer schon antizipiert und sich ihm als Mittel zu verkaufen sucht, affirmiert er den anderen als unabh&#228;ngig von ihm f&#252;r sich seiendes, mit einem eigenen Willen begabtes Selbstzweckwesen. Oder um mit Marx zu sprechen:</p>
<blockquote><p><em>„Um&#8230; Dinge als Waren aufeinander zu beziehen, m&#252;ssen die Warenh&#252;ter sich zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so da&#223; der eine nur mit dem Willen des anderen, also jeder nur vermittelst eines beiden gemeinsamen Willenakts sich fremde Ware aneignet, indem er die eigne ver&#228;u&#223;ert.“</em><a href="#14">(14)</a> <a name="r14"></a></p></blockquote>
<p>In der Welt des Tauschs kann der eine Warenbesitzer f&#252;r den anderen, Warenbesitzer nur deshalb als Mittel fungieren, weil er ihn als seine eigene Zwecksetzungsinstanz anerkennt.</p>
<p>Die I.ogik und ihre Implikationen lassen sich auf der Ebene der einfachen Wertform recht einfach exemplifizieren. A ben&#246;tigt einen Stuhl. Er kann ihn jedoch von dem am Wohlergehen von A ausgesprochen desinteressierten B nur erlangen, wenn er ihm daf&#252;r jenen Sack Kartoffeln liefert, nach dem sich B seit Jahr und Tag verzehrt. Die Sehnsucht des A nach einem Stuhl mu&#223; B also in der Form eines prallen Kartoffelsacks entgegentreten, denn allein in dieser den Leib st&#228;rkenden Gestalt ist B dem A gern zu Willen. Die ausgesprochen merkw&#252;rdige Metamorphose von As Stuhlbed&#252;rfnis in die leibhaftige Kartoffelform ist f&#252;r das Zustandekommen des Tausches unerl&#228;&#223;lich und macht dessen wesentlichen Gehalt aus; das spezifische innere Motiv hingegen, das A dazu treibt, partout in den Besitz dieses Stuhles kommen zu wollen, ist f&#252;r den Vollzug der Tauschbeziehung irrelevant. Es ist „blo&#223; privat“ und f&#228;llt aus dem Tauschakt heraus. Das freie Willenssubjekt A hat seinen Beweggrund, das ist vorausgesetzt, aber in dieser Unbestimmtheit eben auch schon hinreichend. Die Natur seines Bed&#252;rfnisses tut nichts zur Sache und bleibt konsequent au&#223;en vor. Den Stuhlverk&#228;ufer &#223; geht es gar nichts an, welches Schicksal den ver&#228;u&#223;erten Stuhl erwartet, ob A von fanatischer Sammelwut besessen ist, den Wunsch nach Bequemlichkeit versp&#252;rt, es ihm an Brennholz fehlt, er den geheimen Plan hegt, seine Ehefrau mit einem Stuhlbein zu erschlagen, oder ob A als Sexualfetischist eine ganz besondere, eher intime Beziehung zu St&#252;hlen pflegt; vice versa gilt nat&#252;rlich das gleiche. B‘s Kartoffelhunger interessiert als solcher A nicht die Bohne. Relevanz gewinnt die Sache f&#252;r ihn lediglich deshalb, weil B‘s Appetit ihm ausgerechnet in der Gestalt eines tauschbaren Stuhls begegnet. Was B dann mit den gl&#252;cklich eingeheimsten Kartoffeln beginnen mag, ist wiederum allein sein Bier<a href="#15">(15)</a>. <a name="r15"></a></p>
<p>Das Verh&#228;ltnis, das unsere tauschenden Kartoffel- und Stuhlbesitzer nolens volens miteinander eingegangen sind, verleiht der b&#252;rgerlichen Ordnung insgesamt ihr merkw&#252;rdiges Gepr&#228;ge. Die ganze Gesellschaft scheint aufgel&#246;st in Warenmonaden, die, sobald sie den L&#228;rm des Marktplatzes hinter sich lassen, weltvergessen allein um den eigenen Bauchnabel kreisen. So entschieden der K&#228;ufer beim Erwerb Preis und Qualit&#228;t der Ware einklagt, so deutlich wird er sich jede Einmischung verbitten, wenn es um die Verwendung und den Sinn der erstandenen G&#252;ter geht. Weder bei seiner Kaufentscheidung noch im Umgang mit der erworbenen Ware hat ihm jemand reinzureden. Im Reich der Konsumtion lautet die Devise allemal „freie Fahrt f&#252;r freie B&#252;rger“, und Diskretion geh&#246;rt nicht nur bei Beate Uhse und im Bankgesch&#228;ft zum guten Ton<a href="#16">(16)</a>. <a name="r16"></a>Der Wirt, der dem Alkoholiker den n&#228;chsten Schnaps verweigert, vers&#252;ndigt sich nicht allein am eigenen Umsatz, er tritt auch noch das pers&#246;nliche, von der Verfassung garantierte „persuit of happiness“ seines Gastes mit F&#252;&#223;en. Wer nicht ausf&#228;llig wird und anderen bei deren „freier Entfaltung ihrer Pers&#246;nlichkeit“ l&#228;stig f&#228;llt, sondern nur still vor sich hins&#228;uft, hat das selbstverst&#228;ndliche Recht, nach Kr&#228;ften seine Leberzirrhose zu f&#246;rdern.</p>
<p>Das Warensubjekt affirmiert im Tauschakt seinen Tauschpartner als abstrakt-freies Willenssubjekt. Indem es ihn in dieser Situation nur als Verk&#246;rperung seiner Ware behandelt, schreibt es ihm gleichzeitig eine jenseits der &#246;konomischen Beziehung verortete, nicht verhandelbare aprioristische Subjektivit&#228;t zu. Aber nicht nur dem Pendant wird eine transzendente, dem &#246;konomischen und gesellschaftlichen Zusammenhang insgesamt vorgelagerte Subjektivit&#228;t zugerechnet. Im Tauschakt definiert sich auch das Warensubjekt selber als eine aprioristische Wesenheit. Die coole Selbstinstrumentalisierung bedarf eines au&#223;erinstrumentellen Bezugspunkts. Dem Warenbesitzer ist es nur deshalb m&#246;glich, sich ohne &#228;u&#223;eren Zwang &#252;berhaupt dem anderen als Mittel anzudienen und selbstvergessen als Charaktermaske seiner Ware zu agieren, weil dieses funktionale Denken und Handeln an seinen pers&#246;nlichen Kernbestand nicht heranreicht. Wenn er sich zum Mittel f&#252;r andere macht, dann ist dieses sich zum Mittelmachen selber wiederum nur Mittel f&#252;r einen sich allzeit unvermittelt gerierenden Zweck. Seine eigentliche menschliche Substanz bleibt von all den eingegangenen Vertr&#228;gen und Tauschbeziehungen unber&#252;hrt. Das selbstgen&#252;gsame Geldsubjekt tritt als Inkarnation verschiedenster Sozialkategorien auf, ohne sie aber je zu „sein“, und kann diese wechselnden Bestimmungen auch nur deshalb ausf&#252;llen, weil sie an ihm in letzter Instanz abzuperlen scheinen.</p>
<p>W&#228;hrend alle Warenbesitzer inklusive der Lohnarbeiter sich nolens volens darauf orientieren m&#252;ssen, die von ihnen angebotenen Waren marktg&#228;ngig zuzurichten, sch&#246;pft diese Anstrengung f&#252;r den homo oeconomicus und homo sozialis ihren Sinn letztendlich aus einem jenseits von Markt und Arbeit angesiedelten transgesellschaftlichen Raum. Kein allgemeiner Ma&#223;stab kann ihm sein Ziel angeben, es liegt einzig und allein in seinem pers&#246;nlichen, dem gesellschaftlichen Zusammenhang scheinbar enthobenen Gl&#252;ck. Die (Selbst)dressur zum einkommenstr&#228;chtigen Arbeitsautomaten mag beim ABC-Sch&#252;tzen beginnen, der Zweck der &#220;bung liegt dennoch ausschlie&#223;lich im vermeintlichen k&#252;nftigen Wohl des Z&#246;glings und kommt ganz ohne h&#246;here universelle Weihen aus. Die Anh&#228;ufung abstrakter Arbeitsquanten schwingt sich auf der Ebene des Gesamtsystems zum tautologischen Selbstzweck auf. F&#252;r den Protagonisten bleibt seine Beteiligung an der verselbst&#228;ndigten Verwertungsbewegung jedoch blo&#223;es Mittel bei der Verfolgung anderer „pers&#246;nlicher“ Ziele. Er nimmt einen hedonistischen Standpunkt ein und will sich nur einen m&#246;glichst eintr&#228;glichen Lebensunterhalt und damit die Grundlage seiner privaten Gl&#252;ckseligkeit verschaffen. Das Apersonale, die blanke Gewalt der Versachlichung, unterwirft sich den gesellschaftlichen Vermittlungsraum. Das „eigentlich Menschliche“ entschl&#252;pft in ein rnit Imaginationen m&#246;bliertes Nebenreich.</p>
<p>Die Herrschaft des Werts zwingt ihren Gesch&#246;pfen und Sch&#246;pfern keine kleinlichen Lebensvorschriften auf, sie zerst&#246;rt statt dessen alle unhinterfragbaren Leitlinien. Die negative Tyrannei der Warenwelt hypostasiert den Einzelnen und macht ihn zu seiner eigenen Sinngebungsinstanz. Sie st&#246;&#223;t ihn in ein Vakuum, in dem er zu guter Letzt nur auf sein eigenes, allen realen gesellschaftlichen Bez&#252;gen entr&#252;cktes Selbst trifft.</p>
<h4>4.</h4>
<p>Unsere &#220;berlegungen bewegen sich auf der Ebene der Wahrnehmungs- und Denkformen, und wir werden uns auch im folgenden vornehmlich auf diesen Aspekt konzentrieren. Eins ist dabei aber klar und liegt wohl mehr oder minder auf der Hand. Die chim&#228;rische Gegenwelt zu Arbeit und Selbstbeherrschung existiert nicht nur als ein inneres Erlebnis, sie mu&#223; auch ihren gesellschaftlich-ungesellschaftlichen Ort finden und sich verzeitlichen. Die Deifizierung der abstrakten Arbeit zum entscheidenden Medium von Gesellschaftlichkeit f&#252;hrt weder dazu, da&#223; sich jede menschliche T&#228;tigkeit und Regung in Arbeit verwandeln w&#252;rde, noch zwingt sie unterschiedslos alle menschlichen Beziehungen in die Warenform. Der homo oeconomicus und seine Arbeits- und Warenlager k&#246;nnen nur neben aus der Verwertungslogik herausgesprengten, gesellschaftlich namenlos gemachten<a href="#17">(17)</a> <a name="r17"></a>Bereichen bestehen. Das b&#252;rgerliche Individuum geht nie in seiner Bestimmung als homo oeconomicus auf, sondern f&#252;hrt eine Doppelexistenz. Das System der abstrakten Arbeit st&#246;&#223;t bei seinem imperialistischen Zugriff auf eine selbstgeheckte Binnenschranke. Die Funktion als Wertproduzent beansprucht nicht bis zu den biologischen Grenzen die gesamte Lebenszeit der Individuen. Der „Arbeitszeit“ steht die „Freizeit“ gegen&#252;ber<a href="#18">(18)</a>, <a name="r18"></a>und diese wiederum geht nicht einfach in der blanken Tauschlogik auf. In der „Freizeit“ nimmt das Arbeitstier auch die Existenzweise des K&#228;ufers an, aber eben nicht nur sie. Das Unbestimmte bzw. ausschlie&#223;lich negativ Bestimmte am Begriff verr&#228;t schon das Charakteristische dieser Sph&#228;re. Die Arbeitszeit ist fest umrissen und auf jederzeit spezifizierbare Anspr&#252;che ausgerichtet. „Freizeit“ dagegen l&#228;&#223;t sich lediglich im Kontrast dazu definieren. Sie umfa&#223;t aber nicht nur die unterschiedlichsten Kategorien von Nichtarbeitszeit. Vor allem verschwimmt in ihr auch die Grenze zwischen der eigentlichen, dem Individuum disponiblen Lebenszeit, und jenen Stunden, die es mit reproduktiven, unmittelbar unter dem Diktat der gesellschaftlichen Form stehenden Funktionen zubringt. Es ist keineswegs von vornherein ausgemacht, ob die Mitarbeit von Vater und Mutter im Elternbeirat von Schule und Kindergarten als Opfer an Freizeit oder als einer ihrer Bestandteile zu gelten hat. Die Zuordnung ist nicht einmal bei der Besch&#228;ftigung mit den eigenen Spr&#246;&#223;lingen so eineindeutig. Erst recht h&#228;ngt es offensichtlich von der jeweiligen pers&#246;nlichen Verfassung der Beteiligten ab, ob der Warenhausbesuch als Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln, oder der „Kaufhof“-Werbung gem&#228;&#223;, als Einkehr in ein „Erlebnishaus“ verstanden wird. Wo in der Freizeit das ersehnte „Eigentliche“ beginnt, bleibt allenthalben im Nebel. Dieser Nebel macht sich nicht nur beim Versuch bemerkbar, die Nicht-Arbeitswelt theoretisch-begrifflich zu fassen, sondern erst recht lebenspraktisch.</p>
<p>So energisch die Freizeitmenschen „dem Anderen“ nachstellen, sie verfehlen es ein ums andere Mal. Auf der verzweifelten Suche nach dem aus den abstrakten gesellschaftlichen Beziehungen herausabstraktifizierten Kern k&#246;nnen die J&#228;ger nur auf das durch Kaufakte vermittelte Instrumentarium zur&#252;ckgreifen. Der Einsatz dieser Mittel vertreibt und zerst&#246;rt aber gerade, was er fassen soll. Das erkaufte Gl&#252;ck schmeckt schal. Das Flugticket bringt den seiner versachlichten Beziehungen m&#252;den westeurop&#228;ischen Menschen in ein karibisches Fata-Morgana-Paradies, in dem sich die Einheimischen noch „echt“, „menschlich“ und „unmittelbar“ verhalten. Doch schon wenige Jahre Tourismus zerst&#246;ren den sch&#246;nen Schein. Traditionelle Gastfreundschaft verwandelt sich in Beutelschneiderei und spr&#252;hende Lebensfreude spaltet sich in devotes Verhalten und kleinkriminelle Energie. Aber selbst solange sich die &#252;berlieferte andere Lebensart resistent zeigt, l&#228;&#223;t sie sich nur von au&#223;en in dieser emphatischen Weise genie&#223;en. „Echt“, „menschlich“ und „unmittelbar“ erscheint sie nur aus der Perspektive des Deutschmark-gest&#252;tzten Zaungastes. Diese Konstellation kennzeichnet die Freizeit- und Erlebnisgesellschaft insgesamt. Das monet&#228;r vermittelte und juristisch regulierte Erlebnis ist keines mehr, sondern eine mehr oder minder raffiniert ausstaffierte Form von Langeweile.</p>
<p>Die Gewalt der Versachlichung schwappt ins imagin&#228;re Gegenbild hin&#252;ber. Das von der Warenform gesetzte Jenseits ist von der Herrschaft der toten Dinge umstellt und verstellt. Der transzendente Bezugspunkt seines Sehnens bleibt dem modernen b&#252;rgerlichen Menschen verwaschen und undeutlich. Aber gerade dieses schwer Greifbare und Fl&#252;chtige macht es als das kenntlich, was es ist: die formlose und gerade deshalb unverzichtbare R&#252;ckseite der Verwertungslogik. Die Dampfwalze der Wertvergesellschaftung kann sich nicht in Gang setzen und weiterrollen, ohne ihre eigenen exterritorialen Homelands zu schaffen. Im Dunkeln, abseits der Verwertung und doch f&#252;r den Lauf der Megamaschine unerl&#228;&#223;lich, finden sich die idyllischen Abgr&#252;nde privater H&#246;llen, die terra incognita des gesellschaftlichen Betriebs.</p>
<h4>5.</h4>
<p>Ein Widerspruch durchzieht die moderne Warensubjektivit&#228;t in all ihren Abarten. Der Konstituierung des Warensubjekts liegt die Chim&#228;re eines Subjekts zugrunde, das sich selber zum letzten Zweck hat. In seinen diversifizierten sozialkategorial gerasterten Funktionen kann der einzelne dieser selbstbezogenen Subjektivit&#228;t jedoch nicht fr&#246;nen und sie ausleben. Im Gegenteil, jedes pers&#246;nliche Element wird in diesem Bezugsfeld quasi ex definitione wegabstraktifiziert. Mit der historischen Entfaltung warenf&#246;rmiger Vergesellschaftung steigert sich dieses ihr inh&#228;rente Spannungsverh&#228;ltnis bis zur Unertr&#228;glichkeit. Im selben Augenblick, da die b&#252;rgerliche Subjektivit&#228;t sich von allen Schlacken gemeinschaftlicher Existenzformen reinigt und zu sich kommt, wird sie denn auch schon prek&#228;r.</p>
<p>Diese Prekarit&#228;t schl&#228;gt sich unter anderem in einer f&#252;r das moderne Lebensempfinden charakteristischen Ambivalenz nieder. Eine merkw&#252;rdige Mischung aus Allmachtsanspruch und einem tiefreichenden Ohnmachtsgef&#252;hl macht sich heute breit. Einerseits wei&#223; das moderne Warensubjekt sehr wohl, da&#223; sich ihm sein eigenes soziales Dasein nur &#252;ber eine unerme&#223;liche Vielzahl monet&#228;rer Verkn&#252;pfungen und rechtlicher Regelungen vermittelt. Allenthalben mu&#223; sich der Einzelne auf die geld- und rechtsf&#246;rmige Regulationsweise einlassen, sie wird ihm zur zweiten Natur. Kein Lebensbereich bleibt von ihrem Zugriff verschont. Im gleichen Atemzug setzt die &#220;bermacht der Mittelwelt aber auch einen exzessiven Subjektterror in Gang. Aus allen altmodischen sozialen Gef&#252;gen herauspr&#228;pariert und statt dessen in auseinanderstrebende sozialkategoriale Zuweisungen zerlegt, kann der einzelne den Anspruch auf das lebensnotwendige Minimum pers&#246;nlicher Koh&#228;renz nur als Subjektvorbehalt formulieren. Im Fadenkreuz diversifizierter Sozialfunktionen bleibt dem Individuum<a href="#19">(19)</a> <a name="r19"></a>allein ein Weg, um der vollkommenen Pulverisierung zu entgehen. Es mu&#223; sein Selbstbewu&#223;tsein aus der Distanz zum umgebenden gesellschaftlichen Zusammenhang sch&#246;pfen, der es zersplittert.</p>
<p>F&#252;r den vorb&#252;rgerliche Menschen war jahrtausendelang Konformit&#228;t im eigenen eng umrissenen Lebenskreis der selbstverst&#228;ndliche Ma&#223;stab seiner Existenz. Er verstand sich als Angeh&#246;riger eines Lebenskreises, und sein Selbstbild war von organisch gewachsener Identifikation gepr&#228;gt. Er &#8220;war“ Bauer, Adliger, M&#246;nch usw., und selbst die unterst&#228;ndischen Proletarier des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts definierten sieh wesentlich &#252;ber ihr Arbeitersein, das ein ganzes Ensemble von sozialen Bez&#252;gen in sich schlo&#223;. Die negativ abgrenzende Identit&#228;tsfindung der modernen Monade stellt diese Grundorientierung auf den Kopf. Die modernen Individuen sind deswegen nicht weniger durchnormiert als ihre Altvorderen, im Gegenteil. Es ist aber gerade der zum Massenph&#228;nomen gesteigerte Autonomiewahn, der diese Normierung vermittelt.</p>
<p>Die Bezeichnung Wahn mag in diesem Zusammenhang hart klingen, sie entbehrt aber nicht der Berechtigung. Das b&#252;rgerliche Denken behandelt Individuum und Gesellschaft seit jeher ganz selbstverst&#228;ndlich als Antinomie. Diese Wahrnehmungsweise hat mittlerweile aber die H&#246;hen blo&#223; philosophischer Reflexion verlassen, und durchdringt auf breiter Front die Alltagsmentalit&#228;t in all ihren Ver&#228;stelungen bis tief ins Unbewu&#223;te hinein. Nie war der Zwang, sich partout der eigenen Besonderheit versichern zu m&#252;ssen, derart verallgemeinert wie heute. Im Zeitalter der Psychowelle mu&#223; sich noch jeder M&#252;llkutscher als Schmalspurdandy beweisen, und selbst beim Nahkampf im Sommerschlu&#223;verkauf geh&#246;ren immer nur die anderen zur grauen Masse. Zu Beginn des Jahrhunderts freute sich eine kleine Boheme ihrer schockierenden Verachtung gesellschaftlicher Normen. Selbst noch in den 50er Jahren war f&#252;r die breite Masse die Meinung der Nachbarn und die &#246;ffentliche Moral eine ebenso gewichtige wie feste Gr&#246;&#223;e. In den letzten 30 Jahren ist Nonkonformit&#228;t selber sukzessive in den Rang einer gesellschaftlichen Norm aufger&#252;ckt.</p>
<p>Das Paradoxe an dieser Konstellation l&#228;&#223;t sich mit H&#228;nden greifen. Beim zwanghaften Versuch, aus den vielf&#228;ltigen Angeboten der Warengesellschaft „Individualit&#228;t“ zu zimmern, entstehen denn auch nur offensichtlich absurde Surrogatidentit&#228;ten. Es f&#228;llt nicht schwer, den Pers&#246;nlichkeitskult der Surf- und Yuppiegeneration und ihrer Nach&#228;ffer aufs Korn zu nehmen und die permanent reflexhaft zelebrierte Individualit&#228;t als Produkt von der Stange zu entlarven. Der blo&#223;e Spott &#252;ber die Pathologie des Alltagsverstandes bleibt auf Dauer allerdings unbefriedigend. Die Haltlosigkeit und Beliebigkeit der tautologischen Bauchnabelshow tut ihrer Wirksamkeit nicht den geringsten Abbruch. Die Farce hat nicht nur tragische Z&#252;ge, sondern ihre Zwangslogik. Bei der Apotheose bestimmungsloser Subjektivit&#228;t handelt es sich um weit mehr als nur ein fl&#252;chtiges ideologisches Hirngespinst. Ein integraler Bestandteil der Verh&#228;ltnisse tritt uns in diesem bunt schillernden Ph&#228;nomen entgegen. Der Individualit&#228;tskult ist die andere Seite von Monetarisierung und Verrechtlichung, und das Verr&#252;cktwerden der Selbstzweckindividuen geh&#246;rt zum Kollaps der gesellschaftlichen Zwangsform.</p>
<h4>6.</h4>
<p>Die Welt der versachlichten Beziehungen ist sinn- und zweckleer. Das moderne Individuum lebt in einem Reich der Beliebigkeit. Niemand setzt ihm feste Normen. Diese Unverbindlichkeit hebelt allerdings keineswegs die unerbittliche H&#228;rte der Sachzwangrationalit&#228;t aus. Im Gegenteil, sie korrespondiert mit ihr. Der einzelne mag mit den sozialkategorialen Zuordnungen jonglieren, das &#228;ndert aber weder etwas an deren funktionaler Starrheit noch an ihrem Vergewaltigungscharakter. Wenn die Monade leichtfertigerweise ihre vier W&#228;nde verl&#228;&#223;t und sich auf die Stra&#223;e begibt, hat sie zwar prinzipiell die Wahl, ob sie sich in einen Radfahrer, Autofahrer, Fu&#223;g&#228;nger oder einen Benutzer &#246;ffentlicher Verkehrsmittel verwandelt, die Mutation zum Verkehrsteilnehmer, der sich selbstkontrolliert nur auf dr&#228;nierten Bahnen bewegt, steht jedoch nie zur freien Disposition. Nolens volens partizipiert jeder an der Megamaschine Verkehr, und wer sich den an die jeweilige Teilnahmeform gekoppelten Zw&#228;ngen nicht f&#252;gt, riskiert Verst&#252;mmelung und Tod. Der Blutzoll, den erst unzureichend verkehrsgerecht zugerichtete Kinder auf der Stra&#223;e zu entrichten haben, spricht eine &#252;beraus deutliche Sprache. Aber schon dem Flugzeugpassagier verbietet es sich, nachtr&#228;gliche Kurskorrekturen vorzunehmen oder vorzuschlagen, will er nicht als Luftpirat Schlagzeilen machen. Wer mitten auf der Autobahn urpl&#246;tzlich das Interesse am projektierten Italienurlaub verliert und daraus augenblicklich die Konsequenz zieht, wird alsbald im Verkehrsfunk unter der Rubrik Geisterfahrer annonciert.</p>
<p>Die beiden letzten Beispiele m&#246;gen, ein bi&#223;chen albern wirken., Das liegt in erster Linie aber nur daran, da&#223; wir gr&#252;ndlich verinnerlichte Zw&#228;nge gar nicht mehr als Zwang wahrnehmen. Eine rigide Innensteuerung ist, nicht nur im Verkehr, so selbstverst&#228;ndlich und allgegenw&#228;rtig geworden, da&#223; das geforderte hohe Disziplinierungsniveau nur mehr auff&#228;llt, wenn die gebeutelten Individuen es nicht aufbringen und demonstrativ durchdrehen. Einige hundert Jahre „Proze&#223; der Zivilisation“ haben ihre Wirkung getan und Eigenschaften wie Berechenbarkeit, Rationalit&#228;t oder auch das westlich-lineare Zeitempfinden eingeschliffen. Der moderne Mensch pa&#223;t sich fraglos und selbstbestimmt Situationen an, in denen seine vormodernen Altvorderen sofort gescheitert w&#228;ren, und kann sich nur mehr schwer Rechenschaft &#252;ber diese Leistung abgeben.</p>
<p>Die best&#228;ndige (Selbst)disziplinierung hat ihre Matrix in den Eigendressurakten, die sich die Warensubjekte im Tausch und bei der Arbeit aufn&#246;tigen. Sie geht aber &#252;ber die enge &#246;konomische Sph&#228;re und das &#246;ffentliche Leben insgesamt weit hinaus. Der lange Arm gesellschaftlicher Regulation reicht tief in die Psychostruktur hinein, und damit auch in die „Privatsph&#228;re“. Das in den versachlichten Au&#223;enbeziehungen einge&#252;bte Sich-zum-Mittel-Machen l&#228;&#223;t sich auch dort nicht auf Knopfdruck ausschalten, wo der einzelne in den abgespaltenen.Bereich des Nichtzweckhaften eintritt. Bis zu den Haarspitzen auf diese merkw&#252;rdige Existenzform abgerichtet, setzt das Individuum sie in die Freizeit hinein fort. Es ist kein Zufall, da&#223; so manches Hobby, vom jogging bis zum Bodybuilding<a href="#20">(20)</a>, <a name="r20"></a>verd&#228;chtig an das rigide Arbeitsreglement gemahnt, und als Verl&#228;ngerung der Fabrikdiktatur auf anderem Terrain verstanden werden kann. Wer beim Sonntagsausflug, beim Wandern oder auf der Urlaubsreise gewohnheitsm&#228;&#223;ig Kilometer abspult, folgt offensichtlich dem vertrauten abstrakten Leistungs- und Quantifizierungsprinzip aller Arbeits-Lemminge. Wer &#252;ber Freizeitstre&#223; klagt, wird dessen sogar &#8211; zumindest partiell &#8211; gewahr. Dieser Mechanismus kann sich aber auch klandestin durchsetzen.</p>
<p>Dieser Sachverhalt darf uns &#252;ber eins allerdings nicht hinwegt&#228;uschen. Der Freizeitmensch und homo privatus geht in derlei Verrichtungen keineswegs auf. Er ist nicht nur die Konsummaschine, die angespannt und genu&#223;unempfindlich auffri&#223;t und verschlei&#223;t, was sie als zwanghaftes bele6tes Produktionsinstrument mitgeheckt hat. Die Monade lebt nicht nur den Doppelwahnsinn von abstraktem &#8220;Leisten“ und nicht minder abstraktem „Sich-Leisten“, auch das ins Formlose Verschwimmende, von den gesellschaftlichen Beurteilungskriterien Abgekoppelte am Subjekt a priori hat sein psychisches Substrat. Das omin&#246;se, so oft beschworene Eigene verschwindet nicht einfach in der simulativ weiterbetriebenen Selbstdressur. Hinter den diversen Schalen von Au&#223;enidentit&#228;ten, die breite Teile des Freizeitverhaltens mitumfassen, lauert noch immer etwas anderes, das nicht-offizi&#246;se Innensubjekt. Diese der &#246;ffentlichen Sph&#228;re abgewandte Seite hat ihren eigenen, zu den Idealen des Au&#223;enegos komplement&#228;ren Tugendkatalog. W&#228;hrend sich das Au&#223;en-Ich allzeit durchsetzungsstark, rational und weltl&#228;ufig zu zeigen hat, mu&#223; das Innen-Ich sich in Einf&#252;hlsamkeit und Sinnlichkeit ein&#252;ben. In dieser Funktion nimmt die weltabgewandte Seite des Subjekts einerseits die Stelle des heiligen Eigentlichen ein und figuriert andererseits im Kontrast zum &#252;bergreifenden aggressiven Au&#223;en-Ich als das Schwache, Sch&#252;tzenswerte, Bed&#252;rftige.</p>
<h4>7.</h4>
<p>Zu den Ingredienzen moderner Subjektivit&#228;t geh&#246;rt nicht nur die historisch neuartige F&#228;higkeit zum Selfmanagement. Mit dem homo oeconomicus, dem jede Beziehung zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und zu sich selbst sofort zum instrumentellen Verh&#228;ltnis ger&#228;t, entsteht und verallgemeinert sich auch dessen Alter ego. Das Reich der Versachlichung erzeugt als seine R&#252;ckseite einen aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit herausdestillierten Bereich der Intimit&#228;t. In diesem Reservat tobt sich die abstrakte Menschlichkeit aus.</p>
<p>So unverzichtbar beide Pole f&#252;r die Konstituierung b&#252;rgerlicher Subjektivit&#228;t sind, so schwer tut sich der einzelne damit, die diametral entgegengesetzten Anforderungsprofile in Einklang zu bringen, die diese beiden nebeneinander existierenden Selbstbilder ihm aufn&#246;tigen. Die daraus erwachsenden Kalamit&#228;ten sind nicht blo&#223; akzidentieller Natur. Sie gehen vielmehr bestimmend in die Subjektbildung selber ein. Das selbstgen&#252;gsame autonome Subjekt bleibt nicht nur deshalb immer Fiktion, weil es der &#228;u&#223;eren Abh&#228;ngigkeit vom gesellschaftlichen Zusammenhang nie entrinnen kann. Die Monade unterliegt au&#223;erdem auch einer inneren Zerrei&#223;probe, und sie kann nur durch die Externalisierung wesentlicher Bestandteile ihres Selbst in dieser Malaise &#252;berhaupt eine gewisse Stabilit&#228;t erreichen. Das b&#252;rgerliche Subjekt lebt seine schizophrene Grundsituation, gleichzeitig als Gef&#252;hlsmensch empfinden zu M&#252;ssen und als k&#252;hl kalkulierender Rechner zu funktionieren, indem es das, was nicht zusammenpassen will und doch zusammengeh&#246;rt, auf zwei Partialidentit&#228;ten verteilt. Die Monade existiert nicht als einzelnes Atom, wie es ihrem Selbstbild eigentlich zu entsprechen scheint, sie kommt vielmehr zu ihrem prek&#228;ren Gleichgewicht, indem sie sich zumindest virtuell &#8211; zu einem Bestandteil eines zweigeschlechtlichen Paarmolek&#252;ls macht.</p>
<p>Das autarke Subjekt versteht sich selber als ein geschlechtsneutrales, allgemein menschliches Wesen. Jede geschlechtliche Zuordnung mutet auf den ersten Blick so befremdlich an wie der Versuch, das Geschlecht einer Billardkugel zu bestimmen. Beim Nachfassen entpuppt sich das Selbstverst&#228;ndnis allerdings als ideologischer Schein. Der Autonomiewahn und -zwang, die best&#228;ndige gewohnheitsm&#228;&#223;ige Selbstvergewaltigung des Warensubjekts, kann nicht den ganzen Menschen in sich fassen. Er schneidet wesentliche Daseinsaspekte ab. Die abgedr&#228;ngte und zur Intimit&#228;t verselbst&#228;ndigte Seite f&#228;llt in das Schattenreich zugerechneter Weiblichkeit. Indem sich das &#252;bergreifend nach au&#223;en gewandte und universalistisch orientierte Moment des Warensubjekts von dieser feminin besetzten Gegenwelt abst&#246;&#223;t und sich im selben Atemzug klammheimlich auf sie st&#252;tzt, macht es sich selber aber als m&#228;nnlich attributiertes Wesen kenntlich. Was uns empirisch wohlvertraut ist, entspricht durchaus auch der Logik der Sache. Der zum Konkurrenzsubjekt mutierte und dementsprechend von seiner eigenen Emotionalit&#228;t &#252;berforderte Privatmann „l&#246;st“ seinen inneren Widerspruch, indem er die sinnlich-emotionale Seite an die Frau delegiert. Nur in seiner m&#228;nnlichen Partialidentit&#228;t kann das auf Sachlichkeit und Rationalit&#228;t zugerichtete autonome Warensubjekt sich seiner wegeskamotierten und gleichzeitig f&#252;r sakrosankt erkl&#228;rten anderen Seite bem&#228;chtigen, ohne Gefahr zu laufen, selber auseinanderzufallen<a href="#21">(21)</a>. <a name="r21"></a>Das mit allen Panzer-Ich-Bestandteilen hochger&#252;stete m&#228;nnliche Subjekt findet in der zugerechneten Weiblichkeit, wie sie in der dreifaltigen Gestalt von Hausfrau, Mutter und Geliebter leibhaftig wird, seine abgedr&#228;ngten Seiten wieder und konsumiert sie allabendlich. Die Selbstbeherrschung des Mannes f&#228;llt hier mit der Unterwerfung der Frau in eins. Er lebt seine menschlichen Anwandlungen und Sehns&#252;chte nicht selber, er &#8220;l&#228;&#223;t sie leben“, und „erfindet“ zu diesem Zwecke das Weib, das sie ihm aufbereitet darbringt und/oder als Projektionsfl&#228;che f&#252;r W&#252;nsche und Sehns&#252;chte figuriert. Die Frauen ihrerseits bleiben, indem sie faktisch oder imagin&#228;r ihre Au&#223;enorientierung (zumindest potentiell) zu einem Gutteil auf den Mann &#252;bertragen, Konkurrenzsubjekte mit identit&#228;rem Vorbehalt. Die Option auf ein Leben aus zweiter Hand schirmt sie partiell vor den Zumutungen einer versachlichten Erfolgsexistenz ab<a href="#22">(22)</a>, <a name="r22"></a>und sie gewinnen eine alternative Sinnperspektive als H&#252;terinnen gemeinsamer Innerlichkeit. Diese Struktur wird auch unabh&#228;ngig von der einzelnen Paarbeziehung wirksam. Die Geschlechts(selbst)bilder stiften selbst da noch wesentlich das innere Bezugssystem des Warensubjekts, wo der „Partner“ im Imagin&#228;ren bleibt.</p>
<p>Die Herausbildungsgeschichte der wohlvertrauten b&#252;rgerlichen Geschlechterstereotypen l&#228;&#223;t sich einige Jahrhunderte zur&#252;ckverfolgen, ihre volle Entfaltung quer durch die Bev&#246;lkerungsschichten ist allerdings neueren Datums. Erstmals tritt in Dokumenten aus dem 14. Jahrhundert die Frau als Wahrerin heimeliger Behaglichkeit auf. Eine d&#252;nne st&#228;dtische Patrizierschicht unternimmt zu dieser Zeit die ersten noch unsicheren Schritte hin zur Intimit&#228;t. Die guten Ratschl&#228;ge, die ein 60j&#228;hriger verm&#246;gender Pariser B&#252;rger und Kaufmann im Jahr 1393 seiner l5j&#228;hrigen Ehefrau mit auf ihren weiteren Lebensweg gab, zeigen die generelle Marschrichtung an, auch wenn der passiv-rheumatische Grundton dieser Direktiven nicht unbedingt repr&#228;sentativ f&#252;r das m&#228;nnliche Verh&#228;ltnis zu Sinnlichkeit und Weiblichkeit sein mag:</p>
<blockquote><p><em>„Sch&#246;nes Schwesterchen“, so hebt er z&#228;rtlich an, „wenn ihr nach mir einen anderen Mann habt, dann m&#252;&#223;t ihr sehr auf seine Behaglichkeit achten. Denn wenn eine Frau ihren ersten Mann verloren hat, ist es gew&#246;hnlich f&#252;r sie schwer, einen zweiten nach ihrem Stande zu finden, und dann bleibt sie f&#252;r lange Zeit allein und ungetr&#246;stet, und noch mehr, wenn sie den zweiten verliert. Deshalb pflegt Euren Ehemann sorgsam und bitte, haltet ihn in sauberer W&#228;sche, denn das ist Eure Aufgabe. Und weil die Sorge f&#252;r die Gesch&#228;fte drau&#223;en M&#228;nnersache ist, mu&#223; der Ehemann darauf achtgeben, er mu&#223; gehen und kommen und hierhin und dorthin reisen, bei Regen, Wind, Schnee und Hagel, einmal durchn&#228;&#223;t, dann wieder ausged&#246;rrt, einmal in Schwei&#223; gebadet, dann wieder frierend, schlecht verpflegt, schlecht untergebracht, schlecht gew&#228;rmt und schlecht gebettet. Und alles macht ihm nichts aus, denn ihn tr&#246;stet die Hoffnung auf die F&#252;rsorge seiner Frau, wenn er zur&#252;ckkommt, und auf die Gem&#252;tlichkeit, die Freuden und Vergn&#252;gungen, die sie ihm bereitet, oder in ihrer Anwesenheit bereiten l&#228;&#223;t: die Schuhe beim warmen Feuer ausziehen, gutes Essen und Trinken vorgesetzt bekommen, sch&#246;n bedient und versorgt werden, fein gebettet sein in wei&#223;en Bett&#252;chern und wei&#223;en Schlafm&#252;tzen, anst&#228;ndig zugedeckt sein mit guten Pelzen, verw&#246;hnt durch andere Freuden und Unterhaltungen, Vertraulichkeiten, Liebesdienste und Heimlichkeiten, &#252;ber die ich nicht rede. Und am n&#228;chsten Morgen neue Hemden und Kleider&#8230;“</em> <a href="#23">(23)</a> <a name="r23"></a></p></blockquote>
<p>Der Tenor der gutgemeinten Ratschl&#228;gen, insbesondere auch der Schlu&#223;satz „Und nehmt Euch in acht, da&#223; es in Eurem Zimmer und Eurem Bett keine Fl&#246;he gibt“<a href="#24">(24)</a>, <a name="r24 "></a>m&#246;gen dem zeitgen&#246;ssischen Ohr etwas befremdlich anmuten. Dennoch, dem Grundmuster ist die Geschlechterbeziehung in der b&#252;rgerlichen Epoche treu geblieben. Die beiden Seiten der Waren-Subjektivit&#228;t, das auf instrumentelles Handeln ausgerichtete Au&#223;en-Ich und das aus diesem Bezugsfeld herausabstraktifizierte Innen-Ich, sind seit jeher geschlechtsspezifisch besetzt. Au&#223;en- und Innen-Ich verkehren miteinander als &#8220;M&#228;nnlichkeit“ und „Weiblichkeit“. Dieser Scharnierfunktion entsprechend kommt der Paarbeziehung im prek&#228;ren Gef&#252;hlshaushalt des modernen Massenindividuums · ein enormes Gewicht zu. Ein Pendant dazu l&#228;&#223;t sich in der Geschichte kaum finden. Nie waren „M&#228;nnlichkeit“ und „Weiblichkeit“ so allgegenw&#228;rtig wie heute. So oft sich auch das an die holde Zweisamkeit gekoppelte Gl&#252;cksversprechen als schal erweist, so wenig kann die moderne Monade sich von ihm emanzipieren. Das durchschnittliche Individuum hangelt sich entweder in „serieller Monogamie“ (Beck/Beck-Gernsheim) von Zusammenbruch zu Zusammenbruch, von einem (selbst)m&#246;rderischen Idyll ins N&#228;chste, oder es resigniert paarweise. Selbst wenn die Distanz zum Paarunwesen ideologisch aufgeladen wird und sich zur lebensphilosophischen Pose verfestigt, bleibt eine negative, deswegen jedoch nicht weniger starke Fixierung sp&#252;rbar. Es l&#228;&#223;t sich schwerlich &#252;bersehen, da&#223; es sich bei der Selbstzelebrierung „bewu&#223;ten Singletums“ nur um die m&#252;hsame Kaschierung und &#228;rmliche &#196;sthetisierung einer psycho-sozialen Postkatastrophenlandschaft handelt.</p>
<p>Auch in vorb&#252;rgerlichen Gesellschaften hat das Merkmal „Geschlecht“ f&#252;r das gesellschaftliche Gef&#252;ge eine strukturierende Bedeutung. Erst die b&#252;rgerliche Gesellschaft arbeitet allerdings die Geschlechterstereotypen in ihrer Reinheit heraus und stellt „den Mann“ „der Frau“ gegen&#252;ber<a href="#25">(25)</a>. <a name="r25"></a>Diese Zuspitzung der Geschlechterpolarit&#228;t &#252;berlagert sich mit einem scheinbar gegenl&#228;ufigen Trend. Die unmittelbare universale Diktatur der Form l&#228;&#223;t bei ihrem Vormarsch den weiblichen Teil der Menschheit nicht aus. Die Welt der abstrakten Arbeit und ihrer Emanationen verwandelt auch die Frauen sukzessive in autonome Arbeits- und Geldsubjekte. Damit werden sie zwangsl&#228;ufig Momenten des m&#228;nnlichen Au&#223;en-Ichs teilhaftig. Unsere Eltern- und Gro&#223;elterngeneration wuchs noch weitgehend fraglos, wenn auch oft nicht ohne Schmerzen<a href="#26">(26)</a> <a name="r26"></a>in die herrschenden Rollenzuweisungen hinein. Im Ideal von Kleinfamilie und Paarbeziehung fanden die Au&#223;en- und Innerlichkeitsseite b&#252;rgerlicher Subjektivit&#228;t zu einer einigerma&#223;en stabilen und selbstverst&#228;ndlich erscheinenden Koexistenz zusammen. Die Frauen, die gelernt haben, als selbst&#228;ndige Arbeits- und Konsummonaden aufzutreten, lassen sich hingegen nicht mehr problemlos subsumieren. Das gilt selbst dann, wenn sie es selber w&#252;nschen und ein entsprechendes Weiblichkeitsideal vertreten. Sobald die Berufung zur &#8220;nat&#252;rlichen“ Bewahrerin m&#228;nnlich-weiblicher Innerlichkeit selber zu einem &#8220;Karriereprojekt“ unter anderen m&#246;glichen &#8220;Lebensentw&#252;rfen“ wird, und daher extra gewollt werden mu&#223;, ist die kleinfamiliale Balance schon aus den Angeln gehoben.</p>
<p>Diese Entwicklung scheint auf den ersten Blick dazu angetan, die Geschlechterstereotypen au&#223;er Kraft zu setzen. Bei n&#228;herem Zusehen zeigt es sich aber, da&#223; von einer Neutralisierung der Geschlechterbilder in keiner Weise die Rede sein kann. „Weiblichkeit“ und „M&#228;nnlichkeit“ b&#252;&#223;en weder ihre eindeutige Bestimmung noch ihre gesellschaftliche Bedeutung ein, sie beginnen sich lediglich vom empirischen Geschlecht der Individuen abzul&#246;sen. Sie werden damit als das sichtbar, was sie schon immer gewesen sind, gesellschaftliche Strukturmerkmale im biologischen Gewande. Die s&#228;uberliche Zuteilung „weiblicher Eigenschaften“ an die Frau und „maskuliner“ an den Mann verliert ihre Eineindeutigkeit. Der „neue Mann“ darf gelegentlich ebenfalls einmal in Tr&#228;nen ausbrechen, oder sich mit Kindern besch&#228;ftïgen, der Frau steht es frei, sich vielleicht ab und an zu einer zynischen Bemerkung hinrei&#223;en zu lassen, und in „Coolness“ und „Unabh&#228;ngigkeit“ machen. Der Kodex selber ist damit jedoch keineswegs verschwunden. Das prek&#228;r gewordene Unterfangen, die Au&#223;en- und Innenseite b&#252;rgerlicher Subjektivit&#228;t rniteinander zu verbinden, bedient sich nach wie vor der Chiffrensprache von maskulin und feminin. Eine andere Lingua franca steht dazu gar nicht zur Verf&#252;gung. Wenn in den modernsten gesellschaftlichen Segmenten „M&#228;nnlichkeit“ und „Weiblichkeit“ voll Inbrunst inszeniert werden, dann hat dieses Spiel einen eindeutig zwanghaften Charakter. Die Identit&#228;tssuche richtet sich in diesem bipolaren Spannungsfeld aus.</p>
<p>Die Geschlechterproblematik l&#246;st sich im Rahmen der Wertvergesellschaftung also keineswegs zugunsten einer geschlechtslosen Universalindividualit&#228;t in Wohlgefallen auf. Dennoch ist die Tragweite der Ver&#228;nderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben, enorm. Die best&#228;ndige Restauration und Neuaustarierung geschlechtlicher Zuweisungen in jeder einzelnen Paarbeziehung macht die alte selbstverst&#228;ndliche stille Voraussetzung des „autonomen Warensubjekts“ zur dauernden, von regelm&#228;&#223;igen pers&#246;nlichen Katastrophen unterbrochenen Sisyphusarbeit. Diese Ersch&#252;tterung und Verunsicherung tangiert das b&#252;rgerliche Subjekt nicht nur peripher, sie trifft es in seinem Kern. Mit den Umbr&#252;chen und der Dekonstruktion der Geschlechterordnung wird die b&#252;rgerliche Subjektform selber br&#252;chig. Die geringe Halbwertszeit moderner Beziehungen, und die allt&#228;glichen Beziehungs-Scharm&#252;tzel sind Indikatoren irreversibler Zersetzungsprozesse, die regelm&#228;&#223;ig und massenhaft auch die Au&#223;en-Ich-Fassaden zum Einsturz bringen. Das autonome m&#228;nnliche Warensubjekt, das sich gen&#246;tigt sieht, k&#252;nftig auch noch das abgespaltene „Weibliche“ aus sich heraus zu rekonstituieren, mu&#223; an dieser Hybris scheitern.</p>
<p><a name="1"></a><a href="#r1">(1)</a> „Arbeit“ und „Produktion“ sind keineswegs Synonyme. Aus dem Umstand, da&#223; der Stoff umformende, produktive Bezug des Menschen auf die ihn umgebende Natur unaufhebbar ist, folgt daher auch nicht die Unaufhebbarkeit der Kategorie „Arbeit“. Die Abstraktion „Arbeit“ ist in ihrer Reinheit ein spezifisch b&#252;rgerliches Ph&#228;nomen. Sie ist mit der Herausbildung der Warenproduktion entstanden und wird mit ihr auch wieder verschwinden. Vgl. dazu die Aufs&#228;tze „<a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Die verlorene Ehre der Arbeit</a>“ („Krisis“ 10) und „<a href="http://www.krisis.org/1992/sexus-und-arbeit">Sexus und Arbeit</a>“ („Krisis“ 12).</p>
<p><a name="2"></a><a href="#r2">(2)</a> Gerade &#246;konomistisch orientierte marxistische Theoretiker dachten immer ganz selbstverst&#228;ndlich in einander &#228;u&#223;erlichen Faktoren. Nichts war ihnen so fremd wie der h&#246;chstens in hegelmarxistischen Ans&#228;tzen hochgehaltene Drang zur Totalit&#228;t. F&#252;r den &#214;konomisten war die &#214;konomie nie das Ganze, sondern nur der gewichtigste Teil in einem durch und durch mechanischen System. Wer versucht, in der marxistischen Theoriegeschichte auch nur eines einzigen blanken &#214;konomisten habhaft zu werden, wird sich denn auch ungef&#228;hr genauso schwer tun wie die Physiker einst bei ihren Versuchen, S&#252;d- und Nordpol von Magneten voneinander zu trennen. Wer sich die M&#252;he macht, Theoretiker wie Kautsky oder Hilferding, die als Inbegriff &#246;konomistischen Denkens gehandelt werden, tats&#228;chlich zu lesen, der wird feststellen m&#252;ssen, da&#223; in ihren 5chriften ihre &#246;konomistische Argumentation regelm&#228;&#223;ig alsbald in puren Politizismus und Soziologismus umschl&#228;gt. Neben den „ehernen &#246;konomischen Gesetzm&#228;&#223;igkeiten“ steht allemal das unbedingte Klassensubjekt. Nur wer selber bis &#252;ber beide Ohren in der Politik- und Willensillusion befangen ist, kann diese Kopplung &#252;bersehen. Den eilfertigen &#214;konomismuskritikern mu&#223; sie entgehen, weil sie &#8211; nur am anderen Pol &#8211; demselben Denkuniversum verpflichtet sind, dem auch die von ihnen so billig abgefertigte &#246;konomistische Sicht angeh&#246;rt.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#r3">(3)</a> „Grundrisse“, S. 8.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#r4">(4)</a> A.a.O., S. 17.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#r5">(5)</a> A.a.O., S. 20.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#r6">(6)</a> Allein deshalb konnte es &#252;berhaupt zu der grotesken Verkehrung der Marxschen Formkritik in die marxistische Apologetik der Form kommen.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#r7">(7)</a> Auf dieser Ebene bewegt sich die Marxsche Darstellung im „Kapital“ denn auch haupts&#228;chlich. Er schreitet vom Wert zu dessen Erscheinungsformen Tauschwert, Gebrauchswert und Geld voran, er zeichnet die Metamorphose des Werts zum Kapital nach, usw.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#r8">(8)</a> Nicht nur logisch, auch historisch macht es hier Sinn von Ausscheiden zu sprechen. Das „Oikos“, das „ganze Haus“ der griechischen Antike von dem sich unser moderner Begriff &#214;konomie herleitet und seine Nachfolger bis ins 19. Jahrhundert, beherbergten in friedlicher Koexistenz produktive und konsumtive Funktionen. Erst die Warengesellschaft sprengt und polarisiert dieses Verh&#228;ltnis.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#r9">(9) </a>Das gilt vermittelt auch dort, wo sich. weitere Akte „produktiver Konsumtion“ zwischen das vorhandene Produkt und den endg&#252;ltigen Konsum schieben. Auch der Wert von Produktionsmitteln mu&#223; zu guter Letzt in einem blo&#223;en Genu&#223;gegenstand wiedererscheinen, ansonsten ist der wertproduktive Kreislauf unterbrochen, und es findet a posteriori Entwertung statt.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#r10">(10)</a> &#8220;Der Gebrauchswert verwirklicht sich nur im Gebrauch oder der Konsumtion“ (MEW 23 S.50); „&#8230;in der Konsumtion tritt das Produkt aus der gesellschaftlichen Bewegung heraus, wird direkt Gegenstand und Diener des einzelnen Bed&#252;rfnisses und befriedigt es im Genu&#223;.“ (Karl Marx, Grundrisse zur Kritik der politischen &#214;konomie, S.10).</p>
<p><a name="11"></a><a href="#r11">(11)</a> Das Scharnier zwischen privatem Genu&#223; und der Welt der abstrakten Arbeit bildet die Kategorie des Gebrauchswerts. Sie ist die Kategorie, die auf das Sinnlich-stoffliche an der Ware verweist, allerdings als abstrakte Stofflichkeit. Der Tauschwert fa&#223;t die Ware als abstraktes Wertding, der Konsum nimmt die Ware nicht mehr als Ware, sondern zehrt sie als besonderen Genu&#223;gegenstand auf. Der Gebrauchswert steht dazwischen und verschafft der abstrakten N&#252;tzlichkeit der Ware, ihrer N&#252;tzlichkeit &#252;berhaupt, Geltung.</p>
<p><a name="12"></a><a href="#r12">(12)</a> „Die Personen existieren hier nur f&#252;reinander als Repr&#228;sentanten von Ware und daher als Warenbesitzer.“ (MEW 23).</p>
<p><a name="13"></a><a href="#r13">(13)</a> Einer Naturressource kommt nat&#252;rlich keinerlei Subjektstatus zu. Im Feudalismus sind alle einzelnen nur bezogen auf den Allm&#228;chtigen etwas &#228;hnliches wie Subjekte, wobei dem Subjektbegriff bemerkenswerterweise zun&#228;chst genau die umgekehrte Konnotation anhaftete, die ihm in seiner modernen Auspr&#228;gung zukommt. Subjekte waren die Christenmenschen unterschiedslos, soweit sie dem Willen des Herren unterworfen waren! (Der Terminus Subjekt leitet sich denn auch bezeichnenderweise vom lateinischen Wort subicere her, das soviel wie sich unterwerfen, unterordnen meint. Das Subjekt ist also w&#246;rtlich verstanden das Unterworfene, nicht das Erkennende oder gar das Unterwerfende.)</p>
<p><a name="14"></a><a href="#r14">(14)</a> MEW 23.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#r15">(15)</a> Mit der Dazwischenkunft von Geld und Kapital kompliziert sich der skizzierte Zusammenhang, an der Grundlogik &#228;ndert sich aber nichts. Auch der Kapitalist D und der Arbeiter C affirmieren sich in ganz &#228;hnlicher Weise wie der Kartoffelbesitzer A und der Stuhlbesitzer B als freie Warensubjekte, sobald sie in Beziehung zueinander treten: C will sich reproduzieren. Dieser Wunsch ist zun&#228;chst einmal sein reines Privatvergn&#252;gen. Er mu&#223; zwar nicht die obskure Form eines Stuhls oder von Kartoffeln, daf&#252;r die abstrakte Gestalt von Geld annehmen, um gesellschaftliche Relevanz zu erlangen. Zugang zu den Reproduktionsmitteln kann sich C n&#228;mlich dummerweise nur &#252;ber diesen allgemeinen Mittler verschaffen. Zu Geld kann C: aber lediglich kommen wenn er erst einmal selber als Verk&#228;ufer auftritt und die einzige Ware feilbietet, die er besitzt, seine Arbeitskraft. D ist es vollkommen gleichg&#252;ltig, ob C verhungert und auf der Stra&#223;e liegt oder nicht. D steht nur f&#252;r den Drang seines Kapitals, sich zu verwerten. Sehr zum Bedauern von D sind dazu aber Arbeitskr&#228;fte vonn&#246;ten, und so sieht er sich veranla&#223;t, auf C‘s freundliches Angebot zur&#252;ckzukommen. C ist es nach wie vor im Grunde schei&#223;egal, was mit dem Kapital von D geschieht er kennt D gar nicht und will ihn gar nicht n&#228;her kennenlernen. Dennoch begr&#252;&#223;t er ihn freudig als K&#228;ufer, schlie&#223;t mit ihm seinen Kontrakt und akzeptiert damit stillschweigend dessen Verwertungsbed&#252;rfnis. Er tut das nicht aus Liebe und Sympathie f&#252;r D, sondern um anschlie&#223;end sein sauer verdientes Quantum Gesellschaftsding in Konsumg&#252;ter umzusetzen. Darum was und wie er konsumiert, darf D sich nicht k&#252;mmern. C verdingt sich als Arbeiter, damit diese Bestimmung an ihm erl&#246;sche, und er jenseits der „Arbeit“, im vorgesellschaftlichen Raum, nach seiner façon selig werde. Wenn wir die gleiche Beziehung aus der Perspektive von D betrachten, so d&#252;rfen wir nat&#252;rlich die „produktive Konsumtion“ der Ware Arbeitskraft nicht mit unmittelbaren konsumtiven Akten verwechseln. Die &#8220;produktive Konsumtion“ f&#228;llt in die Sph&#228;re der Mittel und ist dementsprechend &#8220;&#246;ffentlicher“ (u.a. hei&#223;t das auch rechtlicher) Regulation zug&#228;nglich. Als Konsument von Arbeitskraft ist der Kapitalist nicht einfach genie&#223;ender Mensch, sondern die Inkarnation von Kapital. Aber auch er ist nicht nur selbstlose Akkumulationsmaschine, das Geldmachen macht nur bezogen auf irgendwelche von ihm selber imaginierten Zwecke Sinn. Die Verwertung ist gesellschaftlicher Selbstzweck; f&#252;r ihren menschlicher Tr&#228;ger jedoch kann sie nur als Mittel erscheinen. Auch er bedarf von vornherein eines menschlichen allzumenschlichen Bezugspunkts, wie nebul&#246;s der auch immer ausfallen mag, um in der Welt der Mittel &#252;berhaupt funktionieren zu k&#246;nnen.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#r16">(16)</a> Dem modernen Individuum mutet es vollkommen „nat&#252;rlich“ an, da&#223; es im Rahmen seiner zahlungsf&#228;higen Nachfrage und der geltenden Gesetze frei und ohne R&#252;cksicht auf die Meinung einer wie auch immer gearteten &#214;ffentlichkeit &#252;ber sein Bruchst&#252;ck des gesellschaftlichen Reichtums verf&#252;gen kann. Es w&#252;rde ihn befremden, auf das Daf&#252;rhalten der &#214;ffentlichkeit R&#252;cksicht nehmen zu m&#252;ssen. Historisch handelt es sich bei dieser vermeintlichen Selbstverst&#228;ndlichkeit allerdings um ein Novum. In allen vorb&#252;rgerlichen Formationen, in denen das Geld noch nicht die Funktion des universellen Mittlers innehatte, w&#228;re eine solche asoziale Haltung undenkbar gewesen. Produktion und Verbrauch waren in diesen Gesellschaften gleicherma&#223;en eingebunden in fixierte soziale Lebensformen. Auch wo der Einzelmensch sich konsumtiv reproduzierte, tat er das nie individuell, sondern von vornherein immer schon als Bestandteil eines sozialen Geflechtes, das ihm auch bei dieser Lebens&#228;u&#223;erung seinen eng umrissenen Status zuwies. Im Mittelalter war die Kleidung etwa weder nur vitales Grundbed&#252;rfnis noch, so wie heute, Ausdruck f&#252;r die originelle Person, sie war vor allem anderen eine Frage „der sozialen Geltung“ (Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt, Berlin 1979, S.199) und „bezeichnete den Platz des Menschen in seiner Gruppe“ (a.a.0., S. 203). Wer sich nicht standesgem&#228;&#223; kleidete, verstie&#223; damit gegen die gottgewollte Ordnung der Dinge. Die Nahrungsaufnahme unterlag nicht nur religi&#246;sen Normierungen. Noch in den Bauernwirtschaften des 19. Jahrhunderts „spiegelte die Tischordnung immer“ eindeutig ebenso „die Arbeitsordnung wieder“ (Reinhard Sieder, Sozialgeschichte der Familie, Frankfurt, 1987, S.57). Auch festlichen Gelegenheiten dr&#252;ckte die &#220;bermacht der Gemeinschaft in vorb&#252;rgerlichen Formationen lange ihren Stempel auf. Mittelalterliche Feste werden nicht im geschlossenen Kreis ausgerichtet, sie schlossen immer die Masse der Fremden und Armen als Mittrinker, Mitesser und Geschenkeempf&#228;nger mit ein. Durch Freigebigkeit beweist sich der Festherr als Mann von Stand, und verbreitet Ruhm und Ansehen. „Mancher F&#252;rst mag gedacht haben, &#8230; da&#223; er durch diese Festlichkeit zu unendlichen Aufwendungen gezwungen gewesen sei; aber niemand von ihnen durfte sich anmerken lassen, da&#223; ihn sein Gebaren ruinierte.“ (Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter, S.89). Denn nur &#246;ffentlich dargestellter und geteilter Reichtum zieht soziale Geltung nach sich, und der ist der eigentliche gesellschaftliche Ma&#223;stab. Der mittelalterliche Reichtum figurierte nicht als selbstgen&#252;gsamer Selbstzweck. Er war von der sozialen Vorrangstellung seines Tr&#228;gers nicht abl&#246;sbar und machte daher nur Sinn, wenn er auch au&#223;erhalb des stillen K&#228;mmerchens pr&#228;sentiert wurde. Dieser von vornherein auf die Gemeinschaft zugeschnittene Charakter von Konsum erkl&#228;rt die f&#252;r diese Gesellschaftsformation so typische Neigung zu Prunk und demonstrativer Verschwendung. Sie bildet aber auch den Hintergrund daf&#252;r, da&#223; die Reichen den Inhalt ihrer Schatullen bereitwillig f&#252;r spirituelle Zwecke zur Verf&#252;gung stellten. Diese Form von Gloria in excelsis Deo, die sich in der Errichtung von Kapellen und gro&#223;z&#252;giger Armenf&#252;rsorge &#228;u&#223;erte, war dem moderneren verbiestert-sparsamen Protestantismus fremd.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#17">(17)</a> Was unter der &#196;gide des Werts unbenennbar ist, hat die feministische Debatte zu thematisieren versucht und mit Hausarbeit, bzw. Reproduktionsarbeit bezeichnet. Wie wenig dieser an der wertoffiziellen Seite b&#252;rgerlicher Gesellschaftlichkeit geformte Begriff die tats&#228;chlichen Verh&#228;ltnisse erfassen kann, habe ich an anderer Stelle („<a href="http://www.krisis.org/1992/sexus-und-arbeit">Sexus und Arbeit</a>“, in „Krisis“ 12) dargestellt.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#r18">(18)</a> Erst der historische Sieg der Arbeitsgesellschaft setzt die „Freizeit“ frei. In der vorb&#252;rgerlichen Gesellschaft gibt es zwar in den Oberschichten so etwas wie Mu&#223;e, aber keine Freizeit, bestimmungslose Zeit. Erst wo die Arbeitswelt sich zu einer fest umrissenen, von allen Beimischungen gereinigten Sondersph&#228;re verselbst&#228;ndigt, gewinnen die &#252;brigen Lebens&#228;u&#223;erungen der Menschen im Kontrast dazu eine negative Identit&#228;t.</p>
<p><a name="19"></a><a href="#r19">(19)</a> Genauso wie das griechische Wort Atom, so bedeutet auch Individuum vom Wortsinn her „da&#223; Unteilbare“ (lat. dividere = teilen). Die moderne Kernphysik hat nachgewiesen, da&#223; die vermeintlich unteilbaren Grundeinheiten der Materie sehr wohl zu zerlegen sind. Die moderne b&#252;rgerliche Gesellschaft ist dabei, das von ihr geschaffene Unteilbare, das Individuum, in kleinere Bestandteile auseinanderzudividieren.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#r20">(20)</a> Diese beiden relativ modernen Sportarten haben mit dem Fabrikregime vor allem eins gemein, einen Zug zur Entqualifizierung. Laufen kann (fast) jeder, und die monotonen &#220;bungen an den Kraftmaschinen machen den Akteur zu seinem eigenen mitz&#228;hlenden REFA-Mann. Er vereint in seiner Person Taylor und dessen erstes Versuchskaninchen, einen dummen, aber kr&#228;ftig gebauten deutschen Einwanderer namens Schmidt.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#r21">(21)</a> Die verbreitete Neigung zu symbiotischen Beziehungsformen hat hiec sicher eine ihrer Wuczeln. Der einzige Zugang zu zentralen Momenten der eigenen person geht &#252;ber die Figur des partners. Sie kiinnen sich unabh&#228;ngig von ihm gar nicht realisieren. In dieser Konstellation schnurrt eine reale I&#8217;erson schnell zu einem Archetypus zusammen.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#r22">(22)</a> In unserem Zusammenhang geht es nat&#252;rlich nicht nur um die objektiven, statistisch fa&#223;baren Paarstrukturen, wir bewegen uns vor allem auf der Ebene der Imagologie. Auch wenn die Frau schlie&#223;lich doch darauf angewiesen ist, in der Berufswelt zu bestehen und zu funktionieren, so hat dieser Bereich deswegen noch lange nicht die gleiche identit&#228;tsstiftende Bedeutung wie f&#252;r die M&#228;nnerwelt. Sie mag real so lange und so schwer arbeiten wie ihre m&#228;nnlichen Kollegen, ihr Selbstwertgef&#252;hl steht und f&#228;llt nicht zwangsl&#228;ufig allein mit der „Anerkennung“, die ihr in dieser Sph&#228;re zuteil wird. Sie hat eine alternative Identit&#228;tsbestimmung in petto, auf die die berufsfixierten M&#228;nner schwerlich zur&#252;ckgreifen k&#246;nnen.</p>
<p><a name="23"></a><a href="#r23">(23)</a> zitiert nach Arno Borst, Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt/Berlin 1979, S. 66 f.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#r24">(24)</a> A.a.O. S. 66.</p>
<p><a name="25"></a><a href="#r25">(25)</a> Im Mittelalter kommen „Mann“ und „Frau“ nicht in dieser Abstraktheit vor, sie und er sind immer schon Bauer und B&#228;uerin, Adliger und Adlige, Nonne und M&#246;nch usw. Sie k&#246;nnen nicht als solche, sondern nur zusammen mit diesen jeweiligen sozialen Bestimmungen gedacht werden. Die Frau sans phrase entsteht mit der romantischen Liebe.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#r26">(26)</a> Die Unzufriedenheit und das stille Leid in der Beziehung war nat&#252;rlich seit jeher eine weibliche Dom&#228;ne.</p>
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		<title>Fragmente zur Selbstkritik der M&#228;nnlichkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1993 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Patriarchat und Geschlechterverhältnis]]></category>
		<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 13 (1993)]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Norbert Trenkle Im Gefolge der Frauenbewegung hat in den letzten zwanzig Jahren auch eine Minorit&#228;t von M&#228;nnern damit begonnen, die hierarchische Geschlechterstruktur der b&#252;rgerlichen Gesellschaft grunds&#228;tzlich in Frage zu stellen. Von einer »M&#228;nnerbewegung« zu sprechen, w&#228;re sicherlich &#252;bertrieben, doch l&#228;&#223;t sich kaum leugnen, da&#223; auch M&#228;nner zunehmend an dem Zwang und an der Gewaltsamkeit der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Norbert Trenkle</em></p>
<p>Im Gefolge der Frauenbewegung hat in den letzten zwanzig Jahren auch eine Minorit&#228;t von M&#228;nnern damit begonnen, die hierarchische Geschlechterstruktur der b&#252;rgerlichen Gesellschaft grunds&#228;tzlich in Frage zu stellen. Von einer »M&#228;nnerbewegung« zu sprechen, w&#228;re sicherlich &#252;bertrieben, doch l&#228;&#223;t sich kaum leugnen, da&#223; auch M&#228;nner zunehmend an dem Zwang und an der Gewaltsamkeit der polaren psycho-sexuellen Zuschreibungen leiden und dagegen aufbegehren. Die m&#228;nnliche Selbstkritik, wie sie in diesem Zusammenhang formuliert wurde, war der Linken in ihrer gro&#223;en Mehrheit immer durch und durch suspekt. Bestenfalls hat sie diese Selbstkritik als eine Art Ablenkung von der »eigentlichen Aufgabe«, n&#228;mlich der Bek&#228;mpfung »des Kapitals« und seiner Repr&#228;sentanten, abgetan. So sehr dies das linke Denken in seiner Beschr&#228;nktheit peinlich entlarvt, so wenig hatte doch die »m&#228;nnerbewegte« Str&#246;mung dem entgegenzusetzen. Im gro&#223;en und ganzen war und ist sie nicht viel mehr als eine Ansammlung ziemlich isoliert arbeitender Selbsterfahrungsgruppen, die sich in falschverstandener Abkehr von Rationalismus und »Sachlichkeit« der traditionellen b&#252;rgerlichen M&#228;nnerrolle jeglichem &#252;bergreifenden kritisch-theoretischen Denken gegen&#252;ber ablehnend verhalten.</p>
<p><span id="more-259"></span>Nun m&#246;chte ich mich keineswegs prinzipiell gegen eine kritische pers&#246;nliche Selbstreflexion wenden, denn Subjektivit&#228;t ist nichts der Basisstruktur der b&#252;rgerlich-patriarchalen Gesellschaft Fremdes oder &#196;u&#223;erliches, sondern selbst konstitutiver Bestandteil davon. Deshalb schlie&#223;t die Aufhebung dieser Struktur zwingend einen Proze&#223; der kritischen Selbstbewu&#223;twerdung und Selbstver&#228;nderung der m&#228;nnlichen (und weiblichen) Individuen mit ein. Der Anspruch, den abstrakten Gegensatz von »Privatem« und »Politischem« aufzuheben, wie ihn insbesondere die Frauenbewegung erhoben hat, ist v&#246;llig richtig, auch wenn er bisher nie wirklich eingel&#246;st werden konnte. »M&#228;nnergruppen« und &#228;hnliche Ans&#228;tze stehen also, trotz ihrer relativen Beschr&#228;nktheit, nicht per se im Gegensatz zu einer &#252;bergreifenden Gesellschaftskritik, doch gibt es bisher nur wenige ernstzunehmende Versuche, eine Br&#252;cke zu schlagen, und auch diese Versuche beschr&#228;nken sich meist darauf, das Moment der Selbstver&#228;nderung durch zus&#228;tzliche politisch-institutionelle Forderungen blo&#223; &#228;u&#223;erlich zu erg&#228;nzen.</p>
<p>Wenn ich mich im folgenden vom Unmittelbarkeits- und Subjektfetischismus der »M&#228;nnerbewegung« absto&#223;e, so geschieht dies keinesfalls, wie hoffentlich klar werden wird, um eine Lanze f&#252;r den l&#228;ngst abgewirtschafteten Politizismus zu brechen. Vielmehr geht es mir darum, die Aporien der einschl&#228;gigen m&#228;nnlichen Selbstkritik herauszuarbeiten und zu zeigen, da&#223; diese zu kurz greift, nicht weil sie weitgehend politikabstinent bleibt, sondern deshalb, weil sie den m&#228;nnlichen Autonomiewahn und die ihm zugrundeliegende Subjektform nicht wirklich konsequent in Frage stellt. Ich mu&#223; ein wenig ausholen, um diese These zu begr&#252;nden.</p>
<h4>1. Die b&#252;rgerlich-m&#228;nnliche Subjektivit&#228;t &#8211; ein modernes abendl&#228;ndisches Ph&#228;nomen</h4>
<p>Nichts erscheint uns Modernen (zumindest uns modernen M&#228;nnern) selbstverst&#228;ndlicher, als uns in der Form des autonomen, in sich selbst ruhenden und in letzter Instanz nur sich selbst verantwortlichen Ichs zu definieren. Dies selbst dann und gerade dort noch, wo wir uns mit sogenannten Identit&#228;tsst&#246;rungen herumplagen, die letztlich nichts anderes sind, als das manifeste Leiden an der praktischen Unm&#246;glichkeit, dem Autonomiediktat nachzukommen. Es ist allerdings keinesfalls so, da&#223; diese uns so selbstverst&#228;ndlich gewordene Subjektform eine »anthropologische Konstante« w&#228;re, wie dies zumindest implizit meist unterstellt wird. Ganz im Gegenteil, es handelt sich dabei um ein <em>Spezifikum</em> einzig und allein der abendl&#228;ndischen Zivilisation, und es ist nur Ausdruck f&#252;r deren bornierten Eurozentrismus, da&#223; sie dies nicht wirklich wahrhaben will. Alle anderen nicht-warenf&#246;rmig konstituierten Gesellschaften und Kulturen kennen eine solche abstrakte Ich-Identit&#228;t genausowenig, wie sie die Welt dichotomisch in die Gegens&#228;tze von Subjekt und Objekt, Ratio und Sinnlichkeit, Geist und Natur, Stoff und Form etc. aufspalten. Wie Isolde Demele in ihrer Untersuchung »Abstraktes Denken und Entwicklung« (Frankfurt/M. 1988) feststellt, gibt es in dieser Hinsicht weit gr&#246;&#223;ere &#220;bereinstimmungen zwischen zeitlich und geographisch weit auseinanderliegenden »traditionalen Gesellschaften« als zwischen diesen und der westlich-warenf&#246;rmigen Kultur. So kennen beispielsweise »traditionale Gesellschaften« in der Regel keinen besonderen Ausdruck f&#252;r das Wort »Ich« oder »Du«, und dies gilt f&#252;r so unterschiedliche Sprachen wie das Vietnamesische, die Sprache der Hopi-Indianer oder die Bantu-Sprachen Ostafrikas.</p>
<p><a name="q1"></a>&#220;ber letzere schreibt Demele: »Die Einteilung der Substantive erfolgt nicht nach grammatikalischem Geschlecht, sondern nach Klassen, die Eigenschaften der Dinge und Lebewesen ausdr&#252;cken &#8211; belebt, unbelebt, gro&#223;, klein, doppelt vorhanden etc.. <em>Der Mensch wird in dieser Einteilung nicht als Besonderheit hervorgehoben, sondern kann in verschiedene Klassen eingereiht werden</em>. Z.B. werden Menschen mit Gebrechen in andere Klassen eingereiht als Menschen ohne Gebrechen, ebenso Namen von Personen mit einem besonderen Status, w&#228;hrend in der eigentlichen Klasse f&#252;r Personen auch Fl&#252;sse, einige Tiere und zahlreiche andere Substantive gruppiert werden. Ebenso wie in der Sprache der Vietnamesen und der Hopi-Indianer fehlen hier Verben wie &#8220;&#8221;sein&#8221; und &#8220;&#8221;haben&#8221; und werden durch Verbalisierung anderer Wortarten &#8230; ausgedr&#252;ckt. [...] <em>Ausdr&#252;cke, die f&#252;r Personalpronomina stehen, sind nicht abstrakte Bezeichnungen f&#252;r mit sich selbst identische Subjekte: das Wort &#8220;&#8221;mina&#8221; f&#252;r &#8220;&#8221;ich&#8221; bezeichnet die &#8220;&#8221;Person&#8221; die spricht &#8211; Person mu&#223; jedoch nicht ein Mensch sein, es kann ebensogut ein irrationales Wesen sein, Pflanzen, Unbelebtes, Fl&#252;ssigkeiten und vieles mehr</em>«(<a href="#1">1</a>).</p>
<p>Traditionale Gesellschaften haben das, was man eine Kollektiv- oder Gemeinschaftsidentit&#228;t nennen k&#246;nnte. Die Menschen definieren sich nicht als Einzelwesen in <em>Abgrenzung</em> zu anderen Einzelwesen, so wie wir dies gewohnt sind, sondern sie denken sich immer schon als Teil eines geschlossenen sozialen und religi&#246;s-kulturellen Ganzen. Wenn sie von sich sprechen, tun sie das immer in <em>Relation</em> zu ihrem Lebenszusammenhang, und dies ist der Grund daf&#252;r, da&#223; sie keine gesonderten abstrakten Ausdr&#252;cke f&#252;r die Bezeichnung des »Ich« und des »Du« ben&#246;tigen. Sie partizipieren an der kollektiven Selbstdefinition ihrer Stammesgemeinschaft, die im &#252;brigen ganz selbstverst&#228;ndlich nicht nur die Lebenden sondern, auch die Verstorbenen miteinschlie&#223;t.</p>
<p><a name="q2"></a><a name="q3"></a><a name="q4"></a>Wenn beispielsweise die nordwestamerikanischen Indianer vom Stamm der Tlingit beim Potlatsch-Ritual zu ihren G&#228;sten sagen: »Wir, die wir hier f&#252;r euch tanzen, sind nicht wirklich wir. Es sind unsere vor langem gestorbenen Onkel, die hier tanzen«(<a href="#2">2</a>) &#8211; wenn sie dies sagen, dann ist es durchaus w&#246;rtlich zu nehmen. Auch wenn die Tanzenden wissen, da&#223; es eine Differenz zwischen ihrer Person und der der »Onkels« gibt, so k&#246;nnen wir doch davon ausgehen, da&#223; sie sich nicht blo&#223; in deren »Rolle versetzen«, wie wir Modernen dies in einem Theaterst&#252;ck oder zur Untermalung einer Erz&#228;hlung tun w&#252;rden, sondern eine tiefere Identit&#228;t empfinden, die darin gr&#252;ndet, da&#223; die »Onkels« in allen Gegenst&#228;nden und Handlungen des Alltags gewisserma&#223;en pr&#228;sent sind.(<a href="#3">3</a>) Selbst die Produkte des t&#228;glichen Lebens, wie etwa die Nahrung, sind nicht einfach nur das Ergebnis der geistigen und k&#246;rperlichen Anstrengung dessen, der sie gejagt, gesammelt oder angepflanzt hat, auch hier hatten die Vorfahren ihre Hand mit im Spiel. So sagt etwa bei den Neukaledoniern der Ausrufer zu Beginn des zeremoniellen Festmahls, die Geister der Vorfahren lie&#223;en auf die Nahrung »die Wirkung ihres Tuns und ihre Kraft &#8230; herabfallen. [...] <em>Das Ergebnis der Handlung, die ihr vollzogen habt</em>, erscheint heute«(<a href="#4">4</a>).</p>
<p><a name="q5"></a><a name="q6"></a>Alle Gegenst&#228;nde entspringen dieser Vorstellung gem&#228;&#223; unmittelbar dem Wirken des Ganzen &#8211; ja, sie sind nicht einmal einfache »Dinge«, sondern selbst mit Leben erf&#252;llt.(<a href="#5">5</a>) So berichtet Marcel Mauss von den Tlingit-Indianern folgendes: »H&#228;user, Balken und ausgeschm&#252;ckte W&#228;nde &#8211; sie alle sind Lebewesen. Alles spricht: das Dach, das Feuer, die Schnitzereien und Malereien; denn das magische Haus wurde nicht allein von dem H&#228;uptling oder seinen Leuten oder den Leuten der entgegengesetzten Phratrie errichtet, sondern auch von den G&#246;ttern und Vorfahren; das Haus pers&#246;nlich empf&#228;ngt Geister und junge Initiierte oder speit sie aus«(<a href="#6">6</a>).</p>
<p><a name="q7"></a><a name="q8"></a>Der Kontrast zur b&#252;rgerlich-m&#228;nnlichen Ich-Subjektivit&#228;t k&#246;nnte kaum deutlicher sein.(<a href="#7">7</a>) Obwohl das b&#252;rgerliche Individuum nat&#252;rlich auch durch und durch <em>von seinem gesellschaftlichen Fetischzusammenhang konstituiert ist</em> &#8211; nicht anders als die Tlingit oder die Neukaledonier &#8211; , definiert es sich selbst nicht in der <em>Identifikation</em> mit diesem, sondern in der <em>Abgrenzung</em> davon. Gerade darin erweist es sich allerdings paradoxerweise als damit identisch. Es stellt den realen Konstitutionszusammenhang auf den Kopf und betrachtet sich selbst als das Apriori, als ein vor jeglicher Gesellschaftlichkeit existierendes Wesen. Die Gesellschaft dagegen erscheint der modernen Ich-Subjektivit&#228;t als eine <em>ihrem Wesen nach abgeleitete Struktur</em>, auch wenn diese jedem Einzelnen <em>empirisch</em> vorausgesetzt ist, insofern er sie bereits vorfindet, wenn er geboren wird.(<a href="#8">8</a>) Seinen H&#246;hepunkt findet dies in der weiterbreiteten Vorstellung, man k&#246;nnte jederzeit in eine andere Gesellschaft oder Kultur hin&#252;berwechseln, wenn man nur wollte.</p>
<p><a name="q9"></a>Diese Selbstdefinition als ein dem Vergesellschaftungszusammenhang vorausgesetztes abstraktes »Ich«, so sehr sie uns als selbstverst&#228;ndlich erscheinen mag, ist aber in h&#246;chstem Ma&#223;e absurd. Mehr noch, sie ist in sich leer oder, was dasselbe ist, tautologisch. Das »Ich« definiert sich &#252;ber sich selbst, setzt also das bereits voraus, was eigentlich zu erkl&#228;ren w&#228;re: »Ich denke, also bin ich« oder, in der Version des modernen Alltagsverstandes: »Ich bin Ich«. Es liegt im Wesen der abstrakten Ich-Identit&#228;t, da&#223; sie sich v&#246;llig selbstverst&#228;ndlich als das universelle Modell menschlicher Subjektivit&#228;t schlechthin definiert.(<a href="#9">9</a>) Betrachten wir sie jedoch als das, was sie realiter ist, n&#228;mlich als <em>Sonderfall in der Menschheitsgeschichte</em>, dann m&#252;ssen wir uns die Frage stellen, was denn diesem <em>h&#246;chst eigenartigen menschlichen Selbstverst&#228;ndnis </em>zugrunde liegt.</p>
<h4>2. Wertform und abstrakte m&#228;nnliche Ich-Identit&#228;t</h4>
<p>Wir k&#246;nnen diese Frage beantworten, wenn wir uns der Keimzelle der b&#252;rgerlichen Gesellschaft zuwenden, dem Wert oder der Ware. Aus der Perspektive der herrschenden positivistischen Sozialwissenschaft ebenso wie aus der des klassischen Marxismus handelt es sich dabei um eine blo&#223;e »&#246;konomische Kategorie«, und diese h&#228;tte demnach mit dem Problem, das uns hier besch&#228;ftigt, dem der Subjektivit&#228;t und der Geschlechterdichotomie n&#228;mlich, nicht viel zu tun. Tats&#228;chlich aber ist die Wert- oder Warenform weit mehr als dies. Sie ist eine Art und Weise, wie Menschen miteinander in Beziehung treten, ein <em>Formprinzip</em>, eine <em>Basisstruktur</em>, die allen sozialen Kategorien und jedem menschlichen Agieren in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft immer schon vorausgesetzt ist. Indem sie den gesellschaftlichen Zusammenhang in lauter konkurrierende K&#228;ufer-, Verk&#228;ufer- und Arbeitsmonaden zerrei&#223;t, konstituiert sie ein »sachliches Verh&#228;ltnis der Personen« und »ein gesellschaftliches Verh&#228;ltnis der Sachen« (Marx).</p>
<p><a name="q10"></a>Als Basisstruktur ist die Wertform nat&#252;rlich nicht einfach empirisch fa&#223;bar wie etwa ein Federhalter, eine Babywindel oder ein Wiener Schnitzel. Sie ist in den Dingen und vor allem in den Menschen selbst und ihren Beziehungen untereinander gewisserma&#223;en unsichtbar vergegenst&#228;ndlicht &#8211; unsichtbar auch deshalb, weil sie uns so selbstverst&#228;ndlich geworden, so sehr in Fleisch und Blut &#252;bergegangen ist, da&#223; wir sie normalerweise einfach nicht mehr wahrnehmen. Es f&#228;llt aber sofort auf, da&#223; die abstrakte Ich-Identit&#228;t des b&#252;rgerlichen Subjekts die Wert- oder Warenform reflektiert. Der Wert oder sein dinglicher Repr&#228;sentant, das Geld, hat an sich selbst keine Qualit&#228;t, besitzt nichts Stoffliches oder Konkretes; seinem Wesen nach ist er reine abstrakte Quantit&#228;t, und diesem Wesen entspricht ein <em>tautologischer Selbstbezug</em>(<a href="#10">10</a>) &#8211; als qualit&#228;tslose Quantit&#228;t findet das Geld einen »Sinn« nur darin, da&#223; es sich unendlich und rastlos vermehrt, aus Geld mehr Geld macht. Gerade wegen seiner Inhaltsleere kann sich der Wert aber jedes beliebigen Stoffs bedienen. Mehr noch: er <em>kann</em> nicht nur, er <em>mu&#223;</em> dies sogar tun, denn um sich in der sinnlichen Wirklichkeit reproduzieren zu k&#246;nnen, ist er auf stoffliche Tr&#228;ger angewiesen. Diese sind ihm aber immer blo&#223; Mittel; jeglichem <em>bestimmten</em> Inhalt oder Zweck gegen&#252;ber verh&#228;lt sich der Wert gleichg&#252;ltig. Die Bewegung findet um der Verwertung willen oder &#8211; was dasselbe ist &#8211; um der Bewegung willen statt. Und es ist diese Gleichg&#252;ltigkeit gegen&#252;ber jeglichem Stofflich-Sinnlichen, die dem Wert jene unheimliche Kraft verliehen hat, alle traditionellen Gemeinwesen aufzul&#246;sen und seinem abstrakten Vernutzungsdiktat zu unterwerfen.</p>
<p><a name="q11"></a><a name="q12"></a>Es sind vor allem Untersuchungen von Alfred Sohn-Rethel und Rudolf Wolfgang M&#252;ller(<a href="#11">11</a>) gewesen, die den logisch-historischen Zusammenhang zwischen der Herausbildung des Geldes in der griechischen Antike und der Genesis von abstraktem Denken (in Form von Philosophie und Logik) und b&#252;rgerlicher Ich-Identit&#228;t aufgezeigt haben. Allerdings blieb bei ihnen die Frage nach der <em>geschlechtlichen Besetzung</em> dieser Denk- und Bewu&#223;tseinsformen ausgeblendet. Doch ist es kein Zufall, da&#223; neben dem Prototyp des b&#252;rgerlichen Individuums auch die abendl&#228;ndischen Geschlechterstereotype ihren Ursprung in den antiken Anf&#228;ngen der Warengesellschaft haben, und da&#223; die Bestimmungen des m&#228;nnlichen Geschlechtscharakters &#8211; Leistungsfetischismus, Rationalismus, H&#228;rte etc. &#8211; sich so haargenau mit den Anforderungen decken, die der kapitalistische Zusammenhang an die Konkurrenzsubjekte stellt. So wenig die abstrakte Ich-Subjektivit&#228;t des westlichen Individuums interkulturelle G&#252;ltigkeit hat, so wenig ist sie derart geschlechtsneutral, wie sie sich geriert. Im Gegenteil: gerade der Schein von Geschlechtsneutralit&#228;t, der dem Geld und der von ihm konstituierten Subjektivit&#228;t anhaftet, ist Ausdruck einer ganz spezifischen Unterordnung der als »weiblich« definierten menschlichen Anteile, die nicht in der Logik der Warenwelt aufgehen. Der Aufschwung von abstraktem Denken und abstrakter Ich-Identit&#228;t geht Hand in Hand mit der Verdr&#228;ngung und Unterdr&#252;ckung von Sinnlichkeit, und wo der Mann sich von nun an als Inkarnation des Geistes begreift, da zwangsdefiniert er die Frau zum minderbemittelten Naturwesen.(<a href="#12">12</a>)</p>
<p>Abendl&#228;ndische »M&#228;nnlichkeit« und »B&#252;rgerlichkeit« sind also eins, oder anders ausgedr&#252;ckt: das b&#252;rgerliche Individuum ist seiner Grundstruktur nach »m&#228;nnlich« definiert. Wie das Geld in seiner tautologischen Selbstbewegung der Akkumulation abstrakter Quantit&#228;t scheinbar unabh&#228;ngig von jeglicher Stofflichkeit ist, so erliegt auch das m&#228;nnlich-b&#252;rgerliche Subjekt dem Wahn, als reine abstrakte Geist- oder Arbeitsmonade abgetrennt von seiner verleugneten Sinnlichkeit existieren zu k&#246;nnen. Und wie das Geld, gerade weil es von jeglicher Qualit&#228;t abstrahiert, der stofflich-sinnlichen Wirklichkeit Gewalt antut, indem es diese zum beliebigen Material seiner Selbstverwertung degradiert, so liegt auch im Autarkie- und Subjektwahn des m&#228;nnlichen Geistes der Schl&#252;ssel zu aller Gewaltt&#228;tigkeit des abendl&#228;ndischen Patriarchats.</p>
<p>Die m&#228;nnlich-b&#252;rgerliche Subjektivit&#228;t ist im doppelten Sinne negativ. Negativ, weil sie nur in der Abgrenzung »Ich« zu sagen wei&#223;, also an sich selbst leer ist, und negativ, weil diese Leere um den Preis von Gewaltt&#228;tigkeit und Destruktivit&#228;t erkauft wird. Diese Gewaltt&#228;tigkeit richtet sich sowohl nach innen, in der Zurichtung und Entsinnlichung des eigenen Ichs, als auch und vor allem nach au&#223;en, als Unterdr&#252;ckung und Zerst&#246;rung des mit dem Verdr&#228;ngten identifizierten »Weiblichen« und »Nat&#252;rlichen« (einschlie&#223;lich der als solche definierten »Naturv&#246;lker«). Schlie&#223;lich aber findet sie auch im Kampf des Jeder-gegen-jeden der m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Subjekte untereinander ihren allgegenw&#228;rtigen Ausdruck.</p>
<p>Diese strukturelle Gewaltt&#228;tigkeit ist nicht dadurch aufgehoben, da&#223; sie sich »zivilgesellschaftlich« domestiziert gibt. In den geordneten Bahnen staatlich &#252;berwachter und regulierter Marktkonkurrenz lebt sie nicht nur mit unverminderter H&#228;rte fort, erst hier findet sie die ihr ad&#228;quate Form. Schon die gewaltige Dynamik, die die b&#252;rgerliche Gesellschaft entfaltet, verweist auf den best&#228;ndigen Kampf mit dem Verdr&#228;ngten. Allerdings kann sie die Gewaltt&#228;tigkeit nicht als ihr ureigenstes Wesen anerkennen, ohne sich selbst in Frage zu stellen, und daher definiert sie diesen Kampf in die Domestizierung einer angeblich urspr&#252;nglichen menschlichen Wildheit um. Dies erkl&#228;rt auch den missionarischen Eifer, mit dem die b&#252;rgerlich-m&#228;nnlichen Subjekte ihre »zivilisatorische Mission« vorangetrieben haben. Wo die b&#252;rgerliche Vergesellschaftung als die zwar nicht perfekte, dennoch aber einzig m&#246;gliche Form erscheint, die Menschheit in den Zustand der Friedfertigkeit und Humanit&#228;t zu &#252;berf&#252;hren, rechtfertigt sich auch schon mal die Ausrottung derjenigen, die dies partout nicht einsehen wollen.</p>
<p>Doch wie labil dieses Selbstbild ist und wie m&#228;chtig der brodelnde Untergrund, erweist sich auf furchterregende Art und Weise gerade jetzt, wo die Risse im Fundament der kapitalistischen Normalit&#228;t un&#252;bersehbar werden. Pl&#246;tzlich lugt das m&#252;hsam Verdr&#228;ngte wieder an allen Ecken und Enden hervor, und geradezu hysterisch wehrt sich die b&#252;rgerlich-m&#228;nnliche Vernunft (ganz besonders in der Gestalt demokratisch bekehrter Altlinker) gegen die Einsicht, da&#223; sie es hier mit sich selbst zu tun bekommt. In ihrer hartn&#228;ckig verteidigten Lebensl&#252;ge kommen die Gewaltausbr&#252;che nat&#252;rlich immer nur von den »anderen«, n&#228;mlich von relig&#246;sen oder nationalistischen Fanatikern, Gesch&#228;digten des Realsozialismus oder pubertierenden Jugendlichen, die unzureichend demokratisch sozialisiert worden sind und noch zur »Vernunft« gebracht werden m&#252;ssen. Aber genau diese »Vernunft«, die freischwebende Rationalit&#228;t des abendl&#228;ndischen Mannes, ist die eigentliche Quelle des &#220;bels. Insofern sind die gegenw&#228;rtigen Gewaltausbr&#252;che nicht einem Zuwenig, sondern einem Zuviel an abstrakter »Vern&#252;nftigkeit« und »Aufkl&#228;rung« geschuldet.(<a href="#13">13</a>) Sie verweisen auf das Irrewerden der M&#228;nnlichkeit an sich selbst.</p>
<h4>3. Die m&#228;nnliche Hegemoniestruktur</h4>
<p><a name="q14"></a><a name="q15"></a><a name="q16"></a><a name="q17"></a>Die reflektiertere M&#228;nnlichkeitskritik erkl&#228;rt die Geschlechterhierarchie in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft nicht als Produkt des blanken m&#228;nnlichen Herrschaftswillens, sondern geht von einer gesellschaftlichen Struktur aus, die den einzelnen M&#228;nnern vorausgesetzt ist und auch gegen deren individuelles Wollen wirksam wird.(<a href="#14">14</a>) Mehr noch: Diese Struktur, so wird zu recht festgestellt, wirkt nicht nur Frauen gegen&#252;ber gewaltsam, sondern zw&#228;ngt auch die M&#228;nner in einen Panzer, wiewohl sich diese »binnenstrukturell« in einer insgesamt superioren Position befinden. Walter Hollstein dr&#252;ckt es in seinem Buch <em>Nicht Herrscher, aber kr&#228;ftig</em> folgenderma&#223;en aus: »Es gibt den Mann als Individuum in seiner konkreten Pers&#246;nlichkeit, und es gibt die m&#228;nnliche Hegemonie in ihrer gesellschaftlichen Allgemeinheit. <em>Der Mann als Individuum ist dabei der m&#228;nnlichen Hegemonie als historisch gewachsenem Prinzip unterworfen</em>«(<a href="#15">15</a>). &#220;ber die Entstehung der »gesellschaftlichen Superstruktur« (Hollstein) m&#228;nnlicher Pr&#228;dominanz werden dabei die unterschiedlichsten Spekulationen angestellt. Sehr beliebt ist es, sie aus der Funktionsteilung in der »Urgesellschaft« herzuleiten, die den M&#228;nnern den Part von J&#228;gern und Kriegern zugewiesen habe(<a href="#16">16</a>); parallel oder erg&#228;nzend dazu wird auch gerne die These vom angeblichen und quasi-ontologischen Geb&#228;rneid der M&#228;nner aufgestellt. Wie auch immer aber diese Mutma&#223;ungen im einzelnen aussehen m&#246;gen(<a href="#17">17</a>), fast durchg&#228;ngig verorten sie den Ursprung der bestehenden Geschlechterhierarchie in einer unergr&#252;ndlichen grauen Vorzeit und k&#246;nnen jedenfalls keinerlei konstitutiven Zusammenhang zwischen dieser und der wertf&#246;rmigen Basis der b&#252;rgerlichen Gesellschaft ausmachen. <a name="q18"></a>Das System der m&#228;nnlichen Hegemonie erscheint als der Wertvergesellschaftung vorausgesetzt, als bestenfalls von ihr &#252;berlagert und in einem blo&#223; &#228;u&#223;erlichen Zusammenhang mit ihr stehend. Irgendwann und irgendwie sei es in der »Urgesellschaft« entstanden, habe sich dann von Generation zu Generation tradiert und dabei aus einer Art innerer Selbstbest&#228;tigung heraus immer weiter verfestigt. Lassen wir noch einmal Walter Hollstein zu Wort kommen: »Wir m&#252;ssen davon ausgehen, da&#223; es ein gesellschaftliches Ganzes gibt, das f&#252;r M&#228;nner und Frauen entsprechend ihren jeweiligen sozialen Positionen spezifische Handlungsanweisungen bereith&#228;lt. Dieses Ganze hat sich <em>im Laufe der Geschichte gefestigt</em> und einstmals pers&#246;nliche Abh&#228;ngigkeiten durch &gt;Sachzw&#228;nge&lt; ersetzt, also objektiviert«(<a href="#18">18</a>).</p>
<p><a name="q19"></a>Hollstein (der hier exemplarisch f&#252;r viele andere steht) wirft dabei zwei Problemebenen durcheinander, die analytisch klar unterschieden werden m&#252;ssen. Zum einen die Tatsache, <em>da&#223;</em> alle bisherigen menschlichen Kulturen fast durchg&#228;ngig <em>irgendeine</em> Art sozialer Konstrukte von Geschlechtlichkeit hervorgebracht haben, und zum anderen die <em>spezifische Form</em> dieser Konstrukte in der b&#252;rgerlich-warenf&#246;rmigen Gesellschaft. Diese Unterscheidung zu machen, daf&#252;r spricht schon rein empirisch, da&#223; die geschlechtlichen Zuschreibungen interkulturell sehr unterschiedlich und teilweise sogar kontr&#228;r ausfallen, und keinesfalls immer auch eine Geschlechterhierarchie konstituieren. Allerdings zeugt die Tatsache, da&#223; <em>&#252;berhaupt</em> soziale Kategorisierungen an einem prim&#228;ren biologischen Merkmal festgemacht und dann als nat&#252;rlich oder quasi-nat&#252;rlich angesehen werden, davon, da&#223; alle bisherigen Gesellschaften nie an den Punkt gelangt sind, sich bewu&#223;t und selbstreflexiv zu sich selbst zu verhalten. In dieser Hinsicht stellt auch die b&#252;rgerliche Gesellschaft, entgegen ihrem eigenen »aufgekl&#228;rten« Selbstverst&#228;ndnis, keine Ausnahme dar. Sie ist zun&#228;chst einmal nicht mehr als eine bestimmte Form von Fetischismus, insofern den Menschen die Produkte ihres eigenen Kopfes als »zweite Natur« gegen&#252;bertreten und sie beherrschen(<a href="#19">19</a>), und doch unterscheidet sie sich von den ihr vorangegangenen Fetischismen auch in bezug auf das Geschlechterverh&#228;ltnis. Damit ist kein Werturteil ausgesprochen, auch wenn die Selbstdistanz, die die Warenform produziert, eine Aufhebung des Zustandes der gesellschaftlichen Bewu&#223;tlosigkeit in den Bereich des M&#246;glichen r&#252;ckt. Auf jeden Fall m&#252;ssen aber die Spezifika der warenf&#246;rmigen Konstellation klar erkannt werden, wenn wir uns der Aufgabe stellen wollen, sie aus den Angeln zu heben. Das (im &#252;brigen sehr aufkl&#228;rerische) evolutionistische Weltbild, wie es uns beispielsweise Hollstein vorf&#252;hrt, verkennt die Br&#252;che innerhalb der fetischistischen Kontinuit&#228;t der, wie Marx es ausdr&#252;ckt, »menschlichen Vorgeschichte«. In ihm l&#228;uft alles, im Positiven wie im Negativen, auf den b&#252;rgerlichen Endzustand hinaus, weshalb dieser letztlich auch unaufhebbar scheint und bestenfalls »reformiert« werden kann.</p>
<p><a name="q20"></a>Die »m&#228;nnerbewegte« Selbstkritik der M&#228;nnlichkeit (ebenso &#252;brigens wie der gr&#246;&#223;te Teil des feministischen Diskurses) mogelt sich um das Problem herum, den konstitutiven Zusammenhang zwischen warenf&#246;rmiger Basisstruktur und b&#252;rgerlicher Geschlechterdichotomie zu bestimmen. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, wenn ihr die abstrakte Ich-Identit&#228;t des m&#228;nnlichen Individuums zumindest implizit als geschlechtsneutral erscheint. Die b&#252;rgerliche Subjektform wird so behandelt, als sei sie nicht schon <em>per se m&#228;nnlich</em>, sondern blo&#223; <em>einseitig-m&#228;nnlich</em> besetzt. W&#228;hrend sich die Kritik zwar gegen die verschiedenen Attribute von M&#228;nnlichkeit (Coolnes, Panzer-Ich etc.) richtet, verschont sie systematisch den abstrakten Ich-Kern, der offenbar als ontisches Apriori des Menschseins &#252;berhaupt vorausgesetzt wird. Insofern ist es auch nur konsequent, da&#223; es letztlich als eine Angelegheit des blo&#223;en Wollens erscheint, ob sich die m&#228;nnlich &#252;berformten Ichs f&#252;r oder gegen ihre einseitige Geschlechtsdeterminiertheit entscheiden. Wenn sie es nicht tun, dann deshalb, weil sie um den Verlust ihrer Hegemonieposition f&#252;rchten: »Die etablierten M&#228;nner &#8230; behindern bzw. blockieren in ihrer Angst vor Machtverlust die notwendige m&#228;nnliche Ver&#228;nderung. [...] Eingefahrene Muster lassen die(se) M&#246;glichkeiten des Lebensgewinns und des Zuwachses an Lebensqualit&#228;t, die Chance einer &#220;berwindung des m&#228;nnlichen &gt;Halbmenschentums&lt; (H.E. Richter) nicht wahrnehmen. Die Angst vor Machtverlust wirkt st&#228;rker«(<a href="#20">20</a>).</p>
<p>Nat&#252;rlich ist im Zeitalter der Therapiegesellschaft niemand mehr so naiv, zu meinen, die geschlechtliche Konstituiertheit lie&#223;e sich per einfachen Willensentscheid ablegen wie eine Unterhose. Das aufgekl&#228;rte sp&#228;tkapitalistische Individuum wei&#223;, da&#223; die Geschlechterstereotype in der kulturellen, sozialen und &#246;konomischen Organisation der Gesellschaft objektiviert sind, und da&#223; es die eigene psycho-sexuelle Identit&#228;t tief internalisiert hat. Doch auch wenn deshalb der Proze&#223; der Emanzipation langwierig sein kann und viel individuelle Anstrengung erfordern sollte, traut es sich doch zu, seinen Ich-Kern aus der Umklammerung der patriarchalen Strukturen zu befreien. Die Entwicklung der letzten Jahre und Jahrzehnte, die alle bisherigen Selbstverst&#228;ndnisse geschlechtlicher Rollenverteilung in Frage gestellt hat, best&#228;tigt das kritische Bewu&#223;tsein noch in dieser Auffassung. Beweist dies nicht, da&#223; die Subjekte sich gegen&#252;ber der Gewalt der patriarchalen Strukturen behaupten k&#246;nnen? Wenn das moderne Individuum zwischen den verschiedensten gesellschaftlichen Angeboten und Funktionen hin- und herwechselt, ja sich geradezu &#252;ber seine Beweglichkeit und Flexibilit&#228;t definiert, kann es dann nicht auch die Geschlechterschranke &#252;berspringen?</p>
<p>Der ebenso alte wie unfruchtbare Streit dar&#252;ber, ob die gesellschaftlichen Strukturen das Subjekt total determinieren oder nicht, scheint damit prinzipiell zugunsten des Subjekts entschieden. So m&#228;chtig die Strukturen auch sein m&#246;gen, lautet der Befund, die Autonomie des Subjekts bleibt erhalten (die dazugeh&#246;rige resignative Stammtischweisheit hei&#223;t: Die meisten Menschen sind einfach zu bequem). Der Streit zwischen »Strukturalisten« und den Verteidigern des Subjekts bewegte sich jedoch immer schon in einem Scheingegensatz, denn beide Seiten setzten stillschweigend die Dichotomie von Willenssubjekt einerseits und gesellschaftlicher Struktur andererseits voraus. Tats&#228;chlich verweist aber gerade diese <em>Autonomie oder der abstrakt-freie Wille der (m&#228;nnlichen) Subjekte</em> auf das <em>Wesen der warenf&#246;rmigen Vergesellschaftung</em>; und insofern spricht die Beweglichkeit der modernen Individuen gegen&#252;ber den einzelnen Bestimmungen ihrer Existenz <em>nicht gegen</em>, <em>sondern f&#252;r</em> das Wirken einer ihnen vorausgesetzten und nicht mehr hinterfragten sozialen Struktur. Man k&#246;nnte sogar pointiert sagen, da&#223; diese Beweglichkeit, die die rastlose tautologische Selbstbewegung des Werts in seinem unstillbaren Drang nach Verwertung reflektiert, die Struktur <em>ist</em> .</p>
<p>Diese »Beweglichkeit« ist allerdings ihrer inneren Logik nach m&#228;nnlich. Und zwar in dem doppelten Sinne, da&#223; es die Beweglichkeit der m&#228;nnlichen Subjekte ist und da&#223; sie auf das Spektrum der Wahlm&#246;glichkeiten innerhalb des m&#228;nnlichen Universums bezogen bleibt. Innerhalb dieses Universums erscheint alles als machbar, vorausgesetzt, die notwendige Willenskraft und eine gewisse Hartn&#228;ckigkeit sind vorhanden. Gerade weil sich die Individuen blo&#223; &#252;ber einen abstrakten Ich-Kern definieren, verm&#246;gen sie sich prinzipiell von ihrer jeweils bestimmten Existenz zu distanzieren. Sie k&#246;nnen sich dieses »Ich« ausgestattet mit den unterschiedlichsten Attributen und in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Rollen und Funktionen vorstellen; und auch wenn sie diesen Flexibilit&#228;ts- und Machbarkeitswahn h&#228;ufig blo&#223; in Tagtr&#228;umereien oder in den Scheinwelten der Freizeitindustrie ausleben, ist er nichtsdestoweniger bewu&#223;tseinskonstituierend.</p>
<p><a name="q21"></a>Das offene Geheimnis der m&#228;nnlichen Beweglichkeit ist allerdings die darauf bezogene weibliche Anpassungsf&#228;higkeit und -willigkeit. Die Frau stellt in dieser Konstellation den ruhenden Pol, die »Erdung« dar. Sie bewegt sich nicht aus sich selbst heraus, sondern nur in bezug auf die »Selbstverwirklichung« oder, wie es Georg Simmel ausdr&#252;ckte, auf die »Selbstent&#228;u&#223;erung« des Mannes: »Wir empfinden die Frau nicht so sehr unter der Idee des Werdens, als der des Seins &#8211; so unbestimmt und nur von fernher andeutend dieser Begriff auch sei. Aber das Einheitliche, Naturhafte, In-sich-Gesammelte, wodurch das weibliche Wesen sich vom m&#228;nnlichen abhebt, findet wohl so seine abstrakteste Kategorie. Seinen &gt;Gegenentwurf&lt; aber, und damit jene Balance der allgemein menschlichen Existenz, findet es in dem Charakter der weiblichen T&#228;tigkeitsinhalte: die ein Verflie&#223;endes und dem einzelnen Hingegebenes sind, ein mit der Forderung des Augenblicks Werdendes und Vergehendes, nicht ein Bauen an einer in irgendeinem Sinn bleibenden, &#252;berpersonalen Kulturwelt, <em>sondern ein Dienen an den Tagen und an den Personen, die diesen Bau sich erheben lassen</em>«(<a href="#21">21</a>).</p>
<p>Nat&#252;rlich ist hier zun&#228;chst einmal nur das idealtypische Bild des b&#252;rgerlichen Geschlechterverh&#228;ltnisses beschrieben. Doch welche Relevanz dieses Bild in der sozialen Wirklichkeit hatte und zum Teil noch immer hat, zeigt sich schon daran, da&#223; das von Simmel harmonistisch verkl&#228;rte Gleichgewicht gr&#252;ndlich aus den Fugen geraten ist, seit die Frauen den universalistisch-geschlechtsneutralen Anspruch des b&#252;gerlich-m&#228;nnlichen Subjektbegriffs gewisserma&#223;en beim Wort nehmen und den Subjektstatus auch f&#252;r sich reklamieren. Mit einem Mal wird die »Beweglichkeit« an sich selbst irre, denn ohne die Grundlage des »weiblichen Seins« verliert sie den Halt. Der Wechsel zwischen den Geschlechterpolen war im verborgenen Drehbuch der b&#252;rgerlichen Subjektform nicht vorgesehen, und wenn er nun partiell praktiziert wird, dann hei&#223;t dies nichts anderes, als da&#223; diese Subjektform selbst in eine fundamentale Krise geraten ist. W&#228;hrend die Frauen in ihrer &#252;bergro&#223;en Mehrheit nie richtig in sie hineinkommen, weil niemand da w&#228;re, der f&#252;r ihre »Erdung« sorgen w&#252;rde, geraten die M&#228;nner ins Schleudern, weil ihnen der weibliche R&#252;ckhalt verlorengeht.</p>
<h4>4. Narzi&#223;tische Ganzheitlichkeitsphantasien und die R&#252;ckkehr des Mannes</h4>
<p><a name="q22"></a><a name="q23"></a>Die »m&#228;nnerbewegte« M&#228;nnlichkeitskritik hat die Tiefendimension dieser Entwicklung bisher nicht erkannt. Das Br&#252;chigwerden der m&#228;nnlichen Identit&#228;t dechiffriert sie keinesfalls als Krise der b&#252;rgerlichen Subjektform &#252;berhaupt, es erscheint ihr vielmehr als Schritt in Richtung auf ein »ganzheitliches« und nicht mehr »m&#228;nnlich halbiertes« Ich. Die von vielen Autoren v&#246;llig zu recht ge&#252;bte Kritik am Autonomiewahn des m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Individuums erweist sich so letztlich als halbherzig, denn zwar betont sie immer wieder, da&#223; die Autarkie oder Autonomie des Mannes blo&#223;er Schein ist, weil nur auf dem R&#252;cken der Frauen m&#246;glich, doch stellt sie in der Regel die zugrundeliegende abstrakte Ich-Identit&#228;t selbst nicht in Frage. Stattdessen erhebt sie den Anspruch, an die Stelle der »blo&#223; scheinbaren« nun die »wirkliche«, »entfaltete« Autonomie zu setzen, die nicht mehr mit dem Makel der einseitigen Geschlechtlichkeit behaftet w&#228;re. Die M&#228;nner m&#252;&#223;ten demzufolge damit beginnen, sich ihre »weiblichen Anteile« anzueignen und sich auf diese Weise vom »verkr&#252;ppelten« zum »ganzen« oder »vollen« Menschen zu entwicklen; sie m&#252;&#223;ten sich aus der emotionalen Abh&#228;ngigkeit von der Frau l&#246;sen, sich vom Angewiesensein auf die weibliche F&#252;rsorge emanzipieren, sich gewisserma&#223;en selbst »erden«. Erst aus dieser Position der »wirklichen Autonomie« heraus w&#228;ren sie dann auch in der Lage, Beziehungen von Mensch zu Mensch einzugehen, und zwar sowohl zu Frauen als auch untereinander: »Die bewu&#223;te Hinwendung des Mannes zu seiner Anima erlaubt ihm seine menschliche Ganzheit. Spaltet er hingegen seine weiblichen Seiten von sich ab, ger&#228;t er in eine einseitige Entwicklung von Maskulinit&#228;t, die ihn l&#228;hmt und vor allem einengt. Indem er das weibliche Prinzip aus sich verbannt und nur noch das maskuline lebt, schlie&#223;t er sich selber in einen <em>M&#228;nnlichkeitspanzer</em> ein«(<a href="#22">22</a>). Und weiter: »Indem der ver&#228;nderte Mann um seine Anima wei&#223;, mu&#223; er sie nicht mehr in Frauen suchen, immer unterwegs, um seine Bilder zu finden. Er kann sich vielmehr offen der Frau als Partnerin zuwenden, weil er nun <em>seine eigene Weiblichkeit selber zu leben vermag und sie nicht mehr unbewu&#223;t projizieren mu&#223;</em>«(<a href="#23">23</a>).</p>
<p><a name="q24"></a><a name="q25"></a>Fast versteht es sich von selbst, da&#223; die »wirkliche Autonomie« als von allen negativen Seiten der derzeitigen M&#228;nnlichkeit befreit imaginiert wird. Ganz dem Muster des b&#252;rgerlichen Verwirklichungsdenkens gem&#228;&#223;, sucht die g&#228;ngige M&#228;nnlichkeitskritik das &#220;bel nicht im Autonomieideal selbst, sondern blo&#223; in dem, was dessen »inkonsequente« oder »unvollst&#228;ndige« Umsetzung genannt werden k&#246;nnte; das Subjekt w&#228;re so noch einmal &#252;ber die Runden gerettet. Der von seiner Einseitigkeit befreite Mann, der sich »um die Kr&#228;fte seiner inneren Weiblichkeit (&gt;Anima&lt;) erg&#228;nzt«(<a href="#24">24</a>), ist jedenfalls ein durch und durch sympathischer Geselle: »Dieser Mann versteht sich nicht mehr als Einzelk&#228;mpfer, der sich r&#252;cksichtslos gegen andere durchsetzt; vielmehr wei&#223; er um seine grunds&#228;tzliche Eingebundenheit in gr&#246;&#223;ere Zusammenh&#228;nge von Natur und Gesellschaft. Das l&#228;&#223;t ihn dem&#252;tig werden. Von daher zeigt er Respekt und Sorge f&#252;r die Umwelt; er f&#252;hlt sich verantwortlich f&#252;r sich und die anderen und vermag tragende Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen«(<a href="#25">25</a>).</p>
<p><a name="q26"></a>Es ist diese Vision des »neuen Mannes«, die der starken Betonung von »Selbstver&#228;nderung« in »m&#228;nnerbewegten« Kreisen zugrundeliegt.(<a href="#26">26</a>) Doch obschon die intensive Besch&#228;ftigung mit der eigenen psycho-sexuellen Strukturiertheit tats&#228;chlich der traditionellen M&#228;nnlichkeit entgegenl&#228;uft und insofern durchaus positiv ist, so mu&#223; schon allein die Verbissenheit, mit der sie zumeist betrieben wird, stutzig machen. Der Verdacht liegt nahe, da&#223; hier die narzi&#223;tische &#220;berh&#246;hung der b&#252;rgerlichen Subjektivit&#228;t lediglich aus der Sph&#228;re der &#214;ffentlichkeit in die der Privatheit hineinverlagert wird. Der m&#228;nnliche Gr&#246;&#223;enwahn feiert sich so &#8211; kritisch gewendet &#8211; nicht mehr in den oberen Etagen der Konzerne, sondern in der therapeutischen Ersatz-Intimit&#228;t der Selbsterfahrungsgruppe. Weltver&#228;ndernden Gro&#223;projekten hat der reflektierte Mann abgeschworen, nur um <em>sich selbst</em> zu einem einzigen lebensl&#228;nglichen, gro&#223;en Projekt umzudefinieren. Nichts ist ihm offenbar so sehr in Fleisch und Blut &#252;bergegangen als der Glaube an die unendliche Kraft des eigenen Ichs. In seinem Drang, die Subjektautonomie doch noch zu retten, schl&#228;gt er einen halsbrecherischen Salto mortale, der ihn noch in der Selbstkritik wieder auf sich selbst zur&#252;ckwirft.<a name="q27"></a> Nolens volens bekommt die M&#228;nnlichkeitskritik so eine affirmative Schlagseite, denn die Phantasien von »individueller Ganzheitlicheit« implizieren auch, da&#223; die b&#252;rgerliche Geschlechterpolarit&#228;t strukturell unaufhebbar ist. Teils versch&#228;mt zur&#252;ckhaltend, teils offensiv definieren daher auch die meisten Autoren die warenf&#246;rmig konstituierten Geschlechtscharaktere zu quasi-ontologischen »weiblichen« und »m&#228;nnlichen Prinzipien« um, die nicht aufgehoben, sondern nur innerhalb der m&#228;nnlichen und weiblichen Individuen &#252;berbr&#252;ckt werden k&#246;nnen. Ziel der »Selbstfindung« ist es gewisserma&#223;en, die Mischungsverh&#228;ltnisse der beiden »Prinzipien« in den Einzelnen zu korrigieren, indem sich die M&#228;nner ihre »weiblichen« und die Frauen ihre »m&#228;nnlichen Anteile« st&#228;rker als bisher aneignen.(<a href="#27">27</a>)</p>
<p><a name="q28"></a>Die rationalistische Strukturiertheit des m&#228;nnlich-b&#252;rgerlichen Subjekts l&#228;&#223;t sich aber nicht im abstrakten Ich selbst aufheben, denn sie macht sein innerstes Wesen aus. Mit Descartes&#8217;: »Ich denke, also bin Ich« ist das erste und letzte Wort &#252;ber das b&#252;rgerlich-m&#228;nnliche Subjekt gesprochen. Nur in dieser Abgrenzung als rationales Wesen gegen&#252;ber dem, was ihm als Nat&#252;rlichkeit und Triebhaftigkeit erscheint, ist das Ich als Ich lebensf&#228;hig. &#220;ber die <em>blo&#223;e Existenz</em> kann es sich nicht definieren, ohne jede Kontur und damit jeglichen Halt in sich selbst zu verlieren. Wo es die rationalistische Selbstdefinition nicht mehr ertr&#228;gt, da ist das abstrakte Ich bereits in die entscheidende Krise geraten. Die m&#228;nnlich-weibliche <em>Molekularstruktur</em> der b&#252;rgerlichen Gesellschaft macht, immanent betrachtet, durchaus ihren Sinn, denn sie entlastet die Einzelnen, indem sie die widerspr&#252;chlich-komplement&#228;ren Anforderungen auf zwei Schultern verteilt. Kein Mensch kann einerseits den Anspr&#252;chen des allgegenw&#228;rtigen Selbstbehauptungskampfes gerecht werden und andererseits die daf&#252;r notwendige Ellbogenmentalit&#228;t und Panzerung ablegen wie eine Krawatte, sobald er pers&#246;nliche oder intime Beziehungen eingeht, ohne auf die Dauer an dieser Schizophrenie zu zerbrechen.(<a href="#28">28</a>)</p>
<p>Es ist also nicht weiter erstaunlich, wenn sich viele »m&#228;nnerbewegte« M&#228;nner von ihren eigenen Anspr&#252;chen ma&#223;los &#252;berfordert f&#252;hlen und entweder im Selbstmitleid versinken oder den mehr oder weniger geordneten R&#252;ckzug antreten. Auf der Suche nach einer »neuen M&#228;nnlichkeit« sind sie in den letzten f&#252;nf bis sechs Jahren immer st&#228;rker zu den ganz stinknormalen »alten« Geschlechtsstereotypen zur&#252;ckgekehrt. F&#252;r diesen sich verst&#228;rkenden Trend steht insbesondere das uns&#228;gliche Buch des US-Amerikaners Robert Bly, <em>Eisenhans</em>, das sich nicht nur zum internationalen Bestseller entwickelte, sondern auch die ideologische Grundlage f&#252;r die sogenannte »Wilde-Mann-Bewegung« lieferte. Im Kern beschr&#228;nkt sich Blys ganze Weisheit darauf, der erb&#228;rmlichen Realit&#228;t moderner M&#228;nnlichkeit das klassische Idealbild des in sich ruhenden, selbstbewu&#223;ten und starken Mannes entgegenzuhalten. Alles Negative der heutigen M&#228;nner resultiert f&#252;r ihn daraus, da&#223; sie von ihren »archaischen«, »wilden« Seiten getrennt worden seien und daher nur als verkr&#252;ppelte Wesen existierten. Propagierte die »M&#228;nnerbewegung« noch die Fiktion einer individuellen m&#228;nnlich-weiblichen »Ganzheit«, so m&#246;chte Bly den »ganzen Mann« wiederherstellen, der gelernt hat, den »Wilden Mann« in sich anzunehmen und in seine Pers&#246;nlichkeit zu integrieren. »Wenn ein Mann unserer Tage tief in seine Psyche blickt, sieht er vielleicht, wenn die Bedingungen g&#252;nstig sind, unter dem Wasser seiner Seele, in einem Bezirk, wo schon lange niemand mehr hingekommen ist, einen uralten , haarigen Mann liegen. [...] <a name="q29"></a><a name="q30"></a><a name="q31"></a>Mit diesem Wilden Mann Kontakt aufzunehmen, ist ein Schritt, den der Mann der achtziger und neunziger Jahre noch vor sich hat«(<a href="#29">29</a>). Der so zu sich gekommene Mann ist selbstredend kein schlechter Mensch: »Die Wildheit, oder Un-Nettigkeit, die in dem Bild vom Wilden Mann mitenthalten ist, ist nicht zu verwechseln mit der Macho-Energie, die den M&#228;nnern schon zur Gen&#252;ge vetraut ist. Im Gegenteil, die Energie des Wilden Mannes bef&#228;higt zu kraftvollem Handeln, das nicht brutal, sondern entschlossen ist«(<a href="#30">30</a>). Da&#223; Bly selbst nicht einmal zu merken scheint, wie sehr er mit den abgeschmacktesten Klischees operiert, macht die Sache nur noch schlimmer, denn es deutet darauf hin, welche quasi-naturhafte Schwerkraft die geschlechtskonstituierte gesellschaftliche Basisstruktur immer noch besitzt. Nat&#252;rlich wird auch der Neo-Maskulinismus(<a href="#31">31</a>) das pr&#228;feministische Macho-Paradies nicht restaurieren k&#246;nnen, doch gerade, da&#223; es kein Zur&#252;ck mehr gibt, macht diese Str&#246;mung potentiell gef&#228;hrlich. Sie ordnet sich ein in den neuen Kult der Gewalt, wie er in den rechten Exzessen seinen H&#246;hepunkt findet.</p>
<h4>5. Die Aufhebung des m&#228;nnlichen Subjekts</h4>
<p>Nun geht es mir, wie bereits gesagt, nicht darum, Ans&#228;tze zur Selbstreflexion auf die eigene psycho-sexuelle Identit&#228;t (oder Identit&#228;tskrise) abstrakt gegen eine Umw&#228;lzung der »gesellschaftlichen Strukturen« auszuspielen. Wenn die Subjektform selbst konstitutiver Bestandteil dieser Strukturen ist, dann mu&#223; deren Ver&#228;nderung auch durch die Menschen hindurchgehen. Doch kritische Selbstreflexion darf nicht mit der Illusion einer abstrakten »Selbstfindung« verwechselt werden; denn das endlose Kreisen um den eigenen Bauchnabel und das isolierte »An-sich-selbst-arbeiten« ist keine Kritik am m&#228;nnlichen Autonomiewahn, sondern blo&#223; dessen krisenhafte Reproduktion, und kann daher auch jederzeit wieder im Kult der alten-neuen »M&#228;nnlichkeit« m&#252;nden.</p>
<p>Die bereits geleistete M&#228;nnlichkeitskritik darf nicht zur&#252;ckgenommen, sondern mu&#223; im besten Sinne des Wortes <em>radikalisiert</em> (radix = Wurzel) werden. »M&#228;nnlichkeit« l&#228;&#223;t sich nicht in der Emulsion mit der ihrerseits nicht minder beschr&#228;nkten, weil komplement&#228;ren, »Weiblichkeit« aufheben, denn dies w&#228;re blo&#223; die mann-weibliche Verdoppelung der Obsoletheit in einer Person. Es gilt vielmehr, den Kern der M&#228;nnlichkeit, die <em>Subjektform </em>anzugreifen. Mit dieser ist strukturell gesetzt, da&#223; dem Einzelnen buchst&#228;blich alles, seien es die anderen Menschen, der gesellschaftliche Zusammenhang oder die nat&#252;rliche Lebensumgebung, ja selbst noch der eigene K&#246;rper, als <em>Objekt</em> seiner selbst erscheint, als &#228;u&#223;ere Gegenst&#228;ndlichkeit, die er <em>behandelt</em> und &#252;ber die er instrumentell verf&#252;gt.</p>
<p>Eine in diesem Sinne verstandene M&#228;nnlichkeitskritik k&#246;nnte sich notwendigerweise nicht mit blo&#223; individueller Selbstver&#228;nderung begn&#252;gen, sondern m&#252;&#223;te auf die Aufhebung der warenf&#246;rmig konstituierten gesellschaftlichen Subjekt-Objekt-Struktur abzielen. Dies mag in den Ohren des unmittelbarkeitsfixierten Alltagsverstandes »unrealistisch« klingen. Doch wieso sollte es eigentlich »realistischer« sein, sich krampfhaft an eine gesellschaftliche Form zu klammern, die l&#228;ngst in die Phase der Selbstdestruktion eingetreten ist? Wo der Leidensdruck an der Unlebbarkeit der geschlechtlichen Zwangsidentit&#228;ten von Tag zu Tag w&#228;chst und alle immanenten L&#246;sungsversuche sich als untauglich erweisen, da k&#246;nnte eine konsequente Kritik an der zunehmend verr&#252;ckt werdenden b&#252;rgerlichen Subjektform durchaus in breite Resonanz finden. Daher gilt es jetzt, offensiv in den gesellschaftlichen Diskurs einzugreifen und die katastrophischen Erscheinungsformen der in die Krise geratenen modernen M&#228;nnlichkeit auf ihren Kern zur&#252;ckzuf&#252;hren, um auf diese Weise eine Perspektive jenseits der Dichotomie von M&#228;nnlichkeit und Weiblichkeit, von Subjekt und Objekt &#252;berhaupt erst einmal denkbar zu machen. Das impliziert auch und vor allem eine konsequente &#246;ffentliche Frontstellung gegen den um sich greifenden Neo-Maskulinismus innerhalb und au&#223;erhalb dessen, was sich als »M&#228;nnerbewegung« begreift.</p>
<p>Die Aufhebung der b&#252;rgerlich-m&#228;nnlichen Subjektform kann nur ein gesamtgesellschaftlicher Proze&#223; sein, der mit der (freilich unerl&#228;&#223;lichen) Aufhebung der fetischistischen Herrschaft des Werts keinesfalls abgeschlossen sein d&#252;rfte. In diesem wahrscheinlich &#252;ber viele Jahrzehnte sich hinziehenden Proze&#223; werden individuelle Selbstver&#228;nderung und gesellschaftliche Strukturumw&#228;lzung nicht &#228;u&#223;erlich nebeneinander herlaufen oder gar gegeneinander ausgespielt werden k&#246;nnen, sondern m&#252;ssen sich miteinander verschr&#228;nken. Erst indem die Menschen beginnen, sich selbstreflexiv auf ihren eigenen sozialen Zusammenhang zu beziehen und diesen gemeinschaftlich bewu&#223;t zu gestalten, k&#246;nnen sie aufh&#246;ren, sich als lauter scheinautonome und miteinander konkurriende »Dr&#252;bersteher-Ichs« zu begreifen. Dies w&#228;re alles andere als die R&#252;cknahme der von der b&#252;rgerlichen Gesellschaft <em>in negativer Form</em> entwickelten Individualit&#228;t; die Besonderheit der Einzelnen w&#252;rde sich vielmehr erst darin richtig entfalten k&#246;nnen, da&#223; sie sich nicht st&#228;ndig in der zwanghaften gegenseitigen Abgrenzung und der Behauptung psycho-sexueller Zwangsidentit&#228;ten beweisen m&#252;&#223;ten.</p>
<h4>Fu&#223;noten</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Demele: Abstraktes Denken &#8230;, a.a.O., S. 139; Hervorheb. N.T.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) nach Marcel Mauss: Die Gabe, Frankfurt/M. 1990 [1950], S. 90.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) Ich will und kann hier nicht die Auseinandersetzung f&#252;hren, inwiefern sich fremde Kulturen &#252;berhaupt in den uns gel&#228;ufigen Begrifflichkeiten verstehen und beschreiben lassen. Mir geht es nur darum, einen Kontrast zu der uns zur »zweiten Natur« gewordenen abstrakten Ich-Identit&#228;t aufzumachen.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">4</a>) nach Mauss: Die Gabe, a.a.O., S. 53; Hervorheb. N.T.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) Dies ist &#8211; nebenbei bemerkt &#8211; ein deutlicher Hinweis darauf, da&#223; der Begriff der »Arbeit« in solchen traditionalen Gesellschaften keinen Sinn macht. Denn so, wie die Menschen sich dort nicht als Einzelwesen begreifen, ebensowenig k&#246;nnen auch die verschiedenen T&#228;tigkeiten isoliert als solche gedacht und schon gar nicht im Zeitma&#223; quantifiziert werden (wie w&#228;re das »Wirken der Geister« zu »bewerten«?). Damit ein Ding in der fetischistischen Form des »Arbeitsprodukts« oder der »Ware« erscheinen kann, mu&#223; ihm zun&#228;chst einmal eine bestimmte eingrenzbare Leistung und Anstrengung zugerechnet werden. Voraussetzung daf&#252;r ist eine versachlichte Sichtweise, die das »Selbst« und seine »Umwelt« analytisch zergliedert. Dem »kollektividentit&#228;ren Bewu&#223;tsein« ist eine solche Sichtweise fremd.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) Mauss: Die Gabe, a.a.O., S. 109 f.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) Bekanntlich hinterlie&#223;en auch die am Bau der gro&#223;en Kathedralen beteiligten K&#252;nstler des europ&#228;ischen Mittelalters kaum jemals einen Hinweis auf ihre pers&#246;nliche Identit&#228;t. Erst mit dem Beginn der Neuzeit wurde es &#252;blich, Kunstwerke zu signieren, und es begann der Kult um die gro&#223;en »K&#252;nstlerpers&#246;nlichkeiten«.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) Ich m&#246;chte wohlgemerkt nicht den Schlu&#223; nahelegen, die Tlingit, Neukaledonier etc. w&#228;ren sich ihres eigenen gesellschaftlich-kulturellen Konstitutionszusammenhangs bewu&#223;t. Sie w&#252;rden die Frage danach wahrscheinlich &#252;berhaupt nicht verstehen, eben weil sie jenen Widerspruch zwischen abstrakter Ich-Identit&#228;t und realer Vergesellschafung nicht kennen, wie er f&#252;r die b&#252;rgerliche Gesellschaft charakteristisch ist. Dieser Widerspruch ist &#252;brigens zugleich der Motor f&#252;r die unglaubliche Entwicklungs- und Durchsetzungsdynamik der warenf&#246;rmigen Gesellschaft, weil er die Individuen best&#228;ndig in Bewegung h&#228;lt.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) Gerade darin, da&#223; sie sich selbst universell setzt, beweist die b&#252;rgerlich-m&#228;nnliche Subjektivit&#228;t allerdings, da&#223; sie dem aus ihrer Warte »primitiven« Bewu&#223;tsein keinesfalls so &#252;berlegen ist, wie sie glaubt.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) Bei Licht betrachtet ist dies durch und durch absurd, denn in der Sinneswelt kann es so etwas wie qualit&#228;tslose Quantit&#228;t &#252;berhaupt nicht geben; und dennoch ist der Wert in h&#246;chstem Ma&#223;e realit&#228;tsstrukturierend. Wir haben es offensichtlich mit einer fetischistischen Realabsurdit&#228;t zu tun.</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) Alfred Sohn-Rethel: Geistige und k&#246;rperliche Arbeit, Frankfurt/M. 1973; Rudolf Wolfgang M&#252;ller: Geld und Geist, Frankfurt/New York 1977</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) Vgl. dazu auch Krisis 12, insbesondere den Aufsatz von Roswitha Scholz: Der Wert ist der Mann.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">13</a>) Ein gutes Beispiel hierf&#252;r ist die peruanische Guerilla-Organisation Sendero Luminoso (Leuchtender Pfad). Diese wird oft als Tr&#228;gerin eines r&#252;ckw&#228;rtsgewandten indianisch-b&#228;uerlichen Fundamentalismus gesehen. Doch obwohl sie ideologisch auf bestimmte indianische Traditionen rekurriert, ist sie keinesfalls aus autochthonen Strukturen hervorgegangen. Entstanden ist sie vielmehr aus einer politischen Sekte an der Universit&#228;t der Andenstadt Ayacucho (der mittlerweile inhaftierte Gr&#252;nder und F&#252;hrer der Sekte, Abimael Guzmán, war dort Philosophieprofessor), und ihr Parteikonzept und -programm erhebt den Anspruch »strenger Wissenschaftlichkeit«. Der Peruaner Carlos Ivan Degregori nennt den Sendero das »&gt;k&#228;lteste&lt; marxistische Projekt, das in den 60ern und 70ern in Peru entstand« (ILA &#8211; Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika, Bonn, 2/92, S. 18). Er f&#252;gt hinzu: »Wenn er messianische oder religi&#246;se Z&#252;ge annnahm, dann nicht aufgrund indianischer Traditionen, sondern aufgrund dessen, was man ein &#220;berma&#223; an Vernunft (!) nennen k&#246;nnte. Sie sind die letzten Kinder der Aufkl&#228;rung, die 200 Jahre sp&#228;ter und isoliert in den Anden aus Wissenschaft Religion machten. Bei dem Grad von Leidenschaft, den der Leuchtende Pfad entwickelt und entfesselt hat, erscheint es merkw&#252;rdig, ihn als hyperrationale (!) Bewegung zu definieren, zumindest, was die F&#252;hrung angeht. Aber f&#252;r die Spitze von Sendero sollte der Satz von Pascal, &gt;Das Herz hat eine Leidenschaft, von der der Verstand nichts wei&#223;&lt;, umgekehrt werden zu &gt;Die Vernunft hat Leidenschaften, von denen das Herz nichts wei&#223;&lt;« (ebd.; Hervorheb. N.T.). Wie hei&#223;t es doch in offiziellen Dokumenten des Sendero: »Die Ideologie des Proletariats ist wissenschaftlich« und »allm&#228;chtig, weil sie wahr ist« (zit. nach ebd.).</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>) Es soll allerdings nicht unerw&#228;hnt bleiben, da&#223; die »m&#228;nnerbewegte« M&#228;nnlichkeitskritik sich insgesamt in starkem Ma&#223;e auf Erkenntnisse der feministischen Theorie st&#252;tzt und selbst nur wenig origin&#228;re Beitr&#228;ge hervorgebracht hat.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q15">15</a>) Walter Hollstein: Nicht Herrscher, aber kr&#228;ftig, Reinbek 1988, S. 49; Hervorheb. im Original.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) So auch Hollstein: Nicht Herrscher &#8230;, a.a.O., S. 114 &#8211; 122.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) Eine geradezu komische Spekulation stellt Klaus Theweleit in seinem ansonsten in vieler Hinsicht sehr guten Buch <em>M&#228;nnerphantasien</em> an. Er erw&#228;gt dort, das patriarchale Verh&#228;ltnis k&#246;nnte simultan mit dem &#220;bergang vom Affen zum Menschen enstanden sein, und zwar bedingt durch eine angebliche Verschiebung der Sexualorgane und der damit einhergehenden Ver&#228;nderung des Geschlechtsaktes (vgl. Klaus Theweleit: M&#228;nnerphantasien 1, Frankfurt/M. 1986, S. 365 ff.). Sándor Ferenczi vermutet gar, die symbolische Gleichsetzung der Mutter mit dem Meer, wie sie in einigen Kulturen &#252;blich ist, stamme aus einer Zeit, in der es noch keine Landlebewesen gab, also 1 bis 2 Milliarden Jahre vor der Entstehung des Menschen (vgl. ebd. S. 368).</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) Hollstein: Nicht Herrscher &#8230;, a.a.O., S. 49 f.; Hervorheb. N.T.</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">19</a>) Vgl. dazu insbesondere den Aufsatz von Robert Kurz in diesem Band.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">20</a>) Hans-Joachim Lenz: M&#228;nnerbewegung &#8211; eine politische Bewegung?, Vortrag auf der Fachtagung »Politische Weiterbildung zwischen Gesellschafts- und Subjektorientierung« in der Universit&#228;t Bremen, 24.9. &#8211; 26.9.1992, Manuskript S. 18 f.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Georg Simmel: Weibliche Kultur, in Philosophische Kultur, Berlin 1986 [1911], S. 246; Hervorheb. N.T.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">22</a>) Hollstein: Nicht Herrscher &#8230;, a.a.O., S. 86; Hervorheb. im Original.</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">23</a>) Hollstein: Nicht Herrscher &#8230;, a.a.O., S. 240; Hervorheb. N.T.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">24</a>) ebd.</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">25</a>) ebd.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">26</a>) Teilweise werden erg&#228;nzend dazu auch institutionelle Ver&#228;nderungen innerhalb des bestehenden gesellschaftlichen Gef&#252;ges gefordert, wie z.B. F&#246;rderung von Teilzeitarbeit, Quotenregelung etc. So sehr diese Forderungen unter kurzfristig pragmatischen Gesichtspunkten berechtigt sein m&#246;gen, so wenig reichen sie jedoch an das grunds&#228;tzliche Problem der b&#252;rgerlichen Subjektstruktur heran.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">27</a>) Helmut Barz, ein an C.G.Jung orientierter Psychoanalytiker, dr&#252;ckt dies folgenderma&#223;en aus: Nachdem er die ganze alte Palette »weiblicher Eigenschaften« aufgez&#228;hlt hat, als da w&#228;ren, »Abwarten-K&#246;nnen und Geschehen-Lassen, W&#228;rme und Anpassungsf&#228;higkeit, Fruchtbarkeit und rhythmisch gegliedertes Leben, aber auch Passivit&#228;t, Wahnsinn (sic!), Abgrund und Tod« usw. usf., f&#228;hrt er fort: »Diese Qualit&#228;ten des weiblichen Prinzips, die dem Bewu&#223;ten des Mannes <em>zwar erfahrbar, aber doch fremd sind</em>, machen das eigentliche Wesen seiner Anima aus, das hei&#223;t, sie sind in seinem Unbewu&#223;tsein lebendig und bilden dort die andere, n&#228;mlich weibliche Seite seiner Natur« (Helmut Barz: M&#228;nnersache, Stutttgart/Z&#252;rich 1984, S. 47; Hervorheb. N.T.). Im gleichen Sinne &#228;u&#223;ert sich auch Hollstein: Nicht Herrscher &#8230;, a.a.O., S. 83 &#8211; 85.</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">28</a>) Auch wenn ich hier haupts&#228;chlich von M&#228;nnern spreche, sind es doch, aufs Ganze gesehen, weit mehr noch Frauen, die mit dem unl&#246;sbaren Problem zu k&#228;mpfen haben, die Widerspr&#252;chlichkeiten der Geschlechterdichotomie in ihrer Person zu vereinbaren. Dies erkl&#228;rt sich daraus, da&#223; sie sich &#252;berhaupt erst einmal den Subjektstatus erk&#228;mpfen mu&#223;ten. Die M&#228;nner k&#246;nnen sich dagegen immer noch leichter in die Burgruine ihrer traditionellen Geschlechtsidentit&#228;t zur&#252;ckziehen.</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q29">29</a>) Robert Bly: Eisenhans, M&#252;nchen 1993, S. 20 f.</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) ebd., S. 24. Worin dieses »kraftvolle Handeln« bestehen kann, plaudert Bly sp&#228;ter auf grotesk d&#252;mmliche Art und Weise aus. Nachdem er ausgef&#252;hrt hat, »da&#223; der Krieger bei M&#228;nnern ein fester Bestandteil ist«, also zu ihrem Wesen dazugeh&#246;rt, f&#228;hrt er fort: »Wenn ein Krieger &#8230; im Dienst eines Wahren K&#246;nigs &#8211; das hei&#223;t einer transzendenten Sache &#8211; steht, dann f&#252;hlt er sich gut, und aus seinem K&#246;rper wird ein hart arbeitender Diener, von dem er verlangt, da&#223; er K&#228;lte, Hitze, Schmerz, Wunden, Narben, Hunger, wenig Schlaf, Strapazen aller Art ertr&#228;gt« (ebd. S. 212 f.).</p>
<p><a name="31"></a><a href="#q31">31</a>) Eine noch offenere und (was fast schon eine Leistung genannt werden mu&#223;) noch primitivere Variante des Neo-Maskulinismus stellen die B&#252;cher von Joachim B&#252;rger (z.B. Mann, wie bist Du gut, M&#252;nchen 1990) dar. Insgesamt handelt es sich dabei um ein expandierendes Marktsegment.</p>
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		<title>Die wundersame Renaissance des Antonio Gramsci</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1993 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 13 (1993)]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Bösch]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8220;Die Wahrheit ist, da&#223; es f&#252;r die Erfolgschancen einer sozialistischen Revolution keinen anderen Ma&#223;stab gibt als den Erfolg selbst&#8221;. &#8212; Antonio Gramsci (1891-1937), mit Blick auf die Oktoberrevolution Robert B&#246;sch Sp&#228;testens mit dem Verschwinden der UdSSR von der politischen Weltb&#252;hne hat auch das, was gemeinhin als &#8220;marxistische Theorie&#8221; bezeichnet wird, endg&#252;ltig jegliche gesellschaftliche Relevanz verloren. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p><em>&#8220;Die Wahrheit ist, da&#223; es f&#252;r die Erfolgschancen einer sozialistischen Revolution keinen anderen Ma&#223;stab gibt als den Erfolg selbst&#8221;. &#8212; Antonio Gramsci (1891-1937), mit Blick auf die Oktoberrevolution</em></p></blockquote>
<p><em>Robert B&#246;sch</em></p>
<p>Sp&#228;testens mit dem Verschwinden der UdSSR von der politischen Weltb&#252;hne hat auch das, was gemeinhin als &#8220;marxistische Theorie&#8221; bezeichnet wird, endg&#252;ltig jegliche gesellschaftliche Relevanz verloren. Galt selbst reflektierteren Varianten des Marxismus die Sowjetunion wenn nicht als sozialistische, so doch als &#8220;nach-&#8221; oder &#8220;nicht-kapitalistische&#8221; Gesellschaftsformation, besiegelt ihr katastrophaler Niedergang auch das Verdikt &#252;ber die bisherige Linke und ihren Theoriebegriff.</p>
<p><span id="more-260"></span>In diesem Kontext ist das immer noch relativ breite Interesse an Antonio Gramsci nicht ohne Verwunderung zu registrieren. Es ist nicht recht einsichtig, weshalb ein Denker, der es als seine Aufgabe ansah, die Erfahrungen der Oktoberrevolution &#8220;ins Italienische zu &#252;bersetzen&#8221; (zit nach Zamis 1980, S. 327), und f&#252;r den Lenin &#8220;der gr&#246;&#223;te moderne Theoretiker&#8221; des Marxismus war (zit. nach Perspektiven 1988, S. 6), anders als dieser nicht als toter Hund behandelt wird. Erst recht mu&#223; die Renaissance dieses gescheiterten Revolution&#228;rs aus der Zeit der III. Internationale erstaunen, wenn man bedenkt, da&#223; nicht nur die Linke, sondern auch die theoretisch arbeitende Rechte diesen &#8220;marxistischen Klassiker&#8221; f&#252;r sich entdeckt hat. Stand Gramsci schon seit den siebziger Jahren in einem bestimmten Spektrum der akademischen Linken, das sich in der BRD vor allem um die Zeitschrift <em>Argument</em> gruppierte, hoch im Kurs, so verfa&#223;te bereits im Jahr 1977 der Theoretiker der franz&#246;sischen <em>nouvelle droite</em>, Alain de Benoist, ein Buch, in dem er Gramscis Gedanken auf seine Weise adaptierte. Und w&#228;hrend der <em>Argument-Verlag</em> seit Beginn der Neunziger die erstmals vollst&#228;ndig ins Deutsche &#252;bersetzten <em>Gef&#228;ngnishefte</em> herausgibt, die Gramsci in der faschistischen Kerkerhaft geschrieben hat, sickerte zugleich Benoist&#8217; Gramsci-Interpretation ins Gedankengut der deutschen &#8220;Neuen Rechten&#8221; ein. 1985 erschien die deutsche &#220;bersetzung von Benoist&#8217; Buch unter dem Titel <em>Kulturrevolution von rechts: Gramsci und die Nouvelle Droite</em> und die <em>Junge Freiheit</em>, eine Monatszeitung mit einer Auflage von mittlerweile &#252;ber 35 000 Exemplaren, schwadroniert in direktem Bezug auf Gramsci davon, die Rechte m&#252;sse die &#8220;gesellschaftliche Hegemonie&#8221; zur&#252;ckgewinnen, die sie an die Linke verloren habe.</p>
<p>Wie l&#228;&#223;t sich nun die scheinbar so eklatant widerspr&#252;chliche Vereinnahmung eines Theoretikers erkl&#228;ren, von dem die sozialistische Zeitschrift <em>Perspektiven</em> im Jahr 1988 behauptete, er sei gleicherma&#223;en &#8220;gef&#228;hrlich&#8221; f&#252;r die &#8220;herrschende Ordnung&#8221; wie f&#252;r die &#8220;linken Borniertheiten&#8221; (Perspektiven 1988, S.3), und von dem der englische Marxist Stuart Hall schrieb, er stehe f&#252;r die &#8220;Erneuerung des Marxismus&#8221; (Hall 1989, S. 56)? Ist Gramscis posthume Vereinnahmung von rechts wie von links nicht bereits ein Zeichen daf&#252;r, da&#223; sein theoretischer Ansatz obsolet geworden ist?</p>
<p>Ich werde diese Fragen im vorliegenden Aufsatz nicht ersch&#246;pfend beantworten k&#246;nnen, doch m&#246;chte ich versuchen, mit einem genaueren Blick auf Gramscis zentrale Theoreme und den historischen Kontext, in dem er sie formulierte, Hinweise darauf zu geben, inwieweit ihren scheinbar widerspr&#252;chlichen Interpretationen durchaus eine gemeinsame Logik zugrundeliegt.</p>
<h4>1. Das Basis-&#220;berbau-Schema: Grundlage von Gramscis Denken</h4>
<p>Der Ausgangspunkt von Gramscis theoretischem Denken ist zweifelsohne die Oktoberrevolution. Es ist leicht zu begreifen, da&#223; der Sturz des zaristischen Regimes inmitten der Massenschl&#228;chterei des I. Weltkriegs von ihm als die Offenbarung &#8220;eines neuen moralischen Bewu&#223;tseins&#8221;, als der &#8220;Beginn einer neuen Ordnung&#8221; (Gramsci, zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S.119) empfunden wurde.</p>
<p>Kennzeichnend an der Oktoberrevolution ist f&#252;r Gramsci, da&#223; diese eine &#8220;Revolution gegen das <em>Kapital</em>&#8221; von Karl Marx gewesen sei, h&#228;tten die Bolschewiki doch gezeigt, &#8220;da&#223; es jederzeit m&#246;glich ist, den Sozialismus zu verwirklichen&#8221; (Gramsci, zit. nach Zamis 1980, S.325). Diese, wie Gramsci-Herausgeber Guido Zamis befindet, &#8220;sonderbaren Behauptungen&#8221;, r&#252;hren nicht daher, da&#223; Gramsci &#8220;einer Verballhornung des Marxismus&#8221; (ebda., S.326) aufgesessen w&#228;re, sondern sie erschlie&#223;en exemplarisch den Kernpunkt eines Marxismus-Verst&#228;ndnisses, das die Realit&#228;t ausschlie&#223;lich im Horizont des soziologistischen Klassenkampfkonzeptes beurteilt: &#8220;Die Ereignisse &#8230; h&#228;ngen vom Willen der Vielen ab, der sich im Tun oder Lassen bestimmter Dinge und in damit korrespondierenden Geisteshaltungen &#228;u&#223;ert, und sie h&#228;ngen ab vom Bewu&#223;tsein, das eine Minderheit von diesem Willen hat, und wie sie es versteht, ihn &#8230; auf ein gemeinsames Ziel auszurichten, nachdem dieser Wille Vieler im Rahmen der Staatsgewalt vereinigt wurde&#8221; (Gramsci 1980, S.17). Der Marxismus ist ihm &#8220;Handlungstheorie&#8221;, die in der &#8220;Gr&#252;ndung eines neuen Staates&#8221; (Perspektiven 1988, S.53) gipfeln soll.</p>
<p>Diese voluntaristische Haltung scheint Gramsci zun&#228;chst einmal von der marxistischen Ortodoxie zu unterscheiden, wie Annegret Kramer feststellt: &#8220;Gegen den &#8220;&#8221;fatalistischen Finalismus&#8221; einer Geschichtstheorie, die das Proletariat zum Anh&#228;ngsel oder bestenfalls Vollzugsorgan der &#8220;&#8221;Rationalit&#228;t der Geschichte&#8221; macht, hebt Gramsci also die Bedeutung der politischen Initiative im Prozess der geschichtlichen Entwicklung hervor&#8221; (Kramer 1975, S.75). <a name="q1"></a>Doch schon seine ausdr&#252;ckliche &#220;bereinstimmung mit Lenin in der Polemik gegen das &#8220;Renegatentum&#8221; der II. Internationale, verweist darauf, da&#223; Gramsci sich keineswegs aus dem Kategoriensystem des zeitgen&#246;ssischen Marxismus(<a href="#1">1</a>) befreien konnte. <a name="q2"></a>Er betont lediglich das voluntaristische Moment, das in der &#228;u&#223;erlich-dichotomischen Entgegensetzung von &#8220;objektiver Basis&#8221; (&#8220;die Produktionsverh&#228;ltnisse&#8221;) und &#8220;subjektivem Faktor&#8221; (&#8220;die Arbeiterklasse&#8221;) angelegt ist, die immer schon die geheime Grundlage f&#252;r die fortw&#228;hrende Spaltung der Linken in &#8220;subjektivistische&#8221; und &#8220;objektivistische&#8221; Str&#246;mungen war(<a href="#2">2</a>).</p>
<p>Als einen besonders wirkungsm&#228;chtigen Ausdruck des &#8220;fatalistischen Finalismus&#8221; interpretierte Gramsci den &#8220;&#214;konomismus&#8221;, der &#8220;nicht allein in der Theorie der Historiographie, sondern auch und besonders in der politischen Theorie und Praxis&#8221; (Gramsci, zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S.241) zu bek&#228;mpfen sei. In einer Aufzeichnung aus den <em>Gef&#228;ngnisheften</em> zum Verh&#228;ltnis von &#8220;Basis und &#220;berbau&#8221; hei&#223;t es dazu: &#8220;Die Behauptung, &#8230;, da&#223; jede Bewegung in der Politik und der Ideologie als unmittelbarer Ausdruck der Basis darzustellen und zu erkl&#228;ren ist, mu&#223; theoretisch als primitiver Infantilismus &#8230; bek&#228;mpft werden&#8221; (Gramsci 1980, S.219).</p>
<p><a name="q3"></a>Als Beleg daf&#252;r wird Friedrich Engels&#8217; Brief an Joseph Bloch vom 21.9.1890 herangezogen, in dem Engels u.a. schreibt: &#8220;Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des wirklichen Lebens (&#8230;) Die &#246;konomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des &#220;berbaus &#8230; &#252;ben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen K&#228;mpfe aus &#8230;&#8221; (Engels, zit. nach Perspektiven 1988, S.68). F&#252;r Gramsci folgt daraus die &#8220;dialektische Einheit von Basis und &#220;berbau&#8221; in einem Prozess der &#8220;Wechselwirkung&#8221;(<a href="#3">3</a>). Der Begriff der &#8220;Wechselwirkung&#8221; l&#228;&#223;t allerdings bereits erkennen, da&#223; in dieser Formulierung des &#8220;Basis-&#220;berbau-Verh&#228;ltnisses&#8221; die dichotomische Erkenntnisstruktur der okzidentalen Philosophie keinesfalls &#252;berwunden wird. Um es mit Hegel auszudr&#252;cken: &#8220;Das Ungen&#252;gende bei der Anwendung des Verh&#228;ltnisses der Wechselwirkung besteht n&#228;her betrachtet darin, da&#223; dies Verh&#228;ltnis, anstatt als ein &#196;quivalent f&#252;r den Begriff gelten zu k&#246;nnen, vielmehr selbst erst begriffen sein will, und dies geschieht dadurch, da&#223; die beiden Seiten desselben nicht als ein unmittelbar Gegebenes belassen, sondern &#8230; als Momente eines Dritten, H&#246;heren, erkannt werden, welches dann eben der Begriff ist&#8221; (Hegel 1830, S.302).</p>
<p>In diesem Fehlen eines allgemeinen Begriffs des gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisses ist es angelegt, da&#223; der Akzent der theoretischen Analyse entweder st&#228;rker auf die &#8220;Basis&#8221; (i.e. den &#8220;objektiven Faktor&#8221;) oder auf den &#8220;&#220;berbau&#8221; (i.e. den &#8220;subjektiven Faktor&#8221;) gesetzt werden kann (was auch bei einem Theoretiker je nach historischer Situation variiert). Hinter den wechselseitigen Vorw&#252;rfen des Objektivismus (auch &#8220;&#214;konomismus&#8221; genannt) oder des Subjektivismus (bzw. &#8220;Voluntarismus&#8221;) verschwindet meist die Tatsache, da&#223; es sich dabei nur um eine negative Identit&#228;t handelt.</p>
<p>Der politisch-kulturelle &#8220;&#220;berbau&#8221; erscheint Gramsci als ein anderer Inhalt gegen&#252;ber der als &#8220;&#246;konomische Bewegung&#8221; verstandenen &#8220;Basis&#8221; und deshalb mu&#223; er die beiden Bereiche in mechanistischer Weise aufeinander &#8220;wirken&#8221; lassen (was er dann f&#252;r &#8220;Dialektik&#8221; h&#228;lt). &#8220;Dialektik&#8221; ist bei Gramsci (wie auch zumindest beim sp&#228;ten Engels) nicht die prozessierende Einheit widerspr&#252;chlicher Momente, sondern bezeichnet lediglich einen bipolar dynamisierten Kausalnexus. Die zugrundeliegende b&#252;rgerliche Verkehrsform wird bewu&#223;tlos immer schon vorausgesetzt und die von ihr konstituierten Sph&#228;ren von &#8220;Politik&#8221;, &#8220;&#214;konomie&#8221; etc. dann nur &#228;u&#223;erlich aufeinander bezogen.</p>
<p><a name="q4"></a>Vor dem Hintergrund dieses Basis-&#220;berbau-Schemas konnte Gramsci die Oktoberrevolution dahingehend interpretieren, &#8220;da&#223; den politischen Bedingungen einer von Marxisten geleiteten Umw&#228;lzung nicht die &#246;konomische Voraussetzung eines &#252;berf&#228;lligen kapitalistischen Systems entsprechen mu&#223;&#8221; (Hofmann 1984, S.43). Dementsprechend glaubte er, in der UdSSR das Paradox eines kommunistischen &#8220;politischen &#220;berbaus&#8221; zu erkennen, dessen &#8220;&#246;konomische Basis&#8221; noch kapitalistisch sei. Der Begriff der &#8220;Wechselwirkung&#8221; erscheint nun als L&#246;sung des Problems der &#8220;Beziehungen zwischen Basis und &#220;berbau&#8221;, weil er es Gramsci erlaubt, dem &#8220;&#220;berbau&#8221; &#8220;eine objektive und wirksame Realit&#228;t&#8221; (zit. nach Perspektiven 1988, S.7) zuzugestehen, das hei&#223;t, die zu &#8220;&#246;konomischen Bedingungen&#8221; reduzierten gesellschaftlichen Produktionsverh&#228;ltnisse als in &#8220;letzter Instanz&#8221; bestimmende Ursache zu definieren, aber gleichwohl als &#8220;praktischer Philosoph&#8221; in die als unmittelbarer Interessenkampf der Klassen interpretierte Politik einzugreifen: &#8220;1. Das &#214;konomische ist in letzter Instanz bestimmend; 2. Die Politik kann nicht davon absehen, den Primat &#252;ber die &#214;konomie zu haben: sie ist &#8220;&#8221;auf dem Kommando-Posten&#8221;" (Gramsci, zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S.276). Oder, in Lenins Worten: &#8220;Die Politik kann nicht anders, als den Primat &#252;ber die &#214;konomie zu haben. Anders r&#228;sonieren hei&#223;t, das ABC des Marxismus vergessen&#8221; (zit. nach ebda., S.28)(<a href="#4">4</a>). Um alle Implikationen dieses Konzepts zu verstehen, ist es notwendig, Gramscis Ideologiebegriff n&#228;her zu betrachten.</p>
<h4>2. Integraler Staat und der Kampf um die Hegemonie</h4>
<p>Auch Gramscis Ideologiebegriff wird vom &#8220;Primat des Klassenkampfes&#8221; bestimmt: &#8220;Der Satz aus dem Vorwort von &#8220;&#8221;Zur Kritik der Politischen &#214;konomie&#8221;, da&#223; die Menschen das Bewu&#223;tsein der strukturellen Konflikte auf dem Gebiet der Ideologien gewinnen, mu&#223; als eine Feststellung von erkenntnistheoretischem und nicht rein psychologischem und moralischem Wert betrachtet werden&#8221; (Gramsci, zit. nach Albers 1983, S.138). In der Einleitung dieses Textes schreibt Marx u.a.: &#8220;Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung geraten die materiellen Produktivkr&#228;fte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverh&#228;ltnissen&#8221; (zit. nach Schreiber 1982, S.79). Bei Gramsci ist es aber nicht der Antagonismus zwischen stofflichem Inhalt und gesellschaftlicher Verkehrsform, dem Wert, sondern, klassisch marxistisch, der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital. Weil er das Proletariat nicht als Charaktermaske der Ware Arbeitskraft und damit als dem Kapitalverh&#228;ltnis immanente, von diesem konstituierte Kategorie begreift, mu&#223; ihm die Oberfl&#228;chenerscheinung des Interessengegensatzes der Klassen als ein dem Wesen des Kapitalverh&#228;ltnisses transzendenter Bezugspunkt erscheinen.</p>
<p><a name="q5"></a>Den Widerspruch von Kapital und Arbeit verortet Gramsci aber nicht nur in der Sph&#228;re der unmittelbaren Produktion, sondern definiert dar&#252;berhinaus in Bezug auf Marx die als &#8220;politisch-kultureller &#220;berbau&#8221; begriffene Politik als Sph&#228;re des Klassenkampfes um die &#8220;ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewusst werden und ihn ausfechten&#8221; (Marx, zit. nach ebda.). Begriffe wie &#8220;Demokratie&#8221; oder &#8220;Nation&#8221; erscheinen seinem Denken (wie dem seiner Epigonen) als Begriffe ohne &#8220;vollst&#228;ndig fixierte Bedeutung&#8221;, um die demnach &#8220;ein strategisches Ringen&#8221; (Hall 1984, S.116) entfaltet werden kann(<a href="#5">5</a>). Weder wird &#8220;Demokratie&#8221; als die ad&#228;quate politische Form des entfalteten Kapitalismus begriffen, noch &#8220;Nation&#8221; als identit&#228;rer Bezugspunkt der b&#252;rgerlichen Individuen, sondern diese Begriffe werden den sch&#246;nsten Illusionen des abstrakt-freien Willens gem&#228;&#223; als strukturell &#8220;neutral&#8221; und dementsprechend funktionalisierbar f&#252;r emanzipative (oder eben reaktion&#228;re) Ziele aufgefa&#223;t: &#8220;Es geht darum, eine Bedeutung des Begriffs (&#8220;&#8221;Demokratie&#8221;) aus dem Bereich des &#246;ffentlichen Bewu&#223;tseins herauszul&#246;sen und sie in die Logik eines anderen politischen Diskurses zu verpflanzen&#8221; (ebda., S.117); so sei es &#8220;also durchaus m&#246;glich, dem Begriff der &#8220;&#8221;Nation&#8221; eine fortschrittliche Bedeutung und Konnotation zu geben &#8230;&#8221; (ebda., S.118).</p>
<p>Entscheidend ist aus dieser Perspektive also, wer die Definitionsgewalt in der Gesellschaft besitzt, um &#8220;Bedeutung und Konnotation&#8221; bestimmter Begriffe und Kategorien des &#8220;&#220;berbaus&#8221; zu bestimmen. Ideologien sind f&#252;r Gramsci &#8220;Weltanschauungen&#8221;, deren Koh&#228;renz davon abh&#228;ngt, wie es ihren philosophischen Ausarbeitungen gelingt, das Alltagsbewu&#223;tsein zu &#8220;modifizieren und (zu) transformieren&#8221; (Hall 1989, S.80). Das Alltagsbewu&#223;tsein oder der Alltagsverstand (&#8220;senso comun&#8221;) ist das &#8220;Terrain&#8221;, &#8220;auf dem Begriffe und Kategorien sich bilden, auf dem das praktische Bewu&#223;tsein der Volksmassen konkret geformt wird&#8221; (ebda.). Daher ist dieses &#8220;Terrain&#8221; &#8220;ein strategisches Feld des Klassenkampfs&#8221; (Buci-Glucksmann 1981, S.67); die Ideologien sind &#8220;praktische Konstruktionen, Instrumente politischer F&#252;hrung. (&#8230;) F&#252;r die Philosophie der Praxis sind die Ideologien alles andere als willk&#252;rlich, sie sind realgeschichtliche Tatsachen, die wegen ihrer Natur als Herrschaftsinstrumente zu bek&#228;mpfen und blo&#223;zustellen sind, nicht aus moralischen Gr&#252;nden, sondern aus praktischen Gr&#252;nden: um die Regierten von den Regierenden intellektuell unabh&#228;ngig zu machen, um eine Hegemonie zu zerst&#246;ren und eine andere zu schaffen, als notwendiges Moment der Umw&#228;lzung der Praxis&#8221; (Gramsci, zit. nach Kramer 1975, S.79f.).</p>
<p>Diese Vorstellung einer ideologischen Hegemonie f&#252;hrt zu dem f&#252;r Gramsci zentralen Begriff des &#8220;historischen Blocks&#8221;, mit dem er die Gesellschaft als &#8220;konkrete Totalit&#228;t&#8221; (Kramer 1975, S. 115) zu erfassen und die Beziehungen der Klassen in einen &#252;bergreifenden Zusammenhang zu stellen versucht. &#8220;Weil der Staat eine Art der Konstituierung und Organisierung einer Klasse ist, &#8230;, vollzieht sich die Vereinigung von verschiedenen sozialen Schichten in einem historischen Block im Umkreis einer f&#252;hrenden Klasse in einem Staat&#8221; (Buci-Glucksmann 1981, S.279). Voraussetzung daf&#252;r allerdings, da&#223; eine Klasse f&#252;hrend, d.h. hegemonial werden kann, ist &#8220;die entscheidende Rolle, die dieser Klasse in der materiellen Produktion zukommt&#8221; (Kramer 1975, S.96). &#8220;Wenn die Hegemonie ethisch-politisch ist, so muss sie auch &#246;konomisch sein und ihre Grundlage in der entscheidenden Funktion haben, die die F&#252;hrungsgruppe im entscheidenden Kernbereich der &#246;konomischen T&#228;tigkeit aus&#252;bt&#8221; (Gramsci, zit. nach Schreiber 1982,S.47). Ein neuer &#8220;historischer Block&#8221; konstituiert sich demnach durch die Erlangung der &#246;konomischen, politischen und kulturellen Hegemonie durch eine Klasse, und &#8220;mit der Regierungs&#252;bernahme der expandierenden Klasse wird ihre (bereits herausgebildete) hegemoniale Funktion&#8221; schlie&#223;lich &#8220;auch eine des Staates&#8221; (ebda., S.42).</p>
<p>Hat eine Klasse die vollst&#228;ndige Hegemonie errungen, spricht Gramsci vom &#8220;integralen Staat&#8221;, den er definiert als &#8220;politische Gesellschaft und b&#252;rgerliche Gesellschaft, d.h. Hegemonie, gepanzert mit Zwang&#8221; bzw. &#8220;Diktatur plus Hegemonie&#8221; (Gramsci, zit. nach Perspektiven 1988, S.10). Was ist darunter zu verstehen? &#8220;Im engen Sinne ist der Staat identisch mit der Regierung, dem Apparat der Klassendiktatur, insofern er Zwangs- und &#246;konomische Funktionen aus&#252;bt. Die Herrschaft der Klasse wird ausge&#252;bt durch den Staatsapparat im klassischen Sinne (Armee, Polizei, Verwaltung, B&#252;rokratie)&#8221; (Buci-Glucksmann 1981, S.88). Es ist dies die klassische Konzeption des Staates &#8220;als Werkzeug der Klassenherrschaft&#8221;, als &#8220;Maschine zur Niederhaltung der unterdr&#252;ckten, ausgebeuteten Klasse&#8221; (Engels, zit. nach Schreiber 1982, S.25).</p>
<p>Diesen Begriff des Staates als Zwangsapparat (&#8220;società politica&#8221;), erweitert Gramsci nun um das Konzept der &#8220;società civile&#8221; als b&#252;rgerlicher/ziviler Gesellschaft. Dieses Konzept verweist einerseits &#8220;auf die &#8220;&#8221;kapitalistischen Gesellschaften&#8221;, also auf die materiellen Lebensbedingungen, auf das private Produktionssystem. Andererseits impliziert es die ideologisch-kulturellen Apparate der Hegemonie, den erzieherischen Aspekt des Staates&#8221; (Buci-Glucksmann 1981,S.78). Letzterer dr&#252;ckt sich in der &#8220;Gesamtheit aller gemeinhin &#8220;&#8221;privat&#8221; genannten Organismen&#8221; (Gramsci, zit. nach Schreiber 1982, S.26) aus, worunter &#8220;Institutionen wie Schulen, Universit&#228;ten, Kirche, Vereine, Gewerkschaften und Massenmedien&#8221; (Kramer 1975, S.84) zu verstehen sind.</p>
<p>&#8220;Società civile&#8221; und &#8220;società politica&#8221; k&#246;nnen dabei als &#8220;Wirkungsebenen&#8221; begriffen werden, die, wie Schreiber es ausdr&#252;ckt, &#8220;eine Einheit (bilden), die sich durch s&#228;mtliche staatlichen und gesellschaftlichen Bereiche zieht&#8221; (Schreiber 1982, S.130). Der Staat erscheint also neben seiner Rolle als Zwangsapparat gleichzeitig vermittels der hegemonialen Apparate, die als kulturelle, politische und &#246;konomische zu begreifen sind, als &#8220;Organisator der Zustimmung&#8221; (Buci-Glucksmann 1981, S.86), der einen &#8220;Konsensus der Regierten&#8221; (Gramsci, zit. nach Schreiber 1982, S.29) herstellt und so der &#8220;herrschenden Klasse&#8221; die Hegemonie &#252;ber die Gesellschaft sichert. &#8220;Welche Relevanz der hegemonialen Herrschaft &#8230; zukommt&#8221;, schreibt Kramer, &#8220;wird daran deutlich, da&#223; Gramsci von &#8220;&#8221;Hegemonie und Konsensus&#8221; als der &#8220;&#8221;notwendigen Form&#8221; eines historischen Blockes spricht, d.h. nur durch ein Hegemonieverh&#228;ltnis bildet sich eine wirkliche und dauerhafte Einheit von Basis und &#220;berbau, entsteht ein &#8220;&#8221;integraler Staat&#8221;" (Kramer 1975, S.94).</p>
<p>&#8220;Herrschend&#8221; ist demnach diejenige Klasse, die ihre Herrschaft nicht allein auf dem blanken Zwang gr&#252;ndet, sondern auch vermittels ihrer &#8220;Hegemonie&#8221; f&#252;hrend ist. &#8220;Sie hat nicht nur das Verm&#246;gen bzw. die Kompetenz zur F&#252;hrung, sondern verf&#252;gt &#8230; auch &#252;ber das Mittel zur Vergesellschaftung ihres Programms: den Staat&#8221; (Schreiber 1982, S.50), &#8220;das hei&#223;t die materielle Organisation, die die theoretische und ideologische &#8220;&#8221;Front&#8221; aufrechterh&#228;lt, verteidigt und entwickelt&#8221; (Gramsci, zit. nach ebda., S.60). Diese &#8220;ideologische Struktur einer herrschenden Klasse&#8221; (zit. nach ebda.) dr&#252;ckt sich in den &#8220;Hegemonieapparaten&#8221; aus, die als &#8220;ideologische Instrumente&#8221; &#8220;das Alltagsbewu&#223;tsein gro&#223;er Menschenmassen koh&#228;rent&#8221; gestalten, d.h. der &#8220;dominanten Ideologie&#8221; unterwerfen (Perspektiven 1988, S.13/S.25). &#8220;Die Entwicklung systemkonformer Denk- und Verhaltensmuster verl&#228;uft planm&#228;ssig &#252;ber die sogenannten &#8220;&#8221;privaten&#8221; Institutionen der b&#252;rgerlichen Gesellschaft&#8221; (Kramer 1975, S.92), und das Proletariat ist demnach &#8220;subaltern, weil (es) den Hegemonieapparaten der herrschenden Klasse unterworfen&#8221; ist (Karin Priester, zit. nach Perspektiven 1988, S.13).</p>
<p><a name="q6"></a>Vor dem Hintergrund der Konzeption des integralen Staates geraten die &#8220;Hegemonieapparate&#8221; konsequenterweise zu einem zentralen Ort des &#8220;Klassenkampfes&#8221;. Gelingt es, dort die Hegemonie der &#8220;herrschenden Klasse&#8221; zu brechen, ist deren gesellschaftliche Dominanz in Frage gestellt, denn der Staat ist &#8220;nicht ein einfaches Instrument in den H&#228;nden einer Klasse, die ihn &#8220;&#8221;handhabt&#8221;" (Buci-Glucksmann 1981, S.95), keine &#8220;Sache&#8221;, &#8220;sondern die Kondensierung eines Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses&#8221; (ebda., S.74) zwischen den Klassen, ein Verh&#228;ltnis, das in &#8220;einem instabilen Gleichgewicht&#8221; sein kann, &#8220;das durch die einfache Alternative: entweder Revolution oder Reaktion gekennzeichnet ist&#8221; (Gramsci, zit. nach ebda., S.93). Daher h&#228;ngt alles &#8220;vom Verh&#228;ltnis der vorhandenen Kr&#228;fte&#8221; ab, davon, ob die herrschende Klasse f&#228;hig ist, &#8220;einen Block heterogener sozialer Kr&#228;fte zu zementieren&#8221; (ebda., S 95).(<a href="#6">6</a>)</p>
<h4>3. Gramscis revolution&#228;re Soziologie</h4>
<p><a name="q7"></a>Gramscis Konzept des &#8220;integralen Staates&#8221; bzw. des &#8220;historischen Blocks&#8221; ist h&#228;ufig als das eigentlich originelle Substrat seines Denkens bezeichnet worden, weil es den Versuch darstellt, die Gesellschaft als Totalit&#228;t zu erfassen(<a href="#7">7</a>). Und tats&#228;chlich stellt, historisch gesehen, sein theoretischer Ansatz einen Fortschritt gegen&#252;ber jenen marxistischen Interpretationen dar, die im Staat nichts anderes als das Unterdr&#252;ckungsinstrument der &#8220;herrschenden Klasse&#8221; zu sehen vermochten. Dieser Fortschritt erweist sich aber als ambivalent, geht er doch einher mit der Reformulierung des Klassenkampfdenkens, in einer Zeit, in der dieses zunehmend obsolet wird. Ein Mindestma&#223; an Reflexion vorausgesetzt, <em>kann</em> der moderne Staat nicht mehr einfach als simples Herrschaftsinstrument &#8220;der Bourgeoisie&#8221; interpretiert werden. Die Entwicklung des b&#252;rgerlichen Staates, der in seiner Anfangsphase in der Tat noch stark partikulare Momente transportierte, hin zu einer versachlichten Vergesellschaftungsinstanz, die die &#8220;Infrastruktur&#8221; f&#252;r die reibungslose Verwertung des Werts bereitstellt, konnte das linke theoretische Denken nicht unber&#252;hrt lassen. Insofern k&#246;nnen wir Gramsci als Soziologen begreifen, als Soziologen allerdings, der versucht, seiner Theorie eine revolution&#228;re Wendung zu geben. <a name="q8"></a>Wie das landl&#228;ufige soziologische Denken (und im &#252;brigen der gesamte Marxismus) operiert er dabei mit den Oberfl&#228;chenkategorien der b&#252;rgerlichen Gesellschaft wie mit feststehenden Entit&#228;ten, die blo&#223; gegeneinander ausgespielt, nicht jedoch als solche aufgehoben werden k&#246;nnen. Er setzt die auseinanderfallenden Sph&#228;ren des b&#252;rgerlichen Zusammenhangs als getrennte voraus und kann sich die gesellschaftliche Totalit&#228;t nur als ein &#228;u&#223;erliches Aufeinanderwirken dieser Sph&#228;ren, als Resultante aus dem Kr&#228;fteparallelogramm der innerhalb dieser Sph&#228;ren agierenden sozialen Gruppen vorstellen(<a href="#8">8</a>). <a name="q9"></a>Gegen&#252;ber der, den Interessengegens&#228;tzen der verschiedenen Charaktermasken des Kapitals gemeinsam zugrundeliegenden b&#252;rgerlichen Verkehrsform, bleibt er dagegen v&#246;llig blind. Wenn Marx und Engels in der <em>Deutschen Ideologie</em> davon sprechen, da&#223; &#8220;der Staat die Form ist, in welcher die Individuen einer herrschenden Klasse ihre gemeinsamen Interessen geltend machen und die ganze b&#252;rgerliche Gesellschaft einer Epoche sich zusammenfasst&#8221; (Marx/Engels zit. nach Kramer 1975, S.93), so fa&#223;t Gramsci &#8220;die Bourgeoisie&#8221;, die sich im Staat &#8220;eine allgemeine Form&#8221; (zit. nach ebda.) gibt, unmittelbar als soziologische Kategorie auf, als &#8220;soziale Gruppe&#8221; (Gramsci, zit. nach ebda., S.89) von Individuen, denen die Eigenschaft zukommt, Privateigent&#252;mer von Produktionsmitteln zu sein(<a href="#9">9</a>).</p>
<p><a name="q10"></a>Das Privateigentum ist aber nicht einfach die &#8220;Eigenschaft&#8221; bestimmter Personen oder Personengruppen. Vielmehr handelt es sich um eine gesellschaftlich-fetischistische <em>Verkehrsform</em>, die sich dar&#252;ber konstituiert, da&#223; sich die Individuen als Warenbesitzer gegen&#252;bertreten und daher wechselseitig als Privateigent&#252;mer anerkennen m&#252;ssen(<a href="#10">10</a>). Das Wertverh&#228;ltnis setzt die Individuen als Rechtssubjekte und konstituiert damit zugleich auch die allgemeine gesellschaftliche Form, in der diese Individuen aufeinander bezogen werden: das Recht. Der Ausdruck dieser abstrakten Allgemeinheit der b&#252;rgerlichen Geld- und Rechtsmonaden ist schlie&#223;lich der Staat. Aber so, wie die Warenform &#8220;den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenst&#228;ndliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zur&#252;ckspiegelt&#8221; (Marx 1890, S.86), verkehrt die Rechtsform das Eigentum aus einer gesellschaftlichen Verkehrsform in eine Sache, die den Individuen als pers&#246;nliche &#8220;Eigenschaft&#8221; zuzukommen scheint.</p>
<p>Wie die Wertvergesellschaftung als Ganze m&#252;ssen auch der Staat und das Recht als prozessuale Realkategorien verstanden werden, die sich erst durch mehrere Entwicklungssch&#252;be hindurch zu ihrem Begriff hinaufgearbeitet haben. Der Staat der Neuzeit entsprang wie das moderne Recht einer &#8220;materialen Rationalisierung&#8221; (Max Weber) der Herrschaft. Die von der sich durchsetzenden kapitalistischen Verwertung produzierten Sachzw&#228;nge konnten nicht l&#228;nger vom Willk&#252;rrecht partikularer Intermedi&#228;rgewalten verwaltet werden, sondern bedurften der Zentralisierung aller Gewalt im souver&#228;nen Staat, der, ebenso wie die sich entwickelnde Manufaktur, die Individuen in Verh&#228;ltnisse der &#8220;Kontinuit&#228;t, Gleichf&#246;rmigkeit, Regelm&#228;ssigkeit, Ordnung&#8221; (ebda., S.365) zu pressen begann.</p>
<p>Einen entscheidenden historischen Meilenstein bei der Herausbildung des modernen Staates stellt selbstverst&#228;ndlich die Franz&#246;sische Revolution dar. War der absolutistische Staat noch in erster Linie Zwangsapparat zur Sicherstellung und Eintreibung von Revenuen, und in dieser Form noch an die Interessen und Privilegien des herrschenden Adels gebunden (d.h. noch in einem Stadium &#8220;konkreter Beschr&#228;nktheit&#8221;, wie sich mit Hegel sagen l&#228;&#223;t), trieb der &#8220;Dritte Stand&#8221; mit der Proklamation unver&#228;u&#223;erlicher Menschenrechte und der Verrechtlichung der Staatsgewalt vermittels der Gewaltentrennung (die an die Stelle der Fetischgestalt des F&#252;rsten die formale, abstrakt-allgemeine Souver&#228;nit&#228;t des Rechts zu setzen beansprucht) einen Proze&#223; voran, der den Staat, wie Marx bemerkte, zum wirklichen Staat werden lie&#223;, d.h. zu einer allgemeinen Angelegenheit. Dennoch bedurfte es noch rund hundertf&#252;nfzig Jahre und gewaltiger sozialer Auseinandersetzungen, bis dieser Zustand in der modernen pluralistischen Massendemokratie tats&#228;chlich vollendet war.</p>
<p>Gramscis Denken ist vor dem Hintergrund dieses Durchsetzungsprozesses der modernen Massendemokratie zu begreifen. Man k&#246;nnte sagen, da&#223; sein Begriff des &#8220;integralen Staates&#8221; diesen Proze&#223; zu beschreiben versucht, allerdings nicht in der Form, da&#223; sich der Staat zunehmend seiner partikularistischen Momente entkleidet, sondern im Gegenteil, da&#223; eine bestimmte Klasse dominierend wird. F&#252;r Gramsci stellt sich die Entwicklung also spiegelverkehrt so dar, da&#223; die Bourgeoisie, die er als &#8220;F&#252;hrungsgruppe im &#246;konomischen Bereich des Kapitalismus&#8221; ausmacht, gleichzeitig auch zur universellen Klasse dieser Gesellschaftsformation geworden ist, weil <em>ihr Verhalten</em> die gesellschaftliche Entwicklung <em>bestimmt</em>. Ihr Aufstieg zur &#8220;f&#252;hrenden Klasse&#8221;, zu der &#8220;zum Staat werdenden Klasse&#8221;, bezeichnet nach Gramsci &#8220;den &#220;bergang vom bloss &#246;konomischen (oder egoistisch-leidenschaftlichen) Moment zum ethisch-politischen Moment &#8230;, d.h. die Hinaufarbeitung der Basis in den &#220;berbau, die sich im Bewu&#223;tsein der Menschen vollzieht&#8221; (Gramsci, zit. nach Albers 1983, S.140). Diese Formulierung erweist sich nach Detlev Albers als &#8220;die gedankliche Schaltzentrale des gesamten Marxismus Gramscis&#8221; (ebda., S.141), die es ihm erlaube, &#8220;universellere Begriffe, raffiniertere und entscheidendere ideologische Waffen auszuarbeiten&#8221; (Gramsci zit. nach ebda., S.140), &#8220;ohne die ihm eine Behauptung der Hegemonie &#8220;&#8221;im Osten&#8221; nicht anders als deren Eroberung &#8220;&#8221;im Westen&#8221; ausgeschlossen erscheinen&#8221; mu&#223; (ebda.).</p>
<p><a name="q11"></a>Denn wenn Gramsci die &#8220;&#8221;"Hinaufarbeitung&#8221; einer Klasse von der Basis in den &#220;berbau&#8221; in drei Phasen darstellt, der &#8220;&#246;konomisch-korporativen Phase&#8221;, der &#8220;ethisch-politischen Phase&#8221; und der &#8220;staatlichen Phase&#8221;, dann begreift er dies als &#8220;allgemeine(s) Denkmodell&#8221; einer &#8220;zu &#8220;&#8221;sich selbst&#8221; kommende(n) Klasse&#8221; (Schreiber 1982, S. 107f.), das ausdr&#252;cklich auch f&#252;r die revolution&#228;re Strategie des Proletariats in der Situation des &#8220;Stellungskrieges&#8221;(<a href="#11">11</a>) seine G&#252;ltigkeit haben soll. Auch das Proletariat mu&#223; also, nach Gramsci, seine &#8220;&#246;konomisch-korporative Phase&#8221; &#252;berwinden, die &#8220;die genetisch erste und elementarste Stufe von Bewu&#223;tseinsformen, Organisationsformen und politischen Praxen einer Klasse&#8221; ist (ebda., S.82), in der die &#8220;Interessensolidarit&#228;t aller Mitglieder einer Gesellschaftsklasse &#8230; noch auf rein &#246;konomischem Gebiet&#8221; (Gramsci, zit. nach ebda., S.83) besteht und &#8220;die Frage des Staates&#8221; sich nur stellt, &#8220;soweit politisch-rechtliche Gleichheit mit den herrschenden Klassen erzielt werden soll&#8221; (zit. nach ebda.). Die so errungene &#8220;politisch-rechtliche Gleichheit&#8221; werde zum &#8220;Terrain&#8221;, um &#8220;sich &#252;ber die &#246;konomisch-korporative Phase hinaus zu entwickeln und sich zu einer Phase ethisch-politischer Hegemonie innerhalb der b&#252;rgerlichen und herrschenden Gesellschaft des Staates zu erheben&#8221; (Gramsci, zit. nach Schreiber 1982, S.84f.).</p>
<p><a name="q12"></a>Diese Phase, so Gramsci weiter, sei verbunden mit &#8220;der weltanschaulichen Losl&#246;sung der subalternen Klasse von der herrschenden, (der) intellektuelle(n) und moralische(n) Reform und (der) Ausbildung des Kollektivwillens&#8221; (ebda., S.87); eine Bewegung, die sich f&#252;r Gramsci idealtypisch anhand der Franz&#246;sischen Revolution illustrieren l&#228;&#223;t, die &#8220;einen vollendeten Typ harmonischer Entwicklung aller nationalen Energien&#8221; (Gramsci, zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S.61) darstelle, weil die Bourgeoisie dort ihre &#8220;korporativen Tendenzen&#8221; &#252;berwunden und &#8220;den Interessen der untergeordneten Klassen Rechnung getragen habe&#8221;. Denn entscheidend ist f&#252;r Gramsci, da&#223; &#8220;nicht die Klasse an sich, sondern die Entwicklung der <em>gesamten Nation</em> &#8230; im Vordergrund des Interesses einer sich zur Hegemonie entwickelnden Klasse&#8221; steht (Schreiber 1982, S.102; Hervorheb. R.B.).(<a href="#12">12</a>)</p>
<p>Schon dieser ausdr&#252;cklich affirmative Bezug auf die Nation weist Gramsci als b&#252;rgerlichen Modernisierungstheoretiker aus, was nur vor dem Hintergrund der versp&#228;teten und prek&#228;ren Nationalstaatsbildung Italiens zu verstehen ist. Die Nation als politisch einheitliches, hoheitsrechtlich definiertes Territorium, der Binnenraum, in dem sich die freien und gleichen Warenbesitzer aufeinander beziehen, war in Italien bei weitem noch nicht verwirklicht und insofern hatte auch der Nationalismus als verallgemeinerungsf&#228;hige Ideologie noch lange nicht ausgedient. So wie die Freiheit und Gleichheit der Warenbesitzer innerhalb der Zirkulationssph&#228;re der Franz&#246;sischen Revolution als ein &#8220;wahres Eden der angebornen Menschenrechte&#8221; (Marx 1890, S.189) erschien, wurde &#8220;Br&#252;derlichkeit&#8221; zur ideologischen Chiffre f&#252;r die Nationalisierung der Massen und der Nationalismus zur ad&#228;quaten Durchsetzungsideologie von allgemeiner Verrechtlichung und Demokratisierung.</p>
<p><a name="q13"></a>Gramsci stellt seine &#8220;Philosophie der Praxis&#8221; v&#246;llig ungebrochen in die Tradition der b&#252;rgerlichen Revolution. Ausdr&#252;cklich bezeichnet er sie als eine &#8220;Verbindung von protestantischer Reformation und franz&#246;sischer Revolution&#8221; (Gramsci, zit. nach Schreiber 1982, S.93), den beiden wichtigsten historischen Sch&#252;ben der Durchsetzung der abstrakt-allgemeinen Geld- und Rechtsmonade, einmal in Gestalt ihres religi&#246;sen Widerscheins, dann in der s&#228;kularisierten Version des Nationalismus. Bei der Revolution von 1789 handelte es sich, so Gramsci, &#8220;um eine gro&#223;e intellektuelle und moralische Reform des franz&#246;sischen Volkes&#8221;, die versucht habe, &#8220;die Religion durch eine v&#246;llig laizistische, national und patriotisch ver&#228;nderte Ideologie zu ersetzen&#8221;. Nichts liegt ihm ferner, als dies zu kritisieren, denn &#8220;man kann nicht dem Mann des Volkes die Religion fortnehmen, ohne ihm etwas daf&#252;r zu geben, das jene Bed&#252;rfnisse befriedigt, deretwegen Religion entstanden ist und noch lebt&#8221; (zit. nach ebda.)(<a href="#13">13</a>).</p>
<h4>4. Kommunistische Partei und kapitalistischer Modernisierungsproze&#223;</h4>
<p><a name="q14"></a><a name="q15"></a>Gramscis &#8220;allgemeines Modell&#8221; des Aufstiegs einer Klasse zur gesellschaftlichen Hegemonie findet revolutionsstrategisch die Fortf&#252;hrung in seiner Theorie der kommunistischen Partei. Die kommunistische Partei ist bei Gramsci &#8220;die h&#246;chste Organisationsform des revolution&#228;ren Subjekts, der kollektive Intellektuelle, der danach dr&#228;ngt, &#8220;&#8221;selbst zum Staat zu werden&#8221; und diesen nach seinem Bilde umzuformen&#8221; (Perspektiven 1988, S.18). Sie mu&#223; &#8220;alle Erfordernisse des allgemeinen Kampfes&#8221; in sich zusammenfassen und verk&#246;rpern (Gramsci 1980, S.117).Es ist bezeichnend f&#252;r seinen Politizismus, da&#223; er diese Vorstellung anhand der Lekt&#252;re von Machiavellis <em>Il principe</em> konkretisiert: &#8220;In dem ganzen B&#252;chlein besch&#228;ftigt sich Machiavelli damit, wie der F&#252;rst beschaffen sein mu&#223;, um ein Volk zur Gr&#252;ndung des Staates zu f&#252;hren&#8221; (Gramsci 1980, S.253)(<a href="#14">14</a>). Ein F&#252;rst gelangt nach Machiavelli durch &#8220;eine erfolgreiche Schlauheit und ein <em>Buhlen um die Gunst des Volkes</em>&#8221; (Machiavelli 1513, S.54; Hervorheb. R.B.) an die Macht. Allerdings, so schr&#228;nkt Gramsci ein, kann &#8220;in der modernen Epoche proletarischer Revolution&#8221; ein solcher &#8220;Volksf&#252;rst&#8221; keine &#8220;charismatische Person&#8221; (Caponi de Hernandez 1989, S.108) mehr sein(<a href="#15">15</a>), &#8220;kein konkretes Individuum &#8230;, sondern nur ein Organismus, ein komplexes gesellschaftliches Element, in dem ein &#8230; kollektiver Wille sich zu konkretisieren begonnen hat. Dieser Organismus ist bereits infolge der historischen Entwicklung vorhanden und besteht in der politischen Partei&#8221; (Gramsci 1980, S.253).</p>
<p>Gramscis Parteikonzept ist das der modernen Gro&#223;organisation des demokratischen Massenzeitalters, oder vielmehr, es steht f&#252;r die <em>Einbeziehung</em> der aus ihren st&#228;ndischen Verankerungen herausgel&#246;sten Massen in die Politik. F&#252;r Gramsci hat die Partei ein &#8220;Kollektivintellektueller&#8221; zu sein, die &#8220;totalisierende, intellektuell und moralisch vereinheitlichende Instanz der Klasse&#8221;, ihre &#8220;Nomenklatur&#8221; (zit. nach Perspektiven 1988, S.12). Dabei stimmt er zwar mit Lenin &#252;berein, &#8220;da&#223; es die Notwendigkeit einer starken F&#252;hrung, Einheit und Disziplin in der Partei selbst gibt&#8221; (Caponi de Hernandez 1989, S.120), lehnt aber eine Kaderpartei von &#8220;Berufsrevolution&#228;ren&#8221; ab. Letzteres h&#228;ngt damit zusammen, da&#223; Gramsci sehr klar die Differenzen zwischen der russischen und der italienischen gesellschaftlichen Situation erkannt hat. Gerade weil Ru&#223;land einen starken Modernisierungsr&#252;ckstand gegen&#252;ber den L&#228;ndern Mittel- und Westeuropas aufwies, weil dort die &#8220;zivile Gesellschaft&#8221; noch kaum entwickelt war, konnte die kommunistische Partei (als sogenannte &#8220;revolution&#228;re Avantgarde des Proletariats&#8221;) &#252;ber einen schockhaft gef&#252;hrten &#8220;Bewegungskrieg&#8221; an die Macht gelangen. Im Westen dagegen &#8211; namentlich in Italien &#8211; mu&#223;te man sich, so Gramsci, auf einen langwierigen &#8220;Stellungskrieg&#8221; vorbereiten.&#8221;Im Osten war der Staat alles, die b&#252;rgerliche Gesellschaft steckte in ihren Anf&#228;ngen, und ihre Konturen waren flie&#223;end. Im Westen herrschte zwischen Staat und b&#252;rgerlicher Gesellschaft ein ausgewogenes Verh&#228;ltnis, und, erzitterte der Staat, so entdeckte man sofort die kr&#228;ftige Struktur der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. Der Staat war lediglich ein vorgeschobener Sch&#252;tzengraben, hinter dem eine robuste Kette von Befestigungswerken und Kasematten lag&#8221; (Gramsci 1980, S.273). Daher mu&#223;te auch mit einem &#8220;langfristig angelegten Kampf &#8230; der Arbeiterklasse&#8221; um die &#8220;Hegemonie auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens schon vor der Revolution&#8221; gerechnet werden (Schreiber 1982, S. 114).</p>
<p><a name="q16"></a>Sehen wir einmal davon ab, da&#223; das, was in Ru&#223;land stattfand, keinesfalls eine &#8220;sozialistische Umw&#228;lzung&#8221; war, sondern eine b&#252;rgerliche Revolution, mit der eine bestimmte Variante nachholender kapitalistischer Modernisierung in die Wege geleitet wurde, und da&#223; auch in Italien die verallgemeinerte Durchsetzung der wertf&#246;rmigen Vergesellschaftung erst noch auf dem historischen Programm stand, so reflektiert diese Einsch&#228;tzung doch die realen Unterschiede im Vergellschaftungsniveau zwischen den beiden L&#228;ndern. Daraus erkl&#228;rt sich der modernere Charakter von Gramscis Parteikonzept (ebenso wie die relative Plausibilit&#228;t seines Zivilgesellschaft-Konstrukts)(<a href="#16">16</a>).</p>
<p>Die &#8220;Hauptaufgabe der Partei&#8221; in der Phase des &#8220;Stellungskrieges&#8221; mu&#223; nach Gramsci die &#8220;intellektuelle und moralische Reform&#8221; (Caponi de Hernandez 1989, S.111) der Massen sein. Ihre Durchf&#252;hrung mu&#223; es der Partei erm&#246;glichen, sich &#8220;gewaltig aus(zu)dehnen, um eine neue Hegemonie &#8230; durch Vereinigung des ganzen Bev&#246;lkerungsspektrums zustande zu bringen&#8221;, wobei die Partei &#8220;das vermittelnde Moment (ist), welches den Embryo des kollektiven Willens zu Beginn des revolution&#228;ren Prozesses in den Ausdruck der Gesellschaft als Ganzes verwandelt. Durch die Partei, durch ihre erzieherische Funktion, verwandeln sich die Massen schrittweise in bewu&#223;te Agenten des revolution&#228;ren Prozesses&#8221; (ebda). Das Problem, das sich Gramsci dabei stellt, ist allerdings nicht grunds&#228;tzlich verschieden von dem Lenins: das Entwicklungsniveau der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse ist zu gering, als da&#223; die M&#246;glichkeit einer allseitigen Entwicklung der Individuen bereits gegeben w&#228;re, weshalb die Trennung in &#8220;F&#252;hrer&#8221; und &#8220;Gef&#252;hrte&#8221;, die Aufspaltung in Hand- und Kopfarbeiter, nicht aufgehoben werden kann. Dies erscheint Gramsci allerdings als ein grunds&#228;tzliches und nicht aufhebbares Strukturmerkmal moderner Gesellschaftlichkeit schlechthin. Sehr deutlich erkennt er, da&#223; die fortschreitende industrielle Arbeitsteilung, einhergeht mit einer Entfaltung der F&#228;higkeiten und Bed&#252;rfnisse der Individuen und diese in wachsendem Ma&#223;e in die gesellschaftlichen Prozesse miteinbezogen werden, da&#223; dies aber nicht zu einer Aufl&#246;sung der Hierarchien f&#252;hrt, sondern letztlich zu deren Ausdifferenzierung bei gleichzeitiger Versachlichung.</p>
<p>Diese Entwicklung h&#228;lt er f&#252;r unvermeidlich und unhintergehbar, meint aber, sie unter &#8220;sozialistischer Regie&#8221; &#8220;demokratisch&#8221; gestalten zu k&#246;nnen. Das anzustrebende Ideal besteht f&#252;r ihn darin, &#8220;die in jedem Menschen bis zu einem gewissen Grad vorhandene intellektuelle T&#228;tigkeit kritisch auszubilden, sein Verh&#228;ltnis zur muskul&#228;ren Anstrengung in ein neues Gleichgewicht zu bringen und zu erreichen, da&#223; die muskul&#228;re Anstrengung selbst &#8230; zur Grundlage einer neuen und integralen Weltanschauung wird&#8221; (Gramsci, zit. nach Showstack-Sassoon 1989, S. 105). Die abstrakte Arbeit soll also nicht aufgehoben, sondern blo&#223; moralisch aufgewertet werden. Den Faschisten wirft Gramsci vor, da&#223; sie die Hierarchien juristisch und st&#228;ndisch fixieren wollten, da&#223; die Art und Weise in der sie die Modernisierung vorantrieben &#8220;zwar einzelne dazu bef&#228;higte, ihre F&#228;higkeiten zu verbessern, zugleich aber die sozialen Unterschiede verfestigte&#8221; (Showstack-Sassoon 1989, S. 97).</p>
<p>Dagegen setzt er die Forderung, &#8220;da&#223; jeder &gt;Staatsb&#252;rger&lt; ein &gt;Regierender&lt;&#8221; werden kann und da&#223; die Gesellschaft ihn, wenn auch &gt;abstrakt&lt;, in die allgemeinen Verh&#228;ltnisse versetzt, da&#223; er es auch werden kann, &#8230; wobei jedem Regierten der kostenlose Erwerb der F&#228;higkeit und der allgemeinen zu diesem Zwecke erforderlichen technischen Vorbildung zu gew&#228;hrleisten ist&#8221; (Gramsci, zit. nach ebda., S.96). Genauer lassen sich die staatlichen Bildungsaufgaben im Rahmen der modernen Wertvergesellschaftung kaum umschreiben. Wo Gramsci also meint, eine &#8220;sozialistische Antwort&#8221; auf eine in seinen Augen &#8220;organische Langzeitkrise des Kapitalismus&#8221; zu geben (ebda., S.97), formuliert er im wesentlichen nur ein Programm, das in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg viel prosaischer unter dem Stichwort der &#8220;Chancengleichheit&#8221; auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Befreit man seine Vorstellungen vom &#8220;Arbeiterstaat&#8221; von ihrem ideologischen Firnis, entsprechen sie ziemlich genau dem, was in den westlichen Massendemokratien in den letzten vierzig Jahren zur sozialen Wirklichkeit wurde (allerdings inzwischen selbst wieder in die Krise geraten ist).</p>
<p>Es ist nur ein scheinbarer Widerspruch zu seinen Demokratievorstellungen, wenn Gramscis Parteikonzept letztlich nicht viel mehr ist als eine Art &#8220;light-Variante&#8221; des leninistischen Vorbilds. Die kommunistische Partei, der &#8220;moderne F&#252;rst&#8221;, soll als &#8220;intellektuelles Kollektiv&#8221; fungieren (zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S. 175), und so den &#8220;b&#252;rokratischen Zentralismus&#8221; (ebda.), in dem die Beziehung zwischen Partei und Arbeiterklasse &#8220;rein hierarchisch, von milit&#228;rischer Art&#8221; (zit. nach ebda., S.173) ist, durch einen &#8220;demokratischen&#8221; (ebda., S.175) ersetzen. Hierbei mu&#223; &#8220;das Verh&#228;ltnis Klasse/Partei &#8230; organisch und nicht b&#252;rokratisch sein&#8221; (ebda., S.173), m&#252;ssen die F&#252;hrer der Arbeiterklasse deren &#8220;grundlegendste und vitalste Interessen und W&#252;nsche&#8221; verk&#246;rpern, &#8220;ein Teil der Arbeiterklasse&#8221; sein, nicht &#8220;nur ein Auswuchs, eine einfache gewaltsame Aufpropfung&#8221; (zit. nach ebda.). Buci-Glucksmann erscheint dies als &#8220;die Ablehnung jeder b&#252;rokratisch-milit&#228;rischen Beziehung zu den Massen&#8221;, wie sie &#8220;die stalinistische Politik praktiziert hat&#8221; (ebda.). <a name="q17"></a>Diese Ablehnung jedoch bleibt trockene Theorie, ersch&#246;pft sich in der hilflosen Nachbesserung eines Konzepts, dessen Grundstruktur, (die &#8220;relative Verselbst&#228;ndigung der F&#252;hrer gegen&#252;ber ihrer gesellschaftlichen Basis&#8221;, wie Werner Hofmann den Stalinismus euphemistisch umschreibt; Hofmann 1984, S. 53), in der Organisationsform der politischen Partei selbst angelegt ist, die notwendigerweise zu den partikularen, wertkonstituierten Interessen ihrer Mitglieder in Widerspruch geraten mu&#223;, indem sie sich auf den Standpunkt des abstrakten Allgemeinteresses stellt(<a href="#17">17</a>).</p>
<p>Gramscis Reformulierung des von Lenin gepr&#228;gten Begriffs des &#8220;demokratischen Zentralismus&#8221; sollte sowohl dem h&#246;heren Bewu&#223;tseinsgrad der italienischen Massen als auch den Erfordernissen von Disziplin und Unterordnung innerhalb der Partei gerecht werden; sie sollte, wie es Schreiber ausdr&#252;ckt, &#8220;die Dialektik von Intellektuellen und der Masse, von Spontaneit&#228;t und F&#252;hrung&#8221; (Schreiber 1982, S.120) erm&#246;glichen. Diese angebliche &#8220;Einheit zwischen Intellektuellen und Volksmassen, zwischen Regierenden und Regierten&#8221; (Gramsci, zit. nach Caponi de Hernandez 1989, S.114), beruht auf der &#8220;Drei-Stufen-Struktur&#8221; (ebda., S.115) der Partei; ihr erstes Element sind &#8220;die gew&#246;hnliche(n), durchschnittliche(n) Menschen, deren Teilnahme in Disziplin und Treue&#8221; (zit. nach ebda., S.109) besteht. Sie bilden die &#8220;eigentliche soziale Basis der Partei&#8221; (ebda.). <a name="q18"></a>Das zweite Element &#8220;ist das Hauptelement des Zusammenhalts, &#8230; mit einer h&#246;chst koh&#228;siven, zentralisierenden und &#8230; erfinderischen Kraft begabt&#8221; (zit. nach ebda.); es ist dies die Parteif&#252;hrung, von der Gramsci sagt, da&#223; &#8220;sie eher eine Partei bilden (w&#252;rde) als das unter 1 behandelte Element&#8221; (zit. nach ebda.). Das dritte Element schlie&#223;lich erf&#252;llt eine Vermittlungsfunktion, indem es &#8220;als Glied zwischen dem ersten und dem zweiten Element dient und beide &#8230; verbindet&#8221; (zit. nach ebda., S.110); es handelt sich dabei um die sogenannten &#8220;organischen Intellektuellen des Proletariats&#8221;, deren Arbeit &#8220;die politische, moralische und intellektuelle Interaktion und Integration von Massen und F&#252;hrung&#8221; gestatten soll (ebda.)(<a href="#18">18</a>).</p>
<p>Diese &#8220;Teilung in verschiedene Parteiebenen&#8221; legitimiert Gramsci mit der Notwendigkeit einer &#8220;Teilung der Arbeit&#8221;; er begreift sie daher als eine &#8220;eher &#8230; technische&#8221; (ebda. S. 115). Deshalb habe die darin enthaltene Unterordnung auch &#8220;demokratischen Charakter&#8221;, denn wenn der &#8220;&#8221;"Ursprung der Macht, die die Disziplin anordnet&#8221; &#8230; &#8220;&#8221;demokratisch&#8221; ist, wenn also die Autorit&#228;t eine spezifisch technische Funktion und keine &#8220;&#8221;Willk&#252;r&#8221; &#8230; ist, dann ist die Disziplin ein notwendiges Element demokratischer Ordnung und Freiheit&#8221; (Gramsci, zit. nach ebda.), das &#8220;die Freiheit und Pers&#246;nlichkeit nicht aufhebt&#8221; (ebda.) &#8211; sondern, so w&#228;re hinzuzuf&#252;gen, diese Begriffe zu jenen Phrasen entleert, die sie f&#252;r jedes Wahlprogramm kompatibel machen. Gramscis Parteikonzept reflektiert erkennbar den versachlichten, aber nicht minder hierarchischen Aufbau des modernen industriellen Produktionsapparats, und seine v&#246;llig apologetische Haltung dazu erinnert fatal an jenes Hegelsche Diktum wonach Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit sei.</p>
<p>Nicht mehr die Zugeh&#246;rigkeit zu einer personalistisch verstandenen Kapitalistenklasse, sondern die technische Kompetenz, soll den F&#252;hrungsanspruch legitimieren, und dementsprechend erscheint die Aufhebung der &#8220;Herrschaft der Bourgoisie&#8221; bereits als Aufhebung des Kapitalismus. Ausgeblendet bleibt dabei, was das historisch Neue am Kapitalismus ausmacht: die Verwandlung personaler Herrschaft in formale oder versachlichte, die Unterordnung aller Lebensbereiche unter die Rationalit&#228;t des Wertverh&#228;ltnisses. Bei der Exekution formaler Sachzw&#228;nge, die sich nicht auf den Willen und das bewu&#223;te Wirken von Klassensubjekten reduzieren lassen, k&#246;nnen Ph&#228;nomene wie &#8220;Willk&#252;r&#8221; nur st&#246;rend sein. Die Wertf&#246;rmigkeit der Verh&#228;ltnisse materialisiert sich selbstredend auch in der kapitalistischen Maschinerie und den technischen Bedingungen, die den Menschen in Gestalt von &#8220;Sachzw&#228;ngen&#8221; gegen&#252;bertreten, weshalb die Frage der Klassenzugeh&#246;rigkeit eines Technikers, der einem Arbeiter Befehle gibt, eine sekund&#228;re ist, die soziologistisch an der Oberfl&#228;che des Kapitalverh&#228;ltnisses kleben bleibt.</p>
<p>Derart innerhalb des Horizonts der Wertvergesellschaftung verbleibend, reproduzieren sich deren Aporien zwangsl&#228;ufig auch innerhalb der kommunistischen Partei. Da die Trennung in &#8220;F&#252;hrer&#8221; und &#8220;Gef&#252;hrte&#8221; unter den Bedingungen sich erst durchsetzender kapitalistischer Modernisierung nicht aufhebbar ist, kann sich auch die Situation des &#8220;Gef&#252;hrten&#8221; nicht grunds&#228;tzlich &#228;ndern. Daher bleibt nur der Versuch, die b&#252;rgerlichen Prinzipien von Disziplin und Unterordnung zu &#8220;humanisieren&#8221;, was sich anh&#246;rt wie das Konzept vom &#8220;m&#252;ndigen B&#252;rger in Uniform&#8221; oder neuerer Managementmethoden: &#8220;Disziplin und Einheit sollen nicht aufgedr&#228;ngt werden, sondern aus allgemeinen Diskussionen und Debatten hervorgehen&#8221; (Caponi de Hernandez 1989, S.120); &#8220;die Mitglieder sollen nicht mechanisch Anordnungen von oben befolgen, sondern m&#252;ssen &#8230; Strategien und Taktiken befolgen, die sie ganz und gar verstehen und sogar mit formuliert haben&#8221; (ebda., S.115). Da&#223; dieses Konzept allerdings mit der historischen Realit&#228;t der kommunistischen Parteien, milde gesprochen, wenig zu tun hatte, ist keine Neuigkeit. Die Wahrheit hat Gramsci selbst formuliert, als er &#252;ber die KP Italiens schrieb, da&#223; die einzelnen Mitglieder dazu tendieren, &#8220;zu denken, da&#223; das Es tats&#228;chlich existiert, &#252;ber den Individuen, ein phantasmagorisches Wesen, &#8230; eine Art autonomer Gottheit&#8221; (zit. nach ebda.). Wer wollte nicht in diesen Worten den wertf&#246;rmig-fetischistischen Charakter der Beziehung der &#8220;Gef&#252;hrten&#8221; zu ihren &#8220;F&#252;hrern&#8221; erkennen, der sich offenbar selbst noch gegen den ausdr&#252;cklichen Willen letzterer durchsetzte?</p>
<h4>5. Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft und geheime Identit&#228;t von Fordismus, Sozialismus und Faschismus</h4>
<p>Der grunds&#228;tzliche, von der Wertform herausgesetzte Widerspruch zwischen den unmittelbaren Interessen der Individuen und dem abstrakten Allgemeininteresse, der die &#8220;Politik&#8221; als abgetrennte Sph&#228;re des gesellschaftlichen Lebens &#252;berhaupt erst konstituiert, und der sich im &#8220;b&#252;rokratischen Zentralismus&#8221; der kommunistischen Parteien reproduziert, verschwindet nat&#252;rlich auch dann nicht, wenn die Partei, wie Gramsci es ausdr&#252;ckt, &#8220;ihre Vollkommenheit&#8221; (zit. nach ebda., S.112) erreicht hat, das hei&#223;t, wenn sie zum Staat geworden ist. Der sozialistische Staat ist zwar einerseits nur &#8220;ein b&#252;rgerlicher Staat ohne Bourgeoisie&#8221; (Gramsci, zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S. 143), soll sich aber tendenziell in einen &#8220;Staat neuen Typs&#8221; verwandeln, &#8220;der auf die &#220;berwindung der <em>b&#252;rgerlichen Unterscheidung zwischen &#214;konomie und Politik</em> gerichtet sein mu&#223;&#8221;, wie Gramsci-Kenner Franco De Felice schreibt (zit. nach ebda. S. 151; Hervorheb. im Original). <a name="q19"></a>Was sich nach Aufhebung der Sph&#228;rentrennung anh&#246;rt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung aber als eine blo&#223;e Reformulierung des Basis-&#220;berbau-Schemas: Gramsci &#8220;unterteilt &#8230; den Staatsbegriff in politischen Machtapparat und in Produktions- und Austauschsystem&#8221; (ebda. S. 144), und w&#228;hrend der Staat &#8220;als industrielles &#246;konomisches Organisationsprinzip eines Landes bewahrt und entwickelt werden&#8221; k&#246;nne, werde der Staat als &#8220;Prinzip der politischen Machtaus&#252;bung&#8221; &#8220;umso schneller absterben, wie die Arbeiter in der Produktion geschlossen und diszipliniert sind&#8221; (Gramsci, zit nach ebda.).(<a href="#19">19</a>)</p>
<p>Bis dahin ist der &#8220;Arbeiterstaat&#8221; aber noch als Staat im modernen Sinne zu denken, denn, so Gramscis Begr&#252;ndung, noch existiere &#8220;die in Klassen gespaltene Gesellschaft&#8221;, und daher k&#246;nne auch der Staat, &#8220;die Form, die jeder in Klassen gespaltenen Gesellschaft eigen ist&#8221;, noch lange nicht verschwinden. Allerdings werde &#8220;der Staat, der in der Hand der Klasse der Arbeiter und Bauern liegt&#8221;, dazu benutzt, um deren &#8220;Entwicklungsfreiheit zu garantieren, um die Bourgeoisie vollst&#228;ndig aus der Geschichte auszul&#246;schen und um die materiellen Bedingungen zu festigen, unter denen sich keinerlei Klassenunterdr&#252;ckung mehr herausbilden kann&#8221; (Gramsci 1980, S.55f.). Wann diese vage Versprechung allerdings eingel&#246;st wird, das bleibt (auch hierin ist Gramsci orthodox marxistisch) v&#246;llig unbestimmt.</p>
<p>Zun&#228;chst einmal stehe nach der sozialistischen Revolution etwas v&#246;llig anderes auf der Tagesordnung: &#8220;Die Konkurrenz und die Klassen bestehen weiter&#8221;, allerdings haben sich die &#8220;Begriffe Konkurrenz und Klassenkampf&#8221; auf die internationale Ebene &#8220;verschoben&#8221;. &#8220;Die Diktatur des Proletariats ist noch ein Nationalstaat und ein Klassenstaat&#8221;, der &#8220;dieselben Probleme wie der b&#252;rgerliche Staat l&#246;sen (mu&#223;): &#228;u&#223;ere und innere Verteidigung&#8221;, denn die Zeit nach der Revolution wird &#8220;die Zeit der erbarmungslosen Konkurrenz zwischen den kommunistischen und kapitalistischen Nationalwirtschaften&#8221; (ebda., S.73) sein.</p>
<p><a name="q20"></a><a name="q21"></a>Was Gramsci in diesem Zusammenhang formuliert, ist erkennbar ein nationalstaatliches Modernisierungsprogramm, das nicht zuletzt vor dem Hintergrund der historischen Situation Italiens nach dem Ersten Weltkrieg zu verstehen ist. Der Weltkrieg hatte die Herausbildung des kapitalistischen Weltmarkts weiter beschleunigt, und so eine Verallgemeinerung und Versch&#228;rfung der internationalen Konkurrenz bewirkt, mit der Schritt zu halten einem im europ&#228;ischen Ma&#223;stab relativ r&#252;ckst&#228;ndigen und stark vom Weltmarkt abh&#228;ngigen Land wie Italien nicht leicht fiel. Was f&#252;r Italien in den zwanziger Jahren objektiv auf der Tagesordnung stand (objektiv in bezug auf die vorausgesetzte Weltmarktvergesellschaftung) war eine verst&#228;rkte Industrialisierung und Durchvergesellschaftung des Landes, verbunden mit einer Mobilisierung der Massen zu diesem Zweck.(<a href="#20">20</a>) Und dies wiederum implizierte, da&#223; die abstrakte Arbeitsmonade und, damit logisch verbunden, der abstrakte Staatsb&#252;rger zur allgemeinen gesellschaftlichen Daseinsform werden mu&#223;te.(<a href="#21">21</a>)</p>
<p>So gesehen ist es nicht weiter erstaunlich, wenn Gramsci den in den Zwanzigern beginnenden &#8220;Fordismus&#8221; im wesentlichen nur affirmierte. Dieser ist f&#252;r ihn eine &#8220;&#8221;"rationale&#8221; und daher zu verallgemeinernde Entwicklung&#8221; (zit. nach Perspektiven 1988, S.59), die, wie er betont, &#8220;aus der <em>unmittelbaren Notwendigkeit der Organisation einer Planwirtschaft</em>&#8221; (zit. nach Priester 1989, S.13; Hervorheb. R.B.) entspringe. Daher m&#252;&#223;ten die Imperative des Fordismus auch gegen den Widerstand traditioneller Schichten durchgesetzt und sich mit der &#8220;rationalen demographischen Zusammensetzung der Bev&#246;lkerung&#8221; verbinden, in der &#8220;es keine Klassen ohne wesentlich produktive Funktion, da&#223; hei&#223;t keine absolut parasit&#228;ren Klassen&#8221; (zit. nach Perspektiven 1988, S.60) mehr geben d&#252;rfe, also keine Bev&#246;lkerungsschichten mehr, die nicht in den Proze&#223; der Wertsch&#246;pfung einbezogen sind.</p>
<p><a name="q22"></a>In seinem Drang, die abstrakte Arbeitsmonade zur allgemeinen Daseinsform zu erheben, verliert Gramsci die kritische Distanz gegen&#252;ber der strukturellen Gewalt des wertf&#246;rmigen Vernutzungsapparats. Sehr klar erkennt er, da&#223; der Fordismus die Schaffung eines neuen Typus von Fabrikarbeiter impliziert, der den Bedingungen der &#8220;taylorisierte(n) Rationalisierung&#8221; (Gramsci, zit. nach Perspektiven 1988, S.61) innerhalb der Produktion gewachsen ist. Dies wiederum erfordere &#8220;eine allgemeine Ausbildung, einen Proze&#223; psychophysischer Anpassung an bestimmte Bedingungen der Arbeit, der Ern&#228;hrung, des Wohnens und der Gewohnheiten, was nichts angeborenes &gt;Nat&#252;rliches&lt; ist, sondern erworben werden&#8221; m&#252;sse (zit. nach ebda., S.60). Die Rationalisierung der Psychophysik der Individuen d&#252;rfe also nicht auf der Ebene der Fabrik stehenbleiben, sondern m&#252;sse das gesamte Leben ergreifen, vor allem die Sph&#228;re der Reproduktion, also Bereiche wie Sexualit&#228;t und Di&#228;tetik, den ma&#223;vollen Umgang mit Alkohol, die k&#246;rperliche Hygiene oder das sparsame Einteilen des Lohnes. &#8220;Die neuen Methoden erfordern eine <em>starre Disziplin der Sexualinstinkte &#8230;, das hei&#223;t eine Verst&#228;rkung der &gt;Familie&lt; im weitesten Sinne &#8230; sowie Reglementierung und Stabilit&#228;t sexueller Beziehungen</em>&#8221; (zit. nach ebda., S.60; Hervorheb. R.B.). Kurz: die Individuen sollen eine strikte &#8220;autodisciplina&#8221; herausbilden, die Zw&#228;nge des Systems der abstrakten Arbeit internalisieren.(<a href="#22">22</a>)</p>
<p>Eine wirklich &#8220;organische Entwicklung&#8221; des Fordismus hat nach Gramsci nur in den USA stattgefunden. Dort bedeutet der Fordismus &#8220;nicht nur technologische und arbeitseffektivierende Innovationen innerhalb der Fabrik, &#8230; sondern dar&#252;ber hinaus die Teilnahme der Arbeiter am permanent wachsenden Wohlstand des kapitalistischen Systems auf der Basis hoher L&#246;hne bei relativ niedrigen Preisen f&#252;r die neuen Massenprodukte&#8221; (Priester 1989, S.13). Dies soll &#8220;nichts weniger als die &#220;berwindung des Klassenkampfes durch ein neues Bild der Klassenbeziehungen untereinander&#8221; erm&#246;glichen, da nun &#8220;beide Seiten &#8230; von der Hebung der Arbeitsdisziplin und der Umstrukturierung der Fabriken profitieren&#8221; (ebda.). Im amerikanischen Fordismus sei dementsprechend &#8220;der Zwang &#8230; mit &#220;berzeugung und Konsensus klug kombiniert&#8221; (Gramsci, zit. nach Perspektiven 1988, S.61), stelle die &#252;ber den Arbeitsplatz vermittelte &#8220;Partizipation am Massenkonsum&#8221; die M&#246;glichkeit &#8220;der Einbindung&#8221; der Massen in &#8220;die &#8220;&#8221;Sozialpartnerschaft&#8221; dar&#8221; (ebda.).</p>
<p>Den L&#228;ndern Europas wurde dagegen diese Entwicklung &#8220;durch die unerbittliche Wucht&#8221; der US-&#214;konomie aufgedr&#228;ngt, die insbesondere Italien dazu zwang &#8220;seine &#252;berm&#228;&#223;ig antiquierte &#246;konomische und soziale Basis umzuw&#228;lzen&#8221; (Gramsci zit. nach Perspektiven 1988, S. 63). In den r&#252;ckst&#228;ndigeren L&#228;ndern gewinnt der Fordismus f&#252;r Gramsci also seine Bedeutung als Instrument einer Modernisierung, die &#8220;eines &#228;u&#223;eren Ansto&#223;es bedarf&#8221; (zit. nach ebda., S. 62). Als Instanz, die &#8220;die notwendigen Entwicklungen des Produktionsapparates von au&#223;en leitet&#8221; (zit. nach ebda.) kommt dabei nur der Staat in Frage, und dieser nimmt in Italien korporatistische bzw. faschistische Gestalt an.</p>
<p>Es l&#228;&#223;t sich nun aber sagen, da&#223; der Kernpunkt nicht das Eingreifen des Staates also solches ist, das im Amerika des &#8220;New Deal&#8221; ebenso stattfindet, als vielmehr die spezifische, durch das (relativ niedrige) Entfaltungsniveau der Wertvergesellschaftung erzwungene Form der Durchstaatlichung, die bei den (wie ich sie nennen m&#246;chte) &#8220;totalit&#228;ren Varianten&#8221; des Fordismus, dem italienischen Faschismus, dem deutschen Nationalsozialismus und dem russischen Bolschewismus, einen ungleich gewaltsameren Charakter annimmt. In ihnen entf&#228;llt die Zauberformel der Synthese von Massenproduktion und Massenkonsum, die es erm&#246;glicht, die Unruhen des Klassenkampfes in die Bahnen geregelter Verteilungskonflikte zu lenken. Die konsumistischen Verhei&#223;ungen sind dort Zukunftsmusik: wenn ein autarkes Italien stark genug ist, sich vom Weltmarkt abzukoppeln &#8230;, wenn Deutschland nach dem &#8220;Endsieg&#8221; den &#8220;europ&#228;ischen Grosswirtschaftsraum&#8221; beherrscht &#8230;, wenn die sowjetische Schwerindustrie soweit vorangebracht ist, da&#223; auch eine Entwicklung der Konsumg&#252;terindustrie m&#246;glich ist &#8230; Bis dahin, lie&#223;e sich mit Gramsci sagen, ist der Fordismus vor allem und in erster Linie &#8220;ein fortgesetzter Kampf gegen das Element des &gt;Tierhaften&lt; im Menschen, ein &#8230; Prozess, der oft schmerzhaft und blutig verl&#228;uft, die Unterjochung der Instinkte &#8230; unter immer neue, komplexere und strengere Normen und Gewohnheiten hinsichtlich der Ordnung, der Gerechtigkeit, der Pr&#228;zision, welche immer komplexere Formen des kollektiven Lebens m&#246;glich machen, die die notwendige Folge der Entwicklung des Industrialismus sind&#8221; (Gramsci, zit. nach Kebir 1989 II, S.56).</p>
<p><a name="q23"></a><a name="q24"></a>Der &#8220;objektivistische&#8221; Charakter dieses Zitats aus den Kerkerheften, in dem Gramsci die Unvermeidlichkeit der Verallgemeinerung der abstrakten Arbeitsmonade betont, steht in offensichtlichem Mi&#223;verh&#228;ltnis zu der verbreiteten Einsch&#228;tzung von Gramsci als dem Vertreter eines &#8220;subjektiv-idealistischen Marxismus&#8221; (Christian Riechers, zit. nach Perspektiven 1988, S. 63). Das Schwinden der revolution&#228;ren Perspektive und die erzwungene Praxisabstinenz der Gef&#228;ngnisjahre lie&#223;en die &#8220;voluntaristische&#8221; Seite der fr&#252;heren Periode zur&#252;cktreten, eine theoretische Entwicklung, deren scheinbare Widerspr&#252;chlichkeit nur die geheime Identit&#228;t der beiden Sichtweisen offenbart. Tats&#228;chlich nimmt auch bereits der Gramsci der <em>Ordine Nuovo</em>-Periode der 20er Jahre(<a href="#23">23</a>) mit seiner Forderung nach einem &#8220;sozialen Staat der Arbeit&#8221;, der &#8220;der liberalen Freiheit &#8230; des abstrakten B&#252;rger-Individuums &#8230; eine andere Freiheit gegen&#252;ber(stellt), die der Produzenten&#8221; (zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S. 124 f.), den Gramsci der Gef&#228;ngniszeit und seine Haltung zum Fordismus vorweg.(<a href="#24">24</a>)</p>
<p>Gramscis fast ungebrochen positive Aufnahme des Fordismus ist von einem seiner heutigen Anh&#228;nger, Sergio Bologna, so interpretiert worden, da&#223; sein &#8220;Interesse &#8230; f&#252;r die Um- und Erziehungsprogramme des Fordismus&#8221;, ebenso wie &#8220;seine Konzeption der Macht&#8221;, &#8220;eine richtig &#8220;&#8221;aufkl&#228;rerische&#8221; (war), und &#8230; wenig mit der Gewaltaus&#252;bung zu tun&#8221; hatte, daf&#252;r umso mehr mit &#8220;Kultur und &#8220;&#8221;Erziehung&#8221;" (Bologna 1989, S. 21). Leider lassen sich aber in der Praxis die Beziehungen von Aufkl&#228;rung und Erziehung zur &#8220;Gewaltaus&#252;bung&#8221; nicht wie in der Ideologie mit dem Setzen von Anf&#252;hrungszeichen l&#246;sen. In den &#8220;totalit&#228;ren&#8221; Varianten der Durchsetzung des Fordismus zeigte sich vielmehr dessen strukturelle Gewaltsamkeit in manifester Form. Das Individuum wird hier nicht als konsumierender B&#252;rger mit der M&#246;glichkeit der (auch politischen) Wahlfreiheit gesetzt, sondern als produzierendes Atom innerhalb eines Kollektivs, dessen Verh&#228;ltnis zur Politik auf blo&#223;e Akklamation beschr&#228;nkt bleibt. <a name="q25"></a><a name="q26"></a>Die Mobilisierung der Massen geht einher mit ihrer Militarisierung, der staatlichen Organisierung ihrer Freizeit, der Rationalisierung ihrer Lebensgewohnheiten, dem Zwang zu Leistungsf&#228;higkeit und politischer Disziplin; all dies basierend auf der Zerschlagung unabh&#228;ngiger Organisationsformen und abweichender Lebensverh&#228;ltnisse, der Homogenisierung der Bev&#246;lkerungsstruktur durch Aussonderung aus oder Einpressung in die vom Diktat der entwickelten Wertverwertung bestimmte Gesellschaft(<a href="#25">25</a>). Begleitet und unterst&#252;tzt wird dieses social engineering von Ideologien, die sich auf die Superiorit&#228;t einer Rasse oder die historische Mission einer Klasse berufen, und so die in Bewegung geratenen Massen in die politische Erstarrung zur&#252;ckf&#252;hren(<a href="#26">26</a>).</p>
<p><a name="q27"></a>Es ist gewi&#223; kein Zufall, da&#223;, wie Angelika Ebbinghaus schreibt, &#8220;Stalin, Hitler und Roosevelt &#8230; am Ende allesamt begeisterte Anh&#228;nger des Fordismus&#8221; waren (Ebbinhaus 1983, S. 221), ebenso &#252;brigens wie Mussolini und die deutsch-&#246;sterreichischen Sozialdemokraten(<a href="#27">27</a>). Darin reflektiert sich der anstehende Modernisierungsschub, der sich unanbh&#228;ngig vom Willen der Beteiligten durchsetzte, dabei aber verschiedene ideologische Verkleidungen annahm. So l&#228;&#223;t sich wohl mit Recht behaupten, da&#223; das, was der italienische Faschismus in die Wege leitete (und die fordistische Arbeitsgesellschaft nach dem Weltkrieg fortsetzte), strukturell durchaus mit dem &#252;bereinstimmte, was Gramsci Jahre zuvor unter anderen ideologischen Vorzeichen programmatisch skizziert hatte. Gest&#252;tzt auf Lenins Imperialismus-Theorie hatte Gramsci bereits in den 20er Jahren immer wieder betont, da&#223; die b&#252;rgerliche Klasse nur noch aus parasit&#228;ren Rentiers bestehe, &#8220;der Kapitalismus &#8230; plutokratisch geworden&#8221; (zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S.314) und der italienische Staat &#8220;zum Monopol in ausl&#228;ndischen H&#228;nden&#8221; (zit. nach ebda., S.132) degeneriert sei. Gramsci sah Italien praktisch &#8220;in die Zeit des Kampfes um die nationale Einheit&#8221; zur&#252;ckversetzt (ebda.), und er war der festen &#220;berzeugung, da&#223; &#8220;nur der proletarische Staat &#8230; den Proze&#223; der Aufl&#246;sung der nationalen Einheit aufhalten&#8221; k&#246;nne (zit. nach ebda.), denn die Arbeiterklasse sei zur &#8220;einzigen nationalen Klasse&#8221; (zit. nach ebda., S.131) geworden.</p>
<p>Die Legitimation dieser Behauptung sah Gramsci in der &#8220;&#246;konomischen Schl&#252;sselposition&#8221; (zit. nach Schreiber 1982, S.47) des Proletariats und seiner alleinigen F&#228;higkeit, &#8220;die Produktivkr&#228;fte&#8221; weiterzuentwickeln: &#8220;Indem &#8230; die Arbeiter &#8230; den Ertrag des Produktionsapparates steigern, &#8230; zeigen sie, da&#223; sich die Regierung der Nation nur auf ihre Klassenorganisation gr&#252;nden kann&#8221; (zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S.130). Was nun zu gelten habe, sei &#8220;der Primat der Arbeit, der Produzenten&#8221;, denn dies erm&#246;gliche es, &#8220;einen Staat neuen Typs denken zu k&#246;nnen&#8221; (ebda., S.313), einen &#8220;Staat der Arbeit (Togliatti), Staat der Produzenten (Gramsci)&#8221; (ebda., S.122), der &#8220;<em>sich die &#246;konomische Organisation zum Vorbild nehmen (mu&#223;); seine Mitglieder sind nicht mehr B&#252;rger, sondern Produzenten</em>&#8221; (Gramsci, zit. nach ebda., S.123; Hervorheb. R.B.); seine Prinzipien seien &#8220;<em>Koh&#228;renz, Disziplin, Einheit, Organisation, Homogenit&#228;t</em>&#8221; (ebda., S.150; Hervorheb. R.B.).</p>
<p><a name="q28"></a>Auch Mussolini hatte gefordert, &#8220;ganz Italien m&#252;sse &#8220;&#8221;eine Werft, eine Fabrik&#8221; werden&#8221; (Nolte 1966, S. 83) und verk&#252;ndet: &#8220;In 10 Jahren wird man Italien nicht wiedererkennen&#8221; (zit. nach ebda.). Zur Verwirklichung dieses Programms griff der Faschismus auf der Ebene der Produktion zu den gleichen Mitteln wie der Bolschewismus: sollten in der Sowjetunion aus den Gewerkschaften, wie Trotzki es ausdr&#252;ckt, &#8220;Organe der Militarisierung der Arbeit&#8221; werden, die nicht &#8220;die Interessen der Arbeit, sondern die des Staates&#8221; zu verteidigen haben, und die dazu dienen, &#8220;die Arbeiterklasse zu Produktionszwecken zu organisieren, zu erziehen, zu disziplinieren, zu verteilen, zu gruppieren, die einzelnen Gruppen und die einzelnen Arbeiter f&#252;r bestimmte Zeit an ihre Posten festzulegen, &#8211; mit einem Wort, Hand in Hand mit dem Staat die Werkt&#228;tigen gebieterisch dem Rahmen des wirtschaftlichen Einheitsplanes einzuf&#252;gen&#8221; (zit. nach Abosch 1984, S.64)(<a href="#28">28</a>), so wurden im Faschismus die unabh&#228;ngigen Organisationen der Arbeiterklasse zerschlagen und durch staatlich kontrollierte Berufskorporationen ersetzt. Deren Aufgabe war es nicht zuletzt, den Arbeitsmarkt zu kontrollieren: &#8220;Die freie Wahl des Arbeitsplatzes ging verloren, und die Vermittlung einer Arbeitsstelle war mit der Verpflichtung zu einem festen Wohnsitz verbunden&#8221; (Kebir 1989 I, S.50).</p>
<p>Und so wie Gramsci von der Notwendigkeit einer Macht spricht, &#8220;die f&#228;hig ist, der Arbeiterklasse solche Bedingungen der Ern&#228;hrung und des Wohlstandes zu schaffen, die eine bestimmte Arbeitsleistung und eine Steigerung der Produktion gestatten&#8221; (Gramsci 1980, S.51), tritt Mussolini mit dem Programm der Fruchtbarmachung brachliegenden Bodens, dem Ausbau der Infrastruktur in zur&#252;ckgebliebenen Regionen und der Industrialisierung der Landwirtschaft an. So wie Gramsci die Schaffung eines &#8220;sozialistischen Heeres&#8221; (ebda., S.75) fordert, das dem &#8220;betont milit&#228;rischen Charakter&#8221; (ebda., S.73) des proletarischen Staates entspricht und gebildet wird aus den &#8220;st&#228;hlernen Bataillone(n) des bewu&#223;ten und disziplinierten Proletariats&#8221; (ebda., S.72), verlangt der Faschismus die &#8220;nazione militarista&#8221;. Da&#223; schlie&#223;lich die wichtigste Aufgabe nach der siegreichen sozialistischen Revolution &#8220;die Organisierung eines sehr fest gef&#252;gten sozialistischen Staates&#8221; sein sollte, &#8220;der so schnell wie m&#246;glich der Zersetzung und der Disziplinlosigkeit Einhalt gebietet, der dem sozialen Gef&#252;ge eine konkrete Form gibt&#8221; (ebda.), dieser Notwendigkeit hat der Faschismus mit der Schaffung des &#8220;korporativen Staates&#8221; auf seine Weise entsprochen.</p>
<p><a name="q29"></a><a name="q30"></a>Was Gramsci letztlich dem Faschismus an Prinzipellem vorzuwerfen hat, reduziert sich im Kern darauf, da&#223; dieser die (soziologistisch gedachten) kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen nicht antaste, und daher auch sein Programm der Homogenisierung der Gesellschaft und der Zerst&#246;rung feudaler und traditionaler R&#252;ckst&#228;nde nicht konsequent verwirklichen k&#246;nne(<a href="#29">29</a>). Dies kann nach Gramsci nur die Arbeiterklasse leisten oder vielmehr, die in die Rolle des transzendentalen Subjekts versetzte kommunistische Partei, die &#8220;die Erziehung des Proletariats neu aufnehmen (mu&#223;), es an die Idee gew&#246;hnen (mu&#223;), <em>da&#223; f&#252;r eine Aufhebung des Staates &#8230; ein Typ von Staat notwendig ist, der zur Verfolgung dieses Zieles geeignet ist, da&#223; zur Aufhebung des Militarismus ein neuer Typ des Heeres notwendig sein kann</em>. Das bedeutet, das Proletariat zur Aus&#252;bung der Diktatur, zur Selbstregierung zu bef&#228;higen&#8221; (Gramsci 1980, S.73f.; Hervorheb. R.B.).(<a href="#30">30</a>)</p>
<p><a name="q31"></a>Es verweisen diese Formulierungen auf Werner Hofmanns Definition vom Stalinismus als einer &#8220;stellvertretenden Diktatur&#8221; bzw. &#8220;Erziehungsdiktatur&#8221; (Hofmann 1984, S.48f.), deren Makel es allerdings gewesen sei, da&#223; in ihr &#8220;die Staatsgewalt ihren eigentlichen gesellschaftlichen Tr&#228;gern entfremdet gegen&#252;bertrat&#8221; (ebda., S.49). Nicht mehr der Staat an sich bedeutet ihm also die Entfremdung, sondern nur noch die, durch einen &#8220;Opportunismus der Macht&#8221; (ebda., S.48) bewirkte, mangelnde Identifikation des &#8220;Volksgenossen&#8221; mit seinem &#8220;Volksstaat&#8221;. Die Durchsetzung dieser Identifikation, die &#8220;Selbstregierung des Proletariats&#8221;, wird so zur Chiffre f&#252;r ein Vergesellschaftungsmodell, in dem die Verstaatlichung des Proletariats als Aufhebung des Staates erscheint(<a href="#31">31</a>). Schon die Bezeichnung als &#8220;Arbeiter- und Bauernstaat&#8221; oder &#8220;Staat der Produzenten&#8221; verdeutlicht, da&#223; die wertf&#246;rmig konstituierten Sozialkategorien nicht etwa aufgehoben, sondern ausdr&#252;cklich affirmiert werden. Das Dasein des unmittelbaren Produzenten als Verausgabungsmonade abstrakter Arbeit soll verallgemeinert werden, und das ist notwendig verbunden mit dessen Unterwerfung unter das abstrakte Allgemeininteresse der Kapitalverwertung, deren politischer Repr&#228;sentant der Staat ist. An dessen Aufhebung, wie sie Marx in <em>Zur Judenfrage</em> zu bestimmen versuchte, kann in dieser Form nicht gedacht werden: &#8220;Erst wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsb&#252;rger in sich zur&#252;cknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verh&#228;ltnissen Gattungswesen geworden ist, &#8230; und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emancipation vollbracht&#8221; (zit. nach Lenk 1981, S.120f.).</p>
<p>Der Sozialismus versuchte, aus der Zwangslage heraus, da&#223; er die Voraussetzungen f&#252;r eine Aufhebung des Staates noch nicht vorfand, den umgekehrten Weg zu gehen, und den individuellen Menschen im abstrakten Staatsb&#252;rger aufzul&#246;sen, das Volk im Staat aufgehen zu lassen; er war so der konsequenteste Ausdruck der Demokratie, insofern &#8220;er den letzten Glauben, der innerhalb des europ&#228;ischen Parteiensystems aufgetreten war, zu verwirklichen gewillt war&#8221; (Nolte 1966, S.184).</p>
<h4>Nachruf</h4>
<p><a name="q32"></a>In Hinblick auf den Populismus der Nachkriegszeit, der f&#252;r ihn &#8220;ein allgemeines Mittel des modernen Krisenmanagments der Rechten&#8221; war, und dessen &#8220;Grundstruktur&#8221; es sei, &#8220;rechte Politik mit linkem Vokabular zu bem&#228;nteln&#8221; (Kebir 1989 I, S.41), zog Gramsci folgendes, optmistisches, Res&#252;mée: &#8220;Man k&#246;nnte etwas davon entdecken, was Vico die &#8220;&#8221;Schlauheit der Natur&#8221; nennt, d.h. einen gesellschaftlichen Impuls, der das Gegenteil des von ihm angesteuerten Ziels realisiert&#8221; (zit. nach ebda., S.42). Der Populismus w&#228;re zu verstehen als &#8220;eine Episode indirekter &#8220;&#8221;Erziehung des Volkes&#8221;" (zit. nach ebda.), einer Erziehung in Richtung Sozialismus.(<a href="#32">32</a>)</p>
<p>Jene &#8220;Schlauheit der Natur&#8221;, von der Gianbattista Vico spricht, die Hegel &#8220;List der Vernunft&#8221; nannte und die letztlich nichts anderes ist, als die blinde Durchsetzungslogik der fetischistisch-wertf&#246;rmigen &#8220;zweiten Natur&#8221;, hat, wie ich zu zeigen versuchte, auch den Sozialismus als &#8220;Mittel f&#252;r ihre Zwecke&#8221; einzusetzen verstanden; eine Entwicklung, die eine Zeitgenossin Gramscis, die franz&#246;sische Theoretikerin Simone Weil, hellsichtig begriffen hat: &#8220;Die Geschichte der Arbeiterbewegung erscheint &#8230; in einem grausamen, besonders grellen Licht. Man kann sie vollst&#228;ndig in der Formel res&#252;mieren, da&#223; die Arbeiterklasse ihre gr&#246;&#223;te Macht bewiesen hat, sofern sie etwas anderem als einer Arbeiterrevolution diente. Die Arbeiterbewegung konnte die Illusion der Macht erzeugen, solange sie dazu beitrug, die &#220;berreste des Feudalismus zu beseitigen und die kapitalistische Ordnung einzurichten, entweder in Form des Privatkapitalismus oder des Staatskapitalismus in Russland&#8221; (Weil 1934, S.52).</p>
<p>Dieses Verdikt, das im weiteren Sinne auch auf Gramsci zu beziehen w&#228;re, scheint noch heute vielen seiner Anh&#228;nger unverst&#228;ndlich zu sein. Es relativiert seine theoretische Bedeutung f&#252;r die derzeitige Krisenepoche des warenf&#246;rmigen Weltsystems in ganz erheblichem Ma&#223;e. Begreifen wir Gramsci n&#228;mlich als Modernisierungstheoretiker der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, dann hei&#223;t dies nicht anderes, als da&#223; er uns &#252;ber eine Zeit, in der die kapitalistische Modernisierung in das Stadium ihres Verfalls eingetreten ist, nichts sagen kann. Zwar mag man abstrakt seinen Gedanken aufgreifen, da&#223; jede oppositionelle Bewegung, die eine fundamentale Umw&#228;lzung der Gesellschaft anstrebt, in irgendeiner Weise die &#8220;gesellschaftliche Hegemonie&#8221; erringen mu&#223;. Doch befreit man diesen Gedanken von all jenen marxistischen und modernisierungstheoretischen Implikationen, die er bei Gramsci noch hatte (Sturz der Klassenherrschaft, Herstellung der nationalen Einheit, Durchsetzung eines &#8220;Staats der Arbeit&#8221; etc.), dann bleibt nicht viel mehr als eine Binsenweisheit zur&#252;ck. So gesehen k&#246;nnen wir Gramsci getrost das Verdienst zusprechen, in seinen Reflexionen auf der H&#246;he seiner Zeit gewesen zu sein. Soweit sich aber heute rechte oder linke Publizisten und Politiker auf seine Theorie (oder Teile davon) positiv beziehen, beweisen sie damit nicht viel mehr, als da&#223; sich auch eine untergehende Epoche nicht automatisch von den Bleigewichten ihrer Vergangenheit befreit, sondern da&#223; die Anstrengung der Kritik notwendig bleibt.</p>
<h4>Zitierte Literatur:</h4>
<p>Abosch 1984: Heinz Abosch, Trotzki und der Bolschewismus, Ullstein-Tb. 35191</p>
<p>Albers 1983: Detlev Albers, Versuch &#252;ber Otto Bauer und Antonio Gramsci, Argument-Verlag</p>
<p>Althusser 1977: Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate, VSA-Verlag</p>
<p>Arendt 1966: Hannah Arendt, Elemente und Urspr&#252;nge totaler Herrschaft, Serie Piper 645</p>
<p>Bologna 1989: Sergio Bologna, Zur Analyse der Modernisierungsprozesse. Einf&#252;hrung in die Lekt&#252;re von Antonio Gramsci&#8217;s &#8220;Americanismo e Fordismo&#8221;, Hrsg. von der Hamburger Stiftung f&#252;r Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts</p>
<p>Buci-Glucksmann 1981: Christine Buci-Glucksmann, Gramsci und der Staat, Pahl-Rugenstein-Verlag</p>
<p>Caponi de Hernandez 1989: Orietta Caponi de Hernandez, Die neue Partei: der moderne F&#252;rst, der kollektive Intellektuelle, in: Die Linie Luxemburg &#8211; Gramsci, S.107 &#8211; 121, Argument</p>
<p>Colletti 1977: Lucio Colletti, Rousseau, Kritiker der &#8220;b&#252;rgerlichen Gesellschaft&#8221;, in: ders., Marxismus und Dialektik, S.78 &#8211; 144, Ullstein-Tb. 3326</p>
<p>Ebbinghaus 1983: Angelika Ebbinghaus, Arbeiter und Arbeitswissenschaft, Westdeutscher Verlag</p>
<p>Gramsci 1980: Antonio Gramsci, Zu Politik, Geschichte und Kultur, Reclam- Verlag Leipzig</p>
<p>Hall 1984: Stuart Hall, Ideologie und &#214;konomie &#8211; Marxismus ohne Gew&#228;hr, in: Die Camera obscura der Ideologie, S.97 &#8211; 121, Argument</p>
<p>Hall 1989: ders., Antonio Gramscis Erneuerung des Marxismus, in: ders., Ausgew&#228;hlte Schriften, S.56 &#8211; 91, Argument</p>
<p>Hegel 1830: G.W.F. Hegel, Enzyklop&#228;die der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse I, stw 608</p>
<p>Hofmann 1984: Werner Hofmann, Was ist Stalinismus?, Distel-Verlag</p>
<p>Kebir 1989 I: Sabine Kebir, Gramsci &#252;ber Faschismus, Populismus und Futurismus, in: 1999 3/89, S.41 &#8211; 60</p>
<p>Kebir 1989 II: dies., Die Internationalisierung der &#8220;Zivilgesellschaft&#8221;. Ein Versuch zur Aktualisierung Gramscis, in: Die Linie &#8230;, S.51 -68</p>
<p>Kramer 1975: Annegret Kramer, Gramscis Interpretation des Marxismus, in: Gesellschaft, Beitr&#228;ge zur Marxschen Theorie 4, S.65 &#8211; 118, es 764</p>
<p>Lenk 1981: Kurt Lenk, Theorien der Revolution, UTB 165</p>
<p>Machiavelli 1513: Niccolo Machiavelli, Der F&#252;rst, insel-tb. 1207</p>
<p>Marx 1890: Karl Marx, Das Kapital, Band I, MEW 23, Dietz-Verlag</p>
<p>Nolte 1966: Ernst Nolte, Die faschistischen Bewegungen, dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts</p>
<p>Nolte 1986: ders., Vergangenheit, die nicht vergehen will, in: Reinhard K&#252;hnl (Hrsg.), Streit ums Geschichtsbild, S.32 &#8211; 37, Pahl-Rugenstein</p>
<p>Perspektiven 1988: Perspektiven, Zeitschrift f&#252;r Sozialistische Theorie, Sonderheft 1, Antonio Gramsci</p>
<p>Priester 1989: Karin Priester, Die deutsche R&#228;tebewegung und die Taylorismus-Fordismus-Debatte, Hrsg. von der Hamburger Stiftung f&#252;r Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts</p>
<p>Rosenberg 1933: Arthur Rosenberg, Geschichte des Bolschewismus, athen&#228;um-Tb.</p>
<p>Schreiber 1982: Ulrich Schreiber, Die politische Theorie Antonio Gramscis, Argument</p>
<p>Showstack-Sassoon 1989: Anne Showstack-Sassoon, Volk, Intellektuelle und spezialisiertes Wissen, in: Die Linie &#8230;, S.90 &#8211; 106</p>
<p>Weil 1934: Simone Weil, Reflexionen &#252;ber die Ursachen der Freiheit und der Unterdr&#252;ckung, in: Gerd Bergfleth et al., Zur Kritik der palavernden Aufkl&#228;rung, S.34 &#8211; 123, Matthes &amp; Seitz-Verlag</p>
<p>Zamis 1980: Guido Zamis, Nachwort des Herausgebers, in: Gramsci 1980, S.319 &#8211; 386</p>
<h4>Fu&#223;noten</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Der Marxismus, darauf sei ausdr&#252;cklich hingewiesen, wird hier begriffen als Durchsetzungsideologie der Arbeiterbewegung und nicht identisch gesetzt mit der Marxschen Theorie, die zwar Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r das soziologistische Klassenkampfkonstrukt bietet, aber keinesfalls darin aufgeht.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Vgl. dazu auch die Aufs&#228;tze von Ernst Lohoff und Norbert Trenkle in Krisis 10, Erlangen 1991.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) Auch hierin folgt er der Vorgabe Engels&#8217;: &#8220;Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente, worin schliesslich &#8230; die &#246;konomische Bewegung sich durchsetzt&#8221; (Engels, zit. nach ebda.); vgl. dazu auch Kramer 1975, S. 72 ff.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">4</a>) Buci-Glucksmann h&#228;lt dies f&#252;r &#8220;die Ablehnung eines einfachen Modells: Reproduktion/Widerspiegelung&#8221; des Basis-&#220;berbau-Verh&#228;ltnisses, wie es der &#8220;&#214;konomismus&#8221; vertritt, &#8220;zugunsten eines mehr (!) dialektischen Modells, das sich auf den Primat der Herausbildung von Klassen und des Klassenkampfes st&#252;tzt&#8221; (ebda., S.255); Hervorheb. R.B.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) Hiermit ist bereits die Voraussetzung f&#252;r eine Adaptation Gramscis durch die Rechte gegeben.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) Der &#8220;strukturalistische Marxist&#8221; Louis Althusser, dessen Konzept der &#8220;ideologischen Staatsapparate&#8221; an das der &#8220;Hegemonieapparate&#8221; Gramscis anschlie&#223;t, ist f&#252;nfzig Jahre sp&#228;ter noch keinen Schritt weiter: &#8220;Die ideologischen Staatsapparate sind notwendig der Ort und der Einsatz eines Klassenkampfs, der in den Apparaten der herrschenden Ideologie den allgemeinen Klassenkampf, der die Gesellschaftsformation beherrscht, weiterf&#252;hrt&#8221; (Althusser 1977, S.156).</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) So etwa Schreiber (1982, S.130): &#8220;Die Originalit&#228;t Gramscis besteht darin, als erster marxistischer Theoretiker die hegemoniale Staatsfunktion untersucht zu haben&#8221;, darin, da&#223; er den Staat &#8220;als Form&#8221; betrachtet, &#8220;in der die &#220;bereinstimmung gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung zum politischen und &#246;konomischen Programm und zur Weltanschauung der herrschenden Klassen erzeugt wird&#8221;.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) Es ist dieses soziologistische Oberfl&#228;chendenken, das Gramsci f&#252;r die unterschiedlichsten Inhalte instrumentalisierbar macht. So gesehen ist es nicht verwunderlich, da&#223; Gramscis Vorstellungen vom &#8220;ideologischen Kampf&#8221; um Begriffe beim Sozialdemokraten Peter Glotz f&#252;r eine Modernisierung des Kapitalismus und bei den neuen Nazis um Alain de Benoist gar in Hinblick auf einen v&#246;lkischen Staat &#8220;mi&#223;braucht&#8221; werden k&#246;nnen. Bleibt die strukturelle Wertf&#246;rmigkeit von Begriffen wie &#8220;Staat&#8221;, &#8220;Nation&#8221; oder &#8220;Volk&#8221; unbegriffen, und glaubt die Linke, diese Begriffe &#8220;hegemonial pr&#228;gen&#8221; zu k&#246;nnen, so best&#228;tigt sie mit dieser theoretischen Hilflosigkeit nur ihre eigene &#220;berfl&#252;ssigkeit.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) Diese soziologistische Sichtweise ist allerdings bei Marx und Engels selbst durchaus angelegt und wird insbesondere von letzterem in bestimmten Texten explizit vertreten.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) &#8220;Dies Rechtsverh&#228;ltnis, dessen Form der Vertrag ist, &#8230;, ist ein Willensverh&#228;ltnis, worin sich das &#246;konomische Verh&#228;ltnis widerspiegelt&#8221; (Marx 1890, S.99).</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) Den Begriff des &#8220;Stellungskrieges&#8221; verwendet Gramsci hier im Gegensatz zu dem des &#8220;Bewegungskrieges&#8221;, wie er den revolution&#228;ren Proze&#223; in Ru&#223;land nennt; vgl. dazu auch Abschnitt 4 meines Artikels.</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) Was in der Franz&#246;sischen Revolution den Jakobinern zufiel, &#8220;die kompakte Einheit der modernen &#8230; Nation&#8221; (Gramsci, zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S. 62) zu schaffen, sieht Gramsci in Italien als die Aufgabe des Proletariats an. Die Schw&#228;che der italienischen Bourgeoisie, ihre &#246;konomische Abh&#228;ngigkeit vom Staat und das dadurch bedingte Fehlen einer &#8220;jakobinische(n) Partei&#8221; (Gramsci 1980, S. 300), habe das Risorgimento (die &#8220;Wiedergeburt&#8221; Italiens, d.h. die Einigungsbewegung von 1815-70) zu einer &#8220;Revolution ohne Revolution&#8221; werden lassen, in der sich die Bourgeoisie damit begn&#252;gt habe &#8220;herrschend&#8221; aber nicht &#8220;f&#252;hrend&#8221; zu werden. Die Folge davon sei, da&#223; der neue italienische Staat &#8220;praktisch gar nicht autonom war, weil er im Innern vom Papsttum und von der Passivit&#228;t der sich unwillig zeigenden breiten Massen ausgeh&#246;hlt wurde&#8221; (ebda., S. 310).</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">13</a>) Wie unkritisch sich Gramsci gegen&#252;ber dem b&#252;rgerlich konstituierten &#8220;gesunden Menschenverstand&#8221; verh&#228;lt, wird auch an folgender Stelle deutlich, wo er schreibt, es gelte, an die &#8220;&#8221;"spontanen&#8221; Gef&#252;hle der Massen&#8221; anzukn&#252;pfen, den &#8220;buon senso&#8221; (den &#8220;&#8221;gesunden Kern&#8221;) des Alltagsverstands zu entwickeln und ihn &#8220;einheitlich und koh&#228;rent&#8221; (zit. nach nach Kramer 1975, S.103f.) zu gestalten. Auch hierbei affirmiert Gramsci ohne Z&#246;gern den nationalen Gedanken: &#8220;Mit dem Hegemoniebegriff sind die Erfordernisse nationaler Kultur verkn&#252;pft&#8221; (zit. nach ebda., S. 104).</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>) Und, lie&#223;e sich hinzuf&#252;gen, wie er seine Herrschaft sicherstellen kann: &#8220;Daher mu&#223; ein kluger F&#252;rst daf&#252;r sorgen, da&#223; seine B&#252;rger unter allen Umst&#228;nden und in allen Zeitl&#228;ufen ihn und den Staat n&#246;tig haben: dann werden sie ihm stets treu bleiben&#8221; (Machiavelli 1513, S.58).</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q15">15</a>) Beim &#8220;Duce&#8221; Mussolini handelte es sich gleichwohl um einen veritablen &#8220;Volksf&#252;rsten&#8221;. Dieses letzte Aufblitzen von &#8220;charismatischer Herrschaft&#8221; (Max Weber) in der Epoche endg&#252;ltiger Durchrationalisierung und Durchkapitalisierung des gesellschaftlichen Zusammenhangs setzte noch einmal ein einzelnes Individuum als Fetischgestalt der abstrakten Allgemeinheit (Hitler und Stalin stehen f&#252;r ein analoges Ph&#228;nomen).</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) Da&#223; die sogenannte &#8220;Zivilgesellschaft&#8221;, wie sie seit einigen Jahren im politischen Diskurs st&#228;ndig beschworen wird, keinesfalls das &#8220;Ende der Geschichte&#8221; markiert, sondern erstens blo&#223; die Schokoladenseite des entwickelten Kapitalismus darstellt und zweitens ein begrenztes historisches Ph&#228;nomen ist, dessen beste Zeiten vorbei sind, ist nach den Ereignissen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen zur banalen Gewi&#223;heit geworden. Auch hier hat die praktische Kritik der Verh&#228;ltnisse auf schaurige Art die Arbeit der theoretischen best&#228;tigt.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) Caponi de Hernandez r&#228;umt selbst &#8220;grundlegende Grenzen&#8221; in der Parteikonzeption Gramscis ein, reduziert diese Kritik aber auf &#8220;Gramscis Vers&#228;umnis, besondere Regeln und Verfahrensweisen f&#252;r die aktive und fortw&#228;hrende Teilnahme der Massen in der Partei und im Staat im einzelnen zu benennen&#8221; (Caponi de Hernandez 1989, S.118). Sie bleibt also in ihrer Kritik auf der Ebene von Verfahrenstechniken und l&#228;&#223;t die Form der Partei als solche ausgeblendet. Bei Gramsci selbst tauchte bereits 1919 die Furcht vor einer Entwicklung auf, in der die &#8220;Rolle der Partei in der Revolution die Behauptung st&#252;tzen w&#252;rde, da&#223; dieser Apparat tats&#228;chlich eine festzementierte Form angenommen hat, da&#223; das System zur Kontrolle der sich bewegenden Massen in mechanischen Formen unmittelbarer Macht eingefroren worden ist, den revolution&#228;ren Prozess in die Formen der Partei zwingend&#8221; (zit. nach ebda.). Da&#223; diese Entwicklung aus einem &#8220;System zur Kontrolle der sich bewegenden Massen&#8221; zwangsl&#228;ufig resultiert, dies zu sehen, war Gramsci zu sehr leninistischer Revolution&#228;r.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) Die Kategorie des &#8220;organischen Intellektuellen&#8221; spielt in Gramscis Theorie eine wichtige Rolle. Generell sieht er die Bedeutung der Intellektuellen darin, da&#223; sie die &#8220;Vermittler von Herrschaft&#8221; sind, insofern sie &#8220;den ideologischen und politischen Zusammenhalt der Gesellschaft&#8221; garantieren, und &#8220;somit erst die organische Einheit, die Gramsci &#8220;historischen Block&#8221; nennt&#8221;, verwirklichen (Kramer 1975, S. 101). Gramsci selbst schreibt dazu: &#8220;Jede Gesellschaftsklasse, die sich bildet, weil sie eine wesentliche Funktion innerhalb der Welt &#246;konomischer Produktion innehat, schafft sich zugleich organisch &#8230; Schichten von Intellektuellen, die ihr Homogenit&#228;t und Bewu&#223;tsein der eigenen Funktion nicht allein auf &#246;konomischem, sondern auch auf gesellschaftlichem und politischem Gebiet verleihen&#8221; (Gramsci, zit. nach Schreiber 1982, S. 56). Die Intellektuellen haben Gramsci zufolge also &#8220;die Funktion, die soziale Hegemonie einer Gruppe und ihrer staatlichen Herrschaft zu organisieren&#8221; (zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S. 46), wobei unterschieden werden mu&#223; zwischen &#8220;den organischen Intellektuellen einer gegebenen Gruppe, der herrschenden Gruppe, und den traditionellen Intellektuellen&#8221; (zit. nach ebda. S. 49). Unter letzteren sind &#8220;die organischen Intellektuellen der untergegangenen oder im Untergehen begriffenen Klasse&#8221; zu verstehen, und es ist &#8220;eines der hervorstechendsten Merkmale jeder Gruppe, die sich zur herrschenden entwickelt&#8221;, da&#223; sie den &#8220;Kampf um die &#8220;&#8221;ideologische&#8221; Assimilation und Eroberung der traditionellen Intellektuellen&#8221; aufnimmt (zit. nach Schreiber 1982, S. 58 f.).</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">19</a>) F&#252;r Gramsci ist der Staat im &#8220;Imperialismus als h&#246;chsten Stadium des Kapitalismus&#8221; zum &#8220;alleinigen Eigent&#252;mer des Arbeitsmittels&#8221; geworden, und hat so ein &#8220;System von Fabriken&#8221; (zit. nach Buci-Glucksmann 1981, S. 127) errichtet, das nur noch darauf wartet, aus den H&#228;nden der &#8220;toten Klasse&#8221; der Bourgeoisie in die des Proletariats &#252;berf&#252;hrt zu werden.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">20</a>) Die Faschisten tragen dieser Entwicklung Rechnung, indem sie Italien als eine &#8220;proletarische Nation&#8221; definieren, und so den Ausbeutungsbegriff, um mit Ernst Nolte zu sprechen, vom Klassenkampf auf die Ebene des Kampfes der Nationen &#8220;hinaufschalten&#8221;: &#8220;Marx&#8217; Konzept (m&#252;sse) auf den Kampf Italiens gegen die anderen kapitalistischen Staaten angewandt werden &#8230;, nicht auf den Kampf des italienischen Proletariats gegen den italienischen Kapitalismus&#8221; (Kebir 1989 I, S. 43 f.), so der Tenor der Faschisten, als sie noch Marxisten bei der Sozialistischen Partei waren. Mussolinis Hinauswurf aus der PSI erfolgte 1914 aufgrund seiner Kritik an der Haltung der &#8220;absoluten Neutralit&#228;t&#8221; der Partei gegen&#252;ber dem Krieg, eine Einstellung, f&#252;r die ihn ironischerweise Gramsci bei seinem journalistischen Deb&#252;t verteidigte.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Mit dem Liberalismus ist die abstrakte Allgemeinheit der Wertform als Apriori bereits gesetzt, als solches totalit&#228;r, weil jedem politischen Inhalt immer schon vorausgesetzt. Allerdings mu&#223;te sie sich durch spezifische historische Sch&#252;be und diese reflektierende Ideologien hindurch, erst noch verallgemeinern. Deshalb enthalten Faschismus und Sozialismus bei aller Gegnerschaft den Liberalismus als aufgehobenes Moment in sich.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">22</a>) In Gramscis Augen &#8220;mu&#223; der moderne Produzent erst &#8220;&#8221;erzogen&#8221; werden&#8221; (Kebir 1989 II, S. 57); eine Erziehung, die sich mit Max Webers Begriffen des &#8220;protestantischen Arbeitsethos und der rationalen Lebensweise&#8221; (ebda. S. 56) beschreiben l&#228;&#223;t, und die sich &#8220;in den protestantischen , im Gegensatz zu den katholischen und ortodoxen L&#228;ndern, auf eine Weise&#8221; vollzogen hat, die &#8220;Gramsci als &gt;organisch&lt; bezeichnen w&#252;rde&#8221; (ebda.), w&#228;hrend in Italien noch eine Reform nach der Art der protestantischen Reform durchgef&#252;hrt werden&#8221; (ebda. S. 57) mu&#223;. Diese Reform verbindet Gramsci mit dem Fordismus.</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">23</a>) Die Zeitschrift <em>Ordine Nuovo </em>(Neue Ordnung) war das Organ der R&#228;tekommunisten um Gramsci und Togliatti im Turin der 20er Jahre, dank der Fiat-Werke die Hochburg der damaligen Arbeiterbewegung.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">24</a>) In dieser Hinsicht ist Christine Buci-Glucksmann zuzustimmen, wenn sie sich gegen eine &#8220;Trennung zwischen den Schriften &#8230; der militanten Periode (bis 1926) und den Gef&#228;ngsnisheften&#8221; wendet (Buci-Glucksmann 1981, S. 16).</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">25</a>) An dieser Stelle w&#228;re zu fragen, ob die im &#8220;Historikerstreit&#8221; von Ernst Nolte ge&#228;u&#223;erten Thesen von einer Vergleichbarkeit des nationalsozialistischen &#8220;Rassenmords&#8221; mit dem bolschewistischen &#8220;Klassenmord&#8221; nicht eine gewisse Berechtigung besitzen. Diese Berechtigung erg&#228;be sich allerdings nicht aus der allzu offensichtlichen Tendenz zur Relativierung der Naziverbrechen zwecks nationaler Identit&#228;tsstiftung durch Ideen wie denen vom Archipel GULag als einem &#8220;logische(n) und faktische(n) Prius&#8221; von Auschwitz oder diesem als einer &#8220;&gt;asiatischen&lt; Tat&#8221; (Nolte 1986, S.36), sondern aus der Analogie des Archipel GULag und der Vernichtung der Kulaken zur Judenvernichtung als barbarischen Momenten des Durchsetzungs- und Totalisierungsprozesses der wertf&#246;rmigen Vergesellschaftung. Der Nationalsozialismus wie der Bolschewismus erschienen den beteiligten Akteuren als Ausdruck revolution&#228;rer &#220;berwindung des Kapitalismus, was aber nichts daran &#228;ndert, da&#223; ihr Handeln und ihre ideologischen Konstrukte als affirmative Reflexe auf die kapitalistische Modernisierungskrise dechiffriert werden k&#246;nnen, die &#8211; unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen &#8211; pseudorevolution&#228;re Bew&#228;ltigungsformen heraufbeschwor. Das revolution&#228;re Potential, als das die in Bewegung geratenen Massen erschienen, ben&#246;tigte zu seiner B&#228;ndigung ein Ventil, und diese Funktion erf&#252;llten die Konzepte von &#8220;Rasse&#8221; und &#8220;Klasse&#8221;. Sie erm&#246;glichten es, jenen &#8220;objektiven Gegner&#8221; zu definieren, der nach Hannah Arendt ein zentraler Begriff totalit&#228;rer Herrschaftsform ist. &#8220;Rassisch Minderwertige sind &#8220;&#8221;objektive Feinde&#8221; der Rassegesellschaft, genauso wie die &gt;sterbenden Klassen&lt; und ihre Vertreter &#8230; objektive Feinde der klassenlosen Gesellschaft und objektive Helfer der Bourgeoisie sind&#8221; (Arendt 1966, S.654). Und wie schon der bekannte Ausspruch des Hitler-Vorbildes Karl Lueger: &#8220;Wer Jude ist, bestimme ich&#8221;, ahnen l&#228;&#223;t, verbirgt sich hinter der scheinbaren Konkretheit der Begriffe von &#8220;Rasse&#8221; und &#8220;Klasse&#8221; letztlich nur die abstrakte Willk&#252;r der Wertform: gleichg&#252;ltig gegen jeden Inhalt, erm&#246;glicht diese ein essentialistisches Identit&#228;tsverst&#228;ndnis, wie es den Konzepten von &#8220;Rasse&#8221; und &#8220;Klasse&#8221; zugrundeliegt, nur vermittels der Vernichtung des Heterogenen. In &#8220;den Juden&#8221;, &#8220;den Zigeunern&#8221;, &#8220;den Kulaken&#8221; oder &#8220;der Bourgeoisie&#8221; schien jene Abstraktion greifbar geworden zu sein, die dem nach unmittelbar &#8220;Schuldigen&#8221; verlangenden Alltagsbewu&#223;tsein unertr&#228;glich sein mu&#223;, und die es doch im Proze&#223; der Vernichtung zu reproduzieren gezwungen war, was sich darin &#228;u&#223;erte, da&#223; die Nazis wie die Bolschewisten ihre Opfer zu jenen Stereotypen entmenschlichten, deren Ausl&#246;schung nur noch eine logische Konsequenz war. Die abstrakte Logik des Werts ist dabei die Logik der Vernichtung, die scheinbar antinomische Ph&#228;nomene in sich vereinigt, und so die Singularit&#228;t von Auschwitz als die Realisierung ihrer allgemeinsten M&#246;glichkeit aus sich heraussetzt. Die &#8220;asiatischen&#8221; Z&#252;ge, die Nolte an Auschwitz entdeckt haben will, erscheinen vielmehr am Archipel GULag, der weit hinter jener Modernit&#228;t der nationalsozialistischen Todesfabriken zur&#252;ckbleibt, die dem okzidentalen Rationalismus als ein unerkl&#228;rbarer Irrationalismus erscheinen mu&#223; (inwieweit die mit der Zwangskollektivierung verbundene Kulakenvernichtung Z&#252;ge der nationalsozialistischen Bev&#246;lkerungspolitik tr&#228;gt, wie es neuerdings von Aly/Heim untersucht wird, w&#228;re gesondert zu behandeln).</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">26</a>) Eine Erstarrung, die sich im Paternalismus der Beziehung zwischen &#8220;F&#252;hrer&#8221; und Masse widerspiegelt; obwohl die &#8220;F&#252;hrer&#8221; à la Hitler, Stalin und Mussolini als die letzten Individuen in einer kollektivistischen Gesellschaft erscheinen, sind sie doch nur entindividualiserte Projektionsfl&#228;chen der infantilisierten Bed&#252;rfnisse der Massen, woraus sich auch der groteske Personenkult erkl&#228;rt, der um sie entsteht.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">27</a>) So schreibt Karl Lewin 1921, da&#223; &#8220;der Taylorismus und auch die moderne Industriepsychologie &#8230; einem sozialistischen System n&#252;tzen (k&#246;nnten), weil es die Menschen nicht aufgrund klassenabh&#228;ngiger Ausbildung, sondern gem&#228;ss ihrer Bef&#228;higung den verschiedenen T&#228;tigkeiten zuordne&#8221; (Priester 1989, S.15) und Otto Bauer meinte zwei Jahre zuvor, &#8220;in der Hand eines demokratischen und sozialisierten Staates k&#246;nne der Taylorismus n&#252;tzlich sein zur Produktionssteigerung&#8221; (ebda.). Derselbe Otto Bauer, der in der Sowjetunion einerseits &#8220;ein(en) neue(n) furchtbare(n) Despotismus&#8221; entstehen sieht, &#8220;der sich die Individuen in allen ihren Lebensbeziehungen unterwirft und dem Individuum keine staatsfreie Bet&#228;tigungssph&#228;re mehr l&#228;&#223;t&#8221; (zit. nach Albers 1983, S.75), aber andererseits in diesem &#8220;Despotismus einer vorgeschrittenen Minderheit eine transitorische Notwendigkeit, ein zeitweilig unentbehrliches Instrument des historischen Fortschritts&#8221; (zit. nach ebda., S.171) zu erkennen glaubt. Die Mussolini-Regierung hatte ihrerseits &#8220;viel Wert darauf gelegt&#8221;, da&#223; Rom &#8220;als Tagungsort des Dritten Weltkongresses der &#8220;&#8221;Tayloristen&#8221;" gew&#228;hlt wurde (Bologna 1989, S.25.)</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">28</a>) In diesem Zusammenhang pr&#228;gt Trotzki eine Formulierung, von der man nicht wei&#223;, ob man sie f&#252;r Naivit&#228;t oder Zynismus halten soll: &#8220;Bei uns wird der Zwang von der Arbeiter- und Bauernmacht im Namen der Interessen der werkt&#228;tigen Massen verwirklicht&#8221; (zit. nach Abosch 1984, S. 65). Bei Lenin liest sich dies folgenderma&#223;en: &#8220;Im kapitalistischen Staat bedeutet der Staatskapitalismus, da&#223; der Kapiitalismus vom Staate anerkannt, vom Staate kontrolliert wird zugunsten der Bourgeoisie, gegen das Proletariat. Im Proletarierstaate geschieht dasselbe zum Nutzen der Arbeiterschaft&#8221; (zit. nach Rosenberg 1933, S. 182).</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q29">29</a>) &#8220;In Europa gehen die verschiedenen Versuche, einige Aspekte des Amerikanismus (darunter versteht Gramsci den &gt;american way of life&lt;; R.B.) und Fordismus einzuf&#252;hren, auf die alte plutokratische Schicht zur&#252;ck, die vers&#246;hnen m&#246;chte, was bis zum Beweis des Gegenteils unvers&#246;hnlich scheint: die alte anachronistische gesellschaftlich-demographische Struktur Europas und die h&#246;chst modernen Formen der Produktion und Arbeitsweise, wie sie die Industrie Henry Fords als perfekter amerikanischer Typ darstellt&#8221; (Gramsci, zit. nach Perspektiven 1988, S. 60). Gleichwohl begreift Gramsci den Faschismus als eine &#8220;passive Revolution&#8221;: &#8220;Innerhalb der augenblicklichen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse Italiens k&#246;nnte dies (die &gt;passive Revolution&lt; des Faschismus; R.B.) die einzige M&#246;glichkeit sein, um die Produktivkr&#228;fte der Indsutrie unter der F&#252;hrung der traditionellen herrschenden Klassen weiterzuentwickeln, in Konkurrenz zu den fortgeschrittenen Industrien der L&#228;nder mit einem Rohstoffmonopol und imponierend angeh&#228;uften Kapitalmassen&#8221; (zit. nach Albers 1983, S. 63).</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) In diesem Zusammenhang stellt sich f&#252;r Gramsci bald die Notwendigkeit ein, &#252;ber die &#8220;&gt;progressive Polizeifunktion&lt; im Sinne der historischen Interessen der Arbeiterbewegung&#8221; (Albers 1983, S. 92) nachzudenken, die durch die herrschend gewordene kommunistische Partei ausge&#252;bt werden mu&#223;.</p>
<p><a name="31"></a><a href="#q31">31</a>) Es bleibt hier leider nicht mehr die M&#246;glichkeit, den faktischen Ahnvater des marxistischen Politizismus, Jean Jacques Rousseau, geb&#252;hrend zu w&#252;rdigen. Ich m&#246;chte mich mit dem Hinweis auf Lucio Colletti begn&#252;gen, der hervorgehoben hat, da&#223; &#8220;soweit es die &gt;politische&lt; Theorie im engen Sinne betrifft, Marx und Lenin Rousseau nichts hinzugef&#252;gt haben, au&#223;er der Analyse &#8230; der &#8220;&#246;konomischen Grundlagen&#8221; f&#252;r das Absterben des Staates&#8221; (Colletti 1977, S.130). Colletti hat allerdings keinen Blick f&#252;r den &#8220;Fetischismuskritiker&#8221; Marx, der keinesfalls im Klassenkampfkonstrukt aufgeht.</p>
<p><a name="32"></a><a href="#q32">32</a>) Wie unkritisch Gramsci dem Populismus letztlich gegen&#252;bersteht, zeigt sich darin, da&#223; der &#8220;mit positivem Fragezeichen versehene Populismusbegriff &#8230; in bezug auf den Faschismus negativ gewendet&#8221; wird (Kebir 1989 I, S. 42). Bei Epigonen wie Wieland Elfferding entf&#228;llt selbst das halbherzige Fragezeichen: dort wird ebenso scham- wie hirnlos ein &#8220;Populismus von links&#8221; (Perspektiven 1988, S. 34) gefordert, der zu Begriffen wie &#8220;Nation&#8221;, &#8220;Volk&#8221; oder &#8220;Heimat&#8221; &#8220;linke Angebote&#8221; (ebda., S. 35) machen soll (vgl. dazu auch Elfferdings Artikel in Widerspruch Nr. 13/1987).</p>
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		<title>Auf dem Jahrmarkt der Tugenden</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1993 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Johanna W. Stahlmann]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 13 (1993)]]></category>

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		<description><![CDATA[»Wenn die Erkenntnis ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden und mit Grau in Grau l&#228;&#223;t sie sich nicht verj&#252;ngen, sondern nur erkennen. Die Eule der Minerva beginnt erst in der einbrechenden D&#228;mmerung ihren Flug.« &#8212; G. W. F. Hegel Johanna W. Stahlmann Ein pessimistisches Wort. Ein Abgesang auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p><em>»Wenn die Erkenntnis ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden und mit Grau in Grau l&#228;&#223;t sie sich nicht verj&#252;ngen, sondern nur erkennen. Die Eule der Minerva beginnt erst in der einbrechenden D&#228;mmerung ihren Flug.« &#8212; G. W. F. Hegel</em></p></blockquote>
<p><em>Johanna W. Stahlmann </em></p>
<p>Ein pessimistisches Wort. Ein Abgesang auf eine bereits abgelaufene Entwicklung. Ein Lob der retrospektiven Erkenntnis, die nichts ver&#228;ndern will. Nun: die »Eule«, die f&#252;r den Elster-Verlag fliegt, m&#246;chte optimistisch klingen, sie malt ein helleres Grau und scheint sich einzubilden, sie fl&#246;ge in der Morgend&#228;mmerung, sie sage etwas Neues, etwas Originelles, etwas, das der gesellschaftlichen Entwicklung voraus ist. Bisher drei Monographien &#252;ber Moral, Treue und Mut sind erschienen, um »eine &gt;minima moralia&lt; f&#252;r ein richtiges Leben hier und erste elastische Normen f&#252;r eine k&#252;nftige Moral probeweise« (Editorial) aufzustellen.</p>
<p><span id="more-263"></span>Ein wackeres H&#228;uflein deutscher und franz&#246;sischer Autoren, darunter bekannte Namen vom Philosophen Virilio bis zur Filmerin D&#246;rrie, qu&#228;lt sich unter der Federf&#252;hrung des Herausgebers Ruthard St&#228;blein mit dem Wohl und Wehe, dem F&#252;r und Wider von Moral und Tugend herum, eine Renaissance oder Verwirklichung, ein Ins-Recht-Setzen oder eine konstruktive Kritik derselben versuchend. Ein breites Spektrum wird geboten: vom K&#246;rperkult der 80er Jahre bis zu den Vorstellungen von Tapferkeit in der Antike, vom gro&#223;kalibrigen Moralismus eines Botho Strau&#223; (»Ist jeder nur ein Zwischenmensch?«) bis zu den d&#252;nnbrettbohrenden Verrechtlichungsphantasien eines Uwe Wesel (»Die Natur mit Rechten ausstatten«). Dieses Spektrum ist so weit, da&#223; einerseits die Lekt&#252;re stets spannend bleibt, man sich andererseits aber fragt, ob die Zusammenstellung nicht etwas gezwungen und willk&#252;rlich ist.</p>
<p>Beim ersten Lesen jedenfalls dr&#228;ngt sich der Eindruck der Beliebigkeit auf: von dieser Tugend eines, von jener Tugend ein anderes, da ein bi&#223;chen mehr Moral, dort ein bi&#223;chen weniger, mit der verinnerlichten Verk&#228;uferinnenfrage: »Derf&#8217;s a Breckerl mehr sei?« Die Meinungen sind ach so ungemein vielschichtig und offen &#8211; man ist ja nicht mehr ideologisch, man w&#228;hlt aus, was man braucht. Ganz wie der moderne Konsument: »Mal kauft er dies, mal kauft er das, je nach Sachlage und pers&#246;nlichem Geschmack« (Marktforscher Czsallies). »Ich leb&#8217; mein Leben ganz spontan, wenn ich kann, ich bin so frei, Nescafe ist dabei.« Man ist frei und undogmatisch, man lehnt nat&#252;rlich jeglichen »kategorischen Imperativ« ab, die Moral soll flexibel und angepa&#223;t sein. Der Anti-Dogmatismus, wie er vor allem von St&#228;blein (in den Editorials), Schmid (&#220;ber Montaigne) und R&#252;b (»Der kategorische Relativ«) in Anlehnung an Foucaults Sp&#228;twerk zelebriert wird, hat allerdings ein krudes Dogma zur Voraussetzung: es kann und darf nicht mehr um fundamentale gesellschaftliche Ver&#228;nderung gehen, sondern nur um eine Verfeinerung der individuellen Moral, um den Schutz des Menschen, der »schlecht und korrumpierbar, fast ein Tier ist« (St&#228;blein), vor sich selbst.</p>
<p>Ist damit nicht Moral als &#228;u&#223;erlicher Zwang entlarvt? Mitnichten! Die schlechte Welt und ihr Pendant, das Bild des tugendhaften Menschen, sind vorausgesetzt, unhinterfragbar in alle Ewigkeit.</p>
<p>Schon der erste Schlag, zu dem man m&#228;chtig ausholt, geht ins Leere. Man geriert sich als kritischer Geist, der einen angeblich herrschenden Trend anprangert, in dem moralisches Denken verp&#246;nt sei und Vorstellungen von einer idealen Gesellschaft gehegt w&#252;rden &#8211; ohne zu bemerken, da&#223; man als blinde Eule der Minerva den objektiven Trend nicht kritisiert, sondern unkritisch in ihm aufgeht. Im modischen Bewu&#223;tsein ist ja gerade nicht die individuelle, sondern die auf allgemeine Interessen bezogene Moral verp&#246;nt. Der Zerfall der gesellschaftlichen Zusammenh&#228;nge produziert ein wachsendes Desinteresse an den allgemeinen Angelegenheiten und einen R&#252;ckzug auf die individuelle Reflektiertheit und Tugendhaftigkeit, die »Pflege von Charakter und K&#246;rper« (St&#228;blein), deren Elemente sich jeder Einzelne auf dem Jahrmarkt der Tugenden ausw&#228;hlen kann. Die Einzelnen versuchen in einem sich aufl&#246;senden gesellschaftlichen Zusammenhang ihre pers&#246;nliche Identit&#228;t, ihr Selbst zu retten, indem sie das Allgemeine als Sph&#228;re des B&#246;sen ausklammern und in sich selbst nach dem Wahren und Guten suchen.</p>
<p>Diese »Technologien des Selbst«, von Foucault euphemistisch unter den Begriff »&#196;sthetik der Existenz« gefa&#223;t und am Beispiel der Sp&#228;tantike untersucht, haben tats&#228;chlich (vielleicht ohne da&#223; er es bemerkte) l&#228;ngst eine enorme gesellschaftliche Verbreitung gefunden; nicht nur bei den ehemaligen Sozialkritikern, die sich nun beim Opernh&#246;ren und Joggen selbstkritisch verwirklichen, sondern auch beim Proleten, der nicht mehr w&#228;hlt und streikt, sondern daheim g&#228;rtnert und Bauernschr&#228;nke bemalt. Diese Art der Selbstverwirklichung mag l&#228;cherlich anmuten, und doch entspricht sie Foucaults Anspruch an das Leben, »etwas zu werden, was man am Anfang nicht war« (Technologien des Selbst/ S. 15). Mit diesem Leersatz wird die Scheinflexibilit&#228;t modernen Daseins nur nachtr&#228;glich ausgesprochen &#8211; nichts Neues wird hier antizipiert. Der sp&#228;te Foucault wollte den Menschen zeigen, »da&#223; sie weit freier sind, als sie meinen; da&#223; sie Dinge als wahr und evident akzeptieren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte hervorgebracht worden sind &#8230;« (ebenda S.16) und hierin folgen ihm Schmid, R&#252;b und St&#228;blein mit ihrer situativen Ethik: die Welt wird akzeptiert, wie sie ist, als Rahmen, innerhalb dessen sich die Einzelnen verwirklichen d&#252;rfen. Die Abiturientin, die Friseuse wurde &#8211; sie wollte kreativ sein, die anschlie&#223;end begann, Sozialp&#228;dagogik zu studieren &#8211; Arbeit »am Menschen« war immer noch ihr Ziel, und schlie&#223;lich als Bedienung in einer schicken Bar zu sich selbst fand &#8211; sie wird sich niemals bei Herrn Foucault f&#252;r die Entdeckung dieser Freiheiten bedanken k&#246;nnen, weil sie seine Ethik nie kennenlernen wird und ihrer &#252;berhaupt nicht bedarf. Die Objektivit&#228;t zwingt sie zum Frei-Sein.</p>
<p>Die Freiheit solcher Art setzt die Sehnsucht nach festen Wahrheiten aus sich selbst. Der grausame Entscheidungszwang, den die Willensillusion zeitigt, mu&#223; jede Tradition, jeden Dogmatismus und jedes moralische Prinzip als Erleichterung auffassen. Nicht zuletzt deshalb erlebt die totgesagte Moral eine schattenhafte Wiedergeburt.</p>
<p>Foucault selbst ist allerdings viel zu sehr ein Verfechter der Freiheit, um die Schaffung neuer / alter Eigentlichkeiten akzeptieren zu k&#246;nnen. Der oben zitierte Satz nimmt denn auch eine &#252;berraschende Wendung: man m&#252;sse den Menschen zeigen, »da&#223; man diese sogenannte Evidenz kritisieren und zerst&#246;ren kann«. Was dies bedeuten soll, ist freilich nicht weiter ausgef&#252;hrt, erscheint wie ein Bonmot in einem v&#246;llig anders ausgerichteten Kontext. Dennoch wird deutlich, da&#223; es Foucault nicht um die moralische Zurichtung der Individuen geht. Seine »Wiederentdeckung« der subjektiven Freiheit ist nicht so unkritisch gedacht, wie die Jubelperser der neuen Individualmoral sie &#252;bernehmen.</p>
<p>Indem St&#228;blein, Schmid und R&#252;b Foucault um eine seiner entscheidenden Pr&#228;missen verk&#252;rzen, die sich gegen den »Gedanken universeller Notwendigkeiten im menschlichen Dasein« richtet, verkehren sie seine historisch-kritische Fragestellung ungewollt in ein positives Konzept erneuerter Moral. Sie liegen damit nicht nur im Trend eines die Gesellschaftskritik ausklammernden Individualbewu&#223;tseins, sondern geh&#246;ren zugleich zu den verzweifelten letzten Versuchen konservativer Moralrenaissance.</p>
<p>Die moderne Ideologie stellt sich der Welt nicht mehr kritisch gegen&#252;ber: Moral, freier Wille, Demokratie, abgegrenzte Subjektivit&#228;t &#8211; die Grundillusionen der Warenproduktion sind blinde Voraussetzung und werden damit zu »universellen Notwendigkeiten menschlichen Daseins«. Man fragt nicht mehr nach dem »Warum?«, sondern nur noch nach dem »Wie?«, nach der Nutzanwendung. Was im Kantschen kategorischen Imperativ noch als Erkenntnis vorhanden ist, die Tatsache, da&#223; eine abstrakte Moral einem seinem Wesen nach unmoralischen Lebensproze&#223; als &#228;u&#223;erliches (apriorisches) Prinzip gegen&#252;bergestellt ist, da&#223; also hier hehre Ideale wandeln und dort die »Lupusse« der Warenproduktion miteinander konkurrieren, dieser prozessierende Widerspruch und seine Erkenntnis werden zu einem Brei verr&#252;hrt, in dem der Geldinteressenmensch als solcher moralisch und tugendhaft werden soll, ohne in Frage gestellt zu werden. Die Unvereinbarkeit des abstrakten Sollens mit dem kruden Alltagsleben, die Leerstelle, die zur&#252;ck bleibt, wenn man die Anspr&#252;che der kapitalistischen Gesellschaft mit ihrer Realit&#228;t vergleicht, soll &#252;bert&#252;ncht werden mittels einer buntscheckigen Palette individueller Tugenden.</p>
<p>Der »kategorische Relativ« soll eine Ethik konstituieren, »die nicht auf universalistischen Prinzipien beruht, sondern gleichsam elastisch und situationsethisch auf die sich wandelnden historischen Bedingungen eingeht« (R&#252;b) &#8211; eine flexible Ethik f&#252;r den freien Markt. Die Konsumenten sollen sich permanent selbst an den Ohren ziehen und von sich einfordern, was als allgemeine Moral l&#228;ngst verfallen ist. Ein jeder Einzelne ist nun sein eigener Polizist, sein eigener Geistlicher, sein eigener Gott und Staat, er mu&#223; sich st&#228;ndig selbst bestrafen, an sein Gewissen appellieren, sich gnadenlos zwischen Gut und B&#246;se entscheiden, ohne dabei an allgemeine Kriterien sich halten zu k&#246;nnen, weil jene nicht mehr existieren, weil er f&#252;r sich selbst die wahren Tugenden zu finden hat, deren Wahrheit er auch noch begr&#252;nden k&#246;nnen mu&#223;. Was kommt bei dieser Dauer&#252;berforderung heraus? Im besten Falle die selbstkritische Erkenntnis, da&#223; jene scheinbar ganz dem Einzelnen eigenen Moralien selbst wieder nur als abstrakt-allgemeine Prinzipien sich entpuppen, der Mikrokosmos des eigenen Innern die selben Widerspr&#252;che enth&#228;lt, die man beim Absto&#223;en der allgemeinen Interessen &#252;berwunden zu haben meinte. Zu soviel Selbstkritik aber kommt es nicht.</p>
<p>Die Autoren wissen, da&#223; die best&#228;ndige Selbstpr&#252;fung eine &#220;berforderung ist; es ist ihren Anspr&#252;chen inh&#228;rent, da&#223; nicht jeder an ihrer Verwirklichung teilhaben kann. Die Moral f&#252;r den Alltag ist nicht verallgemeinerbar. Die von Foucault untersuchten Stoiker werden zum Modell: auf der einen Seite steht die Masse derer, die in den schmutzigen Proze&#223; hineintauchen m&#252;ssen und in ihm aufgehen (»fast noch Tiere«), auf der anderen Seite stehen moralisch integere, mit der »Sorge um sich selbst« (Foucault) besch&#228;ftigte Intellektuelle, die sich wacker raushalten. Die scheinbar verallgemeinerbare Ethik ist nur die Etikette eines Szene-Ghettos von Damen und Herren, die ihre H&#228;nde in Unschuld waschen wollen, indem sie zeigen, wie selbstkritisch und wie anders sie sind. Dieses naive Sich-f&#252;r-besser-Halten der moralisierenden Ideologen, die mit kulturpessimistischem Habitus die »Anderen« als Idioten, Tiere oder Angepa&#223;te von sich absto&#223;en, ist nichts den Essayisten eigenes. Je mehr die modernen Menschen an gesicherter Identit&#228;t verlieren, desto aggressiver m&#252;ssen sie ihre jeweilige Charaktermaske als Eigentlichkeit rechtfertigen, seien sie nun schaffender Arbeiter, der weitgehend standardisierte Handgriffe tun mu&#223; und dennoch stolz die Brust schwellt, oder kritischer Theoretiker, der seine Einsamkeit und Angst als Abscheu vor der schlechten Welt darstellt.</p>
<p>Nun w&#228;re gegen eine kritische Selbstverwirklichung, die nicht »auf die gro&#223;e Utopie«, den »Sankt-Nimmerleinstag« (St&#228;blein) wartet, nichts einzuwenden, f&#228;nde sie eben nicht unter der Pr&#228;misse einer dogmatischen Ausblendung von Gesellschaftskritik statt. In der Praxis ist dieses Streben nach einer »&#228;sthetischen« und reflektiert-selbstkritischen Existenz durchaus ein Potential, das sich an der Enge eines vom Geld bestimmten Lebens sto&#223;en mu&#223; und radikalisieren kann. Wer in einer Welt der Kosten-Nutzen-Logik und des Arbeitsfetischs auch nur versucht, halbwegs gesund zu leben, ein klein wenig Geschmack zu entfalten oder sich »etwas Zeit zu nehmen«, um nur ganz einfache »moralische« Anspr&#252;che an sich selbst zu nennen, wird schnell an die Mauern von Geld und Zweckrationalit&#228;t prallen, wird mit verseuchten Lebensmitteln, den Scheu&#223;lichkeiten der Wegwerfproduktion und dem Zwang, Geld zu verdienen, konfrontiert. Die daraus resultierende Unzufriedenheit findet als solche aber schwerlich einen Ausweg. Im Fetisch individueller Verantwortlichkeiten befangen, weisen die Einzelnen die Schuld anderen Einzelnen zu, weil es innerhalb ihrer individualmoralischen Denkform nicht begreiflich ist, warum ein »Falsches« herauskommen kann, wo alle das »Richtige« wollen. Auf dieser Ebene wird der »Widerstand« immer nur dumpfe Unzufriedenheit, Unlebbarkeit bleiben und entweder in Querulantentum oder zwanghaftem »Positive Thinking« m&#252;nden. Die unbewu&#223;te Inkompatibilit&#228;t der individuellen Selbstverwirklichung mit der Welt des Geldes bleibt ein unaufl&#246;sbarer Konflikt.</p>
<p>Die Radikalisierung und Kritik dieser blo&#223; potentiellen Widerstandsmomente, eben das Hinausweisen &#252;ber individuelle Moralit&#228;t und abstrakte Prinzipien, ist der entscheidende Schritt und von Intellektuellen, die sich nicht nur selbst beweinen, theoretisch zu leisten. Gerade wenn man auf Adornos »Minima moralia« anspielt, was freilich nur so nebenher geschieht, mu&#223; man auch deren zentralen Vermittlungsanspruch zwischen Allgemeinem und Einzelnem beim Wort nehmen, sein Apodiktum, da&#223; es »kein richtiges Leben im Falschen« geben k&#246;nne, mit kritischen Potenzen in den modernen Lebensformen vermitteln. Adorno sah freilich, was er f&#252;r unverdinglichte Restbest&#228;nde hielt &#8211; die aus der Vergangenheit verbliebenen Momente »wirklicher« Subjektivit&#228;t und »wirklichen« Lebens &#8211; dahind&#228;mmern und konnte keinen Ausweg nach vorne finden. Solche Auswege zu suchen ist ein l&#246;bliches Unterfangen, allerdings nicht, indem man die Adornoschen Warnschilder wegr&#228;umt und das Sumpfloch zum Wanderweg erkl&#228;rt. Es gilt nicht, falsches Sein f&#252;r richtig zu erkl&#228;ren, sondern der gesellschaftlichen Abstraktion unbewu&#223;t Inkompatibles und Affirmatives in den »&#220;berlebensstrategien« der Einzelnen zu jener Allgemeinheit kritisch ins Verh&#228;ltnis zu setzen. Dieses »unbewu&#223;t Inkompatible«, welches nicht in der Geldlogik aufgeht, mu&#223; sich zugleich jener anpassen, nicht nur, um sich in dieser Welt als Eigentlichkeit zu beweisen, sondern weil es unhinterfragbar im Raster der &#252;berkommenen Strukturen denkt und handelt. Auf der Ebene des halbbewu&#223;ten Handelns erreichte Zweckfreiheit mu&#223; immer wieder sich verkaufen, darstellen, beweisen. Die &#252;berschie&#223;enden Momente sind damit allerdings nicht aufgehoben. Unsere Friseuse aus dem obigen Beispiel ist mit Arbeitsethos und Geld l&#228;ngst nicht mehr zu befriedigen; lebendiger Bezug und qualitativer Anspruch stehen im Vordergrund. Dennoch mu&#223; sie ihre W&#252;nsche best&#228;ndig in die Form individueller Besonderheit kleiden, sich damit als Subjekt beweisen. Hat sie den Platz einmal gefunden, an dem psychologische und pekuni&#228;re Gratifikation »stimmen«, mu&#223; sie bis zu einem gewissen Grad im Alltagsproze&#223; aufgehen. Ihre unbefriedigten Anspr&#252;che &#252;berleben jedoch als Momente der Distanz zu sich selbst und zum Proze&#223;. Bewu&#223;t ist sie sich dessen nur, indem sie sich f&#252;r besser als die Anderen oder ihre Lage f&#252;r schlechter als die der Anderen h&#228;lt. Ein kritisches Unwohlsein bleibt zur&#252;ck, welches sich nicht als Gesellschaftskritik formulieren kann, sondern nur als individualmoralische Kritik an jenen Anderen.</p>
<p>Die individuelle Reflektiertheit und Moralit&#228;t erweist sich als ein Zwieschl&#228;chtiges: einerseits ist jedes Innehalten und Nachdenken, jedes Sich-Wundern bereits »unbewu&#223;te Kritik« des zwanghaften Dauerprogresses der Warenproduktion und -verwertung; indem ich mich frage, warum Dies oder jenes jetzt mit mir geschieht oder ich es selbst tue, hebe ich ein Moment der abstrakten Geldzweckhaftigkeit auf. Konsequente Selbstkritik ist Gesellschaftskritik. Zugleich und andererseits ist aber jede Reflexion auch Rechtfertigung meines momentanen Zustandes. Indem ich mir n&#228;mlich eine Erkl&#228;rung meines Verhaltens suchte, mu&#223; es mir nun auch als moralisch gepr&#252;ft, als gerechtfertigt erscheinen. W&#252;rde ich dies nicht zustande bringen, b&#252;&#223;te ich meine Handlungsf&#228;higkeit ein. So f&#252;hrt jede individualmoralische Pr&#252;fung nur weiter im Kreislauf, solange der Kreislauf als Ganzes nicht bewu&#223;t aufgehoben wird. Alles Andere l&#228;uft auf Handlungsunf&#228;higkeit oder die Selbstl&#252;ge, sich f&#252;r besser und anders zu halten hinaus, auf eben jene Suggestion eines richtigen Lebens im Falschen, vor der sich Adorno so &#228;ngstigte.</p>
<p>Sein Diktum wiederum kann leicht zur Akzeptanz des privaten Seins f&#252;hren, welches nicht so belastet werden solle, »als w&#228;re es noch gesellschaftlich substantiell und individuell angemessen« (Minima Moralia / S. 41). Demgegen&#252;ber ist die moralische Kritik des Einzelnen, wie sie in der Buchreihe intendiert ist, ein prinzipieller Fortschritt. Man will den Pessimimus abwerfen, der die Gesellschaft als totalisiert betrachtet. Adornos Schreckensbild &#8211; »im Prinzip sind alle Objekte« &#8211; klingt gar zu grausam. Dabei bemerkt man nicht, da&#223; die Freiheit »Evidenzen zu Akzeptieren« und dabei seine Freiheit zu beweisen, viel grausamer und unaufl&#246;slicher ist als der d&#252;sterste Kulturpessimismus, da sie Unm&#246;gliches verlangt: die F&#228;higkeit, sich erfolgreich »um sich selbst zu sorgen«. Diese Selbstsorge, die Foucault schon bei Sokrates aufsp&#252;rt, ist eine B&#252;rde f&#252;r die Einzelnen. Auch sie ist l&#228;ngst Allgemeingut geworden im Gesundheits- und Sch&#246;nheitskult, wie er in Europa und in den USA zelebriert wird &#8211; mit dem moralischen Slogan, da&#223; alle erfolgreich sein k&#246;nnten, wenn sie nur wollten.</p>
<p>Botho Strau&#223; &#8211; der weinerliche Adornit &#8211; hat in seiner R&#252;ckw&#228;rtsgewandtheit noch Momente einer Kritik des modernen Lebens. Sein Scheinexeget St&#228;blein nimmt zwar die allgemeinen Anspr&#252;che von den Schultern der Individuen, bestraft sie daf&#252;r jedoch mit der Sisyphosarbeit einer »individuellen Suche nach dem Sinn des Lebens«, der »Treue zu sich selbst«, dem grausamen Zwang zur Entscheidung, zum Erfolg, zur Sinngebung, zu all dem, was die moderne Gesellschaft von den Einzelnen in Permanenz verlangt, ihnen aber nicht zu geben in der Lage ist.</p>
<p>Die Widerspr&#252;che im Leben der Einzelnen sind als gesellschaftliche zu enttarnen, nicht ihnen selbst als ihre Schuld und Verantwortung zu &#252;berlassen. Ohne die Kritik der scheinbar losgel&#246;sten Individualit&#228;t als solcher mu&#223; Reflexion aufs Einzelne zur Affirmation verkommen. Die moralisch perfekt reflektierten Einzelnen sind die konsequentesten Exekutoren einer zwangsindividualisierten Gesellschaft, »die Beliebten, die human jede Gemeinheit entschuldigen und unbestechlich jede nicht genormte Regung als sentimental verfemen« (Adorno).</p>
<p>Der Verzicht auf Gesellschaftskritik schl&#228;gt auf die Selbstverwirklichung zur&#252;ck. Die Beitr&#228;ge im Band &#252;ber Treue etwa lesen sich als v&#246;llig unreflektierte Affirmation kapitalistischer Sexualmoral. Nicht nur, da&#223; die heterosexuelle Monogamie als Selbstverst&#228;ndlichkeit vorausgesetzt wird, auch immanent liest sich das Ganze, als h&#228;tte es die Kritik der b&#252;rgerlichen Moral in den 60er und 70er Jahren nicht gegeben. W&#252;&#223;te man nicht, da&#223; solch rigides Pochen auf Treue deren realen Verfall bereits voraussetzt, k&#246;nnte es einen wahrlich grausen.</p>
<p>Schon Adorno kommt mit seinem D&#228;mmerblick zu einer seltsam anmutenden Romantisierung der Familie und des privaten Lebens, erkl&#228;rt die Mutterliebe zum letzten verbliebenen Hort der Utopie, die abgetrennte Zweisamkeit zum Ort der Freiheit, ohne dabei jedoch die Schrecken der Monogamie zu unterschlagen. Unsere Elster-Autoren erweisen sich als skrupelloser, sie haben das aktuelle Sein der Geschlechterverh&#228;ltnisse gem&#228;&#223; ihrer selbstgestellten Aufgabe zur Morgend&#228;mmerung zu verkl&#228;ren. Man entbl&#246;det sich nicht, die Wiederkunft der ehelichen Treue dem Niedergang der postmodernen Beliebigkeit und einer neuen »Treue zu sich selbst« zuzuschreiben. Mit faszinierender Ignoranz bietet man alte Moralprinzipien als Beweise neuer Subjektivit&#228;t an.</p>
<p>Die »&#196;sthetik der Existenz« als individuelle Kritik des Selbst ohne allgemeine Kritik entpuppt sich als Nicht-Kritik, denn das eigene Selbst wird gerade dann affirmiert, wenn es meint, sich aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang heraushalten zu k&#246;nnen. Da&#223; dabei Selbstkritik nur als Abstraktum nicht im Wortsinne gemeint ist, beweist Wolfgang Schmid in seinem Aufsatz &#252;ber Montaigne: »Wohin l&#228;ufst du in die Irre? Der Essay als Lebensgestaltung«. Er beschreibt Montaigne als modernen Individualisten, der sich zur&#252;ckzieht und im Schreiben selbst verwirklicht, liest, was er mag, moralisch ist, wie er&#8217;s braucht, sich ganz so verh&#228;lt wie die 1993er Modeautorin Donna Tartt oder auch der BWL-Student und die Modedesignerin von nebenan. Kritisch und toll an Montaigne sei, da&#223; er nicht &#252;ber das Denken an sich und das Allgemeine spreche, sondern nur von sich selbst, da&#223; er dabei sich selbst reflektiere und kritisiere, und so eben die moderne Existenz als solche in Frage stelle. Schmid aber spricht nie von Schmid und dessen Selbstkritik, wie es der Logik seines Aufsatzes entspr&#228;che, sondern ausschlie&#223;lich von seinem Helden. Man f&#252;hlt sich wie bei einem zweist&#252;ndigen abgelesenen Vortrag &#252;ber Spontaneit&#228;t.</p>
<p>Gerade der selbstkritische Aspekt geht so verloren im Voyeurismus des modernen Filmkonsumenten, der immer seinen Helden an seiner Stelle handeln l&#228;&#223;t. Der theoretische Schwachpunkt des Konzepts, das die »Selbstsorge« f&#252;r subversiv gegen&#252;ber der allgemeinen Moral h&#228;lt, liegt (&#252;brigens schon bei Foucault selbst) in der fehlenden Erkenntnis der Widerspr&#252;chlichkeit des Prozesses, in dessen Verlauf privatisierte Selbstsorge und allgemeine Moral zum Gegensatzpaar werden und nicht mehr, wie in der klassischen Antike oder auch im Mittelalter, eins sind. So ist die private Selbstsorge ein notwendiger Gegenpol, um das gegen&#252;ber dem Einzelnen sorglose System der Warenproduktion aufrechtzuerhalten. Eine Kritik, die sich blo&#223; abstrakt auf die Seite des Einzelnen stellt, affirmiert so die der Objektivit&#228;t gegen&#252;bergestellte Subjektivit&#228;t. Ihre Moralprinzipien k&#246;nnen letztlich doch wieder nur die abstrakt-allgemeinen, &#252;ber diese abstrakte Subjektivit&#228;t herrschenden sein.</p>
<p>Einige Aufs&#228;tze in der Reihe sind davon allerdings teilweise auszunehmen. In den mehr oder weniger feministischen Beitr&#228;gen von Nitzschke, Singer und Drolshagen wird das moderne m&#228;nnliche Subjekt gerade in seiner absurden Selbstverwirklichungssucht zerlegt.</p>
<p>Bernd Nitzschke zeigt nicht nur die Spaltung von privat und &#246;ffentlich, von weiblicher und m&#228;nnlicher Tugend, er dechiffriert die »schein autonomen Subjekte, die sich einbilden, unvertauschbar zu sein, &#8230; als Schnittpunkte eines den gesellschaftlichen Betrieb rastlos in Gang haltenden Tauschprinzips«. Die privatisierte »Weiblichkeit« entdeckt er als deren notwendiges Pendant.</p>
<p>Mona Singer stellt die Sehnsucht nach festen moralischen Normen in den Kontext einer Welt der Beliebigkeit, Ohnmacht und Komplexit&#228;t &#8211; als notwendigen Halt f&#252;r die Haltlosen. Jedes Ich existiert in Abh&#228;ngigkeit, das bindungslose Ich ist eine »Illusion der m&#228;nnlichen Konzeption des Selbst«.</p>
<p>Auch hier mu&#223; freilich Morgend&#228;mmerung zelebriert werden. Da&#223; sowohl Nitzschke als auch Singer ihre kritischen Ans&#228;tze schlie&#223;lich ins »Verwirklichbare« umbiegen, zeigt, wie schwer es inzwischen geworden ist, eine gesellschaftliche Ver&#228;nderung &#252;berhaupt nur zu denken.</p>
<p>Singer affirmiert die weibliche Moral der Gastfreundschaft, einer Zuwendung, die zugleich distanziert sei, als bessere Moral und wendet damit einen weiteren Trick an, den toten Hund zu reanimieren. Es wird suggeriert, die Moral m&#252;sse eine Renaissance erfahren, weil sie noch nicht wirklich verwirklicht sei. Totgesagte leben l&#228;nger, indem man von ihnen behauptet, sie h&#228;tten ihre Aufgabe auf Erden noch nicht erf&#252;llt. Die Moral und ihre Tugenden wandelten im Schattenreich dahin, um nunmehr von den Elsterautoren erweckt und ihrem wahren Ziele zugef&#252;hrt zu werden. Die herrschende Moral ist kaputt, also mu&#223; man die individuell selbstkritische, die wirkliche Moral der Stoa wiedererwecken; die bedingungslose Treue hat sich als soldatische Tugend in aller Schrecklichkeit gezeigt, also bedarf es der Treue zu sich selbst, der Ehrlichkeit im eigenen Handeln; der Mut hat sich als archaisches Heldentum &#252;berlebt, also bedarf es des vern&#252;nftigen Alltagsmutes des kleinen Mannes von der Stra&#223;e. Die Moralen und Tugenden werden so lange gemodelt, bis sie dem modernen aufgekl&#228;rten Bewu&#223;tsein entsprechen, bis sie in den Alltagstrott passen, bis sie allerdings auch kaum mehr erkennbar sind. So kehrt dann die gemodelte Moral immer wieder zu ihrer Idealit&#228;t zur&#252;ck, der Widerspruch zwischen Realit&#228;t und Moral bleibt sich treu.</p>
<p>Im Band &#252;ber die Treue findet sich denn auch zun&#228;chst die Kritik der &#252;berlieferten Vorstellungen von Treue. Die Nibelungentreue wolle man ja nun nicht, auch h&#228;tte der deutsche Fahneneid bedingungslose Treue zur Gen&#252;ge denunziert. Im Beitrag von Buchheim &#252;ber die Waffen-SS wird dann nachgewiesen, da&#223; die getreuen Kameraden ja nicht wirklich treu waren. Auch die beliebig gewordenen Liebesverh&#228;ltnisse f&#252;hren nicht zu der Erkenntnis, da&#223; Treue sich als obsolet erweist, wenn Chaos sie irrealisiert, sondern zu der bahnbrechenden Erkenntnis, da&#223; eben die »Treue zu sich selbst« Voraussetzung der Treue zum Anderen sei.</p>
<p>Auch wenn in den Obert&#246;nen einzelner Beitr&#228;ge anklingt, da&#223; Treue Verh&#228;ltnisse der Untreue voraussetzt, da&#223; sie sich von der selbstverst&#228;ndlichen Treue zum l&#246;sbaren Versprechen, also zum Vertragsverh&#228;ltnis (Winter) wandelt, wird dies nicht mit Konsequenz dargestellt, nicht im gesamten gesellschaftlichen Kontext betrachtet, wird nicht gezeigt, da&#223; die feudale Tugend Treue mit Aufl&#246;sung der unmittelbaren Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnisse vom formalen Vertragsrecht ersetzt wird und deshalb zu einem Ideal mutiert, da&#223; sie, je weniger &#246;ffentliches und &#246;konomisches Handeln von Treue gekennzeichnet sind, desto mehr zur Privatsache einerseits, zum Ideal andererseits wird. Zerschellen dann auch noch die Freundschafts- und Liebesschw&#252;re an der vom Geld bestimmten Realit&#228;t, werden auch die Ideale langsam l&#228;cherlich.</p>
<p>Ich sehe die Autoren schon abwinken: &#8230; »das ist doch ein alter Hut«, »alles ist historisch« und »Werden und Vergehen«, »und so weiter«, »da sind wir doch schon durch« &#8211; und komme so zum eigentlich &#228;rgerlichen Teil der Buchreihe. Man hat die Gesellschaftskritik aufgegeben- das ist der allgemeine Trend und damit verziehen; man sammelt chaotisch alle m&#246;glichen Beitr&#228;ge, weil man sowieso nicht wei&#223;, wohin man will &#8211; auch verziehen. Was wirklich ver&#228;rgert beim Lesen, ist das permanente »Da-sind-wir-doch-schon-durch« der Autoren, das Voraussetzen von Erkenntnissen, die man gar nicht hat, allein schon deswegen nicht haben kann, weil man sie nicht mitreflektiert. Auch hier liegt man im Trend der modernen Zeiten, wo die Abgekl&#228;rtheit vor der Aufgekl&#228;rtheit kommt, wo Lebensweisheit zur Attit&#252;de der 15j&#228;hrigen wird.</p>
<p>Von Publizisten, die sich als Philosophen geben, darf man mehr erwarten. Bestechend ist die Schlampigkeit hinsichtlich der Konsequenzen dessen, was man konstatiert oder ver&#246;ffentlicht. Man will nur »von verschiedenen Seiten beleuchten«, »Seiteneinstiege schaffen« (St&#228;blein), versucht sich mit dieser Vorank&#252;ndigung unangreifbar zu machen. Und dennoch ist es einfach Sch&#252;lerzeitungsjournalismus oder blanke Zustimmung, unkritisierte Interviews zu ver&#246;ffentlichen, wie es Weber (»Heimat bei einem treuen Menschen«) und Stegassy (»Werte pflegen, solange noch Hoffnung besteht«) tun. Der zelebrierte Anti-Dogmatismus erweist sich so in Wahrheit als sein Gegenteil: die b&#252;rgerlichen Geschlechter- und Beziehungsverh&#228;ltnisse werden als Selbstverst&#228;ndlichkeit vorausgesetzt, zu Evidenzen verkl&#228;rt. Man mu&#223; anscheinend erst wieder betonen, da&#223; Monogamie ein Gewaltverh&#228;ltnis ist, die Treue zum Gatten nicht die letzte Hoffnung, sondern verinnerlichter Zwang. In ihrer Selbstbespiegelung zeigen die Intellektuellen nur noch sich selbst, ihren Zustand, nicht mehr die Kritik der Zust&#228;nde. Man zelebriert moralisches Dasein, und darin liegt die Lebensl&#252;ge.</p>
<p>Die Crux ist: man findet die Tugenden nicht mehr in sich selbst, nicht mehr in seiner Umwelt, man mu&#223; sie re-konstruieren und projizieren. Man entwickelt eine diffuse Sehnsucht nach ihnen, weil sie in der Alltagswelt als &#252;berfl&#252;ssig erscheinen. Band 111 &#252;ber den Mut w&#252;hlt mit Ausdauer und Akribie in der Vergangenheit und beweist schlagend, da&#223; es des Muts in einer langweiligen Angestelltengesellschaft nicht mehr bedarf.</p>
<p>Die Beitr&#228;ge handeln vom Widerstand gegen den Faschismus, gegen das inzwischen unreflektiert damit gleichgesetzte DDR-Regime, von Homer, vom japanischen Schwertkampf, von Filmen &#8211; nur nicht von der eigenen Gegenwart der Autoren, denn deren »Existenz« ist »un&#228;sthetisch«. Man sucht sich Leinwandidole, wie Henriot, der die Trotzm&#252;ndchen der franz&#246;sischen 80er-Jahre-Filmsternchen wie der Inbegriff weiblichen Mutes vorkommen, oder man interviewt tapfere Antifaschisten wie Klein (»Frauen in Auschwitz«) und Sonnenschein (»Als Edelwei&#223;pirat gegen Hitler«), um in ihnen den Mut, den man selbst nicht braucht, wiederzufinden. Man l&#228;&#223;t die Unterschiede der historischen Situation weg und abstrahiert von sich selbst &#8211; hier w&#228;re die von Foucault und Montaigne intendierte Selbstkritik durchaus am Platz.</p>
<p>Ein besserer Mut soll erfunden werden, denn: » James Bond und Rambo sind nicht mutig, sie zeigen Mut« (St&#228;blein). Und sicherlich w&#252;rde niemand die Lobeshymne von Canguilhem &#252;ber den antifaschistischen Professor Cavaillés mit Sylvester Stallone besetzen &#8211; w&#228;hrend der ganzen Lekt&#252;re des schw&#228;rmerischen Aufsatzes steht Montgomery Clift vor dem geistigen Auge des Lesers.</p>
<p>Der Mut ist l&#228;ngst eine nostalgisches Verlangen geworden, eine Sehnsucht nach einem Au&#223;erhalb der Warenwelt, dem allerdings auch Skinheads in ihren Mutproben huldigen. Einmal noch mutiger K&#228;mpfer sein d&#252;rfen und nicht nur ein Schreibtischt&#228;ter.</p>
<p>Neben dem Heldengesang existiert noch eine andere Linie in dem Mut-Band. Man m&#246;chte den Heldenmut zum Alltagsmut wandeln. Die Zivilcourage (ausgerechnet der gr&#228;&#223;liche Weizs&#228;cker dient als Beispiel) und das Zu-sich-selbst-Stehen sollen die Entidealisierung und Praktikabilit&#228;t des Mutes erm&#246;glichen. Mut und Vernunft sollen miteinander vermittelt werden. Der mutige kleine Mann von der Stra&#223;e, der zu sich selbst steht und in seinem individuellen Bereich anst&#228;ndig und tapfer ist, wird zum Ideal erhoben. Auch dieses »Konzept« ist im schlechten Sinne &#228;sthetisch und zeigt: die »Elstermoral« basiert auf einer uralten Pr&#228;misse amerikanischer Filmhelden &#8211; die schlechte Gesellschaft schlecht sein lassen und im eigenen Umfeld f&#252;r Gerechtigkeit sorgen. Goebbels war so begeistert vom Hollywoodkonzept, da&#223; er gegen Ende des zweiten Weltkriegs ein Gro&#223;projekt f&#252;r einen Film um solche »kleinen« Helden startete und damit zum eigentlichen Erfinder der Lindenstra&#223;e wurde.</p>
<p>Der Mut als Tugend macht aber nur Sinn als Gegenmodell des tristen Alltags, als Kindertraum vom wilden Westen. Der vern&#252;nftige Alltagsmut, das rationalisierte Eingreifen im richtigen Moment, liefert nicht die »kicks and thrills«, die gegen die Langeweile helfen. Wieder wird nur Verantwortung auf die Schultern der Einzelnen geladen. Nun sollen sie auch noch abw&#228;gen und integer sein. Ich jedenfalls werde mir weiterhin Raumschiff Enterprise anschauen und nicht Lindenstra&#223;e.</p>
<p>Man verstehe mich nicht falsch: es ist nichts einzuwenden gegen Selbstverwirklichung, Selbsterkenntnis, Selbstsorge, Treue zu sich selbst und gegen tugendhaftes Verhalten, Verl&#228;&#223;lichkeit, H&#246;flichkeit, vern&#252;nftigen Mut. Die »antimoralischen« Beitr&#228;ge von Baudrillard, Topor und Drolshagen zeigen in ihrem scheinbaren ironischen Dr&#252;berstehen die gleiche Hilflosigkeit wie ihre Pendants. Baudrillard, der die Indifferenz bejahen m&#246;chte, um »sich selbst zu destabilisieren, eine Leere herzustellen und dadurch eine Kettenreaktion gegen das hervorzurufen, was ich zerfallen sehen m&#246;chte«, bejubelt andererseits in peinlicher Weise die angeblich intakte Moraltradition der Japaner. Topor liest sich nach der Lekt&#252;re des guten und edlen Jens Reich einerseits erfrischend, als w&#228;re die Kirchent&#252;r pl&#246;tzlich offen, aber er sagt kaum mehr als Nichts.</p>
<p>Drolshagen macht sich &#252;ber Perfektionismus und K&#246;rperkult lustig, dabei allerdings die Konsumentenvorstellung affirmierend, da&#223; Anstrengung, Askese, gesunde Ern&#228;hrung etc. nur ein Verzicht auf Lebensqualit&#228;t sein k&#246;nnten. Ihre Kritik der Selbstverwirklichungssucht der modernen Individuen wird durch eigenen Erfahrungsmangel einseitig. Dem »Fressen-Ficken-Fernsehen« der Nachkriegsgeneration gegen&#252;ber kann man den K&#246;rperkult der 80er und 90er Jahre getrost als Fortschritt bezeichnen. Die Depravierung des menschlichen K&#246;rpers in der kapitalistischen Lebenswelt mu&#223;te eine Gegenbewegung hervorrufen, die freilich, um in jener Welt bestehen zu k&#246;nnen, fetischistische Form annehmen mu&#223;. Die Aneignung des eigenen K&#246;rpers kommt als aufgeplusterter Identit&#228;tskult, mit viel Geschw&#228;tz und buntem Plastik daher, ohne damit seinen Charakter als Gegenbewegung v&#246;llig verleugnen zu k&#246;nnen. Was auf der einen Seite die &#220;bersteigerung eines hohlen Individualismus ist, erweist sich bei n&#228;herem Hinsehen als ambivalent. Der sogenannte Breitensport ist »Sorge um sich selbst« im Sinne unmittelbarer &#220;berlebensnotwendigkeit; Bewegung ist ein »nat&#252;rliches Bed&#252;rfnis«. Dar&#252;berhinaus handeln die Individuen ohne unmittelbaren Verwertungs- und Erfolgszweck, sie wollen sich »verwirklichen«, »erfahren«, sie erleben ihren K&#246;rper als ein »Anderes« gegen&#252;ber der Arbeitswelt. Dort ist er nur notwendiges Anh&#228;ngsel einer gesellschaftlichen Maschinerie &#8211; hier geh&#246;rt er ihnen. Was liegt n&#228;her als diese »Erfahrung des eigenen Selbst« zur Eigentlichkeit zu stilisieren, und was wiederum n&#228;her, als diese Stilisierung als Ich-Kult zu entlarven. Die Moraldebatte kommt aus dieser Dichotomie nicht heraus. Die »Technologien des Selbst« als Potenzen einer Kritik der Warenproduktion w&#228;ren untersuchenswert und sind gewi&#223; mehr als blo&#223;e Beweise eines Verfalls des Kapitalismus.</p>
<p>Mut, Treue, H&#246;flichkeit und Takt sind in der Praxis sicher der v&#246;lligen Verwahrlosung vorzuziehen, gerade auch als Voraussetzungen gesellschaftlicher Diskussion. Die dogmatische Ablehnung einer grunds&#228;tzlichen Kritik aber macht sie zu blo&#223; »&#228;sthetischen minima moralia« einer Spielwiese der Selbstbeweihr&#228;ucherung. Die Unterordnung unter die Zw&#228;nge des Geldes, die Verh&#228;ltnisse von »tapferen« M&#228;nnern und »trotzigen« Frauen reproduzieren sich dort von selbst &#8211; das zeigt schon die Lekt&#252;re.</p>
<p>Nein! Auch wenn die Damen und Herren Autoren in der einbrechenden D&#228;mmerung fliegen; mit einer Eule der Minerva haben wir es hier nicht zu tun, denn der Erkenntnisanspruch verkommt zur v&#246;lligen Konsequenzlosigkeit, der Anspruch einer Erneuerung der Moral zu einem Jahrmarkt der Tugenden. So scheint es der Elstern Art zu sein:</p>
<blockquote><p><em>»Wenn Wankelmut beim Herzen wohnt, wie das mit Leid der Seele lohnt! Denn scheckig nach der Elstern Art, ist, wer die Treu mit Untreu paart.« &#8212; Wolfram von Eschenbach</em></p></blockquote>
<h4>Literatur</h4>
<p>Moral / Erkundungen &#252;ber einen strapazierten Begriff</p>
<p>Treue / Zwischen Vertrauen und Starrsinn</p>
<p>Mut/ Wiederentdeckung einer pers&#246;nlichen Kategorie</p>
<p>Herausgegeben von Ruthard St&#228;blein, Elsterverlag / Baden-Baden 1993.</p>
<p>Technologien des Selbst / Foucault u.a., S. Fischer / Frankfurt 1993.</p>
<p>Minima Moralia / Th. W Adorno, Suhrkamp / Frankfurt 1951.</p>
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		<title>Krisis 13 &#8212; Inhalt</title>
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		<pubDate>Fri, 31 Dec 1993 00:00:00 +0000</pubDate>
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				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 13 (1993)]]></category>

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		<description><![CDATA[Editorial Robert Kurz: Subjektlose Herrschaft. Zur Aufhebung einer verk&#252;rzten Gesellschaftskritik Norbert Trenkle: Fragmente zur Selbstkritik der M&#228;nnlichkeit Ernst Lohoff: Zur Kernphysik des b&#252;rgerlichen Individuums Robert B&#246;sch: Die wundersame Renaissance des Antonio Gramsci Johanna W. Stahlmann: Auf dem Jahrmarkt der Tugenden]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Editorial</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Robert Kurz: Subjektlose Herrschaft.</a> Zur Aufhebung einer verk&#252;rzten Gesellschaftskritik</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1993/fragmente-zur-selbstkritik-der-maennlichkeit">Norbert Trenkle: Fragmente zur Selbstkritik der M&#228;nnlichkeit</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1993/zur-kernphysik-des-buergerlichen-individuums">Ernst Lohoff: Zur Kernphysik des b&#252;rgerlichen Individuums</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1993/die-wundersame-renaissance-des-antonio-gramsci">Robert B&#246;sch: Die wundersame Renaissance des Antonio Gramsci</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1993/auf-dem-jahrmarkt-der-tugenden">Johanna W. Stahlmann: Auf dem Jahrmarkt der Tugenden</a></p>
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