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	<title>krisis &#187; Krisis 18 (1996)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 18 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 1996 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 18 (1996)]]></category>

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		<description><![CDATA[So manche Leser werden, wenn sie diese Ausgabe der »Krisis« aufschlagen und ihr Schwerpunktthema registrieren, erst einmal mit Skepsis reagieren. Die Kritik von »Arbeit«, Wertform und Warengesellschaft (kurz »Wertkritik«) mag ja als aparte Beschäftigung eines geschmäcklerischen Theorieclubs interessant erscheinen, und womöglich kann man sich damit interessant machen und Punkte sammeln im allgemeinen Selbstdarstellungs- und Selbstwert-Theater. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>So manche Leser werden, wenn sie diese Ausgabe der »Krisis« aufschlagen und ihr Schwerpunktthema registrieren, erst einmal mit Skepsis reagieren. Die Kritik von »Arbeit«, Wertform und Warengesellschaft (kurz »Wertkritik«) mag ja als aparte Beschäftigung eines geschmäcklerischen Theorieclubs interessant erscheinen, und womöglich kann man sich damit interessant machen und Punkte sammeln im allgemeinen Selbstdarstellungs- und Selbstwert-Theater. Die Frage nach der Aufhebung der Warengesellschaft jedoch ernsthaft als lebenspraktische und mit Bezug auf soziale und gewerkschaftliche Bewegungen zu stellen, mutet doch reichlich utopisch und weltfremd an, und es scheint sich der Verdacht aufzudrängen, daß der Versuch, das Problem der Überwindung der herrschenden Vergesellschaftungsform im Kontext »unmittelbarer« gesellschaftlicher Probleme aufzurollen, nur eine Reise in Richtung Wolkenkuckucksheim bedeuten kann.</p>
<p><span id="more-241"></span>Dieses Mißtrauen ist leicht zu erklären. Angesichts der realen Entwicklung können die krisentheoretischen Überlegungen, die für gewöhnlich als der eigentliche Gegenstand des wertkritischen »Krisis«-Ansatzes betrachtet werden, sich immer auf eine gewisse Evidenz stützen. Die These, die Warengesellschaft sei drauf und dran, ihre eigenen Grundlagen unwiederbringlich zu zerstören, läßt sich zwar durch bloßen Rekurs auf die Empirie nicht beweisen; die Krisenwirklichkeit liefert aber immerhin reichlich Anknüpfungspunkte, um diese Argumentation als plausibel oder zumindest als denkmöglich erscheinen zu lassen. Bei der Beschäftigung mit dem Problem einer tatsächlichen und positiven Aufhebung des modernen warenproduzierenden Systems zeigt sich die gesellschaftliche Realität hingegen nicht so hilfreich.</p>
<p>Solange sich die theoretische Kritik der Warenform z.B. mit der Misere der Politik auseinandersetzt oder sich der Kritik des Subjektbegriffs und der Geschlechterbeziehung widmet, versteht sich zumindest die Existenz des Forschungsgegenstands von selber. Beim Versuch, eine Perspektive der Systemaufhebung zu umreißen, ist nicht einmal das der Fall. Die neue Systemkrise hat zwar die traditionellen Oppositionsbewegungen paralysiert und die alten antikapitalistischen Konzepte über den Haufen geworfen. Mit den alten Antworten auf die Frage, wie denn die kapitalistische Vergesellschaftungsform zu überwinden sei, scheint sich jedoch erst einmal die Aufhebungsperspektive überhaupt verflüchtigt zu haben. Der laufende gesellschaftspolitische Diskurs behandelt jedenfalls die Unüberwindbarkeit der Geld- und Warenlogik als selbstverständliches Axiom, das keinerlei Begründung mehr nötig hat; und selbst im linken Antikapitalismus spielt die Idee einer anderen Vergesellschaftungsform (und die Debatte um deren Konkretisierung bzw. gesellschaftliche Mobilisierung) schon lange keinerlei Rolle mehr.</p>
<p>Noch jeder Obskurant, der sein Schlafzimmer von Außerirdischen belagert wähnt, kann derzeit mit Talk-Show-Terminen rechnen und wird vom werten Publikum ernst genommen; wer hingegen einen Gedanken auf ein so absonderliches Phantasma wie die emanzipative Überwindung der Warenproduktion und gar die Aufhebung des heiligen Geldes und des ebenso heiligen demokratischen Staates verschwendet, scheint sich der Lächerlichkeit preiszugeben und muß sich womöglich Fragen nach seinem Geisteszustand gefallen lassen.</p>
<p>Die Wertkritik kommt nicht umhin, diese affirmative Grundstimmung des herrschenden Bewußtseins (das noch den möglichen eigenen Untergang als kitzelndes Denkspiel betrachtet, ohne sich in seinem destruktiven Tun stören zu lassen) zur Kenntnis zu nehmen und damit zu rechnen. Sie kann es sich allerdings nicht leisten, davor zu kapitulieren und das Aufhebungsproblem ad acta zu legen. Theorie kann sich nicht an Demoskopie halten, und eine gesellschaftskritische Theorie am allerwenigsten. Würde die Wertkritik an diesem Punkt dem Zeitgeist nachgeben, die Überwindungsperspektive fahren lassen und zur blanken Katastrophentheorie mutieren, so hätte sie damit ihre eigene Grundlage zerstört und würde restlos zerfallen. Das gilt nicht nur der vortheoretischen gesellschaftskritischen Intention wegen, sondern auch rein theorieimmanent. Das krisentheoretische Moment der Wertkritik ist isoliert vom Aufhebungsgedanken gar nicht denkbar.</p>
<p>Diese Einschätzung mag irritieren. Jedenfalls steht sie in einem eklatanten Gegensatz zu einer gängigen Wahrnehmung der Wertkritik. Nicht nur viele Kritiker, sondern auch wohlwollende Rezipienten vollziehen genau dieses Auseinanderdividieren von Krisen- und Aufhebungsperspektive. Abgelöst von der Denkmöglichkeit einer praktischen Aufhebung des wertförmigen Zusammenhangs erscheint das Insistieren auf die Krise und absolute Schranke der Wertvergesellschaftung als pure Untergangstheorie mit Gruseleffekt. Soweit unsere Analyse auf dem Markt der Meinungen eine Nische erobern konnte, wurde sie eben unter diesem Vorzeichen wahrgenommen, also getrennt vom eigentlichen theoretischen Ansatz der Wertkritik. Das betrifft auch einen Großteil der Publikationsmöglichkeiten außerhalb der »Krisis«: Wenn von uns Beiträge angefordert werden, dann mit Vorliebe solche in Richtung Katastrophenanalyse.</p>
<p>Die für die wertkritische Theoriebildung in den letzten Jahren zentralen Probleme (Demokratiekritik, Geschlechterverhältnis, Subjektkonstitution usw.) treffen dagegen vergleichsweise auf eine eher bescheidene Nachfrage, und die Orientierung auch der Krisenanalysen auf eine Aufhebung von Warenform und Staat wird am liebsten mit Höflichkeit übergangen. Die heraufziehende Krisenepoche, so macht es den Eindruck, erzeugt nicht nur Weltuntergangspropheten, sondern vor allem auch das Bedürfnis nach ihnen, und die Wertkritik kann sich dem nicht so ohne weiteres entziehen. Soweit publizistische Aufmerksamkeit erregt wird, verdankt sich diese in erster Linie der untergründigen »Apokalypse Now«-Stimmung, die nach Futter giert. Insbesondere die Bücher von Robert Kurz wurden als eine gelungene Synthese von Realanalyse und Horror-Roman (relativ) populär, die bestens zum heraufziehenden Millennium paßt. Der Kontext dagegen, in dem diese Analysen stehen, bleibt systematisch ausgeblendet.</p>
<p>So wenig sich dieser Rezeptionshintergrund wegleugnen läßt, so wenig darf er mit dem theoretischen Ansatz selber verwechselt werden. Die Wertkritik drängt aus ihrer eigenen Logik heraus zur Aufhebungsfrage. Sie kündet weder vom Weltuntergang noch vom unaufhaltsamen Zerfall jeder Vergesellschaftung, sondern versucht stattdessen die Unhaltbarkeit einer ganz besonderen, historisch begrenzten Vergesellschaftungsform aufzuzeigen und deren sukzessive Erosion nachzuzeichnen. Genau diese historische Dimension der Kritik verleiht den krisenanalytischen Kategorien überhaupt erst ihre Trennschärfe. Eine historisch verortbare Formation ist aber immer zugleich auch eine prinzipiell überwindbare. Eine Krisentheorie, die das Gefüge der totalisierten Warenform nicht als ein System ontologischer Bestimmungen gelten läßt, sondern deren immanente Widersprüchlichkeit und Unhaltbarkeit herausarbeitet, kann die von ihr analysierte Entwicklung gar nicht als eine fatale historische Endlosschleife begreifen, in der kapitalistische Herrschaft sich ad infinitum reproduziert, ohne ihre Ausgangsannahmen zu dementieren. Wer die Ontologie von Arbeit und Wert verwirft, hat die Möglichkeit einer Vergesellschaftung jenseits dieser Kategorien implizit bereits unterstellt.</p>
<p>Wenn dieser Zusammenhang in der Auseinandersetzung mit der Wertkritik bislang weitgehend ausgeblendet blieb, so natürlich vor allem deshalb, weil er sich der Zeitgeistkonjunktur und den landläufigen Wahrnehmungsrastern sperrt. Das gesellschaftliche Makroklima wirkt, ob wir wollen oder nicht, auch auf den Einzugsbereich einer neuen Gesellschaftskritik. Die landläufige Lesart mag die innere Kohärenz des Ansatzes zerstören und von der Wertkritik nur mehr eine Karikatur übrig lassen: Solange der Traum von der Aufhebung der bestehenden Gesellschaftsform per se als das anachronistische Hirngespinst einiger unverbesserlicher Alt-68er gehandelt wird, liegt es vielleicht nahe, das aufhebungstheoretische Moment der wertkritischen Argumentation ebenfalls unter diese Kategorie zu subsumieren, um es augenzwinkernd beiseite zu schieben.</p>
<p>Dieser eingefahrene Mechanismus läßt sich nicht so ohne weiteres außer Kraft setzen. Darüber sollte man allerdings nicht übersehen, daß die »Krisis« an der einseitig krisentheoretischen Umdeutung der wertkritischen Position nicht ganz unschuldig ist. Wenn viele, die auf diesen Versuch einer Transformation radikaler Gesellschaftskritik stoßen, der Aufhebungsseite ungefähr so viel Beachtung schenken wie beim Kotelettessen dem längst abgenagten Knochen, dann reflektiert das auch die Schwerpunktsetzung unserer bisherigen Publikationen. Zehn Jahre lang haben wir uns vornehmlich darauf konzentriert, die objektiven Schranken (nicht nur in ökonomischer Hinsicht) deutlich zu machen, an denen die Fortschreibung von Marktwirtschaft und Demokratie zerschellen muß. Die Frage, wie eine (immer schon als möglich unterstellte) systemüberwindende Praxis im neuen Kontext zu denken sei, trat dagegen in den Hintergrund, und die Antworten, soweit sie erkennbar waren, blieben im Vergleich zur Krisenprognostik reichlich blaß.</p>
<p>Die vorliegende Ausgabe der »Krisis« soll helfen, die Lücke ein wenig zu verkleinern. Bei der schon öfter in Aussicht gestellten Annäherung an das Aufhebungsproblem stellt sich allerdings eine grundsätzliche theorieimmanente Schwierigkeit. Das Problem der Emanzipation vom Wert unterscheidet sich von allen anderen Erkenntnisfeldern einer Kritik an der modernen bürgerlichen Form. Das Spezifische des Gegenstands erzwingt also auch eine spezifische Herangehensweise. Die Aufhebung läßt sich weder als die unmittelbare Fortsetzung der Krisentheorie noch in Analogie dazu denken.</p>
<p>Die altlinken ebenso wie die bürgerlichen Gegner der Wertkritik zeihen den Ansatz der »Krisis« regelmäßig des »Objektivismus«. Sie werfen der krisentheoretisch ausformulierten Wertkritik vor, daß sie mit ihrer streng begrifflichen und logischen Orientierung dem bunten Ensemble gesellschaftlicher Wirklichkeit Gewalt antue und es einem deterministischen Schema gemäß zurechtstutze. Dieser Vorwurf trifft durchaus etwas Richtiges, er richtet sich allerdings an den völlig falschen Adressaten. Die Kritiker merken gar nicht, daß sie selbst es sind, die gerade mit ihrer Weigerung, die real objektivierende Potenz der Wertvergesellschaftung ernst zu nehmen, diese in Wahrheit beschönigen und der radikalen Kritik entziehen. Die wertkritisch vermittelte Subjekt-, Demokratie- und Ökonomiekritik orientiert sich zwar tatsächlich in gewisser Weise an einem abstrakten Reduktionismus, aber negativ. Dieser Reduktionismus hat also seinen Ursprung nicht in der wertkritischen Methodik, sondern im praktischen Reduktions- und Abstraktionsprozeß, den die herrschende Vergesellschaftungsform tagtäglich real vollzieht und der ja gerade Gegenstand der Kritik ist.</p>
<p>Was an der wertkritischen Theorie als angeblich objektivistisch inkriminiert wird, ist nichts anderes als die Reflexion auf das in Soziologie und VWL ebenso wie im altmarxistischen Mainstream ausgeblendete Diktat des Werts, d.h. die (historisch zunehmende) Zwangssubsumtion der gesellschaftlichen Prozesse unter eine subjektlose Realabstraktion. Die Gewalt der Reduktion geht also nicht vom wertkritischen Gedanken aus, der wertkritische Gedanke decouvriert vielmehr die reduktionistische Gewalt der bürgerlichen Realität. Wenn die Wertkritik die bürgerliche Gesellschaft als einen Quasi-Naturgegenstand behandeln kann und muß, dann nur deshalb, weil sie es mit einer objektivierten Verkehrsform zu tun hat, die tatsächlich absurderweise zu einer Art zweiten Natur geronnen ist. Indem die Kritik dieses Verhältnisses die Verkehrung einer gesellschaftlichen Beziehung zu einer dem Wollen und Begehren der Menschen vorgeschalteten Größe bis zu Ende denkt, bezieht sie sich in allen ihren Analysen immer schon negatorisch auf ihren Erkenntnisgegenstand und dessen »Objektivität«, statt die Warengesellschaft wie die vorgeblichen linken Subjekt-Emphatiker oder Realo-Pragmatiker als ein Ensemble positiver Fakten anzuerkennen.</p>
<p>Der feine, aber gravierende Unterschied zwischen Objektivismus in einem affirmativen Sinne und radikaler Kritik des herrschenden Realobjektivismus bestimmt nachhaltig den Status des wertkritischen Aufhebungsdenkens. Es ist der Unterschied zwischen denen, die sich unter Ignoranz der real objektivierenden Warenform Befreiung auf dem Boden dieser Form in die Tasche lügen wollen, und denen, die sagen, was real ist, um diesen Zustand ernsthaft angreifen zu können. Weil es sich bei der modernen Warengesellschaft um die höchste und letzte Form fetischistisch verfaßter Gesellschaftlichkeit handelt, ist ihre Aufhebung identisch mit dem Ausbruch aus der Zwangsgesetzlichkeit einer zweiten Natur überhaupt.</p>
<p>Es wäre aber ein Widerspruch in sich, wollte man die Überwindung des realen Determinismus selber deterministisch denken. Wer die katastrophische Eigendynamik in den ökonomischen wie in den subjekttheoretischen Aspekten der totalisierten Warenform noch so detailliert und geduldig untersucht, wird aus diesen Analysen nie auch nur ansatzweise so etwas wie eine Aufhebungsbewegung extrapolieren können. Wenn es jemals einen Übergang zu einer bewußten Vergesellschaftung geben soll, dann kann er nicht dem Selbstlauf der Krisendynamik entspringen; er fällt vielmehr mit dem bewußten, willentlichen Ausstieg aus dem automatischen Prozeß in eins.</p>
<p>Auf den ersten Blick scheint die Aufhebungsfrage damit in ein nicht mehr zugängliches Ungewisses zu entschwinden. Wer darauf beharrt, daß der Ausbruch aus dem subjektlosen Krisenprozeß nicht als dessen logisches Zwangsresultat zu denken ist, so scheint es, kann eine Vergesellschaftung jenseits des warenförmigen Universums zwar noch als abstrakte Denkmöglichkeit festhalten; er ist aber nicht mehr imstande, diese Möglichkeit in irgendeiner Weise programmatisch und sozusagen operationell zu antizipieren. Bei näherem Hinsehen führt dieser Schluß allerdings in die Irre. Sowenig der historische Schritt von einer bewußtlosen zu einer bewußten Gesellschaftlichkeit die bloße Fortentwicklung schon in der determinierten Logik enthaltener Tendenzen sein kann, sowenig ist er voraussetzungslos. Wer eine Schwelle überschreitet, steht dabei zwangsläufig immer mit einem Bein auf dem Boden dessen, was er hinter sich läßt, und kann sich nicht beziehungslos und gleichgültig dazu verhalten.</p>
<p>Als bestimmte Negation der leerlaufenden Wertmaschinerie taucht die postwertförmige, postmonetäre Gesellschaft nicht als deus ex machina plötzlich aus dem Nichts auf. Ebensowenig kann sie das Resultat eines pur empirischen, begriffs- und bestimmungslosen trial-and-error-Prozesses sein. Sie kann vielmehr nur als die konkrete Antwort auf das von der Krisengesellschaft geheckte immanente Widerspruchspotential entstehen. Die nach-warenförmige Gesellschaft kommt als die gewendete Krise zur Welt und bleibt in ihrer Durchsetzungsbewegung mit dem vermittelt, was sie da wendet. Von daher ist es durchaus möglich, von der wertkritischen Krisenanalyse ausgehend heute schon die Konfliktfelder grob zu umreißen, auf denen sich über den arbeitsgesellschaftlichen Wahn hinausweisende Bewegungsansätze herausbilden können; und es läßt sich auch in etwa die Stoßrichtung angeben, der solche Strömungen folgen werden.</p>
<p>Die Wertkritik ist keine Theorie, die auf ewige Gültigkeit Anspruch erheben könnte. Sie wird im unmittelbarsten Sinne des Wortes mit dem Verlust des Gegenstands ihrer Kritik selber gegenstandslos. Sie erreicht die Grenze ihres Gültigkeitsbereiches dort, wo die Menschen die Wertlogik sprengen. Dieses Sprengen als solches läßt sich theoretisch weder vollziehen noch vorwegnehmen. Die Bedingungen und Voraussetzungen dafür sind hingegen sehr wohl heute schon einer konkreten Bestimmung zugänglich; diese Konkretisierung ist sogar selber ein Moment der notwendigen Voraussetzung.</p>
<p>Wenn die »Krisis« sich dieser Aufgabe zu stellen versucht, dann weniger deshalb, weil es sich dabei um eine interessante intellektuelle Fingerübung handelt, und auch nicht deshalb, weil der theoretische Ansatz vervollständigt werden soll. Es geht vielmehr darum, daß Überlegungen zur Antipolitik und Antiökonomie einer neuen Transformationsgeschichte zumindest mittelfristig auch eine gewisse praktische Bedeutung zukommen könnte. Gerade in einer Zeit, in der sich der Zerfall der globalisierten warengesellschaftlichen Ordnung längst mit Händen greifen läßt, könnte angesichts der Lähmung des oppositionellen Denkens und der dauernd beschworenen Alternativlosigkeit der herrschenden Ordnung schon der Versuch, die Frage der Alternative jenseits von Warenform, Markt und Staat nicht mehr bloß metaphorisch aufzuwerfen, als eine Art Katalysator der praktischen Kritik wirken. Die Funkstille der sozialen Opposition ist sicherlich nicht darauf zurückzuführen, daß das Bedürfnis, die herrschende Ordnung zu überwinden, spurlos entschwunden wäre. Der diffuse Wunsch hat nur keine formulierte Zielbestimmung und kein Bezugssystem emanzipatorischen Denkens mehr, in dem er reale Gestalt annehmen könnte.</p>
<p>Eine Neuformulierung der Ziele sozialer Emanzipation ist freilich immer nur negatorisch gegenüber dem Istzustand nicht nur der Krisengesellschaft, sondern auch ihrer nicht mehr zureichenden alten Kritik möglich. Wir beginnen daher mit zwei Artikeln, die, obzwar auf sehr unterschiedlichen Ebenen angesiedelt, erst einmal negativ das Aufhebungsfeld analysieren.</p>
<p><em>Robert Kurz</em> setzt sich in seinem Essay »Die letzten Gefechte« mit dem Abstieg der sozialen und gewerkschaftlichen Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Anhand des Pariser Mai 1968, des Pariser Dezember 1995 und des »Bündnis für Arbeit« in der BRD wird das Ausbrennen des alten Klassenkampfes samt seiner intellektuellen Begleitmusik skizziert und die Frage nach einem neuen Begriff sozialer Bewegung aufgeworfen, der nicht mehr bloß den immanenten Gegensatz der warenförmigen Funktionssubjekte widerspiegelt.</p>
<p><em>Ernst Lohoff </em>versucht in seinem Beitrag »<a href="http://www.krisis.org/1996/determinismus-und-emanzipation">Determinismus und Emanzipation</a>« zunächst einmal die Gleichzeitigkeit von Systemkrise und Paralyse der Systemopposition zu erklären, um dann die grundsätzliche Differenz zwischen den traditionellen antikapitalistischen Bewegungen in der Durchsetzungsphase der Warengesellschaft und einer künftigen Aufhebungsbewegung zu umreißen. Die eher auf einer metatheoretisch-geschichtsphilosophischen Ebene angesiedelten Überlegungen konzentrieren sich dabei auf den Vorwurf des Objektivismus gegenüber der Wertkritik.</p>
<p><em>Norbert Trenkle</em> stellt in seinem Artikel »<a href="http://www.krisis.org/1996/weltgesellschaft-ohne-geld">Weltgesellschaft ohne Geld</a>« einige Überlegungen zu einer gesellschaftlichen Reproduktion jenseits von Markt und Staat an. Er kritisiert das gängige Argument, das Geld sei als Medium gesellschaftlicher Synthesis unverzichtbar und zeigt, daß gerade unter Bedingungen hochentwickelter Produktivkraft neue Formen direkter Vergesellschaftung nicht nur möglich, sondern vor allem auch notwendig werden. In diesem Zusammenhang fragt der Autor zum einen nach positiven Anknüpfungspunkten in den Konzepten zur Dezentralisierung von Stoffkreisläufen im Umfeld der Ökologie- und Sustainability-Debatte. Zum anderen setzt er sich mit den obsolet gewordenen marxistischen Planungsvorstellungen auseinander, die, weil sie sich immer schon in den Kategorien von Arbeitsmengen, Ware und Geld bewegten, notwendigerweise autoritär-zentralistischen Charakter annehmen mußten. Dagegen wird der Gedanke einer enthierarchisierten vernetzten Planung gesetzt, deren Ausgangs- und Bezugspunkt konsequenterweise weder die Einzelnen in ihrer Unmittelbarkeit als »Konsumenten« noch die Einzelbetriebe als »unmittelbare Produzenten« sein können, sondern stattdessen kommunitär organisierte, lokale Grundeinheiten eines dezentralisierten Gesellschaftszusammenhangs.</p>
<p>In seinem zweiten Beitrag versucht Ernst Lohoff, Kriterien für das Problem einer gesellschaftlichen Vermittlung der Aufhebungsfrage zu entwickeln. In einem »postpolitischen Streifzug« wird dabei die Formel vom »Ende des politischen Zeitalters« konkretisiert. Dieser Streifzug führt zu einigen unmittelbar praktischen gesellschaftlichen Problemfeldern, an denen sich angesichts der Krise der Arbeitsgesellschaft und des Steuer(ungs)staates Ansätze einer Aufhebungsbewegung herausbilden könnten. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Handlungsspielräume sich einer oppositionellen Bewegung gerade in der Konfrontation mit dem Doppelversagen von monetärer und etatistischer Regulation eröffnen könnten, wenn sie die Fixierung auf die zerfallende arbeitsgesellschaftlich-etatistische Normalität aufgibt und sich stattdessen auf gesellschaftliche Selbstorganisation orientiert.</p>
<p><em>Heinz Weinhausen</em> setzt sich in seinem Artikel »<a href="http://www.krisis.org/1996/sphaerenklaenge">Sphärenklänge</a>« mit André Gorz auseinander, einem der wichtigsten Theoretiker der Alternativbewegung in den 80er Jahren. Dabei wird gezeigt, daß die »dualwirtschaftliche« Konzeption eines Zurückdrängens der Warenbeziehungen zugunsten »autonomer Tätigkeiten« einerseits durchaus Ansatzpunkte für eine neue systemoppositionelle Orientierung in der Krise der Warengesellschaft birgt. Dies vor allem auch deshalb, weil Gorz im Gegensatz zum traditionellen Marxismus nicht die »Befreiung in der Arbeit« sondern die »Befreiung von der Arbeit« einklagt. Allerdings unterschätzt Gorz andererseits den fundamentalen Charakter der »Krise der Arbeitsgesellschaft«, wenn er sich der Illusion hingibt, die »autonome Sphäre« könnte friedlich und dauerhaft mit einem »heteronomen warenförmigen Sektor« koexistieren.</p>
<p>Auf einer ganz anderen Ebene liegt der Artikel »<a href="http://www.krisis.org/1996/dimensionen-des-muells">Dimensionen des Mülls</a>« von <em>Franz Schandl</em>. Er untersucht den Zusammenhang zwischen Müllerzeugung und warenproduzierendem System auf einer sehr grundsätzlichen Ebene und will auf diese Weise größere begriffliche Klarheit in die weitgehend empiristisch orientierte ökologische Diskussion bringen. Es geht darum, »den Müll anhand der gesellschaftlichen Grundfragen abzuhandeln bzw. umgekehrt die gesellschaftlichen Grundfragen anhand des Mülls zu erklären«. Vor diesem Hintergrund setzt Schandl sich mit den verschiedenen Konzepten kapitalistischer »Müllbeseitigung« auseinander, die hilflos bleiben müssen, weil sie an das Grundproblem einer Produktion um der Produktion willen nicht rühren. Die Müllberge wachsen weiter und die Abfallwirtschaft wird zu einer der wenigen Wachstumsbranchen.</p>
<p><em>Ernst Lohoff für die Redaktion der KRISIS, März 1996</em></p>
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		<title>Weltgesellschaft ohne Geld</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 1996 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 18 (1996)]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Überlegungen zu einer Perspektive jenseits der Warenform (in: Krisis 18)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Überlegungen zu einer Perspektive jenseits der Warenform</h3>
<p><em>Norbert Trenkle</em></p>
<h4>1. Utopismus und emanzipatorische Perspektive</h4>
<p>Im Zeitalter postmoderner Desillusionierung mag es geradezu anstößig erscheinen, Gedanken zu einer gesellschaftlichen Perspektive jenseits der Warenform vorzulegen. Handelt es sich dabei nicht um die längst schon »dekonstruierten« Allmachtsphantasien des weißen Mannes? Sind es die letzten Fiebertraume des abendländischen Subjekts, das noch im röchelnden Todeskampf die Welt unter seine universalistischen Großkonzepte zu subsumieren geneigt ist? Es wäre zu einfach, solche Verdächtigungen als bloße Abwehrhaltungen derjenigen abzutun, die sich längst schon mit dem Bestehenden arrangiert haben. Die Skepsis gegenüber Zukunftsentwürfen, die den Anspruch auf Verallgemeinerungsfähigkeit erheben, ist grundsätzlich ernst zu nehmen, auch wenn sie permanent dafür instrumentalisiert wird, jeden Gedanken an eine gesellschaftliche Transformation, die diesen Namen verdient, schon im Vorfeld abzublocken.</p>
<p><span id="more-242"></span>In der Geschichte der abendländischen Zivilisation verbinden sich die Entwürfe von einer »besseren Zukunft« seit jeher mit dem Begriff der Utopie. Und hinter diesem Begriff verbarg sich in der Tat häufig genug die rationalistische Vorstellung des Aufklärungssubjekts, die Welt nach einem vorgefertigten Plan in einen phantasierten Idealzustand zu überführen. Natürlich schließt dies ein, dass die Verfasser dieses Plans sich im Besitz einer unumstößlichen Wahrheit wähnen, dass nur sie zu wissen meinen, wie das Glück über die Menschheit gebracht werden kann. Insofern birgt das utopische Denken ein ungeheures latentes Gewaltpotential, und das wurde immer dort manifest, wo die praktische Umsetzung dieser »Pläne« für mehr oder weniger kurze historische Momente möglich schien. Dann nämlich wurde regelmäßig versucht, die unüberbrückbare Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit durch Zwang und damit einhergehende Ideologisierung der Verhältnisse zu schließen. Widerstand gegen die »gute Sache« war ex definitione als schädlich, verderbt oder reaktionär disqualifiziert und konnte daher reinen Gewissens unterdrückt und vernichtet werden. Bekanntlich ist nie so skrupellos gemordet und gefoltert worden, wie im Namen der Weltverbesserung.</p>
<p>Dennoch ist die Art und Weise, in der heute quer durch das politische Spektrum selbstgefällig das Ende der Utopien verkündet wird, ebenso billig wie unappetitlich. Auf der einen Seite hat der eher traditionelle Konservativismus und Liberalismus á la Fest und Dahrendorf das utopische Denken zur Hybris des rechten und linken »Totalitarismus« erklärt, in der offensichtlichen Absicht, die westliche Zivilisation an sich vom Makel der Gewaltsamkeit und des Irrationalismus rituell zu reinigen und den Status quo zu legitimieren. Dabei wird konsequent verdrängt, dass im Utopismus nur zur Kenntlichkeit gelangt, was das Wesen des modernen warenproduzierenden Weltsystems ausmacht: die Subsumtion der Wirklichkeit unter abstrakt-universalistische Kategorien und Normen.</p>
<p>Auf der anderen Seite hat zwar der poststrukturalistische und dekonstruktivistische Diskurs den Zusammenhang zwischen dem Utopismus und den imperialistischen Tendenzen des abendländischen Universalismus herausgearbeitet. Dennoch bleibt auch diese elaboriertere Variante einer Utopiekritik letztlich insofern affirmativ, als sie den der westlichen Moderne zugrundeliegenden Formzusammenhang von Ware und Geld, ohne den es gar keinen universalistischen Diskurs (und keine »Dekonstruktion« dieses Diskurses) geben könnte, systematisch ausblendet und zum Nicht-Thema erklärt. Der scheinbar mutige Verzicht auf jedes Denken des Zusammenhangs gerät so gerade zum Legitimationsdiskurs des Bestehenden, und die Tabuisierung jedes transzendierenden Denkens entpuppt sich als eine besonders subtile »List der Macht«.</p>
<p>Gegenüber diesen derzeit dominanten strukturkonservativen Positionen kann nicht deutlich genug betont werden, dassder Wunsch nach einer Überwindung von Markt und Staat, trotz aller notwendigen Kritik am utopischen Denken, keinesfalls als solcher diskreditiert werden darf. Zu kritisieren ist nicht dieses Bedürfnis nach Emanzipation, sondern die Form, in der es sich äußert. Der Utopismus ist insofern abzulehnen, als er der schlechten Wirklichkeit unvermittelt einen Ideal- oder Wunschzustand gegenübergestellt, dem diese dann »angepasst« werden soll. Gerade wegen dieser Unvermitteltheit aber schleicht sich in das vermeintlich radikal Andere hinterrücks das ganz gewöhnliche Alte in verklärter Form wieder ein und versperrt sich so zugleich einer kritischen Reflexion. Dies macht die Attraktivität vieler »Utopien« aus, denn sie ersparen dem bürgerlichen Bewusstsein die radikale Selbstkritik und erlauben ihm, seine gewohnten Illusionen weiterzupflegen. Paradigmatisch lässt sich dies an der derzeit überaus populären Utopie des Silvio Gesell vom »zinsfreien Geld« zeigen, die nichts anderes transportiert, als den erzbürgerlichen Traum vom Lohn der »ehrlichen Arbeit«.<a name="t1" href="#f1">[1]</a> Die Willkürlichkeit dieses Konstrukts, das völlig von den Sachgesetzmäßigkeiten und inneren Zwängen der Geldform abstrahiert, nur um diese selbst von der Kritik auszunehmen, tut seiner Popularität keinen Abbruch, sondern ist im Gegenteil sogar deren Voraussetzung. Denn nur so lässt sich der heimliche Wunsch befriedigen, das Bestehende scheinbar zu überwinden, zugleich aber erbittert daran festzuhalten, ein Wunsch, der gerade in Krisenzeiten der bürgerlichen Gesellschaft eine ungeheure Kraft gewinnt.</p>
<p>Insofern greift es zu kurz, phänomenologisch zwischen »antiautoritären und autoritären Utopien« zu unterscheiden, und letztere dann zu verwerfen, wie es etwa Rolf Schwendter in Anlehnung an Bloch tut.<a name="t2" href="#f2">[2]</a> Zum einen sind die Unterscheidungskriterien zwangsläufig ziemlich willkürlich, zum anderen aber &#8211; und dies ist entscheidend &#8211; kann auch und gerade eine vermeintliche »Freiheitsutopie« sehr schnell in Zwang und Gewalt umschlagen, wenn sich die Wirklichkeit nicht so recht in sie einpassen mag und etwa die Suche nach den Sündenböcken beginnt. Dieser ja keinesfalls neuen Kritik an seinem inhärenten Autoritarismus versucht ein Großteil des neueren utopischen Denkens mit einem Rückzug in die völlige Unverbindlichkeit und mit der Demontage jedes übergreifenden Anspruchs zu begegnen. Nur wenige der aus den »neuen sozialen Bewegungen« hervorgegangenen bzw. übriggebliebenen Konzepte beanspruchen noch, in einem umfassenden Sinne für gesellschaftliche Veränderungen zu stehen. Im allgemeinen wird betont, es handle sich halt nur um einen Vorschlag, der gleichberechtigt neben viele andere gestellt werde. Dies ist aber nur ein Ausweichmanöver, denn die Willkürlichkeit der Konstrukte bleibt erhalten, ja sie wird sogar noch ins Extrem getrieben, nur dass nun eben tausenderlei »Utopien« im Angebot sind. Der im utopischen Denken durchaus aufscheinende Wunsch nach einer radikalen gesellschaftlichen Transformation aber wird gleichzeitig auf die Ebene des individuellen Wunschtraums heruntergebrochen und damit de facto neutralisiert. Radikale Gesellschaftskritik gerät so zu einer Frage des persönlichen Geschmacks und der individuellen Vorlieben, denn »Utopie« bedeutet dann nichts weiter, als ein wenig in unverbindlichen und konsequenzlosen Phantasien zu schwelgen (angeleitet vielleicht noch vom Moderator einer »Zukunftswerkstatt«). Diese Sorte von »Utopie« aber unterscheidet sich kaum noch von den Tagträumereien des alltagsgestressten Bankangestellten vom Haus in der Toskana oder dem Urlaub auf dem Malediven.<a name="t3" href="#f3">[3]</a></p>
<p>Nun kann es natürlich nicht darum gehen, eine dieser »Utopien« herauszugreifen und in sektiererischer Manier zum Dogma zu erheben. Der Anspruch, eine grundsätzlich verallgemeinerungsfähige gesellschaftliche Perspektive jenseits von Markt und Staat zu entwickeln, muß seine Legitimation vielmehr in der dezidierten und präzisen Kritik des warenförmigen Fetischismus finden. Das hat wohlgemerkt nichts gemein mit der Beschwörung »objektiver Gesetzmäßigkeiten«, die eine bestimmte Form gesellschaftlicher Organisation erzwingen würden. Im Gegenteil. Darauf konnte sich nur ein Marxismus berufen, der bewusstlos die fetischistischen Zwänge der warenförmigen »Modernisierung« ideologisch reflektierte und praktisch exekutierte. In einem solchen Kontext waren natürlich Überlegungen über mögliche Formen einer zukünftigen Vergesellschaftung prinzipiell überflüssig, denn was objektiv vorherbestimmt schien, brauchte nicht extra noch einmal subjektiv gedacht werden. Dies ist übrigens als Hauptgrund dafür anzusehen, dass zumindest der Mainstream des Marxismus kaum mehr als abstrakte Floskeln über das »Absterben des Staates und des Geldes« in einer nicht weiter bestimmten fernen Zukunft produziert hat. Weitergehende perspektivische Überlegungen wurden mit der Standardformel verworfen, Theorie könne nicht Garküche der Zukunft sein. Auch die weniger objektivistischen Strömungen des Marxismus blieben dem grundsätzlichen Fortschrittsglauben verhaftet und verstanden »Sozialismus« bzw. »Kommunismus« als die lineare Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft. Dort wo zumindest ansatzweise das »Bilderverbot« durchbrochen wurde, so etwa in Engels überaus populärem »Anti-Dühring«, lassen sich die mehr oder weniger umrisshaften Entwürfe jedenfalls als Projektionen oder Verlängerungen der warenförmigen Vergesellschaftung dechiffrieren.<a name="t4" href="#f4">[4]</a></p>
<p>Gegenüber diesen Konzepten der objektiven Ableitbarkeit, verfolgen die hier skizzierten Überlegungen zu einer Perspektive jenseits der Warenform einen grundsätzlich anderen Ansatz. Weder berufen sie sich auf scheinbar objektiv-historische Gesetze des »Fortschritts«, noch suchen sie ihre Legitimation in einem abstrakt-universalistischen und vorgeblich überhistorischen Normengerüst. Meinen Standpunkt gewinne ich vielmehr aus der Analyse und Kritik der inneren Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft selbst. Die Objektivierung der Verhältnisse ist hier also nicht Postulat, sondern gerade umgekehrt Gegenstand der Kritik, wobei diese Kritik &#8211; was sich fast von selbst versteht &#8211; nicht kontextfrei im leeren Raum schwebt. Sie ist historisch in dem Sinne, als sie vor dem Hintergrund einer realen Zuspitzung der warenförmigen Widersprüche, die zunehmend die Unhaltbarkeit der gegebenen Gesellschaftsformation deutlich sichtbar und spürbar werden lassen, formuliert wird.</p>
<p>Im Rahmen einer so verstandenen und historisch situierten Gesellschaftskritik kann es also nicht um den Entwurf einer »idealen Gesellschaft« gehen. Der Anspruch muß niedriger und damit zugleich höher gehängt werden. Es gilt, den Weg für eine Auseinandersetzung darüber zu öffnen, welche der historisch entstandenen Potentiale emanzipatorisch aufgegriffen und jenseits der bzw. gegen die verdinglichten warenförmigen Zwänge weiterentwickelt werden können und sollen. Dabei versteht es sich eigentlich von selbst, dass eine solche Auseinandersetzung nicht die Prozesse vorwegnehmen kann, die letztlich in der gesellschaftlichen Praxis des Herausarbeitens aus der Warenform (und das heißt, des Herausarbeitens aus der Krise der Warenform mit allen ihren Verwerfungen) entschieden werden müssen. Aber sie ist unabdingbar, um überhaupt wieder eine emanzipatorische Handlungsperspektive zu gewinnen.</p>
<p>Dabei ist immer auch zu bedenken, dass die kapitalistische Vergesellschaftung Vorgaben gemacht hat, die, selbst wenn man wollte, gar nicht einfach beiseite gefegt werden könnten, die andererseits aber auch keinesfalls als objektives Fatum hinzunehmen sind. Sie sind als historische Ausgangsbedingungen und »Hinterlassenschaften« anzuerkennen, die im übrigen durchaus positive Momente und Potentiale enthalten, mit denen man sich kritisch auseinandersetzen muss. Dazu gehört nicht nur die viel beschworene (wenn auch im allgemeinen technizistisch verkürzt gedachte) Produktivkraftentwicklung, sondern insbesondere auch die durchgesetzte Globalisierung. So sehr die gewaltsame und vereinheitlichende Form des warenförmigen Dampfwalzen-Universalismus kritisiert werden muss, so wenig kann und darf es ein Zurück hinter die eine Welt als Bezugsrahmen gesellschaftlicher, kultureller und stofflicher Vermittlungen geben. Dies verbietet sich schon deshalb, weil das »Ökosystem Erde« zwingend globale Absprachen erfordert. Weltweite lebendige Beziehungen zwischen Menschen und Gemeinschaften stellen aber auch einen Wert an sich dar und sind zugleich ein wirksames Heilmittel gegen mögliche gesellschaftliche und kulturelle Verkrustungen. Schließlich aber sind natürlich auch die Menschen selbst, die sich daran machen könnten, die warenförmige Moderne zu überwinden;, durch diese konstituiert und also in ihr befangen. Darüber kann sich niemand unvermittelt hinwegsetzen. Nur in der selbstkritischen Thematisierung dieses Problems und der darin angelegten Widersprüche könnte es letztlich gelingen, den Zirkel der systemischen Selbstaffirmation zu durchbrechen.</p>
<h4>2. Der Mythos von der Unverzichtbarkeit des Geldes</h4>
<p>Nichts ist in der totalen Welt der Ware wohl selbstverständlicher als die Existenz des Geldes. Die Erfahrung, dass nur wer über Geld verfügt, auch als Subjekt anerkannt wird und Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum erhält, hat sich tief ins Bewusstsein der Menschen eingegraben; und daher rührt schon der einfache Gedanke an die Aufhebung der Warenform an eine fundamentale Angst. Es ist geradeso, als würde jemand vorschlagen, die Atemluft abzustellen. Längst schon erscheint den modernen Geldsubjekten der Zwang, sich immer und überall zu verkaufen, als tiefste Naturnotwendigkeit. Die Idee, gesellschaftlicher Reichtum könnte auch anders als in der Warenform existieren, kommt diesem verrückten Bewusstsein völlig verrückt vor. Selbst kritisch denkende Menschen wehren einen solchen Gedanken im allgemeinen als geradezu hirnverbrannt ab und erheben fast schon reflexhaft den Vorwurf (meist unter Verweis auf Stalin und Pol Pot), hier wolle jemand entweder zur bäuerlich-kargen Dorfwirtschaft zurück oder strebe gar eine totalitaristische »Diktatur über die Bedürfnisse« an.</p>
<p>In dieser Hinsicht unterscheiden sich heute traditionelle Linke und Konservative um keinen Deut &#8211; nur dass bei ersteren die Abwehrreaktionen meist vehementer ausfallen. Nicht nur die FAZ erhebt den Verdacht: »Hinter Kurz&#8217; abstrakter Rede von der sinnlichen Vernunft verbirgt sich letztlich ein unausgesprochenes Plädoyer für eine Rückkehr zur dörflichen Naturalwirtschaft« (FAZ, 8.10.91). Auch Elmar Altvater, der sich ja immerhin noch den Rest eines kritischen Anspruchs bewahrt hat, hält die Vorstellung von einer nicht-monetären Vergesellschaftung für absurd und zugleich gefährlich: »Eine Weltgesellschaft ohne Waren und Geld ist nicht zu haben&#8230; Die nicht warenförmige Weltgesellschaft ist ein Projekt des Kollapses, nicht der Moderne«, schreibt er gegen mich gewandt in den blättern des iz3w (Nr. 191, Aug./Sep.93).</p>
<p>Altvaters Argumentation transportiert die gängigen Stereotype: Geld und Warentausch gelten ihm als einzig mögliche Medien von Vergesellschaftung, und daher kann deren Aufhebung nur die radikale Entgesellschaftung bedeuten, also die Zersplitterung der Welt in kleine, weitgehend autarke bäuerlich-handwerkliche Einheiten, die Aufgabe des erreichten Produktivkraftniveaus und die Rückkehr zu einer vorindustriellen Güter- und Bedürfnisarmut. Diese Gleichsetzung von Warenproduktion und Vergesellschaftung aus der Perspektive des vermeintlichen historischen Siegers blamiert sich aber längst schon an der harten Wirklichkeit des globalen Marktsystems. Denn die Zeiten, in denen es so aussah, als sei es zumindest in den Zentren des Weltmarkts gelungen, eine in sich stabiles Universum kapitalistischer Vergesellschaftung zu schaffen, sind endgültig vorbei. Konnte das System der Warenproduktion in seiner Aufstiegsphase noch eine hohe integrative Kraft entfalten, so entwickelt es jetzt aus seinen inneren Widersprüchen heraus ungeheure zentrifugale Kräfte, die immer größere Bevölkerungsmassen vom warenförmigen Reichtum ausschließen, im weitweiten Maßstab Staatlichkeit zersetzen und damit zugleich auch erreichte zivilisatorische Errungenschaften zerstören. Der Spieß kann also umgedreht werden: Nicht die Aufhebung der Warenproduktion; sondern ihre Fortführung bedeutet den barbarischen Kollaps von Vergesellschaftung und die Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen überhaupt.</p>
<p>Dies ist also der Hintergrund, vor dem die Frage nach einer Perspektive nicht-warenförmiger Vergesellschaftung gestellt werden muss, womit freilich diese selbst noch nicht weiter konkretisiert worden ist. Betrachten wir aber zunächst noch einmal das zentrale Argument für die angebliche Unverzichtbarkeit der monetären Vermittlung, der soziale und stoffliche Zusammenhang sei in einer »industrialisierten und arbeitsteiligen Gesellschaft« so unübersichtlich, dass es eines »Instruments« zur »Komplexitätsreduktion« bedürfe. Erscheint diese Behauptung auf den ersten Blick völlig evident, so ist dies bloß ihrem tautologischen Charakter geschuldet. Vorausgesetzt wird nämlich der durch die Warenform konstituierte Gesellschaftszusammenhang so wie er ist, um dann für eben diesen die Notwendigkeit des Geldes zu konstatieren &#8211; wie wahr! Tatsächlich aber zeigt schon die Art und Weise der monetären »Komplexitätsreduktion«, dass das Geld keinesfalls bloß ein praktisches und neutrales »Medium« ist.</p>
<p>Erstens ist das, was das warenfetischistische Bewusstsein an der »Leistung« des Geldes so sehr bewundert, gleichbedeutend mit der eindimensionalen Zurichtung der Welt, mit ihrer Subsumtion unter das universalistische Prinzip der reinen Quantität und mit der Abstraktion von allen konkret-sinnlichen Dimensionen des Lebenszusammenhangs. Diese strukturell auf rassistischen und sexistischen »Abspaltungen« beruhende Durchrationalisierung der Welt ist nicht nur ungeheuer gewaltsam und destruktiv, zugleich führt sie sich auch permanent selbst ad absurdum. Dem immanenten Drang, alle Lebensäußerungen in ihrer Systemrationalität abzubilden, ist die kapitalistische Gesellschaft in den Gewinnerstaaten des Weltmarkts mit einer Ausdifferenzierung von gesellschaftlichen Funktionssphären gefolgt, die das Verdrängte, Defizitäre und Ausgeblendete, das nicht mehr im abgespaltenen Raum des Privaten befriedet und befriedigt werden kann, warenförmig und institutionell integrieren sollen. Das betrifft insbesondere den enorm gewachsenen Sozialarbeits- und Therapiesektor, das Gesundheitswesen sowie die Freizeit-, Unterhaltungs-, Kultur- und Tourismusindustrie. Schließlich aber ist auch die Ausweitung und Ausdifferenzierung des öffentlichen Verwaltungs-, Sicherheits- und Rechtsapparats sowie des sogenannten Umweltschutzes Ausdruck dieser Entwicklung.</p>
<p>Dieser Versuch, die Strukturdefizite mit einem immer höheren Aufwand immanent zu kompensieren, stößt aber nicht nur überall an die Grenzen der Finanzierbarkeit (wie sich gerade jetzt in der Zuspitzung der Krise deutlich zeigt). Selbst bei ausreichender monetärer Versorgung wäre die systemische Ausdifferenzierung kein Weg, die betreffenden Probleme zu lösen. Denn das Ausgeblendete wird selbst nur wieder auf der Systemebene abgebildet, und damit wiederholt und multipliziert sich der Ausblendungsprozess. Der Mangel wird also nicht behoben, sondern immer nur vorläufig zugeschüttet.<a name="t5" href="#f5">[5]</a> Hinzu kommt noch, daß die enorme Anzahl von aufeinander bezogenen und gleichzeitig gegeneinander verselbständigten Sphären bzw. »Subsystemen« selbst zum Funktionsproblem wird, weil diese sich zunehmend wechselseitig behindern und blockieren.<a name="t6" href="#f6">[6]</a> Mit anderen Worten, von der komplexitätsreduzierenden Magie des Geldes ist hier nicht mehr viel zu erkennen.</p>
<p>Zweitens aber resultiert auch auf der Ebene des gesellschaftlichen Produktions- und Distributionsprozesses selbst die hochkomplexe überregionale Arbeitsteilung keinesfalls aus den Sachnotwendigkeiten des hohen Produktivkraftniveaus. Die extrem ressourcenverschlingende Globalisierung der Stoffflüsse und Produktionsprozesse ist vielmehr einzig und allein Produkt der betriebswirtschaftlichen Logik. Längst ist ja bekannt, daß es auf dem heutigen Niveau der Produktivkraftentwicklung nicht nur möglich, sondern auch technisch sinnvoll wäre, die Produktionskreisläufe zu entzerren und zu dezentralisieren. Die Erwartungen, die in die neuen Informations-, Kommunikations- und Automatisierungstechnologien gesetzt wurden, waren in dieser Hinsicht oft geradezu euphorisch. Nicht wenige Soziologen und »Zukunftsforscher« begrüßten sie ausdrücklich in der Hoffnung, sie würden neben einer »Requalifizierung der Arbeit« auch eine Regionalisierung der Ökonomie nach sich ziehen.<a name="t7" href="#f7">[7]</a> Allerdings vergaßen sie dabei eine Kleinigkeit, nämlich die Zwangsgesetze des Marktes. »Dezentralisierung« heißt nämlich vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt aus gerade das Gegenteil davon, die Güter dort zu produzieren, wo sie benötigt werden. Es bedeutet vielmehr die Zerlegung der Produktionsvorgänge, die Auslagerung von Funktionen und die Organisation des bisher betrieblichen Prozesses im Weltmaßstab. Die verschiedenen Teilkomponenten eines Produkts entstehen also an weit auseinanderliegenden Orten, werden über aufwendige Transportwege in zentralen Montagefabriken wieder zusammengeführt und von dort als verkaufsfähige Ware wieder in die weitweiten Vertriebskanäle gelenkt.</p>
<p>Die betriebswirtschaftliche »Dezentralisierung« kommt daher vom Standpunkt der Regionen aus einer Hyperzentralisierung gleich. Zwar sind Megastandorte, wie etwa noch das Wolfsburger Werk des Volkswagenkonzerns, zunehmend dysfunktional, doch an ihre Stelle tritt ein den gesamten Globus umfassender virtueller Gesamtstandort. Die nach Kostengesichtspunkten weiträumig ausgegliederten arbeitsteiligen Funktionen werden im Hinblick auf den Verwertungszweck aufeinander abgestimmt und einem einzigen (und immer schnelleren) Fabriktakt unterworfen. Und da dies der Trend ist, dem letztlich alle Unternehmen folgen müssen, werden die weitweiten stofflichen Verflechtungen immer undurchschaubarer. Die einzelnen betriebswirtschaftlich gewebten Netze verschlingen sich ineinander zu einem unentwirrbaren Gestrüpp, durch das die Einzelunternehmen nur noch im Blindflug steuern können, gelenkt einzig und allein von Preisimpulsen, die wie flüchtige Funksignale auf ihrem Kosten- und Ertragsrechnungsradar aufblitzen. Sie haben nicht nur kein Interesse daran, die stofflichen Beziehungen eines einzelnen Produktionsvorgangs einschließlich alter vor- und nachgelagerten Effekte zu rekapitulieren, es ist auch unter den gegebenen Bedingungen beim bestem Willen und selbst mit Hilfe aufwendiger elektronischer Informations- und Kontrollsysteme kaum noch möglich.<a name="t8" href="#f8">[8]</a></p>
<p>Drittens ist die warenförmige Gesellschaft nicht nur aus der Gesamtperspektive und also an sich selbst auf spezifisch eindimensionale Weise überkomplex, sie ist es auch und vor allem für die atomisierten Individuen, denen ihr eigener sozialer Zusammenhang als fremde, äußerliche Macht gegenübertritt. Wie sie sich darin zurechtfinden und ihr Leben organisieren, ist ihre Privatangelegenheit; und dies wird natürlich immer schwieriger, je mehr die »zweite Natur« zum undurchschaubaren Dschungel verwächst. Die wachsende Indifferenz der einzelnen gegenüber dem gesellschaftlichen Ganzen ist daher selbst ein Strukturphänomen. Wie und wo die Dinge entstanden sind, die die Menschen tagtäglich konsumieren, darf sie unter den gegebenen Bedingungen gar nicht allzu sehr bekümmern, wenn sie sich nicht im ständig abverlangten »Funktionieren« lähmen wollen. Selbst aber wo sie versuchen, einen Einblick zu gewinnen, müssen sie an der gesetzten Aufgabe verzweifeln. Denn erstens können sie allerhöchstens winzige Ausschnitte selbst einzelner stofflicher Bezüge überhaupt ansatzweise nachvollziehen, und zweitens sind die Möglichkeiten praktischer Einflussnahme höchst begrenzt.<a name="t9" href="#f9">[9]</a> Gerade der Individualisierungsschub der letzten Jahrzehnte, die Ausdünnung der lebensweltlichen Zusammenhänge und die Delegation der meisten lebenswichtigen Funktionen ans gesellschaftliche Aggregat hat den Druck auf die einzelnen ungeheuer verstärkt. Es gibt kein Entrinnen mehr vor dem ständigen Zwang zu kaufen und sich zu verkaufen. Zugleich bekommen die atomisierten Individuen aber auch immer direkter die Irrationalitäten der kapitalistischen Moderne buchstäblich am eigenen Leibe zu spüren, und müssen versuchen, diese in irgendeiner Weise individuell zu kompensieren: angefangen mit der täglichen Bewältigung des mörderischen Straßenverkehrs über die Sorge um die von Stress und allgegenwärtigen Giften bedrohte körperliche und psychische Gesundheit bis hin zur Kinderbetreuung inmitten einer strukturell kinderfeindlichen Welt, um nur ein paar Beispiele zu nennen. So kommt es zu dem Paradoxon, dass gerade der immer härter werdende Kampf mit den Widersinnigkeiten des monetär konstituierten und strukturierten Alltags es für die einzelnen unvorstellbar erscheinen lässt, ohne das gewohnte »komplexitätsreduzierende Mittel« auszukommen; und zwar obwohl sie zunehmend um Destruktivität des gesellschaftlichen Zusammenhangs und damit auch ihres eigenen Tuns wissen. Dies aber ist nicht einfach »falsche Wahrnehmung«, sondern Reflex einer fetischistischen Wirklichkeit.</p>
<p>Die angebliche Unverzichtbarkeit des Geldes aufgrund seiner »komplexitätsreduzierenden Leistung« entpuppt sich also als ziemlich fade Ideologie. Dagegen ist zu halten, dass es tatsächlich darauf ankommt, die systemspezifische Überkomplexität der kapitalistischen Gesellschaft, die Ausdruck ihrer Verrücktheit und Unhaltbarkeit ist, zu beseitigen. Doch dies läßt sich gerade nicht durch die gewaltsame Abbildung aller Probleme auf der Ebene des Systems erreichen, sondern nur durch die Aufhebung der warenförmigen Eindimensionalität und durch die radikale Umstülpung des stofflichen Vernetzungszusammenhangs. Anders ausgedrückt: Es geht nicht einfach um »Komplexitätsreduktion«, sondern vielmehr um die Entwicklung von neuen Formen gesellschaftlicher Komplexität, die wirkliche qualitative Vielfalt zulassen und zugleich nicht die blinde Herrschaft des sozialen Zusammenhangs über die Individuen implizieren. Was dies bedeuten kann, dazu möchte ich nun einige Überlegungen vorstellen.</p>
<h4>3. Gesellschaftliche Produktivkraft und emanzipatorische Potentiale</h4>
<p>Im Zeitalter des Fordismus mochte es noch so erscheinen, als sei die zentralisierte Massenproduktion auf Basis der Fließbandtechnologie und, damit einhergehend, die monostrukturelle Zurichtung ganzer Regionen conditio sine qua non hoher gesellschaftlicher Produktivität. Und dies kann sicher als einer der Gründe dafür gelten, weshalb sich die bisherige Kritik an der zentralisierten Produktionsweise im allgemeinen auch mit einer Kritik am erreichten Niveau der Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftung überhaupt verband. Eine Dezentralisierung der Lebenszusammenhänge war vor diesem Hintergrund konsequenterweise nur vorstellbar als Rückkehr zur bäuerlich-handwerklichen Lebensweise unter weitgehendem Verzicht auf moderne Naturwissenschaft und Technik. Der einfache »Trick« der insbesondere vor zehn bis fünfzehn Jahren ziemlich populären fundamentalökologischen und subsistenzwirtschaftlichen Position bestand also darin, das absurde Schreckensbild, das die Apologeten des Marktes immer an die Wand malten, positiv zu besetzen. Beide konträren Positionen transportieren aber ein grundlegendes Missverständnis. Sie setzen die kapitalistisch entwickelte Produktivkraft und die spezifische Gestalt der herrschenden Produktionsverhältnisse unmittelbar identisch und können daher beides nur entweder pauschal ablehnen oder affirmieren. Verstehen wir aber unter gesellschaftlicher Produktivkraft zunächst einmal nicht mehr und nicht weniger als das jeweils historisch zu bestimmende allgemein menschliche Vermögen zur Naturaneignung, dann muss das Urteil differenzierter ausfallen. Natürlich bleibt die Zwangsform des Werts ihren Inhalten nicht äußerlich. Sie prägt nicht nur die technisch-organisatorischen Anwendungen der Naturwissenschaft, sondern konstituiert auch die naturwissenschaftliche Erkenntnisform selbst.<a name="t10" href="#f10">[10]</a> Und doch hat der Kapitalismus auch (und vielleicht gerade) auf dieser Ebene eine ganze Reihe von Potenzialen hervorgebracht, die nicht einfach nur Mittel von Herrschaft, Destruktion und Entfremdung sind. Hieran festzuhalten hat nichts mit teleologischer Fortschrittsgläubigkeit zu tun, sondern ist ein Appell dafür, unvoreingenommen zu untersuchen, welche dieser Potentiale jenseits der warenförmigen Zwangsgesetze in einem emanzipatorischen Sinne weiterentwickelt werden können und weiche abzulehnen sind.</p>
<p>Dabei dürfen natürlich nicht nur jene Techniken und naturwissenschaftliche Anwendungen in den Blick genommen werden, die sich im kapitalistischen Verwertungsprozess durchgesetzt haben, sondern viel stärker noch jene Alternativen, die sich nicht am Markt behaupten konnten oder an den Rand gedrängt wurden und werden. Exemplarisch möchte ich hier auf die Durchsetzung des Individualverkehrs einerseits und des fossilen Energieverbrauchs andererseits verweisen. Wenn die Eisenbahn zunehmend in die Defensive geriet und Ansätze zur Nutzung der Solarenergie, die es bereits im 19. Jahrhundert gab, nicht weitergeführt wurden, so kann dies nicht aus den Sachzwängen des »Techniksystems« erklärt werden, sondern nur aus der fetischistischen Konstituiertheit der warenförmigen Gesellschaft (in der idiotischen Vergötterung des Autos drückt sich dies besonders deutlich aus). Ein determiniertes Verhältnis zwischen der Produktivkraftentwicklung und ihrer Konkretisierung im stofflich-gesellschaftlichen Apparat besteht hier nicht. Vielmehr gab und gibt es fast immer unterschiedliche Anwendungsoptionen auf dem Niveau des jeweils gegebenen Erkenntnisstandes, zwischen denen entschieden werden kann &#8211; und das schließt natürlich auch die Möglichkeit ein, ein ganzes Spektrum von Optionen grundsätzlich zu verwerfen. Dieser »Entscheidungsprozess« vollzieht sich allerdings unter den Bedingungen der kapitalistischen Gesellschaft blind, nach den Gesetzmäßigkeiten der Konkurrenz und des Marktes. Deshalb konnten sich die vielen in den letzten Jahrzehnten entwickelten »Alternativkonzepte« im Bereich der Energieerzeugung, der Landwirtschaft, der Stadt- und Verkehrsplanung etc. auch nie in breitem Maßstab durchsetzen, denn sie sind allesamt nicht oder nur bedingt kompatibel mit der herrschenden Systemlogik. Dennoch oder vielmehr gerade deshalb verweisen sie aber ganz konkret auf unausgeschöpfte Potenzen der Produktivkraftanwendung.</p>
<p>Schließlich ist aber auch gerade in den letzten Jahrzehnten innerhalb und außerhalb der Naturwissenschaften eine Kritik des naturwissenschaftlichen Weitbildes herangewachsen, die überkommene Paradigmen und Sichtweisen über den Haufen geworfen hat und auch die Art und Weise des äußerlich-instrumentellen Naturbezugs überhaupt in Frage stellt. Die wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung hat also durchaus auch eine grundsätzliche Fähigkeit zur Selbstdistanz und Selbstreflexion hervorgebracht. Auch dies verweist auf die prinzipielle Möglichkeit, die moderne Naturwissenschaft aus dem Kontext der Warenform herauszulösen, und an dem Wissen, das sie zweifelsohne hervorgebracht hat, kritisch anzuknüpfen, ohne sich aber blind und bedingungslos ihrer Weltsicht auszuliefern. Das sollte nun allerdings keinen Anlass zur Selbstberuhigung abgeben, denn erstens dürfte die Selbstkritik der modernen Naturwissenschaft erst am Anfang stehen, und zweitens wird sie folgenlos bleiben, wenn sie sich nicht mit einer theoretischen und praktischen Kritik des gesellschaftlichen Formzusammenhangs verbindet.</p>
<h4>4. Dezentralisierung der stofflich-gesellschaftlichen Bezüge</h4>
<p>Grundsätzlich wären also in jeder Phase der kapitalistischen Entwicklung (auch in der fordistischen) jenseits der Verwertungszwänge »alternative« Anwendungen der gesellschaftlichen Produktivkraft zumindest denkbar gewesen. Mit der Durchsetzung der »mikroelektronischen Revolution« aber tritt der Widerspruch zwischen Produktivkraft und warenförmigen Produktionsverhältnissen auch auf der Erscheinungsebene offen zutage. So lässt sich insbesondere kein »technischer Sachzwang« mehr dafür ins Feld führen, dass die neu geschaffenen Potentiale der Dezentralisierung geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werden. Dies musste sogar Otto Ullrich, einer der wichtigsten Vertreter der fundamentalökologischen Produktivkraftkritik, bereits 1979 in seinem Buch »Weltniveau« zugestehen: »Die Elemente dieser Technologie (der Mikroelektronik; N.T.) führen weder sachnotwendig in eine Sackgasse, noch zwingen sie zu einer zentralmachtorientierten Vergesellschaftung, da gerade sie auch in kleinen, dezentralen und autonomen Einheiten zu verwenden sind. Die Probleme, die mit dieser Technologie entstehen können, sind Anwendungsprobleme, und die Probleme, die mit ihr heute bei uns bestehen, beruhen ausschließlich auf den gesellschaftlichen Verhältnissen, vor allem auf der kapitalistisch-industriellen Produktionsweise«.<a name="t11" href="#f11">[11]</a></p>
<p>Die Grundfrage lautet nun natürlich, welchen Charakter eine auf dem erreichten Produktivkraftniveau ansetzende nicht-warenförmige Dezentralisierung der stofflichen Bezüge haben könnte. Dabei lässt sich sicherlich an einigen im Rahmen der Alternativ- und Ökologie-Debatte entwickelten Ansätzen und Konzepten zu Bereichen wie Energieversorgung, Landwirtschaft, Verkehrswesen, Siedlungsarchitektur und dergleichen kritisch anknüpfen. Interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang vor allem auch die eher pragmatisch orientierte angloamerikanische Sustainability-Debatte, die in den letzten Jahren zunehmend auch in Deutschland zur Kenntnis genommen wurde,<a name="t12" href="#f12">[12]</a> weil sie sich darum bemüht, die eher verstreuten Einzelerkenntnisse in Gesamtkonzeptionen der Stadt- und Regionalentwicklung zu integrieren.</p>
<p>Fast alle dieser Konzeptionen laufen darauf hinaus, einen großen oder sogar den größten Teil der »verbrauchsnahen« stofflichen Bezüge dezentral auf der Ebene der Region, der Stadt oder der näheren Wohnumgebung anzusiedeln &#8211; was natürlich eine speziell darauf abgestimmte überregionale Infrastruktur voraussetzt.<a name="t13" href="#f13">[13]</a> Wir hätten uns demnach den gesellschaftlichen Stoffwechselzusammenhang als ein gestaffeltes System aufeinanderbezogener lokaler, regionaler und überregionaler Kreisläufe vorzustellen, bildlich gesprochen vielleicht wie eine stufenförmig aufgebaute Pyramide, bei der die Dichte der stofflichen Verflechtungen mit zunehmender Höhe abnimmt (dies ganz im Gegensatz zum warenförmigen Gesellschaftsmoloch, dessen Struktur eher einer auf dem Kopf stehenden Pyramide entspricht). In der Sprache der Kybernetik könnte man eine solche Struktur auch als »verschachtelte Systemhierarchie« bezeichnen, bei der die einzelnen Bereiche »intern stark verknüpft« sind, während »der Vernetzungsgrad zwischen diesen Bereichen nur aus wenigen, ausgewählten Beziehungen« besteht.<a name="t14" href="#f14">[14]</a></p>
<p>Die entscheidende qualitative Veränderung gegenüber der warenförmigen Megastruktur bestünde im gewaltigen Autonomiegewinn der Orte und Regionen, die wieder den direkten Zugriff auf wichtige Teile ihrer stofflichen Bezüge erlangten. Dabei darf allerdings Autonomie nicht mit Autarkie verwechselt werden. Vielmehr würde eine solche Form der Dezentralisierung sogar zwingend eine im Weltmaßstab ausdifferenzierte technologische, kommunikative, wissenschaftliche und organisatorische Vernetzung voraussetzen. Durch ihren abgestuften und nicht-zentralistischen Charakter würde diese jedoch keine universelle Angleichung der Lebensverhältnisse erzwingen, sondern wäre viel eher als logistische Basis für die Entwicklung wirklicher Vielfalt zu verstehen. Erst eine solche Vernetzung auf der Höhe des Produktivkraftniveaus würde den Kommunen und Regionen, ganz im Gegensatz zu subsistenzwirtschaftlichen Vorstellungen, die notwendigen Spiel- und Freiräume in der Gestaltung ihrer Lebenszusammenhänge eröffnen. Denn wenn die historisch geschaffenen produktiven Potenzen nicht ausgeschöpft und selbstreflexiv entfaltet, sondern einfach aufgegeben werden, schrumpft auch das Spektrum der Wahlmöglichkeiten, und damit kehrt auch die Enge prä-warenförmiger Formationen zurück.</p>
<p>Welche Funktionen im einzelnen auf weichen Ebenen der Vergesellschaftung anzusiedeln sind, lässt sich natürlich nicht im einzelnen präjudizieren. Dies wird in freien und allgemeinen Absprachen vereinbart werden müssen. Solche Vereinbarugen werden sich ihrerseits sicherlich an genauen Untersuchungen der stofflich-gesellschaftlichen Bezüge <a name="t15" href="#f15">[15]</a> (wie sie bisher nur in Ansätzen vorliegen) ebenso wie praktischen Erfahrungen mit der dezentralen Vernetzung orientieren. Dennoch aber werden sie keinesfalls technisch-neutralen Charakter haben können, sondern notwendigerweise auch bewusste Wertungen und Gewichtungen implizieren. Dementsprechend wird eine radikale Umstülpung des gesellschaftlichen Stoffwechselzusammenhangs zunächst einmal das großangelegte »Ausmisten« von Produktionsprozessen und sonstigen stofflichen Bezügen, die nur dem kapitalistischen Formzusammenhang geschuldet sind, bedeuten. Und dies schließt natürlich auch ein (selbst)kritisches Durchleuchten der warenförmig konstituierten Bedürfnisstruktur ein.</p>
<p>Ohne diesbezüglich allzu viel vorwegzunehmen, kann festgehalten werden, dass es technisch längst möglich ist, die meisten der direkten Gebrauchsgüter vor Ort zu produzieren, wenn die entsprechenden Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Den Beweis dafür liefert die flexible Automation, wie sie in Kernbereichen der kapitalistischen Warenproduktion gang und gäbe ist. Die elektronisch gesteuerten Roboter, Wergzeugmaschinen, Lasergeräte etc., die nicht mehr starr auf bestimmte standardisierte Arbeitsgänge festgelegt sind, lassen sich für die unterschiedlichsten Operationen und Produktionsvorgänge programmieren. Immer mehr wird die Software, d.h. das beliebig reproduzierbare und ohne Transportaufwand überall verfügbare Wissen, zum entscheidenden Faktor. Wie weit diese Entwicklung gediehen ist, zeigt sich am wachsenden Einsatz von Industrierobotern auch in mittelständischen Betrieben. »Inzwischen lohnt sich die Automation selbst in der Kleinserienfertigung bis runter zur Losgröße eins«, lautet die Quintessenzeines Berichts der Wirtschaftswoche (19.4.94) zur Hannover Messe 1994. Die dezentralisierte Nutzung der neuen Technologien zur Herstellung vielfältiger Gebrauchsgüter für die jeweilige Region oder Stadt läge also in der Logik der Sache.<a name="t16" href="#f16">[16]</a></p>
<p>Voraussetzung dafür wäre eine gut entwickelte und den Verhältnissen angepasste Verkehrs- und Kommunikationsstruktur sowie, auf übergreifender Ebene der Vergesellschaftung, ein gestaffeltes System vorgelagerter Produktionsaggregate, die nicht dezentralisiert werden können oder sollen. Das betrifft wohl vor allem die Produktion von Produktionsmitteln, aber auch den größten Teil der Grundstoffindustrie und eine ganze Reihe von Vorprodukten. So dürfte es wohl kaum sinnvoll sein, wenn jede Region oder Kommune ihre eigene Fabrik für Industrieroboter oder Traktoren unterhielte, ebenso wenig wie ein eigenes Stahlwerk oder eine auf Eigenbedarf orientierte Kunststoff- oder Chemieproduktion. Auch die Herstellung von großen Transportmitteln oder Spezialprodukten sowie von bestimmten standardisierten Massenprodukten (wie etwa Solarzellen oder Computerchips) ist wohl eher auf höheren Ebenen der gesellschaftlichen Vernetzung anzusiedeln.</p>
<p>Es kann kaum unterschätzt werden, welche Implikationen eine solche radikale Umstülpung des stofflichen Zusammenhangs hätte. Eine wichtige Konsequenz wäre beispielsweise die völlige Umstrukturierung des Verkehrswesens. Nicht nur entfiele der größte Teil des Transportbedarfs, der einzig und allein auf die Globalisierung der verwertungsorientierten Produktionsaggregate und auf den weitweiten Vertrieb standardisierter Massenwaren zurückgeht <a name="t17" href="#f17">[17]</a>, auch das absolute Primat der Geschwindigkeit wäre gebrochen. Wenn heute beim Transport eines Fertigungsmaterials von Punkt A nach Punkt B jede Minute zählt und deshalb Berge und Täler eingeebnet werden, um sie LKW- und ICE-gerecht zu gestalten, dann entspringt dies keiner stofflichen Notwendigkeit. Hierin drückt sich vielmehr der herrschende Zwang zur optimalen Kapitalverwertung aus, der sich im übrigen so tief ins Bewusstsein der Menschen eingegraben hat, dass selbst noch in der »Freizeit« jede Minute zählt. Umgekehrt braucht nun freilich nicht die Langsamkeit zum neuen Dogma erhoben zu werden. Vielmehr ginge es darum, sach- und situationsadäquate Formen der Fortbewegung zu ermöglichen. So spricht beispielsweise nichts Prinzipielles gegen bequemes und auch schnelles Zugfahren, doch ist es idiotisch, wegen des »Gewinns« von zwei oder drei Stunden ganze Landschaften zu zerstören.</p>
<p>Eine Umstrukturierung des Verkehrs müsste schon aus ökologischen Gründen die radikale Reduzierung oder sogar völlige Beseitigung des Auto- und Flugzeugverkehrs einschließen, einhergehend mit dem Ausbau des Bahnnetzes und anderer unproblematischer Formen des Gemeinschaftsverkehrs.<a name="t18" href="#f18">[18]</a> Vom Standpunkt des warenförmigen Bewusstseins aus mag dies als Eingriff in die individuelle (hier ganz buchstäblich zu nehmende) Autonomie erscheinen. Doch tatsächlich brächte es neben der notwendigen Entlastung der Biosphäre einen geradezu unschätzbaren Gewinn an Lebensqualität, führt man sich nur einmal die Unwirtlichkeit der autogesellschaftlich zugerichteten Städte und Landschaften vor Auge. Der allgemeine Verzicht auf das Auto müsste ja keinesfalls das Ende der individuellen Bewegungsmöglichkeit bedeuten, allerdings würde diese nicht mehr abstrakt als Wert an sich gelten (als »freie Fahrt für freie Bürger«, die ja bekanntlich im Stau endet), sondern wäre als ein Aspekt in integrierten Gesamtkonzeptionen von Regional-, Stadt- und Verkehrsentwicklung zu berücksichtigen.</p>
<p>Wenn nun der überregionale Transport von Produkten in einer postmonetären dezentral vernetzten Welt sicherlich auf ein Mindestmaß reduziert werden kann, so dürfte andererseits der Austausch von Wissen und Informationen eine durchaus wichtige Rolle spielen. Schon Keynes hat sich darüber mokiert, dass dänische Kekse unter großem Aufwand über den Atlantischen Ozean in die USA geschafft werden, während zugleich amerikanische Backwaren in umgekehrter Richtung unterwegs sind. Warum, so fragt er (allerdings immer das Bild weitgehend geschlossener Volkswirtschaften vor Augen), tauschen Dänen und US-Amerikaner nicht einfach die Rezepte aus und backen die verschiedenen Kekssorten vor Ort? Keynes verdrängt allerdings, dass im Marktsystem ein Wissensvorsprung immer auch ein Konkurrenzvorteil ist, den niemand aus der Hand geben wird &#8211; obwohl dies aufs stoffliche Ganze gesehen rationeller wäre. Und selbst wenn »Rezepte« ausgetauscht werden, geschieht dies natürlich immer nur auf dem Wege monetärer Verrechnung unter Ausschluss aller Nicht-Zahlungsfähigen. So wird selbst noch das Wissen, das gesellschaftliches Produkt schlechthin ist und seinem Charakter nach individuell gar nicht zugerechnet werden kann, durch das Nadelöhr des Geldes hindurch gepresst. Erst die Aufhebung der absurden Kategorie des »geistigen Eigentums« würde den allseitigen und freien Austausch von Wissen und Erfahrungen und eine überregionale kooperative Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Potenzen ermöglichen. Ein Zwang zur ständigen eindimensionalen Produktivitätsentwicklung und zu einer vereinheitlichten Zurichtung der Welt wäre ohne die Marktvermittlung aber nicht gesetzt. Die dezentralen Einheiten könnten dann vielmehr selektiv auf bestimmte Ausschnitte des »Weltwissens« zugreifen und in einer ihrem lokalen und regionalen Kontext adäquaten Weise nutzen und fortentwickeln. Vielfalt und Verschiedenheit ständen so keinesfalls im Gegensatz zu einer allgemeinen Verfügbarkeit des globalen Wissens und Erfahrungsschatzes.</p>
<h4>5. Die unaufgelösten Widersprüche der marxistischen Planungsdebatte</h4>
<p>Sind Gedanken über eine Dezentralisierung des gesellschaftlichen Stoffwechselzusammenhangs heute durchaus salonfähig, so ist der alte emanzipatorische Anspruch, einer freien und allgemeinen Absprache über die gesellschaftlichen Angelegenheiten ohne die Dazwischenkunft des Marktes gewaltig in Verruf geraten. Nicht nur der Zusammenbruch des sogenannten Realsozialismus, sondern ebenso das Versagen der keynesianischen Interventionspolitik im Westen und viele Einzelbeispiele, wie etwa die unsägliche EU-Agrarpolitik, gelten als eindrucksvolle Beweise für die Unmöglichkeit gesellschaftlicher bzw. ökonomischer Planung. Nun lässt sich dagegen zunächst einmal einwenden, dass sich der Markt als angeblich »rationale Steuerungsinstanz« &#8211; milde ausgedrückt &#8211; ja auch nicht gerade bewährt hat. Angesichts der Verwüstungen, die er anrichtet, müssen die Forderungen nach politisch-staatlicher Regulation (etwa in Gestalt einer »ökologischen Steuerreform«) geradezu in Schutz genommen werden. Doch der Streit zwischen neoliberalen Marktanbetern und neokeynesianischen Regulationsaposteln bleibt in unauflöslichen Widersprüchen verwickelt, denn er überschreitet nie den &#8211; als selbstverständlich vorausgesetzten -gemeinsamen Bezugsrahmen des warenproduzierenden Systems. Und nicht zufällig handelt es sich dabei um die gleichen Widersprüche, an denen auch alle bisherigen Planungsversuche gescheitert sind.</p>
<p>Die bewusste Steuerung des seinem Wesen nach bewusstlosen Prozesses der Selbstbewegung des Geldes ist nämlich ein Widerspruch in sich, und dieser machte sich sowohl in den theoretischen Planungskonzeptionen als auch insbesondere in der Planungspraxis immer wieder schmerzhaft bemerkbar. Es würde hier zu weit führen, dem ausführlich nachzugehen, <a name="t19" href="#f19">[19]</a> doch sollen zumindest die beiden zentralen Grundprobleme kurz beleuchtet werden, mit denen sich die gesamte marxistische Planungsdebatte von Anfang an herumschlug, <a name="t20" href="#f20">[20]</a> ohne sie je befriedigend lösen zu können: Erstens das Problem des »Herunterrechnens« von »Arbeitsquanten« auf das einzelne Produkt und zweitens die Frage, nach der Auflösung des als selbstverständlich vorausgesetzten Gegensatzes von Produzenten und Konsumenten. Das Problem des »Herunterrechnens« fand vor allem über den sogenannten »Anti-Dühring« von Friedrich Engels Eingang in die marxistische Planungsdebatte. Fast alle späteren marxistischen Sozialismuskonzeptionen haben sich an diese Schrift angelehnt. Engels versucht hier, die Einwände tatsächlicher und potentieller Planungsgegner, die auf der Unverzichtbarkeit von Arbeitswert und Geld beharren, weil nur darüber eine exakte Zurechnung von Leistungseinheiten auf das einzelne Produkt und den einzelnen Produzenten bzw. Arbeiter möglich sei, mit den folgenden berühmt gewordenen und tausendfach zitierten Sätzen vom Tisch zu fegen: »Die Gesellschaft kann einfach berechnen, wie viel Arbeitsstunden in einer Dampfmaschine, einem Hektoliter Weizen der letzten Ernte usw. stecken. Es kann ihr also nicht einfallen, die in den Produkten niedergelegten Arbeitsquanten, die sie alsdann direkt und absolut kennt, noch fernerhin in einem nur relativen, schwankenden, unzulänglichen, früher als Notbehelf unvermeidlichen Maß, in einem dritten Produkt auszudrücken, und nicht in ihrem natürlichen, angemessenen absoluten Maß, der Zeit&#8230; Die Gesellschaft schreibt also unter obiger Voraussetzung den Produkten keinen Wert zu.«<a name="t21" href="#f21">[21]</a> Diese Vorstellung ist nicht nur im eher technischen Sinne von Planung naiv zu nennen (worauf ich gleich noch eingehen werde), sie fällt vor allem auch geradezu kläglich hinter das Reflexionsniveau der von Marx geleisteten (wenn auch in seinem Werk nicht durchgängigen) Wert- und Warenformkritik zurück. Denn wenn der Wert als die Darstellung abstrakter Arbeit an einem Produkt gefasst werden kann, dann zielt Engels&#8217; Vorstellung keinesfalls auf eine Aufhebung des Werts, sondern lediglich auf die angeblich »exaktere« Berechnung der Wertsumme. Seine Kritik richtet sich also nicht gegen den über die Wertform vollzogenen Abstraktionsvorgang als solchen, sondern dagegen, dass der Wert die ihm zukommende Funktion nur »unzulänglich« verrichte.<a name="t22" href="#f22">[22]</a> Was Engels dagegensetzt, ist nichts anderes als eben die paradoxe Forderung, die Gesellschaft solle den bisher bewusstlos hinter ihrem Rücken sich durchsetzenden und sie blind beherrschenden Prozess der Wertbildung »bewusst« nachvollziehen.</p>
<p>Der hier zunächst auf der grundsätzlichen Ebene der gesellschaftlichen Form verortete Selbstwiderspruch von Engels&#8217; Vorstellung tritt natürlich auch auf der Ebene der gesellschaftlichen und ökonomischen Praxis in Erscheinung. Hier stellt er sich zunächst als eher funktionelles Problem dar, nämlich als Schwierigkeit, das »Herunterrechnen« praktisch zu bewerkstelligen. Zweifellos bedarf es dazu einer Planungszentrale, auch wenn dies insbesondere von den rätekommunistischen Anhängern der Planung auf Basis von »Arbeitsquanten« vehement geleugnet wurde.<a name="t23" href="#f23">[23]</a> Denn es muss ja eine Instanz geben, bei der die gesamten Informationen zusammenlaufen, und die den einheitlichen Maßstab definiert, an dem sich die einzelnen Produkte zu messen haben. Es liegt in der Logik der Sache, dass sich diese Instanz über die Gesellschaft erhebt und ihr als sie beherrschende, scheinbar äußerliche Macht gegenübertritt, denn sie übernimmt hier ja Funktionen, die in einer »normalen Warenproduktion« von Geld und Markt erfüllt werden. Zwar erhalten die Waren auf dem Markt, soweit ist Engels und Co. Recht zu geben, in der Tat nicht einfach ihren Wert zugeschrieben, d.h. der Preis drückt nicht die in der Produktion der einzelnen Ware aufgewandte »Arbeitsmenge« aus. Vielmehr ist er das Ergebnis eines komplizierten Prozesses, in dem sich das Produktivitätsgefälle zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Produktionszweigen und Anlagesphären des Kapitals reflektiert (Ausgleich der Profitraten) und in dem auch Angebots- und Nachfrageschwankungen sowie andere Marktfaktoren eine Rolle spielen (etwa Währungsverhältnisse).<a name="t24" href="#f24">[24]</a> Doch zeugt dies nicht von einem immanenten »Versagen des Marktes« oder der warenförmigen Vermittlung überhaupt, vielmehr ist es die einzige Weise, in der sich der Wert als gesellschaftlicher Gravitationspunkt überhaupt durchsetzen kann.<a name="t25" href="#f25">[25]</a> Eine Zentrale, die versucht, dies nicht nur nachzuvollziehen, sondern auch noch die »richtigen« Werte der Einzelprodukte zu errechnen, muss notwendigerweise scheitern. Und dies nicht einfach deshalb, weil sie nur über unvollständige Informationen verfügt (etwa, weil die unteren Instanzen »mauern«) oder technisch nicht in der Lage ist, alle Informationen zu verarbeiten (geschweige denn Entscheidungen zu treffen), sondern schon aus logischen Gründen.</p>
<p>Dies hat vor allem der Ne-Ricardianer Piero Sraffa <a name="t26" href="#f26">[26]</a> theoretisch schlüssig nachgewiesen, freilich ohne die Warenform selbst in Frage zu stellen. Er machte die logische Unmöglichkeit einer Zurechnung von »Arbeitsquanten« insbesondere am Problem der Kuppelproduktion <a name="t27" href="#f27">[27]</a> deutlich: »Bei Kuppelprodukten gibt es nämlich kein feststehendes Kriterium für die Aufteilung der Arbeit unter die individuellen Erzeugnisse. Es scheint tatsächlich zweifelhaft, ob es sinnvoll ist, von einer separaten Menge an Arbeit zu sprechen, die in der Produktion einer unter mehreren im Verbund erzeugten Waren verausgabt wurde« <a name="t28" href="#f28">[28]</a> Nun ist aber diese Art der Produktion in einer modernen Ökonomie der Normalfall, vor allem dann, wenn man, wie Sraffa es konsequenterweise tut, alle Prozesse, in denen fixes Kapital (d.h. langlebige Produktionsmittel) angewandt wird, darunter fasst.<a name="t29" href="#f29">[29]</a></p>
<p>Der Versuch des »Herunterrechnens« führt sich aber endgültig ad absurdum, wenn wir die extreme Abhängigkeit der modernen Produktionsprozesse von der gesellschaftlichen Infrastruktur, von Vorleistungen und Nachsorge jeglicher Art (Kommunikations- und Verkehrswesen, Forschung, Bildung, Gesundheitssystem etc.) und schließlch die wachsende Bedeutung des »immateriellen Faktors« Wissen in Rechnung stellen. Es ist logisch völlig unmöglich, nachzuvollziehen, welche die Anteile dieses jeglicher Produktion vorausgesetzten gesellschaftlichen Aggregats in eine einzelne Ware »eingehen«. Eines lässt sich aber ohne weiteres feststellen: Das Verhältnis zwischen der direkten Arbeit am individuellen Produkt und den allgemeinen Voraussetzungen dieser Arbeit hat sich in extremem Maße zugunsten der letzteren verschoben. Der Verzicht auf ein »Herunterrechnen« wäre also nicht Ausdruck ideologischer Verblendung, sondern im Gegenteil dem Stand der Vergesellschaftung adäquat. Denn die stofflichen Bezüge sind schon viel zu sehr ineinander verwoben, um sie noch durch die bornierte Form von Ware und Geld zu zwingen. Und dies gilt umso mehr, wenn der stofflich-gesellschaftliche Zusammenhang wie oben skizziert nach dem Prinzip abgestufter und miteinander vernetzter Kreisläufe organisiert wird. Denn alle »kybernetischen Grundregeln« (wie etwa Mehrfachnutzung, Recycling, Symbiose unter Nutzung kleinräumiger Diversität etc.) <a name="t30" href="#f30">[30]</a> stehen im klaren Widerspruch zu einer funktionalistischen Zerlegung in zurechenbare »Einzelleistungen«.</p>
<p>Worin bestand nun das zweite Grundproblem, das die marxistische Planungsdebatte von ihren Anfängen bis zur »Perestroika« ungelöst hin- und herwälzte? Es galt als ausgemacht, dass wie etwa Karl Korsch schreibt, »auch nach der Ausschaltung des kapitalistischen Privateigentums aus der Produktion sich im Wirtschaftsleben einer menschlichen Gemeinschaft zweierlei Interessen gegenüberstehen: das Interesse der produzierenden Arbeiter jedes einzelnen Produktionszweiges einerseits, das Interesse der Gesamtheit der übrigen Produzenten und Konsumenten andererseits. Kürzer ausgedrückt: der Widerstreit der Interessen der Produzenten und Konsumenten«.<a name="t31" href="#f31">[31]</a> Jede Seite versuche, möglichst viel vom gesellschaftlichen Wertkuchen abzuschneiden und die jeweils andere zu übervorteilen. Seien die »Konsumenten« an guter Produktqualität und an niedrigen Preisen interessiert, so wollten die »Produzenten« den Arbeitseinsatz minimieren und hohe Einkommen erzielen.</p>
<p>Es mag zunächst einmal so erscheinen, als sei dies notwendiges Ergebnis der fortgeschrittenen gesellschaftlichen Arbeitsteilung und damit also unter Bedingungen entwickelter Produktivkraft unaufhebbar. Doch die Tatsache, dass nicht alle Menschen gleichzeitig oder im gleichmäßigen Wechsel alle Positionen des gesellschaftlichen Aggregats einnehmen können, konstituiert von sich aus noch keinen Interessengegensatz. Dies ist nur dann der Fall, wenn die gesellschaftliche Kooperation nicht direkt (über Absprachen etc.) hergestellt, sondern quasi-automatisch über den Zwang des Geld-Verdienens-Müssens vermittelt wird. Es ist nur allzu verständlich, wenn die einzelnen diesem abstrakten Zwang ausweichen, wo immer sie können und möglichst wenig »Leistung« für möglichst viel Geld abliefern wollen. Umgekehrt verhält es sich natürlich, wenn sie nach der Arbeit in die Rolle des Käufers schlüpfen, und nun einen möglichst hohen Anteil an der bunten Warenwelt ergattern möchten. Dieser mit der Warenform gesetzte grundsätzliche Widerstreit der Partikularinteressen, der sich auf allen Ebenen und in allen Bereichen der Gesellschaft reproduziert und sich in einer allgemeinen »Abzockermentalität« ausdrückt, wird auch durch die Rotation zwischen unterschiedlichen Positionen nicht aufgehoben (wie dies ja oft genug der Fall ist). Denn ob die Geldsubjekte es wollen oder nicht, diese Positionen sind immer schon strukturell als partikulare Interessenstandpunkte definiert.</p>
<p>In der marxistischen Planungsdebatte lassen sich zwei grundsätzliche Ansätze ausmachen, den zumindest für die »sozialistische Übergangsperiode« als unaufhebbar gesetzten (und innerhalb der Warenform ja tatsächlich auch unaufhebbaren) Gegensatz von Produzenten und Konsumenten zu überbrücken. Der erste, etatistische Ansatz wies dem Staat die Aufgabe zu, das Preis- und Lohngefüge zu regulieren und so für einen Ausgleich der Interessen zu sorgen. Dem stand als zweiter Ansatz die (etwa von Korsch vertretene) Vorstellung gegenüber, Produzenten und Konsumenten sollten sich in Form von Räten auf allen gesellschaftlichen Ebenen über das Was und Wie der Produktion und die Austauschbeziehungen selbst verständigen. Beide Richtungen, die staatssozialistische und die rätekommunistische, entpuppen sich aber bei näherem Hinsehen als zwei Varianten ein und desselben. In beiden geht es darum, die Funktionen, die in einer »normalen« warenproduzierenden Gesellschaft die freie Marktkonkurrenz erfüllt, institutionell zu besetzen, ohne aber die zugrundeliegende Basisstruktur anzutasten. Ein abstrakter Zwang wird also durch einen anderen ersetzt. Den Partikularinteressen tritt an Stelle der blinden unerbittlichen Marktgesetze nun die abstrakte Allgemeinheitszumutung durch politische Institutionen gegenüber.</p>
<p>Ob es sich bei den entsprechenden Institutionen um Räte oder um staatliche Verwaltungsorgane handelt, ist letztlich sekundär, <a name="t32" href="#f32">[32]</a> denn in jedem Fall stehen die Vereinbarungen oder Verfügungen den partikularistisch konstituierten Alltagsanforderungen und -interessen äußerlich gegenüber. Die praktizierte Gleichgültigkeit der einzelnen gegenüber dem Gesamtzusammenhang ist nicht ausgehebelt, und daher verlagert sich die Konkurrenz auf die politisch-administrative Ebene oder erscheint als bauernschlaue Auslegung und Umgehung der Plannormen wieder. Die Praxis im verblichenen Staatssozialismus &#8211; aber auch im stärker am Rätegedanken anknüpfenden Selbstverwaltungssozialismus Jugoslawiens &#8211; hat dies hinlänglich demonstriert.<a name="t33" href="#f33">[33]</a></p>
<h4>6. Kommunitäre Vernetzung und gesellschaftliche Planung</h4>
<p>Der strukturelle Gegensatz der warenförmig konstituierten Partikularinteressen lässt sich also nicht institutionell oder sozialtechnisch überbrücken. Seine Aufhebung ist notwendige Bedingung dafür, den gesellschaftlichen Stoffwechselzusammenhang bewusst durch freie Absprachen und Vereinbarungen zu regeln. Eine dezentralisierte Planung kann daher weder von den einzelnen in ihrer Unmittelbarkeit als »Konsumenten«, noch von den Einzelbetrieben als »unmittelbaren Produzenten« ausgehen. Bezugspunkt und zentraler Aktor eines Systems gesellschaftlicher Kommunikation und Planung muss vielmehr die Kommune sein. Erstens können dort viele der alltagsnahen Bezüge per direkter Absprache geregelt werden. Das betrifft alle Tätigkeiten im Bereich des direkten menschlichen Zusammenlebens, die heute entweder an die abgespaltene Sphäre des Privaten (und damit überwiegend an die Frauen) delegiert oder in der institutionell versachlichten Form der Sozial-, Pflege- und Erziehungsarbeit abgeleistet werden, aber auch Teile der Nahrungsmittel- und Gebrauchsgüterproduktion sowie der Energieversorgung. Der unmittelbare Lebenszusammenhang würde so wieder in den direkten Zugriff der vergesellschafteten Individuen rücken. Lebensweltliche Bezüge und gesellschaftliche Tätigkeiten, die heute in getrennte Sphären zerfallen (Arbeit und Freizeit, Öffentlichkeit und Privatheit etc.), würden sich in einem solchen Kontext fast zwangsläufig verzahnen.<a name="t34" href="#f34">[34]</a> Und damit wäre auch der Boden für eine Aufhebung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses bereitet.</p>
<p>Diese lokalen Kommunen wären ihrerseits in verschiedene abgestufte Kooperationszusammenhänge eingebunden, zunächst einmal auf der Ebene der Region, dann aber auch im größeren Maßstab. Das heißt, sie würden Aufgaben und Funktionen im Rahmen dieser stofflichen Vernetzung übernehmen, und im Gegenzug die benötigten Vorleistungen, Produkte, Maschinen etc. erhalten. Über Aufgabenverteilung und Prioritäten in der Produktion, über den Umgang mit Ressourcen und dergleichen müssten sich die Kommunen intern und auf den verschiedenen Stufen der Kooperation einigen. Hier könnte im übrigen, auf veränderter Grundlage, der Rätegedanken wieder ins Spiel kommen. Die Netzwerkstruktur wäre dabei ein wirksames Mittel gegen mögliche Hierarchiebildungen. Wenn jede Kommune neben ihren eigenen unmittelbaren Angelegenheiten in selektiver Form auch übergreifende Funktionen übernimmt, bildet sich auch keine abgehobene Ebene von Institutionen (nach dem Muster des Staatsapparats) heraus, die sich gegenüber der Gesellschaft verselbständigen und Herrschaftsansprüche erheben könnten. Selbstverständlich wird es dabei auch weiterhin zu Konflikten kommen. Völlig falsch und sogar gefährlich, weil im schlechtesten Sinne utopisch, wäre die Vorstellung der nach-warenförmigen Gesellschaft als einem Zustand prästabilierter Harmonie. Die Konflikte hätten aber einen grundsätzlich anderen Charakter als heutige Konkurrenzkämpfe um Marktanteile, monetäre Einkommen und gesellschaftliche Machtpositionen. Es wären direkte Auseinandersetzungen um die Gestaltung des gesellschaftlichen Stoffwechselzusammenhangs, die nicht von den Zwangsgesetzen einer »zweiten Natur« überlagert würden.</p>
<p>Was nun die eher technische Seite der gesellschaftlichen Absprachen betrifft, so wäre es wie gesagt ein Widerspruch in sich, ein System gestaffelter Stoffwechselkreisläufe funktionalistisch zerlegen und zentralistisch nach dem Prinzip des »Herunterrechnens« steuern zu wollen. Vielmehr würde eine solche dezentralisierte Vernetzungsstruktur konsequenterweise auch »kybernetisch-systemische« Formen der Planung und Steuerung erfordern. Was könnte dies bedeuten? Die neuere Systemforschung und Kybernetik insistiert bekanntlich völlig zu Recht darauf, dass niemals alle Faktoren Wirkungsgrößen und (häufig nichtlinearen) Wechselwirkungen eines Systems bekannt sein können. Es ist daher überhaupt nicht möglich, größere Zusammenhänge und Prozesse bis in alle Details hinein zu durchdringen und vorherzubestimmen. Stattdessen vertraut sie auf die prinzipielle »Selbstregulationsfähigkeit« der verschiedenen ineinander verschachtelten Systeme und Subsysteme und begreift Planung bestenfalls (nämlich soweit dieser Anspruch nicht überhaupt fallengelassen wird) als regulierendes Eingreifen mit Hilfe von Regelgrößen. So schreibt etwa Frederic Vester in seinem populären Buch Neuland des Denkens: »Niemals wird ein übergeordneter geschlossener Master-Computer das Ganze sinnvoll leiten können, sondern dies vermag nur ein offenes, jederzeit abfragbares, überschaubares Modell, welches nicht nur als Ganzes, sondern auch in seinen Teilbereichen auf die Einhaltung gewisser kybernetischer Grundregein überprüft und bewertet werden kann« (S. 80). Nach der Beschreibung dieser oben kurz erwähnten »Grundregeln« fährt er fort: »Ohne Vollständigkeit zu beanspruchen, garantieren doch schon diese acht Grundregeln weitgehend die so notwendige Selbstregulation eines Systems bei minimalem Energiedurchfluss und Materialverbrauch. Diese Selbstregulation unterscheidet sich grundsätzlich on einem technokratischen Denken und damit auch von der rein technischen Kybernetik der Regeltechnik, die &#8230; ihre Führungsgrößen nicht aus dem System selbst nimmt, sondern von außen auf das System einwirken lässt« (S. 86). Mehr als fragwürdig ist natürlich der systemtheoretische Begriff der »Selbstregulation«, der allgemeingültige Regeln beschreiben will, die für Einzeller ebenso gelten sollen wie für gesellschaftliche Zusammenhänge.<a name="t35" href="#f35">[35]</a> Indem er die Differenz zwischen Natur und Gesellschaft zugunsten einer Naturalisierung des Sozialen auslöscht, affirmiert er völlig unreflektiert die blinde Prozesshaftigkeit der warenförmigen »zweiten Natur« und nimmt sie aus der Schusslinie der Kritik. »Selbstregulation« setzt immer die Existenz einer übergeordneten systemischen Funktionslogik voraus, die nicht bewusst beeinflusst oder gar aufgehoben werden kann und der sich die einzelnen »Subsysteme« unterwerfen müssen. Deren »Gestaltungsmöglichkeit« bezieht sich dann letztlich nur auf die Art und Weise ihres Funktionierens im Rahmen der Systemimperative, denen sie sich aber grundsätzlich unterwerfen müssen. Es bedarf nicht viel Phantasie, hierin die invisible hand des Marktes zu erkennen. Nicht zufällig sind die allermeisten System- und Chaostheoretiker vehemente Anhänger der Marktwirtschaft. Der Gedanke einer Planung im Sinne der bewussten Auseinandersetzung über gesellschaftliche Ziele, Qualitäten, Schwerpunktsetzungen etc. liegt ihnen völlig fern. Im Gegenteil erscheint vielmehr die »Entdeckung des Chaos« im allgemeinen als weiterer Beleg für die Unmöglichkeit von Planung. Soweit überhaupt von Planung die Rede ist, wie etwa bei Vester, bezieht sich dies immer schon auf Planung innerhalb der warenförmigen Systemlogik (etwa in Gestalt einer »kybernetischen Unternehmensplanung«), und die ist strukturell technokratisch, auch wenn sie sich kybernetischer Regelverfahren bedient.</p>
<p>Bewusste gesellschaftliche Absprachen wären natürlich das genaue Gegenteil eines solchen quasi-automatischen Prozesses der allgemeinen Gleichgewichtsbildung. Dennoch könnten einige der in der Kybernetik gewonnenen Erkenntnisse über enthierarchisierte und vernetzte »Steuerung« zumindest partiell in einem emanzipatorischen Sinne fruchtbar gemacht werden. Ich denke dabei nicht nur an die Einführung ökologischer Kreislaufkonzeptionen und »kybernetischer Grundregeln« (Nutzung regenerativer Energiequellen, kombinierte und dezentralisierte landwirtschaftlich-industrielle Kreisläufe etc.) im Bereich der menschlichen Naturaneignung. Auch in den Planungsprozessen selbst könnten kybernetische Verfahren und Methoden zur Anwendung kommen. So lassen sich zum Beispiel anhand von einfachen Modellen und mit Hilfe von darauf aufbauenden Szenarien meist bessere Prognosen und damit auch Planungen erstellen als auf der Basis riesiger und daher unüberschaubarer Datenmengen.<a name="t36" href="#f36">[36]</a> Sie machen nicht nur größere Wirkungszusammenhänge durchschaubar, sondern ermöglichen damit zugleich die allgemeine Teilnahme an der gesellschaftlichen Planung jenseits allen sogenannten Expertentums.<a name="t37" href="#f37">[37]</a></p>
<p>Die wichtigste Form nicht-monetärer »Komplexitätsreduktion« wäre aber schon der gestaffelt-dezentralisierte Aufbau des gesellschaftlichen Stoffwechselzusammenhangs selbst. Wenn die Verflechtungen auf den verschiedenen Ebenen der Kooperation in ihrer Grundstruktur allgemein nachvollziehbar sind, dann können sie auch zum Gegenstand allgemeiner Mitsprache gemacht werden. Die Entscheidungs- und Planungsstrukturen wären dabei im gleichen Maße in sich abzustufen, wie der stoffliche Zusammenhang. So würde es beispielsweise auf globaler und kontinentaler Ebene völlig genügen, periodisch allgemeine Absprachen über Stoff- und Energiedurchsatz, über die Verteilung bestimmter knapper Ressourcen, sowie das Verkehrs- und Kommunikationsnetz und dergleichen zu treffen. Auf regionaler und supraregionaler Ebene dagegen werden sicherlich weitaus mehr und weiterreichende Absprachen notwendig sein. Grundsätzlich aber könnte gelten, dass die einzelnen als Stoffkreisläufe konzipierten Einheiten und Bereiche ihren hohen inneren Verflechtungsgrad gemäß über die meisten Angelegenheiten selbst entscheiden, wobei sie zugleich natürlich den Absprachen verpflichtet wären, die sie gemeinsam mit Anderen über die wechselseitigen Beziehungen und Vernetzungen treffen.</p>
<p>Was dies im einzelnen bedeuten kann, wäre sicherlich je nach Bereich und Funktionszusammenhang unterschiedlich. So wird etwa eine kommunale Basiseinheit niemandem Rechenschaft über ihre landwirtschaftlichen Anbaumethoden schuldig sein, solange sie dabei nicht bestimmte ökologische Grundregeln verletzt und negative Effekte externalisiert. Wohl aber wird sie sich mit anderen Kommunen, sagen wir auf regionaler Ebene, darüber einigen müssen, wie viele und welche landwirtschaftliche Maschinen im nächsten Jahr produziert werden sollen und wer welchen Beitrag dazu leistet. Dabei brauchen freilich in dieser Entscheidung nicht alle technischen Details berücksichtigt werden, sondern es genügt die Kenntnis wichtiger Eckdaten und Proportionen, die im Zusammenhang mit weiteren Optionen und Möglichkeiten der stofflichen Planung diskutiert werden müssten. Im Rahmen der getroffenen Vereinbarungen wiederum könnten dann die betreffenden Fabrikationsstätten selbst entscheiden, wie die Produktionsabläufe (in diesem Fall für Landmaschinen) organisiert werden. Eine solche Dezentralisierung von Zuständigkeiten und Zugriffsmöglichkeiten ist das Gegenteil einer »Selbstregulation« im Sinne der Systemtheorie, auch wenn sie formal daran erinnern mag. Sie wäre vielmehr ein Weg, auf dem die Orte und Regionen ihr ein eigenes Gesicht und eine Autonomie wiedergewinnen könnten, die nichts zu tun hätte mit dem, was im ethnizistischen Diskurs verhandelt wird. Die Aufhebung der Warenform wäre dann, wie man in Anlehnung an Guy Debord sagen könnte, eine »Kritik der menschlichen Geographie, durch die die Individuen und die Gemeinschaften die Landschaften und die Ereignisse konstruieren müssen, die der Aneignung nicht nur ihrer Arbeit, sondern ihrer gesamten Geschichte entsprechen. In diesem bewegten Raum des Spiels und der freigewählten Variationen der Spielregein kann die Autonomie des Ortes wiedergefunden werden, ohne eine neue ausschließende Bindung an den Boden einzuführen«. <a name="t38" href="#f38">[38]</a></p>
<p><a name="f1" href="#t1">[1]</a> Vgl. dazu Robert Kurz: Politische Ökonomie des Antisemitismus, in Krisis 16/17, Bad Honnef 1995.</p>
<p><a name="f2" href="#t2">[2]</a> Rolf Schwendter: Utopie, Berlin 1994.</p>
<p><a name="f3" href="#t3">[3]</a> Ein Beispiel dafür liefert Schwendter, der selbst einen völlig vagen Utopie-Pluralismus vertritt: »Am extremsten und damit am authentischsten &#8211; ist die Antwortvielfalt in der &#8216;lebenswerten Alternative&#8217; des Briten James Robertson nachzuzeichnen: In diesem Buch verzichtet der Autor explizit darauf eine eigenständige Utopie zu entwerfen, stattdessen legt er den Lesenden seines Buches einen zweidimensionalen Baukasten vor, aus dem eine je spezifische Utopie konstruiert werden kann. Alles in allem erlaubt letztere ungefähr 180 Kombinationen« (Schwendter, a.a.O., S. 28).</p>
<p><a name="f4" href="#t4">[4]</a> Auch Marx selbst weigerte sich zeitlebens, mehr als Andeutungen über eine mögliche »sozialistische« bzw. »kommunistische« Zukunft zu machen. Dies erscheint mir als Ausdruck der enormen Diskrepanz zwischen seiner Kritik an der Warenform einerseits und ihrer beim damaligen Entwicklungsstand der bürgerlichen Gesellschaft in der Tat kaum vorstellbaren praktischen Aufhebung andererseits. Diese Spannung ließ sich damals wohl nur durch eine Aufgabe der Warenformkritik auflösen, wie es Engels im »Anti-Dühring« später tat. Formell proklamiert er dort zwar die Aufhebung des Werts, führt diesen aber hintenherum, über das Herunterrechnen von Arbeitsquanten auf das einzelne Produkt, wieder ein. Darauf werde ich weiter unten noch zurückkommen.</p>
<p><a name="f5" href="#t5">[5]</a> Dies ist der wesentliche Grund für die Unersättlichkeit der warenförmigen Bedürfnisse und für die letztendliche Vergeblichkeit aller sozialarbeiterischen und therapeutischen Anstrengungen.</p>
<p><a name="f6" href="#t6">[6]</a> Dies konstatiert auch die Systemtheorie, allerdings ohne dies als grundsätzlichen inneren Widerspruch warenförmiger Vergesellschaftung zu erkennen. Allenfalls sieht sie darin nicht zu vermeidende Reibungsverluste »moderner GeselIschaften«. Luhmann etwa spricht verklausuliert von »Problemen der Integration, das heißt der geringen Resonanzfähigkeit sowohl zwischen den Teilsystemen der Gesellschaft als auch im Verhältnis des Gesellschaftssystems zu seiner Umwelt« (Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation, Opladen 1986).</p>
<p><a name="f7" href="#t7">[7]</a> So heißt etwa das in der industriesoziologischen Debatte vielbeachtete Buch von Michael J. Piore und Charles F. Sabel in der deutschen Übersetzung: »Das Ende der Massenproduktion &#8211; Studie über die Requalifizierung der Arbeit und die Rückkehr der Ökonomie in die Gesellschaft« (Berlin 1985).</p>
<p><a name="f8" href="#t8">[8]</a> So hat die Erstellung einer »Ökobilanz« allein für den Vergleich zwischen Milchtüten und Milchflaschen, wie die Wirtschaftswoche (25.3.94) schreibt, Wissenschaftler aus drei Forschungseinrichtungen dreieinhalb (!) Jahre beschäftigt: »Die Unterlagen füllen neun Aktenordner, bis man schließlich zu dem Ergebnis gelangte, daß die Frage, welches Verpackungssystem das umweltfreundlichere ist, von den jeweiligen Umständen abhängt.« Und dies, obwohl es sich dabei um einfachste Produkte handelt, die nur aus wenigen Stoffen bestehen. »&#8217;WoIlte man nach derselben Methode ein technisch komplexes Produkt bilanzieren, etwa eine Waschmaschine mit rund 80 verschiedenen Stoffen, brauchten die Wissenschaftler &#8211; rein hypothetisch &#8211; rund 70 Jahre für die Erstellung der Ökobilanz&#8217; theoretisiert Ulrich Nissen vom Frauenhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart«.</p>
<p><a name="f9" href="#t9">[9]</a> Die vielfach propagierte »Strategie«, über das individuelle Kaufverhalten gesellschaftliche Veränderungen einzuleiten, dient (abgesehen vielleicht von bestimmten publikumswirksamen Aktionen) letztlich nur der eigenen Gewissensberuhigung und kann daher selbst als eine Form der Ausblendung des laufenden Destruktionsprozesses dechiffriert werden.</p>
<p><a name="f10" href="#t10">[10]</a> Dies ist einer der Aspekte, die Robert Kurz in seiner vor fast zehn Jahren verfassten Kritik an der »Produktivkraftkritik« (Marxistische Kritik 2 und 3, Erlangen 1986 und 1987) nicht ausreichend würdigt.</p>
<p><a name="f11" href="#t11">[11]</a> Otto Ullrich: Weltniveau, Berlin 1979, S. 131. Ullrichs Argumentation ist hier ziemlich inkonsistent. Denn wenn der Grund für die Destruktivität der modernen »Industriegesellschaft« in der Entwicklung der Produktivkraft und der westlichen Naturwissenschaft zu suchen ist, wieso sollten dann die aus der Mikroelektronik resultierenden Probleme heute »ausschließlich auf den gesellschaftlichen Verhältnissen« beruhen. Etwas verklausuliert muss Ullrich hier zugestehen, dass es offenbar doch einen Widerspruch zwischen Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftungsform gibt, woraus er allerdings keine argumentativen Konsequenzen zieht. So bleibt auch seine weitgehende Ablehnung der Mikroelektronik völlig unbegründet und erklärt sich nur aus einer romantisierenden Verklärung der bäuerlich-handwerklichen Lebensweise.</p>
<p><a name="f12" href="#t12">[12]</a> Vgl. etwa Robert L. Thayer, Jr.: Gray World, Green Heart, New York 1994 sowie einige Aufsätze in Franz Nahrada u.a. (Hg.): Wohnen und Arbeiten im Global Village, Wien 1994. Ein interessanter Ansatz in der BRD ist beispielsweise das vom Bauhaus Dessau verfolgte Konzept der »nachhaltigen Regionalentwicklung« (vgl. dazu verschiedene Aufsitze in Stiftung Bauhaus Dessau u.a. (Hg.): Wirtschaft von unten, Dessau 1996). Der Begriff »Sustainability/Nachhaltigkeit« ist allerdings insofern problematisch, als er in seiner Unbestimmtheit offen für jegliche Form affirmativer Besetzung ist. Sehr schnell hat er daher Eingang in den politischen Nullsprech selbst noch der in Bonn »regierenden Masse« (Grass) gefunden, die von »nachhaltigem Wirtschaftswachstum« und anderem Unfug spricht.</p>
<p><a name="f13" href="#t13">[13]</a> Darauf haben auch die Theoretiker der Alternativbewegung (Otto Ullrich, Joseph Huber etc.) insistiert, wenn auch immer von einem mehr oder weniger stark handwerkertümelnden Standpunkt aus. Am interessantesten erscheinen mir die Gedanken von André Gorz in seinem Buch »Wege ins Paradies« (Berlin 1983).</p>
<p><a name="f14" href="#t14">[14]</a> Frederic Vester: Neuland des Denkens, München 1984, S. 41.</p>
<p><a name="f15" href="#t15">[15]</a> Als allgemeine Leitlinie mag dabei gelten, dass nur diejenigen Funktionen und Tätigkeiten an die jeweils nächsthöhere Ebene der gesellschaftlichen Vernetzung delegiert werden, die nach dem Stand der Erkenntnisse und Möglichkeiten sinnvollerweise nicht im lokalen bzw. regionalen Rahmen erledigt werden können. »In any event, imbalances and instabilities permitted to overflow the city&#8217;s continuing efforts to maintain homeostatic balance, will have to find their sources of rebalance and restabilization as elements in the larger social system at the next larger scale(s). As part of an overall strategy of ecological and social sustainability, this principle of either seeking balances within the city/system or being accountable for the negotiation of any residual imbalances outward, has the potential for creating successively higher levels of sustainability by starting from the smallest scales within the city. Because of its importance, this principle has also been called the &#8216;Second Law of Relational Sustainability&#8217;« (Richard S. Levine: A Strategy for Negotiating a Sustainable Future &#8211; Sustainable Village Implantations, in: Franz Nahrada (Hg.): Wohnen und Arbeiten im Global Village, Wien 1994, S. 208).</p>
<p><a name="f16" href="#t16">[16]</a> Einige Überlegungen in diese Richtung finden sich bei Willy Bierter: Mehr autonome Produktion &#8211; weniger globale Werkbänke, Karlsruhe 1986. Zum Bereich der Energieversorgung vgl. etwa Hermann Scheer: Sonnen-Strategie, München 1993. Scheer stellt ausführlich dar, dass eine Dezentralisierung der Energieversorgung (und damit zusammenhängend der gesamten Produktion) nicht nur möglich ist, sondern sich sogar geradezu aufzwingt, wenn ausschließlich regenerative Energiequellen (Sonne, Wind, Biomasse, Fließwasser etc.) genutzt werden.</p>
<p><a name="f17" href="#t17">[17]</a> Um nur ein Schlaglicht zu werfen: Allein 40 Prozent des Welthandels betreffen Produktbewegungen innerhalb der transnationalen Konzerne (Wirtschaftswoche, 16.9.1994). Nicht enthalten sind in dieser Zahl die unzähligen Transportvorgänge zwischen den Produktionsorten der Unternehmen innerhalb eines Landes und zwischen diesen und den Weltweit verstreuten Zulieferbetrieben. Hinzu kommen noch die Vertriebswege im globalen Maßstab und natürlich auch die vielen »Geschäftsreisen« vornehmlich per Flugzeug und Auto.</p>
<p><a name="f18" href="#t18">[18]</a> So ist etwa in den letzten Jahren der Zeppelin als in jeder Hinsicht ökologisch sinnvolle Alternative zum Flugzeug wiederentdeckt worden. Aufgrund seiner relativ geringen Geschwindigkeit hat er aber unter Marktbedingungen keine Chance.</p>
<p><a name="f19" href="#t19">[19]</a> Vgl. dazu Johanna W. Stahlmann: Die Quadratur des Kreises, in Krisis 8/9 (Erlangen 1990) sowie Robert Kurz: Der Kollaps der Modernisierung, Frankfurt/M. 1991</p>
<p><a name="f20" href="#t20">[20]</a> Die westlichen Debatten im Umfeld des Keynesianismus blende ich hier ganz aus, denn sie waren insofern immer schon oberflächlicher, als sie sich nicht einmal bemühten, das Problem der Warenform überhaupt zu reflektieren.</p>
<p><a name="f21" href="#t21">[21]</a> MEW 20, S. 288, Berlin 1971.</p>
<p><a name="f22" href="#t22">[22]</a> Hinter dieser banalisierten Kritik steht ein empiristisch verkürzter Wertbegriff. In Engels&#8217; Lesart ist der »Wert« buchstäblich eine materielle Substanz (nämlich vergegenständlichte »Arbeitsquanten«), die sich in den Produkten ausfindig machen lasse. Er kritisiert gewissermaßen nur, dass der quasi-physikalische Analyseprozess durch das Geld verunreinigt werde.</p>
<p><a name="f23" href="#t23">[23]</a> Ich denke hier etwa an die rätekommunistische Vereinigung »Gruppe Internationaler Kommunisten Hollands«, die im Jahr 1931 ein umfangreiches Werk mit dem Titel »Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung« vorlegte (nachgedruckt bei Rowohlt Klassiker, Reinbek 1971). Sie beharren einerseits auf der »gesellschaftlich durchschnittlichen Arbeitszeit« als allgemeinem Maßstab der Produktionsberechnung und Verteilung, verklären dies sodann aber zu einem »unmittelbaren Verhältnis der Produzenten zum gesellschaftlichen Produkt« und schließen daraus wiederum, es gebe in einer solchen Gesellschaft nicht die Notwendigkeit eines »Apparats&#8230; der sich über die Produzenten erhebt« (S. 28 f.). Dies bleibt allerdings unbegründete Wunschvorstellung.</p>
<p><a name="f24" href="#t24">[24]</a> Es würde zu weit führen, dies hier ausführlich darzustellen.</p>
<p><a name="f25" href="#t25">[25]</a> Ebenso wenig zeugt es übrigens von grundsätzlichen Fehlern in der Marxschen Wertkritik, wie dies in der sogenannten »Wert-Preis-Transformationsdebatte« immer wieder behauptet wurde, die sich letztlich von der positivistischen Werttheorie à la Engels abstößt. Wer meint, den »Wert« buchstäblich aus den Arbeitsprodukten herausdestillieren zu können, sitzt einem empiristischen Fehlschluss auf, denn es handelt sich dabei nicht um ein »Ding«, sondern um die gesellschaftliche Verkehrsform, die nicht unmittelbar an den Waren erscheinen kann.</p>
<p><a name="f26" href="#t26">[26]</a> Piero Sraffa: Warenproduktion mittels Waren, Frankfurt 1976 (1960).</p>
<p><a name="f27" href="#t27">[27]</a> Von Kuppelproduktion spricht man dann, wenn in einem gemeinsamen Produktionsprozess (oder Produktionszweig) verschiedene Endprodukte entstehen.</p>
<p><a name="f28" href="#t28">[28]</a> Sraffa, a.a.O., S. 81. Dieses Problem ist im übrigen auch in der Betriebswirtschaftslehre bekannt, allerdings unter der Fragestellung einer Zurechnung von »Kosten« in der Produktkalkulation. Eine theoretisch eindeutige Lösung für dieses Problem konnte nie gefunden werden, weshalb man hier mit pragmatischen, mehr oder weniger schlüssigen Hilfsverfahren operiert (vgl. dazu etwa Wolfgang Kilger: Einführung in die Kostenrechnung, Wiesbaden 1980, S. 354-356).</p>
<p><a name="f29" href="#t29">[29]</a> Vgl. Sraffa a.a.O., S. 89 ff. Ein aktuelles Beispiel für die Unmöglichkeit des »Herunterrechnens«, auf das ich oben bereits verwiesen habe, sind die sogenannten »Ökobilanzen« für einzelne Produkte.</p>
<p><a name="f30" href="#t30">[30]</a> Vgl. Vester a.a.O., S.81 &#8211; 86.</p>
<p><a name="f31" href="#t31">[31]</a> Karl Korsch: Was ist Sozialisierung?, in ders. Schriften zur Sozialisierung, Frankfurt 1969, S. 25.</p>
<p><a name="f32" href="#t32">[32]</a> Dennoch sind der staatssozialistische und der rätedemokratische Ansatz nicht einfach identisch. Letzterer stellt zumindest den Versuch der Rücknahme des Staates in die Gesellschaft dar. Daher bietet er auch durchaus Anknüpfungspunkte für eine Perspektive nachwarenförmiger Vergesellschaftung.</p>
<p><a name="f33" href="#t33">[33]</a> Zum Staatsozialismus und zur »negativen Konkurrenz« vgl. ausführlicher Johanna W. Stahlmann: Die Quadratur des Kreises, in Krisis 8/9, Erlangen 1990; zum jugoslawischen Selbstverwaltungssozialismus vgl. Ernst Lohoff: Vom ideellen Gesamtkapitalisten zum reellen Gesamtkriminellen, in Krisis 14, Bad Honnef 1994.</p>
<p><a name="f34" href="#t34">[34]</a> In solche Formen neuer kommunitärer Organisation werden sicherlich die unterschiedlichen Erfahrungen, die im Laufe der Geschichte auf diesem Gebiet angesammelt wurden, einfließen, andererseits werden sie aber auch der stattgefundenen Individualisierung Rechnung tragen müssen. Wie sich eine nicht-warenförmige, selbstreflexive und nicht auf der abstrakte Ich-Identität pochenden Individualität entwickeln kann, lässt sich natürlich nicht vorwegnehmen.</p>
<p><a name="f35" href="#t35">[35]</a> So etwa auch Vester: »Ganz gleich also, ob es sich bei solchen Systemen um Moleküle, Amöben, Menschen, Maschinen oder Wirtschaftsunternehmen handelt, ihrem Kontrollmechanismus musste eine gemeinsame Basis zugrunde liegen. Diese Basis ist heute das eigentliche Forschungsobjekt der Kybernetik« (Frederic Vester, a.a.O., S. 59.)</p>
<p><a name="f36" href="#t36">[36]</a> Dazu Frederic Vester: »Bei meinen Seminaren verwende ich oft einen einfachen Papiercomputer, eine Matrix&#8217;, in der die wichtigsten Einflussgrößen eines Systems und deren Wirkungen aufeinander (grob unterschieden in keine, schwache und starke Wirkungen) eingetragen sind. Eine einfache Kalkulation mit Hilfe von Division und Multiplikation ergibt dann einen Index, der unmittelbar zeigt, welches die kritischen und welches die puffernden Größen eines Systems sind. Die Teilnehmer und auch ich selbst sind immer wieder überrascht, wie schon das bloße Nachdenken auf dieser Ebene der Vernetzungen, das Suchen nach den beteiligten Faktoren und ihrer Wirkungsweise den Blick für kybernetische Zusammenhänge schärft. Diese Erfahrungen bestärken mich in der Gewissheit, dass der Mensch das in anderen Bereichen so gut funktionierende vernetzte Denken auch beim Erfassen von Systemen und ihrer Planung in kürzester Zeit erlernen kann, wenn man ihm nur Gelegenheit dazu gibt (Vester, a.a.O., S. 76).</p>
<p><a name="f37" href="#t37">[37]</a> Das bedeutet natürlich nicht den Verzicht auf Fachleute in den verschiedenen technischen, wissenschaftlichen, medizinischen und ähnlichen Bereichen, auch wenn die gegenwärtige Hyperspezialisierung und Vereinseitigung sicherlich rückgängig gemacht werden muss. Der »Herrschaft der Experten« wäre aber mit der Aufhebung von Markt und Staat die materielle Grundlage entzogen.</p>
<p><a name="f38" href="#t38">[38]</a> Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels, Hamburg 1978 (1967), S. 99.</p>
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		<title>Krise und Befreiung &#8212; Befreiung in der Krise</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 1996 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
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		<category><![CDATA[Krisis 18 (1996)]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein postpolitischer Streifzug]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Ein postpolitischer Streifzug</h3>
<p><strong> </strong></p>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<h4>1. Modernisierung und Politikemphase</h4>
<p>Als Marx im letzten Jahrhundert die Grundstruktur der ersehnten kommunistischen Umwälzung zu umreißen suchte, machte er eine grundlegende Differenz zwischen der erhofften sozialistischen Revolution und den vorangegangenen bürgerlichen Revolutionen auf. Während er in den »Revolutionen des 18. Jahrhunderts« »bloß politische Revolutionen« sah, erwartete er von der »proletarischen Revolution des 19. Jahrhundert«, daß sie dieses Schema sprengen und zu einer ganz anders gearteten, nämlich »sozialen Revolution« werden würde. Mit dem Aufstand der Pariser Kommune schien das neue Modell einer antibürgerlichen Revolution bereits Umrisse zu gewinnen. Die kurzlebige Kommune stand laut Marx nicht für die Eroberung der Staatsgewalt, die Übernahme des politischen Mechanismus durch die Arbeiterklasse, sondern schon für die Zurücknahme des Staates in die mit dem Kapitalverhältnis brechende Gesellschaft.</p>
<p><span id="more-243"></span>Die weitere Entwicklung richtete sich allerdings nicht nach der Marxschen Prognose. In den Umwälzungen, die sich im 20. Jahrhundert unter dem »Banner des Marxismus« vollzogen, spielte die Überwindung von Politik und Staatlichkeit, wie sie immerhin noch der Rätegedanke transportierte, nur mehr eine ephemere Rolle. Die »sozialistischen Revolutionen« markierten dementsprechend nicht das Ende der Epoche politischer Revolutionen, sondern setzten diese Ära fort. Mit der russischen Oktoberrevolution, später der chinesischen und der kubanischen Revolution, trat kein qualitativ neues Revolutions-Muster an die Stelle desjenigen von 1789; diese Umstürze sind vielmehr als den jeweiligen Verhältnissen angepaßte Remakes des klassischen französischen Originals zu fassen. Die Hauptleistung von Lenin, Mao, Tito, Ho Tschi Minh, Castro und Co. bestand darin, aus dem vor dem 20. Jahrhundert auf die Weltregionen Westeuropa und Nordamerika beschränkten Phänomen der politischen Revolution eine globale Erscheinung zu machen.</p>
<p>Die Tatsache, daß die historischen »sozialistischen Revolutionen« im Gegensatz zur Marxschen Prognose gerade die Gestalt politischer Revolutionen annahmen, läßt sich nicht von ihrem gesellschaftlichen Inhalt abtrennen. Die Revolutionäre mögen noch so fest davon überzeugt gewesen sein, an der Sprengung des bürgerlichen Vergesellschaftungsmodus zu arbeiten, der »bloß« politische Charakter der historischen »sozialistischen Umwälzungen« dementiert diesen Anspruch und kennzeichnet diese Umbrüche als Teilmomente nachholender bürgerlicher Entwicklung. »Revolutionäre Politik« ist qua Form kompatibel mit dem Vormarsch der Wertvergesellschaftung.</p>
<p>Die Integration der Systemopposition hat eine lange Geschichte. Diese Vereinnahmung blieb denn auch weder als solche unbemerkt, noch erwies sich die Entdeckung dieser Tendenz als folgenlos für das Lager der Emanzipation. Um die Jahrhundertwende wurde die sukzessive Mutation der antikapitalistischen Bewegung zum Systembestandteil erstmals ein Thema; und seit dem Schisma der Arbeiterbewegung im Gefolge des Ersten Weltkriegs prägte die Spaltung in »Reformisten« und »Revolutionäre« die antikapitalistische Opposition. Die Radikalen wollten die Bewegung in den Schoß der bürgerlichen Gesellschaft nicht mitmachen und gründeten daher eigene Organisationen. Über Jahrzehnte beschäftigte sich die Linke vorzugsweise mit internen Scheidungsprozessen und periodischen Säuberungen, und noch in den Nachfolgeprodukten der Neuen Linken fand diese Praxis ihre karikaturhafte Fortsetzung.</p>
<p>Den »Radikalen« ging es immer darum, einen möglichst reinen, konsequent antibürgerlichen Pol zu schaffen. Erfolg war diesem Bemühen allerdings nie beschieden. Das wenig befriedigende Ergebnis solcher Anstrengungen läßt sich erklären. Das Heilmittel nämlich, das die aufrechten Revolutionäre ein ums andere Mal zur Anwendung brachten, konnte deshalb nicht anschlagen, weil es selber ein Teil jener Krankheit war, deren Bekämpfung es eigentlich dienen sollte. Wenn der proletarische Protest und seine systemoppositionellen Nachfolger immer wieder ins Fahrwasser arbeitsgesellschaftlicher Herrschaftslogik gerieten, dann ist dafür zweierlei verantwortlich: zum einen die Transformation aller Bemühungen des unterständischen Milieus um eine Verbesserung seiner Reproduktionsbedingungen in den blanken Lohnkampf, zum anderen die Akkulturation der Opposition an des Medium der Politik.<a href="#1">(1)</a> <a name="r1"></a>Während es aber wesentlich seine Politifizierung war, die den antikapitalistischen Impuls zu einer Triebkraft wertförmiger Zurichtung verkehrte, fiel der marxistischen Opposition nichts besseres ein, als gegen die Resultate dieser Entwicklung ausgerechnet mit einer schon religiös anmutenden Emphase des Politischen vorzugehen. Ihre ganze Weisheit bestand also absonderlicherweise gerade darin, das eine Moment im Doppelprozeß wertgesellschaftlicher Durchdringung, die Etatisierung, gegen das andere, den Vormarsch der Marktdynamik und des Warenbesitzerstandpunkts, geltend zu machen.<a href="#2">(2)</a> <a name="r2"></a></p>
<p>Die klassische Gestalt dieser gegen sich selber unkritischen Kritik repräsentiert Lenin. Mit seiner These von der »Arbeiteraristokratie« und seiner von Kautsky übernommenen Theorie vom bloß trade-unionistischen Spontanbewußtsein der Arbeiterschaft formulierte er das später tausendfach reproduzierte Leitmotiv des politizistischen Revolutionarismus. Für ihn war das Auseinanderbrechen der Gesamt- opposition und ihre reformistische Vereinnahmung letztendlich immer nur das Ergebnis von »Verrat« und »Bestechung«. Eine schmale, aus der Arbeiterklasse herausgelöste Schicht, so die Grundthese, hat die Arbeiterorganisationen ihren Sonderbelangen dienstbar gemacht und das Gesamtinteresse des Proletariats verkauft.<a href="#3">(3)</a><a name="r3"></a> Da für Lenin der Reformismus im »bloß« gewerkschaftlichen Bewußtsein großer Teile der Arbeitermassen eine Stütze, ja so etwas wie eine »materielle Basis« fand, konnte die Rettung nur darin bestehen, daß die wahren Vertreter des Arbeiterstandpunkts mit den Reformisten brechen und in ihren Sonderorganisationen konsequent das Primat der in der revolutionären Arbeiterpartei inkarnierten Arbeiter-Politik durchsetzen.</p>
<p>Diese Überhöhung des politischen Moments gegenüber dem pejorativ bestimmten gewerkschaftlichen Bewußtsein war einer radikalen Kritik des Kapitalverhältnisses um keinen Deut näher als der sozialdemokratische Standpunkt, der sich den unmittelbaren Interessen der Lohnarbeiter gegenüber wesentlich konzilianter zeigte. In einer Beziehung war die Leninsche »Analyse« und die Fixierung auf die Eroberung der Staatsgewalt der »reformistischen« Version allerdings haushoch überlegen: Sie wurde den speziellen Erfordernissen nachholender Modernisierung weit besser gerecht. Während die westliche Sozialdemokratie das Modell dafür lieferte, wie die Verallgemeinerung der Staatsbürgerlichkeit in den bereits vergleichsweise fortgeschrittenen Staatswesen zu bewerkstelligen sei, waren die Bolschewiki aufgrund ihrer politizistischen Religion dazu prädestiniert, in einer Weltregion eine abstrakte staatliche Allgemeinheit beschleunigt aus dem Boden zu stampfen, in der eine solche bis zu diesem Zeitpunkt (im strengen Sinne zumindest) noch nicht existiert hatte. Dank ihrer Bereitschaft, das empirische proletarische Interesse an höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen dem in der Partei inkarnierten proletarischen Meta-Standpunkt rücksichtslos unterzuordnen, setzten sich die Kommunisten in Rußland als die einzige Kraft durch, mit der überhaupt gegen die halbständischen Sonderinteressen ein Staat zu machen war.</p>
<p>In vielen Ländern, die sich in einer vergleichbaren Konstellation befanden, machte das russische Beispiel in der Folge Schule. Die radikale Deifizierung der Politik, die Verwandlung des sozialistischen Ziels in eine von den Alltagsbedürfnissen abgetrennte transzendente Größe, setzte auch andernorts an der kapitalistischen Peripherie politizistische Orden in die Lage, jenem überfälligen Etatisierungsprozeß als Träger zu dienen, der auf einem anderen Weg nicht so recht in Gang kommen wollte. Der emphatische Politizismus, den die sozialistische und kommunistische Arbeiterbewegung pflegte, bewährte sich als die passende Begleitideologie für jenen beschleunigten Durchstaatlichungsprozeß, ohne den die Entfaltung und Verallgemeinerung der Warenbeziehung gar nicht vonstatten gehen kann.</p>
<h4>2. Das Ende emanzipatorischer Politik</h4>
<p><strong></strong></p>
<p>Der Glaube an die Politik kennzeichnete nicht nur Lenins Lehre; eine emphatische Politikvorstellung kann insgesamt als das Hauptmerkmal der traditionellen Opposition gelten. Links sein und politisch sein waren über Jahrzehnte Synonyme; und noch die in der 68er Bewegung geprägte Formel von der »Politisierung des Alltags« klang mehr nach der beständigen Selbstverpflichtung, den Ansprüchen eines politischen »Über-Ichs« Genüge zu tun, als nach dem Wunsch, die für die bürgerliche Gesellschaft konstitutive Sphärentrennung und damit auch das Reich der Politik aufzuheben. Die Opposition fand im politischen Vermittlungsmedium ihre eigene Lebenssphäre und dachte Emanzipation vornehmlich als Sieg des Politischen und als Triumph einer »anderen Politik«.</p>
<p>Diese Interpretation wäre dem oppositionellen Spektrum, wie es sich in der Nachkriegszeit im Westen herausgebildet hat, nie derart in Fleisch und Blut übergegangen, wenn es sich dabei nur um ein überkommenes Erbe gehandelt hätte. Der Glaube an die Politik konnte sich aber nicht nur aus der linken Tradition speisen, er fand gleichzeitig über Jahrzehnte auch am gesellschaftlichen Entwicklungstrend Nahrung. Mit der beschleunigten Modernisierung des Kapitalverhältnisses in der Boomphase der 50er und 60er Jahre nahm in den kapitalistischen Zentren permanent die Bedeutung der politischen Steuerung und der staatlichen Rahmen-Institutionen für den warengesellschaftlichen Gesamtbetrieb zu. Die Megamaschine bedurfte im wachsenden Maße des zum Welfare-Staates weiterentwickelten Warfare-Staates, seiner infrastrukturellen Leistungen sowie seiner geldpolitischen Maßnahmen, um zu funktionieren und weiter zu prozessieren.</p>
<p>Bei dem neuen Verhältnis, in das die Konsumgesellschaft und die moderne Staatlichkeit traten, handelte es sich zwar näher besehen um eine symbiotische Beziehung: Der Staat wird als Rahmensetzer nicht nur unverzichtbar für den ökonomischen Betrieb, er ist gleichzeitig auch seinerseits unabdingbar auf dessen Funktionieren in einem historisch neuen Grad unmittelbar angewiesen. Das herrschende Bewußtsein nahm indes die Reziprozität der Abhängigkeit nicht wahr. Angesichts der vermeintlich ewigen Krisenfreiheit der Akkumulation schien es stattdessen nahe zu liegen, den von der Konkurrenzlogik selber induzierten Vormarsch abstrakt-allgemeiner Vermittlung als das Souveränwerden der Politik zu deuten. Selbst das liberale Lager konnte sich dem übermächtigen sozialdemokratisch-keynesianischen Credo von der Notwendigkeit und der »segenspendenden Wirkung« politisch-staatlicher Regulation nicht verschließen; und es erschien allgemein als eine ausgemachte Sache, daß die Zukunft der Gesellschaft allein vom politischen Ausgestaltungswillen abhängt. Dieses allgemein verbreitete Verständnis hat der linke Politizismus nur verlängert und auf die Spitze getrieben.</p>
<p>Das linke Mißtrauen gegenüber der offiziellen Politik kontrastiert mit dem Vertrauen, das die Linke zeitlebens dem Medium der Politik als solchem entgegenbrachte. Die fraglose Ausrichtung auf das Politische hat die Linke zwar in ihrer erdrückenden Mehrheit daran gehindert, je zu einer fundamentalen Kritik der bestehenden Vergesellschaftungsform durchzustoßen; diese Orientierung war aber gleichzeitig die Voraussetzung dafür, daß sie, solange die Verwertungslogik zur Ausdehnung der Zuständigkeitsbereiche des Staates drängte, überhaupt gesellschaftlich wirksam werden konnte. Diese insbesondere für die sozialdemokratische Reform-Ära der 60er und 70er Jahre bestimmende Konstellation währte allerdings nicht ewig. Sie gehört heute bereits der Vergangenheit an. Die Linke hat als bewußter oder indirekter Agent der Etatisierung keine Zukunft mehr, weil dieser Prozeß selber keine Zukunft mehr hat.</p>
<p>Die 50er und 60er Jahre waren vom historisch einmaligen fordistischen Akkumulationsschub geprägt. Der gegenwärtigen Phase drückt hingegen die Krise der Arbeitsgesellschaft ihren Stempel auf. Die Krise der Arbeitsgesellschaft bedeutet aber zugleich auch notwendigerweise die Krise der Staatlichkeit. Die abstrakte Allgemeinheit des Staates zeigt sich nicht nur außerstande, die Erwartungen zu erfüllen, die in den 60er und 70er Jahren in ihre ökonomische Steuerungskompetenz gesetzt wurden; mit der Ausdünnung der wertproduktiven gesellschaftlichen Arbeitssubstanz brechen überdies ihre eigenen monetären Grundlagen weg, und die Politik, der vermeintliche Souverän, erweist sich als das, was sie logisch immer schon gewesen ist: nämlich als ein abgeleitetes Moment im wertgesellschaftlichen Zusammenhang. Allein exzessive staatliche Verschuldung kann einstweilen den Offenbarungseid hinausschieben, und die Handlungsfähigkeit eines jeden Staates ist mittlerweile längst nur mehr ein anderer Ausdruck für die Kreditmarge, die ihm die Anleger auf den transnationalen Finanzmärkten einzuräumen bereit sind.</p>
<p>Ihre erstes Opfer mußte diese Entwicklung, von der die Politik-Illusion blamiert wird, im Reformismus finden. Der Lebensraum der schon seit Lassalles Zeiten mit dem Etatisierungsprozeß in katholischer Ehe verbundenen Sozialdemokraten und verwandter Spezies schwindet heute noch schneller dahin als der tropische Regenwald. Im Zeitalter von Simulation und Notstandsverwaltung bleibt von der reformistischen Perspektive nichts übrig. Die politische Klaviatur, auf der die staatstragenden Kräfte heute spielen können, hat nur mehr drei Tasten: die marktwirtschaftsideologisch getarnte Kapitulation vor dem jeder politischen Steuerung enthobenen gesellschaftlichen Basisprozeß, die Teilnahme an der transnationalen Fiktionalisierung der Wertgesellschaft via Verschuldung und Geldschöpfung, und bloßes Polit-Showbusineß. Die ehemaligen Träger der Reform-Option können da nur im Geschäft bleiben, wenn sie Rollen übernehmen, die ihnen nicht gerade auf den Leib geschrieben wurden.</p>
<p>In einem bedauernswerten Zustand befindet sich aber nicht nur das alte Reformlager, das den bestehenden Staat für emanzipative Zwecke zu instrumentalisieren suchte. Noch schlechter ergeht es den revolutionären Linken, deren Träume immer um die Erringung der Staatsmacht und die Errichtung von Gegenstaatlichkeit gekreist waren. Sie sind nicht nur damit konfrontiert, daß die realsozialistischen Entwicklungsregimes, an deren Vorbild sie sich nolens volens seit jeher orientiert hatten, ihren Geist noch vor der westlichen Konkurrenz aushauchen mußten; dem linken Politikradikalismus kommt weit schlimmer noch mit der Misere der etatistischen Macht und ihrem Zerfall der archimedische Punkt abhanden, der im Zentrum seiner Emanzipationskonzepte stand. Wenn die allgegenwärtig gewordene staatliche Gewalt ihre Handlungsfähigkeit einbüßt, zu erodieren beginnt und (egal unter welchem politischen Vorzeichen) einfach kein neuer, wirkungsvoller Staat mehr zu machen ist, dann wird die Eroberung der Staatsgewalt und die Etablierung einer neuen (sozialistischen) staatlichen Allgemeinheit zu einer vollkommen anachronistischen Idee.</p>
<p>Mit dem Kollaps der Modernisierung wird eine politisch verstandene Emanzipation in ihrer reformistischen wie in ihrer revolutionären Variante unmöglich. Befreiung impliziert heute vielmehr notwendigerweise eine Befreiung von der Politik. Unter diesen Bedingungen gewinnt die vergessene Differenz von sozialer und politischer Revolution neuerlich an Bedeutung. Diese Rückbesinnung auf das antistaatliche Moment in der Marxschen Theorie geht allerdings mit einer grundlegenden Veränderung einher. Während Marx vor allem das Problem aufwarf, daß eine »proletarische« Umwälzung nicht beim Akt der Machtergreifung stehenbleiben dürfe, sondern über das bloß Politische hinausgehen müsse, sind wir Nachgeborenen hundertfünfzig Jahre später damit konfrontiert, daß sich eine emanzipative Perspektive überhaupt nur noch im Bruch mit der politischen Form formulieren läßt. Angesichts der Paralyse politischer Regulation muß sich eine Aufhebungsbewegung von Beginn an als eine genuin poststaatliche und antipolitische Bewegung konstituieren, oder sie wird niemals zustande kommen. Ihr Inhalt kann von vornherein in nichts anderem als in unmittelbarer gesellschaftlicher Selbstorganisation bestehen, in dem Versuch also, sukzessive die alltägliche Reproduktion von den versagenden gesellschaftlichen Vermittlungsmedien Staat und Markt zu entkoppeln.</p>
<p>So allgemein formuliert, weckt die Grundorientierung einer wertkritischen Aufhebungstheorie bei vielen falsche Assoziationen. So mancher kann darin nur eine Neuauflage abgelebter Alternativkonzepte der 80er Jahre erkennen. Gerade von denjenigen, die sich schon seit längerer Zeit mit der Krisis-Position beschäftigen, rümpfen denn auch nicht wenige darüber die Nase, daß die Krisis-Gruppe, nachdem sie ihre theoretische Tätigkeit mit einer harschen Antikritik der rückwärtsgewandten Produktivkraftkritik begonnen hatte und ein Jahrzehnt lang ambitionierte Krisenanalyse betrieb, nun »positiv« zu werden versucht und dabei die Gesellschaft vermeintlich ausgerechnet mit jenen Konzepten beglücken will, die sie einst eifrig lächerlich zu machen bemüht war.</p>
<p>Diese Einschätzung geht am realen Problem allerdings vollkommen vorbei. Es ist zwar nachvollziehbar, daß die Apologeten der kapitalistischen Produktionsweise die Ware und die Herrschaft der staatlichen abstrakten Allgemeinheit als einzig denkbare Formen komplexer Vergesellschaftung unterstellen und von daher in die Idee einer Entkoppelung des Lebens von Geld und Staat die Wendung zu Entgesellschaftungs-Phantasien hineinlesen müssen, wie sie in der grün-alternativen Bewegung der 80er Jahre mitschwangen. Für jeden, der die wertkritische Krisenanalyse wirklich ernst nimmt, sollte aber eigentlich auf der Hand liegen, daß die Ausrichtung auf gesellschaftliche Selbstorganisation im Krisenzeitalter die genau entgegengesetzte Bedeutung hat. Die Idee der Selbstorganisation zielt nicht auf die Absenkung des Vergesellschaftungs-Niveaus, sie steht vielmehr im Gegenteil gerade für die Verteidigung des erreichten Levels gegen die mit dem Kollaps von Staat und Markt überhand nehmenden anomischen Tendenzen. In einer historischen Situation, in der Staat und Markt nicht mehr in der Lage sind, eine hochvergesellschaftete Reproduktion für alle sicherzustellen und in der die Welt in ständig wachsende abgekoppelte Elendsregionen und wenige High-tech-Wohlstandsinseln zerfällt, können die Menschen sich entweder dem Strudel barbarischer Entgesellschaftung überlassen, oder sie müssen dazu übergehen, ihre Gesellschaftlichkeit ohne diese versagenden Medien unmittelbar herzustellen; und das heißt eben gesellschaftliche Selbstorganisation.</p>
<h4>3. Die Dialektik von Immanenz und Transzendenz in der Absturzphase der Warengesellschaft</h4>
<p>Die Absage an Staat und Markt läßt sich nur dann als Ideologie der Entgesellschaftung lesen, wenn man sie puristisch als unmittelbare Handlungsanweisung interpretiert. Würden die bescheidenen Ansätze gesellschaftlicher Selbstorganisation, die in der gegenwärtigen Situation möglich sind, von einem anti-monetären und anti-etatistischen chiliastischen Wahn erfaßt, über Nacht jeglichem Kontakt zu Markt und Staat zu entsagen, so wäre das in der Tat gleichbedeutend mit einem Ausstieg ins soziale Nirwana. In den Ländern der Weltmarktperipherie könnte eine solche Sekte vielleicht noch als ein Segment verschärfter Armut vor sich hinvegetieren; in Westeuropa bliebe ihr von vornherein nur der Sonnentempler-Weg in den Kollektivsuizid.</p>
<p>Die Abgrenzung gegenüber Markt und Staat, wie sie die Wertkritik propagiert, zielt aber natürlich in gar keiner Weise auf irgendeine aberwitzige Ad-hoc-Strategie einer Emigration aus der Gesellschaft. Das anti-monetäre und anti-etatistische Verdikt ist auf einer ganz anderen, grundsätzlicheren Ebene angesiedelt. Die radikale Kritik von Markt und Staat bezieht sich auf die historische Perspektive, die sich uns heute bietet. Sie richtet sich gegen die Illusion, daß es noch einmal eine kapitalistische Blüte geben könnte, und insistiert auf die Notwendigkeit, das gesellschaftliche Leben und Überleben sukzessive von den versagenden Medien des Werts zu entkoppeln. Es geht also darum, parallel zum unvermeidlichen säkularen Crashkurs der Megamaschine alternative Zusammenhänge der Vergesellschaftung zu schaffen und den Aufbau und die Vernetzung selbstorganisierter Sektoren einzuleiten.</p>
<p>Ein solches »historisches Projekt« schließt aber notwendigerweise für eine längere Übergangsphase das Neben- und Ineinander von Selbstorganisation, staatlicher Restregulation und marktförmigen Segmenten ein. Wenn etatistische Regulation und Geldvermittlung zusehends ihre soziale Integrationskraft einbüßen, dann heißt das noch lange nicht, daß sie sich schlagartig in nichts auflösen würden. Auch in ihrem Niedergang bleiben sie bis auf weiteres mitbestimmend für den gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozeß und bilden die Umwelt, in der sich die keimende Selbstorganisation bewegen und zu sich selber finden muß. So wenig Sinn es für eine neue Emanzipationsbewegung macht, nach altem Muster die Staatsmacht erobern zu wollen, um sich dann als alternative abstrakte Allgemeinheit zu etablieren, ebensowenig kann sie die staatliche Gewalt und das, was von ihrer Redistributions-Potenz noch eine ganze Weile bleiben wird, einfach ignorieren. In ihrer Durchsetzungsbewegung wird die aufkommende postmonetäre und postpolitische Strömung zu Deals und Kompromissen mit der staatlichen Notstandsverwaltung kommen müssen, um einen Zugriff auf die vergesellschafteten produktiven und reproduktiven Potenzen zu erlangen, und zwei letztlich unvereinbare Vergesellschaftungsmodi werden in dieser Transformationsperiode die buntesten Amalgamierungen eingehen.</p>
<p>Die Krise der Politik kann so gesehen nicht einfach zu deren ersatzlosem Verschwinden führen. Der alte politische Kampf findet im Streit um die vorhandenen stofflichen Ressourcen der Gesellschaft und ihre Nutzbarmachung in gewisser Weise seine Fortsetzung. Im neuen Bezugsfeld bleibt ein quasi-strategischer Umgang mit der abstrakten Allgemeinheit und den Marktelementen notwendig. Er erübrigt sich erst dann, wenn die postmonetäre Strömung in der Lage ist, alle Segmente des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses in eigene Regie zu übernehmen und sich zu einer vernetzten postmonetären Gesellschaft fortzuentwickeln.</p>
<p>Dieser Hinweis kann vielleicht klarer machen, wie absurd der Verdacht ist, das wertkritische Verdikt gegen Staat und Markt liefe auf die Propagierung einer ärmlichen agrarischen Naturalwirtschaft hinaus. Dafür wird freilich die Aussage, daß eine emanzipative Strömung mit Marktmechanismen und staatlicher Regulation selbstverständlich kalkulieren und umgehen muß, solange zentrale Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion sich dem unmittelbaren Zugriff der assoziierten Selbstorganisation entziehen, bei anderen Krisis-Kritikern im umgekehrten Sinne die Alarmglocken läuten lassen. Die alt-linksradikalen Gegner der Wertkritik, vor allem jedoch wohlmeinende Befürworter, die sich mit einer vermeintlich »plötzlichen Wendung« hin zum Versuch einer gesellschaftlichen Vermittlung nicht anfreunden wollen, erklären derartige Überlegungen eilfertig als Affinität zu reformistischen Konzepten. Sie erinnern daran, wie oft schon in der Geschichte hochfliegende revolutionäre Ansätze schließlich in armseligen Reformismus mündeten, verweisen auf die enorme Integrationskraft, die das herrschende Systems bislang immer bewiesen hat, und mokieren sich darüber, wie die Wertkritiker bei ihrem albernen Versuch, praktisch zu werden, angeblich all diese historischen Erfahrungen vergessen und ihren radikal gesellschaftskritischen Anspruch fahren lassen.</p>
<p>Die historische Diagnose, die wir selber anhand des Schicksals der alten Arbeiterbewegung stellten, wird ironischerweise zum Argument gegen die Aufhebungsperspektive gewendet, wie sie jetzt ins Auge gefaßt werden muß. In den letzten beiden Jahrhunderten, so echoen unsere eigenen Worte uns entgegen, drohte allen revolutionären, gegen die bürgerliche Ordnung gerichteten Bewegungen unweigerlich die Vereinnahmung, sobald sie sich auf Vermittlungen und Kompromisse einließen. Eine fatale Dialektik von Revolution und Reform sorgte dafür, daß jede unzureichende und zu kurz greifende Kritik an der bürgerlichen Vergesellschaftung in den Sog von deren Durchsetzungslogik geriet und als Moment der Installation von allgemeiner Warenproduktion und moderner Staatlichkeit wirksam wurde. Dieser Integration konnten sich selbst jene Bewegungen auf Dauer nicht entziehen, die ihrem eigenen Selbstverständnis nach immer energisch auf Distanz zur bestehenden Ordnung und ihren Instrumentarien bedacht waren. Noch viel schneller und bruchloser aber wurden natürlich solche Strömungen vereinnahmt, die keine solch puristische Haltung kultivierten. Diejenigen, die glaubten, sie könnten sich unbekümmert der Werkzeuge des Systems<a href="#4">(4)</a> <a name="r4"></a>bedienen, gehörten damit selber schon zum System. Wie können wir da auf die aberwitzige Idee kommen, daß die neue emanzipative Bewegung, von der wir träumen, nicht schon im Keim derselben fatalen Logik erliegen wird? Wie können wir davon ausgehen, daß innerhalb des herrschenden Verblendungszusammenhangs sich überhaupt Spielräume für eine Aufhebungsbewegung ergeben werden?</p>
<p>So stimmig dieser Gedankengang zunächst anmuten mag, ihm liegt ein Kurzschluß zugrunde. Wer angesichts dieser »Lehre aus der Geschichte« sich in Skepsis übt, wenn die hehre Wertkritik sich angeblich dem Bewegungsimpuls in die Arme werfen will, der vergißt eins mit in Rechnung zu stellen. Die bemerkenswerte Absorptionsfähigkeit, die von der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer Geschichte bewiesen wurde, ist keine metaphysische Eigenschaft des Kapitalismus schlechthin; sie hat vielmehr ihren bestimmbaren historischen Hintergrund. Die Bindekraft beruhte auf einer ganz spezifischen historischen Konstellation. Sie wurde wirksam, solange die Entfaltung der Warengesellschaft mit immer neuen Schüben der Vergesellschaftung zusammenfiel, über die vermittelt selbst noch die Anliegen der Kritiker &#8211; jeweils warenförmig zurechtgebogen &#8211; Eingang in den Funktionsmechanismus der sich erweiternden Megamaschine fanden. Der revolutionäre Impuls der alten Arbeiterbewegung mußte gerade deshalb schließlich verrauchen, weil entgegen dem ursprünglichen Anschein die sich auf ihrer eigenen Grundlage fortwälzende Warengesellschaft auch dem Arbeiter seinen Platz bot und ihn in den wachsenden Kosmos freier und gleicher Warenbesitzer einbezog.</p>
<p>Wenn wir unsere eigenen krisentheoretischen Überlegungen ernst nehmen, dann springt ins Auge, wie wenig derartige Mechanismen heute noch einmal in gleicher Weise greifen können. Keiner der grundlegenden Konflikte, die heute in dieser Gesellschaft aufbrechen, läßt sich letztlich innerhalb der Systemlogik befrieden.<a href="#5">(5)</a><a name="r5"></a> Damit stehen aber auch zunächst einmal sehr beschränkte Ansätze gesellschaftlicher Selbstorganisation in einem gegenüber dem klassischen Muster von Opposition gründlich veränderten Kontext. Die Krise des Staates impliziert auch die Dauerkrise des Reformismus. Während für die Arbeiterbewegung das revolutionäre Bekenntnis eine Jugendflause war, kann heute der Wille und das Bedürfnis nach der konsequenten Umwälzung der arbeitsgesellschaftlichen Grundlagen gerade aus der Enttäuschung über die paralysierte reformistische Option heraus als Ergebnis eines Reifeprozesses entstehen. Eine solche Entwicklung kann sich natürlich nicht ohne Irrungen und Wirrungen und Bewegungskonjunkturen vollziehen. Eine radikale Gesellschaftskritik, die sich auf so etwas nicht einlassen will, um sich stattdessen in Purismus zu üben, verdammt sich selber zur Sterilität und Unwirksamkeit. Nachfolgende Bewegungswellen brauchen das abschreckende Beispiel ihrer Vorgänger. Ihnen muß auch platt empirisch vor Augen stehen, wie aussichtslos der Versuch ist, die Ziele, die sie sich gesetzt haben, mit den Mitteln von Politik und Markt zu erreichen, bevor eine Kritik dieses Instrumentariums Platz greifen kann. Enttäuschung ist in diesem Zusammenhang auch Ent-Täuschung und damit Voraussetzung für eine radikale, vor der Aufhebung der Warengesellschaft nicht mehr zurückschreckende postpolitische Praxis.</p>
<p>Wer dagegen die Erfahrungen aus der Aufstiegs-Epoche der Warengesellschaft extrapoliert und in die Zukunft projiziert, verfehlt nicht nur die Probleme, vor denen Ansätze einer Aufhebungsbewegung stehen werden, sondern auch die Möglichkeiten,<a href="#6">(6)</a> <a name="r6"></a>die sich ihr auftun. Die Hauptgefahr für eine emanzipative Strömung ist nicht in der möglichen Vereinnahmung zu suchen, die größte Bedrohung liegt vielmehr darin, daß sie im Kampf mit den ebenfalls durch den Krisenprozeß freigesetzten anomischen Tendenzen unterliegen kann.</p>
<h4>4. Wertkritik und gesellschaftliche Konfliktformulierung</h4>
<p>Diese Überlegungen haben vielleicht den Zusammenhang etwas klarer gemacht, in dem die mehrfach schon bemühte mysteriöse Formel von der »Postpolitik« steht. Dennoch bleiben die Antworten provisorisch und unbefriedigend. Sie lassen schon deshalb vieles offen, weil sie quasi geschichtspilosophisch aus einer virtuellen Vogelflugperspektive die Grundstrukturen einer ganzen Ära schematisch zu verdichten versuchen. Wenn sich historische Umbrüche im Überflug auch auf diese Weise beschreiben und antizipieren lassen, so löst sich das Ganze realiter aber doch in eine unübersehbare Vielzahl von Einzelereignissen und möglichen kleinen Schritten auf, und nur im Nahkampf wird die Sache tatsächlich entschieden.<a href="#7">(7)</a> <a name="r7"></a></p>
<p>Das Problem der Vermittlung von radikaler Gesellschaftskritik und realem historischen Prozeß ist zwar gestellt, aber nicht gelöst. Von einer realen Aufhebungsperspektive kann nur dann die Rede sein, wenn der tatsächliche Krisenprozeß und die Konfrontationen, die er mit sich bringt, Anknüpfungspunkte liefern, an denen sich ein zunächst nur embryonal kritisches Bewußtsein schließlich bis zum Gedanken der praktischen Systemsprengung weiterentwickeln kann. Die Hoffnung, der Zerfall der warengesellschaftlichen Ordnung markiere möglicherweise mehr als den Eintritt in eine Epoche von Elend, Verzweiflung und sozialer Anomie, bleibt solange ungedeckt, wie sich nicht zeigen läßt, daß die »esoterische« Kritik der Warenform imstande ist, eine praktische konfliktformulierende und die Gesellschaft polarisierende Bedeutung zu gewinnen.</p>
<p>Soll die Überwindung der Arbeits- und Warengesellschaft je gelingen, so kann sie sich nicht als die »Verwirklichung« irgendeines gut ausgedachten utopischen Gegenmodells vollziehen; die andere Gesellschaft, die unmittelbar ohne die Dazwischenkunft von Staat und Geld ihren Reproduktionszusammenhang reguliert, muß aus den gesellschaftlichen Konflikten erwachsen, die das Ausbrennen der arbeitsgesellschaftlichen Logik induziert. Die Krise ist mehr als der bloß äußerliche Anlaß zum Modellwechsel. Eine postmonetäre Ordnung wird sich entweder in der unmittelbaren Bewältigung der Krisenfolgen etablieren, oder sie bleibt ein Hirngespinst. Es reicht nicht aus, wenn der Aufhebungsgedanke als das ganz Andere, in sich Stimmige unbeeinträchtigt über den Wirren der Niedergangsepoche schwebt; die Krisenwirklichkeit muß auch zum Aufhebungsgedanken drängen. Wenn dem aber so ist und wir tatsächlich bereits in die Zerfallsepoche der Warengesellschaft eingetreten sind, dann muß es auch schon heute möglich sein, zumindest exemplarisch anzugeben, wie sich aus wertkritischer Perspektive gesellschaftliche Konfliktfelder besetzen lassen.</p>
<h4><strong>4.1 Die äußere ökologische Schranke der Arbeitsgesellschaft: </strong><strong>Von der Blamage des Ökoreformismus zur Systemkritik</strong></h4>
<p>Phänomenologisch betrachtet erscheint die Schranke, an der die Arbeits- und Verwertungsgesellschaft scheitert, als ein ganzes System von Schranken. Die Grenzen werden aber nicht alle gleichzeitig und mit einem Schlag in ihrer ganzen Schärfe sichtbar, sondern sie zeichnen sich sukzessive an der gesellschaftlichen Oberfläche ab und gewinnen erst allmählich ihre Konturen. Als erstes unüberwindliche Hindernis drang schon in der ausklingenden fordistischen Ära die der Verwertungsgesellschaft gesetzte ökologische Grenze ins allgemeine Bewußtsein. Allen polit-konjunkturellen Schwankungen zum Trotz hat sich die Zerstörung der natürlichen Ressourcen nicht nur zum Dauerbrenner entwickelt; sie hat sich in dieser Zeit auch zu einem allgegenwärtigen Problem ausdifferenziert und ist in den Alltag und die Alltagswahrnehmung eingesickert. An diesem Problem läßt sich exemplarisch zeigen, wie die Wirklichkeit immer mehr zur Aufhebungsfrage drängt.</p>
<p>Anfang der 70er Jahre, als der Club of Rome erstmals die »Grenzen des Wachstums« thematisierte, war mit dieser Prognose nicht viel mehr als die absehbare Verknappung nicht regenerierbarer Rohstoffe gemeint. Als in den 70er Jahren im Kampf gegen die »friedliche Nutzung der Kernenergie« erstmals so etwas wie eine »Umweltschutzbewegung« auf den Plan trat, konnte diese noch sehr gut als selbstbescheidene Ein-Punkt-Bewegung funktionieren. Während die Linksradikalen ihre altbackenen Volksfrontphantasien in die Wyhler Weinbauern projizierten, blieb der Bewegungshorizont sowohl hinsichtlich der Tragweite als auch der Verbreitung der vorgetragenen Kritik noch ziemlich beschränkt. Mittlerweile, nachdem das Waldsterben in Süd und Nord, diverse Lebensmittelskandale, Chemieunfälle, Tschernobyl, Sommersmog, der Aberwitz des Individualverkehrs wie der Abfallwirtschaft und vieles andere mehr als Medienereignisse und als tatsächliche Katastrophen und Kataströphchen über die Öffentlichkeit hereingebrochen sind, ist das Massenbewußtsein so weit, wie vor einem Vierteljahrhundert nur die fortgeschrittensten Geister waren.</p>
<p>Die Durchschnittsmenschen sind sich heute im Prinzip über die Unhaltbarkeit der gesamten herrschenden Lebensweise im klaren. Diese Einsicht wird sicherlich regelmäßig verdrängt, sie läßt sich aber nicht mehr auslöschen und bleibt untergründig allgegenwärtig. Wenn von den (Un)verantwortlichen immer noch so getan wird, als ließe sich die ökologische Frage durch bloß technische Maßnahmen wie Katalysatoren<a href="#8">(8)</a>, <a name="r8"></a>Filtertechnologie usw. und ein wenig staatliche Regulation (Energiesteuer) lösen, dann handelt es sich bei diesem Glauben längst um so etwas wie eine sekundäre, fast schon willentlich zu nennende Naivität. Das Wahlvolk und die Experten reden sich nur deshalb ein, die vorgeschlagenen Ersatzhandlungen ernst zu nehmen, weil sie es nicht ertragen, offen tatenlos die eigene Selbstvernichtung zu betreiben und hinzunehmen.</p>
<p>Die ökologische Schranke, die einmal eine allgemeine Drohung am Zukunftshorizont war, konkretisiert sich zu einer Vielzahl meß- und spürbarer Fakten. Diese Entwicklung zieht aber unweigerlich eine Themenverschiebung bei der Diskussion der ökologischen Problematik nach sich. Während einst die Risikopotentiale der Großindustrie zum Auslöser grüngestrickter Kritik wurden, hat sich längst der Normalbetrieb der Megamaschine als das Hauptproblem in den Vordergrund geschoben. Mit dieser Schwerpunktveränderung drängt die Umweltfrage aber klarer zu einer umfassenden Gesellschaftskritik.</p>
<p>Als der Kampf für den Schutz der natürlichen Ressourcen zum ersten Mal so etwas wie eine Bewegung hervortrieb, richtete sich diese gegen eine eng umschriebene staatlich gesponserte Industrie, nämlich die Atomwirtschaft. Sie stellte die Existenzberechtigung eines besonderen Wirtschaftszweiges in Frage, aber keineswegs die herrschende Produktionsweise als solche, und sie attackierte schon gar nicht die Alltagsexistenz der Bewegten als Warensubjekte. Ein Land, das auf Kernenergie verzichtet, muß sich weder aus der Weltarbeitsgesellschaft verabschieden, noch hat es deswegen irgendwelche Standortnachteile zu befürchten.<a href="#9">(9)</a> <a name="r9"></a>Zwar wurde die Kritik am Atomprogramm sehr schnell mit weiterreichenden alternativen Vorstellungen besetzt und für einige Jahre zum zentralen politischen Betätigungsfeld der sich herausbildenden industrieskeptischen Szene; diese Aufladung lag jedoch keineswegs in der Sache selber und war denn auch nicht verallgemeinerbar.</p>
<p>Wenn nun statt der Atomindustrie aber so etwas wie der Autoverkehr als das Hauptumweltverbrechen in den Blick gerät, und wenn sich angesichts des drohenden Verkehrsinfarkts die Frage erhebt, ob auf dem Altar des Autos weitere natürliche und monetäre Ressourcen zu opfern sind, oder ob es vielleicht doch besser wäre, das goldene Kalb notzuschlachten, dann ergibt sich eine andere Lage. Wer sich gegen die verheerenden Folgen der Automobilmachung der Gesellschaft ernsthaft wendet und zum Kampf gegen die automobile Zerstörung aufruft, der vergeht sich unweigerlich, ob er nun will oder nicht, gleich an den Grundfesten der Warengesellschaft. Die heilige Kuh des vom Verbrennungsmotor abhängigen Individualverkehrs gehört zu den allgemeinen Voraussetzungen der entwickelten Arbeitsgesellschaft, und ein Anschlag auf dieses tragende Moment zöge einen ganzen Rattenschwanz von weitreichenden Folgekonflikten nach sich. Bei der Automobilproduktion handelt es sich nämlich nicht allein um die Schlüsselindustrie des Fordismus und damit um einen unverzichtbaren Bestandteil des arbeitsgesellschaftlichen Fundaments<a href="#10">(10)</a>;<a name="r10"></a> die Figur des Autofahrers verkörpert gleichzeitig das freie und gleiche Warensubjekt in Reinkultur.<a href="#11">(11)</a> <a name="r11"></a>Die Autofahrerei ist nicht allein die einer durchmonadisierten Gesellschaft am meisten entsprechende Transportweise, sie gehört zur psychostrukturellen Reproduktion des Warensubjekts. Wer das Auto kritisiert, kritisiert den herrschenden Sozialcharakter. Die Frage nach dem Sinn des Autos impliziert darüber hinaus eine Kritik am allgemeinen Mobilitätsbedürfnis. Dieses verweist jedoch wiederum auf die herrschende Zersiedelungsweise<a href="#12">(12)</a>, <a name="r12"></a>wie sie die der Warengesellschaft inhärente funktionale Trennung der Sonderbereiche »Freizeit«, »Arbeit« und »Wohnen« diktiert.</p>
<p>Die Kritik am Auto hat weitreichende Implikationen. Sie sind nicht mühsam »theoretisch« zu dechiffrieren, sondern sie sind naheliegend und schwingen sofort mit, sobald das Problem Individualverkehr thematisiert wird. Gerade die bemerkenswerte Reichweite ist es wohl, die es paradoxerweise bisher verhindert hat, daß das weitverbreitete autokritische Bewußtsein sich zu so etwas wie einer Bewegung verdichtet. Wenn der GAU von Tschernobyl in der Bundesrepublik noch einmal das Muster der verblichenen »neuen sozialen Bewegungen« reaktiviert hat, der Sommersmog von 1994 aber nicht zum Anlaß einer vergleichbaren »Betroffenheitskampagne« wurde, dann lag das mitnichten daran, daß kein hinlängliches Problembewußtsein bestünde. Es ist durchaus kein Geheimnis, wie absurd es ist, in der Hitzewelle kleine Kinder, Atemwegskranke, Alte und demnächst auch den Rest der Bevölkerung sicherheitshalber in geschlossenen Räumen zu halten, weil in der unumbauten Welt der Autoverkehr Vorrang hat. Was da bremst und lähmt, ist wohl mehr das allgegenwärtige Dogmengestrüpp von Freiheit, Gleichheit, Arbeitsplatz und Individualitätskult, an das man sich nicht so recht heranwagt, und die panische Angst vor dem Denken des Undenkbaren. An das Eingemachte dieser Vergesellschaftungsform traut man sich nicht heran.</p>
<p>Diese Konstellation bestimmt nicht nur den Umgang mit dem speziellen Problem des Individualverkehrs, sie kennzeichnet den Zustand der Ökologiebewegung insgesamt. Gerade heute, wo die Arbeitslosenstatistiker allmonatlich neue Rekordzahlen vermelden und die ökonomische Krise allmählich auch im bislang privilegierten Westdeutschland handgreiflich wird, scheint die ökologische Frage out zu sein. Das liegt aber weder daran, daß die diversen Umweltprobleme einer Lösung näher gekommen wären, noch daran, daß sie nicht mehr wahrgenommen würden. Ökologie erscheint vielmehr einzig und allein deshalb als »Luxus«, weil die politische Klasse (von den thematisch an den Rand gedrängten Grünen einmal abgesehen) genau weiß, wie wenig sich ökologische Rücksichtnahmen mit dem verzweifelten Krisen-Credo »Arbeit, Arbeit, Arbeit« vereinbaren lassen. Der auf die Warenlogik geeichte Alltagsverstand wiederum macht diese Leugnung nur mit, weil er ein sicheres Gespür dafür hat, wie recht seine parlamentarischen Vertreter mit dieser Haltung haben. Gerade auf brüchig werdendem Boden, wenn das ganze Gebäude der Wertvergesellschaftung sich zu neigen beginnt, stützen sich die Säulen des Formzwangs gegenseitig ab. Diese Selbst-Stabilisierung des Status-quo-Bewußtseins bleibt indes prekär und ist nicht dauerhaft. Der vermeintliche »ökologische Luxus« wird sich ein ums andere Mal als überlebenswichtig erweisen; und damit eröffnen sich einem Denken, das die Orwellsche Verkehrung der Begriffe des Notwendigen und des Luxuriösen inkriminiert, durchaus Spielräume. Ökologisches Denken steht heute am Scheideweg: Es kann nur noch entweder vor dem in der Krise klarer denn je hervortretenden Formzwang des warenproduzierenden Systems kapitulieren, oder es lernt, darauf zu insistieren, daß nicht der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ein überflüssiger Luxus ist, den sich die Gesellschaft nicht leisten kann, sondern umgekehrt die Zurichtung aller natürlichen und menschlichen Ressourcen auf die Erfordernisse der stockenden Verwertungsmaschinerie. Bleibt es seinem Anliegen treu, so treibt das ökologische Bewußtsein aus seiner eigenen Logik heraus in eine ähnliche Richtung wie der wertkritische Ansatz; und damit wird so etwas wie eine Vermittlung zwischen beiden Polen möglich.</p>
<p>Eine solche Umorientierung hätte auch praktische Implikationen. Selbst partikulare Bewegungen kommen nur zustande, wo sie auf ein entsprechendes gesellschaftliches Klima treffen und im allgemein-öffentlichen wie im engeren theoretischen Diskurs Bezugspunkte vorfinden. Solange auf dieser Ebene der Öffentlichkeit die warengesellschaftliche Zurichtung als selbstverständliche Voraussetzung immer schon unterstellt wird und niemand an dieser Hegemonie kratzt, solange werden auch ökologische Bewegungsansätze mangels Alternative ihre eigene Zielsetzung in das formadäquate Phantasma eines Ökokapitalismus kleiden. Damit blockieren sie aber von vornherein ihre eigene Handlungsfähigkeit, und der kritische Impuls kann sich nur mehr in periodischen Placebo-Kampagnen entladen. In den Billigprotesten gegen die französischen Atombombenversuche und die Ölplattformversenkungen der Shell AG trat dieser Mechanismus recht plastisch hervor. Diese Kampagnen dokumentieren, wie weit die ökologische Bewegung hinter ihr schon erreichtes Reflexionsniveau zurückfallen kann.</p>
<p>Das ist aber kein Grund zur Resignation. Die Massenwirksamkeit und Heftigkeit dieser Null-Kampagnen verweist nämlich gleichzeitig auf ein tiefes Unbehagen, das sich innerhalb der herrschenden Ideologie und Lebenspraxis nur nicht formulieren läßt. Durch die Verbindung von radikaler Gesellschaftskritik und ökologischem Denken könnte jedoch eine Position entstehen, die eine Katalysatorfunktion bei der Überwindung dieser Blockade übernimmt. Die ökologisch vermittelte Aufkündigung des warengesellschaftlichen Konsens würde beim breiteren Publikum nicht bloß Angst und Schrecken verbreiten und massive Abwehrreaktionen hervorrufen, sondern der Verzicht auf den Kotau vor den Ikonen von Warensubjektivität und Arbeit hätte zugleich etwas Befreiendes<a href="#13">(13)</a> <a name="r13"></a>und würde den partikularen Bewegungen erst die Luft zum Atmen verschaffen.</p>
<h4>4.2 Die immanente Schranke der Warenökonomie: Der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus</h4>
<p>Weil sie als erste und damit als Einzelproblem sichtbar wurde, ist die ökologische Seite der absoluten Systemschranke empirisch besonders gut untersucht. Das erleichtert immens die Aufgabe, vor der ein wertkritisch unterfüttertes ökologisches Bewußtsein steht. Es müßte weder die vom Formzwang geheckten stofflichen Probleme erst entdecken noch sich alternative technologische Lösungsmöglichkeiten aus den Fingern saugen. Dieses Wissen ist längst vorhanden. Unter dem Stichwort der Abfallwirtschaft etwa kann man sogar in einem vom streng katholischen Herderverlag herausgegebenen »Lexikon der Wirtschaftsethik« lesen: »Bisherige Abfallvermeidungs- und Abfallverwertungstechniken haben lediglich pseudoreligiösen Symbolcharakter«, »statt einer abfallorientierten Gesellschaft, die letztlich nur noch für Abfälle arbeitet und dabei durch immer aufwendigere Technologie Wirtschafts-wachstum erzielt, wäre eine produktorientierte Wirtschaft wesentlich sinnvoller und würde der ethischen Verpflichtung eher gerecht.« Ökokapitalistische Konzepte sind grundsätzlich nicht in der Lage, solche durchaus weitverbreiteten Einsichten zu integrieren. Ein wertkritisch unterfüttertes ökologisches Denken, das es nicht nötig hat, auf den Modus der einzelkapitalistischen Verwertung Rücksicht zu nehmen, kann dagegen an diesen Bewußtseinsstand unmittelbar anknüpfen.</p>
<p>Eine etwas andere Aufgabe stellt sich vom wertkritischen Standpunkt aus bei der Auseinandersetzung mit den ökonomischen und sozialen Folgen der arbeitsgesellschaftlichen Misere. Die Wertkritik stößt zwar auch hier nicht auf ein vollkommen brachliegendes Terrain vor, dieses Feld wurde aber keineswegs derart intensiv beackert wie die ökologische Problematik. Der Wertkritik fällt auf diesem Gebiet daher nicht nur zusätzlich die Krisenanalyse zu; sie muß sich auch darauf einstellen, daß Vorstellungen, wie denn die »Krise der Arbeit« praktisch zu bewältigen wäre, sich erst mit der Krisenperspektive selber (also schon im weiteren Vermittlungszusammenhang mit der wertkritischen Position) abzeichnen können. Die Wertkritik, so hat es den Anschein, spielt in dieser Hinsicht &#8211; wie vermittelt auch immer &#8211; wohl von vornherein eine gewisse Rolle im oppositionellen Formierungsprozeß. Um dies zu verstehen, muß zunächst einmal die historische Ausgangslage geklärt werden.</p>
<h4>4.2.1 Die ältere Diskussion zur Krise der Arbeitsgesellschaft</h4>
<p>Das Schlagwort von der »Krise der Arbeitsgesellschaft« ist keine Erfindung der fundamentalen Wertkritik. Als stehende Wendung taucht es seit eineinhalb Jahrzehnten im sozialwissenschaftlichen Diskurs periodisch auf. Insbesondere zu Beginn der 80er Jahre war der Terminus in aller Munde, und mittlerweile ist das Thema angesichts einer weiterhin zyklusübergreifend steigenden Sockelarbeitslosigkeit abermals feuilletonreif geworden. Die bisherige Diskussion um das »Ende der Arbeitsgesellschaft« zeichnet allerdings ein entscheidendes Manko aus: Die »Krise der Arbeit« wurde nicht als eine endogene Krise des Verwertungsprozesses und seiner Grundlagen gefaßt, sondern als ein Phänomen, das die Funktionsfähigkeit der gesellschaftlichen Megamaschine nicht weiter affiziert. Die Autoren, die in diesem Zusammenhang Position bezogen haben, waren sich in keiner Weise darüber im klaren, daß die »Krise der Arbeitsgesellschaft« ernstgenommen nicht weniger als den sukzessiven Zusammenbruch des warengesellschaftlichen Fundaments und der über Lohnarbeit und Geld vermittelten Reproduktion in ihrer Gesamtheit bedeutet. Sie imaginierten sich stattdessen ein neues Gesellschaftsmodell, in dem die propagierte »Sekundär-Ökonomie« (Ludwig Bress) das »Techno-System« (Joseph Huber) ergänzen soll und sahen »in einer gesunden Balance zwischen &#8230; nicht-monetarisierter und monetarisierter Wirtschaft« »die Bedingung einer ausgewogenen Entwicklung«.<a href="#14">(14)</a> <a name="r14"></a></p>
<p>So oft auch die Krise der Arbeitsgesellschaft thematisiert wurde, es war für alle an dieser Debatte Beteiligten eine ausgemachte Sache, daß das schrumpfende arbeitsgesellschaftliche Kernsegment auch künftig munter weiter funktionieren und dabei genügend monetäre Ressourcen liefern würde, um allerlei postarbeitsgesellschaftliche Bereiche finanziell zu alimentieren. Peter Glotz brachte diese paradigmatische Annahme auf den Punkt, als er noch 1986 erklärte, »daß eine Gesellschaft der Zukunft aus den Produktivgewinnen allen Mitgliedern ein angemessenes Einkommen garantieren kann«.<a href="#15">(15)</a> <a name="r15"></a>André Gorz hatte dieselbe irreale Einschätzung schon einige Jahre früher zum besten gegeben und damit seine »Wege ins Paradies« begründet. In diesem Buch deklamierte er: »Das garantierte Einkommen kann &#8230; nicht mehr auf dem Wert der Arbeit gründen«<a href="#16">(16)</a> <a name="r16"></a>und klagte die Förderung eines zweiten postarbeitsgesellschaftlichen, aber vom Erwerbsarbeitssektor gesponserten Bereichs ein, denn »die heteronome Sphäre« &#8211; sprich der warengesellschaftlich organisierte Bereich &#8211; »gewährleistet die Produktion all dessen, was für das Leben der Individuen und für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig ist«<a href="#17">(17)</a>.<a name="r17"></a></p>
<p>Theorieimmanent betrachtet, sticht hier ein Kurzschluß ins Auge, der nicht nur den zitierten Autoren, sondern allen im Rahmen der Diskussion um die »Krise der Arbeit« entwickelten Konzeptionen gemeinsam ist. Bei den dualwirtschaftlichen Überlegungen und artverwandten Ansätzen einer friedlichen Koexistenz von Erwerbsarbeitsbereich und »gebrauchswertorientierten Segmenten« wird der innere Zusammenhang von abstrakter Arbeit, Wert und monetärem Reichtum ausgeblendet oder aufgelöst. Die Vorgehensweisen der Eskamoteure variieren dabei, das Resultat ist aber immer das gleiche. André Gorz etwa trennt den Wert von seiner Erscheinungsform im Geld hermetisch ab. Er ist sich zwar immerhin darüber im klaren, daß die Zurückdrängung der Erwerbsarbeit ein Schrumpfen der gesellschaftlichen Wertmasse impliziert, verschwendet aber keinen Gedanken darauf, ob diese Entwicklung nicht auch auf die Ebene geldförmiger Vermittlung durchschlagen und dort wirksam werden müßte. Offenbar setzt er klammheimlich voraus, daß eine willkürliche Geldschöpfung die erlahmende Wertschöpfung substituieren kann und das Geldsystem auch dann funktionstüchtig bleibt, wenn sich die Wertsubstanz verflüchtigt.</p>
<p>Orio Giarini geht anders vor. Er stellt den nationalökonomischen Wertbegriff in Frage, weil dieser außerstande ist, einen nicht-monetarisierten Wohlstand zu erfassen und daher zu einem falschen Verständnis von Reichtum führt. Aus dieser Kritik leitet er die Forderung nach einer der Wirklichkeit adäquateren Umdefinition des Werts ab. Dieses Ansinnen beruht allerdings auf einem Quidproquo. Giarini behandelt die falsche gesellschaftliche Abstraktion des Werts als einen bloßen Denkfehler, den die Nationalökonomen der Wirklichkeit aufgeherrscht haben. Es handelt sich beim Wert aber um eine historische Realabstraktion, also um eine falsche Wirklichkeit, die der klassische nationalökonomische Wertbegriff auf seine Weise durchaus korrekt wiedergibt. Wenn dem aber so ist, und der bloß theoretische Wertbegriff nicht aus eigener Machtvollkommenheit den gesellschaftlichen Ausblendmechanismus konstitutiert, dann läßt sich allerdings durch eine bloße Revision der nationalökonomischen Sichtweise die tatsächliche Zwangsreduktion von gesellschaftlichem Reichtum auf den abstrakten Wert nicht wegdekretieren.</p>
<p>Der naive Versuch, dem Wert (und damit dem Geld) nachträglich die Berücksichtigung von solchen Gesichtspunkten zu implantieren, die dem überlieferten Wertbegriff fremd blieben, läuft ins Leere. Nicht der bisherige Wertbegriff ist das Problem, sondern die Existenz des Werts selber als eine die Gesellschaft prägende Realabstraktion. Es geht also um die Qualität des Werts als eine fetischistische Form des gesellschaftlichen Nexus, nicht um die illusionäre quantitative Berücksichtigung gutgemeinter Gesichtspunkte innerhalb dieser hartnäckig beibehaltenen Form des Nexus. Wer zu der in Form von Waren vorliegenden gesellschaftlichen Wertmasse andere, neu erfundene und nicht per se monetär ausdrückbare Formen von Wert hinzuaddieren möchte, verändert damit, wenn sich seine Sichtweise verallgemeinern könnte, vielleicht die volkswirtschaftliche Rechenweise, aber nicht die schnöde realabstrakte Wirklichkeit, an der sich eine äußerliche Veränderung der bloßen Rechenweise sehr schnell blamieren müßte. Der Wert läßt sich zwar durch die Umwälzung der gesellschaftlichen Praxis aufheben, es läuft aber auf eine contradictio in adjecto hinaus, ihn qua Dekret willkürlich neu definieren zu wollen. Solange er das gesellschaftliche Gefüge reguliert, bleibt jeder nicht auf die produktive Vernutzung abstrakter Arbeit reduzierbare Reichtum gesellschaftlich ungültig, unabhängig davon, ob die Menschen das als Skandal betrachten oder nicht.</p>
<p>Andere, meist nur am Rande an der dualwirtschaftlichen Debatte beteiligte Autoren machen es sich noch leichter als Gorz und Giarini. Peter Glotz, Karl-Heinz Roth und ein bunt zusammengesetzter Haufen ähnlicher Geistesgrößen fabulieren von der »gewaltigen Wertschöpfung in den Fabriken« und leiten daraus im Handumdrehen die Forderung nach einer »gerechten Verteilung« ab, die sich »vom unzureichenden Maßstab betrieblicher Arbeitslöhne«<a href="#18">(18)</a> <a name="r18"></a>ablösen müsse. Wie zahlreichen Befürwortern einer »Sozialdividende« und anderen Formen eines Grundeinkommens entgeht Glotz und Co. bei ihrer Argumentation ein kleiner, aber folgenreicher Unterschied. Sie verwechseln die enorme Steigerung der materiellen und immateriellen Güterproduktion mit der Ausdehnung der gesellschaftlichen Wertmasse. Sie setzten die Potenzen stofflicher Produktivität unbesehen mit der abstrakt-monetären Reichtumsbildung in eins.</p>
<p>Die als Antwort auf die »Krise der Arbeit« präsentierten Konzepte haben also eine gemeinsame Schwäche, nämlich die systematische Blindheit für den inneren Zusammenhang der heiligen Dreifaltigkeit von abstrakter Arbeit, Wert und Geld. Dieses Manko hat nicht nur theorieimmanent seine Bedeutung, es schlägt auch praktisch zu Buche und entwertet den ganzen Ansatz. Wenn nämlich der Arbeitsgesellschaft tatsächlich die (rentable) Arbeit ausgeht und die wertproduktive Basis der warenproduzierenden Gesellschaft wegbricht, dann betrifft diese Entwicklung nicht nur ein »herausgefallenes Drittel« der Bevölkerung, das so oder so alimentiert werden könnte. Dieser Prozeß mündet vielmehr in eine neuartige Form von Verwertungskrise, die das Wirtschaftsleben insgesamt erschüttert und sowohl das gewohnte gesellschaftliche Bezugssystem als auch die staatlich vermittelten Mechanismen der Redistribution zerstört.</p>
<p>Damit werden aber die dualwirtschaftlichen Konzepte nicht nur »unfinanzierbar«, um das Lieblingsargument der Konservativen zu benutzen, sie verlieren gleichzeitig ihren Bezugsrahmen. Solange sich stofflicher Reichtum in der Megamaschine nur dann gesellschaftlicher Gültigkeit erfreuen darf, wenn er als die Darstellungsform abstrakten Reichtums funktioniert (und das ist grundsätzlich der Fall, wenn das Geld den gesellschaftlichen Zusammenhang herstellt), solange muß auch eine Steigerung der Produktivkraft, die lebendige Arbeit auf breiter Fornt substituiert, zwangsläufig Massenverarmung nach sich ziehen. Daran kann auch kein dualwirtschaftliches Modell irgendetwas ändern. Das Geld taugt schlechterdings nicht als Medium bewußter postarbeitsgesellschaftlicher Regulation. Dieses gegenständlich gewordene Paradoxon eines ungesellschaftlichen gesellschaftlichen Reichtums läßt sich von seiner Grundlage, dem ebenso paradoxen ungesellschaftlich-gesellschaftlichen Naturbezug, d.h. der abstrakten Arbeit, nicht ablösen. Beide Momente können nur gemeinsam in die Bredouille geraten.</p>
<p>Die Debatte um die »Krise der Arbeit« zeigt sich diesen Implikationen gegenüber blind. Das ist allerdings weder kollektiver Kurzsichtigkeit geschuldet noch dem Zufall, sondern entspricht der historischen Situation, vor deren Hintergrund sich die Diskussion seit Anfang der 80er Jahre entwickelte. Als in den 70er Jahren die von der Massenmotorisierung, Elektronikindustrie usw. getragene Dynamik des Wirtschaftswunders auslief und das arbeitsgesellschaftliche Fundament im Gefolge des Ölpreisschocks erste Risse zeigte, wurde das »So tun als ob« zur Grundlage des »Weiter so«. In demselben Maße, wie die wertproduktive Basis einem fortschreitenden Ausdünnungsprozeß unterlag, erlebte bekanntlich die Spekulation ihre große Stunde. Kredit und großangelegter Schwindel ersetzten einstweilen die erlahmte realwirtschaftliche Dynamik und schufen damit eine neue unwirkliche Realität. Der Kasinokapitalismus drückte aber nicht nur dem Wirtschaftsleben seinen Stempel auf, er prägte auch den Zeitgeist und die Alltagskultur der Yuppie-Ära. Diese postkeynesianische Welterfahrung schwingt auch in der Debatte um die Krise der Arbeit mit.</p>
<p>Die Vorstellung von einer Gesellschaft, die sich zwar zumindest partiell von »der Arbeit« entkoppelt, dennoch aber unbekümmert mit monetären Beziehungen weiteroperiert, ist zwar strenggenommen schlicht absurd, einen kurzen historischen Moment lang schien dieses Phantasma aber tatsächlich Wirklichkeit zu werden. Diese verrückte Konstellation, die Trennung des warengesellschaftlichen Wohlstands von seiner arbeitsgesellschaftlichen »Substanz«, haben die Kritiker der Arbeitsgesellschaft zusammen mit dem gesellschaftlichen Mainstream einfach in die Zukunft verlängert. Auf diese Weise konnten sie sich aus der arbeitsgesellschaftlichen Ordnung hinausimaginieren, ohne sich auf eine Radikalkritik der Grundformen bürgerlichen Vergesellschaftung einlassen zu müssen.</p>
<p>Das stille Einverständnis mit dem in der Gesellschaft immer weiter verbreiteten simulativen Zeitgeist tat dem relativen Einfluß der Debatte um die »Krise der Arbeit« keinerlei Abbruch. Im Gegenteil, nur diese Kontamination kann erklären, warum eine derart beschränkte Art von »Kritik der Arbeit« im Übergang vom Spätkeynesianismus zur kasinokapitalistischen Ära überhaupt eine Zeitlang Konjunktur hatte und auf relativ breite Resonanz traf. Der zahnlosen und letztlich marktkonformen »Kritik der Arbeitsgesellschaft« und ihrer mit dem Problem der gesellschaftlichen Form völlig unvermittelten Skepsis gegenüber einer staatlichen Entmündigung der Menschen kam eine Mittlerfunktion zwischen den auslaufenden keynesianisch-wohlfahrtsstaatlichen Konzepten und dem asozialen Simulationswohlstand der 80er und beginnenden 90er Jahre zu.</p>
<p>In der Wende-Ära konnten diese zu kurz greifenden Kritiker der Arbeitsgesellschaft also deshalb reüssieren, weil ihre Konzepte kompatibel mit der simulativen Fortschreibung der herrschenden Verkehrform waren. Sobald die spekulative Entkopplung des Warenreichtums von dessen arbeitsgesellschaftlicher »Substanz« aber an ihre Grenzen stößt und manifeste Kriseneinbrüche den Traum vom ewig weiterblühenden Kasinokapitalismus jäh unterbrechen, erweist sich die einstige Erfolgsbedingung als das entscheidende Hemmnis. Während der grundsätzliche Gedanke, die Reproduktion der Menschen unabhängig vom arbeitsgesellschaftlichen Bezugsrahmen sicherzustellen, mit dem Ende des neurasthenischen Booms erst seine volle Brisanz gewinnt, entpuppen sich die bisherigen postarbeitsgesellschaftlichen Konzepte gerade angesichts einer im Gefolge der »Krise der Arbeit« radikal veränderten gesellschaftlichen Umgebung als veritable Luftschlösser. Der praktische Knackpunkt ist dabei das leidige, aber immer drängender werdende Finanzierungsproblem. Die übriggebliebenen Dualwirtschaftler sind weder in der Lage, aufzuzeigen, wo denn die monetären Mittel für die Verwirklichung ihrer Pläne herkommen könnten, noch sind sie mutig genug, die sogenannte Finanzierbarkeitsfrage selber als eine von der arbeitsgesellschafltichen Logik gesetzte Binnenproblematik energisch durchzustreichen. In dem Augenblick, wo es darauf ankäme, gesellschaftliches Terrain zu erobern und eine Alternative zu den ausgeleierten neokeynesianischen und gescheiterten neokonservativen Programmen deutlich zu machen, stehen die inkonsequenten Kritiker der Arbeitsgesellschaft nackt da.</p>
<p>Vor wenigen Jahren konnte die grundsätzliche Differenz von stofflichem und abstraktem Reichtum, die von der Wertkritik in Anlehnung an die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zu ihrem Ausgangspunkt gemacht wurde, vielleicht noch als esoterische Spitzfindigkeit abgetan werden. Mit dem bösen Ende des Kasinokapitalismus wird aber praktisch-handgreiflich, welche Bedeutung diesem Unterschied zukommt. Wer heute noch von der Zwangsidentität von stofflichem und monetärem Reichtum ausgeht, der muß sich jetzt auch von den emanzipativen Flausen verabschieden, die der Debatte um die »Krise der Arbeit« ihr Gepräge gaben. Unter den Bedingungen einer manifesten Krise kann niemand mehr ernsthaft das Formdiktat monetärer Vermittlung blind akzeptieren und dennoch gleichzeitig die Unterordnung jeder Lebensäußerung unter die arbeitsgesellschaftliche Logik negieren. Aus dem Sowohl-Als-Auch wird ein klares und unerbittliches Entweder-Oder. Wird das Geld als das Nadelöhr anerkannt, durch das die gesellschaftliche Regulation nun einmal auf immer und ewig hindurchgehen müsse, dann verliert sich jede emanzipative Note und die damals diskutierten Konzepte tauchen künftig nur mehr im Kontext der anstehenden Notstandsverwaltung in einer neuen, alles andere als menschenfreundlichen Bedeutung wieder auf.</p>
<p>Diese neoliberale Besetzung zeichnet sich heute schon ab. Wenn mittlerweile die FDP eifrig darüber diskutiert, ob nicht ein dann natürlich unter dem Sozialhilfeniveau angesetztes »Bürgergeld« als Ersatz für eine Vielzahl diversifizierter Sozialleistungen herhalten könnte, dann ist das keine einmalige Verirrung, sondern zeigt, wohin die Reise geht. Welcher politischen Kraft auch immer die Aufgabe zufallen mag, die krisenbedingte Demontage des Wohlfahrtsstaates zu organisieren: Die Diskussion der 80er Jahre liefert den Exekutoren der Krise wertvolle Anregungen dafür, wie ein neuer, deutlich abgespeckter »schlanker« Sozialstaat aussehen könnte. Mit einer positiven Überwindung der Arbeitsgesellschaft hätten derartige Maßnahmen natürlich nichts gemein.</p>
<p>Die alte, dualwirtschaftlich inspirierte Kritik der Arbeitsgesellschaft muß sich also entscheiden. Entweder sie gerät nolens volens ins Fahrwasser solcher Tendenzen und die einmal kritisch gemeinten Ansätze werden letztendlich selber zum Moment der Fortschreibung des arbeitsgesellschaftlichen Diktats umgebogen, oder es gelingt, die Kritik der Arbeitsgesellschaft im Zusammenhang mit einer Kritik der Waren- und Geldform zu reformulieren und zu radikalisieren. In ihrer bisherigen inkonsequenten Version hat sie jedenfalls ausgedient, auch wenn Gorz und Konsorten einstweilen mangels anderer Konzepte wieder eine gewisse neuerliche Resonanz finden.</p>
<h4>4.2.2 Von der esoterischen Kritik der Arbeit zur gesellschaftlichen Konfliktformulierung oder vom Bankrott der Arbeitsgesellschafts-Simulanten zur Formierung eines Gegenpols</h4>
<p>Der manifeste Kriseneinbruch bringt es ans Licht. Solange das Geld unangefochten den gesellschaftlichen Zusammenhang strukturiert, läßt sich die arbeitsgesellschaftliche Logik nicht zurückdrängen. Im Gegenteil, unter diesem Vorzeichen nimmt mit der Verknappung der Arbeit die Unerbittlichkeit des arbeitsgesellschaftlichen Diktats nur noch zu. Der dümmste Wahlslogan aller Zeiten, die von der SPD im Europawahlkampf 1994 ausgegebene Parole »Arbeit, Arbeit, Arbeit«, spiegelt das auf seine Weise. Wenn es einen Abschied von der Arbeitsgesellschaft geben soll, dann muß er in letzter Instanz mit der Aufhebung der Ware-Geld-Beziehung in eins fallen. Weil die Arbeits- und Warengesellschaft die Reproduktion ihrer Mitglieder immer weniger sicherstellt, sondern in ihrem blinden Prozessieren nur noch die natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen destruiert, kann es für eine emanzipative Bewegung nur noch darum gehen, gegen die kollabierende Wertbeziehung gesellschaftliches Leben und Reproduktion neu und anders zu organisieren. Damit sind wir wieder beim Problem der bewußten gesellschaftlichen Selbstorganisation angelangt, bei der Frage also: Wie können die Menschen unmittelbar, also ohne die Dazwischenkunft eines abstrakten Vermittlungsmediums, über die stofflichen Ressourcenflüsse entscheiden und sie praktisch regulieren?</p>
<p>Eine solche Orientierung kann nicht allein aus der spontanen Bewegung heraus entstehen. Auch jeder noch so beschränkte praktische Ansatz postmonetärer Selbstorganisation bedarf eines entsprechenden gesellschaftlichen Makroklimas, um keimen und gedeihen zu können. Solange Monetarismus und Keynesianismus mit ihrem Scheingefecht den sogenannten wirtschaftspolitischen Diskurs in der Öffentlichkeit monopolisieren und die arbeitsgesellschaftliche Form unstrittig bleibt, werden die von Arbeitslosigkeit und Sozialabbau Betroffenen sich nur in diesem absurden Bezugssystem äußern, und jeder andere emanzipative Umgang mit der »Krise der Arbeitsgesellschaft« bleibt undenkbar. Den Herausgefallenen bleibt dann nur individuelle Selbstzerstörung oder der Versuch individueller Reintegration.</p>
<p>In der Warengesellschaft ist Arbeitslosigkeit, der Begriff verrät es ja schon, rein negativ definiert. Einem Arbeitslosen fehlt etwas Wesentliches, was das Mensch- und Bürgersein substantiell ausmacht: die (Lohn)arbeit nämlich. In einer Welt, in der sich der gesamte gesellschaftliche Zusammenhang mühsam durch das Nadelöhr von Ware und Geld presst, ist dem Arbeitslosen sein gesellschaftliches Existenzrecht nur gnadenhalber zuerkannt, im Grunde ist er aber eine Nichtperson. Gerade die sozialdemokratischen Klageweiber und die Verteidiger des Sozialstaats insgesamt vertreten diese Logik unerbittlich und schreiben sie fest. Der Arbeitslose kommt bei ihnen nur als ein passives Opfer widriger Umstände vor; allein eine alsbaldige Rückkehr in die arbeitsgesellschaftliche Normalität, und sei sie vom Staat simuliert, verspricht Erlösung. Solange ausschließlich derartige (Selbst)definitionen den gesellschaftlichen Umgang mit Arbeitslosigkeit bestimmen, kann es höchstens eine kollektiv organisierte Bittstellerei, aber keine emanzipatorische Bewegung geben.</p>
<p>Die herrschende Sichtweise läßt sich aber sowohl ideologiekritisch wie auch praktisch durchaus über den Haufen werfen. Im Gegensatz zur Darstellungsweise sozialdemokratischer Sozialpolitiker und anderer Kirchentagsprediger erleben die realexistierenden Arbeitslosen ihr Nichtarbeitsdasein durchaus nicht alle als das pure Elend, so daß sie Tag und Nacht davon träumen würden, das Fabrikregime möge sie endlich erlösen und in seinen Schoß wiederaufnehmen. Wer die Botschaft verkündet, daß Arbeitslosigkeit an sich kein Unglück ist, sondern disponible Zeit, und daß erst die Entkopplung vom gesellschaftlichen Bezugs- und Reproduktionsrahmen sie zum Unglück macht, der kann durchaus an ein weitverbreitetes Vorverständnis anknüpfen. Anders als etwa noch zu Zeiten von Paul Lafargue oder auch anders als in der Zeit des Hochfordismus ist den meisten Menschen heute zumindest partiell klar, daß Arbeit mehr mit Verstümmelung als mit Erfüllung zu tun hat.</p>
<p>Was allerdings fehlt, das ist die Transformation dieser impliziten Einsicht zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Konzeption. Wer dieses Manko behebt, wer den Aberwitz und die Unhaltbarkeit arbeitsgesellschaftlicher Zurichtung attackiert und diese Kritik zu einer gesellschaftlichen Perspektive macht, hat gute Chancen, so etwas wie ein kollektives Heureka-Erlebnis auszulösen, weil er auf den Punkt bringt, was unterschwellig schon vorhanden ist, in der Krise aber zu einer ganz neuen kollektiven Tragweite gelangt. Der Stellenwert für die gemeinschaftliche Selbstfindung der Betroffenen ist kaum zu überschätzen.</p>
<p>Im Augenblick sind wir davon noch weit entfernt. Momentan beherrschen nach wie vor zwei Positionen die Wirtschaftsdebatte im allgemeinen und den Streit um das Problem der Arbeitslosigkeit im besonderen, die einander an Absurdität kaum nachstehen. Den Oberton gibt dabei der Neokonservatismus bzw. Neoliberalismus an. Unter dem euphemistischen Schlagwort »Deregulierung« tritt er als Büttel der anlaufenden Prozesse von Entgesellschaftung auf. Er reagiert auf die Krise der Arbeitsgesellschaft, indem er sich beharrlich für die restlose Subsumtion aller Lebensäußerungen unter das Marktdiktat stark macht. Das neokonservative Deutungsmuster kennt nur zwei Günde, die zu Unterbeschäftigung führen können: zum einen mangelnde Flexibilität der Betroffen bei der Verwertung ihres Humankapitals, zum anderen nicht marktgerechte Rahmenbedingungen. Lösen läßt sich das Problem der Arbeitslosigkeit aus dieser Sicht jedenfalls nur durch den in der Finanzkrise ohnehin schon im Gange befindlichen Rückzug des Staates und durch rigide Anpassung an die herrschenden, vom Weltmarkt gesetzten Konkurrenzbedingungen. Zum theoretischen Hintergrund hat diese gewagte These nichts anderes als das uralte Saysche Gleichgewichtstheorem: Jedes Arbeitskraftangebot, so das Dogma, schafft sich schon seine Nachfrage. Die Anbieter müssen sich nur der Logik des Marktes beugen und den Preis ihrer Ware anpassen; der Staat darf sich am Selbstlauf der Marktlogik nicht versündigen.</p>
<p>Die Entwicklung in den USA, die dortige »Mac-Job«-Offensive, hat gezeigt, wie die schöne neue postfordistische Arbeitswelt bestenfalls aussieht. Zeitigt die neokonservative Politik von Deregulierung und Sozialabbau bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit überhaupt einen Erfolg, dann besteht er allenfalls in der Schaffung einer neuen Schicht von Dienstleistungsarmut. Die Figur des »working-poor« kehrt in Teilen des unproduktiven Sektors wieder. Mit einer selbsttragenden Akkumulationsdynamik, die tatsächliche Vollbeschäftigung verspricht, hat das allerdings gar nichts zu tun. Während die diversen Kategorien von Arbeitsplatzbesitzern sukzessive das gleiche Schicksal ereilt, das vor Jahrzehnten die Sammler von Naturkautschuk getroffen hat, als der Vormarsch synthetischer Ersatzprodukte ihre Einkommensquelle verstopfte, rüsten die neokonservativen Zyniker zu ihrer »Ardennenoffensive«. Sie nehmen einfach nicht zur Kenntnis, daß die Ware Arbeitskraft dabei ist, sich für die meisten ihrer Inhaber in einen unverkäuflichen Anachronismus zu verwandeln, der auf Dauer selbst mit Preisnachlässen, die die Arbeitseinkommen auf breiter Front weit unter die Gestehungskosten der zu verkaufenden Ware drücken würden, nicht mehr loszuschlagen ist. Sie wettern gegen den »kollektiven Freizeitpark« und die »grassierende Anspruchshaltung«, singen denjenigen, die aus der Vernutzungslogik herausfallen, das hohe Lied des Marktes und phantasieren, man müsse die arbeitsgesellschaftliche Schlinge nur fester ziehen, um aus der gegenwärtigen Misere herauszukommen.</p>
<p>Diese Position ist letztlich haltlos. Das ändert aber nichts daran, daß sie auf der Grundlage des herrschenden Paradigmas die stärkere bleibt. Solange das arbeitsgesellschaftliche Fundament nicht in Frage gestellt wird, gibt es nur eine denkbare Gegenposition zum neokonservativen Amoklauf, nämlich den Neokeynesianismus. Der Neokeynesianismus setzt der von den Neokonservativen betriebenen Simulation der Arbeitsgesellschaft im Medium des Marktes die staatlich vermittelte Simulation derselben arbeitsgesellschaftlichen Normalität entgegen. Angesichts der krisenbedingten Misere der Staatsfinanzen befindet sich diese Position allerdings strukturell in der Defensive. Das neokeynesianische Programm, das sich heute auf das Kürzel ABM zusammenziehen läßt, taugt nur noch zum oppositionellen Juniorpartner, kann aber keine Alternative zum marktradikalen Durchstartversuch aufzeigen. Es begnügt sich damit, die neokonservativen Bruchpiloten beim Abwerfen von sozialem Ballast zu bremsen.<a href="#19">(19)</a> <a name="r19"></a></p>
<p>Die Perspektivlosigkeit wird am Problem der Arbeitszeitverkürzung deutlich. Die Krise der Arbeit zwingt dazu, über kurz oder lang die Zentralität der Lohnarbeit für den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß in Frage zu stellen, oder aber gesellschaftliche Reproduktion zum Privileg weniger zu machen. Die erste Option kann, operationalisierbar gedacht, nur eine sukzessive, aber radikale Verkürzung der gesamtgesellschaftlichen Lohnarbeitszeit bedeuten. Es muß darum gehen, disponible Zeit für alle Menschen zu schaffen, die ihnen die Möglichkeit eröffnet, einen Teil ihres Reproduktionszusammenhangs aktiv außermonetär gestalten zu können.<a href="#20">(20)</a> <a name="r20"></a></p>
<p>Sowohl den neokonservativen als auch den neokeynesianischen Konzepten ist diese Orientierung völlig fremd; sie sind ja nichts anderes als die konsequente Verdrängung der »Krise der Arbeit«. Für die Neokonservativen ist generelle Arbeitszeitverkürzung per se kein Thema. Ihr Zauberwort heißt Flexibilisierung. Danach soll es Aufgabe des Arbeitnehmers sein, seine Arbeitskraft in jeder dem Management genehmen Portion und zu jeder genehmen Zeit feilzubieten. Auch wenn die im Betrieb verbrachte Zeit sich für viele absolut verringern mag, so bleibt die Zurichtung für die Arbeit der Fixpunkt, der den gesamten Lebensablauf strukturiert und alternative soziale Bezüge ausschließt. Da Teilzeitarbeit gleichzeitig als Billiglohnarbeit gedacht wird, die ihre Daseinsberechtigung allein aus der Kostenminimierung zieht, kann sie in der neokonservativen Perspektive nur als geregelte Form sozialer Depravierung wirksam werden, aber nicht als Bestandteil eines gesamtgesellschaftlichen Konzepts.</p>
<p>Die Neokeynesianer andererseits, soweit sie nicht mittlerweile nolens volens im Fahrwasser ihrer Gegner treiben und sich in die von der Kapitalseite jeweils diktierten Formen der Durchflexibilisierung fügen, stehen allen Formen von Teilzeitarbeit äußerst skeptisch gegenüber. Das gilt natürlich insbesondere für den gewerkschaftlichen Mainstream. Dessen A und O ist die Verteidigung des Normalarbeitstages und des Normalarbeitnehmers. Arbeitszeitverkürzungen sind in diesem Kontext zwar denkbar, sie müssen aber den Normalarbeitstag betreffen (35-Stunden-Woche). Von Gewerkschaftsseite wird Arbeitszeitverkürzung als eine Form von Beteiligung der Beschäftigten am Produktivitätsgewinn der Branche interpretiert. Undenkbar bleibt dagegen, daß es sich dabei um einen Schritt hin zur Auflösung der arbeitsgesellschaftlichen Normalität für alle handeln könnte.</p>
<p>Die Haltung des DGB zu Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich spricht Bände. Für die vom Gedanken der Besitzstandswahrung besessenen Arbeitnehmer-Bosse, deren fachökonomische Helfershelfer bezeichnenderweise notorisch für die Stärkung der Nachfrageseite im warenförmigen Gesamtirrsinn streiten, ist so etwas nur als erlittene Niederlage, aber nicht als Bestandteil einer größeren Lösungsstrategie denkbar. Gerade die Gewerkschaften verteidigen bis zum letzten Blutstropfen die Zentralität der Arbeit im Leben und die Einheit von Lohnarbeit und kompensatorischem Warenkonsum.</p>
<p>Genau bei dieser auf mittlere Sicht unhaltbaren Einheit muß eine systemtranszendierende Opposition aber ansetzen und sie aufsprengen. Arbeitszeitverkürzungen mit Lohneinbußen sind keineswegs prinzipiell abzulehnen oder bloß zähneknirschend zu akzeptieren, sie passen sehr wohl zu einer offensiven Ausrichtung, wenn eins dabei unmißverständlich klar ist: Das reale Reproduktionsniveau darf sich für breite Kreise auch bei sinkenden Geldeinkünften nicht verschlechtern. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, das Minus auf der Einkommenseite durch ein Minus auf der Ausgabenseite wettzumachen. Sie müssen jenen Freiraum erhalten und sich erobern können, der sie in die Lage versetzt, einen Teil ihrer Reproduktion außermonetär sicherzustellen. Wer weniger (lohn)arbeitet und weniger verdient, muß mit weniger Ausgaben ein besseres Leben führen können. Weniger Arbeit muß bedeuten, daß die Menschen ihre sozialen Rahmenbedingungen verändern und daß der Staat dahin gedrängt wird, die Voraussetzungen dafür mit zu schaffen, daß sie es können. Stellen wir die von den Konservativen auch bei anderen Themen so gerne eingeklagte neue »Bescheidenheit« in diesen Zusammenhang, so können wir den geforderten Lohnverzicht zur Forderung nach einer (partiellen) Negation der Lohn- und Warenform umdrehen. Das Streben nach einer radikalen allgemeinen Arbeitszeitverkürzung kann so gewendet den Einstieg in eine postmonetäre Ordnung eröffnen, weil sie gleichzeitig die Möglichkeiten zu kompensatorischem Warenkonsum beschränkt und den für selbstorganisierte Reproduktion notwendigen Zeitfonds zur Verfügung stellt.</p>
<h4>4.2.3 Die (partielle) Entkopplung der gesellschaftlichen Reproduktion von der Arbeits- und Geldform. Erste Schritte hin zur gesellschaftlichen Selbstorganisation am Beispiel des Wohnraumproblems</h4>
<p>Wer anhand der Forderung nach genereller Arbeitszeitverkürzung eine Gegenposition entwickelt, die gleichermaßen die neokonservative wie die neokeynesianische Sicht attackiert, kommt nicht umhin, das Thema Arbeitslosigkeit in einen größeren Kontext zu stellen. Es kommt also darauf an, vom scheinbar isolierten Sonderphänomen Arbeitslosigkeit eine Brücke zum gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß insgesamt schlagen. Die damit beginnende Neukonstituierung gesellschaftlicher Wirklichkeit findet zunächst auf der Ebene des öffentlichen Diskurses statt und verändert erst einmal durch neue Konfliktformulierungen die Art und Weise, wie die Probleme wahrgenommen werden. Sie bleibt dabei aber nicht stehen. Die Verknüpfung von Arbeitslosigkeit, Arbeitszeitverkürzung und Reproduktion zieht einen ganzen Rattenschwanz von gesellschaftlichen Problemen nach sich, die in die Umorientierung hineingenommen werden müssen und die allesamt auch als Betätigungsfelder von Bewegungsansätzen taugen. Sobald sich im öffentlichen Meinungsstreit mit der Krisenempirie im Rücken ein neuer, gegen die arbeitsgesellschaftliche Zumutung gerichteter Gegenstandpunkt abzeichnet, der unmißverständlich klar macht, daß die Reetablierung der arbeitsgesellschaftlichen Normalität weder möglich noch wünschenswert ist, können sich an allen möglichen Partialkonflikten zur Warenlogik querliegende Momente von gesellschaftlicher Selbstorganisation entwickeln.</p>
<p>Ich will an dieser Stelle nur auf die naheliegende Wohnungsfrage verweisen. Die Ära der Spekulation hatte ein im Vergleich zu den sonstigen Lebenshaltungskosten deutlich überproportionales Steigen der Mieten zur Folge. Wenn das freie Spiel von Angebot und Nachfrage den vielfach gesplitteten Wohnungsmarkt regulieren soll, dann wird es auf absehbare Zeit keine Rückkehr zu einem erträglichen Status quo ante geben. Gerade in der Krise, wenn die Realeinkommen sinken, der relativ unelastischen Nachfrage wegen die Mietpreise aber auf hohem Niveau verharren, kann daher die Mietfrage sehr schnell zu einer der drängendsten sozialen Überlebensfragen werden. Schon heute verausgaben insbesondere im großstädtischen Raum Bezieher niedriger Einkommen und Menschen mit Kindern bis zu einem Drittel ihrer Einkünfte allein für den Ausgabenposten Miete.</p>
<p>Bei Arbeitszeitverkürzung mit niedrigerem Lohneinkommen (oder sogar mehr), kann ein solches Mietniveau nicht mehr akzeptiert werden. Eine Idee drängt sich da ganz von alleine auf: Was unbezahlbar wird, wird nicht bezahlt, aber auch nicht geräumt. Wenn die Einsicht einsickert, daß der Markt und die Mechanismen staatlicher monetärer Redistribution immer weniger Menschen ein angemessenes Auskommen und menschenwürdige Lebensumstände sichern und daraus die Orientierung auf eine sukzessive Entkopplung der gesellschaftlichen Reproduktion von Geld und Lohnarbeit erwächst, was liegt da näher, als diesen Grundgedanken bei einem lebenswichtigen und gewichtigen Gut wie dem Wohnen praktisch umzusetzen? Das Nebeneinander von Leerstand und Wohnungslosigkeit, ein Phänomen, das mit der Verschlechterung der ökonomischen Lage sich ausbreiten wird, verspricht den Aneignungsgedanken weiter zu nähren.</p>
<p>Da Wohnraum ein Gut ist, dessen Reproduktionszyklus relativ lange währt, macht es gerade auf diesem speziellen Gebiet keine sonderlichen Schwierigkeiten, mit relativ simplen Mitteln und einer noch embryonalen Selbstorganisation auf Block- und Stadtteilebene die vorhandene gesellschaftliche Substanz in eigener Regie zu sichern. Arbeitsloses handwerklerisches Know-how jedenfalls steht massenhaft zur Verfügung, und die notwendigen materiellen Ressourcen lassen sich durch partiell vielleicht noch monetäre, aber weit unter dem Mietniveau liegende (Selbst)abschöpfung und eventuell zu erkämpfende staatlich-kommunale Zuflüsse sicherstellen. Der Versuch, den Reproduktionsaspekt Wohnen aus dem Marktkontext herauszulösen, bricht sicherlich nicht in sich selber zusammen, weil sich die Selbstorganisation aus »technischen Gründen« als allzu schwierig erweisen würde. Entscheidend ist allein, ob es gelingt, die juristische Fetischform aufzubrechen.</p>
<p>Der eine oder andere mag gelangweilt abwinken und einwenden, daß hier nur uralte Kamellen präsentiert werden, und auf das Schicksal der Hausbesetzerbewegungen der 70er und frühen 80er Jahre verweisen. Dieses Gegenargument sticht allerdings nicht. Beim Versuch, Perspektiven zu entwickeln, kommt es nämlich nicht darauf an, den Markt der Möglichkeiten um sensationelle Aktionsformen und nie geahnte Bewegungsfelder zu bereichern; es geht vielmehr darum, den Gesamtkontext zu reformulieren, in dem gerade auch scheinbar Altvertrautes in einem veränderten Zusammenhang eine neue Bedeutung erlangen kann.</p>
<p>Wer das mit einbezieht, dem wird klar, daß die versackte Hausbesetzerbewegung kein Präjudiz über eine neuerliche Besetzung der Wohnraumfrage liefert. Die Hausbesetzerbewegung der frühen 80er war im wesentlichen ein subkulturelles Ereignis. Sie amalgamierte die Wohnraumfrage mit dem Bedürfnis bestimmter Jugendkulturen nach gesellschaftlichen Freiräumen, und allein ihres Hangs zur Selbstghettoisierung wegen verspielte sie im Handumdrehen die anfänglich durchaus weitverbreiteten Sympathien.<a href="#21">(21)</a><a name="r21"></a> Eine solche Konstellation wird sich heute kaum noch einmal wiederholen. Wenn unter dem Vorzeichen massiver Kriseneinbrüche das Wohnraumproblem abermals auf die Tagesordnung gerät und sich dabei so etwas wie eine Bewegung herausbildet, dann wird diese von vornherein eine allgemeinere Grundausrichtung haben.</p>
<p>Es würde den Rahmen sprengen, wollte ich an dieser Stelle erörtern, welche Aktions- und Organisationsformen (Mietstreikbewegung, Besetzungen usw.) auf diesem Konfliktfeld entstehen könnten. Eins dürfte aber klar sein: Jeder Versuch, im Stadtteilrahmen das Wohnen zu reorganisieren, hat immense weitertreibende soziale Implikationen. Er kann den Rahmen und das Bezugsfeld liefern, in dem auch andere Aspekte des alltäglichen Lebens in die Reichweite von Selbstorganisation rücken. Wo Menschen nicht mehr zufällig nebeneinander wohnen, weil sie bei der gleichen juristischen Person für Räume im gleichen Anwesen einen Mietvertrag ergattert haben, sondern ihr Nebeneinander selber organisieren und dafür einen Modus vivendi finden müssen, ändern sich auch die sozialen Beziehungen nachhaltig (der soziale Zusammenhang hat sich schon verändert, sobald die allgemeine Ignoranz im urbanen Dschungel nicht mehr selbstverständlich ist). Wenn gleichzeitig der Staat bankrottiert und seine Aktivitäten einschränkt, was liegt da näher, als daß diejenigen, die nicht nur vom Zeitfonds, sondern auch vom Sinnbezug her aus der Lohnarbeit entlassen werden, vom Stadtteil aus auch solche sozialen Funktionen wie Altenbetreuung, Kinderversorgung, die Bekämpfung von krimineller Repression (sowohl polizeiliche als auch privat organisierte), lokale Nahrungsversorgung<a href="#22">(22)</a> <a name="r22"></a>usw. in die eigene Hand nehmen?</p>
<p>Es bedarf keiner besonderen Phantasie, um die Einwände zu antizipieren, auf die das hier entworfene »Luftschloß« stoßen wird. Die einen werden auf den »subjektiven Faktor« und die demoralisierende Wirkung der Krise verweisen, die anderen werden polemisch fragen, ob das vorgetragene Konzept, wenn man nur den »autonomen Lack« abkratzt, sich nicht im wesentlichen mit dem Subsidiaritätsprinzip deckt, wie es die CDU so gerne predigt.</p>
<p>Was den ersten Punkt betrifft, so kann es natürlich nicht darum gehen, die zersetzende Wirkung der Krise in Abrede zu stellen. Sie existiert und mit ihr ist zu rechnen. Daraus folgt aber keineswegs, daß die vollkommene Vereinzelung und soziale Verwahrlosung die einzige Tendenz sein muß, von der die zukünftige Entwicklung bestimmt wird. Wenn sich heute die demoralisierende Wirkung der blind fortgeschriebenen Arbeitsgesellschaft und die entsozialisierenden Folgen ihrer Krise zu einem sich immer weiter verdichtenden Gesamtunheil verbinden, dann hat das auch mit der scheinbaren Alternativlosigkeit der gegenwärtigen Situation zu tun. Den einzelnen fehlt einfach der Bezugspunkt zur gesellschaftlichen (Selbst)Veränderung. Dieser akute Mangel ändert aber nichts daran, daß die Erosion der Arbeitsgesellschaft nicht nur menschliche Potenzen zerstört, sondern auch in der bisherigen Normalität gebundene menschliche Energien freisetzt, die das »Aufhebungsprojekt«, sobald sich nicht nur seine theoretische, sondern auch seine unmittelbar lebenspraktische Dimension abzeichnet, reabsorbieren kann. Die Warengesellschaft entläßt nicht nur menschliche Wracks, sie schafft auch entkoppelte Gestaltungsfähigkeit, und beide Seiten überlagern sich nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern selbst noch in den einzelnen Individuen.</p>
<p>Wo eine Bewegung und eine andere Gestaltung des sozialen Beziehungsgeflechts erst einmal zu keimen beginnt und Menschen jenseits der Beliebigkeit des Warenzusammenhangs und in Abgrenzung davon sich so etwas wie ein selbstbestimmtes Terrain erobern, können auch embryonale Ansätze gerade der Unwirtlichkeit der versachlichten Vergesellschaftung wegen sehr schnell zu Attraktoren werden und eine bemerkenswerte Eigendynamik entwickeln. In einer Welt, in der die Menschen die Warensubjektivität nicht nur verkörpern, sondern auch an ihr leiden, besteht die Attraktivität von Bewegungsansätzen nicht zuletzt darin, daß sie einen Ansatz zum Ausbruch aus der Vereinzelung versprechen und auch tatsächlich bieten.</p>
<p>Um die Logik der Warengesellschaft aufzusprengen, müssen keine Übermenschen antreten, deren Psychoapparat durch göttlichen Eingriff vom Diktat der Warenform unbeleckt geblieben ist; es reicht vollkommen aus, wenn Männer und Frauen auch aus ihrem eigenen lebensweltlichen Druck heraus sich in Bewegung setzen und dabei lernen, sich selber mitzureflektieren und in ihrem warengesellschaftlichen So-Sein zu hinterfragen. Eine Aufhebungsbewegung, erst einmal begonnen, setzt eine eigene Realität und kann daher durchaus eine Art »makrotherapeutische Funktion« erfüllen. Diese Aufgabe ist kein Ballast, den irgendwelche nur an »objektiver Veränderung« interessierten und knallharten, über jede nur »subjektive Anwandlung« erhabenen Revolutionäre leider mitzuschleppen hätten; die Umwälzung der Psychostrukturen aller Beteiligten ordnet sich vielmehr als ein integrales Moment in den Gesamtprozeß ein. Es versteht sich von selbst, daß eine solche Entwicklung nie ohne Brüche, innere Widersprüche und retardierende Momente vonstatten gehen kann. Aber das ist kein Grund, sie als unmöglich und das Verhängnis als unausweichlich zu sehen. Genauso unhaltbar wie die Heilserwartungen einer positiven Geschichtsteleologie ist auch jeder negative Teleologismus. Das Spiel ist offen.</p>
<p>Die Aufhebung der Warengesellschaft fällt auch nicht mit der Selbstverwirklichung irgendeiner vorgängigen Gegensubjektivität zusammen. Sie ist vielmehr mit der sukzessiven Befreiung vom warengesellschaftlichen Subjektivitätszwang identisch. Gerade diese Tiefendimension als ein Prozeß der sozialen und psychischen Selbstveränderung läßt es nicht zu, daß die Umwälzung sich nach innen als friedliches Eiapopeia vollzieht und die Gestalt eines immerwährenden, nur von kleineren oder größeren Scharmützeln mit dem äußeren Feind unterbrochenen Straßenfestes annimmt. Sie wird eher von massiven inneren Konflikten begleitet sein. Wie in der Brust jedes einzelnen verschiedene Seelen miteinander kämpfen, so führen die ersten Schritte zu einer bewußten Gestaltung des gesellschaftlichen Raums, und sei es nur im Stadtteilrahmen, zwangsläufig zu einer Unmenge von Meinungsverschiedenheiten und handfesten Gegensätzen<a href="#23">(23)</a>; <a name="r23"></a>und es führt kein Weg daran vorbei, sie postdemokratisch auszutragen oder zumindest provisorische Arrangements zu finden.</p>
<p>Wenn diesen zentrifugalen Kräften zum Trotz dennoch die Formierung sozialer Bewegung gelingen kann, dann nur deswegen, weil die Frontziehung auf der Makroebene das ganze Geflecht von Binnenkonflikten, das mit den ersten Schritten zur Selbstorganisation ans Licht kommt, überlagern wird. Der Kampf gegen verschiedene Aspekte der arbeitsgesellschaftlichen Zurichtung sorgt für jene Integration, die in den Medien der Selbstorganisation erst nach und nach aus eigener Kraft herzustellen gelernt werden kann.</p>
<p>Dieser Hinweis führt schon zur Beantwortung des zweiten oben erwähnten Einwands. Die Konservativen beschwören angesichts der Sozialstaatsmisere die sogenannte Eigenverantwortung und polemisieren gegen das »Anspruchsdenken«. Der hier vertretene Ansatz ist entschieden gegen einen derartigen bloß appellativen Bezug auf die politischen Subjekte gerichtet. Auf den ersten Blick mag es für eine (ignorante) Kritik des Gedankens einer neuen gesellschaftlichen Selbstorganisation freilich so erscheinen, als sei dieser Ansatz mit dem neokonservativen Postulat der postsozialstaatlichen Eigenverantwortung kompatibel, weil er keine Heilserwartung mehr in einen wie auch immer reformierten Staat setzt und darauf verzichtet, nichts als eine exzessive Ausdehnung monetärer Redistribution einzuklagen. Von einem bornierten keynesianischen Standpunkt aus scheinen neoliberale Eigenverantwortung und postmonetäre Selbstorganisation dann auf die gleiche Konsequenz hinauszulaufen, nämlich auf staatliches Desengagement.</p>
<p>Beim Nachhaken löst sich diese vermeintliche Ähnlichkeit indes sofort auf. Dem Neokonservatismus geht es lediglich darum, die abstrakte staatliche Allgemeinheit aus der Pflicht zu entlassen und ersatzweise, mehr ideologisch als praktisch machbar<a href="#24">(24)</a>, <a name="r24"></a> den monadisierten Warensubjekten auch noch die Herstellung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufzubürden. Der Marktradikalismus verlangt also von den in ihrer Warenförmigkeit völlig unaufgehobenen vereinzelten Einzelnen, daß sie die knallharte Selbstinstrumentalisierung gemäß der arbeitsgesellschaftlichen Logik mehr denn je verinnerlichen und ihr vom Geld bestimmtes Schicksal auch jenseits der Arbeitsfähigkeit in pure marktwirtschaftliche Eigenregie übernehmen. Er fordert gleichzeitig von der bürgerlichen Blutsfamilie<a href="#25">(25)</a>,<a name="r25"></a> daß sie diese Selbstzurichtung nach Leibeskräften flankiert, für den überforderten Sozialstaat noch Lückenbüßerfunktionen übernimmt und in aller privaten Stille dessen Löcher stopft.</p>
<p>Eine von der Kritik der Warengesellschaft inspirierte Bewegung für Selbstorganisation dagegen tanzt nach einer anderen, weniger braven Melodie. Sie holt nicht die Kastanien aus dem Feuer, die der Sozialstaat hat fallen lassen, um sich dabei selbstbescheiden in die von der Vorherrschaft des arbeitsgesellschaftlichen Diktats gesetzten Rahmenbedingungen zu fügen. Ganz im Gegenteil kämpft sie ja um die selbstbestimmte Nutzung der stofflichen Ressourcen und des materiellen gesellschaftlichen Reichtums jenseits der Diktatur von marktwirtschaftlicher Rentabilität bzw. Finanzierbarkeit und tritt auf dieser Ebene nicht nur den Überresten der abstrakten staatlichen Allgemeinheit fordernd gegenüber, sondern befindet sich auch in Frontstellung zum arbeitsgesellschaftlichen Restsektor.</p>
<p>Selbstorganisation bedeutet also keineswegs, daß mit der gesellschaftlichen Bewegung sich endlich eine kollektive Mutter Teresa konstituiert, die mit Nichts und aus Liebe sich für die Beladenen aufopfert; gesellschaftliche Selbstorganisation bedeutet immer auch den Kampf um ihre eigenen materiellen Voraussetzungen. Sie muß Staat und Markt dazu zwingen, den institutionalisierten und akkumulierten stofflichen Reichtum auch dort neuen gesellschaftlichen Kräften zugänglich zu machen, wo das im Widerspruch zur warengesellschaftlichen Logik und ihrem Rechtssystem steht.</p>
<p>Die allgemeinste Voraussetzung postarbeitsgesellschaftlicher Aneignung ist im Grunde mit der Wohnungsfrage schon benannt. Jede Aktivität, sei sie nun markt- bzw. staatsförmig oder selbstorganisiert, braucht ihren adäquaten Raum. Wo Grund und Boden einen Preis bekommt, und sich das Phänomen der Grundrente zwischen die potentiellen Nutznießer und ihre Betätigung schiebt, schafft das allein schon einen Monetarisierungszwang, der sich je nach Höhe der Immobilienpreise und des Mietniveaus genau quantifizieren läßt. Bedürfnisorientierte Tätigkeiten, die diesem Zwang nicht Genüge tun können, haben von vornherein keine Chance. Eine auf die Neuformierung der gesellschaftlichen Reproduktion gerichtete Bewegung muß daher zwar nicht die unerfüllbare Forderung stellen, daß der Staat via monetäre Zuwendungen ihr Chancengleichheit auf dem Markt beschert; sie kommt aber gar nicht umhin, stattdessen eine realistischeres, aber auch radikales Ziel zu verfolgen, nämlich die institutionelle Beseitigung des Hindernisses der Grundrente.</p>
<p>Wo ein selbstorganisierter Zusammenhang der Reproduktion sich formieren soll, darf Grund und Boden nicht weiterhin Ware bleiben. Die Entscheidung, was mit Nutzungsflächen zu geschehen hat, und wer sie zu welchem Zweck benutzen darf, muß von den Kriterien des Marktes und der Verwertung entkoppelt werden und selbstverwalteten kommunalen Institutionen anheimfallen. Wie für die Regimes der nachholenden Modernisierung die Nationalisierung von Grund und Boden eine zentrale Voraussetzung für die Umsetzung ihrer Entwicklungskonzepte war, ebenso muß für eine postmonetäre Gesellschaft die Kommunalisierung von Grund und Boden erkämpft werden.<a href="#26">(26)</a> <a name="r26"></a>Natürlich wird es Zwischenschritte auf diesem Wege geben. In der Krise werden auch Grund und Boden ebenso wie Gebäude außer Kurs gesetzt, und Akte wilder Aneignung drängen sich da fast von alleine auf. Die Grundorientierung muß aber zumindest in theoretischer Hinsicht klar sein, und für die soziale Bewegung wird sie sich in den praktischen Auseinandersetzungen klären.</p>
<h4>5. Was vom Politischen bleibt oder: gesellschaftliche Selbstorganisation und Staatszerfall</h4>
<p>Eine Bewegung, die sich anschickt, den arbeitsgesellschaftlichen Horizont zu sprengen, läßt sich strenggenommen nicht mehr als politische Bewegung bezeichnen. Weil es ihr nicht darum geht, die abstrakte staatliche Allgemeinheit zu übernehmen oder neu zu konstituieren, sondern »nur« um die Regulation des stofflichen gesellschaftlichen Lebenszusammenhangs, hat sie den Standpunkt der Politik bereits hinter sich gelassen. Sie ist in ihrer ganzen Ausrichtung schon bei dem angelangt, was laut Marx das staatlich-politische Medium einmal ablösen soll, nämlich die selbstorganisierte »Verwaltung von Sachen«.</p>
<p>Wenn es die Bewegungen, die das »Aufhebungslager« konstituieren, nicht zur politisch-ideologischen Selbstdefinition drängt, dann bedeutet dies allerdings weder, daß die Ebene der Allgemeinheit überhaupt gegenstandslos geworden wäre, noch, daß sich jeder Bezug auf die Überreste des bestehenden Staates künftig erübrigen würde. An die Stelle des bisherigen politischen Kampfes um die Regulation der Arbeits- und Warengesellschaft tritt der postpolitische Kampf um materielle gesellschaftliche Ressourcen. Auf dem erreichten Niveau der Vergesellschaftung können sich Ansätze von Selbstorganisation natürlich nicht damit begnügen, Grund und Boden für sich zu erobern. Die »Instandbesetzung« der Gesellschaft läßt sich nur vollziehen, wenn es gelingt, bisher von Staat und Markt verwaltete Produktionsmittel auch gegen das Diktat der Verwertung in eine (nach stofflichen Gesichtspunkten umstrukturierte) autonome Reproduktion einzuspeisen. Die Selbstorganisation kann aber zunächst nicht alle notwendigen Ressourcen in ihrem eigenen Bezugsrahmen erzeugen. Postpolitischer Konflikt und postpolitische Kooperation mit den Überresten der staatlichen Instanzen müssen die Ansätze selbstbestimmter Reproduktion flankieren und den bis auf weiteres notwendigen Zugang zum warengesellschaftlichen Teil der Produktion eröffnen.<a href="#27">(27)</a> <a name="r27"></a></p>
<p>In Abgrenzung zu den landläufigen dualwirtschaftlichen Vorstellungen habe ich bereits betont, daß die Beziehungen zwischen den Segmenten von Selbstorganisation und der abstrakten staatlichen Allgemeinheit von Konflikten und Kämpfen geprägt sein werden. Im letzten Abschnitt dagegen war von (partieller) Kooperation die Rede, und schon vorher brachte ich Forderungen ins Spiel, die nur staatliche Instanzen umsetzen können, aber nicht unmittelbar die Bewegung selber. Wie lassen sich derart einander scheinbar widersprechende Aussagen überhaupt zusammendenken?</p>
<p>Der Widerspruch, der sich hier auftut, ist nicht in den Ungereimtheiten der Idee von reproduktiver Selbstorganisation im Niedergangsprozeß der Arbeitsgesellschaft begründet, sondern in der Sache selbst; genauer gesagt: in der zwiespältigen Entwicklung, die das System der Staatsapparate unter Krisenbedingungen und in der Konfrontation mit einer neuen Bewegung sozialer Emanzipation nehmen muß. Die staatliche Apparatur kann die Krisenwellen nicht als homogene Einheit überleben, sie wird sich vielmehr spalten; und einige der inneren Konfliktlinien zeichnen sich heute schon ab. Wo der Kampf zwischen arbeitsgesellschaftlichem Pol und Selbstorganisation entbrennt, werden auch Teile des zerbrechenden Staatsapparats in dem entstehenden Spannungsfeld eine zumindest partielle Affinität zur Seite der Aufhebung entwickeln können, wenn auch nur notgedrungen.</p>
<p>Am offensichtlichsten ist die Möglichkeit zum Brückenschlag für die historisch jungen, dem Staat angelagerten gesellschaftlichen Rahmeninstitutionen. Bis in die 70er Jahre hinein hat sich unter der Ägide der abstrakten staatlichen Allgemeinheit eine Vielzahl von professionalisierten Einrichtungen herausgebildet, die das erreichte Vergesellschaftungsniveau nicht nur repräsentieren, sondern es auch praktisch herstellen. Vom Gesundheits- bis zum Bildungswesen, von der Altenversorgung bis zum staatlichen Umweltschutz erstrecken sich heute weite Bereiche, die entweder aus dem traditionellen lebensweltlichen Bezug ausgegliedert wurden oder völlig neu entstanden und über die Mechanismen öffentlicher monetärer Redistribution an die Arbeitswelt und ihre Funktionslogik angekoppelt wurden. Angesichts der mit der Krise der Arbeitsgesellschaft einhergehenden finanziellen Bredouille des Steuerstaates und des Zwangsversicherungswesens gerät dieser breite Sektor nachhaltig unter Druck. Einerseits wird der Trend sichtbar, gesellschaftliche Aufgaben, die sich eigentlich der Warenform sperren, krampfhaft in verkäufliche Güter zu verwandeln. So wollen die Hardcore-Privatisierer in ihren Fieberträumen selbst noch Gefängnisse in gewinnträchtige Unternehmen verwandeln. Andererseits droht dem gesamten vom Staat nicht mehr finanzierbaren Segment die Austrocknung. Dieser Druck kann polarisierend wirken. Während die einen angesichts fortschreitender Prekarisierung willfährig die vom Sachzwang inaugurierte Entgesellschaftungslogik exekutieren und nur noch dafür kämpfen, trotz insgesamt schrumpfender Töpfe den eigenen Arbeitsplatz zu sichern, könnte sich gleichzeitig der Raum für eine alternative Position herausbilden, die gewillt ist, in eigener Regie diese Aufgaben weiter sicherzustellen<a href="#28">(28)</a> <a name="r28"></a>und dabei auch gegen die monetäre Logik für die notwendigen stofflichen Ressourcenflüsse eintritt.</p>
<p>Wenn z.B. das Gesundheitswesen bankrottiert, wird es vielleicht medizinisches Personal geben, das so etwas wie Krankenpflege aufrechterhalten will, selbst wenn es sich persönlich für eine arbeitsgesellschaftliche Karriere nicht (mehr) rechnet.<a href="#29">(29)</a> <a name="r29"></a>Wenn der Staat bei seiner Rückzugsbewegung im Schulwesen zum Zaungast wird und sich deswegen vielleicht Ansätze zur Selbstorganisation des Bildungswesens herauskristallisieren, dann werden die ehemals und partiell auch weiterhin vom Staat besoldeten Lehrkräfte natürlich an diesem Prozeß entscheidenden Anteil haben. So könnten auch andere Staatsbedienstete zusammen mit ihrer bisherigen Klientel stillgelegte oder von Stillegung bedrohte Bereiche in eigene Regie mitübernehmen und mitorganisieren. Soweit die Angehörigen der Apparate sich also nicht widerstandlos der Krisenlogik beugen, sondern stattdessen versuchen, das erreichten Vergesellschaftungsniveau zu halten, werden sie zum »natürlichen« Bestandteil einer postmonetären sozialen Bewegung. Sie bringen in vielen Bereichen erst das notwendige Know-how mit, ohne das eine gesellschaftliche Selbstorganisation gar nicht funktionieren kann.</p>
<p>Bei den angesprochenen infrastrukturellen Sektoren liegt es nahe, daß sie von einer Bewegung hin zu gesellschaftlicher Selbstorganisation miterfaßt werden, ja vielleicht sogar eine Vorreiterrolle bei deren Formierung übernehmen. Ein anderes Bild bietet allerdings der Staatsapparat im eigentlichen Sinn, die Bürokratie von Bund, Ländern und Gemeinden bzw. die dazugehörigen politischen Körperschaften. Aber auch in deren Beziehungsgeflecht wirken die ökonomischen Kriseneinbrüche polarisierend, und es ergeben sich vielleicht Berührungspunkte zwischen einem Teil des Staatsapparates, der das bestehende Vergesellschaftungsniveau verteidigt, und Ansätzen gesellschaftlicher Selbstorganisation.</p>
<p>Wenn sich überhaupt Brücken zwischen Selbstorganisation und offizieller abstrakter Allgemeinheit schlagen lassen, dann vornehmlich auf der untersten kommunalen Ebene. Das hat seinen guten Grund. Die Simulation arbeitsgesellschaftlicher Normalität geht innerhalb des staatlichen Gesamtgefüges nämlich einseitig zu Lasten nachgeordneter Gebietskörperschaften und stellt vor allem deren Funktionsfähigkeit in Frage. Es ist kein Geheimnis, daß der laufende Sozialabbau in der Bundesrepublik ebenso wie in anderen westlichen Ländern die finanziellen Lasten für die öffentliche Hand insgesamt kaum verkleinert, sondern vornehmlich nur umverlagert hat. Es handelt sich im großen und ganzen um ein Nullsummenspiel. Einsparungen, die den Kassen der Zwangsversicherungen und den Bundes- und Länderhaushalten zugute kommen, reißen zusätzliche Löcher in die kommunalen Haushalte. Bei Maßnahmen wie der zeitlichen Befristung von Arbeitslosenhilfe, die sofort die gemeindlichen Sozialhilfelasten anschwellen lassen, liegt dieser Zusammenhang auf der Hand.<a href="#30">(30)</a> <a name="r30"></a></p>
<p>Aber auch scheinbar auf einer anderen Ebene vollzogene Sparmaßnahmen wie die Privatisierung der Bundesbahn ziehen regelmäßig ganz ähnliche Nebenfolgen nach sich.<a href="#31">(31)</a> <a name="r31"></a>Den Letzten beißen die Hunde, und der Letzte ist immer die Kommune. Dieser Befund läßt sich extrapolieren. Den Zentralinstanzen steht ein umfängliches Instrumentarium zur Verfügung, um arbeitsgesellschaftliche Normalität zu mimen und den Druck der Krisenwirklichkeit an die unteren Körperschaften weiterzugeben. Den Kommunen fehlt ein solcher Spielraum nach unten. Sie können zwar versuchen, durch rigide Vermarktung städtischer Leistungen und durch brutale Schließungspolitik dem Bankrott gegenzusteuern; beides wird aber nicht nur auf Widerstand treffen, sondern selbst bei einer sehr großzügigen Auslegung des Begriffs von »überflüssigem Luxus« können solche Maßnahmen kaum mehr sein als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Was da an Ausgaben abgeschmolzen wird, ist im Handumdrehen durch zusätzliche, von den Zentralinstanzen abgewälzte Belastungen überkompensiert.</p>
<p>Der Staatsbankrott erwischt also zuerst gerade die Gemeinden als das schwächste Glied. Die schiere Not und die bei aller ideologischen Bornierung nicht völlig vermeidbare Praxisnähe machen es aber vorstellbar, daß einige kommunale Verwaltungen sich auch für Ideen öffnen könnten, die quer zu ihrem warengesellschaftlichen Auftrag liegen. Weil sie nicht nur mit statistischen und damit schon monetarisierten Größen hantieren können, sondern es stets auch hautnah mit der empirischen Wirklichkeit zu tun bekommen, ist es möglich, daß in den untersten Verwaltungen gewissermaßen Fraktionen entstehen, die hinsichtlich der Bewegungsfreiheit und Ressourcen-Aneignung von sozialen Bewegungen nicht nur klammheimliche Sympathie zu erkennen geben, sondern auch so etwas wie ein subkutanes Bündnis eingehen könnten.</p>
<p>Wie sich im Einzelnen die Interessen von Kommunen und gesellschaftlicher Selbstorganisation überlagern können, läßt sich an den verschiedensten Problemfeldern exemplifizieren. Da ich schon mehrfach das Problem des Wohnens bemüht habe, will ich auch in diesem Zusammenhang noch einmal auf diese Frage rekurrieren. Ein Staat, der angetreten ist, die arbeits- und warengesellschaftliche Ordnung sicherzustellen, überläßt natürlich auch das Gut Wohnen am liebsten dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Da der sich selbst überlassene Wohnungsmarkt aber schon immer für das soziale Gefüge fatale Ergebnisse zeitigte, blieb dem Staat allerdings schon von jeher nichts anderes übrig, als in diesen Bereich einzugreifen. Zwei marktkonforme Mittel hat er dabei entwickelt. Zum einen wurde er auf der Angebotsseite als Mitanbieter aktiv (»sozialer Wohnungsbau«), zum anderen setzte er seine monetären Redistributionspotenzen für »sozial Benachteiligte« ein und ermöglichte es ihnen, durch finanzielle Zuschüsse auf dem Markt mitzuhalten (»Wohngeld«).</p>
<p>Diese Form der Subventionierung folgt dem üblichen arbeitsteiligen Muster. Der Bund erstellt die gesetzliche Grundlage, die Gemeinden müssen sich die Mittel aus den Rippen schneiden, um die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen. Mittlerweile bestimmt die Entwicklung des Mietniveaus und damit der Aufwendungen für Wohngeld den Zustand der Gemeindefinanzen besonders in den großstädtischen Räumen weit mehr als jedes noch so exzessive Streichkonzert im Kultur- und Sozialetat. Liegt es da nicht im wohlverstandenen Eigeninteresse der Kommunen, Formen von selbstorganisiertem Wohnen und des Mietkampfs zu unterstützen, wenn sie die Lasten nicht mehr bezahlen können, die für sie aus dem Selbstlauf des Marktes erwachsen?</p>
<p>Angesichts wachsender Massenarbeitslosigkeit und der Misere des Sozialstaats fällt den herrschenden neokonservativen Verteidigern der Arbeitsgesellschaft regelmäßig nur eines ein: Das Leben im sozialen Netz muß so unattraktiv gestaltet werden, daß die Betroffenen noch jede Form von Billiglohn der Arbeitslosigkeit vorziehen. Als ultima ratio dient die Drohung mit einer sogenannten gemeinnützigen Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfänger. Bei Städten und Gemeinden, denen ganz selbstverständlich die unmittelbare Sklavenhalterfunktion zufallen würde, erfreuen sich derartige Vorstellungen keiner sonderlichen Beliebtkeit. Für sie wäre die Disziplinierungsaufgabe nur mit zusätzlichen Kosten verbunden, während sie keinerlei Nutzen daraus ziehen könnten. Wäre es da nicht vielversprechender, zu Deals mit den Selbstorganisationen Betroffener zu kommen und reale kommunale Funktionen samt den dazu notwendigen Mitteln an diese abzutreten?</p>
<p>Wenn also zumindest auf der kommunalen Ebene die Aufhebungsbewegung den Staat nicht ausspart, sondern seine Ressourcenverwaltung umzubiegen sucht, könnte es dann auch als naheliegend erscheinen, sogar mit einer antipolitischen Ausrichtung am politischen Geschäft zu partizipieren und parlamentarisch mitzumischen? Diese für prinzipienhafte Gemüter vielleicht provokative Frage läßt sich nicht allgemein-strategisch, sondern nur pragmatisch-taktisch beantworten. Was in der Gründungsphase der Grünen eben wegen der mangelnden Grundsatzkritik an Markt und Staat noch Gegenstand eines Glaubenskriegs war, stellt sich im Krisenszenario und vor dem Hintergrund einer radikalen Absage an die Arbeits- und Warengesellschaft weit undramatischer dar. Wer sich klar gemacht hat, daß gesellschaftliche Selbstorganisation bereits im Ansatz qualitativ jenseits von Politik liegt, daß sie sich aber mit diesem Selbst-Bewußtsein nur in einem von der zerbröselnden abstrakten Allgemeinheit der staatlichen Apparate mitstrukturierten Raum entfalten kann, der hat sich damit nicht nur von jedem politischen Gestaltungswahn der Arbeitsgesellschaft verabschiedet, er kann gleichzeitig auch auf dessen Spiegelbild eines abstrakten Antiparlamentarismus verzichten. Eine solche Haltung kann mittlerweile durchaus am Massenbewußtsein anknüpfen. Die Krisenwirklichkeit hat dem Ende politischer Gläubigkeit fleißig vorgearbeitet und die Basis für eine politische Mobilisierung im alten Sinne gründlich untergraben. Angesichts der Blamage der Politik vertreten sowieso nur mehr Berufspolitiker und die Bewohner einiger linker Reservate einen emphatischen Politikbegriff. Dieser Erfahrungshintergrund wird wohl mit dafür sorgen, daß die Idee, (partei)politische Betätigung könne Selbstorganisation ersetzen, erst gar nicht Fuß fassen kann.</p>
<p>Auch dort, wo eine bewußt auf gesellschaftliche Selbstorganisation ausgerichtete soziale Bewegung das parlamentarische Parkett betreten würde, könnte sie sich schon allein deshalb, weil sie immer mit dem Staatsbankrott kalkulieren muß, nicht in ideologischen Scheinkämpfen verschleißen, sondern nur schlicht in ihrem eigenen postpolitischen Interesse Position dazu beziehen, wie Ressourcen zu verwenden und der praktische gesellschaftliche Betrieb zu organisieren ist. Die der Warenform entsprechende abstrakte Ideologisierung könnte sie freiwillig den Vertretern des Systems überlassen, und gerade dieser Verzicht würde ihrer Attraktivität in längst politik- und ideologiemüden Zeiten nur förderlich sein.</p>
<p>Wer nur ein wenig stochert, stößt sofort auf einen gewaltigen Misch- und Graubereich, in dem Ansätze von Selbstorganisation nicht nur manövrieren, sondern auch eine enorme Dynamik entwickeln könnten. Das neue Terrain hat natürlich auch seine Untiefen, die es auszuloten gilt. So mancher Kompromiß und so mancher halbherzige Schritt wird zunächst in Vereinnahmung enden oder sich ad absurdum führen. Die möglichen Entwicklungen lassen sich a priori nur bedingt antizipieren. Mein unsystematischer Schweinsgalopp quer durchs weite Feld des Aufhebungsproblems kann natürlich die nötige Ausdifferenzierung noch nicht leisten. Ich habe sicherlich mehr Fragen aufgeworfen, als vorerst beantwortet werden können. Eines ist aber vielleicht klar geworden: Wenn es nur gelingt, die Selbstverständlichkeit des arbeitsgesellschaftlichen Diktats zu brechen, dann wird das Gefühl völliger Lähmung weichen, das im Augenblick nicht nur den notorisch oppositionellen Teil der Gesellschaft beherrscht, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes.</p>
<p>Das Kaninchen, das die arbeitsgesellschaftliche Ordnung fixiert und darüber in Starre verfällt, wird seine Handlungs- und Bewegungsfähigkeit wieder erlangen, sobald die Schlange nur für alle sichtbar und nachvollziehbar attackiert wird. Am Anfang verändernder Praxis steht die ideelle Offensive. Die Konfliktformulierung geht den realen Aufhebungskämpfen voraus.</p>
<p><a name="1"></a><a href="#r1">(1)</a> Solange in der Arbeiterbewegung genossenschaftliche Vorstellungen eine zentrale Rolle spielten, in denen die Selbstorganisation noch als Alternative zum Markt und nicht als alternative Form der Marktteilnahme verstanden wurden, lagen ihre Anstrengungen quer zur Verallgemeinerung des warengesellschaftlichen Formdiktats. Indem die antikapitalistische Bewegung zum Synonym für gewerkschaftliche Bestrebungen und den Aufbau von Arbeiterparteien schrumpfte, räumte sie dieses Hindernis selber fort. Mit der selbstverständlichen Anerkennung der Dichotomie von Gewerkschaft und Partei reproduzierte sie auf ihrem eigenen Boden die Doppelexistenz des bürgerlichen Subjekts als »Citoyen« und »Bourgeois« und sorgte für die beschleunigte formadäquate Selbstzurichtung der traditionellen Unterklassen.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#r2">(2)</a> Das gilt natürlich nicht für den Anarchismus. Zu einer radikalen Kritik gelangte aber auch diese Strömung keineswegs. Einseitig auf die Staatsfeindschaft fixiert, boten der Anarchosyndikalismus und artverwandte Positionen eher der Marktapologie Ansatzpunkte und wiederholten insofern lediglich spiegelverkehrt die dem Marxismus immanente Verkürzung von Gesellschaftskritik.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#r3">(3)</a> Dieses Schema liegt nicht nur der Abrechnung der 3. Internationale mit der Sozialdemokratie zugrunde; es fand später auch bei der Beurteilung des »Realsozialismus« wieder exzessive Anwendung. Spätestens mit Trotzkys Kritik an Stalin gewöhnten sich jene Linken, die auf Distanz zum sowjetischen Vorbild gingen, an eine Argumentation, in der die »Entartung des Sozialismus« als Übergang zur ausbeuterischen Herrschaft einer bürokratischen Klasse erschien, die aus dem Proletariat hervorgegangen sei und die Arbeiterschaft nun selber knechte, um mit allen Mitteln ihre Privilegien zu sichern.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#r4">(4)</a> Man denke in diesem Zusammenhang an die alte Endlos-Debatte um die Frage, ob (und wie) Revolutionäre am parlamentarischen System partizipieren oder sich besser in Abstinenz üben sollen.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#r5">(5)</a> Natürlich kann die Warengesellschaft und ihre abstrakte staatliche Allgemeinheit nach wie vor Gegenbewegungen eingemeinden und tut das auch. Die Entwicklung der im Gefolge der ersten ökologischen Bewegungswelle entstandenen Grünen ist nur ein Beispiel dafür. Diese Absorption kann das aufgeworfene Problem aber dennoch nicht aus der Welt schaffen. Es bleibt virulent und wird über kurz oder lang erneut auf gesamtgesellschaftlicher Ebene thematisiert werden. Das mittlerweile parteiübergreifende Bekenntnis zum ökologischen Umbau der Marktwirtschaft ändert nichts daran, daß sich die ökologische Problematik der Logik von Staatlichkeit und Geld schlicht und einfach sperrt. Versteht man unter »sozial« nichts anderes als monetäre Redistribution und den Interessenausgleich zwischen Kapital und Arbeit, dann kann es wenigstens in der Expansionsphase des warenproduzierenden Systems tatsächlich so etwas wie eine »soziale Marktwirtschaft« geben. Ein »Ökokapitalismus« jedoch ist allen Regentänzen und Beschwörungsformeln von Politikern und Wirtschaftsmoralisten zum Trotz ein Widerspruch in sich. Es kann und wird ihn nie geben.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#r6">(6)</a> Wenn diese Differenz auch vielen von denjenigen unklar ist, die mit der krisentheoretischen Position der »Krisis« d&#8217;accord gehen, dann ist das natürlich weniger ihrem persönlichen Unvermögen, sondern mehr dem Diskussionsstand geschuldet. Solange die Aufhebungsfrage nicht selber als expliziter Gegenstand behandelt wird, liegt es nur allzu nahe, dieses vernachlässigte Problem behelfsmäßig mit Konzeptionen und Erfahrungshintergründen auszustaffieren, die aus der verblichenen linksradikalen Diskussion stammen. Es entgeht einem dann relativ leicht, daß die zunächst scheinbar altvertrauten und angeblich ärmlichen Forderungen, wie sie im Postulat der Selbstorganisation erscheinen, heute möglicherweise in einem anderen, noch genauer auszuformulierenden Kontext stehen und damit auch eine neue Bedeutung gewinnen können.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#r7">(7)</a> Das heißt allerdings nicht, daß der »geschichtsphilosophischen Ebene« keinerlei Bedeutung zukommt. Gerade der Perspektivwechsel schafft ein plastisches, mehrdimensionales Bild der Wirklichkeit. Der Kontext, in dem die Detailfragen stehen, wird oft erst deutlich, wenn wir den planetaren Schauplatz von außen betrachten, und dann Strukturen erkennen, die für uns, solange wir uns in ihnen bewegen, unsichtbar bleiben.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#r8">(8)</a> Mehrfach wurde schon vorgerechnet, daß die Umweltgesamtbilanz von Autos mit Katalysator im Vergleich zu solchen ohne keineswegs positiv ausfällt. Das Weniger an emittierten Schadstoffen wird durch die bei der Produktion dieser Geräte angerichteten Schäden kompensiert. Allein die für den Katalysatorenbau notwendige landschaftszerstörende und energieaufwendige Platingewinnung dürfte aufs Ganze gesehen die vielgepriesene technische Lösung zum ökologischen Nullsummenspiel machen.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#r9">(9)</a> Diese Tatsache haben die westlichen Regierungen inzwischen fast allesamt de facto anerkannt, indem sie ihre Atomprogramme heruntergefahren haben.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#r10">(10)</a> Wenn die Befürworter des Atomprogramms das berühmte Arbeitsplatzargument ins Feld führten, so konnten die Gegner noch immanent gegenhalten und unschwer nachweisen, daß dieser Einwand gesamtgesellschaftlich gesehen schlicht und einfach unberechtigt war. Im Streit um den Sinn und Unsinn des Automobils ist eine solche Argumentation nicht mehr möglich, zumindest nicht plausibel. Wer das Auto attackiert, kann nur gewaltsam Ersatzarbeitsplätze herbeischwindeln. Wer also einigermaßen redlich und erfolgreich debattieren will, muß schon bereit sein, die Arbeitsplatzfrage selber in Frage zu stellen.</p>
<p><a name="11"></a><a href="#r11">(11)</a> Diesen Zusammenhang hat übrigens eine millionenstarke, offen terroristische Vereinigung schon lange auf den Punkt gebracht. Eine ihrer Selbstbezichtigungsparolen lautet bekanntlich: »Freie Fahrt für freie Bürger«.</p>
<p><a name="12"></a><a href="#r12">(12)</a> Der vereinzelte einzelne erlebt sich selber als ein punktförmiges, dem gesellschaftlichen Ensemble äußerlich gegenüberstehendes Wesen. Dieser Daseinsweise entsprechend, die ihnen angetan wird und die sie sich selber antun, gestalten die Monaden auch ihr Lebensterritorium um. Der offene gesellschaftliche Raum wird tendenziell vernichtet und in voneinander isolierte Raumpunkte aufgelöst. Was einmal allgemein zugänglicher Raum und Teil der Lebenswelt war, schrumpft zum Zwischenraum, den es möglichst schnell und reibungslos zu passieren gilt, und der entsprechend lieblos zugerichtet wird. Das »Leben« findet in eng umgrenzten, nach außen abgeschirmten und funktional zugeordneten Inseln (Beruf, Wohnen, Freizeit) statt. Dem Automobil kommt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Bedeutung zu. Die Automobilmachung wird gleich in doppelter Weise wirksam. Einerseits »löst« sie das neue Mobilitätsbedürfnis und ermöglicht es überhaupt erst, daß die funktionale Differenzierung sich als räumliche Trennung realisieren kann. Andererseits spielt es die Hauptrolle bei der Zerstörung des Zwischenraums. Wo Autos zwischen den eingeigelten Lebensinseln verkehren und die Durchfahrt Vorfahrt hat, da kann es keinen Grund mehr zum Verweilen geben. Das Problem ist an sich altbekannt. Autoren wie Sennett (»Die Tyrannei der Intimität«), ja sogar schon Mitscherlich (»Die Unwirtlichkeit unserer Städte«) und viele andere haben es beschrieben. An Brisanz hat es deswegen aber nichts verloren, im Gegenteil.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#r13">(13)</a> Wer versucht, sich mit Hilfe einer Rohrzange die Hose anzuziehen, wird spätestens beim Versuch, den Knopf zu schließen, vor argen Schwierigkeiten stehen und aller Wahrscheinlichkeit nach entmutigt seine Tage mit heruntergelassener Hose verbringen. Kritikansätze, die sich damit abmühen, den Realabstraktionen Geld und Staat sinnliche Vernunft einzublasen, also die bösen Folgen der blinden Verwertungsbewegung mit deren eigenen Instrumenten zu beheben, stehen vor einer ganz ähnlichen Situation. Der Wechsel von hektischer Betriebsamkeit und abgrundtiefer Resignation ist vorgezeichnet. Der Hinweis darauf, daß es vielleicht legitim und möglich sei, die Hose mit bloßen Händen hochzuziehen und zu schließen, kann in dieser innerhalb des schildaesken Bezugssystems schier »ausweglosen Lage« etwas Befreiendes haben. Zwar werden die meisten den ungewöhnlichen Vorschlag zunächst äußerst verwundert zur Kenntnis nehmen, und die hartgesottenen Realisten, die eine gewisse theoretische Virtuosität im Umgang mit der Rohrzange entwickelt haben, werden in vielseitigen Traktaten nachweisen, wie lachhaft und weltfremd doch die Zumutung zangenlosen Kleiderwechsels sei, aber revolutionäre Ideen brauchen nun einmal eine gewisse Anlaufzeit, und hysterische Abwehr kündet für gewöhnlich schon vom schließlichen Erfolg dessen, was da vehement abgewehrt wird.</p>
<p><a name="14"></a><a href="#r14">(14)</a> Orio Giarini, Ökologie, Ökonomie und was darin Wert trägt, in: Joseph Huber (Hrsg.), Anders arbeiten &#8211; anders wirtschaften, Frankfurt 1979, S.195.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#r15">(15)</a> Peter Glotz, Die Zuspitzung der Arbeit, in: Hans-Ulrich Klose, Michael Müller (Hrsg.), Befreiung der Arbeit, Bonn 1986.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#r16">(16)</a> André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin/West 1983, S.69 f.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#r17">(17)</a> André Gorz, Abschied vom Proletariat, Frankfurt 1988, S.162.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#r18">(18)</a> Peter Glotz, Die Zuspitzung der Arbeit, in: Hans Ulrich Klose, Michael Müller (Hrsg.), Befreiung der Arbeit, Bonn 1986, S.44.</p>
<p><a name="19"></a><a href="#r19">(19)</a> Wo die Sozialdemokratie das Pech hat, durch die Verkettung unglücklicher Umstände in den Besitz der Regierungsgewalt zu geraten, sieht sie sich inzwischen genötigt, den neokonservativen Streichpart gleich mit zu übernehmen.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#r20">(20)</a> Angesichts der destruktiven Folgen, die eine arbeitsgesellschaftliche Zurichtung von Mensch und Natur nach sich zieht, drängt sich der Verdacht auf, daß dieser Verlust realiter auch ein Gewinn sein könnte. Was zunächst als Notlösung erscheint, birgt emanzipative Potentiale.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#r21">(21)</a> Bei diesem Werk wirkten übrigens beide Hauptflügel der Bewegung einträchtig zusammen. Die »Schöner Wohnen«-Fraktion versackte in alternativer Häuslebauermentalität, behandelte den Stadtteilzusammenhang nur mehr als schickes Ambiente und wurde so letztlich zum Vorreiter der Yuppiefizierungs-Tendenzen im Kiez. Der militante Flügel andererseits benutzte den Stadtteil als bloße Bühne, auf der er seine selbstinszenierte abstrakte Widerstandssubjektivität zelebrieren konnte. Gerade diese Ankopplung des Bewegungsimpulses an den Zeitgeist der Simulations-Ära verunmöglichte aber eine weiterreichende gesellschaftliche Ausstrahlung.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#r22">(22)</a> Das schließt die Kooperation mit der ländlichen Bevölkerung bei der Produktion von Nahrungsmitteln natürlich ein.</p>
<p><a name="23"></a><a href="#r23">(23)</a> Diese Disparitäten existieren natürlich auch heute schon. Sie werden allerdings in der Warengesellschaft durch die Medien Recht und Geld, von denen die sozialen Beziehungen monopolisiert sind, verniemandet. Als unmittelbar personale Auseinandersetzung treten sie nur in Form gelegentlicher Gewaltakte in Erscheinung. Die Selbstorganisation wird mit der ganzen ausgeblendeten und angestauten Alltagsbrutalität konfrontiert werden. Sexistische und rassistische Haltungen lösen sich ebensowenig über Nacht auf wie andere häßliche Bestandteile der Warensubjektivität.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#r24">(24)</a> Praktisch bleiben diese Aufgaben schlicht und einfach unerledigt, sobald der Sozialstaat bei gleichzeitig weiterlaufender Totalabhängigkeit von Geldeinkommen zurückgefahren wird.</p>
<p><a name="25"></a><a href="#r25">(25)</a> Wo von der Verantwortung der Familie gesprochen wird, sind de facto natürlich nichts anderes als die subsidiären Mühen der Frau gemeint.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#r26">(26)</a> Für ein Entwicklungsregime, das einen auf abstraktes Wachstum und die Erzeugung monetarisierten Reichtums ausgerichteten Modernisierungsprozeß in Gang setzte, war das Nationaleigentum an Grund und Boden die adäquate Form. Für jede zentralstaatlich operierende Administration kam es nur darauf an, »parasitäre« feudale Schichten auszuschalten und gleichzeitig Grund und Boden in ein überall gleichermaßen der (staatlich organisierten) arbeitsgesellschaftlichen Entjungferung zugängliches Terrain zu verwandeln. Eine Gesellschaft, die nicht ihre eigene Unterwerfung unter die überall gleiche Abstraktion plant, sondern ihren konkreten stofflichen Vernetzungszusammenhang, muß dagegen die Verfügungsgewalt über Grund und Boden im wesentlichen auf die Ebene kommunaler Selbstorganisation verlegen. Die Kommune bildet die Grundeinheit bei der Regulation des gesellschaftlichen Vernetzungszusammenhangs, und in ihre Kompetenz muß daher auch die Zuteilung der allgemeinsten Produktions- und Lebensgrundlage fallen. Kommune meint hier natürlich nicht allein die städtische Agglomeration, sondern auch das dazugehörige ländliche Umfeld.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#r27">(27)</a> Wahrscheinlich können die Ansätze von Selbstorganisation nicht nur mit dem ungleichen Partner der staatlichen Notstandsverwaltung partiell kooperieren, sondern auch mit krisengeschüttelten, auf Warenproduktion ausgerichteten Unternehmen. Es würde an dieser Stelle allerdings zu weit vorgreifen, die sich dabei ergebenden Möglichkeiten und Schwierigkeiten auch nur zu skizzieren.</p>
<p><a name="28"></a><a href="#r28">(28)</a> Selbstredend würde sich auf solch einer Grundlage auch das Verhältnis zwischen Klientel und professionell Beschäftigten gründlich verändern. Wo heute auch im sozialen Bereich Exekutoren an ihren Arbeitsgegenständen Arbeitsquanten verrichten, also die allgemeine arbeitsgesellschaftliche Logik selbst auf diesem Gebiet noch Urständ feiert, fällt ohne diesen von der Geldlogik aufgeherrschten Bezugsrahmen die fixierte Rollenzuteilung von Arbeitssubjekt und Arbeitsgegenstand in vielen Bereichen fort.</p>
<p><a name="29"></a><a href="#r29">(29)</a> Dieser Gesichtspunkt ist nicht mit der edlen, jedoch seltenen Gabe des Altruismus gleichzusetzen. Zu den notwendigen Ressourcenflüssen gehört natürlich auch das Auskommen der in diesen Bereichen Beschäftigten selber. Es ist selbstverständlich, daß für sie eine angemessene Lebensführung möglich sein muß, und wo das gesellschaftliche Umfeld sich in vieler Hinsicht nach wie vor über Geld vermittelt, schließt das ebenso wie auf der Ebene des Gesamtbetriebs auch in der individuellen Reproduktion monetäre Zuflüsse ein. Dennoch könnte ein radikaler Bruch mit dem abstrakten Leistungsdenken und mit der abstrakten Selbstverwertung stattfinden. Das Krankenhauspersonal in unserem Beispiel kämpft nicht um »seine Arbeitsplätze«, um das Recht also, bloß irgendwie weiterhin an der Vernutzungsbewegung zu partizipieren; vielmehr geht es darum, alle Voraussetzungen einer stofflich notwendigen gesellschaftlichen Funktion zu gewährleisten. Das beginnt aber eben gerade auch mit der Reproduktion der engagierten Menschen.</p>
<p><a name="30"></a><a href="#r30">(30)</a> Die Proportionen lassen sich an einem Beispiel verdeutlichen. Die Stadt Nürnberg muß derzeit 104 Millionen Mark für die Hilfe zum Lebensunterhalt aufbringen. Die Stadtverwaltung schätzt, daß mit der Befristung der Arbeitslosenhilfe während des Jahres 1995 in ihrem Zuständigkeitsbereich 2400 Personen zusätzlich in die Sozialhilfe abrutschen und daher eine Belastung von weiteren 24 Millionen Mark auf den Stadtsäckel zukommt (dabei hat die Stadtverwaltung die zusätzlichen jährlichen Durchschnittsausgaben auf nur 10.000 DM pro Kopf veranschlagt!). Für das Jahr 1996, wenn voraussichtlich noch einmal 1300 Langzeitarbeitslose in den Sozialhilfebereich fallen, rechnet sie mit Mehrausgaben von bereits 44 Millionen DM.</p>
<p><a name="31"></a><a href="#r31+">(31)</a> Solange die Bundesbahn als Staatsunternehmen firmierte, fiel ihr die Aufgabe zu, Bahnunterführungen und -übergänge instandzuhalten. Sie mußte diesen Ausgabenposten aus ihren laufenden Einnahmen bzw. aus Bundeszuschüssen bestreiten. Mit der Privatisierung ist das nunmehr auf marktwirtschaftliche Windschnittigkeit getrimmte Unternehmen Deutsche Bahn-AG aus dieser Verpflichtung entlassen, und an seiner Stelle müssen die Gemeinden in die Bresche springen. Für eine größere Stadt bedeutet das jährliche Mehrausgaben in Millionenhöhe. Für eine Kommune, deren finanzieller Manövrierspielraum längst gegen Null geht, ist das kein Kinkerlitzchen.</p>
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		<title>Dimensionen des Mülls</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 1996 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnis und Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Schandl]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 18 (1996)]]></category>

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		<description><![CDATA[Über den Zusammenhang zwischen Müllerzeugung und warenproduzierendem System]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Franz Schandl </em></p>
<p><em>Der Autor ist Historiker  und Publizist in Wien. Der hier vorliegende Beitrag erschien erstmals in »Weg und Ziel« (Wien), Nr. 6/93. Für KRISIS wurde er überarbeitet und erweitert.</em></p>
<p>Die Ökologiebewegung weiß zwar oft, was sie nicht will, viel weniger aber weiß sie, was das ist, was sie nicht will. Woher es kommt und wohin es führt. Kritik nivelliert sich meist auf die Ebene des Räsonierens, auf »die Freiheit von dem Inhalt und die Eitelkeit über ihn«(<a href="#1">1</a>), wie Hegel es nannte. Veränderung bedarf aber mehr als der bloßen Verneinung. Von Niklas Luhmann muß sich die Ökologiebewegung daher zurecht vorhalten lassen: »Unversehens geht so eine Theoriediskussion in moralische Frageformen über, und das Theoriedefizit wird mit moralischem Eifer kompensiert. Die Absicht der Demonstration guter Absichten bestimmt die Formulierung der Probleme. So diskutiert man aufs Geratewohl über eine neue Umweltethik, ohne die Systemstrukturen zu analysieren, um die es geht.«(<a href="#2">2</a>)</p>
<p><span id="more-244"></span>Die ganze Debatte scheint sich heute zusehends im Detail zu verlaufen. Das ödet an, interessiert nicht mehr, führt nicht weiter. Eine emanzipatorische Theorie und Praxis, die mehr sein will als bloß Nuancierung herrschenden Denkens und Handelns, hat hier anzusetzen. Entmoralisierung, Entkrampfung und Entsachlichung sind angesagt. Sachliche Einschätzungen und konstruktive Lösungen greifen nicht und begreifen nichts.(<a href="#3">3</a>) Kritische Theorie ist niemals ex parte, sondern immer pro toto. Jede einzelne Frage ist somit zu interessant, sie den Experten zu überlassen. Jede einzelne Frage sprengt ihre sachlichen Dimensionen. Die Benennung und Charakterisierung von Beziehung und Bewegung zwischen Besonderem und Allgemeinem ist unumgänglich. Ebenso die Herausarbeitung des Wesentlichen im Unterschied zur bloßen Erscheinung. Mit Hilfe des Begriffs soll der Gegenstand in und aus seiner Welt beschrieben und erklärt werden. Uns interessiert nicht der Gegenstand als Gegenstand, sondern als Gegenstand der Welt und als Welt im Gegenstand. Das Besondere am Allgemeinen und das Allgemeine am Besonderen, nicht jedoch das Besondere an sich.</p>
<p>Es geht in der Folge darum, den Müll anhand der gesellschaftlichen Grundfragen abzuhandeln bzw. umgekehrt die gesellschaftlichen Grundfragen anhand des Mülls zu erklären. Es soll demonstriert werden, daß eine sogenannte Fachfrage keine Fachfrage ist, sondern wie jedes Problem nur aufgrund eines bestimmten gesellschaftlichen Umfelds möglich und notwendig ist. Die Müllfrage soll so nicht sachlich isoliert dargestellt werden, sondern als integrierter Bestandteil einer Gesellschaftskritik. Der Fachstandpunkt ist immer einer »innerhalb des bürgerlichen Horizonts«(<a href="#3">4</a>)(Marx). Den gilt es bewußt zu überschreiten.</p>
<p>1.</p>
<p>Der Inhalt des Mülls ist nicht mit seiner stofflichen Substanz zu verwechseln. Inhalt meint nicht chemische Zusammensetzung und chemische Reaktion. Inhalt meint gesellschaftlichen Charakter. Wir wollen so nicht bloß über den Müll reden, wir wollen vielmehr sagen, was er ist. Der Anspruch ist kein bescheidener, aber er ist doch klar: Wir können den Müll nicht in den Griff bekommen, wenn wir keinen Begriff davon haben. Das soll hier zumindest in Ansätzen geleistet werden.</p>
<p>Abgrenzen wollen wir uns von Definitionen, die außer empirischen Aufzählungen wenig zu bieten haben, z.B. die ÖNORM 2000 bzw. 2100 für Müll und Sonderabfall.(<a href="#5">5</a>) Abgrenzen wollen wir uns aber ebenfalls von Ansichten, die Müll zu einer Metakategorie machen und ihn wie Grassmuck/Unverzagt auch schon in der Antike entdecken, gleichsam aber dann doch den qualitativen Unterschied zugeben müssen, freilich ohne Schlüsse daraus zu ziehen. Sie schreiben: »Früher mag der Müll das Veraltete gewesen sein, das man wegwarf, um es der Verwesung oder der Verwitterung zu übergeben.«(<a href="#6">6</a>) Eben. Die beiden Autoren sind daher auch typische Vertreter einer unreflektierten Gleichsetzung von Abfall und Müll: »Abfall ist der Endzustand eines Produkts nach der Phase seiner Verwendung«(<a href="#7">7</a>), meinen sie. Der Müll mag Zustände erzeugen, er selbst kann sich in keinem Endzustand befinden. Im Prozeß der Abfallwerdung vergeht und zergeht er, wird von der Umwelt irgendwann mühsam abgebaut und wieder in sie aufgenommen.</p>
<p>Nichts, was einmal gewesen ist, kann spurlos verschwinden. Alles, was ist, hinterläßt sich. Es fragt sich immer nur, wie und mit welchem Nachdruck. Welche Wirkungen es vergehend entfaltet. »Denn die Sache ist nicht in ihrem Zwecke erschöpft, sondern in ihrer Ausführung, noch ist das Resultat das wirkliche Ganze, sondern es zusammen mit seinem Werden; der Zweck für sich ist das unlebendige Allgemeine, wie die Tendenz das bloße Treiben, das seiner Wirklichkeit noch entbehrt, und das nackte Resultat ist der Leichnam, der die Tendenz hinter sich gelassen hat.«(<a href="#8">8</a>) Kurz übersetzt: Am Müll interessiert allgemein nicht nur sein Zweck, sondern sein ausführendes Verhalten, nicht nur sein Herkommen und Aufkommen, sondern seine vergehende Entwicklung, die eine potentielle Gefährdung darstellt: die Zeit vor dem Resultat, das nur von der Umwelt wiederaufnehmbarer Abfall sein kann. Was am Müll am meisten stört, ist, daß er zuwenig tot ist.</p>
<p>Herkömmlicher Abfall zeichnet sich durch weitgehende Bedürfnislosigkeit aus, er darf vergessen werden, weil er vergeht. Müll hingegen ist gekennzeichnet durch verschiedene Stufen der Bedürftigkeit und Aufmerksamkeit. Er bedarf in jedem Fall der menschlichen Behandlung, eben weil er nicht konsequenzlos beseitigt werden kann. Der Mensch muß so den Müll überwachen und kontrollieren, um ihn an destruktiven Reaktionen zu hindern. Er schützt sich somit vor etwas, was er selbst erzeugt hat. Der Fortschritt in der Menschheitsgeschichte tätigt auch ein Fortschreiten in Quantität und Qualität der zu überwachenden Reste menschlicher Produktion und Konsumtion. Diese Tendenz ist aber nicht uneingeschränkt entwickelbar, sie kennt objektive wie subjektive Schranken. Gemeint sind hier die Aufnahmefähigkeit durch die Umwelt und die Ökologiebewegung.</p>
<p>Müll ist deponiebedürftiger Abfall. Einer, der uns nicht in absehbarer Zeit durch Verfall verlassen kann, einer, der bleibt und beobachtet werden muß. Ein Nichtmehrgut, das ein Nochnichtabfall ist, nennen wir Müll.  Er ist in unserer Definition auch nicht wiederverwertbar; ist er wiederverwertbar, ist er nicht Müll (Altglas, Altpapier).</p>
<p>Müll, das heißt Weghabenwollen ohne Weghabenkönnen. Müll ist das Dasein, das ein Wegsein sein soll. Beseitigung, so eine Lieblingsvokabel der ökologischen Neusprache, unterstellt aber gerade diese Überführung von einem Dasein in ein Nichtsein. Was freilich für den Müll nicht zutreffen kann. Er ist nicht weg, nur weil er weggeschafft wurde. Der Müll ist nicht beseitigbar, sondern bloß beiseitigbar. Es gibt keine Müllbeseitigung, es gibt nur eine Müllbeiseitigung. Der Mensch will sich also einer »Sache« entledigen, ohne die »Sache« erledigen zu können. Müll ist Abfall, bei dem Entledigung und Erledigung nicht einmal mehr tendenziell zusammenfallen. Das zeitliche Problem versucht der Mensch durch räumliche Absonderung in den Griff zu bekommen. Die Antwort kann nur Deponie lauten.</p>
<p>Philosophisch betrachtet ist der Müll ein Zeitproblem, das zu einem Raumproblem wird. Eben weil er gelagert und belagert werden muß, der Deponie und der Kontrolle bedarf. Eben weil er sich nicht anschickt, in kurzen Fristen zu verschwinden (wie der uns bekannte Mist oder der herkömmliche Abfall), muß er aufgehoben werden. Das Wann zwingt zum Wo, und seither diskutieren wir alle das Wohin. Fragen sollten wir uns  aber vielmehr nach dem Woher, zeitlich und räumlich, formal und inhaltlich.</p>
<p>Zentrale Frage ist das Entledigungs-, bzw. das Erledigungsproblem. An diesen Begriffen ist auch der qualitative Umschlag von Abfall in Müll festzumachen. Jeder Müll ist Abfall, aber nicht jeder Abfall ist Müll. Abfall hat es immer gegeben, Müll hingegen ist eine spezifisch moderne Kreation. Müll ist also keine Metakategorie wie Abfall, sondern ein Begriff, der vorerst einmal auf die modernen warenproduzierenden Systeme (seien sie kapitalistisch, seien sie »real-sozialistisch«) zu beschränken ist.  Müll ist nur jener Abfall, dessen Erledigung der Entledigung in einem problematisch zeitlichen Abstand nachfolgt. Auch wenn jeder Müll irgendwann einmal Abfall wird, können Entledigung und Erledigung im Müll nicht mehr zu jener Identität finden, die im herkömmlichen Abfall noch grundgelegt ist. Günther Anders schreibt dazu: »Die Hauptaufgaben sind (oder scheinen) vielmehr die negativen: Nämlich wie wir etwas abschaffen, und zwar endgültig. Nicht das Konstruieren von noch so enormen, sondern das Loswerden der schädlichen Abfälle der Produktion. (&#8230;) Wir verfügen über keinen abliegenden Ort mehr, in den wir die &#8220;Residuen&#8221; verbannen könnten, ohne diesen (und auch uns selbst) mit zu vergiften: keinen &#8220;Ab-ort&#8221;, dem wahrhaft unphilosophischen Worte kommt hier ein universeller philosophischer Sinn zu. (&#8230;) Die vorhin aufgestellte These &#8220;Es gibt keinen &#8220;Abort&#8221; mehr&#8221;, muß durch eine, dieser scheinbar entgegengesetzte und widersprechende ergänzt werden: nämlich durch die Antithese: &#8220;Nun ist alles &#8220;Abort&#8221; geworden&#8221; &#8211; was bedeutet: Daß die Effekte unserer Tätigkeiten heute immens groß sind, &#8220;überborden&#8221; sie. (&#8230;) Unser &#8220;Fluch&#8221; besteht mithin nicht mehr, wie noch vor kurzem, darin oder nur darin, daß wir zur Endlichkeit des Daseins, also zur Sterblichkeit verdammt sind; sondern umgekehrt darin, oder auch darin, daß wir die Unbegrenztheit und die Unsterblichkeit (der Wirkungen unseres Tuns) nicht eindämmen oder abschneiden können.«(<a href="#9">9</a>)</p>
<p>2.</p>
<p>Die dem Müll verordnete Sprache ist nicht bloß schlampig und verniedlichend, sondern sie ist in jeder Hinsicht irreführend. Entsorgung deutet Sorgenfreiheit an, Entsorgungspark soll an Vergnügungspark erinnern, Abfall Wegfall unterstellen, Beseitigung gar Problemlösung attestieren. Das sind Begriffe, die kein Begreifen zulassen wollen, sondern das Problem mit einem spezifischen Vokabular »entsorgen« und »beseitigen«. Es gilt heute, diesen herrschenden Sprachduktus konsequent zu brechen, auf allen Ebenen zu destruieren. Wer laufend von »Umweltsünden«, »Umweltvergehen« oder gar »Umweltverbrechern« spricht, alles mit diesen Worten benennt, verschleiert die Strukturen durch Moralisierung und Kriminalisierung. Außer frommen Wünschen und dem Ruf nach dem Staatsanwalt und strengeren Gesetzen fällt dieser Politik herzlich wenig ein. Sie will das Böse überführen, anstatt das System und seine Logik zu erklären. Es herrscht da eine Sprache vor, die nicht aufklärt, sondern mit ihren Worten die Verhältnisse verdunkelt. So versinkt ökologische Kritik im moralischen Morast der Vorwürfe und Vorsätze.</p>
<p>Auch der Begriff »Sache« verdeutlicht einmal mehr eine terminologische Fehlleistung. Müll ist eben alles andere als sachlich und somit eine Sache. Wäre er das, wäre er weit weniger gefährlich. In seinem Widerstreben gegen jedwede Metaphysik ist der Müll durch und durch unsachlich. Er ist deswegen unsachlich, weil er  noch weniger als viele andere Dinge bei sich bleiben kann, sondern sich verflüchtigt in die Luft oder versickert in das Grundwasser. Wenig Objekte haben uns das &#8211; dem gesunden Menschenverstand ins Gesicht schlagend &#8211; so deutlich vor Augen geführt. Der Müll ist noch weniger Sache als andere Sachen. Das gerade macht ihn ja so gefährlich, weil seine Gefährlichkeit einerseits groß, andererseits diese Größe oft an keine sinnliche Wahrnehmung geknüpft ist, sie unsichtbar, unhörbar, unspürbar ist. Der Müll ist ein Unding schlechthin.</p>
<p>Das Gefährliche gibt es nie in reiner Form, immer nur in einer spezifischen Konstellation, Verbindung oder Mischung. Gefährliches kann Gefährliches aufheben, wie Ungefährliches Ungefährliches gefährlich machen. Das ist das Gefährliche an dem Gefährlichen. Wir wissen viel, aber wir wissen nicht, ob sich die Giftstoffe in uns addieren, subtrahieren, multiplizieren oder dividieren. Ob und wie sie sich potenzieren oder nullifizieren kann oft nicht einmal erahnt werden. Außerdem ist jeder Mensch sein eigenes gesellschaftliches Ensemble. Woran der eine stirbt, tut dem andern oft gut. Ökologische Gefährdungen sind somit keine linearen, sondern potentielle. Was wir riskieren, muß nicht unbedingt eintreten. Das begründet auch die weitverbreitete Hoffnung, daß es einen selbst schon nicht erwischen wird.</p>
<p>3.</p>
<p>Umweltbelastende Produktionsverfahren und Produkte sind zweifelsfrei die Hauptursache von Umweltschäden. Diese Schäden werden selbstverständlich nicht willentlich herbeigeführt, sie entstehen gleichsam als Neben- und Folgeprodukt industrieller Aktivitäten. Trotz ökologischer Musterbetriebe in einigen geschützten Marktnischen ist zu betonen, daß die konsequente Umsetzung ökologischer (aber auch sozialer) Forderungen in einem einzelnen Betrieb dessen Chancen am Markt verschlechtert, weil seine Produkte einen höheren Kost- und Produktionspreis aufweisen. Was nicht gegen die ökologischen Forderungen spricht, sehr wohl aber ihre Inkompatibilität behauptet, sind sie wirklich radikal gedacht und formuliert. Die Industrie verhält sich also nur so, wie sich die Industrie verhalten muß, will sie Industrie bleiben. Auch wenn dabei die Erde zugrundegeht. Die Betriebe sind bei Strafe des ökonomischen Untergangs angehalten, ihre Kosten möglichst gering zu halten. Betriebswirtschaftlich muß es daher jedem Unternehmen darum gehen, die Selbstkosten zu beschränken und die Folgekosten zu externalisieren. Letztere werden auf die Allgemeinheit oder auf Dritte abgewälzt. Dies ist eine immanente Bedingung kapitalistischen Wirtschaftens.</p>
<p>Die kapitalistische Produktion dient der Akkumulation von Kapital, der Verwertung des Werts, nicht der Konsumtion, wie die klassische Ökonomie von Smith bis Keynes annahm.(<a href="#10">10</a>) Nicht der menschliche Konsum steht also im Mittelpunkt der heutigen Wirtschaft, sondern der kapitalistische Konsum, kurzum Profit genannt. Sie ist nicht Produktion um der Konsumtion Willen, auch wenn in der Konsumtion die Produkte letztendlich verwirklicht werden, »denn Produkt ist das Produkt nicht als versachlichte Tätigkeit, sondern nur als Gegenstand für das tätige Subjekt«.(<a href="#11">11</a>) Sehr deutlich beweisen das heute die ökonomisch sinnvollen wie notwendigen Produktvernichtungen zum Abbau von Schweinebergen oder Milchseen. Das Gerede vom falschen Konsumverhalten lenkt also die Debatte nur auf falsche Bahnen, sieht die Oberfläche, will aber die Grundlagen des Verhaltens nicht wahrnehmen. Um Karl Marx gleich weiterzuzitieren: »Die Produktion produziert die Konsumtion daher, 1. indem sie ihr das Material schafft; 2. indem sie die Weise der Konsumtion bestimmt; 3. indem sie die erst von ihr als Gegenstand gesetzten Produkte als Bedürfnis im Konsumenten erzeugt. Sie produziert daher Gegenstand der Konsumtion, Weise der Konsumtion, Trieb der Konsumtion.«(<a href="#12">12</a>) Die menschlichen Bedürfnisse in Form der Konsumgewohnheiten entsprechen in ihrem Durchschnitt der aktuell möglichen Produktion.</p>
<p>Die Warenproduktion ist einerseits gekennzeichnet durch einen Zwang zum kurzfristigen Gebrauchen oder besser: Verbrauchen von Gütern. Die Fristen der Existenz eines Produkts verkürzen sich. Der Fall tendiert zum Augenblick. Andererseits ist sie gekennzeichnet durch einen Zwang zur langfristigen Deponierung von Abfallprodukten, die, unabhängig, wo sie abfallen, ihren Ursprung in der Produktion haben. Durch die Quantität der Mengen und die stoffliche Qualität der Substanzen vergrößert sich der Deponieraum und verlängert sich die Deponiedauer. Der Abfall tendiert zur Unendlichkeit. Die Beschleunigung der Produktion und die fortgeschrittene Naturbearbeitung haben zu folgendem grotesken Umstand geführt: Die Produkte sind weniger langlebig als ihre Abfälle.</p>
<p>Der Müll verdeutlicht aber ähnlich anderen Folgekosten, daß Vergesellschaftung stattfindet, wenngleich bloß negativ, was meint: Die Nachteile werden sozialisiert, die Vorteile bleiben privatisiert. Dieser Widerspruch kann nur gelöst werden durch die allseitige Vergesellschaftung der Produktionsmittel, nicht durch Privatisierung der Folgekosten. Dies ist auch der Punkt, wo es gilt, sich von der großen Illusion der Ökologiebewegung, dem Verursacherprinzip, entschieden abzugrenzen. Es geht in seinem sachlichem Konstruktivismus davon aus, daß es meistens unzweideutig möglich ist, die sogenannten Umweltschädiger dingfest zu machen. Schäden haben jedoch komplexe Grundlagen, sie werden nur in Ausnahmefällen quantifizierbar sein. Das Verursacherprinzip verkennt den gesellschaftlichen Gehalt der Umweltzerstörung, reduziert diese auf individuelle Fehlleistungen und Unterlassungen. Schlußendlich wird das Verursacherprinzip auf Umweltzertifikate oder besser: Verschmutzungsrechte und ein Umweltversicherungssystem hinauslaufen. Nicht der Profit wird dadurch beschnitten, sondern es entstehen den Konsumenten nur neue Belastungen, denn auf sie als letztes und schwächstes Glied der ökonomischen Kette werden alle außerökonomischen Eingriffe, die betriebswirtschaftlich nichts anderes als Unkosten sind, übergewälzt. Das Verursacherprinzip läuft auf folgende Alternative hinaus: Zahlt die Allgemeinheit oder zahlt die Allgemeinheit? Das Wie sollte nicht die qualitative Identität verschleiern.(<a href="#13">13</a>)</p>
<p>Das zwischenzeitliche Privatisierungsgeschrei, das heute alles übertönt, hat sich auch in der Ökologiebewegung breitgemacht. Unreflektiert wird es nun auch dort breitgetreten. Die Privatisierung der social costs ist ökologische Augenauswischerei. Die Folgen sind weder zufriedenstellend terminisierbar, noch lokalisierbar, geschweige denn formal beweisbar und inhaltlich begründbar.  Mit einer erweiterten Kostenrechnung à la REFA ist dem Problem nicht beizukommen. Ökonomisch ist es daher unmöglich, diese Kosten zu mathematisieren, zu monetarisieren und somit zu internalisieren. Jede Computersimulation muß daran scheitern. Die unbestimmbare und unmeßbare Externalisierung kann in keine bestimmbare und meßbare Internalisierung überführt werden.</p>
<p>Um nur das Beispiel der zeitlichen Schwierigkeit herauszugreifen: Wie errechnet man etwa zukünftige gesellschaftliche Kosten, die durch heutige Produktion verursacht werden? Je zukünftiger die Kosten, desto geringer unsere Möglichkeiten. Sie können also &#8211; will man seriös bleiben &#8211; nicht Eingang in eine gegenwärtige Preiskalkulation finden, höchstens in eine wilde Preisspekulation. Müll bedeutet jedenfalls eine Umverteilung heutiger Produktionsfolgen in die Zukunft. Er ist eine unwillkommene Hinterlassenschaft an nachfolgende Generationen, eine Problemverschiebung zuungunsten der Kommenden. Sie haben ihn, ohne direkt etwas davon gehabt zu haben.</p>
<p>Sätze wie »Abfall ist kein Schicksal. Abfall wird gemacht«, gehen aber in die Irre. Die Wertlogik vorausgesetzt, ist Müll nämlich wirklich eine fatale Folge, ein Schicksal, das eintreten muß. Solche Aussagen übertreiben jedenfalls die Möglichkeiten der in Produktion, Zirkulation und Konsumtion Handelnden. Es wird so getan, als stünden dort freie Entscheidungen auf der Tagesordnung. Nicht zufällig spricht diese Betrachtungsweise dann auch vom »Alptraum Abfall«.(<a href="#14">14</a>) Wenn man etwa die Argumentationslinie von Hanswerner Mackwitz, der jahrelang in beratender Funktion bei den deutschen und den österreichischen Grünen tätig gewesen ist, anschaut, dann ist zu erkennen, daß hier pausenlos das Wollen gegen das Handeln, die Absicht gegen die Wirklichkeit ins Treffen geführt wird: »Warum ergreifen Politiker und Manager nicht die historische Chance, sich real und radikal für eine neue Umweltpolitik stark zu machen, für eine Politik, die tausende von Bürgerinitiativen in aller Welt bereits begonnen haben?«(<a href="#15">15</a>) frägt er. Mackwitz bezichtigt die chemische Industrie zwar der Primärverursachung,(<a href="#16">16</a>) weitergefragt wird allerdings nicht. Dies würde nämlich ergeben, daß die Chemieindustrie einer Logik folgt, für die sie nichts kann, und gegen die sie auch nicht ankann, einer Logik, die mit deren stofflichen Grundlagen aber auch schon gar nichts zu tun hat, einer Logik, der es völlig egal ist, ob mit Erdnußbutter oder chemischen Keulen der Wert verwertet wird. Ihr Verantwortung oder gar Schuld zuzuschieben ist nur vordergründig einsichtig, bei näherer Betrachtung müßte es zu einer Analyse der zugrundeliegenden Faktoren kommen. Mackwitz und die Grünen wollen die Industrie in die Pflicht nehmen, sie fordern daher von ihr eine klar definierte »Herstellungsverantwortung für die Abfallrücknahme und Entsorgung«.(<a href="#17">17</a>) Doch auch damit ist nichts zu gewinnen. Die Herstellungsverantwortung führt, falls sie durchgesetzt werden kann, nur zur Verlagerung der Probleme, zu monetären und fiskalen Umleitungen. Die Belastungen verbleiben, geldmäßig übersetzt wird der Konsument sie mit erhöhten Gebühren oder vorgeschossenen Rückgaberechten bezahlen. Das Müllaufkommen wird nur unmerklich sinken, der Verwaltungsaufwand merklich steigen. Wozu es aber sicher nicht kommen kann, ist eine relevante Profitbeschneidung. Die Grundstruktur des Kapitalismus ist anders als die Kritiker vermuten, ihr naiver Glauben an die Politik ist trotz aller Blamagen jedoch grenzenlos. Die Alternativen der Grünen sind auch hier hilflos, ohnmächtig gegenüber den realen gesellschaftlichen Prozessen, die sie in ihrer Substanz nicht verstehen.</p>
<p>Wer der ökologischen Misere gar monetär beikommen will, beschwört sie allerdings geradewegs weiter. Das zeigen mittlerweile auch die ersten einschlägigen empirischen Untersuchungen. Anton Sapper und Georg Schadt vom Kommunalwissenschaftlichen Dokumentationszentrum (KDZ-Wien) kommen in ihrer Studie »Möglichkeiten und Grenzen der Ökologisierung von Abwasser- und Abfallgebühren« zu folgenden Ergebnissen: »Die Gebührenmodelle trugen zwar unter bestimmten Voraussetzungen zu einer verstärkten Verwertung von Abfällen bei, haben aber, sieht man von einer gestiegenen Eigenkompostierung ab, keine Reduktion der Abfallmenge bewirkt. Ökologisch unerwünschte Verhaltensänderungen (Ausweichen auf unerlaubte und unerwünschte Entsorgungswege), die bei den untersuchten Abfallgebührenmodellen (&#8230;) aufgefallen sind, können (im Gegensatz zu den Erfolgen) eindeutig der lenkungswirksamen Ausgestaltung der <a name="q18"></a>Abfallgebühren zugeschrieben werden. Zugenommen haben vor allem</p>
<p>o das Verbrennen von Hausmüll in Gärten und Öfen,</p>
<p>o wilde Ablagerung in der Landschaft,</p>
<p>o der Mißbrauch der Sperrmüllabfuhr für Hausmüllentsorgung,</p>
<p>o die Verunreinigung von Wertstofftonnen,</p>
<p>o das Verdichten von Abfall in den Müllsammelgefäßen sowie</p>
<p>o der Mülltourismus in Nachbarorte, zum Arbeitsplatz oder zu öffentlichen bzw. benachbarten Abfallbehältern.«(<a href="#18">18</a>)</p>
<p>Der Müll ist nicht in den Griff zu bekommen, weil die Produktion sich nicht im Griff hat. Das ökonomische Destruktionspotential des Kapitalismus ist allerorten spürbar, auch wenn es nicht in seiner Funktionsweise, sondern in seiner Superstruktur (kriminelle Unternehmer, unfähige Politiker, korrupte Beamte, schleißige Konsumenten etc.) verortet wird. Das Wachstum der Produktivkräfte (und es war noch nie so groß) ist erstmals kleiner als die Destruktivkräfte an Mensch und Umwelt. Die fortschrittliche Mission kapitalistischer Produktion und somit der gesamten Gesellschaftsformation ist am Ende, das verdeutlicht sich auch am Müll, der Kehrseite der Produktion. Denn nichts anderes ist Müll: Er ist die negative Dialektik des Fortschritts, der kapitalistischen Industrialisierung, die immanente Kehrseite des Systems. Die Müllproblematik ist somit auch nicht politisch bewältigbar, sondern bloß verwaltbar. Politik, ob schwarz, ob rot, ob grün hat nur die Chance, professionell oder weniger professionell ihre Hilflosigkeit zu dokumentieren. Sie ist schlichtweg überfordert. Was sie lösen soll, kann sie gar nicht lösen. Die Möglichkeiten der Politik dürfen nicht überschätzt werden, sie ist zweifellos die falsche Adresse. »Gerade weil das System hier unmittelbar gar nichts ausrichten kann, ist es um so wahrscheinlicher, daß sich hier Kommunikation über ökologische Themen einnistet und ausbreitet«(<a href="#19">19</a>) ätzt der führende deutsche Systemtheoretiker Niklas Luhmann.</p>
<p>4.</p>
<p>Müll ist die Negation des Gebrauchswerts an sich, beim Tauschwert allerdings kehrt er das Verhältnis zwischen Käufer und Verkäufer bloß um. Der Nehmer hat bezahlt zu werden, der Geber hat zu zahlen. Die kapitalistische Logik wird damit nicht ausgeschaltet &#8211; der Wert realisiert sich weiterhin durch Geld im Tausch -, aber doch auf den Kopf gestellt. Die Kehrseite der Produktion kehrt auch die Ware-Geld-Beziehung um. Zusehends problematisch wird, daß beim Verkauf einer Ware der Gebrauchswer, sich ständig gegenüber dem Tauschwert relativiert. Um den Tauschwert zu realisieren, die Absätze zu sichern, muß das Produkt schnellebig sein. Die kapitalistische Ware fällt so oft hinter die technischen Möglichkeiten der gegenwärtigen Produktivkraftentwicklung zurück, was  wiederum nichts anderes heißt, als daß diese die Grenzen von jener zu sprengen beginnt. Der Gebrauchswert wird aktuell immer mehr zum Verbrauchswert, um den Tauschwert zu retten.  Mit Günther Anders müssen wir uns sogar fragen, ob hier überhaupt noch Eigentum in klassischer Form angeeignet werden kann: »Konsumprodukte erlöschen durch ihre Verwendung. Sie sind da, um nicht mehr da zu sein. Verwendetwerden und Liquidiertwerden fallen bei ihnen zusammen. Eigentum können sie also nicht werden bzw. nur insofern und nur so lange, als sie nicht verwendet werden. Da ihre Verwendung (also die Liquidierung ihres dinglichen Bestands und ihres Eigentum-seins) die Produktion weiterer Konsumprodukte erforderlich macht, diese also fördert, ist es begreiflich, daß die Industrie als ganze danach trachtet, dieses Förderungsmethode zu übernehmen; also den Ding- und Eigentums-Status ihrer Produkte gleichfalls aufzuheben.«(<a href="#20">20</a>) Die Haltbarkeit ist in dieser Betrachtung dann bloß noch Diebstahl am Produzenten.(<a href="#21">21</a>)</p>
<p>Was für das zirkulierende Warenkapital gilt, gilt aber auch für das fixe Kapital, d.h. die Umwälzung und »der Wechsel der Produktionsmittel und die Notwendigkeit ihres beständigen Ersatzes infolge des moralischen Verschleißes, lange bevor sie physisch ausgelebt sind«.(<a href="#22">22</a>) Die Umschlagszeit des Kapitals und der moralische Verschleiß der Produktionsmittel kollidieren zusehends. Die Geräte gieren, ersetzt zu werden, bevor sie entsprechend genützt worden sind. Kaum gekauft, ist das bessere Nachfolgeprodukt schon auf dem Markt. Die Geräte altern vor der Zeit. Auch hier führt sich der klassische Eigentumsbegriff ad absurdum.</p>
<p>Um den Tauschwert zu realisieren, muß das Produkt aber nicht nur real, sondern auch fiktional schnellebig sein, d.h. es muß über das Produkt hinaus ein enormer Aufwand getrieben werden. Werbung und Mode suggerieren ein Habenmüssen, das die Qualität des Daseins erst ausmacht. Das Design der Ware geht vor dem Sein des Produkts; obwohl ohne letzteres nichts, wird es größer als dieses. Der Gebrauchswert ist beim Verkauf, d.h. bei der Wertrealisierung, von untergeordneter Bedeutung. Das Produkt muß als Ware durch die Verpackung etwas vermitteln, was eigentlich nicht zu seinem substantiellen Charakter zählt. Das Design ist gebrauchswertunwichtig, aber tauschwerttüchtig. Der Fetischcharakter der Ware erfährt ein zusätzliches Moment. Die Buntheit der Welt spiegelt sich in den Waren, nicht aber im Leben wieder.</p>
<p>5.</p>
<p>Der Müll wird in der Produktion geschaffen, unabhängig davon, ob er sich dort, in der Zirkulation oder der Konsumtion realisiert. Der Großteil des Mülls bleibt aber bereits dort liegen. Das Verhältnis Hausmüll zu Industriemüll dürfte ungefähr im Verhältnis von 1:12 stehen.(<a href="#23">23</a>) Schwierigkeiten, den Industrie- und Gewerbemüll zu erfassen, gibt es zuhauf. Sowohl was Quantität als auch Qualität betrifft. Betriebs- und Geschäftsgeheimnis verhindern Information über die verwendeten Stoffe, den Produktionsprozeß, die produzierten Mengen, die Zwischenlagerung des Mülls etc. Was auf die Öffentlichkeit an Folgen zukommt, kann nur gemutmaßt werden. Darüber beklagen sich auch selbstredend die Autoren des Umweltberichts 1989.(<a href="#24">24</a>) Die Betriebe sind black boxes, sie sagen nur, was sie sagen wollen. So ist es auch verständlich wie bezeichnend, daß auf die vorletzte gesamtösterreichische Abfallerhebung des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG) aus dem Jahr 1984 ganze 85% der rückmeldenden Betriebe auf die Frage, ob es zu Umweltbeeinträchtigungen bei der Sonderabfallbehandlung oder -beseitigung in ihren Betrieben käme, die Antwort verweigerten.(<a href="#25">25</a>) Den somit zwingenden Bankrott der österreichischen Müllpolitik brachte einmal die unvergeßliche Marilies Fleming in ihrer unschuldig-naiven Art auf folgenden Punkt: »Ich war mir von Beginn meiner Ministerschaft an darüber im klaren, daß es zu meinen Aufgaben gehören wird, den Müll, den Mist, den Abfall, den andere mehr oder minder verantwortungslos irgendwohin streuen, wegzuräumen. (&#8230;.) In Österreich werden jährlich, meine Damen und Herren, 400 000 Tonnen gefährlichen Sondermülls produziert. Dazu kommen noch Sondermüllmengen, die importiert werden. Niemand weiß in Österreich, wieviel Sondermüll, welche Art von Sondermüll sich wo gerade in Österreich zu welchem Zwecke befindet. Auch das von Ihnen immer wieder so gepriesene ÖBIG versucht seit Jahren, irgendwelche Zahlen zusammenzubringen, dies sind Zahlen aus dem Märchenlande. Niemand weiß in Österreich, wo Sondermüll ist, wieviel es ist und von welcher Art und Weise er ist.«(<a href="#26">26</a>) Man kann sich das auf der Zunge zergehen lassen, aber gleichzeitig muß es einem kalt den Rücken hinunterlaufen.</p>
<p>Die Müllaufklärung läuft unter dem entsetzten wie entsetzlichen Motto: »Was sind wir denn für Schweine!« Da wird so getan, als sei das unlogisch und unmöglich, was wir da machen, derweil ist es nicht nur möglich und logisch, sondern zwingend. Schlechtes Gewissen soll erzeugt werden, nicht Wissen oder gar Bewußtsein, warum das so ist, ja so sein muß. So wird der Müll mystifiziert, sein gesellschaftlicher Inhalt verschwindet in der Bejammerung der stofflichen Substanz. Anstatt die Zwangslogiken zu erkennen, sie zu begreifen, über sie nachzudenken, zu zeigen, was hinter dem Müllsystem und seinen ungustiösen, ja bedrohlichen Erscheinungen steckt, vermeint man, der einzelne könne durch bewußten Kauf oder bewußte Sortierung viel mehr ausrichten, als sein und unser Gewissen zu beruhigen.</p>
<p>Strenggenommen kann der Konsument  gar keinen Müll schaffen, auch wenn er bei ihm an- bzw. abfällt. Er bekommt ihn bereits geliefert. Der Müll ist keine Frage der Distribution oder der Konsumtion, höchstens man folgt den ideologischen Erzählungen der Abfallwirtschaft oder einigen übereifrigen Autoren, die im Verbraucher den Müllproduzenten sehen wollen.(<a href="#27">27</a>) Er ist Folge der spezifischen kapitalistischen Produktion, die blind gegenüber Mensch und Umwelt ist. Grundlage davon ist der kapitalistische Zwang zur möglichst raschen Verwertung des Werts, kurzum der Kapitalbildung als Gesetz der Ökonomie, unabhängig davon, in welchem Ausmaß sie Mensch und Umwelt vernutzt.</p>
<p>Der willige Konsument wird zu Unrecht zum Prügelknaben der offiziellen wie der ökologischen Argumentation, er wird ob seiner Angepaßtheit getadelt und gescholten. Angesagt ist vielmehr die Aufklärung über den und des Konsumenten, eine Diskussion über seine Bedingtheit wie seine engen Handlungsmöglichkeiten. Auf jeden Fall werden heute alle ökologischen Problemlinderungen finanziell auf seinem Rücken ausgetragen, der Konsument ist es, der gleich zweimal zu zahlen hat: für die Versorgung wie für die »Entsorgung«. Er kauft ein Produkt samt Verpackung, d.h. er zahlt einen Tauschwert in Form von Geld, kann jedoch nur einen Teil des Erstandenen in der Konsumtion realisieren. Der Rest ist Abfall resp. Müll. Er zahlt nun für das Produkt wie für die Beiseitigung der Reststoffe. In der Verpackung hat der Konsument ein unkonsumierbares Produkt erstanden, für das er bei der Weggabe nochmals zur Kasse gebeten wird. Zwischenzeitlich arbeitet er gratis für die Mülltrennung. Der Grad menschlicher (Selbst)Entfremdung ist bei solchen »Tätigkeiten« äußerst hoch zu veranschlagen. Das Wollen dabei besteht nur noch im Abschaffen, nicht mehr im Schaffen. Das Ziel ist ein einziges Weg-Damit. Nicht einmal im entferntesten erinnern Müllsortierung, Müllbeiseitigung und Müllüberwachung an Verwirklichungen menschlichen Handelns. Der Begriff »Drecksarbeit« findet hier zu seiner gesellschaftlichen Pointe. Zeitgewinne durch die Produktivkraftentwicklung werden durch diese Drecksarbeit tendenziell desavouiert.</p>
<p>6.</p>
<p>Die Erfolge der Umweltbewegung liegen bisher weniger in der Beseitigung menschen- und umweltgefährdender Produktion als vielmehr in der Verteuerung, die letztendlich auf den Konsumenten abgewälzt wird. So werden die Konsumenten für das, was letztendlich zu ihren Ungunsten stattfindet, auch noch bestraft. Insofern hat die Frontstellung bestimmter Konsumentenorganisationen (Gewerkschaften, Autofahrerclubs etc.) gegen Grüne und Umweltschützer durchaus einen rationalen Kern.</p>
<p>Die Abfallwirtschaft ist jedenfalls als profitabler Teil der Gesamtwirtschaft geplant. In der Gesellschaft entsteht ein bedeutender Reparatur- und Beiseitigungssektor (z.B. die »Abfallhirten«), der sich zunehmend ausdehnen und eigenständige Interessen verfolgen wird. Das Geschäft mit und um den Müll wird zu einem florierenden Industriezweig, zu einer der wenigen Wachstumsbranchen. Müllerzeugung und Müllbeiseitigung ergänzen sich glänzend. Die Produktion ist hingegen keineswegs ökologischer geworden, es werden  nur mehr »ökologische« Produkte hergestellt bzw. Umweltschäden saniert. Diese »Ökoindustrie« kann nur wachsen, wenn es bleibt wie es ist, wenn genug Luft verpestet und genug Müll produziert wird. In der Entsorgungsbranche herrscht jedenfalls Goldgräberstimmung. Nicht die Ökonomie wird der Ökologie untergeordnet &#8211; das geht heute auch gar nicht -, sondern die Ökologie wird in das ökonomisch dominierte Ganze integriert. Nicht die Bedrohung von Mensch und Umwelt soll in der Tendenz beseitigt werden, nein: Die letzten freien Güter (Wasser, Luft) sollen ihren Preis erhalten, zu Waren werden. Reparatur, Sanierung und Aufbereitung versprechen zumindest in diesen Sparten gute Geschäfte. Schadensverursacher und Schadensverminderer werden sich glänzend ergänzen und eine starke Lobby bilden. Das Nachsorgeprinzip ist der zentrale Gedanke der gegenwärtigen Umweltpolitik. Die Politik wird zweifellos die gröbsten Mißstände korrigieren. Dazu ist sie da. Mehr kann sie nicht.</p>
<p><em>Fußnoten</em></p>
<p>(<a href="#q1">1</a>) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 1986, S. 56.</p>
<p>(<a href="#q2">2</a>) Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, Opladen, 2. Aufl. 1990, S. 19.</p>
<p>(<a href="#q3">3</a>) Zur Kritik von SACHLICHKEIT und KONSTRUKTIVITÄT siehe: Franz Schandl, Die grüne Ideologie; in: Karl Lind (Hg.), Nur kein Rhabarber!, Auseinandersetzungen mit grüner Politik in Österreich, Wien 1988, S. 153-160.</p>
<p>(<a href="#q4">4</a>) Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 616.</p>
<p>(<a href="#q5">5</a>) Umweltbericht Abfall, Wien 1989, S. 29, 31, 185.</p>
<p>(<a href="#q6">6</a>) Volker Grassmuck/Christian Unverzagt, Das Müll-System. Eine metarealistische Bestandsaufnahme, Frankfurt am Main 1991,  S. 254.</p>
<p>(<a href="#q6">7</a>) Ebenda, S. 67.</p>
<p>(<a href="#q8">8</a>) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 13.</p>
<p>(<a href="#q9">9</a>) Günther Anders, Gewalt &#8211; ja oder nein. Eine notwendige Diskussion, München 1987, S. 136-138.</p>
<p>(<a href="#q10">10</a>) Vgl. Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen (1775), München, 5. Aufl. 1990, S. 558;  John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Berlin 1936, S. 41.</p>
<p>(<a href="#q11">11</a>) Karl Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), MEW, Bd. 13, S. 623.</p>
<p>(<a href="#q12">12</a>) Ebenda, S. 624.</p>
<p>(<a href="#q13">13</a>) Vgl. dazu: Franz Schandl, Lücken und Tücken. Von den Unmöglichkeiten des Verursacherprinzips, Juridikum, Nummer 3/94, S. 25-28.</p>
<p>(<a href="#q14">14</a>) Hanswerner Mackwitz, Alptraum Abfall oder Das Spiel mit dem Feuer. Hearing zur Sonderabfallverbrennung am 24. Jänner 1990 (unveröffentlichtes Manuskript).</p>
<p>(<a href="#q15">15</a>) Ebenda, S. 6.</p>
<p>(<a href="#q16">16</a>) Ebenda, S. 7.</p>
<p>(<a href="#q16">17</a>) Ebenda, S. 11.</p>
<p>(<a href="#q18">18</a>) Anton Sapper/Georg Schadt, Möglichkeiten und Grenzen der Ökologisierung von Abwasser- und Abfallgebühren, Informationen zur Umweltpolitik 96, Wien 1993, S. 88.</p>
<p>(<a href="#q19">19</a>) Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation, S. 225.</p>
<p>(<a href="#q20">20</a>) Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980, S. 50.</p>
<p>(<a href="#q21">21</a>) Ebenda, S. 46.</p>
<p>(<a href="#q22">22</a>) Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Zweiter Band (1885), MEW, Bd. 24, S. 185.</p>
<p>(<a href="#q22">23</a>) Vgl. dazu unsere Einschätzungen basierend auf der gesamtösterreichischen Abfallerhebung 1984: Franz Schandl/Gerhard Schattauer, Der Müll, das Land, die Partei, Alternativen Rundbrief, Nr. 1/88, S. 28.</p>
<p>(<a href="#q24">24</a>) Vgl.: Umweltbericht Abfall, Wien 1989, S. III-IV, 37.</p>
<p>(<a href="#q25">25</a>) Abfallerhebung 1984 in den Betrieben, Wien 1986, S. 260.</p>
<p>(<a href="#q26">26</a>) Marilies Fleming, in: Stenographisches Protokoll des Nationalrats, XVII. Gesetzgebungsperiode, 68. Sitzung, 23. Juni 1988, S. 7850.</p>
<p>(<a href="#q27">27</a>) Volker Grassmuck/Christian Unverzagt, Das Müll-System, S. 97.</p>
<hr />www.krisis.org</p>
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		<title>Sphärenklänge</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 1996 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Heinz Weinhausen]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 18 (1996)]]></category>

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		<description><![CDATA[Zum Teilzeitsozialismus des André Gorz]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zum Teilzeitsozialismus des André Gorz</h3>
<p><em>Heinz Weinhausen </em></p>
<blockquote><p><em>Du spulst deine Arbeit runter,</em></p>
<p><em>und fragst nicht, warum und wieso.</em></p>
<p><em>Hauptsache, du kriegst deine Kohle</em></p>
<p><em>und es ist sauber auf dem Klo.</em></p>
<p><em>Ist es nicht so,</em></p>
<p><em>du Krone der Schöpfung? </em>(<a href="#1">1</a>)<a name="#q1"></a></p></blockquote>
<p>»<em>Den Kapitalismus überwinden, heißt hauptsächlich und notwendig, die Vorherrschaft der Warenbeziehungen &#8211; einschließlich des Verkaufs der Arbeit &#8211; zugunsten freiwilliger Tätigkeiten und Tauschbeziehungen zu beseitigen, die ihren Zweck in sich selbst tragen.</em>«(<a href="#2">2</a>)<a name="q2"></a> Warenbeziehungen und Lohnarbeit zurückzudrängen, ist die Kernforderung von André Gorz.</p>
<p><span id="more-245"></span>Was der Mainstream der SozialistInnen ignoriert oder auf eine ferne »Übergangsgesellschaft« verschiebt, setzt er punktum auf die Tagesordnung: »<em>Wer, wie, wann, wo damit anfangen könnte, wird von den radikal &#8220;man muß einfach&#8221; Denkenden als eine unwürdige Frage abgetan.</em>«(<a href="#3">3</a>)<a name="q3"></a> Wo andere noch mit der Frage ringen, ob eine Gesellschaft ohne Lohnarbeit überhaupt je funktionieren könnte oder allenfalls abstrakte Forderungen in diese Richtung erheben, geht es Gorz bereits um konkrete Vermittlungen; nämlich darum, hier und heute zu beginnen, das Joch der Lohnarbeit im realexistierenden »Industriessystem« zu brechen. Das Gorzsche Denken steht also nicht für die Verherrlichung der Arbeit. Es verwirft den Glauben an die Metamorphose der <em>Arbeiterklasse, sobald sie nur die politische Macht erringt.</em>(<a href="#4">4</a>)<a name="q4"></a> <em>Gorz hält vielmehr die Arbeit selbst für das eigentliche Problem. Er beschreibt sie als Mühsal, als Langeweile, als ermüdenden, quälenden Zwang, der den Menschen verkrüppelt, deformiert oder verblödet, wenn sie ganztags und auf Dauer erbracht werden muß</em>. Hierin sieht Gorz auch die Problematik der sowjetischen »Diktatur des Proletariats«. Wird ein Großteil der Arbeitenden in einen lebenslangen Monotonie-Beruf eingesperrt, in dem das Individuum schlicht zu funktionieren hat, während seine schöpferischen Potenzen brachliegen, dann hat diese Arbeitsgesellschaft &#8211; unabhängig davon, wie sie sich selbst definieren mag &#8211; herzlich wenig mit dem angestrebten kommunistischen Ziel zu tun.(<a href="#5">5</a>) <a name="q5"></a></p>
<p>In der Tat, einer vollen Entwicklung des Individuums, die Marx als ein Charakteristikum des Kommunismus sah, steht diese Vereinseitigung diametral entgegen. Wird dies nicht gesehen, »<em>läuft man Gefahr, von Angestellten und ArbeiterInnen die Selbstverwirklichung innerhalb von Arbeitsaufgaben zu fordern, die keine Selbstverwirklichung erlauben</em>«(<a href="#6">6</a>).<a name="q6"></a> Explizit wendet sich Gorz gegen die Vision des »sozialistischen Arbeiterstaates«. Er tritt vielmehr ein für die <em>Befreiung von der Arbeit</em> als einem politischen Programm. »<em>Es geht nicht mehr darum, Macht als Arbeiter zu erobern, sondern darum, Macht zu erobern, um nicht länger als Arbeiter funktionieren zu müssen</em>«.(<a href="#7">7</a>) <a name="q7"></a></p>
<p>Befreiung von der Arbeit bedeutet für Gorz zunächst ganz einfach eine drastische Reduktion der Erwerbsarbeitszeit. Ausgehend von der heutigen Produktivität taxiert er die notwendige Lebensarbeitszeit: »<em>Es sieht kaum aus, als würde dieses Quantum gegen Ende des Jahrhunderts 20.000 Stunden überschreiten. Nun bedeuten aber 20.000 Stunden pro Leben zehn Jahre Vollzeitarbeit oder zwanzig Jahre Teilzeitarbeit oder &#8211; weit plausibler &#8211; vierzig Jahre unregelmäßige Arbeit, wobei Halbzeitperioden, Urlaubsperioden oder Perioden unbezahlter autonomer Tätigkeit in einer Arbeitsgemeinschaft usw. einander abwechseln</em>«(<a href="#8">8</a>).<a name="q8"></a> Diese Lebensarbeitszeit sieht er als Pflicht, von der niemand freigestellt sein soll. In der radikalen Einschränkung der Lohnarbeit &#8211; in der Terminologie von Gorz der heteronomen Arbeit &#8211; erkennt er aber die Chance zu einer neuen Lebensqualität. »<em>Sinn und Ziel der Forderung, weniger zu arbeiten ist nicht &#8220;mehr auszuruhen« sondern &#8220;mehr zu leben&#8221;</em>«.(<a href="#9">9</a>)<a name="q9"></a></p>
<p>In der Umsetzung dieses Ansatzes sieht Gorz die Möglichkeit, die vom Kapitalismus eingeimpfte »produktivistische Arbeits-Ethik auszumerzen und durch eine Ethik zu ersetzen, in der die freiwillige Kooperation, die Selbstbestimmung, die Kreativität, die Qualität der Beziehungen zu anderen und zur Natur die dominierenden Werte sind. Wir müssen wieder lernen, uns in das, was wir tun, einzubringen, nicht weil wir dafür bezahlt werden, sondern aus Freude, etwas zu schaffen, zu schenken, zu lernen, mit anderen nicht-kommerzielle und nicht-hierarchische, praktische und affektive Beziehungen zu knüpfen«(<a href="#10">10</a>).<a name="q10"></a></p>
<p>Und umgekehrt verhindert ein Beharren auf den Vollzeitarbeitsplatz einen Durchbruch der neuen Ethik: »Solange das Arbeitsleben den Hauptteil der Zeit eines jeden beansprucht und der Despotismus der Stoppuhr die Arbeitszeit von der Lebensarbeitszeit abschneidet, werden die Entdeckung, die Neuerfindung der nicht-ökonomischen Werte auch außerhalb der Arbeit unwahrscheinlich bleiben«(<a href="#11">11</a>). <a name="q11"></a>In dieser neuen Sphäre der autonomen Tätigkeiten &#8211; hat die ökonomische Logik keine Geltung mehr. Hier ist kein Sich-Zurichten-Müssen angesagt, auch nicht, wenn die frei verfügbare Zeit für die Herstellung von Notwendigem genutzt wird: »<em>Handgenähte Kleider und Schuhe haben nicht denselben Status wie industriell gefertigte. Sie um des Vergnügens willen herstellen heißt, daß die Zeit, die man damit zubringt, nicht gezählt wird: Es ist die Zeit des Lebens selbst</em>«(<a href="#12">12</a>).<a name="q12"></a></p>
<p>Autonomes Tun braucht folgerichtig eine angemessene Infrastruktur, um sich entfalten zu können. Gorz fordert daher eine Politik kollektiver Einrichtungen. Als Beispiel nennt er »<em>die städtischen Zentren in Großbritannien, die unter einem Dach Schwimmbad, Bibliothek, Lesesaal, Spiel- und Musikräume, Restaurant, Reparatur- und Bastelwerkstatt vereinen</em>«(<a href="#13">13</a>).<a name="q13"></a> Weiterhin sieht er den Staat gefordert, für Selbsthilfegruppen, die Altenhilfe, Kinderbetreuung u.a. organisieren, eine geeignete Infrastruktur aufzubauen und ständige finanzielle Unterstützung zu gewährleisten.</p>
<p>Gorz selbst bezeichnet seinen Ansatz als dualistische Konzeption, und nur eine solche hält er für realistisch und realisierbar: »<em>Die heteronome Sphäre gewährleistet die programmierte, geplante Produktion all dessen, was für das Leben der Individuen und für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig ist, so wirksam wie möglich, folglich mit dem geringsten Aufwand und minimalen Ressourcen. In der anderen Sphäre produzieren die Individuen auf autonome Weise, außerhalb des Marktes, allein oder frei assoziiert, materielle und immaterielle, nicht notwendige, aber den Wünschen, dem Geschmack und der Phantasie des Einzelnen entsprechende Güter und Dienste.</em>«(<a href="#14">14</a>) <a name="q14"></a>Die eine Sphäre gilt es abzubauen, die andere zu erweitern. In dem Maße, wie dies gelingt und endlich das Selbstbestimmte überwiegt, wird die Gesellschaft sozialistisch. Hier käme dann den von <em>ökonomischer Rationalität der Kapitalverwertung geprägten Beziehungen</em> nur noch eine untergeordnete Rolle zu und somit wäre die »<em>ökonomisch rationale Arbeit sowohl gesamtgesellschaftlich als im Leben der einzelnen nur noch eine Tätigkeit unter mehreren anderen, ebenso wichtigen</em>«(<a href="#15">15</a>).<a name="q15"></a> Die restlose Beseitigung von Geld- und Warenbeziehungen hält Gorz allerdings für utopisch.(<a href="#16">16</a>) <a name="q16"></a></p>
<p>Soweit die Vorstellung der Gorz&#8217;schen Position. Kann nun die dualistische Konzeption ein Ausweg aus der Krise des marktwirtschaftlichen Systems sein? Um diese Frage befriedigend beantworten zu können, sind ihre Grundlagen und theoretischen Voraussetzungen zu erörtern.</p>
<p><strong>Der Arbeitsbegriff bei Gorz</strong></p>
<p>Gorz hat einen negativ besetzten Arbeitsbegriff, er tritt für die Befreiung <em>von</em> der Arbeit ein.(<a href="#17">17</a>)<a name="q17"></a> Dennoch bleiben sowohl seine Kritik an der Arbeit als auch seine Vorstellungen von einer Aufhebung der Arbeit letztlich doch noch befangen in den Kategorien der modernen Warenproduktion. Die Arbeit im Kapitalismus unterliegt durch die von der Konkurrenzlogik erzwungene Produktivitätsdynamik einem ständigen Wandel. Sie muß sich der unablässigen Revolutionierung der Produktionsmittel stets anpassen. So wurde aus dem Handwerkerstolz das Fließbandleiden. Hier erst setzt Gorz an. Er bezieht sich in seiner Kritik der Arbeit in erster Linie auf die Zumutungen der empirischen Form der Arbeit im Fließbandkapitalismus, die als maschinenbestimmtes, zerstückeltes und monotones Handeln charakterisiert werden kann. Gorz fragt sich, wo hier der von Marx bemühte »Baumeister« überhaupt noch seinen Platz finden kann.(<a href="#18">18</a>)<a name="q18"></a> Er erkennt und beschreibt hierin treffend einen Grund für die Deformierung durch die Arbeit, die auch in der Sphäre der Nicht-Arbeit nicht aufgehoben ist, wie sich etwa im kompensatorischen Konsumverhalten zeigt.(<a href="#19">19</a>) <a name="q19"></a>Und es ist offensichtlich, daß die Menschen in diese Arbeitsbedingungen nur gezwungen werden können, weil sie ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um ihre Reproduktion zu sichern.</p>
<p>Die jeweilige Technologie und der Herstellungsprozeß sind nun immer schon durch den Filter der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse hindurchgegangen. Aus diesem Grund ist ein kritisches Verhältnis zur kapitalistisch geformten Technik angesagt, nicht aber braucht industrielle Technik per se abgelehnt zu werden. Eine Überwindung der wertförmigen Vergesellschaftung würde unweigerlich die Entwicklung einer »menschlichen« Technik auf die Tagesordnung setzen. Das Produzieren und die Produktionsmittel könnten dann den individuellen menschlichen Bedürfnissen angepaßt werden.(<a href="#20">20</a>)<a name="q20"></a> Dies schließt auch mit ein, daß einerseits die Meßlatte der Produktivität nicht zwanghaft ständig nach oben angepaßt und daß andererseits immer auch schon ökologische Aspekte mitberücksichtigt werden müßten.(<a href="#21">21</a>) <a name="q21"></a></p>
<p>Gorz vertritt dagegen die These, daß industrielles Produzieren an sich und demnach »ewig« ein fremdbestimmtes Tun bleiben müsse. »<em>Ein so alltägliches Gerät wie eine Waschmaschine enthält eine Fülle von Kenntnissen, die die Fähigkeiten mehrerer Zehntausende von Personen übersteigt&#8230; Die Koordinierung einer so großen Vielfalt spezialisierter Aufgaben erfordert ihrerseits prädeterminierte Verfahren und Regeln, die individuelle Phantasie ausschließen. Der Apparat gesellschaftlicher Produktion kann nur nach Art einer einzigen großen Maschine funktionieren, der alle Tätigkeiten untergeordnet sind&#8230; Die im Rahmen der gesellschaftlichen Produktion von jedem geleistete Arbeit ist also notwendig heteronom, das heißt: welche Qualifikationsstufe sie auch hat, ihrem Inhalt und ihren Modalitäten nach ist sie von technischen Imperativen bestimmt.</em>«(<a href="#22">22</a>)<a name="q22"></a></p>
<p>Gorz kritisiert hier das Fremdbestimmte der fordistischen Produktionsweise, sieht aber die Ursache in technologischen Sachzwängen statt in der wertförmigen Zurichtung der Herstellungsprozesse. Daher bleibt für ihn die Sphäre der heteronomen Arbeit&lt;D&gt; auch unaufhebbar und kann nur durch eine <em>Sphäre autonomer Tätigkeiten</em> ergänzt werden. Gorz sieht keinen anderen Ausweg, als die <em>heteronome Sphäre</em> zurückzudrängen, um so wenigstens das Arbeitsleid zu minimieren. Deshalb gelte es, die Arbeitszeit auf möglichst vier Stunden am Tag zu verkürzen. Auf diese Weise fielen die Zumutungen geringer aus und ließen sich leichter kompensieren. Es bliebe noch genug Zeit, Mensch zu sein, zumal sich auch die Hierarchie am Arbeitsplatz durchaus auflösen ließe: »<em>Der Arbeitsplatz kann zu einer Stätte des Austausches, der Kooperation und des guten Einvernehmens werden.</em>«(<a href="#23">23</a>)<a name="q23"></a></p>
<p>Eine Überwindung dieses <em>heteronomen Vier-Stunden-Apparates</em> allerdings erscheint Gorz unmöglich: »<em>Die gesellschaftliche Zusammenarbeit auf der Ebene eines großen Wirtschaftsraums kann keine selbstbestimmte und freiwillige sein.</em>«(<a href="#24">24</a>) <a name="q24"></a>Denn auf dieser Ebene herrsche notwendigerweise eine objektive und unaufhebbare ökonomische Logik: »<em>Handeln ist ökonomisch rational, insofern es auf die größtmögliche Leistung (Produktivität) der eingesetzten Faktoren abzielt. Gemessen wird Leistung im ökonomischen Sinn an dem pro Quantum eingesetzter lebendiger oder toter Arbeit (zirkulierendes und fixes Kapital) erzielten Profit. Welche immer auch die Eigentumsverhältnisse sein mögen, gibt es vom betriebswirtschaftswissenschaftlichen Standpunkt aus nicht einerseits eine kapitalistische, andererseits eine sozialistische ökonomische Rationalität. Diese Einsicht hat sich in letzter Zeit überall durchgesetzt</em>«(<a href="#25">25</a>).<a name="q25"></a> Und von diesem Wirtschaftswissenschaftsstandpunkt aus, in dem Gorz befangen bleibt, ist seine Argumentation durchaus folgerichtig. Ihm ist es undenkbar, daß makrogesellschaftliches Produzieren ohne Profitanreiz bzw. anders als in der Wertform organisierbar wäre. <em>Ökonomisch rationale Arbeit</em> ist dann folglich nur zu leisten mit ökonomisch rationalen Maschinen und ökonomisch rationaler Infrastruktur. So bestimmt Gorz die heutige Technik nicht als stofflichen Ausdruck der Wert- und Geldgesellschaft. Stattdessen nimmt er die vom Wert konstituierten empirischen Erscheinungen der fortgeschrittenen Produktivkraft selbst für »bare Münze« und verlängert sie in die Zukunft.</p>
<p>Nun gehört er aber nicht zu denen, die das betriebswirtschaftliche Produzieren vergöttern und die Politik nur darauf beschränken wollen, die daraus folgenden gesellschaftlichen und ökologischen Verwüstungen hier und da zu reparieren, eine Politik, die unter den Namen von Sozialdemokratie und Grünen sich etabliert hat. Für Gorz ist die wertförmige Ökonomie nur ein notwendiges Übel, das die Menschheit aber stets mit sich herumschleppen muß. Die kapitalistische Logik scheint ihm unbesiegbar, doch geht er immerhin so weit, sie in eine Nebenrolle drängen zu wollen. Daß er damit innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, welche die Arbeit als gesellschaftlichen Hauptpfeiler bejaht, teil- und zeitweise Gehör gefunden hat, erklärt sich einerseits aus der strukturellen Krise der Arbeitsgesellschaft, also der durch die hohe Produktivität bedingten massiven Freisetzung von Arbeitskräften, die nicht wieder integriert werden können.(<a href="#26">26</a>)<a name="q26"></a> Wo niemand mehr auf den alten Wegen weiter weiß, rücken die Kritiker allmählich ins Blickfeld. Andererseits baut Gorz aber auch der Sozialdemokratie eine ideologische Brücke, indem er nämlich die Unaufhebbarkeit der Arbeit und der warenförmigen Vermittlung gesellschaftlicher Beziehungen vertritt.</p>
<p>Angefügt sei hier noch, daß auch eine <em>duale Konzeption</em> &#8211; selbst wenn sie gegen die Schwerkraft der Warenlogik durchgesetzt werden könnte &#8211; die Krise nicht zu lösen imstande wäre. Selbst eine drastische Reduzierung der Arbeitslosigkeit durch Umverteilung des Arbeitsvolumens würde das Kernproblem nicht lösen: den Prozeß des absoluten Schrumpfens wertproduktiver Arbeit und die Reduktion der Wertmasse im substantiellen Sinne. Alle Regulierungsversuche auf dieser Ebene der Krisensymptome verschärfen nur noch das geldförmige Dilemma: entweder durch Demontage des Sozialstaates und Lohnsenkungen (wozu auch die Arbeitszeitverkürzung zu rechnen ist) die Kaufkraft abzuwürgen oder durch höhere Staatsverschuldung sich Währungsturbulenzen und Inflation einzuhandeln. Das Ergebnis ist in beiden Fällen letztlich das gleiche: Der kapitalistische Motor kommt noch stärker ins Stottern, und eine Verschärfung des wirtschaftlichen Einbruchs ist unausweichlich.(<a href="#27">27</a>) <a name="q27"></a></p>
<p>Eine großtechnische Produktion muß aber nicht &#8211; wie Gorz annimmt &#8211; auch sozial nach Maschinenart funktionieren. Die Ursache des Fremdbestimmten liegt nicht darin, daß für einen bestimmten maschinellen Prozeß, wie z.B. die oben zitierte Waschmaschinenherstellung, vielfaches Wissen, Fertigkeiten, Zeitabläufe, Maschineneinsatz u.a. koordiniert werden müssen. Befreit vom Geld- und Rentabilitätszwang wäre es möglich (und erforderlich), nicht nur auf gesamtgesellschaftlicher Ebene freie Absprachen über Zweck- und Zielsetzungen der Produktion, über Quantitäten und Qualitäten zu treffen. Auch auf der Ebene des einzelnen Produktionsprozesses hätten die Menschen die Freiheit, sich über die jeweiligen »Spielregeln« zu verständigen. Diese Freiheit ist natürlich keine absolute, hat keinen reinen spielerischen Charakter, sondern ist hauptsächlich ernsthafte Festlegung, wie das zweckgerichtete Projekt unter Berücksichtigung etlicher Kriterien wie etwa Stoffaufwand, Haltbarkeit, Bedienbarkeit, ökologischer Vertretbarkeit, Zeitaufwand und Zeitkoordination, Kommunikation, Verantwortlichkeit, Kompetenz, Schaffensfreude, Mühe, Monotonie usw. realisiert werden kann. Die Befriedigung aus diesem Handeln ist nicht in erster Linie aus der Schaffensfreude abzuleiten, vielmehr aus dem Einbringen in ein sinnvolles gesellschaftliches Tun, das aus Einsicht in den gesellschaftlichen Zusammenhang geschieht. Es wäre eine Form der Betätigung als Gemeinschaftswesen, das neben der Anstrengung auch Befriedigung in sich trüge, gerade weil es auf die Mitmenschen gerichtet ist. Das gesellschaftliche Regelwerk ist dann durchaus als individuell beeinflußbares denkbar. »Teamwork« in der industriellen Fertigung ist nicht an sich fremdbestimmt, sondern unter anderen Rahmenbedingungen durchaus als selbstbestimmt zu charakterisieren.(<a href="#28">28</a>) <a name="q28"></a></p>
<p>Angemerkt sei hier, daß die oft von Gorz hervorgehobene Forderung nach einer »<em>Erweiterung derjenigen Sphäre, in der die Tätigkeiten um ihrer selbst willen aus Neigung, Freude, Berufung, Leidenschaft, Liebe usw. ausgeübt werden</em>«(<a href="#29">29</a>) <a name="q29"></a>natürlich ihre Berechtigung hat. In der Herstellung von Waschmaschinen werden auch in einer veränderten Zukunft wahrscheinlich nur wenige eine Tätigkeit um ihrer selbst willen im obigen Sinne erblicken. Hier hat die gesellschaftliche Sinnhaftigkeit des Tuns Priorität, was Momente von direkter Befriedigung aus dem Inhalt dieses Tuns aber nicht ausschließen muß. Darüberhinaus ist natürlich auch ein individueller Freiraum wichtig, wo die einzelnen Gelegenheit haben, genau das zu tun, was ihnen wirklich persönlich wichtig ist. Dies schließt wiederum nicht aus, daß dieses Tun gleichzeitig einen sinnvollen gesellschaftlichen Bezug haben kann. Jenseits der »Arbeit« lösen sich die Dualismen auf.</p>
<p><strong>Ohne Moos viel los</strong></p>
<p>Wenn das Gorz&#8217;sche Gesellschaftsprojekt, den Kapitalismus zwar zu »minimieren«, letzlich aber doch zu konservieren, illusorisch ist, so verweist es angesichts der schon real begonnenen Zusammenbruchsepoche der Wertvergesellschaftung doch auf gangbare praktische Schritte. Ist die heutige Strukturkrise nämlich warenförmig nicht bewältigbar, dann bleibt als einzig konstruktive Perspektive nur, damit zu beginnen, geldbefreite, kooperative Zusammenhänge zu organisieren, in denen das Produzieren und die Dienste, letztlich also auch das Miteinanderleben, eine neue selbstbestimmte Qualität bekommen. Zwischen einer solchen Perspektive und den Gorz&#8217;schen Vorstellungen über die »<em>autonome Sphäre</em>« gibt durchaus gewisse Berührungspunkte, doch gewinnt sie vor dem Hintergurnd der realen Krisenentwicklung eine andere Qualität.</p>
<p>Wo das Kapital sich im Zuge der Krise zurückzieht, da geht auch ein Teil seiner Herrschaft über die stoffliche Welt verloren. Es hinterläßt in diesen Orten und Regionen die Gebäude, die Maschinen etc. und, vor allem in den Metropolen, ein hohes Potential an menschlicher Produktivkraft. Und neben den übersehbaren Tendenzen zur allgemeinen Verrohung und zur Fortsetzung des Konkurrenzkampfes mit barbarischen Mitteln entstehen erfahrungsgemäß auch Ansätze kooperativer Krisenbewältigung in Gestalt von Nachbarschaftshilfe oder sonstigen Formen kollektiver Selbsthilfe.(<a href="#30">30</a>)<a name="q30"></a> In dem Maße, wie die Dauerkrise alle geldförmigen Lösungen diskreditiert, könnten diese Miniprojekte beginnen, sich durch Vernetzung zu stabilisieren und so zugleich die Perspektive einer umfassenden direkten Vergesellschaftung eröffnen. Wenn auch der Sozialstaat in dieser Phase seinem eigenem Anspruch kaum noch wird gerecht werden können, bestünde doch die Möglichkeit, seine verbliebenen finanziellen Spielräume im Sinne einer »Hilfe zur Selbsthilfe« nutzbar zu machen, etwa um Maschinen und Material zur Renovierung von Häusern in Eigenregie bereitzustellen.(<a href="#31">31</a>) <a name="q31"></a></p>
<p>Partiell abgekoppelt vom Weltmarkt wäre ein Produzieren ohne Geldzweck möglich, zumal dann der Zwang wegfiele, immer auf höchstem Produktivitätsniveau zu produzieren. Jeder Produktausstoß brächte hier einen Nutzen, wie ja auch ein Gemüsegarten oder eine Hobbywerkstatt betrieben werden, ohne marktfähig zu sein.(<a href="#32">32</a>) <a name="q32"></a>Es bestünde die Möglichkeit, daß sich in diesen Bereichen allmählich ein neues konstruktiv-komplexes Bewußtsein herausbildet, das die Subjekt-Objekt-Dichotomie partiell transzendiert und sich selbst, die Gesellschaft und die Natur als Wirkungszusammenhang versteht. Die Fähigkeit zu einem Denken und Handeln in ganzheitlicher Dimension wäre wiederum eine wichtige Vorausetzung dafür, daß dieser Sektor erfolgreich auf die gesamtgesellschaftliche Ebene ausgedehnt werden könnte.</p>
<p>Um diese konstruktive Perspektive in Regionen, die noch nicht so heftig von der Krise betroffen sind, auf den Weg zu bringen, könnte ein zweite Gorz&#8217;sche Kernforderung aufgegriffen werden: die der Arbeitszeitverkürzung. Die allgemeine Reduktion des Arbeitspensums würde die Möglichkeit eröffnen, die gewonnene Zeit mit Eigenaktivität zu füllen bzw. ein Stück Distanz gegenüber der verinnerlichten Leistungsdoktrin zu gewinnen. Und eine dann unumgängliche Reduzierung des leerlaufenden kompensatorischen Konsums wäre ja immerhin viel erträglicher als die sonst drohende Entlassung in die Dauerarbeitslosigkeit. Das gewonnene Zeitpotential könnte nicht nur gemäß individuellen Wünschen ausgefüllt, sondern vor allem kooperativ genutzt werden durch Organisierung von Selbsthilfe, Unterstützungsringen o.ä.(<a href="#33">33</a>) <a name="q33"></a></p>
<p>Im Kern geht es bei diesen Ansätzen von Alternativen um das Praktischwerden eines neuen Lebensstiles. Noch fehlt diesem allerdings der Freiraum für seine Entfaltung; noch für längere Zeit wird auch ein kooperativ organisierter Sektor zwangsläufig an die alte Geld-Welt angenabelt bleiben, weil sich vorerst dort nicht alle Güter herstellen lassen und nicht alle Dienste garantiert werden können, die auch bei konsumkritischem Leben benötigt werden. So wird zunächst ein kompliziertes Nebeneinander unvermeidlich sein. Auf der einen Seite wird noch Geld für Rohstoffe, Nahrungsmittel usw. aufgebracht werden müssen (durch Teilzeitarbeit oder Staatshilfe o.ä.). Auf der anderen Seite stünde, um mit Gorz zu reden, die »<em>autonome Sphäre</em>«, das vernetzte, kooperative Produzieren jenseits des Marktes. Ob und wie ein solcher neuer gesellschaftlicher Sektor schließlich die Hegemonie gewinnen kann, bleibt offen. Fest steht nur, daß Gorz&#8217; Vorstellung von einer friedlichen Koexistenz beider »<em>Sphären</em>« unhaltbar ist. Erstens, weil ein nicht-warenförmiger Lebensstil aus sich heraus dazu tendieren wird, sich gänzlich von den Zumutungen des realexistierenden »Industriesystems« zu befreien, und das bedeutet die Aufhebung der abgetrennten Sphäre der Arbeit und die Integration des Produzierens als Ausdruck menschlichen Seins in den Alltag. Zweitens, weil die Implosion des Kapitals ein fortdauernder, sich beschleunigender Prozeß ist, der ständig neue Verarmung »produziert« und das soziale Gefüge zersetzt bis hin zum perspektivlosen Bürgerkrieg.</p>
<p>Als Fazit der Auseinandersetzung mit dem Gorz&#8217;schen Konzept möchte ich festhalten, daß dieses durchaus Bewegung in die Debatte bringen kann, wie dem alt werdenden Kapitalismus zu Leibe gerückt werden könnte. Andererseits steht es auf einem bröckeligen theoretischen Fundament. Um eine tragende Perspektive zu formulieren, wäre das Anfangszitat von Gorz umzuwandeln: Den Kapitalismus überwinden heißt hauptsächlich und notwendig, die Herrschaft der Warenbeziehungen &#8211; einschließlich des Verkaufs der Arbeitskraft &#8211; zugunsten selbstbestimmter gesellschaftlicher Tätigkeiten und Beziehungen zu beseitigen.</p>
<p><em>Fußnoten</em></p>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) &#8230;aus einem Lied von »Klaus dem Geiger und den Kölner Straßenmusikanten«, CD 1994.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S.85.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) André Gorz, Und jetzt wohin?, Berlin 1991, S.128.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">4</a>) Kursiv-Gedrucktes im Text gibt Formulierungen von Gorz wieder.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) Die auf niedrigem Produktivitätsniveau aufgebaute Sowjetunion konnte noch nicht einmal daran denken, das Arbeiter-Dasein in Frage zu stellen. Hier ging es aus Überlebensgründen darum, möglichst viele Menschen in die intensive Arbeit zu zwingen. »In seinem eigenen Interesse als frischgebackener &#8220;Herr des Staates&#8221; soll der Arbeiter sein &#8220;eigenes&#8221; Interesse als Arbeiter verleugnen. Der Arbeiter soll in einer Person Egoist sein als Arbeiter mit einem unmittelbaren, auf Lohn und Arbeitsbedingungen gerichteten Interesse, und er soll zugleich Altruist sein als Inhaber der Saatsmacht. Das Ideal wäre zweifellos eine Arbeiterschaft, die aus Einsicht dahin gelangt, den Stumpfsinn ununterbrochener &#8220;Maloche&#8221; zu bejahen. Das läuft natürlich auf nichts anderes als auf den Versuch der Quadratur des Kreises hinaus&#8230;«, so Peter Klein in: <a href="http://www.krisis.org/1997/die-illusion-von-1917" class="broken_link">Die Illusion von 1917</a>, Unkel/Rhein, Bad Honnef 1992, S. 125.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) André Gorz, Und jetzt wohin?, Berlin 1991, S. 118.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) André Gorz, Abschied vom Proletariat, (1980) Frankfurt 1988, S.62; vgl. auch Kurz/Lohoff: »Die revolutionären Subjekte organisieren sich nicht als Arbeiter, sondern als Kommunisten, deren unmittelbares Ziel es nur sein kann, das Arbeiter-Dasein für immer abzuschütteln« (Marxistische Kritik 7, Erlangen 1989, S.27).</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 68.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) André Gorz, Abschied vom Proletariat, (1980) Frankfurt 1988, S. 162.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 152f. Gorz sieht die Reduzierung von Arbeitszeit verknüpft mit einem Zurückdrängen des Konsumismus: »Wenn ich meine Zeit verlieren muß, um Geld zu verdienen, so will ich dafür &#8220;etwas von meinem Geld haben&#8221;. Zeitpolitik kann zum wirksamsten Mittel werden, um das ökologisch notwendige Schrumpfen des Warenkonsums mit dem Streben nach größtmöglicher Selbstgestaltung des eigenen Lebens zu verbinden. Das ökologisch produktive Schrumpfen des Wirtschaftssystems verlangt folglich Verzichte, aber diese Verzichte brauchen kein Opfer zu bedeuten. Viele Bedürfnisse können durch geringere Mengen besserer und dauerhafterer Produkte besser befriedigt werden, und die Konsumwünsche selbst können verringert werden durch bessere öffentliche Dienste und Einrichtungen, eine bessere Lebensumwelt, eine entspanntere und konvivialere Lebensweise mit mehr disponibler Zeit. Wir könnten mit weniger Konsum besser leben und arbeiten.« (André Gorz, Und jetzt wohin?, Berlin 1991, S. 141 f.</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 80.</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 95.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">13</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 147.</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>) André Gorz, Abschied vom Proletariat, (1980) Frankfurt 1988, S. 88 f.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q15">15</a>) André Gorz, Und jetzt wohin?, Berlin 1991, S. 84.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) André Gorz, Und jetzt wohin?, Berlin 1991, S. 96.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) Hier kann er an einen radikalen Argumentationsstrang von Marx anknüpfen. »Nicht allein das Privateigentum als sachlichen Zustand, das Privateigentum als Tätigkeit, als Arbeit, muß man angreifen, wenn man ihm den Todesstoß versetzen will. Es ist eines der größten Mißverständnisse, von freier, menschlicher, gesellschaftlicher Arbeit, von Arbeit ohne Privateigentum zu sprechen. Die &#8220;Arbeit&#8221; ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, ungesellschaftliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit. Die Aufhebung des Privateigentums wird also erst zu einer Wirklichkeit, wenn sie als Aufhebung der &#8220;Arbeit&#8221; gefaßt wird,&#8230; Eine &#8220;Organisation der Arbeit&#8221; ist daher ein Widerspruch.« (Karl Marx über Friedrich List, Berlin 1972, S. 24f.)</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) »Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn schon ideell vorhanden war.« (Karl Marx , MEW 23, Berlin 1975, S.193)</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">19</a>) »Die kompensatorischen Güter werden also ebensosehr &#8211; wenn nicht gar noch mehr &#8211; ihrer Nutzlosigkeit halber begehrt wie wegen ihres Gebrauchswertes; denn dieses Element des Nutzlosen symbolisiert die Flucht des Käufers aus dem kollektiven Universum der funktionalen Notwendigkeit in eine private Nische souveräner Freiheit.« (André Gorz, Und jetzt wohin?, Berlin 1991, S.53)</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">20</a>) Inzwischen versucht ja bekanntlich sogar ein Teil der Unternehmen die menschliche Eigeninitiative auf hohem Produktivitätsniveau wieder zu aktivieren und zu verwerten. So hat z.B. die Maschinenbau-Firma Ekato in Süddeutschland ihre neue Fabrik mit Fertigungsinseln ausgestattet, wo mit der üblichen Arbeitsteilung gebrochen wird. In Gruppenarbeit macht hier jeder alles, von der Planung und Konstruktion bis zur handwerklichen Umsetzung. Die Trennung von Kopf- und Handarbeit soll überwunden werden. Der unvermeidliche Pferdefuß ist jedoch, daß alle Beteiligten sich dem Imperativ der »betrieblichen Kostenminimierung« unterwerfen, ja dieses Kriterium verinnerlichen müssen. Dennoch scheinen hier neue positive Potentiale auf, die Gorz bisher nicht wahrgenommen hat und die jenseits der Kostenrechnung betriebswirtschaftlicher Rationalität auch innerhalb der industriellen Produktion eine Aufhebung der Fremdbestimmung versprechen.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Riesenproduktionsstätten wie z.B. BAYER in Leverkusen disqualifizierten sich dann allein schon wegen der unweigerlichen Verkehrsproblematik.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">22</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 81 f.</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">23</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 84.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">24</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 84.</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">25</a>) André Gorz, Und jetzt wohin?, Berlin 1991, S. 83 f.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">26</a>) »Anfang 1994 waren weltweit 820 Millionen Menschen oder 30 Prozent der gesamten Arbeitnehmerschaft ohne Beschäftigung« so die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) laut dpa. Offiziell waren 120 Millionen Arbeitslose registriert. Gäbe es den vollautomatisierten Kapitalismus, wäre kein Geld mehr da, die riesigen Warenberge zu kaufen. Die Menschheit müßte nach dieser Logik verhungern. In diesem fiktiven Extrem läge der Wert-Fetisch selbst für den »gesunden«, sprich dem nur auf der Erscheinungsebene verharrenden Menschenverstand offen zutage. Anstatt das Zeitliche zu segnen, würde er dann wohl endlich die Einsicht gewinnen, daß es möglich ist, Gebrauchsdinge praktischerweise auch ohne Geldvermittlung zu produzieren und zu genießen.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">27</a>) Vgl. dazu Robert Kurz, Die Himmelfahrt des Geldes, in: Krisis 16/17.</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">28</a>) Übrigens kann auch der Do-it-yourself-Baumeister seine Zeit nicht nur so nützen, wie es ihm gefällt. Auch er muß sich auf die Gegebenheiten des Stoffes und die Bedingungen seiner Gestaltung einlassen und dementsprechend handeln, um sein Vorhaben zu verwirklichen. Ohne ein gewisses Maß an Disziplin, Mühe, Planen, ohne individuelle »Spielregeln« wird auch er nicht auskommen.</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q29">29</a>) André Gorz, Wege ins Paradies, Berlin 1983, S. 85.</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) Am fortgeschrittensten zeigt sich diese Option in der Bewegung der »Lokalen Ökonomie« mit ihrem Schwerpunkt in England und Schottland und ersten Ansätzen in Deutschland und anderen Teilen Europas. »Mit dem Begriff &#8220;Lokale Ökonomie&#8221; werden wirtschaftliche Aktivitäten beschrieben, die 1) einem lokal und sozial begrenzten Gebiet zugeordnet sind, 2) die dort lebenden Menschen, ihre ökonomischen Wünsche und Möglichkeiten betreffen, 3) die von ihrer eigenen Initiative getragen werden und 4) die nicht nach den Gesetzen von Konkurrenz und Markt, sondern nach eher nachbarschaftlichen Regeln von Austausch, Solidarität und Hilfe funktionieren.« (so Peter Bach in seinem Referat »Lokale Ökonomie &#8211; ein Mittel zur kommunalen Selbsthilfe in Mühlheim?, Lokalberichte Köln 2/95).</p>
<p><a name="31"></a><a href="#q31">31</a>) »Wie früher Häuser gebaut wurden, nämlich aus Fachwerk und Lehm, das haben ein Dutzend Obdachlose in Eckartsheim bei Bielefeld nachgemacht. In die Kleinstwohnhäuser mit 53 qm werden sie selbst einziehen &#8211; ein bundesweit einmaliges Experiment.« (Prisma, Nr 2/96, S.45).</p>
<p><a name="32"></a><a href="#q32">32</a>) Hier geht es um die prinzipielle Ebene. Eine verallgemeinerte niedrige Produktivität eines »Small is beautiful« ist nicht zu begrüßen, da dies auch bei Konsumreduzierung in Plackerei ausarten müßte. Es soll andererseits nicht heißen, daß Selbstversorgung stets ineffizient sein muß. So wurde in den von Fridjof Bergmann initiierten »New Work«-Projekten mit Obdachlosen eine neue Idee geboren und erprobt: »high tech selfproviding«, Selbstversorgung auf hohem technischen Niveau. (vgl. Die Zeit, 18.3.94)</p>
<p><a name="33"></a><a href="#q33">33</a>) Bereits heute sind in Deutschland etliche lokale Tauschbörsen entstanden, wo trotz der Form einer Verrechnung der Leistungen in Zeiteinheiten der Gedanke wechselseitiger Hilfe im Vordergrund steht. So etwa die »Zeitbörse« in Kassel: »Unter dem Motto &#8220;Bei uns ist auch ohne Moos was los&#8221; können von den mittlerweile fast 50 Mitgliedern der Kasseler Zeitbörse eine Reihe von Dienstleistungen untereinander anstatt gegen Geld mit der erbrachten Zeit getauscht werden, die vom vegetarischen Kochen über das Baby-Sitten bis zur Hilfe bei Umzügen etc. reicht. Mit diesem Angebot, für das den Erbringern die geleistete Zeit auf einem Zeitkonto gutgeschrieben wird, ist es der Zeitbörse gelungen, einen Beitrag zur Erleichterung des Alltags der Mitglieder zu leisten, so daß in der Zeitbörse mittlerweile Menschen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen zusammenarbeiten&#8230;«, heißt es in der Presseerklärung vom 6.1.1996 anläßlich des einjährigen Bestehens.</p>
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		<title>Krisis 18 &#8212; Inhalt</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 1996 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 18 (1996)]]></category>

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		<description><![CDATA[Editorial Robert Kurz: Die letzten Gefechte. Ein Essay über den Pariser Mai, den Pariser Dezember und das Bündnis für Arbeit Ernst Lohoff: Determinismus und Emanzipation Norbert Trenkle: Weltgesellschaft ohne Geld. Überlegungen zu einer Perspektive jenseits der Warenform Ernst Lohoff: Krise und Befreiung – Befreiung in der Krise. Ein postpolitischer Streifzug Heinz Weinhausen: Sphärenklänge. Zum Teilzeitsozialismus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.krisis.org/1996/krisis-18-editorial">Editorial</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Robert Kurz: Die letzten Gefechte.</a> Ein Essay über den Pariser Mai, den Pariser Dezember und das Bündnis für Arbeit</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1996/determinismus-und-emanzipation">Ernst Lohoff: Determinismus und Emanzipation</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1996/weltgesellschaft-ohne-geld">Norbert Trenkle: Weltgesellschaft ohne Geld.</a> Überlegungen zu einer Perspektive jenseits der Warenform</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1996/krise-und-befreiung-befreiung-in-der-krise">Ernst Lohoff: Krise und Befreiung – Befreiung in der Krise.</a> Ein postpolitischer Streifzug</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1996/sphaerenklaenge">Heinz Weinhausen: Sphärenklänge.</a> Zum Teilzeitsozialismus des André Gorz</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1996/dimensionen-des-muells">Franz Schandl: Dimensionen des Mülls</a></p>
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		<title>Determinismus und Emanzipation</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 1996 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 18 (1996)]]></category>

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		<description><![CDATA[Zum Vorwurf des Objektivismus gegenüber der Wertkritik (in: Krisis 18)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<h4><strong>1.</strong></h4>
<p>Der Endsieg von Demokratie und Markt fällt mit der Paralyse der warengesellschaftlichen Ordnung zusammen. Im selben historischen Augenblick, in dem die Diktatur der bürgerlichen Form allgegenwärtig geworden ist, büßt sie ihre integrative Kraft ein. Die kapitalistische Produktionsweise hört auf, als Prozeß &#8220;produktiver Zerstörung&#8221; (Schumpeter) zu funktionieren, und übrig bleibt die blanke Destruktion. Das Weiterprozessieren der warengesellschaftlichen Logik führt zu wachsender sozialer Entropie und kann letztlich nur im allgemeinen gesellschaftlichen Wärmetod enden.</p>
<p><span id="more-338"></span>In einer fundamentalen Krise steckt aber nicht nur die herrschende Vergesellschaftungsform; in einem wenig beneidenswerten Zustand befindet sich auch das systemoppositionelle Denken. Seit ihren Kindertagen hat stets der Traum von einer anderen, besseren Organisation des sozialen Zusammenhangs die Entwicklung der Warengesellschaft begleitet. In den letzten beiden Jahrhunderten bildeten sich immer wieder Strömungen heraus, die sich daran machten, dieses Ziel auch praktisch umzusetzen. In demselben Masse jedoch, wie das warenproduzierende Weltsystem in seine Absturzphase eintritt und sich die Frage unabweisbar aufdrängt, wie sich die herrschende Vergesellschaftungsform überwinden läßt und wie die Menschen ohne den Rückgriff auf die Medien abstrakter Vermittlung (Geld und Politik) ihren gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß organisieren können, verzweifelt das bisherige gesellschaftskritische Denken an sich selber und streicht die Segel. Ausgerechnet in einer Zeit, in der sich das Desaster anbahnt und eine radikale Kritik der Wertvergesellschaftung auf der historischen Tagesordnung stehen müßte, findet sich der Platz der Fundamentalopposition verwaist und der warengesellschaftliche Status quo erscheint als beste oder wenigstens einzig mögliche aller Welten.</p>
<p>Die Doppelkrise von herrschender Gesellschaftsordnung und Gesellschaftskritik hat etwas überraschendes. Die Begriffe Krise und Kritik gehen nicht nur etymologisch auf dieselbe Wurzel zurück, sie sind auch logisch-historisch eng miteinander verknüpft. Die Stunde der Systemkrise müßte eigentlich die Stunde der Systemkritik sein. Wie ist es zu erklären, daß sich das in der Umbruchs- und Katastrophenepoche, in die wir eingetreten sind, in sein Gegenteil zu verkehren scheint?</p>
<p>Innerhalb des vertrauten antikapitalistischen Weltbilds läßt sich diese Frage nicht beantworten. Die Linke, die sich selber zeitlebens für den lebendigen Widerspruch zum Kapital gehalten hat, kann sich ihr eigenes Scheitern nur in einer Weise vorstellen: nämlich als Sieg des &#8220;Klassenfeindes&#8221;. Auch die letzten Vertreter des Linksradikalismus kommen von dieser offenbar im &#8220;genetischen Code&#8221; ihrer aussterbenden Spezies festgelegten Interpretation einfach nicht los, und so ziehen sie sich vor einer Wirklichkeit, die sich nicht nach dem erwarteten Muster richten will, in eine imaginäre Welt zurück. Wenn die abgehalfterte Opposition schon ihre eigene schlechte Verfassung kaum leugnen kann, so existiert für sie wenigstens ex definitione die Krise des Systems auf gar keinen Fall. <a href="#1">(1)</a> <a name="11"></a></p>
<p>Wer das Rätsel der Doppelkrise nicht eskamotieren, sondern lösen will, kommt nicht umhin, einen Standpunktwechsel vorzunehmen. Das Elend der Systemopposition im Epochenbruch läßt sich nur begreifen, wenn wir die linke Innenperspektive verlassen und zu einer Kapitalismuskritik übergehen, in der die Analyse der Krise der bürgerlichen Form mit der Kritik des tradierten systemoppositionellen Paradigmas zusammengedacht wird. Die gleichzeitige Misere von System und Systemopposition verweist auf einen zentralen, für die linke Identität konstitutiven blinden Fleck. Was zusammen untergeht, gehört auch zusammen. Wenn die linke Vorstellungswelt mit der Wertlogik obsolet wird, dann nur deshalb, weil sie selber immer im Horizont des nun auseinanderfallenden Formzusammenhangs verblieben ist.</p>
<p>Der gegenwärtige Zustand der oppositionellen Strömungen gewinnt vor diesem Hintergrund eine ganz neue, ungewohnte Bedeutung. Mit dem Eintritt ins Krisenzeitalter wird nicht die Idee gesellschaftlicher Befreiung schlechthin anachronistisch und weltfremd, wie das die Apologeten von Markt und Demokratie und in ihrem Schlepptau zahlreiche &#8220;Ex- und Trotz-Alledem-Linke&#8221; annehmen, sondern nur eine spezifische, historisch beschränkte Form davon. Die Misere der Systemopposition ist einzig und allein die Misere des vertrauten, von der Aufstiegsepoche der Warenform geprägten Emanzipationsdenkens. Sie kündet keineswegs von der prinzipiellen Unaufhebbarkeit der herrschenden Verhältnisse, sie ist im Gegenteil vielmehr selber ein Moment jenes Zersetzungsprozesses, dem das bürgerliche Universum unterliegt. So gesehen dementiert der vollständige Bankrott der traditionellen Systemopposition nur auf den ersten Blick den inneren Zusammenhang von Krise und Kritik, um bei näherem Hinsehen deren Affinität zu bestätigen. Wo nicht mehr Durchsetzungskrisen die kapitalistische Entwicklung kennzeichnen, sondern stattdessen die Fundamente der Wertvergesellschaftung brüchig werden, verliert jene Gesellschaftskritik ihre Konsistenz, die den bürgerlichen Formzusammenhang blind mitschleppt. Radikale Kritik muß aber nicht ersatzlos verschwinden. Die doppelte Ent-Täuschung, die Ent-Täuschung sowohl über die Tragfähigkeit der traditionellen Kapitalismuskritik als auch über die Funktionsfähigkeit der bürgerlichen Ordnung, weckt das Bedürfnis nach neuen, der modernen Krisenwirklichkeit adäquaten Antworten. Indem sie alle anderen gesellschaftlichen Konzepte desavouiert, bereitet die Erosion der Warengesellschaft den Boden, auf dem die radikale Kritik des bürgerlichen Formzusammenhangs keimen und Wurzeln schlagen kann.</p>
<p>Die Krise der Warengesellschaft schafft das Potential für die Erneuerung radikaler Gesellschaftskritik, sie garantiert deswegen aber noch lange nicht deren Renaissance. Für den erbärmlichen Zustand, in dem sich die Systemopposition derzeit befindet, ist zwar nicht die Übermacht des Systems verantwortlich; er geht aber ebensowenig auf bloße Mißverständnisse und subjektives Versagen zurück. Die Trägheit des gesellschaftlichen und gesellschaftskritischen Bewußtseins wird selber zu so etwas wie einer &#8220;materiellen Gewalt&#8221;. Das gigantische, seit dem Urknall der Französischen Revolution entstandene links-progressive Denkuniversum gerät heute ins Wanken und bricht zusammen, aber es kann sich nicht einfach über Nacht in Wohlgefallen auflösen. Im Epochenbruch leben seine Trümmer in den Köpfen fort, und das tote Gewicht der zerborstenen Emanzipationskonzepte droht alle Ansätze einer erneuerten Radikalkritik zu ersticken. Solange die tradierten Emanzipationsvorstellungen ihre Schattenexistenz weiterführen und Befreiung automatisch in diesen überlebten Formen gedacht wird, muß jeder Wunsch nach einer radikalen Veränderung per se als hoffnungsloses Unterfangen erscheinen, und jeder praktische Ansatz oppositioneller Organisation blockiert sich selber. Die kulturpessimistische Grundstimmung, die sich mittlerweile breit gemacht hat, wird so bis auf weiteres zur self-fulfilling-prophecy.</p>
<h4>2.</h4>
<p>Angesichts des time lags, der sich schmerzhaft bemerkbar macht, kann Gesellschaftskritik nicht unmittelbar neu einsetzen, stur nur nach vorne blicken und ihre eigene Vergangenheit auf sich beruhen lassen, um als deus ex machina auf die gewandelte historische Bühne zurückzuspringen. Das unvermittelte Neue ist noch jedesmal das nie so recht gewußte Alte, und wer vorschnell das, was war, beiseite schiebt, wird umso sicherer in abgestorbenen Vorstellungsmustern steckenbleiben. Eine neue fundamentale Kritik der bürgerlichen Gesellschaft kann nur zu sich finden, indem sie sich selber geduldig aus den Überresten der überkommenen Emanzipationsideen herausschaufelt und immer wieder realisiert und beseitigt, was sie selber noch an formimmanenten Momenten mitschleppt.</p>
<p>Die Herausarbeitung einer neuen emanzipativen Perspektive ist also mit der Aufhebung der traditionellen Vorstellungen von Befreiung identisch. Aufhebung ist dabei ganz im klassischen Hegelschen Sinne zu verstehen. Sie bedeutet sowohl den radikalen Bruch mit dem bisherigen Befreiungsdenken als auch in gewisser Weise das Wiederanknüpfen. Wer genauer umreißen will, was Befreiung heute heißen kann und wie sie &#8220;strategisch zu denken wäre, muß zunächst einmal lernen, zwei Dinge auseinanderzuhalten: nämlich einerseits alles das, was am tradierten Emanzipationsdenken lediglich als Widerhall der warengesellschaftlichen Aufstiegsdynamik zu verstehen ist und daher in der Absturzepoche seine Daseinsberechtigung verliert, und andererseits die in den verflossenen systemoppositionellen Strömungen einst mitschwimmenden unaufgehobenen Momente, d.h. den Vorschein einer Kritik der Wert- und Warenform als solcher.</p>
<p>Auf den ersten Blick mutet es vielleicht widersinnig an, mit den überlieferten Vorstellungen von Befreiung konsequent brechen zu wollen, weil sie insgesamt dem bürgerlichen Formdiktat immanent geblieben seien, und sich dennoch gleichzeitig partiell positiv auf die Emanzipationsbewegungen der Vergangenheit zu beziehen. Diese scheinbare Ungereimtheit löst sich allerdings auf, wenn wir uns eines klar machen: Die emanzipativen Bewegungen der Vergangenheit waren nicht von Anfang an stromlinienförmig in die Wertlogik eingepaßt, der Einpassungsprozeß hat seine eigene Geschichte.</p>
<p>Die kritische Beschäftigung mit den Emanzipationsbewegungen der Vergangenheit hat so gesehen natürlich auch eine archäologische Seite. Je weiter man in der Historie zurückgeht, um so deutlichere Spuren einer anderen, nicht system-kompatiblen Opposition lassen sich finden. Die Genossenschaftsbewegung etwa, die in der frühen Arbeiterbewegung eine große Rolle spielte, war ursprünglich keineswegs auf bloße alternative Marktteilnahme ausgerichtet. Sie setzte sich teilweise durchaus das Ziel, die alltägliche Reproduktion zumindest partiell von Warenbeziehungen freizuhalten und hat damit ein Thema aufgeworfen, das mit der Krise der Warengesellschaft für uns heute eine ganz neue Brisanz gewinnt. Ähnliches wie für die Frage genossenschaftlicher Kooperation gilt natürlich auch für die uralte Grund- und Bodenfrage. Im Widerstand gegen den Vormarsch der Verwertungslogik wurde dieses Problem in den verschiedensten Weltteilen mehr als einmal virulent. Auf dieses Motiv wird aber auch eine Bewegung zurückkommen müssen, die sich anschickt, die gesellschaftliche Reproduktion sukzessive aus den Zwängen der Wertvergesellschaftung herauszulösen. Die Entkoppelung des Lebens von Staat und Markt ist schließlich ohne den Kampf für die De-Kapitalisierung der allgemeinsten Reproduktionsvoraussetzung, von bebautem und unbebautem Boden, gar nicht denkbar.</p>
<p>Trotz solcher Gemeinsamkeiten wäre es aber ein fatales Mißverständnis, wollte man zwischen den historischen antikapitalistischen Kämpfen, in denen formüberschüssige Aspekte zum Tragen kamen, und einer künftigen Aufhebungsbewegung eine alternative Kontinuitätslinie konstruieren und die Neubestimmung des emanzipativen Ziels als bloße Wiederentdeckung deuten. Wer sich in eine entschwundene Widerstandswelt hineinimaginiert, irgendwelchen &#8220;verpaßten geschichtlichen Chancen&#8221; nachtrauert und in projektiver Beckmesserei die Schlachten der Vergangenheit noch einmal schlagen will, übersieht etwas Wesentliches: Eine mögliche postwarenförmige Bewegung kann nur in einem sehr vermittelten Sinne das Erbe vergessener antikapitalistischer Strömungen antreten, weil sich ihr historischer Kontext grundlegend von dem der Vorgänger unterscheidet.</p>
<p>Angesichts der mit dem Kollaps der Wertlogik einsetzenden anomischen Prozesse muß für uns Nachgeborenen Emanzipation vor allem die Verteidigung des erreichten Vergesellschaftungsniveaus zum Inhalt haben. Die Suche nach Formen alternativer Vergesellschaftung jenseits von Ware und Staat schöpft ihre Legitimation daraus, daß die Herrschaft der Form mit dem von der Produktivkraftentwicklung gesetzten Vernetzungsniveau unvereinbar geworden ist. Bei den Altvorderen finden wir hingegen genau die umgekehrte Beziehung. Der form-inkompatible Widerstand richtete sich damals gerade gegen die mit der kapitalistischen Logik zusammenfallende Vergesellschaftungsdynamik und blieb in der letztlich rückwärtsgewandten Vorstellung einer &#8220;moral economy&#8221; (Edward Thompson) gefangen. Nur dieser Zusammenhang erklärt denn auch das restlose Verschwinden dieser Ansätze. Wenn sie sukzessive an Bedeutung verloren, um schließlich vollends der Dampfwalze der warenförmigen Modernisierung zum Opfer zu fallen, dann nur deshalb, weil ein wesentlich von der Rückerinnerung an vorkapitalistische Formen von Gemeinschaft getragener Widerstand nicht in der Lage war, Konzepte alternativer Gesellschaftlichkeit hervorzubringen, die der blinden kapitalistischen Vergesellschaftungsdynamik ebenbürtig gewesen wären. In der Arbeiterbewegung mußte sich die Konzentration auf Gewerkschaft und Partei (also auf die Medien von Warensubjektivität und Staatsbürgerlichkeit) letztlich durchsetzen, weil ihnen eine größere synthetisierende Kraft zukam, als die sich in viele partikulare Bestrebungen verzettelnde Genossenschaftsbewegung. Erst die systemadäquate Selbstinstrumentalisierung setzte die Oppositionsbewegung überhaupt in den Stand, während der Aufstiegsperiode des warenproduzierenden Weltsystems geschichtsmächtig zu werden.</p>
<p>Die Wiederentdeckung vergangener formwiderständiger Strömungen verschafft uns Nachgeborenen weder fertige, auf die heutige Situation übertragbare Konzepte, noch eine schmucke Ahnengalerie. Dennoch handelt es sich hier keineswegs um eine bloß folkloristische Übung. Der Rückbezug auf die oppositionelle Binnengeschichte und die Beschäftigung mit der Selbstzurichtung auf die herrschende Form hat für die Reformulierung einer neuen emanzipativen Perspektive durchaus eine wichtige Funktion: Er schärft den Sinn für den historisch begrenzten und gewaltsamen Charakter der bürgerlichen Vergesellschaftungsweise. Das Alltagsbewußtsein behandelt das warengesellschaftliche Formsystem als die selbstverständlichste Einrichtung der Welt und geht stillschweigend ganz davon aus, daß unsere Vorfahren einst friedlich in diese dem &#8220;menschlichen Wesen&#8221; ach so angemessene &#8220;natürliche Ordnung&#8221; hineingewachsen sein müssen, so weit diese Ordnung nicht sowieso schon irgendwie seit Anbeginn der Zeiten existierte.</p>
<p>Auch Menschen, die sich als gesellschaftskritisch verstehen, fällt es schwer, der Übermacht des selbstverständlich Gewordenen zu widerstehen. Sie neigen ebenfalls oft genug dazu, spezifisch bürgerliche Kategorien und Verhältnisse zu ontologisieren, und ihre Emanzipationsvorstellungen bleiben regelmäßig in diesem Kral, der die Welt zu bedeuten scheint, eingesperrt. Der Rekurs auf die Widerspenstigkeiten, die die Wertlogik erst überwinden mußte, weitet den Blick, und der Absolutheitsanspruch der herrschenden Verhältnisse wird als usurpativer Akt kenntlich. In der Retrospektive springt nicht nur ins Auge, daß all die als unhintergehbar geltenden Phänomene wie Arbeit, abstrakte Allgemeinheit und abstrakte Privatheit, gemessen an der menschlichen Geschichte, erst einen historischen Wimpernschlag lang existieren; darüberhinaus wird die Kette gesellschaftlicher Katastrophen und Vernichtungsfeldzüge sichtbar, der es zur Installation des bürgerlichen Universums bedurfte.</p>
<h4>3.</h4>
<p>Der Vormarsch der Warenlogik war nicht nur ein gewaltsamer Prozeß, er läßt sich auch als eine determinierte Entwicklung beschreiben. Es wäre sicherlich absurd, wollte man sämtliche einzelnen geschichtlichen Ereignisse und Resultate aus den gegebenen historischen Voraussetzungen lückenlos und folgerichtig ableiten. Nachdem die kapitalistische Entwicklungsdynamik aber einmal eine bestimmte Schwelle<a href="#2"> (2)</a> <a name="22"></a>überschritten hatte, lagen die großen Trends eindeutig und unumkehrbar fest. Die Warengesellschaft ist eine imperialistische Formation, die nichts außerhalb von ihr anerkennen kann und versuchen muß, alles und jedes in sich hineinzuziehen. Die entfesselte Warengesellschaft taugt aufgrund ihres Formprinzips nicht zur friedlichen Koexistenz mit anderen Gesellschaftsformationen. Aus seiner eigenen Logik heraus tendiert der Wert dazu, die gesamte Wirklichkeit unter sich zu subsumieren und zum Material seiner selbst zu machen.<a href="#3">(3)</a> <a name="33"></a>Solange ihr nur Gegner gegenüberstehen, die auf einem niedrigeren Vergesellschaftungsniveau verharren, kann keiner von ihnen ihrem Zugriff letztlich widerstehen.</p>
<p>Der dem Vormarsch der Warenlogik inhärenten deterministischen Gewalt unterlag natürlich auch die historische Opposition. Diese Gewalt machte sich zunächst einmal, wie schon angedeutet, in der Zurückdrängung und Vernichtung aller für die sich verbreiternde abstrakte Gesellschaftlichkeit sperrigen Momente bemerkbar. Im oppositionellen Spektrum konnten sich nicht diejenigen Teile durchsetzen, die vom Impuls getrieben wurden, Lebenszusammenhänge vor dem Zugriff der bürgerlichen Vergesellschaftung zu bewahren. Den Ton gaben stattdessen zusehends Kräfte an, die sich als Avantgarde der Fortschrittspartei verstanden. Auch die hegemoniale Rolle, die der Marxismus mehr als ein Jahrhundert lang im oppositionellen Denken spielte, ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Seine Vorherrschaft im antikapitalistischen Bewußtsein steht für die Verachtung alles Vorkapitalistischen. Unter der Ägide des Marxismus verwandelte sich das sozialistische Ziel in den Traum von einer Gesellschaft, die noch moderner sein sollte als die modernen bürgerlichen Gesellschaften dieser Epoche und das bürgerliche Fortschrittsversprechen erst in aller Konsequenz einlösen würde.</p>
<p>Die marxistischen Anhänger der Fortschrittsreligion entwickelten eine emphatische Vorstellung von historischer Notwendigkeit. Sie sahen sich gern als Mitwisser eines materialistisch gewendeten Weltgeistes und als das aufgelöste Rätsel der Geschichte, das sich selber als die Lösung weiß. Dieses affirmative Bekenntnis zur determinierten Gewalt schützte die Marxisten indes nicht davor, selber zum blinden Werkzeug eines ebenso blinden historischen Prozesses zu werden. Die Sozialisten, die darauf vertrauten, von den ehernen gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zum sozialistischen Ziel getragen zu werden, wurden ironischerweise von der Warenlogik auf ihrem Weg zu ihrer eigenen Vollendung wiederum als Reittier genutzt.</p>
<p>Während die Unterwerfung unter die triumphierende Wertlogik für die formsperrigen Momente der Opposition nur die Vernichtung bedeuten konnte, machte sie sich bei der Hauptströmung anders bemerkbar. Sie wird hier als die schreiende Diskrepanz zwischen dem revolutionären, auf Systemtranszendenz gerichteten Anspruch und dem erreichten systemkonformen praktischen Resultat sichtbar. Das verwertungsgesellschaftliche System überlebte nicht nur ein ums andere Mal seine Gegner, deren (praktische) Kritik erwies sich sogar als Motor seiner Entwicklung. Diese merkwürdige Verkehrung läßt sich schon an der alten Arbeiterbewegung studieren. Die proletarischen Klassenkämpfer setzten sich das Ziel, mit der &#8220;Ausbeutung des Menschen durch den Menschen&#8221; ein für allemal Schluß zu machen; de facto leisteten sie jedoch einen entscheidenden Beitrag zur Metamorphose der unterständischen Schichten in freie und gleiche Staatsbürger und Geldbesitzer und sorgten mit für die Verallgemeinerung des Warensubjekts.</p>
<p>Die Bolschewiki etwa zeigten sich entschlossen, die bürgerliche Staatsmaschine zu zerbrechen und eine sozialistische Revolution in Gang zu setzen; ihre Machtübernahme leitete jedoch dieser Absicht zum Trotz im rückständigen Russland nichts anderes ein als einen Prozeß staatlich lancierter nachholender Modernisierung und &#8220;Inwertsetzung&#8221;. Selbst die 68er-Bewegung fügte sich noch in dieses Schema. Die Protagonisten bliesen zum Sturm auf den lustfeindlichen protestantischen Zwangscharakter und auf die bürgerliche Kleinfamilie, worin sie die subjektive Grundlage des herrschenden Verblendungszusammenhangs ausmachten; tatsächlich indes läutete die von der studentischen Protestbewegung losgetretene spätfordistische Kulturrevolution nur die letzte Runde bei der Durchsetzung der mit der Systemlogik vollkompatiblen asozialen Geld- und Erfolgsmonade ein.</p>
<p>Der notorische Widerspruch zwischen revolutionärem Anspruch und systemimmanenten Ergebnis läßt sich nicht auf eine bloß äußere Vereinnahmung oder Unterwerfung zurückführen; auch hierin spiegelt sich vielmehr der historisch-gesellschaftliche Gehalt der traditionellen Systemopposition. Der überlieferte Antikapitalismus richtete sich im Kern immer nur gegen die personalen Abhängigkeitsverhältnisse und ständischen Schranken, die sich bis tief ins 20.Jahrhundert hinein im empirischen Kapitalismus noch reproduzierten. Er schöpfte seinen revolutionären Impetus nicht aus der Kritik der bürgerlichen Form als solcher, sondern wesentlich daraus, daß er fälschlicherweise die Beseitigung präsachlicher Herrschaftsmomente mit der Überwindung des Kapitalverhältnisses in eins setzte. Der linken Opposition haftete vor allem deshalb der Nimbus der Systemfeindschaft an, weil sie selbst ebenso wie ihre Gegner das Prinzip der Gleichheit, für das die bekennenden Antikapitalisten zu Felde zogen, für unvereinbar mit kapitalistischer Herrschaft hielt. Gerade vermittelt über die Erfolge der Opposition mußte die weitere Entwicklung das Selbstverständnis als Systemfeind aber als Mißverständnis enthüllen. Im Rückblick zeigt es sich: die Überwindung aller Formen unmittelbarer persönlicher Unterdrückung konnte die kapitalistische Herrschaft nicht konterkarieren, sie lag vielmehr in der Logik des Kapitalverhältnisses als der Diktatur der Sachen. Statt die ersehnte Gleichheit zu dementieren, ist die sämtliche Schichten und Sozialcharaktere gleichermaßen erfassende Subsumtion unter die universale Herrschaft der Warenform vielmehr die einzig denkbare Form, in der dieses Prinzip Wirklichkeit werden konnte, soweit sich Prinzipien überhaupt realisieren lassen.</p>
<p>Dem historischen, fortschrittsseligen Antikapitalismus blieb verborgen, daß die Beseitigung der tradierten Knechtschaftsverhältnisse, also die Verwandlung aller in Herren ihrer selbst, nicht die Aufhebung, sondern die Vollendung von Herrschaft bedeuten mußte. Er verdankte sein systemoppositionelles Selbstverständnis letztlich falschen Annahmen. Diese Fehleinschätzung hat seine historische Wirkung indes in keiner Weise geschmälert. Die Systemopposition spielte nämlich durchaus eine emanzipative Rolle, nur bestand diese eben nicht, wie angenommen, in der Sprengung der kapitalistischen Ordnung, sondern darin, als Katalysator mit dazu beizutragen, das der Wertvergesellschaftung selber inhärente relative (von der Herrschaft der Versachlichung konterkarierte) Emanzipationspotential freizusetzen.</p>
<p>Das revolutionäre Mißverständnis wirkte in diesem Zusammenhang weder störend noch kontraproduktiv, es war im Gegenteil sogar die Voraussetzung dafür, daß die vermeintlichen Systemfeinde sich überhaupt zur Verwirklichung ihrer Aufgabe sammeln konnten. Der Kampf für die subjektlose Herrschaft kann ex definitione gar nicht mit vollem Bewußtsein geführt werden. Dies gilt auch für seine emanzipative Seite. Die Avantgarden der modernen Wertvergesellschaftung waren nur in der Lage, ihre vorwärtstreibende Rolle zu spielen, weil sie nicht wußten, was sie da taten. Die universale Diktatur der Warenform, die alle beschränkten Formen von Herrschaft ersetzt, entspringt als faktisches Resultat aus gesellschaftlichen Kämpfen, die sich unter den buntesten Bannern vollzogen haben. Dazu gehörte eben auch das der sozialistischen Revolution. Mit ihrer Integration in die Systemlogik hat die alte Systemopposition ihre Mission nicht verraten, sondern in gewisser Weise gerade erfüllt.</p>
<h4>4.</h4>
<p>Diese Überlegungen nötigen nicht zum Verzicht auf jeden nachträglichen Revolutionarismus. Gleichzeitig wird aus dieser historisierenden Perspektive sichtbar, daß es sich bei dem uns vertrauten Gegensatz von &#8220;Revolutionären&#8221; und &#8220;Reformern&#8221; um den Binnenkonflikt einer abgeschlossenen Epoche handelt. Wer heute noch sein eigenes Selbstverständnis an diese überkommene Frontstellung knüpft, könnte ebensogut seine Identität gleich von den Todfeindschaften des 30jährigen Krieges ableiten und mit der Parole &#8220;Nieder mit der katholischen Liga, es lebe die protestantische Union&#8221; in die Kämpfe des 21. Jahrhunderts ziehen.</p>
<p>Diese Einsicht scheidet den wertkritischen Ansatz von den Überresten des linksradikalen Bewußtseins. Während die Wertkritik davon ausgehen muß, daß ein neues Emanzipationsdenken sich seine eigene Basis erst noch neu zu schaffen hat, finden die Restbestände des landläufigen Linksradikalismus ihre konstitutive Grundlage im identifikatorischen Bezug auf die heute gegenstandslos gewordenen Kämpfe einer vergangenen Epoche. Sie leben von der Weigerung, deren Ende zur Kenntnis zu nehmen. Eine solche in Ignoranz und Lernschwäche gegründete ehemalige Gesellschaftskritik erschöpft sich in sterilen Ritualen und bietet dementsprechend einen höchst traurigen Anblick. Die Wortführer der Restlinken kennen offenbar nur mehr einen Lebenssinn: Sie sind wild entschlossen, im großen Umbruch die eigene zurechtkonstruierte Widerstandsidentität aufrechtzuerhalten und klammern sich wie die Mitglieder eines Trachtenvereins an die bedrohte linke Heimatseligkeit. Für einen Hauch Kuhstallwärme lassen sie bereitwillig jeglichen analytischen Anspruch fahren. Auch die Beschäftigung mit der Geschichte der Emanzipation bleibt bei ihnen selbstverständlich immer dem Zweck der linken Territorialverteidigung unterworfen und mit Denkverboten befrachtet. Wenn die letzten Volkstänzer des überlieferten Antikapitalismus ihren Blick zurückwenden, dann hat das vornehmlich den Sinn, die eigene Misere zu verheimaten. Sie mildern ihr aktuelles Elend dadurch, daß sie es zur Fortsetzung des linken Gesamtelends stilisieren. Die Frage nach dem konkreten gesellschaftlichen Inhalt der vergangenen Bewegungen muß bei einem solchen Vorgehen unter den Tisch fallen. Die alten Emanzipationsbewegungen werden stattdessen allein an ihrem revolutionären Anspruch gemessen, auf daß ihre Geschichte zu einer Kette vergeblicher Anläufe und verheerender Rückschläge zusammenschnurren kann und die sakrosante linke Tradition aus Raum und Zeit entschwebe.</p>
<p>Als Speerspitze der Fortschrittspartei hing die Linke traditionell einer linearen Entwicklungsvorstellung an. Ohne dessen recht gewahr zu werden, verfallen die Erben in eine Sichtweise nach Art fernöstlicher Religionen. Für sie wird die Opposition vom antiken Spartacus bis heute zum ewigen Widerstandskämpfer und unerlösten Opfer, das in einem endlosen Zyklus von Niederlagen und Wiedergeburten sich letztlich immer gleich geblieben ist und wohl auch auf immerdar gleichbleiben wird. Vor dieser Folie fügt sich das Ende der &#8220;Neuen Linken&#8221; ganz bruchlos in die zu wahrende, leider nun aber nur mehr negativ besetzbare Kontinuität. Die heutige Selbstauflösung der Opposition ergänzt das große Buch der Niederlagen nur um ein weiteres Kapitel. Aus der Innenperspektive ist damit die Erben-Identität gerettet und die Notwendigkeit einer neuen grundsätzlichen Kritik und Selbstkritik eskamotiert. Für jede Gesellschaftskritik, die sich nicht mehr innerhalb des linken Kanons bewegt, macht sich die Restlinke damit allerdings als Endmoräne einer abgeschlossenen großen Bewegung kenntlich.</p>
<p>Das linksradikale Restdenken ist aber nicht nur dort in der Lage, sich gegen die Wahrnehmung einer veränderten Wirklichkeit zu immunisieren, wo es sich auf seinen eigenen Grundlagen im Kreise dreht; es hat auch wirksame Mechanismen entwickelt, um jeden von außen kommenden Anschlag auf das linke Kontinuitätsbewußtsein abzuwehren. Vor allem versteht es der traditionelle Linksradikalismus, sich vor dem schlimmsten Ärgernis, mit dem er in seiner Verelendungsphase konfrontiert wird, abzuschirmen: dem wertkritischen Ansatz.</p>
<p>Die letzten aufrechten Linken können zwar gegen die Zuordnung der linken Überlieferung zur Aufstiegsgeschichte der Warengesellschaft keine irgendwie kohärente Gegenargumentation ins Feld führen, sie finden dafür aber ersatzweise andere Mittel und Wege, sich diesen Gedankengang, und damit die Notwendigkeit einer radikalen Neubestimmung der emanzipativen Perspektive, vom Hals zu halten. Wenn die Wertkritik die verblichenen Reformisten und Revolutionäre gleichermaßen als Träger einer abgeschlossenen Epoche würdigt, dann erklärt der mumifizierte Pseudoradikalismus dies reflexartig zur Versöhnung mit dem Reformismus und damit selber zum Reformismus. Da diese Anklage für sich genommen allzu offensichtlich klemmt, unterfüttern die linksradikalen Kritiker der Wertkritik ihren Reformismus-Verdacht mit Einwänden, die auf einer ganz anderen Ebene angesiedelt sind. Sie rekurrieren auf so etwas wie Geschichtsphilosophie, weichen also bauernschlau in die Materie aus, in der sie sich selber am allerwenigsten auf die Schliche kommen können, weil sie von ihr am allerwenigsten verstehen, und verknüpfen den Reformismusvorwurf mit dem Vorwurf des Determinismus. So kommt folgende Standard-Denunziation zustande: Die Wertkritiker vertreten angeblich ein durch und durch deterministisches Weltbild. Die Behauptung, die bisherigen Oppositionsbewegungen seien zwangsläufig ins warengesellschaftliche System integriert worden, laufe auf Defätismus hinaus und lasse als Handlungsperspektive nur mehr die reformistische Option übrig. Das ganze Gerede vom Fetischismus führe nur zu einer kontemplativen Haltung, die genau die Verhältnisse zementiere, die die Fetischismustheoretiker kritisieren.</p>
<p>Wenn diese altlinksradikale Antikritik die Wertkritik als eine säkularisierte Prädestinationslehre abqualifiziert und die Kritik des automatischen Subjekts als deren Apotheose deutet, dann verdankt sie diesen Abwehrerfolg allerdings einem nicht ganz sauberen Kunstgriff. Der Determinismusvorwurf wirkt nur plausibel, solange man eine einheitliche überhistorische Emanzipationsvorstellung voraussetzt und sie auch der Wertkritik unterschiebt. Die Wertkritik bricht jedoch gerade mit dieser Sicht und operiert mit einem doppelten Emanzipationsbegriff. Sie unterscheidet strikt zwischen Emanzipation von der Form und Emanzipation in der Form bzw. zur Form der Wertvergesellschaftung hin. <a href="#4">(4)</a> <a name="44"></a>Eine solche Differenzierung führt aber auch zu einer differenzierten Determinismustheorie. Der Determinismus- Popanz, gegen den die Altlinksradikalen zu Feld ziehen, entsteigt näher besehen also nicht der Wertkritik, sondern entstammt gerade dem Denkuniversum der Antikritiker selbst und kann auch nur dort existieren.</p>
<p>In dieser Allgemeinheit ist der Zusammenhang vielleicht nicht unmittelbar einsichtig. Er wird sicherlich deutlicher, wenn wir uns zunächst einmal etwas genauer den spezifischen Denkkontext vergegenwärtigen, dem der an die Adresse der radikalen Formkritik gerichtete pauschale Automatismusvorwurf seine scheinbare Eingängigkeit verdankt, um dann den wertkritischen Zugang zum Determinismusproblem grob zu umreißen.</p>
<p>Eine Linke, die von einer einheitlichen, letztlich unhistorischen Vorstellung von Emanzipation ausgeht, kann ihre eigene Misere und die Systemintegration aller historischen Emanzipationsbewegungen nach zweierlei Mustern deuten. <a href="#5">(5)</a> <a name="55"></a>Zum einen bleibt ihr der direkte Weg in den puren Subjektivismus. Aus dieser Perspektive erscheint der wenig erbauliche Zustand, in dem wir uns heute befinden, als Folge unglücklicher historischer Zufälle, des mangelnden Durchsetzungsvermögens der Revolutionäre und der fiesen Ränke der Gegner. Die Überwindung des Kapitalismus war immer möglich und wird immer möglich sein; bislang ist der revolutionäre Geist nur ein ums andere Mal an der Schwäche des verbürgerlichten Fleisches gescheitert. Für die Anhänger dieser Sichtweise existiert das Problem des Determinismus selbstverständlich nicht. Für sie ist Determinismus nur eine Erfindung des &#8220;Klassenfeindes&#8221;, und wer als Linker auch nur einen Gedanken auf die Determiniertheit historischer Prozesse verschwendet, ist damit schon der bürgerlichen Propaganda auf den Leim gegangen.</p>
<p>Der linke Konsens läßt aber auch für die entgegengesetzte Sichtweise Platz, in der dem Subjektivismus nur die Rolle einer Notbremse zukommt. Vor allem bei den linken Erben der kritischen Theorie bildet gerade die Klage über die Gewalt des determinierten historischen Prozesses den Dreh- und Angelpunkt ihrer Gesellschaftskritik. Die Vertreter dieser Position distanzieren sich zwar energisch von dem emphatischen Bekenntnis zur &#8220;historischen Notwendigkeit&#8221;, wie es einst der traditionelle Marxismus pflegte; sie stellen jedoch deshalb nicht die Existenz determinierter historischer Prozesse in Abrede, sondern werten sie nur diametral anders als die Marxisten der Jahrhundertwende. An die Stelle einer positiven Teleologie tritt eine spiegelverkehrte negative. Engels, Kautsky und Co. erstellten eine Stadientheorie menschlichen Fortschritts und erklärten die vermeintlich notwendige Abfolge von Urkommunismus, Sklavenwirtschaft, Feudalismus, Kapitalismus und Sozialismus zu einem Prozeß sukzessiver Vervollkommnung der Menschheit. Die neue Linke Fortschritt-Skepsis folgt dagegen lieber der Diktion in der &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221; und sieht in der menschlichen Geschichte eine fatale Zwangsläufigkeit am Werk. So wenig die Vertreter dieser Position sich darauf einigen können, wann genau der Beginn des Marsches ins &#8220;Gehäuse der Hörigkeit&#8221; anzusetzen ist, in der logischen Konsequenz läuft dieser Gedanke allemal auf das gleiche Ergebnis hinaus: Mittlerweile ist dieser determinierte Prozeß irreversibel geworden, das historische Verhängnis nimmt seinen unumkehrbaren Lauf. Die Beschäftigung mit dem Aufhebungsproblem erübrigt sich oder sie wird sogar tabuisiert. <a href="#6">(6)</a> <a name="66"></a>Widerstand ist nur noch als ein quasi existentialistischer grundloser Akt möglich, der sich selber weder erklären noch denken kann. Gesellschaftskritik heißt hier gegen die Geschichte leben.</p>
<p>Diese Sicht kommt bezeichnenderweise dem, was der Wertkritik (im Verständnis der &#8220;Krisis&#8221;) als Position unterstellt wird, sehr nahe, und nur das kann die Heftigkeit der Abwehr erklären. Wenn gerade die Wertkritik bzw. das, was als solche abgehandelt wird, als frevelhaft gilt, dann hat dies vor allem zwei Gründe. Zum einen wird sie deshalb bekämpft, weil sie einen eigenen Gedankengang der Kritiker, den man vorsichtshalber meist lieber nicht bis zum bitteren Ende verfolgt, vermeintlich konsequent weitertreibt; zum anderen geht ihr der subjektivistische Stallgeruch ab, der es den linksradikalen Epigonen der kritischen Theorie ermöglicht, die Gesellschaftskritik wenigstens als Gestus doch noch zu retten. Auch der merkwürdige Reformismus-Vorwurf gewinnt in diesem Zusammenhang seinen Sinn. Dahinter verbirgt sich eine projektive Logik: Die linksradikale Verzweiflung an der angeblichen Unaufhebbarkeit der bestehenden Verhältnisse hat nämlich selber eine offene Flanke zum Postreformismus. Ins Selbstzufriedene gewendet, liegt sie auch dem neuen Realismus grüner Provenienz zugrunde. Der Unterschied zwischen diesen beiden Positionen ist eher auf der Ebene der Haltung als der Einschätzung angesiedelt. Wo die linksradikalen Gesellschaftskritiker scheinbar radikal bleiben, indem sie sich angeekelt und fingerspreizend von dem, was sie für die Wirklichkeit halten, abwenden, da greifen die &#8220;Pragmatiker&#8221; lustvoll zu.</p>
<p>Soweit die marktdemokratisch geouteten Enkel der Frankfurter Schule aus schlechter Gewohnheit überhaupt noch so etwas altertümliches wie eine theoretische Begründung für ihren Übergang ins Lager der Affirmation liefern, ähnelt ihre Argumentation im Kern fatal der Einschätzung ihrer linksradikalen Kontrahenten, nur die gezogenen Konsequenzen sind spiegelverkehrt. Die saturierten Ex-Linken konstatieren, daß die Revolutionäre nie das gegebene Heilsversprechen einlösen konnten, um die für die vergangenen Emanzipationsbewegungen charakteristische Diskrepanz zwischen systemtranszendentem Anspruch und systemimmanenten Resultat für sich apologetisch aufzulösen. Sie schließen also massenweise ihren Frieden mit den herrschenden Verhältnissen, zeigen sich in vermeintlicher Altersklugheit wild entschlossen, das, was die Linke nicht gewollt, aber mit auf den Weg gebracht hat, nämlich den modernen Kapitalismus, im nachhinein doch noch und endlich positiv zu wollen. Künftig, so das phantastische Kalkül des neuen &#8220;Realismus&#8221;, wird man das für die Emanzipation Machbare ohne alles überflüssige systemfeindliche Brimborium in reformistischer Selbstbescheidung durchsetzen und der Menschheit dadurch viele unnötige Kämpfe und Leiden ersparen.</p>
<p>Vom linksradikalen Standpunkt läßt sich dagegen nur einwenden, daß hier die Not einer waffenlosen Gesellschaftskritik zur Tugend verklärt wird. Diese Kritik ist zwar berechtigt, sie greift aber viel zu kurz. Der bauernschlaue Plan, die List der Geschichte zu überlisten, ist nicht deshalb abzulehnen, weil er das ohnehin übermächtige System durch seine bereitwillige reformistische Zuarbeitung noch weiter stärkt und jede gesellschaftskritische Intention bereitwillig fahren läßt, sondern weil die ganze Vorstellung vollkommen illusionär und haltlos ist. Nicht die Verwirklichung des postreformistischen Projekts ist das Gefährliche, bedrohlich sind vielmehr die Metamorphosen, die es im Scheitern durchmacht und durchmachen wird. Die Postreformisten mögen sich noch so lange einreden, daß sie sich um die Erneuerung der reformistischen Option bemühen; unter Krisenbedingungen werden sie zum Bestandteil der herrschenden Notstandsverwaltungsbestialität mutieren, und eine wenig menschenfreundliche Rolle spielen.</p>
<p>Schon der marxistische Versuch, dem Weltgeist in die Karten zu gucken, fiel wenig überzeugend aus. Die Postreformisten müssen sich aber noch viel schneller blamieren, denn sie verwechseln bei ihren Kiebitzversuchen dummerweise die abgelegten Karten mit dem aktuellen Blatt. Wenn schon für die nicht gerade mit überschießender Reflexionsfähigkeit gesegneten Postreformisten die merkwürdige Dialektik von Systemüberwindungs-Anspruch, Emanzipation und Systemintegration sichtbar wird, dann kündet das gerade vom Ende der historischen Konstellation, die dieses Verhältnis hervorgebracht hat. Das dem determinierten Prozeß inhärente emanzipative Potential ist längst erschöpft. Das Einverständnis mit dem durch die Form determinierten Rahmen kann in der Krisenepoche nur noch das Einverständnis mit und die Teilnahme an den anlaufenden Entgesellschaftungs- und Barbarisierungsprozessen zur Folge haben.</p>
<p>An der Krise muß sich nicht nur der Postreformismus mit seinem Bekenntnis zur segenspendenden Wirkung von Markt und Staat blamieren. Die Misere des warenproduzierenden Weltsystems wirft die wenig erquickliche Scheinalternative &#8211; quasiexistentialistischer, grundloser Aufstand gegen die Geschichte oder aber Einverständnis mit dem prozessierenden Verhängnis &#8211; über den Haufen. Wenn die Determiniertheit der historischen Entwicklung in der bürgerlichen Epoche ihren Grund im Selbstlauf der warengesellschaftlichen Logik hat, dann kann die menschliche Geschichte gar nicht auf immer und ewig in sie eingeschrieben bleiben. Mit dem Obsoletwerden des wertförmigen Zusammenhangs muß auch die dadurch gesetzte Determiniertheit obsolet werden. Determiniert ist heute nur mehr der Zerfall des herrschenden Systems, das seine Integrationsfähigkeit verliert.</p>
<p>Adorno und Horkheimer mußten nur deshalb befürchten, daß der moderne Kapitalismus auf eine ausweglose historische Endlosschleife führen würde, weil sie von der schließlichen Sistierung aller kapitalistischen Widersprüche ausgingen. Ein wertkritischer und gleichzeitig krisentheoretisch zentrierter Ansatz hat eine gänzliche andere Sichtweise und kann sich daher mit dem bloßen Vorzeichenwechsel von einem affirmativen Bezug auf die historische Notwendigkeit des Fortschritts zur desparaten Kritik des unvermeidlichen Verhängnisses nicht zufrieden geben. Die Wertkritik steht vielmehr vor der Aufgabe, historische Zwangsläufigkeit selber als etwas Geschichtliches und damit Endliches zu begreifen. Eine Theorie des Determinismus muß den logischen und historischen Gültigkeitsbereich abstecken, innerhalb dessen von determinierten Prozessen überhaupt die Rede sein kann.</p>
<p>Welche Implikationen dieser Wechsel der Perspektive für eine Theorie von Emanzipation hat, liegt auf der Hand. Eine künftige Befreiungsbewegung wird sich nicht mehr positiv auf irgendwelche historischen Zwangsgesetze beziehen, um diese feierlich zu exekutieren; sie muß vielmehr den Anspruch erheben, die ganze &#8220;gesellschaftliche Naturgesetzlichkeit&#8221; in einem Akt der kollektiven Notwehr außer Kraft zu setzen. Eine künftige Emanzipationsbewegung wird in dem bolschewistischen Traum, daß die neue Gesellschaft mit der Präzision eines Uhrwerks funktionieren möge, den Alptraum erkennen, den es zu bekämpfen gilt <a href="#7">(7).</a><a name="77"></a> Sie wird sich schon eher am Vorbild spanischer Anarchisten orientieren, die sich, wie Walter Benjamin zu berichten wußte, in den Tagen des Bürgerkriegs die Zeit damit vertrieben haben, auf Turmuhren zu schießen. Der &#8220;Schuß in die Uhr&#8221;, der mit dem Schießpulver und dem Chronometer die beiden Basis-Innovationen der Frühmoderne destruierend miteinander verbindet, könnte überhaupt als Bild für die künftige Umwälzung stehen.</p>
<p>Dieser Vergleich hat vielleicht nur eine Schwäche, er legt möglicherweise die Assoziation nahe, daß die Unterbrechung des Zwangsmechanismus als einmalige, sozusagen punktgenaue revolutionäre Großtat zu denken wäre. Das ist aber natürlich nicht der Fall. Schon die Keime einer noch so bescheidenen emanzipativen Praxis können sich unter den Bedingungen der Krise überhaupt nur im Kampf gegen die Exekutoren der wertförmigen Zwangslogik herausbilden. Der metaphorische Schluß vertritt also einen langen, nicht voraussetzungslosen, aber eben auch nicht mehr determinierten gesellschaftlichen Prozeß. Die Emanzipation von der Form beinhaltet auch das Ende der Determination in der Historie; sie bedeutet, um die Marxsche Diktion zu bemühen, den &#8220;Abschluß der Vorgeschichte&#8221; und den Eintritt in eine menschliche Geschichte, in der die Menschen nicht nur ihre Geschichte selber machen, sondern auch wissen, was sie da tun.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;</p>
<h4>Fußnoten:</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#11">(1)</a> Dieses Denkverbot führt zu einer ausgesprochen merkwürdigen Kapitalismusvorstellung. Als Gegner des Kapitals können die Linksradikalen natürlich die realen Phänomene, die eine Krisenhaftigkeit der herrschenden Form dokumentieren, nicht in Abrede stellen. Massenarbeitslosigkeit, ökologische Verheerungen und soziale Zersetzungsprozesse dürfen in dieser Sichtweise aber der kapitalistischen Verwertungsbewegung per se nichts anhaben können. Das Kapital soll, auch wenn es immer weniger &#8220;lebendige Arbeitssubstanz&#8221; produktiv vernutzt, ad infinitum weiter akkumulieren können. Das Kapital soll sich ungestraft von seinen natürlichen und humanen Voraussetzungen emanzipieren. In dieser Interpretation verwandelt sich das Kapital offensichtlich aus einem gesellschaftlichen Verhältnis in eine von der gesellschaftlichen Wirklichkeit letztlich gar nicht mehr tangierte metaphysische Kraft.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#22">(2)</a> Es fällt schwer, den geschichtlichen &#8220;point of no return&#8221; genau anzugeben. Er dürfte irgendwo zwischen der großen Pestwelle in der Mitte des 14. Jahrhunderts und der Französischen Revolution anzusiedeln sein.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#33">(3)</a> Die restlose Metamorphose aller Menschen in Verwertungs- und Rechtsmonaden kann nicht gelingen. Auch unter kapitalistischen Bedingungen bleiben Lebensbereiche übrig, die sich der warengesellschaftlichen Zurichtung sperren. Innerhalb der Warengesellschaft können sie aber nur als Reservate und Schattenreiche existieren. Zu denken ist in diesem Zusammenhang vor allem an die Geschlechterproblematik und den abgespaltenen, weiblich besetzten Bereich.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#44">(4)</a> Unter kapitalistischem Vorzeichen sind zwei diametral entgegengesetzte Versionen von Befreiung denkbar. Die oppositionellen Bestrebungen können auf die Verwandlung aller Menschen in gleichberechtigte Warensubjekte und Staatsbürger hinauslaufen oder auf die Aufhebung von Warensubjektivität und Staatsbürgerlichkeit abzielen. Innerhalb der deterministischen Form eingeschrieben und Teil der deterministischen Logik warengesellschaftlicher Entwicklung ist natürlich nur die erste Variante. Die Emanzipation von der Form impliziert hingegen gerade den Bruch mit determinierten Verhältnissen. Diese beiden Spielarten lassen sich nicht nur logisch auseinanderhalten, sondern auch historisch zuordnen. Solange die Warengesellschaft noch im Aufstieg begriffen und der Durchsetzung der kapitalistischen Form selber noch ein emanzipatives Moment inhärent war, mußte Befreiung letztlich Befreiung zur Form bedeuten, weil sich die widerständigen Momente in der Opposition gegen die vom Wert getragene Vergesellschaftungsdynamik nicht behaupten konnten. In der Absturzphase kehrt sich dieses Verhältnis um. Emanzipation kann nur mehr Emanzipation von der Form heißen.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#55">(5)</a> Die beiden Sichtweisen schließen sich zwar streng logisch aus, dennoch amalgamiert sie der höchst inkohärente linke Alltagsverstand für gewöhnlich, ohne daß ihm dieser Widerspruch auch nur auffallen würde.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#66">(6)</a> Diesen Standpunkt vertritt explizit die Freiburger Zeitschrift &#8220;Kritik und Krise&#8221;. Das Verdikt gegen jede Art von Revolutionstheorie ist in dieser Publikation zu einer Art ceterum censeo geworden.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#77">(7)</a> Dieser Wechsel in der Perspektive von Emanzipation gilt aber nicht nur für die Beschäftigung mit den Zukunftsfragen, sondern auch für das Geschichtsverständnis. Immer wenn sich die aktuellen historischen Aufgaben, vor denen die Menschen stehen, grundlegend verändern, verändert sich auch ihr Bild der Vergangenheit; und auch in unserem Zusammenhang muß sich das wiederholen. Eine theoretische Strömung, die den Bruch mit der Determiniertheit anvisiert, wird beim Blick zurück weder die historische Notwendigkeit im Stil der Hegelschen Geschichtsphilosophie besingen können, noch wird sie für die Vergangenheit das Problem, mit dem sie selber zu kämpfen hat, eskamotieren. Die moderne Geschichtswissenschaft hat einer dritten Position glücklicherweise schon vorgearbeitet; und wenn man die zeitgeistbedingte Neigung zu einem haltlosen Geschichtsrelativismus beiseite schiebt, zeichnen sich die Umrisse dieser Position bereits ab: Die menschliche Geschichte läßt sich in ihrer Gesamtheit weder als ein von einem ursprünglichen Sündenfall an determinierter Prozeß fassen, noch ist davon auszugehen, daß das Moment von Nicht-Determiniertheit einem stetig voranschreitenden Auszehrungsprozeß unterliegen würde. Der Charakter einer Zwangslogik kommt vornehmlich in der jeweiligen Binnenentwicklung der aufeinanderfolgenden Fetisch-Formationen zum Tragen. Ihre extremste Ausformung hat diese Logik sicherlich in der Entfaltung der bürgerlichen Form zur einzigen und universellen Fetischgestalt angenommen. In den Übergangsphasen, in denen eine Fetischform zerfällt, bevor sich ein neues Fetischsystem gesettlet hat, weicht der Zwangscharakter indes mehr oder weniger auf. In diesen historischen Übergangsphasen (etwa in der frühen Neuzeit) wären auch grundlegend andere Weichenstellungen möglich gewesen. Würde die Evolution noch einmal im Saurierzeitalter beginnen, so würde sie garantiert nicht noch einmal den Menschen, die angebliche Krönung der Schöpfung, hervorbringen. Und könnten wir die menschliche Geschichte zurückdrehen und ab Christi Geburt oder ab dem Jahr 1000 n. Chr. wieder ablaufen lassen, so würde die Entwicklung genausowenig schnurstracks wieder zu dem uns vertrauten westlichen Kapitalismus führen. Das heißt aber weder, daß es keine Gesetze der Evolution gibt, noch heißt es, daß die menschliche Geschichte, solange sie unter der Herrschaft von Fetischverhältnissen steht, keinen verobjektivierten Gesetzen der zweiten Natur unterliegt.</p>
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