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	<title>krisis &#187; Krisis 19 (1997)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 19 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 19 (1997)]]></category>

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		<description><![CDATA[Wo Kritik ihren Namen verdient, vereinigt sie in sich stets zwei gegenl&#228;ufige Momente. Kritik l&#228;&#223;t sich ohne Distanz zum Kritisierten gar nicht denken, aber genausowenig ohne das Bewu&#223;tsein von N&#228;he und Verstrickung. Radikale Kritik ist &#252;ber das, was sie &#252;berwinden und abstreifen will, schon hinaus und wei&#223; doch gleichzeitig darum, wie eng die eigene Existenz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wo Kritik ihren Namen verdient, vereinigt sie in sich stets zwei gegenl&#228;ufige Momente. Kritik l&#228;&#223;t sich ohne Distanz zum Kritisierten gar nicht denken, aber genausowenig ohne das Bewu&#223;tsein von N&#228;he und Verstrickung. Radikale Kritik ist &#252;ber das, was sie &#252;berwinden und abstreifen will, schon hinaus und wei&#223; doch gleichzeitig darum, wie eng die eigene Existenz mit ihrem Gegenstand verschlungen ist. Dementsprechend hat sie keinen festen und eindeutigen Standort, sondern oszilliert best&#228;ndig zwischen Innen- und Au&#223;enperspektive und kann sich &#252;berhaupt nur in dieser Pendelbewegung entfalten. Allein indem die Kritik ihren Gegenstand von sich st&#246;&#223;t und zum Gegen&#252;ber macht, kann sie dessen innere Logik erkennen; und im selben Ma&#223;e, wie sie ihn verstehen lernt, wird er ihr zusehends fremdartiger.</p>
<p><span id="more-238"></span>Nat&#252;rlich bewegt sich auch die Kritik der Warengesellschaft in einem solchen Spannungsfeld. Sie ist &#252;berhaupt nur in der Lage, die herrschende gesellschaftliche Verkehrsform zu fassen, weil sie nicht im blinden Selbstlauf des warengesellschaftlichen Prozesses mittreiben will und sich einen virtuellen Beobachterplatz an einem anderen Ufer sucht. Diese Distanzierung er&#246;ffnet ihr indes keinen Zugang zum kontemplativen Gl&#252;ck blo&#223;er Theorie und reiner Anschauung (der Begriff »theoria« bedeutet im Altgriechischen »Anschauung«). Wenn die Warenkritik n&#228;mlich auf den Flu&#223; der gegenw&#228;rtigen Entwicklung blickt, dann sieht sie immer nur jene Strudel, in denen sie um ihr Schicksal k&#228;mpfen mu&#223;, denen sie aber auch ihre Entstehung verdankt.</p>
<p>Kritik braucht zun&#228;chst einmal Abstand. Wer eine totalit&#228;re Vergesellschaftungsform in Frage stellt, die mit ihren Emanationen in allen gesellschaftlichen Sektoren und allen Weltregionen gegenw&#228;rtig ist, kann diese Distanz nur durch die radikale Historisierung der gegenw&#228;rtigen Ordnung herstellen. Der wertkritsche Ansatz ist dementsprechend st&#228;ndig bem&#252;ht, die gesellschaftlichen Formen, die im Laufe der Moderne zur scheinbar selbstverst&#228;ndlichen Grundlage jedes &#252;bergreifenden gesellschaftlichen Zusammenhangs aufgestiegen sind, als spezifische Ph&#228;nomene einer bestimmten Epoche zu dechiffrieren. Was dem Alltagsverstand und den in der Theoriesph&#228;re konkurrierenden affirmativen Ideologien als selbstverst&#228;ndlich und damit als unaufhebbar erscheint, soll in seinem Gewordensein und damit auch in seiner Verg&#228;nglichkeit begriffen werden.</p>
<p>Diese Orientierung r&#252;ckt die Wertkritik in gewisser Weise in die N&#228;he der Geschichtswissenschaft. Soweit diese nicht einem unkritischen Universalismus aufsitzt, mu&#223; es ihr darum gehen, den besonderen Merkmalen und Strukturen vergangener Gesellschaftsarchitekturen nachzusp&#252;ren, ohne dabei die Verh&#228;ltnisse der entwickelten b&#252;rgerlichen Gesellschaft zu projizieren und damit zu verabsolutieren. Angesichts dieser Gemeinsamkeit darf man indes nicht &#252;bersehen, welches zus&#228;tzliche, der Geschichtswissenschaft fremde Problem die Historisierung der gegenw&#228;rtigen Gesellschaft aufwirft. Beim Streifzug durch die Vergangenheit hat der Betrachter mit seiner eigenen Epoche und ihren vertrauten Prinzipien immer ein Kontrastmittel zur Hand, das es ihm erleichtert, sich die Spezifika seines Gegenstandes zu vergegenw&#228;rtigen. Dagegen bleibt die Kritik der Warengesellschaft zu diesem Zweck ausschlie&#223;lich auf die Kraft der Negation verwiesen. Mehr noch: W&#228;hrend beim Blick auf bereits untergegangene Gesellschaften sich von ganz alleine versteht, da&#223; deren zu rekonstruierenden Strukturprinzipien nur ein historisch beschr&#228;nkter G&#252;ltigkeitsbereich zukommt, hat die Wertkritik, wenn sie auf die Verg&#228;nglichkeit der herrschenden Formprinzipien insistiert, best&#228;ndig gegen die Schwerkraft fest verankerter Wahrnehmungsmuster und gegen eingeschliffene Sprachgewohnheiten zu argumentieren. Dieser Widerstand zwingt dem Historisierungsbem&#252;hen eine bestimmte Schwerpunktsetzung auf. Anders als in der Geschichtswissenschaft, in der die Vergeschichtlichung von (Struktur-)Begriffen und Kategorien f&#252;r gew&#246;hnlich nur deren Relativierung bedeutet, zielt Historisierung im wertkritischen Zusammenhang im wesentlichen auf Begriffskritik.</p>
<p>Bei ihrem Kampf gegen die Verkl&#228;rung spezifisch b&#252;rgerlicher Verh&#228;ltnisse zu den einzig denkbaren Mustern gesellschaftlicher Vermittlung steht der Kritik der Warengesellschaft keine andere existierende gesellschaftliche Praxis als Anrufungsinstanz zur Verf&#252;gung. Dieser Umstand zwingt sie in ihrer Historisierung nicht nur auf die Ebene des Begriffs, er pr&#228;gt zugleich auch nachhaltig das begriffliche Instrumentarium, das sie den ontologisierten b&#252;rgerlichen (Real-)Kategorien entgegenh&#228;lt. Die wertkritischen Schl&#252;sseltermini sind allesamt negativ gef&#228;rbt und bleiben f&#252;r gew&#246;hnlich selbst dort noch notorisch negatorisch, wo sie versuchen, eine Alternative zum Bestehenden zu formulieren. W&#228;hrend die traditionelle Systemopposition mit dem »Sozialismus« einst ein positives Gegenprinzip anzubieten hatte, mu&#223; der wertkritische Ansatz auf die Proklamation abstrakt-allgemeiner Prinzipien verzichten. Formeln wie »Antipolitik« oder »unmittelbare Vergesellschaftung« bestimmen sich offensichtlich schon ihrer semantischer Struktur nach &#252;ber ihr Gegenteil; aber auch eine Aussage wie die, eine »postmonet&#228;re Gesellschaft« habe ihre Reproduktion an »stofflichen« und »sinnlichen« Kriterien auszurichten, macht ohne ihren immer schon mitgedachten Kontrapunkt der Wertform keinen Sinn. Jedenfalls d&#252;rften die Mitglieder einer von der Waren- und Gelddiktatur befreiten Gesellschaft schwerlich auf die Idee verfallen, mit den Sammelbegriffen »stofflich« oder »sinnlich« zu hantieren, wenn sie zwischen all den Gesichtspunkten abw&#228;gen, die bei der konkreten Ausgestaltung der gesellschaftlichen Reproduktion eine Rolle spielen (Optimierung des Ressourcenverbrauchs, befriedigende Organisation und Verteilung der gesellschaftlichen T&#228;tigkeiten, Reduktion der in der Produktion gebundenen menschlichen Lebenszeit, Schaffung von vernetzten, dezentralisierten und kooperativen Strukturen, Ber&#252;cksichtigung &#228;sthetischer Gesichtspunkte etc.).</p>
<p>Ist Kritik der warengesellschaftlichen Wirklichkeit immer wesentlich auch Kritik der warengesellschaftlichen (Real-)Kategorien, so f&#228;llt sie notwendig mit einer fortgesetzten Begriffsdekonstruktion zusammen. An der Entwicklung des Krisis-Ansatzes l&#228;&#223;t sich das unschwer nachzeichnen. Wer sich die aufeinanderfolgenden Entwicklungsetappen der wertkritischen Position vergegenw&#228;rtigen will, findet in den umgest&#252;rzten Begriffskl&#246;tzen kaum &#252;bersehbare Wegmarken. Immer wieder haben wir Kategorien historisiert und in ihrem scheinbar ontologischen Gehalt destruiert, auf die wir uns einige Ausgaben der Krisis zuvor noch positiv bezogen hatten. Nachdem die »Arbeit« zun&#228;chst einmal nur in ihrer abstrakten Form aufgehoben werden sollte (Nr. 4), blieb sie schlie&#223;lich ganz auf der Strecke (Nr. 10 und Nr. 15). Die Abwendung von der Politikemphase m&#252;ndete im »Ende der Politik«. Der Kritik am »Klassenkampf« als systemimmanentem Interessengegensatz (Nr. 7) und am Subjektapriorismus (Nr. 10) folgte der Abschied von einer affirmativen Subjektvorstellung (Nr.13). Und das von Roswitha Scholz in die wertkritische Diskussion hineingetragene »Abspaltungstheorem« (Nr. 12) hat den geschlechtsneutralen Schein des wertf&#246;rmig konstituierten abstrakten Individuums aufgebrochen.</p>
<p>Damit ist nat&#252;rlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Eine ganze Reihe von aus dem marxistischen und b&#252;rgerlichen Universum ererbten Begriffen wie etwa der Materialismus oder der Revolutionsbegriff bed&#252;rften einer »wertkritischen Dekonstruktion«; und zweifelsohne mu&#223; auch noch eine Vielzahl blinder Flecken in der eigenen Theoriebildung aufgedeckt werden. Nat&#252;rlich ruft dieser fortgesetzte Proze&#223; der Begriffsdemontage auch Unwillen hervor, der sich nicht nur aus der Bef&#252;rchtung vor einer weiteren Radikalisierung der Kritik speist. Schon mehrfach ist in unserem Diskussionskontext die Bef&#252;rchtung ge&#228;u&#223;ert worden, wir k&#246;nnten in einen selbstzerst&#246;rerischen antiontologischen Amoklauf abdriften und schlie&#223;lich auch den begrifflichen Boden mitzerst&#246;ren, auf dem sich so etwas wie die Kritik der Warenform &#252;berhaupt nur formulieren l&#228;&#223;t.</p>
<p>Wir denken jedoch, da&#223; diese Angst &#252;bertrieben ist. Gelegentlich mag es der manchen als brusttrommelnd erscheinende »Krisis-Duktus« vielleicht vergessen machen, aber der antiontologische Impuls zielt keineswegs auf die Schaffung eines begriffslosen Nirwana ab. Zum einen erkennt die Wertkritik durchaus die G&#252;ltigkeit von unterschiedliche Gesellschaftsformen &#252;bergreifenden (Real-)Kategorien an, ohne sie freilich f&#252;r unaufhebbar zu erkl&#228;ren: dazu geh&#246;ren etwa die Begriffe des Fetischismus, der Herrschaft oder des Patriarchats. Zum anderen bestreiten wir nicht, da&#223; es auch so etwas wie eine conditio humana gibt, so z.B. den Stoffwechselproze&#223; mit der Natur. Damit sind aber auch Bezugspunkte gesetzt, von denen die begriffliche Argumentation ausgehen kann. Diese Bestimmungen wirken sicherlich meist d&#252;rr und bla&#223;. Der von Marx entlehnte Terminus »Stoffwechselproze&#223; mit der Natur« etwa kann als blo&#223;e Denkabstraktion schwerlich mit der empirischen Lebensf&#252;lle einer in mehrhundertj&#228;hriger geschichtlicher Entwicklung aufgeladenen Denk- und Realabstraktion wie der »Arbeit« konkurrieren. Doch gerade dies verweist auf seine theoretische Berechtigung, insofern er n&#228;mlich der Gefahr falscher Ontologisierung spezifisch b&#252;rgerlicher Verh&#228;ltnisse entgeht.</p>
<p>Der Angriff auf die Subjektkategorie, die Dechiffrierung von Subjektivit&#228;t als Form bewu&#223;tloser weil formblinder Bewu&#223;theit, bedeutet keineswegs, die M&#246;glichkeit selbstbewu&#223;ten gesellschaftlichen Handelns zu leugnen. Doch mu&#223; die Frage nach den m&#246;glichen Akteuren und Handlungstr&#228;gern einer neuen emanzipatorischen Praxis neu gestellt werden. Dabei verdeutlicht der Verzicht auf eine emphatische Besetzung der Subjektkategorie die Tiefendimension der notwendigen Aufhebung der Warenform. Der emphatische Subjektbegriff mu&#223; fallen, weil er die Vorstellung eines souver&#228;nen Handlungstr&#228;gers transportiert, der ein fremdes und passives Objekt namens Gesellschaft nach seinem Bilde modelt, und weil damit »Emanzipation« genau in die Form gezw&#228;ngt wird, in der sich das Warensubjekt auf seine Gesellschaftlichkeit bezieht. Zugleich verweist die Subjektkritik darauf, da&#223; die Befreiung von der Warenform nichts mit der Freisetzung irgendeiner verborgenen Substantialit&#228;t (»der Arbeit«, »des Lebens« oder irgendeiner anderen metaphysischen Wesenheit) zu tun hat, sondern sich im Gegenteil nur negativ-aufhebend auf die existierenden Sozialkategorien beziehen kann.</p>
<p>Anders als der postmoderne Dekonstruktivismus hat die wertkritische Begriffskritik keine Affinit&#228;t zu einem Standpunkt der Beliebigkeit. Ihr Ausgangspunkt ist die gegenw&#228;rtige Krise und Unhaltbarkeit der herrschenden gesellschaftlichen Realkategorien und deren notwendige Aufhebung. Insofern bietet die bisherige Theoriebildungspraxis kaum Anla&#223; f&#252;r die Bef&#252;rchtung, die fortgesetzte wertkritische Begriffskritik k&#246;nne schlie&#223;lich ins geistige Niemandsland und in die Sprachlosigkeit f&#252;hren. Dennoch hat das Mi&#223;trauen gegen ein bedingungsloses »heiteres Begriffeknacken« noch in anderer Hinsicht durchaus seine Berechtigung. Mu&#223;, wie oben angedeutet, Wertkritik ihrem Wesen nach beim Blick auf die Warengesellschaft zwischen Innen- und Au&#223;enperspektive oszillieren, so geh&#246;rt die Begriffskritik eindeutig der Au&#223;enperspektive an. W&#252;rde Wertkritik sich allein auf die Aufgabe fortgesetzter Begriffsdekonstruktion konzentrieren, dann stellte sie damit die Dialektik, der sie als Kritik ihre Existenz verdankt, letztlich still. Damit schl&#252;ge Historisierung aber in Quasi-Ethnologisierung um. Die Wertkritik verk&#228;me zu einer merkw&#252;rdigen Geheimlehre, deren Anh&#228;nger daraus ihr Selbstbewu&#223;tsein ziehen, da&#223; sie sich gegen&#252;ber den Alltagswilden der Warengesellschaft als eine Art V&#246;lkerkundlerverein im Stil des 19. Jahrhunderts inszenieren.</p>
<p>Ihre kritische Intention kann sich die Wertkritik nur bewahren, indem sie sich gegen eine solche einseitige Aufl&#246;sung sperrt und dagegen auch die Innenperspektive geltend macht. Die vorliegende Ausgabe der Krisis folgt dieser Orientierung, indem sie zum einen, wie schon die beiden vorhergehenden Nummern, vorzugsweise »exoterische« Themen behandelt; zum anderen werden »esoterisch«-antiontologische Fragen von vornherein realanalytisch gewendet.</p>
<p>Besonders deutlich wird dies vielleicht an Ernst Lohoffs Skizze &#252;ber Aufstieg und Fall des Nationalstaats Der Tod des sterblichen Gottes. Die neuere historisierende Kritik an der Nation, die nationale Identit&#228;t als ein modernes Ph&#228;nomen entlarvt hat, setzt der Autor weitgehend voraus. Er versucht in seinem Gang durch die Durchsetzungsgeschichte des Nationalstaats klarzulegen, welchem historischen Bedingungszusammenhang dieses Realkonstrukt in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten seine Wirksamkeit verdankte. Dabei bleibt er bei der Frage nach den Voraussetzungen f&#252;r den globalen Siegeszug des nationalstaatlichen Modells aber nicht stehen, sondern macht den n&#228;chsten logischen Schritt und untersucht die heute aufscheinenden historischen Grenzen des Nationalstaats. Damit kehrt er zum anti-ontologischen Ausgangspunkt zur&#252;ck, der aufgehoben ist in der Analyse des realen Zerfallsprozesses der nationalstaatlichen Ordnung.</p>
<p><em>Robert Kurz</em> leitet mit seinem Thesen-Artikel &#8220;Anti&#246;konomie und Antipolitik&#8221; den Themenblock zur Frage von Aufhebungsbewegung und Aufhebungs&#246;konomie ein, der die einschl&#228;gigen Essays der vorherigen Krisis-Ausgabe fortsetzt. Wir wollen uns keineswegs von jetzt an auf dieser Ebene eingraben und erst recht geht es nicht darum, pl&#246;tzlich unvermittelt »praktisch zu werden«, wie uns einige Kritiker schon vorgeworfen haben, denen »die ganze Richtung nicht pa&#223;t«. Zu einer Weiterentwicklung der Wertkritik geh&#246;rt es aber mit Sicherheit, f&#252;r eine Aufhebung des warenproduzierenden Systems theoretische Bestimmungen zu finden und auch in dieser Hinsicht die Kategorien des Arbeiterbewegungs-Marxismus kritisch zu transformieren.</p>
<p>Wie sich diese Entwicklung einer neuen Theorie f&#252;r die Aufhebung der wertf&#246;rmigen Reproduktion gesellschaftspraktisch vermittelt, ist eine ganz andere Frage, die sicherlich nicht aus dem Stand und mit der geringen Reichweite weniger Personen gel&#246;st werden kann. Es ist ja auch nicht unser Ziel, mit irgendeiner alternativen Schweinezucht anzufangen, sondern hinsichtlich der bisherigen »sozialistischen« Zielbestimmung mit allen ihren (unaufgearbeiteten) Implikationen theoretisch zu intervenieren und in der sozial&#246;konomischen Aufhebungsfrage das Marxsche Theoriesystem ganz genauso historisch zu entzerren wie auf anderen Ebenen der Theoriebildung. Wenn die ontologisierte »Arbeit« nicht mehr der historische Hebel und die etatistische »Planung« in unaufgehobenen Warenkategorien nicht mehr der &#246;konomische Zielhorizont sein k&#246;nnen, dann m&#252;ssen sich aus der Kritik dieser altmarxistischen Vorstellungswelt auch ver&#228;nderte Zielsetzungen und Wege der Transformation bestimmen lassen.</p>
<p>In seinem Beitrag versucht <em>Robert Kurz</em>, die Frage des »Herankommens« an eine sozial&#246;konomische Aufhebung der wertf&#246;rmigen Reproduktion zu entwickeln und in Beziehung zur systemimmanenten sozialen Auseinandersetzung zu bringen. Zentraler Punkt dabei ist die Frage der »Keimform« und ihres Verh&#228;ltnisses zur »Politik«. In Abgrenzung sowohl von etatistischen Modellen als auch von alternativ&#246;konomischen Konzepten kleiner Warenproduktion wird die Frage der Entkopplung bestimmter Reproduktionsbereiche von der Warenform als solcher er&#246;rtert. Wie ist auf der H&#246;he der mikroelektronischen Produktivkr&#228;fte ein &#220;bergang zu befreiten sozialen Zonen denkbar, in denen Momente autonomer Reproduktion ohne lokalistische Bornierung entwickelt werden k&#246;nnen? Wie k&#246;nnen sich diese Ans&#228;tze mit einer gesamtgesellschaftlichen Zielsetzung und gleichzeitig mit systemimmanenten sozialen Abwehrk&#228;mpfen in der kapitalistischen Krise vermitteln? Die alten Probleme des Verh&#228;ltnisses von »Reform und Revolution«, von Produktivkr&#228;ften und Produktionsverh&#228;ltnissen, von alternativen Reproduktionsformen und »Machtfrage« erscheinen auf der historischen Stufenleiter einer anzustrebenden Aufhebungsbewegung gegen die Wert&#246;konomie in neuer Gestalt, f&#252;r die noch keine Begriffe gefunden sind. Der Beitrag will keine abschlie&#223;enden Antworten geben, sondern die Problemfelder umrei&#223;en, um &#252;berhaupt Voraussetzungen f&#252;r eine weitergehende Auseinandersetzung zu schaffen.</p>
<p>In seinem anschlie&#223;enden umfangreichen Artikel &#8220;Der Dritte Sektor&#8221; gibt <em>Volker Hildebrandt</em> einen &#220;berblick &#252;ber die einschl&#228;gige akademische und politische Debatte zu diesem Thema. Es zeigt sich, wie stark die Konzepte des »Dritten Sektors« noch warenlogischen Kategorien verhaftet sind, &#246;konomisch illusion&#228;re Programme vertreten und sogar klammheimliche Affinit&#228;ten zu barbarischen Verarbeitungsformen der kapitalistischen Krise hervorbringen k&#246;nnen. Hildebrandt unterzieht insbesondere die Ans&#228;tze des US-amerikanischen Autors Jeremy Rifkin, des deutschen PDS-Theoretikers Joachim Bischoff und von Autoren aus dem gewerkschaftlichen Spektrum einer ausf&#252;hrlichen Kritik. Gleichzeitig versucht er aber auch, die transzendierenden Momente in der Debatte &#252;ber den »Dritten Sektor« herauszufiltern und die notwendige Auseinandersetzung in eine »dialogische Form« zu bringen. Die dabei angerissene Kritik an einer selbstgen&#252;gsamen Einigelung der wertkritischen Position wird sicherlich ebensowenig unwidersprochen bleiben, wie die Forderung nach normativen Setzungen einer emanzipatorischen Ethik. Hildebrandt er&#246;ffnet damit eine Diskussion &#252;ber m&#246;gliche Dilemmata einer Aufhebungsbewegung, die aufgel&#246;st werden m&#252;ssen.</p>
<p><em>Gaston Valdivia</em>s Beitrag »Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit« setzt sich mit dem modernen Zeitverst&#228;ndnis und dem merkw&#252;rdigen Paradoxon auseinander, da&#223; eine Gesellschaft, die st&#228;ndig »Zeit spart«, permanent unter »Zeitknappheit« leidet. In einem kurzen historischen Durchgang zeigt der Autor, wie absonderlich die moderne Vorstellung von der »Zeit« als homogener und quantifizierbarer Substanz ist und setzt sich mit der gesellschaftlichen Praxis und ihrer historischen Genese auseinander, die diese Art von Zeitwahrnehmung konstituiert. Der zweite Teil des Aufsatzes widmet sich der merkw&#252;rdigen Dialektik von Rationalisierung und &#214;konomisierung der »Zeit« und der zunehmenden »Zeitverknappung«. Er zeigt, wie ein wachsender Anteil der in dieser Gesellschaft verausgabten »Zeit« einzig und allein zur Aufrechterhaltung der Logik des warenproduzierenden Systems dient und insofern von einem emanzipatorischen Standpunkt aus geradezu »verschwendet« wird.</p>
<p><em>Ernst Lohoff f&#252;r die Redaktion</em></p>
<p><em></em></p>
<p>PS: Aus dem Krisis-Zusammenhang gibt es einige Neuigkeiten zu berichten. Erstens f&#252;hrt der F&#246;rderverein Krisis jetzt in einem festen halbj&#228;hrlichen Rhythmus thematisch vielf&#228;ltiger als bisher angelegte Seminare durch. Zweitens wurde, wie schon lange geplant, jetzt endlich das »Institut f&#252;r kritische Gesellschaftstheorie« gegr&#252;ndet. Drittens ist in Erg&#228;nzung zur Krisis eine zweite Zeitschrift  mit dem Namen Karoshi gegr&#252;ndet worden, die ab Fr&#252;hjahr 1997 erscheinen soll. Und viertens schlie&#223;lich ist die Krisis jetzt sowohl im Internet mit einer eigenen Homepage als auch im CL-Netz mit einem Diskussions- und Informationsbrett pr&#228;sent. N&#228;here Informationen zu all diesen Punkten finden sich im Anschlu&#223; an das Editorial und auf den letzten Seiten dieser Krisis-Ausgabe.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Der Tod des sterblichen Gottes</title>
		<link>http://www.krisis.org/1997/der-tod-des-sterblichen-gottes</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 19 (1997)]]></category>

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		<description><![CDATA[Skizze zum Aufstieg und Fall des Nationalstaates]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Skizze &#252;ber Aufstieg und Fall des Nationalstaats</h3>
<p><em>Ernst Lohoff </em></p>
<h4>1. Anmerkungen zur traditionellen Nationalismusforschung</h4>
<p>Wer zu Beginn der achtziger Jahre auf die Idee verfallen w&#228;re, sich nach den Perspektiven des Nationalstaats und der nationalistischen Ideologie zu erkundigen, h&#228;tte f&#252;r gew&#246;hnlich sicherlich eine recht eindeutige Antwort bekommen: Bei der Nation, so die vorherrschende Meinung damals, handelt es sich um ein Auslaufmodell. Man nahm an, da&#223; mit der zunehmenden transnationalen wirtschaftlichen Verflechtung und der damit einhergehenden Verallgemeinerung der westlichen Massenkultur die Bedeutung politischer Grenzen und nationaler Identit&#228;ten immer mehr verblassen w&#252;rde und stattdessen supranationale Zusammenschl&#252;sse die nationalstaatlichen Funktionen zusehends &#252;bernehmen. Diesem Grundverst&#228;ndnis folgte auch die offizielle Nationalismusforschung. Ihr galten Nation und Nationalismus vornehmlich als historische Probleme. Die Zeitgeschichtler datierten das Ende des »Zeitalters des Nationalismus« einhellig auf das Jahr 1945. Von dieser Zuordnung blieben nur die L&#228;nder der 3. Welt partiell ausgenommen. Nach dieser Einsch&#228;tzung w&#252;rde der Nationalismus beim Proze&#223; »nachholender Modernisierung« als Integrationsideologie noch eine gewisse Rolle spielen; auf dem europ&#228;ischen Kontinent hingegen, wo einst die Wiege der Nation gestanden hatte, und in allen anderen industriell entwikkelten Gebieten habe der nationale Gedanke seine Zukunft schon hinter sich.</p>
<p><span id="more-239"></span>Wer heute, anderthalb Jahrzehnte sp&#228;ter, die gleiche Frage stellt, wird kaum mehr die gleiche Antwort erhalten. Die reale Entwicklung hat die weit verbreitete Erwartung vom Absterben des Nationalen dementiert. Stattdessen sehen sich die Beobachter am Ende des 20. Jahrhunderts mit einer zwiesp&#228;ltigen, in sich widerspr&#252;chlichen Situation konfrontiert. W&#228;hrend der Proze&#223; der Globalisierung ein atemberaubendes Tempo erreicht hat und die amtierenden Nationalstaaten zusehends au&#223;erstande sind, sich dem Griff des Weltmarktdiktats zu entziehen, schwappt eine Welle des Nationalismus um den Planeten. Zur gleichen Zeit, da sich die westeurop&#228;ischen Regierungen wild entschlossen zeigen, den europ&#228;ischen Binnenmarkt zu vollenden, ja sogar die Einf&#252;hrung einer gesamteurop&#228;ischen W&#228;hrung anvisieren, da in anderen Weltteilen ebenfalls wirtschaftliche Zusammenschl&#252;sse (ASEAN, NAFTA) aufund ausgebaut werden, bestimmen nicht nur im zerfallenen Ostblock, in Afrika und Asien separatistisch-nationalistische Str&#246;mungen wesentlich das politische Geschehen; auch im Westen feiern vergessen geglaubte nationalistische Ressentiments fr&#246;hliche Urst&#228;nd. Nationalismus wird heute also merkw&#252;rdigerweise gleichzeitig obsolet und hochaktuell.</p>
<p>Die Renaissance des Nationalismus pa&#223;t den Apologeten der westlichen Moderne ganz und gar nicht in ihr ach so aufgekl&#228;rtes Weltbild. So wenig die Ideologen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schon in der Vision einer unter der Herrschaft des totalen Marktes geeinten »one world« ergingen, das Ph&#228;nomen als solches leugnen k&#246;nnen, so entschieden bem&#252;hen sie sich denn auch, die Wiederkehr des Nationalen aus Raum und Zeit zu eskamotieren. Der neue Nationalismus wird zum Einbruch einer ebenso irrationalen wie anachronistischen Gewalt erkl&#228;rt und als ein Fremdk&#246;rper behandelt, der quasi ex definitione in keiner Beziehung zum Endsieg des Weltmarktes stehen darf.</p>
<p>Gerade diese weitverbreitete entschiedene Abwehr ist aber hochgradig verd&#228;chtig. Angesichts des demonstrativ vorgetragenen Unverst&#228;ndnisses der westlichen Demokraten gegen&#252;ber dem »nationalistischen Ungeist« dr&#228;ngt sich die Frage auf, ob nicht wie so oft das Tabu auch in diesem Fall unmittelbar auf einen versteckten realen Zusammenhang verweist. Wenn heute die national&#246;konomische Substanz weltweit einer beschleunigten Auszehrung unterliegt und parallel dazu nationalistische Ambitionen ins Kraut schie&#223;en, beide Entwicklungen aber nicht miteinander zusammenh&#228;ngen d&#252;rfen, liegt dann nicht die Annahme nahe, da&#223; beide Sachverhalte nicht nur zeitlich koinzidieren, sondern auch historisch-logisch verkn&#252;pft sein m&#252;ssen? Vielleicht lassen sich diese gegenl&#228;ufigen Prozesse &#252;berhaupt nur zusammen, also als zwei Seiten derselben Medaille, begreifen.</p>
<p>Wer sich gegen die Exterritorialisierung und Entzeitlichung von Neorassismus, Ethnonationalismus und Fremdenha&#223; wehrt und diese Erscheinung auf die &#196;ra zu beziehen versucht, in denen sie auftreten, f&#252;r den gewinnt die gegenw&#228;rtige Gesamtentwicklung eine andere, von der herrschenden Apologie des universellen Marktes deutlich abweichende F&#228;rbung. Klare Konturen bekommt das neue Bild allerdings erst, sobald es gelingt, seine historische Tiefendimension auszuleuchten. Wer die neonationalistische Welle verstehen und in ihrem Bedeutungsgehalt einordnen will, kommt nicht umhin, noch einmal von ihrem aktuellen Ergebnis her die Durchsetzungsgeschichte der nationalstaatlichen Form aufzurollen und sich dabei die grundlegenden Aporien der durch den Gang der Ereignisse falsifizierten Nationalismustheorien zu vergegenw&#228;rtigen. Die Frage nach der gegenw&#228;rtigen Bedeutung des Nationalen und nach dessen Zukunft l&#228;&#223;t sich nur beantworten, wenn es gelingt, gleichzeitig die Frage nach seiner Vergangenheit zu reformulieren.</p>
<p>Bei der L&#246;sung dieser Aufgabe tut sich vorderhand vor allem eine Schwierigkeit auf. Das weite Themenfeld Nationalismus und Nationalstaat, das es unter kritischen Auspizien zu sondieren gilt, ist zwar in seinen vielen Aspekten alles andere als unbeackert, es fehlt aber ein zusammenh&#228;ngender wissenschaftlicher Diskurs, an dem eine retrospektive Gesamtschau ohne weiteres ankn&#252;pfen k&#246;nnte. Bei fast jedem anderen Thema, von der Staats- und Rechtstheorie bis zu Fragen der &#246;konomischen Entwicklung, kann jeder die wesentlichen theoretischen Grundpositionen kennenlernen, wenn er auf die Schriften von zehn bis zwanzig Standardautoren zur&#252;ckgreift. Riskiert er einen erg&#228;nzenden Seitenblick in die Sekund&#228;rliteratur, die sich im wesentlichen auf dieses gute Dutzend Theoretiker bezieht, dann ist er schnell mit den Hauptfrontlinien der jeweiligen Debatte vertraut. Nicht so jedoch bei der Nation. Das Schillernde am Gegenstand, die zahlreichen Metamorphosen und Wechself&#228;lle, die die Idee der Nation und die wirklichen Nationalstaatsbildungsprozesse in ihrer Geschichte vollzogen haben, spiegeln sich in der Zersplitterung der Nationalismusdebatte wieder.</p>
<p><a name="q1"></a>Der Facettenreichtum, und die einander konterkarierenden ideologischen Besetzungen der Nation verstellen den Blick f&#252;r das Ganze der Nationalisierungsbewegung. (<a href="#1">1</a>) Zu jeder Einzelphase in der Durchsetzungsgeschichte der nationalstaatlichen Form gibt es zahllose Studien und ausufernde Debatten. Die Befreiungsnationalismen der Dritten Welt wurden ebenso intensiv und kontrovers diskutiert wie die Einigungsnationalismen des 19. Jahrhunderts.</p>
<p><a name="q2"></a><a name="q3"></a>Das gleiche gilt selbstverst&#228;ndlich auch f&#252;r historische Ph&#228;nomene, die zum weiteren Umkreis des Nationenproblems geh&#246;ren, man denke nur an Faschismus oder Rassismus. &#220;bergreifende Ans&#228;tze, die sich das Ziel setzen, den Herausbildungsproze&#223; des nationalstaatlichen Systems als Ganzes in den Griff zu bekommen, sind hingegen d&#252;nn ges&#228;t(<a href="#2">2</a>) und kommen selten &#252;ber die Erstellung d&#252;rrer Typologien hinaus.(<a href="#3">3</a>)</p>
<p>Trotz dieses Mankos zeichnen sich in der traditionellen Nationalismusforschung zumindest einige Grundlinien ab, die auch einer wertkritischen Aufarbeitung als Orientierungshilfe dienen k&#246;nnen. An eines ihrer zentralen Ergebnisse kann eine Neuuntersuchung sogar unmittelbar positiv ankn&#252;pfen und es als Voraussetzung f&#252;r die weitere Ann&#228;herung nehmen, n&#228;mlich die Entontologisierung des Nationalen.</p>
<p><a name="q4"></a><a name="q5"></a>Die Apologeten des Nationalismus behandeln die Nation bekanntlich als eine Wesenheit a priori. Die Nationalisten sahen sich selber immer als Erwecker einer schlummernden, aber l&#228;ngst schon vorhandenen Entit&#228;t. Im pseudoaufgekl&#228;rten antinationalistischen Naser&#252;mpfen der liberalen Sonntagsredner, die den Nationalismus f&#252;r letztlich unerkl&#228;rlich halten und ihn aus den Abgr&#252;nden der menschlichen Seele hervorkriechen sehen, kehrt diese Sichtweise heute noch einmal, negativ gewendet, wieder. Diese landl&#228;ufige (Selbst-)Interpretation haben eigentlich alle Historiker, die sich mit der Nation oder Teilaspekten des Nationenbildungsprozesses besch&#228;ftigt haben, entschieden als (Selbst-)Mystifikation entlarvt. Als Benedict Anderson seinem 1988 erschienen Buch den programmatischen Titel »Die Erfindung der Nation« gab, sprach er nur den Konsens der Nationalismusforschung aus. »Die Nation« ist kein historisches Metasubjekt, das im gl&#228;sernen Sarg darauf wartet, vom nationalistischen Prinzen endlich wachgek&#252;&#223;t zu werden; sie ist vielmehr ein Konstrukt.(<a href="#4">4</a>) Es lassen sich beim besten Willen keine verbindlichen objektiven Kriterien angeben (Sprache, ethnische Herkunft, Kultur), nach denen bestimmte Untergruppen der Weltbev&#246;lkerung von vornherein dazu pr&#228;destiniert w&#228;ren, Nationen zu bilden, w&#228;hrend andere territorial verortbare Teilpopulationen der Menschheit per se von diesem Status ausgeschlossen w&#228;ren. (<a href="#5">5</a>)</p>
<p>Diese Entdeckung ist nicht gerade brandneu. Sie war schon f&#252;r die Nationalismusforschung der f&#252;nfziger und sechziger Jahre basal. In den j&#252;ngeren linken nationalismuskritischen Arbeiten, die oft vom dekonstruktivistischen Diskurs beeinflu&#223;t sind, ist sie in den letzten Jahren zu neuen Ehren gekommen. Viele druckfrische Publikationen aus dieser Ecke finden in der Kritik eines ontologischen Verst&#228;ndnisses von Nation ihren zentralen, wenn nicht einzigen Inhalt. Will man den spezifischen Charakter des Nationalen verstehen, so ist der antiontologische Gesichtspunkt sicherlich unverzichtbar. Er l&#246;st aber das R&#228;tsel, das die Renaissance des Nationalismus aufgibt, noch nicht, sondern erm&#246;glicht es &#252;berhaupt erst, die erkenntnisleitende Problemstellung genauer einzukreisen. Gerade wenn das Nationale nichts Ewiges, sondern etwas Gewordenes ist, dr&#228;ngt sich die Frage auf, unter welchen spezifischen Bedingungen dieses »Konstrukt« in der Vergangenheit geschichtsm&#228;chtig werden konnte und warum ihm in der heutigen Konstellation abermals eine derartige Ausstrahlungskraft zukommt.</p>
<p>Die dekonstruktivistisch beeinflu&#223;te neuere Debatte begibt sich nicht auf diese Ebene, ja blendet sie systematisch aus. Die &#228;ltere, modernisierungstheoretisch orientierte Nationalismusforschung und deren Erben kamen und kommen dem Kernproblem deutlich n&#228;her. Sie begn&#252;gte sich nicht damit, sich von der Ontologisierung des Nationalen abzugrenzen, sondern versuchte dar&#252;ber hinaus, eine Verbindung zwischen dem Siegeszug der Nation und dem Vormarsch der b&#252;rgerlichen Gesellschaft herzustellen. Der marxistische Historiker Eric J. Hobsbawm rekurriert auf eine in der akademischen Nationalismusforschung bis in die f&#252;nfziger Jahre zur&#252;ckreichende Tradition, wenn er in der Einleitung zu seinem Buch »Nationen und Nationalismus« schreibt:</p>
<p>»Wie die meisten ernsthaften Forscher betrachte ich &gt;die Nation&lt; nicht als eine urspr&#252;ngliche oder unver&#228;nderliche soziale Einheit. Sie geh&#246;rt ausschlie&#223;lich einer bestimmten und historisch jungen Epoche an. Sie ist eine gesellschaftliche Einheit nur insofern, als sie sich auf eine bestimmte Form des modernen Territorialstaates bezieht, auf den Nationalstaat, und es ist sinnlos, von Nation und Nationalit&#228;t zu sprechen, wenn diese Beziehung nicht mitgemeint ist.«</p>
<p>Es ist unter Historikern seit langem unstrittig, da&#223; der Proze&#223; der Nationen- und Nationalstaatsbildung und die Durchsetzungsbewegung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft zusammengeh&#246;ren. Das hei&#223;t allerdings noch lange nicht, da&#223; je Einigkeit dar&#252;ber bestanden h&#228;tte, wie der Zusammenhang im Einzelnen zu bestimmen sei. Daniel Katz und andere sozialpsychologisch ausgerichtete Autoren fa&#223;ten die Herausbildung nationaler Identit&#228;ten vorzugsweise als Reaktion auf die mit dem Siegeszug der b&#252;rgerlichen Gesellschaft einhergehenden psychosozialen Ersch&#252;tterungen.</p>
<p><a name="q6"></a>Sie begriffen Nationalismus als eine kompensatorische Erscheinung. Andere Historiker gingen weiter. Sie verstanden die nationalistische Ideologie und erst recht die Entstehung von Nationalstaaten selber als Moment einer umfassenderen »Modernisierungsbewegung«.(<a href="#6">6</a>) Das gilt insbesondere f&#252;r Nationalismustheoretiker wie Miroslav Hroch und Werner Conze, die den Nationalstaat als die der entwickelten b&#252;rgerlichen Gesellschaft ad&#228;quate politische Form begriffen. Besonders prononciert und auch sehr fr&#252;h vertrat Karl W. Deutsch diese Interpretation. In den f&#252;nfziger und sechziger Jahren kam er, ausgehend von seiner Besch&#228;ftigung mit der ostmitteleurop&#228;ischen Geschichte, zu dem Schlu&#223;, da&#223; die unter »dem Einflu&#223; von Massenkommunikationsmitteln und dem Vordringen der Geldwirtschaft« entstehende soziale Mobilit&#228;t auch eine politische Mobilisierung nach sich zieht. Wo die bis dahin selbstgen&#252;gsam vor sich hin existierenden breiten Massen ins Weltgetriebe hineingezogen werden, f&#228;llt ihre soziale Integration mit der »Politisierung entlang den Linien von Sprache und ethnischer Kultur« zusammen.</p>
<p><a name="q7"></a>In der Fallinie dieser Grundargumentation bewegt sich auch Ernest Gellner in seinem 1991 erschienenen Band »Nationalismus und Moderne«.(<a href="#7">7</a>) Er stellt dort die »Industriegesellschaft« den traditionellen »agrarischen Gesellschaften« gegen&#252;ber und arbeitet bei diesem Vergleich heraus, da&#223; die moderne dynamische, best&#228;ndig im Flu&#223; befindliche Arbeitsteilung einen historisch neuartigen klassen&#252;bergreifenden kulturellen Homogenit&#228;tszwang erzeugt. Die vormodernen Gesellschaften, so Gellner, konnten auch dann sehr wohl funktionieren, wenn sie in abgeschottet nebeneinander herlebende soziale Schichten zerfielen, die unterschiedlichen kulturellen Bezugssystemen angeh&#246;rten. In der hochmobilen modernen Gesellschaft aber verliert diese friedliche Ignoranz ihre Grundlage. Weil an der umfassenden modernen Gesellschaftlichkeit alle partizipieren (m&#252;ssen), kann der vom Staat und seiner Infrastruktur (bei Gellner steht das Bildungswesen im Vordergrund) garantierte Funktionsraum auch nur Angeh&#246;rige <em>derselben</em> Kultur (einheitliche Landessprache usw.) zusammenfassen. Damit wird es erstmals in der Geschichte erforderlich, politische und kulturelle Grenzen zur Deckung zu bringen. »Im Nationalismus findet die objektive Notwendigkeit kultureller Homogenit&#228;t ihren Ausdruck«. Der moderne Staat ist damit im Gegensatz zu seinen Vorl&#228;ufern der Tendenz nach per se Nationalstaat. »Eine Hochkultur durchdringt [...] die gesamte Gesellschaft, definiert sie und mu&#223; vom Gemeinwesen aufrechterhalten werden. <em>Das</em> ist das Geheimnis des Nationalismus.«</p>
<h4>2. Die blinden Flecken in der traditionellen Nationalismustheorie</h4>
<p><a name="q8"></a>Die modernisierungstheoretische Deutung stie&#223; von Anfang an auf erheblichen Widerstand. Vor allem bekennende Demokraten wie etwa August Winkler warfen den Modernisierungstheoretikern vor, da&#223; sie »den sozialen Funktionswandel des Nationalismus aus dem Blickfeld verlieren« w&#252;rden.(<a href="#8">8</a>) Sie wandten sich energisch dagegen, »reaktion&#228;re« und »emanzipative« Bewegungen unter eine Kategorie zu subsumieren, und bestanden darauf, demokratische Nationalismen, die die politischen Partizipationsm&#246;glichkeiten der Bev&#246;lkerungsmehrheit vergr&#246;&#223;ern, von solchen zu unterscheiden, die als »Ablenkungsideologie« funktionieren.</p>
<p><a name="q9"></a><a name="q10"></a>Diese eingeforderte Grenzziehung zwischen einem »guten« und einem »schlechten« Nationalismus bleibt reichlich k&#252;nstlich. Sie tr&#228;gt mehr zur Verteidigung der ideologischen Unbeflecktheit von Demokratie und Moderne bei als zur Kl&#228;rung des Stellenwerts von Nation und Nationalismus. Aus einer wertkritischen Perspektive macht diese Trennung jedenfalls keinerlei Sinn. Selbst der Nationalsozialismus, der die dunkle Seite des nationalistischen Denkens ins Bestialische gesteigert und in einer bis dahin unvorstellbaren Weise realisiert hat, trug gleichzeitig wesentlich zur Einebnung der st&#228;ndischen Binnenschranken in der deutschen Gesellschaft bei und wirkte so demokratisierend.(<a href="#9">9</a>) Die faschistische Bewegung hat bis dahin passive Bev&#246;lkerungsschichten ins politische Leben hineingesto&#223;en. In der Figur des »Volksgenossen«, der den Arbeiter »der Stirn und der Faust« in sich vereint, leuchtet der vom demokratischen Bewu&#223;tsein so hochverehrte abstrakte Staatsb&#252;rger auf. Gerade der extreme deutsche Fall weist auf etwas Allgemeines hin. Die Licht- und die Schattenseite der Konstituierung von Nationen sind allemal miteinander verschr&#228;nkt. Die Partizipation aller Gesellschaftsmitglieder als Staatsb&#252;rger und Warensubjekte, das hehre Ideal der Demokratie und die Vernichtung aller »volksfremden« und zur Teilnahme an der universellen Verwertungsbewegung ungeeigneten Elementen geh&#246;ren logisch zusammen.(<a href="#10">10</a>)</p>
<p>Zu dieser nur von einem demokratiekritischen Standpunkt formulierbaren Konklusion gelangte nat&#252;rlich keiner der Modernisierungstheoretiker. Selber in den Aporien von Demokratie und Moderne gefangen, traten sie der Kritik der demokratischen Vorneverteidiger nicht entgegen, sondern wichen ihr nur aus. Die Modernisierungstheoretiker beschr&#228;nkten sich im wesentlichen darauf, einige objektive Trends zu konstatieren, soweit sich diese Entwicklungen unabh&#228;ngig von den gerade vorherrschenden ideologisch-politischen Besetzungen langfristig durchsetzten. Die politischen Programme und Ideologien wurden nicht als integrale Momente in Beziehung zum realen Modernisierungsproze&#223; gesetzt, sondern zum mehr oder minder austauschbaren Accessoire entwirklicht, und es waren dann bestenfalls noch d&#252;nne formale Bestimmungen, an denen die Kompatibilit&#228;t der ideologischen Begleitmusik zum Realproze&#223; festgemacht werden konnte. So reduziert, erschien die Ideologiegeschichte als Appendix in einer explizit oder zumindest implizit strukturalistischen Argumentation.</p>
<p><a name="q11"></a><a name="q12"></a>Mit diesem Hang zu einer aideologischen Reduktion schlichen sich merkw&#252;rdige kontemplative T&#246;ne ein.(<a href="#11">11</a>) Gleichzeitig beeintr&#228;chtigte diese Selbstbeschr&#228;nkung nachhaltig das theoretische Aufl&#246;sungsverm&#246;gen dieser Art von Nationalismustheorie. Die wirkliche Geschichte l&#228;&#223;t sich ohne ihre ideologisch-politische Durchsetzungsform nicht verstehen. Die modernisierungstheoretische Vogelperspektive ist zwar vielleicht dazu geeignet, unter den un&#252;bersichtlichen politischen Konvulsionen einige s&#228;kulare Entwicklungslinien sichtbar zu machen; solange die Modernisierungstheoretiker aber nicht willens und f&#228;hig sind, der Moderne und damit auch der demokratischen Form kritisch zu begegnen, bleiben deren Konturen unscharf. Entsprechend lesen sich denn auch ihre Arbeiten. In ihren Darstellungen zeichnet sich die Binnengeschichte und Stufenfolge des Nationenbildungsprozesses bestenfalls in schemenhaften Umrissen ab .(<a href="#12">12</a>) Symptomatisch tritt das an Gellners Ansatz zu Tage.</p>
<p>Gellner vermeidet es bewu&#223;t, sich auf ideologisch-politische Inhalte und Bestimmungen und deren Entwicklung einzulassen. Die nationalismustr&#228;chtige »Industriegesellschaft«, die er der nationalismus-resistenten »agrarischen Gesellschaft« gegen&#252;berstellt, wird immer en bloc behandelt. Die nationalistische Ideologie hat bei ihm strenggenommen keine Binnengeschichte, zumindest liefert sein Modell keinen Zugang zu ihr.</p>
<p>Die modernisierungstheoretischen Ans&#228;tze haben offenbar entscheidende M&#228;ngel. Ihre Unzul&#228;nglichkeit machen die Nationalismusforschung und ihre Ergebnisse indes keineswegs einfach zur Makulatur. Die genauere Bestimmung der vorhandenen Defizite verdeutlicht vielmehr, an welchen Punkten ein Ankn&#252;pfen eine kritische Wendung voraussetzt, eine Wendung, die angetan ist, die Forschungsergebnisse der modernen Geschichtsschreibung in ein neues Licht zu tauchen. Die Spezifizierung der Kritik f&#252;hrt schnurstracks zu den zentralen Fragen, von denen aus sich das Problem der Nation neu aufrollen l&#228;&#223;t.</p>
<p><a name="q13"></a>Den modernisierungstheoretischen Ans&#228;tzen kommt ihr emphatischer Bezug auf die Moderne nicht nur bei der Analyse der nationalistischen Ideologie mit ihren »Irrationalismen« in die Quere; der affirmative Bezug f&#252;hrt auch auf dem ureigenen Terrain zu entscheidenden Denkblockaden. So wenig in den konkreten historischen Analysen der einzelne Nationalstaatsbildungsproze&#223; von der Gesamtentwicklung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft isoliert wird, so wenig kann »general theory« die Herausbildung der Nationalstaaten als Entfaltungsbewegung der globalen Warengesellschaft fassen. Wenn die Modernisierungstheoretiker die Entwicklung der »Nation im allgemeinen« zu umrei&#223;en versuchen, unterstellen sie immer schon, da&#223; es sich bei der Herausbildung von »Nationen« im Kern um <em>endogene</em> Prozesse handelt, und damit erscheint das nationalstaatliche System auf der politischen und auf der &#246;konomischen Ebene als die blo&#223;e Summe nationaler Entwicklungen. Die Idee der Nation haben in dieser Lesart die Nachholer zwar allesamt adaptiert, die Ambitionen anderer »Nationen« k&#246;nnen nat&#252;rlich auf die Existenzbedingungen anderer Nationalstaaten einwirken, dies alles erscheint aber als blo&#223; &#228;u&#223;erliche Repulsion. Im wesentlichen erscheint die Modernisierungs- und Nationalisierungslogik als eine &#252;berall cum grano salis gleiche <em>Binnenlogik</em>, und dementsprechend wird unterstellt, da&#223; alle Nationen auf ihrem Weg fr&#252;her oder sp&#228;ter analoge Phasen durchlaufen.(<a href="#13">13</a>) In diesem Denkschema k&#246;nnen die Durchsetzungsgeschichten variieren, insbesondere in ihren ersten Abschnitten, f&#252;r diese unleugbaren Differenzen werden aber in erster Linie die unterschiedlichen vorb&#252;rgerlichen Voraussetzungen verantwortlich gemacht. Der Fluchtpunkt bleibt allemal die nachholende Angleichung an das entwickelte westliche Muster. Zu guter Letzt m&#252;&#223;ten die Nachholer dort anlangen, wo sich auch die europ&#228;ischen Vorreiter tummeln, in einer durchindustrialisierten Wohlstandswelt.</p>
<p>Diese Perspektive wird der realen kapitalistischen Entwicklung in keiner Weise gerecht. Realiter l&#228;&#223;t sich der Siegeszug der Warenproduktion und der Moderne von Beginn an nur als ein Proze&#223; fassen, der verschiedene Weltteile in eine <em>asymmetrischer</em> Beziehung gesetzt hat und sie nur in dieser Art und Weise in Beziehung setzen kann. Bei der Existenz anderer Nationen, in der sich nicht zuletzt die Segregierung des Weltmarkts nach unterschiedlichen Produktivit&#228;tsniveaus niederschl&#228;gt, handelt es sich nicht um einen &#228;u&#223;eren Faktor, und es hat sich niemals um einen solchen gehandelt.</p>
<p>Was das aus dem Blickwinkel des einzelnen Nationalstaats bedeutet, erschlie&#223;t sich unschwer. Der allgemeine Entwicklungsstand und die eigene Position im jeweils herrschenden System der Arbeitsteilung bestimmen in jeder &#196;ra von vornherein die Rahmenbedingungen der nationalen Konstituierung. Die jungen afrikanischen Nationen konnten nicht allein deshalb kaum getreulich auf den gleichen Pfaden lustwandeln, die europ&#228;ische Staaten im 19. Jahrhundert eingeschlagen haben, weil sich das Sozialgef&#252;ge im kolonialen Afrika nachhaltig vom europ&#228;ischen des letzten Jahrhunderts unterschied, der ver&#228;nderte Entwicklungsstand des warenproduzierenden Weltsystems schlie&#223;t vielmehr von vornherein Kopien aus! Das Ungen&#252;gen einer endogenen Betrachtungsweise reicht aber tiefer und hat eine begrifflich-logische Dimension. Der Weltmarkt und das System der Nationalstaaten sind auf jeder Entwicklungsstufe der einzelnen Nation und ihrer National&#246;konomie allemal vorg&#228;ngig.</p>
<p><a name="q14"></a>Es reicht nicht, Schemata zu erstellen, die die Stufenfolge endogener Nationalisierungsschritte beschreiben, stattdessen mu&#223; es darum gehen, die sukzessive Herausbildung und Neuproduktion des Nationengeflechts als einen wesentlich von der Gewalt des Weltmarkts und der warenf&#246;rmigen Durchdringung induzierten Proze&#223; zu analysieren.(<a href="#14">14</a>) Genauso wie die Konkurrenz der Einzelkapitalien nicht die kapitalistische Entwicklung erkl&#228;ren kann, sondern der Wettbewerb nur die logisch bereits vorausgesetzten Zwangsgesetze des Werts dem Einzelkapital aufherrscht, lassen sich die einzelnen Nationalstaaten und ihr Zusammenprall nur als abgeleitete Vermittlungsebene fassen. Eine Theorie des Nationalstaats kann sie dementsprechend nicht als logischen Ausgangspunkt nehmen.</p>
<h4>3. Ausgangsfragestellung</h4>
<p>Dieser »methodische« Einwand gegen die modernisierungstheoretisch orientierte Nationalstaatstheorie bestimmt die Herangehensweise des vorliegenden Aufsatzes. Im weiteren richte ich das Augenmerk auf den Zusammenhang von nationalstaatlicher Form und national&#246;konomischen Inhalt und komme dar&#252;ber zu einer verbl&#252;ffend simplen Fragestellung: Wie ist es &#252;berhaupt zu erkl&#228;ren, da&#223; die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft den einen Weltmarkt zum Fluchtpunkt hat, w&#228;hrend auf der politischen Ebene eine vergleichbare s&#228;kulare Vereinheitlichungstendenz fehlt? Warum existiert Staatlichkeit im Plural und zeigt sich teilungsfreudig, wenn doch der Markt im Singular als universeller und globaler seine Vollendung findet?</p>
<p>Die Marktwirtschaftsapologetik kann die in dieser Fragestellung intendierte gegenl&#228;ufige Entwicklungslogik nicht erkennen, und auch die Nationalismusforschung hat sie in ihrem Schlepptau nicht realisiert. Die aufgekl&#228;rten Martkwirtschaftsfans unterstellen f&#252;r gew&#246;hnlich ganz selbstverst&#228;ndlich, da&#223; es auf Basis der Warenproduktion per se funktional sei, wenn sich die politisch-staatliche Einfassung mit dem Marktraum deckt, und schlie&#223;en von der im s&#228;kularen Trend fortschreitenden globalen Vernetzung auf einen zumindest langfristigen Trend zur politischen Zentralisation. In diese Sichtweise wird auch die Figur des Nationalstaats eingeordnet. Der Nationalstaat und die National&#246;konomie gelten als transitorische Ph&#228;nomene auf dem langen Weg zum einheitlichen, unter einem politischen Dach zusammengefa&#223;ten Weltmarkt. Als der Vormarsch der Marktbeziehungen &#252;ber den engen lokalen Rahmen hinauswucherte, so der simple Grundgedanke, mu&#223;ten National&#246;konomien entstehen, die diesen weiter reichenden Verwertungskontext in sich fassen konnten; mit der fortschreitenden Globalisierung und dem Durchbrch zu einer totalisierten Marktgesellschaft erweisen sich jedoch auch diese gr&#246;&#223;eren Einfriedungen als noch zu eng. Die Schaffung kontinentaler und weltweiter Zusammenschl&#252;sse und die sukzessive &#220;bertragung national&#246;konomischer Funktionen auf die supranationale Ebene wird langfristig indes die verlorene Kongruenz wiederherstellen. Wenn mittlerweile der eine einheitliche Weltmarkt mit Riesenschritten seiner Vollendung entgegeneilt, dennoch aber nach wie vor <em>viele</em> Nationalstaaten existieren, dann sehen die Apologeten des totalen Marktes darin letztlich einen Anachronismus, der fr&#252;her oder sp&#228;ter durch die Anpassung des (wirtschafts)politischen Bezugssystems an das erreichte Vernetzungsniveau zu &#252;berwinden ist.</p>
<p><a name="q15"></a>Diese Interpretation hat einige M&#228;ngel. Das beginnt schon damit, da&#223; sie recht schlecht mit der realen historischen Entwicklung zusammenpa&#223;t und auf einem ausgesprochen schlechten Ged&#228;chtnis beruht. Offenbar will sich keiner daran erinnern, da&#223; eigentlich in allen Abschnitten der b&#252;rgerlichen Entwicklung die Vordenker schon von zunehmender politischer Zentralisation tr&#228;umten und jedesmal in ihrer Erwartung L&#252;gen gestraft wurden. Bereits im 18. Jahrhundert hatten Aufkl&#228;rungsphilosophen vom Weltb&#252;rgertum und von einem der Vernunft verpflichteten b&#252;rgerlichen gesamteurop&#228;ischen Staat getr&#228;umt. Die Etablierung b&#252;rgerlicher Staatlichkeit ging jedoch realiter ohne weltb&#252;rgerliche Anwandlungen vonstatten und vollzog sich stattdessen in der Form der Herausbildung strikt voneinander abgetrennter Nationalstaaten. Im letzten Jahrhundert projektierten die Vordenker der gro&#223;en nationalen Bewegungen ein »junges Europa«, das sich nur aus einer guten Handvoll von Nationalstaaten zusammensetzen sollte.(<a href="#15">15</a>) In den folgenden Jahrzehnten vermehrte sich indes die Zahl der europ&#228;ischen Nationalstaaten auf rund vierzig. Im Zeitalter des Imperialismus wiederholte sich dieses Spiel ein weiteres Mal. Der Cheftheoretiker der Sozialdemokratie, Rudolf Hilferding, brachte die allgemeine Erwartung auf den Punkt, als er prognostizierte, da&#223; aus den K&#228;mpfen der gro&#223;en M&#228;chte schlie&#223;lich ein einziger weltumspannender imperialistischer Gesamtstaat hervorgehen werde. Einige Jahrzehnte sp&#228;ter zerfiel der Trikont nicht mehr in die Kolonialreiche und Einflu&#223;sph&#228;ren von siebeneinhalb europ&#228;ischen M&#228;chten, sondern in mehr als 100, mittlerweile sogar mehr als 150 Einzelstaaten. Kann man ein solches immerhin &#252;ber zwei Jahrhunderte best&#228;ndig wiederholtes Auseinanderklaffen zwischen zentripetaler Erwartung und zentrifugaler Entwicklung tats&#228;chlich nur als eine Art empirische St&#246;rung abtun, die zu guter Letzt schlie&#223;lich doch von einer grundlegenden Zentralisierungstendenz ausgeschaltet wird?</p>
<p>Die Marktapologeten werden diese Frage abtun, indem sie auf die neue Qualit&#228;t des gegenw&#228;rtigen Globalisierungsprozesses verweisen und eilfertig einwenden, da&#223; heute der Einflu&#223; des Weltmarkts in einem Grade gewachsen ist, der keinen Vergleich mehr zu fr&#252;heren Phasen zul&#228;&#223;t. Dieses Argument ist sicherlich richtig, aber es trifft nur die halbe Wahrheit und ist insofern ganz falsch. Der Weltmarktdruck wirkt n&#228;mlich nicht einfach nur einebnend und homogenisierend, wie in dieser Argumentation immer unterstellt; vielmehr schafft er in erster Linie Entwicklungsdifferenzierungen, die letztinstanzlich auch auf der politischen Ebene ihren Niederschlag finden m&#252;ssen. Nicht nur die zentripetalen Kr&#228;fte haben heute einen Grad erreicht, dem die alten National&#246;konomien nicht mehr standhalten k&#246;nnen, auch die vom Weltmarkt induzierten zentrifugalen Kr&#228;fte, von denen die jeweiligen Weltmarktgewinner noch nie etwas wissen wollten, machen sich heute st&#228;rker denn je bemerkbar.</p>
<p>Wenn die Apologeten des totalen Marktes sich gerne eine langfristige Tendenz zur Bildung immer gr&#246;&#223;erer politischer Einfassung zurechtimaginieren, die ihren logischen Fluchtpunkt in der Zusammenfassung der Weltmarktgesellschaft unter einem einheitlichen politischen Dach haben m&#252;&#223;te, dann steht hinter dieser Idee eine harmonistische Vorstellung von den Wirkungen der freien Konkurrenz. Wie weiland bei Adam Smith wird die ungez&#252;gelte Marktbewegung als ein Proze&#223; aufgefa&#223;t, an dem alle Beteiligten cum grano salis gleicherma&#223;en profitieren, die einzelnen Warensubjekte ebenso wie die am Marktgeschehen partizipierenden Regionen. Es d&#252;rfte jedoch kein Geheimnis sein, wie fragw&#252;rdig diese Sichtweise ist. Die unbedingte kapitalistische Konkurrenz wirkt nicht nur als der Stachel, der s&#228;mtliche potentiellen Mitwettbewerber dazu zwingt, alle technologischen M&#246;glichkeiten und wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zweck der Produktivit&#228;tssteigerung anzuwenden und auf diese Weise daf&#252;r sorgt, da&#223; die Springquellen stofflichen Reichtums immer reichlicher sprudeln; sie wirkt gleichzeitig als der gro&#223;e gnadenlose Liquidator und scheidet erbarmungslos zwischen denjenigen, die das Potential haben, auf dem jeweils g&#252;ltigen Niveau mitzuhalten, und denjenigen, die sich nicht als Marktteilnehmer qualifizieren k&#246;nnen, und beraubt die Verlierer ihrer Reproduktionsgrundlage. In der paradoxen Schumpeterschen Formel vom Kapitalismus als einem »Proze&#223; produktiver Zerst&#246;rung« klingt diese destruktive und ausschlie&#223;ende Seite der Prinzipien freier Konkurrenz an. Sie kommt aber nicht nur, was Schumpeter allein im Blick hatte, auf der Ebene des Wettbewerbs der Einzelkapitale zum Tragen; sie entfaltet ihre verheerende Wirkung auch im Kampf der Weltmarktregionen, und gerade hier schl&#228;gt der periodische Kahlschlag unter den Unterproduktiven in eine der Ordnung von freier und gleicher Marktherrlichkeit inh&#228;rente strukturelle Apartheid um. Weil kapitalistische Entwicklung notwendig <em>ungleichgewichtige Entwicklung</em> ist, die ungez&#252;gelte und unmodifizierte Konkurrenz aber unweigerlich zum Verschwinden der unterlegenen Wettbewerber vom Markt f&#252;hrt, kann Entwicklung unter ihrem unmittelbaren weltumspannenden Regiment f&#252;r die meisten Marktteilnehmer in spe nur Ausschlu&#223; von der Marktteilnahme, Ausschlu&#223; von Entwicklung bedeuten. H&#228;tte sich die fl&#228;chendeckende Entfaltung des Systems der abstraken Arbeit unter der &#196;gide der unbedingten freien Konkurrenz vollziehen sollen, so w&#228;re sie niemals zustande gekommen und die Wertform h&#228;tte lediglich eine verschwindende Minderheit der Menschheit in ihren Reproduktionszusammenhang einbeziehen k&#246;nnen.</p>
<p>Diese Tendenz zur Selbstblockade kapitalistischer Entwicklung war sehr fr&#252;h wirksam. Sie lie&#223; sich nur auf einem Weg &#252;berwinden: durch die Parzellierung des einen universellen warengesellschaftlichen Funktionsraums in voneinander geschiedene, dabei in ihrem internen Produktivit&#228;tsniveau allerdings vergleichsweise homogene Funktionsr&#228;ume. Damit die Warensubjekte in den Stand versetzt werden, innerhalb der vielen Unterbezugsrahmen in Wettbewerb miteinander zu treten, mu&#223; also die Konkurrenzbeziehung im Verh&#228;ltnis zwischen diesen Teilsystemen modifiziert und damit ihrer unmittelbar m&#246;rderischen Wirkung beraubt werden. Wo es unm&#246;glich wird, den national&#246;konomischen Bezugs- und Schutzraum aufrechtzuerhalten, steht dementsprechend nicht die Herausbildung eines einheitlichen, die alten National&#246;konomien &#252;bergreifenden politischen Regulationsrahmens an, vielmehr zerf&#228;llt die gesellschaftliche wie die politisch-staatliche Integration ersatzlos. Im Neonationalismus unserer Tage und in der Misere supranationaler Vereinigungen zeichnet sich ab, da&#223; die Dialektik von Teilsistierung und Durchsetzung der Wertlogik ab einem gewissen Vernetzungsniveau nicht mehr funktionieren kann. Gerade in ihrem Versagen wird jedoch die Bedeutung sichtbar, die ihr bei der Verallgemeinerung der Warengesellschaft zukam, und wir finden einen Ariadnefaden in unseren H&#228;nden, an dem wir uns nur entlangtasten m&#252;ssen, um einen Weg durchs Labyrinth der Nationalstaatsgeschichte zu finden. Je h&#246;her das Vergesellschaftungsniveau stieg und je mehr das Gewicht des Weltmarktes wuchs, desto klarer trat der Zwang zu einer Doppelbewegung von Homogenisierung der Konkurrenzbedingungen nach innen und Abgrenzung des eigenen national&#246;konomischen Raums gegen&#252;ber Weltregionen, die sich auf einem anderen Produktivit&#228;tsstandard befanden, hervor. Das &#228;ndert aber nichts daran, da&#223; sich dieser Zusammenhang unschwer bis tief ins 19. Jahrhundert hinein zur&#252;ckverfolgen l&#228;&#223;t. Schon in dieser Phase war die nachholende Inwertsetzung von vornherein an den partiellen Ausschlu&#223; der &#252;berlegenen ausl&#228;ndischen Konkurrenz gekoppelt, und die sukzessive Verallgemeinerung der nationalstaatlichen Form lieferte die M&#246;glichkeit dazu.</p>
<h4>4. Prim&#228;re Nationalstaatsbildung</h4>
<p>Wenn die Apologeten des entgrenzten Marktes die Entstehung von Nationalstaaten und National&#246;konomien ausschlie&#223;lich auf die zentripetalen Kr&#228;fte beziehen, die aus der allm&#228;hlichen Ausdehnung der Marktbeziehungen resultieren, dann behandeln sie eine ganz spezifische historische Konstellation als die allgemein g&#252;ltige. Die Entstehung der allerersten modernen Territorialstaaten l&#228;&#223;t sich zwar tats&#228;chlich im wesentlichen als ein schrittweiser Integrationsproze&#223; beschreiben, der die Abl&#246;sung zersplitterter feudaler Verh&#228;ltnisse mit ihrer un&#252;bersehbaren Vielfalt von Sonderrechten und einer vorzugsweise auf den lokalen Rahmen ausgerichteten Wirtschaftsweise durch einen relativ koh&#228;renten Binnenmarkt mit einheitlichem Norm- und Rechtssystem zum Inhalt hatte; was f&#252;r die Fr&#252;hstarter gilt, gilt aber keineswegs in der gleichen Weise f&#252;r die zweite, dritte und vierte Startreihe. Die nachdr&#228;ngenden Nationalstaaten konnten sich per se nur in einer doppelten Frontstellung formieren, n&#228;mlich nach innen im Kampf gegen die vorb&#252;rgerlichen Verh&#228;ltnisse, die ein niedriges Vergesellschaftungsniveau festschrieben, und nach au&#223;en in Abgrenzung gegen die schon etablierten und &#252;berlegenen Nationalstaaten. Was die Marktapologetik und in ihrem Gefolge die Nationalismusforschung als das Grundmuster behandelt, erweist sich aus dieser Perspektive betrachtet als historischer »Sonderweg«, der nur einen engen geographischen Raum und eine genau bestimmbare historische Phase zum empirischen Substrat hat.</p>
<p><a name="q16"></a>Die Wiege der nationalstaatlichen Form stand beiderseits des &#196;rmelkanals. Seit der Zeit des Hundertj&#228;hrigen Krieges hatte in Frankreich und England von der ile de France und dem Londoner Becken ausgehend ein Proze&#223; territorialer Formierung eingesetzt, der nach mancherlei Wechself&#228;llen, die sich hier nicht abhandeln lassen, schlie&#223;lich in die Herausbildung homogener Nationalstaaten m&#252;ndete. Mit dem Triumph der absolutistischen Monarchie in Frankreich sowie Cromwells Diktatur und der Stuart-Restauration in Gro&#223;britannien trat diese Entwicklung in ihre entscheidende Phase. W&#228;hrend seit dem ausgehenden Mittelalter der fr&#252;he <em>Handelskapitalismus</em> vornehmlich in den gro&#223;en selbst&#228;ndigen St&#228;dten oder St&#228;dteb&#252;ndnissen wie der Hanse und den Generalstaaten(<a href="#16">16</a>) seine Heimat gefunden hatte, bildete sich in der <em>Symbiose von absolutistischer Monarchie und jungem Produktivkapital</em> ein neuartiges System heraus, in dem die wachsende Geldwirtschaft eine enge Verbindung mit der sich von der feudalen Gefolgschaftsordnung endg&#252;ltig abl&#246;senden Staatlichkeit einging, um den gesellschaftlichen Reproduktionsproze&#223; in seiner ganzen Breite zu erfassen. Das in erster Linie machtpolitischer Ambitionen und der Revolutionierung des Milit&#228;rwesens wegen entstandene Bed&#252;rfnis nach st&#228;ndig wachsenden Staatseink&#252;nften zwang die absolutistischen Herrscher zur F&#246;rderung des nicht-z&#252;nftigen Gewerbes und zur Schaffung nationaler M&#228;rkte. Das produktive Kapital gewann damit erstmals in der Geschichte einen Funktionsraum. Diese Phase fand ihren charakteristischen Ausdruck im merkantilen System.</p>
<p>Unter der Jakobinerherrschaft und im Napoleonischen Kaiserreich fand die Ehe von territorialstaatlicher Integration und der Entfaltung der Warengesellschaft ihre Fortsetzung. Die Franz&#246;sische Revolution trieb nicht nur das vom Absolutismus begonnene Zentralisierungs- und Normierungswerk weiter, sondern markiert auch einen entscheidenden Schritt bei der Etablierung von Nationalbewu&#223;tseins. Mit der Emanzipation des »Dritten Standes« von der dynastischen Gewalt triumphiert erstmals eine Klasse, die stolz den Anspruch erhebt, identisch mit der »Nation« zu sein. Damit kommt der Proze&#223; prim&#228;rer Nationenbildung zum Abschlu&#223;.</p>
<p>Die Ideologie, unter der sich diese revolution&#228;re Neuerung vollzog, spiegelte getreulich die Besonderheiten des prim&#228;ren Nationalstaatsbildungsprozesses. Wie schon vorher die »amerikanische Nation« in ihrer Unabh&#228;ngigkeitserkl&#228;rung, so konstituiert sich auch die franz&#246;sische im Geiste der Aufkl&#228;rung und ihrer <em>universalistischen</em> Weltsicht. Die beiden frischgebackenen Nationen sch&#246;pften ihr Selbstverst&#228;ndnis vornehmlich aus der Erkl&#228;rung der allgemeinen Menschenrechte, und sie konnten das nur tun, weil f&#252;r sie die Nation nichts anderes als ein emphatisch besetztes Synonym f&#252;r die junge b&#252;rgerliche Gesellschaft war. In der Konfrontation mit den &#252;berlebten und doch allgegenw&#228;rtigen feudalen Gewalten innerhalb und au&#223;erhalb der Landesgrenzen, die aus der b&#252;rgerlichen Gesellschaft und damit aus der Definition von Nation herausfielen, stellte sich die Frage nach dem Verh&#228;ltnis des franz&#246;sischen Nationalstaats zu anderen V&#246;lkern noch gar nicht. Die Parole der Revolutionskriege »Krieg den Pal&#228;sten, Friede den H&#252;tten« gibt diese Sichtweise wieder. In den vier ersten Koalitionskriegen zwischen dem revolution&#228;ren Frankreich und den reaktion&#228;ren europ&#228;ischen M&#228;chten erreicht diese Phase ihren Kulminationspunkt.</p>
<h4>5. Von der prim&#228;ren zur sekund&#228;ren Nationalstaatsbildung: die deutsche Kulturnation im Kampf gegen die franz&#246;sische Staatsnation und die britische Werkstatt der Welt</h4>
<p>Die Herausbildung einer zentralisierten modernen Staatlichkeit im westeurop&#228;ischen Zentrum des aufkommenden Weltmarkts war die unabdingbare Voraussetzung f&#252;r den globalen Siegeszug der Warenproduktion. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, da&#223; sich die weitere (geographische) Ausbreitung der Warengesellschaft in der Form des blo&#223;en Anschlusses an das Territorium der ersten b&#252;rgerlichen Staaten h&#228;tte vollziehen k&#246;nnen. Die Verallgemeinerung moderner Staatlichkeit fiel letzten Endes nicht mit der Ausdehnung der etablierten Staaten zusammen, sie war vielmehr im wesentlichen mit der Genese zus&#228;tzlicher Nationalstaaten identisch. Der b&#252;rgerliche Modernisierungs-Staat kam dabei nicht nur deshalb als Ensemble sich stetig vermehrender Nationalstaaten (und nicht als Weltstaat) zu sich, weil die Integrationskraft der etablierten prim&#228;ren Staaten in ihrer Reichweite beschr&#228;nkt blieb; die Vermehrung der Nationalstaaten erweist sich auch auf einer grunds&#228;tzlicheren Ebene als funktional f&#252;r den globalen Triumph der Verwertungsgesellschaft.</p>
<p>Politische Abh&#228;ngigkeit von einer kapitalistischen Vormacht war n&#228;mlich stets dazu angetan, in den angeschlossenen Gebieten das Aufkommen einer integrierten Volkswirtschaft im Keim zu ersticken und lie&#223; dementsprechend nur eine punktuelle Modernisierung zu. Der klassische Eroberungs-Imperialismus konnte daher zwar in den angeschlossenen Gebieten der Durchkapitalisierung den Boden bereiten; die Subsumtion der politisch abh&#228;ngigen L&#228;nder unter die Bed&#252;rfnisse des Mutterlandes bedeutete aber gleichzeitig ein Entwicklungshemmnis, und so war die imperiale Ordnung au&#223;erstande, das begonnene Modernisierungswerk &#252;ber einen bestimmten Punkt hinaus weiterzutreiben.</p>
<p>Dieser Zusammenhang tritt auf dem europ&#228;ischen Kontinent ansatzweise bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts zur Zeit der napoleonischen Eroberungen zu Tage. Mit dem Import der Errungenschaften der Franz&#246;sischen Revolution wurden insbesondere in Italien und Deutschland zwar die rechtlichen und administrativen Grundlagen der b&#252;rgerlichen Gesellschaft gelegt (Code Napoléon), gleichzeitig war das neu etablierte System jedoch einseitig auf die F&#246;rderung der franz&#246;sischen Wirtschaft ausgerichtet, w&#228;hrend die Zwangsverb&#252;ndeten wesentlich die Kosten der imperialen Ordnung (Kontinentalsperre, Truppenaushebungen) zu tragen hatten.</p>
<p>Dieser Umstand mu&#223;te auf die Haltung der b&#252;rgerlichen Avantgarden in diesen L&#228;ndern zur&#252;ckschlagen und damit zum politischen Faktor werden. Besonders deutlich trat dies an der deutschen Entwicklung hervor. Hatte die Fortschrittspartei in dem verschlafenen &#246;stlichen Nachbarland zun&#228;chst die Erfolge der Franz&#246;sischen Revolution begeistert gefeiert und vor allem in den linksrheinischen Gebieten den Anschlu&#223; an Frankreich offensiv angestrebt, man denke nur an die deutschen Jakobiner um Georg Forster und deren Mainzer Republik, so kehrte nach wenigen Jahren Ern&#252;chterung ein und eine andere Option gewann allm&#228;hlich die Oberhand, der Wunsch, eine eigenst&#228;ndige deutsche Nation zu schaffen. Die Niederlage der inl&#228;ndischen traditionellen M&#228;chte wurde nicht mehr so sehr als Befreiung vom »feudalen Joch« begr&#252;&#223;t, sondern als nationale Schmach empfunden, die es zu tilgen galt. Das Desaster der preu&#223;ischen Armee in der Schlacht von Jena-Auerstedt 1806 und die anschlie&#223;ende Eingliederung der &#220;berreste des »Heiligen R&#246;mischen Reiches Deutscher Nation« ins Napoleonische Herrschaftssystem markieren den Umschlagspunkt. Im Abwehrkampf gegen den eben noch von Hegel als »Weltgeist zu Pferde« gepriesenen Imperator, der nun als Tryann firmierte, formierte sich die deutsche Nation.</p>
<p><a name="q17"></a>Der nachholende deutsche Nationalismus l&#228;&#223;t sich als eine ambivalente Reaktionsform auf den von au&#223;en hereinbrechenden Modernisierungsschock verstehen. Als solche unterscheidet er sich grundlegend von seinem franz&#246;sischen Gegner und Vorbild. Einerseits tr&#228;gt er selber die Z&#252;ge einer Modernisierungsbewegung und setzt damit die franz&#246;sische Revolution fort. Die milit&#228;rische Niederlage verschaffte insbesondere in den verkn&#246;cherten Staatsapparaten(<a href="#17">17</a>) Reformkr&#228;ften einen gewissen Spielraum. Die Regierungen konnten die Notwendigkeit, die Kluft zwischen den r&#252;ckst&#228;ndigen deutschen Verh&#228;ltnissen und dem westeurop&#228;ischen Vergesellschaftungsniveau zu &#252;berbr&#252;cken, nicht von der Hand weisen. Andererseits stie&#223; sich der deutsche Nationalismus von Anbeginn an heftig vom westlichen Universalismus und den Prinzipien der fortgeschrittenen b&#252;rgerlichen Gesellschaft ab. Die Defensive sch&#252;rte Ressentiment und Abgrenzungsbed&#252;rfnisse. In der deutschen Adaption nahm der zun&#228;chst universalistisch gef&#228;rbte Nationbegriff denn auch eine v&#246;lkischpartikularistische Wendung. W&#228;hrend in Frankreich das Bekenntnis zur »grande nation« und die allgemeine Erkl&#228;rung der Menschenrechte miteinander harmoniert hatten, konnte sich das Deutschtum im Sog franz&#246;sischer Vorherrschaft nur als etwas besonderes, allem »Welschen« wesensfremdes definieren. Indem Herder und Fichte in Abgrenzung zur franz&#246;sischen »Staatsnation« eine deutsche »Kulturnation« erfanden, brachten sie dieses Bed&#252;rfnis auf den Punkt. Im Verst&#228;ndnis der Franz&#246;sischen Revolution war zumindest virtuell jeder Franzose, der sich zu Frankreich bekennt. Diesem imperialen Anspruch begegneten die Vordenker des deutschen Nationalismus, indem sie das Nationale dem politischen Wollen enthoben und zu einer Anlegenheit des Blutes und vorausgesetzer kultureller Separierung machten.</p>
<p><a name="q18"></a>&#220;ber eins darf die von der Romantik beeinflu&#223;te antiuniversalistische Polemik allerdings nicht hinwegt&#228;uschen: indem die Franzosenfeinde mit dem Deutschtum einen neuen, bis dahin unbekannten Bezugspunkt einf&#252;hrten, wirkte ihr Antimodernismus und Antiuniversalismus selber modernisierend und ordnet sich daher selber in den Vormarsch eines universalistischen Weltverst&#228;ndnisses ein. Auf der ideologischen Ebene wiederholt sich damit also das, was sich schon auf der strukturellen Ebene abgezeichnet hat. Das deutsche Nationalbewu&#223;tsein konstituiert sich in einer Doppelbewegung. Unter der Fahne der Kritik am westlichen Universalismus, an der Gleichmacherei und der Menschenrechtsreligion werden die partikularistischen Binnenschranken eingerissen und ein einheitliches Deutschtum erfunden, zu dem es in den Zeiten des »Heiligen R&#246;mischen Reiches Deutscher Nation«(<a href="#18">18</a>) keinerlei Entsprechung gab.</p>
<p>Die Konfrontation mit der napoleonischen Herausforderung fand vornehmlich auf der milit&#228;rischen und politischen Ebene statt. Im Zentrum der vielfach in sich gebrochenen nachholenden Modernisierungsbewegung stand dementsprechend die Erneuerung des Milit&#228;r- und Verwaltungswesens. In den Jahrzehnten nach der Niederwerfung des kaiserlichen Frankreich schob sich f&#252;r die im Modernisierungsproze&#223; r&#252;ckst&#228;ndigen deutschen L&#228;nder zusehends eine neue Gefahr in den Vordergrund. Sie fanden f&#252;r den Rest des 19. Jahrhunderts in England, der damaligen »Werkstatt der Welt«, einen neuen Gegner, dessen &#246;konomische &#220;berlegenheit nicht weniger existenzbedrohend war als am Beginn des Jahrhunderts die Schlagkraft der napoleonischen Armeen.</p>
<p>Was es schon auf dieser noch embryonalen Entwicklungsstufe des Weltmarkts hie&#223;, in unmittelbarem Wettbewerb zur kapitalistischen Vormacht zu stehen, wird in drastischer Form deutlich, wenn man einen Blick auf die L&#228;nder wirft, die dank ihrer Zugeh&#246;rigkeit zum Empire dem Zugriff der britischen Konkurrenz schutzlos ausgeliefert waren. Insbesondere das Filetst&#252;ck des britischen Imperiums, Indien, hatte darunter zu leiden. Die Zurichtung auf die Bed&#252;rfnisse des britischen Kapitals f&#252;hrte auf diesem Subkontinent zur v&#246;lligen Vernichtung zentraler Bereiche der heimischen Fertigung (man denke in diesem Zusammenhang vor allem an die Textilproduktion). In Europa stand insbesondere das Verh&#228;ltnis Irlands zum Vereinigten K&#246;nigreich f&#252;r eine vom Standpunkt des abh&#228;ngigen Landes nicht weniger verheerende Beziehung. Unter britischer Herrschaft begannen »die Schafe die Menschen zu fressen«. Die Lebensgrundlage der Bev&#246;lkerung wurde zugunsten der Rohstoffversorgung der britischen Textilindustrie zerst&#246;rt, und die menschlichen Bewohner der gr&#252;nen Insel hatten nach der Aufhebung der »Corn Laws« und dem &#220;bergang zum Freihandel nur die Wahl zwischen Hungertod und Auswanderung.</p>
<p>Dieses Damoklesschwert hing in gewisser Weise auch &#252;ber dem kontinentalen Europa. Auch ohne unmittelbare imperiale Abh&#228;ngigkeit der west- und mitteleurop&#228;ischen L&#228;nder von England drohte das Aufbl&#252;hen des ersten industriekapitalistischen Zentrums die Entwicklung an der damaligen Peripherie abzuw&#252;rgen. Das blieb nicht unerkannt. In den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts machte Friedrich List deutlich, da&#223; Adam Smith&#8217;s ber&#252;chtigte »invisible hand« einseitig zugunsten Gro&#223;britanniens arbeitet. Der Freihandel, so seine Sorge, konnte f&#252;r die deutschen Einzelstaaten nur die Verewigung von pr&#228;kapitalistischer R&#252;ckst&#228;ndigkeit bedeuten. Wenn Deutschland wirtschaftlich desintegriert und der innere Markt ungesch&#252;tzt bliebe, so Lists Prognose, w&#252;rden die deutschen Lande k&#252;nftig eine von England dominierte Welt au&#223;er mit Agrarprodukten allenfalls mit »Kinderspielzeug, h&#246;lzernen Wanduhren und philologischen Schriften« versorgen, w&#228;hrend das Gros seiner Bev&#246;lkerung in der »Neuen Welt« eine neue Heimat suchen m&#252;&#223;te. Der Gr&#252;ndungsvater der deutschen National&#246;konomie war aber nicht nur in der Lage, die Diagnose zu stellen, er konnte auch das Heilmittel angeben. Er erkannte in der »Einheit der Nation« »die Grundbedingung f&#252;r einen dauerhaften Nationalwohlstand« und war sich sicher, da&#223; der zu formierende deutsche Gesamtstaat durch die Einf&#252;hrung von »Erziehungsz&#246;llen« den f&#252;r die Formierung eines koh&#228;renten Wirtschaftsraumes n&#246;tigen Rahmen schaffen und damit den Proze&#223; einer nachholenden Industrialisierung in Gang setzen k&#246;nne.</p>
<p>Diese &#246;konomische Doppelstrategie von (teilweiser) Ausschaltung der (britischen) Konkurrenz und nachholender Binnenintegration sowie Industrialisierung wurde zwar nicht mehr zu Lists Lebenszeit umgesetzt, daf&#252;r folgte die tats&#228;chliche nachholende Industrialisierung Deutschlands in der zweiten Jahrhunderth&#228;lfte ziemlich genau dem von ihm entworfenen Drehbuch. Die industrielle Aufholjagd setzte dabei in gewisser Weise auf einer neuen Ebene das Werk der deutschen Nationalbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts fort. Wie die preu&#223;ischen Reformer die Errungenschaften der franz&#246;sischen Revolution partiell &#252;bernahmen, um sie gegen die Fremdherrschaft zu wenden, und die Idee der »deutschen Nation« insgesamt durch die franz&#246;sische Expansion induziert war, so entsprang die beschleunigte wirtschaftliche Expansionsbewegung aus der gleichzeitigen &#220;bernahme des britischen Vorbilds und dem (partiellen) Ausschlu&#223; der britischen Konkurrenz. Schon zur Zeit der Befreiungskriege hatte die aufgekl&#228;rte B&#252;rokratie die tragende Schicht der Modernisierungs-Anstrengung gebildet, und auch beim zweiten Anlauf spielte der Staat bei der Installation moderner kapitalistischer Verh&#228;ltnisse eine zentrale Rolle. Deutschland &#252;bernahm gegen&#252;ber den etablierten kapitalistischen M&#228;chten eine Avantgardefunktion im s&#228;kularen Proze&#223; der Etatisierung.</p>
<p>Der staatlich protegierten nachholenden Entwicklung war in Deutschland ein erstaunlicher Erfolg beschieden. Dem jungen Deutschen Reich gelang es nicht nur, sich als Nationalstaat zu etablieren; der Modernisierungsproze&#223; gewann hierzulande sogar eine besondere Dynamik, und gerade in den Schl&#252;sselsektoren der zweiten industriellen Revolution zeigte sich die deutsche Industrie der britischen Vormacht sehr schnell deutlich &#252;berlegen. Die »semiperiphere Region« (Wallerstein) verwandelte sich in einen Teil des kapitalistischen Zentrums.</p>
<h4>6. Vom sekund&#228;ren zum terti&#228;ren und quart&#228;ren Nationenbildungsproze&#223;</h4>
<p>Das Grundproblem, das im r&#252;ckst&#228;ndigen Deutschland gel&#246;st worden war, stellte sich auch f&#252;r alle anderen Sp&#228;teinsteiger. Bei s&#228;mtlichen nachholenden Nationen geh&#246;rten das innere Einigungswerk und der Schutz vor der &#246;konomischen und milit&#228;rischen &#220;berlegenheit der bereits etablierten Nationen zusammen. Von daher kann es nicht &#252;berraschen, da&#223; die deutsche »Erfolgsstory« in vielerlei Hinsicht f&#252;r die Vordenker zahlreicher anderer nachholender Nationalismen explizit oder implizit zum Vorbild wurde. Das gilt insbesondere f&#252;r die &#220;bernahme der etatistischen Option.</p>
<p><a name="q19"></a>Lenin steht mit seiner Bewunderung f&#252;r die deutsche Post, in der er den Prototypus der sozialistischen Produktionsorganisation sah, nicht allein. Die nationalistischen Avantgarden in S&#252;dosteuropa, im arabischen Raum, in Asien und Lateinamerika, linke wie rechte, tr&#228;umten alle davon, da&#223; es auch ihren jungen Nationen gelingen k&#246;nne, wenn sie erst einmal die politische Souver&#228;nit&#228;t erk&#228;mpft h&#228;tten, einen ebenso vielversprechenden Proze&#223; nachholender staatlich lancierter Modernisierung in Gang zu setzen.(<a href="#19">19</a>)</p>
<p><a name="q20"></a><a name="q21"></a>Fast alle neuen Nationalstaaten suchten das in Deutschland bew&#228;hrte »Modell« in der einen oder anderen Variante nachzuahmen. Vergleichbare Ergebnisse wie im Deutschen Reich zeitigten die Modernisierungs-Anstrengungen indes nur in zwei weiteren L&#228;ndern. Japan(<a href="#20">20</a>) und (mit Abstrichen) Italien begannen in etwa zeitgleich die industrielle Aufholjagd und stiegen ebenfalls in die Beletage des Weltkapitalismus und der imperialen M&#228;chte auf.(<a href="#21">21</a>) Die anderen jungen Nationen hingegen, die erst im Laufe des 20. Jahrhunderts den Pfad nationalstaatlicher und national&#246;konomischer Formierung einschlugen, kamen bei diesem Bem&#252;hen &#252;ber anf&#228;ngliche Achtungserfolge nicht hinaus und scheiterten schlie&#223;lich. Keinem dieser Nationalstaaten in statu nascendi gelang es im Wettlauf um das Produktivit&#228;ts- und Vergesellschaftungsniveau, dauerhaft den Abstand zu den L&#228;ndern im kapitalistischen Zentrum zu verringern. Das bedeutete aber nicht allein, da&#223; diese Nationen in spe dazu verurteilt waren, im Weltkapitalismus eine untergeordnete Rolle zu spielen; es hatte ebenso Folgen f&#252;r den erreichbaren Grad von national&#246;konomischer und damit auch nationalstaatlicher Integration. Neben den etablierten Nationen in Nordamerika und Westeuropa entstand eine Vielzahl von unvollst&#228;ndigen Nationalstaaten, die nie &#252;ber das Rohbaustadium hinauskamen und heute, vor ihrer Vollendung, schon wieder in den Zerfall &#252;bergehen.</p>
<p>Wenn in Deutschland, Japan und Italien die nachholende Nationalstaatsbildung gl&#252;ckte, in Osteuropa, Asien, Lateinamerika, Afrika usw. hingegen St&#252;ckwerk blieb, so sind daf&#252;r vornehmlich zwei Faktoren verantwortlich. Zum einen hatte die Ausbildung einer nationalstaatlichen Ordnung bei den L&#228;ndern in der zweiten Startreihe einen viel l&#228;ngeren historischen Vorlauf als bei denjenigen in der dritten. Dieser Proze&#223; konnte n&#228;mlich bei den erfolgreichen &#228;lteren Sp&#228;teinsteigern und nachholenden Nationen an vorg&#228;ngige Entwicklungen ankn&#252;pfen, zu denen andernorts ein Pendant fehlte. Zum anderen wurde mit der zunehmenden Dichte der von den kapitalistischen Zentralm&#228;chten gesponnenen Weltmarkt-Vernetzung die f&#252;r jede nachholende Entwicklung unumg&#228;ngliche partielle Sistierung der Weltmarktkonkurrenz immer schwieriger.</p>
<p>In der zweiten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts, als erst eine vergleichsweise schmale Produktpalette unter die Weltmarktkonkurrenz fiel, hatte dem Deutschen Reich noch ein Schutzzollsystem ausgereicht, um sich den Spielraum f&#252;r einen selbsttragenden Akkumulations- und Industrialisierungsproze&#223; zu verschaffen. Im selben Ma&#223;e jedoch, wie im Laufe des 20. Jahrhunderts die Weltmarktkonkurrenz sukzessive s&#228;mtliche Fertigungszweige erfa&#223;te (eine Entwicklung, die sich seit den 50er Jahren immer mehr beschleunigt hat), war es damit nicht mehr getan. Soweit die nachholenden Nationen der »invisible hand« des Weltmarkts &#252;berhaupt Freir&#228;ume abtrotzen konnten, mu&#223;te die partielle Abschottung mit enormen Produktivit&#228;tsverlusten erkauft werden, die jede m&#252;hsam erm&#246;glichte eigenst&#228;ndige Entwicklung wieder blokkierten. Zwar war es vielen Entwicklungsregimes noch m&#246;glich, so etwas wie eine schwerindustrielle Basis zu legen; aber schon der &#220;bergang zu der f&#252;r die hochfordistische Akkumulationsbewegung charakteristischen, breit aufgef&#228;cherten Massenfertigung von Konsumg&#252;tern lie&#223; sich kaum mehr mit den etatistischen Instrumentarien bew&#228;ltigen &#8211; von der Anpassung an die von der mikroelektronischen Revolution geschaffenen neuen Verwertungsbedingungen ganz zu schweigen.</p>
<p>F&#252;r die Sp&#228;tstarter im dritten und vierten Glied der Nationenbildung lag also die Me&#223;latte, die es im Proze&#223; nachholender Modernisierung zu &#252;berwinden galt, deutlich h&#246;her als bei den Nationen der ersten und zweiten Generation. Das betrifft nicht allein den eben schon angesprochenen wachsenden Produktivit&#228;ts-Abstand zu den kapitalistischen Vorm&#228;chten und die im s&#228;kularen Trend zunehmende Tiefenwirksamkeit des Weltmarkts; es gilt ebenso (dar&#252;ber vermittelt) f&#252;r die »innere Seite« der Konstituierung von Nationalstaaten, d.h. f&#252;r die sukzessive Homogenisierung der Lebens- und Verwertungsbedingungen in den verschiedenen Landesteilen.</p>
<p>Als Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Nationalstaat aus der Taufe gehoben wurde, waren die Lebensverh&#228;ltnisse in den diversen deutschen Landen noch in vielerlei Hinsicht kaum miteinander zu vergleichen. So lag beispielsweise das Lohnniveau, um hier nur einen leicht quantifizierbaren Indikator zu nennen, im preu&#223;ischen Rheinland in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts rund f&#252;nfmal so hoch wie in Ostpreu&#223;en. Derlei schreiende Diskrepanzen bedrohten damals jedoch keineswegs zwangsl&#228;ufig den Zusammenhalt der sich herausbildenden politischen und national&#246;konomischen Einheit. Bleiben wir bei unserem Exempel, so zeigt sich vielmehr, da&#223; die &#252;ber das enorme Lohngef&#228;lle vermittelten Wanderungsbewegungen &#252;berhaupt erst der Montanindustrie des Ruhrgebiets die f&#252;r ihre sprunghafte Expansion notwendigen Arbeitskr&#228;fte verschafften und gleichzeitig im agrarischen Osten f&#252;r jenen Modernisierungsdruck sorgten, der die altv&#228;terlich-junkerliche Wirtschaftsweise aufzul&#246;sen begann. Nat&#252;rlich blieben angesichts der enormen Differenzierung soziale Friktionen nicht aus, diese Verwerfungen blockierten das Zusammenwachsen Kleindeutschlands aber keineswegs, sondern bildeten eher so etwas wie eine Begleitmusik.</p>
<p><a name="q22"></a>Diese Konstellation war indes an die spezifischen Bedingungen des Gr&#252;nderzeitKapitalismus gekoppelt. Sie konnte nur zum Tragen kommen, solange der Regulationsstaat noch in den Kinderschuhen steckte. Sobald aber die abstrakte Allgemeinheit sich angesichts der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkr&#228;fte nicht mehr darauf beschr&#228;nken konnte, eine einheitliche Normierung und Gesetzgebung, Au&#223;enz&#246;lle und das Polizei- und Milit&#228;rwesen zu garantieren und stattdessen das Gewicht der infrastrukturellen &#246;ffentlichen Aufgaben (Verkehrs- und Bildungswesen, soziale Sicherung usw.) f&#252;r die Reproduktion der Marktgesellschaft(<a href="#22">22</a>) zunahm, entstand ein neuartiger versch&#228;rfter Zwang zur Homogenisierung. Je weiter der s&#228;kulare Etatisierungsproze&#223; voranschritt, desto mehr waren die nachr&#252;ckenden Nationalstaaten gezwungen, sehr schnell landesweit einheitliche Verwertungs- und Lebensbedingungen zu schaffen. Wo sich die notwendige Koh&#228;renz nicht herstellen und reproduzieren lie&#223;, stand auf Dauer nicht allein das nationale Entwicklungsziel in Frage, sondern letztlich auch die politische Einheit des jeweiligen Staates zur Disposition.</p>
<h4>7. Nationalismus in Osteuropa</h4>
<p>Wenn die im Laufe des 20. Jahrhunderts aus dem Boden gestampften jungen Nationalstaaten prek&#228;re Gebilde blieben, die mittlerweile reihenweise vor dem Auseinanderbrechen stehen oder schon in den Zerfall &#252;bergegangen sind, dann ist der letzte Grund sicher darin zu suchen, da&#223; die gestellte Homogenisierungs- und Entwicklungsaufgabe nicht l&#246;sbar war. Sie scheiterten in letzter Instanz allesamt an der Weltmarktdynamik. Die nachholende nationalstaatliche Formierung stie&#223; aber nicht erst in ihrem Fortgang auf un&#252;berschreitbare Grenzen, sie stand in vielen L&#228;ndern von Beginn an auf &#228;u&#223;erst wackeligen F&#252;&#223;en, weil das Importmodell Nationalstaat dort auf ein gesellschaftliches Gef&#252;ge traf, das sich der nationalstaatlichen Zurichtung seiner ganzen Grundstruktur nach sperrte. In Europa gilt das insbesondere f&#252;r die &#246;stliche H&#228;lfte des Kontinents. Der Osten blieb gegen&#252;ber dem Westen bei der nationalstaatlichen Formierung auch deshalb im Hintertreffen, weil diese hier nicht organisch an &#228;ltere Vereinheitlichungstendenzen ankn&#252;pfen konnte, sondern die Idee des Nationalstaats gegen die bestehende gesellschaftliche Wirklichkeit geltend gemacht werden mu&#223;te.</p>
<p>Wenn Nationalstaatsbildung wesentlich Homogenisierung bedeutet, dann betrifft das zun&#228;chst einmal nat&#252;rlich die kulturellen Standards und andere Bereiche, die der klassische Marxismus f&#252;r gew&#246;hnlich dem »&#220;berbau« zurechnet. Vorb&#252;rgerliche Imperien, in denen die Produktion f&#252;r den Markt nur eine periphere Rolle spielte, konnten ohne weiteres eine nach sprachlichen und kulturellen Gesichtspunkten v&#246;llig heterogene Bev&#246;lkerung unter einem gemeinsamen Herrschaftsdach vereinen; und sie verzichteten daher letztlich allesamt darauf, gegen die bestehende Vielfalt vorzugehen. Weil Herrschaft dabei nur eine d&#252;nne Firnisschicht bildete, die an die Tiefen des allt&#228;glichen Reproduktionszusammenhangs kaum heranreichte, tat es ihrer Funktionsf&#228;higkeit keinerlei Abbruch, wenn die Untertanen unter vollkommen disparaten rechtlichen, sozialen und religi&#246;sen Verh&#228;ltnissen ihr Dasein fristeten und sich untereinander nicht einmal verst&#228;ndigen konnten. Eine moderne b&#252;rgerliche Gesellschaft bedarf hingegen schon in einem relativ fr&#252;hen Entwicklungsstadium einer einheitlichen Verkehrsbasis (verbindliche Landessprache, Rechtsnormen, usw.). Dieser Tatsache verdankt moderne Staatlichkeit ihre genuin nationale F&#228;rbung.</p>
<p><a name="q23"></a>In West- und Mitteleuropa bildete sich die Bezugsbasis der kulturellen Homogenisierung seit der fr&#252;hen Neuzeit parallel zum Aufschwung der Geldwirtschaft sukzessive heraus. In Frankreich begann sich das im Pariser Becken gesprochene Idiom seit dem 14. Jahrhundert immer mehr als verbindliche Verwaltungssprache durchzusetzen. In Deutschland existierte seit der Lutherschen Bibel&#252;bersetzung zumindest f&#252;r die schriftkundigen Schichten ebenfalls ein verallgemeinerungsf&#228;higer sprachlicher Bezug. Aus der Mundart des gro&#223;en Reformators ging dementsprechend die deutsche Hochsprache hervor. In Osteuropa, das traditionell ein viel niedrigeres Vergesellschaftungs- und Vernetzungsniveau aufwies, fehlten bis ins 19. Jahrhundert hinein vergleichbare zentripetale Kr&#228;fte. Gerade die d&#252;nnen b&#252;rgerlichen Schichten, die haupts&#228;chlichen Tr&#228;ger des Modernisierungsprozesses, rekrutierten sich vornehmlich aus zugewanderten, urspr&#252;nglich landesfremden Bev&#246;lkerungsgruppen (vornehmlich aus Juden und Deutschen; im S&#252;dosten aus Italienern, Griechen und Armeniern), w&#228;hrend die Landbev&#246;lkerung in einer bunten »ethnischen Gemengelage« lebte.(<a href="#23">23</a>) Bei solchen historischen Ausgangsbedingungen konnte sich die Bezugsbasis der anlaufenden Homogenisierungsprozesse nicht quasi naturw&#252;chsig ergeben, sondern mu&#223;te zum Konfliktgegenstand werden.</p>
<p>Im Ostteil des europ&#228;ischen Kontinents, der im wesentlichen in drei vormoderne Imperien aufgeteilt war (Zarenreich, Osmanenreich, Donaumonarchie), ging die Nationalisierungstendenz zun&#228;chst einmal von den V&#246;lkerschaften aus, die den jeweiligen Landesadel stellten. Dies machte sich vornehmlich als Russifizierungs- bzw. Madjarisierungsbewegung bemerkbar. Im Widerstand gegen die neuartigen Absorptionsgel&#252;ste entstand aber seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in den d&#252;nnen b&#252;rgerlichen Schichten auch ein ganzes B&#252;ndel untereinander konkurrierender Nationalismen, die gegen die gro&#223;ungarische bzw. gro&#223;russische Uminterpretation der alten Reichsideen frisch konstruierte nationale Sonderidentit&#228;ten geltend zu machen suchten. W&#228;hrend in Italien und Deutschland die Nationalstaaten aus Einigungsprozessen hervorgegangen waren, konnte die nationale Idee sich in Osteuropa nur im Kampf gegen die vorg&#228;ngigen &#252;bernationalen Imperien formieren und auf deren Tr&#252;mmern realisieren.</p>
<p>Die Gr&#252;ndungswelle von Nationalstaaten nach den Balkankriegen und dem 1. Weltkrieg bereitete zwar der alten pr&#228;nationalen Ordnung, wie sie in der Donaumonarchie, dem Zaren- und Osmanenreich nachgelebt hatte, ein Ende; sie war deswegen aber noch lange nicht geeignet, ad&#228;quate Rahmenbedingungen f&#252;r den Proze&#223; nachholender Modernisierung zu schaffen. In den zu Nationalstaaten deklarierten Spaltprodukten hatten zwar andere V&#246;lkerschaften das Sagen als in den kollabierten Gro&#223;reichen; diese neuen Staatswesen waren dadurch aber weder »ethnisch« wesentlich homogener als ihre Vorg&#228;nger noch besser in der Lage, die diversen Minorit&#228;ten in ein einheitliches Staatsvolk einzuschmelzen.</p>
<p>Die Idee der Nation machte sich auch in Osteuropa zusammen mit der kapitalistischen Produktionsweise breit. Unter den spezifisch osteurop&#228;ischen Bedingungen, wo nationale Grenzen nur vollkommen willk&#252;rlich gezogen werden konnten, blokkierte dieses Importgut den staatlich lancierten Modernisierungsproze&#223; aber mehr, als da&#223; es ihm f&#246;rderlich gewesen w&#228;re. Die Zwischenkriegszeit mit ihrer inneren und &#228;u&#223;eren politischen Zersplitterung wurde f&#252;r Ostmitteleuropa und den Balkanraum denn auch zu einer Phase der Stagnation, in der gewachsene wirtschaftliche Verflechtungen litten, ohne da&#223; eine in den Einzelstaaten einsetzende Binnendynamik sie h&#228;tte ersetzen k&#246;nnen.</p>
<p><a name="q24"></a>Unter diesen Bedingungen standen zwei Wege zur »L&#246;sung« der nationalen Frage offen. Die eine M&#246;glichkeit bestand in der Relativierung des nationalen Gesichtspunkts, die andere in seiner rigorosen Realisierung durch Genozid und Vertreibung. Die erste Option ist untrennbar mit dem sogenannten Realsozialismus verkn&#252;pft. Die Errichtung einer Administrativwirtschaft, die das Ziel hatte, alle gesellschaftlichen Kr&#228;fte jenseits der Marktkonkurrenz f&#252;r ein gigantisches Modernisierungsprojekt zu mobilisieren, bedeutete auch die Eskamotierung nationaler Gegens&#228;tze. Die Bolschewiki erkannten den Nationen zwar so etwas wie eine kulturelle Identit&#228;t zu, die Sowjet&#246;konomie wurde indes von vornherein als ein einheitliches Gef&#252;ge konzipiert. Solange die sowjetsozialistische Emphase trug und durch eine halbwegs funktionierende, immer ja auch regional zu verstehende allsowjetische Redistribution unterf&#252;ttert wurde, blieb die nationale Problematik unter dem Deckel. Regionale bzw. nationalistische Konkurrenz existierte untergr&#252;ndig zwar fort, aber nur versteckt; und sie kam allein in die Mechanismen einer einheitlichen Staatswirtschaft eingeschrieben zum Tragen. Die sowjetische L&#246;sung wiederholte sich nach dem 2. Weltkrieg in dem einzigen anderen europ&#228;ischen Land, das sich aus eigener Kraft vom nationalsozialistischen Deutschland befreien konnte und den Weg einer nachholenden urspr&#252;nglichen Akkumulation unter sozialistischem Vorzeichen einschlug: n&#228;mlich Titojugoslawien.(<a href="#24">24</a>)</p>
<p>In den anderen L&#228;ndern Ostmitteleuropas und Osteuropas dagegen setzte sich durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgeereignisse eine Ann&#228;herung an die rigorosen Prinzipien nationalstaatlicher Homogenit&#228;t durch. In Polen hattens ich vor dem Zweeten Weltkrieg etwa 60 Prozent der Bewohner der »polnischen Nation« zugerechnet. Das deutsche NS-Besatzungsregime dezimierte die nicht-polnische Bev&#246;lkerung durch seine Ausrottungspolitik gegen&#252;ber den Juden erhablich. Da nach dem Krieg als Konsequenz der deutschen Politik der deutsche Bev&#246;lkerungsanteil vertrieben wurde und sich durch die Westverschiebung des Landes die Ruthenen, Ukrainer und Wei&#223;russen im ehemaligen Ostpolen pl&#246;tzlich als Sowjetb&#252;rger wiederfanden, stieg im neuen Staat der Anteil der polnischen Nationalit&#228;t auf mehr als 90 Prozent an. Nach demselben Muster verlief der Proze&#223; der Homogenisierung in der benachbarten Tschechoslowakei. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten sich nicht einmal 50 Prozent der Bewohner als Teil der tschechischen Nationalit&#228;t betrachtet. Auch hier war es das deutsche Besatzungsregime, das durch den Holocaust den j&#252;dischen Bev&#246;lkerungsanteil nahezu ausl&#246;schte, und auch hier wurde als Reaktion auf die deutschen Besatzungsgreuel der Bev&#246;lkerungsteil der Sudetendeutschen vertrieben w&#228;hrend die Ostslowakei an die Sowjetunion fiel. Nach dem Krieg waren auf diese Weise die Staatsv&#246;lker der Tschechen und Slowaken deutlich in der Mehrheit.</p>
<h4>8. Nationalismus in Asien und Afrika</h4>
<p>Die nationalstaatliche Formierung in Osteuropa, die nach dem Ersten Weltkrieg recht stockend begonnen hatte und erst unter dem Vorzeichen des Realsozialismus auf Touren kam, war nicht die letzte Etappe in der Verallgemeinerung der nationalstaatlichen Form. Nach dem 2. Weltkrieg entstanden in den von den europ&#228;ischen Kolonialm&#228;chten unterworfenen Gebieten Afrikas und Asiens ebenfalls breite Bewegungen, die sich das Ziel setzten, ihre L&#228;nder in die nationale Unabh&#228;ngigkeit zu f&#252;hren und zu modernisieren. Hier wiederholte sich ein letztes Mal das alte Doppelspiel von Opposition gegen das westliche Zentrum und &#220;bernahme des westlichen Musters. Allerdings hatten die westlich-antiwestlichen Eliten in diesen Weltregionen mit noch weit prek&#228;reren Bedingungen zu k&#228;mpfen als ihre osteurop&#228;ischen Vettern. Das Hauptproblem lag dabei weniger in der Erringung der politischen Unabh&#228;ngigkeit; die eigentliche Malaise begann vielmehr bei der Umsetzung des nationalen Aufbauwerks nach dem R&#252;ckzug der Kolonialherren.</p>
<p>Das betraf zun&#228;chst einmal nat&#252;rlich die Herausbildung von so etwas wie einem Nationalbewu&#223;tsein. In L&#228;ndern wie China oder Indien, die bei aller inneren Differenzierung schon in vorkolonialer Zeit politisch und kulturell &#252;ber viele Jahrhunderte eine Einheit gebildet hatten, konnte der neue postkoloniale Nationalismus sich wenigstens auf dieses verkl&#228;rte Erbe beziehen. In vielen anderen Gebieten war das nicht der Fall, und eine &#252;bergreifende Identit&#228;t, die geeignet gewesen w&#228;re, die von den Kolonialherren einst mit dem Lineal gezogenen Verwaltungseinheiten zu Nationen in spe zu &#252;berh&#246;hen, mu&#223;te erst »erfunden« werden, und die Modernisierungseliten oktroyierten den nationalen Standpunkt der heimischen Bev&#246;lkerung von au&#223;en auf.</p>
<p>H&#228;tte ein breiterer arbeitsgesellschaftlicher Akkumulationsschub zur Herausbildung eines nationalen Marktes gef&#252;hrt, dann w&#228;re es sicher m&#246;glich gewesen, dieses Handicap zu &#252;berwinden, und die Kopfgeburt Nation w&#228;re wohl nachtr&#228;glich doch noch allm&#228;hlich zur Alltagsrealit&#228;t geworden; die Dynamik der Weltmarktbewegung verhinderte indes eine solche Aufl&#246;sung. Auch nach der Erringung der politischen Unabh&#228;ngigkeit konnten sich die L&#228;nder der 3. Welt nie aus den Dilemmata abh&#228;ngiger Entwicklung befreien. Die Zersetzung der traditionellen lokalen Reproduktionsformen schritt zwar weiter voran, die freigesetzten Menschen wurden jedoch nicht mehr auf breiter Front unter dem Vorzeichen arbeitsgesellschaftlicher Verwertung neu integriert. Wo der Proze&#223; national&#246;konomischer Integration in einem embryonalen Stadium steckenblieb, mu&#223;te aber auch die Existenz einer nationalen Identit&#228;t letztlich Fiktion bleiben.</p>
<p>Als die Anfangseuphorie nach der Erringung der Unabh&#228;ngigkeit verflog, machte sich dieses Problem schon nach wenigen Jahren bemerkbar. In demselben Ma&#223;e, wie die staatlichen Modernisierungsapparate an die Grenzen ihrer Entwicklungsaufgabe stie&#223;en, setzte sich unter dem Deckm&#228;ntelchen nationalistischer Emphase eine subnationale Orientierung durch und die etatistische Redistributions-Gewalt wurde zusehends im Sinne eines regional und nepotistisch gegliederten Klientelwesens umfunktioniert. In &#196;thiopien etwa bestand die Hauptt&#228;tigkeit des Staates unter Haile Selassie (aber auch unter dem Regiment seiner »sozialistischen« Nachfolger) darin, die knappen Ressourcen des Landes r&#252;cksichtslos in die vom Volk der Amhara bewohnte Hauptstadt Addis Abeba zu lenken und den Rest des Landes sich selber und schlie&#223;lich dem Hungertod zu &#252;berlassen. Im Laufe der siebziger Jahren verallgemeinerte sich dieses Muster. In fast allen schwarzafrikanischen Staaten spiegelte das Parteienwesen getreulich die »ethnische« Gliederung wieder, und der Staat degenerierte immer mehr zu einem Selbstbedienungsladen f&#252;r die staatsbesitzenden Cliquen, die sich bei dieser Art von Umverteilung auf die Loyalit&#228;t ihrer »Stammes«-Klientel st&#252;tzen konnten.</p>
<h4>9. Von der nachholenden Nationalstaatsbildung zum Zerfallsnationalismus</h4>
<p>In dieser Entwicklung deutete sich bereits an, welches Schicksal die zu sp&#228;t gekommenen Nationen allesamt im Folgenden erwartete und noch erwartet. Der Verlust der arbeitsgesellschaftlichen Entwicklungsperspektive mu&#223;te letztlich die politische Form mitgef&#228;hrden, in der sich der steckengebliebene Proze&#223; der Inwertsetzung vollziehen sollte, den Nationalstaat n&#228;mlich. Wo der Nationalstaat es nicht fertigbringt, den Rahmen einer gemeinsamen landesweiten abstrakten Reichtumsproduktion sicherzustellen und damit an seiner genuinen Aufgabe versagt, verliert er seine integrative Kraft und es machen sich &#252;ber kurz oder lang zentrifugale Kr&#228;fte bemerkbar. Gerade in Schwarzafrika, wo es den jungen Nationalstaaten nie gelungen war, mehr als erste Ans&#228;tze einer &#252;bergreifenden nationalen Identit&#228;t herzustellen, l&#246;sten sich diese sehr schnell wieder auf.</p>
<p>In Angola und Mozambique, die erst nach der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974 das koloniale Joch endg&#252;ltig abstreiften, ging die nachholende Nationalstaatsbildung unmittelbar in den Zerfallsnationalismus &#252;ber. Die anderen afrikanischen Staaten konnten zun&#228;chst im Windschatten des globalen fordistischen Booms mit seinen vergleichsweise hohen Rohstoffpreisen (und seit den siebziger Jahren dank exzessiver Staatsverschuldung) die nationalstaatliche Modernisierungsfassade wenigstens einige Jahre lang aufrechterhalten. Hinter dieser Fassade war der Staat aber l&#228;ngst zur Beute clanm&#228;&#223;ig organisierter Gro&#223;seilschaften geworden; und als sich mit dem Verfall der Rohstoffpreise und dem Zuschnappen der Verschuldungsfalle die Spielr&#228;ume f&#252;r jegliche Rest-Redistribution verengten, war der Boden f&#252;r diverse Separatismen und ein ausuferndes Warlord-Unwesen bereitet.</p>
<p>Der Zusammenhang von scheiternder arbeitsgesellschaftlicher Durchdringung und nationalstaatlicher (Selbst)Destruktion, der in den »B&#252;rgerkriegen« in Liberia und Somalia sowie im ruandischen Genozid in seiner ganzen Brutalit&#228;t sichtbar geworden ist, kennzeichnet aber nicht allein die Situation des »vergessenen Kontinents«. Dieselbe Grundlogik setzt sich derzeit in all den Weltregionen durch, in denen der nationalstaatliche Homogenisierungs- und »ethnische« Einschmelzungsproze&#223; unvollst&#228;ndig geblieben ist. Im demselben Ma&#223;e, wie sich die schon erreichte national&#246;konomische Integration aufl&#246;st, werden allerorten &#228;ltere, scheinbar l&#228;ngst verbla&#223;te sprachliche und kulturelle Differenzen neu besetzt. An diesen Bruchstellen zerfallen reihenweise die ihres Modernisierungsinhalts beraubten Staaten an der Weltmarktperipherie. Besonders dramatische Formen hat diese Entwicklung in den ehemals realsozialistischen »Vielv&#246;lkerstaaten« angenommen. Mit dem Ende der realsozialistischen Entwicklungsperspektive zerbrachen dort auch die im Kontext der nachholenden Modernisierung geschaffenen transnationalen, synthetischen Staatsidentit&#228;ten. An die Stelle des einheitlichen »Sowjetvolkes« trat eine Vielzahl auseinanderstrebender Einzelnationalismen. Mit dem Kollaps von Titos »Selbstverwaltungssozialismus« brach auch das jugoslawische Staatswesen auseinander.</p>
<p>Diese Entwicklung wird f&#252;r gew&#246;hnlich als Renaissance des Nationalismus apostrophiert. Und in der Tat, diese Str&#246;mungen lehnen sich, was ihre Ideologie angeht, eng an &#228;ltere Nationenkonzepte an, die in der Modernisierungsgeschichte nicht so recht zum Zug kamen. Dieser Rekurs darf aber nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, da&#223; die neonationalistische Welle einen ganz anders gearteten historischen Inhalt hat als s&#228;mtliche ihrer Vorg&#228;nger. Nationalismus war bislang im wesentlichen eine Integrationsideologie. Die Ausbreitung des Nationalismus ging mit der Installation moderner Staatlichkeit einher, und sie fand darin ihre Erf&#252;llung, in Weltgegenden Nationalstaaten zu schaffen, in denen es vorher keine gegeben hatte. Der Neonationalismus hingegen verl&#228;&#223;t dieses Schema. In seiner separatistischen Orientierung wird er nur noch als Begleitideologie bei der Ausschlachtung von Modernisierungsruinen geschichtsm&#228;chtig. Er steht also nicht f&#252;r eine neu zu findende national&#246;konomisch-nationalstaatliche Integration, sondern gerade f&#252;r deren ersatzlose Zerst&#246;rung. Er markiert den &#220;bergang von nationalstaatlichen Entwicklungsregimes zum poststaatlichen Warlord-Unwesen. Wie eine Hyperinflation nicht gerade als Indiz f&#252;r die St&#228;rke des Geldwesens zu verstehen ist, ebensowenig k&#252;ndet das wilde Wuchern von Pseudo-Nationalstaaten von der unb&#228;ndigen Kraft des Nationalen, sondern vielmehr von der Zersetzung des nationalstaatlichen Bezugsfeldes.</p>
<h4>10. Globalisierung und Krise des Nationalstaats im Westen</h4>
<p>Die bisherige Darstellung behandelte im wesentlichen den Zusammenhang zwischen warengesellschaftlichem Take off und der Erstinstallation der nationalstaatlichen Form. Dabei ergab sich ein Doppelbefund. In all den Weltteilen, die in den letzten beiden Jahrhunderten sukzessive in den Bannkreis der Verwertungsgesellschaft gerieten, war die an die Figur des Nationalstaats gekoppelte Dialektik von Teilsistierung der Weltmarktkonkurrenz und Etablierung eines nationalen, in sich koh&#228;renten Verwertungsrahmens f&#252;r die Durchsetzung der Arbeits- und Warengesellschaft unverzichtbar. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, da&#223; mit zunehmendem zeitlichen wie r&#228;umlichen Abstand vom westeurop&#228;ischen Ausgangspunkt der modernen b&#252;rgerlichen Gesellschaft die strukturellen Schwierigkeiten wuchsen, mit denen die Architekten nachholender nationalstaatlicher Formgebung zu k&#228;mpfen hatten. Mittlerweile verhindert der vom Weltmarkt ausgehende Druck an dessen Peripherie nicht nur die Neuinstallation funktionst&#252;chtiger Nationalstaaten, es geht dort auch noch der im Etatisierungsproze&#223; schon einmal erreichte Stand an national&#246;konomischer Koh&#228;renz wieder verloren. Die »ethnischen« Konflikte, die heute an allen Ecken des Globus toben, sind weniger Ursache als vielmehr Ausdruck dieser Aufl&#246;sungsbewegung, auch wenn sie diese Tendenz nat&#252;rlich beschleunigen.</p>
<p>Damit ist aber nur ein Aspekt der Krise der nationalstaatlichen Ordnung erfa&#223;t. Die Figur des Nationalstaats spielte nicht nur bei der (nachholenden) Transformation von vormodernen Gesellschaften in Warengesellschaften und bei deren geographischer Ausdehnung eine Schl&#252;sselrolle, sondern ist ebenso f&#252;r ihre Reproduktion unverzichtbar. Das betrifft zun&#228;chst einmal das Verh&#228;ltnis zwischen den National&#246;konomien. Nicht nur beim Zusammensto&#223; mit wesentlich noch vorkapitalistisch gepr&#228;gten Verh&#228;ltnissen, sondern auch dort, wo kapitalistische Entwicklung sich auf ihrer eigenen Grundlage fortbewegt, erzeugt sie best&#228;ndig Ungleichgewichte, die ihren Fortgang au&#223;erhalb der absolut fortgeschrittensten Metropolenl&#228;nder stillzustellen drohen. Anders als die Freihandelsm&#228;rchenwelt mit ihrer Theorie komparativer Kostenvorteile behauptet, m&#252;&#223;te in der schn&#246;den kapitalistischen Realit&#228;t das unabgepufferte Aufeinandertreffen unterschiedlicher Produktivit&#228;tsniveaus f&#252;r die unterlegene Seite die gleiche Wirkung zeitigen wie in der Welt der Physik die Begegnung von Materie und Antimaterie. Wenn die gro&#223;e Boomphase nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf die kapitalistischen Kernm&#228;chte beschr&#228;nkt blieb und die ganze westliche Welt, ja partiell sogar den Osten und S&#252;den erfa&#223;te, dann konnte das nur deshalb geschehen, weil sich der fordistische Aufschwung noch auf der Basis <em>relativ selbst&#228;ndiger Volkswirtschaften</em> vollzog und die national&#246;konomische Terrassierung verhinderte, da&#223; die Produktivit&#228;tsgef&#228;lle zu Bergst&#252;rzen, sprich zum Wegbrechen der schw&#228;cheren Verwertungsregionen f&#252;hrten.</p>
<p><a name="q25"></a>Vom Kriegsende bis in die sp&#228;ten 50er Jahre hinein sch&#252;tzte in erster Linie die Einschr&#228;nkung des Freihandels und auf der monet&#228;ren Ebene der Fortbestand von Devisenbewirtschaftungssystemen die europ&#228;ische Wirtschaft davor, von der damals in der Produktivit&#228;t haushoch &#252;berlegenen amerikanischen Konkurrenz ausradiert zu werden. Im selben Ma&#223;e, wie sich die Gewichte innerhalb der kapitalistischen Welt radikal zugunsten Japans und der BRD verschoben und die im Bretton-WoodsSystem vorgesehene freie Konvertibilit&#228;t aller W&#228;hrungen hergestellt wurde, &#252;bernahm immer mehr der Wechselkursmechanismus diese Funktion. S&#228;mtliche L&#228;nder, die ihre W&#228;hrung vom Gold abgel&#246;st hatten, seit 1971 also auch die Vereinigten Staaten, waren dadurch in die Lage versetzt, im Bedarfsfall die Wettbewerbssituation durch die relative Abwertung des internen Wertma&#223;stabes gegen&#252;ber anderen nationalen Wertma&#223;st&#228;ben zu verbessern.(<a href="#25">25</a>)</p>
<p>Die Funktionsweise dieses Mechanismus l&#228;&#223;t sich in seiner Grobstruktur in jedem VWL-Handbuch nachlesen. Wenn eine National&#246;konomie Produktivit&#228;tsdefizite aufweist, dann kann die Abwertung der Landesw&#228;hrung zumindest partiell deren Wirkung kompensieren, indem sie f&#252;r eine Verteuerung s&#228;mtlicher in das abwertende Wirtschafts- und W&#228;hrungsgebiet flie&#223;ender Importe sorgt. Die Verschiebungen in den Preisrelationen versetzen die unterproduktiven heimischen Betriebe in die Lage, ihre im Vergleich zu den hochproduktiven ausl&#228;ndischen Konkurrenten h&#246;heren Gestehungskosten auf dem Binnenmarkt zu realisieren und dadurch ihren Fortbestand zu sichern und ihrer Vernichtung zu entgehen; dar&#252;ber hinaus st&#228;rkt die relative Verbilligung s&#228;mtlicher Exportg&#252;ter die Position des Abwertungslandes auf den Au&#223;enm&#228;rkten und er&#246;ffnet der unterlegenen Volkswirtschaft Ausfuhrspielr&#228;ume, die sie vorher nicht hatte.</p>
<p><a name="q26"></a>Die zunehmende transnationale Verflechtung hebelt diesen Ausgleichsmechanismus indes heute mehr und mehr aus, ohne da&#223; ein alternatives Stabilisierungsmoment seine Aufgabe &#252;bernehmen k&#246;nnte. In einer globalisierten Wirtschaft verliert der Wechselkursmechanismus immer mehr an Wirksamkeit, w&#228;hrend die Kosten, mit denen er verbunden ist, immens steigen. Warum das so sein mu&#223;, l&#228;&#223;t sich unschwer erkl&#228;ren. Der Vorteil, der sich aus der Abwertung der heimischen W&#228;hrung ergibt, kann sich selbstverst&#228;ndlich immer nur auf den im eigenen Land erzeugten Wertanteil jedes Endprodukts beziehen. Soweit die heimischen Anbieter auf Vorprodukte und Rohstoffe aus dem Ausland angewiesen sind, schl&#228;gt die Abwertung auch bei ihnen nicht anders als bei der ausl&#228;ndischen Konkurrenz als blo&#223;e Verteuerung zu Buche, und die Wettbewerbseffekte schrumpfen. Gleichzeitig dr&#252;ckt die wechselkursinduzierte Erh&#246;hung der Preise der Importg&#252;ter umso nachhaltiger auf die allgemeine Inflationsrate, je mehr relatives Gewicht den Einfuhren zukommt.(<a href="#26">26</a>)</p>
<p>Damit aber nicht genug. Die Wechselkurssteuerung, das klassische Kernst&#252;ck volkswirtschaftlicher Au&#223;enregulation, wird zus&#228;tzlich noch durch etwas anderes blockiert, durch die in den letzten Jahrzehnten entstandene extreme Abh&#228;ngigkeit der Staatsapparate und der Realwirtschaft vom transnationalen Geldkapital und dessen Verwertungslogik. Ein unterproduktives Land, das heute auf den internationalen Finanzm&#228;rkten auch nur in den Verdacht ger&#228;t, es k&#246;nne auf die Idee verfallen, seine Wettbewerbssituation durch eine Abwertungsstrategie verbessern zu wollen, mu&#223; das augenblicklich mit einer Fluchtbewegung der auf den entgrenzten Geldkapitalm&#228;rkten frei fluktuierenden Gelder b&#252;&#223;en. F&#252;r die verschuldete &#246;ffentliche Hand, aber auch f&#252;r die auf Fremdfinanzierung angewiesenen Unternehmen bedeutet das, da&#223; sie postwendend mit einem Anstieg des Zinsniveaus konfrontiert werden, der dazu angetan ist, die m&#246;gliche wechselkursbedingte Verbesserung der Wettbewerbssituation des ehemaligen nationalen Standorts in sein Gegenteil zu verkehren.</p>
<p>Dieser Gesichtspunkt weist &#252;ber die im kapitalistischen Weltsystem zweitrangigen Staaten hinaus. Angesichts der Entnationalisierung des Kapitals, insbesondere des Finanzkapitals, verengen sich nicht nur die Handlungsspielr&#228;ume f&#252;r die schw&#228;cheren kapitalistischen L&#228;nder, auch die Regulationsf&#228;higkeit der auf dem Weltmarkt f&#252;hrenden L&#228;nder schwindet dahin. Sie genossen zwar in den letzten beiden Jahrzehnten dank ihrer privilegierten Stellung auf dem transnationalen Finanzmarkt den Vorzug, fiktives Kapital aus aller Welt zu g&#252;nstigen Konditionen f&#252;r die Finanzierung der Staatsdefizite und der heimischen Unternehmen anzapfen zu k&#246;nnen, auf l&#228;ngere Sicht mu&#223; dieser Vorzug aber mit einem Verlust an Souver&#228;nit&#228;t bezahlt werden. Solange es die Staaten mit national segmentierten Geldm&#228;rkten zu tun hatten und sich mit dem Zugriff auf die heimischen Spargroschen begn&#252;gten, waren sie in der Lage, das Konkurrenzverh&#228;ltnis von Real- und Geldkapital weitgehend nach ihren wirtschaftspolitischen Zielvorgaben zu regulieren. Staaten, die auf best&#228;ndige Frischgeldzufuhr angewiesen sind, die nur vom globalisierten Finanzmarkt kommen kann, haben diesen Gestaltungsspielraum nicht mehr, und der vorauseilende Gehorsam gegen&#252;ber den Verwertungsinteressen des entnationalisierten Geldkapitals wird schlie&#223;lich zur ultima ratio finanz- und wirtschaftspolitischen Handelns.</p>
<p>F&#252;r die b&#252;rgerliche Geschichtsschreibung, darauf habe ich eingangs schon hingewiesen, endet »das Zeitalter des Nationalismus« in den kapitalistisch hochentwikkelten L&#228;ndern mit dem Jahre 1945. Diese Sichtweise hat sicherlich ideologiegeschichtlich ihre Berechtigung. In der Nachkriegs&#228;ra mit ihrer Blockkonfrontation spielte die nationale Emphase zweifellos l&#228;ngst nicht mehr die Rolle, die sie in der Zwischenkriegszeit und zu Beginn des Jahrhunderts einmal gespielt hatte. Das bedeutet indes keineswegs, da&#223; der <em>Nationalstaat</em> als Funktionstr&#228;ger der herrschenden Vergesellschaftungsform in dieser historischen Phase an Bedeutung eingeb&#252;&#223;t h&#228;tte. Der von Massenarbeit und Massenkonsum getragene Boom der westlichen Marktwirtschaft w&#228;re nat&#252;rlich ohne die auf die Sicherstellung des national&#246;konomischen Rahmens gerichtete exzessive T&#228;tigkeit des Staates gar nicht denkbar gewesen. Seit den f&#252;nfziger und sechziger Jahren fiel es den staatlichen Apparaten in einem bis dahin unbekannten Ma&#223;e zu, durch eine geeignete Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie infrastrukturelle Ma&#223;nahmen jeder Art (Bildungs- und Verkehrswesen usw.) die Rahmenbedingungen f&#252;r die privatwirtschaftlich organisierte Verwertungsbewegung sicherzustellen. Bei den Staaten, die diese rahmensetzende Funktion &#252;bernahmen, handelte es sich aber nicht nur empirisch um Nationalstaaten, angesichts der Ausdifferenzierung von Produktivit&#228;tsniveaus in der kapitalistischen Warenwelt war diese nationalstaatliche Attributierung auch der Sache nach unumg&#228;nglich. Wenn die gesamte wirtschafts- und strukturpolitische T&#228;tigkeit des Staates sich darauf auszurichten hatte, f&#252;r einheitliche weltmarktad&#228;quate Verwertungsbedingungen zu sorgen, dann mu&#223;te sie von vornherein in all ihren Aspekten (von der Geldpolitik bis zur Ausgestaltung des Systems sozialer Sicherheit) auf die spezifische Position des staatlich zusammengefa&#223;ten Standorts in der Weltmarktkonkurrrenz abgestimmt sein. Die sprunghafte Etatisierung l&#228;&#223;t sich von daher als die Fortsetzung der Vernationalstaatlichung fassen. So gesehen schlie&#223;t das Zeitalter des Nationalstaats die Nachkriegs&#228;ra also nicht nur ein, im keynesianischen Wachstumsprogramm fand die Symbiose von Territorialstaat und industriekapitalistischer Verwertung vielmehr &#252;berhaupt erst zu ihrer entwickeltsten Gestalt. Der Hochfordismus stellte die national&#246;konomische Vollintegration her und die nationalen Wirtschaften erreichten einen bis dahin unbekannten Grad an innerer Homogenit&#228;t.</p>
<p>Dieser Zustand blieb jedoch nicht auf Dauer erhalten. Zusammen mit dem fordistischen Modell unterlag auch der Nationalstaat einem schleichenden Auszehrungsproze&#223;, der allm&#228;hlich in seine kritische Phase tritt. Weiter oben habe ich schon darauf hingewiesen, da&#223; angesichts der entnationalisierten Geldkapitalstr&#246;me und der Verschuldungs- und Fiktionalisierungsdynamik nationalstaatliche Souver&#228;nit&#228;t zu einer Funktion der landesspezifischen Kreditbonit&#228;t degeneriert. Das ist aber nicht das einzige Problem, das sich mit dem fortschreitenden Globalisierungsproze&#223; auftut. Gleichzeitig l&#246;st sich auch auf der Ebene des Realkapitals die dreihundertj&#228;hrige Symbiose von Territorialstaat und einzelkapitalistischer Verwertungsbewegung sukzessive auf. Mit der zunehmenden Globalisierung der Produktionszusammenh&#228;nge verliert das Kapital unwiederbringlich seine Bindung an einen festen, in sich koh&#228;renten Verwertungsstandort und damit sein nationales Attribut. So wenig die Einzelbetriebe auf dem heutigen Produktivit&#228;tsniveau f&#252;r ihre Reproduktion darauf verzichten k&#246;nnen, da&#223; staatliche Regulation die Verwertungsvoraussetzungen garantiert, so wenig Sinn macht es vom global-player-Standpunkt aus, sich in irgendeiner Weise an der Finanzierung solcher Aufgaben zu beteiligen, wenn der Konzern durch geeignete geographische Zersplitterung der Produktion und eine kreative Buchhaltung die Steuer- und Abgabenstaaten gegeneinander ausspielen kann. Im Zeitalter der unmittelbaren Subsumtion unter das Weltmarktdiktat, in dem nicht mehr der nationale Binnenmarkt, sondern der planetare Markt den Bezugsrahmen abgibt, wird die Koppelung von einzelbetrieblicher Prosperit&#228;t, inl&#228;ndischem Massenkonsum und dem Gedeihen der Volkswirtschaft als ganzer f&#252;r den Einzelbetrieb zum Luxus und damit gesellschaftlich zum Anachronismus. Der Absch&#246;pfungsstaat, der sich zu jeder R&#252;cksichtnahme auf das scheue Reh Investivkapital gen&#246;tigt sieht, kann sich nur mehr an die immobilen Produktionsfaktoren (sprich die Arbeitskraft) halten und fiktive k&#252;nftige Steuereinnahmen verpf&#228;nden (Verschuldung), w&#228;hrend er gleichzeitig zum Einspar- und R&#252;ckzugsstaat mutiert. Die Emanzipation der einzelbetrieblichen Verwertung vom Territorialstaat bedroht auf diese Weise die nationalstaatliche Integration in ihren Grundfesten.</p>
<p><a name="q27"></a>Diese Entwicklung markiert offenbar einen Epochenbruch in der Geschichte des Nationalstaats. Eine solche Wendung vollzieht sich nicht innerhalb weniger Jahre, sondern zun&#228;chst einmal subkutan. Dennoch handelt es sich hier l&#228;ngst nicht mehr nur um einen vagen Trend, der irgendwann im n&#228;chsten Jahrhundert praktisch greifbar w&#252;rde. Die politische Entwicklung reflektiert schon geraume Zeit die hier angedeutete basale und irreversible Ver&#228;nderung. Der Triumph des Neoliberalismus und das Ende des sozialdemokratischen Zeitalters stehen f&#252;r eine Art von Offensivkapitulation vor dem Selbstlauf des entnationalisierten Marktes(<a href="#27">27</a>). Der verwertungsgesellschaftliche Staat l&#228;&#223;t immer mehr den Anspruch fahren, &#252;berhaupt noch eine national&#246;konomische Integration sicherzustellen, die allen seinen B&#252;rgern Partizipationsm&#246;glichkeiten er&#246;ffnen k&#246;nnte. Er zieht sich aus der Breite des sozialen Territoriums zur&#252;ck in der Hoffnung, nach dieser Frontbegradigung wenigstens einigen Verwertungsinseln optimale Bedingungen bieten zu k&#246;nnen.</p>
<p><a name="q28"></a><a name="q29"></a>Diese Metamorphose in den kapitalistischen Zentren wiederholt in gewisser Weise die Desintegrationslogik, die an der Weltmarktperipherie schon geraume Zeit zu beobachten ist. Die neokonservative Wendung bereitet auch im Westen keineswegs den &#220;bergang zu einem anderen, nur weniger sozialen Akkumulationsmodell vor; die ungefiltert sich durchsetzende Gewalt des Weltmarktes h&#246;hlt mit der nationalstaatlichen Regulation vielmehr letztlich jegliche gesellschaftliche Reproduktionsf&#228;higkeit aus. Die anomischen Tendenzen, die sich in den Metropolenl&#228;ndern im selben Ma&#223;e breitmachen, wie die wohlfahrtsstaatliche Domestizierung der unbedingten Konkurrenz durchl&#246;chert wird, d&#252;rften kaum schw&#228;cher ausfallen als bei den Sp&#228;tstartern am Rande der Weltmarktgesellschaft. Sie werden sich indes wahrscheinlich in etwas anderen Formen durchsetzen. Zwar wird im Kollaps der Weltarbeitsgesellschaft die Neubesetzung nationalistischer Feindbilder nach au&#223;en als alternatives Erkl&#228;rungsmuster eine wachsende Rolle spielen, angesichts des erreichten nationalen Einschmelzungsgrades ist es aber wohl eher unwahrscheinlich, da&#223; innerhalb der bestehenden Staaten separatistische Str&#246;mungen und »Ethnonationalismen« entscheidend das Geschehen bestimmen werden.(<a href="#28">28</a>) Die Ausgrenzungstendenzen d&#252;rften sich auch k&#252;nftig weniger gegen bestimmte Landesteile als gegen bestimmte Schichten richten, w&#228;hrend das rassistisch-nationalistische Ressentiment in Europa vornehmlich als Ausgrenzung gegen die Zuwanderer aus Ost und S&#252;d unmittelbar praktisch zum Tragen kommt. Die &#228;u&#223;ere nationalstaatliche H&#252;lle einschlie&#223;lich der bestehenden politischen Grenzen d&#252;rfte hier also im wesentlichen erhalten bleiben, soweit die »nationale Identit&#228;t« nicht sogar als Reaktion auf kl&#228;glich scheiternde supranationale Experimente(<a href="#29">29</a>) eine neue Bedeutung gewinnt und vom wildwerdenden Warensubjekt ein letztes Mal emphatisch besetzt wird. Das &#228;ndert aber nichts am strukturellen Problem. Der Nationalstaat lebt fort, wird aber seines gesellschaftlichen Inhalts entleert, ohne da&#223; supranationale Vereinigungen in der Lage w&#228;ren, seine traditionellen Funktionen zu &#252;bernehmen.</p>
<p><a name="q30"></a>In einem sehr fr&#252;hen Stadium der Nationalstaatsbildung und der Aufstiegsgeschichte der Warengesellschaft sang Thomas Hobbes, einer der Gr&#252;nderv&#228;ter des modernen b&#252;rgerlichen Denkens, sein Loblied auf den absoluten Staat. Indem der Staat die b&#252;rgerlichen Subjekte zu einem Metasubjekt vereint(<a href="#30">30</a>) und sich zum »sterblichen Gott« aufschwingt, so seine Grundargumentation, h&#228;lt er sie davon ab, ihrer asozialen Grundanlage zu folgen und einander zu zerfleischen. Wer sich am Allmachtsanspruch des Staates vers&#252;ndigt, beschw&#246;rt die R&#252;ckkehr des Naturzustandes in den innerstaatlichen Raum, d.h. den allgemeinen B&#252;rgerkrieg, herauf. In den sechziger und siebziger Jahren lag es nahe, Hobbes&#8217; Wunschtraum vom gottgleichen Staat als einen Alptraum zu dechiffrieren, der in der Gestalt der allgegenw&#228;rtigen und allzust&#228;ndigen keynesianischen Wohlfahrts- und Regulationsapparate dabei war, Wirklichkeit zu werden. Hobbes wurde dementsprechend in der Linken (aber nicht nur dort) gern als fr&#252;her Apologet des Totalit&#228;ren eingeordnet. Mittlerweile zeichnet sich ab, da&#223; seine Urangst, die Angst der b&#252;rgerlichen Gesellschaft vor sich selber, durchaus ein Moment von Berechtigung, ja historischem Weitblick enthielt. Die globalisierte Warenlogik fegt die staatliche Regulations- und Befriedungsmacht als eine intermedi&#228;re Gewalt zur Seite, aber nur, um in der zur Anomie versch&#228;rften allseitigen Konkurrenz aller Warensubjekte zu sich zu kommen. Wo der »sterbliche Gott« dahinsiecht, ohne da&#223; sich die Menschen von der warengesellschaftlichen Form emanzipieren, ist der Abschied vom Leviathan identisch mit gesellschaftlicher Selbstdestruktion. Noch schrecklicher als die &#220;bermacht des Leviathan ist seine t&#246;dliche Schw&#228;che, solange die Warengesellschaft die Szene beherrscht und sich noch keine Formen direkter Vergesellschaftung jenseits von Markt und Staat herausbilden.</p>
<h4>Fu&#223;noten</h4>
<p><a name="2"></a>(<a href="#q1">1</a>) Heinrich August Winkler beginnt seine Einleitung zu dem von ihm herausgegebenden Sammelband »Nationalismus« mit folgender Aussage: »Der Begriff Nationalismus ist einer der inhaltlich vieldeutigsten, die es im politisch wissenschaftlichen Sprachgebrauch gibt. Mit diesem Begriff kann das Programm einer Befreiungsbewegung ebenso gemeint sein wie die Bek&#228;mpfung und Unterdr&#252;ckung fremder V&#246;lker [...]. Der Nationalismus erscheint mithin als coincidentia oppositorum, und erst im konkreten historischen Zusammenhang kann deutlich werden, wof&#252;r der Begriff jeweils steht oder stehen soll.« Das beschworene »Konkrete« entpuppt sich nicht nur bei Winkler schnell als das Einzelne. Die Neigung, den Nationalismenwald in seine B&#228;ume aufzul&#246;sen, ist in der Debatte um Nation und Nationalismus insgesamt sehr verbreitet.</p>
<p><a name="2"></a>(<a href="#q2">2</a>) Das gilt &#252;brigens nicht nur f&#252;r den b&#252;rgerlichen Wissenschaftsbetrieb, sondern auch f&#252;r die Marxisten. Marx und Engels selber haben in ihren politischen Schriften zwar mehrfach zu den nationalistischen Str&#246;mungen ihrer Zeit Stellung genommen, als theoretisches Problem spielt die Nation bei ihnen jedoch kaum eine Rolle. Es gibt schlicht und einfach keine Marxsche Theorie der Nation. Der Bezug auf die diversen Nationalismen blieb bei den Klassikern von taktischen &#220;berlegungen bestimmt, die mit zum Teil schon recht merkw&#252;rdig anmutenden ad-hoc-Konstrukten unterf&#252;ttert wurden. (Man denke in diesem Zusammenhang nur an das Engelssche Diktum von den »geschichtslosen osteurop&#228;ischen V&#246;lkern«, denen er jedes Lebensrecht absprach). F&#252;r die marxistischen Epigonen war die »nationale Frage« &#252;ber Jahrzehnte theoretisch &#252;berhaupt nicht existent. W&#228;hrend der Chauvinismus lange schon wilde Bl&#252;ten trieb, &#252;bten sich die Wortf&#252;hrer der Arbeiterbewegung in entschlossener Indifferenz. Noch 1908 prophezeite Kautsky, da&#223; die internationalisierenden Wirkungen des Kapitalismus zum schmerzlosen Ineinanderaufgehen der Nationen f&#252;hren w&#252;rden, und prognostizierte »die schlie&#223;liche Zusammenfassung der gesamten Kulturmenschheit in einer Sprache und Nationalit&#228;t«. W&#228;hrend in seiner Heimatstadt Prag und in der gesamten Habsburger Monarchie die nationalen Gegens&#228;tze brodelten, konnte der Cheftheoretiker der Zweiten Internationale in derlei Entwicklungen nur Ablenkungsman&#246;ver der Bourgeoisie ausmachen. Die Bolschewiki gingen mit der nationalen Frage taktisch flexibler um. Von einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Problem Nation kann bei ihnen aber genausowenig die Rede sein wie bei ihren Vorg&#228;ngern und Konkurrenten. (Stalins Enzykliken fallen ja wohl kaum in die Kategorie Theorie.) Bucharin etwa blieb in seiner »&#214;konomie der Transformationsperiode« der Erwartung von Kautsky treu. Noch in den 20er Jahren ging er davon aus, da&#223; die aus der Konkursmasse des Zarenreiches und der Habsburger Monarchie neu enstandenen Nationalstaaten alsbald wieder verschwinden und ein politischer Konzentrationsproze&#223; einsetzen w&#252;rde, sei es unter sozialistischen, sei es unter imperialistischen Vorzeichen. Im marxistischen Lager hat sich vor dem zweiten Weltkrieg au&#223;er Otto Bauer (»Die Nationalit&#228;tenfrage und die Sozialdemokratie«) kaum einer ernsthaft um eine Analyse der Nation bem&#252;ht.</p>
<p><a name="3"></a>(<a href="#q3">3</a>) Die erste einflu&#223;reiche Typologie erstellte der amerikanische Historiker Carlton J. H. Hayes 1931. Er operierte vorzugsweise geistesgeschichtlich und machte f&#252;nf Arten von Nationalismen aus, »humanit&#228;ren, jakobinischen, traditionalen, liberalen und einen integralen Nationalismus«. Hans Kohn reduzierte diese Vielfalt auf zwei Grundtypen. In Anlehnung an Friedrich Meineckes Unterscheidung zwischen »Staatsnation« und »Kulturnation« stellte er dem westlichen subjektiv-politischen Begriff der Nation das &#246;stliche objektiv-kulturelle Verst&#228;ndnis von Nation entgegen. Diesen Dualismus erg&#228;nzte Theodor Schiedet in den 60er Jahren um eine dritte Variante, wobei er mehr als seine Vorg&#228;nger nicht nur die Ideologie-, sondern auch die Realgeschichte im Auge hatte. Er macht in Europa (auf diesen Kontinent beschr&#228;nkt sich sein Interesse ebenso wie das seiner Vorg&#228;nger) drei Grundtypen von Nationenbildung aus. Im Westen Europas geht die Bildung einheitlicher staatlicher Gebilde deren Metamorphose zur Nation voraus (Frankreich und das Vereinigte K&#246;nigreich existieren als Staaten, bevor sich die franz&#246;sische und britische Nation konstituierte). In Deutschland und Italien formieren sich die Nationalstaaten aus politisch zun&#228;chst »getrennten Teilen von Nationen, die ihre staatliche Zerrissenheit &#252;berwinden wollen«. Im Osten des Kontinents entstehen Nationen auf separatistischem Wege, sie spalten sich von »anationalen Gro&#223;monarchien« ab. Eine Untersuchung des Nationalismus kann an diesen Unterscheidungen nicht vorbeigehen. Sie haben ihr empirisches Substrat. Es reicht aber nicht, diese Differenzen zu konstatieren und zu beschreiben. Die kontr&#228;ren Wege zur Nation sind auf das West-Ost-Gef&#228;lle im europ&#228;ischen Vergesellschaftungsniveau zu beziehen.</p>
<p><a name="4"></a>(<a href="#q4">4</a>) Ein Konstrukt &#252;brigens, das im gesellschaftlichen Handeln t&#228;glich neu reproduziert werden mu&#223;.</p>
<p><a name="5"></a>(<a href="#q5">5</a>) Besonders deutlich hat das Ernest Gellner in seinem Buch »Nationalismus und Moderne« dargestellt.</p>
<p><a name="6"></a>(<a href="#q6">6</a>) Diese beiden Konzeptionen schlie&#223;en einander &#252;brigens nicht unbedingt aus, auch wenn die Urheber sie gern alternativ setzen. Die mit dem Rekurs auf den vermeintlich ontischen nationalen Standpunkt einhergehende Flucht vor der Moderne kann selber entgegen den Intentionen der Protagonisten zum Moment der realen Durchsetzungsbewegung werden. Insbesondere am Nationalsozialismus l&#228;&#223;t sich diese paradoxe Verkehrung eines irrationalen, antiwestlichen, antimodernen Impulses zu einer Modernisierungskraft studieren.</p>
<p><a name="7"></a>(<a href="#q7">7</a>) Diesen Beitrag halte ich &#252;brigens f&#252;r die mit Abstand spannendste und fruchtbarste unter den neueren Arbeiten zum Thema Nation. Gerade diese Wertsch&#228;tzung ist der Grund daf&#252;r, warum ich mich von ihr im Weiteren mehrfach absto&#223;e.</p>
<p><a name="8"></a>(<a href="#q8">8</a>) Der Einwand galt bei Winkler Karl W. Deutsch. Unter dieses Verdikt m&#252;&#223;te aber auch der neuere Versuch von Gellner fallen.</p>
<p><a name="9"></a>(<a href="#q9">9</a>) Demokratie und Parlamentarismus sind nicht dasselbe. Eine populistische Diktatur wie die faschistische, die alle »Volksgenossen« gleicherma&#223;en in ihrem sozialen Sosein affirmiert, ist in gewisser Weise demokratischer als ein parlamentarisches System, in dem »Milieuparteien« den Ton angeben. In diesem Sinne war die NSDAP nicht nur von ihrer sozialen Tr&#228;gerschaft her, sondern auch, was ihre Ideologie angeht, dem Modell der demokratischen Volks- und Allerweltspartei weit n&#228;her als die tragenden »Systemparteien« von Weimar. Die SPD und das Zentrum repr&#228;sentierten jeweils nur eine eng umschriebene katholische oder arbeiterst&#228;ndisch gepr&#228;gte Klientel, sie waren keine Parteien des ganzen Volkes wie ihre Nachfolgeorganisationen.</p>
<p><a name="10"></a>(<a href="#10">10</a>) Es geht nicht darum, den Horror des Faschismus zu relativieren, wie das Nolte und Konsorten versuchen. Umgekehrt werfen vielmehr die Nazigreuel ein bezeichnendes Licht auf den demokratischen Normalbetrieb. So erhaben die Demokratie sich &#252;ber den Faschismus d&#252;nkt, er geh&#246;rt zu ihrer ureigenen Vorgeschichte und verweist auf deren inh&#228;rentes barbarisches Potential. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, diesen Gedanken herzuleiten, da ich und andere ihn in vielen seiner Aspekte in den Krisis-Publikationen schon mehrfach entwickelt haben. Vgl. insbesondere »<a href="http://www.krisis.org/1993/verlagsvorstellung">Rosemaries Babies: die Demokratie und ihre Rechtsradikalen</a>«,</p>
<p><a name="11"></a>(<a href="#q11">11</a>) Diese Schlagseite macht sich auch bei Gellner bemerkbar. Er vertritt den Standpunkt, da&#223; wir uns in der modernen Welt mit der Existenz von Nationen und Nationalismus nun einmal einzurichten haben. In den neunziger Jahren, in einer Zeit, da der Nationalismus abermals sein volles destruktives Potential entfaltet, wirkt diese Sichtweise doch einigerma&#223;en befremdlich. Genauso gut k&#246;nnte er die einsichtige Menschheit auffordern, es sich auf einer hei&#223;en Herdplatte so gut es eben geht bequem zu machen.</p>
<p><a name="12"></a>(<a href="#q12">12</a>) Wenn die von der apologetischen Haltung gegen&#252;ber der Moderne erzwungene strukturalistische Sicht das theoretische Aufl&#246;sungsverm&#246;gen der modernisierungstheoretischen Ans&#228;tze beschr&#228;nkt, dann gilt das nat&#252;rlich nicht allein f&#252;r den Blick auf die Vergangenheit des Nationalismus. Dieser grundlegende Mangel macht sich gerade auf die heutige Entwicklung bezogen noch viel deutlicher bemerkbar. Die zeitgen&#246;ssischen Neonationalismen passen beim besten Willen in kein funktionalistisches Schema. Die neonationalistischen Wirren werden nie und nimmer zur Herstellung geordneter b&#252;rgerlicher Verh&#228;ltnisse beitragen. Angesichts dieses offensichtlichen Befunds mu&#223; aber ein Ansatz, der die irrationalen und selbstzerst&#246;rerischen Seiten des Nationalismus nie befriedigend integrieren konnte, wohlweislich verstummen.</p>
<p><a name="13"></a>(<a href="#q13">13</a>) Stein Rokkan hat Anfang der 70er Jahre die wohl ausgefeilteste Stufenfolge von Entwicklungsstadien und den dazugeh&#246;rigen &#220;bergangskrisen vorgelegt. Vgl. Rokkan, Saelen, Warmbrunn: »Nation-building: A review of Recent Comparative Research at a Select Bibliography of Analytical Studies«.</p>
<p><a name="14"></a>(<a href="#q14">14</a>) Auf den ersten Blick mag diese Ausrichtung an den Ansatz von Immanuel Wallerstein erinnern. Dieser amerikanische Autor behandelt den Weltmarkt bekanntlich explizit als ein den vielen einzelnen Nationen vorausgesetztes logisches prius. Diese &#220;bereinstimmung darf aber nicht &#252;ber grundlegende Differenzen hinwegt&#228;uschen, die zwischen der Wallersteinschen »Weltsystem«-Vorstellung und dem wertkritischen Zugang zum Nationenproblem bestehen. Wenn wir von den soziologistischen Neigungen Wallersteins und deren weitreichenden Implikationen einmal absehen, dann ist der entscheidende Unterschied wohl darin zu sehen, da&#223; die Wertkritik den Weltmarkt als Proze&#223;, als historischen Fluchtpunkt zu fassen sucht. Wallersteins Vorstellung von einem »Weltsystem« dagegen, der Terminus selber verr&#228;t das ja im Grunde schon, hat etwas Statisches. In seiner Diktion existiert das »Weltsystem« seit dem 16. Jahrhundert fix und fertig. In den letzten 500 Jahren hat sich zwar ein &#220;bergang vom »Agrarkapitalismus« zum »Industriekapitalismus« vollzogen, und die kapitalistischen Vorm&#228;chte haben in der Zwischenzeit mehrfach gewechselt, die »Modelle« variierten also; die Grundstruktur haben diese vielen Metamorphosen jedoch nicht ber&#252;hrt. Das wesentliche Merkmal von Wallersteins »Weltsystem«, die Dreiteilung der kapitalistischen Weltwirtschaft in Zentrum, Peripherie und Semiperipherie, hat sich seiner Theorie zufolge durch alle Umbr&#252;che hindurch nur beharrlich reproduziert. Die wertkritische Herangehensweise konzentriert sich hingegen gerade auf die bei Wallerstein ausgeblendete oder in die blo&#223;e Empirie abgeschobene Entwicklungsdynamik der Beziehung von Weltmarkt und Nation. Wo Wallerstein den Weltmarkt definitorisch voraussetzt, geht es gerade darum, die sukzessive Herausbildung des nationalstaatlichen Geflechts auf die aufeinanderfolgenden Sch&#252;be in der Herstellung des Weltmarkts zu beziehen. Der Weltmarkt ist nicht seit dem 16. Jahrhundert einfach existent, er wird erst, und dieses Werden erlebt erst heute seinen krisenhaften Abschlu&#223;. In seinen fr&#252;heren Entwicklungsstadien erreichte der Einflu&#223; des Weltmarkts niemals eine dem heutigen Stand vergleichbare Tiefenwirkung, und je weiter wir in der Geschichte zur&#252;ckgehen, desto mehr verliert sich die Durchschlagskraft des globalen Warenzusammenhangs. Es ist eben keineswegs eine blo&#223; sekund&#228;re Frage, ob die internationale Arbeitsteilung nur einen relativ kleinen Sektor der G&#252;terherstellung erfa&#223;t, wie das zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Fall war, oder ob wie heute sich fast jede Produktion immer schon unmittelbar am Weltmarktstandard messen mu&#223;. F&#252;r derartige qualitative und weitreichende Ver&#228;nderungen hat die Wallersteinsche »Weltsystemtheorie« keinerlei Sensorium.</p>
<p><a name="15"></a>(<a href="#q15">15</a>) In Mazzinis k&#252;nftigem Europa war gerade einmal f&#252;r ein gutes halbes Dutzend Staaten Platz. Marx sah das ganz &#228;hnlich, billigte 1848 auf dem europ&#228;ischen Kontinent ebenfalls nur Frankreich, Spanien, Deutschland, Polen, Italien und Ungarn ein nationales Lebensrecht zu und zeigte keinerlei Verst&#228;ndis f&#252;r einen belgischen oder tschechischen Nationalismus. Diese V&#246;lkerschaften hatten ebensowenig ein Recht, als eigenst&#228;ndige »Nationalit&#228;ten« aufzutreten, wie die Schweiz, die Niederlande oder D&#228;nemark ihre Selbst&#228;ndigkeit bewahren sollten.</p>
<p><a name="16"></a>(<a href="#q16">16</a>) Ihrer ganzen Struktur nach sind die aus dem habsburgischen Reichsverband ausgeschiedenen Niederlande noch nicht als einheitlicher homogener Territorialstaat zu verstehen, sondern als Zusammenschlu&#223; autonomer St&#228;dte, die im wesentlichen auf eigene Rechnung operieren.</p>
<p><a name="17"></a>(<a href="#q17">17</a>) Hier ist in erster Linie von Preu&#223;en die Rede.</p>
<p><a name="18"></a>(<a href="#q18">18</a>) Nation meint beim »Heiligen R&#246;mischen Reich deutscher Nation« immer nur den Adel. Mit dem moder nen schichten&#252;bergreifenden Nationenbegriff hat das nichts zu tun.</p>
<p><a name="19"></a>(<a href="#q19">19</a>) Der nachholende Nationalismus entfaltete nirgends (wenn man von der Meiji-Diktatur vielleich einmal absieht) eine f&#252;r die Nachbarn derart m&#246;rderische Durchschlagskraft wie in Deutschland. Von daher k&#246;nnte man, w&#252;rde dieser Begriff nicht f&#228;lschlicherweise die Existenz eines Normalpfades nahelegen, durchaus von einem »deutschen Sonderweg« sprechen. Das darf aber nicht davon ablenken, da&#223; Deutschland in vielerlei Hinsicht f&#252;r s&#228;mtliche Sp&#228;tstarter das nie erreichte Vorbild abgegeben hat. Parallellen springen schon auf der soziologischen Ebene ins Auge. Anders als im Westen spielte bei der Formierung der nationalistischen Str&#246;mungen in Deutschland die Bourgeoisie kaum eine aktive Rolle. Die fr&#252;hen Nationalisten rekrutierten sich in erster Linie aus dem Bildungsb&#252;rgertum. In Osteuropa und im Trikont bietet sich das gleiche Bild. Auch hier stammen die Avantgarden der Nationalbewegungen aus den Reihen der Intelligenz, w&#228;hrend sich Bourgeoisie und Kapitaleigner zun&#228;chst passiv bis feindlich verhielten. Das deutsche Vorbild l&#228;&#223;t sich aber auch in der Art und Weise mit H&#228;nden greifen, in der die Nation bestimmt wurde. Da Fichte und Herder sich auf keine schon vorhandene polirische Einheit berufen und sie in den Dienst ihrer Ideen stellen konnten, war die Nation bei diesen Gr&#252;ndungsv&#228;tem der deutschen Nationalbewegung im Virtuell-Ideellen angesiedelt. Sie behandelten das Deutschtum als Erziehungs- und Kulturangelegenheit. Die nationalistische Str&#246;mung machte sich diese Grundorientierung zu eigen und verplattete sie. Eine mystifizierte Vergangenheit wurde zum Bezugspunkt nationaler Identit&#228;t. Hermann der Cherusker, Kaiser Friedrich Barbarossa und andere historische Figuren mu&#223;ten als die Inkarnationen eines antiromanischen, deutschen Wesens herhalten, das es wiederzuentdecken galt. Die nachfolgenden nationalen Aufbruchsbewegungen brachten ganz &#228;hnlich geartete Konstrukte hervor. Die nationalistischen Ideologeme von Senghors Négritude bis zu den gro&#223;serbischen Tr&#228;umen, die das Amselfeldtrauma von 1389 immer wieder aufs neue beschworen, bewegten sich allesamt in diesem Bewu&#223;tseinshorizont. Wie einst in Deutschland, so begann der Nationalismus in Osteuropa, aber auch in Afrika und Asien abseits der Niederungen des t&#228;glichen Daseins als Kultur- und Bildungserlebnis. Er fand seine ersten Aufgaben darin, eine eigene Schriftsprache und eine nationale Geschichte zu synthetisieren. Die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt setzten damit ein, da&#223; Teile der verwestlichten Bildungseliten die eigene »uralte« Kultur »entdeckten« bzw. konstruierten und ihre kulturelle Besonderheit als Waffe gegen den &#252;berm&#228;chtigen westlichen Universalismus kehrten. Die &#220;bereinstimmung mit dem deutschen Muster blieb meist implizit und hinter ideologischen Gegens&#228;tzen verborgen. Einigen nationalistischen Autoren war sie aber durchaus bewu&#223;t. Die f&#252;hrenden Theoretiker des Panarabismus und Gr&#252;ndungsv&#228;ter der Baath-Partei verstanden sich nicht nur wie einst Fichte und Herder wesentlich als nationale Erzieher, sie bezogen sich auch explizit auf ihre beiden deutschen Vorg&#228;nger als ihre Vordenker. Der antiwestliche Impuls kam gerade im arabischen Raum regelm&#228;&#223;ig in germanophilem Gewande daher. Der gemeinsame antiwestliche Impuls und das starke etatistische Moment bei der Nationenbildung machte sich selbstverst&#228;ndlich auch in der allen nachholenden Nationalismen gemeinsamen Distanz zum Liberalismus bemerkbar. Schon das Deutsche Reich war bekanntlich nicht das Produkt einer b&#252;rgerlichen Revolution, es wurde als »Gr&#252;ndung von oben« von der preu&#223;ischen Administration ins Leben gerufen. Der aggressive Nationalismus, der in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts Deutschland zu pr&#228;gen begann, sprengte endg&#252;ltig den borniert besitzb&#252;rgerlichen Rahmen der liberalen Ideologie. In der explosiven Mischung von imperialistischen, rassistischen, sozialdarwinistischen und antisemitischen Vorstellungen brach sich eine Bewegung Bahn, die st&#228;ndische Abschottungen im deutschen Volk einebnen und unter militaristischen Vorzeichen einen Demokratisierungsschub in Gang setzen sollte. Diese antiliberalistische und gleichzeitig negativ demokratisierende Wendung wiederholten unter den unterschiedlichsten ideologischen Vorzeichen die nachholenden Nationalismen in den Kolonialgebieten und in Osteuropa. In den r&#252;ckst&#228;ndigen und abh&#228;ngigen Gebieten ging der Nationalismus eine Verbindung mit rechtspopulistischen oder sozialistischen Doktrinen ein, aber nie mit liberalem Gedankengut.</p>
<p><a name="20"></a>(<a href="#q20">20</a>) Der Weg Deutschlands zum Nationalstaat begann auf den Schlachtfeldern von Jena-Auerstedt und fand im »Weltgeist zu Pferde«, Napoleon I., einen unfreiwilligen Helfer. F&#252;r Japan &#252;bernahm der amerikanische Commodore Perry diese Rolle, als er mit milit&#228;rischen Mitteln die &#214;ffnung des Landes erzwang.</p>
<p><a name="21"></a>(<a href="#q21">21</a>) Die USA nehmen im Vergleich dazu eine Sonder- und Zwischenrolle ein. Sie verdanken ihre Existenz zwar einer antikolonialen Bewegung und sind insofern nicht dem prim&#228;ren Nationenbildungsproze&#223; zuzuordnen; anders als in Japan und Deutschland mu&#223;te sich die moderne b&#252;rgerliche Form in Nordamerika jedoch nicht erst aus tiefverwurzelten feudalen Strukturen herausarbeiten. Zumindest in den n&#246;rdlichen Bundesstaaten waren die Prinzipien b&#252;rgerlicher Vergesellschaftung schon im 18. Jahrhundert reiner ausgebildet als im englischen Mutterland, und im Gefolge des amerikanischen B&#252;rgerkriegs p&#228;gte diese fortgeschrittene Struktur das gesamte Land.</p>
<p><a name="22"></a>(<a href="#q22">22</a>) Es war in diesem Zusammenhang auf verschiedenen Entwicklungsstufen seit Beginn des 20. Jahrhunderts nur von sekund&#228;rer Bedeutung, ob es sich hierbei um einen »sozialistischen« (Jugoslawien, Sowjetunion) oder um einen »freien« Markt handelte.</p>
<p><a name="23"></a>(<a href="#q23">23</a>) In West- und Mitteleuropa sorgte das schon im hohen Mittelalter eingeb&#252;rgerte Anerbenrecht f&#252;r eine gewisse Mobilit&#228;t innerhalb der b&#228;uerlichen Schichten und damit zumindest im regionalen Rahmen f&#252;r eine Durchmischung und Angleichung der Bev&#246;lkerung. In Osteuropa und auf dem Balkan hingegen, wo die Geschwistergemeinschaft als Ganze erbte und auch die j&#252;ngeren Geschwister vor Ort blieben, bewahrten D&#246;rfer in unmittelbarer Nachbarschaft &#252;ber Jahrhunderte ihre irgendwann einmal entstandene ethnisch-religi&#246;se Besonderung.</p>
<p><a name="24"></a>(<a href="#q24">24</a>) Ich erspare es mir an dieser Stelle, auf die jugoslawische Entwicklung weiter einzugehen. Eine ausf&#252;hrliche monographische Darstellung findet sich in meinem k&#252;rzlich im Horlemann-Verlag erschienen Buch »<a href="http://www.krisis.org/1996/der-dritte-weg-in-den-buergerkrieg">Der Dritte Weg in den B&#252;rgerkrieg, Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung</a>«.</p>
<p><a name="25"></a>(<a href="#q25">25</a>) Das setzt nat&#252;rlich voraus, da&#223; anders als in der Zeit des Golddeckungssystems kein allgemeiner weltumspannender Wertma&#223;stab existiert.</p>
<p><a name="26"></a>(<a href="#q26">26</a>) Ein simples Rechenbeispiel mag das erl&#228;utern. Ein Einzelbetrieb bezieht 10% seiner Vorprodukte aus dem angrenzenden Hartw&#228;hrungsraum, was dem aktuellen Landesdurchschnitt entspricht. Die W&#228;hrung wird um 50% abgewertet. Gegen&#252;ber dem Konkurrenten aus dem produktiveren Land hat unser Anbieter nun seine Kostensituation schlagartig um 45%, n&#228;mlich um die H&#228;lfte von 90% verbessert. Von diesen 45% sind allerdings noch die durch den Inflationseffekt steigenden Kosten f&#252;r die Reproduktion der Ware Arbeitskraft abzuziehen (konstanter Reallohn vorausgesetzt). Wenn sich die Nachfrage nach den aus dem Hartw&#228;hrungsland bezogenen Waren als unelastisch erweist, dann m&#252;&#223;te cum grano salis das inl&#228;ndische Preisniveau aufgrund der verteuerten Importe insgesamt um 10% steigen. Bezieht ein Einzelbetrieb dagegen 90% seiner Vorprodukte aus dem Hartw&#228;hrungsraum und entspricht das auch in diesem Fall dem Landesdurchnitt, dann verschieben sich die Proportionen radikal. Mit der Abwertung um 50% verbessert sich seine relative Wettbewerbssituation nur mehr um 5%, der Inflationseffekt liegt dagegen bei 90%.</p>
<p><a name="27"></a>(<a href="#q27">27</a>) Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet das um die Beschw&#246;rung seiner nationalen Sonderidentit&#228;t bem&#252;hte Gro&#223;britannien in Europa seit den Tagen von Margaret Thatcher eine Avantgar derolle bei der (Selbst)Zerst&#246;rung national&#246;konomischer Integration &#252;bernommen hat.</p>
<p><a name="28"></a>(<a href="#q28">28</a>) Eine Ausnahme bilden in diesem Zusammenhang in Europa nat&#252;rlich Italien und Spanien. In diesen beiden L&#228;ndern gelang es nie, das extreme Entwicklungsgef&#228;lle zwischen Nord und S&#252;d auszugleichen und einen kulturellen Homogenisierungsgrad zu erreichen, der dem der alten Bundesrepublik vergleich bar w&#228;re.</p>
<p><a name="29"></a>(<a href="#q29">29</a>) Das betrifft vor allem Europa. Der regierungsamtliche Versuch, einige Aspekte der Misere nationalstaatlicher Regulation durch die Bildung einer Wirtschafts- und W&#228;hrungsunion zu &#252;berwinden, wird verheerende Folgen zeitigen, die unter den heutigen Bedingungen nichts so nahe legen wie eine reaktion&#228;r-nationalistische Wendung.</p>
<p><a name="30"></a>(<a href="#q30">30</a>) Thomas Hobbes denkt insofern Staatlichkeit immer schon national, als er, indem er den Begriff des Staates in Verl&#228;ngerung und Analogie zum Individuum herleitet, sie per se immer schon im Plural denkt.</p>
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		<title>»Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit«</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Gaston Valdivia]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 19 (1997)]]></category>

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		<description><![CDATA[Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion</h3>
<p>Aus: Krisis 19</p>
<p><em>Gaston Valdivia</em></p>
<p>Das moderne Individuum klagt st&#228;ndig &#252;ber »Zeitmangel«. Vierundzwanzig Stunden am Tag scheinen bei weitem nicht auszureichen, um all die Anforderungen zu bew&#228;ltigen, die es erf&#252;llen soll und will. Die Anspr&#252;che an den modernen Menschen und sein »Zeitkontingent« sind enorm und drohen, ihn schier zu zerrei&#223;en: P&#228;dagogen und Psychologen fordern mehr »Zeit« f&#252;r die Kinder; Unternehmer erwarten ganz selbstverst&#228;ndlich l&#228;ngere und dabei immer intensivere Arbeit; die »Freizeitindustrie« verlangt verst&#228;rkte »Freizeitaktivit&#228;ten« von ihren Kunden; die Gebildeteren klagen mehr »Zeit« zum Lesen ein; der Handel will seine »Erlebniswelten« besser auslasten; die Genie&#223;er h&#228;tten gern mehr Mu&#223;e und alle zusammen w&#252;rden gerne etwas l&#228;nger schlafen.</p>
<p><span id="more-240"></span>Je mehr die »Zeit« f&#252;r die gehetzten Subjekte zum knappsten aller G&#252;ter wird, desto h&#228;ufiger richten sie verstohlene Blicke auf jene fernen L&#228;nder, in denen sich die Menschen noch einen gem&#228;chlicheren Lebensrhythmus bewahrt haben. Doch schnell meldet sich nach solchen Anwandlungen das schlechte Gewissen, die Sehnsucht nach Geruhsamkeit schl&#228;gt sehr schnell um, und die eben noch Beneideten und Bewunderten werden ob ihrer »Faulheit« und »Arbeitsscheue« verachtet.</p>
<p>Die subjektive Befindlichkeit verweist &#252;ber die individuelle Ebene hinaus auf ein zentrales Paradox der modernen Gesellschaft. Die mit der »&#214;konomisierung der Zeit« einhergehende Produktivkraftentwicklung hat zwar einerseits den f&#252;r die menschliche Reproduktion notwendigen »Zeitaufwand«(<a href="#1">1</a>) auf ein Minimum reduziert; gleichzeitig aber sorgt diese gleiche »&#214;konomisierung der Zeit« in Form der »Beschleunigung« und »Verdichtung« daf&#252;r, da&#223; die »freigesetzte Lebenszeit« restlos vom warengesellschaftlichen Gesamtbetrieb verschluckt wird. Insbesondere diejenigen, die sich noch der zweifelhaften Ehre erfreuen, am Erwerbsleben partizipieren zu d&#252;rfen, bekommen das tagt&#228;glich zu sp&#252;ren. Gerade f&#252;r sie bedeutet »&#214;konomisierung der Zeit« in keiner Weise ein Mehr an »disponibler Zeit«, sondern einzig und allein rigide »Zeitbewirtschaftung«. Sie leiden entweder permanent unter »Zeitdruck« oder machen, scheinbar verr&#252;ckt geworden, aus der Not auch noch eine Tugend, identifizieren sich mit der Zumutung, werden s&#252;chtig, treiben sich zu immer h&#246;heren Leistungen an und »navigieren in chaotischen Systemen«(<a href="#2">2</a>), bis sie der Herzinfarkt dahinrafft(<a href="#3">3</a>). Geradezu makaber-prophetisch nimmt sich in diesem Zusammenhang das Motto einer texanischen Computer-Servicegesellschaft aus. Es verspricht ganz trendy, »die Zeit bewu&#223;t zu beschleunigen« und erkl&#228;rt damit die Zeitsklaverei zum Ziel aller Ziele(<a href="#4">4</a>).</p>
<p>Das Thema »beschleunigte Zeit« ist mittlerweile f&#252;r Medien, Feuilleton und Literatur zu einem beliebten Gegenstand geworden. Den Ursachen des merkw&#252;rdigen Ph&#228;nomens ist man deswegen indes noch lange nicht wesentlich n&#228;her gekommen. Das Gros der Betroffenen, von den f&#252;hrenden Politikern und Wirtschaftsrepr&#228;sentanten ganz zu schweigen, sieht sich jedenfalls durch dieses Mysterium in keiner Weise zu vertiefter Reflexion veranla&#223;t. Im Gegenteil, je deutlicher die »Zeitproblematik« zutage tritt, desto stolzer verweisen die Apologeten des Systems auf ihre Spitzenleistungen in Sachen kapitalistischer »Zeitkompression« und verteidigen ihren wohlverdienten Stre&#223; mit Z&#228;hnen und Klauen. »Zeitknappheit« gilt als Index f&#252;r Leistung und Effizienz und ist dementsprechend libidin&#246;s besetzt. Nur wer keine »Zeit« hat, ist in dieser Gesellschaft wer, und nur eine Gesellschaft, die sich keine »Zeit« l&#228;&#223;t, gilt als funktionst&#252;chtig. Als der Realsozialismus implodierte, war man sich im Westen schnell &#252;ber die Ursache seines Scheiterns einig: nicht rationell genug, sprich zu langsam, lautete die Diagnose der hiesigen Hobby-Pathologen. Der Realsozialismus soll also vor allem daran zugrunde gegangen sein, da&#223; die Menschen dort zu viel »Zeit« mit zuwenig Arbeit verbracht h&#228;tten.</p>
<p>Nachdem nun die fr&#252;here Zielscheibe von Hohn und Spott f&#252;r immer verschwunden war, dauerte es nicht lange, da entdeckten die Politiker und Unternehmerverb&#228;nde prompt die gleichen Krankheitssymptome bei sich zu Hause. Auch im Westen st&#246;&#223;t die Arbeitsgesellschaft an ihre Grenzen, und auf der Suche nach Gr&#252;nden f&#252;r das stockende Wachstum der westlichen Wirtschaft f&#228;llt den Verantwortungstr&#228;gern wieder nur eine denkbare Ursache ein. Die eigenen Arbeitskr&#228;fte m&#252;ssen sich mit dem Virus der »Faulheit«, der »mangelnden Arbeitsmoral«, der »Verweichlichung« und des »H&#228;ngemattendenkens« angesteckt haben. Die Heilmittel, die aus der Misere herausf&#252;hren sollen, sehen denn auch entsprechend aus. Mit moralischer Bestrafung, Einkommensentzug, Ausdehnung des Arbeitstages durch Flexibilisierung, Mehrarbeit etc. wird weiter an der Leistungsschraube gedreht, und die universelle Diktatur des Sekundenzeigers nimmt noch einmal erbarmungslosere Formen an. Gegenwehr regt sich kaum, denn das Leistungs- bzw. Effizienzprinzip ist, wie das Geld, verinnerlicht und wird als quasi g&#246;ttliche Instanz akzeptiert.</p>
<p>Auf die Idee, die Waren&#246;konomie als solche k&#246;nnte gleicherma&#223;en f&#252;r die Wirtschaftskrise wie f&#252;r die allgemeine »Zeitdiktatur« samt all ihren seltsamen Erscheinungsformen urs&#228;chlich sein, kommen vorerst jedenfalls nur wenige. Selbst diejenigen, die Einw&#228;nde gegen dieses System vorbringen und sich oppositionell gerieren, reagieren f&#252;r gew&#246;hnlich immer noch auf die »inneren« und »&#228;u&#223;eren« Krisen reflexhaft mit Affirmation und Vollstreckung der diesem System zugrunde liegenden verheerenden »Zeitlogik«.</p>
<p>Zwei f&#252;r diese Blindheit wesentlich mitverantwortliche Momente m&#246;chte ich in diesem Beitrag etwas n&#228;her beleuchten. Zun&#228;chst soll es um das Ph&#228;nomen der modernen »Zeitwahrnehmung« gehen. Anschlie&#223;end will ich die Konsequenzen der verschlungenen marktwirtschaftlichen Verteilungsumwege f&#252;r das gesamtgesellschaftliche »Zeitbudget« thematisieren. Insbesondere dieser zweite Aspekt hat, trotz seiner gewaltigen Sprengkraft, innerhalb der bisherigen Kapitalismuskritik keinerlei Rolle gespielt. Grund genug, ihn etwas ausf&#252;hrlicher darzustellen. Die Verkn&#252;pfung von abstrakter »Zeit«, Geld und Warenform wurde dagegen in &#228;lteren marxistischen Debatten und auch in die »Krisis« schon eingehender diskutiert. An diesem Punkt konzentriere ich mich daher auf die historische Dimension, also auf die Frage, wie die »Zeit« zusammen mit dem Geld &#252;ber die Menschen kam.</p>
<p><strong>1. Die »Zeit«</strong></p>
<p><a name="q5"></a>Redewendungen wie »Zeit sparen«, »keine Zeit haben«, »Zeit gewinnen«, »Zeit verlieren«, »Zeitdruck«, »Zeit verausgaben« und zahllose andere dieser Art sind genaugenommen unsinnig. Weil »Zeit« kein Ding ist, sondern sich nur als eine Beziehung von Ereignissen beschreiben l&#228;&#223;t, konnte es noch nie jemandem gelingen, sie zu speichern oder ihrer verlustig zu gehen. Wenn uns derlei eigentlich absonderliche Formulierungen dennoch v&#246;llig selbstverst&#228;ndlich &#252;ber die Lippen kommen(<a href="#5">5</a>), dann hat das zwei Gr&#252;nde. Zum einen suggeriert ihre eigene warengesellschaftliche Praxis den modernen Menschen, da&#223; es sich bei der »Zeit« um eine Art von »substanzieller« Gr&#246;&#223;e handelt, die beliebig teil- und me&#223;bar w&#228;re und mit der man auch sonst noch so allerlei anstellen kann. Wir sehen also in der »Zeit« vor allem deshalb einen Quasi-Gegenstand, weil wir sie verr&#252;ckterweise t&#228;glich praktisch als solchen behandeln. Zum anderen hat diese Sichtweise ihre historischen Wurzeln. Auch wenn es nat&#252;rlich mit der Verallgemeinerung des Warentauschs in der kapitalistischen Gesellschaftsformation erst seine heutige, wiederum besondere Auspr&#228;gung erlangt hat, lassen sich die Urspr&#252;nge unseres »Zeitverst&#228;ndnisses« bis in die griechische Antike zur&#252;ckverfolgen, allerdings nur insoweit, als in dieser bereits ein Morgenrot erster fr&#252;hb&#252;rgerlicher Bewu&#223;tseinsformen sichtbar wurde.</p>
<p><a name="q6"></a>Die Besch&#228;ftigung mit der »Zeit« als Gegenstand f&#252;r sich setzt ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse voraus, das sich erst auf der Grundlage abstrakt-logischen und theoretischen Denkens herausbilden konnte. Daher verwundert es nicht, wenn zwar schon fr&#252;h in der Menschheitsgeschichte Ereignisse in Erz&#228;hlungen, Ges&#228;ngen oder Symbolen festgehalten und in eine bestimmte (damals noch zyklische und schwankende) Reihenfolge gestellt wurden, ohne da&#223; jedoch ein »Zeitgef&#252;hl« oder ein Begriff von »Zeit« existiert h&#228;tten. Zum Erkenntnisobjekt wurde die »Zeit« erst recht sp&#228;t, soweit &#252;berliefert, zun&#228;chst bei einigen Philosophen wie Aristoteles und Euklid. In deren Gefolge avancierte sie dann aber zu einem der bevorzugten Gegenst&#228;nde des philosophischen Interesses.</p>
<p>Kant ist die Einsicht zu verdanken, die »Zeit« habe transzendentale Idealit&#228;t und komme daher nicht den Dingen an sich zu. Damit bestritt er die Existenz von »Zeit« au&#223;erhalb des menschlichen Individuums(<a href="#6">6</a>). Andererseits, und hierin ging er quasi seinem b&#252;rgerlich konstituierten Bewu&#223;tsein auf den Leim, hielt er die »Zeit« f&#252;r allgemein und notwendig, also f&#252;r eine apriori (transzendental) gegebene Form der inneren Anschauung. Etwas salopp kann man sich dies auch so vorstellen: In jedem Menschen tickt eine Uhr, noch bevor er &#252;berhaupt zur Anschauung f&#228;hig ist. Bei Kant scheint sie &#252;brigens derart laut getickt zu haben, da&#223; er sich zeitlebens von ihren Schl&#228;gen antreiben lie&#223;. Es wird berichtet, da&#223; Freunde und Nachbarn ihre Uhren nach der rigiden Einteilung seines Lebensrhythmus h&#228;tten stellen k&#246;nnen. <a name="q7"></a>Kant verkannte offenbar, da&#223; auch die innere Uhr ein »Geschenk« seiner Gesellschaft war, und sie keineswegs mit ihm zusammen das Licht der Welt erblickt hatte.</p>
<p>In Teilen hat die sozialhistorische Forschung inzwischen die einst fraglos akzeptierte Annahme, beim »Zeitempfinden« handle es sich um etwas Invariantes, dem Menschen Angeborenes, weitgehend revidiert. Mittlerweile d&#252;rfte sich unter Fachwissenschaftlern kaum mehr Widerstand regen, wenn der Naturwissenschaftler und Philosoph Gerald James Whitrow die These vertritt, »Zeit« sei eine zu erlernende Wahrnehmungsweise, und in seinem popul&#228;rsten Werk »Die Erfindung der Zeit« ganz in diesem Sinne schreibt: »Obschon die Zeit eine grundlegende menschliche Erfahrung ist, gibt es doch keinen Anhaltspunkt daf&#252;r, da&#223; wir einen besonderen Zeitsinn besitzen, so wie wir beispielsweise &#252;ber einen besonderen Sinn f&#252;r das Sehen, H&#246;ren, Schmecken, Riechen und Tasten verf&#252;gen.«(<a href="#7">7</a>)</p>
<p><a name="q8"></a><a name="q9"></a>Anders als bei Kant ist f&#252;r Whithrow das »Zeitempfinden« nicht der sinnlichen Erfahrung vorausgesetzt, vielmehr entspringt es erst aus der Reflexion &#252;ber sie. Die Art der Reflexion h&#228;ngt dabei wiederum von der besonderen Form der jeweiligen gesellschaftlichen Organisation ab.(<a href="#8">8</a>) Damit ist selbstverst&#228;ndlich nicht negiert, da&#223; auch nat&#252;rliche Momente die Herausbildung eines »Zeitbewu&#223;tseins« mitbeg&#252;nstigen. Die Grundlage f&#252;r das »Zeitempfinden« bildet ein »gewisses Bewu&#223;tsein von Dauer« (Whitrow), das wiederum entscheidend von der Aufmerksamkeit und vom Interesse an dem abh&#228;ngt, womit man gerade befa&#223;t ist. Wesentlich scheint auch die allgemeine k&#246;rperliche Verfassung zu sein.(<a href="#9">9</a>)</p>
<p><a name="q10"></a><a name="q11"></a>Dauer wird dann erlebt, so Whitrow, »wenn die gegenw&#228;rtige Situation zu vergangenen Erfahrungen oder k&#252;nftigen Erwartungen und W&#252;nschen in Beziehungen gesetzt wird. (&#8230;) Unsere F&#228;higkeit, Erwartungen zu haben, entwickelt sich jedoch, bevor wir ein Bewu&#223;tsein von Ged&#228;chtnis haben.«(<a href="#10">10</a>) Will ein Kind etwas greifen, das es nicht erreichen kann, macht es die Erfahrung, da&#223; es dauert, bis die r&#228;umliche Distanz &#252;berwunden werden kann. »Die erste intuitive Vorstellung von Dauer scheint also r&#228;umlicher Natur zu sein: sie wird als der Abstand empfunden, der zwischen dem Kind und der Erf&#252;llung seiner W&#252;nsche steht.«(<a href="#11">11</a>) Die weitere Ausbildung des »Zeitempfindens« beim Kind h&#228;ngt von Ein&#252;bungstechniken und von der Sprache ab, die Sprache wiederum vom erlernten Grad der Abstraktionsf&#228;higkeit einer menschlichen Gesellschaft und diese von den besonderen Bedingungen, unter denen Erfahrungen und Handlungen reflektiert und synthetisiert werden k&#246;nnen.</p>
<p>Wie so oft finden sich zu diesen ontogenetischen Zusammenh&#228;ngen Parallelen auf der Ebene der Phylogenese. Die Menschen archaischer Lebensgemeinschaften konnten Vergangenes und K&#252;nftiges von der Gegenwart ebenfalls gar nicht oder nur sehr vage trennen und verf&#252;gten in der Regel weder &#252;ber einen Begriff f&#252;r »Zeit« noch &#252;ber solche Begriffe und grammatikalische Formen, die sich auf »zeitliche« Aspekte beziehen. Bis zur Durchsetzung b&#252;rgerlicher Verh&#228;ltnisse blieben zentrale Momente dieses »Vor-Zeitverst&#228;ndnisses« lange erhalten. Ja selbst heute noch gibt es zahllose vorb&#252;rgerliche Gemeinwesen, in deren »Zeitverst&#228;ndnis« Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer Totalit&#228;t zusammenflie&#223;en, die ein Herausrei&#223;en bestimmter Ereignisse, zwecks einer klaren »zeitlichen« Zuordnung, verunm&#246;glicht. Wo westlich sozialisierte Individuen auf Menschen treffen, die noch in solch traditionell gepr&#228;gten Zusammenh&#228;ngen leben und unseren immer schon als selbstverst&#228;ndlich unterstellten »Zeitsinn« vermissen lassen, f&#252;hrt diese unterschiedliche Wahrnehmung regelm&#228;&#223;ig zu peinlichen Mi&#223;verst&#228;ndnissen. Wenn sich in den Aussagen oder Erz&#228;hlungen der an die westlichen Empfindungsmuster noch nicht angepa&#223;ten Menschen Erlebtes, Gegenwart und m&#246;gliche Erwartungen zu einer Wirklichkeit verflechten, dann k&#246;nnen die abendl&#228;ndisch gepr&#228;gten Zuh&#246;rer in den Sprechern f&#252;r gew&#246;hnlich nur L&#252;gner oder Spinner erkennen. Die Urlaubsberichte zeitgen&#246;ssischer Massentouristen sowie zahlreicher Kulturb&#252;rger erinnern denn auch bis zum heutigen Tage bei diesem Thema an die Berichte der Conquistadoren &#252;ber ihr Zusammentreffen mit den »Primitiven« in der »Neuen Welt«.</p>
<p><a name="q12"></a>Nicht nur die »Exoten« am Rande der westlichen Welt haben das moderne lineare »Zeitverst&#228;ndnis« nicht in der gleichen Weise verinnerlicht wie die Menschen in den Metropolen. Auch in der abendl&#228;ndischen Geschichte selber blieb das »Zeitempfinden« lange konkretistisch an sich wiederholende Vorg&#228;nge gebunden, und bis in die Gegenwart hinein lassen sich gelegentlich &#220;berbleibsel davon finden. Fast alle unseren heutigen Begriffe f&#252;r »zeitliche« Einteilungen beziehen sich bezeichnenderweise in ihrer urspr&#252;nglichen Bedeutung auf ganz bestimmte Ereignisse. »Montag« und »Monat« stehen f&#252;r das Erscheinen des Mondes; der »Sonntag« geht auf den Sonnengott zur&#252;ck, wobei Sonne u.a. die Zust&#228;nde des Schwelens und Brennens meint und Tag vermutlich auf Gott, brennen, Hitze, warmhalten sowie die Bet&#228;tigungen des Pflegens und Hegens (dahah) zur&#252;ckgeht. Selbst der Begriff »Stunde« dr&#252;ckt urspr&#252;nglich keine sechzigmin&#252;tige Ma&#223;zahl aus; stattdessen gibt er im mittelalterlichen Sprachgebrauch das Eintreten eines spezifischen Geschehens oder einer grundlegenden Ver&#228;nderung im Leben an, wie beispielsweise den Moment des Todes. In der Wendung »wem die Stunde schl&#228;gt« echot diese Sichtweise noch nach. Auch die englische Sprache, darauf hat Norbert Elias hingewiesen, l&#228;&#223;t den &#228;lteren »Zeitbezug« noch erahnen: das Wort »timing« (»zeiten«) dr&#252;ckt den Zweck aus, »Positionen im Nacheinander zweier oder mehrerer Geschehensabl&#228;ufe aufeinander abzustimmen (&gt;zu synchronisieren&lt;).«(<a href="#12">12</a>) Unsere heutige Vorstellung vom vierundzwanzigst&#252;ndigen Tag w&#228;re jedenfalls vor dem Aufkommen abstrakt-logischen Denkens sinnlos erschienen, denn sie verschmilzt v&#246;llig unterschiedliche Ph&#228;nomene, wie Dunkelheit und Helligkeit, die f&#252;r die sinnliche Wahrnehmung nichts miteinander gemein haben, zu einer Einheit.</p>
<p>Ob und auf welche Art und Weise die Menschen versucht haben, Ereignisse festzuhalten und in eine besondere Reihenfolge zu stellen, hing zun&#228;chst einmal von den vorgefundenen geographischen und klimatischen Bedingungen ab, unter denen sie ihre Reproduktion gestalten mu&#223;ten. Zu den Naturph&#228;nomenen traten gesellschaftliche Einschnitte wie die Geburten von Herrschern, der Tod von Heiligen, Kriege und andere Katastrophen hinzu und gaben den fr&#252;hen kalendarischen Darstellungen und verbalen &#220;berlieferungen ihr Gepr&#228;ge. Dabei glichen sich die ansonsten recht unterschiedlichen Methoden der Ereigniserfassung und -prognose in zweierlei Hinsicht: zum einen dienten sie der Festlegung von rituellen Festen, Kulthandlungen und der Bestimmung von landwirtschaftlichen Aktivit&#228;ten wie Aussaatanfang und Erntebeginn; zum anderen lag ihnen die <em>zyklische</em> Vorstellung zugrunde, s&#228;mtliche wesentliche Ereignisse w&#252;rden sich bis in alle Ewigkeit in gewissen Abst&#228;nden wiederholen. Bis ins sp&#228;te Mittelalter hinein &#252;berlebten wesentliche Aspekte dieses Kreislaufdenkens.</p>
<p>Halten wir fest: Die vom menschlichen Bewu&#223;tsein wahrgenommenen und reflektierten Formen der Ver&#228;nderung &#8211; Entstehen, Werden, Vergehen, etc. &#8211; wurden in nichtb&#252;rgerlichen Gemeinwesen weder unter einen Begriff subsumiert, noch existierte eine Denkweise, die einen solchen Begriff h&#228;tte schaffen k&#246;nnen. Von Bedeutung waren lediglich die konkreten Ereignisse in ihrem fetischhaften, rituellen Kontext.</p>
<p><a name="q13"></a>Wie kam es nun dazu, da&#223; die Menschen damit begannen, sich von diesen Ereignissen abzul&#246;sen und stattdessen eine »Zeit« als <em>f&#252;r sich seiende Objektivit&#228;t</em> in Form eines <em>linearen, vorw&#228;rtsgerichteten »gleichm&#228;&#223;igen, einf&#246;rmigen Flusses«</em> (Elias) zu setzen? Diese Frage l&#228;&#223;t sich nur beantworten, wenn wir sie in einen weiter gespannten Rahmen stellen. Norbert Elias hat in seiner Abhandlung »&#220;ber die Zeit« diesen gr&#246;&#223;eren Zusammenhang richtig benannt. Er stellt dort fest: »Eine der Schwierigkeiten, auf die man in einer Untersuchung &#252;ber die Zeit st&#246;&#223;t, (&#8230;) ist das Fehlen einer Entwicklungstheorie der Abstraktion oder richtiger: der Synthesebildung. «(<a href="#13">13</a>) Der Schl&#252;ssel zur Erkl&#228;rung des Ph&#228;nomens »Zeit« liegt also in den gesellschaftlichen Bedingungen, die, indem sie die bestimmte historische Form des abstrakt-logischen und theoretischen Denkens hervorgebracht haben, auch jene Dynamik in Gang brachten, die die »Zeit« »hinter dem R&#252;cken der Menschen« zur objektivierten Triebkraft ihrer Geschicke hat werden lassen.</p>
<p><strong>2. »Zeit«, Denkform und Geld</strong></p>
<p><a name="q14"></a>Damit Menschen eine Reihe aufeinander folgender Ereignisse zu abstrakten »Zeiteinheiten« zusammenfassen, also abgel&#246;st von jeder konkreten Situation und von den Spezifika des aktuellen Geschehens »Zeitpunkte« bestimmen k&#246;nnen, bedarf es einer Sprache, die sowohl &#252;ber grammatikalische Formen zur Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verf&#252;gt, als auch abstrakte Zahlen kennt. Nur in den indoeurop&#228;ischen Sprachen hat sich, so Whitrow, beides voll herausgebildet. In seinem Buch »The Natural Philosophy of Time« befa&#223;t er sich detaillierter mit der Verkn&#252;pfung dieser Momente und kommt zu folgendem Schlu&#223;: »Unsere Vorstellung von Zeit h&#228;ngt eng damit zusammen, da&#223; unsere Denkweise aus einer linearen Folge diskreter Aufmerksamkeitszust&#228;nde besteht. Dies f&#252;hrt dazu, da&#223; wir Zeit ganz nat&#252;rlich mit Z&#228;hlen assoziieren, welches die einfachste Form eines Rhythmus darstellt. Es ist sicherlich kein Zufall, da&#223; die W&#246;rter &gt;Arithmetik&lt; und &gt;Rhythmus&lt; von zwei griechischen Begriffen abstammen, deren gemeinsame Wurzel das Wort &gt;flie&#223;en&lt; ist.«(<a href="#14">14</a>)</p>
<p><a name="q15"></a><a name="q16"></a>Die etymologische Verbindung verweist auf den historischen Kontext, in dem das Ph&#228;nomen »Zeit« entstanden ist. Sie f&#252;hrt uns in die griechische Antike und damit zu der spezifischen historischen Formation, in der sich zeitgleich mit M&#252;nzwirtschaft und Warentausch auch der Umgang mit abstrakten Zahlen (Erfindung der Null) und das Denken in zielgerichteter »linearer Folge« herausgebildet haben. Rudolf W. M&#252;ller hat die gemeinsame Genesis von Denkform und Warenform, ausgehend von Thesen Alfred Sohn-Rethels und Theoriefragmenten von Karl Marx, insbesondere den »&#214;konomisch-philosophischen Manuskripten«, umfassend in einem interdisziplin&#228;ren Forschungsprojekt untersucht.(<a href="#15">15</a>) In komprimierter Form lautet seine Kernthese: »Diese Denkformen (gemeint sind: formale Logik, abstraktes Denken, theoretisches Erkennen, die allgemein als nat&#252;rliche Form des menschlichen Denkens &#252;berhaupt gelten; G. V) stehen in einem inneren Zusammenhang mit der sich entwickelnden Warentauschgesellschaft, wie sie bereits in der griechischen Antike existierte. Der Entstehungsgeschichte und Funktion des Geldes im Warentauschproze&#223; entspricht die Genesis des &gt;reinen Geistes&lt;, d. h. der formalen Logik und der abstrakten Form der Identit&#228;t im Denkproze&#223;. (&#8230;) So gewinnt der Marxsche Ausspruch einen Sinn, wonach die Logik das Geld des Geistes sei.«(<a href="#16">16</a>)</p>
<p>Das qualitativ Neue dieser Denkform wird deutlicher, wenn wir uns zum Kontrast die pr&#228;-warenf&#246;rmigen Verh&#228;ltnisse vergegenw&#228;rtigen. Das Bewu&#223;tsein klebte an der Unmittelbarkeit. Es mangelte dem Menschen an Distanz zu sich und zuseiner Umgebung, und so blieben seine Vorstellungen direkt an konkrete T&#228;tigkeiten und Gegenst&#228;nde gebunden. Zu Tieren, anderen Menschen und Dingen bestanden quasi pers&#246;nliche Beziehungen. Um das Fehlen eines Schafes oder einer Ziege aus der Herde zu bemerken, mu&#223;ten Hirten beispielsweise nicht erst durchz&#228;hlen; aufgrund der intimen Beziehung und genauen Beobachtung bemerkten sie auch ohne dieses Hilfsmittel den Verlust eines ihnen geh&#246;renden Vierbeiners. Soweit in sp&#228;teren, von der Warenform noch unbeleckten Gemeinwesen, so etwas wie Mengenbestimmungen durch Zeichen entstanden, handelte es sich dabei nicht um abstrakte Bezeichnungen mittels beliebig (universell) zuordenbarer Zahlsymbole, wie sie den modernen Menschen vertraut sind, vielmehr bildeten das Ma&#223; und das Gemessene eine unaufl&#246;sliche Einheit.</p>
<p><a name="q17"></a>Erst als in der Erfahrungswelt etwas auftauchte, das sowohl sinnlich wahrnehmbar als auch eine Abstraktion war, also eine »daseiende Abstraktion« (M&#252;ller)(<a href="#17">17</a>), konnte sich das Denken von der engen Koppelung an die sinnlichen Gegenst&#228;nde emanzipieren und damit beginnen, abstrakte, allgemein logische Verkn&#252;pfungen herzustellen. Das Geld erf&#252;llte diese Bedingungen in idealer Weise, denn es verk&#246;rpert in dinglicher Form den Wert anderer Waren und setzt sie damit als Werte gleich, und doch kommt ihm dabei selbst eine handgreiflich empirisch unterschiedene Daseinsform zu. Im Geld findet der Abstraktions- und Syntheseproze&#223; sein gesellschaftliches Substrat, weil es gleichzeitig als etwas Besonderes figuriert und die Besonderung von Stoff und Form ausl&#246;scht und als abstrakter Ausdruck beliebiger, unterschiedlicher Gegenst&#228;nde sich rein quantitativ spezifiziert mit allem und jedem identisch setzt. Durch wiederholte Tauschpraxis wurde die universelle Zuordnung einer zun&#228;chst »sinnlichen« Abstraktion an verschiedene, konkrete Stoffe einge&#252;bt und damit die F&#228;higkeit, immer wieder von der spezifischen Verbindung abzusehen. Aufgrund dieses gewonnenen Differenzierungs- und Syntheseverm&#246;gens (organisch miteinander verwachsene Erscheinungen wurden auseinanderdividiert und getrennt unter eine gemeinsame Abstraktion subsumiert) konnte das Bewu&#223;tsein quasi zur n&#228;chsten gro&#223;en Tat schreiten und schlie&#223;lich zum Denken von »reinen Zahlen«, also Abstraktionen ohne jeden sinnlichen Gehalt gelangen.</p>
<p><a name="q18"></a><a name="q19"></a>Zweierlei f&#228;llt bei dieser Entwicklung zusammen: die Abstraktionsleistung als solche und die mit dem Geldumgang zwangsl&#228;ufig verbundene Notwendigkeit, Abstraktion in Zahlen ausdr&#252;cken, weil nur vor diesem Hintergrund Geld als quantitativer Ma&#223;stab fungieren kann.(<a href="#18">18</a>) F&#252;r den &#220;bergang zum »abstrakten Z&#228;hlen« spielte es dabei zun&#228;chst noch keine Rolle, ob G&#252;ter &#228;quivalent getauscht wurden und wieviel subjektive Momente (Freundschaft, blo&#223;es Sch&#228;tzen, Ehrenkodexe, etc.) bei der Preisbestimmung von Waren einflossen.(<a href="#19">19</a>) Entscheidend ist einzig die Tatsache, da&#223; sich »hinter dem R&#252;cken« ein abstrakter Bezug verschiedener Menschengruppen zueinander herstellte, der im Geld einen dinglichen Ausdruck fand.</p>
<p><a name="q20"></a>Welche Art und/oder Stufe von Abstraktionsverm&#246;gen sich ohne das Geld h&#228;tte entwickeln k&#246;nnen, ist umstritten. Auch einige Anh&#228;nger der M&#252;llerschen Thesen nehmen an, ausgehend von einer (begrenzten) Gleichsetzung &#228;hnlicher Naturgegenst&#228;nde h&#228;tten schlie&#223;lich so etwas wie abstrakte Zahlen entstehen k&#246;nnen. Ich habe daran meine Zweifel .(<a href="#20">20</a>) Wenn aber schon h&#228;ufig die Genesis des Z&#228;hlens vom Warentausch abgetrennt wird, so gilt das nat&#252;rlich erst recht f&#252;r die Entstehung des »theoretischen Bewu&#223;tseins« im allgemeinen. In der Regel m&#252;ssen, je nach Erkl&#228;rungsmodell, verschiedene Rituale, Ereignisse und Zust&#228;nde wie Kriege, Versklavungen, Wanderungen, Reisen, rituelle »Verhandlungen mit den G&#246;ttern«, das handelnde Einwirken auf die Natur selbst oder Versuche, gr&#246;&#223;ere Mengen an G&#252;tern oder Menschen zu erfassen, als Ursachen f&#252;r dessen Herausbildung herhalten. Die Thesen von R. W. M&#252;ller weisen allerdings, meiner Ansicht nach, auch gerade in dieser Hinsicht die gr&#246;&#223;ere Plausibilit&#228;t auf. Einige der genannten Aspekte m&#246;gen zum historischen Durchsetzungsproze&#223; der »Geld- und Geist-Logik« beigetragen haben; bestimmend d&#252;rfte indes die Entwicklung des abstrakten Vermittlungsmediums gewesen sein.</p>
<p><strong><a name="q21"></a>3. Zum Proze&#223; der Verwirklichung der »Zeit«</strong></p>
<p>W&#228;hrend das Z&#228;hlen und Rechnen, bis hin zur Mathematik, seit der Antike einen gewissen Grad an Bedeutung in den gehobenen Gesellschaftskreisen erlangte, kann davon, was die »Zeit« als solche angeht, trotz diverser Kalendierungen nur bedingt die Rede sein. Die Aufmerksamkeit der allergr&#246;&#223;ten Mehrheit der Menschen galt dem »zeitlosen«, gem&#228;chlichen Alltag und den verschiedenen nat&#252;rlichen und au&#223;ergew&#246;hnlichen gesellschaftlich/religi&#246;sen Ereignissen. An genaueren Datierungen waren in erster Linie die Diener der Kulte und Religionen interessiert. Auch das verst&#228;rkte Bed&#252;rfnis nach »Zeitme&#223;instrumenten«, wie es sich im fr&#252;hen Mittelalter zusehends bemerkbar machte, ging von der religi&#246;sen Sph&#228;re aus. Es waren die kl&#246;sterlichen Gemeinschaften, die es bei der Festlegung der zahllosen Gebetsstunden (Temporalstunden) zu einer von den nat&#252;rlichen Abl&#228;ufen abgel&#246;sten Zerlegung der »Zeit« dr&#228;ngte. Zwar fiel die Dauer der sakralen »horae« je nach religi&#246;ser Pflicht und technischer Me&#223;barkeit h&#246;chst unterschiedlich aus,(<a href="#21">21</a>) der erste Schritt zur Abstraktifikation der Tageszeitbestimmung war damit aber immerhin geleistet.</p>
<p>Eine ganz andere Spezies Mensch konnte einige Jahrhunderte sp&#228;ter an diese Errungenschaften ankn&#252;pfen und die Konstituierung des modernen »Zeitempfindens« forcieren. Die Kaufleute wurden allerdings weniger von heiligem Eifer als von schn&#246;den weltlichen Motiven getrieben. Warum gerade sie ein vitales Interesse an exakten »Zeiteinteilungen« entwickelten, ist leicht nachvollziehbar. Als die einzige Personengruppe, die ihre Existenz weder auf milde Gaben, Land- und Handarbeit, den Zehnten oder anderen feudalen Abgaben aufbauen konnte, waren die Kaufleute existentiell auf die m&#246;glichst »zeitrationelle« Abwicklung ihrer Handelsgesch&#228;fte angewiesen. Die Dauer von Handelsreisen und Transporten, die »Zeitpunkte« f&#252;r Zahlungen und Einnahme von Ertr&#228;gen, Schuldenerstattungen oder die Eintreibung von Verbindlichkeiten, die Zinsberechnungen, die Datierung von Vertr&#228;gen, die Bestimmung von Haftungsperioden und vieles andere mehr erforderten die Festlegung genauer, regelm&#228;&#223;iger und dabei allgemeing&#252;ltiger »Zeiteinheiten«.</p>
<p>Zugleich waren es die Kaufleute, die mit dem Verschieben von Gen&#252;ssen (Sparen) in der Erwartung um so gr&#246;&#223;erer sp&#228;terer Gewinne das »Zeiten« einzu&#252;ben und zu verinnerlichen begannen. Diese »Zeitpioniere« unterwarfen ihren Lebensrhythmus zwangsl&#228;ufig dem sowohl bewu&#223;t als auch unbewu&#223;t geschaffenen objektivierten Ma&#223;stab. Je mehr sich Handel und M&#228;rkte in einer wechselvollen Geschichte durchsetzten, desto wichtiger wurde die rechtzeitige Pr&#228;senz und schnellere Abwicklung von Gesch&#228;ften. Verglichen mit dem heutigen Zustand ging es dabei allerdings noch recht gem&#228;chlich zu.</p>
<p><a name="q22"></a>Der Verzeitlichung des kaufm&#228;nnischen wie des kl&#246;sterlichen Lebens war lange »Zeit« mit dem Fehlen genauer, gleichm&#228;&#223;ig funktionierender »Zeitme&#223;instrumente« eine Grenze gesetzt. Ungef&#228;hr seit dem 13. Jahrhundert schuf die Verbreitung mechanischer Uhren in Westeuropa indes Abhilfe. Ab dieser Epoche begannen reichere Gemeinden, ihre Kircht&#252;rme mit mechanischen Uhren zu best&#252;cken, und deren regelm&#228;&#223;iges Glockengel&#228;ut erinnerte fortan die gesamte Einwohnerschaft an die nun angebrochenen neuen »Zeiten«. Mit der mechanischen Uhr war nicht nur die gleichm&#228;&#223;ige, sechzigmin&#252;tige Stunde geboren, sie schuf zugleich eine wesentliche Voraussetzung f&#252;r die Revolutionierung der bis dato gem&#228;chlichen b&#228;uerlich-handwerklichen Wirtschaftsweise &#252;berhaupt. Erst nachdem die neuen Chronometer eine genaue Messung der Arbeitszeit m&#246;glich gemacht hatten, konnte sich die Lohnarbeit verallgemeinern und die sukzessive s&#228;uberliche Trennung der Arbeitszeit von anderen Besch&#228;ftigungen und Lebens&#228;u&#223;erungen, also der Proze&#223; der Sph&#228;rendifferenzierung, einsetzen. Der Beginn dieser Entwicklung folgte, darauf hat Whithrow schon hingewiesen, der Erfindung der mechanischen Uhr auf dem Fu&#223;. »In der Textilmanufaktur ersetzte die gleichf&#246;rmige, sechzigmin&#252;tige Stunde schon bald den Tag als Grundeinheit der Arbeitszeit. So gestattete es im Jahre 1335 der Gouverneur von Artois den Einwohnern von Aire-sur-la-Lys, einen Stadtturm mit besonderer Glocke zu bauen, um die Arbeitsstunden der Textilarbeiter ein- und auszul&#228;uten. Das Problem der L&#228;nge des Arbeitstages war besonders in der Textilmanufaktur von gro&#223;er Bedeutung, da die L&#246;hne dort einen betr&#228;chtlichen Teil der Produktionskosten ausmachten.«(<a href="#22">22</a>) Bis sich dann die damals noch nischenhafte Lohnarbeit zur allgemeinen Existenzform verallgemeinerte, vergingen noch einige Jahrhunderte. Das schm&#228;lert die Bedeutung dieser Basisinnovation f&#252;r den Take-off der Waren- und Arbeitsgesellschaft jedoch in keiner Weise.</p>
<p><a name="q23"></a><a name="q24"></a><a name="q25"></a>War der »Zeitsinn« urspr&#252;nglich eine Dom&#228;ne der Kaufleute, so stieg er mit der Durchsetzung der Lohnarbeit zum Allgemeingut und zur unbedingten Pflicht auf. Mit wachsender Verbreitung der gezielten Marktproduktion in Manufakturen und Fabriken fiel dem aufkeimenden Staatswesen die Aufgabe zu, die b&#228;uerliche Bev&#246;lkerung »fabrikreif« zuzurichten, sprich, ihr die eiserne moderne »Zeitdisziplin« und die notwendigen Grundtechniken des Abstrahierens, darunter vor allem nat&#252;rlich die Grundrechenarten, einzubleuen. Das war freilich keine leichte Aufgabe. Im Jahr 1791 charakterisierte Arnold Wagemann, ein Vertreter der Industrieschulbewegung des 18. Jahrhunderts, in seiner Abhandlung »&#220;ber die Bildung des Volkes zur Industrie« die Bauern und Kinder (!) folgenderma&#223;en: »Beide sind vom Sinnlichen sehr abh&#228;ngig, weil es ihnen an Kenntnissen fehlt, die sie &#252;ber das Sinnliche hinaus erheben k&#246;nnten.«(<a href="#23">23</a>) Die Schwierigkeiten bei der Metamorphose solcher »Bauernt&#246;lpel« in p&#252;nktliche und flei&#223;ige Arbeiter konnten die Erzieher zur Verzweiflung treiben: »Mangel an Abstraktionsverm&#246;gens also ist es vorz&#252;glich, welcher dem Bauern einen solchen Unterricht unn&#252;tz macht und w&#228;re die Art des Vortrags auch noch so sehr nach seiner Fassungskraft ausgerichtet, welches wahrlich keine so leichte Kunst ist «(<a href="#24">24</a>) Die Manufaktur- und Fabrikbesitzer verwendeten schon aus Kostengr&#252;nden nicht allzuviel M&#252;he darauf und bedienten sich, im wahrsten Sinne des Wortes, einschl&#228;gigerer p&#228;dagogischer Mittel: Der Zeiger an der Turmuhr fand im Rohrstock seine &#252;bliche Verl&#228;ngerung. &#196;u&#223;erst brutale »Zeit«-Disziplinierungsmethoden in Fabrik, Werkstatt, Armee, Schule und h&#228;uslicher Gemeinschaft beherrschten die Szenerie vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein.(<a href="#25">25</a>)</p>
<p>In dem Ma&#223;e, wie sich Geldbeziehungen, Industriearbeit und Konkurrenz verallgemeinerten und die Sondersph&#228;ren »Arbeit« und »Freizeit« auseinandertraten, beschleunigte sich der Lebensrhythmus mehr und mehr, und die »Zeit« erlangte ihre Weihen als schicksalhafte, quasi naturm&#228;&#223;ige Antriebskraft. Diese »wirkliche gewordene Zeit« hat gegen&#252;ber allen fr&#252;heren Empfindungen von Dauer eine eigene Qualit&#228;t: als Substanz des Wertes entstand sie unabh&#228;ngig von einem gesellschaftlichen Willen und wurde zum bestimmenden Bezugssystem und universellen Existenzma&#223;stab. Die oben dargestellten »modernen Kulturtechniken«, urspr&#252;nglich von Kaufleuten und Priestern einge&#252;bt und verinnerlicht, haben sich der ganzen Gesellschaft wie eine Zwangsjacke &#252;bergest&#252;lpt. Auf der Grundlage zielstrebiger Produktion f&#252;r den Markt, der Schaffung exakter, gleicher »Zeiteinheiten« und eines auf k&#252;nftige Gewinne und Lohnerwartung konditionierten Bewu&#223;tseins, richtete sich der »Zeitsinn« <em>nach vorne</em> aus. In unbewu&#223;tem R&#252;ckgriff darauf wurden und werden auch Gegenwart und Vergangenheit als Momente eines<em> linearen, vorw&#228;rtsgerichteten Flusses</em> empfunden und Historie als eine logische Aneinanderreihung von Ereignissen interpretiert.</p>
<p>Der historische Siegeszug des Geldes, sein Aufstieg zur alleinigen gesellschaftlichen Syntheseform ist ohne die beschriebene Entstehung der »Zeit« gar nicht denkbar. Geld, verdinglichte »Zeit«, ist nun selbst zum Ma&#223;stab der »Zeit« geworden und »Zeit« daher kostbar wie Geld. Die Volksmundweisheit »Zeit ist Geld« bringt diese Identit&#228;t auf den Punkt. Jeder Augenblick, der ohne Gelderwerb verstreicht und nichts einbringt, gilt potentiell als vergeudete »Zeit« oder Geldverschwendung. Je kostbarer die »Zeit«, desto hektischer geb&#228;rdet sich das Subjekt: im Stra&#223;enverkehr mutiert es zur rasenden Wildsau, die auf der Betonpiste um jede Hundertstelsekunde Vorsprung k&#228;mpft, als ginge es um olympisches Gold. Man nimmt selbst noch den eigenen Tod in Kauf, um f&#252;nf Minuten fr&#252;her am Ziel zu sein, und das Essen wird in einer Geschwindigkeit heruntergeschlungen, die selbst gefr&#228;&#223;ige Haie vor Neid erblassen l&#228;&#223;t. Alles mu&#223; schnell gehen: »Zeitsparen« scheint Volkssport Nummer eins zu sein, und die Uhr d&#252;rfte die K&#246;rperzierde sein, die &#252;blicherweise zu allerletzt abgelegt wird &#8211; wenn &#252;berhaupt. F&#252;r die Produktion gibt es nur eine Maxime: schneller und mehr. Aber der rasende Takt der Industrie fegt selbst durch die letzten Winkel der Wohnstuben. Auch diejenigen, die sich mangels Erwerbsarbeit nicht mehr ausbeuten lassen d&#252;rfen, k&#246;nnen sich nicht gem&#228;chlich zur&#252;cklehnen und diesen Zustand ein Weilchen genie&#223;en. Den industriellen »Zeitsinn« haben sie vollkommen verinnerlicht &#8211; die Hektik im Alltag bleibt. Gleichzeitig macht das fehlende Geld die h&#228;usliche Reproduktion »zeitaufwendiger«. Und ist einmal gar nichts zu tun, dann wird die Seele krank, weil K&#246;rper und Geist keine gesellschaftlich anerkannte Arbeitsleistung vollbringen. So oder so, der »Zeitstre&#223;« holt alle ein.</p>
<p>Der heutige »Zeitsinn« wurzelt in einer anerzogenen »Zeit&#246;konomie«, die sowohl Ausdruck wie Resultat der »Arbeitszeitabstraktion« und damit ein Spiegelbild der industriellen Produktions- und Umlaufgeschwindigkeit ist. Ein Leben in »kreativem M&#252;&#223;iggang« (Robert Kurz) l&#228;&#223;t sich daher nur erreichen, wenn der Warentausch und mit ihm Geld, Arbeit und Kapital endlich das »Zeitliche« segnen. Erst dann k&#246;nnten die Menschen ihre Reproduktionszusammenh&#228;nge bewu&#223;t gestalten und ihren Lebensrhythmus dem Takt selbstbestimmter T&#228;tigkeiten anpassen. Dieser innere Zusammenhang l&#228;&#223;t sich aber auch andersherum fassen. Der Abschied von der Warenform beinhaltet notwendig die Aufhebung des von der Moderne geschaffenen »Zeitbezugs«. Der Aufstand gegen die Warenform ist immer auch schon Aufstand gegen die herrschende »Zeit«diktatur.</p>
<p><strong>4. Die »zeitraubenden« Umwege der Marktwirtschaft</strong></p>
<p>Die bisherige Darstellung des logischen und historischen Zusammenhangs von »Zeit«, Geld und Arbeit hat noch nicht erkl&#228;rt, warum die Menschen trotz der modernen »zeitsparenden« Produktionsmittel immer mehr arbeiten, und sich sogar noch in der »Freizeitsph&#228;re« ununterbrochen mit unangenehmen Dingen abplagen m&#252;ssen. Deshalb will ich nun die verschlungenen Pfade unter die Lupe nehmen, auf denen die Waren zum Verbraucher wandern. Dabei wird deutlich, welchen horrenden »Zeitaufwand« die monet&#228;re Vermittlung produziert. Die Marktwirtschaft, die von ihren Apologeten ob ihrer Effektivit&#228;t ger&#252;hmt wird, entpuppt sich aus dieser Perspektive als die »zeitaufwendigste« Produktionsweise, die es jemals gab. Die Marktwirtschaft hat den rationellen Umgang mit der »Zeit« offenbar nur entwickelt, um die freigesetzte »Zeit« zu vernichten.</p>
<p><a name="q26"></a>Vor einigen Jahren begannen einige kritische WissenschaftlerInnen aus dem &#246;kologischen Spektrum mit der Untersuchung der langen umweltzerst&#246;renden Umwege, die G&#252;ter in Produktion und Distribution durchwandern, bevor sie endlich beim Endverbraucher anlangen. Dabei kam so manche Kuriosit&#228;t ans Tageslicht. Vor allem die Geschichte »Ein Joghurt geht auf Reisen« machte eine zeitlang Furore. Gest&#252;tzt auf eine Studie von Stefanie B&#246;ge konfrontierten mehrere Zeitungsredaktionen ihre werte Leserschaft mit der Tatsache, da&#223; selbst in die Herstellung eines solch simplen und harmlosen Produkts wie eines Fruchtjoghurts sage und schreibe 7.587 LKW-Kilometer eingehen, bis es endlich im K&#252;hlregal eines Supermarktes landet .(<a href="#26">26</a>) Im Anschlu&#223; daran tauchten immer wieder weitere Artikel auf, die die f&#252;r die herrschenden Produktions- und Verteilungsbeziehungen charakteristische aberwitzige Hyperzentralisierung und die damit verbundene enorme Verschleuderung von nat&#252;rlichen Ressourcen und menschlicher Lebensenergie exemplarisch aufs Korn nahmen.</p>
<p><a name="q27"></a><a name="q28"></a>Ein mehrfach kolportiertes Beispiel, das recht drastisch beleuchtet, wie wenig betriebswirtschaftliche Rationalit&#228;t und Kostenminimierung mit gesellschaftlicher Vernunft und Sparsamkeit zu tun haben, ist die Herstellung von Orangensaft. Im Durchschnitt konsumiert der durstige Bundesdeutsche 21 Liter Orangensaftgetr&#228;nk pro Jahr, nicht gerade wenig, wenn man bedenkt, da&#223; die gesch&#228;tzte Frucht nicht in unseren Breitengraden gedeiht. 80 Prozent der f&#252;r die Saftherstellung notwendigen Orangen stammen aus Brasilien. 12.000 km legen sie auf ihrem Weg zum Konsumenten zur&#252;ck. Au&#223;erdem wird bei der Erzeugung von einem Liter O-Saft die 22fache Menge an Wasser verbraucht. Damit liegt der Orangensaft aus brasilianischem Anbau aber im Vergleich zu amerikanischem Saft noch sehr g&#252;nstig. In den Vereinigten Staaten, wo die Orangenplantagen k&#252;nstlich bew&#228;ssert werden m&#252;ssen, entfallen auf einen Liter des begehrten Getr&#228;nks 1.000 Liter Wasser und 2 Liter Treibstoff.(<a href="#27">27</a>) Ein noch viel dramatischeres Bild bietet sich nat&#252;rlich bei der Produktion komplexer industrieller G&#252;ter. Rohstoffe und Teile des Volkswagens etwa stammen aus allen Kontinenten und legen dabei abertausende von Kilometern zur&#252;ck. Wie die verzweigten und verzwickten Wege der elektronischen und mechanischen Einzelteile f&#252;r die 55.000 Produkte des Siemens-Imperiums verlaufen, k&#246;nnen nicht einmal mehr die eigenen Manager angeben.(<a href="#28">28</a>) Kreuz und quer &#252;ber den gesamten Globus werden Millionen Tonnen von G&#252;tern »kosteng&#252;nstig« hin und her bugsiert. &#196;hnliche oder gleiche Produkte wandern in alle Himmelsrichtungen bei enormem »Zeitaufwand« nicht selten mehrmals aneinander vorbei und verpesten dabei die Luft, verzehren Energie und rauben zahlreichen Menschen die Nerven. Es er&#252;brigt sich, die &#246;kologischen Folgesch&#228;den, die als »Nebenprodukt« bei einer solchen Herstellungs- und Verteilungsweise anfallen, hier im einzelnen auszubreiten.</p>
<p><a name="q29"></a><a name="q30"></a><a name="q31"></a>Einer der exponiertesten Kritiker dieser Art »&#246;konomischer Vernunft«, Winfried Wolf, beschr&#228;nkt sich nicht darauf, den grotesken Transportaufwand zu kritisieren, der mit dem laufenden Globalisierungsproze&#223; immer aberwitzigere Formen annimmt. Er weist darauf hin, »da&#223; weit &#252;ber 50 Prozent der Produkte und Dienstleistungen, die im hochindustrialisierten Kapitalismus hergestellt werden, unsinnig und destruktiv sind, was durchaus von einem gro&#223;en Teil der Bev&#246;lkerung auch so gesehen wird.«(<a href="#29">29</a>) W&#252;rde die Erzeugung von G&#252;tern und Dienstleistungen &#246;kologisch sinnvoll gestaltet und von destruktiven Elementen befreit, dann w&#228;re »ausreichend Spielraum f&#252;r die Verteilung sinnvoller, gesellschaftlich notwendiger (Haus-, B&#252;ro-, Fabrik-, Land-, usw.) Arbeit« vorhanden, und dennoch w&#228;re gleichzeitig eine bedeutsame Reduzierung der »Arbeitszeit« pro Kopf m&#246;glich.(<a href="#30">30</a>) Gegen den h&#228;ufig angef&#252;hrten Einwand, solch eine »Traumt&#228;nzerei« w&#228;re aus Kostengr&#252;nden nicht finanzierbar und damit unrealisierbar, f&#252;hrt Wolf die Folgelasten der Elendsverwaltung (Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe etc.) ins Feld. Ohne diese Ausgaben und mit Hilfe einer Umverteilung des angesparten Verm&#246;gens von 3 Billionen DM allein in der Bundesrepublik k&#246;nne einiges erreicht werden, meint er. So bemerkenswert und konsequent Wolfs Kritik an zentralen Momenten der konsumistischen Lebensweise, der Ressourcenverschwendung und der &#246;kologischen Zerst&#246;rung ist, so entwerten doch leider seine Illusionen &#252;ber die M&#246;glichkeiten von Marktregulation dieses Verdienst.(<a href="#31">31</a>) Seine Position ist gerade in dieser Hinsicht aber repr&#228;sentativ f&#252;r nahezu das gesamte etablierte Spektrum »altemativer Wirtschaftspolitik«, die so verzweifelt wie erfolglos sich darum bem&#252;ht, kapitalistische &#214;konomie und &#214;kologie irgendwie in Einklang zu bringen.</p>
<p><a name="q32"></a>Andere Autoren, die ihre Kritik aus anarchistischen und kleinb&#252;rgerlich-revolution&#228;ren Quellen beziehen und sich bei Rousseau, Bakunin oder Gesell anlehnen, preschen mit ihrer Kritik scheinbar ein ganzes St&#252;ck weiter vor. Sie begn&#252;gen sich nicht mit monet&#228;ren Umverteilungsphantasien, sondern kratzen &#8211; zumindest auf den ersten Blick &#8211; am Glanz des Geldes. Die ganz Waghalsigen postulieren sogar dessen Abschaffung, in der Hoffnung, so die &#246;konomischen Krisen l&#246;sen zu k&#246;nnen. Dabei erkennen sie das Geld indes nicht als den notwendigen Ausdruck allgemeiner Tauschverh&#228;ltnisse, sondern halten es f&#252;r eine eigenst&#228;ndige Instanz, die sich beliebig beseitigen lie&#223;e oder deren Charakter man einfach uminterpretieren k&#246;nne. Dementsprechend verfallen sie keineswegs auf die Idee, an den Tauschverh&#228;ltnissen selbst zu r&#252;tteln. Im Gegenteil, diese gelten ihnen als das nat&#252;rliche Prinzip gesellschaftlicher Beziehungen. Selbst wenn sie sich das Geld wegdenken, der tiefersitzende Tauschwertfetisch h&#228;lt ihr Bewu&#223;tsein gefangen. Deshalb k&#246;nnen auch sie sich eine selbstbestimmte Produktion und Verteilung von G&#252;tern ohne Tausch und ohne Leistungskriterien schlechterdings nicht vorstellen und f&#252;hren das abstrakte Vermittlungsmedium Geld, oft ohne sich dessen &#252;berhaupt so recht gewahr zu werden, in anderem Gewand wieder ein. »Naturaltausch«, »Schwundgeld«, »Leistungsvergleiche«, »LET Systeme«, »Stundenzettel« etc. sollen an die Stelle monet&#228;rer Verrechnung treten und deren sch&#228;dliche Auswirkungen tilgen.(<a href="#32">32</a>)</p>
<p>N&#228;her besehen machen diese Konzepte allesamt den Eindruck, als solle zwar das Ei beseitigt, die Henne jedoch nicht geschlachtet werden. Gerade das entscheidende gesellschaftliche Problem wird n&#228;mlich ausgeblendet: Schon die Reduktion des Konkreten und Besonderen auf vergleichbare und quantifizierbare »Zeiteinheiten« degradiert gesellschaftliche N&#252;tzlichkeit und Vertr&#228;glichkeit von Produkten qua Prinzip zur Nebensache, die keine systemische Ber&#252;cksichtigung finden kann. Die Geldlogik ist nur die Erscheinungsform dieses basalen Verh&#228;ltnisses. Dieses Grundproblem wiederholt sich auf der Ebene der sozialen Beziehungen, und auch hier bleiben diese Taschenspieler jede Antwort schuldig. Mit dem Warentausch ist bereits die Trennung der Produzenten, der Zwang zu <em>individueller Reproduktion</em> sowie die prinzipielle Gleichg&#252;ltigkeit der Individuen gegeneinander gesetzt. Wenn sich jemand des Anderen erbarmt, sich mit Mittellosen solidarisiert oder etwas spendet, bleibt das unter dem Regiment des Tausches eine rein individuelle, ethisch-moralisch motivierte Tat.</p>
<p>Auch die Kirchen, die ihre Existenzberechtigung nun einmal von der g&#246;ttlichen Moral und der Ethik und nicht vom Markt beziehen, kommen angesichts der Doppelmisere von Arbeitsgesellschaft und Wohlfahrtsstaat nicht umhin, sich mit den Ursachen der sozial verheerenden weltlichen Lebenspraxis auseinanderzusetzen. Einige ihrer frommen Glieder haben die Geldkritik f&#252;r sich entdeckt. Die klerikal unterf&#252;tterte Polemik gegen die Herrschaft des Geldes klingt zun&#228;chst ganz forsch, ja bisweilen ketzerisch und fast revolution&#228;r. Letztendlich landet sie indes doch wieder beim »guten« und »gerechten Geld«, bei einer Vorstellung also, die andere Schwestern und Br&#252;der vor wenigen Jahren zur Gr&#252;ndung einer eigenen Bank bewogen hat.</p>
<p><a name="q33"></a>Die christliche Gelddebatte bringt recht kuriose Stilbl&#252;ten hervor. Da es mir nur um den Gesamttenor dieser Pseudokritik geht, gen&#252;gt an dieser Stelle ein charakteristisches Exempel, das wir dem Domkapitular Wolfgang Sauer verdanken: »Nun ist freilich das &gt;Gut Geld&lt;, das ich hier unbeschwert und positiv beschreibe, immer in H&#228;nden von Menschen, die aus der in sich neutralen Ware Geld gleichsam &gt;durch Ansteckung&lt; immer auch etwas Fragw&#252;rdiges oder gar Gef&#228;hrliches machen k&#246;nnen, neben all den Segnungen, die durch Geld und Reichtum in die Welt geflossen sind und flie&#223;en«, so dieser tapfere, mit den Schw&#228;chen der menschlichen Seele vertraute Christ in seinem Artikel »Unser Umgang mit Geld &#8211; Ein Ansto&#223; zum Nachdenken.«(<a href="#33">33</a>) Diese Wendung kann nicht &#252;berraschen. Solange die Struktur selbst nicht ins Visier der Kritik genommen wird, m&#252;ndet das Beklagen von Oberfl&#228;chenph&#228;nomenen fast zwangsl&#228;ufig entweder in illusorische links-etatistische Umverteilungsmodellen oder in rechtskonservative Appelle an die Moral.</p>
<p><a name="q34"></a><a name="q35"></a>Auch k&#246;nnen die systembedingten Irrationalit&#228;ten im Kreislauf der kapitalistischen Produktion und Distribution nur sehr unzureichend erfa&#223;t werden, wenn die Warenform nicht selbst in Frage gestellt wird. Wer den virtuellen Standpunkt einer Re-Produktionsform bezieht (<a href="#34">34</a>) die auf selbstbestimmte Bed&#252;rfnisbefriedigung(<a href="#35">35</a>) ausgerichtet ist und geb&#252;hrend R&#252;cksicht auf die &#246;kologischen Lebensgrundlagen nimmt, f&#252;r den oder die stellt sich der gr&#246;&#223;te Teil aller im Kapitalismus verrichteten Arbeiten als gigantomanische »Zeitverschwendung« dar, gegen die sich die von &#214;kologen und Pseudo-Geldver&#228;chtern kritisierten Transportwege wie kurzweilige Spazierg&#228;nge ausnehmen. In dieser Gesellschaft existieren zahllose Arbeitsbereiche, die einzig und allein der Reproduktion der Warenform und somit dem blo&#223;en Systemerhalt geschuldet sind. Diese »Zeitverschwendung« kann aber nur thematisiert werden, wenn die Warenform selbst ins Visier der Kritik ger&#252;ckt wird und nicht durch die ideologische Hintert&#252;r gerettet werden soll.</p>
<p><strong>4.1 Die in der blo&#223;en Geldverwaltung gebundene Lebenszeit</strong></p>
<p>Tauschen bedeutet zun&#228;chst einmal Kaufen und Verkaufen. Vorderhand springt denn auch die Existenz eines umf&#228;nglichen Bereichs ins Auge, der diese milliardenfachen Transaktionen erm&#246;glicht, also die Sph&#228;re des Handels: Menschen besch&#228;ftigen sich den ganzen lieben Tag lang mit dem Verkauf von Produkten und Dienstleistungen. Sie fahren oder laufen durch die Gegend, um anderen Kosmetika, Staubsauger und Computer anzudrehen; sie stehen in L&#228;den, Markthallen und Kaufh&#228;usern vor und hinter aufget&#252;rmten Warenbergen herum oder kauern vor auf verpesteten Gehsteigen ausgebreiteten T&#252;chern; sie h&#228;ngen in schicken B&#252;ros an Telefon, Fax und PC, akquirieren und schlie&#223;en Vertr&#228;ge ab; sie sitzen an Flie&#223;bandkassen oder quetschen sich durch verqualmte Kneipen, um eine Rose loszuwerden. Verk&#228;ufer verkaufen an Wiederverk&#228;ufer, die zum Wiederverkauf an andere Wiederverk&#228;ufer weiterverkaufen etc. pp. Wo verkauft wird, wird gekauft. Wiederum Abermillionen Menschen sitzen in speziellen Abteilungen und kaufen f&#252;r ihre Produktions- und Dienstleistungsbetriebe Rohstoffe, Halbfabrikate, Maschinen, Waren und Arbeitskr&#228;fte ein. Zahllose Stunden vergehen im Stau, im Kaufhaus, beim Schlangestehen, in Auto, Bus und Bahn, damit die Endverbraucher ihre notwendigen Konsumg&#252;ter ergattern und ihre Schn&#228;ppchen machen k&#246;nnen.</p>
<p>Das die Tauschakte vermittelnde Geld mu&#223; in seinen unterschiedliche Existenzweisen stets aufs Neue geschaffen, vermittelt und abgesichert werden. Ob Bargeld, Schecks, Kreditkarten, schriftliche oder elektronische &#220;berweisungen, alle monet&#228;ren Transaktionen ziehen einen gewaltigen Rattenschwanz an Aktivit&#228;ten nach sich und damit einen »Zeitaufwand«, der ohne weiteres mit dem der Verkaufssph&#228;re konkurrieren kann. Da haben wir zun&#228;chst die materielle Herstellung von Bargeld, Schecks, &#220;berweisungsformularen und Wertpapieren; des weiteren die (Mensch und Natur vergiftende) F&#246;rderung von Gold- und Silbererz, dessen Verarbeitung, den weltumspannenden Transport und die Einlagerung zur Geldwertsicherung. Der weitaus gr&#246;&#223;te »Zeitaufwand« f&#228;llt mit der Buchgeldsch&#246;pfung und der Abwicklung des Geldverkehrs an. Hierzu bedarf es unz&#228;hligen Personals, das an Schaltern, Computern und Schreibtischen in den zahlreichen Banken und Kreditinstituten sein Leben fristet. Geld ist Eigentum und steht daher niemandem per se und schon gar nicht in beliebiger Menge zu. Es mu&#223; daher vor unbefugtem Zugriff gesch&#252;tzt werden. Vom Bankangestellten und dem Nachtw&#228;chter, dem Polizeibeamten und dem Computerspezialisten bis zum finster dreinblickenden »Schwarzen Sheriff« widmen sich zahllose Besch&#228;ftigte tagaus, tagein einzig und allein dem Schutz des Mammons.</p>
<p>Eigentum und Habgier, Armut und Reichtum fordern zu Streit und Diebstahl heraus. Richter und Anw&#228;lte schlichten, richten und lassen in Gef&#228;ngnissen s&#252;hnen, deren Erhaltung, nebenbei bemerkt, ebenfalls mit gro&#223;em personellen wie finanziellen Aufwand verbunden ist.</p>
<p>Aufbewahrtes Geld kann sich, bei etwas Phantasie, auf wundersame Weise »vermehren«: Hunderttausende Banker, Broker, Spekulanten, Gro&#223;- und Kleinanleger und viele viele andere Gl&#252;cksritter widmen sich weltweit dieser heiligen Mission.</p>
<p>Wo sich Banker tummeln, da sind auch Versicherungshaie nicht weit. Ihre Existenz verdanken sie der speziellen Manier der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, jeden Schaden, sei er ideeller, Bach- oder personenbezogener Art, in Geldquanta auszudr&#252;cken. Gef&#252;hle, Gedanken und K&#246;rper bilden ein Puzzle aus addierbaren Wertgr&#246;&#223;en, die sich u. a. durch die H&#246;he des zu leistenden Tributs und die quantifizierten Auswirkungen eventueller Schadensf&#228;lle bestimmen. Raquel Welchs Busen macht 10 Mio. Dollar, mein Daumen vermutlich 5.000 DM und der Kopf des Obdachlosen null Komma nix. Versicherungen verwalten nicht nur Geld, sie senden auch tausendfach Hausierer in die Lande, die die Leute nachdr&#252;cklich auf ihre bedrohlichen Lebensumst&#228;nde aufmerksam machen. Die allgemeine Absicherung und Kontrolle des in Geldeinheiten abstraktifizierten und quantifizierten Eigentums der B&#252;rger erfordert eine ununterbrochene Z&#228;hlung, Abrechnung, Kontrolle und Buchung in allen &#246;konomischen Bereichen und Sph&#228;ren. Heerscharen von Berufst&#228;tigen bev&#246;lkern B&#252;ros, kaufm&#228;nnische Abteilungen und Controllingfirmen, um sich diesen ehrenwerten Arbeiten partiell oder mit ihrer gesamten Arbeitskraft zu verschreiben. Selbst beim kleinsten Handwerksbetrieb f&#228;llt eine stetig wachsende Masse an steuertechnischen und kaufm&#228;nnischen T&#228;tigkeiten an, die zur eigentlichen Dienstleistung gar nichts beitragen.</p>
<p>Die Warengesellschaft bedarf zu ihrer Reproduktion und Absicherung einer besonderen staatlichen Sph&#228;re. Dieser Sektor kann sich selber aber nur reproduzieren, indem er sich best&#228;ndig Finanzmittel verschafft, d.h. das Finanzgebaren der B&#252;rger &#252;berwacht und eine begrenzte Umverteilung von Geldwerten organisiert. All das ist aber ebenfalls wiederum mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden. Weltweit m&#252;ssen Hunderttausende von Finanzbeamten Daten &#252;berpr&#252;fen, nehmen R&#252;ckzahlungen vor, mahnen Nachzahlungen an und leiten Gelder an die Staatskasse weiter, die dort von einem enormen Stab an Sachkundigen und weniger Sachkundigen auf allen Ebenen verwaltet, verteilt und verplempert werden m&#252;ssen. Nicht jeder hat es gern, wenn Big Brother gierig auf seine Geldb&#246;rse schielt. Zum Schutz davor gibt es Steuerberater, Steueranw&#228;lte, Geldw&#228;scher, Fluchtgeldvermittler, Anlageberater und andere ehrenwerte Gestalten, die stets in ausreichender Zahl f&#252;r solche F&#228;lle zur Verf&#252;gung stehen. Die Hobby- und Berufspolitiker f&#252;llen den &#252;berwiegenden Teil ihrer »Zeit« mit &#220;berlegungen, Beratungen und Abstimmungen &#252;ber Geldverteilungskriterien sowie &#252;ber deren rechtliche und praktische Umsetzung aus. Sie widmen sich der intensiven Kontaktpflege zwecks Geldakquise, was sie mitunter zwingt, ausgedehnte Dienst- und Amigoreisen &#252;ber sich ergehen zu lassen.</p>
<p>Nahezu jede &#246;ffentliche und private Dienstleistung fordert ihren Preis. Bei der Post verbringen die Bediensten weniger als die H&#228;lfte ihrer »Arbeitszeit« mit T&#228;tigkeiten wie dem blo&#223;en Brief- und Paketumschlag und der dazu notwendigen Planung und Logistik. Vielmehr ist der Gro&#223;teil der Belegschaft mit einfallsreicher Geb&#252;hreneintreiberei, vom Briefmarkenverkauf bis zur Ausleihe von Frankiermaschinen und der Verwaltung und Abrechnung der Einnahmen, besch&#228;ftigt.</p>
<p>Selbst der Einsatz &#246;ffentlicher Verkehrsmittel verlangt nach einer gro&#223;en Schar von Fahrkartenverk&#228;ufern, Fahrkartenautomatenaufstellern und Kontrolleuren. Sogar manch Bus- oder Bahnfahrerln mu&#223; noch so nebenbei als Kassiererin fungieren. Die Deutsche Bahn AG begl&#252;ckt neuerdings jeden einzelnen Unternehmensbereich mit einer eigenen gigantischen kaufm&#228;nnischen Verwaltung.</p>
<p><strong>4.2 Stoffliche Reichtumsverschwendung in der Distribution und Zirkulation</strong></p>
<p>Auch die Produktionssph&#228;re, die vielen Gesellschaftskritikerinnen traditionell als die gute, bodenst&#228;ndige Seite der Marktwirtschaft erscheint, ist in diesen blo&#223; systemerhaltenden Kreislauf der Verschwendung menschlicher Lebensenergie und -zeit direkt eingebunden. Denn die Verteilung der Dienstleistungs- und Warenflut nach den Prinzipien der Warenform nimmt einen enormen Teil des Produktions- und Logistikaggregats in Anspruch. Dies erstens, weil ein gro&#223;er Teil der &#220;berkomplexit&#228;t und des stofflichen Aufwands in den Produktionskreisl&#228;ufen, wie oben am Beispiel des Joghurts und des Orangensafts illustriert, einzig und allein auf das Prinzip der betriebswirtschaftlichen Rentabilit&#228;t zur&#252;ckgeht. Zweitens aber nimmt auch die Verkaufs- und Verwaltungssph&#228;re einen gro&#223;en Teil der gesellschaftlichen Produktion direkt in Anspruch. Dies beginnt mit den notwendigen Geb&#228;uden, vom Wolkenkratzer &#252;ber die Kaufhalle bis zur Pommesbude, die erst einmal gebaut sein wollen.</p>
<p>Ein Blick auf Innenst&#228;dte und Gewerbegebiete l&#228;&#223;t ahnen, welche umbauten Fl&#228;chen ausschlie&#223;lich diesem Zweck geopfert werden, w&#228;hrend Wohnraum beengt und chronisch knapp bleibt. Die Subsumtion der gesellschaftlichen Reproduktion unter die Warenform macht eine un&#252;bersehbare, allein an diesen Zweck gebundene Infrastruktur notwendig: Verkaufs- und Transportfahrzeuge, Gesch&#228;ftswagen; Regale, Lager, Gefriertruhen, Dekorationen; Registrierkassen und Geldkassetten; Pappe, Papier, Farben und Tinten f&#252;r Werbebl&#228;tter, Vertr&#228;ge, Rechnungen, Kassenbons und Verkaufsverpackungen in gigantischen Mengen; Computer, Handies, Faxger&#228;te, M&#246;bel, Kopierer, Bleistiftspitzer und tausende andere Gegenst&#228;nde mehr.</p>
<p>Gesch&#228;ftemachen verlangt Pr&#228;sentation und Repr&#228;sentation. Textil-, Schmuck- und Lederindustrie halten hierf&#252;r unersch&#246;pfliche Varianten von Bekleidung und sonstige Accessoires bereit. Die Geldverwahrung, Geldvermehrung, Geld- und Eigentumssicherung erfordert Bankgeb&#228;ude, B&#246;rsenlokale, B&#252;ror&#228;ume ohne Ende; sie setzt Keller, Bunker, Tresen, Rechner, Safes, Sicherungsanlagen, Kassetten, &#220;berwachungskameras, Riegel, Panzerglas, zahllose kleine und gro&#223;e T&#252;ren, Schl&#246;sser sowie Sparschweinchen f&#252;r die Kleinen voraus.</p>
<p><a name="q36"></a>Auch mittelbar beeinflu&#223;t die Geldlogik den Produktionsaufwand. Unaufhaltsam hat sie alle alten Gemeinschaftsformen gesprengt und eine auf sich selbst zur&#252;ckgeworfene Geldmonade zur&#252;ckgelassen. Kleinfamilien- und Singledasein haben die Re-Produktion und die Konsumgewohnheiten gr&#252;ndlich ver&#228;ndert. Die Versorgung der Kleinhaushalte mit Individual- oder Familienportionen potenziert die Verpackungsflut und macht besondere Produktionsanlagen zur Abf&#252;llung von Minimalmengen in Flaschen, Dosen, Becher usw. notwendig. Der Rohstoffverbrauch schnellt dabei, trotz Recycling, unabl&#228;ssig in die H&#246;he. Jeder Haushalt verf&#252;gt &#252;ber eine eigene gar nicht so kleine »Mini-Infrastruktur«, vom Herd &#252;ber den K&#252;hlschrank bis zur Waschmaschine. Individuelle Mobilit&#228;t verlangt nach individuellen Verkehrsmitteln und getrenntes Wohnen nach entsprechend gestaltetem Wohnraum.(<a href="#36">36</a>)</p>
<p>Selbst bei intensivster empirischer Forschung d&#252;rfte es schwierig sein, den f&#252;r die Warenzirkulation und Wertrealisation verausgabten »Zeitanteil« in der Produktionssph&#228;re exakt zu ermitteln, da sich oftmals nicht genau erkennen l&#228;&#223;t, welcher Bestimmung die eine oder andere Arbeit oder dieser oder jener Rohstoff zugef&#252;hrt wird. <em>Nach meiner Sch&#228;tzung k&#246;nnte der Anteil bei ungef&#228;hr 60 Prozent liegen</em>. Schlie&#223;t man au&#223;erdem noch die Produktion destruktiver G&#252;ter, vom Panzer bis zum Atomkraftwerk, in diese Rechnung ein, dann <em>d&#252;rfte der nicht monet&#228;r bedingte, auf die tats&#228;chliche Reichtumsproduktion entfallende Anteil an der derzeit verausgabten gesellschaftlichen »Arbeitszeit« auf 25 bis 30 Prozent zusammenschnurren</em>.</p>
<p><strong>4.3 Tauschen mu&#223; gelernt sein</strong></p>
<p>Diese noch vorsichtige Sch&#228;tzung deckt die formbedingte gesellschaftliche »Zeitverschwendung« noch immer nicht v&#246;llig ab. Damit all die anfallenden Arbeiten in Produktion, Verwaltung und Distribution auch entsprechend qualifiziert geplant und ausgef&#252;hrt werden k&#246;nnen, bedarf es zus&#228;tzlich auch noch ganzer Legionen von Lehrern, Dozenten, Professoren, Unterweisern und anderer Spezialisten, die sich den entsprechenden Aus- und Fortbildungen hauptberuflich widmen. Wenn wir das mitber&#252;cksichtigen, dann l&#228;&#223;t sich beim besten Willen nicht mehr ausrechnen, wieviel gesellschaftliche Arbeit ausschlie&#223;lich der monet&#228;ren Grundlage entstammt oder ihrem Erhalt dient.</p>
<p><a name="q37"></a>Aber nicht nur die Sph&#228;re der Erwerbst&#228;tigkeit ist von der Wert- und Warenform durchsetzt. Auch die Privatsph&#228;re entkommt ihr nicht. Bis das Tauschprinzip »&#196;quivalent gegen &#196;quivalent« Bewu&#223;tsein und Unterbewu&#223;tsein durchdrungen hat und die intimsten Regungen steuert, mu&#223; enorm viel »Zeit« investiert werden. Wieviel Stunden mit Kampf und Krampf ins Land gehen, wieviel Tr&#228;nen flie&#223;en, bis Kinder auf das Geld zugerichtet sind und endlich »verstehen«, da&#223; eine Puppe keine Puppe, sondern nur ein Wertding von 29,99 DM ist, k&#246;nnen die geneigten Leserinnen und Leser genauso gut wie ich beurteilen. Wieviel »Erziehungsarbeit« wird geleistet, bis im Restaurant der Teller leergegessen wird, selbst wenn der Bauch schon platzt, weil die Pizza eben keine Pizza, sondern ein entgoltener Wert von 12,50 DM »ist«? Verschenkt wird nichts! Jahre gehen ins Land, bis der Z&#246;gling einsieht, da&#223; ihm Gebrauchsdinge nicht einfach zustehen, sondern einen Preis haben. Welche Zurichtung ist erforderlich, bis ein Mensch vor der gef&#252;llten Schaufensterauslage verhungert, anstatt sich zu nehmen, was er zum Leben braucht? Wieviel »Zeit« verstreicht, bis man Gef&#252;hle »investiert« und nur gegen entsprechende &#196;quivalente eintauscht? Man braucht nur einen Augenblick dar&#252;ber nachzudenken, wieviel Gespr&#228;che und Auseinandersetzungen sich im Leben um Geld und Preise drehen, um zu erahnen, in welchem fetischhaften Bann wir stehen.</p>
<p>Angesichts der schwindenden Wertmassen, bedingt durch den sinkenden Einsatz lebendiger Arbeit, versch&#228;rft sich der Konkurrenzkampf um die noch erzeugten Wertanteile auf allen Ebenen. Immer mehr Menschen halten den m&#246;rderischen Existenzkampf nicht mehr durch und werden zeitweilig oder definitiv vom legalen Gelderwerb ausgeschlossen. Gedanken &#252;ber andere Geldbeschaffungsma&#223;nahmen dr&#228;ngen sich dann immer mehr in den Vordergrund und beanspruchen entsprechende »Zeit«. Der Zwang zur Marktbehauptung befl&#252;gelt die Phantasie. Alles mu&#223; in die Geldform hinein. Keine menschliche und nat&#252;rliche Lebens&#228;u&#223;erung entkommt ihrer Hinrichtung auf die Marktf&#228;higkeit: Menschen werden vermietet oder als Sklaven verkauft, als »Ersatzteillager« gehalten und bei Bedarf zur Operation frisch auf den Tisch serviert. Nur das st&#228;ndig sich distanzierende Bewu&#223;tsein eines b&#252;rgerlichen Individuums kann den Gedanken ertragen, im K&#246;rper das Herz eines eigens daf&#252;r entf&#252;hrten und geschlachteten Artgenossen zu tragen, wohl indem es sich suggeriert, man habe ja schlie&#223;lich selbst daf&#252;r »geblutet«. Momentan sind wir Zeugen einer »zeitintensiven« Marketingkampagne, die uns von den Vorteilen einer Patentierung menschlicher, tierischer und pflanzlicher Gene &#252;berzeugen m&#246;chte, mit dem Ziel, auch noch dem kleinsten DNS-Abschnitt einen Preisstempel aufdr&#252;cken zu d&#252;rfen und die Natur restlos in den »zeitverschlingenden« Rei&#223;wolf des Tauschwertkreislaufs hineinzupressen.(<a href="#37">37</a>)</p>
<p>Der Versuch, die vom Kapitalismus erzeugten Probleme systemimmanent zu »l&#246;sen«, regt eine schier unersch&#246;pfliche Phantasie an. Die durch all die Umwege erzeugte »Zeitknappheit« schreit geradezu nach einer Branche, die bei der individuellen »Zeitbew&#228;ltigung« behilflich ist. Kontaktb&#252;ros vermitteln PartnerInnen, die mangels »Freizeit« nicht selbst erobert werden k&#246;nnen. »Zeitseminare« lehren Managerinnen und Manager, das knapp gewordene Gut effizient und nutzenmaximiert zu verbrauchen. Fehlt die »Zeit« zum Kochen, kommt die Pizza in&#8217;s Haus, und die Planung f&#252;r die n&#228;chste Reise &#252;bernimmt notfalls eine Agentur. Wer trotz all dieser n&#252;tzlichen Hilfsleistungen immer noch nicht in der Lage ist, dem Stre&#223; zu entkommen und darob eines Tages zusammenklappt, braucht sich auch dann nicht zu sorgen (vorausgesetzt, er verf&#252;gt &#252;ber das n&#246;tige Kleingeld oder ist gut versichert): Kuren, Erholungsreisen, Solarien, Rekreationsfarms, Spezialkliniken, Yoga und Tantracenter sorgen f&#252;r eine kurze »Auszeit« und machen ihn wieder fit f&#252;r die Tretm&#252;hle.</p>
<p><em>Wenn man nun die gesamte »Zeit« zusammenfa&#223;t, die in allen Sph&#228;ren unmittelbar oder mittelbar dem goldenen Kalb der Warenproduktion und Tauschwirtschaft geopfert wird, kommt man sicher gut und gerne auf 80 Prozent.</em> Niemals zuvor hat sich der homo sapiens einen derartigen »Zeitaufwand« geleistet, um in den Genu&#223; der Resultate seiner Arbeit zu kommen, und niemals war er dabei so nahe an der v&#246;lligen Zerst&#246;rung seiner Psyche, Physis und nat&#252;rlichen Umgebung. Die Marktwirtschaft gleicht einer gigantischen »<em>Zeitraubmaschinerie</em>«, die von Arbeitsameisen in Schwung gehalten wird, deren Arbeits- und Leistungsstolz sich vor diesem Hintergrund als lebensgef&#228;hrliche Dummheit entpuppt. Wer sich zur Tauschwirtschaft bekennt, bekennt sich zu diesem monumentalen Wahnsinn, der seiner Logik nach nur im allgemeinen Exitus enden kann.</p>
<p><strong><a name="q38"></a>5. »Utopisches« zur &#220;berwindung von Tausch- und »Zeitdiktatur«</strong></p>
<p>Nach dem bis hierhin Ausgef&#252;hrten l&#228;&#223;t sich nun nachvollziehen, warum die Lebensgestaltung, trotz aller technologischer Errungenschaften, so »zeitaufwendig« und stre&#223;behaftet bleibt. Erst die Sprengung der Geldfessel k&#246;nnte eine g&#252;nstige Ausgangskonstellation f&#252;r die Gestaltung einer neuen Gesellschaft schaffen, in der das immense, von der Marktwirtschaft erzeugte, jedoch gleichzeitig gefangen gehaltene »Zeitpotential« »freigesetzt« und damit das Ende der »wirklich gewordenen Zeit« &#252;berhaupt eingel&#228;utet wird. Wenn der fetischistische Zwang entf&#228;llt, die Welt auf abstrakte Wert- und »Zeit«quanten zu reduzieren, dann richtet sich der Einsatz moderner Technologie nicht mehr automatisch gegen Mensch und Natur, und es besteht die M&#246;glichkeit, die Re-Produktion auf hohem Produktivkraftniveau nach bewu&#223;t bestimmtem Rhythmus zu gestalten.(<a href="#38">38</a>) Fortan k&#246;nnte sich die Gesellschaft in »kreativem M&#252;&#223;iggang« ihrer dringlichsten Aufgabe widmen: der Aufhebung der Arbeits- und Sph&#228;renteilung.</p>
<p><a name="q39"></a><a name="q40"></a>Die Verwertungsmaschinerie hat mit ihrem Siegeszug die produktiven Potenzen der Gesellschaft in den letzten Jahrhunderten immer mehr f&#252;r sich monopolisiert. Im gleichen Ma&#223;e wie mit der Verallgemeinerung der Warengesellschaft ein immer dichteres Geflecht von ausdifferenzierten Berufen und Sph&#228;ren entstand, wurden die einzelnen dazu verdammt, blo&#223;e Teilfunktionen zu erledigen. Auf diese Weise bildete sich ein gemessen an den gesamtgesellschaftlich akkumulierten F&#228;higkeiten und Kenntnissen vereinseitigter Menschentypus heraus, der nicht so ohne weiteres imstande w&#228;re, eine umfassende kollektive Planung und Organisation gesellschaftlicher Aufgaben zu bewerkstelligen. Andererseits m&#252;ssen bereits heute immer mehr flexibilisierte metropolitane Individuen zwangsl&#228;ufig wachsendes Wissen und weitergehende Kompetenzen erwerben, allein um ihre Arbeitskraft &#252;berhaupt noch verkaufen zu k&#246;nnen. Dies kumulierte Wissen sprengt oftmals den Rahmen beruflicher Erfordernisse und kann durchaus den Wunsch nach umfassenderer, kreativer und selbstverwirklichender T&#228;tigkeit wecken.</p>
<p>Eine direkt vernetzte moderne Gesellschaft kann ohne universell bef&#228;higte Menschen nicht auskommen. Andererseits b&#246;te eine Gesellschaft ohne die Praxis des Tausches erstmals die Chance, solch ganzheitliche Pers&#246;nlichkeiten hervorzubringen.(<a href="#39">39</a>) Schon im Kampf um die Abstreifung der Geldfessel werden die beteiligten Menschen Kooperation und gegenseitige ungehinderte Wissensvermittlung erlernen m&#252;ssen .(<a href="#40">40</a>) Die Geldwirtschaft verschwindet schlie&#223;lich nicht mit einem lauten Knall. Vermutlich entstehen w&#228;hrend eines zugespitzten Krisenverlaufs verschiedenste Notformen der gemeinschaftlichen Re-Produktion zur Sicherung des blanken &#220;berlebens. Sollte es gelingen, die Tausch&#246;konomie zu &#252;berwinden, ohne in eine neue moderne Barbarei abzugleiten, dann wird jedenfalls <em>die kontinuierliche Absprache &#252;ber die Gestaltung des Lebensalltags in all seinen Facetten zur vorrangigen menschlichen Aktivit&#228;t</em>. Was, wann, wie und zu welchem Zweck produziert werden soll und wie die Verteilung der G&#252;ter zu gestalten ist, mu&#223; dann best&#228;ndig allseitig gekl&#228;rt werden. Dies w&#252;rde einschlie&#223;en und voraussetzen, die abstrakte, von der Reproduktion abgekoppelte und in einer getrennten Lernsph&#228;re (Schule, Universit&#228;t) vollzogene Vermittlung von Wissen zugunsten einer an die immer vielf&#228;ltigere Gestaltung des Lebensalltags gekoppelten, ununterbrochenen Wissenserweiterung aufzuheben. Dabei ginge es beileibe nicht darum, lauter Individuen mit exakt gleichen Kenntnissen und F&#228;higkeiten heranzubilden, wie es dem platten Egalitarismus der meisten traditionellen Sozialismus- und Kommunismusvorstellungen enstpricht. Vielmehr <em>sollten sich erstmals wirklich die individuellen F&#228;higkeiten</em> uneingeschr&#228;nkt entfalten k&#246;nnen.</p>
<p><strong><a name="q41"></a><a name="q42"></a>6. Das Ende der »notwendigen« und der »disponiblen Zeit«</strong></p>
<p>Zu guter Letzt m&#246;chte ich noch auf ein schwieriges Problem zu sprechen kommen, das in den diversen Utopiedebatten einen wichtigen Platz eingenommen hat und, wie mir scheint, bis heute nicht befriedigend gekl&#228;rt ist. Es geht um die schon von Marx vorgenommene Trennung der gesellschaftlichen Re-Produktion in eine Sph&#228;re der »notwendigen« und eine der »disponiblen Zeit«. In der oben angedachten neuen Gesellschaft w&#252;rde sich diese Einteilung, die bis hin zu André Gorz so vielen Theoretikern Kopfzerbrechen bereitet hat, von selbst erledigen. Allgemein war und ist die Vorstellung verbreitet, in einer kommunistischen Gesellschaft m&#252;&#223;ten alle Menschen eine bestimmte, wenn auch nur noch geringf&#252;gige »Zeit« mit der handwerklichen, industriellen und landwirtschaftlichen G&#252;terherstellung verbringen. Die verbleibende »freie Zeit« k&#246;nne dann jedermann und jedefrau nach eigenem Gusto gestalten.(<a href="#41">41</a>) In der Regel liegt hier, seltsamerweise bis heute, eine recht vorsintflutliche Vorstellung von der Produktionssph&#228;re als einem Bereich vorwiegend manueller T&#228;tigkeiten vor (was bei Marx angesichts der Verh&#228;ltnisse im 19. Jahrhundert vielleicht noch verst&#228;ndlich war), w&#228;hrend das akkumulierte Wissen und die geistigen T&#228;tigkeiten als Produktivkraft ausgeklammert bleiben.</p>
<p>Genau dieses Moment bestimmt aber l&#228;ngst, selbst noch unter kapitalistischen Bedingungen, die modernen Produktionszusammenh&#228;nge. Das enorme geistige Potential, das ihnen <em>vorgelagert</em> ist und auch <em>w&#228;hrend</em> der Fabrikation ununterbrochen eingesetzt werden mu&#223;, kann offensichtlich nicht eindeutig den genannten Sph&#228;ren zugeteilt werden. Die Schaffung dieser geistigen F&#228;higkeiten erfordert immer l&#228;ngere Lernphasen im Leben der einzelnen. Heute umfa&#223;t die Schul- und Hochschulausbildung eine Periode von acht bis zwanzig, manchmal auch mehr Lebensjahren, in denen die geistigen Grundlagen sowohl f&#252;r die sp&#228;tere Arbeit in der Produktionssph&#228;re als auch f&#252;r die freie Bet&#228;tigung in der sogenannten »freien«, »disponiblen« oder »autonomen Zeit« gelegt werden. Dieser enorme »Zeitraum« l&#228;&#223;t sich in der Tat weder einer Sph&#228;re der »disponiblen« noch der »notwendigen Zeit« zurechnen. Zudem kann ein gro&#223;er Teil des erworbenen Wissens sp&#228;ter sowohl beruflich als auch au&#223;erberuflich eingesetzt werden. W&#228;hrend dieser ersten ausgedehnten Lernphase bewegt sich das Individuum in einer <em>dritten abgetrennten Sph&#228;re</em>, die sich als <em>Lernsph&#228;re</em> bezeichnen lie&#223;e. Weder ist es produktiv t&#228;tig, noch gestaltet es seine »Zeit« autonom.(<a href="#42">42</a>)</p>
<p><a name="q43"></a>Wer bereits in die Erwerbst&#228;tigkeit eingetreten ist, mu&#223; zunehmend freie »Zeit« f&#252;r eine Erweiterung seines Wissens nutzen. Diese Zusatzqualifikation l&#228;&#223;t sich genausowenig nur in einem Bereich anwenden wie das schulische Wissen. In der »Freizeit« angeeignete Computerkenntnisse k&#246;nnen ebenso zu »Hobby«-Zwecken, beispielsweise der Konstruktion eines Segelbootes, eingesetzt werden wie zur Herstellung von Werbeflugbl&#228;ttern f&#252;r die Vermarktung irgendeines Produkts. Eine in Abendkursen erlernte Sprache kann dem privaten Dialog mit fremdsprachigen Freunden, aber auch zu Verhandlungen mit ausl&#228;ndischen Gesch&#228;ftspartnern dienen. Der best&#228;ndige Lernproze&#223; und der Einsatz der geistigen Potenzen l&#228;&#223;t sich schon <em>heute nicht mehr sph&#228;renm&#228;&#223;ig zurechnen</em>. Wenn aber der heutige Zustand schon &#252;ber die an sich antiquierte Sph&#228;rentrennung hinaustreibt, dann w&#228;re es vollkommen unsinnig, sie ausgerechnet in einer postkapitalistischen Gesellschaft wieder restaurieren zu wollen, wie dies etwa bei Gorz recht deutlich aufscheint.(<a href="#43">43</a>) W&#252;rde sich in einer solchen Gesellschaft ein »frei assoziiertes Individuum« Gedanken &#252;ber die phantasievolle Gestaltung eines neuen Wohngeb&#228;udes machen, Entw&#252;rfe daf&#252;r zeichnen, sie seinen Mitmenschen vorlegen und gemeinsam diskutieren; sich sodann an der Planung und Ausf&#252;hrung beteiligen; sich anschlie&#223;end zur&#252;ckziehen, Musik h&#246;ren; dann ein Bild f&#252;r das neue Geb&#228;ude malen und auf der Einweihungsfeier vorrappen: bei welcher dieser T&#228;tigkeiten wurde »notwendige« &#8211; und bei welcher »fakultative Zeit« »verausgabt«? Was soll eine solche Zuordnung &#252;berhaupt bezwecken? Gewonnen w&#228;re damit gar nichts. Alles was gedacht und getan wurde, diente untrennbar sowohl der angenehmen, kreativen individuellen als auch der gesellschaftlichen Entfaltung und Reproduktion. Solche Zuordnungen machen nur f&#252;r ein b&#252;rgerliches Bewu&#223;tsein Sinn, das die einzelnen T&#228;tigkeiten und deren Resultate doch wieder in ein Wertma&#223;stabskorsett zw&#228;ngen m&#246;chte, um die individuelle Leistung bemessen zu k&#246;nnen und Quanta »notwendiger« Zwangsarbeit f&#252;r alle zu verteilen. Unter der Tischdecke lugt wieder das verinnerlichte, reaktion&#228;re Tauschprinzip hervor, das eine Verteilung des kollektiven Gesamtprodukts nach Leistungs- und »Arbeitszeit«kriterien verlangt.</p>
<p>Fu&#223;noten</p>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Weshalb alle Zeitattribute in Anf&#252;hrungszeichen stehen, wird sich gleich im ersten Abschnitt kl&#228;ren.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Vgl. SPEX Nr. 10, Oktober 1996, »Revolution Incorporated« von Tom Frank, S. 48. Ein empfehlenswerter Artikel &#252;ber die neuen Trends zur ultimativen Ausbeutung durch die postmoderne Corporate-Identity-Revolution in den USA.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) Nach Aussagen der Krankenkassen erliegen pro Jahr ca. 200 000 Menschen allein in der Bundesrepublik stre&#223;bedingten Herzinfarkten!</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q2">4</a>) Vgl. SPEX, ebenda.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) In diesem Text greife ich immer wieder auf solche Zeitmetaphern und Attribute zur&#252;ck, weil ich noch nicht &#252;ber eine »neue Sprache« verf&#252;gen kann, die den Sachverhalt begrifflich auf den Punkt bringt. Bei allen Umschreibungsversuchen bleibt immer das Dilemma, da&#223; viele Begriffe unserer Sprache bereits interpretativ sind und ein b&#252;rgerlich gepr&#228;gtes Verst&#228;ndnis der Vergangenheit transportieren.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) Kant gilt heute f&#228;lschlicherweise vielen als Begr&#252;nder einer Theorie von der realen Existenz eines Raum-Zeit-Universums. Er vertrat hingegen die Auffassung, da&#223; man &#252;ber die Realit&#228;t an sich nichts aussagen k&#246;nne. Die Begriffe der Dinge seien blo&#223; Gedachte &#8211; Begriffe ohne Gegenstand (Noumena). Kants Empiriebegriff weicht von dem heute &#252;blichen ab. F&#252;r Kant hatten Raum und Zeit »empirische Realit&#228;t«, womit gemeint war, da&#223; sie uns lediglich als Realit&#228;t erscheinen. Tats&#228;chlich aber existieren sie nur »f&#252;r uns«.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) G. J. Whitrow, »Die Erfindung der Zeit«, Hamburg 1991, S. 20/21.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) Vgl. ebenda, S. 21. Whitrow beschreibt detailliert die historisch unterschiedlichen Arten des Zeitsinns. Er spricht indes unterschiedslos von Reflexion, ohne zwischen verschiedenen Denkformen zu unterscheiden. Eine warenformkritische Position kann sich damit aber nicht begn&#252;gen. Sie mu&#223; die vornehmlich von Psychologen und Ethnologen angesto&#223;ene Debatte &#252;ber Denkformen mitaufgreifen und die Genesis des abstrakt-logischen und theoretischen Denkens mit zum Gegenstand machen. Eine anschauliche Zusammenfassung des derzeitigen Forschungsstandes auf diesem Gebiet bietet Isolde Demele in »Abstraktes Denken und Entwicklung &#8211; Der unvermeidliche Bruch mit der Tradition«, Frankfurt 1988.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) »Insbesondere Drogen oder l&#228;ngere Aufenthalte in einer kalten, dunklen Umgebung, in der keine Uhr zur Verf&#252;gung steht, k&#246;nnen diese Wahrnehmung empfindlich verzerren« (Whitrow, ebenda, S. 20).</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) Ebenda</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) Ebenda</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) Elias, Norbert: &#220;ber die Zeit, Frankfurt 1984, S. B.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">13</a>) Ebenda, S. 5. Norbert Elias scheint die Thesen seines Zeitgenossen Sohn-Rethel &#252;ber den Zusammenhang von Warenform und Denkform entweder nicht gekannt oder sie verworfen zu haben, was insofern nicht verwunderlich w&#228;re, als er sich in seinen Werken immer schon vorwiegend auf der ph&#228;nomenologischen Ebene bewegte (siehe dazu weiter unten R. W. M&#252;ller).</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>) Whitrow, The Natural Philosophy of Time, 2. Aufl., Oxford 1980, S. 174 ff.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q13">15</a>) R. W. M&#252;ller: Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von Identit&#228;tsbewu&#223;tsein und Rationalit&#228;t seit der Antike, Frankfurt (Main)/New York, 1981.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) Ebenda; Kurzdarstellung vor dem Vorwort.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) Vgl. ebenda, 5.134 ff.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) Im Gegensatz zu rudiment&#228;ren Mengenbestimmungen &#252;ber konkret-sinnliche Verkn&#252;pfungen. Siehe dazu die &#252;bem&#228;chste Fu&#223;note.</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">19</a>) Anders ausgedr&#252;ckt: Der Wert mu&#223; noch nicht »zu sich selbst gefunden« haben, was bekanntlich erst mit der kapitalistischen Warenproduktion der Fall ist. Die hier dargestellten Thesen werden vielfach von marxistischer Seite verworfen, weil die genannten gesellschaftlichen Ausdrucksformen, die sogenannten b&#252;rgerlichen, erst der kapitalistischen &#214;konomie zugeschrieben werden. Demnach mu&#223; das abstrakt-logische und theoretische Denken seinen Ursprung anderen Ereignissen oder eigenst&#228;ndigen Gehirnleistungen zu verdanken haben. Besonders interessant ist an M&#252;llers Analyse gerade die gelungene Darstellung der Gemeinsamkeiten und Differenzen, die sich aus der Tausch&#246;konomie und deren besonderen historischen Auspr&#228;gungen ergeben.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">20</a>) Mengenangaben wurden in vorb&#252;rgerlichen Gemeinwesen, soweit bekannt, in sinnlich erfahrbaren Gegenst&#228;nden angegeben, h&#228;ufig mittels der Beh&#228;ltnisse oder K&#246;rperteile, die sie bargen: »Handvoll«, »Karaffe«, »Sack«, »Amphore«, »Schiffsladung«, »Fa&#223;« (barrel, barrel), »Sch&#252;rze«, »Beutel« etc. Bei manchen (teilweise) entzifferten symbolischen Schriften konnte festgestellt werden, da&#223; Mengenangaben gemeinsam mit dem Bezugsgegenstand jeweils durch ein eigenes Symbol dargestellt wurden. Es bedurfte daher sehr vieler verschiedenartiger Symbole, um Mengen unterschiedlicher Natur ausdrucken zu k&#246;nnen.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Vgl. Whitrow, ebenda, S. 170.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">22</a>) Vgl. ebenda, S. 169</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">23</a>) Arnold Wagemann, zit. in Isolde Demele: Abstraktes Denken und Entwicklung. Der unvermeidliche Bruch mit der Tradition, Frankfurt/M., S. 7 f.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">24</a>) Ebenda</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">25</a>) F&#252;r die »versp&#228;teten« Staaten, die mit Brachialgewalt den Anschlu&#223; an die westlichen Industrienationen schaffen wollten oder zu m&#252;ssen meinten, wurde die Zeitdisziplinierung zu einer existenziellen Frage. Daher lesen sich die Berichte &#252;ber entsprechende Ma&#223;nahmen wie schauerliche Gruselromane. Selbst vor der Todesstrafe f&#252;r »Zusp&#228;tkommen« schreckte man zeitweise unter dem »Licht der Welt«, J. W. Stalin, in der Sowjetunion nicht zur&#252;ck.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">26</a>) Stefanie B&#246;ge: Die Auswirkungen des Stra&#223;eng&#252;terverkehrs auf den Raum &#8211; Die Erfassung und Bewegung von Transportvorg&#228;ngen in einem Produktlebenszyklus. Diplomarbeit am Fachbereich Raumplanung der Universit&#228;t Dortmund, Juni 1992. Auszug in Psychologie Heute, Mai 1994, S. 30. In der Zeitschrift Stern erschien hierzu ebenfalls eine spektakul&#228;r aufgemachte Reportage.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">27</a>) Sascha Kranendonk, Stefan Bringezu: Major material flows associated with orange juice consumption in Germany. Fresenius Environmental Bulletin, Vol. 2 No. 8, August 1993. Abdruck in Friedrich Schmidt -Bleek »Wieviel Umwelt braucht der Mensch. MIPS &#8211; Das Ma&#223; f&#252;r &#246;kologisches Wirtschaften. Auszug in Psychologie Heute, Mai 1994, S. 25. In den zugrundeliegenden Aufs&#228;tzen geht es nicht nur um eine Kritik an den zur&#252;ckgelegten Strecken, sie enthalten auch eine Bewertung dessen, was n&#252;tzlich, vertr&#228;glich oder eben sch&#228;dlich sei. Ich m&#246;chte nicht unbedingt auf Orangensaft verzichten m&#252;ssen, pl&#228;diere aber f&#252;r eine m&#246;glichst &#246;korationale Produktion und Distribution.</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">28</a>) vgl. Der Spiegel 2/1993, S. 107</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q28">29</a>) Winfried Wolf, »Clockwork Orange &#8211; Die Schranke Kapital &#8211; Zwei Arten moderner Zeiten«, Sozialismus, 22.4.93 »Thema«.</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) ebenda</p>
<p><a name="31"></a><a href="#q31">31</a>) Die Argumente der von Wolf kritisierten Konservativen sind im Grunde nicht falsch. Sie entsprechen der Kapitallogik, die nicht einfach per idealistischem Willensentscheid au&#223;er Kraft gesetzt werden kann. Wolfs alternatives »Zahlenwerk« ist in sich nicht schl&#252;ssig, was hier aber nicht weiter aufgerollt werden soll. Nur soviel: W&#252;rde man die 3 Billionen DM auf 80 Mio. Deutsche aufteilen, dann st&#252;nden jedem B&#252;rger 37.500 DM zu. Das reicht einer Familie gerade mal knapp, um ein Jahr zu &#252;berstehen. W&#252;rde im &#252;brigen das jetzt weitgehend spekulativ angelegte Geld wirklich anders verteilt und dadurch ausgeben, k&#228;me es stante pede zu einer Hyperinflation und die ganze sch&#246;ne Kaufkraft w&#228;re dahin. Wie gewonnen, so zerronnen.</p>
<p><a name="32"></a><a href="#q32">32</a>) Experimente dieser Art hat es sowohl auf lokaler als auch auf regionaler Ebene in den Krisenzeiten der 20er und 30er Jahre in den kapitalistischen L&#228;ndern gegeben. &#196;hnliches trifft auf die Anfangsphase der Sowjetunion zu. Sie alle entpuppten sich als kurzlebige Krisenl&#246;sungsversuche, die schnell wieder im Geld m&#252;ndeten. Die heutigen LET-Systeme, wie sie insbesondere in England praktiziert werden, erfassen nur reduzierte Bereiche der Reproduktion und alimentieren sich immer noch existentiell mittels individuellem Gelderwerb.</p>
<p><a name="33"></a><a href="#q33">33</a>) Wolfgang Sauer, im Arbeitsheft »Entwicklung braucht Entschuldung« des Di&#246;zesanrates der Katholiken im Erzbistum Freiburg, 1994.</p>
<p><a name="34"></a><a href="#q34">34</a>) Die Schreibweise von Re-Produktion mit Bindestrich soll deutlich machen, da&#223; hier nicht nur der Lebenserhalt durch Konsum angesprochen ist, wie der Begriff Reproduktion h&#228;ufig meint, sondern die Totalit&#228;t aller Lebens&#228;u&#223;erungen einer Gesellschaft, also auch die Produktion und andere Sph&#228;ren.</p>
<p><a name="35"></a><a href="#q35">35</a>) Da&#223; die Menschen sich ern&#228;hren und durch angemessene Kleidung und &#220;berdachung vor widrigen Umwelteinfl&#252;ssen sch&#252;tzen m&#252;ssen, kann als nat&#252;rliche Konstante angenommen werden. Wie dies jeweils bewerkstelligt wird, h&#228;ngt ausschlie&#223;lich von der gesellschaflichen Form ab. Insofern schlie&#223;t eine Kritik der Warengesellschaft auch die Kritik der heute herrschenden Bed&#252;rfnisse ein. &#220;ber die Bed&#252;rfnisse einer zuk&#252;nftigen, nicht warenf&#246;rmig gestalteten Gesellschaft l&#228;&#223;t sich in der Hauptsache nur sagen, da&#223; sie einerseits noch aus der vorhergehenden Gesellschaft »ererbte« Komponenten aufweisen und andererseits zunehmend durch die M&#246;glichkeiten einer bewu&#223;t und gemeinsam gestalteten Re-Produktion bestimmt sein werden. Eine kommunistische Gesellschaft l&#228;&#223;t sich erst realisieren, wenn ein gro&#223;er Teil der Menschen die eigene Bed&#252;rfnisstruktur und -befriedigung in Frage gestellt hat. Bed&#252;rfnissen Attribute wie »sinnvoll« oder »falsch« beizumessen, bleibt heute ein schweres Unterfangen, da es sich dabei in erheblichem Ma&#223;e auch um individuelle, subjektiv-moralische Anschauungen handelt.</p>
<p><a name="36"></a><a href="#q36">36</a>) Aus dieser Darstellung m&#246;ge man bitte nicht schlie&#223;en, ich sei ein Apologet der Gro&#223;familie oder des Gemeinschaftssuhlens in kollektiven Kommunardenr&#228;umen. Sicher w&#252;nsche ich mir neue Gemeinschaftsformen, bestehe aber auf der M&#246;glichkeit zur Privatheit.</p>
<p><a name="37"></a><a href="#q37">37</a>) Die gnadenlos naiven Forderungen manch ethisch und &#246;kologisch rnotivierter KritikerInnen, die die Natur durch ihre »&#214;konomisierung« retten wollen, treiben einem die Tr&#228;nen in die Augen. Als w&#228;re die Marktwirtschaft nicht unabl&#228;ssig dabei, eben dies zu tun. Die heutige Naturzerst&#246;rung resultiert ja gerade aus der &#214;konomisierung aller gesellschaftlichen und nat&#252;rlichen Gegebenheiten.</p>
<p><a name="38"></a><a href="#q38">38</a>) Dort wo moderne Technologie eingesetzt wird, mu&#223; sich nat&#252;rlich auch der Rhythmus einer zuk&#252;nftigen Gesellschaft in begrenztem Ma&#223;e auf deren Geschwindigkeit einstellen. Doch dies w&#228;re etwas anders, als die st&#228;ndige Unterwerfung unter das Diktat der Beschleunigung. Handlungsdruck geht auch von der tickenden Zeitbombe enormer &#246;kologischer Erblast aus, deren Entsch&#228;rfung keinen »Zeitaufschub« duldet. Insofern wird es so schnell keinen vollst&#228;ndig selbstbestimmten Lebensrhythmus geben k&#246;nnen. Da&#223; der Lebensrhythmus auch durch die nat&#252;rliche Umwelt mitgepr&#228;gt wird, versteht sich von selbst.</p>
<p><a name="39"></a><a href="#q39">39</a>) Dies mag ein wenig nach abgestandener realsozialistischer Propaganda klingen, doch darum geht es nat&#252;rlich nicht. Wenn es der »realsozialistische Mensch« nur zur Karikatur eines »umfassenden neuen Menschen« gebracht hat, sich also nicht wesentlich von seinen westlichen Mitb&#252;rgern unterschied, dann liegt das in erster Linie daran, da&#223; der Realsozialismus eine Variante b&#252;rgerlicher Waren&#246;konomie war, und er deshalb strukturell mit den gleichen Problemen zu k&#228;mpfen hatte wie der Westen; dies allerdings auch noch auf weitaus niedrigerem Produktivkraftniveau.</p>
<p><a name="40"></a><a href="#q40">40</a>) Es geh&#246;rt zu den Schauerlichkeiten der Marktwirtschaft, auch dem Gedankengut durch Patentierung einen Preis zu verpassen, um seine Verbreitung an nicht zahlungskr&#228;ftige Interessenten zu verhindern. So blockiert man mitunter auch die Einf&#252;hrung naturvertr&#228;glicher Technologien, sollten sie ein ernste Gefahr f&#252;r den Absatz sch&#228;dlicher Produkte darstellen.</p>
<p><a name="41"></a><a href="#q41">41</a>) Marx scheint sich selbst nicht ganz schl&#252;ssig gewesen zu sein. Er identifizierte zwar meines Wissens nicht explizit die »notwendige Zeit« mit der b&#252;rgerlichen Sph&#228;re der »Arbeit«, also mit der besonderen historischen Form gesellschaftlicher »Zeitverausgabung« im Kapitalismus, und die »disponible Zeit« mit »Freizeit«, wie viele nach ihm verfahren sind. Die Ambivalenz der Marxschen Behandlung dieses Problems l&#228;&#223;t durchaus andere Interpretationen zu, als sie etwa Engels, Lenin oder Gorz herauslesen, die von der Unaufhebbarkeit der Dichotomie von »notwendiger« und »disponibler Zeit« ausgehen.</p>
<p><a name="42"></a><a href="#q42">42</a>) Das notwendige Universalisieren der geistigen Potenzen bringt der kapitalistischen Wirtschaftsweise erhebliche Reproduktionsprobleme. Diese »Lernsph&#228;re« mu&#223; finanziert werden, w&#228;hrend zugleich die produzierte Wertmasse schrumpft und mit ihr die Finanzierungsquelle versiegt.</p>
<p><a name="43"></a><a href="#q43">43</a>) Vgl. Andre Gorz: Wege ins Paradies, Berlin 1986; Kapitel »Das Notwendige und das Fakultative«, S. 89 ff.</p>
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		<title>Krisis 19 &#8212; Inhalt</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Krisis 19 (1997)]]></category>

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		<description><![CDATA[Editorial Ernst Lohoff: Der Tod des sterblichen Gottes. Skizze &#252;ber Aufstieg und Fall des Nationalstaats Robert Kurz: Anti&#246;konomie und Antipolitik. Zur Reformulierung der sozialen Emanzipation nach dem Ende des »Marxismus« Volker Hildebrandt: Der Dritte Sektor. Wege aus der Arbeitsgesellschaft Gaston Valdivia: »Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit«. Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.krisis.org/1997/krisis-19-editorial">Editorial</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1997/der-tod-des-sterblichen-gottes">Ernst Lohoff: Der Tod des sterblichen Gottes.</a> Skizze &#252;ber Aufstieg und Fall des Nationalstaats</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Robert Kurz: Anti&#246;konomie und Antipolitik.</a> Zur Reformulierung der sozialen Emanzipation nach dem Ende des »Marxismus«</p>
<p>Volker Hildebrandt: Der Dritte Sektor. Wege aus der Arbeitsgesellschaft</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1997/zeit-ist-geld-und-geld-ist-zeit">Gaston Valdivia: »Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit«.</a> Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion.</p>
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