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	<title>krisis &#187; Krisis 19 (1997)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 19 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 19 (1997)]]></category>

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		<description><![CDATA[Wo Kritik ihren Namen verdient, vereinigt sie in sich stets zwei gegenläufige Momente. Kritik läßt sich ohne Distanz zum Kritisierten gar nicht denken, aber genausowenig ohne das Bewußtsein von Nähe und Verstrickung. Radikale Kritik ist über das, was sie überwinden und abstreifen will, schon hinaus und weiß doch gleichzeitig darum, wie eng die eigene Existenz [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wo Kritik ihren Namen verdient, vereinigt sie in sich stets zwei gegenläufige Momente. Kritik läßt sich ohne Distanz zum Kritisierten gar nicht denken, aber genausowenig ohne das Bewußtsein von Nähe und Verstrickung. Radikale Kritik ist über das, was sie überwinden und abstreifen will, schon hinaus und weiß doch gleichzeitig darum, wie eng die eigene Existenz mit ihrem Gegenstand verschlungen ist. Dementsprechend hat sie keinen festen und eindeutigen Standort, sondern oszilliert beständig zwischen Innen- und Außenperspektive und kann sich überhaupt nur in dieser Pendelbewegung entfalten. Allein indem die Kritik ihren Gegenstand von sich stößt und zum Gegenüber macht, kann sie dessen innere Logik erkennen; und im selben Maße, wie sie ihn verstehen lernt, wird er ihr zusehends fremdartiger.</p>
<p><span id="more-238"></span>Natürlich bewegt sich auch die Kritik der Warengesellschaft in einem solchen Spannungsfeld. Sie ist überhaupt nur in der Lage, die herrschende gesellschaftliche Verkehrsform zu fassen, weil sie nicht im blinden Selbstlauf des warengesellschaftlichen Prozesses mittreiben will und sich einen virtuellen Beobachterplatz an einem anderen Ufer sucht. Diese Distanzierung eröffnet ihr indes keinen Zugang zum kontemplativen Glück bloßer Theorie und reiner Anschauung (der Begriff »theoria« bedeutet im Altgriechischen »Anschauung«). Wenn die Warenkritik nämlich auf den Fluß der gegenwärtigen Entwicklung blickt, dann sieht sie immer nur jene Strudel, in denen sie um ihr Schicksal kämpfen muß, denen sie aber auch ihre Entstehung verdankt.</p>
<p>Kritik braucht zunächst einmal Abstand. Wer eine totalitäre Vergesellschaftungsform in Frage stellt, die mit ihren Emanationen in allen gesellschaftlichen Sektoren und allen Weltregionen gegenwärtig ist, kann diese Distanz nur durch die radikale Historisierung der gegenwärtigen Ordnung herstellen. Der wertkritsche Ansatz ist dementsprechend ständig bemüht, die gesellschaftlichen Formen, die im Laufe der Moderne zur scheinbar selbstverständlichen Grundlage jedes übergreifenden gesellschaftlichen Zusammenhangs aufgestiegen sind, als spezifische Phänomene einer bestimmten Epoche zu dechiffrieren. Was dem Alltagsverstand und den in der Theoriesphäre konkurrierenden affirmativen Ideologien als selbstverständlich und damit als unaufhebbar erscheint, soll in seinem Gewordensein und damit auch in seiner Vergänglichkeit begriffen werden.</p>
<p>Diese Orientierung rückt die Wertkritik in gewisser Weise in die Nähe der Geschichtswissenschaft. Soweit diese nicht einem unkritischen Universalismus aufsitzt, muß es ihr darum gehen, den besonderen Merkmalen und Strukturen vergangener Gesellschaftsarchitekturen nachzuspüren, ohne dabei die Verhältnisse der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft zu projizieren und damit zu verabsolutieren. Angesichts dieser Gemeinsamkeit darf man indes nicht übersehen, welches zusätzliche, der Geschichtswissenschaft fremde Problem die Historisierung der gegenwärtigen Gesellschaft aufwirft. Beim Streifzug durch die Vergangenheit hat der Betrachter mit seiner eigenen Epoche und ihren vertrauten Prinzipien immer ein Kontrastmittel zur Hand, das es ihm erleichtert, sich die Spezifika seines Gegenstandes zu vergegenwärtigen. Dagegen bleibt die Kritik der Warengesellschaft zu diesem Zweck ausschließlich auf die Kraft der Negation verwiesen. Mehr noch: Während beim Blick auf bereits untergegangene Gesellschaften sich von ganz alleine versteht, daß deren zu rekonstruierenden Strukturprinzipien nur ein historisch beschränkter Gültigkeitsbereich zukommt, hat die Wertkritik, wenn sie auf die Vergänglichkeit der herrschenden Formprinzipien insistiert, beständig gegen die Schwerkraft fest verankerter Wahrnehmungsmuster und gegen eingeschliffene Sprachgewohnheiten zu argumentieren. Dieser Widerstand zwingt dem Historisierungsbemühen eine bestimmte Schwerpunktsetzung auf. Anders als in der Geschichtswissenschaft, in der die Vergeschichtlichung von (Struktur-)Begriffen und Kategorien für gewöhnlich nur deren Relativierung bedeutet, zielt Historisierung im wertkritischen Zusammenhang im wesentlichen auf Begriffskritik.</p>
<p>Bei ihrem Kampf gegen die Verklärung spezifisch bürgerlicher Verhältnisse zu den einzig denkbaren Mustern gesellschaftlicher Vermittlung steht der Kritik der Warengesellschaft keine andere existierende gesellschaftliche Praxis als Anrufungsinstanz zur Verfügung. Dieser Umstand zwingt sie in ihrer Historisierung nicht nur auf die Ebene des Begriffs, er prägt zugleich auch nachhaltig das begriffliche Instrumentarium, das sie den ontologisierten bürgerlichen (Real-)Kategorien entgegenhält. Die wertkritischen Schlüsseltermini sind allesamt negativ gefärbt und bleiben für gewöhnlich selbst dort noch notorisch negatorisch, wo sie versuchen, eine Alternative zum Bestehenden zu formulieren. Während die traditionelle Systemopposition mit dem »Sozialismus« einst ein positives Gegenprinzip anzubieten hatte, muß der wertkritische Ansatz auf die Proklamation abstrakt-allgemeiner Prinzipien verzichten. Formeln wie »Antipolitik« oder »unmittelbare Vergesellschaftung« bestimmen sich offensichtlich schon ihrer semantischer Struktur nach über ihr Gegenteil; aber auch eine Aussage wie die, eine »postmonetäre Gesellschaft« habe ihre Reproduktion an »stofflichen« und »sinnlichen« Kriterien auszurichten, macht ohne ihren immer schon mitgedachten Kontrapunkt der Wertform keinen Sinn. Jedenfalls dürften die Mitglieder einer von der Waren- und Gelddiktatur befreiten Gesellschaft schwerlich auf die Idee verfallen, mit den Sammelbegriffen »stofflich« oder »sinnlich« zu hantieren, wenn sie zwischen all den Gesichtspunkten abwägen, die bei der konkreten Ausgestaltung der gesellschaftlichen Reproduktion eine Rolle spielen (Optimierung des Ressourcenverbrauchs, befriedigende Organisation und Verteilung der gesellschaftlichen Tätigkeiten, Reduktion der in der Produktion gebundenen menschlichen Lebenszeit, Schaffung von vernetzten, dezentralisierten und kooperativen Strukturen, Berücksichtigung ästhetischer Gesichtspunkte etc.).</p>
<p>Ist Kritik der warengesellschaftlichen Wirklichkeit immer wesentlich auch Kritik der warengesellschaftlichen (Real-)Kategorien, so fällt sie notwendig mit einer fortgesetzten Begriffsdekonstruktion zusammen. An der Entwicklung des Krisis-Ansatzes läßt sich das unschwer nachzeichnen. Wer sich die aufeinanderfolgenden Entwicklungsetappen der wertkritischen Position vergegenwärtigen will, findet in den umgestürzten Begriffsklötzen kaum übersehbare Wegmarken. Immer wieder haben wir Kategorien historisiert und in ihrem scheinbar ontologischen Gehalt destruiert, auf die wir uns einige Ausgaben der Krisis zuvor noch positiv bezogen hatten. Nachdem die »Arbeit« zunächst einmal nur in ihrer abstrakten Form aufgehoben werden sollte (Nr. 4), blieb sie schließlich ganz auf der Strecke (Nr. 10 und Nr. 15). Die Abwendung von der Politikemphase mündete im »Ende der Politik«. Der Kritik am »Klassenkampf« als systemimmanentem Interessengegensatz (Nr. 7) und am Subjektapriorismus (Nr. 10) folgte der Abschied von einer affirmativen Subjektvorstellung (Nr.13). Und das von Roswitha Scholz in die wertkritische Diskussion hineingetragene »Abspaltungstheorem« (Nr. 12) hat den geschlechtsneutralen Schein des wertförmig konstituierten abstrakten Individuums aufgebrochen.</p>
<p>Damit ist natürlich noch nicht das letzte Wort gesprochen. Eine ganze Reihe von aus dem marxistischen und bürgerlichen Universum ererbten Begriffen wie etwa der Materialismus oder der Revolutionsbegriff bedürften einer »wertkritischen Dekonstruktion«; und zweifelsohne muß auch noch eine Vielzahl blinder Flecken in der eigenen Theoriebildung aufgedeckt werden. Natürlich ruft dieser fortgesetzte Prozeß der Begriffsdemontage auch Unwillen hervor, der sich nicht nur aus der Befürchtung vor einer weiteren Radikalisierung der Kritik speist. Schon mehrfach ist in unserem Diskussionskontext die Befürchtung geäußert worden, wir könnten in einen selbstzerstörerischen antiontologischen Amoklauf abdriften und schließlich auch den begrifflichen Boden mitzerstören, auf dem sich so etwas wie die Kritik der Warenform überhaupt nur formulieren läßt.</p>
<p>Wir denken jedoch, daß diese Angst übertrieben ist. Gelegentlich mag es der manchen als brusttrommelnd erscheinende »Krisis-Duktus« vielleicht vergessen machen, aber der antiontologische Impuls zielt keineswegs auf die Schaffung eines begriffslosen Nirwana ab. Zum einen erkennt die Wertkritik durchaus die Gültigkeit von unterschiedliche Gesellschaftsformen übergreifenden (Real-)Kategorien an, ohne sie freilich für unaufhebbar zu erklären: dazu gehören etwa die Begriffe des Fetischismus, der Herrschaft oder des Patriarchats. Zum anderen bestreiten wir nicht, daß es auch so etwas wie eine conditio humana gibt, so z.B. den Stoffwechselprozeß mit der Natur. Damit sind aber auch Bezugspunkte gesetzt, von denen die begriffliche Argumentation ausgehen kann. Diese Bestimmungen wirken sicherlich meist dürr und blaß. Der von Marx entlehnte Terminus »Stoffwechselprozeß mit der Natur« etwa kann als bloße Denkabstraktion schwerlich mit der empirischen Lebensfülle einer in mehrhundertjähriger geschichtlicher Entwicklung aufgeladenen Denk- und Realabstraktion wie der »Arbeit« konkurrieren. Doch gerade dies verweist auf seine theoretische Berechtigung, insofern er nämlich der Gefahr falscher Ontologisierung spezifisch bürgerlicher Verhältnisse entgeht.</p>
<p>Der Angriff auf die Subjektkategorie, die Dechiffrierung von Subjektivität als Form bewußtloser weil formblinder Bewußtheit, bedeutet keineswegs, die Möglichkeit selbstbewußten gesellschaftlichen Handelns zu leugnen. Doch muß die Frage nach den möglichen Akteuren und Handlungsträgern einer neuen emanzipatorischen Praxis neu gestellt werden. Dabei verdeutlicht der Verzicht auf eine emphatische Besetzung der Subjektkategorie die Tiefendimension der notwendigen Aufhebung der Warenform. Der emphatische Subjektbegriff muß fallen, weil er die Vorstellung eines souveränen Handlungsträgers transportiert, der ein fremdes und passives Objekt namens Gesellschaft nach seinem Bilde modelt, und weil damit »Emanzipation« genau in die Form gezwängt wird, in der sich das Warensubjekt auf seine Gesellschaftlichkeit bezieht. Zugleich verweist die Subjektkritik darauf, daß die Befreiung von der Warenform nichts mit der Freisetzung irgendeiner verborgenen Substantialität (»der Arbeit«, »des Lebens« oder irgendeiner anderen metaphysischen Wesenheit) zu tun hat, sondern sich im Gegenteil nur negativ-aufhebend auf die existierenden Sozialkategorien beziehen kann.</p>
<p>Anders als der postmoderne Dekonstruktivismus hat die wertkritische Begriffskritik keine Affinität zu einem Standpunkt der Beliebigkeit. Ihr Ausgangspunkt ist die gegenwärtige Krise und Unhaltbarkeit der herrschenden gesellschaftlichen Realkategorien und deren notwendige Aufhebung. Insofern bietet die bisherige Theoriebildungspraxis kaum Anlaß für die Befürchtung, die fortgesetzte wertkritische Begriffskritik könne schließlich ins geistige Niemandsland und in die Sprachlosigkeit führen. Dennoch hat das Mißtrauen gegen ein bedingungsloses »heiteres Begriffeknacken« noch in anderer Hinsicht durchaus seine Berechtigung. Muß, wie oben angedeutet, Wertkritik ihrem Wesen nach beim Blick auf die Warengesellschaft zwischen Innen- und Außenperspektive oszillieren, so gehört die Begriffskritik eindeutig der Außenperspektive an. Würde Wertkritik sich allein auf die Aufgabe fortgesetzter Begriffsdekonstruktion konzentrieren, dann stellte sie damit die Dialektik, der sie als Kritik ihre Existenz verdankt, letztlich still. Damit schlüge Historisierung aber in Quasi-Ethnologisierung um. Die Wertkritik verkäme zu einer merkwürdigen Geheimlehre, deren Anhänger daraus ihr Selbstbewußtsein ziehen, daß sie sich gegenüber den Alltagswilden der Warengesellschaft als eine Art Völkerkundlerverein im Stil des 19. Jahrhunderts inszenieren.</p>
<p>Ihre kritische Intention kann sich die Wertkritik nur bewahren, indem sie sich gegen eine solche einseitige Auflösung sperrt und dagegen auch die Innenperspektive geltend macht. Die vorliegende Ausgabe der Krisis folgt dieser Orientierung, indem sie zum einen, wie schon die beiden vorhergehenden Nummern, vorzugsweise »exoterische« Themen behandelt; zum anderen werden »esoterisch«-antiontologische Fragen von vornherein realanalytisch gewendet.</p>
<p>Besonders deutlich wird dies vielleicht an Ernst Lohoffs Skizze über Aufstieg und Fall des Nationalstaats Der Tod des sterblichen Gottes. Die neuere historisierende Kritik an der Nation, die nationale Identität als ein modernes Phänomen entlarvt hat, setzt der Autor weitgehend voraus. Er versucht in seinem Gang durch die Durchsetzungsgeschichte des Nationalstaats klarzulegen, welchem historischen Bedingungszusammenhang dieses Realkonstrukt in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten seine Wirksamkeit verdankte. Dabei bleibt er bei der Frage nach den Voraussetzungen für den globalen Siegeszug des nationalstaatlichen Modells aber nicht stehen, sondern macht den nächsten logischen Schritt und untersucht die heute aufscheinenden historischen Grenzen des Nationalstaats. Damit kehrt er zum anti-ontologischen Ausgangspunkt zurück, der aufgehoben ist in der Analyse des realen Zerfallsprozesses der nationalstaatlichen Ordnung.</p>
<p><em>Robert Kurz</em> leitet mit seinem Thesen-Artikel &#8220;Antiökonomie und Antipolitik&#8221; den Themenblock zur Frage von Aufhebungsbewegung und Aufhebungsökonomie ein, der die einschlägigen Essays der vorherigen Krisis-Ausgabe fortsetzt. Wir wollen uns keineswegs von jetzt an auf dieser Ebene eingraben und erst recht geht es nicht darum, plötzlich unvermittelt »praktisch zu werden«, wie uns einige Kritiker schon vorgeworfen haben, denen »die ganze Richtung nicht paßt«. Zu einer Weiterentwicklung der Wertkritik gehört es aber mit Sicherheit, für eine Aufhebung des warenproduzierenden Systems theoretische Bestimmungen zu finden und auch in dieser Hinsicht die Kategorien des Arbeiterbewegungs-Marxismus kritisch zu transformieren.</p>
<p>Wie sich diese Entwicklung einer neuen Theorie für die Aufhebung der wertförmigen Reproduktion gesellschaftspraktisch vermittelt, ist eine ganz andere Frage, die sicherlich nicht aus dem Stand und mit der geringen Reichweite weniger Personen gelöst werden kann. Es ist ja auch nicht unser Ziel, mit irgendeiner alternativen Schweinezucht anzufangen, sondern hinsichtlich der bisherigen »sozialistischen« Zielbestimmung mit allen ihren (unaufgearbeiteten) Implikationen theoretisch zu intervenieren und in der sozialökonomischen Aufhebungsfrage das Marxsche Theoriesystem ganz genauso historisch zu entzerren wie auf anderen Ebenen der Theoriebildung. Wenn die ontologisierte »Arbeit« nicht mehr der historische Hebel und die etatistische »Planung« in unaufgehobenen Warenkategorien nicht mehr der ökonomische Zielhorizont sein können, dann müssen sich aus der Kritik dieser altmarxistischen Vorstellungswelt auch veränderte Zielsetzungen und Wege der Transformation bestimmen lassen.</p>
<p>In seinem Beitrag versucht <em>Robert Kurz</em>, die Frage des »Herankommens« an eine sozialökonomische Aufhebung der wertförmigen Reproduktion zu entwickeln und in Beziehung zur systemimmanenten sozialen Auseinandersetzung zu bringen. Zentraler Punkt dabei ist die Frage der »Keimform« und ihres Verhältnisses zur »Politik«. In Abgrenzung sowohl von etatistischen Modellen als auch von alternativökonomischen Konzepten kleiner Warenproduktion wird die Frage der Entkopplung bestimmter Reproduktionsbereiche von der Warenform als solcher erörtert. Wie ist auf der Höhe der mikroelektronischen Produktivkräfte ein Übergang zu befreiten sozialen Zonen denkbar, in denen Momente autonomer Reproduktion ohne lokalistische Bornierung entwickelt werden können? Wie können sich diese Ansätze mit einer gesamtgesellschaftlichen Zielsetzung und gleichzeitig mit systemimmanenten sozialen Abwehrkämpfen in der kapitalistischen Krise vermitteln? Die alten Probleme des Verhältnisses von »Reform und Revolution«, von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, von alternativen Reproduktionsformen und »Machtfrage« erscheinen auf der historischen Stufenleiter einer anzustrebenden Aufhebungsbewegung gegen die Wertökonomie in neuer Gestalt, für die noch keine Begriffe gefunden sind. Der Beitrag will keine abschließenden Antworten geben, sondern die Problemfelder umreißen, um überhaupt Voraussetzungen für eine weitergehende Auseinandersetzung zu schaffen.</p>
<p>In seinem anschließenden umfangreichen Artikel &#8220;Der Dritte Sektor&#8221; gibt <em>Volker Hildebrandt</em> einen Überblick über die einschlägige akademische und politische Debatte zu diesem Thema. Es zeigt sich, wie stark die Konzepte des »Dritten Sektors« noch warenlogischen Kategorien verhaftet sind, ökonomisch illusionäre Programme vertreten und sogar klammheimliche Affinitäten zu barbarischen Verarbeitungsformen der kapitalistischen Krise hervorbringen können. Hildebrandt unterzieht insbesondere die Ansätze des US-amerikanischen Autors Jeremy Rifkin, des deutschen PDS-Theoretikers Joachim Bischoff und von Autoren aus dem gewerkschaftlichen Spektrum einer ausführlichen Kritik. Gleichzeitig versucht er aber auch, die transzendierenden Momente in der Debatte über den »Dritten Sektor« herauszufiltern und die notwendige Auseinandersetzung in eine »dialogische Form« zu bringen. Die dabei angerissene Kritik an einer selbstgenügsamen Einigelung der wertkritischen Position wird sicherlich ebensowenig unwidersprochen bleiben, wie die Forderung nach normativen Setzungen einer emanzipatorischen Ethik. Hildebrandt eröffnet damit eine Diskussion über mögliche Dilemmata einer Aufhebungsbewegung, die aufgelöst werden müssen.</p>
<p><em>Gaston Valdivia</em>s Beitrag »Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit« setzt sich mit dem modernen Zeitverständnis und dem merkwürdigen Paradoxon auseinander, daß eine Gesellschaft, die ständig »Zeit spart«, permanent unter »Zeitknappheit« leidet. In einem kurzen historischen Durchgang zeigt der Autor, wie absonderlich die moderne Vorstellung von der »Zeit« als homogener und quantifizierbarer Substanz ist und setzt sich mit der gesellschaftlichen Praxis und ihrer historischen Genese auseinander, die diese Art von Zeitwahrnehmung konstituiert. Der zweite Teil des Aufsatzes widmet sich der merkwürdigen Dialektik von Rationalisierung und Ökonomisierung der »Zeit« und der zunehmenden »Zeitverknappung«. Er zeigt, wie ein wachsender Anteil der in dieser Gesellschaft verausgabten »Zeit« einzig und allein zur Aufrechterhaltung der Logik des warenproduzierenden Systems dient und insofern von einem emanzipatorischen Standpunkt aus geradezu »verschwendet« wird.</p>
<p><em>Ernst Lohoff für die Redaktion</em></p>
<p><em></em></p>
<p>PS: Aus dem Krisis-Zusammenhang gibt es einige Neuigkeiten zu berichten. Erstens führt der Förderverein Krisis jetzt in einem festen halbjährlichen Rhythmus thematisch vielfältiger als bisher angelegte Seminare durch. Zweitens wurde, wie schon lange geplant, jetzt endlich das »Institut für kritische Gesellschaftstheorie« gegründet. Drittens ist in Ergänzung zur Krisis eine zweite Zeitschrift  mit dem Namen Karoshi gegründet worden, die ab Frühjahr 1997 erscheinen soll. Und viertens schließlich ist die Krisis jetzt sowohl im Internet mit einer eigenen Homepage als auch im CL-Netz mit einem Diskussions- und Informationsbrett präsent. Nähere Informationen zu all diesen Punkten finden sich im Anschluß an das Editorial und auf den letzten Seiten dieser Krisis-Ausgabe.</p>
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		<title>Der Tod des sterblichen Gottes</title>
		<link>http://www.krisis.org/1997/der-tod-des-sterblichen-gottes</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 19 (1997)]]></category>

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		<description><![CDATA[Skizze zum Aufstieg und Fall des Nationalstaates]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Skizze über Aufstieg und Fall des Nationalstaats</h3>
<p><em>Ernst Lohoff </em></p>
<h4>1. Anmerkungen zur traditionellen Nationalismusforschung</h4>
<p>Wer zu Beginn der achtziger Jahre auf die Idee verfallen wäre, sich nach den Perspektiven des Nationalstaats und der nationalistischen Ideologie zu erkundigen, hätte für gewöhnlich sicherlich eine recht eindeutige Antwort bekommen: Bei der Nation, so die vorherrschende Meinung damals, handelt es sich um ein Auslaufmodell. Man nahm an, daß mit der zunehmenden transnationalen wirtschaftlichen Verflechtung und der damit einhergehenden Verallgemeinerung der westlichen Massenkultur die Bedeutung politischer Grenzen und nationaler Identitäten immer mehr verblassen würde und stattdessen supranationale Zusammenschlüsse die nationalstaatlichen Funktionen zusehends übernehmen. Diesem Grundverständnis folgte auch die offizielle Nationalismusforschung. Ihr galten Nation und Nationalismus vornehmlich als historische Probleme. Die Zeitgeschichtler datierten das Ende des »Zeitalters des Nationalismus« einhellig auf das Jahr 1945. Von dieser Zuordnung blieben nur die Länder der 3. Welt partiell ausgenommen. Nach dieser Einschätzung würde der Nationalismus beim Prozeß »nachholender Modernisierung« als Integrationsideologie noch eine gewisse Rolle spielen; auf dem europäischen Kontinent hingegen, wo einst die Wiege der Nation gestanden hatte, und in allen anderen industriell entwikkelten Gebieten habe der nationale Gedanke seine Zukunft schon hinter sich.</p>
<p><span id="more-239"></span>Wer heute, anderthalb Jahrzehnte später, die gleiche Frage stellt, wird kaum mehr die gleiche Antwort erhalten. Die reale Entwicklung hat die weit verbreitete Erwartung vom Absterben des Nationalen dementiert. Stattdessen sehen sich die Beobachter am Ende des 20. Jahrhunderts mit einer zwiespältigen, in sich widersprüchlichen Situation konfrontiert. Während der Prozeß der Globalisierung ein atemberaubendes Tempo erreicht hat und die amtierenden Nationalstaaten zusehends außerstande sind, sich dem Griff des Weltmarktdiktats zu entziehen, schwappt eine Welle des Nationalismus um den Planeten. Zur gleichen Zeit, da sich die westeuropäischen Regierungen wild entschlossen zeigen, den europäischen Binnenmarkt zu vollenden, ja sogar die Einführung einer gesamteuropäischen Währung anvisieren, da in anderen Weltteilen ebenfalls wirtschaftliche Zusammenschlüsse (ASEAN, NAFTA) aufund ausgebaut werden, bestimmen nicht nur im zerfallenen Ostblock, in Afrika und Asien separatistisch-nationalistische Strömungen wesentlich das politische Geschehen; auch im Westen feiern vergessen geglaubte nationalistische Ressentiments fröhliche Urständ. Nationalismus wird heute also merkwürdigerweise gleichzeitig obsolet und hochaktuell.</p>
<p>Die Renaissance des Nationalismus paßt den Apologeten der westlichen Moderne ganz und gar nicht in ihr ach so aufgeklärtes Weltbild. So wenig die Ideologen, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schon in der Vision einer unter der Herrschaft des totalen Marktes geeinten »one world« ergingen, das Phänomen als solches leugnen können, so entschieden bemühen sie sich denn auch, die Wiederkehr des Nationalen aus Raum und Zeit zu eskamotieren. Der neue Nationalismus wird zum Einbruch einer ebenso irrationalen wie anachronistischen Gewalt erklärt und als ein Fremdkörper behandelt, der quasi ex definitione in keiner Beziehung zum Endsieg des Weltmarktes stehen darf.</p>
<p>Gerade diese weitverbreitete entschiedene Abwehr ist aber hochgradig verdächtig. Angesichts des demonstrativ vorgetragenen Unverständnisses der westlichen Demokraten gegenüber dem »nationalistischen Ungeist« drängt sich die Frage auf, ob nicht wie so oft das Tabu auch in diesem Fall unmittelbar auf einen versteckten realen Zusammenhang verweist. Wenn heute die nationalökonomische Substanz weltweit einer beschleunigten Auszehrung unterliegt und parallel dazu nationalistische Ambitionen ins Kraut schießen, beide Entwicklungen aber nicht miteinander zusammenhängen dürfen, liegt dann nicht die Annahme nahe, daß beide Sachverhalte nicht nur zeitlich koinzidieren, sondern auch historisch-logisch verknüpft sein müssen? Vielleicht lassen sich diese gegenläufigen Prozesse überhaupt nur zusammen, also als zwei Seiten derselben Medaille, begreifen.</p>
<p>Wer sich gegen die Exterritorialisierung und Entzeitlichung von Neorassismus, Ethnonationalismus und Fremdenhaß wehrt und diese Erscheinung auf die Ära zu beziehen versucht, in denen sie auftreten, für den gewinnt die gegenwärtige Gesamtentwicklung eine andere, von der herrschenden Apologie des universellen Marktes deutlich abweichende Färbung. Klare Konturen bekommt das neue Bild allerdings erst, sobald es gelingt, seine historische Tiefendimension auszuleuchten. Wer die neonationalistische Welle verstehen und in ihrem Bedeutungsgehalt einordnen will, kommt nicht umhin, noch einmal von ihrem aktuellen Ergebnis her die Durchsetzungsgeschichte der nationalstaatlichen Form aufzurollen und sich dabei die grundlegenden Aporien der durch den Gang der Ereignisse falsifizierten Nationalismustheorien zu vergegenwärtigen. Die Frage nach der gegenwärtigen Bedeutung des Nationalen und nach dessen Zukunft läßt sich nur beantworten, wenn es gelingt, gleichzeitig die Frage nach seiner Vergangenheit zu reformulieren.</p>
<p>Bei der Lösung dieser Aufgabe tut sich vorderhand vor allem eine Schwierigkeit auf. Das weite Themenfeld Nationalismus und Nationalstaat, das es unter kritischen Auspizien zu sondieren gilt, ist zwar in seinen vielen Aspekten alles andere als unbeackert, es fehlt aber ein zusammenhängender wissenschaftlicher Diskurs, an dem eine retrospektive Gesamtschau ohne weiteres anknüpfen könnte. Bei fast jedem anderen Thema, von der Staats- und Rechtstheorie bis zu Fragen der ökonomischen Entwicklung, kann jeder die wesentlichen theoretischen Grundpositionen kennenlernen, wenn er auf die Schriften von zehn bis zwanzig Standardautoren zurückgreift. Riskiert er einen ergänzenden Seitenblick in die Sekundärliteratur, die sich im wesentlichen auf dieses gute Dutzend Theoretiker bezieht, dann ist er schnell mit den Hauptfrontlinien der jeweiligen Debatte vertraut. Nicht so jedoch bei der Nation. Das Schillernde am Gegenstand, die zahlreichen Metamorphosen und Wechselfälle, die die Idee der Nation und die wirklichen Nationalstaatsbildungsprozesse in ihrer Geschichte vollzogen haben, spiegeln sich in der Zersplitterung der Nationalismusdebatte wieder.</p>
<p><a name="q1"></a>Der Facettenreichtum, und die einander konterkarierenden ideologischen Besetzungen der Nation verstellen den Blick für das Ganze der Nationalisierungsbewegung. (<a href="#1">1</a>) Zu jeder Einzelphase in der Durchsetzungsgeschichte der nationalstaatlichen Form gibt es zahllose Studien und ausufernde Debatten. Die Befreiungsnationalismen der Dritten Welt wurden ebenso intensiv und kontrovers diskutiert wie die Einigungsnationalismen des 19. Jahrhunderts.</p>
<p><a name="q2"></a><a name="q3"></a>Das gleiche gilt selbstverständlich auch für historische Phänomene, die zum weiteren Umkreis des Nationenproblems gehören, man denke nur an Faschismus oder Rassismus. Übergreifende Ansätze, die sich das Ziel setzen, den Herausbildungsprozeß des nationalstaatlichen Systems als Ganzes in den Griff zu bekommen, sind hingegen dünn gesät(<a href="#2">2</a>) und kommen selten über die Erstellung dürrer Typologien hinaus.(<a href="#3">3</a>)</p>
<p>Trotz dieses Mankos zeichnen sich in der traditionellen Nationalismusforschung zumindest einige Grundlinien ab, die auch einer wertkritischen Aufarbeitung als Orientierungshilfe dienen können. An eines ihrer zentralen Ergebnisse kann eine Neuuntersuchung sogar unmittelbar positiv anknüpfen und es als Voraussetzung für die weitere Annäherung nehmen, nämlich die Entontologisierung des Nationalen.</p>
<p><a name="q4"></a><a name="q5"></a>Die Apologeten des Nationalismus behandeln die Nation bekanntlich als eine Wesenheit a priori. Die Nationalisten sahen sich selber immer als Erwecker einer schlummernden, aber längst schon vorhandenen Entität. Im pseudoaufgeklärten antinationalistischen Naserümpfen der liberalen Sonntagsredner, die den Nationalismus für letztlich unerklärlich halten und ihn aus den Abgründen der menschlichen Seele hervorkriechen sehen, kehrt diese Sichtweise heute noch einmal, negativ gewendet, wieder. Diese landläufige (Selbst-)Interpretation haben eigentlich alle Historiker, die sich mit der Nation oder Teilaspekten des Nationenbildungsprozesses beschäftigt haben, entschieden als (Selbst-)Mystifikation entlarvt. Als Benedict Anderson seinem 1988 erschienen Buch den programmatischen Titel »Die Erfindung der Nation« gab, sprach er nur den Konsens der Nationalismusforschung aus. »Die Nation« ist kein historisches Metasubjekt, das im gläsernen Sarg darauf wartet, vom nationalistischen Prinzen endlich wachgeküßt zu werden; sie ist vielmehr ein Konstrukt.(<a href="#4">4</a>) Es lassen sich beim besten Willen keine verbindlichen objektiven Kriterien angeben (Sprache, ethnische Herkunft, Kultur), nach denen bestimmte Untergruppen der Weltbevölkerung von vornherein dazu prädestiniert wären, Nationen zu bilden, während andere territorial verortbare Teilpopulationen der Menschheit per se von diesem Status ausgeschlossen wären. (<a href="#5">5</a>)</p>
<p>Diese Entdeckung ist nicht gerade brandneu. Sie war schon für die Nationalismusforschung der fünfziger und sechziger Jahre basal. In den jüngeren linken nationalismuskritischen Arbeiten, die oft vom dekonstruktivistischen Diskurs beeinflußt sind, ist sie in den letzten Jahren zu neuen Ehren gekommen. Viele druckfrische Publikationen aus dieser Ecke finden in der Kritik eines ontologischen Verständnisses von Nation ihren zentralen, wenn nicht einzigen Inhalt. Will man den spezifischen Charakter des Nationalen verstehen, so ist der antiontologische Gesichtspunkt sicherlich unverzichtbar. Er löst aber das Rätsel, das die Renaissance des Nationalismus aufgibt, noch nicht, sondern ermöglicht es überhaupt erst, die erkenntnisleitende Problemstellung genauer einzukreisen. Gerade wenn das Nationale nichts Ewiges, sondern etwas Gewordenes ist, drängt sich die Frage auf, unter welchen spezifischen Bedingungen dieses »Konstrukt« in der Vergangenheit geschichtsmächtig werden konnte und warum ihm in der heutigen Konstellation abermals eine derartige Ausstrahlungskraft zukommt.</p>
<p>Die dekonstruktivistisch beeinflußte neuere Debatte begibt sich nicht auf diese Ebene, ja blendet sie systematisch aus. Die ältere, modernisierungstheoretisch orientierte Nationalismusforschung und deren Erben kamen und kommen dem Kernproblem deutlich näher. Sie begnügte sich nicht damit, sich von der Ontologisierung des Nationalen abzugrenzen, sondern versuchte darüber hinaus, eine Verbindung zwischen dem Siegeszug der Nation und dem Vormarsch der bürgerlichen Gesellschaft herzustellen. Der marxistische Historiker Eric J. Hobsbawm rekurriert auf eine in der akademischen Nationalismusforschung bis in die fünfziger Jahre zurückreichende Tradition, wenn er in der Einleitung zu seinem Buch »Nationen und Nationalismus« schreibt:</p>
<p>»Wie die meisten ernsthaften Forscher betrachte ich &gt;die Nation&lt; nicht als eine ursprüngliche oder unveränderliche soziale Einheit. Sie gehört ausschließlich einer bestimmten und historisch jungen Epoche an. Sie ist eine gesellschaftliche Einheit nur insofern, als sie sich auf eine bestimmte Form des modernen Territorialstaates bezieht, auf den Nationalstaat, und es ist sinnlos, von Nation und Nationalität zu sprechen, wenn diese Beziehung nicht mitgemeint ist.«</p>
<p>Es ist unter Historikern seit langem unstrittig, daß der Prozeß der Nationen- und Nationalstaatsbildung und die Durchsetzungsbewegung der bürgerlichen Gesellschaft zusammengehören. Das heißt allerdings noch lange nicht, daß je Einigkeit darüber bestanden hätte, wie der Zusammenhang im Einzelnen zu bestimmen sei. Daniel Katz und andere sozialpsychologisch ausgerichtete Autoren faßten die Herausbildung nationaler Identitäten vorzugsweise als Reaktion auf die mit dem Siegeszug der bürgerlichen Gesellschaft einhergehenden psychosozialen Erschütterungen.</p>
<p><a name="q6"></a>Sie begriffen Nationalismus als eine kompensatorische Erscheinung. Andere Historiker gingen weiter. Sie verstanden die nationalistische Ideologie und erst recht die Entstehung von Nationalstaaten selber als Moment einer umfassenderen »Modernisierungsbewegung«.(<a href="#6">6</a>) Das gilt insbesondere für Nationalismustheoretiker wie Miroslav Hroch und Werner Conze, die den Nationalstaat als die der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft adäquate politische Form begriffen. Besonders prononciert und auch sehr früh vertrat Karl W. Deutsch diese Interpretation. In den fünfziger und sechziger Jahren kam er, ausgehend von seiner Beschäftigung mit der ostmitteleuropäischen Geschichte, zu dem Schluß, daß die unter »dem Einfluß von Massenkommunikationsmitteln und dem Vordringen der Geldwirtschaft« entstehende soziale Mobilität auch eine politische Mobilisierung nach sich zieht. Wo die bis dahin selbstgenügsam vor sich hin existierenden breiten Massen ins Weltgetriebe hineingezogen werden, fällt ihre soziale Integration mit der »Politisierung entlang den Linien von Sprache und ethnischer Kultur« zusammen.</p>
<p><a name="q7"></a>In der Fallinie dieser Grundargumentation bewegt sich auch Ernest Gellner in seinem 1991 erschienenen Band »Nationalismus und Moderne«.(<a href="#7">7</a>) Er stellt dort die »Industriegesellschaft« den traditionellen »agrarischen Gesellschaften« gegenüber und arbeitet bei diesem Vergleich heraus, daß die moderne dynamische, beständig im Fluß befindliche Arbeitsteilung einen historisch neuartigen klassenübergreifenden kulturellen Homogenitätszwang erzeugt. Die vormodernen Gesellschaften, so Gellner, konnten auch dann sehr wohl funktionieren, wenn sie in abgeschottet nebeneinander herlebende soziale Schichten zerfielen, die unterschiedlichen kulturellen Bezugssystemen angehörten. In der hochmobilen modernen Gesellschaft aber verliert diese friedliche Ignoranz ihre Grundlage. Weil an der umfassenden modernen Gesellschaftlichkeit alle partizipieren (müssen), kann der vom Staat und seiner Infrastruktur (bei Gellner steht das Bildungswesen im Vordergrund) garantierte Funktionsraum auch nur Angehörige <em>derselben</em> Kultur (einheitliche Landessprache usw.) zusammenfassen. Damit wird es erstmals in der Geschichte erforderlich, politische und kulturelle Grenzen zur Deckung zu bringen. »Im Nationalismus findet die objektive Notwendigkeit kultureller Homogenität ihren Ausdruck«. Der moderne Staat ist damit im Gegensatz zu seinen Vorläufern der Tendenz nach per se Nationalstaat. »Eine Hochkultur durchdringt [...] die gesamte Gesellschaft, definiert sie und muß vom Gemeinwesen aufrechterhalten werden. <em>Das</em> ist das Geheimnis des Nationalismus.«</p>
<h4>2. Die blinden Flecken in der traditionellen Nationalismustheorie</h4>
<p><a name="q8"></a>Die modernisierungstheoretische Deutung stieß von Anfang an auf erheblichen Widerstand. Vor allem bekennende Demokraten wie etwa August Winkler warfen den Modernisierungstheoretikern vor, daß sie »den sozialen Funktionswandel des Nationalismus aus dem Blickfeld verlieren« würden.(<a href="#8">8</a>) Sie wandten sich energisch dagegen, »reaktionäre« und »emanzipative« Bewegungen unter eine Kategorie zu subsumieren, und bestanden darauf, demokratische Nationalismen, die die politischen Partizipationsmöglichkeiten der Bevölkerungsmehrheit vergrößern, von solchen zu unterscheiden, die als »Ablenkungsideologie« funktionieren.</p>
<p><a name="q9"></a><a name="q10"></a>Diese eingeforderte Grenzziehung zwischen einem »guten« und einem »schlechten« Nationalismus bleibt reichlich künstlich. Sie trägt mehr zur Verteidigung der ideologischen Unbeflecktheit von Demokratie und Moderne bei als zur Klärung des Stellenwerts von Nation und Nationalismus. Aus einer wertkritischen Perspektive macht diese Trennung jedenfalls keinerlei Sinn. Selbst der Nationalsozialismus, der die dunkle Seite des nationalistischen Denkens ins Bestialische gesteigert und in einer bis dahin unvorstellbaren Weise realisiert hat, trug gleichzeitig wesentlich zur Einebnung der ständischen Binnenschranken in der deutschen Gesellschaft bei und wirkte so demokratisierend.(<a href="#9">9</a>) Die faschistische Bewegung hat bis dahin passive Bevölkerungsschichten ins politische Leben hineingestoßen. In der Figur des »Volksgenossen«, der den Arbeiter »der Stirn und der Faust« in sich vereint, leuchtet der vom demokratischen Bewußtsein so hochverehrte abstrakte Staatsbürger auf. Gerade der extreme deutsche Fall weist auf etwas Allgemeines hin. Die Licht- und die Schattenseite der Konstituierung von Nationen sind allemal miteinander verschränkt. Die Partizipation aller Gesellschaftsmitglieder als Staatsbürger und Warensubjekte, das hehre Ideal der Demokratie und die Vernichtung aller »volksfremden« und zur Teilnahme an der universellen Verwertungsbewegung ungeeigneten Elementen gehören logisch zusammen.(<a href="#10">10</a>)</p>
<p>Zu dieser nur von einem demokratiekritischen Standpunkt formulierbaren Konklusion gelangte natürlich keiner der Modernisierungstheoretiker. Selber in den Aporien von Demokratie und Moderne gefangen, traten sie der Kritik der demokratischen Vorneverteidiger nicht entgegen, sondern wichen ihr nur aus. Die Modernisierungstheoretiker beschränkten sich im wesentlichen darauf, einige objektive Trends zu konstatieren, soweit sich diese Entwicklungen unabhängig von den gerade vorherrschenden ideologisch-politischen Besetzungen langfristig durchsetzten. Die politischen Programme und Ideologien wurden nicht als integrale Momente in Beziehung zum realen Modernisierungsprozeß gesetzt, sondern zum mehr oder minder austauschbaren Accessoire entwirklicht, und es waren dann bestenfalls noch dünne formale Bestimmungen, an denen die Kompatibilität der ideologischen Begleitmusik zum Realprozeß festgemacht werden konnte. So reduziert, erschien die Ideologiegeschichte als Appendix in einer explizit oder zumindest implizit strukturalistischen Argumentation.</p>
<p><a name="q11"></a><a name="q12"></a>Mit diesem Hang zu einer aideologischen Reduktion schlichen sich merkwürdige kontemplative Töne ein.(<a href="#11">11</a>) Gleichzeitig beeinträchtigte diese Selbstbeschränkung nachhaltig das theoretische Auflösungsvermögen dieser Art von Nationalismustheorie. Die wirkliche Geschichte läßt sich ohne ihre ideologisch-politische Durchsetzungsform nicht verstehen. Die modernisierungstheoretische Vogelperspektive ist zwar vielleicht dazu geeignet, unter den unübersichtlichen politischen Konvulsionen einige säkulare Entwicklungslinien sichtbar zu machen; solange die Modernisierungstheoretiker aber nicht willens und fähig sind, der Moderne und damit auch der demokratischen Form kritisch zu begegnen, bleiben deren Konturen unscharf. Entsprechend lesen sich denn auch ihre Arbeiten. In ihren Darstellungen zeichnet sich die Binnengeschichte und Stufenfolge des Nationenbildungsprozesses bestenfalls in schemenhaften Umrissen ab .(<a href="#12">12</a>) Symptomatisch tritt das an Gellners Ansatz zu Tage.</p>
<p>Gellner vermeidet es bewußt, sich auf ideologisch-politische Inhalte und Bestimmungen und deren Entwicklung einzulassen. Die nationalismusträchtige »Industriegesellschaft«, die er der nationalismus-resistenten »agrarischen Gesellschaft« gegenüberstellt, wird immer en bloc behandelt. Die nationalistische Ideologie hat bei ihm strenggenommen keine Binnengeschichte, zumindest liefert sein Modell keinen Zugang zu ihr.</p>
<p>Die modernisierungstheoretischen Ansätze haben offenbar entscheidende Mängel. Ihre Unzulänglichkeit machen die Nationalismusforschung und ihre Ergebnisse indes keineswegs einfach zur Makulatur. Die genauere Bestimmung der vorhandenen Defizite verdeutlicht vielmehr, an welchen Punkten ein Anknüpfen eine kritische Wendung voraussetzt, eine Wendung, die angetan ist, die Forschungsergebnisse der modernen Geschichtsschreibung in ein neues Licht zu tauchen. Die Spezifizierung der Kritik führt schnurstracks zu den zentralen Fragen, von denen aus sich das Problem der Nation neu aufrollen läßt.</p>
<p><a name="q13"></a>Den modernisierungstheoretischen Ansätzen kommt ihr emphatischer Bezug auf die Moderne nicht nur bei der Analyse der nationalistischen Ideologie mit ihren »Irrationalismen« in die Quere; der affirmative Bezug führt auch auf dem ureigenen Terrain zu entscheidenden Denkblockaden. So wenig in den konkreten historischen Analysen der einzelne Nationalstaatsbildungsprozeß von der Gesamtentwicklung der bürgerlichen Gesellschaft isoliert wird, so wenig kann »general theory« die Herausbildung der Nationalstaaten als Entfaltungsbewegung der globalen Warengesellschaft fassen. Wenn die Modernisierungstheoretiker die Entwicklung der »Nation im allgemeinen« zu umreißen versuchen, unterstellen sie immer schon, daß es sich bei der Herausbildung von »Nationen« im Kern um <em>endogene</em> Prozesse handelt, und damit erscheint das nationalstaatliche System auf der politischen und auf der ökonomischen Ebene als die bloße Summe nationaler Entwicklungen. Die Idee der Nation haben in dieser Lesart die Nachholer zwar allesamt adaptiert, die Ambitionen anderer »Nationen« können natürlich auf die Existenzbedingungen anderer Nationalstaaten einwirken, dies alles erscheint aber als bloß äußerliche Repulsion. Im wesentlichen erscheint die Modernisierungs- und Nationalisierungslogik als eine überall cum grano salis gleiche <em>Binnenlogik</em>, und dementsprechend wird unterstellt, daß alle Nationen auf ihrem Weg früher oder später analoge Phasen durchlaufen.(<a href="#13">13</a>) In diesem Denkschema können die Durchsetzungsgeschichten variieren, insbesondere in ihren ersten Abschnitten, für diese unleugbaren Differenzen werden aber in erster Linie die unterschiedlichen vorbürgerlichen Voraussetzungen verantwortlich gemacht. Der Fluchtpunkt bleibt allemal die nachholende Angleichung an das entwickelte westliche Muster. Zu guter Letzt müßten die Nachholer dort anlangen, wo sich auch die europäischen Vorreiter tummeln, in einer durchindustrialisierten Wohlstandswelt.</p>
<p>Diese Perspektive wird der realen kapitalistischen Entwicklung in keiner Weise gerecht. Realiter läßt sich der Siegeszug der Warenproduktion und der Moderne von Beginn an nur als ein Prozeß fassen, der verschiedene Weltteile in eine <em>asymmetrischer</em> Beziehung gesetzt hat und sie nur in dieser Art und Weise in Beziehung setzen kann. Bei der Existenz anderer Nationen, in der sich nicht zuletzt die Segregierung des Weltmarkts nach unterschiedlichen Produktivitätsniveaus niederschlägt, handelt es sich nicht um einen äußeren Faktor, und es hat sich niemals um einen solchen gehandelt.</p>
<p>Was das aus dem Blickwinkel des einzelnen Nationalstaats bedeutet, erschließt sich unschwer. Der allgemeine Entwicklungsstand und die eigene Position im jeweils herrschenden System der Arbeitsteilung bestimmen in jeder Ära von vornherein die Rahmenbedingungen der nationalen Konstituierung. Die jungen afrikanischen Nationen konnten nicht allein deshalb kaum getreulich auf den gleichen Pfaden lustwandeln, die europäische Staaten im 19. Jahrhundert eingeschlagen haben, weil sich das Sozialgefüge im kolonialen Afrika nachhaltig vom europäischen des letzten Jahrhunderts unterschied, der veränderte Entwicklungsstand des warenproduzierenden Weltsystems schließt vielmehr von vornherein Kopien aus! Das Ungenügen einer endogenen Betrachtungsweise reicht aber tiefer und hat eine begrifflich-logische Dimension. Der Weltmarkt und das System der Nationalstaaten sind auf jeder Entwicklungsstufe der einzelnen Nation und ihrer Nationalökonomie allemal vorgängig.</p>
<p><a name="q14"></a>Es reicht nicht, Schemata zu erstellen, die die Stufenfolge endogener Nationalisierungsschritte beschreiben, stattdessen muß es darum gehen, die sukzessive Herausbildung und Neuproduktion des Nationengeflechts als einen wesentlich von der Gewalt des Weltmarkts und der warenförmigen Durchdringung induzierten Prozeß zu analysieren.(<a href="#14">14</a>) Genauso wie die Konkurrenz der Einzelkapitalien nicht die kapitalistische Entwicklung erklären kann, sondern der Wettbewerb nur die logisch bereits vorausgesetzten Zwangsgesetze des Werts dem Einzelkapital aufherrscht, lassen sich die einzelnen Nationalstaaten und ihr Zusammenprall nur als abgeleitete Vermittlungsebene fassen. Eine Theorie des Nationalstaats kann sie dementsprechend nicht als logischen Ausgangspunkt nehmen.</p>
<h4>3. Ausgangsfragestellung</h4>
<p>Dieser »methodische« Einwand gegen die modernisierungstheoretisch orientierte Nationalstaatstheorie bestimmt die Herangehensweise des vorliegenden Aufsatzes. Im weiteren richte ich das Augenmerk auf den Zusammenhang von nationalstaatlicher Form und nationalökonomischen Inhalt und komme darüber zu einer verblüffend simplen Fragestellung: Wie ist es überhaupt zu erklären, daß die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft den einen Weltmarkt zum Fluchtpunkt hat, während auf der politischen Ebene eine vergleichbare säkulare Vereinheitlichungstendenz fehlt? Warum existiert Staatlichkeit im Plural und zeigt sich teilungsfreudig, wenn doch der Markt im Singular als universeller und globaler seine Vollendung findet?</p>
<p>Die Marktwirtschaftsapologetik kann die in dieser Fragestellung intendierte gegenläufige Entwicklungslogik nicht erkennen, und auch die Nationalismusforschung hat sie in ihrem Schlepptau nicht realisiert. Die aufgeklärten Martkwirtschaftsfans unterstellen für gewöhnlich ganz selbstverständlich, daß es auf Basis der Warenproduktion per se funktional sei, wenn sich die politisch-staatliche Einfassung mit dem Marktraum deckt, und schließen von der im säkularen Trend fortschreitenden globalen Vernetzung auf einen zumindest langfristigen Trend zur politischen Zentralisation. In diese Sichtweise wird auch die Figur des Nationalstaats eingeordnet. Der Nationalstaat und die Nationalökonomie gelten als transitorische Phänomene auf dem langen Weg zum einheitlichen, unter einem politischen Dach zusammengefaßten Weltmarkt. Als der Vormarsch der Marktbeziehungen über den engen lokalen Rahmen hinauswucherte, so der simple Grundgedanke, mußten Nationalökonomien entstehen, die diesen weiter reichenden Verwertungskontext in sich fassen konnten; mit der fortschreitenden Globalisierung und dem Durchbrch zu einer totalisierten Marktgesellschaft erweisen sich jedoch auch diese größeren Einfriedungen als noch zu eng. Die Schaffung kontinentaler und weltweiter Zusammenschlüsse und die sukzessive Übertragung nationalökonomischer Funktionen auf die supranationale Ebene wird langfristig indes die verlorene Kongruenz wiederherstellen. Wenn mittlerweile der eine einheitliche Weltmarkt mit Riesenschritten seiner Vollendung entgegeneilt, dennoch aber nach wie vor <em>viele</em> Nationalstaaten existieren, dann sehen die Apologeten des totalen Marktes darin letztlich einen Anachronismus, der früher oder später durch die Anpassung des (wirtschafts)politischen Bezugssystems an das erreichte Vernetzungsniveau zu überwinden ist.</p>
<p><a name="q15"></a>Diese Interpretation hat einige Mängel. Das beginnt schon damit, daß sie recht schlecht mit der realen historischen Entwicklung zusammenpaßt und auf einem ausgesprochen schlechten Gedächtnis beruht. Offenbar will sich keiner daran erinnern, daß eigentlich in allen Abschnitten der bürgerlichen Entwicklung die Vordenker schon von zunehmender politischer Zentralisation träumten und jedesmal in ihrer Erwartung Lügen gestraft wurden. Bereits im 18. Jahrhundert hatten Aufklärungsphilosophen vom Weltbürgertum und von einem der Vernunft verpflichteten bürgerlichen gesamteuropäischen Staat geträumt. Die Etablierung bürgerlicher Staatlichkeit ging jedoch realiter ohne weltbürgerliche Anwandlungen vonstatten und vollzog sich stattdessen in der Form der Herausbildung strikt voneinander abgetrennter Nationalstaaten. Im letzten Jahrhundert projektierten die Vordenker der großen nationalen Bewegungen ein »junges Europa«, das sich nur aus einer guten Handvoll von Nationalstaaten zusammensetzen sollte.(<a href="#15">15</a>) In den folgenden Jahrzehnten vermehrte sich indes die Zahl der europäischen Nationalstaaten auf rund vierzig. Im Zeitalter des Imperialismus wiederholte sich dieses Spiel ein weiteres Mal. Der Cheftheoretiker der Sozialdemokratie, Rudolf Hilferding, brachte die allgemeine Erwartung auf den Punkt, als er prognostizierte, daß aus den Kämpfen der großen Mächte schließlich ein einziger weltumspannender imperialistischer Gesamtstaat hervorgehen werde. Einige Jahrzehnte später zerfiel der Trikont nicht mehr in die Kolonialreiche und Einflußsphären von siebeneinhalb europäischen Mächten, sondern in mehr als 100, mittlerweile sogar mehr als 150 Einzelstaaten. Kann man ein solches immerhin über zwei Jahrhunderte beständig wiederholtes Auseinanderklaffen zwischen zentripetaler Erwartung und zentrifugaler Entwicklung tatsächlich nur als eine Art empirische Störung abtun, die zu guter Letzt schließlich doch von einer grundlegenden Zentralisierungstendenz ausgeschaltet wird?</p>
<p>Die Marktapologeten werden diese Frage abtun, indem sie auf die neue Qualität des gegenwärtigen Globalisierungsprozesses verweisen und eilfertig einwenden, daß heute der Einfluß des Weltmarkts in einem Grade gewachsen ist, der keinen Vergleich mehr zu früheren Phasen zuläßt. Dieses Argument ist sicherlich richtig, aber es trifft nur die halbe Wahrheit und ist insofern ganz falsch. Der Weltmarktdruck wirkt nämlich nicht einfach nur einebnend und homogenisierend, wie in dieser Argumentation immer unterstellt; vielmehr schafft er in erster Linie Entwicklungsdifferenzierungen, die letztinstanzlich auch auf der politischen Ebene ihren Niederschlag finden müssen. Nicht nur die zentripetalen Kräfte haben heute einen Grad erreicht, dem die alten Nationalökonomien nicht mehr standhalten können, auch die vom Weltmarkt induzierten zentrifugalen Kräfte, von denen die jeweiligen Weltmarktgewinner noch nie etwas wissen wollten, machen sich heute stärker denn je bemerkbar.</p>
<p>Wenn die Apologeten des totalen Marktes sich gerne eine langfristige Tendenz zur Bildung immer größerer politischer Einfassung zurechtimaginieren, die ihren logischen Fluchtpunkt in der Zusammenfassung der Weltmarktgesellschaft unter einem einheitlichen politischen Dach haben müßte, dann steht hinter dieser Idee eine harmonistische Vorstellung von den Wirkungen der freien Konkurrenz. Wie weiland bei Adam Smith wird die ungezügelte Marktbewegung als ein Prozeß aufgefaßt, an dem alle Beteiligten cum grano salis gleichermaßen profitieren, die einzelnen Warensubjekte ebenso wie die am Marktgeschehen partizipierenden Regionen. Es dürfte jedoch kein Geheimnis sein, wie fragwürdig diese Sichtweise ist. Die unbedingte kapitalistische Konkurrenz wirkt nicht nur als der Stachel, der sämtliche potentiellen Mitwettbewerber dazu zwingt, alle technologischen Möglichkeiten und wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Zweck der Produktivitätssteigerung anzuwenden und auf diese Weise dafür sorgt, daß die Springquellen stofflichen Reichtums immer reichlicher sprudeln; sie wirkt gleichzeitig als der große gnadenlose Liquidator und scheidet erbarmungslos zwischen denjenigen, die das Potential haben, auf dem jeweils gültigen Niveau mitzuhalten, und denjenigen, die sich nicht als Marktteilnehmer qualifizieren können, und beraubt die Verlierer ihrer Reproduktionsgrundlage. In der paradoxen Schumpeterschen Formel vom Kapitalismus als einem »Prozeß produktiver Zerstörung« klingt diese destruktive und ausschließende Seite der Prinzipien freier Konkurrenz an. Sie kommt aber nicht nur, was Schumpeter allein im Blick hatte, auf der Ebene des Wettbewerbs der Einzelkapitale zum Tragen; sie entfaltet ihre verheerende Wirkung auch im Kampf der Weltmarktregionen, und gerade hier schlägt der periodische Kahlschlag unter den Unterproduktiven in eine der Ordnung von freier und gleicher Marktherrlichkeit inhärente strukturelle Apartheid um. Weil kapitalistische Entwicklung notwendig <em>ungleichgewichtige Entwicklung</em> ist, die ungezügelte und unmodifizierte Konkurrenz aber unweigerlich zum Verschwinden der unterlegenen Wettbewerber vom Markt führt, kann Entwicklung unter ihrem unmittelbaren weltumspannenden Regiment für die meisten Marktteilnehmer in spe nur Ausschluß von der Marktteilnahme, Ausschluß von Entwicklung bedeuten. Hätte sich die flächendeckende Entfaltung des Systems der abstraken Arbeit unter der Ägide der unbedingten freien Konkurrenz vollziehen sollen, so wäre sie niemals zustande gekommen und die Wertform hätte lediglich eine verschwindende Minderheit der Menschheit in ihren Reproduktionszusammenhang einbeziehen können.</p>
<p>Diese Tendenz zur Selbstblockade kapitalistischer Entwicklung war sehr früh wirksam. Sie ließ sich nur auf einem Weg überwinden: durch die Parzellierung des einen universellen warengesellschaftlichen Funktionsraums in voneinander geschiedene, dabei in ihrem internen Produktivitätsniveau allerdings vergleichsweise homogene Funktionsräume. Damit die Warensubjekte in den Stand versetzt werden, innerhalb der vielen Unterbezugsrahmen in Wettbewerb miteinander zu treten, muß also die Konkurrenzbeziehung im Verhältnis zwischen diesen Teilsystemen modifiziert und damit ihrer unmittelbar mörderischen Wirkung beraubt werden. Wo es unmöglich wird, den nationalökonomischen Bezugs- und Schutzraum aufrechtzuerhalten, steht dementsprechend nicht die Herausbildung eines einheitlichen, die alten Nationalökonomien übergreifenden politischen Regulationsrahmens an, vielmehr zerfällt die gesellschaftliche wie die politisch-staatliche Integration ersatzlos. Im Neonationalismus unserer Tage und in der Misere supranationaler Vereinigungen zeichnet sich ab, daß die Dialektik von Teilsistierung und Durchsetzung der Wertlogik ab einem gewissen Vernetzungsniveau nicht mehr funktionieren kann. Gerade in ihrem Versagen wird jedoch die Bedeutung sichtbar, die ihr bei der Verallgemeinerung der Warengesellschaft zukam, und wir finden einen Ariadnefaden in unseren Händen, an dem wir uns nur entlangtasten müssen, um einen Weg durchs Labyrinth der Nationalstaatsgeschichte zu finden. Je höher das Vergesellschaftungsniveau stieg und je mehr das Gewicht des Weltmarktes wuchs, desto klarer trat der Zwang zu einer Doppelbewegung von Homogenisierung der Konkurrenzbedingungen nach innen und Abgrenzung des eigenen nationalökonomischen Raums gegenüber Weltregionen, die sich auf einem anderen Produktivitätsstandard befanden, hervor. Das ändert aber nichts daran, daß sich dieser Zusammenhang unschwer bis tief ins 19. Jahrhundert hinein zurückverfolgen läßt. Schon in dieser Phase war die nachholende Inwertsetzung von vornherein an den partiellen Ausschluß der überlegenen ausländischen Konkurrenz gekoppelt, und die sukzessive Verallgemeinerung der nationalstaatlichen Form lieferte die Möglichkeit dazu.</p>
<h4>4. Primäre Nationalstaatsbildung</h4>
<p>Wenn die Apologeten des entgrenzten Marktes die Entstehung von Nationalstaaten und Nationalökonomien ausschließlich auf die zentripetalen Kräfte beziehen, die aus der allmählichen Ausdehnung der Marktbeziehungen resultieren, dann behandeln sie eine ganz spezifische historische Konstellation als die allgemein gültige. Die Entstehung der allerersten modernen Territorialstaaten läßt sich zwar tatsächlich im wesentlichen als ein schrittweiser Integrationsprozeß beschreiben, der die Ablösung zersplitterter feudaler Verhältnisse mit ihrer unübersehbaren Vielfalt von Sonderrechten und einer vorzugsweise auf den lokalen Rahmen ausgerichteten Wirtschaftsweise durch einen relativ kohärenten Binnenmarkt mit einheitlichem Norm- und Rechtssystem zum Inhalt hatte; was für die Frühstarter gilt, gilt aber keineswegs in der gleichen Weise für die zweite, dritte und vierte Startreihe. Die nachdrängenden Nationalstaaten konnten sich per se nur in einer doppelten Frontstellung formieren, nämlich nach innen im Kampf gegen die vorbürgerlichen Verhältnisse, die ein niedriges Vergesellschaftungsniveau festschrieben, und nach außen in Abgrenzung gegen die schon etablierten und überlegenen Nationalstaaten. Was die Marktapologetik und in ihrem Gefolge die Nationalismusforschung als das Grundmuster behandelt, erweist sich aus dieser Perspektive betrachtet als historischer »Sonderweg«, der nur einen engen geographischen Raum und eine genau bestimmbare historische Phase zum empirischen Substrat hat.</p>
<p><a name="q16"></a>Die Wiege der nationalstaatlichen Form stand beiderseits des Ärmelkanals. Seit der Zeit des Hundertjährigen Krieges hatte in Frankreich und England von der ile de France und dem Londoner Becken ausgehend ein Prozeß territorialer Formierung eingesetzt, der nach mancherlei Wechselfällen, die sich hier nicht abhandeln lassen, schließlich in die Herausbildung homogener Nationalstaaten mündete. Mit dem Triumph der absolutistischen Monarchie in Frankreich sowie Cromwells Diktatur und der Stuart-Restauration in Großbritannien trat diese Entwicklung in ihre entscheidende Phase. Während seit dem ausgehenden Mittelalter der frühe <em>Handelskapitalismus</em> vornehmlich in den großen selbständigen Städten oder Städtebündnissen wie der Hanse und den Generalstaaten(<a href="#16">16</a>) seine Heimat gefunden hatte, bildete sich in der <em>Symbiose von absolutistischer Monarchie und jungem Produktivkapital</em> ein neuartiges System heraus, in dem die wachsende Geldwirtschaft eine enge Verbindung mit der sich von der feudalen Gefolgschaftsordnung endgültig ablösenden Staatlichkeit einging, um den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß in seiner ganzen Breite zu erfassen. Das in erster Linie machtpolitischer Ambitionen und der Revolutionierung des Militärwesens wegen entstandene Bedürfnis nach ständig wachsenden Staatseinkünften zwang die absolutistischen Herrscher zur Förderung des nicht-zünftigen Gewerbes und zur Schaffung nationaler Märkte. Das produktive Kapital gewann damit erstmals in der Geschichte einen Funktionsraum. Diese Phase fand ihren charakteristischen Ausdruck im merkantilen System.</p>
<p>Unter der Jakobinerherrschaft und im Napoleonischen Kaiserreich fand die Ehe von territorialstaatlicher Integration und der Entfaltung der Warengesellschaft ihre Fortsetzung. Die Französische Revolution trieb nicht nur das vom Absolutismus begonnene Zentralisierungs- und Normierungswerk weiter, sondern markiert auch einen entscheidenden Schritt bei der Etablierung von Nationalbewußtseins. Mit der Emanzipation des »Dritten Standes« von der dynastischen Gewalt triumphiert erstmals eine Klasse, die stolz den Anspruch erhebt, identisch mit der »Nation« zu sein. Damit kommt der Prozeß primärer Nationenbildung zum Abschluß.</p>
<p>Die Ideologie, unter der sich diese revolutionäre Neuerung vollzog, spiegelte getreulich die Besonderheiten des primären Nationalstaatsbildungsprozesses. Wie schon vorher die »amerikanische Nation« in ihrer Unabhängigkeitserklärung, so konstituiert sich auch die französische im Geiste der Aufklärung und ihrer <em>universalistischen</em> Weltsicht. Die beiden frischgebackenen Nationen schöpften ihr Selbstverständnis vornehmlich aus der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, und sie konnten das nur tun, weil für sie die Nation nichts anderes als ein emphatisch besetztes Synonym für die junge bürgerliche Gesellschaft war. In der Konfrontation mit den überlebten und doch allgegenwärtigen feudalen Gewalten innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen, die aus der bürgerlichen Gesellschaft und damit aus der Definition von Nation herausfielen, stellte sich die Frage nach dem Verhältnis des französischen Nationalstaats zu anderen Völkern noch gar nicht. Die Parole der Revolutionskriege »Krieg den Palästen, Friede den Hütten« gibt diese Sichtweise wieder. In den vier ersten Koalitionskriegen zwischen dem revolutionären Frankreich und den reaktionären europäischen Mächten erreicht diese Phase ihren Kulminationspunkt.</p>
<h4>5. Von der primären zur sekundären Nationalstaatsbildung: die deutsche Kulturnation im Kampf gegen die französische Staatsnation und die britische Werkstatt der Welt</h4>
<p>Die Herausbildung einer zentralisierten modernen Staatlichkeit im westeuropäischen Zentrum des aufkommenden Weltmarkts war die unabdingbare Voraussetzung für den globalen Siegeszug der Warenproduktion. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, daß sich die weitere (geographische) Ausbreitung der Warengesellschaft in der Form des bloßen Anschlusses an das Territorium der ersten bürgerlichen Staaten hätte vollziehen können. Die Verallgemeinerung moderner Staatlichkeit fiel letzten Endes nicht mit der Ausdehnung der etablierten Staaten zusammen, sie war vielmehr im wesentlichen mit der Genese zusätzlicher Nationalstaaten identisch. Der bürgerliche Modernisierungs-Staat kam dabei nicht nur deshalb als Ensemble sich stetig vermehrender Nationalstaaten (und nicht als Weltstaat) zu sich, weil die Integrationskraft der etablierten primären Staaten in ihrer Reichweite beschränkt blieb; die Vermehrung der Nationalstaaten erweist sich auch auf einer grundsätzlicheren Ebene als funktional für den globalen Triumph der Verwertungsgesellschaft.</p>
<p>Politische Abhängigkeit von einer kapitalistischen Vormacht war nämlich stets dazu angetan, in den angeschlossenen Gebieten das Aufkommen einer integrierten Volkswirtschaft im Keim zu ersticken und ließ dementsprechend nur eine punktuelle Modernisierung zu. Der klassische Eroberungs-Imperialismus konnte daher zwar in den angeschlossenen Gebieten der Durchkapitalisierung den Boden bereiten; die Subsumtion der politisch abhängigen Länder unter die Bedürfnisse des Mutterlandes bedeutete aber gleichzeitig ein Entwicklungshemmnis, und so war die imperiale Ordnung außerstande, das begonnene Modernisierungswerk über einen bestimmten Punkt hinaus weiterzutreiben.</p>
<p>Dieser Zusammenhang tritt auf dem europäischen Kontinent ansatzweise bereits am Beginn des 19. Jahrhunderts zur Zeit der napoleonischen Eroberungen zu Tage. Mit dem Import der Errungenschaften der Französischen Revolution wurden insbesondere in Italien und Deutschland zwar die rechtlichen und administrativen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft gelegt (Code Napoléon), gleichzeitig war das neu etablierte System jedoch einseitig auf die Förderung der französischen Wirtschaft ausgerichtet, während die Zwangsverbündeten wesentlich die Kosten der imperialen Ordnung (Kontinentalsperre, Truppenaushebungen) zu tragen hatten.</p>
<p>Dieser Umstand mußte auf die Haltung der bürgerlichen Avantgarden in diesen Ländern zurückschlagen und damit zum politischen Faktor werden. Besonders deutlich trat dies an der deutschen Entwicklung hervor. Hatte die Fortschrittspartei in dem verschlafenen östlichen Nachbarland zunächst die Erfolge der Französischen Revolution begeistert gefeiert und vor allem in den linksrheinischen Gebieten den Anschluß an Frankreich offensiv angestrebt, man denke nur an die deutschen Jakobiner um Georg Forster und deren Mainzer Republik, so kehrte nach wenigen Jahren Ernüchterung ein und eine andere Option gewann allmählich die Oberhand, der Wunsch, eine eigenständige deutsche Nation zu schaffen. Die Niederlage der inländischen traditionellen Mächte wurde nicht mehr so sehr als Befreiung vom »feudalen Joch« begrüßt, sondern als nationale Schmach empfunden, die es zu tilgen galt. Das Desaster der preußischen Armee in der Schlacht von Jena-Auerstedt 1806 und die anschließende Eingliederung der Überreste des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation« ins Napoleonische Herrschaftssystem markieren den Umschlagspunkt. Im Abwehrkampf gegen den eben noch von Hegel als »Weltgeist zu Pferde« gepriesenen Imperator, der nun als Tryann firmierte, formierte sich die deutsche Nation.</p>
<p><a name="q17"></a>Der nachholende deutsche Nationalismus läßt sich als eine ambivalente Reaktionsform auf den von außen hereinbrechenden Modernisierungsschock verstehen. Als solche unterscheidet er sich grundlegend von seinem französischen Gegner und Vorbild. Einerseits trägt er selber die Züge einer Modernisierungsbewegung und setzt damit die französische Revolution fort. Die militärische Niederlage verschaffte insbesondere in den verknöcherten Staatsapparaten(<a href="#17">17</a>) Reformkräften einen gewissen Spielraum. Die Regierungen konnten die Notwendigkeit, die Kluft zwischen den rückständigen deutschen Verhältnissen und dem westeuropäischen Vergesellschaftungsniveau zu überbrücken, nicht von der Hand weisen. Andererseits stieß sich der deutsche Nationalismus von Anbeginn an heftig vom westlichen Universalismus und den Prinzipien der fortgeschrittenen bürgerlichen Gesellschaft ab. Die Defensive schürte Ressentiment und Abgrenzungsbedürfnisse. In der deutschen Adaption nahm der zunächst universalistisch gefärbte Nationbegriff denn auch eine völkischpartikularistische Wendung. Während in Frankreich das Bekenntnis zur »grande nation« und die allgemeine Erklärung der Menschenrechte miteinander harmoniert hatten, konnte sich das Deutschtum im Sog französischer Vorherrschaft nur als etwas besonderes, allem »Welschen« wesensfremdes definieren. Indem Herder und Fichte in Abgrenzung zur französischen »Staatsnation« eine deutsche »Kulturnation« erfanden, brachten sie dieses Bedürfnis auf den Punkt. Im Verständnis der Französischen Revolution war zumindest virtuell jeder Franzose, der sich zu Frankreich bekennt. Diesem imperialen Anspruch begegneten die Vordenker des deutschen Nationalismus, indem sie das Nationale dem politischen Wollen enthoben und zu einer Anlegenheit des Blutes und vorausgesetzer kultureller Separierung machten.</p>
<p><a name="q18"></a>Über eins darf die von der Romantik beeinflußte antiuniversalistische Polemik allerdings nicht hinwegtäuschen: indem die Franzosenfeinde mit dem Deutschtum einen neuen, bis dahin unbekannten Bezugspunkt einführten, wirkte ihr Antimodernismus und Antiuniversalismus selber modernisierend und ordnet sich daher selber in den Vormarsch eines universalistischen Weltverständnisses ein. Auf der ideologischen Ebene wiederholt sich damit also das, was sich schon auf der strukturellen Ebene abgezeichnet hat. Das deutsche Nationalbewußtsein konstituiert sich in einer Doppelbewegung. Unter der Fahne der Kritik am westlichen Universalismus, an der Gleichmacherei und der Menschenrechtsreligion werden die partikularistischen Binnenschranken eingerissen und ein einheitliches Deutschtum erfunden, zu dem es in den Zeiten des »Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation«(<a href="#18">18</a>) keinerlei Entsprechung gab.</p>
<p>Die Konfrontation mit der napoleonischen Herausforderung fand vornehmlich auf der militärischen und politischen Ebene statt. Im Zentrum der vielfach in sich gebrochenen nachholenden Modernisierungsbewegung stand dementsprechend die Erneuerung des Militär- und Verwaltungswesens. In den Jahrzehnten nach der Niederwerfung des kaiserlichen Frankreich schob sich für die im Modernisierungsprozeß rückständigen deutschen Länder zusehends eine neue Gefahr in den Vordergrund. Sie fanden für den Rest des 19. Jahrhunderts in England, der damaligen »Werkstatt der Welt«, einen neuen Gegner, dessen ökonomische Überlegenheit nicht weniger existenzbedrohend war als am Beginn des Jahrhunderts die Schlagkraft der napoleonischen Armeen.</p>
<p>Was es schon auf dieser noch embryonalen Entwicklungsstufe des Weltmarkts hieß, in unmittelbarem Wettbewerb zur kapitalistischen Vormacht zu stehen, wird in drastischer Form deutlich, wenn man einen Blick auf die Länder wirft, die dank ihrer Zugehörigkeit zum Empire dem Zugriff der britischen Konkurrenz schutzlos ausgeliefert waren. Insbesondere das Filetstück des britischen Imperiums, Indien, hatte darunter zu leiden. Die Zurichtung auf die Bedürfnisse des britischen Kapitals führte auf diesem Subkontinent zur völligen Vernichtung zentraler Bereiche der heimischen Fertigung (man denke in diesem Zusammenhang vor allem an die Textilproduktion). In Europa stand insbesondere das Verhältnis Irlands zum Vereinigten Königreich für eine vom Standpunkt des abhängigen Landes nicht weniger verheerende Beziehung. Unter britischer Herrschaft begannen »die Schafe die Menschen zu fressen«. Die Lebensgrundlage der Bevölkerung wurde zugunsten der Rohstoffversorgung der britischen Textilindustrie zerstört, und die menschlichen Bewohner der grünen Insel hatten nach der Aufhebung der »Corn Laws« und dem Übergang zum Freihandel nur die Wahl zwischen Hungertod und Auswanderung.</p>
<p>Dieses Damoklesschwert hing in gewisser Weise auch über dem kontinentalen Europa. Auch ohne unmittelbare imperiale Abhängigkeit der west- und mitteleuropäischen Länder von England drohte das Aufblühen des ersten industriekapitalistischen Zentrums die Entwicklung an der damaligen Peripherie abzuwürgen. Das blieb nicht unerkannt. In den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts machte Friedrich List deutlich, daß Adam Smith&#8217;s berüchtigte »invisible hand« einseitig zugunsten Großbritanniens arbeitet. Der Freihandel, so seine Sorge, konnte für die deutschen Einzelstaaten nur die Verewigung von präkapitalistischer Rückständigkeit bedeuten. Wenn Deutschland wirtschaftlich desintegriert und der innere Markt ungeschützt bliebe, so Lists Prognose, würden die deutschen Lande künftig eine von England dominierte Welt außer mit Agrarprodukten allenfalls mit »Kinderspielzeug, hölzernen Wanduhren und philologischen Schriften« versorgen, während das Gros seiner Bevölkerung in der »Neuen Welt« eine neue Heimat suchen müßte. Der Gründungsvater der deutschen Nationalökonomie war aber nicht nur in der Lage, die Diagnose zu stellen, er konnte auch das Heilmittel angeben. Er erkannte in der »Einheit der Nation« »die Grundbedingung für einen dauerhaften Nationalwohlstand« und war sich sicher, daß der zu formierende deutsche Gesamtstaat durch die Einführung von »Erziehungszöllen« den für die Formierung eines kohärenten Wirtschaftsraumes nötigen Rahmen schaffen und damit den Prozeß einer nachholenden Industrialisierung in Gang setzen könne.</p>
<p>Diese ökonomische Doppelstrategie von (teilweiser) Ausschaltung der (britischen) Konkurrenz und nachholender Binnenintegration sowie Industrialisierung wurde zwar nicht mehr zu Lists Lebenszeit umgesetzt, dafür folgte die tatsächliche nachholende Industrialisierung Deutschlands in der zweiten Jahrhunderthälfte ziemlich genau dem von ihm entworfenen Drehbuch. Die industrielle Aufholjagd setzte dabei in gewisser Weise auf einer neuen Ebene das Werk der deutschen Nationalbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts fort. Wie die preußischen Reformer die Errungenschaften der französischen Revolution partiell übernahmen, um sie gegen die Fremdherrschaft zu wenden, und die Idee der »deutschen Nation« insgesamt durch die französische Expansion induziert war, so entsprang die beschleunigte wirtschaftliche Expansionsbewegung aus der gleichzeitigen Übernahme des britischen Vorbilds und dem (partiellen) Ausschluß der britischen Konkurrenz. Schon zur Zeit der Befreiungskriege hatte die aufgeklärte Bürokratie die tragende Schicht der Modernisierungs-Anstrengung gebildet, und auch beim zweiten Anlauf spielte der Staat bei der Installation moderner kapitalistischer Verhältnisse eine zentrale Rolle. Deutschland übernahm gegenüber den etablierten kapitalistischen Mächten eine Avantgardefunktion im säkularen Prozeß der Etatisierung.</p>
<p>Der staatlich protegierten nachholenden Entwicklung war in Deutschland ein erstaunlicher Erfolg beschieden. Dem jungen Deutschen Reich gelang es nicht nur, sich als Nationalstaat zu etablieren; der Modernisierungsprozeß gewann hierzulande sogar eine besondere Dynamik, und gerade in den Schlüsselsektoren der zweiten industriellen Revolution zeigte sich die deutsche Industrie der britischen Vormacht sehr schnell deutlich überlegen. Die »semiperiphere Region« (Wallerstein) verwandelte sich in einen Teil des kapitalistischen Zentrums.</p>
<h4>6. Vom sekundären zum tertiären und quartären Nationenbildungsprozeß</h4>
<p>Das Grundproblem, das im rückständigen Deutschland gelöst worden war, stellte sich auch für alle anderen Späteinsteiger. Bei sämtlichen nachholenden Nationen gehörten das innere Einigungswerk und der Schutz vor der ökonomischen und militärischen Überlegenheit der bereits etablierten Nationen zusammen. Von daher kann es nicht überraschen, daß die deutsche »Erfolgsstory« in vielerlei Hinsicht für die Vordenker zahlreicher anderer nachholender Nationalismen explizit oder implizit zum Vorbild wurde. Das gilt insbesondere für die Übernahme der etatistischen Option.</p>
<p><a name="q19"></a>Lenin steht mit seiner Bewunderung für die deutsche Post, in der er den Prototypus der sozialistischen Produktionsorganisation sah, nicht allein. Die nationalistischen Avantgarden in Südosteuropa, im arabischen Raum, in Asien und Lateinamerika, linke wie rechte, träumten alle davon, daß es auch ihren jungen Nationen gelingen könne, wenn sie erst einmal die politische Souveränität erkämpft hätten, einen ebenso vielversprechenden Prozeß nachholender staatlich lancierter Modernisierung in Gang zu setzen.(<a href="#19">19</a>)</p>
<p><a name="q20"></a><a name="q21"></a>Fast alle neuen Nationalstaaten suchten das in Deutschland bewährte »Modell« in der einen oder anderen Variante nachzuahmen. Vergleichbare Ergebnisse wie im Deutschen Reich zeitigten die Modernisierungs-Anstrengungen indes nur in zwei weiteren Ländern. Japan(<a href="#20">20</a>) und (mit Abstrichen) Italien begannen in etwa zeitgleich die industrielle Aufholjagd und stiegen ebenfalls in die Beletage des Weltkapitalismus und der imperialen Mächte auf.(<a href="#21">21</a>) Die anderen jungen Nationen hingegen, die erst im Laufe des 20. Jahrhunderts den Pfad nationalstaatlicher und nationalökonomischer Formierung einschlugen, kamen bei diesem Bemühen über anfängliche Achtungserfolge nicht hinaus und scheiterten schließlich. Keinem dieser Nationalstaaten in statu nascendi gelang es im Wettlauf um das Produktivitäts- und Vergesellschaftungsniveau, dauerhaft den Abstand zu den Ländern im kapitalistischen Zentrum zu verringern. Das bedeutete aber nicht allein, daß diese Nationen in spe dazu verurteilt waren, im Weltkapitalismus eine untergeordnete Rolle zu spielen; es hatte ebenso Folgen für den erreichbaren Grad von nationalökonomischer und damit auch nationalstaatlicher Integration. Neben den etablierten Nationen in Nordamerika und Westeuropa entstand eine Vielzahl von unvollständigen Nationalstaaten, die nie über das Rohbaustadium hinauskamen und heute, vor ihrer Vollendung, schon wieder in den Zerfall übergehen.</p>
<p>Wenn in Deutschland, Japan und Italien die nachholende Nationalstaatsbildung glückte, in Osteuropa, Asien, Lateinamerika, Afrika usw. hingegen Stückwerk blieb, so sind dafür vornehmlich zwei Faktoren verantwortlich. Zum einen hatte die Ausbildung einer nationalstaatlichen Ordnung bei den Ländern in der zweiten Startreihe einen viel längeren historischen Vorlauf als bei denjenigen in der dritten. Dieser Prozeß konnte nämlich bei den erfolgreichen älteren Späteinsteigern und nachholenden Nationen an vorgängige Entwicklungen anknüpfen, zu denen andernorts ein Pendant fehlte. Zum anderen wurde mit der zunehmenden Dichte der von den kapitalistischen Zentralmächten gesponnenen Weltmarkt-Vernetzung die für jede nachholende Entwicklung unumgängliche partielle Sistierung der Weltmarktkonkurrenz immer schwieriger.</p>
<p>In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als erst eine vergleichsweise schmale Produktpalette unter die Weltmarktkonkurrenz fiel, hatte dem Deutschen Reich noch ein Schutzzollsystem ausgereicht, um sich den Spielraum für einen selbsttragenden Akkumulations- und Industrialisierungsprozeß zu verschaffen. Im selben Maße jedoch, wie im Laufe des 20. Jahrhunderts die Weltmarktkonkurrenz sukzessive sämtliche Fertigungszweige erfaßte (eine Entwicklung, die sich seit den 50er Jahren immer mehr beschleunigt hat), war es damit nicht mehr getan. Soweit die nachholenden Nationen der »invisible hand« des Weltmarkts überhaupt Freiräume abtrotzen konnten, mußte die partielle Abschottung mit enormen Produktivitätsverlusten erkauft werden, die jede mühsam ermöglichte eigenständige Entwicklung wieder blokkierten. Zwar war es vielen Entwicklungsregimes noch möglich, so etwas wie eine schwerindustrielle Basis zu legen; aber schon der Übergang zu der für die hochfordistische Akkumulationsbewegung charakteristischen, breit aufgefächerten Massenfertigung von Konsumgütern ließ sich kaum mehr mit den etatistischen Instrumentarien bewältigen &#8211; von der Anpassung an die von der mikroelektronischen Revolution geschaffenen neuen Verwertungsbedingungen ganz zu schweigen.</p>
<p>Für die Spätstarter im dritten und vierten Glied der Nationenbildung lag also die Meßlatte, die es im Prozeß nachholender Modernisierung zu überwinden galt, deutlich höher als bei den Nationen der ersten und zweiten Generation. Das betrifft nicht allein den eben schon angesprochenen wachsenden Produktivitäts-Abstand zu den kapitalistischen Vormächten und die im säkularen Trend zunehmende Tiefenwirksamkeit des Weltmarkts; es gilt ebenso (darüber vermittelt) für die »innere Seite« der Konstituierung von Nationalstaaten, d.h. für die sukzessive Homogenisierung der Lebens- und Verwertungsbedingungen in den verschiedenen Landesteilen.</p>
<p>Als Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Nationalstaat aus der Taufe gehoben wurde, waren die Lebensverhältnisse in den diversen deutschen Landen noch in vielerlei Hinsicht kaum miteinander zu vergleichen. So lag beispielsweise das Lohnniveau, um hier nur einen leicht quantifizierbaren Indikator zu nennen, im preußischen Rheinland in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts rund fünfmal so hoch wie in Ostpreußen. Derlei schreiende Diskrepanzen bedrohten damals jedoch keineswegs zwangsläufig den Zusammenhalt der sich herausbildenden politischen und nationalökonomischen Einheit. Bleiben wir bei unserem Exempel, so zeigt sich vielmehr, daß die über das enorme Lohngefälle vermittelten Wanderungsbewegungen überhaupt erst der Montanindustrie des Ruhrgebiets die für ihre sprunghafte Expansion notwendigen Arbeitskräfte verschafften und gleichzeitig im agrarischen Osten für jenen Modernisierungsdruck sorgten, der die altväterlich-junkerliche Wirtschaftsweise aufzulösen begann. Natürlich blieben angesichts der enormen Differenzierung soziale Friktionen nicht aus, diese Verwerfungen blockierten das Zusammenwachsen Kleindeutschlands aber keineswegs, sondern bildeten eher so etwas wie eine Begleitmusik.</p>
<p><a name="q22"></a>Diese Konstellation war indes an die spezifischen Bedingungen des GründerzeitKapitalismus gekoppelt. Sie konnte nur zum Tragen kommen, solange der Regulationsstaat noch in den Kinderschuhen steckte. Sobald aber die abstrakte Allgemeinheit sich angesichts der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte nicht mehr darauf beschränken konnte, eine einheitliche Normierung und Gesetzgebung, Außenzölle und das Polizei- und Militärwesen zu garantieren und stattdessen das Gewicht der infrastrukturellen öffentlichen Aufgaben (Verkehrs- und Bildungswesen, soziale Sicherung usw.) für die Reproduktion der Marktgesellschaft(<a href="#22">22</a>) zunahm, entstand ein neuartiger verschärfter Zwang zur Homogenisierung. Je weiter der säkulare Etatisierungsprozeß voranschritt, desto mehr waren die nachrückenden Nationalstaaten gezwungen, sehr schnell landesweit einheitliche Verwertungs- und Lebensbedingungen zu schaffen. Wo sich die notwendige Kohärenz nicht herstellen und reproduzieren ließ, stand auf Dauer nicht allein das nationale Entwicklungsziel in Frage, sondern letztlich auch die politische Einheit des jeweiligen Staates zur Disposition.</p>
<h4>7. Nationalismus in Osteuropa</h4>
<p>Wenn die im Laufe des 20. Jahrhunderts aus dem Boden gestampften jungen Nationalstaaten prekäre Gebilde blieben, die mittlerweile reihenweise vor dem Auseinanderbrechen stehen oder schon in den Zerfall übergegangen sind, dann ist der letzte Grund sicher darin zu suchen, daß die gestellte Homogenisierungs- und Entwicklungsaufgabe nicht lösbar war. Sie scheiterten in letzter Instanz allesamt an der Weltmarktdynamik. Die nachholende nationalstaatliche Formierung stieß aber nicht erst in ihrem Fortgang auf unüberschreitbare Grenzen, sie stand in vielen Ländern von Beginn an auf äußerst wackeligen Füßen, weil das Importmodell Nationalstaat dort auf ein gesellschaftliches Gefüge traf, das sich der nationalstaatlichen Zurichtung seiner ganzen Grundstruktur nach sperrte. In Europa gilt das insbesondere für die östliche Hälfte des Kontinents. Der Osten blieb gegenüber dem Westen bei der nationalstaatlichen Formierung auch deshalb im Hintertreffen, weil diese hier nicht organisch an ältere Vereinheitlichungstendenzen anknüpfen konnte, sondern die Idee des Nationalstaats gegen die bestehende gesellschaftliche Wirklichkeit geltend gemacht werden mußte.</p>
<p>Wenn Nationalstaatsbildung wesentlich Homogenisierung bedeutet, dann betrifft das zunächst einmal natürlich die kulturellen Standards und andere Bereiche, die der klassische Marxismus für gewöhnlich dem »Überbau« zurechnet. Vorbürgerliche Imperien, in denen die Produktion für den Markt nur eine periphere Rolle spielte, konnten ohne weiteres eine nach sprachlichen und kulturellen Gesichtspunkten völlig heterogene Bevölkerung unter einem gemeinsamen Herrschaftsdach vereinen; und sie verzichteten daher letztlich allesamt darauf, gegen die bestehende Vielfalt vorzugehen. Weil Herrschaft dabei nur eine dünne Firnisschicht bildete, die an die Tiefen des alltäglichen Reproduktionszusammenhangs kaum heranreichte, tat es ihrer Funktionsfähigkeit keinerlei Abbruch, wenn die Untertanen unter vollkommen disparaten rechtlichen, sozialen und religiösen Verhältnissen ihr Dasein fristeten und sich untereinander nicht einmal verständigen konnten. Eine moderne bürgerliche Gesellschaft bedarf hingegen schon in einem relativ frühen Entwicklungsstadium einer einheitlichen Verkehrsbasis (verbindliche Landessprache, Rechtsnormen, usw.). Dieser Tatsache verdankt moderne Staatlichkeit ihre genuin nationale Färbung.</p>
<p><a name="q23"></a>In West- und Mitteleuropa bildete sich die Bezugsbasis der kulturellen Homogenisierung seit der frühen Neuzeit parallel zum Aufschwung der Geldwirtschaft sukzessive heraus. In Frankreich begann sich das im Pariser Becken gesprochene Idiom seit dem 14. Jahrhundert immer mehr als verbindliche Verwaltungssprache durchzusetzen. In Deutschland existierte seit der Lutherschen Bibelübersetzung zumindest für die schriftkundigen Schichten ebenfalls ein verallgemeinerungsfähiger sprachlicher Bezug. Aus der Mundart des großen Reformators ging dementsprechend die deutsche Hochsprache hervor. In Osteuropa, das traditionell ein viel niedrigeres Vergesellschaftungs- und Vernetzungsniveau aufwies, fehlten bis ins 19. Jahrhundert hinein vergleichbare zentripetale Kräfte. Gerade die dünnen bürgerlichen Schichten, die hauptsächlichen Träger des Modernisierungsprozesses, rekrutierten sich vornehmlich aus zugewanderten, ursprünglich landesfremden Bevölkerungsgruppen (vornehmlich aus Juden und Deutschen; im Südosten aus Italienern, Griechen und Armeniern), während die Landbevölkerung in einer bunten »ethnischen Gemengelage« lebte.(<a href="#23">23</a>) Bei solchen historischen Ausgangsbedingungen konnte sich die Bezugsbasis der anlaufenden Homogenisierungsprozesse nicht quasi naturwüchsig ergeben, sondern mußte zum Konfliktgegenstand werden.</p>
<p>Im Ostteil des europäischen Kontinents, der im wesentlichen in drei vormoderne Imperien aufgeteilt war (Zarenreich, Osmanenreich, Donaumonarchie), ging die Nationalisierungstendenz zunächst einmal von den Völkerschaften aus, die den jeweiligen Landesadel stellten. Dies machte sich vornehmlich als Russifizierungs- bzw. Madjarisierungsbewegung bemerkbar. Im Widerstand gegen die neuartigen Absorptionsgelüste entstand aber seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in den dünnen bürgerlichen Schichten auch ein ganzes Bündel untereinander konkurrierender Nationalismen, die gegen die großungarische bzw. großrussische Uminterpretation der alten Reichsideen frisch konstruierte nationale Sonderidentitäten geltend zu machen suchten. Während in Italien und Deutschland die Nationalstaaten aus Einigungsprozessen hervorgegangen waren, konnte die nationale Idee sich in Osteuropa nur im Kampf gegen die vorgängigen übernationalen Imperien formieren und auf deren Trümmern realisieren.</p>
<p>Die Gründungswelle von Nationalstaaten nach den Balkankriegen und dem 1. Weltkrieg bereitete zwar der alten pränationalen Ordnung, wie sie in der Donaumonarchie, dem Zaren- und Osmanenreich nachgelebt hatte, ein Ende; sie war deswegen aber noch lange nicht geeignet, adäquate Rahmenbedingungen für den Prozeß nachholender Modernisierung zu schaffen. In den zu Nationalstaaten deklarierten Spaltprodukten hatten zwar andere Völkerschaften das Sagen als in den kollabierten Großreichen; diese neuen Staatswesen waren dadurch aber weder »ethnisch« wesentlich homogener als ihre Vorgänger noch besser in der Lage, die diversen Minoritäten in ein einheitliches Staatsvolk einzuschmelzen.</p>
<p>Die Idee der Nation machte sich auch in Osteuropa zusammen mit der kapitalistischen Produktionsweise breit. Unter den spezifisch osteuropäischen Bedingungen, wo nationale Grenzen nur vollkommen willkürlich gezogen werden konnten, blokkierte dieses Importgut den staatlich lancierten Modernisierungsprozeß aber mehr, als daß es ihm förderlich gewesen wäre. Die Zwischenkriegszeit mit ihrer inneren und äußeren politischen Zersplitterung wurde für Ostmitteleuropa und den Balkanraum denn auch zu einer Phase der Stagnation, in der gewachsene wirtschaftliche Verflechtungen litten, ohne daß eine in den Einzelstaaten einsetzende Binnendynamik sie hätte ersetzen können.</p>
<p><a name="q24"></a>Unter diesen Bedingungen standen zwei Wege zur »Lösung« der nationalen Frage offen. Die eine Möglichkeit bestand in der Relativierung des nationalen Gesichtspunkts, die andere in seiner rigorosen Realisierung durch Genozid und Vertreibung. Die erste Option ist untrennbar mit dem sogenannten Realsozialismus verknüpft. Die Errichtung einer Administrativwirtschaft, die das Ziel hatte, alle gesellschaftlichen Kräfte jenseits der Marktkonkurrenz für ein gigantisches Modernisierungsprojekt zu mobilisieren, bedeutete auch die Eskamotierung nationaler Gegensätze. Die Bolschewiki erkannten den Nationen zwar so etwas wie eine kulturelle Identität zu, die Sowjetökonomie wurde indes von vornherein als ein einheitliches Gefüge konzipiert. Solange die sowjetsozialistische Emphase trug und durch eine halbwegs funktionierende, immer ja auch regional zu verstehende allsowjetische Redistribution unterfüttert wurde, blieb die nationale Problematik unter dem Deckel. Regionale bzw. nationalistische Konkurrenz existierte untergründig zwar fort, aber nur versteckt; und sie kam allein in die Mechanismen einer einheitlichen Staatswirtschaft eingeschrieben zum Tragen. Die sowjetische Lösung wiederholte sich nach dem 2. Weltkrieg in dem einzigen anderen europäischen Land, das sich aus eigener Kraft vom nationalsozialistischen Deutschland befreien konnte und den Weg einer nachholenden ursprünglichen Akkumulation unter sozialistischem Vorzeichen einschlug: nämlich Titojugoslawien.(<a href="#24">24</a>)</p>
<p>In den anderen Ländern Ostmitteleuropas und Osteuropas dagegen setzte sich durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgeereignisse eine Annäherung an die rigorosen Prinzipien nationalstaatlicher Homogenität durch. In Polen hattens ich vor dem Zweeten Weltkrieg etwa 60 Prozent der Bewohner der »polnischen Nation« zugerechnet. Das deutsche NS-Besatzungsregime dezimierte die nicht-polnische Bevölkerung durch seine Ausrottungspolitik gegenüber den Juden erhablich. Da nach dem Krieg als Konsequenz der deutschen Politik der deutsche Bevölkerungsanteil vertrieben wurde und sich durch die Westverschiebung des Landes die Ruthenen, Ukrainer und Weißrussen im ehemaligen Ostpolen plötzlich als Sowjetbürger wiederfanden, stieg im neuen Staat der Anteil der polnischen Nationalität auf mehr als 90 Prozent an. Nach demselben Muster verlief der Prozeß der Homogenisierung in der benachbarten Tschechoslowakei. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten sich nicht einmal 50 Prozent der Bewohner als Teil der tschechischen Nationalität betrachtet. Auch hier war es das deutsche Besatzungsregime, das durch den Holocaust den jüdischen Bevölkerungsanteil nahezu auslöschte, und auch hier wurde als Reaktion auf die deutschen Besatzungsgreuel der Bevölkerungsteil der Sudetendeutschen vertrieben während die Ostslowakei an die Sowjetunion fiel. Nach dem Krieg waren auf diese Weise die Staatsvölker der Tschechen und Slowaken deutlich in der Mehrheit.</p>
<h4>8. Nationalismus in Asien und Afrika</h4>
<p>Die nationalstaatliche Formierung in Osteuropa, die nach dem Ersten Weltkrieg recht stockend begonnen hatte und erst unter dem Vorzeichen des Realsozialismus auf Touren kam, war nicht die letzte Etappe in der Verallgemeinerung der nationalstaatlichen Form. Nach dem 2. Weltkrieg entstanden in den von den europäischen Kolonialmächten unterworfenen Gebieten Afrikas und Asiens ebenfalls breite Bewegungen, die sich das Ziel setzten, ihre Länder in die nationale Unabhängigkeit zu führen und zu modernisieren. Hier wiederholte sich ein letztes Mal das alte Doppelspiel von Opposition gegen das westliche Zentrum und Übernahme des westlichen Musters. Allerdings hatten die westlich-antiwestlichen Eliten in diesen Weltregionen mit noch weit prekäreren Bedingungen zu kämpfen als ihre osteuropäischen Vettern. Das Hauptproblem lag dabei weniger in der Erringung der politischen Unabhängigkeit; die eigentliche Malaise begann vielmehr bei der Umsetzung des nationalen Aufbauwerks nach dem Rückzug der Kolonialherren.</p>
<p>Das betraf zunächst einmal natürlich die Herausbildung von so etwas wie einem Nationalbewußtsein. In Ländern wie China oder Indien, die bei aller inneren Differenzierung schon in vorkolonialer Zeit politisch und kulturell über viele Jahrhunderte eine Einheit gebildet hatten, konnte der neue postkoloniale Nationalismus sich wenigstens auf dieses verklärte Erbe beziehen. In vielen anderen Gebieten war das nicht der Fall, und eine übergreifende Identität, die geeignet gewesen wäre, die von den Kolonialherren einst mit dem Lineal gezogenen Verwaltungseinheiten zu Nationen in spe zu überhöhen, mußte erst »erfunden« werden, und die Modernisierungseliten oktroyierten den nationalen Standpunkt der heimischen Bevölkerung von außen auf.</p>
<p>Hätte ein breiterer arbeitsgesellschaftlicher Akkumulationsschub zur Herausbildung eines nationalen Marktes geführt, dann wäre es sicher möglich gewesen, dieses Handicap zu überwinden, und die Kopfgeburt Nation wäre wohl nachträglich doch noch allmählich zur Alltagsrealität geworden; die Dynamik der Weltmarktbewegung verhinderte indes eine solche Auflösung. Auch nach der Erringung der politischen Unabhängigkeit konnten sich die Länder der 3. Welt nie aus den Dilemmata abhängiger Entwicklung befreien. Die Zersetzung der traditionellen lokalen Reproduktionsformen schritt zwar weiter voran, die freigesetzten Menschen wurden jedoch nicht mehr auf breiter Front unter dem Vorzeichen arbeitsgesellschaftlicher Verwertung neu integriert. Wo der Prozeß nationalökonomischer Integration in einem embryonalen Stadium steckenblieb, mußte aber auch die Existenz einer nationalen Identität letztlich Fiktion bleiben.</p>
<p>Als die Anfangseuphorie nach der Erringung der Unabhängigkeit verflog, machte sich dieses Problem schon nach wenigen Jahren bemerkbar. In demselben Maße, wie die staatlichen Modernisierungsapparate an die Grenzen ihrer Entwicklungsaufgabe stießen, setzte sich unter dem Deckmäntelchen nationalistischer Emphase eine subnationale Orientierung durch und die etatistische Redistributions-Gewalt wurde zusehends im Sinne eines regional und nepotistisch gegliederten Klientelwesens umfunktioniert. In Äthiopien etwa bestand die Haupttätigkeit des Staates unter Haile Selassie (aber auch unter dem Regiment seiner »sozialistischen« Nachfolger) darin, die knappen Ressourcen des Landes rücksichtslos in die vom Volk der Amhara bewohnte Hauptstadt Addis Abeba zu lenken und den Rest des Landes sich selber und schließlich dem Hungertod zu überlassen. Im Laufe der siebziger Jahren verallgemeinerte sich dieses Muster. In fast allen schwarzafrikanischen Staaten spiegelte das Parteienwesen getreulich die »ethnische« Gliederung wieder, und der Staat degenerierte immer mehr zu einem Selbstbedienungsladen für die staatsbesitzenden Cliquen, die sich bei dieser Art von Umverteilung auf die Loyalität ihrer »Stammes«-Klientel stützen konnten.</p>
<h4>9. Von der nachholenden Nationalstaatsbildung zum Zerfallsnationalismus</h4>
<p>In dieser Entwicklung deutete sich bereits an, welches Schicksal die zu spät gekommenen Nationen allesamt im Folgenden erwartete und noch erwartet. Der Verlust der arbeitsgesellschaftlichen Entwicklungsperspektive mußte letztlich die politische Form mitgefährden, in der sich der steckengebliebene Prozeß der Inwertsetzung vollziehen sollte, den Nationalstaat nämlich. Wo der Nationalstaat es nicht fertigbringt, den Rahmen einer gemeinsamen landesweiten abstrakten Reichtumsproduktion sicherzustellen und damit an seiner genuinen Aufgabe versagt, verliert er seine integrative Kraft und es machen sich über kurz oder lang zentrifugale Kräfte bemerkbar. Gerade in Schwarzafrika, wo es den jungen Nationalstaaten nie gelungen war, mehr als erste Ansätze einer übergreifenden nationalen Identität herzustellen, lösten sich diese sehr schnell wieder auf.</p>
<p>In Angola und Mozambique, die erst nach der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974 das koloniale Joch endgültig abstreiften, ging die nachholende Nationalstaatsbildung unmittelbar in den Zerfallsnationalismus über. Die anderen afrikanischen Staaten konnten zunächst im Windschatten des globalen fordistischen Booms mit seinen vergleichsweise hohen Rohstoffpreisen (und seit den siebziger Jahren dank exzessiver Staatsverschuldung) die nationalstaatliche Modernisierungsfassade wenigstens einige Jahre lang aufrechterhalten. Hinter dieser Fassade war der Staat aber längst zur Beute clanmäßig organisierter Großseilschaften geworden; und als sich mit dem Verfall der Rohstoffpreise und dem Zuschnappen der Verschuldungsfalle die Spielräume für jegliche Rest-Redistribution verengten, war der Boden für diverse Separatismen und ein ausuferndes Warlord-Unwesen bereitet.</p>
<p>Der Zusammenhang von scheiternder arbeitsgesellschaftlicher Durchdringung und nationalstaatlicher (Selbst)Destruktion, der in den »Bürgerkriegen« in Liberia und Somalia sowie im ruandischen Genozid in seiner ganzen Brutalität sichtbar geworden ist, kennzeichnet aber nicht allein die Situation des »vergessenen Kontinents«. Dieselbe Grundlogik setzt sich derzeit in all den Weltregionen durch, in denen der nationalstaatliche Homogenisierungs- und »ethnische« Einschmelzungsprozeß unvollständig geblieben ist. Im demselben Maße, wie sich die schon erreichte nationalökonomische Integration auflöst, werden allerorten ältere, scheinbar längst verblaßte sprachliche und kulturelle Differenzen neu besetzt. An diesen Bruchstellen zerfallen reihenweise die ihres Modernisierungsinhalts beraubten Staaten an der Weltmarktperipherie. Besonders dramatische Formen hat diese Entwicklung in den ehemals realsozialistischen »Vielvölkerstaaten« angenommen. Mit dem Ende der realsozialistischen Entwicklungsperspektive zerbrachen dort auch die im Kontext der nachholenden Modernisierung geschaffenen transnationalen, synthetischen Staatsidentitäten. An die Stelle des einheitlichen »Sowjetvolkes« trat eine Vielzahl auseinanderstrebender Einzelnationalismen. Mit dem Kollaps von Titos »Selbstverwaltungssozialismus« brach auch das jugoslawische Staatswesen auseinander.</p>
<p>Diese Entwicklung wird für gewöhnlich als Renaissance des Nationalismus apostrophiert. Und in der Tat, diese Strömungen lehnen sich, was ihre Ideologie angeht, eng an ältere Nationenkonzepte an, die in der Modernisierungsgeschichte nicht so recht zum Zug kamen. Dieser Rekurs darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die neonationalistische Welle einen ganz anders gearteten historischen Inhalt hat als sämtliche ihrer Vorgänger. Nationalismus war bislang im wesentlichen eine Integrationsideologie. Die Ausbreitung des Nationalismus ging mit der Installation moderner Staatlichkeit einher, und sie fand darin ihre Erfüllung, in Weltgegenden Nationalstaaten zu schaffen, in denen es vorher keine gegeben hatte. Der Neonationalismus hingegen verläßt dieses Schema. In seiner separatistischen Orientierung wird er nur noch als Begleitideologie bei der Ausschlachtung von Modernisierungsruinen geschichtsmächtig. Er steht also nicht für eine neu zu findende nationalökonomisch-nationalstaatliche Integration, sondern gerade für deren ersatzlose Zerstörung. Er markiert den Übergang von nationalstaatlichen Entwicklungsregimes zum poststaatlichen Warlord-Unwesen. Wie eine Hyperinflation nicht gerade als Indiz für die Stärke des Geldwesens zu verstehen ist, ebensowenig kündet das wilde Wuchern von Pseudo-Nationalstaaten von der unbändigen Kraft des Nationalen, sondern vielmehr von der Zersetzung des nationalstaatlichen Bezugsfeldes.</p>
<h4>10. Globalisierung und Krise des Nationalstaats im Westen</h4>
<p>Die bisherige Darstellung behandelte im wesentlichen den Zusammenhang zwischen warengesellschaftlichem Take off und der Erstinstallation der nationalstaatlichen Form. Dabei ergab sich ein Doppelbefund. In all den Weltteilen, die in den letzten beiden Jahrhunderten sukzessive in den Bannkreis der Verwertungsgesellschaft gerieten, war die an die Figur des Nationalstaats gekoppelte Dialektik von Teilsistierung der Weltmarktkonkurrenz und Etablierung eines nationalen, in sich kohärenten Verwertungsrahmens für die Durchsetzung der Arbeits- und Warengesellschaft unverzichtbar. Gleichzeitig zeigte sich aber auch, daß mit zunehmendem zeitlichen wie räumlichen Abstand vom westeuropäischen Ausgangspunkt der modernen bürgerlichen Gesellschaft die strukturellen Schwierigkeiten wuchsen, mit denen die Architekten nachholender nationalstaatlicher Formgebung zu kämpfen hatten. Mittlerweile verhindert der vom Weltmarkt ausgehende Druck an dessen Peripherie nicht nur die Neuinstallation funktionstüchtiger Nationalstaaten, es geht dort auch noch der im Etatisierungsprozeß schon einmal erreichte Stand an nationalökonomischer Kohärenz wieder verloren. Die »ethnischen« Konflikte, die heute an allen Ecken des Globus toben, sind weniger Ursache als vielmehr Ausdruck dieser Auflösungsbewegung, auch wenn sie diese Tendenz natürlich beschleunigen.</p>
<p>Damit ist aber nur ein Aspekt der Krise der nationalstaatlichen Ordnung erfaßt. Die Figur des Nationalstaats spielte nicht nur bei der (nachholenden) Transformation von vormodernen Gesellschaften in Warengesellschaften und bei deren geographischer Ausdehnung eine Schlüsselrolle, sondern ist ebenso für ihre Reproduktion unverzichtbar. Das betrifft zunächst einmal das Verhältnis zwischen den Nationalökonomien. Nicht nur beim Zusammenstoß mit wesentlich noch vorkapitalistisch geprägten Verhältnissen, sondern auch dort, wo kapitalistische Entwicklung sich auf ihrer eigenen Grundlage fortbewegt, erzeugt sie beständig Ungleichgewichte, die ihren Fortgang außerhalb der absolut fortgeschrittensten Metropolenländer stillzustellen drohen. Anders als die Freihandelsmärchenwelt mit ihrer Theorie komparativer Kostenvorteile behauptet, müßte in der schnöden kapitalistischen Realität das unabgepufferte Aufeinandertreffen unterschiedlicher Produktivitätsniveaus für die unterlegene Seite die gleiche Wirkung zeitigen wie in der Welt der Physik die Begegnung von Materie und Antimaterie. Wenn die große Boomphase nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf die kapitalistischen Kernmächte beschränkt blieb und die ganze westliche Welt, ja partiell sogar den Osten und Süden erfaßte, dann konnte das nur deshalb geschehen, weil sich der fordistische Aufschwung noch auf der Basis <em>relativ selbständiger Volkswirtschaften</em> vollzog und die nationalökonomische Terrassierung verhinderte, daß die Produktivitätsgefälle zu Bergstürzen, sprich zum Wegbrechen der schwächeren Verwertungsregionen führten.</p>
<p><a name="q25"></a>Vom Kriegsende bis in die späten 50er Jahre hinein schützte in erster Linie die Einschränkung des Freihandels und auf der monetären Ebene der Fortbestand von Devisenbewirtschaftungssystemen die europäische Wirtschaft davor, von der damals in der Produktivität haushoch überlegenen amerikanischen Konkurrenz ausradiert zu werden. Im selben Maße, wie sich die Gewichte innerhalb der kapitalistischen Welt radikal zugunsten Japans und der BRD verschoben und die im Bretton-WoodsSystem vorgesehene freie Konvertibilität aller Währungen hergestellt wurde, übernahm immer mehr der Wechselkursmechanismus diese Funktion. Sämtliche Länder, die ihre Währung vom Gold abgelöst hatten, seit 1971 also auch die Vereinigten Staaten, waren dadurch in die Lage versetzt, im Bedarfsfall die Wettbewerbssituation durch die relative Abwertung des internen Wertmaßstabes gegenüber anderen nationalen Wertmaßstäben zu verbessern.(<a href="#25">25</a>)</p>
<p>Die Funktionsweise dieses Mechanismus läßt sich in seiner Grobstruktur in jedem VWL-Handbuch nachlesen. Wenn eine Nationalökonomie Produktivitätsdefizite aufweist, dann kann die Abwertung der Landeswährung zumindest partiell deren Wirkung kompensieren, indem sie für eine Verteuerung sämtlicher in das abwertende Wirtschafts- und Währungsgebiet fließender Importe sorgt. Die Verschiebungen in den Preisrelationen versetzen die unterproduktiven heimischen Betriebe in die Lage, ihre im Vergleich zu den hochproduktiven ausländischen Konkurrenten höheren Gestehungskosten auf dem Binnenmarkt zu realisieren und dadurch ihren Fortbestand zu sichern und ihrer Vernichtung zu entgehen; darüber hinaus stärkt die relative Verbilligung sämtlicher Exportgüter die Position des Abwertungslandes auf den Außenmärkten und eröffnet der unterlegenen Volkswirtschaft Ausfuhrspielräume, die sie vorher nicht hatte.</p>
<p><a name="q26"></a>Die zunehmende transnationale Verflechtung hebelt diesen Ausgleichsmechanismus indes heute mehr und mehr aus, ohne daß ein alternatives Stabilisierungsmoment seine Aufgabe übernehmen könnte. In einer globalisierten Wirtschaft verliert der Wechselkursmechanismus immer mehr an Wirksamkeit, während die Kosten, mit denen er verbunden ist, immens steigen. Warum das so sein muß, läßt sich unschwer erklären. Der Vorteil, der sich aus der Abwertung der heimischen Währung ergibt, kann sich selbstverständlich immer nur auf den im eigenen Land erzeugten Wertanteil jedes Endprodukts beziehen. Soweit die heimischen Anbieter auf Vorprodukte und Rohstoffe aus dem Ausland angewiesen sind, schlägt die Abwertung auch bei ihnen nicht anders als bei der ausländischen Konkurrenz als bloße Verteuerung zu Buche, und die Wettbewerbseffekte schrumpfen. Gleichzeitig drückt die wechselkursinduzierte Erhöhung der Preise der Importgüter umso nachhaltiger auf die allgemeine Inflationsrate, je mehr relatives Gewicht den Einfuhren zukommt.(<a href="#26">26</a>)</p>
<p>Damit aber nicht genug. Die Wechselkurssteuerung, das klassische Kernstück volkswirtschaftlicher Außenregulation, wird zusätzlich noch durch etwas anderes blockiert, durch die in den letzten Jahrzehnten entstandene extreme Abhängigkeit der Staatsapparate und der Realwirtschaft vom transnationalen Geldkapital und dessen Verwertungslogik. Ein unterproduktives Land, das heute auf den internationalen Finanzmärkten auch nur in den Verdacht gerät, es könne auf die Idee verfallen, seine Wettbewerbssituation durch eine Abwertungsstrategie verbessern zu wollen, muß das augenblicklich mit einer Fluchtbewegung der auf den entgrenzten Geldkapitalmärkten frei fluktuierenden Gelder büßen. Für die verschuldete öffentliche Hand, aber auch für die auf Fremdfinanzierung angewiesenen Unternehmen bedeutet das, daß sie postwendend mit einem Anstieg des Zinsniveaus konfrontiert werden, der dazu angetan ist, die mögliche wechselkursbedingte Verbesserung der Wettbewerbssituation des ehemaligen nationalen Standorts in sein Gegenteil zu verkehren.</p>
<p>Dieser Gesichtspunkt weist über die im kapitalistischen Weltsystem zweitrangigen Staaten hinaus. Angesichts der Entnationalisierung des Kapitals, insbesondere des Finanzkapitals, verengen sich nicht nur die Handlungsspielräume für die schwächeren kapitalistischen Länder, auch die Regulationsfähigkeit der auf dem Weltmarkt führenden Länder schwindet dahin. Sie genossen zwar in den letzten beiden Jahrzehnten dank ihrer privilegierten Stellung auf dem transnationalen Finanzmarkt den Vorzug, fiktives Kapital aus aller Welt zu günstigen Konditionen für die Finanzierung der Staatsdefizite und der heimischen Unternehmen anzapfen zu können, auf längere Sicht muß dieser Vorzug aber mit einem Verlust an Souveränität bezahlt werden. Solange es die Staaten mit national segmentierten Geldmärkten zu tun hatten und sich mit dem Zugriff auf die heimischen Spargroschen begnügten, waren sie in der Lage, das Konkurrenzverhältnis von Real- und Geldkapital weitgehend nach ihren wirtschaftspolitischen Zielvorgaben zu regulieren. Staaten, die auf beständige Frischgeldzufuhr angewiesen sind, die nur vom globalisierten Finanzmarkt kommen kann, haben diesen Gestaltungsspielraum nicht mehr, und der vorauseilende Gehorsam gegenüber den Verwertungsinteressen des entnationalisierten Geldkapitals wird schließlich zur ultima ratio finanz- und wirtschaftspolitischen Handelns.</p>
<p>Für die bürgerliche Geschichtsschreibung, darauf habe ich eingangs schon hingewiesen, endet »das Zeitalter des Nationalismus« in den kapitalistisch hochentwikkelten Ländern mit dem Jahre 1945. Diese Sichtweise hat sicherlich ideologiegeschichtlich ihre Berechtigung. In der Nachkriegsära mit ihrer Blockkonfrontation spielte die nationale Emphase zweifellos längst nicht mehr die Rolle, die sie in der Zwischenkriegszeit und zu Beginn des Jahrhunderts einmal gespielt hatte. Das bedeutet indes keineswegs, daß der <em>Nationalstaat</em> als Funktionsträger der herrschenden Vergesellschaftungsform in dieser historischen Phase an Bedeutung eingebüßt hätte. Der von Massenarbeit und Massenkonsum getragene Boom der westlichen Marktwirtschaft wäre natürlich ohne die auf die Sicherstellung des nationalökonomischen Rahmens gerichtete exzessive Tätigkeit des Staates gar nicht denkbar gewesen. Seit den fünfziger und sechziger Jahren fiel es den staatlichen Apparaten in einem bis dahin unbekannten Maße zu, durch eine geeignete Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie infrastrukturelle Maßnahmen jeder Art (Bildungs- und Verkehrswesen usw.) die Rahmenbedingungen für die privatwirtschaftlich organisierte Verwertungsbewegung sicherzustellen. Bei den Staaten, die diese rahmensetzende Funktion übernahmen, handelte es sich aber nicht nur empirisch um Nationalstaaten, angesichts der Ausdifferenzierung von Produktivitätsniveaus in der kapitalistischen Warenwelt war diese nationalstaatliche Attributierung auch der Sache nach unumgänglich. Wenn die gesamte wirtschafts- und strukturpolitische Tätigkeit des Staates sich darauf auszurichten hatte, für einheitliche weltmarktadäquate Verwertungsbedingungen zu sorgen, dann mußte sie von vornherein in all ihren Aspekten (von der Geldpolitik bis zur Ausgestaltung des Systems sozialer Sicherheit) auf die spezifische Position des staatlich zusammengefaßten Standorts in der Weltmarktkonkurrrenz abgestimmt sein. Die sprunghafte Etatisierung läßt sich von daher als die Fortsetzung der Vernationalstaatlichung fassen. So gesehen schließt das Zeitalter des Nationalstaats die Nachkriegsära also nicht nur ein, im keynesianischen Wachstumsprogramm fand die Symbiose von Territorialstaat und industriekapitalistischer Verwertung vielmehr überhaupt erst zu ihrer entwickeltsten Gestalt. Der Hochfordismus stellte die nationalökonomische Vollintegration her und die nationalen Wirtschaften erreichten einen bis dahin unbekannten Grad an innerer Homogenität.</p>
<p>Dieser Zustand blieb jedoch nicht auf Dauer erhalten. Zusammen mit dem fordistischen Modell unterlag auch der Nationalstaat einem schleichenden Auszehrungsprozeß, der allmählich in seine kritische Phase tritt. Weiter oben habe ich schon darauf hingewiesen, daß angesichts der entnationalisierten Geldkapitalströme und der Verschuldungs- und Fiktionalisierungsdynamik nationalstaatliche Souveränität zu einer Funktion der landesspezifischen Kreditbonität degeneriert. Das ist aber nicht das einzige Problem, das sich mit dem fortschreitenden Globalisierungsprozeß auftut. Gleichzeitig löst sich auch auf der Ebene des Realkapitals die dreihundertjährige Symbiose von Territorialstaat und einzelkapitalistischer Verwertungsbewegung sukzessive auf. Mit der zunehmenden Globalisierung der Produktionszusammenhänge verliert das Kapital unwiederbringlich seine Bindung an einen festen, in sich kohärenten Verwertungsstandort und damit sein nationales Attribut. So wenig die Einzelbetriebe auf dem heutigen Produktivitätsniveau für ihre Reproduktion darauf verzichten können, daß staatliche Regulation die Verwertungsvoraussetzungen garantiert, so wenig Sinn macht es vom global-player-Standpunkt aus, sich in irgendeiner Weise an der Finanzierung solcher Aufgaben zu beteiligen, wenn der Konzern durch geeignete geographische Zersplitterung der Produktion und eine kreative Buchhaltung die Steuer- und Abgabenstaaten gegeneinander ausspielen kann. Im Zeitalter der unmittelbaren Subsumtion unter das Weltmarktdiktat, in dem nicht mehr der nationale Binnenmarkt, sondern der planetare Markt den Bezugsrahmen abgibt, wird die Koppelung von einzelbetrieblicher Prosperität, inländischem Massenkonsum und dem Gedeihen der Volkswirtschaft als ganzer für den Einzelbetrieb zum Luxus und damit gesellschaftlich zum Anachronismus. Der Abschöpfungsstaat, der sich zu jeder Rücksichtnahme auf das scheue Reh Investivkapital genötigt sieht, kann sich nur mehr an die immobilen Produktionsfaktoren (sprich die Arbeitskraft) halten und fiktive künftige Steuereinnahmen verpfänden (Verschuldung), während er gleichzeitig zum Einspar- und Rückzugsstaat mutiert. Die Emanzipation der einzelbetrieblichen Verwertung vom Territorialstaat bedroht auf diese Weise die nationalstaatliche Integration in ihren Grundfesten.</p>
<p><a name="q27"></a>Diese Entwicklung markiert offenbar einen Epochenbruch in der Geschichte des Nationalstaats. Eine solche Wendung vollzieht sich nicht innerhalb weniger Jahre, sondern zunächst einmal subkutan. Dennoch handelt es sich hier längst nicht mehr nur um einen vagen Trend, der irgendwann im nächsten Jahrhundert praktisch greifbar würde. Die politische Entwicklung reflektiert schon geraume Zeit die hier angedeutete basale und irreversible Veränderung. Der Triumph des Neoliberalismus und das Ende des sozialdemokratischen Zeitalters stehen für eine Art von Offensivkapitulation vor dem Selbstlauf des entnationalisierten Marktes(<a href="#27">27</a>). Der verwertungsgesellschaftliche Staat läßt immer mehr den Anspruch fahren, überhaupt noch eine nationalökonomische Integration sicherzustellen, die allen seinen Bürgern Partizipationsmöglichkeiten eröffnen könnte. Er zieht sich aus der Breite des sozialen Territoriums zurück in der Hoffnung, nach dieser Frontbegradigung wenigstens einigen Verwertungsinseln optimale Bedingungen bieten zu können.</p>
<p><a name="q28"></a><a name="q29"></a>Diese Metamorphose in den kapitalistischen Zentren wiederholt in gewisser Weise die Desintegrationslogik, die an der Weltmarktperipherie schon geraume Zeit zu beobachten ist. Die neokonservative Wendung bereitet auch im Westen keineswegs den Übergang zu einem anderen, nur weniger sozialen Akkumulationsmodell vor; die ungefiltert sich durchsetzende Gewalt des Weltmarktes höhlt mit der nationalstaatlichen Regulation vielmehr letztlich jegliche gesellschaftliche Reproduktionsfähigkeit aus. Die anomischen Tendenzen, die sich in den Metropolenländern im selben Maße breitmachen, wie die wohlfahrtsstaatliche Domestizierung der unbedingten Konkurrenz durchlöchert wird, dürften kaum schwächer ausfallen als bei den Spätstartern am Rande der Weltmarktgesellschaft. Sie werden sich indes wahrscheinlich in etwas anderen Formen durchsetzen. Zwar wird im Kollaps der Weltarbeitsgesellschaft die Neubesetzung nationalistischer Feindbilder nach außen als alternatives Erklärungsmuster eine wachsende Rolle spielen, angesichts des erreichten nationalen Einschmelzungsgrades ist es aber wohl eher unwahrscheinlich, daß innerhalb der bestehenden Staaten separatistische Strömungen und »Ethnonationalismen« entscheidend das Geschehen bestimmen werden.(<a href="#28">28</a>) Die Ausgrenzungstendenzen dürften sich auch künftig weniger gegen bestimmte Landesteile als gegen bestimmte Schichten richten, während das rassistisch-nationalistische Ressentiment in Europa vornehmlich als Ausgrenzung gegen die Zuwanderer aus Ost und Süd unmittelbar praktisch zum Tragen kommt. Die äußere nationalstaatliche Hülle einschließlich der bestehenden politischen Grenzen dürfte hier also im wesentlichen erhalten bleiben, soweit die »nationale Identität« nicht sogar als Reaktion auf kläglich scheiternde supranationale Experimente(<a href="#29">29</a>) eine neue Bedeutung gewinnt und vom wildwerdenden Warensubjekt ein letztes Mal emphatisch besetzt wird. Das ändert aber nichts am strukturellen Problem. Der Nationalstaat lebt fort, wird aber seines gesellschaftlichen Inhalts entleert, ohne daß supranationale Vereinigungen in der Lage wären, seine traditionellen Funktionen zu übernehmen.</p>
<p><a name="q30"></a>In einem sehr frühen Stadium der Nationalstaatsbildung und der Aufstiegsgeschichte der Warengesellschaft sang Thomas Hobbes, einer der Gründerväter des modernen bürgerlichen Denkens, sein Loblied auf den absoluten Staat. Indem der Staat die bürgerlichen Subjekte zu einem Metasubjekt vereint(<a href="#30">30</a>) und sich zum »sterblichen Gott« aufschwingt, so seine Grundargumentation, hält er sie davon ab, ihrer asozialen Grundanlage zu folgen und einander zu zerfleischen. Wer sich am Allmachtsanspruch des Staates versündigt, beschwört die Rückkehr des Naturzustandes in den innerstaatlichen Raum, d.h. den allgemeinen Bürgerkrieg, herauf. In den sechziger und siebziger Jahren lag es nahe, Hobbes&#8217; Wunschtraum vom gottgleichen Staat als einen Alptraum zu dechiffrieren, der in der Gestalt der allgegenwärtigen und allzuständigen keynesianischen Wohlfahrts- und Regulationsapparate dabei war, Wirklichkeit zu werden. Hobbes wurde dementsprechend in der Linken (aber nicht nur dort) gern als früher Apologet des Totalitären eingeordnet. Mittlerweile zeichnet sich ab, daß seine Urangst, die Angst der bürgerlichen Gesellschaft vor sich selber, durchaus ein Moment von Berechtigung, ja historischem Weitblick enthielt. Die globalisierte Warenlogik fegt die staatliche Regulations- und Befriedungsmacht als eine intermediäre Gewalt zur Seite, aber nur, um in der zur Anomie verschärften allseitigen Konkurrenz aller Warensubjekte zu sich zu kommen. Wo der »sterbliche Gott« dahinsiecht, ohne daß sich die Menschen von der warengesellschaftlichen Form emanzipieren, ist der Abschied vom Leviathan identisch mit gesellschaftlicher Selbstdestruktion. Noch schrecklicher als die Übermacht des Leviathan ist seine tödliche Schwäche, solange die Warengesellschaft die Szene beherrscht und sich noch keine Formen direkter Vergesellschaftung jenseits von Markt und Staat herausbilden.</p>
<h4>Fußnoten</h4>
<p><a name="2"></a>(<a href="#q1">1</a>) Heinrich August Winkler beginnt seine Einleitung zu dem von ihm herausgegebenden Sammelband »Nationalismus« mit folgender Aussage: »Der Begriff Nationalismus ist einer der inhaltlich vieldeutigsten, die es im politisch wissenschaftlichen Sprachgebrauch gibt. Mit diesem Begriff kann das Programm einer Befreiungsbewegung ebenso gemeint sein wie die Bekämpfung und Unterdrückung fremder Völker [...]. Der Nationalismus erscheint mithin als coincidentia oppositorum, und erst im konkreten historischen Zusammenhang kann deutlich werden, wofür der Begriff jeweils steht oder stehen soll.« Das beschworene »Konkrete« entpuppt sich nicht nur bei Winkler schnell als das Einzelne. Die Neigung, den Nationalismenwald in seine Bäume aufzulösen, ist in der Debatte um Nation und Nationalismus insgesamt sehr verbreitet.</p>
<p><a name="2"></a>(<a href="#q2">2</a>) Das gilt übrigens nicht nur für den bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb, sondern auch für die Marxisten. Marx und Engels selber haben in ihren politischen Schriften zwar mehrfach zu den nationalistischen Strömungen ihrer Zeit Stellung genommen, als theoretisches Problem spielt die Nation bei ihnen jedoch kaum eine Rolle. Es gibt schlicht und einfach keine Marxsche Theorie der Nation. Der Bezug auf die diversen Nationalismen blieb bei den Klassikern von taktischen Überlegungen bestimmt, die mit zum Teil schon recht merkwürdig anmutenden ad-hoc-Konstrukten unterfüttert wurden. (Man denke in diesem Zusammenhang nur an das Engelssche Diktum von den »geschichtslosen osteuropäischen Völkern«, denen er jedes Lebensrecht absprach). Für die marxistischen Epigonen war die »nationale Frage« über Jahrzehnte theoretisch überhaupt nicht existent. Während der Chauvinismus lange schon wilde Blüten trieb, übten sich die Wortführer der Arbeiterbewegung in entschlossener Indifferenz. Noch 1908 prophezeite Kautsky, daß die internationalisierenden Wirkungen des Kapitalismus zum schmerzlosen Ineinanderaufgehen der Nationen führen würden, und prognostizierte »die schließliche Zusammenfassung der gesamten Kulturmenschheit in einer Sprache und Nationalität«. Während in seiner Heimatstadt Prag und in der gesamten Habsburger Monarchie die nationalen Gegensätze brodelten, konnte der Cheftheoretiker der Zweiten Internationale in derlei Entwicklungen nur Ablenkungsmanöver der Bourgeoisie ausmachen. Die Bolschewiki gingen mit der nationalen Frage taktisch flexibler um. Von einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Problem Nation kann bei ihnen aber genausowenig die Rede sein wie bei ihren Vorgängern und Konkurrenten. (Stalins Enzykliken fallen ja wohl kaum in die Kategorie Theorie.) Bucharin etwa blieb in seiner »Ökonomie der Transformationsperiode« der Erwartung von Kautsky treu. Noch in den 20er Jahren ging er davon aus, daß die aus der Konkursmasse des Zarenreiches und der Habsburger Monarchie neu enstandenen Nationalstaaten alsbald wieder verschwinden und ein politischer Konzentrationsprozeß einsetzen würde, sei es unter sozialistischen, sei es unter imperialistischen Vorzeichen. Im marxistischen Lager hat sich vor dem zweiten Weltkrieg außer Otto Bauer (»Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie«) kaum einer ernsthaft um eine Analyse der Nation bemüht.</p>
<p><a name="3"></a>(<a href="#q3">3</a>) Die erste einflußreiche Typologie erstellte der amerikanische Historiker Carlton J. H. Hayes 1931. Er operierte vorzugsweise geistesgeschichtlich und machte fünf Arten von Nationalismen aus, »humanitären, jakobinischen, traditionalen, liberalen und einen integralen Nationalismus«. Hans Kohn reduzierte diese Vielfalt auf zwei Grundtypen. In Anlehnung an Friedrich Meineckes Unterscheidung zwischen »Staatsnation« und »Kulturnation« stellte er dem westlichen subjektiv-politischen Begriff der Nation das östliche objektiv-kulturelle Verständnis von Nation entgegen. Diesen Dualismus ergänzte Theodor Schiedet in den 60er Jahren um eine dritte Variante, wobei er mehr als seine Vorgänger nicht nur die Ideologie-, sondern auch die Realgeschichte im Auge hatte. Er macht in Europa (auf diesen Kontinent beschränkt sich sein Interesse ebenso wie das seiner Vorgänger) drei Grundtypen von Nationenbildung aus. Im Westen Europas geht die Bildung einheitlicher staatlicher Gebilde deren Metamorphose zur Nation voraus (Frankreich und das Vereinigte Königreich existieren als Staaten, bevor sich die französische und britische Nation konstituierte). In Deutschland und Italien formieren sich die Nationalstaaten aus politisch zunächst »getrennten Teilen von Nationen, die ihre staatliche Zerrissenheit überwinden wollen«. Im Osten des Kontinents entstehen Nationen auf separatistischem Wege, sie spalten sich von »anationalen Großmonarchien« ab. Eine Untersuchung des Nationalismus kann an diesen Unterscheidungen nicht vorbeigehen. Sie haben ihr empirisches Substrat. Es reicht aber nicht, diese Differenzen zu konstatieren und zu beschreiben. Die konträren Wege zur Nation sind auf das West-Ost-Gefälle im europäischen Vergesellschaftungsniveau zu beziehen.</p>
<p><a name="4"></a>(<a href="#q4">4</a>) Ein Konstrukt übrigens, das im gesellschaftlichen Handeln täglich neu reproduziert werden muß.</p>
<p><a name="5"></a>(<a href="#q5">5</a>) Besonders deutlich hat das Ernest Gellner in seinem Buch »Nationalismus und Moderne« dargestellt.</p>
<p><a name="6"></a>(<a href="#q6">6</a>) Diese beiden Konzeptionen schließen einander übrigens nicht unbedingt aus, auch wenn die Urheber sie gern alternativ setzen. Die mit dem Rekurs auf den vermeintlich ontischen nationalen Standpunkt einhergehende Flucht vor der Moderne kann selber entgegen den Intentionen der Protagonisten zum Moment der realen Durchsetzungsbewegung werden. Insbesondere am Nationalsozialismus läßt sich diese paradoxe Verkehrung eines irrationalen, antiwestlichen, antimodernen Impulses zu einer Modernisierungskraft studieren.</p>
<p><a name="7"></a>(<a href="#q7">7</a>) Diesen Beitrag halte ich übrigens für die mit Abstand spannendste und fruchtbarste unter den neueren Arbeiten zum Thema Nation. Gerade diese Wertschätzung ist der Grund dafür, warum ich mich von ihr im Weiteren mehrfach abstoße.</p>
<p><a name="8"></a>(<a href="#q8">8</a>) Der Einwand galt bei Winkler Karl W. Deutsch. Unter dieses Verdikt müßte aber auch der neuere Versuch von Gellner fallen.</p>
<p><a name="9"></a>(<a href="#q9">9</a>) Demokratie und Parlamentarismus sind nicht dasselbe. Eine populistische Diktatur wie die faschistische, die alle »Volksgenossen« gleichermaßen in ihrem sozialen Sosein affirmiert, ist in gewisser Weise demokratischer als ein parlamentarisches System, in dem »Milieuparteien« den Ton angeben. In diesem Sinne war die NSDAP nicht nur von ihrer sozialen Trägerschaft her, sondern auch, was ihre Ideologie angeht, dem Modell der demokratischen Volks- und Allerweltspartei weit näher als die tragenden »Systemparteien« von Weimar. Die SPD und das Zentrum repräsentierten jeweils nur eine eng umschriebene katholische oder arbeiterständisch geprägte Klientel, sie waren keine Parteien des ganzen Volkes wie ihre Nachfolgeorganisationen.</p>
<p><a name="10"></a>(<a href="#10">10</a>) Es geht nicht darum, den Horror des Faschismus zu relativieren, wie das Nolte und Konsorten versuchen. Umgekehrt werfen vielmehr die Nazigreuel ein bezeichnendes Licht auf den demokratischen Normalbetrieb. So erhaben die Demokratie sich über den Faschismus dünkt, er gehört zu ihrer ureigenen Vorgeschichte und verweist auf deren inhärentes barbarisches Potential. Ich verzichte an dieser Stelle darauf, diesen Gedanken herzuleiten, da ich und andere ihn in vielen seiner Aspekte in den Krisis-Publikationen schon mehrfach entwickelt haben. Vgl. insbesondere »<a href="http://www.krisis.org/1993/verlagsvorstellung">Rosemaries Babies: die Demokratie und ihre Rechtsradikalen</a>«,</p>
<p><a name="11"></a>(<a href="#q11">11</a>) Diese Schlagseite macht sich auch bei Gellner bemerkbar. Er vertritt den Standpunkt, daß wir uns in der modernen Welt mit der Existenz von Nationen und Nationalismus nun einmal einzurichten haben. In den neunziger Jahren, in einer Zeit, da der Nationalismus abermals sein volles destruktives Potential entfaltet, wirkt diese Sichtweise doch einigermaßen befremdlich. Genauso gut könnte er die einsichtige Menschheit auffordern, es sich auf einer heißen Herdplatte so gut es eben geht bequem zu machen.</p>
<p><a name="12"></a>(<a href="#q12">12</a>) Wenn die von der apologetischen Haltung gegenüber der Moderne erzwungene strukturalistische Sicht das theoretische Auflösungsvermögen der modernisierungstheoretischen Ansätze beschränkt, dann gilt das natürlich nicht allein für den Blick auf die Vergangenheit des Nationalismus. Dieser grundlegende Mangel macht sich gerade auf die heutige Entwicklung bezogen noch viel deutlicher bemerkbar. Die zeitgenössischen Neonationalismen passen beim besten Willen in kein funktionalistisches Schema. Die neonationalistischen Wirren werden nie und nimmer zur Herstellung geordneter bürgerlicher Verhältnisse beitragen. Angesichts dieses offensichtlichen Befunds muß aber ein Ansatz, der die irrationalen und selbstzerstörerischen Seiten des Nationalismus nie befriedigend integrieren konnte, wohlweislich verstummen.</p>
<p><a name="13"></a>(<a href="#q13">13</a>) Stein Rokkan hat Anfang der 70er Jahre die wohl ausgefeilteste Stufenfolge von Entwicklungsstadien und den dazugehörigen Übergangskrisen vorgelegt. Vgl. Rokkan, Saelen, Warmbrunn: »Nation-building: A review of Recent Comparative Research at a Select Bibliography of Analytical Studies«.</p>
<p><a name="14"></a>(<a href="#q14">14</a>) Auf den ersten Blick mag diese Ausrichtung an den Ansatz von Immanuel Wallerstein erinnern. Dieser amerikanische Autor behandelt den Weltmarkt bekanntlich explizit als ein den vielen einzelnen Nationen vorausgesetztes logisches prius. Diese Übereinstimmung darf aber nicht über grundlegende Differenzen hinwegtäuschen, die zwischen der Wallersteinschen »Weltsystem«-Vorstellung und dem wertkritischen Zugang zum Nationenproblem bestehen. Wenn wir von den soziologistischen Neigungen Wallersteins und deren weitreichenden Implikationen einmal absehen, dann ist der entscheidende Unterschied wohl darin zu sehen, daß die Wertkritik den Weltmarkt als Prozeß, als historischen Fluchtpunkt zu fassen sucht. Wallersteins Vorstellung von einem »Weltsystem« dagegen, der Terminus selber verrät das ja im Grunde schon, hat etwas Statisches. In seiner Diktion existiert das »Weltsystem« seit dem 16. Jahrhundert fix und fertig. In den letzten 500 Jahren hat sich zwar ein Übergang vom »Agrarkapitalismus« zum »Industriekapitalismus« vollzogen, und die kapitalistischen Vormächte haben in der Zwischenzeit mehrfach gewechselt, die »Modelle« variierten also; die Grundstruktur haben diese vielen Metamorphosen jedoch nicht berührt. Das wesentliche Merkmal von Wallersteins »Weltsystem«, die Dreiteilung der kapitalistischen Weltwirtschaft in Zentrum, Peripherie und Semiperipherie, hat sich seiner Theorie zufolge durch alle Umbrüche hindurch nur beharrlich reproduziert. Die wertkritische Herangehensweise konzentriert sich hingegen gerade auf die bei Wallerstein ausgeblendete oder in die bloße Empirie abgeschobene Entwicklungsdynamik der Beziehung von Weltmarkt und Nation. Wo Wallerstein den Weltmarkt definitorisch voraussetzt, geht es gerade darum, die sukzessive Herausbildung des nationalstaatlichen Geflechts auf die aufeinanderfolgenden Schübe in der Herstellung des Weltmarkts zu beziehen. Der Weltmarkt ist nicht seit dem 16. Jahrhundert einfach existent, er wird erst, und dieses Werden erlebt erst heute seinen krisenhaften Abschluß. In seinen früheren Entwicklungsstadien erreichte der Einfluß des Weltmarkts niemals eine dem heutigen Stand vergleichbare Tiefenwirkung, und je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto mehr verliert sich die Durchschlagskraft des globalen Warenzusammenhangs. Es ist eben keineswegs eine bloß sekundäre Frage, ob die internationale Arbeitsteilung nur einen relativ kleinen Sektor der Güterherstellung erfaßt, wie das zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Fall war, oder ob wie heute sich fast jede Produktion immer schon unmittelbar am Weltmarktstandard messen muß. Für derartige qualitative und weitreichende Veränderungen hat die Wallersteinsche »Weltsystemtheorie« keinerlei Sensorium.</p>
<p><a name="15"></a>(<a href="#q15">15</a>) In Mazzinis künftigem Europa war gerade einmal für ein gutes halbes Dutzend Staaten Platz. Marx sah das ganz ähnlich, billigte 1848 auf dem europäischen Kontinent ebenfalls nur Frankreich, Spanien, Deutschland, Polen, Italien und Ungarn ein nationales Lebensrecht zu und zeigte keinerlei Verständis für einen belgischen oder tschechischen Nationalismus. Diese Völkerschaften hatten ebensowenig ein Recht, als eigenständige »Nationalitäten« aufzutreten, wie die Schweiz, die Niederlande oder Dänemark ihre Selbständigkeit bewahren sollten.</p>
<p><a name="16"></a>(<a href="#q16">16</a>) Ihrer ganzen Struktur nach sind die aus dem habsburgischen Reichsverband ausgeschiedenen Niederlande noch nicht als einheitlicher homogener Territorialstaat zu verstehen, sondern als Zusammenschluß autonomer Städte, die im wesentlichen auf eigene Rechnung operieren.</p>
<p><a name="17"></a>(<a href="#q17">17</a>) Hier ist in erster Linie von Preußen die Rede.</p>
<p><a name="18"></a>(<a href="#q18">18</a>) Nation meint beim »Heiligen Römischen Reich deutscher Nation« immer nur den Adel. Mit dem moder nen schichtenübergreifenden Nationenbegriff hat das nichts zu tun.</p>
<p><a name="19"></a>(<a href="#q19">19</a>) Der nachholende Nationalismus entfaltete nirgends (wenn man von der Meiji-Diktatur vielleich einmal absieht) eine für die Nachbarn derart mörderische Durchschlagskraft wie in Deutschland. Von daher könnte man, würde dieser Begriff nicht fälschlicherweise die Existenz eines Normalpfades nahelegen, durchaus von einem »deutschen Sonderweg« sprechen. Das darf aber nicht davon ablenken, daß Deutschland in vielerlei Hinsicht für sämtliche Spätstarter das nie erreichte Vorbild abgegeben hat. Parallellen springen schon auf der soziologischen Ebene ins Auge. Anders als im Westen spielte bei der Formierung der nationalistischen Strömungen in Deutschland die Bourgeoisie kaum eine aktive Rolle. Die frühen Nationalisten rekrutierten sich in erster Linie aus dem Bildungsbürgertum. In Osteuropa und im Trikont bietet sich das gleiche Bild. Auch hier stammen die Avantgarden der Nationalbewegungen aus den Reihen der Intelligenz, während sich Bourgeoisie und Kapitaleigner zunächst passiv bis feindlich verhielten. Das deutsche Vorbild läßt sich aber auch in der Art und Weise mit Händen greifen, in der die Nation bestimmt wurde. Da Fichte und Herder sich auf keine schon vorhandene polirische Einheit berufen und sie in den Dienst ihrer Ideen stellen konnten, war die Nation bei diesen Gründungsvätem der deutschen Nationalbewegung im Virtuell-Ideellen angesiedelt. Sie behandelten das Deutschtum als Erziehungs- und Kulturangelegenheit. Die nationalistische Strömung machte sich diese Grundorientierung zu eigen und verplattete sie. Eine mystifizierte Vergangenheit wurde zum Bezugspunkt nationaler Identität. Hermann der Cherusker, Kaiser Friedrich Barbarossa und andere historische Figuren mußten als die Inkarnationen eines antiromanischen, deutschen Wesens herhalten, das es wiederzuentdecken galt. Die nachfolgenden nationalen Aufbruchsbewegungen brachten ganz ähnlich geartete Konstrukte hervor. Die nationalistischen Ideologeme von Senghors Négritude bis zu den großserbischen Träumen, die das Amselfeldtrauma von 1389 immer wieder aufs neue beschworen, bewegten sich allesamt in diesem Bewußtseinshorizont. Wie einst in Deutschland, so begann der Nationalismus in Osteuropa, aber auch in Afrika und Asien abseits der Niederungen des täglichen Daseins als Kultur- und Bildungserlebnis. Er fand seine ersten Aufgaben darin, eine eigene Schriftsprache und eine nationale Geschichte zu synthetisieren. Die Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt setzten damit ein, daß Teile der verwestlichten Bildungseliten die eigene »uralte« Kultur »entdeckten« bzw. konstruierten und ihre kulturelle Besonderheit als Waffe gegen den übermächtigen westlichen Universalismus kehrten. Die Übereinstimmung mit dem deutschen Muster blieb meist implizit und hinter ideologischen Gegensätzen verborgen. Einigen nationalistischen Autoren war sie aber durchaus bewußt. Die führenden Theoretiker des Panarabismus und Gründungsväter der Baath-Partei verstanden sich nicht nur wie einst Fichte und Herder wesentlich als nationale Erzieher, sie bezogen sich auch explizit auf ihre beiden deutschen Vorgänger als ihre Vordenker. Der antiwestliche Impuls kam gerade im arabischen Raum regelmäßig in germanophilem Gewande daher. Der gemeinsame antiwestliche Impuls und das starke etatistische Moment bei der Nationenbildung machte sich selbstverständlich auch in der allen nachholenden Nationalismen gemeinsamen Distanz zum Liberalismus bemerkbar. Schon das Deutsche Reich war bekanntlich nicht das Produkt einer bürgerlichen Revolution, es wurde als »Gründung von oben« von der preußischen Administration ins Leben gerufen. Der aggressive Nationalismus, der in den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts Deutschland zu prägen begann, sprengte endgültig den borniert besitzbürgerlichen Rahmen der liberalen Ideologie. In der explosiven Mischung von imperialistischen, rassistischen, sozialdarwinistischen und antisemitischen Vorstellungen brach sich eine Bewegung Bahn, die ständische Abschottungen im deutschen Volk einebnen und unter militaristischen Vorzeichen einen Demokratisierungsschub in Gang setzen sollte. Diese antiliberalistische und gleichzeitig negativ demokratisierende Wendung wiederholten unter den unterschiedlichsten ideologischen Vorzeichen die nachholenden Nationalismen in den Kolonialgebieten und in Osteuropa. In den rückständigen und abhängigen Gebieten ging der Nationalismus eine Verbindung mit rechtspopulistischen oder sozialistischen Doktrinen ein, aber nie mit liberalem Gedankengut.</p>
<p><a name="20"></a>(<a href="#q20">20</a>) Der Weg Deutschlands zum Nationalstaat begann auf den Schlachtfeldern von Jena-Auerstedt und fand im »Weltgeist zu Pferde«, Napoleon I., einen unfreiwilligen Helfer. Für Japan übernahm der amerikanische Commodore Perry diese Rolle, als er mit militärischen Mitteln die Öffnung des Landes erzwang.</p>
<p><a name="21"></a>(<a href="#q21">21</a>) Die USA nehmen im Vergleich dazu eine Sonder- und Zwischenrolle ein. Sie verdanken ihre Existenz zwar einer antikolonialen Bewegung und sind insofern nicht dem primären Nationenbildungsprozeß zuzuordnen; anders als in Japan und Deutschland mußte sich die moderne bürgerliche Form in Nordamerika jedoch nicht erst aus tiefverwurzelten feudalen Strukturen herausarbeiten. Zumindest in den nördlichen Bundesstaaten waren die Prinzipien bürgerlicher Vergesellschaftung schon im 18. Jahrhundert reiner ausgebildet als im englischen Mutterland, und im Gefolge des amerikanischen Bürgerkriegs pägte diese fortgeschrittene Struktur das gesamte Land.</p>
<p><a name="22"></a>(<a href="#q22">22</a>) Es war in diesem Zusammenhang auf verschiedenen Entwicklungsstufen seit Beginn des 20. Jahrhunderts nur von sekundärer Bedeutung, ob es sich hierbei um einen »sozialistischen« (Jugoslawien, Sowjetunion) oder um einen »freien« Markt handelte.</p>
<p><a name="23"></a>(<a href="#q23">23</a>) In West- und Mitteleuropa sorgte das schon im hohen Mittelalter eingebürgerte Anerbenrecht für eine gewisse Mobilität innerhalb der bäuerlichen Schichten und damit zumindest im regionalen Rahmen für eine Durchmischung und Angleichung der Bevölkerung. In Osteuropa und auf dem Balkan hingegen, wo die Geschwistergemeinschaft als Ganze erbte und auch die jüngeren Geschwister vor Ort blieben, bewahrten Dörfer in unmittelbarer Nachbarschaft über Jahrhunderte ihre irgendwann einmal entstandene ethnisch-religiöse Besonderung.</p>
<p><a name="24"></a>(<a href="#q24">24</a>) Ich erspare es mir an dieser Stelle, auf die jugoslawische Entwicklung weiter einzugehen. Eine ausführliche monographische Darstellung findet sich in meinem kürzlich im Horlemann-Verlag erschienen Buch »<a href="http://www.krisis.org/1996/der-dritte-weg-in-den-buergerkrieg">Der Dritte Weg in den Bürgerkrieg, Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung</a>«.</p>
<p><a name="25"></a>(<a href="#q25">25</a>) Das setzt natürlich voraus, daß anders als in der Zeit des Golddeckungssystems kein allgemeiner weltumspannender Wertmaßstab existiert.</p>
<p><a name="26"></a>(<a href="#q26">26</a>) Ein simples Rechenbeispiel mag das erläutern. Ein Einzelbetrieb bezieht 10% seiner Vorprodukte aus dem angrenzenden Hartwährungsraum, was dem aktuellen Landesdurchschnitt entspricht. Die Währung wird um 50% abgewertet. Gegenüber dem Konkurrenten aus dem produktiveren Land hat unser Anbieter nun seine Kostensituation schlagartig um 45%, nämlich um die Hälfte von 90% verbessert. Von diesen 45% sind allerdings noch die durch den Inflationseffekt steigenden Kosten für die Reproduktion der Ware Arbeitskraft abzuziehen (konstanter Reallohn vorausgesetzt). Wenn sich die Nachfrage nach den aus dem Hartwährungsland bezogenen Waren als unelastisch erweist, dann müßte cum grano salis das inländische Preisniveau aufgrund der verteuerten Importe insgesamt um 10% steigen. Bezieht ein Einzelbetrieb dagegen 90% seiner Vorprodukte aus dem Hartwährungsraum und entspricht das auch in diesem Fall dem Landesdurchnitt, dann verschieben sich die Proportionen radikal. Mit der Abwertung um 50% verbessert sich seine relative Wettbewerbssituation nur mehr um 5%, der Inflationseffekt liegt dagegen bei 90%.</p>
<p><a name="27"></a>(<a href="#q27">27</a>) Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet das um die Beschwörung seiner nationalen Sonderidentität bemühte Großbritannien in Europa seit den Tagen von Margaret Thatcher eine Avantgar derolle bei der (Selbst)Zerstörung nationalökonomischer Integration übernommen hat.</p>
<p><a name="28"></a>(<a href="#q28">28</a>) Eine Ausnahme bilden in diesem Zusammenhang in Europa natürlich Italien und Spanien. In diesen beiden Ländern gelang es nie, das extreme Entwicklungsgefälle zwischen Nord und Süd auszugleichen und einen kulturellen Homogenisierungsgrad zu erreichen, der dem der alten Bundesrepublik vergleich bar wäre.</p>
<p><a name="29"></a>(<a href="#q29">29</a>) Das betrifft vor allem Europa. Der regierungsamtliche Versuch, einige Aspekte der Misere nationalstaatlicher Regulation durch die Bildung einer Wirtschafts- und Währungsunion zu überwinden, wird verheerende Folgen zeitigen, die unter den heutigen Bedingungen nichts so nahe legen wie eine reaktionär-nationalistische Wendung.</p>
<p><a name="30"></a>(<a href="#q30">30</a>) Thomas Hobbes denkt insofern Staatlichkeit immer schon national, als er, indem er den Begriff des Staates in Verlängerung und Analogie zum Individuum herleitet, sie per se immer schon im Plural denkt.</p>
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		<title>»Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit«</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Gaston Valdivia]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 19 (1997)]]></category>

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		<description><![CDATA[Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion</h3>
<p>Aus: Krisis 19</p>
<p><em>Gaston Valdivia</em></p>
<p>Das moderne Individuum klagt ständig über »Zeitmangel«. Vierundzwanzig Stunden am Tag scheinen bei weitem nicht auszureichen, um all die Anforderungen zu bewältigen, die es erfüllen soll und will. Die Ansprüche an den modernen Menschen und sein »Zeitkontingent« sind enorm und drohen, ihn schier zu zerreißen: Pädagogen und Psychologen fordern mehr »Zeit« für die Kinder; Unternehmer erwarten ganz selbstverständlich längere und dabei immer intensivere Arbeit; die »Freizeitindustrie« verlangt verstärkte »Freizeitaktivitäten« von ihren Kunden; die Gebildeteren klagen mehr »Zeit« zum Lesen ein; der Handel will seine »Erlebniswelten« besser auslasten; die Genießer hätten gern mehr Muße und alle zusammen würden gerne etwas länger schlafen.</p>
<p><span id="more-240"></span>Je mehr die »Zeit« für die gehetzten Subjekte zum knappsten aller Güter wird, desto häufiger richten sie verstohlene Blicke auf jene fernen Länder, in denen sich die Menschen noch einen gemächlicheren Lebensrhythmus bewahrt haben. Doch schnell meldet sich nach solchen Anwandlungen das schlechte Gewissen, die Sehnsucht nach Geruhsamkeit schlägt sehr schnell um, und die eben noch Beneideten und Bewunderten werden ob ihrer »Faulheit« und »Arbeitsscheue« verachtet.</p>
<p>Die subjektive Befindlichkeit verweist über die individuelle Ebene hinaus auf ein zentrales Paradox der modernen Gesellschaft. Die mit der »Ökonomisierung der Zeit« einhergehende Produktivkraftentwicklung hat zwar einerseits den für die menschliche Reproduktion notwendigen »Zeitaufwand«(<a href="#1">1</a>) auf ein Minimum reduziert; gleichzeitig aber sorgt diese gleiche »Ökonomisierung der Zeit« in Form der »Beschleunigung« und »Verdichtung« dafür, daß die »freigesetzte Lebenszeit« restlos vom warengesellschaftlichen Gesamtbetrieb verschluckt wird. Insbesondere diejenigen, die sich noch der zweifelhaften Ehre erfreuen, am Erwerbsleben partizipieren zu dürfen, bekommen das tagtäglich zu spüren. Gerade für sie bedeutet »Ökonomisierung der Zeit« in keiner Weise ein Mehr an »disponibler Zeit«, sondern einzig und allein rigide »Zeitbewirtschaftung«. Sie leiden entweder permanent unter »Zeitdruck« oder machen, scheinbar verrückt geworden, aus der Not auch noch eine Tugend, identifizieren sich mit der Zumutung, werden süchtig, treiben sich zu immer höheren Leistungen an und »navigieren in chaotischen Systemen«(<a href="#2">2</a>), bis sie der Herzinfarkt dahinrafft(<a href="#3">3</a>). Geradezu makaber-prophetisch nimmt sich in diesem Zusammenhang das Motto einer texanischen Computer-Servicegesellschaft aus. Es verspricht ganz trendy, »die Zeit bewußt zu beschleunigen« und erklärt damit die Zeitsklaverei zum Ziel aller Ziele(<a href="#4">4</a>).</p>
<p>Das Thema »beschleunigte Zeit« ist mittlerweile für Medien, Feuilleton und Literatur zu einem beliebten Gegenstand geworden. Den Ursachen des merkwürdigen Phänomens ist man deswegen indes noch lange nicht wesentlich näher gekommen. Das Gros der Betroffenen, von den führenden Politikern und Wirtschaftsrepräsentanten ganz zu schweigen, sieht sich jedenfalls durch dieses Mysterium in keiner Weise zu vertiefter Reflexion veranlaßt. Im Gegenteil, je deutlicher die »Zeitproblematik« zutage tritt, desto stolzer verweisen die Apologeten des Systems auf ihre Spitzenleistungen in Sachen kapitalistischer »Zeitkompression« und verteidigen ihren wohlverdienten Streß mit Zähnen und Klauen. »Zeitknappheit« gilt als Index für Leistung und Effizienz und ist dementsprechend libidinös besetzt. Nur wer keine »Zeit« hat, ist in dieser Gesellschaft wer, und nur eine Gesellschaft, die sich keine »Zeit« läßt, gilt als funktionstüchtig. Als der Realsozialismus implodierte, war man sich im Westen schnell über die Ursache seines Scheiterns einig: nicht rationell genug, sprich zu langsam, lautete die Diagnose der hiesigen Hobby-Pathologen. Der Realsozialismus soll also vor allem daran zugrunde gegangen sein, daß die Menschen dort zu viel »Zeit« mit zuwenig Arbeit verbracht hätten.</p>
<p>Nachdem nun die frühere Zielscheibe von Hohn und Spott für immer verschwunden war, dauerte es nicht lange, da entdeckten die Politiker und Unternehmerverbände prompt die gleichen Krankheitssymptome bei sich zu Hause. Auch im Westen stößt die Arbeitsgesellschaft an ihre Grenzen, und auf der Suche nach Gründen für das stockende Wachstum der westlichen Wirtschaft fällt den Verantwortungsträgern wieder nur eine denkbare Ursache ein. Die eigenen Arbeitskräfte müssen sich mit dem Virus der »Faulheit«, der »mangelnden Arbeitsmoral«, der »Verweichlichung« und des »Hängemattendenkens« angesteckt haben. Die Heilmittel, die aus der Misere herausführen sollen, sehen denn auch entsprechend aus. Mit moralischer Bestrafung, Einkommensentzug, Ausdehnung des Arbeitstages durch Flexibilisierung, Mehrarbeit etc. wird weiter an der Leistungsschraube gedreht, und die universelle Diktatur des Sekundenzeigers nimmt noch einmal erbarmungslosere Formen an. Gegenwehr regt sich kaum, denn das Leistungs- bzw. Effizienzprinzip ist, wie das Geld, verinnerlicht und wird als quasi göttliche Instanz akzeptiert.</p>
<p>Auf die Idee, die Warenökonomie als solche könnte gleichermaßen für die Wirtschaftskrise wie für die allgemeine »Zeitdiktatur« samt all ihren seltsamen Erscheinungsformen ursächlich sein, kommen vorerst jedenfalls nur wenige. Selbst diejenigen, die Einwände gegen dieses System vorbringen und sich oppositionell gerieren, reagieren für gewöhnlich immer noch auf die »inneren« und »äußeren« Krisen reflexhaft mit Affirmation und Vollstreckung der diesem System zugrunde liegenden verheerenden »Zeitlogik«.</p>
<p>Zwei für diese Blindheit wesentlich mitverantwortliche Momente möchte ich in diesem Beitrag etwas näher beleuchten. Zunächst soll es um das Phänomen der modernen »Zeitwahrnehmung« gehen. Anschließend will ich die Konsequenzen der verschlungenen marktwirtschaftlichen Verteilungsumwege für das gesamtgesellschaftliche »Zeitbudget« thematisieren. Insbesondere dieser zweite Aspekt hat, trotz seiner gewaltigen Sprengkraft, innerhalb der bisherigen Kapitalismuskritik keinerlei Rolle gespielt. Grund genug, ihn etwas ausführlicher darzustellen. Die Verknüpfung von abstrakter »Zeit«, Geld und Warenform wurde dagegen in älteren marxistischen Debatten und auch in die »Krisis« schon eingehender diskutiert. An diesem Punkt konzentriere ich mich daher auf die historische Dimension, also auf die Frage, wie die »Zeit« zusammen mit dem Geld über die Menschen kam.</p>
<p><strong>1. Die »Zeit«</strong></p>
<p><a name="q5"></a>Redewendungen wie »Zeit sparen«, »keine Zeit haben«, »Zeit gewinnen«, »Zeit verlieren«, »Zeitdruck«, »Zeit verausgaben« und zahllose andere dieser Art sind genaugenommen unsinnig. Weil »Zeit« kein Ding ist, sondern sich nur als eine Beziehung von Ereignissen beschreiben läßt, konnte es noch nie jemandem gelingen, sie zu speichern oder ihrer verlustig zu gehen. Wenn uns derlei eigentlich absonderliche Formulierungen dennoch völlig selbstverständlich über die Lippen kommen(<a href="#5">5</a>), dann hat das zwei Gründe. Zum einen suggeriert ihre eigene warengesellschaftliche Praxis den modernen Menschen, daß es sich bei der »Zeit« um eine Art von »substanzieller« Größe handelt, die beliebig teil- und meßbar wäre und mit der man auch sonst noch so allerlei anstellen kann. Wir sehen also in der »Zeit« vor allem deshalb einen Quasi-Gegenstand, weil wir sie verrückterweise täglich praktisch als solchen behandeln. Zum anderen hat diese Sichtweise ihre historischen Wurzeln. Auch wenn es natürlich mit der Verallgemeinerung des Warentauschs in der kapitalistischen Gesellschaftsformation erst seine heutige, wiederum besondere Ausprägung erlangt hat, lassen sich die Ursprünge unseres »Zeitverständnisses« bis in die griechische Antike zurückverfolgen, allerdings nur insoweit, als in dieser bereits ein Morgenrot erster frühbürgerlicher Bewußtseinsformen sichtbar wurde.</p>
<p><a name="q6"></a>Die Beschäftigung mit der »Zeit« als Gegenstand für sich setzt ein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse voraus, das sich erst auf der Grundlage abstrakt-logischen und theoretischen Denkens herausbilden konnte. Daher verwundert es nicht, wenn zwar schon früh in der Menschheitsgeschichte Ereignisse in Erzählungen, Gesängen oder Symbolen festgehalten und in eine bestimmte (damals noch zyklische und schwankende) Reihenfolge gestellt wurden, ohne daß jedoch ein »Zeitgefühl« oder ein Begriff von »Zeit« existiert hätten. Zum Erkenntnisobjekt wurde die »Zeit« erst recht spät, soweit überliefert, zunächst bei einigen Philosophen wie Aristoteles und Euklid. In deren Gefolge avancierte sie dann aber zu einem der bevorzugten Gegenstände des philosophischen Interesses.</p>
<p>Kant ist die Einsicht zu verdanken, die »Zeit« habe transzendentale Idealität und komme daher nicht den Dingen an sich zu. Damit bestritt er die Existenz von »Zeit« außerhalb des menschlichen Individuums(<a href="#6">6</a>). Andererseits, und hierin ging er quasi seinem bürgerlich konstituierten Bewußtsein auf den Leim, hielt er die »Zeit« für allgemein und notwendig, also für eine apriori (transzendental) gegebene Form der inneren Anschauung. Etwas salopp kann man sich dies auch so vorstellen: In jedem Menschen tickt eine Uhr, noch bevor er überhaupt zur Anschauung fähig ist. Bei Kant scheint sie übrigens derart laut getickt zu haben, daß er sich zeitlebens von ihren Schlägen antreiben ließ. Es wird berichtet, daß Freunde und Nachbarn ihre Uhren nach der rigiden Einteilung seines Lebensrhythmus hätten stellen können. <a name="q7"></a>Kant verkannte offenbar, daß auch die innere Uhr ein »Geschenk« seiner Gesellschaft war, und sie keineswegs mit ihm zusammen das Licht der Welt erblickt hatte.</p>
<p>In Teilen hat die sozialhistorische Forschung inzwischen die einst fraglos akzeptierte Annahme, beim »Zeitempfinden« handle es sich um etwas Invariantes, dem Menschen Angeborenes, weitgehend revidiert. Mittlerweile dürfte sich unter Fachwissenschaftlern kaum mehr Widerstand regen, wenn der Naturwissenschaftler und Philosoph Gerald James Whitrow die These vertritt, »Zeit« sei eine zu erlernende Wahrnehmungsweise, und in seinem populärsten Werk »Die Erfindung der Zeit« ganz in diesem Sinne schreibt: »Obschon die Zeit eine grundlegende menschliche Erfahrung ist, gibt es doch keinen Anhaltspunkt dafür, daß wir einen besonderen Zeitsinn besitzen, so wie wir beispielsweise über einen besonderen Sinn für das Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten verfügen.«(<a href="#7">7</a>)</p>
<p><a name="q8"></a><a name="q9"></a>Anders als bei Kant ist für Whithrow das »Zeitempfinden« nicht der sinnlichen Erfahrung vorausgesetzt, vielmehr entspringt es erst aus der Reflexion über sie. Die Art der Reflexion hängt dabei wiederum von der besonderen Form der jeweiligen gesellschaftlichen Organisation ab.(<a href="#8">8</a>) Damit ist selbstverständlich nicht negiert, daß auch natürliche Momente die Herausbildung eines »Zeitbewußtseins« mitbegünstigen. Die Grundlage für das »Zeitempfinden« bildet ein »gewisses Bewußtsein von Dauer« (Whitrow), das wiederum entscheidend von der Aufmerksamkeit und vom Interesse an dem abhängt, womit man gerade befaßt ist. Wesentlich scheint auch die allgemeine körperliche Verfassung zu sein.(<a href="#9">9</a>)</p>
<p><a name="q10"></a><a name="q11"></a>Dauer wird dann erlebt, so Whitrow, »wenn die gegenwärtige Situation zu vergangenen Erfahrungen oder künftigen Erwartungen und Wünschen in Beziehungen gesetzt wird. (&#8230;) Unsere Fähigkeit, Erwartungen zu haben, entwickelt sich jedoch, bevor wir ein Bewußtsein von Gedächtnis haben.«(<a href="#10">10</a>) Will ein Kind etwas greifen, das es nicht erreichen kann, macht es die Erfahrung, daß es dauert, bis die räumliche Distanz überwunden werden kann. »Die erste intuitive Vorstellung von Dauer scheint also räumlicher Natur zu sein: sie wird als der Abstand empfunden, der zwischen dem Kind und der Erfüllung seiner Wünsche steht.«(<a href="#11">11</a>) Die weitere Ausbildung des »Zeitempfindens« beim Kind hängt von Einübungstechniken und von der Sprache ab, die Sprache wiederum vom erlernten Grad der Abstraktionsfähigkeit einer menschlichen Gesellschaft und diese von den besonderen Bedingungen, unter denen Erfahrungen und Handlungen reflektiert und synthetisiert werden können.</p>
<p>Wie so oft finden sich zu diesen ontogenetischen Zusammenhängen Parallelen auf der Ebene der Phylogenese. Die Menschen archaischer Lebensgemeinschaften konnten Vergangenes und Künftiges von der Gegenwart ebenfalls gar nicht oder nur sehr vage trennen und verfügten in der Regel weder über einen Begriff für »Zeit« noch über solche Begriffe und grammatikalische Formen, die sich auf »zeitliche« Aspekte beziehen. Bis zur Durchsetzung bürgerlicher Verhältnisse blieben zentrale Momente dieses »Vor-Zeitverständnisses« lange erhalten. Ja selbst heute noch gibt es zahllose vorbürgerliche Gemeinwesen, in deren »Zeitverständnis« Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einer Totalität zusammenfließen, die ein Herausreißen bestimmter Ereignisse, zwecks einer klaren »zeitlichen« Zuordnung, verunmöglicht. Wo westlich sozialisierte Individuen auf Menschen treffen, die noch in solch traditionell geprägten Zusammenhängen leben und unseren immer schon als selbstverständlich unterstellten »Zeitsinn« vermissen lassen, führt diese unterschiedliche Wahrnehmung regelmäßig zu peinlichen Mißverständnissen. Wenn sich in den Aussagen oder Erzählungen der an die westlichen Empfindungsmuster noch nicht angepaßten Menschen Erlebtes, Gegenwart und mögliche Erwartungen zu einer Wirklichkeit verflechten, dann können die abendländisch geprägten Zuhörer in den Sprechern für gewöhnlich nur Lügner oder Spinner erkennen. Die Urlaubsberichte zeitgenössischer Massentouristen sowie zahlreicher Kulturbürger erinnern denn auch bis zum heutigen Tage bei diesem Thema an die Berichte der Conquistadoren über ihr Zusammentreffen mit den »Primitiven« in der »Neuen Welt«.</p>
<p><a name="q12"></a>Nicht nur die »Exoten« am Rande der westlichen Welt haben das moderne lineare »Zeitverständnis« nicht in der gleichen Weise verinnerlicht wie die Menschen in den Metropolen. Auch in der abendländischen Geschichte selber blieb das »Zeitempfinden« lange konkretistisch an sich wiederholende Vorgänge gebunden, und bis in die Gegenwart hinein lassen sich gelegentlich Überbleibsel davon finden. Fast alle unseren heutigen Begriffe für »zeitliche« Einteilungen beziehen sich bezeichnenderweise in ihrer ursprünglichen Bedeutung auf ganz bestimmte Ereignisse. »Montag« und »Monat« stehen für das Erscheinen des Mondes; der »Sonntag« geht auf den Sonnengott zurück, wobei Sonne u.a. die Zustände des Schwelens und Brennens meint und Tag vermutlich auf Gott, brennen, Hitze, warmhalten sowie die Betätigungen des Pflegens und Hegens (dahah) zurückgeht. Selbst der Begriff »Stunde« drückt ursprünglich keine sechzigminütige Maßzahl aus; stattdessen gibt er im mittelalterlichen Sprachgebrauch das Eintreten eines spezifischen Geschehens oder einer grundlegenden Veränderung im Leben an, wie beispielsweise den Moment des Todes. In der Wendung »wem die Stunde schlägt« echot diese Sichtweise noch nach. Auch die englische Sprache, darauf hat Norbert Elias hingewiesen, läßt den älteren »Zeitbezug« noch erahnen: das Wort »timing« (»zeiten«) drückt den Zweck aus, »Positionen im Nacheinander zweier oder mehrerer Geschehensabläufe aufeinander abzustimmen (&gt;zu synchronisieren&lt;).«(<a href="#12">12</a>) Unsere heutige Vorstellung vom vierundzwanzigstündigen Tag wäre jedenfalls vor dem Aufkommen abstrakt-logischen Denkens sinnlos erschienen, denn sie verschmilzt völlig unterschiedliche Phänomene, wie Dunkelheit und Helligkeit, die für die sinnliche Wahrnehmung nichts miteinander gemein haben, zu einer Einheit.</p>
<p>Ob und auf welche Art und Weise die Menschen versucht haben, Ereignisse festzuhalten und in eine besondere Reihenfolge zu stellen, hing zunächst einmal von den vorgefundenen geographischen und klimatischen Bedingungen ab, unter denen sie ihre Reproduktion gestalten mußten. Zu den Naturphänomenen traten gesellschaftliche Einschnitte wie die Geburten von Herrschern, der Tod von Heiligen, Kriege und andere Katastrophen hinzu und gaben den frühen kalendarischen Darstellungen und verbalen Überlieferungen ihr Gepräge. Dabei glichen sich die ansonsten recht unterschiedlichen Methoden der Ereigniserfassung und -prognose in zweierlei Hinsicht: zum einen dienten sie der Festlegung von rituellen Festen, Kulthandlungen und der Bestimmung von landwirtschaftlichen Aktivitäten wie Aussaatanfang und Erntebeginn; zum anderen lag ihnen die <em>zyklische</em> Vorstellung zugrunde, sämtliche wesentliche Ereignisse würden sich bis in alle Ewigkeit in gewissen Abständen wiederholen. Bis ins späte Mittelalter hinein überlebten wesentliche Aspekte dieses Kreislaufdenkens.</p>
<p>Halten wir fest: Die vom menschlichen Bewußtsein wahrgenommenen und reflektierten Formen der Veränderung &#8211; Entstehen, Werden, Vergehen, etc. &#8211; wurden in nichtbürgerlichen Gemeinwesen weder unter einen Begriff subsumiert, noch existierte eine Denkweise, die einen solchen Begriff hätte schaffen können. Von Bedeutung waren lediglich die konkreten Ereignisse in ihrem fetischhaften, rituellen Kontext.</p>
<p><a name="q13"></a>Wie kam es nun dazu, daß die Menschen damit begannen, sich von diesen Ereignissen abzulösen und stattdessen eine »Zeit« als <em>für sich seiende Objektivität</em> in Form eines <em>linearen, vorwärtsgerichteten »gleichmäßigen, einförmigen Flusses«</em> (Elias) zu setzen? Diese Frage läßt sich nur beantworten, wenn wir sie in einen weiter gespannten Rahmen stellen. Norbert Elias hat in seiner Abhandlung »Über die Zeit« diesen größeren Zusammenhang richtig benannt. Er stellt dort fest: »Eine der Schwierigkeiten, auf die man in einer Untersuchung über die Zeit stößt, (&#8230;) ist das Fehlen einer Entwicklungstheorie der Abstraktion oder richtiger: der Synthesebildung. «(<a href="#13">13</a>) Der Schlüssel zur Erklärung des Phänomens »Zeit« liegt also in den gesellschaftlichen Bedingungen, die, indem sie die bestimmte historische Form des abstrakt-logischen und theoretischen Denkens hervorgebracht haben, auch jene Dynamik in Gang brachten, die die »Zeit« »hinter dem Rücken der Menschen« zur objektivierten Triebkraft ihrer Geschicke hat werden lassen.</p>
<p><strong>2. »Zeit«, Denkform und Geld</strong></p>
<p><a name="q14"></a>Damit Menschen eine Reihe aufeinander folgender Ereignisse zu abstrakten »Zeiteinheiten« zusammenfassen, also abgelöst von jeder konkreten Situation und von den Spezifika des aktuellen Geschehens »Zeitpunkte« bestimmen können, bedarf es einer Sprache, die sowohl über grammatikalische Formen zur Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verfügt, als auch abstrakte Zahlen kennt. Nur in den indoeuropäischen Sprachen hat sich, so Whitrow, beides voll herausgebildet. In seinem Buch »The Natural Philosophy of Time« befaßt er sich detaillierter mit der Verknüpfung dieser Momente und kommt zu folgendem Schluß: »Unsere Vorstellung von Zeit hängt eng damit zusammen, daß unsere Denkweise aus einer linearen Folge diskreter Aufmerksamkeitszustände besteht. Dies führt dazu, daß wir Zeit ganz natürlich mit Zählen assoziieren, welches die einfachste Form eines Rhythmus darstellt. Es ist sicherlich kein Zufall, daß die Wörter &gt;Arithmetik&lt; und &gt;Rhythmus&lt; von zwei griechischen Begriffen abstammen, deren gemeinsame Wurzel das Wort &gt;fließen&lt; ist.«(<a href="#14">14</a>)</p>
<p><a name="q15"></a><a name="q16"></a>Die etymologische Verbindung verweist auf den historischen Kontext, in dem das Phänomen »Zeit« entstanden ist. Sie führt uns in die griechische Antike und damit zu der spezifischen historischen Formation, in der sich zeitgleich mit Münzwirtschaft und Warentausch auch der Umgang mit abstrakten Zahlen (Erfindung der Null) und das Denken in zielgerichteter »linearer Folge« herausgebildet haben. Rudolf W. Müller hat die gemeinsame Genesis von Denkform und Warenform, ausgehend von Thesen Alfred Sohn-Rethels und Theoriefragmenten von Karl Marx, insbesondere den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten«, umfassend in einem interdisziplinären Forschungsprojekt untersucht.(<a href="#15">15</a>) In komprimierter Form lautet seine Kernthese: »Diese Denkformen (gemeint sind: formale Logik, abstraktes Denken, theoretisches Erkennen, die allgemein als natürliche Form des menschlichen Denkens überhaupt gelten; G. V) stehen in einem inneren Zusammenhang mit der sich entwickelnden Warentauschgesellschaft, wie sie bereits in der griechischen Antike existierte. Der Entstehungsgeschichte und Funktion des Geldes im Warentauschprozeß entspricht die Genesis des &gt;reinen Geistes&lt;, d. h. der formalen Logik und der abstrakten Form der Identität im Denkprozeß. (&#8230;) So gewinnt der Marxsche Ausspruch einen Sinn, wonach die Logik das Geld des Geistes sei.«(<a href="#16">16</a>)</p>
<p>Das qualitativ Neue dieser Denkform wird deutlicher, wenn wir uns zum Kontrast die prä-warenförmigen Verhältnisse vergegenwärtigen. Das Bewußtsein klebte an der Unmittelbarkeit. Es mangelte dem Menschen an Distanz zu sich und zuseiner Umgebung, und so blieben seine Vorstellungen direkt an konkrete Tätigkeiten und Gegenstände gebunden. Zu Tieren, anderen Menschen und Dingen bestanden quasi persönliche Beziehungen. Um das Fehlen eines Schafes oder einer Ziege aus der Herde zu bemerken, mußten Hirten beispielsweise nicht erst durchzählen; aufgrund der intimen Beziehung und genauen Beobachtung bemerkten sie auch ohne dieses Hilfsmittel den Verlust eines ihnen gehörenden Vierbeiners. Soweit in späteren, von der Warenform noch unbeleckten Gemeinwesen, so etwas wie Mengenbestimmungen durch Zeichen entstanden, handelte es sich dabei nicht um abstrakte Bezeichnungen mittels beliebig (universell) zuordenbarer Zahlsymbole, wie sie den modernen Menschen vertraut sind, vielmehr bildeten das Maß und das Gemessene eine unauflösliche Einheit.</p>
<p><a name="q17"></a>Erst als in der Erfahrungswelt etwas auftauchte, das sowohl sinnlich wahrnehmbar als auch eine Abstraktion war, also eine »daseiende Abstraktion« (Müller)(<a href="#17">17</a>), konnte sich das Denken von der engen Koppelung an die sinnlichen Gegenstände emanzipieren und damit beginnen, abstrakte, allgemein logische Verknüpfungen herzustellen. Das Geld erfüllte diese Bedingungen in idealer Weise, denn es verkörpert in dinglicher Form den Wert anderer Waren und setzt sie damit als Werte gleich, und doch kommt ihm dabei selbst eine handgreiflich empirisch unterschiedene Daseinsform zu. Im Geld findet der Abstraktions- und Syntheseprozeß sein gesellschaftliches Substrat, weil es gleichzeitig als etwas Besonderes figuriert und die Besonderung von Stoff und Form auslöscht und als abstrakter Ausdruck beliebiger, unterschiedlicher Gegenstände sich rein quantitativ spezifiziert mit allem und jedem identisch setzt. Durch wiederholte Tauschpraxis wurde die universelle Zuordnung einer zunächst »sinnlichen« Abstraktion an verschiedene, konkrete Stoffe eingeübt und damit die Fähigkeit, immer wieder von der spezifischen Verbindung abzusehen. Aufgrund dieses gewonnenen Differenzierungs- und Synthesevermögens (organisch miteinander verwachsene Erscheinungen wurden auseinanderdividiert und getrennt unter eine gemeinsame Abstraktion subsumiert) konnte das Bewußtsein quasi zur nächsten großen Tat schreiten und schließlich zum Denken von »reinen Zahlen«, also Abstraktionen ohne jeden sinnlichen Gehalt gelangen.</p>
<p><a name="q18"></a><a name="q19"></a>Zweierlei fällt bei dieser Entwicklung zusammen: die Abstraktionsleistung als solche und die mit dem Geldumgang zwangsläufig verbundene Notwendigkeit, Abstraktion in Zahlen ausdrücken, weil nur vor diesem Hintergrund Geld als quantitativer Maßstab fungieren kann.(<a href="#18">18</a>) Für den Übergang zum »abstrakten Zählen« spielte es dabei zunächst noch keine Rolle, ob Güter äquivalent getauscht wurden und wieviel subjektive Momente (Freundschaft, bloßes Schätzen, Ehrenkodexe, etc.) bei der Preisbestimmung von Waren einflossen.(<a href="#19">19</a>) Entscheidend ist einzig die Tatsache, daß sich »hinter dem Rücken« ein abstrakter Bezug verschiedener Menschengruppen zueinander herstellte, der im Geld einen dinglichen Ausdruck fand.</p>
<p><a name="q20"></a>Welche Art und/oder Stufe von Abstraktionsvermögen sich ohne das Geld hätte entwickeln können, ist umstritten. Auch einige Anhänger der Müllerschen Thesen nehmen an, ausgehend von einer (begrenzten) Gleichsetzung ähnlicher Naturgegenstände hätten schließlich so etwas wie abstrakte Zahlen entstehen können. Ich habe daran meine Zweifel .(<a href="#20">20</a>) Wenn aber schon häufig die Genesis des Zählens vom Warentausch abgetrennt wird, so gilt das natürlich erst recht für die Entstehung des »theoretischen Bewußtseins« im allgemeinen. In der Regel müssen, je nach Erklärungsmodell, verschiedene Rituale, Ereignisse und Zustände wie Kriege, Versklavungen, Wanderungen, Reisen, rituelle »Verhandlungen mit den Göttern«, das handelnde Einwirken auf die Natur selbst oder Versuche, größere Mengen an Gütern oder Menschen zu erfassen, als Ursachen für dessen Herausbildung herhalten. Die Thesen von R. W. Müller weisen allerdings, meiner Ansicht nach, auch gerade in dieser Hinsicht die größere Plausibilität auf. Einige der genannten Aspekte mögen zum historischen Durchsetzungsprozeß der »Geld- und Geist-Logik« beigetragen haben; bestimmend dürfte indes die Entwicklung des abstrakten Vermittlungsmediums gewesen sein.</p>
<p><strong><a name="q21"></a>3. Zum Prozeß der Verwirklichung der »Zeit«</strong></p>
<p>Während das Zählen und Rechnen, bis hin zur Mathematik, seit der Antike einen gewissen Grad an Bedeutung in den gehobenen Gesellschaftskreisen erlangte, kann davon, was die »Zeit« als solche angeht, trotz diverser Kalendierungen nur bedingt die Rede sein. Die Aufmerksamkeit der allergrößten Mehrheit der Menschen galt dem »zeitlosen«, gemächlichen Alltag und den verschiedenen natürlichen und außergewöhnlichen gesellschaftlich/religiösen Ereignissen. An genaueren Datierungen waren in erster Linie die Diener der Kulte und Religionen interessiert. Auch das verstärkte Bedürfnis nach »Zeitmeßinstrumenten«, wie es sich im frühen Mittelalter zusehends bemerkbar machte, ging von der religiösen Sphäre aus. Es waren die klösterlichen Gemeinschaften, die es bei der Festlegung der zahllosen Gebetsstunden (Temporalstunden) zu einer von den natürlichen Abläufen abgelösten Zerlegung der »Zeit« drängte. Zwar fiel die Dauer der sakralen »horae« je nach religiöser Pflicht und technischer Meßbarkeit höchst unterschiedlich aus,(<a href="#21">21</a>) der erste Schritt zur Abstraktifikation der Tageszeitbestimmung war damit aber immerhin geleistet.</p>
<p>Eine ganz andere Spezies Mensch konnte einige Jahrhunderte später an diese Errungenschaften anknüpfen und die Konstituierung des modernen »Zeitempfindens« forcieren. Die Kaufleute wurden allerdings weniger von heiligem Eifer als von schnöden weltlichen Motiven getrieben. Warum gerade sie ein vitales Interesse an exakten »Zeiteinteilungen« entwickelten, ist leicht nachvollziehbar. Als die einzige Personengruppe, die ihre Existenz weder auf milde Gaben, Land- und Handarbeit, den Zehnten oder anderen feudalen Abgaben aufbauen konnte, waren die Kaufleute existentiell auf die möglichst »zeitrationelle« Abwicklung ihrer Handelsgeschäfte angewiesen. Die Dauer von Handelsreisen und Transporten, die »Zeitpunkte« für Zahlungen und Einnahme von Erträgen, Schuldenerstattungen oder die Eintreibung von Verbindlichkeiten, die Zinsberechnungen, die Datierung von Verträgen, die Bestimmung von Haftungsperioden und vieles andere mehr erforderten die Festlegung genauer, regelmäßiger und dabei allgemeingültiger »Zeiteinheiten«.</p>
<p>Zugleich waren es die Kaufleute, die mit dem Verschieben von Genüssen (Sparen) in der Erwartung um so größerer späterer Gewinne das »Zeiten« einzuüben und zu verinnerlichen begannen. Diese »Zeitpioniere« unterwarfen ihren Lebensrhythmus zwangsläufig dem sowohl bewußt als auch unbewußt geschaffenen objektivierten Maßstab. Je mehr sich Handel und Märkte in einer wechselvollen Geschichte durchsetzten, desto wichtiger wurde die rechtzeitige Präsenz und schnellere Abwicklung von Geschäften. Verglichen mit dem heutigen Zustand ging es dabei allerdings noch recht gemächlich zu.</p>
<p><a name="q22"></a>Der Verzeitlichung des kaufmännischen wie des klösterlichen Lebens war lange »Zeit« mit dem Fehlen genauer, gleichmäßig funktionierender »Zeitmeßinstrumente« eine Grenze gesetzt. Ungefähr seit dem 13. Jahrhundert schuf die Verbreitung mechanischer Uhren in Westeuropa indes Abhilfe. Ab dieser Epoche begannen reichere Gemeinden, ihre Kirchtürme mit mechanischen Uhren zu bestücken, und deren regelmäßiges Glockengeläut erinnerte fortan die gesamte Einwohnerschaft an die nun angebrochenen neuen »Zeiten«. Mit der mechanischen Uhr war nicht nur die gleichmäßige, sechzigminütige Stunde geboren, sie schuf zugleich eine wesentliche Voraussetzung für die Revolutionierung der bis dato gemächlichen bäuerlich-handwerklichen Wirtschaftsweise überhaupt. Erst nachdem die neuen Chronometer eine genaue Messung der Arbeitszeit möglich gemacht hatten, konnte sich die Lohnarbeit verallgemeinern und die sukzessive säuberliche Trennung der Arbeitszeit von anderen Beschäftigungen und Lebensäußerungen, also der Prozeß der Sphärendifferenzierung, einsetzen. Der Beginn dieser Entwicklung folgte, darauf hat Whithrow schon hingewiesen, der Erfindung der mechanischen Uhr auf dem Fuß. »In der Textilmanufaktur ersetzte die gleichförmige, sechzigminütige Stunde schon bald den Tag als Grundeinheit der Arbeitszeit. So gestattete es im Jahre 1335 der Gouverneur von Artois den Einwohnern von Aire-sur-la-Lys, einen Stadtturm mit besonderer Glocke zu bauen, um die Arbeitsstunden der Textilarbeiter ein- und auszuläuten. Das Problem der Länge des Arbeitstages war besonders in der Textilmanufaktur von großer Bedeutung, da die Löhne dort einen beträchtlichen Teil der Produktionskosten ausmachten.«(<a href="#22">22</a>) Bis sich dann die damals noch nischenhafte Lohnarbeit zur allgemeinen Existenzform verallgemeinerte, vergingen noch einige Jahrhunderte. Das schmälert die Bedeutung dieser Basisinnovation für den Take-off der Waren- und Arbeitsgesellschaft jedoch in keiner Weise.</p>
<p><a name="q23"></a><a name="q24"></a><a name="q25"></a>War der »Zeitsinn« ursprünglich eine Domäne der Kaufleute, so stieg er mit der Durchsetzung der Lohnarbeit zum Allgemeingut und zur unbedingten Pflicht auf. Mit wachsender Verbreitung der gezielten Marktproduktion in Manufakturen und Fabriken fiel dem aufkeimenden Staatswesen die Aufgabe zu, die bäuerliche Bevölkerung »fabrikreif« zuzurichten, sprich, ihr die eiserne moderne »Zeitdisziplin« und die notwendigen Grundtechniken des Abstrahierens, darunter vor allem natürlich die Grundrechenarten, einzubleuen. Das war freilich keine leichte Aufgabe. Im Jahr 1791 charakterisierte Arnold Wagemann, ein Vertreter der Industrieschulbewegung des 18. Jahrhunderts, in seiner Abhandlung »Über die Bildung des Volkes zur Industrie« die Bauern und Kinder (!) folgendermaßen: »Beide sind vom Sinnlichen sehr abhängig, weil es ihnen an Kenntnissen fehlt, die sie über das Sinnliche hinaus erheben könnten.«(<a href="#23">23</a>) Die Schwierigkeiten bei der Metamorphose solcher »Bauerntölpel« in pünktliche und fleißige Arbeiter konnten die Erzieher zur Verzweiflung treiben: »Mangel an Abstraktionsvermögens also ist es vorzüglich, welcher dem Bauern einen solchen Unterricht unnütz macht und wäre die Art des Vortrags auch noch so sehr nach seiner Fassungskraft ausgerichtet, welches wahrlich keine so leichte Kunst ist «(<a href="#24">24</a>) Die Manufaktur- und Fabrikbesitzer verwendeten schon aus Kostengründen nicht allzuviel Mühe darauf und bedienten sich, im wahrsten Sinne des Wortes, einschlägigerer pädagogischer Mittel: Der Zeiger an der Turmuhr fand im Rohrstock seine übliche Verlängerung. Äußerst brutale »Zeit«-Disziplinierungsmethoden in Fabrik, Werkstatt, Armee, Schule und häuslicher Gemeinschaft beherrschten die Szenerie vom 17. bis ins 20. Jahrhundert hinein.(<a href="#25">25</a>)</p>
<p>In dem Maße, wie sich Geldbeziehungen, Industriearbeit und Konkurrenz verallgemeinerten und die Sondersphären »Arbeit« und »Freizeit« auseinandertraten, beschleunigte sich der Lebensrhythmus mehr und mehr, und die »Zeit« erlangte ihre Weihen als schicksalhafte, quasi naturmäßige Antriebskraft. Diese »wirkliche gewordene Zeit« hat gegenüber allen früheren Empfindungen von Dauer eine eigene Qualität: als Substanz des Wertes entstand sie unabhängig von einem gesellschaftlichen Willen und wurde zum bestimmenden Bezugssystem und universellen Existenzmaßstab. Die oben dargestellten »modernen Kulturtechniken«, ursprünglich von Kaufleuten und Priestern eingeübt und verinnerlicht, haben sich der ganzen Gesellschaft wie eine Zwangsjacke übergestülpt. Auf der Grundlage zielstrebiger Produktion für den Markt, der Schaffung exakter, gleicher »Zeiteinheiten« und eines auf künftige Gewinne und Lohnerwartung konditionierten Bewußtseins, richtete sich der »Zeitsinn« <em>nach vorne</em> aus. In unbewußtem Rückgriff darauf wurden und werden auch Gegenwart und Vergangenheit als Momente eines<em> linearen, vorwärtsgerichteten Flusses</em> empfunden und Historie als eine logische Aneinanderreihung von Ereignissen interpretiert.</p>
<p>Der historische Siegeszug des Geldes, sein Aufstieg zur alleinigen gesellschaftlichen Syntheseform ist ohne die beschriebene Entstehung der »Zeit« gar nicht denkbar. Geld, verdinglichte »Zeit«, ist nun selbst zum Maßstab der »Zeit« geworden und »Zeit« daher kostbar wie Geld. Die Volksmundweisheit »Zeit ist Geld« bringt diese Identität auf den Punkt. Jeder Augenblick, der ohne Gelderwerb verstreicht und nichts einbringt, gilt potentiell als vergeudete »Zeit« oder Geldverschwendung. Je kostbarer die »Zeit«, desto hektischer gebärdet sich das Subjekt: im Straßenverkehr mutiert es zur rasenden Wildsau, die auf der Betonpiste um jede Hundertstelsekunde Vorsprung kämpft, als ginge es um olympisches Gold. Man nimmt selbst noch den eigenen Tod in Kauf, um fünf Minuten früher am Ziel zu sein, und das Essen wird in einer Geschwindigkeit heruntergeschlungen, die selbst gefräßige Haie vor Neid erblassen läßt. Alles muß schnell gehen: »Zeitsparen« scheint Volkssport Nummer eins zu sein, und die Uhr dürfte die Körperzierde sein, die üblicherweise zu allerletzt abgelegt wird &#8211; wenn überhaupt. Für die Produktion gibt es nur eine Maxime: schneller und mehr. Aber der rasende Takt der Industrie fegt selbst durch die letzten Winkel der Wohnstuben. Auch diejenigen, die sich mangels Erwerbsarbeit nicht mehr ausbeuten lassen dürfen, können sich nicht gemächlich zurücklehnen und diesen Zustand ein Weilchen genießen. Den industriellen »Zeitsinn« haben sie vollkommen verinnerlicht &#8211; die Hektik im Alltag bleibt. Gleichzeitig macht das fehlende Geld die häusliche Reproduktion »zeitaufwendiger«. Und ist einmal gar nichts zu tun, dann wird die Seele krank, weil Körper und Geist keine gesellschaftlich anerkannte Arbeitsleistung vollbringen. So oder so, der »Zeitstreß« holt alle ein.</p>
<p>Der heutige »Zeitsinn« wurzelt in einer anerzogenen »Zeitökonomie«, die sowohl Ausdruck wie Resultat der »Arbeitszeitabstraktion« und damit ein Spiegelbild der industriellen Produktions- und Umlaufgeschwindigkeit ist. Ein Leben in »kreativem Müßiggang« (Robert Kurz) läßt sich daher nur erreichen, wenn der Warentausch und mit ihm Geld, Arbeit und Kapital endlich das »Zeitliche« segnen. Erst dann könnten die Menschen ihre Reproduktionszusammenhänge bewußt gestalten und ihren Lebensrhythmus dem Takt selbstbestimmter Tätigkeiten anpassen. Dieser innere Zusammenhang läßt sich aber auch andersherum fassen. Der Abschied von der Warenform beinhaltet notwendig die Aufhebung des von der Moderne geschaffenen »Zeitbezugs«. Der Aufstand gegen die Warenform ist immer auch schon Aufstand gegen die herrschende »Zeit«diktatur.</p>
<p><strong>4. Die »zeitraubenden« Umwege der Marktwirtschaft</strong></p>
<p>Die bisherige Darstellung des logischen und historischen Zusammenhangs von »Zeit«, Geld und Arbeit hat noch nicht erklärt, warum die Menschen trotz der modernen »zeitsparenden« Produktionsmittel immer mehr arbeiten, und sich sogar noch in der »Freizeitsphäre« ununterbrochen mit unangenehmen Dingen abplagen müssen. Deshalb will ich nun die verschlungenen Pfade unter die Lupe nehmen, auf denen die Waren zum Verbraucher wandern. Dabei wird deutlich, welchen horrenden »Zeitaufwand« die monetäre Vermittlung produziert. Die Marktwirtschaft, die von ihren Apologeten ob ihrer Effektivität gerühmt wird, entpuppt sich aus dieser Perspektive als die »zeitaufwendigste« Produktionsweise, die es jemals gab. Die Marktwirtschaft hat den rationellen Umgang mit der »Zeit« offenbar nur entwickelt, um die freigesetzte »Zeit« zu vernichten.</p>
<p><a name="q26"></a>Vor einigen Jahren begannen einige kritische WissenschaftlerInnen aus dem ökologischen Spektrum mit der Untersuchung der langen umweltzerstörenden Umwege, die Güter in Produktion und Distribution durchwandern, bevor sie endlich beim Endverbraucher anlangen. Dabei kam so manche Kuriosität ans Tageslicht. Vor allem die Geschichte »Ein Joghurt geht auf Reisen« machte eine zeitlang Furore. Gestützt auf eine Studie von Stefanie Böge konfrontierten mehrere Zeitungsredaktionen ihre werte Leserschaft mit der Tatsache, daß selbst in die Herstellung eines solch simplen und harmlosen Produkts wie eines Fruchtjoghurts sage und schreibe 7.587 LKW-Kilometer eingehen, bis es endlich im Kühlregal eines Supermarktes landet .(<a href="#26">26</a>) Im Anschluß daran tauchten immer wieder weitere Artikel auf, die die für die herrschenden Produktions- und Verteilungsbeziehungen charakteristische aberwitzige Hyperzentralisierung und die damit verbundene enorme Verschleuderung von natürlichen Ressourcen und menschlicher Lebensenergie exemplarisch aufs Korn nahmen.</p>
<p><a name="q27"></a><a name="q28"></a>Ein mehrfach kolportiertes Beispiel, das recht drastisch beleuchtet, wie wenig betriebswirtschaftliche Rationalität und Kostenminimierung mit gesellschaftlicher Vernunft und Sparsamkeit zu tun haben, ist die Herstellung von Orangensaft. Im Durchschnitt konsumiert der durstige Bundesdeutsche 21 Liter Orangensaftgetränk pro Jahr, nicht gerade wenig, wenn man bedenkt, daß die geschätzte Frucht nicht in unseren Breitengraden gedeiht. 80 Prozent der für die Saftherstellung notwendigen Orangen stammen aus Brasilien. 12.000 km legen sie auf ihrem Weg zum Konsumenten zurück. Außerdem wird bei der Erzeugung von einem Liter O-Saft die 22fache Menge an Wasser verbraucht. Damit liegt der Orangensaft aus brasilianischem Anbau aber im Vergleich zu amerikanischem Saft noch sehr günstig. In den Vereinigten Staaten, wo die Orangenplantagen künstlich bewässert werden müssen, entfallen auf einen Liter des begehrten Getränks 1.000 Liter Wasser und 2 Liter Treibstoff.(<a href="#27">27</a>) Ein noch viel dramatischeres Bild bietet sich natürlich bei der Produktion komplexer industrieller Güter. Rohstoffe und Teile des Volkswagens etwa stammen aus allen Kontinenten und legen dabei abertausende von Kilometern zurück. Wie die verzweigten und verzwickten Wege der elektronischen und mechanischen Einzelteile für die 55.000 Produkte des Siemens-Imperiums verlaufen, können nicht einmal mehr die eigenen Manager angeben.(<a href="#28">28</a>) Kreuz und quer über den gesamten Globus werden Millionen Tonnen von Gütern »kostengünstig« hin und her bugsiert. Ähnliche oder gleiche Produkte wandern in alle Himmelsrichtungen bei enormem »Zeitaufwand« nicht selten mehrmals aneinander vorbei und verpesten dabei die Luft, verzehren Energie und rauben zahlreichen Menschen die Nerven. Es erübrigt sich, die ökologischen Folgeschäden, die als »Nebenprodukt« bei einer solchen Herstellungs- und Verteilungsweise anfallen, hier im einzelnen auszubreiten.</p>
<p><a name="q29"></a><a name="q30"></a><a name="q31"></a>Einer der exponiertesten Kritiker dieser Art »ökonomischer Vernunft«, Winfried Wolf, beschränkt sich nicht darauf, den grotesken Transportaufwand zu kritisieren, der mit dem laufenden Globalisierungsprozeß immer aberwitzigere Formen annimmt. Er weist darauf hin, »daß weit über 50 Prozent der Produkte und Dienstleistungen, die im hochindustrialisierten Kapitalismus hergestellt werden, unsinnig und destruktiv sind, was durchaus von einem großen Teil der Bevölkerung auch so gesehen wird.«(<a href="#29">29</a>) Würde die Erzeugung von Gütern und Dienstleistungen ökologisch sinnvoll gestaltet und von destruktiven Elementen befreit, dann wäre »ausreichend Spielraum für die Verteilung sinnvoller, gesellschaftlich notwendiger (Haus-, Büro-, Fabrik-, Land-, usw.) Arbeit« vorhanden, und dennoch wäre gleichzeitig eine bedeutsame Reduzierung der »Arbeitszeit« pro Kopf möglich.(<a href="#30">30</a>) Gegen den häufig angeführten Einwand, solch eine »Traumtänzerei« wäre aus Kostengründen nicht finanzierbar und damit unrealisierbar, führt Wolf die Folgelasten der Elendsverwaltung (Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe etc.) ins Feld. Ohne diese Ausgaben und mit Hilfe einer Umverteilung des angesparten Vermögens von 3 Billionen DM allein in der Bundesrepublik könne einiges erreicht werden, meint er. So bemerkenswert und konsequent Wolfs Kritik an zentralen Momenten der konsumistischen Lebensweise, der Ressourcenverschwendung und der ökologischen Zerstörung ist, so entwerten doch leider seine Illusionen über die Möglichkeiten von Marktregulation dieses Verdienst.(<a href="#31">31</a>) Seine Position ist gerade in dieser Hinsicht aber repräsentativ für nahezu das gesamte etablierte Spektrum »altemativer Wirtschaftspolitik«, die so verzweifelt wie erfolglos sich darum bemüht, kapitalistische Ökonomie und Ökologie irgendwie in Einklang zu bringen.</p>
<p><a name="q32"></a>Andere Autoren, die ihre Kritik aus anarchistischen und kleinbürgerlich-revolutionären Quellen beziehen und sich bei Rousseau, Bakunin oder Gesell anlehnen, preschen mit ihrer Kritik scheinbar ein ganzes Stück weiter vor. Sie begnügen sich nicht mit monetären Umverteilungsphantasien, sondern kratzen &#8211; zumindest auf den ersten Blick &#8211; am Glanz des Geldes. Die ganz Waghalsigen postulieren sogar dessen Abschaffung, in der Hoffnung, so die ökonomischen Krisen lösen zu können. Dabei erkennen sie das Geld indes nicht als den notwendigen Ausdruck allgemeiner Tauschverhältnisse, sondern halten es für eine eigenständige Instanz, die sich beliebig beseitigen ließe oder deren Charakter man einfach uminterpretieren könne. Dementsprechend verfallen sie keineswegs auf die Idee, an den Tauschverhältnissen selbst zu rütteln. Im Gegenteil, diese gelten ihnen als das natürliche Prinzip gesellschaftlicher Beziehungen. Selbst wenn sie sich das Geld wegdenken, der tiefersitzende Tauschwertfetisch hält ihr Bewußtsein gefangen. Deshalb können auch sie sich eine selbstbestimmte Produktion und Verteilung von Gütern ohne Tausch und ohne Leistungskriterien schlechterdings nicht vorstellen und führen das abstrakte Vermittlungsmedium Geld, oft ohne sich dessen überhaupt so recht gewahr zu werden, in anderem Gewand wieder ein. »Naturaltausch«, »Schwundgeld«, »Leistungsvergleiche«, »LET Systeme«, »Stundenzettel« etc. sollen an die Stelle monetärer Verrechnung treten und deren schädliche Auswirkungen tilgen.(<a href="#32">32</a>)</p>
<p>Näher besehen machen diese Konzepte allesamt den Eindruck, als solle zwar das Ei beseitigt, die Henne jedoch nicht geschlachtet werden. Gerade das entscheidende gesellschaftliche Problem wird nämlich ausgeblendet: Schon die Reduktion des Konkreten und Besonderen auf vergleichbare und quantifizierbare »Zeiteinheiten« degradiert gesellschaftliche Nützlichkeit und Verträglichkeit von Produkten qua Prinzip zur Nebensache, die keine systemische Berücksichtigung finden kann. Die Geldlogik ist nur die Erscheinungsform dieses basalen Verhältnisses. Dieses Grundproblem wiederholt sich auf der Ebene der sozialen Beziehungen, und auch hier bleiben diese Taschenspieler jede Antwort schuldig. Mit dem Warentausch ist bereits die Trennung der Produzenten, der Zwang zu <em>individueller Reproduktion</em> sowie die prinzipielle Gleichgültigkeit der Individuen gegeneinander gesetzt. Wenn sich jemand des Anderen erbarmt, sich mit Mittellosen solidarisiert oder etwas spendet, bleibt das unter dem Regiment des Tausches eine rein individuelle, ethisch-moralisch motivierte Tat.</p>
<p>Auch die Kirchen, die ihre Existenzberechtigung nun einmal von der göttlichen Moral und der Ethik und nicht vom Markt beziehen, kommen angesichts der Doppelmisere von Arbeitsgesellschaft und Wohlfahrtsstaat nicht umhin, sich mit den Ursachen der sozial verheerenden weltlichen Lebenspraxis auseinanderzusetzen. Einige ihrer frommen Glieder haben die Geldkritik für sich entdeckt. Die klerikal unterfütterte Polemik gegen die Herrschaft des Geldes klingt zunächst ganz forsch, ja bisweilen ketzerisch und fast revolutionär. Letztendlich landet sie indes doch wieder beim »guten« und »gerechten Geld«, bei einer Vorstellung also, die andere Schwestern und Brüder vor wenigen Jahren zur Gründung einer eigenen Bank bewogen hat.</p>
<p><a name="q33"></a>Die christliche Gelddebatte bringt recht kuriose Stilblüten hervor. Da es mir nur um den Gesamttenor dieser Pseudokritik geht, genügt an dieser Stelle ein charakteristisches Exempel, das wir dem Domkapitular Wolfgang Sauer verdanken: »Nun ist freilich das &gt;Gut Geld&lt;, das ich hier unbeschwert und positiv beschreibe, immer in Händen von Menschen, die aus der in sich neutralen Ware Geld gleichsam &gt;durch Ansteckung&lt; immer auch etwas Fragwürdiges oder gar Gefährliches machen können, neben all den Segnungen, die durch Geld und Reichtum in die Welt geflossen sind und fließen«, so dieser tapfere, mit den Schwächen der menschlichen Seele vertraute Christ in seinem Artikel »Unser Umgang mit Geld &#8211; Ein Anstoß zum Nachdenken.«(<a href="#33">33</a>) Diese Wendung kann nicht überraschen. Solange die Struktur selbst nicht ins Visier der Kritik genommen wird, mündet das Beklagen von Oberflächenphänomenen fast zwangsläufig entweder in illusorische links-etatistische Umverteilungsmodellen oder in rechtskonservative Appelle an die Moral.</p>
<p><a name="q34"></a><a name="q35"></a>Auch können die systembedingten Irrationalitäten im Kreislauf der kapitalistischen Produktion und Distribution nur sehr unzureichend erfaßt werden, wenn die Warenform nicht selbst in Frage gestellt wird. Wer den virtuellen Standpunkt einer Re-Produktionsform bezieht (<a href="#34">34</a>) die auf selbstbestimmte Bedürfnisbefriedigung(<a href="#35">35</a>) ausgerichtet ist und gebührend Rücksicht auf die ökologischen Lebensgrundlagen nimmt, für den oder die stellt sich der größte Teil aller im Kapitalismus verrichteten Arbeiten als gigantomanische »Zeitverschwendung« dar, gegen die sich die von Ökologen und Pseudo-Geldverächtern kritisierten Transportwege wie kurzweilige Spaziergänge ausnehmen. In dieser Gesellschaft existieren zahllose Arbeitsbereiche, die einzig und allein der Reproduktion der Warenform und somit dem bloßen Systemerhalt geschuldet sind. Diese »Zeitverschwendung« kann aber nur thematisiert werden, wenn die Warenform selbst ins Visier der Kritik gerückt wird und nicht durch die ideologische Hintertür gerettet werden soll.</p>
<p><strong>4.1 Die in der bloßen Geldverwaltung gebundene Lebenszeit</strong></p>
<p>Tauschen bedeutet zunächst einmal Kaufen und Verkaufen. Vorderhand springt denn auch die Existenz eines umfänglichen Bereichs ins Auge, der diese milliardenfachen Transaktionen ermöglicht, also die Sphäre des Handels: Menschen beschäftigen sich den ganzen lieben Tag lang mit dem Verkauf von Produkten und Dienstleistungen. Sie fahren oder laufen durch die Gegend, um anderen Kosmetika, Staubsauger und Computer anzudrehen; sie stehen in Läden, Markthallen und Kaufhäusern vor und hinter aufgetürmten Warenbergen herum oder kauern vor auf verpesteten Gehsteigen ausgebreiteten Tüchern; sie hängen in schicken Büros an Telefon, Fax und PC, akquirieren und schließen Verträge ab; sie sitzen an Fließbandkassen oder quetschen sich durch verqualmte Kneipen, um eine Rose loszuwerden. Verkäufer verkaufen an Wiederverkäufer, die zum Wiederverkauf an andere Wiederverkäufer weiterverkaufen etc. pp. Wo verkauft wird, wird gekauft. Wiederum Abermillionen Menschen sitzen in speziellen Abteilungen und kaufen für ihre Produktions- und Dienstleistungsbetriebe Rohstoffe, Halbfabrikate, Maschinen, Waren und Arbeitskräfte ein. Zahllose Stunden vergehen im Stau, im Kaufhaus, beim Schlangestehen, in Auto, Bus und Bahn, damit die Endverbraucher ihre notwendigen Konsumgüter ergattern und ihre Schnäppchen machen können.</p>
<p>Das die Tauschakte vermittelnde Geld muß in seinen unterschiedliche Existenzweisen stets aufs Neue geschaffen, vermittelt und abgesichert werden. Ob Bargeld, Schecks, Kreditkarten, schriftliche oder elektronische Überweisungen, alle monetären Transaktionen ziehen einen gewaltigen Rattenschwanz an Aktivitäten nach sich und damit einen »Zeitaufwand«, der ohne weiteres mit dem der Verkaufssphäre konkurrieren kann. Da haben wir zunächst die materielle Herstellung von Bargeld, Schecks, Überweisungsformularen und Wertpapieren; des weiteren die (Mensch und Natur vergiftende) Förderung von Gold- und Silbererz, dessen Verarbeitung, den weltumspannenden Transport und die Einlagerung zur Geldwertsicherung. Der weitaus größte »Zeitaufwand« fällt mit der Buchgeldschöpfung und der Abwicklung des Geldverkehrs an. Hierzu bedarf es unzähligen Personals, das an Schaltern, Computern und Schreibtischen in den zahlreichen Banken und Kreditinstituten sein Leben fristet. Geld ist Eigentum und steht daher niemandem per se und schon gar nicht in beliebiger Menge zu. Es muß daher vor unbefugtem Zugriff geschützt werden. Vom Bankangestellten und dem Nachtwächter, dem Polizeibeamten und dem Computerspezialisten bis zum finster dreinblickenden »Schwarzen Sheriff« widmen sich zahllose Beschäftigte tagaus, tagein einzig und allein dem Schutz des Mammons.</p>
<p>Eigentum und Habgier, Armut und Reichtum fordern zu Streit und Diebstahl heraus. Richter und Anwälte schlichten, richten und lassen in Gefängnissen sühnen, deren Erhaltung, nebenbei bemerkt, ebenfalls mit großem personellen wie finanziellen Aufwand verbunden ist.</p>
<p>Aufbewahrtes Geld kann sich, bei etwas Phantasie, auf wundersame Weise »vermehren«: Hunderttausende Banker, Broker, Spekulanten, Groß- und Kleinanleger und viele viele andere Glücksritter widmen sich weltweit dieser heiligen Mission.</p>
<p>Wo sich Banker tummeln, da sind auch Versicherungshaie nicht weit. Ihre Existenz verdanken sie der speziellen Manier der bürgerlichen Gesellschaft, jeden Schaden, sei er ideeller, Bach- oder personenbezogener Art, in Geldquanta auszudrücken. Gefühle, Gedanken und Körper bilden ein Puzzle aus addierbaren Wertgrößen, die sich u. a. durch die Höhe des zu leistenden Tributs und die quantifizierten Auswirkungen eventueller Schadensfälle bestimmen. Raquel Welchs Busen macht 10 Mio. Dollar, mein Daumen vermutlich 5.000 DM und der Kopf des Obdachlosen null Komma nix. Versicherungen verwalten nicht nur Geld, sie senden auch tausendfach Hausierer in die Lande, die die Leute nachdrücklich auf ihre bedrohlichen Lebensumstände aufmerksam machen. Die allgemeine Absicherung und Kontrolle des in Geldeinheiten abstraktifizierten und quantifizierten Eigentums der Bürger erfordert eine ununterbrochene Zählung, Abrechnung, Kontrolle und Buchung in allen ökonomischen Bereichen und Sphären. Heerscharen von Berufstätigen bevölkern Büros, kaufmännische Abteilungen und Controllingfirmen, um sich diesen ehrenwerten Arbeiten partiell oder mit ihrer gesamten Arbeitskraft zu verschreiben. Selbst beim kleinsten Handwerksbetrieb fällt eine stetig wachsende Masse an steuertechnischen und kaufmännischen Tätigkeiten an, die zur eigentlichen Dienstleistung gar nichts beitragen.</p>
<p>Die Warengesellschaft bedarf zu ihrer Reproduktion und Absicherung einer besonderen staatlichen Sphäre. Dieser Sektor kann sich selber aber nur reproduzieren, indem er sich beständig Finanzmittel verschafft, d.h. das Finanzgebaren der Bürger überwacht und eine begrenzte Umverteilung von Geldwerten organisiert. All das ist aber ebenfalls wiederum mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden. Weltweit müssen Hunderttausende von Finanzbeamten Daten überprüfen, nehmen Rückzahlungen vor, mahnen Nachzahlungen an und leiten Gelder an die Staatskasse weiter, die dort von einem enormen Stab an Sachkundigen und weniger Sachkundigen auf allen Ebenen verwaltet, verteilt und verplempert werden müssen. Nicht jeder hat es gern, wenn Big Brother gierig auf seine Geldbörse schielt. Zum Schutz davor gibt es Steuerberater, Steueranwälte, Geldwäscher, Fluchtgeldvermittler, Anlageberater und andere ehrenwerte Gestalten, die stets in ausreichender Zahl für solche Fälle zur Verfügung stehen. Die Hobby- und Berufspolitiker füllen den überwiegenden Teil ihrer »Zeit« mit Überlegungen, Beratungen und Abstimmungen über Geldverteilungskriterien sowie über deren rechtliche und praktische Umsetzung aus. Sie widmen sich der intensiven Kontaktpflege zwecks Geldakquise, was sie mitunter zwingt, ausgedehnte Dienst- und Amigoreisen über sich ergehen zu lassen.</p>
<p>Nahezu jede öffentliche und private Dienstleistung fordert ihren Preis. Bei der Post verbringen die Bediensten weniger als die Hälfte ihrer »Arbeitszeit« mit Tätigkeiten wie dem bloßen Brief- und Paketumschlag und der dazu notwendigen Planung und Logistik. Vielmehr ist der Großteil der Belegschaft mit einfallsreicher Gebühreneintreiberei, vom Briefmarkenverkauf bis zur Ausleihe von Frankiermaschinen und der Verwaltung und Abrechnung der Einnahmen, beschäftigt.</p>
<p>Selbst der Einsatz öffentlicher Verkehrsmittel verlangt nach einer großen Schar von Fahrkartenverkäufern, Fahrkartenautomatenaufstellern und Kontrolleuren. Sogar manch Bus- oder Bahnfahrerln muß noch so nebenbei als Kassiererin fungieren. Die Deutsche Bahn AG beglückt neuerdings jeden einzelnen Unternehmensbereich mit einer eigenen gigantischen kaufmännischen Verwaltung.</p>
<p><strong>4.2 Stoffliche Reichtumsverschwendung in der Distribution und Zirkulation</strong></p>
<p>Auch die Produktionssphäre, die vielen Gesellschaftskritikerinnen traditionell als die gute, bodenständige Seite der Marktwirtschaft erscheint, ist in diesen bloß systemerhaltenden Kreislauf der Verschwendung menschlicher Lebensenergie und -zeit direkt eingebunden. Denn die Verteilung der Dienstleistungs- und Warenflut nach den Prinzipien der Warenform nimmt einen enormen Teil des Produktions- und Logistikaggregats in Anspruch. Dies erstens, weil ein großer Teil der Überkomplexität und des stofflichen Aufwands in den Produktionskreisläufen, wie oben am Beispiel des Joghurts und des Orangensafts illustriert, einzig und allein auf das Prinzip der betriebswirtschaftlichen Rentabilität zurückgeht. Zweitens aber nimmt auch die Verkaufs- und Verwaltungssphäre einen großen Teil der gesellschaftlichen Produktion direkt in Anspruch. Dies beginnt mit den notwendigen Gebäuden, vom Wolkenkratzer über die Kaufhalle bis zur Pommesbude, die erst einmal gebaut sein wollen.</p>
<p>Ein Blick auf Innenstädte und Gewerbegebiete läßt ahnen, welche umbauten Flächen ausschließlich diesem Zweck geopfert werden, während Wohnraum beengt und chronisch knapp bleibt. Die Subsumtion der gesellschaftlichen Reproduktion unter die Warenform macht eine unübersehbare, allein an diesen Zweck gebundene Infrastruktur notwendig: Verkaufs- und Transportfahrzeuge, Geschäftswagen; Regale, Lager, Gefriertruhen, Dekorationen; Registrierkassen und Geldkassetten; Pappe, Papier, Farben und Tinten für Werbeblätter, Verträge, Rechnungen, Kassenbons und Verkaufsverpackungen in gigantischen Mengen; Computer, Handies, Faxgeräte, Möbel, Kopierer, Bleistiftspitzer und tausende andere Gegenstände mehr.</p>
<p>Geschäftemachen verlangt Präsentation und Repräsentation. Textil-, Schmuck- und Lederindustrie halten hierfür unerschöpfliche Varianten von Bekleidung und sonstige Accessoires bereit. Die Geldverwahrung, Geldvermehrung, Geld- und Eigentumssicherung erfordert Bankgebäude, Börsenlokale, Büroräume ohne Ende; sie setzt Keller, Bunker, Tresen, Rechner, Safes, Sicherungsanlagen, Kassetten, Überwachungskameras, Riegel, Panzerglas, zahllose kleine und große Türen, Schlösser sowie Sparschweinchen für die Kleinen voraus.</p>
<p><a name="q36"></a>Auch mittelbar beeinflußt die Geldlogik den Produktionsaufwand. Unaufhaltsam hat sie alle alten Gemeinschaftsformen gesprengt und eine auf sich selbst zurückgeworfene Geldmonade zurückgelassen. Kleinfamilien- und Singledasein haben die Re-Produktion und die Konsumgewohnheiten gründlich verändert. Die Versorgung der Kleinhaushalte mit Individual- oder Familienportionen potenziert die Verpackungsflut und macht besondere Produktionsanlagen zur Abfüllung von Minimalmengen in Flaschen, Dosen, Becher usw. notwendig. Der Rohstoffverbrauch schnellt dabei, trotz Recycling, unablässig in die Höhe. Jeder Haushalt verfügt über eine eigene gar nicht so kleine »Mini-Infrastruktur«, vom Herd über den Kühlschrank bis zur Waschmaschine. Individuelle Mobilität verlangt nach individuellen Verkehrsmitteln und getrenntes Wohnen nach entsprechend gestaltetem Wohnraum.(<a href="#36">36</a>)</p>
<p>Selbst bei intensivster empirischer Forschung dürfte es schwierig sein, den für die Warenzirkulation und Wertrealisation verausgabten »Zeitanteil« in der Produktionssphäre exakt zu ermitteln, da sich oftmals nicht genau erkennen läßt, welcher Bestimmung die eine oder andere Arbeit oder dieser oder jener Rohstoff zugeführt wird. <em>Nach meiner Schätzung könnte der Anteil bei ungefähr 60 Prozent liegen</em>. Schließt man außerdem noch die Produktion destruktiver Güter, vom Panzer bis zum Atomkraftwerk, in diese Rechnung ein, dann <em>dürfte der nicht monetär bedingte, auf die tatsächliche Reichtumsproduktion entfallende Anteil an der derzeit verausgabten gesellschaftlichen »Arbeitszeit« auf 25 bis 30 Prozent zusammenschnurren</em>.</p>
<p><strong>4.3 Tauschen muß gelernt sein</strong></p>
<p>Diese noch vorsichtige Schätzung deckt die formbedingte gesellschaftliche »Zeitverschwendung« noch immer nicht völlig ab. Damit all die anfallenden Arbeiten in Produktion, Verwaltung und Distribution auch entsprechend qualifiziert geplant und ausgeführt werden können, bedarf es zusätzlich auch noch ganzer Legionen von Lehrern, Dozenten, Professoren, Unterweisern und anderer Spezialisten, die sich den entsprechenden Aus- und Fortbildungen hauptberuflich widmen. Wenn wir das mitberücksichtigen, dann läßt sich beim besten Willen nicht mehr ausrechnen, wieviel gesellschaftliche Arbeit ausschließlich der monetären Grundlage entstammt oder ihrem Erhalt dient.</p>
<p><a name="q37"></a>Aber nicht nur die Sphäre der Erwerbstätigkeit ist von der Wert- und Warenform durchsetzt. Auch die Privatsphäre entkommt ihr nicht. Bis das Tauschprinzip »Äquivalent gegen Äquivalent« Bewußtsein und Unterbewußtsein durchdrungen hat und die intimsten Regungen steuert, muß enorm viel »Zeit« investiert werden. Wieviel Stunden mit Kampf und Krampf ins Land gehen, wieviel Tränen fließen, bis Kinder auf das Geld zugerichtet sind und endlich »verstehen«, daß eine Puppe keine Puppe, sondern nur ein Wertding von 29,99 DM ist, können die geneigten Leserinnen und Leser genauso gut wie ich beurteilen. Wieviel »Erziehungsarbeit« wird geleistet, bis im Restaurant der Teller leergegessen wird, selbst wenn der Bauch schon platzt, weil die Pizza eben keine Pizza, sondern ein entgoltener Wert von 12,50 DM »ist«? Verschenkt wird nichts! Jahre gehen ins Land, bis der Zögling einsieht, daß ihm Gebrauchsdinge nicht einfach zustehen, sondern einen Preis haben. Welche Zurichtung ist erforderlich, bis ein Mensch vor der gefüllten Schaufensterauslage verhungert, anstatt sich zu nehmen, was er zum Leben braucht? Wieviel »Zeit« verstreicht, bis man Gefühle »investiert« und nur gegen entsprechende Äquivalente eintauscht? Man braucht nur einen Augenblick darüber nachzudenken, wieviel Gespräche und Auseinandersetzungen sich im Leben um Geld und Preise drehen, um zu erahnen, in welchem fetischhaften Bann wir stehen.</p>
<p>Angesichts der schwindenden Wertmassen, bedingt durch den sinkenden Einsatz lebendiger Arbeit, verschärft sich der Konkurrenzkampf um die noch erzeugten Wertanteile auf allen Ebenen. Immer mehr Menschen halten den mörderischen Existenzkampf nicht mehr durch und werden zeitweilig oder definitiv vom legalen Gelderwerb ausgeschlossen. Gedanken über andere Geldbeschaffungsmaßnahmen drängen sich dann immer mehr in den Vordergrund und beanspruchen entsprechende »Zeit«. Der Zwang zur Marktbehauptung beflügelt die Phantasie. Alles muß in die Geldform hinein. Keine menschliche und natürliche Lebensäußerung entkommt ihrer Hinrichtung auf die Marktfähigkeit: Menschen werden vermietet oder als Sklaven verkauft, als »Ersatzteillager« gehalten und bei Bedarf zur Operation frisch auf den Tisch serviert. Nur das ständig sich distanzierende Bewußtsein eines bürgerlichen Individuums kann den Gedanken ertragen, im Körper das Herz eines eigens dafür entführten und geschlachteten Artgenossen zu tragen, wohl indem es sich suggeriert, man habe ja schließlich selbst dafür »geblutet«. Momentan sind wir Zeugen einer »zeitintensiven« Marketingkampagne, die uns von den Vorteilen einer Patentierung menschlicher, tierischer und pflanzlicher Gene überzeugen möchte, mit dem Ziel, auch noch dem kleinsten DNS-Abschnitt einen Preisstempel aufdrücken zu dürfen und die Natur restlos in den »zeitverschlingenden« Reißwolf des Tauschwertkreislaufs hineinzupressen.(<a href="#37">37</a>)</p>
<p>Der Versuch, die vom Kapitalismus erzeugten Probleme systemimmanent zu »lösen«, regt eine schier unerschöpfliche Phantasie an. Die durch all die Umwege erzeugte »Zeitknappheit« schreit geradezu nach einer Branche, die bei der individuellen »Zeitbewältigung« behilflich ist. Kontaktbüros vermitteln PartnerInnen, die mangels »Freizeit« nicht selbst erobert werden können. »Zeitseminare« lehren Managerinnen und Manager, das knapp gewordene Gut effizient und nutzenmaximiert zu verbrauchen. Fehlt die »Zeit« zum Kochen, kommt die Pizza in&#8217;s Haus, und die Planung für die nächste Reise übernimmt notfalls eine Agentur. Wer trotz all dieser nützlichen Hilfsleistungen immer noch nicht in der Lage ist, dem Streß zu entkommen und darob eines Tages zusammenklappt, braucht sich auch dann nicht zu sorgen (vorausgesetzt, er verfügt über das nötige Kleingeld oder ist gut versichert): Kuren, Erholungsreisen, Solarien, Rekreationsfarms, Spezialkliniken, Yoga und Tantracenter sorgen für eine kurze »Auszeit« und machen ihn wieder fit für die Tretmühle.</p>
<p><em>Wenn man nun die gesamte »Zeit« zusammenfaßt, die in allen Sphären unmittelbar oder mittelbar dem goldenen Kalb der Warenproduktion und Tauschwirtschaft geopfert wird, kommt man sicher gut und gerne auf 80 Prozent.</em> Niemals zuvor hat sich der homo sapiens einen derartigen »Zeitaufwand« geleistet, um in den Genuß der Resultate seiner Arbeit zu kommen, und niemals war er dabei so nahe an der völligen Zerstörung seiner Psyche, Physis und natürlichen Umgebung. Die Marktwirtschaft gleicht einer gigantischen »<em>Zeitraubmaschinerie</em>«, die von Arbeitsameisen in Schwung gehalten wird, deren Arbeits- und Leistungsstolz sich vor diesem Hintergrund als lebensgefährliche Dummheit entpuppt. Wer sich zur Tauschwirtschaft bekennt, bekennt sich zu diesem monumentalen Wahnsinn, der seiner Logik nach nur im allgemeinen Exitus enden kann.</p>
<p><strong><a name="q38"></a>5. »Utopisches« zur Überwindung von Tausch- und »Zeitdiktatur«</strong></p>
<p>Nach dem bis hierhin Ausgeführten läßt sich nun nachvollziehen, warum die Lebensgestaltung, trotz aller technologischer Errungenschaften, so »zeitaufwendig« und streßbehaftet bleibt. Erst die Sprengung der Geldfessel könnte eine günstige Ausgangskonstellation für die Gestaltung einer neuen Gesellschaft schaffen, in der das immense, von der Marktwirtschaft erzeugte, jedoch gleichzeitig gefangen gehaltene »Zeitpotential« »freigesetzt« und damit das Ende der »wirklich gewordenen Zeit« überhaupt eingeläutet wird. Wenn der fetischistische Zwang entfällt, die Welt auf abstrakte Wert- und »Zeit«quanten zu reduzieren, dann richtet sich der Einsatz moderner Technologie nicht mehr automatisch gegen Mensch und Natur, und es besteht die Möglichkeit, die Re-Produktion auf hohem Produktivkraftniveau nach bewußt bestimmtem Rhythmus zu gestalten.(<a href="#38">38</a>) Fortan könnte sich die Gesellschaft in »kreativem Müßiggang« ihrer dringlichsten Aufgabe widmen: der Aufhebung der Arbeits- und Sphärenteilung.</p>
<p><a name="q39"></a><a name="q40"></a>Die Verwertungsmaschinerie hat mit ihrem Siegeszug die produktiven Potenzen der Gesellschaft in den letzten Jahrhunderten immer mehr für sich monopolisiert. Im gleichen Maße wie mit der Verallgemeinerung der Warengesellschaft ein immer dichteres Geflecht von ausdifferenzierten Berufen und Sphären entstand, wurden die einzelnen dazu verdammt, bloße Teilfunktionen zu erledigen. Auf diese Weise bildete sich ein gemessen an den gesamtgesellschaftlich akkumulierten Fähigkeiten und Kenntnissen vereinseitigter Menschentypus heraus, der nicht so ohne weiteres imstande wäre, eine umfassende kollektive Planung und Organisation gesellschaftlicher Aufgaben zu bewerkstelligen. Andererseits müssen bereits heute immer mehr flexibilisierte metropolitane Individuen zwangsläufig wachsendes Wissen und weitergehende Kompetenzen erwerben, allein um ihre Arbeitskraft überhaupt noch verkaufen zu können. Dies kumulierte Wissen sprengt oftmals den Rahmen beruflicher Erfordernisse und kann durchaus den Wunsch nach umfassenderer, kreativer und selbstverwirklichender Tätigkeit wecken.</p>
<p>Eine direkt vernetzte moderne Gesellschaft kann ohne universell befähigte Menschen nicht auskommen. Andererseits böte eine Gesellschaft ohne die Praxis des Tausches erstmals die Chance, solch ganzheitliche Persönlichkeiten hervorzubringen.(<a href="#39">39</a>) Schon im Kampf um die Abstreifung der Geldfessel werden die beteiligten Menschen Kooperation und gegenseitige ungehinderte Wissensvermittlung erlernen müssen .(<a href="#40">40</a>) Die Geldwirtschaft verschwindet schließlich nicht mit einem lauten Knall. Vermutlich entstehen während eines zugespitzten Krisenverlaufs verschiedenste Notformen der gemeinschaftlichen Re-Produktion zur Sicherung des blanken Überlebens. Sollte es gelingen, die Tauschökonomie zu überwinden, ohne in eine neue moderne Barbarei abzugleiten, dann wird jedenfalls <em>die kontinuierliche Absprache über die Gestaltung des Lebensalltags in all seinen Facetten zur vorrangigen menschlichen Aktivität</em>. Was, wann, wie und zu welchem Zweck produziert werden soll und wie die Verteilung der Güter zu gestalten ist, muß dann beständig allseitig geklärt werden. Dies würde einschließen und voraussetzen, die abstrakte, von der Reproduktion abgekoppelte und in einer getrennten Lernsphäre (Schule, Universität) vollzogene Vermittlung von Wissen zugunsten einer an die immer vielfältigere Gestaltung des Lebensalltags gekoppelten, ununterbrochenen Wissenserweiterung aufzuheben. Dabei ginge es beileibe nicht darum, lauter Individuen mit exakt gleichen Kenntnissen und Fähigkeiten heranzubilden, wie es dem platten Egalitarismus der meisten traditionellen Sozialismus- und Kommunismusvorstellungen enstpricht. Vielmehr <em>sollten sich erstmals wirklich die individuellen Fähigkeiten</em> uneingeschränkt entfalten können.</p>
<p><strong><a name="q41"></a><a name="q42"></a>6. Das Ende der »notwendigen« und der »disponiblen Zeit«</strong></p>
<p>Zu guter Letzt möchte ich noch auf ein schwieriges Problem zu sprechen kommen, das in den diversen Utopiedebatten einen wichtigen Platz eingenommen hat und, wie mir scheint, bis heute nicht befriedigend geklärt ist. Es geht um die schon von Marx vorgenommene Trennung der gesellschaftlichen Re-Produktion in eine Sphäre der »notwendigen« und eine der »disponiblen Zeit«. In der oben angedachten neuen Gesellschaft würde sich diese Einteilung, die bis hin zu André Gorz so vielen Theoretikern Kopfzerbrechen bereitet hat, von selbst erledigen. Allgemein war und ist die Vorstellung verbreitet, in einer kommunistischen Gesellschaft müßten alle Menschen eine bestimmte, wenn auch nur noch geringfügige »Zeit« mit der handwerklichen, industriellen und landwirtschaftlichen Güterherstellung verbringen. Die verbleibende »freie Zeit« könne dann jedermann und jedefrau nach eigenem Gusto gestalten.(<a href="#41">41</a>) In der Regel liegt hier, seltsamerweise bis heute, eine recht vorsintflutliche Vorstellung von der Produktionssphäre als einem Bereich vorwiegend manueller Tätigkeiten vor (was bei Marx angesichts der Verhältnisse im 19. Jahrhundert vielleicht noch verständlich war), während das akkumulierte Wissen und die geistigen Tätigkeiten als Produktivkraft ausgeklammert bleiben.</p>
<p>Genau dieses Moment bestimmt aber längst, selbst noch unter kapitalistischen Bedingungen, die modernen Produktionszusammenhänge. Das enorme geistige Potential, das ihnen <em>vorgelagert</em> ist und auch <em>während</em> der Fabrikation ununterbrochen eingesetzt werden muß, kann offensichtlich nicht eindeutig den genannten Sphären zugeteilt werden. Die Schaffung dieser geistigen Fähigkeiten erfordert immer längere Lernphasen im Leben der einzelnen. Heute umfaßt die Schul- und Hochschulausbildung eine Periode von acht bis zwanzig, manchmal auch mehr Lebensjahren, in denen die geistigen Grundlagen sowohl für die spätere Arbeit in der Produktionssphäre als auch für die freie Betätigung in der sogenannten »freien«, »disponiblen« oder »autonomen Zeit« gelegt werden. Dieser enorme »Zeitraum« läßt sich in der Tat weder einer Sphäre der »disponiblen« noch der »notwendigen Zeit« zurechnen. Zudem kann ein großer Teil des erworbenen Wissens später sowohl beruflich als auch außerberuflich eingesetzt werden. Während dieser ersten ausgedehnten Lernphase bewegt sich das Individuum in einer <em>dritten abgetrennten Sphäre</em>, die sich als <em>Lernsphäre</em> bezeichnen ließe. Weder ist es produktiv tätig, noch gestaltet es seine »Zeit« autonom.(<a href="#42">42</a>)</p>
<p><a name="q43"></a>Wer bereits in die Erwerbstätigkeit eingetreten ist, muß zunehmend freie »Zeit« für eine Erweiterung seines Wissens nutzen. Diese Zusatzqualifikation läßt sich genausowenig nur in einem Bereich anwenden wie das schulische Wissen. In der »Freizeit« angeeignete Computerkenntnisse können ebenso zu »Hobby«-Zwecken, beispielsweise der Konstruktion eines Segelbootes, eingesetzt werden wie zur Herstellung von Werbeflugblättern für die Vermarktung irgendeines Produkts. Eine in Abendkursen erlernte Sprache kann dem privaten Dialog mit fremdsprachigen Freunden, aber auch zu Verhandlungen mit ausländischen Geschäftspartnern dienen. Der beständige Lernprozeß und der Einsatz der geistigen Potenzen läßt sich schon <em>heute nicht mehr sphärenmäßig zurechnen</em>. Wenn aber der heutige Zustand schon über die an sich antiquierte Sphärentrennung hinaustreibt, dann wäre es vollkommen unsinnig, sie ausgerechnet in einer postkapitalistischen Gesellschaft wieder restaurieren zu wollen, wie dies etwa bei Gorz recht deutlich aufscheint.(<a href="#43">43</a>) Würde sich in einer solchen Gesellschaft ein »frei assoziiertes Individuum« Gedanken über die phantasievolle Gestaltung eines neuen Wohngebäudes machen, Entwürfe dafür zeichnen, sie seinen Mitmenschen vorlegen und gemeinsam diskutieren; sich sodann an der Planung und Ausführung beteiligen; sich anschließend zurückziehen, Musik hören; dann ein Bild für das neue Gebäude malen und auf der Einweihungsfeier vorrappen: bei welcher dieser Tätigkeiten wurde »notwendige« &#8211; und bei welcher »fakultative Zeit« »verausgabt«? Was soll eine solche Zuordnung überhaupt bezwecken? Gewonnen wäre damit gar nichts. Alles was gedacht und getan wurde, diente untrennbar sowohl der angenehmen, kreativen individuellen als auch der gesellschaftlichen Entfaltung und Reproduktion. Solche Zuordnungen machen nur für ein bürgerliches Bewußtsein Sinn, das die einzelnen Tätigkeiten und deren Resultate doch wieder in ein Wertmaßstabskorsett zwängen möchte, um die individuelle Leistung bemessen zu können und Quanta »notwendiger« Zwangsarbeit für alle zu verteilen. Unter der Tischdecke lugt wieder das verinnerlichte, reaktionäre Tauschprinzip hervor, das eine Verteilung des kollektiven Gesamtprodukts nach Leistungs- und »Arbeitszeit«kriterien verlangt.</p>
<p>Fußnoten</p>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Weshalb alle Zeitattribute in Anführungszeichen stehen, wird sich gleich im ersten Abschnitt klären.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Vgl. SPEX Nr. 10, Oktober 1996, »Revolution Incorporated« von Tom Frank, S. 48. Ein empfehlenswerter Artikel über die neuen Trends zur ultimativen Ausbeutung durch die postmoderne Corporate-Identity-Revolution in den USA.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) Nach Aussagen der Krankenkassen erliegen pro Jahr ca. 200 000 Menschen allein in der Bundesrepublik streßbedingten Herzinfarkten!</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q2">4</a>) Vgl. SPEX, ebenda.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) In diesem Text greife ich immer wieder auf solche Zeitmetaphern und Attribute zurück, weil ich noch nicht über eine »neue Sprache« verfügen kann, die den Sachverhalt begrifflich auf den Punkt bringt. Bei allen Umschreibungsversuchen bleibt immer das Dilemma, daß viele Begriffe unserer Sprache bereits interpretativ sind und ein bürgerlich geprägtes Verständnis der Vergangenheit transportieren.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) Kant gilt heute fälschlicherweise vielen als Begründer einer Theorie von der realen Existenz eines Raum-Zeit-Universums. Er vertrat hingegen die Auffassung, daß man über die Realität an sich nichts aussagen könne. Die Begriffe der Dinge seien bloß Gedachte &#8211; Begriffe ohne Gegenstand (Noumena). Kants Empiriebegriff weicht von dem heute üblichen ab. Für Kant hatten Raum und Zeit »empirische Realität«, womit gemeint war, daß sie uns lediglich als Realität erscheinen. Tatsächlich aber existieren sie nur »für uns«.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) G. J. Whitrow, »Die Erfindung der Zeit«, Hamburg 1991, S. 20/21.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) Vgl. ebenda, S. 21. Whitrow beschreibt detailliert die historisch unterschiedlichen Arten des Zeitsinns. Er spricht indes unterschiedslos von Reflexion, ohne zwischen verschiedenen Denkformen zu unterscheiden. Eine warenformkritische Position kann sich damit aber nicht begnügen. Sie muß die vornehmlich von Psychologen und Ethnologen angestoßene Debatte über Denkformen mitaufgreifen und die Genesis des abstrakt-logischen und theoretischen Denkens mit zum Gegenstand machen. Eine anschauliche Zusammenfassung des derzeitigen Forschungsstandes auf diesem Gebiet bietet Isolde Demele in »Abstraktes Denken und Entwicklung &#8211; Der unvermeidliche Bruch mit der Tradition«, Frankfurt 1988.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) »Insbesondere Drogen oder längere Aufenthalte in einer kalten, dunklen Umgebung, in der keine Uhr zur Verfügung steht, können diese Wahrnehmung empfindlich verzerren« (Whitrow, ebenda, S. 20).</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) Ebenda</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) Ebenda</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) Elias, Norbert: Über die Zeit, Frankfurt 1984, S. B.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">13</a>) Ebenda, S. 5. Norbert Elias scheint die Thesen seines Zeitgenossen Sohn-Rethel über den Zusammenhang von Warenform und Denkform entweder nicht gekannt oder sie verworfen zu haben, was insofern nicht verwunderlich wäre, als er sich in seinen Werken immer schon vorwiegend auf der phänomenologischen Ebene bewegte (siehe dazu weiter unten R. W. Müller).</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>) Whitrow, The Natural Philosophy of Time, 2. Aufl., Oxford 1980, S. 174 ff.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q13">15</a>) R. W. Müller: Geld und Geist. Zur Entstehungsgeschichte von Identitätsbewußtsein und Rationalität seit der Antike, Frankfurt (Main)/New York, 1981.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) Ebenda; Kurzdarstellung vor dem Vorwort.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) Vgl. ebenda, 5.134 ff.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) Im Gegensatz zu rudimentären Mengenbestimmungen über konkret-sinnliche Verknüpfungen. Siehe dazu die übemächste Fußnote.</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">19</a>) Anders ausgedrückt: Der Wert muß noch nicht »zu sich selbst gefunden« haben, was bekanntlich erst mit der kapitalistischen Warenproduktion der Fall ist. Die hier dargestellten Thesen werden vielfach von marxistischer Seite verworfen, weil die genannten gesellschaftlichen Ausdrucksformen, die sogenannten bürgerlichen, erst der kapitalistischen Ökonomie zugeschrieben werden. Demnach muß das abstrakt-logische und theoretische Denken seinen Ursprung anderen Ereignissen oder eigenständigen Gehirnleistungen zu verdanken haben. Besonders interessant ist an Müllers Analyse gerade die gelungene Darstellung der Gemeinsamkeiten und Differenzen, die sich aus der Tauschökonomie und deren besonderen historischen Ausprägungen ergeben.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">20</a>) Mengenangaben wurden in vorbürgerlichen Gemeinwesen, soweit bekannt, in sinnlich erfahrbaren Gegenständen angegeben, häufig mittels der Behältnisse oder Körperteile, die sie bargen: »Handvoll«, »Karaffe«, »Sack«, »Amphore«, »Schiffsladung«, »Faß« (barrel, barrel), »Schürze«, »Beutel« etc. Bei manchen (teilweise) entzifferten symbolischen Schriften konnte festgestellt werden, daß Mengenangaben gemeinsam mit dem Bezugsgegenstand jeweils durch ein eigenes Symbol dargestellt wurden. Es bedurfte daher sehr vieler verschiedenartiger Symbole, um Mengen unterschiedlicher Natur ausdrucken zu können.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Vgl. Whitrow, ebenda, S. 170.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">22</a>) Vgl. ebenda, S. 169</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">23</a>) Arnold Wagemann, zit. in Isolde Demele: Abstraktes Denken und Entwicklung. Der unvermeidliche Bruch mit der Tradition, Frankfurt/M., S. 7 f.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">24</a>) Ebenda</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">25</a>) Für die »verspäteten« Staaten, die mit Brachialgewalt den Anschluß an die westlichen Industrienationen schaffen wollten oder zu müssen meinten, wurde die Zeitdisziplinierung zu einer existenziellen Frage. Daher lesen sich die Berichte über entsprechende Maßnahmen wie schauerliche Gruselromane. Selbst vor der Todesstrafe für »Zuspätkommen« schreckte man zeitweise unter dem »Licht der Welt«, J. W. Stalin, in der Sowjetunion nicht zurück.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">26</a>) Stefanie Böge: Die Auswirkungen des Straßengüterverkehrs auf den Raum &#8211; Die Erfassung und Bewegung von Transportvorgängen in einem Produktlebenszyklus. Diplomarbeit am Fachbereich Raumplanung der Universität Dortmund, Juni 1992. Auszug in Psychologie Heute, Mai 1994, S. 30. In der Zeitschrift Stern erschien hierzu ebenfalls eine spektakulär aufgemachte Reportage.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">27</a>) Sascha Kranendonk, Stefan Bringezu: Major material flows associated with orange juice consumption in Germany. Fresenius Environmental Bulletin, Vol. 2 No. 8, August 1993. Abdruck in Friedrich Schmidt -Bleek »Wieviel Umwelt braucht der Mensch. MIPS &#8211; Das Maß für ökologisches Wirtschaften. Auszug in Psychologie Heute, Mai 1994, S. 25. In den zugrundeliegenden Aufsätzen geht es nicht nur um eine Kritik an den zurückgelegten Strecken, sie enthalten auch eine Bewertung dessen, was nützlich, verträglich oder eben schädlich sei. Ich möchte nicht unbedingt auf Orangensaft verzichten müssen, plädiere aber für eine möglichst ökorationale Produktion und Distribution.</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">28</a>) vgl. Der Spiegel 2/1993, S. 107</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q28">29</a>) Winfried Wolf, »Clockwork Orange &#8211; Die Schranke Kapital &#8211; Zwei Arten moderner Zeiten«, Sozialismus, 22.4.93 »Thema«.</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) ebenda</p>
<p><a name="31"></a><a href="#q31">31</a>) Die Argumente der von Wolf kritisierten Konservativen sind im Grunde nicht falsch. Sie entsprechen der Kapitallogik, die nicht einfach per idealistischem Willensentscheid außer Kraft gesetzt werden kann. Wolfs alternatives »Zahlenwerk« ist in sich nicht schlüssig, was hier aber nicht weiter aufgerollt werden soll. Nur soviel: Würde man die 3 Billionen DM auf 80 Mio. Deutsche aufteilen, dann stünden jedem Bürger 37.500 DM zu. Das reicht einer Familie gerade mal knapp, um ein Jahr zu überstehen. Würde im übrigen das jetzt weitgehend spekulativ angelegte Geld wirklich anders verteilt und dadurch ausgeben, käme es stante pede zu einer Hyperinflation und die ganze schöne Kaufkraft wäre dahin. Wie gewonnen, so zerronnen.</p>
<p><a name="32"></a><a href="#q32">32</a>) Experimente dieser Art hat es sowohl auf lokaler als auch auf regionaler Ebene in den Krisenzeiten der 20er und 30er Jahre in den kapitalistischen Ländern gegeben. Ähnliches trifft auf die Anfangsphase der Sowjetunion zu. Sie alle entpuppten sich als kurzlebige Krisenlösungsversuche, die schnell wieder im Geld mündeten. Die heutigen LET-Systeme, wie sie insbesondere in England praktiziert werden, erfassen nur reduzierte Bereiche der Reproduktion und alimentieren sich immer noch existentiell mittels individuellem Gelderwerb.</p>
<p><a name="33"></a><a href="#q33">33</a>) Wolfgang Sauer, im Arbeitsheft »Entwicklung braucht Entschuldung« des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Freiburg, 1994.</p>
<p><a name="34"></a><a href="#q34">34</a>) Die Schreibweise von Re-Produktion mit Bindestrich soll deutlich machen, daß hier nicht nur der Lebenserhalt durch Konsum angesprochen ist, wie der Begriff Reproduktion häufig meint, sondern die Totalität aller Lebensäußerungen einer Gesellschaft, also auch die Produktion und andere Sphären.</p>
<p><a name="35"></a><a href="#q35">35</a>) Daß die Menschen sich ernähren und durch angemessene Kleidung und Überdachung vor widrigen Umwelteinflüssen schützen müssen, kann als natürliche Konstante angenommen werden. Wie dies jeweils bewerkstelligt wird, hängt ausschließlich von der gesellschaflichen Form ab. Insofern schließt eine Kritik der Warengesellschaft auch die Kritik der heute herrschenden Bedürfnisse ein. Über die Bedürfnisse einer zukünftigen, nicht warenförmig gestalteten Gesellschaft läßt sich in der Hauptsache nur sagen, daß sie einerseits noch aus der vorhergehenden Gesellschaft »ererbte« Komponenten aufweisen und andererseits zunehmend durch die Möglichkeiten einer bewußt und gemeinsam gestalteten Re-Produktion bestimmt sein werden. Eine kommunistische Gesellschaft läßt sich erst realisieren, wenn ein großer Teil der Menschen die eigene Bedürfnisstruktur und -befriedigung in Frage gestellt hat. Bedürfnissen Attribute wie »sinnvoll« oder »falsch« beizumessen, bleibt heute ein schweres Unterfangen, da es sich dabei in erheblichem Maße auch um individuelle, subjektiv-moralische Anschauungen handelt.</p>
<p><a name="36"></a><a href="#q36">36</a>) Aus dieser Darstellung möge man bitte nicht schließen, ich sei ein Apologet der Großfamilie oder des Gemeinschaftssuhlens in kollektiven Kommunardenräumen. Sicher wünsche ich mir neue Gemeinschaftsformen, bestehe aber auf der Möglichkeit zur Privatheit.</p>
<p><a name="37"></a><a href="#q37">37</a>) Die gnadenlos naiven Forderungen manch ethisch und ökologisch rnotivierter KritikerInnen, die die Natur durch ihre »Ökonomisierung« retten wollen, treiben einem die Tränen in die Augen. Als wäre die Marktwirtschaft nicht unablässig dabei, eben dies zu tun. Die heutige Naturzerstörung resultiert ja gerade aus der Ökonomisierung aller gesellschaftlichen und natürlichen Gegebenheiten.</p>
<p><a name="38"></a><a href="#q38">38</a>) Dort wo moderne Technologie eingesetzt wird, muß sich natürlich auch der Rhythmus einer zukünftigen Gesellschaft in begrenztem Maße auf deren Geschwindigkeit einstellen. Doch dies wäre etwas anders, als die ständige Unterwerfung unter das Diktat der Beschleunigung. Handlungsdruck geht auch von der tickenden Zeitbombe enormer ökologischer Erblast aus, deren Entschärfung keinen »Zeitaufschub« duldet. Insofern wird es so schnell keinen vollständig selbstbestimmten Lebensrhythmus geben können. Daß der Lebensrhythmus auch durch die natürliche Umwelt mitgeprägt wird, versteht sich von selbst.</p>
<p><a name="39"></a><a href="#q39">39</a>) Dies mag ein wenig nach abgestandener realsozialistischer Propaganda klingen, doch darum geht es natürlich nicht. Wenn es der »realsozialistische Mensch« nur zur Karikatur eines »umfassenden neuen Menschen« gebracht hat, sich also nicht wesentlich von seinen westlichen Mitbürgern unterschied, dann liegt das in erster Linie daran, daß der Realsozialismus eine Variante bürgerlicher Warenökonomie war, und er deshalb strukturell mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatte wie der Westen; dies allerdings auch noch auf weitaus niedrigerem Produktivkraftniveau.</p>
<p><a name="40"></a><a href="#q40">40</a>) Es gehört zu den Schauerlichkeiten der Marktwirtschaft, auch dem Gedankengut durch Patentierung einen Preis zu verpassen, um seine Verbreitung an nicht zahlungskräftige Interessenten zu verhindern. So blockiert man mitunter auch die Einführung naturverträglicher Technologien, sollten sie ein ernste Gefahr für den Absatz schädlicher Produkte darstellen.</p>
<p><a name="41"></a><a href="#q41">41</a>) Marx scheint sich selbst nicht ganz schlüssig gewesen zu sein. Er identifizierte zwar meines Wissens nicht explizit die »notwendige Zeit« mit der bürgerlichen Sphäre der »Arbeit«, also mit der besonderen historischen Form gesellschaftlicher »Zeitverausgabung« im Kapitalismus, und die »disponible Zeit« mit »Freizeit«, wie viele nach ihm verfahren sind. Die Ambivalenz der Marxschen Behandlung dieses Problems läßt durchaus andere Interpretationen zu, als sie etwa Engels, Lenin oder Gorz herauslesen, die von der Unaufhebbarkeit der Dichotomie von »notwendiger« und »disponibler Zeit« ausgehen.</p>
<p><a name="42"></a><a href="#q42">42</a>) Das notwendige Universalisieren der geistigen Potenzen bringt der kapitalistischen Wirtschaftsweise erhebliche Reproduktionsprobleme. Diese »Lernsphäre« muß finanziert werden, während zugleich die produzierte Wertmasse schrumpft und mit ihr die Finanzierungsquelle versiegt.</p>
<p><a name="43"></a><a href="#q43">43</a>) Vgl. Andre Gorz: Wege ins Paradies, Berlin 1986; Kapitel »Das Notwendige und das Fakultative«, S. 89 ff.</p>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1997 00:00:00 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Editorial Ernst Lohoff: Der Tod des sterblichen Gottes. Skizze über Aufstieg und Fall des Nationalstaats Robert Kurz: Antiökonomie und Antipolitik. Zur Reformulierung der sozialen Emanzipation nach dem Ende des »Marxismus« Volker Hildebrandt: Der Dritte Sektor. Wege aus der Arbeitsgesellschaft Gaston Valdivia: »Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit«. Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer [...]]]></description>
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<p><a href="http://www.krisis.org/1997/der-tod-des-sterblichen-gottes">Ernst Lohoff: Der Tod des sterblichen Gottes.</a> Skizze über Aufstieg und Fall des Nationalstaats</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Robert Kurz: Antiökonomie und Antipolitik.</a> Zur Reformulierung der sozialen Emanzipation nach dem Ende des »Marxismus«</p>
<p>Volker Hildebrandt: Der Dritte Sektor. Wege aus der Arbeitsgesellschaft</p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1997/zeit-ist-geld-und-geld-ist-zeit">Gaston Valdivia: »Zeit« ist Geld und Geld ist »Zeit«.</a> Von der Produktion der »Zeit« zu ihrer marktwirtschaftlichen Dekonstruktion.</p>
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