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	<title>krisis &#187; Krisis 25 (2002)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Gebrochene Negativität</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Anmerkungen zu Adornos und Horkheimers Aufklärungskritik [PDF]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Anmerkungen zu Adornos und Horkheimers Aufklärungskritik [PDF]</p>
<p>Download: <a href="http://vg03.met.vgwort.de/na/5e2bcfaff5e740bdb32af028b51bf18d?l=http://www.krisis.org/wp-content/data/gebrochene-negativitaet.pdf">gebrochene-negativitaet.pdf</a></p>
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		<item>
		<title>Krisis 25 &#8211; Inhalt</title>
		<link>http://www.krisis.org/2002/krisis-25-inhalt</link>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.krisis.org/?p=225</guid>
		<description><![CDATA[Inhalt &#8211; krisis 25 5 Editorial 21 Claus-Peter Ortlieb Die Aufklärung und ihre Kehrseite Zur Rettung einer &#8220;banalen Einsicht&#8221; 9 Norbert Trenkle Gebrochene Negativität Anmerkungen zu Adornos und Horkheimers Aufklärungskritik 66 Robert Kurz Blutige Vernunft 20 Thesen gegen die sogenannte Aufklärung und die westlichen Werte 98 Ernst Lohoff Antikapitalistisches Frühlingserwachen? Die Globalisierungskritik zwischen Krisenverwaltung und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Inhalt &#8211; <em>krisis 25</em></p>
<table style="height: 333px;" border="0" width="64%">
<tbody>
<tr>
<td width="10%" height="24" valign="top">5</td>
<td width="90%" valign="top">Editorial</td>
</tr>
<tr>
<td height="63" valign="top">21</td>
<td valign="top"><em>Claus-Peter Ortlieb</em></p>
<p><em></em><strong>Die Aufklärung und ihre Kehrseite</strong></p>
<p>Zur Rettung einer &#8220;banalen Einsicht&#8221;</td>
</tr>
<tr>
<td height="44" valign="top">9</td>
<td valign="top"><em>Norbert Trenkle</em></p>
<p><em></em><em></em><strong>Gebrochene Negativität</strong></p>
<p><strong></strong>Anmerkungen zu Adornos und Horkheimers Aufklärungskritik</td>
</tr>
<tr>
<td height="49" valign="top">66</td>
<td valign="top"><em>Robert Kurz</em></p>
<p><em></em><strong>Blutige Vernunft</strong></p>
<p><strong></strong>20 Thesen gegen die sogenannte Aufklärung und die westlichen Werte</td>
</tr>
<tr>
<td height="65" valign="top">98</td>
<td valign="top"><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p><em></em><em></em><strong>Antikapitalistisches Frühlingserwachen?</strong></p>
<p>Die Globalisierungskritik zwischen Krisenverwaltung und Emanzipation</td>
</tr>
<tr>
<td height="49" valign="top">121</td>
<td valign="top"><em>Anselm Jappe</em></p>
<p><em></em><strong>Des Proletariats neue Kleider</strong></p>
<p><strong></strong>Vom Empire zurück zur Zweiten Internationale</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<table style="height: 162px;" border="0" width="64%">
<tbody>
<tr>
<td width="10%" height="43" valign="top">138</td>
<td width="90%" valign="top"><em>Udo Winkel </em></p>
<p><em></em><strong>Unsystematische Gedanken zur Aufklärungsproblematik</strong></td>
</tr>
<tr>
<td height="39" valign="top">142</td>
<td valign="top"><em>Roger Behrens </em></p>
<p><em></em><strong>Jeder ist sein eigenes Würstchen.</strong></p>
<p><strong></strong>Oder: Naive und Kritische Theorie</td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">150</td>
<td valign="top"><em>Ernst Lohoff </em></p>
<p><em></em><strong>Frankenstein kann es nicht richten</strong></td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">155</td>
<td valign="top"><em>Torsten Liesegang</em></p>
<p><em></em><em></em><strong>Die Wiederkehr der Popliteratur als Farce</strong></td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">163</td>
<td valign="top"><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p><em></em><em></em><strong>Die Geister, die sie riefen</strong></td>
</tr>
<tr>
<td valign="top">166</td>
<td valign="top"><em>Udo Winkel</em></p>
<p><em></em><em></em><strong>Legenden vom Werden und Mythos der Nation</strong></td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><strong>Das Gesamtinhaltsverzeichnis der Krisis-Ausgaben ist im Internet abrufbar unter: www.krisis.org</strong></p>
<p><br style="page-break-before: always;" /></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Krisis 25 &#8211; Editorial</title>
		<link>http://www.krisis.org/2002/krisis-25-editorial</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2002/krisis-25-editorial#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>

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		<description><![CDATA[Wir leben in Zeiten okzidentaler Verbrüderung. Kein Orden, der nicht Treueschwüre und Dankesbriefe ans Pentagon schickt. Darüber sollten kleinere Rangeleien (z. B. EU contra USA) nicht hinwegtäuschen. Auch nicht, dass die Treue nicht persönlich, sondern ganz sachlich verstanden wird, sie gilt nicht den werten Herren im Weißen Haus, sondern den Herrenwerten der weißen Männer. Ja, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/09f6bb5a6b4943c8a5db77a86b2b9817" width="1" height="1" alt=""><br />
</span><br />
Wir leben in Zeiten okzidentaler Verbrüderung. Kein Orden, der nicht Treueschwüre und Dankesbriefe ans Pentagon schickt. Darüber sollten kleinere Rangeleien (z. B. EU contra USA) nicht hinwegtäuschen. Auch nicht, dass die Treue nicht persönlich, sondern ganz sachlich verstanden wird, sie gilt nicht den werten Herren im Weißen Haus, sondern den Herrenwerten der weißen Männer. Ja, um die Zivilisation und um die Aufklärung geht es, das ist der letzte gemeinsame Nenner, für den jetzt im Namen der säkularisierten Religion des Werts Krieg geführt wird.</p>
<p><span id="more-227"></span>In den Vereinigten Staaten machen nicht nur Huntington und Fukuyama auf gerechten Krieg, nein, auch Linksdemokraten wie Amitai Etzioni und Michael Walzer zeigen, wo und wem sie sich zugehörig fühlen: dem american dream von freedom and democracy. In einem Brief von US-Intellektuellen &#8220;What we&#8217;re fighting for: A letter from America&#8221; (zit. nach: <em>Neue Zürcher Zeitung</em>, 23./24. Februar 2002, S. 7) heißt es ganz hingebungsvoll: &#8220;Der klarste politische Ausdruck des Glaubens an die naturgegebene Menschenwürde ist die Demokratie.&#8221; Dass die &#8220;amerikanischen Werte&#8221; universell sind, daran zweifelt keiner dieser Intellektuellen. Klar ist, &#8220;dass das Beste von dem, was wir allzu leichtfertig ‚amerikanische Werte&#8217; nennen, nicht nur Amerika gehört, sondern vielmehr das gemeinsame Erbe der Menschheit und somit eine mögliche Grundlage der Hoffnung für eine auf Frieden und Gerechtigkeit aufgebaute Weltgemeinschaft ist.&#8221; Und wem es nicht gehören will, dem wird man gehörig mit den diversen Stellwägen ins Gesicht fahren. Von der Kulturindustrie bis zum Kreuzzug.</p>
<p>&#8220;Die Prinzipien des gerechten Krieges lehren uns, dass Aggressions- und Landeroberungskriege niemals annehmbar sind&#8221; &#8211; Wovon reden die? Doch nicht etwa von der Staatswerdung der USA oder deren Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg? &#8220;Kriege um des nationalen Ruhmes willen, für Landgewinn oder zu anderen Nichtverteidigungszwecken dürfen wohl nicht legitim sein&#8221; (sic!). &#8220;Die primäre moralische Rechtfertigung eines Krieges ist der Schutz der Unschuldigen vor sicherem Schaden.&#8221; &#8211; Daher werden die amerikanischen Bürger dadurch geschützt, dass man die afghanischen Nichtbürger bombardiert. Dort wirft man dann Flugzettel mit folgendem Inhalt ab: &#8220;Das Töten von Zivilisten als Vergeltung oder sogar um die Aggression von Menschen abzuwenden, die mit ihnen sympathisieren, ist also moralisch falsch.&#8221; Und wenn sie lachen könnten, sie würden, die Bombardierten.</p>
<p>&#8220;Gibt es einen gerechten Krieg? Im Namen welcher Werte lässt er sich rechtfertigen?&#8221;, fragt die <em>Neue Zürcher</em> im Vorspann zu besagtem Dokument. Nun denn: Die Antwort auf die erste Frage liegt in der zweiten. Diese Frage verrät mehr, als eine Antwort jemals zu Protokoll geben könnte: Die Durchsetzung des Werts und seiner Werte sind die konstitutionellen Größen jedes gerechten Krieges. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit fallen hier zusammen, dass es unschöner gar nicht mehr geht. Nie würde es uns einfallen, diesen Krieg gegen den Terror als ungerecht zu schelten, nein, er ist geradezu ein neuer Höhepunkt all der gerechten Feldzüge. Ja, er nähert sich ob des Fehlens handfester ökonomischer Interessen immer mehr der reinen Gerechtigkeit an. Amerika führt den gerechtesten aller Kriege. Wer den Krieg weiterhin mit dem Banner der Gerechtigkeit bekämpfen will, gibt nur zu erkennen, dass er von jenem nicht viel erkannt hat. Was heute stört, ist nicht, dass zu wenig Gerechtigkeit herrscht, sondern dass die Gerechtigkeit stets deutlicher ihr wahres Gesicht zeigt. Hinter der verschmitzten Charakterlarve sitzt die Fratze des Werts, mit der alles gerechtfertigt werden kann.</p>
<p>Und dieses Recht versteigt sich in schwindlige Höhen. &#8220;Die am 11. September Umgekommenen wurden widerrechtlich getötet, mutwillig und mit kalkulierter Bosheit &#8211; eine Art des Tötens, die man, um präzise zu sein, nur Mord nennen kann.&#8221; Gegen die widerrechtliche Tötung setzen sie also auf die rechtliche Tötung. Mord darf man das nicht nennen, selbst wenn es solcher ist. Nun will das Imperium ein internationales Gewaltmonopol durchsetzen. Es will also überall Gewalt anwenden, genau das, was es den Gewaltpolen verwehrt, sofern sie nicht vom Imperium gelenkt, toleriert, gefördert oder hofiert werden.</p>
<p>Der Rekurs auf die Gründungsideale, das fade Aufzählen demokratischer Gepflogenheiten, das stupide Insistieren auf &#8220;Grundwahrheiten&#8221;, etwa die unermüdliche wie unerträgliche bürgerliche Grundlüge, dass alle Menschen frei geboren sind, das alles verweist nur darauf, dass es hier führende Wissenschaftler gibt, die absolut nichts mehr verstehen wollen, aber zumindest wissen, dass sie Patrioten zu sein haben. Amerika soll nun über die ganze Welt kommen. Es regieren die Durchhalteparolen. Michael Walzer veröffentlichte am 2. März 2002 in Die Welt folgerichtig einen Text unter dem Titel &#8220;Wir müssen gewinnen&#8221;. Doch, was kann da gewonnen werden? Wie soll dieser Sieg ausschauen? Manchmal beschleicht einen das Gefühl, dass diese Herren nichts mehr anderes antreibt als der ideologische Instinkt. Dass sie funktionieren wie Biomaschinen von Demokratie und Wert.</p>
<p>&#8220;What we&#8217;re fighting for: A letter from America&#8221; ist ein beschämendes Dokument. Es ist aufgeklärtes Geschwätz im Endstadium. Regression pur. Diese Intellektuellen bewegen sich auf der Ebene vorprogrammierter Arbeitsbienen. Es ist wie das sich ins Delirium versetzende Raunen der bürgerlichen Vernunft, das sich hier einmal mehr als der Weisheit letzter Schluss intoniert. Indes jene versiegt. Mehr sagen solche Schriftstücke nicht aus.</p>
<p>Die ganze Website von www.american.values.org ist übrigens voll mit frömmelndem Gewäsch der &#8220;civil society&#8221;. Andacht hat Denken ersetzt. Es herrscht das Gebet. Und führe uns nicht in Versuchung: &#8220;Wir verpflichten uns, alles zu tun, um uns vor den schädlichen Versuchungen &#8211; insbesondere der Arroganz und des Chauvinismus &#8211; zu hüten, denen kriegführende Nationen so oft zu erliegen scheinen. Gleichzeitig bekunden wir einstimmig und feierlich, dass es für unseren Staat und seine Verbündeten überaus wichtig ist, diesen Krieg zu gewinnen. Wir kämpfen, um uns zu verteidigen, aber wir glauben auch daran, dass wir kämpfen, um die universellen Grundsätze der Menschenrechte und der Menschenwürde zu verteidigen, die die beste Hoffnung für die Menschheit sind.(&#8230;) Wir hoffen, dass dieser Krieg, indem er einem gnadenlosen globalen Übel ein Ende setzt, die Möglichkeit einer auf Gerechtigkeit gegründeten Weltgemeinschaft zu stärken vermag.&#8221; Amen.</p>
<p>***</p>
<p>Sie ruhen in Unfrieden, so könnte man auch den Zustand der Linken beschreiben. Der ist insgesamt bejammernswert. Genügsamkeit, Obskurantismus und Durchgeknalltheit bestimmen die Restbestände. Da wollen wir zwar weder mitspielen, noch das irgendwie mittragen, doch mitnehmen tut es einen trotzdem. Schmerzlich hatten wir in den letzten Monaten zur Kenntnis zu nehmen, dass Kritik und Emanzipation, vor allem aber die innerlinke Kommunikation alles andere als auf dem Niveau der Anforderungen sind. Was uns besonders stört, ist das wieder um sich greifende Sektensyndrom in der radikalen Linken, das Wiederaufleben kannibalistischer Orgien. Diese schädigen nicht nur deren Träger &#8211; was nicht schön, aber zu verkraften wäre, sondern darüber hinaus den ganzen Sektor der Gesellschaftskritik &#8211; was schon weniger lustig ist.</p>
<p>Ein Déjà-vu folgt dem nächsten. Man fühlt sich zurückversetzt in schlimmste Zeiten der K-Gruppen. Was man faktisch überwunden glaubte, drängt wieder einmal durch, auch wenn der Heiland Arbeiterklasse nicht selbst in Erscheinung tritt, sondern durch den Staat Israel oder irgendeinen nationalen Befreiungskampf ersetzt wurde. Gestus und Habitus wurden nicht ersetzt. Sie werden vielmehr reinkarniert. Es ist die Farce der Farce, die hier eine zombiotische Existenz gefunden hat. Das einzige, was man sich dort noch holen kann, ist eine Leichenvergiftung. Es ist wahrlich ein Aufstand der Leichen. Die Akteure gleichen Figuren in falschen Filmen, in letzter Zeit besonders beliebt sind die antifaschistischen Kostümfeste. Ein gespenstisches Gespenster-Sehen jagt Phantome.</p>
<p>Die Linke ist nicht weniger verrückt als die Gesellschaft, die sie bekämpft. Im Minimundus fällt diese Verrücktheit nur umso übler auf, vor allem denen, die sich kritisches Denken nicht abgewöhnen lassen. Ärgerlich, ja lästig sind vor allem die kreischenden Fanclubs gleichenden Kindergartenkader, die, sei&#8217;s in die Revolution, sei&#8217;s an die Klassen- oder Befreiungsfront, sei&#8217;s in einen abendländischen Kinderkreuzzug geschickt werden. Wir werden die Faszination solcher Unsinnigkeiten reflektieren müssen, vor allem auch die psychopathologische Ebene. Insgesamt aber wird die Beschäftigung mit dem Milieu abnehmen, auch wenn einige Mühlsteine noch beseitigt werden müssen.</p>
<p>Seit dem 11. September wurde (und vielfach: bewusst!) ein Klima geschaffen, in dem das Atmen zusehends schwerfällt. Namentlich in antideutschen Bezügen hat ein sich überschlagender Anti-Antisemitismus jeden Boden unter den Füßen verloren. Bekenntnis und Jargon prägen dort das Auftreten, wie es schlimmer nicht mehr geht. Wo Kenntnis fehlt, fällt Bekenntnis nicht schwer, wo Begriffe abgehen, hilft ein hermetischer Jargon weiter. Mit diesem Markenzeichen erkennt man zumindest das identitäre Gegenüber als das sichselbstseiende Du. (Ähnliches gilt selbstredend für diverse ML-, Trotzki-, Stalin- oder Anarchosekten.) Im schlechtesten Falle fürchten wir, dass ganze Kohorten von Youngsters durch ihre Zusammenhänge regelrecht verschlissen werden. Von diesen Kinderkreuzzügen, diesen Deportationen der Ohnmacht, werden nur wenige wohlbehalten zurückkommen.</p>
<p>Unverständliches Kauderwelsch verkennt sich oft als höhere Eingebung. Dass &#8220;tausend jüngere seinen Jargon nachplapperten&#8221;, hatte schon Günther Anders zu Recht an den Adorniten gestört (Anders, Ketzereien, München 1982, S. 317). Die antideutsche Provinz suhlt sich in nichts so sehr wie in ihrer schweren Jargonitis. Jochen Bruhn etwa ist der Großmeister einer Selbstverdunkelung, die das Unverständliche in die Denkschwäche des Rezipienten projiziert und nicht in die Formulierungsschwäche des Autors. Indes wäre diese Geschichte so leicht zu lösen wie Andersens &#8220;Des Kaisers neue Kleider&#8221;. Man bräuchte in der Dunkelkammer nur ein Licht anknipsen. Den Apologeten, den frischen wie den unfrischen, sei jedenfalls geflüstert: Wenn sie nichts verstehen, dann verstehen sie zumindest noch etwas, sollten sie aber tatsächlich etwas verstehen, dann verstehen sie wirklich nichts mehr. Wo solch ein Autor dann nicht mehr weiterweiß, greift er regelmäßig in den Schmutzkübel oder in die Mülltonne, wo er irgendwelche Uralttexte von Robert Kurz ausgräbt und einem selbstgenügsamen Publikum verfüttert. Das darf dann lachen, ohne zu begreifen, dass es den Falschen verlacht.</p>
<p>Der Herostratentrupp der Hardcore-Antideutschen leistet deutsche Wertarbeit. Gründlich. Die Scheinblüte identitärer Vergatterung missverstehen sie nun gar als Erfolg. Richtiger ist hingegen, dass hier ein Projekt der Abstoßung schlicht und einfach einiges kaputtgemacht hat oder im Begriff ist vieles kaputtzumachen. (Näheres dazu ist in den letzten beiden Ausgaben der <a href="http://www.streifzuege.org/">Streifzüge </a>(3/2001; 1/2002) nachzulesen). Solidarhaft, Jargonitis, Denunziationismus und vor allem Identifikationismus beherrschen diese Szene: Wir sind gut, weil uns die anderen für ungut halten, so der identitätsstiftende Raster. Motto daher: Man darf uns nicht leiden dürfen. Die Aversion der anderen bestätigt unsere Aversion. Zumindest dies ist gelungen. Wenige wenden sich diesem Grauen freilich direkt zu. Nicht wenige werden sich allerdings im Grauen abwenden. Man darf sich da nichts vorlügen. Die Wild-um-sich-Schlagenden beschädigen nicht nur sich. Dass viel Energie in solch Auseinandersetzungen verschwendet werden muss, spricht Bände. Dass sie sich nicht von selbst erledigen (wie wir tendenziell in aller Gutmütigkeit angenommen haben), sondern erledigt werden müssen.</p>
<p>Die aktuellen Radikalismuswettbewerbe funktionieren als Ranking der Rabiaten. Wer sich barbarischer aufführt, hat Recht. Wer etwa Scharon Nachgiebigkeit gegenüber dem &#8220;palästinensischen Vernichtungskollektiv&#8221; unterstellt (außerdem will dieser wohl windelweiche Opportunist auch noch einen mickrigen Palästinenserstaat dulden) oder Bush mangelnde Entschlossenheit gegenüber dem Terrorismus vorwirft, der ist schon wer in dieser Szene. It&#8217;s a hit. Um die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, müssen die Hardcore-Antideutschen die Gangart permanent verschärfen, bis hin zum selbst provozierten Übergriff auf die eigene Truppe, der dann als wahrhaft schlagender Beweis der eigenen Bedrohung dienen soll. Ärgerlich ist auch das &#8220;Softcore-Antideutschtum&#8221;. Die unzähligen &#8220;Bahamas-Light&#8221;-Varianten sind zwar moderater im Ton, aber immer noch befinden sie sich in inhaltlicher Geiselhaft. Auf niedrigerem Aggressionslevel verkünden sie dasselbe.</p>
<p>Ihr Geschäft ist die Denunziation. Da laufen die Antideutschen zur Höchstform auf, weil es ihre Äußerungsform ist. Da sind sie deutsch wie tüchtig. Wertarbeiter sondergleichen. Wie etwa jener berüchtigte Justus Wertmüller, den man einen Diffamator ersten Ranges nennen könnte. Sozusagen eine halbautomatische Pumpgun pathischer Projektion. Wer abweicht, und sei&#8217;s auch nur eine Nuance, wird erschossen. Denn immer geht es ums Ganze. Wertmüller erspäht Nazis auf den ersten Blick, zumindest im Nachhinein weiß er nun, dass auf Krisis-Seminaren &#8220;die neofaschistischen Öko-Rauschebärte von der Silvio-Gesell-Fangemeinde&#8221; sich herumtreiben. Wahrlich, man sieht es diesen Krisis-Leuten direkt an. Robert Kurz darf in der bahamotischen Hirntragödie bereits als Oswald Spengler auftreten. So jauchzt und jodelt der Antideutsche: Dass wir inzwischen wie (oder gar: als?) Faschisten zu bekämpfen sind, wissen wir seit der Dritten Kommandoerklärung der Bahamas, jener mit dem alles sagenden Titel &#8220;Zur Verteidigung der Zivilisation&#8221;: &#8220;Wenn allerdings Antikapitalismus von den Nürnbergerischen und anderen islamisch-deutschen Gemeinschaftswerken nicht mehr unterscheidbar ist, wenn er nicht mehr die Aufhebung der kapitalistischen Vergesellschaftung auf ihrem höchsten Niveau einfordert und blind ist für die Gefahren eines Antikapitalismus, der nur noch den vorzivilisatorischen egalitären Schrecken bereithält, dann muss man ihn bekämpfen wie jede andere faschistische Gefahr auch&#8221; (Bahamas 37).</p>
<p>Wo der &#8220;vorzivilisatorische Schrecken&#8221; droht, muss man dieser neudeutschen Logik entsprechend sich eben nach der Decke des zivilisatorischen Schreckens strecken. Da wird durchgemixt und aufgemischt, dass es so eine Unfreude ist. Man lese etwa Wertmüllers völlig abgedrehten Artikel &#8220;Unter Bauern&#8221; (Konkret 1/2002). Da wird man eingemeinschaftet, dass man nur so staunt. Aber ganz ehrlich, die &#8220;Abscheu vor den verwirrenden Reizen&#8221; (Wertmullah) treibt uns zur &#8220;Denunziation ausgelebter Individualität&#8221;(Wertmullah), schließlich propagieren wir &#8220;Verzicht auf den Luxus als Tugend&#8221;(Wertmullah). Und vor &#8220;verrücktester Künstlichkeit und Grenzenlosigkeit&#8221; (Wertmullah), da graust es uns ganz besonders. Am wenigsten halten wir die aus, die &#8220;wild entschlossen, ihren Spaß &#8230; haben&#8221; (Wertmullah). Da verstehen wir, die wir sowieso keinen Spaß verstehen, überhaupt keinen Spaß mehr.</p>
<p>Man muss schon subjektiv als Belustigung nehmen, was objektiv eine Belästigung ist. Noch nicht bekannt war dem zivilisationsgeifernden Muezzin allerdings, dass die finsteren Bauerngestalten seines antideutschen Trauerspiels, also Bové und Bin Laden, Zapata und Lohoff bei einem geheim gehaltenen Treffen der Welt sogar die Eliminierung der USA in Aussicht gestellt haben. In der Sonderresolution &#8220;Gegen Stöckelschuhe und Netzstrümpfe. Aufruf zur Vernichtung des Glücks&#8221; wird explizit festgehalten, dass Antideutsche im zu errichtenden &#8220;Bauernsozialismus&#8221; als Landarbeiter sich für die Volksgemeinschaft nützlich machen müssen. Praktische Enturbanisierung bedeutet, dass nach dem getanen Tagwerk bei naturtrübem Apfelsaft und alpenländischer Volksmusik das Auswendiglernen von Koransuren und Krisisseiten auf den leuchtenden Pfad führen soll. Auch der berüchtigte Anti-Antisemitismus darf dann nur noch ungekeult vertreten werden. Oh Justus, so ist es und nicht anders.</p>
<p>Sollte das kollektive Gezwänge in der Bahamas-Stube tatsächlich den Vorschein &#8220;ausgelebter Individualität&#8221; darstellen, ist Flucht angesagt. Aber vielleicht ist &#8220;ausgelebt&#8221; sowieso als vorbei, tot, beendet, vorüber und gewesen zu lesen. So trifft dann selbst noch der durchgeknallteste Geisterseher ungezielt ins Schwarze. Am ehesten noch sind die Wertmullah-Banden in ihrer Gemütlichkeit mit Stammtischen in der Oberpfalz zu vergleichen. Wenn sich da wie dort das Glück ankündigt, ziehen wir das Unglück vor. Aber was soll man noch sagen: Wer dem Glücksversprechen bürgerlicher Provenienz aufsitzt, ist ein Komplize des Glücksverbrechens desselben.</p>
<p>***</p>
<p>Nach all den Zerwürfnissen stellt sich dringlicher denn je die ganz banale Frage: Wer ist unser Publikum? Wen wollen wir ansprechen? Kurzum: Die sich hartnäckig durchsetzende implizite Orientierung auf die radikale Linke und ihre Restbestände sollte denn doch entschiedener hinterfragt werden. Jene unterläuft mehr, als sie jemals beschlossen wurde. Nicht, dass die radikale Linke kein Bezugsfeld darstellt, ist gemeint, wohl aber doch, dass es sich dabei nicht um das primäre oder gar einzige handeln soll. Sowohl in der Krisis selbst als auch in den Außenpublikationen müssen wir dem deutlicher Rechnung tragen. Nicht alles, was uns so passiert, müsste uns auch passieren. Vieles, was bisher eher zufällig sich gestaltete, sollte doch mehr unter das Kommando ausgesprochener Absichten gestellt werden.</p>
<p>Die Alternative zur linksradikalistischen Durchgeknalltheit kann aber nicht in der Neuauflage reformistischer Illusionen à la ATTAC liegen. Dieser Sozialstaats- und Polit-Romantizismus krankt an allen Ecken und Enden. Auch wenn zugegeben werden soll, dass dort zur Zeit die Entwicklungsmöglichkeiten einzelner Segmente und vor allem Individuen besser einzuschätzen sind als in den sich abkapselnden Sektensümpfen. Was auch ein wichtiger Gesichtspunkt ist.</p>
<p>Nehmen wir zum Beispiel die sogenannte Anti-Globalisierungsbewegung: &#8220;Mischt euch ein&#8221; contra &#8220;Mischt sie auf&#8221; (Jungle World 45/2001) ist unserer Meinung nach eine unfruchtbare Gegenüberstellung, an der man lediglich Identitäten festmachen kann. Damit hat es sich aber schon. Kritik hat nicht nur pointiert zu sein, sie hat auch sensibel zu agieren. Sie muss Einstiegsmöglichkeiten bieten. Die Luken sind nicht dichtzumachen, sondern offen zu halten. Uns geht es darum, sich die Bewegungen als gesellschaftliche Mischmaschinen genauer anzuschauen, über Möglichkeiten und Grenzen zu sprechen. Einmischen wird aufmischen nicht ausschließen. Vice versa. Außerdem gilt es die Position nicht immer gleich zur Konfrontation zu steigern, zumindest wenn man sich strategische Optionen offen halten will, die sich jenseits der Rechthaberei bewegen.</p>
<p>Über die Ideologiekritik hinaus wird es notwendig sein, selbst eine adäquate Sozialkritik zu leisten, die die Verkürzungen der Kapitalismuskritik (wenn auch anderer Natur) auch bei sich selbst bemerkt. Dieses Terrain ist zu besetzen. Was früher soziale Frage hieß, darf weder den Traditionalisten überlassen werden, noch darf es sträflicherweise aufgegeben werden, weil man dort zu Recht ein Einfallstor nationaler Propaganda vermutet. Wertkritik heißt nicht bloß zu zeigen, dass die Wertvergesellschaftung eine paradoxe Gesellschaftsform darstellt, sondern auch, dass selbst die immanenten &#8220;Fortschritte&#8221; sich gleichsam erschöpfen, d.h. von der Unmöglichkeit in der Unmöglichkeit zu sprechen, nicht die Möglichkeiten in der Unmöglichkeit herbeizuphantasieren. Jene verlangt aber auch: Kein Feld, kein Thema ist ob seiner Widrigkeiten auszuschließen.</p>
<p>In diesem Zusammenhang wird es wichtig sein, den Realismus gründlich zu demaskieren (vgl. ansatzweise Robert Kurz, Der Zusammenbruch des Realismus, Krisis 14), ja überhaupt Wünsche und Vorschläge nicht dem Kriterium der Sachlichkeit unterzuordnen. Wer heute bloß einfordert, was aktuell erfüllbar erscheint, domestiziert sich zum Erfüllungsgehilfen der Herrschaft. Darf man also Unrealistisches fordern? Zweifellos, man muss es sogar. Aber um seriös zu bleiben, hat man gleichzeitig die Unhaltbarkeit desselben mit in die Debatte bringen. Das klingt vorerst etwas verrückt, aber nur diese Verrückung lässt einerseits ein konsequentes und konkretes Nein zu den Zumutungen zu, ohne gleich wieder selbst den Illusionen aufzusitzen.</p>
<p>Die Alternative dazu wäre ein abstraktes Nein, doch das hilft nicht viel weiter. Was strategische Option meint, ist diesseits von Attentismus und reiner Kritik. &#8220;Wer nicht Nein sagt zur kapitalistischen Totalität, dem geschieht es schon recht, den kapitalistischen Zumutungen ausgeliefert zu werden&#8221;, dieser zynische und elitäre Standpunkt ist unserer nicht. Zwar lässt sich Arroganz gegenüber diversen Beschränkungen nie so ganz vermeiden, sie sollte sich allerdings nicht zur Tugend erheben. Notorische Besserwisser gibt es schon genug.</p>
<p>Wie Kritik sich nicht auf Erfahrung reduzieren darf, so darf sie diese auch nicht subtrahieren. Damit ist kein plattes Anknüpfen zu verstehen, wohl aber ein Auslegen und Darlegen derselben, ein Kenntlichmachen ihrer formbestimmten Resonanz. Das ist aber doch etwas anderes als ein schlichtes Abtun. Übersetzungen sind notwendiger denn je, will Kritik auch verstanden werden, nicht eine Geheimwissenschaft einiger Erleuchteter bleiben. Solche Kritik, da mag sie noch so niveauvoll und substanziell sein, wird über kurz oder lang in ihrer Abgehobenheit verhungern.</p>
<p>Solange keine Perspektive in Sicht, d.h. eine solche weder begreifbar geschweige denn greifbar ist, wird der Widerstand aber immer in die alten Formen zurückfallen, wird er retten wollen, was zu retten ist, auch wo gar nichts zu retten ist. Dieses Festhalten an vermeintlich emanzipatorischen Errungenschaften der Zivilisation gegen diese wird selbst immer weggetretener. Der positive Bezug auf herkömmliche Versatzstücke von Formprinzipien ist übrigens etwas, das von Bahamas bis ATTAC gar viele vereint. Ob dann mehr der Amoklauf oder die Biederkeit als Fluchtpunkt dient, ist oftmals eine Frage der persönlichen Psyche. Über die in Zukunft wahrscheinlich mehr gesprochen werden muss, als dies bisher üblich gewesen ist. In etwa: Wie konstituiert sich der Gesellschaftskritiker? Warum neigt dieses fragile Konstrukt in seiner Negation der Charaktermasken so überproportional zum Irresein? Welchen Stellenwert hat der grassierende Obskurantismus in der radikalen Linken? Nicht, dass wir das jetzt alles wüssten, aber fragen wird man schon noch dürfen, nein: müssen!</p>
<p>***</p>
<p>Die Krisis schert einmal mehr aus. Nicht nur Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit stehen zur Disposition, nein, ebenso Aufklärung und Zivilisation, Vernunft und Sachlichkeit. Man wird sich ihrer ganz frevelhaft, vor allem ohne vornehme Zurückhaltung annehmen. Intensive Beschäftigung ist angesagt. Nicht nur ein Vorgeschmack, sondern bereits der erste Gang befindet sich in dieser Ausgabe. Wir wünschen guten Appetit und natürlich einen guten Magen, ob der nicht immer leicht verdaulichen Kost.</p>
<p>Eröffnet wird das Menü mit dem Beitrag <strong>Die Aufklärung und ihre Kehrseite. Zur Rettung einer &#8220;banalen Einsicht&#8221;</strong> von <em>Claus Peter Ortlieb</em>. Angesichts der allgemeinen Aufklärungs-Renaissance nach dem 11. September insistiert er auf dem Grundgedanken der &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221;, dass der Irrationalismus der Aufklärungsvernunft nicht fremd und äußerlich gegenübersteht, sondern in ihr selbst angelegt ist. Weil die neuzeitliche Vernunft, die Vernunft der bürgerlichen Epoche, sich allein auf die Form und nicht auf den Inhalt des Denkens bezieht und das Gefühl zu einem ihr feindlichen Prinzip erklärt, bringt sie notwendig die Gegenaufklärung als ihr Komplement hervor. Beiden gemeinsam ist, dass sie Denken und Fühlen voneinander isolieren, der Unterschied liegt nur in der Betonung des einen oder anderen. Angesichts dieser Scheinalternative eine Lanze für die Aufklärung zu brechen, verkennt den Zusammenhang mit ihrer Kehrseite, verkennt die Selbstdestruktion der Aufklärung, die in ihrer Eigendynamik freilich über die bürgerliche Gesellschaft keineswegs positiv hinaus, sondern vielmehr auf die Zerstörung von Gesellschaftlichkeit überhaupt verweist.</p>
<p>Diese Diagnose wirft die Frage auf, wie denn dann Kritik überhaupt noch möglich sein soll. Ortlieb wendet sich gegen den Vorwurf, wer sich weigere, im aktuellen Krieg der spiegelbildlichen Wahnsysteme von Islamismus und &#8220;westlichen Werten&#8221; Partei zu ergreifen, suggeriere eine Position außerhalb der Totalität. Wäre dieser Vorwurf schlüssig, träfe er jede Kritik am gesellschaftlichen Ganzen und würde sie damit für unmöglich erklären. Doch so beschränkt sind die Mittel der Aufklärung und die Möglichkeiten rationalen Denkens und Argumentierens nun auch wieder nicht. Die Trennung von erkennendem Subjekt und zu erkennendem Objekt schließt nicht aus, sich selbst, das eigene Denken oder auch die Totalität der Gesellschaft, in der man sich bewegt, zum Erkenntnisobjekt zu machen. Kritik der Aufklärungsvernunft heißt nicht, dass wir nicht in ihren Formen denken müssten; als kapitalistisch konstituierte Individuen können wir gar nicht anders. Das schließt ein Bewusstsein von der eigenen Situation, das verbunden ist mit der Hoffnung, aus ihr hinauskommen zu können, aber nicht aus.</p>
<p>Auch <em>Norbert Trenkle</em> setzt sich in seinem Text <strong><a href="http://www.krisis.org/2002/gebrochene-negativitaet">Gebrochene Negativität</a></strong> mit der Aufklärungskritik von Horkheimer und vor allem von Adorno auseinander. Er zeigt, dass diese Kritik trotz ihrer fraglosen Radikalität sich letztlich selbst zurücknehmen muss, weil sie bestimmte Basisannahmen der Aufklärung teilt und nicht in Frage stellt. Das Grundproblem besteht darin, dass Horkheimer und Adorno mit einem historisch unspezifischen Begriff von Vernunft operieren. Die neuzeitliche Vernunft erscheint als logischer Kulminationspunkt einer Entwicklung, die im Grunde schon mit der Menschwerdung überhaupt, mit der Ablösung des Menschen von der Natur, beginnt. Der qualitative Bruch, den die Aufklärungsvernunft mit ihrem strikten Formalismus und ihrer Subjekt-Objekt-Spaltung gegenüber dem Denken früherer historischer Epochen darstellt und der sie als spezifisch historische, an die Warengesellschaft gebundene Denkform ausweist, gerät darüber in Vergessenheit. In dieser Hinsicht stehen Horkheimer und Adorno mit beiden Füßen auf dem Boden der Aufklärung, die sich bekanntlich ja zum Höhepunkt einer epochenübergreifenden, universellen Entwicklung menschlicher Reflexion mystifiziert hat, um sich damit zugleich der Kritik zu entheben. Spiegelverkehrt pessimistisch reproduzieren die beiden Autoren diese Mystifizierung und kommen daher auch nicht umhin, die bürgerliche Gesellschaft als historisch notwendigen Fortschritt auf dem Weg einer möglichen menschlichen Emanzipation zu verklären. Auch wenn diese Möglichkeit vertan wurde, vermeinen sie doch, in der Aufklärungsvernunft zumindest noch ein &#8220;Residuum von Freiheit&#8221; zu entdecken, das Anlass zur Hoffnung gibt. Die Kritik am herrschaftlichen Charakter insbesondere des Kantschen Denkens muss daher ständig zurückgenommen werden &#8211; notfalls auch gegen Sinn und Wortlaut des Textes. Dagegen hält Trenkle, dass die &#8220;Begierde der Rettung&#8221; nicht in der Aufklärung, sondern trotz ihr fortlebt. Dass es der Aufklärung entgegen aller Anstrengung nicht gelingt, den Gedanken an Befreiung von Herrschaft auszulöschen, ist ihr nicht als Verdienst anzurechnen, sondern verweist nur darauf, dass sie an ihrem eigenen totalitären Anspruch scheitert. Insofern gibt es nichts zu Ende zu bringen, was die bürgerliche Gesellschaft verraten oder verdrängt hätte.</p>
<p>Diesen Grundgedanken spitzt <em>Robert Kurz </em>in seinen 20 Thesen gegen die sogenannte Aufklärung und die &#8220;westlichen Werte&#8221; unter dem bezeichnenden Titel <strong>Blutige Vernunft</strong> weiter zu. Die apodiktische Thesenform rechtfertigt sich durch die unsägliche mediale Wiederaufbereitung von Eurozentrismus, Aufklärungshuberei und Selbstglorifizierung des westlichen Gesamtimperialismus nach dem 11. September, als hätte es nie eine kritische Reflexion über die &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221;, über Kolonialismus, &#8220;Subjekt&#8221;, &#8220;Fortschritt&#8221; usw. gegeben. Hatte sich diese Tendenz schon bei den demokratischen Bombenphilosophen in den Weltordnungskriegen der 90er Jahre angedeutet, so ist sie nun hemmungslos und gesellschaftlich allgemein geworden, bis in das linksradikale Restsegment hinein.</p>
<p>Deshalb geht es dem polemischen &#8220;Thesen-Anschlag&#8221; von Robert Kurz um eine längst überfällige intellektuelle Polarisierung in der Neuformulierung radikaler Kapitalismuskritik. Mit der Kritik der Arbeitsontologie ist die Kritik der bürgerlichen Konstitution noch nicht vollendet; sie muss auch durch die repressiven statt befreienden Konstrukte des in der modernen Theoriegeschichte sedimentierten Aufklärungsdenkens hindurch; erst dann ist der Rubikon überschritten. Dieser entscheidende Schritt der Wertkritik ist allerdings nicht möglich, ohne das geschlechtliche Abspaltungsverhältnis systematisch aufzunehmen, wie es bislang eher parallel zur Theoriebildung der Krisis hauptsächlich in den Texten von Roswitha Scholz thematisiert wurde. Nur auf diesem Weg ist eine emanzipatorische radikale Kritik der Aufklärung möglich, die das Verhältnis von Aufklärung und reaktionärer Gegenaufklärung als negative Identität und als innerbürgerlichen Scheingegensatz dechiffrieren kann, ohne sich auf die falschen Alternativen der an ihr Ende gelangten kapitalistischen Durchsetzungsgeschichte vergattern zu lassen.</p>
<p>Die Verweigerung einer Parteinahme im Kampf des westlichen Gesamtimperialismus gegen seine eigenen Barbarisierungsprodukte, in der aktuellen Situation die einzig mögliche wertkritische Position gegen das Ganze des weltgesellschaftlichen Bezugssystems, muss fundiert werden durch eine Kritik des blutigen immanenten Wechselspiels von kapitalistischer Rationalität und Irrationalität. Der vorliegende Thesentext versteht sich als Einstieg in diese Auseinandersetzung um den Zusammenhang von Wertvergesellschaftung, Abspaltungsverhältnis und bürgerlich-identitätslogischem Aufklärungsdenken. Es ist bewusst keine betulich differenzierende und relativierende Abhandlung mit Verbeugungen nach allen Seiten, sondern auch der Form nach eine scharfe Positionsbestimmung, die zum Ärgernis und Stachel für das in der radikalen Linken noch lange nicht überwundene &#8220;männlich&#8221;-identitätslogische Aufklärungsdenken werden will, wie es sich in den affirmativen Exzessen der letzten Monate von seiner dümmsten und hässlichsten Seite gezeigt hat.</p>
<p>Einem anderen nicht weniger aktuellen Thema wendet sich <em>Ernst Lohoff</em> in seinem Beitrag <strong>Antikapitalistisches Frühlingserwachen?</strong> zu: der &#8220;Antiglobalisierungsbewegung&#8221;. Auch wenn die verbreitete Euphorie sicherlich übertrieben war, die nach Genua bereits eine neue APO zu erkennen glaubte, stellt der Protest doch zweifellos einen oppositionellen Aufbruch nach langen Jahren der Bewegungsflaute dar. Darüber hinaus birgt er auch einige neue Qualitäten, wozu insbesondere sein transnationaler Charakter, aber auch sein Verzicht auf Vereinheitlichung, hierarchische Strukturen und identitäre Abgrenzung gehört. Doch diese Momente stellen zugleich auch eine Schwäche dar, denn sie verweisen auf eine äußerst unklare gesellschaftskritische Ausrichtung. Die proklamierte und praktizierte Offenheit ist oft nicht viel mehr als das beliebige Nebeneinander unvereinbarer Positionen. Darin birgt sich die Gefahr einer Fremdbestimmung durch den Markt der Meinungen und die Vorgaben der offiziellen Politik, die das Ringen um Autonomie zur Farce macht. Dagegen hält Lohoff, dass die bewusste Abkehr von der Vorstellung des politischen Einheitssubjekts weder Verbindlichkeit und Kohärenz noch die klare Abgrenzung des kritischen vom herrschenden Bewusstsein überflüssig macht. Eine radikal gesellschaftskritische Strömung kann sich nur formieren, indem sie beides in einer gegenüber dem alten Subjektmodus veränderten Weise herstellt.</p>
<p>Radikale Gesellschaftskritik darf sich nicht einreden, der Antiglobalisierungsprotest gehe schon von selbst in die richtige Richtung. Noch verkehrter ist es allerdings, ihn einfach nur äußerlich abzukanzeln &#8211; eine insbesondere in den Kreisen, die mit einem ideologiekritischen Reduktionismus operieren, verbreitete Unsitte. Wer sich weigert, im Dubiosen am Anti-Globalisierungsprotest wesentlich auch die Misere gesellschaftskritischer Theorieproduktion wiederzuerkennen, verrät völlige Ignoranz gegenüber der Frage, wie sich Widerstand und kritisches Bewusstsein unter den heutigen Bedingungen überhaupt formieren können und welche Rolle gesellschaftskritische Theorie dabei selber spielen kann. Eine praktische Neuorientierung auf radikalen Antikapitalismus ist nur denkbar, wenn sie mit einer theoretischen Neubestimmung zusammenfindet. Kritische Kritik, die als Gralshüter eines vorgeblich feststehenden antikapitalistischen Wissensschatzes auftritt, kaschiert mit ihrer Beckmesserei nur ihre eigene Zahnlosigkeit, ihr eigenes Versagen.</p>
<p>Im gleichen thematischen Zusammenhang nimmt <em>Anselm Jappe</em> sich in <strong>Des Proletariats neue Kleider</strong> jenes Buch vor, das derzeit im globalisierungskritischen Spektrum große Furore macht und von einigen sogar als das Kommunistische Manifest des 21. Jahrhunderts gefeiert wurde: &#8220;Empire&#8221; von Michael Hardt und Antonio Negri. Jappe kann diese Einschätzung gelinde gesagt nicht teilen. Er sieht in dem Buch im Grunde nur eine postmodern veredelte Neuversion des italienischen Operaismus der siebziger Jahre, der seinerseits nichts anderes war als eine Neuversion des Traditionsmarxismus. Was darüber hinwegtäuschen mag, ist zunächst vor allem der eklektische Umgang mit Theorie, wie ihn Hardt und Negri an den Tag legen, und die Tatsache, dass nicht mehr vom guten alten Proletariat, sondern von der &#8220;Multitude&#8221; geredet wird, die sich bei näherem Hinsehen aber nur als dessen Wiedergeburt entpuppt. Hatte etwa der Operaismus in seiner radikalen Subjektemphase die Kämpfe der Arbeiterklasse und anderer Ausgebeuteter zum eigentlichen Motor der gesamten historischen Entwicklung des Kapitalismus, einschließlich seiner Krisen, verklärt, so soll nun auch die Herausbildung des supranationalen Empire eine Reaktion der Souveränität auf den Druck der &#8220;Multitude&#8221; gewesen sein.</p>
<p>Insgesamt ist das Buch theoretisch sehr viel altbackener, als es zu sein vorgibt. Zu einer Kritik des gesellschaftlichen Formprinzips dringt es nicht ansatzweise vor und eine ökonomiekritisch entwickelte Krisenanalyse sucht man vergeblich, auch wenn andauernd von der Krise die Rede ist, die aber nur das ganz normale Funktionieren des Kapitalismus anzeigen soll. Es verwundert daher auch nicht, dass von einer kategorialen Arbeitskritik in Empire nichts zu finden ist. Im Gegenteil. Ganz wie im traditionellen Marxismus wird die Arbeit sogar zum Ausgangspunkt der Emanzipation, wobei es allerdings nun die &#8220;immaterielle Arbeit&#8221; sein soll, der diese Ehre zukommt. Begrifflich gerät dabei einiges durcheinander. Die Kooperation soll der immateriellen Arbeit völlig immanent sein, sie trete nicht von außen hinzu. Deshalb könne diese Arbeit sich selbst verwerten und sei kein variables Kapital. Kein Wunder, dass dieses Loblied der lebendigen Arbeit die mehr als bloß dubiose Vorstellung nach sich zieht, sie werde von der ihr äußerlichen, toten Arbeit ausgesaugt wie von einem Vampir.</p>
<p>Im Kommentar- und Debattenteil knüpft <em>Udo Winkel</em> zunächst am Schwerpunkt dieser Krisis-Nummer an und legt einige Unsystematische Gedanken zur Aufklärungsproblematik vor. Es folgt der Artikel von <em>Roger Behrens</em> <strong>Jeder ist sein eigenes Würstchen. Oder: Naive und kritische Theorie</strong> &#8211; eine nicht ganz unpolemische Besprechung des Buches von Axel Honneth &#8220;Das Andere der Gerechtigkeit&#8221;. Anschließend liefert <em>Ernst Lohoff </em>in <strong>Frankenstein kann es nicht richten</strong> einige kritische Anmerkungen zu Anselm Jappes Artikel &#8220;Gene, Werte, Bauernaufstände&#8221; aus Krisis 24. Die Debatte zu diesem Text wird in der nächsten Nummer fortgesetzt. <em>Torsten Liesegang</em> nimmt in <strong>Die Wiederkehr der Popliteratur als Farce die literarischen Ergüsse</strong> einer jüngeren Generation von Modeautoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht, Florian Illies u.a. auseinander. Es folgt ein weiterer Artikel von <em>Ernst Lohoff</em>, <strong>Die Geister, die sie riefen</strong>, in dem vor aktuellem Hintergrund die Korruption als endogenes Phänomen des Kapitalismus analysiert wird. Und abschließend rezensiert Udo Winkel in Legende vom Werden und Mythos der Nation zwei neuere Publikationen von Patrick J. Geary und Andreas Dörner, die sich kritisch mit der Nationenbildung in Europa und in Deutschland auseinandersetzen.</p>
<p>Es bleibt der Ausblick auf die nächste Nummer: Sie wird sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis von gesellschaftskritischer Theorie und Praxis auseinandersetzen, eine Fragestellung also, die ganz unmittelbar auch die Krisis selbst und ihre Aktivitäten betrifft, weshalb ihre Behandlung natürlich auch selbstreflexiven Charakter haben wird. Außerdem werden weitere Beiträge zur Kritik der Aufklärung folgen, ein Schwerpunkt, der uns noch über längere Zeit beschäftigen wird. Auf Widerspruch zu den in dieser Krisis-Ausgabe dazu veröffentlichten Artikeln, die auch unter uns nicht unumstritten waren, sind wir gefasst. Ja wir würden uns wundern, käme er nicht. Es sei also dazu eingeladen, ihn auch schriftlich zu äußern. Die Debatte ist eröffnet.</p>
<p>Ankündigungen sind an dieser Stelle schon viele gemacht worden, doch da wir es mit dieser Nummer geschafft haben, weitgehend in unserem Zeitplan zu bleiben &#8211; woran die Tätigkeit der neuen Redaktion nicht ganz unschuldig war &#8211; wagen wir die Aussage, dass <a href="http://www.krisis.org/2003/krisis-26-inhalt">Krisis 26</a> noch im Spätherbst dieses Jahres erscheinen wird.</p>
<p><em>Franz Schandl und Norbert Trenkle für die Redaktion</em></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/krisis-bestellen">Hier könnt ihr erfahren, wie und wo ihr die Krisis 25 bestellen könnt</a></p>
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		<title>Des Proletariats neue Kleider</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Anselm Jappe]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom Empire zurück zur Zweiten Internationalen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Vom Empire zurück zur Zweiten Internationalen</h3>
<p><em>Michael Hardt/Antonio Negri, Empire, deutsche Übersetzung von Thomas Atzert und Andreas Wirthensohn, Campus Verlag, Frankfurt / New York 2002, 480 S.</em></p>
<p><em>Anselm Jappe</em></p>
<p>In der <em>New York Times</em>, bekanntlich ein Sprachrohr kritischer Gesellschaftstheorie, feierte Slavoy Zizek das im April 2000 in den USA erschienenem <em>Empire</em> letzten Sommer als das <em>Kommunistische Manifest </em>des 21. Jahrhunderts. Das Buch sei ein „epochemachendes“ Werk, das den Protest wieder in Mode gebracht habe. Ähnlich äußerten sich <em>Time </em>und andere große bürgerliche Organe.Zwar bekamen die Autoren nach dem 11. September in den amerikanischen Medien auch ein wenig Prügel. Aber das Feuilleton haben sie jedenfalls gründlich in Aufregung versetzt.</p>
<p><span id="more-557"></span>Der kleine deutsche Ableger der <em>New York Times</em>, die <em>Jungle World, </em>wollte da nicht zurückstehen. Ein gewisser Tobias Rapp rezensierte dort im März die deutsche Ausgabe ungefähr in den Tönen, mit denen um 1950 die <em>Prawda</em> ein neues Werk von Stalin vorgestellt hätte. In weiten linken Kreisen, in Deutschland wie anderswo, ist bereits in jeder Bemerkung, die theoretisch sein will, ein Hinweis auf dieses Buch so obligatorisch wie einst ein Maozitat. Auch in <em>Die</em> <em>Zeit</em> wurde <em>Empire</em> als „grandiose Gesellschaftsanalyse“ vorgestellt; es sei „der erste ernsthafte Versuch, über das dumpfe und begriffslose Unbehagen an dem, was Globalisierung heißt, hinauszugehen und die Verhältnisse mit der Strenge des &#8211; soziologischen, philosophischen und politischen &#8211; Begriffs in den Blick zu nehmen“.</p>
<p>Sehen wir uns diesen Fund näher an, wie Marx sagen würde. Hardt ist ein US-amerikanischer Literaturprofessor und Negri ein italienischer Professor für Staatswissenschaften. Als Mentor der italienischen Autonomenbewegung in den siebziger Jahren mußte Negri für seine erträumte Rolle als Revolutionsführer mit jahrelanger Haft und Exil bezahlen. Aber er hat weiterhin, oder mehr denn je, einen unbestreitbaren Einfluß auf die Linke verschiedener Länder. In der Tat verbreiten Negris Jünger überall das Wort des Meisters, zum Beispiel durch die seit zwei Jahren erscheinende französische Zeitschrift <em>Multitudes </em>(Nachfolger von <em>Futur anterieur</em> ), die bereits in ihrem Titel eine Zentralkategorie von <em>Empire</em> aufgreift. Deren deutscher Ableger ist die <em>Jungle World</em> &#8211; Beilage <em>Subtropen</em> .</p>
<p>Im Grunde präsentiert das Buch lediglich eine postmodern veredelte Neuversion des italienischen Operaismus der siebziger Jahre, der seinerseits schon nichts anderes als eine Neuversion des Traditionsmarxismus, vor allem in seiner zweitinternationalistischen und leninistischen Version, war. Wie wir sehen werden, versteckt sich hinter dem neumodischen Wortgeklingel die alte Vorstellung von der lebendigen Arbeit, die das parasitäre Kapital abschütteln wird.</p>
<p>Bevor vom Inhalt des Buchs die Rede ist, sollte erst einmal erwähnt werden, wovon die Autoren <em>nicht</em> sprechen: weder Wert noch Ware, weder Geld noch Arbeit werden jemals als kritische Kategorien eingeführt. Deshalb sind von vorneherein alle Analysen wenig wert in einem Buch, das beansprucht, in einem großen geschichtlichen Bogen alles Wesentliche über Aufstieg und Fall der kapitalistischen Gesellschaftsform zu sagen. An Marx&#8217; – bei allen Marxisten so unbeliebte – Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit zu erinnern würde alleine schon ausreichen, um das ganze theoretische Gerüst des Buchs zusammenstürzen zu lassen. Und dann bliebe nicht mehr viel übrig, denn zur Ausstopfung ihres Schemas haben sich Negri und Hardt darauf beschränkt, eklektisch aus den verschiedensten Quellen zu schöpfen, ohne auch nur zu beanspruchen, im Detail irgend etwas Neues zu sagen. In das Buch ist alles eingearbeitet, was zur Zeit auf dem Theoriemarkt gängig ist, von Foucault und Deleuze bis zu Debord, Adorno, Bloch und sogar bis hin zu Kurz, der flüchtig zitiert wird, von Lenin bis zum Feminismus, von Spinoza bis zum garantierten Mindesteinkommen, von Fanon bis zum Postmodernismus. Die riesigen Literaturlisten führen aber fast ausschließlich Werke von linken Akademikern an, was bereits zeigt, von welchem Milieu die Autoren anerkannt werden wollen. Die Rezensenten staunen pflichtgemäß die „Gelehrsamkeit“ an, mit der das Buch protzt; unwahrscheinlich, daß sie oder die meisten Leser eine Vorstellung davon haben, wer z. B. Duns Scotus war.</p>
<p>Die Methode bleibt unklar. Hardt und Negri polemisieren ständig gegen die „Dialektik“, aber ohne sie je zu definieren. Sie sei für die Moderne konstitutiv und sei „transzendent“. Ihre eigene Kritik hingegen will absolut „immanent“ sein und die hegemonische Sprache und Sozialstruktur dekonstruieren &#8211; aber im Rahmen eines „kritischen und materialistischen Dekonstruktivismus“, um auf diese Weise eine „ontologische Grundlage“ in der „schöpferischen und produktiven Praxis der Menge“ zu finden (S. 61). Bescheidenderweise verkünden sie, die von Marx vorgesehenen, aber nicht geschriebenen <em>Kapital</em>-Bände über den Staat und den Weltmarkt schreiben zu wollen &#8211; was aber nicht sehr leicht ist, wenn man neben Marx Deleuze und Guattari als Hauptreferenten benutzt (S. 421, Endnote 4).</p>
<p>Ihr Begriff des Empire ist nicht schwer zu verstehen. Der Niedergang der Nationalstaaten in den letzten drei Jahrzehnten bedeute keinen Niedergang der „Souveränität“ (mit diesem Schlüsselwort sind einfach kodifizierte Herrschaftsformen gemeint) als solcher, sondern habe zur Entstehung eines die ganze Welt umfassenden Empire als dezentralisiertem und deterritorialisiertem Regierungsapparat geführt. Das Empire sei nicht mit dem klassischen Imperialismus identisch und bedeutet keine absolute Vorherrschaft der USA, denn heute hingen auch die dominierenden Länder vom Weltssystem ab, und die Dichotomie von dominierenden und dominierten Ländern oder von Nord und Süd gebe es nicht mehr.</p>
<p>Negri und Hardt definieren zunächst den Begriff des supranationalen Empire auf der juristischen Ebene. In diesem Zusammenhang weisen sich auf die Rolle der Vereinten Nationen bei seiner Entstehung hin.</p>
<p>Das Empire wird ständig von den Konfliktparteien in verschiedenen Weltgegenden dazu aufgefordert, den Frieden wiederherzustellen: es ist wesentlich Ausnahmezustand und Polizeimacht, die sich bei ihrem Wirken auf universelle Werte („Menschenrechte“) beruft. Sodann behaupten sie unter Berufung auf Foucault, daß der Übergang vom modernen Imperialismus zum postmodernen Empire mit der Ersetzung der Disziplinargesellschaft durch die immer „demokratischere“ Kontrollgesellschaft einhergehe, die in den Hirnen und Körpern der „Bürger“ (Negri und Hardt gebrauchen tatsächlich so ein Wort umstandslos) verankert sei.</p>
<p>Das Empire ist für Negri und Hardt die historisch jüngste Reaktion der Souveränität auf den Druck der „Menge“ („Multitude“). Dieser Begriff bezeichnet bei Hobbes (negativ) und bei Spinoza (positiv) die nicht homogene Gesamtheit der Singularitäten, die sich nicht zum „Volk“ zusammenfügen. Es ist die Macht, welche die Menge zum Volk konstituiert, das dann wiederum die Macht legitimiert. Das Auftauchen der Menge als die keiner transzendenten Macht unterworfene Gesamtheit der Einzelnen in der Renaissance, also die bereits mit Duns Scotus und Dante beginnende „humanistische Revolution“, war ein Emanzipationsprojekt im Namen einer radikalen Diesseitigkeit. Es rief als Gegenreaktion den modernen Staat und alle späteren Restaurationen der Transzendenz hervor. In den Augen der Macht darf sich die Menge nicht selbst konstituieren: „Oberstes Ziel war es, ein Verständnis der Menge à la Spinoza zu vermeiden, nämlich in direkter, unmittelbarer Beziehung zu Göttlichkeit und Natur, als ethischen Schöpfer von Leben und Welt. Im Gegensatz dazu sollte der Komplexität menschlicher Beziehungen auf jeden Fall eine Vermittlungsinstanz aufgezwungen werden“ (S. 92) &#8211; hier verwechseln die Autoren also die historisch spezifische und aufhebbare fetischistische Form, welche die gesellschaftliche Vermittlung im Kapitalismus angenommen hat, mit der unaufhebbaren Tatsache, daß es igendeine Form gesellschaftlicher Vermittlung geben muß. Interessant ist die These, zu dieser Gegenrevolution würden auch die Aufklärung und ihre Vorläufer gehören: „Die Politik findet sich im Zentrum der Metaphysik, weil die moderne europäische Metaphysik als Antwort auf die Herausforderung durch die befreiten Einzelnen und auf die revolutionäre Konstituierung der Menge entstanden ist“ (S. 97). Bereits mit Descartes begann die Wiederherstellung des Transzendentalen. Negri und Hardt erkennen, wenngleich sehr summarisch, daß die Aufklärung nicht unbedingt emanzipativ war, sondern zu einer dem Kapitalismus angebrachteren Form von Herrschaft geführt hat: „In der Politik wie in der Metaphysik ging es deshalb vor allem darum, die mittelalterliche Form der Transzendenz, die Produktion und Konsum nur behindert hätte, zu eliminieren und gleichzeitig an den Folgen der Transzendenz für die Herrschaft festzuhalten, und zwar in einer Form, die den Vereinigungs- und Produktionsformen der neuen Menschheit angemessen war“ (S. 97).</p>
<p>Deswegen kritisieren sie Rousseau, dessen Konzept am Ende dem von Hobbes ähnele: jedes Mitglied der Gemeinschaft veräußert seine Rechte völlig an diese. Auch Kant wird in diesem Zusammenhang wesentlich weniger positiv gesehen, als es, zumal in den letzten Jahren, bei linken Autoren üblich ist: „Kant gelingt es, das Subjekt in den Mittelpunkt des metaphysischen Horizonts zu stellen und es gleichzeitig mit den drei oben genannten Mitteln unter Kontrolle zu halten: die Abwertung von Erfahrung zu bloßen Phänomenen, die Reduktion von Erkenntnis auf verstandesmäßige Vermittlung und die Neutralisierung moralischen Handelns durch den Schematismus der Vernunft [...] das Leitmotiv von Kants Philosophie lautet: Notwendigkeit des Transzendentalen, Unmöglichkeit jeder Form von Unmittelbarkeit, Austreibung alles Lebendigen aus dem Erkennen und Handeln des Seienden [...] Schopenhauer erkennt, dass der Kantianismus der humanistischen Revolution endgültig den Garaus macht“ (S. 95). Hegel hat dem nicht wirklich abgeholfen: Die Immanenz, die Hegel „wieder herstellt &#8230; ist in Wahrheit eine blinde Immanenz, in der die Möglichkeiten der Menge geleugnet und unter die Allegorie der göttlichen Ordnung subsummiert werden“ (S. 96).</p>
<p>Diese äußerst knapp umrissene Geschichtsphilosophie trägt zwar, ganz im Gegensatz zu den Ankündigen ihrer Urheber, dialektische und teleologische Züge, aber sie enthält &#8211; vielleicht deswegen &#8211; einige interessante Aspekte. Leider machen die Autoren nichts daraus, und sie könnten es auch gar nicht angesichts ihrer theoretischen Ausgangs- und Zielpunkte. Sie nähern sich ihrem eigentlichen Anliegen, wenn sie sich weitgehend (sie wünschen nur eine stärkere Berücksichtigung der „Produktivität der Körper“ und des „Werts der Affekte“ [S. 44]) die Position zu eigen machen: Die zentrale Rolle bei der Produktion des Mehrwerts, die früher der Arbeitskraft der Fabrikarbeiter, dem ‚Massenarbeiter’, zukam, spielt heute überwiegend die intellektuelle und kommunikative Arbeit“ (S. 43). Die Analyse der sozialen und unmittelbar kommunikativen Dimension der neuen Formen der lebendigen Arbeit führe zur Frage nach den neuen Figuren der Subjektivität, in ihrer Ausbeutung wie in ihrem revolutionären Potential: „Nach einer neuen Werttheorie bedarf es also einer neuen Theorie der Subjektivität, deren erste Ausgangspunkte Wissen Kommunikation und Sprache sind“ (S. 44). Damit sind wir schon beim Zentralpunkt angelangt: die Autoren &#8211; wie die ganze postoperaistische Denkschule &#8211; registrieren erstens die Tatsache, daß die sogenannte immaterielle Arbeit stark zugenommen hat (aber auf Weltebene längst nicht so sehr, wie man oft glauben machen will &#8211; es sollte gelegentlich an die Tatsache erinnert werden, daß auch im Zeitalter der postmodernen Globalisierung und der Nanosekundenkultur der auf der Welt am meisten verbreitete Beruf nach wie vor der des Bauern ist<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup>) und erkennen zweitens, daß dieser Umstand die traditionellen Parameter der kapitalistischen Produktionsweise durcheinanderbringt. Das wird von ihnen aber in keinster Weise mit der Werttheorie in Verbindung gebracht; stattdessen gehen sie, ohne irgendeine Begründung für notwendig zu halten – denn die versprochene „neue Werttheorie“ wird nirgendwo auch nur angedeutet – davon aus, daß die neuen Arbeitsweisen gleichfalls Mehrwert schaffen, weil „Ausbeutung“ vorliege. Die Autoren interessiert einzig und allein, ob dabei eine neue revolutionäre Subjektivität entsteht, also eine Nachfolgerin der alten Arbeiterklasse als ontologisches Gegensubjekt zum Kapital. Marxens These, das Kapital sei kein Ding, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis, wird von Hardt und Negri ausdrücklich so aufgefaßt, daß eine Seite dieses antagonistischen Verhältnisses vom „produktiven Leben der Menge“ bestimmt werde (S. 424, Endnote 28).</p>
<p>Nicht umsonst wiederholen sie beständig eine alte fixe Idee der Operaisten: die Kämpfe der Arbeiter, der Kolonialisierten und der anderen Ausgebeuteten seien der einzige wirkliche Motor gewesen, der die Entwicklung des Kapitalismus vorangetrieben hat, indem er diesen zu politischen Reformen und technologischen Umstrukturierungen zwang. Nicht die innere Logik des Konkurrenzmechanismus führe zu Neuerungen, sondern die äußere Bedrohung durch die Ausgebeuteten: „So wie sich das Kapital nur als Antwort auf die Bedrohung durch den organisierten Widerstand der Arbeiter dazu bewegen lässt, die Produktion neu zu gestalten und neue Technologien einzuführen, so hätte das europäische Kapital auch die Sklavenproduktion nicht aufgegeben, wenn nicht organisierte Sklaven seine Macht“ – durch Aufstände am Ende des 18. Jahrhunderts – „bedroht hätten“ (S. 136). Die große Krise am Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts sei nicht Teil der objektiven Akkumulationszyklen gewesen, sondern ein Ergebnis der antikapitalistischen und antiimperialistischen Kämpfe<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup>. Auch die Entstehung des Empire sei eine Antwort auf die Kämpfe der Menge, die von ihrer Kreativität und ihrem Wunsch nach Freiheit und „Deterritorialisierung“ getrieben werde. Diese „Wünsche“ werden – gegen alle Evidenz – einfach der Menge, der heutigen wie der vor fünfhundert Jahren, als anthropologische Gegebenheit zugeschrieben, die dann als Gegenreaktion Kapital, Staat und Empire hervorriefe. Von einer Zirkularität, einer wechselseitigen Produktion der Institutionen und der Subjekte ist hier keine Rede; im Gegenteil heißt es ausdrücklich: „In dieser Ankündigung und Vorwegnahme kapitalistischer Entwicklung durch die Massenkämpfe gibt es keine Dialektik oder Teleologie“ (S. 65).</p>
<p>Die „Menge“ ist nichts weiter als das liebe, alte Proletariat. Nur wird dieses nicht mehr mit dem Industrieproletariat, also den Fabrikarbeitern, identifiziert: „Wir verwenden einen weiten Begriff von Proletariat und fassen in diese Kategorie all jene, deren Arbeitskraft direkt oder indirekt ausgebeutet wird und die Produktion und Reproduktion kapitalistischen Normen unterworfen sind“ (S. 66) – vager geht es wohl nicht mehr. Dieses neue Proletariat ist einfach die lebendige Arbeit<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup>. Die Kämpfe der Menge seien „Ausdruck der Kraft der lebendigen Arbeit“ (S. 65). Die „neuen Subjektivitäten“ (also, ohne Umschweife gesagt, die Computersklaven) „ringen um die Befreiung der lebendigen Arbeit, sie schaffen Situationen mächtiger Singularitäten“ (S. 74). Ausbeutung und Herrschaft betreffen allerdings laut <em>Empire </em>nicht mehr nur die produktiven Tätigkeiten, sondern überhaupt die ganze Fähigkeit zu produzieren. Negris und Hardts Ideen sind in der Hinsicht so traditionell wie nur möglich: „Die Arbeitskraft ist das innerste Element, die unabdingbare Quelle des Kapitals. Gleichzeitig repräsentiert die Arbeitskraft auch das Äußere des Kapitals, das heißt den Ort, an dem das Proletariat seinen eigenen Gebrauchswert, seine eigene Autonomie erkennt und auf den es seine Hoffnung auf Befreiung gründet“ (S. 220). Das Proletariat repräsentiert also ganz klassisch die „gute“, die Gebrauchswertseite der Produktion, die von dem ihm polar entgegengesetzten akkumulierten Tauschwert ausgebeutet wird.</p>
<p>In der Tat ist in <em>Empire</em> von eigentlicher, kategorialer Arbeitskritik keine Rede. Was dort gelegentlich unter diesem Namen figuriert, ist bloß der Widerstand gegen die kapitalistischen Arbeitsbedingungen, wie er vor allem im italienischen Fabrikproletariat der siebziger Jahre verbreitet war. Erst recht ist die Umwandlung von Arbeit in Wert kein Gegenstand der Kritik, sondern wird vielmehr ausdrücklich als neutral-ontologisch oder direkt positiv betrachtet. Die Autoren lassen implizit erkennen, Marx&#8217; Werttheorie für überholt zu halten, weil es heute unmöglich sei, zwischen produktiver, reproduktiver und unproduktiver Arbeit zu unterscheiden. Schon deshalb seien nunmehr fast alle Menschen Proletarier. „In dem Maße, in dem die Arbeit die Fabrikgebäude verläßt, wird es immer schwieriger, an der Fiktion irgendeines Maßes für den Arbeitstag fest zu halten und somit die Produktionszeit von der Reproduktionszeit bzw. die Arbeitszeit von der Freizeit zu trennen. Auf dem Feld biopolitischer Produktion gibt es keine Stechuhren; das Proletariat produziert in seiner Gesamtheit überall den ganzen Tag lang“ (S. 409). Diese richtige Erkenntnis bringt die Autoren aber nur dazu, die Wertkategorie überhaupt für überholt zu halten. Die Behauptung, die Kategorien der politischen Ökonomie, wie die Unterscheidungen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, Produktion und Reproduktion, variablem und konstantem Kapital, Basis und Überbau seien veraltet, und nun sei nichts mehr „draußen“, ist nur die halbe Wahrheit: obwohl diese Kategorien objektiv von der Entwicklung der Produktivkräfte überholt worden sind, wirken sie weiter als Realkategorien. Außerdem verkünden Negri und Hardt zwar, daß es kein „Draußen“ mehr gebe, aber ihre ganze Analyse setzt genau diesen der Menge äußerlichen Charakter des Kapitals bzw. Empire voraus. Nicht zufälligerweise zählen sie zu den „überholten“ Kategorien nicht die der toten und der lebendigen Arbeit.</p>
<p>Mit dem Begriff der abstrakten Arbeit können die Autoren gar nichts anfangen, und sie verwechseln diese, wie es heute Mode ist, mit der „immateriellen Arbeit“, also dem „empirischen Abstraktwerden der Arbeit“ (vgl. Kurz: Die verlorene Ehre der Arbeit, <em>Krisis</em> 10): „Die Computerisierung der Produktion verschiebt die Arbeit in Richtung abstrakte Arbeit“ (S. 304). Zwischen konkreter und abstrakter Arbeit wird nicht unterschieden, und das Werteschaffen der konkreten Arbeit zugeschrieben: „Arbeit erscheint schlicht und einfach als <em>die Macht zu handeln</em> [...] Wir können somit die virtuelle Arbeitskraft als eine Macht der Selbstverwertung definieren, die über sich selbst hinausreicht, auf den anderen überfließt und dadurch eine expansive Gemeinsamkeit ausbildet“ (S. 365 f.). Dank dem „General Intellect“ (einer den <em>Grundrissen</em> entlehnten Kategorie) verwirkliche sich der Wert von Arbeit „von einer neuen universellen und konkreten Arbeitskraft mittels Aneignung und freiem Gebrauch der neuen Produktivkräfte [...] Arbeit wird zunehmend immateriell und schöpft ihren Wert aus einem einzigen, fortwährenden Innovationsprozeß in der Produktion“ (S. 372 f.).</p>
<p>Die Kooperation, so Negri und Hardt, sei der immateriellen Arbeit völlig immanent, sie trete nicht von außen hinzu. Deshalb könne diese Arbeit sich selbst verwerten und sei kein variables Kapital. „Die Hirne und Körper brauchen auch weiterhin die anderen, um Wert zu produzieren, doch die anderen, die sie brauchen, stellen nicht mehr notwendigerweise das Kapital und seine Fähigkeit, die Produktion zu orchestrieren [...] Indem sie ihre eigenen schöpferischen Energien ausdrückt, stellt die immaterielle Arbeit das Potenzial für eine Art des spontanen und elementaren Kommunismus bereit“ (S. 305). Der Computer mache also den Kommunismus möglich, da sich dank ihm der alte Traum von einer Arbeit verwirkliche, die ohne das Zutun des Kapitals Wert schafft<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup>.</p>
<p>Die „Selbstverwertung, die kooperative Konvergenz der Subjekte und das proletarische Produktionsmanagement“ müßten „zu einer konstituierenden Macht werden“ (S. 417), weil die „kapitalistische Vorgeschichte dann zu Ende“ sei, „wenn soziale und subjektive Kooperation nicht mehr Produkt, sondern Voraussetzung ist“ (S. 374), also die Arbeit das Kapital nicht mehr nötig hat. Natürlich ist die Feststellung richtig, es seien neue Produktivkräfte herangereift, die nicht mehr mit den Produktionsverhältnissen kompatibel sind. Aber das wird nicht auf das Gehäuse von Wert, Arbeit und Geld bezogen – die vielmehr bejaht werden – sondern nur auf die Frage der Eigentumsverhältnisse.</p>
<p>Das Loblied der lebendigen Arbeit zieht natürlich die Vorstellung mit sich, diese werde von der ihr äußerlichen, toten Arbeit ausgebeutet. Negris und Hardts ganzes Manifest für das 21. Jahrhundert beruht auf diesem Urgestein des Traditionsmarxismus. Das Empire sei nur ein Vampir, akkumulierte tote Arbeit, die die lebendige aussauge, eine parasitäre Maschine (S. 75). Damit es weniger marxistisch klingt, wiederholen sie diese Behauptung sofort in der Form, die Menge sei absolute, ontologische Positivität, das Empire hingegen reine Leere, Abwesenheit von Sein und Produktion. Das ist offensichtlich das genaue Gegenteil jeder Fetischismus- oder Entfremdungsanalyse. Auf den Satz: „Ist einmal das globale Niveau erreicht, sieht sich die kapitalistische Entwicklung ohne Vermittlung direkt der Menge gegenüber“ (S. 248) folgt wenige Zeilen weiter die Behauptung: „Kapital und Arbeit stehen sich direkt antagonistisch gegenüber. Das ist die Grundvoraussetzung jeder politischen Theorie des Kommunismus“ (S. 249). Empire und Menge sind also nur Verkleidungen des subjektiv gefaßten Gegensatzes von Arbeit und Kapital.</p>
<p>Dieselben Kräfte, von denen das Empire lebt und die es ausbeutet, bedrohen ständig dessen Existenz: „Das Empire erkennt die Tatsache und zieht daraus Profit, dass die Körper in Kooperation mehr produzieren und in der Gemeinschaft glücklicher sind, aber es muss gegen diese kooperative Autonomie vorgehen und sie kontrollieren, denn andernfalls wird das Empire von ihr zerstört“ (S. 398 f.) Es muß die ihm nötige Subjektivität ständig auf einem für es erträglichen Niveau halten &#8211; womit wir bei der alten Vorstellung angelangt sind, der Kapitalismus sei nicht in der Lage, die Produktivkräfte weiter zu entwickeln. Negri und Hardt sind nicht über Lenins altes Theorem vom „verfaulten Kapitalismus“ hinausgekommen (was bei ihnen unter dem Namen „Korruption“ im Sinn von „Verfall“ fungiert), der nichts mehr schaffe, und vor allem keine Werte mehr, sondern sich auf reine Finanzspekulation verlegt habe: „Dazu gehört, dass die Werte, die sich aus der kollektiven Arbeitskooperation ergeben, ausgebeutet werden und dass das, was im Biopolitischen <em>ab origine</em> öffentlich war, privatisiert wird [...] wenn der Kapitalismus sein Verhältnis zum Wert verliert, (und zwar sowohl als Maß individueller Ausbeutung wie auch als Norm kollektiven Fortschritts), erscheint er unmittelbar als Korruption. Seine zunehmend abstrakte Funktionsweise (von der Akkumulation des Mehrwerts bis hin zur Finanz- und Währungsspekulation) erweist sich als machtvoller Marsch in Richtung generalisierter Korruption“ (S. 397).</p>
<p>Es werden Hardt und Negri zufolge nicht die inneren Widersprüche des Kapitals sein, die dieses in Schwierigkeiten bringen. Der Kapitalismus sei zur Zeit sowieso „auf wundersame Weise gesund und die Akkumulation kräftig wie nie“ (S. 281), so wie es auch immer mehr Arbeit gebe. Für das Kapital, wie für die Moderne überhaupt, sei die Krise „eine normale Voraussetzung, die nicht sein Ende bedeutet, sondern seine Entwicklungsrichtung und sein Prinzip anzeigt“ (S. 234) – Michael Heinrich hätte es auch nicht anders gesagt. Der Begriff der Krise wird ins Allgemeine verwässert durch die Behauptung, daß, da das Empire keinen Ort mehr habe, seine Krise überall sei und seinen Dauerzustand bilde &#8211; aber eben deswegen ist sie auch nirgends und nie da. Es fehlt jede konkrete Krisenanalyse in <em>Empire.</em> Immerhin geben die Verfasser, unter Bezug auf Rosa Luxemburg, zu, daß sich das Kapital aufgrund der Unterkonsumtion ständig nach außen ausdehnen müsse. Andererseits sei das Kapital gezwungen, diese Außenwelt zu integrieren, um den gewonnenen Mehrwert zu kapitalisieren. Die für seine Existenz unverzichtbare Außenwelt müsse es gleichzeitig aufheben, und das sei der „Grundwiderspruch kapitalistischer Expansion“ (S. 239), die deswegen ständig weitergehen müsse. Aber während, wie Negri und Hardt erwähnen, Rosa Luxemburg daraus schlußfolgert, der Widerstand komme von außen (in Negris und Hardts Diktion liest sich das so: er komme von den ***„nichtkapitalistischen Gebrauchswerten der Menge“), kommt er für Lenin aus dem Inneren der Krise der modernen Souveränität – und daran knüpfen unsere Postoperaisten an.</p>
<p>Man dürfe nicht nur die inneren Widersprüche in der Entwicklung des Kapitals betrachten, meinen die Autoren, und in Wirklichkeit betrachten sie die überhaupt nicht. Statt dessen fühlen sie sich viel eher in ihrem Element, wenn sie davon schwadronieren, die „Subjektivität im Klassenkampf verwandelt den Imperialismus zum Empire“ und sei der Motor der Globalisierung (S. 247). Denn darauf läuft ihre Vorstellung von der Überwindung des Empire hinaus. Es sei der Befreiungskampf der Menge selbst gewesen, der das postmoderne Empire an die Stelle des alten Nationalstaats gesetzt habe, und jetzt würde diese Subjektivität der Menge das Empire aufheben. „Die deterritorialisierende Macht der Menge ist die Produktivkraft, die das Empire erhält, und zugleich die Kraft, die nach seiner Zerstörung ruft und diese möglich macht“ (S. 74), heißt es, oder: „Das imperiale Kommando ist vielmehr Ergebnis eines gesellschaftlichen Ausbruchs, der die alten Verhältnisse, welche die Souveränität konstituierten, umgewälzt hat“ (S. 352) oder sogar: „Gleichwohl bildete das Empire ein Ziel, auf das sich das Bestreben und die Bürgertugend [!] der Menge und ihrer Möglichkeiten, Geschichte zu machen, richteten“ (S. 379). Das Empire wäre also nur ein Durchgangsstadium bei der Befreiung der Menge und habe durch die Zerstörung der alten Herrschaftsformen einen Teil von deren Anliegen bereits verwirklicht. Die vor allem in den letzten Jahrzehnten aufgrund des Zusammenbruchs der kapitalistischen Peripherie zahllosen Menschen und ganzen Völkern aufgezwungene „Mobilität“ verwandelt sich in dieser Perspektive zu einer, wenngleich noch etwas unausgereiften, Realisierung des „deterritorialisierenden Wunschs der Menge“. Dieser von Deleuze verkündete „Nomadismus“ ist offenbar einer Art ontologischer Wandertrieb.</p>
<p>Da man den Übergang zum Empire nur schwer als Verbesserung der Lebensbedingungen für den Großteil der Menschheit darstellen kann, Negri und Hardt aus dem Empire aber unbedingt (ganz unteleologisch natürlich) eine Stufe der Selbstfindung der Menschheit machen wollen, verlegen sie sich auf die These, die neuen Bedingungen würden mit dem System unvereinbare Wünsche hervorrufen. Die Bauern zum Beispiel, die Arbeiter werden, seien nicht freier geworden, aber hätten ein neues Bedürfnis nach Freiheit. „Die Mobilität hat &#8230; für das Kapital einen hohen Preis: den wachsenden Wunsch nach Befreiung“ (S. 265), meinen die Autoren optimistisch – aber oft stimmt das Gegenteil: in den Emigrantenkolonien, seien es die der Italiener in Berlin oder die der Pakistaner in London, blühen reaktionäre Ideologien und Verhaltensmuster ganz besonders. „Die Globalisierung der Märkte war, weit entfernt davon, bloß bittere Frucht kapitalistischen Unternehmertums zu sein, tatsächlich Ergebnis des Begehrens und der Forderungen taylorisierter, fordistischer und disziplinierter Arbeitskraft weltweit. In diesem Sinne antizipierten die Prozesse der formellen Subsumtion die reele Subsumtion und ließen sei reifen; letztere waren nicht das Produkt der ersteren (wie Marx zu glauben schien), sondern in den erstgenannten fanden sich Bedingungen der Befreiung und des Kampfes, die nur unter den letztgenannten zu kontrollieren waren“ (S. 267). Wir haben hier also wieder die Vorstellung, die kapitalistische Entwicklung sei nichts als eine parasitäre und repressive Verdrehung dessen, was das Proletariat in seinem Freiheitswunsch spontan von selbst schafft. Explizit heißt es: „<em>Tatsächlich erfindet das Proletariat die gesellschaftlichen Formen und die Formen der Produktion, die das Kapital für die Zukunft zu übernehmen gezwungen ist</em>“ (S. 279; Hervorheb. im Original). Dann ist es durchaus folgerichtig, zu meinen, die US-amerikanische Hegemonie sei der Macht und Kreativität des amerikanischen Proletariats zu verdanken, dessen Kampf für eine neue Lebensform die Entwicklung der immateriellen Arbeit vorangetrieben habe (ebd.). Das Empire ist Hardt und Negri zufolge nicht mit Amerika identisch. Aber Amerika sei von Anfang an der Ort gewesen, an dem sich die imperiale Logik am reinsten entwickelt habe, und zwar in ihrer ganzen Zwiespältigkeit. Deshalbloben die Verfasser die „offene“ amerikanische Verfassung und ihre „Freiheitsidee“ und wollen offenbar zu dieser Quelle zurückkehren. Genauso begeistern sie sich für Roosevelts New Deal: „Im Modell des New Deal [...] gab es zum ersten Mal einen Hinweis auf eine starke Subjektivität, die in Richtung des Empire tendierte“ (S. 254).</p>
<p>Negri und Hardt erkennen den Zusammenhang zwischen den neuen Subjektformen in den Protestbewegungen ab 1968 und der postfordistischen Produktionsweise an, aber sehen diesen Zusammenhang einseitig positiv: die Protestbewegungen lehnten die Massenfabrik und die Kernfamilie ab; sie schätzten hingegen immateriellere Formen der Produktion und setzten auf „Mobilität, Flexibilität, Wissen, Kooperation, Affektivität“ (S. 285). Die Studentenbewegung habe zur Aufwertung der intellektuellen Arbeit beigetragen, der Feminismus zur Aufwertung der affektiven Tätigkeiten im Reproduktionsbereich. Die ökonomische Bedeutung dieser kulturellen Bewegungen sei bis jetzt unterschätzt worden, denn ohne sie hätte das Kapital einfach immer auf dieselbe Weise weitergemacht. Keineswegs habe das Kapital sie hervorgerufen oder seien sie in einer dialektischen Wechselwirkung zwischen den Subjekten und ihrem fetischisierten Zusammenhang entstanden; das Kapital ist in dieser Perspektive nur eine äußerliche Beherrschung dieser offenbar ständig aus einem Urborn hervorquellenden rebellischen Kreativität. „Das Problem des Kapitals bestand vielmehr darin, eine neue Zusammensetzung zu beherrschen, die autonom entstanden war und die ein neues Verhältnis von Natur und Arbeit definierte, ein Verhältnis autonomer Produktion“ (S. 286) und nur die Kapitalformen, die sich an diese neuen Umstände angepaßt haben, blühten heute (S. 286 f.). Dementsprechend originell ist Negris und Hardts Erklärung für den Zusammenbruch der UdSSR: diese „mag &#8230; immer noch in der Lage gewesen sein, mit ihren Gegnern unter militärischen und technologischen Gesichtspunkten Schritt zu halten, doch gelang es dem System nicht, den Wettbewerb auf der Seite der Subjektivitäten durchzustehen“, da die neuen Kommunikationstechniken nur funktionieren, wenn „produktive Subjektivität sie belebt“ (S. 287 f.). Was die Sowjetunion zum Einsturz gebracht habe, sei die Repression dieser neuen Energien gewesen, also des Ansturms auf die Computer.</p>
<p>Mit das Erstaunlichste ist, daß die „Multitude“ und ihre Schöpfungen seit der Renaissance einfach umstandslos positiv bewertet werden und nur die Aneignung ihrer Erfindungen durch das Kapital bzw. das Empire beklagt wird. So sprechen die Autoren von der „Akkumulation expressiver und produktiver Fähigkeiten, welche die Globalisierungsprozesse im Bewusstsein jedes Einzelnen und jeder gesellschaftlichen Gruppe verankert haben“ (S. 225). Die Frage nach dem Inhalt dieser Kreativität taucht nicht einmal am Rande auf. Damit werden implizit Technik und Wissenschaft, so wie sich seit der Renaissance entwickelt haben, und die modernen Produktivkräfte in Bausch und Bogen gutgeheißen. Aber was hat denn der ständig beschworene General Intellect, was hat denn die Intelligenz und Kreativität der Menge in den letzten Jahrzehnten an Glanzvollem geleistet dank der „Konzentration der produktiven Arbeit auf das formbare und fließende Terrain der neuen kommunikativen, biologischen und mechanischen Technologien“ (S. 230)? Hauptsächlich Informatik und Gentechnologie (die im Buch nie erwähnt wird), schrecklichere Waffen und schrecklichere Häuser denn je, Cyberpunk und Trashliteratur, neue Kontrolltechnologien und Kabelfernsehen. Es mag sein, daß diese Erfindungen, ganz abstrakt gesehen, von einem hohen Maß an technischen Kenntnissen zeugen (selbst das jedoch nur bei einer kleinen Minderheit). Aber bereits die Tatsache, daß dieses „Kreativitäts“potential widerstandslos in diese statt in andere Schöpfungen geflossen ist, zeigt, welch tiefes Niveau die wichtigste Produktion, nämlich die der Subjekte selbst, erreicht hat. Die neuen Subjekte haben die warengesellschaftlichen Kriterien völlig verinnerlicht, und ihre Schöpfungen sehen dementsprechend aus. Wenn Negri und Hardt schreiben: „Die Menge benutzt nicht nur Maschinen zur Produktion, sondern wird auch selbst zunehmend zu einer Art Maschine, da die Produktionsmittel immer stärker in die Köpfe und Körper der Menge integriert sind“ (S. 413), kann man dazu nur das sagen, was Marx in einem Manuskript als Kommentar zu einem Zitat schreibt: „Wie scheen“. Fast alles, was der Kapitalismus heute materiell und immateriell erzeugt, ist Schrott. Diesen gälte es abzuschaffen, statt ihn mit dem Geschrei „Das gehört uns“ dem Kapitalismus zu entreißen. Von all dem sehen natürlich Negri und Hardt in ihrer Begeisterung für die schöne neue Welt nichts. Und wenn sie ständig von der Schaffung neuer „Gemeinschaften“ reden, bleibt es rätselhaft, wie diese sich, wenn sie mehr als zufällige Aggregate von Monaden sein sollen, auf der Grundlage von Individuen bilden sollen, die bereits völlig von kapitalistischen Kriterien geformt sind und nie etwas anderes kennengelernt haben.</p>
<p>Ob von einer Ausweitung von Kenntnissen und Fähigkeiten auf immer weitere Bevölkerungskreise überhaupt die Rede sein kann, hängt von der Wahl des Maßstabes ab. Nimmt man als Maßstab die Fähigkeit, Gedichte auswendig zu können oder altgriechisch zu lesen, einen Dialekt wirklich zu sprechen oder einen Stier einfangen zu können, „bibelfest“ zu sein oder ohne Waschpulver ein Hemd sauber zu kriegen, sich an den Sternen zu orientieren oder Hausmusik zu betreiben, dann muß man eher von einem Rückgang der Fähigkeiten sprechen. Bestenfalls ist eine Fähigkeit durch eine andere ersetzt worden. Wer eine heutige Massenintellektualität einem angeblichen früheren Stumpfsinn entgegensetzt, begeht eine tautologische petitio principii und unterstellt, die heute verbreiteten Fertigkeiten seien die wichtigeren.</p>
<p><em>Empire</em> ist offenbar geschrieben, um den neuen Mittelschichten im „kreativen“ Sektor (Informatik, Werbung, Kulturindustrie usw.) und den jungen Rebellen, die noch zu diesen Mittelschichten stoßen wollen, zu schmeicheln und ihnen einzureden, sie seien das neue revolutionäre Subjekt, oder, zeitgemäßer, die Hoffnung der Menschheit. Und natürlich bieten sich die Verfasser von <em>Empire</em> als ihre Wortführer und Vertreter an. Man kann vermuten, daß sich im No-Global-Volk eine Hierachie der Lektüren herausbilden wird: Naomi Kleins <em>No Logos</em> für die ganz Anspruchslosen, Pierre Bourdieu für diejenigen, die etwas mehr zu wissen glauben, und <em>Empire</em> für diejenigen, die sich für Intellektuelle halten.</p>
<p>Vom Postmodernismus wollen Negri und Hardt sich allerdings abgrenzen. Das postmoderne und postkoloniale Bestehen auf Differenz, Flüssigkeit und Hybridisierung bekämpfe die Binaritäten und den Essentialismus der modernen Souveränität, in der es den einzigen Gegner sehe, aber stehe durchaus im Einklang mit den neuen Machtstrategien. „Die Ideologie des Weltmarkts etwa war schon immer der gegen Letztbegründungen und Essenzialismus gerichtete Diskurs schlechthin. Zirkulation, Mobilität, Diversität und Vermischung sind unabdingbar, damit es ihn überhaupt geben kann“ (S. 163). Der Weltmarkt multipliziere die Differenzen und reiße alle festen Schranken nieder, und je differenzierter und hybrider die Bevölkerung ist, desto mehr Marktchancen biete sie. „Der Imperialismus ist eine Maschine globaler Einkerbung, Kanalisierung, Kodierung und Territorialisierung der Kapitalströme, die bestimmte Ströme blockiert und andere möglich macht. Der Weltmarkt braucht hingegen den glatten Raum unkodierter und deterritorialisierter Ströme“ (S. 341); schon deshalb sei die neue Unternehmenskultur gegen Rassismus und Sexismus traditioneller Prägung. Die postmodernen Diskurse seien durchaus marktkompatibel und zögen die Gewinner der Globalisierungsprozesse an, die Fundamentalismen die Verlierer.</p>
<p>Mit dem Postmodernismus teilen Negri und Hardt allerdings die Begeisterung für das Neue und den Haß auf die Erinnerung an frühere Lebensweisen. Das Empire gilt ihnen als eindeutiger geschichtlicher Fortschritt. Keine der früheren Herrschaftsformen, zum Beispiel der Nationalstaat, stelle eine positive Alternative dar. „Das Empire ist also in dem Sinne besser, in dem Marx darauf bestand, dass der Kapitalismus besser sei als die Gesellschaftsformationen und Produktionsweisen, die ihm vorausgingen“ (S. 57): das Befreiungspotential sei in beiden Fällen größer. <em>Empire</em> will sich der Herausforderung des Empire stellen und kritisiert deshalb die Linke von heute, die auf lokale Kämpfe und auf soziale, nationale und regionale Identitäten setze. Die Logik dieser Linken sei rein reaktiv, nach dem Schema: „Wenn sich kapitalistische Herrschaft zunehmend globalisiert, dann muß der Widerstand dagegen das Lokale verteidigen und Barrieren gegen die beschleunigten Ströme des Kapitals errichten“ (S. 58). Das sei laut den beiden Professoren schon deshalb falsch, weil die Globalisierung nicht nur homogenisiere, sondern gleichzeitig auch Differenzierungen und Identifizierungen schaffe. Die lokalen Realitäten stünden nicht außerhalb der Kapitalflüsse und des Empire; ihre Verteidigung verneine deshalb die Befreiungsmöglichkeiten <em>innerhalb</em> des Empire. „Aus einer Perspektive betrachtet, die sich auf die Tätigkeit der Menge, die Produktion von Subjektivität und Begehren konzentriert, läßt sich erkennen, wie die Globalisierung, da sie eine Deterritorialisierung früherer Ausbeutungs- und Herrschaftsformen bewirkt, für die Menge zur tatsächlichen Bedingung der Befreiung wird.“ (S. 65). Dieser Freiheitswunsch habe den Nationalstaat zertrümmert und den Übergang zum Empire bestimmt. „Der Übergang zum Empire und die damit verbundenen Globalisierungsprozesse bieten neue Möglichkeiten der Befreiung [...] Im schöpferischen Vermögen der <em>Multitude</em>, der Menge, die das Empire trägt, liegt gleichermaßen die Fähigkeit, ein Gegen-Empire aufzubauen, den weltweiten Strömen und Austauschverhältnissen eine andere politische Gestalt zu geben“ (S. 13). Die Menge und das Empire sind also gewissermaßen dasselbe, oder letzteres ist die pervertierte Form von ersterem. Im Grunde soll die Menge das von ihr sowieso schon in Wirklichkeit konstituierte Empire auch offiziell übernehmen, so wie für die Marxisten der Zweiten Internationalen das Proletariat die bereits als direkte Vorläufer des gesellschaftlichen Eigentums verstandenen Großbetriebe und Aktiengesellschaften übernehmen sollte. Allerdings ist das in <em>Empire </em>nicht mehr im Sinne einer Machtübernahme gedacht, sondern als ein Auszug, eine Flucht aus den Strukturen des Empire: „Während im Zeitalter der Disziplin <em>Sabotage</em> als Grundform von Widerstand galt, ist es im Zeitalter imperialer Kontrolle die <em>Desertion</em>“ (S. 224). Heute greifen, so behaupten Hardt und Negri, alle Kämpfe, auch wenn sie lokal verankert sind, das Empire als solches an, da es kein Zentrum und keine Peripherie mehr gebe. Sie seien gleichzeitig politisch, ökonomisch und kulturell und schüfen neue öffentliche Räume und Formen der Gemeinschaft. Die verschiedenen Kämpfe auf der Welt seien nicht horizontal verbunden, wie im Zeitalter des Internationalismus, „sondern jeder einzelne reicht vertikal direkt ins virtuelle Zentrum des Empire“ (S. 71), das von überallher angegriffen werden könne. Ohne diese Angriffe würde es gar keine Globalisierung geben.</p>
<p>Mit dem Übergang zum Empire verschwinde zwar angeblich die Autonomie des Politischen (nicht die Politik als solche); trotzdem bleibt aber für Negri und Hardt die „Wirtschaft“ eine Sondersphäre, die politischen Eingriffen guter und schlechter Art zugängig sei. Die ökonomischen Beziehungen sind für sie nur Teil „politischer Herrschafts- und Machtbeziehungen“ (S. 240). Das Geld beruhe einzig und allein auf den politischen Notwendigkeiten des Empire, ist also in dieser Perspektive nicht der tautologische Selbstzweck der Gesellschaft, sondern ein reines Herrschaftsinstrument: es ist, neben der „Atombombe“ und dem „Äther“ (Beherrschung der Kommunikation), eines der „drei globale(n) und unumschränkte(n) Mittel“, die das „imperiale Kommando besitzt“ (S. 353). Das Herz der imperialen Produktionsweise sei die Kommunikation, und diese läge bereits in Wirklichkeit in den Händen der Menge. Die Kommunikation sei an sich demokratisch, schon deshalb, weil sie völlig deterritorialisiert sei. „Die Kommunikation ist das zentrale Moment, auf dem die Produktionsverhältnisse gründen, sie dirigiert die kapitalistische Entwicklung und transformiert selbst die Produktivkräfte. Diese Dynamik produziert eine extrem offene Situation: Die zentralisierte Macht muß sich hier der Macht produktiver Subjektivitäten stellen, der Macht all jener, die an der interaktiven Produktion der Kommunikation mitwirken“ (S. 355 f.). Denn: „Was die Virtualität der Menge angeht, so wirkt die imperiale Regierung wie eine Schale ohne Kern oder wie ein Parasit“ (S. 367). Die imperiale Regierung sei nicht konstitutiv, sondern rein negativ, sei reine Reaktion auf die virtuelle konstitutive Aktion der Menge. Die neuen Proletarier schaffen bereits alles, nicht mehr mit schwieliger Faust, sondern mit feinem Hirn, und sie müssen nur noch die Regierung übernehmen: „Die Zyklen produktiver Kooperation“ haben „die Arbeitskraft insgesamt in die Lage“ versetzt, „sich selbst an Stelle einer Regierung zu konstituieren“ (S. 358). August Bebel hätte sich über solche Jünger gefreut.</p>
<p>Die große Frage bleibt natürlich: wie wird das geschichtliche Todesurteil über den Kapitalismus vollstreckt werden? Negris und Hardts Antwort ist zumindest originell: durch eine neue Religion, eine Religion des Militantismus: „Widerstand gegen das Empire lässt sich nicht durch ein Projekt leisten, das auf eine begrenzte, lokale Autonomie abzielt [...] Der Globalisierung muß mit Gegen-Globalisierung begegnet werden, dem Empire mit einem Gegen-Empire. In dieser Hinsicht können wir uns von der Vision des Heiligen Augustinus inspirieren lassen, nämlich von seinem gegen das dekadente Römische reich gerichteten Projekt“ (S. 218 f.). Der Begriff des Empire legt den Autoren, obwohl sie den Gedanken historischer Zyklen ablehnen, immer wieder Parallelen zum Untergang des römischen Reichs nahe, und der schließliche Triumph der Menge wird als eine Art Neuauflage des langsamen, aber unaufhaltsamen Siegeszugs des Christentums in der Spätantike gedacht, offenbar mit Negri in der (hübsch postkolonialen) Rolle des afrikanischen Kirchenvaters. Nebenbei sei darauf hingewiesen, daß Sankt Augustin keinesfalls das untergehende römische Reich „bekämpfen“ wollte, sondern dieses als Verwirklichungsbedingung des Christentums auffaßte, und bekanntlich diente das zur Staatsreligion gewordene Christentum als neue Stütze des zerfallenden Empire; keineswegs hat es diesem den Todesstoß versetzt.</p>
<p>Natürlich soll diese neue Religion streng immanent sein, und ein Modell wird gleich in Gestalt der großen amerikanischen Gewerkschaft des Anfangs des 20. Jahrhunderts angeboten: „Unter diesem Gesichtspunkt sind die <em>Industrial Workers of the World</em> (IWW) das große Augustinische Projekt der Moderne“ (S. 219) gewesen – als reelle Gegengemeinschaft, also als „sichtbare Kirche“. Negri und Hardt wollen eine „materielle Religion der Sinne, welche die Menge von jedem Rest souveräner Macht und jedem ‚langen Arm’ des Empire scheidet“ (S. 403) und deren erste Schritte ein Weltbürgerrecht und ein Bürgereinkommen für alle seien<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup>. Auf der letzen Seite singen sie dann ein Loblied auf die Figur des Militanten, dessen perfekte Figur Franz von Assisi sei.</p>
<p>Wem das noch nicht genug ist, der sei hier auf die historische Rolle der Bettelorden verwiesen: im Mittelalter drückte sich das Unbehagen an den gesellschaftlichen Zuständen bekanntlich in religiöser Gestalt aus. Zu deren wichtigsten Formen gehörte die Forderung nach apostolischer Armut der Kirche. Diese Forderung brachte die real existierende Kirche in arge Bedrängnis, und da die Repression allein nicht ausreichte, erlaubte die Kirche schließlich die Einrichtung des Franziskanerordens. Dieser griff eigentlich ketzerische Themen wie das Armutsgebot auf, aber verband sie mit gleichzeitiger Unterwerfung unter die Kirche. So wurde schließlich dieses subversive Verlangen in für die herrschenden Mächte ungefährliche Bahnen gelenkt. Die Franziskaner sollten die verirrten Schafe auf dem sanften Weg wieder in den Schoß der Kirche bringen, so wie der gleichzeitig gegründete Orden der Dominikaner, der später mit der Inquisition beauftragt wurde, sie notfalls mit Gewalt dahin führen sollte. Wer weiß, warum der Heilige Franziskus jetzt das letzte Wort einer Gesellschaftskritik ist, die radikale Losungen mit einer Lobpreisung der Substanz der gegenwärtigen Weltordnung verbindet.</p>
<p>Das Buch ist endlos lang und voller Wiederholungen und Abwandlungen derselben Themen. Deshalb schließen wir mit Morgenstern: „Und in ebensoviel Sätzen / Läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen“.</p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1</a>1995 waren 71 % der „Erwerbstätigen“ in China, 62 % in Indien, 53 % in Indonesien, 48 % in Pakistan und 62 % in Bangladesh in der Landwirtschaft beschäftigt; in diesen fünf Ländern lebt fast die Hälfte der Menschheit (Calendario Atlante De Agostini, 1998)</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2</a> In Wirklichkeit war diese Krise weder das eine noch das andere, sondern ein Teil des nichtzyklischen Ausbrennens der Wertmasse.</p>
<p><a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">3</a>So äußerten sich Hardt und Negri in einem früheren gemeinsamen Werk namens <em>Die Arbeit des Dionysos</em> : „Doch Arbeit, wie wir sie meinen, muss auf einer anderen Ebene begriffen werden, in einer anderen Zeitlichkeit. Die lebendige Arbeit (re)produziert das Leben und die Gesellschaft in einer Zeit, die eine vom Arbeitstag auferlegte Einteilung durchkreuzt, die zugleich innerhalb und außerhalb der Gefängniszellen des kapitalistischen Arbeitstags und seines Lohnverhältnisses liegt, zugleich im Reich der Arbeit und der Nicht-Arbeit. Einer Aussaat unter dem Schnee vergleichbar, ist das lebendige Vermögen immer schon in den dynamischen Netzwerken sozialer Kooperation aktiv, in der Produktion und Reproduktion der Gesellschaft, die innerhalb und außerhalb der Zeitlichkeit verläuft, die das Kapital auferlegt. Dionysos ist der Gott der lebendigen Arbeit, schöpferische Kraft ihrer eigenen Zeit. Im Verlaufe unserer Untersuchungen werden wir unser Augenmerk darauf richten, was an Praxis sich entwickelt und an Theorie wirkt, wenn es dem Kapital gelingt, die wilden Energien der lebendigen Arbeit zu bändigen und zu zäumen, um sie im Arbeitsprozeß einzuspannen.“ S.5 &#8211; GENAUER TITEL USW.</p>
<p><a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">4</a>In einem Artikel spricht Negri tatsächlich unverhohlen davon, bei den Demonstrationen in Genua im Juli 2001 habe sich ein neues Proletariat gezeigt „oder, wie man heute sagt, eine Menge, eine Menge mit kurzen Haaren und dem PC im Gepäck (der PC als autonome Arbeitsfähigkeit, als ins Hirn integriertes Werkzeug, ohne einen Chef nötig zu haben, der es im Austausch zur Arbeit verleiht)“ („Ainsi commença la chute de l&#8217;Empire“, <em>Multitudes</em> Nr. 7, S. 17). Hier wird ganz deutlich, daß Negri den neuen Elendsunternehmern einreden will, ihre „selbständige Arbeit“ sei eine wirkliche Freiheit &#8211; die neoliberale Propaganda tut genau dasselbe.</p>
<p><a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">5</a>Ein Lob der Religion und der No-Global-Priester findet sich auch in dem erwähnten Artikel Negris in <em>Multitude.</em></p>
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		<title>Antikapitalistisches Frühlingserwachen?</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Globalisierungskritik zwischen Krisenverwaltung und Emanzipation]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Globalisierungskritik zwischen Krisenverwaltung und Emanzipation</h3>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>1.</p>
<p>Der Kontrast könnte kaum schärfer ausfallen. Seit einem Vierteljahrhundert befindet sich die Linke weltweit in der Defensive und im Niedergang. Auf den Zusammenbruch des Realsozialismus folgte die völlige Marginalisierung antikapitalistischer Vorstellungen in den 90er Jahren. Pünktlich zum Jahrtausendwechsel aber scheint sich eine Trendwende anzudeuten. Was mit den Protesten gegen das MAI-Abkommen in Seattle begonnen hatte, erreichte nach der „chilenischen Nacht“ von Genua im Juni 2001 einen ersten Höhepunkt. Eben stand der Zeitgeist noch auf Kapitalismus pur und jedes Infragestellen der Marktimperative galt ihm als so abwegig wie eine Polemik gegen die Schwerkraft und ihre Folgen; plötzlich macht sich Argwohn gegenüber der Diktatur der reinen Marktlogik breit. Der im Gefolge der neoliberalen Revolution triumphierende Sozialdarwinismus neuer, individualisierter Prägung rückt in die Schusslinie. Die Idee der Emanzipation ist gar nicht so mausetot, wie es den Anschein hatte.</p>
<p><span id="more-558"></span>Der junge Protest &#8211; nach der langen gesellschaftskritischen Dürreperiode kann das kaum überraschen &#8211; berauscht sich erst einmal an sich selber. Sandro Mezzadra und Fabio Raimondi stehen im globalisierungskritischen Spektrum alles andere als allein, wenn sie Seattle und Genua nicht nur als eine Art Frühlingserwachen angesichts einer in „Zynismus, Opportunismus und Angst“ erstarrten gesellschaftlichen Atmosphäre interpretieren, sondern das Aufbegehren gleich in den Rang einer „Bewegung der Bewegungen“<sup> <a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup> erheben. Aber auch die offizielle Presse gibt sich auffallend überschwänglich. Die Gegendemonstrationen zum G8-Schaulaufen in Genua firmierten im „Spiegel“als die „erste soziale Bewegung der Postmoderne“. „Die Woche“ setzte noch eins drauf und malte gleich die Perspektive einer „globalen Revolte“ an die Wand. Nur die hiesige radikale Linke zeigte sich weniger euphorisch. Die Septemberausgabe von „Konkret“ titelte zwar auch „Genua: die neue APO“, die Herausgeber vergaßen allerdings nicht, hinter diese Schlagzeile ein Fragezeichen zu setzen.</p>
<p>Der Enthusiasmus hat durchaus ein berechtigtes Moment. Niemand kann absehen, was aus dem oppositionellen Impetus wird. Vielleicht bleibt es bei einem folgenlosen Aufblitzen emanzipativer Energien, vielleicht wird der Globalisierungsprotest einmal als Beginn der Neuformierung von Systemopposition in die Geschichte eingehen. Eins aber ist doch spürbar: Mitten im Zeitalter des Remakes regt sich etwas mit historisch vorbildlosen Qualitäten. Eine neue Generation sucht nach einer neuen Sprache, um ihre Sehnsucht nach einer Weltgesellschaft, die sich nicht den Funktionsmechanismen totaler Konkurrenz fügt, auszudrücken und zu leben. Das Timbre ihres Protests hebt sich in mehrerlei Hinsicht ausgesprochen angenehm von der politischen Opposition vergangener Tage ab.</p>
<p>Zunächst einmal sticht am globalisierungskritischen Impuls dessen zutiefst unideologischer Grundzug ins Auge. Die offizielle Politik predigt seit Jahr und Tag Ideologielosigkeit, um unter dem Deckmäntelchen des „Pragmatismus“ die völlige Subsumtion der Gesellschaft unter die als selbstverständlich unterstellten Basisideologeme von Arbeit und Markt zu betreiben. Im Antiglobalisierungsprotest nimmt der antiideologische Anspruch eine unverhoffte Wendung. Er gewinnt eine gegen die Marktdiktatur gerichtete Spitze. Die Globalisierungskritiker propagieren nicht die Verwirklichung irgendwelcher Gesellschaftsmodelle; ihr Augenmerk richtet sich vielmehr auf die realen Zerstörungsprozesse, und es geht ihnen um greifbare Verbesserungen der Lebensbedingungen auf diesem Planeten. Damit orientieren sie sich aber genau auf das, was sich mit der kapitalistischen Logik partout nicht mehr zur Deckung bringen lässt.</p>
<p>Das Emanzipationsdenken des 19. und 20. Jahrhunderts setzte den nationalstaatlichen Binnenraum als selbstverständlichen praktischen Bezugsrahmen stets voraus. Das internationalistische Bekenntnis<strong><sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup></strong> bildete lediglich eine Art ideologisches Dach und internationale Solidarität war kaum etwas anderes als ein hochtrabender moralischer Anspruch. Der Antiglobalisierungsprotest dagegen ist von vornherein transnational angelegt. Die Gemeinsamkeit der Globalisierungskritiker aller Länder entspringt weniger der gleichen ideologischen Orientierung, sie liegt vielmehr unmittelbar im Versuch begründet, die Widersprüche der globalen Warengesellschaft emanzipativ aufzulösen – und mag er zunächst einmal noch so diffus bleiben. Wer am Primat der Konkurrenzlogik auch nur kratzen will, kann das nicht, ohne mit dem Prinzip des „Standortwettbewerbs“ zu brechen. Nicht weil die Fernstenliebe triumphiert, zielt die Idee der Befreiung in ihrer globalisierungskritischen Reformulierung auf den planetaren Kontext, sondern weil das große falsche Ganze längst in jedem Provinzproblem handgreiflich mitpräsent ist. Der unemphatische Transnationalismus der Globalisierungskritik ist mehr als nur der Reflex des Internetzeitalters, das länderübergreifende unmittelbare informationstechnische Vernetzung zur Selbstverständlichkeit gemacht hat. Er steht für das instinktive Wissen darum, dass heute nur die Wahl bleibt, die herrschende (Exklusions-)Logik als solche anzugreifen oder sie zu exekutieren und damit jeden emanzipativen Anspruch sofort in sein Gegenteil zu verkehren.</p>
<p>Frühere soziale Bewegungen wollten dem Ideal eines einheitlichen Handlungsträgers möglichst nahe kommen und mit einer Stimme sprechen. Vielstimmigkeit war ihnen gleichbedeutend mit Unstimmigkeit und Wirkungslosigkeit. Bestrebt, mit dem staatlich organisierten Kontrahenten von gleich zu gleich zu verhandeln, haben sie beharrlich die politische Form in ihren internen Verhältnissen reproduziert. Dementsprechend lief die Organisierung von Opposition in der Tendenz darauf hinaus, ihren Binnenbeziehungen die Form hierarchischer Unterordnungsverhältnisse zu geben. Dem neuen Protest sind sowohl nach außen alle Demiurgenphantasien fremd als auch deren Pedant, Gleichschaltungs- und identitärer Ausgrenzungszwang nach innen. Die Einkleidungen, in denen diese Grundhaltung daherkommt, mögen über weite Strecken dubios sein. Das Mindeste, was an den vom Antiglobalisierungsprotest zur Selbstcharakterisierung bemühten Begriffen wie Multitude und Zivilgesellschaft kritisiert werden muss, ist deren Unschärfe. Statt die Kategorie des Politischen selber zu problematisieren, begnügen sich die Vordenker des Protests in den Fußstapfen der 68er Bewegung mit ihrer Entleerung durch sinnlose Ausweitungen. Alles gilt ihnen im Zweifelsfall als politisch. Und doch hat der Antiglobalisierungsprotest einen neuen Horizont eröffnet: die seit den Tagen der Aufklärung beständig reproduzierte Vorstellung, Befreiung wäre nur als das Werk eines politisch organisierten Einheitssubjekts denkbar, ist endlich aufgesprengt.</p>
<p>2.</p>
<p>Das Augenmerk auf diese für das globalisierungskritische Spektrum charakteristischen Merkmale zu richten, heißt freilich noch lange nicht, in Euphorie zu verfallen. Gerade die vorwärtstreibenden Momente der neuen Opposition sind nämlich auch geeignet, erst einmal ihrer Entschärfung und Integration Vorschub zu leisten.</p>
<p>Schon die Umarmungsbereitschaft, mit der das Gros der medialen Öffentlichkeit und die offizielle Politik dem Protest begegnen, sollte zu denken geben. Allerdings nicht nur in dem offensichtlichen Sinn, dass eine wirklich radikale Opposition schwerlich mit so viel freundlicher Anteilnahme rechnen könnte, und insofern die übersteigerte Gegenliebe<strong><sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup></strong> Zweifel an der gesellschaftskritischen Eindeutigkeit des Antiglobalisierungsprotests nahe legt. Indem das herrschende Bewusstsein und die Regierungen den Protest bereitwillig anerkennen, sind sie drauf und dran, das Mehrdeutige und Vielstimmige der neuen Opposition in ihrem Sinne zu überspielen. Im Zeichen demonstrativer Dialogbereitschaft – und das ist das eigentlich Bemerkenswerte – definieren Politik und mediale Wahrnehmung von sich aus die Trennungslinie zwischen dem „berechtigten Anliegen“ des Protests einerseits und seinem „irrationalen Beiwerk“ andererseits. Der Antiglobalisierungsprotest sperrt sich der Subsumtion unter eine Einheitsposition vorderhand nur, um, vermittelt über die Außenwahrnehmung, auf die mit dem herrschenden Diskurs kompatiblen Elemente reduziert zu werden. Bei keiner oppositionellen Strömung der Vergangenheit haben mediale Meinungsproduktion und Politik in einem vergleichbaren Maß darüber mitbestimmt, wer zum legitimen Sprecher des Protests erhoben wird und wer als Verbalradikaler der öffentlichen Nichtwahrnehmung verfällt.</p>
<p>Nimmt der Protest selber die geschenkte Anerkennung schon als Erfolg, dann können sich die bereitwilligen Diskurs-Freundlichkeiten und die Blitzkarrieren der von offizieller Politik und Ideologieproduktion auserkorenen Dialogpartner sehr schnell als Falle erweisen. Für das Protestspektrum stünde dringend eine offene Diskussion über seine Ziele und Konzepte an. Die politisch mediale Inszenierung, die Ernennung von Pseudo-Bewegungsrepräsentanten, die sich als handzahme Stichwortnehmer und -geber deren Logik unterwerfen, droht aber, diesen Prozess abzuwürgen, bevor er so recht in Gang kommt.</p>
<p>Am deutlichsten, weil platt über die Finanzierungsfrage vermittelt, wird wohl bei den mit dem Antiglobalisierungsprotest verbandelten NGO-Projekten sichtbar, wie die offizielle Anerkennung das Abdriften einleiten kann. Wo der Sog einer breiteren sozialen Bewegung ebenso fehlt wie eine klare programmatische Orientierung, reicht meist schon die Aussicht auf staatliche Unterstützung, um die berühmte Schere im eigenen Kopf zu installieren. Offizielle Anerkennung kombiniert mit Geldscheinrascheln lehrt, Schritt für Schritt „selbstverantwortlich“ &#8211; also in vorauseilendem Gehorsam &#8211; im Sinne der herrschenden Logik zu entscheiden, was als praktikable Zielvorgabe zu betrachten ist und was nicht. Insbesondere bei den Initiativen im entwicklungspolitischen Bereich, die mit UN-Geldern operieren, tritt das überdeutlich hervor. Die gleiche Vereinnahmungslogik setzt sich aber auch dort durch, wo es um die Teilnahmeberechtigung am großen offiziösen Diskurs geht.</p>
<p>Anders als die antikapitalistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts versteht sich der Antiglobalisierungsprotest als unideologisch und es drängt ihn nicht dazu, allen Widerstand zwanghaft auf eine Linie zu bringen. Diese potentielle Stärke geht in seiner heutigen Verfasstheit freilich fließend in eklatante Schwäche über. Als Drang, die realen Zusammenhänge im globalen Kapitalismus ohne die fadenscheinig gewordenen Deckideologien der Moderne ins Auge zu fassen, ist der antiideologische Affekt für die Formierung eines neuen antikapitalistischen Bewusstseins ein integrales Moment; hinter ihm kann sich aber auch pure Denkfaulheit und das systematische <em>Ausblenden </em>des gesellschaftlichen Formzusammenhangs verbergen. Der Widerwille gegen Ideologie lässt sich von der herrschenden Form der Ideologieproduktion überhaupt nicht mehr unterscheiden, wo das Streben nach Anschlussfähigkeit an den offiziellen Diskurs die Frage nach den konkreten Lebensbedingungen als Kriterium für Realitätstauglichkeit verdrängt &#8211; eine im Zeitalter der medial vermittelten Ausblendung nicht nur theoretische Gefahr. Dem marktdiktatorischen Gleichschaltungszwang kann per se nur eine Strömung den Kampf ansagen, die Differenzen in den eigenen Reihen ihrerseits nicht gleich als Bedrohung versteht. Im Zeichen des Anything goes, des beliebigen Nebeneinanders unvereinbarer Positionen, läuft der Verzicht auf eine oppositionelle Selbstdefinition auf nichts anderes als auf Fremdbestimmung durch den Markt der Meinungen und die Vorgaben der offiziellen Politik hinaus. Das Ringen um Autonomie wird zur Farce, wo eine klare Kapitalismusanalyse als sekundär gilt und die Frontstellung zur herrschenden Ideologie unscharf bleibt. Die bewusste Abkehr von der Vorstellung des politischen Einheitssubjekts, macht weder Verbindlichkeit und Kohärenz überflüssig noch die klare Abgrenzung des kritischen vom herrschenden Bewusstsein. Eine radikal gesellschaftskritische Strömung kann sich nur formieren, indem sie beides in einer gegenüber dem alten Subjektmodus veränderten Weise herstellt. An die Stelle der für die antikapitalistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts charakteristischen, abstrakt-allgemein bleibenden Gemeinsamkeit, an die Stelle des Bekenntnisses zu irgendwelchen positiven, für alle verbindlichen hehren sozialistischen Prinzipien müsste so etwas wie eine negative konkrete Allgemeinheit rücken. Nur die gemeinsame Frontstellung gegen die Zwangssubsumtion unter die Konkurrenz- und Herrschaftslogik von Markt und Politik, die überall nach ähnlichem Muster destruktive Resultate zeitigt, wäre geeignet, einen verbindlichen Bezugsrahmen zu stiften.</p>
<p>Von einer solchen Auflösung ist der Antiglobalisierungsprotest in seiner heutigen Gestalt weit entfernt. Stattdessen kennzeichnet ihn ein hohes Maß an Beliebigkeit. Paradoxerweise ist die Nähe des Antiglobalisierungsprotestes zur herrschenden Ideologie der Ideologielosigkeit und zum Anything goes untrennbar mit einer ganz spezifischen inhaltlichen Engführung verbunden. Allein die Verkürzung von Globalisierungskritik auf Neoliberalismuskritik erlaubt es, unvereinbare Motive unter einem Dach zusammenzubringen. In der globalisierungskritischen Gemengelage sind sozialromantische Motive ebenso anzutreffen wie staatsfromme; in der Idee zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation und im NGO-Kult kreuzt sich das neoliberale Programm der Selbstunterwerfung unter den Markt mit dem Versuch, Räume autonomer, vom Wertverwertungsdiktat befreiter sozialer Reproduktion zu erkämpfen; antikapitalistisch-emanzipatorische Ziele vermengen sich mit Vorstellungen, die kompatibel mit offen reaktionären Ideologien sind; über die im Antiglobalisierungsspektrum weit verbreitete einseitige Kritik des Finanzkapitals besteht sogar eine nicht immer nur untergründig bleibende Anschlussfähigkeit an die Wahngebäude des Antisemitismus. Das einzige, was sie diese auseinanderstrebenden Motive zusammenhält, ist die gemeinsame Frontstellung gegen den Neoliberalismus.</p>
<p>Gerade die um Vereinnahmung bemühten Kräfte feiern das auf die Straße getragene Unbehagen am Globalisierungsprozess gerne als soziale Bewegung. Versteht man diese Klassifizierung emphatisch und unterstellt, der Antiglobalisierungsprotest sei im gleichen Sinne eine soziale Bewegung wie einst die Arbeiterbewegung, die Ökologiebewegung oder die Frauenbewegung, dann führt sie gründlich in die Irre. Dem Antiglobalisierungsprotest mangelt es dafür an Kohärenz und es fehlen die programmatischen Orientierungspunkte, die in der Lage wären einen weitergehenden Konsens herzustellen. Das Attribut soziale Bewegung verdient der Antiglobalisierungsprotest bestenfalls in der Weise wie die Ein-Punkt-Bewegungen der 70er und 80er Jahre. Der Antiglobalisierungsprotest funktioniert als eine Art Ein-Punkt-Bewegung gegen den Neoliberalismus und damit ausgerechnet in einem Modus, der prinzipiell in keiner Weise zu der universellen Reichweite des historischen Prozesses passen will, gegen den er sich wendet; mehr noch, es ist absehbar, dass sich die einseitige Frontstellung gegen den Neoliberalismus als unhaltbar erweisen muss und die Gegensätze innerhalb des Protestspektrums damit unüberbrückbar werden. Radikale Gesellschaftskritik hat den Antiglobalisierungsprotest nicht deshalb ernst zu nehmen und als Bezugspunkt zu sehen, weil ihm in der heutigen Gestalt eine lange Zukunft beschieden sein wird. Die Auseinandersetzung ist wichtig, weil sich mit der absehbaren Zersetzung des Anti-Neoliberalismusprotests etwas Neues formieren könnte.</p>
<p>3.</p>
<p>Das Aufkommen des Antiglobalisierungsprotests fällt mit tiefgreifenden Umbrüchen im Gefüge des postfordistischen Kapitalismus zusammen. Die globale Weltmarktgesellschaft tritt gerade in eine neue Phase ihrer Entwicklung ein. Während des langen kasinokapitalistischen Booms der 90er hatte es den Anschein, die neoliberale Rechnung würde aufgehen. Die Dynamik privater Verwertung fiktiven Kapitals sorgte nicht nur für hohe Wachstumsziffern bei niedrigen Inflationsraten, auch die beständige Ausdehnung der staatlichen Haushaltsdefizite schien der Vergangenheit anzugehören. Die USA konnten auf dem Höhepunkt des Aktien-Rauschs sogar Haushaltsüberschüsse ausweisen, weil dort der Fiskus direkt an den Spekulationsgewinnen partizipierte. Dank der Erlöse aus dem Verkauf der UMTS-Lizenzen überstiegen selbst in der Bundesrepublik im Jahr 2000 die staatlichen Einnahmen die Ausgaben deutlich. Im Plus war der Bundeshaushalt schon 40 Jahre lang nicht mehr gewesen. Diese Entwicklung, die Deregulierungs- und Entstaatlichungsphantasien noch einmal ins Kraut schießen ließ, fand allerdings in der Zwischenzeit ein jähes Ende. Mit dem Absturz der New-Economy vollzog sich insbesondere im kapitalistischen Allerheiligsten, in den USA, jener Paradigmenwechsel, der sich schon anlässlich der Asienkrise angedeutet hatte. Der drohende Absturz der Weltwirtschaft ist nur mehr durch den Übergang zu einem merkwürdigen Mischsystem aus etatistischen und marktradikalen Elementen und Mechanismen zu verhindern bzw. hinauszuschieben. Reregulierungsphantasien und der Versuch, den Staat als zusätzliche Konjunkturlokomotive vor den ins Zurückrollen geratenen Wachstumszug zu spannen, treten an die Stelle der welken neoliberalen Blütenträume. Massives Deficit-Spending und eine extrem expansive Geldpolitik, ablesbar am Zinssenkungsstakkato der US-Zentralbank, sollen der anstehenden weiteren Entwertung der aufakkumulierten fiktiven Werte gegensteuern und verhindern, dass die Misere des Finanzüberbaus die Realwirtschaft zum Erliegen bringt. Um das neoliberale Projekt über die Runden zu retten, bleibt den Administratoren des globalen Kapitalismus nur noch der Griff in die keynesianische Instrumentenkiste.</p>
<p>Im Übergang zur prekären börsenkeynesianischen Notstandsverwaltung fällt dem Aufbegehren gegen die Zumutungen eines entfesselten Kapitalismus eine transitorische Rolle zu. Indem die offizielle Politik und ihre medialen Stichwortgeber den Dialog mit dem mehrdeutigen Protest der Globalisierungskritiker konsequent auf die Einbindung der dort aktiven staatsillusionären Konzeptchen-Macher reduziert, kann sie ihn für sich funktionalisieren. Für das Establishment ergibt sich eine Art diskursstrategischer Glücksfall: es wird im freien Meinungsaustausch mit den Sprechern der „Zivilgesellschaft“ genau dahin gedrängt, wo es sowieso hinstrebt, zur Wiederentdeckung des Keynesianismus unter gründlich veränderten Bedingungen.</p>
<p>Die im globalisierungskritischen Spektrum gehandelten Konzepte taugen als solche freilich kaum als praktische Handlungsanweisungen im globalen Krisenmanagement. Die Karriere, die derzeit die vielbemühte Forderung nach der Abschöpfung von Spekulationsgewinnen durch den Staat (Tobinsteuer) macht, hat angesichts der realen Problemlage im Gegenteil schon etwas Irrwitziges. In dem Augenblick, da sich die staatlichen Bemühungen darauf konzentrieren, die private Reichrechen-Logik um jeden Preis dadurch noch einmal in Gang zu bringen, dass massenhaft Liquidität in die Finanzmärkte gepumpt wird, schwadroniert die linkskeynesianisch inspirierte Globalisierungskritik von deren Eindämmung. In dem Moment, da Wirtschafts- und Geldpolitik sich darauf reduziert und reduzieren muss, die notleidenden Aktienkurse fürderhin um jeden Preis zu stützen, soll sie zum Wohle der Gesellschaft auf Gewinne zugreifen, die jetzt und künftig nicht mehr gemacht werden.</p>
<p>Die in die Vorstellung eines neuen „Gesellschaftsvertrages“ (Wolman/Colamosca) hineingelegten menschenfreundlichen Absichten dürften insgesamt an der Krisenrealität zuschanden werden. Die auf die Propagierung von Staats-Interventionismus verkürzte Globalisierungskritik braucht aber gar keine praktischen Erfolge, um beim Paradigmenwechsel im offiziösen Diskurs ihren Part zu spielen. Auch und gerade wo sie sich blamiert, verleiht sie einem neuen wirtschaftspolitischen Regime, das den ideologischen Gegensatz von Neoliberalismus und Etatismus hinter sich lässt, eine zusätzliche basisdemokratische Legitimation.</p>
<p>Das Zusammenspiel von offiziöser Politik und den medial gesalbten Vertretern des Protestes gestaltet sich in diesem Sinne heute am intensivsten in Frankreich. Seit Mai 2001 sind Treffen zwischen dem Attac Präsidenten Bernard Cassen und dem Kabinettsdirektor von Lionel Jospin, Olivier Schrameck zur ständigen Einrichtung geworden. Man kann nicht gerade behaupten, dass sie ohne entsprechendes Ergebnis geblieben wären. Der amtierenden sozialistischen Regierung ist eine Art neuer außerparlamentarischer Arm gewachsen, und der Antiglobalisierungsprotest ist, soweit er nicht energisch und sichtbar zu einigen Wortführern auf Distanz geht, strenggenommen schon am Ende seines Weges angelangt. Was soll eine außerparlamentarische Opposition gegen die Entwicklung in Europa eigentlich noch vorbringen, wenn deren hofierter Sprecher Cassen es mittlerweile fertig bringt, das Deficit-Spending der Bush-Administration mit den Worten zu lobpreisen „nie war Bush näher an Attac als heute“ („Die Zeit“ 18.10.01). An welchem Punkt will Attac eine klare Frontstellung gegen die offizielle Ordnungspolitik formulieren, wenn man bereits die Versuche der USA, die Geldversorgung von AL Quaida zu stören, als ersten wichtigen Schritt in Richtung „stärkere Kontrolle weltweiter Finanztransaktionen“ abfeiert.</p>
<p>Im Laufe der Durchsetzungsgeschichte der Warengesellschaft wurden immer wieder Emanzipationsbewegungen mit entschieden systemoppositionellem Anspruch als Wegbereiter neuer Entwicklungsschübe historisch wirksam. Von der alten Arbeiterbewegung bis zur studentischen Revolte der 60er Jahre haben sie letztlich dem zum Durchbruch verholfen, was den Erfordernissen warengesellschaftlicher Modernisierung entsprach. Weil die antikapitalistisch gesinnten Protagonisten den nächsten energischen Schritt hin zur Verallgemeinerung der Warenform beharrlich mit der drohenden Aufhebung kapitalistischer Herrschaft verwechselten, konnten sie ihre immanent vorwärtstreibende Rolle nur gegen den erbitterten Widerstand der Verteidiger des Status quo spielen, die der gleichen Täuschung aufsaßen. Die mühsam erkämpfte Anerkennung als legitime soziale Bewegung markierte dann jeweils den Punkt, an dem die linke Opposition vom Outlaw zum Teil der reorganisierten warengesellschaftlichen Ordnung mutierte und ihre überschüssigen Momente abzustreifen begann.</p>
<p>Das Schicksal, das den Antiglobalisierungsprotest zu ereilen droht, erinnert an dieses vertraute Muster – und gleichzeitig weicht es ganz entscheidend davon ab. Der Unterschied von bereitwillig vorauseilender und zähneknirschender später Anerkennung lässt sich zunächst einmal auf den regressiven Charakter der sich gerade anbahnenden Veränderungen im kapitalistischen Weltsystem beziehen. Die Neuakzentuierung politischer Regulation, die der Antiglobalisierungsprozess mit legitimiert, gehört schon zu den Reaktionsbildungen auf den Niedergang der Warengesellschaft, auf den Verlust ihrer Fähigkeit zur gesellschaftlichen Integration im Zeichen der Wertverwertung. Der nostalgische Rekurs auf eine bereits abgeschlossene Epoche öffnet keinen neuen Entwicklungshorizont, er ist beim besten Willen nicht mehr mit einem Hinausgehen über die kapitalistische Ordnung zu verwechseln, wie es bei dem großen, wesentlich aus dem Kampf der Arbeiterbewegung miterwachsenen Etatisierungsschub der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts der Fall war. Zugleich verweist die Bereitwilligkeit, mit der in der Öffentlichkeit ein „neuer Antikapitalismus“ bemüht wird, darauf, dass auch von Seiten des Globalisierungsprotestes die Schwelle zu einer systemoppositionellen Neuformierung noch nicht erreicht ist.</p>
<p>4.</p>
<p>Radikale Gesellschaftskritik würde sich nur selbst hinters Licht führen, wollte sie der Vereinnahmungspolitik von oben ihre eigene entgegensetzen. Mit der taktischen Illusion, der Antiglobalisierungsprotest gehe im Grunde schon in die richtige Richtung, ist dessen realer Ambivalenz nicht abzuhelfen. Noch fataler wäre es allerdings, dem Protest unter umgekehrtem Vorzeichen Eindeutigkeit zuzusprechen, um ihn dann rechts liegen zu lassen. Das Gipfel-Hopping wird sich eher über kurz denn über lang totlaufen; unter den Globalisierungsgegnern tummeln sich Heerscharen von Obskuranten und Sektierer jeder Art; die Notstandsverwalter des globalen Kapitals sind drauf und dran, den Protest für ihre Restrukturierungsversuche nutzbar zu machen. Das alles ändert aber nichts daran, dass der Kampf gegen die Folgen der Globalisierung bis auf Weiteres das zentrale gesellschaftliche Feld bildet, auf dem nach langer Winterstarre überhaupt wieder antikapitalistische Regungen keimen. Das emanzipative Bedürfnis mag im Antiglobalisierungsprotest unter einem Wust halbgarer Vorstellungen begraben sein, es hat im derzeitigen Stadium dennoch dort seinen zentralen gesellschaftlichen Ort.</p>
<p>Positionen mit dezidiert antikapitalistischem Selbstverständnis bestimmen das Bild der Protest-Mélange nur am Rande mit. Das liegt aber nicht daran, dass im Antiglobalisierungsprotest nur die systemfromme Motivlage eines bestimmten Sozialsegments zu sich käme und auch nicht daran, dass sich der Kampf gegen den globalisierten Kapitalismus per se auf Staatsverliebtheit und reaktionäre Impulse reimen würde. Die Beschränktheiten des Protests verweisen vor allem auf die Schwächen und Unzulänglichkeiten dessen, was heute als radikaler Antikapitalismus firmiert. Der emanzipative Impuls muss sich heute zwangsläufig mit gegenläufigen ideologischen Impulsen vermischen, solange er als geistige Anknüpfungspunkte abgesehen vom postmodernen Diskurs nur die Überreste traditioneller, aus der Aufstiegsphase der Warengesellschaft stammender Vorstellungen von Antikapitalismus vorfindet.</p>
<p>Zu den insbesondere in ideologiekritisch orientierten Kreisen verbreiteten Unsitten gehört die Verteilung revolutionärer Haltungsnoten. Die Protest-Mélange wird danach bewertet, ob deren Sprecher einigen, aus den Schriften von Marx und Adorno gewonnenen allgemeinsten Essentials kapitalismuskritischer Theorie Genüge tun. Das ist natürlich nicht der Fall und so wendet man sich Nase rümpfend ab<strong><sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup></strong>. Diese „selbstnobilitierende Distanzierung“ (Thomas Seibert) , die sich weigert, im Dubiosen des Globalisierungsprotestes wesentlich auch die Misere der gesellschaftskritischen Theorieproduktion wiederzuerkennen, verrät völlige Ignoranz gegenüber der Frage, wie sich Widerstand und kritisches Bewusstsein unter den heutigen Bedingungen überhaupt formieren und welche Rolle dabei gesellschaftskritische Theorie spielen kann. Es wird unterstellt, eine soziale Bewegung müsse spontan aus sich heraus zu einem „reinen“ antikapitalistischen Standpunkt kommen und eine tragfähige und erschöpfende Kapitalismuskritik läge seit Generationen für jeden Gutwilligen in den Bibliotheken greifbar. Mit solchen klammheimlichen Voraussetzungen im Kopf wird Gesellschaftskritik in den nächsten 100 Jahren nie auf einen Bewegungsansatz stoßen, der Gnade vor ihren Augen finden könnte. So etwas kann es nämlich gar nicht geben. Eine Neuorientierung in Richtung einer radikal-antikapitalistischen Praxis ist nur denkbar, wenn sie mit einer theoretischen Neubestimmung zusammenfindet. Kritische Kritik, die als Gralshüter des antikapitalistischen Wissensschatzes auftritt, kaschiert mit ihrer Beckmesserei nur ihre eigene Zahnlosigkeit, ihr eigenes Versagen.</p>
<p>Radikale Gesellschaftskritik sollte sich angesichts des Globalisierungsprotests nicht mit Vereinnahmungsphantasien tragen oder den Trittbrettfahrer spielen wollen; sie hat polarisierend zu wirken und mitzuhelfen, die Differenzen im globalisierungskritischen Spektrum überhaupt erst in einer emanzipativ besetzbaren Form sichtbar zu machen. Ihr Beitrag besteht in erster Linie darin, ihrer ureigensten Aufgabe nachzugehen, also die heutige Phase kapitalistischer Entwicklung als die konkrete historische Zusammenfassung und Zuspitzung aller für die Warengesellschaft charakteristischen Widersprüche zu analysieren. Sie tut gut daran, darüber hinaus in aller Deutlichkeit klarzulegen, wie sich emanzipatorische Bestrebungen durch die Fixierung auf die Zwangsidee politischer Umsetzung und die nostalgische Orientierung an einer untergegangen Epoche kapitalistischer Entwicklung letztlich jedes Handlungsspielraums beraubt. Gerade beim Antiglobalisierungsprotest ist das mit Händen zu greifen. Gesellschaftskritik muss radikale Formkritik zum Ausgangspunkt nehmen und die Selbstverständlichkeit von Markt und Staat frontal attackieren; aber nicht, damit sich einige ideologische Kraftmeier ihre antikapitalistische Hardcore-Gesinnung beweisen können; diese Stoßrichtung ist vielmehr von eminent praktischer Bedeutung. Erst mit der Befreiung von den Imperativen politischer Umsetzbarkeit gewinnt der Widerstand die zum Atmen notwendige Luft.</p>
<p>5.</p>
<p>Für die Binnenentwicklung der Opposition markiert der Antiglobalisierungsprotest allemal einen Einschnitt. Gesellschaftskritik hat sich weltweit in den letzten zwanzig Jahren zusehends ins Mikrologische zurückgezogen. Nun stehen erstmals wieder die vergessenen &#8220;harten&#8221; polit-ökonomischen und sozialen Fragen auf der Tagesordnung. Damit aber nicht genug; der Versuch, den apologetischen Begriff der Globalisierung zu hinterfragen, drängt zum Gedanken der Warengesellschaft als einer „negativen Totalität“. Niemand kann sich letztlich kritisch auf den unter diesem Stichwort firmierenden historischen Prozess beziehen, ohne jenen Schritt zu machen, der angesichts der ideologischen Konjunkturen der 90er Jahre streng verboten war, nämlich die Frage nach den großen, weltumspannenden und historischen Zusammenhängen zu stellen. Globalisierungskritik dementiert entweder letztlich ihren emanzipativen Anspruch und wird reaktionär, oder sie findet in einer radikalen Formkritik den ihr adäquaten theoretischen Bezugspunkt.</p>
<p>Diese Einschätzung mutet angesichts des aktuellen Standes vielleicht reichlich optimistisch an. Bislang jedenfalls ist der Protest im herrschenden ideologischen Horizont steckengeblieben, und es ist seinen Protagonisten gelungen, einen großen Bogen um diese Konsequenzen zu machen. Das Protestdurchschnittsbewusstsein hat stattdessen an den Haupterrungenschaften des Zeitgeistes Teil: an dessen amnestischem Geschichtsbild und an seiner Fähigkeit, gerade angesichts der Totalisierung der Diktatur des Werts die soziale Wirklichkeit als zusammenhangloses Bündel nur äußerlich aufeinander bezogener wirtschaftlicher, kultureller, sozialpsychologischer, politischer und sonstiger „Probleme“ wahrzunehmen.</p>
<p>Diese doppelte Ausweichleistung ist freilich eng mit der Verkürzung von Globalisierungskritik auf eine Absetzbewegung vom Neoliberalismus verknüpft. Die Kombination aus Distanzierung vom offiziellen Politikgeschäft, konzeptioneller Nähe zur herrschenden Ideologie und emanzipativem Gestus lässt sich überhaupt nur zusammen mit dieser Reduktion durchhalten.</p>
<p>Die Fokussierung der Kritik auf die Auseinandersetzung mit der neoliberalen Ordnung hat an sich, insbesondere für die Entstehungsphase des Protestes, durchaus ein berechtigtes Moment. Widerstand wird immer wieder an der Verschlechterung der realen Lebensbedingungen und an verschärften Zurichtungszumutungen ansetzen. In den 90er Jahren gewann der kapitalistische Krisenprozess aber nun einmal unter neoliberalen Vorzeichen an Fahrt. Mit der notwendigen Konzentration auf diese neuere Entwicklung rückt insofern der vor-neoliberale Kapitalismus in ein vergleichsweise günstiges Licht, als er im Kontrast zum nachfolgenden Stadium in mancherlei Hinsicht als die <em>relativ </em>weniger menschenfeindliche Phase kapitalistischer Entwicklung erscheint. Der auf Reregulierung geeichte Protest-Mainstream argumentiert freilich ganz anders. Von dieser Seite her wird der fordistische Kapitalismus &#8211; zumindest unter der Hand &#8211; als absoluter Maßstab genommen. Der Kampf gegen die Zumutungen des entfesselten Kapitalismus verschwindet hinter der Phantasie, die Konstellation des etatistisch formierten 70er-Jahre-Kapitalismus sei &#8211; entsprechenden politischen Willen vorausgesetzt – in ihrem Kern wiederherstellbar. Die Minderheit (etwa die französischen Souveränisten) will den verblichenen Nationalstaat in seine alten Rechte eingesetzt sehen; die anderen träumen davon, dass „Global Governance“ <sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup> künftig in etwa das leisten könnte, was einst der Nationalstaat geleistet hat.</p>
<p>Die theoretische Hauptschwäche dieser Position ist mit Händen zu greifen. Indem die neoliberale Ära aus ihrem historischen Kontext herausgelöst wird, werden eigentlich recht offensichtliche Zusammenhänge ausgeblendet. Die keynesianische Regulation stieß mit dem Ende des fordistischen Akkumulationsschubs an eine systemische Schranke. Von den Oberflächenphänomenen her lässt sich ihre Misere an der für die auslaufenden 70er Jahre charakteristischen Gleichzeitigkeit von chronischer Wachstumsschwäche und hohen Inflationsraten in allen OECD-Staaten ablesen. Erst vor diesem Hintergrund konnten neoliberale Konzepte als provisorische Lösung überhaupt Platz greifen.<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup> Die keynesianische Nostalgie kümmert sich darum nicht, sondern schönt sich die Vergangenheit zurecht und strickt an einer Dolchstoßlegende. Das im Grunde kerngesunde Modell von Etatismus und sozialpartnerschaftlicher Befriedung soll hinterrücks von den neoliberalen Kreuzzüglern ermeuchelt worden sein. Diese fatale und falsche Weichenstellung gelte es rückgängig zu machen.</p>
<p>Solange das klassische neoliberale Deregulierungsprojekt das Geschehen bestimmte, solange es erst einmal darum ging, ihm überhaupt etwas entgegenzusetzen, bot sich der Rückgriff auf neokeynesianische Vorstellungen als bequeme Ausflucht an. Sie eröffnete die Scheinperspektive, dass, einen entsprechenden politischen Willen vorausgesetzt, emanzipative Ziele auch ohne die Ungeheuerlichkeit einer radikal gesellschaftskritischen Orientierung in den traditionellen Formen staatlich-politischer Regulation verfolgt werden können. Selber Reflex der langen Defensive der Linken, gefällt sich das Linkskeynesianertum im Gestus, den Spatz in der Hand nicht der unerreichbaren Taube auf dem Dach opfern zu wollen. Wer sich angesichts der herrschenden Deregulierungseuphorie gegen die Staatsillusion wandte, geriet angesichts der Fixierung auf die politische Form leicht in den Geruch, de facto jedwede kollektive Praxis für unmöglich zu erklären und damit letztendlich dem Neoliberalismus zuzuarbeiten. Im besten Fall wurde die Differenz zwischen neokeynesianischen Konzepten und einer fundamentalen Kapitalismuskritik als blass-theoretischer Streit, ohne unmittelbar praktische Konsequenzen behandelt. Vorderhand mag die Rückkehr der offiziellen Politik zur Staatsillusion diese keynesianischen Flausen sogar noch einmal bestätigen. Im Augenblick wittern Organisationen wie Attac mit ihrem Sammelsurium von Forderungen jedenfalls mächtig Morgenluft. Kann aber eine auf die Kritik des Neoliberalismus verkürzte Globalisierungskritik dessen Ableben tatsächlich auf Dauer überleben? Müssen Menschen nicht schon willentlich die Grenze zum offenen Widersinn passieren, um angesichts des realen Rüstungs- und Börsenkeynesianismus, angesichts der Verwerfungen, die er nach sich zieht, noch an das Gegenbild eines „wahren“ sozialsozialstaatlich ausstaffierten Keynesianismus glauben zu können?</p>
<p>6.</p>
<p>Die keynesianische Illusion gewinnt ihre dem Vorbild des 70er-Jahre-Reformismus nachgebildete Pseudoperspektive, indem sie vom realen historischen Prozess abstrahiert. Gerade die Ignoranz gegenüber der basalen Krise von Politik und Warenproduktion spiegelt aber gleichzeitig auf ihre Weise die spezifische geschichtliche Konstellation der späten 90er Jahre wieder. Dieser Gesichtspunkt lässt sich freilich über den Rückgriff auf keynesianische Vorstellungen hinaus verallgemeinern. Eine ganze Reihe realanalytisch haltloser, in den globalisierungskritischen Konzepten aber allgegenwärtiger Annahmen lassen sich überhaupt nur vor dem Hintergrund der Intermundiums-Situation erklären, aus der heraus der Protest entstanden ist. Diese stillen Voraussetzungen müssen sich allesamt in dem Maß an der Wirklichkeit blamieren, wie die kapitalistische Entwicklung in eine neue Phase tritt.</p>
<p>Auf energischen Widerstand treffen Regimes grundsätzlich: entweder am Anfang ihrer Karriere oder wenn sie ihren Zenit schon überschritten haben, weil ihre Konzepte nicht mehr greifen. Letzteres gilt auch für den Neoliberalismus und den Antiglobalisierungsprotest. Nach zwanzig Jahren neoliberaler Offensive hat sich das vollmundige Versprechen der Marktideologen, Globalisierung bedeute in letzter Instanz Frieden und mehr Wohlstand für die gesamte Weltgesellschaft, gründlich blamiert. Solange es der entfesselten Warendiktatur aber gelingt, die Folgen ihrer Krise im Wesentlichen zu externalisieren und von den Verwertungszentren fernzuhalten, lässt sich das sukzessive Systemversagen als Begleiterscheinung kapitalistischen Funktionierens interpretieren. Und genau darauf sind die globalisierungskritischen Wahrnehmungsraster geeicht. Der fundamentale Unterschied zwischen dem Integrationskapitalismus der Wirtschaftswunderära, der dahin tendierte, immer größere Massen planetaren Menschenmaterials in den Verwertungszusammenhang einzusaugen einerseits und dem Desintegrationskapitalismus andererseits, der die Menschen massenhaft ausspeit und sich allein mit fiktionaler Wertproduktion (wenigstens in seinen Kernsegmenten) über die Runden rettet, rückt nicht ins Blickfeld. Stattdessen bemüht sich der Protest, die unterschlagene, äußerst horrende ökologische und soziale „Nebenkostenrechnung“ eines nach seinen eigenen Kriterien prosperierenden Kapitalismus aufzumachen. Allzu oft beschränkt man sich sogar darauf, dem neoliberalen Regime Verrat an den eignen Idealen vorzuwerfen<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup>. Der Gedanke, dass es, näher betrachtet, auch mit der Gewinnerherrlichkeit in den Weltmarktzentren nicht so furchtbar weit her sein könnte, bleibt dagegen außen vor.</p>
<p>Deutlich wird das zunächst einmal an der beständigen Beschwörung des Gegensatzes von Globalisierungsgewinnern und vorzugsweise an der Peripherie verorteten Weltmarktverlierern. Die Kritik schnurrt hierzulande über weite Strecken auf eine Art Stellvertreterprotest im Namen der untergepflügten Weltregionen zusammen. Als Zukunftsperspektive wird vor allem die Sozialisierung der angeblich verfügbaren gesellschaftlichen Globalisierungsgewinne beschworen. Geld sei ja genug da, glaubt der pseudokritische Volksmund zu wissen, und übersieht dabei den Unterschied, der zwischen der Produktion von Gebrauchsgütern und abstrakter Reichtumsproduktion besteht. Spekulation und Kredit, also gerade der Motor, der die kapitalistische Realakkumulation überhaupt noch in Gang hält, erscheint dabei als sein eigenes Gegenteil, nämlich als Belastung der tatsächlichen Wertschöpfung.</p>
<p>Dem Rückschlag des Krisenprozesses auf die Weltmarktzentren, der die Grenzen des Externalisierungsspiels sichtbar macht, kann die Idee sozial gerechter monetärer Umverteilung im Weltmaßstab nicht standhalten. Die Bereitschaft, auch die Dritte Welt am vermeintlich überschießenden Geld-Reichtum partizipieren zu lassen, muss sich in dem Maße verflüchtigen, wie dieser sich als fiktiv erweist und in Luft auflöst. Nicht, dass in dieser neuen Phase kapitalistischer Entwicklung die soziale Polarisierung in der Weltgesellschaft an Schärfe verlieren würde, im Gegenteil. Wo statt Erfolgreicher und Erfolgloser absolute und relative Verlierer aufeinanderstoßen, stehen die sozialen Auseinandersetzungen aber unter einem ganz anderen Vorzeichen. In ihrer heutigen Gestalt bleibt der Globalisierungskritik nur noch eine Gnadenfrist.</p>
<p>Freilich setzte bereits die Verkürzung der Globalisierungsproblematik auf eine im wesentlichen ökonomische Frage stillschweigend die Fortsetzung des kapitalistischen Normalbetriebs voraus. Der Protest hat bei aller Kritik strenggenommen noch an der neoliberalen Illusion Anteil, Globalisierung laufe auf den Endsieg ökonomischer Rationalität und auf Verfriedlichung im Zeichen des totalen Marktes hinaus; zumindest kommen die Weltmarktverliererregionen im Protestweltbild stets nur als passive Opfer, als Weltsozialfälle vor; die poststaatlichen Zerfallsprozesse, die gerade im Gefolge des Endes nachholender autozentrierter Entwicklung in den peripheren Regionen den Primat regulärer Wertverwertung über den Haufen werfen und sich in Kategorien ökonomischer Vernunft nicht fassen lassen, bleiben dagegen unterbelichtet oder erscheinen nur als ein zusätzliches, zur ökonomischen Globalisierung hinzutretendes Binnenproblem dieser Gegenden. Der 11. September hat denn auch den Antiglobalisierungsprotest prompt auf dem falschen Fuß erwischt. Allzu nahe mit Weltsozialarbeitertum verwandt, passt die Globalisierung der etwas anderen Art, der Rückschlag poststaatlichen Irreseins auf das Herz der Weltmarktgesellschaft, einfach nicht in die globalisierungskritischen Drehbücher. Dementsprechend hilflos fielen die Reaktionen des Protestspektrums aus. Die Klügeren erschraken darüber, dass die personalisierende Kapitalismuskritik die sich großer Beliebtheit erfreut, über weite Strecken gar nicht so ohne Weiteres von den Rechtfertigungen der islamistischen Amokläufer abzugrenzen ist. Den anderen fiel nur ein, dass die Verelendung der 3. Welt wesentlich für den Terror mitverantwortlich ist. Das ist, wohlmeinend genommen, zwar insofern nicht völlig verkehrt, als der Verlust einer regulären warengesellschaftlichen Entwicklungsperspektive tatsächlich den aller-allgemeinsten Hintergrund für die neue Sorte von Terror bildet; diese Einschätzung bleibt aber gleich in zweifacher Hinsicht hoffnungslos naiv. Zum einen ist den Auflösungs- und Gewaltregimes, die in den Trümmern der kollabierten Modernisierungsdiktaturen wuchern, mit rein wirtschaftlichen Mitteln nicht beizukommen. Zum anderen geht, auch ökonomieimmanent gesehen, die übliche Konklusion, der Westen habe im wohlverstandenen eigenen Interesse den abgewürgten warengesellschaftlichen Entwicklungsprozess an der Peripherie zu reanimieren, an der Wirklichkeit vorbei. Sie malt eine Perspektive, die zur regierungsamtlichen Propaganda, aber nicht zur schnöden Realität passt.</p>
<p>Auch in dieser Hinsicht droht der Antiglobalisierungsprotest zwischen weltfremder Nostalgie und dem Engagement für eine neue, unter das westliche Weltpolizistentum subsumierte Weltsozialarbeit zerrieben zu werden. Die Hoffnung, das Attentat auf die Twin Towers und das Pentagon habe den Protest mit einer Ausnahmesituation konfrontiert und die globalen Terror- und Bürgerkriegsszenarien blieben eine bedauernswerte Randerscheinung, der auf politischem Wege erfolgreich gegenzusteuern wäre, braucht sich jedenfalls niemand zu machen.</p>
<p>Es führt keine gerade Linie von den Antigipfel-Kampagnen zu einer neuen antikapitalistischen Bewegung, die diesen Namen verdienen würde. Das schüchterne Wiederauftauchen emanzipatorischer Bestrebungen wird ohne bewusste, auch theoretisch begleitete Reflexion auf die Grenzen, das Scheitern und die Vereinnahmung des derzeitigen Antiglobalisierungsprotests Episode bleiben. Um ein bekanntes Marxsches Diktum für die derzeitige Situation zu variieren und umzukehren: Es reicht nicht, dass die Wirklichkeit zum Gedanken drängt, es muss auch der kritische Gedanke zur Wirklichkeit drängen.</p>
<p>7.</p>
<p>Trotz der Haltlosigkeit der von der „gemäßigten“ Globalisierungskritik lancierten Konzepte, kann der mit einem radikal antikapitalistischen Selbstverständnis ausgestattete Teil des Spektrums in der Diskussion kaum punkten. Warum, ist leicht zu erklären. Er bezieht sich gewöhnlich selber auf Positionen, die letztlich mit den gleichen fragwürdigen Voraussetzungen operieren, von denen auch die „reformistischen Gegenspieler“ ausgehen. Vor allem, was die Möglichkeiten politisch-etatistischer Steuerung angeht, zeigen sich die entschiedenen Antikapitalisten kaum weniger glaubensstark als ihre Kontrahenten, nur dass die Wertung anders, nämlich negativ ausfällt. Das sich abzeichnende Doppelversagen von Markt und Politik bleibt unentdeckt. Natürlich weiß man vom „Ende des Nationalstaats“. Das ist aber kein Anlass, danach zu fragen, ob die politische Vermittlungsform dessen Ableben überleben kann, vielmehr wird dieses Überleben immer schon unterstellt.</p>
<p>Eine besonders krasse weil gegen alle tatsächliche Erfahrung immunisierte Gestalt nimmt das Ausweichen vor der Formfrage bei den im radikalen Segment hoch im Kurs stehenden neooperaistischen Positionen an. So springt etwa das vermeintliche opus magnum von Michael Hardt und Toni Negri<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup>, Empire, von einer eklektischen Beschreibung der Auflösung der nationalstaatlichen Ordnung unvermittelt zum verblasenen Konstrukt eines supranationalen Imperiums. Wie es um dessen Tragfähigkeit bestellt ist, steht überhaupt nicht zur Debatte. Ganz im Geist einer konsequent subjektivistischen Lesart des traditionellen Marxismus kann ex definitione nur ein herbeiromantisiertes Gegensubjekt, die „Multitude“, in der das gute alte Proletariat seine Wiedergeburt feiert, das „Empire“ in Frage stellen. Hardt und Negri bemühen zwar beständig den Krisenbegriff, aber nur, um ihn in sein Gegenteil zu verkehren und die Krise zur ewigen Reproduktionsform des Kapitals zu mystifizieren.</p>
<p>Sehr viel näher an die tatsächlichen Probleme kommt Joachim Hirsch, ein anderer im antikapitalistischen Spektrum beliebter Kronzeuge. Dieser letzte Bewegungsmarxist beschreibt in wesentlichen Punkten recht präzise die krisenhafte Auflösung der nationalstaatlichen Ordnung. Er macht keinen Hehl daraus, dass eine nach den Maßstäben des Systems funktionale Neustrukturierung des Weltkapitalismus nicht absehbar ist. Weil diese Einsicht aber nicht zu seinen eigenen regulationstheoretischen Vorgaben passt, bricht er ihr die Spitze ab, indem er gewohnheitsmäßig ein „Noch-nicht“ einführt. Welche Form kapitalistischer Integration aus den krisenhaften Umbrüchen hervorgehen wird, ist heute in vielerlei Hinsicht unklar, <em>dass aber</em> ein neues tragfähiges Regulationsmodell am Ende herauskommen wird, steht bei Hirsch seltsamerweise bereits irgendwie doch fest. Was die Fernperspektive angeht, schreibt er dem System eine Integrationskraft zu, die er ihm in der mittleren Perspektive aus guten Gründen nicht andichten will. Hirschs Theorem vom „nationalen Wettbewerbstaat“ verbindet richtige empirische Beobachtungen mit einem verkürzten Krisenbegriff. Krise als Krise der gesellschaftlichen Form von Markt und Politik bleibt für ihn undenkbar, stattdessen existiert sie immer nur als transitorisches Phänomen im Modellwechsel, auch dort, wo sich seine eigene Analyse eigentlich dagegen sperrt <sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup>.</p>
<p>8.</p>
<p>Beim Ausweichen vor der Frage des Obsoletwerdens der gesellschaftlichen Basisform und dem Ausblenden des sich abzeichnenden Krisenhorizontes handelt es sich nicht bloß um ein Problem „abgehobener“ Theorie. Die Schwäche der antikapitalistischen Vordenker macht sich im Richtungsstreit innerhalb des globalisierungskritischen Spektrums handgreiflich bemerkbar, sie ist wesentlich für die Marginalisierung radikaler Positionen mitverantwortlich. Die Haltlosigkeit der von der „gemäßigten“ Globalisierungskritik vertretenen Konzepte ist eigentlich mit Händen zu greifen, und doch können die radikalen Linken im globalisierungskritischen Richtungsstreit nicht recht punkten. Die Debatte nimmt über weite Strecken den Charakter eines müden Remakes tausendfach durchgehechelter innerlinker Auseinandersetzungen an.</p>
<p>Besonders abschreckend, weil ausgesprochen unfruchtbar, fiel sicherlich die Gewaltdiskussion in Anschluss an Genua aus. Kaum einem Beitrag, der diese Frage berührte war anzusehen, dass er aus diesem Jahrhundert und nicht aus den 70er Jahren des letzten stammt. Dass eine grundlegende Neubestimmung in dieser Frage für die Opposition schon deshalb ansteht, weil sich auf der Gegenseite das Verhältnis zu Gewalt und Legalität entscheidend verändert<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup> hat, scheint nur wenigen zu dämmern.</p>
<p>Ganz ähnlich sieht es aber auch aus, wenn es um die inhaltliche Stoßrichtung der Globalisierungskritik geht. Selbst die BUKO-Vertreter, hierzulande wohl mit die reflektiertesten Globalisierungskritiker, lassen sich in der Diskussion mit Attac in eine völlig anachronistische Reformismus-Revolution-Debatte verwickeln<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup>. Zwar werden von Seiten des BUKO durchaus zentrale Schwächen der Attac-Position angesprochen: die Reduktion von Kapitalismus auf ein rein ökonomisches Phänomen (Ulrich Brand) ist genauso Thema wie die keynesianische Nostalgie und der damit verbundene Kapitalismusbegriff (Moe Hierlmeier); wer aber das</p>
<p>blödsinnige Tobin-Tax-Projekt als eine für den heutigen Kapitalismus funktionale Option interpretiert und in diesem Sinne Attac als potentielle Modernisierer angreift (Christian Stock), macht es der Gegenseite ziemlich leicht, sich in die Pose der praxisprallen Macher, die sich auf das unmittelbar Realisierbare orientierten, zu werfen. Genau auf diesem Steckenpferd kommt Attac permanent geritten. Sven Giegold, einer der Attac-Sprecher, bringt das fast schon klassisch auf den Punkt: „Ich will hier und jetzt für reale Reformen streiten, solange die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass es den Menschen nach ihrer Umsetzung besser geht“, meint er und schreibt umgekehrt seinen Kontrahenten ins Stammbuch: „Eure Inkaufnahme von sozialen Verelendungsprozessen teile ich nicht. Ich bin froh, dass Attac ihnen entgegensteuert“<sup> <a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></sup>.</p>
<p>So eine Aussage lädt zur Retourkutsche förmlich ein. Attac ist nicht deshalb zu kritisieren, weil es sich mit unmittelbar bloß „reformistischen“ Erfolgen zufrieden gibt, sondern weil es sich auf pure Phantastereien kapriziert. In der Aufstiegsphase der Warengesellschaft mag die Gegenüberstellung von konkreter Reformpolitik, die für bessere Lebensverhältnisse sorgt und einem systemkritischen Anspruch, der für eine ferne Perspektive unmittelbare Verbesserungen hintanstellt, eine gewisse Plausibilität auf ihrer Seite gehabt haben. Heute ist diese Art von Konfliktdefinition einfach grotesk. Die Verteidigung sozialer Standards ist unverzichtbar und zentral; es ist aber miserabel um sie bestellt, wenn dieses Ziel nur als Nebenprodukt von durch und durch ideologischen, von vornherein zum Scheitern verurteilten Projekten zu haben sein soll.</p>
<p>Die Mobilisierung gegen das spekulative und für das produktive Kapital hat, abgesehen von seinen strukturell antisemitischen Implikationen, mit einem Gegensteuern gegen soziale Verelendungsprozesse rein gar nichts, mit gründlich verrußten Hirnen eine ganze Menge zu tun. Auch wenn vier Milliarden Menschen morgen für die Tobinsteuer demonstrieren und die Regierungen sich übermorgen beugen, kein Staat der Dritten Welt und kein hiesiger Sozialhilfeempfänger hat deswegen bessere Aussichten. Und das liegt nicht etwa daran, dass sie bei der Umverteilung des spekulativen Reichtums sowieso nicht zum Zuge kommen würden, sondern daran, dass sich bei einer auch nur einigermaßen ernsthaften Behinderung der Finanzmarktbewegungen dieser auf fiktiver Kapitalverwertung beruhende Reichtum sofort in Luft auflösen würde. Weder die Vertreter noch die Gegner der Tobin-Steuer scheinen realisiert zu haben, dass die in Gang befindliche Wiederentdeckung des Keynesianismus (jenseits seiner ideologischen Legitimation) in der Praxis auf gar nichts anderes zielen kann als auf die Aufrechterhaltung von Spekulation und Kredit, um den schon lange anstehenden Entwertungsprozess och für eine Weile aufzuschieben.</p>
<p>Die angeblichen „Realisten“ und „Reformer“ zeichnen sich nämlich keineswegs dadurch aus, dass sie sich notgedrungen bereit finden würden, die Gesetze der Verwertungslogik als Faktum mit zu berücksichtigen. Realismus meint einzig und allein: Nähe zu den aus der Aufstiegsphase der Warengesellschaft überkommenen und nach wie vor weit verbreiteten ideologischen Verwirrungen. Realismus bezeichnet jene Form von Selbstverdummung, die für die Kompatibilität des eigenen Geschwätzes mit dem der offiziellen Politik sorgt.</p>
<p>Die alte Reform-Revolution-Debatte kann nur neu inszenieren, wer von der Stufe kapitalistischer Entwicklung abstrahiert, auf der wir uns befinden. Wer meint, bessere Lebensbedingungen als <em>Begleitprodukt kapitalistischer Modernisierung</em> erkämpfen zu müssen und deswegen ein alternatives Regierungsprogramm formuliert, wird angesichts des laufenden Krisenprozesses kein Gran emanzipatorischen Mehrwerts erwirtschaften. Der Politik verkaufen zu wollen, dass soziale und ökologische Rücksichtnahme doch im langfristigen Eigeninteresse der Verwalter der Wertverwertung liegt, läuft auf pure Selbstverarschung hinaus. Die alte politische Form taugt nicht mehr zur Organisierung auch nur der bescheidensten emanzipativen Bestrebungen. Die Zersetzung des Regulationsstaats lässt sich nicht rückgängig machen, weil sie selbst schon die Folge jener Krise ist, zu deren Bewältigung er nun wieder angerufen wird. Der staatliche Souverän hat seine Rolle als Träger und Gestalter positiver Veränderungen ausgespielt. Wer darauf noch setzt, ist Reformer nur noch in dem Sinne, den dieser Begriff mittlerweile angenommen hat: nämlich im Sinne repressiver Krisenverwaltung.</p>
<p>9.</p>
<p>Dieses Verdikt hat nichts mit einem Praxisverbot zu tun, und läuft keineswegs auf die Aufforderung hinaus, das politische Bezugsfeld freiwillig zu räumen. Auch eine strikt antipolitisch orientierte Bewegung wird den Staat und dessen juristisch-militärische Macht sowie dessen Redistributionsgewalt schwerlich ignorieren können, auch und gerade wenn diese Gewalt einem langfristigen Erosionsprozess unterliegt. Eine Bewegung muss versuchen, Einfluss zu nehmen, allerdings &#8211; und das ist entscheidend – was die politische Macht angeht: rein negativen Einfluss. Es geht nicht darum, alternative Modernisierungsvorschläge zu unterbreiten und sich den Kopf der Herrschenden nach Kräften zu zerbrechen. Vielmehr sind alle Energien darauf zu konzentrieren, den desozialisierenden Charakter der neuen Formen sozialer Zurichtung offen zu legen, Widerstand gegen den Prozess der kapitalistischen Autokannibalisierung zu leisten und den staatlichen Gewalten bessere Rahmenbedingungen für Ansätze gesellschaftlicher Selbstorganisation abzutrotzen. Die konkreten Forderungen müssen nicht himmelstürmend sein, sie können durchaus geringe Reichweite besitzen. Oft werden sie Altbekanntes aufs Tapet bringen und nie die Wirklichkeit neu erfinden. Entscheidend ist aber der Kontext, in dem sie stehen. Ein Protest gegen die Zumutungen, denen Arbeitslose unterworfen werden, ist tausendmal wichtiger, als tausend Konzepte darüber, wie kapitalistische Ökonomie, Ökologie und Soziales miteinander zu versöhnen sind. Ein Ansinnen wie das, der Staat möge dafür sorgen, dass weder Eisenbahnlinien nach Belieben stillgelegt werden noch die Benutzung der Bahn zur Gefahr für Leib und Leben wird, mutet eher banal denn revolutionär an. Wird diese Forderung unmittelbar als gesellschaftlicher Anspruch erhoben und nicht von vornherein als marktkompatibel dargestellt, kann sie unter den heutigen Bedingungen sogar den Charakter eines Frontalangriffs auf das Primat betriebswirtschaftlicher Logik annehmen. Die Forderung nach Schuldenstreichung für die Länder der Dritten Welt dürfte das gesamte globalisierungskritische Spektrum teilen. Es gibt nicht den geringsten Grund, sie zu relativieren oder sich gar von ihr zu verabschieden. Es gibt aber jede Menge guter Gründe, diese Forderung nicht mit der Zwangsvorstellung zu verkoppeln, damit würde der kapitalistischen Peripherie wieder eine Modernisierungsperspektive eröffnet. Das unmittelbare Anliegen von Schuldenstreichungen liegt darin, die Menschen in den betroffenen Ländern von einem enormen Druck zu befreien und Spielräume für soziale Bewegungen zu öffnen. Sie lassen sich gleichzeitig aber auch als Teil einer Attacke auf das Primat monetärer Beziehungen verstehen.</p>
<p>Der Marxismus hat zwar die Rückholung des Staates in die Gesellschaft als Ziel proklamiert, aber immer nur als postrevolutionäres Fernziel. Bevor die gesellschaftliche Organisation mit der Aufhebung von Markt und Staat zum Synonym für die „Verwaltung von Sachen“ (Marx) werden kann, sollte die Gegenmacht erst einmal auf unabsehbare Zeit selber als genuin politische Kraft agieren. Diese Denkfigur entpuppt sich in dem Maß als obsolet, indem die systemischen Grenzen etatistischer Steuerung hervortreten. Welchen Sinn macht es, um jeden Preis an die Hebel der Staatsmacht zu drängen, wenn die staatliche Gewalt sich zwar emanzipativen Bestrebungen in den Weg stellen, sie aber nicht tragen kann? Im 21. Jahrhundert findet eine Emanzipationsbewegung ihren positiven Inhalt von vornherein in nichts anderem als in der Selbstorganisation und in der unmittelbaren Aneignung gesellschaftlicher Ressourcen. Befreiung beginnt dort, wo es gelingt, die Regeln staatlicher Gewalt und marktförmiger Vermittlung partiell außer Kraft zu setzen.</p>
<p>Auf ihre Weise reflektiert auch die herrschende Ideologie auf die Grenzen staatlichen Handelns. Sie thematisiert sie freilich weniger als eine Frage der tatsächlichen Reichweite staatlichen Handelns, denn viel mehr als ein Sollens-Problem. Niemand, der heute nicht auf Distanz zur Vorstellung des Staates als Demiurgen und gesellschaftlichem Formatierer geht und das Hohelied der Selbstbestimmung singt. Bereits die neoliberale Ideologie hat in dieser Richtung polemisiert. Sie wollte gar keine Gesellschaft mehr kennen, sondern nur mehr Individuen und identifizierte Freiheit mit der völligen Subsumtion der vereinzelten Einzelnen unter das unmittelbare Marktdiktat. Mit dem Ende des Neoliberalismus kam diese durch und durch a-soziale Auflösung in Misskredit, ohne dass deswegen eine Rückwendung zu einer Ideologie der Staatsvergottung stattgefunden hätte. Als Gegengewicht zur staatlichen Macht wird nicht mehr das totale asoziale Marktsubjekt angerufen, sondern allenthalben wird eine nebelhaft bleibende „Zivilgesellschaft“ als Träger selbstverantwortlichen Handelns beschworen.</p>
<p>Auf dieser Welle surft auch die Globalisierungskritik. Ein Gutteil des Spektrums will den eigenen Protest als eine Wortmeldung dieser ominösen Instanz verstanden wissen. Insbesondere in der NGO-Szene erfreut sich der emphatische Bezug auf die „Zivilgesellschaft“ größter Beliebtheit, aber auch eingefleischte Neokeynesianer haben nicht das geringste Problem, in den allgemeinen Chor einzustimmen.</p>
<p>Die Anrufung der Zivilgesellschaft hebt vage auf dezentrales, bewusstes, kollektives Handeln ab, ohne dass die Form dieses Handelns und dessen Bedingungen genauer ins Blickfeld genommen würden. Die Zivilgesellschaft ist irgendwo im Graubereich zwischen den eigentlichen Staatsfunktionen und der Verfolgung unmittelbarer purer Marktinteressen als eine Art Zwischenreich angesiedelt. Das reichlich Ungefähre dieses Konzepts tut seiner ideologischen Wirksamkeit keinen Abbruch, im Gegenteil. Diese unscharfe Vorstellung erlaubt es, Unvereinbares unter einem Label zusammenzufassen, und das ist genau der Sinn der Übung. Diese Vereinigung funktioniert freilich nur im Reich der Ideologie. In der schnöden Wirklichkeit sieht das ein bisschen anders aus. Wo das Selbstbestimmungspathos mit Eigeninitiative bei der Unterwerfung unter die Marktimperative oder mit der partiellen Auslagerung staatlicher Aufgaben an halböffentliche Träger zusammengehen soll, verkehrt es sich in sein Gegenteil. Antikapitalistische Kritik hat an diesem Selbstdementi anzusetzen. Erst, wo sie den Blick dafür schärft, dass auseinander muss, was nicht zusammengehört, kann sie einen Handlungsspielraum eröffnen, der diesen Namen verdient.</p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1</a><em>Subtropen </em>10/02, Beilage in der <em>Jungle World </em>07/2002</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2</a> Strenggenommen verrät der Begriff selber schon das Wesentliche. Inter bedeutet so viel wie: inmitten, zwischen, unter. Das Wort setzt also die Existenz der vielen einzelnen Nationen bereits als positive Gegebenheit voraus. Ein Standpunkt, der tatsächlich jenseits des nationalen liegt, statt ihn in sich zu fassen, wäre als transnational zu bestimmen. Wenn Arbeitnehmer und Arbeitslose in der Auseinandersetzung mit dem transnationalen Kapital auf die gute alte internationale Solidarität rekurrieren, ist ihre Niederlage schon in der Konfliktformulierung vorweggenommen.</p>
<p><a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">3</a> Der Ringelpiez geht erstaunlich weit. Selbst der Gründer des Davoser Weltwirtschaftsforums, Klaus Schwab, bringt es fertig, für sich einen Ehrenplatz im Widerstand gegen die Globalisierung zu reklamieren. In einem Interview verstieg er sich zu dem Ausspruch: „Ich war der erste Antiglobalisierer,“ (<em>Die Zeit</em>, 24.1.02).</p>
<p><a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">4</a> Reine Ideologiekritik läuft schon insofern ins Leere, als sie ihren Adressaten verfehlt und dabei stehen bleibt, Geheimnisse zu enthüllen, die für niemanden Geheimnisse sind. Wenn Stephan Grigat (<em>Jungle World 29/</em>2001) nachweist, dass die Konzepte von Attac und Co. mit der Marxschen Theorie des Kapitals im Allgemeinen nicht zur Deckung zu bringen sind, sondern ihnen eine verkürzte personalisierende Kapitalismusvorstellung zugrunde liegt, wer könnte da widersprechen? Man fragt sich aber unwillkürlich, was aus diesem Befund folgt und an wen sich die Botschaft überhaupt richtet. Keinem Menschen mit gesellschaftskritischen Ambitionen in und außerhalb des antiglobalisierungskritischen Spektrums ist das je verborgen geblieben. Die Kritisierten wiederum zucken bestenfalls die Schultern. Wer an einem Anspruch gemessen wird, den er nie erhoben hat und nie erheben will, wird sich von ungünstigen Messergebnissen kaum erschüttern lassen. Literaturkritik, die schlecht gereimte Einkaufszettel verreißt, wird weder mit Widerspruch noch mit Einsicht rechnen können, sie kommt schlicht nicht an. Diese Sorte von Kritik vermittelt über weite Strecken den Eindruck, dass ihr einziger Inhalt darin besteht, sich der eigenen antikapitalistischen Identität und Exklusivität zu versichern. Immerhin gleiten einige ideologiekritisch orientierte Autoren bei der Einschätzung der Globalisierungsbewegung nicht gleich in eine selbstgefällige Oberlehrerhaltung ab. Aber auch bei ihnen, man denke etwa an die Beiträge Udo Wolters (<em>Jungle World </em>28/2001, bzw. <em>blätter des iz3w</em>, Sonderheft „Gegenverkehr“), bleibt der Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit dem Antiglobalisierungsprotest an dem Punkt schon zu Ende ist, wo sie überhaupt erst anfangen müsste.</p>
<p><a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">5</a> Der Begriff schillert. Zum einen wird er analytisch verstanden und soll die empirischen Veränderungen im politischen Prozess im Zeitalter der Globalisierung beschreiben. Daneben und vor allem hat sich aber ein normativ-emphatischer Gebrauch eingebürgert. Allerdings bleibt er auch in dieser Bedeutung etwas unscharf. In erster Linie bezeichnet „Global Governance“ das Ziel der Restrukturierung von Staatlichkeit, in zweiter Linie hebt er auf die Idee transnationaler NGO-Netzwerke ab und wird in diesem Sinne als kosmopolitische Demokratieform interpretiert. Eine ausführliche Kritik liefert Brand, Brunngräber, Schrader, Stock, Wahl: Global Governance, Münster 2000.</p>
<p><a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc">6</a> Diesen Zusammenhang erwähne ich hier nur. Ausführlich habe ich ihn in dem Beitrag „Einer muss den Bluthund machen“ (<em>Krisis </em>23) entwickelt sowie in dem Aufsatz „Das Neue Simulationsmodell“, <em>Weg und Ziel</em> 4/98.</p>
<p><a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc">7</a> Der Linguist Noam Chomsky, einer der „Star-Theoretiker“ der Globalisierungskritik, argumentiert vorzugsweise nach diesem Muster. Er meint, nicht nur Demokratie und Menschenrechte, sondern auch noch den Markt gegen die neoliberalen Ideologen verteidigen zu müssen: „In der wirklichen Welt sind Demokratie, Märkte und Menschenrechte ernsthaft unter Beschuss – in vielen Weltregionen, einschließlich in den führenden industriellen Demokratien. Die mächtigste unter ihnen – die Vereinigten Staaten – leiten diese Attacke. In der wirklichen Welt haben die USA niemals freie Märkte unterstützt, von ihrer frühesten Geschichte an nicht bis hin zu den Reagan-Jahren, die einen neuen Standard für Protektionismus und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft setzen, ganz im Gegensatz zu vielen herrschenden Illusionen.“ (Noam Chomsky/ Heinz Dietrich, Globalisierung im Cyberspace, Bad Honnef, 1996)</p>
<p><a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc">8</a> Vgl. dazu die ausführliche „Empire“-Rezension von Anselm Jappe in dieser Ausgabe der Krisis.</p>
<p><a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc">9</a> Vgl. Norbert Trenkle, Kein Anschluss unter dieser Nummer, <em>Weg und Ziel </em>5/98.</p>
<p><a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc">10</a> In der fordistischen Phase war in den kapitalistischen Metropolen und teilweise auch an der Peripherie unmittelbare Repression auf den Staat fokussiert und sie hatte meist den Charakter einer ultima ratio. An die Stelle des Gewaltmonopols treten heute allenthalben Gewaltpole. Gleichzeitig schält sich im „molekularen Bürgerkrieg“ (Hans Magnus Enzensberger) ein recht intimes Verhältnis zwischen Warensubjekt und Gewaltsubjekt heraus. Dass Staatsgeschäftsmänner wie Berlusconi sich das alte Autonomen-Motto „legal-illegal-scheißegal“ zu eigen machen und ganz bewusst auf die Verwischung der Grenze zwischen Polizeigewalt und rechtsradikalem Schlägertum setzen, ist nicht als lokale Episode abzuhandeln. Hier werden grundlegende Veränderungen sichtbar.</p>
<p><a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc">11</a> Ich beziehe mich hier wesentlich auf ein von der Zeitschrift <em>blätter des iz3w </em>dokumentiertes Streitgespräch zwischen Attac Deutschland und dem BUKO-Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft. Es findet sich im Sonderheft „Gegenverkehr. Soziale Bewegungen im globalen Kapitalismus“, August 2001.</p>
<p><a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc">12</a> <em>blätter des iz3w, </em>Sonderheft „Gegenverkehr“ S.66</p>
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		<title>Die Geister, die sie riefen</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>

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		<description><![CDATA[Anmerkungen zum strukturellen Zusammenhang von Korruption und Kapitalismus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Anmerkungen zum strukturellen Zusammenhang von Korruption und Kapitalismus</h3>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>Die Wanderprediger der totalen Marktwirtschaft beglücken die Öffentlichkeit seit Jahr und Tag mit der gleichen Botschaft: Wirtschaft bedeutet heute immer schon Weltwirtschaft. Im Zeitalter des entgrenzten Marktes gelte es, in globalen Zusammenhängen zu denken. Seltsamerweise ist diese Standardfloskel sofort vergessen, sobald die Rede auf die sich häufenden akuten Kriseneinbrüche kommt. Ob Russland, Lateinamerika oder die vielgerühmten Tigerstaaten heftige Finanzmarkt-Turbulenzen durchmachen und ökonomisch in die Bredouille geraten, die „Ursachenforschung“ kommt immer zum gleichen Ergebnis: hausgemacht, selber schuld. Selbst im Falle Japans, der einstigen – inzwischen allerdings mit einem akut einsturzgefährdeten Bankensektor und einer explodierenden Staatsverschuldung geschlagenen – Wirtschafs-Großmacht, argumentiert die Marktwirtschaftsideologie neunmalklug im Stile einer Prädestinationslehre: Dass eine Volkswirtschaft unter die Räder kommt, ist schon Beweis genug, dass sie den leuchtenden Pfad marktwirtschaftlicher Tugend verlassen hat; deshalb kassiert sie nun ihre gerechte Strafe.</p>
<p><span id="more-559"></span>Im Zeitalter des Systemgegensatzes mokierte man sich im Westen gern über jene „religiösen“ Gemüter, die sich von der ernüchternden Realität der sozialistischen Regimes absetzten und doch die Idee des Sozialismus gerettet sehen wollten. Heute zeichnet sich eine Art posthumer Systemkonvergenz ab. Die Zahl der Länder, die sich noch irgendwie zum Vorbild zurechtschminken lassen, wird von Jahr zu Jahr kleiner. Stürzt jetzt auch noch die US-Wunder-Ökonomie ab, dann nähert sie sich verdächtig dem Grenzwert Null. Die Lehre vom totalen Markt funktioniert zwar in den mathematischen Modellen der Ökonomen wunderbar, in der schnöden Empirie aber zeigt man sich allenthalben unfähig, sie zu leben. Sollte die reine Marktwirtschaftslehre am Ende zu gut sein für diese Welt, ihre Regierungen und Menschen?</p>
<p>Die Blütenträume vom immerwährenden kasinokapitalistischen Aufschwung sind zuerst an der Peripherie geplatzt. Den westlichen Zentren steht dieses Schicksal erst noch bevor. Diese zeitliche Verzögerung ermöglicht es, das Scheitern dort vorderhand als Folge einer Abweichung von der Musterlösung des westlichen Kapitalismus zu interpretieren. Weil von den schreienden inneren Widersprüchen des globalisierten Kapitalismus nicht die Rede sein darf, werden für die Pleitenwelle unter den Weltmarktnachzüglern ersatzweise vermeintlich außerwirtschaftliche Faktoren verantwortlich gemacht, nämlich die fehlenden staatlich-rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen in den betroffenen Weltregionen. Bis 1997 galt die „Familienmentalität“ des asiatischen Kapitalismus, seine Neigung zu korporatistisch-autoritären Lösungen, als das Erfolgsgeheimnis der neuen fernöstlichen Hoffnungsträger. Unter wenig schmeichelhaften Bezeichnungen wie Unflexibilität, Nepotismus und Filz müssen die gleichen Zuschreibungen jetzt als Erklärung für den Niedergang herhalten. Die Türkei hat vor anderthalb Jahren mit ihrem Späteinstieg in den modernen Kasinokapitalismus furchtbar Schiffbruch erlitten; kein Wunder, heißt es allenthalben, angesichts endemischer Korruption, Rechtsunsicherheit und verknöcherten wirtschaftsfeindlichen Strukturen.</p>
<p>Diese Standard-„Argumentation“ verbindet zwei gegenläufige Anwürfe und mobilisiert in seltsamer Form gleichzeitig auseinanderstrebende Vorstellungen vom „wahren Kapitalismus“, die neoliberale und die klassisch fordistische. Es wird von den staatlichen Instanzen allzeitige Wirtschaftsnähe gefordert und im gleichen Atemzug die klare funktionale Trennung von öffentlichen Rahmenaufgaben und privatem Gewinnstreben eingeklagt. Die Staatsgeschäfte sollen sich ans Vorbild des auf Profitmaximierung ausgerichteten Unternehmertums halten; der Schulterschluss darf aber auf keinen Fall soweit gehen, dass die Staatsgeschäfte selber die Form des privaten Geschäfts annehmen. Die staatlichen Apparate haben in grenzenloser Empathie für das Wirtschaftliche ihre eigenständige Rolle aufzugeben und sie müssen sie gefälligst beibehalten.</p>
<p>Diese Schizophrenie reflektiert auf ihre Weise eine ganz spezifische historische Konstellation. In den kapitalistischen Zentren haben sich die Resultate eines hundertjährigen Prozesses der Durchstaatlichung so weit verfestigt und sind so selbstverständlich geworden, dass die handfeste Voraussetzung dieser Leistung völlig aus dem Blickfeld entschwunden ist. Ob aus grenzenloser Chuzpe oder Infantilität, jedenfalls verlassen sich die Protagonisten der kasinokapitalistischen Ökonomie darauf, dass das, was sie bekämpfen, in seinem Kernbestand intakt ist. Auf Schritt und Tritt werden die infrastrukturellen und administrativen Rahmenbedingungen marktförmiger Reproduktion, einschließlich der Verpflichtung der Konkurrenzsubjekte auf rechtsstaatliche Verfahrensformen, als gegeben unterstellt, während deren Garant als endlich wegzuräumendes Hindernis attackiert wird.</p>
<p>In letzter Instanz läuft der neoliberale Traum, die gesamte Reproduktion der Profitverwertungslogik zu unterwerfen, auch in den westlichen Zentren auf ein Programm des Autokannibalismus hinaus. An der Weltmarkt-Peripherie, wo viel weniger an „aufakkumulierter“ kultureller und institutioneller Substanz aufzuzehren ist, führt das allgemeine Bereicherungsgebot in Kombination mit der Vernachlässigung und Privatisierung der öffentlichen Einrichtungen schneller zur Unterminierung der gesellschaftlichen Reproduktionsfähigkeit. Grund genug, das logische Ergebnis des eigenen Programms zum Versagen der dortigen Akteure zu erklären.</p>
<p>Im Zeitalter der globalen Marktwirtschaft stehen alle Weltmarktnewcomer vor dem gleichen Grunddilemma. Im Gefolge der mikroelektronischen Revolution sind die Kapitalvorauskosten derart explodiert, dass sie sich insgesamt unmöglich aus der realen inneren Akkumulation bestreiten lassen. Die Länder der Weltmarktperipherie sind durchweg auf umfangreiche Zuflüsse von transnationalem Geldkapital angewiesen. Am höchsten wäre der Investitionsbedarf im kaum bis gar nicht profitträchtigen Infrastrukturbereich. Genau dahin strebt das Rendite suchende Geldkapital allerdings am allerwenigsten. Wenn sich die Exportoffensiven angesichts der diversen Finanzmarktwechselfälle nicht bereits an genereller Kapitalknappheit brechen, dann spätestens an der chronischen Überlastung und Auszehrung der Infrastruktur.</p>
<p>Von diesem objektiven Widerspruch, der den Kapitalismus in der Ära von Mikroelektronik und dem Primat der Finanzmärkte noch viel mehr zu einer Closed-Shop-Veranstaltung macht als auf jeder früheren Entwicklungsstufe, darf nicht die Rede sein. Dementsprechend wird um so exzessiver von der subjektiven Seite des Privatisierungswahns schwadroniert, freilich, indem sie als solche unkenntlich gemacht wird. Natürlich ist die Korruption in vielen Staaten der Dritten Welt endemisch. Natürlich unterscheidet so manche politische Elite nur sehr bedingt zwischen der eigenen und der öffentlichen Kasse und betreibt Insidergeschäfte übelster Sorte. Damit stehen sie aber keinesfalls im Gegensatz zum herrschenden Privatisierungs- und Bereicherungsprogramm. Ob gespielt oder echt, die Empörung des kleinen Investors, der ausgebooteten Konkurrenz und des IWF über kleptokratische Machenschaften darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie die Verwirklichung der eigenen Ideale sind und nicht der Verrat daran. Figuren wie der thailändische Premier Thaksin, Telekom-Mogul, Premier und Bestechungsspezialist in einer Person, entstammen keinem prä-, sondern einem durch und durch postfordistischen Szenario.</p>
<p>Es ist einfach abgeschmackt, den totalen Markt zu predigen und sich gleichzeitig Staatsagenten herbeizuwünschen, die zu unflexibel wären, ihr spezielles „positionelles Kapital“ in einem ganz unmittelbaren Sinn zu verwerten. Die Weltmarkperipherie ist dem Zentrum in Sachen immanenter Aufhebung, sprich Implosion, des Gegensatzes von Markt und Staat nur einen Schritt voraus und sie hat weniger Reste an anachronistischen friderizianisch-fordistischen Moralvorstellungen aufzulösen.</p>
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		<title>Die Wiederkehr der Popliteratur als Farce</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>
		<category><![CDATA[Torsten Liesegang]]></category>

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		<description><![CDATA[Torsten Liesegang „Popliteratur“, im Literaturbetrieb als Signum für eine neue „junge Literatur“ verwendet, ist Teil der nationalkulturellen Erneuerungsversuche, die nach 1989 verstärkt auf allen Gebieten der Kulturproduktion zu beobachten sind. Nach Ausstellungen wie deutschlandbilder. Kunst in einem geteilten Land (1997, Berlin) und der Eindeutschung der Popmusik via Viva und Viva II und beispielhaft in der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Torsten Liesegang</em></p>
<p>„Popliteratur“, im Literaturbetrieb als Signum für eine neue „junge Literatur“ verwendet, ist Teil der nationalkulturellen Erneuerungsversuche, die nach 1989 verstärkt auf allen Gebieten der Kulturproduktion zu beobachten sind. Nach Ausstellungen wie <em>deutschlandbilder. Kunst in einem geteilten Land</em> (1997, Berlin) und der Eindeutschung der Popmusik via <em>Viva </em>und <em>Viva II</em> und beispielhaft in der mehrfach ausgestrahlten TV-Dokumentarreihe <em>Pop2000</em> wird nun Literatur in eine nationale Matrix eingeordnet. Seit Ende der neunziger Jahre haben Verlage wie Kiepenheuer &amp; Witsch, Argon und Suhrkamp unter dem Sammelbegriff einer „neuen deutschen Popliteratur“ eine überschaubare Anzahl von jüngeren Autoren mit großen Auflagenzahlen etablieren können. Damit wurden nicht neue Erzähl-, sondern neue Vermarktungsstrategien jenseits des traditionellen Literaturbetriebs erfolgreich erprobt, mit einem Autorentypus des jungen, flexiblen Medienarbeiters, der neben der Literatur noch als Gag-Schreiber bei der <em>Harald-Schmidt-Show</em>, Feuilleton-Schreiber bei der <em>FAZ</em>, DJ. etc. fungiert.</p>
<p><span id="more-560"></span>Poetologisch ist der als Markenname verwendete Begriff der „Popliteratur“ äußerst unscharf, zumal die betreffenden Bücher weit hinter den Stand literarischer Technik der amerikanischen Popliteratur der fünfziger und sechziger Jahre und der frühen deutschsprachigen, wie beispielsweise Rolf Dieter Brinkmanns, zurückfallen. Denn es geht nicht um den Versuch, unter Weiterentwicklung der literarisch-poetischen Techniken der Moderne mit der Aufzeichnung von Alltags- und Bewusstseinssplittern Erfahrungsfragmente in einen Text zu überführen, sondern um ganz traditionelle Erzählprosa. So ist die „Popliteratur“ dazu verdammt, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, die Themen der klassischen Moderne: das Verhältnis von Ich und Gesellschaft, Ortlosigkeit, Entfremdungserfahrung und Sinnsuche, lediglich im Kontext der neunziger Jahre zu reproduzieren. Bei der „Popliteratur“ handelt es sich nicht um eine formal innovative literarische Strömung, sondern um eine lose Gruppierung von Autoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht und Florian Illies. Sie eint der Wunsch nach einer Orientierung im Zeitgeist und ein biografisches Schreiben, dessen Erzählersubjekt eine Rückschau auf das eigene Leben als eine Form der Selbstvergewisserung betreibt. Gesellschaftliche und politische Bezüge sind aufgelöst oder werden ironisch auf Distanz gehalten, die Verortung des desorientierten Erzähler-Ichs findet über Stilfragen und die Einrichtung in der Konsumgemeinschaft statt.</p>
<p>Der Verdacht gegenüber der „Popliteratur“ als dem literarischer Ausformung der Normalisierungsstrategien der Neuen Mitte ist zwar in der Tendenz richtig, erfordert aber eine Differenzierung. Die Popliteraten verbindet die Sehnsucht nach einer „Normalisierung“ im Sinne einer Loslösung von den Konfliktkonstellationen der Nachkriegszeit, sei es in politischer, ideologischer oder jugendkultureller Hinsicht. Dies macht sie noch nicht zu überzeugten Kulturnationalisten, zumal für die literarischen Protagonisten eine Nationalkultur keine relevante Referenz darstellt. Anders gilt dies für eine Garde mittleren Alters von Suhrkamp-Autoren der hohen Literatur, man denke an Ulrich Woelk, Thomas Hettche und Andreas Neumeister, die nach 1989 ihren literarischen Beitrag zur Bewältigung der „Wunde der Teilung“ beisteuerten. Bei den Popliteraten sucht man eine solche, wenngleich subjektivistische Verarbeitung des Politischen vergebens. Vergleicht man den bornierten Mittelstandskonservativismus eines Florian Illies mit der elitären, stets auf die Beachtung der gesellschaftlichen Hierarchien bedachten Gutsherrenmentalität von Christian Kracht und der ichzentrierten gesellschaftlichen Indifferenz eines Stuckrad-Barre, so ist nicht das Politische einigendes Moment der Popliteraten, sondern der negative Affekt gegenüber Politisierung als solcher.</p>
<p>Paradigmatisch steht hierfür die Erzählerfigur des Romans <em>Faserland</em> von Christian Kracht, der nach seinem Erscheinen 1995 als Pate für die neue literarische Schule figurierte. Das Negativbild des postmodernen Konsummenschen begibt sich von Sylt über Heidelberg und München nach Zürich auf einer sinn- wie ziellosen Odyssee. Sich stets in einem drogeninduzierten Delirium befindend, scheitert der Erzähler durch seine soziale und kommunikative Inkompetenz an jeglicher gesellschaftlichen Kontaktaufnahme, ohne dass dies als defizitär empfunden wird. Im Mittelpunkt stehen Reflexionen um Geschmacksfragen und das verachtungsvolle Abkanzeln der Stillosen und einer möglichen Kritik an der konsumfreudigen Sorglosigkeit der literarischen Ichs. Die fröhliche Absage an sämtliche kollektiven Bezüge mündet in einen radikalen Individualismus, der sich im Wesentlichen über Produktkonsum, Markenkleidung und Automarken vermittelt.</p>
<p>Auf der Reise des Protagonisten durch Deutschland und die Schweiz werden alle Orte zu auswechselbaren Nichtorten. Die Aufhebung topografischer Bezüge korrespondiert mit der Entleerung historischer Symbole und der Entsorgung eines der historischen Erkenntnis verpflichteten Bewusstseins. Geschichte kommt allenfalls als Anekdotenfundus ins Gespräch, als eine Aufreihung entleerter Klischees, bestenfalls mit Obskuritätswert. „Von den Deutschen würde ich erzählen, von den Nationalsozialisten mit ihren sauber ausrasierten Nacken, von den Raketen-Konstrukteuren, die Füllfederhalter in der Brusttasche ihrer weißen Kittel stecken haben, fein aufgereiht. Ich würde erzählen von den Selektierern an der Rampe, von den Geschäftsleuten mit ihren schlecht sitzenden Anzügen, von den Gewerkschaftern, die immer SPD wählen, als ob wirklich etwas davon abhinge, und von den Autonomen, mit ihren Volxküchen und ihrer Abneigung gegen Trinkgeld.“<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup></p>
<p>Die Verpflichtung auf Modernität des Bewusstseins erstreckt sich lediglich auf die Abwendung von der Geschichte, die hier reduziert wird auf eine negative Typologie nicht mehr zeitgemäßer Lebensformen. Diese Entleerung des Historischen kontrastiert mit einer banalisierten postmodernen Alltagserfahrung, die in einer fetischistischen Aufladung von Statussymbolen mündet, Wunschträume des Mittelstandes. Die Skala reicht vom langersehnten <em>VW-Golf </em>bis hin zum Wochenende im <em>Hotel Adlon</em>, Champagner und <em>Hugo Boss</em>, eine gut sortierte CD-Sammlung. Treffend ist daher die Übernahme des VW-Werbespruchs <em>Generation Golf</em> als Selbstbeschreibung durch Florian Illies, der in seinem gleichnamigen Buch versucht, die Erfahrungsinhalte und Gemeinsamkeiten seiner Generation, der zwischen 1965 und 1975 Geborenen, zu fixieren. Der Generationsbegriff, leichthändig seiner Komplexität entledigt, wird auf eine kurze Zeitspanne weniger Jahre verkürzt, als identitätsstiftend gelten Medienereignisse und Produktkonsum. Illies reduziert den Begriff der Generation auf die Erfahrungen Gleichaltriger mit denselben Spielzeugen, Fernsehshows und elterlichen Drangsalierungen. In den achtziger Jahren gesellten sich dazu die ersten Formen der Jugendkultur, Mofa und Popperschnitt. „Aber so war eben jene Zeit. Es ging allen gut, man hatte kaum noch Angst, und wenn man den Fernseher anmachte, sah man immer Helmut Kohl. Nicole sang ein bißchen vom Frieden, Boris Becker spielte ein bißchen Tennis, Kaffee hieß plötzlich Cappuccino, das war&#8217;s auch schon. Die achtziger Jahre waren wie eine gigantische Endlosschleife. Raider heißt jetzt Twix, sonst änderte sich nix.“<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup></p>
<p>Die Individualisierungsschübe der Jugendlichen zeichnet Illies in neuen Konsumgewohnheiten und Kleiderordnungen nach. Dabei beschreibt er einen materiell abgesicherten mittelständischen Spießeralltag, in dem nichts passiert und nichts zu erleben ist. Höhepunkt der Erwartungen ist der Besitz eines Golfes, die Eintrittskarte in die Generation Golf, die schon <em>Volkswagen </em>in jungen, modernen und gutgekleideten Menschen entdeckt hat, auf die Illies sich als „Fanatiker des Allgemeinindividualismus“<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> bezieht.</p>
<p>Im Zuge der Verabsolutierung der Warenästhetik sind Selbsterfahrung, Gefühle und Kollektividentitäten nur noch in den Kategorien der Ware vermittelt, Individualität entspringt dem gehobenen Massenkonsum. Das Aufblasen einer langweilig-spießigen Mittelstandssozialisation zur Generationserfahrung ergibt sich aus der akribischen Aufzählung von Bestandteilen eines mittelständischen Erfahrungshaushaltes, ohne dass ein Rückbezug auf eine soziale Lage stattfindet. So kann Illies über seinen beschränkten Radius hinaus keine andere Erfahrung wahrnehmen. Dass der von Illies und anderen proklamierte neue Individualismus auf einer Kollektivität des Produktbewusstseins und seiner erfolgreichen Vermarktung beruht, wird dabei nicht thematisiert. Individualismus ist heute nur noch als Illusion möglich – dass er den so genannten Popliteraten als tatsächlich erscheint, lässt auf den Erfolg einer Warenästhetik schließen, in deren Mittelpunkt zunehmend weniger Gebrauchswert und Tauschwert stehen, sondern das mit der Ware verbundene gesellschaftliche Prestige. Insofern wundert es nicht, dass die meisten der genannten Autoren junge Medienarbeiter, also in den Distributionsorten postmoderner Warenästhetik tätig sind. Das Vorhandensein der notwendigen materiellen Basis gestattet den Popliteraten eine dandyhaft-elitäre Ablehnung der Arbeit, ohne dass dies in irgendeine Form ökonomischer Analyse eingebunden wäre, sieht man von der emphatischen Affirmation der ökonomischen Verhältnisse, die eine ungleichmäßige Wohlstandsverteilung garantieren, und von einigen kasinokapitalistisch argumentierenden Versatzstücken über den Wahnsinn einer schuldenbasierten Ökonomie einmal ab. Hier wird eine neubürgerliche, atraditionale Mittelstandsideologie konstruiert, und die scheinbar sichere Position des Mittelstandes wird zum Universum erklärt; Armut, gesellschaftliche Marginalisierung, Probleme und Krisen existieren zwar in der als solchen durchschauten, aber affirmierten Gesellschaft der „ungeheuren Warensammlung“, werden aber für die eigene Lebenspraxis als irrelevant erklärt.</p>
<p>„Das Problem der Generation Golf ist natürlich, daß sie sich tatsächlich mehr Gedanken macht über die Anzüge der Politiker als über deren Taten, politisch also völlig indifferent ist. [...] Denn wir stehen Schröder so emotionslos gegenüber wie der gesamten nationalen und internationalen Politik. Wir haben zur Frage, ob man Socken zu Sandalen tragen darf und welche Internetaktie man kaufen sollte, eine dezidiertere Meinung als zum Nato-Einsatz im Kosovo. [...] Allein die Flucht Oskar Lafontaines aus allen seinen Ämtern entlockte auch der Generation Golf einmal so etwas wie eine leidenschaftliche Reaktion. Sie hieß: endlich! [...] Lafontaine war eine Unperson. Sein Abgang bestärkte die Generation Golf in dem Glauben, daß nun auch in der Politik endlich die Zeit der Ideologien und Überzeugungen vorbei ist.“<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup></p>
<p>Während Illies das Ende der Ideologie proklamiert, ist er der Verfechter der als solche unerkannten Logik der kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse. Das Politisch-Gesellschaftliche ist bereits im Bewusstsein aufgelöst, Gemeinsamkeit und Sicherheit verspricht nur noch die richtige Form des Konsums. „Wahrscheinlich glauben wir, daß jeder Mensch von einer solchen riesigen gläsernen Kugel geschützt wird. Gefühle hat man zwar, zeigt sie aber nicht.“<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup> So gesehen stellt Illies einmal mehr die Diagnose von der bürgerlichen Warenmonade, zur Vereinzelung verdammt und sich nur im Konsum erfahrend.</p>
<p>Das bürgerliche Bewusstsein kommt zu sich selbst und streift das Wissen der historischen Herkunft von sich ab. So wie der Individualismus in den kollektiven Konsum mündet, endet die politische Sorglosigkeit in der Reaktion. „Das Verhältnis unserer Generation zur Geschichte allgemein und zum Holocaust ist dermaßen Roman-Herzoghaft unverkrampft, daß Kritiker dahinter Geschichtsvergessenheit vermuten, Ignoranz oder Schlimmeres. [...] Die Generation Golf verstand sehr gut, was Martin Walser meinte, als er von der ‚Dauerrepräsentation unserer Schande’ redete und von der Kultur des Wegschauens. [...] Zugleich sah dennoch kein Generationsangehöriger weder im ganzen Walser-Bubis-Streit noch im Kosovo-Krieg Anlaß, sich zu äußern.“<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup></p>
<p>Die von Kracht vorgeführte Entleerung historischer Symbole beinhaltet die Flucht aus der eigenen Historizität. Geschichte, genauer: die deutsche Geschichte, wird im Hinblick auf eine Identitätsbildung bedeutungslos, das emphatische Beharren auf Modernität zu der Abwendung von Geschichte ohne Emanzipation von ihr. So gesehen orientiert sich die „Popliteratur“ an dem kollektiven Wunsch nach einer „unbelasteten“ Nationalkultur. Immer wieder wird auf die Harmlosigkeit der Wiedervereinigungs-Generation verwiesen, ein „unverkrampftes Verhältnis zur Geschichte“ als Ergebnis einer angeblichen Überpädagogisierung des Nationalsozialismus hervorgekehrt. Damit erübrigt sich nicht nur historische Erinnerung, sondern diese wird als pathologische Fixierung der 68er-Söhne auf ihre Väter denunziert. Der „rheinische Kapitalismus“ der alten Bundesrepublik wird als historisch überholter Zustand erklärt, gleichzeitig ist er Pol der eigenen, negativen Identitätsbildung.</p>
<p>Ist die Erkenntnis, dass Auschwitz sich nicht wiederholen dürfe, als Kern politischen Bewusstseins wieder vergessen, so bricht sich die LTI, der Jargon des Dritten Reiches, in der jüngeren Generation sprachlich seine Bahn. Freut sich Illies, dass seine Gleichaltrigen endlich „über Polenwitze lachen“ können, „ohne gleich an den Polenfeldzug 1939 denken zu müssen“<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup>, nennt der Erzähler in Stuckrad-Barres <em>Soloalbum</em> die endgültige Absage seiner Freundin den „finalen Genickschuß“<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup> oder lässt Kracht seinen Protagonisten in kulturpessimistischer Manier sich vor den „großen, ungewaschenen Massen aus dem Osten“<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup> fürchten – Elemente des Nazijargons halten wieder Einzug, sei es als spielerische Ironie, Unbewusstheit oder inszenierter Tabubruch.</p>
<p>„Unser klassenfeindliches Klassensystem hat leider niemandem mehr beigebracht, soziale und finanzielle Unterschiede als ein Naturgesetz zu akzeptieren, wie das in Frankreich und England ganz selbstverständlich geschieht. [...] In Deutschland, einem Land, das die Gleichheit zur Ideologie gemacht hat, soll man stattdessen ein schlechtes Gewissen haben, wenn man ungleich ist“<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup>, schreibt Illies in seiner jüngst erschienenen <em>Anleitung zum Unschuldigsein</em>. Darin mokiert er sich über die Einübung von sozialen wie ökologischen Verhaltensregeln durch Schuldgefühle. Illies kritisiert nicht die leicht zu durchschauende Beruhigung des Gewissens dieser zivilgesellschaftlichen Zähmung, wenn sie beispielsweise via Mülltrennung über die Zerstörung der Natur wegsehen lässt. Ihm geht es um das Ende der Schuld. So liest sich sein Buch wie eine nur notdürftig durch augenzwinkernde Ironie verbrämte Benimmfibel für den narzisstisch gekränkten, weil verhinderten deutschen Herrenmenschen, der nun das nach 1945 auferlegte Büßergewand ablegen möge, um seine destruktive Asozialität endlich wieder ausleben zu können. Illies singt das rechte Lied der aufgrund mangelnden Nationalbewusstseins beschädigten deutschen Psyche. Sein Rezept lautet: endlich den erlangten Status stolz nach außen kehren, denn gesellschaftliche Hierarchien habe es schließlich schon immer gegeben und die unterbezahlte polnische Putzfrau soll auch als solche behandelt werden.</p>
<p>Um die genaue Beachtung gesellschaftlicher Hierarchien ist auch die sich selbst als „popkulturelles Quintett“ bezeichnende Riege von Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg, Benjamin von Stuckrad-Barre und Joachim Bessing nicht verlegen, die sich auf Betreiben des Letzteren für ein Wochenende im Berliner <em>Hotel Adlon </em>versammelte. <em>Tristesse Royale</em> lautet der 1999 erschienene Titel der stilistisch aufbereiteten Gespräche der fünf Jungliteraten, die über Gott und die Welt plaudern, über Waren, Stilfragen, Schallplatten, Politik, Kultur etc. Auf den ersten Blick zeugt das „Sittenbild unserer Generation“<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup> im Wesentlichen von Langeweile, Oberflächlichkeit und mangelnder Kompetenz. Die Gespräche plätschern ohne Inhalte und Tiefgang dahin, die Selbsteinschätzung von Stuckrad-Barre als „wertkonservativer Popkonsument“<sup><a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></sup> spricht Bände. Die Themen werden vom konservativen Zeitgeist der Neuen Mitte vorgegeben, die politische Positionierung entspricht der konservativen Vätergeneration, bereichert durch Unbekümmertheit und das Gebot der Nichteinmischung. Der Weg zurück zu den Eltern aber muss mit dem Gestus des Rebellischen versehen werden. Die Rebellion wird zur Rebellion der Angepassten, die Kritik zur Affirmation. Zentrales Element ist der Abgrenzungswunsch gegenüber allem, was stilistisch unangemessen erscheint oder an irgendeine politische wie soziale Ethik erinnert. Die Jungliteraten konstruieren einen links orientierten und politisch korrekten Mainstream, von dem es sich mit allen Mitteln abzugrenzen gilt. Ihr Gesellschaftsbewusstsein speist sich aus einer Scheinrevolte gegen den so genannten „Zeitgeist“ der vergangenen Jahre, als negative Identität in der Verachtung des Nichtmodernen, Nichteleganten und Alten, der Ungebildeten, der Linken und 68er. Die Sinnlosigkeit politischen Denkens und Handelns gilt ihnen als ausgemacht.</p>
<p>Ihr Status als Abstand zur Masse wird im fluktuierenden Spiel der Pop-Codes fixiert. Selbstsicher wird über Musik, Marken und Literatur referiert, wobei das Wissen darüber sich als nur oberflächliches entpuppt. Zwar werden ständig bekanntere Schallplatten und Bands angesprochen, über ein Goutieren der Oberflächenreize geht die ästhetische Wahrnehmung nicht hinaus. Begriffe der einschlägigen Diskussionen aus dem Umfeld der Poptheorie werden eingestreut, und diese bruchlose Aneignung bestätigt das Ende der emphatischen Poptheorie als eines kritischen Projekts, wie es von der früheren SPEX-Redaktion vertreten wurde. Deutlich wird die literarische Inkompetenz, wenn die eigenen Vorbilder verhandelt werden. Neben Thomas Bernhard steht hier Bret Easton Ellis an erster Stelle, der in seinen Romanen <em>Unter Null</em> und <em>American Psycho</em> ein Portrait des Yuppie-Amerikas der 80er Jahre zeichnet. <em>Unter Null</em> beschreibt das Leben einiger reicher Jugendlicher in Los Angeles, die, aufgewachsen in materiellem Wohlstand, sinnlos und gelangweilt ihre Zeit totschlagen. Ihre Unfähigkeit zu sozialen Beziehungen steigert Bret Easton Ellis in seinem späteren Roman <em>American Psycho</em> ins Pathologische. Hauptfigur ist ein neureicher Yuppie, der ohne regelrechte Aufgabe sein Geld in der elterlichen Firma verdient. Stil und Produktbewusstsein ist ihm alles, seine Bibel der <em>Gentleman&#8217;s Quarterly</em>. Andere Menschen werden nur als Träger von Markenkleidung wahrgenommen, der Körper selbst zur Ware, den es im <em>Gym</em> zu stählen gilt. Sein Leben besteht im Wesentlichen daraus, mit den richtig gekleideten Menschen in die gerade angesagten Restaurants der Upper Class essen zu gehen, um die neuesten Trends der Produktwelt zu diskutieren. Das pikante Hobby des Protagonisten aber ist die Vergewaltigung und der Mord an Prostituierten.</p>
<p>Während Bret Easton Ellis die Destruktivität des warenförmigen Bewusstseins bloßlegt, wird dies von seinen neuen deutschen Freunden gänzlich ausgeblendet, ebenso wie Gesellschaftspathologie in den Österreichszenarien von Thomas Bernhard. Das Fahren eines Golfes gilt den Popliteraten als feiernswerte Handlung, und so kann die gesellschaftspolitische Position von Bret Easton Ellis nur verkannt werden. Seine Figuren entstammen einem Milieu, in dem Geld nicht mehr verdient werden muss, sondern undurchschaubaren Kapitalbewegungen entstammt. Zerfällt die Beziehung von Arbeit, Ware und Kapital, zerstört sich das bürgerliche Bewusstsein selbst und mündet in pure Destruktivität. Ellis` Deutung dieses Vorgangs als Zerfallsprozess übersieht die immanente Destruktivität und Gewalttätigkeit der bürgerlichen Gesellschaft und kommt nicht über die kulturpessimistische Klage über den Zerfall der Werte hinaus. Die neuen deutschen Literaten aber wissen von alledem nichts. Sie preisen ihr Leben auf Kredit, erzählen stolz von dem fünfstelligen Minus auf ihrem Konto. Zwar hoch verdienend in der Medienbranche, stilisieren sie sich zu Hasardeuren des Kreditsystems, verkommen aber zu billigem Abklatsch gegenüber den großspurigen Kapriolen eines Jürgen Schneiders. Der Zerfall der Arbeit wird ihnen zum Zeichen einer Bohemeexistenz, schließlich wollen sie alles wie ihre Eltern haben, nur früher und ohne Arbeit. Anders als in früheren Jugendkulturen sind Arbeitsunlust und Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung nicht mehr Auslöser der Renitenz.</p>
<p>Dem so genannten „popkulturellen Quintett“ fehlen alle Voraussetzungen für eine tatsächliche Popliteratur. Denn „Popliteratur entsteht nicht, indem ich meine Platten und alten Plastikspielsachen schlecht und recht nacherzähle oder beide mit meiner an sich herrlich uninteressanten Sozialisationsgeschichte verrechne, sondern auf denjenigen Feldern der Literatur, wo Massenkonsumsymbole, US-‚Kulturimperialismus’ und andere schicke Sachen mit schriftstellerischem Können kollidieren“, wie der ehemalige SPEX-Herausgeber und mittlerweile ins FAZ- Feuilleton gewechselte Dietmahr Dath richtig beobachtete. Popliteratur nähert sich dem Alltäglich-Banalen, zeichnet Erfahrungen in einem Bewusstseinsstrom auf, ohne sich die ästhetischen Optimierungsstrategien der Hochkultur zu eigen zu machen. Anders dagegen die genannten Jungliteraten: Die Niederungen der Gesellschaft interessieren sie nicht, das ständige Distinktionsbemühen zeugt vom Abgrenzungswunsch gegenüber diesen. Ästhetisch stehen sie auf verlorenem Posten. Eine innovative literarische Position können sie nicht anbieten und verfallen in formal äußerst biedere Autobiografik; das Pathos ihrer Avantgarde-Gebärde erschöpft sich in gesteigerter Warenfolklore.</p>
<p>Mit der geringen Fiktionalisierung der aus der Perspektive der Ich-Erzähler geschilderten Ereignisse vereint die „Popliteratur“ die Aufhebung des ästhetischen Imaginären zugunsten direkter Identifikationsangebote an den Leser. Sie funktioniert als doppelte Vergegenwärtigung, der Autoren wie der des Lesers: „Der Autor produziert zwar noch den Text, aber noch mehr produziert der Text den Autor.“<sup><a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a></sup> So erfolgt die Schilderung der sozialen Inkompetenz und des bloß triebgesteuerten Handelns der Erzählerprotagonisten ohne Berücksichtigung von Scham- oder Peinlichkeitsgrenzen, ohne eine Distanz der Autoren zu ihren Figuren erkennen zu lassen. Die Frage nach dem Sinn der „Popliteratur“ ergibt sich aus den brüchigen Identitäten der literarischen Figuren. Ihre Schilderung der Oberfläche, Ausdruck einer Gegenwartsfixierung ohne jegliche Tiefendimension, verweist auf ein literarisches Schreiben als eine Form der Selbstvergewisserung, das die Vermeidung ästhetischer Perfektionsstrategien nicht als Mangel, sondern als Authentizität begreift. Dem inauthentischen Leben kann nur in seiner medialen Spiegelung Authentizität suggeriert werden. Schreiben wird als Legitimationsstrategie zum Wert an sich; Bildung an und über etwas sowie irgendeine Form der Reflexion über Werte und Normen werden obsolet; wer Reflexion einfordert und die Bewegung im Spiel der Codes festhält, wird mit Verachtung gestraft.</p>
<p>Dass Antiintellektualismus kultiviert wird, sollte nicht erstaunen. Die Affirmation des Bestehenden verlängert sich in der Abwehr jeglicher Ironie, die in der Belustigung die eigene Distanz zum Gegenstand markiert und im Negativen die Möglichkeit eines Anderen aufrecht erhält. Scheint so etwas wie Sarkasmus oder Selbstironie auf, so im Sinne einer Immunisierungsstrategie, der Abschottung des eigenen Denkens gegen Infragestellung und Kritik.</p>
<p>„Ästhetik kann Politik ersetzen, lautet ein Grundgesetz der bürgerlichen Kultur. Ein anderes aber ist, dass der dandyhafte Kult der Oberfläche und des schicken Scheins, die Verfeinerung des Geschmacks immer einen Überdruss erzeugen, den Hass auf das Gebrochene, Uneigentliche und Ironische; das Grobe und Elementare steigt wieder hoch im Kurs. Die Sehnsucht nach dem Kollektiv und dem großen Moment, nach dem Erlebnis des Kampfes, das die Politik nicht mehr zu bieten vermag, kehrt dann in atavistischer Gestalt wieder zurück.“<sup><a name="sdfootnote14anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a></sup> Fast prophetisch lesen sich diese Sätze nach dem 11. September. Zwar eint die Popliteraten keine gemeinsame politische Perspektive; als individuelle Behauptungsversuche des warenförmigen Bewusstseins können sie keine stabile Identität bilden und suchen ihr Heil in Kulturelitarismus, Konsumverherrlichung und nur im Einzelfall, wie bei Florian Illies, dem nationalen Kollektiv als Garant ökonomischer Existenz. Die Wahrnehmung der Gesellschaft als Warensammlung ist im Moment der Krise unterbrochen; und nicht zuletzt deswegen hat die Moderne die Faszination von Krieg und Katastrophen als letztes Residuum „existenzieller Erfahrung“ hervorgebracht. Es bleibt abzuwarten, wie die gesellschaftsüberdrüssigen Jungästheten angesichts der Generalmobilmachung im „Kampf gegen den Terror“ reagieren. „Wäre das hier Cambridge und nicht Berlin, und wäre es der Herbst 1914 und nicht der Frühling des Jahres 1999, wären wir die ersten, die sich freiwillig meldeten“, so Alexander von Schönburg in <em>Tristesse Royale</em>.<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup></p>
<p>Literatur</p>
<p>Joachim Bessing: Tristesse Royale. Das popkulturelle Quintett mit Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander v. Schönburg und Benjamin v. Stuckrad-Barre. Berlin 1999</p>
<p>Florian Illies: Generation Golf. Eine Inspektion. Berlin 2000</p>
<p>Florian Illies: Anleitung zum Unschuldigsein. Das Übungsbuch für ein schlechtes Gewissen. Berlin 2001</p>
<p>Christian Kracht: Faserland. Köln 1997</p>
<p>Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum. Köln 2000</p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1</a> Kracht, S. 149.</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2</a> Illies (2000), S. 16.</p>
<p><a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">3</a> Illies (2000), S. 91.</p>
<p><a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">4</a> Illies (2000), S. 121 f.</p>
<p><a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">5</a> Illies (2000), S. 194.</p>
<p><a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc">6</a> Illies (2000), S. 174 f.</p>
<p><a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc">7</a> Illies (2000), S. 180.</p>
<p><a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc">8</a> Stuckrad-Barre, S. 16.</p>
<p><a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc">9</a> Kracht, S. 102.</p>
<p><a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc">10</a> Illies (2001), S. 159.</p>
<p><a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc">11</a> Bessing, S. 11.</p>
<p><a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc">12</a> Bessing, S. 35.</p>
<p><a name="sdfootnote13sym" href="#sdfootnote13anc">13</a> Georg Seeßlen, in: literatur-konkret, Nr. 26, 2001/2002, S. 6.</p>
<p><a name="sdfootnote14sym" href="#sdfootnote14anc">14</a> Seibt, Gustav, in: DIE ZEIT, 2.3.2000.</p>
<p><a name="sdfootnote15sym" href="#sdfootnote15anc">15</a> Bessing, S. 138.</p>
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		<title>Unsystematische Gedanken zur Aufklärungsproblematik</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[Diskussionsbeitrag zur Aufklärungs- und Wissenschaftsproblematik]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Diskussionsbeitrag zur Aufklärungs- und Wissenschaftsproblematik angeregt durch die vorgelegten Artikel und Papiere und den kontroversen Diskurs</h3>
<blockquote><p>Du glaubst, du seist dem Kloster entronnen? Es muß jetzt jeder sein Leben lang ein Mönch sein &#8212; <em>Sebastian Franck</em></p></blockquote>
<blockquote><p>Wenn wir die Warensubjekte kritisieren, heißt das nicht, daß wir schon keine mehr wären &#8212; <em>Claus Peter Ortlieb</em></p></blockquote>
<p><em>Udo Winkel</em></p>
<p>I.</p>
<p>Wer die Aufklärung zum notwendigen Ausgangspunkt für jedes kritische Denken und jegliche Reflexion erklärt, wie in sich widersprüchlich und dialektisch diese auch gesehen werden mag, kann sich darauf berufen, daß sie natürlich <em>Bedingung der Möglichkeit </em>der Reflexion in der und über die Moderne ist und insofern unhintergehbar bleibt. Jede Fetischform bringt notwendigerweise, durch die vollzogene Objektivierung ein „Subjekt-Objekt-Verhältnis” und damit Reflexion hervor, wie mystifiziert diese auch sein mag. Die Aufklärung kritisiert die Fetischformen der vorbürgerlichen Gesellschaften, wobei die Religionskritik nicht über den Priesterbetrugsvorwurf hinauskommt.</p>
<p><span id="more-561"></span>Noch Lenin bezeichnete die Religion als „Opium fürs Volk”, eine Verballhornung des jungen Marx, der in Anknüpfung an Feuerbach („Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde”) und ihn transzendierend vom „Opium des Volks” gesprochen hatte: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.”(Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in: Karl Marx / Friedrich Engels Studienausgabe, Bd. 1, Ffm 1966, S. 17) Eine Kritik der Aufklärung auf ihrem Boden kommt nicht über den Stand von Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung” oder Adornos Kantkritik hinaus; ihre Apologeten fallen zumeist weit hinter ihre Vorbilder zurück. Auch das Aufklärungsdenken bleibt „Geist geistloser Zustände”, eben Geist der fetischisierten, verdinglichten und verselbständigten Beziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft. „Geistvolle Zustände” wären erst solche, die durch bewußtes, Bedingungen und Folgen berücksichtigendes, menschliches Handeln hergestellt werden.</p>
<p>II.</p>
<p>In jeder Wissenschaftsgeschichte ist nachzulesen: Die moderne Wissenschaft beginnt seit der Renaissance als Naturwissenschaft, deren Ergebnisse dann auch auf die Gesellschaft übertragen werden, so auch im Selbstverständnis der Protagonisten. Noch Comte sah seine Soziologie als die Krönung der Naturwissenschaften an. Doch was bedeutet Beobachten, Messen, Quantifizieren und labormäßiges Umgehen mit der Realität anderes als die Zurichtung der äußeren Natur und auch der inneren menschlichen. Es geht hier nicht, wie auch kritische Wissenschaftler annehmen, um Übertragung naturwissenschaftlicher Theoreme und Methoden, etwa der Mechanik, auf die verdinglichte Gesellschaft, sondern um den Blickwinkel der „zweiten Natur” auf die erste, ihre Verfügbarkeit und Benutzbarkeit. Schon Francis Bacon schrieb sowohl über die neue Wissenschaft Novum Organum (= das neue Werkzeug), die uns Macht über die Natur verleiht, als auch über die neue Gesellschaft Nova Atlantis, die kraft der neuen Wissenschaft zu einem irdischen Paradies werden soll. Die so konzipierten Naturwissenschaften waren ein wesentliches Moment der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise und, in der industriellen Revolution, ihrer endgültigen Durchsetzung. Hobsbawn spricht hier zu Recht in Bezug auf die politische französische und die industrielle englische von einer „Doppelrevolution”.</p>
<p>III.</p>
<p>Paradigmatisch für die Auseinandersetzung mit der Aufklärung bleibt der „doppelte Marx”: Der historisch gewordene exoterische Marx der Arbeiterbewegung, der wie diese dem Aufklärungsdenken verhaftet blieb, und der esoterische, erst heute in sein Recht tretende, fundamentale Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft. Wobei neben der „Kritik der politischen Ökonomie” auch eine Beschäftigung mit Marx’ Frühschriften, seine Kritik Hegels und der Deutschen Ideologie lohnend bleibt. So schreibt Marx etwa in seiner Proudhon-Kritik, „daß alles, was existiert, daß alles was auf der Erde und im Wasser lebt, durch Abstraktion auf eine logische Kategorie zurückgeführt werden kann, daß man auf diese Art die gesamte wirkliche Welt ersäufen kann in der Welt der Abstraktionen, der Welt der logischen Kategorien – wen wundert das?” (Karl Marx: Elend der Philosophie, in MEW 4, S. 127-28)</p>
<p>IV.</p>
<p>Da die fetischistische Subjekt-Objekt-Spaltung notwendigerweise den „weiblich“ besetzten, emotionalen Bereich, der nicht in Rationalität und im System aufgeht, abspalten muß, tritt dieser immer wieder in mystifizierter Gestalt in Erscheinung. So etwa, wenn die Lebensphilosophie das Kantsche Ding an sich in den buchstäblichen Lebenstrieb verwandelt. Damit bleiben Aufklärung und Gegenaufklärung oder Aufklärungskritik polar aufeinander bezogen, oberflächlich sich ausschließend, doch wesentlich sich gegenseitig bedingend und daher auch im Zusammenhang zu kritisieren. Um Sombart zu paraphrasieren: wir wollen auf dem kapitalistischen Höllenfeuer weder rational gesotten noch irrational gebraten werden. Der Irrationalismus bleibt die Kehrseite des Rationalismus. Wenn Claus Peter Ortlieb in seinem Beitrag in dieser <em>Krisis</em>-Ausgabe schreibt, daß der Antisemitismus „zum ganz normalen Wahnsinn des Aufklärungsdenkens” gehört, ist dieser Zusammenhang angesprochen. Lessing kann in „Nathan dem Weisen” die Gleichberechtigung der Juden postulieren („Ringparabel”; im Vergleich zu Judentum und Islam schneidet das Christentum übrigens zu Recht am schlechtesten ab), einige Jahrzehnte später vertritt der berüchtigte Turnvater Jahn einen völkischen Antisemitismus, der überhaupt in der Romantik eine weite Verbreitung findet: Der Beginn des modernen Antisemitismus ist tatsächlich eine Ausgeburt des Aufklärungs-Gegenaufklärungs-Syndroms.</p>
<p>V.</p>
<p>Gerade weil die Aufklärungsvernunft abstrakt formbestimmt ist, kann sie als ahistorische überhistorisch jedwedem Interesse subsumiert werden. Gegen die Privilegien der vorbürgerlichen Gesellschaft standen die großen Postulate der französischen Revolution für die Freiheit und Gleichheit der bürgerlichen Monade in der subjektlosen Form. Die Brüderlichkeit blieb in der Konkurrenz auf der Strecke; von Schwesterlichkeit war überhaupt nicht die Rede. Schon der junge Marx hat die bürgerlichen Denker kritisiert, daß es für sie zwar eine Geschichte gegeben habe, aber keine mehr gäbe. Hatte noch Voltaire den Absolutismus als „beste aller Welten” verspottet, schien diese mit der Durchsetzung des Aufklärungsdenkens nun erreicht. Es gibt nur noch Bewegung und Veränderung innerhalb der Form – so noch ausdifferenziert und variationsreich in der Luhmannschen Systemtheorie – , ihre Sprengung ist nicht mehr vorgesehen. Auch die Arbeiterbewegung verstand sich als Streiterin gegen die ja tatsächlich noch vorhandenen Privilegien, setzte auf die politische Revolution, die, wie schon der junge Marx wußte, „die Grundmauer stehen läßt”, und setzte in ihrem Kampf erst die Verallgemeinerung des bürgerlichen Individuums durch. Doch die politische Emanzipation ist die „letzte Form der menschlichen Emanzipation <em>innerhalb </em>der bisherigen Weltordnung”. (Marx)</p>
<p>VI.</p>
<p>Claus Peter Ortlieb (ebd.) geht richtig davon aus, daß „das begriffliche Denken, wie es die Aufklärung hervorgebracht &#8230;hat, &#8230; die Trennung von erkennendem Subjekt und erkanntem bzw. zu erkennenden Objekt“ voraussetzt. Anders als in der „Form der Subjekt-Objekt-Trennung”, „läßt sich Analyse und Kritik nicht” nur „darstellen”, wenn „sie sich in dieser Gesellschaft verständlich machen” will, sondern sie ist in dieser Formbestimmtheit überhaupt nur möglich.</p>
<p>Die Soziologie kann so Gesellschaft nur als durch soziales Handeln konstituiert, im Anschluß an Max Weber, oder als vorgegebene „realité sui generis”, im Anschluß an Emile Durkheim, fassen (siehe hierzu meine Thesen „Objektivismus und Subjektivismus in der Soziologie” in <em>Krisis </em>24). Auch der Marxismus bleibt in der Polarität von gesellschaftlichen Naturgesetzen und politischem, sprich voluntaristischem, Handeln befangen; Diamat und Personenkult bedingen sich. Erst die Zusammensicht im Anschluß an Marx – die von den Menschen konstituierten Verhältnisse verselbständigen sich ihnen gegenüber, der Mensch wird vom eigenen Produkt beherrscht – führt im Denken und in der Reflexion über diese Dichotomie hinaus, wobei ohne Sprengung der Form die reale Paradoxie natürlich weiter reproduziert wird. Erst von hier aus wird das Begreifen der Geschichtlichkeit der gesellschaftlichen Formen und die Dechiffrierung der Fetischformen als bewußtes Moment möglich. Schon der junge Marx formuliert in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie” – in Transzendierung der junghegelianischen Religionskritik – als Aufgabe: „Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung (in der Feuerbachschen Religionskritik U.W.) entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.” (Marx/Engels Studienausgabe, ebenda, S. 18) und, so wäre zu ergänzen, die positive Wirtschaftswissenschaft in die „Kritik der Politischen Ökonomie”. Und auch daran sei erinnert, daß er hier dem Kantschen kategorischen Imperativ der Aufklärung entgegensetzt: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist&#8230;” (ebenda, S. 24)</p>
<p>Inzwischen ist die „Gestalt” des Kapitalismus „alt geworden” und die „Eule der Minerva beginnt ihren Flug” tatsächlich erst „in der Dämmerung” (Hegel). Die Unhaltbarkeit der Zustände ermöglicht überhaupt erst eine transzendierende Perspektive. Doch ob wir diese bewußt „ins Jenseits der bestehenden Gesellschaft” (Luxemburg) setzen können, ist letztlich eine praktische Frage. Notwendig bleibt der qualitative Bruch, wie ihn schon Marx in der „Deutschen Ideologie”, freilich im klassentheoretischen Verständnis, formulierte: „&#8230; daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch , weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.” (ebenda, S. 132). Veränderung und Selbstveränderung als Momente einer „umwälzenden Praxis” bleiben das einzige Mittel gegen die drohende Barbarei. Der „theoretische Pol” kann und muß kritisch <em>versuchen</em>, Einschätzungen von entstehenden Bewegungen zu leisten und mögliche Perspektiven deutlich zu machen. Dazu gehört auch, die Perspektivlosigkeit des Aufklärungsdenkens aufzuzeigen. Hier hat Ideologiekritik ihren Stellenwert: „Wenn der Purpur fällt, muß auch der Herzog nach” (Schiller).</p>
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