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	<title>krisis &#187; Krisis 27 (2003)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 27 erschienen</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Epochenbruch von 1989 versprach, davon waren die westlichen Sieger fest überzeugt, den Beginn eines friedlichen Zeitalters. In einer im Zeichen von Demokratie, Menschenrechten und globalisierten Märkten geeinten Welt würden Krieg und Gewalt zu Auslaufmodellen. Diese Hoffnung griff zwei uralte Basisannahmen des Aufklärungsdenkens auf, um sie in sich zu vereinen. Zum einen wiederholte sie die seit dem 18. Jahrhundert umgehende Fama, im Herrschaftsbereich der Grundprinzipien der Moderne, Vernunft, Freiheit und Recht, sei für Blutvergießen eigentlich kein Platz. Kriege wären stets von staatlichen Akteuren losgetreten worden, die nicht auf dem Boden dieser Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stünden. Mit dem Endsieg des Westens seien solche Kräfte verschwunden, ergo verwandle sich damit die Erde in einen Hort des Friedens. Zum anderen wurde der laufende Globalisierungsprozess als Verfriedlichungsgarant verstanden, weil mit dem Triumph des totalen Marktes die potentielle Kriegsmacht Staat gegenüber der vermeintlichen Friedensmacht Markt zusehends ins Hintertreffen gerät.</p>
<p>Die Entwicklung der letzten Dekade hat die Erwartungen, die Welt würde mit dem Endsieg des Westens friedlicher, gründlich dementiert. Dieses Dementi ist freilich nicht so zu verstehen, dass Optimisten aus richtigen Voraussetzungen voreilige Schlüsse gezogen hätten. Unhaltbar sind vielmehr die aus dem Fundus des Aufklärungsdenkens stammenden Basisannahmen. Sie stellen die realen Zusammenhänge auf den Kopf. Zum einen reimen sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit keineswegs auf Friede und Versöhnung. Näher berochen, entströmt diesen Prinzipien vielmehr seit jeher ein unangenehm süßlicher Geruch, ein Fluidum von Tod und Mord, das heute verstärkt freigesetzt wird.</p>
<p><em>(Ernst Lohoff, Gewaltordnung und Vernichtungslogik)</em></p>
<h4>KRISIS 27 Inhalt<em><br />
</em></h4>
<ul>
<li><a href="http://www.krisis.org/2003/editorial-krisis-27">Editorial</a></li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2003/gewaltordnung-und-vernichtungslogik">Ernst Lohoff: Gewaltordnung und Vernichtungslogik</a></li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2003/rechtsform-und-nacktes-leben"> Karl-Heinz Wedel: Rechtsform und „nacktes Leben“</a> – Anmerkungen zu Giorgio Agambens „Homo Sacer&#8221;</li>
<li> Robert Kurz: Tabula Rasa – Wie weit muss oder darf die Kritik der Aufklärung gehen?</li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2003/staat-und-schlepper-2"> Franz Schandl: Staat und Schlepper</a> – Scheinbar jenseits des obligaten Rassismus hat sich (nicht nur) in Österreich ein breiter Konsens in puncto ordentliche Einwanderungspolitik etabliert</li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2003/kontinuitaet-und-singularitaet">Franz Schandl: Kontinuität und Singularität</a> – Auschwitz als authentisches Produkt der westlichen Zivilisation (Rezension Enzo Traverso)</li>
<li> <a href="http://www.krisis.org/2003/bemerkungen-zum-manifest-gegen-die-arbeit">Jaime Semprun (Paris): Bemerkungen zum Manifest gegen die Arbeit</a></li>
<li> Charles Reeve (Paris): Wenn der Berg kreißt und eine Maus gebiert (Kritik des Manifestes gegen die Arbeit)</li>
<li> Luca Santini (Rom): Anmerkungen zum Manifest gegen die Arbeit</li>
<li> Nachwort zur franko-kanadischen Ausgabe des Manifests gegen die Arbeit</li>
</ul>
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		<title>Krisis 27 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Krisis 27 (2003)]]></category>

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		<description><![CDATA[Gute Zeiten für Scharlatane: Jeder selbst ernannte Experte, der eine Erklärung des Inhalts abgibt, der Aufschwung sei aber nun wirklich in Sicht, kann damit rechnen, sich auf den Titelseiten deutscher Zeitungen wiederzufinden. Im Sommerloch des Jahres 2003 jedenfalls tummelten sie sich dort zuhauf. Worin eigentlich die frohe Botschaft des nahenden Aufschwungs bestehen soll, blieb dabei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gute Zeiten für Scharlatane: Jeder selbst ernannte Experte, der eine Erklärung des Inhalts abgibt, der Aufschwung sei aber nun wirklich in Sicht, kann damit rechnen, sich auf den Titelseiten deutscher Zeitungen wiederzufinden. Im Sommerloch des Jahres 2003 jedenfalls tummelten sie sich dort zuhauf. Worin eigentlich die frohe Botschaft des nahenden Aufschwungs bestehen soll, blieb dabei mehr oder weniger nebulös: Die Arbeitslosenzahlen, darin sind sich die Experten einig, werden sich nicht verringern, die EU-Stabilitätskriterien wohl weiterhin verfehlt, die staatlichen Kassen sich nicht wieder füllen, und schon gar nicht werden die brüchig gewordenen sozialen Sicherungssysteme plötzlich wieder finanzierbar. Im Gegenteil, ihre als &#8220;radikale Einschnitte zum Zwecke ihrer Erhaltung&#8221; verkaufte sukzessive Abschaffung gilt überhaupt erst als die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass es zu dem erhofften Aufschwung kommt.</p>
<p><span id="more-219"></span>Aber selbst dann scheint er nicht sicher, deswegen muss er herbei beschworen werden, denn schließlich besteht &#8220;die Wirtschaft&#8221;, auch darin sind sich die Experten einig, ja zur Hälfte aus &#8220;Psychologie&#8221;. Die ZEIT, Meisterin aller Klassen in der Disziplin, Analyse durch die Demonstration guten Willens und moralische Appelle zu ersetzen, ist hier so richtig in ihrem Element und scheut für den guten Zweck auch vor einer Umwertung aller Werte nicht zurück, indem sie das Bürgerrecht auf Konsum (nach Maßgabe der jeweiligen Zahlungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit, versteht sich) zur nationalen Pflicht im Dienst an Volk und Vaterland erklärt (Marc Brost, ZEIT vom 23.08.03, S. 1): &#8220;So sind es vor allem die Menschen, die diesmal für die Wende sorgen müssen. Ihre Ausgaben sind es, welche die Wirtschaft wieder wachsen lassen.&#8221; Vorbild sind mal wieder &#8220;die Amerikaner&#8221;, die &#8220;auch im Abschwung munter konsumierten&#8221; (und sei es auf Kredit), Helden an der Konsumfront, wenn man von den 40 Millionen bereits unter die Armutsgrenze Gefallenen der Einfachheit halber einmal absieht. Dagegen sind &#8220;die Deutschen&#8221; von der Krankheit des &#8220;Angstsparens&#8221; befallen. Aufgabe der Politik ist es demgemäß, die Menschen von dieser Krankheit zu heilen bzw. ihre Selbstheilungskräfte zu stärken, und, siehe da, sie befindet sich auf gutem Wege: &#8220;Es ist der gigantische Nachholbedarf der vergangenen Jahre, der nun die Initialzündung für den Aufschwung liefern kann &#8211; wenn endlich auch die Politik ihren Teil dazu beiträgt. Die Menschen brauchen Gewissheit, dass niedrigere Krankenkassenbeiträge und ein zukunftsfestes Rentenniveau nicht nur versprochen, sondern auch verwirklicht werden. Und sie brauchen Geld, mit dem sie die Wirtschaft wieder ankurbeln können&#8221; (gemeint ist die angekündigte Steuersenkung).</p>
<p>Einerseits sollen also die deutschen Konsumenten in den vergangenen Jahren riesige Vermögen angespart haben, die sie nun endlich verprassen wollen, andererseits brauchen sie fürs Konsumieren dringend Geld. Irgendwas kann da doch wohl nicht stimmen. Auch der Hinweis auf &#8220;niedrigere Krankenkassenbeiträge und ein zukunftsfestes Rentenniveau&#8221; ist in diesem Zusammenhang wohl kaum angebracht. Von der Höhe des inzwischen erreichten Niveaus wird denn auch lieber nicht gesprochen. Wer nicht mit 65 oder demnächst vielleicht 67 einen materiellen Absturz erleben will, muss schon privat vorsorgen, und das kostet bekanntlich. Ebenso muss der Wunsch etwa nach einem weiterhin kompletten Gebiss künftig selbst finanziert werden, was die persönlich zu zahlenden Krankenkassenbeiträge natürlich nicht nach unten, sondern nach oben treibt.</p>
<p>Wenn ein intellektuell derart herunter gekommener, gegen die Fakten und logischen Regeln argumentierender Beitrag heute die Titelseite einer &#8220;renommierten deutschen Wochenzeitung&#8221; füllen darf (und es handelt sich hier keineswegs um einen einmaligen Ausrutscher), dann zeigt sich darin dreierlei: dass nämlich, erstens, die Krise zumindest des Geldes das öffentliche Bewusstsein erreicht hat, in welch verquerer Gestalt auch immer, dass sie aber, zweitens, nicht sein darf und daher als vorübergehendes Phänomen weginterpretiert werden muss, und dass, drittens, eben dies nicht mehr geht.</p>
<p>Nun ist die Verbreitung von Krisenbewusstsein allein noch kein Schlüssel zur Veränderung, solange dieses Bewusstsein nämlich die ideologisch verkehrte Form hat, die es notwendig annehmen muss, wenn das Kapitalverhältnis und insbesondere die kapitalistische Konkurrenz als Naturverhältnis verstanden werden, als uralter und immer währender &#8220;Kampf ums Dasein&#8221; und &#8220;survival of the fittest&#8221;. Das männlich-weiße Konkurrenzsubjekt kann Krise überhaupt nur als Niederlage, als Unterlegenheit in der Konkurrenz denken und muss darauf mit der Verschärfung des Konkurrenzkampfes antworten. In einem System, das als Ganzes allmählich in den freien Fall übergeht, zählt als einziges Erfolgskriterium seiner Akteure, die eigene Fallgeschwindigkeit geringer zu halten als die der Konkurrenten. Das gilt dann bereits als Aufstieg, und systemimmanent betrachtet stimmt es sogar.</p>
<p>Es ist daher kein Zufall, dass bei den vergeblichen Versuchen, die Krisenphänomene zu verstehen, gern der Leistungssport als Metapher bemüht wird. Auch da kommt es schließlich nicht darauf an, einfach nur gut zu sein, sondern besser als die anderen. &#8220;Die Leistungssportler sind so müde wie die Gesellschaft&#8221; (Hanns-Bruno Kammertöns, ZEIT vom 04.09.03, S. 1), hier bezogen auf die diesjährige Leichtathletik-Weltmeisterschaft, in der es für die Deutschen nur zu lauter sechsten Plätzen reichte, zum &#8220;Mittelmaß&#8221; also.</p>
<p>Was für die vereinzelten Einzelnen gilt, trifft erst recht auf die Kollektivsubjekte zu, auf kapitalistische Einzelbetriebe ebenso wie auf die &#8220;Deutschland AG&#8221;. Nicht die Entsorgung der sozialen Sicherungssysteme gilt als der Skandal, sondern dass &#8220;wir&#8221; nicht mehr &#8220;Weltspitze&#8221; sind, in welcher Disziplin auch immer. Also ist die Leistung zu steigern, der Output, die Produktivität. &#8220;Die Deutschen müssen wieder länger arbeiten.&#8221; Diese inzwischen parteiübergreifend erhobene Forderung, die angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen und der damit ursächlich zusammenhängenden Verdoppelung der Produktivität in weniger als dreißig Jahren auf den ersten Blick als absurd erscheint, ist im Sinne der Standortkonkurrenz völlig rational und daher politisch alternativlos. Und tatsächlich hat sie sich ja &#8220;naturwüchsig&#8221; bereits weitgehend durchgesetzt: Selbst die 40-Stunden-Woche dürfte in den meisten Branchen allenfalls noch auf dem Papier stehen. Der Idealfall wäre natürlich, die Produktivität eines hoch technisierten Industriestandortes mit den Arbeitsverhältnissen eines Dritte-Welt-Landes zu verbinden. Dann wären &#8220;wir&#8221; unschlagbar.</p>
<p>Die damit vorgegebene Entwicklungsrichtung hat leider einen kleinen Schönheitsfehler: Die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht, wird sich also ähnliche Überlegungen machen mit ähnlichen Schlussfolgerungen, und am Ende sind wieder alle gleichauf, nur unter für alle verschlechterten Bedingungen (auch für die Kapitalverwertung), und die nächste Runde kann beginnen. Diese logische Struktur von Akteuren, die alle ihren eigenen Vorteil suchen, was ihnen aufgrund der gültigen Spielregeln allesamt zum Nachteil gereicht, das Gegenstück also zur &#8220;unsichtbaren Hand&#8221; des Adam Smith, ist übrigens unter dem Namen &#8220;n-Personen-Gefangenendilemma&#8221; der akademischen Wirtschafts- und Sozialwissenschaft durchaus geläufig. Nur darf es dort um Himmels willen nicht auf die &#8220;schöne Maschine&#8221; des Weltmarkts anwendbar sein.</p>
<p>Der Kampf gegen die Krise des warenproduzierenden Systems besteht heute wesentlich in der Bekämpfung ihrer Opfer, der aus der warenförmigen Reproduktion Herausgefallenen, die dazu in mehr oder weniger bewusster Verdrehung von Ursache und Wirkung erst einmal als die wahren Schuldigen abgestempelt werden müssen. Kaum noch ein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine Boulevardzeitung einen Sozialhilfeempfänger des Verbrechens eines &#8220;luxuriösen&#8221; Lebens überführt und öffentlich anprangert. Ganze Heerscharen von Reportern scheinen sich damit ihren Arbeitsplatz zu sichern. In den Arbeitsämtern gilt derweil als Erfolgskriterium nicht mehr die Anzahl der in Beschäftigungsverhältnisse Vermittelte (die Ergebnisse waren doch allzu dürftig), sondern die durch vielerlei Schikanen erreichte Kosteneinsparung qua Zurückstufung finanzieller Ansprüche. Wer die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz nicht zu einem Vollzeitjob macht und das etwa durch eine entsprechende Anzahl sinnloser Bewerbungsschreiben nachweist, bekommt weniger Geld. Einer Todsünde gar kommt es gleich, einen angebotenen Arbeitsplatz einfach abzulehnen, und sei er noch so unzumutbar. Gleiches gilt inzwischen auch für Sozialhilfeempfänger, da liegt es doch nahe, Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenzuführen, das schafft Rationalisierungspotentiale.</p>
<p>Nicht nur in der Peripherie, in den Bürger-, Plünderungs- und Weltordnungskriegen nimmt der Kampf gegen die vom Weltmarkt Ausgespuckten und aus der bürgerlichen Gesellschaft Herausgefallenen immer gewaltsamere Formen an, sondern auch in den kapitalistischen Zentren, dort allerdings noch überwiegend verdeckt in den der demokratischen Öffentlichkeit weniger zugänglichen Bereichen wie etwa den für die &#8220;Illegalen&#8221; eingerichteten &#8220;exterritorialen Zonen&#8221; (vgl. <em><a href="http://www.krisis.org/2003/rechtsform-und-nacktes-leben">Rechtsform und &#8220;nacktes Leben&#8221;</a></em> in diesem Heft) . Vom &#8220;lebensunwerten Leben&#8221; wird selbstverständlich nicht gesprochen, entsprechend gehandelt zuweilen aber schon, und &#8220;menschlicher Abschaum&#8221; gehört inzwischen zum erlaubten Sprachgebrauch. In den Gefängnissen Hamburgs wurden eher beiläufig qua Verwaltungsakt die Automaten abgebaut, mit denen Drogensüchtige ihre Spritzen erneuern konnten, mit dem Argument, der Staat dürfe den illegalen Drogenkonsum nicht fördern. Nun wissen natürlich alle, dass durch eine solche Maßnahme der Drogenkonsum nicht ab-, wohl aber der gemeinsame Gebrauch der Spritzbestecke zunehmen wird, mit der Folge der schnelleren Verbreitung von Krankheiten wie AIDS und Hepatitis. Es kann jetzt darüber spekuliert werden, ob die damit verbundene Verringerung der Lebenserwartung drogensüchtiger Häftlinge mit dieser Maßnahme nur billigend in Kauf genommen wird oder aber ihr eigentlicher Sinn ist.</p>
<p>Wo es um Kosteneinsparung geht, darf es keine Tabus mehr geben, wie auch der JU-Vorsitzende weiß, der nicht einsehen mochte, warum man 85-Jährigen noch künstliche Hüftgelenke einsetzen solle, schließlich seien die Leute früher auch auf Krücken gegangen. Der auf diese Äußerung erfolgte Aufschrei sollte nicht darüber hinweg täuschen, dass hier ein Diskurs installiert wurde, dessen Verlauf absehbar ist, wenn der Anteil der Alten weiter zunimmt und die finanziellen Randbedingungen sich weiter verschlechtern: Er wird nicht bei den 85-Jährigen stehen bleiben &#8211; schließlich ist dasselbe Argument genau so gut auf 70-Jährige anwendbar &#8211; und auch nicht bei Hüftprothesen. Schon heute sind viele Notfallkrankenhäuser so schlecht ausgestattet, dass die Ärzte gar nicht anders können, als &#8220;Prioritäten zu setzen&#8221;, und natürlich wären sie dankbar, wenn es dafür gesellschaftlich sanktionierte Kriterien gäbe.</p>
<p>Für das Wohl &#8220;unserer&#8221; Volkswirtschaft müssen wir schließlich alle Opfer bringen. Ein anständiger Staatsbürger arbeitet künftig bis 67 und ist mit 68 gefälligst tot. Schöne Aussichten.</p>
<p>* * *</p>
<p>Die ökonomische Logik kippt angesichts der Krise der Arbeitsgesellschaft in eine Selektions- und Entsorgungslogik um. Wie bereits angedeutet, würde es freilich zu kurz greifen, diesen Umschlag allein darauf zurückzuführen, dass betriebswirtschaftliche Rationalität zum alleinigen Maßstab in allen gesellschaftlichen Subsystemen aufgestiegen ist. Elimination und Vernichtung gehören vielmehr zum Urgrund, auf dem der stolze Gesamtbau von Recht, westlicher Vernunft und Warensubjektivität errichtet ist.</p>
<p>In seinem Artikel <a href="http://www.krisis.org/2003/gewaltordnung-und-vernichtungslogik">Gewaltordnung und Vernichtungslogik</a> untersucht Ernst Lohoff die Rolle von Gewalt und Krieg für die Herausbildung und Entwicklung der modernen Subjektform. Ausgehend von einer exemplarischen geistesgeschichtlichen Auseinandersetzung mit Hobbes, Hegel und Freud stellt er die These auf, dass sich Warensubjektivität um einen Gewaltkern herum konstituiert. Der blutige Aufstieg der großen staatlichen Kollektivsubjekte, dessen militärgeschichtliche Logik Lohoff näher beleuchtet, und die damit einhergehende Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols haben diesen Gewaltkern gleichzeitig implantiert und eingebunden. Im gleichen Maße wie sich in vielen Weltregionen reguläre Staatlichkeit auflöst und das staatsbürgerliche Ethos zerfällt, droht dessen Freisetzung. Bei diesem Prozess spielt der Leviathan selber eine Schlüsselrolle. Vor diesem Hintergrund geht es im Schlussteil des Beitrags um das fatale Wechselspiel zwischen dem Weltpolizisten und neuen poststaatlichen Gewaltakteuren wie el Qaida.</p>
<p>Auf den gewaltförmigen Kern der Konstitution des Politischen, des Verhältnisses von staatlichem Souverän und Staatsbürger zielt der Artikel<em> <a href="http://www.krisis.org/2003/rechtsform-und-nacktes-leben">Rechtsform und &#8220;nacktes Leben&#8221;</a></em> von Karl-Heinz Wedel, in dem er versucht, Giorgio Agambens &#8220;Homo sacer&#8221; für eine wertabspaltungskritische Perspektive fruchtbar zu machen. Dieser Kern, im Normalzustand der Rechtsform gemeinhin verhüllt, kommt als Ausnahmezustand in der Krise zunehmend zum Vorschein, exekutiert etwa an den &#8220;Papierlosen&#8221;. Sein Paradigma ist das Lager, die Reduktion des Einzelnen auf tötbares Leben.</p>
<p>Es sind die hässlichen Erscheinungsformen der neuerdings wieder gern beschworenen westlichen Werte, der Ideale der Aufklärung, und nicht irgendwelche Abweichungen davon, die jetzt in der Krise kulminieren. Gegenstand der letzten beiden Krisis-Hefte war u. a., diesen Zusammenhang nachzuweisen. Robert Kurz hat mit seinen beiden Artikeln <em>Blutige Vernunft</em> (Heft 25) und <em>Negative Ontologie</em> (Heft 26) dabei theoretisches Neuland betreten und, wie sollte es anders sein, damit auch intern kontroverse Debatten ausgelöst. Besonders die Rede vom &#8220;geistigen Gesamtmüll des Abendlandes&#8221; (Heft 25, S. 66), in manchen Diskussionen aus dem Zusammenhang gerissen, in den sie gestellt war, blieb nicht ohne Widerspruch (s. Anselm Jappe, <em><a href="http://www.krisis.org/2003/eine-frage-des-standpunkts">Eine Frage des Standpunkts</a></em> in Heft 26). In dem Artikel <em>Tabula rasa</em> nimmt Robert Kurz diese Diskussionen auf und entwickelt Kriterien für eine &#8211; um im Bilde zu bleiben &#8211; &#8220;Mülltrennung&#8221;, indem er zwischen dem (abzuschaffenden) eigentlichen Gegenstand negatorischer Kritik und den geschichtlichen Artefakten unterscheidet, die über die Warengesellschaft hinaus Bestand haben können, so wie etwa die Kunst des Bierbrauens nicht mit der mesopotamischen Gesellschaft untergegangen ist, in der sie entstand. Der Text ist so gehalten, dass er auch ohne den Vorlauf der Artikel, aus denen er sich entwickelt hat, gelesen werden kann.</p>
<p>Der Kommentarteil beginnt mit dem kurzen Text <em><a href="http://www.krisis.org/2001/staat-und-schlepper">Staat und Schlepper</a></em>, in dem Franz Schandl die gesellschaftlichen Bedingungen für die Geschäfte der Fluchthelfer und die allgemeine Empörung über derartige Geschäfte kritisch unter die Lupe nimmt.</p>
<p>Ebenfalls Franz Schandl rezensiert in <a href="http://www.krisis.org/2003/kontinuitaet-und-singularitaet">Kontinuität und Singularität</a> das gerade in deutscher Sprache erschienene Buch von Enzo Traverso <em>Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors</em>, in dem dieser Auschwitz als ein authentisches Produkt der westlichen Zivilisation kennzeichnet und seine These am historischen Material belegt.</p>
<p>Die Verbreitung von Krisis-Texten, insbesondere des inzwischen in acht Sprachen übersetzten Manifests gegen die Arbeit, aber auch verschiedener Anthologien über den deutschen Sprachraum hinaus hat auch dort erfreulicherweise zu kontroversen Debatten geführt. Wir dokumentieren hier exemplarisch vier Kritiken am Manifest gegen die Arbeit, die insofern repräsentativ sind, als sie einige häufig wiederkehrende Argumente und Einwände enthalten: <em>Bemerkungen zum &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221; </em>von Jaime Semprun (Paris), <em>Wenn der Berg kreißt und eine Maus gebiert</em> von Charles Reeve (Paris), <em>Anmerkungen zum &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221; </em>von Luca Santini (Rom) sowie das Nachwort zur franko-kanadischen Ausgabe des Manifests von Éditions Rouge et Noir (Québec). Eine Replik unsererseits ist für das nächste Heft vorgesehen.</p>
<p>Nicht fehlen soll auch diesmal der Hinweis auf neuere Publikationen aus unserem Zusammenhang. Da ist zunächst die Broschüre <em>Scharfe Schafe &#8211; Geschorenes zum antideutschen Bellizismus</em> zu der wir uns aufgrund der unerträglich gewordenen Ausbreitung des antideutschen Sektenwesens in der linken Szene und Presse genötigt sahen. Die Broschüre enthält Beiträge von Norbert Trenkle, Micha Böhme, Martin Dornis, Kenneth Plasa, Robert Kurz, Franz Schandl, Ernst Lohoff u.a. und dokumentiert außerdem die Polemik gegen den Kongress &#8220;Spiel ohne Grenzen&#8221; im Mai 2003. Die Bestellmodalitäten finden sich in der Anzeige auf den letzten Seiten dieser <em>Krisis</em>.</p>
<p>Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen und Hintergründen der antideutschen Ideologie, die in der Broschüre keinen Platz mehr fand, hat <em>Robert Kurz </em>in dem Buch <em>Die antideutsche Ideologie</em> geleistet, das im Oktober im Unrast-Verlag (Münster) erscheint (320 Seiten, 17 Euro).</p>
<p>Schließlich erscheint in diesem Herbst endlich auch die deutsche Fassung des Buches <a href="http://www.krisis.org/2003/zeit-arbeit-und-gesellschaftliche-herrschaft">Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft</a> von <em>Moishe Postone</em>, an dessen Übersetzung sich die <em>Krisis</em> (in Person von Petra Haarmann, Wolfgang Kukulies, Norbert Trenkle und Hanns von Bosse) in den letzten drei Jahren intensiv beteiligt hat. Das Buch ist im Freiburger ca ira Verlag erschienen, umfasst 600 Seiten und kostet 34 Euro. Es handelt sich um ein äußerst wichtiges theoretisches Grundlagenwerk, mit dem wir uns in den nächsten Nummern noch weiter auseinandersetzen werden.</p>
<p><em>Claus Peter Ortlieb für die Redaktion</em></p>
<p><em>im September 2003</em></p>
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		<title>Gewaltordnung und Vernichtungslogik</title>
		<link>http://www.krisis.org/2003/gewaltordnung-und-vernichtungslogik</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 27 (2003)]]></category>

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		<description><![CDATA[erschienen in: Krisis 27 (November 2003) Ernst Lohoff &#8220;Ich habe&#8221;, nuschelte er wild, &#8220;immer von einer Schar von Männern geträumt, eisern entschlossen, bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel, stark genug, sich selbst rundheraus als Vernichter zu bezeichnen, frei von dem entsagungsvollen Pessimismus, der Welt vergiftet, ohne Mitleid mit irgendeinem Lebewesen, sie selbst eingeschlossen &#8211; der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>erschienen in: Krisis 27 (November 2003)</p>
<p><em> Ernst Lohoff</em></p>
<p><em>&#8220;Ich habe&#8221;, nuschelte er wild, &#8220;immer von einer Schar von Männern geträumt, eisern entschlossen, bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel, stark genug, sich selbst rundheraus als Vernichter zu bezeichnen, frei von dem entsagungsvollen Pessimismus, der Welt vergiftet, ohne Mitleid mit irgendeinem Lebewesen, sie selbst eingeschlossen &#8211; der Tod im Dienste der Menschheit.&#8221; (Joseph Conrad, Der Geheimagent)</em><strong></strong></p>
<h4><span id="more-222"></span>Das große Dementi</h4>
<p>Der Epochenbruch von 1989 versprach, davon waren die westlichen Sieger fest überzeugt, den Beginn eines friedlichen Zeitalters. In einer im Zeichen von Demokratie, Menschenrecht und globalisierten Märkten geeinten Welt würden Krieg und Gewalt zu Auslaufmodellen. Diese Hoffnung griff zwei uralte Basisannahmen des Aufklärungsdenkens auf, um sie in sich zu vereinen. Zum einen wiederholte sie die seit dem 18. Jahrhundert umgehende Fama, im Herrschaftsbereich der Grundprinzipien der Moderne, Vernunft, Freiheit und Recht, sei für Blutvergießen eigentlich kein Platz. Kriege wären stets von staatlichen Akteuren losgetreten worden, die nicht auf dem Boden dieser Prinzipien von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stünden. Mit dem Endsieg des Westens seien solche Kräfte verschwunden, ergo verwandle sich damit die Erde in einen Hort des Friedens. Zum anderen wurde der laufende Globalisierungsprozess als Verfriedlichungsgarant verstanden, weil mit dem Triumph des totalen Marktes die potentielle Kriegsmacht Staat gegenüber der vermeintlichen Friedensmacht Markt zusehends ins Hintertreffen gerät. Dass Politik und Staat an Eigengewicht verlieren, um sich nolens volens restlos der Markt- und Standortlogik unterzuordnen, so die Annahme, mache schon für sich genommen Kriege immer unwahrscheinlicher.</p>
<p><a name="q1"></a><a name="q2"></a>Auch die Vorstellung, dass dort, wo der Markt und seine Gesetze den Ton angeben die Waffen verstummen und der Triumph der ökonomischen Logik Pazifizierung bedeutet, hat tiefe historische Wurzeln. Seit den Tagen von Adam Smith und Immanuel Kant gehört sie zum Standardrepertoire liberaler Ökonomen und der Aufklärungsphilosophen: &#8220;Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der sich früher oder später jedes Volkes bemächtigt.&#8221;(<a href="#1">1</a>) Thomas Paine war es vorbehalten, der liberalen Verfriedlichungserwartung ihre klassische Gestalt zu geben. In seinen 1792 erschienenen Rights of Man feiert er nicht nur die am bürgerlichen Prinzipienhimmel strahlenden Ideale als friedensstiftend, sondern im gleichen Atemzug den Markt als &#8220;ein friedliches System, das dahin wirkt, die Menschen einander näher zu bringen, indem er Nationen ebenso wie Individuen einander nützlich werden lässt.&#8221; &#8220;Die Erfindung des Handels ist der größte Schritt zu einer allgemeinen Zivilisation, der noch mit Mitteln gemacht wurde, die nicht unmittelbar aus moralischen Prinzipien fließen&#8221;.(<a href="#2">2</a>)</p>
<p>Die Entwicklung der letzten Dekade hat die Erwartungen, die Welt würde mit dem Endsieg des Westens friedlicher, gründlich dementiert. Dieses Dementi ist freilich nicht so zu verstehen, dass Optimisten aus richtigen Voraussetzungen voreilige Schlüsse gezogen hätten. Unhaltbar sind vielmehr die aus dem Fundus des Aufklärungsdenkens stammenden Basisannahmen. Sie stellen die realen Zusammenhänge auf den Kopf. Zum einen reimen sich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit keineswegs auf Frieden und Versöhnung. Näher berochen, entströmt diesen Prinzipien vielmehr seit jeher ein unangenehm süßlicher Geruch, ein Fluidum von Tod und Mord, das heute verstärkt freigesetzt wird.</p>
<p>Zum anderen führt die Gleichsetzung von Markt und Frieden in die Irre. Sicherlich war die Aufstiegsphase der Warengesellschaft davon geprägt, dass Gewalt und Krieg zunehmend zur alleinigen Staatsangelegenheit wurden. Deshalb bringen die laufenden Deetatisierungsprozesse Gewalt und Krieg aber noch lange nicht zum Verschwinden. Sie machen im hereinbrechenden Krisenzeitalter lediglich einen Gestaltwechsel durch. Gerade im Rahmen der Globalisierung blühen in weiten Teilen der Welt regelrechte Gewaltmärkte auf, während neue Typen von Gewaltakteuren auf den Plan treten. In der Form von Warlords und Mafiaherrschaft kehrt das aus der Epoche der Renaissance und aus Konflikten wie dem Dreißigjährigen Krieg vertraute Kriegsunternehmertum in weiten Teilen der Dritten Welt wieder. Aber auch das staatliche Gewaltregime in den westlichen Zentren macht Metamorphosen durch, die eher auf die Freisetzung denn auf das Verschwinden von Gewaltpotentialen hinauslaufen.</p>
<p>Der Aufsatz beginnt mit einer geistesgeschichtlichen Probebohrung. In der exemplarischen Auseinandersetzung mit Hegel, Hobbes und Freud wird die These entwickelt, dass der westliche Wertekanon von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit letztlich auf einstweilen sistierten Mord und Totschlag gründen. Das Warensubjekt formiert sich um einen Gewaltkern herum. Der zweite Teil untersucht den Prozess der Durchstaatlichung von Krieg und Gewalt und fasst den Aufstieg des Staates zum einzig legitimen Gewaltakteur als Doppelprozess der Implantierung und Bändigung dieses Gewaltkerns. Im dritten Teil wird die Auflösung des durchstaatlichten Gewaltregimes beschrieben. Die verdrängte mörderische Grundlage der Subjektkonstitution und der westlichen Werte drängt ans Licht.</p>
<h4>I. Teil</h4>
<h4>Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und der Gewaltkern des Warensubjekts</h4>
<p>Seinem eigenen Selbstverständnis nach handelt es sich beim westlichen Wertekanon um ein Gegenprogramm zu Willkür, Tyrannei und Mord. Vertrag, Recht und Moral ziehen ihre Legitimation daraus, dass ihre Herrschaft anomische Verhältnisse und Blutvergießen verhindert. Näher besehen, zeigt sich freilich ein etwas anderes als das von der westlichen Ideologie gezeichnete Bild. Die Krankheit, zu deren Heilung die westlichen Werte dienen sollen, wird überhaupt erst vom Heilmittel geschaffen. Vernichtung, Mord und Chaos sind für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit konstitutiv. Diese Prinzipien stehen keineswegs für das Gegenteil von Zerstörung und Totschlag, sondern gehen aus deren partieller Sistierung und Sublimierung hervor, aus Prozessen, die sich im Abstieg der Warengesellschaft durchaus als reversibel erweisen können. Wo an die Stelle der warengesellschaftlichen Normalität anomische Zustände treten, machen diese Zerfallsprozesse nur deren hässlichen Untergrund sichtbar.</p>
<p>Im gleichen Maß wie dem Warenverstand die westlichen Werte in Fleisch und Blut übergegangen sind, wurden sie jeder Reflexion entrückt. Mit entrückt ist damit auch der innere Zusammenhang zwischen den universellen Prinzipien der Aufklärung und der ihnen zugrunde liegenden Logik von Gewalt und Vernichtung. Bei den Vordenkern und Durchsetzungsideologen sah das noch anders aus. Liest man deren theoretische Konstruktionen gegen den Strich, dann plaudern sie Dinge aus, die ihre Erben nicht mehr aussprechen würden. Schon eine kurze geistesgeschichtliche Probebohrung fördert über die Fundamente von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit so viel Ungeheuerliches zu Tage, dass es unmöglich wird, sich noch einmal unbefangen und ohne aufsteigenden Brechreiz positiv auf die Ideen von 1789 zu beziehen.</p>
<h4>1. Gleichheit und die Tötbarkeit des Menschen</h4>
<p>Es ist keineswegs übertrieben, in der panischen Angst vor selber geschaffenen Gewaltgespenstern den Urgrund aller modernen Staats- und Vertragstheorie und der Legitimation des Staates auszumachen. Zumindest beim Stammvater des politischen Denkens, Thomas Hobbes, bildet sie unübersehbar Ausgang und Leitmotiv. Hobbes geht es darum, die Herrschaft eines Souveräns zu legitimieren und zu propagieren. Dabei zeichnet er ein alles andere als freundliches Bild des Souveräns. Wie die an die Bibel angelehnte Namensgebung, Leviathan, bereits verrät, fordert er explizit die Herrschaft eines Ungeheuers, das alle Staatsbürger mit Gewaltandrohung in Schach hält. Genau diese Übermacht scheint aber unerlässlich, weil Hobbes sich das Menschengeschlecht immer schon als Ansammlung notorischer asozialer Gewaltsubjekte imaginiert. Nur das große Monstrum, so seine ständig wiederholte Grundthese, kann die vielen kleinen Monster daran hindern, einander permanent an die Kehle zu gehen, und damit den als Naturzustand apostrophierten &#8220;Krieg aller gegen alle&#8221; beenden.</p>
<p>Ausgangspunkt aller Vertragstheorien ist die Vorstellung von der Gleichheit aller Menschen. Diese Idee kannte zwar auch schon das Mittelalter; Gleichheit bezog das abendländische Denken damals aber nur auf das Jenseits, auf die Gleichheit aller Sterblichen vor Gott. Hobbes fällt das Verdienst zu, das Ideal der Gleichheit aus den himmlisch religiösen Sphären auf die Erde heruntergeholt zu haben. Es wirft allerdings ein Schlaglicht auf diesen Säkularisierungsprozess, wie der Urvater der Vertrags- und Staatstheorie die Gleichheit aller Menschen bestimmt. An die Stelle der Sterblichkeit als conditio humana ist die Tötbarkeit gerückt. Die Menschen sind insofern gleich, als sie sich allesamt gegenseitig umbringen können.</p>
<p><a name="q3"></a>Hobbes&#8217; durch und durch empiristisches Gleichheitsverständnis unterstellt zunächst &#8220;eine Gleichheit der Hoffnung&#8221;. Diese vereint Menschen aber keineswegs zu gemeinsamem Tun und Handeln, sondern stellt sie im Gegenteil im Streben &#8220;nach demselben Gegenstand, den sie nicht zusammen genießen können&#8221;, einander gegenüber. Gerade die &#8220;Gleichheit der Hoffnung&#8221; führt die Menschen &#8220;in Verfolgung ihrer Absicht, die grundsätzlich Selbsterhaltung und bisweilen nur Genuss ist&#8221;, dazu, &#8220;Feinde&#8221; zu werden. Im &#8220;Naturzustand&#8221; bleibt es aber keineswegs bei der bloßen Missgunst und dem beständigen einander Belauern. Der Gleichheit der Hoffnung entspricht nämlich auch eine &#8220;Gleichheit der Fähigkeit&#8221;, und darunter ist vor allem anderen die Urfähigkeit, einander ins Jenseits zu befördern zu verstehen. Für Hobbes sind alle Menschen insofern gleich, als auch &#8220;der Schwächste stark genug ist, den Stärksten zu töten &#8211; entweder durch Hinterlist oder durch ein Bündnis mit anderen.&#8221;(<a href="#3">3</a>)</p>
<p>Allein die Existenz einer mit allen Zwangsmitteln ausgerüsteten staatlichen Gewalt ermöglicht die Transformation der Gleichheit der mörderischen Urbeziehung in die Gleichheit von Vertrags- und Rechtssubjekten. Die Vertrag und Recht setzende staatliche Instanz entspringt dabei der Übereinkunft geborener Killer, ihrem angestammten Totschlagsrecht zu entsagen, indem sie es einem Generalkiller übertragen.</p>
<p>Natürlich lässt sich unschwer der spezifische historische Hintergrund ausmachen, dem Hobbes&#8217; Ansatz seine Entstehung verdankt. Der &#8220;Leviathan&#8221; wurde unter dem Eindruck der &#8220;Staatsbildungskriege&#8221; (Jakob Burkhard) des 15. und 16. Jahrhunderts geschrieben, die darüber entschieden, wem auf welchen Territorien West- und Mitteleuropas jeweils der neue Job des Souveräns zufallen würde. Angesichts der diesen Ausschlussprozess begleitenden, bis dahin unbekannten Gräuel hat Hobbes&#8217; Wunsch, die Zahl der Bewerber möge sich für England, Frankreich und andere Länder so schnell wie möglich auf einen &#8211; egal welchen &#8211; reduzieren, schon etwas für sich. Indem Hobbes die Untaten der frühmodernen Staatsapparate in spe in die menschliche Natur schlechthin projiziert, verkehren sie sich aber nicht nur zur Legitimationsideologie für die Ansprüche absolutistischer Herrschaft in seiner Epoche. Gleich in zweifacher Hinsicht weist Hobbes&#8217; Denken über seine eigene Zeit hinaus. Zum einen machte seine Projektionsleistung Schule. Wie er die Brutalität des frühmodernen Militärabsolutismus der menschlichen Natur zuschreibt und die Durchsetzung der westlichen Vernunft zur Lösung für alle mit diesem Prozess verbundenen Gräuel umdefiniert, so hat es der Warenverstand immer wieder fertiggebracht, das Erschrecken über seine gerade überwundenen oder gegenwärtigen Ausgeburten zur Selbstlegitimierung zu benutzen. Ob Hexenwahn, Nationalsozialismus oder Al Qaida, er versteht es stets, in seinen eigenen Produkten ihm wesensfremde, namenlosen Abgründen der menschlichen Seele entsprungene Mächte zu erkennen. Zum anderen macht Hobbes&#8217; Konstrukt das Grundverhältnis sichtbar, in das ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit Menschen versetzt. Vertrag und Recht sind kein Niederschlag menschlicher Kooperation, sondern erwachsen aus sublimierter Gewalttätigkeit, Gewalttätigkeit, die im warengesellschaftlichen Normalvollzug nicht zugelassen, ihm aber logisch vorausgesetzt ist.</p>
<h4>2. Die Freiheit und der Kampf auf Leben und Tod</h4>
<p><a name="q4"></a>Den Zusammenhang von Freiheit und Gewalt hat Hegel immer wieder dezidiert zum Thema gemacht. Vom Geist heißt es an prominenter Stelle, nämlich in der Einleitung der Phänomenologie, programmatisch: &#8220;Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes.&#8221;(<a href="#4">4</a>) Was das für das freie Warensubjekt und sein Selbstbewusstsein bedeutet, wird vor allem im Herr-Knecht-Kapitel der Phänomenologie deutlich.</p>
<p><a name="q5"></a><a name="q6"></a>Ausgangspunkt auf dem Weg zu Selbstbewusstsein und Freiheit ist ein Zweikampf auf Leben und Tod, aus dem zwei Gestalten hervorgehen, der Herr und der Knecht.(<a href="#5">5</a>) Dieser Unterschied zwischen &#8220;Selbständigkeit&#8221; und &#8220;Unselbständigkeit&#8221; geht darauf zurück, dass die Kämpfer einen unterschiedlichen Grad an Todesverachtung an den Tag gelegt haben. Der &#8220;Herr&#8221; schwingt sich zur ersten, noch unvollkommenen Personifikation des Selbstbewusstseins auf, weil er bis zum Äußersten gegangen ist. Der Knecht hingegen ist im entscheidenden Moment davor zurückgeschrocken, &#8220;das Leben dranzugeben&#8221; und hat damit die Latte gerissen, über die ein Mensch hinwegsetzen muss, um in den Stand der Anerkennung und des Selbstbewusstseins zu gelangen: &#8220;Ein Individuum, welches das Leben nicht gewagt hat&#8230;, hat die Wahrheit&#8221; seines &#8220;Anerkanntseins &#8230; nicht erreicht.&#8221;(<a href="#6">6</a>)</p>
<p><a name="q7"></a>Allerdings wird auch für den Knecht der Zweikampf zum Ausgangspunkt seines Weges zum Selbstbewusstsein. &#8220;Dies Bewußtsein hat nämlich nicht um dieses oder jenes, noch für diesen oder jenen Augenblick Angst gehabt, sondern um sein ganzes Wesen; denn es hat die Furcht des Todes, des absoluten Herrn, empfunden. Es ist darin innerlich aufgelöst worden, hat durchaus in sich selbst erzittert, und alles Fixe hat in ihm gebebt.&#8221;(<a href="#7">7</a>) Genau dieses Erbeben macht ihn nämlich reif, über den Umweg der Arbeit das &#8220;natürliche Daseyn&#8221;, von dem sich der Herr im Kampf befreit hat, ebenfalls hinter sich zu lassen und das letztlich noch gründlicher, als es der Herr tat, als er direkt den Stand des Selbstbewusstseins erklomm. Die Selbstzwecktätigkeit der Arbeit übernimmt die Funktion des Kampfes &#8220;auf Leben und Tod&#8221; und tritt damit dessen Erbe an.</p>
<p><a name="q8"></a>Im Urszenario der Erringung von Freiheit und Selbstbewusstsein tritt den Kämpfenden der Tod gleich dreifach entgegen. Zum einen &#8220;geht jeder auf den Tod des Anderen&#8221;. Die Erringung des Selbstbewusstsein ist demnach an den Willen geknüpft, das Gegenüber zu einem toten Objekt zu machen. Gleichzeitig schließt es &#8220;das<strong></strong>Daransetzen des eigenen Lebens in sich&#8221;, also die Bereitschaft, sich selber in ein solches zu verwandeln und sich seinem eigenen Geschick gegenüber gleichgültig zu verhalten. Und schließlich bedeutet die Wesensbestimmung von Anerkennung und Selbstbewusstsein als Kampfprodukt, die Entwertung all dessen, was nicht auf dem Schlachtfeld seine Heimat und sein Urbild findet. Was nicht geboren ist, das Leben zu wagen, gilt als unwesentlich und somit paradoxerweise selber als tot. Für Hegel toben Freiheit und eigentliches Leben dementsprechend nur auf dem Schlachtfeld und auf dessen Surrogaten, dort wo Bürger männlichen Tugenden frönen. Oder um Hegel selber zu Wort kommen zu lassen: &#8220;Weil er nur als Bürger wirklich und substantiell ist, so ist der Einzelne, wie er nicht Bürger ist und der Familie angehört, nur der unwirkliche marklose Schatten. Diese Allgemeinheit, zu der der Einzelne als solcher gelangt, ist das reine Sein, der Tod; es ist das unmittelbare natürliche Gewordensein, nicht das Tun eines Bewußtseins.&#8221;(<a href="#8">8</a>)</p>
<p><a name="q9"></a><a name="q10"></a>Dieses Verdikt richtet sich in erster Linie gegen das, dessen Existenz ihm charakteristischerweise nicht einmal der Erwähnung wert ist, nämlich das abgespaltene Weibliche. Der männliche Logos und das männliche Selbstbewusstsein imaginieren sich als die Quelle allen wahren Lebens, die alles Wesenhafte in der Wirklichkeit aus sich heraus setzt.(<a href="#9">9</a>) Während die Frau unweigerlich ihr Dasein vollständig im Inneren der Familie und damit im Reich der &#8220;marklosen Schatten&#8221; fristet, hat der Mann als Staatsbürger und Krieger Teil an dem aus der Konfrontation mit dem Tod geborenen Leben. Der eigentliche Kreißsaal, in dem sich diese sonderbare männlichen Gebärfähigkeit realisiert, bleibt für Hegel dabei allemal das Schlachtfeld. Tod und Vernichtung sind also keineswegs mit dem imaginären Urakt des Zweikampfs zwischen Herr und Knecht abgetan. Um die Regression des Selbstbewusstsein auf den kreatürlichen Standpunkt zu verhindern, muss das Ur-Duell seine periodische Erneuerung finden. Dem Krieg, dem &#8220;erweiterten Zweikampf&#8221; (Clausewitz), kommt diese Aufgabe zu: &#8220;Der Krieg ist der Geist und die Form, worin das wesentliche Moment der sittlichen Substanz, die absolute Freiheit des sittlichen Selbstwesens von allem Dasein, in ihrer Wirklichkeit und Bewährung vorhanden ist.&#8221;(<a href="#10">10</a>)</p>
<p>Hegel war Apologet und Propagandist des sich herausbildenden warengesellschaftlichen Gefüges, nicht dessen Kritiker; aber er war kein Verehrer der Zerstörung als Selbstzweck. Gerechtfertigt erschien ihm der Kampf auf Leben und Tod allein durch seine gelungene Überwindung, in der Verallgemeinerung des selbstbewussten Arbeits- und Warensubjekts. Die Möglichkeit des &#8220;schnellen Todes&#8221; im Zweikampf lief nicht auf dessen Ästhetisierung hinaus, sondern mündete in das Lob des &#8220;langsamen Todes&#8221; (Baudrillard), der Selbstzurichtung des Warensubjekts bei der Verausgabung abstrakter Arbeit.</p>
<p><a name="q11"></a>Auch Hegels apologetischer Bezug auf den Krieg steht dazu keineswegs in Widerspruch. Wenn er dem Krieg die Ehre gibt, dann hat er dabei keine totale Vernichtungsorgie im Auge, die keinen Stein auf dem anderen lässt. Der Krieg demonstriert lediglich die Nichtigkeit der Einzelexistenz. Während spätere Autoren den Blick ins Auge des Todes auf dem Schlachtfeld als Akt der Selbstsetzung des Individuums feiern, betrachtet ihn Hegel wie das Sterben überhaupt als Sieg der menschlichen Gattung über das Einzelexemplar. Im Tod triumphiert die als Allgemeinheit gedachte Freiheit über das bornierte Besondere: &#8220;Das einzige Werk und Tat der allgemeinen Freiheit ist daher der Tod, und zwar ein Tod, der keinen inneren Umfang und Erfüllung hat; denn was negiert wird, ist der unerfüllte Punkt des absolut freien Selbsts; er ist also der kälteste, platteste Tod, ohne mehr Bedeutung als das Durchhauen eines Kohlhaupts oder ein Schluck Wassers.&#8221;(<a href="#11">11</a>)</p>
<p><a name="q12"></a>Entfesselte Vernichtung, die nicht nur den Einzelnen erzittern lässt, sondern das Allgemeine erschüttert, lässt Hegel dagegen erschaudern. Das wird in den Passagen aus der Rechtsphilosophie deutlich, in denen Hegel auf den inneren Zusammenhang von warengesellschaftlicher Normalität und reiner Vernichtung in Hinblick auf Staat und Politik zu sprechen kommt. Der &#8220;freie Wille&#8221;, der mit dem Ende der Geschichte im preußischen Staat zu sich kommt und dem Hegel huldigt, ist ein inhaltlich positiv bestimmter, der die gesamte Wirklichkeit zu Staatsbildungs- und Wertverwertungsmaterial gemacht hat. Bevor er diese Endstufe erreichen kann, nimmt er allerdings erst einmal die Gestalt eines &#8220;negativen Willens&#8221; an, der &#8220;aus allem Inhalte als einer Schranke&#8221; flieht. Freiheit erscheint vorderhand als die &#8220;Freiheit der Leere, welche zur wirklichen Gestalt und zur Leidenschaft erhoben und zwar, &#8230; zur Wirklichkeit sich wendend, im Politischen wie im Religiösen der Fanatismus der Zertrümmerung aller bestehenden gesellschaftlichen Ordnung, und die Hinwegräumung der einer Ordnung verdächtigen Individuen, wie die Vernichtung jeder sich wieder hervorthun wollenden Organisation wird. Nur, indem er etwas zerstört, hat dieser negative Wille das Gefühl seines Daseyns, er meint wohl etwa irgendeinen positiven Zustand zu wollen, z.B. den Zustand allgemeiner Gleichheit oder allgemeinen religiösen Lebens, aber er will in der Tat nicht die positive Wirklichkeit desselben, denn diese führt sogleich irgendeine Ordnung, eine Besonderung sowohl von Einrichtungen, als von Individuen herbei, die Besonderung und objektive Bestimmung ist es aber, aus deren Vernichtung dieser negativen Freiheit ihr Selbstbewußtseyn hervorgeht. So kann das, was sie zu wollen meint, für sich schon nur eine abstrakte Vorstellung und die Verwirklichung derselben nur die Furie des Zerstörens seyn.&#8221;(<a href="#12">12</a>)</p>
<p>Die Bewegung der &#8220;absoluten Abstraktion&#8221;, die, ansonsten inhaltsleer, ihren Inhalt in der reinen Destruktion findet, identifizierte Hegel historisch mit der Schreckenszeit der Französischen Revolution. Indem Hegel die &#8220;Furie des Zerstörens&#8221;, vor der er erschaudert, einzig und allein einer abgeschlossenen Epoche zuordnet und zu einem zwar notwendigen, aber aufgehobenen Durchgangsstadium erklärt, verkehrt er sie zur Legitimation der Warengesellschaft und ihrer Staatlichkeit. Streicht man den Hegelschen Geschichtsoptimismus durch, ohne den inneren Zusammenhang von Freiheit der Vernichtung und warengesellschaftlicher Normalität mitzulöschen, dann ergibt sich allerdings ein anderes konsistenteres, allerdings auch beängstigenderes Bild: Bei der angeblich ein für allemal überwundenen Frühform des Reiches der Freiheit, &#8220;der Furie des Zerstörens&#8221;, &#8220;der Freiheit der Leere&#8221; handelt es sich um eine der Logik des &#8220;freien Willens&#8221; und der westlichen Prinzipien stets inhärente Möglichkeit. Schlimmer noch, was Hegel als vermeintliche Durchgangsphase behandelt, droht zum Fluchtpunkt der Moderne zu werden. Zerfällt die warengesellschaftliche Normalität, wird also die staatliche Form brüchig und verliert die Selbstzweckbewegung der Arbeitsvernutzung ihre Bindekraft, dann kann an die Stelle dieses Selbstzwecks ein alternativer Selbstzweck treten: Destruktion und Vernichtung. Die warengesellschaftliche Freiheit, die ihren Inhalt, die Errichtung von Staaten und die Akkumulation abstrakter Arbeit, verliert, gewinnt in der blanken Zerstörung einen möglichen letzten Inhalt. Als &#8220;molekularer Bürgerkrieg&#8221; (Enzensberger) droht Hobbes&#8217; Schreckensvision &#8220;vom Krieg aller gegen alle&#8221; Wirklichkeit zu werden.</p>
<h4>3. Brüderlichkeit und erweiteter Selbstmord</h4>
<p>Hobbes und Hegel haben bereits ausgeplaudert, dass die Arbeit, also der warengesellschaftliche Naturbezug, auf Gewalt zurückgeht; im Kampf auf Leben und Tod haben sie fernerhin die Quelle des Selbstbewusstsein und der Allgemeinheit des Staates gefunden. Die Prinzipien Freiheit und Gleichheit sind Abkömmlinge dieser Urerfahrung. Sowohl der Naturbezug der Warensubjekte als auch ihre Identität gründen auf Gewalt, und ebenso ist die Urbegegnung des Warensubjekts mit dem Anderen, die soziale Urbeziehung, alles andere als friedlich. Die Liste mag schon umfangreich sein, sein Bewenden hat es damit freilich noch nicht. Es bleibt die Frage nach dem ursprünglichen sozialen Band, oder um es von den heiligen Idealen der bürgerlichen Revolution &#8220;Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit&#8221; zu formulieren: verbirgt sich hinter dem letzten Teil des dreifaltigen Versprechens die gleiche Drohung?</p>
<p><a name="q13"></a>Die Antwort unseres dritten unfreiwilligen Kronzeugen, Sigmund Freud, fällt ziemlich eindeutig aus. Am Anfang aller Vergesellschaftung stünde eine kollektive Mordtat, die bis heute unser Denken und Fühlen und unsere Kultur präge. Ursprünglich, so Freud in Anlehnung an Darwin, wäre das Menschengeschlecht in prägesellschaftliche Vaterhorden zersplittert gewesen, die nur für den Chef-Tyrannen und seine Frauen, aber nicht für die geschlechtsreifen Söhne Platz gehabt hätten. Gesellschaftlichkeit sei erst entstanden, als die vertriebenen Brüder sich zur gemeinsamen Mordtat zusammengerottet hätten, um dann von dieser Urkollektivschuld geplagt, ein gemeinsames Regiment zu errichten: &#8220;Die Gesellschaft ruht &#8230; auf der Mitschuld an dem gemeinsam verübten Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewusstsein und die Reue darüber, die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum anderen Teil auf den vom Schuldbewusstsein geforderten Bußen.&#8221;(<a href="#13">13</a>)</p>
<p><a name="q14"></a><a name="q15"></a>Die innere Verwandtschaft zwischen Freuds Spekulationen über den Urzustand der Menschheit und die Entstehung der Kultur und der Hobbesschen Ideenwelt ist nicht nur mit Händen zu greifen, weil beide einen Zustand radikaler Ungeselligkeit als Ausgangsbedingung der Menschheitsentwicklung unterstellen. Kommen bei Hobbes die geborenen Totschläger in einem Gesellschaftsvertrag überein, ihre Souveränität auf den Staat zu übertragen, um dem allgemeinen Morden ein Ende zu setzen, so übernimmt bei Freud ein direktes Gentlemen&#8217;s Agreement zwischen den Killern genau die gleiche Funktion: &#8220;Indem die Brüder sich einander &#8230; das Leben zusichern, sprechen sie aus, dass niemand von ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen gemeinsam.&#8221;(<a href="#14">14</a>) Stellt man den Fortgang der Freudschen Argumentation in Totem und Tabu in Rechnung, dann nähert sie sich noch weiter der des Urvaters der Staatstheorie an und erweist sich als deren um die Frage der Familie(<a href="#15">15</a>) und um das Seelenleben der Mörder erweitere Reproduktion. Die Kulturentwicklung bleibt laut Freud nämlich nicht beim Bruderclan stehen. Gesellschaft und Kultur repräsentieren vielmehr auf die posthume Identifikation mit der väterliche Autorität gegründete Instanzen. Innerpsychisch feiert der erschlagene Patriarch als Über-Ich, religiös als Vatergott und last not least weltlich als &#8220;Vater&#8221; Staat fröhliche Urständ. Mit diesem letzten Punkt landet Freud aber genau dort, wo Hobbes einige Menschenalter früher schon angelangt war.</p>
<p><a name="q16"></a>In der neueren Freudrezeption finden &#8220;Totem und Tabu&#8221; und die späteren kulturtheoretischen Schriften nur wenig Gegenliebe. Der kollektive Vatermord gilt gemeinhin genauso als wilde und haltlose Spekulation wie die nach dem Ersten Weltkrieg ausformulierte Theorie eines genuinen &#8220;Todestriebs&#8221;, der in diesem die Weltgeschichte angeblich eröffnenden Ereignis manifest geworden sein soll. Keine Frage &#8211; das Konstrukt einer Bruderhorde spricht allem mittlerweile über die Prähistorie Bekannten Hohn. Und auch die Aussage, &#8220;das Ziel alles Lebens ist Tod&#8221;, denn &#8220;das Leblose war früher da als das Leben&#8221;(<a href="#16">16</a>), klingt erst einmal reichlich dubios. Handelt es sich bei diesem nekrophilen Raunen aber deswegen wirklich nur um Arabesken, die zur Rettung des analytischen Gehalts des Freudschen Ansatzes ersatzlos zu streichen sind? Oder sind die metapsychologischen Konstruktionen des Vatermords und des Todestriebs unverzichtbare Elemente im Bau der Freudschen Theorie? Sind sie unerlässlich, damit Freud vom Gewaltkern des Warensubjekts sprechen kann, ohne ihn als ein für die bürgerliche Gesellschaft spezifisches Phänomen kenntlich zu machen?</p>
<p><a name="q17"></a><a name="q18"></a>Wie vor ihm Hobbes und Hegel, so wird auch bei Freud die für das Warensubjekt konstitutive untergründige Beziehung zur Gewalt sichtbar. Wie seine Vorgänger kann er dieses intime Verhältnis freilich nur offen legen, indem er dessen spezifischen Charakter verdunkelt und es zu etwas Überhistorischem und Naturgegebenem erklärt, also Verdrängung durch Projektion ersetzt. Der projektive Charakter von Freuds phylogenetischem Mythos ist kaum zu übersehen. Beim archaischen Vatermord handelt es sich aber nur um die oberste Schicht einer insgesamt von einer durchgehenden Ontologisierung bestimmten Theoriebildung. Das gilt zunächst einmal für das ontogenetische Vorbild der ominösen Väter mordenden prähistorischen Bruderhorde, also das ödipal geprägte männliche Kleinkind.(<a href="#17">17</a>) Freud lässt es in einer Art Wiederholungszwang das mörderische Urszenario reproduzieren. Das verkehrt den realen Zusammenhang. Die (selbst)zerstörerischen Neigungen, die das Warensubjekt in statu nascendi entwickelt, entstammen nicht dem &#8220;kollektiven Unbewussten&#8221; und der nachträglichen(<a href="#18">18</a>) Wiedererinnerung archaischer Verhältnisse, die sofort der &#8220;Urverdrängung&#8221; anheim fallen sollen. Was da verdrängt wird, sind Errungenschaften der Warenzivilisation. Die Verdrängung ist demnach kein primärer, sondern ein sekundärer Akt, und vor die Fesselung des Gewaltkerns ist allemal dessen Implantierung gesetzt.</p>
<p><a name="q19"></a><a name="q20"></a>Das ist freilich noch nicht die tiefste Schicht der Freudschen Ontologisierung. Die ödipale Problematik steht bei Freud keineswegs für sich. Die Versagung, die der Vater dem Sohn aufherrscht, herrscht er ihm als Vertreter des &#8220;Realitätsprinzips&#8221; auf. Sie bildet demnach nur die Fortsetzung und Bündelung einer ganzen Reihe schon vorhergehender Versagungen. Die Welt erfährt der Freudschen Darstellung zufolge der junge Erdenbürger von Anfang an als ungastlichen Ort und jedwede Befriedung als ausgesprochen prekäre und flüchtige Angelegenheit. Für das Warensubjekt ist das zweifellos zutreffend. Ihm verwandelt sich tatsächlich jeder Genuss in eine Ersatzbefriedung. Es gelangt nie an ein Ziel, an das zu gelangen letztlich lohnend wäre. Diese Unrast und emotionale Unterernäherung erscheint bei Freud indes als eine conditio humana, als ein rein endogenes, letztlich bereits mit der Biologie des Mängelwesens Mensch gesetztes Problem. Bereits die Einführung des Triebkonzepts schreibt diese falsche Ontologisierung fest. Indem Freud Triebbefriedigung als Spannungsabbau und als eine Form des Reizschutzes und damit als Annäherung an einen &#8220;anorganischen Zustand&#8221; definiert, muss die Beziehung des Menschen zur Außenwelt als Frustrationsverhältnis erscheinen. Jede libidinöse Befriedigung bleibt nicht nur provisorisch, sondern letztlich ein Umweg. Die eigentliche Befriedigung und das eigentliche Ziel kann nur im endgültigen Eingehen ins Reich des Anorganischen liegen, das den Menschen von der Wiederkehr von Trieb und Spannung erlöst. Freud hat den &#8220;Todestrieb&#8221;, in dem er den Gegenspieler zum Eros ausmacht, zwar erst relativ spät eingeführt, diese Einführung liegt aber in der Logik des Triebkonzepts und ist zu dessen Rettung theorieimmanent notwendig.(<a href="#19">19</a>) Er entspricht einfach viel besser dem nach dem &#8220;Nirwana-Prinzip&#8221;(<a href="#20">20</a>) geformten Triebkonzept als sein Gegenpol und es ist nur folgerichtig, dass Freud ihn schließlich dem Eros gegenüber triebtheoretisch als die ursprünglichere und übergreifende Regung klassifiziert hat.</p>
<p>Es würde zu kurz greifen, Freuds Vorstellung einer dem Menschen letztlich immer schon feindlichen Außenwelt und ihr Pendant, den nimmersatten Trieb, einfach als &#8220;falsch&#8221; abzutun. Gesellschaftskritik hat Freud vielmehr insofern zu kritisieren, als er ein Produkt der &#8220;zweiten Natur&#8221; als erste Natur verkauft; ferner hat sie den sich daraus ergebenden theoretischen Verkehrungen nachzuspüren. Rollt man von diesem Ausgangspunkt seinen Ansatz neu auf, dann erscheint das &#8220;archaische Erbe&#8221;, die vatermordende Bruderhorde, in einem ziemlich veränderten Licht. Sie wird als in mystische Gewänder gehüllter Überbegriff kenntlich, der alle an der Implantierung des Todestriebes beteiligten sozialen Instanzen umfasst. Die Mordlust der &#8220;Brüderhorde&#8221; gegenüber dem Vater, auf die sich Freud so kapriziert, erweist sich dabei als Chiffre für einen viel allgemeineren Vernichtungsdrang und gleichzeitig als Ableugnung des eigentlichen Angriffsziels. Vor allem anderen vertritt die &#8220;Bruderhorde&#8221; in voller Übereinstimmung mit dem väterlichen Gebot das sich selber genügende männliche Prinzip und die Angst vor der Frau und darüber hinaus vor dem unreglementierten Sich-Einlassen auf Wirklichkeit überhaupt. Im Ideal der &#8220;Brüderlichkeit&#8221; verpflichten die Warensubjekte sich und jeden anderen auf das Programm der &#8220;Emanzipation&#8221; vom Stofflich-Sinnlichen. In der Diktatur von Wert und Logos hat das Ziel der Verwandlung dieses Planeten in einen gegen Genuss und Befriedigung weitgehend resistenten Ort klare Konturen angenommen. Wirklichkeit ist nur als sinnliche Darstellungsform von Abstraktionen zugelassen. Es bleibt aber noch ein zweiter, direkter Weg zur restlosen Befreiung von unkontrollierter Wirklichkeit und von Genuss und Befriedigung offen: die Weltvernichtung. Der vermeintliche Ausgangspunkt der Kulturentwicklung, der gemeinschaftliche Vatermord, vertritt nur den möglichen Schlusspunkt der Moderne, den erweiterten kollektiven Selbstmord der patriarchalen Wertgesellschaft.</p>
<h4>4. Der Gewaltkern des Warensubjekts</h4>
<p><a name="q21"></a>Sexualität &#8211; oder zumindest das, was die Moderne darunter versteht &#8211; ist, wie Foucault recht überzeugend dargelegt hat, überhaupt erst mit dem Verbot des Geschlechtlichen entstanden. Es wurde nichts Vorausgesetztes unter Kontrolle gebracht, vielmehr schaffen die Kontrollprozeduren erst ihren Gegenstand. Ein ganz ähnlicher Zusammenhang lässt sich auch für das Phänomen der Gewalt rekonstruieren. Offiziell ein friedliebendes Wesen, ist das Warensubjekt von dem fasziniert, um nicht zu sagen besessen, was es in seinen öffentlichen Bekundungen mit aller Entschiedenheit ablehnt. Zumindest dem Warensubjekt in seiner eigentlichen, also männlichen Ausprägung darf man ruhig unterstellen, dass es zur Gewalt eine genauso intime Beziehung pflegt wie einst die Heilige Inquisition zu Wollust, Hexerei und Ketzertum. Nicht, dass Gewaltbereitschaft traditionellen Gesellschaften unbekannt gewesen wäre; als ein den Herrschenden in allen hierarchischen Strukturen zufallendes Durchsetzungsrecht war sie dort ebenso selbstverständlich präsent wie als Bestandteil der gentilen Ordnung (väterliches Züchtigungsrecht und Blutrache). Vom Medium der Unterwerfung zum Medium von Vernichtung und Eliminierung purifiziert, hat sie sich in der Warengesellschaft aber in die Basis der allgemeinen Subjektform verwandelt. Erst die Fähigkeit, andere zum Objekt zu degradieren, macht das Subjekt zum Subjekt(<a href="#21">21</a>) und diese Degradierung bleibt stets, also auch wenn sie die sublimierte Form der Konkurrenz annimmt, an ihr Urbild, die Verwandlung des lebendigen Gegenübers in ein im wortwörtlichen Sinn lebloses Etwas, rückgebunden. Vor diesem Hintergrund erscheint es hochgradig fragwürdig, den &#8220;Prozess der Zivilisation&#8221; mit Norbert Elias als einen Prozess von Triebkontrolle im Allgemeinen und Aggressionskontrolle im Besonderen abzufeiern; aber nicht bloß, weil er daran scheitern würde, die &#8220;natürliche Bestie&#8221; im Menschen in den Griff zu bekommen, wie Kulturpessimisten à la Freud immer wieder meinten feststellen zu müssen. Die Mission selber ist vielmehr höchst doppelbödig. Die Subjektkonstitution hat gleichzeitig die Implantierung und Formierung eines Gewaltkerns und dessen Einbindung und Fesselung zum Inhalt.</p>
<p><a name="q22"></a>In der Brust des entwickelten Warensubjekts existieren zwei Seelen: die des privaten Marktsubjekts und die des Staatsbürgers. Der Gewaltkern des Warensubjekts ist nicht einfach nur zeitlich parallel zu dieser bipolaren Struktur entstanden, vielmehr handelt es sich sowohl logisch wie historisch um ein und denselben Prozess. Die Überlegenheit einer auf &#8220;Staatsbürger in Uniform&#8221; gegründeten militärischen Organisation gegenüber älteren Formen des Vernichtungshandwerks hat ganz entscheidend zum Siegeszug des Citoyen und zur Verallgemeinerung dieser Figur beigetragen. Durchschlagende Wirkung zeitigte der Impuls, bisher ausgeschlossene soziale Gruppen als gleiche Rechtssubjekte ins staatliche Gemeinwesen hineinzuholen, noch jedes Mal im Gefolge großer militärischer Modernisierungs- und Mobilisierungsschübe. Von den französischen und amerikanischen Revolutionskriegen über die beiden Weltkriege bis zu den antikolonialen Bewegungen, in all diesen historischen Etappen war die Bereitschaft, mit dem eigenen Blute für die nationale Sache einzutreten, nicht nur Gradmesser für das schon erreichte Niveau von Staatsbürger-Bewusstsein; dass der Kreis der gleichberechtigten Staatsbürger und Rechtssubjekte um die Angehörigen bis dato an den Rand gedrängter Gruppen erweitert wurde, war noch jedes Mal die Folge der Notwendigkeit, die Mobilisierung für den kriegerischen Zweck auf die bislang Ausgeschlossenen auszudehnen &#8211; ein Prozess, der sich bezeichnenderweise weitgehend unabhängig vom politischen Vorzeichen vollzog, unter dem diese Kriege standen.(<a href="#22">22</a>)</p>
<p><a name="q23"></a><a name="q24"></a>Gleichzeitig &#8211; und das ist für unseren Zusammenhang wichtiger &#8211; passte das Anforderungsprofil, dem der bewaffneten Citoyen Genüge zu leisten hat, ideal zu dem für die Warensubjektivität konstitutiven Spannungsverhältnis von hochzuzüchtender und doch immer auch zu bändigender Vernichtungsbereitschaft. In der Zurichtung auf die virtuelle oder tatsächliche Teilnahme des Staatsbürgers am zwischenstaatlichen Krieg hat sich jenes innere Gewaltregime herausgebildet, ohne das sich die moderne Konkurrenz- und Arbeitsmonade letztlich gar nicht hätte entwickeln können. Die Brüderlichkeit des nationalen WIR, das Sich-Einfügen in den wehrhaften Volkskörper, bereitete dem Waren-ICH(<a href="#23">23</a>) den Boden, indem es gleichzeitig dessen Selbstzerstörungstendenz, seiner asozialen Neigung zum autonomen, selbstorganisierten Amoklauf, einen Riegel vorschob. Die Abrichtung auf den &#8220;Ernstfall&#8221; und die Identifikation mit der nationalen Sache adelte die Teilhabe an optimierter Gewaltausübung und Vernichtung zum Inbegriff von Tugend und Pflichterfüllung und trennte die &#8220;Felder der Ehre&#8221; hermetisch vom warengesellschaftlichen Normalbetrieb ab.(<a href="#24">24</a>)</p>
<h4>II. Teil</h4>
<h4>Das Zeitalter durchstaatlichter Gewalt</h4>
<h4>1. Jenseits von Recht und Vertrag &#8211; Lager und Front</h4>
<p>Betrachtet man den Siegeszug der Warengesellschaft auf der Makroebene, so vereint er zwei basale Prozesse in sich: die sukzessive Reduktion aller gesellschaftlichen Beziehungen auf Marktbeziehungen und die Durchstaatlichung der sozialen Existenz. Die Geschichte der Gewalt ordnet sich eindeutig diesem zweiten Pol zu. Für die gesamte mit dem Absolutismus beginnende und bis ins Zeitalter des Fordismus reichende Aufstiegsepoche der Warengesellschaft ist die Verwandlung von Gewalt und Blutvergießen in ein staatliches Exklusivrecht kennzeichnend. Bis auf Schrumpfformen wie das Recht auf Notwehr duldet sie in ihrer entwickelten Gestalt überhaupt keine legitime außerstaatliche Gewaltpraxis mehr.</p>
<p>Bei der ursprünglichen Akkumulation aller legitimen Gewaltmittel in den Händen des Staates handelt es sich nicht einfach um irgendein Moment des großen historischen Etatisierungsprozesses. Die Durchsetzung des Gewaltmonopols bildete vielmehr den Kristallisationskern, um den herum sich der Staat als abstrakte Allgemeinheit formiert hat. Solange große und kleine Herren ganz selbstverständlich ihren einander durchkreuzenden Ansprüchen im Bedarfsfall auch mit der Waffe in der Hand Geltung verschaffen konnten, blieb das gesellschaftliche Leben unweigerlich im Horizont personaler Treue- und Abhängigkeitsverhältnisse gefangen. Erst die Durchsetzung des Gewaltmonopols erlaubte dem Staat das traditionelle buntscheckige Gefüge von Gewohnheitsrechten aufzusprengen und an dessen Stelle ein einheitliches universelles, für alle Gesellschaftsmitglieder gleichermaßen verbindliches Recht zu setzen. Ohne das Gewaltmonopol hätte sich nie die der Warengesellschaft adäquate, nämlich über die Kontrolle des abstrakten geographischen Raums vermittelte politische Herrschaft herausbilden können.</p>
<p>Die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols, die Reduktion der einst breiten Palette legitimer Gewaltakteure auf einen einzigen neuen Typus, und die Formierung des Gewaltkerns des Warensubjekts beschreiben ein und denselben Prozess aus zwei Perspektiven: zum einen vom Blickwinkel der objektivierten gesellschaftlichen Gesamtstruktur, zum anderen vom mikrologischen Standpunkt der Kernphysik des einzelnen Warenindividuums. Von daher muss sich auf der Makroebene ein Pendant zu der im ersten Teil skizzierten, für die Warensubjektivität konstitutiven Dialektik von Züchtung und Bändigung eines Gewaltkerns ausmachen lassen. Und in der Tat, die Durchstaatlichung der Gewaltausübung lässt sich als Doppelprozess von Potenzierung und Potentialisierung charakterisieren. In der entwickelten Warengesellschaft spielt manifester physischer Zwang im Alltag eine deutlich geringere Rolle als in vielen anderen Gesellschaften; aber nicht weil Aggression und Destruktion zu einer für den gesellschaftlichen Vermittlungszusammenhang bedeutungslosen Marginalie herabgesunken wären; die Herausbildung eines durchstaatlichten Gewaltregimes fällt vielmehr mit der Fokussierung, Purifizierung und Steigerung aller Vernichtungspotenzen in eins. Nur in Ausnahmefällen watet die Staatsmacht in Blut und verwandelt die Staatsbürger in das Menschenmaterial der Tötungsmaschine. Genau dieser Ausnahmefall schafft aber überhaupt erst den gesellschaftlichen Regelfall und ist ihm als im Hintergrund stets präsente Möglichkeit und Ultima Ratio logisch vorausgesetzt.</p>
<p>Der Warenverstand will vom Gewaltkern des Konkurrenzsubjekts nichts wissen und feiert es als Inbegriff friedliebender Menschlichkeit. Dementsprechend verschließt er selbstverständlich auch vor dem inneren Zusammenhang von Durchstaatlichung und Gewalthypertrophie die Augen. Obwohl eigentlich schon der Begriff das Gegenteil aussagt, wird die Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols im emphatischen Sinn als sukzessive Verfriedlichung interpretiert. Zunächst einmal, so will es die seit den Tagen der Aufklärung umgehende Fama, mache der Siegeszug von Freiheit, Gleichheit und Recht den staatlichen Binnenraum zum gewaltfreien Raum. In einem großen zweiten Schritt soll die Verrechtlichung nach diesem Credo aber auch den zwischenstaatlichen Bereich ergreifen und die internationalen Beziehungen entmilitarisieren. Die klassische Fassung dieser Sicht geht auf Kant zurück und wird seit nunmehr 200 Jahren immer wieder neu aufgegossen. Gewalt, heißt es, sei ein Anachronismus, der dem Vormarsch von Markt und Recht auf Dauer nicht standhalten wird.</p>
<p><a name="q25"></a><a name="q26"></a>Schon der erste Teil dieses Verfriedlichungsversprechens spricht der Wirklichkeit Hohn. In den Warengesellschaften kann von Pazifizierung nach innen nur die Rede sein, wenn man diesen Begriff im Sinne seiner lateinischen Wurzel als Synonym für völlige Unterwerfung nimmt.(<a href="#25">25</a>) Friedlich geht es in ihnen lediglich insofern zu, als sie die einzelnen Gesellschaftsmitglieder, soweit sie nicht als Funktionäre der staatlicher Gewalt agieren, tendenziell aller Gewaltmittel beraubten, um sie einer hochgezüchteten staatlichen Gewaltmaschine bedingungslos auszuliefern. Das Rechtsstaatsprinzip hebelt diese basale Allmachts-Ohnmachtsrelation keineswegs aus, vielmehr setzt die Universalität des Rechts sie bereits voraus. Wie Giorgio Agamben(<a href="#26">26</a>) in Anlehnung an Walter Benjamin und Michel Foucault gezeigt hat, liegt dem Souverän als der das Recht setzender und garantierenden Instanz selber die Reduktion der menschlichen Existenz auf das ihm in die Hand gegebene &#8220;nackte Leben&#8221; zugrunde. Der rechtsstaatliche Normalzustand, in dem jedem Gesetzesbrecher ein Verfahren nach den Grundsätzen der Legalität zuteil wird, lässt sich ohne die Möglichkeit des Ausnahmezustands gar nicht denken. Erst die Fähigkeit, auf diese Option zurückzugreifen, konstituiert den Souverän. Dabei handelt es sich keineswegs bloß um eine abstrakte prinzipielle Drohung. Durch die Schaffung eines exterritorialen Raums, des Lagers, kann sie sich durchaus realisieren, ohne dass dadurch für den Rest der Gesellschaft die Gültigkeit rechtlicher und vertraglicher Regulation in Frage gestellt wäre. Im 20. Jahrhundert ist genau diese mit der Form des Rechts konforme Verörtlichung des Ausnahmezustands mehr als einmal grausame Wirklichkeit geworden. Insofern stehen die Lager für das &#8220;nómos der Moderne&#8221; (Agamben). Man muss nicht gleich an die nationalsozialistischen Vernichtungslager denken oder an die stalinistischen Gulags; schon die ganz &#8220;normalen&#8221; westlichen Abschiebeknäste künden von der friedlichen Koexistenz zwischen dem Recht und seiner Grundlage, der über Menschen als über eine prärechtliche Biomasse verfügenden Staatsmacht.</p>
<p>Die Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols mit Verfriedlichung verwechseln heißt aber nicht nur die ungeheure Gewaltpotenz ignorieren, auf der der Rechtsstaat gründet und die gerade in Krisenzeiten sehr schnell manifest werden kann. Die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols schafft aus seiner genuinen Logik heraus neben dem aus dem Recht exkludierten Binnenraum des Lagers noch einen zweiten, jenseits des Gültigkeitsbereich des Rechts liegenden Bereich, in dem in letzter Instanz pure Gewalt die Funktion des Regulationsmediums übernimmt, nämlich die internationalen Beziehungen. Das staatliche Gewaltmonopol beschränkt sich immer nur auf das eigene Territorium. Nur dort, also gegenüber der eigenen Bevölkerung, kann der Souverän Gewaltverzicht erzwingen und damit Recht setzen. Für den zwischenstaatlichen Verkehr fällt die Herrschaft des Souveränitätsprinzips dagegen letztinstanzlich mit dem ius ad bellum zusammen. Natürlich existieren im zwischenstaatlichen Verkehr seit der Antike bilaterale Abkommen und seit dem 19. Jahrhundert internationale Konventionen. Sogar so etwas wie ein Kriegsrecht (ius in bello) hat sich herausgebildet. Diese vertraglichen Übereinkünfte von Souveränen haben aber einen ganz anderen Charakter als das von der Allmacht <em>eines</em> Souveräns gedeckte innerstaatliche Recht. Sie lassen die Möglichkeit zwischenstaatlicher Kriege als Ultima Ratio unberührt, mehr noch, sie setzen sie und ihre Legitimität voraus. Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus haben internationale Gremien eine wachsende Bedeutung gewonnen. Weil sie nur über geliehene, von Einzelstaaten freiwillig überlassene Gewaltmittel verfügen können, ändert das an der Grundstruktur nicht das Geringste.</p>
<p>Mit dem Eintritt des militärischen Ernstfalls entsteht das Gegenstück zum Lager, ein zweiter exterritorialer geographischer Raum, in dem statt der regulären &#8220;friedlichen&#8221; Konkurrenz, optimierte physische Vernichtung zum Inhalt der sozialen Beziehungen wird, ohne dass dadurch die Gültigkeit von Recht und Vertrag im von einem Souverän kontrollierten eigentlichen Staatsgebiet in Frage gestellt würde: die Front. Während im Lager der heimische Souverän Menschenmaterial als Biomasse verwaltet, umfasst die Front genau das Territorium, auf dem feindliche Souveräne jeweils fremde Staatsbürger in tote Biomasse zu verwandeln versuchen. Anders als das Lager verschiebt sich die genaue geographische Lage dieses exterritorialen Zwischenreichs im Krieg beständig. Gleichzeitig wächst historisch dessen Umfang &#8211; mit der Reichweite der eingesetzten Waffen. Die Bombardierung von Guernica, der Beginn des modernen Luftkriegs gegen zivile Ziele, markiert den Zeitpunkt, an dem sich zum ersten Mal im Prinzip jeder Raumpunkt auf dem Gesamtterritorium einer der Konfliktparteien jederzeit in Front verwandeln konnte.</p>
<h4><a name="q27"></a>2. Kombattant und Nicht-Kombattant</h4>
<p>Im Prozess der Durchstaatlichung von Gewalt und Krieg bildete sich der Gewaltkern des Warensubjekts heraus, während die dazugehörige Gewalt- und Vernichtungspraxis von den Alltagsvollzügen abgesondert wurde. Diese Trennungsleistung war an zwei Grundmerkmale durchstaatlichter Kriegführung gebunden. Die staatlichen Kriege, wie sie für die Zeit von 1648 bis 1989 charakteristisch waren, waren zeitlich begrenzt. Die Demarkationslinie zwischen Krieg und Frieden war in ihnen eindeutig definiert. Der staatliche Souverän entschied allgemein verbindlich, <em>wann</em> genau und wie lange an die Stelle der Verpflichtung des Vertragssubjekts auf unbedingten Gewaltverzicht die Pflicht zum hocheffektiven kollektiven Morden trat. Kriegserklärung, Waffenstillstandsvereinbarungen und Kapitulationen gaben auf die Minute den Beginn und das Ende aller Kampfhandlungen an und schlossen die für die frühmodernen Gewaltmärkte(<a href="#27">27</a>) und ihre poststaatlichen Wiedergänger typischen Schwebezustände zwischen Krieg und Frieden kategorisch aus. Die scharfe Scheidung von Krieg und Frieden im territorialstaatlichen Krieg war aber nicht nur eine Frage eindeutiger völkerrechtlicher Definitionen, sondern hat auch lebenspraktische Dimensionen.</p>
<p>Auf den Alltag der mittelalterlichen Menschen hatte es oft gar keinen sonderlichen Einfluss, ob ihre Herren sich gerade im Krieg befanden oder nicht. Die nach der Logik von Gewaltmärkten funktionierenden frühmodernen Kriege gingen bereits mit einer sprunghaften Steigerung der Kriegslasten und Verlustziffern einher. Sie betraf allerdings vornehmlich die Bevölkerung, die das Pech hatte, in den von den Landsknechtshaufen heimgesuchten Regionen zu leben, und dafür mit Leib und Gut büßen musste. Gemessen an den Verlusten der unbeteiligten Bevölkerung blieb der Schlachtentod in den Kriegen der Renaissance und noch im Dreißigjährigen Krieg eine Rarität. Weil sie damit Gefahr liefen, ihr Kapital, also ihre Truppen, aufs Spiel zu setzen, suchten die Condottieri nicht unbedingt das Gefecht und militärische Entscheidung. In vielen Fällen war es eher das Ziel, gegnerische Landsknechte zum Überlaufen zu motivieren, als sie vom Leben zum Tode zu befördern.</p>
<p>Die Kriege des 18. und 19. Jahrhunderts brachen mit diesem Muster. Die Durchstaatlichung des Krieges ging mit einer Fokussierung des Mord- und Zerstörungswerks auf die Macht- und Verteidigungsmittel des feindlichen Souveräns einher. Wo der Souverän die Kriegführung in eigene direkte Regie übernahm, verlegte er das Töten zunehmend auf die Schlachtfelder. Während die Intensität der militärischen Aktionen immens stieg und Krieg für die kämpfenden Truppen tatsächlich zu einer gefährlichen Angelegenheit wurde, entstand die Kategorie des Nicht-Kombattanten. Jetzt haftete nicht mehr speziell die Zivilbevölkerung der Kriegsschauplätze mit Leib und ihrem gesamten Gut, sondern die Steuern zahlende Zivilbevölkerung der Krieg führenden Länder insgesamt und nur noch mit Teilen ihres Guts und weniger direkt mit ihrem Leben.</p>
<p>Dass die staatlichen Kriegsherrn ihren Soldaten mit teilweise recht drastischen Methoden einbläuen ließen, nicht mehr auf eigene Rechnung zu marodieren und zu massakrieren, entsprang natürlich keineswegs humanistischen Regungen. Gegenüber einem zunehmend zentral mit Nachschub versorgten, unmittelbar aus Staatsmitteln unterhaltenen und auf das Schlachtenschlagen gedrillten stehenden Heer befanden sich solche Truppen im Nachteil, die den Kampf mit dem Feind nur im Nebenberuf erledigen konnten, weil sie sich regelmäßig zerstreuen mussten, um sich aus dem Land zu bedienen. Ihre Operationsfähigkeit war dadurch beeinträchtigt, und außerdem förderte autonomes Plündern und Vergewaltigen nicht gerade die militärische Disziplin.</p>
<p><a name="q28"></a><a name="q29"></a>Die Durchstaatlichung des Krieges legte es aber nicht nur von der strategischen Orientierung her nahe, der unbewaffneten fremden Bevölkerung einen Nicht-Kombattanten-Status zuzugestehen, also die Fortsetzung der sozialen Normalität auch im Kriege zu erlauben; vor allem machte sie die Aufrechterhaltung und Förderung des warengesellschaftlichen Normalbetriebs für das eigene Land zur unabweisbaren militärischen Notwendigkeit. Als der Krieg beginnend mit dem Italienfeldzug von Franz I. 1494(<a href="#28">28</a>) von einer Reproduktionsform von Kriegsunternehmern zum Duell von Kriegsmaschinen mutierte, die eine militärische Entscheidung suchten, ging das mit einer Explosion der Militärausgaben einher. Schon die Monetarisierung der Kriegführung und die Rekrutierung von Söldnerheeren hatte den Staatsbankrott zum Dauerbegleiter der frühneuzeitlichen Großmächte gemacht. Die Einführung stehender Heere aber ließ die für den destruktiven Zweck mobilisierten Ressourcen erst recht exponentiell steigen.(<a href="#29">29</a>) Der Zugriff auf das Hab und Gut der unglücklichen Bewohner der Kriegsschauplätze erwies sich als viel zu dünne Grundlage für die Kriegsökonomie. Gegenüber der Selbstversorgung der Armeen vor Ort wurde die Steuerabschöpfung in den Krieg führenden Ländern immer wichtiger. Die setzte aber vor allem anderen die Implantierung und Erhaltung geldwirtschaftlicher Normalverhältnisse und Sicherung der abstrakten Reichtumsproduktion auf dem eigenen Terrain voraus.</p>
<p>Die Entfesselung der militärischen Vernichtungspotenz bedeutete für die bisherigen Hauptopfer, die unbeteiligen Bewohner der von den Heeren heimgesuchten Regionen, eine Bändigung der zerstörerischen Gewalt. Ihren Niederschlag fand diese Dialektik auch im Kriegsrecht. Nach dem Ende der Religionskriege bildete sich die strikte Unterscheidung von Kombattant und Nicht-Kombattant heraus. Diese Differenzierung entspricht aber haargenau dem weiter oben schon umrissenen, von der durchstaatlichten Kriegführung installierten inneren Gewaltregime. Geographisch erscheint das ihm entsprechende Nebeneinander von Vernichtung und Normalität als Gegensatz von Front und Hinterland und auf der personellen Ebene als Differenz von Kombattant und Nicht-Kombattant.</p>
<p>Die klassische Ausprägung des Nicht-Kombattanten fällt ins 18. und 19. Jahrhundert. Der industrialisierte Krieg hat zusätzlich zur gegnerischen Armee weitere militärische Angriffsziele entdeckt, deren Bekämpfung indirekt auf den Willen und die Kampfkraft des gegnerischen staatlichen Souveräns wirkt, nämlich die Infrastruktur und die arbeitende Zivilbevölkerung. Diese Veränderung macht die Unterscheidung von Kombattant und Nichtkombattant problematisch. Sie setzte sie aber weder außer Kraft noch steht sie in Widerspruch zur Konzentration von Kriegführung auf die Quellen staatlicher Macht. Weil die moderne Kriegführung des 20. Jahrhunderts nicht nur die monetären, sondern das Gros der stofflichen gesellschaftlichen Ressourcen mobilisierte, sind die Reichtumsproduzenten zu indirekten Kombattanten geworden. Die Scheidung zwischen zivilen und militärischen Zielen wurde zu einer Ermessensfrage. Zumindest in der Schonung der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten aber lebt die Beschränkung der Vernichtungspraxis und die Differenz von Kombattant und Nicht-Kombattant fort.</p>
<p><a name="q30"></a>Die Limitierung der Vernichtung durch die Differenzierung zwischen Kombattant und Nicht-Kombattant wurde im 20. Jahrhundert nicht nur in den durchindustrialisierten Kriegen zwischen den kapitalistischen Vormächten problematisch. Ihre klassische Gestalt haben auch die antikolonialen Konflikte, die Staatsbildungskriege an der Weltmarktperipherie, über den Haufen geworfen. Antiimperialistischen Bewegungen blieb in der Konfrontation mit einer militärisch überlegenen Besatzungsmacht als Form des bewaffneten Kampfes nur der Guerillakrieg, eine Form <em>asymetrischer </em>Kriegführung, die ganz bewusst den Gegner in eine Situation bringt, in der er beständig nicht zwischen Kämpfern und Zivilbevölkerung unterscheiden kann. In den Kriegszielen beider Seiten blieb freilich die Differenz präsent und so bestimmte sie weiterhin auf ihre Weise das Kriegsgeschehen und setzte der destruktiven Energie Grenzen. Die Theoretiker und Praktiker des antiimperialistischen Krieges betonten, dass es sich bei der Guerilla nur um eine Etappe im Befreiungskampf handelt und dessen letztes Stadium deren Metamorphose zur regulären Armee impliziert. Die Notwendigkeit, die Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen, schloss massive Repression gegen das Gros der Bevölkerung von Seiten der Guerilla von vornherein aus. Aber auch die imperialen Mächte und ihre Satrapen vor Ort mussten im Bemühen, die politische Kontrolle über Land und Leuten zu bewahren, die prinzipielle Möglichkeit unterstellen, letztlich doch bewaffnete Angreifer und friedliche Bevölkerung auseinander dividieren zu können. Bei allen Grausamkeiten, Massakern, Umsiedlungsaktionen und Flächenbombardements &#8211; das volle Gewicht ihres Destruktionspotentials brachten die imperialen Mächte nicht zum Einsatz. Trotz Millionen von vorzugsweise zivilen Opfern und trotz Free Fire Zonen wurde weder in Algerien noch in Indochina die Schwelle zum systematischen Völkermord überschritten.(<a href="#30">30</a>)</p>
<p><strong>3. Die Totalisierung des Krieges</strong></p>
<p>Sowohl die Entwicklung des staatlichen Gewaltregimes im Allgemeinen als auch die Geschichte der staatlichen Kriege im Besonderen sind als Doppelprozess von Potentialisierung und Potenzierung zu begreifen. Von der Frühmoderne bis zum Ende des &#8220;kurzen 20. Jahrhunderts&#8221;, also bis 1989, nahm die Zahl der Kriegsjahre kontinuierlich ab. Im Gegenzug vervielfachte die Zusammenfassung aller destruktiven Kräfte in der fördernden Hand des Territorialstaates diese in einem unvorstellbaren Maße. Gemessen an den Verheerungen der warengesellschaftlichen Kriege nehmen sich sämtliche bewaffneten Konflikte vorkapitalistischer Gesellschaften wie Wirtshausschlägereien aus. Ihren logischen Flucht- und Schlusspunkt fand diese Entwicklung im prekären Gleichgewicht des atomaren Schreckens zwischen den Supermächten. Zum einen hatte die im Rüstungswettlauf akkumulierte Vernichtungskraft schließlich einen Stand erreicht, der überhaupt keine qualitative Steigerung mehr zuließ. Ob das Arsenal der beiden Supermächte nur für einen hundertfachen oder für einen tausendfachen Omnizid reichte, war letztlich eine Frage von geringer Bedeutung. Zum anderen stand auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges fest, die Grenze von der Vernichtungsdrohung zum manifesten Krieg, bei dem die Supermächte ihr tatsächliches militärisches Gewicht in die Waagschale werfen, würde für alle Zukunft nur noch genau einmal überschritten werden können.</p>
<p><a name="q31"></a>Die Durchstaatlichung der Kriegführung hat zu einer ungeheuren Effizienzsteigerung beim Töten geführt. Es würde freilich zu kurz greifen, darin allein eine Folge des waffentechnischen Fortschritts zu sehen. Keine Gesellschaft hat je einen auch nur annähernd so großen Teil ihrer sozialen und materiellen Ressourcen in das Kriegswesen umgeleitet(<a href="#31">31</a>) und keine hat das Gewalthandwerk derart konsequent im Sinne der Vernichtungsbestimmung durchrationalisiert wie die Warengesellschaft.</p>
<p><a name="q32"></a>Bei den vorkapitalistischen Kriegen handelte es sich in der Regel um &#8220;eingehegte Kriege&#8221;, bei denen der Blutzoll weit hinter dem technisch Denkbaren zurückblieb. Krieg blieb entweder das Privatvergnügen einer kleinen Kaste oder er war, wo große Teile der männlichen Bevölkerung unter Waffen standen, zumindest zeitlich begrenzt und ritualisiert, auf dass eine allzu tiefgreifende Störung der Reproduktion verhindert wurde. Als ein Musterbeispiel dieser zweiten Form des &#8220;eingehegten Krieges&#8221; können die Auseinandersetzungen zwischen den griechischen Polis-Staaten gelten. Bei diesen Konflikten verzichteten alle Beteiligte auf großangelegte strategische Manöver, und das militärische Geschehen beschränkte sich auf die sofortige Entscheidungsschlacht.(<a href="#32">32</a>) Wer dabei das Feld behaupten konnte, hatte bereits den Sieg in Händen. Weder wurden Fliehende verfolgt noch bemühte sich die unterlegene Partei um eine militärische Neuformierung. Der staatliche Krieg tendiert hingegen zum &#8220;absoluten Krieg&#8221; (Clausewitz) und kennt nur einen Durchbrennschutz gegen die völlige Entgrenzung von Zerstörung, seine Rückkoppelung an den politischen Zweck. Der ist aber näher besehen prekär.</p>
<p>Mit ihrer Durchstaatlichung gewann die kriegerische Praxis nicht nur insofern einen rational-instrumentellen Charakter als sie nach und nach sämtliche stofflichen und menschlichen Ressourcen in tatsächliche oder potentielle Mittel der Kriegführung verwandelte; während etwa im Mittelalter der bewaffnete Kampf als die spezifische Lebensweise einer Kaste seinen Sinn wesentlich aus sich selber schöpfte, hat die Moderne Kriegführung zum bloßen Mittel, nämlich zum Mittel nationalstaatlichen Interessenkalküls gemacht. Ein politisch definierter Wille wirft die Kriegsmaschinerie an und schaltet sie ab, und ihm bleibt sie stets unterworfen. Oder um Clausewitz&#8217; klassische Formulierung zu bemühen: beim Krieg handelt es sich um ein &#8220;wahres politisches Instrument&#8221;, er ist &#8220;als Fortsetzung des politischen Verkehrs, eine Durchführung desselben mit anderen Mitteln&#8221;, zu verstehen.</p>
<p>Im landläufigen Verständnis gilt der Primat der Politik über das Militärische als Garant von Vernunft und Augenmaß innerhalb des mörderischen Irrsinns. Zwingend erscheint diese Interpretation freilich nur vor dem Hintergrund einer affirmativen Politikvorstellung, die Politik als etwas per se Rationales wertet und dementsprechend deren Primat als die Vorherrschaft eines vernünftigen, wenn auch vielleicht sehr zynischen Zwecks, über ein irrationales Instrument. Politik reduziert sich indes keineswegs auf den Prozess der Austarierung gegenläufiger Konkurrenzinteressen und genauso wenig schrumpft brutale staatliche Machtpolitik zwangsläufig auf die Eroberung von Ländern, Rohstoffen und Arbeitsbevölkerung zum Wohle des eigenen Kapitals. Wo die Politik selber zum Medium des Irrationalen wird, wirkt das vermeintliche Löschmittel als Brandbeschleuniger und -verstärker.</p>
<p>Das Extrembeispiel in dieser Hinsicht liefert natürlich der Nationalsozialismus. Er hat gezeigt, dass die Reduktion menschlichen Lebens auf die nackte und jederzeit auslöschbare biologische Existenz nicht nur den Urgrund politischer Souveränität bildet, sondern Vernichtung auch schon in der Aufstiegsgeschichte der Warengesellschaft zum politischen Programm werden konnte; ein Programm, das selbst noch die sich aus der militärischen Binnenlogik ergebenden Zurückhaltungen beim Zerstören und Morden außer Kraft setzte. An drei Punkten lässt sich das festmachen. Zum einen hätten Militärs einen von vornherein grenzenlosen Eroberungskrieg nie begonnen. Zum anderen war die Entscheidung der Führung des &#8220;Dritten Reiches&#8221;, den Krieg über den Punkt der offensichtlichen völligen militärischen Aussichtslosigkeit hinaus fortzusetzen, politisch motiviert; und schließlich lag der zentrale Punkt des nationalistischen Mordprogramms, die Vernichtung des europäischen Judentums, völlig quer zu jedem militärischen Kalkül.</p>
<h4><a name="q33"></a>4. Der warengesellschaftliche Krieg als der absolute Krieg</h4>
<p>Der Gedanke vom Primat der Politik geht auf Clausewitz zurück. Aber nicht nur dieses Charakteristikum des durchstaatlichten Krieges hat er auf den Punkt gebracht. Nie vorher und nie nachher ist das Wesen des Staatskrieges schärfer und klarer begrifflich gefasst worden als in seinem Hauptwerk &#8220;Vom Kriege&#8221;. Schon in seiner Eingangsdefinition erscheint der &#8220;absolute Krieg&#8221; als der zentrale analytische Bezugspunkt: &#8220;Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen.&#8221; Den entgrenzten, den &#8220;absoluten Krieg&#8221;, betrachtet Clausewitz als eine Art Idealtypus, von dessen reiner Verwirklichung die empirischen Kriege aller Epochen gleichermaßen entfernt bleiben. Anders als die Denker der Aufklärung, die in der Durchsetzung der westlichen Zivilisation und ihrer Prinzipien eine die Wucht der Zerstörung mäßigende Kraft sehen wollten, hielt Clausewitz sie in dieser Hinsicht für eine neutrale Größe. Beim vermeintlich überhistorischen Idealtypus handelt es sich allerdings näher besehen um den logisch-historischen Fluchtpunkt durchstaatlichter Kriegführung.(<a href="#33">33</a>)</p>
<p>In drei großen Schüben hat sich der Krieg in Richtung &#8220;absoluter Krieg&#8221; entwickelt, und Clausewitz&#8217; Theorie hat selber den ersten davon zum historischen Hintergrund. Clausewitz&#8217; Formel vom &#8220;absoluten Krieg&#8221; entstand unter dem Eindruck der Napoleonischen Kriege, die gegenüber den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts eine sprunghafte Steigerung der mörderischen Effizienz brachten. Diese neue Qualität entsprang unmittelbar den Errungenschaften der Französischen Revolution und ist ohne die Entdeckung der Nation nicht zu denken. Bei den Kriegen der absolutistischen Fürsten des 18. Jahrhunderts hatten vornehmlich zwei Faktoren die Intensität der Metzeleien begrenzt. Zum einen handelt es sich bei den in die Armeen gepressten Söldner um völlig passive Werkzeuge der Vernichtung. Das höchste erreichbare Ziel bestand darin, diese Menschen zu gehorsamen Marionetten abzurichten, die auf Befehl ihr einexerziertes Gefechtsprogramm abspulen. Im Leben des Soldatenmaterials existierte nur eine, mit dem mörderischen Zweck nicht so recht kompatible, aber massenhaft praktizierte Form der Eigeninitiative, nämlich die, im Gefecht und auch sonst bei der erstbesten Gelegenheit das Weite zu suchen. Das 18. Jahrhundert ist denn auch in die Militärgeschichte als das &#8220;Zeitalter der Deserteure&#8221; eingegangen. In den Schlachten des Siebenjährigen Krieges schlug sich auf allen Seiten bis zu einem Drittel der Mannschaften beim ersten Schuss in die Büsche. Die Gefechtsordnung war primär vom Gedanken bestimmt, die eigenen Mannschaften am Davonlaufen zu hindern, und erst in zweiter Linie vom Bemühen zur Vernichtung der gegnerischen Armee. Zum anderen blieb die Rekrutierung einer ausreichenden Zahl von Soldaten immer ein Problem und kostspielig. Beide Umstände standen dem im Weg, was Clausewitz als das Wesen des Krieges bestimmte hatte: die Konzentration auf die Niederwerfung des Feindes, die Bereitschaft im geeigneten Moment die Entscheidungsschlacht zu suchen.</p>
<p><a name="q34"></a>Beide Schwierigkeiten verschwanden mit der Figur des Bürgersoldaten. Im Ausbildungsstand waren die Freiwilligenheere der Französischen Revolution den regulären Truppen der Koalition aus Briten, Preußen und Österreichern zunächst unterlegen. Guillotine und Flucht über die französischen Grenzen hatte außerdem das alte aristokratische Offizierskorps erheblich dezimiert. Die Erschließung bis dahin völlig ungenutzter Ressourcen aber war geeignet, diese nachteiligen Umstände mehr als zu kompensieren. Die Identifikation mit der nationalen Sache sorgte für eine bis dahin unbekannte Einsatzbereitschaft, die sich weniger euphemistisch interpretiert nur als Fanatismus und Blutdurst bezeichnen lässt.(<a href="#34">34</a>) Gleichzeitig erlaubte die levée en masse und der Übergang zur allgemeinen Wehrpflicht die umstandslose und für die Staatskasse kostengünstige Schließung entstehender Lücken. Es bedurfte nur noch eines Feldherrn, der diese neuen Möglichkeiten in Strategie umzusetzen verstand. In Napoleon, einem Mann, der sich rühmte ohne Wimperzucken auch eine Million Mann für den Sieg zu opfern und den Hegel für so viel Mannhaftigkeit zu Recht in den Stand &#8220;des Weltgeistes zu Pferde&#8221; erhob, fand die hereinbrechende Epoche der Kriegführung ihre ideale Verkörperung. Bei den Generälen alten Schlages als Schlächter verschrien, setzte er sich unkonventionell über sämtliche Militärdoktrinen des 18. Jahrhunderts hinweg, immer auf der Suche nach der umstandslosen Entscheidung. Zu schlagen war das französische Kaiserreich erst, nachdem sich dessen Gegner die neuen Methoden zu eigen gemacht hatten.</p>
<h4><a name="q35"></a>5. Fordismus und totaler Krieg</h4>
<p>Der &#8220;absolute Krieg&#8221; steht für den rücksichtslosen Einsatz aller verfügbaren militärischen Mittel für &#8220;das Ziel des kriegerischen Aktes&#8221;, &#8220;für das Niederwerfen des Feindes&#8221;.(<a href="#35">35</a>) Ihre logische Fortsetzung und Übergipfelung findet diese Fokussierung auf den Zweck der Zerstörung der gegnerischen Streitkräfte in der konsequenten Mobilisierung aller produktiven Potenzen für die kriegerische Aufgabe, die Verwandlung der Gesellschaft in eine einzige gigantische Vernichtungsmaschine, in der alle Räder nur noch für den Sieg rollen. Die Industrialisierung der Kriegführung während des Ersten Weltkriegs markiert diese neue Qualität: der absolute Krieg kam im totalen Krieg zu sich.</p>
<p><a name="q36"></a>Die Kriege hatten bis dahin vor allem die monetären Ressourcen der beteiligten Staaten beansprucht. Der ideelle Gesamtkapitalist beschränkte sich im 19. Jahrhundert im Wesentlichen darauf, die notwendigen Ressourcen für den Unterhalt eines stehenden Heeres von der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion abzuzwacken. Die Kriegswirtschaft unterschied sich von der Friedenswirtschaft nicht sonderlich. Schon die Kürze der militärischen Auseinandersetzung machte grundlegende Umstellungen der Produktion überflüssig. In den großen militärischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts setzte er dagegen einen viel weitergehenden Anspruch durch und griff viel tiefer in die gesellschaftliche Regulation ein als je zuvor.(<a href="#36">36</a>)</p>
<p><a name="q37"></a>Heraklit wird gern der Satz zugeschrieben, der Krieg sei der Vater aller Dinge. Diese Übersetzung verfälscht zwar wohl den Sinn dessen gründlich, was der antike Philosoph sagen wollte(<a href="#37">37</a>), für die Moderne trifft sie aber allemal ins Schwarze. Gerade der prosperierende Kapitalismus der Wirtschaftswunderära ist in jeder Hinsicht ein Kind der Weltkriegsepoche und des totalen Krieges.</p>
<p><a name="q38"></a>Das lässt sich unter anderem an der makroökonomischen Regulation festmachen. Der vom Warfare-Staat zur Maximierung der Vernichtungsproduktion geschaffene geld- und wirtschaftspolitische Rahmen bewährte sich nur leicht modifiziert auch bei der Optimierung der Produktion von zivilem abstraktem Reichtum. Der zunächst aus den Notwendigkeiten des &#8220;totalen Krieges&#8221; geborene Interventionsstaat wurde zur Dauereinrichtung und ermöglichte überhaupt erst den fordistischen Take off und kurzen Sommer von Vollbeschäftigung und historisch einmaligen Wachstumsziffern. Genauso unübersehbar ist der Fordismus im Hinblick auf Produktionsmethoden und Schlüsselerzeugnisse eine Errungenschaft des totalen industrialisierten Krieges. Natürlich hatte die zivile Warenproduktion zunächst einmal unter den Friktionen zu leiden, die mit der Ausrichtung aller Produktion auf die staatliche Vernichtungsproduktion einhergingen. Auf längere Sicht wurde die auf den kriegerischen Zweck ausgerichtete Produktion aber zum Vorbild für den zivilen Einsatz &#8211; ein Umstand, der auf den Charakter des Warenreichtums als Fortsetzung von Vernichtung mit anderen Mitteln verweist. Nicht nur die Standardisierung der Arbeitsprozesse nahm von der Kriegsproduktion ihren Ausgang, auch die technischen Schlüsselinnovationen des Fordismus machten allesamt erst einmal im militärischen Bereich Karriere, um dann später eine breitere zivile Nutzanwendung zu erfahren. Nicht nur in Deutschland begann die Automobilmachung der Gesellschaft mit der Motorisierung der Kriegführung.(<a href="#38">38</a>)</p>
<p><a name="q39"></a>Mindestens genauso wichtig und in unserem Zusammenhang noch bezeichnender ist freilich die mentalitätsgeschichtliche Leistung der Weltkriege. Wenn es so etwas wie eine für den homo fordisticus konstitutive Urerfahrung(<a href="#39">39</a>) gibt, dann das Fronterlebnis in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs. Aus den Schützengräben des &#8220;Großen Krieges&#8221; krochen Männer, die sich in ihrem Denken und Fühlen genauso deutlich von den bürgerlichen Schichten des 19. Jahrhunderts abhoben wie von den Massen aus den unteren Ständen der Vergangenheit.</p>
<p>Den Schrecken der industrialisierten Kriegführung konnten die Heldenflausen und die Identifikation mit dem &#8220;nationalen Ganzen&#8221;, die noch wesentlich die euphorische Stimmung bei Kriegsausbruch mitgetragen hatte, nicht standhalten. Das Trauma der Auslieferung an eine überwältigende, zerstörerische Mechanik zerbrach alle gewachsenen sozialen Bindungen und Werte. Die Ausweichbewegung ging ins eigene Innere. Damit übernahmen die soldatischen Subjekte praktisch genau die Art von Weltbezug, die Descartes als (erkenntnis)theoretisches Programm eingeführt hatte. Descartes und Hobbes hatten an den Anfang ihrer Philosophie das Gedankenexperiment einer allgemeinen &#8220;Idee der Weltvernichtung&#8221; gestellt, die nichts übrig lässt außer dem denkenden Ich. Die Materialschlachten an der Somme und um Verdun machten dieses aus allen Bezügen herausgesprengte und auf sich zurückgeworfene leere Selbst zur Massenerfahrung.</p>
<p><a name="q40"></a>Der Psychoanalytiker Sandor Ferenczi schrieb über den Grundmechanismus von Kriegsneurosen: &#8220;Die Libido wendet sich vom Objekt ab und dem Ego zu, vergrößert dabei die Eigenliebe und reduziert die Objektliebe bis zur völligen Gleichgültigkeit.&#8221;(<a href="#40">40</a>) Aber selbst die Eigenliebe droht im Prozess der Abstumpfung noch unter die Räder zu kommen. Um unter den Bedingungen des Krieges überhaupt noch funktionieren und überleben zu können, näherte sich das soldatische Subjekt zusehends einer strikt solipsistischen Haltung an, in der die Bindung an andere sich ebenso ausdünnte wie es emotional verarmte.</p>
<p><a name="q41"></a><a name="q42"></a>Jacques Rivière hat nicht nur sein eigenes Kriegserleben auf den Punkt gebracht, als er schrieb: &#8220;Genauso wie er sich so regelmäßig wie möglich zu entlausen versuchte, so sorgte der Frontkämpfer dafür, jedes einzelne seiner Gefühle abzutöten, eines nach dem anderen, bevor es ihn beißen konnte. Er sah mit einem mal ganz deutlich, daß Gefühle nichts als Ungeziefer waren und daß ihm nichts anderes übrigblieb, als sie wie solches zu behandeln.&#8221;(<a href="#41">41</a>) Das Grauen ließ sich nur in einer Art von psychischer Totenstarre ertragen, ein Zustand für den Marc Boasson den treffenden Ausdruck &#8220;automatisme anesthésiant&#8221; fand.(<a href="#42">42</a>)</p>
<p>Beim Zustand radikaler endogener Anästhesie handelt es sich sicherlich um einen Ausnahmezustand, allerdings um einen mit Vorbildfunktion. Die Abstraktionsleistung des soldatischen Mannes, seine Fähigkeit, sein Selbst von allen Gefühlen und Bedürfnissen abzuziehen, fand zivile Nachfolger. Die unsinnliche Sinnlichkeit des Warensubjekts ist jedenfalls nicht als Erwachen aus der soldatischen Betäubung zu interpretieren. Vielmehr wiederholt die Coolness des postmodernen Konkurrenzidioten den Totstellreflex der Kriegsneurotiker des Ersten Weltkriegs, während die manische Hektik der Marketingprofis und Eventmanager mit anderen Mitteln das Durchdrehen im Trommelfeuer fortsetzt. In beiden Varianten lebt die endogene Anästhesie der Frontkämpfer als konstitutives Moment fort, und das aus gutem Grund: Nur im Zustand permanenter Betäubung ist das Dasein in einer vom Wüten der Wertlogik ein ums andere mal umgepflügten Wirklichkeit überhaupt zu ertragen.</p>
<p>Es würde in die Irre führen, wollte man diese gnadenlose Subsumtion als Rücknahme oder gar Auslöschung der Subjektform interpretieren. Das Leitbild der Freudschen Theorie, das durch Ich-Stärke gekennzeichnete autozentrierte Individuum, das gern mit dem wahren Einzelsubjekt gleichgesetzt wird, hat es nie zum Massenphänomen gebracht; und selbst in den klassisch-bürgerlichen Schichten dürfte das Ideal des innengesteuerten Ich-Souveräns kaum in dem oft unterstellten Grade Wirklichkeit geworden sein. Subjektform und Außenleitung stehen, im Gegensatz zum landläufigen Verständnis keineswegs in Widerspruch. Bei der entwickelten Subjektform handelt es sich vielmehr um eine vermittelte Form vollständiger Außenleitung. Damit die Subjektform sich überhaupt verallgemeinern und schließlich dieses Stadium erreichen konnte, musste sie aber erst quasi von oben in der Gestalt eines kollektiven Wir-Ichs oktroyiert werden. Dabei spielte die Figur des soldatischen Größen-Wir die Schlüsselrolle. Den Weltkriegsgemetzeln und der Einordnung in die militärische Megamaschine kam im beschleunigten Übergang zum entfesselten Konkurrenz- und Warensubjekt der Charakter einer Masseninitiation zu. In militärische Formation gebracht und darüber vermittelt, übten sich die Millionenheere in den Typus von Weltbezug ein, die das vollentfaltete Warensubjekt später ohne beständigen Rückbezug auf übermächtige Intermediärgewalten zu exekutieren hatte. Dem Frontsoldaten gingen die heiligsten Grundsätze der Konkurrenzgesellschaft in Fleisch und Blut über: Die Eliminierung des anderen ist die Bedingung der eigenen Selbstbehauptung. Nur wer das Gegenüber zum Objekt degradiert, sichert als Herabsetzender den eigenen Status als Subjekt. Allein indem Mann sich selbst konsequent als Instrument und Maschine behandelt, kann er als Subjekt triumphieren.</p>
<p><a name="q43"></a>Ernst Jünger feierte die Soldaten als diejenigen, die &#8220;auf kriegerische Weise zu zeugen verstehen&#8221;.(<a href="#43">43</a>) Das ist keine Perversion moderner Subjektivität und schon gar kein Bruch mit ihr; beim negativen Prometheus, der anstatt wie sein Vorbild aus der griechischen Mythologie Menschen zu schaffen, sich selber durch die Vernichtung von Menschen schafft, handelt es sich vielmehr um deren hässlichen Prototyp.</p>
<h4>6. Das Zeitalter der Verwissenschaftlichung der Zerstörung</h4>
<p>Die Geschichte des modernen Krieges ist eine Geschichte sukzessiver Totalmobilmachung aller gesellschaftlichen Ressourcen für die Vernichtung. Mit den Napoleonischen Kriegen wurden ganz wesentliche psychologische, soziale und militärtaktische Fesseln durchschnitten, die bis dato die rüstungstechnisch gesehen bereits vorhandenen kriegerischen Potenzen an ihrer vollen Entfaltung gehindert hatten. Gut hundert Jahre später bedeutet der &#8220;totale Krieg&#8221;, die industrialisierte Kriegführung, die systematische und flächendeckende Indienstnahme der zivilen gesellschaftlichen Arbeitskraft für den Vernichtungszweck. Der Zweite Weltkrieg markiert aber auch noch eine dritte Stufe, nämlich die unmittelbare Unterwerfung von Wissenschaft und Forschung unter das Kriegswesen, die Verwissenschaftlichung der Vernichtung.</p>
<p><a name="q44"></a><a name="q45"></a>Gegenüber der Anwendung und Weiterentwicklung technologischer Innovationen hatte sich das Militär natürlich schon lange offenherzig gezeigt; selbst Neuerungen in einer so unempirischen Wissenschaft wie der Mathematik hatten schon in der frühen Neuzeit, man denke an die Funktionsberechnung, einen militär-praktischen Bezug, nämlich die Berechnung von Geschossbahnen.(<a href="#44">44</a>) An die Stelle der alten Entente cordiale zwischen selbständigen Tüftlern und Wissenschaftlern einerseits und an der militärischer Nutzung interessierten Militärs anderseits trat nun aber etwas qualitativ Neues. Militärische Bedürfnisse entschieden jetzt direkt über die Ausrichtung, die Schwerpunkte und den Entwicklungsgang der Forschung und das Militär heuerte riesige Wissenschaftsapparate zu deren Umsetzung an. Für diese neue Qualität steht natürlich in erster Linie das &#8220;Manhattan Project&#8221;, die Entwicklung der Atombombe.(<a href="#45">45</a>) Aber auch bei der Schlüsseltechnologie der dritten industriellen Revolution, der Mikroelektronik handelt es sich eindeutig um ein legitimes Kind des Zweiten Weltkriegs und des Wettrüstens. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges geht insbesondere in den USA das Gros der staatlichen Forschungsetats durch die Hände von militärischen oder militärnahen Institutionen (etwa die NASA).</p>
<p><a name="q46"></a>Mit dem &#8220;Kalten Krieg&#8221; und der Blockkonfrontation gelangte der Prozess der Durchstaatlichung des Krieges an seinen Kulminationspunkt. Zunächst einmal erreichte die Dialektik von Potenzierung und Potentialisierung der Vernichtung &#8211; wie weiter oben schon erwähnt &#8211; im prekären Gleichgewicht des atomaren Schreckens ihr Endstadium. Zum anderen trieb die Verwissenschaftlichung des Tötens den Rüstungsaufwand dermaßen in die Höhe, dass sie mit der Konkurrenz vieler Nationalstaaten und dem klassischen polyzentrischen System unvereinbar wurde. Wissenschaftsaggregate, die in der Lage waren im technologischen Wettlauf mitzuhalten, konnten 40 Jahre lang lediglich zwei Supermächte unterhalten. Der Übergang ins Zeitalter der Globalisierung und der neuen Informationstechnologien, das auch die Destruktionstechnik auf eine neue Basis stellte, bereitete indes selbst diesem Zustand ein Ende. Ohne dass ein Schuss gefallen wäre, musste das Sowjetimperium totgerüstet die Segel streichen. Die Zahl der Armeen, die sich auf Weltniveau bewegen, war auf eine gesunken, die US-Army &#8211; eine Ausnahmestellung, die freilich ohne den privilegierten Zugang der USA zum transnationalen Geldkapital gar nicht denkbar wäre.(<a href="#46">46</a>) Die absolute militärische Übermacht eines Staates ist nicht nur ein absolutes Novum in der Geschichte der Moderne; mit der endgültigen Außerkraftsetzung der Balance of Power ist ein Eckpfeiler der zwischenstaatlichen Gewaltordnung beseitigt.</p>
<p>Noch in einer anderen Hinsicht hat die Verwissenschaftlichung der Kriegführung das klassische staatliche Gewaltregime unterminiert. Sie setzte dem traditionellen Träger des warengesellschaftlichen Gewaltkerns, dem stolzen Staatsbürger in Uniform erheblich zu. Sein alter Nimbus begann sich schon angesichts der nuklearen Waffen zu verflüchtigen, deren Vernichtungspotenz die hochgerüsteten konventionellen fordistischen Armeen zu einer Art Dreingabe herabsinken ließ, zuständig für die militärischen Vorfeldgeplänkel. Endgültig versetzten aber der Vormarsch der Mikroelektronik und die damit verbundene Loslösung der Zerstörung von der unmittelbaren menschlichen Destruktionsarbeit dem bewaffneten Citoyen den Todesstoss. Der Umsetzbarkeit der Vision vom automatischen Schlachtfeld, dem militärischen Pendant zur menschenleeren Fabrik, sind sicher Grenzen gesetzt. Aber allein schon ihr Auftauchen zeigt an: die militärische und ideologische Massenmobilisierung von Vernichtungsarbeitern passt nicht mehr ins historische Bild und hat ausgespielt. Die alte Pazifistenparole &#8220;Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin&#8221;, gewinnt einen neuen, beängstigenden Sinn. Damit Krieg in seiner ganzen Brutalität geführt werden kann, ist es gar nicht mehr nötig, dass die Massen anrücken, sie dürfen zu Hause vom Fernsehsessel aus die Bilder von explodierenden Cruise Misiles konsumieren. Es genügt, dass die Vernichtungsspezialisten ihren Job tun und die militärischen Infrastrukturarbeiter den ihren. Bezeichnenderweise hält sich die allgemeine Wehrpflicht nur in einigen militärisch drittklassigen Staaten, während die Macht aller Mächte diesen Anachronismus längst abgeschafft hat.</p>
<h4>III. Teil</h4>
<h4>Das Zeitalter poststaatlicher Gewalt</h4>
<h4>1. Die Freisetzung des Gewaltkerns</h4>
<p>Nach einem langen Auszehrungsprozess verlor die Figur des stolzen, wehrpflichtigen Vaterlandverteidigers nach und nach ihre Bedeutung für die Identitätsbildung des Warensubjekts. Ihr letztes Stündlein schlug spätestens mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus. Der Gewaltkern des Konkurrenzsubjekts löste sich aber mit dem Verschwinden seines traditionellen Trägers keineswegs in Wohlgefallen auf. Vielmehr formiert sich seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts ein neues, chaotisch anmutendes Gewaltregime, das wesentlich von autonom operierenden Amokläufern, Killersekten, Warlords jeder Couleur und transnationalen NGOs der etwas anderen, nämlich terroristischen Art geprägt wird. Hatten bis dahin ausschließlich Staaten und Staaten in spe ihren Status als Souverän bewiesen, indem sie über Krieg und Frieden befanden, so drängt jetzt neuartige Konkurrenz auf die Bühne. Eine bunte Schar poststaatlicher Gewaltakteure beginnt den Urgrund der Souveränität, das Recht, den Ausnahmezustand herzustellen, in ihren Besitz zu nehmen.</p>
<p>Diese beängstigende Entwicklung fasst zwei grundlegende Momente in sich. Zum einen ist sie als Freisetzungsprozess zu fassen. Gewalt, bis dato wesentlich ein Instrument der Politik, löst sich von ihrer Rückbindung an politische Zwecke und nimmt zusehends Selbstzweckcharakter an; parallel dazu rückt auch im Gewaltuniversum der Markt zusehends an die Stelle des Staates. Mitten in ihrem Scheidungsprozess vom Staat geht die Gewalt eine neue Liaison ein. Als Ersatz und in Konkurrenz zur Staatsgewalt bilden sich Gewaltmärkte heraus. Damit kehrt ein aus der frühen Neuzeit vertrautes Phänomen wieder.</p>
<p><a name="q47"></a><a name="q48"></a>Keine Entwicklung ohne Vorboten und Vorläufer. Das gilt selbstredend auch für den Aufstieg der Gewalt zum Selbstzweck. Bereits im späten 19. Jahrhundert waren die Verherrlichung des Nichts und die Anbetung der Zerstörung in Teilen der Boheme en vogue. Das Basisaxiom des nekrophilen Vitalismus geht auf Friedrich Nietzsche zurück. &#8220;Eher noch das Nichts wollen, als nichts wollen.&#8221;, so seine wegweisende Formulierung. Den entscheidenden Schritt vollzogen freilich erst die Weiterdenker dieser Strömung, indem sie das Wollen des Nichts zum eigentlichen Wollen und Krieg und Zerstörung zum höchsten Schaffens- und Zeugungsakt erhoben. Filippo Tommaso Marinetti sprach nicht nur für sich, als er in dem 1900 erschienenen futuristisches Manifest schrieb: &#8220;Wir wollen den Krieg verherrlichen, der Welt einzige Hygiene, den Militarismus, die Tat, Zerstörer der Anarchismen, die schönen todbringenden Ideen und die Verachtung der Frau.&#8221;(<a href="#47">47</a>) Ganze Heerscharen von Malern und Autoren schwelgten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in blutrünstigen Phantasien und zeigten sich mit Abel Bonard von Visionen entfesselter Gewalt gefesselt: &#8220;Wir müssen den Krieg in seiner ganzen wilden Poesie umfassen. Wenn ein Mann sich in den Krieg stürzt, entdeckt er nicht nur seine Instinkte wieder, er gewinnt auch Tugenden zurück&#8230; Im Krieg wird alles neu geschaffen.&#8221;(<a href="#48">48</a>) In all diesen Interpretationen gebührte dem Krieg ein Ehrenplatz nicht der mit militärischen Mitteln erreichbaren politischen Zwecke wegen, vielmehr wurde er um seiner selbst willen, also als Inbegriff männlicher Selbstinszenierung und moderner Subjektherrlichkeit gefeiert.</p>
<p><a name="q49"></a>Dieser Bruch mit dem Clausewitzschen Bezugssystem und dessen instrumentellem Gewaltverständnis betraf freilich nur die Ebene der individuellen Motive. Die Hoffnung auf die Erlösung von der kapitalistischen Langeweile, war die Hoffnung auf die Erlösung durch den staatlichen Kriegsmessias. An ihm war es, ein solches Heilserlebnis möglich zu machen, wie es Hermann Hesse im August 1914 zu Teil geworden war: &#8220;Aus dem blöden Kapitalistenfrieden herausgerissen zu werden, tat vielen gut, grade auch in Deutschland, und für einen echten Künstler, scheint mir, wird ein Volk von Männern wertvoller, das dem Tode gegenübergestanden hat und die Unmittelbarkeit und Frische des Lagerlebens kennt.&#8221;(<a href="#49">49</a>)</p>
<p><a name="q50"></a>Einige Hohepriester der Gewalt gingen demgegenüber einen Schritt weiter. In dem 1930 erschienenen &#8220;surrealistischen Manifest&#8221; rühmt André Breton motiv- und grundlosen Mord als den acte gratuite (André Guide), als die existentielle Tat schlechthin: &#8220;Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen.&#8221;(<a href="#50">50</a>)</p>
<p><a name="q51"></a>Dass Breton Mord und Gewalt verherrlicht, unterscheidet für sich genommen seine Haltung noch nicht von der Ästhetisierung des Grauens, wie sie andere Autoren beschrieben. In dieser Hinsicht spricht aus ihm nur der Ungeist der Weltkriegsepoche. Avantgardistisch ist seine Position allerdings insofern, als er die Individuen auffordert, die Sache selber in die Hand zu nehmen. In Karl Kraus&#8217; &#8220;Die letzten Tage der Menschheit&#8221; hieß es noch, &#8220;Krieg is Krieg, und da muß man so manches, was man früher nur gewollt hätt.&#8221;(<a href="#51">51</a>) Breton träumte von einer Welt, in der niemand auf solch günstige Umstände warten muss und sich stattdessen jedermann jederzeit zum Herren über Leben und Tod aufschwingen kann.</p>
<p>Im Zeitalter der &#8220;Massenaffirmation&#8221; (Peter Klein) war diese Form mörderischer einzelsubjektiver Selbstsetzung vom allgemeinen Bewusstsein und Lebensgefühl noch weit entfernt. Mit dem als Individualisierung missverstandenen Prozess der Gleichschaltung durch Vereinzelung und der Auszehrung der Intermediärgewalten wie Staat und Klasse hat sich das grundlegend verändert. Vor 70 Jahren haben Künstler damit provoziert, dass sie gezielt wahllose Vernichtung und Selbstvernichtung zum Inbegriff der Selbstsetzung erhoben. Heute erleben wir den Sprung zu einer entsprechenden Massakerpraxis.</p>
<p><a name="q52"></a><a name="q53"></a><a name="q54"></a>Natürlich sind die Avantgardisten der neuen Gewaltsubjektivität Ausnahmegestalten. Wahrscheinlich lassen sich für Figuren wie den Oklahoma-Attentäter, Timothy Mc Veigh, oder den Sniper von Washington klinische Begriffe finden. Zum einen ändert das aber nichts daran, dass auch ihr pathologisches Verhalten als eine Art Überspitzung ein Schlaglicht auf die gesellschaftliche Normalität wirft: &#8220;Wie manch psychisch Kranker die Wahrheit seiner Familie, der Zigeuner die Wahrheit des sesshaften Bürgers, der Knecht die Wahrheit des Herrn, so bringt der individuelle Amoklauf ex negativo die verdrängte Wahrheit unserer Gegenwartsgesellschaft ans Licht.&#8221;(<a href="#52">52</a>) Zum anderen fällt die Anwendung klinischer Kategorien ausgerechnet bei der Leitfigur unserer Epoche, dem Selbstmordattentäter(<a href="#53">53</a>), ausgesprochen schwer. Der israelische Psychologe Ariel Merari jedenfalls kam bei seiner Untersuchung des sozialen Umfelds und der Biographie von 50 Selbstmordattentätern auf einen ebenso erschreckenden wie eindeutigen Befund: &#8220;Er konnte &#8230; weder Gemeinsamkeiten in den Charakterstrukturen noch pathologische Persönlichkeitsmuster feststellen. Er fand nicht Verrückte und nicht gebrochene Individuen, keine gescheiterten Existenzen und keine monströsen Seelen. Das Auffälligste an allen Tätern war ihre Unauffälligkeit.&#8221;(<a href="#54">54</a>) Die höchste Stufe des Wahnsinns lässt sich nicht mehr als solche bestimmen, weil es sich dabei um kein abweichendes Irresein, sondern um das bis zur bittersten Konsequenz getriebene, für das Warensubjekt konstitutive Irresein handelt.</p>
<h4>2. Alter und neuer Terrorismus</h4>
<p>Terror ist kein neues Phänomen. Seit dem 19. Jahrhundert versuchten immer wieder Gruppierungen, mit spektakulären Anschlägen politische Ziele zu erreichen. Im Zeitalter von Politik und staatlicher Formierung blieb der Terrorismus freilich stets eine marginale Größe, und zwar sowohl was seine Wirksamkeit als auch was die Opferzahl betrifft. Dem rechten und linken Terrorismus dürften in 150 Jahren insgesamt ungefähr genauso viele Menschen zum Opfer gefallen sein, wie im Zweiten Weltkrieg an einem Tag. Der geringe Erfolg terroristischer Mittel in der politischen Auseinandersetzung kann insofern kaum überraschen, als es sich stets um eine aus einer Position extremer Schwäche erwachsende Ausweichstrategie handelte. Zum Terror nahmen immer nur elitäre Gruppierungen Zuflucht, die keine Möglichkeit sahen, über eine breitere politische Organisierung Einfluss zu gewinnen, die aber hofften, über den Umweg spektakulärer Attentate dieses Defizit wett machen zu können. Die &#8220;Propaganda der Tat&#8221; hatte das Ziel, die Bevölkerungsschichten, als deren Stellvertreter sich die Terroristen verstanden, aus ihrer Lethargie zu reißen, auf dass sie für die ihnen von den Terroristen zugeschriebenen Interessen aufstehen würden. Die Terroristen träumten davon, mit ihren Methode einer auf einem breiteren gesellschaftlichen Fundament ruhende Formierung von &#8220;Klassen&#8221; oder &#8220;Nationen&#8221; den Weg zu bereiten.</p>
<p>Dieses Konzept indirekter Mobilisierung hat so gut wie nie funktioniert, das zugrundeliegende Verständnis von Terror als einem politischen Instrument hatte aber den Nebeneffekt, die terroristische Blutspur recht dünn zu halten. Solange Terror auf die Mobilisierung &#8220;interessierter Dritter&#8221; zielte, musste er sich in der Wahl der Anschlagsopfer wählerisch verhalten. Wer herausragende und verhasste Funktionsträger ins Visier nahm, konnte darauf hoffen, die Sympathien jener Bevölkerungskreise zu gewinnen, in deren Namen er antrat. Zufallsopfer waren dagegen zu vermeiden &#8211; sie untergruben die Legitimationsgrundlage der Terroristen &#8211; und Massenvernichtung, die alles und jeden treffen kann, verbot sich von vornherein.</p>
<p>Stünde der neue Terrorismus auf der selben Grundlage wie der politische Terrorismus der Vergangenheit, man könnte Entwarnung geben. Leider hat er sich von dem alten politisch-instrumentellen Verständnis von Gewalt aber gründlich emanzipiert. Damit gewinnt der Terrorismus eine neue Qualität, nämlich die Fähigkeit zur massenmörderischen Effizienz. Aus einem Randphänomen droht eine dominierende Gewaltform des 21. Jahrhunderts zu werden. Ob die Weltuntergangssekten und fundamentalistischen Amokläufer Massenvernichtungsmittel einsetzen, ist lediglich eine Frage technischer Realisierbarkeit; auf eine sich aus dem terroristischen Motiv selber ergebende strukturelle Grenze im Gewalteinsatz braucht niemand hoffen. Weit davon entfernt noch, abzuschrecken, macht die Bereitschaft, Armageddon in Szene zu setzen, für das auf Allmacht getrimmte Konkurrenzsubjekt unserer Tage gerade die Attraktivität des neuen Terrors aus. Keine Kultur, die heute nicht ihr Reservoir an jungen zornigen Männern hervorbrächte, die gleichermaßen an die Existenz als Warensubjekt adaptiert und von ihr abgestoßen, in irgendeinen eschatologischen Fundamentalismus fliehen würden. Überall ein Rekrutierungspotential von Konkurrenzsubjekten, die keine andere persönliche und kollektive Perspektive mehr sehen als die, für eine lange Kette realer oder eingebildeter nationaler und individueller Demütigungen Rache zu nehmen.</p>
<h4>3. Das identische Subjekt-Objekt der Vernichtung</h4>
<p>Der warengesellschaftliche Krieg hat Gewalt in einen abstraktifizierenden Akt verwandelt. An die Stelle der Zweikämpfe von Kriegern ist erst mechanische und schließlich automatisierte Tötungsarbeit getreten. Waffentechnisch ist diese Metamorphose an den Aufstieg der Distanzwaffe zur dominierenden Waffe gebunden. Den entscheidenden historischen Wendepunkt markiert in dieser Hinsicht die Schlacht von Azincourt 1415, in der englische Langbogenschützen ein zahlenmässig weit überlegenes französisches Ritterheer vernichtend schlugen. Die von den feudalen Kämpfern als nicht standesgemäß und unehrenhaft verachtete Distanzwaffe hatte über den mittelalterlichen Kriegertypus triumphiert. Der räumliche Abstand, über den hinweg die Krieger einander beharkten, hat sich zuerst allmählich mit der Entwicklung der Feuerwaffentechnologie und nach dem Ersten Weltkrieg dann sprunghaft vergrößert. Am Ende dieser Entwicklung stehen jene Fernbomberpiloten, die vom Territorium der USA aus zum Einsatz über Bagdad flogen und für die das Schlachtfeld nur als das Display ihres Bordcomputers existierte.</p>
<p>Diesem räumlichen Auseinanderrücken entspricht ein innerer Distanzierungsprozess. Der Gegner wird zum passiven Tötungsgegenstand degradiert. An die Stelle des Kräftemessens im Zweikampf, wo die Gegner als Gleiche aufeinandertreffen, tritt im warengesellschaftlichen Krieg die Spaltung zwischen dem Tötungsarbeiter auf der einen Seite und der auszumerzenden Biomasse auf der anderen Seite. Schon der fordistische und erst recht der verwissenschaftlichte Krieg gleicht sich methodisch der Schädlingsbekämpfung an und hat mit dem klassischen Gefecht nichts mehr zu tun. Nicht nur, dass das Sterben zusehends aus dem Blickfeld des Tötenden rückt, das Töten und das Getötetwerden zerfällt in voneinander unabhängige Akte, mal ist die eine mal die andere Seite der von Menschen in Gang gesetzten Vernichtungsapparatur ausgesetzt.</p>
<p>Der neue archetypische Gewaltakteur unserer Zeit, der Selbstmordattentäter, steht für die Implosion dieser Struktur. Die polaren Gegensätze, in die sich die mörderische Praxis zerlegt hat, fallen plötzlich in eins. Der Selbstmordattentäter führt keine Waffe mehr, er <em>ist </em>unmittelbar eine. Sein Körper hat sich in einen Spreng-Körper verwandelt, und auch die Trennung von tötendem Subjekt und Tötungsobjekt ist auf perverse Weise hinfällig geworden. Sie findet in diesem identischen Subjekt-Objekt der Vernichtung ihre Aufhebung. An die Stelle der Distanzwaffe tritt nach 600 Jahren die Waffe der absoluten Distanzlosigkeit, eine historisch ganz neuartige Waffe.</p>
<h4>4. Gewalt und Markt</h4>
<p>Der neoliberalen Ideologie sind Monopole prinzipiell ein Graus und der Staat sowieso. Eine Ausnahme von dieser allgemeinverbindlichen Regel setzen freilich für gewöhnlich selbst Marktwirtschaftsfanatiker voraus. Zu einem Angriff auf das Gewaltmonopol des Staates versteigt sich kaum einer von ihnen. Den Kernbestand des Staates soll der geforderte und gefeierte Entstaatlichungsprozess unberührt lassen.</p>
<p>Die totale Marktwirtschaft, wie sie sich seit dem Epochenbruch von 1989 durchgesetzt hat, zeigt sich an diesem Punkt konsequenter als ihre Ideologen. Zu den vom fatalen Endsieg des Weltmarkts über die etatistischen Entwicklungsregimes ausgelösten Verheerungen gehört nicht zuletzt die Zersetzung und sukzessive Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols im Süden und Osten. Mit der Fähigkeit, die allgemeinen Rahmenbedingungen von Wertverwertung auch nur halbwegs flächendeckend herzustellen, verlor die Staatsgewalt dort zugleich die Fähigkeit und das Interesse, für &#8220;ihr&#8221; gesamtes nationales Territorium jedwede anderen Gewaltakteure auszuschalten. Immer größere geographische Räume entziehen sich de facto dem staatlichen Zugriff. Vor allem dort, wo mit dem Rückzug regulärer Staatlichkeit sich ideale Arbeitsbedingungen für auf illegalen Weltmarktsegmenten (Drogen, Schmuggel, Waffen- und Menschenhandel) operierende Akteure auftun, treten deren Gewaltapparate an die Stelle der Polizei. Bevor der historische Prozess der Überführung von organisierter Gewalt in das ausschließliche Instrument der abstrakten Allgemeinheit in den peripheren Weltmarktstaaten zu seinem Abschluss gekommen ist, kehrt sich demnach die ganze Entwicklungsrichtung um. Auf die gewaltsame Durchsetzung und Absicherung ihrer partikularen Geschäftsinteressen verpflichtete Mafiafraktionen beginnen dem Gewaltgeschehen wesentlich ihren Stempel aufzudrücken.</p>
<p>Dieser Wandel in Richtung Gewaltmärkte vollzieht sich freilich nicht allein auf dem Weg der Verdrängung der Staatsmacht. Die staatlichen Gewaltapparate machen im Kollaps der Modernisierung selber eine Metamorphose durch. Der Begriff des Staatsgeschäfts nimmt mit dem Verlust der In-Wert-Setzungs-Perspektive insgesamt zusehends eine wortwörtliche Bedeutung an und die Differenz zwischen Mafia und Staat beginnt zu verschwimmen. Während der Aufstiegsphase bezeichnete Korruption eine Störung der normalen Funktion und Reproduktion von Staatlichkeit. In weiten Teilen der Welt ist der Begriff mittlerweile insofern sinnlos geworden, als die Praktiken, auf die er abhebt, als Regelfall gelten müssen und längst die eigentliche materielle Basis der Reproduktion der Staatsapparate bilden.</p>
<p>Im Mittelpunkt dieser allgemeinen Entwicklung stehen aber allemal die &#8220;Sicherheits&#8221;-Apparate. Für ihre Angehörigen liegt es nahe, gerade ihre traditionelle Position als Garant der öffentlichen Ordnung und ihre Fähigkeiten zur Gewaltausübung als privates Humankapital zu benutzen. Die Verfügung über die gesellschaftlichen Gewaltmittel setzt sie in den Stand, sich den Zugriff auf die wenigen Güter aus den Zusammenbruchsregionen zu sichern, die noch Eingang in die globale Verwertungsbewegung finden. Vor allem afrikanische Länder haben diesen Prozess bereits bis zu seinem logischen Ende durchlaufen. Die Volkswirtschaft des Kongos oder Liberias hat sich in diesem Prozess in eine reine Plünderungsökonomie verwandelt, während die Welt der Politik auf den bewaffneten Kampf um die Kontrolle von Rohstoff-Claims zusammengeschrumpft ist. Die Überreste der Staatsgewalt sind zum Hauptakteur auf den aufblühenden Gewaltmärkten geworden.</p>
<h4>5. Der poststaatliche Krieg</h4>
<p>In den zwischenstaatlichen Kriegen fielen Kriegsziel und das Mittel des Krieges auseinander. Kriege wurden geführt, um für den Frieden eine verändert Machtposition zu erreichen. Der Krieg erschien als eine Art Vorinvestition für einen zu erreichenden postkriegerischen Zustand. Im militärischen Wettbewerb der nationalstaatlich organisierten Souveräne fiel der Erfolg der Seite zu, die es am konsequentesten verstand, alle auf dem von ihr kontrollierten Territorium vorhandenen menschlichen und stofflichen Ressourcen zu mobilisieren und zu einer auf den Zweck der Niederwerfung des Gegners ausgerichteten Vernichtungsmaschine zusammenzufassen. Ökonomisch gesehen handelte es sich bei der Kriegswirtschaft um die Ausrichtung der gesellschaftlichen Produktion auf maximierten unproduktiven Staatskonsum. Das stoffliche Substrat der Kriegswirtschaft bestand in der Verwandlung von möglichst viel auf unkriegerischen Wegen, via Steuern und Anleihen, abgeschöpftem abstraktem Reichtum in möglichst viele, möglichst effiziente Destruktionsmittel.</p>
<p>Die poststaatlichen Kriege unserer Tage funktionieren nach einem anderen Muster. Die Trennung von Kriegsziel und kriegerischem Mittel ist hinfällig; der Weg ist zum Ziel geworden. Den neuen Herren über den Ausnahmezustand dient Gewaltausübung selber als Mittel zur Aneignung von Reichtum. Kriegsökonomie steht nicht mehr für die extreme Variante von <em>gesamtgesellschaftlicher Überkonsumtion</em>, Kriegsökonomie funktioniert als Plünderungsökonomie, als die besondere Reproduktionsform der Kriegsbetreiber, die aufgehört haben, als abstrakte Allgemeinheit aufzutreten. Ganz ähnlich wie in den frühzeitlichen Konflikten ist es zunehmend am Krieg, den Krieg zu ernähren. In der Vergangenheit ging es im Kampf der Nationalismen darum, wer von den Konkurrenten wo das große Vereinheitlichungs- und Modernisierungswerk in Angriff nehmen darf. Mit Waffengewalt wurde Fragen entschieden wie die, ob das Elsass und seine Bewohner Teil der deutschen oder der französischen Modernisierungsmaschine werden sollten, oder ob Polen einen eigenen Nationenbildungsprozess durchmachen darf. In den Zerfallskriegen im Süden und Osten spielt der Nationalismus, zum Ethnizismus heruntergekommen, abermals eine zentrale, allerdings anders gelagerte Rolle. Ethnische Differenzen bestimmen wesentlich die Rekrutierung der konkurrierenden Mörderbanden und die Wahl der bevorzugten Opfer der plünderungsökonomischen Unternehmen.</p>
<p><a name="q55"></a>Der Übergang von staatskonsumtiver Vernichtungsökonomie zur Plünderungsökonomie verändert das Antlitz des Krieges dramatisch. Das beginnt damit, dass in den neuen Kriegen die Auseinandersetzung zwischen den Kombattanten zurücktritt und die militärischen Aktionen stattdessen ihr Hauptangriffsziel im Hab und Gut und dem Leben von Nicht-Kombattanten finden. Durchstaatlichte Kriege zeichneten sich durch das Bemühen aus, die Zerstörungsgewalt auf die gegnerischen Streitkräfte zu fokussieren. Geriet die Zivilbevölkerung mit ins Schussfeld, dann im Rahmen von Angriffen, die indirekt durch Zerstörung von Infrastruktur und Nachschub auf den bewaffneten Gegner zielten. Soweit es während der Kriege zu Massakern an der Zivilbevölkerung und zu Fluchtbewegungen kam(<a href="#55">55</a>), waren das hässliche Begleiterscheinungen militärischer Auseinandersetzungen. In den Zerfallskriegen unserer Epoche sind Massaker, Ausplünderung und &#8220;ethnische Säuberungen&#8221; zum eigentlichen Inhalt militärischer Operationen aufgestiegen. Der direkte Zusammenprall mit konkurrierenden bewaffneten Kräften tritt demgegenüber zurück, und in vielen Zerfallskriegen wird er von allen Kriegsparteien tunlichst vermieden.</p>
<p>Die Epoche durchstaatlichter, auf die Ausschaltung der gegnerischen Streitkräfte zentrierter Kriege war von einem beständigen Rüstungswettlauf geprägt. Seinen monetären Niederschlag fand er in einer permanenten Kostenexplosion. Bei den Zerfallskriegen unseres Zeitalters handelt es sich dagegen durchgängig um Low Budget Wars. Zum einen können sich viele der neuen Kriegsherren direkt oder indirekt aus den aus der Epoche etastistischer Modernisierung übriggebliebenen Arsenalen bedienen. Die serbischen Truppen etwa operierten im Wesentlichen mit dem aus der Zeit Tito-Jugoslawiens übriggebliebenen Kriegsgerät der ehemaligen Bundesarmee. Zum anderen lösen mit dem Wechsel des Hauptangriffsziels billige Waffen wie Maschinenpistolen, Minen und Macheten Panzer und Flugzeuge als dominierende Waffen ab. Was die Folgekosten angeht, richten die Warlords unserer Tage Verheerungen an, die sich oft durchaus mit den Staaten- und Staatsbildungskriegen der Vergangenheit messen lassen, die Gestehungskosten liegen hingegen konkurrenzlos niedrig. Selten dürfte die &#8220;Investitionssumme&#8221; pro Kriegstoten und Vertriebenen in der Geschichte der Moderne so niedrig gelegen haben wie in den Zerfallskriegen des späten 20. und 21. Jahrhunderts im Süden und Osten. Diese neue Ökonomie des Krieges kommt auch dort zum Tragen, wo diese übelste Sorte marktwirtschaftlicher Rationalität hinter den reinen Vernichtungszweck zurücktritt. Gemessen an Staaten kommt selbst das von einem erfolgreichen Geschäftsmann geführte und finanzierte Terrornetzwerk Al Qaida mit recht bescheidenen Mitteln aus.</p>
<p><a name="q56"></a>Die Geschichte des staatlichen Gewaltregimes lässt sich als doppelsinniger Prozess der Potentialisierung von Gewalt beschreiben. Die Zerstörungskraft wuchs ins Unermessliche, während gleichzeitig die großen manifesten Kriege seltener wurden. Diese Entwicklung war nicht zuletzt auf die immense Verteuerung der Rüstung zurückzuführen. Sie führte sukzessive zur Reduktion der auf dem jeweils erreichten Destruktionsniveau überhaupt noch konkurrenzfähigen Gewaltakteure. Im Gefolge der mikroelektronischen Revolution schrumpfte die Zahl der Mitspieler auf einen, auf die USA.(<a href="#56">56</a>) Dagegen sind weltweit Tausende von Gruppierungen in der Lage, die Vorauskosten zum Anzetteln eines &#8220;neuen&#8221; Krieges aufzubringen. Der Übergang von den Staatskriegen zu den Zerfallskriegen geht denn auch mit einem Prozess der Depotentialisierung einher, der wiederum ebenso doppelsinnig zu verstehen ist, wie die vorgängige Entwicklung. Der Alptraum eines atomaren Showdowns der Supermächte ist mit dem Ende des Ost-West-Konflikts gewichen, aber nur um seit den 90er Jahren immer neuen und immer zahlreicher werdenden Low Intensity Konflikten Platz zu machen. Es ist zweifellos erschreckend, dass selbst in Europa militärische Auseinandersetzungen wieder führbar wurden. Noch erschreckender freilich ist die Entwicklung auf dem Trikont. Nicht nur dass die Kriege an der Weltmarktperipherie auch nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation, trotz des Verlustes der sowjetischen und US-amerikanischen Unterstützung weitergingen; mit der Umstellung auf eine rein plünderungsökonomische Grundlage nahmen sie erst epidemischen Charakter an.</p>
<p>Mit dem Übergang zur Epoche der Zerfallskriege häufen sich nicht nur die bewaffneten Auseinandersetzungen; die einzelnen Konflikt ziehen sich oft in die Länge. Auf den gleichen Schauplätzen treten immer wieder neue Gewaltakteure auf, um sich in wechselnden Bündniskonstellationen zu bekriegen. Auch dieses neue Merkmal lässt sich unschwer in Beziehung zu den basalen Veränderungen in der Kriegsökonomie setzen. Als Phasen massiver staatlicher Überkonsumtion beeinträchtigten die zwischenstaatlichen Kriege die gesamtgesellschaftliche Akkumulationsbewegung oder unterbrachen sie sogar. Imperialistische Kriege zogen ihre Legitimation denn auch wesentlich aus den erhofften Ergebnissen. Seine Aufgabe als abstrakte Allgemeinheit erfüllte ein Nationalstaat nur, wenn er Kriege so schnell wie möglich zu einem siegreichen Ende brachte. Ermattungskriege wie der Erste Weltkrieg entstanden aus Pattsituationen, ansonsten war die überlegene Seite bemüht, die Entscheidung schnell herbeizuführen. Selbst für die antikolonialen Bewegungen, die ihre bewaffneten Kämpfe aus einer Position der militärischen Schwäche begannen und von daher notgedrungen auf Strategien der Verzögerung und des langen Krieges setzen mussten, bildete die Mobilisierung für den Befreiungskrieg nur eine leider unvermeidliche blutige Eröffnung für ihr eigentliches, &#8220;friedliches&#8221; Modernisierungsprojekt. Trotz der unschätzbaren Bedeutung der antikolonialen Kämpfe als Initiationsritus auf dem Weg zur Nationwerdung wäre wohl niemand auf die Idee verfallen, diese Overtüre freiwillig in die Länge zu ziehen. Wo Krieg wie in den Zerfallskriegen für seine Betreiber zur Reproduktionsform wird und sich von jeder weitertreibenden gesamtgesellschaftlichen Perspektive abkoppelt, haben die Gewaltakteure dagegen wenig Anlass, unbedingt eine militärische Entscheidung zu suchen. Sich selber überlassen, brennen diese Konflikte nur in dem Maße aus, wie sich die Möglichkeiten zur plünderungsökonomischen Aneignung von monetärem Reichtum erschöpfen. Ein vorzeitiges Ende finden sie für gewöhnlich nur dann, wenn sich die &#8220;internationale Gemeinschaft&#8221; zu Interventionen durchringt. Allerdings beruht in diesen Fällen der prekäre Frieden vornehmlich darauf, dass die Anwesenheit internationaler Truppen den heimischen Gewaltakteuren erlaubt, ihr plünderungsökonomisches Unternehmen auf eine andere Basis zu stellen und statt der Bevölkerung vor Ort die internationalen Institutionen und Hilfsorganisationen zu schröpfen.</p>
<p>Mit dem Prozess der Durchstaatlichung nahm das Gewaltregime eine bipolare Struktur an. Zunächst einmal bildete sich eine ganz klare Grenze zwischen innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Gewalt heraus, eine Differenz, die sich institutionell in der Trennung von Armee und Polizei niederschlug. Die Zerfallskriege beseitigen diese Scheidelinie nicht nur insofern, als diese Funktionsdifferenzierung ihre Bedeutung verliert. Den neuen Gewaltakteuren sind auch irgendwelche Rücksichten auf Staatsgrenzen eher fremd. Dass die ruandischen und burundischen Warlords auch auf dem kongolesischen Kriegsschauplatz eine zentrale Rolle spielen, ist kein Einzelfall. Operationen, die sich gegen die Angehörigen des eigenen Staatswesens richten, und Angriffe auf andere Gemeinwesen gehen regelmäßig fließend ineinander über.</p>
<p>Zur bipolaren Struktur der durchstaatlichten Gewaltordnung gehörte auch die eindeutige Scheidung von Krieg und Frieden. Ob der eine oder andere Status herrscht, war rechtlich ebenso klar definiert wie lebenspraktisch unmissverständlich erfahrbar. Schwebezustände, die sich weder als Frieden noch als Krieg fassen lassen, kannte das Clausewitzsche Universum nicht. Genau diese Zwischenzustände werden in der Welt der Zerfallskriege aber immer mehr zur Regel. Im Bosnienkrieg nötigten die internationalen Vermittler die Konfliktparteien vor dem Dayton-Abkommen zu mehr als einem Dutzend Waffenstillstände. Sie wurden allesamt gebrochen, kaum dass die Tinte getrocknet war, mit der die offiziellen Vertreter von Serben, Kroaten und Muslimen ihre Unterschriften geleistet hatten. Das war keine spezielle Kuriosität dieser Weltregion, sondern ein Indiz dafür, wie in der Epoche der Zerfallskriege Krieg und Frieden insgesamt ineinander verschwimmen.</p>
<p>Die Herrschaft der Warensubjektivität gründet letztlich in der Reduktion von Menschen auf zur Tötung freigegebene Biomasse. Im durchstaatlichten Gewaltregime erschien diese Basis als räumlich wie zeitlich eingehegte Sondersphäre, als eine zum Herrschaftsbereich von Recht und Vertrag im Widerspruch stehende, nur in Ausnahmezuständen Realität werdende Gegenwelt. Nur in dieser Konstellation konnte vom unmittelbaren physischen Zwang freie Konkurrenz zur sozialen Normbeziehung aufsteigen. Das poststaatliche Gewaltregime wirft diese Einhegung über den Haufen. Die reguläre Konkurrenz der Warenbesitzer und die irreguläre direkte Totschlagkonkurrenz nähern sich einander an. In den Zusammenbruchsregionen des totalen Weltmarkts ist dieser Durchmischungsprozess bereits in vollem Gange.</p>
<h4>6. Die hässliche Rückseite der Individualisierung</h4>
<p>In den Weltmarktzentren kann die Herrschaft des Territorialstaats auf eine viel längere Geschichte zurückblicken als an der Weltmarktperipherie und ist dementsprechend wesentlich tiefer verankert. Gleichzeitig liefert die größere Kreditwürdigkeit der westlichen Staaten für die Fortschreibung der Rolle des Staates als ideeller Gesamtkapitalist eine weit solidere monetäre Grundlage. Im Zeichen der Globalisierung wird die Symbiose von Territorialstaat und &#8220;seinen&#8221; Kapitalien brüchig, dennoch kann die Staatsmacht im Westen diesen Part noch eine ganze Weile weiterspielen. Gerade das Herzstück der staatlichen Souveränität, das staatliche Gewaltmonopol bleibt in seiner Kernsubstanz zunächst einmal ungefährdet. Zwar existieren auch in westlichen Ländern von Banden beherrschte Slums und Banlieues, zwar ist eine zunehmende Privatisierung von &#8220;Sicherheit&#8221; zu verzeichnen &#8211; Symptome für die Entstehung von Zonen unterschiedlicher &#8220;Sicherheitsdichte&#8221; &#8211; die grundsätzliche Suprematie der Staatsgewalt stellen diese Phänomene aber noch nicht in Frage. Auch die andernorts kaum mehr ausmachbare Grenze zwischen Staat und Mafia bleibt im Westen vorerst einigermaßen deutlich.</p>
<p>Lange bevor auch im Westen dem territorialstaatlichen Gewaltregime die monetäre Basis wegbrechen wird, hat auch dort bereits dessen Zersetzung begonnen. Für einen der Ausgangspunkte dieses Prozesses sorgt unmittelbar die neoliberale Offensive und der Vormarsch des totalen Marktes in den kapitalistischen Zentren. In einer Welt, die keine Gesellschaft, sondern nur noch Individuen und Erfolg um jeden Preis kennen will, schießen Ängste ins Kraut, die auf keinen Fall zugelassen werden dürfen; die totale Durchrationalisierung und Vollökonomisierung aller sozialen Beziehungen schafft ein Treibhaus, in dem ihr immanentes Gegenteil, von vornherein gewalttätig aufgeladene Irrationalität, prächtig gedeiht. Der Individualisierungsprozess schlägt auch auf die Gewaltbasis der Konkurrenzsubjektivität durch. Der allen zugemutete Aberwitz, als selbstgenügsames Subjekt existieren zu müssen, übersetzt sich in den irren Impuls, diese unlebbare Existenzweise im Zweifelsfall mit allen Mitteln und am liebsten mit der Waffe in der Hand gegen reale und vor allem imaginäre Gefahren zu verteidigen. Das für das Warensubjekt bestimmende Allmachts-Ohnmachts-Gefühl kommt im Zeitalter der unmittelbaren Unterwerfung unter den totalen Markt zu seiner extremsten Ausbildung. Damit aber nicht genug. Die Allmachtsansprüche lassen sich immer weniger über die Identifikation mit dem nationalstaatlichen Ganzen ausleben. Stattdessen finden sie in pseudoreligiösen Sekten, individuellen Rambo-Phantasien eine zeitgemäße Erscheinungs- und Auflösungsform, bei der die frei werdende Gewaltkomponente sich gegen das Innere der Gesellschaft zu richten droht.</p>
<p><a name="q57"></a>Das Horrorkonstrukt, mit dem der Staatstheoretiker Hobbes einst die Existenz des Leviathan legitimierte, kehrt als allgemeines Wahrnehmungsraster wieder, und Paranoia steigt zu einer der psychischen Leitstörungen einer Epoche auf die Spitze getriebener ungesellschaftlicher Gesellschaftlichkeit auf. Der Paranoiker &#8220;befindet sich in einer Art Naturzustand, ähnlich dem von Hobbes im Leviathan beschriebenen: er ist von Feinden umgeben, isoliert, ohne Bindung an eine Gemeinschaft&#8230; Aus dieser Perspektive ist die Paranoia einfach die Situation eines Menschen, der &#8230; sich gezwungen sieht, außerhalb der Gesellschaft zu leben. Politische Paranoia ist der unglückliche Versuch, mit anderen wieder in Beziehung zu treten, erneut eine Gemeinschaft herzustellen.&#8221;(<a href="#57">57</a>)</p>
<p><a name="q58"></a><a name="q59"></a>Am weitesten ist diese Entwicklung sicherlich in den USA gediehen, und zwar auch und vor allem, was ideologisch aufgeladene Gewalt angeht. Rassistische und christlich-fundamentalistische Gruppierungen richten sich dort bezeichnenderweise so gut wie durchgängig nicht nur gegen den bestehenden Staat, sondern zunehmend überhaupt explizit gegen jede übergreifende Staatlichkeit. Der verheerendste Terroranschlag in der Geschichte der USA bis zum 11. September, der Anschlag des Timothy Mc Veigh in Oklahoma im April 1995, galt einem Gebäude der Bundesregierung. Diese Wahl des Zielobjekts ist weder als die Verirrung eines Einzelnen zu betrachten noch beschränkt sich das antistaatliche Motiv auf die extreme Rechte(<a href="#58">58</a>) und auf religiöse Sekten vom Schlag der Davidianer. Gerade auch bei Massenorganisationen wie der NRA (National Rifle Association) lässt sich diese Grundorientierung mit Händen greifen.(<a href="#59">59</a>)</p>
<h4>7. Das &#8220;Weltpolizistentum&#8221; in der Dekade des Menschenrechtspaternalismus</h4>
<p>Das etablierte Gewaltregime wird in den Weltmarktzentren nicht nur durch das Auftauchen neuer Gewaltakteure zersetzt. In der Konfrontation mit diesen beginnt auch die etablierte Staatsgewalt sich vom vertrauten Bezugssystem zu verabschieden, um schließlich selber zur treibenden Kraft seiner Auflösung zu mutieren.</p>
<p>Dieser Prozess gliedert sich in zwei Phasen. Die erste setzte unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus ein. Mit dem Verschwinden der östlichen Konkurrenz war den USA und ihren Juniorpartnern gegenüber allen anderen Staaten eine Art Weltgewaltmonopol zugefallen. Der Westen sah sich nun in der Lage, im Prinzip überall auf der Welt militärisch zu intervenieren, ohne von Seiten der ins Visier geratenen etatistischen Modernisierungsruinen mit nennenswerten Gegenschlägen rechnen zu müssen. Das führte aber nicht nur dazu, dass der schon etwas kriegsentwöhnte Westen am Depotentialisierungsprozess Teil hatte und vermehrt eigene Truppen zu militärischen Operationen an die Weltmarkperipherie entsandte; vor allem stand damit erstmals die strenge Trennung zwischen innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Gewalt ernsthaft zur Disposition, wie sie sich seit dem Westfälischen Frieden von 1648 herausgebildet hatte. Angesichts der eigenen militärischen Übermacht grassierte im Westen der Glaube, es sei möglich, das Modell innerstaatlicher Befriedung qua mit Gewaltmonopol ausgestatteter Polizeimacht auf die internationale Bühne zu übertragen.</p>
<p>Die in den Zusammenbruchsregionen seit Beginn der 90er Jahre allerorten aufbrechenden, meist ethnizistisch eingefärbten Konflikte berührten den Westen lediglich indirekt. Soweit die Zerfallskriege nicht in die kapitalistischen Zentren überschwappende Flüchtlingsbewegungen auslösten (Jugoslawien), warfen sie vornehmlich Legitimationsprobleme auf. Die Fernsehbilder von hässlichen Schlächtereien standen in eklatantem Widerspruch zum westlich-universalistischen Credo, der Triumph von Markt und Demokratie eröffne diesem Planeten eine wunderbare und friedliche Zukunft. Die westlichen Interventionen standen unter einem entsprechenden, nämlich menschenrechts-paternalistischen Vorzeichen. Auch dort, wo die glorreiche Konkurrenzsubjektivität mangels Entwicklungsperspektive nicht mehr in ihre &#8220;friedliche&#8221;, arbeitsgesellschaftliche Variante finden kann, soll sie sich nicht in ihrer bestialischen Alternativform als Mordsubjektivität austoben. Mit militärischer Präsenz versuchte der Sicherheitsimperialismus gegen die Krisenwirklichkeit auch in de facto abgeschriebenen Weltregionen der &#8220;richtigen&#8221; Form der Achtung vor den universellen westlichen Prinzipien Geltung zu verschaffen.</p>
<p>Mit dem Menschenrechtspaternalismus hat der Westen eine &#8220;mission impossible&#8221; zum Programm erhoben. Das emphatisch gemeinte Gefasel von einer neuen Weltordnung war nie etwas anderes, auch nicht einmal im Ansatz je mehr als ein Label für exemplarische Operationen. Allein das schon dementiert den weltpolizeilichen Anspruch. Wo und wann die westlich dominierte Völkergemeinschaft zur interventionistischen Tat schritt (Somalia, Ost-Timor, Kosovo, Bosnien), hatte stets viel mit den Wahrnehmungsrastern einer medial vermittelten Weltöffentlichkeit zu tun und wenig mit einem weitreichenden tragfähigen Konzept. Diese beschränkte Reichweite war indes keineswegs nur eine Frage fehlender politischer Entschlossenheit und mangelhafter Umsetzung. Selbst der Versuch auch nur die akuten Brandherde unter Kontrolle zu bekommen, hätte sowohl die militärisch-logistischen als auch die finanziellen Potenzen des Westens heillos überfordert. Der Westen stand umso mehr vor einer Sisyphus-Arbeit, als zwar das militärische Risiko der diversen &#8220;friedenschaffenden&#8221; oder &#8220;friedenserhaltenden&#8221; Maßnahmen sehr begrenzt war und in den meisten Weltregionen auch heute noch ist, dafür aber die Friedens-Sheriffs zur Dauerpräsenz vor Ort verurteilt sind. Diese Notwendigkeit entspringt unmittelbar der phantasmagorischen Zielsetzung. Der Westen kann durch seine Truppen und den Einsatz entsprechender Finanzmittel die Zerfallskriege da und dort zwar sistieren, indem er einigen Warlords in die Parade fährt und andere besticht. Wirkliche Befriedung würde aber gerade den Bruch mit der längst anachronistisch gewordenen Idee nachholender Staatsformierung und kapitalistischer Entwicklung voraussetzen. Dauerhafte Befriedung ist in der Krisenepoche überhaupt nur noch als &#8220;Entvolkung&#8221; und als emanzipative Entstaatung von unten denkbar, als Bruch mit der westlichen Subjektform und den Imperativen entfesselter Konkurrenz. Das wäre aber natürlich genau das Gegenteil auch der wohlmeinendsten Spielart des Menschenrechtspaternalismus.</p>
<p>Die westliche Politik gegenüber den Zusammenbruchsregionen und maroden Modernisierungsruinen vereint die klammheimliche Anerkennung und die Leugnung des Zerfalls der territorialstaatlichen Ordnung. Während der Westen sich in Berufung auf eine neue &#8220;Weltinnenpolitik&#8221; über die für die territorialstaatliche Ordnung konstitutive Trennung von innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Gewalt hinwegsetzt, halluziniert er sich gleichzeitig eine nicht vorhandene Nation-Building-Perspektive zurecht und bemüht sich, die eine oder andere Warlord-Fraktion auf reguläre Staatsmacht umzuschulen. In den Hochzeiten der nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt denunzierten die Führer der &#8220;freien Welt&#8221; die Staatsmacht in spe penetrant als Banditen und Räuber. Heute werden dagegen politisch eingefärbte Mafia-Clan-Führer als Staatsmänner hofiert.</p>
<p>Diese simulative Fortschreibung der kollabierten territorialstaatlichen Ordnung lässt sich aber nicht nur daran festmachen, welche illustren Freunde und Ansprechpartner sich die Menschenrechtshüter vor Ort auswählen. Sie kommt erst recht bei der Feindbestimmung zum Tragen. Das irre Konstrukt der &#8220;Schurkenstaaten&#8221; spricht in dieser Hinsicht Bände. Indem die westliche Führungsmacht, resistent gegen die simpelsten Fakten, halluziniert, die Gefährdung der neuen Weltordnung gehe vornehmlich von irgendwelchen Modernisierungsruinen wie dem Irak, Libyen und Kuba aus, definiert sie sich genau den Typ von Gegner zurecht, der gegen sie in keiner Weise ankann.</p>
<p>Seit der Eroberung des Inkareichs durch Pizarro hat es wohl keine Kriege mehr gegen, die sich durch eine so extreme Asymmetrie ausgezeichnet hätten, wie die Weltordnungskriege der 90er Jahre. So oft der High-Tech-Militärapparat der USA und ihrer Verbündeten mobil macht, trifft er auf Gegner aus einer anderen Waffenwelt. Versteht man den Begriff des Krieges im strengen Clausewitzschen Sinn, dann fallen die US-amerikanischen Feldzüge der letzten Dekade kategorial eigentlich gar nicht mehr unter diese Rubrik. Wenn nach Clausewitz der Krieg logisch gesehen nicht mit dem Angriff, sondern mit der Verteidigung beginnt, dann ist das Phänomen Krieg an ein Mindestmaß von Verteidigungsfähigkeit gebunden, also an den Willen und die Möglichkeit der angegriffenen Seite, aus Mord und Totschlag eine wechselseitige Angelegenheit zu machen. Diese Bedingung war aber weder bei den Feldzügen gegen den Irak noch bei der Kosovointervention von 1999 gegeben. In beiden Fällen reduzierte sich &#8220;Kampf&#8221; von westlicher Seite auf eine Art Scheibenschießen aus der Luft auf die abgetakelten und zur Gegenwehr unfähigen Überreste von militärtechnisch hoffnungslos veralteten fordistischen Armeen auf dem Boden. Der Kosovokonflikt lässt sich am ehesten als das Ineinander von zwei Geiselnahmen charakterisieren. Auf der einen Seite terrorisierten und vertrieben serbische Milizen und Soldateska die kosovo-albanische Zivilbevölkerung, auf der anderen Seite strafte die Nato die Bewohner Serbiens dafür ersatzweise ab und legte die Infrastruktur Restjugoslawiens in Schutt und Asche, ohne dass dazu ein Nato-Soldat hätte den Boden des Landes betreten müssen.</p>
<h4>8. Die Grenzen der Allmacht</h4>
<p>Die größte &#8220;Militärmacht aller Zeiten&#8221; wird nie auf einen Gegner treffen, der auch nur einen Bruchteil der den USA zur Verfügung stehenden militärischen Ressourcen in die Waagschale werfen könnte. Diese Asymmetrie garantiert freilich noch lange nicht den Triumph der Übermacht. Dem Westen verdorren ein ums andere Mal die Früchte seiner militärischen Erfolge nicht nur nachträglich angesichts des inneren Widerspruchs, Kontrolle auszuüben ohne kapitalistische Landnahme und Inwertsetzung in Gang setzen zu können; auch der Fähigkeit zum allzeitigen militärischen Triumph sind Grenzen gesetzt. Die erste Limitierung liegt in den extremen Kosten des High-Tech-Militärapparats der USA. Von der den &#8220;neuen Kriegen&#8221; eigenen Tendenz zur Minimierung der Gestehungskosten von Mord und Zerstörung ist die verbliebene Supermacht nicht nur ausgeschlossen; sie erlebt das genaue Gegenteil. In den Weltordungskriegen des Westens sind erstmals in der Kriegsgeschichte, High-Tech-sei-Dank, die Geschosse in der Regel weit kostspieliger als die anvisierten Ziele.</p>
<p>In diesem Zusammenhang lohnt es sich, den beim US-Militärapparat hoch im Kurs stehenden Begriff &#8220;chirurgische Schläge&#8221; etwas genauer anzusehen. Natürlich handelt es sich dabei in erster Linie um dreiste Propaganda. Gleichzeitig bezeichnet dieser Ausdruck als Euphemismus auch eine spezielle Gefechtsökonomie, eine den Nachwehen des Menschenrechtspaternalismus geschuldete originelle Übergipfelung des American Way of Fighting. Schon in den fordistischen Kriegen zeichnete sich der US-amerikanische Vernichtungsapparat gegenüber der Konkurrenz durch eine extrem hohe organische Zusammensetzung aus. Ob im Zweiten Weltkrieg, in Korea oder in Vietnam, die US-amerikanische Kriegführung war darauf geeicht, die eigenen Verluste an Menschen durch gigantischen Materialaufwand zu minimieren. Im Kosovokrieg und Irakkrieg hatte erstmals der Gegner an dieser relativen Schonung teil. Es ging um &#8220;schöne Bilder&#8221; und eine eindrucksvolle Machtdemonstration, während Vernichtungseffizienz klein geschrieben wurde. Noch nie wurde gemessen an der Zahl der Opfer auch nur annähernd ein derartiger Feuerzauber ins Werk gesetzt. Sowohl was den eingesetzten Gebrauchswert (Sprengkraft in TNT-Einheiten) als auch den verpulverten Geldwert angeht, waren die direkten Opfer der Weltordnungskriege die mit Abstand am aufwendigsten produzierten Toten der Kriegsgeschichte. Feldzüge vom Kaliber der Kriege gegen das Hussein-Regime können sich die USA nicht allzu oft leisten.</p>
<p>Zweitens ist die Streitmacht der Supermacht auf einen ganz bestimmten Kontrahententypus geeicht. Sie kann nur Gegner demonstrativ in Grund und Boden trampeln, die essentiell auf territoriale Kontrolle angewiesen sind &#8211; und sei es nur für plünderungsökonomische Zwecke &#8211; und sich als Staat oder Pseudostaat organisieren. Im Kampf mit Gewaltsubjekten, die kein kartographisch erfasstes, geographisch klar umrissenes Ziel mehr abgeben, sieht das ganz anders aus. Die High-Tech-Militärmaschine schlägt ins Leere, sobald die westlichen Zentren keinen zwischenstaatlichen Konflikt mehr führen können, sondern aus dem Inneren der globalen Weltmarktgesellschaft angegriffen werden.</p>
<p>Der 11. September markiert einen historischen Einschnitt. Der Anschlag auf das World Trade Center hat zusammen mit der Verwundbarkeit der kapitalistischen Zentren schlagartig offen gelegt, welcher Typus von Gewaltakteur geeignet ist, die westliche Übermacht herauszufordern. Über das weitere Schicksal von Al Qaida lässt sich nur spekulieren; darüber, dass diese Organisation zu einer Art Prototypus einer neuen Gewaltepoche werden wird, kaum. Mit dem 11. September trat aber auch der Sicherheitsimperialismus in eine neue Phase. Angesichts der eigenen Verwundbarkeit streift das Weltpolizistentum das Paternalistische zugunsten offener brutaler Repression ab. Wie in allen Kriegen werden sich auch im Krieg gegen den Terror die Kontrahenten immer ähnlicher.</p>
<h4>9. Der Ausnahmezustand als Regelzustand oder: Guantánamo ist überall</h4>
<p>Dem &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; und vor allem seiner zweiten Etappe, dem Feldzug zum Sturz des Baath-Regimes, kommt eine transitorische Funktion zu. Zwar dokumentiert schon die Feindbestimmung, dass sich die westliche Führungsmacht in die abgeschlossene Epoche zwischenstaatlicher Kriege zurückhalluziniert; mit dem Hussein-Regime haben sich die USA und ihre Juniorpartner zielsicher einen territorialstaatlich organisierten Ersatzgegner auserkoren, also ein Angriffsziel, bei dem sie mit ihrer High-Tech-Militärmaschine locker punkten können &#8211; ganz im Gegensatz zur Auseinandersetzung mit ihrem eigentlichen Gegner dem transnationalen und deterritorialisierten Terrornetzwerk al Qaida; und doch hat der selbstherrliche Weltpolizist gleichzeitig selber mit einem gewaltigen Tritt eine Tür zu einer neuen Epoche aufgestoßen, die besser geschlossen geblieben wäre.</p>
<p><a name="q60"></a>Zunächst einmal haben sich die USA mit ihrem Triumph über Saddam Husseins &#8220;Schurkenstaat&#8221; und der Besetzung des Iraks genau die Sorte Nachfolgekonflikt an den Hals geholt, die sie mit dem Konstrukt des &#8220;Schurkenstaates&#8221; weghalluziniert haben. Nach ihrem schnellen Sieg findet sich die Supermacht erst einmal auf unabsehbare Zeit als Kombattant in einem Low Intensitiy War gegen einen ungreifbaren, deterritorialisierten Feind wieder.(<a href="#60">60</a>) Den US-Streitkräften dürfte es in ihrem irakischen Protektorat kaum besser ergehen als dem militärisch ebenfalls haushoch überlegenen Israel angesichts der heillosen Al Aksa-Intifada.</p>
<p>Gleichzeitig hat die westliche Vormacht mit dem Irakfeldzug den Boden des Menschenrechtspaternalismus verlassen. Die USA haben damit begonnen, selbst als transnationaler Gewaltakteur zu agieren, der keinerlei Limitierung mehr anerkennt. Während der Menschenrechtspaternalismus noch auf anomische Zustände <em>reagierte, </em>beansprucht die Führung der letzten Supermacht das Urrecht aller Souveränität, die Ausrufung des Ausnahmezustands, für die globale Bühne, und kombiniert die Elemente zwischenstaatlicher Kriegführung und die Praxis des innerstaatlichen Ausnahmezustands zu einem neuartigen Gewaltregime. Der &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; steht für die Selbstermächtigung eines von internationalen Vereinbarungen, Kriegsrecht und innerstaatlichem Recht gleichermaßen entbundenen Leviathan.</p>
<p><a name="q61"></a><a name="q62"></a><a name="q63"></a>Am Irakfeldzug 2003 lässt sich die neue Qualität unschwer ausmachen. Er sprengte gleich dreifach, nämlich strukturell, in der Anlage der militärischen Operationen und in Hinblick auf die Kriegsziele das Bezugssystem zwischenstaatlicher Konflikte. Zwangsabrüstung oder Regimewechsel, die Begründung für den Angriff auf den Irak, wären in diesem Universum als Casus belli undenkbar gewesen. Nicht dass ausländische Mächte in der Vergangenheit niemals am Sturz von Regierungen beteiligt gewesen wären; gerade die USA haben bekanntlich reichlich Übung in dieser Disziplin. Diesmal figuriert der von außen erzwungene Regimewechsel aber als hochoffizielles und lauthals verkündetes Kriegsziel. Sämtliche zwischenstaatlichen Kriege seit 1648 erfüllten Clausewitz&#8217; allgemeinste Definition des Krieges: &#8220;Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.&#8221;(<a href="#61">61</a>) Der Angriff auf den Irak von 2003 fügt sich nicht mehr in diese Ordnung. Er bezweckt nicht den gegnerischen Souverän zum Nachgeben zu nötigen. Bevor die USA Truppen gen Bagdad in Marsch setzten, hatten sie vielmehr dem irakischen Staat einseitig den Status des Völkerrechtssubjekts aberkannt, ein absolut vorbildloser Vorgang in der Geschichte.(<a href="#62">62</a>) Als Souverän konnte die irakische Führung gar nicht mehr nachgeben, weil Nachgeben nur noch hätte heißen können, die eigene Nicht-Existenz als Souverän einzuräumen, und zwar nicht nur was die Zukunft, sondern auch was Gegenwart und Vergangenheit angeht.(<a href="#63">63</a>)</p>
<p>Die militärischen Operationen des Irakkriegs 2003 spiegeln das auf ihre Weise wider. Sie vermengten Elemente staatlicher Kriegführung mit Fahndungsmaßnahmen gegen das herrschende Regime, die frei nach dem Motto &#8220;Wanted dead or alive&#8221; durchgezogen wurden. Die kriegerischen Handlungen eröffnete bezeichnenderweise ein (fehlgeschlagener) Angriff auf den vermeintlichen Aufenthaltsort Saddam Husseins.</p>
<p>Im Kampf gegen den irakischen Diktator ging es nicht mehr nach der Façon zwischenstaatlicher Kriege darum, der gegnerischen Regierung ihr militärisches Instrument aus der Hand zu schlagen und sie wehrlos zu machen. Das militärische Unternehmen ähnelte vielmehr einer Abrechnung nach Mafia-Art, genauer: es hatte etwas von der Vorgehensweise der Rächer in Hollywoodfilmen. Aus dem ehemaligen Träger der feindlichen Souveränität ist zum Töten freigegebene Biomasse geworden. Die Sonderbehandlung, die den Saddam-Söhnen statt ihrer Verhaftung zuteil wurde, spricht in diesem Zusammenhang ebenso Bände wie die anschließende Zurschaustellung ihrer Leichen. Als Anfang der 90er Jahre tote GIs für die Kameras durch die Straßen von Mogadischu geschleift wurden, war die westliche Öffentlichkeit noch empört. Eine Dekade später zeigt die US-Administration: soweit ist sie mental nicht mehr von den Aidid-Banden entfernt. Sie baut darauf, dass die amerikanische Fernsehöffentlichkeit auf dem Niveau des jubilierenden Mobs der somalischen Hauptstadt angelangt ist, wenn sie sich als Herr über Leben und Tod inszeniert.</p>
<p>Schon seiner demokratiemissionarischen und sicherheitsimperialistischen Intention wegen liegt im &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; eine Tendenz zur Entgrenzung. Ein Kriegsziel wie &#8220;Sicherheit&#8221; ist weder erreichbar noch objektivierbar, und es kann nur dem freien Ermessen des Leviathan überlassen bleiben, es als hinlänglich erreicht zu definieren oder nicht. Aber auch seiner zeitlichen und geographischen Struktur nach fällt der &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; nicht einfach in die Rubriken lang und weiträumig, sondern unter die Kategorie uferlos. Mit der Begründung der präventiven Bekämpfung des Terrorismus könnte so ziemlich jeder Staat zum Angriffsziel werden. Was könnte mehr zur Entfesselung des fundamentalistischen Desperadotums beitragen als der Krieg, der zu seiner Niederschlagung geführt wird?</p>
<p>Eher dürfte die Quadratur des Kreises gelingen, als dass der Krieg gegen den Terror mit einem Sieg-Frieden für die Demokratie endet. Am historischen Horizont steht vielmehr die Drohung, dass er in einen vom Leviathan und den terroristischen Behemoths gemeinsam getragenen Ausnahmezustand einmündet. Das Ergebnis des Irakkriegs liefert bereits einen gewissen Vorgeschmack, wie es weitergehen könnte. Anders als der aus der Aufstiegsepoche der Warengesellschaft vertraute geographisch (Lager und Front) und zeitlich limitierte Ausnahmezustand zeichnet sich der permanente und auch räumlich allgegenwärtige Ausnahmezustand unter westlicher Beteiligung ab.</p>
<p>Zunächst einmal dürfte der Parallelamoklauf der Weltmacht zum islamistisch-fundamentalistischen Amoklauf vorzugsweise den Nahen Osten verheeren. Es liegt aber nicht unbedingt in der Logik der Sache, dass es dabei bleibt. Der sicherheitsimperialistische Leviathan kann mit seinem Bemühen letztlich nur scheitern, die Gewaltirrationalität zu externalisieren und als äußeren Krieg zu führen bzw. sie polizeitechnisch in den Griff zu bekommen. Ob islamistische Fundamentalisten den blanken Vernichtungswillen, die Ultima Ratio der Warensubjektivität in deren westliche Urheimat tragen oder andere terroristische Behemoths den Job übernehmen; dem sicherheitsimperialistischen Leviathan dürfte sich allemal Anlass und Gelegenheit bieten, auch zu Hause seinen Beitrag zur Beseitigung der warengesellschaftlichen Normalität zu leisten. Der amerikanische Patriot Act, die Außerkraftsetzung von Grundrechten, die auch in Deutschland diskutierte Übernahme von Polizeifunktionen durch das Militär, das alles sind Indizien dafür, wohin das staatliche Gewaltregime treiben kann, wenn ihm die Grundlage unter den Füßen wegbricht: Richtung permanenten Ausnahmezustand.</p>
<h4>Fußnoten</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden, Stuttgart 1984, S. 33.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Zitiert nach Karl Otto Hondrich, Lehrmeister Krieg, Hamburg 1992, S. 16.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) Thomas Hobbes, Leviathan, Neuwied 1984, S. 94.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">4</a>) Hegel-Werke Bd. 3, S. 36.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) In der marxistischen Tradition, etwa in der Kojèveschen Interpretation, wurde der Gegensatz von Herr und Knecht klassenmäßig interpretiert. Wie schon Werner Marx recht überzeugend dargelegt hat, sind Herr und Knecht aber eher intrasubjektiv zu fassen als &#8220;zwei ungleiche, entgegengesetzte Gestalten des Bewusstseins&#8221;, die in ein und demselben Individuum angesiedelt sind. Das Warensubjekt ist zugleich Herr und Knecht. (Vgl. Werner Marx, Das Selbstbewusstsein in Hegels Phänomenologie des Geistes, Frankfurt 1986, S. 73 f.)</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 111.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) Hegel-Werke Bd. 3, S. 153.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) Hegel-Werke Bd. 3, S. 332.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) Vgl. Christina von Braun, Nichtich, Frankfurt, 1999, S. 231 f.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) Hegel-Werke Bd. 3, S. 353.</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) Hegel-Werke Bd. 3, S. 436.</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) Hegel Studienausgabe, Bd. 2, Frankfurt 1968, S. 53.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">13</a>) Sigmund Freud, Gesammelte Werke IX, Frankfurt 1968, S. 176.</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>) A.a.O., S. 176.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q15">15</a>) Im Naturzustand von Hobbes existieren keine Frauen und Kinder, sondern nur Familienoberhäupter.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) A.a.O., S. 40.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) Dass Freuds Betrachtung die weibliche Entwicklung ausspart, ist nicht als Manko zu betrachten, sondern, von einer Theorie des warengesellschaftlichen Gewaltkerns aus betrachtet, nur logisch. Der strukturell männliche Charakter der Warensubjektivität kommt am schärfsten zum Vorschein, wo es um dieses Innerste geht.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) Zum Begriff der Nachträglichkeit vgl. Robert Bösch, Zwischen Allmacht und Ohnmacht, Krisis 23, S. 103.</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">19</a>) A.a.O., S. 106 f.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">20</a>) Der Terminus &#8220;Nirwana Prinzip&#8221; stammt streng genommen eigentlich gar nicht von Freud, sondern von Barbara Low. Er bezeichnet den angeblich allumfassenden Wunsch des Organismus, ins Nichts zurückzukehren. Freud adaptierte diese Vorstellung ohne Abstrich und übernahm auch diesen Begriff, explizit u.a. in GW XIII, S. 60.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Vgl. in diesem Zusammenhang den Beitrag von Karl-Heinz Wedel, Die Höllenfahrt des Selbst, Krisis 26.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">22</a>) Das gilt natürlich auch für die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland und den meisten anderen kriegführenden Ländern nach dem Ersten Weltkrieg. Sie hatte die Ausrichtung der gesamten Produktion auf Kriegsbedarf und die Generalmobilmachung aller Ressourcen unter Einschluss der weiblichen Arbeitskraft zum historischen Hintergrund.</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">23</a>) Der Begriff ICH bezeichnet hier nicht die gleichnamige psychische Instanz der Freudschen Psychoanalyse, sondern in Anlehnung an die Begriffsbildung von Christina von Braun den mit der Unterwerfung unter die Logik von Abstraktion und Warenform entstandenen &#8220;Kunstkörper&#8221;.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">24</a>) Bei Hegel scheint der innere Zusammenhang zwischen Krieg und der Formung des friedlich arbeitenden Konkurrenzsubjekts durchaus auf. Freilich stellt er die realen Verhältnisse auf den Kopf, indem er den zwischenstaatlichen Krieg als notwendige Auffrischung des auf dem Weg zur Anerkennung als Selbstbewusstsein unerlässlichen Zweikampfs behandelt. In Wirklichkeit war die Installation und Fortentwicklung des &#8220;Selbstbewusstseins&#8221; der glorreichen Waren-Subjekte das genuine Werk der zwischenstaatlichen Kriege.</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">25</a>) Das Verb pacare bedeutet befrieden und unterwerfen.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">26</a>) Giorgio Agamben, Homo sacer, Frankfurt 2002. Vgl. den Beitrag von Karl-Heinz Wedel, Rechtsform und Homo sacer, in dieser Krisis-Ausgabe.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">27</a>) Hier ist etwa an die Schlussphase des Dreißigjährigen Kriegs zu denken.</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">28</a>) Die Erfolge des französischen Königs demonstrierten eindrucksvoll die Überlegenheit einer zentralisierten, dem Souverän unmittelbar unterstellten Armee gegenüber der Kriegführung der Condottieri.</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q29">29</a>) Vom Beginn des 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts verzehnfachte sich die Zahl der Soldaten in Europa. Vgl. Cora Stephan, Das Handwerk des Krieges, Berlin 1998, S. 146.</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) Im Ersten Weltkrieg entfielen noch über 90 Prozent der Todesopfer auf Armee-Angehörige, im Vietnamkrieg weniger als 10 Prozent.</p>
<p><a name="31"></a><a href="#q31">31</a>) Der Bau der Chinesischen Mauer war wohl die einzige hervorstechende Ausnahme. Bei diesem mit Hungersnöten und Bauernaufständen erkauften Kraftakt handelte es sich bezeichnenderweise aber um eine defensive Maßnahme.</p>
<p><a name="32"></a><a href="#q32">32</a>) Von diesem Muster wich nur der Peloponnesische Krieg ab. Er endete denn auch mit dem gemeinsamen Niedergang sämtlicher an ihm beteiligten Mächte und ganz Griechenlands und dem Aufstieg Mazedoniens zur Vormacht.</p>
<p><a name="33"></a><a href="#q33">33</a>) Clausewitz&#8217; Kriegstheorie beansprucht universelle Gültigkeit. Realiter fasst sie nur die Charakteristika des durchstaatlichten modernen Krieges. Die dafür aber sehr präzise.</p>
<p><a name="34"></a><a href="#q34">34</a>) Der von Fremdenhass und Gewaltverherrlichung strotzende Text der Marseillaise kündet vom Geist dieser neuen bürgerlichen Zeit.</p>
<p><a name="35"></a><a href="#q35">35</a>) Vom Kriege, S. 62.</p>
<p><a name="36"></a><a href="#q36">36</a>) Von allen Kriegen des 19. Jahrhunderts nimmt am ehesten der Amerikanische Bürgerkrieg die Industrialisierung der Kriegführung vorweg, wofür ein Grund sicherlich in seiner schieren Länge zu suchen ist. Die Kriege nach 1815 waren ansonsten eher von kurzer Dauer.</p>
<p><a name="37"></a><a href="#q37">37</a>) Das Zitat beinhaltet einen Übersetzungsfehler. Bei Heraklit ist gar nicht von Krieg die Rede, sondern ganz allgemein von &#8220;Kampf&#8221; und &#8220;Auseinandersetzung&#8221;. Vgl. Wolfgang Schadewaldt, Anfänge der Philosophie, S. 389.</p>
<p><a name="38"></a><a href="#q38">38</a>) Was für den Fahrzeugbau gilt, gilt genauso für die Fabrikation von Flugzeugen, für den Film oder die Nachrichtentechnik.</p>
<p><a name="39"></a><a href="#q39">39</a>) Diesen Zusammenhang hat wohl am klarsten Modis Ekstein in seinem 1989 erschienenen &#8220;Rites of Spring&#8221; herausgearbeitet. Dieses Werk liegt auch in deutscher Übersetzung vor: Modis Ekstein, Tanz über Gräben &#8211; Die Geburt der Moderne und der Erste Weltkrieg, Hamburg 1990.</p>
<p><a name="40"></a><a href="#q40">40</a>) Zitiert nach Modris Ekstein, Tanz über Gräben, S. 321.</p>
<p><a name="41"></a><a href="#q41">41</a>) Jacques Rivière, zitiert nach Modris Ekstein, a.a.O., S. 266.</p>
<p><a name="42"></a><a href="#q42">42</a>) Brief vom 26.3.1917, zitiert nach Modris Eksteins, S. 263.</p>
<p><a name="43"></a><a href="#q43">43</a>) Ernst Jünger, Der Kampf um das Reich, Essen 1929, Vorwort S. 9.</p>
<p><a name="44"></a><a href="#q44">44</a>) Reste dieser Ursprünge scheinen sich noch recht lange gehalten zu haben. In meiner Schulzeit jedenfalls war ich in der Mittelstufe eines bayrischen Gymnasiums noch Mitte der 70er Jahre mit einem Mathematiklehrer konfrontiert, der bei einschlägigen Prüfungen regelmäßig &#8220;anschauliche&#8221; Aufgaben aus dem Bereich der Artillerie zu stellen pflegte.</p>
<p><a name="45"></a><a href="#q45">45</a>) Die so genannte friedliche Nutzung der Kernenergie war nie etwas anderes als ein Abfallprodukt der militärischen.</p>
<p><a name="46"></a><a href="#q46">46</a>) Vgl. Robert Kurz, Weltordnungskrieg, Bad Honnef 2003, S.23 f..</p>
<p><a name="47"></a><a href="#q47">47</a>) Zitiert nach Sibylle Tönnies, Pazifismus passé, Hamburg 1997, S. 77.</p>
<p><a name="48"></a><a href="#q48">48</a>) A.a.0., S. 77.</p>
<p><a name="49"></a><a href="#q49">49</a>) Ralph Freedman, Hermann Hesse &#8211; Autor der Krise, Frankfurt 1982, S. 221.</p>
<p><a name="50"></a><a href="#q50">50</a>) Zitiert nach Peter Bürger, Ursprung des postmodernen Denkens. S. 26.</p>
<p><a name="51"></a><a href="#q51">51</a>) Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit, Frankfurt 1992, S. 34.</p>
<p><a name="52"></a><a href="#q52">52</a>) Götz Eisenberg, Amok-Kinder der Kälte, Hamburg 2000, S. 13.</p>
<p><a name="53"></a><a href="#q53">53</a>) Menschen, die im Kampf bewusst ihr Leben opferten, sind kein ganz neues historisches Phänomen. In der altrömischen Tradition steht dafür die Figur des Devotus. Auch die islamische Sekte der Assassinen schickte im 12. Jahrhundert Krieger in den Kampf, die keinen Gedanken ans Überleben verschwendeten. Die Verknüpfung von Selbst- und Massenmord, die Kombination von höchster Mordeffizienz und Suizid ist dagegen ein ganz neues Phänomen, obwohl die waffentechnischen Voraussetzungen schon lange gegeben sind. Das erste Unternehmen dieser Art datiert auf den November 1982, als ein 17jähriger Islamist das Hauptquartier der israelischen Besatzer im südlibanesischen Tyros attackierte.</p>
<p><a name="54"></a><a href="#q54">54</a>) Christoph Kucklick, Hania Liczak, Christoph Reuter, Selbstmordattentäter &#8211; Die Macht der Ohnmächtigen, in Hans Frank, Kai Hirschmann (Hrsg.), Die weltweite Gefahr Terrorismus als internationale Herausforderung, Berlin 2002, S. 264.</p>
<p><a name="55"></a><a href="#q55">55</a>) Wo Staaten &#8220;ethnische Säuberungen&#8221; zum politischen Ziel erhoben, wurden sie bezeichnenderweise in der Regel erst nach Abschluss der Kampfhandlungen eingeleitet oder unabhängig von ihnen durchgeführt. Man denke in diesem Zusammenhang vor allem an den Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands im Osten. In den neuen Kriegen bilden sie das Zentrum militärischer Operationen.</p>
<p><a name="56"></a><a href="#q56">56</a>) Diese Fähigkeit beruht allerdings bekanntlich darauf, dass die US-Administration für ihr Rüstungsprogramm die Weltfinanzmärkte anzapfen kann.</p>
<p><a name="57"></a><a href="#q57">57</a>) Robert S. Robins, Jerrold M. Post, Die Psychologie des Terrors, München 2002, S. 96.</p>
<p><a name="58"></a><a href="#q58">58</a>) Der von William Pierce verfasste Roman &#8220;Turner Diaries&#8221;, der absolute Renner in der rechtsradikalen amerikanischen Szene kann als Beleg für diese Ausrichtung gelten. Er verschmilzt die Verteidigung des privaten Waffenbesitzes, den Kampf gegen die Regierung und die Ausrottung von Juden und Schwarzen zu einem Gesamtkomplex. &#8220;Die Handlung der Turner Diaries ist eine wahnwitzige Triumphphantasie. Sie schildert Amerika, nachdem seit 18 Monaten jeglicher private Waffenbesitz durch den Cohen Act verboten ist. Die Hauptfigur, der arische Held Earl Turner, erzählt, welche Rolle er beim Sturz der US-Regierung in der Großen Revolution der neunziger Jahre gespielt hat. Turner ist Mitglied eines Geheimbundes, der Organisation, deren Ziel es ist, die Macht der Weißen in den Vereinigten Staaten wiederherzustellen und dazu alle Nichtweißen und Juden zu töten. Im Schlussteil des Buches werden Millionen amerikanischer Juden, Schwarzer, Latinos und ,Rassenverräter&#8217; am ,Tag des großen Hängens&#8217; umgebracht.&#8221; (A.a.O., S. 277)</p>
<p><a name="59"></a><a href="#q59">59</a>) Der antietatistische Affekt kann in den USA auf eine lange Geschichte zurückblicken. Mord und Totschlag waren westlich des Atlantiks noch nie derart unumschränkt staatliches Privileg wie in Europa oder Ostasien. Das heißt freilich nicht, dass Frankreich, Deutschland oder Japan gegen diese Tendenz immun wären.</p>
<p><a name="60"></a><a href="#q60">60</a>) Natürlich können sich die westlichen Truppen auch aus Bosnien und anderen Krisenregionen, in denen sie sich seit den 90er Jahren unter der Fahne der UNO und des Menschenrechtspaternalismus engagiert haben, nicht ohne weiteres zurückziehen; es ist aber nicht nur aufgrund von legitimatorischen Problemen etwas ganz anderes, in der Funktion des Zwangsschiedsrichters bleiben zu müssen, als den Part einer aktiven Kriegspartei zu spielen.</p>
<p><a name="61"></a><a href="#q61">61</a>) Clausewitz, Vom Kriege, S. 61.</p>
<p><a name="62"></a><a href="#q62">62</a>) Im Zweiten Golfkrieg war es noch darum gegangen, den Irak mit militärischen Mitteln zum Rückzug aus dem besetzten Kuwait zu zwingen. Als Versuch, das Völkerrechtssubjekt Irak, vertreten durch seine Regierung, zu bestimmten Maßnahmen zu nötigen, fügte sich dieses Unternehmen noch in die Tradition zwischenstaatlicher Kriege ein. In der Welt zwischenstaatlicher Kriege gab es durchaus auch die Auslöschung von Völkerrechtssubjekten, nämlich in der Form der Annexion. Der Irakkrieg von 2003 hat aber einen ganz anderen Charakter. Die Abdankung als eigenes Völkerrechtssubjekt via Eingliederung des unterlegenen Staates ist diesmal nicht das Resultat des kriegerischen Aktes, sondern dessen Ausgangspunkt!</p>
<p><a name="63"></a><a href="#q63">63</a>) Hier liegt der prinzipielle Unterschied zum Ende von existierenden Völkerrechtssubjekten in der Welt zwischenstaatlicher Kriege in der Form der Annexion. Die Abdankung als eigenes Völkerrechtssubjekt bezog sich nur auf die Zukunft. Es gehört gerade dagegen zur Legitimationsproduktion für die siegreiche Seite, nach Möglichkeit das bisherige Völkerrechtssubjekt dazu zu bekommen, seine Abdankung selber zu unterschreiben, wodurch umgekehrt sein bisheriger Status anerkannt wurde. Beim Irakkrieg von 2003 ist die Auslöschung des Völkerrechtssubjekts nicht Resultat des kriegerischen Aktes, sie ist vielmehr dessen Ausgangspunkt!</p>
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		<title>Kommentare und Gedanken zur Krise der Arbeit</title>
		<link>http://www.krisis.org/2003/kommentare-und-gedanken-zur-krise-der-arbeit</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 27 (2003)]]></category>
		<category><![CDATA[Manifest gegen die Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Zum Manifest gegen die Arbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Les Editions Rouge et Noir]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Les Éditions Rouge et Noir</h3>
<p>erschienen in: Krisis 27 (2003)</p>
<p><strong>Nachwort zur franko-kanadischen Ausgabe des Manifest gegen die Arbeit</strong><a name="_ftnref1" href="#_ftn1"> [1] </a></p>
<p>Die Arbeit befindet sich in einer Krise! Endlich, möchte man hinzufügen. Eine Lektüre des Manifestes der Gruppe <em>Krisis</em> zeigt, dass alle moralischen, ökonomischen oder politischen Argumente, die die herrschenden Mächte vorbringen, um die &#8220;Tätigkeit der Unmündigen&#8221; (S. 20)<a name="_ftnref2" href="#_ftn2"> [2] </a> zu rechtfertigen, nicht standhalten. Krisis zufolge erleben wir das Ende der Arbeit. Die Folge ist ein gesellschaftlicher Sinnverlust, da alle unsere Tätigkeiten auf die Verwertung von Kapital <em>via</em> Lohnarbeit abzielen. Dieser Sinnverlust betrifft nicht nur den kapitalistischen und staatlichen Machtapparat, sondern auch die Linken, die die &#8220;Befreiung&#8221; der Arbeit auf ihre Fahnen geschrieben haben. Das <em>Krisis</em>-Manifest zeigt sehr gut, dass es auf einem derartig repressiven Gebiet wie der Arbeit nichts zu befreien gibt. Jenseits der Trümmer der Arbeitsgesellschaft gilt es neue Praktiken zu erfinden, dem Sozialen einen neuen Sinn zu verleihen.</p>
<p><span id="more-226"></span>Um nun aber eine Diskussion über die gegenwärtige Entwicklung und die darin aufscheinenden Möglichkeiten einzuleiten, meinen wir, dass bestimmte Punkte der Krisis-Thesen ernsthaft kritisiert werden müssen. Diese Kritik soll keine leere Polemik sein, sondern einen bescheidenen Beitrag zu den Debatten über die Zukunft des Kapitalismus und den Alternativen zu ihm liefern. Zunächst stellen wir der Ansatz von <em>Krisis</em> zur Problematik des Patriarchats und der Beherrschung der Frauen infrage. Zweitens bezweifeln wir stark den deterministischen Charakter der Krise von Arbeit und Kapitalismus, so wie das Manifest ihn beschreibt. Und schließlich scheint uns die Frage der in den Prozess der krisenhaften Zuspitzung verwickelten Akteure nur sehr unbefriedigend gelöst zu sein. Grundsätzlich geht es um den Charakter der historischen Prozesse: haben wir es mit einer &#8220;Geschichte&#8221; zu tun, die linear und auf bestimmte Weise abläuft und in einem Schlussmoment kulminiert (Kapitalismus, Endkrise, usw.) oder mit einer Verschränkung von Prozessen und Kämpfen, von denen man auf keine Finalität schließen kann?</p>
<p>Die Art der Unterdrückung der Frauen wirft die Frage nach des Zusammenhangs zwischen den verschiedenen Instanzen von Herrschaft und Ausbeutung auf. Die gesellschaftliche Unterordnung der Frauen, u.a. über die Abwertung der ihnen zugeschriebenen Aktivitäten und Eigenschaften, geht nicht auf den Kapitalismus zurück, wie die feministischen Historikerinnen zeigen. Sie beruht auf Hierarchierungsprinzipien, die diesem und der Arbeitsgesellschaft vorgängig sind. Und nicht nur in den kapitalistischen Gesellschaften barbarisiert sich das Patriarchat. Das Abwälzen von Verantwortung auf die Frauen erscheint uns nicht nur als Folge der gegenwärtigen Umstrukturierungen, sondern als bewusste Strategie zur Reproduktion des Kapitals in Kontinuität mit der Zwangsverpflichtung der Frauen auf die Funktionen der gesellschaftlichen Reproduktion (Haushalt, Kindererziehung, Pflege von Bedürftigen, usw.). Unter anderem dank dieser Zwangsverpflichtung hat der Kapitalismus sich entwickelt.</p>
<p>Das <em>Manifest gegen die Arbeit</em> behauptet, dass &#8220;das Vordringen der Frauen in die Sphäre der Arbeit keine Befreiung bringen (konnte), sondern nur dieselbe Zurichtung für den Arbeitsgötzen wie bei den Männern&#8221; (S. 19). Wenn auch die geschlechtsspezifische Prekarisierung der Arbeit und die Zwangsmaßnahmen, um Sozialhilfeempfängerinnen und arbeitslose Frauen in prekäre Arbeitsverhältnisse zu zwingen nichts Befreiendes hat, so lässt sich dennoch nicht leugnen, dass der Zugang zur Lohnarbeit und die Beschäftigungsentwicklung im öffentlichen Dienst eine wichtige Rolle im Leben der Frauen gespielt haben, die legitimerweise nach Autonomie und wirtschaftlicher Unabhängigkeit gestrebt haben. Damit reden wir aber nicht der vergeblichen Reaktivierung des Keynesianismus das Wort, der ohnehin seine Versprechungen nie gehalten hat, weder gegenüber den Frauen noch gegenüber vielen anderen. Selbstverständlich verurteilen wir auch nicht die Widerstandsstrategien gegen die Lohnarbeit. Wir sind bloß der Ansicht, dass der Ausschluss von der Lohnarbeit im Rahmen von Herrschaftsverhältnissen zwischen den Geschlechtern auch eine stärkere Unterdrückung der Frauen im häuslichen Bereich bedeuten kann.</p>
<p>In diesem Zusammenhang von Umstrukturierungsstrategien des Kapitalismus zu reden, setzt voraus, dass dieser nicht nur ein einfaches System darstellt, und dass ihn nicht &#8220;Gesetze&#8221; regieren, sondern eine ganze Reihe von Tendenzen, die das Handeln von Subjekten implizieren. Genauer gesagt: eines der wesentlichen Postulate in der Analyse des Manifests geht davon aus, dass der Kapitalismus, mit der immer tiefgreifenderen Einführung von Technologie und Wissenschaft in die Produktionsprozesse seine endgültige Grenze erreicht hat. Dieser Widerspruch zwischen abnehmender &#8220;Produktinnovation&#8221; und brodelnder &#8220;Prozessinnovation&#8221; soll zur Folge haben, dass der Rückgriff auf die Arbeitskraft unweigerlich zurückgeht. Bislang sei dieser Produktivitätsanstieg durch die Expansion der Märkte absorbiert worden. Nun seien die Märkte endgültig gesättigt, was zu einem Sinken des Konsums und dadurch zu einer immer stärkeren Streichung von Arbeitsplätzen führe. Die Eliminierung lebendiger Arbeitskraft durch die technologische Entwicklung würde somit das Todesurteil der Lohnarbeit und folglich des Kapitals unterzeichnen.</p>
<p>Diese Sichtweise ist zutiefst deterministisch: die Entwicklung der Produktivkräfte führt zum Zusammenbruch des Kapitalismus. Die Behauptung vom &#8220;Ende der Arbeit&#8221;, also der Eliminierung menschlicher Arbeit zugunsten der Maschine, verschleiert die Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit zwar ansteigt, dieser Prozess aber mit einer Intensivierung der Ausbeutung derjenigen Frauen und Männer einhergeht, die noch einen (oder mehrere) Job(s) haben. Verschleiert werden auch die Transformationen, welche der Lohnarbeitsstatus durchlaufen hat. Der feste und durch Tarifverträge garantierte Arbeitsplatz neigt tatsächlich dazu zu verschwinden. Jedoch macht er einer Vielfalt von Lohnarbeitsformen Platz: Zeitarbeit, Vertragsarbeit, Teilzeitarbeit, Selbstunternehmertum, Schwarzarbeit, usw. Ganz zu schweigen von der plötzlichen Begeisterung für private oder kooperative Mikro-Unternehmen, die über ein formelles Zulieferverhältnis mit dem kapitalistischen Betrieb den Wunsch nach Autonomie (im wahrsten Sinne des Wortes!) ausbeuten.</p>
<p>Diesen technologischen Determinismus überwindend, sehen wir dort, wo <em>Krisis</em> von &#8220;Prozessinnovation&#8221; spricht, vor allem die Reorganisierung der Arbeitsprozesse, durch die die &#8220;mikroelektronische&#8221; Revolution  gerade ihren Sinn erhält. Diese neue Organisation des Systems lässt verschiedene Formen der Arbeitsorganisation nebeneinander  bestehen (zusätzlich zu der Vielfalt der von uns erwähnten Lohnarbeitsverhältnisse) und zwar nicht nur im Produktionssektor sondern auch in der Grauzone der Dienstleistungen. Diese verschiedenen Organisationsweisen der Arbeit haben gemeinsam, dass sie dem Kapital die maximale Flexibilisierung der Arbeitskraft ermöglichen. Sie gehen einher mit Sozialpolitiken, die darauf ausgerichtet sind, die arbeitslosen Frauen und Männer in Zwangsarbeitsverhältnissen zu halten oder sie hinein zu zwingen. Diese verschärfen so die Konkurrenz und tragen, über ihre ideologische Rolle hinaus, zur Verschlechterung der Arbeitsbedingungen bei.</p>
<p>Die Restrukturierung der Arbeitsprozesse schreibt die gesellschaftlichen Herrschaftsbeziehungen in aktualisierten Formen fort, ob es sich dabei um die Standortverlagerung der Arbeitsausbeutung in so genannte Dritte-Welt-Länder handelt, um die von klandestinen Migrantinnen und Migranten (Standortverlagerung nach innen) oder um von Frauen geleistete bezahlte oder unbezahlte Funktionen. Die Flexibilisierungsstrategien auf dem Arbeitsmarkt inspirieren sich übrigens an den Managementstrategien gegenüber weiblichen Arbeitskräften, wie dem Rückgriff auf Teilzeitarbeit und die Schaffung besonderer Statusformen entsprechend den Bedürfnissen des Unternehmens. Bei diesem Zerfall des Lohnarbeitsystems sind die Frauen übrigens noch besonders betroffen, so dass man von einer geschlechterspezifischen Flexibilisierung sprechen kann.</p>
<p>Berücksichtigt man, dass das System sich der Ein- und Ausgrenzungsverhältnisse noch in Räumen bedienen kann, die noch nicht völlig der kapitalistischen Logik unterworfen sind (wie die Geschlechter- und interkulturellen Beziehungen), so stellt sich die Frage, ob man behaupten kann, das Kapital habe seine Grenze erreicht. Gewiss, das Wachstum, das das System zwischen 1945 und 1975 gekannt hat, ist nicht mehr möglich. Deshalb ist der Zusammenbruch des Systems aber nicht sicher, hat der Kapitalismus doch schon gezeigt, dass er seine Widersprüche überwinden kann. Wenn es keine so vielversprechenden neuen Märkte mehr gibt wie zuvor (Asien und die osteuropäischen Länder haben die vom Kapital in sie gesetzten Erwartungen bislang nicht erfüllt), so gibt es doch, neben der Hausarbeit, noch Felder (Gentechnik, &#8220;Öko-Business&#8221;, Pharmaindustrie, neue Reproduktionstechniken), die bearbeitet werden können, auch wenn dies noch genauer diskutiert werden muss. Und dann sind da noch die alten Rezepte, die wieder benutzt werden können (und werden!): Stärkere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und der Dritten Welt, Militarismus, usw. Weniger eine absolute als eine relative Grenze sehen wir sich hier abzeichnen.</p>
<p>Was sich hier grundsätzlich stellt, ist die die Frage nach den Akteuren dieser Krise. Denn in der von <em>Krisis</em> entwickelten deterministischen Perspektive, erfolgt der Zusammenbruch des Kapitalismus als Konsequenz seiner Entwicklung und nicht als Ergebnis menschlichen Handelns. Wer sind also die Subjekte, die die Arbeitsdiktatur in Frage stellen? Das Manifest antwortet nur vage darauf: die Lohnabhängigen werden als ins Kapital &#8220;integriert&#8221; gesehen. Es bleiben nur noch Individuen, die das Lohnsystem in Frage stellen. Tatsächlich macht sich die systemische Sichtweise des Manifests an gewissen Aspekten der Krise des Kapitalismus in den 70er Jahren fest. Die Fähigkeit der tayloristischen Organisation, ihre früheren Produktivitätsniveaus aufrecht zu erhalten, mögen sich erschöpft haben, doch wie kann man die technisch-ökonomischen Grenzen, die die &#8220;Prozessinnovation&#8221; einschränken, hervorheben, ohne den Widerstand der Arbeiter gegen das Kapital innerhalb der Produktionsverhältnisse zu erwähnen? Dieser Widerstand beinhaltete sowohl Lohnforderungen als auch die implizite und explizite Ablehnung der tayloristischen Arbeitsorganisation. Minoritäre Gruppen von Arbeiterinnen und Arbeitern haben in der Vergangenheit nicht nur die Herrschaft des Kapitals, sondern auch die Lohnarbeit selbst in Frage gestellt und versucht, alternative Produktionsweisen zu erproben (theoretisch erfolgte diese Infragestellung, oft widersprüchlich, durch Lafargue, die Situationisten und die italienischen Operaisten). Mögen diese Experimente innerhalb der verschiedenen linken Bewegungen auch nicht hegemonisch gewesen sein, so scheinen sie uns doch einen historischen Erfahrungsschatz darzustellen, aus dem man schöpfen kann.</p>
<p>Diese Ablehnung der Arbeit verweist auch darauf, dass das Proletariat, in seinen Kämpfen, um zum Subjekt &#8220;für sich&#8221; zu werden, sich als partikulare gesellschaftliche Kategorie nur negieren kann. Mit Recht verwirft das Manifest von <em>Krisis</em> den Interessenkampf der verschiedenen Sozialkategorien, die in der Logik des Systems gefangen bleiben. Die Gruppe denkt über die Bedingungen eines Bruchs mit den Kategorien der Arbeit nach, nur kann dieser Bruch, so <em>Krisis</em>, auf kein &#8220;bestimmtes gesellschaftliches Lager&#8221; (S. 41) zählen. Wir müssen uns dann die folgende Frage stellen: welches sind die Bedingungen einer Verschärfung der Krise der Arbeit außerhalb ihrer ausdrücklichen Formulierung als kritische Reflexion? Mit anderen Worten: wie lässt sich, um es mit der deutschen Gruppe zu sagen, eine &#8220;Gegenöffentlichkeit&#8221; (S. 41) bilden. Die &#8211; fundamentale &#8211; Praxis der theoretischen Debatte kann sich nicht selbst genügen, um eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Daraus ergibt sich eine zweite Frage: wer sind die gesellschaftlichen Subjekte und welche gesellschaftlich-historische Erfahrung steht hinter dieser Arbeitskritik? Wir können nicht umhin, skeptisch zu sein angesichts des <em>Krisis</em>-Programms, das sich mit der Idee &#8220;weltweiter Verbünde frei assoziierter Individuen&#8221; (S. 42) begnügt. Es wird so ausgeblendet, dass die Subjektivität der Subjekte der Arbeitsverweigerung sich innerhalb eines Prozesses bildet, in dem Frauen und Männer die Erfahrung der Arbeit und ihrer Kritik machen.</p>
<p>Die oben erwähnen früheren Entwürfe einer globalen Alternative zum Kapitalismus lassen sich vermitteln mit bestimmten Kämpfen, die heute an den Arbeitsplätzen stattfinden (Zurückweisung der Produktivität, der Überstunden, der Diskriminierungen, der Ungleichheiten usw.), mit Widerstand gegen die Zwangsarbeit und mit gewissen Initiativen am Rande. Es ist klar, dass diese Initiativen nur Teilaspekte betreffen und schwerlich anders als als bloße individuelle Lösungen erscheinen; ihre kollektive und politische Dimension tritt kaum zutage unter dem Druck, sich durchzuschlagen und die eigene Misere selbst zu verwalten. Opposition ist nicht selbstverständlich in einer Welt, wo selbst die Illusion Dinge umzuwandeln &#8211; eine Illusion, die die Idee der Arbeit transportierte &#8211; verschwindet. Eine Welt, in der &#8211; wie <em>Krisis</em> zeigt &#8211; die Mythen von Wachstum und Fortschritt zusammenbrechen zugunsten der Herrschaft, die sich auf die Entwicklung der Techno-Wissenschaft stützt sowie auf Netzwerke und Symbolmanipulateure, die das gesellschaftliche Potential ausbeuten. Opposition ist nicht selbstverständlich: was aber nicht selbstverständlich ist, muss diskutiert werden und verlangt nach der Rückkehr kritischer Subjektivität. Denn wer darauf wartet, dass die Maschine des Kapitals von selbst stoppt, läuft Gefahr, auf den eigenen Tod zu warten.</p>
<hr /><a name="_ftn1" href="#_ftnref1"> [1] </a> Manifeste contre le travail, Québec 2003, übersetzt von Olivier Galtier, Wolfgang Kukulies und Luc Mercier<a name="_ftn1" href="#_ftnref1"></a></p>
<p><a name="_ftn2" href="#_ftnref2"> [2] </a> Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die deutsche Ausgabe (d. Ü.). <a name="_ftn2" href="#_ftnref2"></a></p>
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		<title>Wenn der Berg kreißt und eine Maus gebiert</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Charles Reeve]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 27 (2003)]]></category>
		<category><![CDATA[Manifest gegen die Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Zum Manifest gegen die Arbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Diskussionen zum Manifest]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>erschienen in: Krisis 27 (2003)</p>
<p><em>Charles Reeve<a name="_ftnref1" href="#_ftn1"> [1] </a></em></p>
<p>Die Schriften der Gruppe <em>Krisis</em>, die sich um den Soziologen Robert Kurz herum gebildet hat und in Deutschland eine gleichnamige Zeitschrift herausgibt, waren bislang nur wenig in Frankreich bekannt. Diese Lücke wurde nun gefüllt mit der Veröffentlichung des <em>Manifests gegen die Arbeit</em><a name="_ftnref2" href="#_ftn2"> [2] </a>.</p>
<p><span id="more-327"></span>Die Kritik der Arbeitsmoral im linken Denken verleihen einem Text, der die gegenwärtige Situation des Kapitalismus zu beschreiben versucht, Schwung und Frische. Es geht der Gruppe zunächst um eine Demontage der reformistischen Rezepte, die den Anspruch erheben, die Zumutungen des Kasinokapitalismus zu korrigieren: keynesianische Nostalgien, die Forderungen nach einem Soziallohn oder die Tobin-Attac-Steuer. Für Kurz und seine Freunde ist die Spekulation die Konsequenz der Investitionskrise und nicht das Gegenteil.<a name="_ftnref3" href="#_ftn3"> [3] </a> &#8220;Das Kriterium der Rentabilität selber samt seinen arbeitsgesellschaftlichen Grundlagen (ist) als obsolet anzugreifen&#8221; (S. 34)<a name="_ftnref4" href="#_ftn4"> [4] </a>. <em>Krisis</em> grenzt sich ebenfalls von den Projekten diverser sozialistischer Strömungen ab, die quantitative Forderungen &#8211; die ökonomischen und gewerkschaftlichen Kämpfe &#8211; zum Hebel gesellschaftlicher Emanzipation machen wollen. Deren Integrationsprozess geht heute einher mit der Zersplitterung der Arbeitswelt; dem Terrain auf dem &#8220;die klassische Linke am Ende&#8221; ist (S. 39). Deshalb tritt bei ihren Neugründungsprojekten &#8220;an die Stelle des kategorialen Bruchs die sozialdemokratische und keynesianische Nostalgie&#8221; (S. 39). <em>Krisis</em> unterstreicht, wie andere Kritiken<a name="_ftnref5" href="#_ftn5"> [5] </a>, den etatistischen Charakter der Projekte von Soziallohn und Grundkommen.</p>
<p>Soweit nichts Neues unter der Sonne! Hinsichtlich der Kritik des modernen Reformismus wiederholt <em>Krisis</em> &#8211; mit prononciertem Gusto für Süffisanz &#8211; , was bereits geschrieben wurde. Liest man sie aber, gewinnt man den Eindruck, als habe die Kritik des modernen Kapitalismus an dem Tag begonnen, als <em>Krisis</em> anfing nachzudenken. Abgesehen von ein paar Bezügen auf die Situationisten und die Strömungen des italienischen Linksradikalismus, ein paar Sätzen und die an das (nie zitierte) <em>Recht auf Faulheit</em> von Paul Lafargue erinnern, wird alles unterschiedslos weggewischt und alles &#8211; Gutes wie Schlechtes &#8211; wird, bunt durcheinander, auf den Kehrrichthaufen der Geschichte geworfen. Kein Wunder also, wenn die Arbeiterbewegung auf die Gewerkschaftsbewegung reduziert wird, auf ein bloßes Element zur &#8220;Verallgemeinerung der Arbeitsgesellschaft&#8221;. Es ist bezeichnend, dass man in diesem Manifest vergeblich die leiseste Anspielung auf die großen revolutionären Brüche des 20. Jahrhunderts oder einen einzigen Bezug auf die revolutionären Strömungen des Marxismus und des Anarchismus sucht.</p>
<p>**</p>
<p>Das Gerüst der <em>Krisis</em>-Analysen basiert auf einer zentralen Idee: der Kapitalismus ist ein System, dessen Ziel die &#8220;Arbeitsgesellschaft&#8221; ist: &#8220;Die Geschichte der Moderne ist die Durchsetzungsgeschichte der Arbeit&#8221; (S. 21). &#8220;Die Arbeit ist gerade insofern ein Selbstzweck, als sie die Verwertung des Geldkapitals trägt &#8211; die unendliche Vermehrung von Geld um seiner selbst willen. Arbeit ist die Tätigkeitsform dieses absurden Selbstzwecks&#8221; (S. 15). Dieser Vektor &#8220;Arbeit&#8221; wird allerdings weder als gesellschaftliches und historisches Verhältnis definiert, noch spezifisch als entfremdete, lohnabhängige Arbeit charakterisiert.<a name="_ftnref6" href="#_ftn6"> [6] </a> Es ist nun aber die Enteignung der eigenen Aktivität des Arbeiters; so wird ihm die Kontrolle über sein eigenes Leben raubt. Diese Trennungen sind zurückzuführen auf die zur Ware gewordene menschliche Tätigkeit. Der Begriff des Profits findet sich nicht bei <em>Krisis</em>, das Konzept der Ausbeutung ist irrelevant, denn die kapitalistische Maschine ist eine reine &#8220;Selbstzweckmaschine&#8221; (S. 6).</p>
<p>Die bürgerliche Verwertung der Arbeit wird in den Mittelpunkt der Funktionsweise eines Systems gestellt, dessen Ziel es angeblich ist, die Menschen zum Arbeiten zu bringen! Dieser Diskurs kehrt die religiöse Moral um, die in der Arbeit die natürliche Berufung des Menschen sieht. Es wimmelt darin von moralistischen Formulierungen: &#8220;zynischer Grundsatz&#8221; (S. 5), &#8220;Wahnsystem&#8221; (S. 6), &#8220;Gesetz des Menschenopfers&#8221; (S. 6), &#8220;Kreuzzug im Namen des Arbeitsgötzen&#8221; (S. 6) oder auch &#8220;der Satz, es sei besser, &#8220;irgendeine&#8221; Arbeit zu haben als keine, ist zum allgemein abverlangten Glaubensbekenntnis geworden&#8221; (S. 5). Doch, wenn der Proletarier nun so hartnäckig nach Arbeit sucht, dann ja wohl, weil er nicht anders kann, denn der Verkauf seiner Ware-Arbeitskraft ist doch sein einziges <em>Mittel zu überleben</em>.</p>
<p>**</p>
<p>Was zeichnet <em>Krisis</em> zufolge die Krise der Arbeitsgesellschaft aus? &#8220;Mit der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik stößt die Arbeitsgesellschaft an ihre absolute historische Schranke&#8221; (S. 27). Genauer gesagt: &#8220;Erstmals wird mehr Arbeit wegrationalisiert als durch Ausdehnung der Märkte reabsorbiert werden kann&#8221; (S. 28). Daraus folgt, dass in einer Gesellschaft, die noch nie &#8220;so sehr Arbeitsgesellschaft&#8221; war wie heute &#8220;die Arbeit überflüssig gemacht wird&#8221; und gerade in diesem Moment &#8220;sich die Arbeit als totalitäre Macht&#8221; entpuppt (S. 5). <em>Krisis</em> scheint zu vergessen, dass diese Notwendigkeit fortwährend das Produktivitätsniveau der Arbeit zu erhöhen, lebendige Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, dem Produktionsprozess des Kapitals inhärent ist. In Krisenzeiten findet die Ware Arbeitskraft keinen Abnehmer auf dem Markt und, dass die Arbeit als überflüssig erscheint, ist bloß eine Folge davon. Dies &#8220;katastrophistisch&#8221; auszulegen kommt einer Mystifikation gleich, einem Anknüpfen an den millenaristischen Ansatz. Es bedeutet, die gegenwärtigen Widersprüche des Kapitalismus als unüberwindbar darzustellen. Um den Preis der Barbarei hat der Kapitalismus es im Laufe seiner Geschichte stets vermocht, neue Bedingungen zur Profitproduktion und neue Märkte zu schaffen, um sich so zu perpetuieren. Um den Kapitalismus ist es schlecht bestellt, doch von alleine wird er nicht zusammenstürzen. Dazu bedarf es des Eingreifens sozialer Kräfte, die entschlossen sind, ein emanzipatorisches Projekt in die Tatsachen einzuschreiben. Hierin liegt die einzige &#8220;absolute&#8221; Schranke des Systems.</p>
<p>**</p>
<p><em>Krisis</em> assoziiert den &#8220;Bruch mit den Kategorien der Arbeit&#8221; mit einem &#8220;Projekt der Re-Solidarisierung&#8221;. Konkretisieren soll sich dieses in Gestalt &#8220;der Kontrolle neuer sozialer Organisationsformen (freier Assoziationen, Räte) über die gesamtgesellschaftlichen Bedingungen der Reproduktion&#8221; (S. 43). Nachdem <em>Krisis</em> das historische Subjekt Proletariat, den Streik und die gewerkschaftliche Integration der reformistischen Arbeiterbewegung assimiliert hat, erhebt sie nun den Anspruch, die Marksteine einer &#8220;neuen Theorie der gesellschaftlichen Transformation&#8221;  zu legen. Daraus erwächst der Vorschlag einer Selbstorganisation um einen &#8220;Kampf für einen gesellschaftlich autonomen Zeitfonds&#8221; herum. Diesbezüglich tut man gut daran, die Lektüre des Manifests durch andere Texte der Gruppe zu ergänzen.<a name="_ftnref7" href="#_ftn7">6</a> Und da fällt mit einem Mal ein dichter Nebel über die Stadt nieder!</p>
<p>Der so genannte &#8220;Dritte Sektor&#8221; (NGOs und Vereine) wird definiert als &#8220;Keimform eine emanzipierten und nicht-warenförmigen Reproduktion&#8221;, und es gehe  darum, &#8220;sie zu radikalisieren und mit der Perspektive einer Aufhebung des warenproduzierenden Systems zu verbinden&#8221; (Antiökonomie und Antipolitik, S. 96).</p>
<p>Dem wird eine weitere Achse des Kampfes hinzugefügt: Die Lähmung des &#8220;kapitalistischen Nervensystems&#8221; (ebd. S. 105) durch LKW-Fahrer-Streiks und die Blockaden von Umweltschützern gegen den Atomtransporte. Besetzte Häuser, Kinderläden, Verbrauchervereinigungen, Kooperativen, Landbesetzungen in armen Ländern sollen eine &#8220;autonome Reproduktion&#8221; gewährleisten und keimförmig die Forderung nach einer nicht-kapitalistischen Produktion beinhalten. Die alternativen Nischen innerhalb der Gesellschaft, die zeitweilig autonomen Zonen, die das <em>Manifest</em> theoretisch ablehnt, werden in der Praxis rehabilitiert. Ist jede Insubordination subversiv? Ist Überwindung ohne Bruch möglich? Wie können diese &#8220;Keimformen&#8221; das System überwinden? Alles Fragen, die <em>Krisis</em> nicht stellt. Hier wie auch anderswo werden Klassenkategorien zu Gunsten einer Art &#8220;alternativen Front&#8221; aufgegeben, die etwas von Bürgerbewegung hat.</p>
<p>**</p>
<p><em>Krisis</em> vergisst nicht &#8211; Korporatismus verpflichtet &#8211; , dass &#8220;es eines neuen geistigen Freiraums (bedarf), damit das Undenkbare denkbar gemacht werden kann &#8230; Erst die ausdrücklich formulierte Kritik der Arbeit und eine entsprechende theoretische Debatte können jene neue Gegenöffentlichkeit schaffen, die unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass sich eine praktische soziale Bewegung gegen die Arbeit konstituiert&#8221; (S. 41).</p>
<p>Womit wir wieder beim alten Schema von der Rolle der Intellektuellen bei der Bewusstseinsbildung wären. Wenn das bedeutet, &#8220;das Undenkbare zu denken&#8221;, dann sind die Antworten von <em>Krisis</em> ebenso enttäuschend und anmaßend wie die kritisierten neo-reformistischen Projekte. Schmähungen wie &#8220;Reform-Heimwerker&#8221; und &#8220;theoretische Analphabeten&#8221; (S. 40), mit denen die Autoren von <em>Krisis</em> die Verteidiger des Soziallohns belegen, könnten ebenso gut gegen sie selbst gewendet werden. Die hochlobende Vorbemerkung der französischen Herausgeber, für die das Manifest auf dem dritten Platz der Hitparade der Radikalität rangiert (hinter dem <em>Kommunistischen Manifest</em> und <em>Vom Elend des Studentenmilieus</em>) verpufft.</p>
<p>Der Berg hat gekreist und eine Maus geboren.</p>
<hr /><a name="_ftn1" href="#_ftnref1"> [1] </a> Aus: Oiseau-tempête, Nr. 10, Frühjahr 2003, S. 4 f.; Übersetzung von Wolfgang Kukulies.<a name="_ftn1" href="#_ftnref1"></a></p>
<p><a name="_ftn2" href="#_ftnref2"> [2] </a> Robert Kurz, Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Manifeste contre le travail (französische Ausgabe übersetzt von Olivier Galtier, Wolfgang Kukulies und Luc Mercier), Paris, Leo Scheer, 2002.<a name="_ftn2" href="#_ftnref2"></a></p>
<p><a name="_ftn3" href="#_ftnref3"> [3] </a> Siehe Nummer 10 von Oiseua-tempête, &#8220;Les bulles de l&#8217;utopie communiste&#8221; in &#8220;Les forteresses fragiles&#8221;, S.21<a name="_ftn3" href="#_ftnref3"></a></p>
<p><a name="_ftn4" href="#_ftnref4"> [4] </a> Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die deutsche Ausgabe des Manifest gegen die Arbeit, Erlangen 1999 (d. Ü.)<a name="_ftn4" href="#_ftnref4"></a></p>
<p><a name="_ftn5" href="#_ftnref5"> [5] </a> In Frankreich haben mehrere Texte diese Diskussion abgesteckt: &#8220;L&#8217;économie de la misère, Claude Guillon, La Digitale, 1999; &#8220;La vraie mission de l&#8217;État&#8221;, Charles Reeve, Oiseau-tempête, Nr.7, Herbst 2000, &#8220;Revenu garanti: quelques interrogations malvenues&#8221;, Nicole Thé, Les temps maudits, Nr.11, Oktober 2001; &#8220;Il faut mater le précariat!&#8221;, Laurent Guilloteau, Multitudes, Nr.8, März-April 2002. Einen Überblick gibt: &#8220;Garantir le revenu, Laurent Geffroy, La Découverte, 2002.<a name="_ftn5" href="#_ftnref5"></a></p>
<p><a name="_ftn6" href="#_ftnref6"> [6] </a> Hier wie auch an anderer Stelle bestätigt die sorgsam geschürte Verwirrung zwischen den Begriffen &#8220;Arbeit&#8221;, &#8220;menschliche Tätigkeit&#8221; und &#8220;Lohnarbeit&#8221;, die Waren für andere (den Kapitalisten) produziert, diejenigen, die der Meinung sind, dass menschliche Tätigkeit nur die heutige entfremdete Arbeit reproduzieren kann.<a name="_ftn7" href="#_ftnref7"><br />
</a></p>
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		<title>Rechtsform und „nacktes Leben“</title>
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		<pubDate>Tue, 30 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Karl-Heinz Wedel]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 27 (2003)]]></category>

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		<description><![CDATA[Anmerkungen zu Giorgio Agambens „Homo sacer“]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Anmerkungen zu Giorgio Agambens „Homo sacer“</h3>
<p><em>Karl-Heinz Wedel</em></p>
<p>Zur Situation eines Staatenlosen:</p>
<p>„Im Grunde &#8230; war ich ja schon lange tot. Ich war nicht geboren &#8230; konnte nie im Leben einen Pass bekommen, und jeder konnte mit mir machen, was er wollte, denn ich war ja niemand, war offiziell überhaupt nicht auf der Welt, konnte infolgedessen auch nicht vermisst werden. Wenn mich jemand erschlug, so war kein Mord verübt worden. Denn ich fehlte nirgends. Ein Toter kann geschändet, beraubt werden, aber nicht ermordet.“</p>
<p><em>B. Traven</em></p>
<p><span id="more-551"></span>Wenn „das Nichts“ der warengesellschaftlichen Konstitution im Zerfall ihrer ökonomischen und politischen Formen immer mehr sichtbar wird, so eröffnen sich zwei Perspektiven: Dieses „Nichts“ oder nichts zu verstehen. Mit dem Buch „Homo sacer“ von Giorgio Agamben haben wir es mit einem überaus wichtigen Versuch zu tun, der bürgerlichen Gesellschaft in Zeiten ihres Verfalls den Spiegel der rechtsförmigen Verfasstheit, das Nichts des auf keinen Inhalt mehr beziehbaren, souveränen Willens vorzuhalten. Sichtbar werden dabei abscheuliche Umrisse der gewaltförmigen Grundverfasstheit von Staat und Politik. Agamben formuliert seine Analyse zwar in Anlehnung an Foucaults Begriff der Biopolitik (1), er geht aber in entscheidender Weise über den Positivismus der eindimensionalen biopolitischen Begrifflichkeit hinaus.</p>
<h4>Regierungsontologie</h4>
<p>Im Gegensatz dazu hat nach jahrelangem Vorlauf im angloamerikanischen Raum in den letzten Jahren auch in der hiesigen Linken das Verkennen zentraler gesellschaftlicher Prozesse sich zunehmend biopolitischer Kategorien bedient, allesamt aus dem Spätwerk von Michel Foucault. Dazu zählt auch der Begriff der „Gouvernementalität“ &#8211; eine Wortverbindung aus Regierung und Mentalität -, wobei diese zur Biopolitik in einem übergeordneten und sie umfassenden Verhältnis steht (2). Insgesamt handelt es sich, nach den Verlautbarungen von offiziellen Foucaultisten, beim Begriff der Regierung um eine Erweiterung und Differenzierung seines Machtbegriffes (3). Wer hier im Rahmen der schon sattsam bekannten Ontologie der Macht bei Foucault nun eine Erweiterung und Differenzierung eben derselben in Hinsicht auf die „Regierung“ vermutet, wird in seiner Annahme nicht enttäuscht. Und es verwundert auch nicht, dass diese „Theorie“ der Gouvernementalität hier zu Lande bei jenen gar freundlich begrüßt wird, denen die Regulations- und Politikfähigkeit des Staates schon immer ihre „Feste Burg“ war. U. Bröckling, S. Krasmann und T. Lemke als Herausgeber des Buches „Gouvernementalität der Gegenwart“ haben mit einigem Erfolg das Potemkinsche Dorf der Politikhalluzination mittels Foucaults Begriff der Gouvernementalität noch etwas erweitert. Konsequenterweise findet sich dann in dem Werk über die Bestimmungen des Politischen nichts, was über die offiziellen Erklärungen von beispielsweise Schröders Regierung hinausginge: „Die Perspektive der Gouvernementalität ermöglicht die Entwicklung einer dynamischen Analyse, die sich nicht auf die Feststellung eines &lt;Niedergangs des Politischen&gt; beschränkt, sondern den &lt;Rückzug des Staates&gt; bzw. die &lt;Dominanz des Marktes&gt; selbst als ein <em>politisches </em>Programm dechiffriert“ (Bröckling, S.26). Nach dem Ende der postmodernen Virtualität lässt man es sich eben angelegen sein, nicht mehr nur in perfomativer Art die Diskurspraktiken zu dekonstruieren und sich seiner lokalen Freiheit in Minipraktiken zu versichern, sondern wird wieder richtig hart politisch. Dummerweise im Mainstream der kreuzbiederen Politikillusion, die den selbstläufigen Zerfall des Politischen selber als politischen Akt missversteht.</p>
<h4>Produktion des biopolitischen Körpers</h4>
<p>Im Gegensatz zu diesem mehr als unbefriedigenden Ansatz geht Agamben in entscheidender Weise über den Positivismus der eindimensionalen biopolitischen Begrifflichkeit hinaus und legt richtigerweise den Fokus auf die Konstitutionsbedingungen von Staat und Politik. Obwohl er über keinerlei Begrifflichkeiten von moderner Warenproduktion und der entsprechenden Sphäre der Ökonomie verfügt, reflektiert seine Analyse zentrale Bestimmungen der modernen Subjektivität in Beziehung auf das Politische. Das mit der Souveränität erst konstituierte „nackte Leben“, das die grenzenlose Verfügbarkeit des staatlichen Souveräns über die Einzelnen ausdrückt und sich als extreme Konsequenz im Lager manifestiert, ist danach ein wesentliches Merkmal der modernen bürgerlichen Verhältnisse.</p>
<p>Anhand der Figur des archaischen römischen Rechts, dem „homo sacer“, der getötet werden darf, ohne dass ein Mord begangen wird, versucht der Veroneser Rechtsphilosoph die Grundbestimmungen bürgerlicher Konstitution zu verdeutlichen. Freilich verschwimmt dadurch die historische Spezifik und Einmaligkeit des modernen Staatswesens und dessen zentrale Kategorie, die Souveränität. Die Verweise auf das römische Recht könnten allenfalls als Umkreisung des Problems des bürgerlichen Souveräns und des „nackten Lebens“ dienen, keinesfalls jedoch als historisch durchgängige Struktur staatlicher Verfasstheit. Mit der Souveränität und der modernen Rechtsperson incl. deren dunkler Rückseite ist ausschließlich die bürgerliche Gesellschaft charakterisiert. Doch trotz dieser Ungenauigkeiten fördert Agambens Untersuchung ungemein wichtige Einsichten zu Tage. Deshalb will ich im Folgenden versuchen, mich weniger auf Verkürzungen oder Mängel zu konzentrieren als die positiven Momente für eine wertabspaltungskritische Perspektive herauszustellen.</p>
<p>Das zum Faktum des bloßen Lebens reduzierte Wesen ist zum einen der Gegenspieler und die verhüllte Referenz der modernen Rechtssubjektivität. Das biopolitische Modell der modernen Politik (Foucault) bedeutet, „dass die Einbeziehung des nackten Lebens in den politischen Bereich den ursprünglichen &#8211; wenn auch verborgenen &#8211; Kern der souveränen Macht bildet. <em>Man kann sogar sagen, dass die Produktion eines biopolitischen Körpers die ursprüngliche Leistung der souveränen Macht ist“ </em>(S. 16).Andererseits wird gerade in gesellschaftlichen Krisensituationen diese Bestimmung der nackten Existenz erst sichtbar: Für Agamben ist „das Lager &#8230; (das) verborgene Paradigma des politischen Raumes der Moderne“ (S. 131). Im Lager bzw. im Ausnahmezustand mit der uneingeschränkter Verfügungsmacht des Souveräns über den Einzelnen wird die unheimliche wie gewaltförmige Konstitution der bürgerlichen Gesellschaft unmittelbar sichtbar.</p>
<p>Agambens Untersuchung steht wie schon angedeutet in enger Tradition zu den Arbeiten von Foucault. Aber im Gegensatz zu diesem wird die Theorie der modernen Rechtsstaatlichkeit kritisch in die Reflexion einbezogen. Foucault hingegen hatte im Interesse seiner Ontologie der Machtbeziehungen zwischen den Subjekten die juridischen Theorien als „unbrauchbare“ Legitimationsphilosophie der durchgesetzten und hegemonialen Herrschaftsform bewusst beiseite gelassen (siehe Foucault 2001). Doch damit entging ihm ein adäquates Verständnis der Konstitutionsbedingung der (politischen) Subjektform. Erst mit einer kritischen Aufarbeitung der bürgerlichen Kategorien, selbstredend jenseits eines Legitimierungsdiskurses, lassen sich die barbarischen Konsequenzen der modernen Formen kenntlich machen. Damit kann überhaupt erst eine Perspektive gewonnen werden, die auf einen radikalen Bruch mit diesen Bestimmungen zielt und die es nicht, wie bei Foucault, nötig hat, eine an die Gegenaufklärung angelehnte Moderne in Form von ominösen Machtbeziehungen fortzuschreiben. Agamben setzt sich gerade in diesem Punkt positiv von Foucault ab.</p>
<h4>Ausnahmezustand und Bann</h4>
<p>In kritischem Bezug auf die Souveränitätslehre von Hobbes und Carl Schmitt untersucht Agamben die paradoxe Bedeutung des Ausnahmezustandes in Beziehung auf das geltende Recht. „Eine der Thesen dieser Untersuchung ist die, dass gerade der Ausnahmezustand als fundamentale politische Struktur in unserer Zeit immer mehr in den Vordergrund rückt und letztlich zur Regel zu werden droht. Als man in unserer Zeit versucht hat, diesem Unlokalisierbaren eine dauerhafte sichtbare Lokalisierung zu verleihen, kam das Konzentrationslager heraus. Das Lager, und nicht das Gefängnis, ist der Raum, der dieser originären Struktur des Nomos entspricht &#8230; Deshalb ist es nicht möglich, die Analyse des Lagers in jene Bahnen einzuschreiben, die Foucault in <em>Wahnsinn und Gesellschaft</em> bis <em>Überwachen und Strafen</em> gezogen hat. Das Lager als absoluter Ausnahmeraum ist topologisch verschieden von einem einfachen Haftraum“ (S. 30).</p>
<p>Das Recht, welches die Strafe nach begangener Tat regelt, ist innerhalb der Rechtsordnung. Das positive Recht regelt oder normalisiert immer nur ein faktisches Verhalten. Die Frage wie dieses Recht aber selbst entsteht, auf was es sich stützt und wie es sich legitimiert, führt unmittelbar zur Frage der Konstitution des Staates und zur Formulierung des Souveräns. Im Gegensatz zu Foucault, der sich Nietzsches Macht-Brille aufgesetzt hatte und für den die Wirklichkeit somit zum Hin- und Herwogen von einzelnen Macht-Willen wird, gewinnt Agamben gerade durch die Fokussierung der juridischen-politischen Theorie einen klaren Blick für das Konstitutive der Staatlichkeit. Die Souveränität korrespondiert mit dem Ausnahmezustand und dieser bezieht die Menschen als „nackte Leben“ in das Rechtsgefüge des Staates ein. „Der Souverän entscheidet &#8230; über die ursprüngliche Einbeziehung des Lebewesens in die Sphäre des Rechts“ (S. 36). Die Souveränität „ist die originäre Struktur, in der sich das Gesetz auf das Leben bezieht und es durch die eigene Aufhebung in sich einschließt. Diese Potenz des Gesetzes, sich im eigenen Entzug zu unterhalten, sich in der Abwendung anzuwenden, nennen wir &#8230; <em>Bann </em>(das alte germanische Wort bezeichnet sowohl den Ausschluss aus der Gemeinschaft als auch den Befehl und das Banner des Souveräns). Die Ausnahmebeziehung ist eine Beziehung des Banns. Tatsächlich ist der Verbannte ja nicht einfach außerhalb des Gesetzes gestellt und von diesem unbeachtet gelassen worden, sondern von ihm <em>verlassen</em> &#8230;, das heißt ausgestellt und ausgesetzt auf der Schwelle, wo Leben und Recht, Außen und Innen verschwimmen <em>&#8230; Die originäre Beziehung des Gesetzes mit dem Leben ist nicht die Anwendung, sondern die Verlassenheit</em> &#8230; Die unüberbietbare Potenz des <em>Nomos</em>, seine <em>originäre &lt;Gesetzeskraft&gt;</em>, besteht darin, dass er das Leben in seinem Bann hält, indem er es verlässt. Diese Struktur des Banns gilt es hier zu verstehen, um sie gegebenenfalls in Frage zu stellen. Der Bann ist eine Beziehungsform. Doch um was für eine Beziehung handelt es sich eigentlich, wenn sie keinen positiven Inhalt hat und sich die Glieder gegenseitig auszuschließen (und zugleich einzuschließen) scheinen? Welche Gesetzesform drückt sich darin aus? Der Bann ist die reine Form des Sich-auf-etwas-Beziehens im allgemeinen, das heißt die Setzung einer Beziehung mit dem Beziehungslosen. &#8230; Die Kritik des Banns muss also notwendigerweise die Beziehungsform selbst zum Problem erheben &#8230;“ (S. 39f.). Gerade durch die Foucault diametral entgegengesetze Analyse der einheitlichen Form der staatlichen Konstitution, der Souveränität, dringt Agamben zum gewaltförmigen Kern der bürgerlichen Vergesellschaftung vor. Im Zentrum der modernen Souveränität herrscht nicht die harmonisierende Kraft von Freiheit, Gleichheit und Solidarität, sondern die unüberbietbare Gewaltform von Bann, Lager und Verlassenheit.</p>
<h4>Der sinn-lose Wille als Ausnahmezustand</h4>
<p>Nicht zufällig findet man in der Untersuchung die Frage der „Beziehungsform“. Denn mit dem Konstitutionsproblem des Rechts ist genau die Ebene der gesellschaftlichen Form erreicht und so ist es nur konsequent, wenn Agamben den Theoretiker der bürgerlichen Rechtsverhältnisse anruft, der wie kein anderer die reine Beziehungsform der bürgerlichen Vermittlung sich zum Gegenstand gemacht hatte: Immanuel Kant. Dessen „praktische Vernunft“ ist die klare Ausformulierung und unumschränkte Affirmation genau dieser Beziehungsform, deren Sichtbarwerden nach Agamben das Lager darstellt. Mitnichten ist sie das, was die aufgeklärten Selbstdenker und ewigen Wiederkäuer der abgeschmackten Vernünftigkeit unterstellen: eine Kritik im Sinne der Gültigkeit dieser Form oder gar die Grundlegung eines „ewigen Friedens“ zwischen den Subjekten. Agamben trifft ins Schwarze der Aufklärung: die Vernunft ist das Lager. Die von Kant formulierte reine Gesetzesform, der kategorische Imperativ einer „Gesetzlichkeit überhaupt“, kennzeichnet die Beziehung zwischen den Individuen in der warenförmig vermittelten Gesellschaft. Grundlegend ist dabei die abstrakte Vermittlung und zwar als verselbständigte Abstraktion. Das Kapital muss sich zwar in irgendwelchen Gegenständen veräußern bzw. anwenden, aber in der geschlossenen Bewegungsform hat es als Bezugspunkt immer nur sich selbst. Der Kapitalismus stellt also eine abstrakte Form dar, die nur durch sich selbst bedingt ist, die nur sich selbst zur Voraussetzung hat und sich immer nur auf sich selbst bezieht. Und genau den Charakter einer selbstbezüglichen Form formuliert Kant in seinem kategorischen Imperativ. Was dieser als „Grundlegung“ der Sittenlehre aufzeigt, ist die rechtsförmige Entsprechung der Kategorie des Kapitals: die Form der reinen, nur auf sich bezogenen Gesetzlichkeit. Die Freiheit dieses auf das Prinzip eines Gesetzes bezogenen „sinn-losen Willens“ (4) zielt auf das „Dasein durch das Gesetz“ (Kant), unabhängig von jeglichem sinnlichen Inhalt. Kant hat bekanntlich sein transzendentales Subjekt, die Bezüglichkeit des freien Willens auf die Gesetzesform überhaupt, scheinbar unvermittelt zur Empirie gesetzt. Doch das Verhältnis der Vernunft zur sinnlichen Wirklichkeit ist stets durch geschlechtliche und rassistische Hierarchisierung gekennzeichnet. In letzter Konsequenz geht die (männliche) Vernunft immer auch aufs Ganze und das heißt ganz schlicht die Negation der sinnlichen Welt. In der Orientierung zur reinen Form, so macht Kant unmissverständlich deutlich, ist nicht die Existenz irgendwelcher sinnlicher Wesen wichtig, sondern es gilt nur die „Achtung für etwas ganz anderes als das Leben“ (KpV, A157), nämlich die Abstraktion für sich selbst, sei es als Rechtsform oder als Kapital. Auf die Vermittlung zwischen der Ebene der „Gesetzlichkeit überhaupt“ und dem sinnlichen Leben &#8211; darauf zielt Agambens Argumentation in rechtsformkritischer Hinsicht &#8211; lassen sich nun aber die Begriffe von Souveränität, Ausnahmezustand und Bann beziehen. Wie sich dieser Wille zur sinnlichen Wirklichkeit und zum empirischen Leben verhält, dies wird durch die Explikation der „originären Gesetzeskraft im Bann“ deutlich. Gerade die „Potenz des Gesetzes, sich im eigenen Entzug zu unterhalten, sich in der Abwendung anzuwenden“ bannt die sinnliche Wirklichkeit in einen Zustand des „nackten Lebens“. „Der Bann ist wesentlich die Macht, etwas sich selbst zu überlassen, das heißt die Macht, die Beziehung mit einem vorausgesetzten Beziehungslosen aufrechtzuerhalten. Dasjenige, was unter Bann gestellt wird, ist der eigenen Abgesondertheit überlassen und zugleich dem ausgeliefert, der es verbannt und verlässt, zugleich ausgeschlossen und eingeschlossen, entlassen und gleichzeitig festgesetzt &#8230; Der Bann ist im strengen Sinne die zugleich anziehende und abstoßende Kraft, welche die beiden Pole der souveränen Ausnahme verbindet: das nackte Leben und die Macht, den <em>homo sacer</em> und den Souverän“ (S. 119f.).</p>
<p>Im Ausnahmezustand und im Bann zum tötbaren Leben wird deutlich, wie die Vermittlung zwischen der Sphäre der reinen Form und der sinnlichen Wirklichkeit zu intepretieren ist. Kant hat die Sphäre des „freien Willens“, den Inbegriff bürgerlicher und aufklärerischer Verhältnisse, gerade in Abgrenzung zu empirisch Inhaltlichem und sinnlich Bedeutsamem formuliert. Mit Agambens Interpretation sieht die weltabgewandte Willensfreiheit und der autonome wie souveräne Wille nicht mehr gerade nach Eierkuchen aus, wie sich dies die Aufklärungsapologeten immer noch zusammenphantasieren. <em>Der „sinn-lose Wille“ der souveränen Entscheidung vermittelt sich im Bann mit der sinnlichen Wirklichkeit und produziert dabei das nackte, d.h. das absolut tötbare Leben.</em> Gerade in Kants &#8220;Achtung des höchsten Gutes&#8221; ist stets die Negation des Sinnlichen impliziert. In der verselbständigten Abstraktionsbewegung der bürgerlichen Form „gelten“ die Individuen nicht als konkret sinnliche, sondern nur im Hinblick auf ihre abstrakte Verwertbarkeit und ihre Rechtssubjektivität.</p>
<p>In der Zuspitzung auf die „Beziehung mit einem Beziehungslosen“ assoziiert sich zwangsläufig die männliche Besetzung. Laut einer empirischen Untersuchung kommuniziert der durchschnittliche moderne Arbeitspapi täglich etwa 15 Sekunden mit seinem Nachwuchs. Der Mann steht also in den tatsächlichen empirischen Beziehungen gerade für das Moment eines Bezogenseins zu einem Beziehungslosen. Die angesprochene Ebene der geschlechtlichen Abspaltung in den abstrakten Beziehungen der Warenform wird allerdings bei Agamben vollständig ausgespart. Dieser konzentriert sich &#8211; um es wohlwollend zu formulieren &#8211; gänzlich auf die Sphäre der rechtlichen Beziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft.</p>
<h4>Kants Geltung ohne Bedeutung und der Tod</h4>
<p>Der Kantschen Beziehungsform gibt Agamben in diesem Horizont den Charakter einer „Geltung ohne Bedeutung“. Diese Formulierung über den Inhalt der bürgerlichen Vernunft hat er aus einem Briefwechsel zwischen Gershom Scholem und Walter Benjamin übernommen. Überhaupt scheint der enge Bezug zu Benjamin &#8211; Agamben ist der italienische Herausgeber seiner Schriften &#8211; die nötige Ebene zur Reflektion der Rechtsform zu eröffnen. In seinem Text „Zur Kritik der Gewalt“ hatte Benjamin schon zentrale Bestimmungen über den mythischen bzw. metaphysischen Charakter des Rechts herausgestellt und die gewaltförmige Konstitution in Bezug auf das Recht klar erkannt. Agamben knüpft bis zur Übereinstimmung mit einzelnen Formulierungen an diese Analysen Benjamins an. Bezeichnenderweise wird in den meisten Rezensionen über Agamben das Überschreiten des Foucaultschen bzw. demokratischen Horizonts negativ vermerkt, kaum einmal aber positiv auf die dazu verwendete Benjaminsche Brücke verwiesen. Denn genau das „Aufsprengen der Kontinuität der Geschichte“ und die „Herbeiführung des <em>wirklichen</em> Ausnahmezustandes“ (Benjamin, 1965) sind Perspektiven, die eine politikasterhaft eingelullte Linke wohl nicht zu fassen imstande ist. In der Benjaminschen Tradition der Bestimmungen von Souveränität und Bann wird klar, welchen Gewaltkern die moderne Rechtsform beinhaltet. „Es gibt keine bessere Definition des Banns, mit dem unsere Zeit nicht zu Rande kommt, als diese Formel &#8230; Welches ist denn die Struktur des souveränen Banns, wenn nicht die eines Gesetzes, das <em>gilt</em>, ohne zu <em>bedeuten</em>? Überall auf der Erde leben die Menschen heute im Bann eines Gesetzes und einer Tradition, die sich einzig als &lt;Nullpunkt&gt; ihres Gehaltes erhalten und die die Menschen in eine reine Beziehung der Verlassenheit &#8230; einschließen. Alle Gesellschaften und alle Kulturen (gleichviel ob demokratisch oder totalitär, konservativ oder progressiv) sind heute in eine Krise der Legitimität geraten, in der das Gesetz &#8230; als reines &lt;Nichts der Offenbarung&gt; gilt. Doch das ist gerade die ursprüngliche Struktur der souveränen Beziehung, und in dieser Perspektive ist der Nihilismus, in dem wir leben, nichts anderes als das Auftauchen dieser Beziehung als solcher“ (S. 62). Auch wenn bei Agamben die Ebene des Krisenprozesses der Wertverwertung schlichtweg fehlt, so ist die juridisch-politische Perspektive auf den Krisenprozess der Warengesellschaft dennoch schlagend. Genauso wie die Krise der Arbeit nicht die Form selber sprengt, sondern im Gegenteil deren repressiven Kern des totalen Arbeitszwanges deutlich macht, so lässt der Krisenprozess den von Kant formulierten ungeheuren Kern der politischen Konstitution erkennbar werden. „Das Leben unter einem Gesetz, das gilt, ohne zu bedeuten, gleicht dem Leben im Ausnahmezustand“ (ebd.). Indem sich das Recht als positives nicht mehr auf einen Inhalt anwendet und diesen einer Normierung unterzieht, wird die konstitutive Voraussetzung deutlich. Wenn die Bedingung für die Geltung des Kantschen freien Willens darin liegt, sich unter „Abbruch aller Neigungen“ von der sinnlichen Wirklichkeit abzuwenden und etwas ganz anderes als das Leben zu <em>achten</em>, so heißt dies nur, die leibliche Existenz zu <em>verachten</em>. Das Leben verliert somit seine Bedeutung, wird zum „nackten Leben“ des homo sacer, das man töten kann, ohne einen Mord zu begehen. In der Erhebung über alle Sinnlichkeit, in der reinen Gesetzesform wird gleichzeitig diese sinnliche Wirklichkeit und das Leben der Menschen absolut gleichgültig und damit tötbar. Ja, die Auslöschung des sinnlichen Wesens dient im Ausnahmezustand geradezu als notwendiger Beweis für die Kraft des Nomos. Das von Kant formulierte „Untersichhaben der ganzen Sinnenwelt“ impliziert immer auch deren Vernichtung. Die <em>Achtung</em> für das Gesetz als oberste Maxime beinhaltet als Extrem letztlich die <em>Verachtung</em> der sinnlichen Wirklichkeit.</p>
<p>Schon Hegel war sich der Rolle des Todes als des „absoluten Herrn“ selbstverständlich bewusst. Der todesähnliche Charakter des freien Willens wird in zentralen Passagen seines Werkes dargelegt. In seiner Herr-und-Knecht-Dialektik der Phänomenologie beispielsweise ist es nicht der Herr, der den Knecht zum Arbeiten zwingt, sondern die Angst vor dem Tode, denn der Tod ist der eigentliche Herr über beide. Auch in Hegels zentralem politisch-rechtlichen Werk, der Rechtsphilosophie, stellt der abstrakte und inhaltsleere Wille, der Wille der „Leere“ den zentralen Gegenstand seiner Theorie dar. Hegel hat als Ideologe der bürgerlichen Versöhnung versucht, den immensen Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft, den sinn-losen Selbstzweck Charakter der reinen Form, in spannungsfreie Vermittlung aufzulösen. Das In-die-Welt-kommen des Begriffs stellt sich angeblich als Harmonie- und Einheitsbewegung in der Verobjektivierung dar. Doch tatsächlich ist das Wirklichwerden der abstrakten Form alles andere als eine gelungene Vermittlung, sondern durch permanente Krisen gekennzeichnet. Man muss die Rechtsphilosophie Hegels als ein gescheitertes theoretisches Großprojekt ansehen, den von Kant formulierten freien Willen, die „Idee des Rechts“ wirklich werden zu lassen (siehe Hegel, §1). Die Hybris seines Werkes drückt sich v.a. darin aus, dass er gerade auf der Grundlage der „absoluten Negativität“ durch die Verobjektivierungsbewegung hindurch ein Gebäude der Einheit und Harmonie entstehen sehen wollte.</p>
<p>Die auf dieser Grundlage prozessierende soziale Vermittlung, dessen Grundprinzp das Wollen des Nichts oder der Form ist, stellt sich dabei nicht, wie Hegel meinte, als Versöhnungsprozess dar, sondern als eine gesellschaftliche wie individuelle Katastrophe. Im Krisenprozess des Umöglich-Werdens der Wertverwertung „schreitet das Selbstbewusstsein nicht mehr in den geistigen Tag der Gegenwart ein“, vielmehr wird immer mehr deutlich, welche Ungeheuerlichkeit die von Hegel reflektierte „leere Nacht“ des Todes darstellt (5).</p>
<h4>Tötbares Leben als Grundlage der Biopolitik</h4>
<p>Sehr richtig formuliert Agamben die Grundlage der Einbeziehung in die politische Form als Rechtssubjekt: „Nicht das einfache natürliche Leben, sondern das dem Tod ausgesetze Leben (das nackte &#8230; Leben) ist das ursprüngliche politische Element“ (S. 98). „Das menschliche Leben politisiert sich nur durch das Überlassensein an eine unbedingte Macht über den Tod“ (S. 100). „Er (der Tod) scheint als solcher der höchsten Macht innezuwohnen, wie wenn diese letztlich nichts anderes wäre als <em>die Fähigkeit, sich und die anderen als tötbares &#8230; Leben zu konstituieren</em>“ (S. 110f.).</p>
<p>Foucault hatte die Bestimmung der modernen (politischen) Konstitution, gerade was die grundlegende Ebene der Einbeziehung in das Recht und die Politik betrifft, verfehlt. Denn die Durchsetzung der Abstraktion der Wertverwertung und der modernen bürgerlichen Formen lässt sich nicht wesentlich als „Bio-Politik“ und als „Eintritt des Lebens in die Geschichte“ (Foucault 1983, S. 169) kennzeichnen. „In dem neuen Verhältnis zwischen der Geschichte und dem Leben“ (ebd., S. 171) kommt es gerade auf die spezifische Art und Weise der Konstitution von „Leben“ an. Der politische Souverän ist nicht einfach die Macht, welche jetzt produktiv in verschiedensten Kalkülen wie Bevölkerungswachstum, Geburtenkontolle usw. auf das „Leben“ wirkt. Sondern diesem politischen Einwirken liegt ein grundlegendes gesellschaftliches Verhältnis zugrunde, das dem Souverän eine „unbedingte Macht über den Tod“ verleiht. Foucault missversteht diese Zugriffspotenz als Kennzeichen der angeblich vormodernen absolutistischen Souveränität. „Jetzt (Foucault meint die Moderne) richtet die Macht ihre Zugriffe auf das Leben und seinen ganzen Ablauf; der Augenblick des Todes ist ihre Grenze und entzieht sich ihr“ (ebd., S. 165). Früher war es Inbegriff der Macht, „sterben zu machen oder leben zu lassen“. Richtig müsste es heißen, dass die moderne gesellschaftliche Vermittlung, sowohl was die Sphäre der Arbeit angeht als auch die des Staates, eine dialektische Verschränkung von Leben und Tod darstellt. Wie im Produktionsprozess die lebendige Arbeit immer bezogen ist auf die tote und die Arbeitskraft im Arbeitsprozess als „totes Leben“ hergestellt wird, so kennzeichnet die Grundverfasstheit des souveränen Willens, „<em>sich und die anderen als tötbares &#8230; Leben zu konstituieren</em>.“</p>
<h4>Recht auf alles und nacktes Leben im Ausnahmezustand</h4>
<p>Auf das dem Tode ausgesetzte Leben bezieht Agamben auch Hobbes` „homo homini lupus“: „Hobbes` Naturzustand ist kein vorrechtlicher, dem Recht des Staates gleichgültiger Zustand, sondern die Ausnahme und Schwelle, die ihn konstituiert und bewohnt; er ist nicht so sehr Krieg aller gegen alle als vielmehr eine Lage, in der jeder für den anderen nacktes Leben und <em>homo sacer</em> ist“ (S. 116). Die Besonderheit des Souveräns besteht darin, dass er sein Naturrecht, das „Recht auf alles“ bewahrt und im Ausnahmezustand wird dieses Recht Wirklichkeit. Agamben stellt im Zusammenhang der Hobbesschen Formulierung des gegenseitigen Wolfseins dem homo sacer eine zweite, ebenso in einem Banne begriffene Figur entgegen, den Werwolf. Genauso wie das nackte Leben sich durch die Form des „Gesetzes überhaupt“ in die Körper einschreibt, so bleibt auch der Souverän mit einem nicht gerade angenehmen Partner in Beziehung, der jederzeit alle und alles für tötbar erklären kann, wenn er aus der Verbannung in den blutigen Tag tritt. Einerseits impliziert also die Souveränität die Reduktion auf bedeutungsloses Leben und andererseits eine noch von keinem Naturwesen darstellbare Grausamkeit. Insofern ist Agamben unbedingt zuzustimmen, wenn er sagt, „dass er als Wolfsmensch und nicht einfach als Wolf bestimmt wird &#8230; ist hier entscheidend: Das Leben des Verbannten ist &#8211; wie dasjenige des homo sacer &#8211; kein Stück wilder Natur ohne jede Beziehung zum Recht und zum Staat; es ist die Schwelle der Ununterscheidbarkeit und des Übergangs zwischen Tier und Mensch, zwischen physis und nomos“ (S. 115). Dieses „Recht auf alles“ des Hobbesschen lupus hat weder in der Natur seine Entsprechung, noch ist es als gesellschaftliches Prinzip jemals in der vormodernen Geschichte der Menschheit als allgemeines gesellschaftliches Prinzip zur Geltung gelangt. Ausschließlich die so vernünftige und aufgeklärte Welt von Freiheit und Gleichheit basiert auf dieser ungeheuren Konstitution. „Die souveräne Gewalt gründet in Wahrheit nicht auf einem Vertrag, sie gründet in der ausschließenden Einschließung des nackten Lebens in den Staat. Und so wie jenes tötbare &#8230; Leben &#8230; die erste und unmittelbare Referenz der souveränen Macht ist, bewohnt der Werwolf, der Wolfsmensch des Menchen, in der Person des Souveräns dauerhaft den Staat“ (S. 117). Kant hat wohl durchaus geahnt, welche Ungeheuerlichkeit die bürgerliche Vernunft beinhaltet. Und so legt er größtes Gewicht darauf, die beiden Momente seines kategorischen Imperativs, Freiheit und Gesetzlichkeit, immer in Verbindung miteinander zu denken. Das Bedingtsein durch das Gesetz macht die „frei“gewählte Unterwerfung der Subjekte nötig. Freiheit ergibt sich also aus der Unterwerfung unter die Gesetzesform. Aber ohne Bezug zum Prinzip der allgemeinen Gesetzgebung darf Freiheit nimmermehr sein. „Die Freiheit ist eine subjektive Gesetzlosigkeit &#8230; Sie verwirret also &#8230; Die ganze Natur wird dadurch in Verwirrung gebracht. Daher ohne moralisches Gesetz der Mensch selbst unter das Tier verächtlich und mehr als dasselbe hassenswürdig wird“ (zit. nach Böhme/Böhme, S. 341). Sehr zutreffend weist Kant auf die impliziten Potenzen seiner vernünftigen Freiheit hin, die Agamben mit der Figur des Wolfsmenschen charakterisiert. Im die ganze Natur verwirrenden Ausnahmezustand haust ein Wesen, das seine Freiheit und sein „Recht auf alles“ nur allzu konsequent in seinem Gegenüber, dem nackten Leben findet. Im Zustand der Ausnahme, in dem sich der „freie“ Wille nicht mehr durch die Gesetzesform hindurch auf einen Gegenstand bezieht und diesen formiert, treten die Figur des Wolfsmenschen und des homo sacer aus der Verbannung heraus. In diesem anomischen Zustand der Freiheit ohne Gesetzlichkeit werden Recht und Gewalt unmittelbar identisch. Es wird also kein Inhalt mehr einer Gesetzesform subsumiert, sondern die Menschen werden als „nacktes“ Leben, als bloße Bio- und Verfügungsmasse, mit der Freiheit der Souveräntität konfrontiert. „Der Souverän ist der Punkt der Ununterschiedenheit zwischen Gewalt und Recht, die Schwelle, auf der Gewalt in Recht und Recht in Gewalt übergeht“ (S. 42). Und genau diese Struktur des Identischwerdens von Recht und Gewalt wird nach Agamben im Lager sichtbar. Die Kraft des Nomos zeigt sich im Lager dadurch, dass sich der Wille unmittelbar auf den tötbaren Körper bezieht. Als verborgene Grundlage impliziert der Souverän immer die Reduktion des Menschen auf seine bedeutungslose Körperlichkeit. In Anschluss an Hobbes lässt sich feststellen: „Es sind die absolut tötbaren Körper der Untertanen, die den neuen politischen Körper des Abendlandes bilden“ (S. 134). Und im Lager macht die Souveränität diesen konstituierten Körper sichtbar. Es ist die männlich konnotierte Freiheit der Kantschen Vernunft, die „Geltung ohne Bedeutung“, die sich ihrer Potenz versichert, indem sie das Leben für absolut bedeutungslos und damit für jederzeit tötbar erklärt. Das vom Souverän verkörperte „Recht auf alles“ wird im Lager zum Prinzip, nach dem „alles möglich ist“ (H. Arendt).</p>
<p>Die Analyse Agambens erhellt das Verständnis des Konzentrationslagers als wichtige Erscheinungsform der modernen Verknüpfung von Individuum und abstrakter Allgemeinheit: „das Lager &#8230; als verborgene Matrix, als Nomos des politischen Raumes“ (S. 175). „Insofern seine Bewohner jedes politischen Status entkleidet und vollständig auf das nackte Leben reduziert worden sind, ist das Lager auch der absoluteste biopolitische Raum, der je in der Realität umgesetzt worden ist, in dem die Macht nur das reine Leben ohne jegliche Vermittlung vor sich hat. Darum ist das Lager das Paradigma des politischen Raums“ (S. 180). Das Verhältnis zwischen der abstrakten Allgemeinheit (des Souveräns) und dem Einzelnen impliziert als Extrem die vollständige Rechtlosigkeit oder &#8211; je nach Sichtweise &#8211; das absolute Recht. Und Agamben fragt nach den Hintergründen, „durch welche juridischen Prozeduren und welche politischen Dispositive menschliche Wesen so vollständig ihrer Rechte und Eigenschaften haben beraubt werden können, bis es keine Handlung mehr gab, die an ihnen zu vollziehen noch als Verbrechen erschienen wäre (an diesem Punkt war in der Tat alles möglich)“ (ebd.). Als verborgene Grundlage der Figur des Rechtsubjekts, auf das sich die politisch-juridischen Diskurse beziehen, setzt der Souverän das „nackte“ Leben der Individuen, über das er im Ausnahmezustand jederzeit und unumschränkt verfügen kann. Die beiden Pole der Rechtssubjektivität und des nackten Lebens bedingen sich gegenseitig, und das erstere hat die Reduktion auf bedeutungsloses Leben zur Voraussetzung. Sie ist die „Geltung ohne Bedeutung“, die die sinnliche Wirklichkeit in dem Bann des nackten Lebens hält.</p>
<h4>Nacktes Leben als „Flüchtling“</h4>
<p>Das Verhältnis zwischen Subjekt des Rechts und der biologischen Referenz im nackten Leben lässt sich auch als Problem der Beziehung zwischen Menschenrecht und der Geburt bzw. zwischen Staatsbürger und „Flüchtling“ analysieren. In Rekurs auf Hannah Arendt schildert Agamben den prekären Bezugspunkt der Menschenrechte: „Im System des Nationalstaates erweisen sich die sogenannten heiligen und unveräußerlichen Menschenrechte, sobald sie nicht als Rechte eines Staatsbürgers zu handhaben sind, als bar allen Schutzes und aller Realität“ (S. 135). Es ist die notwendige Verkopplung von nationalem Territorium und dem Anspruch der Rechtsperson, die die menschenrechtliche Situation für flüchtende Menschen so prekär werden lässt. Entfällt die Eigenschaft der Rechtssubjektivität, an die die sog. unveräußerlichen Grundrechte geknüpft sind, so wird die Figur des nackten Lebens sichtbar. „Wenn die Flüchtlinge &#8230; in der Ordnung des modernen Nationalstaates ein derart beunruhigendes Element darstellen, dann vor allem deshalb, weil sie die Kontinuität zwischen Mensch und Bürger, zwischen Nativität und Nationalität, Geburt und Volk, aufbrechen &#8230; Der Flüchtling, der den Abstand zwischen Geburt und Nation zur Schau stellt, bringt auf der politischen Bühne für einen Augenblick jenes nackte Leben zum Vorschein, das deren geheime Voraussetzung ist“ (S. 140).</p>
<p>B. Traven hat schon in den „Goldenen Zwanziger“ Jahren des letzten Jahrhunderts in seinem Roman das „Totenschiff“ die grauenvolle Lage von Staaten- bzw. Passlosen deutlich gemacht. Bei Verlust des Ausweises, was dem Verlust der Rechtssubjektivität gleichkommt, drohte nicht nur die Situation, zum Freiwild für jedermann und v.a. für den Staat zu werden, da ja kein Mord verübt werden konnte. Auch jede Rückkehr in den rechtsförmigen Normalzustand war unmöglich geworden, mithin auch die Aufnahme in ein nationalstaatliches Territorium. Die einzige Alternative für „Papierlose“, die Traven schildert, war die Existenz als Fremdenlegionär oder die Elendsarbeit als Seemann auf einem „Totenschiff“ unter erbärmlichsten Bedingungen: „Das Land ist mit einer unübersehbaren Mauer umgeben, ein Zuchthaus für die, die drinnen sind, ein Totenschiff oder eine Fremdenlegion für die, die draußen sind. Es ist die einzige Freiheit, die ein Staat, der sich zum Extrem seines Sinnes entwickeln will und muss, dem einzelnen Menschen, der nicht numeriert werden kann, zu bieten vermag, wenn er ihn nicht mit kühler Geste ermorden will. Zu dieser kühlen Geste wird der Staat noch kommen müssen. Vorläufig aber hat Caesar Capitalismus an diesem Mord noch kein wesentliches Interesse, weil er den Kehrricht, der über die Zuchthausmauern geworfen wird, noch brauchen kann. Und Caesar Capitalismus lässt nichts verkommen, solange es noch Profit verspricht. Auch der Kehrricht, den die Staaten über die Mauern werfen, hat noch seinen Wert und wirft gute Profite ab, die abzuweisen Sünde wäre, unverzeihliche Sünde.“</p>
<p>Ebenso wie die Vernutzung für den Profit unter absoluten Elendsverhältnissen, die Traven anhand der Zwangsarbeit von staatenlosen Seeleuten auf sog. Totenschiffen schildert, als das bedingungslose Ausgeliefertsein an die Macht des Staates ist auch und gerade 80 Jahre später wirklicher denn je. Auf den Flüchtlingsschiffen, wie der „Tampa“ in Australien oder der „Vlore“ in Italien, wird der Begriff Totenschiff allerdings auf eine andere aber ebenso furchtbare Weise Realität. Dort figurieren zwar die Menschen nicht als bloßes Material zur Arbeitsverausgabung, aber die Quasi-Nichtanerkennung als Rechtssubjekte impliziert für sie eben den anderen Pol der bürgerlichen Konstitution, das nackte Leben. Und als diese homines sacri bekommen die Flüchtlinge zu spüren, worin die „kühle Geste“ der staatlichen Macht bestehen kann: Abtransport in Flüchtlingslager, ob in die australische Wüste in das Konzentrationslager Woomera oder in das Fußballstadion von Bari. Notfalls aber auch ein direkter Schießbefehl gegen Flüchtlingsboote und deren Insassen (siehe Süddeutsche Zeitung, 25.1.2002; Zeit, 29.11.2001).</p>
<p>Mit steigender Zahl der Gebiete, die von der globalen Vernutzung von Arbeit ausgeschlossen werden, nimmt der Zwang zur Migration zu und somit auch das Problem des „nackten Lebens“. In Form von Flüchtlingselend bis zum Tod auf Elendskähnen von Menschschleppern erscheint dieses für die metropolitane Öffentlichkeit meist nur dann, wenn wieder eine neues Extrem an Grauenhaftigkeit und Brutalität überschritten wurde. Das gezeigte Elend wird aber für den aufgeklärten Medienkonsumenten als etwas Unwirkliches in mehrfacher Hinsicht wahrgenommen. Zuerst ist es natürlich immer die Not der anderen und mit dem normalen Gang der kapitalistischen Dinge hat dies scheinbar überhaupt nichts zu tun. Aber auch die mediale Darstellung mit teils offener rassistischer Schlagseite zeigt die betroffenen Menschen nicht selten als inferiore Masse und keineswegs als anerkannte und gleichwertige Subjekte. Schon der deutsche Begriff „Flüchtling“ hat eine eindeutig abwertende Konnotation.</p>
<p>Neben dem gänzlichen Ausblenden und rassistischen Abwerten gibt es aber noch einen dritten Umgang damit: als Skurrilität. Depotenzierte „Fälle exterritorialer Existenz“ lassen sich so durchaus in die bornierte Vorstellungswelt des westlich postmodernen Subjekts einpassen und als etwas Absonderliches abtun: Im Jahre 1999 wurde der aus dem Iran stammende Karimi Nasseri unter dem Namen „Sir Alfred“ in aller Welt bekannt. Denn seit 1988 lebt dieser auf dem Gelände eines Flughafens in Paris. Doch Frankreich hatte Nasseri offiziell nie betreten, denn als die Behörden in England seinen Pass einbehalten hatten und ihn in ein Flugzeug nach Paris schickten, kam er dort als juristische Person niemals an. Seitdem lebt „Sir Alfred“ in dem Niemandsland des Flughafengeländes in einer Situation, dem sich das individualisierte Metropolensubjekt verständlicherweise näher fühlt als der Existenz eines Insassen von Woomera oder dem einer Geflohenen in Afghanistan. Deshalb eignet sich die unglaubliche Lebensgeschichte des Karimi Nasseri auch so gut für die Darstellung des Problems der Exterritorialität eines Staaten- und Passlosen in den westlichen Medien. Steven Spielberg erzählt in seiner nächsten Hollywood-Produktion denn auch nicht eine Geschichte eines „Flüchtlings“ aus dem Kosovo oder dem Kongo, sondern genau die des „Sir Alfred“ auf dem Charles-de-Gaulle-Airport in Paris, von einem Ort also, der den Inbegriff moderner Mobilität und Flexibilität darstellt. In der New York Times liest sich dies wie folgt: „He has lived here between the pizzeria und an electronic store, his days punctuated by the rhythm of the flights. Bustling travelers gather in the mornig and dwindle away in the evening. Tidy and dignified, Nasseri remains on his bench. He shaves with an electric razor every morning, washes in the passengers faciltities and takes his clothes to the cleaner here. He survived for years on the kindness of strangers. He never begs (!). But airport employees routinely give him their meal coupons. Flight attendants give him toiletries left over from the first-class passengers. Occasionally, people who have heard his story send him money in the mail. One traveler gave him a sleeping bag and camping mattress, though he generally prefers to sleep on his curved bench. (New York Times- International, 27.11.1999) Wenn schon das Problem mit der staatenlosen Existenz so unabweislich scheint, dann aber bitte zwischen netten Buchläden, hippen Klamottenshops und trendigen Bars und in aller Bescheidenheit und mit der nötigen Zurückhalten, v.a. aber ohne Belästigung für den Normalbetrieb.</p>
<h4><strong>„</strong><strong>Nacktes Leben“ als Arbeitskraft</strong></h4>
<p>Travens Anklage richtet sich aber nicht nur gegen die „tödliche“ Existenz als Staaten- und Papierlose, sondern treffenderweise auch gegen das Dasein als „nacktes Leben“ und totes Material zur Arbeitsvernutzung: „Seitdem ich auf der Yorikke gewesen bin und sie gefahren habe, glaube ich nicht mehr an die herzzerreißenden Geschichten der Sklaven und der Sklavenschiffe. So dicht, wie wir gepackt waren, sind Sklaven nie gepackt worden. So hart, wie wir arbeiten mussten, haben Skalven nie zu arbeiten brauchen. So müde und so hungrig, wie wir immer waren, sind Skalven nie gewesen, Sklaven waren Handelsware, für die bezahlt worden war und für die man hohe Bezahlung erwartete. Diese Ware musste sorgfältig behandelt werden. Für abgerackerte, ausgehungerte und übermüdete Sklaven bezahlte niemand auch nur Transportkosten, geschweige denn einen Preis, dass der Händler noch tüchtig daran verdienen konnte. Aber Seeleute sind keine Sklaven, für die bezahlt worden ist, und die als kostbare Handelsware hoch versichert sind. Seeleute sind freie Menschen. Sie sind frei, verhungert, verlumpt, übermüdet, arbeitslos und darum gezwungen zu tun, was von ihnen verlangt wird, und zu arbeiten, bis sie zusammenfallen. Dann werden sie über Bord geworfen, weil sie das Futter nicht mehr wert sind &#8230; Wir verkommen im Dreck. Wir sind zu müde, um uns zu waschen. Wozu auch waschen? Wir verhungern, weil wir vor der Schüssel einschlafen. Wir verhungern, weil die Kompanie sparen muss, um die Konkurrenz auszuhalten. Wir sterben in Lumpern, schweigend, auf einem gesuchten Riff, tief im Kesselraum. Wir sehen das Wasser kommen, und wir können nicht rauf. Wir hoffen, dass der Kessel explodiert, um es kurz zu machen, weil die Hände eingeklemmt, die Feuertüren aufgerissen sind und die glühenden Kohlen an unsern Füßen und Schenkel langsam frisst. Der Kesselgang? Der ist dran gewöhnt. Dem macht das Verbrennen und Verbrühen nichts aus. Wir sterben schweigend in Lumpen, wir haben keinen Namen, wir haben keine Nationalität. Wir sind niemand, wir sind nichts. Heil dir, Caesar Augustus Imperator, du hast keinen Witwen und Waisen Pension zu zahlen. Wir, o Caesar, sind die getreuesten deiner Diener. Die Todgeweihten grüßen dich. Morituri te salutant &#8230; Man kann ein Totenschiff fahren. Man kann ein Toter sein, ein Toter zwischen Lebenden. Ausgelöscht kann man sein aus der Reihe der Lebenden, hinweggeweht von der Oberfläche der Welt, und kann dennoch gezwungen sein, entsetzliche Qualen zu erdulden, denen man nicht entgehen kann, weil man schon tot ist, weil einem kein weiterer Weg zur Flucht offen gelassen wird.“</p>
<p>Die moderne bürgerliche Form impliziert nicht nur die Existenz als bedeutungsloses und „nacktes“ Leben in Bezug auf die Rechtsform, sondern die Reduktion auf das bloße physiologische Dasein manifestiert sich ebenso in der Vernutzung von Arbeitskraft. Neben dem „homo politicus“, der Rechtssubjektivität und dem korrelierenden „homo sacer“, beinhaltet die Warengesellschaft auch den „homo oeconomicus“, das im Extremfall zur bloßen Materie degradierte Arbeitswesen. Um eine adäquate Beschreibung der modernen Verhältniss liefern zu können, müsste Agambens Analyse also auf den anderen Pol der modernen Warengesellschaft erweitert werden, denn die moderne Form der Reduktion auf bloße Bio-Masse umfasst neben dem Staat und der Rechtsform eben auch die Sphäre der Ökonomie und Warenform. Gleichgültig ob als illegale Einwanderer ohne Papiere und damit rechtsförmigen Status in elendigsten Arbeitsverhältnissen unter unmenschlichen Bedingungen oder ob als vor Bürgerkrieg und Massenelend Fliehende auf Totenschiffen: In den immer häufiger auftretenden Extremen des globalen Kapitalismus wird der Bann der modernen Form von Staatlichkeit und Ökonomie grauenvoll kenntlich, der die Menschen auf ihre nackte Existenz reduziert.</p>
<h4>Kritik der Rechtsform und des Staates überhaupt</h4>
<p>Auch wenn dieser notwendige Zusammenhang in Agambens Untersuchung gänzlich außer Acht gelassen wird, führt sie doch auf der Ebene der Rechtsform und der Politik zu den Wurzeln der gewaltförmigen Konstitution und damit zur Infragestellung von traditionellen Perspektiven der Linken. So lässt die Unterscheidung zwischen dem nackten Leben („Flüchtling“) und der Rechtsperson als zentrale Polarität die von der Linken emanzipativ besetzte Differenzierung zwischen dem ius soli und dem ius sanguinis fraglich erscheinen. Sowohl das Bürgerrecht verliehen nach der Geburt in einem bestimmten Territorium als auch jenes, das sich auf die Geburt von Bürgereltern bezieht, hat zur gemeinsamen Grundlage „das reine Faktum der Geburt &#8230;, das sich als Quelle und Träger des Rechts präsentiert &#8230; La Fayette: &lt;Jeder Mensch wird mit unveräußerlichen und unantastbaren Rechten geboren&gt;. Gleichzeitig verschwindet das natürliche Leben &#8230; wieder in der Figur des Bürgers, in dem sich die Rechte &lt;bewahrt&gt; finden“ (S. 136). „Die Erklärung der Menschenrechte stellt die originäre Figur der Einschreibung des natürlichen Lebens in die juridisch-politische Ordnung des Nationstaates dar“ (ebd.). „Das Prinzip der Nativität und das Prinzip der Souveränität &#8230; vereinigen sich nun unwiderruflich im Körper des &lt;souveränen Subjekts&gt;, um das Fundament des neuen Nationalstaates zu bilden. Es ist nicht möglich, die &lt;nationale&gt; und biopolitische Entwicklung und Bestimmung des modernen Staates des 19. und 20. Jahrhunderts zu verstehen, wenn man vergisst, dass ihm nicht der Mensch als freies und bewusstes politisches Subjekt zugrunde liegt, sondern vor allem sein nacktes Leben, die einfache Geburt, die als solche im Übergang vom Untertan zum Bürger vom Prinzip der Souveränität eingesetzt wird“ (S. 137).</p>
<p>Agambens Analyse, die die Basiskategorien der modernen Staatlichkeit in Augenschein nimmt, kann schließlich dazu führen, die Gesellschaftskritik wirklich an den Wurzeln moderner Konstitution ansetzen zu lassen. Nicht das Einklagen eines nur immer gutgemeinten und immer nur das Gegenteil bewirkenden abstrakten Humanitarismus müsste das Ziel einer emanzipativen Perspektive sein, sondern nur die Abschaffung der Formen des Staatsbürgerrechts überhaupt, egal ob ius soli oder ius sanguinis. In einer Linken, die sich den realen Veränderungen stellt und sich nicht mit pseudoemanzipativen westlichen Werte-Halluzigenen entmündigt, scheint eine an die Wurzeln gehende Perspektive der Kritik der „Staatsbürgerlichkeit überhaupt“ durchaus Anklang zu finden. So kann man in einem Papier der MigrantInnen-Initiative „Kanak Attak“ gegen einen Reformismus im Staatsbürgerschaftsrecht lesen: „Diese Perspektive (ausschließlich „ius soli“ gegenüber „ius sanguinis“ emanzipativ zu besetzen, KW) bleibt aber den hegemonialen Verhältnissen immanent und variiert lediglich den Modus ihrer Herrschaftstechniken. Indem sie den Status derer verhandelt, die es nach &lt;Drinnen&gt; geschafft haben, ohne die Mechanismen dessen Erzeugung anzugreifen, stellt sie die moderne Biopolitik nicht in Frage, sondern verändert lediglich ihren Vollzug. Eine Perspektive kann daher nur darin bestehen, den Nexus Geburt-Territorium-Staat anzugreifen, der das Lager als monströses Dispositiv der Normalisierung hervorbringt“ (www.kanak-attak.de, Januar 2003). Eine Kritik am barbarischen Gewaltpotential der modernen Souveräntität gewinnt nur dann ein wirklich emanzipatives Ziel, wenn kategorial der Zusammenhang von Rechtsperson als „Geltung ohne Bedeutung“ erfasst wird. Der Angriff gegen die „hegemonialen Verhältnisse“ führt dann nämlich zutreffenderweise über den „migrantischen Reformismus“ hinaus zu einem Bruch mit den Bestimmungen von „Geburt-Territorium-Staat“. Auch Agamben verbindet mit der Offenlegung der verborgenen Struktur bürgerlicher Konstititution notwendigerweise eine Perspektive des Bruchs mit diesen Grundkategorien. „Nun ist es also an der Zeit, den Mythos von der Gründung des modernen Staates von Hobbes bis Rousseau noch einmal von vorn zu lesen. Der Naturzustand ist in Wahrheit ein Ausnahmezustand &#8230; Sämtliche Vorstellungen vom originären politischen Akt als Vertrag oder Übereinkunft, der den Wechsel von der Natur zum Staat eindeutig und endgültig markieren würde, sind rückhaltlos zu verabschieden“(S.118f.).</p>
<h4><strong>„</strong><strong>Homo sacer“ und Auschwitz</strong></h4>
<p>Doch wie so häufig, wenn versucht wird, Mannigfaltiges und Vielfältiges auf einen Begriff zu bringen, stehen diverse Ecken und Kanten hervor. Ein solch Überstehendes in Agambens Begriffssystem ist sicherlich die Frage des Antisemitismus. „Die für die Opfer selbst schwer zu akzeptierende Wahrheit, die nicht mit Opferschleiern zu verhüllen wir gleichwohl den Mut haben müssen, ist, dass die Juden nicht im Verlauf eines wahnsinnigen und gigantischen Holocaust, sondern buchstäblich, ganz Hitlers Ankündigung gemäß, &lt;wie Läuse&gt;, das heißt als nacktes Leben vernichtet worden sind. Die Dimension, in der die Vernichtung stattgefunden hat, ist weder die Religion noch das Recht, sondern die Biopolitik“ (S.124). Hier hat sich Agamben doch zu sehr in seinen Ansatz des nackten Lebens verrannt. Die Vernichtung der Juden als bloßen Ausdruck der Biopolitik zu nehmen, verlängert gerade den unzureichenden Ansatz Foucaults. Wie er sich im Hinblick auf die Fokussierung der Souveränität als Basiskategorie der Moderne zutreffenderweise von Foucault absetzt, so bleibt er hier der behavioristischen Sichtweise seines Lehrers durch dessen Machtontologie hindurch leider verhaftet. Damit entgeht ihm völlig die irrationale Rückseite der bürgerlich-warenförmigen Beziehungen mit deren projektiven und antisemitischen Charakter. Der Holocaust ist nicht einfach ein Element der rational kalkulierenden Biopolitik, die den nationalen Körper seiner planenden Vernunft unterstellt, sondern auf einer grundsätzlicheren Ebene deren dunkle Rückseite. In der begrifflichen Fokussierung auf den Ausnahmezustand und das nackte Leben in ihrer Beziehung zum Foucaultschen biopolitischen Positivismus verschwimmt bei Agamben die entscheidende Differenz von Lager im Allgemeinen und Auschwitz im Besonderen.</p>
<p>Gerade Carl Schmitt, auf dessen Begrifflichkeiten sich Agamben ja bezieht, macht klar, dass im Zentrum des „Politischen“ der Warengesellschaft nicht nur der Bann der Souveränität steht, sondern die im Extrem deutlich werdende Grundstruktur des Antisemitismus. Zur Konstitution der Moderne gehört als extremste Mobilisierung eben nicht nur der Ausnahmezustand und das Lager, sondern gerade auch der „wahnsinnige und gigantische Holocaust“. Es ist das Unfassbare an Auschwitz, dass an Menschen mit projektiv zugeschriebenen Eigenschaften versucht wurde, die eigene unbegriffene abstrakte gesellschaftliche Vermittlung zu vernichten. Und es ist durchaus zutreffend, wenn man die Tötung von Millionen von Menschen für den absurden Selbstzweck der Wertform in Kategorien des Opfers beschreibt. Hier macht es sich Agamben entschieden zu einfach mit seiner „Dimension der Biopolitik“ und es zeigt sich, dass für eine adäquate Bestimmung der kapitalistischen Prozesse, immer die vom Wert miterzeugte „dunkle“ und irrationale Seite mitzureflektieren ist.</p>
<p>In Schmitts Bestimmungen der politischen Konstitution geht der Antisemitismus grundlegend ein. Die wahrhafte politische Entscheidung besteht nach ihm darin, Freund und Feind bestimmen zu können. Wenn Schmitt davon spricht, dass in dieser existenziellen Situation keine inhaltlichen Interessen, wie z.B. wirtschaftliche, moralische usw. eingehen, so ist die enge Verwandtschaft zum Kantschen „Gesetz überhaupt“ alles andere als zufällig. Denn gerade der von jedem Inhalt gereinigte Wille ist der Aufklärung höchste Sehnsucht und überhaupt Grundlage der Rechtsform. Und auch bei Schmitt bildet der von allen sonstigen Inhalten wie „Religionspolitik, Schulpolitik, Kommunalpolitik, Sozialpolitik“ (Schmitt, S.30) abstrahierende Wille der Freund-Feind-Definition die zentrale Bestimmung des Politischen. Diese konstituiert erst „die Existenz der alle Gegensätze umfassenden politischen Einheit des Staates“ (ebd.). Doch dies ist noch nicht alles. Die Bestimmung eines Gegners könnte bedeuten, dass dieser sozusagen als „gerechter Feind“ auf derselben Ebene anerkannt wird.</p>
<p>Die Abgrenzung des eigenen souveränen Willens ist aber konstitutiv mit der Vernichtung des als „seinsmäßig Fremden“ und „existentiell Anderen“ verbunden: „ Er (der politische Feind) ist eben der andre, der Fremde, und es genügt zu seinem Wesen, dass er in seinem besonders intensiven Sinne existentiell etwas anderes und Fremdes ist, so dass im extremen Fall Konflikte mit ihm möglich sind“ (ebd., 27). Welchen Charakter diese Auseinandersetzung im Extremfall haben kann oder gar haben muss, verdeutlicht Schmitt unumwunden. Der staatliche Souverän entscheidet, „ob das Anderssein des Fremden im konkret vorliegenden Konfliktsfalle die Negation der eigenen Art Existenz bedeutet und deshalb abgewehrt oder bekämpft wird, um die eigene, seinsmäßige Art von Leben zu bewahren“ (ebd.). Es ist also keineswegs nur ein einfaches und rational bestimmtes Gegenüber zweier souveräner Willen, sondern der Fremde und Andere stellt im Extremfall die existentielle Bedrohung der „eigenen, seinsmäßigen Art“ dar. Doch was Schmitt als „seinsmäßig“ Anderes und Feindliches bestimmt, ist letztlich nur ein perfider Mechanismus der Projektion. Denn schließlich ist es die eigene unbegriffene und unbewusst hergestellte abstrakte gesellschaftliche Vermittlung eines „Gesetzes überhaupt“ mit deren von jeglichem sinnlichen Inhalt „befreiten“ Willen, welche eine solch existentielle Bedrohung hervorruft. In der Abstraktion von jeglichem Inhalt verbleibt <em>dem so gestalteten Willen nämlich kein anderes Gegenüber als die dunkle und irrationale Rückseite der eigenen Konstitution</em>. Jenseits der scheinbar intelligibel verbürgten Synthesis der Ratio droht das Chaos und die Auflösung (4). Und vor dieser, die bürgerliche Vernunft umhüllenden Bedrohung, gilt es sich zu retten. Je stärker und enger sich das moderne Subjekt auf den reinen, von allen Inhalten entblößten Willen, den Kantschen „Willen überhaupt“ stützt, desto größer auch die Gefahr der Ohnmacht gegenüber dem „Abgrund“. Die Hybris dieses von den Nationalsozialisten tatsächlich verwirklichten Willens ist die Annahme, die eigene Irrationalität im Juden vernichten zu können. Der scheinbar souveräne Akt der Feindbestimmung transformiert den Feind, der also immer im „eigenen“ Land, d.h im eigenen Selbst steht, in eine äußere Bedrohung. Der von jedem Inhalt gereinigte Wille versucht der ohnmächtigen Lage seines irrationalen Gegenübers durch Projektion Herr zu werden und sich einen Feind zu definieren, der weniger zu bekämpfen als zu vernichten ist.</p>
<p>Für den Erhalt der eigenen Art und Volks-Gemeinschaft scheint also die Negation des Anderen konstitutiv. Schmitt formuliert schon 1932 das Ziel der nationalsozialistischen Kriegsführung: die Vernichtung der Juden, um die eigene „seinsmäßige Art von Leben zu bewahren.“ Gerade in der begrifflichen Bestimmung der Freund-Feind-Konstellation als Kern des Politischen macht Schmitt also klar, dass der eigene scheinbare Existenzkampf nicht etwas der Rechtsform Äußerliches darstellt. Carl Schmitts Politische Theorie ist infam, genauso infam wie die Verhältnisse, die sie affirmiert. Sein antisemitischer Inhalt ist nicht eine Verirrung, sondern hat Methode.</p>
<h4>Positivismus oder die Kritik der Totalität ist totalitär</h4>
<p>Dass Agamben die ganze Ebene des Irrationalen und damit des Antisemitismus der Rechtsform unbeleuchtet lässt, hängt wohl, wie schon erwähnt, mit der eindimensionalen Reflektion im Horizont der foucaultschen Biopolitik zusammen. Das nichtpositivistische Begreifen der Moderne als durch ein verheerendes einheitliches Prinzip des Rechts konstituiert, führt ihn allerdings über den verkürzten Politik- und Regierungsbegriff Foucaults („Gouvernementalität“) hinaus. Dem Positivismus im Allgemeinen und dem „fröhlichen“ im Besonderen ist diese notwendige Ebene der Kritik per se verschlossen. Ganz der Buntscheckigkeit der Oberfläche verfallen sind es immer nur die mehr oder weniger bewussten Willensäußerungen von Subjekten oder Nicht-Subjekten, die das gesellschaftliche Geschehen produzieren. Jeder Ansatz, der dagegen Gesellschaft nicht in den lokalen und pluralen Praktiken situiert, verfällt dem Verdikt, antiquiert oder gar totalitär zu sein.</p>
<p>Der Positivismus verfügt bekanntlich über kein Unterscheidungskriterium zwischen einheitlicher Form und dem damit verbundenen Inhalt. Dass beispielsweise Rousseaus Philosophie totalitär ist, ergibt sich eben nicht &#8211; wie die PositivistInnen meinen &#8211; aus einem repressiven politischen und damit inhaltlichen Programm, sondern aus den Zumutungen der gesellschaftlichen Formkonstitution, die er, rein affirmativ, im Begriff des „Allgemeinwillens“ entwickelt (6). Aus diesem zentralen Defizit der Differenzierungsfähigkeit von Form und Inhalt scheinen andere wie von selbst zu folgen. In einer Rezension zum „Homo sacer“ gibt Astrid Deuber-Mankovsky einen kleinen Einblick in die Vielfalt &#8211; oder sollte man sagen Einfalt? &#8211; positivistischen Verkennens. So wird Agambens Kritik wie selbstverständlich in die Tradition des Totalitarismus gestellt und sein kritisches Festhalten der gewaltförmigen Grundkonstitution zum eigentlichen Problem stilisiert. Die kritische Reflexion des Gewaltkerns, wird verkehrt zum Kern der Gewalt. Dabei ist es auch schon gleichgültig, ob in kritischer (Agamben) oder rein affirmativer (Rousseau) Absicht versucht wird, gesellschaftliche Praxis in ihrer Formkonstituiertheit zu bestimmen. „Die agambensche Philosophie verspricht also eine Sicht der Welt aus der Perspektive der Extremsituation, die zur Regel geworden sei &#8230; Eine Philosophie in diesem Sinn löscht die Differenzen, statt ihnen gerecht zu werden. Sie wird gewalttätig“ (Deuber-Mankowsky, S. 97). Nun, was soll man mit einer Argumentation anfangen, die eine negatorische Kritik der Verhältnisse nicht von einer positiven Fundierung derselben zu unterscheiden weiß? Wenn der positivistische Verstand unumwunden zugibt, nicht mehr zwei und zwei zusammenzählen zu können, so darf man getrost mehr als nur geistige Unzulänglichkeit dahinter vermuten. Es nützt einem solchen Standpunkt nichts, wenn argumentiert wird. Nicht nur, dass die Arbeit Agambens eine radikale Infragestellung zentraler Kategorien darstellt, deren Gehalt doch allen Verfechtern von Freiheit, Gleichheit und Ausnahmezustand so ans Herz gewachsen sind und deshalb massive Gegenfeuer auslöst. Es ist nicht nur das ungehobelte westliche Werte-Brett vor dem Kopf, das den Positivismus vor einem adäquaten Zugang zur gesellschaftlichen Wirklichkeit schützt, sondern der Grund liegt vielmehr in der eigenen theoretisch-sterilen Selbstvergatterung.</p>
<p>„Nun überträgt Agamben die Souveräntitätstheorie von Schmitt auf sein Konzept einer &lt;ursprünglich politischen Beziehung&gt;, die nach seiner Auffassung der gesamten abendländischen Geschichte zugrunde liegt. Damit schreibt er Schmitts Theorie der Souveränität als Konstituens der abendländischen Geschichte fest. So ist es kein Wunder, dass auch in Agambens Konzept der demokratische Rechtsstaat zum Feind gerät, den es, und darin folgt er wieder (wider Willen?) Schmitt, zur Rettung des Politischen zu überwinden gelte“ (Deuber-Mankowsky, S.100). „Agamben universalisiert jenen exklusiven Begriff des Rechts, den Schmitt in den dreißiger Jahren als Wesen des deutschen Rechts entworfen &#8230; hatte“ (ebd., S.101). Agamben hat seine Hand ans Heiligste gelegt und entsprechend ist die Reaktion. Wer die Totalität benennt, ist totalitär. Das Recht ist eben nicht sacer, sondern sakrosankt. So wird der Souveräntitätsbegriff, den Agamben zutreffenderweise kritisch gegen die moderne politische Konstitution insgesamt wendet, als ausschließlich deutsche Theorie entsorgt. Den Totalitarismus unterstützen jene, die ihn benennen. Und da die Differenz von Kritik und Affirmation auch schon egal ist, kann man Agamben getrost auf die gleiche Seite wie den Nazi-Theoretiker Carl Schmitt stellen, um ihm dann den blinden Prozess des positivistischen Pluralitäts-Geseiches zu machen. Solch eine Theorie ist nicht nur nicht ganz bei Trost.</p>
<p>Es hat fast schon etwas Tragisch-Komisches wie Deuber-Mankovsky immer wieder an den zugenagelten Brettern des Positivismus kratzt und beispielsweise den Begriff der gesellschaftlichen Realvermittlung als totalitäre Marotte subjektivistisch missversteht. So meint sie mit Agambens von Benjamin übernommener Figur des für die Regel wichtigen Extrems ein Beispiel dafür zu finden, „wie das Denken im Ausnahmefall funktioniert und wohin es führt. So verspricht die Orientierung am Extrem höchste Konkretion und führt doch, wie die pauschalisiernde Verallgemeinerung, wir seien potentiell alle homines sacri deutlich macht, in die reine und leere Abstraktion“ (ebd., S.107). So etwas Ungeheuerliches wie eine „reine und leere Abstraktion“ ist für den positivistischen Verstand nur als subjektivistisches Konstrukt denkbar und nicht als allgemeines gesellschaftliches Vermittlungsprinzip. Was das positivistische Denken nun eben gar nicht verstehen kann, auch wenn er es vielleicht wollte, ist das Problem der Fetischkonstitution. Will man dem Positivismus das Phänomen staatlicher Souveränität nicht als Oberflächenphänomen von widerstreitenden Kräften begreiflich machen, sondern als Formkonstitution, könnte man ebenso einem Schienenfahrzeug etwas über das Fliegen erzählen oder gar dem Kantschen Bratenwender etwas über Realmetaphysik. Agamben gebührt der Verdienst den positivistisch verkürzten Ansatz der Biopolitik entscheidend erweitert zu haben. Nur so kann eine kritische Theorie der Gesellschaft überhaupt wieder eine emanzipative Perspektive gewinnen.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p>(1) Foucault bestimmt Biopolitik als einen Pol, mit der die „Macht“ das „Leben“ reguliert (siehe Foucault, 1983). Neben den Disziplinartechniken, die sich auf den Körper beziehen und in Schulen, Internaten, Kasernen und Fabriken manifest werden, drückt sich die „Macht“ auch in den Formen der „Bio-Politik der Bevölkerung“ aus, wie Regulierung der „Fortpflanzung, Geburten- und Sterblichkeitsrate, das Gesundheitsniveau, die Lebensdauer, die Langlebigkeit“ usw. (ebd.)</p>
<p>(2) Siehe den Aufsatz von M. Foucault, in Bröckling u.a.(2000)</p>
<p>(3) Siehe Lemke, 29</p>
<p>(4) Siehe meinen Artikel in Krisis 26</p>
<p>(5) Siehe dazu auch den Artikel von Ernst Lohoff in diesem Heft.</p>
<p>(6) Siehe dazu Peter Kleins Artikel „Das Wesen des Rechts“, in: Krisis 24</p>
<h4>Literatur</h4>
<p>Agamben, Giorgio (2002, zuerst 1995): Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackt Leben; Frankfurt am Main.</p>
<p>Benjamin, Walter (1965): Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze; Frankfurt am Main.</p>
<p>Böhme, Hartmut/ Böhme, Gernot (1983): Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants; Frankfurt am Main.</p>
<p>Bröckling, Ulrich/ Krasmann, Susanne/ Lemke, Thomas (2000): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen; Frankfurt am Main.</p>
<p>Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I; Frankfurt am Main.</p>
<p>Foucault, Michel (2001): In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am College de France (1975-76); Frankfurt am Main.</p>
<p>Deuber, Mankowsky (2002): Homo sacer, das bloße Leben und das Lager; in: Die Philosophin 25/2002, Forum für feministische Theorie und Philosophie.</p>
<p>Kant, Immanuel (1998, zuerst 1789): Kritik der praktischen Vernunft (KpV), in: Werke</p>
<p>Bd IV, Darmstadt.</p>
<p>Lemke, Thomas (1997): Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalität; Berlin und Hamburg.</p>
<p>Schmitt, Carl (1987, zuerst 1932): Der Begriff des Politischen, Berlin.</p>
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		<title>Kontinuität und Singularität</title>
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		<pubDate>Sat, 27 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Auschwitz als authentisches Produkt der westlichen Zivilisation]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Auschwitz als authentisches Produkt der westlichen Zivilisation</h3>
<p>erschienen in: Krisis 27</p>
<p><em>Franz Schandl</em></p>
<p>Wer vom Nationalsozialismus spricht, sollte dessen historische Bezüge nicht verschweigen. So ähnlich dürfte Enzo Traversos Imperativ gelautet haben, als er daran ging, seine &#8220;europäische Genealogie des Nazi-Terrors&#8221; zu konzipieren. &#8220;Heute gibt es bei zahlreichen Historikern die Tendenz, die Verbrechen des Nationalsozialismus aus der Geschichte der <em>westlichen</em> Welt zu verbannen.&#8221; (S. 13) Nun hat der aus der trotzkistischen Tradition kommende Autor ein knapp gehaltenes und flüssig geschriebenes Buch, das nie langweilt, vorgelegt. Einen Band, der auch ohne große Vorkenntnisse gelesen werden kann.</p>
<p><span id="more-220"></span>Traverso, der an der Universität Jules Verne der Picardie in Amiens Politische Wissenschaften und Zeitgeschichte lehrt, betont darin sehr wohl die Einzigartigkeit, spricht aber dezidiert nicht von einem Sonderweg: &#8220;Die Singularität des Nationalsozialismus liegt also nicht in seinem Gegensatz zum Westen, sondern in seiner Fähigkeit, eine Synthese aus den verschiedenen Formen der Gewalt zu finden.&#8221; (S.152) Auschwitz erscheint so nicht als Abweichung von irgendeinem normalen Lauf der Geschichte, sondern als deren negativer Höhepunkt, als &#8220;ein authentisches Produkt der westlichen Zivilisation&#8221; (S. 155) Die Shoa war zwar kein &#8220;natürliches Ergebnis&#8221; dieser Entwicklung, wohl aber ein mögliches: &#8220;Schon eher wäre Auschwitz als ihr pathologischer Ausdruck zu interpretieren.&#8221; (S. 152)</p>
<h4>Historisierung ohne Relativierung</h4>
<p>Dieser Standpunkt könnte als der einer <em>Historisierung ohne Relativierung</em> umschrieben werden. Der Aspekt der Einordnung des Nazismus wird allzu oft unterschlagen gegenüber seinen reellen Gräueln. Das mag seine moralische Berechtigung haben, führt jedoch zu einer inhaltlichen Verklärung dieses nicht zufällig so genannten &#8220;dunkelsten Kapitel&#8221; in der Menschheitsgeschichte. Manchmal hat man das Gefühl, dass nicht wenige entschiedene Gegner des Nationalsozialismus jenes bewusst oder unbewusst im Dunkeln lassen wollen, wäre doch die angezeigte Verwandtschaft absolut erschreckend, außerdem würde dies das demokratische Ritual stören. Auschwitz wird dann zu einem negativen Sakrament, das nur noch Ehrfurcht zulässt, die ja nichts anderes als transformierte Furcht ist. Nach dem Motto: Nur Staunen ist erlaubt, Erkennen ist unmöglich. Natürlich, es gibt keinen Begriff, der den Schrecken wirklich adäquat erfassen kann. Nichtsdestoweniger ist der Versuch des Begreifens unabdingbar, will man nicht vor der gewesenen Tatsächlichkeit und den zukünftigen Möglichkeiten ideell kapitulieren. Denn &#8220;so bliebe Auschwitz ein völliges Rätsel.&#8221; (S. 12).</p>
<p>Der von der stalinistischen KPD ausgeschlossene Karl Korsch schrieb bereits 1942 im amerikanischen Exil: &#8220;Die Neuheit der totalitären Politik ergibt sich aus der Tatsache, dass die Nazis auf die ,zivilisierten&#8217; europäischen Völker die Methoden ausgeweitet haben, die bisher den ,Eingeborenen&#8217; und den ,Wilden&#8217; vorbehalten waren, die außerhalb der sogenannten Zivilisation lebten.&#8221; (S. 53-54) Diese Sicht mag inzwischen verkürzt wirken, trotzdem aber ist es wichtig, diesen aktuell vernachlässigten Zusammenhang aufzuzeigen. Das Konzentrationslager etwa ist eine Erfindung aus den Burenkriegen, letztlich eine direkte Ausgeburt des Kolonialismus. Aber erst die Nazis steigerten jenes ins Vernichtungslager vom Typus Auschwitz-Birkenau.</p>
<p>&#8220;Man muss also in den Kolonialkriegen und nicht im bolschewistischen Russland ,das logische und faktische Prius&#8217; der Naziverbrechen suchen,&#8221;(S. 78) behauptet Traverso. Laut dem österreichischen Sozialdarwinisten Ludwig Gumplowicz waren die &#8220;Hottentotten&#8221; als &#8220;Geschöpfe zu betrachten, die man wie das Wild des Waldes ausrotten darf.&#8221; Ähnlich dachten auch die Frontiers über die Indianer: &#8220;Der Wilde musste aufhören zu existieren&#8221; (S. 64), sagte der US-amerikanische Historiker Frederick J. Turner 1893. Die Auslöschungsphantasien betreffend bestimmter Sorten von Menschen sind älter als der Nationalsozialismus. &#8220;Die Gaskammern und die Verbrennungsöfen stellen den Endpunkt eines langen Prozesses der Entmenschlichung und der Industrialisierung des Todes dar, in den die instrumentelle Rationalität sowohl der Produktion wie der Administration der modernen westlichen Welt (die Fabrik, die Bürokratie, das Gefängnis) Eingang gefunden hat.&#8221; (S. 24-25)</p>
<p>Das System der Lohnarbeit ist laut Marx jenes, in das &#8220;hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert&#8221; (MEW23:765) werden muss, um die notwendige Disziplin, die wir heute intus haben, durchzusetzen. An anderer Stelle nannte Marx die von ihm als &#8220;Arbeitshaus&#8221; titulierte Fabrik, das &#8220;Haus des Schreckens&#8221; (MEW23:293). Der größte analytische Unsinn ist der, in der nationalsozialistischen Barbarei etwas &#8220;Vorzivilisatorisches&#8221; auszumachen. Die Unmenschlichkeit war jedoch keine prämoderne, sie war ganz auf der &#8220;Höhe&#8221; ihrer Zeit. Henry Friedländer hat in seiner Studie &#8220;Der Weg zum NS-Genozid&#8221; wohl zu recht die Vernichtungslager als &#8220;Schlachthöfe für menschliche Wesen&#8221; definiert (S. 41).</p>
<p>Günther Anders schreibt im zweiten Band seiner &#8220;Antiquiertheit des Menschen&#8221; (S. 22): &#8220;Die <em>Verwandlung des Menschen in Rohstoff </em>hat wohl (wenn wir von Kannibalen-Zeiten absehen) in Auschwitz begonnen. Dass man aus den Leichen der Lagerinsassen (die selbst bereits Produkte waren, denn nicht Menschen wurden getötet, sondern Leichname hergestellt) gewiss die Haare und die Goldzähne, wahrscheinlich auch das Fett entnahm, um die Stoffe zu verwenden, das ist ja bekannt. Ebenso, dass die amerikanischen Soldaten mit japanischen Goldzähnen aus dem Pazifik heimkehrten: mit eigenen Augen habe ich Beutel voller Zähne gesehen, die GI&#8217;s zeigten mir diese &#8211; ich weiß, wie unglaubhaft das klingt: <em>arglos</em>. Arglos eben deshalb, weil es ihnen selbstverständlich war, in der Welt einen Rohstoff zu sehen, und ebenso selbstverständlich, dieser Welt eben auch die japanischen Mitmenschen zuzurechnen (die man freilich vorher durch systematische Diffamierung zu ,Affen&#8217; degradiert hatte.)&#8221; Ähnlich auch Traverso: &#8220;Die Entwertung des menschlichen Lebens war von einer Entmenschlichung des Feindes begleitet, die von der militärischen Propaganda, der Presse und der wissenschaftlichen Literatur verbreitet wurde.&#8221; (S. 95)</p>
<p>Die Analogien zum Wertbegriff sind erschreckend wie erhellend: Tötung wird zur Bedingung, um die Entwerteten als Getötete (wieder) verwerten zu können. Genau wie Anders anmerkte, die Leiche wird zum Produkt. Ist das &#8220;rest in peace&#8221; aber aufgehoben, dann beginnt ein regelrechter Wettlauf bei der Produktion und der Ausschlachtung von Leichen. Die Sprache, die uns der Wert in seinen Worten sprechen lässt, ist verräterisch, aber ebenso unsere Ignoranz, die ausgesprochene Wahrheit wahrnehmen zu können. Vor allem im Begriff des &#8220;lebensunwerten Lebens&#8221; findet der Wertbegriff wirklich seine sprachliche Endlösung.</p>
<h4>Die Nazis und der Westen</h4>
<p>Die Nazis verstanden sich als durchaus proeuropäisch, das Dritte Reich war laut Goebbels der &#8220;Erretter der europäischen Kultur und Zivilisation&#8221;(S. 79). &#8220;Die Vorstellung, dass die Zivilisation die Eroberung und Vernichtung der ,minderwertigen&#8217; oder ,schädlichen Rassen&#8217; erforderlich mache, oder die instrumentelle Konzeption der Technik als Mittel zur organisierten Vernichtung des Feindes sind von den Nazis nicht erfunden worden, sie stellen einen ,mentalen Habitus&#8217; Europas seit dem 19. Jahrhundert und der Entstehung der Industriegesellschaft dar. Die in dieser Studie skizzierte Genealogie betont die Zugehörigkeit der Gewalt und der Verbrechen des Nationalsozialismus zum gemeinsamen Fundus der westlichen Kultur.&#8221;(S. 152)</p>
<p>Von der britischen Kolonialpolitik waren die Nationalsozialisten durchaus beeindruckt. Hingegen waren Bündnisse mit Bewegungen (oder auch Völkerschaften) in der sogenannten Peripherie höchst taktisch motiviert. &#8220;Was für England Indien war&#8221;, meinte Hitler im September 1941, kurz nach dem Beginn der Offensive gegen die UdSSR, &#8220;wird für uns der Ostraum sein.&#8221; &#8220;Wenn die Engländer aus Indien hinausgetrieben würden, so würde Indien verkommen.&#8221; Hitler sprach von einer &#8220;historischen Mission&#8221;, die er mit der Eroberung des Wilden Westens verglich: &#8220;Die Eingeborenen? Wir werden dazu übergehen, sie zu sieben. (&#8230;) Es gibt nur eine Aufgabe: eine Germanisierung durch Hereinnahme der Deutschen vorzunehmen und die Ureinwohner als Indianer zu betrachten&#8221; (alles zit. nach S. 75-76)</p>
<p>&#8220;Deswegen wurden 1941 im Krieg gegen die UdSSR die Vernichtung des Kommunismus und die Ausrottung der Juden als absolut untrennbare Aufgaben geplant.&#8221; (S. 123; vgl. auch S. 72f.) In dieser Zeit erlebten auch die Bekenntnisse zu Europa und das Gerede vom Kreuzzug seinen Höhepunkt. Der Krieg gegen den Westen war nicht zu vergleichen mit dem Vernichtungsfeldzug gegen den Osten, dort ging es &#8220;bloß&#8221; gegen Arier zweiter Klasse. Auch der Antisemitismus wurde diesen Leuten &#8211; siehe Ford, siehe Churchill &#8211; erst im Zweiten Weltkrieg so richtig ausgetrieben. Übrig blieb dann ein vom Antisemitismus gereinigter Antikommunismus.</p>
<p>Der offene Antisemitismus war fester Bestandteil der Vorkriegsmentalität des Abendlandes. Hitler hat ihn nicht erfunden, er hat auf ihm aufbauen können. Das macht nun die Verbrechen der Nazis überhaupt nicht kleiner, sondern demonstriert bloß, welch monströse Kraft die antijüdische Grundhaltung darstellte. Auch in der Sowjetunion, wo der Bolschewismus zwar die im Zarismus üblichen Pogrome beseitigte, gleichzeitig aber der siegreiche Stalinismus immer wieder die antisemitische Karte gegen die innere Oppositon (Trotzki-Bronstein, Sinowjew-Radomilski, Kamenjew-Rosenfeld) zückte. Und es gab Rotarmisten, die die Deutschen abgrundtief hassten, aber gleichzeitig ihnen zur Beseitigung der Juden gratulierten. Dies zeigt nur an, wie verroht selbst die Befreier aus diesem Krieg herausgegangen sind. Die großen Verbrechen sind nun nicht durch die kleineren zu relativieren, aber die kleineren dürfen sich auch nicht im Schatten des Enormen verborgen halten, so als hätte es sie gar nicht gegeben.</p>
<p>Die Mär, der Nationalsozialismus sei primär eine antiwestliche Kraft gewesen, ist hartnäckige Ideologie, vor allem verbreitet von den westlichen Alliierten und ihren ideellen Nachfahren, den Anbetern der metropolitanen Zivilgesellschaften. Hier werden vorhandene Ressentiments der Nazis falsch dimensioniert, um ja nicht die Fährte aufzunehmen, die Enzo Traverso empfiehlt. Die Nazis waren Bewunderer des Taylorismus, des Le Bon&#8217;schen Sozialdarwinismus oder der neuen Lehren des John Maynard Keynes. Adolf Hitler war begeistert von Henry Fords antisemitischem Traktat &#8220;International Jew&#8221;. Es erreichte im Dritten Reich 37 Auflagen. Ford und Volkswagen waren Namen ein und derselben Automobilisierung der Gesellschaft.</p>
<p>Solche Erkenntnis entlasten nun Deutschland überhaupt nicht, aber sie belasten Europa und die ganze Welt. Und noch immer. Der Nationalsozialismus kann somit nicht zur Rechtfertigung des &#8220;normalen&#8221;, westlichen Kapitalismus dienen, einer Rechtfertigung, die mit dem Verweis auf den Genozid die Bombardierung Belgrads oder die Eroberung Bagdads geradewegs zum Gebot erhebt, um ein neues Auschwitz zu verhindern.</p>
<p>Ein Antifaschismus , der eine Apologie des Westens betreibt (z.B. Daniel Goldhagen) verkennt den Nazismus, wenn er ihn trotz aller richtigen Zentrierung auf ein deutsches Phänomen reduziert. Eine notwendige Debatte darüber ist freilich überschattet von den oft beliebigen und inflationären Vorwürfen des Relativismus und der Verharmlosung. Was als Schlagwort zur Abfertigung revanchistischer Literatur durchaus sinnvoll ist, ist in einer reflektierten kritischen Debatte reines Gift.</p>
<p>In einem Punkt muss Enzo Traverso allerdings widersprochen werden. Er schreibt: &#8220;Der Judenmord war kein Ausbruch einer bestialischen und primitiven Gewalt, sondern eine dank eines geplanten industriellen Systems ,ohne Hass&#8217; vorgenommene Massentötung.&#8221; Der Judenmord war <em>beides</em>, und jede Diskussion darüber, was denn da &#8220;besser&#8221; gewesen sei, sollte sich erübrigen. Es gab sowohl reine Schreibtischtäter als auch unzählige antisemitische Triebtäter (und auch Mischtypen). Nicht alle antijüdischen Pogrome waren von den Nazis organisiert, der völkische Mob wurde des Öfteren selbst tätig. Hass und Kalkül schließen sich nicht aus, im Nazismus ergänzten sie sich &#8220;hervorragend&#8221;. Diese Gewalt war so vielleicht nicht primitiv, weil seriell hergestellt, wohl aber bestialisch. Die Eigengesetzlichkeiten der Bürokratie, das Interesse am reibungslosen Ablauf der &#8220;Endlösung&#8221; (vgl. S 48ff.) ist lediglich eine Ebene, die ebenfalls nicht überstrapaziert werden sollte.</p>
<h4>Kein Sonderweg</h4>
<p>Die Endlösung ist eine &#8220;historische Zäsur&#8221; (S. 12) gewesen, aber eigentlich kein Zivilisationsbruch. Der Westen darf durch die Nazis nicht aus seiner Verantwortung entlassen werden. Die Differenzen zum Singulären sollen nicht das Allgemeine vergessen machen, was jenes auf den Weg brachte. Der Sonderweg war demnach eher ein <em>Sonderzug</em> auf den Geleisen der Zivilisation, von Freiheit, Demokratie, Aufklärung, nicht etwas, das jener kategorisch widersprochen hätte. &#8220;Wenn die Gaskammern heute als Zivilisationsbruch angesehen werden, dann deswegen, weil sie die Aporien dieser Zivilisation und ihr Zerstörungspotential aufzeigen.&#8221; (S. 7)</p>
<p>&#8220;Sowohl die Atombombe wie die Vernichtungslager der Nazis gehören zum ,Prozess der Zivilisation&#8217;, in dem sie keine Gegentendenz oder Verirrung darstellen (&#8230;), sondern Ausdruck einer ihrer Möglichkeiten, eines ihrer Gesichter, ein in ihr mögliches Abgleiten sind&#8221; (S. 154-155) schreibt Traverso. &#8220;Zwischen den Massakern der imperialistischen Eroberungen und der ,Endlösung&#8217; gibt es nicht nur ,phänomenologische Affinitäten&#8217; noch entfernte Analogien. Dazwischen besteht eine historische Kontinuität, die aus dem liberalen Europa des 20. Jahrhunderts und aus Auschwitz ein authentisches Produkt der westlichen Zivilisation machte.&#8221; (S. 155)</p>
<p>Dieses Zerstörungspotential ist ja nun keineswegs demokratisch entsorgt oder gar erloschen. Es dürfte um ein Vielfaches gestiegen sein, schon alleine, was das Arsenal seiner Mittel betrifft. Und auch wenn es sich kaum nationalsozialistisch wird konfigurieren können, &#8220;ist diese Feststellung nicht sonderlich beruhigend. Denn nichts schließt aus, dass andere Synthesen, die genauso oder vielleicht noch zerstörerischer sind, sich in Zukunft noch herauskristallisieren können.&#8221; (S. 154)</p>
<p><em></em></p>
<p><em>Enzo Traverso, Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors, Neuer ISP Verlag, Köln 2003, 160 Seiten, 15 Euro </em></p>
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		<title>Bemerkungen zum &#8220;Manifest gegen die Arbeit&#8221;</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Jaime Semprun]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 27 (2003)]]></category>
		<category><![CDATA[Manifest gegen die Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Zum Manifest gegen die Arbeit]]></category>

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		<description><![CDATA[erschienen in: Krisis 27 (2003) [1] von Jaime Semprun Man würde der technologischen Modernisierung noch ein allzu großes Kompliment machen, wenn man sagte, sie habe die Arbeit &#8220;überflüssig&#8221; gemacht. Ohne hier auch nur auf die Frage nach der qualitativen Bewertung der technologischen Erleichterungen einzugehen (was verlieren wir bei der &#8220;Befreiung&#8221; durch Maschinen?), ist es schon [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>erschienen in: Krisis 27 (2003)<a name="_ftnref1" href="#_ftn1"> <strong>[1]</strong> </a></p>
<p><em>von Jaime Semprun</em></p>
<p>Man würde der technologischen Modernisierung noch ein allzu großes Kompliment machen, wenn man sagte, sie habe die Arbeit &#8220;überflüssig&#8221; gemacht. Ohne hier auch nur auf die Frage nach der qualitativen Bewertung der technologischen Erleichterungen einzugehen (was <em>verlieren</em> wir bei der &#8220;Befreiung&#8221; durch Maschinen?), ist es schon auf der quantitativen Ebene sehr zweifelhaft, ob die Modernisierung Arbeit abschafft und deren Aufrechterhaltung immer künstlicher macht (zentrale These des <em>Manifests</em> ).</p>
<p><span id="more-223"></span>Ganz zu schweigen von den direkt durch die technologische Erneuerung geschaffenen &#8220;Arbeitsplätzen&#8221; (was für eine Arbeit!), sind all jene Lohnarbeitstätigkeiten zu betrachten, die derselbe Prozess (der andere abschafft) gesellschaftlich notwendig gemacht hat : die psycho-soziale Betreuung der &#8220;einsamen Massen&#8221;, die Polizeikontrolle der &#8220;Barbarisierung&#8221;, die &#8220;Gesundheits&#8221;industrie (ein besonders expandierender Sektor), die Zerstreuung sowie die &#8220;kulturellen&#8221; Kompensationen für die Verödung des Lebens, ganz zu schweigen von den &#8220;Reparaturen&#8221;, dem technischen Herumbasteln an der Neo-Natur. Sicher, diese ganze Arbeit ist nur im Inneren der Entfremdungsgesellschaft notwendig, im Rahmen ihrer aberwitzigen Logik usw. Aber ihre Notwendigkeit ist deswegen im Inneren dieses Zustandes nicht weniger furchtbar real: das ist ein wenig wie der Umstand, dass einen Krebs zu haben und zu wissen, dass er (meistens) das Ergebnis der Lebensbedingungen ist, einen <em>nicht heilt</em>: es ist weiterhin notwendig, auf die existierende Medizin zurückzugreifen (mit mehr oder weniger <em>Verstand</em>, das ist ein anderes Problem). Ebenso hilft das Wissen um die Tatsache, dass das ökonomische Unglück der unerschöpfliche Rohstoff aller von der Warenökonomie produzierten &#8220;Glücke&#8221;, &#8220;Erleichterungen&#8221; oder &#8220;Abhilfen&#8221; ist, nicht dagegen, dass dieses Unglück ein materielles Zwangssystem darstellt, dem niemand zu entrinnen vermag. (Man kann aus Würde, Abscheu usw. die verschiedenen Kompensationen und Surrogate ablehnen, nicht ablehnen kann man die Entbehrungen, die sie für die meisten Leute notwendig und sogar begehrenswert machen; vgl. Günther Anders zum Fernsehen).</p>
<p>Unter diesen Umständen von der &#8220;Eroberung der Produktionsmittel durch freie Assoziationen&#8221; (S. 42) zu reden, klingt nach beschwörender Rhetorik. Produktionsmittel? Produktion <em>wovon</em>? Von <em>mehr</em> ökonomischem Unglück (mehr Abhängigkeit, Isolierung, gesellschaftlicher Pathologie), also von dem, aus dem auszusteigen, die erste Sorge der &#8220;freien Assoziationen&#8221; sein müsste. Nehmen wir das Beispiel eines elementaren Bedürfnisses wie dem des Wohnens, also ein Dach über dem Kopf zu haben. Man weiß, wie die Industriegesellschaft dieses Bedürfnis &#8220;befriedigt&#8221;: Massenbehausungen, Trabantenstädte, die Zelle des <em>Existenzminimums</em>. &#8220;Freie Assoziationen&#8221;, die all das zu verändern hätten, würden ein &#8220;Produktionsmittel&#8221; (die Bauindustrie) erben, das zu nichts dienen kann als dazu, genau dasselbe zu bauen, mit einigen Varianten (man könnte gerade noch &#8220;die Fassaden beleben&#8221; und farbigen Beton benutzen, aber das gibt es schon). Und dieses Beispiel ist noch relativ harmlos im Vergleich zu anderen wie der industriellen Landwirtschaft oder der atomaren Stromerzeugung, um den <em>Schlagschatten</em> zu verdeutlichen, den die gegenwärtige Entfremdung auf jede vorstellbare Zukunft wirft.</p>
<p>Vom Projekt der alten Arbeiterbewegung scheint <em>Krisis</em>, zumindest in gewissen Passagen des <em>Manifests</em> , gerade den hinfälligsten Teil weiterzuführen, nämlich die Vorstellung einer möglichen Wiederaneignung der &#8220;Produktivkräfte&#8221; der Großindustrie, <em>in der Form, die ihnen der Kapitalismus verliehen hat</em> . Es ist jedoch augenfällig, dass im 20. Jahrhundert bei der Verwandlung der &#8220;Produktivkräfte&#8221; in &#8220;Destruktivkräfte&#8221; eine historische Schwelle überschritten wurde, sagen wir zwischen Hiroschima und Tschernobyl; der Kapitalismus hat von Anfang an einen permanenten Krieg gegen alles geführt, was unabhängig von ihm existierte (in der Natur, in den sozialen Beziehungen, in den menschlichen Aktivitäten); aber nachdem die technische Macht eine gewisse Schwelle überschritten hat, ist dieser Krieg mit seinem immer schnelleren Kreislauf von Zerstörung und Wiederaufbau der Hauptmotor der kapitalistischen Verwertung geworden. Die technologische &#8220;Reparatur&#8221; der reell verwüsteten Welt stellt sicherlich, für jeden klaren Kopf, die Garantie neuer Verwüstungen dar, aber vom <em>Standpunkt der Warenökonomie</em> aus ist sie vor allem die Garantie dafür, dass es Arbeit geben wird, immer mehr Arbeit, um instand zu setzen, zu entsorgen, zu reinigen, zu manipulieren, also um Wert mit dem Desaster zu schaffen. Um es zusammenzufassen: die <em>Naturalisierung</em> der Notwendigkeit der Arbeit ist nicht länger rein ideologisch (wie das <em>Manifest</em> behauptet), sondern in die Tatsachen selbst übergegangen. Sie hat sich in Form der gegenwärtigen Katastrophe materialisiert. Anders gesagt: man kann wohl sagen, dass der Kapitalismus historisch eine Ausnahme, eine Monstrosität darstellt, aber um sofort hinzuzufügen, dass es ihm gelungen ist, <em>beinahe</em> alles zu zerstören, in Bezug auf das er eine Ausnahme und eine Monstrosität darstellte.</p>
<p>Mir scheint, der &#8220;blinde Fleck&#8221; der im <em>Manifest</em> vorgeschlagenen Analyse vor allem in der Übernahme einer gewissen marxistischen Orthodoxie liegt, für die es immer eine &#8220;gute Seite&#8221; der technischen Entwicklung des Kapitalismus zu retten gibt. (Deren Voraussetzung war es bekanntlich, dass diese technische Entwicklung nur <em>formell</em> kapitalistisch sei). Das sieht man ganz besonders bei den mehrfach wiederholten lobenden Erwähnungen der &#8220;mikroelektronischen Revolution&#8221;, die &#8220;Reichtümer&#8221; produziere und uns von &#8220;Routineaufgaben&#8221; befreie; während in Wirklichkeit die Informatik alles verarmt, was sie berührt und auf alles die Routine ihrer Prozeduren ausdehnt. Aber bei dieser Frage verspürt man bei den Verfassern des <em>Manifests</em> vor allem ein gewisses Zaudern. So schreiben sie zum Beispiel: &#8220;Einmal den kapitalistischen Sachzwängen der Arbeit entwunden, können die modernen Produktivkräfte die frei disponible Zeit für alle ungeheuer ausdehnen&#8221; (S. 46), fügen aber fast sofort hinzu &#8211; als wollten sie diese Ungeheuerlichkeit korrigieren -, dass &#8220;man nur den geringsten Teil der Technik in seiner kapitalistischen Form&#8221; (ebd.) übernehmen könne. Aber wenn man auch nur einen Augenblick lang überlegt, sieht man ein, dass diese Behauptung die vorhergehende völlig aufzuheben scheint. Kurzum, man geht fehl und verfällt in Inkonsequenzen wie, was sich mehrfach im <em>Manifest</em> findet, den Glauben, man könne den Gebrauchswert und die emanzipatorische Technik intakt wieder vorfinden, sobald sie von ihrer kapitalistischen Form befreit sind. Wir leben nicht mehr in Marx&#8217; Zeitalter, und die Zwiespältigkeiten seiner Theorie (die <em>progressistischen</em> Hoffnungen auf die Segnungen der Großindustrie) entbehren heute jeder Rechtfertigung. Der Widerspruch, der die alte Gesellschaft unterhöhlt, ist nicht der zwischen der Aufrechterhaltung der &#8220;abstrakten Arbeit&#8221;, dem &#8220;Verkauf der Ware Arbeitskraft&#8221; und den Produktionsmitteln, die es hypothetisch ermöglichen, sich davon zu befreien. Der für die Warengesellschaft (aber vielleicht auch für die Zivilisation und die Chancen der Humanisierung, die sie im Lauf der Geschichte erzeugt hat) fatale Widerspruch ist der zwischen diesen bestimmten Produktionsmitteln, also dem &#8220;verwissenschaftlichten Sachkapital&#8221;, der modernen Technologie, einerseits, und andererseits den <em>vitalen</em> Notwendigkeiten der Naturaneignung, denen keine menschliche Gesellschaft sich entziehen kann (es sei denn, man hoffe auf die von den Gentechnikern angekündigte Mutation). Jede gesellschaftliche Organisation ist vor allem eine Form der Aneignung der Natur, und gerade darin ist die Warengesellschaft jämmerlich gescheitert. Die Flucht nach vorne in die Verkünstlichung, so wie sie die neo-technische Utopie vorschlägt und die das Problem zu lösen vorgibt, indem sie es abschafft, ist nur eine Erscheinungsform dieses Scheiterns. Die &#8220;absolute historische Schranke&#8221;, von der das <em>Manifest</em> redet, hat in der Tat dort ihren Platz: die unterschiedslose Arbeit in der Großindustrie (aus der jede Besonderheit, individuelle Qualität, lokale Bestimmtheit</p>
<p>usw. ausgemerzt worden ist) fällt schließlich, nach den aufeinanderfolgenden &#8220;technologischen Revolutionen&#8221;, als <em>tote Arbeit</em>, Tod bei der Arbeit, mit ihrem Begriff zusammen. Und das ist keine bloße Formel: die <em>Devitalisierung</em> ist in allen Bereichen offensichtlich, und jede technologische Abhilfe verschärft sie. Die Industriearbeit hatte den Produzenten produziert (den ent-individualisierten, austauschbaren Menschen, das Menschenmaterial der Massengesellschaft) ebenso wie die &#8220;Welt&#8221; des Produzenten (die der totalen Produktion adäquate Weltanschauung). Mit den &#8220;neuen Technologien&#8221; &#8211; die die sinnliche Welt auf digitalisierbare Informationen und das biologische Leben auf manipulierbare und rekombinierbare Codes reduzieren &#8211; ist die industrielle Einkerkerung gewissermaßen vervollständigt, aber gleichzeitig sieht sich die Menschheit nun von all ihren geistigen und vitalen Ressourcen <em>abgeschnitten</em>. Ein solcher Wahnsinn kann natürlich nicht lange andauern, aber er kann die am Ende des <em>Manifests</em> erwähnte &#8220;Entzivilisierung&#8221; und &#8220;Barbarisierung&#8221; noch weiter treiben.</p>
<p>Zum Schluß dieser knappen und allzu unzusammenhängenden Bemerkungen möchte ich noch hinzufügen, dass die Furcht davor, der platt erbaulichen Formulierung von &#8220;positiven Prinzipien&#8221; zu verfallen oder vielleicht der Vergeblichkeit von &#8220;Rezepten für die Garküchen der Zukunft&#8221;, die Autoren des <em>Manifests</em> davon abzuhalten scheint, ihre Kritik der Herrschaft der toten Arbeit und deren technisch-wissenschaftlicher Rationalität konsequent durchzudenken. Und es ist wahr, dass die Kritik an &#8220;der Technik&#8221; leicht in unpraktikable Abstraktion umschlägt, mit allen Risiken einer idealistischen Regression auf &#8220;ethische&#8221; fromme Wünsche, Spiritualismus oder Ästhetizismus (das Aufblühen dieser Art von falschem Bewusstsein muss selber als ein Symptom der Ratlosigkeit der meisten Leute vor den gewaltigen praktischen Aufgaben betrachtet werden, die die wohlüberlegte Schleifung des Industriesystems stellt). &#8220;Die Formen einer gegengesellschaftlichen Praxis mit der offensiven Verweigerung der Arbeit zu verbinden&#8221; (S. 49) muss deshalb mit einem konsequent kritischen Urteil über die Gesamtheit der technischen Mittel einhergehen, die der moderne Kapitalismus mit totalitärer Konsequenz entwickelt. Dieses Urteil verweist zweifelsohne auf einen Begriff von dem Leben, das man führen möchte, aber dieser Begriff ist keinesfalls abstrakt oder willkürlich: er beruht auf einem klaren historischen Bewusstsein vom widersprüchlichen Prozess der Zivilisation und der teilweisen Humanisierung, die zu vollziehen er gestattet hat und die ihre Grenze mit dem gegenwärtig sich vollziehenden anthropologischen Bruch erreicht. Es handelt sich nicht darum, &#8220;in die Vergangenheit zurückzukehren&#8221;, sondern darum, sich die vitalen Kräfte der Menschheit anzueignen, indem man die Maschinerie zerstört, die sie paralysiert. Das ist der einzige Sinn, den das Programm einer &#8220;Reproduktion des Lebens jenseits der Arbeit&#8221; (S. 49) haben kann. Eine vertiefte Diskussion der Thesen des <em>Manifests</em> müsste noch andere Punkte anschneiden. Aber ich habe mich dem gewidmet, was mir zentral schien, um besser erläutern zu können, warum eine Kapitalismuskritik ohne Kritik der Industriegesellschaft so unsinnig ist wie eine Kritik der Industriegesellschaft ohne Kapitalismuskritik und so beizutragen zur Bildung der &#8220;neuen <em>Gegenöffentlichkeit</em>&#8220;, des &#8220;neuen geistigen Freiraums, damit das Undenkbare denkbar gemacht werden kann&#8221; (S. 41) dessen Notwendigkeit die Verfasser des <em>Manifests</em> betonen.</p>
<hr /><a name="_ftn1" href="#_ftnref1"> [1] </a> Verfasst im Januar 2003 für die Veröffentlichung in <em>Krisis</em>. Übersetzung von Anselm Jappe und Wolfgang Kukulies.<a name="_ftn1" href="#_ftnref1"></a></p>
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		<title>Staat und Schlepper</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Aug 2003 13:56:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Schandl]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 27 (2003)]]></category>

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		<description><![CDATA[Scheinbar jenseits des obligaten Rassismus hat sich (nicht nur) in Österreich ein breiter Konsens puncto ordentliche Einwanderungspolitik etabliert. Franz Schandl Was jeder Ware erlaubt ist, und dem Geld sowieso, das wird den allermeisten Menschen kategorisch verweigert. Die freie Wahl des Raumes, in dem sie sich bewegen wollen, ist kein Menschenrecht, sondern Bürgerrecht. Und Bürger ist [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Scheinbar jenseits des obligaten Rassismus hat sich (nicht nur) in Österreich ein breiter Konsens puncto ordentliche Einwanderungspolitik etabliert.</h3>
<p><em>Franz Schandl</em></p>
<p>Was jeder Ware erlaubt ist, und dem Geld sowieso, das wird den allermeisten Menschen kategorisch verweigert. Die freie Wahl des Raumes, in dem sie sich bewegen wollen, ist kein Menschenrecht, sondern Bürgerrecht. Und Bürger ist nur der Staatsbürger. Wenn Ausländer in dessen Burg, den Staat wollen, müssen sie auf nationale Gnade hoffen. Es gilt, was Kant einst sagte: “Das Weltbürgerrecht soll auf Bedingungen der allgemeinen Hospitalität eingeschränkt sein.”<span id="more-4393"></span></p>
<p>“Einwanderungsland – das heißt nicht, dass jeder kommen kann, der will. Das heißt Festlegung von jährlichen Quoten mit Maximalalter, bestimmten Berufen und mit der Verpflichtung zum Erlernen der deutschen Sprache.” Das schreibt Ulrich Brunner, ein ehemaliger Chefredakteur des ORF, im Kurier vom 14. Mai. Gut ausgebildete, junge und Deutsch sprechende Arbeitskräfte, das ist es, was “wir”, die Identifikationsgemeinschaft der bevorrechteten Österreicher, benötigen. Der ordentlichen Ausländerpolitik liegt ein Kriterienkatalog zugrunde, mit dem je nach Bedarf selektiert werden kann.</p>
<p>“Inder mit Kinder(n)”, wie erst vor kurzem ein Sozialwissenschafter der Republik soufflierte, wären da wohl goldrichtig, Deutsch- und Computerzertifikate made in Bombay inbegriffen. Worum es geht, ist eine “arbeitsmarktbezogene Zuwanderung”, wie die bundesdeutsche Süssmuth-Kommission in ihrem Bericht feststellte. Denn die “Zuwanderung sollte die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft steigern”. Ökonomisch bedeutet das, die Ausbildungskosten der Ware Arbeitskraft zu externalisieren, deren Potenzen und Vorteile aber für den Standort zu realisieren. Was ansteht, ist eine Auswahl aufgrund prognostizierter Wertigkeit: De nemma ma. De nemma ma net.</p>
<p>Sagen die Freiheitlichen: “Wir brauchen die Ausländer nicht! “, so sagen viele Haider-Gegner: “Wir brauchen die Ausländer schon! ” – und denken dabei an diverse Drecksarbeiten oder die Sicherung der Pensionssysteme. Aus beiden Argumentationsfiguren wird aber deutlich, dass hiesige Interessen bestimmen, was gebraucht und was nicht gebraucht wird. Beide identifizieren sich mit Staat und Gesellschaft, nur interpretieren sie deren Anliegen unterschiedlich. Das “Wir” hingegen bleibt vorausgesetzt und unhinterfragt. Aber wer ist denn dieses “Wir”? Aus dem Faktum einer formal-gleichen Unterworfenheit unter das Gewaltmonopol kann doch kein positives Bekenntnis irgendeines Österreichertums oder Deutschtums abgeleitet werden. Der Patriotismus entpuppt sich stets als Patrouille des Staates, reell wie ideell. Warum soll man hier partout eingemeindet sein wollen?</p>
<h3>Globalisierung als Menschenmobilisierung</h3>
<p>Das Kapital hat eine Weltordnung geschaffen, die, wäre sie nicht von Staaten in ihren jeweiligen Einflußbereichen geschützt, sofort im Chaos versinken würde. Doch die Staaten erodieren und die Migration ist sowieso nicht aufzuhalten. Im letzten Jahr sind Schätzungen zufolge eine Million “Illegaler” in den goldenen Westen geflohen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Diese Welt treibt sie förmlich dazu. Dort, wo die Kapitalverwertung immer weniger gelingt, verlassen die Menschen ihre Länder gleich sinkenden Schiffen. Wollen sie nicht als “boat-people” enden, müssen sie irgendwo Anker werfen.</p>
<p>Es ist “zu akzeptieren, dass sich angesichts der Globalisierungsprozesse die Frage nicht stellt, ob es künftig Zuwanderung geben wird oder soll. Es wird sie geben, denn die Mobilität von Gütern, Dienstleistungen, Kapital, Kultur und Menschen sind untrennbar miteinander verbunden.” “Verschärfte Grenzkontrollen bremsen die Zuwanderung nicht”, schreibt der Wiener Migrationsforscher Christof Parnreiter in der Schweizer Zeitschrift Widerspruch (Nr. 37/99). “Nicht die Zahl der Zuwanderer wird reguliert, sondern ihr rechtlicher Status”.</p>
<p>Die Zahl der Aufgriffe und Abschiebungen kann nicht einfach von den illegalen Eintritten abgezogen werden. Jene errichten zwar Hürden, schrecken ab und töten, aber sie vermögen nicht, Entwicklungen Einhalt zu gebieten, die stärker sind als alle Strafgesetze und Stacheldrähte, Mauern und Meere zusammen. Was allerdings sich erhöht, sind die Wanderungskosten, die Fluchthilfe wird teurer. Je mehr Staaten Menschen illegalisieren, desto krimineller wird das Fluchtwesen werden, desto kriminellere Elemente werden sich in diesem Geschäftszweig etablieren. Es kann gar nicht anders sein. Je höher die Strafen, desto größer die Verbrechen.</p>
<p>Die jeweilige nationale Verschärfung folgt so auch der Konkurrenz der Verschärfung. Je restriktiver die einen sind, desto restriktver müssen die anderen sein. Denn eines stimmt zweifellos: Dort, wo die Schlupflöcher am größten sind, werden noch mehr durchschlüpfen, als sowieso schon gekommen wären. Schließlich ist es ja die hervorragende Aufgabe der Fluchthelfer und Schlepper, die Porösitäten sorgfältig zu studieren und diese Information als integrierten Bestandteil ihrer Geschäftstätigkeit mitzuverkaufen. Gemeinhin nennt sich das <em>Service</em>.</p>
<h4>Fluchthelfer oder Menschenschmuggler</h4>
<p>Fluchthilfe ist zu einer Dienstleistung geworden. “Je komplizierter und schwieriger es wird, Grenzen zu überwinden, desto mehr sind diejenigen, die diese Grenzen überwinden müssen, darauf angewiesen, entsprechendes “Know-How” einzukaufen. Es hat sich ein “Markt der Fluchthilfe” gebildet, der als das unmittelbare Resultat der Grenzabschottung begriffen werden muss. Anders ausgedrückt: So lange es Menschen gibt, die – aus welchen Gründen auch immer – gezwungen sind, Grenzen zu überwinden, diese Grenzen aber für sie geschlossen werden, so lange wird es das Phänomen der kommerziellen Fluchthilfe geben, ” schreibt die FFM – Forschungsgesellschaft Flucht und Migration.</p>
<p>Nicht die Schlepper genannten Fluchthelfer illegalisieren die Menschen. Dass Menschen geschmuggelt werden müssen, ist Folge staatlicher Gesetze. Der Staat erzeugt den Schmuggler. Schlepperbanden sind auch nicht die Ursache des Flüchtlingselends, sondern sie füllen bloß eine Marktlücke. Sie sind Folge räumlich-sozialer Disparitäten im Zeitalter der Globalisierung. Während die Zonen des Reichtums sich zusammenziehen, dehnen sich die Gebiete des Elends aus. Da kein Elend elendiglich genug ist, um nicht geschäftsfähig zu werden, ist hier ein Markt entstanden. Je schärfere Maßnahmen sodann ein Staat trifft, desto teurer werden die Fluchthelfer, da deren Risiko steigt. Die Schlepper sind so keineswegs das Letzte, allerhöchstens das Vorletzte; das Letzte ist der Staat, der den Flüchtlingen die Aufnahme aus Gründen staatsbürgerlicher Exklusivität verweigert. Wenn er gegen die Schlepper einwendet, sie wollen von der Not profitieren, dann beschreibt er seine eigenen Absichten korrekt. Auch der Staat will von ausgesuchten Asylanten und Wirtschaftsflüchtlingen einiges herausholen.</p>
<p>Die sogenannten Schlepper sind deshalb beim Staat so unbeliebt, weil sie den Flüchtlingshandel privatisieren und so in Konkurrenz zur ideellen Apparatur der zivilen Gesellschaft treten. Dass die Flüchtlinge den Schlepperbanden oft mehr trauen als den Staaten, in die sie wollen, sagt wohl einiges über die Zustände auf diesem Planeten aus. Doch der Unterschied zwischen Staaten und Schlepperbanden ist kleiner als man meint. Beide sind für den Menschenhandel, beide wollen Beute machen, beide sind in ihren Methoden nicht zimperlich. Menschliche Objekte sind ihnen Ware, auf Zahlungsfähigkeit und Wertigkeit zu prüfen. Verhält sich der Schlepper wie ein schlauer Einzelkapitalist, so der Staat wie ein oberschlauer Gesamtkapitalist.</p>
<p>“Ist Fluchthilfe ein schmutziges Geschäft? “, wird da oft gefragt. – Ja, insofern jedes Geschäft schmutzig ist, ist auch dieses schmutzig. Aber eben nicht mehr. Die Fluchthilfe ist so seriös wie jedes andere Geschäft. Pause. Also ziemlich unseriös. Ende. Wichtig wäre es, sich zur Erkenntnis durchzuringen, dass das Geschäft an und für sich eine schmutzige Kommunikationsform ist, bei manchen Geschäften fällt das deutlicher auf, bei anderen wird es erfolgreich verdrängt. Warum sollte gerade Anwesenheit nicht kaufbar und verkaufbar sein, jedes Anwesen ist doch ebenfalls prinzipiell veräußerbar.</p>
<p>Wenn nun eingewandt wird, dass hier eine Notsituation ausgenützt wird, dann ist dem zu entgegnen, dass die Not oder der Mangel Voraussetzung jedes Geschäftes, d. h. jeder Transaktion durch den Tausch ist. Der Tischler lebt von der Not der Menschen, die keine Möbel haben, der Journalist vom Mangel des Publikums an Nachrichten, der Arzt ist Spezialist für gesundheitliche Mängel, der Schlepper Experte für die Nöte der Menschen, die einen bestimmten Aufenthaltsort ohne dessen Hilfe nicht erreichen können. Das ist so normal wie grausam. Aber diese Grausamkeit ist nur abschaffbar, wenn das System, auf dem sie gedeiht, beseitigt wird. Will der Staat die Grausamkeiten beseitigen, geht es meist nur noch grausamer zu.</p>
<p>Der Transportgehilfe kann so ein guter sein wie ein schlechter, wie eben der Tischler auch ein guter und ein schlechter sein kann. Dass es bei den Schleppern vielleicht mehr schlechte gibt, hängt mit ihrer Kriminalisierung zusammen. Je mehr man sie kriminalisiert, desto krimineller werden sie. Weil werden müssen. Ihr Risiko ist groß, und das wollen sie, wie jeder “vernünftige” Unternehmer, an ihre Kunden, die Flüchtlinge, weiterreichen. Das Problem der Flüchtlinge ist nur, dass sie, ungleich anderen Kunden, eine mangelhafte Dienstleistung bei Gericht und Konsumtenschutz nicht einklagen können, weil sie Unbürger sind. Untermenschen, staatlich nicht zugelassen, nicht Mensch, sondern Flüchtling und Schübling.</p>
<p>Wenn der vielseits beliebte Innenminister Strasser (ÖVP) vom “profitablen und abscheulichen Geschäft des Menschenschmuggels” spricht und diesen “mit allen Mitteln bekämpfen” (Kurier, 14. Mai 2001) will, dann ist damit nichts anderes gemeint, als: Grenzen dicht! Der Eiserne Vorhang, den man jahrzehntelang beklagte, soll nun andersrum funktionieren. Was ansteht, ist die Militarisierung der EU-Außengrenzen. Notfalls wird geschossen. Denn wer hierher will, muss schon einen Grund haben, der “uns”, und nur uns, passt. Sonst könnte ja wirklich jeder kommen.</p>
<p>Die ausschließliche Betonung der negativen Aspekte der Flucht, das konsenuale Gerede von Schleppern, Schleusern, Schmugglern geschieht mit der Absicht, uns in ideologische Geiselhaft zu nehmen, zu Spießgesellen der entsolidarisierenden Fluchtverhinderungs- und Abschottungspolitik des Nordens zu machen, indem es in perfider Manier die tragischen Schicksale der Flüchtlinge als Folge des Schlepperwesens (was völlig falsch ist) und nicht des Staatswesens (was völlig richtig wäre) demaskiert. Mitleid wird so zum Fallstrick. Die Geschleppten sind im Normalfall keine Verschleppten, sieht man von bestimmten Fällen (z. B. Prostitution oder Kinderhandel) ab.</p>
<h3>Irre Realität</h3>
<p>Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass eine Forderung nach Öffnung der Grenzen ganz irreal ist und im Kapitalismus nicht verwirklicht werden kann. Genau so ist es. Aber was sagt dies anderes, als dass die Herrschaft des Kapitals – und zwar immer dringlicher – beseitigt werden muss. Jeder Realismus, der sich hingegen auf Regelungen und Quoten einläßt, diskriminiert konkrete Menschen im Namen von Staat und Nation. Einer solchen Logik verpflichtet, muss man deren Gemeinheiten teilen, auch wenn man sie nicht sympathisch finden mag.</p>
<p>Wer auf den Staat als unbedingte Instanz setzt, muss letztlich auch die Folgen mittragen. Realpolitik endet dann bei Ausländer jagenden Grenztruppen und bei der Abschiebung, bei den “Regelungen der Einwanderung”, den “subjektiven Härten”. Man kann sich also nicht konsequenzlos der Logik staatlicher Macht verschreiben. Eine Identifikation mit ihr ist allerdings Bedingung des allseitig eingeforderten Zwangs zur “Konstruktivität”. Warum man sich als Gegner der kapitalistischen Verwertung ausgerechnet ihren staatlichen Selektionskriterien anschließen soll, ist aber ein Rätsel. Schließlich endet die geforderte Realtiätstüchtigkeit meist wie der Graf Leinsdorf in “Der Mann ohne Eigenschaften”. Ihn läßt Robert Musil sagen: “Realpolitik heißt: Gerade das nicht tun, was man gern möchte”.</p>
<p><em>Irreal</em> heißt, dass die Realität irre ist, nicht dass die an ihr (Ver)Zweifelnden irre sind. Die Realität ist daher nicht als positiver Bezugspunkt zu verstehen, sondern als negative Referenz. Mag die Realität mich, oder schlimmer noch, die vielen Flüchtlinge, einholen, so besteht doch kein Bedarf für jene zu sein, bloß weil sie meist die Oberhand behält. Geschichte kennt übrigens nicht nur die Illegalisierung der Fremden, sie kennt auch die Legalisierung der Illegalen. Davon gehen viele Migranten zu Recht aus, und ob sie aktuell Recht brechen, ist ihnen recht egal, wenn sie absehbar Recht be- und erhalten.</p>
<p>Man muss die Realität <em>erkennen</em>, aber man muss sie deswegen nicht <em>anerkennen</em>. Ansonsten führt das über kurz oder lang dazu, nur noch die Realität für realistisch zu halten, ja ihr geradezu eine Aura der Ewigkeit zuzuweisen. Indes, Staatsbürgerschaft, Pass und Grenze sind jüngeren Datums, erst im 19. Jahrhundert konnten sie sich “endgültig” (so zumindest der hartnäckige Schein) durchsetzen. Sie sind Kennzeichen eines sich etablierenden Verfassungswesens, das sich nunmehr als absolut begreift. “Das Konzept des Staatsbürgers macht nur Sinn, wenn einige davon ausgeschlossen bleiben. Und diese Auszuschließenden müssen letztlich eine willkürlich ausgewählte Gruppe sein. Es gibt kein überzeugendes Argument für die Grenzziehung bei den Kategorien des Ausschlusses. Zudem ist das Konzept des Staatsbürgers an die Grundstruktur der kapitalistischen Weltwirtschaft gebunden.” schreibt Immanuel Wallerstein. (Widerspruch 37/99) Was aber in der Konsequenz auch hieße: Die Leute, die auf diesem Planeten leben, sind Menschen. Nicht Bürger, Inländer, Ausländer, Migranten, Asylsuchende, Angestammte, Entwurzelte, Verwurzelte etc. – nein, ganz einfach Menschen: Homo homini homo.</p>
<p>Nicht “Alle Grenzen auf” ist die Forderung, sondern “Alle Grenzen weg”. Natürlich, solange es Staaten gibt, gibt es Einwanderungsgesetze. Aber muss es Staaten geben? Und vor allem: Weshalb? Der Gedanke, dass der Mensch erst Mensch sein darf, wenn ihn ein Staat als Bürger für zulässig erklärt, ist eine Zumutung sondergleichen. Eine, die freilich also solche gar nicht mehr auffallen will. Indes: “Alle Vereinigung muss ganz freiwillig sein”, sagt Oscar Wilde. “Nur in freiwilligen Vereinigungen ist der Mensch schön.”</p>
<p>Es gilt, Verhältnisse zu schaffen, wo niemand auswandern muss, aber alle hin- und herziehen können, wie sie wollen; wo die Herkunft zu nichts zwingt und die Abkunft nichts besagt, wo es keine Zugehörigkeiten mehr gibt, die aus irgendeiner nationalen Geworfenheit herrühren. Mit Staat und Kapital ist das nicht zu haben.</p>
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