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	<title>krisis &#187; Krisis 30 (2006)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 30 erschienen!</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>

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		<description><![CDATA[Noch vor wenigen Jahren galt es als ausgemacht: »Das Subjekt ist tot«. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus schien die Idee einer Befreiung von kapitalistischer Herrschaft nicht nur praktisch blamiert; in der postmodernen Dekonstruktion des Emanzipationssubjekts wurde sie auch theoretisch entsorgt. Mittlerweile hat sich das Szenario ver&#228;ndert. Mit dem Protest gegen die marktradikale Zurichtung der Gesellschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Noch vor wenigen Jahren galt es als ausgemacht: »Das Subjekt ist tot«. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus schien die Idee einer Befreiung von kapitalistischer Herrschaft nicht nur praktisch blamiert; in der postmodernen Dekonstruktion des Emanzipationssubjekts wurde sie auch theoretisch entsorgt. Mittlerweile hat sich das Szenario ver&#228;ndert. Mit dem Protest gegen die marktradikale Zurichtung der Gesellschaft kommt auch die traditionelle Kapitalismuskritik wieder zu Ehren. Sogar das l&#228;ngst tot geglaubte Klassensubjekt erlebt ein unerwartete Renaissance.</p>
<p>Gegen dieses Wiederg&#228;ngertum wenden sich die Beitr&#228;ge in krisis 30. Statt auf eine Entsorgung der Subjektkritik, zielen sie darauf, diese ernst zu nehmen und kapitalismuskritisch zu reformulieren. Sie werfen damit die Frage auf, wie sich Emanzipation als Emanzipation vom Subjekt neu bestimmen l&#228;sst.</p>
<p><strong>Inhalt <em>krisis</em> 30</strong></p>
<ul>
<li><a href="http://www.krisis.org/2006/krisis-30-editorial">Editorial</a></li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2006/kaempfe-ohne-klassen">Norbert Trenkle: Kampf ohne Klassen.</a> Warum das Proletariat im kapitalistischen Krisenprozess nicht wiederaufersteht</li>
<li>Ernst Lohoff: Ohne festen Punkt. Befreiung jenseits des Subjekts</li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2006/piqueteros-oder-wenn-arbeitslosigkeit-adelt">Marco Fernandes: Piqueteros oder Wenn Arbeitslosigkeit adelt.</a> &#220;ber die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberlaen Metropolen zu organisieren</li>
<li>Karl-Heinz Lewed: Eine „Theorie zur Verletzbarkeit von Herrschaft“? Bemerkungen zu John Holloway</li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2006/kategorie-ohne-eigenschaften">Ernst Lohoff: Kategorie ohne Eigenschaften.</a> Anmerkungen zu Peter Kleins „Schizophrenie des b&#252;rgerlichen Individuums“</li>
</ul>
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		<title>Krisis 30 &#8211; Editorial</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Fr&#252;hjahr 2006 kletterten die B&#246;rsenindizes auf seit dem Crash der &#8220;New Economy&#8221; nicht mehr erreichte St&#228;nde. Kaum ein transnationales Unternehmen, das im letzten Jahr keine rekordverd&#228;chtigen Gewinne ausgewiesen h&#228;tte. Sogar die deutsche Wirtschaft blickt so optimistisch in die Zukunft wie schon lange nicht mehr. Kehren die 1980er Jahre mit ihren &#252;bersch&#228;umenden Erwartungen auf einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/90d5be0c801b4bb08f035bb64e4d1bb4" width="1" height="1" alt=""><br />
</span><br />
Im Fr&#252;hjahr 2006 kletterten die B&#246;rsenindizes auf seit dem Crash der &#8220;New Economy&#8221; nicht mehr erreichte St&#228;nde. Kaum ein transnationales Unternehmen, das im letzten Jahr keine rekordverd&#228;chtigen Gewinne ausgewiesen h&#228;tte. Sogar die deutsche Wirtschaft blickt so optimistisch in die Zukunft wie schon lange nicht mehr. Kehren die 1980er Jahre mit ihren &#252;bersch&#228;umenden Erwartungen auf einen neuen kapitalistischen Fr&#252;hling wieder? Aus der Perspektive der Anlageberatung mag diese Frage berechtigt erscheinen, was die gesamtgesellschaftliche Gro&#223;wetterlage angeht, mutet sie dagegen absurd an. Von einer Wiederkehr jener Don&#8217;t-worry-be-happy-Stimmung, die in den &#8220;Roaring Eighties&#8221; den Boom begleitete, kann beim besten Willen nicht die Rede sein. Nicht nur in Deutschland, auch in den anderen Metropolenl&#228;ndern predigt der Zeitgeist stattdessen &#8220;Blut, Schwei&#223; und Tr&#228;nen&#8221;.</p>
<p><span id="more-540"></span>Die Verwerfungen, die mit der Durchsetzung des totalen Marktes im planetaren Ma&#223;stab einhergehen, werden heute anders verarbeitet als vor zwanzig oder f&#252;nfzehn Jahren. Eine Ver&#228;nderung ist offensichtlich: Die nonchalante Behauptung, es g&#228;be &#252;berhaupt keine einschneidenden gesellschaftlichen Probleme, sondern h&#246;chstens vor&#252;bergehende und vernachl&#228;ssigbare Kollateralsch&#228;den, deren Behebung getrost der unsichtbaren Hand des Marktes &#252;berlassen werden k&#246;nne, ist aus der Mode gekommen. Statt der schieren Krisenleugnung pr&#228;gt heute der erbitterte Streit dar&#252;ber, wer die Verantwortung f&#252;r die Misere tr&#228;gt, das gesellschaftliche Klima. Dieser Umschwung hat indes weder der Einsicht zum Durchbruch verholfen, dass die warengesellschaftlichen Basisformen obsolet geworden sind, noch ist die &#246;ffentliche Debatte auch nur um einen Deut unideologischer geworden. Lediglich die Methoden der Legitimationsproduktion haben sich den neuen Umst&#228;nden angepasst. Unter der Hegemonie des Neoliberalismus beherrschte die Sachzwangideologie das Feld, mittlerweile ist sie von der gnadenlosen Personalisierung der diversen Krisensymptome in den Hintergrund gedr&#228;ngt worden. Ob die Ursachen der Arbeitslosigkeit nun bei den &#8220;Nieten in Nadelstreifen&#8221; gesucht werden, beim &#8220;Anspruchsdenken der Arbeitslosen&#8221;, der &#8220;Selbstsucht der Politiker&#8221;, einer &#8220;schwerf&#228;lligen und investitionsfeindlichen B&#252;rokratie&#8221; oder &#8220;bornierten Gewerkschaftern&#8221;; all diese konkurrierenden &#8220;Erkl&#228;rungen&#8221; eskamotieren die strukturelle Krise der Arbeit nach dem gleichen Grundmuster: Die Missst&#228;nde werden letztinstanzlich auf den Missbrauch der glorreichen warenf&#246;rmigen Ordnung durch einen abgrenzbaren Kreis von Akteuren zur&#252;ckgef&#252;hrt. Die gesellschaftlichen Widerspr&#252;che werden &#8220;vereigenschaftet&#8221; und verschwinden hinter den miesen Machenschaften bestimmter sozialer Gruppen. Der Streit dreht sich lediglich darum, welche davon sich am meisten am Gemeinwohl vers&#252;ndigt hat. So sehr aber bei diesem Spiel der symbolische &#8220;Schwarze Peter&#8221; die Runde macht, das praktische Endergebnis steht von vornherein fest. Zur Rettung der Standortgemeinschaft m&#252;ssen sich die ungl&#252;cklichen Arbeitskraftbesitzer und Sozialstaatsklienten einschr&#228;nken.</p>
<p>Diese Personalisierung innerhalb des nationalen Rahmen wird erg&#228;nzt und &#252;berlagert durch eine wiedererstarkte antisemitische Grundstimmung, wie sie etwa Franz M&#252;ntefering mit seiner Polemik gegen die &#8220;Heuschrecken des Finanzkapitals&#8221; im letzten Bundestagswahlkampf sattsam bedient hat. Hinzu kommt aber noch ein Weiteres. Je weniger die gro&#223;en national&#246;konomisch formierten Kollektive noch funktionieren, desto wichtiger wird die projektive Bestimmung externer Feinde, durch welche sich die Wertsch&#246;pfungsgemeinschaft flugs in eine Wertegemeinschaft verwandeln l&#228;sst. Das Irrationale und Destruktive der warengesellschaftlichen Weltordnung wird ideologisch eingebannt und praktisch entfesselt, indem es angeblich au&#223;erhalb der eigenen &#8220;Kultur&#8221; stehenden Kollektivsubjekten zugeordnet und als deren spezielle Charaktereigenschaft behandelt wird. Freilich haben kulturalistische Zuschreibungen und Feindbilder f&#252;r die Identit&#228;tsproduktion und die Organisation von Zugeh&#246;rigkeit und Ausschluss auch schon in fr&#252;heren Phasen warengesellschaftlicher Entwicklung eine Schl&#252;sselrolle gespielt. Die Ethnisierungsprozesse gewinnen jedoch derzeit eine Virulenz, die alles in den Schatten stellt, was zumindest Europa in den letzten 60 Jahren gekannt hatte. Der von Huntington beschworene &#8220;Clash of Cultures&#8221; wird zur self-fulfilling prophecy. Reichweite dieser Entwicklung und die genaue Frontstellungen sind noch gar nicht abzusch&#228;tzen. So viel deutet sich allerdings bereits an: Der alte autonome Klospruch &#8220;Nur St&#228;mme werden &#252;berleben&#8221;, ist drauf und dran zu einem zentralen Motto der gesamten Weltgesellschaft aufzusteigen.</p>
<p>Bereits in den Reaktionen auf den Irakfeldzug der USA schien auf, wie sehr der Weltb&#252;rgerstandpunkt, zu dem die Mehrheitsgesellschaft nach dem Ende der Blockkonfrontation scheinbar endg&#252;ltig gefunden hatte, im Br&#246;ckeln begriffen ist. Nicht nur hierzulande verschwamm die Kritik an dem aberwitzigen Milit&#228;runternehmen sofort mit einer Apologie des &#8220;alten Europas&#8221;. &#8220;Realpolitisch&#8221; ging es nur um eine taktische Differenz zwischen den gesamtimperialen M&#228;chten &#252;ber die opportune Vorgehensweise im Nahen Osten. Diese wurde aber sofort mit einem mittlerweile allzeit abrufbaren kulturalistischen Deutungsraster unterlegt: der fiktiven Aufspaltung des Weltkapitalismus in eine gute &#8220;cisatlantische&#8221; und eine gemeingef&#228;hrliche &#8220;transatlantische&#8221; Seite. Der Protest gegen die fatale Rolle der imperialen Vormacht bekam so eine gef&#228;hrliche Schlagseite, indem er ein europ&#228;isches Gegenwesen zum &#8220;amerikanischen Unwesen&#8221; konstruierte.</p>
<p>Besonders deutlich macht allerdings der Umgang mit der &#8220;islamischen Herausforderung&#8221;, wie gr&#252;ndlich durchweicht die D&#228;mme inzwischen sind, die der gro&#223;en Ethnisierungswelle bisher noch entgegenstehen. Die Konfrontation mit einer Ideologie, die statt dem Kapitalismus dem &#8220;Abendland&#8221; den Krieg erkl&#228;rt, nutzt &#8220;der Westen&#8221; dazu, um seinerseits die warengesellschaftliche Krise zu einem externen Problem zu erkl&#228;ren. Nach dem Motto &#8220;Feindschaft verbindet&#8221; erbl&#252;ht hierzulande als Pendant zu den antiokzidentalistischen Str&#246;mungen in den islamischen L&#228;ndern ein neuer Antiorientalismus. In Frontstellung zur Imagination einer einheitlichen islamischen Kultur macht die Ideologie einer wehrhaften westlichen Wertegemeinschaft Karriere und schwei&#223;t identit&#228;tspolitisch zusammen, was ansonsten auseinanderstrebt. Ureigenste &#8220;Errungenschaften&#8221; der westlichen Gesellschaft wie die zunehmende Gewalt an den Schulen werden so im Handumdrehen islamisiert.</p>
<p>Nicht, dass die Mehrheit der hiesigen Bev&#246;lkerung und Meinungsmacher mit &#252;bersch&#228;umender Begeisterung in den heraufbeschworenen &#8220;Kampf der Kulturen&#8221; ziehen w&#252;rde; die Aussicht auf ein bisschen Weltb&#252;rgerkrieg weckt mehr Angst als Verz&#252;ckung. In der Bem&#252;hung um Deeskalation erschallt momentan viel eher noch der Ruf nach einem &#8220;Dialog der Kulturen&#8221;. Aber gerade diese Wendung sagt eigentlich schon, wohin die Reise geht. Sie argumentiert n&#228;mlich bereits innerhalb des Huntingtonschen Bezugssystems, demzufolge die Weltgesellschaft in feste und klar abgegrenzte, kulturelle Entit&#228;ten zerf&#228;llt. Aus lebendigen Individuen mit unterschiedlicher Vorgeschichte und unterschiedlichen sozialen Hintergr&#252;nden sind auf diese Weise Repr&#228;sentanten homogen gedachter kollektiver Identit&#228;tsbl&#246;cke geworden.</p>
<p>Der Kontrast zur Situation w&#228;hrend des neoliberalen Honeymoons k&#246;nnte kaum sch&#228;rfer ausfallen. Der damals dominante Traum von der Verwandlung der Welt in eine planetare Spielwiese von Konkurrenzmonaden kannte nur Individuen, keine Gesellschaft und erst recht keine geschlossenen kulturellen Metasubjekte. Der vom Postmodernismus in den 1980er und 1990er Jahren propagierte Gedanke der Dekonstruktion fester Kollektividentit&#228;ten und des freien Spiels der kulturellen Bedeutungen f&#252;gte sich in diese allgemeine Grundstimmung ein. Im Zuge des versch&#228;rften Krisenprozesses kehrt sich diese Entwicklung jedoch um und es kommt zu einer Wiederkehr miteinander in Feindschaft liegender &#8220;imaginierter Gemeinschaften&#8221; (Benedict Anderson). Den Aufstieg der Warengesellschaft begleitete die &#8220;Erfindung der Nation&#8221;, der &#8220;V&#246;lker&#8221; und anderer &#8220;organischer&#8221; Kollektivsubjekte; mit ihrem Absturz feiern solche imagin&#228;ren &#8220;Wir-Identit&#228;ten&#8221; in neuer Gestalt fr&#246;hliche Urst&#228;nd. Dass es sich dabei um Konstrukte handelt, tut weder ihrem Erfolg noch ihrer verheerenden Wirkung Abbruch.</p>
<p>Die Geschichte der Warengesellschaft ist voller ideologischer Wechself&#228;lle. Indes fallen die angesprochenen Entwicklungen keineswegs in die Rubrik kurzfristige Konjunkturen, sondern haben besonderen historischen Tiefgang. Mit der Krise der Warengesellschaft werden deren im Verlauf ihrer Aufstiegsgeschichte sichtbar und wirksam gewordene destruktive Potenzen sukzessive auf neue Weise virulent &#8211; auch solche, von denen man in den 1980er Jahren annahm, sie h&#228;tten sich erledigt. W&#228;hrend die natur- und reichtumszerst&#246;rende Kraft der Verwertungsrationalit&#228;t eine bis dato unbekannte Wucht entfaltet, gewinnt gleichzeitig ihre vergessen geglaubte R&#252;ckseite eine neue Bedeutung f&#252;r den weiteren Gang der Entwicklung. Mit der Wendung von der Krisenleugnung zur ideologischen Krisenerkl&#228;rung und hin zu imagin&#228;ren Gemeinschaften wie der Umma und der christlich-abendl&#228;ndischen Wertegemeinschaft deutet sich der &#220;bergang in ein Zeitalter an, in dem der &#8220;Terror der &#214;konomie&#8221; und der Irrationalismus eine bedrohliche Verbindung eingehen. Die Renaissance des Kulturalismus, die Auferstehung des Antisemitismus und die Wiederkehr apokalyptischen Denkens, das bei der Erstinstallation der modernen Subjektivit&#228;t in der fr&#252;hen Neuzeit eine Schl&#252;sselrolle spielte, sind Symptome daf&#252;r.</p>
<p>***</p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, dass auch diese Ausgabe der <em>krisis</em> wieder um die Subjektkritik zentriert ist. Sie setzt damit den Schwerpunkt der vorangegangenen Nummer fort, stellt diesmal allerdings prim&#228;r die Frage des Handelns und der gesellschaftlichen Handlungsform in den Mittelpunkt.</p>
<p>In <em>Kampf ohne Klassen</em> setzt Norbert Trenkle sich mit dem wiederbelebten Klassendiskurs auseinander. Die Kritik der Klassenkampfideologie spielte schon fr&#252;her in der Positionsbestimmung der <em>krisis </em> eine zentrale Rolle. W&#228;hrend aber &#228;lteren Texte vor allem den gemeinsamen Inhalt von Arbeit und Kapital im Durchsetzungsprozess der Warengesellschaft hervorhoben, setzt sich der Autor vor allem mit der Frage auseinander, welche Berechtigung die Kategorie des Klassensubjekts heute noch hat. Er zeigt, dass sie nicht daf&#252;r geeignet ist, die zunehmende soziale Polarisierung und die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse ad&#228;quat zu analysieren; vielmehr setze sich im kapitalistischen Krisenprozess eine allgemeine Tendenz der Deklassierung durch.</p>
<p>Ernst Lohoffs Beitrag <em>Ohne festen Punkt</em> schlie&#223;t direkt an seinen in <em>krisis</em> 29 vorgelegten Aufsatz &#8220;Die Verzauberung der Welt&#8221;an. W&#228;hrend dort jedoch das Handeln in der Subjektform als die spezifische warengesellschaftliche Praxisform dechiffrierte wurde, setzt sich der neue Text mit den emanzipationstheoretischen Implikationen einer wertkritischen Subjektformkritik auseinander. In der Kritik an den &#252;berkommenen subjektemphatischen Befreiungskonzepten, versucht er einen Zugang zur Frage emanzipativer Praxis zu schaffen. Emanzipation, so die grundlegende These, h&#228;tte die Befreiung von der Subjektform zum Inhalt.</p>
<p>Aus einer etwas anderen Perspektive besch&#228;ftigt sich Marco Fernandes mit der Frage nach den Konstitutionsbedingungen und Ansatzpunkten sozialer Emanzipationsbewegungen. In seinem Beitrag <em>Piqueteros oder Wenn Arbeitslosigkeit adelt</em> untersucht er auf der Grundlage empirischer Erfahrungen, mit welchen Schwierigkeiten die argentinischen Arbeitslosenbewegungen zu k&#228;mpfen hatten und wie es ihnen trotzdem gelungen ist, zu einer eigenst&#228;ndigen gesellschaftlichen Kraft zu werden.</p>
<p>Karl Heinz Lewed pr&#228;sentiert mit seinem Aufsatz <em>Eine Theorie zur Verletzbarkeit von Herrschaft? </em>eine ausf&#252;hrliche Kritik an John Holloways Buch &#8220;Die Welt ver&#228;ndern ohne die Macht zu &#252;bernehmen&#8221;. Lewed hebt die Bedeutung dieses Buches hervor, weil es die Kritik des Warenfetischismus in den Mittelpunkt stellt, verweist aber zugleich auch auf deren Beschr&#228;nkungen. Holloway wird, so Lewed, dem eigenen Anspruch einer &#220;berwindung des traditionellen Marxismus nicht gerecht, sondern reproduziert dessen Denkfiguren in vieler Hinsicht. Das gilt nicht zuletzt f&#252;r Holloways Schl&#252;sselbegriff des &#8220;Tuns&#8221;, der alle Z&#252;ge der warengesellschaftlichen Basiskategorie der Arbeit tr&#228;gt.</p>
<p>Den Schluss dieser Ausgabe bildet Ernst Lohoffs <em>Kategorie ohne Eigenschaften</em>. Dieser Debattenbeitrag setzt sich mit dem in der letzten <em>krisis </em>erschienenen Artikel von Peter Klein &#8220;Die Schizophrenie des modernen Individuums&#8221; auseinander. Lohoff kritisiert vor allem, dass Klein die Kategorie des freien Willens als blo&#223;e inhaltleere Form behandle und verweist auf die Implikationen dieser Sichtweise. Ihr entgingen die geschlechtshierarchischen, rassistischen und gewaltf&#246;rmigen Momente in der Konstitution des modernen Subjekts, welche dann auch f&#252;r die Einsch&#228;tzung der Krisendynamik keine Rolle spielten.</p>
<p>***</p>
<p>Zwanzig Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen, seit im M&#228;rz 1986 &#8211; damals noch unter dem Titel &#8220;Marxistische Kritik&#8221; &#8211; die erste Ausgabe dieser Zeitschrift erschien. Es w&#252;rde den Rahmen dieses Editorials bei weitem sprengen, die in dieser Zeit vollzogenen theoretischen Entwicklungen nachzuzeichnen und zu reflektieren. Daher m&#246;chten wir uns an dieser Stelle einfach bedanken bei unseren Leserinnen und Lesern und allen, die uns &#252;ber die Jahre hinweg begleitet und unterst&#252;tzt haben. Wir sehen darin vor allem einen Ansporn, den wertkritischen Ansatz weiterzuentwickeln und im Hinblick auf die laufenden gesellschaftlichen Prozesse zu konkretisieren. Mehr denn je wird die Wertkritik zuk&#252;nftig ihre St&#228;rke darin beweisen m&#252;ssen, den fortschreitenden Krisenprozess in seinen objektiven und subjektiven Momenten ad&#228;quat zu analysieren und ausgehend davon M&#246;glichkeiten widerst&#228;ndigen Handelns aufzuzeigen, das sich mit einer Perspektive der Aufhebung der Warengesellschaft verbinden l&#228;sst. Daf&#252;r werden wohl noch viele Ausgaben der <em>krisis</em> notwendig sein. Auf eure und Ihre Unterst&#252;tzung &#8211; zum Beispiel in Form einer Mitgliedschaft im F&#246;rderverein k<em>risis</em> &#8211; sind wir dabei auch weiterhin unbedingt angewiesen.</p>
<p>&#220;brigens blickt auch unsere Schwesterzeitschrift aus Wien bereits auf ein 10j&#228;hriges Bestehen zur&#252;ck. Wir gratulieren den <em>Streifz&#252;gen </em>und m&#246;chten sie bei diesem Anlass noch einmal als Erg&#228;nzung zur <em>krisis</em> besonders anempfehlen. Inhaltsverzeichnis der Jubil&#228;umsausgabe und Bestelladresse finden sich im hinteren Teil dieser Ausgabe.</p>
<p><em>Ernst Lohoff und Norbert Trenkle f&#252;r die Redaktion</em></p>
<p><em>Mai 2006</em></p>
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		<title>K&#228;mpfe ohne Klassen</title>
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		<pubDate>Sat, 30 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Warum das Proletariat im kapitalistischen Krisenprozess nicht wieder aufersteht - stark gek&#252;rzte Fassung des Artikels aus krisis 30]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><<img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/60f2cde5bd4643339d64c3fa253a1c0f" width="1" height="1" alt=""><br />
</span></p>
<h3>Warum das Proletariat im kapitalistischen Krisenprozess nicht wieder aufersteht.</h3>
<p>Aus: Jungle World 26 vom 28. Juni 2006</p>
<p><em>Von Norbert Trenkle</em></p>
<p>W&#228;hrend auch in den ehemaligen Gewinnerl&#228;ndern des Weltmarkts die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse fortschreitet und immer gr&#246;&#223;ere Teile der Bev&#246;lkerung erfasst, hat die Rede von einer R&#252;ckkehr der Klassengesellschaft und des Klassenkampfes Konjunktur. Angesichts der rapide versch&#228;rften sozialen Polarisierung mag sie zun&#228;chst plausibel erscheinen. Doch wie so oft tr&#228;gt der R&#252;ckgriff auf die Deutungs- und Erkl&#228;rungsmuster der Vergangenheit nicht etwa zur Kl&#228;rung, sondern nur zur Verwirrung bei. Entgegen dem ersten Augenschein l&#228;sst sich weder die extrem wachsende soziale Ungleichheit ad&#228;quat in den Kategorien des Klassengegensatzes fassen, noch entsprechen die daraus resultierenden Interessengegens&#228;tze und -kon­flikte dem, was als Klassenkampf geschichtsm&#228;chtig wurde.</p>
<p><span id="more-533"></span>Der gro&#223;e soziale Konflikt, der als Klassenkampf die gesamte Durchsetzungsgeschichte der kapitalistischen Gesellschaft in entscheidendem Ma&#223;e pr&#228;gte, war bekanntlich der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Von der objektivierten Seite der warenf&#246;rmigen Strukturlogik her betrachtet, handelt es sich dabei um den Interessengegensatz zweier kapitalistischer Funktionskategorien: den Repr&#228;sentanten des Kapitals, die den Produktionsprozess zum Zweck der Kapitalverwertung kommandieren und organisieren, und den Lohnarbeitern, die durch ihre Arbeit den daf&#252;r notwendigen Mehrwert »schaffen«.</p>
<p>F&#252;r sich genommen ist das ein rein immanenter Konflikt innerhalb des vorausgesetzten gemeinsamen Bezugssystems der modernen Warenproduktion, der sich um die Art und Weise der Wertproduktion (Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten etc.) und um die Verteilung der Wertmasse (Lohn, Profit, Sozialleistungen etc.) dreht. Als solcher ist er unaufhebbar, solange es die kapitalistische Produktionsweise gibt, die auf der Selbstzweckbewegung der Verwertung des Werts basiert. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass er sich stets auch als Klassengegensatz ausdr&#252;cken m&#252;sste.</p>
<p>Zum Klassengegensatz entwickelte sich der objektivierte Gegensatz von Kapital und Arbeit nur, weil sich auf seiner Grundlage unter ganz bestimmten historischen Bedingungen ein gesellschaftliches Gro&#223;subjekt konstituierte. Die Lohnarbeiterschaft entwickelte im Zuge des Kampfes f&#252;r ihre Interessen und um die gesellschaftliche Anerkennung eine kollektive Identit&#228;t und ein Bewusstsein als Arbeiterklasse. Erst diese Subjektkonstitution versetzte die Verk&#228;ufer der Ware Arbeitskraft in die Lage, ihrem Kampf die notwendige Kontinuit&#228;t und St&#228;rke zu verleihen, auch &#252;ber R&#252;ckschl&#228;ge und Niederlagen hinweg.</p>
<p>Wenn nun der Klassenkampf in der zweiten H&#228;lfte des 20.Jahrhunderts zunehmend seine gesellschaftspr&#228;gende Dynamik und Kraft verlor, dann nat&#252;rlich nicht darum, weil die kapitalistische Gesellschaft pl&#246;tzlich ohne Mehrwertproduktion ausgekommen w&#228;re. Der objektivierte Gegensatz der Funktionskategorien Kapital und Arbeit blieb und bleibt erhalten, auch wenn sich im Laufe der kapitalistischen Entwicklung seine konkrete Auspr&#228;gung ver&#228;nderte.</p>
<p>Jedoch verlor die Arbeiterklasse in dem Ma&#223;e ihren Charakter als Kollektivsubjekt, wie die Lohnarbeiter als gleichberechtigte Staatsb&#252;rger und Warensubjekte in das Universum der b&#252;rgerlichen Gesellschaft aufgenommen wurden und sich die Existenzweise des Arbeitskraftverk&#228;ufers verallgemeinerte. Damit ging zugleich auch der revolution&#228;re Nimbus der Arbeiterklasse verloren, der einen nicht unerheblichen Teil des identit&#228;ren Kitts ausgemacht hatte. Denn auch wenn die Vorstellung, der Klassenkampf habe antagonistischen Charakter und weise deshalb &#252;ber die kapitalistische Gesellschaft hinaus, im Nachhinein als Illusion dechiffriert werden kann, spielte sie doch bei der Klassenkonstitution eine durchaus wichtige Rolle, denn sie verschaffte der Arbeiterbewegung das Bewusstsein, im Horizont einer weitreichenden historischen Mission zu agieren.</p>
<p>Letztlich entpuppte sich der Gegensatz von Kapital und Arbeit jedoch auch subjektiv als immanenter Interessenkonflikt. Trotz gelegentlicher rhetorischer Reprisen von Denkfiguren aus vergangenen Zeiten werden Arbeitsk&#228;mpfe heute nicht unter der Pr&#228;misse gef&#252;hrt, dass die Interessen der Arbeitskraftverk&#228;ufer mit denen des Kapitals unvereinbar w&#228;ren. Im Gegenteil: Betont wird immer ihre Kompatibilit&#228;t, sei es im Namen der Produktivit&#228;t, des Standorts oder der kaufkr&#228;ftigen Binnennachfrage. Kritisiert werden hingegen allenfalls »&#252;bertrieben hohe Gewinne«, »unn&#246;tige Betriebsverlagerungen« oder, ideologisch aufgeladen, die »Heuschrecken des Finanzkapitals«.</p>
<p>Die zu Warensubjekten formatierten Menschen halten es l&#228;ngst f&#252;r selbstverst&#228;ndlich, dass Gewinn gemacht, Kapital verwertet, Produktivit&#228;t gesteigert und Wachstum forciert werden muss. Sie wissen, dass ihr (wie auch immer prek&#228;res) Wohlergehen in dieser Gesellschaft &#8211; und eine andere k&#246;nnen sie sich kaum noch vorstellen &#8211; genau davon abh&#228;ngt.</p>
<p>Diese Entwicklung auf der subjektiven Ebene l&#228;sst sich nicht nur allgemein auf die verallgemeinerte Durchsetzung der Warengesellschaft zur&#252;ckf&#252;hren, die der kapitalistischen Funktionslogik den Anschein eines unaufhebbaren Naturgesetzes verliehen hat. Es liegen ihr auch ganz spezifische Ver&#228;nderungen im Verh&#228;ltnis von Kapital und Arbeit zu Grunde, die bereits in der &#196;ra des Fordismus eingeleitet wurden und sich nach dessen Ende in beschleunigtem Ma&#223;e vollzogen haben. Sie f&#252;hrten zwar keinesfalls zur Aufhebung dieses Funktionsgegensatzes, aber doch dazu, dass er keine Grundlage f&#252;r die Konstitution einer erneuerten Klassensubjektivit&#228;t mehr abgeben kann. Daher findet heute trotz oder auch wegen der extremen Versch&#228;rfung der sozialen Ungleichheit keine Reklassifizierung der Gesellschaft statt; vielmehr haben wir es mit einem allgemeinen Prozess der »Deklassierung« zu tun, der sich in mindestens vier Tendenzen ausdr&#252;ckt:</p>
<h3>Die Ausgespuckten</h3>
<p>Erstens ist schon seit der Endphase des Fordismus die unmittelbare Arbeit am Produkt zugunsten &#252;berwachender und kontrollierender sowie der Produktion vor- und nachgelagerter Funktionen zur&#252;ckgedr&#228;ngt worden. Das bedeutete nicht nur ein Abschmelzen der eigentlichen Arbeiterklasse im Sinne der wertproduktiven Industriearbeiterschaft und das massenhafte Aufkommen verschiedener Lohnarbeiterkategorien (in der Zirkulation, im Staatsapparat, den verschiedenen »Dienstleistungssektoren« etc.), deren Klassenzuordnung sinnvoll nicht m&#246;glich ist.</p>
<p>Damit einher ging auch, dass ein erheblicher Teil der Kommandofunktion des Kapitals in die verschiedenen Arbeitst&#228;tigkeiten integriert und auf diese Weise der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital unmittelbar in die Individuen hineinverlagert wurde (was besch&#246;nigend als »Eigenverantwortung«, »Arbeitsanreicherung«, »flache Hierarchien« etc. figuriert). Diese Tendenz hat sich unter dem Druck der Krisenkonkurrenz und im Zuge einer allgemeinen Prekarisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse noch versch&#228;rft.</p>
<p>Am augenscheinlichsten ist das bei den vielen kleinen »Selbstst&#228;ndigen« und »Arbeitskraftunternehmern«, deren Wohl und Wehe vollst&#228;ndig davon abh&#228;ngt, ausgelagerte T&#228;tigkeiten bestimmter Betriebe in Eigenregie und auf eigenes Risiko zu erle­digen. Aber auch innerhalb der Unternehmen selbst nimmt die Tendenz weiterhin zu, die Besch&#228;ftigten zu »Managern« ihrer selbst und ihrer Arbeitsbereiche zu machen (etwa durch die Einrichtung so genannter »Profitcenter«). Und schlie&#223;lich propagiert eine zynische Ideologie der Arbeitslosenverwaltung umso penetranter das Lob des »Selbstmanagements« und der »Eigenverantwortung«, je deutlicher wird, dass der Arbeitsmarkt bei weitem nicht alle Ausgespuckten wieder aufnehmen kann.</p>
<p>Zweitens kommt hinzu, dass der Wechsel zwischen den verschiedenen T&#228;tigkeiten seit dem Ende des Fordismus immer mehr zur Norm geworden ist, was erheblich dazu beitrug, die Identifikation der Individuen mit einer bestimmten Funktion aufzul&#246;sen. Damit hat auch das Verh&#228;ltnis zwischen den Individuen und ihrer Stellung im Produktionsprozess jede biografische und lebensweltliche Verankerung verloren und sich empirisch dem angen&#228;hert, was es seinem Begriff nach immer schon war: ein &#228;u&#223;erliches.</p>
<p>Im Krisenprozess fordert nun der kategorische Imperativ des Flexibelseins immer unerbittlicher Gehorsam ein. Bekanntlich gibt es heute ja keine schlimmere S&#252;nde wider das kapitalistische Gesetz als an einer bestimmten Arbeitsfunktion oder -t&#228;tigkeit zu kleben. Das verk&#252;nden nicht nur die Priester des Marktes, es resultiert aus den objektivierten Zw&#228;ngen der globalen Dumpingkonkurrenz. Wer &#252;berleben will, muss zum st&#228;ndigen Wechsel zwischen den Lohnarbeits- und Selbstst&#228;ndigkeitskategorien bereit sein und sich mit keiner von ihnen identifizieren &#8211; obzwar auch dies selbstverst&#228;ndlich nichts garantiert.</p>
<p>Drittens verlaufen die neuen Hierarchien und Spaltungen quer zu den kapitalistischen Funktionskategorien, statt sich mit ihnen zu decken. Insbesondere werden sie nicht vom Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital bestimmt, denn innerhalb der Kategorie Lohnarbeit ist das soziale Gef&#228;lle so gewaltig wie in der Gesellschaft als Ganzer. Das betrifft zun&#228;chst die Betriebe selbst, in denen (schrumpfende) Kernbelegschaften mit vorl&#228;ufig festem oder sogar tarifvertraglich abgesichertem Job neben einer wachsenden Zahl von Teilzeit- und Leiharbeitskr&#228;ften zu ganz unterschiedlichen Konditionen dieselbe Arbeit verrichten.</p>
<p>Noch gr&#246;&#223;er jedoch sind die Unterschiede zwischen Branchen, Produktionsabschnitten und regionalen Standorten, und schlie&#223;lich existieren enorme Diskrepanzen im Hinblick auf Einkommen, Arbeitsbedingungen und Status, je nach Positionierung in der Hierarchie der globalen Verwertungsketten.</p>
<p>Viertens schlie&#223;lich bedeutet Deklassierung, dass immer mehr Menschen in aller Welt ganz durchs Raster der Funktionskategorien hindurchfallen, weil f&#252;r sie im System der Warenproduktion kein Platz mehr existiert, das immer weniger Arbeitskr&#228;fte produktiv vernutzen kann. Sie m&#252;ssen erfahren, dass sie nicht nur jederzeit ersetzbar sind, sondern in wachsendem Ma&#223;e auch im kapitalistischen Sinne &#252;berfl&#252;ssig werden.</p>
<p>»Privilegiert« ist, wem es gelingt, sich noch an irgendeine Funktion zu klammern oder zwischen verschiedenen Funktionen zu wechseln, ohne dabei abzust&#252;rzen. Da aber diese selbst prek&#228;r oder ganz obsolet werden, ger&#228;t solch ein Drahtseilakt zunehmend schwieriger. Weil die objektivierten Funktionsstrukturen zerfallen, fallen auch immer mehr Menschen durch ihr Raster. Wie viele es jeweils sind, differiert je nach der Stellung eines Landes oder einer Region in der globalen Konkurrenz, doch die Drohung des Absturzes ins soziale Nichts schwebt &#252;ber allen.</p>
<p>Die Tendenz ist klar und eindeutig. Weltweit ist ein wachsendes Segment neuer Unterschichten entstanden, die nichts mit dem alten Proletariat gemeinsam haben und die weder objektiv (durch ihre Funktion oder Stellung im Produktionsprozess) noch subjektiv (ihrem Bewusstsein nach) ein neues soziales Gro&#223;subjekt bilden (etwa ein »Prekariat«). Ihr Bezug auf den kapitalistischen Verwertungsprozess ist zun&#228;chst ein rein negativer. Sie werden nicht mehr ben&#246;tigt. Das zwingt aber dazu, die Frage nach der m&#246;glichen Konstitution neuer sozialer Emanzipationsbewegungen g&#228;nzlich neu zu formulieren.</p>
<h3>Rettungsversuche am toten Subjekt</h3>
<p>Der wieder auferstandene linke Klassenkampfdiskurs tr&#228;gt zur Kl&#228;rung dieser Frage kaum etwas bei. Zwar hat er in mancher Hinsicht auf die gesellschaftlichen Umbr&#252;che und Transformationen reagiert und einige argumentative Ver&#228;nderungen durchlaufen, doch ist es ihm letztlich nicht gelungen, sich von den metaphysischen Grundmustern des traditionellen Klassenkampfmarxismus´ zu l&#246;sen. Diese werden best&#228;ndig reproduziert, auch wenn die angerufenen (oder vielmehr herbeigew&#252;nschten) Subjekte sich ver&#228;ndert haben m&#246;gen.</p>
<p>In krisis 29 habe ich versucht, dies vor allem in der Auseinandersetzung mit Hardt/ Negri und ­John ­Holloway nachzuweisen. Hier soll nun der Blick zun&#228;chst auf Ans&#228;tze gerichtet werden, deren metaphysische Schlagseite nicht ganz so offensichtlich ist, weil sie eher soziologisch argumentieren und sich vor allem auf die Analyse der objektiven Seite der gesellschaftlichen Entwicklung konzentrieren.</p>
<p>Es wird sich dabei zeigen, dass es gerade die empirischen Ergebnisse ihrer Untersuchungen sind, die das angewandte Klassenparadigma dementieren. Beim Versuch, die »Klassenanalyse« durch allerlei Anbauten noch zu retten, verwickeln sie sich in Widerspr&#252;che und Aporien, die deutlich da-rauf verweisen, dass dieses Rettungsunternehmen zum Scheitern verurteilt ist und nur ein Abbruch des traditionell-marxistischen Gedankengeb&#228;udes den Blick auf eine erneuerte emanzipatorische Handlungsperspektive er&#246;ffnen kann.</p>
<p>H&#246;ren wir zun&#228;chst den an Gramsci orientierten Klassentheoretiker Frank Deppe: »Die Arbeiterklasse«, so schreibt er in der Zeitschrift Fantômas, »ist keineswegs verschwunden, der Kapitalismus basiert nach wie vor auf der Ausbeutung der Lohnarbeit und den nat&#252;rlichen, sozialen und politischen Bedingungen der Produktion und Aneignung von Mehrwert. Die Zahl der abh&#228;ngig Arbeitenden hat sich zwischen 1970 und 2000 fast verdoppelt und umfasst ungef&#228;hr die H&#228;lfte der gesamten Weltbev&#246;lkerung. Das ist in erster Linie auf die Entwicklung in China und anderen Teilen Asiens zur&#252;ckzuf&#252;hren, wo infolge der Industrialisierung gro&#223;e Teile der Landbev&#246;lkerung &gt;freigesetzt&lt; wurden. In den entwickelten kapitalistischen L&#228;ndern betr&#228;gt der Anteil der Lohnarbeit inzwischen 90 Prozent und mehr.«</p>
<p>Was zun&#228;chst an dieser Argumentation auff&#228;llt, ist, dass sie mit einem zwischen mindestens zwei Bedeutungen schwankenden Begriff der Arbeiterklasse operiert. Zun&#228;chst scheint Deppe ganz traditionell der Arbeiterklasse nur jene Lohnarbeiter zuzuordnen, die im strengen Sinne Mehrwert produzieren, deren Mehrarbeit direkt f&#252;r die Verwertung des Kapitals abgesch&#246;pft wird. Dieser Klassenbegriff gleitet jedoch flie&#223;end in einen sehr viel weiteren &#252;ber, der alle »abh&#228;ngig Arbeitenden« und damit die »H&#228;lfte der Weltbev&#246;lkerung« und in den kapitalistischen Metropolen sogar fast die gesamte Bev&#246;lkerung (n&#228;mlich &#252;ber 90 Prozent) umfasst.</p>
<p>In diesem argumentativen Schwanken dr&#252;ckt sich bereits das ganze Dilemma der Klassentheoretiker aus. Wird die Kategorie der Arbeiterklasse im ersten Sinne interpretiert (was der Marxschen Theorie, auf die sich Deppe ja explizit bezieht, entspricht), dann m&#252;sste zugestanden werden, dass es sich dabei um eine globale Minderheit handelt, die immer mehr an Bedeutung verliert, je weiter die Rationalisierungsprozesse in den wertproduktiven Sektoren voranschreiten und die Arbeit in der unmittelbaren Produktion &#252;berfl&#252;ssig gemacht wird.</p>
<p>In der zweiten Bedeutung jedoch, also der Ausweitung der Kategorie der Arbeiterklasse auf alle »abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten«, wird sie zu einem Unbegriff, denn es fehlt ihr dann jede Trennsch&#228;rfe. Sie ist dann nur ein anderes Wort f&#252;r die allgemeine Existenz- und Lebensweise in der kapitalistischen Gesellschaft, die ihren Zusammenhang nun einmal &#252;ber Arbeit und Warenproduktion vermittelt, was sich f&#252;r die &#252;bergro&#223;e Mehrheit der Menschen als Zwang darstellt, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um &#252;berleben zu k&#246;nnen. Dieser allgemeine Zwang ist zwar wesentliches Grundmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft, taugt aber gerade deshalb keinesfalls zur Bestimmung »der Arbeiterklasse«, weil ihm ja prinzipiell alle Menschen unterworfen sind, quer zu ihren Positionen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihren so­zialen Stellungen und Lebenslagen.</p>
<p>Deutlich werden die Aporien der neueren Klassentheorie auch bei dem Historiker Marcel van der Linden, der den Klassenbegriff noch weiter fasst als Deppe. Ihm zufolge »geh&#246;rt jederR Tr&#228;gerIn von Arbeitskraft zur Klasse der subalternen ArbeiterInnen, dessen oder deren Arbeitskraft unter &#246;konomischem oder nicht-&#246;konomischem Zwang einer anderen Person verkauft oder vermietet wird. Gleichg&#252;ltig ist dabei, ob sie von dem oder der Tr&#228;gerIn selbst angeboten wird oder ob er oder sie eigene Produktionsmittel besitzt.«</p>
<p>Mit dieser Definition will van der Linden der Tatsache Rechnung tragen, dass in der globalisierten Warengesellschaft eine ungeheure Vielzahl ausdifferenzierter und hierarchisierter Arbeitsverh&#228;ltnisse entstanden ist, die nicht (mehr) in das klassische Schema der Lohnarbeit passen. Dazu z&#228;hlt er u.a. verschiedene &#220;bergangsformen zwischen Sklaverei, Lohnarbeit, Selbst­anstellung und Subunternehmertum, aber auch die unbezahlte Subsistenz- und Reproduktionsarbeit von Frauen. Dementsprechend spricht van der Linden auch nicht mehr von der Klasse der »freien LohnarbeiterInnen«, sondern w&#228;hlt den weiter gefassten Begriff der »subalternen ArbeiterInnen«. Damit jedoch l&#246;st er das Problem nicht auf, sondern geht nur noch einen Schritt weiter als Deppe, indem er den Klassenbegriff zu einer Metakategorie aufbl&#228;ht, die prinzipiell die gesamte kapitalis­tische Gesellschaft umgreift.</p>
<p>Es liegt in der Logik der Sache, dass diese Metakategorie v&#246;llig konturlos ist. Sie stellt das Paradox eines Begriffs der kapitalistischen Totalit&#228;t dar, dem genau diese Totalit&#228;t entgleitet. Denn einerseits tr&#228;gt sie indirekt dem Umstand Rechnung, dass die Arbeit das &#252;bergreifende Prinzip &#8211; oder genauer gesagt: das Vermittlungsprinzip &#8211; der b&#252;rgerlichen Gesellschaft darstellt. Andererseits wird genau dies durch die Fixierung auf die Kategorie der Klasse unsichtbar gemacht.</p>
<p>Der traditionelle Marxismus hatte ja stets die Vermittlung des gesellschaftlichen Zusammenhangs &#252;ber die Arbeit als &#252;berhistorische Konstante aller Gesellschaften betrachtet und nicht erkannt, dass es sich dabei um das historisch-spezifische Wesensmerkmal der kapitalistischen Formation handelt, das untrennbar mit der verallgemeinerten Warenproduktion und der selbstzweckhaften Verwertung des Werts verkn&#252;pft ist. Als Spezifikum des Kapitalismus erschien ihm vielmehr die besondere Art der Absch&#246;pfung der Mehrarbeit in Gestalt des Mehrwerts, die Vermittlung &#252;ber den Markt und das Privateigentum an Produktionsmitteln, Merkmale, die sich allesamt auf den Begriff der Klassenherrschaft bzw. des Klassengegensatzes von Kapitalisten- und Arbeiterklasse zusammenziehen lie&#223;en.</p>
<p>Diese Perspektive war zwar ideologisch kompatibel mit dem Kampf eines bestimmten Segments von Warenbesitzern um Anerkennung innerhalb der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. Wer sie aber dar&#252;ber hinaus fortschreibt und zugleich der ungeheuren Ausdifferenzierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalverh&#228;ltnisses Rechnung tragen will, ger&#228;t notwendigerweise in unl&#246;sbare Widerspr&#252;che.</p>
<h3>No more Making of the Working Class</h3>
<p>Den Versuchen, die Arbeiterklasse durch eine &#220;berdehnung ihrer objektiven Bestimmungen zu retten, stehen andere gegen­&#252;ber, die haupts&#228;chlich von der subjektiven Seite her argumentieren. Diesen Ans&#228;tzen zufolge ist die Klasse nicht durch die Stellung im Produktions- und Verwertungsprozess definiert, sondern konstituiert sich stets neu und unterliegt permanenten Ver&#228;nderungen, die sich im Wesentlichen aus der Dynamik der Klassenk&#228;mpfe ergeben.</p>
<p>Eine solche Perspektive hat zun&#228;chst den Vorzug, dass sie den Blick auf die aktiven Momente in den sozialen Auseinandersetzungen, ihren Prozesscharakter und die darin enthaltenen subjektiven Entwicklungsm&#246;glichkeiten lenkt, weil die Kategorie der Klasse offen gehalten und nicht definitorisch festgeschrieben wird. Doch die Offenheit des Blicks t&#228;uscht. Grunds&#228;tzlich eingeschr&#228;nkt wird sie durch ein Axiom, das allen spezifischen Analysen immer schon vorangestellt wird und ihren Blickwinkel einschr&#228;nkt.</p>
<p>Wie selbstverst&#228;ndlich wird n&#228;mlich der Klassenkampf als &#252;berhistorisch g&#252;ltiges Prinzip vorausgesetzt, aus dem sich seinerseits die Klasse ableiten l&#228;sst. »In allen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnissen immer schon pr&#228;sent, geht der Klassenkampf den historischen Klassen voraus«, schreibt etwa die Redaktion der Zeitschrift Fantômas in ihrer Ausgabe 4/2003. Damit jedoch wird die Argumentation zirkul&#228;r. Sowohl der Begriff der Klasse wie der des Klassenkampfes lassen sich v&#246;llig willk&#252;rlich definieren. Alle sozialen Auseinandersetzungen k&#246;nnen nun undifferenziert zu Klassenk&#228;mpfen geadelt werden und ihre Akteure zu Klassensubjekten.</p>
<p>Auf diese Weise gelangt der subjektivis­tische Klassenbegriff im Prinzip zum gleichen Resultat wie sein objektivistisches Pendant. Es ist daher auch kein Wunder, dass sich diese ehemaligen theoretischen Kontrahenten zunehmend miteinander vers&#246;hnen und friedlich koexistieren (wie etwa in jener Ausgabe von Fantômas). Denn wo jede begriffliche Sch&#228;rfe verloren geht und die »Klasse« ohnehin alles und jedes sein kann, spielen auch die alten Differenzen keine wesentliche Rolle mehr.</p>
<p>Problematisch ist dabei vor allem, dass der Begriff des Klassenkampfes, wenn er aus dem historisch-spezifischen Kontext der Arbeiterbewegung herausgel&#246;st wird, in dem er allein einen Sinn machte, sehr leicht mit einem v&#246;llig unspezifischen Begriff des »Kampfes« kurzgeschlossen werden kann, der eher dem »Krieg aller gegen alle« (Hobbes) entspricht als einem Kampf gegen die kapitalistischen Zust&#228;nde und Zumutungen.</p>
<p>Besonders augenscheinlich ist das bei Hardt/Negri, die selbst noch den individualisierten allt&#228;glichen Existenzkampf zu einer Ausdrucksform des Klassenkampfes verkl&#228;ren und keinerlei Kriterien mehr haben, um sich von rein regressiven Gewaltausbr&#252;chen oder auch fundamentalistischen Bewegungen abzugrenzen. Der »Klassenkampf« wird damit zu einer abstrakten Leerformel, die den permanenten inneren Kriegszustand der kapitalistischen Gesellschaft und ihren krisenhaften Zerfall ebenso umfasst wie die Bestrebungen, sich dem entgegenzustellen.</p>
<p>Nun wollen zwar viele Vertreter des subjektivistischen Klassenstandpunkts diese Konsequenz aus guten Gr&#252;nden nicht nachvollziehen, doch geraten sie dabei in ziemliche Begr&#252;ndungsnot. Denn f&#252;r die Unterscheidung zwischen dem blo&#223;en Ausagieren der b&#252;rgerlichen Subjektivit&#228;t in ihren h&#228;sslichsten Facetten und den Versuchen, genau diese zu &#252;berwinden (z.B. in sozialen Basisbewegungen), h&#228;lt ihr freischwebender, dekontextualisierter Klassenkampfbegriff keinerlei begriffliches Instrumentarium bereit. Zu seiner Rettung sind daher allerlei argumentative Anbauten notwendig (etwa der R&#252;ckgriff auf die Diskurstheorie), was aber nur beweist, wie wenig er selbst noch zur analytischen Kl&#228;rung beitragen kann.</p>
<p>Einer der wichtigsten Kronzeugen der subjektivistischen Klassentheorie ist der englische Sozialhistoriker E.P. Thompson, der stets den Akzent auf das aktive Moment bei der Entstehung der Arbeiterklasse gelegt hat. Im Vorwort zu seiner wichtigsten historischen Studie, die im Original (1963) den programmatischen Titel »The Making of the English Working Class« tr&#228;gt, schreibt er: »Es hei&#223;t Making, denn was hier untersucht wird, ist ein aktiver Prozess, Resultat menschlichen Handelns und historischer Bedingungen. Die Arbeiterklasse trat nicht wie die Sonne zu einem vorhersehbaren Zeitpunkt in Erscheinung; sie war an ihrer eigenen Entstehung beteiligt.«</p>
<p>Allerdings beziehen sich Thompsons Analysen &#8211; wie er selbst immer betont &#8211; auf Prozesse in einer ganz spezifischen historischen Situation: auf den kapitalistischen Durchsetzungsschub zwischen dem letzten Drittel des 18. und dem ersten Drittel des 19.Jahrhunderts in England. Diese Situation unterschied sich aber auf ganz grunds&#228;tzliche Weise von der heutigen. Sie war gepr&#228;gt von einer Zur&#252;ckdr&#228;ngung und Zerst&#246;rung der vergleichsweise heterogenen vor- und protokapitalistischen Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse unter dem immer st&#228;rkeren Vereinheitlichungsdruck der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise; und das hei&#223;t nicht zuletzt, von der massenhaften Schaffung der »doppelt freien Lohnarbeiter«, die dazu gezwungen waren, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, wenn sie &#252;berleben wollen. Thompson konzentrierte sich in seinen Untersuchungen auf die dadurch provozierten Revolten und Abwehrk&#228;mpfe und zeigte, wie durch sie hindurch sich so etwas wie ein Klassenbewusstsein herausbildete.</p>
<p>So wichtig es nun aber war, die Bedeutung dieser vom orthodoxen Marxismus vernachl&#228;ssigten subjektiven Prozesse hervorzuheben, so wenig d&#252;rfen die dar&#252;ber gewonnenen Erkenntnisse doch aus ihrem historischen Kontext herausgel&#246;st werden, wenn sie nicht im schlechten Sinne ab­strakt werden sollen. Die Herausbildung eines Klassenbewusstseins ergibt sich zwar keinesfalls automatisch aus dem Durchsetzungsprozess der Kapitalverwertung, dennoch entspricht diese subjektive Vereinheitlichung zur Arbeiterklasse dem gleichzeitigen objektiven Prozess zur Unterwerfung aller gesellschaftlichen Beziehungen unter das Einheitsprinzip von abstrakter Arbeit und Warenproduktion.</p>
<p>Beide Momente verschlingen sich in einer dialektischen Beziehung. Thompson selbst betont: »Die Klassenerfahrung ist weitgehend durch die Produktionsverh&#228;ltnisse bestimmt, in die man hineingeboren wird &#8211; oder in die man gegen seinen Willen eintritt. Klassenbewusstsein ist die Art und Weise, wie man diese Erfahrungen kulturell interpretiert und vermittelt: verk&#246;rpert in Traditionen, Wertsystemen, Ideen und institutionellen Formen. Im Gegensatz zum Klassenbewusstsein ist die Erfahrung allem Anschein nach determiniert.«</p>
<p>&#220;bertragen wir diese Aussage auf die heutige Situation, so muss zun&#228;chst einmal festgestellt werden, dass der objektiv vorgegebene Rahmen, innerhalb dessen gesellschaftliche Erfahrungen gemacht und soziale Auseinandersetzungen gef&#252;hrt werden, ein grunds&#228;tzlich anderer ist. Die Haupttendenz ist bei weitem nicht mehr die der Vernichtung nicht kapitalistischer Lebensweisen durch die Dampfwalze der Verwertung (obwohl auch dies in manchen Teilen der Welt noch geschieht). Vielmehr sind wir mit einer Situation konfrontiert, in der das warenproduzierende System sich weltweit verallgemeinert hat und zugleich in einen fundamentalen Krisenprozess eingetreten ist, weil es durch die massenhafte Verdr&#228;ngung von Arbeitskraft seine eigenen Grundlagen untergr&#228;bt.</p>
<p>Diese Entwicklung, die sich in der zunehmenden Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverh&#228;ltnisse ausdr&#252;ckt und darin, dass immer mehr Menschen weltweit ausgeschlossen werden, ist aber jener zu Beginn des 19.Jahrhunderts genau entgegengesetzt. Die Menschen werden nicht in eine einheitliche gesellschaftliche Form hineingezwungen, sondern die Einheitsform, in der sie leben und durch die sie konstituiert sind, zerf&#228;llt und sie fallen deshalb durch die Strukturen hindurch.</p>
<h3>Krisenfragmente und emanzipative Impulse</h3>
<p>Von einer Vereinheitlichung kann man in diesem Zusammenhang allenfalls insofern sprechen, als der Deklassierungsprozess ein allgemeiner ist. Darin ist aber f&#252;r sich genommen nichts Verbindendes enthalten. Im Gegenteil: Die krisenkapitalistische Fragmentierung ist nur die Zuspitzung der kapitalistischen Logik im Stadium ihrer Zersetzung. Das gilt nicht nur in objektiver Hinsicht, wie etwa bei der versch&#228;rften »Standortkonkurrenz«, einer Zwickm&#252;hle, in der fast jeder partikulare Interessenkampf immer schon gefangen ist, ohne dass er deswegen prinzipiell seine immanente Berechtigung verl&#246;re. Zugleich hat der versch&#228;rfte Druck des Existenzkampfes auch ganz wesentlich zur Entsolidarisierung und zur versch&#228;rften Durchsetzung der kapitalistischen Konkurrenz- und Abgrenzungssubjektivit&#228;t beigetragen.</p>
<p>Diese Entwicklung dr&#252;ckt sich auch in den subjektiven Verarbeitungsformen und Handlungsweisen aus. Gerade weil heute kein Konstituierungsprozess eines Klassensubjekts mehr stattfindet und stattfinden kann, werden die Ans&#228;tze antikapitalistischen Widerstands durch Kollektivierungsprozesse &#252;berlagert und zur&#252;ckgedr&#228;ngt, die von regressiven Verarbeitungsformen aus dem Kernbestand der warengesellschaftlichen Subjektivit&#228;t bestimmt sind.</p>
<p>Das gilt f&#252;r die Sekten- und Bandenbildung ebenso wie f&#252;r den antisemitischen Wahn, f&#252;r die rassistischen und religi&#246;sen Identit&#228;tspolitiken jeglicher Couleur nicht anders als f&#252;r die Ausbr&#252;che selbstzweckhafter Gewalt. Hier entsteht keine neue Working Class, sondern es agieren Menschen, die zu Arbeits- und Warensubjekten getrimmt wurden, aber sich nicht mehr regul&#228;r als solche bet&#228;tigen k&#246;nnen.</p>
<p>Die krisenkapitalistische Fragmentierung setzt jedoch nicht nur die regressiven Momente der Subjektform frei; auch die emanzipativen Impulse, Vorstellungen und Bestrebungen, die sich mit dem Kampf der Arbeiterklasse um die Anerkennung innerhalb der b&#252;rgerlichen Gesellschaft verbunden hatten, haben ihren Kontext verloren und sind gewisserma&#223;en freischwebend geworden. Der historische Klassenkampf bezog seine relative Koh&#228;renz aus der Zentrierung um den Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der in der Aufstiegsphase des Kapitalismus eine integrierende Dynamik entfaltete.</p>
<p>Hingegen setzt sich der Widerstand gegen den derzeitigen Prekarisierungs- und Verelendungsschub st&#228;ndig der Gefahr aus, die zentrifugalen Tendenzen des kapitalistischen Krisenprozesses selbst zu reproduzieren. Er steht daher vor der schweren Aufgabe, soziale Konflikte so zu formulieren und zu f&#252;hren, dass sie der versch&#228;rften Konkurrenz- und Ausschlusslogik und den damit einhergehenden identit&#228;tspolitischen Tendenzen entgegenwirken. Das kann letztlich nur gelingen, wenn unterschiedliche K&#228;mpfe und Auseinandersetzungen ohne falsche Vereinheitlichungen und Hierarchien &#252;ber alle Grenzen hinweg miteinander verbunden werden.</p>
<p>Diese Verbindung l&#228;sst sich jedoch nicht aus vorausgesetzten objektiven oder subjektiven Bestimmungen (Klassenstandpunkt oder Klassenkampf) ableiten. Sie kann nur der bewussten Kooperation von solchen sozialen Bewegungen entspringen, die eine Aufhebung von Herrschaft in all ihren Facetten anstreben und zwar nicht nur als abstraktes Fernziel, sondern bereits in ihren eigenen Strukturen und Beziehungen.</p>
<p>Konzepte daf&#252;r lassen sich nicht am Rei&#223;brett entwerfen. Die Theorie kann nicht viel mehr tun als grunds&#228;tzliche &#220;berlegungen in diese Richtung zu formulieren. Wenn wir etwas aus Thompsons Untersuchungen lernen k&#246;nnen, dann ist es die Bedeutung der praktischen Erfahrungen f&#252;r die Konstituierung sozialer Bewegungen. Deshalb ist es wichtig, den Blick auf jene Prozesse zu lenken, innerhalb deren sich der Widerstand gegen die kapitalistischen Zumutungen den hierarchischen, populistischen und autorit&#228;ren Einbindungsversuchen entzieht und wo Interessenk&#228;mpfe mit dem Aufbau selbstorganisierter Strukturen verbunden werden.</p>
<p>Solche Bewegungen (wie etwa die Zapatistas, die autonomen Str&#246;mungen der Piqueteros und andere Basisbewegungen) sind zwar in vieler Hinsicht widerspr&#252;chlich und d&#252;rfen auf keinen Fall romantisch verkl&#228;rt werden; auch sind sie weltweit gesehen minorit&#228;r und immer wieder von der Marginalisierung und der Vereinnahmung bedroht. Dennoch finden sich hier Ans&#228;tze und Momente, die auf die Perspektive einer Befreiung von der warengesellschaftlichen Totalit&#228;t verweisen. Nicht dem Klassenkampf geh&#246;rt die Zukunft, sondern einem emanzipativen Kampf ohne Klassen.</p>
<hr />
<h3>Literatur</h3>
<p>Frank Deppe: Der postmoderne F&#252;rst. Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung im 21.Jahrhundert. In: Fantômas Nr. 4/2003, Hamburg, S. 7-12.</p>
<p>Marco Fernandes: Piqueteros oder Wenn Arbeitslosigkeit adelt. In: krisis 30, M&#252;nster 2006.</p>
<p>Ernst Lohoff: Die Verzauberung der Welt. In: ­krisis 29, M&#252;nster 2005, S. 13-60.</p>
<p>Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Freiburg 2003.</p>
<p>Franz Schandl: Desinteresse und Deklassierung. In: Streifz&#252;ge Nr. 3/2002, Wien, S. 12-13.</p>
<p>Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse (Band 1). Frankfurt 1987.</p>
<p>Norbert Trenkle: Die metaphysischen Mucken des Klassenkampfs. In: krisis 29, M&#252;nster 2005, S. 143-159.</p>
<p>Marcel van der Linden: Das vielk&#246;pfige Ungeheuer. Zum Begriff der WeltarbeiterInnenklasse. In: Fantômas Nr. 4/2003, Hamburg, S. 30-34.</p>
<p><em>Stark gek&#252;rzter Vorabdruck aus krisis 30, Unrast Verlag. Die Ausgabe der krisis enth&#228;lt weitere Texte zur Subjekt- und Klassenkampfkritik. </em></p>
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		<title>Piqueteros oder: Wenn Arbeitslosigkeit adelt</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>
		<category><![CDATA[Marco Fernandes]]></category>

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		<description><![CDATA[&#220;ber die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberalen Metropolen zu organisieren]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>&#220;ber die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberalen Metropolen zu organisieren [<a href="#anm1">1</a>]</h3>
<p><em>Marco Fernandes [<a href="#anm2">2</a>]</em></p>
<p><em>„Ich glaube, die Piquetes haben auf ihre Weise die Apathie gesprengt. Wir haben das Land aus den s&#252;&#223;en Tr&#228;umen aufger&#252;ttelt, die Menem und all diese Politiker verkauften; wir waren wie der Durchbruch eines neuen Lichts. Zusammen mit anderen K&#228;mpfen haben wir das Land aus der Wunschtr&#228;umen der Postmodernit&#228;t aufgeweckt. Sie haben uns Piqueteros genannt, und das war unsere Art zur ganzen Gesellschaft zu sprechen <strong>, </strong>ihr zu sagen, dass es andere Kampfformen gibt, und um unserer Leidenschaft und unserer W&#252;rde Ausdruck zu verleihen.</em>“ (Aktivist des MTD Solano) [<a href="#anm3">3</a>]<span id="more-542"></span></p>
<p>„<em>Mit leerem Magen kann ich nicht schlafen, aber als er voll war, dacht&#8217; ich nach, ich kann desorganisieren, wenn ich mich organisier, mich organisieren, wenn ich desorganisier, kann desorganisieren, wenn ich mich organisier.</em>“ (Chico Science und Nação Zumbi auf dem Album: Da lama ao caos)</p>
<h4>1. Der Kollaps Argentiniens und die gesellschaftliche Fragmentierung</h4>
<p>Es ist nicht leicht, &#252;ber die unter dem Namen <em>Piqueteros </em>[<a href="#anm4">4</a>] bekannten Bewegungen der argentinischen Arbeitslosen zu schreiben. Zun&#228;chst einmal, weil es sich dabei um ein junges, wenig untersuchtes und zudem in Entwicklung begriffenes Ph&#228;nomen handelt. Und das ist nicht unwichtig. Es bedeutet, dass die Kenntnis &#228;u&#223;erst begrenzt ist, die wir &#252;ber den Alltag dieser Bewegungen und die m&#246;glichen Ver&#228;nderungen besitzen, die sie in den Menschen und ihren Lebenswelten bewirken k&#246;nnen. Vorsicht ist geboten bei der Einsch&#228;tzung der vermeintlichen politischen Tendenz dieser oder jener Bewegung – Tendenzen, die oft eher die W&#252;nsche und Interessen ihrer Anf&#252;hrer widerspiegeln als die wirklichen &#220;berzeugungen der Mehrheit ihrer Aktivisten. Die gr&#246;&#223;te Schwierigkeit bei der Einsch&#228;tzung der <em>Piqueteros </em>r&#252;hrt sicher aus der <em>Fragmentierung </em>des Spektrums. Seinen Ausdruck findet das sowohl in der betr&#228;chtlichen Anzahl von Bewegungen, die sich w&#228;hrend der letzten Jahre formiert haben, als auch innerhalb der Organisationen selbst, die sich aus Menschen verschiedener Stadtviertel, Kommunen und Bev&#246;lkerungsschichten zusammensetzen. Das ist die Folge des zerrissenen Zustands der argentinischen Gesellschaft fast drei Jahrzehnte nach dem letzten Milit&#228;rputsch und f&#252;nfzehn Jahre nach der Macht&#252;bernahme Menems und der radikalen Umsetzung der neoliberalen Wirtschaftspolitik.</p>
<p>Argentinien war das s&#252;damerikanische Land, das dem wirtschaftlichen und sozialen Modell des europ&#228;ischen Wohlfahrtsstaates am n&#228;chsten kam. Eine dynamische Wirtschaft, die starke Vertretung einer gewerkschaftlich organisierten Arbeiterklasse und – nicht zu vergessen – der durch General Juan Domingo Peron verk&#246;rperte Populismus (ausgedr&#252;ckt in der jahrzehntelangen Hegemonie des Partido Justicialista – der peronistischen Partei) haben zumindest zwischen den 1940er und den 1970er Jahren ein relativ homogenes System der Reichtumsverteilung erm&#246;glicht und einen Staat, der weitgehend f&#252;r einen allgemeinen Zugang zum Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem sorgte – auch wenn mehr als eine Milit&#228;rdiktatur in diesen Zeitraum fiel. Das Auseinanderfallen der argentinischen „Arbeitsgesellschaft“ vollzog sich allm&#228;hlich in mindestens „drei Entstaatlichungssch&#252;ben“ im Verlauf von Wirtschaftskrisen, die zunehmende Arbeitslosigkeit und Prekarisierung der Arbeitsbedingungen nach sich zogen; wobei die beiden letzten Ph&#228;nomene zweifellos eine Konsequenz der neoliberalen Wirtschaftspolitik und ihrer Ideologie sind, die sich w&#228;hrend der 90er Jahre wie eine Seuche ausbreitete. [<a href="#anm5">5</a>]</p>
<p>Der erste Schub kann auf das Jahr 1976 datiert werden, dem Beginn der letzten Milit&#228;rdiktatur. Im Gegensatz zur brasilianischen Milit&#228;rherrschaft, die Mitte der 70er Jahre versuchte, das Modell der nationalen Wirtschaftsentwicklung noch einmal zu beleben, w&#228;hrend sie die Feinde des Regimes ermordete und folterte, ergriff das argentinische Milit&#228;rregime ohne ein so genanntes „nationales Projekt“ die Macht. Die von ihm bewirkten wirtschaftlichen Ver&#228;nderungen waren f&#252;r die ersten Deindustrialisierungssch&#252;be verantwortlich und damit f&#252;r die ersten Massenentlassungen, mit denen Lohnabh&#228;ngige aus dem formellen Wirtschaftssektor ausgeschlossen wurden (ganz zu schweigen von den 30.000 Ermordungen in den sieben Jahren der Diktatur). Dieser Prozess setzte sich w&#228;hrend der ersten Jahre des demokratischen Regimes (ab 1984) fort, wobei immer mehr Lohnabh&#228;ngige sich in informelle Arbeitskr&#228;fte des Dienstleistungssektors verwandelten.</p>
<p>Die zweite Welle setzte Anfang der 90er Jahre ein, bereits unter der Regierung Menem. Damals wurden unter dem Druck der internationalen Finanzinstitutionen neoliberale wirtschaftliche Strukturreformen durchgesetzt: &#214;ffnung des Binnenmarkts f&#252;r ausl&#228;ndische Erzeugnisse, Massenprivatisierungen im gesamten Staatsapparat und Kontrolle der Arbeitskr&#228;fte durch Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen. Das Ergebnis war ein weiterer Deindustrialisierungsschub und eine zus&#228;tzliche Prekarisierung der Arbeitsverh&#228;ltnisse. Davon waren besonders die Arbeiter des Gro&#223;raums Buenos Aires sowie die (ehemaligen) Besch&#228;ftigten des &#246;ffentlichen Dienstes betroffen. Erneut wanderten starke Kontingente von Lohnabh&#228;ngigen in informelle Wirtschaftssektoren ab. Die dritte Welle begann mit der durch den „Tequila-Effekt“ (den mexikanischen Crash) ausgel&#246;sten Krise 1995 schon w&#228;hrend der zweiten Amtszeit Menems. Von diesem Zeitpunkt an trat die Wirtschaft in eine Stagnationsphase ein, die 2001 in der gr&#246;&#223;ten Krise in der Geschichte des Landes m&#252;ndete, mit formellen Arbeitslosenraten von 20 % und einem Verelendungsschub, der &#252;ber 50 % der Bev&#246;lkerung unter die offizielle Armutsgrenze bef&#246;rderte.</p>
<p>Angesichts dieses d&#252;steren Bildes erkl&#228;rt sich der heterogene Charakter jener riesigen Schicht der argentinischen Bev&#246;lkerung, die heute von Arbeitslosigkeit und Prekarisierung betroffen ist. Diese Fragmentierung spiegelt sich jedoch auch in der sektoralen Struktur der &#214;konomie, in der sozialen Schichtung und der r&#228;umlichen Strukturierung des Gro&#223;raums Buenos Aires. Um dies an zwei Beispielen zu verdeutlichen: Zum einen finden wir im S&#252;den der Hauptstadt Gemeinden wie Florencio Varela, eine mit Slums durchsetzte relativ junge Siedlung (aus den 80er Jahren), in der vor allem Arbeiter leben, die auf lange Erfahrungen mit prek&#228;ren Arbeitsbedingungen zur&#252;ckblicken k&#246;nnen, oder den von Mittelschichten und Armen bewohnten Distrikt Solano, wo die Distanz zum „klassischen“ Arbeitermilieu gro&#223; ist. Im Westen der Metropole gibt es zum anderen Kommunen wie La Matanza, mit starker Konzentration von Industriebetrieben, einer Einwohnerzahl von 1,3 Millionen und extrem hohen Arbeitslosenraten, wo das identit&#228;tsstiftende Erbe der Fabrikerfahrung durchaus noch pr&#228;sent ist.</p>
<p>Aus diesen und anderen Gr&#252;nden sind kategorische Aussagen zur sozialen Zusammensetzung der <em>Piquetero </em>-Bewegung unm&#246;glich. Eigentlich w&#228;re von einer <em>Bewegung von Bewegungen </em>zu sprechen, denn die ziemlich hohe Zahl von Organisationen und politischen Tendenzen der <em>Piquetero </em>-Bewegung macht es schwer, ein Gesamtbild davon zu erstellen. Mit Sicherheit hat die Fragmentierung der Bewegung aber <em>auch zu einer Schw&#228;chung ihrer politischen Kraft beigetragen </em>, da ihre unterschiedlichen Orientierungen oftmals Pl&#228;ne, gemeinsam zu agieren und Druck auf den Staat auszu&#252;ben, vereitelt haben und dies auch weiterhin tun, obwohl ein gemeinsam gef&#252;hrter Kampf gewiss wirksamer w&#228;re. Die politisch-institutionelle Bresche, die das Entstehen dieser Organisationen erm&#246;glichte, war indes ein und dieselbe. Sie steht in direkter Verbindung mit <em>einer gemeinsamen &#246;konomischen Forderung </em>, die als Vermittlung diente, um derart unterschiedliche Interessen auf einen Nenner zu bringen. Diese <em>Forderung </em>waren die so genannten <em>Planes </em>, eine staatliche Transferleistung, die einem (minimalen) Arbeitslosengeld entspricht. Gegenw&#228;rtig liegt sie bei 150 Pesos (ca. 50 Euro). Ihre Geschichte stellt eine der wenigen Gemeinsamkeiten in der Erfahrung der <em>Piquetero </em>-Bewegungen dar. Dennoch ist die Art, die Konflikte mit dem Staat um die Aneignung &#246;ffentlicher Mittel in Form der <em>Planes </em>zu l&#246;sen, von Organisation zu Organisation verschieden.</p>
<p>Die Auszahlung der <em>Planes </em>begann Mitte der 90er Jahre unter der Regierung Menem. Bevor sie zur materiellen Basis wurden, die die <em>Piquetero </em>-Bewegungen erm&#246;glichte (wie ich weiter unten erl&#228;utern werde), hatte die Regierungsstrategie den Charakter blo&#223;er Sozialf&#252;rsorge ( <em>assistencialismo </em>), das hei&#223;t, sie beschr&#228;nkte sich auf eine k&#228;rgliche Kompensation f&#252;r den gesellschaftlichen Zerfall, Resultat der neoliberalen Wirtschaftspolitik der zehnj&#228;hrigen Regierungszeit Menems, welche die schlimmsten Armuts- und Ausgrenzungsziffern hervorbrachte, die das Land je gesehen hat. Wir d&#252;rfen hier nicht aus den Augen verlieren, dass diese vom argentinischen Staat in den neoliberalen 90er Jahren geschaffenen Kompensationsmechanismen im Grunde eine <em>neue Strategie zur Kontrolle und Beschwichtigung der sozialen Widerspr&#252;che </em>darstellten. Da sich die Wirtschaft au&#223;erstande erwies, die gesamte gesellschaftlich verf&#252;gbare Arbeitskraft zu integrieren, wurde es notwendig, immer gr&#246;&#223;ere Massen der aus dem Produktionsprozess ausgeschlossenen Bev&#246;lkerungsschichten zu kontrollieren.</p>
<p>So entstand eine Schl&#252;sselfigur der politischen Landschaft Argentiniens: die <em>Punteros </em>, Funktion&#228;re von Menems Partido Justicialista, die in den Wohnvierteln als Vertreter des Staates fungierten und f&#252;r die Umsetzung der F&#252;rsorgepolitik in den Gemeinden verantwortlich waren; da w&#228;hrend der ersten Jahre die Auszahlung der <em>Planes </em>ausschlie&#223;lich durch die Pr&#228;fekturen erfolgte, blieb ein Gro&#223;teil der Staatsgelder in den H&#228;nden dieser &#252;blen Gestalten. [<a href="#anm6">6</a>]</p>
<p>Die <em>Punteros </em>sind so etwas wie die moderne Version des „ <em>Sindicalista pelego </em>“ [<a href="#anm7">7</a>] . W&#228;hrend dieser in den Fabriken und Gewerkschaften eventuelle Konflikte zwischen Arbeitern und Unternehmern entsch&#228;rfte, erf&#252;llen jene eine &#228;hnliche Aufgabe in Bezug auf die Konflikte, die sich heute au&#223;erhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses abspielen, d.h. in den Stadtvierteln. Die <em>Punteros </em>sind die t&#228;glichen Feinde der <em>Piqueteros </em>. Ihre Strategie variiert: vom Versuch, die Mitglieder der Bewegung zu kooptieren (durch finanzielle Zuwendungen oder gar durch Gewaltandrohung) bis hin zur Zusammenarbeit mit der Polizei, indem sie den staatlichen Repressionsorganen als Spitzel dienen. [<a href="#anm8">8</a>]</p>
<p>Als Form des Widerstands und der Antwort auf diese soziale Repression kam es ab 1996 zu den ersten organisierten Massenreaktionen auf die nationale Krise. Es bildete sich das, was der Soziologe Pierre Bourdieu einmal als „soziologisches Wunder“ bezeichnet hat: eine <em>Arbeitslosenbewegung </em>.</p>
<p>Bevor wir fortfahren, seien hier zwei wesentliche Merkmale der argentinischen Arbeitslosenbewegung hervorgehoben, die auf ihre &#196;hnlichkeiten und Differenzen mit anderen Massenbewegungen des lateinamerikanischen Kontinents verweisen, aber auch auf ihre enormen Schwierigkeiten, sich als politische Bewegung zu konstituieren.</p>
<h4>2. Eine st&#228;dtische Bewegung: Neubeginn des Kampfes gegen das Kapital in der „Kapitale“</h4>
<p>Bis in die Mitte der 90er Jahre hinein hatten die bedeutendsten Massenbewegungen dieses Kontinents (die Landlosen des MST in Brasilien, die indigenen V&#246;lker wie die Zapatistas in Mexiko, die Aymaras in Bolivien und die pluriethnische Bewegung in Equador) eines gemeinsam: Es waren l&#228;ndliche Bewegungen. Sie konstituierten sich um eine gemeinsame Forderung herum – Landbesitz zur Reproduktion des eigenen Lebens – und um eine gemeinsame Identit&#228;t – die des seiner Produktionsmittel beraubten Landarbeiters oder die des indigenen Volkes mit einem historischen Anrecht auf Land und Autonomie. Diese zwei Eckpfeiler – <em>materielle Forderung </em>und <em>gemeinsame Identit&#228;t </em>– sind f&#252;r die Schaffung einer sozialen Bewegung von wesentlicher Bedeutung. Ohne <em>konkrete &#246;konomische </em>Errungenschaften – dies zeigt die historische Erfahrung der Arbeiterbewegung – ist es so gut wie unm&#246;glich, die notwendige Mobilisierung aufrecht zu erhalten, um Forderungen durchzusetzen. Ohne die Konstruktion einer kollektiven Identit&#228;t wiederum, die mit der Formulierung eines <em>politischen Projekts </em>verbunden ist – das seinerseits die <em>theoretische und praktische Schulung </em>der Aktivisten voraussetzt – l&#228;uft die Bewegung Gefahr, auseinander zu fallen, schw&#228;cher zu werden oder gar v&#246;llig von der Bildfl&#228;che zu verschwinden, wenn ihre materielle Forderung erf&#252;llt ist. [<a href="#anm9">9</a>]</p>
<p>Den Zapatistas, Landlosen und Aymaras ist es jedenfalls, jeder Bewegung auf ihre Weise und unter gro&#223;en Schwierigkeiten, gelungen politische Perspektiven zu entwickeln, die &#252;ber die unmittelbaren materiellen Bed&#252;rfnisse ihrer Mitglieder hinausweisen und die in den letzten Jahren zu politischen Bezugspunkten des Massenwiderstands gegen die Krise des Kapitalismus und die neoliberale Hegemonie in ihren jeweiligen L&#228;ndern wurden. Gewiss hat zum Erfolg dieser Bewegungen in erster Linie die Tatsache beigetragen, dass ihre Hauptforderung nach Grund und Boden sowie beim MST nach Darlehen f&#252;r die landwirtschaftliche Produktion sich auf Produktionsmittel bezieht, um so eine wirtschaftliche Basis f&#252;r die Subsistenz der Mitglieder zu sichern. Zweitens war eine gemeinsame Identit&#228;t im Sinne eines <em>kommunit&#228;ren Zusammenhangs </em>bei den indigenen V&#246;lkern bereits vorhanden und lie&#223; sich im Falle der Landlosen relativ leicht herstellen – zumindest auf regionaler Ebene. Bei urbanen Bewegungen gestaltet sich die Errichtung dieser Eckpfeiler erheblich schwieriger.</p>
<p>Nicht von ungef&#228;hr sind die neuen urbanen Massenbewegungen in L&#228;ndern wie Brasilien und Mexiko bislang entweder sehr schwach (siehe die brasilianische Obdachlosenbewegung) oder gar bedeutungslos gewesen. Dieses Problem ist auch der argentinischen Erfahrung nicht fremd. Um es mit den Worten eines <em>Piquetero </em>-Aktivisten zu sagen:</p>
<p>„Hier in Buenos Aires ist der soziale Zusammenhalt v&#246;llig zerr&#252;ttet. Wenn du arbeitslos bist und dagegen auf der Stra&#223;e protestierst, dann f&#228;hrt dich der Nachbar, der zur Arbeit fahren will, mit seinem Auto &#252;ber den Haufen. Die Leute sind verr&#252;ckt, v&#246;llig durchgeknallt. Jeder denkt nur an sich. Auf diesem Gebiet richtet der Kapitalismus die schwersten Sch&#228;den an, hier erleiden wir eigentlich unsere gr&#246;&#223;te ideologische Niederlage. Am auff&#228;lligsten ist das in den gro&#223;en St&#228;dten mit ihrem Konsumismus, ihrem Egoismus, ihrem technologischen Fortschritt und allen Verhei&#223;ungen des Kapitalismus.“ [<a href="#anm10">10</a>]</p>
<p>Die gro&#223;en modernen Metropolen leisten der Fragmentierung in jeder Hinsicht Vorschub: Als <em>objektive Tendenz </em>durch die strukturelle Krise des Arbeitsmarktes, durch die Versch&#228;rfung der Konkurrenz zwischen den Individuen auf einem Markt, der nicht f&#252;r alle Platz hat, und durch die Privatisierung des &#246;ffentlichen Raums, die mit der Privatisierung der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten einhergeht und Stadtviertel und Stra&#223;en in blo&#223;e Durchgangsorte verwandelt hat. Diese Tendenz wird verschlimmert durch den Anstieg der Kriminalit&#228;t infolge wachsenden Elends und wirtschaftlicher Ungleichheit. <em>Auf subjektiver </em>Ebene wiederum werden wir auf eine individualistische Lebensweise konditioniert, zur&#252;ckgeworfen allenfalls auf die Kernfamilie, unf&#228;hig zu irgendeiner Form des kollektiven Zusammenlebens und der Selbstorganisation. Meistens reduziert sich der Versuch, unsere Subjektivit&#228;t zu leben – wie der <em>Piquetero </em>-Genosse oben bereits sagte – auf die Konsumtr&#228;ume, welche die Kulturindustrie und die Werbung rund um die Uhr produzieren.</p>
<p>Vor einem derartig d&#252;steren Hintergrund ger&#228;t in den gro&#223;en St&#228;dten der Aufbau einer Basisbewegung, die so verschiedene Interessen wie die der Arbeitslosen und der Prekarisierten in sich zu vereinen vermag, zu einer Herkulesarbeit. Zu einer sehr komplexen Aufgabe wird auch die Formulierung wirtschaftlicher Forderungen, ohne die es geradezu unm&#246;glich ist, die Menschen f&#252;r ein gemeinschaftliches Projekt l&#228;ngerfristig zu mobilisieren, denn schlie&#223;lich muss man ja jeden Tag f&#252;r seinen Lebensunterhalt sorgen. In den gro&#223;en St&#228;dten ist die Aneignung der <em>Produktionsmittel </em>bislang noch keine g&#228;ngige Praxis, so wie bei den Landlosen. Es m&#252;ssen aber alternative Formen gefunden werden, um das &#220;berleben der Menschen zu gew&#228;hrleisten, entweder durch die Schaffung von Einkommen oder durch Senkung der Ausgaben f&#252;r den Lebensunterhalt.</p>
<p>Dies ist die erste historische Herausforderung f&#252;r den Aufbau der Arbeitslosenbewegungen in Argentinien. Doch bevor wir uns einige der kreativen L&#246;sungen ansehen, die die <em>Piqueteros </em>als Antwort darauf gefunden haben, m&#252;ssen wir kurz auf einen wichtigen psychologischen Aspekt eingehen, der ebenfalls einen gro&#223;en Anspruch an die Bildung dieser Bewegungen darstellt.</p>
<h4>3. Eine Bewegung von „Prekarisierten“: die Scherben der zerbrochenen Ichs wieder zusammenf&#252;gen [<a href="#anm11">11</a>]</h4>
<p>Markiert der urbane Charakter der <em>Piquetero </em>-Bewegung ihren Unterschied zu anderen Basisbewegungen des lateinamerikanischen Kontinentes, so n&#228;hert sie ein nicht minder wichtiges Merkmal jenen Bauernbewegungen an, die wir zum Vergleich herangezogen haben. Dieses Merkmal ist die <em>Prekarisierung </em>. Waren die politischen Bewegungen der Arbeiterklasse das ganze letzte Jahrhundert hindurch Bewegungen von g <em>ewerkschaftlich </em>und <em>parteilich </em>organisierten Arbeitern, die direkt in den Prozess der Warenproduktion <em>einbezogen </em>waren, so zeichnen sich die „neuen“, in den letzten zwanzig Jahren entstandenen Basisbewegungen dadurch aus, dass sie entweder aus indigenen Bev&#246;lkerungsgruppen bestehen, die im eigenen Land durch die lokalen Modernisierungsprozesse der peripheren Nationen ausgegrenzt wurden, oder aus Arbeitern l&#228;ndlicher und st&#228;dtischer Gebiete, die vom Produktionsprozess ausgeschlossen und/oder die prekarisiert worden sind, weil sie f&#252;r die Verwertung des Kapitals nicht mehr ben&#246;tigt werden. Es dreht sich hier jedenfalls um zig Millionen Menschen, die das System nicht mehr braucht, es sei denn zur Kontrolle der Noch-Besch&#228;ftigten. Denn ein Ergebnis der Massenarbeitslosigkeit ist ja die st&#228;ndige Angst der Lohnabh&#228;ngigen vor der Entlassung, die ihre F&#228;higkeiten, Rechte einzufordern, beeintr&#228;chtigt.</p>
<p>F&#252;r die „Herausgefallenen“ wird es noch schwerer, ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen; die geradezu nat&#252;rliche Tendenz ist, dass sie sich mit ihrer scheinbar aussichtslosen Lage abfinden, so der Sozialpsychologe Francisco Ferrara, Aktivist einer <em>Piquetero </em>-Bewegung, der sich mit den psychischen Folgen der neuen Armut besch&#228;ftigt:</p>
<p>„Das, was sie als Subjekte ausgemacht hat, ist verschwunden. Die herrschende symbolische Ordnung bricht zusammen und rei&#223;t dabei die Bedingungen der Subjektkonstitution mit ein. Das Elend wirkt sich aus auf die sozialen Bindungen, die K&#246;rper, das Symbolisierungsverm&#246;gen, das Wertesystem, es l&#246;st die Subjektivit&#228;t auf und macht jede menschliche Regung zunichte.“ [<a href="#anm12">12</a>]</p>
<p>Ein &#246;konomischer Krisenprozess – zumal wenn er sich auf einen derart kurzen Zeitraum zusammenzieht – l&#246;st stets auch eine <em>Sinnkrise </em>, d.h. eine <em>Krise der Subjekte </em>aus. Die kapitalistische Ordnung organisiert, wenn auch auf entfremdete und repressive Weise, unsere Existenzen, kontrolliert unseren Alltag, unsere Handlungen und Begierden. Wenn von heute auf morgen oder binnen weniger Jahre diese Ordnung zerbricht, dann zerf&#228;llt mit ihr auch die Grundlage f&#252;r die Ich-Struktur der Individuen, so fragil und heruntergekommen diese Struktur in einer Welt wie der des Kapitals auch sein mag. Arbeitslosigkeit ist f&#252;r das Subjekt gleichbedeutend mit dem Verlust seiner Existenzberechtigung, mit einem Gef&#252;hl v&#246;lliger Nutzlosigkeit. Wir sind von fr&#252;h an darauf getrimmt, die uns von der Gesellschaft auferlegte soziale Funktion zu erf&#252;llen: arbeiten, Reichtum, sprich: Profit f&#252;r die Kapitalverwertung zu schaffen sowie unseren Lebensunterhalt und den unserer Familie zu verdienen. Verschwindet all dies, dann gehen auch die subjektiven Waffen verloren, die die Anpassung an das System garantieren: Sein Leben leben wird nach und nach unm&#246;glich, und die Flucht in psychische Krankheiten ist in vielen F&#228;llen der einzige verf&#252;gbare Ausweg. H&#228;ufig berichteten die Bewegungsaktivisten, mit denen ich diskutiert habe, von F&#228;llen schwerer psychischer Krisen, wie psychotischen Anf&#228;llen und schweren Depressionen, vor allem bei M&#228;nnern.[<a href="#anm13">13</a>]</p>
<p>Einige der „neuen“ Basisbewegungen konstituierten sich indessen als Antwort auf diese Art von Dilemma. Wie wir oben gesehen haben, erlebte die argentinische Bev&#246;lkerung in den 90er Jahren einen noch nie da gewesenen gesellschaftlichen Absturz. Die Argentinier, die, verglichen mit ihren Nachbarn vor allem in Brasilien, Bolivien und Paraguay, an relativ komfortable Lebensbedingungen gewohnt waren, mussten mitansehen, wie in nur zehn Jahren alle ihre Modernisierungstr&#228;ume in Rauch aufgingen. Die Mittelschicht verarmte, w&#228;hrend die, die bereits arm waren, ins Elend abst&#252;rzten: 2,5 Millionen Arbeitslose und 20 Millionen Arme bei einer Bev&#246;lkerung von 37 Millionen Menschen. Die subjektiven Auswirkungen einer so enormen Wirtschaftskatastrophe haben im Alltag eines Landes, das buchst&#228;blich zu einem Armenhaus wurde [<a href="#anm14">14</a>], so gut wie keine theoretische Resonanz gehabt. Dabei hat dieses Ph&#228;nomen mit Sicherheit einen Prozess ausgel&#246;st, der dem &#228;hnelt, was ein anderer Sozialpsychologe, José Moura Filho Gonçalves, mit dem Begriff <em>soziale Dem&#252;tigung </em>bezeichnet:</p>
<p>„Der Mechanismus der <em>sozialen Dem&#252;tigung </em>unterliegt wirtschaftlichen und unbewusst-psychischen Bestimmungen. Man k&#246;nnte sie definieren als eine Form <em>verzweifelter Angst angesichts des R&#228;tsels der sozialen Ungleichheit </em>. Als solches handelt es sich dabei um ein zugleich psychologisches und politisches Problem. Die gedem&#252;tigte Person durchl&#228;uft eine Situation, die es ihr unm&#246;glich macht, ihre Menschlichkeit zu leben, und die sich in ihr selbst ausdr&#252;ckt – in ihrem K&#246;rper und ihren Gesten, in ihrer Phantasie und ihrer Stimme – aber auch in ihrer Lebenswelt – am Arbeitsplatz und im Wohnviertel.“ [<a href="#anm15">15</a>]</p>
<p>Betrachten wir das Problem also weiterhin sowohl vom <em>objektiven </em>als auch vom <em>subjektiven </em>Standpunkt: auf der &#246;konomischen Ebene und auf der des <em>Unbewussten </em>. José Moura Filho Gonçalves zufolge liegen die materiellen Wurzeln der <em>sozialen Dem&#252;tigung </em>im wirtschaftlichen Produktionsprozess; sie wird bestimmt durch den Platz, den ein Mensch in der gesellschaftlichen Klassenstruktur einnimmt. Diese Ungleichheit erzeugt wiederum unbewusste Prozesse in den Individuen, die sie daran hindern, Subjekt zu werden. Die Psychoanalyse bezeichnet diesen „verwehrten Zugang“ zum eigenen Ich als <em>Angst</em>. [<a href="#anm16">16</a>]</p>
<p><em>Angst </em>l&#228;sst sich psychoanalytisch als Ergebnis politischer oder psychologischer Ereignisse definieren, die das Subjekt nicht verarbeiten und die es weder f&#252;r sich noch f&#252;r seine Umgebung interpretieren oder sinnvoll auslegen kann – daher ihr <em>r&#228;tselhafter Charakter </em>. Es l&#228;sst sich nur schwer ein geeigneterer Begriff als der der <em>traumatischen Situation </em>finden, um den rapiden Prozess des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs zu beschreiben, den die Argentinier in der j&#252;ngsten Vergangenheit durchgemacht haben und der den meisten von ihnen gewiss als <em>R&#228;tsel </em>erschienen sein muss. Da mehr als die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerung verarmt ist, l&#228;sst sich dieser Prozess unm&#246;glich als marginal behandeln. Er muss im Gegenteil als strukturierend angesehen werden f&#252;r das, was man als „die psychische &#214;konomie der Nation“ bezeichnen kann. Oder noch spezifischer: Wollen wir die Wirklichkeit der vor allem in der Peripherie von Buenos Aires konzentrierten Erwerbslosenbewegungen begreifen, so d&#252;rfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass diese Angst wahrscheinlich das Schl&#252;sselgef&#252;hl zum Verst&#228;ndnis der enormen Schwierigkeiten ist, denen diese Bewegungen im Alltag gegen&#252;berstehen. Im Hinblick auf die psychische Realit&#228;t der Unterschichten schreibt José Moura Filho Gonçalves:</p>
<p>„Die Armen leiden psychologisch gesehen fortw&#228;hrend unter dem Druck einer seltsamen, mysteri&#246;sen Botschaft, die sagt: ,Ihr seid minderwertig&#8230;‘ F&#252;r die Armen ist Dem&#252;tigung entweder unmittelbar pr&#228;sent, oder sie sp&#252;ren, dass sie jederzeit auf sie lauert, wo immer und mit wem sie auch zusammen sein m&#246;gen. Das Gef&#252;hl der Rechtlosigkeit, das Gef&#252;hl, verachtenswert oder widerw&#228;rtig zu sein, gewinnt zwanghaften Charakter: Sie bewegen sich und reden – wenn sie reden – wie Wesen, die niemand sieht.“[<a href="#anm17">17</a>]</p>
<p>Diese subjektive (und politische) Fragilit&#228;t derer „von unten“ ist der Humusboden, auf dem der Staat neue Formen sozialer Kontrolle entwickelt. Im Fall Argentiniens haben diese Formen, wie wir oben gesehen haben, mit dem Auftreten des <em>Punteros </em>begonnen, der in die Beziehung zwischen Staat und Bev&#246;lkerung die <em>Logik der Beg&#252;nstigung </em>einf&#252;hrt. Das <em>Recht </em>auf ein paar Brosamen, die Tausende von Familien wenigstens vor dem Hunger retten, wird so der <em>Willk&#252;r </em>des politischen Chefs im Wohnviertel anheimgestellt. Die dadurch entstehende Beziehung hat dazu beigetragen, das Minderwertigkeitsgef&#252;hl der Ausgeschlossenen zu verst&#228;rken:</p>
<p>„Der <em>Puntero </em>l&#228;hmt den Willen, er zerst&#246;rt das Selbstwertgef&#252;hl, f&#246;rdert bei den Subjekten kontemplative Verhaltensweisen und bringt das Volk um seine strategische Kraft&#8230; Er verst&#228;rkt die negativen Identit&#228;ten, indem er zur Verinnerlichung der Herrschaftsperspektive beitr&#228;gt&#8230; Kurzum, die Funktion der <em>Punteros </em>zielt darauf ab, die armen Sektoren der Bev&#246;lkerung an ihre subalterne Rolle zu erinnern.“ [<a href="#anm18">18</a>]</p>
<p>Einst der Macht ihrer Chefs ausgeliefert, finden sich die Erwerbslosen nun in einer Abh&#228;ngigkeitsbeziehung zum Vertreter des Staates wieder. So entsteht ein Kontinuum von Herrschaft, welches fortw&#228;hrend das unterminiert, was den Subjekten noch an W&#252;rde und Selbstwertgef&#252;hl bleibt. Eine auf solchen Parametern basierende Beziehung tr&#228;gt nat&#252;rlich zus&#228;tzlich dazu bei, die oben erw&#228;hnte <em>Angst </em>zu reproduzieren: das l&#228;hmende Gef&#252;hl, welches das Subjekt unf&#228;hig macht, eine Alternative zu seiner pers&#246;nlichen, famili&#228;ren und kollektiven Trag&#246;die zu denken, weil die Situation, in der es sich befindet, undurchschaubar ist oder durch Eigeninitiative nicht &#252;berwindbar erscheint. Die wesentliche Funktion des <em>assistencialismo </em>besteht somit in der Reproduktion der gesellschaftlichen Herrschaftsstruktur, darin, die Armen an dem „ihnen geb&#252;hrenden Platz“ zu halten, passiv und konform mit ihrer subalternen Position in der Klassengesellschaft.</p>
<p>Eine Bewegung mit emanzipatorischen Perspektiven steht so vor einem schier unl&#246;sbaren Dilemma: Wie kann sie st&#228;rker werden, an Zulauf gewinnen und sich organisieren, um das Recht auf gutes Leben einzufordern, wenn sie st&#228;ndig mit jenem <em>Ohnmachtsgef&#252;hl </em>k&#228;mpfen muss, welches das <em>Ich </em>eines Gro&#223;teils ihrer Mitglieder <em>zersetzt </em>und ihnen die F&#228;higkeit raubt, zu handeln und das Wort zu ergreifen, weil sie sich nicht als politische Handlungstr&#228;ger erkennen, sondern nur als manipulierbare Objekte, die politischen und wirtschaftlichen Kr&#228;ften unterworfen sind, die ihr Leben kontrollieren und zu denen sie nicht einmal Zugang haben? Zwar ist die Vermittlung sozialistischer Ideen durch Aktivit&#228;ten und Bildungsarbeit ein wichtiger Aspekt, doch m&#252;ssen wir, wenn die politische Aktivit&#228;t nicht steril werden soll, im Auge behalten, dass f&#252;r alle Gedem&#252;tigten und Erniedrigten in dieser Gesellschaft, vor allem eines vordringlich ist: Handlungsformen zu finden, die dem Bed&#252;rfnis entsprechen, die von der Ausgrenzungsdynamik des modernen Kapitalismus verursachten psychischen Wunden zu heilen. Es kommt darauf an, kollektive Praktiken zu entwickeln, die es den Individuen erm&#246;glichen, die l&#228;hmende Angst, die ihnen den Status politischer Subjekte genommen hat, in psychische Kraft zu verwandeln, um jene F&#228;higkeit und jenes Selbstwertgef&#252;hl zur&#252;ckzuerobern, die zur Wiederherstellung <em>gemeinschaftlicher Bande </em>in ihren Wohnvierteln und zur <em>politischen Aktivit&#228;t </em>erforderlich sind. [<a href="#anm19">19</a>]</p>
<p>Schauen wir uns nun die Praktiken an, die von einigen <em>Piquetero </em>-Organisationen vor allem in den &#228;rmeren Stadtvierteln entwickelt wurden und mit denen es im Laufe der letzten Jahre nicht nur gelungen ist, &#220;berlebensalternativen f&#252;r eine marginalisierte und von ihren Grundrechten ausgeschlossene Bev&#246;lkerung zu entwickeln, sondern auch im Alltag von Zehntausenden von Argentiniern bedeutende Ver&#228;nderungen zu bewirken. In vielen F&#228;llen haben diese Organisationen jene materielle und psychologische Unterst&#252;tzung geliefert, die zumindest teilweise den oben erw&#228;hnten spezifischen Bed&#252;rfnissen Rechnung tr&#228;gt. Grunds&#228;tzlich lassen sich diese Praktiken in drei Gruppen zusammenfassen, die sich um die <em>Planes </em>herum gebildet haben: <em>Piquetes </em>als Taktik zur Durchsetzung von Forderungen gegen&#252;ber dem Staat, <em>Stadtteilversammlungen </em>als politische Organisationsform und <em>selbstorganisierte Arbeit </em>als Form materieller Produktion.</p>
<p>Zun&#228;chst eine Vorbemerkung: Wie schon gesagt, weist das Spektrum der <em>Piquetero </em>-Bewegungen eine derartige Fragmentierung auf, dass verallgemeinernde Aussagen dar&#252;ber unm&#246;glich sind. Bei den hier besprochenen Organisations- und Praxisformen handelt es sich im Prinzip um eine besondere Tendenz der Bewegung: um die so genannten <em>autonomen Bewegungen </em>, die ihren Namen der Tatsache verdanken, dass sie weder politischen Parteien noch Gewerkschaften angeh&#246;ren oder mit diesen verbunden sind. Diese Bewegungen stehen am ehesten f&#252;r den Versuch, im Alltag die Grundlagen f&#252;r die Bildung einer neuen Identit&#228;t zu legen: der des <em>Piquetero </em>; einer Identit&#228;t, die sich auf die Konsolidierung der erw&#228;hnten Praktiken st&#252;tzt und die in gewisser Weise die subjektive Hegemonie gegen&#252;ber der „traditionellen“ kapitalistisch-hierarchisch gepr&#228;gten Identit&#228;t des Arbeiters gewinnt. Dazu Svampa und Pereyra:</p>
<p>„&#8230;je gr&#246;&#223;er die Kluft zwischen der Identit&#228;t des Arbeiters und der des <em>Piquetero </em>ist, desto gr&#246;&#223;eres Gewicht erh&#228;lt der transitorische Charakter der letzteren. Umgekehrt sind es jene Erfahrungen eines relativ erfolgreichen Auslotens der M&#246;glichkeiten von Selbstorganisation und kommunit&#228;rer Arbeit, die letztlich eine St&#228;rkung der <em>Piquetero </em>-Identit&#228;t im Verh&#228;ltnis zu der des Arbeiters bewirken.“ [<a href="#anm20">20</a>]</p>
<p>Das Problem, das uns interessiert, dreht sich letztlich um die folgende Frage: K&#246;nnen neue Formen der Soziabilit&#228;t gefunden werden, die materielle und symbolische Instrumente f&#252;r die <em>Herausbildung </em>einer anti-kapitalistischen Identit&#228;t bereitstellen, welche die Menschen in den Stand versetzt, dem Prozess der subjektiven Erniedrigung zu widerstehen, dem sie als Prekarisierte und Gedem&#252;tigte ausgesetzt sind? Eine Identit&#228;t, die zugleich den Aufbau einer Massenbewegung erm&#246;glicht, deren Perspektive in der &#220;berwindung des politischen und &#246;konomischen Systems des Kapitalismus best&#252;nde? Wie wir sehen werden, deutet einiges darauf hin, dass im Alltag einiger <em>Piquetero </em>-Organisationen, Funken eines solchen Projekts aufblitzen.</p>
<h4>4. St&#252;tzpfeiler der <em>Piquetero </em>-Identit&#228;t</h4>
<p>a) Warum Piquetes?</p>
<p>Die <em>Piquetes </em>, die bereits 1996 in mehreren, durch die Privatisierung der staatlichen &#214;lfirma YPF wirtschaftlich schwer heimgesuchten St&#228;dten des Landesinneren und anschlie&#223;end auch in Buenos Aires entstanden, stellen zun&#228;chst ein neues Werkzeug der <em>direkten Aktion </em>im Kampf der Lohnarbeitenden dar. Die traditionelle Form des Kampfes seitens der organisierten Arbeiterbewegung war seit jeher der <em>Streik </em>, also die Lahmlegung der Warenproduktion, um die Unternehmen zu zwingen, ihren Forderungen nachzugeben. Wie kann also eine Bewegung von Arbeitslosen, von Menschen also, die aus dem direkten Produktionsprozess ausgeschlossen sind, ihre &#246;konomischen, sozialen und politischen Forderungen geltend machen? Die kreative Antwort auf diese Frage haben die Arbeitslosen auf der Stra&#223;e gegeben. Wenn sie schon die Warenproduktion nicht lahmlegen konnten, so doch zumindest die Warenzirkulation, womit sie den „Salto mortale“ der Realisation des in den Waren dargestellten Werts verhinderten und so indirekt die „Achillesferse“ des Kapitals trafen: den Profit. [<a href="#anm21">21</a>] Doch auch wenn die so genannten <em>Cortes de ruta </em>(Stra&#223;enblockaden) zum wichtigsten taktischen Mittel der direkten Aktion wurden, waren sie nicht die einzige Form, in der die Bewegungen ihre Rechte einforderten. Angesichts der st&#228;ndigen Erpressungen seitens des Staates, der fortw&#228;hrend seine Macht benutzte, um Monat f&#252;r Monat und ohne weitere Erkl&#228;rung den Bewegungen einen Gro&#223;teil der <em>Planes </em>zu entziehen, um sie so zu schw&#228;chen und zu zerm&#252;rben, besetzen die <em>Piqueteros </em>immer wieder &#246;ffentliche Geb&#228;ude (Pr&#228;fekturen, Ministerien usw.) und Banken. Letztere sind f&#252;r das Weiterleiten der Schecks an die Bev&#246;lkerung zust&#228;ndig, schieben die Auszahlungen jedoch in der Regel hinaus, um das Geld l&#228;nger anlegen zu k&#246;nnen.</p>
<p>Die <em>Piquetes </em>waren ebenfalls ein Mittel, dem ganzen Land die Ergebnisse der einer nach dem anderen gescheiterten wirtschaftspolitischen Ma&#223;nahmenkataloge vor Augen zu halten: Massenelend und Hunger, die bis dahin vor den Fernsehkameras versteckt geblieben waren, weil sie sich in den Peripherien der Gro&#223;st&#228;dte und im Landesinneren konzentrierten. Die <em>Piquetero </em>-Bewegung hat die nationale Trag&#246;die der Armut sichtbar gemacht und bis dahin <em>unsichtbare Menschenmassen </em>auf die Stra&#223;en des Zentrums von Buenos Aires gebracht. Eine weitere Besonderheit dieser neuen Kampfform ist, dass an einem <em>Piquete </em>ganze Familien beteiligt sind: Kinder, Jugendliche, alte Menschen, alle nehmen an den Demonstrationen teil und verwandeln die <em>Piquetes </em>in ein signifikantes Moment der Ver&#228;nderung des Alltags und der nachbarschaftlichen Begegnung. Deshalb muss etwas vom h&#228;uslichen Leben auf der Stra&#223;e improvisiert werden: Plastikplanen und Zeltbahnen, die H&#252;tten vorstellen sollen, riesige Kessel, in denen die beliebten Eint&#246;pfe aus Gem&#252;se, Nudeln und (wenig) Fleisch brodeln, &#252;ber dem Feuer aus dem tags zuvor gesammelten Holz. Dazu kreist, mitten auf der Strasse, die traditionelle „Bombilla“ mit Mate, wodurch die Kontrolle &#252;ber das Territorium bekr&#228;ftigt wird.</p>
<p>Gleichzeitig, so geht aus mehreren Berichten hervor, hat diese Praxisform bei manchen Teilnehmern so etwas wie eine <em>kathartische Wiedergewinnung </em>der verlorenen W&#252;rde bewirkt:</p>
<p>„Wenn ich mir das Taschentuch vor den Mund binde, dann ist es, als w&#228;re ich jemand anderes, kein gewaltt&#228;tiger oder b&#246;ser Mensch, sondern ein anderer, ein neuer Mensch. Man f&#252;hlt sich frei, frei von so vielen Dingen, die sich in einem angestaut hatten.“ [<a href="#anm22">22</a>]</p>
<p>Die Besetzung von Stra&#223;en und Landstra&#223;en im Gro&#223;raum Buenos Aires, die den Menschen- und Warenfluss unterbricht, wird als <em>kathartische </em>[<a href="#anm23">23</a>] Erfahrung empfunden, als organisierte Revolte gegen die Dem&#252;tigungen der Prekarisierung, die „einen anderen Menschen“ hervorbringt, der den Status des &#246;ffentlich <em>redenden </em>und <em>handelnden politischen Subjekts </em>wiedergewinnt, indem er die Stra&#223;en besetzt und die Infamie eines gescheiterten Systems anklagt, das Millionen von Menschen [<a href="#anm24">24</a>] &#252;berfl&#252;ssig macht. Die <em>Piquete </em>-Erfahrung ist ein wesentlicher, aber nicht der einzige Bestandteil der Konstitution dessen, was man unter dem Begriff <em>Piquetero </em>-Identit&#228;t zusammengefasst hat. Wie wir im vorangegangenen Abschnitt gesehen haben, bedarf es zum Aufbau einer sozialen Bewegung neben einer gemeinsamer Identit&#228;t auch sozial-&#246;konomischer Forderungen. Im Fall der argentinischen Erwerbslosenbewegungen werden wir sehen, dass die Erfolge im Kampf f&#252;r diese Forderungen die materielle Basis f&#252;r die langsame allt&#228;gliche Konstruktion einer kollektiven Identit&#228;t waren, die mit neuen Formen politischer und &#246;konomischer Organisation zusammenh&#228;ngen, wie sie in den Stadtvierteln der Peripherie von Buenos Aires zu finden sind.</p>
<p>b) Die <em>Planes </em>in den Stadtvierteln: das materialistische Wunder der Verwandlung von F&#252;rsorge in Selbstorganisation</p>
<p>Selbstverst&#228;ndlich reichen die jeden Monat in Form des <em>Plan </em>errungenen 150 Pesos bei weitem nicht f&#252;r die Grundbed&#252;rfnisse wie Nahrung, Wohnen, Transport usw. aus. [<a href="#anm25">25</a>] Hier setzt nun die von den Bewegungen entwickelte so genannte Stadtteilarbeit ( <em>trabajo territorial </em>oder <em>trabajo de barrio </em>) ein. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um eine Strategie, um die <em>Lebenshaltungskosten </em>ihrer Mitglieder zu <em>senken </em>, deren erste Ma&#223;nahme im Allgemeinen in der Schaffung einer <em>Gemeinschaftskasse </em>besteht, in welche alle <em>Plan </em>-Empf&#228;nger einen Beitrag einzahlen. Dieses Geld dient im Allgemeinen zun&#228;chst dazu, Ma&#223;nahmen gegen das Gespenst des Hungers zu ergreifen, das infolge der Krise in den armen Stadtvierteln umgeht. [<a href="#anm26">26</a>] Der erste Schritt ist fast immer die Schaffung eines <em>Comedor </em>(Gemeinschaftsk&#252;che), wo Familien die ganze Woche zu Mittag (manchmal auch zu Abend) essen k&#246;nnen und in dem die Kinder zudem noch ein Vesperbrot erhalten. Im <em>Comedor </em>essen darf, wer seinen Beitrag in die Gemeinschaftskasse der Bewegung eingezahlt hat. Dieser Beitrag variiert je nach Organisation zwischen 5, 10, 15 (oder mehr) Pesos pro Monat und Person: eine, wie man sich denken kann, enorme Ersparnis f&#252;r Menschen, die monatlich 150 Pesos erhalten. Die <em>Comedores </em>werden dar&#252;ber hinaus durch kleine Gemeinschaftsg&#228;rten versorgt, die f&#252;r gew&#246;hnlich auf von der Bewegung besetztem Brachland angelegt werden. Hinzu kommen die dem Staat abgetrotzten Warenk&#246;rbe mit Grundnahrungsmitteln, die heute einen betr&#228;chtlichen Anteil der Mahlzeiten ausmachen, die in den <em>Comedores </em>von den verschiedenen Organisationen zubereitet werden.</p>
<p>Eine weitere gel&#228;ufige Praxis ist die Schaffung von <em>Gemeinschaftsb&#228;ckereien </em>: Brot ist durch die Krise zu einem der Hauptnahrungsmittel auf dem t&#228;glichen Speisezettel geworden. Verkauft wird es zum Selbstkostenpreis an die Mitglieder der Bewegung (im Allgemeinen zur H&#228;lfte des Preises einer normalen B&#228;ckerei). Der am Ende jedes Monats erwirtschaftete &#220;berschuss flie&#223;t fast immer an den <em>Comedor </em>zur&#252;ck und wird so sozialisiert. H&#228;ufig richten die Bewegungen auch Kindertagesst&#228;tten ein, organisieren die Stra&#223;enreinigung im Viertel (um die sich die Stadtverwaltung nicht k&#252;mmert) und stellen medizinische Grundversorgung zur Verf&#252;gung. Manche Bewegungen sind mittlerweile so gut organisiert, dass sie kleine Konfektionswerkst&#228;tten eingerichtet oder artesische Brunnen gebaut haben oder gar, dank staatlicher Darlehen zur Einrichtung von Kooperativen, Bier brauen, wodurch zus&#228;tzliches Einkommen f&#252;r die Bewegung und ihre Mitglieder geschaffen wird. [<a href="#anm27">27</a>]</p>
<p>Diese Praktiken dienen in erster Linie dazu, trotz der knappen finanziellen Mittel wenigstens das Existenzminimum zu gew&#228;hrleisten, indem die dem Staat abgetrotzten Mittel kollektiv verwendet und zugleich kollektive „produktive Unternehmungen“ aufrechterhalten werden. Es handelt sich somit um die Eroberung einer „doppelten Zuwendung“ seitens des Staates: direkt in Form des Geldes, das die Arbeitslosen als „ <em>Plan </em>“ erhalten, und indirekt in Form der individuellen Arbeit, welche diese zugunsten ihrer Bewegung und ihrer Gemeinschaft leisten. Eine gleichsam materialistische Version der „wundersamen Vermehrung des Brotes“. Die &#220;bersch&#252;sse aus dem Verkauf von Brot oder Kleidungsst&#252;cken flie&#223;en wieder an das Kollektiv zur&#252;ck und tragen so dazu bei, die Lebenshaltungskosten der Beteiligten noch mehr zu senken und das wenige verf&#252;gbare Geld, wie der &#214;konom sagen w&#252;rde, zu „optimieren“. Diese Strategien stellten die Vermittlung dar, durch die es gelang, Zehntausende von Menschen im Kampf f&#252;r ein gemeinsames Ziel zu vereinen – den Kampf gegen Hunger und Elend. Darin eingeschlossen war der Aufbau von organisatorischen Strukturen, die es in vielen F&#228;llen erm&#246;glichten, neue Formen <em>kommunit&#228;ren </em>Lebens im Alltag zu schaffen und soziale Zusammenh&#228;nge wiederherzustellen, welche die brutale Dynamik des Kapitals in den gro&#223;en St&#228;dten zerrissen hatte.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus kann die Geschichte der <em>Piqueteros </em>als die Geschichte der Umfunktionierung des <em>asistencialismo </em>gesehen werden, d.h. der Verwandlung einer herrschaftlichen Kontrollstrategie in ein Basis-Projekt zur Schaffung einer gewissen Autonomie. Dass die dem Staat entrissenen finanziellen Brosamen genutzt werden, um die politische und wirtschaftliche Selbstorganisation der Bev&#246;lkerung in den Armenvierteln der st&#228;dtischen Peripherie zu f&#246;rdern, ist ein m&#246;gliches Gegenmittel gegen die Verzweiflung der <em>Gedem&#252;tigten </em>und vielleicht ein Beispiel f&#252;r die Arbeitslosen auf dem &#252;brigen Kontinent.</p>
<p>c) Die Stadtteilversammlungen: die Macht des Wortes wiederentdecken</p>
<p>Um die Selbstorganisation zu erm&#246;glichen, galt es zun&#228;chst kollektive Entscheidungsinstanzen zu schaffen, die den Betroffenen wieder eine Stimme verliehen, um in allen Bereichen ihres Alltags im Viertel mitentscheiden zu k&#246;nnen. Dazu wurden die <em>Stadtteilversammlungen </em>[<a href="#anm28">28</a>] ins Leben gerufen, eine Form direkter Demokratie mit horizontalen Machtstrukturen, die neue Formen politischen Handelns erm&#246;glicht und einen Raum der Begegnung zwischen Nachbarn schafft, der dem Erfahrungsaustausch ebenso dient wie der wechselseitigen Anerkennung als Prekarisierte.</p>
<p>„Ich glaube, dass wir im Vergleich zu anderen Bewegungen atypisch sind, da wir direkte Demokratie praktizieren. Sie ist f&#252;r uns die einzige Form, die es allen erm&#246;glicht, das Wort zu ergreifen und zu kritisieren. Einfach zu sagen: Gut, das stimmt, hier sind wir offenbar einer Meinung, aber dort sind wir es nicht, damit bin ich nicht einverstanden. Wir schaffen es also, Versammlungen abzuhalten, wo jeder zu Wort kommen kann. Die Versammlungen sind &#246;ffentlich und so kann es vorkommen, dass Genossen, die diese Form der Versammlung nicht gew&#246;hnt sind, sagen: Das sind ja blo&#223; Worte. Aber diese Worte, wenn wir sie analysieren, dr&#252;cken sehr vieles aus, sie haben einen speziellen Inhalt. Jemand, der nur vier Worte sagt, kann trotzdem ausdr&#252;cken, was er f&#252;hlt.“ (Aktivist des CCC) [<a href="#anm29">29</a>]</p>
<p>Potentiell kann diese Art von Versammlung die landl&#228;ufige Vorstellung von Politik als einer Aktivit&#228;t von Professionellen, von vermeintlichen Fachleuten, die daf&#252;r bezahlt werden, &#252;ber die Geschicke einer ganzen Nation zu entscheiden, oder von einer vermeintlich aufgekl&#228;rten Avantgarde, in das umwandeln, was Politik wirklich sein sollte: eine Aktivit&#228;t, an der alle Mitglieder einer Gemeinschaft ma&#223;geblich beteiligt sind, insofern sie &#252;ber ihre gemeinsamen Belange entscheiden und diese organisieren. Eine junge <em>Piquetera </em>sagte mir einmal, dass nur relativ wenige Genossen sich in einer Versammlung zu Wort melden. Wenn sie oder andere Aktivisten den Grund f&#252;r dieses Schweigen wissen wollen, dann hei&#223;t es meistens: „Ich hab keinen Kopf f&#252;r sowas! Ich kann nicht so reden wie ihr!“ [<a href="#anm30">30</a>] Tats&#228;chlich gibt es vor allem in den unteren Bev&#246;lkerungsschichten nur wenige, die daran gew&#246;hnt sind, &#246;ffentlich das Wort zu ergreifen, ihre Meinung in einem Kollektiv zu vertreten, und sich f&#252;r f&#228;hig halten, die Macht des eigenen Wortes zu benutzen, um &#252;ber die Belange des eigenen Lebens und die ihres Umfelds zu entscheiden. Meistens sch&#228;men sie sich, weil sie dieses oder jenes Wort „falsch“ gebrauchen, nicht im Sinne der vermeintlichen „Norm der Hochsprache“. Sie sch&#228;men sich, weil sie glauben, ihre „mangelnde Schulbildung“, gebe ihnen keine Legitimit&#228;t, sie sch&#228;men sich, weil sie die Verachtung verinnerlicht haben, der sie tagt&#228;glich ausgesetzt sind, sei es in den vorgestanzten Bildern der Kulturindustrie, wo die Armen oft als Stereotype, als lachhafte und l&#228;cherliche Figuren auftauchen, sei es im t&#228;glichen Kontakt mit Vorgesetzten oder Arbeitgebern, die ihren Angestellten eine bestimmte Sprechweise auferlegen.</p>
<p>„Wenn der Angestellte mit dem Chef redet, dann handelt es sich meistens um kleine Fragen oder um Rechtfertigungen (Soll ich das tun? Nein? Aber Sie sagten doch, ich solle das machen!). So reden die Angestellten. <em>In den meisten F&#228;llen ist die Haltung des unm&#252;ndig gemachten Menschen schlichtweg die desjenigen, den man zum Schweigen gebracht hat </em>. Es ist nicht das Schweigen von Stummen, sondern das von Stumm-Gemachten, nicht das Schweigen der Kl&#246;ster, sondern das derer, die beten, sie m&#246;gen ihren Job nicht verlieren. Die S&#228;tze des Proletariers – seine S&#228;tze und seine Gebete [<a href="#anm31">31</a>] – haben h&#228;ufig &#246;konomischen Inhalt. Es sind die S&#228;tze und Gebete eines Mannes, der auf die Verausgabung seiner k&#246;rperlichen Arbeitskraft reduziert wurde.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm32">32</a>]</p>
<p>In der Versammlung haben alle das Recht, das Wort zu ergreifen, auch diejenigen, die nicht daran gew&#246;hnt sind, sich dieses Rechts zu bedienen. Es geht beispielsweise darum zu entscheiden, wie der <em>Comedor </em>verwaltet wird, wann der n&#228;chste <em>Piquete </em>stattfindet oder was mit dem Geld der Gemeinschaftskasse geschehen soll. Au&#223;erdem werden die Perspektiven der Bewegung und nationale politische Fragen diskutiert. Kurzum, die Versammlung kann den bevorzugten Raum sowohl der politischen Bewusstseinsbildung als auch der Beratung &#252;ber die zentralen Aspekte des Alltags aller am Aufbau der Bewegung Beteiligten bilden. Gleichzeitig kann hier aber auch ein Netz der gegenseitigen psychischen Unterst&#252;tzung entstehen, das es Menschen mit gleichen Leidenserfahrungen erm&#246;glicht, eine gemeinsame Identit&#228;t herzustellen.</p>
<p>„Wenn es etwas gibt, das wir der Bewegung verdanken, dann, dass sie uns erm&#246;glicht hat in <em>Versammlungen zusammenzukommen </em>und <em>das Wort wieder zu erobern </em>; sie hat uns erm&#246;glicht, einander zuzuh&#246;ren, zu entdecken, dass wir wirklich unter Hunger und Elend litten. Wir haben so unsere W&#252;rde wiedergefunden. Die <em>W&#252;rde </em>steht f&#252;r uns im Mittelpunkt unserer Arbeit, der <em>Arbeit gegen die Dem&#252;tigung </em>, gegen den Konformismus.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm33">33</a>]</p>
<p>Eines der gr&#246;&#223;ten subjektiven Probleme der Arbeitslosigkeit besteht in ihrer Tendenz, die Menschen voneinander zu isolieren, weil sie sich f&#252;r ihre Situation sch&#228;men, sie als selbst verschuldet ansehen und so als individuelles Problem definieren, was ein Problem des ganzen Landes ist. Von dem Moment an jedoch, da man sich mit anderen zusammenschlie&#223;t und gemeinsam das „enteignete Wort zur&#252;ckerobert“, von diesem Moment an wird es m&#246;glich, allm&#228;hlich die Krise zu verstehen und kollektiv die Gewissheit zu erlangen, dass die Ursachen des gemeinsamen Elends nicht in der Inkompetenz und in der mangelnden „Qualifizierung“ des Arbeitslosen liegen, sondern im Zusammenbruch des gesellschaftlichen Systems. Auf diese Weise kann gemeinsam gegen die Verzweiflung angek&#228;mpft werden, die alle <em>Prekarisierten </em>und <em>Gedem&#252;tigten </em>in ihrem Inneren versp&#252;ren.</p>
<p>d) „Arbeit, W&#252;rde und gesellschaftliche Ver&#228;nderung“</p>
<p>Die von den argentinischen Bewegungen entwickelten neuen &#246;konomischen Praktiken haben bei zahlreichen Lohnabh&#228;ngigen dazu gef&#252;hrt, dass sie in ihrem Alltag die Bedeutung hinterfragen, welche der <em>Arbeit </em>in der kapitalistischen Gesellschaft zukommt. Das betrifft einerseits ihre wirtschaftliche Funktion, die durch die Ausbeutung der Arbeitskraft und die Reproduktion der kapitalistischen Herrschaft bestimmt ist, andererseits ihre Rolle bei der Identit&#228;tsbildung der Individuen, denn die Arbeit bildet insbesondere in den unteren sozialen Klassen immer noch die wichtigste St&#252;tze der Identit&#228;t. Es erhebt sich daher die Frage: Ist es angesichts der Knappheit von Arbeitspl&#228;tzen und der von der Arbeitslosigkeit ausgel&#246;sten subjektiven Krise denkbar, eine andere an die produktive T&#228;tigkeit gekn&#252;pfte Identit&#228;t zu schaffen, die der vom Kapitalismus konstituierten und sedimentierten Identit&#228;t diametral entgegensteht?</p>
<p>Verschiedene Bewegungen haben auf ihre Fahnen geschrieben: <em>Arbeit, W&#252;rde und gesellschaftliche Ver&#228;nderung </em>. Gemeint ist jedoch nicht irgendeine Arbeit, sondern die Entwicklung von Praktiken der Selbstorganisation in der Arbeit, die tagt&#228;glich erforderlich ist, um die ganze von der Bewegung geschaffene Struktur aufrecht zu erhalten, also die Entwicklung von Keimformen horizontaler und egalit&#228;rer Beziehungen, die sich am Sozialismus orientieren.</p>
<p>„Wir wollen ‚w&#252;rdige Arbeit‘ schaffen, und die ist mit Ausbeutung, mit der Unterwerfung der Arbeit unter einen Chef, mit dem darin enthaltenen Diebstahl und mit der Kontrolle der Arbeitszeiten unvereinbar.“ [<a href="#anm34">34</a>]</p>
<p>In wenigen Worten fasst dieser Aktivist den Herrschaftscharakter der kapitalistischen Arbeit zusammen, auf deren &#220;berwindung die allt&#228;glichen K&#228;mpfe der hier beschriebenen Bewegungen zielen, indem sie versuchen, ein neues Verh&#228;ltnis zur produktiven T&#228;tigkeit zu entwickeln.</p>
<p>„Als erstes muss man sein <em>Selbstwertgef&#252;hl </em>wieder finden und in diesem Sinne f&#252;hlen wir uns als Arbeiter: als Mensch, der <em>einen Teil seiner Identit&#228;t zur&#252;ckgewonnen hat </em>. Und Arbeiter ist man, <em>weil man zum Kollektiv beitr&#228;gt </em>, zur Gemeinschaft und <em>nicht, weil man Rendite erwirtschaftet </em>. Wer denkt, der Arbeiter sei derjenige, der Gewinn schafft, f&#252;r den ist der Arbeitslose ein Paria. Aber bei uns herrschen andere Werte, die nicht die sind, die diese Gesellschaft einem eingibt.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm35">35</a>]</p>
<p><em>Arbeit </em>wird hier verstanden im Sinne einer produktiven T&#228;tigkeit f&#252;r einen gemeinsamen Zweck, verrichtet von allen f&#252;r alle und nicht, um in entfremdeter Form Gewinn zu erwirtschaften, der den Eigent&#252;mern der Produktionsmittel zuflie&#223;t. [<a href="#anm36">36</a>]</p>
<p>Es ist f&#252;r den Einzelnen alles andere als nebens&#228;chlich, dass er in der Bewegung seine Arbeit im Hinblick auf die <em>konkreten </em>Bed&#252;rfnisse eines bestimmten Zusammenhangs verrichtet: seiner Familie, seiner Nachbarn, seiner Freunde.</p>
<p>„Ich glaube, das kapitalistische System strukturiert einen und zwar so, dass man sich nicht als Mensch f&#252;hlt, sondern <em>sein ganzes Leben lang nur als ein Ding </em>. In der Fabrik ist man ein Ding, an der Universit&#228;t eine Nummer. Wenn ein Genosse hier zum MTD kommt, dann liegt einer der Gr&#252;nde f&#252;r seine gro&#223;e <em>Frustration </em>eben darin, sich nicht als Mensch zu f&#252;hlen, nicht zu erkennen, dass er etwas tun kann, und zwar nicht nur f&#252;r einen Boss, der ihm den Befehl dazu gibt. Wir arbeiten viel daran, und wenn wir dann mit den Genossen diskutieren und sie fragen: ,Was f&#252;hlst du? Was f&#252;hlst du heute im Vergleich zu der Zeit, als du noch nicht im MTD warst?‘, dann lautet die Antwort: ,Ich habe mich hier als Mensch wiedergefunden, <em>pl&#246;tzlich habe ich entdeckt, dass ich imstande bin, etwas zu tun </em>.‘ &#8230; Wir finden hier, glaube ich, wieder ein wenig zum Thema der Arbeitskultur zur&#252;ck, n&#228;mlich dass wir etwas von uns aus und f&#252;r uns tun k&#246;nnen.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm37">37</a>]</p>
<p>Dieser Genosse gesteht, dass er sich <em>wie eine Sache </em>f&#252;hle. Geht es denn nicht eben darum im marxistischen Konzept der „Verdinglichung“, als subjektivem Resultat der Unterwerfung des Arbeitenden unter den kapitalistischen Arbeitsprozess? Die Ver&#228;nderungsprozesse im Alltag der Aktivisten, die hier das Wort haben, beziehen sich offenbar genau darauf: der <em>Sinn </em>, den manche in der <em>kommunit&#228;ren Arbeit </em>finden, vermag subjektive Strukturen wiederherzustellen, die Elend und Ausbeutung zerst&#246;rt hat, jenes Elend und jene Ausbeutung, die diese Arbeitenden jahrzehntelang &#252;ber sich ergehen lassen mussten. Dieses „Etwas-tun-k&#246;nnen“ ist kein blo&#223;es Detail. Es verweist auf eine Ver&#228;nderung im „Ego“ dieser Menschen, darauf, dass sie vielleicht dabei sind, vergessene oder nie entdeckte individuelle Potentiale (wieder) zu entdecken. Diese Potentiale aber k&#246;nnen, wenn sie sich in einem auf soziale Transformation orientierten politischen Projekt entfalten, zu einer politischen Kraft werden, welche die Subjekte mobilisiert und ihnen W&#252;rde und Selbstwertgef&#252;hl verleiht, ohne die sie sonst nicht einmal f&#228;hig w&#228;ren, aus dem Haus zu gehen, geschweige denn eine soziale Bewegung aufzubauen und in ihren Wohnvierteln oder St&#228;dten verankert zu sein. [<a href="#anm38">38</a>]</p>
<p>Manche Genossen hat die Erfahrung des Kn&#252;pfens neuer gemeinschaftlicher Beziehungen um die allt&#228;gliche Arbeitsaktivit&#228;t herum zutiefst gepr&#228;gt. Es erscheint ihnen ganz und gar nicht mehr als „nat&#252;rlich“, dass man, um zu &#252;berleben, gezwungen ist, seine Arbeitskraft auf einem von extremer Konkurrenz und Entwertung gepr&#228;gten Arbeitsmarkt zu verkaufen. Trotz ihrer prek&#228;ren Lebensbedingungen sind sie in der Lage, die Grundlagen der Arbeitsgesellschaft infrage zu stellen, und beziehen sich auf mutige und &#252;berraschende Weise auf ihre Situation als Arbeitslose.</p>
<p>„ <em>Wir wollen keine Integration </em>. Ich will jedenfalls <em>nicht mehr ausgebeutet werden </em>. Ich will nicht wieder f&#252;r Fortabat oder Macri arbeiten, das ist klar. Ich k&#228;mpfe nicht daf&#252;r, dass die mich wieder ausbeuten k&#246;nnen. Ich und viele andere Genossen denken, dass wir nicht integriert werden wollen: Wir haben es hier mit etwas ganz anderem zu tun.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm39">39</a>]</p>
<p>Nicht wenige meiner Gespr&#228;chspartner gaben mir eine &#228;hnliche Antwort, als ich sie fragte, ob sie f&#252;r einen neuen Arbeitsplatz k&#228;mpfen w&#252;rden. Oft habe ich das &#252;beraus vern&#252;nftige Argument geh&#246;rt, ein Arbeitsplatz sei, so wie die Dinge l&#228;gen, der M&#252;he nicht mehr wert. Es w&#252;rde bedeuten, jeden Tag fr&#252;h aufzustehen, sich im Durchschnitt auf drei bis vier Stunden Fahrt- und zehn Stunden Arbeitszeit einzustellen, um am Monatsende einen Lohn von 300 oder 400 Pesos nach Hause zu bringen. Da bleibt man besser in seinem Viertel und arbeitet jeden Tag f&#252;r die Familie, die Freunde und die Nachbarn, statt sein Leben zu vergeuden und es ganz einem Unternehmer zu &#252;berlassen, gedem&#252;tigt und fortw&#228;hrend von der Entlassung bedroht, weil es ja jede Menge Leute gibt, die zur Verf&#252;gung stehen und sich um den Arbeitsplatz rei&#223;en! Freilich sind 150 Pesos am Monatsende wenig. Man sucht sich deshalb ein paar kleine Nebenjobs, isst im <em>Comedor </em>und lebt ein w&#252;rdigeres Leben, als wenn man tagaus, tagein in einer Fabrik oder in einem B&#252;ro eingesperrt ist. So ist ein Punkt erreicht an dem einerseits die kapitalistische Krise, eine immer sch&#228;rfere Ausbeutung der Arbeitskr&#228;fte erzwingt, um die sinkenden Profitraten im produktiven Sektor auszugleichen, andererseits genau dies seine Reproduktion bedroht: Denn das extrem geringe Lohnniveau, vor allem in den Berufen, die „weniger qualifiziert“ sind, bewirkt, dass eine kleine Bresche, wie z. B. die durch die <em>Planes </em>er&#246;ffnete, es den Menschen erm&#246;glicht, neue &#220;berlebensalternativen zu erfinden und der so genannten Integration den R&#252;cken zu kehren. [<a href="#anm40">40</a>]</p>
<h4>5. Autonomie und „integrierte Subjektivit&#228;t“: die M&#246;glichkeit, Zeit und Raum zu kontrollieren</h4>
<p>a) Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</p>
<p>Kapitalismus bedeutet in erster Linie: <em>Kontrolle der Zeit </em>. Der Wert einer jeden Ware wird durch die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ bestimmt. „Zeit ist Geld“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Der Kapitalist kauft dem Arbeiter das Recht ab, den Gebrauch seiner Zeit w&#228;hrend der vertraglich bestimmten Stunden zu kontrollieren. In den letzten Jahren hat die Tendenz zur Verl&#228;ngerung des Arbeitstages (zus&#228;tzlich zu den schier endlosen in den &#246;ffentlichen Transportmitteln verbrachten Stunden) die Tage immer „k&#252;rzer“ gemacht und zunehmend dem Zwang der Kapitalverwertung unterworfen. (&#220;brigens absolvieren auch die Unternehmer und leitenden Angestellten immer l&#228;ngere Schichten, weil es die brutale Konkurrenz des krisenhaften Systems so erzwingt: Abgesehen von ihrer h&#246;heren finanziellen Verg&#252;tung, sind auch sie Sklaven der Zeitknappheit.) Die Zeit, die einem f&#252;r sich selbst, die Familie und Freunde bleibt, ist verschwindend gering. Wir verf&#252;gen immer weniger &#252;ber unsere Zeit. [<a href="#anm41">41</a>]</p>
<p>Die Organisationsform der <em>Piqueteros </em>hat es indes in gewissem Ma&#223;e erm&#246;glicht, diesen Prozess der zunehmenden Enteignung der Lebenszeit umzukehren. In zahlreichen Bewegungen haben die Versammlungen f&#252;r jeden ihrer Aktivisten, der einen <em>Plan </em>empf&#228;ngt, eine t&#228;gliche Arbeitszeit von vier Stunden festgelegt. Und das ist alles andere als nebens&#228;chlich: Es bedeutet die M&#246;glichkeit, zum Aufbau der Bewegung beizutragen und ein Zugeh&#246;rigkeitsgef&#252;hl zu entwickeln, zugleich aber selbst dar&#252;ber zu entscheiden, worauf man den Gro&#223;teil der eigenen Zeit verwendet, sei&#8217;s f&#252;r eine kleine Nebent&#228;tigkeit zur Aufbesserung des Einkommens, sei&#8217;s, indem man mehr Zeit mit seiner Familie verbringt oder an anderen Aktivit&#228;ten der Bewegung teilnimmt, wie Diskussionsgruppen oder lokalen Versammlungen. Wie zu erwarten, bleiben die subjektiven Konsequenzen f&#252;r diejenigen, die an einer solchen Erfahrung teilhaben, nicht aus: „Wei&#223;t du, ich war jemand, der f&#252;r seine Arbeit lebte. Ich stand morgens um drei, vier Uhr auf, fuhr in die Hauptstadt und kehrte abends zur&#252;ck. Ich wollte es zu etwas bringen, ein Haus bauen, den Kindern das Beste geben und alles, was in der <em>Idee des Fortschritts </em>, des Weiterkommens enthalten ist. Was f&#252;r ein <em>entsetzlicher Sklave </em>ich war. Darin bestand mein Leben. Sicher, jetzt geht es mir wirtschaftlich zwar schlecht, aber ich habe meine Familie entdeckt, mein Viertel. Ich habe entdeckt, was es bedeutet, zusammen zu sein, Dinge zu teilen. Ich f&#252;hle mich jetzt ein wenig freier.“ (Hervorhebungen von mir) [<a href="#anm42">42</a>]</p>
<p>Die perverse Realit&#228;t der Arbeitslosigkeit kann in konstruktive Praxis verwandelt werden, wenn eine das Leben organisierende kollektive Struktur gefunden wird. Die Bresche, die der Ausschluss aus dem kapitalistischen Produktionsprozess ge&#246;ffnet hat, erm&#246;glicht es, &#252;ber viel freie Zeit zu verf&#252;gen. Diese Zeit ist leer und sinnlos, wenn das durch die Ausgrenzung verursachte Leiden keine Unterst&#252;tzung durch ein organisiertes Kollektiv erf&#228;hrt. Leidet der Mensch in der Isolation, so wird seine „freie Zeit“ mit Sicherheit durch innere Konflikte, Depressionen und psychische Erkrankungen aufgefressen. Er mag dann, wie es oft geschieht, den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen, hypnotisiert vom unaufh&#246;rlichen Geflimmer der Bilder, die ihn in einen Zustand der L&#228;hmung versetzen, mit dem er erfolglos versucht, das Elend seiner Existenz zu lindern, Gefangener einer Zeit, die ebenso leer ist wie jene, die ihm der Arbeitsmarkt und das ideologische Versprechen des <em>Fortschritts </em>aufzwingen, wie der <em>Piquetero </em>oben sagt. In diesem Fall kann die Unterst&#252;tzung durch andere ihm dabei helfen, herausfinden, dass „Fortschritt“ im kapitalistischen System in Wahrheit „Sklaverei“ bedeutet. Sklaverei im Austausch f&#252;r ein paar Konsumg&#252;ter, die nie mehr sind als Brosamen angesichts des &#220;berflusses, in dem die kapitalistische Gesellschaft erstrahlt. Abweichend von unseren vom Konsum kolonisierten Imaginationen hat der oben zitierte Mann – als Folge des wirtschaftlichen Niedergangs – andere subjektive Dimensionen entdeckt, den Kontakt mit den Menschen seiner Umgebung, die Suche nach und die Begegnung mit der „verlorenen Zeit“. Es ist, als sei der Wert der nunmehr von ihm kontrollierten Zeit nicht aufzuwiegen mit dem Lohn, f&#252;r den er seine Freiheit verkaufte.</p>
<p>Hierzu Francisco Ferrara: „&#8230;eine Alternative zum Reich des Marktes aufzubauen, wird nur dann m&#246;glich sein, wenn es uns gelingt, der Hast zu entgehen und langsamere Rhythmen einzuf&#252;hren &#8230;, mit der Hast Schluss zu machen, um uns zu Aktivit&#228;ten des Denkens zu bef&#228;higen und dazu, die Disziplinierung au&#223;er Kraft zu setzen, die uns der globalisierte Kapitalismus abverlangt&#8230; Es ist notwendig, die Geschwindigkeit abzubremsen und eine intensivere Situationswahrnehmung zu erm&#246;glichen, indem Einrichtungen f&#252;r die Begegnung geschaffen werden, die eine gemeinsame Teilhabe, den Dialog, die Aufmerksamkeit und die Sorge f&#252;reinander sowie kreatives Zusammenwirken erm&#246;glichen.“ [<a href="#anm43">43</a>]</p>
<p>Politische Aktivit&#228;t in diesem Sinn ist nur schwer vorstellbar, wenn sich ein Mensch schier unendlichen Arbeitstagen gegen&#252;ber sieht. Kann man von jemandem, der die H&#228;lfte des Tages damit verbracht hat, auf dem Arbeitsmarkt f&#252;r sein &#220;berleben zu k&#228;mpfen und sp&#228;t abends geistig und k&#246;rperlich ausgelaugt nach Hause zur&#252;ckkehrt, verlangen, dass er an einer Versammlung teilnimmt oder an wichtigen Diskussionen &#252;ber die Geschicke der Bewegung, die eine geistige Pr&#228;senz erfordern, zu der das Gehirn einfach nicht mehr f&#228;hig ist? Und wie soll jemand bei <em>Piquetes </em>mitmachen, die ein, zwei oder mehr Tage dauern, wenn er nicht das Risiko eingehen kann, auf der Arbeit zu fehlen und seinen Job zu verlieren? F&#252;r den Aufbau der Bewegung war es deshalb von grundlegender Bedeutung, &#220;berlebensalternativen zu schaffen, die es den <em>Piqueteros </em>erm&#246;glichten, &#252;ber freie Zeit f&#252;r ihren Aktivismus zu verf&#252;gen. Das gro&#223;e Geheimnis des Kapitalismus bestand stets darin, dass es, um K&#246;rper und Geist der Menschen zu disziplinieren, kein besseres Mittel gibt, als sie tagt&#228;glich acht oder mehr Stunden zum Arbeiten zu zwingen. Sie werden dadurch um die verf&#252;gbare Zeit gebracht, die f&#252;r intellektuelle und politische Aktivit&#228;ten notwendig ist, der letzte Tropfen Energie wird aus ihren K&#246;rpern gesaugt und jedes Begehren, jede k&#246;rperliche und geistige F&#228;higkeit in den Dienst der Produktion von Waren gestellt, die sich in Profit umwandeln sollen. [<a href="#anm44">44</a>]</p>
<p>b) Das beherrschte Territorium</p>
<p>Kapitalismus bedeutet aber auch: <em>Kontrolle des Raumes </em>. Kontrolle des vom Privateigentum innerhalb des Produktionsprozesses besetzten Raumes: in jeder Fabrik, in allen Fertigungszweigen, in jedem B&#252;ro und Gesch&#228;ft, wo wir nur an den Orten zu sein haben, die das Kapital uns zuweist. Kontrolle des Verkehrsraums, in den gro&#223;en und kleinen Stra&#223;en, die vor allem daf&#252;r gebaut wurden, um die Fl&#252;sse der Warenproduktion zu erleichtern, statt den Spazierg&#228;ngen derer zu dienen, die diese Waren herstellen. Kontrolle all jener brachliegenden oder stillgelegten Grundst&#252;cke, Fabriken oder Geb&#228;ude, die von den Arbeitslosen, den Land- und Obdachlosen genutzt werden k&#246;nnten, aber unter Verschluss gehalten werden, nur um den Spekulationsinteressen ihrer Eigent&#252;mer zu dienen. Kontrolle der Bev&#246;lkerung in den Vororten der Metropolen, die aus den Stadtzentren vertrieben wird, um so die Eind&#228;mmung eventueller Rebellionsversuche zu erleichtern oder aber, um es so einzurichten, dass die desorganisierte und blindw&#252;tige Revolte sich gegen das eigene Stadtviertel wendet statt gegen die wirklichen Unterdr&#252;cker.</p>
<p>Um diese Kontrolle zu garantieren, sind die Polizeikr&#228;fte in st&#228;ndiger Alarmbereitschaft, bis an die Z&#228;hne bewaffnet mit scharfer Munition, Schlagst&#246;cken und Tr&#228;nengasbomben. Tag und Nacht durchstreifen sie die St&#228;dte, auf der Suche nach denen, die sich nicht abfinden wollen mit dem herrschenden Unrecht, dessen Fortbestand sie mit ihrer Uniform und ihrem Kriegsger&#228;t abzusichern helfen. Sie schrecken nicht davor zur&#252;ck, Unschuldige zu verletzen oder zu t&#246;ten, wenn es gilt, &#246;ffentlich zu zeigen, wie weit der Staat gehen kann, um die Ordnung des sakrosankten Privateigentums zu garantieren. Dennoch haben wir bereits gesehen, dass die Basisorganisationen der argentinischen Erwerbslosen Breschen in diese Kontrolle zu schlagen verm&#246;gen: Die <em>Piquetes </em>kontrollieren den Raum, sie unterbrechen den Verkehr der Waren und Arbeitskr&#228;fte, legen die Stadt lahm und machen das Elend zu einem Thema, das alle angeht, selbst diejenigen, die noch nie in der Peripherie von Buenos Aires waren. Andererseits hat ihre territoriale Basis es ihnen erm&#246;glicht, sich kollektiv zur Wehr zu setzen gegen die Macht der <em>Punteros </em>, die lange Zeit als unumstrittene Herrscher der Stadtviertel das Elend der Menschen manipuliert haben. Erschwert wurde so auch die Polizeiwillk&#252;r, vor allem gegen junge Arbeitslose ohne jegliche Freizeitalternativen und die den staatlichen Repressionskr&#228;ften schutzlos ausgesetzt sind. Die <em>Piqueteros </em>haben ebenfalls Dutzende von leerstehenden Grundst&#252;cken besetzt und dort Schuppen gebaut, die ihnen als B&#252;ros und Versammlungslokale dienen. Auf diesen Grundst&#252;cken haben sie ihre <em>Comedores </em>, B&#228;ckereien und Gem&#252;seg&#228;rten eingerichtet und so neue Formen urbanen Lebensraums geschaffen.</p>
<p>Kein Zweifel: es hat eine qualitative Ver&#228;nderung stattgefunden in der Art, wie <em>Zeit </em>und <em>Raum </em>von Tausenden von Menschen erfahren werden, die tagt&#228;glich an der schweren Aufgabe beteiligt sind, die kargen Ressourcen, die sie dem Staat abgetrotzt haben, in Werkzeuge zum Wiederaufbau ihrer Wohnviertel, ihrer Existenzen und Bed&#252;rfnisse zu verwandeln. Francisco Ferrara bemerkt dazu, dass sich in dieser neuen Wirklichkeit die Keimform einer <em>integrierten Subjektivit&#228;t </em>entwickeln k&#246;nne, gewisserma&#223;en das Negativ der <em>radikalen Fragmentierung </em>, wie sie f&#252;r das Leben in den gro&#223;en Metropolen charakteristisch ist: „Der <em>Raum </em>, in dem sich das Leben des <em>Piqueteros </em>abspielt, enth&#228;lt alles, was f&#252;r ihn von Belang ist. Seine Arbeit, seine Familie, seine Genossen, seine Versammlungen, seine Sitzungen, die <em>Bombilla </em>-Runden, seine Diskussionsgruppen, seine Gemeinschaftsk&#252;che, alles f&#252;gt sich im Laufe des Tages zusammen und bietet Gelegenheit f&#252;r zahlreiche Begegnungen und Entwicklungen. Man k&#246;nnte sagen, dass der <em>Piquetero </em>nicht einfach da ist, sondern den Raum seines Alltags <em>bewohnt. </em>“ [<a href="#anm45">45</a>]</p>
<p>Das Leben gewinnt auf diese Weise einen langsameren Rhythmus und streift so nach und nach den abstrakten Charakter von <em>Zeit </em>und <em>Raum </em>des Kapitalismus ab. Die t&#228;glichen Aktivit&#228;ten sind nicht mehr aufgespalten zwischen Wohnung, Stadtviertel und Arbeitsplatz. Jedoch nicht, weil der Arbeitsrhythmus – wie fr&#252;her – in die Privatsph&#228;re eingebrochen w&#228;re, sondern dank der von den Basisorganisationen geschaffenen Ans&#228;tzen autonomer Formen der Reproduktion, die auf die Integration der getrennten Sph&#228;ren des allt&#228;glichen Lebens zielen. [<a href="#anm46">46</a>] Ich erinnere mich daran, wie &#252;berrascht ich jedes Mal war, wenn ich wochentags gegen drei oder vier Uhr nachmittags den „Sitz“ einer Bewegung in irgendeinem Vorort besuchte und dabei 80 oder mehr Personen antraf, die versammelt waren, um nicht nur &#252;ber Angelegenheiten allt&#228;glicher Organisation etwa des <em>Comedor </em>oder der Kindertagesst&#228;tte zu beraten, sondern auch &#252;ber die politischen Entwicklungen im Land oder dar&#252;ber, welche Taktik gegen&#252;ber der Regierung einzunehmen sei. Und solche Versammlungen fanden gleichzeitig in Dutzenden anderer Stadtviertel mit Hunderten von Personen statt; eine Wirklichkeit, die gewiss nicht viel mit dem gew&#246;hnlichen Alltag eines besch&#228;ftigungslosen oder besch&#228;ftigten Arbeitskraftverk&#228;ufers zu tun hat, und die unerl&#228;ssliche Voraussetzung einer politischen Organisation: die massive Beteiligung ihrer Mitglieder.</p>
<h4><strong>6. Der Aufbau des Sozialismus beginnt heute </strong></h4>
<p>Mit den strukturellen Ver&#228;nderungen, die der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat, hat sich auch die Dynamik der sozialen K&#228;mpfe ver&#228;ndert. Ihre wichtigste B&#252;hne war stets der Prozess der Warenproduktion, also die Sph&#228;re der Arbeit. Daher hat sich die Arbeiterklasse in den letzten 150 Jahren in Parteien und Gewerkschaften organisiert, um f&#252;r ihre Interessen zu k&#228;mpfen; ein Kampf, der durchaus nicht gering zu sch&#228;tzende Erfolge erzielte und der sich in einigen historischen Momenten mit revolution&#228;ren Bestrebungen verband, wof&#252;r Tausende von Aktivisten ihr Leben lie&#223;en.</p>
<p>Alles in allem unterlag in zwei Jahrzehnten der Systemkrise und der neoliberalen Offensive die Sph&#228;re der Arbeit jedoch einer traurigen Geschichte der Degradierung. Wie sollen heute noch in den meisten Sektoren der &#214;konomie konsistente Streiks durchgef&#252;hrt werden, wenn die Armee der Arbeitslosen die Verhandlungsmacht derjenigen schw&#228;cht, die noch das „Gl&#252;ck“ haben, ausgebeutet zu werden? Allein im Gro&#223;raum São Paulo gibt es zwei Millionen Arbeitslose. Wie sollen starke Gewerkschaften und Interessenvertretungen aufrecht erhalten werden, wenn in den gro&#223;en Metropolen mehr als die H&#228;lfte der Lohnabh&#228;ngigen nicht formal besch&#228;ftigt ist und daher auch nicht gewerkschaftlich vertreten wird? Wenn weiterhin Millionen von Menschen in allen m&#246;glichen Formen tertiarisiert und prekarisiert sind und aufgrund erzwungener Flexibilisierung, „Selbstst&#228;ndigkeit“ und anderer unternehmerischer Tricks ihre historisch erk&#228;mpften Rechte einb&#252;&#223;en, was ein Herabdr&#252;cken des Einkommensniveaus ebenso zur Folge hat wie eine gewaltige Steigerung der Todesraten infolge von arbeitsbedingten Krankheiten, Stress und Arbeitsunf&#228;llen? (Der IAO zufolge sind allein im Jahr 2003 zwei Millionen Menschen an den direkten Folgen der Arbeit gestorben, davon 350.000 bei Arbeitsunf&#228;llen und 1,65 Millionen aufgrund arbeitsbedingter Erkrankungen. [<a href="#anm47">47</a>] ) Wenn dar&#252;ber hinaus in den wichtigsten &#214;konomien Lateinamerikas sich all diese Tendenzen noch versch&#228;rfen? Ungl&#252;cklicherweise haben es die brasilianischen Gewerkschaften noch nicht geschafft, Organisationsformen f&#252;r die Masse der Ausgeschlossenen zu entwickeln; vielleicht ist das ja auch von den Gewerkschaften gar nicht zu erwarten, aber im Bereich politischen Handelns sollte man keine T&#252;ren endg&#252;ltig zuschlagen.</p>
<p>Angesichts dieses entmutigenden Bildes war eine Schw&#228;chung der gewerkschaftlichen Organisationen zu erwarten. [<a href="#anm48">48</a>] W&#228;hrend die Mehrheit der Gewerkschaften und „Arbeiterparteien“ schon lange aufgeh&#246;rt hat zu k&#228;mpfen, sind jene, die sich noch immer im Arbeitskampf engagieren, in einer Sackgasse gelandet. Deshalb waren all diejenigen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben m&#252;ssen, in den letzten Jahren gezwungen, neue Werkzeuge des Kampfes zu entwickeln. Es sind neue Massenbewegungen entstanden, die f&#252;r die bisher gr&#246;&#223;ten – wenn auch immer noch sehr begrenzten – Fortschritte in den sozialen K&#228;mpfen in Lateinamerika verantwortlich zeichnen.</p>
<p>Das wichtigste Merkmal dieser „neuen sozialen Bewegungen“ ist, dass es sich dabei vor allem um Bewegungen von <em>Prekarisierten </em>handelt. Ich hatte von den Schwierigkeiten beim Aufbau einer Bewegung gesprochen, die sich aus gedem&#252;tigten und psychisch geschw&#228;chten Menschen zusammensetzt. Der allt&#228;gliche &#220;berlebenskampf ist ungeheuer hart, und es f&#228;llt sehr schwer, die notwendige Einheit der Bewegung herzustellen angesichts der fortgeschrittenen sozialen <em>Fragmentierung </em>seit Ende des letzten und Anfang dieses Jahrhunderts. Allerdings haben diese Bewegungen auch einen politischen Vorteil, n&#228;mlich die M&#246;glichkeit, <em>autonome </em>Organisationsformen zu entwickeln – manche sprechen in diesem Zusammenhang von <em>Gegenmacht </em>oder <em>Parallelmacht </em>–, um das materielle &#220;berleben auf alternative Weise zu sichern, den Fluss der Zeit und den Raum im Alltag zu kontrollieren und insbesondere der veritablen H&#246;lle zu entfliehen, zu der sich die Sph&#228;re der Arbeit in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.</p>
<p>Im Fall der besch&#228;ftigten und gewerkschaftlich organisierten Arbeiter geht das politische Potential verloren, das aus der Transformation des Alltags entspringt, aus der M&#246;glichkeit, das Leben zumindest partiell <em>autonom </em>gegen&#252;ber den Zw&#228;ngen des Kapitals zu organisieren. Im Allgemeinen reduziert sich der einzige gr&#246;&#223;ere Einfluss der Gewerkschaften auf das allt&#228;gliche Leben ihrer Mitglieder auf den – eminent wichtigen – Moment des Streiks. Doch mit der R&#252;ckkehr zum allt&#228;glichen Arbeitsrhythmus unter der strengen Kontrolle des Kapitals gehen die Ans&#228;tze der <em>Selbstorganisation </em>letztlich verloren.</p>
<p>Um irgendeine Form tiefergehender (also revolution&#228;rer) gesellschaftlicher Transformation zu denken, sind &#220;berlegungen dar&#252;ber notwendig, wie die K&#228;mpfe von Arbeitslosen und Besch&#228;ftigten vereint werden k&#246;nnen, doch die gegenw&#228;rtige &#246;konomische und politische Konjunktur scheint eher die Entwicklung von Basisbewegungen denn die von gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen zu beg&#252;nstigen, was in gewisser Weise auf eine neue Achse der sozialen K&#228;mpfe verweist. (Das bedeutet nicht, dass dieser Prozess einfach sein wird, wie ein Blick auf die Situation der noch sehr schwachen urbanen Bewegungen in Brasilien zeigt. [<a href="#anm49">49</a>] )</p>
<p>Vielleicht besteht eines der Geheimnisse f&#252;r den bisher relativ erfolgreichen Aufbau einiger <em>Piquetero </em>-Bewegungen genau darin, dass ihre Organisation den <em>Alltag der Menschen </em>ver&#228;ndert. Im ersten Moment ist es nur die Frage des &#220;berlebens, welche die meisten Menschen dazu bringt, sich den Organisationen anzuschlie&#223;en, weil sie wahrhaben, dass sie nur gemeinsam den Hunger bek&#228;mpfen k&#246;nnen, der ihre Familien bedroht. Dies erfordert allerdings, dass sie sich jeden Tag versammeln, um alternative Formen des &#220;berlebens zu organisieren: den <em>Comedor </em>, die Gem&#252;seg&#228;rten, die B&#228;ckerei, kleine Produktionswerkst&#228;tten oder die Betreuung der Kinder. Wenn es der Bewegung dar&#252;ber hinaus jedoch gelingt, eine konsistente Arbeit der Selbstorganisation und der politischen Bildung umzusetzen und so Bande zwischen den Individuen herzustellen, hat sie die Kraft, einen wichtigen Raum im Imagin&#228;ren ihrer Mitglieder zu besetzen, die damit beginnen, sich untereinander und mit den Symbolen der Bewegung zu identifizieren, mit ihrem „Nimbus“ und letztlich auch mit ihrem Kampf, der sich &#252;ber einen blo&#223;en Kampf gegen den Hunger hinaus entwickelt; im Fall der radikaleren Bewegungen hin zu einem Kampf gegen die &#246;konomische und subjektive Herrschaft des Kapitals. Freilich ist diese Ver&#228;nderung des Alltags alles andere als leicht in einer Bewegung von Arbeitslosen, denn es ist hier „&#8230;sehr viel schwieriger, allt&#228;gliche und dauerhafte Beziehungen aufzubauen, die den Schl&#252;ssel f&#252;r die Konstruktion einer gemeinsamen Identit&#228;t, eigener Werte und einer eigenen Kultur darstellen und damit letztlich auch f&#252;r die Entwicklung eines Klassenbewusstseins &#8230;, denn die Voraussetzung daf&#252;r sind eigenst&#228;ndige kollektive Organisationen&#8230;“ [<a href="#anm50">50</a>]</p>
<p>Ein solches Bewusstsein resultiert nicht einfach aus der Position, die ein Mensch in der gesellschaftlichen Reproduktionsstruktur einnimmt. Arm zu sein und ausgebeutet zu werden, war bekanntlich nie eine Garantie f&#252;r eine subversive politische Einstellung; im Gegenteil, wie wir oben gesehen haben, macht eine solche Lebenssituation sogar sehr anf&#228;llig f&#252;r Vereinnahmungsstrategien der politischen und &#246;konomischen Macht. Daher die Notwendigkeit, kollektive Instanzen zu schaffen, die gleichzeitig auf die Sicherung des materiellen &#220;berlebens zielen als auch auf die Herstellung gemeinsamer Lebenszusammenh&#228;nge und die geistige Entwicklung der Beteiligten, sodass diese sich als zugeh&#246;rig zu einer Gemeinschaft verstehen k&#246;nnen und trotz unterschiedlicher Interessen und Ansichten durch ein gemeinsames Ziel verbunden sind, das die Zusammenarbeit aller erfordert.</p>
<p>Zweifellos m&#252;ssen die <em>Piquetero </em>-Bewegungen in diese Richtung noch viel unternehmen, denn die meiste Energie ihrer Mitglieder wird aus naheliegenden Gr&#252;nden immer noch von der L&#246;sung unmittelbarer Probleme des materiellen &#220;berlebenskampfs im Alltag verschlungen. Immerhin existieren eine ganze Reihe von Initiativen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen, der Alphabetisierung von Erwachsenen, politischer Diskussions- und Studiengruppen, kultureller Veranstaltungen und anderer Aktivit&#228;ten zur politischen und kulturellen Bildung, die in nicht allzu ferner Zukunft dazu beitragen k&#246;nnten, das Selbstbewusstsein der Beteiligten als Mitglieder einer sozialen Bewegung zu st&#228;rken und eine gemeinsame Identit&#228;t herzustellen. Das w&#252;rde die psychischen Effekte verst&#228;rken, die eine gemeinsame Organisierung bewirken kann, indem sie den Individuen dabei hilft, ihre <em>W&#252;rde </em>wieder zu erlangen, ihrem Alltag <em>Sinn </em>zu geben und den subjektiven Belastungen zu widerstehen, welche die perverse Dynamik des aktuellen Kapitalismus erzeugt, die Millionen von Menschen ausschlie&#223;t und dem&#252;tigt, weil sie f&#252;r die blinde, irrationale Maschine der Wertverwertung &#252;berfl&#252;ssig sind. Ohne diese St&#228;rkung des Ichs ihrer Mitglieder wird es keine revolution&#228;re Bewegung geben, die den feindlichen Waffen widersteht.</p>
<p>Mit wenigen Ausnahmen hat die Linke des zwanzigsten Jahrhunderts den Aufbau des Sozialismus immer als eine in der Zukunft liegende Aufgabe betrachtet, die <em>nach der Revolution </em>verwirklicht werden soll. Deshalb bestand die traditionelle Vorstellung der Arbeiterbewegung immer in der Eroberung der politischen Macht, um vermittelst des Staates die notwendigen gesellschaftlichen Ver&#228;nderungen durchzusetzen. Nun stehen wir keinesfalls kurz vor der Revolution. Ganz im Gegenteil. Offensichtlich bedarf es noch langer und schwerer politischer Anstrengungen, die auf eine Aufhebung des Kapitalismus zielen. Jedoch aufgrund der neuen objektiven Bedingungen und auch aufgrund der unz&#228;hligen Lektionen, die wir aus den Niederlagen der letzten Jahrzehnte gelernt haben, erscheint es zumindest als m&#246;glich, eine neue revolution&#228;re Politik zu entwerfen, der zufolge <em>„die gesellschaftliche Transformation nicht nur ein Moment oder ein Ort ist, der erreicht werden muss, sondern auch und vor allem ein Moment und ein Ort, von dem auszugehen und ein Weg, der zur&#252;ckzulegen ist. Sie ist das Ziel, der Ausgangspunkt und immer auch der Weg.“ </em>[<a href="#anm51">51</a>]</p>
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a name="anm1"></a>(1) Das Thema dieses Textes und die darin aufgeworfenen Fragen schlie&#223;en an zwei Reisen nach Argentinien an, die erste im Januar und Februar 2003, die zweite im Juli 2004. Beide Male habe ich sowohl besetzte Fabriken als auch verschiedene Arbeitslosenbewegungen besucht. Dabei konnte ich nicht nur mit zahlreichen Aktivisten von Basisorganisationen Gespr&#228;che f&#252;hren, sondern auch mit Forschern, die beide Erfahrungen untersuchten. Der vorliegende Text wurde Ende 2004 abgeschlossen. Wolfgang Kukulies und Norbert Trenkle &#252;bersetzten ihn aus dem brasilianischen Portugiesisch.</p>
<p><a name="anm2"></a>(2) Marco Fernandes, geb. 1979, ist Aktivist im Bereich f&#252;r politische Bildung des MTST (Movimento dos Trabalhadores sem Teto – Bewegung der obdachlosen Arbeiter), diplomierter Historiker und Sozialpsychologe der Universit&#228;t São Paulo (USP) und arbeitet als Kellner (marcof36 AT yahoo.com.br).</p>
<p><a name="anm3"></a>(3) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES , <em>La Hipotesis 891 </em>. (Anm. der &#220;bersetzer: MTD ist die Abk&#252;rzung f&#252;r Movimiento de Trabajadores Desocupados = Bewegung erwerbsloser Arbeiter; die MTD SOLANO ist eine nicht-hierarchisch organisierte Bewegung im Gro&#223;raum Buenos Aires.)</p>
<p><a name="anm4"></a>(4) Die Bezeichnung leitet sich von dem Wort „Piquete“ ab, das laut dem Dicionario Houaiss eigentlich so etwas wie Streikposten meint: „Gruppe von Arbeitern, Gewerkschaftern usw., die sich an der Pforte einer Fabrik, eines Unternehmens versammeln, um den anderen Arbeitern oder Angestellten w&#228;hrend eines Streiks den Eintritt zu verwehren“. Die argentinischen <em>Piqueteros </em>tun jedoch weit mehr als dies.</p>
<p><a name="anm5"></a>(5) Siehe Maristella Svampa, Sebastian Pereyra, Entre la ruta y el barrio – la experencia de las organizaciones piqueteras, Editorial Biblos, Buenos Aires 2003.</p>
<p><a name="anm6"></a>(6) W&#228;hrend der gesamten Regierungszeit Menems waren die <em>Piquetero </em>-Bewegungen, was die Verteilung der <em>Planes </em>betraf, absolut abh&#228;ngig vom Staat. Da nur die Pr&#228;fekturen die <em>Planes </em>auszahlen d&#252;rfen, waren die Bewegungen durchweg von den <em>Punteros </em>und ihrer Willk&#252;r abh&#228;ngig. Die Pr&#228;fekturen haben die Familien der Erwerbslosen zwar registriert, sich jedoch nie klar zu den Erhebungsmethoden ge&#228;u&#223;ert. Die Macht&#252;bernahme von De la Rua (1999-2000) er&#246;ffnete dann ein neues Kapitel in der Geschichte der Bewegungen. Die <em>Piqueteros </em>konnten von dem Konflikt zwischen De La Ruas Partei, der Radikalen B&#252;rgerunion (UCR – Union Civica Radical) und den Peronisten (Partido Justicialista) profitieren und so als neue politische Kraft hervorzutreten. Um die Macht der PJ in den Kommunen der Provinz Buenos Aires (wo die absolute Mehrheit der Pr&#228;fekturen von den Peronisten kontrolliert wurde) zu schw&#228;chen – aber auch um, gest&#252;tzt auf die Empfehlungen von Weltbank und IWF, eine Dezentralisierung der Sozialpolitiken durchzusetzen, mit dem Ziel, diese angeblich effizienter zu gestalten – nahm De la Rua den Kommunen die exklusive Befugnis zur Auszahlung der <em>Planes </em>. NGOs wurden damit beauftragt, „Kommunit&#228;re Projekte“ auszuarbeiten und diese direkt dem Arbeitsministerium vorzulegen. Von da an konstituierten die Bewegungen sich als „juristische Person“, konnten selbst direkt mit dem Staat verhandeln und die <em>Planes </em>nach eigenen Kriterien an ihre Mitglieder weiterleiten, wodurch sie eine bis dato ungekannte Autonomie gewannen. Dies erm&#246;glichte nicht nur das Erstarken gro&#223;er Organisationen wie der Frente por Tierra y Vivienda (FTV) und der Corriente Classista y Combativa (CCC), die mit dem Partido Comunista Revolucionario verbunden ist, sondern auch das quantitative Wachstum und die Autonomie von bislang kleinen Bewegungen wie dem MTD Anibal Véron, dem Movimiento Teresa Rodriguez (MTR), dem Polo Obrero (PO), angebunden an den trotzkistischen Partido Obrero, usw. Siehe Svampa , Pereyra , a.a.O.</p>
<p><a name="anm7"></a>(7) Anm. der &#220;bersetzer : Ausdruck f&#252;r einen Gewerkschaftsfunktion&#228;r, der die Basis im Sinne von Unternehmern und/oder Staat kontrolliert.</p>
<p><a name="anm8"></a>(8) Berechnungen der Menschenrechtsorganisationen und der Bewegungen zufolge sitzen wegen ihrer Beteiligung an sozialen Protesten und an linken Organisationen an die 4.000 Menschen im Gef&#228;ngnis oder werden strafrechtlich verfolgt. Dar&#252;ber hinaus gibt es unz&#228;hlige Berichte von Gewaltt&#228;tigkeiten und Ermordungen von Bewegungsmitgliedern durch Zivilpolizisten oder durch <em>Punteros </em>. Teresa Rodriguez und Anibal Veron – nach denen sich zwei Bewegungen benannt haben – sind bekannte Beispiele von durch die Polizei ermordeten AktivistInnen. Ein anderer spektakul&#228;rer Fall ist das so genannte „Massaker von Puente Puyrredon“. Bei einer Gro&#223;demonstration am 26. Juni 2002 wurden vor laufenden Fernsehkameras zwei <em>Piqueteros </em>– Dario Santillan und Maximiliano Kostecki – von der Polizei erschossen. Wie man sieht, h&#228;lt der argentinische Staat an der Tradition der physischen Liquidierung seiner Gegner fest.</p>
<p><a name="anm9"></a>(9) „Die Konsolidierung der Bewegung erfordert Bildung. Denn wenn wir uns zufrieden geben mit reinen Sachforderungen oder mit wirtschaftlichen Forderungen, dann kann es passieren, dass, wenn sie uns eines Tages die <em>Planes </em>streichen, die Bewegung keinen Inhalt mehr hat und zerf&#228;llt, weil der einzige Grund, aus dem die Leute mitmachen, die wirtschaftliche Frage ist.“ (Aktivist des Movimiento 26 de Junho), Miguel Mazzeo, <em>Piqueteros – notas para una tipologia </em>, S. 81. Wie wir sp&#228;ter sehen werden, verl&#228;uft dieser Bildungsprozess &#252;ber neue selbstorganisierte Formen politischer und wirtschaftlicher Praxis.</p>
<p><a name="anm10"></a>(10) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, <em>La Hipotesis 891 – Mas allá de los piquetes </em>, Ediciones de mano en mano, Buenos Aires 2002, S. 67.</p>
<p><a name="anm11"></a>(11) Es ist schwer die Erwerbslosenbewegungen auf einen allgemeing&#252;ltigen Begriff zu bringen. In Gespr&#228;chen mit Aktivisten und Forschern in Argentinien war mehrfach die Rede von „Ausgeschlossenen“, um die Situation der <em>Piqueteros </em>zu beschreiben. Dieser Begriff ist jedoch missverst&#228;ndlich: Erstens ist ein Arbeitsloser nicht schlichtweg ein „Ausgeschlossener“, denn es kommt h&#228;ufig vor, dass Menschen ohne feste Arbeit dann und wann einen kleinen Job annehmen; letztlich aber steht ohnehin niemand „au&#223;erhalb“ des Systems, weil auch die Masse der Arbeitslosen durchaus in gewisser Weise funktional f&#252;r die Kapitalverwertung ist, indem sie etwa die Verhandlungsmacht der Besch&#228;ftigten schw&#228;cht und so dazu beitr&#228;gt, den Preis der Ware Arbeitskraft zu dr&#252;cken. Ich benutze – zumindest vorl&#228;ufig – den Begriff der „Prekarisierten“, denn er scheint mir die Situation derjenigen zu beschreiben, die nie eine feste Stelle finden, sich den erniedrigenden Bedingungen kurzfristiger Arbeitsverh&#228;ltnisse unterwerfen m&#252;ssen, keinen Zugang zu &#246;ffentlichen Dienstleistungen haben und ohne jede soziale Absicherung dastehen, die es in der vermeintlich „guten alten Zeit“ des argentinischen Kapitalismus immerhin gegeben hatte.</p>
<p><a name="anm12"></a>(12) Francisco Ferrara, Mas alla del corte de rutas – la lucha por una nueva subjetividad, La Rosa Blindada, Buenos Aires 2003, S. 24.</p>
<p><a name="anm13"></a>(13) „Frauen bilden die gro&#223;e Mehrheit in der Bewegung. Die M&#228;nner legen in der Regel die H&#228;nde in den Scho&#223;, werden depressiv, h&#228;ngen den ganzen Tag vor dem Fernseher und wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Die Frau verl&#228;sst das Haus um nach einer L&#246;sung zu suchen. Sie kommt zur Bewegung, f&#228;ngt an, darin zu arbeiten, w&#228;hrend der Mann erst sp&#228;ter nachkommt.“ (Gespr&#228;ch mit einer Aktivistin des MTD Varela anl&#228;sslich einer Demonstration auf dem Puente Pueyrredon im Januar 2003). Selbstverst&#228;ndlich sind von diesen psychischen Krisen, die auch andere Formen annehmen k&#246;nnen, alle sozialen Klassen betroffen. Das zeigen die empirischen Forschungen von Cristophe Dejours „Travail usure mentale“ und „La Banalisation de l&#8217;injustice sociale“, die Studie „Der flexible Mensch“ von Richard Sennett sowie die klinische Analyse eines leitenden Angestellten der B&#246;rse von Sao Paulo durch den Psychoanalytiker Tales Ab&#8217;Saber in „Sete ensaios de dialetica infantil“ (noch unver&#246;ffentlicht). Hier interessiert uns jedoch nur die Diskussion bestimmter Aspekte der Dynamik des psychischen Leidens bei den unteren Klassen.</p>
<p><a name="anm14"></a>(14) Um eine Vorstellung von dem ungeheuren Verarmungsprozess zu geben, der in Argentinien stattgefunden hat: Mitte der 70er Jahre umfasste die so genannte Mittelschicht ungef&#228;hr 75 % der Bev&#246;lkerung, im Jahr 2002 waren es laut offiziellen Daten nur noch 30 % (Interview mit der Soziologin Maristella Svampa im Juli 2004).</p>
<p><a name="anm15"></a>(15) José Moura Filho Gonçalves , Humilhaçao Social – um problema politico em psicologia, Revista de Psicologia da USP, Jg. 9, Nr. 2, 1998, S. 15.</p>
<p><a name="anm16"></a>(16) Wir erinnern hier daran, wie Laplanche/Pontalis in ihrem W&#246;rterbuch dieses Freudsche Konzept definieren: „Reaktion des Subjekts, wenn es sich in einer traumatischen Situation befindet, d.h. einer Reizanflutung aus inneren oder &#228;u&#223;eren Quellen ausgesetzt ist, <em>die es nicht bew&#228;ltigen kann </em>&#8230; Unter ,traumatischer Situation‘ ist ein nicht zu bew&#228;ltigendes Anfluten zu zahlreicher und intensiver Reize zu verstehen&#8230;“ (Hervorhebung von mir), Jean Laplanche, J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, STW, Frankfurt 1977, Bd. 1, S. 64.</p>
<p><a name="anm17"></a>(17) Filho Gonçalves , a.a.O., S. 53.</p>
<p><a name="anm18"></a>(18) Mazzeo, a.a.O., S. 47.</p>
<p><a name="anm19"></a>(19) „Manchmal machen wir im Gespr&#228;ch mit aktiveren Mitgliedern der Bewegung Witze, wenn uns manchmal klar wird, dass das, was wir sagen, wenn wir mit bestimmten Genossen reden, die seit langem arbeitslos sind und die viele Probleme zu Hause haben usw., auch aus irgendeinem Selbsthilfehandbuch stammen k&#246;nnte. Wir witzeln dar&#252;ber, aber wir wissen auch, dass wir bei einigen Genossen, die sich in einer schwierigen Lage befinden, mitunter die Rolle von ‚Psychologen‘ einnehmen m&#252;ssen. Aber so ist das nun mal, das Leben ist schwer.“ (Gespr&#228;ch mit einem Aktivisten des MTR, Juli 2004).</p>
<p><a name="anm20"></a>(20) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 172. Zu dieser Tendenz geh&#246;ren im Wesentlichen der Movimiento Teresa Rodriguez (MTR) und die verschiedenen Bewegungen, die noch bis vor kurzem den MTD Anibal Veron bildeten, der u.a. Bewegungen zusammenfasste wie die MTDs von Solano, Almirante Brown, Lanus, Lugano und Florencio Varela (vor ein paar Monaten l&#246;ste sich der MTD Anibal Veron in zahlreiche unabh&#228;ngige Bewegungen auf). Das erfolgreichste Beispiel f&#252;r diese autonome Organisationsform ist laut Maristella Svampa die Union der erwerbslosen Arbeiter (UTD) in Mosconi, in der Nordprovinz Salta. Nat&#252;rlich finden sich auch bei anderen Bewegungen &#228;hnliche Organisationsformen. Doch erstens sind die <em>autonomen Bewegungen </em>– vielleicht weil sie mehr Sympathie und Affinit&#228;t bei den Linksintellektuellen erweckt haben – ausf&#252;hrlicher studiert worden als gr&#246;&#223;ere und im ganzen Land pr&#228;sente Bewegungen wie die FTV und die CCC oder gar der MJD (Unabh&#228;ngige Bewegung der Rentner und Arbeitslosen), weshalb wir &#252;ber sie viel mehr Informationen besitzen. Zweitens sieht die f&#252;r den „offiziellen Diskurs“ verantwortliche F&#252;hrung dieser gr&#246;&#223;eren Bewegungen die Praktiken der Selbstorganisation durchweg nicht als m&#246;glichen Prozess der politischen Bewusstseinsbildung und der Bildung einer neuen Identit&#228;t. Sei es wegen ihrer Hoffnung auf die Wiedereingliederung in die „Arbeitsgesellschaft“ und einer Vision der Wiederherstellung des argentinischen Kapitalismus – wie etwa bei der FTV, sei es, weil sie ein traditionelles Modell des politischen Kampfes verfolgen, das sich auf das Fabrikproletariat st&#252;tzt – wie etwa der (trotzkistische) Polo Obrero und teilweise die CCC. Der Soziologin Maristella Svampa zufolge (Gespr&#228;ch vom Juli 2004) ist die CCC die Organisation, die am st&#228;rksten die Praxis der Versammlungen entwickelt hat, wenngleich die Identit&#228;t ihrer F&#252;hrung stark vom Erbe der Fabrik gepr&#228;gt ist, wodurch die <em>Stadtteilarbeit </em>im Prinzip transitorischen Charakter erh&#228;lt. Tats&#228;chlich aber ist die CCC wenig studiert worden, was eine klare Einsch&#228;tzung ihrer allt&#228;glichen Praktiken unm&#246;glich macht.</p>
<p><a name="anm21"></a>(21) „Wenn der Arbeiter in einer Fabrik Forderungen stellte, die f&#252;r den Unternehmer inakzeptabel waren, dann wurde die Fabrik am Ende besetzt. Heute haben wir keine Fabrik mehr. Als wir die Stra&#223;en besetzten, entdeckten wir, dass wir dadurch den Busverkehr lahm legten. Die Produktion kommt zum Stillstand. F&#252;r uns als Arbeitslose handelt es sich dabei um ein &#228;u&#223;erst wertvolles Kampfinstrument.“ Ferrara, a.a.O., S. 40.</p>
<p><a name="anm22"></a>(22) Ebenda, S. 128.</p>
<p><a name="anm23"></a>(23) Dieser Ausdruck stammt aus einer Diskussion zu diesem Thema mit dem Psychoanalytiker Tales Ab&#8217;Saber.</p>
<p><a name="anm24"></a>(24) Sieben Jahre nach dem ersten <em>Piquete </em>in der Hauptstadt und mehr als zwei Jahre nach der Wirtschaftskrise, die einen Augenblick lang die Mittelklasse gegen die Regierung aufbrachte und sie dadurch den Basisbewegungen ann&#228;herte, hat sich das politische Panorama Argentiniens in mancher Hinsicht ver&#228;ndert, vor allem nach der Macht&#252;bernahme durch Nestor Kirchner (PJ). Der gegenw&#228;rtige Pr&#228;sident hat eine „linke Vergangenheit“. Er geh&#246;rte in den 70er Jahren dem radikalen Guerillafl&#252;gel des Peronismus an, den so genannten Montoneros. Dies hat dazu beigetragen, ihm ein „progressives“ Image zu verleihen und den Ruf eines Politikers, der imstande ist, Argentinien wieder zu einem „seri&#246;sen Land“ zu machen. Die allgemeine „Anti- <em>Piquetero </em>-Stimmung“, die sich bei einem Gro&#223;teil der Bev&#246;lkerung von Buenos Aires durchgesetzt hat, diente als Grundlage zum letzten Putsch der Rechten, dem so genannten „Codigo de convivencia“ (etwa: „Kodex des Zusammenlebens“; Anm. der &#220;bersetzer). Es handelt sich dabei um einen Gesetzentwurf f&#252;r die Stadt Buenos Aires, der bislang nur deshalb nicht verabschiedet wurde, weil die massive Mobilisierung der Bewegungen im Juli 2004 dies nicht zulie&#223;. Dieser „Kodex“ ist ein Projekt von Francisco Macri (Politiker und Eigent&#252;mer der Post und des Fu&#223;ballclubs Boca Juniors). Eingebracht wurde es nach der Ermordung eines Jugendlichen der oberen Mittelschicht durch seine Entf&#252;hrer, die, wie sp&#228;ter herauskam, mit der Polizei unter einer Decke steckten. Die Initiative wurde von Kirchner diskret unterst&#252;tzt und sieht die Herabsetzung des Strafm&#252;ndigkeitalters von 18 auf 14 Jahre vor, ein Verbot des Stra&#223;enhandels, der Prostitution und nat&#252;rlich der Stra&#223;enproteste, die angeblich das „Recht auf freien Verkehr“ einschr&#228;nken. Die vorgesehenen Geldstrafen sind sehr hoch und bei Wiederholung droht Gef&#228;ngnis. Dies ist einer der Gr&#252;nde daf&#252;r, dass einige Bewegungen glauben, die Wirksamkeit der <em>Piquetes </em>sei vorl&#228;ufig an ihre Grenzen gesto&#223;en. Der Augenblick sei gekommen, die „Basisarbeit“ zu verst&#228;rken und neue Formen der direkten Aktion und der Konfrontation mit den herrschenden Kr&#228;ften zu finden, um den Forderungen der Bewegungen so einen breiteren, ja universellen Charakter zu verleihen. So k&#246;nne die auf Isolation der Bewegungen zielende Regierungspolitik bek&#228;mpft und die Unterst&#252;tzung anderer Sektoren der Gesellschaft erreicht werden. Dazu werden vor allem privatisierte Unternehmen des &#246;ffentlichen Dienstes ins Visier genommen, die aus ersichtlichen Gr&#252;nden nicht mit der Sympathie der Bev&#246;lkerung rechnen k&#246;nnen: hohe Preise und miserable Leistungen. Mit Protesten werden die Verbesserung des &#246;ffentlichen Dienstes und Preissenkungen gefordert. Ein Beispiel ist die Besetzung der Fahrkartenschalter der gro&#223;en Bahnh&#246;fe, die das Unternehmen daran hindert, den Fahrg&#228;sten das Fahrgeld abzunehmen – gewisserma&#223;en wird die Logik der <em>Piquetes </em>so umgekehrt und der Verkehr f&#252;r alle „befreit“. Eine andere interessante Kampagne wird – zusammen mit anderen Bewegungen – von dem Movimiento Teresa Rodriguez (MTR) durchgef&#252;hrt. Sie richtet sich gegen den spanischen &#214;lmulti REPSOL, der sich die Taschen mit eintr&#228;glichen Gesch&#228;ften wie dem Verkauf von Propangasflaschen f&#252;llt. Einer Studie der Defensoria Publica zufolge kostet das Unternehmen eine Propangasflasche, die es f&#252;r bis zu 30 Pesos verkauft lediglich 6,10 Pesos. Die Gewinnmarge ist also immens hoch. Damit greifen die Bewegungen ein Problem auf, das die ganze Bev&#246;lkerung betrifft und nicht blo&#223; die Erwerbslosen, und schaffen so die Voraussetzungen daf&#252;r, dass sich ihnen mehr Menschen anschlie&#223;en, sowie f&#252;r Allianzen mit progressiveren Sektoren der Mittelschicht und Politikern, die – sagen wir es einmal so – eher links stehen.</p>
<p><a name="anm25"></a>(25) Die „Armutsgrenze“ in Argentinien, d.h. das monatliche <em>Pro-Kopf </em>-Einkommen innerhalb einer Familie, ab dem man als „arm“ gilt, wird von der Regierung mit 350 Pesos angegeben.</p>
<p><a name="anm26"></a>(26) Man sollte wissen, dass Argentinien gegenw&#228;rtig ausreichend Lebensmittel f&#252;r 300 Millionen Menschen produziert, und das bei einer Bev&#246;lkerung von 37 Millionen (Angaben der Weltgesundheitsorganisation). Daten der argentinischen Regierung zufolge lag der Prozentsatz der Menschen unter der Armutsgrenze im Jahre 2002 bei ca. 50 % der Bev&#246;lkerung. Der Hungerindex (das Einkommen reicht nicht einmal f&#252;r den Kauf von Lebensmitteln aus) lag bei 20 % der Einwohner des Landes.</p>
<p><a name="anm27"></a>(27) Ein Gro&#223;teil des Geldes, das f&#252;r die Auszahlung der <em>Planes </em>bestimmt ist, stammt aus den Safes der Weltbank. Es sollte nicht ausgeblendet werden, dass dieses Programm Teil einer neuen Herrschaftsstrategie in Argentinien wie auch auf internationaler Ebene ist, um die Verelendeten des Landes zu kontrollieren. Es sei daran erinnert, dass nur ein kleiner Teil der <em>Planes </em>von den Bewegungen kontrolliert wird (sch&#228;tzungsweise 10 % der Gesamtsumme). Auf dem H&#246;hepunkt des Programms im Jahre 2002 verteilte der Staat 2,2 Millionen <em>Planes </em>, nur 200.000 davon gingen an die <em>Piquetero </em>-Organisationen. So unbedeutend sie vom national&#246;konomischen Standpunkt sein m&#246;gen, eine beachtliche finanzielle Bedeutung erlangten die <em>Planes </em>im spezifischen Fall der Gemeinde La Matanza, wo die beiden gr&#246;&#223;ten <em>Piquetero </em>-Bewegungen konzentriert sind: die FTV und die CCC. „Wir ziehen folgende Bilanz: In La Matanza erbringen die <em>Planes </em>ein j&#228;hrliches Einkommen von 180 Millionen Pesos, w&#228;hrend das Budget der Pr&#228;fektur 200 Millionen betr&#228;gt. Ohne die <em>Planes </em>w&#228;re die Gemeindeverwaltung bereits abgefackelt worden.“ (Gespr&#228;ch mit dem F&#252;hrer der CCC, Juan Carlos Alderete, in: <em>Pagina 12 </em>vom 22.7.2004, S. 6). Ein anderes unl&#228;ngst von der Regierung ebenfalls mit finanzieller Hilfe der Weltbank geschaffenes Programm ist das so genannte „Manos a la obra“ (Ran an die Arbeit), das von den <em>Piqueteros </em>sarkastisch als „Manos a la sobra“ (Ran ans Geld) bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um ein Finanzierungsprogramm f&#252;r Kleinkooperativen, auf das die Regierung zur&#252;ckgreift, um nach und nach die <em>Planes </em>zu k&#252;rzen. Auch hier er&#246;ffnen sich bestimmte M&#246;glichkeiten f&#252;r Bewegungen, die bereits kleine Produktionsunternehmen geschaffen haben. Dem MTR beispielsweise, der von Regierung und Presse als eine der „radikalsten“ Bewegungen angesehen wird, gelang es, einen Kredit zum Aufbau eines kleinen Konfektionsbetriebs zu bekommen. Ein anderes bezeichnendes Beispiel ist das des MTD Resistir e Vencer, der ein vierst&#246;ckiges Geb&#228;ude in Avellaneda (Stadtteil im S&#252;den von Buenos Aires) besetzte, sp&#228;ter durch das erw&#228;hnte Programm finanziert wurde und heute ein kleines Kulturzentrum, eine B&#228;ckerei, eine kleine Lederfabrik, ein Konfektionsatelier sowie eine kleine Brauerei betreibt, in der ein &#252;brigens schmackhaftes Bier hergestellt wird. Die Bewegung gab wie viele andere auch nach der Macht&#252;bernahme Kirchners ihren Widerstand gegen die Regierung auf. So etwa die FTV, deren F&#252;hrer Luis D&#8217;Elia ein Amt in der Regierung bekleidet, und die Bewegung „Barrios de Pie“, die im vergangenen Jahr dank Abkommen mit der Regierung erheblichen Zulauf verzeichnete. Kirchners Plan lief klar darauf hinaus, den weniger k&#228;mpferischen Bewegungen Zugest&#228;ndnisse zu machen und radikalere Bewegungen wie die „Autonomen“ zu isolieren.</p>
<p><a name="anm28"></a>(28) Damit keine Verwirrung entsteht, sei hier eine Bemerkung angebracht. Ein anderes Ph&#228;nomen, das nach dem Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft 2001 ber&#252;hmt wurde, waren die so genannten „Asambleas vecinales“ (Nachbarschaftsversammlungen), die vor allem in b&#252;rgerlichen Vierteln der Hauptstadt organisiert wurden. Aus einer Reihe von Gr&#252;nden, auf die ich hier nicht weiter eingehen kann, haben sich diese Versammlungen gr&#246;&#223;tenteils aufgel&#246;st. &#220;briggeblieben sind einige Erfolgsmodelle, wie die „Asamblea El Cid Campeador“ mit ihrer regen kulturellen Aktivit&#228;t und die „Asamblea vecinal de Colegiales“, die bei der Distribution und Vermarktung von Erzeugnissen besetzter Fabriken und einiger <em>Piquetero </em>-Organisationen behilflich ist. Es handelt sich dabei aber um Erfahrungen, deren soziale Basis sehr verschieden ist.</p>
<p><a name="anm29"></a>(29) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 181.</p>
<p><a name="anm30"></a>(30) Gespr&#228;ch mit einem Mitglied des MTD Almirante Brown im Januar 2003.</p>
<p><a name="anm31"></a>(31) Anm. der &#220;bersetzer: Das Wort „orações“ bzw. „oraciones“ bedeutet im Portugiesischen bzw. Spanischen sowohl „S&#228;tze“ als auch „Gebete“.</p>
<p><a name="anm32"></a>(32) Filho Gonçalves , a.a.O., S. 30.</p>
<p><a name="anm33"></a>(33) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 248.</p>
<p><a name="anm34"></a>(34) Ebenda, S. 247. Innerhalb der Bewegungen wird &#252;ber die Forderungen und die organisatorische Ausrichtung im Hinblick auf die Frage der <em>Arbeit </em>diskutiert. Die „autonomen Bewegungen“ k&#228;mpfen f&#252;r das, was sie „w&#252;rdige Arbeit“ nennen, d.h. Initiativen wie die oben diskutierten, die auf Aufbau der Selbstorganisation in den Stadtvierteln zielen. Andere Bewegungen, die an Linksparteien angebunden sind, wie der Polo Obrero, ein Teil der CCC und der FTC fordern „echte Arbeit“ ein, d.h. Arbeitspl&#228;tze in Fabriken oder Bereichen des &#246;ffentlichen Dienstes. Die CCC ist dennoch in einigen von den Arbeitern besetzten und selbstverwalteten Fabriken aktiv.</p>
<p><a name="anm35"></a>(35) Ebenda, S. 70.</p>
<p><a name="anm36"></a>(36) „Unw&#252;rdig ist die Ausbeutung. Ich finde, dass wir damit beginnen m&#252;ssen, andere Beziehungen zu entwickeln. Wir haben keine fertige Idee von den Formen der Produktion, die wir schaffen wollen, aber klar ist auf jeden Fall, dass es keine Ausbeutungsbeziehungen sein werden .“ Ebenda., S. 69.</p>
<p><a name="anm37"></a>(37) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 192.</p>
<p><a name="anm38"></a>(38) „Verankert zu sein ist vielleicht die wichtigste und am wenigsten bekannteste Notwendigkeit der menschlichen Seele. Sie geh&#246;rt zu denen, die am schwierigsten zu definieren sind. Ein Mensch ist verankert wegen seiner wirklichen, aktiven und selbstverst&#228;ndlichen Teilnahme am Leben eines sozialen Zusammenhangs, der gewisse Errungenschaften der Vergangenheit sowie gewisse Ahnungen von der Zukunft lebendig erh&#228;lt.“ Filho Gonçalves, a.a.O., S. 56.</p>
<p><a name="anm39"></a>(39) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 59. Es ist klar, dass eine solche Position w&#252;tende Reaktionen bei den Funktion&#228;ren der kapitalistischen Herrschaft provoziert. Dies spiegelt sich beispielsweise in einer unl&#228;ngst von Innenminister Aníbal Fernández abgegebenen Erkl&#228;rung wider: „Wenn jemand diesen Leuten (den <em>Piqueteros </em>) eine Schaufel zeigt, dann bekommen sie einen Fieberanfall. Keiner von denen hat Lust zu arbeiten.“ (Tageszeitung <em>El Clarin </em>vom 30.8.2004). Als w&#252;rden die <em>Piqueteros </em>den ganzen Tag die F&#252;&#223;e hoch legen und Mate trinken. Der Minister war zudem noch so dreist, diese Bemerkung zu machen, nachdem er zugegeben hatte, es sei nicht gen&#252;gend Arbeit f&#252;r alle da! Mit anderen Worten: Die Wirtschaft ist au&#223;erstande, Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, aber die Armen tragen die Schuld, weil sie nicht „arbeiten“.</p>
<p><a name="anm40"></a>(40) Im Dezember 1995 legte ein Generalstreik tagelang das &#246;ffentliche Leben in Frankreich lahm. Damals fand ein von der Zeitung <em>Le Monde Diplomatique </em>ver&#246;ffentlichtes Interview mit einer Demonstrantin ziemlich weite Verbreitung, weil es etwas ausdr&#252;ckte, was man aus dem Mund von Erwerbslosen bis dahin kaum geh&#246;rt hatte. Befragt, ob sie demonstriere, damit ihr Sohn einen Job bekomme, antwortete die Frau mit Nein, denn mit den Arbeitspl&#228;tzen gehe es zu Ende und es werde ohnehin nie genug Jobs f&#252;r alle geben. Dennoch habe auch ihr Sohn das Recht auf ein menschenw&#252;rdiges Leben und deshalb demonstriere sie f&#252;r Bildung, Gesundheit, Kultur usw. f&#252;r alle. So fortgeschritten ein solches Argument auch sein mag, es ist leichter, es in einem Land wie Frankreich zu formulieren, dessen Modell des Wohlfahrtsstaats zu den erfolgreichsten geh&#246;rte, und von einer Mittelschichtsfrau, die ihre Rechte gewisserma&#223;en als „nat&#252;rlich“ betrachtet. Dass ein Armer aus den Vororten von Buenos dieses Argument „gegen die Arbeit“ benutzt, erscheint als ein Signal daf&#252;r, dass die <em>Piquetero </em>-Erfahrung es in einigen F&#228;llen vermocht hat, ein scharfes kritisches Bewusstsein &#252;ber die Grenzen der kapitalistischen Reproduktion zu schaffen sowie &#252;ber die Situation derer, die die Folgen davon direkt zu tragen haben.</p>
<p><a name="anm41"></a>(41) In Walter Benjamins „Geschichtsphilosophischen Thesen“ gibt es eine sch&#246;ne Stelle, die das mitunter latente Bewusstsein von der Bedeutung bezeugt, welche der Herrschaft der Zeit im von der Arbeit gepr&#228;gten Leben zukommt: „Noch in der Juli-Revolution hatte sich ein Zwischenfall zugetragen, in dem dieses Bewusstsein zu seinem Recht gelangte. Als der Abend des ersten Kampftages gekommen war, ergab es sich, dass an mehreren Stellen von Paris unabh&#228;ngig voneinander und gleichzeitig auf die Turmuhren geschossen wurde. Ein Augenzeuge, der seine Divination vielleicht dem Reim zu verdanken hat, schrieb damals: „ Qui le croirait, qu&#8217;irrités contre l&#8217;heure // De nouveaux Josués au pied de chaque tour // Tiraient sur les cadrans pour arrêter le jour. “ Walter Benjamin, Illuminationen, Frankfurt/Main 1961, S. 277.</p>
<p><a name="anm42"></a>(42) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 195. Einen interessanten Fall gab es in dem MTD La Matanza. Nachdem die Produktion von Kleidung f&#252;r eine bekannte Marke angelaufen war, wurden die <em>Piqueteros </em>dazu aufgefordert, die Produktion zu steigern. Da es dazu n&#246;tig gewesen w&#228;re, mindestens acht Stunden t&#228;glich zu arbeiten, beschloss die Bewegung, nicht mehr f&#252;r diese Marke zu arbeiten und nach anderen Abkommen zu suchen, die ihre zeitliche Autonomie wahrten.</p>
<p><a name="anm43"></a>(43) Ferrara , a.a.O., S. 100.</p>
<p><a name="anm44"></a>(44) „Die konkreten Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft <em>erzwingen den Konformismus </em>und nicht die bewussten Beeinflussungen, welche zus&#228;tzlich die unterdr&#252;ckten Menschen dumm machten und von der Wahrheit abz&#246;gen“ (Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Dialektik der Aufkl&#228;rung, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1971, S. 36). Dieser Satz fasst einen der Aspekte des Konzepts „Verdinglichung“ zusammen, wie es die Schriften der Frankfurter Schule enthalten. Demzufolge ist es, vor jedem ideologischen Diskurs, der zweifelsohne ein wichtiges Moment in der Aufrechterhaltung der Herrschaft darstellt, die Objektivit&#228;t des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst, der die Arbeitenden in den Netzen der Unterdr&#252;ckung gefangen h&#228;lt. Diese Idee zieht sich &#252;brigens als roter Faden durch alle Aufs&#228;tze in diesem Buch. &#196;hnliches wurde auch meisterlich von einem Philosophen zum Ausdruck gebracht, der weder Marxist noch irgendwie „links“ ist, der aber ein scharfes Gesp&#252;r f&#252;r die Herrschaftsmechanismen der westlichen Zivilisation besitzt, vom Christentum bis hin zum Kapitalismus: „Im Grunde f&#252;hlt man jetzt &#8230;, dass eine solche Arbeit die beste Polizei ist, dass sie jeden im Zaume h&#228;lt und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabh&#228;ngigkeitsgel&#252;stes kr&#228;ftig zu hindern versteht. Denn sie verbraucht au&#223;erordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Gr&#252;beln, Tr&#228;umen, Sorgen, Lieben, Hassen“ (Friedrich Nietzsche, Die Lobredner der Arbeit, 1881, zitiert nach Gruppe Krisis, Manifest gegen die Arbeit, Erlangen 1999, S. 23).</p>
<p><a name="anm45"></a>(45) Ferrara, a.a.O., S. 119.</p>
<p><a name="anm46"></a>(46) Einen guten Hinweis auf die Aufhebung dieser Sph&#228;rentrennung als Ergebnis einer Aufhebung der Warengesellschaft findet sich im folgenden Abschnitt des „Manifests gegen die Arbeit“: „Allerdings ver&#228;ndert alle T&#228;tigkeit ihren Charakter, wenn sie nicht mehr in eine selbstzweckhafte und entsinnlichte Sph&#228;re von abstrakten Flie&#223;zeiten gebannt wird, sondern ihrem eigenen, individuell variablen Zeitma&#223; folgen kann und in pers&#246;nliche Lebenszusammenh&#228;nge integriert ist; wenn auch in gro&#223;en Organisationsformen der Produktion die Menschen selber den Ablauf bestimmen, statt vom Diktat der betriebswirtschaftlichen Verwertung bestimmt zu werden. Warum sich hetzen lassen von den dreisten Anforderungen einer aufgezwungenen Konkurrenz? Es gilt, die Langsamkeit wiederzuentdecken“ (S. 45f.).</p>
<p><a name="anm47"></a>(47) Daten aus <em>Le Monde Diplomatique </em>, Juli 2004 (spanische Ausgabe).</p>
<p><a name="anm48"></a>(48) Ein bezeichnendes Beispiel hierf&#252;r war der Streik der brasilianischen Bankangestellten im Jahr 2004, der trotz eines hartn&#228;ckigen Kampfes von &#252;ber einem Monat seine Ziele nicht einmal ann&#228;hernd erreichte. Die Banken, deren Gewinne jedes Jahr um 20 % zunehmen, haben ihren Angestellten lediglich ein paar Brosamen zugestanden. Tats&#228;chlich waren es letztlich die Besch&#228;ftigten der staatlichen Banken ( <em>Caixa Econômica Federal </em>und <em>Banco do Brasil </em>), die den Streik aufrechterhielten, weil ihre Arbeitspl&#228;tze sicher sind. (Es ist aber auch wichtig, an die Beteiligung der <em>Conlutas </em>zu erinnern, einer neuen Gewerkschaft, die sich gerade als Kontrapunkt zur konservativen Gewerkschaftszentrale der CUT organisiert.) Die Angestellten des Privatsektors wurden st&#228;ndig mit der Entlassung bedroht, um so die Streikbewegung zu schw&#228;chen. Sogar die Regierung der <em>Arbeiterpartei </em>(PT) ging so weit, die staatlichen Bankangestellten &#246;ffentlich anzugreifen, weil sie bef&#252;rchtete, der Streik k&#246;nne einige Tage vor den Kommunalwahlen die Auszahlung der Renten verz&#246;gern. Wenn nun zwar bei einem so ausdauernd gef&#252;hrten Streik nicht direkt von Niederlage gesprochen werden kann, so sind doch die Verhandlungsergebnisse alles andere als glorreich.</p>
<p><a name="anm49"></a>(49) F&#252;r alle an den K&#228;mpfen der urbanen Bewegungen in Brasilien aktiv Beteiligten sind die &#246;konomischen und politischen Grenzen der haupts&#228;chlichen Forderung nach Wohnung offensichtlich. Die wichtigsten Bewegungen sind derzeit die Bewegungen der Obdachlosen, der „sem-teto“. Aber die Menschen ohne Dach &#252;ber dem Kopf sind auch solche ohne Zugang zu Schulbildung und Gesundheitsversorgung und haben in der Regel auch keine Arbeit. Deshalb ist es nur eine vor&#252;bergehende Erleichterung, wenn Wohnungen erk&#228;mpft werden, man am Ende des Monats keine Miete zahlen muss und vor allem wenn die Bewegung finanzielle Mittel erh&#228;lt, um die Geb&#228;ude zu renovieren (wie im Fall der Bewegungen im Zentrum von São Paulo). Die &#246;ffentlichen Wohnungsprogramme sind aber so ausgerichtet, dass ein Gro&#223;teil der Bewohner nicht „hineinpasst“, weil ihre Einkommen (aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Prekarisierung) daf&#252;r nicht ausreichen und sie deshalb nicht an den Erfolgen partizipieren, die sie selbst mit erk&#228;mpft haben. (Dem St&#228;dtebauministerium zufolge betreffen 92 % des Wohnungsmangels von etwa 7 Millionen Wohnungen Familien mit einem Einkommen unterhalb von drei Mindestl&#246;hnen. Die <em>Caixa Econômica Federal </em>, der gr&#246;&#223;te Baufinanzierer des Landes, besitzt <em>kein einziges </em>F&#246;rderprogramm f&#252;r solche Familien. Abgesehen davon, werden auch all jene nicht finanziert, die bereits einmal Schulden nicht begleichen konnten. Es bleibt also kaum noch jemand &#252;brig.) Das gr&#246;&#223;te Problem der Obdachlosenbewegungen scheint jedoch die Schwierigkeit zu sein, ihre <em>Selbstorganisation </em>zu festigen sowie die <em>Einheit und Mobilisierung </em>ihrer Mitglieder aufrechtzuerhalten. Damit meine ich nicht nur die Mobilisierung auf der Stra&#223;e f&#252;r den Protest und f&#252;r bestimmte Forderungen, auch nicht nur die Mobilisierung f&#252;r die Besetzung von Grundst&#252;cken und Geb&#228;uden, sondern die <em>allt&#228;gliche Mobilisierung </em>innerhalb der besetzten R&#228;ume, wo nach und nach so etwas wie ein <em>Gemeinschaftssinn </em>und ein gewisser Grad an Autonomie entwickelt werden k&#246;nnte. Meistens gelingt die Mobilisierung und die Herstellung von Einigkeit nur im Rahmen der <em>Besetzungen </em>selbst: angefangen von den Vorbereitungen einige Wochen vorher, &#252;ber den Tag der Besetzung und die Tage der Verteidigung gegen die Gefahr einer R&#228;umung, bis hin zu den folgenden Monaten, in denen ein Minimum an Infrastruktur geschaffen werden muss (Gemeinschaftsk&#252;che, Wasser- und Stromversorgung, Abwasserentsorgung etc.), damit der Ort bewohnbar wird. Alles in allem &#252;berwiegt anschlie&#223;end jedoch, aufgrund objektiver und subjektiver Bedingungen, die Tendenz zur <em>Fragmentierung </em>. Einerseits reproduziert sich der abstrakte Individualismus und Privatismus, auf den wir durch das Leben in einer aggressiven Megalopolis wie São Paulo alle konditioniert sind. Auf der Seite der objektiven Bedingungen stellt sich die Schwierigkeit, dass der &#220;berlebenskampf allen eine ungeheure Kraftanstrengung abverlangt, um sich, wenn auch auf prek&#228;re Weise, auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Die Menschen sind 10 bis 12 Stunden unterwegs und rennen von einer Seite zur anderen f&#252;r Einkommen, die zumeist nicht einmal ausreichen, um sich und ihre Familien zu ern&#228;hren. Der besetzte Raum ger&#228;t so zu einem reinen Schlafplatz, zu einem Durchgangsort. Die Idee des <em>Kollektivs </em>ger&#228;t so zu einem Abstraktum, w&#228;hrend man sich tats&#228;chlich nur in den eigenen vier W&#228;nden aufh&#228;lt. Das sind schwierige Dilemmata f&#252;r eine politische Bewegung. Es k&#228;me darauf an, alternative Formen der materiellen Reproduktion zu entwickeln, die wenigstens teilweise das &#220;berleben der Beteiligten sichern, wie beispielsweise bei den <em>Piqueteros </em>; Formen, die eine Verbindung zwischen den Menschen im Alltag herstellen und zugleich die Bewegung festigen, indem sie einen kommunit&#228;ren Zusammenhang stiften.</p>
<p><a name="anm50"></a>(50) Mazzeo, a.a.O., S. 139. Unter einem solchen Bewusstsein versteht der Autor nichts Vorausgesetztes, sondern einen Prozess, n&#228;mlich „den Aufbau eines Selbstbilds in der Aneignung individueller und kollektiver Erfahrungen, denn das Bewusstsein ist nicht automatisch durch die Klassenlage gegeben“ (S. 158).</p>
<p>(51) Kommuniqué der <em>Piqueteros </em>des Movimiento Teresa Rodriguez, <a href="http://www.elteresa.org.ar/" class="broken_link">www.elteresa.org.ar </a></p>
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		<title>Kategorie ohne Eigenschaften</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Dec 2006 12:55:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<h2>1.</h2>
<p>Was Anspruch und Ausgangspunkt angeht, liegen Peter Kleins „Die Schizophrenie des modernen Individuums“ und meine „Verzauberung der Welt“ nahe beieinander. Beiden in der <em>krisis 29</em> publizierten Beitr&#228;gen geht es um radikale Subjektkritik, beide stellen dabei vor allem das antimetaphysische Selbstverst&#228;ndnis des Warensubjekts in Frage. Auch wenn sich das moderne Warensubjekt einredet, es sei ein ganz dem Diesseits zugewandtes Wesen und habe alles „&#220;bersinnliche“ hinter sich gelassen, der Subjektform liegt eine zutiefst metaphysische Struktur zugrunde. Unerkannt bleibt diese nur, weil sie in die allt&#228;glichen Beziehungen einger&#252;ckt und damit omnipr&#228;sent geworden ist, so die gemeinsame Grundthese. Der Triumph des positiven Denkens markiert demnach keineswegs die Befreiung von der Metaphysik, wie Auguste Comte und seine Erben unterstellte bzw. unterstellen, sondern den Eintritt in ihr h&#246;chstes Entwicklungsstadium.<span id="more-4174"></span><br />
&#220;ber den zentralen Stellenwert der Subjektform-Metaphysik sind sich Peter Klein und ich einig; was die omin&#246;se, f&#252;r das Handeln und Denken in der Warengesellschaft bestimmende Metaphysik im Kern eigentlich ausmacht, dar&#252;ber kommen unsere Beitr&#228;ge freilich zu recht unterschiedlichen Urteilen. W&#228;hrend Peter Klein die Subjektform als Abstraktion <em>vom</em> Sinnlichen bestimmt, fasse ich in der „Verzauberung der Welt“ die Konstitution der modernen Subjektform als das Resultat eines Abstraktionsprozesses <em>am</em> Sinnlichen selber. Dieser Perspektivwechsel ist mit einschneidenden Ver&#228;nderungen im begrifflich-kategorialen Bezugssystem verbunden.<br />
Die moderne Subjektform-Metaphysik f&#228;llt f&#252;r Peter Klein mit der Herrschaft des „freien Willens“ in eins, und zwar der Herrschaft eines als an sich selber v&#246;llig inhaltsleer zu denkenden „freien Willens“. Gerade sein besonderer Charakter als eine Kategorie ohne Eigenschaften setze, so Klein, die Kernbestimmung der Subjektform in den Stand, sich unterschiedslos &#252;ber die gesamte sinnliche Wirklichkeit zu legen. Indem der Mensch sich in den Dienst eines allem Sinnlichen gegen&#252;ber gleichg&#252;ltigen freien Willens stelle, beziehe er einen „Standpunkt der Gegenstandslosigkeit“<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup>, w&#228;hrend ihm „Gef&#252;hl, Antrieb und Neigungen“ (Kant) hinter einer Art undurchdringlicher Nebelwand verschw&#228;nden. „Die Schizophrenie des abstrakten Individuums“ behandelt den „freien Willen“ demnach als reines Ausblendprinzip.<br />
Demgegen&#252;ber versteht die „Verzauberung der Welt“ den „freien Willen“ als ein selber mit inhaltlichen Bestimmungen ausgestattetes Ordnungsprinzip. Dem „freien Willen“ sind, wenn er sich der sinnlich-empirischen Existenz seines Tr&#228;gers zuwendet, keineswegs alle Katzen gleicherma&#223;en grau. Er herrscht vielmehr, indem er der sinnlichen Wirklichkeit zu Leibe r&#252;ckt und ihr seine strengen Eigenkriterien aufzwingt. Dieses Aufzwingen zerf&#228;llt analytisch betrachtet in zwei Prozesse. Zun&#228;chst einmal funktioniert „der freie Wille“ als Selektionsinstanz und scheidet rigoros zwischen willensformkompatiblen sinnlich-empirischen Inhalten und -inkompatiblen. Alles was an „Gef&#252;hl, Antrieb und Neigung“ sich nicht f&#252;r die Selbstbehauptung als Konkurrenzsubjekt instrumentalisieren l&#228;sst, ist damit willensuntauglich und z&#228;hlt daher unter der Herrschaft des freien Willens einfach nicht. Auf dieser negativ-exkludierenden Bestimmung der Willenssubjektivit&#228;t baut eine sie erg&#228;nzende, positiv-sch&#246;pferische auf. Die vom „freien Willen“ strukturierte Subjektform schwingt sich zum herrschenden Prinzip auf, indem sie zusammen mit der Form den dazugeh&#246;rigen Inhalt, eine der subjektherrlichen Logik ad&#228;quate Sinnlichkeit, &#252;berhaupt erst gebiert und das kann er nat&#252;rlich nur als ein selber inhaltlich bestimmtes Prinzip.<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup> Das ist durchaus auch historisch zu verstehen. Der Aufstieg des freien Willens zu einer allgegenw&#228;rtigen Kategorie war daran gebunden, dass neben die dann als inferior abgespaltene und der Frau zur Restverwaltung &#252;berantwortete Sinnlichkeit eine zweite, „m&#228;nnlich-wei&#223;-westliche“ Sinnlichkeit trat.<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> Ausschlie&#223;lich diese Sinnlichkeit kann der freie Wille als ihm ad&#228;quat anerkennen.<br />
Weil Klein dem „freien Willen“ Kriterienlosigkeit zuschreibt, wird ihm das Sinnlich-Empirische zu einer Blackbox, die keiner begrifflichen Differenzierung zug&#228;nglich ist. Das ist aber nicht die einzige Schw&#228;che seines Ansatzes. Gleichzeitig legt er damit den „freien Willen“ auf eine rein passive Rolle fest. Als Kategorie ohne Eigenschaften gedacht, kann der „freie Wille“ n&#228;mlich prinzipiell keinen gestaltenden Einfluss auf das empirisch Sinnliche haben, sondern findet sie als eine ihm &#228;u&#223;ere Wirklichkeit fertig vor. Die Subjektform und ihre Verkehrsform, der „freie Wille“, erscheinen ausschlie&#223;lich als blinder Reflex und Exekutor vorausgesetzter gesellschaftlicher Strukturzw&#228;nge. Diese Sicht ist schon, was die Figur des zeitgen&#246;ssischen vereinzelten Willenssubjekts angeht, nicht unproblematisch, erst Recht aber in Hinblick auf die Installationsgeschichte des „freien Willens“. Demgegen&#252;ber geht es mir in der „Verzauberung“ gerade um die aktiv tragende Rolle, die der Subjektform im Allgemeinen und dem „freien Willen“ im Besonderen bei der „Verzauberung der Welt“ zukam. Was die historische Genese betrifft, so schuf die Selbstzurichtung zum Subjekt &#252;berhaupt erst den warenfetischistischen Zusammenhang. Aber auch die Aufrechterhaltung der einmal hergestellten verdinglichten Herrschaft hat die best&#228;ndige Reproduktion der Subjektform als verbindlicher gesellschaftlicher Handlungsform zur Voraussetzung. Sein kategorialer Zugang verdammt Klein dazu, den Inhaber des „freien Willens“ ausschlie&#223;lich als ein Gesch&#246;pf und Exekutor verdinglichter Verh&#228;ltnisse zu behandeln. In meiner Darstellung erscheint das Willenssubjekt dagegen nicht allein als Kreatur, sondern auch und wesentlich als Kreator des Zusammenhangs, dem es selber unterliegt.</p>
<h2>2.</h2>
<p>Peter Kleins Beitrag hat im Wesentlichen deskriptiven Charakter und besch&#228;ftigt sich vornehmlich mit Erscheinungsformen der Subjektformmetaphysik. Eine theoretisch ausgewiesene Begr&#252;ndung f&#252;r seine Auffassung vom „freien Willen“ fehlt in seinem Artikel. Der Autor versucht auf einem anderen Weg plausibel zu machen, warum es sich bei seiner Basiskategorie um eine inhaltsleere Gr&#246;&#223;e handelt: Er beschreibt ausf&#252;hrlich und plastisch die inhaltliche Beliebigkeit und Austauschbarkeit auf dem Markt der Haltungen und Meinungen, legt diesem Oberfl&#228;chenph&#228;nomen dann seine Version des „freien Willens“ zugrunde, um es anschlie&#223;end wiederum als Beleg f&#252;r dessen Inhaltsneutralit&#228;t heranzuziehen. Strenggenommen hat diese Vorgehensweise einen Zug ins Zirkul&#228;re und argumentationstechnische Puristen d&#252;rften sie wohl unter Tautologieverdacht stellen. Aber auch wenn man Kleins „An ihren Fr&#252;chten sollt ihr sie erkennen“ als zul&#228;ssige Methode akzeptiert, bleibt doch eine Bedingung: Wenn die Inhaltsleere des „freien Willens“ das zentrale Wesensmerkmal der Subjektform sein soll, dann muss die zu deren Best&#228;tigung herangezogene „Herrschaft der Beliebigkeit“ zwingend <em>fl&#228;chendeckenden</em> Charakter haben. Sie darf nicht blo&#223; da und dort anzutreffen sein, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen und Beziehungen. Wenn nur ein eingrenzbarer gesellschaftlicher Sektor, der „Herrschaft der Beliebigkeit“ gehorcht, dann erlaubt dieses Oberfl&#228;chenph&#228;nomen dagegen keine derart weitreichenden R&#252;ckschl&#252;sse auf die Kernbestimmung des „freien Willens“, wie sie Peter Klein zieht.<br />
Dieser Umstand ist dem Autor der „Schizophrenie“ keineswegs entgangen. Er pr&#228;gt vielmehr die ganze Argumentations- bzw. Suggestionsweise des Textes, und zwar zu dessen Schaden. Wenn Peter Klein von der „Herrschaft der Beliebigkeit“ spricht, hat er zwar faktisch immer nur die <em>Verkehrsform</em> im Auge, in der sich die fertigen Konkurrenzsubjekte als Identit&#228;tseigner miteinander ins Benehmen setzen. Was diesen Ausschnitt der Subjekt-Existenz angeht, trifft seine Diagnose ja auch ins Schwarze; Klein versucht allerdings beharrlich den Eindruck zu erwecken, dass die <em>gesamte</em> Subjekt-Wirklichkeit der „Herrschaft der Beliebigkeit“ unterl&#228;ge und nicht nur das Geschehen im intersubjektiven Binnenraum. Man darf sich von der ph&#228;nomenologischen Ausrichtung des Artikels und vom best&#228;ndigen R&#252;ckgriff auf Alltagserlebnisse nicht in die Irre f&#252;hren lassen; der Autor erhebt f&#252;r seinen kategorialen Zugriff allgemeinen Geltungsanspruch und kann aufgrund seiner theoretischen Vorgabe auch gar nicht anders.<br />
Den Kern der modernen Subjektherrlichkeit macht Peter Klein im „Wollen &#252;berhaupt“ aus, das bei ihm als „eine Art Platzhalter f&#252;r jeden beliebigen Inhalt“<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup> figuriert. Aus dieser Perspektive existiert Identit&#228;t ausschlie&#223;lich als jederzeit austauschbare Staffage und was Warenmonaden auch immer denken und tun, sie bewegen sich immer nur auf einem gigantischen Maskenball. So viel ist an dieser Sichtweise richtig: Ob die Konkurrenzmonaden beim After-Work-Stelldichein ihresgleichen gegen&#252;ber mit Heckspoilern gl&#228;nzen, mit Weinkennertum aufwarten oder mit ostasiatischen Atemtechniken auftrumpfen, ist eine akzidentielle, keine substantielle Frage. Das auf das Theorem der „Gegenstandslosigkeit“ geeichte Kleinsche Kategoriensystem l&#246;scht aber eine entscheidende Differenz aus: Allein die Inhalte, anhand derer das Konkurrenzsubjekt sich von seinesgleichen abzuheben versucht und den anderen gleichzeitig als seinesgleichen, als „freies Willenssubjekt“ anerkennt, sind austauschbar. Das moderne Individuum vergewissert sich seiner Subjektherrlichkeit aber auch und sogar prim&#228;r, indem es Personen und Gruppen die Anerkennung als vollwertiges Subjekt verweigert. Es kann sich nicht formieren, ohne dass es das, was es an „Gef&#252;hl, Antrieb und Neigung“ an sich nicht zulassen kann, anderen zuschreibt. Egal, ob es an dem zusammen mit seiner Selbstkonstruktion entstehenden Pendant Schw&#228;che, Triebhaftigkeit und Mangel an Leistungsbereitschaft inkriminiert oder in exotisierender Sehnsucht sein Gegenbild als das verlorene Eigentliche feiert, diese subjektkonstitutiven Abgrenzungen haben alles andere als zuf&#228;lligen Charakter. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus lassen sich nicht auf der gleichen Ebene abhandeln wie die Vorliebe f&#252;r Country Music und eingefleischte Ressentiments unter den Anh&#228;ngern „verfeindeter“ Fu&#223;ballclubs. Mit dem Theorem von der „Gegenstandslosigkeit des freien Willens“ hat Peter Klein die M&#246;glichkeit aus der Hand gegeben, diesem Unterschied kategorial Rechnung zu tragen. Argumentativ stehen ihm deshalb nur zwei M&#246;glichkeiten offen. Entweder bleibt der universelle Anspruch seiner Charakterisierung des freien Willens ungedeckt und die f&#252;r die Subjektform konstitutive Beziehung zum „Nicht-Subjekt“ wird genauso ausgeklammert wie die zum „Un-Subjekt“. Oder die Kategorie des inhaltsleeren Willens dient als Prokrustesbett, dem die Realit&#228;t gewaltsam anzupassen ist. „Die Herrschaft der Beliebigkeit“ wird in Denkinhalte hineingesehen, in denen offensichtlich eine ganz andere Logik am Werk ist, um den Gegensatz von sinnlichem Inhalt und leerer Willensform als theoretisches Universalraster zu retten.<br />
Die „Schizophrenie des modernen Individuums“ pr&#228;sentiert vor allem die erstgenannte Vorgehensweise. Es finden sich allerdings auch Spuren der zweiten Variante.<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup> Auf Ph&#228;nomene wie Rassismus und Antisemitismus kommt Peter Klein in seinem Text wohlweislich nicht weiter zu sprechen und erspart sich damit die Peinlichkeit, sie der Logik seiner Willenskategorie entsprechend als Accessoire verkaufen zu m&#252;ssen. Was die sexistische Abwertung der Frau angeht, gibt er diese vornehme Zur&#252;ckhaltung zwischenzeitlich auf, mit entsprechend niederschmetterndem Resultat. Das warengesellschaftliche Strukturmerkmal der geschlechtlichen Abspaltung deklariert Klein zu einer auf dem Weg zum reinen inhaltsleeren Willen l&#228;ngst erledigten historischen Durchgangsstation um.<br />
Der Verweis auf die soziologische Tatsache, dass auch Frauen heute anders als in der Zeit Kants als Konkurrenzsubjekte agieren k&#246;nnen und m&#252;ssen, reicht ihm, um den der Subjektkonstitution inh&#228;renten Zwang zur Konstruktion und Inferiorsetzung eines „Anderen der Vernunft“ f&#252;r gegenstandslos zu erkl&#228;ren. Mit dieser En-passant-Entsorgung<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup> landet er genau an dem Ort, gegen den er in dem Text ansonsten so gerne polemisiert, am „demokratischen Stammtisch“ – ein hoher Preis f&#252;r die Aufrechterhaltung seiner verkehrten Vorstellung vom „freien Willen“.<br />
Dem Willenssubjekt einen „Standpunkt der Gegenstandslosigkeit“ unterschieben hei&#223;t freilich nicht nur die Logik ignorieren, nach der das Warensubjekt die ihm unverzichtbaren Antipoden konstruiert; mit dieser Zuschreibung verkennt Peter Klein zugleich, dass es sich beim Maskenball der Identit&#228;ten auch, was die dort feilgebotenen Inhalte angeht, um eine Closed-Shop-Veranstaltung handelt. Die bunte Welt der Meinungen und Haltungen steht keineswegs unterschiedslos allem offen, wie Klein behauptet. Eingang finden ausschlie&#223;lich Inhalte, die in irgendeiner Weise zur Inszenierung der eigenen Leistungs- und Souver&#228;nit&#228;tsf&#228;higkeit verwendbar sind. Selbst die eigene Emotionalit&#228;t und Spontaneit&#228;t kann zwar auf den Marktplatz geraten, aber nur wenn sie vorher gr&#252;ndlich zum Verf&#252;gungsgegenstand umgemodelt wurde und das souver&#228;ne Subjekt in keiner grunds&#228;tzlich anderen Beziehung zu ihr mehr steht als zu anderen Verf&#252;gungsgegenst&#228;nden auch, wie zu seinem Auto oder seiner Briefmarkensammlung. Damit die Tr&#228;ger des „freien Willens“ sich &#252;ber ihre sinnliche Dimension und &#252;ber ihre eigenen Gef&#252;hle austauschen k&#246;nnen als seien sie tote Objekte, m&#252;ssen sie gelernt haben, ihrer Sinnlichkeit als einem toten, ihnen &#228;u&#223;erlichen Objekt gegen&#252;berzutreten.<br />
Das Bonmot „Herrschaft der Beliebigkeit“ bringt zwar die Tanzordnung auf dem Maskenball der Identit&#228;ten auf den Punkt, es lockt aber insofern auf eine falsche F&#228;hrte, als es dar&#252;ber die Existenz einer &#228;u&#223;erst rigiden Zugangsordnung vergisst. Peter Klein betont, dass es sich bei dem Verh&#228;ltnis von Form und Inhalt um eine von Gleichg&#252;ltigkeit gekennzeichnete Beziehungen handelt. Gegen diese Aussage ist nicht das Geringste einzuwenden. Allerdings ist die Doppelbedeutung des Schl&#252;sselbegriffs Gleichg&#252;ltigkeit zu beachten, die Klein offenbar entgangen ist. Die konkurrierenden Inhalte begegnen sich auf dem Identit&#228;tenmarkt gleichg&#252;ltig, weil sie vorher – ganz im urspr&#252;nglichen Wortsinn – als <em>gleicherma&#223;en g&#252;ltig</em> anerkannt wurden. Das Geschehen auf dem Markt der Meinungen folgt der „Herrschaft der Beliebigkeit“ nicht aufgrund der vermeintlichen Gegenstandslosigkeit des Willens, sondern weil sich der gemeinsame Nenner aller Identit&#228;tsinhalte <em>in ihrer Binnenbeziehung</em> herausk&#252;rzt. Peter Klein nimmt Austauschbarkeit und Inhaltsleere synonym und erkl&#228;rt die gemeinsame inhaltliche Grundlage f&#252;r nicht existent. Anf&#228;nger im Bruchrechnen setzen gern gek&#252;rzte Faktoren mit Null gleich. Die Kleinsche leere Form entsteht auf einem &#228;hnlichen Weg.</p>
<h3>3.</h3>
<p>Beim modernen Individuum handelt es sich um ein <em>innerlich</em> zutiefst zerrissenes Wesen. Unvereinbares ist in seinem Denken und F&#252;hlen am Werk. Vom leibhaftigen Alltagsmenschen wei&#223; das selbstverst&#228;ndlich auch Peter Klein, wie der Titel seines Beitrags ja schon andeutet. Seine Kategorienlehre sieht allerdings gerade diese innere Zerrissenheit nicht vor. Der „neue Dualismus“, der nach Klein an die Stelle des „alten Dualismus“ von religi&#246;sem Jenseits und Sinnenwelt getreten sein soll, kennt nur den <em>&#228;u&#223;eren</em> Gegensatz von reiner Willensform und sinnlichem Inhalt schlechthin, aber keinen grunds&#228;tzlichen Widerspruch auf der Ebene der Bewusstseins- und Gef&#252;hlsinhalte selber. Diese Diskrepanz von Empirie und Kategorie will &#252;berbr&#252;ckt sein. Bei Klein &#252;bernimmt die Formel von der „Verinnerlichung der Metaphysik“<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup><br />
diese Aufgabe. Welche historischen Prozesse Klein mit diesem Ausdruck zusammenfassen will, erf&#228;hrt der Leser zwar nicht einmal andeutungsweise; daf&#252;r ist mit der Einf&#252;hrung des Verinnerlichungsbegriffs aber eine f&#252;r die Rettung der Kleinschen dualistischen Kategorienordnung unerl&#228;ssliche definitorische Festlegung getroffen. Um „verinnerlicht“ zu werden, muss etwas eigentlich „au&#223;en“ beheimatet sein. Auch wenn es schlie&#223;lich die Herrschaft &#252;ber das „Innere“ erlangt, bleibt diese letztlich Fremdherrschaft &#252;ber ein vorg&#228;ngiges, wahres menschliches Wesen.<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup> Mit dem Verinnerlichungsbegriff deklariert Klein alle Widerspr&#252;che auf der Ebene von „Gef&#252;hl, Antrieb und Neigungen“ als Sekund&#228;rph&#228;nomene und damit ist die gegenstandslos gedachte und jedem Inhalt vorausgesetzte Willensform gerettet.<br />
Indem das Konstrukt der Verinnerlichung die dualistische Weltsicht festschreibt, l&#246;st es noch zwei Aufgaben, die mit ihr in einem engen Zusammenhang stehen. Zun&#228;chst einmal bringt es den vorher durch die kategoriale Eingangspforte herausbef&#246;rderten Widerspruch durch die Hintert&#252;r wieder in die Alltagswirklichkeit zur&#252;ck. Klein beschreibt die „Gegenstandslosigkeit“ der reinen Willensform als Garanten einer reibungslosen Subsumtion alles Sinnlichen unter ihre Herrschaft. Das hat immanent gesehen durchaus seine Logik. Wenn der freie Wille so inhaltsleer und kriterienlos w&#228;re, wie Klein behauptet, dann sind tiefergehende Konflikte und Widerspr&#252;che im Grunde gar nicht m&#246;glich. Nicht nur die Welt der sinnlichen Inhalte w&#228;re ein konfliktfreier Raum, auch im Verh&#228;ltnis Inhalt und Form m&#252;sste alles glatt aufgehen. Erst indem Klein die These von der Verinnerlichung einf&#252;hrt und unter der Hand in die These der prinzipiellen Unvollst&#228;ndigkeit dieser Verinnerlichung verwandelt, entsteht nachtr&#228;glich wieder so etwas wie eine Reibungsfl&#228;che. Ohne diesen Kunstgriff k&#246;nnte Klein nie und nimmer proklamieren: „Es ist d&#252;nnes Eis, auf dem sich der psychologische Totalitarismus (des eigentlichen Selbst, E. L.) abspielt.“<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup> Damit ist die Funktion der Verinnerlichungsvorstellung noch nicht ersch&#246;pft. Sie verschafft der Kleinschen Subjektkritik au&#223;erdem eine vermeintlich handfeste Bezugsbasis. Die Willensmetaphysik ist zwar nach Klein allgegenw&#228;rtig und dementsprechend auch ihr Repr&#228;sentant, der „Fassadenmensch“. Irgendwo hinter der Fassade – der Begriff suggeriert das ja auch schon – bleibt jedoch eine von den „Verinnerlichungsprozessen“ unerreichbare Sph&#228;re der Eigentlichkeit. Wie er diese „andere Welt“ taufen soll, wei&#223; Peter Klein nicht so recht; Namen wie „existentielle Dimension des Daseins“, „unmittelbare Existenz“ oder „empirisches Dasein“<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup><br />
sind im Angebot. Daf&#252;r wei&#223; er umso sicherer, dass ihr im Gegensatz zur blo&#223;en „Fassadenexistenz“ ontische Dignit&#228;t zukommt und sie dient ihm daher gegen&#252;ber der Willensmetaphysik als eine positive Anrufungsinstanz.<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup></p>
<h2>4.</h2>
<p>Empirisch ist die Beobachtung, dass es sich bei den Helden des freien Willens um vom Zusammenbruch bedrohte Wesen handelt, evident. Das Raunen von der „existentiellen Dimension des Daseins“ liefert indes keinen Ansatz zur Erkl&#228;rung dieser Instabilit&#228;t, sondern kaschiert eine Leerstelle in der Argumentation.<br />
Wo Kleins Zugriff wertkritisch an seine Grenzen st&#246;&#223;t, bedient er sich anderweitig. Mit dem „Unmittelbaren“ und dem „Existentiellen“ greift Klein auf ein ebenso wohlvertrautes wie schillerndes Motiv zur&#252;ck, das in der einen oder anderen Form seit 200 Jahren im warengesellschaftlichen Bewusstsein pr&#228;sent ist. Ob Romantik oder Lebensphilosophie oder vulgarisiert in der Esoterik, immer wieder wurde „das Echte“ oder „das Sein als solches“ gegen die westliche Ratio in Stellung gebracht. Klein lehnt sich an diese Tradition an.<br />
Das argumentative Hilfskonstrukt einer Unmittelbarkeit des Seins steht indes in Widerspruch zu Kleins metaphysikkritischem Anspruch. Wie immer man die unter dem Stichwort Gegenaufkl&#228;rung provisorisch zusammenfassbaren Str&#246;mungen im Einzelnen einsch&#228;tzen mag, gerade ihre Seinsversessenheit stand n&#228;mlich nie im Widerspruch zum Siegeszug der Metaphysik des „eigentlichen Selbst“, gegen die Klein sich ja wenden m&#246;chte. Bei der Apotheose des vermeintlich Unbedingten handelt es sich vielmehr um deren zweites Basisideologem. Der Kultus des Existentiellen und Ganzheitlichen taugt nicht als Gegeninstanz zur modernen Metaphysik, das unbedingte Sein bildet vielmehr die andere Abteilung des modernen metaphysischen Universums. Weil er einseitig auf die Kritik der Willensmetaphysik fixiert ist, die Klein f&#252;r die einzige Gestalt der Metaphysik des Subjekts h&#228;lt, l&#228;uft er, ohne dessen gewahr zu werden, ihrer Zwillingsschwester in die Arme.<sup><a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></sup></p>
<h2>5.</h2>
<p>Um Missverst&#228;ndnisse zu vermeiden: Peter Kleins Beschw&#246;rung der „existentiellen Dimension des Daseins“ liegt eine v&#246;llig andere Intention zugrunde als sie die Denker der Gegenaufkl&#228;rung umtrieb. Nichts liegt ihm ferner als jede Art von existentialistischer &#220;berspanntheit und Seins-Heroismus, in deren Dienst das Existentielle einst Karriere gemacht hat. Sobald eine Position „das Unmittelbare“ besingt und dabei einen wertkritischen Anspruch erhebt, reicht es indes nicht, dass sie etwas anderes meint als ihre dubiosen Sangesbr&#252;der. Sie m&#252;sste sich schon Rechenschaft dar&#252;ber ablegen, welche Rolle das Gloria in der Geistes- und Mentalit&#228;tsgeschichte gespielt hat und heute noch spielt. Sie k&#228;me au&#223;erdem nicht umhin eine klare, kategorial bestimmbare Grenze zwischen dem reaktion&#228;ren und einem emanzipativen Bezug auf „das Existentielle“ anzugeben.<br />
Mit seiner Kritik an einer der Schl&#252;sselfiguren der gegenaufkl&#228;rerischen Traditionslinie, an Friedrich Nietzsche, demonstriert Klein indes, dass er diese Grenzziehung nicht nur vers&#228;umt hat. Mit seiner Vorstellung vom „freien Willen“ als einer Kategorie ohne Eigenschaft hat er sich den analytischen Zugang zu diesem Problem verstellt. Klein wertet Nietzsches Absetzbewegung von der Metaphysik durchg&#228;ngig als verfehlte und zu kurz greifende Kritik. Nietzsche sei der Metaphysik, gegen die er sich wandte, selber noch „auf den Leim gegangen“<sup><a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a></sup>, so Kleins Urteil. Sein „unbedingtes ,Ja‘ zum Leben“ sei nicht weit genug gegangen. „Gerade das ‚Ja‘ zum Leben m&#252;sste doch im ‚Nein‘ zu einer Gesellschaft m&#252;nden, die gerade dabei ist, die immer gleiche und also tote Abstraktion der Kantschen reinen Form zum einzig Bestimmenden zu machen.“<sup><a name="sdfootnote14anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a></sup></p>
<p>Klein kommt gar nicht auf die Idee, Nietzsches Denken auf den Transformationsprozess zu beziehen, den die Metaphysik in den 200 Jahren nach Kant durchgemacht hat. Daf&#252;r, dass Nietzsche der Abstraktion Leben einen biologischen Sinn gab, und zwar als Garant des „h&#246;chst eigenen Ich“<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup>, hat Klein dementsprechend nur ein verst&#228;ndnisloses Kopfsch&#252;tteln &#252;brig. Genau die Reduktion sozialer Existenz auf biologisches Substrat kennzeichnet wesentlich die postkantianische Metaphysik. Nietzsche war sich &#252;ber den metaphysischen Charakter seiner &#220;berh&#246;hung des „Lebens“ nicht im Klaren. Insofern k&#246;nnte man Peter Klein mit seiner Behauptung recht geben, Nietzsche h&#228;tte den Erscheinungsformen der neuen Metaphysik blind gegen&#252;ber gestanden. Seine Blindheit war aber nicht die eines zu kurz greifenden Kritikers, wie in der „Schizophrenie“ unterstellt wird, sondern die eines der wichtigsten Vordenker und Repr&#228;sentanten der neuen Metaphysik. Was Klein f&#252;r die „schiere Kapitulation“ vor der Metaphysik h&#228;lt, entpuppt sich n&#228;her betrachtet als das Durchsetzungsprogramm der modernen Metaphysik im nachkantianischen Zeitalter der „reellen Subsumtion“<sup><a name="sdfootnote16anc" href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a></sup> unter die Subjektform.<br />
Klein meint, Nietzsche w&#228;re mit seinem Ansinnen, dem Sinnlichen zu seinem Recht zu verhelfen, gescheitert. Dieser Eindruck kann nur entstehen, wenn man Sinnlichkeit als Blackbox nimmt und davon absieht, um welche Sorte von Sinnlichkeit es Nietzsche eigentlich ging. Wenn dieser „m&#228;nnliche Hysteriker“ (Christina von Braun) das „Leben“ beschw&#246;rt, propagierte er immer nur eine durch und durch mit der Wertlogik kompatible heroische Gegensinnlichkeit zu der f&#252;r ihn erb&#228;rmlichen Sinnlichkeit von Frauen und Sklaven. Er geh&#246;rte zum Hebammen-Team, das die neue Herrenmenschen-Sinnlichkeit ans Licht der Welt gezerrt hat, &#252;ber deren aktuelle Gestalt sich ja auch Klein zu Recht mokiert. Vor diesem Hintergrund ist indes auch die Reduktion des Menschen auf Biologie zu sehen, die sich nicht nur bei Nietzsche findet, sondern die Vorstellungswelt im ausgehenden 19. Jahrhundert &#252;berhaupt pr&#228;gte. Sie ist kein simpler „Irrglaube“, sondern lieferte den f&#252;r die Konstruktion dieser Herrenmenschen-Sinnlichkeit unverzichtbaren kategorialen Ausgangspunkt.</p>
<h2>6.</h2>
<p>Peter Klein zeigt sich f&#252;r den spezifischen Inhalt, den die Beschw&#246;rung des „prallen Lebens“ bei Nietzsche hat, blind und damit f&#252;r dessen Rolle in der Geistesgeschichte. Die Gr&#252;nde daf&#252;r sind sicherlich nicht in philologischen Problemen zu suchen. Verantwortlich ist vielmehr die Kategorienbrille der „reinen inhaltsleeren Form“, durch die Klein die Wirklichkeit insgesamt und damit auch die Geistesgeschichte betrachtet. Er scheitert an der historischen Einordnung Nietzsches, weil sein begriffliches Bezugssystem Widerspr&#252;che auf der Ebene des inhaltlich Sinnlichen nicht kennt und damit &#252;berhaupt zur Erfassung sowohl der mentalit&#228;tsgeschichtlichen wie der geistesgeschichtlichen Entwicklung ungeeignet ist. Im Umgang mit Nietzsche tritt also eine ganz fundamentale Schw&#228;che des Kleinschen Ansatzes zu Tage.<br />
Dieser geht von der Verkehrsform der Warensubjekte aus und behandelt sie f&#228;lschlicherweise als das Ganze der Subjektwirklichkeit. Die Fixierung auf diesen Aspekt l&#228;sst nicht nur das Problem der Herstellung und Reproduktion der Subjektform im kategorialen Nebel verschwinden, sondern auch einen Gutteil ihrer Geschichte. Daf&#252;r ist nicht allein die Einseitigkeit der Ausrichtung als solche verantwortlich zu machen. Mitentscheidend ist auch der besondere Charakter von Kleins Bezugspunkt. Die Welt der Verkehrsform ist per se eine Welt struktureller Geschichtsliquidierung. Ob sich Waren auf dem Markt begegnen oder Identit&#228;tseigner<sup><a name="sdfootnote17anc" href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a></sup><br />
aufeinander treffen, in ihrem Verkehrsraum ist die Entstehungsgeschichte der Ware und die Geschichte der Subjekte<sup><a name="sdfootnote18anc" href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a></sup><br />
getilgt. Sowohl das objektivierte Prinzip des Marktes, das &#196;quivalenzprinzip, als auch sein subjektives Pendant, die Vertragsbeziehung der freien Willenstr&#228;ger, beinhaltet das Gentlemen’s Agreement, den jeweiligen eigenen Bedingungszusammenhang auszul&#246;schen. Der Herrschaftsbereich der Beliebigkeit hat zwar eine Geschichte, er kennt aber keine.<br />
Diese Geschichtsresistenz schl&#228;gt unweigerlich auf die anhand der Verkehrsform gewonnene Kleinsche kategoriale Ordnung durch. Indem Klein den „freien Willen“ dem Schein der Verkehrsform entsprechend f&#252;r „gegenstandslos“ erkl&#228;rt, schrumpft ihm die Gesamtgeschichte der Subjektform auf eine Sparversion. Ein inhaltlich bestimmungsloses Prinzip kann grunds&#228;tzlich n&#228;mlich nur gelten oder nicht gelten, und dieser bin&#228;ren Logik entsprechend l&#246;st sich Klein die gesamte historische Entwicklung in zwei m&#246;gliche Aggregatszust&#228;nde auf. Es existiert entweder eine Ordnung, die alles Inhaltliche am Subjekt in eine akzidentelle Gr&#246;&#223;e verwandelt, oder sie existiert nicht.<br />
Wer die Entstehungsgeschichte der Subjektform als die Form eines spezifischen, selber in Entwicklung begriffenen Inhalts aufzurollen versucht und die Inhaltsebene als Widerspruchsebene begreift, dem tut sich unweigerlich ein weites, fast unermessliches Forschungsfeld auf. In welcher Beziehung stehen die mentalit&#228;tsgeschichtlichen Ver&#228;nderungen der letzten 500 Jahre, aber auch neue geistesgeschichtliche Str&#246;mungen jeweils zum Prozess der Herausbildung der Subjektform? Welche Etappen lassen sich ausmachen und wo sind die widerst&#228;ndigen und gegenl&#228;ufigen Momente zu verorten? Diese Fragen sind allesamt am Material zu kl&#228;ren. Indem Klein die Widerspruchslinie zwischen reiner Subjektform und Inhalt &#252;berhaupt zieht, ist er solcher M&#252;hen enthoben und wei&#223; von vornherein Bescheid. Er muss nur den historischen Nullpunkt festlegen, an dem die Herrschaft der reinen Form erreicht ist.<br />
Den Anschein einer historischen Entwicklung kann die Kleinsche Darstellung lediglich insofern wecken, als ihr der geistesgeschichtliche und der realgeschichtliche Nullpunkt auseinanderfallen. Auf welchem Weg auch immer die von der philosophischen Reflexion l&#228;ngst vorweggenommene inhaltsleere reine Willensform Eingang in die Alltagswirklichkeit gefunden haben mag, von substantieller Bedeutung ist Geschichte nur, soweit sie f&#252;r die nachtr&#228;gliche Adaption an diesen einen philosophischen Gedanken steht. Dar&#252;ber hinaus sind f&#252;r Klein weder realgeschichtliche noch geistesgeschichtliche Entwicklungen von kategorialer Bedeutung zu verzeichnen. Auf dem Gebiet der Philosophie hat bereits Kant das ultimative Schlusswort gesprochen. Die nachkantianische Geistesgeschichte erscheint demgegen&#252;ber als reine Verfallsgeschichte, und au&#223;er dem Verlust des schon erreichten Reflexionsniveaus bleibt nicht allzu viel zu konstatieren. Um die au&#223;erphilosophische Wirklichkeit, die verz&#246;gert in die Welt des „neuen Dualismus“ eintritt, ist es nicht viel besser bestellt. Versteht man das Merkmal der v&#246;lligen Inhaltsleere konsequent, dann w&#228;ren selbst noch der National- und Realsozialismus dem „alten Dualismus“ zuzurechnen und st&#252;nden letztlich in ihrer Struktur mit der christlichen Metaphysik auf einer Stufe! Von der „Ausbreitung der Kantschen Metaphysik“<sup><a name="sdfootnote19anc" href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a></sup> in die gesellschaftlichen Beziehungen hinein kann demnach strenggenommen erst nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede sein und auch nur, solange der Warengesellschaft tiefergehende Krisensch&#252;be erspart bleiben. Indem Klein den freien Willen als inhaltslos bestimmt, bleiben von der Geschichte der Subjektform nicht viel mehr als zwei r&#228;umlich wie zeitlich genau festmachbare Standbilder: Was die Reflexion angeht, K&#246;nigsberg im sp&#228;ten 18. Jahrhundert und das goldene fordistische Zeitalter, in dem Demokratie, Recht und Arbeit gleicherma&#223;en in Bl&#252;te standen; letzteres auch nur bezogen auf die Binnenbeziehungen der westlichen Metropolenl&#228;nder. Peter Klein operiert also mit einer Zentralkategorie, die einen universellen Erkl&#228;rungsanspruch erhebt, aber einen Gro&#223;teil der Geschichte von Warengesellschaft und Subjektform f&#252;r unwesentlich erkl&#228;rt und ins kategoriale Dunkel schiebt.<br />
Selektiv f&#228;llt aber nicht nur Peter Kleins Blick auf die Historie aus. Sobald er auf empirische Tatsachen st&#246;&#223;t, die sich nicht &#252;ber den Leisten eines an der intersubjektiven Verkehrsform des inhaltsleeren „freien Willens“ schlagen lassen, wird sein kategoriales Instrumentarium zum Wahrnehmungsfilter. Klein scheidet solche Probleme als ex definitione nicht zur Subjektform geh&#246;rig und damit einer wertkritischen Analyse nicht zug&#228;nglich aus. Zumindest bei den Schlusspassagen des Beitrags, die von der Problematik „Gewalt“ und „Ausrasten“ handeln, springt das ins Auge. Von diesem offensichtlich au&#223;erhalb des Herrschaftsbereichs der Beliebigkeit liegenden Faktum ist empirisch nur die Rede, um ihm auf der kategorialen Ebene ex cathedra jede innere Beziehung zur Subjektformkonstitution abzusprechen. Die um sich greifende Neigung des Warensubjekts zum Amoklauf deklariert Klein allen Ernstes als eine Art verungl&#252;ckte Rebellion gegen die Subjektformzumutung.<sup><a name="sdfootnote20anc" href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a></sup> In voller &#220;bereinstimmung mit dem warengesellschaftlichen Apologetenverstand behandelt Klein damit die irrationale und selbstdestruktive Seite des Warensubjekts als etwas diesem Fremdes.<br />
Dieser Freispruch ist kein Ausrutscher. Er ist vielmehr zur Rettung seines verk&#252;rzten Verst&#228;ndnisses der Subjektform unerl&#228;sslich. Wenn diese allein mit der Verkehrsform identisch sein soll, in der sich die fertigen Willens- und Rechtssubjekte wechselseitig als gleicherma&#223;en freie Willenstr&#228;ger anerkennen, dann m&#252;ssen Praktiken wie Gewalt und Totschlag von einem fernen Stern stammen.<br />
Weil Klein eisern die Reduktion der Subjekt- auf die Verkehrsform durchh&#228;lt, stellt sich ihm deren tats&#228;chlicher Konstitutionszusammenhang auf den Kopf. In irrationalen Gewaltexzessen, in Mord, Krieg und Totschlag verabschiedet sich der moderne Mensch keineswegs von dieser Form. Die Verwandlung anderer Menschen in t&#246;tbare Biomasse bildet ganz im Gegenteil den Urakt, in dem sich der wei&#223;e Mann zur Subjekt-Herrlichkeit aufgeschwungen hat und aufschwingt. Die subjektkonstitutive und weltdestruktive Praxis setzt sich aus zwei Schichten zusammen. Im gesellschaftlichen Normalbetrieb agieren die modernen Individuen als Subjekte, indem sie die au&#223;ermenschliche Welt zu einem optimaler Vernutzung wegen existierenden Ensemble toter Dinge degradieren und ihre Beziehung zu anderen Menschen zu einem Verh&#228;ltnis wechselseitiger Instrumentalisierung machen. Der Subjektstatus l&#228;sst sich aber auch ohne den Umweg Produktion und Vertragslogik erringen, n&#228;mlich indem sie direkt Vernichtung zum Inhalt nimmt. Nicht nur f&#252;r die Herausbildungsgeschichte des Warensubjekts spielt die Formierung seines „Gewaltkerns“<sup><a name="sdfootnote21anc" href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a></sup> eine Schl&#252;sselrolle; mit dem sukzessiven Zerfall der „sch&#246;nen Maschine“ tritt diese tiefere Schicht wieder verst&#228;rkt zutage.<br />
Als Theoretiker der Gegenstandslosigkeit erkl&#228;rt uns Peter Klein, hinter der Fassade des Warensubjekts lauere „nichts“. Es sei flach und eindimensional. Wer nicht nur diese selbst eindimensionale Perspektive, sondern den Gesamtprozess der Subjektkonstitution im Auge hat, muss freilich etwas nachkorrigieren: Hinter der Fassade des Warensubjekts lauert das Nichts, die Vernichtung als letztes und grundlegend inhaltliches Programm. Flach und eindimensional sei das Warensubjekt, res&#252;miert Peter Klein seine Diagnose. Eindimensional ist aber wohl eher die ausschlie&#223;lich auf die intersubjektive Verkehrsform ausgerichtete Kleinsche Analyse als ihr Gegenstand, das moderne Individuum.</p>
<h2>Fu&#223;noten:</h2>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc"> 1</a> krisis 29, S. 75. S&#228;mtliche Zitate von Peter Klein stammen aus dem in der letzten krisis erschienenen Artikel.<br />
<a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc"> 2</a> In der Verzauberung der Welt habe ich diesen Zusammenhang in den Abschnitten 11-17, also S. 32-50, skizziert und als Prozess der „reellen Subsumtion unter die Subjektform“ beschrieben.<br />
<a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc"> 3</a>Der Dreiklang „m&#228;nnlich-wei&#223;-westlich“ geht urspr&#252;nglich auf Claudia von Werlhof zur&#252;ck.<br />
<a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc"> 4</a> S. 75.<br />
<a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc"> 5</a> S. 71 und S. 90.<br />
<a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc"> 6</a> S. 90.<br />
<a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc"> 7</a> S. 72.<br />
<a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc"> 8</a> Diese &#220;berlegung verdanke ich Robert B&#246;sch.<br />
<a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc"> 9</a> S. 90.<br />
<a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc">10</a> S. 88.<br />
<a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc">11</a> Auf dieses Problem hat schon Karl-Heinz Lewed am Schluss seines Aufsatzes „Schopenhauer on the rocks“ hingewiesen, krisis 29, S. 139f.<br />
<a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc">12</a> Vgl. ausf&#252;hrlicher: „Die Verzauberung der Welt“, krisis 29, insbesondere S. 37f.<br />
<a name="sdfootnote13sym" href="#sdfootnote13anc">13</a> S. 66.<br />
<a name="sdfootnote14sym" href="#sdfootnote14anc">14</a> S. 77.<br />
<a name="sdfootnote15sym" href="#sdfootnote15anc">15</a> S. 65.<br />
<a name="sdfootnote16sym" href="#sdfootnote16anc">16</a> gl. zum Unterschied von reeller und formeller Subsumtion unter die Subjektform: „Die Verzauberung der Welt“, krisis 29, S. 32.<br />
<a name="sdfootnote17sym" href="#sdfootnote17anc">17</a> Im Grunde ist diese Geschichtslosigkeit schon im Begriff der Identit&#228;t (= vollkommene Gleichheit) enthalten.<br />
<a name="sdfootnote18sym" href="#sdfootnote18anc">18</a> Das gilt sowohl f&#252;r die biographische wie f&#252;r die historische Ebene, f&#252;r die individuelle Vergangenheit wie f&#252;r die Entstehungsgeschichte der Subjektform &#252;berhaupt.<br />
<a name="sdfootnote19sym" href="#sdfootnote19anc">19</a> S. 84.<br />
<a name="sdfootnote20sym" href="#sdfootnote20anc">20</a> Vgl. S. 92.<br />
<a name="sdfootnote21sym" href="#sdfootnote21anc">21</a> Vgl. „Gewaltordnung und Vernichtungslogik“, krisis 27.</p>
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