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	<title>krisis &#187; Krisis 30 (2006)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 30 erschienen!</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>

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		<description><![CDATA[Noch vor wenigen Jahren galt es als ausgemacht: »Das Subjekt ist tot«. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus schien die Idee einer Befreiung von kapitalistischer Herrschaft nicht nur praktisch blamiert; in der postmodernen Dekonstruktion des Emanzipationssubjekts wurde sie auch theoretisch entsorgt. Mittlerweile hat sich das Szenario verändert. Mit dem Protest gegen die marktradikale Zurichtung der Gesellschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Noch vor wenigen Jahren galt es als ausgemacht: »Das Subjekt ist tot«. Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus schien die Idee einer Befreiung von kapitalistischer Herrschaft nicht nur praktisch blamiert; in der postmodernen Dekonstruktion des Emanzipationssubjekts wurde sie auch theoretisch entsorgt. Mittlerweile hat sich das Szenario verändert. Mit dem Protest gegen die marktradikale Zurichtung der Gesellschaft kommt auch die traditionelle Kapitalismuskritik wieder zu Ehren. Sogar das längst tot geglaubte Klassensubjekt erlebt ein unerwartete Renaissance.</p>
<p>Gegen dieses Wiedergängertum wenden sich die Beiträge in krisis 30. Statt auf eine Entsorgung der Subjektkritik, zielen sie darauf, diese ernst zu nehmen und kapitalismuskritisch zu reformulieren. Sie werfen damit die Frage auf, wie sich Emanzipation als Emanzipation vom Subjekt neu bestimmen lässt.</p>
<p><strong>Inhalt <em>krisis</em> 30</strong></p>
<ul>
<li><a href="http://www.krisis.org/2006/krisis-30-editorial">Editorial</a></li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2006/kaempfe-ohne-klassen">Norbert Trenkle: Kampf ohne Klassen.</a> Warum das Proletariat im kapitalistischen Krisenprozess nicht wiederaufersteht</li>
<li>Ernst Lohoff: Ohne festen Punkt. Befreiung jenseits des Subjekts</li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2006/piqueteros-oder-wenn-arbeitslosigkeit-adelt">Marco Fernandes: Piqueteros oder Wenn Arbeitslosigkeit adelt.</a> Über die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberlaen Metropolen zu organisieren</li>
<li>Karl-Heinz Lewed: Eine „Theorie zur Verletzbarkeit von Herrschaft“? Bemerkungen zu John Holloway</li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2006/kategorie-ohne-eigenschaften">Ernst Lohoff: Kategorie ohne Eigenschaften.</a> Anmerkungen zu Peter Kleins „Schizophrenie des bürgerlichen Individuums“</li>
</ul>
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		<title>Krisis 30 &#8211; Editorial</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Frühjahr 2006 kletterten die Börsenindizes auf seit dem Crash der &#8220;New Economy&#8221; nicht mehr erreichte Stände. Kaum ein transnationales Unternehmen, das im letzten Jahr keine rekordverdächtigen Gewinne ausgewiesen hätte. Sogar die deutsche Wirtschaft blickt so optimistisch in die Zukunft wie schon lange nicht mehr. Kehren die 1980er Jahre mit ihren überschäumenden Erwartungen auf einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/90d5be0c801b4bb08f035bb64e4d1bb4" width="1" height="1" alt=""><br />
</span><br />
Im Frühjahr 2006 kletterten die Börsenindizes auf seit dem Crash der &#8220;New Economy&#8221; nicht mehr erreichte Stände. Kaum ein transnationales Unternehmen, das im letzten Jahr keine rekordverdächtigen Gewinne ausgewiesen hätte. Sogar die deutsche Wirtschaft blickt so optimistisch in die Zukunft wie schon lange nicht mehr. Kehren die 1980er Jahre mit ihren überschäumenden Erwartungen auf einen neuen kapitalistischen Frühling wieder? Aus der Perspektive der Anlageberatung mag diese Frage berechtigt erscheinen, was die gesamtgesellschaftliche Großwetterlage angeht, mutet sie dagegen absurd an. Von einer Wiederkehr jener Don&#8217;t-worry-be-happy-Stimmung, die in den &#8220;Roaring Eighties&#8221; den Boom begleitete, kann beim besten Willen nicht die Rede sein. Nicht nur in Deutschland, auch in den anderen Metropolenländern predigt der Zeitgeist stattdessen &#8220;Blut, Schweiß und Tränen&#8221;.</p>
<p><span id="more-540"></span>Die Verwerfungen, die mit der Durchsetzung des totalen Marktes im planetaren Maßstab einhergehen, werden heute anders verarbeitet als vor zwanzig oder fünfzehn Jahren. Eine Veränderung ist offensichtlich: Die nonchalante Behauptung, es gäbe überhaupt keine einschneidenden gesellschaftlichen Probleme, sondern höchstens vorübergehende und vernachlässigbare Kollateralschäden, deren Behebung getrost der unsichtbaren Hand des Marktes überlassen werden könne, ist aus der Mode gekommen. Statt der schieren Krisenleugnung prägt heute der erbitterte Streit darüber, wer die Verantwortung für die Misere trägt, das gesellschaftliche Klima. Dieser Umschwung hat indes weder der Einsicht zum Durchbruch verholfen, dass die warengesellschaftlichen Basisformen obsolet geworden sind, noch ist die öffentliche Debatte auch nur um einen Deut unideologischer geworden. Lediglich die Methoden der Legitimationsproduktion haben sich den neuen Umständen angepasst. Unter der Hegemonie des Neoliberalismus beherrschte die Sachzwangideologie das Feld, mittlerweile ist sie von der gnadenlosen Personalisierung der diversen Krisensymptome in den Hintergrund gedrängt worden. Ob die Ursachen der Arbeitslosigkeit nun bei den &#8220;Nieten in Nadelstreifen&#8221; gesucht werden, beim &#8220;Anspruchsdenken der Arbeitslosen&#8221;, der &#8220;Selbstsucht der Politiker&#8221;, einer &#8220;schwerfälligen und investitionsfeindlichen Bürokratie&#8221; oder &#8220;bornierten Gewerkschaftern&#8221;; all diese konkurrierenden &#8220;Erklärungen&#8221; eskamotieren die strukturelle Krise der Arbeit nach dem gleichen Grundmuster: Die Missstände werden letztinstanzlich auf den Missbrauch der glorreichen warenförmigen Ordnung durch einen abgrenzbaren Kreis von Akteuren zurückgeführt. Die gesellschaftlichen Widersprüche werden &#8220;vereigenschaftet&#8221; und verschwinden hinter den miesen Machenschaften bestimmter sozialer Gruppen. Der Streit dreht sich lediglich darum, welche davon sich am meisten am Gemeinwohl versündigt hat. So sehr aber bei diesem Spiel der symbolische &#8220;Schwarze Peter&#8221; die Runde macht, das praktische Endergebnis steht von vornherein fest. Zur Rettung der Standortgemeinschaft müssen sich die unglücklichen Arbeitskraftbesitzer und Sozialstaatsklienten einschränken.</p>
<p>Diese Personalisierung innerhalb des nationalen Rahmen wird ergänzt und überlagert durch eine wiedererstarkte antisemitische Grundstimmung, wie sie etwa Franz Müntefering mit seiner Polemik gegen die &#8220;Heuschrecken des Finanzkapitals&#8221; im letzten Bundestagswahlkampf sattsam bedient hat. Hinzu kommt aber noch ein Weiteres. Je weniger die großen nationalökonomisch formierten Kollektive noch funktionieren, desto wichtiger wird die projektive Bestimmung externer Feinde, durch welche sich die Wertschöpfungsgemeinschaft flugs in eine Wertegemeinschaft verwandeln lässt. Das Irrationale und Destruktive der warengesellschaftlichen Weltordnung wird ideologisch eingebannt und praktisch entfesselt, indem es angeblich außerhalb der eigenen &#8220;Kultur&#8221; stehenden Kollektivsubjekten zugeordnet und als deren spezielle Charaktereigenschaft behandelt wird. Freilich haben kulturalistische Zuschreibungen und Feindbilder für die Identitätsproduktion und die Organisation von Zugehörigkeit und Ausschluss auch schon in früheren Phasen warengesellschaftlicher Entwicklung eine Schlüsselrolle gespielt. Die Ethnisierungsprozesse gewinnen jedoch derzeit eine Virulenz, die alles in den Schatten stellt, was zumindest Europa in den letzten 60 Jahren gekannt hatte. Der von Huntington beschworene &#8220;Clash of Cultures&#8221; wird zur self-fulfilling prophecy. Reichweite dieser Entwicklung und die genaue Frontstellungen sind noch gar nicht abzuschätzen. So viel deutet sich allerdings bereits an: Der alte autonome Klospruch &#8220;Nur Stämme werden überleben&#8221;, ist drauf und dran zu einem zentralen Motto der gesamten Weltgesellschaft aufzusteigen.</p>
<p>Bereits in den Reaktionen auf den Irakfeldzug der USA schien auf, wie sehr der Weltbürgerstandpunkt, zu dem die Mehrheitsgesellschaft nach dem Ende der Blockkonfrontation scheinbar endgültig gefunden hatte, im Bröckeln begriffen ist. Nicht nur hierzulande verschwamm die Kritik an dem aberwitzigen Militärunternehmen sofort mit einer Apologie des &#8220;alten Europas&#8221;. &#8220;Realpolitisch&#8221; ging es nur um eine taktische Differenz zwischen den gesamtimperialen Mächten über die opportune Vorgehensweise im Nahen Osten. Diese wurde aber sofort mit einem mittlerweile allzeit abrufbaren kulturalistischen Deutungsraster unterlegt: der fiktiven Aufspaltung des Weltkapitalismus in eine gute &#8220;cisatlantische&#8221; und eine gemeingefährliche &#8220;transatlantische&#8221; Seite. Der Protest gegen die fatale Rolle der imperialen Vormacht bekam so eine gefährliche Schlagseite, indem er ein europäisches Gegenwesen zum &#8220;amerikanischen Unwesen&#8221; konstruierte.</p>
<p>Besonders deutlich macht allerdings der Umgang mit der &#8220;islamischen Herausforderung&#8221;, wie gründlich durchweicht die Dämme inzwischen sind, die der großen Ethnisierungswelle bisher noch entgegenstehen. Die Konfrontation mit einer Ideologie, die statt dem Kapitalismus dem &#8220;Abendland&#8221; den Krieg erklärt, nutzt &#8220;der Westen&#8221; dazu, um seinerseits die warengesellschaftliche Krise zu einem externen Problem zu erklären. Nach dem Motto &#8220;Feindschaft verbindet&#8221; erblüht hierzulande als Pendant zu den antiokzidentalistischen Strömungen in den islamischen Ländern ein neuer Antiorientalismus. In Frontstellung zur Imagination einer einheitlichen islamischen Kultur macht die Ideologie einer wehrhaften westlichen Wertegemeinschaft Karriere und schweißt identitätspolitisch zusammen, was ansonsten auseinanderstrebt. Ureigenste &#8220;Errungenschaften&#8221; der westlichen Gesellschaft wie die zunehmende Gewalt an den Schulen werden so im Handumdrehen islamisiert.</p>
<p>Nicht, dass die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung und Meinungsmacher mit überschäumender Begeisterung in den heraufbeschworenen &#8220;Kampf der Kulturen&#8221; ziehen würde; die Aussicht auf ein bisschen Weltbürgerkrieg weckt mehr Angst als Verzückung. In der Bemühung um Deeskalation erschallt momentan viel eher noch der Ruf nach einem &#8220;Dialog der Kulturen&#8221;. Aber gerade diese Wendung sagt eigentlich schon, wohin die Reise geht. Sie argumentiert nämlich bereits innerhalb des Huntingtonschen Bezugssystems, demzufolge die Weltgesellschaft in feste und klar abgegrenzte, kulturelle Entitäten zerfällt. Aus lebendigen Individuen mit unterschiedlicher Vorgeschichte und unterschiedlichen sozialen Hintergründen sind auf diese Weise Repräsentanten homogen gedachter kollektiver Identitätsblöcke geworden.</p>
<p>Der Kontrast zur Situation während des neoliberalen Honeymoons könnte kaum schärfer ausfallen. Der damals dominante Traum von der Verwandlung der Welt in eine planetare Spielwiese von Konkurrenzmonaden kannte nur Individuen, keine Gesellschaft und erst recht keine geschlossenen kulturellen Metasubjekte. Der vom Postmodernismus in den 1980er und 1990er Jahren propagierte Gedanke der Dekonstruktion fester Kollektividentitäten und des freien Spiels der kulturellen Bedeutungen fügte sich in diese allgemeine Grundstimmung ein. Im Zuge des verschärften Krisenprozesses kehrt sich diese Entwicklung jedoch um und es kommt zu einer Wiederkehr miteinander in Feindschaft liegender &#8220;imaginierter Gemeinschaften&#8221; (Benedict Anderson). Den Aufstieg der Warengesellschaft begleitete die &#8220;Erfindung der Nation&#8221;, der &#8220;Völker&#8221; und anderer &#8220;organischer&#8221; Kollektivsubjekte; mit ihrem Absturz feiern solche imaginären &#8220;Wir-Identitäten&#8221; in neuer Gestalt fröhliche Urständ. Dass es sich dabei um Konstrukte handelt, tut weder ihrem Erfolg noch ihrer verheerenden Wirkung Abbruch.</p>
<p>Die Geschichte der Warengesellschaft ist voller ideologischer Wechselfälle. Indes fallen die angesprochenen Entwicklungen keineswegs in die Rubrik kurzfristige Konjunkturen, sondern haben besonderen historischen Tiefgang. Mit der Krise der Warengesellschaft werden deren im Verlauf ihrer Aufstiegsgeschichte sichtbar und wirksam gewordene destruktive Potenzen sukzessive auf neue Weise virulent &#8211; auch solche, von denen man in den 1980er Jahren annahm, sie hätten sich erledigt. Während die natur- und reichtumszerstörende Kraft der Verwertungsrationalität eine bis dato unbekannte Wucht entfaltet, gewinnt gleichzeitig ihre vergessen geglaubte Rückseite eine neue Bedeutung für den weiteren Gang der Entwicklung. Mit der Wendung von der Krisenleugnung zur ideologischen Krisenerklärung und hin zu imaginären Gemeinschaften wie der Umma und der christlich-abendländischen Wertegemeinschaft deutet sich der Übergang in ein Zeitalter an, in dem der &#8220;Terror der Ökonomie&#8221; und der Irrationalismus eine bedrohliche Verbindung eingehen. Die Renaissance des Kulturalismus, die Auferstehung des Antisemitismus und die Wiederkehr apokalyptischen Denkens, das bei der Erstinstallation der modernen Subjektivität in der frühen Neuzeit eine Schlüsselrolle spielte, sind Symptome dafür.</p>
<p>***</p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, dass auch diese Ausgabe der <em>krisis</em> wieder um die Subjektkritik zentriert ist. Sie setzt damit den Schwerpunkt der vorangegangenen Nummer fort, stellt diesmal allerdings primär die Frage des Handelns und der gesellschaftlichen Handlungsform in den Mittelpunkt.</p>
<p>In <em>Kampf ohne Klassen</em> setzt Norbert Trenkle sich mit dem wiederbelebten Klassendiskurs auseinander. Die Kritik der Klassenkampfideologie spielte schon früher in der Positionsbestimmung der <em>krisis </em> eine zentrale Rolle. Während aber älteren Texte vor allem den gemeinsamen Inhalt von Arbeit und Kapital im Durchsetzungsprozess der Warengesellschaft hervorhoben, setzt sich der Autor vor allem mit der Frage auseinander, welche Berechtigung die Kategorie des Klassensubjekts heute noch hat. Er zeigt, dass sie nicht dafür geeignet ist, die zunehmende soziale Polarisierung und die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse adäquat zu analysieren; vielmehr setze sich im kapitalistischen Krisenprozess eine allgemeine Tendenz der Deklassierung durch.</p>
<p>Ernst Lohoffs Beitrag <em>Ohne festen Punkt</em> schließt direkt an seinen in <em>krisis</em> 29 vorgelegten Aufsatz &#8220;Die Verzauberung der Welt&#8221;an. Während dort jedoch das Handeln in der Subjektform als die spezifische warengesellschaftliche Praxisform dechiffrierte wurde, setzt sich der neue Text mit den emanzipationstheoretischen Implikationen einer wertkritischen Subjektformkritik auseinander. In der Kritik an den überkommenen subjektemphatischen Befreiungskonzepten, versucht er einen Zugang zur Frage emanzipativer Praxis zu schaffen. Emanzipation, so die grundlegende These, hätte die Befreiung von der Subjektform zum Inhalt.</p>
<p>Aus einer etwas anderen Perspektive beschäftigt sich Marco Fernandes mit der Frage nach den Konstitutionsbedingungen und Ansatzpunkten sozialer Emanzipationsbewegungen. In seinem Beitrag <em>Piqueteros oder Wenn Arbeitslosigkeit adelt</em> untersucht er auf der Grundlage empirischer Erfahrungen, mit welchen Schwierigkeiten die argentinischen Arbeitslosenbewegungen zu kämpfen hatten und wie es ihnen trotzdem gelungen ist, zu einer eigenständigen gesellschaftlichen Kraft zu werden.</p>
<p>Karl Heinz Lewed präsentiert mit seinem Aufsatz <em>Eine Theorie zur Verletzbarkeit von Herrschaft? </em>eine ausführliche Kritik an John Holloways Buch &#8220;Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen&#8221;. Lewed hebt die Bedeutung dieses Buches hervor, weil es die Kritik des Warenfetischismus in den Mittelpunkt stellt, verweist aber zugleich auch auf deren Beschränkungen. Holloway wird, so Lewed, dem eigenen Anspruch einer Überwindung des traditionellen Marxismus nicht gerecht, sondern reproduziert dessen Denkfiguren in vieler Hinsicht. Das gilt nicht zuletzt für Holloways Schlüsselbegriff des &#8220;Tuns&#8221;, der alle Züge der warengesellschaftlichen Basiskategorie der Arbeit trägt.</p>
<p>Den Schluss dieser Ausgabe bildet Ernst Lohoffs <em>Kategorie ohne Eigenschaften</em>. Dieser Debattenbeitrag setzt sich mit dem in der letzten <em>krisis </em>erschienenen Artikel von Peter Klein &#8220;Die Schizophrenie des modernen Individuums&#8221; auseinander. Lohoff kritisiert vor allem, dass Klein die Kategorie des freien Willens als bloße inhaltleere Form behandle und verweist auf die Implikationen dieser Sichtweise. Ihr entgingen die geschlechtshierarchischen, rassistischen und gewaltförmigen Momente in der Konstitution des modernen Subjekts, welche dann auch für die Einschätzung der Krisendynamik keine Rolle spielten.</p>
<p>***</p>
<p>Zwanzig Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen, seit im März 1986 &#8211; damals noch unter dem Titel &#8220;Marxistische Kritik&#8221; &#8211; die erste Ausgabe dieser Zeitschrift erschien. Es würde den Rahmen dieses Editorials bei weitem sprengen, die in dieser Zeit vollzogenen theoretischen Entwicklungen nachzuzeichnen und zu reflektieren. Daher möchten wir uns an dieser Stelle einfach bedanken bei unseren Leserinnen und Lesern und allen, die uns über die Jahre hinweg begleitet und unterstützt haben. Wir sehen darin vor allem einen Ansporn, den wertkritischen Ansatz weiterzuentwickeln und im Hinblick auf die laufenden gesellschaftlichen Prozesse zu konkretisieren. Mehr denn je wird die Wertkritik zukünftig ihre Stärke darin beweisen müssen, den fortschreitenden Krisenprozess in seinen objektiven und subjektiven Momenten adäquat zu analysieren und ausgehend davon Möglichkeiten widerständigen Handelns aufzuzeigen, das sich mit einer Perspektive der Aufhebung der Warengesellschaft verbinden lässt. Dafür werden wohl noch viele Ausgaben der <em>krisis</em> notwendig sein. Auf eure und Ihre Unterstützung &#8211; zum Beispiel in Form einer Mitgliedschaft im Förderverein k<em>risis</em> &#8211; sind wir dabei auch weiterhin unbedingt angewiesen.</p>
<p>Übrigens blickt auch unsere Schwesterzeitschrift aus Wien bereits auf ein 10jähriges Bestehen zurück. Wir gratulieren den <em>Streifzügen </em>und möchten sie bei diesem Anlass noch einmal als Ergänzung zur <em>krisis</em> besonders anempfehlen. Inhaltsverzeichnis der Jubiläumsausgabe und Bestelladresse finden sich im hinteren Teil dieser Ausgabe.</p>
<p><em>Ernst Lohoff und Norbert Trenkle für die Redaktion</em></p>
<p><em>Mai 2006</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Kämpfe ohne Klassen</title>
		<link>http://www.krisis.org/2006/kaempfe-ohne-klassen</link>
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		<pubDate>Sat, 30 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Warum das Proletariat im kapitalistischen Krisenprozess nicht wieder aufersteht - stark gekürzte Fassung des Artikels aus krisis 30]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><<img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/60f2cde5bd4643339d64c3fa253a1c0f" width="1" height="1" alt=""><br />
</span></p>
<h3>Warum das Proletariat im kapitalistischen Krisenprozess nicht wieder aufersteht.</h3>
<p>Aus: Jungle World 26 vom 28. Juni 2006</p>
<p><em>Von Norbert Trenkle</em></p>
<p>Während auch in den ehemaligen Gewinnerländern des Weltmarkts die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse fortschreitet und immer größere Teile der Bevölkerung erfasst, hat die Rede von einer Rückkehr der Klassengesellschaft und des Klassenkampfes Konjunktur. Angesichts der rapide verschärften sozialen Polarisierung mag sie zunächst plausibel erscheinen. Doch wie so oft trägt der Rückgriff auf die Deutungs- und Erklärungsmuster der Vergangenheit nicht etwa zur Klärung, sondern nur zur Verwirrung bei. Entgegen dem ersten Augenschein lässt sich weder die extrem wachsende soziale Ungleichheit adäquat in den Kategorien des Klassengegensatzes fassen, noch entsprechen die daraus resultierenden Interessengegensätze und -kon­flikte dem, was als Klassenkampf geschichtsmächtig wurde.</p>
<p><span id="more-533"></span>Der große soziale Konflikt, der als Klassenkampf die gesamte Durchsetzungsgeschichte der kapitalistischen Gesellschaft in entscheidendem Maße prägte, war bekanntlich der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit. Von der objektivierten Seite der warenförmigen Strukturlogik her betrachtet, handelt es sich dabei um den Interessengegensatz zweier kapitalistischer Funktionskategorien: den Repräsentanten des Kapitals, die den Produktionsprozess zum Zweck der Kapitalverwertung kommandieren und organisieren, und den Lohnarbeitern, die durch ihre Arbeit den dafür notwendigen Mehrwert »schaffen«.</p>
<p>Für sich genommen ist das ein rein immanenter Konflikt innerhalb des vorausgesetzten gemeinsamen Bezugssystems der modernen Warenproduktion, der sich um die Art und Weise der Wertproduktion (Arbeitsbedingungen, Arbeitszeiten etc.) und um die Verteilung der Wertmasse (Lohn, Profit, Sozialleistungen etc.) dreht. Als solcher ist er unaufhebbar, solange es die kapitalistische Produktionsweise gibt, die auf der Selbstzweckbewegung der Verwertung des Werts basiert. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass er sich stets auch als Klassengegensatz ausdrücken müsste.</p>
<p>Zum Klassengegensatz entwickelte sich der objektivierte Gegensatz von Kapital und Arbeit nur, weil sich auf seiner Grundlage unter ganz bestimmten historischen Bedingungen ein gesellschaftliches Großsubjekt konstituierte. Die Lohnarbeiterschaft entwickelte im Zuge des Kampfes für ihre Interessen und um die gesellschaftliche Anerkennung eine kollektive Identität und ein Bewusstsein als Arbeiterklasse. Erst diese Subjektkonstitution versetzte die Verkäufer der Ware Arbeitskraft in die Lage, ihrem Kampf die notwendige Kontinuität und Stärke zu verleihen, auch über Rückschläge und Niederlagen hinweg.</p>
<p>Wenn nun der Klassenkampf in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zunehmend seine gesellschaftsprägende Dynamik und Kraft verlor, dann natürlich nicht darum, weil die kapitalistische Gesellschaft plötzlich ohne Mehrwertproduktion ausgekommen wäre. Der objektivierte Gegensatz der Funktionskategorien Kapital und Arbeit blieb und bleibt erhalten, auch wenn sich im Laufe der kapitalistischen Entwicklung seine konkrete Ausprägung veränderte.</p>
<p>Jedoch verlor die Arbeiterklasse in dem Maße ihren Charakter als Kollektivsubjekt, wie die Lohnarbeiter als gleichberechtigte Staatsbürger und Warensubjekte in das Universum der bürgerlichen Gesellschaft aufgenommen wurden und sich die Existenzweise des Arbeitskraftverkäufers verallgemeinerte. Damit ging zugleich auch der revolutionäre Nimbus der Arbeiterklasse verloren, der einen nicht unerheblichen Teil des identitären Kitts ausgemacht hatte. Denn auch wenn die Vorstellung, der Klassenkampf habe antagonistischen Charakter und weise deshalb über die kapitalistische Gesellschaft hinaus, im Nachhinein als Illusion dechiffriert werden kann, spielte sie doch bei der Klassenkonstitution eine durchaus wichtige Rolle, denn sie verschaffte der Arbeiterbewegung das Bewusstsein, im Horizont einer weitreichenden historischen Mission zu agieren.</p>
<p>Letztlich entpuppte sich der Gegensatz von Kapital und Arbeit jedoch auch subjektiv als immanenter Interessenkonflikt. Trotz gelegentlicher rhetorischer Reprisen von Denkfiguren aus vergangenen Zeiten werden Arbeitskämpfe heute nicht unter der Prämisse geführt, dass die Interessen der Arbeitskraftverkäufer mit denen des Kapitals unvereinbar wären. Im Gegenteil: Betont wird immer ihre Kompatibilität, sei es im Namen der Produktivität, des Standorts oder der kaufkräftigen Binnennachfrage. Kritisiert werden hingegen allenfalls »übertrieben hohe Gewinne«, »unnötige Betriebsverlagerungen« oder, ideologisch aufgeladen, die »Heuschrecken des Finanzkapitals«.</p>
<p>Die zu Warensubjekten formatierten Menschen halten es längst für selbstverständlich, dass Gewinn gemacht, Kapital verwertet, Produktivität gesteigert und Wachstum forciert werden muss. Sie wissen, dass ihr (wie auch immer prekäres) Wohlergehen in dieser Gesellschaft &#8211; und eine andere können sie sich kaum noch vorstellen &#8211; genau davon abhängt.</p>
<p>Diese Entwicklung auf der subjektiven Ebene lässt sich nicht nur allgemein auf die verallgemeinerte Durchsetzung der Warengesellschaft zurückführen, die der kapitalistischen Funktionslogik den Anschein eines unaufhebbaren Naturgesetzes verliehen hat. Es liegen ihr auch ganz spezifische Veränderungen im Verhältnis von Kapital und Arbeit zu Grunde, die bereits in der Ära des Fordismus eingeleitet wurden und sich nach dessen Ende in beschleunigtem Maße vollzogen haben. Sie führten zwar keinesfalls zur Aufhebung dieses Funktionsgegensatzes, aber doch dazu, dass er keine Grundlage für die Konstitution einer erneuerten Klassensubjektivität mehr abgeben kann. Daher findet heute trotz oder auch wegen der extremen Verschärfung der sozialen Ungleichheit keine Reklassifizierung der Gesellschaft statt; vielmehr haben wir es mit einem allgemeinen Prozess der »Deklassierung« zu tun, der sich in mindestens vier Tendenzen ausdrückt:</p>
<h3>Die Ausgespuckten</h3>
<p>Erstens ist schon seit der Endphase des Fordismus die unmittelbare Arbeit am Produkt zugunsten überwachender und kontrollierender sowie der Produktion vor- und nachgelagerter Funktionen zurückgedrängt worden. Das bedeutete nicht nur ein Abschmelzen der eigentlichen Arbeiterklasse im Sinne der wertproduktiven Industriearbeiterschaft und das massenhafte Aufkommen verschiedener Lohnarbeiterkategorien (in der Zirkulation, im Staatsapparat, den verschiedenen »Dienstleistungssektoren« etc.), deren Klassenzuordnung sinnvoll nicht möglich ist.</p>
<p>Damit einher ging auch, dass ein erheblicher Teil der Kommandofunktion des Kapitals in die verschiedenen Arbeitstätigkeiten integriert und auf diese Weise der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital unmittelbar in die Individuen hineinverlagert wurde (was beschönigend als »Eigenverantwortung«, »Arbeitsanreicherung«, »flache Hierarchien« etc. figuriert). Diese Tendenz hat sich unter dem Druck der Krisenkonkurrenz und im Zuge einer allgemeinen Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse noch verschärft.</p>
<p>Am augenscheinlichsten ist das bei den vielen kleinen »Selbstständigen« und »Arbeitskraftunternehmern«, deren Wohl und Wehe vollständig davon abhängt, ausgelagerte Tätigkeiten bestimmter Betriebe in Eigenregie und auf eigenes Risiko zu erle­digen. Aber auch innerhalb der Unternehmen selbst nimmt die Tendenz weiterhin zu, die Beschäftigten zu »Managern« ihrer selbst und ihrer Arbeitsbereiche zu machen (etwa durch die Einrichtung so genannter »Profitcenter«). Und schließlich propagiert eine zynische Ideologie der Arbeitslosenverwaltung umso penetranter das Lob des »Selbstmanagements« und der »Eigenverantwortung«, je deutlicher wird, dass der Arbeitsmarkt bei weitem nicht alle Ausgespuckten wieder aufnehmen kann.</p>
<p>Zweitens kommt hinzu, dass der Wechsel zwischen den verschiedenen Tätigkeiten seit dem Ende des Fordismus immer mehr zur Norm geworden ist, was erheblich dazu beitrug, die Identifikation der Individuen mit einer bestimmten Funktion aufzulösen. Damit hat auch das Verhältnis zwischen den Individuen und ihrer Stellung im Produktionsprozess jede biografische und lebensweltliche Verankerung verloren und sich empirisch dem angenähert, was es seinem Begriff nach immer schon war: ein äußerliches.</p>
<p>Im Krisenprozess fordert nun der kategorische Imperativ des Flexibelseins immer unerbittlicher Gehorsam ein. Bekanntlich gibt es heute ja keine schlimmere Sünde wider das kapitalistische Gesetz als an einer bestimmten Arbeitsfunktion oder -tätigkeit zu kleben. Das verkünden nicht nur die Priester des Marktes, es resultiert aus den objektivierten Zwängen der globalen Dumpingkonkurrenz. Wer überleben will, muss zum ständigen Wechsel zwischen den Lohnarbeits- und Selbstständigkeitskategorien bereit sein und sich mit keiner von ihnen identifizieren &#8211; obzwar auch dies selbstverständlich nichts garantiert.</p>
<p>Drittens verlaufen die neuen Hierarchien und Spaltungen quer zu den kapitalistischen Funktionskategorien, statt sich mit ihnen zu decken. Insbesondere werden sie nicht vom Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital bestimmt, denn innerhalb der Kategorie Lohnarbeit ist das soziale Gefälle so gewaltig wie in der Gesellschaft als Ganzer. Das betrifft zunächst die Betriebe selbst, in denen (schrumpfende) Kernbelegschaften mit vorläufig festem oder sogar tarifvertraglich abgesichertem Job neben einer wachsenden Zahl von Teilzeit- und Leiharbeitskräften zu ganz unterschiedlichen Konditionen dieselbe Arbeit verrichten.</p>
<p>Noch größer jedoch sind die Unterschiede zwischen Branchen, Produktionsabschnitten und regionalen Standorten, und schließlich existieren enorme Diskrepanzen im Hinblick auf Einkommen, Arbeitsbedingungen und Status, je nach Positionierung in der Hierarchie der globalen Verwertungsketten.</p>
<p>Viertens schließlich bedeutet Deklassierung, dass immer mehr Menschen in aller Welt ganz durchs Raster der Funktionskategorien hindurchfallen, weil für sie im System der Warenproduktion kein Platz mehr existiert, das immer weniger Arbeitskräfte produktiv vernutzen kann. Sie müssen erfahren, dass sie nicht nur jederzeit ersetzbar sind, sondern in wachsendem Maße auch im kapitalistischen Sinne überflüssig werden.</p>
<p>»Privilegiert« ist, wem es gelingt, sich noch an irgendeine Funktion zu klammern oder zwischen verschiedenen Funktionen zu wechseln, ohne dabei abzustürzen. Da aber diese selbst prekär oder ganz obsolet werden, gerät solch ein Drahtseilakt zunehmend schwieriger. Weil die objektivierten Funktionsstrukturen zerfallen, fallen auch immer mehr Menschen durch ihr Raster. Wie viele es jeweils sind, differiert je nach der Stellung eines Landes oder einer Region in der globalen Konkurrenz, doch die Drohung des Absturzes ins soziale Nichts schwebt über allen.</p>
<p>Die Tendenz ist klar und eindeutig. Weltweit ist ein wachsendes Segment neuer Unterschichten entstanden, die nichts mit dem alten Proletariat gemeinsam haben und die weder objektiv (durch ihre Funktion oder Stellung im Produktionsprozess) noch subjektiv (ihrem Bewusstsein nach) ein neues soziales Großsubjekt bilden (etwa ein »Prekariat«). Ihr Bezug auf den kapitalistischen Verwertungsprozess ist zunächst ein rein negativer. Sie werden nicht mehr benötigt. Das zwingt aber dazu, die Frage nach der möglichen Konstitution neuer sozialer Emanzipationsbewegungen gänzlich neu zu formulieren.</p>
<h3>Rettungsversuche am toten Subjekt</h3>
<p>Der wieder auferstandene linke Klassenkampfdiskurs trägt zur Klärung dieser Frage kaum etwas bei. Zwar hat er in mancher Hinsicht auf die gesellschaftlichen Umbrüche und Transformationen reagiert und einige argumentative Veränderungen durchlaufen, doch ist es ihm letztlich nicht gelungen, sich von den metaphysischen Grundmustern des traditionellen Klassenkampfmarxismus´ zu lösen. Diese werden beständig reproduziert, auch wenn die angerufenen (oder vielmehr herbeigewünschten) Subjekte sich verändert haben mögen.</p>
<p>In krisis 29 habe ich versucht, dies vor allem in der Auseinandersetzung mit Hardt/ Negri und ­John ­Holloway nachzuweisen. Hier soll nun der Blick zunächst auf Ansätze gerichtet werden, deren metaphysische Schlagseite nicht ganz so offensichtlich ist, weil sie eher soziologisch argumentieren und sich vor allem auf die Analyse der objektiven Seite der gesellschaftlichen Entwicklung konzentrieren.</p>
<p>Es wird sich dabei zeigen, dass es gerade die empirischen Ergebnisse ihrer Untersuchungen sind, die das angewandte Klassenparadigma dementieren. Beim Versuch, die »Klassenanalyse« durch allerlei Anbauten noch zu retten, verwickeln sie sich in Widersprüche und Aporien, die deutlich da-rauf verweisen, dass dieses Rettungsunternehmen zum Scheitern verurteilt ist und nur ein Abbruch des traditionell-marxistischen Gedankengebäudes den Blick auf eine erneuerte emanzipatorische Handlungsperspektive eröffnen kann.</p>
<p>Hören wir zunächst den an Gramsci orientierten Klassentheoretiker Frank Deppe: »Die Arbeiterklasse«, so schreibt er in der Zeitschrift Fantômas, »ist keineswegs verschwunden, der Kapitalismus basiert nach wie vor auf der Ausbeutung der Lohnarbeit und den natürlichen, sozialen und politischen Bedingungen der Produktion und Aneignung von Mehrwert. Die Zahl der abhängig Arbeitenden hat sich zwischen 1970 und 2000 fast verdoppelt und umfasst ungefähr die Hälfte der gesamten Weltbevölkerung. Das ist in erster Linie auf die Entwicklung in China und anderen Teilen Asiens zurückzuführen, wo infolge der Industrialisierung große Teile der Landbevölkerung &gt;freigesetzt&lt; wurden. In den entwickelten kapitalistischen Ländern beträgt der Anteil der Lohnarbeit inzwischen 90 Prozent und mehr.«</p>
<p>Was zunächst an dieser Argumentation auffällt, ist, dass sie mit einem zwischen mindestens zwei Bedeutungen schwankenden Begriff der Arbeiterklasse operiert. Zunächst scheint Deppe ganz traditionell der Arbeiterklasse nur jene Lohnarbeiter zuzuordnen, die im strengen Sinne Mehrwert produzieren, deren Mehrarbeit direkt für die Verwertung des Kapitals abgeschöpft wird. Dieser Klassenbegriff gleitet jedoch fließend in einen sehr viel weiteren über, der alle »abhängig Arbeitenden« und damit die »Hälfte der Weltbevölkerung« und in den kapitalistischen Metropolen sogar fast die gesamte Bevölkerung (nämlich über 90 Prozent) umfasst.</p>
<p>In diesem argumentativen Schwanken drückt sich bereits das ganze Dilemma der Klassentheoretiker aus. Wird die Kategorie der Arbeiterklasse im ersten Sinne interpretiert (was der Marxschen Theorie, auf die sich Deppe ja explizit bezieht, entspricht), dann müsste zugestanden werden, dass es sich dabei um eine globale Minderheit handelt, die immer mehr an Bedeutung verliert, je weiter die Rationalisierungsprozesse in den wertproduktiven Sektoren voranschreiten und die Arbeit in der unmittelbaren Produktion überflüssig gemacht wird.</p>
<p>In der zweiten Bedeutung jedoch, also der Ausweitung der Kategorie der Arbeiterklasse auf alle »abhängig Beschäftigten«, wird sie zu einem Unbegriff, denn es fehlt ihr dann jede Trennschärfe. Sie ist dann nur ein anderes Wort für die allgemeine Existenz- und Lebensweise in der kapitalistischen Gesellschaft, die ihren Zusammenhang nun einmal über Arbeit und Warenproduktion vermittelt, was sich für die übergroße Mehrheit der Menschen als Zwang darstellt, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um überleben zu können. Dieser allgemeine Zwang ist zwar wesentliches Grundmerkmal der kapitalistischen Gesellschaft, taugt aber gerade deshalb keinesfalls zur Bestimmung »der Arbeiterklasse«, weil ihm ja prinzipiell alle Menschen unterworfen sind, quer zu ihren Positionen in der gesellschaftlichen Hierarchie, ihren so­zialen Stellungen und Lebenslagen.</p>
<p>Deutlich werden die Aporien der neueren Klassentheorie auch bei dem Historiker Marcel van der Linden, der den Klassenbegriff noch weiter fasst als Deppe. Ihm zufolge »gehört jederR TrägerIn von Arbeitskraft zur Klasse der subalternen ArbeiterInnen, dessen oder deren Arbeitskraft unter ökonomischem oder nicht-ökonomischem Zwang einer anderen Person verkauft oder vermietet wird. Gleichgültig ist dabei, ob sie von dem oder der TrägerIn selbst angeboten wird oder ob er oder sie eigene Produktionsmittel besitzt.«</p>
<p>Mit dieser Definition will van der Linden der Tatsache Rechnung tragen, dass in der globalisierten Warengesellschaft eine ungeheure Vielzahl ausdifferenzierter und hierarchisierter Arbeitsverhältnisse entstanden ist, die nicht (mehr) in das klassische Schema der Lohnarbeit passen. Dazu zählt er u.a. verschiedene Übergangsformen zwischen Sklaverei, Lohnarbeit, Selbst­anstellung und Subunternehmertum, aber auch die unbezahlte Subsistenz- und Reproduktionsarbeit von Frauen. Dementsprechend spricht van der Linden auch nicht mehr von der Klasse der »freien LohnarbeiterInnen«, sondern wählt den weiter gefassten Begriff der »subalternen ArbeiterInnen«. Damit jedoch löst er das Problem nicht auf, sondern geht nur noch einen Schritt weiter als Deppe, indem er den Klassenbegriff zu einer Metakategorie aufbläht, die prinzipiell die gesamte kapitalis­tische Gesellschaft umgreift.</p>
<p>Es liegt in der Logik der Sache, dass diese Metakategorie völlig konturlos ist. Sie stellt das Paradox eines Begriffs der kapitalistischen Totalität dar, dem genau diese Totalität entgleitet. Denn einerseits trägt sie indirekt dem Umstand Rechnung, dass die Arbeit das übergreifende Prinzip &#8211; oder genauer gesagt: das Vermittlungsprinzip &#8211; der bürgerlichen Gesellschaft darstellt. Andererseits wird genau dies durch die Fixierung auf die Kategorie der Klasse unsichtbar gemacht.</p>
<p>Der traditionelle Marxismus hatte ja stets die Vermittlung des gesellschaftlichen Zusammenhangs über die Arbeit als überhistorische Konstante aller Gesellschaften betrachtet und nicht erkannt, dass es sich dabei um das historisch-spezifische Wesensmerkmal der kapitalistischen Formation handelt, das untrennbar mit der verallgemeinerten Warenproduktion und der selbstzweckhaften Verwertung des Werts verknüpft ist. Als Spezifikum des Kapitalismus erschien ihm vielmehr die besondere Art der Abschöpfung der Mehrarbeit in Gestalt des Mehrwerts, die Vermittlung über den Markt und das Privateigentum an Produktionsmitteln, Merkmale, die sich allesamt auf den Begriff der Klassenherrschaft bzw. des Klassengegensatzes von Kapitalisten- und Arbeiterklasse zusammenziehen ließen.</p>
<p>Diese Perspektive war zwar ideologisch kompatibel mit dem Kampf eines bestimmten Segments von Warenbesitzern um Anerkennung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft. Wer sie aber darüber hinaus fortschreibt und zugleich der ungeheuren Ausdifferenzierung der Arbeitsverhältnisse unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalverhältnisses Rechnung tragen will, gerät notwendigerweise in unlösbare Widersprüche.</p>
<h3>No more Making of the Working Class</h3>
<p>Den Versuchen, die Arbeiterklasse durch eine Überdehnung ihrer objektiven Bestimmungen zu retten, stehen andere gegen­über, die hauptsächlich von der subjektiven Seite her argumentieren. Diesen Ansätzen zufolge ist die Klasse nicht durch die Stellung im Produktions- und Verwertungsprozess definiert, sondern konstituiert sich stets neu und unterliegt permanenten Veränderungen, die sich im Wesentlichen aus der Dynamik der Klassenkämpfe ergeben.</p>
<p>Eine solche Perspektive hat zunächst den Vorzug, dass sie den Blick auf die aktiven Momente in den sozialen Auseinandersetzungen, ihren Prozesscharakter und die darin enthaltenen subjektiven Entwicklungsmöglichkeiten lenkt, weil die Kategorie der Klasse offen gehalten und nicht definitorisch festgeschrieben wird. Doch die Offenheit des Blicks täuscht. Grundsätzlich eingeschränkt wird sie durch ein Axiom, das allen spezifischen Analysen immer schon vorangestellt wird und ihren Blickwinkel einschränkt.</p>
<p>Wie selbstverständlich wird nämlich der Klassenkampf als überhistorisch gültiges Prinzip vorausgesetzt, aus dem sich seinerseits die Klasse ableiten lässt. »In allen gesellschaftlichen Verhältnissen immer schon präsent, geht der Klassenkampf den historischen Klassen voraus«, schreibt etwa die Redaktion der Zeitschrift Fantômas in ihrer Ausgabe 4/2003. Damit jedoch wird die Argumentation zirkulär. Sowohl der Begriff der Klasse wie der des Klassenkampfes lassen sich völlig willkürlich definieren. Alle sozialen Auseinandersetzungen können nun undifferenziert zu Klassenkämpfen geadelt werden und ihre Akteure zu Klassensubjekten.</p>
<p>Auf diese Weise gelangt der subjektivis­tische Klassenbegriff im Prinzip zum gleichen Resultat wie sein objektivistisches Pendant. Es ist daher auch kein Wunder, dass sich diese ehemaligen theoretischen Kontrahenten zunehmend miteinander versöhnen und friedlich koexistieren (wie etwa in jener Ausgabe von Fantômas). Denn wo jede begriffliche Schärfe verloren geht und die »Klasse« ohnehin alles und jedes sein kann, spielen auch die alten Differenzen keine wesentliche Rolle mehr.</p>
<p>Problematisch ist dabei vor allem, dass der Begriff des Klassenkampfes, wenn er aus dem historisch-spezifischen Kontext der Arbeiterbewegung herausgelöst wird, in dem er allein einen Sinn machte, sehr leicht mit einem völlig unspezifischen Begriff des »Kampfes« kurzgeschlossen werden kann, der eher dem »Krieg aller gegen alle« (Hobbes) entspricht als einem Kampf gegen die kapitalistischen Zustände und Zumutungen.</p>
<p>Besonders augenscheinlich ist das bei Hardt/Negri, die selbst noch den individualisierten alltäglichen Existenzkampf zu einer Ausdrucksform des Klassenkampfes verklären und keinerlei Kriterien mehr haben, um sich von rein regressiven Gewaltausbrüchen oder auch fundamentalistischen Bewegungen abzugrenzen. Der »Klassenkampf« wird damit zu einer abstrakten Leerformel, die den permanenten inneren Kriegszustand der kapitalistischen Gesellschaft und ihren krisenhaften Zerfall ebenso umfasst wie die Bestrebungen, sich dem entgegenzustellen.</p>
<p>Nun wollen zwar viele Vertreter des subjektivistischen Klassenstandpunkts diese Konsequenz aus guten Gründen nicht nachvollziehen, doch geraten sie dabei in ziemliche Begründungsnot. Denn für die Unterscheidung zwischen dem bloßen Ausagieren der bürgerlichen Subjektivität in ihren hässlichsten Facetten und den Versuchen, genau diese zu überwinden (z.B. in sozialen Basisbewegungen), hält ihr freischwebender, dekontextualisierter Klassenkampfbegriff keinerlei begriffliches Instrumentarium bereit. Zu seiner Rettung sind daher allerlei argumentative Anbauten notwendig (etwa der Rückgriff auf die Diskurstheorie), was aber nur beweist, wie wenig er selbst noch zur analytischen Klärung beitragen kann.</p>
<p>Einer der wichtigsten Kronzeugen der subjektivistischen Klassentheorie ist der englische Sozialhistoriker E.P. Thompson, der stets den Akzent auf das aktive Moment bei der Entstehung der Arbeiterklasse gelegt hat. Im Vorwort zu seiner wichtigsten historischen Studie, die im Original (1963) den programmatischen Titel »The Making of the English Working Class« trägt, schreibt er: »Es heißt Making, denn was hier untersucht wird, ist ein aktiver Prozess, Resultat menschlichen Handelns und historischer Bedingungen. Die Arbeiterklasse trat nicht wie die Sonne zu einem vorhersehbaren Zeitpunkt in Erscheinung; sie war an ihrer eigenen Entstehung beteiligt.«</p>
<p>Allerdings beziehen sich Thompsons Analysen &#8211; wie er selbst immer betont &#8211; auf Prozesse in einer ganz spezifischen historischen Situation: auf den kapitalistischen Durchsetzungsschub zwischen dem letzten Drittel des 18. und dem ersten Drittel des 19.Jahrhunderts in England. Diese Situation unterschied sich aber auf ganz grundsätzliche Weise von der heutigen. Sie war geprägt von einer Zurückdrängung und Zerstörung der vergleichsweise heterogenen vor- und protokapitalistischen Lebens- und Arbeitsverhältnisse unter dem immer stärkeren Vereinheitlichungsdruck der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise; und das heißt nicht zuletzt, von der massenhaften Schaffung der »doppelt freien Lohnarbeiter«, die dazu gezwungen waren, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, wenn sie überleben wollen. Thompson konzentrierte sich in seinen Untersuchungen auf die dadurch provozierten Revolten und Abwehrkämpfe und zeigte, wie durch sie hindurch sich so etwas wie ein Klassenbewusstsein herausbildete.</p>
<p>So wichtig es nun aber war, die Bedeutung dieser vom orthodoxen Marxismus vernachlässigten subjektiven Prozesse hervorzuheben, so wenig dürfen die darüber gewonnenen Erkenntnisse doch aus ihrem historischen Kontext herausgelöst werden, wenn sie nicht im schlechten Sinne ab­strakt werden sollen. Die Herausbildung eines Klassenbewusstseins ergibt sich zwar keinesfalls automatisch aus dem Durchsetzungsprozess der Kapitalverwertung, dennoch entspricht diese subjektive Vereinheitlichung zur Arbeiterklasse dem gleichzeitigen objektiven Prozess zur Unterwerfung aller gesellschaftlichen Beziehungen unter das Einheitsprinzip von abstrakter Arbeit und Warenproduktion.</p>
<p>Beide Momente verschlingen sich in einer dialektischen Beziehung. Thompson selbst betont: »Die Klassenerfahrung ist weitgehend durch die Produktionsverhältnisse bestimmt, in die man hineingeboren wird &#8211; oder in die man gegen seinen Willen eintritt. Klassenbewusstsein ist die Art und Weise, wie man diese Erfahrungen kulturell interpretiert und vermittelt: verkörpert in Traditionen, Wertsystemen, Ideen und institutionellen Formen. Im Gegensatz zum Klassenbewusstsein ist die Erfahrung allem Anschein nach determiniert.«</p>
<p>Übertragen wir diese Aussage auf die heutige Situation, so muss zunächst einmal festgestellt werden, dass der objektiv vorgegebene Rahmen, innerhalb dessen gesellschaftliche Erfahrungen gemacht und soziale Auseinandersetzungen geführt werden, ein grundsätzlich anderer ist. Die Haupttendenz ist bei weitem nicht mehr die der Vernichtung nicht kapitalistischer Lebensweisen durch die Dampfwalze der Verwertung (obwohl auch dies in manchen Teilen der Welt noch geschieht). Vielmehr sind wir mit einer Situation konfrontiert, in der das warenproduzierende System sich weltweit verallgemeinert hat und zugleich in einen fundamentalen Krisenprozess eingetreten ist, weil es durch die massenhafte Verdrängung von Arbeitskraft seine eigenen Grundlagen untergräbt.</p>
<p>Diese Entwicklung, die sich in der zunehmenden Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse ausdrückt und darin, dass immer mehr Menschen weltweit ausgeschlossen werden, ist aber jener zu Beginn des 19.Jahrhunderts genau entgegengesetzt. Die Menschen werden nicht in eine einheitliche gesellschaftliche Form hineingezwungen, sondern die Einheitsform, in der sie leben und durch die sie konstituiert sind, zerfällt und sie fallen deshalb durch die Strukturen hindurch.</p>
<h3>Krisenfragmente und emanzipative Impulse</h3>
<p>Von einer Vereinheitlichung kann man in diesem Zusammenhang allenfalls insofern sprechen, als der Deklassierungsprozess ein allgemeiner ist. Darin ist aber für sich genommen nichts Verbindendes enthalten. Im Gegenteil: Die krisenkapitalistische Fragmentierung ist nur die Zuspitzung der kapitalistischen Logik im Stadium ihrer Zersetzung. Das gilt nicht nur in objektiver Hinsicht, wie etwa bei der verschärften »Standortkonkurrenz«, einer Zwickmühle, in der fast jeder partikulare Interessenkampf immer schon gefangen ist, ohne dass er deswegen prinzipiell seine immanente Berechtigung verlöre. Zugleich hat der verschärfte Druck des Existenzkampfes auch ganz wesentlich zur Entsolidarisierung und zur verschärften Durchsetzung der kapitalistischen Konkurrenz- und Abgrenzungssubjektivität beigetragen.</p>
<p>Diese Entwicklung drückt sich auch in den subjektiven Verarbeitungsformen und Handlungsweisen aus. Gerade weil heute kein Konstituierungsprozess eines Klassensubjekts mehr stattfindet und stattfinden kann, werden die Ansätze antikapitalistischen Widerstands durch Kollektivierungsprozesse überlagert und zurückgedrängt, die von regressiven Verarbeitungsformen aus dem Kernbestand der warengesellschaftlichen Subjektivität bestimmt sind.</p>
<p>Das gilt für die Sekten- und Bandenbildung ebenso wie für den antisemitischen Wahn, für die rassistischen und religiösen Identitätspolitiken jeglicher Couleur nicht anders als für die Ausbrüche selbstzweckhafter Gewalt. Hier entsteht keine neue Working Class, sondern es agieren Menschen, die zu Arbeits- und Warensubjekten getrimmt wurden, aber sich nicht mehr regulär als solche betätigen können.</p>
<p>Die krisenkapitalistische Fragmentierung setzt jedoch nicht nur die regressiven Momente der Subjektform frei; auch die emanzipativen Impulse, Vorstellungen und Bestrebungen, die sich mit dem Kampf der Arbeiterklasse um die Anerkennung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft verbunden hatten, haben ihren Kontext verloren und sind gewissermaßen freischwebend geworden. Der historische Klassenkampf bezog seine relative Kohärenz aus der Zentrierung um den Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit, der in der Aufstiegsphase des Kapitalismus eine integrierende Dynamik entfaltete.</p>
<p>Hingegen setzt sich der Widerstand gegen den derzeitigen Prekarisierungs- und Verelendungsschub ständig der Gefahr aus, die zentrifugalen Tendenzen des kapitalistischen Krisenprozesses selbst zu reproduzieren. Er steht daher vor der schweren Aufgabe, soziale Konflikte so zu formulieren und zu führen, dass sie der verschärften Konkurrenz- und Ausschlusslogik und den damit einhergehenden identitätspolitischen Tendenzen entgegenwirken. Das kann letztlich nur gelingen, wenn unterschiedliche Kämpfe und Auseinandersetzungen ohne falsche Vereinheitlichungen und Hierarchien über alle Grenzen hinweg miteinander verbunden werden.</p>
<p>Diese Verbindung lässt sich jedoch nicht aus vorausgesetzten objektiven oder subjektiven Bestimmungen (Klassenstandpunkt oder Klassenkampf) ableiten. Sie kann nur der bewussten Kooperation von solchen sozialen Bewegungen entspringen, die eine Aufhebung von Herrschaft in all ihren Facetten anstreben und zwar nicht nur als abstraktes Fernziel, sondern bereits in ihren eigenen Strukturen und Beziehungen.</p>
<p>Konzepte dafür lassen sich nicht am Reißbrett entwerfen. Die Theorie kann nicht viel mehr tun als grundsätzliche Überlegungen in diese Richtung zu formulieren. Wenn wir etwas aus Thompsons Untersuchungen lernen können, dann ist es die Bedeutung der praktischen Erfahrungen für die Konstituierung sozialer Bewegungen. Deshalb ist es wichtig, den Blick auf jene Prozesse zu lenken, innerhalb deren sich der Widerstand gegen die kapitalistischen Zumutungen den hierarchischen, populistischen und autoritären Einbindungsversuchen entzieht und wo Interessenkämpfe mit dem Aufbau selbstorganisierter Strukturen verbunden werden.</p>
<p>Solche Bewegungen (wie etwa die Zapatistas, die autonomen Strömungen der Piqueteros und andere Basisbewegungen) sind zwar in vieler Hinsicht widersprüchlich und dürfen auf keinen Fall romantisch verklärt werden; auch sind sie weltweit gesehen minoritär und immer wieder von der Marginalisierung und der Vereinnahmung bedroht. Dennoch finden sich hier Ansätze und Momente, die auf die Perspektive einer Befreiung von der warengesellschaftlichen Totalität verweisen. Nicht dem Klassenkampf gehört die Zukunft, sondern einem emanzipativen Kampf ohne Klassen.</p>
<hr />
<h3>Literatur</h3>
<p>Frank Deppe: Der postmoderne Fürst. Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung im 21.Jahrhundert. In: Fantômas Nr. 4/2003, Hamburg, S. 7-12.</p>
<p>Marco Fernandes: Piqueteros oder Wenn Arbeitslosigkeit adelt. In: krisis 30, Münster 2006.</p>
<p>Ernst Lohoff: Die Verzauberung der Welt. In: ­krisis 29, Münster 2005, S. 13-60.</p>
<p>Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Freiburg 2003.</p>
<p>Franz Schandl: Desinteresse und Deklassierung. In: Streifzüge Nr. 3/2002, Wien, S. 12-13.</p>
<p>Edward P. Thompson: Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse (Band 1). Frankfurt 1987.</p>
<p>Norbert Trenkle: Die metaphysischen Mucken des Klassenkampfs. In: krisis 29, Münster 2005, S. 143-159.</p>
<p>Marcel van der Linden: Das vielköpfige Ungeheuer. Zum Begriff der WeltarbeiterInnenklasse. In: Fantômas Nr. 4/2003, Hamburg, S. 30-34.</p>
<p><em>Stark gekürzter Vorabdruck aus krisis 30, Unrast Verlag. Die Ausgabe der krisis enthält weitere Texte zur Subjekt- und Klassenkampfkritik. </em></p>
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		<title>Piqueteros oder: Wenn Arbeitslosigkeit adelt</title>
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		<pubDate>Fri, 29 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
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		<description><![CDATA[Über die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberalen Metropolen zu organisieren]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Über die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberalen Metropolen zu organisieren [<a href="#anm1">1</a>]</h3>
<p><em>Marco Fernandes [<a href="#anm2">2</a>]</em></p>
<p><em>„Ich glaube, die Piquetes haben auf ihre Weise die Apathie gesprengt. Wir haben das Land aus den süßen Träumen aufgerüttelt, die Menem und all diese Politiker verkauften; wir waren wie der Durchbruch eines neuen Lichts. Zusammen mit anderen Kämpfen haben wir das Land aus der Wunschträumen der Postmodernität aufgeweckt. Sie haben uns Piqueteros genannt, und das war unsere Art zur ganzen Gesellschaft zu sprechen <strong>, </strong>ihr zu sagen, dass es andere Kampfformen gibt, und um unserer Leidenschaft und unserer Würde Ausdruck zu verleihen.</em>“ (Aktivist des MTD Solano) [<a href="#anm3">3</a>]<span id="more-542"></span></p>
<p>„<em>Mit leerem Magen kann ich nicht schlafen, aber als er voll war, dacht&#8217; ich nach, ich kann desorganisieren, wenn ich mich organisier, mich organisieren, wenn ich desorganisier, kann desorganisieren, wenn ich mich organisier.</em>“ (Chico Science und Nação Zumbi auf dem Album: Da lama ao caos)</p>
<h4>1. Der Kollaps Argentiniens und die gesellschaftliche Fragmentierung</h4>
<p>Es ist nicht leicht, über die unter dem Namen <em>Piqueteros </em>[<a href="#anm4">4</a>] bekannten Bewegungen der argentinischen Arbeitslosen zu schreiben. Zunächst einmal, weil es sich dabei um ein junges, wenig untersuchtes und zudem in Entwicklung begriffenes Phänomen handelt. Und das ist nicht unwichtig. Es bedeutet, dass die Kenntnis äußerst begrenzt ist, die wir über den Alltag dieser Bewegungen und die möglichen Veränderungen besitzen, die sie in den Menschen und ihren Lebenswelten bewirken können. Vorsicht ist geboten bei der Einschätzung der vermeintlichen politischen Tendenz dieser oder jener Bewegung – Tendenzen, die oft eher die Wünsche und Interessen ihrer Anführer widerspiegeln als die wirklichen Überzeugungen der Mehrheit ihrer Aktivisten. Die größte Schwierigkeit bei der Einschätzung der <em>Piqueteros </em>rührt sicher aus der <em>Fragmentierung </em>des Spektrums. Seinen Ausdruck findet das sowohl in der beträchtlichen Anzahl von Bewegungen, die sich während der letzten Jahre formiert haben, als auch innerhalb der Organisationen selbst, die sich aus Menschen verschiedener Stadtviertel, Kommunen und Bevölkerungsschichten zusammensetzen. Das ist die Folge des zerrissenen Zustands der argentinischen Gesellschaft fast drei Jahrzehnte nach dem letzten Militärputsch und fünfzehn Jahre nach der Machtübernahme Menems und der radikalen Umsetzung der neoliberalen Wirtschaftspolitik.</p>
<p>Argentinien war das südamerikanische Land, das dem wirtschaftlichen und sozialen Modell des europäischen Wohlfahrtsstaates am nächsten kam. Eine dynamische Wirtschaft, die starke Vertretung einer gewerkschaftlich organisierten Arbeiterklasse und – nicht zu vergessen – der durch General Juan Domingo Peron verkörperte Populismus (ausgedrückt in der jahrzehntelangen Hegemonie des Partido Justicialista – der peronistischen Partei) haben zumindest zwischen den 1940er und den 1970er Jahren ein relativ homogenes System der Reichtumsverteilung ermöglicht und einen Staat, der weitgehend für einen allgemeinen Zugang zum Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem sorgte – auch wenn mehr als eine Militärdiktatur in diesen Zeitraum fiel. Das Auseinanderfallen der argentinischen „Arbeitsgesellschaft“ vollzog sich allmählich in mindestens „drei Entstaatlichungsschüben“ im Verlauf von Wirtschaftskrisen, die zunehmende Arbeitslosigkeit und Prekarisierung der Arbeitsbedingungen nach sich zogen; wobei die beiden letzten Phänomene zweifellos eine Konsequenz der neoliberalen Wirtschaftspolitik und ihrer Ideologie sind, die sich während der 90er Jahre wie eine Seuche ausbreitete. [<a href="#anm5">5</a>]</p>
<p>Der erste Schub kann auf das Jahr 1976 datiert werden, dem Beginn der letzten Militärdiktatur. Im Gegensatz zur brasilianischen Militärherrschaft, die Mitte der 70er Jahre versuchte, das Modell der nationalen Wirtschaftsentwicklung noch einmal zu beleben, während sie die Feinde des Regimes ermordete und folterte, ergriff das argentinische Militärregime ohne ein so genanntes „nationales Projekt“ die Macht. Die von ihm bewirkten wirtschaftlichen Veränderungen waren für die ersten Deindustrialisierungsschübe verantwortlich und damit für die ersten Massenentlassungen, mit denen Lohnabhängige aus dem formellen Wirtschaftssektor ausgeschlossen wurden (ganz zu schweigen von den 30.000 Ermordungen in den sieben Jahren der Diktatur). Dieser Prozess setzte sich während der ersten Jahre des demokratischen Regimes (ab 1984) fort, wobei immer mehr Lohnabhängige sich in informelle Arbeitskräfte des Dienstleistungssektors verwandelten.</p>
<p>Die zweite Welle setzte Anfang der 90er Jahre ein, bereits unter der Regierung Menem. Damals wurden unter dem Druck der internationalen Finanzinstitutionen neoliberale wirtschaftliche Strukturreformen durchgesetzt: Öffnung des Binnenmarkts für ausländische Erzeugnisse, Massenprivatisierungen im gesamten Staatsapparat und Kontrolle der Arbeitskräfte durch Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen. Das Ergebnis war ein weiterer Deindustrialisierungsschub und eine zusätzliche Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse. Davon waren besonders die Arbeiter des Großraums Buenos Aires sowie die (ehemaligen) Beschäftigten des öffentlichen Dienstes betroffen. Erneut wanderten starke Kontingente von Lohnabhängigen in informelle Wirtschaftssektoren ab. Die dritte Welle begann mit der durch den „Tequila-Effekt“ (den mexikanischen Crash) ausgelösten Krise 1995 schon während der zweiten Amtszeit Menems. Von diesem Zeitpunkt an trat die Wirtschaft in eine Stagnationsphase ein, die 2001 in der größten Krise in der Geschichte des Landes mündete, mit formellen Arbeitslosenraten von 20 % und einem Verelendungsschub, der über 50 % der Bevölkerung unter die offizielle Armutsgrenze beförderte.</p>
<p>Angesichts dieses düsteren Bildes erklärt sich der heterogene Charakter jener riesigen Schicht der argentinischen Bevölkerung, die heute von Arbeitslosigkeit und Prekarisierung betroffen ist. Diese Fragmentierung spiegelt sich jedoch auch in der sektoralen Struktur der Ökonomie, in der sozialen Schichtung und der räumlichen Strukturierung des Großraums Buenos Aires. Um dies an zwei Beispielen zu verdeutlichen: Zum einen finden wir im Süden der Hauptstadt Gemeinden wie Florencio Varela, eine mit Slums durchsetzte relativ junge Siedlung (aus den 80er Jahren), in der vor allem Arbeiter leben, die auf lange Erfahrungen mit prekären Arbeitsbedingungen zurückblicken können, oder den von Mittelschichten und Armen bewohnten Distrikt Solano, wo die Distanz zum „klassischen“ Arbeitermilieu groß ist. Im Westen der Metropole gibt es zum anderen Kommunen wie La Matanza, mit starker Konzentration von Industriebetrieben, einer Einwohnerzahl von 1,3 Millionen und extrem hohen Arbeitslosenraten, wo das identitätsstiftende Erbe der Fabrikerfahrung durchaus noch präsent ist.</p>
<p>Aus diesen und anderen Gründen sind kategorische Aussagen zur sozialen Zusammensetzung der <em>Piquetero </em>-Bewegung unmöglich. Eigentlich wäre von einer <em>Bewegung von Bewegungen </em>zu sprechen, denn die ziemlich hohe Zahl von Organisationen und politischen Tendenzen der <em>Piquetero </em>-Bewegung macht es schwer, ein Gesamtbild davon zu erstellen. Mit Sicherheit hat die Fragmentierung der Bewegung aber <em>auch zu einer Schwächung ihrer politischen Kraft beigetragen </em>, da ihre unterschiedlichen Orientierungen oftmals Pläne, gemeinsam zu agieren und Druck auf den Staat auszuüben, vereitelt haben und dies auch weiterhin tun, obwohl ein gemeinsam geführter Kampf gewiss wirksamer wäre. Die politisch-institutionelle Bresche, die das Entstehen dieser Organisationen ermöglichte, war indes ein und dieselbe. Sie steht in direkter Verbindung mit <em>einer gemeinsamen ökonomischen Forderung </em>, die als Vermittlung diente, um derart unterschiedliche Interessen auf einen Nenner zu bringen. Diese <em>Forderung </em>waren die so genannten <em>Planes </em>, eine staatliche Transferleistung, die einem (minimalen) Arbeitslosengeld entspricht. Gegenwärtig liegt sie bei 150 Pesos (ca. 50 Euro). Ihre Geschichte stellt eine der wenigen Gemeinsamkeiten in der Erfahrung der <em>Piquetero </em>-Bewegungen dar. Dennoch ist die Art, die Konflikte mit dem Staat um die Aneignung öffentlicher Mittel in Form der <em>Planes </em>zu lösen, von Organisation zu Organisation verschieden.</p>
<p>Die Auszahlung der <em>Planes </em>begann Mitte der 90er Jahre unter der Regierung Menem. Bevor sie zur materiellen Basis wurden, die die <em>Piquetero </em>-Bewegungen ermöglichte (wie ich weiter unten erläutern werde), hatte die Regierungsstrategie den Charakter bloßer Sozialfürsorge ( <em>assistencialismo </em>), das heißt, sie beschränkte sich auf eine kärgliche Kompensation für den gesellschaftlichen Zerfall, Resultat der neoliberalen Wirtschaftspolitik der zehnjährigen Regierungszeit Menems, welche die schlimmsten Armuts- und Ausgrenzungsziffern hervorbrachte, die das Land je gesehen hat. Wir dürfen hier nicht aus den Augen verlieren, dass diese vom argentinischen Staat in den neoliberalen 90er Jahren geschaffenen Kompensationsmechanismen im Grunde eine <em>neue Strategie zur Kontrolle und Beschwichtigung der sozialen Widersprüche </em>darstellten. Da sich die Wirtschaft außerstande erwies, die gesamte gesellschaftlich verfügbare Arbeitskraft zu integrieren, wurde es notwendig, immer größere Massen der aus dem Produktionsprozess ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten zu kontrollieren.</p>
<p>So entstand eine Schlüsselfigur der politischen Landschaft Argentiniens: die <em>Punteros </em>, Funktionäre von Menems Partido Justicialista, die in den Wohnvierteln als Vertreter des Staates fungierten und für die Umsetzung der Fürsorgepolitik in den Gemeinden verantwortlich waren; da während der ersten Jahre die Auszahlung der <em>Planes </em>ausschließlich durch die Präfekturen erfolgte, blieb ein Großteil der Staatsgelder in den Händen dieser üblen Gestalten. [<a href="#anm6">6</a>]</p>
<p>Die <em>Punteros </em>sind so etwas wie die moderne Version des „ <em>Sindicalista pelego </em>“ [<a href="#anm7">7</a>] . Während dieser in den Fabriken und Gewerkschaften eventuelle Konflikte zwischen Arbeitern und Unternehmern entschärfte, erfüllen jene eine ähnliche Aufgabe in Bezug auf die Konflikte, die sich heute außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses abspielen, d.h. in den Stadtvierteln. Die <em>Punteros </em>sind die täglichen Feinde der <em>Piqueteros </em>. Ihre Strategie variiert: vom Versuch, die Mitglieder der Bewegung zu kooptieren (durch finanzielle Zuwendungen oder gar durch Gewaltandrohung) bis hin zur Zusammenarbeit mit der Polizei, indem sie den staatlichen Repressionsorganen als Spitzel dienen. [<a href="#anm8">8</a>]</p>
<p>Als Form des Widerstands und der Antwort auf diese soziale Repression kam es ab 1996 zu den ersten organisierten Massenreaktionen auf die nationale Krise. Es bildete sich das, was der Soziologe Pierre Bourdieu einmal als „soziologisches Wunder“ bezeichnet hat: eine <em>Arbeitslosenbewegung </em>.</p>
<p>Bevor wir fortfahren, seien hier zwei wesentliche Merkmale der argentinischen Arbeitslosenbewegung hervorgehoben, die auf ihre Ähnlichkeiten und Differenzen mit anderen Massenbewegungen des lateinamerikanischen Kontinents verweisen, aber auch auf ihre enormen Schwierigkeiten, sich als politische Bewegung zu konstituieren.</p>
<h4>2. Eine städtische Bewegung: Neubeginn des Kampfes gegen das Kapital in der „Kapitale“</h4>
<p>Bis in die Mitte der 90er Jahre hinein hatten die bedeutendsten Massenbewegungen dieses Kontinents (die Landlosen des MST in Brasilien, die indigenen Völker wie die Zapatistas in Mexiko, die Aymaras in Bolivien und die pluriethnische Bewegung in Equador) eines gemeinsam: Es waren ländliche Bewegungen. Sie konstituierten sich um eine gemeinsame Forderung herum – Landbesitz zur Reproduktion des eigenen Lebens – und um eine gemeinsame Identität – die des seiner Produktionsmittel beraubten Landarbeiters oder die des indigenen Volkes mit einem historischen Anrecht auf Land und Autonomie. Diese zwei Eckpfeiler – <em>materielle Forderung </em>und <em>gemeinsame Identität </em>– sind für die Schaffung einer sozialen Bewegung von wesentlicher Bedeutung. Ohne <em>konkrete ökonomische </em>Errungenschaften – dies zeigt die historische Erfahrung der Arbeiterbewegung – ist es so gut wie unmöglich, die notwendige Mobilisierung aufrecht zu erhalten, um Forderungen durchzusetzen. Ohne die Konstruktion einer kollektiven Identität wiederum, die mit der Formulierung eines <em>politischen Projekts </em>verbunden ist – das seinerseits die <em>theoretische und praktische Schulung </em>der Aktivisten voraussetzt – läuft die Bewegung Gefahr, auseinander zu fallen, schwächer zu werden oder gar völlig von der Bildfläche zu verschwinden, wenn ihre materielle Forderung erfüllt ist. [<a href="#anm9">9</a>]</p>
<p>Den Zapatistas, Landlosen und Aymaras ist es jedenfalls, jeder Bewegung auf ihre Weise und unter großen Schwierigkeiten, gelungen politische Perspektiven zu entwickeln, die über die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder hinausweisen und die in den letzten Jahren zu politischen Bezugspunkten des Massenwiderstands gegen die Krise des Kapitalismus und die neoliberale Hegemonie in ihren jeweiligen Ländern wurden. Gewiss hat zum Erfolg dieser Bewegungen in erster Linie die Tatsache beigetragen, dass ihre Hauptforderung nach Grund und Boden sowie beim MST nach Darlehen für die landwirtschaftliche Produktion sich auf Produktionsmittel bezieht, um so eine wirtschaftliche Basis für die Subsistenz der Mitglieder zu sichern. Zweitens war eine gemeinsame Identität im Sinne eines <em>kommunitären Zusammenhangs </em>bei den indigenen Völkern bereits vorhanden und ließ sich im Falle der Landlosen relativ leicht herstellen – zumindest auf regionaler Ebene. Bei urbanen Bewegungen gestaltet sich die Errichtung dieser Eckpfeiler erheblich schwieriger.</p>
<p>Nicht von ungefähr sind die neuen urbanen Massenbewegungen in Ländern wie Brasilien und Mexiko bislang entweder sehr schwach (siehe die brasilianische Obdachlosenbewegung) oder gar bedeutungslos gewesen. Dieses Problem ist auch der argentinischen Erfahrung nicht fremd. Um es mit den Worten eines <em>Piquetero </em>-Aktivisten zu sagen:</p>
<p>„Hier in Buenos Aires ist der soziale Zusammenhalt völlig zerrüttet. Wenn du arbeitslos bist und dagegen auf der Straße protestierst, dann fährt dich der Nachbar, der zur Arbeit fahren will, mit seinem Auto über den Haufen. Die Leute sind verrückt, völlig durchgeknallt. Jeder denkt nur an sich. Auf diesem Gebiet richtet der Kapitalismus die schwersten Schäden an, hier erleiden wir eigentlich unsere größte ideologische Niederlage. Am auffälligsten ist das in den großen Städten mit ihrem Konsumismus, ihrem Egoismus, ihrem technologischen Fortschritt und allen Verheißungen des Kapitalismus.“ [<a href="#anm10">10</a>]</p>
<p>Die großen modernen Metropolen leisten der Fragmentierung in jeder Hinsicht Vorschub: Als <em>objektive Tendenz </em>durch die strukturelle Krise des Arbeitsmarktes, durch die Verschärfung der Konkurrenz zwischen den Individuen auf einem Markt, der nicht für alle Platz hat, und durch die Privatisierung des öffentlichen Raums, die mit der Privatisierung der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten einhergeht und Stadtviertel und Straßen in bloße Durchgangsorte verwandelt hat. Diese Tendenz wird verschlimmert durch den Anstieg der Kriminalität infolge wachsenden Elends und wirtschaftlicher Ungleichheit. <em>Auf subjektiver </em>Ebene wiederum werden wir auf eine individualistische Lebensweise konditioniert, zurückgeworfen allenfalls auf die Kernfamilie, unfähig zu irgendeiner Form des kollektiven Zusammenlebens und der Selbstorganisation. Meistens reduziert sich der Versuch, unsere Subjektivität zu leben – wie der <em>Piquetero </em>-Genosse oben bereits sagte – auf die Konsumträume, welche die Kulturindustrie und die Werbung rund um die Uhr produzieren.</p>
<p>Vor einem derartig düsteren Hintergrund gerät in den großen Städten der Aufbau einer Basisbewegung, die so verschiedene Interessen wie die der Arbeitslosen und der Prekarisierten in sich zu vereinen vermag, zu einer Herkulesarbeit. Zu einer sehr komplexen Aufgabe wird auch die Formulierung wirtschaftlicher Forderungen, ohne die es geradezu unmöglich ist, die Menschen für ein gemeinschaftliches Projekt längerfristig zu mobilisieren, denn schließlich muss man ja jeden Tag für seinen Lebensunterhalt sorgen. In den großen Städten ist die Aneignung der <em>Produktionsmittel </em>bislang noch keine gängige Praxis, so wie bei den Landlosen. Es müssen aber alternative Formen gefunden werden, um das Überleben der Menschen zu gewährleisten, entweder durch die Schaffung von Einkommen oder durch Senkung der Ausgaben für den Lebensunterhalt.</p>
<p>Dies ist die erste historische Herausforderung für den Aufbau der Arbeitslosenbewegungen in Argentinien. Doch bevor wir uns einige der kreativen Lösungen ansehen, die die <em>Piqueteros </em>als Antwort darauf gefunden haben, müssen wir kurz auf einen wichtigen psychologischen Aspekt eingehen, der ebenfalls einen großen Anspruch an die Bildung dieser Bewegungen darstellt.</p>
<h4>3. Eine Bewegung von „Prekarisierten“: die Scherben der zerbrochenen Ichs wieder zusammenfügen [<a href="#anm11">11</a>]</h4>
<p>Markiert der urbane Charakter der <em>Piquetero </em>-Bewegung ihren Unterschied zu anderen Basisbewegungen des lateinamerikanischen Kontinentes, so nähert sie ein nicht minder wichtiges Merkmal jenen Bauernbewegungen an, die wir zum Vergleich herangezogen haben. Dieses Merkmal ist die <em>Prekarisierung </em>. Waren die politischen Bewegungen der Arbeiterklasse das ganze letzte Jahrhundert hindurch Bewegungen von g <em>ewerkschaftlich </em>und <em>parteilich </em>organisierten Arbeitern, die direkt in den Prozess der Warenproduktion <em>einbezogen </em>waren, so zeichnen sich die „neuen“, in den letzten zwanzig Jahren entstandenen Basisbewegungen dadurch aus, dass sie entweder aus indigenen Bevölkerungsgruppen bestehen, die im eigenen Land durch die lokalen Modernisierungsprozesse der peripheren Nationen ausgegrenzt wurden, oder aus Arbeitern ländlicher und städtischer Gebiete, die vom Produktionsprozess ausgeschlossen und/oder die prekarisiert worden sind, weil sie für die Verwertung des Kapitals nicht mehr benötigt werden. Es dreht sich hier jedenfalls um zig Millionen Menschen, die das System nicht mehr braucht, es sei denn zur Kontrolle der Noch-Beschäftigten. Denn ein Ergebnis der Massenarbeitslosigkeit ist ja die ständige Angst der Lohnabhängigen vor der Entlassung, die ihre Fähigkeiten, Rechte einzufordern, beeinträchtigt.</p>
<p>Für die „Herausgefallenen“ wird es noch schwerer, ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen; die geradezu natürliche Tendenz ist, dass sie sich mit ihrer scheinbar aussichtslosen Lage abfinden, so der Sozialpsychologe Francisco Ferrara, Aktivist einer <em>Piquetero </em>-Bewegung, der sich mit den psychischen Folgen der neuen Armut beschäftigt:</p>
<p>„Das, was sie als Subjekte ausgemacht hat, ist verschwunden. Die herrschende symbolische Ordnung bricht zusammen und reißt dabei die Bedingungen der Subjektkonstitution mit ein. Das Elend wirkt sich aus auf die sozialen Bindungen, die Körper, das Symbolisierungsvermögen, das Wertesystem, es löst die Subjektivität auf und macht jede menschliche Regung zunichte.“ [<a href="#anm12">12</a>]</p>
<p>Ein ökonomischer Krisenprozess – zumal wenn er sich auf einen derart kurzen Zeitraum zusammenzieht – löst stets auch eine <em>Sinnkrise </em>, d.h. eine <em>Krise der Subjekte </em>aus. Die kapitalistische Ordnung organisiert, wenn auch auf entfremdete und repressive Weise, unsere Existenzen, kontrolliert unseren Alltag, unsere Handlungen und Begierden. Wenn von heute auf morgen oder binnen weniger Jahre diese Ordnung zerbricht, dann zerfällt mit ihr auch die Grundlage für die Ich-Struktur der Individuen, so fragil und heruntergekommen diese Struktur in einer Welt wie der des Kapitals auch sein mag. Arbeitslosigkeit ist für das Subjekt gleichbedeutend mit dem Verlust seiner Existenzberechtigung, mit einem Gefühl völliger Nutzlosigkeit. Wir sind von früh an darauf getrimmt, die uns von der Gesellschaft auferlegte soziale Funktion zu erfüllen: arbeiten, Reichtum, sprich: Profit für die Kapitalverwertung zu schaffen sowie unseren Lebensunterhalt und den unserer Familie zu verdienen. Verschwindet all dies, dann gehen auch die subjektiven Waffen verloren, die die Anpassung an das System garantieren: Sein Leben leben wird nach und nach unmöglich, und die Flucht in psychische Krankheiten ist in vielen Fällen der einzige verfügbare Ausweg. Häufig berichteten die Bewegungsaktivisten, mit denen ich diskutiert habe, von Fällen schwerer psychischer Krisen, wie psychotischen Anfällen und schweren Depressionen, vor allem bei Männern.[<a href="#anm13">13</a>]</p>
<p>Einige der „neuen“ Basisbewegungen konstituierten sich indessen als Antwort auf diese Art von Dilemma. Wie wir oben gesehen haben, erlebte die argentinische Bevölkerung in den 90er Jahren einen noch nie da gewesenen gesellschaftlichen Absturz. Die Argentinier, die, verglichen mit ihren Nachbarn vor allem in Brasilien, Bolivien und Paraguay, an relativ komfortable Lebensbedingungen gewohnt waren, mussten mitansehen, wie in nur zehn Jahren alle ihre Modernisierungsträume in Rauch aufgingen. Die Mittelschicht verarmte, während die, die bereits arm waren, ins Elend abstürzten: 2,5 Millionen Arbeitslose und 20 Millionen Arme bei einer Bevölkerung von 37 Millionen Menschen. Die subjektiven Auswirkungen einer so enormen Wirtschaftskatastrophe haben im Alltag eines Landes, das buchstäblich zu einem Armenhaus wurde [<a href="#anm14">14</a>], so gut wie keine theoretische Resonanz gehabt. Dabei hat dieses Phänomen mit Sicherheit einen Prozess ausgelöst, der dem ähnelt, was ein anderer Sozialpsychologe, José Moura Filho Gonçalves, mit dem Begriff <em>soziale Demütigung </em>bezeichnet:</p>
<p>„Der Mechanismus der <em>sozialen Demütigung </em>unterliegt wirtschaftlichen und unbewusst-psychischen Bestimmungen. Man könnte sie definieren als eine Form <em>verzweifelter Angst angesichts des Rätsels der sozialen Ungleichheit </em>. Als solches handelt es sich dabei um ein zugleich psychologisches und politisches Problem. Die gedemütigte Person durchläuft eine Situation, die es ihr unmöglich macht, ihre Menschlichkeit zu leben, und die sich in ihr selbst ausdrückt – in ihrem Körper und ihren Gesten, in ihrer Phantasie und ihrer Stimme – aber auch in ihrer Lebenswelt – am Arbeitsplatz und im Wohnviertel.“ [<a href="#anm15">15</a>]</p>
<p>Betrachten wir das Problem also weiterhin sowohl vom <em>objektiven </em>als auch vom <em>subjektiven </em>Standpunkt: auf der ökonomischen Ebene und auf der des <em>Unbewussten </em>. José Moura Filho Gonçalves zufolge liegen die materiellen Wurzeln der <em>sozialen Demütigung </em>im wirtschaftlichen Produktionsprozess; sie wird bestimmt durch den Platz, den ein Mensch in der gesellschaftlichen Klassenstruktur einnimmt. Diese Ungleichheit erzeugt wiederum unbewusste Prozesse in den Individuen, die sie daran hindern, Subjekt zu werden. Die Psychoanalyse bezeichnet diesen „verwehrten Zugang“ zum eigenen Ich als <em>Angst</em>. [<a href="#anm16">16</a>]</p>
<p><em>Angst </em>lässt sich psychoanalytisch als Ergebnis politischer oder psychologischer Ereignisse definieren, die das Subjekt nicht verarbeiten und die es weder für sich noch für seine Umgebung interpretieren oder sinnvoll auslegen kann – daher ihr <em>rätselhafter Charakter </em>. Es lässt sich nur schwer ein geeigneterer Begriff als der der <em>traumatischen Situation </em>finden, um den rapiden Prozess des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs zu beschreiben, den die Argentinier in der jüngsten Vergangenheit durchgemacht haben und der den meisten von ihnen gewiss als <em>Rätsel </em>erschienen sein muss. Da mehr als die Hälfte der Bevölkerung verarmt ist, lässt sich dieser Prozess unmöglich als marginal behandeln. Er muss im Gegenteil als strukturierend angesehen werden für das, was man als „die psychische Ökonomie der Nation“ bezeichnen kann. Oder noch spezifischer: Wollen wir die Wirklichkeit der vor allem in der Peripherie von Buenos Aires konzentrierten Erwerbslosenbewegungen begreifen, so dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass diese Angst wahrscheinlich das Schlüsselgefühl zum Verständnis der enormen Schwierigkeiten ist, denen diese Bewegungen im Alltag gegenüberstehen. Im Hinblick auf die psychische Realität der Unterschichten schreibt José Moura Filho Gonçalves:</p>
<p>„Die Armen leiden psychologisch gesehen fortwährend unter dem Druck einer seltsamen, mysteriösen Botschaft, die sagt: ,Ihr seid minderwertig&#8230;‘ Für die Armen ist Demütigung entweder unmittelbar präsent, oder sie spüren, dass sie jederzeit auf sie lauert, wo immer und mit wem sie auch zusammen sein mögen. Das Gefühl der Rechtlosigkeit, das Gefühl, verachtenswert oder widerwärtig zu sein, gewinnt zwanghaften Charakter: Sie bewegen sich und reden – wenn sie reden – wie Wesen, die niemand sieht.“[<a href="#anm17">17</a>]</p>
<p>Diese subjektive (und politische) Fragilität derer „von unten“ ist der Humusboden, auf dem der Staat neue Formen sozialer Kontrolle entwickelt. Im Fall Argentiniens haben diese Formen, wie wir oben gesehen haben, mit dem Auftreten des <em>Punteros </em>begonnen, der in die Beziehung zwischen Staat und Bevölkerung die <em>Logik der Begünstigung </em>einführt. Das <em>Recht </em>auf ein paar Brosamen, die Tausende von Familien wenigstens vor dem Hunger retten, wird so der <em>Willkür </em>des politischen Chefs im Wohnviertel anheimgestellt. Die dadurch entstehende Beziehung hat dazu beigetragen, das Minderwertigkeitsgefühl der Ausgeschlossenen zu verstärken:</p>
<p>„Der <em>Puntero </em>lähmt den Willen, er zerstört das Selbstwertgefühl, fördert bei den Subjekten kontemplative Verhaltensweisen und bringt das Volk um seine strategische Kraft&#8230; Er verstärkt die negativen Identitäten, indem er zur Verinnerlichung der Herrschaftsperspektive beiträgt&#8230; Kurzum, die Funktion der <em>Punteros </em>zielt darauf ab, die armen Sektoren der Bevölkerung an ihre subalterne Rolle zu erinnern.“ [<a href="#anm18">18</a>]</p>
<p>Einst der Macht ihrer Chefs ausgeliefert, finden sich die Erwerbslosen nun in einer Abhängigkeitsbeziehung zum Vertreter des Staates wieder. So entsteht ein Kontinuum von Herrschaft, welches fortwährend das unterminiert, was den Subjekten noch an Würde und Selbstwertgefühl bleibt. Eine auf solchen Parametern basierende Beziehung trägt natürlich zusätzlich dazu bei, die oben erwähnte <em>Angst </em>zu reproduzieren: das lähmende Gefühl, welches das Subjekt unfähig macht, eine Alternative zu seiner persönlichen, familiären und kollektiven Tragödie zu denken, weil die Situation, in der es sich befindet, undurchschaubar ist oder durch Eigeninitiative nicht überwindbar erscheint. Die wesentliche Funktion des <em>assistencialismo </em>besteht somit in der Reproduktion der gesellschaftlichen Herrschaftsstruktur, darin, die Armen an dem „ihnen gebührenden Platz“ zu halten, passiv und konform mit ihrer subalternen Position in der Klassengesellschaft.</p>
<p>Eine Bewegung mit emanzipatorischen Perspektiven steht so vor einem schier unlösbaren Dilemma: Wie kann sie stärker werden, an Zulauf gewinnen und sich organisieren, um das Recht auf gutes Leben einzufordern, wenn sie ständig mit jenem <em>Ohnmachtsgefühl </em>kämpfen muss, welches das <em>Ich </em>eines Großteils ihrer Mitglieder <em>zersetzt </em>und ihnen die Fähigkeit raubt, zu handeln und das Wort zu ergreifen, weil sie sich nicht als politische Handlungsträger erkennen, sondern nur als manipulierbare Objekte, die politischen und wirtschaftlichen Kräften unterworfen sind, die ihr Leben kontrollieren und zu denen sie nicht einmal Zugang haben? Zwar ist die Vermittlung sozialistischer Ideen durch Aktivitäten und Bildungsarbeit ein wichtiger Aspekt, doch müssen wir, wenn die politische Aktivität nicht steril werden soll, im Auge behalten, dass für alle Gedemütigten und Erniedrigten in dieser Gesellschaft, vor allem eines vordringlich ist: Handlungsformen zu finden, die dem Bedürfnis entsprechen, die von der Ausgrenzungsdynamik des modernen Kapitalismus verursachten psychischen Wunden zu heilen. Es kommt darauf an, kollektive Praktiken zu entwickeln, die es den Individuen ermöglichen, die lähmende Angst, die ihnen den Status politischer Subjekte genommen hat, in psychische Kraft zu verwandeln, um jene Fähigkeit und jenes Selbstwertgefühl zurückzuerobern, die zur Wiederherstellung <em>gemeinschaftlicher Bande </em>in ihren Wohnvierteln und zur <em>politischen Aktivität </em>erforderlich sind. [<a href="#anm19">19</a>]</p>
<p>Schauen wir uns nun die Praktiken an, die von einigen <em>Piquetero </em>-Organisationen vor allem in den ärmeren Stadtvierteln entwickelt wurden und mit denen es im Laufe der letzten Jahre nicht nur gelungen ist, Überlebensalternativen für eine marginalisierte und von ihren Grundrechten ausgeschlossene Bevölkerung zu entwickeln, sondern auch im Alltag von Zehntausenden von Argentiniern bedeutende Veränderungen zu bewirken. In vielen Fällen haben diese Organisationen jene materielle und psychologische Unterstützung geliefert, die zumindest teilweise den oben erwähnten spezifischen Bedürfnissen Rechnung trägt. Grundsätzlich lassen sich diese Praktiken in drei Gruppen zusammenfassen, die sich um die <em>Planes </em>herum gebildet haben: <em>Piquetes </em>als Taktik zur Durchsetzung von Forderungen gegenüber dem Staat, <em>Stadtteilversammlungen </em>als politische Organisationsform und <em>selbstorganisierte Arbeit </em>als Form materieller Produktion.</p>
<p>Zunächst eine Vorbemerkung: Wie schon gesagt, weist das Spektrum der <em>Piquetero </em>-Bewegungen eine derartige Fragmentierung auf, dass verallgemeinernde Aussagen darüber unmöglich sind. Bei den hier besprochenen Organisations- und Praxisformen handelt es sich im Prinzip um eine besondere Tendenz der Bewegung: um die so genannten <em>autonomen Bewegungen </em>, die ihren Namen der Tatsache verdanken, dass sie weder politischen Parteien noch Gewerkschaften angehören oder mit diesen verbunden sind. Diese Bewegungen stehen am ehesten für den Versuch, im Alltag die Grundlagen für die Bildung einer neuen Identität zu legen: der des <em>Piquetero </em>; einer Identität, die sich auf die Konsolidierung der erwähnten Praktiken stützt und die in gewisser Weise die subjektive Hegemonie gegenüber der „traditionellen“ kapitalistisch-hierarchisch geprägten Identität des Arbeiters gewinnt. Dazu Svampa und Pereyra:</p>
<p>„&#8230;je größer die Kluft zwischen der Identität des Arbeiters und der des <em>Piquetero </em>ist, desto größeres Gewicht erhält der transitorische Charakter der letzteren. Umgekehrt sind es jene Erfahrungen eines relativ erfolgreichen Auslotens der Möglichkeiten von Selbstorganisation und kommunitärer Arbeit, die letztlich eine Stärkung der <em>Piquetero </em>-Identität im Verhältnis zu der des Arbeiters bewirken.“ [<a href="#anm20">20</a>]</p>
<p>Das Problem, das uns interessiert, dreht sich letztlich um die folgende Frage: Können neue Formen der Soziabilität gefunden werden, die materielle und symbolische Instrumente für die <em>Herausbildung </em>einer anti-kapitalistischen Identität bereitstellen, welche die Menschen in den Stand versetzt, dem Prozess der subjektiven Erniedrigung zu widerstehen, dem sie als Prekarisierte und Gedemütigte ausgesetzt sind? Eine Identität, die zugleich den Aufbau einer Massenbewegung ermöglicht, deren Perspektive in der Überwindung des politischen und ökonomischen Systems des Kapitalismus bestünde? Wie wir sehen werden, deutet einiges darauf hin, dass im Alltag einiger <em>Piquetero </em>-Organisationen, Funken eines solchen Projekts aufblitzen.</p>
<h4>4. Stützpfeiler der <em>Piquetero </em>-Identität</h4>
<p>a) Warum Piquetes?</p>
<p>Die <em>Piquetes </em>, die bereits 1996 in mehreren, durch die Privatisierung der staatlichen Ölfirma YPF wirtschaftlich schwer heimgesuchten Städten des Landesinneren und anschließend auch in Buenos Aires entstanden, stellen zunächst ein neues Werkzeug der <em>direkten Aktion </em>im Kampf der Lohnarbeitenden dar. Die traditionelle Form des Kampfes seitens der organisierten Arbeiterbewegung war seit jeher der <em>Streik </em>, also die Lahmlegung der Warenproduktion, um die Unternehmen zu zwingen, ihren Forderungen nachzugeben. Wie kann also eine Bewegung von Arbeitslosen, von Menschen also, die aus dem direkten Produktionsprozess ausgeschlossen sind, ihre ökonomischen, sozialen und politischen Forderungen geltend machen? Die kreative Antwort auf diese Frage haben die Arbeitslosen auf der Straße gegeben. Wenn sie schon die Warenproduktion nicht lahmlegen konnten, so doch zumindest die Warenzirkulation, womit sie den „Salto mortale“ der Realisation des in den Waren dargestellten Werts verhinderten und so indirekt die „Achillesferse“ des Kapitals trafen: den Profit. [<a href="#anm21">21</a>] Doch auch wenn die so genannten <em>Cortes de ruta </em>(Straßenblockaden) zum wichtigsten taktischen Mittel der direkten Aktion wurden, waren sie nicht die einzige Form, in der die Bewegungen ihre Rechte einforderten. Angesichts der ständigen Erpressungen seitens des Staates, der fortwährend seine Macht benutzte, um Monat für Monat und ohne weitere Erklärung den Bewegungen einen Großteil der <em>Planes </em>zu entziehen, um sie so zu schwächen und zu zermürben, besetzen die <em>Piqueteros </em>immer wieder öffentliche Gebäude (Präfekturen, Ministerien usw.) und Banken. Letztere sind für das Weiterleiten der Schecks an die Bevölkerung zuständig, schieben die Auszahlungen jedoch in der Regel hinaus, um das Geld länger anlegen zu können.</p>
<p>Die <em>Piquetes </em>waren ebenfalls ein Mittel, dem ganzen Land die Ergebnisse der einer nach dem anderen gescheiterten wirtschaftspolitischen Maßnahmenkataloge vor Augen zu halten: Massenelend und Hunger, die bis dahin vor den Fernsehkameras versteckt geblieben waren, weil sie sich in den Peripherien der Großstädte und im Landesinneren konzentrierten. Die <em>Piquetero </em>-Bewegung hat die nationale Tragödie der Armut sichtbar gemacht und bis dahin <em>unsichtbare Menschenmassen </em>auf die Straßen des Zentrums von Buenos Aires gebracht. Eine weitere Besonderheit dieser neuen Kampfform ist, dass an einem <em>Piquete </em>ganze Familien beteiligt sind: Kinder, Jugendliche, alte Menschen, alle nehmen an den Demonstrationen teil und verwandeln die <em>Piquetes </em>in ein signifikantes Moment der Veränderung des Alltags und der nachbarschaftlichen Begegnung. Deshalb muss etwas vom häuslichen Leben auf der Straße improvisiert werden: Plastikplanen und Zeltbahnen, die Hütten vorstellen sollen, riesige Kessel, in denen die beliebten Eintöpfe aus Gemüse, Nudeln und (wenig) Fleisch brodeln, über dem Feuer aus dem tags zuvor gesammelten Holz. Dazu kreist, mitten auf der Strasse, die traditionelle „Bombilla“ mit Mate, wodurch die Kontrolle über das Territorium bekräftigt wird.</p>
<p>Gleichzeitig, so geht aus mehreren Berichten hervor, hat diese Praxisform bei manchen Teilnehmern so etwas wie eine <em>kathartische Wiedergewinnung </em>der verlorenen Würde bewirkt:</p>
<p>„Wenn ich mir das Taschentuch vor den Mund binde, dann ist es, als wäre ich jemand anderes, kein gewalttätiger oder böser Mensch, sondern ein anderer, ein neuer Mensch. Man fühlt sich frei, frei von so vielen Dingen, die sich in einem angestaut hatten.“ [<a href="#anm22">22</a>]</p>
<p>Die Besetzung von Straßen und Landstraßen im Großraum Buenos Aires, die den Menschen- und Warenfluss unterbricht, wird als <em>kathartische </em>[<a href="#anm23">23</a>] Erfahrung empfunden, als organisierte Revolte gegen die Demütigungen der Prekarisierung, die „einen anderen Menschen“ hervorbringt, der den Status des öffentlich <em>redenden </em>und <em>handelnden politischen Subjekts </em>wiedergewinnt, indem er die Straßen besetzt und die Infamie eines gescheiterten Systems anklagt, das Millionen von Menschen [<a href="#anm24">24</a>] überflüssig macht. Die <em>Piquete </em>-Erfahrung ist ein wesentlicher, aber nicht der einzige Bestandteil der Konstitution dessen, was man unter dem Begriff <em>Piquetero </em>-Identität zusammengefasst hat. Wie wir im vorangegangenen Abschnitt gesehen haben, bedarf es zum Aufbau einer sozialen Bewegung neben einer gemeinsamer Identität auch sozial-ökonomischer Forderungen. Im Fall der argentinischen Erwerbslosenbewegungen werden wir sehen, dass die Erfolge im Kampf für diese Forderungen die materielle Basis für die langsame alltägliche Konstruktion einer kollektiven Identität waren, die mit neuen Formen politischer und ökonomischer Organisation zusammenhängen, wie sie in den Stadtvierteln der Peripherie von Buenos Aires zu finden sind.</p>
<p>b) Die <em>Planes </em>in den Stadtvierteln: das materialistische Wunder der Verwandlung von Fürsorge in Selbstorganisation</p>
<p>Selbstverständlich reichen die jeden Monat in Form des <em>Plan </em>errungenen 150 Pesos bei weitem nicht für die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wohnen, Transport usw. aus. [<a href="#anm25">25</a>] Hier setzt nun die von den Bewegungen entwickelte so genannte Stadtteilarbeit ( <em>trabajo territorial </em>oder <em>trabajo de barrio </em>) ein. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um eine Strategie, um die <em>Lebenshaltungskosten </em>ihrer Mitglieder zu <em>senken </em>, deren erste Maßnahme im Allgemeinen in der Schaffung einer <em>Gemeinschaftskasse </em>besteht, in welche alle <em>Plan </em>-Empfänger einen Beitrag einzahlen. Dieses Geld dient im Allgemeinen zunächst dazu, Maßnahmen gegen das Gespenst des Hungers zu ergreifen, das infolge der Krise in den armen Stadtvierteln umgeht. [<a href="#anm26">26</a>] Der erste Schritt ist fast immer die Schaffung eines <em>Comedor </em>(Gemeinschaftsküche), wo Familien die ganze Woche zu Mittag (manchmal auch zu Abend) essen können und in dem die Kinder zudem noch ein Vesperbrot erhalten. Im <em>Comedor </em>essen darf, wer seinen Beitrag in die Gemeinschaftskasse der Bewegung eingezahlt hat. Dieser Beitrag variiert je nach Organisation zwischen 5, 10, 15 (oder mehr) Pesos pro Monat und Person: eine, wie man sich denken kann, enorme Ersparnis für Menschen, die monatlich 150 Pesos erhalten. Die <em>Comedores </em>werden darüber hinaus durch kleine Gemeinschaftsgärten versorgt, die für gewöhnlich auf von der Bewegung besetztem Brachland angelegt werden. Hinzu kommen die dem Staat abgetrotzten Warenkörbe mit Grundnahrungsmitteln, die heute einen beträchtlichen Anteil der Mahlzeiten ausmachen, die in den <em>Comedores </em>von den verschiedenen Organisationen zubereitet werden.</p>
<p>Eine weitere geläufige Praxis ist die Schaffung von <em>Gemeinschaftsbäckereien </em>: Brot ist durch die Krise zu einem der Hauptnahrungsmittel auf dem täglichen Speisezettel geworden. Verkauft wird es zum Selbstkostenpreis an die Mitglieder der Bewegung (im Allgemeinen zur Hälfte des Preises einer normalen Bäckerei). Der am Ende jedes Monats erwirtschaftete Überschuss fließt fast immer an den <em>Comedor </em>zurück und wird so sozialisiert. Häufig richten die Bewegungen auch Kindertagesstätten ein, organisieren die Straßenreinigung im Viertel (um die sich die Stadtverwaltung nicht kümmert) und stellen medizinische Grundversorgung zur Verfügung. Manche Bewegungen sind mittlerweile so gut organisiert, dass sie kleine Konfektionswerkstätten eingerichtet oder artesische Brunnen gebaut haben oder gar, dank staatlicher Darlehen zur Einrichtung von Kooperativen, Bier brauen, wodurch zusätzliches Einkommen für die Bewegung und ihre Mitglieder geschaffen wird. [<a href="#anm27">27</a>]</p>
<p>Diese Praktiken dienen in erster Linie dazu, trotz der knappen finanziellen Mittel wenigstens das Existenzminimum zu gewährleisten, indem die dem Staat abgetrotzten Mittel kollektiv verwendet und zugleich kollektive „produktive Unternehmungen“ aufrechterhalten werden. Es handelt sich somit um die Eroberung einer „doppelten Zuwendung“ seitens des Staates: direkt in Form des Geldes, das die Arbeitslosen als „ <em>Plan </em>“ erhalten, und indirekt in Form der individuellen Arbeit, welche diese zugunsten ihrer Bewegung und ihrer Gemeinschaft leisten. Eine gleichsam materialistische Version der „wundersamen Vermehrung des Brotes“. Die Überschüsse aus dem Verkauf von Brot oder Kleidungsstücken fließen wieder an das Kollektiv zurück und tragen so dazu bei, die Lebenshaltungskosten der Beteiligten noch mehr zu senken und das wenige verfügbare Geld, wie der Ökonom sagen würde, zu „optimieren“. Diese Strategien stellten die Vermittlung dar, durch die es gelang, Zehntausende von Menschen im Kampf für ein gemeinsames Ziel zu vereinen – den Kampf gegen Hunger und Elend. Darin eingeschlossen war der Aufbau von organisatorischen Strukturen, die es in vielen Fällen ermöglichten, neue Formen <em>kommunitären </em>Lebens im Alltag zu schaffen und soziale Zusammenhänge wiederherzustellen, welche die brutale Dynamik des Kapitals in den großen Städten zerrissen hatte.</p>
<p>Darüber hinaus kann die Geschichte der <em>Piqueteros </em>als die Geschichte der Umfunktionierung des <em>asistencialismo </em>gesehen werden, d.h. der Verwandlung einer herrschaftlichen Kontrollstrategie in ein Basis-Projekt zur Schaffung einer gewissen Autonomie. Dass die dem Staat entrissenen finanziellen Brosamen genutzt werden, um die politische und wirtschaftliche Selbstorganisation der Bevölkerung in den Armenvierteln der städtischen Peripherie zu fördern, ist ein mögliches Gegenmittel gegen die Verzweiflung der <em>Gedemütigten </em>und vielleicht ein Beispiel für die Arbeitslosen auf dem übrigen Kontinent.</p>
<p>c) Die Stadtteilversammlungen: die Macht des Wortes wiederentdecken</p>
<p>Um die Selbstorganisation zu ermöglichen, galt es zunächst kollektive Entscheidungsinstanzen zu schaffen, die den Betroffenen wieder eine Stimme verliehen, um in allen Bereichen ihres Alltags im Viertel mitentscheiden zu können. Dazu wurden die <em>Stadtteilversammlungen </em>[<a href="#anm28">28</a>] ins Leben gerufen, eine Form direkter Demokratie mit horizontalen Machtstrukturen, die neue Formen politischen Handelns ermöglicht und einen Raum der Begegnung zwischen Nachbarn schafft, der dem Erfahrungsaustausch ebenso dient wie der wechselseitigen Anerkennung als Prekarisierte.</p>
<p>„Ich glaube, dass wir im Vergleich zu anderen Bewegungen atypisch sind, da wir direkte Demokratie praktizieren. Sie ist für uns die einzige Form, die es allen ermöglicht, das Wort zu ergreifen und zu kritisieren. Einfach zu sagen: Gut, das stimmt, hier sind wir offenbar einer Meinung, aber dort sind wir es nicht, damit bin ich nicht einverstanden. Wir schaffen es also, Versammlungen abzuhalten, wo jeder zu Wort kommen kann. Die Versammlungen sind öffentlich und so kann es vorkommen, dass Genossen, die diese Form der Versammlung nicht gewöhnt sind, sagen: Das sind ja bloß Worte. Aber diese Worte, wenn wir sie analysieren, drücken sehr vieles aus, sie haben einen speziellen Inhalt. Jemand, der nur vier Worte sagt, kann trotzdem ausdrücken, was er fühlt.“ (Aktivist des CCC) [<a href="#anm29">29</a>]</p>
<p>Potentiell kann diese Art von Versammlung die landläufige Vorstellung von Politik als einer Aktivität von Professionellen, von vermeintlichen Fachleuten, die dafür bezahlt werden, über die Geschicke einer ganzen Nation zu entscheiden, oder von einer vermeintlich aufgeklärten Avantgarde, in das umwandeln, was Politik wirklich sein sollte: eine Aktivität, an der alle Mitglieder einer Gemeinschaft maßgeblich beteiligt sind, insofern sie über ihre gemeinsamen Belange entscheiden und diese organisieren. Eine junge <em>Piquetera </em>sagte mir einmal, dass nur relativ wenige Genossen sich in einer Versammlung zu Wort melden. Wenn sie oder andere Aktivisten den Grund für dieses Schweigen wissen wollen, dann heißt es meistens: „Ich hab keinen Kopf für sowas! Ich kann nicht so reden wie ihr!“ [<a href="#anm30">30</a>] Tatsächlich gibt es vor allem in den unteren Bevölkerungsschichten nur wenige, die daran gewöhnt sind, öffentlich das Wort zu ergreifen, ihre Meinung in einem Kollektiv zu vertreten, und sich für fähig halten, die Macht des eigenen Wortes zu benutzen, um über die Belange des eigenen Lebens und die ihres Umfelds zu entscheiden. Meistens schämen sie sich, weil sie dieses oder jenes Wort „falsch“ gebrauchen, nicht im Sinne der vermeintlichen „Norm der Hochsprache“. Sie schämen sich, weil sie glauben, ihre „mangelnde Schulbildung“, gebe ihnen keine Legitimität, sie schämen sich, weil sie die Verachtung verinnerlicht haben, der sie tagtäglich ausgesetzt sind, sei es in den vorgestanzten Bildern der Kulturindustrie, wo die Armen oft als Stereotype, als lachhafte und lächerliche Figuren auftauchen, sei es im täglichen Kontakt mit Vorgesetzten oder Arbeitgebern, die ihren Angestellten eine bestimmte Sprechweise auferlegen.</p>
<p>„Wenn der Angestellte mit dem Chef redet, dann handelt es sich meistens um kleine Fragen oder um Rechtfertigungen (Soll ich das tun? Nein? Aber Sie sagten doch, ich solle das machen!). So reden die Angestellten. <em>In den meisten Fällen ist die Haltung des unmündig gemachten Menschen schlichtweg die desjenigen, den man zum Schweigen gebracht hat </em>. Es ist nicht das Schweigen von Stummen, sondern das von Stumm-Gemachten, nicht das Schweigen der Klöster, sondern das derer, die beten, sie mögen ihren Job nicht verlieren. Die Sätze des Proletariers – seine Sätze und seine Gebete [<a href="#anm31">31</a>] – haben häufig ökonomischen Inhalt. Es sind die Sätze und Gebete eines Mannes, der auf die Verausgabung seiner körperlichen Arbeitskraft reduziert wurde.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm32">32</a>]</p>
<p>In der Versammlung haben alle das Recht, das Wort zu ergreifen, auch diejenigen, die nicht daran gewöhnt sind, sich dieses Rechts zu bedienen. Es geht beispielsweise darum zu entscheiden, wie der <em>Comedor </em>verwaltet wird, wann der nächste <em>Piquete </em>stattfindet oder was mit dem Geld der Gemeinschaftskasse geschehen soll. Außerdem werden die Perspektiven der Bewegung und nationale politische Fragen diskutiert. Kurzum, die Versammlung kann den bevorzugten Raum sowohl der politischen Bewusstseinsbildung als auch der Beratung über die zentralen Aspekte des Alltags aller am Aufbau der Bewegung Beteiligten bilden. Gleichzeitig kann hier aber auch ein Netz der gegenseitigen psychischen Unterstützung entstehen, das es Menschen mit gleichen Leidenserfahrungen ermöglicht, eine gemeinsame Identität herzustellen.</p>
<p>„Wenn es etwas gibt, das wir der Bewegung verdanken, dann, dass sie uns ermöglicht hat in <em>Versammlungen zusammenzukommen </em>und <em>das Wort wieder zu erobern </em>; sie hat uns ermöglicht, einander zuzuhören, zu entdecken, dass wir wirklich unter Hunger und Elend litten. Wir haben so unsere Würde wiedergefunden. Die <em>Würde </em>steht für uns im Mittelpunkt unserer Arbeit, der <em>Arbeit gegen die Demütigung </em>, gegen den Konformismus.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm33">33</a>]</p>
<p>Eines der größten subjektiven Probleme der Arbeitslosigkeit besteht in ihrer Tendenz, die Menschen voneinander zu isolieren, weil sie sich für ihre Situation schämen, sie als selbst verschuldet ansehen und so als individuelles Problem definieren, was ein Problem des ganzen Landes ist. Von dem Moment an jedoch, da man sich mit anderen zusammenschließt und gemeinsam das „enteignete Wort zurückerobert“, von diesem Moment an wird es möglich, allmählich die Krise zu verstehen und kollektiv die Gewissheit zu erlangen, dass die Ursachen des gemeinsamen Elends nicht in der Inkompetenz und in der mangelnden „Qualifizierung“ des Arbeitslosen liegen, sondern im Zusammenbruch des gesellschaftlichen Systems. Auf diese Weise kann gemeinsam gegen die Verzweiflung angekämpft werden, die alle <em>Prekarisierten </em>und <em>Gedemütigten </em>in ihrem Inneren verspüren.</p>
<p>d) „Arbeit, Würde und gesellschaftliche Veränderung“</p>
<p>Die von den argentinischen Bewegungen entwickelten neuen ökonomischen Praktiken haben bei zahlreichen Lohnabhängigen dazu geführt, dass sie in ihrem Alltag die Bedeutung hinterfragen, welche der <em>Arbeit </em>in der kapitalistischen Gesellschaft zukommt. Das betrifft einerseits ihre wirtschaftliche Funktion, die durch die Ausbeutung der Arbeitskraft und die Reproduktion der kapitalistischen Herrschaft bestimmt ist, andererseits ihre Rolle bei der Identitätsbildung der Individuen, denn die Arbeit bildet insbesondere in den unteren sozialen Klassen immer noch die wichtigste Stütze der Identität. Es erhebt sich daher die Frage: Ist es angesichts der Knappheit von Arbeitsplätzen und der von der Arbeitslosigkeit ausgelösten subjektiven Krise denkbar, eine andere an die produktive Tätigkeit geknüpfte Identität zu schaffen, die der vom Kapitalismus konstituierten und sedimentierten Identität diametral entgegensteht?</p>
<p>Verschiedene Bewegungen haben auf ihre Fahnen geschrieben: <em>Arbeit, Würde und gesellschaftliche Veränderung </em>. Gemeint ist jedoch nicht irgendeine Arbeit, sondern die Entwicklung von Praktiken der Selbstorganisation in der Arbeit, die tagtäglich erforderlich ist, um die ganze von der Bewegung geschaffene Struktur aufrecht zu erhalten, also die Entwicklung von Keimformen horizontaler und egalitärer Beziehungen, die sich am Sozialismus orientieren.</p>
<p>„Wir wollen ‚würdige Arbeit‘ schaffen, und die ist mit Ausbeutung, mit der Unterwerfung der Arbeit unter einen Chef, mit dem darin enthaltenen Diebstahl und mit der Kontrolle der Arbeitszeiten unvereinbar.“ [<a href="#anm34">34</a>]</p>
<p>In wenigen Worten fasst dieser Aktivist den Herrschaftscharakter der kapitalistischen Arbeit zusammen, auf deren Überwindung die alltäglichen Kämpfe der hier beschriebenen Bewegungen zielen, indem sie versuchen, ein neues Verhältnis zur produktiven Tätigkeit zu entwickeln.</p>
<p>„Als erstes muss man sein <em>Selbstwertgefühl </em>wieder finden und in diesem Sinne fühlen wir uns als Arbeiter: als Mensch, der <em>einen Teil seiner Identität zurückgewonnen hat </em>. Und Arbeiter ist man, <em>weil man zum Kollektiv beiträgt </em>, zur Gemeinschaft und <em>nicht, weil man Rendite erwirtschaftet </em>. Wer denkt, der Arbeiter sei derjenige, der Gewinn schafft, für den ist der Arbeitslose ein Paria. Aber bei uns herrschen andere Werte, die nicht die sind, die diese Gesellschaft einem eingibt.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm35">35</a>]</p>
<p><em>Arbeit </em>wird hier verstanden im Sinne einer produktiven Tätigkeit für einen gemeinsamen Zweck, verrichtet von allen für alle und nicht, um in entfremdeter Form Gewinn zu erwirtschaften, der den Eigentümern der Produktionsmittel zufließt. [<a href="#anm36">36</a>]</p>
<p>Es ist für den Einzelnen alles andere als nebensächlich, dass er in der Bewegung seine Arbeit im Hinblick auf die <em>konkreten </em>Bedürfnisse eines bestimmten Zusammenhangs verrichtet: seiner Familie, seiner Nachbarn, seiner Freunde.</p>
<p>„Ich glaube, das kapitalistische System strukturiert einen und zwar so, dass man sich nicht als Mensch fühlt, sondern <em>sein ganzes Leben lang nur als ein Ding </em>. In der Fabrik ist man ein Ding, an der Universität eine Nummer. Wenn ein Genosse hier zum MTD kommt, dann liegt einer der Gründe für seine große <em>Frustration </em>eben darin, sich nicht als Mensch zu fühlen, nicht zu erkennen, dass er etwas tun kann, und zwar nicht nur für einen Boss, der ihm den Befehl dazu gibt. Wir arbeiten viel daran, und wenn wir dann mit den Genossen diskutieren und sie fragen: ,Was fühlst du? Was fühlst du heute im Vergleich zu der Zeit, als du noch nicht im MTD warst?‘, dann lautet die Antwort: ,Ich habe mich hier als Mensch wiedergefunden, <em>plötzlich habe ich entdeckt, dass ich imstande bin, etwas zu tun </em>.‘ &#8230; Wir finden hier, glaube ich, wieder ein wenig zum Thema der Arbeitskultur zurück, nämlich dass wir etwas von uns aus und für uns tun können.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm37">37</a>]</p>
<p>Dieser Genosse gesteht, dass er sich <em>wie eine Sache </em>fühle. Geht es denn nicht eben darum im marxistischen Konzept der „Verdinglichung“, als subjektivem Resultat der Unterwerfung des Arbeitenden unter den kapitalistischen Arbeitsprozess? Die Veränderungsprozesse im Alltag der Aktivisten, die hier das Wort haben, beziehen sich offenbar genau darauf: der <em>Sinn </em>, den manche in der <em>kommunitären Arbeit </em>finden, vermag subjektive Strukturen wiederherzustellen, die Elend und Ausbeutung zerstört hat, jenes Elend und jene Ausbeutung, die diese Arbeitenden jahrzehntelang über sich ergehen lassen mussten. Dieses „Etwas-tun-können“ ist kein bloßes Detail. Es verweist auf eine Veränderung im „Ego“ dieser Menschen, darauf, dass sie vielleicht dabei sind, vergessene oder nie entdeckte individuelle Potentiale (wieder) zu entdecken. Diese Potentiale aber können, wenn sie sich in einem auf soziale Transformation orientierten politischen Projekt entfalten, zu einer politischen Kraft werden, welche die Subjekte mobilisiert und ihnen Würde und Selbstwertgefühl verleiht, ohne die sie sonst nicht einmal fähig wären, aus dem Haus zu gehen, geschweige denn eine soziale Bewegung aufzubauen und in ihren Wohnvierteln oder Städten verankert zu sein. [<a href="#anm38">38</a>]</p>
<p>Manche Genossen hat die Erfahrung des Knüpfens neuer gemeinschaftlicher Beziehungen um die alltägliche Arbeitsaktivität herum zutiefst geprägt. Es erscheint ihnen ganz und gar nicht mehr als „natürlich“, dass man, um zu überleben, gezwungen ist, seine Arbeitskraft auf einem von extremer Konkurrenz und Entwertung geprägten Arbeitsmarkt zu verkaufen. Trotz ihrer prekären Lebensbedingungen sind sie in der Lage, die Grundlagen der Arbeitsgesellschaft infrage zu stellen, und beziehen sich auf mutige und überraschende Weise auf ihre Situation als Arbeitslose.</p>
<p>„ <em>Wir wollen keine Integration </em>. Ich will jedenfalls <em>nicht mehr ausgebeutet werden </em>. Ich will nicht wieder für Fortabat oder Macri arbeiten, das ist klar. Ich kämpfe nicht dafür, dass die mich wieder ausbeuten können. Ich und viele andere Genossen denken, dass wir nicht integriert werden wollen: Wir haben es hier mit etwas ganz anderem zu tun.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm39">39</a>]</p>
<p>Nicht wenige meiner Gesprächspartner gaben mir eine ähnliche Antwort, als ich sie fragte, ob sie für einen neuen Arbeitsplatz kämpfen würden. Oft habe ich das überaus vernünftige Argument gehört, ein Arbeitsplatz sei, so wie die Dinge lägen, der Mühe nicht mehr wert. Es würde bedeuten, jeden Tag früh aufzustehen, sich im Durchschnitt auf drei bis vier Stunden Fahrt- und zehn Stunden Arbeitszeit einzustellen, um am Monatsende einen Lohn von 300 oder 400 Pesos nach Hause zu bringen. Da bleibt man besser in seinem Viertel und arbeitet jeden Tag für die Familie, die Freunde und die Nachbarn, statt sein Leben zu vergeuden und es ganz einem Unternehmer zu überlassen, gedemütigt und fortwährend von der Entlassung bedroht, weil es ja jede Menge Leute gibt, die zur Verfügung stehen und sich um den Arbeitsplatz reißen! Freilich sind 150 Pesos am Monatsende wenig. Man sucht sich deshalb ein paar kleine Nebenjobs, isst im <em>Comedor </em>und lebt ein würdigeres Leben, als wenn man tagaus, tagein in einer Fabrik oder in einem Büro eingesperrt ist. So ist ein Punkt erreicht an dem einerseits die kapitalistische Krise, eine immer schärfere Ausbeutung der Arbeitskräfte erzwingt, um die sinkenden Profitraten im produktiven Sektor auszugleichen, andererseits genau dies seine Reproduktion bedroht: Denn das extrem geringe Lohnniveau, vor allem in den Berufen, die „weniger qualifiziert“ sind, bewirkt, dass eine kleine Bresche, wie z. B. die durch die <em>Planes </em>eröffnete, es den Menschen ermöglicht, neue Überlebensalternativen zu erfinden und der so genannten Integration den Rücken zu kehren. [<a href="#anm40">40</a>]</p>
<h4>5. Autonomie und „integrierte Subjektivität“: die Möglichkeit, Zeit und Raum zu kontrollieren</h4>
<p>a) Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</p>
<p>Kapitalismus bedeutet in erster Linie: <em>Kontrolle der Zeit </em>. Der Wert einer jeden Ware wird durch die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ bestimmt. „Zeit ist Geld“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Der Kapitalist kauft dem Arbeiter das Recht ab, den Gebrauch seiner Zeit während der vertraglich bestimmten Stunden zu kontrollieren. In den letzten Jahren hat die Tendenz zur Verlängerung des Arbeitstages (zusätzlich zu den schier endlosen in den öffentlichen Transportmitteln verbrachten Stunden) die Tage immer „kürzer“ gemacht und zunehmend dem Zwang der Kapitalverwertung unterworfen. (Übrigens absolvieren auch die Unternehmer und leitenden Angestellten immer längere Schichten, weil es die brutale Konkurrenz des krisenhaften Systems so erzwingt: Abgesehen von ihrer höheren finanziellen Vergütung, sind auch sie Sklaven der Zeitknappheit.) Die Zeit, die einem für sich selbst, die Familie und Freunde bleibt, ist verschwindend gering. Wir verfügen immer weniger über unsere Zeit. [<a href="#anm41">41</a>]</p>
<p>Die Organisationsform der <em>Piqueteros </em>hat es indes in gewissem Maße ermöglicht, diesen Prozess der zunehmenden Enteignung der Lebenszeit umzukehren. In zahlreichen Bewegungen haben die Versammlungen für jeden ihrer Aktivisten, der einen <em>Plan </em>empfängt, eine tägliche Arbeitszeit von vier Stunden festgelegt. Und das ist alles andere als nebensächlich: Es bedeutet die Möglichkeit, zum Aufbau der Bewegung beizutragen und ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln, zugleich aber selbst darüber zu entscheiden, worauf man den Großteil der eigenen Zeit verwendet, sei&#8217;s für eine kleine Nebentätigkeit zur Aufbesserung des Einkommens, sei&#8217;s, indem man mehr Zeit mit seiner Familie verbringt oder an anderen Aktivitäten der Bewegung teilnimmt, wie Diskussionsgruppen oder lokalen Versammlungen. Wie zu erwarten, bleiben die subjektiven Konsequenzen für diejenigen, die an einer solchen Erfahrung teilhaben, nicht aus: „Weißt du, ich war jemand, der für seine Arbeit lebte. Ich stand morgens um drei, vier Uhr auf, fuhr in die Hauptstadt und kehrte abends zurück. Ich wollte es zu etwas bringen, ein Haus bauen, den Kindern das Beste geben und alles, was in der <em>Idee des Fortschritts </em>, des Weiterkommens enthalten ist. Was für ein <em>entsetzlicher Sklave </em>ich war. Darin bestand mein Leben. Sicher, jetzt geht es mir wirtschaftlich zwar schlecht, aber ich habe meine Familie entdeckt, mein Viertel. Ich habe entdeckt, was es bedeutet, zusammen zu sein, Dinge zu teilen. Ich fühle mich jetzt ein wenig freier.“ (Hervorhebungen von mir) [<a href="#anm42">42</a>]</p>
<p>Die perverse Realität der Arbeitslosigkeit kann in konstruktive Praxis verwandelt werden, wenn eine das Leben organisierende kollektive Struktur gefunden wird. Die Bresche, die der Ausschluss aus dem kapitalistischen Produktionsprozess geöffnet hat, ermöglicht es, über viel freie Zeit zu verfügen. Diese Zeit ist leer und sinnlos, wenn das durch die Ausgrenzung verursachte Leiden keine Unterstützung durch ein organisiertes Kollektiv erfährt. Leidet der Mensch in der Isolation, so wird seine „freie Zeit“ mit Sicherheit durch innere Konflikte, Depressionen und psychische Erkrankungen aufgefressen. Er mag dann, wie es oft geschieht, den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen, hypnotisiert vom unaufhörlichen Geflimmer der Bilder, die ihn in einen Zustand der Lähmung versetzen, mit dem er erfolglos versucht, das Elend seiner Existenz zu lindern, Gefangener einer Zeit, die ebenso leer ist wie jene, die ihm der Arbeitsmarkt und das ideologische Versprechen des <em>Fortschritts </em>aufzwingen, wie der <em>Piquetero </em>oben sagt. In diesem Fall kann die Unterstützung durch andere ihm dabei helfen, herausfinden, dass „Fortschritt“ im kapitalistischen System in Wahrheit „Sklaverei“ bedeutet. Sklaverei im Austausch für ein paar Konsumgüter, die nie mehr sind als Brosamen angesichts des Überflusses, in dem die kapitalistische Gesellschaft erstrahlt. Abweichend von unseren vom Konsum kolonisierten Imaginationen hat der oben zitierte Mann – als Folge des wirtschaftlichen Niedergangs – andere subjektive Dimensionen entdeckt, den Kontakt mit den Menschen seiner Umgebung, die Suche nach und die Begegnung mit der „verlorenen Zeit“. Es ist, als sei der Wert der nunmehr von ihm kontrollierten Zeit nicht aufzuwiegen mit dem Lohn, für den er seine Freiheit verkaufte.</p>
<p>Hierzu Francisco Ferrara: „&#8230;eine Alternative zum Reich des Marktes aufzubauen, wird nur dann möglich sein, wenn es uns gelingt, der Hast zu entgehen und langsamere Rhythmen einzuführen &#8230;, mit der Hast Schluss zu machen, um uns zu Aktivitäten des Denkens zu befähigen und dazu, die Disziplinierung außer Kraft zu setzen, die uns der globalisierte Kapitalismus abverlangt&#8230; Es ist notwendig, die Geschwindigkeit abzubremsen und eine intensivere Situationswahrnehmung zu ermöglichen, indem Einrichtungen für die Begegnung geschaffen werden, die eine gemeinsame Teilhabe, den Dialog, die Aufmerksamkeit und die Sorge füreinander sowie kreatives Zusammenwirken ermöglichen.“ [<a href="#anm43">43</a>]</p>
<p>Politische Aktivität in diesem Sinn ist nur schwer vorstellbar, wenn sich ein Mensch schier unendlichen Arbeitstagen gegenüber sieht. Kann man von jemandem, der die Hälfte des Tages damit verbracht hat, auf dem Arbeitsmarkt für sein Überleben zu kämpfen und spät abends geistig und körperlich ausgelaugt nach Hause zurückkehrt, verlangen, dass er an einer Versammlung teilnimmt oder an wichtigen Diskussionen über die Geschicke der Bewegung, die eine geistige Präsenz erfordern, zu der das Gehirn einfach nicht mehr fähig ist? Und wie soll jemand bei <em>Piquetes </em>mitmachen, die ein, zwei oder mehr Tage dauern, wenn er nicht das Risiko eingehen kann, auf der Arbeit zu fehlen und seinen Job zu verlieren? Für den Aufbau der Bewegung war es deshalb von grundlegender Bedeutung, Überlebensalternativen zu schaffen, die es den <em>Piqueteros </em>ermöglichten, über freie Zeit für ihren Aktivismus zu verfügen. Das große Geheimnis des Kapitalismus bestand stets darin, dass es, um Körper und Geist der Menschen zu disziplinieren, kein besseres Mittel gibt, als sie tagtäglich acht oder mehr Stunden zum Arbeiten zu zwingen. Sie werden dadurch um die verfügbare Zeit gebracht, die für intellektuelle und politische Aktivitäten notwendig ist, der letzte Tropfen Energie wird aus ihren Körpern gesaugt und jedes Begehren, jede körperliche und geistige Fähigkeit in den Dienst der Produktion von Waren gestellt, die sich in Profit umwandeln sollen. [<a href="#anm44">44</a>]</p>
<p>b) Das beherrschte Territorium</p>
<p>Kapitalismus bedeutet aber auch: <em>Kontrolle des Raumes </em>. Kontrolle des vom Privateigentum innerhalb des Produktionsprozesses besetzten Raumes: in jeder Fabrik, in allen Fertigungszweigen, in jedem Büro und Geschäft, wo wir nur an den Orten zu sein haben, die das Kapital uns zuweist. Kontrolle des Verkehrsraums, in den großen und kleinen Straßen, die vor allem dafür gebaut wurden, um die Flüsse der Warenproduktion zu erleichtern, statt den Spaziergängen derer zu dienen, die diese Waren herstellen. Kontrolle all jener brachliegenden oder stillgelegten Grundstücke, Fabriken oder Gebäude, die von den Arbeitslosen, den Land- und Obdachlosen genutzt werden könnten, aber unter Verschluss gehalten werden, nur um den Spekulationsinteressen ihrer Eigentümer zu dienen. Kontrolle der Bevölkerung in den Vororten der Metropolen, die aus den Stadtzentren vertrieben wird, um so die Eindämmung eventueller Rebellionsversuche zu erleichtern oder aber, um es so einzurichten, dass die desorganisierte und blindwütige Revolte sich gegen das eigene Stadtviertel wendet statt gegen die wirklichen Unterdrücker.</p>
<p>Um diese Kontrolle zu garantieren, sind die Polizeikräfte in ständiger Alarmbereitschaft, bis an die Zähne bewaffnet mit scharfer Munition, Schlagstöcken und Tränengasbomben. Tag und Nacht durchstreifen sie die Städte, auf der Suche nach denen, die sich nicht abfinden wollen mit dem herrschenden Unrecht, dessen Fortbestand sie mit ihrer Uniform und ihrem Kriegsgerät abzusichern helfen. Sie schrecken nicht davor zurück, Unschuldige zu verletzen oder zu töten, wenn es gilt, öffentlich zu zeigen, wie weit der Staat gehen kann, um die Ordnung des sakrosankten Privateigentums zu garantieren. Dennoch haben wir bereits gesehen, dass die Basisorganisationen der argentinischen Erwerbslosen Breschen in diese Kontrolle zu schlagen vermögen: Die <em>Piquetes </em>kontrollieren den Raum, sie unterbrechen den Verkehr der Waren und Arbeitskräfte, legen die Stadt lahm und machen das Elend zu einem Thema, das alle angeht, selbst diejenigen, die noch nie in der Peripherie von Buenos Aires waren. Andererseits hat ihre territoriale Basis es ihnen ermöglicht, sich kollektiv zur Wehr zu setzen gegen die Macht der <em>Punteros </em>, die lange Zeit als unumstrittene Herrscher der Stadtviertel das Elend der Menschen manipuliert haben. Erschwert wurde so auch die Polizeiwillkür, vor allem gegen junge Arbeitslose ohne jegliche Freizeitalternativen und die den staatlichen Repressionskräften schutzlos ausgesetzt sind. Die <em>Piqueteros </em>haben ebenfalls Dutzende von leerstehenden Grundstücken besetzt und dort Schuppen gebaut, die ihnen als Büros und Versammlungslokale dienen. Auf diesen Grundstücken haben sie ihre <em>Comedores </em>, Bäckereien und Gemüsegärten eingerichtet und so neue Formen urbanen Lebensraums geschaffen.</p>
<p>Kein Zweifel: es hat eine qualitative Veränderung stattgefunden in der Art, wie <em>Zeit </em>und <em>Raum </em>von Tausenden von Menschen erfahren werden, die tagtäglich an der schweren Aufgabe beteiligt sind, die kargen Ressourcen, die sie dem Staat abgetrotzt haben, in Werkzeuge zum Wiederaufbau ihrer Wohnviertel, ihrer Existenzen und Bedürfnisse zu verwandeln. Francisco Ferrara bemerkt dazu, dass sich in dieser neuen Wirklichkeit die Keimform einer <em>integrierten Subjektivität </em>entwickeln könne, gewissermaßen das Negativ der <em>radikalen Fragmentierung </em>, wie sie für das Leben in den großen Metropolen charakteristisch ist: „Der <em>Raum </em>, in dem sich das Leben des <em>Piqueteros </em>abspielt, enthält alles, was für ihn von Belang ist. Seine Arbeit, seine Familie, seine Genossen, seine Versammlungen, seine Sitzungen, die <em>Bombilla </em>-Runden, seine Diskussionsgruppen, seine Gemeinschaftsküche, alles fügt sich im Laufe des Tages zusammen und bietet Gelegenheit für zahlreiche Begegnungen und Entwicklungen. Man könnte sagen, dass der <em>Piquetero </em>nicht einfach da ist, sondern den Raum seines Alltags <em>bewohnt. </em>“ [<a href="#anm45">45</a>]</p>
<p>Das Leben gewinnt auf diese Weise einen langsameren Rhythmus und streift so nach und nach den abstrakten Charakter von <em>Zeit </em>und <em>Raum </em>des Kapitalismus ab. Die täglichen Aktivitäten sind nicht mehr aufgespalten zwischen Wohnung, Stadtviertel und Arbeitsplatz. Jedoch nicht, weil der Arbeitsrhythmus – wie früher – in die Privatsphäre eingebrochen wäre, sondern dank der von den Basisorganisationen geschaffenen Ansätzen autonomer Formen der Reproduktion, die auf die Integration der getrennten Sphären des alltäglichen Lebens zielen. [<a href="#anm46">46</a>] Ich erinnere mich daran, wie überrascht ich jedes Mal war, wenn ich wochentags gegen drei oder vier Uhr nachmittags den „Sitz“ einer Bewegung in irgendeinem Vorort besuchte und dabei 80 oder mehr Personen antraf, die versammelt waren, um nicht nur über Angelegenheiten alltäglicher Organisation etwa des <em>Comedor </em>oder der Kindertagesstätte zu beraten, sondern auch über die politischen Entwicklungen im Land oder darüber, welche Taktik gegenüber der Regierung einzunehmen sei. Und solche Versammlungen fanden gleichzeitig in Dutzenden anderer Stadtviertel mit Hunderten von Personen statt; eine Wirklichkeit, die gewiss nicht viel mit dem gewöhnlichen Alltag eines beschäftigungslosen oder beschäftigten Arbeitskraftverkäufers zu tun hat, und die unerlässliche Voraussetzung einer politischen Organisation: die massive Beteiligung ihrer Mitglieder.</p>
<h4><strong>6. Der Aufbau des Sozialismus beginnt heute </strong></h4>
<p>Mit den strukturellen Veränderungen, die der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat, hat sich auch die Dynamik der sozialen Kämpfe verändert. Ihre wichtigste Bühne war stets der Prozess der Warenproduktion, also die Sphäre der Arbeit. Daher hat sich die Arbeiterklasse in den letzten 150 Jahren in Parteien und Gewerkschaften organisiert, um für ihre Interessen zu kämpfen; ein Kampf, der durchaus nicht gering zu schätzende Erfolge erzielte und der sich in einigen historischen Momenten mit revolutionären Bestrebungen verband, wofür Tausende von Aktivisten ihr Leben ließen.</p>
<p>Alles in allem unterlag in zwei Jahrzehnten der Systemkrise und der neoliberalen Offensive die Sphäre der Arbeit jedoch einer traurigen Geschichte der Degradierung. Wie sollen heute noch in den meisten Sektoren der Ökonomie konsistente Streiks durchgeführt werden, wenn die Armee der Arbeitslosen die Verhandlungsmacht derjenigen schwächt, die noch das „Glück“ haben, ausgebeutet zu werden? Allein im Großraum São Paulo gibt es zwei Millionen Arbeitslose. Wie sollen starke Gewerkschaften und Interessenvertretungen aufrecht erhalten werden, wenn in den großen Metropolen mehr als die Hälfte der Lohnabhängigen nicht formal beschäftigt ist und daher auch nicht gewerkschaftlich vertreten wird? Wenn weiterhin Millionen von Menschen in allen möglichen Formen tertiarisiert und prekarisiert sind und aufgrund erzwungener Flexibilisierung, „Selbstständigkeit“ und anderer unternehmerischer Tricks ihre historisch erkämpften Rechte einbüßen, was ein Herabdrücken des Einkommensniveaus ebenso zur Folge hat wie eine gewaltige Steigerung der Todesraten infolge von arbeitsbedingten Krankheiten, Stress und Arbeitsunfällen? (Der IAO zufolge sind allein im Jahr 2003 zwei Millionen Menschen an den direkten Folgen der Arbeit gestorben, davon 350.000 bei Arbeitsunfällen und 1,65 Millionen aufgrund arbeitsbedingter Erkrankungen. [<a href="#anm47">47</a>] ) Wenn darüber hinaus in den wichtigsten Ökonomien Lateinamerikas sich all diese Tendenzen noch verschärfen? Unglücklicherweise haben es die brasilianischen Gewerkschaften noch nicht geschafft, Organisationsformen für die Masse der Ausgeschlossenen zu entwickeln; vielleicht ist das ja auch von den Gewerkschaften gar nicht zu erwarten, aber im Bereich politischen Handelns sollte man keine Türen endgültig zuschlagen.</p>
<p>Angesichts dieses entmutigenden Bildes war eine Schwächung der gewerkschaftlichen Organisationen zu erwarten. [<a href="#anm48">48</a>] Während die Mehrheit der Gewerkschaften und „Arbeiterparteien“ schon lange aufgehört hat zu kämpfen, sind jene, die sich noch immer im Arbeitskampf engagieren, in einer Sackgasse gelandet. Deshalb waren all diejenigen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen, in den letzten Jahren gezwungen, neue Werkzeuge des Kampfes zu entwickeln. Es sind neue Massenbewegungen entstanden, die für die bisher größten – wenn auch immer noch sehr begrenzten – Fortschritte in den sozialen Kämpfen in Lateinamerika verantwortlich zeichnen.</p>
<p>Das wichtigste Merkmal dieser „neuen sozialen Bewegungen“ ist, dass es sich dabei vor allem um Bewegungen von <em>Prekarisierten </em>handelt. Ich hatte von den Schwierigkeiten beim Aufbau einer Bewegung gesprochen, die sich aus gedemütigten und psychisch geschwächten Menschen zusammensetzt. Der alltägliche Überlebenskampf ist ungeheuer hart, und es fällt sehr schwer, die notwendige Einheit der Bewegung herzustellen angesichts der fortgeschrittenen sozialen <em>Fragmentierung </em>seit Ende des letzten und Anfang dieses Jahrhunderts. Allerdings haben diese Bewegungen auch einen politischen Vorteil, nämlich die Möglichkeit, <em>autonome </em>Organisationsformen zu entwickeln – manche sprechen in diesem Zusammenhang von <em>Gegenmacht </em>oder <em>Parallelmacht </em>–, um das materielle Überleben auf alternative Weise zu sichern, den Fluss der Zeit und den Raum im Alltag zu kontrollieren und insbesondere der veritablen Hölle zu entfliehen, zu der sich die Sphäre der Arbeit in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.</p>
<p>Im Fall der beschäftigten und gewerkschaftlich organisierten Arbeiter geht das politische Potential verloren, das aus der Transformation des Alltags entspringt, aus der Möglichkeit, das Leben zumindest partiell <em>autonom </em>gegenüber den Zwängen des Kapitals zu organisieren. Im Allgemeinen reduziert sich der einzige größere Einfluss der Gewerkschaften auf das alltägliche Leben ihrer Mitglieder auf den – eminent wichtigen – Moment des Streiks. Doch mit der Rückkehr zum alltäglichen Arbeitsrhythmus unter der strengen Kontrolle des Kapitals gehen die Ansätze der <em>Selbstorganisation </em>letztlich verloren.</p>
<p>Um irgendeine Form tiefergehender (also revolutionärer) gesellschaftlicher Transformation zu denken, sind Überlegungen darüber notwendig, wie die Kämpfe von Arbeitslosen und Beschäftigten vereint werden können, doch die gegenwärtige ökonomische und politische Konjunktur scheint eher die Entwicklung von Basisbewegungen denn die von gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen zu begünstigen, was in gewisser Weise auf eine neue Achse der sozialen Kämpfe verweist. (Das bedeutet nicht, dass dieser Prozess einfach sein wird, wie ein Blick auf die Situation der noch sehr schwachen urbanen Bewegungen in Brasilien zeigt. [<a href="#anm49">49</a>] )</p>
<p>Vielleicht besteht eines der Geheimnisse für den bisher relativ erfolgreichen Aufbau einiger <em>Piquetero </em>-Bewegungen genau darin, dass ihre Organisation den <em>Alltag der Menschen </em>verändert. Im ersten Moment ist es nur die Frage des Überlebens, welche die meisten Menschen dazu bringt, sich den Organisationen anzuschließen, weil sie wahrhaben, dass sie nur gemeinsam den Hunger bekämpfen können, der ihre Familien bedroht. Dies erfordert allerdings, dass sie sich jeden Tag versammeln, um alternative Formen des Überlebens zu organisieren: den <em>Comedor </em>, die Gemüsegärten, die Bäckerei, kleine Produktionswerkstätten oder die Betreuung der Kinder. Wenn es der Bewegung darüber hinaus jedoch gelingt, eine konsistente Arbeit der Selbstorganisation und der politischen Bildung umzusetzen und so Bande zwischen den Individuen herzustellen, hat sie die Kraft, einen wichtigen Raum im Imaginären ihrer Mitglieder zu besetzen, die damit beginnen, sich untereinander und mit den Symbolen der Bewegung zu identifizieren, mit ihrem „Nimbus“ und letztlich auch mit ihrem Kampf, der sich über einen bloßen Kampf gegen den Hunger hinaus entwickelt; im Fall der radikaleren Bewegungen hin zu einem Kampf gegen die ökonomische und subjektive Herrschaft des Kapitals. Freilich ist diese Veränderung des Alltags alles andere als leicht in einer Bewegung von Arbeitslosen, denn es ist hier „&#8230;sehr viel schwieriger, alltägliche und dauerhafte Beziehungen aufzubauen, die den Schlüssel für die Konstruktion einer gemeinsamen Identität, eigener Werte und einer eigenen Kultur darstellen und damit letztlich auch für die Entwicklung eines Klassenbewusstseins &#8230;, denn die Voraussetzung dafür sind eigenständige kollektive Organisationen&#8230;“ [<a href="#anm50">50</a>]</p>
<p>Ein solches Bewusstsein resultiert nicht einfach aus der Position, die ein Mensch in der gesellschaftlichen Reproduktionsstruktur einnimmt. Arm zu sein und ausgebeutet zu werden, war bekanntlich nie eine Garantie für eine subversive politische Einstellung; im Gegenteil, wie wir oben gesehen haben, macht eine solche Lebenssituation sogar sehr anfällig für Vereinnahmungsstrategien der politischen und ökonomischen Macht. Daher die Notwendigkeit, kollektive Instanzen zu schaffen, die gleichzeitig auf die Sicherung des materiellen Überlebens zielen als auch auf die Herstellung gemeinsamer Lebenszusammenhänge und die geistige Entwicklung der Beteiligten, sodass diese sich als zugehörig zu einer Gemeinschaft verstehen können und trotz unterschiedlicher Interessen und Ansichten durch ein gemeinsames Ziel verbunden sind, das die Zusammenarbeit aller erfordert.</p>
<p>Zweifellos müssen die <em>Piquetero </em>-Bewegungen in diese Richtung noch viel unternehmen, denn die meiste Energie ihrer Mitglieder wird aus naheliegenden Gründen immer noch von der Lösung unmittelbarer Probleme des materiellen Überlebenskampfs im Alltag verschlungen. Immerhin existieren eine ganze Reihe von Initiativen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen, der Alphabetisierung von Erwachsenen, politischer Diskussions- und Studiengruppen, kultureller Veranstaltungen und anderer Aktivitäten zur politischen und kulturellen Bildung, die in nicht allzu ferner Zukunft dazu beitragen könnten, das Selbstbewusstsein der Beteiligten als Mitglieder einer sozialen Bewegung zu stärken und eine gemeinsame Identität herzustellen. Das würde die psychischen Effekte verstärken, die eine gemeinsame Organisierung bewirken kann, indem sie den Individuen dabei hilft, ihre <em>Würde </em>wieder zu erlangen, ihrem Alltag <em>Sinn </em>zu geben und den subjektiven Belastungen zu widerstehen, welche die perverse Dynamik des aktuellen Kapitalismus erzeugt, die Millionen von Menschen ausschließt und demütigt, weil sie für die blinde, irrationale Maschine der Wertverwertung überflüssig sind. Ohne diese Stärkung des Ichs ihrer Mitglieder wird es keine revolutionäre Bewegung geben, die den feindlichen Waffen widersteht.</p>
<p>Mit wenigen Ausnahmen hat die Linke des zwanzigsten Jahrhunderts den Aufbau des Sozialismus immer als eine in der Zukunft liegende Aufgabe betrachtet, die <em>nach der Revolution </em>verwirklicht werden soll. Deshalb bestand die traditionelle Vorstellung der Arbeiterbewegung immer in der Eroberung der politischen Macht, um vermittelst des Staates die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen durchzusetzen. Nun stehen wir keinesfalls kurz vor der Revolution. Ganz im Gegenteil. Offensichtlich bedarf es noch langer und schwerer politischer Anstrengungen, die auf eine Aufhebung des Kapitalismus zielen. Jedoch aufgrund der neuen objektiven Bedingungen und auch aufgrund der unzähligen Lektionen, die wir aus den Niederlagen der letzten Jahrzehnte gelernt haben, erscheint es zumindest als möglich, eine neue revolutionäre Politik zu entwerfen, der zufolge <em>„die gesellschaftliche Transformation nicht nur ein Moment oder ein Ort ist, der erreicht werden muss, sondern auch und vor allem ein Moment und ein Ort, von dem auszugehen und ein Weg, der zurückzulegen ist. Sie ist das Ziel, der Ausgangspunkt und immer auch der Weg.“ </em>[<a href="#anm51">51</a>]</p>
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a name="anm1"></a>(1) Das Thema dieses Textes und die darin aufgeworfenen Fragen schließen an zwei Reisen nach Argentinien an, die erste im Januar und Februar 2003, die zweite im Juli 2004. Beide Male habe ich sowohl besetzte Fabriken als auch verschiedene Arbeitslosenbewegungen besucht. Dabei konnte ich nicht nur mit zahlreichen Aktivisten von Basisorganisationen Gespräche führen, sondern auch mit Forschern, die beide Erfahrungen untersuchten. Der vorliegende Text wurde Ende 2004 abgeschlossen. Wolfgang Kukulies und Norbert Trenkle übersetzten ihn aus dem brasilianischen Portugiesisch.</p>
<p><a name="anm2"></a>(2) Marco Fernandes, geb. 1979, ist Aktivist im Bereich für politische Bildung des MTST (Movimento dos Trabalhadores sem Teto – Bewegung der obdachlosen Arbeiter), diplomierter Historiker und Sozialpsychologe der Universität São Paulo (USP) und arbeitet als Kellner (marcof36 AT yahoo.com.br).</p>
<p><a name="anm3"></a>(3) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES , <em>La Hipotesis 891 </em>. (Anm. der Übersetzer: MTD ist die Abkürzung für Movimiento de Trabajadores Desocupados = Bewegung erwerbsloser Arbeiter; die MTD SOLANO ist eine nicht-hierarchisch organisierte Bewegung im Großraum Buenos Aires.)</p>
<p><a name="anm4"></a>(4) Die Bezeichnung leitet sich von dem Wort „Piquete“ ab, das laut dem Dicionario Houaiss eigentlich so etwas wie Streikposten meint: „Gruppe von Arbeitern, Gewerkschaftern usw., die sich an der Pforte einer Fabrik, eines Unternehmens versammeln, um den anderen Arbeitern oder Angestellten während eines Streiks den Eintritt zu verwehren“. Die argentinischen <em>Piqueteros </em>tun jedoch weit mehr als dies.</p>
<p><a name="anm5"></a>(5) Siehe Maristella Svampa, Sebastian Pereyra, Entre la ruta y el barrio – la experencia de las organizaciones piqueteras, Editorial Biblos, Buenos Aires 2003.</p>
<p><a name="anm6"></a>(6) Während der gesamten Regierungszeit Menems waren die <em>Piquetero </em>-Bewegungen, was die Verteilung der <em>Planes </em>betraf, absolut abhängig vom Staat. Da nur die Präfekturen die <em>Planes </em>auszahlen dürfen, waren die Bewegungen durchweg von den <em>Punteros </em>und ihrer Willkür abhängig. Die Präfekturen haben die Familien der Erwerbslosen zwar registriert, sich jedoch nie klar zu den Erhebungsmethoden geäußert. Die Machtübernahme von De la Rua (1999-2000) eröffnete dann ein neues Kapitel in der Geschichte der Bewegungen. Die <em>Piqueteros </em>konnten von dem Konflikt zwischen De La Ruas Partei, der Radikalen Bürgerunion (UCR – Union Civica Radical) und den Peronisten (Partido Justicialista) profitieren und so als neue politische Kraft hervorzutreten. Um die Macht der PJ in den Kommunen der Provinz Buenos Aires (wo die absolute Mehrheit der Präfekturen von den Peronisten kontrolliert wurde) zu schwächen – aber auch um, gestützt auf die Empfehlungen von Weltbank und IWF, eine Dezentralisierung der Sozialpolitiken durchzusetzen, mit dem Ziel, diese angeblich effizienter zu gestalten – nahm De la Rua den Kommunen die exklusive Befugnis zur Auszahlung der <em>Planes </em>. NGOs wurden damit beauftragt, „Kommunitäre Projekte“ auszuarbeiten und diese direkt dem Arbeitsministerium vorzulegen. Von da an konstituierten die Bewegungen sich als „juristische Person“, konnten selbst direkt mit dem Staat verhandeln und die <em>Planes </em>nach eigenen Kriterien an ihre Mitglieder weiterleiten, wodurch sie eine bis dato ungekannte Autonomie gewannen. Dies ermöglichte nicht nur das Erstarken großer Organisationen wie der Frente por Tierra y Vivienda (FTV) und der Corriente Classista y Combativa (CCC), die mit dem Partido Comunista Revolucionario verbunden ist, sondern auch das quantitative Wachstum und die Autonomie von bislang kleinen Bewegungen wie dem MTD Anibal Véron, dem Movimiento Teresa Rodriguez (MTR), dem Polo Obrero (PO), angebunden an den trotzkistischen Partido Obrero, usw. Siehe Svampa , Pereyra , a.a.O.</p>
<p><a name="anm7"></a>(7) Anm. der Übersetzer : Ausdruck für einen Gewerkschaftsfunktionär, der die Basis im Sinne von Unternehmern und/oder Staat kontrolliert.</p>
<p><a name="anm8"></a>(8) Berechnungen der Menschenrechtsorganisationen und der Bewegungen zufolge sitzen wegen ihrer Beteiligung an sozialen Protesten und an linken Organisationen an die 4.000 Menschen im Gefängnis oder werden strafrechtlich verfolgt. Darüber hinaus gibt es unzählige Berichte von Gewalttätigkeiten und Ermordungen von Bewegungsmitgliedern durch Zivilpolizisten oder durch <em>Punteros </em>. Teresa Rodriguez und Anibal Veron – nach denen sich zwei Bewegungen benannt haben – sind bekannte Beispiele von durch die Polizei ermordeten AktivistInnen. Ein anderer spektakulärer Fall ist das so genannte „Massaker von Puente Puyrredon“. Bei einer Großdemonstration am 26. Juni 2002 wurden vor laufenden Fernsehkameras zwei <em>Piqueteros </em>– Dario Santillan und Maximiliano Kostecki – von der Polizei erschossen. Wie man sieht, hält der argentinische Staat an der Tradition der physischen Liquidierung seiner Gegner fest.</p>
<p><a name="anm9"></a>(9) „Die Konsolidierung der Bewegung erfordert Bildung. Denn wenn wir uns zufrieden geben mit reinen Sachforderungen oder mit wirtschaftlichen Forderungen, dann kann es passieren, dass, wenn sie uns eines Tages die <em>Planes </em>streichen, die Bewegung keinen Inhalt mehr hat und zerfällt, weil der einzige Grund, aus dem die Leute mitmachen, die wirtschaftliche Frage ist.“ (Aktivist des Movimiento 26 de Junho), Miguel Mazzeo, <em>Piqueteros – notas para una tipologia </em>, S. 81. Wie wir später sehen werden, verläuft dieser Bildungsprozess über neue selbstorganisierte Formen politischer und wirtschaftlicher Praxis.</p>
<p><a name="anm10"></a>(10) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, <em>La Hipotesis 891 – Mas allá de los piquetes </em>, Ediciones de mano en mano, Buenos Aires 2002, S. 67.</p>
<p><a name="anm11"></a>(11) Es ist schwer die Erwerbslosenbewegungen auf einen allgemeingültigen Begriff zu bringen. In Gesprächen mit Aktivisten und Forschern in Argentinien war mehrfach die Rede von „Ausgeschlossenen“, um die Situation der <em>Piqueteros </em>zu beschreiben. Dieser Begriff ist jedoch missverständlich: Erstens ist ein Arbeitsloser nicht schlichtweg ein „Ausgeschlossener“, denn es kommt häufig vor, dass Menschen ohne feste Arbeit dann und wann einen kleinen Job annehmen; letztlich aber steht ohnehin niemand „außerhalb“ des Systems, weil auch die Masse der Arbeitslosen durchaus in gewisser Weise funktional für die Kapitalverwertung ist, indem sie etwa die Verhandlungsmacht der Beschäftigten schwächt und so dazu beiträgt, den Preis der Ware Arbeitskraft zu drücken. Ich benutze – zumindest vorläufig – den Begriff der „Prekarisierten“, denn er scheint mir die Situation derjenigen zu beschreiben, die nie eine feste Stelle finden, sich den erniedrigenden Bedingungen kurzfristiger Arbeitsverhältnisse unterwerfen müssen, keinen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen haben und ohne jede soziale Absicherung dastehen, die es in der vermeintlich „guten alten Zeit“ des argentinischen Kapitalismus immerhin gegeben hatte.</p>
<p><a name="anm12"></a>(12) Francisco Ferrara, Mas alla del corte de rutas – la lucha por una nueva subjetividad, La Rosa Blindada, Buenos Aires 2003, S. 24.</p>
<p><a name="anm13"></a>(13) „Frauen bilden die große Mehrheit in der Bewegung. Die Männer legen in der Regel die Hände in den Schoß, werden depressiv, hängen den ganzen Tag vor dem Fernseher und wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Die Frau verlässt das Haus um nach einer Lösung zu suchen. Sie kommt zur Bewegung, fängt an, darin zu arbeiten, während der Mann erst später nachkommt.“ (Gespräch mit einer Aktivistin des MTD Varela anlässlich einer Demonstration auf dem Puente Pueyrredon im Januar 2003). Selbstverständlich sind von diesen psychischen Krisen, die auch andere Formen annehmen können, alle sozialen Klassen betroffen. Das zeigen die empirischen Forschungen von Cristophe Dejours „Travail usure mentale“ und „La Banalisation de l&#8217;injustice sociale“, die Studie „Der flexible Mensch“ von Richard Sennett sowie die klinische Analyse eines leitenden Angestellten der Börse von Sao Paulo durch den Psychoanalytiker Tales Ab&#8217;Saber in „Sete ensaios de dialetica infantil“ (noch unveröffentlicht). Hier interessiert uns jedoch nur die Diskussion bestimmter Aspekte der Dynamik des psychischen Leidens bei den unteren Klassen.</p>
<p><a name="anm14"></a>(14) Um eine Vorstellung von dem ungeheuren Verarmungsprozess zu geben, der in Argentinien stattgefunden hat: Mitte der 70er Jahre umfasste die so genannte Mittelschicht ungefähr 75 % der Bevölkerung, im Jahr 2002 waren es laut offiziellen Daten nur noch 30 % (Interview mit der Soziologin Maristella Svampa im Juli 2004).</p>
<p><a name="anm15"></a>(15) José Moura Filho Gonçalves , Humilhaçao Social – um problema politico em psicologia, Revista de Psicologia da USP, Jg. 9, Nr. 2, 1998, S. 15.</p>
<p><a name="anm16"></a>(16) Wir erinnern hier daran, wie Laplanche/Pontalis in ihrem Wörterbuch dieses Freudsche Konzept definieren: „Reaktion des Subjekts, wenn es sich in einer traumatischen Situation befindet, d.h. einer Reizanflutung aus inneren oder äußeren Quellen ausgesetzt ist, <em>die es nicht bewältigen kann </em>&#8230; Unter ,traumatischer Situation‘ ist ein nicht zu bewältigendes Anfluten zu zahlreicher und intensiver Reize zu verstehen&#8230;“ (Hervorhebung von mir), Jean Laplanche, J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, STW, Frankfurt 1977, Bd. 1, S. 64.</p>
<p><a name="anm17"></a>(17) Filho Gonçalves , a.a.O., S. 53.</p>
<p><a name="anm18"></a>(18) Mazzeo, a.a.O., S. 47.</p>
<p><a name="anm19"></a>(19) „Manchmal machen wir im Gespräch mit aktiveren Mitgliedern der Bewegung Witze, wenn uns manchmal klar wird, dass das, was wir sagen, wenn wir mit bestimmten Genossen reden, die seit langem arbeitslos sind und die viele Probleme zu Hause haben usw., auch aus irgendeinem Selbsthilfehandbuch stammen könnte. Wir witzeln darüber, aber wir wissen auch, dass wir bei einigen Genossen, die sich in einer schwierigen Lage befinden, mitunter die Rolle von ‚Psychologen‘ einnehmen müssen. Aber so ist das nun mal, das Leben ist schwer.“ (Gespräch mit einem Aktivisten des MTR, Juli 2004).</p>
<p><a name="anm20"></a>(20) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 172. Zu dieser Tendenz gehören im Wesentlichen der Movimiento Teresa Rodriguez (MTR) und die verschiedenen Bewegungen, die noch bis vor kurzem den MTD Anibal Veron bildeten, der u.a. Bewegungen zusammenfasste wie die MTDs von Solano, Almirante Brown, Lanus, Lugano und Florencio Varela (vor ein paar Monaten löste sich der MTD Anibal Veron in zahlreiche unabhängige Bewegungen auf). Das erfolgreichste Beispiel für diese autonome Organisationsform ist laut Maristella Svampa die Union der erwerbslosen Arbeiter (UTD) in Mosconi, in der Nordprovinz Salta. Natürlich finden sich auch bei anderen Bewegungen ähnliche Organisationsformen. Doch erstens sind die <em>autonomen Bewegungen </em>– vielleicht weil sie mehr Sympathie und Affinität bei den Linksintellektuellen erweckt haben – ausführlicher studiert worden als größere und im ganzen Land präsente Bewegungen wie die FTV und die CCC oder gar der MJD (Unabhängige Bewegung der Rentner und Arbeitslosen), weshalb wir über sie viel mehr Informationen besitzen. Zweitens sieht die für den „offiziellen Diskurs“ verantwortliche Führung dieser größeren Bewegungen die Praktiken der Selbstorganisation durchweg nicht als möglichen Prozess der politischen Bewusstseinsbildung und der Bildung einer neuen Identität. Sei es wegen ihrer Hoffnung auf die Wiedereingliederung in die „Arbeitsgesellschaft“ und einer Vision der Wiederherstellung des argentinischen Kapitalismus – wie etwa bei der FTV, sei es, weil sie ein traditionelles Modell des politischen Kampfes verfolgen, das sich auf das Fabrikproletariat stützt – wie etwa der (trotzkistische) Polo Obrero und teilweise die CCC. Der Soziologin Maristella Svampa zufolge (Gespräch vom Juli 2004) ist die CCC die Organisation, die am stärksten die Praxis der Versammlungen entwickelt hat, wenngleich die Identität ihrer Führung stark vom Erbe der Fabrik geprägt ist, wodurch die <em>Stadtteilarbeit </em>im Prinzip transitorischen Charakter erhält. Tatsächlich aber ist die CCC wenig studiert worden, was eine klare Einschätzung ihrer alltäglichen Praktiken unmöglich macht.</p>
<p><a name="anm21"></a>(21) „Wenn der Arbeiter in einer Fabrik Forderungen stellte, die für den Unternehmer inakzeptabel waren, dann wurde die Fabrik am Ende besetzt. Heute haben wir keine Fabrik mehr. Als wir die Straßen besetzten, entdeckten wir, dass wir dadurch den Busverkehr lahm legten. Die Produktion kommt zum Stillstand. Für uns als Arbeitslose handelt es sich dabei um ein äußerst wertvolles Kampfinstrument.“ Ferrara, a.a.O., S. 40.</p>
<p><a name="anm22"></a>(22) Ebenda, S. 128.</p>
<p><a name="anm23"></a>(23) Dieser Ausdruck stammt aus einer Diskussion zu diesem Thema mit dem Psychoanalytiker Tales Ab&#8217;Saber.</p>
<p><a name="anm24"></a>(24) Sieben Jahre nach dem ersten <em>Piquete </em>in der Hauptstadt und mehr als zwei Jahre nach der Wirtschaftskrise, die einen Augenblick lang die Mittelklasse gegen die Regierung aufbrachte und sie dadurch den Basisbewegungen annäherte, hat sich das politische Panorama Argentiniens in mancher Hinsicht verändert, vor allem nach der Machtübernahme durch Nestor Kirchner (PJ). Der gegenwärtige Präsident hat eine „linke Vergangenheit“. Er gehörte in den 70er Jahren dem radikalen Guerillaflügel des Peronismus an, den so genannten Montoneros. Dies hat dazu beigetragen, ihm ein „progressives“ Image zu verleihen und den Ruf eines Politikers, der imstande ist, Argentinien wieder zu einem „seriösen Land“ zu machen. Die allgemeine „Anti- <em>Piquetero </em>-Stimmung“, die sich bei einem Großteil der Bevölkerung von Buenos Aires durchgesetzt hat, diente als Grundlage zum letzten Putsch der Rechten, dem so genannten „Codigo de convivencia“ (etwa: „Kodex des Zusammenlebens“; Anm. der Übersetzer). Es handelt sich dabei um einen Gesetzentwurf für die Stadt Buenos Aires, der bislang nur deshalb nicht verabschiedet wurde, weil die massive Mobilisierung der Bewegungen im Juli 2004 dies nicht zuließ. Dieser „Kodex“ ist ein Projekt von Francisco Macri (Politiker und Eigentümer der Post und des Fußballclubs Boca Juniors). Eingebracht wurde es nach der Ermordung eines Jugendlichen der oberen Mittelschicht durch seine Entführer, die, wie später herauskam, mit der Polizei unter einer Decke steckten. Die Initiative wurde von Kirchner diskret unterstützt und sieht die Herabsetzung des Strafmündigkeitalters von 18 auf 14 Jahre vor, ein Verbot des Straßenhandels, der Prostitution und natürlich der Straßenproteste, die angeblich das „Recht auf freien Verkehr“ einschränken. Die vorgesehenen Geldstrafen sind sehr hoch und bei Wiederholung droht Gefängnis. Dies ist einer der Gründe dafür, dass einige Bewegungen glauben, die Wirksamkeit der <em>Piquetes </em>sei vorläufig an ihre Grenzen gestoßen. Der Augenblick sei gekommen, die „Basisarbeit“ zu verstärken und neue Formen der direkten Aktion und der Konfrontation mit den herrschenden Kräften zu finden, um den Forderungen der Bewegungen so einen breiteren, ja universellen Charakter zu verleihen. So könne die auf Isolation der Bewegungen zielende Regierungspolitik bekämpft und die Unterstützung anderer Sektoren der Gesellschaft erreicht werden. Dazu werden vor allem privatisierte Unternehmen des öffentlichen Dienstes ins Visier genommen, die aus ersichtlichen Gründen nicht mit der Sympathie der Bevölkerung rechnen können: hohe Preise und miserable Leistungen. Mit Protesten werden die Verbesserung des öffentlichen Dienstes und Preissenkungen gefordert. Ein Beispiel ist die Besetzung der Fahrkartenschalter der großen Bahnhöfe, die das Unternehmen daran hindert, den Fahrgästen das Fahrgeld abzunehmen – gewissermaßen wird die Logik der <em>Piquetes </em>so umgekehrt und der Verkehr für alle „befreit“. Eine andere interessante Kampagne wird – zusammen mit anderen Bewegungen – von dem Movimiento Teresa Rodriguez (MTR) durchgeführt. Sie richtet sich gegen den spanischen Ölmulti REPSOL, der sich die Taschen mit einträglichen Geschäften wie dem Verkauf von Propangasflaschen füllt. Einer Studie der Defensoria Publica zufolge kostet das Unternehmen eine Propangasflasche, die es für bis zu 30 Pesos verkauft lediglich 6,10 Pesos. Die Gewinnmarge ist also immens hoch. Damit greifen die Bewegungen ein Problem auf, das die ganze Bevölkerung betrifft und nicht bloß die Erwerbslosen, und schaffen so die Voraussetzungen dafür, dass sich ihnen mehr Menschen anschließen, sowie für Allianzen mit progressiveren Sektoren der Mittelschicht und Politikern, die – sagen wir es einmal so – eher links stehen.</p>
<p><a name="anm25"></a>(25) Die „Armutsgrenze“ in Argentinien, d.h. das monatliche <em>Pro-Kopf </em>-Einkommen innerhalb einer Familie, ab dem man als „arm“ gilt, wird von der Regierung mit 350 Pesos angegeben.</p>
<p><a name="anm26"></a>(26) Man sollte wissen, dass Argentinien gegenwärtig ausreichend Lebensmittel für 300 Millionen Menschen produziert, und das bei einer Bevölkerung von 37 Millionen (Angaben der Weltgesundheitsorganisation). Daten der argentinischen Regierung zufolge lag der Prozentsatz der Menschen unter der Armutsgrenze im Jahre 2002 bei ca. 50 % der Bevölkerung. Der Hungerindex (das Einkommen reicht nicht einmal für den Kauf von Lebensmitteln aus) lag bei 20 % der Einwohner des Landes.</p>
<p><a name="anm27"></a>(27) Ein Großteil des Geldes, das für die Auszahlung der <em>Planes </em>bestimmt ist, stammt aus den Safes der Weltbank. Es sollte nicht ausgeblendet werden, dass dieses Programm Teil einer neuen Herrschaftsstrategie in Argentinien wie auch auf internationaler Ebene ist, um die Verelendeten des Landes zu kontrollieren. Es sei daran erinnert, dass nur ein kleiner Teil der <em>Planes </em>von den Bewegungen kontrolliert wird (schätzungsweise 10 % der Gesamtsumme). Auf dem Höhepunkt des Programms im Jahre 2002 verteilte der Staat 2,2 Millionen <em>Planes </em>, nur 200.000 davon gingen an die <em>Piquetero </em>-Organisationen. So unbedeutend sie vom nationalökonomischen Standpunkt sein mögen, eine beachtliche finanzielle Bedeutung erlangten die <em>Planes </em>im spezifischen Fall der Gemeinde La Matanza, wo die beiden größten <em>Piquetero </em>-Bewegungen konzentriert sind: die FTV und die CCC. „Wir ziehen folgende Bilanz: In La Matanza erbringen die <em>Planes </em>ein jährliches Einkommen von 180 Millionen Pesos, während das Budget der Präfektur 200 Millionen beträgt. Ohne die <em>Planes </em>wäre die Gemeindeverwaltung bereits abgefackelt worden.“ (Gespräch mit dem Führer der CCC, Juan Carlos Alderete, in: <em>Pagina 12 </em>vom 22.7.2004, S. 6). Ein anderes unlängst von der Regierung ebenfalls mit finanzieller Hilfe der Weltbank geschaffenes Programm ist das so genannte „Manos a la obra“ (Ran an die Arbeit), das von den <em>Piqueteros </em>sarkastisch als „Manos a la sobra“ (Ran ans Geld) bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um ein Finanzierungsprogramm für Kleinkooperativen, auf das die Regierung zurückgreift, um nach und nach die <em>Planes </em>zu kürzen. Auch hier eröffnen sich bestimmte Möglichkeiten für Bewegungen, die bereits kleine Produktionsunternehmen geschaffen haben. Dem MTR beispielsweise, der von Regierung und Presse als eine der „radikalsten“ Bewegungen angesehen wird, gelang es, einen Kredit zum Aufbau eines kleinen Konfektionsbetriebs zu bekommen. Ein anderes bezeichnendes Beispiel ist das des MTD Resistir e Vencer, der ein vierstöckiges Gebäude in Avellaneda (Stadtteil im Süden von Buenos Aires) besetzte, später durch das erwähnte Programm finanziert wurde und heute ein kleines Kulturzentrum, eine Bäckerei, eine kleine Lederfabrik, ein Konfektionsatelier sowie eine kleine Brauerei betreibt, in der ein übrigens schmackhaftes Bier hergestellt wird. Die Bewegung gab wie viele andere auch nach der Machtübernahme Kirchners ihren Widerstand gegen die Regierung auf. So etwa die FTV, deren Führer Luis D&#8217;Elia ein Amt in der Regierung bekleidet, und die Bewegung „Barrios de Pie“, die im vergangenen Jahr dank Abkommen mit der Regierung erheblichen Zulauf verzeichnete. Kirchners Plan lief klar darauf hinaus, den weniger kämpferischen Bewegungen Zugeständnisse zu machen und radikalere Bewegungen wie die „Autonomen“ zu isolieren.</p>
<p><a name="anm28"></a>(28) Damit keine Verwirrung entsteht, sei hier eine Bemerkung angebracht. Ein anderes Phänomen, das nach dem Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft 2001 berühmt wurde, waren die so genannten „Asambleas vecinales“ (Nachbarschaftsversammlungen), die vor allem in bürgerlichen Vierteln der Hauptstadt organisiert wurden. Aus einer Reihe von Gründen, auf die ich hier nicht weiter eingehen kann, haben sich diese Versammlungen größtenteils aufgelöst. Übriggeblieben sind einige Erfolgsmodelle, wie die „Asamblea El Cid Campeador“ mit ihrer regen kulturellen Aktivität und die „Asamblea vecinal de Colegiales“, die bei der Distribution und Vermarktung von Erzeugnissen besetzter Fabriken und einiger <em>Piquetero </em>-Organisationen behilflich ist. Es handelt sich dabei aber um Erfahrungen, deren soziale Basis sehr verschieden ist.</p>
<p><a name="anm29"></a>(29) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 181.</p>
<p><a name="anm30"></a>(30) Gespräch mit einem Mitglied des MTD Almirante Brown im Januar 2003.</p>
<p><a name="anm31"></a>(31) Anm. der Übersetzer: Das Wort „orações“ bzw. „oraciones“ bedeutet im Portugiesischen bzw. Spanischen sowohl „Sätze“ als auch „Gebete“.</p>
<p><a name="anm32"></a>(32) Filho Gonçalves , a.a.O., S. 30.</p>
<p><a name="anm33"></a>(33) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 248.</p>
<p><a name="anm34"></a>(34) Ebenda, S. 247. Innerhalb der Bewegungen wird über die Forderungen und die organisatorische Ausrichtung im Hinblick auf die Frage der <em>Arbeit </em>diskutiert. Die „autonomen Bewegungen“ kämpfen für das, was sie „würdige Arbeit“ nennen, d.h. Initiativen wie die oben diskutierten, die auf Aufbau der Selbstorganisation in den Stadtvierteln zielen. Andere Bewegungen, die an Linksparteien angebunden sind, wie der Polo Obrero, ein Teil der CCC und der FTC fordern „echte Arbeit“ ein, d.h. Arbeitsplätze in Fabriken oder Bereichen des öffentlichen Dienstes. Die CCC ist dennoch in einigen von den Arbeitern besetzten und selbstverwalteten Fabriken aktiv.</p>
<p><a name="anm35"></a>(35) Ebenda, S. 70.</p>
<p><a name="anm36"></a>(36) „Unwürdig ist die Ausbeutung. Ich finde, dass wir damit beginnen müssen, andere Beziehungen zu entwickeln. Wir haben keine fertige Idee von den Formen der Produktion, die wir schaffen wollen, aber klar ist auf jeden Fall, dass es keine Ausbeutungsbeziehungen sein werden .“ Ebenda., S. 69.</p>
<p><a name="anm37"></a>(37) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 192.</p>
<p><a name="anm38"></a>(38) „Verankert zu sein ist vielleicht die wichtigste und am wenigsten bekannteste Notwendigkeit der menschlichen Seele. Sie gehört zu denen, die am schwierigsten zu definieren sind. Ein Mensch ist verankert wegen seiner wirklichen, aktiven und selbstverständlichen Teilnahme am Leben eines sozialen Zusammenhangs, der gewisse Errungenschaften der Vergangenheit sowie gewisse Ahnungen von der Zukunft lebendig erhält.“ Filho Gonçalves, a.a.O., S. 56.</p>
<p><a name="anm39"></a>(39) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 59. Es ist klar, dass eine solche Position wütende Reaktionen bei den Funktionären der kapitalistischen Herrschaft provoziert. Dies spiegelt sich beispielsweise in einer unlängst von Innenminister Aníbal Fernández abgegebenen Erklärung wider: „Wenn jemand diesen Leuten (den <em>Piqueteros </em>) eine Schaufel zeigt, dann bekommen sie einen Fieberanfall. Keiner von denen hat Lust zu arbeiten.“ (Tageszeitung <em>El Clarin </em>vom 30.8.2004). Als würden die <em>Piqueteros </em>den ganzen Tag die Füße hoch legen und Mate trinken. Der Minister war zudem noch so dreist, diese Bemerkung zu machen, nachdem er zugegeben hatte, es sei nicht genügend Arbeit für alle da! Mit anderen Worten: Die Wirtschaft ist außerstande, Arbeitsplätze zu schaffen, aber die Armen tragen die Schuld, weil sie nicht „arbeiten“.</p>
<p><a name="anm40"></a>(40) Im Dezember 1995 legte ein Generalstreik tagelang das öffentliche Leben in Frankreich lahm. Damals fand ein von der Zeitung <em>Le Monde Diplomatique </em>veröffentlichtes Interview mit einer Demonstrantin ziemlich weite Verbreitung, weil es etwas ausdrückte, was man aus dem Mund von Erwerbslosen bis dahin kaum gehört hatte. Befragt, ob sie demonstriere, damit ihr Sohn einen Job bekomme, antwortete die Frau mit Nein, denn mit den Arbeitsplätzen gehe es zu Ende und es werde ohnehin nie genug Jobs für alle geben. Dennoch habe auch ihr Sohn das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und deshalb demonstriere sie für Bildung, Gesundheit, Kultur usw. für alle. So fortgeschritten ein solches Argument auch sein mag, es ist leichter, es in einem Land wie Frankreich zu formulieren, dessen Modell des Wohlfahrtsstaats zu den erfolgreichsten gehörte, und von einer Mittelschichtsfrau, die ihre Rechte gewissermaßen als „natürlich“ betrachtet. Dass ein Armer aus den Vororten von Buenos dieses Argument „gegen die Arbeit“ benutzt, erscheint als ein Signal dafür, dass die <em>Piquetero </em>-Erfahrung es in einigen Fällen vermocht hat, ein scharfes kritisches Bewusstsein über die Grenzen der kapitalistischen Reproduktion zu schaffen sowie über die Situation derer, die die Folgen davon direkt zu tragen haben.</p>
<p><a name="anm41"></a>(41) In Walter Benjamins „Geschichtsphilosophischen Thesen“ gibt es eine schöne Stelle, die das mitunter latente Bewusstsein von der Bedeutung bezeugt, welche der Herrschaft der Zeit im von der Arbeit geprägten Leben zukommt: „Noch in der Juli-Revolution hatte sich ein Zwischenfall zugetragen, in dem dieses Bewusstsein zu seinem Recht gelangte. Als der Abend des ersten Kampftages gekommen war, ergab es sich, dass an mehreren Stellen von Paris unabhängig voneinander und gleichzeitig auf die Turmuhren geschossen wurde. Ein Augenzeuge, der seine Divination vielleicht dem Reim zu verdanken hat, schrieb damals: „ Qui le croirait, qu&#8217;irrités contre l&#8217;heure // De nouveaux Josués au pied de chaque tour // Tiraient sur les cadrans pour arrêter le jour. “ Walter Benjamin, Illuminationen, Frankfurt/Main 1961, S. 277.</p>
<p><a name="anm42"></a>(42) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 195. Einen interessanten Fall gab es in dem MTD La Matanza. Nachdem die Produktion von Kleidung für eine bekannte Marke angelaufen war, wurden die <em>Piqueteros </em>dazu aufgefordert, die Produktion zu steigern. Da es dazu nötig gewesen wäre, mindestens acht Stunden täglich zu arbeiten, beschloss die Bewegung, nicht mehr für diese Marke zu arbeiten und nach anderen Abkommen zu suchen, die ihre zeitliche Autonomie wahrten.</p>
<p><a name="anm43"></a>(43) Ferrara , a.a.O., S. 100.</p>
<p><a name="anm44"></a>(44) „Die konkreten Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft <em>erzwingen den Konformismus </em>und nicht die bewussten Beeinflussungen, welche zusätzlich die unterdrückten Menschen dumm machten und von der Wahrheit abzögen“ (Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1971, S. 36). Dieser Satz fasst einen der Aspekte des Konzepts „Verdinglichung“ zusammen, wie es die Schriften der Frankfurter Schule enthalten. Demzufolge ist es, vor jedem ideologischen Diskurs, der zweifelsohne ein wichtiges Moment in der Aufrechterhaltung der Herrschaft darstellt, die Objektivität des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst, der die Arbeitenden in den Netzen der Unterdrückung gefangen hält. Diese Idee zieht sich übrigens als roter Faden durch alle Aufsätze in diesem Buch. Ähnliches wurde auch meisterlich von einem Philosophen zum Ausdruck gebracht, der weder Marxist noch irgendwie „links“ ist, der aber ein scharfes Gespür für die Herrschaftsmechanismen der westlichen Zivilisation besitzt, vom Christentum bis hin zum Kapitalismus: „Im Grunde fühlt man jetzt &#8230;, dass eine solche Arbeit die beste Polizei ist, dass sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu hindern versteht. Denn sie verbraucht außerordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Grübeln, Träumen, Sorgen, Lieben, Hassen“ (Friedrich Nietzsche, Die Lobredner der Arbeit, 1881, zitiert nach Gruppe Krisis, Manifest gegen die Arbeit, Erlangen 1999, S. 23).</p>
<p><a name="anm45"></a>(45) Ferrara, a.a.O., S. 119.</p>
<p><a name="anm46"></a>(46) Einen guten Hinweis auf die Aufhebung dieser Sphärentrennung als Ergebnis einer Aufhebung der Warengesellschaft findet sich im folgenden Abschnitt des „Manifests gegen die Arbeit“: „Allerdings verändert alle Tätigkeit ihren Charakter, wenn sie nicht mehr in eine selbstzweckhafte und entsinnlichte Sphäre von abstrakten Fließzeiten gebannt wird, sondern ihrem eigenen, individuell variablen Zeitmaß folgen kann und in persönliche Lebenszusammenhänge integriert ist; wenn auch in großen Organisationsformen der Produktion die Menschen selber den Ablauf bestimmen, statt vom Diktat der betriebswirtschaftlichen Verwertung bestimmt zu werden. Warum sich hetzen lassen von den dreisten Anforderungen einer aufgezwungenen Konkurrenz? Es gilt, die Langsamkeit wiederzuentdecken“ (S. 45f.).</p>
<p><a name="anm47"></a>(47) Daten aus <em>Le Monde Diplomatique </em>, Juli 2004 (spanische Ausgabe).</p>
<p><a name="anm48"></a>(48) Ein bezeichnendes Beispiel hierfür war der Streik der brasilianischen Bankangestellten im Jahr 2004, der trotz eines hartnäckigen Kampfes von über einem Monat seine Ziele nicht einmal annähernd erreichte. Die Banken, deren Gewinne jedes Jahr um 20 % zunehmen, haben ihren Angestellten lediglich ein paar Brosamen zugestanden. Tatsächlich waren es letztlich die Beschäftigten der staatlichen Banken ( <em>Caixa Econômica Federal </em>und <em>Banco do Brasil </em>), die den Streik aufrechterhielten, weil ihre Arbeitsplätze sicher sind. (Es ist aber auch wichtig, an die Beteiligung der <em>Conlutas </em>zu erinnern, einer neuen Gewerkschaft, die sich gerade als Kontrapunkt zur konservativen Gewerkschaftszentrale der CUT organisiert.) Die Angestellten des Privatsektors wurden ständig mit der Entlassung bedroht, um so die Streikbewegung zu schwächen. Sogar die Regierung der <em>Arbeiterpartei </em>(PT) ging so weit, die staatlichen Bankangestellten öffentlich anzugreifen, weil sie befürchtete, der Streik könne einige Tage vor den Kommunalwahlen die Auszahlung der Renten verzögern. Wenn nun zwar bei einem so ausdauernd geführten Streik nicht direkt von Niederlage gesprochen werden kann, so sind doch die Verhandlungsergebnisse alles andere als glorreich.</p>
<p><a name="anm49"></a>(49) Für alle an den Kämpfen der urbanen Bewegungen in Brasilien aktiv Beteiligten sind die ökonomischen und politischen Grenzen der hauptsächlichen Forderung nach Wohnung offensichtlich. Die wichtigsten Bewegungen sind derzeit die Bewegungen der Obdachlosen, der „sem-teto“. Aber die Menschen ohne Dach über dem Kopf sind auch solche ohne Zugang zu Schulbildung und Gesundheitsversorgung und haben in der Regel auch keine Arbeit. Deshalb ist es nur eine vorübergehende Erleichterung, wenn Wohnungen erkämpft werden, man am Ende des Monats keine Miete zahlen muss und vor allem wenn die Bewegung finanzielle Mittel erhält, um die Gebäude zu renovieren (wie im Fall der Bewegungen im Zentrum von São Paulo). Die öffentlichen Wohnungsprogramme sind aber so ausgerichtet, dass ein Großteil der Bewohner nicht „hineinpasst“, weil ihre Einkommen (aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Prekarisierung) dafür nicht ausreichen und sie deshalb nicht an den Erfolgen partizipieren, die sie selbst mit erkämpft haben. (Dem Städtebauministerium zufolge betreffen 92 % des Wohnungsmangels von etwa 7 Millionen Wohnungen Familien mit einem Einkommen unterhalb von drei Mindestlöhnen. Die <em>Caixa Econômica Federal </em>, der größte Baufinanzierer des Landes, besitzt <em>kein einziges </em>Förderprogramm für solche Familien. Abgesehen davon, werden auch all jene nicht finanziert, die bereits einmal Schulden nicht begleichen konnten. Es bleibt also kaum noch jemand übrig.) Das größte Problem der Obdachlosenbewegungen scheint jedoch die Schwierigkeit zu sein, ihre <em>Selbstorganisation </em>zu festigen sowie die <em>Einheit und Mobilisierung </em>ihrer Mitglieder aufrechtzuerhalten. Damit meine ich nicht nur die Mobilisierung auf der Straße für den Protest und für bestimmte Forderungen, auch nicht nur die Mobilisierung für die Besetzung von Grundstücken und Gebäuden, sondern die <em>alltägliche Mobilisierung </em>innerhalb der besetzten Räume, wo nach und nach so etwas wie ein <em>Gemeinschaftssinn </em>und ein gewisser Grad an Autonomie entwickelt werden könnte. Meistens gelingt die Mobilisierung und die Herstellung von Einigkeit nur im Rahmen der <em>Besetzungen </em>selbst: angefangen von den Vorbereitungen einige Wochen vorher, über den Tag der Besetzung und die Tage der Verteidigung gegen die Gefahr einer Räumung, bis hin zu den folgenden Monaten, in denen ein Minimum an Infrastruktur geschaffen werden muss (Gemeinschaftsküche, Wasser- und Stromversorgung, Abwasserentsorgung etc.), damit der Ort bewohnbar wird. Alles in allem überwiegt anschließend jedoch, aufgrund objektiver und subjektiver Bedingungen, die Tendenz zur <em>Fragmentierung </em>. Einerseits reproduziert sich der abstrakte Individualismus und Privatismus, auf den wir durch das Leben in einer aggressiven Megalopolis wie São Paulo alle konditioniert sind. Auf der Seite der objektiven Bedingungen stellt sich die Schwierigkeit, dass der Überlebenskampf allen eine ungeheure Kraftanstrengung abverlangt, um sich, wenn auch auf prekäre Weise, auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Die Menschen sind 10 bis 12 Stunden unterwegs und rennen von einer Seite zur anderen für Einkommen, die zumeist nicht einmal ausreichen, um sich und ihre Familien zu ernähren. Der besetzte Raum gerät so zu einem reinen Schlafplatz, zu einem Durchgangsort. Die Idee des <em>Kollektivs </em>gerät so zu einem Abstraktum, während man sich tatsächlich nur in den eigenen vier Wänden aufhält. Das sind schwierige Dilemmata für eine politische Bewegung. Es käme darauf an, alternative Formen der materiellen Reproduktion zu entwickeln, die wenigstens teilweise das Überleben der Beteiligten sichern, wie beispielsweise bei den <em>Piqueteros </em>; Formen, die eine Verbindung zwischen den Menschen im Alltag herstellen und zugleich die Bewegung festigen, indem sie einen kommunitären Zusammenhang stiften.</p>
<p><a name="anm50"></a>(50) Mazzeo, a.a.O., S. 139. Unter einem solchen Bewusstsein versteht der Autor nichts Vorausgesetztes, sondern einen Prozess, nämlich „den Aufbau eines Selbstbilds in der Aneignung individueller und kollektiver Erfahrungen, denn das Bewusstsein ist nicht automatisch durch die Klassenlage gegeben“ (S. 158).</p>
<p>(51) Kommuniqué der <em>Piqueteros </em>des Movimiento Teresa Rodriguez, <a href="http://www.elteresa.org.ar/" class="broken_link">www.elteresa.org.ar </a></p>
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		<title>Kategorie ohne Eigenschaften</title>
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		<pubDate>Wed, 27 Dec 2006 12:55:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>

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		<description><![CDATA[Ernst Lohoff 1. Was Anspruch und Ausgangspunkt angeht, liegen Peter Kleins „Die Schizophrenie des modernen Individuums“ und meine „Verzauberung der Welt“ nahe beieinander. Beiden in der krisis 29 publizierten Beiträgen geht es um radikale Subjektkritik, beide stellen dabei vor allem das antimetaphysische Selbstverständnis des Warensubjekts in Frage. Auch wenn sich das moderne Warensubjekt einredet, es [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<h2>1.</h2>
<p>Was Anspruch und Ausgangspunkt angeht, liegen Peter Kleins „Die Schizophrenie des modernen Individuums“ und meine „Verzauberung der Welt“ nahe beieinander. Beiden in der <em>krisis 29</em> publizierten Beiträgen geht es um radikale Subjektkritik, beide stellen dabei vor allem das antimetaphysische Selbstverständnis des Warensubjekts in Frage. Auch wenn sich das moderne Warensubjekt einredet, es sei ein ganz dem Diesseits zugewandtes Wesen und habe alles „Übersinnliche“ hinter sich gelassen, der Subjektform liegt eine zutiefst metaphysische Struktur zugrunde. Unerkannt bleibt diese nur, weil sie in die alltäglichen Beziehungen eingerückt und damit omnipräsent geworden ist, so die gemeinsame Grundthese. Der Triumph des positiven Denkens markiert demnach keineswegs die Befreiung von der Metaphysik, wie Auguste Comte und seine Erben unterstellte bzw. unterstellen, sondern den Eintritt in ihr höchstes Entwicklungsstadium.<span id="more-4174"></span><br />
Über den zentralen Stellenwert der Subjektform-Metaphysik sind sich Peter Klein und ich einig; was die ominöse, für das Handeln und Denken in der Warengesellschaft bestimmende Metaphysik im Kern eigentlich ausmacht, darüber kommen unsere Beiträge freilich zu recht unterschiedlichen Urteilen. Während Peter Klein die Subjektform als Abstraktion <em>vom</em> Sinnlichen bestimmt, fasse ich in der „Verzauberung der Welt“ die Konstitution der modernen Subjektform als das Resultat eines Abstraktionsprozesses <em>am</em> Sinnlichen selber. Dieser Perspektivwechsel ist mit einschneidenden Veränderungen im begrifflich-kategorialen Bezugssystem verbunden.<br />
Die moderne Subjektform-Metaphysik fällt für Peter Klein mit der Herrschaft des „freien Willens“ in eins, und zwar der Herrschaft eines als an sich selber völlig inhaltsleer zu denkenden „freien Willens“. Gerade sein besonderer Charakter als eine Kategorie ohne Eigenschaften setze, so Klein, die Kernbestimmung der Subjektform in den Stand, sich unterschiedslos über die gesamte sinnliche Wirklichkeit zu legen. Indem der Mensch sich in den Dienst eines allem Sinnlichen gegenüber gleichgültigen freien Willens stelle, beziehe er einen „Standpunkt der Gegenstandslosigkeit“<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup>, während ihm „Gefühl, Antrieb und Neigungen“ (Kant) hinter einer Art undurchdringlicher Nebelwand verschwänden. „Die Schizophrenie des abstrakten Individuums“ behandelt den „freien Willen“ demnach als reines Ausblendprinzip.<br />
Demgegenüber versteht die „Verzauberung der Welt“ den „freien Willen“ als ein selber mit inhaltlichen Bestimmungen ausgestattetes Ordnungsprinzip. Dem „freien Willen“ sind, wenn er sich der sinnlich-empirischen Existenz seines Trägers zuwendet, keineswegs alle Katzen gleichermaßen grau. Er herrscht vielmehr, indem er der sinnlichen Wirklichkeit zu Leibe rückt und ihr seine strengen Eigenkriterien aufzwingt. Dieses Aufzwingen zerfällt analytisch betrachtet in zwei Prozesse. Zunächst einmal funktioniert „der freie Wille“ als Selektionsinstanz und scheidet rigoros zwischen willensformkompatiblen sinnlich-empirischen Inhalten und -inkompatiblen. Alles was an „Gefühl, Antrieb und Neigung“ sich nicht für die Selbstbehauptung als Konkurrenzsubjekt instrumentalisieren lässt, ist damit willensuntauglich und zählt daher unter der Herrschaft des freien Willens einfach nicht. Auf dieser negativ-exkludierenden Bestimmung der Willenssubjektivität baut eine sie ergänzende, positiv-schöpferische auf. Die vom „freien Willen“ strukturierte Subjektform schwingt sich zum herrschenden Prinzip auf, indem sie zusammen mit der Form den dazugehörigen Inhalt, eine der subjektherrlichen Logik adäquate Sinnlichkeit, überhaupt erst gebiert und das kann er natürlich nur als ein selber inhaltlich bestimmtes Prinzip.<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup> Das ist durchaus auch historisch zu verstehen. Der Aufstieg des freien Willens zu einer allgegenwärtigen Kategorie war daran gebunden, dass neben die dann als inferior abgespaltene und der Frau zur Restverwaltung überantwortete Sinnlichkeit eine zweite, „männlich-weiß-westliche“ Sinnlichkeit trat.<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> Ausschließlich diese Sinnlichkeit kann der freie Wille als ihm adäquat anerkennen.<br />
Weil Klein dem „freien Willen“ Kriterienlosigkeit zuschreibt, wird ihm das Sinnlich-Empirische zu einer Blackbox, die keiner begrifflichen Differenzierung zugänglich ist. Das ist aber nicht die einzige Schwäche seines Ansatzes. Gleichzeitig legt er damit den „freien Willen“ auf eine rein passive Rolle fest. Als Kategorie ohne Eigenschaften gedacht, kann der „freie Wille“ nämlich prinzipiell keinen gestaltenden Einfluss auf das empirisch Sinnliche haben, sondern findet sie als eine ihm äußere Wirklichkeit fertig vor. Die Subjektform und ihre Verkehrsform, der „freie Wille“, erscheinen ausschließlich als blinder Reflex und Exekutor vorausgesetzter gesellschaftlicher Strukturzwänge. Diese Sicht ist schon, was die Figur des zeitgenössischen vereinzelten Willenssubjekts angeht, nicht unproblematisch, erst Recht aber in Hinblick auf die Installationsgeschichte des „freien Willens“. Demgegenüber geht es mir in der „Verzauberung“ gerade um die aktiv tragende Rolle, die der Subjektform im Allgemeinen und dem „freien Willen“ im Besonderen bei der „Verzauberung der Welt“ zukam. Was die historische Genese betrifft, so schuf die Selbstzurichtung zum Subjekt überhaupt erst den warenfetischistischen Zusammenhang. Aber auch die Aufrechterhaltung der einmal hergestellten verdinglichten Herrschaft hat die beständige Reproduktion der Subjektform als verbindlicher gesellschaftlicher Handlungsform zur Voraussetzung. Sein kategorialer Zugang verdammt Klein dazu, den Inhaber des „freien Willens“ ausschließlich als ein Geschöpf und Exekutor verdinglichter Verhältnisse zu behandeln. In meiner Darstellung erscheint das Willenssubjekt dagegen nicht allein als Kreatur, sondern auch und wesentlich als Kreator des Zusammenhangs, dem es selber unterliegt.</p>
<h2>2.</h2>
<p>Peter Kleins Beitrag hat im Wesentlichen deskriptiven Charakter und beschäftigt sich vornehmlich mit Erscheinungsformen der Subjektformmetaphysik. Eine theoretisch ausgewiesene Begründung für seine Auffassung vom „freien Willen“ fehlt in seinem Artikel. Der Autor versucht auf einem anderen Weg plausibel zu machen, warum es sich bei seiner Basiskategorie um eine inhaltsleere Größe handelt: Er beschreibt ausführlich und plastisch die inhaltliche Beliebigkeit und Austauschbarkeit auf dem Markt der Haltungen und Meinungen, legt diesem Oberflächenphänomen dann seine Version des „freien Willens“ zugrunde, um es anschließend wiederum als Beleg für dessen Inhaltsneutralität heranzuziehen. Strenggenommen hat diese Vorgehensweise einen Zug ins Zirkuläre und argumentationstechnische Puristen dürften sie wohl unter Tautologieverdacht stellen. Aber auch wenn man Kleins „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ als zulässige Methode akzeptiert, bleibt doch eine Bedingung: Wenn die Inhaltsleere des „freien Willens“ das zentrale Wesensmerkmal der Subjektform sein soll, dann muss die zu deren Bestätigung herangezogene „Herrschaft der Beliebigkeit“ zwingend <em>flächendeckenden</em> Charakter haben. Sie darf nicht bloß da und dort anzutreffen sein, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen und Beziehungen. Wenn nur ein eingrenzbarer gesellschaftlicher Sektor, der „Herrschaft der Beliebigkeit“ gehorcht, dann erlaubt dieses Oberflächenphänomen dagegen keine derart weitreichenden Rückschlüsse auf die Kernbestimmung des „freien Willens“, wie sie Peter Klein zieht.<br />
Dieser Umstand ist dem Autor der „Schizophrenie“ keineswegs entgangen. Er prägt vielmehr die ganze Argumentations- bzw. Suggestionsweise des Textes, und zwar zu dessen Schaden. Wenn Peter Klein von der „Herrschaft der Beliebigkeit“ spricht, hat er zwar faktisch immer nur die <em>Verkehrsform</em> im Auge, in der sich die fertigen Konkurrenzsubjekte als Identitätseigner miteinander ins Benehmen setzen. Was diesen Ausschnitt der Subjekt-Existenz angeht, trifft seine Diagnose ja auch ins Schwarze; Klein versucht allerdings beharrlich den Eindruck zu erwecken, dass die <em>gesamte</em> Subjekt-Wirklichkeit der „Herrschaft der Beliebigkeit“ unterläge und nicht nur das Geschehen im intersubjektiven Binnenraum. Man darf sich von der phänomenologischen Ausrichtung des Artikels und vom beständigen Rückgriff auf Alltagserlebnisse nicht in die Irre führen lassen; der Autor erhebt für seinen kategorialen Zugriff allgemeinen Geltungsanspruch und kann aufgrund seiner theoretischen Vorgabe auch gar nicht anders.<br />
Den Kern der modernen Subjektherrlichkeit macht Peter Klein im „Wollen überhaupt“ aus, das bei ihm als „eine Art Platzhalter für jeden beliebigen Inhalt“<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup> figuriert. Aus dieser Perspektive existiert Identität ausschließlich als jederzeit austauschbare Staffage und was Warenmonaden auch immer denken und tun, sie bewegen sich immer nur auf einem gigantischen Maskenball. So viel ist an dieser Sichtweise richtig: Ob die Konkurrenzmonaden beim After-Work-Stelldichein ihresgleichen gegenüber mit Heckspoilern glänzen, mit Weinkennertum aufwarten oder mit ostasiatischen Atemtechniken auftrumpfen, ist eine akzidentielle, keine substantielle Frage. Das auf das Theorem der „Gegenstandslosigkeit“ geeichte Kleinsche Kategoriensystem löscht aber eine entscheidende Differenz aus: Allein die Inhalte, anhand derer das Konkurrenzsubjekt sich von seinesgleichen abzuheben versucht und den anderen gleichzeitig als seinesgleichen, als „freies Willenssubjekt“ anerkennt, sind austauschbar. Das moderne Individuum vergewissert sich seiner Subjektherrlichkeit aber auch und sogar primär, indem es Personen und Gruppen die Anerkennung als vollwertiges Subjekt verweigert. Es kann sich nicht formieren, ohne dass es das, was es an „Gefühl, Antrieb und Neigung“ an sich nicht zulassen kann, anderen zuschreibt. Egal, ob es an dem zusammen mit seiner Selbstkonstruktion entstehenden Pendant Schwäche, Triebhaftigkeit und Mangel an Leistungsbereitschaft inkriminiert oder in exotisierender Sehnsucht sein Gegenbild als das verlorene Eigentliche feiert, diese subjektkonstitutiven Abgrenzungen haben alles andere als zufälligen Charakter. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus lassen sich nicht auf der gleichen Ebene abhandeln wie die Vorliebe für Country Music und eingefleischte Ressentiments unter den Anhängern „verfeindeter“ Fußballclubs. Mit dem Theorem von der „Gegenstandslosigkeit des freien Willens“ hat Peter Klein die Möglichkeit aus der Hand gegeben, diesem Unterschied kategorial Rechnung zu tragen. Argumentativ stehen ihm deshalb nur zwei Möglichkeiten offen. Entweder bleibt der universelle Anspruch seiner Charakterisierung des freien Willens ungedeckt und die für die Subjektform konstitutive Beziehung zum „Nicht-Subjekt“ wird genauso ausgeklammert wie die zum „Un-Subjekt“. Oder die Kategorie des inhaltsleeren Willens dient als Prokrustesbett, dem die Realität gewaltsam anzupassen ist. „Die Herrschaft der Beliebigkeit“ wird in Denkinhalte hineingesehen, in denen offensichtlich eine ganz andere Logik am Werk ist, um den Gegensatz von sinnlichem Inhalt und leerer Willensform als theoretisches Universalraster zu retten.<br />
Die „Schizophrenie des modernen Individuums“ präsentiert vor allem die erstgenannte Vorgehensweise. Es finden sich allerdings auch Spuren der zweiten Variante.<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup> Auf Phänomene wie Rassismus und Antisemitismus kommt Peter Klein in seinem Text wohlweislich nicht weiter zu sprechen und erspart sich damit die Peinlichkeit, sie der Logik seiner Willenskategorie entsprechend als Accessoire verkaufen zu müssen. Was die sexistische Abwertung der Frau angeht, gibt er diese vornehme Zurückhaltung zwischenzeitlich auf, mit entsprechend niederschmetterndem Resultat. Das warengesellschaftliche Strukturmerkmal der geschlechtlichen Abspaltung deklariert Klein zu einer auf dem Weg zum reinen inhaltsleeren Willen längst erledigten historischen Durchgangsstation um.<br />
Der Verweis auf die soziologische Tatsache, dass auch Frauen heute anders als in der Zeit Kants als Konkurrenzsubjekte agieren können und müssen, reicht ihm, um den der Subjektkonstitution inhärenten Zwang zur Konstruktion und Inferiorsetzung eines „Anderen der Vernunft“ für gegenstandslos zu erklären. Mit dieser En-passant-Entsorgung<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup> landet er genau an dem Ort, gegen den er in dem Text ansonsten so gerne polemisiert, am „demokratischen Stammtisch“ – ein hoher Preis für die Aufrechterhaltung seiner verkehrten Vorstellung vom „freien Willen“.<br />
Dem Willenssubjekt einen „Standpunkt der Gegenstandslosigkeit“ unterschieben heißt freilich nicht nur die Logik ignorieren, nach der das Warensubjekt die ihm unverzichtbaren Antipoden konstruiert; mit dieser Zuschreibung verkennt Peter Klein zugleich, dass es sich beim Maskenball der Identitäten auch, was die dort feilgebotenen Inhalte angeht, um eine Closed-Shop-Veranstaltung handelt. Die bunte Welt der Meinungen und Haltungen steht keineswegs unterschiedslos allem offen, wie Klein behauptet. Eingang finden ausschließlich Inhalte, die in irgendeiner Weise zur Inszenierung der eigenen Leistungs- und Souveränitätsfähigkeit verwendbar sind. Selbst die eigene Emotionalität und Spontaneität kann zwar auf den Marktplatz geraten, aber nur wenn sie vorher gründlich zum Verfügungsgegenstand umgemodelt wurde und das souveräne Subjekt in keiner grundsätzlich anderen Beziehung zu ihr mehr steht als zu anderen Verfügungsgegenständen auch, wie zu seinem Auto oder seiner Briefmarkensammlung. Damit die Träger des „freien Willens“ sich über ihre sinnliche Dimension und über ihre eigenen Gefühle austauschen können als seien sie tote Objekte, müssen sie gelernt haben, ihrer Sinnlichkeit als einem toten, ihnen äußerlichen Objekt gegenüberzutreten.<br />
Das Bonmot „Herrschaft der Beliebigkeit“ bringt zwar die Tanzordnung auf dem Maskenball der Identitäten auf den Punkt, es lockt aber insofern auf eine falsche Fährte, als es darüber die Existenz einer äußerst rigiden Zugangsordnung vergisst. Peter Klein betont, dass es sich bei dem Verhältnis von Form und Inhalt um eine von Gleichgültigkeit gekennzeichnete Beziehungen handelt. Gegen diese Aussage ist nicht das Geringste einzuwenden. Allerdings ist die Doppelbedeutung des Schlüsselbegriffs Gleichgültigkeit zu beachten, die Klein offenbar entgangen ist. Die konkurrierenden Inhalte begegnen sich auf dem Identitätenmarkt gleichgültig, weil sie vorher – ganz im ursprünglichen Wortsinn – als <em>gleichermaßen gültig</em> anerkannt wurden. Das Geschehen auf dem Markt der Meinungen folgt der „Herrschaft der Beliebigkeit“ nicht aufgrund der vermeintlichen Gegenstandslosigkeit des Willens, sondern weil sich der gemeinsame Nenner aller Identitätsinhalte <em>in ihrer Binnenbeziehung</em> herauskürzt. Peter Klein nimmt Austauschbarkeit und Inhaltsleere synonym und erklärt die gemeinsame inhaltliche Grundlage für nicht existent. Anfänger im Bruchrechnen setzen gern gekürzte Faktoren mit Null gleich. Die Kleinsche leere Form entsteht auf einem ähnlichen Weg.</p>
<h3>3.</h3>
<p>Beim modernen Individuum handelt es sich um ein <em>innerlich</em> zutiefst zerrissenes Wesen. Unvereinbares ist in seinem Denken und Fühlen am Werk. Vom leibhaftigen Alltagsmenschen weiß das selbstverständlich auch Peter Klein, wie der Titel seines Beitrags ja schon andeutet. Seine Kategorienlehre sieht allerdings gerade diese innere Zerrissenheit nicht vor. Der „neue Dualismus“, der nach Klein an die Stelle des „alten Dualismus“ von religiösem Jenseits und Sinnenwelt getreten sein soll, kennt nur den <em>äußeren</em> Gegensatz von reiner Willensform und sinnlichem Inhalt schlechthin, aber keinen grundsätzlichen Widerspruch auf der Ebene der Bewusstseins- und Gefühlsinhalte selber. Diese Diskrepanz von Empirie und Kategorie will überbrückt sein. Bei Klein übernimmt die Formel von der „Verinnerlichung der Metaphysik“<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup><br />
diese Aufgabe. Welche historischen Prozesse Klein mit diesem Ausdruck zusammenfassen will, erfährt der Leser zwar nicht einmal andeutungsweise; dafür ist mit der Einführung des Verinnerlichungsbegriffs aber eine für die Rettung der Kleinschen dualistischen Kategorienordnung unerlässliche definitorische Festlegung getroffen. Um „verinnerlicht“ zu werden, muss etwas eigentlich „außen“ beheimatet sein. Auch wenn es schließlich die Herrschaft über das „Innere“ erlangt, bleibt diese letztlich Fremdherrschaft über ein vorgängiges, wahres menschliches Wesen.<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup> Mit dem Verinnerlichungsbegriff deklariert Klein alle Widersprüche auf der Ebene von „Gefühl, Antrieb und Neigungen“ als Sekundärphänomene und damit ist die gegenstandslos gedachte und jedem Inhalt vorausgesetzte Willensform gerettet.<br />
Indem das Konstrukt der Verinnerlichung die dualistische Weltsicht festschreibt, löst es noch zwei Aufgaben, die mit ihr in einem engen Zusammenhang stehen. Zunächst einmal bringt es den vorher durch die kategoriale Eingangspforte herausbeförderten Widerspruch durch die Hintertür wieder in die Alltagswirklichkeit zurück. Klein beschreibt die „Gegenstandslosigkeit“ der reinen Willensform als Garanten einer reibungslosen Subsumtion alles Sinnlichen unter ihre Herrschaft. Das hat immanent gesehen durchaus seine Logik. Wenn der freie Wille so inhaltsleer und kriterienlos wäre, wie Klein behauptet, dann sind tiefergehende Konflikte und Widersprüche im Grunde gar nicht möglich. Nicht nur die Welt der sinnlichen Inhalte wäre ein konfliktfreier Raum, auch im Verhältnis Inhalt und Form müsste alles glatt aufgehen. Erst indem Klein die These von der Verinnerlichung einführt und unter der Hand in die These der prinzipiellen Unvollständigkeit dieser Verinnerlichung verwandelt, entsteht nachträglich wieder so etwas wie eine Reibungsfläche. Ohne diesen Kunstgriff könnte Klein nie und nimmer proklamieren: „Es ist dünnes Eis, auf dem sich der psychologische Totalitarismus (des eigentlichen Selbst, E. L.) abspielt.“<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup> Damit ist die Funktion der Verinnerlichungsvorstellung noch nicht erschöpft. Sie verschafft der Kleinschen Subjektkritik außerdem eine vermeintlich handfeste Bezugsbasis. Die Willensmetaphysik ist zwar nach Klein allgegenwärtig und dementsprechend auch ihr Repräsentant, der „Fassadenmensch“. Irgendwo hinter der Fassade – der Begriff suggeriert das ja auch schon – bleibt jedoch eine von den „Verinnerlichungsprozessen“ unerreichbare Sphäre der Eigentlichkeit. Wie er diese „andere Welt“ taufen soll, weiß Peter Klein nicht so recht; Namen wie „existentielle Dimension des Daseins“, „unmittelbare Existenz“ oder „empirisches Dasein“<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup><br />
sind im Angebot. Dafür weiß er umso sicherer, dass ihr im Gegensatz zur bloßen „Fassadenexistenz“ ontische Dignität zukommt und sie dient ihm daher gegenüber der Willensmetaphysik als eine positive Anrufungsinstanz.<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup></p>
<h2>4.</h2>
<p>Empirisch ist die Beobachtung, dass es sich bei den Helden des freien Willens um vom Zusammenbruch bedrohte Wesen handelt, evident. Das Raunen von der „existentiellen Dimension des Daseins“ liefert indes keinen Ansatz zur Erklärung dieser Instabilität, sondern kaschiert eine Leerstelle in der Argumentation.<br />
Wo Kleins Zugriff wertkritisch an seine Grenzen stößt, bedient er sich anderweitig. Mit dem „Unmittelbaren“ und dem „Existentiellen“ greift Klein auf ein ebenso wohlvertrautes wie schillerndes Motiv zurück, das in der einen oder anderen Form seit 200 Jahren im warengesellschaftlichen Bewusstsein präsent ist. Ob Romantik oder Lebensphilosophie oder vulgarisiert in der Esoterik, immer wieder wurde „das Echte“ oder „das Sein als solches“ gegen die westliche Ratio in Stellung gebracht. Klein lehnt sich an diese Tradition an.<br />
Das argumentative Hilfskonstrukt einer Unmittelbarkeit des Seins steht indes in Widerspruch zu Kleins metaphysikkritischem Anspruch. Wie immer man die unter dem Stichwort Gegenaufklärung provisorisch zusammenfassbaren Strömungen im Einzelnen einschätzen mag, gerade ihre Seinsversessenheit stand nämlich nie im Widerspruch zum Siegeszug der Metaphysik des „eigentlichen Selbst“, gegen die Klein sich ja wenden möchte. Bei der Apotheose des vermeintlich Unbedingten handelt es sich vielmehr um deren zweites Basisideologem. Der Kultus des Existentiellen und Ganzheitlichen taugt nicht als Gegeninstanz zur modernen Metaphysik, das unbedingte Sein bildet vielmehr die andere Abteilung des modernen metaphysischen Universums. Weil er einseitig auf die Kritik der Willensmetaphysik fixiert ist, die Klein für die einzige Gestalt der Metaphysik des Subjekts hält, läuft er, ohne dessen gewahr zu werden, ihrer Zwillingsschwester in die Arme.<sup><a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></sup></p>
<h2>5.</h2>
<p>Um Missverständnisse zu vermeiden: Peter Kleins Beschwörung der „existentiellen Dimension des Daseins“ liegt eine völlig andere Intention zugrunde als sie die Denker der Gegenaufklärung umtrieb. Nichts liegt ihm ferner als jede Art von existentialistischer Überspanntheit und Seins-Heroismus, in deren Dienst das Existentielle einst Karriere gemacht hat. Sobald eine Position „das Unmittelbare“ besingt und dabei einen wertkritischen Anspruch erhebt, reicht es indes nicht, dass sie etwas anderes meint als ihre dubiosen Sangesbrüder. Sie müsste sich schon Rechenschaft darüber ablegen, welche Rolle das Gloria in der Geistes- und Mentalitätsgeschichte gespielt hat und heute noch spielt. Sie käme außerdem nicht umhin eine klare, kategorial bestimmbare Grenze zwischen dem reaktionären und einem emanzipativen Bezug auf „das Existentielle“ anzugeben.<br />
Mit seiner Kritik an einer der Schlüsselfiguren der gegenaufklärerischen Traditionslinie, an Friedrich Nietzsche, demonstriert Klein indes, dass er diese Grenzziehung nicht nur versäumt hat. Mit seiner Vorstellung vom „freien Willen“ als einer Kategorie ohne Eigenschaft hat er sich den analytischen Zugang zu diesem Problem verstellt. Klein wertet Nietzsches Absetzbewegung von der Metaphysik durchgängig als verfehlte und zu kurz greifende Kritik. Nietzsche sei der Metaphysik, gegen die er sich wandte, selber noch „auf den Leim gegangen“<sup><a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a></sup>, so Kleins Urteil. Sein „unbedingtes ,Ja‘ zum Leben“ sei nicht weit genug gegangen. „Gerade das ‚Ja‘ zum Leben müsste doch im ‚Nein‘ zu einer Gesellschaft münden, die gerade dabei ist, die immer gleiche und also tote Abstraktion der Kantschen reinen Form zum einzig Bestimmenden zu machen.“<sup><a name="sdfootnote14anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a></sup></p>
<p>Klein kommt gar nicht auf die Idee, Nietzsches Denken auf den Transformationsprozess zu beziehen, den die Metaphysik in den 200 Jahren nach Kant durchgemacht hat. Dafür, dass Nietzsche der Abstraktion Leben einen biologischen Sinn gab, und zwar als Garant des „höchst eigenen Ich“<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup>, hat Klein dementsprechend nur ein verständnisloses Kopfschütteln übrig. Genau die Reduktion sozialer Existenz auf biologisches Substrat kennzeichnet wesentlich die postkantianische Metaphysik. Nietzsche war sich über den metaphysischen Charakter seiner Überhöhung des „Lebens“ nicht im Klaren. Insofern könnte man Peter Klein mit seiner Behauptung recht geben, Nietzsche hätte den Erscheinungsformen der neuen Metaphysik blind gegenüber gestanden. Seine Blindheit war aber nicht die eines zu kurz greifenden Kritikers, wie in der „Schizophrenie“ unterstellt wird, sondern die eines der wichtigsten Vordenker und Repräsentanten der neuen Metaphysik. Was Klein für die „schiere Kapitulation“ vor der Metaphysik hält, entpuppt sich näher betrachtet als das Durchsetzungsprogramm der modernen Metaphysik im nachkantianischen Zeitalter der „reellen Subsumtion“<sup><a name="sdfootnote16anc" href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a></sup> unter die Subjektform.<br />
Klein meint, Nietzsche wäre mit seinem Ansinnen, dem Sinnlichen zu seinem Recht zu verhelfen, gescheitert. Dieser Eindruck kann nur entstehen, wenn man Sinnlichkeit als Blackbox nimmt und davon absieht, um welche Sorte von Sinnlichkeit es Nietzsche eigentlich ging. Wenn dieser „männliche Hysteriker“ (Christina von Braun) das „Leben“ beschwört, propagierte er immer nur eine durch und durch mit der Wertlogik kompatible heroische Gegensinnlichkeit zu der für ihn erbärmlichen Sinnlichkeit von Frauen und Sklaven. Er gehörte zum Hebammen-Team, das die neue Herrenmenschen-Sinnlichkeit ans Licht der Welt gezerrt hat, über deren aktuelle Gestalt sich ja auch Klein zu Recht mokiert. Vor diesem Hintergrund ist indes auch die Reduktion des Menschen auf Biologie zu sehen, die sich nicht nur bei Nietzsche findet, sondern die Vorstellungswelt im ausgehenden 19. Jahrhundert überhaupt prägte. Sie ist kein simpler „Irrglaube“, sondern lieferte den für die Konstruktion dieser Herrenmenschen-Sinnlichkeit unverzichtbaren kategorialen Ausgangspunkt.</p>
<h2>6.</h2>
<p>Peter Klein zeigt sich für den spezifischen Inhalt, den die Beschwörung des „prallen Lebens“ bei Nietzsche hat, blind und damit für dessen Rolle in der Geistesgeschichte. Die Gründe dafür sind sicherlich nicht in philologischen Problemen zu suchen. Verantwortlich ist vielmehr die Kategorienbrille der „reinen inhaltsleeren Form“, durch die Klein die Wirklichkeit insgesamt und damit auch die Geistesgeschichte betrachtet. Er scheitert an der historischen Einordnung Nietzsches, weil sein begriffliches Bezugssystem Widersprüche auf der Ebene des inhaltlich Sinnlichen nicht kennt und damit überhaupt zur Erfassung sowohl der mentalitätsgeschichtlichen wie der geistesgeschichtlichen Entwicklung ungeeignet ist. Im Umgang mit Nietzsche tritt also eine ganz fundamentale Schwäche des Kleinschen Ansatzes zu Tage.<br />
Dieser geht von der Verkehrsform der Warensubjekte aus und behandelt sie fälschlicherweise als das Ganze der Subjektwirklichkeit. Die Fixierung auf diesen Aspekt lässt nicht nur das Problem der Herstellung und Reproduktion der Subjektform im kategorialen Nebel verschwinden, sondern auch einen Gutteil ihrer Geschichte. Dafür ist nicht allein die Einseitigkeit der Ausrichtung als solche verantwortlich zu machen. Mitentscheidend ist auch der besondere Charakter von Kleins Bezugspunkt. Die Welt der Verkehrsform ist per se eine Welt struktureller Geschichtsliquidierung. Ob sich Waren auf dem Markt begegnen oder Identitätseigner<sup><a name="sdfootnote17anc" href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a></sup><br />
aufeinander treffen, in ihrem Verkehrsraum ist die Entstehungsgeschichte der Ware und die Geschichte der Subjekte<sup><a name="sdfootnote18anc" href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a></sup><br />
getilgt. Sowohl das objektivierte Prinzip des Marktes, das Äquivalenzprinzip, als auch sein subjektives Pendant, die Vertragsbeziehung der freien Willensträger, beinhaltet das Gentlemen’s Agreement, den jeweiligen eigenen Bedingungszusammenhang auszulöschen. Der Herrschaftsbereich der Beliebigkeit hat zwar eine Geschichte, er kennt aber keine.<br />
Diese Geschichtsresistenz schlägt unweigerlich auf die anhand der Verkehrsform gewonnene Kleinsche kategoriale Ordnung durch. Indem Klein den „freien Willen“ dem Schein der Verkehrsform entsprechend für „gegenstandslos“ erklärt, schrumpft ihm die Gesamtgeschichte der Subjektform auf eine Sparversion. Ein inhaltlich bestimmungsloses Prinzip kann grundsätzlich nämlich nur gelten oder nicht gelten, und dieser binären Logik entsprechend löst sich Klein die gesamte historische Entwicklung in zwei mögliche Aggregatszustände auf. Es existiert entweder eine Ordnung, die alles Inhaltliche am Subjekt in eine akzidentelle Größe verwandelt, oder sie existiert nicht.<br />
Wer die Entstehungsgeschichte der Subjektform als die Form eines spezifischen, selber in Entwicklung begriffenen Inhalts aufzurollen versucht und die Inhaltsebene als Widerspruchsebene begreift, dem tut sich unweigerlich ein weites, fast unermessliches Forschungsfeld auf. In welcher Beziehung stehen die mentalitätsgeschichtlichen Veränderungen der letzten 500 Jahre, aber auch neue geistesgeschichtliche Strömungen jeweils zum Prozess der Herausbildung der Subjektform? Welche Etappen lassen sich ausmachen und wo sind die widerständigen und gegenläufigen Momente zu verorten? Diese Fragen sind allesamt am Material zu klären. Indem Klein die Widerspruchslinie zwischen reiner Subjektform und Inhalt überhaupt zieht, ist er solcher Mühen enthoben und weiß von vornherein Bescheid. Er muss nur den historischen Nullpunkt festlegen, an dem die Herrschaft der reinen Form erreicht ist.<br />
Den Anschein einer historischen Entwicklung kann die Kleinsche Darstellung lediglich insofern wecken, als ihr der geistesgeschichtliche und der realgeschichtliche Nullpunkt auseinanderfallen. Auf welchem Weg auch immer die von der philosophischen Reflexion längst vorweggenommene inhaltsleere reine Willensform Eingang in die Alltagswirklichkeit gefunden haben mag, von substantieller Bedeutung ist Geschichte nur, soweit sie für die nachträgliche Adaption an diesen einen philosophischen Gedanken steht. Darüber hinaus sind für Klein weder realgeschichtliche noch geistesgeschichtliche Entwicklungen von kategorialer Bedeutung zu verzeichnen. Auf dem Gebiet der Philosophie hat bereits Kant das ultimative Schlusswort gesprochen. Die nachkantianische Geistesgeschichte erscheint demgegenüber als reine Verfallsgeschichte, und außer dem Verlust des schon erreichten Reflexionsniveaus bleibt nicht allzu viel zu konstatieren. Um die außerphilosophische Wirklichkeit, die verzögert in die Welt des „neuen Dualismus“ eintritt, ist es nicht viel besser bestellt. Versteht man das Merkmal der völligen Inhaltsleere konsequent, dann wären selbst noch der National- und Realsozialismus dem „alten Dualismus“ zuzurechnen und stünden letztlich in ihrer Struktur mit der christlichen Metaphysik auf einer Stufe! Von der „Ausbreitung der Kantschen Metaphysik“<sup><a name="sdfootnote19anc" href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a></sup> in die gesellschaftlichen Beziehungen hinein kann demnach strenggenommen erst nach dem Zweiten Weltkrieg die Rede sein und auch nur, solange der Warengesellschaft tiefergehende Krisenschübe erspart bleiben. Indem Klein den freien Willen als inhaltslos bestimmt, bleiben von der Geschichte der Subjektform nicht viel mehr als zwei räumlich wie zeitlich genau festmachbare Standbilder: Was die Reflexion angeht, Königsberg im späten 18. Jahrhundert und das goldene fordistische Zeitalter, in dem Demokratie, Recht und Arbeit gleichermaßen in Blüte standen; letzteres auch nur bezogen auf die Binnenbeziehungen der westlichen Metropolenländer. Peter Klein operiert also mit einer Zentralkategorie, die einen universellen Erklärungsanspruch erhebt, aber einen Großteil der Geschichte von Warengesellschaft und Subjektform für unwesentlich erklärt und ins kategoriale Dunkel schiebt.<br />
Selektiv fällt aber nicht nur Peter Kleins Blick auf die Historie aus. Sobald er auf empirische Tatsachen stößt, die sich nicht über den Leisten eines an der intersubjektiven Verkehrsform des inhaltsleeren „freien Willens“ schlagen lassen, wird sein kategoriales Instrumentarium zum Wahrnehmungsfilter. Klein scheidet solche Probleme als ex definitione nicht zur Subjektform gehörig und damit einer wertkritischen Analyse nicht zugänglich aus. Zumindest bei den Schlusspassagen des Beitrags, die von der Problematik „Gewalt“ und „Ausrasten“ handeln, springt das ins Auge. Von diesem offensichtlich außerhalb des Herrschaftsbereichs der Beliebigkeit liegenden Faktum ist empirisch nur die Rede, um ihm auf der kategorialen Ebene ex cathedra jede innere Beziehung zur Subjektformkonstitution abzusprechen. Die um sich greifende Neigung des Warensubjekts zum Amoklauf deklariert Klein allen Ernstes als eine Art verunglückte Rebellion gegen die Subjektformzumutung.<sup><a name="sdfootnote20anc" href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a></sup> In voller Übereinstimmung mit dem warengesellschaftlichen Apologetenverstand behandelt Klein damit die irrationale und selbstdestruktive Seite des Warensubjekts als etwas diesem Fremdes.<br />
Dieser Freispruch ist kein Ausrutscher. Er ist vielmehr zur Rettung seines verkürzten Verständnisses der Subjektform unerlässlich. Wenn diese allein mit der Verkehrsform identisch sein soll, in der sich die fertigen Willens- und Rechtssubjekte wechselseitig als gleichermaßen freie Willensträger anerkennen, dann müssen Praktiken wie Gewalt und Totschlag von einem fernen Stern stammen.<br />
Weil Klein eisern die Reduktion der Subjekt- auf die Verkehrsform durchhält, stellt sich ihm deren tatsächlicher Konstitutionszusammenhang auf den Kopf. In irrationalen Gewaltexzessen, in Mord, Krieg und Totschlag verabschiedet sich der moderne Mensch keineswegs von dieser Form. Die Verwandlung anderer Menschen in tötbare Biomasse bildet ganz im Gegenteil den Urakt, in dem sich der weiße Mann zur Subjekt-Herrlichkeit aufgeschwungen hat und aufschwingt. Die subjektkonstitutive und weltdestruktive Praxis setzt sich aus zwei Schichten zusammen. Im gesellschaftlichen Normalbetrieb agieren die modernen Individuen als Subjekte, indem sie die außermenschliche Welt zu einem optimaler Vernutzung wegen existierenden Ensemble toter Dinge degradieren und ihre Beziehung zu anderen Menschen zu einem Verhältnis wechselseitiger Instrumentalisierung machen. Der Subjektstatus lässt sich aber auch ohne den Umweg Produktion und Vertragslogik erringen, nämlich indem sie direkt Vernichtung zum Inhalt nimmt. Nicht nur für die Herausbildungsgeschichte des Warensubjekts spielt die Formierung seines „Gewaltkerns“<sup><a name="sdfootnote21anc" href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a></sup> eine Schlüsselrolle; mit dem sukzessiven Zerfall der „schönen Maschine“ tritt diese tiefere Schicht wieder verstärkt zutage.<br />
Als Theoretiker der Gegenstandslosigkeit erklärt uns Peter Klein, hinter der Fassade des Warensubjekts lauere „nichts“. Es sei flach und eindimensional. Wer nicht nur diese selbst eindimensionale Perspektive, sondern den Gesamtprozess der Subjektkonstitution im Auge hat, muss freilich etwas nachkorrigieren: Hinter der Fassade des Warensubjekts lauert das Nichts, die Vernichtung als letztes und grundlegend inhaltliches Programm. Flach und eindimensional sei das Warensubjekt, resümiert Peter Klein seine Diagnose. Eindimensional ist aber wohl eher die ausschließlich auf die intersubjektive Verkehrsform ausgerichtete Kleinsche Analyse als ihr Gegenstand, das moderne Individuum.</p>
<h2>Fußnoten:</h2>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc"> 1</a> krisis 29, S. 75. Sämtliche Zitate von Peter Klein stammen aus dem in der letzten krisis erschienenen Artikel.<br />
<a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc"> 2</a> In der Verzauberung der Welt habe ich diesen Zusammenhang in den Abschnitten 11-17, also S. 32-50, skizziert und als Prozess der „reellen Subsumtion unter die Subjektform“ beschrieben.<br />
<a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc"> 3</a>Der Dreiklang „männlich-weiß-westlich“ geht ursprünglich auf Claudia von Werlhof zurück.<br />
<a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc"> 4</a> S. 75.<br />
<a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc"> 5</a> S. 71 und S. 90.<br />
<a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc"> 6</a> S. 90.<br />
<a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc"> 7</a> S. 72.<br />
<a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc"> 8</a> Diese Überlegung verdanke ich Robert Bösch.<br />
<a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc"> 9</a> S. 90.<br />
<a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc">10</a> S. 88.<br />
<a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc">11</a> Auf dieses Problem hat schon Karl-Heinz Lewed am Schluss seines Aufsatzes „Schopenhauer on the rocks“ hingewiesen, krisis 29, S. 139f.<br />
<a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc">12</a> Vgl. ausführlicher: „Die Verzauberung der Welt“, krisis 29, insbesondere S. 37f.<br />
<a name="sdfootnote13sym" href="#sdfootnote13anc">13</a> S. 66.<br />
<a name="sdfootnote14sym" href="#sdfootnote14anc">14</a> S. 77.<br />
<a name="sdfootnote15sym" href="#sdfootnote15anc">15</a> S. 65.<br />
<a name="sdfootnote16sym" href="#sdfootnote16anc">16</a> gl. zum Unterschied von reeller und formeller Subsumtion unter die Subjektform: „Die Verzauberung der Welt“, krisis 29, S. 32.<br />
<a name="sdfootnote17sym" href="#sdfootnote17anc">17</a> Im Grunde ist diese Geschichtslosigkeit schon im Begriff der Identität (= vollkommene Gleichheit) enthalten.<br />
<a name="sdfootnote18sym" href="#sdfootnote18anc">18</a> Das gilt sowohl für die biographische wie für die historische Ebene, für die individuelle Vergangenheit wie für die Entstehungsgeschichte der Subjektform überhaupt.<br />
<a name="sdfootnote19sym" href="#sdfootnote19anc">19</a> S. 84.<br />
<a name="sdfootnote20sym" href="#sdfootnote20anc">20</a> Vgl. S. 92.<br />
<a name="sdfootnote21sym" href="#sdfootnote21anc">21</a> Vgl. „Gewaltordnung und Vernichtungslogik“, krisis 27.</p>
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