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	<title>krisis &#187; Krisis 31 (2007)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 31 erschienen!</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Dec 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Krisis 31 (2007)]]></category>

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		<description><![CDATA[Wissen – Wert – Maske Mit kommerzieller Software, Musikdateien und anderen beliebig reproduzierbaren Informationsgütern entsteht ein neue Form kapitalistischen Reichtums: das &#8220;privatisierte Universalgut&#8221;. Bei solchen Gütern handelt es sich zwar um Bezahlgüter, nicht aber um Waren. Denn die Arbeit im Informationssektor trägt nicht den Charakter einer &#8220;Privatarbeit selbständiger Produzenten&#8221;. Vielmehr ist sie Teil der per [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wissen – Wert – Maske</h3>
<p>Mit kommerzieller Software, Musikdateien und anderen beliebig reproduzierbaren Informationsgütern entsteht ein neue Form kapitalistischen Reichtums: das &#8220;privatisierte Universalgut&#8221;. Bei solchen Gütern handelt es sich zwar um Bezahlgüter, nicht aber um Waren. Denn die Arbeit im Informationssektor trägt nicht den Charakter einer &#8220;Privatarbeit selbständiger Produzenten&#8221;. Vielmehr ist sie Teil der per se gesamtgesellschaftlichen Wissensproduktion, deren Ergebnisse erst nachträglich reprivatisiert werden, um sie vermarkten zu können. Einen &#8220;Informationskapitalismus&#8221; als selbsttragendes Akkumulationsmodell kann es daher nicht geben. Denn die Profite der Informationskapitalien resultieren nicht aus eigener Verwertung, sondern aus der Abschöpfung einer &#8220;Informationsrente&#8221;. Zugleich aber muss vor diesem Hintergrund die Frage nach einer emanzipativen Aneignung des Wissens neu gestellt werden<strong>. </strong></p>
<h4>Inhalt</h4>
<ul>
<li><a href="http://www.krisis.org/2007/krisis-31-editorial">Editorial</a></li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2007/der-wert-des-wissens">Ernst Lohoff: Der Wert des Wissens.</a> Zur Kritik der politischen Ökonomie des „Informationskapitalismus“</li>
<li><a href="http://www.krisis.org/2007/der-kampf-um-die-warenform">Stefan Meretz: Der Kampf um die Warenform.</a> Wie Knappheit bei Universalgütern hergestellt wird.</li>
<p>	<a href="http://www.krisis.org/2007/arbeit-ohne-wert ">Peter Samol: Arbeit ohne Wert.</a> Über das Scheitern der „Dienstleistungsgesellschaft“ und wie es mit dem Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit zusammenhängt</p>
<li>Franz Schandl:<a href="http://www.krisis.org/2007/maske-und-charakter-2"> Maske und Charakter</a>. Sprengversuche am bürgerlichen Subjekt</li>
</ul>
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		<title>Krisis 31 &#8211; Editorial</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Dec 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 31 (2007)]]></category>

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		<description><![CDATA[Erinnert sich noch jemand an die überschwänglichen Hoffnungen, die einst mit dem Heraufziehen des sogenannten „Informationszeitalters“ verknüpft waren? Zunächst, in den 1980er Jahren, wurde vor allem in der linksalternativen Bewegung und ihrem Umfeld darauf spekuliert, mit dem Übergang von der „Industriegesellschaft“ zur „Wissensgesellschaft“ könnten die Grundübel des Kapitalismus überwunden werden. Die mikroelektronische Revolution schien nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/dcb7001ccef344848ace242d0dc4417a" width="1" height="1" alt=""><br />
</span><br />
Erinnert sich noch jemand an die überschwänglichen Hoffnungen, die einst mit dem Heraufziehen des sogenannten „Informationszeitalters“ verknüpft waren? Zunächst, in den 1980er Jahren, wurde vor allem in der linksalternativen Bewegung und ihrem Umfeld darauf spekuliert, mit dem Übergang von der „Industriegesellschaft“ zur „Wissensgesellschaft“ könnten die Grundübel des Kapitalismus überwunden werden. Die mikroelektronische Revolution schien nicht nur eine radikale Arbeitszeitverkürzung und ein Ende der Arbeitsteilung zu ermöglichen, sondern auch Wege aus dem ökologischen Raubbau zu eröffnen und den Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum zu demokratisieren. Während der industriellen Produktionsweise die Zentralisierung von Eigentum und Verfügungsmacht entspreche, sollte mit dem Aufstieg der Produktivkraft Wissen zur wichtigsten gesellschaftlichen Ressource eine Dezentralisierung der Produktions- und Machtstrukturen verbunden sein. Ein gutes Jahrzehnt später jedoch waren diese Hoffnungen weitgehend verstummt. Alternative Zukunftsentwürfe kamen aus der Mode. Stattdessen wurde nun, im Rausch der <em>New Economy</em>, der Dienstleistungs-, Informations- und Mediensektor als Garant einer goldenen kapitalistischen Zukunft abgefeiert. Gutbezahlte Jobs sollten überall entstehen, die Gewinne immer weiter so sprudeln wie an der überreizten Börse, und die Pforten des Paradieses würden sich öffnen, wenn erst alle Menschen einen Internetzugang besäßen und online einkaufen könnten.</p>
<p><span id="more-721"></span>Inzwischen ist auch dieser Traum eines immerwährenden informationskapitalistischen Frühlings längst verblasst. Es kam, wie es kommen musste. Die Prozessinnovationen, die den Industriesektor revolutioniert haben, schlagen nun auch auf den Sektor zurück, in dem sie entwickelt wurden. Soweit dort neue Arbeitsplätze entstehen, sind sie überwiegend prekär und stehen jederzeit zur Disposition. In dem Maße, wie die Anwendungsmöglichkeiten der Mikroelektronik immer weiter ausgedehnt werden, rollt die Rationalisierungswelle auch über den Dienstleistungs- und Informationssektor hinweg. Gleichzeitig gewinnt auch hier die Verlagerung an Billiglohnstandorte zunehmend an Tempo. Laut Untersuchungen der University of California in Berkeley sind derzeit allein in den USA rund 14 Millionen Dienstleistungsarbeitsplätze vom sogenannten <em>Offshoring</em> bedroht. Das betrifft Call-Center, Buchhaltungsservice, Auftragsabwicklung, Bearbeitung von Reklamationen und andere Geschäftsprozesse ebenso wie hochqualifizierte Jobs in der Softwareentwicklung, in Architekturbüros sowie in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Kein Wunder also, dass der Druck in diesen Sektoren zunimmt. Die Arbeitszeiten sind überlang, der Leistungsdruck enorm und die Produktzyklen werden immer kürzer. Dementsprechend hoch ist der Personalverschleiß. Nicht wenige aus der Gewinnergeneration von einst, die das für die IT-Branche geradezu greisenhafte Alter von 40 Jahren erreicht haben, finden sich nun statt am Lenkrad eines Porsches auf den Fluren der Arbeitsagentur oder auf den Gehaltslisten einer Zeitarbeitsfirma wieder. Freilich sind das großenteils immer noch die Verlierer der gehobenen Kategorie. Die große Mehrheit der neuen Jobs im Dienstleistungsbereich war von Anfang an prekär, zeitintensiv und schlecht bezahlt sowie zugleich einer ständigen Dumpingkonkurrenz ausgesetzt. Darüber wird zwar mittlerweile wieder überall geredet – im Gegensatz zu den 90er Jahren, als man dies allgemein verdrängte. An der Tatsache als solcher hat sich jedoch nicht das Geringste verändert.</p>
<p>So what?, könnte man nun freilich fragen. Ist das nicht gerade der Beweis dafür, dass die kapitalistische Akkumulation sehr wohl auf neuer Grundlage weiterfunktionieren kann? Die Unternehmensgewinne steigen doch seit Jahren in exorbitante Höhen. Und dass Menschen ausgeblutet, Löhne gedrückt und Sozialleistungen gekappt werden, ist ja nun wahrlich nichts Neues unter der Sonne des Kapitals. Nur liegt das Zentrum der Arbeitskraftvernutzung jetzt halt nicht mehr in der industriellen Produktion. Diese durchaus gängige Sichtweise beruht allerdings auf einem falschen Analogieschluss, mit dem die vergangene Konstellation der kapitalistischen Aufstiegsperiode bloß äußerlich den veränderten technologisch-organisatorischen Koordinaten angepasst und dann in die Zukunft fortgeschrieben wird. Der Kapitalismus wird als Abfolge verschiedener Akkumulationsmodelle gesehen, die sich quasi-automatisch gegenseitig ablösen. In diesem Wahrnehmungsraster <em>können</em> die sprudelnden Unternehmensgewinne nur einem neuen Akkumulationssektor entspringen, der die Industrie als bisherigen Motor der Wertschöpfung abgelöst hat. Der Kausalzusammenhang steht also a priori fest, es muss nur noch nach den empirischen Elementen gesucht werden, die ihm entsprechen könnten. Deshalb liegt es auf der Hand, in der Expansion der Dienstleistungs-, Medien- und Informationssektoren die materielle ökonomische Grundlage für einen neuen selbsttragenden kapitalistischen Akkumulationsschub zu sehen. Nach anderen Möglichkeiten wird gar nicht erst gefragt.</p>
<p>Andere Möglichkeiten? Natürlich wollen wir nicht behaupten, es gäbe noch einen geheimnisvollen, von der sozialwissenschaftlichen Forschung bisher unentdeckten Bereich der Warenproduktion, der in diesen Analysen übersehen würde. In Frage zu stellen ist vielmehr ganz grundsätzlich der ihnen teils implizit, teils explizit vorausgesetzte Kausalzusammenhang. Empirisch stimmt es ja zweifellos, dass im tertiären Bereich immer mehr Arbeitskräfte beschäftigt werden. Und doch ist es eben nicht der dort abgeschöpfte Mehrwert, der die Renditen von Rekord zu Rekord treibt. Andersherum wird ein Schuh daraus. Diese Sektoren sind nicht Ursache, sondern selbst abhängige Variable. Expandieren können sie nur deshalb, weil sie aus den gigantischen, realökonomisch ungedeckten Geldmengen gespeist werden, die in unvermindertem Tempo an den globalen Finanzmärkten geschöpft werden. Auch nach dem Zusammenbruch der <em>New Economy</em> – mit dem ja nur die Spitze einer bestimmten Spekulationsbewegung abbrach – beruht die gesamte heutige Weltökonomie weiterhin auf der fiktiven Kapitalvermehrung in den Sphären der Spekulation und des Kredits.</p>
<p>Keinesfalls würgt dies die Realwirtschaft ab und hindert die braven produktiven Kapitalisten daran, in weitere Produktionsanlagen zu investieren und damit Arbeitsplätze zu schaffen, wie die unvermeidlichen Neo-Keynesianer nicht müde werden zu betonen. Vielmehr ist diese wundersame Kapitalvermehrung umgekehrt der Ausdruck einer ungeheuren Überakkumulation von Kapital, die nur deshalb nicht mit voller Wucht auf Realökonomie und Sozialsysteme durchschlägt, weil das überschüssige Kapital Anlagemöglichkeiten an den Finanzmärkten findet und deshalb (vorerst) seine krisenhafte Entwertung aufgeschoben werden kann. Der nicht gerade unbedeutende Sekundäreffekt dieser Ausweichbewegung ist die Schaffung von Kaufkraft, die ihrerseits die gesellschaftliche Nachfrage ankurbelt. Denn die Gewinne und Einkommen aus Spekulation und Kredit werden nicht komplett wieder in die Finanzmärkte eingeschleust, sondern zu einem gewissen Teil eben auch für Investitionen (vor allem im Bausektor) sowie für den Kauf von Konsumgütern und nicht zuletzt von Dienstleistungen verausgabt. So gesehen markiert die vielbeschworene Tertiarisierung alles andere als den Beginn einer neuen Ära kapitalistischer Akkumulation; sie ist vielmehr Ausdruck eines langen Aufschubs der Krise des Fordismus durch das klassische Mittel des fiktiven Kapitals.</p>
<p>Es genügt ein Blick auf die ökonomische Struktur der USA – die immer noch das Zentrum der Weltwirtschaft darstellen – um diesen Zusammenhang zu verstehen. Dass dort über 80 Prozent der Bevölkerung in großenteils wertunproduktiven Jobs im Dienstleistungssektor arbeiten kann, ohne dass die gesamte Ökonomie zusammenkracht, erklärt sich in erster Linie aus einer geradezu astronomischen und exponentiell ansteigenden Verschuldung in allen Bereichen der Gesellschaft, die sich mittlerweile auf die unglaubliche Summe von 40 Billionen US-Dollar addiert (was rund dem Vierfachen des Bruttoinlandsprodukts entspricht). In den letzten Jahren waren es vor allem die spekulativ hochgeschraubten Immobilienpreise, die es den Haushalten erlaubten, einen erheblichen Teil ihres Konsums über Hypothekenkredite vermittelt zu finanzieren. Gleichzeitig haben sie damit auch den Boom in China angefacht, dessen wesentliche Triebkraft der Export in die USA ist, wovon das berühmte und von Jahr zu Jahr wachsende Zwillingsdefizit von US-Staatshaushalt und Handelsbilanz zeugt.</p>
<p>Die Immobilienblase droht derzeit zu platzen, aber es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass die <em>Federal Reserve</em> durch eine Politik des billigen Geldes noch einmal ungedeckte Liquidität in den Markt hineinpumpt, wie sie es bereits mehrfach getan hat, und sich dadurch neue Blasen an anderen Stellen bilden. In dieser Hinsicht hat der Ausbau aller Sicherungen aus dem Finanzsystem die Möglichkeiten des Krisenaufschubs durch Schöpfung fiktiven Kapitals enorm erweitert. Doch auch wenn alle geldpolitischen Rücksichten fahren gelassen werden, lässt sich die Logik der Akkumulation langfristig nicht außer Kraft setzen. Die Verlängerung der Spekulationsbewegung führt letztlich nur dazu, dass sich an den Finanzmärkten immer größere Mengen ungedeckter Ansprüche an die Zukunft aufhäufen, die früher oder später entwertet werden müssen. Zeitliche Prognosen darüber, wann sich dieses ungeheure Krisenpotential entlädt – mit katastrophalen Folgen für Realwirtschaft, Sozialsysteme und Staatshaushalte – lassen sich kaum aufstellen. Zwar sind die Sollbruchstellen erkennbar: etwa die zunehmende Umschichtung von Finanzkapital und Devisenreserven aus dem Dollar in den Euro, ein Trend, der die Verschuldungskapazität der USA, an der die gesamte Weltökonomie hängt wie an einem Tropf, unwiderruflich untergraben muss. Aber wann hier die kritische Masse, der <em>Point of no return</em> erreicht ist, hängt von vielen Unwägbarkeiten ab. Was sich aus der strukturellen Analyse jedoch ableiten lässt, ist die grundsätzliche Richtung der basalen Krisendynamik, die als solche nicht umkehrbar ist.</p>
<p>***</p>
<p>Die wertkritische Analyse des Informations- und Dienstleistungssektors kann sich freilich nicht darin erschöpfen, dessen Abhängigkeit von der globalen Finanzblase aufzuzeigen. Schon um die Frage zu beantworten, wieso auf der Grundlage von Wissensproduktion und Dienstleistungen kein neuer Schub der Kapitalakkumulation mehr möglich ist, muss man tiefer bohren. Es gilt, das grundsätzliche Verhältnis der neuen Sektoren von Reichtumsproduktion zur Wert- und Warenform zu klären. Wieso ist die dort verausgabte Arbeit großenteils unproduktiv im Sinne des Werts? Wie wird die universelle Produktivkraft Wissen in das enge Korsett der privaten Verwertung gepresst? Welche Widersprüche und Bruchlinien ergeben sich hieraus nicht nur unter krisentheoretischen Gesichtspunkten, sondern auch im Hinblick auf emanzipative Aneignungsstrategien? Der Schwerpunkt dieser <em>krisis</em>-Ausgabe will einen Beitrag dazu leisten, diese und ähnliche Fragestellungen zu beantworten.</p>
<p>Den Auftakt macht <em>Ernst Lohoff</em> mit seinem Aufsatz <em>Der Wert des Wissens</em>, der sich gegen die verbreitete Ansicht wendet, Wissensarbeit würde Wert „produzieren“ und die neuen digitalen Informationsgüter stellten „immaterielle Waren“ dar. Lohoff zeigt auf, dass diesem Verständnis eine Fehlklassifizierung zugrunde liegt. Streng kategorial betrachtet, entsteht mit kommerzieller Software, Musik- und Videodateien und anderen beliebig reproduzierbaren Informationsgütern ein neue Form kapitalistischen Reichtums: das „privatisierte Universalgut“. Bei solche Gütern handelt es sich zwar um Bezahlgüter, sie vermitteln zwischen Produzent und User aber keine Tauschbeziehung und können deshalb auch nicht als Waren gelten. Entsprechendes ergibt sich, wenn man den Blickwinkel wechselt und den Produktionsprozess dieser Güter betrachtet. Die Arbeit im Informationssektor trägt nicht den Charakter einer „Privatarbeit selbständiger Produzenten“, wie sie der Warenproduktion notwendig zugrunde liegt. Vielmehr ist sie ihrem Inhalt nach Teil des per se gesamtgesellschaftlichen Prozesses der Wissensproduktion, dessen Ergebnisse dann erst nachträglich und äußerlich reprivatisiert werden um sie vermarkten zu können. Daher resultiert auch der Profit der Informationskapitalien keineswegs aus eigener Wertschöpfung, sondern aus der Abschöpfung einer „Informationsrente“, die auf dem juristischen Konstrukt des „geistigen Eigentums“ beruht. Gesamtkapitalistisch betrachtet, schmälert daher die Produktion „privatisierter Universalgüter“ die Basis der Realakkumulation statt sie zu erweitern.</p>
<p><em>Stefan Meretz</em> nähert sich dem gleichen Thema aus einer aneignungstheoretischen Perspektive. In seinem Text <em>Der Kampf um die Warenform</em> zeigt er am Beispiel des Digital Restrictions Management (DRM), wie Software- und Medienkonzerne den Zugriff auf Universalgüter beschränken, um sie in knappe Bezahlgüter zu verwandeln. Doch auch durch die äußerliche Erzeugung von Knappheit, werden unstoffliche Universalgüter in privatisierter Form nicht zu Waren. Ihrem Inhalt nach sperren sie sich dagegen, denn sie sind keine isolierbaren Produkte, sondern haben den Charakter von Nutzungsrechten an einem bestimmten Teil des Wissensaggregats. Offensichtlich wird das daran, dass sich beispielsweise Software beliebig oft mit einem Minimum an Aufwand reproduzieren lässt, wenn sie einmal programmiert worden ist. Der Arbeitsaufwand für die Herstellung einer Kopie tendiert gegen null. Aufgrund dieser nahezu aufwandslosen Reproduzierbarkeit lassen sich Universalgüter aber auch leichter aus der Zwangsjacke der Warenform befreien. Deshalb verläuft hier eine wichtige Widerspruchslinie im Kampf um und gegen die Warenform, der sich auch als Kampf um die Aneignung des gesellschaftlichen Wissens beschreiben lässt.</p>
<p>Die Vorstellung, die Produktion von Informationsgütern könne zur Grundlage eines neuen selbsttragenden Akkumulationsschubs werden, fügt sich in ein älteres, weitergefasstes Konzept ein. Seit den 60er Jahren ist vom Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft die Rede. Dabei wird stets unterstellt, der tertiäre Sektor könne im Akkumulationsprozess ohne Weiteres die gleiche Rolle spielen wie einst der industrielle Sektor, der immer weniger Arbeitskräfte beschäftigt. <em>Peter Samol</em> rekonstruiert in seinem Aufsatz <em>Arbeit ohne Wert </em>die Marxsche Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit und überprüft davon ausgehend die Haltbarkeit dieser stillschweigend gemachten Voraussetzung. Es zeigt sich dann, dass nur der kleinere Teil der im Dienstleistungsbereich verausgabten Arbeit wertproduktiven Charakter hat. Einen Sonderfall stellt dabei die großflächige Privatisierung von Infrastrukturunternehmen dar. Die Verwandlung von Infrastrukturgütern (Gesundheit, Bildung, Transport, usw.) in ganz gewöhnliche Waren kann zwar die Verwandlung von im kapitalistischen Sinne unproduktiver Arbeit in produktive zur Folge haben, dieser Erfolg wird aber mit der sukzessiven Zerstörung der gesellschaftlichen Reproduktionsfähigkeit bezahlt. Deshalb wird hier auch nicht die Grundlage für einen neuen Akkumulationsschub gelegt; vielmehr handelt es sich bei der Privatisierungsstrategie um eine zeitlich befristete Verbrennung gesellschaftlicher Substanz, die als eine bestimmte Verlaufsform des Krisenprozesses dechiffriert werden kann.</p>
<p>Mit seinen Sprengversuchen am bürgerlichen Subjekt knüpft <em>Franz Schandl</em> an den Schwerpunkt der letzten beiden <em>krisis</em>-Ausgaben, die Subjektkritik, an. Sein Aufsatz <em>Maske und Charakter</em> diskutiert, ausgehend vom Marxschen Begriff der Charaktermaske, dessen Anwendbarkeit auf verschiedene Typen und Rollen, Verhältnisse und Begegnungen. Es geht also nicht nur um Käufer und Verkäufer, um Unternehmer und Lohnabhängige; der Autor spannt einen sehr weiten Bogen, kritisiert den Kult der Selbständigkeiten, stellt Kategorien wie Interesse und Risiko als positive Bezugsgrößen in Frage, schreibt des Weiteren über Kommando und Unbehagen, sowie die Verschleierungen in Orient und Okzident. Nicht für ein neues revolutionäres Subjekt wird plädiert, sondern im Gegenteil für eine Entsubjektivierung und die Abschaffung der Maskenpflicht. Emanzipation als individuelle Selbstverwirklichung ist nur jenseits der Charaktermasken möglich. Der potentielle Mensch hat gegen seine Funktion Stellung zu beziehen.</p>
<p>***</p>
<p>Übrigens: wer schon länger nicht mehr auf unsere Homepage geschaut hat, sollte dies jetzt tun. Wir haben sie nämlich vollständig renoviert, neu gegliedert und aktualisiert. Sie enthält nun fast 700 Texte aus über 20 Jahren Wertkritik, sortiert nach Themen, AutorInnen und Erscheinungsdatum sowie viele Übersetzungen, Texte zum Einlesen und weitere Kategorien, wie z.B. eine reichhaltige Auswahl an wertkritischen Radiosendungen. Und natürlich werden auch wie bisher schon unsere Veranstaltungen und Aktivitäten dort angekündigt. Wer also die Durststrecke bis zum Erscheinen der nächsten <em>krisis</em> im Frühjahr 2008 überbrücken möchte, findet genug Lesestoff auf www.krisis.org.</p>
<p><em>Norbert Trenkle für die Redaktion</em></p>
<p><em>Mai 2007</em></p>
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		<title>Der Wert des Wissens</title>
		<link>http://www.krisis.org/2007/der-wert-des-wissens</link>
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		<pubDate>Sun, 30 Dec 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 31 (2007)]]></category>

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		<description><![CDATA[Kurzfassung des gleichnamigen Artikels aus krisis 31]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/7364af3bd99a42ed8b8aa96bb5027943" width="1" height="1" alt=""></span></p>
<h3>Kurzfassung des gleichnamigen Artikels aus <em>krisis</em> 31</h3>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>Der Kapitalismus schafft sich neue Verwertungsfelder und expandiert, indem er die Reichtumsproduktion in Warenproduktion verwandelt. Rund 200 Jahre stand die gesellschaftliche „Hardware“ im Zentrum dieses Kommodifizierungsprozesses. Das Kapital erweiterte seine Grundlage dadurch, dass es traditionelle Formen der Erzeugung materieller Güter niederkonkurrierte und deren Erzeugnisse durch industriell gefertigte Waren ersetzte (Nahrungsmittel, Bekleidung, ect.) oder indem es bis dato unbekannte materielle Güter auf den Markt brachte, die von vornherein als Waren das Licht der Welt erblickten (Auto, Unterhaltungselektronik, usw.). Kaum zeichnete sich mit der Krise des Fordismus die dem Industriekapitalismus gesetzten Wachstumsgrenzen ab, schien die Nachfolgefrage auch schon geregelt. Frei nach dem Motto „Der industrielle Kapitalismus ist tot – es lebe der Informationskapitalismus“ galt es schon in den 1980er Jahren als ausgemacht, dass jetzt die Kommodifizierung der gesellschaftlichen „Software“ ansteht und sich die Verwertungsfelder der Zukunft vor allem im immateriellen Raum der „Wissensgüter“ auftun und damit dem System der Wertverwertung eine goldene Zukunft eröffnen würde. Die Begründung für diese vorauseilende Geschichtsschreibung fiel eher dürr aus. Sie beschränkte sich im Grunde auf den Satz „Ware ist Ware“. Ob „immaterielle Waren“, oder handfeste konventionelle Wald- und Wiesenwaren die Märkte bevölkern, ist nach diesem Verständnis piepegal: Wo kapitalistische Unternehmen Waren produzieren und verkaufen und dabei Profite erwirtschaften findet Verwertung statt.</p>
<p><span id="more-700"></span>Zweifellos stellen Microsoft und Co ihre Produkte nicht aus Altruismus her, sondern um Geld zu verdienen. Weist das allein aber bereits diese Erzeugnisse als Waren aus? Beim Stichwort Ware hat der Alltags- und Ökonomenverstand noch nie etwas anderes als <em>Tauschgegenstände </em>vor Augen gehabt, und auch jeder Neueinsteiger in die Marxsche Ökonomiekritik lernt heute noch, was er immer gelernt hat: „Als Waren bezeichnet man nur etwas, das getauscht wird.“<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup> Vollzieht sich auch die Verbreitung von Informationsgütern als Tausch und gehorcht die Beziehung von Käufer und Verkäufer den Gesetzen des Äquivalententauschs? Handelt es sich bei den neuen Informationsgütern also tatsächlich um Tauschgüter? Solange man nur die „Hardware“ betrachtet und den materiellen Datenträger, lässt sich diese Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten. Die soziale Beziehung, die der Kauf eines Computers vermittelt, unterscheide sich durch nichts vom Kauf eines Autos oder einer Waschmaschine. Sobald es um das eigentliche Informationsgut geht, bietet sich indes ein völlig anderes Bild. Was diese Produkte angeht, kann von Tausch bestenfalls in einem diffus-metaphorischen Sinn die Rede sein, aber nie und nimmer, wenn der Begriff eine präzise ökonomische bzw. ökonomiekritische Bedeutung haben soll. Damit Güter zueinander in eine Tauschbeziehung treten und Tauschgut-Charakter annehmen, müssen nämlich zwei Bedingungen zusammenkommen. Zum einen müssen beide Warenbesitzer nach vollbrachtem Tauschakt jeweils das Gut in Händen halten, das vor dem Tausch dem Gegenüber gehört hat. Zum anderen müssen beide Tauschpartner das, was sie zu Markte tragen, definitiv weggeben. Der zweiten grundlegenden Bedingung tun zwar die Nutzer Genüge, die ihr Geld für kommerzielle Software oder für Musik- und Videodateien ausgeben, nicht aber die Vertreiber dieser Produkte. Die Kunden überlassen ihr gutes Geld ein für alle mal den Anbietern, Letzteren bleibt indessen erhalten, was sie geben! Die monetäre Transaktion vermittelt keineswegs den Händewechsel der entsprechenden Güter, sondern vermehrt lediglich die Anzahl der Menschen, die dasselbe Produkt legal nutzen dürfen. Die Produzenten digitaler Informationsgüter können etwas, was noch kein seriöser Warenproduzent je gekonnt hat und je können wird, etwas, was mit Tauschbeziehungen strikt unvereinbar ist: Sie sind in der Lage <em>dasselbe</em> Produkt, den<em>selben</em> Klingelton oder die<em>selbe</em> Software, beliebig oft an den Mann oder die Frau zu bringen, und das, ohne wegen Betrugs vor Gericht zu landen!</p>
<p>Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass das <em>gleiche </em>Produkt an viele verschiedene Kunden veräußert wird, ist ein wohlvertrautes Phänomen und steht selbstverständlich in keiner Weise im Widerspruch zu dessen Warencharakter. Bei der industriell-seriellen Fertigung ist das gang und gäbe und die Massenfabrikation gleichartig durchnormierter Güter bildete überhaupt die Voraussetzung für die Kommodifizierung und Durchkapitalisierung der materiellen Produktion. Tabakkonzerne fabrizieren Millionen von ununterscheidbaren Zigaretten und Automobilunternehmen Hunderttausende von Fahrzeugen, die einander noch weit mehr gleichen als ein Ei dem anderen. Das ist aber wohlgemerkt nicht mit dem zu verwechseln, womit wir es bei der kommerziellen Verbreitung digitaler Informationsgüter zu tun haben. In Hinblick auf den materiellen Datenträger lässt sich zwar durchaus auch bei ihnen vom gleichen Produkt sprechen; ob Hunderttausende von Menschen die gleiche Fertigpizza und das gleiche Auto erwerben oder Millionen den gleichen CD-Rom-Rohling usw., macht natürlich keinerlei Unterschied. Was das eigentliche Informationsgut angeht, den immateriellen Informationsinhalt, geschieht indes beim Vertrieb kommerzieller Informationsgüter etwas, wozu sich in der Welt der materiellen Produkte keine Parallele finden lässt. Die Produzenten von Informationsgütern sind nicht gezwungen, ihr Gut neu zu produzieren, um das Ergebnis ihrer Informationsarbeit außer an Müller auch noch an Meier, Schulze und eine Milliarde anderer potenzieller Kunden zu veräußern. Sie produzieren einfach und verkaufen mehrfach. So etwas ist kein Tausch, und der Gegenstand, der auf diesem Weg verbreitet wird, ist kein Tauschgegenstand und damit auch keine Ware.</p>
<p>Die stoffliche Reichtumsproduktion hat im Gefolge ihrer Unterwerfung unter das Kapital in den letzten 200 Jahren zahllose Umwälzungen durchgemacht. In Hinblick auf die gesellschaftliche Form beinhalteten alle Innovationen bis zur mikroelektronischen Revolution immer das Gleiche: die Schaffung neuer Tauschgüter. Der Siegeszug der digitalen Informationsgüter sprengt diese Monoformie auf. Die digitalen Informationsgüter unterscheiden sich nicht einfach nur stofflich und in der Art ihrer Nutzung von konventionellen Gütern. Der technologische Unterschied impliziert in diesem besonderen Fall einen Unterschied in der Beziehungsform von Produzent und Produkt und Produzent und Benutzer. Erstmals in der Geschichte des Kapitalismus drängen Bezahlgüter auf den Markt, die ihrer beliebigen Reproduzierbarkeit wegen nicht einfach die Warenwelt erweitern, sondern dem Universum der Bezahlgüter eine zweite Abteilung hinzufügen. Neben die Ware, neben die alteingesessene „Elementarform des kapitalistischen Reichtums“ (Marx) tritt eine einst unbekannte und bis heute unerkannte zweite „soziale Hieroglyphe“ (Marx), das privatisierte Universalgut.</p>
<p>Marx hat in seinen Schriften einen engen Zusammenhang zwischen der Ware und dem Wertverhältnis hergestellt. Marx kannte zwar durchaus Waren ohne Wert, etwa Grund und Boden; umgekehrt insistierte er aber darauf, dass sich Wert stets notwendigerweise als Ware darstellen muss. Wert, der keine Warengestalt annimmt, war in seinen Augen eine logische Unmöglichkeit. „C<em>apitalbildung kann nicht stattfinden ausser auf der Grundlage der Waarenproduction und Waarencirculation“</em><sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup><em>, </em>heißt es bei ihm dementsprechend, oder apodiktisch an anderer Stelle: <em>„Das Capital &#8230; produciert nothwendig Waare, sein Product als Waare oder es produciert nichts.“</em><sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup></p>
<p>Das Auftreten digitaler Informationsgüter macht diese eindeutige Aussage keineswegs revisionsbedürftig. Der Unterschied zwischen der Ware, und dem privatisierten Universalgut fällt vielmehr mit dem Unterschied von Wert und Nicht-Wert zusammen.</p>
<p>Dass sich konventionellen Artefakten in Tauschgüter und damit in Waren verwandeln lassen, beruht auf deren singularem Charakter. Bei allen traditionellen Artefakten handelt es sich um klar umrissene Einzelexemplare. Sie existieren an einem ganz bestimmten Ort für eine bestimmte Zeit. Keines von ihnen war je an zwei Orten gleichzeitig vorhanden.Ihre Vervielfältigung impliziert dementsprechend Neuproduktion. Zur Massenmotorisierung genügt es nicht, einmal den Prototyp eines Autos zu erzeugen. Damit diese Produkte Verbreitung finden, müssen ein ums andere Mal reale Autos neu hergestellt werden. Gleichzeitig fällt der Gebrauch traditioneller Artefakte mit ihrem <em>Verbrauch </em>zusammen. Ein Brötchen, das verzehrt wird, ist wenige Bissen später bereits einverleibt und sperrt sich damit ein für allemal der Neuverspeisung – und das unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen, unter denen sich die Menschen ernähren. Aber auch jede Waschmaschine, jede Zahnbürste, jedes Gebäude, jede Drehbank erweist sich als vergänglich. Alle diese Güter unterliegen einem „<em>technischen</em> <em>Verschleiß“ </em>(Marx). Indem sie ihrem Zweck dienen und zum Einsatz kommen, büßen sie allmählich und unwiderruflich ihre Einsatzfähigkeit ein.</p>
<p>Demgegenüber handelt es sich beim menschlichen Wissen seit jeher um eine transsingulare Potenz. Sie sind all dieser strikten raum-zeitlichen Limitierungen ledig und das ist auch der Grund, warum nie das Wissen selber, sondern nur in singularen Artefakten sich niederschlagende <em>Anwendung </em>von Wissens Warencharakter angenommen hat. Wer über Kenntnisse verfügt, schließt damit niemanden automatisch davon aus, sich dieselben Kenntnisse anzueignen und sich ihrer gleichzeitig andernorts zu bedienen. Niemandem steht der Satz des Pythagoras nur deshalb nicht zur Verfügung, weil ein anderer gerade mit ihm operiert. Und auch die Koppelung von Gebrauch und Verbrauch ist der Welt des Wissens fremd. Wie oft die Formel a²+b²=c² in den letzten 2500 Jahren bereits zum Einsatz gekommen sein mag, sie präsentiert sich heute noch genauso jugendfrisch und brauchbar wie an dem Tag, an dem sie aufgestellt wurde. In seiner konkreten Ausführung war das erste plumpe Rad, das ein Mensch formte, ein singuläres Ding und als solches ist es längst zerfallen. Die dazugehörige Idee im Kopf des ersten Radproduzenten hat dagegen sowohl das Ende des Prototypen wie ihres Urhebers unbeschadet überlebt. Natürlich ist nicht alles Wissen für die Ewigkeit bestimmt. Auch Elemente des geistigen Reichtums können verschwinden, aber nicht aufgrund von Verschleiß durch Gebrauch, sondern in dem Maße wie sich der soziale Zusammenhang und der Erkenntniskontext, in dem sie Bedeutung hatten, verflüchtigen. Während materielle Güter früher oder später ihrem Gebrauch zum Opfer fallen, verschwindet Wissen durch Nicht-Gebrauch<em>.</em></p>
<p>Von der Entdeckung des Feuers bis zum Beginn der mikroelektronischen Revolution war die Demarkationslinie zwischen dem menschlichen Wissen und den menschlichen Artefakten mit der Grenze zwischen der Welt des Universellen und des Singulären identisch. Die digitalen Informationsgüter sprengen diese Ordnung. Diese neue Klasse von Artefakten weist die gleichen Eigenschaften auf, die bisher dem menschlichen Wissen selber vorbehalten blieben.</p>
<p>Wie dem Wissen selber so lassen sich auch über das Internet verbreiteten Programmen und Datensätzen kein besonderer eindeutiger Standort zuordnen. Wie sie sind auch alle anderen digitalen Informationsgüter im Prinzip ubiquitär, und genau das prägt ihre Nutzung entscheidend. Während sich singuläre Güter nur rivalisierend anwenden lassen, stehen digitale Informationsgüter prinzipiell beliebig oft beliebig vielen zur Verfügung. „Mit zwei Röcken kann man zwei Menschen kleiden, mit einem Rock nur einen Menschen usw.“<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup>, schrieb Marx im „Kapital“ und meinte, damit eine für alle kapitalistisch produzierten Güter geltende Banalität auszusprechen. Mit den digitalen Informationsgütern sind aber Produkte entstanden, die diese vermeintliche Selbstverständlichkeit außer Kraft setzen. Dieselbe Software kann genauso gut von einem Menschen wie von einer Milliarde Menschen verwendet werden. Bei konventionellen Gütern beginnt der eigentliche Herstellungsprozess erst mit dem Ende der Entwicklungsarbeit. Bei digitalen Informationsgütern sind dagegen Entwicklungsarbeit und Produktion identisch, und an die Stelle der klassischen Fertigung treten bloße Kopiervorgänge, die demselben Gut zu einer Vielzahl von Parallelexistenzen verhelfen.</p>
<p>Und auch was die Frage von Gebrauch und Verbrauch angeht, gleichen die Informationsgüter dem Universalgut Wissen statt den übrigen Artefakten. Software oder Datensätze verlieren zwar oft erstaunlich schnell de facto ihren Nutzen. Verantwortlich dafür ist aber nie, dass sie ihrem Gebrauch zum Opfer fallen würden. So wie sie sich heute konsumieren lassen, ließen sie sich im Prinzip bis zum Erlöschen der Sonne weiterkonsumieren. Von der mangelnden Haltbarkeit der materiellen Speichermedien einmal abgesehen, die weit hinter der von Papier geschweige denn Pergament zurückbleibt, aber mit dem eigentlichen Datenartefakt nicht zu verwechseln ist, machen ausschließlich die zahllosen, aus der permanenten Revolutionierung der technischen Standards resultierenden Kompatibilitätsprobleme die Informationsgüter nutzlos. Anders formuliert, sie werden durch zunehmende Ungebräuchlichkeit unbrauchbar. Der Autor dieser Zeilen benutzt zum Schreiben dieses Beitrags nur deshalb nicht mehr das simple und benutzerfreundliche Textverarbeitungsprogramm, mit dem für ihn vor 18 Jahren das Computerzeitalter begonnen hat, weil er damit die Weitergabe und Weiterverarbeitung dieses Textes verunmöglichen würde. Mit der gebrauchsbedingten Abnutzung von Gütern hat das nichts zu tun. Es handelt sich hier nicht um „technischen Verschleiß“, sondern um eine neue Form von „moralischem Verschleiß“ (Marx) – ein Unterschied von zentraler wertanalytischer Bedeutung.</p>
<p>Bemächtigt sich das Kapital der Produktion singulärer Güter, so verwandeln sich diese in Waren. Werden Universalartefakte des Profits wegen erzeugt, dann bringt diese bornierte Zwecksetzung den universellen Charakter dieser Güter und der in ihnen „vergegenständlichten“ Arbeit, nicht einfach zum Verschwinden. Statt Warengestalt nehmen sie eine andere, paradoxe gesellschaftliche Form an, die Form <em>privatisierter Universalartefakte.</em></p>
<p>Marx hat in seiner Kritik des Warenfetischs den Wert als eine spezifische soziale Beziehungsform dechiffriert. Entgegen den bürgerlichen Vorstellungen ist der Wert keine natürlich Eigenschaft von Dingen, sondern das spezifische soziale Verhältnis, das getrennte Privatproduzenten miteinander eingehen. Dieses Verhältnis inkorporiert sich allerdings paradoxerweise in Dingen und macht aus ihnen Waren. Diese Verwandlung weist umgekehrt den besonderen gesellschaftlichen Charakter dieser Art von gesellschaftlicher Reichtumserzeugung aus. <em>„Nur Produkte voneinander selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waaren gegenüber“</em>.<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup> Bezahlgüter, die als Universalgüter keine Waren darstellen, repräsentieren keinen Wert, sondern eine anders geartete soziale Beziehung als die getrennter Privatproduzenten. Der Produzent privatisierter Universalgüter, repräsentiert privatisierte allgemeine Arbeit.</p>
<p>Die grundlegende Differenz lässt sich mit Händen greifen, wenn wir die Marxsche Analyse im ersten Kapitel des „Kapitals“ auf unser Problem beziehen. Im ersten Kapitel betont Marx, <em>„das Geheimniß aller Werthform steckt in der einfachen Werthform“,</em> in der Gleichsetzung von <em>„x Waare A = y Waare“.</em><sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup> Bereits die „einfache oder einzelne Werthform“ drückt nämlich die Auflösung der Gesellschaft in getrennte Privatproduzenten und des gesellschaftlichen Zusammenhangs in eine unermessliche Vielzahl isolierter Tauschbeziehungen aus. Sie tut das, indem sie der gesellschaftlichen Dimension einer Ware eine eigenständige, von ihrer eigenen Naturalform unterschiedene und dabei isolierte Gestalt verleiht: <em>„Die Naturalform der Waare B wird zur Werthform der Waare A oder der Körper der Waare B zum Werthspiegel der Waare A.“</em><sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup> Tauscht sich ein Rock gegen 10 Ellen Leinwand, dann tritt die gesellschaftliche Dimension der in ihm inkorporierten Schneiderarbeit ihm in der Naturalform der Leinwand gegenüber. Seine Gesellschaftlichkeit realisiert sich vollständig in der Tauschbeziehung mit diesem bestimmten Stoffquantum und die Ware verwandelt sich in einen simplen Gebrauchsgegenstand. Dieses Gefüge gerät indes sofort außer Rand und Band und die Begegnung der Marktteilnehmer wird zu einer der dritten Art, wenn man gegenüber der Marxschen Darstellung einen kleinen Personalwechsel vornimmt und zum Stelldichein mit der Leinwand statt eines Rockes ein digitales Informationsgut schickt.</p>
<p>Zunächst einmal verändert sich das Verhältnis zwischen Informationsgüter-Produzenten und dem einzelnen Kunden entscheidend. Bei Tauschrelationen wie der zwischen Weber und Schneider erlischt das soziale Verhältnis der Beteiligten im Tauschakt. Sobald die Ware in die Hände ihres jeweils neuen Besitzers übergegangen ist und den Markt verlassen hat, hört sie auf, gesellschaftliche Chiffre zu sein, und existiert nur noch als simpler Gebrauchsgegenstand fort, dessen Nutzung dem Gutdünken des neuen Besitzers überlassen bleibt. Demgegenüber endet bei der Übertragung von Mitnutzungsrechten an Universalgütern die soziale Vermittlungsbeziehung keineswegs mit dem Bezahlakt. Nicht nur, dass bei bestimmten Informationsgütern der Nutzer mit kostenlosen Gebrauchswertnachlieferungen, so genannten Updates, rechnen kann. Vor allem werden beim Erwerb von digitalen Informationsgütern naheliegende Nutzungsmöglichkeiten inkriminiert, insbesondere natürlich deren Kopie und Weitergabe. Der Nutzer verfügt also nur eingeschränkt statt frei über den Gebrauchswert des Informationsgutes.</p>
<p>Solche Restriktionen kennt die Warenwelt überhaupt nicht. Natürlich stellt der Gesetzgeber auch bei singulären Gütern bestimmte Formen des Gebrauchs unter Strafe. Wer einen Baseballschläger statt als Sportgerät als Totschläger einsetzt, gerät mit dem Gesetz in Konflikt. Das hat aber nicht das Geringste mit dem Verkäufer und dessen Eigentumsrechten zu tun. Durch diesen Missbrauch verstößt der Täter vielmehr gegen die öffentliche Ordnung und vergeht sich am Recht einer dritten Person auf körperliche Unversehrtheit. Während sich beim Warentausch das soziale Vermittlungsverhältnis von Produzent und Nutzer auf den Tauschakt und auf die Tauschwertseite beschränkt, greift es bei digitalen Informationsgütern auf die Gebrauchswertseite und den Konsum über.<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup></p>
<p>Damit aber nicht genug. Der Ware tritt ihre Gesellschaftlichkeit bekanntlich in der Naturalform einer <em>einzelnen </em>fremden Ware gegenüber. Ein Gut, das man hergeben und gleichzeitig behalten kann und das deshalb immer wieder gegeben werden kann, findet sein Pendant dagegen in einer unendlichen Kette von Waren. Die Gesellschaftlichkeit dieses notorisch promiskuitiven Guts und der in ihm verkörperten Arbeit überlebt sowohl das erste glückliche Tête-à- tête wie jedes weitere. Damit ist bereits im Ansatz das dementiert, was gerade die Leistung der Wertform ausmacht, nämlich die Überführung von Gesellschaftlichkeit in isolierbare Einzelrelationen von Dingen. Wir befinden uns zwar noch immer in einer fetischistisch verfassten Welt, in der sich die Menschen nicht direkt aufeinander beziehen und an ihrer Stelle ihre Artefakte kommunizieren. Der digitale Casanova setzt aber auf der Bühne des Fetischtheaters ein anderes Schauspiel in Szene als der treue Heinrich namens Rock, an dessen Stelle er getreten ist. Aus einem Zwei-Dinge-Stück ist ein Viele-Dinge-Stück geworden.</p>
<p>Das marxistisch-ricardianische Denken hat knapp 150 Jahre Übung darin, das in der Wertformanalyse herausgearbeitete spezifische qualitative Verhältnis als eigentlich irrelevante Definitionsübung zu überspringen, um direkt zur Frage der Wertgröße überzugehen. Das Mysterium, dass sich die Ware A mit der Ware B gleichsetzen lässt und nur in dieser Gleichsetzung ihre Gesellschaftlichkeit ausdrücken kann, interessiert für gewöhnlich nicht, sondern nur das quantitative Verhältnis, in dem sich dieses Mirakel vollzieht. Statt die spezifische Qualität der in den Produkten inkorporierten Arbeit ins Auge zu fassen, richtet sich das Augenmerk nur darauf, dass im gesellschaftlichen Vermittlungsakt gleiche Arbeitsquanten einander gegenübertreten. Dementsprechend sucht ein naturalisierendes Wertverständnis bei folgender Hilfskonstruktion Zuflucht: Wenn das Ergebnis der Wissensarbeit nicht mit einem, sondern mit mehreren Produkten in Beziehung tritt, dann wird die Äquivalenz nicht in der Einzelrelation, sondern in der Summe aller Einzelrelationen hergestellt. Die 10 Brötchen, die der Bäcker für seine Software hingibt, repräsentieren nicht den gesamten Gegenwert der Informationsarbeit, sondern nur einen Bruchteil. Erst zusammen mit der Leinwand, dem Möbelstück und allem anderen, was der Informationsproduzent sich ansonsten noch an den Produkten von Privatarbeit für sein Gut einhandeln mag, bildet sie das Äquivalent zur Wissensarbeit, die sich im digitalen Informationsgut „vergegenständlicht“ hat.</p>
<p>Bei näherem Zusehen geht bei solchen Rettungsversuchen aber alles über Bord, was einer positiven marxistischen Arbeitswerttheorie lieb und teuer ist. In diesem Szenario heißen die Beteiligten zwar Privatproduzenten, sie agieren bei der Herstellung der Äquivalenzbeziehung aber nicht mehr als isolierte Privatproduzenten! Wie die Äquivalenzbeziehung zwischen dem Brötchenbesitzer und dem Wissensbesitzer auszufallen hat, ob den 10 Brötchen der ganze Wert der erstandenen Software entspricht oder ein Tausendstel oder ein Milliardstel, hängt plötzlich vom Zustandekommen von Beziehungen ab, die mit der Einzelbeziehung zwischen Brötchen und digitalem Informationsgut gar nichts zu tun haben. Der Wert steht hier nicht mehr für die konsequent ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit getrennter Privatproduzenten, sondern wird als sein eigenes Gegenteil behandelt, als eine seltsame Form einer Kollektivität a priori. Der Schein von Äquivalenz wird durch die Konstruktion einer Haftungsgemeinschaft hergestellt, die sämtliche einzelne, dem Informationsgut gegenübertretende Waren umfasst. Überdies mutiert die Zirkulationssphäre, in der sich der Wert jeder einzelnen Ware laut Marx nur realisiert, mit dem obigen Kunstgriff für das Informationsgut und seine Partnerwaren plötzlich zur für die Wertgröße bestimmenden Sphäre. Der Rock ging einst zu Markte, um seinem eigenen Tauschwert in der Naturalform eines bestimmten Quantums von Leinwand zu begegnen. Wie groß das Quantum Naturalform jeweils zu sein hat, das als Äquivalent gelten kann, scheint sich jetzt erst zu entscheiden, nachdem dieses digitale Informationsgut alle seine Beziehungen zu Waren bereits hinter sich gebracht hat.</p>
<p>Damit aber nicht genug. Wie schon angesprochen, zeichnen sich die digitalen Informationsgüter durch Gebrauchsresistenz aus. Wenn sie unbrauchbar werden, dann nicht durch den Verlust ihrer ursprünglichen Nützlichkeit, sondern weil sie durch technische Innovationen außer Kurs gesetzt werden. Was die Kopienvermehrung angeht, wiederholt sich diese Anomalie. Die Kette der Transaktionen, an denen dasselbe digitale Informationsgut beteiligt ist, reißt zwar empirisch betrachtet irgendwann, aber aufgrund von „moralischem Verschleiß“, keineswegs weil sie technisch unmöglich geworden wäre. Das Auftreten von Konkurrenzprodukten macht das digitale Informationsgut schließlich unverkäuflich, und es verschwindet vom Markt. Diese Wendung entspricht aber der Entwertung von Waren, die aufgrund widriger Konkurrenzbedingungen kein Äquivalent finden. Von dieser Nicht-Realisation von vermeintlichem Wert ist auf der Abstraktionsstufe, auf der sich unsere Überlegungen gerade bewegen, daher konsequent abzusehen. Die Menge der Güter, die das vermeintliche Gesamtäquivalent zum digitalen Informationsgut bilden, lässt sich logisch überhaupt nicht begrenzen. Der vermeintliche Tauschwert des digitalen Informationsguts würde sich in einer gar nicht abschließbaren Menge von Gebrauchswerten anderer Waren darstellen. Das mitberücksichtigt, bleibt der absolute Wert, der dem digitalen Informationsgut zuzuschreiben wäre, zwar im Dunkeln, dafür lässt sich aber der Anteil jeder in Beziehung zu diesem Gut tretenden einzelnen Ware am Gesamtäquivalent bis auf die x-te Stelle hinter dem Komma genau ermitteln. Bei der Verteilung einer endlichen Summe unter unendlich viele Anteilseigener entfällt auf jeden einzelnen der Teilbetrag Null! Wie immer der Preis eines digitalen Informationsguts auch schwanken mag, der Gegenwert, den wir dem Käufer zusammen mit dem Mitnutzungsrecht an einem digitalen Informationsgut fiktiv in die Hände gelegt haben, hat sich in Nichts aufgelöst. Nachdem wir uns spaßeshalber auf die bornierte, rein quantitative Betrachtungsweise der landläufigen Marxinterpretation eingelassen und sie unter Vermeidung von Widersprüchen durchgespielt haben, sind wir also beim gleichen Ergebnis angelangt, mit dem schon die qualitativen Überlegungen zur gesellschaftlichen Form endeten. So nützlich digitale Informationsgüter auch sein mögen, eins repräsentieren sie nicht, nämlich Wert.</p>
<p>Alle Reichtumsproduktion hat bekanntlich zwei allgemeine Voraussetzungen: die Natur einerseits und den Menschen und seine Fähigkeiten andererseits. Als das spezifische soziale Verhältnis getrennter Privatproduzenten kann sich der Wert nicht in den allgemeinen universellen Voraussetzungen der Reichtumsproduktion darstellen. Er vernutzt diese Ressourcen zwar stofflich, sie gehen aber nicht in die Wertbestimmung ein. Der Zugriff auf diese allgemeinen Voraussetzungen der Reichtumsproduktion fallen den vielen Einzelkapitalien in der Regel kostenlos zu, allerdings keineswegs alle. Ölkonzerne leisten Transferleistungen an jene Staaten, auf deren Territorium sie fördern, und die universellste Naturressource, Grund und Boden, hat in der kapitalistischen Gesellschaft seit jeher ihren Preis. Angesichts der grassierenden Naturzerstörung ist mittlerweile die Idee populär geworden, den Bereich der kostenpflichtigen Gattungsgüter durch die Einführung handelbarer Vernichtungsrechte auszudehnen, um dem Naturverbrauch auf diese Weise marktwirtschaftskonform gegenzusteuern. Ein Rechtssubjekt Menschheit, vertreten durch UN und Co, soll installiert werden und künftig als kollektiver Privateigentümer der Naturgrundlage handeln. Ob wie bei Grund und Boden privates Eigentum vorherrscht, staatliches Eigentum oder wie im Falle der geplanten Verschmutzungsrechte eine universelle juristische Person konstruiert wird, werttheoretisch läuft diese Form von Monetarisierung stets auf das Gleiche hinaus: Die Verfügungsmacht über eine allgemeine Ressource setzt deren Besitzer in den Stand, einen Teil des von den Privatproduzenten geschaffenen Mehrwerts abzuschöpfen. Sie beziehen eine Rente.</p>
<p>Diese Umverteilungsbewegungen hatten bisher vornehmlich den Besitz von Naturressourcen zum Ausgangspunkt. Das gesellschaftliche Wissen, die allgemeine menschliche Grundressource, blieb, von Urheber- und Patentrechten einmal abgesehen, von dieser Verpreisung weitgehend ausgespart. Mit dem Vormarsch der digitalen Informationsgüter ändert sich das entscheidend. Die Informationsarbeit ist zur Grundlage eines neuen Rententyps geworden, der Informationsrente. Bei den Informationskapitalisten handelt es sich streng kategorial betrachtet gar nicht um Kapitalisten, sondern um eine besondere Variante von Rentiers. Im Unterschied zum klassischen Grundrentner haben sie die Verfügungsgewalt über ein rein von Menschen gemachtes Produkt inne. Im Gegensatz zum klassischen Landlord sind sie fernerhin genötigt, ihre Rentenansprüche immer neu zu erarbeiten, um sie in einer sich ständig verändernden technologischen Landschaft durchzusetzen. Dieser ungewohnte Status von „working rentiers“ darf aber über die Quelle von deren Profiten nicht hinwegtäuschen. Der von Microsoft und Co angeeignete Wert entstammt keineswegs der in den digitalen Informationsgütern „vergegenständlichten“ Informationsarbeit – diese ist als allgemeine Arbeit im kapitalistischen Sinne unproduktiv. Solche Firmen ziehen ihren Profit vielmehr daraus, dass sie allgemeine gesellschaftliche Ressourcen in Form von Privatbesitz schaffen. Die Verrichtung immer neuer Informationsarbeit ist in diesem Zusammenhang unerlässlich, aber nicht aufgrund irgendeiner vermeintlichen Wertschöpfungsfunktion, sondern weil sie der Herstellung und Sicherung dieser privilegierten Stellung dient.</p>
<p>Für das Einzelkapital ist es natürlich irrelevant, ob es seinen Anteil an der gesellschaftlichen Wertmasse eigener Wertschöpfung verdankt oder an andernorts geschaffenem Wert partizipieren kann. Wie Marx am Beispiel des Handelskapitals bereits gezeigt hat, ist diese Differenz im Profit, der einzigen vom einzelkapitalistischen Standpunkt aus relevanten Kategorie, ausgelöscht. Für die gesamtkapitalistische Entwicklungsperspektive ist dieser Unterschied freilich ganz entscheidend. Wenn die Privatproduzenten von Universalgütern nicht zur Wertschöpfung beitragen, dann kann die Expansion dieses Reichtumssektors auch nicht zur Erweiterung der gesamtgesellschaftlichen Verwertungsbasis führen. Im Gegenteil, die an Microsoft und Co fließende Informationsrente stellt, gesamtgesellschaftlich betrachtet, einen Abzug von der Wertmasse dar. Wenn der Übergang zum Informationskapitalismus primär die Produktion privatisierter Universalgüter<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup> beinhaltet, dann handelt es sich bei der Vorstellung eines selbsttragenden informationskapitalistischen Akkumulationsschubs um eine Fata Morgana.</p>
<p>Der Begriff der „Informationsrente“ spukt bereits seit etwa 10 Jahren durch die einschlägige linke Diskussion. Meines Wissens geht er auf den philippinischen Sozialaktivisten und Globalisierungskritiker Roberto Verzola zurück. Verzola gebraucht diesen Ausdruck ohne großen theoretischen Anspruch und ohne ihn auf die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie zu beziehen. Im Konzept der Informationsrente steckt aber viel mehr, als dessen Urheber klar war und als die bisherige Debatte zu Tage gefördert hat. Eine konsequent rentenökonomische Reformulierung wird es erlauben, die tausendmal totgesagte Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie für die Analyse der inneren Widersprüche der Informationsökonomie fruchtbar zu machen.</p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1</a> Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie – eine Einführung, Stuttgart 2004, S. 38.</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2</a> Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) II 3.1, S. 286.</p>
<p><a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">3</a> Ebenda.</p>
<p><a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">4</a> MEGA II 6, S. 79.</p>
<p><a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">5</a> A.a.O., S. 75.</p>
<p><a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc">6</a> A.a.O., S. 81.</p>
<p><a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc">7</a> A.a.O. S. 85.</p>
<p><a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc">8</a> Die informationskapitalistische Propaganda hat für die populärste illegalisierte Nutzung die martialische Vokabel „Raubkopie“ eingeführt. Wie ideologisch dieser Terminus ist und dass er an der Sache vorbeigeht, liegt auf der Hand. „Raub“ bezeichnet bekanntlich die gewaltsame Wegnahme einer Sache und das ist das Gegenteil eines Vervielfältigungsvorganges. Das von interessierter Seite oft beklagte mangelnde Unrechtsbewusstsein hat ein solides Fundament. Der Informationskapitalismus nimmt dem Warensubjekt etwas, woran es seit jeher gewöhnt ist, seine Nutzungsfreiheit. Besonders für die Freie Softwarebewegung ist dieser Gesichtspunkt von entscheidender Bedeutung. Das Adjektiv „frei“, das diese im Namen führt, zielt primär auf Nutzungsfreiheit und nur sekundär auf Kostenfreiheit.</p>
<p><a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc">9</a> Nicht alle digitalen Informationsgüter haben diesen Charakter. Digitale Informationsgüter, die für eine Einzelanwendung durch einen bestimmten User produziert werden, sind selber als singuläre Güter zu klassifizieren. Sie können demnach durchaus Warencharakter annehmen.</p>
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		<title>Arbeit ohne Wert</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Dec 2007 10:13:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 31 (2007)]]></category>
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		<description><![CDATA[Peter Samol Über das Scheitern der „Dienstleistungsgesellschaft“ und wie es mit der Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit zusammenhängt Einleitung Die klassische Arbeit im produzierenden Gewerbe wird von einem rapiden Schwund heimgesucht. Damit verschwindet der Löwenanteil der produktiven und mithin wertschöpfenden Arbeit. Ganz offensichtlich kann das Kapital immer weniger Arbeitskraft in sich einsaugen. Aber um [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Peter Samol</em></p>
<h3>Über das Scheitern der „Dienstleistungsgesellschaft“ und wie es mit der Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit zusammenhängt</h3>
<h4>Einleitung</h4>
<p>Die klassische Arbeit im produzierenden Gewerbe wird von einem rapiden Schwund heimgesucht. Damit verschwindet der Löwenanteil der produktiven und mithin wertschöpfenden Arbeit. Ganz offensichtlich kann das Kapital immer weniger Arbeitskraft in sich einsaugen. Aber um zu wachsen, ist es auf eine systematische Ausdehnung der Unterordnung von Arbeitskräften unter die kapitalistischen Produktionsbedingungen angewiesen. Gelingt das nicht mehr, werden also immer mehr Menschen aus dem Produktionsprozess ausgespuckt und nicht mehr wieder in ihn zurückgeholt, dann beginnt das Siechtum des Kapitalismus. Die Einzelkapitale wiederum reagieren darauf mit einer Verschärfung des Problems. Um sich seinen Anteil an den verbleibenden Absatzmöglichkeiten zu sichern, reduziert jedes Unternehmen so weit wie eben möglich die Preise. Das erfolgt in der Regel über die Reduzierung der Wertmasse, d.h. der vernutzten Arbeitskraft. Die einzelnen Kapitale verschaffen sich auf diese Weise zwar kurzfristig größere Absatzmöglichkeiten, aber die Gesamtsumme der Realisierungschancen, sprich der Nachfrage für die produzierten Waren nimmt stetig ab, da immer weniger Menschen Geld erhalten, um als Käufer aufzutreten. So wird der Kuchen der Gesamtwertmasse immer kleiner.<span id="more-4607"></span><br />
In dieser Situation sollen Arbeiten, die <em>im so genannten Dienstleistungssektor</em> verrichtet werden, als Retter in der Not auftreten. Angeblich können solche Jobs neue Werte schaffen und so verhindern, dass der weltweite Prozess von Wertproduktion und Äquivalententausch zum Erliegen kommt. Aber handelt es sich bei den neu entstehenden Arbeitsmöglichkeiten wirklich um „wertproduktive Arbeit“? Oder werden lediglich Felder für „unproduktive Arbeit“ geschaffen, die nur vom Wert, der woanders geschaffen wurde, zehrt? Ist Zweiteres der Fall, dann hätte sich das Kapital, statt seine Probleme zu lösen, nur ein weiteres aufgehalst, denn unproduktive Arbeit schafft keineswegs neuen Wert, sondern beansprucht lediglich Teile des Werts, der in bereits produzierten Waren steckt, für sich – etwa in Form von Kreditzinsen, Bearbeitungs- bzw. Maklergebühren, Steuern und ähnlichen Transferzahlungen. Derartige „tote Kosten“ bringen die kapitalistische Geld- und Warenzirkulation noch schneller zum Erliegen und heizen sie keineswegs an.<br />
Vor diesem Hintergrund spielt die <em>Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit</em> für die Analyse der Entwicklungsperspektiven der kapitalistischen Gesellschaft eine Schlüsselrolle. Für den Nachweis, dass der Kapitalismus zwangsläufig auf sein definitives Ende zusteuert, ist sie sogar unentbehrlich. Der entsprechende Gedankengang funktioniert folgendermaßen: Wenn 1) die Masse der produktiven Arbeit durch das Wirken des Kapitals fortlaufend und unwiederbringlich immer geringer wird und wenn 2) produktive Arbeit die Substanz ist, aus welcher der Kapitalismus seine „Lebenskraft“ bezieht, dann folgt daraus logisch, 3) dass der Kapitalismus sich selbst notwendig erstickt und somit vernichtet. Er stößt an eine unüberwindliche innere Schranke. 4) Die Verheißungen auf neue Beschäftigungsmöglichkeiten in den „Dienstleistungsbranchen“, die in ihrer Gesamtheit einen neuen Wirtschaftsaufschwung tragen sollen, sind trügerisch, denn sie bewegen sich fast ausschließlich auf Tätigkeitsfeldern für unproduktive Arbeit. 5) Schlussfolgerung: Der viel beschworene Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft kann den Kapitalismus nicht retten.<br />
Dieser Text versucht zu einer möglichst präzisen Bestimmung der Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit zu gelangen sowie deren Zusammenhang mit der gescheiterten „Dienstleistungsoffensive“ aufzuzeigen.</p>
<h4>Smith und Marx über die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit</h4>
<h5>Adam Smith</h5>
<p>Heutzutage wird der Begriff „produktive Arbeit“ im allgemeinen Sprachgebrauch schlichtweg mit Effizienz gleichgesetzt. Noch vor wenigen Jahren dagegen verstand das Gros der unbedarften Alltagsmenschen unter „produktiver Arbeit“ Arbeit, die „greifbare“ Ergebnisse zeitigt, also zur Schaffung von materiellen Gegenständen führt.<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup> Nach der älteren Auffassung weist der Umstand, dass am Ende Menschen ein <em>Produkt </em>in der Hand halten, die bei dessen Herstellung aufgewandte Arbeit als <em>„produktive Arbeit“</em> aus. Arbeit im Dienstleistungssektor dagegen erfülle dieses Kriterium in der Regel nicht und falle deswegen nicht unter die Rubrik „produktive Arbeit“. Kein Produkt gleich keine Produktivität, also wurde „unproduktive“ Arbeit geleistet, so der simple Umkehrschluss.<br />
Diese Sichtweise ähnelt der Auffassung des wirtschaftstheoretischen Klassikers und Gründervaters der bürgerlichen Wirtschaftstheorie Adam Smith (1723-1790). Gleich zu Beginn seines Kapitels über „Bildung von Kapital oder produktive und unproduktive Arbeit“ schreibt er:<br />
„Es gibt eine Art Arbeit, die den Wert eines Gegenstandes [...] erhöht, und es gibt eine andere, die diese Wirkung nicht hat. Jene kann als produktiv betrachtet werden, da sie einen Wert hervorbringt, diese hingegen als unproduktiv. So vermehrt ein Fabrikarbeiter den Wert des Rohmaterials, das er bearbeitet, im allgemeinen um den Wert des eigenen Lebensunterhaltes und um den Gewinn seines Unternehmers. Die Arbeit eines Dienstboten dagegen erzeugt nirgendwo einen solchen Wert. Zwar hat der Fabrikbesitzer den Lohn des Arbeiters vorgestreckt, in Wirklichkeit entstehen ihm aber dadurch keinerlei Kosten, da der Wert des Lohns, zusammen mit dem Gewinn, in der Regel durch den erhöhten Wert des bearbeiteten Werkstücks ersetzt wird. Hingegen wird der Unterhalt eines Dienstboten niemals auf diese Weise reproduziert. [...] (Es) manifestiert sich die Arbeit des Fabrikarbeiters in einem einzelnen Werkstück oder einer käufliche Ware, so dass sie auch noch eine Zeitlang nach der Bearbeitung fortbesteht. Dadurch wird es möglich, eine bestimmte Menge Arbeit gleichsam anzusammeln und zu speichern [...]. Mit Hilfe eines solchen Gutes oder, was das gleiche ist, seines Wertes oder Preises, können späterhin, falls nötig, ebenso viele Arbeiter beschäftigt werden, wie es ursprünglich erzeugt haben. Umgekehrt wird die Arbeit eines Dienstboten nirgends sichtbar, weder in einem Werkstück noch in einem käuflichen Gut. Im allgemeinen geht seine Leistung im selben Augenblick unter, in dem er sie vollbringt, ohne eine Spur oder einen Wert zu hinterlassen, mit dem man später wieder eine entsprechende Leistung kaufen könnte.“<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup><br />
Im Unterschied zu den Physiokraten, die nur die in der Landwirtschaft geleistete Arbeit als wertproduktiv betrachteten, kann für Smith jede Art von Arbeit Wert schaffen, solange sie sich nur überhaupt in einem handfesten Produkt niederschlägt. Entscheidend ist bei ihm allerdings, dass der Arbeiter nicht den vollen Ertrag seiner Arbeit erhält.<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> Der Wertzuwachs, der dem Werkstück durch seine Bearbeitung zuteil wird, muss den gezahlten Lohn übersteigen. Die Differenz macht den Gewinn des Fabrikbesitzers aus – Marx hat diese Differenz später als „Mehrwert“ bezeichnet.<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup> Beschäftigt der Fabrikbesitzer dagegen für sein Geld einen Dienstboten (beispielsweise einen Butler oder Chauffeur), so wird dessen Arbeit schon während ihrer Ableistung endgültig verbraucht und der Fabrikbesitzer hält keinen entsprechenden Wert in den Händen. Er hat sein Geld einfach nur ausgegeben und sein Vermögen entsprechend vermindert. In diesem Sinne ist die Arbeit des Butlers oder Chauffeurs unproduktiv. Während im einen Fall ein Werkstück entstand, das die geleistete Arbeit in Form des Wertes über eine längere Zeitspanne aufbewahrt, erlischt die Leistung eines Dienstboten im Moment ihrer Verausgabung. Das gilt auch für die Arbeit vieler angesehener Berufsstände – Herrscher, Justizbeamte, Soldaten etc.<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup> Keiner von ihnen liefert dem Kapitalisten ein Produkt, das er später mit Gewinn weiter verkaufen könnte, während er bei dem Produkt eines Fabrikarbeiters – nach dem Verkauf des bearbeiteten Werkstückes – mehr Geld als zuvor in den Händen hält. Damit kann der Kapitalist dann beispielsweise weitere Fabrikarbeiter beschäftigen. Für Smith ist der Fall klar: Produktive Arbeit geht in das bearbeitete Werkstück ein und erhöht seinen Wert, oder in der Marx‘schen Lesart von Smith: Nur produktive Arbeit verleiht dem Produkt Mehrwert.<br />
Wie man sieht, setzt Smith produktive Arbeit mit Arbeit gleich, bei der ein materielles Produkt entsteht, während er unproduktive mit immaterieller gleichsetzt. Ein Beispielfall, in dem ein Dienstbote materielle Gegenstände hervorbringt, kommt bei Smith nicht vor. So ein Fall wäre etwa ein privat beschäftigter Gärtner, der Pflanzen für seinen Dienstherrn züchtet. Erst an solch einem Beispiel würde deutlich, ob Smith die Produktion materieller Güter lediglich als <em>Voraussetzung </em>für produktive Arbeit ansieht oder ob ihm dieses Kriterium bereits völlig genügt, um die geleistete Arbeit als produktive Arbeit anzusehen. Wäre letzteres der Fall, dann wäre der besagte Privatgärtner ein produktiver Arbeiter, selbst wenn sein Dienstherr die Pflanzen nur selbst verbrauchen würde. Im ersten Falle dagegen wäre der Gärtner nur dann ein produktiver Arbeiter, wenn sein Arbeitgeber die Pflanzen gewinnbringend weiterverkaufte. Als Beispiele für unproduktive Arbeiter führt Smith jedoch durchgehend solche an, die keine materiellen Produkte liefern:<br />
„Als unproduktiv können, zum Beispiel die Tätigkeit des Herrschers samt seiner Justizbeamten und Offiziere, ferner das Heer und die Flotte angesehen werden. [...] In die gleiche Gruppe muss man auch Geistliche, Rechtsanwälte, Ärzte und Schriftsteller aller Art, zum anderen Schauspieler, Clowns, Musiker, Opernsänger und Operntänzer.“<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup><br />
Smith nennt nur Beispiele, bei denen „[...] die Arbeit [...] in dem Moment unter(geht), in dem sie entsteht.“<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup> Außer durch direkte Beschäftigung und Bezahlung von produktiven Arbeitern kann gespartes Geld laut Smith dadurch produktiv und folglich zu Kapital gemacht werden, indem man es an andere verleiht, die selber wiederum produktive Arbeiter beschäftigen. Der an den Geldverleiher fallende Anteil des durch die produktive Arbeit geschaffenen Wertes wird für gewöhnlich als „Zins“ bezeichnet:<br />
„Was jemand von seinem Einkommen spart, fügt er seinem Kapital hinzu, wenn er entweder selbst damit neue Arbeitskräfte beschäftigt oder einem anderen einen solchen Einsatz ermöglicht, indem er es ihm gegen einen Zins, also einen Teil des Gewinns, leiht.“<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup><br />
Wie man sieht, hat Adam Smith den Begriff der produktiven Arbeit sehr eng gefasst. Für ihn schafft produktive Arbeit handfeste Waren, während unproduktive Arbeit Dienste leistet. Erstere führt zur Herstellung eines verkaufbaren Dings, Zweitere wird bereits während ihrer Verausgabung verzehrt. Damit fällt für Smith die Trennungslinie zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit mit der Unterscheidung von materieller und nichtmaterieller Produktion zusammen. Man darf nicht vergessen: Für Smith ist der produktive Charakter der Arbeit an den materiellen Charakter des Enderzeugnisses gekoppelt, weil nach seiner Auffassung bei der materiellen Produktion einem Werkstück durch die Arbeit <em>Wert</em> zugesetzt wird, von dem ein Teil über den Umweg der Wertaufbewahrung im Produkt und des anschließenden Verkaufs dieses Produktes zur Vermehrung eines Kapitals beiträgt.</p>
<h5>Karl Marx</h5>
<p>Heutzutage findet auch <em>nicht-materielle Produktion</em> mehr und mehr in einem einzelkapitalistisch organisierten Rahmen statt. Kapitalistische Verwertung ist offenbar nicht zwangsweise, wie Smith meinte, an die Existenz handfester und über längere Zeit haltbarer Produkte gebunden. Bei sehr vielen, wenn nicht den meisten Dienstleistungen fallen Erzeugung und Verbrauch zusammen, eine Wertaufbewahrung findet also nicht statt. Aber dass die Zeit der Wertaufbewahrung (in Form eines Produkts) gegen Null tendiert, steht nicht unbedingt im Widerspruch zum produktiven Charakter einer Dienstleistung. Denn indem die Erzeugung direkt mit dem Verbrauch – für den im Kapitalismus selbstverständlich zu bezahlen ist – verbunden ist, wird dem jeweiligen Kapital auch in diesem Fall durch Arbeit Wert hinzugefügt. Auch hier gilt der allgemeine Grundsatz:<br />
„Das Kapital [...] ist gegen das eigentliche Resultat seiner Produktion [...] absolut gleichgültig, wenn es nur als Wert einen Mehrwert einschließt“.<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup><br />
Ob das Produkt bereits während der Tätigkeit der Arbeitskraft erlischt oder nicht, ist dabei unerheblich. Schon Marx hat die Auffassung von Smith kritisiert, wonach es unabdingbar sei, dass sich der Wert in einer handfesten Ware manifestiert:<br />
„Produktive Arbeit tauscht sich direkt mit Geld als Kapital aus. [...]<br />
Der kapitalistische Produktionsprozess ist nicht bloß die Produktion von Waren. Er ist ein Prozess, der unbezahlte Arbeit absorbiert, die Produktionsmittel zu Mitteln der Einsaugung unbezahlter Arbeit macht.<br />
Aus dem bisherigen geht hervor, dass produktive Arbeit zu sein eine Bestimmung der Arbeit ist, die an und für sich absolut nichts zu tun hat mit dem bestimmten Inhalt der Arbeit, ihrer besonderen Nützlichkeit oder dem eigentümlichen Gebrauchswert, worin sie sich darstellt.<br />
Arbeit desselben Inhalts kann produktiv und unproduktiv sein.“<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup><br />
Für Marx besteht der wesentliche Unterschied darin, für welchen Zweck der Arbeiter bezahlt wird. Produktive Arbeiter werden dafür bezahlt Waren herzustellen, die an jemand Dritten verkauft werden. Die Einkünfte aus diesem Prozess – der aus den Schritten Kapitaleinsatz, Wertzusatz durch Arbeit, Verkauf (ausgedrückt in der bekannten Kurzformel G-W-G‘) besteht – dienen dem Anwender der Arbeitskraft zur Vermehrung des eingesetzten Kapitals. Diese Vermehrung beruht letztlich auf „<em>der Einsaugung unbezahlter Arbeit</em>“.<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup> Unproduktive Arbeiter erhalten dagegen ihr Salär ohne die Dazwischenkunft eines Kapitals direkt vom Endkonsumenten. Leistungen der unproduktiven Arbeiter werden also nicht wieder durch Weiterverkauf zu Geld gemacht<sup><a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></sup>, sondern direkt verbraucht. Demnach wäre also <em>jede </em>Art von Arbeit potentiell produktiv. Die Dazwischenschaltung eines Kapitals, das sich einen Teil der geleisteten Arbeit – den Mehrwert – aneignet und sich dadurch vergrößert, macht nach dieser Lesart Arbeit zu produktiver Arbeit.<br />
Marx beschränkte seine Analyse der produktiven bzw. unproduktiven Arbeit allein auf die Frage, welche Arbeit <em>im kapitalistischen Wirtschaftssystem</em> produktiv ist. Denn jedes System von Produktionsverhältnissen, sprich jede Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, hat nach seinem Verständnis jeweils einen eigenen Begriff von produktiver Arbeit.<sup><a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a></sup> In diesem Sinne fällt allein die nach kapitalistischen Grundsätzen organisierte Arbeit unter die Kategorie der produktiven Arbeit. Und umgekehrt sind alle Tätigkeiten, die sich nicht in einem kapitalistisch reglementierten Unternehmen vollziehen, nicht als produktive Arbeit zu betrachten. Allerdings konnte sich Marx zu seiner Zeit noch nicht vorstellen, dass sich Dienstleistungen in einem so enormen Umfang wie heutzutage üblich in produktive Arbeit verwandeln würden. Das ist keiner ideologischen Borniertheit geschuldet, sondern völlig verständlich, wenn man sich den historischen Entwicklungsstand bzw. die Erscheinungsform des Kapitalismus anschaut, mit der Marx zu tun hatte. Seinerzeit war die kapitalistische Produktion stofflich nur als hochgradig zentralisierte Fabrikproduktion vorhanden und andere Formen waren schlichtweg noch nicht vorstellbar. So war damals beispielsweise selbst der Durchkapitalisierung der Herstellung von leicht verderblichen Waren wie z.B. Bier oder Milch und deren Unterwerfung unter das kapitalistische Verwertungsregime noch sehr enge Grenzen gesetzt:<br />
„Je vergänglicher eine Ware, je unmittelbarer nach ihrer Produktion sie daher verzehrt, also auch verkauft werden muss, desto geringrer Entfernung von ihrem Produktionsort ist sie fähig, desto enger also ihre räumliche Zirkulationssphäre, desto lokalerer Natur ihr Absatzmarkt. Je vergänglicher daher eine Ware, je größer durch ihre physische Beschaffenheit die absolute Schranke ihrer Umlaufzeit als Ware, desto weniger eignet sie sich zum Gegenstand der kapitalistischen Produktion. Letzterer kann sie nur anheimfallen an volkreichen Plätzen, oder in dem Maß, wie die lokalen Abstände durch die Entwicklung der Transportmittel zusammenrücken. Die Konzentration der Produktion eines Artikels in wenigen Händen und an einem volkreichen Platz kann aber relativ großen Markt auch für solche Artikel schaffen, wie z.B. bei großen Bierbrauerein, Milchereien usw.“<sup><a name="sdfootnote14anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a></sup><br />
Das galt natürlich erst recht für Arbeiten, die gar nicht erst in einer materiellen Ware ihren Niederschlag finden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es schlechthin noch nicht denkbar, dass die Kapitalisierbarkeit von Dienstleistungen solche großen Ausmaße wie heute annehmen würde. Diese Kapitalisierbarkeit ergibt sich daraus, dass Produktionsort und Konsumtionsort sowie Produktionszeit und Konsumtionszeit identisch sein können. Marx selbst hat dies bereits am Beispiel eines Clowns illustriert, der in einem kapitalistischen Zirkus-Unternehmen arbeitet:<br />
„Ein Schauspieler z.B., selbst ein Clown, ist hiernach ein produktiver Arbeiter, wenn er im Dienst eines Kapitalisten arbeitet [...], dem er mehr Arbeit zurück gibt, als er in der Form des Salairs von ihm erhält, während ein Flickschneider, der zu dem Kapitalisten ins Haus kommt und ihm seine Hosen flickt, ihm einen bloßen Gebrauchswert schafft, ein unproduktiver Arbeiter ist.“<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup><br />
Der Clown ist dann ein produktiver Arbeiter, wenn er dem Unternehmen mehr Arbeit gibt, als er in Form des Arbeitslohnes von ihm erhält. Seine „Scherze“ sind die rasch vergänglichen Produkte, die er zum Wohle der Kapitalvermehrung erzeugt. Sie werden im Augenblick der „Produktion“ durch das belustigte Publikum „verzehrt“, das für diesen Genuss zuvor an der Zirkuskasse bezahlt hat. Ein Schneider, der einem Kapitalisten (oder sonst jemandem) die Hosen flickt, ist dagegen unproduktiv, sofern kein Kapital zwischengeschaltet ist, das durch diese Arbeit anwächst. Die Zahlung des Hosenbesitzers verwandelt sich vielmehr direkt und zu 100 Prozent in Einkommen des Schneiders<sup><a name="sdfootnote16anc" href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a></sup>, das dieser für seinen privaten Bedarf ausgeben wird.<br />
Alles in allem gilt: Dieselbe Sorte Arbeit kann einmal produktiv, einmal unproduktiv sein, je nachdem, ob sich zwischen den Arbeiter und den Konsumenten ein kapitalistischer Produktionsprozess schiebt oder nicht. Mit anderen Worten: Produktive Arbeit ist Arbeit, die Kapital vermehrt. Da Kapital nur eingesetzt wird, wenn mit dessen Vermehrung zu rechnen ist, bedeutet das wiederum, dass nur Mehrwert schaffende Arbeit produktiv ist. Mit welcher <em>Sorte </em>von Arbeit das geschieht und der stoffliche Inhalt der Produktion sind dabei völlig gleichgültig.<br />
Allerdings gibt es mindestens zwei Gründe, warum das Kriterium, wonach <em>lediglich ein Kapital zwischengeschaltet werden muss, damit Arbeit sich in produktive Arbeit verwandelt</em>, allein noch nicht ausreichend ist:<br />
<em>Erstens </em>ist dieses Kriterium inhaltlich fast deckungsgleich mit dem, was heutzutage die Vertreter des neoliberalen Mainstreams anstreben. Deren Zielsetzung läuft bekanntlich auf nichts anderes hinaus, als das gesamte Leben von der Wiege bis zur Bahre zu monetarisieren, sprich: so weit wie irgend möglich jede menschliche Tätigkeit in Arbeit und die Erfüllung jedes menschlichen Bedürfnisses in zu bezahlenden Konsum zu verwandeln. „Vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion ist jede nicht ‚produktiv‘ verwandte Arbeitskraft ein Reichtumsverlust“.<sup><a name="sdfootnote17anc" href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a></sup> Das neoliberale Projekt geht dahin, solche „Reichtumsverluste“ auszumerzen. In Übereinstimmung mit diesem Projekt müsste man also lediglich jede menschliche Tätigkeit in kapitalgebundene Arbeit verwandeln, dann würde die Gesellschaft über riesige Mengen an produktiver Arbeit verfügen und schon wäre die momentane tiefe Wirtschaftskrise überwunden. Die umfangreiche Privatisierung bisher staatlicher Aufgaben ist in diesem Sinne nichts anderes als der Versuch, gesellschaftliche Bereiche in die Warenproduktion unmittelbar einzubinden, die es zuvor nicht waren. Aber bisher haben alle Schritte in diese Richtung, sämtliche Deregulierungs- und Entstaatlichungsmaßnahmen etc. die gegenwärtige Krise nur verschärft – ein deutlicher Hinweis darauf, dass irgendetwas an diesem Ansatz nicht stimmen kann.<br />
<em>Zweitens </em>könnte man mit dem bisher entwickelten Kriterium im Kopf einfach jede Menge zusätzlicher, aber überflüssiger Arbeiten schaffen. Man könnte z.B. Zollhäuschen an jedem Weg und Steg aufstellen oder für nahezu jede Transaktion enorme bürokratische Hürden aufbauen. Damit könnte man ganze Horden von Zöllnern und Bürokräften beschäftigen, die dann nur noch von Privatunternehmern beschäftigt werden müssten, damit es sich bei ihrer Betätigung auch um produktive Arbeit handelt.<sup><a name="sdfootnote18anc" href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a></sup> Eine noch schlimmere Variante: In vielen Ländern, z.B. in Argentinien, Tschetschenien oder im Irak floriert derzeit Kidnapping in Zusammenhang mit Lösegelderpressung. Wenn hinter solchen Aktivitäten jeweils privates Kapital steckt (was in der Tat häufig der Fall ist), dann müsste es sich per Definition bei jeder gelungenen Lösegelderpressung um einen Akt produktiver Arbeit handeln.<br />
Mit diesen Einwänden sind die bisherigen Überlegungen keineswegs widerlegt. Aber es müssen noch weitere Kriterien hinzutreten, um die genannten Fälle auszuschließen sowie das Scheitern des neoliberalen Projekts zu erklären. Im entwickelten Kapitalismus bzw. den daraus resultierenden „Dienstleistungsbranchen“ existieren sehr viele verschiedene Felder für unproduktive Arbeit. Für sie gibt kein Generalkriterium, das sich mit wenigen Worten wiedergeben ließe. Vielmehr ist es erforderlich, jedes Feld mit seinen jeweils eigentümlichen Formen von unproduktiver bzw. produktiver Arbeit gesondert abzuhandeln. Das soll im folgenden Abschnitt geschehen.</p>
<h4>Die verschiedenen Tätigkeitsfelder der „Dienstleistungsgesellschaft“</h4>
<p>Letztlich ist „Dienstleistung“ ein Kunstbegriff der bürgerlichen ökonomischen Theoriebildung. In ihm sind sehr verschiedene disparate Betätigungsfelder zusammengefasst. Einige dieser Felder beinhalten ausschließlich unproduktive Arbeit, andere dagegen Mischformen. Und in wieder anderen Feldern wird zwar produktiv gearbeitet, aber die produktiven Arbeiten müssen entweder durch große Mengen unproduktiver Arbeit flankiert werden, um für das Kapital dauerhaft verwertbare Waren zu produzieren, oder aber die Verwandlung von vormals unproduktiver Arbeit in produktive Arbeit beinhaltet einem hohen Preis für die Gesellschaft und letztlich sogar für das Kapital – auch sie ist daher im Endeffekt unrentabel im kapitalistischen Sinne.</p>
<h5>a) Die Zirkulationssphäre als Feld unproduktiver Arbeit</h5>
<p>Unter einem leicht veränderten Blickwinkel kann man den bisherigen Stand der Überlegungen folgendermaßen zusammenfassen: Im Kapitalismus hält produktive Arbeit das Kapital am Leben. Produktive Arbeit ist ihm gewissermaßen Nahrung und Herzblut zugleich, ohne sie würde es jämmerlich zugrunde gehen. Dabei ist die Aneignung der Mehrarbeit und die daraus folgende ständige Kapitalvergrößerung Selbstzweck. Das primäre Ziel des kapitalistischen Produktionsprozesses ist daher auch nicht die Herstellung nützlicher Dinge oder die Bereitstellung brauchbarer Dienstleistungen. Sein einziges Ziel ist vielmehr die Verwandlung von Wert in mehr Wert. Steht das nicht zu erwarten, dann wird der jeweilige Produktionsprozess gar nicht erst in Gang gesetzt.<br />
Es gibt allerdings auch Arbeiten, die sich zwar in kapitalistischen Unternehmen abspielen und diesen sogar Profit einbringen, aber trotzdem nicht produktiv sind. Bei den erzielten Profiten handelt es sich vielmehr um Werte, die in den betreffenden Unternehmen nicht selbst geschöpft, sondern von anderen Unternehmen (wo sie durch produktive Arbeit geschöpft wurden) übertragen wurden. Solche Transaktionen vergrößern natürlich den Gesamtwert aller beteiligten Kapitale um keinen Deut. Die richtige Begriffsbestimmung der produktiven Arbeit verlangt also eine Abgrenzung gegen Arbeit, die dem Gesamtkapital (der Summe aller Kapitale) – selbst wenn sie für ein Einzelkapital Gewinne einbringt – keinen Wert zusetzt.<br />
In Anlehnung an Marx führt der russische Theoretiker Isaak Iljitsch Rubin folgendes Kriterium zur Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit ein:<br />
„(Laut Marx) durchläuft das Kapital im Reproduktionsprozess drei Phasen: Geldkapital, Produktivkapital und Warenkapital. Die erste und die dritte Phase repräsentieren den ‚Zirkulationsprozess des Kapitals’, die zweite den ‚Produktionsprozess des Kapitals’. [...] Das Kapital im Zirkulationsprozess organisiert [...] die ‚eigentliche Zirkulation’, den Kauf und Verkauf und so z.B. die Übertragung von Eigentumsrechten, unabhängig vom tatsächlichen Gütertransfer. [...] Obwohl es an den Prozess der Herstellung von Gebrauchsgütern gebunden ist, tritt es jeweils vor oder nach diesem Prozess in Aktion. Die ‚Produktion des Kapitals’ und die ‚Zirkulation des Kapitals’ sind im Marxschen System voneinander unabhängige Prozesse und werden als solche behandelt, obwohl Marx nie die Einheit des Reproduktionsprozesses aus den Augen verliert.“<sup><a name="sdfootnote19anc" href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a></sup><br />
Bei den drei Phasen, die das Kapital im Prozess seiner Reproduktion durchläuft, repräsentieren die erste Phase (Geldkapital) und die dritte Phase (Warenkapital) den „Zirkulationsprozess des Kapitals“, die zweite Phase (Produktivkapital) den „Produktionsprozess des Kapitals“. Nur der Produktionsprozess setzt den Waren Wert zu, nur hier findet also produktive Arbeitsverausgabung statt. Aber durch sein Eintreten in den Produktionsprozess hat das Kapital seine Gestalt als Geld verloren und kann sie nur im Zirkulationsprozess wiedergewinnen. Erst wenn die in der zweiten Phase hergestellten Waren wieder gegen Geld eingetauscht wurden, nimmt das Kapital eine Form an, mit der es wieder in die Produktion eingehen kann:<br />
„Das Produkt muss ausgetauscht werden, um Geld zu erhalten. Wenn dieser Prozess scheitert, so hat sich das Geld des Kapitalisten am Ende in ein wertloses Produkt verwandelt.“<sup><a name="sdfootnote20anc" href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a></sup><br />
„Das Kapital erscheint als eine prozessierende Einheit von Produktion und Zirkulation. Eine in sich selbst zurückgehende, sich selbst reproduzierende Bewegung.“<sup><a name="sdfootnote21anc" href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a></sup><br />
Marx zufolge sind die Phasen der Produktion und der Zirkulation für die Reproduktion des Kapitals gleichermaßen unerlässlich. Im Gesamtprozess der kapitalistischen Produktion entsteht der Wert zwar nur in der Produktionssphäre, aber zu seiner Realisierung und zur Wiedererneuerung des ganzen Prozesses muss er die Zirkulation durchlaufen. Dies hebt jedoch die jeweilige Besonderheit dieser beiden Phasen keineswegs auf.<sup><a name="sdfootnote22anc" href="#sdfootnote22sym"><sup>22</sup></a></sup><br />
Im Zirkulationsprozess ereignet sich der Warentausch, der bekanntlich lediglich ein Austausch von Äquivalenten ist und damit die Möglichkeit der Wertvergrößerung ausschließt:<br />
„Wenn zwei sich begegnen und ihre Waren austauschen wollen, dann fügt die Zeit, die sie zum Handeln, Anpreisen ihrer Waren etc. oder auch zum schlecht machen der Ware des anderen benötigen, ihren Produkten nicht die geringste Menge an Wert zu. Jeder der beiden verliert genauso viel Zeit im Austausch wie der andere. Keiner kann sie dem anderen als Arbeitszeit und damit als Wertsteigerung anrechnen. Würde der eine dem anderen die in Anspruch genommene Zeit anrechnen, so würde ihn der andere für irrenhausreif erklären.“<sup><a name="sdfootnote23anc" href="#sdfootnote23sym"><sup>23</sup></a></sup><br />
Das kann man sich auch an dem folgenden Beispiel klar machen. Würde die Zirkulation Wert schöpfen, dann müsste eine Ware umso mehr Wert erlangen, durch umso mehr Hände sie gegangen ist. Faktisch ist aber eine Ware, die sagen wir fünf Mal ihren Besitzer gewechselt hat, nicht mehr wert als die gleiche Ware, die nur zwei Mal ihren Besitzer gewechselt hat. Austausch fügt der Ware keinen Wert hinzu und ist damit unproduktiv. Anders verhält es sich dagegen, wenn eine Ware Schritt für Schritt bearbeitet wird. Ein fünffach destillierter Wodka beispielsweise ist erheblich mehr wert als ein nur zweifach destillierter. Wie man sieht, sind Zirkulationskosten nicht in produktive Arbeit auflösbar.<br />
Auf jeden Fall muss das Kapital nach der Vollendung der Produktionsphase in der Zirkulationsphase hausen, was auch Zeit kostet.<sup><a name="sdfootnote24anc" href="#sdfootnote24sym"><sup>24</sup></a></sup> Diese Zeit stellt einen Abzug vom Maximum der Verwertung dar. Je kürzer sie ist, umso länger kann das Kapital in der produktiven Phase verwendet werden. Es gibt bestimmte Dienstleister (Makler, Zwischenhändler, Terminbroker etc.), deren Geschäft allein darin besteht, die Zirkulationszeit zu verkürzen. Sie setzen der Ware keinen neuen Wert hinzu, ermöglichen aber indirekt die Schaffung von größeren Wertmengen, indem sie helfen, das Kapital schneller wieder in die Produktion zu bringen. Der Ersatz ihrer Kosten und ihr Lebensunterhalt wird jedoch aus dem Mehrprodukt aus der Produktionsphase bestritten, stellt also eine Übertragung von anderswo geschaffenem Wert dar.<sup><a name="sdfootnote25anc" href="#sdfootnote25sym"><sup>25</sup></a></sup><br />
Ähnliches gilt auch für die im Bank-, Finanz- oder Versicherungswesen anfallenden Arbeiten. Ein Kreditsachbearbeiter etwa leistet durchaus Arbeit, wenn er Kredite vermittelt (und dabei telefoniert, Belege prüft, Bewilligungen ausarbeitet und unterschreibt etc.). Aber er schöpft keinen Wert. Er organisiert lediglich die Weitergabe von Kapital, das dann in einem Betrieb produktiv eingesetzt wird und dort den materiellen Reichtum erhöht. Andernfalls würde dieses Geld unproduktiv herumliegen.<sup><a name="sdfootnote26anc" href="#sdfootnote26sym"><sup>26</sup></a></sup><br />
„Durch Geld wird der andere befähigt, sich Mehrwert anzueignen. Es ist also in Ordnung, dass der Kreditgeber einen Teil des Mehrwerts erhält.“<sup><a name="sdfootnote27anc" href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a></sup><br />
Die Kreditzinsen, die der Bankbetrieb des Sachbearbeiters einnimmt und von denen unter anderem dessen Gehalt bezahlt wird, bestehen aus weitergegebenem Wert, der im Schuldnerbetrieb geschöpft wurde. Zins ist ein Teil des Profits und die Arbeit des Kreditsachbearbeiters ist unproduktive Arbeit.<br />
Die Illusion, dass es sich bei den Verrichtungen von Bankangestellten, Verkäufern, Vertretern etc. um produktive Arbeit handelt, wird übrigens durch den Umstand begünstigt, dass sie nicht die vollen Einnahmen erhalten, die sie einbringen, sondern nur die Reproduktionskosten ihrer Arbeitskraft. Dieses Prinzip gilt für alle Personen, die in einem Kapitalverhältnis stehen, mithin auch für unproduktive Arbeiter. Auch hier eignet sich das Kapital Mehrarbeit an – wenn auch nur unproduktive, die letztlich von anderswo verrichteter produktiver Arbeit alimentiert wird.<sup><a name="sdfootnote28anc" href="#sdfootnote28sym"><sup>28</sup></a></sup><br />
Halten wir also fest: Allein in der Produktionsphase geleistete Arbeit ist produktiv und setzt den Waren Wert hinzu. Um einem Irrtum zu begegnen, dem man leicht aufsitzen könnte: Unter „Zirkulation“ versteht Marx nur die Bewegung von Geld und die damit verbundene Änderung von Eigentumstiteln. Er bezeichnet das als „formelle Metamorphose der Ware“. Diese ist nicht zu verwechseln mit der räumlichen Verteilung der Waren.<sup><a name="sdfootnote29anc" href="#sdfootnote29sym"><sup>29</sup></a></sup> Die Herstellung von Konsumgütern und damit die <em>produktive </em>Arbeit schließt sämtliche Arbeiten ein, die zur Bereitstellung der Güter für den Konsum erforderlich sind, auch Aufbewahrung, Transport, Verpackung usw.<sup><a name="sdfootnote30anc" href="#sdfootnote30sym"><sup>30</sup></a></sup> Um eine Ware dem Konsum zuzuführen, ist in der Regel eine Ortsveränderung derselben nötig. Das geschieht in dem zusätzlichen Produktionsprozess der Transportindustrie. Da es sich um einen Produktionsprozess handelt, wird der Ware Wert zugesetzt. Transport, einpacken, auspacken etc. sind Produktionsprozesse, die gewissermaßen in der Zirkulationsform „versteckt“ sind. Arbeit nimmt immer dann produktiven Charakter an, wenn das Produkt selbst in irgendeiner Form betroffen ist, nicht aber sein Eigentumstitel. Das Kapital im Zirkulationsprozess organisiert dagegen die Übertragung von Eigentumsrechten, unabhängig vom tatsächlichen Gütertransfer.<sup><a name="sdfootnote31anc" href="#sdfootnote31sym"><sup>31</sup></a></sup> Die Phase der Zirkulation des Kapitals beinhaltet also keine Ortsveränderung der Produkte. Die Waren werden dabei keinen Millimeter bewegt und es wird auch nichts an ihnen verändert.<br />
Bleibt am Ende festzustellen: Die eigentlichen Zirkulationskosten können nicht dem Wert der Arbeit zugeschlagen werden.<sup><a name="sdfootnote32anc" href="#sdfootnote32sym"><sup>32</sup></a></sup> Durch sie reduziert sich also die Profitrate. Der Ersatz dieser Kosten muss aus dem Mehrprodukt geschehen, das in der produktiven Phase erzeugt wurde und bildet einen Abzug von Mehrwert bzw. Mehrprodukt.<sup><a name="sdfootnote33anc" href="#sdfootnote33sym"><sup>33</sup></a></sup> Unproduktive Arbeiter können folglich immer nur in dem Maße herangezogen werden, wie produktive Arbeit ausgebeutet werden kann. Unternehmen, in denen ausschließlich unproduktive Arbeit vernutzt wird (z.B. Makler, Versicherungen oder Banken), erhalten einen Teil des woanders erzeugten Mehrwerts, ohne direkt an dessen Produktion beteiligt zu sein. Daraus ergibt sich, dass der Wert aus der Sicht des Gesamtkapitals quantitativ unverändert bleibt, ob er nun durch die Hände von Versicherungssachbearbeitern, Bankangestellten, Vermögensberatern etc. geht oder auch nicht. „Die im Zirkulationssektor angelegten individuellen Kapitale nehmen nicht an der Produktion des Mehrwerts teil, sondern werden vielmehr daraus alimentiert. Durch komplizierte Transaktionen und Verteilungsprozesse wird ein Mehrwertanteil auf sie übertragen“.<sup><a name="sdfootnote34anc" href="#sdfootnote34sym"><sup>34</sup></a></sup></p>
<h5>Ein wichtiger Exkurs: Kapital und Arbeiter in Personalunion</h5>
<p>Wie aus dem bisher Gesagten hervorgeht, heißt „produktiver Arbeiter“ sein als Lohnarbeiter unter der Ägide eines Kapitals arbeiten, und zwar außerhalb der Zirkulationssphäre. Nun gibt es aber gesellschaftliche Schichten von Produzenten, die einfach von ihrer eigenen Arbeit leben, ohne ihre eigene Arbeitskraft an ein Kapital zu verkaufen. Nach gängiger marxistischer Lesart sind die Betreffenden im Sinne des Kapitals entweder als unproduktiv aufzufassen, da sie nur sich selbst am Leben halten<sup><a name="sdfootnote35anc" href="#sdfootnote35sym"><sup>35</sup></a></sup>, oder – sofern sie nicht durch Arbeit in der Zirkulationssphäre von weitergereichtem Wert leben (in diesem Fall sind sie unproduktiv) – weder produktiv noch unproduktiv, sondern schlicht neutral aus der Sicht des Kapitals.<sup><a name="sdfootnote36anc" href="#sdfootnote36sym"><sup>36</sup></a></sup><br />
Aber verrichtet jemand, der Dinge oder z.B. Scherze (wie der Clown) produziert und dafür Geld nimmt, wirklich keine produktive Arbeit, nur weil es keine anderen Personen gibt, die ihm einen Teil des erarbeiteten Wertes (eben den Mehrwert) vorenthalten? Schon Marx nannte den folgenden Fall:<br />
„Z.B. der selfemploying laborer ist sein eigener Lohnarbeiter, seine eigenen Produktionsmittel treten ihm als Capital in der Vorstellung gegenüber. Als sein eigener Kapitalist wendet er sich selbst als Lohnarbeiter an.“<sup><a name="sdfootnote37anc" href="#sdfootnote37sym"><sup>37</sup></a></sup><br />
Man kann also buchstäblich „sein eigener Chef sein“. Folgerichtig schöpft z.B. die handwerklich tätige „Ich-AG“ Hans-Peter Meier Mehrwert, wenn ihr Betreiber – Herr Hans-Peter Meier – einen Teil der Lohnes des Arbeiters Hans-Peter Meier zurückhält, der z.B. dazu verwendet wird, die Arbeitsmittel zu vermehren oder gegen bessere auszutauschen.<br />
Ein-Personen-Klitschen sind als embryonales Stadium eines Einzelkapitals aufzufassen. Sie befinden sich in einem ungewissen Zwischenstadium. Werden alle Einkünfte von Hans-Peter Meier als Person aufgebraucht, dann handelt es sich nicht um produktive Arbeit, sondern (mit Rubin) weder um produktive noch um unproduktive Arbeit. Wird jedoch Selbstausbeutung betrieben, um einen Teil der Einkünfte im laufenden Betrieb zu belassen, dann stellt der Ein-Personen-Betrieb bereits ein kleines Kapital mit nur einem Arbeiter dar. Allerdings sind immer wieder Rückfälle in das frühere Stadium möglich, z.B. wenn der Betreiber kurzfristig entscheidet, die Betriebskasse für persönliche Bedürfnisse zu plündern. Das definitive Stadium eines Kapitals ist mit der Einstellung lohnabhängigen Personals erreicht. Es wird wahrscheinlich auch in Zukunft nur ein kleines Nischenkapital bleiben. Aber immerhin: Wenn jetzt immer noch ein Teil der Einnahmen in die Akkumulation fließt, dann ist endgültig ein Einzelkapital entstanden. Für den Eigentümer gilt weiterhin: Soweit er – wenn auch als Eigentümer der Produktionsmittel – weiterhin selbst im Arbeitsprozess tätig bleibt, ist er bloßer Lohnarbeiter und der Wert seiner Arbeit geht als solcher mit ein in den Wert des Produkts. Als kapitalistischer Leiter dagegen ist er kein produktiver Arbeiter.<sup><a name="sdfootnote38anc" href="#sdfootnote38sym"><sup>38</sup></a></sup><br />
In dem Maße, in dem sich das Kapital die historisch vorgefundenen Produktionsverhältnisse unterordnet hat, wurden zunehmend alle anderen Existenzformen vernichtet bzw. in Arbeitslieferanten für das Kapital verwandelt. Zur Zeit erfolgt allerdings eine gegenläufige Bewegung. Unter dem Stichwort „Eigenverantwortung“ wird eine zunehmende Selbstentlassung des Kapitals und des Staates aus der Bereitstellung der notwendigen Lebensbedingungen für die Menschen betrieben. Das Bestreben, eine massenhafte Gründung von „Ich-AGs“ und anderen „Selbstunternehmern“ zu ermutigen, ist nichts anderes als der Versuch, denjenigen, die das Kapital ausgespuckt hat, die Verantwortung für eine eigene Existenzweise aufzudrücken, für die sich weder Staat noch Kapital zuständig erklären. Diese Menschen sollen eiskalt aus der öffentlichen Zuständigkeit abgeschoben werden. Die meisten von ihnen werden scheitern und sich, beschwert mit einem Schuldenberg, wieder an die Restbestände der staatlichen Daseinsfürsorge wenden müssen. Andere werden sich mehr schlecht als recht als Randexistenzen betätigen und Aufgaben erledigen, die sich auf Feldern der Resteverwertung bzw. der vernachlässigten unattraktiven Tätigkeiten bewegen. Einige wenige werden vielleicht sogar „zündende Geschäftsideen“ verwirklichen. Dann laufen sie allerdings Gefahr, von mächtigen Kapitalen verdrängt zu werden. Selbst erfolgreiche selbständige Existenzen stehen dauernd in der Gefahr, in den Abgrund der Vernichtung zu stürzen.</p>
<h5>b) Staatstätigkeit: Führung der allgemeinen Gattungsgeschäfte und Infrastrukturgüter</h5>
<p><b>Führung der allgemeinen Gattungsgeschäfte</b><br />
Ein Bereich, in dem besonders viel unproduktive Arbeit geleistet wird, ist der Staatsapparat. In dessen Zuständigkeitsbereich fällt unter anderem die „Führung der allgemeinen Gattungsgeschäfte“, wie Marx sie nennt. Damit sind Tätigkeiten im Zusammenhang mit der staatlich organisierten Herrschaftssicherung gemeint, die – neben dem Selbsterhalt des Staates – vor allem die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für die Warenproduktion, mithin für die Verrichtung produktiver Arbeiten sicherstellen. Dazu gehören Verwaltung, Justiz, Polizei, Militär usw.<sup><a name="sdfootnote39anc" href="#sdfootnote39sym"><sup>39</sup></a></sup> Die entsprechenden Kosten bilden „tote Kosten“, denn die „Dienste“ der öffentlichen Angestellten, Beamten, Polizisten und Soldaten werden aus Übertragungen von Wert bezahlt, der ursprünglich aus produktiver Arbeitsvernutzung stammt. Diese Wertübertragungen geschehen in Form von Steuern, Abgaben und Gebühren. Sie verursachen tote Kosten, weil ihre Ausgabe nicht zur Kapitalvermehrung führt, sondern im Gegenteil Kapital vermindert. Daher rühren auch die gegenwärtigen Versuche, die Staatsausgaben auf ein Minimum zu reduzieren. Da der Staat jedoch gleichzeitig die Aufgabe hat, einen optimalen Lebensraum für das Kapital bereitzustellen und abzusichern – z.B. durch die Sicherung und Regulierung von Eigentumsverhältnissen durch Verwaltung, Polizei, Justiz etc. –, fallen diese Kostenreduzierungen letztlich wieder auf das Kapital zurück, etwa in Form von privaten Sicherheitsdiensten oder erhöhtem Kontrollaufwand.<br />
Die Tätigkeiten zur „Erledigung der allgemeinen Gattungsgeschäfte“ lassen sich praktisch nicht der Funktionsweise des Kapitals unterwerfen. Geschieht dies doch, dann verändern sie dabei ihren Charakter bis zur Unkenntlichkeit. Eine „Privatisierung“ auf diesem Sektor würde z.B. die Tätigkeit von Finanzbeamten in Schutzgelderpressung, Gesetzgebung in Despotismus (etwa in die Willkürentscheidungen eines Warlords oder Mafia-Paten) und Polizeitätigkeit in Bandenkriminalität verwandeln. Privatisierung bedeutet hier also nichts anderes, als den Staat aus seiner Funktion als Garanten für die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu entlassen, weswegen selbst Erzliberale davor zurückschrecken. Damit einher ginge die Preisgabe des staatlichen Gewaltmonopols<sup><a name="sdfootnote40anc" href="#sdfootnote40sym"><sup>40</sup></a></sup> und der staatlichen Befriedungsfunktion, was früher oder später zu so genannten „failed States“ oder „Staatsleichen“ wie beispielsweise Somalia, Afghanistan oder dem Irak führt.</p>
<p><b>Infrastrukturgüter</b><br />
Auch auf einem anderen Gebiet, nämlich dem der infrastrukturellen Staatstätigkeiten, z.B. in den Bereichen öffentliches Verkehrswesen, Post oder Straßennetz, werden woanders erzeugte Werte ausgegeben. Im Bereich dieser allgemeinen infrastrukturellen Rahmenbedingungen kann man allerdings nicht prinzipiell sämtliche zu verrichtenden Arbeiten als unproduktiv auffassen, nur weil sie auf der Basis des öffentlichen Rechts und nicht in Form kapitalistischer Unternehmen organisiert sind.<sup><a name="sdfootnote41anc" href="#sdfootnote41sym"><sup>41</sup></a></sup> Die Rechtsform allein gibt noch keinen Aufschluss darüber, ob produktive oder unproduktive Arbeit geleistet wird<sup><a name="sdfootnote42anc" href="#sdfootnote42sym"><sup>42</sup></a></sup>, denn Infrastrukturgüter, die sich als abgemessene Waren (Strom, Wasser, Gas) bzw. als konkret zuordenbare Dienstleistungen (z.B. Bus- oder Bahnfahrten) absetzen lassen, weisen einen ganz speziellen Charakter auf. Sie sind nicht einfach aufgrund der Rechtsform schematisch in simples produktiv-unproduktiv-Raster einzuordnen. Bestimmte Funktionen der Waren- bzw. Dienstleistungsproduktion im Rahmen von staatlichen Versorgungseinrichtungen werden vielmehr in einem <em>kapitalähnlichen Verhältnis</em> erbracht. Auch hier kann eine Selbstbewegung des Geldes stattfinden, bei der es zum Zwecke der Vernutzung abstrakter Arbeit eingesetzt wird, um als mehr Geld wieder aus dem Prozess hervor zu gehen. Insofern kann Geld also auch unter staatlicher Regie als Kapital eingesetzt werden.<br />
Staatsbetriebe, die auf diese Weise Umsätze machen, befinden sich in ähnlicher Weise in einer embryonalen Form des kapitalistischen Betriebes wie Ein-Personen-Betriebe, z.B. die oben diskutierte „Ich-AG“ von Hans-Peter Meier. In beiden Fällen drohen nämlich ständig kapitalfremde Motive zum Tragen zu kommen. Der Inhaber eines Ein-Personen-Betriebes will in erster Linie von den Betriebseinkünften leben und wenn überhaupt erst in zweiter Linie das Betriebsvermögen mehren; in ähnlicher Weise ist ein Staatsbetrieb zuerst anderen Zielen gegenüber verpflichtet – etwa seinem Versorgungsauftrag Genüge zu tun – und dann erst der Gewinnmaximierung. Produktive Arbeit bedeutet in diesem Zusammenhang also die Ausrichtung der Arbeit auf die betriebswirtschaftliche Gewinnmaximierungslogik, unproduktive Arbeit dagegen, die betriebswirtschaftliche Rentabilität anderen Zwecken unterzuordnen. Im Falle der Staatsbetriebe laufen solche anderen Zwecke letztlich auf die Sicherung des gesamtgesellschaftlichen Rahmens hinaus. Staatsbetriebe, die mit Gütern der öffentlichen Infrastruktursicherung handeln, sind in aller Regel politischen Vorentscheidungen unterworfen. Je mehr diese in das Tagesgeschäft hineinspielen, um so geringer wird der Anteil der produktiven Arbeiten. Solche Vorentscheidungen sind beispielsweise der öffentliche Versorgungsauftrag mit Energie und Wasser sowie Verkehrs- und Postanbindung. Der öffentliche Versorgungsauftrag beinhaltet die flächendeckende Versorgung, Erschwinglichkeit auch für Geringverdiener bzw. staatlich Alimentierte sowie das Vorhalten von Kapazitäten für Katastrophen- und Krisenfälle. Nicht zuletzt besteht sein Zweck auch darin, einen reibungslosen Ablauf ökonomischer Transaktionen für die Privatkapitale zu gewährleisten. All diese Motive laufen dem Rentabilitätskalkül der Versorgungsbetriebe zuwider und drohen ständig, es auszuhebeln.<br />
Man sieht: Produktive und unproduktive Arbeit sind in den Infrastrukturbetrieben stark miteinander vermischt. Ständig droht produktive Arbeit wieder in unproduktive Arbeit umzuschlagen. Die Privatisierung von staatlichen Funktionen läuft darauf hinaus, produktive und unproduktive Arbeit zu entmischen und die produktive Arbeit vor einem Rückschlag ins Unproduktive sowie vor „sachfremden“ Zugriffen zu schützen. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren enorm beschleunigt, unter anderem weil die Staatstätigkeit zunehmend unter Finanzierungsvorbehalt steht. Der Staat bleibt abhängig vom Marktprozess und damit von der Bereitstellung genügender Erträge aus produktiver Arbeit. Weil diese aber immer geringer werden, versucht das Kapital, sich immer mehr Reproduktions- und Strukturkosten zu ersparen und drängt den Staat dahin, immer mehr öffentliche Dienste zu beschneiden oder zu privatisieren – nicht selten wird beides zugleich betrieben. Man darf gespannt sein, welche Staatsaufgaben in Zukunft einer Privatisierung unterliegen werden. Der Kreativität bei der Ausgliederung von bisherigen Staatsaufgaben sind keine Grenzen gesetzt.<br />
Dass die Unterordnung der Versorgungsbetriebe unter die Kapitalvermehrung den Charakter ihrer Dienste massiv verändern wird, dürfte klar sein. Die Nutznießung wird dann zum Privatkonsum, der bezahlt werden muss. Damit wäre es aber um den flächendeckenden Charakter der gesellschaftlichen Infrastruktur endgültig geschehen. Nicht nur, weil eine Privatisierung der öffentlichen Infrastrukturgüter automatisch dahin führt, dass sich die Privatkapitale die profitablen Bereiche herauspicken, so dass die Unterversorgung bestimmter Stadtviertel oder abgelegener ländlicher Gebiete droht. Wo sich die Marktlogik den Infrastrukturgütern aufzwingt, sind außerdem periodische Zusammenbrüche vorprogrammiert, da das Vorhalten von Reserven für besondere Vorfälle der betriebswirtschaftlichen Logik zuwiderläuft. Vor allem aber wären große Teile der Bevölkerung aufgrund mangelnder Geldmittel vom Gebrauch ausgeschlossen. Um aber als Verkäufer von Arbeitskraft auftreten zu können, sind die Menschen auf die besagten infrastrukturellen Voraussetzungen angewiesen. Ohne Straßen kein Individualverkehr, ohne Bildungsinstitutionen fehlen die Voraussetzungen für die meisten der heutigen Arbeiten etc. Je höher der Produktivitätsstandard einer Gesellschaft, um so unverzichtbarer sind diese Voraussetzungen. Während die Herausgefallenen vom Nutzen der Infrastruktur in dem Maße ausgeschlossen werden, in dem sie privatwirtschaftlich betrieben wird, werden sie den Noch-Beschäftigten zunehmend nur noch in dem Maße zugestanden, in dem sie ihrer „Employability“ dienen. Die Folge sind verheerende Ausdünnungen und Vereinseitigungen der Versorgung mit Infrastrukturgütern.<sup><a name="sdfootnote43anc" href="#sdfootnote43sym"><sup>43</sup></a></sup></p>
<p><b>c) „Wissensarbeit“<sup><a name="sdfootnote44anc" href="#sdfootnote44sym"><sup>44</sup></a></sup></b><br />
In der öffentlichen Debatte wird seit den achtziger Jahren ein Bereich gehandelt, in dem sich künftig angeblich enorme Felder für produktive Arbeit auftun sollen. Es handelt sich um die Verheißungen der so genannten „Wissensgesellschaft“, in welcher Wissen zur wichtigsten Produktivkraft und zum Hauptfeld der Reichtumsproduktion werden soll. Angeblich gibt es hier viel Arbeit zu verrichten und große Scharen von Konsumenten warteten nur darauf, den Herstellern die entsprechenden Produkte aus den Händen zu reißen. Hier, so glaubt man, eröffnet sich ein Feld für enorme, „unbedingt nötige Zukunftsinvestitionen in Bildung und Forschung, um die notwendigen mentalen Produktivkräfte zu entwickeln“ – so und ähnlich lässt es sich häufig vernehmen.<br />
Eine wesentliche Eigenschaft der entsprechenden Produkte besteht allerdings darin, dass sie entweder gar nicht an materielle Träger gebunden oder sehr einfach und schnell auf lächerlich billige Trägermedien (Disketten, CDs, DVDs etc.) zu übertragen sind. Auch der räumliche Transport entfällt dank Internet. Zugegebenermaßen kostet die Erstellung etwa von Software viel Zeit. Aber im Verhältnis zu den Möglichkeiten der nahezu kostenlosen Vervielfältigung, ihrer raschen Verbreitungsmöglichkeit und ihrer hohen Anwendungsbreite sind die Entstehungskosten immer noch unglaublich gering. Der Anteil der Arbeit an der einzelnen Kopie wird dadurch nahezu homöopathisch. Eine jeweils einzelne Kopie weist mit anderen Worten einen Wert auf, der praktisch gegen Null tendiert.<sup><a name="sdfootnote45anc" href="#sdfootnote45sym"><sup>45</sup></a></sup><br />
Im Grunde wird Wissen nie wirklich ausgetauscht oder verkauft, da derjenige, der es weitergibt, es nicht tatsächlich hergibt. Der „Austausch“ von Wissen ist in Wirklichkeit das Anfertigen einer Kopie (sei es im Kopf, sei es auf einem Trägermedium). Anschließend können sowohl der Hergebende wie auch der Empfangende neue Kopien anfertigen und weitergeben. Wissen kann auf diese Weise mit exponentieller Geschwindigkeit weiter verbreitet werden. Einmal auf den Markt gebracht neigt Wissen daher dazu, diesen in Windeseile zu überfluten und dabei jeden Wert zu verlieren. Um überhaupt weiter handelbar zu bleiben, erzwingt die Warenförmigkeit von Wissen die künstliche Herstellung von Knappheit:<br />
„Technisch durch verschiedene Möglichkeiten, die Kopierbarkeit von Wissen zu beeinträchtigen, bzw. zu verunmöglichen. Juristisch durch den permanenten Schrei nach dem Staat, der die Warenform per Jurisdiktion durchsetzen soll &#8211; eine ziemlich paradoxe Angelegenheit vom Standpunkt der herrschenden Marktideologie aus betrachtet.“<sup><a name="sdfootnote46anc" href="#sdfootnote46sym"><sup>46</sup></a></sup><br />
Durch solche Barrieren werden immaterielle Güter in Scheinkapital verwandelt. Faktisch wird kein reeller Warentausch mehr betrieben. Vielmehr wird gegen Zahlung die Gunst gewährt, am Wissen teilzuhaben.<sup><a name="sdfootnote47anc" href="#sdfootnote47sym"><sup>47</sup></a></sup> Eine solche Monopolisierung von Wissen verlangt eine viel größere Investition in Zugangsbarrieren, Kontrollen und Sanktionsmöglichkeiten als die Produktion des Wissens selbst. Große Mengen unproduktiver Arbeit werden hier verrichtet: Im Rahmen der Zirkulationssphäre, um die unentgeltliche Weitergabe zu unterbinden und nur bezahlten Konsum zuzulassen; im Rahmen der Staatstätigkeit, um mit Kontrollen und Strafen zu drohen. Und trotzdem sind solche Begrenzungen immer nur vorübergehend wirksam. Hacker, Codeknacker und Raubkopierer überwinden die Barrieren spielend und bei den Anwendern will einfach kein Unrechtsbewusstsein mit Bezug auf die Nutzung kopierten Wissens aufkommen.<br />
Während der Warenwert eines Wissensgutes auf diese Weise schnell zerrinnt, ist sein gesellschaftlicher Nutzen jenseits von der Wertform um so größer, je weiter es verbreitet ist. Stefan Meretz sieht hier bereits eine mögliche „Keimform“ für eine Gesellschaft, die mit der Warenform bricht.<sup><a name="sdfootnote48anc" href="#sdfootnote48sym"><sup>48</sup></a></sup> Das macht er insbesondere an der freien Software-Bewegung fest, wo das Wissen von seiner Warenform abgelöst wird und sich für alle leicht zugänglich verbreitet. Dort kann es besser vermehrt und optimiert werden als unter einem Kapitalverhältnis. Dabei entzieht sich die freie Software der Befehlsgewalt des Kapitals sowie den Waren- und Geldbeziehungen. Hier zeichnet sich nach Meretz die Chance auf eine Gemeinwesenökonomie ab, in der nichts mehr im Hinblick auf die Vermarktung produziert würde.<br />
Das Konzept hat allerdings den Haken, dass man freie Software nicht essen kann. Man kann in ihr nicht wohnen und sie hat auch keinen Heizwert. Die Mittel zur Erfüllung solcher Bedürfnisse muss man sich weiterhin auf dem Markt besorgen. Im Grunde ähnelt das Verhältnis zwischen dem Kapital, das in der Wissensproduktion neue Betätigungsfelder sucht und den Produzenten freier Software einer wechselseitigen Geiselhaft: Jede Seite verfügt über das, was die andere zum „Überleben“ braucht. Sie ist aber nur bereit es herzugeben, wenn die andere ihre eigene Daseinsweise aufgibt. Zur Zufriedenheit der freien Softwareentwickler kann diese Situation erst aufgelöst werden, wenn es sehr großen anderen Teilen der Gesellschaft gelingen sollte, sich aus der Wertform lösen und dabei gleichzeitig den stofflichen Reichtum weitgehend zu erhalten – eine Perspektive, die sich zur Zeit leider nicht abzeichnet.<br />
Auf der anderen Seite sind aber auch die Hoffnungen der Softwareindustrie trügerisch. Die Rettung der Warengesellschaft in Form eines neuen Arbeitsfeldes für produktive Arbeit harrt ganz gewiss nicht auf dem Feld der so genannten Wissensproduktion. Das Gegenteil ist der Fall. Denn die Wissensproduktion<br />
„kann [..] sehr viel mehr Arbeit einsparen, als sie kostet und das in gigantischen, noch vor kurzem unvorstellbaren Ausmaßen. Das bedeutet, dass das formale Wissen <em>unermesslich viel mehr ‚Wert‘ zerstört, als es zu schöpfen erlaubt</em>. Anders gesagt, es Unmengen von bezahlter gesellschaftlicher Arbeit und verkleinert folglich den (monetären) Tauschwert einer wachsenden Anzahl von Produkten und Dienstleistungen [...] Früher oder später muss es zu einer Senkung des (Geld)Wertes, des insgesamt produzierten Reichtums sowie zu einer Schrumpfung des Profitvolumens kommen – unter Umständen zu einem Zusammenbruch der auf dem Tauschwert basierenden Produktion.“<sup><a name="sdfootnote49anc" href="#sdfootnote49sym"><sup>49</sup></a></sup><br />
Statt eines neuen Feldes zur Rettung der kapitalistischen Produktionsweise zu sein, wohnt der „Wissensproduktion“ also vielmehr das Potential eines Totengräbers eben dieser Produktionsweise inne.</p>
<h5>d) Jobs in Gesundheitsbereich, Bildung, Kultur etc.?</h5>
<p>Glaubt man den Alarmrufen von Bildungsexperten (man denke nur an die berüchtigten PISA-Studien), Demoskopen („Überalterung“) und ähnlichem Personal „vom Fach“, dann harren enorme Beschäftigungsmöglichkeiten für produktive Arbeit auf dem Feld der so genannten „personennahen Dienstleistungen“, vor allen in den Bereichen Bildung, Kultur, Pflege, Medizin etc., die eigentlich nur noch auf eine Erschließung durch findige Unternehmer warten. Auf diese Tätigkeitsfelder setzt die neoliberale Krisenverwaltung besondere Hoffnungen.<sup><a name="sdfootnote50anc" href="#sdfootnote50sym"><sup>50</sup></a></sup> In der Tat sind bei den personennahen Dienstleistungen alle bisherigen Kriterien erfüllt: Die Arbeiten könnten fern von jeder staatlichen Betätigung auf der Grundlage eines Kapitalverhältnisses verrichtet werden; sie würden auch nicht in der Zirkulationssphäre stattfinden; nicht zuletzt verbrauchen sich die Arbeitsergebnisse und bleiben – anders als Produkte, die aus „Wissensarbeit“ resultieren – knapp. Eigentlich müsste also alles zum Besten bestellt sein. Ein Blick auf die Empirie zeigt jedoch, dass sich auch in diesem Bereich kein Jobwunder abzeichnet. Wo liegt diesmal das Problem?<br />
Zur Zeit werden Erziehungs-, Bildungs- sowie Gesundheitseinrichtungen noch weitgehend über Steuern und Sozialabgaben finanziert. Das führt bei hohen Ausgaben des Staates zu einer nicht zu vernachlässigenden Beschäftigungsquote in den genannten Bereichen. Dadurch handelt es sich aber bei den betreffenden Arbeiten um Staatstätigkeit, die weitgehend unproduktiv ist, da die betreffenden Schulen, Universitäten, Krankenhäuser etc. nicht gewinnorientiert arbeiten, sondern (bisher noch) in erster Linie vorgegebenen politischen Zielen wie z.B. der Bereitstellung gut ausgebildeter Schul- und Universitätsabsolventen dienen. Es handelt sich mithin, wie oben mit Bezug auf die Infrastrukturgüter gezeigt wurde, vorwiegend um unproduktive Arbeit.<sup><a name="sdfootnote51anc" href="#sdfootnote51sym"><sup>51</sup></a></sup> Ferner wird ein erheblicher Teil der Erziehungs- und Pflegetätigkeiten durch Familienmitglieder – in der Regel von Frauen – in den privaten Haushalten verrichtet. Auf diese Weise werden entsprechende Verrichtungen gar nicht erst zu „Arbeit“ im Sinne des Kapitalismus.<br />
Um die entsprechenden Tätigkeiten in produktive Arbeit zu verwandeln, müsste also dahingehend gewirkt werden, dass der Staat keine kostenlosen bzw. transferfinanzierten personennahen Dienstleistungen mehr zur Verfügung stellt. Ferner müssten die privaten Haushalte ihre Bedeutung als „Produzenten unbezahlter Dienstleistungen“<sup><a name="sdfootnote52anc" href="#sdfootnote52sym"><sup>52</sup></a></sup> verlieren; vielmehr müssten sie sich personelle Unterstützung auf dem Arbeitsmarkt kaufen und auf diese Weise ein Heer relativ schlecht bezahlter häuslicher Dienstboten bzw. Beschäftigter der Serviceindustrie in Niedriglohn und Trockenbrot bringen.<br />
Tatsächlich würde eine solche Verwandlung von Erziehung, Pflege, Bildung, Gesundheit etc. in käufliche Waren die entsprechenden Tätigkeiten in produktive Arbeit verwandeln. Aber solche Dienste sind ihrer Natur nach nur sehr bedingt als Kapitalverwertung zu betreiben. Es fehlt vor allem die kaufkräftige Nachfrage. Haushalte und Einzelpersonen müssen selbst relativ gutverdienend sein, um als Kunden einer breit angelegten Dienstleistungsindustrie in Erscheinung zu treten. Das bedeutet in der Konsequenz nichts anderes, als dass sich die entsprechenden Anbieter allein auf zahlungskräftige Zielgruppen konzentrieren würden. Im Hinblick auf die breite Masse der Bevölkerung würden dagegen Pflege, Gesundheitsleistungen, Bildung etc. schlichtweg unbezahlbar. Da kann sich dann ein findiger Unternehmer noch so sehr ins Zeug legen, es wird von den betreffenden Personen kein Geld zu ihm hinfließen, weil diese ganz einfach nicht genügend davon besitzen. Findig, wie so ein Unternehmer ist, hat er dementsprechend auch schon längst im Wellness- und Fitnessbereich investiert, wo sich die zahlungskräftige Kundschaft noch tummelt. Für das Gros der vermeintlichen Kunden bleibt dagegen nichts anderes übrig, als die betreffenden Leistungen so gut es geht in Eigentätigkeit zu erbringen (Pflege und Erziehung) und ansonsten ohne Versorgung (also ohne Gesundheitsleistungen und höhere Bildung) zu bleiben.<sup><a name="sdfootnote53anc" href="#sdfootnote53sym"><sup>53</sup></a></sup> Auch die zunehmende Automatisierung von Dienstleistungen (selbst im personennahen Bereich) darf nicht außer Acht gelassen werden. Sie verschlingt am Ende auch noch die letzten Arbeitspotenziale, die durch die breite Erschließung der entsprechenden Tätigkeitsfelder eigentlich gewonnen werden sollten. „Intelligente Rollstühle“, Bedienroboter, Lernsoftware und ähnliche Produkte stecken zwar noch in den Kinderschuhen, sind aber erst der Anfang einer Entwicklung, bei der selbst im personennahen Tätigkeitsbereich zunehmend lebendige Arbeit durch Maschinen ersetzt wird. Eine zunehmende Vermarktwirtschaftlichung würde entsprechende Industrialisierungsprozesse noch weiter beschleunigen.<br />
Alles in allem hätte die Transformation der betreffenden Dienstleistungen von öffentlich bereitgestellten Gütern in privat zu bezahlende einen sehr hohen Preis. Durch Privatisierung der entsprechenden Leistungen verlieren basale individuelle Voraussetzungen zur Betätigung im Kapitalismus – wie Gesundheit und Bildung – ihren allgemeinen Charakter. Dabei schrumpfen zwar auf der einen Seite die Gemeinkosten, dafür explodieren auf der anderen Seite aber die Reproduktionskosten, die die betroffenen Menschen nun selbst zu entrichten hätten. Diese Kosten tauchen dann unmittelbar als Reproduktionskosten der Arbeitskraft wieder auf, sprich Löhne und Gehälter müssten im Grunde entsprechend stark ansteigen. Geschieht dies – wie zu erwarten ist – nicht, geht der Umstand, dass Gesundheit und Bildung usw. als Ware gekauft werden müssen, auf Kosten des Verkaufs anderer Waren. Wenn also bei gleichbleibendem Arbeitsentgelt der Beschäftigten Lehrer, Ärzte, Pflegekräfte etc. zu produktiven Arbeitern umgewidmet werden, dann werden woanders produktive Arbeiter freigesetzt, weil der Verkauf ihrer Produkte zurückgeht. Gesamtgesellschaftlich gesehen geht dann die neue Akkumulation von kapitalistischen Bildungs- und Gesundheitsproduzenten auf Kosten anderer Kapitalien. So oder so fallen dem Kapital die eingesparten Staatsabgaben wieder auf die Füße. Und nicht zuletzt führt ein Riesenheer von völlig Unversorgten und Ungebildeten zu einer Kostenexplosion bei der Nachsorge und den Sicherheitsausgaben, ganz zu schweigen davon, dass diese Menschen als Kunden völlig ausfallen.</p>
<h4>Schlussbetrachtung</h4>
<p>Produktive Arbeit ist das Lebenselixier des Kapitalismus. Wo nicht produktiv gearbeitet wird, da gibt es auch keine Produktion von Wert, und ohne Wert gibt es keinen Kapitalismus. Der Durchgang durch die verschiedenen Felder der so genannten Dienstleistungsgesellschaft hat ergeben, dass Arbeit im Kapitalismus die folgenden Bedingungen erfüllen muss, um „produktive Arbeit“ zu sein:<br />
1) Sie muss im Rahmen eines Kapitals geleistet werden und zu dessen Vermehrung beitragen. Das geschieht dadurch, dass ein Teil des durch Arbeit geschaffenen Wertes zurückbehalten wird, der zum Wachstum des betreffenden Kapitals (und damit auch des Gesamtkapitals) beiträgt.<br />
2) Außerdem muss die Arbeit in der Phase der Produktion verrichtet werden. Arbeit in der Zirkulationsphase setzt hingegen keinen Wert hinzu, sondern veranlasst lediglich zu Übertragungen von Wert, der aus produktiver Arbeit stammt, die woanders geleistet wurde.<br />
3) Es darf sich auch nicht um Arbeit handeln, die der Führung der „allgemeinen Gattungsgeschäfte“ dient. Diese sorgt dafür, dass das Umfeld, gewissermaßen der „Lebensraum“ des Kapitals erhalten bleibt. Die entsprechende Arbeit ist notwendig, trägt aber nichts zum Wert der Waren bei.<br />
4) Das Kapital, zu dessen Vermehrung die Arbeit dient, muss in aller erster Linie der eigenen Selbstvermehrung dienen. Daher muss es vor anderen Begehrlichkeiten, etwa von Einzelpersonen (Kleinstunternehmer, „Ich-AGs“ etc.) oder von Seiten des Staates (Staatsbetriebe) abgeschirmt sein. Genau genommen handelt es sich bei Kleinstunternehmern und Staatsbetrieben um <em>kapitalähnliche Verhältnisse bzw. embryonale Formen von Kapital</em>, die erst zu vollwertigem Kapital werden, wenn sie auf reine Selbstvermehrung des Kapitalstocks umgestellt sind (wenn also andere Begehrlichkeiten auf den erwirtschafteten Profit ausgeschaltet wurden).<br />
5) Das Arbeitsprodukt muss sich über kurz oder lang verbrauchen. Sonst wird das Kriterium der Knappheit nicht erreicht und der Wert der Arbeit unterliegt einem rapiden Verfall. Dieser Wertverfall ist besonders dramatisch, wenn sich das Produkt wie im Falle der Wissensproduktion nicht nur nicht verbraucht, sondern sogar ohne Zusatz von Arbeit weitervermehren und -verbreiten lässt.<br />
6) Personennahe Dienstleistungen schließlich sind produktive Arbeit, sofern sie zum Zweck der Kapitalvermehrung verrichtet werden. Durch Privatisierung wird das Gros solcher Dienstleistungen aber nur noch für eine relativ kleine Gruppe zahlungskräftiger Personen erschwinglich. Das ersehnte „Arbeitsparadies“ wird es auch hier nicht geben, da die entsprechenden Tätigkeitsfelder aufgrund von mangelnder zahlungskräftiger Kundschaft, die Verrichtung in Eigentätigkeit (sofern möglich) sowie durch fortschreitende Automatisierung enorm klein ausfallen werden.<br />
Alles in allem werden die Betätigungsfelder für produktive Arbeit infolge der enormen Effizienzsteigerung von Technologie und Arbeitsorganisation immer weniger bzw. immer kleiner. Gleichzeitig existieren sehr große Bereiche unproduktiver Arbeit, auf die das Kapital nicht verzichten kann. Es handelt sich dabei vor allem um den Bereich der Warenzirkulation und der Staatstätigkeit. Hier wird die Menge der zu verrichtenden unproduktiven Arbeit eher größer, was wiederum dazu führt, dass die toten Kosten nicht nur relativ, sondern sogar absolut immer weiter ansteigen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Auf der Seite der Zirkulation vergrößert sich etwa der Aufwand für Werbung, Marketing, Verkaufstrainings<sup><a name="sdfootnote54anc" href="#sdfootnote54sym"><sup>54</sup></a></sup>, ferner steigen die Kosten für Mahnverfahren, Inkassobüros, Umschuldungsverfahren etc. Auch der Staat wird durch wachsende Kosten belastet, z.B. durch steigenden Regelungs- und Verwaltungsbedarf oder die Bekämpfung der steigenden Kriminalität.<br />
Dieser zusätzliche und wachsende Finanzierungsbedarf für Zirkulation und Staatstätigkeit muss aus dem stetig schrumpfenden Kern der Verrichtung produktiver Arbeit bestritten werden. Dadurch wird es immer schwieriger, Kapital profitabel einzusetzen. Aber Kapital, das nicht weiter profitabel verwertet wird, verliert seinen Wert über kurz oder lang völlig. Die betreffenden Unternehmen können dann schon nach kurzer Zeit die laufenden Kosten (Gehälter, Arbeitsmittel, Mieten usw.) nicht mehr bezahlen und gehen pleite. Um dem drohenden Totalbankrott des Systems so lange wie möglich zu entgehen, wird nach dem Prinzip „das Hemd sitzt näher als der Rock“ die Sphäre der Staatstätigkeit aufs Korn genommen. Nach dem Selbstverständnis, das dieser Haltung gegenüber dem Staat zugrunde liegt, wird einfach nicht mehr genug Wert geschöpft, um den Staat und seine Institutionen noch an den Früchten der kapitalistischen Produktionsweise beteiligen zu können. Auf die Zirkulation dagegen kann das Kapital schlechthin gar nicht verzichten, da es nur hier seine Geldgestalt wieder annimmt.<sup><a name="sdfootnote55anc" href="#sdfootnote55sym"><sup>55</sup></a></sup> Die Sphäre der Staatstätigkeit erscheint dagegen in der kapitalistischen Logik als reiner Konsum, genauer als Staatskonsum, der vom Kapital durch Steuern, „Lohnnebenkosten“ und andere Abgaben alimentiert wird. Im Hinblick auf die geplanten Kostenentlastungen bleiben die Tätigkeiten zur Erledigung der Gattungsgeschäfte (Gesetzgebung, Rechtsprechung, staatliche Gewaltausübung etc.) vorerst noch weitgehend unangetastet.<sup><a name="sdfootnote56anc" href="#sdfootnote56sym"><sup>56</sup></a></sup> Ins Visier geraten ist vor allem – neben den Sozialtransfers – die von staatlicher Seite gewährleistete Bereitstellung von Infrastrukturgütern sowie von personennahen Dienstleistungen. Bildung, Gesundheitswesen, das öffentliche Transportwesen und Verkehrsnetz werden zunehmend privaten Investoren zugänglich gemacht. Bei der Telekommunikation, der Stromversorgung und der Post ist dieser Prozess nahezu abgeschlossen.<br />
Beim Schul- und beim Gesundheitssystem ist neben einem Trend zur Privatisierung eine wachsende Tendenz zur Vereinseitigung sowie zum Verfall festzustellen. Zunehmend sollen auf dem Gebiet der Bildung aus Ersparnisgründen nur noch die unmittelbar und unabdingbar für die Arbeitsaufnahme notwendigen Qualifizierungen gewährleistet werden. Die technokratischen Schul- und Hochschulreformen (Abitur nach zwölf Schuljahren, Umstellung von Magister- bzw. Diplom- auf Bachelor- und Master-Abschlüsse, Konzentration der Bildungsinhalte auf die Vermittlung von wirtschaftsrelevanten „Skills“ etc.) sind in diesem Zusammenhang zu sehen, ferner die zusehends verfallende Bausubstanz an den Schulen. Betroffen ist auch die medizinische Versorgung. Hier werden die Menschen zunehmend in die Selbstzahlung gedrängt, Ärzte sehen sich immer mehr als Unternehmer, die ihren Patienten notgedrungen Zusatzleistungen andrehen müssen, um ihre teuren medizinischen Geräte auszulasten, und Krankenhäuser werden von einer rollenden Privatisierungswelle erfasst.<br />
Im Zuge dieser Entwicklung unterliegt der Prozess der Wertverwertung einer zunehmenden Zentralisierung, wobei immer mehr Menschen herausfallen und bestenfalls auf eine immer schlechtere Ersatzversorgung verwiesen werden. So wie ein Blutkreislauf im Falle von kritischen Situationen (z.B. bei extremer Kälte oder hohem Blutverlust) zentralisiert wird und nur noch die lebenswichtigen Organe im Körperkern versorgt werden (wobei es durchaus passieren kann, dass periphere Körperteile absterben), so geschieht Ähnliches mit den Menschen, von denen immer mehr aus dem Kreislauf von Arbeit, Ware und Geld herausfallen. Sie befinden sich gewissermaßen im peripheren Bereich des Wertverwertungsprozesses, der zunehmend schlechter bzw. gar nicht mehr versorgt wird. Aktuelle Beispiele für diesen Zentralisierungsprozess sind das sukzessive Zurückfahren von Gesundheitsleistungen für große Teile der Bevölkerung, die Einrichtung von so genannten Eliteuniversitäten bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Breitenbildung, die Konzentration von öffentlichen Infrastrukturgütern auf gut gehende Zentren bzw. zahlungskräftige Kundschaft und nicht zuletzt die zunehmende Verschlechterung von staatlichen Transferleistungen wie etwa Altersrenten und Arbeitslosengeld.<br />
In dieser Situation geht die Verwandlung verschiedenster Tätigkeiten und Dienste in produktive Arbeit einher mit der Vernichtung des allgemeinen Charakters von Daseinsvorsorge. Das wiederum ist identisch mit der Vernichtung gesellschaftlichen Reichtums, wenn man sich die absehbaren Folgen vor Augen hält, wie etwa Seuchen oder den Verlust von intellektuellen und kulturellen Fähigkeiten auf breiter Front, die allgemeine Verunsicherung des Lebens etc. In älteren <em>krisis</em>-Veröffentlichungen wurden die Privatisierungs- bzw. Zentralisierungsprozesse, die zur Zeit im Gange sind, im Grunde für unmöglich erklärt. Über dieses „nicht möglich“ setzt sich der zeitgenössische Kapitalismus momentan auf breiter Front hinweg. Offenbar muss man mit apodiktischen Aussagen über die Unmöglichkeit bestimmter Verläufe sehr vorsichtig sein. So zeigt es sich leider immer wieder, dass man die Macht der (Denk-)Gewohnheiten und die Leidensfähigkeit der Menschen nicht unterschätzen darf. In dem Bewusstsein, dass ich mich auf das Feld der Spekulation begebe, möchte ich abschließend das folgende, leider nicht unwahrscheinliche Horrorszenario skizzieren:<br />
Staat und Kapital entledigen sich in zunehmendem Maße der „toten Kosten“, an denen die kapitalistische Reproduktion zu ersticken droht. Selbst wenn dann immer größere Teile der Infrastruktur für immer mehr Menschen unerschwinglich werden, kann es noch eine gewisse Zeit so weitergehen. Verarmende Massen geben ihre letzten Ersparnisse aus, halten sich noch eine Zeit mit Improvisationen über Wasser und bleiben fürs erste unauffällig. Die anschwellende Kriminalität sowie die sich mehrenden Amokläufe werden bis auf weiteres als bloße Einzelfälle verharmlost. Während die öffentliche Versorgung weiter privatisiert und ausgedünnt wird, sorgt eine noch zahlungsfähige „Kundschaft“ für privatwirtschaftliche Erlöse. Es mag sogar noch eine Weile der Eindruck vorherrschen, dass alles bestens gestellt ist, weil sich ökonomische Oberflächenindikatoren (Staatsverschuldung, Unternehmensneugründungen, Geschäftsklimaindex usw.) zum „Besseren“ entwickeln, während die tickende Zeitbombe, auf der das alles sitzt, ignoriert wird. Diese Ignoranz ändert natürlich nichts an der grundlegenden Gesamttendenz: Nicht die Dienstleistungsgesellschaft steht bevor, sondern der endgültige Zusammenbruch der Arbeitsgesellschaft.</p>
<h4>Literatur</h4>
<p>Altvater, Elmar; Huisken, Freerk: Produktive und unproduktive Arbeit als Kampfbegriffe, als Kategorien zur Analyse der Klassenverhältnisse und der Reproduktionsbedingungen des Kapitals. In: SOPO 6/7 (1969), S. 47-92.<br />
Behrens, Fritz: Alte und neue Probleme der politischen Ökonomie. Eine theoretische Studie über die produktive Arbeit im Kapitalismus. Berlin 1948.<br />
Bender, Christiane; Graßl, Hans: Woher kommen die Jobs. Arbeitsmarktpolitik in Deutschland: Ein Beschäftigungszuwachs ist nur noch im sozialen Dienstleistungssektor zu erwarten. In: Frankfurter Rundschau, 31. Januar 2006, S. 26.<br />
Bischoff, Joachim; Ganßmann, Heiner; Kümmel, Gudrun; Löhlein, Gerhard: Produktive und unproduktive Arbeit als Kategorien der Klassenanalyse. In: SOPO 6/7 (1969), S. 69-89.<br />
Bischoff, Joachim; Ganßmann, Heiner; Kümmel, Gudrun; Löhlein, Gerhard: Mystifikation und Klassenbewusstsein. In: SOPO 6/7, S.15-45.<br />
Frisch, Max: Graf Öderland. In: Stücke 1. Frankfurt am Main 1980, S. 259-344.<br />
Gorz, André: Wissen, Wert und Kapital, Zürich 2004.<br />
Kurz, Robert: Die Himmelfahrt des Geldes. In: <em>krisis</em>, Nr. 16/17, 1995, S. 21-76.<br />
Lohoff, Ernst: Out of Area – Out of Control. Warengesellschaft und Widerstand im Zeitalter von Deregulierung und Entstaatlichung. Teil I: Der fatale Endsieg der Ware. In: Streifzüge 31/2004a, S. 8-12 sowie http://www.balzix.de/htmlsrc/e-lohoff_out-of-area_str-04-31.html.<br />
Lohoff, Ernst: Out of Area – Out of Control. Warengesellschaft und Widerstand im Zeitalter von Deregulierung und Entstaatlichung. Teil II: Fight Back. In: Streifzüge 32/2004b, S. 15-20 sowie http://www.balzix.de/htmlsrc/e-lohoff_fight-back_nov-2004.html.<br />
Lohoff, Ernst, Meretz, Stefan: Unveröffentlichtes Seminarmanuskript, o.O. 2003.<br />
Lutz, Burkart: Der kurze Traum immerwährender Prosperität. Eine Neuinterpretation der industriell-kapitalistischen Entwicklung im Europa des 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main/New York 1989.<br />
Marx, Karl: Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses. Frankfurt am Main 1969.<br />
Marx, Karl: Das Kapital Bd. I. Berlin 1983 [1894].<br />
Marx, Karl: Das Kapital Bd. II. Berlin 1983 [1893].<br />
Marx, Karl: Ökonomische Manuskripte 1863–1867. Teil 1 in: MEGA II 4.1, Berlin 1988.<br />
Marx, Karl: Grundrisse der politischen Ökonomie. Berlin 1983.<br />
Marx, Karl: Theorien über den Mehrwert Bd. I. Berlin 1974.<br />
Marx, Karl: Theorien über den Mehrwert Bd. III. Berlin 1968.<br />
Meretz, Stefan: Zur Theorie des Informationskapitalismus. In: Streifzüge 1/2003 und 2/2003.<br />
Produktive Arbeit und Krise. Krise und Zusammenbruch bei Karl Marx und der Gruppe <em>krisis</em>: http://www.left-action.de/wkl/prokrise.html 02.06.2004.<br />
Rosdolsky, Roman: Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen „Kapital“, Bd. II, Frankfurt am Main 1968.<br />
Rubin, Isaak Iljitsch: Studien zur Marxschen Werttheorie. Frankfurt am Main 1973 [1924].<br />
Samol, Peter: Wechselseitige Geiselhaft – Die Beziehung von Kapital und freier Software. In: Streifzüge 34/2005, S. 34 sowie http://www.streifzuege.org/druck/str_05-34_samol_kapital-freie-software.html.<br />
Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen. München 2003 [1789].</p>
<h4>Endnoten:</h4>
<p><a name="t01" href="#f01"> 1</a> Insbesondere ältere Jahrgänge aus handwerklichen, bäuerlichen oder aus Arbeitermilieus erkennen als „wahre“ produktive Arbeit nur solche an, bei denen der arbeitende Mensch einen „Hammer“ eine „Schippe“ oder ein anderes – vorzugsweise grobes – Werkzeug in den Händen(!) hält.<br />
<a name="t02" href="#f02"> 2</a> Smith 1789, S. 272f. Wo nicht anders vermerkt, stammen sämtliche Klammern in den Zitaten von mir, Peter Samol.<br />
<a name="t03" href="#f03"> 3</a> Siehe auch in: Produktive Arbeit und Krise. Krise und Zusammenbruch bei Karl Marx und der Gruppe <em>krisis</em>. http://www.left-action.de/wkl/prodkrise.html 02.06.2004, S. 2.<br />
<a name="t04" href="#f04"> 4</a> Der Begriff „Mehrwert“ stammt von Marx selbst. In seinen „Theorien über den Mehrwert“ (MEW Bd. 26.1-26.3) hat er ihn seinen Vorläufern und Zeitgenossen im Zuge der Wiedergabe und Begutachtung ihrer ökonomischen Theorien quasi „untergeschoben“ („Sämtliche Ökonomen teilen den Fehler, dass sie den Mehrwert nicht rein als solchen betrachten, sondern in den besonderen Formen von Profit und Rente.“, Marx: Theorien über den Mehrwert I, 1974, S. 6). Beim Lesen der „Theorien“ kann leicht der falsche Eindruck entstehen, als hätten die Betreffenden selber schon mit dem Mehrwertbegriff hantiert. Andererseits hat diese Darstellungsform den Vorteil, dass der gesamten Untersuchung ein roter Faden eingezogen wurde, der das Verständnis der ohnehin komplizierten Materie enorm erleichtert. Aus Gründen der Verständlichkeit werde ich es ebenso wie Marx halten, auch wenn Smith selbst den Begriff „Mehrwert“ nicht gekannt hat. Übrigens bezeichnet auch der Übersetzer der deutschen Ausgabe von Adam Smith‘ Hauptwerk, Horst Claus Recktenwald, in einer dem Buch vorangestellten „Würdigung“, dessen Theorie unter anderem als „Mehrwerttheorie“ (Recktenwald 1978, S. XLIII). Und dies, obwohl sich Recktenwald entschieden von der Marx‘schen Deutung distanziert.<br />
<a name="t05" href="#f05"> 5</a> Siehe Smith 1789, S. 273.<br />
<a name="t06" href="#f06"> 6</a> Ebd.<br />
<a name="t07" href="#f07"> 7</a> Ebd.<br />
<a name="t08" href="#f08"> 8</a> Ebd., S. 278.<br />
<a name="t09" href="#f09"> 9</a> Behrens 1948, S. 89.<br />
<a name="t10" href="#f10">10</a> Ökonomische Manuskripte 1863–1867. Teil 1 (Marx 1988), S. 112f.<br />
<a name="t11" href="#f11">11</a> Ebd.<br />
<a name="t12" href="#f12">12</a> Produktive Arbeit und Krise. Krise und Zusammenbruch bei Karl Marx und der Gruppe <em>krisis</em>. <a href="http://www.left-action.de/wkl/prodkrise.html">http://www.left-action.de/wkl/prodkrise.html</a> 02.06.2004, S. 2.<br />
<a name="t13" href="#f13">13</a> Genau genommen gibt es eigentlich nur im Kapitalismus Arbeit. Von daher ist die kapitalistische Gesellschaft logischer Weise die einzige Gesellschaft, die überhaupt einen Begriff von produktiver Arbeit hat. Marx selbst war dagegen bekanntlich Anhänger eines unhaltbaren überhistorischen Arbeitsbegriffes, dieser Umstand tut jedoch der Richtigkeit seiner Analyse in dem Zusammenhang, um den es hier geht, keinen Abbruch.<br />
<a name="t14" href="#f14">14</a> Kapital II (Marx 1983b), S. 130.<br />
<a name="t15" href="#f15">15</a> Theorien I (Marx 1974), S. 127.<br />
<a name="t16" href="#f16">16</a> Produktive Arbeit und Krise. Krise und Zusammenbruch bei Karl Marx und der Gruppe <em>krisis</em>. <a href="http://www.left-action.de/wkl/prodkrise.html">http://www.left-action.de/wkl/prodkrise.html</a> 02.06.2004, S. 2.<br />
<a name="t17" href="#f17">17</a> Behrens 1948, S. 99.<br />
<a name="t18" href="#f18">18</a> In der Tat benutzen z.B. kleine bewaffnete Banden in Somalia den Ausdruck „sich mit einer Straßensperre selbständig machen“, wenn es darum geht willkürliche Wegezölle zu erheben.<br />
<a name="t19" href="#f19">19</a> Ebd. 1924, S. 248. Anführungsstriche im Original.<br />
<a name="t20" href="#f20">20</a> Grundrisse (Marx 1983), S. 306.<br />
<a name="t21" href="#f21">21</a> Ebd., S. 513f.<br />
<a name="t22" href="#f22">22</a> Rubin 1924, S. 254. Es gibt von verschiedener Seite Bemühungen, die Zirkulationssphäre vollständig aus der Kritik zu nehmen, um sie damit dem Verdacht einer „vermeintlich schmarotzenden Vermittlungstätigkeit der Zirkulationssphäre“ zu entziehen und dadurch antisemitischen Tendenzen (im Zusammenhang mit dem unsäglichen und gefährlichen Stereotyp vom „raffenden Kapital“, das sich angeblich im Gegensatz zu einem positiv aufgefassten „schaffenden Kapital“ befindet) schon sehr früh zu begegnen. Es ist völlig klar, dass solche antisemitischen Tendenzen mit aller Schärfe zurückgewiesen werden müssen. Allerdings kommt man auf eine solche üble Trennung nur, wenn man produktive Arbeit als positive Kategorie fasst, die sich darüber hinaus auch noch problemlos von derjenigen der unproduktiven Arbeit trennen ließe. Aber Produktion und Zirkulation können nur als untrennbare Einheit gefasst werden – ohne das eine verliert das andere seine Funktion. Eng damit zusammen hängt die Tatsache, dass die <em>gesamte </em>Veranstaltung nichts positives darstellt. <em>Produktive Arbeit ist keine positive Kategorie</em>, sondern nicht mehr und nicht weniger als ein lebenswichtiges Element für ein krankmachendes, destruktives und immer gefährlicher werdendes Gesamtsystem: „Nur wer denkt, es bestünde Identität zwischen produktiver Arbeit und Herstellung nützlicher Dinge, könnte vertreten, dass produktive Arbeit anders definiert werden könnte als ‚Kapital vermehrend‘“ (Produktive Arbeit und Krise. Krise und Zusammenbruch bei Karl Marx und der Gruppe <em>krisis</em>. <a href="http://www.left-action.de/wkl/prodkrise.html">http://www.left-action.de/wkl/prodkrise.html</a> 02.06.2004, S. 5).<br />
<a name="t23" href="#f23">23</a> Grundrisse (Marx 1983), S. 526.<br />
<a name="t24" href="#f24">24</a> Rosdolsky 1968, S. 398.<br />
<a name="t25" href="#f25">25</a> Siehe auch Grundrisse (Marx 1983), S. 519.<br />
<a name="t26" href="#f26">26</a> „Mein Geld arbeitet für mich“, pflegen unbedarfte Anleger daherzusagen und liegen damit voll daneben. Geld vermehrt sich nur, wenn es in Rohmaterialien und Produktionsmitteln angelegt und, durch produktive Arbeit veredelt, zur Ware wird, die schließlich durch Verkauf in Geld zurückverwandelt wird. Der höhere Wert, der am Ende dieses Prozesses vorhanden ist, wird nur an der Stelle zugesetzt, an der die Arbeit geleistet wurde. Nicht Geld arbeitet, sondern immer nur reale Menschen: „[...] mit eigenen Augen gesehen habe ich es nie, wie das Geld arbeitet. Entweder habe ich Geld gesehen oder Arbeiter“, sagt der tumbe Bankkassierer, der in Max Frisch‘ Stück „Graf Öderland“ (1980, S. 313) zum Mörder wurde, und kommt damit der Wahrheit ziemlich nahe.<br />
<a name="t27" href="#f27">27</a> Theorien III (Marx 1968), S. 447f.<br />
<a name="t28" href="#f28">28</a> Dieser Gedanke stammt von Bischoff, Ganßmann, Kümmel, Löhlein,1969, S. 84.<br />
<a name="t29" href="#f29">29</a> Siehe in Theorien über den Mehrwert I (Marx 1974), S. 250.<br />
<a name="t30" href="#f30">30</a> „Transportkosten sind Produktionsprozesse, die nur in der Zirkulation fortgesetzt werden“ (Kapital II, S. 69).<br />
<a name="t31" href="#f31">31</a> Rubin 1924, S. 248.<br />
<a name="t32" href="#f32">32</a> Wäre es anders, könnte man in der Tat den Wert der Waren erhöhen, indem man unzählige Zollhäuschen errichtet oder Bearbeitungsgebühren für einen künstlich geschaffenen Verwaltungsaufwand erhebt.<br />
<a name="t33" href="#f33">33</a> Kapital II (Marx 1983b), S. 150.<br />
<a name="t34" href="#f34">34</a> Altvater, Huisken 1969, S. 73ff.<br />
<a name="t35" href="#f35">35</a> Siehe z.B. Behrens 1948, S. 86.<br />
<a name="t36" href="#f36">36</a> Rubin 1924, S. 243: „Selbständige „Handwerker und Bauern gehören weder in die Kategorie der produktiven noch der unproduktiven Arbeiter“.<br />
<a name="t37" href="#f37">37</a> Ökonomische Manuskripte 1863–1867. Teil 1 (Marx 1988), S. 111.<br />
<a name="t38" href="#f38">38</a> Siehe auch Theorien III (Marx 1968), S. 563f.<br />
<a name="t39" href="#f39">39</a> Siehe Behrens 1948, S. 101. Leider ergeht sich Fritz Behrens anschließend in klassenkämpferischen Deutungsmustern, die im Zusammenhang einer wertkritischen Betrachtungsweise nicht weiter interessant sind.<br />
<a name="t40" href="#f40">40</a> Faktisch gibt es selbst hier Privatisierungstendenzen. Es sind bezeichnender Weise gerade solche, die eng mit direkter Gewaltausübung zusammenhängen, nämlich private Sicherheitsdienste und Söldnerarmeen. Deren Arbeit bleibt trotzdem unproduktiv, denn hier bestehen die Zugewinne nur aus anderswo erzeugtem Wert. Die „Arbeit“ dient lediglich dazu, dafür zu sorgen, dass der Besitz in den „richtigen“ Händen bleibt. Sollten gar Raubzüge verübt werden, dann geschieht die Aneignung von woanders erzeugtem Wert gänzlich unverhüllt.<br />
<a name="t41" href="#f41">41</a> An den folgenden Überlegungen hat Ernst Lohoff einen maßgeblichen Anteil. Sie beruhen auf einer intensiven Debatte, die größtenteils auf dem Wege der elektronischen Post erfolgte.<br />
<a name="t42" href="#f42">42</a> Rubin (1924, S. 243) bezieht sich allein auf die Rechtsform und macht es sich damit etwas zu leicht.<br />
<a name="t43" href="#f43">43</a> Mehr dazu im Schlusskapitel.<br />
<a name="t44" href="#f44">44</a> Dieser Abschnitt entspricht inhaltlich weitgehend meinem Artikel „Wechselseitige Geiselhaft“, den ich in den Streifzügen (Streifzüge 34/2005, S. 34) veröffentlicht habe. Siehe zum gleichen Thema auch das Buch von André Gorz: „Wissen, Wert und Kapital“, Zürich 2004.<br />
<a name="t45" href="#f45">45</a> Das gilt nicht nur Wissen in Form von Software, sondern auch für Produkte der Musik- und der Filmindustrie. Daraus erklärt sich auch die hysterische Kampagne, die zur Zeit gegen so genannte „Produktpiraten“ geführt wird.<br />
<a name="t46" href="#f46">46</a> Lohoff, Meretz 2003 S. 7.<br />
<a name="t47" href="#f47">47</a> Die Geldäquivalente spiegeln ein Kräfteverhältnis und nicht ein Äquivalenzverhältnis (Gorz 2004, S. 66).<br />
<a name="t48" href="#f48">48</a> Siehe z.B. Meretz 2003.<br />
<a name="t49" href="#f49">49</a> Gorz 2004, S. 41. Eckige Klammern von mir, runde Klammern und Hervorhebungen im Original.<br />
<a name="t50" href="#f50">50</a> Nachdem die Nachfrage an Personal im IT- und Finanzbereich nicht nur gesunken ist, sondern sogar wiederholt Entlassungswellen über diesen Bereich hereingebrochen sind, beschränken viele Experten ihre Hoffnungen nunmehr kleinlaut auf den Bereich der personennahen Dienstleistungen. Dieser erscheint geradezu als letzter Rettungsanker (Siehe etwa Bender und Graßl 2006, S. 26).<br />
<a name="t51" href="#f51">51</a> Änderungstendenzen bestehen zur Zeit darin, die Universitäten einer stärkeren Gewinnorientierung zuzuführen, indem ihre Finanzierung zunehmend auf Studiengebühren und die Einwerbung von privatwirtschaftlichen Forschungsmitteln umgestellt wird.<br />
<a name="t52" href="#f52">52</a> Diese Formulierung stammt von den bürgerlichen Ökonomen Bender und Graßl 2006, S. 26.<br />
<a name="t53" href="#f53">53</a> Faktisch treten bekanntlich erst einmal zunehmende Verschlechterungen ein, bevor es letztlich zum völligen Fortfall der Leistungen kommt.<br />
<a name="t54" href="#f54">54</a> Es handelt sich im Prinzip um nichts anderes als um hochprofessionalisiertes Anpreisen der Ware. Wie beim Gefeilsche auf einem Basar wird auch in diesem Fall die angebotene Ware um keinen Deut besser oder wertvoller: Das Anpreisen der Waren ist keine produktive Arbeit.<br />
<a name="t55" href="#f55">55</a> In der Zirkulationssphäre stehen gerade die definitiv unproduktiven Dienstleistungsberufe der Bankangestellten, Börsenmakler und Finanzdienstleister sehr hoch im Kurs. Das hängt nicht nur mit dem systematischen Blackout der bürgerlichen Ökonomie zusammen, die nicht imstande ist, zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit zu unterscheiden. Ein wesentlicher Grund liegt vor allem darin, dass die besagten Tätigkeiten eng mit einer ganzen Reihe von nicht-realwirtschaftlichen Kapitalvermehrungsprozessen verknüpft sind, in denen unter Umgehung der Produktion fiktives Kapital geschaffen wird. Es handelt sich um Kredite und vor allem um spekulative Besitztitel wie Aktien, Anteile, Derivate etc., die das Versprechen in sich tragen, für Werte zu stehen, die erst in der Zukunft geschaffen (d.h. produktiv erarbeitet) werden. Sie stellen ein fiktives Kapital dar, das in der Marktwirtschaft längst keine Randerscheinung mehr darstellt. Seit den 80er Jahren hängt die gesamte reale Produktion am Tropf des fiktiven Kapitals. Das ist insbesondere von Kurz (1995) beschrieben worden. Diese fiktive Werterzeugung funktioniert zwar seit dem New-Economy-Crash, der im März 2000 begann, nur mehr schlecht als recht, aber trotzdem war dieser Crash nur ein Bruchteil einer großen Wertberichtigung, die immer noch aussteht.<br />
<a name="t56" href="#f56">57</a> Allerdings wird auch hier bereits gespart. So werden z.B. Gehälter von Polizisten gekürzt und auch Stellenabbau ist bei der Polizei kein Tabu mehr. Ferner werden Parlamente verkleinert und nicht zuletzt ist im Bereich der Justiz die Zusammenlegung von Verwaltungs- und Sozialgerichtsbarkeit sowie von Arbeits- und Amtsgerichten geplant.</p>
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		<title>Der Kampf um die Warenform</title>
		<link>http://www.krisis.org/2007/der-kampf-um-die-warenform</link>
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		<pubDate>Sat, 29 Dec 2007 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
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		<category><![CDATA[Krisis 31 (2007)]]></category>
		<category><![CDATA[Stefan Meretz]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie Knappheit bei Universalgütern hergestellt wird]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wie Knappheit bei Universalgütern hergestellt wird</h3>
<p>Aus: <em>krisis</em> 31, 2007</p>
<p><em>Stefan Meretz</em></p>
<p>In diesem Text geht es um eine aneignungstheoretische Untersuchung der gesellschaftlichen Produktion und Nutzung von Universalgütern. Vor die Diskussion der Frage, wie der Kampf um die Warenform bei Universalgütern ausgetragen wird, stelle ich eine phänographische Vorklärung<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup> der in diesem Kontext verwendeten Begriffe. Dabei knüpfe ich an den Artikel von Ernst Lohoff „Der Wert des Wissens. Grundlagen einer Politischen Ökonomie des Informationskapitalismus“ (Lohoff 2007, in diesem Heft) an.</p>
<p><span id="more-703"></span>Die Schwierigkeit beim Zugang zu diesem Thema liegt in der Überschneidung von vier Dimensionen bei der Produktion und Nutzung von Gütern, die häufig miteinander vermengt werden: die <em>stoffliche Beschaffenheit</em>, die <em>Nutzungsweise</em>, die <em>gesellschaftliche Form</em> und die <em>Eigentumsform</em>. Diese Dimensionen sollen im Folgenden einzeln dargestellt werden, um anschließend den Begriff des „Universalguts“ näher zu spezifizieren und vom verwandten Begriff des „Allgemeinguts“ abzugrenzen.</p>
<p>Die Dimension der <em>stofflichen Beschaffenheit</em> fasst den Unterschied von stofflichen und nicht stofflichen Gütern. Stoffliche Güter besitzen eine physische Gestalt, ihre Gebrauchsfähigkeit drückt sich darin aus. Sie können folglich auch verbraucht oder vernichtet werden, was das Ende der gebrauchsfähigen physischen Gestalt zur Folge hat. Nicht stoffliche Güter besitzen keine physische Gestalt, sie brauchen gleichwohl einen physischen Träger bzw. bei Dienstleistungen einen Erbringer, um existieren zu können. Nicht stoffliche Güter können nicht verbraucht und nur dann vernichtet werden, wenn alle physischen Träger vernichtet sind. Dienstleistungen existieren ohnehin nur temporär im Akt der Erbringung, hier fallen Produktion und Konsumtion zusammen. Beispiele: Der Computer ist ein stoffliches Gut, ebenso die DVD; der Film auf dem stofflichen Träger DVD ist hingegen nicht stofflicher Beschaffenheit. Die Beratung per Hotline, um einen Fehler beim Abspielen des Films zu beheben, ist eine Dienstleistung.</p>
<p>Bei der Dimension der <em>Nutzungsweise</em> geht es um den praktischen Vollzug der Nutzung des Guts und die Konsequenzen. Hierbei sind zwei Aspekte zu unterscheiden: <em>Ausschließbarkeit</em> und <em>Rivalität</em>. Güter sind in der Nutzung dann ausschließbar (exklusiv), wenn der Zugriff auf die Güter unterbunden werden kann. Sie ist nicht ausschließbar (inklusiv), wenn der Zugriff potenziell allen möglich ist. Güter sind in der Nutzung rivalisierend (auch kurz: rival), wenn die Nutzung durch die einen die Nutzung für andere einschränkt oder verhindert. Sie sind nicht rival(isierend), wenn ihre Nutzung keine Nutzungseinschränkung für andere zur Folge hat. Beispiele: Das Brötchen ist im Konsum ausschließbar und rival. Ich kann solange vom Verzehr ausgeschlossen werden, bis ich es kaufe. Und wenn ich es verzehre, kann das niemand anderes mehr tun. Die Nutzung des ohmschen Gesetzes ist hingegen weder rival, noch kann ich davon ausgeschlossen werden. Bezahl-Fernsehen erscheint ohne Decoder nur als Rauschen auf dem Bildschirm, seine Nutzung ist also ausschließbar, jedoch nicht rival – empfange ich das Programm, so beeinträchtigt das den Empfang durch andere nicht. Eine öffentliche Straße hingegen ist grundsätzlich für alle da, ihre Nutzung ist jedoch rival – eine Tatsache, die sich im Stau besonders anschaulich Geltung verschafft.</p>
<p>Die Dimension der <em>gesellschaftlichen Form</em> befasst sich mit dem Unterschied von Waren und Nicht-Waren und der Art der sozialen Beziehungen, die diese konstituieren. Waren sind Güter, die nicht für den eigenen Verbrauch, sondern für den Tausch zum Zwecke des Verkaufs hergestellt wurden.<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup> Nicht-Waren sind solche Güter, die nicht getauscht, sondern nur weitergegeben, genommen oder selbst genutzt werden. Beispiele: Ein Brötchen ist eine Ware, wenn es nicht für den Eigenverbrauch, sondern für den Verkauf, also den Tausch gegen die allgemeine Ware „Geld“ hergestellt wird. Backe ich mir selbst oder meinen Freunden Brötchen, dann sind sie keine Ware. Die damit verbundenen sozialen Beziehungen sind sehr unterschiedlich. Im Fall der Ware stellt sich eine soziale Beziehung nur vermittelt über die Warendinge her, wodurch „das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen &#8230; die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“ (Marx 1890, S. 86). Dies nannte Marx bekanntlich „den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden“ (ebd., S. 87). Demgegenüber lassen sich die unfetischistischen sozialen Beziehungen im Falle von Nicht-Waren nicht begrifflich uniformieren, sind sie doch so vielfältig wie das Leben selbst.</p>
<p>Bei der Dimension der <em>Eigentumsform</em> geht es um die rechtliche Gestalt der Güter. Das Privateigentum ordnet eine Sache einer natürlichen oder juristischen Person zu. Gemeineigentum (früher auch: Allmende) ist heute in der Regel staatliches Eigentum und als solches frei zugänglich (öffentliche Güter). Sonderfälle sind nicht frei zugängliche staatlich verwaltete Privatgüter. Freie Güter schließlich sind nicht eigentümliche Güter ohne juristisch verankerte Zugangsbeschränkung. Beispiele: Die private Bäckerei befindet sich im Privateigentum, was allerdings praktisch keinen Unterschied zu einer Staatsbäckerei macht, denn die Kaufbrötchen sind Waren hier wie dort. Zu den freien Gütern zählt die sprichwörtliche „Luft zum Atmen“ – unabhängig von ihrer Verträglichkeit.</p>
<p>Hier ist nicht der Ort, alle möglichen Kombinationen durchzugehen. Hier soll begründet werden, dass Informations-, Wissens- und Kulturgüter mit dem üblicherweise verwendeten Begriff des Allgemeinguts nicht ausreichend erfasst sind. Sie besitzen Eigenschaften, die sie von anderen Allgemeingütern derart abheben, dass der eigenständige Begriff des „Universalguts“ – wie von Ernst Lohoff vorgeschlagen – gerechtfertigt ist.</p>
<p>Allgemeingüter und Universalgüter unterscheiden sich vor allem hinsichtlich der stofflichen Dimension in Kombination mit ihrer Nutzungsweise. <em>Allgemeingüter</em> können sowohl stofflicher wie nicht stofflicher Natur sein. Sie sind entweder rivalisierend im Gebrauch (etwa: Wasser) oder nicht rivalisierend (etwa: Deich), jedoch stets nicht exklusiv in der Nutzung. Allgemeingüter können nicht Waren sein. Werden sie zu Waren, hören sie sofort auf Allgemeingüter zu sein. Öffentliche Güter sind staatlich erzeugte und unterhaltene Allgemeingüter. Sie können steuerfinanziert oder mit einer Gebühr belegt sein. Schließlich können Allgemeingüter freie Güter sein (etwa Luft). <em>Universalgüter</em> sind nicht stofflicher Natur, nicht exklusiv und nicht rivalisierend im Gebrauch. Sie können dennoch zum Bezahlgut werden. Dies ist dann möglich, wenn der Zugriff auf das eigentlich nicht exklusive Universalgut eingeschränkt oder verhindert wird – etwa durch Drohung mit rechtlichen Sanktionen oder dem Universalgut äußerlich hinzugefügte technische Zugangsbeschränkungen. Das ist das weitere Thema dieses Textes.</p>
<p>Wird der Gebrauch von stofflichen Allgemeingütern exklusiviert, dann werden daraus Privatgüter, also Güter im Privateigentum, die <em>Waren</em> sein können. Wird der Gebrauch von Universalgütern exklusiviert, dann bleibt deren Universalgut-Charakter zwar erhalten, sie verwandeln sich jedoch in <em>privatisierte Universalgüter</em> (vgl. Lohoff 2007). Während also das Adjektiv „allgemein“ bei Allgemeingütern auf die nicht eingeschränkte Nutzung abzielt, beschreibt das Adjektiv „universell“ bei Universalgütern die genuinen Eigenschaften des Gutes. Ihre Universalität ist auch nicht durch eine gesellschaftliche, rechtliche oder technische Form aufhebbar, allein der Zugang kann eingeschränkt werden. Ein privatisiertes Universalgut besitzt paradox anmutende Eigenschaften: Es kann nicht getauscht werden, da kein „Händewechsel“ stattfindet, denn nach der Hingabe des Gutes bleibt es unverändert in der Verfügung des ursprünglichen Besitzers; die Verbreitung kann gleichwohl an monetäre Transaktionen gebunden werden, das Gut kann sich also in ein Bezahlgut verwandeln. Ein privatisiertes Universalgut besitzt mithin auch keinen Warencharakter, ist also streng genommen gar keine Ware, dennoch kann es „Warenform“ annehmen.<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> Diese Paradoxien – als gäbe es in der Warengesellschaft nicht schon genug – sind bestens dafür angetan, den wirklichen Gesamtzusammenhang zu verschleiern, weil sie zu einseitigen und damit falschen Schlüssen verführen (ausführlicher dazu vgl. Lohoff ebd.).</p>
<p>Nach dieser phänographischen Vorklärung<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup> nun zu den Aneignungskonflikten rund um die Universalgüter Wissen, Software<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup> und Kultur. Die paradoxen Eigenschaften von privatisierten Universalgütern bringen Ambivalenzen in Produktion und Distribution hervor, die sowohl auf die immanenten Grenzen der Verwertungslogik verweisen wie auf alternative Handlungsmöglichkeiten jenseits der kapitalistischen Formen. Anders als die Propagandisten der Verwertung behaupten, bieten privatisierte Universalgüter keinen neuen Schub der Wertproduktion, denn aufgrund ihres waren- und wertlosen Charakters sind sie nur in der Lage „Informationsrenten“, also eine Umverteilung anderswo produzierter Wertmassen, zu generieren. Da der Kampf um die bloß äußerliche „Warenform“ auf rechtlicher und technischer Ebene ausgetragen wird, eröffnet sich hier auch ein Zugang zur Frage alternativer Handlungsformen, die auf eine gesamtgesellschaftliche Vermittlung jenseits von Tausch, Markt, Wert und Staat verweisen.</p>
<p>Welchen Verlauf der Kampf um die Warenform bei Universalgütern nehmen wird, ist offen. Um hier eingriffsfähig zu werden, ist es notwendig, die Widersprüche im Feld sowohl hinsichtlich ihrer Allgemeingültigkeit wie ihrer Besonderheit zu begreifen. Das ist kein einfaches Unterfangen, da neben der bürgerlichen Ideologie als notwendige und auch formadäquate Widerspiegelung der immanenten Handlungsanforderungen an das Warensubjekt auch kritische Ansätze eben jene Ideologie unbewusst aufgreifen und theoretisch reproduzieren. Wie stets spielen dabei zentrale Leitbegriffe eine wichtige denk- und damit handlungsleitende Rolle. In diesem Aufsatz soll es dabei um den Begriff der <em>Knappheit</em> gehen. An ihm will ich exemplarisch zeigen, wie der Rückgriff auf bürgerliche Denk-Kategorien entgegen der Intention der Urheber auf Kosten des kritischen Gehalts ihrer Ansätze geht. Dabei steht die Auseinandersetzung mit den alternativen Denkangeboten am Anfang. Der Standpunkt meiner Kritik bleibt zunächst noch im Hintergrund und wird erst im zweiten Schritt expliziert.</p>
<p>Die Demontage des Knappheitsbegriffs macht es möglich, den wenig geräuschvollen, aber eminent brisanten Kampf um die Warenform bei Universalgütern am Beispiel digitaler Universalgüter wie Software, Kultur- und Wissensprodukten darzustellen. Besonderes Augenmerk richte ich dabei auf das <em>Digital Restrictions Management</em>. Dies eröffnet – so ist zu hoffen – eine klarere Perspektive auf alternative Ansätze wie die weiter wachsenden freien Bewegungen im Bereich von Software, Kultur und Wissen.</p>
<h3>Knappheit als Kategorie</h3>
<p>Der Begriff „Knappheit“ ist eine Erfindung der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre. Sie geht so: Man nehme einen Alltagsbegriff, in diesem Fall das Wort „knapp“ – laut Wörterbuch bedeutet es „eng anschließend, kärglich, eben zureichend, nicht in vollem Maße“, irgendwie „zu wenig von etwas“. Dann setze man die Bedürfnisse der Menschen auf „unendlich“ – wollen wir nicht immer mehr von etwas? Drittens halte man fest, dass Güter nun einmal „endlich“ sind – es gibt von etwas immer nur abzähl- oder messbar viel. Nun rühre man um: Ein Endliches bezogen auf ein Unendliches ergibt unweigerlich „Knappheit“. Ist doch nicht schwer! Noch einmal bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia (2007a) rückversichert: „Volkswirtschaftlich ist ein Gut genau dann knapp, wenn bei einem Preis des Gutes von Null mehr nachgefragt werden würde als zur Verfügung steht. Knappheit ist damit als Ursache des Wirtschaftens zu betrachten.“ Nun, mit dem Preis als weiterer Größe im Bunde, folgt zwingend, dass bei einer Nachfrage über das Maß der Verfügbarkeit hinaus es einen Preis größer Null geben muss, so dass „Wirtschaften“ stattfinden kann, damit die Bedürfnisse befriedigt werden können – wenigstens ansatzweise angesichts ihrer postulierten Unendlichkeit.<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup> Da alle Zutaten angeblich zu allen Zeiten gültig und somit naturale Größen sind, findet „Wirtschaften“ immer statt – gestern, heute und auf ewig.</p>
<p>Was geschieht nun, wenn es von einem Gut angesichts einer „Nachfrage“ genug gibt? Ist dann alles bestens? Weit gefehlt, denn es findet ja nun kein „Wirtschaften“ mehr statt, das gerade das produzieren soll, was wir über das Maß des Verfügbaren hinaus brauchen sollen, damit „Wirtschaften“ stattfindet.<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a></sup> Damit jener Stillstand etwa angesichts von erreichter Bedürfnisbefriedigung nicht eintritt, damit also Bedürfnisbefriedigung nicht eintritt, auch nicht sektoral oder temporal trotz unter Umständen vorhandener Möglichkeiten, sprich: vorhandener Güter, müssen diese Güter „künstlich knapp“ gemacht werden, am besten präventiv. „Künstliche Knappheit“ ist somit sehr schlicht definiert als Situation, in der „der Produzent eines Produktes das Angebot unterhalb der Nachfrage hält“ (Wikipedia 2007b). Das schließt ungesagt ein, dass Produkte als Angebot und Nachfrage zirkulieren, also Warenform annehmen.</p>
<p>Soweit die Begriffe „Knappheit“ und „künstliche Knappheit“. Wie können wir sie dekonstruieren? Es gibt mehrere Ansätze. In der Regel operieren Kritiken der Knappheit mit dem Begriff der Knappheit selbst. Die zugrunde liegende gesellschaftliche Regulationsform von Ware, Geld und Markt wird damit zunächst akzeptiert. Das ist auch vertretbar, wenn klar bleibt, dass sich die Kritik nur <em>innerhalb</em> der Logik der Warenform bewegt. Genau das geschieht jedoch häufig nicht.</p>
<p>Bei der Untersuchung solcher Knappheitskritiken stellen sich zwei Probleme. Einerseits führt der unkritische, affirmative Gebrauch des Knappheitsbegriffes dazu, dass Bestandteile der bürgerlichen Vorstellungen in die eigene Argumentation Eingang finden. Andererseits blenden die Knappheitskritiken zumeist die Differenz von Waren und privatisierten Universalgütern in Warenform aus. Im Folgenden geht es zunächst um den folgenreichen Import, allein der Knappheitsbegriff als Leitkategorie kritischer Argumentationen wird infrage gestellt. Erst anschließend an die Kritik des gängigen Knappheitsbegriffs, die anhand nicht universeller „normaler Güter“ entwickelt wird, behandle ich die zusätzliche Problematik der Güterform selbst. Diese Vorgehensweise werde ich am Beispiel zweier kritischer Ansätze durchführen, die sich explizit dem Thema der Knappheit widmen.</p>
<p>Zum ersten Beispiel. Das <em>Wiki „Freie Gesellschaft“</em><sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup> liefert folgende Definition von Knappheit (FG-Wiki 2007a): „<em>Natürliche Knappheit</em> liegt vor, wenn Güter nicht in ausreichendem Maße vorhanden oder produzierbar sind, aufgrund ‚natürlicher‘ Faktoren wie der Abhängigkeit von endlichen Ressourcen oder nutzbarem Raum. <em>Unterproduktion</em> liegt vor, wenn Güter zwar in ausreichendem Maße hergestellt werden könnten, aber sich nicht genügend Menschen finden um dies tatsächlich zu tun. <em>Künstliche Knappheit</em> ist eine von Menschen hergestellte Verknappung an sich nicht knapper Dinge (etwa durch Kopierverbote und Kopierschutzmechanismen bei Software).“ Im ersten Durchgang lesen sich die drei Bestimmungen vernünftig und kritisch. Beim genaueren Hinsehen offenbaren sich erhebliche Schwächen.</p>
<p>Die Natürlichkeit der ersten Knappheitsform wird mit dem Bezug auf „endliche Ressourcen oder nutzbarem Raum“<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup> begründet. Gleichzeitig wird die Natürlichkeit wieder dadurch aufgehoben, dass von Gütern die Rede ist, die nicht „in ausreichendem Maße“ – hier kommt implizit der Bedürfnisbezug ins Spiel – „vorhanden oder produzierbar“ sind. Augenfällig tritt der Widerspruch im Falle des Produzierens zutage. Produzieren bedeutet gerade nicht bloßes Vorfinden eines „Naturgegebenen“, sondern verweist auf den „Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur“, den Marx als „ewige Naturnotwendigkeit“ (Marx 1890, S. 57) gesellschaftlicher Vermittlung festhielt.<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup> Das „Natürliche“ besteht also hier in der Tatsache, dass Menschen ihre Lebensbedingungen herstellen und nicht darin, dass sie der Natur schon Vorhandenes entnehmen – wie der Verweis auf die endlichen Ressourcen nahelegt. Die Differenz zwischen Produzieren und bloßer Naturentnahme scheint auch in der Definition selber auf, werden doch jene „endlichen Ressourcen“ nur unter Vorbehalt – nämlich durch Kennzeichnung mit Anführungsstrichen – als „natürlich“ gekennzeichnet. Aber nicht erst die Klassifizierung der Produktion als Naturgegebenheit ist problematisch; schon die Interpretation des bloß Vorhandenen als scheinbar eindeutige Naturgegebenheit lässt sich näher besehen nicht halten.</p>
<p>Auch das bloß Vorhandene ist nämlich kein „natürliches Gut“ im Sinne eines bloß da-seienden von der menschlichen Produktion unberührten Dings. Die Produktion hat – ob intentional oder nicht – das „natürlich Vorhandene“ in einer Weise umgestaltet, dass jener notwendige Stoffwechsel teilweise bedrohlich eingeschränkt oder lokal sogar gänzlich unmöglich geworden ist. Natur im Sinne einer gegenüber allem menschlichen Zutun präexistenten Rohform ist so gut wie gar nicht mehr vorhanden. Natur ist längst global <em>produzierte</em> Stoffwechsel- und also Lebens<em>bedingung</em> für jenes Produzieren. Damit produzieren Menschen nicht nur ihre Lebensbedingungen, sondern sie produzieren darüber hinaus gleichzeitig auch die Bedingungen für die Produktion der Lebensbedingungen. Dabei ist die Ausgestaltung des menschlich-naturnotwendigen Stoffwechsels keine überhistorische, formneutrale Angelegenheit, vielmehr handelt es sich bei den heute vorherrschenden destruktiven Formen der Reichtumsproduktion um die notwendige Verlaufsform der Verwertungslogik, die „zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (ebd., S. 530).</p>
<p>Werden Lebensbedingungen der Menschen grundsätzlich als <em>produziert</em> begriffen, so ist durchaus eine gesellschaftliche Form vor- und herstellbar, die nicht destruktiv ist, sondern die Bedingungen für den Stoffwechsel und den Menschen im Prozess selbst erhält, also gute Voraussetzungen für die Produktion guter Lebensbedingungen sicherstellt. Will man diese Frage aufwerfen, dann kann man die Bedürfnisse jedoch nicht nur beiläufig und implizit ansprechen, sondern muss sie ins Zentrum rücken. Sobald man dies tut und „Produzieren“ im umfassenden Sinne als <em>Herstellung der menschlich-gesellschaftlichen Lebensbedingungen im Verhältnis zu den historisch-spezifischen Bedürfnissen</em> begreift, anstatt es an eine separate Sphäre namens Ökonomie als vor sich hinfunktionierende quasi-kybernetische „Maschine“ zu delegieren, wird ein Begriff wie „natürliche Knappheit“ obsolet.<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup> Denn genau besehen setzt ein solcher Begriff die Sphärenspaltung – wertbasierte bedürfnisentfremdete Ökonomie hier, wertabgespaltene bedürfnisbasierte Sphäre dort – bereits voraus, indem er „Produktion“ als das Eigentliche und „Bedürfnisse“ als das Nachträgliche trennt, die erst in der Zirkulation im Tausch „Ware gegen Geld“ zusammenkommen.</p>
<p>Sind nicht aber tatsächlich Ressourcen „natürlich endlich“? Ist das Öl nicht „natürlich knapp“? Ist es nicht so, dass nicht jeder am Ufer eines Sees wohnen kann, weil dieses nun einmal eine endliche Länge hat? Solche und andere Fragen lassen sich nur vor dem Hintergrund einer bereits unterstellten Spaltung von Produktion und Zirkulation formulieren, sie sind – wie Marx sie an anderer Stelle genannt hat – „objektive Gedankenformen“ (ebd., S. 90), ideologische Formen. Danach geht es scheinbar auf dem Markt darum, welche „Bedürfnisse“ befriedigt werden können, für die „die Produktion“ nur die Mittel bereitstellt. „Bedürfnisse“ werden dabei partialisiert, denn sie müssen die Form des kaufkräftigen Bedarfs annehmen und nur in dieser Form und unter Absehung jeglicher Entstehungsbedingungen kann das jeweilige partielle „Bedürfnis“ an die Befriedigungsmittel gelangen. Hier hat sich das Verhältnis von Bedürfnissen und Produktion verkehrt: Produktion ist nicht eine Form der Herstellung aller Lebensbedingungen zur Befriedigung von Bedürfnissen, sondern die Bedürfnisse sind dazu da, als partialisierter, geldförmiger Bedarf auf bereits Produziertes zu treffen, bei dem nicht nur über die Darreichungsform der durch Kauf zu erwerbenden Ware, sondern über extrem viele andere Bedürfnisse mitentschieden wird. Jeder Kauf ist nicht nur eine Entscheidung für ein Produkt. Ob der Käufer will oder nicht rechtfertigt der Kaufakt implizit gleichzeitig den Ressourcenverbrauch und die produktionsbegleitenden Zerstörungen, die letztlich auch von den Menschen ertragen werden müssen und – global unterschiedlich verteilt – die Reproduktionsbedingungen unterminieren. Auch wenn sich diese <em>Konkurrenz der Bedürfnisse</em> hinter unserem Rücken vollzieht, sind ihre absurden Resultate wohl bekannt und werden allseits beklagt.</p>
<p>Die drei vorher genannten Fragen spiegeln genau die beschriebene Denkform wider und isolieren Bedürfnis und Produkt voneinander. Das Produkt ist bereits „da“ und nun frage ich: Werden die Ressourcen reichen, wenn wir so weitermachen? Stoffwechsel bedeutet Umsatz von kohlenstoffbasierten Energieträgern: Wird „Peak-Oil“ nicht demnächst schon überschritten? Die Menschen wollen nun einmal am Wasser wohnen: Sind die entsprechenden Grundstücke nicht längst vergeben? Es erscheint undenkbar, ja geradezu irrwitzig, Bedürfnisse und Produkte wieder in ein bewusstes gesamtgesellschaftliches Verhältnis zu setzen. Das würde bedeuten, gesellschaftlich danach zu fragen, für welche Bedürfnisse wir mit welchem Aufwand welche „Produktion“ betreiben wollen, wie wir mit Begrenzungen umgehen, wie viel menschliche Energie wir für die Reparatur der Verheerungen kapitalistischer Produktion aufbringen wollen, welche Bedürfnisse wir heute, morgen oder erst übermorgen befriedigen wollen, unter Abwägung der Möglichkeiten der Herstellung der Befriedigungsmittel. Unter Bedingungen, unter denen solche Fragen als Verhältnis von Bedürfnissen und Möglichkeiten zu ihrer Befriedigung gesellschaftlich thematisierbar und umsetzbar wären, unter denen das Verhältnis wieder auf die Füße des Bedürfnisses gestellt wäre, gäbe es keine „Knappheit“. Denn Knappheit ist eine <em>notwendige</em> soziale Form der Warenproduktion, die ex post die zerrissene Beziehung der von den Bedürfnissen entkoppelten Produktion wieder mit nun ausschließlich geldbewährten Bedarfen auf dem Markt vermitteln muss. Dazu gleich mehr.</p>
<p>Die adjektivische Kennzeichnung als „natürliche Knappheit“ legt sein Gegenstück zwanglos nahe: Wenn Knappheit „natürlich“ sein kann, dann wohl auch „künstlich“, und zwar, wenn es sich um eine „Verknappung an sich nicht knapper Dinge“ (FG-Wiki 2007a) handelt. Es gibt also anscheinend „an sich“ (natürlicherweise) reichliche (nicht knappe) und knappe (nicht reichliche) Dinge. Während bei der natürlichen Knappheit zuerst der Widerspruch zum Herstellungsakt ins Auge sprang, der eine behauptete genuine Natürlichkeit dementierte, so ist es hier gleichsam spiegelverkehrt die Abwesenheit der Produktion: Herstellung taucht hier nur auf als von <em>Menschen hergestellte Verknappung</em>, also als das Gegenteil von Herstellung, als Einschränkung von bereits Hergestelltem. Knappheit erscheint hier als Problem der Allokation, der Verteilung. Das ist wahr und falsch zugleich.</p>
<p>Wahr ist, dass es unzählige Beispiele gibt, in denen der Zugriff auf vorhandene Güter durch Einsatz von Rechtsform, Gewalt und Arbeitskraft unterbunden wird. Die Wikipedia-Definition nennt als Beispiel Software; genauso gut ließen sich auch die Million Paar Turnschuhe anführen, die im November 2006 im Hamburger Hafen entdeckt und schließlich verbrannt wurden, weil die Herstellerfirma keinen Lizenzvertrag mit dem Markeninhaber abgeschlossen hatte und die deshalb medial als „Fälschung“ bezeichnet wurden. Unwahr ist jedoch, dass es sich um einen Ausnahmetatbestand handelt, der nur an einem Teil aller vorhandenen Güter exekutiert wird, wie es das Adjektiv „künstlich“ nahelegt. Vernichtungsaktionen kommen nicht nur häufig vor, prinzipiell ist <em>jede Knappheit künstlich</em>, da Knappheit mitnichten ein ontologisches Faktum oder eine Begleiterscheinung von „Produktion“ schlechthin ist und von der Nutzenseite der Güter her keinesfalls erforderlich wäre, sondern <em>Eigenschaft der Warenproduktion</em> als <em>historisch-spezifischer Form</em> der Produktion. Gleichzeitig ist damit insofern aber auch <em>jede Knappheit natürlich</em>, als Knappheit eine notwendige Wareneigenschaft ist, also der <em>Natur der Warenproduktion</em> entspricht, in der Bedürfnisse und Produkte erst ex post vermittelt werden. Knappheit ist kein den Waren äußerlich aufgeprägter Zusatz, kein bloßes Allokationsproblem, sondern <em>genuiner Bestandteil</em> der Produktion von Gütern als <em>Waren</em>.</p>
<p>An dieser Stelle sei die zweite, bisher ausgeblendete Problemdimension ins Spiel gebracht, denn privatisierte Universalgüter stellen eine gewichtige „Anomalie“ (Lohoff 2007) dar. Privatisierte Universalgüter sind äußerlich in Warenform gebrachte Güter, die gleichwohl ihren Universalcharakter nicht verlieren. Obgleich Bezahlgüter in Warenform sind es im engeren Sinne keine Waren. Diese Abspaltung der Form von der Substanz bildet den Kern der Anomalie, die privatisierte Universalgüter auszeichnet. Hier kann man mit einiger Berechtigung davon sprechen, dass den Gütern die Knappheit künstlich aufgeprägt wurde. Hier muss additiv hergestellt werden, was die Produktion nicht erbringt, weil Universalgüter keine Waren sein können. Diese äußerliche, additive Form sorgt zwar für Verkaufbarkeit, nicht jedoch für Werthaltigkeit: Universalgüter, ob in privatisierter oder freier Form, sind und bleiben ohne Wertsubstanz. Das bedeutet für ihren Verkauf, dass angeeignete Geldsummen anderswo produzierte Wertsubstanz umleiten. Die Konsequenzen dieser Form der „Informationsrenten-Ökonomie“ können hier nicht diskutiert werden.</p>
<p>Neben der natürlichen vs. künstlichen Knappheit führen die Autorinnen und Autoren eine weitere Knappheitskategorie im FG-Wiki ein – ist doch nicht der gesamte Argumentationsraum der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre abgedeckt. So wurde für den Fall des „Nachfrageüberhangs“ (Nachfrage größer als Angebot) aufgrund fehlender Produktion der Begriff „Unterproduktion“ gewählt. Denn ganz offensichtlich sei es doch so, dass bestimmte Dinge nicht hergestellt werden: „Es ist &#8230; zumeist mangelnde Rentabilität – und nicht Knappheit, d.h. Mangel an benötigten Ressourcen –, die dazu führt, dass Dinge nicht produziert werden, obwohl Bedarf für sie da wäre.“<sup><a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></sup> (FG-Wiki 2007b) Die Unterproduktion aufgrund zu geringen Profits fällt hier deswegen in eine eigene Knappheitskategorie, weil der ursächliche Zusammenhang aller drei Aspekte nicht gesehen wird. Der Grund dafür ist der theoretische Nachvollzug der in der bürgerlichen Gesellschaft vorhandenen Trennung von Produktion und Bedürfnisbefriedigung. Die Behauptung, die Knappheitsform „Unterproduktion“ würde auftreten, wenn der Profit nicht stimmt, unterstellt, dass bei ausreichendem Profit eigentlich keine Knappheit aufträte. Das ergibt auch Sinn, wenn hier nun die „künstliche Knappheit“ einspringt, die dann „an sich nicht knappe Dinge“ verknappt. Das jedoch mystifiziert die Knappheit zu einem der Ware generell äußerlichen Phänomen, wie sie bei privatisierten Universalgütern doch so offensichtlich zu beobachten ist: Die separierte Produktion ist zwar im Kapitalismus profitgetrieben, sie erscheint aber als eine an sich neutrale Angelegenheit. Erst in der Zirkulation scheint dem Produkt die Knappheit oktroyiert zu werden, erst hier scheint das Produkt Ware zu werden, und erst hier scheint der Profit zu entstehen. Diese Implikationen reproduzieren – ich unterstelle: ungewollt – jenen „Verteilungsmarxismus“, der doch eigentlich zu überwinden sei, denn anderenorts bezieht sich das FG-Wiki explizit positiv auf die Wertkritik (vgl. FG-Wiki 2007b).</p>
<p>Zum zweiten Beispiel. <em>Sabine Nuss</em> (Nuss 2006) verwendet die Begriffe natürliche und künstliche Knappheit in ähnlicher Weise wie die Autorinnen und Autoren des FG-Wiki. Allerdings erkennt und formuliert sie wesentlich schärfer den Zusammenhang von Eigentums- und Warenform<sup><a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a></sup> kapitalistischer Produktion: „Der spezifisch kapitalistische Aneignungsprozess hat &#8230; zur Voraussetzung, dass Produkte, sofern sie Warenform annehmen sollen, ‚knapp‘ sein müssen, das heißt, dass sie nur der zahlungsfähigen Nachfrage zugänglich sein dürfen.“ (ebd., S. 205) Nuss konstatiert, dass „künstliche Verknappung &#8230; bei allen Gütern erfolgen muss, wenn sie für den Warentausch produziert werden. Bürgerliches Eigentum <em>ist</em> die Erzeugung künstlicher Knappheit.“ (ebd.). Doch damit hypostasiert sie den Begriff des „Künstlichen“, als ob erst eine generell zusätzlich zur Produktion durchzuführende Aktion – die „Verknappung“ eben – aus Gütern Waren macht, als ob die Güter in der Produktion bloße Güter sind und nicht bereits als Waren erzeugt würden. Bei Nuss ist diese eigentümliche Trennung von Produktion und Zirkulation insofern verständlich, als sie sich theoretisch an Michael Heinrich orientiert und diese Interpretation des Verhältnisses von Zirkulation und Produktion dessen Ansatz insgesamt durchzieht.<sup><a name="sdfootnote14anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a></sup> Diese theoretische Nähe hat aber ihren Preis. Indem Nuss die Knappheitsproduktion generell zu einem der eigentlichen Produktion nachgeschalteten Prozess erklärt, missversteht sie ein spezielles Merkmal der Produktion privatisierter Universalgüter als allgemeine Wareneigenschaft. In Wirklichkeit handelt es sich aber gerade dabei um eine warengesellschaftliche Anomalie. Diese tritt gerade dort auf, wo die Warenform Nicht-Waren oktroyiert wird.</p>
<p>So wie Knappheit als Akt der Verknappung erscheint und somit „künstlich“ ist, so erscheint die Endlichkeit bestimmter Güter bei Nuss als „natürlich“: „Natürlich gibt es Produkte, die ‚von Natur aus‘ endlich sind, wie beispielsweise fossile Energieträger. Hier handelt es sich aber um eine <em>natürliche</em> Knappheit (also eine Knappheit auf der stofflichen Ebene), nicht um eine <em>gesellschaftlich erzeugte</em> (also um eine Knappheit auf der Ebene der gesellschaftlichen Formbestimmung).“ (ebd., S. 206, Herv. im Original). Aus der Problematik der in naher Zukunft erreichten Schranken der Förderbarkeit bestimmter Ressourcen, die Ergebnis der spezifischen Produktionsweise sind und mithin auf der „Ebene der gesellschaftlichen Formbestimmung“ zu verhandeln wären, schließt Nuss auf eine „natürliche Knappheit“. Aber mit einer schlichten „Verwechslung von Wesen und Erscheinung“ kann das Problem nicht abgetan werden. Fragen wir also: Sind nicht wirklich die „Produkte &#8230; endlich“? Die Produkte? Oder die Grundstoffe, die zu Produkten verarbeitet werden? Welche Produkte eigentlich, für welches Bedürfnis? Auch hier wird wieder so getan, als gäbe es „die Produktion“ unter Abstraktion jeglicher Bedürfnisse. Der gesellschaftliche Schein der Trennung von Produktion und Bedürfnis wird hier als „natürliche Knappheit“ mystifiziert: Dort ist Produktion, und so wie sie dort läuft, ist sie endlich, also knapp, zuerst das Öl – das sieht doch jede/r! Von einer genauen „Formbestimmung“ wird genau dort abgesehen, wo sie erforderlich wäre.</p>
<p>Aber auch auf der bloß „stofflichen Ebene“ wird es nicht besser. Die Aussage, dass „Produkte &#8230; endlich sind“, ist zwar richtig, aber so allgemein wie nichtssagend. Es gilt für buchstäblich alle Stoffe – über kurz oder lang. Die Frage ist jedoch, in welcher Weise die Menschheit ihren endlichen Aufenthalt auf der Erde angesichts der Endlichkeit ihrer stofflichen Beschaffenheit gesellschaftlich herstellt, in welcher Weise sie also gesellschaftlich das Verhältnis von Bedürfnissen und Produzierbarem organisiert. So gesehen ist alles „knapp“, womit sich jedoch vollends der Erkenntnisgehalt des Begriffs verflüchtigt.</p>
<p>Unbesehen dieses Defizits – letztlich, weil sie den Begriff Knappheit nicht antasten möchte – kritisiert Nuss jedoch zurecht die unter den Kritiker/innen des „geistigen Eigentums“ (wozu auch das FG-Wiki-Projekt gehört) verbreitete schlichte Dichotomie von „stofflich = natürlich knapp“ und „unstofflich = nicht knapp“: „Die kapitalistische Produktionsweise erzeugt mit der Annahme einer natürlichen Knappheit der Güter eine Denkform, welche Voraussetzung der bürgerlichen Eigentumstheorie ist und welche auch die Kritiker des geistigen Eigentums teilen, indem sie auf die Nicht-Knappheit des Immateriellen als Gegensatz zur Knappheit des Materiellen verweisen.“ (ebd., S. 208) Zwar schränkt sie die Bindung des „Stofflichen“ an die Knappheit ein und dekonstruiert diese als im Wesentlichen „gesellschaftliche Formbestimmung“, jedoch hält sie an der Dichotomie „natürlich knapp“ vs. „künstlich knapp“ letztlich fest. Das hindert sie daran, den Kern der Dichotomie stofflich/knapp vs. unstofflich/unknapp freizulegen: Als Waren hergestellte Güter sind knapp, unabhängig von ihrer stofflichen Beschaffenheit; bei den in die Warenhülle gepressten privatisierten Universalgütern ist jedoch die Knappheitsproduktion an Produktmodifikation (Kopierschutz) und juristische Zusatzmaßnahmen gebunden – insofern sprechen die Kritiker/innen des „geistigen Eigentums“ mit ihrer falschen Gegenüberstellung von „künstlicher“ und „natürlicher Knappheit“ also durchaus einen realen Unterschied an.</p>
<p>Für eine begriffskritische Wendung des Problems „Knappheit“ ist mehr theoretische Substanz erforderlich. <em>Ernst Lohoff</em> hat in einem früheren Aufsatz „Zur Dialektik von Mangel und Überfluss“ (1998) bereits Grundsätzliches beigesteuert. Lohoff bringt die Paradoxie der „Identität von Mangel und Reichtum“ (ebd., S. 58) folgendermaßen auf den Punkt: „Knappheit wird naturalisiert, indem sie konsequent zunächst mit Mangel, also unzureichender menschlicher Bedürfnisbefriedigung, durcheinandergeworfen wird und dieser wiederum mit der Endlichkeit aller Ressourcen. (&#8230;) ‚Knappheit‘ resultiert weder aus der quantitativen Begrenztheit aller von Natur vorhandenen oder von Menschen erzeugten Dinge noch aus einem vorausgesetzten prinzipiellen Mangel an Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung; die ökonomische Setzung Knappheit erzeugt vielmehr ihrerseits erst systematisch jenen Mangel, der ihr Urgrund sein soll.“ (ebd., S. 59) Die initiale „Setzung“ als „Schaffung von absolutem Mangel“ durch „ursprüngliche Expropriation“ (ebd., S. 66) erfolgt im Prozess der historischen Durchsetzung des Kapitalverhältnisses und des Privateigentums: „Privateigentum fällt mit der Konstitution von Mangel zusammen, weil es für einen grundsätzlich exkludierenden Bezug auf alles steht, was zum gesellschaftlichen Reichtum zählen kann.“ (ebd., S. 67f.)</p>
<p>Um den Austausch von „Knappem“ als universelles gesellschaftliches Prinzip zu etablieren, musste dafür gesorgt werden, dass „auch die Arbeitskraft zum ‚knappen Gut‘ mutiert“ (ebd., S. 73). Das war nur möglich, indem die Lebenszeit der Menschen aufgespalten wird in eine für einen fremden, abstrakten Zweck von der „eigentlichen Lebenszeit ‚ab(ge)spart(e)‘“ (ebd.) und zu opfernde Zeit und einen Rest, der der Reproduktion der Opferzeit dient. Diese Mutation vom Menschen zum Arbeiter war Teil der „Urverbrechen der Warengesellschaft“, der „gewaltsame(n) Zerstörung aller knappheitsfreien Formen von Reichtumserzeugung“ (ebd., S. 65f.). Denn: „Wären die (re)produktiven Tätigkeiten für diejenigen, die sie ausüben, unmittelbare Lebensäußerung und Lebensbedürfnis, so könnten sich die Erzeugnisse niemals als Ensemble knapper Güter vergegenständlichen.“ (ebd., S. 73)</p>
<p>Der Terror des absoluten Mangels sowohl an Subsistenzmitteln wie opferfreier Lebenszeit, war auf Dauer für die Reproduktion des warengesellschaftlichen Systems als Ganzem dysfunktional, denn ähnlich wie bei der bloß formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital in Formen der absoluten Mehrwertsteigerung durch Ausweitung des Arbeitstages, Kinderarbeit etc. waren die Grenzen bald erreicht. Die Systemkonstitution der Warengesellschaft war erst in dem Maße abgeschlossen, wie der Mangel nicht mehr nur <em>äußerliches Prinzip</em>, sondern <em>integraler Bestandteil</em> der Reproduktion der Verwertungslogik wurde. Folglich: „An die Stelle des absoluten tritt der sich selber perpetuierende relative Mangel. An die Stelle äußerlicher Gewalt tritt der verinnerlichte Zwang, die Knappheitslogik von sich aus mitzuexekutieren.“ (ebd., S. 75) Mit dem „perpetuierten relativen Mangel“ kommt die Knappheit auf ihren Begriff, die jene Paradoxie von Armut im Überfluss wieder und wieder erzeugt und vor der die meisten kritischen Kritiker/innen im changierenden Schein von „künstlicher versus natürlicher Knappheit“ kapitulieren.</p>
<p>Doch auch der „Reichtum an Knappheit“ (ebd., S. 57) ist durch seine eigene Verknappung bedroht – dies jedoch nicht wie bei Nuss als äußerliche Beschränkung, die der Kapitalismus ohnehin nicht akzeptieren würde, sondern als Resultat der eigenen Funktionslogik, die darin besteht, sich die abstrakte Arbeit als Substanz, die diesen Prozess überhaupt in Gang hält, unterm Hintern wegzurationalisieren. Die zunehmende Knappheit an Knappheit tritt jedoch nicht als Wiedergewinnung von geopferter Lebenszeit der Arbeitenden in Erscheinung, sondern als „Rückkehr vom relativen Mangel zum absoluten“ (ebd., S. 81). Mitten in diesen Prozess hinein fällt nun der Bedeutungszuwachs jener Güterklasse, die es wieder richten soll, deren Knappheit jedoch nicht mehr an stoffliche Schranken zu binden ist. Beim Kampf um die Warenform unstofflicher Güter wie Wissen, Software und Kultur geht es unversehens und ungeahnt ums Ganze.</p>
<p>Lohoff verwendete in seiner früheren Analyse einen deskriptiven Begriff von „Knappheit“ und vermied dabei die Auseinandersetzung mit bürgerlichen Konzepten. Das FG-Wiki und Nuss blieben auf der Grundlage der bürgerlichen Knappheitskonzepte und versuchten immanent eine Kritik zu formulieren. Das Wiki-Projekt tappte dabei in die Falle der Isolierung der scheinneutralen „Produktion“ von den – in der bürgerlichen Gesellschaft auch real – separierten „Bedürfnissen“, die ohnehin nur als „Bedarf“ interessieren. Trotz ihrer Kritik an der unter den Kritiker/innen des „geistigen Eigentums“ verbreiteten Dualität von stofflich = knapp / nicht stofflich = nicht knapp ist auch Nuss, die ebenfalls die Spezifik der privatisierten Universalgüter übergeht, davon nicht frei. Um hier weiterzukommen, ist es also erforderlich, die von Lohoff formulierte inhaltliche Kritik auf eine begriffliche Ebene zu heben und die „Knappheits“-Vorstellung selbst zu dekonstruieren und zu reformulieren.</p>
<h3>Knappheit, Begrenzungen, Voraussetzungen</h3>
<p>Kritik und Reformulierung beginnen damit, dass wir uns den begrifflichen Kontext vergegenwärtigen: Es geht um die Art und Weise wie Menschen ihr Leben gewinnen. Menschen finden ihre Lebensbedingungen nicht bloß vor, sondern sie stellen sie aktiv her. Dies tun sie von vornherein in einem gesellschaftlichen Zusammenhang, und da die individuelle Existenz gesamtgesellschaftlich vermittelt ist, hat jede/r an der Herstellung und Nutzung der Lebensbedingungen teil. Diese Teilhabe muss durchschnittlich jene Beiträge erbringen, die für den Erhalt des gesellschaftlichen Zusammenhangs erforderlich sind, was jedoch nicht festlegt, ob, in welcher Weise und wann sich der konkrete einzelne Mensch an der Herstellung der notwendigen Beiträge beteiligt. Dieser Möglichkeitsraum<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup> ist es, der grundsätzlich erlaubt, historisch spezifische Formen der gesellschaftlichen Vermittlung einzugehen, was jedoch nicht bedeutet, dass eine bestimmte gesellschaftliche Form historisch determiniert wäre. Gleichwohl gab und gibt es historisch unterschiedliche Voraussetzungen, die in der konkreten Situation zu unterschiedlichen Möglichkeitsräumen und damit Formen der gesellschaftlichen Vermittlung führten: Im Nachhinein können wir sie begründen, in der Vorausschau können wir sie nicht angeben.</p>
<p>Die warengesellschaftliche Form der gesamtgesellschaftlichen Vermittlung ist eine historisch-spezifische. Sie erzeugt objektive Gedankenformen und setzt ihre basalen Kategorien als überhistorische: So wie jetzt ist es im Prinzip immer gewesen. Ihre immanenten Referenzen auf scheinontologische Gewissheiten verstärken diesen Schein: Wirtschaft ist immer gewesen, weil immer Knappheit war – und umgekehrt. Um das zu durchbrechen, müssen wir uns klar machen, welche realen Verhältnisse die Begriffe widerspiegeln, mit denen wir diese Verhältnisse denkend reflektieren. Dies geht natürlich nicht von einem fiktiven Außenstandpunkt aus, und auch die Kritik der bestehenden bürgerlichen Gedankenformen ist Teil des Raumes der Denk- und Handlungsmöglichkeiten und damit durch ihren Gegenstand begrenzt. Diese Möglichkeit der Kritik darf nicht verschenkt werden, etwa um der besseren Verständlichkeit willen. Begreifendes Denken überschreitet das oberflächenverhaftete deutende Alltagsdenken<sup><a name="sdfootnote16anc" href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a></sup>, und das ist jedes Mal mit dem Aufbringen von Denkenergie verbunden. Es gibt keine deutende Abkürzung, und es gibt auch keinen „Denk-Level“, den man einmal erreicht automatisch dauerhaft inne hätte. Begreifen ist immer wieder anstrengend. Voraussetzung, aber keine Garantie, sind angemessene Denkmittel. Das sind solche Begreif-Begriffe, für die das Durchdringen des oberflächlichen Scheins konstitutiv ist. „Knappheit“ ist nicht dadurch kritisch zu wenden, indem wir gegen sie sind, sondern nur, indem wir den Begriff dekonstruieren und reformulieren.</p>
<p>Das Herstellen oder Produzieren des gesellschaftlichen Lebens ist im umfassenden Sinne zu verstehen. Hiermit ist also nicht ein Produzieren in einer abgetrennten gesellschaftlichen Sondersphäre, der sog. Ökonomie, gemeint, sondern alle Lebenstätigkeiten sind an der Erzeugung unserer Lebensbedingungen beteiligt. Alle. Damit ist klar, dass im engeren Sinne produzierende Tätigkeiten, also das Herstellen der Mittel zum Leben durch Stoffwechsel mit der umgebenden Natur – seien es direkt Lebensmittel oder Mittel zur Herstellung von Lebensmitteln –, abhängig sind von den Bedürfnissen und den Möglichkeiten zur Herstellung der Lebens-/Mittel. Das Verhältnis dieser drei Aspekte: <em>Bedürfnisse</em> und <em>Mittel</em> zur Herstellung der Befriedigungsmittel durch <em>Stoffwechsel</em> mit der Natur spiegelt den historisch-spezifischen Stand der <em>Produktivkraftentwicklung</em> wider.<sup><a name="sdfootnote17anc" href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a></sup> Dieses Verhältnis ist von vornherein als dynamisches und unabschließbares Verhältnis zu denken, in dem sich die drei Aspekte wechselseitig bedingen: Bedürfnisse können sich nur auf dem erreichten Stand der potenziell erreichbaren Befriedigungsmöglichkeiten entwickeln; die Entwicklung der Mittel zur Herstellung der Lebensmittel wiederum ist abhängig von Stand der gesellschaftlich kumulierten Erfahrung und Techniken; die Naturbedingungen verändern sich mit jedem „Akt des Stoffwechsels“ usw. All diese Zusammenhänge implizieren <em>immer</em> eine Differenz zwischen Bedürfnissen und Befriedigungsmöglichkeiten, die jedoch keinesfalls die Form des Mangels oder gar der Knappheit annehmen muss.</p>
<p>Die Gleichsetzung der Inkongruenz von Bedürfnissen und Bedürfnismöglichkeiten mit Mangel oder Knappheit hat ein biologistisches Menschenbild zum Hintergrund, das von einem bloßen Reiz-Reaktions-Homunkulus ausgeht, bei dem jede Differenz als „Reiz“ eine unmittelbare „Reaktion“ auslöst – ein Wunschbild der Werbung mit dem Kauf als intendierter „Reaktion“. Für den gesellschaftlichen Menschen ist jedoch spezifisch, dass er seine Lebensbedingungen nicht nur vermittels gesellschaftlicher Kooperation herstellt, sondern dies in verallgemeinerter Vorsorge tut – soweit es jeweils die Bedingungen zulassen. Das Abgeschnittensein von den Möglichkeiten der Teilhabe an gesellschaftlicher Vorsorge unter Bedingungen der Warenproduktion erleben viele als ein Zurückgeworfensein in eine scheinbar überschaubare Unmittelbarkeit, in eine „ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit“. Hier werden Differenzen dann als Mangel erfahren, wenn der Zugang zur Schaffung allgemeiner Vorsorge abgeschnitten ist – sei es, dass die „Vorsorge“ nur in Form der Lohnarbeit stattfindet. Der Kapitalismus ist also nicht nur deswegen „unmenschlich“, weil er vielen Menschen vorhandenen Reichtum vorenthält, sondern weil er sie von den gesellschaftlichen Möglichkeiten zur Produktion des Reichtums und damit der vorsorgenden Verfügung über ihre Lebensbedingungen ausschließt.<sup><a name="sdfootnote18anc" href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a></sup></p>
<p>Gesellschaftliche Vorsorge impliziert stets eine zeitliche Differenz zwischen den gehabten und gewünschten Befriedigungsmöglichkeiten. Ist der Zusammenhang zwischen individuellen Handlungen und den gesellschaftlichen Zielen real gegeben und kann dieser Zusammenhang auch eingesehen werden, ist er also transparent, so kann die Teilhabe an der gesellschaftlichen Vorsorge motiviert erfolgen. Ist dieser Zusammenhang nur gering vorhanden oder nicht einsehbar, weil die gesellschaftliche Vermittlung nicht kommunikativ, also von den Menschen, sondern durch die sachliche, knappheitsregulierte Verwertungslogik vollzogen wird, so erfolgt die Teilhabe an der gesellschaftlichen Vorsorge zunehmend unmotiviert und erzwungen. Der „verinnerlichte Zwang“ (Lohoff 1998, s.o.) wird in gleichem Maße bestimmend für die Subjektform – eine Form, die sich nicht nur destruktiv sondern zunehmend autodestruktiv äußert.</p>
<p>Knappheit ist jene historisch besondere soziale Form, in der die Mehrheit der Menschen von den Mitteln zur Herstellung der Befriedigungsmittel – Produktionsmitteln, aber auch von Infrastrukturen und gesellschaftlichen Organisationsformen – ausgeschlossen sind und nur indirekt über den Verkauf ihrer Arbeitskraft an die Befriedigungsmittel gelangen können. Der Zweck des Einsatzes ihrer Lebensenergie als Arbeitskraft hat dabei nun nichts zu tun mit dem Zweck der Herstellung der Mittel zur Bedürfnisbefriedigung: Die Produzenten stellen die Produkte nicht „für sich“ her und das Produkt gehört auch nicht „den Produzenten“ und diese produzieren auch nicht für konkrete andere Menschen, sondern für den Verkauf der Güter, für deren Verwertung, für einen dritten Zweck. Diesen dritten Zweck können die als Waren hergestellten Produkte nur erfüllen, wenn sie die Form der Knappheit annehmen, wenn sie nicht dazu gemacht sind, gebraucht zu werden, sondern verkauft zu werden, und reale Brauchbarkeit und tatsächlicher Gebrauch nicht mehr interessieren. Ohne Knappheit keine Regulation in dieser Form: „Verwertung braucht Knappheit.“ (Nuss/Heinrich 2002)</p>
<p>Doch nicht alles was begrenzt ist, muss auch „knapp“ sein. Augenscheinlich nimmt die Mehrzahl der gesellschaftlichen Begrenzungen <em>nicht</em> die Form der Knappheit an, weil sie nicht über die Warenform reguliert werden. Sie sind nur deshalb wenig sichtbar, weil sie in den wert-abgespaltenen Bereich der unmittelbaren Kooperation in persönlichen und familialen Strukturen fallen. Würden diese Beziehungen über Knappheit, also warenförmig, reguliert, wäre das der Exitus der Gesellschaft. Es ist auch deskriptiv widersinnig etwa Emotionen, Kreativität oder das Kloputzen in Begriffen von „Knappheit“ zu verhandeln – auch wenn es keine prinzipiellen Grenzen für die Diffusion der Warenform in alltägliche soziale Beziehungen gibt. Umgekehrt: Wer alle gesellschaftlichen Beziehungen nach dem Maß der Knappheit wahrnimmt oder sie unter dieses zu subsumieren sucht, für den ist das Leben ein totaler Markt, und jegliche Beziehung besitzt die Form des Tausches. Kurz: Wer das Verhältnis von Bedürfnissen und Befriedigungsmöglichkeiten in Begriffen der Knappheit denkt, für den ist alles nur Ökonomie.<sup><a name="sdfootnote19anc" href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a></sup></p>
<p>Solange wir die konkreten Probleme nach den Gesetzen der Verwertungslogik glatt bügeln und ohne uns darüber Rechenschaft abzulegen die reale Abstraktion im Tausch auch noch begrifflich verdoppeln, eröffnet sich kein Zugang zu den emanzipativen Möglichkeiten. Das macht kategoriales Denkwerkzeug keineswegs überflüssig, allerdings ist es dabei zu vermeiden, die Realabstraktionen der Warengesellschaft über ihre Begriffe in emanzipatorisches Denken zu importieren. Wenn also etwas nicht ausreicht, begrenzt ist, fehlt oder gewünscht wird, dann ist eben dieses Gut von einem emanzipatorischen Standpunkt aus nicht „knapp“, sondern es reicht nicht aus, ist begrenzt, fehlt gar ganz oder wird dringend gewünscht – jeweils in Bezug auf einen ganz unterschiedlichen Zweck. Hierbei geht es eben nicht um eine historisch-spezifische Regulationsform, die Knappheit, sondern schlicht um „Grenzen“, die in der einen oder anderen Weise erreicht sind und mit denen wir in unterschiedlicher Weise umgehen können. Für dieses Verhältnis wurde daher (im Oekonux-Projekt) der verallgemeinernde Begriff der <em>Begrenzung</em> vorgeschlagen.</p>
<p>Der Begriff Begrenzung ist hinreichend allgemein und genau. Er schließt ein, dass etwas begrenzt <em>ist,</em> wie auch, dass etwas begrenzt <em>wird</em>. Er umfasst die historisch-spezifische Form der Begrenzung mit Namen „Knappheit“ und kann gerade in Abhebung zu nicht knappen aber begrenzten Sachverhalten die Knappheit als historisch <em>besondere</em> und gerade <em>nicht allgemeine</em> Form, mit Begrenzungen gesellschaftlich umzugehen, erkennen. Denn ganz allgemein gilt: Das gesellschaftliche Herstellen der Lebensbedingungen ist der <em>kumulierend überwindende Umgang mit Begrenzungen</em>. Oder besser: Das könnte so sein, denn die Schizophrenie der Knappheit besteht ja gerade darin, dass sie mit Begrenzungen umgeht, diese aber in paradoxer Weise gleichzeitig überwindet und perpetuiert.</p>
<p>Jeder überwindende Umgang mit Begrenzungen, also jede Art der Herstellung gesellschaftlicher Lebensbedingungen, geht von bestimmten <em>Voraussetzungen</em> aus. Die stofflichen Bedingungen sind endlich, die Vorkommen sind begrenzt – alle. Das ist keine „natürliche Knappheit“, der dann eine „unnatürliche“, eine „künstliche“ gegenüberstünde, sondern es sind Voraussetzungen unseres Lebens. Dazu gehören unsere Kenntnisse und unsere Kreativität genauso wie bereits hergestellte Mittel zur Herstellung von Mitteln; die emotionale Aufgehobenheit wie die persönliche Herausforderung; unsere Genuss- wie Produktionsfähigkeit etc. Das, wovon wir ausgehen, ist Voraussetzung für das Folgende – im umfassenden und unreduzierbaren Sinne.</p>
<p>Mit diesem Dreiklang: <em>Voraussetzungen</em>, <em>Begrenzungen</em> und <em>Knappheit</em><sup><a name="sdfootnote20anc" href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a></sup> lässt sich das Feld der gesellschaftlichen Produktion der Lebensbedingungen begreifen. Und einzig unter Bedingungen der exkludierenden Warenproduktion ist der Begriff der Knappheit angemessen, um ihn abzuheben von den menschlich-gesellschaftlichen Potenzen jenseits der Warenform.</p>
<p>Diese generalisierende Aussage gilt auch und gerade dann, wenn wir es mit Gütern zu tun haben, die aufgrund ihrer unstofflichen Beschaffenheit und nahezu aufwandslosen Duplizierbarkeit universellen Charakter haben. Zwar ist, wie sich zeigen wird, die Knappheit nur mehr additiv hinzugefügte bloße „Hülle“, die der Universalität des stofflosen Guts nichts anhaben kann. Doch es wäre verfehlt, daraus umgekehrt den Schluss zu ziehen, stofflichen Gütern wäre automatisch Knappheit eingebaut, woraus sich ableiten ließe, dass sie genauso zwanghaft Ware sein müssten. Eine „Assoziation freier Produzenten“ (Marx) kann begrenzte Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung überwinden, indem sie gesellschaftlich neue Befriedigungsmittel herstellt. Das gilt gleichermaßen für die Produktion stofflicher wie nicht stofflicher Güter.</p>
<p>Die Differenz zwischen nicht stofflichen Universalgütern und stofflichen Gütern bleibt auch jenseits der warengesellschaftlichen Zwangsform bestehen. So ist durchaus relevant, ob Verbrauchsgüter immer wieder hergestellt werden müssen oder ob Universalgüter, einmal in die Welt gesetzt, die Menschheit für immer bereichern. Allein die warengesellschaftliche Form zwingt den Privatproduzenten dazu, eine Kosten-Nutzen-Relation dergestalt zu kalkulieren, dass dem investierten Aufwand in möglichst kurzer Frist ein monetärer Ertrag folgt.</p>
<p>Im nun folgenden eher empirischen Teil will ich am Beispiel privatisierter Universalgüter zeigen, welcher gesellschaftliche Aufwand an mehreren Fronten betrieben werden muss, um die Knappheit als Voraussetzung für die Warenform dem Universalgut zu applizieren. Anschließend gehe ich darauf ein, was an den Universalgütern Software, Wissen und Kultur allgemein und was besonders ist und welche Handlungsmöglichkeiten sich damit für emanzipatorische Bewegungen auftun.</p>
<h3>Umkämpfte Warenform – am Beispiel von DRM</h3>
<p>Das <em>Digitale Rechte-Management</em> (DRM), passender auch als <em>Digital Restrictions Management</em> bezeichnet, galt der Industrie lange Zeit als der Königsweg zur Durchsetzung der Warenform bei privatisierten Universalgütern. Doch mittlerweile bröckelt die Front.</p>
<p>Mitte der 1990er Jahre begann der Content<sup><a name="sdfootnote21anc" href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a></sup>- und Softwareindustrie langsam zu dämmern, dass die Eigenschaften der Nicht-Exklusion<sup><a name="sdfootnote22anc" href="#sdfootnote22sym"><sup>22</sup></a></sup> und Nicht-Rivalität<sup><a name="sdfootnote23anc" href="#sdfootnote23sym"><sup>23</sup></a></sup> von Informationsprodukten ihre Verwertbarkeit in dem Maße untergräbt, wie sich die Produkte zunehmend von spezifischen physischen Trägern (Disketten, CDs etc.) ablösen und durch Zugriff auf einen allgemeinen Träger, das Internet, nahezu frei verfügbar sind. Wissens- und Kulturprodukte in digitaler Form drohten zunehmend ihre Knappheitseigenschaft zu verlieren, die Voraussetzung für die Warenform ist. Dem sollte und soll in einem „Zangengriff“ durch eine <em>technologische</em> und <em>rechtsförmige</em> Aufrüstung begegnet werden.</p>
<p>Die <em>technologische Aufrüstung</em> zielt auf den Computer als Universalmaschine.<sup><a name="sdfootnote24anc" href="#sdfootnote24sym"><sup>24</sup></a></sup> Mit dem technischen Aufbau des Computers ist nicht festgelegt, für welche Zwecke die Maschine eingesetzt wird. Erst die Software und die Daten machen aus der Universal- eine Spezialmaschine. Mit dem Internet als universellem Träger für universelle Informationsgüter und der Universalmaschine Computer<sup><a name="sdfootnote25anc" href="#sdfootnote25sym"><sup>25</sup></a></sup> als individueller Nutzenmaschine der universellen Güter treffen zwei Technologien aufeinander, die dem spezifischen universalen und wertlosen Charakter von Information angemessen sind, für das Kapital jedoch zum Verwertungsproblem werden. Während der Zugriff auf physische Güter durch geeignete Maßnahmen physisch unterbunden werden kann (Zäune, Wachschutz etc.), ist das bei „unphysischen“ und zudem nicht rivalen Gütern schwer zu erreichen. Doch: „Die gleiche Technik, die den weltweiten Gebrauch von Netzen ermöglicht, wird auch die weltweite Kontrolle der Netze ermöglichen“, verkündete optimistisch der frühere GEMA-Vorsitzende (Kreile 1998).</p>
<p>Ein Ansatz ist das sog. <em>Trusted Computing</em>: „Eine Hierarchie von <em>Trusted Systems</em> würden als eine Art Verkaufsautomaten für digitale Werke jeder Art fungieren, die die Werkstücke außerdem mit einer Liste erlaubter und verbotener Nutzungsmöglichkeiten ausstatten.“ (Grassmuck 2002, S. 133) Anders als eine wörtliche Übersetzung nahelegt, geht es hierbei nicht um „Vertrauen in die Technik“, sondern um die Frage, ob denn die Contentlieferanten dem Nutzer trauen können. Oder wie es Grassmuck ausdrückt: „DRM ist das in Technologie gegossene Misstrauen gegenüber den Nutzern.“ (2006, S. 179) So haben sich auch hier schnell alternative Bezeichnungen eingeprägt, die deutlicher machen, worum es eigentlich geht: <em>Treacherous Computing</em> (betrügerischer Computereinsatz) bzw. <em>Control Systems</em> (Kontrollsysteme).</p>
<p>DRM kombiniert ein verschlüsseltes Produkt mit einer speziellen virtuellen (Software-)Maschine, die allein in der Lage ist, das verschlüsselte Produkt „abzuspielen“. Viele DRM-Systeme existieren derzeit nur in dieser Softwareform, das eigentliche Ziel ist jedoch die Verknüpfung von DRM-Software mit DRM-Hardware. In einem DRM-Chip wird ein individueller Schlüssel hinterlegt, der von den Contentanbietern bei Nutzung eines Inhalts ausgelesen werden kann. Der Schlüssel identifiziert sicher den Nutzer bzw. die Nutzerin. Von einem Lizenzserver können nun, je nach individueller Auswahl, Nutzungscodes erworben werden, die die entsprechende Software beim Zugriff auf den digitalen Inhalt autorisiert und steuert. Verschlüsselte Daten können nun entschlüsselt werden. So wird gesichert, dass etwa ein heruntergeladenes Musikstück maximal zehn Mal abgespielt werden kann, eine Software nur bis zu einem Stichtag benutzbar ist, ein Film sich nur dreimal kopieren lässt oder der Ausdruck eines Bildes generell untersagt ist – die Kombinationen sind unbegrenzt.<sup><a name="sdfootnote26anc" href="#sdfootnote26sym"><sup>26</sup></a></sup> Bekannteste Beispiele sind der iPod der Firma Apple mit dem DRM-System FairPlay (sic!) und der Microsoft Windows Media Player, der mit den beiden Formaten WMA (Audio) und WMV (Video) auf den DRM-Einsatz im neuen „Windows-Vista“ abgestimmt ist.<sup><a name="sdfootnote27anc" href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a></sup> Zur Implementation der spezifischen vom Anbieter festgelegten Nutzungsgestalt eines digitales Guts wurde eine eigene <em>Rights Expression Language</em> (REL) entwickelt (vgl. dazu Grassmuck 2006, S. 177).</p>
<p>Wenig beachtet wird zumeist, dass DRM derzeit vor allem über „Spezialmaschinen“ verbreitet wird: Drucker, Handys, DVD-Player, Setop-Boxen, Spiele-Consolen, Digitalradios, Videorecorder etc. Sind die DRM-Anwendungsfälle zunächst nur begrenzt – etwa die Überwachung des Regionalcodes bei DVD-Playern<sup><a name="sdfootnote28anc" href="#sdfootnote28sym"><sup>28</sup></a></sup> oder die Verwendung der Originalkartuschen bei Druckern –, so ist langfristig der Aufbau einer umfassenden DRM-Infrastruktur das Ziel. Dabei soll diesmal nicht der peinliche Fehler begangen werden, der in den 1990er Jahren zum Aus des digitalen Audio-Tapes (DAT) führte: Da digitaler Inhalt und digitale Abspieltechnologie zusammenpassen müssen, sorgt nur eine perfekte Kombination der verschiedenen Einzeltechnologien für eine geschlossene Kette. Dabei sind oft eine Reihe von Patenten mit im Spiel, die ihrerseits den Einsatz der Technologie verteuern und für einzelne Anbieter einen Anreiz darstellen, einzelne Glieder der Kette einzusparen und damit auch noch extra zu werben (etwa die Nichtbeachtung des DVD-Regionalcodes durch einen DVD-Player). Ein „Ausbruch“ einzelner Firmen aus der geschlossenen Kette zerstört jedoch die gesamte Anlage zur Verwertung. Das Kapital versucht also durchaus seine Gesamtinteressen hier gegen bornierte Einzelinteressen durchzusetzen und nimmt dafür gerne die Hilfe des Staates in Anspruch.</p>
<p>Ohne <em>rechtsförmige Aufrüstung</em><sup><a name="sdfootnote29anc" href="#sdfootnote29sym"><sup>29</sup></a></sup> keine Durchsetzung der neuen Knappheitsformen. Grassmuck schreibt: „DRM ist als Selbsthilfe der Industrie gedacht. &#8230; DRM versprach nun, dass die Unterhaltungsindustrie die Knappheit, die Voraussetzung für ihren Markt ist und die bislang das Gesetz sicherte, zukünftig würde selber herstellen können. Die Techniker haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass DRM nicht funktionieren kann, doch erst als nicht mehr zu leugnen war, dass jedes einzelne auf dem Markt eingeführte DRM-System innerhalb kürzester Zeit geknackt wird, mussten die Verwerter einsehen: die Antwort aus der Maschine, die technische Selbsthilfemaßnahme, die den Staat nicht braucht, ist ohne seine Gesetze und sein Gewaltmonopol wirkungslos.“ (2006, S. 168) Das Umgehungsverbot für DRM-Mechanismen war daher die zentrale Forderung der Contentindustrie und fand 1996 schließlich in das WIPO<sup><a name="sdfootnote30anc" href="#sdfootnote30sym"><sup>30</sup></a></sup>-Abkommen über Urheberrechte Eingang. Mit dem DMCA<sup><a name="sdfootnote31anc" href="#sdfootnote31sym"><sup>31</sup></a></sup> überführten die USA 1998 die Bestimmungen in nationales Recht, die EU folgte 2001 mit einer entsprechenden Richtlinie. Deutschland hat die EU-Pflichtbestimmungen – u.a. das Umgehungsverbot für DRM – 2003 umgesetzt. Derzeit wird in einem „zweiten Korb“ über die Kann-Bestimmungen der EU-Richtlinie verhandelt, und es sieht so aus, dass mit der „Privatkopie“ ein entscheidender Baustein der traditionellen „Balance“ zwischen Verwertern und Nutzern faktisch abgeschafft wird.<sup><a name="sdfootnote32anc" href="#sdfootnote32sym"><sup>32</sup></a></sup></p>
<p>Die „Front“ der Content- und Softwareindustrie wackelt jedoch bedenklich. Immer wieder gibt es Ausbrecher, die „ihre Kunden“ nicht über Gebühr belästigen wollen. Zur Hardcore-Fraktion ist die Musik- und Filmindustrie zu zählen. Mit massiven Einschüchterungskampagnen<sup><a name="sdfootnote33anc" href="#sdfootnote33sym"><sup>33</sup></a></sup> soll den Nutzerinnen und Nutzern ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, auf dass sie zukünftig nur noch legale Musik und Filme erwerben. Parallel hält sich die Medienindustrie – unterstützt durch Mittel der Filmförderungsanstalt FFA – die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), eine virtuelle Rambo-Truppe, die mit unfeinen Methoden handfest zur Tat schreitet. Die GVU hat durch zwei Fälle größere Aufmerksamkeit erlangt. So finanzierte die GVU selbst den Betrieb von sog. Warez-Servern<sup><a name="sdfootnote34anc" href="#sdfootnote34sym"><sup>34</sup></a></sup>, um in die „Raubkopie-Szene“ einzudringen. Im anderen Fall stellte die GVU Strafantrag gegen einen Handel mit angeblich gefälschten Film-DVDs und trat gleichzeitig als Pseudogutachter in eigener Sache auf.<sup><a name="sdfootnote35anc" href="#sdfootnote35sym"><sup>35</sup></a></sup></p>
<p>Vorsichtiger agiert beispielsweise die Firma Microsoft. In einer beim Institut für Strategieentwicklung der Privatuniversität Witten/Herdecke beauftragten Untersuchung der „Digitalen Mentalität“ (Microsoft-Studie 2004) werden die Bedrohungs- und Abschreckungsaktionen der Film- und Musikindustrie als wenig Erfolg versprechend abgelehnt, wenngleich sich Microsoft an der GVU beteiligt. Die Microsoft-Studie orientiert eher auf eine veränderte Kommunikationsstrategie. Das Problem sei das traditionelle Eigentumsverständnis der Nutzerinnen und Nutzer: „Im Falle der Urheberrechtsverletzung, die durch digitale Vervielfältigung begangen wird, bleibt ein intuitives Verständnis für das damit verbundene Unrecht aus, weil das Tatbestandsmerkmal der Wegnahme fehlt, das unseren historisch gewachsenen Vorstellungen von Diebstahl zu Grunde liegt.“ (ebd., S. 4) Statt von Eigentum zu reden, sei es daher sinnvoller, die „Denkfigur des Verfügungsrechts“ (ebd., S. 30) zu etablieren<sup><a name="sdfootnote36anc" href="#sdfootnote36sym"><sup>36</sup></a></sup>, um gesellschaftlich eine Kultur der „Digital Honesty“ (ebd., S. 31) durchzusetzen: „Um die Wichtigkeit einer solchen Kultur des Umgangs mit geistigem Eigentum in der digitalen Welt zu vermitteln, ist es notwendig darauf hinzuweisen, dass Eigentum kein Privileg der Reichen ist, sondern eine &#8230; Konzession der Gesellschaft, die Eigentümern Verfügungsrechte einräumt, die den Ausschluss aller anderen von diesen Verfügungsrechten implizieren und nur unter diesen Bedingungen den Handel – als Transfer von Verfügungsrechten – mit Eigentum ökonomisch möglich und lohnend machen.“ (ebd., S. 32) Ganz in diesem Sinne hat Microsoft „ein Copyright-Unterrichtspaket geschnürt“ – inklusive Segnung durch die (damalige) Bildungsministerin –, um Lehrer darüber zu informieren, „wie man Jugendliche nachhaltig mit den Grundlagen des Urheberrechts vertraut machen kann“, denn diese zeigen „im Bezug auf illegale Kopien geschützter Inhalte kaum Unrechtsbewusstsein“ (Internetadresse vgl. Microsoft-Studie 2004).</p>
<p>Auch die Firma Apple, die in der Vergangenheit oft einen guten Riecher für neue Trends zeigte, orientiert sich neu. So kündigte Apple im Oktober 2006 an, zukünftig keine DRM-Chips mehr in ihre Computer einzubauen. Im Februar 2007 verkündete der Apple-Chef Steve Jobs, dass er bei den tragbaren iPod-Playern und dem zugehörigen iTunes Online-Musikshop gerne auf das eigene DRM FairPlay verzichten und stattdessen offene Standards ohne DRM einsetzen würde. Doch das erlaubten die „Big Four“, die großen Konzerne Universal Music, Sony BMG, Warner Music und EMI nicht. Taktisch geschickt schiebt die DRM-Firma Apple den Musikkonzernen den schwarzen Peter zu. Gleichzeitig stellt Jobs die Sinnfrage: „Warum sollten die Big Four Apple und anderen erlauben, ihre Musik ohne Schutz durch DRM-Systeme zu verkaufen? Die einfachste Antwort ist, weil DRM es nicht geschafft hat, die Musik-Piraterie zu stoppen, und es wahrscheinlich auch nie schaffen wird.“ (Jobs 2007) – Und weil die übergroße Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer DRM nicht akzeptiert.<sup><a name="sdfootnote37anc" href="#sdfootnote37sym"><sup>37</sup></a></sup> Anfang April 2007 gab EMI als erster Konzern nach und lizensierte</p>
<p>DRM-freie Musikstücke für Apples iTunes-Shop.</p>
<p>Dennoch: „Es handelt sich um ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen jenen, die die Inhalte verkaufen wollen, und jenen, die sie immer wieder mit verschiedenen Mitteln aus der kontrollierten Zirkulation in die unkontrollierte Zirkulation hineingeben. Sicherheitstechnologien, wie Digital Rights Management Systeme, Kopierschutz &#8230; können letztlich immer irgendwann ‚gehackt‘ werden, Rechteverwerter werden trotz des Einsatzes von Schutztechnologien möglicherweise niemals allumfassend das Rennen gegen jene gewinnen, die das notwendige Know-how haben, solcherart Technologien zu knacken und es auch tun.“ (Nuss 2006, S. 63) Das sog. „Darknet“ – das unkontrollierbare und sich permanent rekonfigurierende Geflecht von Peer-to-Peer-Netzen<sup><a name="sdfootnote38anc" href="#sdfootnote38sym"><sup>38</sup></a></sup> – sei das größte Hindernis eines funktionierenden DRM findet Microsoft in einer weiteren Studie heraus: „Es scheint keine technischen Hindernisse für ein weiteres Wachstum der Darknet-basierten Dateiaustausch-Technologien hinsichtlich Bequemlichkeit, Bandbreitennutzung und Effizienz zu geben. Die rechtliche Zukunft der Darknet-Technologien ist weniger sicher, jedoch glauben wir, dass wenigstens für einige Klassen von Nutzern und wahrscheinlich für die Bevölkerung im Ganzen effiziente Darknets existieren werden.“ (Biddle et. al 2002, eigene Übersetzung) Das wiederum führe dazu, dass eigene Maßnahmen einer erhöhten DRM-Sicherheit für den normalen Nutzer (resp. Nutzerin) „abschreckend“ und „weniger attraktiv“ sind. Fazit: „Wenn man mit dem Darknet konkurrieren will, dann muss man es zu den Darknet-eigenen Konditionen tun: Das sind Bequemlichkeit und niedrige Kosten statt zusätzlicher Sicherheit.“ (ebd.). Somit ist der relativ defensive Umgang von Microsoft mit DRM verständlich, zumal die Voraussagen der Expansion des Darknet eingetroffen sind: 60 Prozent des Internetverkehrs bestehen aus Dateiaustausch über Peer-to-Peer-Netzwerke. Der US-Musik- und Filmindustrie gelingt es zwar immer wieder, einzelne Netze zu bedrohen und juristisch unter Druck zu setzen, der Effekt ist jedoch gering, da „Filesharers“ immer wieder auf andere Peer-to-Peer-Netzwerke ausweichen: „Das Katze-und-Maus-Spiel wird weitergehen.“ (Parker 2005, eigene Übersetzung)</p>
<p>Eine Bedrohung der Knappheitsvoraussetzung sowie generell aller Restriktionen im Internet in ganz anderer Qualität stellt das <em>Freenet</em> (Wikipedia 2007d) dar, ein „untypisches Darknet“, weil es potenziell das gesamte Netz umfassen kann. Das Freenet ist ein zensurresistentes und anonymes Peer-to-Peer-Netzwerk, das als Freie Software entwickelt wird. Es könnte die „offenen“ und „bequemen“ Peer-to-Peer Dateiaustausch-Netzwerke ablösen, etwa wenn dort der Verfolgungsdruck zu hoch wird.</p>
<p>Nach Microsoft und Apple beginnt sich auch die rabiat auftretende Musik- und Filmindustrie neu zu orientieren. Neben der Fortführung der Repression unter Zuhilfenahme staatlicher Behörden, bastelt sie fieberhaft an neuen Strategien. Anfang 2007 denkt EMI, einer der „Big Four“, laut über den Ausstieg aus DRM nach. Parker sagte bereits 2005 voraus: „Es ist nur eine Frage der Zeit bis Hollywood akzeptiert, dass es kein ‚Wundermittel‘ zur Bekämpfung der Peer-to-Peer-Piraterie gibt und dann anfängt, es zu umarmen.“ Das bedeutet jedoch kein Ende der Maßnahmen gegen Peer-to-Peer-Netze. Vermutlich wird „Zuckerbrot und Peitsche“ auf längere Zeit die Kombination der Wahl bleiben. Die Regierungen haben sich hierbei in vollem Umfang auf die Seite der Industrie geschlagen. Über die WTO-Verhandlungen mit Russland und China könnten wichtige „Raubkopie-Quellen“ gestopft werden, so die Hoffnung.</p>
<p>Eine „Umgehung“ ganz anderer Art stellt die Freie Kulturbewegung dar, die sich am Vorbild der Freien Software orientiert.<sup><a name="sdfootnote39anc" href="#sdfootnote39sym"><sup>39</sup></a></sup> Sie zielt nicht auf einen Kampf in der Sphäre der Warenzirkulation, sondern baut ihre eigene produktive Basis auf. Nicht um Produkte soll konkurriert, sondern die proprietäre Sphäre soll „aus-kooperiert“ (Lovink 2006) werden. Klassisches Beispiel ist die kollektive Freie Enzyklopädie Wikipedia, die dabei ist, die traditionelle Encyclopædia Britannica „aus-zu-kooperieren“. Oder die Freie Software, die viele Bereiche der „Noosphere“<sup><a name="sdfootnote40anc" href="#sdfootnote40sym"><sup>40</sup></a></sup> erfolgreich demonetarisiert hat, so dass sich kommerzielle Aktivitäten hier „nicht mehr rechnen“. Interessanterweise ist es die aufstrebende „Peripherie“, die das neue wertfreie Potenzial nutzt, denn selbstredend bedeutet „Entwertung“ durch Freistellung im Kontext der Warenproduktion zunächst schlicht Kostenreduktion. Doch es ist ein Unterschied, ob in Indien Bundesstaaten durch Einführung von GNU/Linux Millionen einsparen oder ob IBM auf GNU/Linux setzt, um andere Produkte abzusetzen.<sup><a name="sdfootnote41anc" href="#sdfootnote41sym"><sup>41</sup></a></sup> Bequemlichkeit und niedriger Preis könnten schließlich auch zum entscheidenden Argument für individuelle Computernutzer/innen werden, auf Freie Software ohne Belästigung durch DRM umzusteigen, zumal es inzwischen sehr gute und nutzer/innenfreundliche Linux-Distributionen und Anwendungen gibt.<sup><a name="sdfootnote42anc" href="#sdfootnote42sym"><sup>42</sup></a></sup></p>
<p>Seit Einführung der Creative Commons (CC-) Lizenzen<sup><a name="sdfootnote43anc" href="#sdfootnote43sym"><sup>43</sup></a></sup> erlebt die Freie Kulturbewegung einen enormen Aufschwung – eine zweite Welle nach der Freien Software. Allein im Onlinebereich ergab die letzte Zählung (April 2007) 200 Millionen Referenzen auf die CC-Lizenzen. Eine Studie unter Künstlerinnen und Künstlern<sup><a name="sdfootnote44anc" href="#sdfootnote44sym"><sup>44</sup></a></sup> ergab zwei Hauptgründe für die Verwendung der CC-Lizenzen: Das traditionelle Copyright sei zu komplex und zu teuer in der Anwendung, und mit den CC-Lizenzen ließen sich Netzwerkeffekte besser nutzen für die Vermarktung des eigenen kreativen Werks. Auch hier können wir den Effekt des „Entwertens-um-zu-verwerten“ beobachten: „Netzwerkeffekt“ ist nur ein anderes Wort für „aus-kooperieren“. Das Resultat erscheint paradox. Auf der Grundlage der Verwertungslogik verliert die Ware mit der Knappheit ihre Form, wird freigestellt und damit faktisch entwertet, um doch noch eine Art „sekundäres Einkommen“ zu erzielen: aus Spenden und Werbeeinnahmen, Verkauf von Umfeldprodukten, Durchführung von Live-Events etc.<sup><a name="sdfootnote45anc" href="#sdfootnote45sym"><sup>45</sup></a></sup></p>
<p>Rund um die CC-Lizenzen sind völlig neue Formen der Subsistenz entstanden. So wird in den Favelas Brasiliens täglich Musik produziert, die auf CDs gebrannt ausschließlich über den Straßenhandel vertrieben wird. Schätzungen gehen von 80 Neuveröffentlichungen <em>pro Woche</em> aus, während es BMG/Sony gerade einmal auf 15 Neuerscheinungen brasilianischer Interpreten bringt – <em>pro Jahr</em> und erhältlich nur in „normalen“ Geschäften. „Ausschalten der Vermittler“ wird dies in der Community genannt, „aus-kooperieren“ durch Aufbau von Peer-to-Peer-Netzwerken, die jene verselbstständigte Sphäre der „Ökonomie“ nicht mehr benötigt, würde ich es bezeichnen. Dieser Prozess vollzieht sich noch innerhalb von Ware-Geld-Beziehungen und ist eindeutig auch ein Resultat massenhafter Prekarisierung. Aber genau vor dieser Frage stehen emanzipatorische Bewegungen: Was tun, wenn unsere Voraussagen zutreffen? Wenn vor unseren Augen zäh das zusammensinkt, von dem wir alle leben?</p>
<p>Die brasilianische Regierung unterstützt den Entkopplungsprozess durch den Aufbau lokaler Kulturzentren („Pontos de Cultura“). Dahinter steht eine ambivalente, aber durchaus realistische Einschätzung: „Der ‚Job‘ ist eine sterbende ‚Art‘ des Zwanzigsten Jahrhunderts. &#8230; Es wird auch keine soziale Sicherheit mehr geben“, so Claudio Prado, Leiter der Abteilung für Digitale Kultur im brasilianischen Kulturministerium auf der Berliner Konferenz „Wizards of OS“ im September 2006 (eigene Übersetzung). Krisenerscheinung und neue Formen lokaler Subsistenz und Autonomie jenseits „normaler Lohnarbeit“ liegen eng beieinander. In Brasilien wie vielleicht in vielen Entwicklungsländern sind die Bedingungen für die Wiederentstehung lokaler Autonomie günstig: Die zunehmende Verfügbarkeit von Computern und Internetzugängen verbinden sich mit einer traditionellen Kultur des Teilens. Das Copyright war bis zur Verfügbarkeit der CC-Lizenzen nahezu unbekannt und kulturell unvereinbar mit der Lebensweise. Prado sprach daher von der Möglichkeit, „den Scheiß des 20. Jahrhunderts zu übergehen, um direkt vom 19. in das 21. Jahrhundert zu gelangen“.</p>
<p>Diese wenigen Beispiele des Kampfes um Zirkulation und Produktion digitaler Güter veranschaulichen die Widersprüchlichkeit des Zerfallsprozesses der Warenproduktion zwischen Degression und neuen Möglichkeiten. Nicht stoffliche Güter unterscheiden sich dabei deutlich von stofflichen Gütern. Zwar können beide Warenform annehmen, doch während stoffliche Güter im Tausch den Besitzer <em>wechseln</em>, erreicht das Universalgut – in privatisierter oder freier Form – durch Distribution einen <em>zusätzlichen</em> Besitzer. Zwar erfordern beide den Einsatz von Arbeitskraft bei der Herstellung. Doch aufgrund der nahezu aufwandslosen Kopierbarkeit stehen Universalgüter – Software, Wissen, Musik, Filme, Texte etc. – im Gegensatz zu rivalen stofflichen Gütern nach ihrer Produktion potenziell der ganzen Menschheit zur Verfügung. Gemeinsam ist beiden wiederum, dass die Produktion – bei stofflosen Gütern die Herstellung der Urkopie – aufgrund der Verbilligung der Produktionsmittel in immer stärkerem Maße von den Menschen selbst durchgeführt werden kann. Noch vor 10 Jahren war es den „Musikproduzenten“ in den Favelas Brasiliens nicht möglich, ihre CDs für den Straßenhandel selbst herzustellen. Ein weiteres Beispiel ist die „illegale Güterproduktion“. Dabei handelt es sich um Produkte, bei deren Herstellung gegen Urheber- und Markenrechte verstoßen wird. Das betrifft neben den hierzulande durchaus bekannten „unechten Konsumartikeln“ auch Produktionsmittel. So waren in den Jahren 2004 und 2005 drei Viertel aller in Brasilien verkauften Computer „illegal zusammengestellt“.<sup><a name="sdfootnote46anc" href="#sdfootnote46sym"><sup>46</sup></a></sup> Erst ein Kreditprogramm der Lula-Regierung zum Kauf legaler Computer konnte in 2006 die Quote unter 50 Prozent drücken.</p>
<p>Angesichts dieser Entwicklungen muten die Versuche der großen traditionellen Medienkonzerne wie Rückzugsgefechte an, denn die beschriebenen Entknappungs-, Entwertungs- und Aneignungsprozesse lassen sich nicht mehr eindämmen – weder über den „privaten Weg“ per DRM, noch über den staatlich-rechtlichen Weg per WIPO &amp; Co, noch über eine Kombination von beidem. Die reale, weil praktische Vergesellschaftung eines großen Teils des gesellschaftlichen Reichtums ist ein wesentlich günstigerer Ausgangspunkt für emanzipatorische Entwicklungen jenseits von Ware und Geld als das traditionelle politik- und staatsfixierte Delegieren der eigenen Handlungsmacht, das die hiesigen linken „Reformansätze“ auszeichnet – so verständlich sie angesichts der Krise des Sozialstaats auch sein mögen.</p>
<h3>Konstitution – theoretisch und praktisch</h3>
<p>Der Kapitalismus hat in seiner historisch-spezifischen Form der Produktivkraftentwicklung mit Internet und Computer eine universelle Technologie hervorgebracht, die den schon von Marx vorausgesagten Ablösungsprozess der genuin wertsubstanzlosen allgemeinen Arbeit von der wertproduktiven abstrakten unmittelbaren Arbeit in die stofflich adäquate Form bringt: „Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein“, sobald also die allgemeine Arbeit und die „freie Entwicklung der Individualität“ die Grundlage der Reichtumsproduktion wird und dabei universelle Güter produziert, „bricht die auf dem Tauschwert ruhende Produktion zusammen“ (Marx 1857/58, S. 593). Dieses „Zusammenbrechen“ ist jedoch kein schlagartiger Prozess, auch wenn es immer wieder Entladungen zur Regulation von Spannungsspitzen wie beim Crash der Dotcom-Blase geben wird. Es handelt sich eher um ein zähes Zusammensinken und globales Umgruppieren kapitalproduktiver Zentren, das uns noch eine Weile begleiten wird.</p>
<p>Es gilt diesen Prozess zu begreifen und in ihm handlungsfähig zu bleiben und zu werden. Es gibt kein Land außerhalb, das nur neu zu besiedeln wäre. Es gibt auch keine Möglichkeit, schlicht nur die „Macht zu ergreifen“, um die Welt zu heilen. Sondern es geht darum, in der alten Welt eine neue zu bauen, zu konstituieren. Dabei ist „Konstitution“ ein schillernder Begriff – genauso etwa wie „Aufbau einer Gegenvermittlung“ oder andere „Platzhalter“. Konstitution ist zugleich ein theoretischer und praktischer Prozess. Konstitution ist <em>theoretisch</em> insoweit es permanent darum geht, die nahegelegten Denkformen bürgerlicher Vergesellschaftung zu dekonstruieren und eigene Denkformen zu schaffen, um die eigene Praxis kritisch zu reflektieren und Kriterien für eine warenkritische Praxis zu entwickeln. Konstitution ist <em>praktisch</em> insoweit es darum geht, Experimente durchzuführen, die einen Bruch oder zumindest eine Kritik der Warenform zum Inhalt haben – trotz aller Ungewissheit und Widersprüchlichkeit. Dabei gibt es herausragende Beispiele und Orientierungspunkte in der Freien Software- und Freien Kulturbewegung. Der nach Software und Kultur logisch dritte Schritt wäre eine <em>Freie</em> Produktion des gesellschaftlichen Lebens im umfassenden Sinne. Dabei ginge es „ums Ganze“, denn dieser „Schritt“ würde die Umwälzung der gesamten Lebensweise umfassen.</p>
<p>Am Beispiel des Begriffs der Knappheit habe ich zu zeigen versucht, was theoretische Konstitution durch Dekonstruktion bürgerlicher Kategorien heißen kann. Im Fokus stand die Kritik der scheinbar offensichtlichen Differenz von „natürlicher“ und „künstlicher“ Knappheit. Aus diesem Dualismus wird geschlussfolgert, bei ersterer könne man nichts machen – außer einen Mangel gerecht zu verteilen – und gegen die zweite Form sei zu kämpfen, weil diese nicht sein müsste und nur aus Verwertungsgründen der Ware aufgezwungen werde. Diese Dualität scheint sich durch die Begrenztheit jeder stofflichen und somit „natürlich knappen“ Produktion und die Unbegrenztheit der Produktion nicht stofflicher und also nur „künstlich zu verknappender“ Güter zu bestätigen. Der Schein jedoch trügt: Jede Knappheit ist künstlich und natürlich zugleich. Künstlich ist sie, weil, entgegen der Behauptung, auf der stofflichen Ebene eine Zugriffsbeschränkung keinen genuinen Bezug hat, sondern allein der historischen Sonderform der Produktion eines Guts als Ware geschuldet ist; natürlich ist sie, weil die Ware genuin knapp ist und ohne Knappheitseigenschaft sofort die Warenform verliert.</p>
<p>Die Denkfigur „künstliche vs. natürliche Knappheit“ übernimmt unhinterfragt die charakteristische Spaltung „Ökonomie vs. Nicht-Ökonomie“, in der gesellschaftliche Bedürfnisse und die Produktion der Befriedigungsmittel getrennt sind und erst a posteriori auf dem Markt über Geld vermittelt werden. Vor diesem Hintergrund erscheint ein Gut – je nach Verfügbarkeit – wahlweise als „natürlich knapp“ oder „künstlich knapp“, weil die Produktion als separierte Sphäre eigenen Gesetzen gehorcht, die nichts mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu tun haben. Wird hingegen diese Separation denkend aufgehoben, was eine Voraussetzung für die Überwindung der Warengesellschaft ist, dann wird klar: Gesellschaftliche Herstellung der Lebensbedingungen bedeutet immer den erweiternden Umgang mit <em>Begrenzungen</em> angesichts der jeweils historisch ausgebildeten Bedürfnisse. Ein Umgang, der von den jeweils vorliegenden <em>Voraussetzungen</em> ausgeht, um die Produktion der Befriedigungsmittel zu organisieren. In der Warenproduktion hat sich dieses Verhältnis verkehrt: Die Produktion bestimmt hier eigenlogisch, welche Güter knapp, also als Waren, hergestellt werden, um – im günstigen Fall – auf einen zahlungskräftigen Bedarf zu treffen. Nur in der Warenproduktion nehmen gesellschaftliche Begrenzungen die Form der Knappheit an.</p>
<p>In der Diskussion über „normale“ Waren und Knappheit sorgt das Auftreten einer neuen Güterklasse, der privatisierten Universalgüter, für Verwirrung. Bei diesen Gütern handelt es sich zwar nicht um Waren, aber dennoch um Bezahlgüter. Universalgüter entstehen durch allgemeine Arbeit, sei es in privater oder freier Form. Sie können nur gegeben, nicht aber getauscht werden. Davon macht auch die „preisbewährte Gabe“ keine Ausnahme. Der „Verkauf“ ist nur möglich, wenn Universalgüter in exklusiver privater Verfügung liegen. Was bei Waren zusammenfällt – Warenform und Knappheit –, muss bei privatisierten Universalgütern künstlich additiv hergestellt werden. In der Rede von der „künstlichen Knappheit“ scheint dieser Unterschied auf. Doch trotz nachträglicher Verknappung, trotz äußerlich aufgesetzter „Warenform“, werden aus privatisierten Universalgütern keine wirklichen Waren, denn diese ändert nichts an ihrem wertsubstanzlosen Charakter. Die Verkaufbarkeit entscheidet zwischen proprietärer und freier Form. Ein privatisiertes Universalgut muss der proprietären Form unterworfen sein, weil sonst die Nicht-Exklusivität und Nicht-Rivalität jede Verkaufsabsicht unterläuft. Proprietär kann ein Universalgut indes nur sein, wenn der Zugriff darauf technisch behindert und rechtlich sanktioniert wird. Wird die rechtliche Form durch eine entsprechende freie Individualverfügung unterlaufen (etwa eine freie Lizenz), so kann dem Universalgut auch äußerlich keine Warenform aufgezwungen werden. Das nutzen die Bewegungen Freier Güter (Software, Wissen, Kultur) aus: Freie Güter sind nicht nur wertlos, sondern auch warenformlos, weil sie als freie Universalgüter produziert werden: <em>Die allgemeine Arbeit findet im freien Universalgut ihre adäquate Form</em>.</p>
<p>Das Abschlusszitat – ursprünglich intendiert als Horrorgemälde – sei einem bekannten Volkswirtschaftler gegönnt: „Ohne Knappheit gibt es keine wirtschaftlichen Probleme, keine Preise, Löhne, Zinsen, Mieten, nicht einmal Geld und weder Armut noch Reichtum, sondern die immerwährende Befriedigung und Sattheit: das Schlaraffenland.“ (Häuser 1972) – Wo kämen wird denn da hin?!</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Biddle, Peter/England, Paul/Peinado, Marcus/Willman, Bryan (2002): The Darknet and the Future of Content Distribution, ACM Workshop on Digital Rights Management, November 18, 2002, Washington DC, www.bearcave.com/misl/misl_tech/msdrm/darknet.htm (25.04.2007).</p>
<p>Bleich, Holger (2006): Vorverurteilt. Staatsanwaltschaft glaubt Urheberrechtsvertretern blind, in: <em>c’t Magazin für Computer und Technik</em> 22/06, S. 102-105, www.heise.de/ct/06/22/102/ (25.04.2007).</p>
<p>Bleich, Holger/Briegleb, Volker (2006): Die Hilfssheriffs als heimliche Komplizen, Fahnder der GVU sponserten Film-Raubkopierer, in: <em>c’t Magazin für Computer und Technik </em>4/06, S. 18.</p>
<p>FG-Wiki (2007a): Stichwort „Knappheit“, www.freie-gesellschaft.de/wiki/Knappheit (25.04.2007).</p>
<p>FG-Wiki (2007b): Stichwort „Kapitalismus“, Absatz „Knappheit und Rentabilität“, www.freie-gesellschaft.de/wiki/Kapitalismus (25.04.2007).</p>
<p>Goldhammer, Klaus (2006): Wissensgesellschaft und Informationsgüter aus ökonomischer Sicht, in: Hofmann 2006, S. 81-106.</p>
<p>Grassmuck, Volker (2002): Freie Software zwischen Privat- und Gemeineigentum; Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.</p>
<p>Grassmuck, Volker (2006): Wissenskontrolle durch DRM: von Überfluss zu Mangel, in: Hofmann 2006, S. 164-186.</p>
<p>Häuser, Karl (1982): Volkswirtschaftslehre. Funkkolleg 2; Frankfurt/Main: Fischer-Taschenbuch.</p>
<p>Heinrich, Michael (1999): Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition; Münster: Westfälisches Dampfboot.</p>
<p>Hofmann, Jeannette (2006, Hg.): Wissen und Eigentum. Geschichte, Recht und Ökonomie stoffloser Güter; Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.</p>
<p>Holzkamp, Klaus (1973): Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung; Frankfurt/Main: Athenäum.</p>
<p>Holzkamp, Klaus (1983): Grundlegung der Psychologie; Frankfurt/Main: Campus.</p>
<p>Jobs, Steve (2007): Thoughts on Music, www.apple.com/hotnews/thoughtsonmusic/ (25.04.2007).</p>
<p>Keimform-Blog (2007): RFC*: Universalgut, keimform.de/2007/01/22/rfc-universalgut/ (25.04.2007).</p>
<p>Kreile, Reinhold (1998): Vorwort von Reinhold Kreile, in: <em>GEMA-Nachrichten</em>, Ausgabe 157, www.gema.de/presse/news/n157/vorwort.shtml (25.04.2007).</p>
<p>Lohoff, Ernst (1998): Zur Dialektik von Mangel und Überfluss, in: <em>krisis</em> 21/22, S. 52-81; Bad Honnef: Horlemann.</p>
<p>Lohoff, Ernst (2007): Der Wert des Wissens. Grundlagen einer Politischen Ökonomie des Informationskapitalismus, in <em>krisis</em> 31; Münster: Unrast.</p>
<p>Lovink, Geert (2006): Out-Cooperating the Empire? – Exchange with Christoph Spehr, www.networkcultures.org/geert/out-cooperating-the-empire-exchange-with-christoph-spehr/</p>
<p>Marx, Karl (1857/58): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie; Berlin: Dietz 1974.</p>
<p>Marx, Karl (1890): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Vierte Auflage (Hrsg. Friedrich Engels), MEW 23; Berlin: Dietz 1989.</p>
<p>Meretz, Stefan (2004): Knappheit. Eine Realabstraktion, in: <em>Streifzüge</em> 32, S. 23; Wien.</p>
<p>Meretz, Stefan (2007): Copyright &amp; Copyriot. Aneignungskonflikte im Informationskapitalismus, in: <em>Streifzüge</em> 39; Wien.</p>
<p>Microsoft-Studie (2006): Digitale Mentalität, Witten: Institut für Strategieentwicklung, www.microsoft.com/germany/piraterie/publikationen.mspx (25.04.2007).</p>
<p>Nuss, Sabine (2006): Copyright &amp; Copyriot. Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus; Münster: Westfälisches Dampfboot.</p>
<p>Parker, Andrew (2005): Peer-to-Peer in 2005, Presentation, www.cachelogic.com/home/pages/research/p2p2005.php (25.04.2007).</p>
<p>Raymond, Eric S. (2001): The Cathedral &amp; the Bazaar: Musings on Linux and Open Source by an Accidental Revolutionary, Revised Edition; Sebastopol: O’Reilly.</p>
<p>Trenkle, Norbert (2000): Im bürgerlichen Himmel der Zirkulation, in: <em>Streifzüge</em> 3/2000, S. 23-26; Wien.</p>
<p>Wikipedia (2007a): Stichwort „Knappheit“, de.wikipedia.org/wiki/Knappheit (25.04.2007).</p>
<p>Wikipedia (2007b): Stichwort „Künstliche Knappheit“, de.wikipedia.org/wiki/Künstliche_Knappheit (25.04.2007).</p>
<p>Wikipedia (2007c): Stichwort „Peer-to-Peer“, de.wikipedia.org/wiki/Peer-to-Peer (25.04.2007).</p>
<p>Wikipedia (2007d): Stichwort „Freenet“, de.wikipedia.org/wiki/Freenet (25.04.2007).</p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1</a>„In der Phänographie geht es &#8230; um verdeutlichende Heraushebungen relevanter Züge des Gemeinten zu Zwecken der Verbesserung intersubjektiver Verständigung über das, wovon die Rede sein soll.“ (Holzkamp 1973, S. 21) Demgegenüber können Definitionen als „möglichst präzise Bestimmungen des genus proximum und der differentia specifica zu Klassifikationszwecken“ (ebd.) erst am Ende eines wissenschaftlichen Prozesses stehen.</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">2</a>Wie Lohoff (ebd.) darlegt, sind jedoch nicht alle Bezahlgüter auch Tauschgüter. Erwerbe ich das Recht eine Software zu nutzen, so gebe ich zwar mein Geld hin, besitze es anschließend folglich nicht mehr, und ich erhalte dafür auch die Software. Der Verkäufer hingegen ist in der komfortablen Lage, die Software keineswegs weggegeben und stattdessen nur mein Geld eingestrichen zu haben.</p>
<p><a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">3</a>Ob Universalgüter als Nicht-Tauschgüter und damit Nicht-Waren trotzdem Warenform besitzen können – quasi als „sinnliche Hülle ohne echte (Wert-)Substanz“ – ist zwischen Ernst Lohoff und mir nicht geklärt.</p>
<p><a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">4</a>Eine Vorversion dieser „Vorklärung“ wurde nach dem bei der Entwicklung von Internetstandards bekannten Verfahren der „Request for Comments“ intensiv und strittig öffentlich diskutiert (Keimform-Blog 2007).</p>
<p><a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">5</a>Einen Sonderfall stellt Individual-Software dar, die kein Universalgut ist, weil sie für einen singulären Zweck und Ort erstellt wurde, etwa zur Steuerung einer speziellen Maschine (vgl. dazu Lohoff 2007). Sofern es im Folgenden um Software geht, ist stets für die Distribution bestimmte Universal-Software gemeint.</p>
<p><a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc">6</a>Genau genommen geht es nur um geldbewährte Bedürfnisse, die Bedarfe genannt werden. Dass Bedarfe angesichts endlichen Geldes doch nur endlich sind, interessiert die Wirtschaftstheorie nicht weiter, denn es ist einzig Sache des Bedürfnisinhabers dieses kontinuierlich mit Geld zu bewähren.</p>
<p><a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc">7</a>In diesem Fall wird auch von „Marktversagen“ gesprochen. Aus dem Marktversagen wird wiederum geschlossen, „dass die betreffenden Güter nicht produziert werden und Bedürfnisse somit unbefriedigt bleiben“ (Goldhammer 2006, 82), was jedoch zuvor als Ursache des Marktversagens angegeben wurde.</p>
<p><a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc">8</a>www.freie-gesellschaft.de ist ein kollektives Projekt zur Frage der „Übertragbarkeit der Prinzipien Freier Software auf andere Lebensbereiche“.</p>
<p><a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc">9</a>Nutzbarer Raum ist eine endliche Ressource.</p>
<p><a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc">10</a>Die Problematik, dass Marx eine überhistorische Aussage mit dem historisch- und formspezifischen Begriff der Gebrauchswert schaffenden nützlichen Arbeit belegt, sei hier ausgeklammert.</p>
<p><a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc">11</a>Selbstverständlich gibt es „natürliche Grenzen“, die jedoch keinesfalls als „natürliche Knappheit“ erscheinen müssen. Diese fundamentale Differenz wird später erläutert.</p>
<p><a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc">12</a>Das Wort „Bedarf“ ist hier mit der Seite zum Stichwort „Bedürfnis“ verlinkt, obwohl tatsächlich nur das zahlungsfähige Bedürfnis, also der Bedarf, eine Rolle spielt (vgl. auch Fußnote 1).</p>
<p><a name="sdfootnote13sym" href="#sdfootnote13anc">13</a>Allerdings hält sie das bürgerliche Eigentum für die basale Form, während die Vergesellschaftung über Ware und Wert für sie abgeleitete Formen sind (vgl. dazu Meretz 2007).</p>
<p><a name="sdfootnote14sym" href="#sdfootnote14anc">14</a>„Isoliert für sich betrachtet außerhalb des Austausches ist der Warenkörper nicht Ware, sondern bloßes Produkt.“ (Heinrich 1999, S. 216) Vgl. dazu kritisch Trenkle (2000).</p>
<p><a name="sdfootnote15sym" href="#sdfootnote15anc">15</a>Es handelt sich um einen doppelten Möglichkeitsraum: Individuell ist die je eigene Beteiligung und gesellschaftlich ist die Form der Vermittlung nicht determiniert.</p>
<p><a name="sdfootnote16sym" href="#sdfootnote16anc">16</a>Zum Verhältnis von Deuten zu Begreifen in der bürgerlichen Gesellschaft vgl. auch Holzkamp (1983, S. 383ff.).</p>
<p><a name="sdfootnote17sym" href="#sdfootnote17anc">17</a>Die – nicht nur beim Traditionsmarxismus – häufig anzutreffende Reduktion der Produktivkraftentwicklung auf die dingliche „Mittelseite“ ist völlig inadäquat.</p>
<p><a name="sdfootnote18sym" href="#sdfootnote18anc">18</a>Diese doppelte Exklusion erklärt auch, warum „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ nicht bloße Ideologie, sondern auch begründetes individuelles Wollen in der bürgerlichen Subjektform ist: Ein Wollen kann sich nur in den gegebenen Formen ausdrücken – so „falsch“ es auch sei.</p>
<p><a name="sdfootnote19sym" href="#sdfootnote19anc">19</a>Die Ökonomie als solche zu denunzieren, ist nicht ohne weiteres verständlich, bemühen sich viele Kritiker/innen doch um eine „solidarische Ökonomie“. Hier verhält es sich mit der Ökonomie wie mit der Knappheit: Das aufgeherrschte Denkdogma, dass die gesellschaftliche Herstellung der Befriedigungsmittel in der Sondersphäre namens „Ökonomie“ erfolgt, ist genauso zu destruieren wie die Annahme, dass dies in Formen der Knappheit zu geschehen habe. – Von hier aus können wir beginnen, über solidarische Lebensweisen nachzudenken.</p>
<p><a name="sdfootnote20sym" href="#sdfootnote20anc">20</a>In Meretz 2004 und folgenden Texten verwendete ich in Übernahme eines Vorschlags aus dem Oekonux-Projekt (www.oekonux.de/liste/archive/msg03921.html) noch die Begriffe Vorkommen, Begrenztheit und Knappheit.</p>
<p><a name="sdfootnote21sym" href="#sdfootnote21anc">21</a>Content (englisch): Inhalt, Gehalt. Gemeint sind v.a. die Inhalte elektronischer Medien: Texte, Bilder, Musik, Filme.</p>
<p><a name="sdfootnote22sym" href="#sdfootnote22anc">22</a>Informationsprodukte besitzen keine intrinsische Eigenschaft, die den Ausschluss von der Nutzung herstellt.</p>
<p><a name="sdfootnote23sym" href="#sdfootnote23anc">23</a>Durch die Nutzung eines Informationsprodukts wird der Nutzen für andere nicht verringert.</p>
<p><a name="sdfootnote24sym" href="#sdfootnote24anc">24</a>Versuche, die „Knappheit“ allein den Informationsgütern per „Kopierschutz“ einzupflanzen, sind nahezu komplett gescheitert, da sie sich bloß im Medium des Codes bewegen und folglich stets in diesem „geknackt“ wurden.</p>
<p><a name="sdfootnote25sym" href="#sdfootnote25anc">25</a>Genau genommen ist auch der individuell genutzte Computer Teil des weltweiten Netzes, in dem jede Aktion stets „kopieren“ impliziert.</p>
<p><a name="sdfootnote26sym" href="#sdfootnote26anc">26</a>Lieblingskind der Contentindustrie ist die sog. „Superdistribution“, auch als „virales Marketing“ bezeichnet. Danach sollen Nutzer Inhalte weitergeben, deren Empfänger dann für die Nutzung zahlen müssen (etwa pay-per-use und verwandte Formen). Der emphatische Impuls des „Teilens“ wird so instrumentalisiert und zum Distributionskanal transformiert: „It pays to share“, etwa bei peerimpact.com, vergleichbar aber auch bei Amazon und iTunes.</p>
<p><a name="sdfootnote27sym" href="#sdfootnote27anc">27</a>Die beiden DRM-Technologien „Protected User Mode Audio“ und „Protected Video Path“ funktionieren ähnlich: „Vista“ erzeugt eine eigene Prozessumgebung („virtuelle Maschine“), die alle beteiligten Komponenten auf Zertifizierung und Integrität prüft. Im Falle einer irregulären Veränderung („Manipulation“) werden die digitalen Ausgänge abgeschaltet.</p>
<p><a name="sdfootnote28sym" href="#sdfootnote28anc">28</a>Der Regionalcode begrenzt die Abspielbarkeit einer DVD auf einen bestimmten Teil der Erde, um eine bestimmte regionale „Verwertungskaskade“ durchsetzen zu können. Insgesamt implementiert die DVD-Technik bis zu zehn verschiedene technische „Schutzmaßnahmen“ (vgl. Grassmuck 2006, S. 170ff.).</p>
<p><a name="sdfootnote29sym" href="#sdfootnote29anc">29</a>Vgl. dazu ausführlich Nuss (2006, S. 67ff.).</p>
<p><a name="sdfootnote30sym" href="#sdfootnote30anc">30</a>WIPO: World Intellectual Property Organization, eine UN-Unterorganisation.</p>
<p><a name="sdfootnote31sym" href="#sdfootnote31anc">31</a>DMCA: Digital Millennium Copyright Act.</p>
<p><a name="sdfootnote32sym" href="#sdfootnote32anc">32</a>Die Privatkopie wird nicht verboten, es gibt „nur“ kein Anrecht mehr auf Anfertigung einer privaten Digitalkopie. Mit dem Verbot der Umgehung von DRM-Techniken wird die Privatkopie faktisch ausgehebelt. Mittlerweise wurde auch die ursprünglich vorgesehene Bagatellklausel, nach der Verstöße durch private Endnutzer/innen straffrei bleiben sollten, gestrichen.</p>
<p><a name="sdfootnote33sym" href="#sdfootnote33anc">33</a>Musik: www.copykillsmusic.de, Film: www.hartabergerecht.de</p>
<p><a name="sdfootnote34sym" href="#sdfootnote34anc">34</a>„Warez“ ist der Sammelbegriff für illegal verbreitete Software, aber auch Musik, Filme etc. (vgl. Bleich/Briegleb 2006).</p>
<p><a name="sdfootnote35sym" href="#sdfootnote35anc">35</a>Das Preisgefälle ausnutzend kaufte eine in Deutschland lebende Chinesin bei der chinesischen Amazon-Tochter jojo.com DVDs ein und verkaufte sie via eBay teurer weiter – eine Art Importservice. Die GVU erfuhr von diesem Handel, erstattete Anzeige und lieferte ein windiges Gutachten, das zur Grundlage von Inhaftierung und Beschlagnahme wurde – eine Art „‚Public-Private-Partnership‘ zwischen den privaten Fahndern von Lobbygruppen und den staatlichen Strafverfolgern“ (Bleich 2006). Nach öffentlichem Druck erklärte das Landgericht Kiel das Vorgehen der Staatsanwaltschaft für rechtswidrig.</p>
<p><a name="sdfootnote36sym" href="#sdfootnote36anc">36</a>Gleichwohl wird dennoch auch der Eigentumsbegriff ideologisch beackert. So hat Microsoft, wiederum flankiert durch die Regierung, den Wettbewerb „Die Idee. Zum Schutz des geistigen Eigentums.“ aufgelegt. Erstes Thema: „Aufklärungsarbeit“. Online: www.microsoft.com/germany/aktionen/dieidee/default.mspx</p>
<p><a name="sdfootnote37sym" href="#sdfootnote37anc">37</a>Eine Umfrage der Financial Times im Februar 2007 nach dem Jobs-Statement zeigte ein klares Bild: 98 Prozent waren der Meinung, die Musikkonzerne sollten auf DRM verzichten, nur 2 Prozent waren bereit, DRM zu akzeptieren. Online: www.ft.com/drm</p>
<p><a name="sdfootnote38sym" href="#sdfootnote38anc">38</a>Ein Peer-to-Peer-Netz ist ein dezentrales Netzwerk von Computern, in dem jeder Dienste bereitstellen (Server) und Dienste nutzen (Client) kann. Vgl. dazu auch Wikipedia 2007c.</p>
<p><a name="sdfootnote39sym" href="#sdfootnote39anc">39</a>Das große „F“ im Adjektiv „Frei“ verweist auf die „vier Freiheiten“ der Freien Software, die für den Bereich digitaler Kulturgüter adaptiert wurden: die freie Nutzung zu jedem Zweck, der freie Zugang zu den Quellen, die freie Kopie und Weitergabe sowie die Möglichkeit zum Remix und Verbreitung der abgeleiteten Stücke (vgl. freedomdefined.org).</p>
<p><a name="sdfootnote40sym" href="#sdfootnote40anc">40</a>Noosphere ist ein Begriff von Eric Raymond, einem prominenten Entwickler und Interpreten Freier Software. Die Noosphere ist der virtuelle Raum möglicher Anwendungen, der von Entwicklerinnen und Entwicklern mit ihren Anwendungen „besiedelt“ wird – in Analogie zur Theorie der Aneignung von Land durch Arbeit nach John Locke (vgl. Raymond 2001, S. 65ff.).</p>
<p><a name="sdfootnote41sym" href="#sdfootnote41anc">41</a>Auf der Konferenz „Wizards of OS“ im September 2006 berichtete Atul Chitnis (Bangalore, Indien) davon, dass die Entwicklungsländer wesentlich stärker Freie Software nutzen als selbst dazu beizutragen. Allerdings sei das Bild dadurch verzerrt, dass wegen des Brain-Drain viele Beiträge nicht aus den Heimatländern, sondern aus den Ländern kämen, wohin sie wegen der Arbeit gegangen wären.</p>
<p><a name="sdfootnote42sym" href="#sdfootnote42anc">42</a>Ein Beispiel ist die südafrikanische Distribution „Ubuntu“. Das Wort „Ubuntu“ kommt aus den Sprachen der Zulu und der Xhosa und heißt sinngemäß übersetzt: „Ich bin – weil ihr seid“. Online: www.ubuntu.com</p>
<p><a name="sdfootnote43sym" href="#sdfootnote43anc">43</a>Creative Commons Lizenzen regeln den „Freiheitsgrad“ bei der Nutzung von Inhalten. Die Nutzungsbedingungen lassen sich individuell „konfigurieren“ (Pflicht zur Urhebernennung, nicht kommerziell etc.) und sind sehr einfach in der Anwendung. Online: creativecommons.org</p>
<p><a name="sdfootnote44sym" href="#sdfootnote44anc">44</a>„UK Artists, Copyright and Creative Commons“ (The Arts Council England und OpenBusiness.cc), online: netzpolitik.org/2006/report-uk-artists-copyright-and-creative-commons/ (25.04.2007).</p>
<p><a name="sdfootnote45sym" href="#sdfootnote45anc">45</a>Der Betreiber des Portals freier Musik jamendo.com, Laurent Kratz, prognostizierte auf der Konferenz „Wizards of OS“ im September 2006, dass auf lange Sicht alle Musik „frei“ sein werde und die Einkünfte nur noch über Live-Auftritte zu erzielen seien.</p>
<p><a name="sdfootnote46sym" href="#sdfootnote46anc">46</a>Dabei überschneiden sich das Zusammenstellen neuer Computer und das Wiederherstellen gebrauchter Computer. Der Fokus sozialer Projekte bei der „Wiederherstellung“ liegt dabei auf der „Wiederaneignung von Technologie für die soziale Transformation“, vgl. z.B. metareciclagem.org</p>
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		<title>Maske und Charakter</title>
		<link>http://www.krisis.org/2007/maske-und-charakter-2</link>
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		<pubDate>Fri, 28 Dec 2007 13:21:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Schandl]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 31 (2007)]]></category>

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		<description><![CDATA[Sprengversuche am bürgerlichen Subjekt Franz Schandl All the world&#8217;s a stage, and all the men and women merely players. (William Shakespeare)1 Das Leben ist ein Film. (Aktueller Spot) Was sind das eigentlich für Menschen, die da heute herumlaufen, eben nicht ihr Leben leben, sondern eine oft zufällige Existenz fristen? Gibt es da etwas, das sie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Sprengversuche am bürgerlichen Subjekt</h3>
<p><em>Franz Schandl</em></p>
<p align="right">All the world&#8217;s a stage, and all the men and women merely players.<br />
(William Shakespeare)<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup><br />
Das Leben ist ein Film.<br />
(Aktueller Spot)</p>
<p>Was sind das eigentlich für Menschen, die da heute herumlaufen, eben nicht <em>ihr </em>Leben leben, sondern eine oft zufällige Existenz fristen? Gibt es da etwas, das sie verbindet, sie gemeinsam kennzeichnet, so unterschiedlich sie sich auch dünken? Der folgende Beitrag will diese Fragestellungen anhand des Marxschen Begriffs der <em>Charaktermaske </em>näher erläutern. Ob alle Sprengversuche mit diesem Zünder gelingen, sei dahingestellt. Der Maskenbegriff wird jedenfalls extensiv gebraucht, er war aber auch bei Marx nicht auf das Figurenpaar Käufer-Verkäufer oder gar Lohnarbeiter-Kapitalist beschränkt. Explizit spricht er sogar von Charaktermasken vor dem Kapitalismus.<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup><span id="more-4739"></span><br />
Die Abhandlung ist alles andere als systematisch, da wird auch zusammengedacht, was auf den ersten Eindruck nicht unbedingt zwingend erscheint. Mal sehen. Unsere Methode gleicht vielmehr Probebohrungen, die auch anderswo stattfinden könnten. Die Auswahl ist zwar nicht beliebig, aber ebenso wenig von Zufällen frei. Die Analyse spannt einen Bogen über Gegenstände und Begriffe, Verhältnisse und Rollen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Im Mittelpunkt steht das bürgerliche Personal in seinen verschiedenen Spielarten und Ã„ußerungsformen. Konzentrieren sich im Subjekt die grundgelegten apriorischen Verhaltensmuster des Exemplars als praktizierende und affirmierende Glieder warenförmiger Vergesellschaftung, so beschreibt die Charaktermaske das gesonderte Wahrnehmen und Verwirklichen funktionaler Zwangsrollen. Subjekt und Charaktermaske sind also nur tendenziell synonym. Im ausgebildeten Subjekt steckt das ganze Ensemble des bürgerlichen Wesens, während durch die Charaktermaske vorerst das fragmentierte Exponat vorgestellt wird. Subjekt ist eine universelle Kategorie bürgerlicher Geselligkeit, Charaktermaske eine spezielle.</p>
<h4>Positionierungen</h4>
<p>Die Frage, die das bürgerliche Subjekt sich zu stellen hat, ist nicht die Frage nach dem <em>Ich</em>, sondern die nach seiner Positionierung im gesellschaftlichen Getriebe. Also nicht: <em>Wer bin ich?</em>, sondern: <em>Was bin ich?</em>, bzw. umgekehrt: <em>Was machst du?</em> Wir fragen uns wechselseitig nach den Masken und wir erhalten dementsprechende Auskünfte. Die essenzielle Frage <em>Wer bist du?</em> erscheint im alltäglichen Zusammenhang als geradezu unverschämt, als Eingriff in die Intimität. Diesem Bereich wird sie zugeschlagen. Außerhalb der privatesten Sphären wirkt sie impertinent. Da wird einem nahe getreten, <em>zu nahe</em> getreten. Und zweifellos, so nahe sind wir uns tatsächlich nicht.<br />
Die Genügsamkeit, an das verdinglichte <em>Was </em>zu denken und das individuelle <em>Wer </em>einfach auszublenden, ist absolute Konvention. Auftreten meint nicht bloß Präsenz, sondern <em>Präsentation</em>. Begegnungen sind keine profanen Erlebnisse, sondern Szenen mit verteilten Rollen. Dass es um Rollen zu gehen hat, steht dabei außer Zweifel. Es gilt, sich aufgrund von Positionen zu bestimmen und für deren <em>Interessen </em>einzutreten. Das bedeutet nun nicht, dass man auch immer mit seiner Rolle zufrieden wäre. Im Gegenteil, man strebt nach Rollen, die eine höhere Wertigkeit als die aktuelle aufweisen. Oft nennt sich das Karriere, was ja nichts anderes verkündet als auf der Rennbahn des Kommerzes erfolgreich zu sein. Gemeinhin soll der Beruf als Berufung angesehen werden. Er ist der Ruf, dem man zu folgen hat. Verlangt wird Identifizierung. Man hat nicht nur eine Aufgabe zu erfüllen und deren Standpunkt einzunehmen, man hat sich subjektiv dazu zu bekennen. <em>Man ist, was man ist.</em> Wenn es dann heißt, jemand sei in seinem Beruf aufgegangen, ist aus der Identifizierung eine Überidentifizierung geworden. Das abgedankte Ich wird hier sogar noch glorifiziert, keinesfalls bedauert oder beklagt. Es ist das vom Posten verschluckte Leben, das gepriesen wird. Totaler Einsatz für Etwas ist ein pathologischer Fall. Keine Sache rechtfertigt die bedingungslose Auslieferung.<br />
Befreiung besagt vielmehr, nicht aufgehen zu müssen in einer Postierung, sondern Mannigfaltiges zu schöpfen, zu geben und zu nehmen, vor allem aber ein gutes Leben genießen zu können. Davon sind wir weit entfernt. Auch in unseren privaten Kontakten treten wir uns als Vertreter gegenüber, wir treffen uns nicht. Die Pseudobegegnung ist &#8220;das Spektakel, das als eine systematische Organisation des â€šVersagens der Begegnungsfunktionâ€˜ und als deren Ersatz durch ein halluzinatorisches gesellschaftliches Faktum zu begreifen ist: das falsche Bewusstsein der Begegnung, die â€šIllusion der Begegnungâ€˜. In einer Gesellschaft, in der niemand mehr von den anderen anerkannt werden kann, wird jedes Individuum unfähig, seine eigene Realität zu erkennen. Die Ideologie ist zu Hause; die Trennung hat ihre Welt gebaut.&#8221;<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup></p>
<h4>Abgrenzungen</h4>
<p>Mit dem lateinischen Wort &#8220;persona&#8221; wird nichts anderes als die Maske bezeichnet. Nicht die Person ist daher von der Maske zu separieren, sondern der Mensch oder das Individuum. Ganz unverhüllt kommt das im Begriff des <em>Personals </em>zum Ausdruck, worunter Leute zu verstehen sind, die zur Erledigung gewisser Dinge angehalten werden. Der wahre Plural von Person ist Personal. Personalisierung verhält sich geradezu konform zur Maskierung, ja sie verstärkt diese dahingehend, indem sie jeden Zweifel a priori ausschließen will: Maske soll nicht mehr als Maskierung wahrgenommen werden, sondern als schier individuelles und selbstbestimmtes Dasein. Charakterbildung und Maskenbildung sind enge Verwandte. Persönlichkeiten etwa könnte man als Folge gelungener Maskenbildungen beschreiben, das sind dann Exponate, denen man ob ihrer scheinbaren Authentizität Originalität bescheinigt. Es ist auf jeden Fall zu vermuten, dass hier nicht jemand außerhalb des Rahmens agiert, sondern umgekehrt, dass es geglückt ist, den Bildern als Abbild sehr nahe zu kommen. Da ist jemand tatsächlich <em>in Form</em>, fit, würde man sagen. &#8220;Person, als Absolutes, negiert die Allgemeinheit, die aus ihr herausgelesen werden soll, und schafft der Willkür ihren fadenscheinigen Rechtstitel. Ihr Charisma ist erborgt von der Unwiderstehlichkeit des Allgemeinen (&#8230;) Die Person ist der geschichtlich geknüpfte Knoten, der aus Freiheit zu lösen, nicht zu verewigen wäre; der alte Bann des Allgemeinen, im Besonderen verschanzt.&#8221;<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup><br />
Charaktermasken sind das Resultat ständiger Personifikation. Alltägliche Übungen tätigen dieses Ergebnis. <em>Charaktermaske </em>behauptet, dass bürgerliche Gattungswesen nicht als Individuen zu fassen sind, sondern als Agenten sozialer Rollen. Ausschlaggebend ist die spezifische <em>Formsetzung</em>. Um gesellschaftsfähig zu sein, bedarf es Zurichtungen, die sich eins kaum aussuchen kann, sondern an denen es sich zeitlebens abarbeiten und emporranken muss. Die Person ist subjektiver Ausdruck objektiver wie objektivierter Verhältnisse. Menschen dienen als Agenten den Interessen ihrer Rollen. Stets sollen die Leute etwas personifizieren. Sie sind Träger formatierter Anliegen. Wir beklagen daher auch nicht den Verlust der Persönlichkeit, sondern den Zwang zur Personifikation. Exponate nehmen sich als Exponenten <em>von etwas</em> wahr, sind also objektivierte Subjekte. Die Wahrnehmung der Rolle ist zwar Voraussetzung jeder Charaktermaske, aber nicht alleiniges Kriterium. Ebenso notwendig ist der positive Bezug auf jene, denn im Prinzip könnte das entsprechende Handeln auch in kritischer Distanz erfolgen. Auf Dauer ist es allerdings unmöglich, nicht Agent seiner Rolle zu werden, was heißt, Denken und Handeln nicht in Übereinstimmung zu bringen. Charaktermaske ist nicht einfach als Rollenvollzug zu übersetzen, sondern meint immer auch Rollenidentifikation durch implizite Beipflichtung. Sowohl Funktionalität als auch Personifikation müssen gegeben sein. Da ist aber kein autonomes Individuum, das sich auf besondere Vorgaben einlässt oder noch deutlicher: sich bewusst dafür entscheidet. Günther Anders sprach daher von Konformierten und nicht von Konformisten.<sup><a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a></sup><br />
Charaktermaske drückt aus, dass jedes Exponat in seiner fetischistischen Weltbezüglichkeit befangen bleibt, aber es nicht nur jene ist. Nehmen wir die beiden Aussagesätze: 1) Eins <em>ist </em>eine Charaktermaske. 2) Eins <em>hat </em>eine Charaktermaske. Beide Sätze treffen, aber sie treffen partiell. Erkenntnistheoretisch befindet sich das Verhältnis der Verhältnisträger zum bürgerlichen Weltverhältnis in einem <em>Dazwischen</em>, das weder als Differenz noch als Identität adäquat gefasst werden kann. Prozessierend in deren Vermittlung, hat es von beidem. Es könnte ohne sie nicht sein, ohne dadurch bloß sie zu sein. Vielleicht sollte man diese lästigen Uneindeutigkeiten vorerst akzeptieren, will man die Dynamik unserer zentralen Kategorie nicht eliminieren. Ohne dass wir eine endgültige Klärung vornehmen können, zielt der Begriff der Charaktermaske primär auf die objektiv von Produktion, Zirkulation und Konsumtion vorgegebenen Rollen und die unmittelbare Übereinstimmung der Rollenträger mit diesen, nicht in gleicher Weise auf die darüber hinausgehenden ideologischen Verarbeitungsmuster in politischen Haltungen. So sind der Arbeiter und der Kapitalist unzweifelhaft Charaktermasken, nicht jedoch der Sozialdemokrat oder der Faschist. Das notwendig falsche Bewusstsein ist, wenngleich in den Charaktermasken angelegt, ihnen nicht einfach inskribiert. Es bedarf einer &#8220;äuÃŸeren&#8221; Aufladung. Womit freilich zur Ideologie nur gesagt ist, dass sie nicht auf einen automatischen Reflex reduziert werden darf, selbst wenn sie etwas von ihm hat. Auch hier ist das Denken in abhängigen und unabhängigen Variablen unzureichend. Die Aporien der Ideologiebildung sind in keinem theoretischen Handstreich zu lösen.</p>
<h4>Maskierungen</h4>
<p>Karl Marx entwickelt den Typus der Charaktermasken anhand von Kauf und Verkauf: â€žIn jeder der beiden Phasen stehn sich dieselben zwei sachlichen Elemente gegenüber, Ware und Geld &#8211; und zwei Personen in denselben ökonomischen Charaktermasken, ein Käufer und ein Verkäufer.&#8221;<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup> Marx an anderer Stelle: &#8220;Diese bestimmten sozialen Charaktere entspringen also keineswegs der menschlichen Individualität überhaupt, sondern aus den Austauschverhältnissen von Menschen, die ihre Produkte in der bestimmten Form der Ware produzieren. (&#8230;) So albern es daher ist, diese ökonomischen bürgerlichen Charaktere von Käufer und Verkäufer als ewige gesellschaftliche Formen der menschlichen Individualität aufzufassen, ebenso verkehrt ist es, sie als Aufhebung der Individualität zu betränen. Sie sind notwendige Darstellung der Individualität auf Grundlage einer bestimmten Stufe des gesellschaftlichen Produktionsprozesses.&#8221;<sup><a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>7</sup></a></sup><br />
Es ist demnach allerdings so, dass dieser Typus als Archetypus erscheint. Kaufen und Verkaufen, das ist Natur, der eins gar nicht entgehen kann. Da wird auch nicht einmal in Ansätzen eine Maske vermutet, sondern quasi organisch zugeordnet, gleich essen, trinken oder ausscheiden. Masken erscheinen daher auch nicht als bloße Gewohnheit oder Sitte, denn diesen ist &#8211; selbst wenn sie als feste Tradition gelten &#8211; doch ansichtig, dass sie vergänglich sind. Für Charaktermasken gilt das nicht, ihnen fehlt das Bewusstsein für ihr Dasein weitgehend, auch wenn oder gerade weil sie mit einer Unmenge Wissen ausgestattet sind, was dessen praktische Seite betrifft.<br />
Zur Verdinglichung schreibt Marx: &#8220;So leben die Agenten der kapitalistischen Produktion in einer verzauberten Welt, und ihre eignen Beziehungen erscheinen ihnen als Eigenschaften der Dinge, der stofflichen Elemente der Produktion.&#8221;<sup><a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a></sup> Der Tauschwert prägt das Wesen der Tauscher. Charaktermaske meint, man muss sich hier so <em>anstellen</em>, dass so teuer wie möglich verkauft und so billig wie möglich gekauft werden kann. Das ökonomische Gebot erstreckt sich auf alle Lebensbereiche. Maskierung erscheint geradezu als das nicht zugerichtete Gesicht. Täuschung im Kapitalismus ist objektiver Zwang, nicht subjektives Manko. Maske ist (Vor-)Täuschung durch Rolle. Das erfassen wir auch, sind also keine Betrogenen. Uns wird nicht nur übel mitgespielt, wir sind die üblen Spieler. Masken wissen von der Täuschung und auch von der Rolle, erkennen aber deren Bedeutung nicht, obwohl sie deren Handhabungen verstehen. Die Differenz zwischen Wissen und Erkennen ist konstitutiv für Charaktermasken. Masken tauschen sich aus, ihre Exponenten verkehren als Kommunikatoren dieser. Als Masken sind sie sich täuschend ähnlich. Maskiert erfüllen sie die Pflicht an der Position, die die folgsamen und hörigen Subjekte mit sich verwechseln. Der Tausch ist allgegenwärtig. Er ist nicht nur ein ökonomisches Prinzip, sondern er ist die Form unserer Begegnung und unseres Umgangs. Zweifellos, wir tauschen uns aus. Wenn wir uns treffen, sind wir austauschfähig und somit austauschbar. Wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir den anderen gegenüber in Kommunikation treten, aber die Rollen, die wir dann spielen, die spielen wir bis zum Ende.<br />
Immanuel Kants diesbezügliche Rechtfertigung liest sich auch heute noch mit größtem Interesse. Ohne Umschweife schreibt er: &#8220;Die Menschen sind insgesamt, je zivilisierter, desto mehr Schauspieler: sie nehmen den Schein der Zuneigung, der Achtung vor anderen, der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgendjemand dadurch zu betrügen; weil ein jeder andere, dass es hiemit eben nicht herzlich gemeint sei, dabei einverständigt ist, und es ist auch sehr gut, dass es in der Welt so zugeht. Denn dadurch, dass Menschen diese Rolle spielen, werden zuletzt die Tugenden, deren Schein sie eine geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach und nach wirklich erweckt, und gehen in die Gesinnung über. &#8211; Aber den Betrüger in uns selbst, die Neigung zu betrügen, ist wiederum Rückkehr zum Gehorsam unter das Gesetz der Tugend, und nicht Betrug, sondern schuldlose Täuschung unserer selbst.&#8221;<sup><a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a></sup><br />
Die ständige Alltagsfrage &#8220;Wie geht es dir?&#8221; ist, wäre sie keine rhetorische, völlig alltagstuntauglich. Die Abneigung, sie ernsthaft zu beantworten, ist durchaus verständlich. Die wohl am meisten gestellte Frage ist nicht ernst gemeint, sondern lediglich eine Redewendung, auf die eins &#8220;Gut&#8221; zu sagen hat, auch wenn nichts gut ist. Zweifellos gibt es Momente, wo diese Frage zur wirklich ehrlichen wird, aber das geht nicht en passant, nur bei einer zum Treffen gewordenen Begegnung, nicht bei jedem zufälligen Passieren. Dort herrscht der Small talk. Der <em>Small talk</em> ist das absolut reduzierte Ritual von Floskeln, ein &#8220;<em>tautologisches Tauschgeschäft</em>&#8220;.<sup><a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a></sup> Phrasen folgen einer vorgefertigten Performativität, sind Muster gegenseitiger Bestätigung. Es ist aber nicht die absolute Bedeutungslosigkeit, die sich hier aufführt, es dient vielmehr einer Konformitätsüberprüfung via Funktionsscan. Nicht was jemand gesprochen hat, ist von Belang, sondern ob jemand die obligaten Sprüche aufsagt.<br />
Wir sind im Spiegelkabinett gelandet. Wir haben Vorstellungen von Vorstellungen. Es regiert ein eingespielter Verlauf, durchaus vergleichbar einem Mechanismus. Wir kommen uns zwar nicht nahe, aber wir wissen Norm und Abweichung gemäß unserer Formatierung zu interpretieren. Da sind wir äußerst sensibel. Der Bezug zum Theater macht schon Sinn. Das Verhalten von Personen ist ein Rollenverhalten, zu beurteilen wie die Aufführung eines Schauspielers. Klassisch ist jedes Verkaufs-, Werbe- oder Vorstellungsgespräch. Stets gilt es, bestimmte Gepflogenheiten an den Tag zu legen, um geschäftsfähig zu sein, es zu bleiben oder es zu werden. Es sind Menschen, die über Jahrhunderte ihre Rollen spielen in diesem bürgerlichen Drama, das jedoch immer mehr zur Tragödie tendiert, leben die Figuren ihre zusehends prekären Rollen aus. Der Vergleich mit dem Schauspiel hinkt aber auch. Schauspieler spielen ja tatsächlich eine Rolle, sie bleibt ihnen nicht verborgen. Charaktermasken nehmen sich als solche voll, aber nicht als solche wahr. Ihnen stellt sich das Interesse synthetisch her, der konkludente Vollzug ist intuitiv eingeherrscht. Nicht Verwandlung ist das Problem, sondern die traumatische Sicherheit des Vollzugs. Bei Charaktermasken ist keine besondere Aufführungspraxis vonnöten, die von ihren Lebenswelten zu scheiden wäre. Ihr Film ist ihre Welt, ihr Leben ihre Bühne.<br />
Maske bedeutet zweierlei: Erstens, dass da etwas nicht gesehen, und zweitens, dass da etwas verborgen wird. Das mag zwar das Gleiche sein, allerdings macht es doch einen Unterschied betreffend die Perspektive, ob eins nun Beobachteter oder Beobachter ist. Maske funktioniert offensiv, aber auch defensiv, als Versteck. Man will andauernd etwas kaschieren, von dem man nicht so recht weiß, was es ist. Außerdem hat man Angst, dass es zu den Funktionen nicht so recht passen könnte. In der falschen Gesellschaft, die eine Gesellschaft der Falschen ist, ist die Maske auch Schutz: man tritt als Exponent in Erscheinung, nicht als Individuum. Man glaubt zu sehen, ohne gesehen zu werden. Freilich sieht man selbst nur Masken. Aber das hat auch etwas Beruhigendes: Masken sind berechenbar, zumindest hat es den Anschein, weil alle ähnlichen Anscheins sind. Umgekehrt ist die Angst vor der Demaskierung groß, die stets drohende <em>Bloßstellung </em>allgegenwärtig. Sie wird empfunden als das zwangsweise Abstreifen der Panzer und Verkleidungen. Da wird eins regelrecht ausgezogen. Solch Offenheit wird als Wehrlosigkeit betrachtet, und unter den aktuellen Umständen ist das keine falsche Einschätzung, wenngleich sie vieles aussagt über das Leben monadischer Existenzen in Zeiten des Kapitals. Das Bekenntnis zur Charaktermaske beherbergt indes den &#8220;Vorteil&#8221;, sich gar nicht erst in der Welt suchen zu müssen, da man sich doch schon vorgefunden hat. Auch wenn die Rolle nicht passt, haben Menschen in Rollen zu passen. Irgendetwas wird schon passen &#8230;</p>
<h4>Bekannte</h4>
<p>Im Geschäft beziehen sich nicht Menschen aufeinander, sondern Werte von Geschäftsträgern. Im Tausch erkennt man nicht den anderen an, sondern das, was er an Tauschwert zu bieten hat. Man sieht ihn nicht als Menschen, sondern als Wertinhaber und Warenbesitzer. Man schätzt sich nicht, man bewertet sich. Der immanente Zwang des Tausches erfordert Folgendes: Man muss die eigene Ware, sei es Produkt oder Arbeitskraft, stets besser machen, als sie ist; resp. umgekehrt fremde Ware für untüchtiger erklären, als sie ist. So wird das Pferd zum Esel und der Esel zum Pferd. Das wusste bereits Brecht. Gemeinhin nennt sich diese edle Tätigkeit <em>Handeln</em>. Wer es schlecht beherrscht, hat das Nachsehen, vor allem, wo die Fixpreise (Gebühren) rarer werden. Also, überall. Die Grundstruktur des Warentauschs verlangt von allen Mitgliedern (sich) so teuer wie möglich zu verkaufen und so billig wie möglich zu kaufen. Das kann wiederum nur zu allseitigem Misstrauen führen. <em>Misstrauensverhältnis </em>sagt, dass der andere nicht einen mag, sondern etwas von einem will. Die Befürchtung, übervorteilt zu werden, ist manisch, aber sie ist real. Die Grundeinbildung, die richtig und falsch zugleich ist, sagt: <em>ich bekomme zu wenig, aber ich gebe zu viel</em>. Nicht vertrauen zu können, bedeutet freilich auch, allen und jeden alles zuzutrauen. Alles, was uns zustößt, das fügen wir uns selber zu.<br />
Die Achtung des Menschen erfolgt nicht direkt über eine bedingungslose Anerkennung, sondern über die jeweiligen Wertigkeiten der Rollen und ihrer Masken am Markt. Dieses Anerkennen setzt kein Kennen voraus, sondern verfährt mit Zuordnungen und Zugehörigkeiten. Gesellschaftliche Kommunikation gleicht einem Maskenball objektivierter Rollen. Die wahre Stellungskunst ist denn doch eine Verstellungskunst. Werbung als Täuschung vor dem Tausch will reüssieren. <em>Aufstieg </em>und <em>Karriere </em>sind Kriterien der Beurteilung, nicht Glück und Zufriedenheit oder gar ein gelingendes Leben. Stets ist Vergleichung und Bewertung angesagt. Auch das, was man als &#8220;Würde&#8221; bezeichnet, ist davon wesentlich geprägt. Wir sind uns nicht zugetan, sondern bloß zugeordnet. Wir sind Selbstverwechsler. Der Begriff der Charaktermaske beschreibt so auch ein Nichteins-Sein mit sich selbst. Hegelisch formuliert ist sie das Nicht-sich-selbst-Kennende-Anerkennende. Wir kennen uns nicht. Weder den anderen noch uns selbst. Die Agenten sind nicht einander Kennende, sondern lediglich Bekannte. &#8220;Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer, beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen und es sich ebenso gefallen zu lassen; mit allem Hin- und Herreden kommt solches Wissen, ohne zu wissen wie ihm geschieht, nicht von der Stelle&#8221;<sup><a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a></sup>, schreibt Hegel in seiner &#8220;Phänomenologie&#8221;. Wir bewegen uns nicht, wohl weil wir uns auf der Stelle tretend gegenübertreten. Bekanntschaften zeugen, die anderen betreffend, von Ignoranz und Indifferenz. Diese werden nicht als Menschen wahrgenommen, sondern als Figuren. Als Auswechselbare und Verwechselbare.<br />
Natürlich ist das nicht in erster Linie subjektiver Unwille, sondern auch objektive Schranke, was meint, dass die Subjekte in ihren Zeiten und Räumen derart eingeschränkt sind, dass unmittelbare Offenheit mehr Missverständnisse auslösen würde, als dass Verständnis erzielt werden könnte. Liebesverhältnisse und Freundschaften mögen zwar als versuchte Hinwegsetzungen betrachtet werden, doch sind sie selbst nicht frei von den aufgedrängten Maskierungen, ja scheitern regelmäßig an diesen. Wie oft wird etwas Wahrheit, was man dem anderen, aber auch sich selbst niemals zugetraut hätte. Wie oft stehen wir vor einem Scherbenhaufen, wie oft werden wir enttäuscht, gekränkt, beleidigt, wie oft verlieren wir jegliches Vertrauen. Konkurrenz bedeutet dessen systematische Untergrabung. Die ins Feuer gelegte Hand verbrennt eins sich häufig. Nicht wenige Freunde enden als Feinde.</p>
<h4>Menschen</h4>
<p>Goethes Diktum &#8220;Hier bin ich Mensch, hier darf ich&#8217;s sein&#8221;<sup><a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a></sup>, verweist auf das traurige Schicksal der Spezies. Die Unterscheidung zwischen öffentlichem Auftritt mit aufgesetzter und privatem Leben mit abgesetzter Maske ist zwar so nicht gegeben, aber jene hat als Realfiktion etwas Prägendes an sich, und zwar weil die gesellschaftlichen Exponate es partout so empfinden. Das Anliegen, nicht in der öffentlichen Sphäre aufzugehen, sondern sich davon abzuschotten, verweist auf ein Bedürfnis, dessen Stillung dort nicht zu holen und zu haben ist, sosehr die Kulturindustrie mit ihren Surrogaten auch alles überschwemmt, insbesondere die privaten Räumlichkeiten, die von ihren Geräten dominiert werden. Und doch dürstet der vereinnahmte Mensch nach einem Jenseits. Und sei&#8217;s auch nur als Refugium. Stets gilt die Suche dem Unverstellbaren, auch wenn es oft als das Unvorstellbare erscheint oder überhaupt diskreditiert wird. Allein das Versetzen in Hobby, Urlaub, Tick, Spleen, aber auch in Rausch und Sucht zeigt, eins will nicht bloß Rolle sein. Dass diese Wunderwelt der Realfiktionen selbst wieder einen Markt eröffnet, demonstriert indes ihre Befangenheit, ja letztlich Zugehörigkeit. Objektiv sind das Verschnaufpausen, notwendig zur Regeneration. Das Wort Erholung sagt alles.<br />
Eins geht in der Maske zwar nicht auf, eins ist aber ohne Maske nicht zu haben. Die Maske ist das Notwendig-Aufgesetzte. Sie darf einem nicht runterfallen. Sie sitzt fest, kann nicht einfach nach Belieben abgenommen werden. Das Gespür, dass da noch etwas da ist oder zumindest da sein könnte oder auch lediglich: da sein sollte, ist gegeben. Wäre das nicht der Fall, wäre der Begriff der Maske unsinnig. Wenn mit dem <em>Was </em>alles bestimmt wäre, was zu bestimmen ist, dann wäre die Frage nach dem <em>Wer </em>absoluter Nonsens. Das Nichtentfremdete liegt aber nicht darunter oder dahinter verborgen, es ist also keine Gegebenheit, die man nur freizulegen bräuchte. Es findet sich vielmehr als <em>Nein!</em> gegen die zugemuteten Rollen wieder. Eins will nicht bloß Interessen vertreten, will nicht nur Agent seiner Lage sein. Das schwer Benennbare<sup><a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>13</sup></a></sup> ist nicht nur überformt. Das Wahre ist, das hat schon Debord festgestellt, ein Moment des Falschen,<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup> jene Aktivität, die ihm widerstrebend nicht entsprechen will, raus möchte aus den Zwängen. Es ist nicht vorausgesetzt, aber es reproduziert sich durch den Widerspruch, ohne mit ihm identisch zu sein. Es wird einerseits bestimmt durch das Falsche, von dem es negiert wird und das es negieren will. Andererseits ist es bestimmt durch die Weltgebundenheit des Menschen und seine Aktivitäten. Und drittens ist es historisch und situativ gelenkt durch die je konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, in denen eins sich findet. Dies Andere ist aber nicht nur Potenz oder Virulenz, es ist in actu, zwar prekär, isoliert, temporär, zerstörbar, aber immer wieder auftauchend.<br />
Die Maske ist ein zweites Gesicht, das ein erstes verunmöglicht, es dominiert, aber es doch nicht ganz zu verdrängen versteht. Da ist also noch was. Je größer eins hier Distanzen zu setzen versteht, desto mehr Möglichkeiten können sich jenseits der Maske eröffnen. Nur, wo hört diese auf und wo beginnen jene? Diese Scheidung ist analytisch schwer zu treffen, im Praktischen allerdings ist sie leichter auszumachen. Jeder Einzelne hat Kapazitäten zum Individuum. Wobei diese Potenz nicht organisch gesetzt ist, sondern sich als emotionale Contra-Positionierung entlang der Konditionen der Menschen zu entwickeln vermag, oder auch nicht. Manchmal ist es überraschend, ja verblüffend, wer einem hilft und wer einen im Stich lässt, ob jemand profane Erwartungen erfüllt oder nicht, ob jemand uneigennützig ist etc. &#8211; Von der Maske ist jedenfalls nicht auf die Güte der Menschen zu schließen. Hilfsbereitschaft, Zuvorkommenheit, Zuspruch, Zuneigung, Freundlichkeit, Anständigkeit, Bemühen, Akzeptanz, Gabe, Geschenk, sie spiegeln auch eine nichtmonetäre Reife. Diese ist keiner Maske ablesbar. &#8220;Human sind die Menschen nur dort, wo sie nicht als Person agieren und gar als solche sich setzen&#8221;<sup><a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a></sup>, schreibt Adorno.<br />
Mitmachen erscheint selbstverständlicher als es ist, aber es gibt keinen Ort und wohl auch keine Person, wo die Infragestellung des gewöhnlichen wie unerträglichen Opportunismus nicht heranreifen könnte. Das Postulat des Systems, sich selbst als alternativlos darzustellen, mag noch so oft aufgehen, die auftretenden Widersprüche mögen zurückgewiesen oder parzelliert werden, sie sind nicht aus der Welt zu schaffen. Überall wo wir menschlich handeln, verstoßen wir gegen die Gesetze des Marktes. Wir ahnen es, aber wir dürfen es nicht erkennen, geschweige denn es als umfassende Möglichkeit begreifen. Darin liegt unser uns selbst auferlegter Kleinmut. Die Einfügung in gesellschaftliche Zwänge und die bereitgestellten Rollen ist normal wie prekär. Das Subjekt ist nicht einfach vorhanden, ein ontisches Faktum, sondern muss alltäglich hergestellt werden. Die Verhältnisse nötigen zwar dazu, aber trotzdem bedarf es prächtiger Apparaturen, wie z.B. die Kulturindustrie eine ist, um diese Reproduktion zu bewerkstelligen und abzusichern. Der energetische Aufwand für dieses Ergebnis ist ziemlich hoch. Nicht nur der Kampf dagegen ist schwer, auch die permanente Herstellung ist schwierig. Die objektive Gegebenheit ist hartnäckiger Schein, doch in seiner Matrix leben wir. Es träumt sich uns, weil wir es träumen. Wir leben in Zeiten der großen Verzauberung. Mehr denn je.<br />
Menschen treten sich als Rollen gegenüber, aber sie treffen sich nicht ausschließlich als solche. Sie sind agierende Träger, keine bloßen Marionetten. Das Subjekt wird hier verstanden als das sich selbst herstellende Objekt. <em>&#8220;Ein Subjekt ist ein Aktor, der sich selbst zur Außenwelt wird und sich damit selbst objektiviert.&#8221;</em><sup><a name="sdfootnote16anc" href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a></sup> Mit dem Subjekt beschreiben wir eine vorgegebene Rollensetzung, nicht eine individuelle <em>Sonder-Setzung</em>. Das postulierte Ich verbleibt auf der Ebene der Fiktion, dort aber ist es ein gar wichtiger Faktor der Selbstbehauptung via Selbsttäuschung. Doch nicht die Behauptung des Ich ist zu negieren, wohl aber, dass es sich schon behauptet hätte. Durchsetzung ist nicht erfolgt, aber nötig. Der bürgerliche Individualismus, sofern er nicht blanker Egoismus ist, verspricht stets mehr, als er halten kann. Trotzdem ist seine Beteuerung nicht eine glatte Lüge, sondern Antrieb und Ansporn, gläubiges Versetzen einer Norm ins empirische Diesseits. An der normativen Aussage ist festzuhalten: Der Mensch ist nicht das, wozu er gezwungen wird. Nicht sein zu dürfen, ist das große Urteil, das auf allen Leben lastet. Der kollektive Kult des Ichs bewegt sich genau auf dieser schiefen Schiene der Einbildung. Man hat sich nicht als Besonderheit, also Individuum zu setzen, sondern als Bestimmtheit, also Subjekt. Entgegen dem ideologischen Getöse geht es gar nicht darum, sich selbst zu finden, sondern sich zurechtzufinden, was meint abzufinden. Leben soll gelten als Suche nach Entsprechung und nicht als Ort offenen Sprechens. Ihr sozialer Kontext lässt die Subjekte vorgefertigte Texte rezitieren, die sie geringfügig modellieren dürfen. Sie bewegen sich frei in ihrem Betriebssystem.</p>
<h4>Maskenball</h4>
<p>Personifikation erscheint zwar als selbstverständlich, was aber nicht heißt, dass sie gelingt. Es ist nicht gerade einfach, den jeweiligen Anforderungen zu entsprechen. Nicht nur Masken können scheitern, schon die Maskierung selbst kann danebengehen. Maskierung darf nicht als Maskerade erscheinen. In solchen Momenten wird sie unglaubwürdig. Natürlich hat es Charaktermasken nie als Idealtypus gegeben. Kein Mensch ist je mit einer solchen zusammengefallen bzw. nur ihr verpflichtet gewesen. Das gilt für den Singular wie für den Plural. Was wir gegenwärtig erleben, ist die am Exemplar exekutierte <em>Enttypifizierung </em>durch <em>Multiplizierung </em>eingeforderter Rollen. Die Masken halten nicht mehr dicht. Die Personifikation selbst ist störungsanfällig geworden. Nicht aufgrund unwilligen Menschenmaterials, sondern in ihrer Strukturbildung selbst. Je komplexer die Ansprüche an das Subjekt werden, desto unmöglicher ist es, diesen jeweils zu entsprechen. Zuordnungen verschwinden nicht, aber es wird schwieriger, sie anzubringen. Wie soll das selige Subjekt immanent vernünftig und selbstbewusst agieren, wo es doch vielen widersprüchlichen Charaktermasken verpflichtet ist? Tendenz steigend.<br />
Ausgespielt haben nicht <em>die </em>Rollen, aber die <em>feste </em>Rolle gehört zunehmend der Vergangenheit an. Nicht nur aus dem Proletariat droht ein Prekariat zu werden, immer mehr Rollen geraten in eine missliche Lage. Der generelle Zug liegt in der <em>Deklassierung </em>und damit verbunden in der <em>Entsicherung</em>. Vorherrschend ist der stete Rollenwechsel bzw. die gleichzeitige Beherrschung verschiedener, ja widersprechender Rollen. Das Anforderungsprofil verlangt virtuose Flexibilität. Unmittelbar ist es daher für viele ein größeres Problem, aus den Rollen geworfen zu werden als den Rollen entsprechen zu müssen. Die Leute werden nicht befreit von ihren Rollen, sondern umgekehrt: immer weniger Rollen vermögen es, ihnen Sicherheit zu geben, geschweige denn Garantie. Subjekt und Charaktermaske sind selbst in die Krise geraten, weil sie sich &#8211; und zwar zu Recht &#8211; in ihrer Gewissheit bedroht fühlen, ohne freilich eine andere zu kennen oder genauer: für verallgemeinerbar zu halten. So korrespondiert dieses zähe Klammern und Versteifen mit einem Mangel an Perspektive.<br />
Die Multiplizierung der Rollen ist typisch für das postmoderne Zeitalter. Man gehört nirgends mehr dazu, weil man zu so vielem gehört. Nicht nur als Käufer und Verkäufer, als Kapitalist und Arbeiter treten sie an, sondern als Rentner, Autofahrer, Staatsbürger, Steuerzahler, Leistungsempfänger, Rechtstitelinhaber, Studenten, Hausbesitzer, Sparer, Spender, Aktionäre, Versicherte, Patienten, Klienten, Krieger, Touristen, Interessensvertreter, Bürgerrechtler, Bürgerinitiativler, Umweltschützer, Parteigänger, Fans, Theoretiker, Praktiker, Kritiker, Demonstranten u.v.m. Markt und Politik, Kultur und Ideologie haben zahlreiche Möglichkeiten ausdifferenziert, in deren Rollen sich ihre Mitglieder fortwährend inszenieren können müssen. Man hat viele Texte zu lernen und in vielen Kontexten zu bestehen. Das Repertoire vergrößert sich. Lebenslanges Lernen nennt sich das neue Anforderungsprofil (nicht nur) am Arbeitsmarkt. Wobei nie das Warum zu interessieren hat, sondern das Wie. Einmal mehr geht es um Know-how.<br />
Multiple Formatierung erfordert multiple Charaktere, die multiple Funktionen erfüllen können. Fragmentierung nimmt zu. Die hat ihre Tücken, ist fehleranfällig, eben weil die Masken, die den Einzelnen aufgezwungen werden, immer weniger miteinander kompatibel sind. Sie stürzen ab, die Programme wie die Programmierten. Ihr eigenes folgenrichtiges, aber widersprüchliches Handeln zeitigt Blockaden. Die Asynchronisierung des Subjekts ist weit fortgeschritten. Klassisch ist hier das Verhältnis des Steuerzahlers zum Empfänger sozialer Leistungen in ein und derselben Person. Aber auch der Antagonismus der Interessen eines Arbeiters, der gleichzeitig in einen Pensionsfonds einzahlt, ist offensichtlich. Als Letzterer muss er Interesse haben, dass Kosten eingespart werden, will er auf seine Kosten kommen, auf der anderen Seite hängt er geradezu inständig an seinem Lohn und will stets mehr davon. Er muss beides wollen. Unselige Zeiten, komplizierte Welt. Wie ist etwa der Klassenfeind effektiv zu bekämpfen, wo ich doch selbst wechselseitig mein eigener bin? Da bleibt einem nichts übrig, als sich aufgrund verschiedener Rollen selbst fertigzumachen. Die Seelen, die dann in ein und derselben Brust hausen, die bewerkstelligen das schon. So ist nicht nur in Hobbesscher Manier jeder jedes Feind, sondern auch zusehends sein eigener. Selbst der Egoismus hilft in solchen Lagen nicht mehr recht weiter, er richtet sich nämlich gegen seine Träger selbst.<br />
Der Marasmus der Masken führt aber nicht dazu, diesen Verfall zu akzeptieren und über etwaige Alternativen nachzudenken, sondern auch in die Verschärfung diverser Identifizierungen. Kontrafaktisches Handeln steht auf der Tagesordnung. Wenn schon nichts mehr hält, halten wir uns noch fester fest. Die Widersprüche sind jedenfalls immer schwieriger auszutarieren. Die Kompetenz unterschiedlicher Masken in einem Körper hat destruktive Auswirkungen auf die Psyche jedes Einzelnen. Gefordert wird der Perspektivenwechsel in Permanenz. Aber dieses den Einzelnen sprengende Potenzial der uneinlösbaren Widersprüchlichkeiten hat auch einen produktiven Kern &#8211; er könnte das Individuum anregen, sich über seine ihm gesetzte Bevormundung zu setzen, gerade auch, weil es den widersprechenden Aufforderungen nicht mehr adäquat nachkommen kann. Die banale Frage: <em>Wie komme ich dazu?</em>, sollte man sich tatsächlich stellen. Und zwar in aller Konsequenz.</p>
<h4>Interessen</h4>
<p>Interessen folgen einer Standpunkt- oder Standortlogik. Sie setzen einen Teil gegen andere Teile des Ganzen. Da der Teil aber Bestandteil des Ganzen ist, affirmieren sie dieses. Das Gehäuse, in dem sie sich bewegen, ist das des Werts, der Kampf ist ein nicht abreißender Kampf um Geldmittel. Übersetzt man sie richtig, dann sind Interessen in erster Linie monetäre Ansprüche, die man hat oder stellt. Der Begriff selbst stammt aus dem römischen Schuldrecht. Die gesellschaftlichen Vertretungen treten im realen wie vermeintlichen Interesse der von ihnen Vertretenen gegeneinander an. Forderungen und Verwirklichungen von Interessen finden im Gegeneinander der Konkurrenz und nicht im Füreinander der Kooperation statt. In der Konkurrenz herrscht das Interesse, in der Konkurrenz zu bestehen, was freilich nur realisiert werden kann, wenn die Konkurrenz aktuell nicht bestehen kann. Es geht in diesem Kampf um Sieg und Niederlage, auch dort, wo alles domestiziert und rechtsstaatlich über die Bühne geht. Interessen müssen stets gegen andere Interessen abgewogen und durchgesetzt werden. Das Interesse stellt so das Eigene gegen das Nichteigene, das gemeinhin als das Andere oder das Fremde gilt. Das Interesse ist ein Instrument der Abgrenzung, eines, das handfeste Resultate erzielen muss. Wobei Einzel- und Gesamtinteressen der jeweiligen Charaktermasken auseinandertreten, sie müssen sowohl die Konkurrenz unter sich austragen als auch diese Konkurrenz gemeinsam gegenüber anderen organisieren. &#8220;Indes, der einzelne Kapitalist rebelliert beständig gegen das Gesamtinteresse der Kapitalistenklasse&#8221;<sup><a name="sdfootnote17anc" href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a></sup>, schreibt etwa Marx.<br />
Interesse meint Besonderheit gegen Besonderheit, aber auch Einzelheit gegen Allgemeinheit: &#8220;Eben, weil die Individuen <em>nur </em>ihr besondres, für sie nicht mit ihrem gemeinschaftlichen Interesse zusammenfallendes suchen, überhaupt das Allgemeine illusorische Form der Gemeinschaftlichkeit, wird dies als ein ihnen â€šfremdesâ€˜ und von ihnen â€šunabhängigesâ€˜, als ein selbst wieder besondres und eigentümliches â€šAllgemeinâ€˜-Interesse geltend gemacht, oder sie selbst müssen sich in diesem Zwiespalt bewegen, wie in der Demokratie. Andererseits macht dann auch der <em>praktische </em>Kampf dieser beständig <em>wirklich </em>den gemeinschaftlichen und illusorisch gemeinschaftlichen Interessen entgegentretenden Sonderinteressen die <em>praktische </em>Dazwischenkunft und Zügelung durch das illusorische â€šAllgemeinâ€˜-Interesse als Staat nötig.&#8221;<sup><a name="sdfootnote18anc" href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a></sup><br />
Das Interesse, von dem hier die Rede ist, unterscheiden wir von profanen Anliegen, Wünschen und Begehrlichkeiten nach Gesundheit, Anerkennung, Zufriedenheit, Glück, Sättigung, Sexualität, Freundschaft. Demokratie bedeutet Akzeptanz der Interessen, aber Relativierung der Anliegen anhand jener. Interessen müssen gewichtet werden. Die entscheidenden Kriterien eines Interesses sind seine indirekte Vermittlung sowie seine Gegengerichtetheit. Anliegen hingegen fehlt weitgehend diese Gegengerichtetheit. Der Charakter der Interessen ist konkurrenzistisch und konfrontativ, darüber mögen auch die geschlossenen Kompromisse nicht hinwegtäuschen, ohne die immer offner Krieg wäre: &#8220;Wer, wie das so heißt, in der Praxis steht, Interessen zu verfolgen, Pläne zu verwirklichen hat, dem verwandeln die Menschen, mit denen er in Berührung kommt, automatisch sich in Freund und Feind. Indem er sie daraufhin ansieht, wie sie seinen Absichten sich einfügen, reduziert er sie gleichsam vorweg zu Objekten: die einen sind verwendbar, die andern hinderlich.&#8221;<sup><a name="sdfootnote19anc" href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a></sup><br />
<em>Interesse </em>könnte man definieren als formierte und uniformierte Bestrebung von Rollenträgern. Es ist ihren Masken eingeschrieben, eingeritzt. Sehe ich die Masken, weiß ich schon, wofür sie stehen. Überraschungen sind selten. Es ist eigentlich ziemlich abgeschmackt: Gewinner am Markt sind für dessen freie Entfaltung und Verlierer schreien nach Protektionismus. Und beide Gruppen bilden sich auch noch ein, sie vertreten sich selbst und nicht bloß das, was sie gesellschaftlich darstellen. Diese Verwechslung mit der Rolle ist konstitutiv für das Subjekt.<br />
Allerdings sind weitere Differenzierungen notwendig. Interesse ersten Grades meint das Wahrnehmen und Eintreten der Charaktere für sich und ihresgleichen. Mit der Interessengemeinschaft alleine ist nicht viel getan, sie ist ideell notwendig, aber reell unzureichend. Die Absonderung selbständiger Organe ist unabdingbar. Verwaltung und Aufrechterhaltung dieser Interessen bedürfen eigener Körperschaften und Vereinigungen, kurzum Interessenvertretungen, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft für so ziemlich alles herausgebildet haben. Interessenvertretungen als Organisierung vergleichbarer Masken verdeutlicht, dass die unmittelbaren Interessen derselben einer mittelbaren Instanz bedürfen, um gesellschaftlich überhaupt relevant zu werden und medial auftreten zu können. Daher unterscheiden sich starke (Gewerkschaften, Steuerzahler, Autofahrer &#8230;) von schwachen Vertretungen (Konsumenten, Mieter, Hausfrauen, Kinder &#8230;) gerade in ihrer Potenz zur Organisation, was bedeutet, Unmittelbarkeit in Mittelbarkeit und Isolation durch Bündnis zu ersetzen.<br />
Womit wir beim Interesse zweiten Grades angelangt sind: Hier nun stellt sich das Interesse der <em>Interessenvertretung </em>über die Interessen ihrer Klientel. Dieses <em>abgehobene </em>Interesse resultiert aus der Verwaltung der jeweiligen Basisinteressen. Aus dem Spannungsverhältnis speist dieses Interesse zweiten Grades seine Kraft, wie es aus der Mittelbarkeit seine Legitimation bezieht. Zum Basisinteresse hat es eine funktionale, ja oft instrumentelle Beziehung. Konflikte, die aus diesen Differenzen rühren, führen dann zum obligaten Gezeter gegen die da oben. Man spricht von Bürokratisierung und fordert dementsprechend Bürokratieabbau. Das gehört dazu. Die beklagte Abgehobenheit ist leicht erklärbar: Interessenvertreter haben bei der Interessenvertretung mehr mit sich und anderen Interessenvertretern zu tun als mit ihren Interessenten. In dieser logischen wie seltsamen Konstellation werden die Interessen der Interessenten nachrangig und die Interessen der Interessenvertreter vorrangig. Abgehobenheit ist Folge der notwendigen Selbstbezüglichkeit. Warum sollte gerade von den <em>Funktionärsmasken </em>anderes zu erwarten sein als die Vertretung der Funktionäre? Interessenvertreter haben Eigeninteressen, die sich von den Interessen der Vertretenen unterscheiden. Das stärkste Interesse der Interessenvertretung ist nicht das Interesse der Vertretung der Interessenten (Arbeiter, Bauern, Steuerzahler, Versicherte &#8230;), sondern das Interesse an ihr selbst, also an der Vertretung der Interessenvertretung. Aus <em>Interessen</em>vertretern werden Interessen<em>vertreter</em>.</p>
<p>Interessen können nicht mehr so klar und deutlich deduziert werden, weil die Rollen sich multiplizieren und Eindeutigkeiten weniger Platz haben. Die herkömmlichen Muster greifen nicht und flexiblere Modelle leiden an mangelnder Potenz. Der Einfluss des ehemaligen Blocks ist den Blockaden gewichen. Ohnmacht hat Macht ersetzt. Man hat wenig Erfolge vorzuweisen und spricht daher hilflos und abgeklärt von Sachzwängen. Steigende Selbstbeschäftigung ist Ausdruck zunehmender Wirkungslosigkeit. So geht man auf Fehlersuche, ohne fündig zu werden. Die fundamentalen Herausforderungen kann man gar nicht begreifen, ohne die eigene Existenz in Frage zu stellen. Wer tut das schon? Nichts verstrahlt mehr die Euphorie der Gründungstage oder der Aufstiegsphase. Da ist kein Aufbruch, nirgends. Man plündert die Schatzkammern und verwaltet Ruinen. Desinteresse hat Engagement abgelöst. Interessen wie Interessenvertretungen haben ihre besten Zeiten bereits hinter sich. Was mit leichten Irritationen begann und sich in Wahrnehmungsdefiziten ausdrückte, hat sich zur manifesten Handlungskrise ausgewachsen. Am deutlichsten ist das bei den Gewerkschaften zu erkennen, da die gesellschaftliche Relevanz der in ihr organisierten Lohnarbeiterschaft rapide sinkt.<br />
Das heißt nun gar nicht, dass manchmal nicht doch rauschende Feste gefeiert werden, diese werden sogar mehr statt weniger. Dort, wo Zumutung und Leere herrschen, erleben Events eine Hochzeit nach der anderen. Nur schärfste Surrogate übertrumpfen die unendliche Traurigkeit mangelnder Perspektiven. Deren Essenz freilich ist Fiktion. Im Zuge kulturindustrieller Durchsetzung und Nivellierung wurden nicht nur Gesinnungsvertretungen wie Parteien und Kirchen, sondern zunehmend auch die Interessenvertretungen immer mehr angehalten, der medialen Simulationsmaschine zu dienen und sich als Stimmungsvertretungen zu inszenieren. Dieser populistische Zug ist allerorten beobachtbar, auch die Politik ist ihm unterworfen. Wer auf jener Ebene nicht punkten kann, ist aus dem Spiel. Jede Initiative, die das klassische Interesse wieder in seine Rechte setzen will, wirkt anachronistisch, gleicht einem Fortbewegungsmittel aus untergegangenen Zeiten.<br />
Wo sich die alten Interessenidentitäten verflüchtigen, steigen postmoderne auf, z.B. Markenidentitäten. Marken stiften kurzweilige Neogemeinschaften, wo langweilig gewordene Altgemeinschaften versagen. Ihre Ansprache ist die Werbung. Gefügigkeit realisiert sich im Kauf, der einem akuten oder chronischen Markenbewusstsein folgt. Die Marke des Produkts tritt auf als Korrespondenz zur Maske der Person. Man kann auch von Produktmasken sprechen. Da werden Communities suggeriert, wo Waren an die Kunden wollen. Wichtig ist aber, dass ähnlich dem Flaggezeigen Marke <em>bezeugt </em>wird, d.h. dass Identitätssucher sich als Werbeträger verwenden lassen. Aus Interessenten der Ohnmacht werden Inserenten unterschiedlichster Fiktionen. Dispositionen bestehen darin, sich selbst adäquat zu setzen. Sagt heute jemand stolz: &#8220;Ich bin Proletarier&#8221;, klingt das (außer in linken Sekten), wie wenn Großvatern auferstanden wäre; sagt jemand: &#8220;Ich trage Benetton&#8221; oder &#8220;Ich fahre nur Mercedes&#8221;, dann verkündet das, zumindest auf der Höhe des Zeitgeists zu agieren. Sofern die Marke gerade in ist. &#8220;Gute Marken sind starke Persönlichkeiten&#8221;, weiß auch das neoliberale Frontmagazin <em>brand eins</em>. &#8220;Sie werden älter als jedes Produkt, überstehen Managementfehler und Allmachtsfantasien. Aber wer sich darauf verlässt, hat schon verloren.&#8221;<sup><a name="sdfootnote20anc" href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a></sup><br />
Der unaufhaltsame Aufstieg der Marken verdeutlicht, wie porös und lose die Zuordnungen geworden sind. Klassische Interessen stellen nur noch einen matten Abglanz besserer Zeiten dar, sind lediglich ein Angebot am Markt der Sinnstiftungen. Diese Mattheit können sie lediglich übertünchen, indem sie diese mit Leuchtfarben grell überpinseln. Fiktionen sind immer leichter durchzudrücken, als Wahrheiten auszuhalten. Marke ist eine ganz entscheidende Illusion von Zugehörigkeit. Der sukzessiven Auflösung traditioneller Maskenvereine setzt man entschlossen halluzinierte Gemeinschaften gegenüber, die sich an ihren Markierungen erkennen und somit ihre &#8220;handfesten&#8221; Interessen durch Zeichen und Signifikate ersetzen. In der Realität ist diese Zugehörigkeit freilich noch um vieles schwächer als der antiquierteste Arbeiterverein, in der mentalen Bezauberung der Dinge ist jene aber diesem haushoch überlegen. Sie elektrifiziert die Träger oft bis zur Betäubung. Wo nichts mehr trägt, wird man zum Werbeträger. Nichts glänzt so sehr wie die Etikette.</p>
<h4>Unselbständige</h4>
<p>Auch das Beziehen des Klassenstandpunkts ist nichts anderes als die positive Übernahme einer Rolle. Wer sich als Kapitalist oder Proletarier versteht, hat sich als Agent des Kapitalverhältnisses geoutet. Nicht das Menschliche wird hervorgestrichen, sondern das Dingliche betont. Je größer die Identifikation mit der Rolle, desto schlimmer. Fanatismus meint so etwas wie das Unbedingt-Setzen des Vorgesetzten, ist nicht das Eingehen, sondern das Aufgehen, die Überidentifikation mit der Form. Beide, Arbeiter wie Kapitalist, sind Charaktermasken der Arbeit: &#8220;Vergegenständlichte Arbeit und lebendige Arbeit sind die beiden Faktoren, auf deren Gegenübersetzung die kapitalistische Produktion beruht. Kapitalist und Lohnarbeiter sind die einzigen Funktionäre und Faktoren der Produktion, deren Beziehung und Gegenübertreten aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise entspringt.&#8221;<sup><a name="sdfootnote21anc" href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a></sup><br />
Was will die Charaktermaske des Arbeiters? Das Übliche: sich teuer verkaufen, um viel kaufen zu können. Kaufkraft, das ordinärste, aber überzeugendste aller Leitbilder, steht im Zentrum dieses Interesses, das sich somit vom Generalinteresse irgendeines anderen Käufers resp. Verkäufers nicht unterscheidet. Wie die Arbeiter keine besseren Menschen sind, so sind die Unternehmer keine schlechteren. Solidarität gilt also nicht der Klasse, sondern betroffenen Individuen in ihren Lagen. Jede Idealisierung eines Klassenstandpunkts ist zurückzuweisen. Oder noch deutlicher: Eine transvolutionäre Perspektive ist nur möglich, wenn der positive Bezug auf die gesellschaftliche Klassifizierung überwunden wird. Nicht Klassenbewusstsein ist gefragt, sondern klassenloses Selbstbewusstsein.<br />
Sich nicht als Charaktermaske zu begreifen, das fällt dem Subjekt gar nicht erst ein: &#8220;Die praktischen Agenten der kapitalistischen Produktion und ihre ideologischen Zungendrescher sind ebenso unfähig, das Produktionsmittel von der antagonistischen gesellschaftlichen Charaktermaske, die ihm heutzutage anklebt, getrennt zu denken, als ein Sklavenhalter den Arbeiter selbst von seinem Charakter als Sklave.&#8221;<sup><a name="sdfootnote22anc" href="#sdfootnote22sym"><sup>22</sup></a></sup> Sagt Puntila zu seinem Knecht Matti, der als Mensch behandelt werden will: &#8220;Was heißt: einen Menschen? Bist du ein Mensch? Vorhin hast du gesagt, du bist ein Chauffeur. Gelt, jetzt hab ich dich auf einem Widerspruch ertappt! Gib&#8217;s zu!&#8221;<sup><a name="sdfootnote23anc" href="#sdfootnote23sym"><sup>23</sup></a></sup> Puntila nimmt Matti als Chauffeur wahr. Als ein Objekt, das für vorgegebene Dienste Geld erhält. Nicht als Mensch interessiert Matti, sondern als Knecht, als Ausübender der ihm zugeteilten Funktion. Dieser Widerspruch ist zweifellos elementar, wohlgemerkt nicht der <em>zwischen </em>Puntila und Matti, sondern der <em>in </em>Matti und der <em>in </em>Puntila.<br />
John Stuart Mill, einer der bedeutendsten Vordenker des Liberalismus, verkennt völlig, was etwa einen Arbeitskraftverkäufer ausmacht: &#8220;Das Prinzip der Freiheit kann nicht fordern, dass er die Freiheit haben sollte, nicht frei zu sein. Es ist nicht Freiheit sich seiner Freiheit entschlagen zu dürfen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote24anc" href="#sdfootnote24sym"><sup>24</sup></a></sup> Genau der angeführte Un-Fall ist aber des Arbeiters Fall. Lohnabhängige dürfen nicht bloß, sie müssen sich dieser Unfreiheit als Freiheit unterwerfen, ja noch mehr der Zumutung: sich diese Unfreiheit akkurat als Freiheit vorstellen. &#8211; Der Selbstbestimmte kann nie Arbeiter sein und der Arbeiter niemals selbstbestimmt. Als Verkäufer seiner Ware Arbeitskraft darf er sich nicht darin einmischen, was mit dieser alsdann geschieht. Er hat sie als Verkäufer übereignet. &#8220;Was der Käufer der Ware mit derselben anfangen will, ist dem Verkäufer durchaus gleichgültig.&#8221;<sup><a name="sdfootnote25anc" href="#sdfootnote25sym"><sup>25</sup></a></sup> Indes, der Verkäufer der Ware Arbeitskraft hängt so lange an ihr, solange sie verkauft wurde. Er hat zwar gleichgültig zu sein, obwohl es ihm freilich nicht gleichgültig sein kann, was da mit ihm geschieht. Er tappt in die Falle des freien und gleichen Tausches, sie ist, was die Arbeitskraft betrifft, Selbstauslieferung mit Haut und Haaren.<br />
<em>Lohnabhängig </em>sagt aus, dass so definierte Subjekte abhängig sind vom Lohn, sich <em>verdingen </em>müssen, um leben zu können. Man sollte nicht vergessen, dass Menschen in die Lohnarbeit &#8220;hineingepeitscht, -gebrandmarkt, -gefoltert wurden&#8221; (Marx).<sup><a name="sdfootnote26anc" href="#sdfootnote26sym"><sup>26</sup></a></sup> Unterwerfung und Unterdrückung wurden nicht beseitigt, wie das der Liberalismus unterstellt, sondern lediglich auf eine andere Ebene gestellt. Aus der persönlichen Abhängigkeit wurde eine strukturelle. Erstere ist damit nicht verschwunden, aber sie agiert primär als Vermittler Letzterer. Der Begriff des <em>unselbständig Erwerbstätigen</em> offenbart auf entlarvende Weise mehr, als seinen Erfindern je bewusst gewesen ist. Er streicht nämlich den &#8220;freien Bürger&#8221; gleich einmal entschieden durch. Er verrät die Unselbständigkeit der Nichtselbständigen, womit natürlich noch nicht gesagt ist, dass die Selbständigen sind, was sie von sich behaupten. Selbständigkeit und Markt sind letztlich unvereinbar. Hört man das tolle Wort &#8220;unabhängig&#8221;, denkt man sofort an Geld oder an in Geld transformierbare Vermögenswerte. Jeder Unabhängige ist somit ein Geldabhängiger. Die Menschen sind &#8211; allen aufklärerischen Schlagern zum Trotz &#8211; noch gar nicht in Selbständigkeit und Mündigkeit entlassen.</p>
<h4>Selbständige</h4>
<p>Darüber sollte auch das neue Unternehmertum nicht hinwegtäuschen: &#8220;Es herrscht Gründerzeit &#8211; oft jedoch unfreiwillig. Je schwieriger die Situation auf dem Arbeitsmarkt, desto häufiger stürzen sich viele ins Unternehmertum&#8221;, lesen wir in einem Zeitungsartikel mit der symptomatischen Überschrift &#8220;Volles Risiko statt stempeln gehen&#8221;.<sup><a name="sdfootnote27anc" href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a></sup> Laut diesem Bericht starten 15 Prozent der Firmengründungen direkt aus der Arbeitslosigkeit. Die Geboomten sind nicht selten in die Selbständigkeit Getriebene. Sie gründen, weil ihnen gar nichts anderes übrig bleibt. Unabhängigkeit wird zum Fluch, Abhängigkeit wirkt als Segen, solange sie die Versorgung sicherstellt. Das Gegenteil zur Abhängigkeit ist nicht die Unabhängigkeit, sondern das Abgehängt-Werden. Den Anschluss zu verlieren erscheint zusehends schlimmer, als eingeschlossen zu sein. Die Sicherheit für den Lohnsklaven besteht zumindest darin, sein monatliches Salär ausbezahlt zu bekommen. Das hat nicht jeder. Noch nie hatte diese Abhängigkeit so viele Anhänger. Sosehr es die Ideologen des Markts auch austreiben wollen, Anhänglichkeit ist direkt ein Massenphänomen geworden.<br />
Doch nicht alle hängen an der Vergangenheit, manche sind auch von der Gegenwart hellauf begeistert. So kommt es vor, dass Betroffene die neuen Zustände nicht nur nicht beklagen, sondern gleich Konditoren des Trends abfeiern. Es zeugt schon von einer grandiosen Originalität gerade in Zeiten der Auflösung von Festanstellungen, ihnen den Kampf anzusagen. Bekennungstäter dieser Sorte sind etwa Holm Friebe und Sascha Lobo, die als Vordenker der digitalen Boheme gelten und ein Buch mit dem bezeichnenden Titel &#8220;Wir nennen es Arbeit&#8221;<sup><a name="sdfootnote27anc" href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a></sup> veröffentlicht haben. &#8220;Sie verzichten dankend auf einen Arbeitsvertrag und verwirklichen den alten Traum vom selbstbestimmten Leben&#8221;<sup><a name="sdfootnote29anc" href="#sdfootnote29sym"><sup>29</sup></a></sup>, heißt es lapidar wie paradigmatisch in der Ankündigung des Heyne-Verlags.<br />
&#8220;Sei frei und selbständig&#8221;, lautete das Motto des 15. Jungunternehmertags am 5. Oktober 2005 im Austria Center Vienna. Auch die medialen Marktschreier von <em>brand eins</em> sind in diesem Sinne unterwegs. Es geht darum, in den Schützengräben der auf sich gestellten Selbständigen die nötige Euphorie zu verbreiten: &#8220;Selbständige sind die Grundlage alles Unternehmerischen, der Motor der Ökonomie. Anderswo. In Deutschland sind sie Bürger zweiter Klasse, die von einem verbiesterten System zu Außenseitern gemacht werden.&#8221;<sup><a name="sdfootnote30anc" href="#sdfootnote30sym"><sup>30</sup></a></sup> &#8220;Als Selbständiger ist man in Deutschland ganz unten&#8221;, wird zustimmend ein Professor für Innovationsforschung zitiert. Der Kampf um die Selbständigkeit wird gar zum antifaschistischen Befreiungskampf, zumindest suggeriert das der Titel des Januarheftes: &#8220;Der deutsche Kampf gegen die Selbständigkeit&#8221;. Das ist neu, ansonsten kommen die renovierten Vorurteile in neuem Styling zum Einsatz: &#8220;Selbständige sind Menschen, die etwas unternehmen und vielfach die Grundlage weiterer Unternehmen regeln. Leute, die auf eigenes Risiko, mit eigenem Geld und Geschick etwas tun und in der Regel hart dafür arbeiten.&#8221;<sup><a name="sdfootnote31anc" href="#sdfootnote31sym"><sup>31</sup></a></sup><br />
Das mit dem eigenen Risiko blamiert sich freilich ständig dadurch, dass jeder Konkurs und jeder Ausgleich nichts anderes zeitigt als die Auslagerung resp. Sozialisierung der Verluste. Nicht selten sind es ausgerechnet die verpönten öffentlichen Anstalten (Krankenkassen, Pensionsversicherungen, Förderstellen, Kommunen), die hier zum Handkuss kommen und via Abschreibung zur Kasse gebeten werden. So genau nimmt man es nicht. Passt auch nicht zu den ideologischen Schrullen. Dafür vertritt Lotter eine neue Klassentheorie: &#8220;Die herrschende Klasse ist in Deutschland die der Arbeitsplatzbesitzer, der Sozialversicherungspflichtigen. Und wie alle herrschenden Klassen vor ihr verteidigt auch sie ihre Pfründe.&#8221;<sup><a name="sdfootnote32anc" href="#sdfootnote32sym"><sup>32</sup></a></sup> Arbeitsplatzbesitzer sind folglich zu enteignen. Das läuft zwar, aber wahrscheinlich nicht radikal genug.<br />
&#8220;Das Kapital ist pure Welt und reale Wirtschaft&#8221;<sup><a name="sdfootnote33anc" href="#sdfootnote33sym"><sup>33</sup></a></sup>, schwärmt der Leitartikler. Skeptiker oder Kritiker müssen in die Schranken gewiesen werden, denn &#8220;es ist ein fester Bestandteil der Folklore, dass das Kapital und der Kapitalist an und für sich etwas Fremdes sind und etwas Bedrohliches.&#8221;<sup><a name="sdfootnote34anc" href="#sdfootnote34sym"><sup>34</sup></a></sup> Nicht dass Lotter nicht solche auch kennt, aber das sind dann nicht die Schaffer seiner Realwirtschaft, sondern die Raffer eines &#8220;Geld-Geld-Kapitalismus&#8221;.<sup><a name="sdfootnote35anc" href="#sdfootnote35sym"><sup>35</sup></a></sup> Diese glaubt er tatsächlich von jenen unterscheiden zu können: &#8220;Zocken und Wirtschaft sind allerdings zwei grundlegend verschiedene Dinge, auch wenn Geld in beiden eine Rolle spielt. (&#8230;) Ein Spieler spielt und nimmt das gewonnene Geld, um daraus mehr Geld zu machen. Das ist der Zweck des Spiels. Das Geld arbeitet für sich. Es ist nutzlos und wertlos.&#8221;<sup><a name="sdfootnote36anc" href="#sdfootnote36sym"><sup>36</sup></a></sup> Lotter spricht ausdrücklich von &#8220;Lumpenkapitalisten&#8221;<sup><a name="sdfootnote37anc" href="#sdfootnote37sym"><sup>37</sup></a></sup>, &#8220;sie denken nur ans Geld und sind genau deshalb, nun ja, das Gegenteil von Kapitalisten, nämlich asozial&#8221;<sup><a name="sdfootnote38anc" href="#sdfootnote38sym"><sup>38</sup></a></sup>. Was tun mit nutzlosen, wertlosen, asozialen Lumpen, fragt man sich da als Vertreter der Kategorie &#8220;Ehrliche Arbeit&#8221;. Genauso heißt auch der unmittelbar an Lotter anschließende Beitrag. Darin wird der Stahlunternehmer Jürgen Großmann als Vertreter dieser edlen Spezies interviewt.<sup><a name="sdfootnote39anc" href="#sdfootnote39sym"><sup>39</sup></a></sup><br />
<em>brand eins</em> ist zweifellos heute ein führendes Frontmagazin des schaffenden Kapitals. Abarbeiten und Aufbereiten kapitaler Leitbegriffe ist zentrale Aufgabe. In anspruchsvoll gestalteten Themenheften (Führung, Risiko, Luxus, Vorurteile, Erfolg, Marken, Verkaufen, Arbeit, Apparat, Plan, Verantwortung, Wachstum, Geld, Eliten etc.) wird stets Richtung und Tempo vorgegeben. Ganz unrecht hat Lotter natürlich wiederum auch nicht, denn zweifelsfrei, der Spekulant ist eine üble Figur. Aber nicht als Solitär. Er ist eine üble Figur unter gleichen, keine üble Figur sondergleichen. Üble Figuren der Konkurrenz sind doch ausnahmslos alle: der Unternehmer als Agent des konstanten Kapitals, der Kaufmann als Agent des zirkulierenden Warenkapitals, der Spekulant als Agent des zirkulierenden Geldkapitals und der Arbeiter als Agent des variablen Kapitals. Kommunismus ist mit diesen Figuren keiner zu machen, Kommunismus meint Abschaffung aller Agenturen des Kapitals. Keine Agenturen, keine Agenten.</p>
<h4>Unternehmer</h4>
<p>Chronologisch wie logisch gilt: Die letzte Instanz der Konkurrenz ist auch ihre erste, ihr Kern ist die nackte Gewalt. Die Ursprünge des modernen Unternehmertums liegen in systematischer Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit, in Aneignung durch Enteignung. Karl Marx hat dies im 24. Kapitel des ersten Bandes des Kapitals mit dem Titel &#8220;Die so genannte ursprüngliche Akkumulation&#8221; ausführlich dargelegt.<sup><a name="sdfootnote40anc" href="#sdfootnote40sym"><sup>40</sup></a></sup> Herbert Marcuse schreibt: &#8220;Von Anbeginn war die Freiheit des Unternehmens keineswegs ein Segen. Als die Freiheit zu arbeiten oder zu verhungern bedeutet sie für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Plackerei, Unsicherheit und Angst. Wäre das Individuum nicht mehr gezwungen, sich auf dem Markt als freies ökonomisches Subjekt zu bewähren, so wäre das Verschwinden dieser Art von Freiheit eine der größten Errungenschaften der Zivilisation.&#8221;<sup><a name="sdfootnote41anc" href="#sdfootnote41sym"><sup>41</sup></a></sup><br />
Kann man derlei noch behaupten? Wirkt das nicht ziemlich deplaziert? Vorgestrig? Macht man sich da nicht lächerlich? &#8211; Soll sein. Vom Ende des freien Unternehmertums, wie es etwa Joseph A. Schumpeter<sup><a name="sdfootnote42anc" href="#sdfootnote42sym"><sup>42</sup></a></sup> oder James Burnham<sup><a name="sdfootnote43anc" href="#sdfootnote43sym"><sup>43</sup></a></sup> nach dem Zweiten Weltkrieg noch vorausgesagt hatten, ist nichts mehr zu hören. Im Gegenteil. Heute ist der Prototyp des freien Subjekts der freie <em>Unternehmer</em>. Daher sollen fortan auch alle welche sein. Der Soziologe Ulrich Beck etwa ist inzwischen zum Werbetexter eines neuen Unternehmertypus geworden, man achte auf die Wortwahl: &#8220;Die Figur des Gemeinwohl-Unternehmers bezeichnet eine personifizierbare Verdichtung von Initiativenreichtum, wie sie empirisch oft genug außerhalb und in Opposition zu den traditionellen Wohlfahrts- oder staatlichen Dienstleistungsorganisationen anzutreffen ist.&#8221;<sup><a name="sdfootnote44anc" href="#sdfootnote44sym"><sup>44</sup></a></sup> &#8220;Ihre unternehmerische Kunst und Fertigkeit liegt darin, dass sie unbefriedigte Bedürfnisse, ungelöste Aufgaben identifizieren und dafür brachliegende Ressourcen mobilisieren können. Sie vermitteln also in ihrer Person und Aktivität die Nachfrage und die Aufgaben der Bürgerarbeit.&#8221;<sup><a name="sdfootnote45anc" href="#sdfootnote45sym"><sup>45</sup></a></sup> Glaubt man den neuen Ideologen, dann ist die Zeit der Unternehmer erst angebrochen.<br />
Dementsprechend hauen die Standesvertretungen auch auf den Putz: &#8220;Wir sind die eierlegende Wollmilchsau. Wir sind die Wiener Wirtschaft&#8221;, inserierte im Jahr 2000 der Wiener Wirtschaftsbund. Unternehmer gelten jedenfalls als innovative Köpfe und leistungsstarke Macher der Wirtschaft. Ihre Kreativität ist unser Wohlstand. Sie stellen nicht nur die Produkte her und beliefern die Märkte, sie schaffen auch die Arbeitsplätze. Obwohl Arbeitnehmer, werden sie Arbeitgeber geheißen. Wir haben ihnen dankbar zu sein. Dass sie sich in der Konkurrenz behaupten, dass sie dem sozialdarwinistischen Motto von &#8220;Fressen oder gefressen werden&#8221; dienen, wird ihnen nicht nur nachgesehen, nein dieser Umstand fördert ihr Ansehen. Die Durchsetzungsvermögen genannte Rücksichtslosigkeit gilt in keiner Weise als Delikt, sondern als Tugend. Wir haben Respekt zu haben. Vergöttert werden gerissene Halunken, kaltblütige Ausbeuter, beinharte Rationalisierer, wendige Abstauber. Nichts wird so vergötzt wie profitfähige Exponate, leibliche Verkörperungen des konstanten Kapitals. Sie gelten als Heilsbringer, als Hohepriester, als Tatmenschen, kurzum Täter des Markts. Opfer, die hier getätigt werden, sind allemal Kollateralschäden. Sie werden einfach <em>in Kauf</em> genommen. Der Business geheißene Existenzkampf geht so.<br />
Über den klassischen Bourgeois schreibt Marx: &#8220;Der objektive Inhalt jener Zirkulation &#8211; die Verwertung des Werts &#8211; ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operation, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital.&#8221;<sup><a name="sdfootnote46anc" href="#sdfootnote46sym"><sup>46</sup></a></sup> &#8220;Als Kapitalist ist er nur personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalistenseele. Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb sich zu verwerten, Mehrwert zu schaffen, mit seinem konstanten Teil, den Produktionsmitteln die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote47anc" href="#sdfootnote47sym"><sup>47</sup></a></sup> &#8220;Die kapitalistische Produktionsweise vorausgesetzt, ist der Kapitalist nicht nur ein notwendiger Funktionär, sondern der <em>herrschende Funktionär</em> der Produktion.&#8221;<sup><a name="sdfootnote48anc" href="#sdfootnote48sym"><sup>48</sup></a></sup> Jedes empirische Arbeitsverhältnis wird das bestätigen. Doch der herrschende Funktionär &#8211; der Begriff sagt es &#8211; ist kein Selbstherrscher. Er, der anders als der klassische Proletarier keinen Herren über sich hat, <em>musste </em>schon immer Herr seiner selbst sein. Der Kapitalist funktioniert nur, wenn er seine Funktion erfüllt. Es herrscht nicht Willkür, und wo sie herrscht, herrscht sie nicht lange.<br />
In seinen &#8220;Randglossen zu Adolph Wagner&#8221; hält Marx dezidiert fest: &#8220;Ich stelle umgekehrt den Kapitalisten als notwendigen Funktionär der kapitalistischen Produktion dar und zeige sehr weitläufig dar, dass er nicht nur â€šabziehtâ€˜ oder â€š<em>raubt</em>â€˜, sondern die <em>Produktion des Mehrwerts</em> erzwingt, also das Abzuziehende erst schaffen hilft; ich zeige ferner ausführlich nach, dass, selbst wenn im Warenaustausch <em>nur Ã„quivalente</em> sich austauschen, der Kapitalist &#8211; sobald er dem Arbeiter den wirklichen Wert seiner Arbeitskraft zahlt &#8211; mit vollem Recht, d.h. dem dieser Produktionsweise entsprechenden Recht, den <em>Mehrwert </em>gewänne.&#8221;<sup><a name="sdfootnote49anc" href="#sdfootnote49sym"><sup>49</sup></a></sup> Ein produktives Unternehmen ist daher ein solches, das fremden Reichtum abzieht. &#8220;Ist die Überproduktion des Arbeiters <em>Produktion für andre</em>, so die Produktion des normalen Kapitalisten, des industriellen Kapitalisten, wie er sein soll, Produktion um der Produktion Willen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote50anc" href="#sdfootnote50sym"><sup>50</sup></a></sup> Was der Unternehmer von anderen Käufern unterscheidet, ist: &#8220;Der Unternehmer kauft Produktivfunktionen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote51anc" href="#sdfootnote51sym"><sup>51</sup></a></sup><br />
Der Kapitalist gilt Marx als &#8220;Fanatiker der Verwertung des Werts.&#8221;<sup><a name="sdfootnote52anc" href="#sdfootnote52sym"><sup>52</sup></a></sup> Dieser Fanatismus rührt aus den Bewegungsgesetzen des Kapitals. Daher ist es auch ausgesprochen falsch, diesen aus der Profitgier abzuleiten. &#8220;Die Wirkungen, die die Dinge haben als gegenständliche Momente des Arbeitsprozesses, werden ihnen im Kapital zugeschrieben, als von ihnen besessen in ihrer Personifizierung. Selbständigkeit gegen die Arbeit. Sie würden aufhören, diese Wirkungen zu haben, wenn sie aufhörten, in dieser <em>entfremdeten Form</em> sich der Arbeit gegenüber zu verhalten. Der Kapitalist als <em>Kapitalist </em>ist bloß die Personifikation des Kapitals, die mit eignem Willen, Persönlichkeit begabte Schöpfung der Arbeit im Gegensatz zur Arbeit. Hodgskin fasst dies als rein subjektive Täuschung auf, hinter der sich der Betrug und das Interesse der ausbeutenden Klassen versteckt. Er sieht nicht, wie die Vorstellungsweise entspringt aus dem realen Verhältnis selbst, das letztere nicht Ausdruck der erstren, sondern umgekehrt.&#8221;<sup><a name="sdfootnote53anc" href="#sdfootnote53sym"><sup>53</sup></a></sup></p>
<h4>Kommando</h4>
<p>&#8220;Ebenso erschien ursprünglich das Kommando des Kapitals über die Arbeit nur als formelle Folge davon, dass der Arbeiter statt für sich, für den Kapitalisten und daher unter dem Kapitalisten arbeitet. Mit der Kooperation vieler Lohnarbeiter entwickelt sich das Kommando des Kapitals zum Erheischnis für die Ausführung des Arbeitsprozesses selbst, zu einer wirklichen Produktionsbedingung. Der Befehl des Kapitalisten auf dem Produktionsfeld wird jetzt so unentbehrlich wie der Befehl des Generals auf dem Schlachtfeld.&#8221;<sup><a name="sdfootnote54anc" href="#sdfootnote54sym"><sup>54</sup></a></sup> Der Produktionsprozess selbst wird &#8220;seiner Form nach despotisch&#8221;.<sup><a name="sdfootnote55anc" href="#sdfootnote55sym"><sup>55</sup></a></sup> Das Kommandosystem in den Fabriken kann aber nicht auf Willkür und Unterdrückung zurückgeführt werden, selbst wenn es unmittelbar so erscheint: &#8220;Der Zusammenhang ihrer Arbeiten tritt ihnen (den Arbeitern, F.S.) daher ideell als Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft.&#8221;<sup><a name="sdfootnote56anc" href="#sdfootnote56sym"><sup>56</sup></a></sup> Und noch einmal: &#8220;Der Kapitalist selbst ist nur Gewalthaber als <em>Personifizierung </em>des Kapitals.&#8221;<sup><a name="sdfootnote57anc" href="#sdfootnote57sym"><sup>57</sup></a></sup> Diese Autorität ist lediglich der Transmissionsleitriemen der Realisierung, nicht die schaffende Kraft der industriellen Leistung. Willkür und Repression sind Beigaben, untergeordnete Bedingungen des Funktionierens, nicht dessen Mechanismus. Was sich inzwischen auch an den flachen Hierarchien in der Betriebsführung demonstriert. Der Druck ist meist kein direkter, von einem Außen diktierter, sondern ein verinnerlichter und logischer. Der Befehl ist heute, zumindest in entwickelten Betriebsformen, eine Ausnahmeerscheinung, obgleich der Zwang nicht geringer geworden ist. Ziel ist Vollzug ohne Aufforderung. Die Leute sollen wissen, was zu tun ist. <em>Sie sollen wollen, was sie sollen.</em><br />
Zweifellos, das Kommando hat an Offensichtlichkeit verloren. Die Unterdrückung des Subjekts ist von außen nach innen gewandert. Wir sprechen von einer Verinnerlichung der Herrschaft. Unter Druck ist jenes nach wie vor, doch den großen Druck macht es sich selbst. Die kapitalistische Unterdrückung übt sich in den metropolitanen Demokratien in vermeintlich behutsamer Diskretion, der man die Gewalt der Verhältnisse oft gar nicht mehr anmerkt. Es geht um <em>Selbststeuerung</em>. &#8220;Seit der Facharbeiter weiß, was er sich schuldig ist, seit Angestellte die Regelungen des Arbeitstages akzeptieren, als handelte es sich um Naturgesetze, und vollends seit die Mitarbeiter eines Unternehmens mehr und mehr die Informationen selbst reproduzieren, in deren Genuss sie früher nur qua Anweisung kamen, muss dieses Bild korrigiert werden.&#8221;<sup><a name="sdfootnote58anc" href="#sdfootnote58sym"><sup>58</sup></a></sup> Der Druck des Marktes kommt als sachliches Konzentrat über die Mitarbeiter. Disziplin ist zur Selbstdisziplin geworden. Das Ich wird mit sich selbst fertig. Einen Pünktlichen muss man nicht zwingen, pünktlich zu sein, einen sich mit der Arbeit Identifizierenden muss man nicht anherrschen. Die Zwänge sind subtiler geworden, nicht geringer. Autoritäres Durchgreifen ist aber nicht abgeschafft, sondern lediglich aufgehoben. Nicht überwunden, sondern sistiert. Unter anderen Bedingungen kann es auch wieder abgerufen werden. Das Kapital vermag auf restriktive Maßnahmen zu verzichten, wo es diese nicht (mehr) braucht; werden sie nötig, ist das ganze Arsenal wieder einsetzbar. Womit freilich noch nicht gesagt ist, dass es sodann auch die gewünschten Ergebnisse zeitigt.<br />
Ist das Kapital noch immer despotisch, wenn Befehlen und Gehorchen nicht mehr die elementaren Kommunikationsmuster darstellen? Nun, was soll man sagen? &#8211; Eine der dümmsten wie erhellendsten Fragen zugleich ist wohl diese: Ist ein Betrieb eine Demokratie oder eine Diktatur? Dumm, weil der konventionelle Begriffscode hier, oberflächlich betrachtet, gar nichts erkennen lässt. Erhellend, weil hier Freiheit und Kommando wunderschön in eins fallen, Selbstbestimmung und Unterwerfung derselbe Akt sind. Es ist nur mehr eine Frage der Perspektive, nicht irgendwelcher Prinzipien.</p>
<h4>Leader</h4>
<p>Lassen wir noch einmal den Wolf Lotter ran: &#8220;Die neuen Führer und Geführten folgen dem alten Heldenbild, sie tun, was sie immer getan haben: Sie begreifen Wirtschaft als moderne Form von Krieg und sich selbst als die Helden dieses Kampfes.&#8221;<sup><a name="sdfootnote59anc" href="#sdfootnote59sym"><sup>59</sup></a></sup> Dass Krieg und Unternehmen viel gemeinsam haben, liegt auf der Hand. In militärischem Kampfanzug referiert der SVP-Recke Christoph Blocher das, was er unter Führung versteht. Für Zweideutigkeiten ist in diesem egomanischen Autoritätskult von Befehlen und Gehorchen kein Platz. Blocher behauptet, &#8220;dass sich die Qualität der Führung und der Führenden an einer einzigen Größe zu messen hat, nämlich am erreichten Ziel, am Erfolg. Und weil jeder Führende stets sowohl Vorgesetzter als auch Untergebener ist &#8211; und damit stets einen Auftrag hat &#8211; ist seine Führungsqualität an der <em>Erfüllung eines Auftrages</em> zu messen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote60anc" href="#sdfootnote60sym"><sup>60</sup></a></sup> &#8220;Der Auftrag steht im Mittelpunkt &#8211; und zwar der eigene.&#8221; Sendungsbewusst verkündet er, dass es wieder einmal um Pflicht, d.h. um &#8220;<em>Auftragstreue</em>&#8221; geht: &#8220;Der Verantwortliche ist einem Auftrag unterworfen, untertan.&#8221; &#8220;Es gibt keine schlechten Mitarbeiter, nur schlechte Chefs.&#8221; &#8220;Das Vorschieben der Sachzwänge ist nichts anderes als die Begründung des Misserfolges auf Vorrat.&#8221; Zum Typus der Führungspersönlichkeiten schreibt Blocher, &#8220;dass sie trotz verschiedensten Charakteren vor allem eine gemeinsame Eigenschaft auszeichnet: eine &#8211; manchmal fast unheimliche &#8211; Verpflichtung gegenüber der Sache, ein Ernstnehmen ihres Auftrages. Alle &#8211; auch und gerade die eigene Person &#8211; ordnen sie diesem unter.&#8221; Schon Hegel nannte die Pflicht &#8220;ein <em>Sollen </em>gegen den besonderen Willen&#8221;.<sup><a name="sdfootnote61anc" href="#sdfootnote61sym"><sup>61</sup></a></sup> Auf jeden Fall gibt man uns doch deutlich zu verstehen: Unternehmer sind Offiziere des Kapitals und ihre Beschäftigten sind nichts anderes als Söldner des Marktes. Was man in Zürich weiß, weiß man auch in der Wiener Tageszeitung <em>Der Standard</em>: &#8220;Rekrutieren muss gelernt sein.&#8221;<sup><a name="sdfootnote62anc" href="#sdfootnote62sym"><sup>62</sup></a></sup> Und das ebenfalls an der Donaumetropole ansässige <em>Wirtschaftsblatt </em>titelt: &#8220;Manager mit Militärausbildung sind die besseren Chefs.&#8221;<sup><a name="sdfootnote63anc" href="#sdfootnote63sym"><sup>63</sup></a></sup> Da würde auch Blocher applaudieren.<br />
Diese kultische Selbstinszenierung verweist auf die Masken des Kapitals und ihre primären Exponenten, die Kapitalisten. Gesungen wird das Hohelied der sekundären Tugenden: Pflicht, Auftrag, Ordnung, Erfüllung, alles unterworfen einer unbedingten Führung. Beim Unternehmer seiner selbst geht es darum, dass jeder sich zu dem bekennt, was er zu sein hat: Träger oder besser noch Überträger seines eigenen Humankapitals, das sich zu verwerten verstehen muss. Jeder fürsorgliche Klimbim wird hier als störend empfunden, geht es doch um die Entfaltung und Erhaltung einer sich selbst reproduzierenden Form.<br />
Aktuell nimmt der Glaube an das freie Unternehmertum direkt fundamentalistische Züge an. Die Wirtschaftsliteratur verkündet die Wiederkehr des <em>Wirtschaftsführers</em>. Man wird nicht nur in der NZZ fündig, jeder Wirtschaftssteil jeder Zeitung und jedes Magazins beherbergt dieselbe Propaganda, die sich heute in der Verschiebung vom Manager zum Führer akzentuiert: &#8220;Darin sehe ich den Unterschied zwischen Management und Führung. Manager sind mit der Abwicklung komplexer Prozesse betraut, Führung mit jener der Veränderung&#8221;<sup><a name="sdfootnote64anc" href="#sdfootnote64sym"><sup>64</sup></a></sup>, weiß die Harvard-Professorin Linda Hill. Leader seien &#8220;Change Agents&#8221;. &#8220;Leader sind keine Manager&#8221;, behauptet auch Edgar H. Schein, ehemaliger Professor für Organisationspsychologie an der Soan School of Management am MIT, der Leader gilt ihm als Kulturschaffer und Kulturveränderer, wobei mit Kultur die Unternehmenskultur gemeint ist: &#8220;Wenn die Kultur mit dem Markt übereinstimmt, dann ist das Unternehmen erfolgreich.&#8221; Veränderung rührt aus Angst vor Misserfolgen: &#8220;Dann muss es im Unternehmen ein Gefühl der Angst, der Bedrohung geben, ein Gefühl: Wir müssen uns verändern, wenn wir überleben wollen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote65anc" href="#sdfootnote65sym"><sup>65</sup></a></sup> Angst vor dem Gefressen-Werden wird zu einem positiven Trieb aller Gefräßigen. Kapitalismus bedeutet allemal, das zu tun, was einem nicht angetan werden soll.<br />
&#8220;Die Planungszyklen der Unternehmen werden immer kürzer. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen immer weniger vorhersehbar. Manager reagieren, Leader antizipieren Entwicklungen&#8221;, lesen wir im Vorspann zum Artikel &#8220;Warum jetzt Leader gefragt sind&#8221;.<sup><a name="sdfootnote66anc" href="#sdfootnote66sym"><sup>66</sup></a></sup> Vom Manager setzt sich diese Konzeption bewusst ab. Im liberalen Wiener Blatt, das natürlich weiß, was sich gehört, wird der Führer auch ganz korrekt Leader genannt. &#8220;Der Leader wird zum Visionär&#8221;, &#8220;letztendlich beginnt Leadership dort, wo Konsens aufhört.&#8221; &#8220;Die Headhunter Helmut Neumann und Tamas Toth sind dabei, in Österreich und Osteuropa eine Leader-Schmiede zu etablieren.&#8221; Man steckt einmal mehr im &#8220;Gründungsfieber&#8221;. Neudeutsches Zitat Toth: &#8220;The leader doesn&#8217;t transport the message, the leader is the message.&#8221;<br />
Wer sich nur die Mühe nimmt, die Blätter zu durchforsten, wird immer wieder auf den Hymnus stoßen, geradezu anbetungs- und salbungsvoll wird diesen Exponaten ein Heldenlied gesungen. Die Strophen dieses Werbefeldzugs sind oft identisch bis ins kleinste Detail. Der Unternehmer ist der Gesandte des Kapitals. Gepriesen sei er. Anbetung der Maske gibt es nicht nur im Proletkult oder im Starkult, sie ist insbesondere auch Programm des konstanten Kapitals, sei es fix, zirkulierend oder rein fiktiv. Fabrikanten, Broker, Makler, Grundbesitzer, Hauseigentümer, Großaktionäre, die gelten schon was. Und selbst wenn dieses System zunehmend eklatiert und eskaliert, wird dies achselzuckend zur Kenntnis genommen: &#8220;Die Hälfte der Führungskräfte ist überzeugt, Konflikte in Unternehmen nehmen zu. Schuld ist der zunehmende Druck am Markt. Getan wird trotzdem nichts&#8221;<sup><a name="sdfootnote67anc" href="#sdfootnote67sym"><sup>67</sup></a></sup>, heißt es lapidar im <em>Wirtschaftsblatt</em>.<br />
Wie denn auch. Der Ablauf muss ablaufen und er läuft ständig schneller, auch was seine Destruktionen betrifft. Schöpfung meint Zerstörung. Zögerlichkeit oder Genügsamkeit sind jedenfalls Mängel, die beseitigt werden müssen. Wenn der oft zitierte Nationalökonom Joseph Alois Schumpeter von der Potenz der &#8220;schöpferischen Zerstörung&#8221;<sup><a name="sdfootnote68anc" href="#sdfootnote68sym"><sup>68</sup></a></sup> spricht, dann behandelt er die Frage völlig formzentriert. Er fasst sie theoretisch so, wie das Kapital sie praktisch löst. Schumpeter fragt in keiner Weise, was zerstört wird und was an seine Stelle tritt. Er konstatiert, dass das unaufhörlich der Fall ist, vergisst aber in seinem innovativen Eifer, worum es geht. Die schöpferische Zerstörung ist nichts anderes als das Rationalisierungsprogramm des Kapitals. Um Wert zu schaffen, muss es Werte vernichten, alles Stoffliche ist hier bloß Beiwerk, was zählt, sind Ziffern des Umsatzes und des Profits. Nicht ob eine Maschine besser ist als eine andere, ist die Frage, sondern ob sie billiger produziert. Nicht ob ein Produkt verbessert werden kann, sondern wie es besser verkauft werden kann, ist die ganz energische Frage, die der schöpferischen Zerstörung zugrunde liegt. Sie ist nichts weniger als eine Instanz des Werts.</p>
<h4>Risiko</h4>
<p>Klassisch war: Eins bietet seine Arbeitskraft an und hofft, dass auf diese zugegriffen wird. Man erwartet Anstellung und Arbeitsvertrag, verbunden mit diversen Sicherheiten (Pensionsversicherung, Arbeitslosenversicherung, Krankengeld etc.), kurzum ein ordentliches Beschäftigungsverhältnis. Der &#8220;atypische&#8221; Unternehmer seiner Arbeitskraft besitzt derlei Sicherheiten kaum noch, er ist befristeter Tagelöhner, Job-Hopper, der mal dies und mal jenes erledigt. &#8220;Die neue Arbeitskraft verkauft ihre Arbeit nicht mehr zum fixen Stunden- und Monatstarif, sondern sie wird nach Leistung oder erst bei Auftragserfüllung entschädigt; sie verbessert laufend ihr persönliches Leistungsangebot und ihr Qualifikationsprofil nach unternehmerischen Erfolgskriterien.&#8221;<sup><a name="sdfootnote69anc" href="#sdfootnote69sym"><sup>69</sup></a></sup> Sie verfügt über keine Anstellung, sie verfügt über Fertigkeiten und Geschicklichkeiten, die abgerufen werden. Angst als Konsequenz allseitiger Entsicherung soll Folgsamkeit erhöhen. Dazu passt auch die immer öfter erhobene Forderung, Gehälter überhaupt an Gewinne zu koppeln.<br />
Das positive Wort für Entsicherung heißt <em>Risiko</em>. Einst den Unternehmern zugeordnet, wurde es zwischenzeitlich demokratisiert und allen zugängig gemacht. Denn auch das Leben als besetztes Terrain ist zu einem Unternehmen geworden, das ordentlich gemanagt werden muss. Alles ist verplant, und man plant es zu allem Überfluss auch noch selbst. <em>It&#8217;s all business</em>. Jeder soll werden sein eigener Unternehmer. Eigenverantwortung nennt sich dieser Zwang zur Ausübung und Anwendung seiner selbst als ungeschütztes Konkurrenzwesen. Wobei Eigenverantwortung eine zynische Vokabel sondergleichen ist: Sie verlangt Folgen und Kosten zu tragen, bei den vorlaufenden Bestimmungen und Entscheidungen aber weitgehend einflusslos zu sein. Es geht um die Privatisierung der Lasten zuungunsten der schlechter Positionierten. Aber auch dies sollte nicht als Klasse übersetzt, sondern den jeweils deklassierten Elementen zugerechnet werden.<br />
Der Werbesprüche sind viele. Man denke nur an das unerträgliche <em>No risk, no fun</em>. Da geht es um den Kick. Bereitschaft zum Scheitern ist eine zentrale Bedingung. Eine nach oben wie unten offene Skala von Plus und Minus geht davon aus, dass auch welche draufzahlen müssen, um anderen den Erfolg zu sichern. Die Positivierung des Risikos führt dazu, erlittene Schäden a priori zu akzeptieren. Sie sind Teil des Spiels nach akzeptierten Spielregeln. Verluste werden individuell zugerechnet. Selbst Krankheit soll immer mehr als persönliches Versagen empfunden werden. Zwischen der Reparatur des Autos und der des Körpers ist ja auch kein Unterschied. Ökonomisch betrachtet. Schutz erscheint als Kostenfaktor, der sich nicht rechnet. Risikoscheu und Risikofeindlichkeit gelten als verpönt. Risiko ist angesagt. &#8220;Die Risikogesellschaft ist eine katastrophale Gesellschaft. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden&#8221;<sup><a name="sdfootnote70anc" href="#sdfootnote70sym"><sup>70</sup></a></sup>, wusste Ulrich Beck noch vor zwanzig Jahren. Risiko und Konkurrenz funktionieren als Einschluss- und Ausschlussmechanismen betreffend den monetären Fluss in der Gesellschaft. Da die In-Wert-Setzung Pflicht ist, ist die Exklusion freilich eine (nicht gewollte) Verletzung der Pflicht, eine Verunglückung oder ein Unfall. Die ultimative Zuspitzung des Risikos ist das <em>Hasard</em>, immer dort zugegen, wo die verzweifelte Entschlossenheit jede Rücksichtnahme gegen sich wie gegen andere verbietet. Die Mentalität des &#8220;Alles oder nichts&#8221; liegt in der Bereitschaft zu vernichten oder vernichtet zu werden. Jene zeitigt Tat und Opfer. Der Zug zum Nichts ist handgreiflich und offensichtlich.<br />
Die aktuelle Risikofreudigkeit hat zwei Gründe; einen banalen, was meint, vielen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich dem Risiko zu überantworten. Zweitens, und da wird es komplizierter, gibt es hier aber auch eine mentale Ursache. Lust aufs Abenteuer verdeutlicht, wie wenig Lust eigentlich im Leben ist. Tristesse drängt zur Risikofreude. Der Alltag ist so angelegt, dass die Subjekte geradezu ob des Mangels an erlebter Intensität der außertourlichen Kompensation bedürfen. Es hat was von einer traurigen Notwendigkeit, die man aber deswegen nicht affirmieren müsste. Wer Fun nur mit Risk erzielen kann, ist sowieso ein armes Wesen. Freude ist weder Appendix noch Amplitude der Gefahr. Ziel sollte sein, sich auch in Normalsituationen zu spüren, nicht bloß in extremen Lagen. Für Charaktermasken gilt: Fun is function. Oder noch deutlicher: Fun is a function for functionaries. Keineswegs ist Fun mit Glück zu verwechseln. Glück erwächst nicht wie etwa der Triumph auf der Niederlage oder dem Leiden anderer Personen. Ist nicht Abzug, sondern Selbstzweck. Glück ist keine Kategorie der Konkurrenz, auch wenn Letztere dieses Bild zeichnet. Erfolg in der Konkurrenz ist lediglich Sieg im Kampf. Glück jedoch ist keine Rechnung, und schon gar keine Berechnung.<br />
Zum Glück braucht man kein Risiko. Man kann in der Gefahr Glück haben, aber es gilt nicht umgekehrt, dass nur aus der Gefahr Glück erwächst. Im Gegenteil, nur wenig beschert so viel Unglück wie die Gefahr. Warum sollte man also unbedingt darauf erpicht sein? Ganz kategorisch gefragt: Warum soll man bereit sein zum Risiko? Den Absturz mitkalkulieren? Die Schulden? Den Konkurs? Die Obdachlosigkeit? Ja, die existenzielle Vernichtung? Why? Niemandem sei die Freude missgönnt, einem Risiko entronnen zu sein, aber ist es deswegen zu suchen? Das ist kein Argument für die totale Behütung und absolute Vorsicht, aber doch die Erkenntnis, dass die Einmaligkeit des Lebens ein Gut ist, dem höchster Schutz angedeihen zu lassen ist. Das schließt nicht aus, dass es mitunter notwendig ist, Wagnisse einzugehen, aber diese sind eben nicht als vorgegebene Form, in der man sich bewegt, hinzunehmen. Vom Müssen ist keineswegs auf ein Sollen zu schließen. Natürlich ist man in Momenten, wo man etwas riskiert hat, was dann gelungen ist, <em>überglücklich</em>, denn schließlich könnte man auch unglücklich sein. Indes, Glück reicht, Überglück ist nicht anzustreben. Überglück ist bloß das Glück, mal wieder davongekommen zu sein. Es ähnelt dem Triumph im Krieg, wo die Beseitigung oder Niederwerfung des Feindes die eigene Existenz sichert. Glück ist selbsttüchtig, wächst auf individueller Entfaltung, nicht auf Wegnahme.<br />
Der Imperativ des Risikos ist eine zentrale Botschaft des Markts. Das berechnende Wesen soll aufgrund zunehmender Unberechenbarkeit mehr oder weniger gezwungen werden, volles Risiko zu nehmen. Wie ein Hochamt wird es zelebriert. Man blättere einmal mehr in den Wirtschaftsseiten: &#8220;Ohne Risiko keine Chancen&#8221;, heißt es in der KarriereLounge der Wiener Tageszeitung <em>Die Presse</em> <sup><a name="sdfootnote71anc" href="#sdfootnote71sym"><sup>71</sup></a></sup>: &#8220;Risk Management bei Banken als Personalthema&#8221;. Und ganz selbstverständlich: &#8220;Österreich hat in Sachen Risikokultur unbestritten Nachholbedarf.&#8221; &#8220;Aber riskieren wir ganz einfach ein bisschen mehr Zukunft!&#8221;, schreibt resümierend die Kolumnistin, ohne allerdings zu schnallen, was sie da resignierend wahrheitet. Diese Beiträge sind austauschbar, die Botschaft ist stets die gleiche. Chance wird als Risiko begriffen. Der Kanon vom &#8220;unternehmerischen Wagnis&#8221; wird vom medialen Chor lautstark abgesungen. Risiko ist zu einer Geschäftssparte geworden. Allerorten Risikobetreuer und Risikoberater, allzeit bereit zum Coachen.<br />
Vom Gipfel zum freien Fall ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Das österreichische Wirtschaftsmagazin <em>Trend </em>wählt jährlich den Manager des Jahres. Inzwischen ist das eine zweifelhafte Ehre geworden, stellte sich doch heraus, dass viele der Geehrten nur wenige Jahre später ökonomisch abstürzten, aus den Galionsfiguren schnell Pleitiers wurden. Die Ehrung gilt neuerdings als &#8220;Fluch der Pharaonen&#8221;.<sup><a name="sdfootnote72anc" href="#sdfootnote72sym"><sup>72</sup></a></sup> Aber vielleicht ist dieser Zusammenhang durchaus ein eherner. Mut folgt Übermut folgt Absturz. Je höher man aufsteigt, desto tiefer kann man fallen. Typen, die sich etwas trauen und permanent auf der Suche nach dem ökonomischen Kick sind, leben gefährlich. Dass dabei Herren die Charts bevölkern, sollte sich von selbst verstehen. Hasardeure sind fast ausschließlich männlichen Geschlechts. &#8220;Frauen verdienen weniger, weil sie das Risiko scheuen&#8221;<sup><a name="sdfootnote73anc" href="#sdfootnote73sym"><sup>73</sup></a></sup>, entnehmen wir der Tageszeitung <em>Die Presse</em>. Was Männer zeichnet, ist das konsequente, aber sorglose Handeln, eines, das sich gerade deswegen unmittelbar auf das Ziel zu konzentrieren vermag. Durchziehen, lautet der Imperativ, mögen die Folgen auch sein, wie sie sind. Diese fixe Orientierung ist absolut weltvergessen, sie soll von keiner Ganzheit berührt werden. Frauen sind im Allgemeinen aufgrund ihrer Sozialisierung hin zur Fürsorge gehandicapt. In der gesellschaftlichen Ausbildung oder besser: sozialen Ausstattung der Geschlechter werden Männer auf Rücksichtslosigkeit und Frauen auf Rücksichtnahme hin dimensioniert. Das hat Auswirkungen auf deren Verhalten in Kampf und Konkurrenz.</p>
<h4>Verschleiern</h4>
<p>Kleider machen Leute, zweifellos. Insbesondere freilich Frauen. Ob Orient, ob Okzident, ob Islam, Christentum oder Kulturindustrie: Kleidungsnormen betreffen Frauen um vieles extensiver und restriktiver als Männer. Es gleicht einem überkonfessionellen patriarchalen Gewohnheitsrecht. Gerade im entwickelten Kapitalismus inszeniert sich die Ã„sthetik des Markts primär am weiblichen Körper, speziell in der flächendeckenden Werbung. Frauen haben sich nicht nur im Handeln zu verdinglichen, sondern vor allem auch im Aussehen. Das ist eine der ihnen zugeschriebenen Hauptaufgaben.<br />
Kleidung fungiert doppelt: als Schutz (Kälte, Hitze, Regen, Wind) und als Maske, Letztere aufgefächert durch diverse Moden. Die erste Maskierung ist wohl die, nicht nackt sein zu dürfen, nicht zu viel Blöße zu zeigen, Scham zu entwickeln. Doch damit hat es sich nicht. Kleidung als Verkleidung legt einen Schleier über die Person, die sie trägt. Bedeckung mag obligat sein, es ist aber zu fragen, wie weit sie reicht, welche Regionen ihr gehören, welche frei bleiben dürfen bzw. sollen. Weiters woraus das Material besteht, was es ausdrückt, ob es eng anliegt, somit Körperformen betont oder ob es gar durchsichtig ist, Haut nicht nur zeigt, sondern durchscheinend hervorhebt. Soll der Körperteil pointiert oder soll er versteckt werden? Ersteres exponiert sich in der Karriere des Netzes und seines prominentesten Vertreters, des transparenten Damenstrumpfs. Netz und Strumpf sind jedenfalls eindeutig dem Frauenkörper zugeordnet. Frauen sind Trägerinnen von Stoffen, wo angezogen und ausgezogen nicht unterscheidbar sind.<sup><a name="sdfootnote74anc" href="#sdfootnote74sym"><sup>74</sup></a></sup><br />
Netz und Strumpf sind der <em>abendländische Schleier</em>. Nicht in der Nacktheit, sondern in diesem Dazwischen liegt der Reiz, darin also, dass Kleidung den Körper verhüllend enthüllt. Frauen haben die Transparenz ihres Geschlechts am Markt zu demonstrieren. Sie amtieren als Sondermarke. Westliche Frauen haben sich doppelt zu präsentieren. Abseits von Schamlosigkeit und Verlogenheit sollte klar sein, dass sie sexy zu sein haben. Appeal ist gefordert. So und nicht anders funktioniert die männliche Aufforderung zum Aufputz: &#8220;Putz dich auf, eher red ich nicht mit dir&#8221;<sup><a name="sdfootnote75anc" href="#sdfootnote75sym"><sup>75</sup></a></sup>, lässt Nestroy in einem Dialog der Geschlechter einen Mann namens Schlucker sagen. &#8220;Es ist ein wirkliches Verdienst für ein Frauenzimmer, sich gut zu putzen&#8221;, schreibt Christian Grave in seinem Essay &#8220;Über die Moden&#8221; (1792). &#8220;Da es zu den Endzwecken, welche die Natur sich mit diesem Geschlecht vorgesetzt hat, gehört, dass es gefallen soll, so ist jede Bemühung, die es anwendet, sich wirklich zu verschönern, seiner Bestimmung gemäß. Und es ist allerdings den Frauenzimmern erlaubt, mehr Zeit und Sorgfalt auf die Wahl und Anordnung ihrer Kleidung zu wenden, als wir Männer ihr widmen dürfen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote76anc" href="#sdfootnote76sym"><sup>76</sup></a></sup><br />
Was ihre Ansichtigkeit betrifft, wird die Differenz der Geschlechter ausdrücklich gefordert. Damen- und Herrenwäsche, von den Dessous ganz zu schweigen, sind leichter zu unterscheiden als Frauen und Männer. Geschlechtsspezifische Mode ist Usus. Die Konstruktion der Geschlechter wird wohl in keiner Frage so deutlich wie in dieser, denken wir nur an das ganze Arsenal: an Schminke, Make-up, Schuhe, Hüte, an Unterwäsche und Röcke, an Strümpfe, Frisuren und chirurgische Eingriffe, an Lippenstift und Nagellack. Dies alles und viel mehr hat der Markt für den Frauenkörper entwickelt und bereitgestellt, auf dass es auch Anwendung findet. Hinter diesem Vorhang der Idealisierung des Weiblichen kann sich nicht wenig Verachtung verbergen.<br />
&#8220;Ich bin, was ich anziehe.&#8221; Welch Doppelsinn! Das spezifisch Angezogene fungiert als das spezifisch Anziehende. Mann sieht aber nicht nur, was Frau herzeigt, sondern was Mann im Auge hat. Die reizende Frau gibt die Sicht des Mannes wieder, die Sichtung des Körpers folgt einer maskulinen Vision. Ausziehen ist interessanter als das Ausgezogene, Verfügung interessanter als Nacktheit. Bürgerliche Erotik ist hochgradig auf dem Gegensatzpaar von Verfügung und Fügung aufgebaut. Die geschlechtliche Zuordnung ist eindeutig. Westlichen Gesellschaften dient die Frau jedenfalls auch zur Selbstaufreizung. Sie ist der zentrale Gegenstand penetrierender Blicke, es geht, wie die Sprache der Reklame es ausdrückt, um &#8220;Eye-catching&#8221;. Nicht zu Unrecht wird verkündet, dass ihr Körper eine Waffe ist. Es ist nur die Frage, mit wessen Waffen wer hier scharf gemacht wird. Einmal mehr zeigt sich, wie Fiktion in Wirklichkeit umschlägt: Die Projektion ist reales Projekt, weil Projektil eines Projektors. Pornographie ist nichts anderes als die Zuspitzung dieses männlichen Voyeurismus. Die Frau ist das sexualökonomisch aufgeladene Projekt der westlichen Hemisphäre. Diese versprüht eine eigene Atmosphäre, die wir wiederum als eigene verspüren. Treten wir aus dieser Atmosphäre aus, sind wir sogleich eigenartig berührt, ergreifen mental ihre Partei, auch ohne Parteigänger geworden zu sein.<br />
&#8220;Die Kultur des Westens hat einen vagabundierenden Blick. Die männliche Sexualität ist immer auf der Jagd, lässt den Blick immer schweifen&#8221;<sup><a name="sdfootnote77anc" href="#sdfootnote77sym"><sup>77</sup></a></sup>, schreibt die Antifeministin Camille Paglia. Es ist schon bezeichnend, wie die Autorin einen korrekten historischen Befund sofort in eine Ontologie des Sexuellen überführt. Anzumerken ist freilich, dass gerade die überzeugte Antimarxistin dezidiert Maske als zentrale Kategorie verwendet, auch wenn ihr Begriffspaar &#8220;chthonisch&#8221; und &#8220;appollinisch&#8221; jene anders besetzt als Marx oder auch dieser Aufsatz. Paglia ist pro Patriarchat, pro Kapitalismus, pro Mythos. Trotzdem ist ihr Werk von außerordentlichem Interesse, selbst wenn man ihre zentralen Aussagen für unrichtig erachtet. So wenn sie Sexualität naturalisiert: &#8220;Die Masken der Sexualität sind das Produkt der unvermittelten, ursprünglichen Alchimie der Nerven im Spannungsfeld aus innerem Antrieb und äußeren Alternativen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote78anc" href="#sdfootnote78sym"><sup>78</sup></a></sup><br />
Wir argumentieren anders: Der männliche Blick etwa ist uns warenförmiger Ausdruck der Moderne und ihrer Reklame. Pornographie ist nicht &#8220;unverfälschter heidnischer Bilderkult&#8221;<sup><a name="sdfootnote79anc" href="#sdfootnote79sym"><sup>79</sup></a></sup>, sondern schärfstes Konzentrat kapitalistischer Ikonographie. An der Frau offeriert sich vielmehr demokratische Zurschaustellung. Ihre Zurichtung als Sexualobjekt ist Tatsache. Als optisches Signal soll es dem Mann versichern, dass es <em>seine </em>Welt ist, in der sie beide zu Hause sind. Die Aufrüstung des weiblichen Körpers ist obligat. Sie ist der Ort demonstrativer Selbstbeschau und Selbstinszenierung am Objekt. Um uns nicht misszuverstehen: Es ist ein substanzieller Unterschied, ob Frau sich darstellen muss oder sich darstellen will. Wobei die kulturindustrielle Normierung diese Differenz permanent einebnet, sodass Frauen (aber auch Männer) des Öfteren weder erkennen noch fühlen, was da was ist. Das führt auch zur Verunsicherung der Geschlechter, was unmittelbare Deutungen angeht, wechselseitig, aber auch selbstbezogen.<br />
Herrschende Bilder herrschen in uns durch uns. Sie kennen vor allem eine Richtung, und zwar vom männlichen Auge auf den weiblichen Körper. Der erste Eindruck von einer Frau ist, sieht man vielleicht von der Stimme ab, ein ausschließlich visueller. Der Scharfblick des Mannes auf die Frau ist optisch überdeterminiert. Wenn Mann eine Frau betrachtet, wirft der Spiegel des Marktes ein Bild, das dessen Kriterien als relevante vorerst einmal repliziert und ein entsprechendes Scan liefert. Das dabei entstandene Bild mag absolut falsch sein, sich etwa im Falle eines näheren Kennenlernens als völlig haltlos herausstellen und sich entsprechend umgestalten. Indes, dieser engere Kontakt tritt selten ein, zu dieser Intimität sind wir nur ausnahmsweise fähig. So bleibt also meistens ein Eindruck prägend, der an wenigen Ã„ußerlichkeiten hängt. Einschätzung meint <em>Eindruck</em>.<br />
Wir sehen nicht einfach Gegenstände, wir werfen objektivierte Blicke. Der Blick ist alles andere als unbefangen, er ist eine formatierte Größe der zweiten Natur, auch wenn er sich als sinnliche Gewissheit dünkt. Er ist eine synthetische, keine analytische Leistung. Das liegt auch daran, dass das Blicken haltlos ist, abläuft wie ein Film. Optische Betrachtung ist ein weitgehend kritikfreier und unreflektierter Bereich. Noch viel weniger als über Sprache und Schrift verfügen wir über den Blick. Dieser folgt vielmehr seiner sozialisierten Linse. Das männliche Auge, von dem primär die Rede ist, kapriziert sich, mag dem Besitzer das nun passen oder nicht. Die Magie der Bilder ist omnipräsent. Unsere Welt ist von Bildern umstellt, konsumiert von &#8220;Zwangsvoyeurs&#8221;<sup><a name="sdfootnote80anc" href="#sdfootnote80sym"><sup>80</sup></a></sup>. Weder Wissen noch Gewissen regulieren den Blick. Wir sprechen auf Reize an, ob wir wollen oder nicht. Eine geschlechtsspezifische Analyse dieses Blicks ist evident. Ebenso wichtig wäre auch eine Debatte über die Hierarchie der Sinne, ihre Modellierungen und Zulassungen, ihre Gebote und Verbote resp. deren Grundlagen. Dies wäre aber von ungemeinem Interesse, nicht nur betreffend den besonderen Charakter westlicher Frauenemanzipation, sondern auch, um die gesellschaftlichen Substrukturen der Kommunikation überhaupt offen legen zu können.<br />
Bestimmte Raster des Islams wollen die Frauen als inferiore Subjekte, d.h. Subsubjekte von Markt und Staat definieren, ja sie geradezu abschirmen, indem man ihre Mündigkeit beschränkt. Solche Vorstellungen verweisen auf Desexualisierung und Degradierung im öffentlichen Raum. In diesen Verhältnissen sollen Frauen als verhangene Wesen kein Antlitz zeigen, Maske als Stoff ist Pflicht. Haben diese Frauen im Extremfall kein Gesicht mehr, so sollen westliche Frauen entsprechende Körper und adäquate Ansichten nicht nur herstellen, sondern auch den Blicken zur Verfügung stellen. Sexualisierung ist aber nicht als weibliche Erhöhung zu verstehen, sondern als männliche Erbauung. Was die veröffentlichte Frau des Westens unbedingt sein soll, das darf die muslimische Frau partout nicht sein. Sollen Erstere sich den Blickfängen darbieten, so dürfen Letztere diese gar nicht erst zulassen. Der von strengen Auslegungen des Korans geprägte Schleier (aber auch schon das Kopftuch) etwa offenbart die ausschließliche Disponibilität der Frau für <em>einen </em>Mann. Ihre Privatisierung.<br />
Öffentliche Dresscodes hingegen legen eine multiple Verfügung nahe, auf jeden Fall herrscht bezüglich Frauen optische Demokratie, zumindest bis zur Grenze des Stalking. Die gesellschaftliche Pflicht der Frau besteht darin, sich anschauen lassen zu müssen. Daher auch anschauen lassen zu können. Natürlich sind das hier idealisierte Masken, die rausgearbeitet wurden, nahe legen wollen wir aber, dass es sich um verschiedene Plateaus ein und derselben männlichen Werteskala handelt. Verschleierung ist nicht nur eine Form, die ausschließlich die orientalische Frau betrifft. Die Verschleierungen des Westens, was die Zurichtung des weiblichen Körpers betrifft, lediglich eine andere. Sie ist inzwischen fast ausschließlich impliziten Charakters. Sie fällt als Besonderheit nicht auf, weil sie Selbstverständlichkeit ist.<br />
Verhüllen und Enthüllen haben mehr gemeinsam als angenommen. Der Blick führt da auf die falsche Spur, wenn er Standpunkt beziehend Norm und Abnorm scheidet. Indes, beide Modellierungen demonstrieren einen Zugriff auf das weibliche Objekt via Zurichtung. Beide Modellierungen wollen normierend sein, nicht bloß Möglichkeiten durchspielen, sondern Zwänge durchsetzen. Beide Modellierungen wollen den Körper der Frau und die Sicht darauf reglementieren, ihn auf keinen Fall ihr überlassen. Darf die eine kein öffentliches Lustobjekt sein, so hat die andere es zu wollen. Lust ist beide Male auf einer schiefen Ebene gelandet, so unterschiedlich die Varianz der Sexualität auch ausfällt. Privatisierung und Vergesellschaftung des Weiblichen setzen im Okzident wie im Orient auf unterschiedliche Akzentuierungen. Es ist bei aller Differenz aber nicht so, dass die einen einfach frei sind und die anderen unfrei. Doppelter Konsens ist, dass Frauen hier wie dort spezifischen Konventionen und Konditionierungen ausgeliefert sind, ihre Personifikation via Präsentation einen hochregulierten Bereich darstellt.<br />
Die berechtigte Kritik des orientalischen Patriarchats lenkt ab von der Kritik des westlichen. Dieses, um vieles subtiler, verkauft sich ja heutzutage als feministischer Hort der Emanzipation. Es gendert. Gleichberechtigung bedeutet, dass die gleichen männlichen Regeln für Männer und Frauen gelten, manchmal inklusive positiver Diskriminierung zur Erzielung bestimmter Quoten. Der Westen prämiert sich, weil er die Frauen direkt in den Markt reingenommen hat; nicht nur reell unterworfen sind sie, sondern ihm auch formell zugehörig. Das Recht hat gesiegt, die Frau ist vollwertige Staatsbürgerin geworden. Das und nicht mehr meint Gleichberechtigung &#8211; und zweifellos, es ist auch <em>eine</em>. Der männliche Maßstab differenziert sich nicht in Zugangsbeschränkungen, auch wenn es diese noch gibt. &#8220;Frauen an den Herd!&#8221; ist auf der politischen Ebene ein Minderheitenprogramm. Bürgerliche Frauenbefreiung besteht darin, männliche Maßstäbe auf einen einzigen zu reduzieren, auf dass alle die gleichen Rechte und Pflichten haben. Das führt dann oft zu grotesken Erscheinungen: zu Frauen, die partout ihren Militärdienst ableisten wollen, oder zu Männern, die die Anhebung des Pensionsalters für Frauen einfordern. Derlei gerichtsanhängige Klagen haben ob der offensichtlichen Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes gute Erfolgschancen.<br />
Was die sozialen Bewegungen der letzten 200 Jahre charakterisiert, ist wohl dies: Alle haben dezidiert oder uneingestanden den weißen Mann des Westens zum Leitbild. Alle wollen irgendwie seine Rechte in Anspruch nehmen: die Arbeiter, die Frauen, die Kolonisierten, die Minderheiten und die Mehrheiten. Der Kampf um Rechte, um Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, war stets ein immanenter. Diese Begehren übernehmen den Maßstab der Herrschaft und schreien nach ihrem Quantum. Noch heute wandern viele in jene Länder ein, in denen solch persönliche Ziele am ehesten möglich erscheinen. Bürger wollen sie werden, in doppeltem Sinne: Staatsbürger und Besitzbürger. Die Anziehungskraft ist hier zweifellos immer noch um vieles stärker als jede Sprengkraft. Und jetzt sage niemand, Erstere sei Folge einer Illusion. Aber selbstverständlich!</p>
<h4>Unbehagen</h4>
<p>Das Schwanken zwischen Fatalismus und Personalismus ist kennzeichnend für bürgerliche Subjekte. Als fragmentierte Exponate neigen sie einerseits zur bedingungslosen Unterwerfung, andererseits haben sie immer etwas auszusetzen. Unstimmigkeiten lösen sie dahingehend auf, dass sie anderen (oft vorbestimmen) Subjekten etwas zuordnen resp. negativ ausgedrückt: etwas <em>anhängen </em>wollen. So bleiben sie mit den Verhältnissen, an denen sie leiden, in eigentümlicher Weise versöhnt, eben weil sie eine bestimmte Substruktur für ihre Misslichkeiten verantwortlich machen. In einer Gesellschaft, in der alles personalisiert wird, findet jedwedes Übel irgendwelche Schuldigen. Suche gilt den Sündenböcken und Verfolgung. Die Rede von Schurken und Teufeln, Gemeingut von Bush bis Chavez, liegt hier begründet. Propagandistischer Eifer ist stets zugegen. Vor allem in der Politik, und da nicht nur bei irgendwelchen Populisten. Was nicht gefällt, wird nicht den Zuständen zugeschrieben, sondern Missständen, die von subjektiven Fehlleistungen oder Böswilligkeiten irgendeines Personals herrühren. Handlungen finden sich in den Zuwiderhandelnden ausreichend erklärt. Charaktermasken bezichtigen Charaktermasken.<br />
Es geht nicht darum, in objektivistischer Manier das Handeln der Agenten als strukturell bedingt zu verteidigen, wohl aber doch ganz entschieden dieses Agieren in seinen Kontext zu setzen. Wenn man den Masken den freien Willen abspricht, heißt das ja nicht, dass sie fortan für ihre Taten entschuldigt sind bzw. anstellen können, was sie wollen. Sie sind die <em>Ausführenden</em>, und das gilt es stets zu betonen. Nicht Grund, aber doch die letzte Instanz des Vollzugs. Ohne sie ginge nichts. Struktur kann sich nur über ihr Personal in Bewegung setzen, ist nicht selbsttätig. Sie wird nur real, wenn sie kommuniziert wird. So ist es auch schwierig, eine Seinsebene von einer Handlungsebene zu scheiden. Sein kommt nur durch Handeln zu sich. Es gilt aber auch zu konstatieren, dass es eine Basis für Handlungen gibt, die ihre Ursache nicht in ihren Verursachern haben. Widersprüche sollen auf diese Weise begreifbar und angreifbar gemacht werden. Nur wenn dies erkannt wird, aber auch wirklich emotional berührt, ist eine Ablöse oder zumindest ein Liften der Masken möglich.<br />
<em>Unbehagen </em>ist vorerst ein Reflex, der konkreten Gegebenheiten und Entwicklungen in ihrem Sosein und Daherkommen nicht zustimmen will. Unbehagen ist <em>unbeholfener Unwille</em>, unbestimmte Negation. Sinnlich aufgeladen, aber inhaltlich diffus, kann jenes seine Befangenheit nicht überwinden. Die Frage nach dem &#8220;Warum&#8221; interessiert kaum. Des Unbehagens Streben geht auch gar nicht Richtung Analyse und Kritik, sondern möchte in weiterer Folge das, was jedes bürgerliche Subjekt immer wieder tut, muss und will &#8211; es schreit nach Abrechnung. Irgendjemand hat etwas angestellt und hat dafür zu büßen resp. zu bezahlen. Im Ressentiment schließlich verengt sich die Gegengerichtetheit des Interesses auf die Personalisierung des Übels. Der vermeintlichen eigenen Harmlosigkeit und Ehrlichkeit tritt das Böse in der Form bösartiger Charaktere gegenüber.<br />
Nicht nur nebenbei ist auch zu fragen, welchen Stellenwert bei alledem die herrschenden Grundmythen bürgerlicher Geselligkeit haben. Ein ergiebiges Thema wäre es wohl, die fatale Rolle der Hausmärchen (nicht nur) bei der Maskenausbildung junger Menschen zu untersuchen. Im Märchen werden das Gute und das Böse strikt getrennt und personalisiert. Sie treten auf als unbegründete Instanzen. Die Rede ist von guten Königen und bösen Frauen, habgierigen Juden und braven Untertanen. Und die Bösen sind immer Personen, keine Umstände werden ihnen zugute gehalten, jene sind auf sich selbst gestellt und werden als solche auch gerichtet, oft hingerichtet, auf jeden Fall aber bestraft. Grautöne sind unbeliebt. Märchen halten kaum etwas in Schwebe, sondern enden mit einem voraussehbaren wie herbeigesehnten Schluss. Die Guten heiraten, bleiben an der Macht oder kommen zu Reichtum. Nicht Kinder brauchen Märchen, sondern Bürger. Der moderne Spielfilm als Tonbild in Serie ist nichts anderes als die konsequente Fortführung dieser Art von Erzählung.<br />
Reflexionsarmut transzendiert nun Unbehagen ins Ressentiment. &#8220;Wie dagegen im engsten Umkreis Menschen dort verdummen, wo ihr Interesse anfängt, und dann ihr Ressentiment gegen das kehren, was sie nicht verstehen wollen, weil sie es allzu gut verstehen könnten, so ist noch die planetarische Dummheit, welche die gegenwärtige Welt daran verhindert, den Aberwitz ihrer eigenen Einrichtung zu sehen, das Produkt des unsublimierten, unaufgehobenen Interesses der Herrschenden. Kurzfristig und doch unaufhaltsam verhärtet es sich zum anonymen Schema des geschichtlichen Ablaufs. Dem entspricht die Dummheit und Verstocktheit des Einzelnen; Unfähigkeit, die Macht von Vorurteil und Betrieb bewusst zu vereinen. Sie findet mit dem moralisch Defekten, dem Mangel an Autonomie und Verantwortung regelmäßig sich zusammen, während so viel zutrifft am Sokratischen Rationalismus, dass man einen ernsthaft klugen Menschen, dessen Gedanken auf Gegenstände gerichtet sind und nicht formalistisch in sich kreisen, kaum je als Bösen sich vorstellen kann. Denn die Motivation des Bösen, blinde Befangenheit in der Zufälligkeit des Eigenen, tendiert dazu, im Medium des Gedankens zu zergehen.&#8221;<sup><a name="sdfootnote81anc" href="#sdfootnote81sym"><sup>81</sup></a></sup><br />
Der Konkurrenz tritt das Ressentiment nicht antikonkurrenzistisch, sondern als Konkurrenz auf <em>anderer Ebene</em> gegenüber. Ziel aller bürgerlichen Vergemeinschaftungsbestrebungen durch Klasse, Staat, Nation, Betrieb, Familie, Clan, Gewerkschaft, Bande etc. ist es, dem Ausschluss zu entgehen und sich irgendwo und irgendwie zu integrieren. Die Identitätssucht der Leute korrespondiert mit der Differenzierungswut des Kapitals. <em>Wir oder die?</em> ist die konfliktbeladene Conclusio. Diese besondere Inklusion ist nur über spezifische Exklusionen zu bewerkstelligen. Der Club der Inländer muss die Ausländer draußen halten, im Krieg der Standorte werden Standorte minimiert oder liquidiert. Das Spiel wird also nicht durchbrochen, man will nur zusätzliche Sicherungen und Garantien für sich und seinesgleichen haben, die der Markt unmittelbar nicht bietet. Je weniger die Hereinnahme über den Markt gelingen kann, desto entscheidender werden diese Verlagerungen, die seinen Grundbedingungen nicht widersprechen, sondern sie bloß ergänzen und korrigieren. Die ideologische Aufladung ist die logische, aber nicht zwingende Zuspitzung der Formvorgaben. Sie ergänzt die nicht mehr aushaltbare Immanenz durch eine falsche Transzendenz.<br />
Vergemeinschaftungen sind Versuche, ihre Mitglieder vor der Konkurrenz zu schützen bzw. sie in ihr zu unterstützen. Letztlich Reglementierungen, Eingeständnisse, dass verfolgte Subjekte Schutz brauchen und finden in Kollektiven, die aber wiederum als <em>Verfolger </em>bestimmter Interessen in Erscheinung treten müssen. &#8220;Markt pur&#8221;, das wäre nicht auszuhalten. Das Vorenthaltene braucht neben der Identifikation aber auch einen Feind, dem es die Übel zuschreiben kann. Jede bürgerliche Gemeinschaft definiert sich durch das Andere oder die Anderen. Jede Schutzgemeinschaft wird zu einer Drohgemeinschaft. Feindlichkeit (in welcher Form auch immer) bleibt Motiv dieser unglücklichen oder verunglückten Gemeinschaften. Das gilt für den Sozialstaat ebenso wie für den Faschismus, für die Kulturkämpfer der westlichen Werte genauso wie für islamische Glaubenskrieger oder proletarische Klassenkämpfer. Das ist nun kein Bekenntnis zu einer indifferenten Betrachtungsweise, der alles gleich schwarz ist, aber doch die Einsicht, dass auf ähnlichen Mustern aufgebaut wird. Freilich ist es ein Unterschied, welchen Strömungen möglicher Vergemeinschaftungen sich eins anschließt, denn ganz ohne Anschluss gibt es keine bürgerliche Existenz. Kriterium hiebei ist, zu fragen, mit welchen apriorischen Wesensmerkmalen die jeweiligen Kollektive sich ausstatten. Es soll sich nur niemand einbilden, frei vom Ressentiment zu sein. Es ist nicht einfach so, dass die einen bereits wissen, wovon die anderen keine Ahnung haben. Auch mag es Befangenheiten geben, die wir gegenwärtig noch gar nicht erkennen (können).<br />
Vorherrschend ist, wie könnte es anders sein, die affektive Verarbeitung der Form durch ihre Reproduktion. Stimmung macht dem Begreifen des Öfteren einen Strich durch die Rechnung, ja sie desavouiert nicht selten Erkenntnis in vollem Umfange. Mental ist da etwas tief eingesenkt: das Bekenntnis zur Arbeit, der Glaube an Nation und Volk, die Erotik des Geldes, die Rolle der Frau, die Freiheit des Marktes, die Natürlichkeit der Konkurrenz, die Selbstverständlichkeit des Tauschs, die Anhänglichkeit an diverse Gemeinschaften, die Aversion gegen Abweichler. Auch fleißige Arbeitskritiker verachten praktizierende Arbeitsverächter. Zumindest gelegentlich. Und niemand sage, er oder sie erwische sich nicht dann und wann. Auch wenn wir wissen, dass wir das alles nicht wollen, heißt das noch lange nicht, dass wir es wirklich nicht wollen. Es ist nicht so, dass mentale Haltung und inhaltliche Erkenntnis schon eins sind, und wenn nicht, nur die Systemzwänge dies verhindern. Das ist denn doch eine billige Ausrede. Die Realität ist kein Alibi für jedwede Gemeinheit. Es ist also nicht nur systemischer Zwang oder schlichte Bequemlichkeit, denen wir uns unterwerfen. Die mentale Basis liegt zwar in den Verhältnissen, doch die Verhältnisse sind wir durch unser Verhalten selbst. Diese Erkenntnis, die einem Zirkelschluss gleicht, ist absolut schrecklich. Sie deutet nämlich an, dass die Konvention der Verstellung möglicherweise auch jede Perspektive verstellt. Es sich eins in seinem Innersten gar nicht anders vorstellen kann &#8211; auch wenn es das nicht wahrhaben möchte.<br />
Man lacht etwa über einen Witz, wo es nichts zu lachen gibt. Und es ist nicht äußerer Druck, sondern innerer Ausdruck, der sich da den Weg bahnt, auch wenn man im nächsten Moment weiß, dass da eine falsche Regung entfleucht ist. Man ist nicht Souverän solcher Empfindungen, die sich einfach Luft machen, ob das die Träger nun für zulässig halten oder nicht. Nichts ist so enteignet wie der Gefühlshaushalt. Unsere Ansicht ist nun nicht, dass sich unterdrückte Triebe &#8220;befreien&#8221;, sondern dass verschiedene Strömungen der Vergesellschaftung des Subjekts und/oder des Individuums, also mehr synthetische und mehr reflexive aufeinandertreffen und es oft nicht aus und ein weiß, welchen Vorgaben und Verlockungen es sich fügen soll oder darf. Innere Sicherheit ist sowieso ein Popanz. Das fragmentierte Bündel Mensch weiß vielfach nicht, wie ihm geschieht, was es will, geschweige denn, wer es ist. Es läuft auf verschiedenen Frequenzen in verschiedenen Geschwindigkeiten. In seiner Zerrissenheit vermag es die einzelnen Partikeln immer seltener zu einem für sich stimmigen Ganzen zu gestalten. Naheliegend ist daher geradezu die Flucht aus dem Nachdenken. Doch das löst nichts, führt lediglich in Ignoranz und Indifferenz. Abgeklärtheit ist die Folge.<br />
Die Frage, die sich uns stellt, ist die, wie es gelingen kann, diverse &#8220;Selbstverständlichkeiten&#8221; des Daseins zu durchkreuzen. Praktische Kritik hat das zu können, will sie nicht versagen. Ohne diese Anstrengung ist jede Auseinandersetzung a priori verloren. Ohne vermittelbare und konkrete Perspektive wird Regression um sich greifen. Unaufhaltsam. Bestenfalls kann man recht behalten. Solch Erkenntnis setzt allerdings voraus, dass man das Unbehagen ernst nimmt, nicht aufgrund seiner chron(olog)ischen Entwicklung vorab diskreditiert. Die bloße Distanzierung ist meist hilflos, es geht darum, die Partikularität der Sichtung durch eine Totalität der Sicht zu ersetzen. Die Verrücktheit der Aktienmärkte ist nicht abzustreiten, sie ist aber zu integrieren in das Ensemble der verrückten Formen, die das Kapital auf Grundlage seiner Bewegungsgesetze hervorbringt. Dass die Banken die Leute ausnehmen, ist ja nicht falsch, so wenig wie es falsch ist, dass im System der Konkurrenz alle alle übervorteilen wollen; Banken jedoch aufgrund ihrer Position als Geldinstitute in einer besseren Situation sind als etwa Arbeiter oder gar Arbeitssuchende. Indes, wenn die Leute Zinsen kassieren möchten, bekunden sie praktisch, am Mehrwert partizipieren zu wollen und an einer hohen Profitrate interessiert zu sein. Notwendig wäre es hier, bis in die kleinsten Details des Alltags vorzudringen und die vom Wert gesetzten Zumutungen als solche fassbar zu machen.<br />
Bei aller Problematik liefert das Unbehagen an den Zumutungen Ansatz- und Entwicklungspunkte. Ein viel größeres Problem als jenes ist etwa die Affirmation in all ihren Verkleidungen, was meint, dass Menschen ihr Leiden leiden sollen. Diese fanatische Ignoranz sich selbst betreffend ist um einiges schwieriger aufzubrechen. Gesellschaftskritik, die den Anspruch hat, Alternativen zu entwickeln, darf nicht an der Rohheit des Unbehagens verzweifeln oder, was nur eine Flucht darstellt: gegenüber ihm zynisch werden. Es und die Seinigen dem Schicksal überlassen, kann schon deswegen nicht angehen, weil es auch das eigene tangiert. Kritik hat weder grobschlächtig noch hochnäsig zu sein, sondern sich <em>einmischungsfähig </em>zu gestalten. Distanzierung als Grundeinstellung ist verheerend. Die kalte Zurückweisung, das verdammende Urteil, selbst wenn es dem Gegenstand zukommen mag, es kommt ihm nicht bei. Die Frage ist immer wieder die: <em>Will man etwas ermöglichen oder will man jemanden verunmöglichen?</em> Solange sich Letzteres als Unsitte bewährt, wird der linke Minimundus nichts anderes bewerkstelligen als eine schlechte Kopie der großen Welt, was bedeutet: die selbstdestruktiven Kräfte werden sich in ihrem Autokannibalismus durchsetzen. Und dieser ist auf kleinem Raum sogar noch schlimmer als im normalen Leben, dort gibt es zumindest größere Flucht- oder Sturzräume.</p>
<h4>Nein!</h4>
<p>Die Frage nach einem revolutionären Subjekt dementiert sich von selbst. Das Subjekt ist eine absolut immanente Kategorie des Kapitals, Träger einer Transvolution können daher nur Anti-Subjekte sein, d.h. Menschen, die gegen ihre Charaktermasken handeln. Nicht Einlösung von Position und Interesse steht an, sondern Ablösung von den Zwangsformen bürgerlicher Vergesellschaftung. Diese ist nur als <em>Entsubjektivierung </em>zu haben. Das Subjekt ist nicht der Ausgangspunkt, sondern Ablösungspunkt. Bisher waren alle Bewegungen aufgeladene Glaubensbewegungen. Regelmäßig gab es Situationen, in denen bestimmte Interessen so stark gewesen sind, dass sie ihre Partikularität der Allgemeinheit aufdrängen wollten und teilweise auch konnten. Die Transvolution der Antibewegung kann gerade das nicht sein. Da geht es nicht mehr um Vergatterung, sondern um <em>Entgatterung</em>. Das macht den alten und jungen Kadern, den Stiefgeschwistern der disziplinierten Bürger, also uns, doch mehr zu schaffen, als wir uns eingestehen. Vor allem gilt es, jede überzogene Überzeugung zu relativieren. Lockerung könnte man das auch nennen.<br />
Befreiung ist <em>klassenunspezifisch </em>und <em>klassenlos</em>. Entscheidend darf nicht sein, welche Rolle den Subjekten in der Gesellschaft zufällt, sondern was die Menschen, sich davon absetzend, wollen. Wir sind nicht wir. Noch nicht. Es ist niemandem zuzumuten, sich den Interessen seiner Rollen unterordnen und ausliefern zu müssen. Das Interesse als Mittel der Konkurrenz muss sich selbst aufheben, indem es sich gegen seine Formierung richtet. Nicht in Bewegung haben sich Proletarier oder sonst wer zu setzen, sondern als potenzielle Menschen gegen ihre Funktion Stellung zu beziehen, kurzum auszudrücken, nicht mehr funktionieren zu wollen. Der erste Schritt ist: <em>Nein!</em> zu sagen. Diese Negation richtet sich nicht bloß gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern ebenso gegen die eigene Person. Eins darf sich nicht so nehmen, wie es ist, sondern hat ernsthaft zu überlegen, wie es sich abseits gesellschaftlicher Zwänge haben möchte. Nichts hat eine Ware zu sein, niemand eine Maske zu tragen, keins eine Marke wahrzunehmen! Wie das Nein subversiv, aber auch offen in die gesellschaftlichen Praxen einfließen, ja zur &#8220;großen Weigerung&#8221;<sup><a name="sdfootnote82anc" href="#sdfootnote82sym"><sup>82</sup></a></sup> (Marcuse) verdichtet werden kann, ist nach wie vor eine offene, aber dringende Frage.<br />
Abschaffung der Maskenpflicht ist notwendig, sie ermöglicht erst wirklich die Freiheit etwaiger Maskierungen. Mit Maskierungen spielerisch umgehen zu können, kann durchaus reizvoll sein. Ziel ist ein authentisches Wesen, das sich in diversen Lagen des Lebens in Bewegung setzt oder auch nicht. Bezaubernd wird die Welt erst sein, wenn sie entzaubert ist.</p>
<p><em>Fußnoten:</em><br />
<a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">01</a> William Shakespeare, As you like it, Act II, Scene 7.<br />
<a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc">02</a> Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 91f.<br />
<a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc">03</a> Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Â§ 217 (1967), Berlin 1996, S. 184.<br />
<a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc">04</a> Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Frankfurt am Main 1992, S. 273.<br />
<a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc">05</a> Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980, S. 201f.<br />
<a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc">06</a> Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 163.<br />
<a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc">07</a> Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie (1859), MEW, Bd. 13, S. 76-77.<br />
<a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc">08</a> Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.3, S. 503.<br />
<a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc">09</a> Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Absicht (1798), Werkausgabe Band XII, Frankfurt am Main 1991, S. 442-443.<br />
<a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc">10</a> Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II., S. 153.<br />
<a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc">11</a> Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 1986, S. 35.<br />
<a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc">12</a> Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, Vers 940 (1806), Hamburger Ausgabe in 14 Bänden, Band 3, München 1998, S. 36.<br />
<a name="sdfootnote13sym" href="#sdfootnote13anc">13</a> In einigen Passagen gab und gibt es terminologische Schwierigkeiten, die nicht verschwiegen werden sollen. Zu <em>falsch </em>etwa lassen sich vier Gegensätze behaupten: richtig, wahr, ehrlich und echt. An zwei Stellen war hier vom &#8220;Echten&#8221; die Rede, es wurde zwischenzeitlich eliminiert, da es zu Recht gravierende Einwände gibt. Es suggeriert unter anderem eine zeitlich konnotierte Herkunft, der ein prägendes und positives Apriori anhaftet. Das wollte ich nicht nahe legen. Das &#8220;Echte&#8221; hingegen als Kategorie der Zukunft zu etablieren, war mir denn doch etwas zu gewagt. Ã„hnlich gelagerte Vorbehalte gibt es übrigens auch gegen den widersprüchlichen Terminus der Entfremdung. Indes muss eins auch aufpassen, sich durch eine radikale Entziehungskur nicht sprachlos zu machen. Entsorgt man z.B. den Begriff &#8220;progressiv&#8221; und lässt &#8220;regressiv&#8221; bestehen, so ist das methodisch untragbar, womit allerdings nicht gesagt ist, was tragfähig ist. Aber so ist das: Entledigt man sich einer Kategorie, beeinträchtigt man andere gleich mit.<br />
<a name="sdfootnote14sym" href="#sdfootnote14anc">14</a> Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels, Â§ 9, S. 16.<br />
<a name="sdfootnote15sym" href="#sdfootnote15anc">15</a> Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Frankfurt am Main 1992, S. 274.<br />
<a name="sdfootnote16sym" href="#sdfootnote16anc">16</a> Robert Kurz, Subjektlose Herrschaft, krisis 13 (1993), S. 76.<br />
<a name="sdfootnote17sym" href="#sdfootnote17anc">17</a> Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, 3. Kapitel (1861-63), MEW, Bd. 43, S. 173.<br />
<a name="sdfootnote18sym" href="#sdfootnote18anc">18</a> Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie (1845/46), MEW, Bd. 3, S. 34.<br />
<a name="sdfootnote19sym" href="#sdfootnote19anc">19</a> Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951), Gesammelte Schriften 4, Frankfurt am Main 1997, S. 149.<br />
<a name="sdfootnote20sym" href="#sdfootnote20anc">20</a> <em>brand eins</em>, Heft 02, Februar 2006. http://www.brandeins.de/home/inhalt_detail.asp?id=1615&amp;MenuID=130&amp;MagID=60&amp;sid=su841121041232120193<br />
<a name="sdfootnote21sym" href="#sdfootnote21anc">21</a> Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.2, S. 148.<br />
<a name="sdfootnote22sym" href="#sdfootnote22anc">22</a> Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 635.<br />
<a name="sdfootnote23sym" href="#sdfootnote23anc">23</a> Bertolt Brecht, Herr Puntilla und sein Knecht Matti (1940), Gesammelte Werke 4, Frankfurt am Main 1967, S. 1614.<br />
<a name="sdfootnote24sym" href="#sdfootnote24anc">24</a> John Stuart Mill, Über die Freiheit (1859), Stuttgart 1988, S. 141.<br />
<a name="sdfootnote25sym" href="#sdfootnote25anc">25</a> Karl Marx, Das Kapital. Zweiter Band (1884), MEW, Bd. 24, S. 219.<br />
<a name="sdfootnote26sym" href="#sdfootnote26anc">26</a> Karl Marx, Das Kapital. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 765.<br />
<a name="sdfootnote27sym" href="#sdfootnote27anc">27</a> <em>Der Standard</em>, 29. Dezember 2006.<br />
<a name="sdfootnote28sym" href="#sdfootnote28anc">28</a> Holm Friebe/Sascha Lobo, Wir nennen es Arbeit. Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, München 2006.<br />
<a name="sdfootnote29sym" href="#sdfootnote29anc">29</a> http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=216237<br />
<a name="sdfootnote30sym" href="#sdfootnote30anc">30</a> Wolf Lotter, Einsame Klasse, <em>brand eins</em>, Heft 01, Januar 2007, S. 54.<br />
<a name="sdfootnote31sym" href="#sdfootnote31anc">31</a> Ebenda.<br />
<a name="sdfootnote32sym" href="#sdfootnote32anc">32</a> Ebenda, S. 61.<br />
<a name="sdfootnote33sym" href="#sdfootnote33anc">33</a> Wolf Lotter, Das Lebensmittel, <em>brand eins</em>, Heft 03, März 2006, S. 59.<br />
<a name="sdfootnote34sym" href="#sdfootnote34anc">34</a> Ebenda.<br />
<a name="sdfootnote35sym" href="#sdfootnote35anc">35</a> Ebenda, S. 63.<br />
<a name="sdfootnote36sym" href="#sdfootnote36anc">36</a> Ebenda, S. 62.<br />
<a name="sdfootnote37sym" href="#sdfootnote37anc">37</a> Ebenda, S. 64 &#8211; 65.<br />
<a name="sdfootnote38sym" href="#sdfootnote38anc">38</a> Ebenda, S. 65.<br />
<a name="sdfootnote39sym" href="#sdfootnote39anc">39</a> Ebenda, S. 68-71.<br />
<a name="sdfootnote40sym" href="#sdfootnote40anc">40</a> Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 741-802; insb. S. 777ff.<br />
<a name="sdfootnote41sym" href="#sdfootnote41anc">41</a> Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft (1964), Darmstadt 1978, S. 22.<br />
<a name="sdfootnote42sym" href="#sdfootnote42anc">42</a> Ganz deutlich noch im Vorwort zur 3. Auflage (1950) von Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942), Tübingen 2005, S. 500-525.<br />
<a name="sdfootnote43sym" href="#sdfootnote43anc">43</a> James Burnham, Die Revolution der Manager (1941), Wien 1949.<br />
<a name="sdfootnote44sym" href="#sdfootnote44anc">44</a> Ulrich Beck, Die Seele der Demokratie: Bezahlte Bürgerarbeit; in: ders. (Hg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt am Main 2000, S. 428-429.<br />
<a name="sdfootnote45sym" href="#sdfootnote45anc">45</a> Ebenda, S. 430.<br />
<a name="sdfootnote46sym" href="#sdfootnote46anc">46</a> Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 167-168.<br />
<a name="sdfootnote47sym" href="#sdfootnote47anc">47</a> Ebenda, S. 247.<br />
<a name="sdfootnote48sym" href="#sdfootnote48anc">48</a> Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.2, S. 38.<br />
<a name="sdfootnote49sym" href="#sdfootnote49anc">49</a> Karl Marx, [Randglossen zu Adolph Wagners "Lehrbuch der politischen Ökonomie"] (1879/80), MEW, Bd. 19, S. 359.<br />
<a name="sdfootnote50sym" href="#sdfootnote50anc">50</a> Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.1, S. 254.<br />
<a name="sdfootnote51sym" href="#sdfootnote51anc">51</a> Alfred Sohn-Rethel, Soziologische Theorie der Erkenntnis (1936), Frankfurt am Main 1985, S. 96.<br />
<a name="sdfootnote52sym" href="#sdfootnote52anc">52</a> Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 618.<br />
<a name="sdfootnote53sym" href="#sdfootnote53anc">53</a> Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.3, S. 290.<br />
<a name="sdfootnote54sym" href="#sdfootnote54anc">54</a> Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 350.<br />
<a name="sdfootnote55sym" href="#sdfootnote55anc">55</a> Ebenda, S. 351.<br />
<a name="sdfootnote56sym" href="#sdfootnote56anc">56</a> Ebenda. Vgl. dazu auch die Passagen in: ders., Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Dritter Band (1894), MEW, Bd. 25, S. 397.<br />
<a name="sdfootnote57sym" href="#sdfootnote57anc">57</a> Karl Marx, Theorien über den Mehrwert (1861-63), MEW, Bd. 26.1, S. 365.<br />
<a name="sdfootnote58sym" href="#sdfootnote58anc">58</a> Dirk Baecker, Die Form des Unternehmens, Frankfurt am Main 1993, S. 165.<br />
<a name="sdfootnote59sym" href="#sdfootnote59anc">59</a> Wolf Lotter, Goodbye, Johnny, <em>brand eins</em>, Heft 02, Februar 2006. Lotter, das sei hier der Vollständigkeit halber angemerkt, vertritt freilich schon eine postmoderne Variante von Leadership, nicht mehr den klassischen Helden.<br />
<a name="sdfootnote60sym" href="#sdfootnote60anc">60</a> Christoph Blocher, Der Auftrag ist das Entscheidende. Keine Führungsunterschiede nach gesellschaftlichen Bereichen, Neue Zürcher Zeitung, 21. November 2000. Die folgenden Zitate (samt Hervorhebungen) stammen alle aus angeführtem Artikel.<br />
<a name="sdfootnote61sym" href="#sdfootnote61anc">61</a> Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik I., (1812), Werke 5, Frankfurt am Main 1986, S. 147.<br />
<a name="sdfootnote62sym" href="#sdfootnote62anc">62</a> <em>Der Standard</em>, 1./2. Juli 2006 (Beilage <em>KarrierenStandard</em>).<br />
<a name="sdfootnote63sym" href="#sdfootnote63anc">63</a> <em>Wirtschaftsblatt</em>, 29. Juli 2006.<br />
<a name="sdfootnote64sym" href="#sdfootnote64anc">64</a> <em>Der Standard</em>, 1./2. Juli 2006 (Beilage <em>KarrierenStandard</em>).<br />
<a name="sdfootnote65sym" href="#sdfootnote65anc">65</a> Zit. nach <em>Die Presse</em>, 18. Februar 2006 (Beilage <em>KarriereLounge</em>).<br />
<a name="sdfootnote66sym" href="#sdfootnote66anc">66</a> <em>Der Standard</em>, 29./30. September 2001. Folgende Zitate aus dieser Ausgabe.<br />
<a name="sdfootnote67sym" href="#sdfootnote67anc">67</a> <em>Wirtschaftsblatt</em>, 15. Juli 2006.<br />
<a name="sdfootnote68sym" href="#sdfootnote68anc">68</a> Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942), Tübingen 2005, S. 137f.<br />
<a name="sdfootnote69sym" href="#sdfootnote69anc">69</a> Walter Schöni, Die unternehmerische Arbeitskraft, Widerspruch, Heft 39, Juli 2000, S. 5.<br />
<a name="sdfootnote70sym" href="#sdfootnote70anc">70</a> Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, S. 31.<br />
<a name="sdfootnote71sym" href="#sdfootnote71anc">71</a> Dieses und die folgenden Zitate stammen aus: <em>Die Presse</em>, 18. November 2006 (<em>KarriereLounge</em>)<br />
<a name="sdfootnote72sym" href="#sdfootnote72anc">72</a> Vgl. <em>Die Presse</em>, 24. Dezember 2005, S. 26.<br />
<a name="sdfootnote73sym" href="#sdfootnote73anc">73</a> <em>Die Presse</em>, 25. März 2006.<br />
<a name="sdfootnote74sym" href="#sdfootnote74anc">74</a> Vgl. ausführlicher: Franz Schandl, <a href="https://ecampus.uni-goettingen.de/ecampus/proxy/owa/exchweb/bin/redir.asp?URL=http://www.krisis.org/1999/to-catch-with-the-eyes" target="_blank">To catch with the eyes. In den Fängen des Netzes</a>, <em>Streifzüge </em>3/2002, S. 25-27.<br />
<a name="sdfootnote75sym" href="#sdfootnote75anc">75</a> Johann Nestroy, Zu ebener Erde und im ersten Stock (1838), 2. Aufzug, 10. Auftritt, Stuttgart 1990, S. 62.<br />
<a name="sdfootnote76sym" href="#sdfootnote76anc">76</a> Christian Garve, Über die Moden (1792), Frankfurt am Main 1987, S. 138-139.<br />
<a name="sdfootnote77sym" href="#sdfootnote77anc">77</a> Camille Paglia, Die Masken der Sexualität, München 1995, S. 50.<br />
<a name="sdfootnote78sym" href="#sdfootnote78anc">78</a> Ebenda, S. 115.<br />
<a name="sdfootnote79sym" href="#sdfootnote79anc">79</a> Ebenda, S. 53.<br />
<a name="sdfootnote80sym" href="#sdfootnote80anc">80</a> Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II, S. 311.<br />
<a name="sdfootnote81sym" href="#sdfootnote81anc">81</a> Theodor W. Adorno, Minima Moralia, S. 225-226.<br />
<a name="sdfootnote82sym" href="#sdfootnote82anc">82</a> Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch, S. 83f.</p>
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