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	<title>krisis &#187; Krisis 32 (2008)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Krisis 32 erschienen!</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 11:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Mythos vom Kampf der Kulturen]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 32 (2008)]]></category>

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		<description><![CDATA[Sp&#228;testens seit dem 11. September 2001 hat sich die Weltdeutung vom „Kampf der Kulturen“ in den westlichen L&#228;ndern weitgehend in den K&#246;pfen festgesetzt. W&#228;hrend sich die Jihadisten quer durch die Welt bomben, reden viele „Vordenker“ in Europa und den USA von einem Dritten Weltkrieg, der gegen den „Islamofaschismus“ zu f&#252;hren sei. Auf der anderen Seite [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Sp&#228;testens seit dem 11. September 2001 hat sich die Weltdeutung vom „Kampf der Kulturen“ in den westlichen L&#228;ndern weitgehend in den K&#246;pfen festgesetzt. W&#228;hrend sich die Jihadisten quer durch die Welt bomben, reden viele „Vordenker“ in Europa und den USA von einem Dritten Weltkrieg, der gegen den „Islamofaschismus“ zu f&#252;hren sei. Auf der anderen Seite formiert sich eine Allianz von „Antiimperialisten“ und islamischen Fundamentalisten, die von einer mit antisemitischen Elementen durchsetzten Frontstellung gegen „den Westen“ zusammengehalten wird. Wechselseitig werden so die sozialen und &#246;konomischen Widerspr&#252;che des globalisierten Krisenkapitalismus kulturalisiert und als Todfeindschaft zweier unvers&#246;hnlicher Gro&#223;gemeinschaften gedeutet. Tats&#228;chlich aber sind beide Seiten Fleisch vom Fleische der kapitalistischen Moderne. Eine Kritik von islamischem und westlichem Fundamentalismus muss daher dieses gemeinsame Bezugssystem in den Blick r&#252;cken.</p>
<h4>Inhalt</h4>
<ul>
<li><a title="Krisis 32 Editorial" href="http://www.krisis.org/2008/krisis-32-editorial">Editorial</a></li>
<li>Norbert Trenkle: Kulturkampf der Aufkl&#228;rung. Wie die „westlichen Werte“ zu einer aggressiven Stammesreligion mutieren</li>
<li><a title="Ernst Lohoff: Die Exhumierung Gottes" href="http://www.krisis.org/2008/die-exhumierung-gottes">Ernst Lohoff: Die Exhumierung Gottes.</a> Von der heiligen Nation zum globalen Himmelsreich</li>
<li>Claudia Globisch: Was ist neu am „neuen Antisemitismus“?</li>
<li>Karl-Heinz Lewed: Finale des Universalismus. Der Islamismus als Fundamentalismus der modernen Form</li>
<li>Ernst Lohoff: Die Anatomie der Charaktermaske. Kritische Anmerkungen zu Franz Schandls Aufsatz „Maske [...]</li>
</ul>
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		<title>Krisis 32 &#8211; Editorial</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 10:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Mythos vom Kampf der Kulturen]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 32 (2008)]]></category>

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		<description><![CDATA[

Bed&#252;rfte es noch weiterer Belege f&#252;r den grassierenden anti-islamischen Kulturalismus hierzulande, die Auseinandersetzung um den Moscheebau in K&#246;ln-Ehrenfeld w&#252;rde sie liefern. Die „Zeit“ spricht von einem „Kulturkampf“ und warnt vor dem „zweifelhaften Rechtsgehorsam“ der Muslime. Der „K&#246;lner Stadtanzeiger“ bef&#252;rchtet, dass „der Islam“ nunmehr den gesamten „alten Kontinent“ als „Dar al-islam“, also als „Haus des Islam“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg08.met.vgwort.de/na/80396750c7444f538e697a0500f76189" width="1" height="1" alt=""><br />
</span><br />
Bed&#252;rfte es noch weiterer Belege f&#252;r den grassierenden anti-islamischen Kulturalismus hierzulande, die Auseinandersetzung um den Moscheebau in K&#246;ln-Ehrenfeld w&#252;rde sie liefern. Die „Zeit“ spricht von einem „Kulturkampf“ und warnt vor dem „zweifelhaften Rechtsgehorsam“ der Muslime. <span id="more-795"></span>Der „K&#246;lner Stadtanzeiger“ bef&#252;rchtet, dass „der Islam“ nunmehr den gesamten „alten Kontinent“ als „Dar al-islam“, also als „Haus des Islam“ begreife, und sieht die Moschee in Ehrenfeld als Symbol f&#252;r diesen Anspruch: „Der Islam verl&#228;sst die Hinterh&#246;fe und demonstriert St&#228;rke“. Dies sei umso bedrohlicher, als sich, dem Chefredakteur zufolge, die vom „Islam grundierte, weltweite Terrorbewegung“ neben Kommunismus und Nationalsozialismus zur „dritten gro&#223;en totalit&#228;ren Bedrohung entwickelt“. Der „Humanistische Pressedienst“ wei&#223; in diesem Zusammenhang, dass der Begriff Moschee auf arabisch „Ort der Niederwerfung“ hei&#223;t und die Moschee in ihrer „Deckungsgleichheit mit der Wesensstruktur des Islam Ort politisch-weltanschaulicher Indoktrination“ und „St&#228;tte kriminell-terroristischer Konspiration ist“. Zudem sei, so Necla Kelek, die Moschee „Initiationsort einer muslimischen Parallel- und Gegengesellschaft“. Und f&#252;r Ralph Giordano schlie&#223;lich dr&#252;ckt sich in der Errichtung von Moscheen die „schleichende Islamisierung unseres Landes“, also die „Landnahme auf fremdem Territorium“ aus. Moscheen seien „Symbole des Angriffs auf unsere demokratische Lebensform“.</p>
<p>Begreift man das Gef&#252;hl des Bedrohtseins und, mit Freud, allgemein den Zustand der Angst als „Produkt der psychischen Hilflosigkeit“ aufgrund einer existenziellen Ohnmacht, so dr&#228;ngt sich die Frage auf, was dieser hysterisch-aufgeregten Panikmache denn eigentlich zugrunde liege. Wieso f&#252;hlen sich Menschen, die sich selbst als Vertreter des vern&#252;nftigen Denkens schlechthin verstehen, von verh&#252;llt umherlaufenden Frauen, Islamunterricht an Schulen und dem Bau von religi&#246;sen Geb&#228;uden bedroht? Selbst wenn man – unzul&#228;ssigerweise – einen direkten Bogen zu den spektakul&#228;ren Terroranschl&#228;gen von Al Qaida und anderen islamisch-fundamentalistischen Terrorsekten schl&#228;gt, springt die Diskrepanz etwa zu der Bedrohung in Zeiten der Blockkonfrontation mit ihren technologisch-hochger&#252;steten Milit&#228;rapparaten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs und tausendfachen atomaren Overkill-Kapazit&#228;ten deutlich ins Auge. Sicherlich ist der t&#246;dliche Aktionismus apokalyptisch motivierter Jihadisten eine reale Bedrohung, doch ganz gewiss stellt er keine Gefahr f&#252;r die Grundlagen der „westlichen Gesellschaften“ dar – au&#223;er in der Hinsicht, dass diese selbst den Terror zum Anlass nehmen, die sicherheits- und disziplinarpolitische Formierung weiter voranzutreiben und selbst noch die beschr&#228;nkten b&#252;rgerlichen Freiheiten Zug um Zug abzuschaffen.</p>
<p>Zygmunt Baumann hat im Hinblick auf die Abschottung der westlichen Zentren gegen&#252;ber Migranten darauf hingewiesen, dass diese „ein leichtes Ziel f&#252;r das Abreagieren von &#196;ngsten bieten, die von der weitverbreiteten Furcht gen&#228;hrt werden, an den Rand der Gesellschaft gedr&#228;ngt zu werden; in dieser Dynamik m&#252;ssen sie wider Willen den Regierungen dazu dienen, deren angeschlagene und schw&#228;chelnde Autorit&#228;t zu st&#228;rken“. Zweifellos: Die in den kapitalistischen Kernl&#228;ndern grassierende Angst vor dem sozialen Absturz und der Prekarisierung ist ein fruchtbarer Boden, auf dem Rassismus gedeiht. Doch der anti-islamische Kulturalismus zielt auf etwas Gr&#246;&#223;eres. Seine Anrufung der „westlichen Identit&#228;t“, die als Ganzes bedroht sein soll, verweist darauf, dass es nicht nur um die Angst geht, an den gesellschaftlichen Rand gedr&#228;ngt zu werden. Angeschlagen und geschw&#228;cht sind nicht nur Staat und Politik, sondern die Grundlagen der modernen Vergesellschaftungsform selbst. Freilich tr&#228;gt die Schuld daran nicht der islamische Fundamentalismus. Vielmehr ist es der fortschreitende globale Krisenprozess, der die Koh&#228;sionskraft des warenproduzierenden Weltsystems untergr&#228;bt und einen gewaltigen Prozess der sozialen Desintegration vorantreibt. Insofern kann tats&#228;chlich von einer existenziellen Bedrohung der „westlichen Gesellschaft“ gesprochen werden, nur dass diese auf klassische Weise verdr&#228;ngt und projektiv verarbeitet wird. Ihre Ursachenwerden nicht in den inneren Widerspr&#252;chen der modernen Vergesellschaftungsform gesucht, die zunehmend ihre eigenen sozialen, &#246;konomischen und &#246;kologischen Existenzbedingungen zerst&#246;rt. Stattdessen erscheint es so, als stehe „der Westen“ einem geschlossenen und in sich homogenen Kulturwesen namens „Islam“ gegen&#252;ber, das ihn aufl&#246;sen und in dessen Sinne umformen will. An das Konstrukt eines &#252;berm&#228;chtigen Gegners, der mit aller Vehemenz bek&#228;mpft werden muss, heftet sich das Gef&#252;hl allgemeiner Verunsicherung angesichts einer kaum greifbaren Gefahr, f&#252;r die niemand pers&#246;nlich haftbar gemacht werden kann, weil sie von einem verdinglichten Prozess ausgeht, der von keinem &#252;bergreifenden Willen gesteuert wird. Vor diesem Hintergrund werden dann die unterschiedlichsten Ph&#228;nomene irgendwie mit „dem Islam“ in Verbindung gebracht und als Mosaiksteinchen in das kulturalistische Identit&#228;tskonstrukt eingef&#252;gt: barttragende Muslime, die Entstehung eines Jugenddialekts wie Kanak-Sprak, die Errichtung einer Moschee oder der &#220;berfall auf einen Rentner in der U-Bahn erscheinen allesamt als Belege f&#252;r die um sich greifende Gefahr der schleichenden Islamisierung und der Zersetzung der „abendl&#228;ndischen Kultur“.</p>
<p>Kaum erstaunlich, dass in dieser aggressiven Identit&#228;tspolitik die Anrufung der abstrakten Individualit&#228;t und deren Verteidigung gegen&#252;ber den Gefahren des „Totalitarismus“ eine zentrale Rolle spielen. Das aus Zeiten des Ost-West-Konflikts hinl&#228;nglich bekannte Muster der Selbstlegitimation, wie es in der Parole „Freiheit oder Sozialismus“ seinen Niederschlag fand, erlebt in der Abgrenzung gegen&#252;ber „dem Islam“ eine Renaissance. Der Westen steht f&#252;r Freiheit und Selbstbestimmung, die „islamische Welt“ f&#252;r die Ausl&#246;schung des Einzelnen im Zwangskollektiv. Freilich k&#246;nnen die westlichen Kulturk&#228;mpfer dabei auf den Gemeinschaftswahn des islamischen Fundamentalismus verweisen, der ein Aufgehobensein im Gro&#223;kollektiv der wahren Gl&#228;ubigen verhei&#223;t. Doch der Kollektivismus ist nicht das ganz Andere der b&#252;rgerlichen Subjektivit&#228;t, sondern grundlegend verkn&#252;pft mit der Existenzform des aus allen festen Bez&#252;gen herausgel&#246;sten vereinzelten Einzelnen, der seit jeher zwischen narzisstischen Allmachtsphantasien und dem Wunsch nach Selbstaufl&#246;sung im „Ganzen“ hin- und herschwankt. Gerade die in den internationalen Netzwerken des fundamentalistischen Terrors agierenden Jihadisten sind ein gutes Beispiel daf&#252;r. Es handelt sich ganz &#252;berwiegend um abstrakte Individuen mit durch und durch moderner, m&#228;nnlicher Pr&#228;gung. Wohlweislich wollen die anti-islamischen Kulturalisten diesen Zusammenhang gar nicht allzu genau beleuchtet wissen. Sie k&#246;nnten sonst gar auf den Gedanken kommen, dass das Bed&#252;rfnis nach Unterwerfung unters Kollektiv kein Zeichen f&#252;r den vormodernen Charakter oder die totalit&#228;re Pr&#228;gung der „islamischen L&#228;nder“ sei, sondern ein Grundzug jener modernen Subjektivit&#228;t, die sie so anbeten. So gesehen ist kulturalistische Vorneverteidigung gegen&#252;ber dem islamischen Fundamentalismus nicht zuletzt ein Kampf gegen das h&#228;ssliche Spiegelbild, das dieser „dem Westen“ vorh&#228;lt.</p>
<p><strong>***</strong></p>
<p>„Kreuzzug und Jihad“ ist der Schwerpunkt dieser Ausgabe der <em>krisis</em>, ein Schwerpunkt, der in den letzten beiden Jahren in Diskussionen, Seminaren und Veranstaltungen vorbereitet wurde. Die hier vorliegenden Artikel stellen eine theoretische Zwischenbilanz dar und widmen sich vor allem den grunds&#228;tzlichen Aspekten der Thematik.</p>
<p>Zun&#228;chst setzt sich <em>Norbert Trenkle </em>in seinem Artikel <em>Kulturkampf der Aufkl&#228;rung </em>mit dem identit&#228;tspolitischen Diskurs der „westlichen Werte“ auseinander. Er zeigt, wie dieser zwar einerseits in der Tradition der Feindbildproduktion aus der &#196;ra des Kalten Krieges steht, andererseits aber die seitdem vollzogenen weltgesellschaftlichen Umbr&#252;che reflektiert. Huntingtons Infragestellung des westlichen Universalismus verweist darauf, dass der globalisierte Krisenkapitalismus nur noch als prek&#228;re Minderheitenveranstaltung m&#246;glich ist. Analoges gilt f&#252;r den liberalen Diskurs. Anders als Huntington legt dieser zwar nicht explizit den universalistischen Anspruch der Aufkl&#228;rung ad acta, implizit gelangt er jedoch zur gleichen Konsequenz. Der Diskurs der „westlichen Werte“ ist heute Propaganda f&#252;r ein globales Programm der Unterdr&#252;ckung und Exklusion der von der kapitalistischen Dynamik in wachsendem Ma&#223;e hervorgebrachten „&#220;berfl&#252;ssigen“.</p>
<p>In <em>Die Exhumierung Gottes </em>untersucht <em>Ernst Lohoff </em>die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen des islamischen Fundamentalismus, den er – ebenso wie andere religi&#246;s gepr&#228;gte Fundamentalismen – als ein durch und durch modernes, warengesellschaftliches Ph&#228;nomen begreift. Der Autor f&#252;hrt daf&#252;r den Begriff des „Religionismus“ ein. Auf Motive, die aus der islamischen Tradition stammen, greift der islamische Religionismus nur zur&#252;ck, um diese von Grund auf umzugestalten und in einen v&#246;llig neuen Bezugsrahmen einzubauen, in eine den Bedingungen des Globalisierungszeitalters angepasste Form von Identit&#228;tsproduktion. Er entpuppt sich dabei selbst als Agent des Modernisierungsprozesses, allerdings eines Modernisierungsprozesses, der &#252;ber das Zwischenziel nationalstaatlicher und arbeitsgesellschaftlicher Formierung bereits hinausgetrieben und von Entgesellschaftung und sozialer Selbstzerst&#246;rung ununterscheidbar geworden ist.</p>
<p><em>Claudia Globisch </em>wirft anschlie&#223;end die Frage auf: <em>Was ist neu am „neuen Antisemitismus“? </em>Ausgangspunkt ist die vor allem seit den Attentaten vom 11. September 2001 gef&#252;hrte Kontroverse, ob es tats&#228;chlich einen „neuen Antisemitismus“ gibt, der sich in seinen Begr&#252;ndungsstrukturen vom „alten“ modernen Antisemitismus unterscheidet, oder ob lediglich neue Tr&#228;gergruppen hinzugekommen sind. Die Autorin stellt zun&#228;chst die wichtigsten Muster antisemitischer Semantiken und ihre Ver&#228;nderungen nach 1945 vor, um dann auf dieser Grundlage zwei Texte aus den Spektren des antizionistischen und des islamisch-fundamentalistischen Antisemitismus detailliert zu analysieren. Dabei weist sie zwar semantische Verschiebungen und Anpassungen an den je unterschiedlichen Kontext nach, kommt aber dennoch zu dem Schluss, dass sich die wesentlichen Begr&#252;ndungsmuster des modernen Antisemitismus nicht ver&#228;ndert haben.</p>
<p>In <em>Finale des Universalismus </em>analysiert <em>Karl-Heinz Lewed </em>den modernen islamischen Fundamentalismus als Erben des „Volkswillens“ nach dem Scheitern der nachholenden Nationalstaatsbildung in den islamisch gepr&#228;gten L&#228;ndern. Der Standpunkt, den der islamische Fundamentalismus gegen&#252;ber den partikularen Interessen reklamiert, ist das Allgemeininteresse in Form der Gesetzlichkeit und des Rechts, allerdings nicht mehr bezogen auf den s&#228;kularen Zusammenhang einer Nation, sondern auf eine metaphysische Instanz g&#246;ttlicher Souver&#228;nit&#228;t. Dieser Bezug reflektiert die grundlegende Erosion der Nationalstaaten, die nicht mehr in der Lage sind, den Zusammenhang der privaten Interessen zu vermitteln und f&#252;r die Funktionst&#252;chtigkeit des allgemeinen Rahmens zu sorgen. Die Flucht in die jenseitige Sph&#228;re verweist dabei nicht nur auf den metaphysischen Charakter der Rechtsform, sondern auch auf die fundamentale Krise dieser Form.</p>
<p>Mit <em>Die Anatomie der Charaktermaske </em>greift <em>Ernst Lohoff </em>noch einmal die subjekttheoretische Diskussion der letzten <em>krisis</em>-Nummern auf. Er setzt sich mit dem Begriff der Charaktermaske auseinander, wie ihn Franz Schandl in seinem Text „Maske und Charakter“ in <em>krisis </em>31 entwickelt hat und kritisiert, dass dieser den bei Marx bestimmten Strukturzwang, der zur Entstehung von Charaktermasken f&#252;hrt, umstandslos mit einem unscharfen Rollenbegriff in eins setze. Die Charaktermaske sei bei Schandl nicht das Ergebnis der Personifikation von Waren, sondern der Rollenidentifikation von Menschen. Damit verschwimme diese Kategorie ins Ungef&#228;hre und verliere ihre subjektkritische Sch&#228;rfe.</p>
<p>***</p>
<p>Die Auseinandersetzung mit dem Schwerpunkt „Kreuzzug und Jihad“ werden wir selbstverst&#228;ndlich auch &#252;ber diese <em>krisis</em>-Ausgabe hinaus fortsetzen. Wir verweisen in diesem Zusammenhang noch einmal auf unsere Homepage www.krisis.org, auf der sich weitere Texte zum Thema finden. Die n&#228;chste Ausgabe der <em>krisis </em>erscheint 2009 und wird den Schwerpunkt auf die Analyse des globalen Krisenprozesses setzen.</p>
<p><em>Karl-Heinz Lewed und Norbert Trenkle f&#252;r die Redaktion</em></p>
<p><em>September 2008</em></p>
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		<title>Die Exhumierung Gottes</title>
		<link>http://www.krisis.org/2008/die-exhumierung-gottes</link>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 09:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Der Mythos vom Kampf der Kulturen]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 32 (2008)]]></category>

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		<description><![CDATA[
Von der heiligen Nation zum globalen Himmelsreich

Wenn dir dein Spiegelbild nicht gef&#228;llt,
zerschlag nicht den Spiegel,
sondern zerschlag dein Gesicht“
Altes persisches Sprichwort
Ernst Lohoff
1.
Mit der auf dem Wert beruhenden Gesellschaft bildete sich erstmals in der menschlichen Geschichte eine Weltgesellschaft heraus. W&#228;hrend alle vorwertf&#246;rmigen Gesellschaften auf bestimmte Weltregionen beschr&#228;nkt blieben, w&#228;lzt der Realuniversalismus des Werts seit nun mehr 200 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/576b8ad466af4f00971848e639baffc9" width="1" height="1" alt=""></span></p>
<h3>Von der heiligen Nation zum globalen Himmelsreich</h3>
<blockquote>
<p style="text-align: left;">Wenn dir dein Spiegelbild nicht gef&#228;llt,<br />
zerschlag nicht den Spiegel,<br />
sondern zerschlag dein Gesicht“<br />
<em>Altes persisches Sprichwort</em></p></blockquote>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>1.</p>
<p>Mit der auf dem Wert beruhenden Gesellschaft bildete sich erstmals in der menschlichen Geschichte eine Weltgesellschaft heraus.<span id="more-797"></span> W&#228;hrend alle vorwertf&#246;rmigen Gesellschaften auf bestimmte Weltregionen beschr&#228;nkt blieben, w&#228;lzt der Realuniversalismus des Werts seit nun mehr 200 Jahren im globalen Ma&#223;stab alle &#252;berkommenen sozialen Beziehungen nieder und schafft einen globalen Gesamtzusammenhang. Nicht dass die Herrschaft des Werts &#252;berall f&#252;r eine Angleichung der Lebensverh&#228;ltnisse sorgen w&#252;rde, sie f&#252;hrt im Gegenteil zu extremer Ungleichheit und sozialer Fragmentierung; diese stellen aber Polarisierungen und Fragmentierungen innerhalb desselben negativen Zusammenhangs dar. Rund um den Erdball sind es stets dieselben gesellschaftlichen Basisformen, denen die Menschen unterworfen sind und die den Rahmen ihrer Existenz vorgeben.</p>
<p>Der Prozess der Vergleichf&#246;rmigung ist dabei keineswegs neuen Datums. Seine Anf&#228;nge reichen einige hundert Jahre zur&#252;ck. Allerdings hat er im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts eine neue Stufe erreicht und sich entscheidend beschleunigt. Die koloniale Herrschaft erlaubte es Anfang des 20. Jahrhunderts ostafrikanischen Wanderhirten, noch &#252;ber weite Strecken so etwas wie eine traditionelle Existenz zu f&#252;hren. Ihre Nachfahren, die hundert Jahre sp&#228;ter auf Hilfslieferungen angewiesen ihr Dasein in Fl&#252;chtlingslagern fristen oder sich in st&#228;dtischen Slums durchschlagen, haben dagegen nicht weniger, sondern nur anders Anteil an der Welt moderner Subjektivit&#228;t als die Broker an der B&#246;rse von New York oder Shanghai. In den Tiefen Amazoniens oder Neuguineas mag es vielleicht noch einige hundert Angeh&#246;rige sogenannter Naturv&#246;lker geben, von denen sich sagen lie&#223;e, sie lebten in ihrer „eigenen Welt“; die &#252;brigen sechs Milliarden Menschen m&#252;ssen sich im selben Bezugssystem orientieren und verhalten.</p>
<p>Das inflation&#228;re Gerede von grundlegenden kulturellen Unterschieden, die sowohl die Konflikte in der Weltgesellschaft als auch die Ungleichheit der globalen Lebensbedingungen erkl&#228;ren sollen, ist durch und durch ideologisch und stellt den realen Zusammenhang auf den Kopf. Voneinander unabh&#228;ngige Kulturen hat es, seit die Dampfwalze der Wertverwertung &#252;ber den Globus rollt, nicht mehr gegeben. Nicht irgendwelche essenziellen kulturellen Unterschiede trennen die Menschen; was sie trennt und gegeneinander stellt, ist die ihnen gemeinsame wertf&#246;rmige Subjektivit&#228;t.</p>
<p>Der Triumph der kapitalistischen Produktionsweise geh&#246;rt zweifellos zu den zentralen Momenten „des Siegeszugs des Wertverh&#228;ltnisses“. Au&#223;erdem ist die Verlagerung auf die globale B&#252;hne, gerade was die &#214;konomie betrifft, mit H&#228;nden zu greifen. Mit der Erosion der nationalstaatlichen Intermedi&#228;rgewalt stieg der Weltmarkt in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu der Instanz auf, die bis in die hintersten Winkel hinein <em>unmittelbar</em> &#252;ber die Teilhabe an der Reichtumsproduktion und –distribution befindet. Weder der „Siegeszug des Werts“ im Allgemeinen noch der beschleunigte Vergleichf&#246;rmigungsprozess unserer Epoche im Besonderen l&#228;sst sich allerdings auf die wirtschaftliche Dimension reduzieren. Er bezeichnet vielmehr die Einheit eines alle Sph&#228;ren der Warengesellschaft umgreifenden Umformungsprozesses. Die ideologischen Str&#246;mungen, die heute um die Deutungshoheit k&#228;mpfen, sind allesamt nur im Kontext der negativen Weltgesellschaft erkl&#228;rbar, und auch die Gewaltkultur unserer Tage f&#252;gt sich als ein Moment in die negative Universalzivilisation des Werts ein. Niemand kann voraussagen, welche Rolle irrationale Formen der Krisenverarbeitung bei Zersetzung des globalen wertgesellschaftlichen Bezugssystems im Einzelnen spielen werden, und auch die Tiefe und der genaue Verlauf der Konfliktlinien, die in diesem Aufl&#246;sungsprozess zwischen den Waren-Subjekten aufbrechen, lassen sich nur bedingt extrapolieren. Etwas anderes l&#228;sst sich dagegen ohne Weiteres prognostizieren: Bei den Konflikten des angebrochenen Zeitalters handelt es sich ihrem Wesen nach um Binnenkonflikte innerhalb eines Kontinuums, also um das Gegenteil eines „Kriegs der Welten“. Bei Ernst Nolte firmieren bereits die beiden Weltkriege, die zwischen Nationalstaaten ausgetragen wurden, als „europ&#228;ischer B&#252;rgerkrieg“. Was immer man von dieser metaphorischen Verwendung des Begriffs B&#252;rgerkrieg halten mag, auf jeden Fall haben die Konflikte des 21. Jahrhunderts, in denen post-staatliche Akteure eine tragende Rolle spielen, in einem v&#246;llig unmetaphorischen, unmittelbaren Sinn den Charakter von Weltb&#252;rger-Kriegen.</p>
<p>2.</p>
<p>Geographisch betrachtet, nahm der Siegeszug der Wertvergesellschaftung vom Westrand des eurasischen Kontinents seinen Ausgang. Seit dem 14. Jahrhundert hatten die Gesellschaften dieser Weltregion eine lange Reihe tiefgreifender Umbruchsprozesse durchgemacht, die, obwohl sie die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereiche betrafen, insofern in eine einheitliche Richtung liefen, als sie allesamt der Dynamik versachlichter Vergesellschaftung den Weg bereiteten und sich als Teil der Installationsgeschichte der Herrschaft der Wertform begreifen lassen. Dazu geh&#246;rt u.a. das Verschwinden der auf pers&#246;nliche Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnisse gegr&#252;ndeten feudalen Ordnung, an deren Stelle der Territorialstaat mit einheitlicher Landessprache und Verwaltung trat. Auch Reformation und Gegenreformation, die den christlichen Glauben von den Momenten befreiten, die quer zum Geist des Kapitalismus lagen, ordnen sich in diesen Zusammenhang ein. Teil dieser vielschichtigen Transformation war aber genauso die Entwicklung einer mit der Wertlogik kongruenten Vorstellung von Raum und Zeit, ja selbst das musikalische Empfinden wurde von dieser Revolution erfasst und begann seit dem 17. Jahrhundert dem „Takt des Geldes“ zu folgen.<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup> An die Stelle der untergegangenen alteurop&#228;ischen Gesellschaften trat etwas v&#246;llig Neues: Ein soziales und kulturelles Gef&#252;ge, das die Entfesselung des Werts m&#246;glich machte und sich im Gleichklang mit dessen Dynamik fortentwickelte. Damit entstand das, was wir heute als den Westen kennen: eine Zivilisation, die nicht nur darauf geeicht und f&#228;hig ist, immer und &#252;berall den stofflichen Reichtum in die Darstellungsform abstrakten Reichtums zu verwandeln, sondern &#252;berhaupt die gesamte Wirklichkeit universellen Formprinzipien und Gesetzen zu unterwerfen.</p>
<p>Dieser historische Umbruchsprozess w&#228;lzte nicht nur das Innenleben der europ&#228;ischen Gesellschaften von Grund auf um, sondern auch deren Verh&#228;ltnis zum Rest der Menschheit. Die vorwertf&#246;rmige Welt war eine Welt kultureller Koexistenz gewesen. Nat&#252;rlich hatte es immer Kontakte zwischen Kulturen und die osmotische &#220;bernahme anderswo entstandener Vorstellungen und Techniken gegeben<sup><a name="sdfootnote2anc" href="#sdfootnote2sym"><sup>2</sup></a></sup> und auch Eroberungen; aber nur die den Imperativen des Werts unterworfene westliche Zivilisation erzwingt den Zusammenschluss aller Gesellschaften zu einem Gesamtzusammenhang. Mit dem Westen entstand erstmals eine Kultur, deren Angeh&#246;rige es um den ganzen Erdball trieb, und die darauf konditioniert war, ihre Denkweisen und sozialen Vermittlungsformen als allgemeinverbindlich dem Rest der Menschheit gegen&#252;ber Geltung zu verschaffen.<sup><a name="sdfootnote3anc" href="#sdfootnote3sym"><sup>3</sup></a></sup> Von der Logik des Werts besessen, war der Westen darauf programmiert, jede eigenst&#228;ndige Kultur, die sich nicht dem Wertdiktat f&#252;gte, niederzuwalzen.</p>
<p>Die Herrschaft des Werts kam als die Herrschaft des wei&#223;en westlichen Mannes &#252;ber den Globus. Vor allem was die Produktion von Zerst&#246;rung angeht, verlieh die wertf&#246;rmige Transformation dem Westen sehr schnell, trotz seiner inneren Zersplitterung, eine derart haushohe technische und mentale &#220;berlegenheit, dass die menschlichen und nat&#252;rlichen Ressourcen der au&#223;ereurop&#228;ischen Welt in den Zugriff europ&#228;ischer M&#228;chte gerieten und der wei&#223;e Mann seine Vorstellungen und Ideen dem Rest der Menschheit oktroyieren konnte. War der westliche Wurmfortsatz des eurasischen Kontinents bis dahin eine Weltregion unter vielen anderen gewesen, so errangen die europ&#228;ischen Gesellschaften und ihre &#252;berseeischen Ableger (USA) ein absolute Vormachtstellung.</p>
<p>Mit diesem traumatischen Kr&#228;ftemissverh&#228;ltnis konfrontiert, boten sich den au&#223;erwestlichen Gesellschaften letztlich drei M&#246;glichkeiten. Zum einen die Kapitulation und die Eingliederung als Ausbeutungs- und Zurichtungsgegenstand in die vom wei&#223;en Mann dominierte Ordnung; zum andern die Perspektive, die eigene Gesellschaft selbst wertformkompatibel zuzurichten und auf diesem Weg der erdr&#252;ckenden Dominanz Europas und der USA die Grundlage zu nehmen; oder schlie&#223;lich die physische Vernichtung. Schlie&#223;t man letztere aus, so bedeutete dies, vom wei&#223;en westlichen Mann als Objekt im Sinne der Wertlogik unterworfen zu werden, oder sich ihr als Subjekt zu unterwerfen, also lernen, den Weg, den der wei&#223;e Mann ging, selbst zu gehen. Das setzte allerdings einen Bruch mit der jeweiligen Ausgangskultur voraus, der noch radikaler ausfallen musste, als der in der europ&#228;ischen Geschichte. Von der „eigenen Kultur“ l&#228;sst dieser Transformationsprozess letztlich nicht viel mehr &#252;brig als eine folkloristische Einkleidung der Universalzivilisation des Werts.</p>
<p>Das koloniale Zeitalter steht f&#252;r die relativ &#228;u&#223;erlich bleibende Einf&#252;gung der au&#223;erwestlichen Gesellschaften in das wertgesellschaftliche Gef&#252;ge. Die eigentliche Akkulturation an die Herrschaft des Werts beginnt dort, wo die aus dem traditionellen Sozialgef&#252;ge herausgebrochenen Kolonisierten oder von Kolonisierung Bedrohten ihrerseits wertgesellschaftliche Denk- und Handlungsweisen entwickeln.</p>
<p>3.</p>
<p>Dieser Akkulturationsprozess kann sich in verschiedenen Varianten vollziehen. Bei der ersten Spielart, der „imitativ-identifikatorischen Akkulturation“, &#252;bernehmen die Kolonisierten die Sicht des (ehemaligen) Kolonialherrn von der R&#252;ckst&#228;ndigkeit und Wertlosigkeit der nicht-westlichen Kulturen und streben danach, sich wie Angeh&#246;rige der in die Universalzivilisation des Werts eingepassten westlichen Welt zu verhalten. Vor allem f&#252;r die mit dem Westen kooperierenden heimischen Eliten hatten die im Zentrum des wertgesellschaftlichen Weltsystems gerade herrschenden Konsummuster, Moralvorstellungen, Moden, Institutionen und ideologischen Str&#246;mungen seit jeher Vorbildcharakter. Der Inbegriff von Fortschritt und Status ist f&#252;r die „imitativ-identifikatorische Akkulturation“ das, was in den westlichen Zentren Standard ist oder dominiert.<sup><a name="sdfootnote4anc" href="#sdfootnote4sym"><sup>4</sup></a></sup> Bei der zweiten, der oppositionellen Variante, sieht man sich nicht als Juniorpartner, sondern als Gegner der westlichen Vormacht. Die oppositionelle Spielart zerf&#228;llt dabei wiederum in zwei ideologisch gegenl&#228;ufige Spielarten. Bei der einen werden bewusst westliche Ideen gegen den Westen mobilisiert. Bei der anderen wird die “Identit&#228;t“ der „eigenen“ Kultur und ihre Verschiedenheit vom Westen ideologisch hochgehalten, freilich nur um ein Zurichtungsprogramm zu initiieren, das die eigene Kultur im Schnellverfahren auf Augenh&#246;he mit der &#252;berm&#228;chtigen westlichen Konkurrenz bringen soll und dabei gerade ihre kulturelle Eigenst&#228;ndigkeit und ihren urspr&#252;nglichen Charakter ausl&#246;scht.</p>
<p>F&#252;r die „passiv-imitative“ Anpassung an die Vormacht hat sich der Begriff der „Verwestlichung“ eingeb&#252;rgert. Dieser Ausdruck h&#228;lt fest, dass die imperiale Stellung Euro-Amerikas in Wirtschaft und Politik in der direkten kulturellen und ideologischen Dominanz dieser Weltregion ihre Fortsetzung findet.</p>
<p>Aber auch die zweite Form dieses Prozesses, die „synkretistische Akkulturation“ an wertf&#246;rmige Denk-, Handlungs- und Organisationsmuster verdient durchaus den Titel Verwestlichung. Keine der Gegenbewegungen zur westlichen Vormacht hat n&#228;mlich das Rad zum zweiten Mal erfunden. Bei den Versuchen, die heimische Gesellschaft zuzurichten und sich ideologisch gegen den Westen abzugrenzen, bedienten sie sich selbst stets der Vorstellungen und Ideen, die sie von dort importiert hatten. Allen Ingredienzien wertf&#246;rmiger Subjektivit&#228;t, allen ideologischen Konzepten liegen euro-amerikanische Blaupausen zugrunde. Der Ideenhimmel, der die Universalzivilisation des Werts &#252;berspannt, wird ausschlie&#223;lich von Vorstellungen westlichen Ursprungs und deren diversen Abk&#246;mmlingen und Mutanten bev&#246;lkert.</p>
<p>F&#252;r die erste Untervariante oppositioneller Verwestlichung, die vor allem das 20. Jahrhundert pr&#228;gte, hat sich das ansatzweise herumgesprochen. Bei den wichtigsten beiden Exportschlagern des Zeitalters nachholender Modernisierung, den Konzepten Nationalismus und Sozialismus, ist es kein Geheimnis, welchem Universum sie entstammen. Selbst kulturalistische Ideologen wie Huntington r&#228;umen ein, dass die antikolonialen Bewegungen in den Spuren des Westens und seines Erbes wandelten, als sie nach europ&#228;ischem Vorbild afrikanische oder asiatische Nationen konstruierten.</p>
<p>Bez&#252;glich der fundamentalistisch-religi&#246;sen Str&#246;mungen, die mit dem Scheitern nationalstaatlicher Formierung seit den sp&#228;ten 1970-er Jahren in verschiedenen Weltregionen in den Vordergrund getreten sind, gilt das gleiche. Auch wenn die kulturalistische Weltdeutung dieses Faktum im ideologischen Nebel verschwinden l&#228;sst, mit diesen Str&#246;mungen dr&#228;ngen abermals Wiederg&#228;nger des westlichen Geistes auf die historische B&#252;hne. Nat&#252;rlich beziehen sich islamische und Hindu-Fundamentalisten (ebenso wie ihre christlichen Br&#252;der) auf religi&#246;se Motive, die dem Verwestlichungsprozess weit vorausgingen. Das Wesentliche an solchen Str&#246;mungen ist aber keineswegs in der Verschiedenheit der wiederentdeckten Religionen zu suchen, sondern in der identit&#228;tslogischen Bearbeitung und Umfunktionierung, die den diversen religi&#246;sen &#220;berlieferungen unabh&#228;ngig von ihrer traditionellen Bedeutung zuteil wird.<a name="sdfootnote5anc" href="#sdfootnote5sym"><sup>5</sup></a> Aus ihrem Entstehungszusammenhang herausgel&#246;st, verwandelt sich das religi&#246;se Bekenntnis in etwas von der &#252;berkommenen Religiosit&#228;t strukturell Grundverschiedenes, n&#228;mlich in Religionismus, ein genuin wertgesellschaftliches Ph&#228;nomen. Beim Religionismus dienen religi&#246;se Bekenntnisse und Differenzen als Ausgangspunkt der Konstruktion anonymer „imagin&#228;rer Gemeinschaften“ (Benedict Anderson), die als geschlossene, in sich homogene Kollektivsubjekte gedacht werden. Das Urheberrecht auf diese Wahnidee liegt aber im Westen. Auch wenn die Anh&#228;nger des „wahren und reinen Islam“ noch so begeistert ihr Identit&#228;tskonstrukt in die Vergangenheit projizieren, in den realen traditionellen islamischen Gesellschaften l&#228;sst sich so etwas nicht auffinden. Wie der Verbrennungsmotor so geh&#246;rt auch die Zwangsvorstellung hermetisch geschlossener Kollektivsubjekte zu jenen „Kulturg&#252;tern“, die zun&#228;chst im Westen zur Installation wertf&#246;rmiger Verh&#228;ltnisse beitrugen, um sich dann global auszubreiten.</p>
<p>Nach dem Credo der religionistischen Str&#246;mungen bewegten sich Dritte-Welt-Sozialismus und nachholender s&#228;kularer Nationalismus im Bannkreis westlichen Denkens. Demgegen&#252;ber sehen der islamische Religionismus und artverwandte Bewegungen sich selbst als leibhaftigen Bruch mit der unseligen Tradition der Verwestlichung. Der Vorwurf an die Adresse der Vorg&#228;nger ist durchaus richtig, das Selbstverst&#228;ndnis aber umso absurder. Im islamischen Religionismus findet die oppositionelle Akkulturation an westliche Muster keineswegs ihr Ende, sondern ihre logische Fortsetzung. Daf&#252;r ist freilich nicht allein die grunds&#228;tzliche identit&#228;tslogische Ausrichtung verantwortlich. Der Anti-Okzidentalismus, der f&#252;r den islamischen Religionismus und artverwandte Str&#246;mungen konstitutiv ist, ist selbst eine genuine Frucht europ&#228;ischen Denkens. Die anti-okzidentalistischen Vorstellungen, denen der Westen heute in Afrika oder Asien begegnet, sind keineswegs dort entstanden, sondern mitten in Europa. Wo dem Westen im 20. Jahrhundert und heute verst&#228;rkt kulturalistisch begr&#252;ndete Ablehnung zuteil wurde und wird, traf und trifft er keineswegs auf den Widerstand irgendeiner ihm fremden autochthonen Kultur, sondern auf seinen eigenen, gegen ihn gewendeten Selbsthass. Der Unterschied zwischen dem s&#228;kularen Nationalismus und Sozialismus einerseits und dem streng anti-okzidentalistisch ausgerichteten Religionismus besteht nicht darin, dass die einen westliche Denkweisen adaptieren und die anderen die &#220;bernahme verweigern. Beide Richtungen bedienen sich lediglich unterschiedlicher Elemente des westlichen Denkens. Die imitative Verwestlichung h&#228;lt sich ebenso wie einst die sozialistische Variante oppositioneller Verwestlichung prim&#228;r an die Ideen der Aufkl&#228;rung. Der Anti-Okzidentalismus kn&#252;pft dagegen vornehmlich an jenen Traditionsstrang im westlichen Denken an, der von der idealistischen Philosophie und der Romantik zur „Gegenaufkl&#228;rung“ f&#252;hrt. Das gilt auch f&#252;r den islamischen Religionismus, jene Spielart anti-okzidentalistischen Denkens, die derzeit im Westen am meisten die Feindphantasien befl&#252;gelt. Diese Str&#246;mung hat selbstverst&#228;ndlich historische Vorbilder und geistige Wurzeln; die sind aber weniger dort zu finden, wo deren Anh&#228;nger und Gegner sie gemeinhin suchen, also im Koran, sondern bei Geistesgr&#246;&#223;en wie Rousseau und Fichte.</p>
<p>4.</p>
<p>Weder die Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt noch deren j&#252;ngste Etappe, der &#220;bergang zur unmittelbaren Herrschaft des Weltmarkts, l&#228;sst sich als isolierte Entwicklung verstehen. Beide sind in einen viel umfassenderen, alle gesellschaftlichen Sph&#228;ren ergreifenden Gesamtprozess eingebettet: Sie sind Teil der Unterwerfung unter die der Wertlogik gehorchenden Verh&#228;ltnisse. Der Gedanke einer gesellschaftlichen Gesamtentwicklung erscheint zun&#228;chst einmal wohlvertraut, ja fast banal. So ziemlich alle sozialwissenschaftlichen Ans&#228;tze gehen von einer Interdependenz von wirtschaftlichem, mentalit&#228;tsgeschichtlichem und institutionellem Wandel aus. Diese Annahme hat sich sogar sprachlich verfestigt. Nicht nur in gesellschaftstheoretischen, auch in den tagespolitischen Debatten wird permanent mit Begriffen operiert, die eine sph&#228;ren&#252;bergreifende und dabei doch in sich koh&#228;rente Entwicklung unterstellen. Die schon lange eingef&#252;hrte Formel „Modernisierung“ deutet auf verschiedenen Gebieten angesiedelte Ver&#228;nderungen als Aspekte eines &#252;bergreifenden Ganzen. Und auch f&#252;r die j&#252;ngste Stufe des Modernisierungsprozesses hat sich seit etlichen Jahren mit dem Begriff Globalisierung ein entsprechendes Label sprachlich verallgemeinert. Globalisierung bezieht sich nicht nur auf das wirtschaftliche Leben, sondern u.a. auch auf Kultur, Ideologie und Lebensstile.</p>
<p>Trotzdem unterscheidet sich der diesem Beitrag zugrundeliegende Gedanke vom Siegeszug der Wertvergesellschaftung schon insofern grundlegend von den landl&#228;ufigen Modernisierungskonzepten, als diese nur einen bestimmten Ausschnitt des wertgesellschaftlichen Formierungsprozesses herausfiltern. Modernisierung ist ein ideologisch stark aufgeladener Begriff, und wo er Verwendung findet, ist stets die dunkle, irrationale Seite des Wertverh&#228;ltnisses ausgeblendet. Sooft von Modernisierung gesprochen wird, ist die Durchsetzungsbewegung der Wertlogik immer schon in zwei Teile auseinandergelegt, von denen einer der Modernisierungsbewegung zugerechnet wird, w&#228;hrend der andere aus ihr herausdefiniert bleibt.</p>
<p>Dieser Spaltungs- und Ausblendungsmechanismus tritt in zwei konkurrierenden Varianten auf. Die technizistische Modernisierungsvorstellung bezieht Modernisierung ausschlie&#223;lich auf die Welt der gesellschaftlichen Mittel. Diesem Konzept zufolge unterliegen zwar die Produktions- und Verwaltungsmethoden und die hergestellten G&#252;ter dem Modernisierungsprozess, nicht aber der Bereich der Ideologien und Werte und ebensowenig die Subjekte. Das normative Modernisierungskonzept verlegt demgegen&#252;ber die Scheidelinie zwischen dem vom Modernisierungsprozess erfassten und dem ausgesparten Teil der weltgesellschaftlichen Wirklichkeit ins Innere des Ideologien- und Normenkosmos.</p>
<p>Das technizistische Modernisierungskonzept erfreut sich derzeit insbesondere in den kulturalistischen Str&#246;mungen gro&#223;er Beliebtheit. Der politische Islam etwa unterscheidet streng zwischen moderner Technologie und Verwaltung einerseits und dekadenter westlicher Kultur andererseits. Schon dessen Gr&#252;ndungsv&#228;ter predigten die vorbehaltlose &#220;bernahme jener bei konsequenter Vermeidung jeder Befleckung mit dieser. Aber auch dem Kulturalismus westlicher Provenienz liegt dieses Unterscheidungsmuster zugrunde. Samuel Huntington r&#228;umt insofern die Existenz eines weltumspannenden Modernisierungsprozesses ein, als technische Innovationen sich in Windeseile &#252;ber den Globus verbreiten; er bestreitet aber energisch, dass sich parallel dazu die Distanz zwischen den Kulturkreisen auch nur um einen Millimeter vermindern w&#252;rde<sup><a name="sdfootnote6anc" href="#sdfootnote6sym"><sup>6</sup></a></sup>. Auch wenn sie die gleichen Kommunikationsmedien und Autos benutzen, bleiben die Angeh&#246;rigen verschiedener Kulturen in ihrem Denken und F&#252;hlen einander so wesensfremd wie ihre Vorfahren vor 1000 Jahren. Die Wirklichkeitsdimension, auf die es ihnen ankommt, die „Welt der Werte und der Kultur“, konstruieren Huntington und Co. demgegen&#252;ber als modernisierungsresistent. Die Reduktion von Modernisierung auf die technische Dimension erlaubt dem Kulturalismus, das vom britischen Schriftsteller Rudyard Kipling schon im 19. Jahrhundert formulierte Programm „Osten ist Osten und Westen ist Westen, und die beiden sollen sich niemals treffen“ als unhintergehbar festzuschreiben: Der Gegensatz von Orient und Okzident wird dahingehend generalisiert, dass die Menschheit &#252;berhaupt in einander wesensfremde Kulturkreise zerfallen soll. Dementsprechend f&#228;llt auch Huntingtons Konzeption der „westlichen Werte“ aus. F&#252;r ihn handelt es sich bei diesen keineswegs um die universellen Werte eines weltumspannenden Modernisierungsprozesses, sondern um spezifisch christlich-abendl&#228;ndische Prinzipien. Entgegen der aufkl&#228;rerischen Tradition lassen sich diese f&#252;r Huntington ex definitione &#252;ber den „euro-amerikanischen Kulturkreis“ hinaus nicht verallgemeinern.</p>
<p>Anders als das technizistische Modernisierungskonzept kennt die normative Modernisierungsvorstellung sehr wohl genuin moderne Werte und Ideen. Dieses G&#252;tesiegel verdienen aber keineswegs alle geistigen Str&#246;mungen, die an der Durchsetzungsbewegung der Wertvergesellschaftung Teil hatten oder haben. Es bleibt ausschlie&#223;lich jenen Str&#246;mungen vorbehalten, die sich positiv auf das liberal-aufgekl&#228;rte Selbstbild der westlichen Gesellschaften beziehen. Modern, das sind Individualismus, Menschenrechte, Vernunft und das den friedlichen Wettbewerb sichernde staatliche Gewaltmonopol. Staatlicher organisierter Massenmord, Kollektivismus und gegen den Geist der Aufkl&#228;rung gerichtete Ideen sind dagegen nicht dem Modernisierungsprozess zurechenbar.</p>
<p>Exemplarisch l&#228;sst sich die Funktionsweise des normativen Modernisierungskonzepts und sein automatisches Einrasten bei den Wortf&#252;hrern einer „reflexiven Moderne“ studieren. Ulrich Beck etwa, einer der prominentesten Vertreter dieser Richtung hierzulande, verk&#252;ndet in seinem 1993 erschienenen Buch „Die Erfindung des Politischen“, dass die „kulturelle Moderne“ f&#252;r Individualismus, Vernunft und Frieden stehe, w&#228;hrend ihr jede Form von Kollektivismus, Irrationalit&#228;t und Gewalt wesensfremd seien. Nat&#252;rlich wei&#223; Beck von der Rolle, die der Nationalismus und damit die Konstruktion imagin&#228;rer Gemeinschaft in der Geschichte des 19. und fr&#252;hen 20. Jahrhundert gespielt haben. Ihm ist genauso wenig entgangen, wie sehr diese Zeit von Kriegen und dem Einbruch des Irrationalen mitgepr&#228;gt wurde. Auf diese Tatsachen kommt Beck auch ausf&#252;hrlich zu sprechen. Die Diskrepanz zwischen realer Entwicklung und Modernisierungskonzept veranlasst Beck aber in keiner Weise dazu, seine emphatische Modernisierungsvorstellung auch nur mit einem Halbsatz zu begr&#252;nden; stattdessen folgt f&#252;r ihn aus der Existenz von nationalistischem und militaristischem Wahn unmittelbar, dass den industriellen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts der Ehrentitel modern vorenthalten bleiben m&#252;sse. Ihre Affinit&#228;t zu Kollektivismus und Gewalt weise diese vielmehr als lediglich „halbmoderne“ oder „gemischt moderne Gesellschaften“<a name="sdfootnote7anc" href="#sdfootnote7sym"><sup>7</sup></a> aus.</p>
<p>Im Gegensatz zu anderen Vertretern eines normativen Modernisierungskonzepts zeigt sich Beck auch gegen&#252;ber der Entwicklung der westlichen Gesellschaften durchaus kritisch. Umso klarer springt bei seinem Zukunftsprogramm der &#220;berwindung der Halbmoderne und der endg&#252;ltigen Herstellung wirklich moderner Verh&#228;ltnisse indes das Grundproblem des normativen Modernisierungskonzepts ins Auge. Bei der Verwendung der Formel „Modernisierung“ ist all das aus der historischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts a priori ausgegliedert und einer anderen Wirklichkeit zugeschlagen, was mit dem aufgekl&#228;rt-liberalen Selbstverst&#228;ndnis unvereinbar ist. Becks Argumentation hat zirkul&#228;ren Charakter. Das ist aber kein Spezialproblem seines Ansatzes, sondern des emphatischen Modernisierungskonzepts &#252;berhaupt. Die affirmative Aufladung der Moderne ist an die Aufl&#246;sung der Einheit der realen historischen Entwicklung gebunden.</p>
<p>5.</p>
<p>Der Bezugsrahmen, in dem Warensubjekte denken und handeln, l&#228;sst sich als ein vielgliedriges Dichotomien-System beschreiben. Die Herausbildung einer auf dem Wert beruhenden Gesellschaft ist identisch mit der Herausbildung von Gegensatzpaaren wie &#214;konomie und Politik, Kapital und Arbeit, &#246;ffentlich und privat, Natur und Kultur, Vernunft und Irrationalit&#228;t, Recht und Gewalt usw. Die Pole all dieser Gegensatzpaare geh&#246;ren als Momente der gleichen sozialen Ordnung logisch zusammen. Historisch betrachtet sind sie nicht nur miteinander entstanden, sie existieren &#252;berhaupt nur in ihrem Wechselspiel und lassen sich dementsprechend auch nur zusammen aus der Welt schaffen.<a name="sdfootnote8anc" href="#sdfootnote8sym"><sup>8</sup></a> Bei einigen dieser Dichotomien ist sich auch das warengesellschaftliche Binnenbewusstein &#252;ber seinen Bedingungszusammenhang insofern ansatzweise im Klaren, als es beide Seiten als gleicherma&#223;en notwendig anerkennt. Was etwa den Markt angeht, herrscht weitgehend Konsens, dass dieser nicht allein f&#252;r sich bestehen kann, sondern des Staates als Gegeninstanz bedarf. H&#246;chstens einige wenige Hardcore-Liberale versteigen sich zu der Ansicht, eine in vereinzelte Warensubjekte aufgel&#246;ste Gesellschaft w&#252;rde ohne das Pendant einer abstrakten Allgemeinheit besser fahren. Ansonsten geht aller Streit nur um die Austarierung des Verh&#228;ltnisses von Markt und Staat.</p>
<p>So viel Einsicht legt das herrschende Denken freilich keineswegs bei allen Gegensatzpaaren an den Tag. Sobald sie die dem Spannungsverh&#228;ltnis von Aufkl&#228;rung und Gegenaufkl&#228;rung zugeordneten Dichotomien in den Blick nehmen, &#252;berh&#246;hen die im Horizont der Wertgesellschaft gefangenen Protagonisten gewohnheitsm&#228;&#223;ig die relativen, also innerhalb des wertgesellschaftlichen Bezugssystems angesiedelten Gegens&#228;tze, zu absoluten. Bei den Vertretern der aufkl&#228;rerischen Traditionslinie schlie&#223;t diese Mystifikation unmittelbar an das normative Modernisierungskonzept an. Nach diesem Verst&#228;ndnis bilden Individualismus, Rationalismus und friedlicher Wettbewerb einen abgeschlossenen Kosmos, w&#228;hrend Kollektivismus, Irrationalismus und nackte Gewalt einer auf einem anderen Planeten beheimateten Gegenwelt angeh&#246;ren. Die vom Geist der Gegenaufkl&#228;rung inspirierte anti-okzidentalistische Gegenseite kommt zwar zu einer diametral entgegengesetzten Wertung; sie verortet alle &#220;bel der Welt im blanken Egoismus sowie in der Banalit&#228;t einer auf nackte Geldbeziehungen reduzierten sozialen Existenz. Dieser Dekadenz des Westens stellt der Anti-Okzidentalismus das Konstrukt einer kollektiven Identit&#228;t in Form einer organischen Gemeinschaftlichkeit und den Kult des Heroismus entgegen. In dieser Umkehrung bleibt das grundlegende Argumentationsmuster indes erhalten. Eine Seite der Wertvergesellschaftung erstrahlt im hellen Glanze, weil die Schrecken der Wertvergesellschaftung allein dem Antipoden zugeordnet werden und der innere Zusammenhang zwischen beiden Polen systematisch ausgeblendet wird.</p>
<p>Legitimationsproduktion durch Projektion und Externalisierung der h&#228;sslichen Seiten der herrschenden Vergesellschaftungsform geh&#246;ren zu den Evergreens der Ideologieproduktion. Das j&#252;ngste Glied einer langen Kette, der zeitgen&#246;ssische, religionistisch ausgerichtete Kulturalismus, unterscheidet sich allerdings in zweierlei Hinsicht von seinen Vorg&#228;ngern. Zum einen erreicht mit ihm der Grad der Wirklichkeitsverweigerung einen kaum mehr zu &#252;berbietenden H&#246;hepunkt. Es hat schon etwas Groteskes, die inneren Widerspr&#252;che dieser Universalzivilisation zum Gegensatz einander wesensfremder Gro&#223;kulturen ausgerechnet in einer Epoche umzudefinieren, in der die &#220;berformung durch den Wert kulturelle Differenzen in einem weit h&#246;heren Ma&#223; als je zuvor in der Geschichte dieser Gesellschaftsformation auf Unterschiede innerhalb der gleichen Universalzivilisation reduziert hat. Zum anderen hat sich der Bezug auf die religi&#246;se Sph&#228;re gegen&#252;ber fr&#252;heren Phasen der Entwicklung ver&#228;ndert. Seit dem fr&#252;hen 19. Jahrhundert war der Binnengegensatz von Aufkl&#228;rung und Gegenaufkl&#228;rung entweder von vornherein als au&#223;erreligi&#246;ser Widerspruch oder als Gegensatz zwischen a-religi&#246;ser Aufkl&#228;rung und religi&#246;s getr&#228;nkter Gegenaufkl&#228;rung konstruiert worden. Die Vordenker des neuen Kulturalismus, von Samuel Huntington bis Abdallah Azzam,<a name="sdfootnote9anc" href="#sdfootnote9sym"><sup>9</sup></a> kodieren Pol und Gegenpol der wertgesellschaftlichen Dichotomie als Eigenschaften unterschiedlicher Weltreligionen, interpretieren also deren politisch-kulturelles Spannungsverh&#228;ltnis zum <em>innerreligi&#246;sen </em> um. In dieser Sicht erscheint insbesondere „der Islam“ als Verk&#246;rperung einer mit der Aufkl&#228;rung unvereinbaren Religion, w&#228;hrend der christliche Antipode als eine aufkl&#228;rungskompatible oder zumindest kompatibel gewordene Religion figuriert. Das Christentum soll sich, so zumindest die westliche Variante des neuen Kulturalismus, auf Individualit&#228;t, Frieden und Ratio reimen. Kollektivismus, Gewalt und Fanatismus haben dagegen im „Islam“ ihre feste Burg. Ex oriente nox!</p>
<p>6.</p>
<p>Seit den Anf&#228;ngen der Wertgesellschaft existiert die vom Islam mitgepr&#228;gte Weltregion in doppelter Ausf&#252;hrung. Einerseits gab und gibt es selbstverst&#228;ndlich die realen Gesellschaften dieses geographischen Raums und deren Entwicklung, andererseits „den Orient“ als das Andere des Abendlandes, als eine bevorzugte Heimat der W&#252;nsche und &#196;ngste, die im Westen in den aufeinanderfolgenden Etappen wertgesellschaftlicher Durchdringung jeweils aufkamen.<a name="sdfootnote10anc" href="#sdfootnote10sym"><sup>10</sup></a> Im Zeitalter der Entdeckungen etwa wurde die damalige milit&#228;rische St&#228;rke des Osmanenreiches in Europa vornehmlich durch einen heilsgeschichtlichen Filter wahrgenommen, und „der T&#252;rke“ firmierte als „Gottes Rute und Teufels Diener“ (Luther). In dieser von apokalyptischen &#196;ngsten gepr&#228;gten Zeit kn&#252;pfte sich an die Niederlagen in den Kriegen mit den Osmanen die Erwartung, mit ihnen w&#252;rde die „Herrschaft des Antichristen“ anbrechen, die laut Johannesevangelium dem „Tausendj&#228;hrigen Reich“ vorangeht. Einige hundert Jahre sp&#228;ter &#252;bernahm der „Orient“ eine andere Mission und machte als laszives Traumland Karriere. Das im Laufe des 19. Jahrhunderts sich durchsetzende Ideal der b&#252;rgerlichen Familie fand im Harem seinen Antipoden und die domestizierte europ&#228;ische Frau in dessen Bewohnerin ihr Gegenst&#252;ck. Das Orientbild unterlag also einem aufschlussreichen Wandel. Diese Bildersagen aber weit mehr &#252;ber die westliche Gesellschaft und deren Metamorphosen aus als &#252;ber die vermeintlich portr&#228;tierte Weltregion und deren Entwicklung. Die neuerliche Entdeckung der islamischen Gefahr wiederbelebt diese Tradition insofern, als auch diesmal wieder die soziale Wirklichkeit hinter einem qua Projektion hergestellten Gegenkonstrukt zur westlichen Identit&#228;t verschwindet. Allerdings wird diesmal nicht die Realit&#228;t einer von der Wertlogik noch nicht durchgedrungenen Welt &#252;berblendet, sondern ein Teil der weltwarengesellschaftlichen Realit&#228;t selbst.</p>
<p>Am Islam-Konstrukt der westlichen Krisenimagologie unserer Tage f&#228;llt zun&#228;chst einmal der extrem selektive Zugang auf, seine Fixierung auf ein ganz spezifisches Ph&#228;nomen. Der „politische Islam“, insbesondere dessen dschihadistischer Fl&#252;gel, ist als Wahrnehmungsfilter immer schon vorgeschaltet, wenn eine ganze Weltregion mit 1,2 Milliarden Menschen in den Blick genommen wird oder jene 3,3 Millionen Bewohner der Bundesrepublik, deren Eltern oder Gro&#223;eltern aus muslimischen L&#228;ndern nach Deutschland kamen. Indem der westliche Kulturalismus die Konfrontation zwischen den unter der gr&#252;nen Fahne des Propheten operierenden Anti-Okzidentalisten und „dem Westen“ zu einen Kampf zwischen archaischem Kollektivismus einerseits und einer modernen, am Individuum orientierten Kultur erkl&#228;ren will, liefert er gleichzeitig ein Zerrbild der Kombattanten und ihres Gegensatzes.</p>
<p>An der Fama, das Abendland verk&#246;rpere die Antithese zu kollektivistischen Ideen und fanatisierte Massen seien ein ihm fremdes Ph&#228;nomen, f&#228;llt zun&#228;chst einmal deren Geschichtsvergessenheit ins Auge. Die europ&#228;ische Historie spricht eine ganz andere Sprache. Dass sich mit der Aufl&#246;sung der traditionellen Sozialstruktur in Europa eine individualisierte Gesellschaft herausgebildet hat, ist nur die halbe Wahrheit. Vom 18. bis tief ins 20. Jahrhundert hinein fand der Individualisierungsprozess sein Begleit- und Erg&#228;nzungsprogramm in der Herausbildung moderner Staatlichkeit, und die wiederum ist untrennbar mit der Erfindung jener „imagin&#228;ren Gemeinschaften“ (Benedict Anderson) verbunden, f&#252;r die sich die Bezeichnung Nation eingeb&#252;rgert hat. Der &#220;bergang von einer von pers&#246;nlichen Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnissen gepr&#228;gten Sozialstruktur zur Herrschaft des Werts hat keineswegs die Vorstellung kollektiver Identit&#228;ten in den Hintergrund geschoben, diese Vorstellung ist mit der Wertform &#252;berhaupt erst entstanden! Damit dieses Konstrukt sich bilden und geschichtsm&#228;chtig werden konnte, war ein bestimmter Grad der Zersetzung &#252;berkommener st&#228;ndischer Strukturen und der Herausbildung eines anonymen Funktionszusammenhangs freier und gleicher Warensubjekte unerl&#228;sslich. Der Vormarsch der Wertbeziehung machte die Erfindung der „nationalen Gemeinschaft“ aber nicht nur m&#246;glich, umgekehrt war er f&#252;r deren Durchsetzung und Verallgemeinerung auch notwendig. Die sukzessive Verwandlung der Menschen in vereinzelte Konkurrenzsubjekte h&#228;tte unweigerlich zu anomischen Verh&#228;ltnissen gef&#252;hrt, w&#228;re nicht im Gegenzug die staatliche Gewalt in die Rolle der vermittelnden Rechtsinstanz hineingewachsen. Parallel zur Verwandlung der sozialen Beziehungen in die Beziehungen konkurrierender Warenbesitzer formierte sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts der moderne Territorialstaat, der die Interessen der verschiedenen Warenbesitzerkategorien austariert und dem Weltmarkt gegen&#252;ber sowie f&#252;r seine B&#252;rger die gesellschaftliche Allgemeinheit repr&#228;sentiert. Man kann den territorial organisierten Staat indes nicht als Repr&#228;sentanten denken, ohne das, in dessen Namen er agieren soll, als etwas ihm Vorausgesetztes zu konstruieren, als vorgefundene, vermeintlich naturgegebene Gemeinschaft. Die abstrakte Allgemeinheit des Staates findet ihr unverzichtbares Pendant im Pseudokonkretum des Volkes. Dass sich ausgerechnet der Nationalstaat als die Idealgestalt moderner Territorialstaatlichkeit durchgesetzt hat, kommt daher keineswegs von ungef&#228;hr, sondern verweist direkt auf diesen Zusammenhang. Als Gesamtkapitalist f&#252;llt der Staat die n&#252;chterne Funktion eines Gesch&#228;ftsf&#252;hrers aus, aber er bleibt bei der Erf&#252;llung dieser Aufgabe an das Phantasma einer homogenen Meta-Gemeinschaft r&#252;ckgebunden. In bestimmten historischen Phasen, etwa im neoliberalen Zeitalter, trat diese Beziehung in Westeuropa in den Hintergrund. Damit hat sich die „imagin&#228;re Gemeinschaft“ der Nation aber keineswegs in Wohlgefallen aufgel&#246;st, sondern ist nur in einen Latenzzustand verfallen. Heute zeichnet sich ab, dass im gleichen Ma&#223;, wie angesichts der Krise der Warengesellschaft die Heilserwartung vom Markt auf die staatliche Gewalt zur&#252;ckverlegt wird, auch die Beschw&#246;rung des nationalen Wir wieder an Virulenz gewinnt. Wie gro&#223; genau das Gewicht sein wird, das der „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ der Nation bei der ideologischen Verarbeitung des weiteren Krisenprozesses zukommen wird, l&#228;sst sich nur schwer extrapolieren. Es bedarf aber schon enormer Verdr&#228;ngungskunst, um die Schl&#252;sselrolle zu vergessen, die diese imagin&#228;re Gemeinschaft der Nation in der Vergangenheit Europas gespielt hat. Weder die Formierung des modernen Territorialstaats seit dem 18. Jahrhunderts noch sein Aufstieg zum allgegenw&#228;rtigen Garanten der warengesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Laufe des 20. Jahrhunderts ergaben sich allein aus rationalen, geschweige denn &#246;konomischen Erfordernissen &#8211; schon gar nicht in dem gegen&#252;ber dem Westteil des Kontinents zur&#252;ckgebliebenen Mittel- und Osteuropa. Dazu bedurfte es schon zus&#228;tzlicher gesellschaftlicher Kr&#228;fte, die sich nicht auf das unmittelbare Interessenkalk&#252;l der einzelnen Waren-Subjekte reduzieren lassen, und in diesem Zusammenhang war eben die Mobilisierung f&#252;r das nationale Kollektiv-Wir zu sehen.</p>
<p>Der westliche Kulturalismus retuschiert aber nicht nur den Anteil weg, den der von Europa ausgegangene Wahn vom nationalen Wir an der Konstitution der Warengesellschaft hatte und hat. Wenn er sich als Wahrer einer der individuellen Freiheit verpflichteten Kultur geriert, stellt er vor allem seine gegenw&#228;rtige historische Rolle auf den Kopf. Die angebliche Verteidigung der Rechte des Individuums hat, wie schon erw&#228;hnt, pikanterweise n&#228;mlich die Wendung zu einer neuen Variante kollektivistischer Identit&#228;tspolitik zum Inhalt. Die Entdeckung des „Kampfes der Kulturen“ markiert den historischen Umschlagspunkt, an dem auch im Westen nach der neoliberalen Phase mit ihrem ausgepr&#228;gten Individualismus-Kult das historische Pendel in die Gegenrichtung ausschl&#228;gt und die Kollektividentit&#228;ten ihre dominierende Stellung zur&#252;ckgewinnen. Im Fokus des westlichen Kulturalismus steht allerdings nicht mehr die Nation, seine Konstruktion imagin&#228;rer Gemeinschaftlichkeit ist vielmehr &#8211; der Aufl&#246;sung des national&#246;konomischen Bezugsrahmens entsprechend &#8211; auf der Ebene der als „Kultur- und Wertegemeinschaft“ apostrophierten imperialen Gesamtmacht angesiedelt.</p>
<p>Wie bei seinem Vorg&#228;nger, dem Nationalismus, impliziert auch beim Kulturalismus die Frontstellung gegen&#252;ber dem „&#228;u&#223;eren Gegner“ Gleichschaltung nach Innen. Mehr noch, die ideologische Mobilmachung f&#252;r einen wehrhaften, seines eigenen Wesens bewussten Westen, trifft prim&#228;r die unsicheren Kantonisten auf der „eigenen Seite“, jene, die bei der projektiven Entsorgung der Widerspr&#252;che der Warengesellschaft nicht mittun. Im Gegensatz zu seiner unmissverst&#228;ndlichen Kampfansage an die „kulturvergessenen“ Westler unterh&#228;lt der westliche Kulturalismus zum offiziellen Gegner, der mit „dem Islam“ gleichgesetzten islamischen Spielart des Religionismus, eine h&#246;chst schillernde Beziehung. Er konstruiert mit der islamischen Kultur ein Feindbild, das gleichzeitig Vorbildcharakter &#252;bernimmt. Diese Doppelb&#246;digkeit ist schon bei Samuel Huntington augenf&#228;llig. Die angebliche Bedrohung durch die fremde Kultur dient diesem Vordenker als Begr&#252;ndung daf&#252;r, warum sich der Westen schleunigst seinem kulturellen „Wir“ genauso bewusst werden soll, wie es die Konkurrenz angeblich schon ist, und zwar unter Adaption der dem Gegner zugeschriebenen Selbstbehauptungsmethoden. „Culture is to die for“, schrieb Huntington dem in seinen Augen verweichlichten Abendland ins Stammbuch und erkl&#228;rte damit schon 1993 die &#220;bernahme der „dem Orientalen“ zugeschriebenen Opfer- und Todesbereitschaft zur Vorbedingung f&#252;r die Rettung des Abendlands im „Kampf der Kulturen“.</p>
<p>Die hiesigen Kulturalisten sehen sich als entschlossene Verteidiger der individuellen Freiheit und setzen die R&#252;ckbesinnung auf die eigene, dem Individuum verpflichtete Kultur der „archaischen“ Gemeinschaftskultur des Islam entgegen. Mindestens genauso aberwitzig wie das Selbstbild sind bei dieser Gegen&#252;berstellung die Zuschreibungen an die Adresse der Gegenseite, und zwar nicht nur im Hinblick auf die dem „islamischen Kulturkreis“ zugerechneten Gesellschaften, sondern auch und vor allem, was den islamischen Religionismus angeht. Diese Str&#246;mung als eine Bewegung zu klassifizieren, die den Individualisierungsprozess zugunsten der Wiederherstellung traditioneller gemeinschaftlicher Lebensformen zur&#252;ckdreht, hei&#223;t ihren Charakter auf den Kopf stellen. Wie beim Religionismus insgesamt, so handelt es sich auch bei dessen islamischer Spielart um eine auf der H&#246;he der Weltzeit befindliche anti-emanzipative Str&#246;mung. Das schlie&#223;t ein, dass sie selbst Moment und Motor eines in einen Entgesellschaftungsprozess umschlagenden Individualisierungsprozesses ist. Sie geh&#246;rt nicht nur in den L&#228;ndern und Communities, in denen sie Einfluss hat, zu den fortgeschrittensten Ph&#228;nomenen, sondern auch auf der Weltb&#252;hne. Wie der westliche Kulturalismus, so verschr&#228;nken sich auch beim islamischen Religionismus Kollektivismus und Individualismus miteinander, wenn auch in etwas anderer Weise. W&#228;hrend jener im Namen der individuellen Freiheit eine liberalismus-kompatible Wendung hin zu einem neuen kollektiven Wir vollzieht, ger&#228;t im islamischen Religionismus die Neubegr&#252;ndung der Umma, der Gemeinschaft der Gl&#228;ubigen, zur Durchsetzungsform einer strikt individualistischen Denkweise.<a name="sdfootnote11anc" href="#sdfootnote11sym"><sup>11</sup></a> In diesen Kontext ordnen sich auch die terroristischen Netzwerke ein. Unter dem &#252;berkommenen Titel Dschihad setzen Al Qaida und Co. den Amoklauf vereinzelter Weltb&#252;rger gegen ihre eigene Weltgesellschaft in Szene &#8211; grausames, aber kein archaisches Unternehmen.</p>
<p>7.</p>
<p>Der islamische Religionismus stellt ein genuin wertgesellschaftliches Ph&#228;nomen dar. Auf Motive, die aus der islamischen Tradition stammen, greift er nur zur&#252;ck, um diese von Grund auf umzugestalten und in einen v&#246;llig neuen Bezugsrahmen einzubauen, in eine den Bedingungen des Globalisierungszeitalters angepasste Form von Identit&#228;tsproduktion. Legt man einen von allen emphatischen Aufladungen befreiten Modernisierungsbegriff zugrunde, entpuppt sich der islamische Religionismus selbst als Agent des Modernisierungsprozesses, allerdings eines Modernisierungsprozesses, der &#252;ber das positive Zwischenziel nationalstaatlicher und arbeitsgesellschaftlicher Formierung bereits hinausgetrieben ist und von Entgesellschaftung und sozialer Selbstzerst&#246;rung ununterscheidbar geworden ist.</p>
<p>Wie das Ph&#228;nomen des Religionismus insgesamt, so f&#252;gt sich auch dessen islamische Variante in die Modernisierungsgeschichte ein, und zwar in zweifacher Hinsicht: Als direkte Fortsetzung von 200 Jahren antiwestlicher Verwestlichung greift er zun&#228;chst einmal jene Denkmuster wieder auf, die f&#252;r diesen Strang der gro&#223;en Modernisierungsbewegung insgesamt charakteristisch sind und denen von daher schon in fr&#252;heren Entwicklungsphasen eine zentrale Bedeutung zukam. Gleichzeitig findet der Anti-Okzidentalismus im islamischen Religionismus zu einer den spezifischen Bedingungen einer von der Krise der Arbeit und der nationalstaatlichen Form gepr&#228;gten Epoche ad&#228;quaten Gestalt. Dieser Beitrag versucht dieser Mischung von Kontinuit&#228;t und Ver&#228;nderung, von allgemeinem Grundmuster und besonderem historischen Kontext Rechnung zu tragen und n&#228;hert sich dem mit dem Koran argumentierenden Religionismus in einem Doppelschritt an. Zun&#228;chst gilt die Aufmerksamkeit den Merkmalen, die diesem und dem noch vornehmlich an der Nation orientierten Anti-Okzidentalismus des 19. und 20. Jahrhunderts gemeinsam sind. Anschlie&#223;end tastet er sich an das qualitativ Neue dieser Str&#246;mung heran, also an das, was sie zu einer Verarbeitungsform der spezifischen Widerspr&#252;che der gegenw&#228;rtigen Epoche macht und sie von ihren diversen Vorg&#228;ngern unterscheidet.</p>
<p>Um auf das Verbindende zu sto&#223;en, bedarf es keiner langen Suche. Ein kritischer Blick auf jene Vorstellungen, die den islamischen Religionismus als eine gegen&#252;ber der westlich gepr&#228;gten Moderne exterritoriale Kraft ausweisen sollen, bringt es bereits ins Visier. Gerade die &#252;blicherweise als islamspezifisch gehandelten Ideologeme sind allesamt Neuauflagen europ&#228;ischer Vorbilder. Sie entstammen in erster Linie dem Ideenfundus, den die gegenaufkl&#228;rerische Abteilung des gro&#223;en Modernisierungslagers seit den Tagen der Romantik angelegt hat.</p>
<p>Dass der islamische Religionismus sein eigenes Ziel als Wiederherstellung der angeblich zu Zeiten Mohammeds und seiner unmittelbaren Nachfolger herrschenden Ordnung verstanden wissen will, sollte in diesem Zusammenhang am allerwenigsten irritieren. Zun&#228;chst einmal darf man das Bild, das der islamische Religionismus vom Ur-Islam entwirft, selbstverst&#228;ndlich nicht mit der historischen Realit&#228;t des fr&#252;hen Islam verwechseln. Es handelt sich um eine durch die R&#252;ckprojektion der eigenen Ideale zustande kommende „erfundene“ Vergangenheit. Vor allem aber geh&#246;rt die Beschw&#246;rung eines Urzustandes, dessen Wiederherstellung propagiert wird, selbst zu den genuin wertgesellschaftlichen Denkmustern. Auf allen m&#246;glichen Entwicklungsstufen bildete diese Figur einen integralen Bestandteil einschl&#228;giger Durchsetzungsideologien. Eingeb&#252;rgert hat sich diese Vorstellung noch vor der Aufspaltung des wertgesellschaftlichen Ideenhimmels in eine aufkl&#228;rerische und eine gegenaufkl&#228;rerische Hemisph&#228;re, und zwar zun&#228;chst im Kontext der klassischen Naturrechtsvorstellung. Rousseau etwa attackierte die st&#228;ndische Ordnung als artifiziell und legitimierte demgegen&#252;ber die wertgesellschaftliche Neuordnung als Wiederherstellung eines nat&#252;rlichen Zustandes, wobei das vermeintlich Nat&#252;rliche zugleich als das historisch urspr&#252;ngliche erscheint.</p>
<p>Vor allem die Einf&#252;hrung kollektiver Gro&#223;subjekte seit dem 18. Jahrhundert war fast durchg&#228;ngig mit dieser Mystifikation verbunden. Die in sich koh&#228;rent gedachten Kollektivsubjekte, in die sich f&#252;r das wertgesellschaftliche Bewusstsein die Menschheit nat&#252;rlicherweise gliedert, wurden vorzugsweise als uralte Entit&#228;ten verstanden und deren Installation als R&#252;ckkehr zu einer in Vergessenheit geratenen, aber vorg&#228;ngigen Einheit. Ein fr&#252;hes und plastisches Bespiel f&#252;r diese neue Denkfigur liefert u.a. Novalis in seiner 1799 erschienenen Schrift „Die Christenheit und Europa“. Dort formulierte er den ultramodern klingenden Traum eines in Frieden vereinten Europas, das dazu aufgerufen sei, als zivilisatorisches Gesamtsubjekt alle &#252;brigen Weltteile mit seinen Segnungen zu begl&#252;cken. Seine Legitimation bezog dieses innere und &#228;u&#223;ere Gleichschaltungsprogramm daraus, dass Novalis es als Restaurationsbewegung interpretierte. Die katholische Kirche hatte angeblich Europa schon einmal zu einem einigen „weiten geistlichen Reich“ zusammengeschlossen, n&#228;mlich vor dem S&#252;ndenfall der „protestantischen Insurrektion“. Zu einem theokratischen Gesamtsubjekt formiert, haben die Bewohner dieses Kontinents ein unvergleichliches „Emporstreben aller &#8230; menschlichen Kr&#228;fte“ und einen „&#252;berall bl&#252;henden Handelsverkehr mit geistigen und irdischen Waaren, in dem Umkreis von Europa und bis in das fernste Indien hinaus“<a name="sdfootnote12anc" href="#sdfootnote12sym"><sup>12</sup></a>, erlebt. Dieses theokratische Gesamtsubjekt soll „in immer reicheren Gestalten erneuert wieder“<a name="sdfootnote13anc" href="#sdfootnote13sym"><sup>13</sup></a> hervortreten. Die Resonanz, auf die Novalis’ Entwurf traf, hielt sich insofern in Grenzen, als der zum Katholizismus &#252;bergetretene Konvertit mit der Wahl seines spezifischen Metasubjekts, der Christenheit, seiner Zeit voraus war. Erst mit 200 Jahren Verz&#246;gerung, im Zeichen des derzeitigen Kampfes der Kulturen und der mit ihm einhergehenden Uminterpretation der urspr&#252;nglich im Gegensatz zur Religion verstandenen Werte der Aufkl&#228;rung zu den spezifischen Werten des abendl&#228;ndisch-christlichen Kulturkreises, schiebt sich heute in der Konkurrenz um den Platz der prim&#228;ren „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ ein artverwandtes Konstrukt in den Vordergrund. Umso mehr eifrige Nachahmer fand dagegen bereits im 19. und 20. Jahrhundert die von Novalis verwandte Methode, „imagin&#228;re Gemeinschaften“ mit einer identit&#228;tsstiftenden „imagin&#228;ren Vergangenheit“ auszur&#252;sten. Gerade bei der Konstruktion von Nationen, dem w&#228;hrend der Aufstiegsphase des warenproduzierenden Weltsystems mit Abstand erfolgreichsten Typus von Gro&#223;subjekten, war der R&#252;ckgriff auf Geschichtsmythen, die &#228;hnlich strukturiert waren wie der von Novalis entwickelte Mythos und genauso freih&#228;ndig mit den historischen Fakten umgingen, eher die Regel als die Ausnahme. Ob sich die Grande Nation als Reinkarnation des gallischen Freiheitsgeistes von Vercingetorix und Co. feierte, oder der serbische Nationalstaat als Wiederherstellung des zum gro&#223;serbischen Reich umdefinierten westbalkanischen Feudalstaats des 14. Jahrhunderts legitimiert wurde, das Strickmuster war immer gleich: Das genuin moderne Konstrukt einer nationalen Identit&#228;t wurde als pr&#228;existent verstanden, erhielt damit eine Art „Echtheitszertifikat“ und seine Installation legitimierte sich als Restauration.</p>
<p>Auch im arabischen Raum hielt die Erfindung imagin&#228;rer Vergangenheit im Kontext der Produktion moderner Kollektividentit&#228;ten lange vor dem Aufkommen des islamischen Religionismus zusammen mit der Idee der Nation Einzug. Die vielleicht elaborierteste Fassung formulierte der Vordenker des s&#228;kularen arabischen Nationalismus, Sati Husri, in den 1920-er und 30-er Jahren. An dessen Argumentation l&#228;sst sich gleichzeitig exemplarisch die Funktionsweise der in Punkt 3 angesprochenen „synkretistisch-oppositionellen“ Akkulturation an die westlich-wertf&#246;rmige Denkweise studieren. Sati Husri verpasste dem modernen Konstrukt der Nation ein arabisches Gewand, indem er die Geschichts- und Sozialphilosophie Ibn Khalduns, des wohl bedeutendsten arabischen Denkers des 14. Jahrhunderts, aufgriff und konsequent in dessen Werk die Vorgaben der europ&#228;ischen Nationenvorstellungen hineinlas. Ibn Kaldhun hatte sich vor gut 650 Jahren mit dem Problem auseinandergesetzt, was Menschengruppen eigentlich zusammenh&#228;lt. Er unterstellte die Existenz einer allgemeinen sozialen Koh&#228;sionskraft, die er in Anlehnung an das Altarabische „Asabiyya“ nannte – ein Begriff, der sich nicht ohne Weiteres in europ&#228;ische Sprachen &#252;bertragen l&#228;sst und in der einschl&#228;gigen Literatur behelfsm&#228;&#223;ig mit Begriffen wie „Solidarit&#228;tsgef&#252;hl“ umschrieben wird. Ibn Khaldun, der im Gegensatz zwischen einer l&#228;ndlich-beduinischen und einer st&#228;dtisch-sesshaften Lebensweise den zentralen, die historische Entwicklung bestimmenden Konflikt sah, schrieb dabei den primitiven Nomaden den h&#246;chsten Grad an „Asabiyya“ zu. Sati Husri griff diese beiden Gedanken auf, setzte gleichzeitig Ibn Khalduns „Asabiyya“ mit der modernen nationalen Identit&#228;t ineins und vollbrachte damit zwei Adaptionsleistungen auf einen Streich: Zum einen erleichterte die Umdefinition des in Europa entstandenen Nationenkonzepts zu einer Frucht genuin arabischen Geistes dessen &#220;bernahme erheblich; zum anderen kam das Projekt der Bildung einer arabischen Nation auf diese Weise zu einem historischen Referenzpunkt, der den Vergleich mit der Konkurrenz nicht scheuen musste. Dank der Gleichsetzung von nationalem Einheitsstreben mit Khalduns „Asabiyya“-Konzept lie&#223; es sich als R&#252;ckkehr zu jenem Gemeinschaftsgeist glorifizieren, der angeblich daf&#252;r verantwortlich zeichnete, dass die urspr&#252;nglich nomadisch lebenden St&#228;mme der arabischen Halbinsel nach Mohammeds Tod innerhalb weniger Jahrzehnte ein von Spanien bis Afghanistan reichendes Gro&#223;reich erobern konnten.<a name="sdfootnote14anc" href="#sdfootnote14sym"><sup>14</sup></a></p>
<p>8.</p>
<p>Die Schl&#252;sselrolle des Bezugs auf Ibn Khaldun in Husris Argumentation hielt diesen nicht davon ab, die tats&#228;chlichen geistesgeschichtlichen Quellen seines Denkens offen zu legen. F&#252;r Husri hei&#223;t, den arabischen Klassiker richtig verstehen n&#228;mlich, ihn durch die Brille Herders und vor allem Fichtes zu lesen. Der direkte ideengeschichtliche Weg zur Entdeckung einer arabischen Nation f&#252;hrt insbesondere &#252;ber die Rezeption von Fichtes 1808 erschienenen „Reden an die deutsche Nation“.</p>
<p>Bei diesem Rekurs auf den deutschen Idealismus handelt es sich um weit mehr als um die pers&#246;nliche Marotte eines versprengten germanophilen Intellektuellen. Diese Referenz war insbesondere unter den Vordenkern nachholender Nationenbildung rund um den Globus gang und g&#228;be und das aus gutem Grund. Fichte &#252;bte nicht nur insofern eine enorme Anziehungskraft aus, als er es fertig brachte, die gegenw&#228;rtige Schw&#228;che der eigenen Nation in ein Zeichen ihrer k&#252;nftigen St&#228;rke umzum&#252;nzen – ein Kunstst&#252;ck, das alle Ideologen nachholender Nationenbildung in der einen oder anderen Form bewerkstelligen mussten; Fichtes unter dem Eindruck der Eingliederung Mitteleuropas in das Napoleonische Machtsystem erschienene Schrift enth&#228;lt in der Gestalt eines in sich geschlossenen philosophischen Systems den Urbauplan imagin&#228;rer nationaler Gemeinschaftlichkeit. Es verdient von daher eine etwas genauere Ber&#252;cksichtigung, wenn wir uns die Grundelemente imagin&#228;rer Gemeinschaftlichkeit vergegenw&#228;rtigen, um anschlie&#223;end die spezifischen Merkmale der Neukonfiguration dieser Elemente in der islamischen Variante des Religionismus zu verstehen.</p>
<p>Wie bei den balkanischen, japanischen und sonstigen Kopien bildet auch beim Original die Erfindung einer identit&#228;tsstiftenden imagin&#228;ren Vergangenheit ein integrales Moment der Konstruktion des nationalen Metasubjekts. Fichtes Argumentation hebt sich von der seiner diversen Adepten allerdings insofern ab, als sich bei ihm beides in eine ebenso ausgefeilte wie aberwitzige geschichtsteleologische Argumentation einf&#252;gt.<a name="sdfootnote15anc" href="#sdfootnote15sym"><sup>15</sup></a> Fichte schl&#228;gt die Br&#252;cke vom universalistisch ausgerichteten Fortschrittsdenken des 18. Jahrhunderts zur Apotheose von Volk und Nation, indem er der Formierung der deutschen Nation eine Schl&#252;sselrolle in der Universalgeschichte der Menschheit zuschreibt. F&#252;r ihn gliedert sich die Geschichte der Menschheit in f&#252;nf Stadien. Die Menschheit schreitet vom instinktbestimmten „Stande der Unschuld des Menschengeschlechts“ &#252;ber die Stadien „Stand der anhebenden S&#252;nde” und „Stand der vollendeten S&#252;ndhaftigkeit“ zur „Epoche der Vernunftwissenschaft“ fort, um schlie&#223;lich im Zeitalter der „Vernunftkunst“ ihre Vollendung zu finden.<a name="sdfootnote16anc" href="#sdfootnote16sym"><sup>16</sup></a> Seine eigene Zeit h&#228;lt Fichte dabei f&#252;r das Endstadium der „vollendeten S&#252;ndhaftigkeit“, in dem der „blo&#223;e sinnliche Eigennutz“ herrscht. In diesem Kontext ist f&#252;r Fichte die Unterwerfung der „Deutschheit“ unter die „Ausl&#228;nderei“, die in der franz&#246;sischen Fremdherrschaft gipfelte, nicht einfach die Vorherrschaft einer Nation &#252;ber eine andere; sie markiert vielmehr den moralischen Tiefpunkt der Menschheitsentwicklung und ihre &#220;berwindung die Wende hin zur Herrschaft der Vernunft. F&#252;r Fichte ist n&#228;mlich die Herrschaft des „sinnlichen Eigennutzes“ ein Wesensmerkmal der franz&#246;sischen Kultur, w&#228;hrend „Deutschheit“ demgegen&#252;ber den Zugang des Menschen zum Geistig-&#220;bersinnlichen repr&#228;sentiert und gleichzeitig an den verlorenen Stand der Unschuld gemahnt.</p>
<p>Diese abenteuerliche Gegen&#252;berstellung und die Wesensbestimmung der „Deutschheit“ begr&#252;ndet Fichte mit Hilfe einer halsbrecherischen sprachphilosophischen Argumentation, die zugleich die Urfassung des anti-okzidentalistischen Standpunkts darstellt. Die jeweilige Sprache repr&#228;sentiert das unver&#228;nderliche spezifische Wesen eines Volkes und bleibt dementsprechend wie dieses mit sich identisch. Nat&#252;rlich wusste auch Fichte, dass Sprachen sich weiterentwickeln; diese Ver&#228;nderungen betreffen nach seiner Lesart aber nur die „&#228;u&#223;ere Erscheinung“, sind au&#223;erdem streng determiniert und r&#252;hren selbst aus der sich selber immer gleich bleibenden „lebendigen Sprachkraft“. Aus dieser doppelten Identit&#228;tstheorie<a name="sdfootnote17anc" href="#sdfootnote17sym"><sup>17</sup></a>, leitet Fichte aber einen qualitativen Unterschied zwischen der deutschen und den romanischen Sprachen ab.<a name="sdfootnote18anc" href="#sdfootnote18sym"><sup>18</sup></a> Die romanisch sprechenden V&#246;lker, die Fichte auf die germanischen Eroberer der V&#246;lkerwanderungszeit zur&#252;ckf&#252;hrt, haben sich mit der &#220;bernahme der Sprache der Unterworfenen von ihrer lebendigen Sprachkraft ein f&#252;r allemal abgeschnitten. „Die Entfremdung von der Urspr&#252;nglichkeit“<a name="sdfootnote19anc" href="#sdfootnote19sym"><sup>19</sup></a> legt die romanisierten V&#246;lker, insbesondere die Franzosen, auf ein borniertes Dasein fest, das &#252;ber das unmittelbar Sinnliche und das schn&#246;de Eigeninteresse nicht hinauskommt. Wie das Lateinische, so haben auch seine Abk&#246;mmlinge allesamt den Charakter toter Sprachen. Weil die Deutschen demgegen&#252;ber ihre Sprache bewahrt haben, bilden sie nicht einfach ein Volk neben anderen V&#246;lkern, sondern stellen „das Urvolk, das Volk schlechtweg“<a name="sdfootnote20anc" href="#sdfootnote20sym"><sup>20</sup></a> dar. Ihnen allein steht in Fichtes Verst&#228;ndnis das Reich der lebendigen Vernunft offen, und insofern ist Befreiung der „Deutschheit“ von aller „Ausl&#228;nderei“<a name="sdfootnote21anc" href="#sdfootnote21sym"><sup>21</sup></a>, unabdingbar daf&#252;r, dass die Menschheit die Epoche der „vollendeten S&#252;ndhaftigkeit“ hinter sich lassen kann.</p>
<p>F&#252;r Fichte verk&#246;rperte das Franzosentum die Welt des „egoistischen Eigennutzes“, die der selbstlosen, h&#246;heren Zielen verpflichteten „Deutschheit“ entgegensteht. Im Laufe der n&#228;chsten 130 Jahre &#252;bernahm zun&#228;chst das H&#228;ndlervolk der Briten und sp&#228;ter vor allem der „Amerikanismus“<a name="sdfootnote22anc" href="#sdfootnote22sym"><sup>22</sup></a> (Heidegger) den Part des Hauptfeindbildes. In ihrer Grundstruktur blieben die Eigen- und Fremdzuschreibungen dabei unver&#228;ndert und kamen mit dem Gegensatz „deutsche Kultur“ versus „westliche Zivilisation“ zu einer popul&#228;ren Gesamtformel. Bemerkenswerter als diese Flexibilit&#228;t bei der Wahl der Projektionsfl&#228;che ist indes die globale Verbreitung, die dem gesamten Interpretationsschema zuteil wurde. Wie ein Platzhalter l&#228;sst sich Fichtes glorreiche „Deutschheit“ austauschen. In den Weltregionen nachholender Modernisierung &#252;bernahmen alle m&#246;glichen „imagin&#228;ren Gemeinschaften“ deren Position, ohne dass sich dabei die Selbstzuschreibungen in ihrem Kern ver&#228;ndert h&#228;tten. Selbst die eschatologische Komponente, Fichtes Vorstellung von der „deutschen Nation als Wiedergeb&#228;rerin und Wiederherstellerin der Welt“<a name="sdfootnote23anc" href="#sdfootnote23sym"><sup>23</sup></a>, erweist sich als &#252;bertragbar. So &#252;berf&#252;hrt beispielsweise Tolstoi die christliche Heilserwartung in eine russisch-nationalistische Eschatologie, wenn er schreibt: „Ich glaube, dass das russische Volk, das weniger zivilisiert ist als andere – das hei&#223;t, geistig weniger verdorben und noch immer beseelt von einer undeutlichen Vorstellung davon, was den Kern der christlichen Lehre ausmacht &#8211; , dass dieses russische Volk und hier vor allem seine Bauernschaft endlich erkennt, wo die M&#246;glichkeiten zum Heil liegen, und zu den ersten geh&#246;rt, die diese M&#246;glichkeiten nutzen.“<a name="sdfootnote24anc" href="#sdfootnote24sym"><sup>24</sup></a> Betrachtet man deren realgeschichtliche Rolle, liegen zwischen dem russischen Nativismus<a name="sdfootnote25anc" href="#sdfootnote25sym"><sup>25</sup></a> des 19. Jahrhunderts, dem afrikanischen Befreiungsnationalismus und dem imperialistischen japanischen Kaiserreich selbstverst&#228;ndlich Welten. Dennoch zeichnen sich bei der Konstruktion der eigenen Kollektiv-Identit&#228;t erstaunliche Parallelen ab. Ob die slawophilen Str&#246;mungen der „rationalistischen K&#252;nstlichkeit“ des Westens die „Echtheit des russischen Bauern“ oder Senghor das Konzept der „Négritude“ entgegenstellen, immer wird der organische und ganzheitliche Charakter der eigenen „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ beschworen. Diese vers&#246;hnt Natur und Geist in sich und erhebt sich &#252;ber das nackte Interessenkalk&#252;l. Selbst die Gro&#223;raumpl&#228;ne des kaiserlichen Japan wurden von den Apologeten des japanischen Imperialismus noch als Gegenprojekt zur „ekelhaften materialistischen Zivilisation“ Amerikas gefeiert, das angeblich auf die Wiederherstellung des traditionell ganzheitlichen Orients und seiner spirituellen organischen Gemeinschaft zielen soll.<a name="sdfootnote26anc" href="#sdfootnote26sym"><sup>26</sup></a></p>
<p>9.</p>
<p>Wer sich die lange Reihe anti-okzidentalistischer Weltdeutungskonzepte vergegenw&#228;rtigt, f&#252;r den wird die Begegnung mit der Weltsicht des islamischen Religionismus in vielerlei Hinsicht zum Déjà-vu-Erlebnis. Ob wie bei Fichte die Reformationszeit<a name="sdfootnote27anc" href="#sdfootnote27sym"><sup>27</sup></a> als „imagin&#228;re Vergangenheit“ herhalten muss oder der Ur-Islam, wie ihn Mohammed und seine Gef&#228;hrten praktiziert haben sollen, ob die „imagin&#228;re Gemeinschaft“ „Deutschheit“ hei&#223;t oder „Umma“, dieser Personal- und Kost&#252;mwechsel ber&#252;hrt das Grundmuster so wenig wie alle vorhergehenden. Anders als der weiter oben erw&#228;hnte Vordenker des arabischen Nationalismus, Sati Husri, d&#252;rfte kaum einer der Ideologen des islamischen Religionismus mit den Schriften Fichtes vertraut gewesen sein; das hinderte sie aber keineswegs, sich in den geistigen Bahnen zu bewegen, in denen schon der Urvater des Anti-Okzidentalismus dachte. Ein, wenn nicht der Schl&#252;sseltext des islamischen Religionismus, Sayyid Qutbs in den 1960er Jahren verfasste „Wegzeichen“<a name="sdfootnote28anc" href="#sdfootnote28sym"><sup>28</sup></a>, liest sich geradezu wie ein Remake von Fichtes „Reden an die deutsche Nation“, insbesondere in Hinblick auf die geschichtsteleologische Konstruktion. Schon Qutbs Vorstellung vom gegenw&#228;rtigen Zustand der Menschheit stimmt im Kern mit dem Bild &#252;berein, das Fichte von seiner Zeit gezeichnet hatte: „Die Menschheit steht in unseren Tagen am Abgrund, und zwar nicht wegen der drohenden Zerst&#246;rung, die &#252;ber ihr schwebt (das ist n&#228;mlich nur das Symptom des &#220;bels, nicht das &#220;bel selbst), sondern wegen ihres Versagens im Bereich der Werte, durch deren Einfluss das menschliche Leben eine gesunde Entwicklung erfahren k&#246;nnte. Dies wird deutlich in der westlichen Welt, die keine menschlichen Werte mehr besitzt, mit denen sie ihr eigenes Gewissen von ihrer Existenzberechtigung &#252;berzeugen k&#246;nnte &#8230; Die Situation im &#246;stlichen Lager ist ganz &#228;hnlich“<a name="sdfootnote29anc" href="#sdfootnote29sym"><sup>29</sup></a>, schlie&#223;lich fr&#246;nt der Realsozialismus dem gleichen seelenlosen Materialismus wie die westliche Konkurrenz. Und auch die nominell islamische Welt hat angesichts ihrer „Verwestgiftung“ („Westoxification“)<a name="sdfootnote30anc" href="#sdfootnote30sym"><sup>30</sup></a> Teil an der totalen Verderbtheit der gegenw&#228;rtigen Epoche. F&#252;r diese hat Qutb einen Begriff eingef&#252;hrt, der f&#252;r den islamischen Religionismus ganz zentral geworden ist, die „Jahiliyya“. In der islamischen Theologie bezeichnet „Jahiliyya“ eigentlich den Zustand der religi&#246;sen Unwissenheit, der unter den Arabern vor der Verk&#252;ndigung des Propheten Mohammed geherrscht hat. Qutb verlegt demgegen&#252;ber die „Jahiliyya“ in die Gegenwart und l&#246;st sie gleichzeitig von ihrem arabischen Kontext ab: „Heutzutage lebt die ganze Menschheit, hinsichtlich der Quelle, aus der sie ihre Werte und Regeln sch&#246;pft, im Zustand der Jahiliyya.“<a name="sdfootnote31anc" href="#sdfootnote31sym"><sup>31</sup></a> Mit dieser Neubestimmung landet er gleich in zweifacher Weise in den von Fichte zuerst betretenen Denkbahnen. Zun&#228;chst einmal hei&#223;t, „Jahiliyya“ als Universalformel f&#252;r den moralischen Verfall der Welt zu verwenden, diesen Begriff in ein Synonym von Fichtes „Epoche der vollendeten S&#252;ndhaftigkeit“ zu verwandeln. Gleichzeitig reproduziert sich damit dessen manich&#228;ische Weltsicht. Wie bei Fichte gibt es genau zwei Typen von Gesellschaften: „Jede Gesellschaft, die nicht muslimisch ist, ist jahilitisch &#8230; de facto jede Gesellschaft, die etwas anderes als Gott und ihn allein anbetet &#8230; Nach dieser objektiven Definition m&#252;ssen s&#228;mtliche Gesellschaften, die heute auf der Welt existieren, dieser Kategorie zugerechnet werden“.<a name="sdfootnote32anc" href="#sdfootnote32sym"><sup>32</sup></a> So wie f&#252;r Fichte die Erl&#246;sung der Menschheit in dem „einen, reinen g&#246;ttlichen Leben“<a name="sdfootnote33anc" href="#sdfootnote33sym"><sup>33</sup></a> des Geistes lag, das sich in einer wiederzugewinnenden „Deutschheit“ inkarniert, so findet der islamische Religionismus das Heil im Islam, der sich „in einer konkreten Form verk&#246;rpert, &#8230; im Leben einer Umma.“<a name="sdfootnote34anc" href="#sdfootnote34sym"><sup>34</sup></a> Und wie Fichtes „Deutschheit“ hat auch diese Umma den Charakter eines Erziehungs- Zukunfts- und Wiedererweckungsprojektes: „Die Umma hat aufgeh&#246;rt zu existieren, seitdem nirgendwo mehr auf der Welt Gottes Gesetz Geltung findet.“<a name="sdfootnote35anc" href="#sdfootnote35sym"><sup>35</sup></a></p>
<p>10.</p>
<p>Beim Anti-Okzidentalismus handelt es sich ohne Frage um ein Zurechnungssystem. Schon die Austauschbarkeit der Referenzkulturen spricht in dieser Hinsicht B&#228;nde. Die soziale Realit&#228;t Deutschlands zur Lutherzeit, des russischen Bauerntums des 19. Jahrhunderts, der vorkolonialen Gesellschaften Westafrikas und die Welt des fr&#252;hen Islam haben offensichtlich wenig miteinander gemein, und doch stehen „deutscher Ernst“, „slawische Seelentiefe“, „fern&#246;stliche Spiritualit&#228;t“, „Négritude“ und „ur-islamische Religiosit&#228;t“ allesamt f&#252;r den gleichen Typus von Gegenentwurf zum Westen und repr&#228;sentieren &#228;hnliche Topoi. Die globale Verbreitung des anti-okzidentalistischen Konstrukts wirft daf&#252;r eine andere Frage umso dringender auf: Worauf beruht eigentlich die Attraktivit&#228;t dieser besonderen ideologischen Verarbeitungsform? Warum l&#228;sst sich das gleiche Erkl&#228;rungsmuster in unterschiedlichen historischen Zusammenh&#228;ngen immer wieder abrufen, und zwar nicht nur w&#228;hrend der historischen Aufstiegsphase der Wertgesellschaft und des Nationalstaats, sondern auch unter den Bedingungen der Zersetzung der nationalstaatlichen Form?</p>
<p>Die weite Verbreitung anti-okzidentalistischer Denkmuster h&#228;ngt zun&#228;chst einmal damit zusammen, dass sie eine auf verschiedenen Entwicklungsstufen der Wertgesellschaft gleicherma&#223;en wichtige Funktion &#252;bernehmen. Indem der Anti-Okzidentalismus alle mit der Durchsetzung der Wertgesellschaft einhergehenden &#220;bel kulturalistisch deutet und f&#252;r sie statt dem herrschenden Vergesellschaftungsprinzip die „dekadente“ und „menschenverachtende westliche Kultur“ verantwortlich macht, erm&#246;glicht er Kollektivakteuren, die im Namen der im wertgesellschaftlichen Kampf zu kurz gekommenen Weltregionen antreten, einen doppelb&#246;digen Bezug auf den wertgesellschaftlichen Prozess. Die anti-okzidentalistische Denkweise versetzt sie in die Lage, helle Emp&#246;rung &#252;ber die weltgesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse mit der beschleunigten Adaption wertgesellschaftlicher Herrschaftsformen zu kombinieren. Mehr noch, der Bezug auf eine „imagin&#228;re Gemeinschaft“, die eine Antidot-Kultur zur westlichen Unkultur verk&#246;rpern soll, verwandelt den anti-imperialen Impuls in eine treibende Kraft der Durchsetzung wertgesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse und Denkmuster. Seine Eing&#228;ngigkeit verdankt das anti-okzidentalistsche Denken aber nicht nur dieser Verkehrungsleistung als solcher, sondern auch dem Weg, auf dem er diese vollbringt. Der Anti-Okzidentalismus setzt n&#228;mlich unmittelbar an der antinomischen Grundstruktur der Warensubjektivit&#228;t an und spielt beide Seiten der modernen Subjektivit&#228;t gegeneinander aus. Die anti-okzidentalistische Argumentation operiert auf einer Widerspruchsebene, die auf dem Boden der Wertgesellschaft nicht aufhebbar ist, und das erkl&#228;rt, warum diese Denkweise in verschiedenen Weltregionen und in verschiedenen Entwicklungsphasen der Wertgesellschaft immer wieder virulent werden kann. Menschen in moderne Subjekte verwandeln hei&#223;t, ihnen zwei miteinander in Widerstreit liegende Seelen in die Brust einpflanzen. Einerseits m&#252;ssen sie lernen, als Konkurrenzmonaden zu agieren, die mit gr&#246;&#223;ter Selbstverst&#228;ndlichkeit ihr unmittelbares abstraktes Privatinteresse verfolgen. Gleichzeitig bezieht das moderne Subjekt einen abstrakt allgemeinen Standpunkt, der sich &#252;ber alles Besondere und Sinnliche (unter Einschluss des eigenen abstrakten Privatinteresses) erhebt.<sup><a name="sdfootnote36anc" href="#sdfootnote36sym"><sup>36</sup></a></sup> Diese zweite, abstrakt-allgemeine Seite der Subjektherrlichkeit findet an den „imagin&#228;ren Gemeinschaften“ ihre pseudokonkrete Verk&#246;rperung. Das moderne Individuum beweist sich als Subjekt, indem es sich mit diesem Repr&#228;sentanten des gro&#223;en Ganzen identifiziert und an dessen Gleichschaltungsmacht partizipiert.<sup><a name="sdfootnote37anc" href="#sdfootnote37sym"><sup>37</sup></a></sup></p>
<p>Die sukzessive Reduktion der sozialen Beziehungen auf die Beziehungen von abstrakten Privatinteressen einerseits und die Einf&#252;hrung einer in der „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ inkarnierten abstrakten Allgemeinheit andererseits bilden Teilmomente der Installation der modernen Subjektform. Auch die weitere Entfaltung moderner Subjektivit&#228;t vollzieht sich stets in dem Spannungsfeld von abstrakter Privatheit und pseudokonkret gedachter abstrakter Allgemeinheit. Letztlich l&#228;sst sich f&#252;r alle Entwicklungsphasen der modernen Subjektivit&#228;t ihr Fortgang als Ergebnis ihres Zangenangriffs auf die &#252;berkommenen sozialen Strukturen und sozialen Vorstellungen beschreiben.<sup><a name="sdfootnote38anc" href="#sdfootnote38sym"><sup>38</sup></a></sup> Das beseitigt freilich weder die Konflikte zwischen den konkurrierenden Ideologien, die entweder die eine oder die andere Komponente moderner Subjektivit&#228;t abfeiern, noch &#228;ndert das etwas daran, dass sich das moderne Subjekt als ein zerrissenes Wesen erlebt. Die Antwort des anti-okzidentalistische Denkens auf diese Zerrissenheit ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Es schl&#228;gt sich entschlossen auf die Seite des abstrakt-allgemeinen Moments moderner Subjektivit&#228;t und l&#246;st die innere Spannung durch Verkehrung in einen &#228;u&#223;eren Gegensatz auf. Der abstrakt-private Standpunkt wird in einen nat&#252;rlichen und einen schlechten Teil aufgespalten und letzterer einseitig dem Westen zugeschrieben und damit externalisiert. Das nackte Privatinteresse wird zur westlichen Selbstsucht kulturalisiert, die einen Zustand sozialer Entropie hergestellt habe. Im Gegenzug bekommen auch die f&#252;r die Verschmelzung der individuellen Existenz mit der Welt des Allgemein-Abstrakten notwendigen „Tugenden“ eine kulturell definierte Heimat zugewiesen. Aus der abstrakt allgemeinen Komponente moderner Subjektivit&#228;t macht der Anti-Okzidentalismus Eigenschaften, die die Angeh&#246;rigen der eigenen imagin&#228;ren Gemeinschaft auszeichnen, und &#252;berh&#246;ht diese Eigenschaften gleichzeitig zu einer Kraft, die das Leben selbst, im Gegensatz zum blo&#223;en stumpfsinnigen Dasein, repr&#228;sentiert. Der jeweilige Anti-Westen steht f&#252;r Gemeinsinn und f&#252;r einen h&#246;heren „Selbstzweck“ (Fichte), und die f&#252;r das moderne Subjekt konstitutive Antinomie von abstrakt privatem Standpunkt und abstrakter Allgemeinheit erscheint als Kampf unvereinbarer Seinsweisen.</p>
<p>Um seine Frontstellung gegen&#252;ber dem Westen zu einem un&#252;berbr&#252;ckbaren Seinsgegensatz zu &#252;berh&#246;hen, benutzt der islamische Religionismus eine in westlichen Ohren ungewohnt klingende Terminologie. Der „Verlust aller h&#246;heren Werte“, die Reduktion der sozialen Beziehung auf das blanke Privatinteresse, firmiert im islamisch-religionistischen Idiom als „Jahiliyya“, als Zustand der Gottlosigkeit. F&#252;r die Gegenexistenz, f&#252;r das zum wahren Leben aufgeladene Abstrakt-Allgemeine, steht der „reine Islam“, der in Gestalt der in der „Hidschra“<sup><a name="sdfootnote39anc" href="#sdfootnote39sym"><sup>39</sup></a></sup> lebenden Umma der wiedererweckten Muslime Fleisch geworden ist.</p>
<p>Die Vokabeln sind neu, und auch, dass die Religion als unmittelbarer Repr&#228;sentant des Abstrakt-Allgemeinen herhalten muss, stellt gegen&#252;ber dem Zeitalter nationaler Formierung eine Innovation</p>
<p>dar. Am grundlegenden Argumentationsmuster hat sich aber im Vergleich zu den von der Idee der Nation beseelten anti-okzidentalistischen Str&#246;mung des 19. und 20. Jahrhunderts wenig ver&#228;ndert. Schon f&#252;r Fichte markierte die Grenze zwischen „Ausl&#228;nderei“ und „Deutschheit“ die Grenze zwischen unvereinbaren Existenzformen. Und auch wie der Gegensatz dieser Daseinsweisen bestimmt wird, liest sich wie eine Vorwegnahme der Auslassungen von Sayyid Qutb und seiner geistigen Anverwandtschaft. Das „Urvolk der Deutschen“ zeichnet sich laut Fichte n&#228;mlich vor allem dadurch aus, dass es Zugang zum „geistigen Leben“ hat, dem „Selbstzweck au&#223;er welchen es keinen geben kann“.<sup><a name="sdfootnote40anc" href="#sdfootnote40sym"><sup>40</sup></a></sup> Das Ausland kennt dagegen nur die &#228;u&#223;ere „Sinnenwelt“ von „Materie und Fleisch“.<sup><a name="sdfootnote41anc" href="#sdfootnote41sym"><sup>41</sup></a></sup> Es hat eine „tote Ordnung der Dinge“ geschaffen und wird nie etwas anderes hervorbringen als „gesellschaftliche Maschinenkunst“.<sup><a name="sdfootnote42anc" href="#sdfootnote42sym"><sup>42</sup></a></sup> Mit anderen Worten: Der Abgrund, der zwischen „Deutschheit“ und westlicher „Ausl&#228;nderei“ klafft, ist der Abgrund zwischen „lebendigem Geist“ einerseits und „Tod und Entfremdung von der Urspr&#252;nglichkeit“<sup><a name="sdfootnote43anc" href="#sdfootnote43sym"><sup>43</sup></a></sup> andererseits. Dass Qutb und Co. diese Zuschreibungen im Kern &#252;bernommen und nur die glorreiche Deutschheit durch „den Islam“ ersetzt haben, verweist unmittelbar auf den seit der Erstformulierung vor 200 Jahren unver&#228;nderten Kerngehalt einer wirkm&#228;chtigen geistigen Str&#246;mung: Anti-Okzidentalismus ist der gegen ein kulturell definiertes westliches Au&#223;en gewandte Selbsthass des Warensubjekts.</p>
<p>11.</p>
<p>Das anti-okzidentalistische Denken liefert nicht nur eine fetischistische Welterkl&#228;rung, es verspricht dem modernen Individuum gleichzeitig die Erl&#246;sung von seiner Schizophrenie und die Verwirklichung einer h&#246;heren Lebensform. Sobald der Einzelne in allen Lebenslagen einseitig das Abstrakt-Allgemeine zu seinem ureigenen Standpunkt macht und in seinem gesamten Dasein als Glied der imagin&#228;ren Gegengemeinschaft zum westlichen Materialismus funktioniert, er&#246;ffnet sich ihm der Weg zum Heil. Selbstverst&#228;ndlich handelt es sich bei dieser Perspektive insofern um blanke Ideologie, als sie in der Praxis der anti-okzidentalistischen Str&#246;mungen niemals durchhaltbar ist und der offiziell des Hauses verwiesene abstrakt-private Standpunkt sich durch die Hintert&#252;r wieder einschleicht. Dessen Macht ist auf dem Boden wertf&#246;rmiger Subjektivit&#228;t nicht durch blo&#223;e &#196;chtung zu brechen. Was die hier behandelte Frage der inneren Logik anti-okzidentalistischer Identit&#228;tskonstruktion angeht, ist freilich etwas anderes wichtiger: Die Subjektsetzung, wie sie das anti-okzidentalistische Programm propagiert, f&#228;llt direkt mit der Durchstreichung der individuell-besonderen Dimension zusammen. Die Teilhabe des Einzelnen am „wahren Leben“ enth&#228;lt damit nicht nur in einem metaphorischen Sinn die Aufopferung der eigenen bornierten Existenz, sondern hat wortw&#246;rtlich Todesbereitschaft zum Fundament.</p>
<p>Der dschihadistische Fl&#252;gel des islamischen Religionismus versucht der westlichen &#214;ffentlichkeit mit Botschaften wie „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ das Gruseln zu lehren. Die westlichen Kulturalisten greifen das dankbar auf und benutzen solche Bekundungen als Beleg f&#252;r die angebliche „dem Islam“ eigene besondere Affinit&#228;t zur Gewalt. Bei der den Einzelnen abverlangten Todesbereitschaft handelt es sich in Wirklichkeit aber um ein allgemeines Kennzeichen des anti-okzidentalistischen Denkens, das sich mehr oder minder ausgepr&#228;gt bei nahezu s&#228;mtlichen Vertretern dieser Str&#246;mung finden l&#228;sst. Das Ethos des Opfertodes ist schwerlich verzichtbar, sowohl als Verwirklichung der absoluten Hingabe an das Abstrakt-Allgemeine und die „imagin&#228;re Gemeinschaft“ als auch beim Ziehen der existenziellen Trennungslinie zur „westlichen Unkultur“. Al Qaidas Parole „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ hat zun&#228;chst einmal in Sombarts 1915 auf dem H&#246;hepunkt des nationalistischen Zeitalters entstandener Formel „H&#228;ndler und Helden“ ihre Entsprechung, die einen existentiellen Gegensatz zwischen dem schn&#246;de eigen&#252;tzigen Britentum einerseits und dem urdeutschem Heroismus andererseits aufmacht. Die Spur geht aber viel weiter zur&#252;ck und reicht auch in dieser Hinsicht bis zu den Anf&#228;ngen der anti-okzidentalistischen Str&#246;mung. Das Ja zur imagin&#228;ren Gemeinschaft von „Volk und Vaterland &#8230; als Tr&#228;ger und Unterpfand der irdischen Ewigkeit“<a name="sdfootnote44anc" href="#sdfootnote44sym"><sup>44</sup></a> konnte schon Fichte nur als Todessehnsucht und Opferbereitschaft des Individuums denken, und so schrieb er jedem Deutschen ins Stammbuch: „Das Leben, blo&#223; als Leben, als Fortsetzen des wechselnden Daseins, hat f&#252;r ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er hat es nur gewollt als Quelle des Dauernden, aber diese Dauer verspricht ihm allein die selbst&#228;ndige Fortdauer seiner Nation; um diese zu retten muss er sterben wollen, damit diese lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht hat.“<a name="sdfootnote45anc" href="#sdfootnote45sym"><sup>45</sup></a> Die Selbstsetzung zum absoluten Subjekt ist ohne die Selbstvernichtung der endlichen Individualit&#228;t nicht zu haben, und die Hingabe an die Nation „als existente(n) K&#246;rper Gottes“<a name="sdfootnote46anc" href="#sdfootnote46sym"><sup>46</sup></a> vermittelt diesen Schritt.</p>
<p>12.</p>
<p>In den Erkl&#228;rungen von Al Qaida und Co. tr&#228;gt der „ferne Feind“ stets einen Doppelnamen. Es geht gegen „Kreuzfahrer und Juden“; und auch jenseits der dschihadistisch orientierten Gruppierungen erfreuen sich im islamischen Religionismus antisemitische Stereotype allgemeiner Beliebtheit.<a name="sdfootnote47anc" href="#sdfootnote47sym"><sup>47</sup></a> Diese Tatsache wird in der hiesigen Islamismus-Debatte sehr unterschiedlich behandelt. Bei den Kritikern des Konstrukts vom „Kampf der Kulturen“ spielt der Antisemitismus im islamischen Religionismus meist nur eine marginale Rolle, und mit diesem bleibt das f&#252;r den islamischen Religionismus bestimmende irrationale Moment insgesamt weitgehend ausgeblendet. Die Ideologen einer neuen westlichen Wehrhaftigkeit hingegen thematisieren zwar den Antisemitismus, aber von vornherein immer nur legitimationspolitisch gewendet. Der Antisemitismus im islamischen Religionismus dient ihnen zur Legitimation der „westlichen Werte“ und der sicherheitsimperialistischen Interventionen zur Durchsetzung von „Demokratie und Freiheit“. Um die „islamische Welt von der Pest des Antisemitismus zu befreien, soll diese notfalls mit Gewalt „modernisiert“ werden.</p>
<p>Dieses Credo setzt als selbstverst&#228;ndlich voraus, dass es sich beim Antisemitismus um eine dem Modernisierungsprozess und der westlichen Aufkl&#228;rung wesensfremde Kraft handelt. Dechiffriert man Modernisierung als das Prozessieren der Wert- und Subjektform, dann geh&#246;rt jedoch auch der Antisemitismus selbst zum Gesamtensemble der Modernisierungsideologien, wie &#252;berhaupt alle gegenaufkl&#228;rerischen Str&#246;mungen. Gerade die Geschichte des Antisemitismus im so genannten islamischen Raum f&#252;gt sich bestens zu dieser Grundthese. Sowohl in der Orientalistik als auch in der Antisemitismusforschung ist unstrittig, dass der Antisemitismus zusammen mit dem Prozess der Modernisierung von Europa aus Einzug in die so genannten islamischen L&#228;ndern gehalten hat<a name="sdfootnote48anc" href="#sdfootnote48sym"><sup>48</sup></a> –wie &#252;brigens &#252;berall sonst auf der Welt auch. Zwischen der &#220;bernahme der antisemitischen Weltdeutung, die mit dem arabischen Nationalismus begann und im islamischen Religionismus ihre Fortsetzung findet, und der &#220;bernahme der modernen Subjektform besteht aber keine blo&#223; zuf&#228;llige zeitliche Koinzidenz, sondern ein innerer Zusammenhang. Weit davon entfernt, den islamischen Religionismus als eine quer zur herrschenden Vergesellschaftungsform liegende Kraft auszuweisen, ist die &#220;bernahme des antisemitischen Syndroms selbst Moment der Akkulturation an das wertgesellschaftliche Bezugssystem, also Bestandteil von Verwestlichung und Modernisierung.</p>
<p>Ein zentraler Aspekt, der den Antisemitismus als genuine Modernisierungsideologie ausweist und der auch beim islamischen Religionismus am Werk ist, ergibt sich aus dem weiter oben bereits entwickelten engen Zusammenhang von abstrakter Allgemeinheit und pseudokonkreter imagin&#228;rer Gemeinschaft. Die Konstruktion einer als homogen gedachten Kollektivwesenheit, in der das Abstrakt-Allgemeine Fleisch geworden ist, kommt nur schwerlich ohne die Konstruktion eines entsprechenden Gegenbildes aus. Indem er dieses Gegenbild im Westen verortet, behandelt der Anti-Okzidentalismus die abstrakte Privatheit als eine der eigenen imagin&#228;ren Gemeinschaft von au&#223;en entgegentretende Macht. Der auf dem Boden der Wertgesellschaft nicht ausl&#246;schbare privat-abstrakte Standpunkt bleibt indes stets auch als Gef&#228;hrdung der heilen „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ von innen pr&#228;sent. Diese zweite, unheimlichere Komponente der Bedrohung bildete den Ausgangspunkt des antisemitischen Zurechnungssystems. Der moderne europ&#228;ische Antisemitismus, wie er sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hat, erkl&#228;rt die j&#252;dischen Mitglieder der eigenen Gesellschaft zu einem Fremd-K&#246;rper, der das nackte Sonderinteresse als eine die imagin&#228;re organische K&#246;rperschaft von innen heraus zersetzende Kraft repr&#228;sentiert.</p>
<p>Insofern erg&#228;nzen sich das anti-okzidentalistische und das antisemitische Zurechnungssystem hervorragend und k&#246;nnen Verbindungen miteinander eingehen – der islamische Religionismus ist nur eines der j&#252;ngeren Beispiele daf&#252;r. Eine besondere Affinit&#228;t besteht vor allem zwischen dem in den anti-okzidentalistischen Str&#246;mungen weit verbreiteten Selbstopfer- und Heldenkult und den antisemitischen Welterkl&#228;rungen. Das zur Selbstlosigkeit und zum Sterben bereite Heldenleben erstrahlt erst im Kontrast zu einem selbsts&#252;chtigen und im existentiellen Sinne toten Leben in seinem ganzen Glanz; und auf der Besetzungsliste f&#252;r diesen letzteren Part rangiert der „feige und hinterlistige Jude“ seit jeher ganz weit oben. Schon bei Fichte hatte er diese Rolle inne, und dementsprechend eindeutig fiel dessen Position aus, was die m&#246;gliche Teilhabe von Juden an der deutschen Nation und Nationalstaatlichkeit angeht: „Aber ihnen B&#252;rgerrechte zu geben, dazu sehe ich wenigstens kein Mittel, als das, in einer Nacht ihnen allen die K&#246;pfe abzuschneiden und andere aufzusetzen, in denen auch nicht eine j&#252;dische Idee sey. Um uns vor ihnen zu sch&#252;tzen, dazu sehe ich kein anderes Mittel, als ihnen ihr gelobtes Land zu erobern, und sie alle dahin zu schicken.“<a name="sdfootnote49anc" href="#sdfootnote49sym"><sup>49</sup></a></p>
<p>Angesichts der Brutalit&#228;t solcher antisemitischen Ausf&#228;lle mit deutlich eliminatorischer Tendenz darf man Eines nicht &#252;bersehen: Der Gedanke, dass Judenemanzipation nur Emanzipation <em>vom</em> Juden und nicht <em>der</em> Juden hei&#223;en kann, ist weder in Fichtes Argumentation von dessen anti-okzidentalistischer Ausrichtung abh&#228;ngig, noch bleibt er auf das anti-okzidentalistische Denken beschr&#228;nkt. Fichte griff mit seiner antisemitischen Argumentation nur einen Gedankengang wieder auf, den eine im Lager der Aufkl&#228;rung &#252;ber alle Zweifel erhabene Geistesgr&#246;&#223;e bereits eingef&#252;hrt hatte: Kant betrieb die Apotheose des Abstrakt-Allgemeinen noch ohne jeden Bezug auf imagin&#228;re Gemeinschaften. Das Abstrakt-Allgemeine f&#228;llt bei ihm mit der allgemeinen Gesetzesform zusammen, die sich als „moralisches Gesetz in uns“ niederschl&#228;gt. Trotzdem verk&#246;rperte auch ihm schon der „betr&#252;gerische Pal&#228;stiner“ den Gegenstandpunkt zu dem Allgemeinheitsstandpunkt, zu dem sich der wei&#223;e westliche Vernunft-Mann aufschwingt. Die Koryph&#228;e der Aufkl&#228;rung schlechthin erkl&#228;rte die j&#252;dische Religion gegen&#252;ber der christlichen zum inferioren „Afterdienst“, weil deren Anh&#228;nger sich nur &#228;u&#223;erlichen „statuarischen Gesetzen“<a name="sdfootnote50anc" href="#sdfootnote50sym"><sup>50</sup></a> unterwerfen w&#252;rden und daher nicht zum h&#246;heren Standpunkt der verinnerlichten allgemeinen Gesetzesform gelangen k&#246;nnten.<a name="sdfootnote51anc" href="#sdfootnote51sym"><sup>51</sup></a> Der dem Judentum zugeschriebene rein &#228;u&#223;erliche Gehorsams gegen&#252;ber Moral und Gesetz weist die Angeh&#246;rigen dieses „Stammes“ als denkbar ungeeignete Mitglieder des Gemeinwesens und Staatsb&#252;rger aus: „So lange die Juden Juden sind, sich beschneiden lassen, werden sie nie in der b&#252;rgerlichen Gesellschaft mehr n&#252;tzlich als sch&#228;dlich werden. Jetzo sind sie Vampyre der Gesellschaft“<a name="sdfootnote52anc" href="#sdfootnote52sym"><sup>52</sup></a> Die Verallgemeinerung des „moralischen Gesetzes“ ist f&#252;r Kant ohne die „Euthanasie des Judentums“ nicht zu haben. Solche Auslassungen sind keine Aussetzer, bei denen Kant vergessen h&#228;tte, was Aufkl&#228;rung bedeutet, sondern sie enth&#252;llen die Abgr&#252;nde, die der modernen Vernunft selbst inh&#228;rent sind. Der Antisemitismus geh&#246;rt demgegen&#252;ber zu dem einen gro&#223;en ideologischen Fundus, den die Aufkl&#228;rung mit ihrem immanenten Gegenteil, der Gegenaufkl&#228;rung, teilt, wie auch der Westen samt seinen erkl&#228;rten Feinden.</p>
<p>13.</p>
<p>Der wertgesellschaftlichen Entwicklung wohnt eine ungeheure historische Dynamik inne. Die prozessierende Realabstraktion des Werts kann nicht herrschen, ohne dabei best&#228;ndig alle Verh&#228;ltnisse umzuwerfen, auch jene, die sie selbst in ihrem Entwicklungsverlauf hervorgebracht hat. Betrachtet man allerdings die Sph&#228;re der Ideologie, also die Verarbeitung der wertgesellschaftlichen Widerspr&#252;che im fetischistisch verfassten Binnenbewusstsein, dann bietet sich ein etwas anderes Bild. Was die Ideologieproduktion angeht, entpuppt sich die Wertgesellschaft als Recyclingwirtschaft, die seit 200 Jahren mit einem schmalen Set an Grundmotiven auskommt, welche immer wieder abgerufen, frisch eingekleidet und neu kombiniert werden. Die Konstruktion imagin&#228;rer Gemeinschaftlichkeit ist – wie die Analyse des islamischen Religionismus zeigt – ein Musterbeispiel f&#252;r diese Form von „Nachhaltigkeit“.</p>
<p>Trotz des der Welt des Ideologischen eigenen Konservatismus l&#246;st sich Ideologiegeschichte freilich nicht einfach in eine Geschichte endloser Wiederholungen auf. Im ideologischen Richtungsstreit ist nur solchen Str&#246;mungen Erfolg beschieden, die auf ihre Weise der spezifischen historischen Konstellation Rechnung tragen, in deren Rahmen sie entstehen. Dementsprechend gehen die Umbr&#252;che, die das warenproduzierende Weltsystem durchmacht, auch mit Umbr&#252;chen im ideologischen Gef&#252;ge einher. Vor allem der &#220;bergang von der langen Aufstiegsphase der wertgesellschaftlichen Ordnung zum Krisen- und Globalisierungszeitalter f&#252;hrt zu entscheidenden Ver&#228;nderungen. Die religionistisch definierten „imagin&#228;ren Gemeinschaften“, die in dieser Epoche Karriere machen, unterscheiden sich in ihrer Architektur und Funktionsweise erheblich von der klassischen national definierten „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ und stellen deren Verfallsform dar.</p>
<p>Die lange Aufstiegsgeschichte der Herrschaft des Werts war von zwei basalen Prozessen gepr&#228;gt, die f&#252;r diesen Zusammenhang wichtig sind: Die Integration von immer mehr Menschen in den Verwertungsbetrieb, also ihre Verwandlung in Arbeitssubjekte, und die Formierung von National&#246;konomien. An die Stelle heterogen-buntscheckiger Verh&#228;ltnisse mit zahllosen lokalen Besonderheiten traten nach au&#223;en klar abgegrenzte und nach innen homogene Funktionsr&#228;ume. Die Herausbildung eines koh&#228;renten national&#246;konomischen Bezugsrahmens bedeutete nicht nur die Vereinheitlichung von W&#228;hrung, Landessprache, Gesetzgebung sowie technischen und kulturellen Standards; soweit sie erfolgreich war, f&#252;hrte sie zu einer weitgehenden Angleichung der regionalen Lebensbedingungen insgesamt. Im Zeitalter des Globalismus und der Krise hei&#223;t Herrschaft des Werts dagegen prim&#228;r Produktion &#252;berfl&#252;ssiger Menschen, Schaffung entwerteter bzw. von Entwertung bedrohter Arbeitssubjekte, und sukzessive Zerst&#246;rung der homogenen Funktionsr&#228;ume. An deren Stelle tritt die unmittelbare Herrschaft des Weltmarkts in einer sowohl sozial wie regional zunehmend zerkl&#252;fteten Landschaft. Die im Kontext der Aufstiegsphase geschichtsm&#228;chtigen „imagin&#228;ren Gemeinschaften“ &#252;bernahmen eine Funktion repressiver Integration und waren ideologischer und identit&#228;tspolitscher Teil der Formierung national&#246;konomisch formatierter Arbeitsgesellschaften; die heutigen „imagin&#228;ren Gemeinschaften“ gedeihen dagegen, indem sie den globalen Desintegrationsprozess in Ideologie und Identit&#228;tspolitik transformieren und dabei selbst als Moment der Selbstzerst&#246;rung der wertgesellschaftlichen Ordnung diesen noch beschleunigen.</p>
<p>An den Baupl&#228;nen „imagin&#228;rer Gemeinschaftlichkeit“ schl&#228;gt sich diese epochale Differenz vor allem in einem ver&#228;nderten Bezug auf den Territorialstaat und die Arbeit nieder. Die Nation l&#228;sst sich &#252;berhaupt nur als territorialisierte imagin&#228;re Gemeinschaft denken, und ihre pseudokonkrete Allgemeinheit ist untrennbar mit der abstrakten Allgemeinheit des Staates als ihrer praktischen Darstellungsform verkn&#252;pft. Mit den religionistischen Str&#246;mungen entstehen dagegen Kollektividentit&#228;ten, die den Standpunkt der Allgemeinheit und der Gesetzesform von der staatlichen Vermittlungsinstanz abl&#246;sen kann. Indem sie den universellen Anspruch der Weltreligion von den traditionellen religi&#246;sen Autorit&#228;ten (christliche Kirchen, muslimische Ulema) auf die Umma der wiedererweckten Muslime bzw. evangelikal-fundamentalistische Gruppierungen &#252;bertragen und gleichzeitig in eine post-politische Handlungsanweisung transformieren, konstruieren sie sich selbst als deterritorialisierte post-staatliche „imagin&#228;re Weltb&#252;rgergemeinschaften“.</p>
<p>14.</p>
<p>Der Idee der Volkssouver&#228;nit&#228;t, wie sie Rousseau formuliert hat und die bis heute allen Verfassungen dieser Welt zugrunde liegt, stellt zwischen der omin&#246;sen Wesenheit Volk und dem dazugeh&#246;rigen Staat eine Zweck-Mittel-Relation her. Das Volk wurde als das Allerheiligste inthronisiert, w&#228;hrend der Staat als dessen Instrument figurierte. Diese Vorstellung haben die Ideologen der „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ der Nation eins zu eins &#252;bernommen; schon bei Fichte ist sie integraler Bestandteil der anti-okzidentalistischen Polemik. In Frankreich, so Fichtes Anwurf, habe sich das Instrument verselbstst&#228;ndigt und sei aufgrund der „blo&#223; mechanischen Einrichtung und Berechnung des Staates“<a name="sdfootnote53anc" href="#sdfootnote53sym"><sup>53</sup></a> Selbstzweck geworden. Es sei an der deutschen Nation, dieser Verkehrung ein Ende zu bereiten und aus dem Staat das zu machen, was er seinem Wesen nach sei: „nichts Erstes, und f&#252;r sich selbst Seiendes, sondern &#8230; blo&#223; das Mittel … f&#252;r den h&#246;heren Zweck der ewig gleichm&#228;&#223;ig fortgehenden Ausbildung des rein Menschlichen in dieser Nation.“<a name="sdfootnote54anc" href="#sdfootnote54sym"><sup>54</sup></a></p>
<p>Mit einer antistaatlichen Haltung hat dies freilich nichts zu tun – ganz im Gegenteil. Solange das Primat der imagin&#228;ren Gemeinschaft gewahrt bleibt, gilt der Staatsapparat nicht nur als unerl&#228;sslich, er steht dar&#252;ber hinaus in einer von Grund auf harmonischen Beziehung zur Nation:„beide k&#246;nnen niemals in Widerstreit geraten.“<a name="sdfootnote55anc" href="#sdfootnote55sym"><sup>55</sup></a></p>
<p>Der realgeschichtliche Hintergrund dieser Sichtweise ist unschwer zu erkennen. F&#252;r die Aufstiegsgeschichte der Wertgesellschaft l&#228;sst sich tats&#228;chlich von einer symbiotischen Beziehung zwischen der pseudokonkreten imagin&#228;ren Gemeinschaft der Nation und der modernen abstrakten Allgemeinheit des Staates sprechen. Diese Konstellation hat Fichte antizipiert, und sie liegt den nachfolgenden Konzepten national definierter „imagin&#228;rer Gemeinschaftlichkeit“ zugrunde. Mit der Erfindung der Nation fand die Formierung national&#246;konomischer Funktionsr&#228;ume nicht nur ihr symbolisch-imagologisches Pendant, beide Momente verst&#228;rkten sich noch wechselseitig. Ohne die nationalistische Imagologie h&#228;tte sich der f&#252;r die Herstellung eines koh&#228;renten national&#246;konomischen Funktionsraums unerl&#228;ssliche Etatisierungsprozess, wie er insbesondere f&#252;r die zweite H&#228;lfte des 19. und die erste H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen war, nie mit der gleichen Rasanz vollziehen k&#246;nnen. Zum einen lieferte das nationale „Wir“ die ideologische Rechtfertigung f&#252;r die Ausdehnung des staatlichen Zust&#228;ndigkeitsbereiches, die den unmittelbar wirtschaftlichen Notwendigkeiten vorauseilte. Als exekutives Instrument der heiligen Nation war die abstrakte Allgemeinheit zu einem viel h&#246;heren Grad dazu legitimiert, als ideeller Gesamtkapitalist den destruktiven Folgen der privaten Konkurrenz gegenzusteuern als in der n&#252;chternen Gestalt des Verstandesstaates. Zum anderen sorgte die Mobilmachung f&#252;r die gro&#223;en kriegerischen Katastrophen, in die der nationalistische Wahn einm&#252;ndete, sowie f&#252;r die praktische Notwendigkeit, den Durchstaatlichungsprozess der Gesellschaft voranzutreiben. Noch ausgepr&#228;gter ist aber die umgekehrte Abh&#228;ngigkeit. Die Verstaatlichung ist die einzige Form, in der sich die „imagin&#228;re Gemeinschaft“ der Nation &#252;berhaupt realisieren und darstellen kann. Nationen ohne Staat kommen zwar in der nationalen Imagologie vor, aber nur als Nationen, deren Anerkennung bis dato aussteht, die noch im „Erwachen“ begriffen sind. Erst die Staatwerdung bzw. der Kampf um diese verwandeln das Phantasma der Nation in eine materielle Gewalt.</p>
<p>Um Missverst&#228;ndnisse zu vermeiden: Dass die Herausbildung der „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ der Nation einerseits und der Prozess national&#246;konomischer Formierung und Etatisierung andererseits sich zueinander f&#252;gen, macht erstere nicht zum blo&#223;en Begleitreflex. Auch w&#228;hrend der Aufstiegsgeschichte ist das Konstrukt der Nation und mit ihm die symbolisch-imagologische Wirklichkeit immer wieder in Widerspruch zu einem rationalen gesamtkapitalistischen Kalk&#252;l geraten. So manche Nationenbildung war insofern vom Standpunkt der Wertverwertungslogik kontraproduktiv, als sie bestehende Marktzusammenh&#228;nge zerrissen hat, und die wenigsten im &#220;berschwang nationalistischer Ideologien losgetretenen Kriege halten einer n&#252;chtern-zynischen Kosten-Nutzen-Analyse stand. Dabei handelte es sich aber um die Spannung zwischen der rationalen und der irrationalen Seite des gleichen basalen Prozesses, und die &#228;ndert nichts an der grunds&#228;tzlichen Kongruenz zwischen der Idee der Nation einerseits und der Installation homogener warengesellschaftlicher Funktionsr&#228;ume andererseits.</p>
<p>Diese Kongruenz ist keine blo&#223; oberfl&#228;chliche. Dieselbe Basiskategorie, die den realen sozialen Zusammenhang der Warensubjekte herstellt, die abstrakte Arbeit, vermittelt religi&#246;s &#252;berh&#246;ht gleichzeitig den imagologischen Zusammenhang der Nation. Die Klassen und Schichten &#252;bergreifende Generalmobilmachung f&#252;r den heiligen Dienst an der Arbeit stiftet die Einheit der Nation in Friedenszeiten so wie die Mobilmachung gegen den &#228;u&#223;eren Feind im Krieg. Die imagin&#228;re Gemeinschaftlichkeit wird als Gemeinschaft der Arbeit und der kriegerischen Selbstbehauptung konstruiert, wobei beide Praxisformen als kommensurabel verstanden werden. Ernst J&#252;nger hat vielleicht den gr&#246;&#223;ten intellektuellen Aufwand betrieben, um Arbeit und Krieg als Spielarten des Gleichen zu feiern. F&#252;r ihn stellten der Arbeiter und der Soldat die beiden „Gestalten“ dar, in denen sich der „Wille zur Macht“ verk&#246;rpert. Abgesehen von dem unmittelbaren Bezug auf Nietzsche f&#252;gt sich die Propagierung des neuen „Arbeiter-Staats“, den J&#252;nger als „Kriegsschiff“ statt als „Passagier- oder Gesellschaftsdampfer verstanden wissen“<a name="sdfootnote56anc" href="#sdfootnote56sym"><sup>56</sup></a> wollte, durchaus in den allgemeinen Rahmen der Epoche. Die Arbeit, in der die Nation ihre Einheit findet, wurde &#252;berall auf der „zivilisierten Welt” quer durch die politischen Lager<a name="sdfootnote57anc" href="#sdfootnote57sym"><sup>57</sup></a>, als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln verstanden.<a name="sdfootnote58anc" href="#sdfootnote58sym"><sup>58</sup></a></p>
<p>15.</p>
<p>Beim Widerspruch von Irrationalismus und Rationalismus, von Aufkl&#228;rung und Gegenaufkl&#228;rung handelt es sich um einen Widerspruch innerhalb des Wertverh&#228;ltnisses. Das herrschende Bewusstsein ist allerdings darauf konditioniert, diesen inneren Widerspruch zum &#228;u&#223;eren zu verkehren. Begriffe wie Moderne und Modernisierung reduzieren die wertgesellschaftliche Gesamtentwicklung auf ihre mit dem Selbstverst&#228;ndnis der Aufkl&#228;rung vereinbaren Momente, wie ich bereits erl&#228;utert habe. Nach diesem g&#228;ngigen Interpretationsraster ordnet sich zwar die Herausbildung moderner Staatlichkeit in einen allgemeinen Versachlichungsprozess ein, nicht aber die Herausbildung von so etwas Mystischem wie der Nation. Die Verbindung von Nation und moderner Staatlichkeit erscheint ex definitione als die Verbindung einander wesensfremder Kr&#228;fte. Dieser Sichtweise liegt indes ein affirmatives Verst&#228;ndnis von Versachlichung zugrunde. Begreift man Versachlichung nicht blo&#223; als Synonym f&#252;r Rationalisierung, sondern fetischismuskritisch als den &#220;bergang von personalen Herrschaftsformen traditioneller Gesellschaften zu einer &#252;ber Gesellschaftsdinge vermittelten abstrakten Herrschaft, so ergibt sich eine ganz andere Perspektive. Weit davon entfernt im Widerspruch zu versachlichter Herrschaft zu stehen, f&#252;gt sich die Erfindung der Nation selbst bruchlos in diese Metamorphose ein.</p>
<p>Bei der Wertvergesellschaftung handelt es sich um ein System ungesellschaftlicher Gesellschaftlichkeit. Die Warensubjekte treten nicht direkt miteinander in Beziehung, sondern indirekt, indem sie sich alle auf die gleichen Gesellschaftsdinge und Fetischformen beziehen. An die Stelle personaler Abh&#228;ngigkeitsverh&#228;ltnisse treten unpers&#246;nliche Instanzen, die den gesellschaftlichen Zusammenhang vermitteln und repr&#228;sentieren. Was den allt&#228;glichen Verkehr der Warensubjekte angeht, &#252;bernehmen Geld, Ware, Arbeit und Recht die Rolle der Vermittlungsinstanz. Auf der imagologischen Ebene setzt sich diese soziale Beziehungsstruktur mit der Nation durch. Mit ihr entsteht das imagologische Pendant zur „ungesellschaftlichen Gesellschaftlichkeit“ der Warensubjekte, n&#228;mlich das Paradox einer „anonymen Gemeinschaft“, bei der die Zugeh&#246;rigkeit nicht auf direkten Beziehungen oder Abh&#228;ngigkeiten beruht, sondern sich &#252;ber den gemeinsamen Bezug auf etwas Drittes herstellt. Als merkw&#252;rdiges Gedankending eines homogenen, klar umrissenen und zusammengeh&#246;renden Territoriums stellt die Nation diese Vermittlungsinstanz dar. W&#228;hrend in den Zeiten personaler Abh&#228;ngigkeit der „Landesvater“ das gesellschaftliche Ganze verk&#246;rperte, r&#252;ckt mit der Formierung der Nation das Vaterland an seine Stelle.</p>
<p>Dass ausgerechnet der Vorstellung eines als integrale Einheit gedachten Ausschnitts der Erdoberfl&#228;che die Funktion zukam, eine anonyme Gemeinschaftlichkeit zu stiften und als pseudokonkrete a-personale gesellschaftliche Vermittlungsinstanz zu dienen, kommt nicht von ungef&#228;hr. Zun&#228;chst einmal handelt es sich ja beim Wert um eine hochgradig abstrakte soziale Beziehung. Imaginiert das fetischistisch verfasste Bewusstsein das von ihm gestiftete Band als ein den Angeh&#246;rigen einer Gemeinschaft gemeinsames Naturband, kommt daf&#252;r nur eine extrem allgemeine und d&#252;rre Bestimmung in Frage. Als die allgemeine Naturbedingung der menschlichen Existenz und aller Reichtumsproduktion l&#228;sst sich aber kaum etwas Abstrakteres und Inhaltsleereres als Grund und Boden finden.<a name="sdfootnote59anc" href="#sdfootnote59sym"><sup>59</sup></a> Gleichzeitig spiegelt die Art und Weise, in der das Territorium gedacht wird, die spezifischen Bedingungen der Aufstiegsphase der Warengesellschaft getreulich wieder. Das gemeinsame Vaterland als ein in sich homogenes Ganzes, das kartographisch dementsprechend bevorzugt einheitlich eingef&#228;rbt erscheint, repr&#228;sentiert den totalit&#228;ren und allumfassenden Allgemeinheitsanspruch der sich formierenden Vergesellschaftungsform und die Perspektive der fl&#228;chendeckenden und alle „legitimen“ Bewohner<a name="sdfootnote60anc" href="#sdfootnote60sym"><sup>60</sup></a> umgreifenden Integration als Arbeitssubjekte. Gleichzeitig wiederholt sich in den Grenzlinien des „Vaterlandes“ die geographisch begrenzte Reichweite der sich formierenden arbeitsgesellschaftlichen Funktionsr&#228;ume. So total der imagologische Allgemeinheitsanspruch der Nation im Hinblick auf ihre Angeh&#246;rigen auch ausf&#228;llt, alle &#252;brigen Menschen bleiben ausgesperrt. Sie sind entweder auf die Zugeh&#246;rigkeit zu einer anderen parallell existierenden national definierten Gemeinschaft verwiesen oder fallen aus der Menschheit heraus.</p>
<p>16.</p>
<p>Die klassische Konstruktion der Nation erf&#252;llt bestens all die Anforderungen, die w&#228;hrend der Aufstiegsphase der Wertgesellschaft an imagin&#228;re Gemeinschaften gestellt wurden, und das erkl&#228;rt ihren durchschlagenden historischen Erfolg in der Vergangenheit. Er beruht gerade darauf, dass die Konstruktion des „nationalen Wir” untrennbar mit der arbeitsgesellschaftlichen Integration verbunden war und sich ohne staatliche Realisationsform gar nicht denken lie&#223;. Das Pfund, mit dem einst gewuchert werden konnte, wird allerdings mit dem Ende des Zeitalters der Massenarbeit und der Zersetzung des national&#246;konomischen Bezugsrahmens zur Last. Damit verschwindet freilich weder das in der Grundstruktur des Warensubjekts verankerte Hin- und Herschwanken zwischen Kollektivismus und Individualismus, noch wird die Konstruktion imagin&#228;rer Gemeinschaften insgesamt obsolet. Im Gegenteil: Prinzipiell spielen „imagin&#228;re Gemeinschaften“ als Krisenverarbeitungsform mindestens eine genauso wichtige Rolle wie w&#228;hrend der Aufstiegsgeschichte als Durchsetzungsmoment; allerdings verliert die Nation ihre alles &#252;berragende Stellung. Neue Typen imagin&#228;rer Gemeinschaftlichkeit, deren Charakter den ver&#228;nderten Bedingungen besser Rechnung tr&#228;gt, treten in Konkurrenz zum Nationalismus. Der Religionismus nimmt dabei eine herausragende Stellung ein.</p>
<p>Im Zeitalter des s&#228;kularen Nationalismus war es um Gott weltweit recht still geworden – auch in der sogenannten islamischen Welt. Die diversen Spielarten des Religionismus – allen voran seine islamische Version – bem&#252;hen dagegen auf Schritt und Tritt „Gottes Gesetz“. Im Westen wird diese Wendung gerade in Hinblick auf eine seiner liebsten Projektionsfl&#228;chen, den Orient, als R&#252;ckkehr zu einer pr&#228;modernen Denkweise gedeutet und als Versuch der Wiederherstellung traditioneller Zust&#228;nde. Dabei f&#228;llt unter den Tisch, wie sehr sich der religionistische Gottesbezug vom traditionellen unterscheidet und dass er eine v&#246;llig andere gesellschaftliche Funktion &#252;bernimmt als diejenige, die der Religion vor der Durchsetzung des Wertverh&#228;ltnisses zukam. Beim islamischen Religionismus und artverwandten Str&#246;mungen geht es nicht mehr um die verhimmelte Darstellung und Legitimierung personaler Herrschaft; Gott ersetzt vielmehr das Vaterland als die f&#252;r die Herstellung anonymer imagin&#228;rer Gemeinschaft notwendige Vermittlungsinstanz und f&#252;gt sich damit in die symbolische Ordnung versachlichter Herrschaft ein.</p>
<p>Diese grundlegende Differenz und der antitraditionalistische Charakter des islamischen Religionismus lassen sich u.a. daran ablesen, wie sich bei der Umma der wiedererweckten Muslime gegen&#252;ber der vormodernen Umma das Verh&#228;ltnis zur Ulema, zur islamischen Geistlichkeit, ver&#228;ndert hat. Die traditionelle Ulema war einst als Intermedi&#228;rgewalt unverzichtbar, die sich zwischen Gott und den Einzelnen schiebt und die religi&#246;sen Vorschriften auslegt; bei der Neo-Umma ist sie dagegen funktionslos geworden und wurde dementsprechend von den Vordenkern des islamischen Religionismus in der Regel explizit bek&#228;mpft.<a name="sdfootnote61anc" href="#sdfootnote61sym"><sup>61</sup></a> Zum einen ist Gottes Wort in der religionistischen Vorstellungswelt so eindeutig und klar, wie es die Bauanleitungen von Ikeam&#246;beln laut Herstellerwerbung sind: f&#252;r jeden gutwilligen Laien unmittelbar nachvollziehbar. Zum anderen wird die traditionelle Autorit&#228;t der Ulema zum Fremdk&#246;rper, der die Homogenit&#228;t der Umma und die Funktion Gottes als Gleichmachers st&#246;rt.</p>
<p>Der Religionismus betreibt das genaue Gegenteil der Restauration traditioneller, von personaler Herrschaft gepr&#228;gter Strukturen. Ideologisch wie praktisch hat er vielmehr an einer zweiten Runde der Zerst&#246;rung von Intermedi&#228;rgewalten teil, n&#228;mlich der von der Wertvergesellschaftung in ihrer Aufstiegsgeschichte selbst geschaffenen Intermedi&#228;rgewalten versachlichter Herrschaft. Die Forderung, alle Menschen m&#246;gen sich nur noch unmittelbar auf Gott und keine andere Instanz mehr beziehen, ist zugleich Konsequenz und Teil der Demontage der abstrakten Allgemeinheit des Staates.<a name="sdfootnote62anc" href="#sdfootnote62sym"><sup>62</sup></a></p>
<p>N&#228;her besehen, entpuppt sich der Religionismus statt als R&#252;ckfall in die Vormoderne als eine postmoderne, sauber auf die Bedingungen des Globalisierungszeitalters abgestimmte Variante „imagin&#228;rer Gemeinschaft“. Der Wechsel vom Vaterland zur universellen Gottesherrschaft hebt die Produktion kollektiver Identit&#228;ten gleich in mehrfacher Hinsicht auf die H&#246;he der Krisenzeit. Indem die einheitsstiftende Vermittlungsinstanz in den Himmel verlegt wird, werden die dem Allgemeinheitsstandpunkt mit der Nation gesetzten geographischen Beschr&#228;nkungen gesprengt; das reflektiert die unmittelbare Herrschaft des Weltmarkts. Insbesondere die christlichen und islamischen Religionisten, die unmittelbar an den missionarischen Eifer ankn&#252;pfen k&#246;nnen und f&#252;r ihre Gemeinschaften einen universellen Anspruch reklamieren, treten als identit&#228;tspolitische Global Players auf. Diese Ausweitung des Allgemeinheitsanspruchs auf im Prinzip alle Menschen geht mit einer gleichzeitigen „Verschlankung“ einher, was dessen Inhalt und Reichweite angeht. Die Konstruktion imagin&#228;rer Gemeinschaften wird aus der Verschr&#228;nkung mit der abstrakten Allgemeinheit des ideellen Gesamtkapitalisten herausgel&#246;st. Gegen&#252;ber Staat und Politik entsteht ein neuer Freiheitsgrad. Die territorial definierten imagin&#228;ren Gemeinschaften unterlagen dem Zwang, sich politisch-staatlich realisieren zu m&#252;ssen. Die von der Vermittlungsinstanz „Gott“ gestiftete Kollektividentit&#228;t existiert demgegen&#252;ber unabh&#228;ngig von dieser Realisationsform. Das bedeutet nicht, dass religionistische imagin&#228;re Gemeinschaften sich stets in Politik-Abstinenz &#252;ben. Nat&#252;rlich versuchen Teile dieser Str&#246;mung auf die immer noch existenten, wenn auch ausgeh&#246;hlten Territorialstaaten Einfluss zu nehmen oder gar die Macht zu &#252;bernehmen, wie in Algerien in den 1980-er und 1990-er Jahren; doch ihr Bauplan befreit religionistische imagin&#228;re Gemeinschaften von der exklusiven Fixierung auf Nation und Staat. Ihr Bezug auf die abstrakte Allgemeinheit bleibt ein &#228;u&#223;erlicher und partikularer.</p>
<p>Eine &#228;hnliche Entwicklung wie das Verh&#228;ltnis zum Staat macht auch das zur Arbeit durch. Die religionistischen Str&#246;mungen stehen keineswegs in Widerspruch zur arbeitsgesellschaftlichen Zurichtung. Die Tugenden, die sie ihren Anh&#228;ngern predigen, decken sich voll und ganz mit dem herrschenden Leistungsterror. Der Bezug auf die Arbeit ist aber individualisiert, die imagin&#228;re Gemeinschaft ist nicht als Gemeinschaft der Arbeit mitdefiniert. Mit dem &#220;bergang zu Gott als Vermittlungsinstanz f&#228;llt der im Bauplan der Nation festgeschriebene Anspruch weg, die allgemeine wertgesellschaftliche Reproduktion in der Konstruktion imagin&#228;rer Gemeinschaftlichkeit symbolisch zu umgreifen.</p>
<p>Diese Verschlankung des Inhalts der kollektiven Identit&#228;t verleiht sowohl der vom Religionismus konstruierten „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ als auch dem Universalismus, den sie verk&#246;rpert, ein besonderes Gepr&#228;ge. Der gesamtgesellschaftliche Anspruch fr&#252;herer imagin&#228;rer Gemeinschaften fand in der Vorstellung pseudo-objektiver Kriterien ihren Niederschlag, die bestimmte Menschen vor jedem explizten Bekenntnis zu Angeh&#246;rigen der eigenen Gemeinschaft stempelten. Bis heute wird jeder Neugeborene nach Abstammungs- oder Geburtsortregelungen jeweils einer oder mehreren Nationen zugeschlagen. Ganz anders beim Religionismus. Er kennt keine Zugeh&#246;rigkeit ohne entsprechendes pers&#246;nliches Bekenntnis. Sie ist das Ergebnis eines dezisionistischen Aktes, den jedes Einzelsubjekt vollziehen muss. Gerade darin erweist sich, dass die Konstruktion der religionistischen Kollektividentit&#228;t eine nachhaltige abstrakte Individualisierung voraussetzt und zugleich weiter vorantreibt.<a name="sdfootnote63anc" href="#sdfootnote63sym"><sup>63</sup></a> Damit aber wird sie in ihren Konturen extrem unscharf. Ob die Neo-Umma perspektivisch eine zehnstellige oder eine einstellige Zahl von Menschen umfasst, wird mehr oder minder zur subjektiven Auslegungssache. Irgendwann einmal jedoch, so die Hoffnung, werden alle Menschen „wiedererweckte Muslime“ sein. Aktuell richten sich die Bekehrungsversuche der Islamisten prim&#228;r an die Addresse „nomineller Muslime“, zugeich aber beansprucht jede Str&#246;mung, Sekte und selbsternannte Avantgarde die Wahrheit f&#252;r sich. Angesichts der Binnendifferenzen und Querelen im eigenen Lager kann daher in extremen F&#228;llen je nach Perspektive die imagin&#228;re Gemeinschaft der „Rechtgl&#228;ubigen“ und damit die wahre Menschheit auch schon mal auf die Mannschaftsst&#228;rke eines Tretbootes sinken.</p>
<p>Der Religionismus wird so selbst zu einer treibenden Kraft der Zersetzungs- und Entgesellschaftungsprozesse, auf die er reagiert. Die imagin&#228;ren Gemeinschaften der Vergangenheit haben Arbeit und Staat sakralisiert und dabei die irrationale und die rationale Seite der Wertgesellschaft miteinander verschr&#228;nkt. Die Krise der nationalstaatlichen Form und der Arbeit sprengt diese alte Verbindung auf. Der Religionismus tritt dieses Erbe an. Zu einer stabilen Synthese ist er jedoch nicht in der Lage. Er repr&#228;sentiert den Universalismus der kapitalistischen Krisenepoche.</p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc"> 1</a> Siehe dazu das gleichnamige Buch von Eske Bockelmann, L&#252;neburg 2004.</p>
<p><a name="sdfootnote2sym" href="#sdfootnote2anc"> 2</a> Kultur ist immer ein Vermischungsph&#228;nomen und eine „eigene Kultur“ kommt ohne &#220;bernahmen gar nicht zustande. Bei der Idee einer „reinen Kultur“ handelt es sich um eine genuin moderne Wahnvorstellung, die auf Amnesie beruht. Selbst die Symbole nationaler Identit&#228;t haben in der Regel interkulturelle Wurzeln. Um das am deutschen Beispiel festzumachen: Bei der Komposition der sp&#228;teren deutschen Nationalhymne lehnte sich Haydn an die Melodie eines kroatischen Volksliedes an. In der DDR-Hymne lassen sich Motive eines amerikanischen Schlagers der 1940-er Jahre wiedererkennen. Vom deutschen Gartenzwerg schlie&#223;lich, dem Inbegriff deutscher Kultur, ist in Erfahrung zu bringen, dass er sein Dasein eigentlich als anatolischer Erdgeist begonnen hat. Zumindest nach einer g&#228;ngigen Theorie soll die beliebte Zierde deutscher Vorg&#228;rten von jenen Milit&#228;rmusikern mitgebracht worden sein, die Friedrich der Gro&#223;e im 18 Jahrhundert aus der T&#252;rkei nach Preu&#223;en holte, und die sich ma&#223;geblich mitschuldig an der Entstehung der heimischen Marschmusik gemacht haben.</p>
<p><a name="sdfootnote3sym" href="#sdfootnote3anc"> 3</a> Mit ihrer Ignoranz gegen&#252;ber „fremden Kulturen“ stand die westliche Zivilisation nicht allein. Auch im kaiserlichen China ging man traditionell davon aus, dass die au&#223;erhalb des „Reichs der Mitte“ gelegene Welt von Barbaren besiedelt sei. Dieses &#220;berlegenheitsanspruch war aber mit einer defensiven Grundausrichtung kombiniert.</p>
<p><a name="sdfootnote4sym" href="#sdfootnote4anc"> 4</a> Dieses Muster wirkt bis heute fort. Um das an einem Beispiel festzumachen: Der h&#228;ufigste Grund f&#252;r junge Frauen in den L&#228;ndern Ostasiens, sich unter das Messer von Sch&#246;nheitschirurgen zu begeben, ist der Wunsch nach europ&#228;isch-amerikanischen Augenlidern.</p>
<p><a name="sdfootnote5sym" href="#sdfootnote5anc"> 5</a> Die landl&#228;ufige Diskussion tr&#228;gt dem in gewisser Weise sprachlich Rechnung. Mit dem Begriff des Fundamentalismus hat sich l&#228;ngst eine religions&#252;bergreifende Bezeichnung f&#252;r diese identit&#228;tslogische Umfunktionierung von Religiosit&#228;t eingeb&#252;rgert. Urspr&#252;nglich nannten sich die Anh&#228;nger der &#228;ltesten, der US-amerikanischen christlichen Variante dieser Denkweise Fundamentalisten. Heute hat sich dieses Wort in einen Gattungsbegriff verwandelt. Diese Sprachregelung legt nahe, dass die konkurrierenden Fundamentalismen untereinander mehr gemein haben als mit der jeweiligen Nominalreligion &#8211; zu Recht.</p>
<p><a name="sdfootnote6sym" href="#sdfootnote6anc"> 6</a> N&#228;heres dazu in Norbert Trenkles Beitrag in dieser Ausgabe der <em>krisis</em>.</p>
<p><a name="sdfootnote7sym" href="#sdfootnote7anc"> 7</a> Vgl. Ulrich Beck, Die Erfindung des Politischen, Frankfurt 1993, S. 92.</p>
<p><a name="sdfootnote8sym" href="#sdfootnote8anc"> 8</a> Der Bruch mit dem Wertverh&#228;ltnis w&#228;re mit der Abschaffung der dichtomischen Ordnung identisch.</p>
<p><a name="sdfootnote9sym" href="#sdfootnote9anc"> 9</a> Abdallah Assam gilt als geistiger Ziehvater Osama bin Ladens.</p>
<p><a name="sdfootnote10sym" href="#sdfootnote10anc"> 10</a> Auch geographisch decken sich beide nicht. Das herrschende Islambild ist einseitig auf die arabische Welt ausgerichtet und hat noch f&#252;r den Iran und die T&#252;rkei Platz. Die muslimische Bev&#246;lkerung des indischen Subkontinents kommt in ihm genauso wenig vor wie die Schwarzafrikas.</p>
<p><a name="sdfootnote11sym" href="#sdfootnote11anc"> 11</a> Vgl. Oliver Roy: Der islamische Weg nach Westen, M&#252;nchen 2006.</p>
<p><a name="sdfootnote12sym" href="#sdfootnote12anc"> 12</a> Novalis, Die Christenheit und Europa, zitiert nach Paul Michael L&#252;tzler (Hrsg): Europa-Analysen und Visionen der Romantiker, Frankfurt/M. 1982, S. 60f.</p>
<p><a name="sdfootnote13sym" href="#sdfootnote13anc"> 13</a> L&#252;tzler, a.a.O., S.62.</p>
<p><a name="sdfootnote14sym" href="#sdfootnote14anc"> 14</a> Dieses Kapitel der Geschichte beschw&#246;rt auch der islamische Religionismus. Der R&#252;ckgriff auf das a-religi&#246;se „Asabiyya“-Konzept Khalduns verweist aber auch schon darauf, was den arabischen Nationalismus vom islamischen Religionismus unterscheidet. Die gleiche glorreiche Vergangenheit wird vom ersteren prim&#228;r als die Vergangenheit einer Ethnie verstanden, vom letzteren als die Vergangenheit des Islam.</p>
<p><a name="sdfootnote15sym" href="#sdfootnote15anc"> 15</a> Das ist wohlgemerkt nicht so zu verstehen, als f&#228;nde sich die heilsgeschichtliche Aufladung allein bei Fichte. Sie geh&#246;rt vielmehr zur allgemeinen Architektur „imagin&#228;rer Gemeinschaftlichlichkeit“. Fichte hat lediglich insofern eine Sonderstellung inne, als er die teleologisch-apokalyptische Dimension systematisch entwickelt und philosophisch herleitet.</p>
<p><a name="sdfootnote16sym" href="#sdfootnote16anc"> 16</a> Vgl. Fichte, Grundz&#252;ge der gesamten Wissenschaftslehre, Hamburg 1956, S.14f.</p>
<p><a name="sdfootnote17sym" href="#sdfootnote17anc"> 17</a> Doppelt insofern, als Fichte einerseits Sprache und Volk gleichsetzt und andererseits Sprache als geschlossene hermetische Entit&#228;t fasst, die sich nur aus sich selbst heraus entwickelt und sich selbst verr&#228;t, wo sie sich aus anderen Sprachen bedient.</p>
<p><a name="sdfootnote18sym" href="#sdfootnote18anc"> 18</a> Fichtes Sprachtheorie konzentriert sich auf das Verh&#228;ltnis des Deutschen zu den romanischen Sprachen. Die anderen europ&#228;ischen Sprachen subsumiert Fichte entweder unter das Deutsche (etwa die skandinavischen Sprachen) oder sie werden als neu-europ&#228;isch abgewertet als die Sprachen von V&#246;lkern, die gar keiner eigenst&#228;ndigen geistigen Entwicklung f&#228;hig sind (etwa die Slawen). Die au&#223;ereurop&#228;ischen Sprachen verdienen erst gar keine Erw&#228;hnung. Deren Inferiorit&#228;t und Geistferne versteht sich f&#252;r Fichte der Tradition der Aufkl&#228;rung entsprechend von allein.</p>
<p><a name="sdfootnote19sym" href="#sdfootnote19anc"> 19</a> Fichte, a.a.O., S.108.</p>
<p><a name="sdfootnote20sym" href="#sdfootnote20anc"> 20</a> Fichte, a.a.O., S.106.</p>
<p><a name="sdfootnote21sym" href="#sdfootnote21anc"> 21</a> Die „Ausl&#228;nderei“ beginnt f&#252;r Fichte mit der &#220;berfremdung der deutschen Sprache durch das Franz&#246;sische.</p>
<p><a name="sdfootnote22sym" href="#sdfootnote22anc"> 22</a> Schon der Begriff deutet an, dass es prim&#228;r nicht um die USA als realpolitischen Faktor geht. Arthur Moeller van den Bruck hat das in den 1920-er Jahren ganz gut auf den Punkt gebracht. Er betonte, das Amerika, das er bek&#228;mpfe, sei weniger „geographisch“ denn „geistig“ zu verstehen.</p>
<p><a name="sdfootnote23sym" href="#sdfootnote23anc"> 23</a> Fichte, a.a.O., S. 233.</p>
<p><a name="sdfootnote24sym" href="#sdfootnote24anc"> 24</a> Zitiert nach: Ian Buruma: Okzidentalismus. Der Westen in den Augen seiner Feinde , M&#252;nchen 2005, a.a.O., S. 85.</p>
<p><a name="sdfootnote25sym" href="#sdfootnote25anc"> 25</a> In der Literatur steht neben Tolstoi vor allem Dostojewski f&#252;r diese Str&#246;mung.</p>
<p><a name="sdfootnote26sym" href="#sdfootnote26anc"> 26</a> Vgl dazu: Buruma, S. 11f.</p>
<p><a name="sdfootnote27sym" href="#sdfootnote27anc"> 27</a> F&#252;r Fichte verk&#246;rperte Luther „den deutschen Mann“. Nach seinem Verst&#228;ndnis hatte der Reformator schon einmal „die Gesamtheit seiner Nation hergestellt“ (Fichte, a.a.O., S. 95), indem er sie gegen die damalige Form der Herrschaft der „Ausl&#228;nderei“, der Unterwerfung unter das Papsttum, zur geistigen Einheit gef&#252;hrte hatte.</p>
<p><a name="sdfootnote28sym" href="#sdfootnote28anc"> 28</a> Diese Schrift ist bis heute der mit Abstand am weitesten verbreitete Grundsatztext dieser Str&#246;mung und kursiert in allen g&#228;ngigen Sprachen im Internet.</p>
<p><a name="sdfootnote29sym" href="#sdfootnote29anc"> 29</a> Zitiert nach Gilles Kepel, Der Prophet und der Pharao, M&#252;nchen 1995, S. 43.</p>
<p><a name="sdfootnote30sym" href="#sdfootnote30anc"> 30</a> Diese Formulierung stammt zwar nicht von Qutb, sie wurde erst im Kontext der iranischen Revolution gepr&#228;gt; der Gedanke selbst ist aber selbstverst&#228;ndlich bei Qutb grundlegend.</p>
<p><a name="sdfootnote31sym" href="#sdfootnote31anc"> 31</a> Vgl. Fichte, a.a.O., S. 44.</p>
<p><a name="sdfootnote32sym" href="#sdfootnote32anc"> 32</a> Vgl. Fichte, a.a.O., S. 47.</p>
<p><a name="sdfootnote33sym" href="#sdfootnote33anc"> 33</a> Fichte, a.a.O., S. 109.</p>
<p><a name="sdfootnote34sym" href="#sdfootnote34anc"> 34</a> Kepel, a.a.O., S. 45.</p>
<p><a name="sdfootnote35sym" href="#sdfootnote35anc"> 35</a> Kepel, a.a.O., S. 44.</p>
<p><a name="sdfootnote36sym" href="#sdfootnote36anc"> 36</a> Die traditionelle marxistische Debatte hat dieses f&#252;r das Warensubjekt konstitutive innere Spannungsverh&#228;ltnis als Gegensatz von Bourgeois und Citoyen, von Besitzb&#252;rger und Staatsb&#252;rger, thematisiert. Bei diesem Widerspruchspaar handelt es sich allerdings lediglich um einen Spezialfall eines allgemeineren Verh&#228;ltnisses. Zun&#228;chst einmal betrifft die Dichotomie von abstrakt-allgemeinem und abstrakt-privatem Standpunkt keineswegs nur die Angeh&#246;rigen einer Klasse der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, vielmehr bewegen sich unterschiedslos alle Kategorien von Warensubjekten in diesem Zwiespalt, auch die Verk&#228;ufer der Ware Arbeitskraft. Aber nicht nur der Begriff Bourgeois verengt das Problem unzul&#228;ssig, sondern auch dessen Pendant, der Citoyen. Zweifellos stellte der Bezug auf die Nation und ihren Staat w&#228;hrend der Aufstiegsphase der Wertgesellschaft die alles dominierende Form der Teilhabe am Abstrakt-Allgemeinen dar, das macht diese Beziehung aber keineswegs zur einzig m&#246;glichen Erscheinungsform der abstrakt-allgemeinen Seite wertgesellschaftlicher Subjektivit&#228;t. Vor allem unter den Bedingungen der Globalisierung und der Krise der Wertgesellschaft b&#252;&#223;t sie ihr Quasimonopol ein, und es bilden sich postnationalstaatliche Varianten abstrakter Allgemeinheit heraus, zu denen u.a. der Religionismus z&#228;hlt.</p>
<p><a name="sdfootnote37sym" href="#sdfootnote37anc"> 37</a> In der marxistischen Tradition blieb das Problem der „imagin&#228;ren Gemeinschaft“ ausgeblendet. Nahm sie das Abstrakt-Allgemeine in den Blick, sah sie stets nur den Staat als „ideellen Gesamtkapitalisten“ und Garanten der kapitalistischen Verkehrsform, nicht aber die Pseudokonkretion, das Realphantasma der Nation, die f&#252;r die Subjektkonstitution das entscheidende Vermittlungsglied bildet. Kategorial-theoretisch wurde die Nation nicht ernst genommen, und das hat mit dazu beigetragen, dass die klassische Arbeiterbewegung die Anziehungskraft des Nationalismus notorisch untersch&#228;tzt hat. Zum Zusammenhang von imagin&#228;ren Gemeinschaften und Konstitution des modernen Subjekts vgl. ausf&#252;hrlich meinen Text „Die Verzauberung der Welt“ in <em>krisis</em> 29.</p>
<p><a name="sdfootnote38sym" href="#sdfootnote38anc"> 38</a> Das gilt auch dann, wenn der wertgesellschaftliche Prozess nicht mehr vorwertf&#246;rmige Zust&#228;nde und Vorstellungen zerst&#246;rt, sondern sich gegen die von ihm selbst in fr&#252;heren Entwicklungsphasen geschaffenen Konstellationen richtet. Der Wechsel von der imagin&#228;ren Gemeinschaft der Nation zu religionistisch definierten imagin&#228;ren Gemeinschaften, auf den ich sp&#228;ter noch genauer zu sprechen komme, markiert eine neue Stufe in der Entpuppungsgeschichte des modernen Subjekts.</p>
<p><a name="sdfootnote39sym" href="#sdfootnote39anc"> 39</a> Mohammeds Lehre traf in seiner Heimatstadt Mekka anf&#228;nglich auf heftigen Widerstand. Der Prophet zog sich deshalb mit seinen Getreuen nach Medina zur&#252;ck. Das arabische Wort Hidschra bezeichnet diese Zeit der „Auswanderung“. Der islamische Religionismus interpretiert seine eigene Situation in Analogie zu diesem historischen Vorbild. Hidschra bezeichnet im islamisch-religionistischen Neusprech das Ideal einer von der s&#252;ndhaften Welt abgeschotteten Gegengemeinschaft der wiedererweckten Gl&#228;ubigen.</p>
<p><a name="sdfootnote40sym" href="#sdfootnote40anc"> 40</a> Fichte, a.a.O., S. 77.</p>
<p><a name="sdfootnote41sym" href="#sdfootnote41anc"> 41</a> Fichte, a.a.O., S. 147.</p>
<p><a name="sdfootnote42sym" href="#sdfootnote42anc"> 42</a> Fichte, a.a.O., S. 110.</p>
<p><a name="sdfootnote43sym" href="#sdfootnote43anc"> 43</a> Fichte, a.a.O., S. 108.</p>
<p><a name="sdfootnote44sym" href="#sdfootnote44anc"> 44</a> Fichte, a.a.O., S. 131.</p>
<p><a name="sdfootnote45sym" href="#sdfootnote45anc"> 45</a> Fichte, a.a.O., S. 130.</p>
<p><a name="sdfootnote46sym" href="#sdfootnote46anc"> 46</a> Zitiert nach Michael Brumlik: Deutscher Geist und Judenhass, M&#252;nchen 2002, S. 110.</p>
<p><a name="sdfootnote47sym" href="#sdfootnote47anc"> 47</a> Vgl. dazu den Artikel von Claudia Globisch in dieser Ausgabe der <em>krisis.</em></p>
<p><a name="sdfootnote48sym" href="#sdfootnote48anc"> 48</a> In Europa ist der Antisemitismus aus der S&#228;kularisierung des f&#252;r die christliche Religion konstitutiven Antijudaismus entstanden. Im traditionellen Islam fehlt dieses Pendant. Wie etwa Mark R. Cohen in seinem Buch „Unter Kreuz und Halbmond. Die Juden im Mittelalter“ (M&#252;nchen 2005) dargestellt hat, gab es in dessen Einflussbereich nie eine Verfolgungsgeschichte, die sich auch nur ansatzweise mit der europ&#228;ischen vergleichen lie&#223;e. Der Antisemitismus hielt in diesem Weltteil erst im 20. Jahrhundert zusammen mit anderen Modernisierungsideologien Einzug.</p>
<p><a name="sdfootnote49sym" href="#sdfootnote49anc"> 49</a> Johann Gottlieb Fichte, Beitrag zur Berichtigung der Urtheile des Publikums &#252;ber die franz&#246;sische Revolution, in: Werke l, Bd. 6, Berlin 1971, S. 150.</p>
<p><a name="sdfootnote50sym" href="#sdfootnote50anc"> 50</a> Mit „statuarischen Gesetzen“ meint Kant die religi&#246;se Reglementierung von Alltagsverrichtungen, etwa die Speisevorschriften.</p>
<p><a name="sdfootnote51sym" href="#sdfootnote51anc"> 51</a> Brumlik, a.a.O., S. 44.</p>
<p><a name="sdfootnote52sym" href="#sdfootnote52anc"> 52</a> Brumlik, a.a.O., S. 35.</p>
<p><a name="sdfootnote53sym" href="#sdfootnote53anc"> 53</a> Fichte, a.a.O., S.141.</p>
<p><a name="sdfootnote54sym" href="#sdfootnote54anc"> 54</a> Fichte, a.a.O., S.139.</p>
<p><a name="sdfootnote55sym" href="#sdfootnote55anc"> 55</a> Fichte, a.a.O., S.143.</p>
<p><a name="sdfootnote56sym" href="#sdfootnote56anc"> 56</a> Zitiert nach Christoph H. Werth: Sozialismus und Nation, Die deutsche Ideologiediskussion zwischen 1918 und 1945, Opladen 1996, S. 187.</p>
<p><a name="sdfootnote57sym" href="#sdfootnote57anc"> 57</a> Die deutsche Debatte der Zwischenkriegszeit ist ausf&#252;hrlich bei Werth, a.a.O. dokumentiert.</p>
<p><a name="sdfootnote58sym" href="#sdfootnote58anc"> 58</a> Das gilt nat&#252;rlich auch f&#252;r die realsozialistischen Nationen. Die Produktionsschlachten waren auch dort nicht nur in ihren destruktiven Konsequenzen von einem Krieg gegen die Natur kaum zu unterscheiden; die geballte militaristische Rhetorik dokumentiert, dass dies auch dem Grundverst&#228;ndnis entsprach.</p>
<p><a name="sdfootnote59sym" href="#sdfootnote59anc"> 59</a> In Anschluss an einen &#214;konomen des 17. Jahrhunderts spricht Marx im ersten Kapitel des Kapitals von zwei Quellen des stofflichen Reichtums: „Die Arbeit ist sein Vater, wie William Petty sagt, und die Erde seine Mutter“ und reduziert damit nicht nur implizit die drei Produktionsfaktoren der klassischen National&#246;konomie auf zwei, sondern bestimmt damit die allgemeinste Voraussetzung des Stoffwechselprozesses mit der Natur. Bei der Konstruktion der imagin&#228;ren Gemeinschaft der Nation wird das gleich doppelt aufgegriffen. Zum einen l&#246;st sie zwar nicht werttheoretisch, aber daf&#252;r imagologisch das Kapital in einen Bestandteil der Arbeit auf. Zum anderen funktioniert sie die allgemeinste Voraussetzung aller Reichtumsproduktion in eine soziale Chiffre um. Dass die Erde bei ihrer Metamorphose zum Vaterland ihr Geschlecht wechselt, d&#252;rfte nicht von ungef&#228;hr kommen.</p>
<p><a name="sdfootnote60sym" href="#sdfootnote60anc"> 60</a> Das Vaterland der Imagologie und der dazugeh&#246;rige reale Territorialstaat sind nicht unmittelbar identisch. Dementsprechend gilt das auch f&#252;r ihre Bewohnerschaft. Im realen Territorialstaat k&#246;nnen auch „volksfremde Elemente“ leben, denen kein Platz im Vaterland offen steht. Umgekehrt wird das Vaterland aber auch von Menschen bev&#246;lkert, die den realen Territorialstaat verlassen haben. Diese Spannung zwischen Realit&#228;t und Imagologie l&#246;st insbesondere die am Recht des Blutes orientierte Nationenvorstellung gern dadurch auf, dass sie die Realit&#228;t der Imagologie anzupassen versucht. F&#252;r eine Form dieser Anpassung hat sich in den letzten Jahren das Unwort „ethnische S&#228;uberung“ eingeb&#252;rgert.</p>
<p><a name="sdfootnote61sym" href="#sdfootnote61anc">61</a> Das gilt beispielsweise f&#252;r Sayyid Qutb, den 1966 hingerichteten Vordenker der &#228;gyptischen Muslimbr&#252;der. F&#252;r ihn ist die Ulema Teil der „Jahiliyya“, des Zustands der Gottlosigkeit.</p>
<p><a name="sdfootnote62sym" href="#sdfootnote62anc"> 62</a> Die islamische Revolution bildete eine historische Wasserscheide. Nach einer gescheiterten Modernisierung unter s&#228;kular-nationalistischen Vorzeichen steht sie f&#252;r den Versuch, dieses Unternehmen noch einmal unter dem gr&#252;nen Banner des Islam zu wiederholen. Das iranische Projekt Gottesstaat bleibt aber ein Solit&#228;r. Mit diesem Sonderstatus des Mullahregimes h&#228;ngt auch die Sonderrolle zusammen, die dort die traditionelle Ulema spielte. Sie hat dort selbst die &#220;berf&#252;hrung von Religion in Religionismus eingeleitet und mitgetragen.</p>
<p><a name="sdfootnote63sym" href="#sdfootnote63anc"> 63</a> Dass der islamische Religionismus am Individualisierungsprozess teilhat, weist Oliver Roy, a.a.O., ausf&#252;hrlich und materialreich nach.</p>
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