<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>krisis &#187; Marco Fernandes</title>
	<atom:link href="http://www.krisis.org/navi/marco-fernandes/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.krisis.org</link>
	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
	<lastBuildDate>Wed, 25 Jan 2012 16:43:14 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.3.1</generator>
		<item>
		<title>Piqueteros oder: Wenn Arbeitslosigkeit adelt</title>
		<link>http://www.krisis.org/2006/piqueteros-oder-wenn-arbeitslosigkeit-adelt</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2006/piqueteros-oder-wenn-arbeitslosigkeit-adelt#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 29 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 30 (2006)]]></category>
		<category><![CDATA[Marco Fernandes]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.krisis.org/?p=542</guid>
		<description><![CDATA[Über die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberalen Metropolen zu organisieren]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Über die schwierige Kunst, Basisbewegungen in den neoliberalen Metropolen zu organisieren [<a href="#anm1">1</a>]</h3>
<p><em>Marco Fernandes [<a href="#anm2">2</a>]</em></p>
<p><em>„Ich glaube, die Piquetes haben auf ihre Weise die Apathie gesprengt. Wir haben das Land aus den süßen Träumen aufgerüttelt, die Menem und all diese Politiker verkauften; wir waren wie der Durchbruch eines neuen Lichts. Zusammen mit anderen Kämpfen haben wir das Land aus der Wunschträumen der Postmodernität aufgeweckt. Sie haben uns Piqueteros genannt, und das war unsere Art zur ganzen Gesellschaft zu sprechen <strong>, </strong>ihr zu sagen, dass es andere Kampfformen gibt, und um unserer Leidenschaft und unserer Würde Ausdruck zu verleihen.</em>“ (Aktivist des MTD Solano) [<a href="#anm3">3</a>]<span id="more-542"></span></p>
<p>„<em>Mit leerem Magen kann ich nicht schlafen, aber als er voll war, dacht&#8217; ich nach, ich kann desorganisieren, wenn ich mich organisier, mich organisieren, wenn ich desorganisier, kann desorganisieren, wenn ich mich organisier.</em>“ (Chico Science und Nação Zumbi auf dem Album: Da lama ao caos)</p>
<h4>1. Der Kollaps Argentiniens und die gesellschaftliche Fragmentierung</h4>
<p>Es ist nicht leicht, über die unter dem Namen <em>Piqueteros </em>[<a href="#anm4">4</a>] bekannten Bewegungen der argentinischen Arbeitslosen zu schreiben. Zunächst einmal, weil es sich dabei um ein junges, wenig untersuchtes und zudem in Entwicklung begriffenes Phänomen handelt. Und das ist nicht unwichtig. Es bedeutet, dass die Kenntnis äußerst begrenzt ist, die wir über den Alltag dieser Bewegungen und die möglichen Veränderungen besitzen, die sie in den Menschen und ihren Lebenswelten bewirken können. Vorsicht ist geboten bei der Einschätzung der vermeintlichen politischen Tendenz dieser oder jener Bewegung – Tendenzen, die oft eher die Wünsche und Interessen ihrer Anführer widerspiegeln als die wirklichen Überzeugungen der Mehrheit ihrer Aktivisten. Die größte Schwierigkeit bei der Einschätzung der <em>Piqueteros </em>rührt sicher aus der <em>Fragmentierung </em>des Spektrums. Seinen Ausdruck findet das sowohl in der beträchtlichen Anzahl von Bewegungen, die sich während der letzten Jahre formiert haben, als auch innerhalb der Organisationen selbst, die sich aus Menschen verschiedener Stadtviertel, Kommunen und Bevölkerungsschichten zusammensetzen. Das ist die Folge des zerrissenen Zustands der argentinischen Gesellschaft fast drei Jahrzehnte nach dem letzten Militärputsch und fünfzehn Jahre nach der Machtübernahme Menems und der radikalen Umsetzung der neoliberalen Wirtschaftspolitik.</p>
<p>Argentinien war das südamerikanische Land, das dem wirtschaftlichen und sozialen Modell des europäischen Wohlfahrtsstaates am nächsten kam. Eine dynamische Wirtschaft, die starke Vertretung einer gewerkschaftlich organisierten Arbeiterklasse und – nicht zu vergessen – der durch General Juan Domingo Peron verkörperte Populismus (ausgedrückt in der jahrzehntelangen Hegemonie des Partido Justicialista – der peronistischen Partei) haben zumindest zwischen den 1940er und den 1970er Jahren ein relativ homogenes System der Reichtumsverteilung ermöglicht und einen Staat, der weitgehend für einen allgemeinen Zugang zum Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsystem sorgte – auch wenn mehr als eine Militärdiktatur in diesen Zeitraum fiel. Das Auseinanderfallen der argentinischen „Arbeitsgesellschaft“ vollzog sich allmählich in mindestens „drei Entstaatlichungsschüben“ im Verlauf von Wirtschaftskrisen, die zunehmende Arbeitslosigkeit und Prekarisierung der Arbeitsbedingungen nach sich zogen; wobei die beiden letzten Phänomene zweifellos eine Konsequenz der neoliberalen Wirtschaftspolitik und ihrer Ideologie sind, die sich während der 90er Jahre wie eine Seuche ausbreitete. [<a href="#anm5">5</a>]</p>
<p>Der erste Schub kann auf das Jahr 1976 datiert werden, dem Beginn der letzten Militärdiktatur. Im Gegensatz zur brasilianischen Militärherrschaft, die Mitte der 70er Jahre versuchte, das Modell der nationalen Wirtschaftsentwicklung noch einmal zu beleben, während sie die Feinde des Regimes ermordete und folterte, ergriff das argentinische Militärregime ohne ein so genanntes „nationales Projekt“ die Macht. Die von ihm bewirkten wirtschaftlichen Veränderungen waren für die ersten Deindustrialisierungsschübe verantwortlich und damit für die ersten Massenentlassungen, mit denen Lohnabhängige aus dem formellen Wirtschaftssektor ausgeschlossen wurden (ganz zu schweigen von den 30.000 Ermordungen in den sieben Jahren der Diktatur). Dieser Prozess setzte sich während der ersten Jahre des demokratischen Regimes (ab 1984) fort, wobei immer mehr Lohnabhängige sich in informelle Arbeitskräfte des Dienstleistungssektors verwandelten.</p>
<p>Die zweite Welle setzte Anfang der 90er Jahre ein, bereits unter der Regierung Menem. Damals wurden unter dem Druck der internationalen Finanzinstitutionen neoliberale wirtschaftliche Strukturreformen durchgesetzt: Öffnung des Binnenmarkts für ausländische Erzeugnisse, Massenprivatisierungen im gesamten Staatsapparat und Kontrolle der Arbeitskräfte durch Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen. Das Ergebnis war ein weiterer Deindustrialisierungsschub und eine zusätzliche Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse. Davon waren besonders die Arbeiter des Großraums Buenos Aires sowie die (ehemaligen) Beschäftigten des öffentlichen Dienstes betroffen. Erneut wanderten starke Kontingente von Lohnabhängigen in informelle Wirtschaftssektoren ab. Die dritte Welle begann mit der durch den „Tequila-Effekt“ (den mexikanischen Crash) ausgelösten Krise 1995 schon während der zweiten Amtszeit Menems. Von diesem Zeitpunkt an trat die Wirtschaft in eine Stagnationsphase ein, die 2001 in der größten Krise in der Geschichte des Landes mündete, mit formellen Arbeitslosenraten von 20 % und einem Verelendungsschub, der über 50 % der Bevölkerung unter die offizielle Armutsgrenze beförderte.</p>
<p>Angesichts dieses düsteren Bildes erklärt sich der heterogene Charakter jener riesigen Schicht der argentinischen Bevölkerung, die heute von Arbeitslosigkeit und Prekarisierung betroffen ist. Diese Fragmentierung spiegelt sich jedoch auch in der sektoralen Struktur der Ökonomie, in der sozialen Schichtung und der räumlichen Strukturierung des Großraums Buenos Aires. Um dies an zwei Beispielen zu verdeutlichen: Zum einen finden wir im Süden der Hauptstadt Gemeinden wie Florencio Varela, eine mit Slums durchsetzte relativ junge Siedlung (aus den 80er Jahren), in der vor allem Arbeiter leben, die auf lange Erfahrungen mit prekären Arbeitsbedingungen zurückblicken können, oder den von Mittelschichten und Armen bewohnten Distrikt Solano, wo die Distanz zum „klassischen“ Arbeitermilieu groß ist. Im Westen der Metropole gibt es zum anderen Kommunen wie La Matanza, mit starker Konzentration von Industriebetrieben, einer Einwohnerzahl von 1,3 Millionen und extrem hohen Arbeitslosenraten, wo das identitätsstiftende Erbe der Fabrikerfahrung durchaus noch präsent ist.</p>
<p>Aus diesen und anderen Gründen sind kategorische Aussagen zur sozialen Zusammensetzung der <em>Piquetero </em>-Bewegung unmöglich. Eigentlich wäre von einer <em>Bewegung von Bewegungen </em>zu sprechen, denn die ziemlich hohe Zahl von Organisationen und politischen Tendenzen der <em>Piquetero </em>-Bewegung macht es schwer, ein Gesamtbild davon zu erstellen. Mit Sicherheit hat die Fragmentierung der Bewegung aber <em>auch zu einer Schwächung ihrer politischen Kraft beigetragen </em>, da ihre unterschiedlichen Orientierungen oftmals Pläne, gemeinsam zu agieren und Druck auf den Staat auszuüben, vereitelt haben und dies auch weiterhin tun, obwohl ein gemeinsam geführter Kampf gewiss wirksamer wäre. Die politisch-institutionelle Bresche, die das Entstehen dieser Organisationen ermöglichte, war indes ein und dieselbe. Sie steht in direkter Verbindung mit <em>einer gemeinsamen ökonomischen Forderung </em>, die als Vermittlung diente, um derart unterschiedliche Interessen auf einen Nenner zu bringen. Diese <em>Forderung </em>waren die so genannten <em>Planes </em>, eine staatliche Transferleistung, die einem (minimalen) Arbeitslosengeld entspricht. Gegenwärtig liegt sie bei 150 Pesos (ca. 50 Euro). Ihre Geschichte stellt eine der wenigen Gemeinsamkeiten in der Erfahrung der <em>Piquetero </em>-Bewegungen dar. Dennoch ist die Art, die Konflikte mit dem Staat um die Aneignung öffentlicher Mittel in Form der <em>Planes </em>zu lösen, von Organisation zu Organisation verschieden.</p>
<p>Die Auszahlung der <em>Planes </em>begann Mitte der 90er Jahre unter der Regierung Menem. Bevor sie zur materiellen Basis wurden, die die <em>Piquetero </em>-Bewegungen ermöglichte (wie ich weiter unten erläutern werde), hatte die Regierungsstrategie den Charakter bloßer Sozialfürsorge ( <em>assistencialismo </em>), das heißt, sie beschränkte sich auf eine kärgliche Kompensation für den gesellschaftlichen Zerfall, Resultat der neoliberalen Wirtschaftspolitik der zehnjährigen Regierungszeit Menems, welche die schlimmsten Armuts- und Ausgrenzungsziffern hervorbrachte, die das Land je gesehen hat. Wir dürfen hier nicht aus den Augen verlieren, dass diese vom argentinischen Staat in den neoliberalen 90er Jahren geschaffenen Kompensationsmechanismen im Grunde eine <em>neue Strategie zur Kontrolle und Beschwichtigung der sozialen Widersprüche </em>darstellten. Da sich die Wirtschaft außerstande erwies, die gesamte gesellschaftlich verfügbare Arbeitskraft zu integrieren, wurde es notwendig, immer größere Massen der aus dem Produktionsprozess ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten zu kontrollieren.</p>
<p>So entstand eine Schlüsselfigur der politischen Landschaft Argentiniens: die <em>Punteros </em>, Funktionäre von Menems Partido Justicialista, die in den Wohnvierteln als Vertreter des Staates fungierten und für die Umsetzung der Fürsorgepolitik in den Gemeinden verantwortlich waren; da während der ersten Jahre die Auszahlung der <em>Planes </em>ausschließlich durch die Präfekturen erfolgte, blieb ein Großteil der Staatsgelder in den Händen dieser üblen Gestalten. [<a href="#anm6">6</a>]</p>
<p>Die <em>Punteros </em>sind so etwas wie die moderne Version des „ <em>Sindicalista pelego </em>“ [<a href="#anm7">7</a>] . Während dieser in den Fabriken und Gewerkschaften eventuelle Konflikte zwischen Arbeitern und Unternehmern entschärfte, erfüllen jene eine ähnliche Aufgabe in Bezug auf die Konflikte, die sich heute außerhalb des unmittelbaren Produktionsprozesses abspielen, d.h. in den Stadtvierteln. Die <em>Punteros </em>sind die täglichen Feinde der <em>Piqueteros </em>. Ihre Strategie variiert: vom Versuch, die Mitglieder der Bewegung zu kooptieren (durch finanzielle Zuwendungen oder gar durch Gewaltandrohung) bis hin zur Zusammenarbeit mit der Polizei, indem sie den staatlichen Repressionsorganen als Spitzel dienen. [<a href="#anm8">8</a>]</p>
<p>Als Form des Widerstands und der Antwort auf diese soziale Repression kam es ab 1996 zu den ersten organisierten Massenreaktionen auf die nationale Krise. Es bildete sich das, was der Soziologe Pierre Bourdieu einmal als „soziologisches Wunder“ bezeichnet hat: eine <em>Arbeitslosenbewegung </em>.</p>
<p>Bevor wir fortfahren, seien hier zwei wesentliche Merkmale der argentinischen Arbeitslosenbewegung hervorgehoben, die auf ihre Ähnlichkeiten und Differenzen mit anderen Massenbewegungen des lateinamerikanischen Kontinents verweisen, aber auch auf ihre enormen Schwierigkeiten, sich als politische Bewegung zu konstituieren.</p>
<h4>2. Eine städtische Bewegung: Neubeginn des Kampfes gegen das Kapital in der „Kapitale“</h4>
<p>Bis in die Mitte der 90er Jahre hinein hatten die bedeutendsten Massenbewegungen dieses Kontinents (die Landlosen des MST in Brasilien, die indigenen Völker wie die Zapatistas in Mexiko, die Aymaras in Bolivien und die pluriethnische Bewegung in Equador) eines gemeinsam: Es waren ländliche Bewegungen. Sie konstituierten sich um eine gemeinsame Forderung herum – Landbesitz zur Reproduktion des eigenen Lebens – und um eine gemeinsame Identität – die des seiner Produktionsmittel beraubten Landarbeiters oder die des indigenen Volkes mit einem historischen Anrecht auf Land und Autonomie. Diese zwei Eckpfeiler – <em>materielle Forderung </em>und <em>gemeinsame Identität </em>– sind für die Schaffung einer sozialen Bewegung von wesentlicher Bedeutung. Ohne <em>konkrete ökonomische </em>Errungenschaften – dies zeigt die historische Erfahrung der Arbeiterbewegung – ist es so gut wie unmöglich, die notwendige Mobilisierung aufrecht zu erhalten, um Forderungen durchzusetzen. Ohne die Konstruktion einer kollektiven Identität wiederum, die mit der Formulierung eines <em>politischen Projekts </em>verbunden ist – das seinerseits die <em>theoretische und praktische Schulung </em>der Aktivisten voraussetzt – läuft die Bewegung Gefahr, auseinander zu fallen, schwächer zu werden oder gar völlig von der Bildfläche zu verschwinden, wenn ihre materielle Forderung erfüllt ist. [<a href="#anm9">9</a>]</p>
<p>Den Zapatistas, Landlosen und Aymaras ist es jedenfalls, jeder Bewegung auf ihre Weise und unter großen Schwierigkeiten, gelungen politische Perspektiven zu entwickeln, die über die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse ihrer Mitglieder hinausweisen und die in den letzten Jahren zu politischen Bezugspunkten des Massenwiderstands gegen die Krise des Kapitalismus und die neoliberale Hegemonie in ihren jeweiligen Ländern wurden. Gewiss hat zum Erfolg dieser Bewegungen in erster Linie die Tatsache beigetragen, dass ihre Hauptforderung nach Grund und Boden sowie beim MST nach Darlehen für die landwirtschaftliche Produktion sich auf Produktionsmittel bezieht, um so eine wirtschaftliche Basis für die Subsistenz der Mitglieder zu sichern. Zweitens war eine gemeinsame Identität im Sinne eines <em>kommunitären Zusammenhangs </em>bei den indigenen Völkern bereits vorhanden und ließ sich im Falle der Landlosen relativ leicht herstellen – zumindest auf regionaler Ebene. Bei urbanen Bewegungen gestaltet sich die Errichtung dieser Eckpfeiler erheblich schwieriger.</p>
<p>Nicht von ungefähr sind die neuen urbanen Massenbewegungen in Ländern wie Brasilien und Mexiko bislang entweder sehr schwach (siehe die brasilianische Obdachlosenbewegung) oder gar bedeutungslos gewesen. Dieses Problem ist auch der argentinischen Erfahrung nicht fremd. Um es mit den Worten eines <em>Piquetero </em>-Aktivisten zu sagen:</p>
<p>„Hier in Buenos Aires ist der soziale Zusammenhalt völlig zerrüttet. Wenn du arbeitslos bist und dagegen auf der Straße protestierst, dann fährt dich der Nachbar, der zur Arbeit fahren will, mit seinem Auto über den Haufen. Die Leute sind verrückt, völlig durchgeknallt. Jeder denkt nur an sich. Auf diesem Gebiet richtet der Kapitalismus die schwersten Schäden an, hier erleiden wir eigentlich unsere größte ideologische Niederlage. Am auffälligsten ist das in den großen Städten mit ihrem Konsumismus, ihrem Egoismus, ihrem technologischen Fortschritt und allen Verheißungen des Kapitalismus.“ [<a href="#anm10">10</a>]</p>
<p>Die großen modernen Metropolen leisten der Fragmentierung in jeder Hinsicht Vorschub: Als <em>objektive Tendenz </em>durch die strukturelle Krise des Arbeitsmarktes, durch die Verschärfung der Konkurrenz zwischen den Individuen auf einem Markt, der nicht für alle Platz hat, und durch die Privatisierung des öffentlichen Raums, die mit der Privatisierung der Wirtschaft in den letzten Jahrzehnten einhergeht und Stadtviertel und Straßen in bloße Durchgangsorte verwandelt hat. Diese Tendenz wird verschlimmert durch den Anstieg der Kriminalität infolge wachsenden Elends und wirtschaftlicher Ungleichheit. <em>Auf subjektiver </em>Ebene wiederum werden wir auf eine individualistische Lebensweise konditioniert, zurückgeworfen allenfalls auf die Kernfamilie, unfähig zu irgendeiner Form des kollektiven Zusammenlebens und der Selbstorganisation. Meistens reduziert sich der Versuch, unsere Subjektivität zu leben – wie der <em>Piquetero </em>-Genosse oben bereits sagte – auf die Konsumträume, welche die Kulturindustrie und die Werbung rund um die Uhr produzieren.</p>
<p>Vor einem derartig düsteren Hintergrund gerät in den großen Städten der Aufbau einer Basisbewegung, die so verschiedene Interessen wie die der Arbeitslosen und der Prekarisierten in sich zu vereinen vermag, zu einer Herkulesarbeit. Zu einer sehr komplexen Aufgabe wird auch die Formulierung wirtschaftlicher Forderungen, ohne die es geradezu unmöglich ist, die Menschen für ein gemeinschaftliches Projekt längerfristig zu mobilisieren, denn schließlich muss man ja jeden Tag für seinen Lebensunterhalt sorgen. In den großen Städten ist die Aneignung der <em>Produktionsmittel </em>bislang noch keine gängige Praxis, so wie bei den Landlosen. Es müssen aber alternative Formen gefunden werden, um das Überleben der Menschen zu gewährleisten, entweder durch die Schaffung von Einkommen oder durch Senkung der Ausgaben für den Lebensunterhalt.</p>
<p>Dies ist die erste historische Herausforderung für den Aufbau der Arbeitslosenbewegungen in Argentinien. Doch bevor wir uns einige der kreativen Lösungen ansehen, die die <em>Piqueteros </em>als Antwort darauf gefunden haben, müssen wir kurz auf einen wichtigen psychologischen Aspekt eingehen, der ebenfalls einen großen Anspruch an die Bildung dieser Bewegungen darstellt.</p>
<h4>3. Eine Bewegung von „Prekarisierten“: die Scherben der zerbrochenen Ichs wieder zusammenfügen [<a href="#anm11">11</a>]</h4>
<p>Markiert der urbane Charakter der <em>Piquetero </em>-Bewegung ihren Unterschied zu anderen Basisbewegungen des lateinamerikanischen Kontinentes, so nähert sie ein nicht minder wichtiges Merkmal jenen Bauernbewegungen an, die wir zum Vergleich herangezogen haben. Dieses Merkmal ist die <em>Prekarisierung </em>. Waren die politischen Bewegungen der Arbeiterklasse das ganze letzte Jahrhundert hindurch Bewegungen von g <em>ewerkschaftlich </em>und <em>parteilich </em>organisierten Arbeitern, die direkt in den Prozess der Warenproduktion <em>einbezogen </em>waren, so zeichnen sich die „neuen“, in den letzten zwanzig Jahren entstandenen Basisbewegungen dadurch aus, dass sie entweder aus indigenen Bevölkerungsgruppen bestehen, die im eigenen Land durch die lokalen Modernisierungsprozesse der peripheren Nationen ausgegrenzt wurden, oder aus Arbeitern ländlicher und städtischer Gebiete, die vom Produktionsprozess ausgeschlossen und/oder die prekarisiert worden sind, weil sie für die Verwertung des Kapitals nicht mehr benötigt werden. Es dreht sich hier jedenfalls um zig Millionen Menschen, die das System nicht mehr braucht, es sei denn zur Kontrolle der Noch-Beschäftigten. Denn ein Ergebnis der Massenarbeitslosigkeit ist ja die ständige Angst der Lohnabhängigen vor der Entlassung, die ihre Fähigkeiten, Rechte einzufordern, beeinträchtigt.</p>
<p>Für die „Herausgefallenen“ wird es noch schwerer, ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen; die geradezu natürliche Tendenz ist, dass sie sich mit ihrer scheinbar aussichtslosen Lage abfinden, so der Sozialpsychologe Francisco Ferrara, Aktivist einer <em>Piquetero </em>-Bewegung, der sich mit den psychischen Folgen der neuen Armut beschäftigt:</p>
<p>„Das, was sie als Subjekte ausgemacht hat, ist verschwunden. Die herrschende symbolische Ordnung bricht zusammen und reißt dabei die Bedingungen der Subjektkonstitution mit ein. Das Elend wirkt sich aus auf die sozialen Bindungen, die Körper, das Symbolisierungsvermögen, das Wertesystem, es löst die Subjektivität auf und macht jede menschliche Regung zunichte.“ [<a href="#anm12">12</a>]</p>
<p>Ein ökonomischer Krisenprozess – zumal wenn er sich auf einen derart kurzen Zeitraum zusammenzieht – löst stets auch eine <em>Sinnkrise </em>, d.h. eine <em>Krise der Subjekte </em>aus. Die kapitalistische Ordnung organisiert, wenn auch auf entfremdete und repressive Weise, unsere Existenzen, kontrolliert unseren Alltag, unsere Handlungen und Begierden. Wenn von heute auf morgen oder binnen weniger Jahre diese Ordnung zerbricht, dann zerfällt mit ihr auch die Grundlage für die Ich-Struktur der Individuen, so fragil und heruntergekommen diese Struktur in einer Welt wie der des Kapitals auch sein mag. Arbeitslosigkeit ist für das Subjekt gleichbedeutend mit dem Verlust seiner Existenzberechtigung, mit einem Gefühl völliger Nutzlosigkeit. Wir sind von früh an darauf getrimmt, die uns von der Gesellschaft auferlegte soziale Funktion zu erfüllen: arbeiten, Reichtum, sprich: Profit für die Kapitalverwertung zu schaffen sowie unseren Lebensunterhalt und den unserer Familie zu verdienen. Verschwindet all dies, dann gehen auch die subjektiven Waffen verloren, die die Anpassung an das System garantieren: Sein Leben leben wird nach und nach unmöglich, und die Flucht in psychische Krankheiten ist in vielen Fällen der einzige verfügbare Ausweg. Häufig berichteten die Bewegungsaktivisten, mit denen ich diskutiert habe, von Fällen schwerer psychischer Krisen, wie psychotischen Anfällen und schweren Depressionen, vor allem bei Männern.[<a href="#anm13">13</a>]</p>
<p>Einige der „neuen“ Basisbewegungen konstituierten sich indessen als Antwort auf diese Art von Dilemma. Wie wir oben gesehen haben, erlebte die argentinische Bevölkerung in den 90er Jahren einen noch nie da gewesenen gesellschaftlichen Absturz. Die Argentinier, die, verglichen mit ihren Nachbarn vor allem in Brasilien, Bolivien und Paraguay, an relativ komfortable Lebensbedingungen gewohnt waren, mussten mitansehen, wie in nur zehn Jahren alle ihre Modernisierungsträume in Rauch aufgingen. Die Mittelschicht verarmte, während die, die bereits arm waren, ins Elend abstürzten: 2,5 Millionen Arbeitslose und 20 Millionen Arme bei einer Bevölkerung von 37 Millionen Menschen. Die subjektiven Auswirkungen einer so enormen Wirtschaftskatastrophe haben im Alltag eines Landes, das buchstäblich zu einem Armenhaus wurde [<a href="#anm14">14</a>], so gut wie keine theoretische Resonanz gehabt. Dabei hat dieses Phänomen mit Sicherheit einen Prozess ausgelöst, der dem ähnelt, was ein anderer Sozialpsychologe, José Moura Filho Gonçalves, mit dem Begriff <em>soziale Demütigung </em>bezeichnet:</p>
<p>„Der Mechanismus der <em>sozialen Demütigung </em>unterliegt wirtschaftlichen und unbewusst-psychischen Bestimmungen. Man könnte sie definieren als eine Form <em>verzweifelter Angst angesichts des Rätsels der sozialen Ungleichheit </em>. Als solches handelt es sich dabei um ein zugleich psychologisches und politisches Problem. Die gedemütigte Person durchläuft eine Situation, die es ihr unmöglich macht, ihre Menschlichkeit zu leben, und die sich in ihr selbst ausdrückt – in ihrem Körper und ihren Gesten, in ihrer Phantasie und ihrer Stimme – aber auch in ihrer Lebenswelt – am Arbeitsplatz und im Wohnviertel.“ [<a href="#anm15">15</a>]</p>
<p>Betrachten wir das Problem also weiterhin sowohl vom <em>objektiven </em>als auch vom <em>subjektiven </em>Standpunkt: auf der ökonomischen Ebene und auf der des <em>Unbewussten </em>. José Moura Filho Gonçalves zufolge liegen die materiellen Wurzeln der <em>sozialen Demütigung </em>im wirtschaftlichen Produktionsprozess; sie wird bestimmt durch den Platz, den ein Mensch in der gesellschaftlichen Klassenstruktur einnimmt. Diese Ungleichheit erzeugt wiederum unbewusste Prozesse in den Individuen, die sie daran hindern, Subjekt zu werden. Die Psychoanalyse bezeichnet diesen „verwehrten Zugang“ zum eigenen Ich als <em>Angst</em>. [<a href="#anm16">16</a>]</p>
<p><em>Angst </em>lässt sich psychoanalytisch als Ergebnis politischer oder psychologischer Ereignisse definieren, die das Subjekt nicht verarbeiten und die es weder für sich noch für seine Umgebung interpretieren oder sinnvoll auslegen kann – daher ihr <em>rätselhafter Charakter </em>. Es lässt sich nur schwer ein geeigneterer Begriff als der der <em>traumatischen Situation </em>finden, um den rapiden Prozess des wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs zu beschreiben, den die Argentinier in der jüngsten Vergangenheit durchgemacht haben und der den meisten von ihnen gewiss als <em>Rätsel </em>erschienen sein muss. Da mehr als die Hälfte der Bevölkerung verarmt ist, lässt sich dieser Prozess unmöglich als marginal behandeln. Er muss im Gegenteil als strukturierend angesehen werden für das, was man als „die psychische Ökonomie der Nation“ bezeichnen kann. Oder noch spezifischer: Wollen wir die Wirklichkeit der vor allem in der Peripherie von Buenos Aires konzentrierten Erwerbslosenbewegungen begreifen, so dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass diese Angst wahrscheinlich das Schlüsselgefühl zum Verständnis der enormen Schwierigkeiten ist, denen diese Bewegungen im Alltag gegenüberstehen. Im Hinblick auf die psychische Realität der Unterschichten schreibt José Moura Filho Gonçalves:</p>
<p>„Die Armen leiden psychologisch gesehen fortwährend unter dem Druck einer seltsamen, mysteriösen Botschaft, die sagt: ,Ihr seid minderwertig&#8230;‘ Für die Armen ist Demütigung entweder unmittelbar präsent, oder sie spüren, dass sie jederzeit auf sie lauert, wo immer und mit wem sie auch zusammen sein mögen. Das Gefühl der Rechtlosigkeit, das Gefühl, verachtenswert oder widerwärtig zu sein, gewinnt zwanghaften Charakter: Sie bewegen sich und reden – wenn sie reden – wie Wesen, die niemand sieht.“[<a href="#anm17">17</a>]</p>
<p>Diese subjektive (und politische) Fragilität derer „von unten“ ist der Humusboden, auf dem der Staat neue Formen sozialer Kontrolle entwickelt. Im Fall Argentiniens haben diese Formen, wie wir oben gesehen haben, mit dem Auftreten des <em>Punteros </em>begonnen, der in die Beziehung zwischen Staat und Bevölkerung die <em>Logik der Begünstigung </em>einführt. Das <em>Recht </em>auf ein paar Brosamen, die Tausende von Familien wenigstens vor dem Hunger retten, wird so der <em>Willkür </em>des politischen Chefs im Wohnviertel anheimgestellt. Die dadurch entstehende Beziehung hat dazu beigetragen, das Minderwertigkeitsgefühl der Ausgeschlossenen zu verstärken:</p>
<p>„Der <em>Puntero </em>lähmt den Willen, er zerstört das Selbstwertgefühl, fördert bei den Subjekten kontemplative Verhaltensweisen und bringt das Volk um seine strategische Kraft&#8230; Er verstärkt die negativen Identitäten, indem er zur Verinnerlichung der Herrschaftsperspektive beiträgt&#8230; Kurzum, die Funktion der <em>Punteros </em>zielt darauf ab, die armen Sektoren der Bevölkerung an ihre subalterne Rolle zu erinnern.“ [<a href="#anm18">18</a>]</p>
<p>Einst der Macht ihrer Chefs ausgeliefert, finden sich die Erwerbslosen nun in einer Abhängigkeitsbeziehung zum Vertreter des Staates wieder. So entsteht ein Kontinuum von Herrschaft, welches fortwährend das unterminiert, was den Subjekten noch an Würde und Selbstwertgefühl bleibt. Eine auf solchen Parametern basierende Beziehung trägt natürlich zusätzlich dazu bei, die oben erwähnte <em>Angst </em>zu reproduzieren: das lähmende Gefühl, welches das Subjekt unfähig macht, eine Alternative zu seiner persönlichen, familiären und kollektiven Tragödie zu denken, weil die Situation, in der es sich befindet, undurchschaubar ist oder durch Eigeninitiative nicht überwindbar erscheint. Die wesentliche Funktion des <em>assistencialismo </em>besteht somit in der Reproduktion der gesellschaftlichen Herrschaftsstruktur, darin, die Armen an dem „ihnen gebührenden Platz“ zu halten, passiv und konform mit ihrer subalternen Position in der Klassengesellschaft.</p>
<p>Eine Bewegung mit emanzipatorischen Perspektiven steht so vor einem schier unlösbaren Dilemma: Wie kann sie stärker werden, an Zulauf gewinnen und sich organisieren, um das Recht auf gutes Leben einzufordern, wenn sie ständig mit jenem <em>Ohnmachtsgefühl </em>kämpfen muss, welches das <em>Ich </em>eines Großteils ihrer Mitglieder <em>zersetzt </em>und ihnen die Fähigkeit raubt, zu handeln und das Wort zu ergreifen, weil sie sich nicht als politische Handlungsträger erkennen, sondern nur als manipulierbare Objekte, die politischen und wirtschaftlichen Kräften unterworfen sind, die ihr Leben kontrollieren und zu denen sie nicht einmal Zugang haben? Zwar ist die Vermittlung sozialistischer Ideen durch Aktivitäten und Bildungsarbeit ein wichtiger Aspekt, doch müssen wir, wenn die politische Aktivität nicht steril werden soll, im Auge behalten, dass für alle Gedemütigten und Erniedrigten in dieser Gesellschaft, vor allem eines vordringlich ist: Handlungsformen zu finden, die dem Bedürfnis entsprechen, die von der Ausgrenzungsdynamik des modernen Kapitalismus verursachten psychischen Wunden zu heilen. Es kommt darauf an, kollektive Praktiken zu entwickeln, die es den Individuen ermöglichen, die lähmende Angst, die ihnen den Status politischer Subjekte genommen hat, in psychische Kraft zu verwandeln, um jene Fähigkeit und jenes Selbstwertgefühl zurückzuerobern, die zur Wiederherstellung <em>gemeinschaftlicher Bande </em>in ihren Wohnvierteln und zur <em>politischen Aktivität </em>erforderlich sind. [<a href="#anm19">19</a>]</p>
<p>Schauen wir uns nun die Praktiken an, die von einigen <em>Piquetero </em>-Organisationen vor allem in den ärmeren Stadtvierteln entwickelt wurden und mit denen es im Laufe der letzten Jahre nicht nur gelungen ist, Überlebensalternativen für eine marginalisierte und von ihren Grundrechten ausgeschlossene Bevölkerung zu entwickeln, sondern auch im Alltag von Zehntausenden von Argentiniern bedeutende Veränderungen zu bewirken. In vielen Fällen haben diese Organisationen jene materielle und psychologische Unterstützung geliefert, die zumindest teilweise den oben erwähnten spezifischen Bedürfnissen Rechnung trägt. Grundsätzlich lassen sich diese Praktiken in drei Gruppen zusammenfassen, die sich um die <em>Planes </em>herum gebildet haben: <em>Piquetes </em>als Taktik zur Durchsetzung von Forderungen gegenüber dem Staat, <em>Stadtteilversammlungen </em>als politische Organisationsform und <em>selbstorganisierte Arbeit </em>als Form materieller Produktion.</p>
<p>Zunächst eine Vorbemerkung: Wie schon gesagt, weist das Spektrum der <em>Piquetero </em>-Bewegungen eine derartige Fragmentierung auf, dass verallgemeinernde Aussagen darüber unmöglich sind. Bei den hier besprochenen Organisations- und Praxisformen handelt es sich im Prinzip um eine besondere Tendenz der Bewegung: um die so genannten <em>autonomen Bewegungen </em>, die ihren Namen der Tatsache verdanken, dass sie weder politischen Parteien noch Gewerkschaften angehören oder mit diesen verbunden sind. Diese Bewegungen stehen am ehesten für den Versuch, im Alltag die Grundlagen für die Bildung einer neuen Identität zu legen: der des <em>Piquetero </em>; einer Identität, die sich auf die Konsolidierung der erwähnten Praktiken stützt und die in gewisser Weise die subjektive Hegemonie gegenüber der „traditionellen“ kapitalistisch-hierarchisch geprägten Identität des Arbeiters gewinnt. Dazu Svampa und Pereyra:</p>
<p>„&#8230;je größer die Kluft zwischen der Identität des Arbeiters und der des <em>Piquetero </em>ist, desto größeres Gewicht erhält der transitorische Charakter der letzteren. Umgekehrt sind es jene Erfahrungen eines relativ erfolgreichen Auslotens der Möglichkeiten von Selbstorganisation und kommunitärer Arbeit, die letztlich eine Stärkung der <em>Piquetero </em>-Identität im Verhältnis zu der des Arbeiters bewirken.“ [<a href="#anm20">20</a>]</p>
<p>Das Problem, das uns interessiert, dreht sich letztlich um die folgende Frage: Können neue Formen der Soziabilität gefunden werden, die materielle und symbolische Instrumente für die <em>Herausbildung </em>einer anti-kapitalistischen Identität bereitstellen, welche die Menschen in den Stand versetzt, dem Prozess der subjektiven Erniedrigung zu widerstehen, dem sie als Prekarisierte und Gedemütigte ausgesetzt sind? Eine Identität, die zugleich den Aufbau einer Massenbewegung ermöglicht, deren Perspektive in der Überwindung des politischen und ökonomischen Systems des Kapitalismus bestünde? Wie wir sehen werden, deutet einiges darauf hin, dass im Alltag einiger <em>Piquetero </em>-Organisationen, Funken eines solchen Projekts aufblitzen.</p>
<h4>4. Stützpfeiler der <em>Piquetero </em>-Identität</h4>
<p>a) Warum Piquetes?</p>
<p>Die <em>Piquetes </em>, die bereits 1996 in mehreren, durch die Privatisierung der staatlichen Ölfirma YPF wirtschaftlich schwer heimgesuchten Städten des Landesinneren und anschließend auch in Buenos Aires entstanden, stellen zunächst ein neues Werkzeug der <em>direkten Aktion </em>im Kampf der Lohnarbeitenden dar. Die traditionelle Form des Kampfes seitens der organisierten Arbeiterbewegung war seit jeher der <em>Streik </em>, also die Lahmlegung der Warenproduktion, um die Unternehmen zu zwingen, ihren Forderungen nachzugeben. Wie kann also eine Bewegung von Arbeitslosen, von Menschen also, die aus dem direkten Produktionsprozess ausgeschlossen sind, ihre ökonomischen, sozialen und politischen Forderungen geltend machen? Die kreative Antwort auf diese Frage haben die Arbeitslosen auf der Straße gegeben. Wenn sie schon die Warenproduktion nicht lahmlegen konnten, so doch zumindest die Warenzirkulation, womit sie den „Salto mortale“ der Realisation des in den Waren dargestellten Werts verhinderten und so indirekt die „Achillesferse“ des Kapitals trafen: den Profit. [<a href="#anm21">21</a>] Doch auch wenn die so genannten <em>Cortes de ruta </em>(Straßenblockaden) zum wichtigsten taktischen Mittel der direkten Aktion wurden, waren sie nicht die einzige Form, in der die Bewegungen ihre Rechte einforderten. Angesichts der ständigen Erpressungen seitens des Staates, der fortwährend seine Macht benutzte, um Monat für Monat und ohne weitere Erklärung den Bewegungen einen Großteil der <em>Planes </em>zu entziehen, um sie so zu schwächen und zu zermürben, besetzen die <em>Piqueteros </em>immer wieder öffentliche Gebäude (Präfekturen, Ministerien usw.) und Banken. Letztere sind für das Weiterleiten der Schecks an die Bevölkerung zuständig, schieben die Auszahlungen jedoch in der Regel hinaus, um das Geld länger anlegen zu können.</p>
<p>Die <em>Piquetes </em>waren ebenfalls ein Mittel, dem ganzen Land die Ergebnisse der einer nach dem anderen gescheiterten wirtschaftspolitischen Maßnahmenkataloge vor Augen zu halten: Massenelend und Hunger, die bis dahin vor den Fernsehkameras versteckt geblieben waren, weil sie sich in den Peripherien der Großstädte und im Landesinneren konzentrierten. Die <em>Piquetero </em>-Bewegung hat die nationale Tragödie der Armut sichtbar gemacht und bis dahin <em>unsichtbare Menschenmassen </em>auf die Straßen des Zentrums von Buenos Aires gebracht. Eine weitere Besonderheit dieser neuen Kampfform ist, dass an einem <em>Piquete </em>ganze Familien beteiligt sind: Kinder, Jugendliche, alte Menschen, alle nehmen an den Demonstrationen teil und verwandeln die <em>Piquetes </em>in ein signifikantes Moment der Veränderung des Alltags und der nachbarschaftlichen Begegnung. Deshalb muss etwas vom häuslichen Leben auf der Straße improvisiert werden: Plastikplanen und Zeltbahnen, die Hütten vorstellen sollen, riesige Kessel, in denen die beliebten Eintöpfe aus Gemüse, Nudeln und (wenig) Fleisch brodeln, über dem Feuer aus dem tags zuvor gesammelten Holz. Dazu kreist, mitten auf der Strasse, die traditionelle „Bombilla“ mit Mate, wodurch die Kontrolle über das Territorium bekräftigt wird.</p>
<p>Gleichzeitig, so geht aus mehreren Berichten hervor, hat diese Praxisform bei manchen Teilnehmern so etwas wie eine <em>kathartische Wiedergewinnung </em>der verlorenen Würde bewirkt:</p>
<p>„Wenn ich mir das Taschentuch vor den Mund binde, dann ist es, als wäre ich jemand anderes, kein gewalttätiger oder böser Mensch, sondern ein anderer, ein neuer Mensch. Man fühlt sich frei, frei von so vielen Dingen, die sich in einem angestaut hatten.“ [<a href="#anm22">22</a>]</p>
<p>Die Besetzung von Straßen und Landstraßen im Großraum Buenos Aires, die den Menschen- und Warenfluss unterbricht, wird als <em>kathartische </em>[<a href="#anm23">23</a>] Erfahrung empfunden, als organisierte Revolte gegen die Demütigungen der Prekarisierung, die „einen anderen Menschen“ hervorbringt, der den Status des öffentlich <em>redenden </em>und <em>handelnden politischen Subjekts </em>wiedergewinnt, indem er die Straßen besetzt und die Infamie eines gescheiterten Systems anklagt, das Millionen von Menschen [<a href="#anm24">24</a>] überflüssig macht. Die <em>Piquete </em>-Erfahrung ist ein wesentlicher, aber nicht der einzige Bestandteil der Konstitution dessen, was man unter dem Begriff <em>Piquetero </em>-Identität zusammengefasst hat. Wie wir im vorangegangenen Abschnitt gesehen haben, bedarf es zum Aufbau einer sozialen Bewegung neben einer gemeinsamer Identität auch sozial-ökonomischer Forderungen. Im Fall der argentinischen Erwerbslosenbewegungen werden wir sehen, dass die Erfolge im Kampf für diese Forderungen die materielle Basis für die langsame alltägliche Konstruktion einer kollektiven Identität waren, die mit neuen Formen politischer und ökonomischer Organisation zusammenhängen, wie sie in den Stadtvierteln der Peripherie von Buenos Aires zu finden sind.</p>
<p>b) Die <em>Planes </em>in den Stadtvierteln: das materialistische Wunder der Verwandlung von Fürsorge in Selbstorganisation</p>
<p>Selbstverständlich reichen die jeden Monat in Form des <em>Plan </em>errungenen 150 Pesos bei weitem nicht für die Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wohnen, Transport usw. aus. [<a href="#anm25">25</a>] Hier setzt nun die von den Bewegungen entwickelte so genannte Stadtteilarbeit ( <em>trabajo territorial </em>oder <em>trabajo de barrio </em>) ein. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um eine Strategie, um die <em>Lebenshaltungskosten </em>ihrer Mitglieder zu <em>senken </em>, deren erste Maßnahme im Allgemeinen in der Schaffung einer <em>Gemeinschaftskasse </em>besteht, in welche alle <em>Plan </em>-Empfänger einen Beitrag einzahlen. Dieses Geld dient im Allgemeinen zunächst dazu, Maßnahmen gegen das Gespenst des Hungers zu ergreifen, das infolge der Krise in den armen Stadtvierteln umgeht. [<a href="#anm26">26</a>] Der erste Schritt ist fast immer die Schaffung eines <em>Comedor </em>(Gemeinschaftsküche), wo Familien die ganze Woche zu Mittag (manchmal auch zu Abend) essen können und in dem die Kinder zudem noch ein Vesperbrot erhalten. Im <em>Comedor </em>essen darf, wer seinen Beitrag in die Gemeinschaftskasse der Bewegung eingezahlt hat. Dieser Beitrag variiert je nach Organisation zwischen 5, 10, 15 (oder mehr) Pesos pro Monat und Person: eine, wie man sich denken kann, enorme Ersparnis für Menschen, die monatlich 150 Pesos erhalten. Die <em>Comedores </em>werden darüber hinaus durch kleine Gemeinschaftsgärten versorgt, die für gewöhnlich auf von der Bewegung besetztem Brachland angelegt werden. Hinzu kommen die dem Staat abgetrotzten Warenkörbe mit Grundnahrungsmitteln, die heute einen beträchtlichen Anteil der Mahlzeiten ausmachen, die in den <em>Comedores </em>von den verschiedenen Organisationen zubereitet werden.</p>
<p>Eine weitere geläufige Praxis ist die Schaffung von <em>Gemeinschaftsbäckereien </em>: Brot ist durch die Krise zu einem der Hauptnahrungsmittel auf dem täglichen Speisezettel geworden. Verkauft wird es zum Selbstkostenpreis an die Mitglieder der Bewegung (im Allgemeinen zur Hälfte des Preises einer normalen Bäckerei). Der am Ende jedes Monats erwirtschaftete Überschuss fließt fast immer an den <em>Comedor </em>zurück und wird so sozialisiert. Häufig richten die Bewegungen auch Kindertagesstätten ein, organisieren die Straßenreinigung im Viertel (um die sich die Stadtverwaltung nicht kümmert) und stellen medizinische Grundversorgung zur Verfügung. Manche Bewegungen sind mittlerweile so gut organisiert, dass sie kleine Konfektionswerkstätten eingerichtet oder artesische Brunnen gebaut haben oder gar, dank staatlicher Darlehen zur Einrichtung von Kooperativen, Bier brauen, wodurch zusätzliches Einkommen für die Bewegung und ihre Mitglieder geschaffen wird. [<a href="#anm27">27</a>]</p>
<p>Diese Praktiken dienen in erster Linie dazu, trotz der knappen finanziellen Mittel wenigstens das Existenzminimum zu gewährleisten, indem die dem Staat abgetrotzten Mittel kollektiv verwendet und zugleich kollektive „produktive Unternehmungen“ aufrechterhalten werden. Es handelt sich somit um die Eroberung einer „doppelten Zuwendung“ seitens des Staates: direkt in Form des Geldes, das die Arbeitslosen als „ <em>Plan </em>“ erhalten, und indirekt in Form der individuellen Arbeit, welche diese zugunsten ihrer Bewegung und ihrer Gemeinschaft leisten. Eine gleichsam materialistische Version der „wundersamen Vermehrung des Brotes“. Die Überschüsse aus dem Verkauf von Brot oder Kleidungsstücken fließen wieder an das Kollektiv zurück und tragen so dazu bei, die Lebenshaltungskosten der Beteiligten noch mehr zu senken und das wenige verfügbare Geld, wie der Ökonom sagen würde, zu „optimieren“. Diese Strategien stellten die Vermittlung dar, durch die es gelang, Zehntausende von Menschen im Kampf für ein gemeinsames Ziel zu vereinen – den Kampf gegen Hunger und Elend. Darin eingeschlossen war der Aufbau von organisatorischen Strukturen, die es in vielen Fällen ermöglichten, neue Formen <em>kommunitären </em>Lebens im Alltag zu schaffen und soziale Zusammenhänge wiederherzustellen, welche die brutale Dynamik des Kapitals in den großen Städten zerrissen hatte.</p>
<p>Darüber hinaus kann die Geschichte der <em>Piqueteros </em>als die Geschichte der Umfunktionierung des <em>asistencialismo </em>gesehen werden, d.h. der Verwandlung einer herrschaftlichen Kontrollstrategie in ein Basis-Projekt zur Schaffung einer gewissen Autonomie. Dass die dem Staat entrissenen finanziellen Brosamen genutzt werden, um die politische und wirtschaftliche Selbstorganisation der Bevölkerung in den Armenvierteln der städtischen Peripherie zu fördern, ist ein mögliches Gegenmittel gegen die Verzweiflung der <em>Gedemütigten </em>und vielleicht ein Beispiel für die Arbeitslosen auf dem übrigen Kontinent.</p>
<p>c) Die Stadtteilversammlungen: die Macht des Wortes wiederentdecken</p>
<p>Um die Selbstorganisation zu ermöglichen, galt es zunächst kollektive Entscheidungsinstanzen zu schaffen, die den Betroffenen wieder eine Stimme verliehen, um in allen Bereichen ihres Alltags im Viertel mitentscheiden zu können. Dazu wurden die <em>Stadtteilversammlungen </em>[<a href="#anm28">28</a>] ins Leben gerufen, eine Form direkter Demokratie mit horizontalen Machtstrukturen, die neue Formen politischen Handelns ermöglicht und einen Raum der Begegnung zwischen Nachbarn schafft, der dem Erfahrungsaustausch ebenso dient wie der wechselseitigen Anerkennung als Prekarisierte.</p>
<p>„Ich glaube, dass wir im Vergleich zu anderen Bewegungen atypisch sind, da wir direkte Demokratie praktizieren. Sie ist für uns die einzige Form, die es allen ermöglicht, das Wort zu ergreifen und zu kritisieren. Einfach zu sagen: Gut, das stimmt, hier sind wir offenbar einer Meinung, aber dort sind wir es nicht, damit bin ich nicht einverstanden. Wir schaffen es also, Versammlungen abzuhalten, wo jeder zu Wort kommen kann. Die Versammlungen sind öffentlich und so kann es vorkommen, dass Genossen, die diese Form der Versammlung nicht gewöhnt sind, sagen: Das sind ja bloß Worte. Aber diese Worte, wenn wir sie analysieren, drücken sehr vieles aus, sie haben einen speziellen Inhalt. Jemand, der nur vier Worte sagt, kann trotzdem ausdrücken, was er fühlt.“ (Aktivist des CCC) [<a href="#anm29">29</a>]</p>
<p>Potentiell kann diese Art von Versammlung die landläufige Vorstellung von Politik als einer Aktivität von Professionellen, von vermeintlichen Fachleuten, die dafür bezahlt werden, über die Geschicke einer ganzen Nation zu entscheiden, oder von einer vermeintlich aufgeklärten Avantgarde, in das umwandeln, was Politik wirklich sein sollte: eine Aktivität, an der alle Mitglieder einer Gemeinschaft maßgeblich beteiligt sind, insofern sie über ihre gemeinsamen Belange entscheiden und diese organisieren. Eine junge <em>Piquetera </em>sagte mir einmal, dass nur relativ wenige Genossen sich in einer Versammlung zu Wort melden. Wenn sie oder andere Aktivisten den Grund für dieses Schweigen wissen wollen, dann heißt es meistens: „Ich hab keinen Kopf für sowas! Ich kann nicht so reden wie ihr!“ [<a href="#anm30">30</a>] Tatsächlich gibt es vor allem in den unteren Bevölkerungsschichten nur wenige, die daran gewöhnt sind, öffentlich das Wort zu ergreifen, ihre Meinung in einem Kollektiv zu vertreten, und sich für fähig halten, die Macht des eigenen Wortes zu benutzen, um über die Belange des eigenen Lebens und die ihres Umfelds zu entscheiden. Meistens schämen sie sich, weil sie dieses oder jenes Wort „falsch“ gebrauchen, nicht im Sinne der vermeintlichen „Norm der Hochsprache“. Sie schämen sich, weil sie glauben, ihre „mangelnde Schulbildung“, gebe ihnen keine Legitimität, sie schämen sich, weil sie die Verachtung verinnerlicht haben, der sie tagtäglich ausgesetzt sind, sei es in den vorgestanzten Bildern der Kulturindustrie, wo die Armen oft als Stereotype, als lachhafte und lächerliche Figuren auftauchen, sei es im täglichen Kontakt mit Vorgesetzten oder Arbeitgebern, die ihren Angestellten eine bestimmte Sprechweise auferlegen.</p>
<p>„Wenn der Angestellte mit dem Chef redet, dann handelt es sich meistens um kleine Fragen oder um Rechtfertigungen (Soll ich das tun? Nein? Aber Sie sagten doch, ich solle das machen!). So reden die Angestellten. <em>In den meisten Fällen ist die Haltung des unmündig gemachten Menschen schlichtweg die desjenigen, den man zum Schweigen gebracht hat </em>. Es ist nicht das Schweigen von Stummen, sondern das von Stumm-Gemachten, nicht das Schweigen der Klöster, sondern das derer, die beten, sie mögen ihren Job nicht verlieren. Die Sätze des Proletariers – seine Sätze und seine Gebete [<a href="#anm31">31</a>] – haben häufig ökonomischen Inhalt. Es sind die Sätze und Gebete eines Mannes, der auf die Verausgabung seiner körperlichen Arbeitskraft reduziert wurde.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm32">32</a>]</p>
<p>In der Versammlung haben alle das Recht, das Wort zu ergreifen, auch diejenigen, die nicht daran gewöhnt sind, sich dieses Rechts zu bedienen. Es geht beispielsweise darum zu entscheiden, wie der <em>Comedor </em>verwaltet wird, wann der nächste <em>Piquete </em>stattfindet oder was mit dem Geld der Gemeinschaftskasse geschehen soll. Außerdem werden die Perspektiven der Bewegung und nationale politische Fragen diskutiert. Kurzum, die Versammlung kann den bevorzugten Raum sowohl der politischen Bewusstseinsbildung als auch der Beratung über die zentralen Aspekte des Alltags aller am Aufbau der Bewegung Beteiligten bilden. Gleichzeitig kann hier aber auch ein Netz der gegenseitigen psychischen Unterstützung entstehen, das es Menschen mit gleichen Leidenserfahrungen ermöglicht, eine gemeinsame Identität herzustellen.</p>
<p>„Wenn es etwas gibt, das wir der Bewegung verdanken, dann, dass sie uns ermöglicht hat in <em>Versammlungen zusammenzukommen </em>und <em>das Wort wieder zu erobern </em>; sie hat uns ermöglicht, einander zuzuhören, zu entdecken, dass wir wirklich unter Hunger und Elend litten. Wir haben so unsere Würde wiedergefunden. Die <em>Würde </em>steht für uns im Mittelpunkt unserer Arbeit, der <em>Arbeit gegen die Demütigung </em>, gegen den Konformismus.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm33">33</a>]</p>
<p>Eines der größten subjektiven Probleme der Arbeitslosigkeit besteht in ihrer Tendenz, die Menschen voneinander zu isolieren, weil sie sich für ihre Situation schämen, sie als selbst verschuldet ansehen und so als individuelles Problem definieren, was ein Problem des ganzen Landes ist. Von dem Moment an jedoch, da man sich mit anderen zusammenschließt und gemeinsam das „enteignete Wort zurückerobert“, von diesem Moment an wird es möglich, allmählich die Krise zu verstehen und kollektiv die Gewissheit zu erlangen, dass die Ursachen des gemeinsamen Elends nicht in der Inkompetenz und in der mangelnden „Qualifizierung“ des Arbeitslosen liegen, sondern im Zusammenbruch des gesellschaftlichen Systems. Auf diese Weise kann gemeinsam gegen die Verzweiflung angekämpft werden, die alle <em>Prekarisierten </em>und <em>Gedemütigten </em>in ihrem Inneren verspüren.</p>
<p>d) „Arbeit, Würde und gesellschaftliche Veränderung“</p>
<p>Die von den argentinischen Bewegungen entwickelten neuen ökonomischen Praktiken haben bei zahlreichen Lohnabhängigen dazu geführt, dass sie in ihrem Alltag die Bedeutung hinterfragen, welche der <em>Arbeit </em>in der kapitalistischen Gesellschaft zukommt. Das betrifft einerseits ihre wirtschaftliche Funktion, die durch die Ausbeutung der Arbeitskraft und die Reproduktion der kapitalistischen Herrschaft bestimmt ist, andererseits ihre Rolle bei der Identitätsbildung der Individuen, denn die Arbeit bildet insbesondere in den unteren sozialen Klassen immer noch die wichtigste Stütze der Identität. Es erhebt sich daher die Frage: Ist es angesichts der Knappheit von Arbeitsplätzen und der von der Arbeitslosigkeit ausgelösten subjektiven Krise denkbar, eine andere an die produktive Tätigkeit geknüpfte Identität zu schaffen, die der vom Kapitalismus konstituierten und sedimentierten Identität diametral entgegensteht?</p>
<p>Verschiedene Bewegungen haben auf ihre Fahnen geschrieben: <em>Arbeit, Würde und gesellschaftliche Veränderung </em>. Gemeint ist jedoch nicht irgendeine Arbeit, sondern die Entwicklung von Praktiken der Selbstorganisation in der Arbeit, die tagtäglich erforderlich ist, um die ganze von der Bewegung geschaffene Struktur aufrecht zu erhalten, also die Entwicklung von Keimformen horizontaler und egalitärer Beziehungen, die sich am Sozialismus orientieren.</p>
<p>„Wir wollen ‚würdige Arbeit‘ schaffen, und die ist mit Ausbeutung, mit der Unterwerfung der Arbeit unter einen Chef, mit dem darin enthaltenen Diebstahl und mit der Kontrolle der Arbeitszeiten unvereinbar.“ [<a href="#anm34">34</a>]</p>
<p>In wenigen Worten fasst dieser Aktivist den Herrschaftscharakter der kapitalistischen Arbeit zusammen, auf deren Überwindung die alltäglichen Kämpfe der hier beschriebenen Bewegungen zielen, indem sie versuchen, ein neues Verhältnis zur produktiven Tätigkeit zu entwickeln.</p>
<p>„Als erstes muss man sein <em>Selbstwertgefühl </em>wieder finden und in diesem Sinne fühlen wir uns als Arbeiter: als Mensch, der <em>einen Teil seiner Identität zurückgewonnen hat </em>. Und Arbeiter ist man, <em>weil man zum Kollektiv beiträgt </em>, zur Gemeinschaft und <em>nicht, weil man Rendite erwirtschaftet </em>. Wer denkt, der Arbeiter sei derjenige, der Gewinn schafft, für den ist der Arbeitslose ein Paria. Aber bei uns herrschen andere Werte, die nicht die sind, die diese Gesellschaft einem eingibt.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm35">35</a>]</p>
<p><em>Arbeit </em>wird hier verstanden im Sinne einer produktiven Tätigkeit für einen gemeinsamen Zweck, verrichtet von allen für alle und nicht, um in entfremdeter Form Gewinn zu erwirtschaften, der den Eigentümern der Produktionsmittel zufließt. [<a href="#anm36">36</a>]</p>
<p>Es ist für den Einzelnen alles andere als nebensächlich, dass er in der Bewegung seine Arbeit im Hinblick auf die <em>konkreten </em>Bedürfnisse eines bestimmten Zusammenhangs verrichtet: seiner Familie, seiner Nachbarn, seiner Freunde.</p>
<p>„Ich glaube, das kapitalistische System strukturiert einen und zwar so, dass man sich nicht als Mensch fühlt, sondern <em>sein ganzes Leben lang nur als ein Ding </em>. In der Fabrik ist man ein Ding, an der Universität eine Nummer. Wenn ein Genosse hier zum MTD kommt, dann liegt einer der Gründe für seine große <em>Frustration </em>eben darin, sich nicht als Mensch zu fühlen, nicht zu erkennen, dass er etwas tun kann, und zwar nicht nur für einen Boss, der ihm den Befehl dazu gibt. Wir arbeiten viel daran, und wenn wir dann mit den Genossen diskutieren und sie fragen: ,Was fühlst du? Was fühlst du heute im Vergleich zu der Zeit, als du noch nicht im MTD warst?‘, dann lautet die Antwort: ,Ich habe mich hier als Mensch wiedergefunden, <em>plötzlich habe ich entdeckt, dass ich imstande bin, etwas zu tun </em>.‘ &#8230; Wir finden hier, glaube ich, wieder ein wenig zum Thema der Arbeitskultur zurück, nämlich dass wir etwas von uns aus und für uns tun können.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm37">37</a>]</p>
<p>Dieser Genosse gesteht, dass er sich <em>wie eine Sache </em>fühle. Geht es denn nicht eben darum im marxistischen Konzept der „Verdinglichung“, als subjektivem Resultat der Unterwerfung des Arbeitenden unter den kapitalistischen Arbeitsprozess? Die Veränderungsprozesse im Alltag der Aktivisten, die hier das Wort haben, beziehen sich offenbar genau darauf: der <em>Sinn </em>, den manche in der <em>kommunitären Arbeit </em>finden, vermag subjektive Strukturen wiederherzustellen, die Elend und Ausbeutung zerstört hat, jenes Elend und jene Ausbeutung, die diese Arbeitenden jahrzehntelang über sich ergehen lassen mussten. Dieses „Etwas-tun-können“ ist kein bloßes Detail. Es verweist auf eine Veränderung im „Ego“ dieser Menschen, darauf, dass sie vielleicht dabei sind, vergessene oder nie entdeckte individuelle Potentiale (wieder) zu entdecken. Diese Potentiale aber können, wenn sie sich in einem auf soziale Transformation orientierten politischen Projekt entfalten, zu einer politischen Kraft werden, welche die Subjekte mobilisiert und ihnen Würde und Selbstwertgefühl verleiht, ohne die sie sonst nicht einmal fähig wären, aus dem Haus zu gehen, geschweige denn eine soziale Bewegung aufzubauen und in ihren Wohnvierteln oder Städten verankert zu sein. [<a href="#anm38">38</a>]</p>
<p>Manche Genossen hat die Erfahrung des Knüpfens neuer gemeinschaftlicher Beziehungen um die alltägliche Arbeitsaktivität herum zutiefst geprägt. Es erscheint ihnen ganz und gar nicht mehr als „natürlich“, dass man, um zu überleben, gezwungen ist, seine Arbeitskraft auf einem von extremer Konkurrenz und Entwertung geprägten Arbeitsmarkt zu verkaufen. Trotz ihrer prekären Lebensbedingungen sind sie in der Lage, die Grundlagen der Arbeitsgesellschaft infrage zu stellen, und beziehen sich auf mutige und überraschende Weise auf ihre Situation als Arbeitslose.</p>
<p>„ <em>Wir wollen keine Integration </em>. Ich will jedenfalls <em>nicht mehr ausgebeutet werden </em>. Ich will nicht wieder für Fortabat oder Macri arbeiten, das ist klar. Ich kämpfe nicht dafür, dass die mich wieder ausbeuten können. Ich und viele andere Genossen denken, dass wir nicht integriert werden wollen: Wir haben es hier mit etwas ganz anderem zu tun.“ (Hervorhebung von mir) [<a href="#anm39">39</a>]</p>
<p>Nicht wenige meiner Gesprächspartner gaben mir eine ähnliche Antwort, als ich sie fragte, ob sie für einen neuen Arbeitsplatz kämpfen würden. Oft habe ich das überaus vernünftige Argument gehört, ein Arbeitsplatz sei, so wie die Dinge lägen, der Mühe nicht mehr wert. Es würde bedeuten, jeden Tag früh aufzustehen, sich im Durchschnitt auf drei bis vier Stunden Fahrt- und zehn Stunden Arbeitszeit einzustellen, um am Monatsende einen Lohn von 300 oder 400 Pesos nach Hause zu bringen. Da bleibt man besser in seinem Viertel und arbeitet jeden Tag für die Familie, die Freunde und die Nachbarn, statt sein Leben zu vergeuden und es ganz einem Unternehmer zu überlassen, gedemütigt und fortwährend von der Entlassung bedroht, weil es ja jede Menge Leute gibt, die zur Verfügung stehen und sich um den Arbeitsplatz reißen! Freilich sind 150 Pesos am Monatsende wenig. Man sucht sich deshalb ein paar kleine Nebenjobs, isst im <em>Comedor </em>und lebt ein würdigeres Leben, als wenn man tagaus, tagein in einer Fabrik oder in einem Büro eingesperrt ist. So ist ein Punkt erreicht an dem einerseits die kapitalistische Krise, eine immer schärfere Ausbeutung der Arbeitskräfte erzwingt, um die sinkenden Profitraten im produktiven Sektor auszugleichen, andererseits genau dies seine Reproduktion bedroht: Denn das extrem geringe Lohnniveau, vor allem in den Berufen, die „weniger qualifiziert“ sind, bewirkt, dass eine kleine Bresche, wie z. B. die durch die <em>Planes </em>eröffnete, es den Menschen ermöglicht, neue Überlebensalternativen zu erfinden und der so genannten Integration den Rücken zu kehren. [<a href="#anm40">40</a>]</p>
<h4>5. Autonomie und „integrierte Subjektivität“: die Möglichkeit, Zeit und Raum zu kontrollieren</h4>
<p>a) Auf der Suche nach der verlorenen Zeit</p>
<p>Kapitalismus bedeutet in erster Linie: <em>Kontrolle der Zeit </em>. Der Wert einer jeden Ware wird durch die „gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit“ bestimmt. „Zeit ist Geld“, lautet ein bekanntes Sprichwort. Der Kapitalist kauft dem Arbeiter das Recht ab, den Gebrauch seiner Zeit während der vertraglich bestimmten Stunden zu kontrollieren. In den letzten Jahren hat die Tendenz zur Verlängerung des Arbeitstages (zusätzlich zu den schier endlosen in den öffentlichen Transportmitteln verbrachten Stunden) die Tage immer „kürzer“ gemacht und zunehmend dem Zwang der Kapitalverwertung unterworfen. (Übrigens absolvieren auch die Unternehmer und leitenden Angestellten immer längere Schichten, weil es die brutale Konkurrenz des krisenhaften Systems so erzwingt: Abgesehen von ihrer höheren finanziellen Vergütung, sind auch sie Sklaven der Zeitknappheit.) Die Zeit, die einem für sich selbst, die Familie und Freunde bleibt, ist verschwindend gering. Wir verfügen immer weniger über unsere Zeit. [<a href="#anm41">41</a>]</p>
<p>Die Organisationsform der <em>Piqueteros </em>hat es indes in gewissem Maße ermöglicht, diesen Prozess der zunehmenden Enteignung der Lebenszeit umzukehren. In zahlreichen Bewegungen haben die Versammlungen für jeden ihrer Aktivisten, der einen <em>Plan </em>empfängt, eine tägliche Arbeitszeit von vier Stunden festgelegt. Und das ist alles andere als nebensächlich: Es bedeutet die Möglichkeit, zum Aufbau der Bewegung beizutragen und ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln, zugleich aber selbst darüber zu entscheiden, worauf man den Großteil der eigenen Zeit verwendet, sei&#8217;s für eine kleine Nebentätigkeit zur Aufbesserung des Einkommens, sei&#8217;s, indem man mehr Zeit mit seiner Familie verbringt oder an anderen Aktivitäten der Bewegung teilnimmt, wie Diskussionsgruppen oder lokalen Versammlungen. Wie zu erwarten, bleiben die subjektiven Konsequenzen für diejenigen, die an einer solchen Erfahrung teilhaben, nicht aus: „Weißt du, ich war jemand, der für seine Arbeit lebte. Ich stand morgens um drei, vier Uhr auf, fuhr in die Hauptstadt und kehrte abends zurück. Ich wollte es zu etwas bringen, ein Haus bauen, den Kindern das Beste geben und alles, was in der <em>Idee des Fortschritts </em>, des Weiterkommens enthalten ist. Was für ein <em>entsetzlicher Sklave </em>ich war. Darin bestand mein Leben. Sicher, jetzt geht es mir wirtschaftlich zwar schlecht, aber ich habe meine Familie entdeckt, mein Viertel. Ich habe entdeckt, was es bedeutet, zusammen zu sein, Dinge zu teilen. Ich fühle mich jetzt ein wenig freier.“ (Hervorhebungen von mir) [<a href="#anm42">42</a>]</p>
<p>Die perverse Realität der Arbeitslosigkeit kann in konstruktive Praxis verwandelt werden, wenn eine das Leben organisierende kollektive Struktur gefunden wird. Die Bresche, die der Ausschluss aus dem kapitalistischen Produktionsprozess geöffnet hat, ermöglicht es, über viel freie Zeit zu verfügen. Diese Zeit ist leer und sinnlos, wenn das durch die Ausgrenzung verursachte Leiden keine Unterstützung durch ein organisiertes Kollektiv erfährt. Leidet der Mensch in der Isolation, so wird seine „freie Zeit“ mit Sicherheit durch innere Konflikte, Depressionen und psychische Erkrankungen aufgefressen. Er mag dann, wie es oft geschieht, den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen, hypnotisiert vom unaufhörlichen Geflimmer der Bilder, die ihn in einen Zustand der Lähmung versetzen, mit dem er erfolglos versucht, das Elend seiner Existenz zu lindern, Gefangener einer Zeit, die ebenso leer ist wie jene, die ihm der Arbeitsmarkt und das ideologische Versprechen des <em>Fortschritts </em>aufzwingen, wie der <em>Piquetero </em>oben sagt. In diesem Fall kann die Unterstützung durch andere ihm dabei helfen, herausfinden, dass „Fortschritt“ im kapitalistischen System in Wahrheit „Sklaverei“ bedeutet. Sklaverei im Austausch für ein paar Konsumgüter, die nie mehr sind als Brosamen angesichts des Überflusses, in dem die kapitalistische Gesellschaft erstrahlt. Abweichend von unseren vom Konsum kolonisierten Imaginationen hat der oben zitierte Mann – als Folge des wirtschaftlichen Niedergangs – andere subjektive Dimensionen entdeckt, den Kontakt mit den Menschen seiner Umgebung, die Suche nach und die Begegnung mit der „verlorenen Zeit“. Es ist, als sei der Wert der nunmehr von ihm kontrollierten Zeit nicht aufzuwiegen mit dem Lohn, für den er seine Freiheit verkaufte.</p>
<p>Hierzu Francisco Ferrara: „&#8230;eine Alternative zum Reich des Marktes aufzubauen, wird nur dann möglich sein, wenn es uns gelingt, der Hast zu entgehen und langsamere Rhythmen einzuführen &#8230;, mit der Hast Schluss zu machen, um uns zu Aktivitäten des Denkens zu befähigen und dazu, die Disziplinierung außer Kraft zu setzen, die uns der globalisierte Kapitalismus abverlangt&#8230; Es ist notwendig, die Geschwindigkeit abzubremsen und eine intensivere Situationswahrnehmung zu ermöglichen, indem Einrichtungen für die Begegnung geschaffen werden, die eine gemeinsame Teilhabe, den Dialog, die Aufmerksamkeit und die Sorge füreinander sowie kreatives Zusammenwirken ermöglichen.“ [<a href="#anm43">43</a>]</p>
<p>Politische Aktivität in diesem Sinn ist nur schwer vorstellbar, wenn sich ein Mensch schier unendlichen Arbeitstagen gegenüber sieht. Kann man von jemandem, der die Hälfte des Tages damit verbracht hat, auf dem Arbeitsmarkt für sein Überleben zu kämpfen und spät abends geistig und körperlich ausgelaugt nach Hause zurückkehrt, verlangen, dass er an einer Versammlung teilnimmt oder an wichtigen Diskussionen über die Geschicke der Bewegung, die eine geistige Präsenz erfordern, zu der das Gehirn einfach nicht mehr fähig ist? Und wie soll jemand bei <em>Piquetes </em>mitmachen, die ein, zwei oder mehr Tage dauern, wenn er nicht das Risiko eingehen kann, auf der Arbeit zu fehlen und seinen Job zu verlieren? Für den Aufbau der Bewegung war es deshalb von grundlegender Bedeutung, Überlebensalternativen zu schaffen, die es den <em>Piqueteros </em>ermöglichten, über freie Zeit für ihren Aktivismus zu verfügen. Das große Geheimnis des Kapitalismus bestand stets darin, dass es, um Körper und Geist der Menschen zu disziplinieren, kein besseres Mittel gibt, als sie tagtäglich acht oder mehr Stunden zum Arbeiten zu zwingen. Sie werden dadurch um die verfügbare Zeit gebracht, die für intellektuelle und politische Aktivitäten notwendig ist, der letzte Tropfen Energie wird aus ihren Körpern gesaugt und jedes Begehren, jede körperliche und geistige Fähigkeit in den Dienst der Produktion von Waren gestellt, die sich in Profit umwandeln sollen. [<a href="#anm44">44</a>]</p>
<p>b) Das beherrschte Territorium</p>
<p>Kapitalismus bedeutet aber auch: <em>Kontrolle des Raumes </em>. Kontrolle des vom Privateigentum innerhalb des Produktionsprozesses besetzten Raumes: in jeder Fabrik, in allen Fertigungszweigen, in jedem Büro und Geschäft, wo wir nur an den Orten zu sein haben, die das Kapital uns zuweist. Kontrolle des Verkehrsraums, in den großen und kleinen Straßen, die vor allem dafür gebaut wurden, um die Flüsse der Warenproduktion zu erleichtern, statt den Spaziergängen derer zu dienen, die diese Waren herstellen. Kontrolle all jener brachliegenden oder stillgelegten Grundstücke, Fabriken oder Gebäude, die von den Arbeitslosen, den Land- und Obdachlosen genutzt werden könnten, aber unter Verschluss gehalten werden, nur um den Spekulationsinteressen ihrer Eigentümer zu dienen. Kontrolle der Bevölkerung in den Vororten der Metropolen, die aus den Stadtzentren vertrieben wird, um so die Eindämmung eventueller Rebellionsversuche zu erleichtern oder aber, um es so einzurichten, dass die desorganisierte und blindwütige Revolte sich gegen das eigene Stadtviertel wendet statt gegen die wirklichen Unterdrücker.</p>
<p>Um diese Kontrolle zu garantieren, sind die Polizeikräfte in ständiger Alarmbereitschaft, bis an die Zähne bewaffnet mit scharfer Munition, Schlagstöcken und Tränengasbomben. Tag und Nacht durchstreifen sie die Städte, auf der Suche nach denen, die sich nicht abfinden wollen mit dem herrschenden Unrecht, dessen Fortbestand sie mit ihrer Uniform und ihrem Kriegsgerät abzusichern helfen. Sie schrecken nicht davor zurück, Unschuldige zu verletzen oder zu töten, wenn es gilt, öffentlich zu zeigen, wie weit der Staat gehen kann, um die Ordnung des sakrosankten Privateigentums zu garantieren. Dennoch haben wir bereits gesehen, dass die Basisorganisationen der argentinischen Erwerbslosen Breschen in diese Kontrolle zu schlagen vermögen: Die <em>Piquetes </em>kontrollieren den Raum, sie unterbrechen den Verkehr der Waren und Arbeitskräfte, legen die Stadt lahm und machen das Elend zu einem Thema, das alle angeht, selbst diejenigen, die noch nie in der Peripherie von Buenos Aires waren. Andererseits hat ihre territoriale Basis es ihnen ermöglicht, sich kollektiv zur Wehr zu setzen gegen die Macht der <em>Punteros </em>, die lange Zeit als unumstrittene Herrscher der Stadtviertel das Elend der Menschen manipuliert haben. Erschwert wurde so auch die Polizeiwillkür, vor allem gegen junge Arbeitslose ohne jegliche Freizeitalternativen und die den staatlichen Repressionskräften schutzlos ausgesetzt sind. Die <em>Piqueteros </em>haben ebenfalls Dutzende von leerstehenden Grundstücken besetzt und dort Schuppen gebaut, die ihnen als Büros und Versammlungslokale dienen. Auf diesen Grundstücken haben sie ihre <em>Comedores </em>, Bäckereien und Gemüsegärten eingerichtet und so neue Formen urbanen Lebensraums geschaffen.</p>
<p>Kein Zweifel: es hat eine qualitative Veränderung stattgefunden in der Art, wie <em>Zeit </em>und <em>Raum </em>von Tausenden von Menschen erfahren werden, die tagtäglich an der schweren Aufgabe beteiligt sind, die kargen Ressourcen, die sie dem Staat abgetrotzt haben, in Werkzeuge zum Wiederaufbau ihrer Wohnviertel, ihrer Existenzen und Bedürfnisse zu verwandeln. Francisco Ferrara bemerkt dazu, dass sich in dieser neuen Wirklichkeit die Keimform einer <em>integrierten Subjektivität </em>entwickeln könne, gewissermaßen das Negativ der <em>radikalen Fragmentierung </em>, wie sie für das Leben in den großen Metropolen charakteristisch ist: „Der <em>Raum </em>, in dem sich das Leben des <em>Piqueteros </em>abspielt, enthält alles, was für ihn von Belang ist. Seine Arbeit, seine Familie, seine Genossen, seine Versammlungen, seine Sitzungen, die <em>Bombilla </em>-Runden, seine Diskussionsgruppen, seine Gemeinschaftsküche, alles fügt sich im Laufe des Tages zusammen und bietet Gelegenheit für zahlreiche Begegnungen und Entwicklungen. Man könnte sagen, dass der <em>Piquetero </em>nicht einfach da ist, sondern den Raum seines Alltags <em>bewohnt. </em>“ [<a href="#anm45">45</a>]</p>
<p>Das Leben gewinnt auf diese Weise einen langsameren Rhythmus und streift so nach und nach den abstrakten Charakter von <em>Zeit </em>und <em>Raum </em>des Kapitalismus ab. Die täglichen Aktivitäten sind nicht mehr aufgespalten zwischen Wohnung, Stadtviertel und Arbeitsplatz. Jedoch nicht, weil der Arbeitsrhythmus – wie früher – in die Privatsphäre eingebrochen wäre, sondern dank der von den Basisorganisationen geschaffenen Ansätzen autonomer Formen der Reproduktion, die auf die Integration der getrennten Sphären des alltäglichen Lebens zielen. [<a href="#anm46">46</a>] Ich erinnere mich daran, wie überrascht ich jedes Mal war, wenn ich wochentags gegen drei oder vier Uhr nachmittags den „Sitz“ einer Bewegung in irgendeinem Vorort besuchte und dabei 80 oder mehr Personen antraf, die versammelt waren, um nicht nur über Angelegenheiten alltäglicher Organisation etwa des <em>Comedor </em>oder der Kindertagesstätte zu beraten, sondern auch über die politischen Entwicklungen im Land oder darüber, welche Taktik gegenüber der Regierung einzunehmen sei. Und solche Versammlungen fanden gleichzeitig in Dutzenden anderer Stadtviertel mit Hunderten von Personen statt; eine Wirklichkeit, die gewiss nicht viel mit dem gewöhnlichen Alltag eines beschäftigungslosen oder beschäftigten Arbeitskraftverkäufers zu tun hat, und die unerlässliche Voraussetzung einer politischen Organisation: die massive Beteiligung ihrer Mitglieder.</p>
<h4><strong>6. Der Aufbau des Sozialismus beginnt heute </strong></h4>
<p>Mit den strukturellen Veränderungen, die der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat, hat sich auch die Dynamik der sozialen Kämpfe verändert. Ihre wichtigste Bühne war stets der Prozess der Warenproduktion, also die Sphäre der Arbeit. Daher hat sich die Arbeiterklasse in den letzten 150 Jahren in Parteien und Gewerkschaften organisiert, um für ihre Interessen zu kämpfen; ein Kampf, der durchaus nicht gering zu schätzende Erfolge erzielte und der sich in einigen historischen Momenten mit revolutionären Bestrebungen verband, wofür Tausende von Aktivisten ihr Leben ließen.</p>
<p>Alles in allem unterlag in zwei Jahrzehnten der Systemkrise und der neoliberalen Offensive die Sphäre der Arbeit jedoch einer traurigen Geschichte der Degradierung. Wie sollen heute noch in den meisten Sektoren der Ökonomie konsistente Streiks durchgeführt werden, wenn die Armee der Arbeitslosen die Verhandlungsmacht derjenigen schwächt, die noch das „Glück“ haben, ausgebeutet zu werden? Allein im Großraum São Paulo gibt es zwei Millionen Arbeitslose. Wie sollen starke Gewerkschaften und Interessenvertretungen aufrecht erhalten werden, wenn in den großen Metropolen mehr als die Hälfte der Lohnabhängigen nicht formal beschäftigt ist und daher auch nicht gewerkschaftlich vertreten wird? Wenn weiterhin Millionen von Menschen in allen möglichen Formen tertiarisiert und prekarisiert sind und aufgrund erzwungener Flexibilisierung, „Selbstständigkeit“ und anderer unternehmerischer Tricks ihre historisch erkämpften Rechte einbüßen, was ein Herabdrücken des Einkommensniveaus ebenso zur Folge hat wie eine gewaltige Steigerung der Todesraten infolge von arbeitsbedingten Krankheiten, Stress und Arbeitsunfällen? (Der IAO zufolge sind allein im Jahr 2003 zwei Millionen Menschen an den direkten Folgen der Arbeit gestorben, davon 350.000 bei Arbeitsunfällen und 1,65 Millionen aufgrund arbeitsbedingter Erkrankungen. [<a href="#anm47">47</a>] ) Wenn darüber hinaus in den wichtigsten Ökonomien Lateinamerikas sich all diese Tendenzen noch verschärfen? Unglücklicherweise haben es die brasilianischen Gewerkschaften noch nicht geschafft, Organisationsformen für die Masse der Ausgeschlossenen zu entwickeln; vielleicht ist das ja auch von den Gewerkschaften gar nicht zu erwarten, aber im Bereich politischen Handelns sollte man keine Türen endgültig zuschlagen.</p>
<p>Angesichts dieses entmutigenden Bildes war eine Schwächung der gewerkschaftlichen Organisationen zu erwarten. [<a href="#anm48">48</a>] Während die Mehrheit der Gewerkschaften und „Arbeiterparteien“ schon lange aufgehört hat zu kämpfen, sind jene, die sich noch immer im Arbeitskampf engagieren, in einer Sackgasse gelandet. Deshalb waren all diejenigen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben müssen, in den letzten Jahren gezwungen, neue Werkzeuge des Kampfes zu entwickeln. Es sind neue Massenbewegungen entstanden, die für die bisher größten – wenn auch immer noch sehr begrenzten – Fortschritte in den sozialen Kämpfen in Lateinamerika verantwortlich zeichnen.</p>
<p>Das wichtigste Merkmal dieser „neuen sozialen Bewegungen“ ist, dass es sich dabei vor allem um Bewegungen von <em>Prekarisierten </em>handelt. Ich hatte von den Schwierigkeiten beim Aufbau einer Bewegung gesprochen, die sich aus gedemütigten und psychisch geschwächten Menschen zusammensetzt. Der alltägliche Überlebenskampf ist ungeheuer hart, und es fällt sehr schwer, die notwendige Einheit der Bewegung herzustellen angesichts der fortgeschrittenen sozialen <em>Fragmentierung </em>seit Ende des letzten und Anfang dieses Jahrhunderts. Allerdings haben diese Bewegungen auch einen politischen Vorteil, nämlich die Möglichkeit, <em>autonome </em>Organisationsformen zu entwickeln – manche sprechen in diesem Zusammenhang von <em>Gegenmacht </em>oder <em>Parallelmacht </em>–, um das materielle Überleben auf alternative Weise zu sichern, den Fluss der Zeit und den Raum im Alltag zu kontrollieren und insbesondere der veritablen Hölle zu entfliehen, zu der sich die Sphäre der Arbeit in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.</p>
<p>Im Fall der beschäftigten und gewerkschaftlich organisierten Arbeiter geht das politische Potential verloren, das aus der Transformation des Alltags entspringt, aus der Möglichkeit, das Leben zumindest partiell <em>autonom </em>gegenüber den Zwängen des Kapitals zu organisieren. Im Allgemeinen reduziert sich der einzige größere Einfluss der Gewerkschaften auf das alltägliche Leben ihrer Mitglieder auf den – eminent wichtigen – Moment des Streiks. Doch mit der Rückkehr zum alltäglichen Arbeitsrhythmus unter der strengen Kontrolle des Kapitals gehen die Ansätze der <em>Selbstorganisation </em>letztlich verloren.</p>
<p>Um irgendeine Form tiefergehender (also revolutionärer) gesellschaftlicher Transformation zu denken, sind Überlegungen darüber notwendig, wie die Kämpfe von Arbeitslosen und Beschäftigten vereint werden können, doch die gegenwärtige ökonomische und politische Konjunktur scheint eher die Entwicklung von Basisbewegungen denn die von gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen zu begünstigen, was in gewisser Weise auf eine neue Achse der sozialen Kämpfe verweist. (Das bedeutet nicht, dass dieser Prozess einfach sein wird, wie ein Blick auf die Situation der noch sehr schwachen urbanen Bewegungen in Brasilien zeigt. [<a href="#anm49">49</a>] )</p>
<p>Vielleicht besteht eines der Geheimnisse für den bisher relativ erfolgreichen Aufbau einiger <em>Piquetero </em>-Bewegungen genau darin, dass ihre Organisation den <em>Alltag der Menschen </em>verändert. Im ersten Moment ist es nur die Frage des Überlebens, welche die meisten Menschen dazu bringt, sich den Organisationen anzuschließen, weil sie wahrhaben, dass sie nur gemeinsam den Hunger bekämpfen können, der ihre Familien bedroht. Dies erfordert allerdings, dass sie sich jeden Tag versammeln, um alternative Formen des Überlebens zu organisieren: den <em>Comedor </em>, die Gemüsegärten, die Bäckerei, kleine Produktionswerkstätten oder die Betreuung der Kinder. Wenn es der Bewegung darüber hinaus jedoch gelingt, eine konsistente Arbeit der Selbstorganisation und der politischen Bildung umzusetzen und so Bande zwischen den Individuen herzustellen, hat sie die Kraft, einen wichtigen Raum im Imaginären ihrer Mitglieder zu besetzen, die damit beginnen, sich untereinander und mit den Symbolen der Bewegung zu identifizieren, mit ihrem „Nimbus“ und letztlich auch mit ihrem Kampf, der sich über einen bloßen Kampf gegen den Hunger hinaus entwickelt; im Fall der radikaleren Bewegungen hin zu einem Kampf gegen die ökonomische und subjektive Herrschaft des Kapitals. Freilich ist diese Veränderung des Alltags alles andere als leicht in einer Bewegung von Arbeitslosen, denn es ist hier „&#8230;sehr viel schwieriger, alltägliche und dauerhafte Beziehungen aufzubauen, die den Schlüssel für die Konstruktion einer gemeinsamen Identität, eigener Werte und einer eigenen Kultur darstellen und damit letztlich auch für die Entwicklung eines Klassenbewusstseins &#8230;, denn die Voraussetzung dafür sind eigenständige kollektive Organisationen&#8230;“ [<a href="#anm50">50</a>]</p>
<p>Ein solches Bewusstsein resultiert nicht einfach aus der Position, die ein Mensch in der gesellschaftlichen Reproduktionsstruktur einnimmt. Arm zu sein und ausgebeutet zu werden, war bekanntlich nie eine Garantie für eine subversive politische Einstellung; im Gegenteil, wie wir oben gesehen haben, macht eine solche Lebenssituation sogar sehr anfällig für Vereinnahmungsstrategien der politischen und ökonomischen Macht. Daher die Notwendigkeit, kollektive Instanzen zu schaffen, die gleichzeitig auf die Sicherung des materiellen Überlebens zielen als auch auf die Herstellung gemeinsamer Lebenszusammenhänge und die geistige Entwicklung der Beteiligten, sodass diese sich als zugehörig zu einer Gemeinschaft verstehen können und trotz unterschiedlicher Interessen und Ansichten durch ein gemeinsames Ziel verbunden sind, das die Zusammenarbeit aller erfordert.</p>
<p>Zweifellos müssen die <em>Piquetero </em>-Bewegungen in diese Richtung noch viel unternehmen, denn die meiste Energie ihrer Mitglieder wird aus naheliegenden Gründen immer noch von der Lösung unmittelbarer Probleme des materiellen Überlebenskampfs im Alltag verschlungen. Immerhin existieren eine ganze Reihe von Initiativen der Erziehung von Kindern und Jugendlichen, der Alphabetisierung von Erwachsenen, politischer Diskussions- und Studiengruppen, kultureller Veranstaltungen und anderer Aktivitäten zur politischen und kulturellen Bildung, die in nicht allzu ferner Zukunft dazu beitragen könnten, das Selbstbewusstsein der Beteiligten als Mitglieder einer sozialen Bewegung zu stärken und eine gemeinsame Identität herzustellen. Das würde die psychischen Effekte verstärken, die eine gemeinsame Organisierung bewirken kann, indem sie den Individuen dabei hilft, ihre <em>Würde </em>wieder zu erlangen, ihrem Alltag <em>Sinn </em>zu geben und den subjektiven Belastungen zu widerstehen, welche die perverse Dynamik des aktuellen Kapitalismus erzeugt, die Millionen von Menschen ausschließt und demütigt, weil sie für die blinde, irrationale Maschine der Wertverwertung überflüssig sind. Ohne diese Stärkung des Ichs ihrer Mitglieder wird es keine revolutionäre Bewegung geben, die den feindlichen Waffen widersteht.</p>
<p>Mit wenigen Ausnahmen hat die Linke des zwanzigsten Jahrhunderts den Aufbau des Sozialismus immer als eine in der Zukunft liegende Aufgabe betrachtet, die <em>nach der Revolution </em>verwirklicht werden soll. Deshalb bestand die traditionelle Vorstellung der Arbeiterbewegung immer in der Eroberung der politischen Macht, um vermittelst des Staates die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen durchzusetzen. Nun stehen wir keinesfalls kurz vor der Revolution. Ganz im Gegenteil. Offensichtlich bedarf es noch langer und schwerer politischer Anstrengungen, die auf eine Aufhebung des Kapitalismus zielen. Jedoch aufgrund der neuen objektiven Bedingungen und auch aufgrund der unzähligen Lektionen, die wir aus den Niederlagen der letzten Jahrzehnte gelernt haben, erscheint es zumindest als möglich, eine neue revolutionäre Politik zu entwerfen, der zufolge <em>„die gesellschaftliche Transformation nicht nur ein Moment oder ein Ort ist, der erreicht werden muss, sondern auch und vor allem ein Moment und ein Ort, von dem auszugehen und ein Weg, der zurückzulegen ist. Sie ist das Ziel, der Ausgangspunkt und immer auch der Weg.“ </em>[<a href="#anm51">51</a>]</p>
<h4>Anmerkungen:</h4>
<p><a name="anm1"></a>(1) Das Thema dieses Textes und die darin aufgeworfenen Fragen schließen an zwei Reisen nach Argentinien an, die erste im Januar und Februar 2003, die zweite im Juli 2004. Beide Male habe ich sowohl besetzte Fabriken als auch verschiedene Arbeitslosenbewegungen besucht. Dabei konnte ich nicht nur mit zahlreichen Aktivisten von Basisorganisationen Gespräche führen, sondern auch mit Forschern, die beide Erfahrungen untersuchten. Der vorliegende Text wurde Ende 2004 abgeschlossen. Wolfgang Kukulies und Norbert Trenkle übersetzten ihn aus dem brasilianischen Portugiesisch.</p>
<p><a name="anm2"></a>(2) Marco Fernandes, geb. 1979, ist Aktivist im Bereich für politische Bildung des MTST (Movimento dos Trabalhadores sem Teto – Bewegung der obdachlosen Arbeiter), diplomierter Historiker und Sozialpsychologe der Universität São Paulo (USP) und arbeitet als Kellner (marcof36 AT yahoo.com.br).</p>
<p><a name="anm3"></a>(3) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES , <em>La Hipotesis 891 </em>. (Anm. der Übersetzer: MTD ist die Abkürzung für Movimiento de Trabajadores Desocupados = Bewegung erwerbsloser Arbeiter; die MTD SOLANO ist eine nicht-hierarchisch organisierte Bewegung im Großraum Buenos Aires.)</p>
<p><a name="anm4"></a>(4) Die Bezeichnung leitet sich von dem Wort „Piquete“ ab, das laut dem Dicionario Houaiss eigentlich so etwas wie Streikposten meint: „Gruppe von Arbeitern, Gewerkschaftern usw., die sich an der Pforte einer Fabrik, eines Unternehmens versammeln, um den anderen Arbeitern oder Angestellten während eines Streiks den Eintritt zu verwehren“. Die argentinischen <em>Piqueteros </em>tun jedoch weit mehr als dies.</p>
<p><a name="anm5"></a>(5) Siehe Maristella Svampa, Sebastian Pereyra, Entre la ruta y el barrio – la experencia de las organizaciones piqueteras, Editorial Biblos, Buenos Aires 2003.</p>
<p><a name="anm6"></a>(6) Während der gesamten Regierungszeit Menems waren die <em>Piquetero </em>-Bewegungen, was die Verteilung der <em>Planes </em>betraf, absolut abhängig vom Staat. Da nur die Präfekturen die <em>Planes </em>auszahlen dürfen, waren die Bewegungen durchweg von den <em>Punteros </em>und ihrer Willkür abhängig. Die Präfekturen haben die Familien der Erwerbslosen zwar registriert, sich jedoch nie klar zu den Erhebungsmethoden geäußert. Die Machtübernahme von De la Rua (1999-2000) eröffnete dann ein neues Kapitel in der Geschichte der Bewegungen. Die <em>Piqueteros </em>konnten von dem Konflikt zwischen De La Ruas Partei, der Radikalen Bürgerunion (UCR – Union Civica Radical) und den Peronisten (Partido Justicialista) profitieren und so als neue politische Kraft hervorzutreten. Um die Macht der PJ in den Kommunen der Provinz Buenos Aires (wo die absolute Mehrheit der Präfekturen von den Peronisten kontrolliert wurde) zu schwächen – aber auch um, gestützt auf die Empfehlungen von Weltbank und IWF, eine Dezentralisierung der Sozialpolitiken durchzusetzen, mit dem Ziel, diese angeblich effizienter zu gestalten – nahm De la Rua den Kommunen die exklusive Befugnis zur Auszahlung der <em>Planes </em>. NGOs wurden damit beauftragt, „Kommunitäre Projekte“ auszuarbeiten und diese direkt dem Arbeitsministerium vorzulegen. Von da an konstituierten die Bewegungen sich als „juristische Person“, konnten selbst direkt mit dem Staat verhandeln und die <em>Planes </em>nach eigenen Kriterien an ihre Mitglieder weiterleiten, wodurch sie eine bis dato ungekannte Autonomie gewannen. Dies ermöglichte nicht nur das Erstarken großer Organisationen wie der Frente por Tierra y Vivienda (FTV) und der Corriente Classista y Combativa (CCC), die mit dem Partido Comunista Revolucionario verbunden ist, sondern auch das quantitative Wachstum und die Autonomie von bislang kleinen Bewegungen wie dem MTD Anibal Véron, dem Movimiento Teresa Rodriguez (MTR), dem Polo Obrero (PO), angebunden an den trotzkistischen Partido Obrero, usw. Siehe Svampa , Pereyra , a.a.O.</p>
<p><a name="anm7"></a>(7) Anm. der Übersetzer : Ausdruck für einen Gewerkschaftsfunktionär, der die Basis im Sinne von Unternehmern und/oder Staat kontrolliert.</p>
<p><a name="anm8"></a>(8) Berechnungen der Menschenrechtsorganisationen und der Bewegungen zufolge sitzen wegen ihrer Beteiligung an sozialen Protesten und an linken Organisationen an die 4.000 Menschen im Gefängnis oder werden strafrechtlich verfolgt. Darüber hinaus gibt es unzählige Berichte von Gewalttätigkeiten und Ermordungen von Bewegungsmitgliedern durch Zivilpolizisten oder durch <em>Punteros </em>. Teresa Rodriguez und Anibal Veron – nach denen sich zwei Bewegungen benannt haben – sind bekannte Beispiele von durch die Polizei ermordeten AktivistInnen. Ein anderer spektakulärer Fall ist das so genannte „Massaker von Puente Puyrredon“. Bei einer Großdemonstration am 26. Juni 2002 wurden vor laufenden Fernsehkameras zwei <em>Piqueteros </em>– Dario Santillan und Maximiliano Kostecki – von der Polizei erschossen. Wie man sieht, hält der argentinische Staat an der Tradition der physischen Liquidierung seiner Gegner fest.</p>
<p><a name="anm9"></a>(9) „Die Konsolidierung der Bewegung erfordert Bildung. Denn wenn wir uns zufrieden geben mit reinen Sachforderungen oder mit wirtschaftlichen Forderungen, dann kann es passieren, dass, wenn sie uns eines Tages die <em>Planes </em>streichen, die Bewegung keinen Inhalt mehr hat und zerfällt, weil der einzige Grund, aus dem die Leute mitmachen, die wirtschaftliche Frage ist.“ (Aktivist des Movimiento 26 de Junho), Miguel Mazzeo, <em>Piqueteros – notas para una tipologia </em>, S. 81. Wie wir später sehen werden, verläuft dieser Bildungsprozess über neue selbstorganisierte Formen politischer und wirtschaftlicher Praxis.</p>
<p><a name="anm10"></a>(10) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, <em>La Hipotesis 891 – Mas allá de los piquetes </em>, Ediciones de mano en mano, Buenos Aires 2002, S. 67.</p>
<p><a name="anm11"></a>(11) Es ist schwer die Erwerbslosenbewegungen auf einen allgemeingültigen Begriff zu bringen. In Gesprächen mit Aktivisten und Forschern in Argentinien war mehrfach die Rede von „Ausgeschlossenen“, um die Situation der <em>Piqueteros </em>zu beschreiben. Dieser Begriff ist jedoch missverständlich: Erstens ist ein Arbeitsloser nicht schlichtweg ein „Ausgeschlossener“, denn es kommt häufig vor, dass Menschen ohne feste Arbeit dann und wann einen kleinen Job annehmen; letztlich aber steht ohnehin niemand „außerhalb“ des Systems, weil auch die Masse der Arbeitslosen durchaus in gewisser Weise funktional für die Kapitalverwertung ist, indem sie etwa die Verhandlungsmacht der Beschäftigten schwächt und so dazu beiträgt, den Preis der Ware Arbeitskraft zu drücken. Ich benutze – zumindest vorläufig – den Begriff der „Prekarisierten“, denn er scheint mir die Situation derjenigen zu beschreiben, die nie eine feste Stelle finden, sich den erniedrigenden Bedingungen kurzfristiger Arbeitsverhältnisse unterwerfen müssen, keinen Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen haben und ohne jede soziale Absicherung dastehen, die es in der vermeintlich „guten alten Zeit“ des argentinischen Kapitalismus immerhin gegeben hatte.</p>
<p><a name="anm12"></a>(12) Francisco Ferrara, Mas alla del corte de rutas – la lucha por una nueva subjetividad, La Rosa Blindada, Buenos Aires 2003, S. 24.</p>
<p><a name="anm13"></a>(13) „Frauen bilden die große Mehrheit in der Bewegung. Die Männer legen in der Regel die Hände in den Schoß, werden depressiv, hängen den ganzen Tag vor dem Fernseher und wissen nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Die Frau verlässt das Haus um nach einer Lösung zu suchen. Sie kommt zur Bewegung, fängt an, darin zu arbeiten, während der Mann erst später nachkommt.“ (Gespräch mit einer Aktivistin des MTD Varela anlässlich einer Demonstration auf dem Puente Pueyrredon im Januar 2003). Selbstverständlich sind von diesen psychischen Krisen, die auch andere Formen annehmen können, alle sozialen Klassen betroffen. Das zeigen die empirischen Forschungen von Cristophe Dejours „Travail usure mentale“ und „La Banalisation de l&#8217;injustice sociale“, die Studie „Der flexible Mensch“ von Richard Sennett sowie die klinische Analyse eines leitenden Angestellten der Börse von Sao Paulo durch den Psychoanalytiker Tales Ab&#8217;Saber in „Sete ensaios de dialetica infantil“ (noch unveröffentlicht). Hier interessiert uns jedoch nur die Diskussion bestimmter Aspekte der Dynamik des psychischen Leidens bei den unteren Klassen.</p>
<p><a name="anm14"></a>(14) Um eine Vorstellung von dem ungeheuren Verarmungsprozess zu geben, der in Argentinien stattgefunden hat: Mitte der 70er Jahre umfasste die so genannte Mittelschicht ungefähr 75 % der Bevölkerung, im Jahr 2002 waren es laut offiziellen Daten nur noch 30 % (Interview mit der Soziologin Maristella Svampa im Juli 2004).</p>
<p><a name="anm15"></a>(15) José Moura Filho Gonçalves , Humilhaçao Social – um problema politico em psicologia, Revista de Psicologia da USP, Jg. 9, Nr. 2, 1998, S. 15.</p>
<p><a name="anm16"></a>(16) Wir erinnern hier daran, wie Laplanche/Pontalis in ihrem Wörterbuch dieses Freudsche Konzept definieren: „Reaktion des Subjekts, wenn es sich in einer traumatischen Situation befindet, d.h. einer Reizanflutung aus inneren oder äußeren Quellen ausgesetzt ist, <em>die es nicht bewältigen kann </em>&#8230; Unter ,traumatischer Situation‘ ist ein nicht zu bewältigendes Anfluten zu zahlreicher und intensiver Reize zu verstehen&#8230;“ (Hervorhebung von mir), Jean Laplanche, J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, STW, Frankfurt 1977, Bd. 1, S. 64.</p>
<p><a name="anm17"></a>(17) Filho Gonçalves , a.a.O., S. 53.</p>
<p><a name="anm18"></a>(18) Mazzeo, a.a.O., S. 47.</p>
<p><a name="anm19"></a>(19) „Manchmal machen wir im Gespräch mit aktiveren Mitgliedern der Bewegung Witze, wenn uns manchmal klar wird, dass das, was wir sagen, wenn wir mit bestimmten Genossen reden, die seit langem arbeitslos sind und die viele Probleme zu Hause haben usw., auch aus irgendeinem Selbsthilfehandbuch stammen könnte. Wir witzeln darüber, aber wir wissen auch, dass wir bei einigen Genossen, die sich in einer schwierigen Lage befinden, mitunter die Rolle von ‚Psychologen‘ einnehmen müssen. Aber so ist das nun mal, das Leben ist schwer.“ (Gespräch mit einem Aktivisten des MTR, Juli 2004).</p>
<p><a name="anm20"></a>(20) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 172. Zu dieser Tendenz gehören im Wesentlichen der Movimiento Teresa Rodriguez (MTR) und die verschiedenen Bewegungen, die noch bis vor kurzem den MTD Anibal Veron bildeten, der u.a. Bewegungen zusammenfasste wie die MTDs von Solano, Almirante Brown, Lanus, Lugano und Florencio Varela (vor ein paar Monaten löste sich der MTD Anibal Veron in zahlreiche unabhängige Bewegungen auf). Das erfolgreichste Beispiel für diese autonome Organisationsform ist laut Maristella Svampa die Union der erwerbslosen Arbeiter (UTD) in Mosconi, in der Nordprovinz Salta. Natürlich finden sich auch bei anderen Bewegungen ähnliche Organisationsformen. Doch erstens sind die <em>autonomen Bewegungen </em>– vielleicht weil sie mehr Sympathie und Affinität bei den Linksintellektuellen erweckt haben – ausführlicher studiert worden als größere und im ganzen Land präsente Bewegungen wie die FTV und die CCC oder gar der MJD (Unabhängige Bewegung der Rentner und Arbeitslosen), weshalb wir über sie viel mehr Informationen besitzen. Zweitens sieht die für den „offiziellen Diskurs“ verantwortliche Führung dieser größeren Bewegungen die Praktiken der Selbstorganisation durchweg nicht als möglichen Prozess der politischen Bewusstseinsbildung und der Bildung einer neuen Identität. Sei es wegen ihrer Hoffnung auf die Wiedereingliederung in die „Arbeitsgesellschaft“ und einer Vision der Wiederherstellung des argentinischen Kapitalismus – wie etwa bei der FTV, sei es, weil sie ein traditionelles Modell des politischen Kampfes verfolgen, das sich auf das Fabrikproletariat stützt – wie etwa der (trotzkistische) Polo Obrero und teilweise die CCC. Der Soziologin Maristella Svampa zufolge (Gespräch vom Juli 2004) ist die CCC die Organisation, die am stärksten die Praxis der Versammlungen entwickelt hat, wenngleich die Identität ihrer Führung stark vom Erbe der Fabrik geprägt ist, wodurch die <em>Stadtteilarbeit </em>im Prinzip transitorischen Charakter erhält. Tatsächlich aber ist die CCC wenig studiert worden, was eine klare Einschätzung ihrer alltäglichen Praktiken unmöglich macht.</p>
<p><a name="anm21"></a>(21) „Wenn der Arbeiter in einer Fabrik Forderungen stellte, die für den Unternehmer inakzeptabel waren, dann wurde die Fabrik am Ende besetzt. Heute haben wir keine Fabrik mehr. Als wir die Straßen besetzten, entdeckten wir, dass wir dadurch den Busverkehr lahm legten. Die Produktion kommt zum Stillstand. Für uns als Arbeitslose handelt es sich dabei um ein äußerst wertvolles Kampfinstrument.“ Ferrara, a.a.O., S. 40.</p>
<p><a name="anm22"></a>(22) Ebenda, S. 128.</p>
<p><a name="anm23"></a>(23) Dieser Ausdruck stammt aus einer Diskussion zu diesem Thema mit dem Psychoanalytiker Tales Ab&#8217;Saber.</p>
<p><a name="anm24"></a>(24) Sieben Jahre nach dem ersten <em>Piquete </em>in der Hauptstadt und mehr als zwei Jahre nach der Wirtschaftskrise, die einen Augenblick lang die Mittelklasse gegen die Regierung aufbrachte und sie dadurch den Basisbewegungen annäherte, hat sich das politische Panorama Argentiniens in mancher Hinsicht verändert, vor allem nach der Machtübernahme durch Nestor Kirchner (PJ). Der gegenwärtige Präsident hat eine „linke Vergangenheit“. Er gehörte in den 70er Jahren dem radikalen Guerillaflügel des Peronismus an, den so genannten Montoneros. Dies hat dazu beigetragen, ihm ein „progressives“ Image zu verleihen und den Ruf eines Politikers, der imstande ist, Argentinien wieder zu einem „seriösen Land“ zu machen. Die allgemeine „Anti- <em>Piquetero </em>-Stimmung“, die sich bei einem Großteil der Bevölkerung von Buenos Aires durchgesetzt hat, diente als Grundlage zum letzten Putsch der Rechten, dem so genannten „Codigo de convivencia“ (etwa: „Kodex des Zusammenlebens“; Anm. der Übersetzer). Es handelt sich dabei um einen Gesetzentwurf für die Stadt Buenos Aires, der bislang nur deshalb nicht verabschiedet wurde, weil die massive Mobilisierung der Bewegungen im Juli 2004 dies nicht zuließ. Dieser „Kodex“ ist ein Projekt von Francisco Macri (Politiker und Eigentümer der Post und des Fußballclubs Boca Juniors). Eingebracht wurde es nach der Ermordung eines Jugendlichen der oberen Mittelschicht durch seine Entführer, die, wie später herauskam, mit der Polizei unter einer Decke steckten. Die Initiative wurde von Kirchner diskret unterstützt und sieht die Herabsetzung des Strafmündigkeitalters von 18 auf 14 Jahre vor, ein Verbot des Straßenhandels, der Prostitution und natürlich der Straßenproteste, die angeblich das „Recht auf freien Verkehr“ einschränken. Die vorgesehenen Geldstrafen sind sehr hoch und bei Wiederholung droht Gefängnis. Dies ist einer der Gründe dafür, dass einige Bewegungen glauben, die Wirksamkeit der <em>Piquetes </em>sei vorläufig an ihre Grenzen gestoßen. Der Augenblick sei gekommen, die „Basisarbeit“ zu verstärken und neue Formen der direkten Aktion und der Konfrontation mit den herrschenden Kräften zu finden, um den Forderungen der Bewegungen so einen breiteren, ja universellen Charakter zu verleihen. So könne die auf Isolation der Bewegungen zielende Regierungspolitik bekämpft und die Unterstützung anderer Sektoren der Gesellschaft erreicht werden. Dazu werden vor allem privatisierte Unternehmen des öffentlichen Dienstes ins Visier genommen, die aus ersichtlichen Gründen nicht mit der Sympathie der Bevölkerung rechnen können: hohe Preise und miserable Leistungen. Mit Protesten werden die Verbesserung des öffentlichen Dienstes und Preissenkungen gefordert. Ein Beispiel ist die Besetzung der Fahrkartenschalter der großen Bahnhöfe, die das Unternehmen daran hindert, den Fahrgästen das Fahrgeld abzunehmen – gewissermaßen wird die Logik der <em>Piquetes </em>so umgekehrt und der Verkehr für alle „befreit“. Eine andere interessante Kampagne wird – zusammen mit anderen Bewegungen – von dem Movimiento Teresa Rodriguez (MTR) durchgeführt. Sie richtet sich gegen den spanischen Ölmulti REPSOL, der sich die Taschen mit einträglichen Geschäften wie dem Verkauf von Propangasflaschen füllt. Einer Studie der Defensoria Publica zufolge kostet das Unternehmen eine Propangasflasche, die es für bis zu 30 Pesos verkauft lediglich 6,10 Pesos. Die Gewinnmarge ist also immens hoch. Damit greifen die Bewegungen ein Problem auf, das die ganze Bevölkerung betrifft und nicht bloß die Erwerbslosen, und schaffen so die Voraussetzungen dafür, dass sich ihnen mehr Menschen anschließen, sowie für Allianzen mit progressiveren Sektoren der Mittelschicht und Politikern, die – sagen wir es einmal so – eher links stehen.</p>
<p><a name="anm25"></a>(25) Die „Armutsgrenze“ in Argentinien, d.h. das monatliche <em>Pro-Kopf </em>-Einkommen innerhalb einer Familie, ab dem man als „arm“ gilt, wird von der Regierung mit 350 Pesos angegeben.</p>
<p><a name="anm26"></a>(26) Man sollte wissen, dass Argentinien gegenwärtig ausreichend Lebensmittel für 300 Millionen Menschen produziert, und das bei einer Bevölkerung von 37 Millionen (Angaben der Weltgesundheitsorganisation). Daten der argentinischen Regierung zufolge lag der Prozentsatz der Menschen unter der Armutsgrenze im Jahre 2002 bei ca. 50 % der Bevölkerung. Der Hungerindex (das Einkommen reicht nicht einmal für den Kauf von Lebensmitteln aus) lag bei 20 % der Einwohner des Landes.</p>
<p><a name="anm27"></a>(27) Ein Großteil des Geldes, das für die Auszahlung der <em>Planes </em>bestimmt ist, stammt aus den Safes der Weltbank. Es sollte nicht ausgeblendet werden, dass dieses Programm Teil einer neuen Herrschaftsstrategie in Argentinien wie auch auf internationaler Ebene ist, um die Verelendeten des Landes zu kontrollieren. Es sei daran erinnert, dass nur ein kleiner Teil der <em>Planes </em>von den Bewegungen kontrolliert wird (schätzungsweise 10 % der Gesamtsumme). Auf dem Höhepunkt des Programms im Jahre 2002 verteilte der Staat 2,2 Millionen <em>Planes </em>, nur 200.000 davon gingen an die <em>Piquetero </em>-Organisationen. So unbedeutend sie vom nationalökonomischen Standpunkt sein mögen, eine beachtliche finanzielle Bedeutung erlangten die <em>Planes </em>im spezifischen Fall der Gemeinde La Matanza, wo die beiden größten <em>Piquetero </em>-Bewegungen konzentriert sind: die FTV und die CCC. „Wir ziehen folgende Bilanz: In La Matanza erbringen die <em>Planes </em>ein jährliches Einkommen von 180 Millionen Pesos, während das Budget der Präfektur 200 Millionen beträgt. Ohne die <em>Planes </em>wäre die Gemeindeverwaltung bereits abgefackelt worden.“ (Gespräch mit dem Führer der CCC, Juan Carlos Alderete, in: <em>Pagina 12 </em>vom 22.7.2004, S. 6). Ein anderes unlängst von der Regierung ebenfalls mit finanzieller Hilfe der Weltbank geschaffenes Programm ist das so genannte „Manos a la obra“ (Ran an die Arbeit), das von den <em>Piqueteros </em>sarkastisch als „Manos a la sobra“ (Ran ans Geld) bezeichnet wird. Dabei handelt es sich um ein Finanzierungsprogramm für Kleinkooperativen, auf das die Regierung zurückgreift, um nach und nach die <em>Planes </em>zu kürzen. Auch hier eröffnen sich bestimmte Möglichkeiten für Bewegungen, die bereits kleine Produktionsunternehmen geschaffen haben. Dem MTR beispielsweise, der von Regierung und Presse als eine der „radikalsten“ Bewegungen angesehen wird, gelang es, einen Kredit zum Aufbau eines kleinen Konfektionsbetriebs zu bekommen. Ein anderes bezeichnendes Beispiel ist das des MTD Resistir e Vencer, der ein vierstöckiges Gebäude in Avellaneda (Stadtteil im Süden von Buenos Aires) besetzte, später durch das erwähnte Programm finanziert wurde und heute ein kleines Kulturzentrum, eine Bäckerei, eine kleine Lederfabrik, ein Konfektionsatelier sowie eine kleine Brauerei betreibt, in der ein übrigens schmackhaftes Bier hergestellt wird. Die Bewegung gab wie viele andere auch nach der Machtübernahme Kirchners ihren Widerstand gegen die Regierung auf. So etwa die FTV, deren Führer Luis D&#8217;Elia ein Amt in der Regierung bekleidet, und die Bewegung „Barrios de Pie“, die im vergangenen Jahr dank Abkommen mit der Regierung erheblichen Zulauf verzeichnete. Kirchners Plan lief klar darauf hinaus, den weniger kämpferischen Bewegungen Zugeständnisse zu machen und radikalere Bewegungen wie die „Autonomen“ zu isolieren.</p>
<p><a name="anm28"></a>(28) Damit keine Verwirrung entsteht, sei hier eine Bemerkung angebracht. Ein anderes Phänomen, das nach dem Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft 2001 berühmt wurde, waren die so genannten „Asambleas vecinales“ (Nachbarschaftsversammlungen), die vor allem in bürgerlichen Vierteln der Hauptstadt organisiert wurden. Aus einer Reihe von Gründen, auf die ich hier nicht weiter eingehen kann, haben sich diese Versammlungen größtenteils aufgelöst. Übriggeblieben sind einige Erfolgsmodelle, wie die „Asamblea El Cid Campeador“ mit ihrer regen kulturellen Aktivität und die „Asamblea vecinal de Colegiales“, die bei der Distribution und Vermarktung von Erzeugnissen besetzter Fabriken und einiger <em>Piquetero </em>-Organisationen behilflich ist. Es handelt sich dabei aber um Erfahrungen, deren soziale Basis sehr verschieden ist.</p>
<p><a name="anm29"></a>(29) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 181.</p>
<p><a name="anm30"></a>(30) Gespräch mit einem Mitglied des MTD Almirante Brown im Januar 2003.</p>
<p><a name="anm31"></a>(31) Anm. der Übersetzer: Das Wort „orações“ bzw. „oraciones“ bedeutet im Portugiesischen bzw. Spanischen sowohl „Sätze“ als auch „Gebete“.</p>
<p><a name="anm32"></a>(32) Filho Gonçalves , a.a.O., S. 30.</p>
<p><a name="anm33"></a>(33) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 248.</p>
<p><a name="anm34"></a>(34) Ebenda, S. 247. Innerhalb der Bewegungen wird über die Forderungen und die organisatorische Ausrichtung im Hinblick auf die Frage der <em>Arbeit </em>diskutiert. Die „autonomen Bewegungen“ kämpfen für das, was sie „würdige Arbeit“ nennen, d.h. Initiativen wie die oben diskutierten, die auf Aufbau der Selbstorganisation in den Stadtvierteln zielen. Andere Bewegungen, die an Linksparteien angebunden sind, wie der Polo Obrero, ein Teil der CCC und der FTC fordern „echte Arbeit“ ein, d.h. Arbeitsplätze in Fabriken oder Bereichen des öffentlichen Dienstes. Die CCC ist dennoch in einigen von den Arbeitern besetzten und selbstverwalteten Fabriken aktiv.</p>
<p><a name="anm35"></a>(35) Ebenda, S. 70.</p>
<p><a name="anm36"></a>(36) „Unwürdig ist die Ausbeutung. Ich finde, dass wir damit beginnen müssen, andere Beziehungen zu entwickeln. Wir haben keine fertige Idee von den Formen der Produktion, die wir schaffen wollen, aber klar ist auf jeden Fall, dass es keine Ausbeutungsbeziehungen sein werden .“ Ebenda., S. 69.</p>
<p><a name="anm37"></a>(37) Svampa , Pereyra, a.a.O., S. 192.</p>
<p><a name="anm38"></a>(38) „Verankert zu sein ist vielleicht die wichtigste und am wenigsten bekannteste Notwendigkeit der menschlichen Seele. Sie gehört zu denen, die am schwierigsten zu definieren sind. Ein Mensch ist verankert wegen seiner wirklichen, aktiven und selbstverständlichen Teilnahme am Leben eines sozialen Zusammenhangs, der gewisse Errungenschaften der Vergangenheit sowie gewisse Ahnungen von der Zukunft lebendig erhält.“ Filho Gonçalves, a.a.O., S. 56.</p>
<p><a name="anm39"></a>(39) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 59. Es ist klar, dass eine solche Position wütende Reaktionen bei den Funktionären der kapitalistischen Herrschaft provoziert. Dies spiegelt sich beispielsweise in einer unlängst von Innenminister Aníbal Fernández abgegebenen Erklärung wider: „Wenn jemand diesen Leuten (den <em>Piqueteros </em>) eine Schaufel zeigt, dann bekommen sie einen Fieberanfall. Keiner von denen hat Lust zu arbeiten.“ (Tageszeitung <em>El Clarin </em>vom 30.8.2004). Als würden die <em>Piqueteros </em>den ganzen Tag die Füße hoch legen und Mate trinken. Der Minister war zudem noch so dreist, diese Bemerkung zu machen, nachdem er zugegeben hatte, es sei nicht genügend Arbeit für alle da! Mit anderen Worten: Die Wirtschaft ist außerstande, Arbeitsplätze zu schaffen, aber die Armen tragen die Schuld, weil sie nicht „arbeiten“.</p>
<p><a name="anm40"></a>(40) Im Dezember 1995 legte ein Generalstreik tagelang das öffentliche Leben in Frankreich lahm. Damals fand ein von der Zeitung <em>Le Monde Diplomatique </em>veröffentlichtes Interview mit einer Demonstrantin ziemlich weite Verbreitung, weil es etwas ausdrückte, was man aus dem Mund von Erwerbslosen bis dahin kaum gehört hatte. Befragt, ob sie demonstriere, damit ihr Sohn einen Job bekomme, antwortete die Frau mit Nein, denn mit den Arbeitsplätzen gehe es zu Ende und es werde ohnehin nie genug Jobs für alle geben. Dennoch habe auch ihr Sohn das Recht auf ein menschenwürdiges Leben und deshalb demonstriere sie für Bildung, Gesundheit, Kultur usw. für alle. So fortgeschritten ein solches Argument auch sein mag, es ist leichter, es in einem Land wie Frankreich zu formulieren, dessen Modell des Wohlfahrtsstaats zu den erfolgreichsten gehörte, und von einer Mittelschichtsfrau, die ihre Rechte gewissermaßen als „natürlich“ betrachtet. Dass ein Armer aus den Vororten von Buenos dieses Argument „gegen die Arbeit“ benutzt, erscheint als ein Signal dafür, dass die <em>Piquetero </em>-Erfahrung es in einigen Fällen vermocht hat, ein scharfes kritisches Bewusstsein über die Grenzen der kapitalistischen Reproduktion zu schaffen sowie über die Situation derer, die die Folgen davon direkt zu tragen haben.</p>
<p><a name="anm41"></a>(41) In Walter Benjamins „Geschichtsphilosophischen Thesen“ gibt es eine schöne Stelle, die das mitunter latente Bewusstsein von der Bedeutung bezeugt, welche der Herrschaft der Zeit im von der Arbeit geprägten Leben zukommt: „Noch in der Juli-Revolution hatte sich ein Zwischenfall zugetragen, in dem dieses Bewusstsein zu seinem Recht gelangte. Als der Abend des ersten Kampftages gekommen war, ergab es sich, dass an mehreren Stellen von Paris unabhängig voneinander und gleichzeitig auf die Turmuhren geschossen wurde. Ein Augenzeuge, der seine Divination vielleicht dem Reim zu verdanken hat, schrieb damals: „ Qui le croirait, qu&#8217;irrités contre l&#8217;heure // De nouveaux Josués au pied de chaque tour // Tiraient sur les cadrans pour arrêter le jour. “ Walter Benjamin, Illuminationen, Frankfurt/Main 1961, S. 277.</p>
<p><a name="anm42"></a>(42) MTD SOLANO y Colectivo SITUACIONES, a.a.O., S. 195. Einen interessanten Fall gab es in dem MTD La Matanza. Nachdem die Produktion von Kleidung für eine bekannte Marke angelaufen war, wurden die <em>Piqueteros </em>dazu aufgefordert, die Produktion zu steigern. Da es dazu nötig gewesen wäre, mindestens acht Stunden täglich zu arbeiten, beschloss die Bewegung, nicht mehr für diese Marke zu arbeiten und nach anderen Abkommen zu suchen, die ihre zeitliche Autonomie wahrten.</p>
<p><a name="anm43"></a>(43) Ferrara , a.a.O., S. 100.</p>
<p><a name="anm44"></a>(44) „Die konkreten Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft <em>erzwingen den Konformismus </em>und nicht die bewussten Beeinflussungen, welche zusätzlich die unterdrückten Menschen dumm machten und von der Wahrheit abzögen“ (Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1971, S. 36). Dieser Satz fasst einen der Aspekte des Konzepts „Verdinglichung“ zusammen, wie es die Schriften der Frankfurter Schule enthalten. Demzufolge ist es, vor jedem ideologischen Diskurs, der zweifelsohne ein wichtiges Moment in der Aufrechterhaltung der Herrschaft darstellt, die Objektivität des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst, der die Arbeitenden in den Netzen der Unterdrückung gefangen hält. Diese Idee zieht sich übrigens als roter Faden durch alle Aufsätze in diesem Buch. Ähnliches wurde auch meisterlich von einem Philosophen zum Ausdruck gebracht, der weder Marxist noch irgendwie „links“ ist, der aber ein scharfes Gespür für die Herrschaftsmechanismen der westlichen Zivilisation besitzt, vom Christentum bis hin zum Kapitalismus: „Im Grunde fühlt man jetzt &#8230;, dass eine solche Arbeit die beste Polizei ist, dass sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüstes kräftig zu hindern versteht. Denn sie verbraucht außerordentlich viel Nervenkraft und entzieht dieselbe dem Nachdenken, Grübeln, Träumen, Sorgen, Lieben, Hassen“ (Friedrich Nietzsche, Die Lobredner der Arbeit, 1881, zitiert nach Gruppe Krisis, Manifest gegen die Arbeit, Erlangen 1999, S. 23).</p>
<p><a name="anm45"></a>(45) Ferrara, a.a.O., S. 119.</p>
<p><a name="anm46"></a>(46) Einen guten Hinweis auf die Aufhebung dieser Sphärentrennung als Ergebnis einer Aufhebung der Warengesellschaft findet sich im folgenden Abschnitt des „Manifests gegen die Arbeit“: „Allerdings verändert alle Tätigkeit ihren Charakter, wenn sie nicht mehr in eine selbstzweckhafte und entsinnlichte Sphäre von abstrakten Fließzeiten gebannt wird, sondern ihrem eigenen, individuell variablen Zeitmaß folgen kann und in persönliche Lebenszusammenhänge integriert ist; wenn auch in großen Organisationsformen der Produktion die Menschen selber den Ablauf bestimmen, statt vom Diktat der betriebswirtschaftlichen Verwertung bestimmt zu werden. Warum sich hetzen lassen von den dreisten Anforderungen einer aufgezwungenen Konkurrenz? Es gilt, die Langsamkeit wiederzuentdecken“ (S. 45f.).</p>
<p><a name="anm47"></a>(47) Daten aus <em>Le Monde Diplomatique </em>, Juli 2004 (spanische Ausgabe).</p>
<p><a name="anm48"></a>(48) Ein bezeichnendes Beispiel hierfür war der Streik der brasilianischen Bankangestellten im Jahr 2004, der trotz eines hartnäckigen Kampfes von über einem Monat seine Ziele nicht einmal annähernd erreichte. Die Banken, deren Gewinne jedes Jahr um 20 % zunehmen, haben ihren Angestellten lediglich ein paar Brosamen zugestanden. Tatsächlich waren es letztlich die Beschäftigten der staatlichen Banken ( <em>Caixa Econômica Federal </em>und <em>Banco do Brasil </em>), die den Streik aufrechterhielten, weil ihre Arbeitsplätze sicher sind. (Es ist aber auch wichtig, an die Beteiligung der <em>Conlutas </em>zu erinnern, einer neuen Gewerkschaft, die sich gerade als Kontrapunkt zur konservativen Gewerkschaftszentrale der CUT organisiert.) Die Angestellten des Privatsektors wurden ständig mit der Entlassung bedroht, um so die Streikbewegung zu schwächen. Sogar die Regierung der <em>Arbeiterpartei </em>(PT) ging so weit, die staatlichen Bankangestellten öffentlich anzugreifen, weil sie befürchtete, der Streik könne einige Tage vor den Kommunalwahlen die Auszahlung der Renten verzögern. Wenn nun zwar bei einem so ausdauernd geführten Streik nicht direkt von Niederlage gesprochen werden kann, so sind doch die Verhandlungsergebnisse alles andere als glorreich.</p>
<p><a name="anm49"></a>(49) Für alle an den Kämpfen der urbanen Bewegungen in Brasilien aktiv Beteiligten sind die ökonomischen und politischen Grenzen der hauptsächlichen Forderung nach Wohnung offensichtlich. Die wichtigsten Bewegungen sind derzeit die Bewegungen der Obdachlosen, der „sem-teto“. Aber die Menschen ohne Dach über dem Kopf sind auch solche ohne Zugang zu Schulbildung und Gesundheitsversorgung und haben in der Regel auch keine Arbeit. Deshalb ist es nur eine vorübergehende Erleichterung, wenn Wohnungen erkämpft werden, man am Ende des Monats keine Miete zahlen muss und vor allem wenn die Bewegung finanzielle Mittel erhält, um die Gebäude zu renovieren (wie im Fall der Bewegungen im Zentrum von São Paulo). Die öffentlichen Wohnungsprogramme sind aber so ausgerichtet, dass ein Großteil der Bewohner nicht „hineinpasst“, weil ihre Einkommen (aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Prekarisierung) dafür nicht ausreichen und sie deshalb nicht an den Erfolgen partizipieren, die sie selbst mit erkämpft haben. (Dem Städtebauministerium zufolge betreffen 92 % des Wohnungsmangels von etwa 7 Millionen Wohnungen Familien mit einem Einkommen unterhalb von drei Mindestlöhnen. Die <em>Caixa Econômica Federal </em>, der größte Baufinanzierer des Landes, besitzt <em>kein einziges </em>Förderprogramm für solche Familien. Abgesehen davon, werden auch all jene nicht finanziert, die bereits einmal Schulden nicht begleichen konnten. Es bleibt also kaum noch jemand übrig.) Das größte Problem der Obdachlosenbewegungen scheint jedoch die Schwierigkeit zu sein, ihre <em>Selbstorganisation </em>zu festigen sowie die <em>Einheit und Mobilisierung </em>ihrer Mitglieder aufrechtzuerhalten. Damit meine ich nicht nur die Mobilisierung auf der Straße für den Protest und für bestimmte Forderungen, auch nicht nur die Mobilisierung für die Besetzung von Grundstücken und Gebäuden, sondern die <em>alltägliche Mobilisierung </em>innerhalb der besetzten Räume, wo nach und nach so etwas wie ein <em>Gemeinschaftssinn </em>und ein gewisser Grad an Autonomie entwickelt werden könnte. Meistens gelingt die Mobilisierung und die Herstellung von Einigkeit nur im Rahmen der <em>Besetzungen </em>selbst: angefangen von den Vorbereitungen einige Wochen vorher, über den Tag der Besetzung und die Tage der Verteidigung gegen die Gefahr einer Räumung, bis hin zu den folgenden Monaten, in denen ein Minimum an Infrastruktur geschaffen werden muss (Gemeinschaftsküche, Wasser- und Stromversorgung, Abwasserentsorgung etc.), damit der Ort bewohnbar wird. Alles in allem überwiegt anschließend jedoch, aufgrund objektiver und subjektiver Bedingungen, die Tendenz zur <em>Fragmentierung </em>. Einerseits reproduziert sich der abstrakte Individualismus und Privatismus, auf den wir durch das Leben in einer aggressiven Megalopolis wie São Paulo alle konditioniert sind. Auf der Seite der objektiven Bedingungen stellt sich die Schwierigkeit, dass der Überlebenskampf allen eine ungeheure Kraftanstrengung abverlangt, um sich, wenn auch auf prekäre Weise, auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Die Menschen sind 10 bis 12 Stunden unterwegs und rennen von einer Seite zur anderen für Einkommen, die zumeist nicht einmal ausreichen, um sich und ihre Familien zu ernähren. Der besetzte Raum gerät so zu einem reinen Schlafplatz, zu einem Durchgangsort. Die Idee des <em>Kollektivs </em>gerät so zu einem Abstraktum, während man sich tatsächlich nur in den eigenen vier Wänden aufhält. Das sind schwierige Dilemmata für eine politische Bewegung. Es käme darauf an, alternative Formen der materiellen Reproduktion zu entwickeln, die wenigstens teilweise das Überleben der Beteiligten sichern, wie beispielsweise bei den <em>Piqueteros </em>; Formen, die eine Verbindung zwischen den Menschen im Alltag herstellen und zugleich die Bewegung festigen, indem sie einen kommunitären Zusammenhang stiften.</p>
<p><a name="anm50"></a>(50) Mazzeo, a.a.O., S. 139. Unter einem solchen Bewusstsein versteht der Autor nichts Vorausgesetztes, sondern einen Prozess, nämlich „den Aufbau eines Selbstbilds in der Aneignung individueller und kollektiver Erfahrungen, denn das Bewusstsein ist nicht automatisch durch die Klassenlage gegeben“ (S. 158).</p>
<p>(51) Kommuniqué der <em>Piqueteros </em>des Movimiento Teresa Rodriguez, <a href="http://www.elteresa.org.ar/" class="broken_link">www.elteresa.org.ar </a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.krisis.org/2006/piqueteros-oder-wenn-arbeitslosigkeit-adelt/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Vento que vem do sul</title>
		<link>http://www.krisis.org/2004/vento-que-vem-do-sul</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2004/vento-que-vem-do-sul#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Dec 2004 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Dead Men Working]]></category>
		<category><![CDATA[Marco Fernandes]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.krisis.org/?p=661</guid>
		<description><![CDATA[VENTO QUE VEM DO SUL - Lampejos de desalienação em meio ao colapso argentino]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Lampejos de desalienação em meio ao colapso argentino</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/2003/wind-des-suedens">deutsche Version</a></p>
<p><em>Marco Fernandes</em></p>
<p>O capitalismo argentino foi à lona. Durante quase dez anos, o ex-presidente Carlos Menem fez de tudo para cumprir à risca a cartilha neoliberal do FMI: dolarização da economia, privatização em massa, derrubada de tarifas alfandegárias, enxugamento da máquina estatal e outras tantas reformas. Graças à paridade artificial com a moeda yankee, a classe média viu seu poder de compra aumentar da noite para o dia e agora ela podia consumir o mundo, estava realizada e apoiava seu presidente. E enquanto Michel Camdessus, ex-diretor do FMI, tecia elogios rasgados ao governo e apresentava o país como modelo de &#8220;Estado moderno&#8221;, a classe dominante argentina sonhava em finalmente adentrar o seleto clube dos &#8220;países do 1º mundo&#8221;.</p>
<p><span id="more-661"></span>Menem saiu do poder e deixou a batata quente na mão de seu sucessor, Fernando de La Rúa, que foi eleito para salvar o país da recessão que atingia a economia desde 1998, mas vai entrar para a história na ingrata posição de presidente deposto. Sua última medida para tentar evitar o colapso da economia foi politicamente suicida: decretou a retenção das poupanças e das contas correntes das classes média e alta para que o sistema financeiro argentino não virasse pó, depois que a desvalorização do peso provocou uma correria aos bancos. Foi a gota d’água para que a classe média enfurecida se somasse aos justos e raivosos protestos de desempregados e movimentos sociais que tomaram as ruas do país em 19 e 20 de dezembro de 2001. E a imagem de De La Rúa que vai ficar registrada nas mentes de todos é a de sua fuga de helicóptero da Casa Rosada para escapar da multidão enfurecida.</p>
<p>A festa consumista de quase uma década terminou numa ressaca histórica e o saldo é uma crise social inédita na história da República Argentina. O país se tornou uma espécie de &#8220;tipo ideal&#8221; da crise da sociedade do trabalho: dos 14 milhões de habitantes que compõem a PEA (população economicamente ativa), 2,4 milhões estão desempregados, outros 2 milhões recebem salário-desemprego e quase 3 milhões são funcionários públicos, ou seja, há um contingente de aproximados 7 milhões de trabalhadores que não produzem lucro. Por outro lado, dos 7 milhões de trabalhadores empregados, estima-se que em torno de 20% estejam em &#8220;subempregos&#8221;, uma vez que o valor real dos salários desabou a níveis relativos próximos aos de 1940. E o desemprego não é ainda maior porque, desde o ano 2000, mais de 260 mil argentinos se mudaram para o exterior. Para se ter uma idéia da dimensão da diáspora, basta lembrar que durante o período sanguinário da ditadura militar (76-83), menos de 40 mil argentinos abandonaram o país.</p>
<p>Existem hoje na Argentina, de acordo com o próprio governo, em torno de 21 milhões de pessoas abaixo da linha de pobreza. Num país de 37 milhões de habitantes, trata-se de uma tragédia, cujas conseqüências não são ainda mais graves porque o governo, temendo uma verdadeira ameaça à ordem, achou melhor se prevenir e abrir uma pequena fresta no cofre do Estado a fim de evitar a miséria absoluta de milhões de pessoas. São mais de 2 milhões de famílias recebendo os chamados &#8220;Planos Chefes e Chefas de Lar&#8221;, de 150 pesos por mês, o que certamente não satisfaz as necessidades mínimas de uma pessoa sequer. Um panorama inimaginável há algumas décadas numa nação cuja chamada &#8220;classe média&#8221; chegou a constituir 75% da população nos anos 70. Com a catástrofe econômica dos últimos anos, a classe média representa hoje menos de 30% da população.</p>
<p>Basta andar nas ruas da capital Buenos Aires para constatar os reflexos da crise em toda parte. Nos metrôs, crianças de até 4 anos de idade e adultos desempregados vendem de tudo um pouco. Em algumas praças, intermináveis filas são formadas durante o dia por pessoas em busca de um simples prato de comida. Todos eles disputando as últimas migalhas que a economia ainda reserva aos excluídos do mercado. À noite, pode-se ver dezenas de milhares de &#8220;cartoneros&#8221;: um verdadeiro batalhão de pessoas que recolhem papéis nos lixos para vendê-los por alguns trocados aos recicladores. Até há poucos anos, eles se resumiam a alguns jovens desempregados, mas hoje são famílias inteiras vagando pelas esquinas da capital portenha, tentando não morrer de fome.</p>
<p>Talvez em poucos lugares da cidade seja possível vislumbrar os resultados da política econômica dos anos 90 como em Puerto Madero. Outrora, uma região do porto da cidade que havia sido abandonada e que na metade da década passada foi escolhida para ser restaurada. Dezenas de milhões de dólares foram investidos na construção de modernas torres de arquitetura arrojada que atrairiam grandes empresas, além de hotéis, lojas e restaurantes de alto padrão para turistas com grande poder de consumo. Finalizando o conjunto, dezenas de iates luxuosos foram ancorados no pequeno rio do local, emprestando ao lugar um ar sofisticado que conjugava negócios e lazer.</p>
<p>Mas como a economia argentina não era tão calma como as escuras águas da Bacia do Prata, veio a recessão do final da década e muitas das obras pararam pela metade. A imagem atual é bizarra: ao lado de edifícios hiper-modernos e iates milionários, permaneceram restos de antigas fábricas não demolidas, prédios sem paredes e guindastes enferrujados, que transmitem ao passante a eterna sina dos países da periferia do sistema capitalista: a cada surto de desenvolvimento da economia, a classe dominante tenta se modernizar, mas como por aqui a torneira do crédito internacional abre e fecha rapidamente, são obrigados a conviver com as ruínas das quais queriam se livrar.</p>
<p>E é a partir de algumas dessas ruínas, que dezenas de milhares de argentinos tentam hoje reconstruir a sua vida coletivamente. Nos últimos anos, surgiram inúmeras organizações com o objetivo de responder à incapacidade das instituições de um sistema falido em garantir as necessidades mais básicas da população. Na periferia das grandes cidades, milhares de desempregados, chamados de &#8220;piketeros&#8221;, se organizam em movimentos combativos que afrontam o Estado e organizam a vida nos bairros de forma cada vez mais autônoma. Assim também o fazem as &#8220;assembléias barriais&#8221;, sobretudo nos bairros de classe média.</p>
<p>Com a retração de mais de 20% da economia do país nos últimos quatro anos e o fechamento de mais de 4.000 fábricas, alguns milhares de trabalhadores resolveram resistir à ameaça do desemprego, e em vez de engrossar o exército industrial de reserva, resolveram romper o tabu da propriedade privada e retomaram a produção das fábricas abandonadas pelos seus antigos donos. &#8220;Ocupar para produzir&#8221; é um dos seus lemas.</p>
<p>CONTROLANDO OS MEIOS DE PRODUÇÃO</p>
<p>Ainda é muito difícil obter um quadro completo das transformações ocorridas no interior das fábricas que foram ocupadas pelos trabalhadores argentinos nos últimos anos. Em parte, por se tratar de um fenômeno muito recente cujas conseqüências ainda são obscuras, mas também porque até agora somente uma pesquisa mais abrangente foi feita. Ela foi coordenada pelo Professor Gabriel Fajn, da Universidade de Buenos Aires, e reuniu uma equipe de pesquisadores. Contudo, a pesquisa foi fechada com as primeiras 87 fábricas ocupadas, enquanto já se estima que exista hoje em torno de 180 fábricas na mesma situação em todo o país, num total de mais de 10.000 trabalhadores produzindo em sistema de autogestão (no Brasil, estima-se que haja em torno de 30 mil trabalhadores em sistema de autogestão, aos poucos se organizando na ANTEAG – Associação Nacional dos Trabalhadores de Empresas de Autogestão &#8211; mas esta é outra história&#8230;).</p>
<p>De acordo com o Professor Fajn, das 87 fábricas que pesquisaram, 80% são de pequeno porte com uma média de 38 trabalhadores, e somente 20% possuem em média mais de 100 trabalhadores. Trata-se então de fábricas que, em sua maioria, ainda se enquadram no padrão fordista-taylorista, com baixo índice de adoção de métodos mais &#8220;avançados&#8221; de produção, ditos &#8220;toyotistas&#8221;. Constatou-se uma média de 52% de utilização da capacidade produtiva das fábricas, mas a maior parte delas se encontra próxima dos 40%. Por outro lado, percebeu-se que em 70% dos casos as fábricas atingiram, ou mesmo superaram, os níveis de produção anteriores à ocupação. Quanto aos salários, segundo Fajn, notou-se que em 16% dos casos continuou num nível similar, em 31% dos casos os salários são maiores e em 52% das empresas eles diminuíram. Mas é preciso levar em conta, diz Gabriel, que em algumas fábricas permaneceram pessoal de administração ou gerência, que certamente viram seus salários diminuírem, enquanto na mesma fábrica o salário dos trabalhadores da linha de produção tendeu a aumentar. Há casos excepcionais, como o da metalúrgica Union y Fuerza, que em dois anos pagou todas as dívidas (créditos, luz, água, gás e insumos), comprou um forno de 90 mil pesos e acumulou um estoque de 140 toneladas de cobre. Os salários aumentaram em quase quatro vezes.</p>
<p>Quanto à jornada de trabalho, continuou basicamente a mesma, em torno de oito horas, às vezes um pouco menos: é o caso da Brukman, em Buenos Aires, que teve uma diminuição média de 2 horas diárias na jornada. Uma preocupação dos pesquisadores era quanto aos perigos de &#8220;auto-exploração&#8221; numa situação de auto-gestão, mas a maioria das fábricas diminuiu a produção, e naquelas que aumentaram não se constatou um aumento da exploração do trabalho. Talvez isso se deva ao fato de que em 90% dos casos, foram eliminadas as hierarquias, tudo se decide por meio de assembléia, e todos, do faxineiro ao presidente ou coordenador-geral, ganham o mesmo salário. Essa é, provavelmente, a estatística mais interessante apontada pela pesquisa, já que demonstra uma grande mudança no cotidiano das fábricas a partir do momento em que se cria na assembléia um espaço aberto de discussão, troca de experiências e tomadas de decisão a respeito da produção e, eventualmente, das articulações políticas com outros setores da sociedade.</p>
<p>Fajn diz ainda que somente em 25% dos casos houve acordo entre patrões e empregados, enquanto que nos 75% restantes o conflito resultou em ocupações, acampamentos nas ruas, confrontos com a polícia e com os ex-donos. Por isso mesmo, ainda são muito instáveis a situação jurídica e o controle da propriedade das fábricas. Na maioria dos casos, o Estado aprovou uma expropriação temporária do edifício e das máquinas por 2 anos, mas não se sabe o que acontecerá ao término do prazo. Os trabalhadores lutam pelo direito de se tornarem donos das fábricas e o fazem apoiados nas imensas dívidas acumuladas pelos ex-donos: são centenas de milhões de pesos em salários e contribuição à previdência (a maior parte), além de impostos e contas de água, luz e gás. Mas é óbvio que o Estado argentino, dominado pela quadrilha de peronistas, não parece disposto a conceder aos trabalhadores a mesma benevolência que costuma reservar aos empresários na hora de perdoar impostos ou liberar créditos milionários. Mesmo porque, em inúmeros casos, os empresários seguiram a mesma estratégia: percebendo que com a crise econômica do país seria cada vez mais difícil manter as taxas de lucro desejadas, foram &#8220;esvaziando&#8221; as fábricas nos últimos anos. Dinheiro dos salários e da previdência, além de recursos para novos investimentos, vinham sendo desviados para especulações no mercado financeiro a fim de salvar suas fortunas pessoais. Revelando assim a nova realidade da acumulação capitalista: vender mercadorias não é mais um bom negócio&#8230;</p>
<p>LAMPEJOS DE DESALIENAÇÃO</p>
<p>Do ponto de vista da economia nacional, as okupas são ainda praticamente inexpressivas. E apesar da grande diversificação de setores da produção envolvidos nesta experiência, a constituição das redes de troca entre as fábricas – cujo funcionamento traria benefícios econômicos e políticos – ainda caminha lentamente. Contudo, este fenômeno inédito na história argentina vem produzindo conseqüências mais importantes do que a simples manutenção dos postos de trabalho nas fábricas falidas. Afinal de contas, que tipo de transformação pode ocorrer no momento em que o controle dos meios de produção é assumido pelos trabalhadores? O que significa para o coletivo de trabalhadores não mais ter de se submeter à hierarquias rígidas, nem tampouco às arbitrariedades dos patrões, mas sim assumir a responsabilidade pelo controle da produção e pelos critérios de distribuição da riqueza produzida? Ainda que a coerção das leis do mercado e seus limites objetivos continuem de pé, seria possível pensar na constituição de um &#8220;espaço autônomo&#8221; para os trabalhadores no interior das &#8220;fábricas sem patrão&#8221;? E o que se passa, então, com a subjetividade de um trabalhador envolvido neste processo?</p>
<p>Se levarmos em conta a dimensão assustadora que os índices de stress no trabalho vêm assumindo nos últimos anos graças à precarização das relações de trabalho (aumento da jornada, diminuição dos salários, medo do desemprego etc.) algumas das experiências que vêm sendo construídas com a autogestão adquirem uma importância ainda maior do ponto de vista político, pois demonstram em ato que a produção material da sociedade já poderia ser organizada de outra forma.</p>
<p>Conversas que tive com trabalhadores de algumas destas fábricas argentinas podem nos sugerir reflexões a respeito.</p>
<p>PRA QUÊ PATRÃO?</p>
<p>Quando pedi para Ana Maria, atendente da Clínica Junín, de Córdoba, para descrever o seu cotidiano antes ocupação da clínica, recebi resposta quase imediata:</p>
<p>&#8220;Te digo: antes eu chegava aqui, sentava nessa cadeira que você está vendo&#8221;, e ia reproduzindo seus movimentos enquanto os descrevia, &#8220;fazia meu trabalho o dia todo, e mal olhava para o lado. Enquanto eu estava aqui, era como se eu estivesse fechada numa ‘Tupperware’, sabe?&#8221;, e nessa hora usava as mãos para desenhar no ar o formato de um pote de plástico enquanto a cabeça permanecia olhando para baixo, como se estivesse trabalhando. &#8220;Depois&#8221;, continuou, &#8220;encerrado o expediente, voltava pra casa, morta, sentava na poltrona e ficava babando em frente à TV. Não podia, nem conseguia, pensar em nada! Também, não bastasse o duro que a gente dava, ainda tinha de ouvir patrão reclamando no ouvido da gente, e ultimamente nem receber a gente recebia.&#8221;</p>
<p>Em poucas palavras, Ana Maria sintetizava a experiência cotidiana comum à maioria absoluta dos trabalhadores. Submetidos a uma rotina de trabalho cada vez mais extensa e extenuante nestes tempos bicudos de crise do capital, as intermináveis horas passadas no local de trabalho são vivenciadas como uma estadia diária na prisão. E a volta pra casa, depois de horas de expropriação de seus corpos e mentes, é somente um breve alívio até que o despertador toque na manhã seguinte convocando a todos com a ameaça de exclusão do mercado de trabalho. Mas mesmo este &#8220;tempo livre&#8221; não pode ser aproveitado: depois de mais de 8 horas de trabalho, além do tempo gasto nos transportes coletivos (que em São Paulo e Buenos Aires chega facilmente a 4 ou 5 horas), não sobra muito para se viver. O corpo consumido durante o dia inteiro já não sabe mais de onde tirar energia, por isso, &#8220;babar em frente à TV&#8221; na sala de casa é praticamente a única alternativa (e no caso da América Latina não são poucos os que nem casa possuem). Contudo, para Ana Maria, as coisas parecem ter mudado um pouco de figura desde que, junto com seus companheiros da clínica, ela ocupou seu local de trabalho e passou a controlá-lo.</p>
<p>É verdade que as dificuldades financeiras ainda são grandes: por problemas jurídicos ainda não podem fazer internações; além do que, decidiram cobrar apenas 5 pesos (1,5 euro) por consulta, para que mais pessoas pudessem ter acesso ao atendimento. Por isso, cada um dos trabalhadores da clínica vinha recebendo em torno de 200 pesos por mês, pouco mais do que as migalhas do salário-desemprego e absolutamente insuficientes para os gastos mínimos mensais de uma pessoa. Ao contar isso, Ana Maria mantinha o semblante sério, mas depois de permanecer em silêncio por alguns segundos, como quem reflete friamente sobre o que está falando, soltou a seguinte pérola:</p>
<p>&#8220;Olha, cê quer saber de uma coisa? Tá tudo muito difícil aqui, é verdade! Às vezes dá até vontade de desistir&#8230; Mas uma coisa é certa e eu te digo: não há dinheiro no mundo que pague o fato de a gente não ter mais patrão!!!&#8221;,</p>
<p>e soltou uma gargalhada contagiante, num desabafo cuja verdade toca fundo no imaginário de quem, por precisar vender sua força de trabalho para sobreviver, tem de se submeter ao arbítrio do patrão, cada vez mais poderoso em tempos de escassez de empregos. Em geral, o fato de trabalhar numa &#8220;fábrica sem patrão&#8221; aparecia nos depoimentos como uma conquista inestimável, algo de que eles se orgulhavam e que representava uma mudança qualitativa em seu cotidiano tão sofrido. A figura do patrão, evidentemente, condensa as determinações capitalistas da produção: da expropriação da mais-valia ao regime de controle no chão da fábrica, da submissão obrigatória à hierarquia da produção até mesmo às relações pessoais de dominação diariamente repostas. Quando estas determinações se dissolvem pelo ato de ocupar a fábrica e reorganizá-la de forma autogestionária, os sujeitos readquirem a autonomia que a submissão obrigatória a seu patrão e às relações de trabalho impostas lhes roubava, conferindo uma dimensão inédita à realidade cotidiana de sua atividade.</p>
<p>REAPROPRIAÇÃO DO ESPAÇO E REORGANIZAÇÃO DA DIVISÃO DO TRABALHO</p>
<p>O controle do tempo e do espaço numa fábrica é um dos mecanismos fundamentais para garantir as demandas do lucro capitalista. O primeiro assegura que os trabalhadores cheguem e saiam na hora determinada pelo patrão, bem como mantenham o ritmo de produção exigido pela empresa; o segundo, que cada um ocupe na fábrica somente o espaço que lhe é determinado pela divisão do trabalho, e principalmente que não tenha acesso a todos os setores da produção, mantendo os trabalhadores no desconhecimento da totalidade do processo de produção em que estão envolvidos. Para essa função, gerentes e chefes de setor agem como policiais no chão da fábrica e são os responsáveis diretos por uma boa parte do stress produzido nos operários.</p>
<p>&#8220;Antes eu tinha de permanecer o tempo todo aqui no forno, não podia nem ao menos ir no setor ao lado conversar com um companheiro que já vinha alguém mandar eu voltar&#8221;, diz Angel, trabalhador da Cerâmica Zanon, enquanto aponta o setor ao lado há uns dez metros de distância. &#8220;Sabe, aqui tinha gerente pra tudo, eu nunca vi tanto gerente num lugar só! E o pior é que eles ficavam o dia inteiro pra lá e pra cá, pra lá e pra cá, fuçando que nem cachorro, procurando alguma coisa, um detalhezinho que fosse, pra implicar com a gente e dar bronca. Vocês podem imaginar o clima aqui dentro como era&#8221;!</p>
<p>A rigidez fordista da divisão do trabalho também começou a se dissolver com a autogestão das fábricas: primeiro porque grande parte dos gerentes, bem como do pessoal dos setores administrativos, abandonaram as fábricas quando estas fecharam por se recusarem a trabalhar num regime que lhes tirou os privilégios hierárquicos. Isto obrigou os trabalhadores a reorganizar a divisão de tarefas da fábrica. Além disso, como agora as questões internas são passíveis de discussão no espaço das assembléias, é possível conseguir uma mudança de função desde que aprovada pelo coletivo. É o que conta Sérgio, trabalhador da Brukman:</p>
<p>&#8220;Desde que ocupamos a fábrica as coisas também mudaram um pouco nesse ponto. A gente agora tem mais liberdade de escolher o que faz aqui dentro. Eu, por exemplo, trabalho no corte, mas também na administração, e às vezes, como agora, dou uma força nas vendas. É que, na verdade, quando alguém quer fazer alguma coisa diferente, é só levar o pedido para a assembléia, e lá a gente vê o que dá pra fazer. É legal assim, porque se alguém tem vontade de aprender uma outra atividade aqui dentro, a gente tem esse espaço para desenvolver outras capacidades. É bom, né? Fazer a mesma coisa o tempo todo, como era antes, é um pé no saco, chega uma hora em que a gente não agüenta mais!&#8221;</p>
<p>Quanto à jornada de trabalho e o controle do tempo, algumas mudanças significativas também ocorreram. Em virtude da diminuição da produção, em muitos casos a jornada de trabalho diminuiu. Contudo, mesmo onde ela permaneceu oficialmente a mesma, as coisas se passam de forma mais amena, além do que há novas necessidades de emprego do tempo numa fábrica que decide tudo de forma coletiva. De acordo com Rosa, da Zanon:</p>
<p>&#8220;Antes trabalhávamos realmente 8 horas por dia, mal podíamos parar para respirar, pois sempre tinha alguém para controlar a gente. Agora não. Em geral trabalhamos um pouco, fazemos um intervalo, tomamos um mate, voltamos ao trabalho, e assim vai. Acho que trabalhamos umas 4, 5 horas por dia. Veja só, ali está o nosso coordenador&#8221;, e apontava um senhor mais velho entretido com uma das máquinas, &#8220;e aqui estamos nós, tomando um pouco de mate e batendo papo. Além do que, agora temos outras atividades como assembléias e reuniões de setor, o que também exige bastante tempo, mas é menos pesado do que trabalhar na linha de produção&#8221;.</p>
<p>Todas estas transformações, além de nitidamente diminuirem a tensão constante e ameaçadora que os gerentes exerciam sobre os trabalhadores – o que representa em si um grande alívio na dura realidade da linha de produção &#8211; fizeram o próprio espaço da fábrica adquirir novas funções de sociabilidade entre os trabalhadores, transformando a relação que estes tinham com um espaço que não lhes pertencia. Quando perguntado sobre as impressões do primeiro dia de trabalho no novo sistema, Angel respondeu:</p>
<p>&#8220;Ah, foi muito estranho! Pra começar, não tinha ninguém passando pra controlar a gente. Às vezes, eu parava, olhava em volta, via os companheiros trabalhando concentrados, ou mesmo conversando, e não vinha ninguém atrás de mim, nem deles, pra tirar satisfação. Ao mesmo tempo, eu sabia que as coisas seriam mais difíceis agora, pois não bastava mais eu vir aqui e fazer o meu trabalho todos os dias e receber o salário no final do mês (se bem que nem salário se recebia mais!). A gente agora é responsável por tudo e na assembléia todos têm de decidir em conjunto o que vai ser feito, mas isto não é nada fácil.&#8221;</p>
<p>E ainda:</p>
<p>&#8220;Você pode imaginar que muita coisa mudou, né? A gente tem liberdade de se mover aqui dentro, e não só de conversar com o colega ao lado, mas de aprender também o que ele está fazendo. Então agora sei como funciona tudo, conheço todo o processo de produção das cerâmicas e acho que talvez por isso, a gente tem um pouquinho mais de orgulho agora, a gente sente que a cerâmica é mais nossa&#8230;&#8221;</p>
<p>Entre os ceramistas da Zanon, não são poucos os que têm aprendido nos últimos meses o funcionamento dos diversos setores da fábrica. Se o saber da produção vai sendo aos poucos socializado, fica cada vez mais difícil que ele se torne instrumento de dominação nas mãos de &#8220;sábios&#8221;. Muitos dos ceramistas se orgulham em mostrar aos inúmeros visitantes todos os momentos da produção da cerâmica, desde a chegada da argila, até o empacotamento dos pisos e revestimentos, e garantem, baseados em dados técnicos, que o índice de qualidade da produção aumentou desde então.</p>
<p>E agora que o local de trabalho lhes pertence, também é possível imaginar novos usos para este espaço, mudando a relação dos trabalhadores com ele. Como observa Sérgio, da Brukman:</p>
<p>&#8220;Mas você quer ver uma coisa que mudou bastante? Tá vendo quanta gente ainda tem aqui?&#8221;, e apontava com o dedo indicador o movimento de gente dentro da fábrica que era realmente grande. &#8220;Pois é, você já viu que horas são?&#8221;, olhava no relógio para confirmar, &#8220;São quase quatro da tarde! O final do expediente é às 3, e ainda tem um montão de gente aqui. Antigamente, quando dava três e dez já não tinha mais uma alma viva aqui dentro, a não ser, claro, a patronal&#8230; Ninguém ficava um minuto a mais! Agora, dá 3, 4 horas da tarde e o pessoal ainda tá por aqui: às vezes terminando uma tarefa, ou batendo papo, tomando um mate, esperando um companheiro ou companheira para saírem juntos&#8230;. É que aqui é como se fosse uma continuação da nossa casa, a gente se sente à vontade aqui dentro. Tem companheiras que até trazem os filhos pequenos quando não têm com quem deixá-los, aí a gente dá um jeitinho por aqui, se reveza, e a criançada passa o dia numa boa&#8221;. [1]</p>
<p>Aos poucos, o espaço da fábrica vai ganhando novos contornos e deixando de se assemelhar a uma espécie de cárcere: de alguma maneira, a cisão entre o espaço da casa e do trabalho vai se dissolvendo, porém não sob a forma de uma invasão da rotina de trabalho em plena sala de estar, ao contrário, nas palavras do próprio Sérgio, trata-se da apropriação de um espaço outrora privado, que ao assumir um caráter coletivo encontra novas funções no cotidiano dos operários. Em algumas fábricas no país, por exemplo, já existem &#8220;centros culturais&#8221; organizados por trabalhadores e estudantes, onde se organizam diversas oficinas (teatro, música, artesanato etc.) além da exibição gratuita de filmes e peças teatrais, aos poucos consolidando laços até então inexistentes com a vizinhança e com a assembléia do bairro: laços que vão muitas vezes garantir um razoável poder de mobilização, seja para ajudar a resistir à polícia, seja para conseguir sobreviver nos meses em que a produção ainda está parada.</p>
<p>O MITO DO SABER TÉCNICO</p>
<p>A restrição do acesso ao conhecimento técnico é um dos instrumentos mais eficazes da dominação de classe no interior da fábrica. O tipo de conhecimento que se possui determina desde o lugar em que o sujeito ocupa na hierarquia até o salário que ele recebe, e esse conhecimento depende, é claro, da classe da qual se faz parte: afinal, o diploma universitário é para poucos. Por isso, um dos casos mais reveladores das mudanças geradas pelas ocupações de fábricas me foi relatado por Eduardo, que trabalha no laboratório da Zanon, o setor mais importante da fábrica – responsável pelo planejamento da produção, fabricação dos maltes, das tintas e dos desenhos da cerâmica.</p>
<p>&#8220;Mas você já tinha experiência nesse serviço, estudou química?&#8221;, perguntei com ingenuidade. &#8220;Imagina! Comecei a trabalhar aqui porque estavam precisando de gente e me pareceu um trabalho interessante. Mas gostei tanto que aprendi rápido&#8221;, me explicava enquanto mostrava alguma das apostilas que estudava avidamente nos últimos meses para aprender a mexer com os produtos químicos. &#8220;Olha que eu nem terminei o secundário!&#8221;.</p>
<p>Como o coordenador do laboratório estava de férias, era Eduardo o responsável pelo laboratório naquele momento; e após uma breve pausa quando pareceu se dar conta da dimensão daquela experiência, soltou o seguinte comentário: &#8220;Veja você como são as coisas: antes o chefe do laboratório era um engenheiro, com diploma universitário e tudo. Ganhava muito mais do que qualquer trabalhador da linha de produção e volta e meia desqualificava algum companheiro do laboratório que chegava com uma idéia nova. Ele é que tinha estudado anos, ele é que sabia das coisas&#8221;, e com uma risada oportuna, concluiu: &#8220;Hoje o responsável sou eu, um jovem que aprendeu o ofício há poucos meses!&#8221;</p>
<p>A historinha que Eduardo acabara de contar revelava o quanto há de mistificação na hierarquia da divisão do trabalho no interior das fábricas. Muitas vezes, o saber técnico reivindicado por especialistas em determinadas funções e corroborado por um diploma universitário nada mais é do que um instrumento de legitimação de hierarquias caducas, pois dado o nível de especialização atingido pela divisão do trabalho há cada vez menos funções que não possam ser aprendidas por qualquer trabalhador após alguns meses de dedicação. A &#8220;exclusividade&#8221; desse conhecimento não é senão um fator de diferenciação no mercado de trabalho, um mecanismo que serve para justificar, na maioria dos casos, a brutal desigualdade de salários e o autoritarismo dos chefes [2]. Não é o caso da autogestão da Zanon, onde um rapaz que não terminou o secundário pode assumir a função outrora reservada a um engenheiro e ganhar o mesmo que a cozinheira, o faxineiro e todos os outros trabalhadores.</p>
<p>POLITIZAÇÃO E IDENTIDADE ENTRE OPRIMIDOS</p>
<p>As histórias das ocupações de fábrica na Argentina são mais ou menos semelhantes e beiram a epopéia: ficar meses sem receber salários, vivendo da contribuição dos vizinhos e das famílias, tendo de montar guarda permanente na fábrica para impedir uma ação de surpresa da polícia tentando efetivar a ação de despejo, lutando ao mesmo tempo contra o Estado e contra o patrão, organizando coletivamente a retomada da produção e todo o trabalho que isso demanda, para enfim experimentar na própria pele as possibilidades de mudança do cotidiano que o controle dos meios de produção nas mãos dos próprios trabalhadores pode proporcionar. O &#8220;antes&#8221; e o &#8220;depois&#8221; marcavam o ritmo dos depoimentos: a expressão corporal, o rosto e o tom da voz empregados na narrativa se modificavam muitas vezes durante a conversa de acordo com a experiência recordada.</p>
<p>Ana Maria, aquela mesma que lembra o significado do chegar em casa após mais um dia de torturas laborais &#8211; não conseguir mais pensar em nada, e por isso babar em frente à TV afundada na poltrona &#8211; deu a seguinte resposta quando lhe perguntei o que mais mudara em sua vida cotidiana:</p>
<p>&#8220;Agora, não. Eu venho aqui, trabalho, as coisas estão difíceis, como eu te disse, mas eu tô aqui, participo das assembléias com os companheiros, participo das assembléias do meu bairro, faço piquete na rua, e sei o que acontece no país; posso discutir com qualquer um! Me sinto parte de algo maior, de um coletivo, de um todo&#8221;.</p>
<p>Praticamente ninguém nas fábricas havia tido algum tipo de envolvimento com política, pois o fenômeno comum de desmobilização da classe trabalhadora nas últimas décadas é agravado na Argentina pelo fato de que a esquerda foi literalmente exterminada no país pela ditadura militar genocida: 30 mil pessoas foram assassinadas entre 76 e 83. Por isso mesmo, a politização gerada por esta experiência adquire um significado radical nas palavras de Angel, quando lhe perguntei o que costumava pensar ao ver os piketeros (movimentos de desempregados) se manifestando na rua, paralisando o trânsito e transformando a cidade num &#8220;caos&#8221;:</p>
<p>- &#8220;Aquilo me enojava!&#8221;, respondeu Angel.</p>
<p>- &#8220;Mas, por quê?&#8221;, indaaaguei cuidadoso.</p>
<p>- &#8220;Não sei, acho que n&amp;atilllde;o entendia o que aquelas pessoas queriam com aquilo. Ficava pensando: pra quê isso tudo? Por que ficar lá, atrapalhando todo mundo, causando um grande quilombo, fazendo as pessoas perderem tempo e tudo o mais? Eu não conhecia ninguém do movimento, e não conseguia entender o que estava em jogo ali!&#8221;, nessa hora a expressão de Angel era a mais séria desde que começáramos a conversar. Ele sabia que estava tocando num ponto delicado e que sua resposta o expunha diante de uma pessoa desconhecida, mas não parecia preocupado em esconder seu passado.</p>
<p>- &#8220;Mas e agora, o que você aaacha disso?&#8221;, perguntei.</p>
<p>- &#8220;Agora, chico? Agora, EU fa&amp;ccedddil;o piquete! Como já te disse, sabemos que se ficarmos aqui dentro vamos ser derrotados mais cedo ou mais tarde. Nossa luta tem de se dar aqui dentro e lá fora, e os piquetes são uma das melhores formas de mobilização que temos&#8221;!</p>
<p>A experiência de viver o mundo do ponto de vista de um desempregado que tem de se organizar para lutar coletivamente por sua sobrevivência fez com que Angel agora se identificasse com aqueles mesmos &#8220;delinqüentes&#8221; que há poucos meses deveria xingar, reproduzindo a visão da classe dominante. Ele precisou ir para as ruas protestar e reorganizar a produção, recebeu cassetadas da polícia, sentiu o terrível olhar de desprezo dos passantes que, como ele outrora, se enojam com tamanha baderna e entendeu &#8220;o que estava em jogo&#8221;: Angel diz que considera a luta dele dentro da fábrica como &#8220;anticapitalista&#8221; e que, certamente por isso, as coisas jamais serão fáceis.</p>
<p>Também é comum que essa falta de identificação e solidariedade com os desempregados se reproduza no interior da fábrica, entre os próprios trabalhadores. Em alguns casos, o desejo de ascensão e distinção social distancia pessoas de mesma origem e posição, impossibilitando a construção de uma identidade comum no local de trabalho. Isso também foi modificado pela experiência das ocupações, ao menos no caso de Gladys, trabalhadora da Brukman, que havia sido demitida um mês e meio antes da quebra e foi chamada de volta por seus companheiros assim que a fábrica foi por eles ocupada. Mais uma vez, o &#8220;antes&#8221; e o &#8220;depois&#8221; revelam o conteúdo transformador:</p>
<p>- &#8220;Ih, Marco, mudou tanta coisa&#8230; deixa ver&#8230; olha, no começo foi um pouco difícil pra mim a integração com os companheiros, afinal de contas agora a gente precisa se organizar e isso quer dizer que a gente precisa ter muito mais conversa, mais diálogo entre a gente, não dava mais pra chegar aqui, receber as ordens, fazer o trabalho e ir pra casa. Pra começar, que não há mais &#8220;ordens&#8221;, a gente decide tudo em assembléia, né? E antes eu não tinha muita relação com o pessoal daqui, sabe como é&#8230;&#8221;</p>
<p>- &#8220;Você não tinha amiiizade com o pessoal da fábrica?&#8221;, senti pela sua expressão nesse momento que tocava num ponto delicado para ela</p>
<p>- &#8220;Ah, muito pouco, viu. É que&#8230; eu não me identificava muito com o pessoal daqui&#8230; Sabe, eu também venho de família humilde&#8230; mas eu pude estudar, fiz faculdade de comunicação na UBA, minhas amizades eram outras, sei lá&#8230; eles eram de outra classe, nem temos o mesmo vocabulário, essas coisas&#8230; não tínhamos muito diálogo&#8230; Além do que, é verdade que eu também tinha uma vida muito corrida: trabalhava aqui o dia todo e quando terminava o expediente tinha de sair correndo pra faculdade assistir as aulas, daí não sobrava tempo pra mais nada.&#8221;</p>
<p>- &#8220;Mas então depois de tudooo o que aconteceu&#8230; as coisas mudaram?&#8221;, continuei.</p>
<p>- &#8220;Mudou, mudou bastante. Sim. Agooora eu conheço todo mundo, e tenho amizade com muitas pessoas aqui dentro. E eles confiam mais em mim também. Acho que pra mim a mudança mais significativa foi mesmo a relação com as pessoas aqui dentro, hoje eu me sinto mais unida ao pessoal, tenho mais identificação. Acho que é isso, sim.&#8221;</p>
<p>A experiência da ocupação da fábrica foi, pelo visto, capaz de transformar pessoas a cuja visão de mundo atribuiríamos um certo grau de &#8220;conservadorismo&#8221;: que eles sejam capazes de reconhecer suas limitações ideológicas anteriores à experiência, elaborá-las e transformá-las num sentimento de identificação com os dominados (que, afinal de contas, são eles mesmos) nos traz um pouco da dimensão de politização individual e coletiva envolvida na história das okupas: mudou a maneira como essas pessoas encaram o mundo à sua volta, como vivenciam sua posição objetiva nas relações de produção e o inevitável conflito com o capital . Ou como costuma dizer Célia, da Brukman:</p>
<p>&#8220;Até alguns meses atrás eu era somente uma dona-de-casa. Hoje, quero mudar o mundo! E isto significa lutar pela construção do socialismo!&#8221;</p>
<p>A ZANON E A DESMERCANTILIZAÇÃO DA PRODUÇÃO</p>
<p>A experiência da Cerâmica Zanon talvez seja, entre as okupas, a mais avançada do ponto de vista político. Outrora uma gigante do setor, a Zanon chegou a controlar, nos áureos tempos, em torno de 20% do mercado de cerâmica argentino, além de exportar para mais de 30 países. Faturava em torno de 100 milhões de dólares e contava com a boa vontade do Estado na hora de conseguir crédito e financiamento. Nos últimos tempos, insatisfeito com as taxas de lucro de sua fábrica, Luigi Zanon fez como a maioria dos empresários: começou a esvaziar a fábrica e deixou de pagar salários e impostos, enviando a grana para algum paraíso fiscal onde pudesse manter sua fortuna no cassino do mercado financeiro.</p>
<p>Depois de quase um ano de luta, que começou reivindicando mais segurança na linha de produção (um jovem morreu num acidente de trabalho), se estendeu pelo pagamento dos salários atrasados, pela conquista da direção do sindicato (antes controlado pelos patrões) e culminou com a ocupação da fábrica, os ceramistas parecem ter atingido um nível de organização e de consciência política que impressiona pelo conteúdo de suas novas reivindicações. De acordo com Manotas, coordenador-geral da fábrica eleito pela assembléia:</p>
<p>&#8220;Nós não queremos ser uma empresa capitalista como todas as outras. Não queremos simplesmente produzir cerâmica e vendê-la no mercado para quem pode comprar, e depois embolsar os lucros. Aliás, se fosse assim, já poderíamos estar ganhando mais de 800 pesos aqui. Mas não, não é esse o nosso objetivo, pois sabemos que sozinhos não vamos nos salvar! Por isso, reivindicamos a estatização: em primeiro lugar, porque queremos que o Estado assuma os investimentos necessários ao aumento da produção e do número de trabalhadores. Mas principalmente, porque queremos produzir para atender as necessidades concretas da sociedade, quer dizer, produziríamos cerâmica para escolas e hospitais públicos, para moradias de baixa renda etc., tudo isso junto com um Plano de Obras Públicas financiado pelo Estado e que poderia empregar muita gente, além de responder às necessidades da população. Dessa maneira, os lucros da fábrica seriam revertidos para toda a comunidade&#8221;.</p>
<p>Os ceramistas vêm lutando pelo projeto de &#8220;estatização sob controle operário&#8221;. Não se trata de nenhum tipo de ilusão quanto a soluções estatistas para a crise do capital, mesmo porque se referiam ao Estado como uma corja de ladrões e assassinos: além da recente experiência da ditadura, ficou muito claro para os ceramistas, durante todo o processo de ocupação, em nome de quais interesses o Estado fala e age. Trata-se simplesmente de uma solução estratégica para garantir, por um lado, os investimentos necessários ao aumento da produção e dos empregos, e por outro, mais importante ainda, como tentativa de desmercantilizar a sua produção: em vez de simplesmente produzir cerâmica para trocá-la por dinheiro no mundo da mercadoria, os trabalhadores da Zanon preferem lutar para que sua fábrica adquira o caráter de coisa pública, e produza para atender a demanda de edifícios públicos e de famílias de baixa renda.</p>
<p>No atual contexto argentino é muito difícil que este projeto seja aprovado pelo Estado, mas enquanto isso, os ceramistas vão fazendo o que podem neste sentido, dirigindo seus lucros e dívidas com o Estado para fins coletivos. Há alguns meses, a Província de Neuquen cobrava uma dívida do antigo dono e pressionava a fábrica: os ceramistas aceitaram pagar a dívida, mas sob uma condição: o pagamento seria em cerâmicas ao invés de dinheiro, e eles mesmos determinariam o destino dos produtos. Dessa maneira, algumas escolas, hospitais e instituições sociais foram diretamente beneficiados pelo pagamento da dívida, que certamente desapareceria no poço sem fundo dos cofres estatais. Outra medida inovadora vem sendo concretizada junto ao MTD de Neuquen (Movimento de trabalhadores desempregados da região). Os ceramistas estão juntando dinheiro para financiar a construção de uma fábrica de caixas de papelão para empacotar sua produção. A fábrica, é claro, será autogerida pelos integrantes do movimento, que aliás já têm preferência na hora em que a Zanon precisa incorporar mais trabalhadores à fábrica. Desde o começo do ano, já incorporaram mais de 30 novos companheiros, e segundo sua política interna, metade das vagas se destina ao MTD e a outra metade é dividida entre outras organizações (parte dos lucros da fábrica também ajudam a financiar um &#8220;fundo de greve nacional&#8221;, para que outras fábricas que forem ocupadas disponham de um mínimo de recursos até que volte a produzir).</p>
<p>Esta é, aliás, outra novidade na luta dos trabalhadores da Zanon, pois as transformações surtidas no interior da fábrica já se espraiam por seu entorno: eles têm conseguido se articular com outros movimentos, sindicatos e partidos de esquerda. Ajudaram a fundar a &#8220;Coordenadora do Alto Valle&#8221;, uma espécie de central autônoma de lutas políticas da região e vão se tornando, aos poucos, uma referência no interior dos movimentos sociais.</p>
<p>LABORATÓRIO PARA O SOCIALISMO?</p>
<p>&#8220;Enquanto, porém, a virtude não for recompensada aqui na Terra, a ética, imagino eu, pregará em vão. Acho também bastante certo que, nesse sentido, uma mudança real nas relações dos seres humanos com a propriedade seria de muito mais ajuda que quaisquer ordens éticas&#8221;. (Sigmund Freud, O Mal-estar na Civilização)</p>
<p>Seria arriscado emitir um juízo mais categórico a respeito das transformações ocorridas no cotidiano e na subjetividade dos trabalhadores das fábricas ocupadas, pois as conversas que tive durante janeiro e fevereiro de 2003 se limitaram a 3 fábricas (Zanon, Brukman e Grissinopolis) e à Clínica Junín. Também é verdade que nestes lugares, os depoimentos dos trabalhadores eram muito semelhantes e a percepção das mudanças ocorridas em seu cotidiano partiam de pontos comuns (por uma questão de limites de espaço selecionei alguns depoimentos que resumiam as questões abordadas, mas pude conversar com mais trabalhadores dos que aparecem aqui). Sem dúvida, é preciso mais material empírico, mas não é de se estranhar que a experiência possibilitada numa fábrica autogestionária detone mudanças subjetivas em todos aqueles acostumados à vivência diária, individual e coletiva, do sofrimento no trabalho (e da falta dele).</p>
<p>Voltamos então a um dos pilares do materialismo histórico: a tese que diz que o modo como a produção material da sociedade é organizada determina a subjetividade dos indivíduos. Mas e o que acontece com estes mesmos indivíduos quando, a despeito da sociedade permanecer capitalista, suas condições concretas de produção são modificadas? Pelos depoimentos que ouvimos, é como se a &#8220;teoria da alienação&#8221; encontrasse sua demonstração empírica negativa, ou seja, a algumas mudanças fundamentais no funcionamento de uma célula produtiva correspondesse algo como &#8220;lampejos de desalienação&#8221; dos sujeitos. De alguma forma, uma crise grave de reprodução do capital – além de gerar miséria e exclusão – também pode revelar conteúdos sociais fetichistas encobertos pelas leis gravitacionais do mercado ou pelo simples poder social dos donos dos meios de produção.</p>
<p>E estes &#8220;lampejos&#8221; parecem gerar conseqüências políticas nada desprezíveis quando o que se tem em vista é a superação do &#8220;sistema produtor de mercadorias&#8221;. Para que haja movimentos emancipatórios é preciso haver &#8220;subjetividades anticapitalistas&#8221; capazes de organizá-los, e isso parece estar sendo gestado em experiências como as das okupas. Em geral, eu perguntava aos trabalhadores, depois de toda a conversa, se alguma vez passara pela cabeça deles que seria possível tocar a produção de uma fábrica sem hierarquias nem patrões. As respostas, como era de se esperar, eram mais ou menos a mesma que me deu Angel:</p>
<p>&#8220;Jamais! Nunca achei que isso fosse possível. Aliás, acho que ninguém aqui achava que seria possível. A gente ajudava a planejar o nosso setor, e olhe lá. Eles fazem a gente acreditar que não somos capazes, mas estamos mostrando aqui, todos os dias, que podemos controlar a produção, que todos os trabalhadores são capazes de fazer o mesmo!&#8221;</p>
<p>Ao lado dos mecanismos objetivos de dominação – como a coerção econômica e as armas da polícia – a classe dominante também conta com mecanismos subjetivos para manter a ordem que lhe interessa. A submissão aos mecanismos de mercado e às ordens hierárquicas no trabalho cotidiano sustentadas pela coerção produtiva são parte do arsenal utilizado para fazerem os dominados &#8220;acreditarem que não são capazes&#8221;, retirando-lhes a capacidade de agir e falar em nome de interesses que não são os do lucro. Nesse sentido, estar imbuído da tarefa de controlar os próprios meios de subsistência (ainda que as leis do mercado continuem sendo uma ameaça) pode representar uma espécie de &#8220;fortalecimento egóico&#8221; indispensável para a construção de &#8220;formas embrionárias anti-sistêmicas&#8221; que apontem para além do mundo da mercadoria e do capital.</p>
<p>E se o capital já esbarra em limites de sua reprodução, demonstrando cotidianamente a sua incapacidade de resolver os problemas materiais (e espirituais) de uma parcela cada vez mais gigantesca da população, algumas experiências nas fábricas argentinas vêm provando na prática que imaginar uma sociedade onde perguntas do tipo: &#8220;o quê?&#8221;, &#8220;como?&#8221; e &#8220;pra quem?&#8221; produzir, podem ser respondidas pelos próprios trabalhadores organizados e não pelas leis cegas do sujeito automático. Num país que produz comida, segundo a OMS, para 300 milhões de pessoas é um crime que 7 milhões dos 37 milhões de seus habitantes se encontram abaixo da linha de pobreza, quer dizer, passam fome. Mas não é de crimes que é feito capitalismo?</p>
<p>A questão política central, afinal de contas, é: Quem controla os meio de produção? Uns poucos proprietários ou o conjunto dos trabalhadores organizados? Revolucionar o modo como a sociedade organiza sua produção material, socializando seus meios produtivos – isto é, máquinas e conhecimento &#8211; , é nossa única chance de escapar da barbárie devastadora que o capitalismo vem gerando dia a dia.</p>
<p>É no que pensa Manotas quando, do alto de sua experiência, afirma:</p>
<p>&#8220;Veja o tamanho dessa fábrica. É imensa, automatizada, com computadores e tudo o mais. Estamos aqui dentro provando que os trabalhadores podem administrar e controlar a produção! E eu te pergunto: se fazemos isso aqui, porque não podemos fazer isso no país inteiro, no continente inteiro?&#8221;</p>
<p>Por que não?</p>
<p>[1] &#8220;Os operários só se sentirão realmente em suas casas, em seu país, menbros responsáveis pelo seu país, quando se sentirem em casa na fábrica, enquanto trabalham&#8221;. (Simone Weil, A condição operária, p.166).</p>
<p>[2] o mesmo que fica evidente num diálogo entre André Gorz e um jovem técnico subalterno – que se dizia maoísta. O jovem estudara 3 anos e ganhava duas vezes mais do que um operário. Perguntado sobre a diferença de conhecimento existente entre ele e os operários que supervisionava, respondeu: &#8221; (jovem maoísta) Fiz cálculo diferencial e mecânica e sou muito bom em desenho industrial. /(Gorz)Você usa cálculo diferencial no seu trabalho?/ (jovem) Não. Mas foi bom eu ter feito. Serve para formar a mente. / (Gorz) E o desenho industrial, você usa bastante? / (jovem) Lógico. A gente não consegue acertar uma peça se não souber ler o esquema do plano. É o beabá. / (Gorz) Mas, se todos os operários sabem ler o esquema do plano, que conhecimentos você tem que eles não têm, além do cálculo diferencial? / (jovem) Tenho a visão do conjunto. O meu pessoal está, cada um, com o nariz na sua máquina. Eu conheço as possibilidades de todas as máquinas, preparo e organizo seu trabalho e, quando há um problema, explico-lhes como resolver. / (Gorz) Será que os operários poderiam saber tanto quanto você sem ter estado numa escola como a sua? / (jovem) Há uns velhos na minha oficina que sabem um colosso. Só que leva tempo. / (Gorz) Quanto tempo? / (jovem) Oh, ao menos cinco ou seis anos. (André Gorz, Crítica da divisão do trabalho, p.236-7).</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.krisis.org/2004/vento-que-vem-do-sul/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wind des Südens</title>
		<link>http://www.krisis.org/2003/wind-des-suedens</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2003/wind-des-suedens#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 31 Dec 2003 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Marco Fernandes]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.krisis.org/?p=677</guid>
		<description><![CDATA[Funken eines nicht-entfremdeten Bewusstseins inmitten des argentinischen Zusammenbruchs]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Funken eines nicht-entfremdeten Bewusstseins inmitten des argentinischen Zusammenbruchs</h3>
<p><em>Marco Fernandes</em></p>
<p>Der argentinische Kapitalismus liegt am Boden. Beinahe zehn Jahre lang hatte sich Carlos Menem, der ehemalige Präsident Argentiniens, als Musterschüler des Internationalen Währungsfonds gebärdet: Er koppelte den argentinischen Peso an den US-Dollar, privatisierte in großem Stil staatliche Betriebe, baute Einfuhrbeschränkungen ab, strich die Zahl der Staatsbediensteten radikal zusammen und dergleichen mehr. Dank der künstlichen Parität von Peso und Dollar hatte die Kaufkraft der Mittelschicht quasi über Nacht zugenommen. Nach dem Motto ›Was kostet die Welt?‹ konnte sie sich nun endlich lang gehegte Konsumträume erfüllen und dankte dies ihrem Präsidenten mit politischer Unterstützung. Und während Michel Camdessus, der damalige Direktor des IWF, der Regierung ein Loblied sang und Argentinien dem Rest der Welt als Modell eines modernen Staats empfahl, wähnte die herrschende Klasse sich bereits auf dem Weg in den exklusiven Club der Länder der Ersten Welt.</p>
<p><span id="more-677"></span>Als Menem dann abtrat, überließ er es seinem Nachfolger Fernando de la Rúa, die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Gewählt, um das Land aus der Rezession zu führen, die die argentinische Wirtschaft seit 1998 lähmte, wird de la Rúa stattdessen als der Präsident, der von der Bevölkerung aus dem Amt gejagt wurde, in die Geschichte eingehen. Seine letzte Amtshandlung sollte sich als politischer Selbstmord erweisen. Eine Abwertung des Peso hatte zu einem Ansturm auf die Banken geführt. Um den endgültigen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern, verfügte er, die Konten der Mittel- und Oberschicht zu sperren. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die aufgebrachte Mittelschicht schloss sich den wütenden Protesten der Arbeitslosen an, die am 19. und 20. Dezember 2001 die Straßen beherrschten. Das Bild, das von de la Rúa bleiben wird, ist das seiner Flucht. Per Hubschrauber musste er die Casa Rosada, den Sitz des argentinischen Präsidenten, verlassen, um dem Zorn der Massen zu entkommen.</p>
<p>Der Konsumrausch, der beinahe ein Jahrzehnt angehalten hatte, endete in einer gewaltigen Katerstimmung und einer gesellschaftlichen Krise, wie es sie in der Geschichte der argentinischen Republik noch nicht gegeben hat. Auf geradezu idealtypische Weise versinnbildlicht das Land die Krise der Arbeitsgesellschaft. Von den 14 Millionen, die den wirtschaftlich aktiven Teil der Bevölkerung ausmachen, sind heute 2,4 Millionen arbeitslos, weitere zwei Millionen beziehen Arbeitslosengeld und fast drei Millionen sind im öffentlichen Dienst angestellt. Von den sieben Millionen in der Privatwirtschaft Beschäftigten gelten ca. 20 % als ›unterbeschäftigt‹. Der Realwert der Einkommen ist auf das Niveau der 1940er Jahre abgesunken. Die Arbeitslosigkeit ist nur deswegen nicht noch höher, weil seit dem Jahr 2000 mehr als 260.000 Argentinier ausgewandert sind. Um eine Vorstellung von der Größenordnung dieser Migrationsbewegung zu bekommen, muss man sich vergegenwärtigen, dass in den Jahren der blutigen Militärdiktatur (1976-83) nicht einmal 40.000 Menschen das Land verlassen haben. Selbst nach den offiziellen Angaben der Regierung leben heute von 37 Millionen Argentiniern 21 Millionen unterhalb der Armutsgrenze. Das Ausmaß der Tragödie ist nur deshalb nicht noch größer, weil die Regierung, eine Bedrohung für die öffentliche Ordnung fürchtend, das Staatssäckel ein wenig aufgeschnürt hat, um den Prozess der absoluten Verelendung zu bremsen. Mehr als zwei Millionen Familien beziehen 150 Pesos aus einem Hilfsprogramm für ›Haushaltsvorstände‹. Kaum mehr als ein Almosen, das nicht einmal ausreicht, um die Grundbedürfnisse einer einzigen Person zu decken. Noch vor einigen Jahren war ein solches Szenario völlig unvorstellbar. In den 70er Jahren war Argentinien ein Land, in dem 75 % der Bevölkerung zur so genannten Mittelschicht zählten. Die wirtschaftliche Katastrophe der letzten Jahre hat diesen Anteil auf 30 % schrumpfen lassen.</p>
<p>Auf den Straßen von Buenos Aires sind die Zeichen der Krise allgegenwärtig. In der U-Bahn versuchen Kinder, manchmal gerade 4 Jahre alt, und arbeitslose Erwachsene alles zu verkaufen, was sich irgendwie zu Geld machen lässt. Schier endlose Schlangen bilden sich dort, wo man eine Mahlzeit umsonst bekommen kann. Die vom Markt Ausgeschlossenen im Kampf um die letzten Brosamen, die die Wirtschaft für sie bereit hält. Nachts durchstöbern Zehntausende, ein Heer von Cartoneros, den Müll nach Pappe und Papier. An den Recycling-Stationen kauft man ihnen den Wertstoff für ein besseres Trinkgeld ab. Noch vor wenigen Jahren machten das nur einige der Jüngeren unter den Arbeitslosen, doch heute streifen ganze Familien durch die Straßen der Hauptstadt, um nicht Hungers zu sterben.</p>
<p>Nur an wenigen Orten der Stadt lassen sich die Folgen der Wirtschaftspolitik der 90er Jahre so gut beobachten wie in Puerto Madero. Früher ein heruntergekommenes Hafenviertel, sollte es nach dem Vorbild der Hafenregion von San Francisco in Kalifornien saniert werden. Zig Millionen Dollar wurden in architektonisch gewagte Bürobauten investiert, um vor allem große Unternehmen anzusiedeln. Daneben waren Hotels, Restaurants und Geschäfte der gehobenen Preisklasse für wohlhabende Touristen vorgesehen. Yachten, für die in einem kleinen Fluss Ankerplätze geschaffen wurden, sollten dem Ort eine extravagante Atmosphäre verleihen und das Bild der Symbiose von Geschäft und Freizeit abrunden.</p>
<p>Da jedoch die Entwicklung der argentinischen Wirtschaft nicht so ruhig verlief, wie die dunklen Wasser des Rio de la Plata dahin fließen, blieb das Projekt unvollendet. Dem Betrachter bietet sich nunmehr ein bizarres Bild: Neben hypermodernen Gebäuden und millionenschweren Yachten stehen die noch nicht abgerissenen Überreste ehemaliger Fabriken, halbfertige Rohbauten und vor sich hin rostende Kräne. Ein Bild mit Symbolkraft für das Schicksal der peripheren Länder des kapitalistischen Systems. Die herrschende Klasse versucht, jeden wirtschaftlichen Aufschwung für eine Modernisierung zu nutzen. Da sich in diesem Teil der Welt der Geldhahn der internationalen Kredite jedoch ebenso schnell wieder schließt, wie er sich öffnete, werden ihre Pläne regelmäßig zu Makulatur und sie ist gezwungen, weiterhin mit jenen Ruinen zu leben, von denen sie sich befreien wollte.</p>
<p>In einigen dieser Ruinen sammeln sich heute Zehntausende Argentinier, um sich gemeinsam ein neues Leben aufzubauen. Die Institutionen eines gescheiterten Systems haben sich als unfähig erwiesen, die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Als Antwort darauf haben sich in den letzten Jahren unzählige Organisationen gebildet, die dies in die eigene Hand nehmen wollen. In der Peripherie der großen Städte haben sich Tausende von Arbeitslosen zu einer Bewegung der so genannten Piketeros zusammengeschlossen, die dem Staat die Stirn bietet und das Leben in den Stadtvierteln mehr und mehr in eigener Regie organisiert. Ähnliches gilt für die Stadtteilversammlungen vor allem in den Vierteln der Mittelschicht.</p>
<p>In den letzten vier Jahren ist die Wirtschaftsleistung um 20 % geschrumpft, mehr als 4.000 Fabriken haben ihre Tore geschlossen. Tausende von Arbeitern wollten jedoch die drohende Arbeitslosigkeit nicht einfach hinnehmen. Anstatt die Reihen der industriellen Reservearmee aufzufüllen, haben sie sich entschlossen, mit dem Tabu des Privateigentums zu brechen und die Produktion in den von ihren Besitzern aufgegebenen Fabriken selbständig wieder aufzunehmen. ›Besetzen, um zu produzieren‹ lautet eine ihrer Parolen.</p>
<h4>Die Produktionsmittel kontrollieren</h4>
<p>Es ist momentan noch sehr schwer, ein genaues Bild der Umwälzungen, die sich in den letzten Jahren in den besetzten Fabriken ereignet haben, zu zeichnen. Es handelt sich um ein neues Phänomen, dessen Folgen noch nicht abzuschätzen sind. Bislang hat sich erst eine wissenschaftliche Studie genauer mit der Situation in den Fabriken auseinander gesetzt. Diese Studie wurde von Gabriel Fajn, der an der Universität von Buenos Aires ein Team von Wissenschaftlern um sich sammelte, durchgeführt. Allerdings konnten in der Studie nur die ersten 87 besetzten Fabriken berücksichtigt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass sich heute ca. 180 Fabriken im ganzen Land in der Hand der Arbeiter und Arbeiterinnen befinden. Das bedeutet, dass mehr als 10.000 Arbeiter und Arbeiterinnen heute in selbstverwalteten Betrieben arbeiten. (In Brasilien wird die Zahl der Arbeiter und Arbeiterinnen, die in selbstverwalteten Betrieben arbeiten, auf 30.000 geschätzt. Immer mehr von ihnen organisieren sich in der Associação Nacional dos Trabalhadores de Empresas de Autogestão ANTEAG – Nationale Vereinigung der Arbeiter aus selbstverwalteten Fabriken. Aber das ist eine andere Geschichte…)</p>
<p>Fajn zufolge sind 80 % der 87 von ihnen untersuchten Fabriken als klein zu bezeichnen. Sie weisen im Schnitt eine Belegschaft von 38 Arbeitern auf. Lediglich in einem Fünftel der Fabriken arbeiten durchschnittlich mehr als 100 Arbeiter. Es handelt sich dabei um Fabriken, die in ihrer Mehrheit noch nach dem fordistisch-tayloristischen Schema arbeiten. Nur in wenigen sind ›fortgeschrittene‹, so genannte toyotistische Produktionsmethoden anzutreffen. Schaut man auf die Produktionskapazitäten, lässt sich feststellen, dass die besetzten Betriebe ihre Kapazität im Schnitt zu 52 % ausschöpfen. Beim größeren Teil der Betriebe lag dieser Wert um die 40 %. Andererseits haben sieben von zehn Betrieben das Produktionsniveau aus der Zeit vor der Besetzung erreicht oder sogar übertroffen. In Bezug auf die Gehälter ergab die Untersuchung, dass sie in 16 % der Fälle auf demselben Niveau geblieben sind. Bei 31 % der Unternehmen sind sie gestiegen und bei 52 % gefallen. Um diese Zahlen einordnen zu können, muss man berücksichtigen, dass in vielen Fabriken auch leitende Angestellte und Mitglieder der Geschäftsleitung weiterhin arbeiten. Deren Bezüge sind in der Regel stark gefallen, während die der einfachen Arbeiter in der gleichen Fabrik tendenziell gestiegen sind. Es gibt auch Ausnahmen wie z.B. die Stahlhütte Union y Fuerza. Dort hat man es in einem Zeitraum von zwei Jahren geschafft, sämtliche Schulden zu begleichen, einen Hochofen für 90.000 Pesos zu kaufen und einen Kupfervorrat von 140 Tonnen anzulegen. Die Gehälter haben sich im gleichen Zeitraum beinahe vervierfacht.</p>
<p>An den Arbeitszeiten hat sich nicht viel geändert. In der Regel hat man an einem Arbeitstag von acht Stunden festgehalten, in einigen Fällen blieb man auch darunter, etwa bei Brukman in Buenos Aires, wo die Arbeitszeit durchschnittlich um zwei Stunden pro Tag reduziert wurde. Insbesondere interessierten sich die Forscher für die Gefahr der Selbstausbeutung als Folge der Selbstverwaltung. Der Großteil der Fabriken hat jedoch die Produktion zurückgefahren. Aber auch in den Betrieben, wo sie erhöht wurde, konnte keine Zunahme der Ausbeutung der Arbeitskraft festgestellt werden. Dies mag daran liegen, dass in 90 % der Fälle die innerbetrieblichen Hierarchien abgebaut wurden. Alles wird auf Betriebsversammlungen entschieden und alle, von der Putzkraft bis zum Vorstand oder dem obersten Koordinator, verdienen das gleiche. Das dürfte das interessanteste Ergebnis der Untersuchung sein, denn es zeigt, dass sich der Fabrikalltag in dem Moment entscheidend ändert, in dem man mit den Versammlungen einen Raum für Diskussionen schafft, eine Möglichkeit für den Austausch von Erfahrungen, für gemeinsame Entscheidungen im Hinblick auf die Produktion sowie für die politische Kommunikation mit anderen Teilen der Gesellschaft.</p>
<p>Fajn kam ferner zu dem Ergebnis, dass in nur einem von vier Fällen eine Übereinkunft zwischen den ehemaligen Chefs und den Beschäftigten erzielt wurde. In den restlichen 75 % der Fälle kam es zu Besetzungen, Straßenprotesten und Konfrontationen mit der Polizei und den ehemaligen Eigentümern. Aus diesem Grund sind auch die Besitzverhältnisse in vielen Fabriken rechtlich noch ungeklärt. In den meisten Fällen hat der Staat zwar einer auf zwei Jahre befristeten Enteignung der Gebäude und der Maschinen zugestimmt, aber es ist völlig offen, was nach Ablauf dieser Frist geschehen wird. Die Arbeiter kämpfen darum, als Eigentümer der Fabriken anerkannt zu werden. Die immensen Schulden, die von den alten Besitzern angehäuft wurden und die sich auf Hunderte Millionen von Pesos belaufen, stärken dabei ihre Position. Der größere Teil dieser Schulden setzt sich aus ausstehenden Gehältern und nicht geleisteten Sozialabgaben zusammen, aber auch Steuern und nicht bezahlte Strom-, Wasser- und Gasrechnungen schlagen zu Buche. Es ist jedoch klar, dass der von der peronistischen Bande beherrschte Staat nicht bereit sein wird, gegenüber den Arbeitern die gleiche Großzügigkeit walten zu lassen, die er immer dann zeigt, wenn es gilt, Unternehmern Millionenkredite zu bewilligen oder Steuerschulden zu erlassen. Zudem hatten zahlreiche Unternehmer, als sie merkten, dass es wegen der Wirtschaftskrise immer schwieriger wurde die gewünschten Profitraten zu erzielen, eine Strategie verfolgt, die darin bestand, die Fabriken ›auszuschlachten‹. Um ihr privates Vermögen zu retten, wurden Gehälter und Sozialabgaben sowie Gelder für neue Investitionen in spekulative Geschäfte auf den Finanzmärkten umgeleitet. Darin zeigt sich die neue Realität der kapitalistischen Akkumulation: Waren zu verkaufen ist kein gutes Geschäft mehr.</p>
<h4>Funken eines nicht-entfremdeten Bewusstseins</h4>
<p>Volkswirtschaftlich gesehen sind die besetzten Fabriken (Okupas) noch immer praktisch unbedeutend. Und trotz der beträchtlichen Bandbreite von Produktionssektoren, die an dieser Erfahrung der Selbstverwaltung beteiligt sind, verläuft der Aufbau von Tauschnetzen zwischen diesen Fabriken, von denen alle wirtschaftlich wie politisch profitieren würden, noch immer sehr schleppend. Dennoch zeitigt dieses in der argentinischen Geschichte einmalige Phänomen Folgen, die bedeutsamer sind als die bloße Sicherung von Arbeitsplätzen in den bankrotten Unternehmen. Zugleich wirft es auch viele Fragen auf: Welche Veränderungen sind möglich, wenn die Kontrolle über die Produktionsmittel in die Hände der Arbeiter übergeht? Was bedeutet es für die Arbeiter, sich nicht mehr den Hierarchien am Arbeitsplatz unterwerfen zu müssen, nicht mehr der Willkür eines Chefs ausgesetzt zu sein, sondern selbst die Verantwortung über die Produktion und über die Kriterien der Verteilung des produzierten Reichtums zu übernehmen? Ist es möglich, selbst wenn die Zwänge der Marktgesetze weiterhin bestehen und objektive Grenzen setzen, einen ›autonomen Raum‹ für die Arbeiter in diesen Fabriken ohne Chef zu denken? Wie wirkt sich schließlich all dies auf die Subjektivität eines Arbeiters aus, der an diesem Erfahrungsprozess beteiligt ist?</p>
<p>Bedenkt man die erschreckenden Ausmaße, die der Stress wegen der zunehmenden Prekarisierung der Arbeitsbeziehungen in den letzten Jahren angenommen hat (Erhöhung der Arbeitszeit, Lohnkürzung, Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes etc.), dann kommt einigen der Erfahrungen die im Rahmen der Selbstverwaltung gemacht werden in politischer Hinsicht eine noch größere Bedeutung zu. Denn hier zeigt sich in der Praxis, dass die materielle Produktion der Gesellschaft anders organisiert werden kann. Gespräche, die ich zu Beginn des Jahre 2003 mit Arbeitern in einigen der besetzten Betriebe führen konnte, machen das deutlich.</p>
<p>Wozu einen Chef? Als ich Ana Maria, die am Empfang der Clínica Junín in Cordoba arbeitet, bitte, ihren Alltag vor der Besetzung der Klinik zu beschreiben, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen:</p>
<p>»Ich kann dir sagen: Früher kam ich hier an, setzte mich hier auf diesen Stuhl«, ihre Worte untermalt sie mit ausdrucksstarken Gesten, »und machte meine Arbeit, den ganzen Tag. Ich hatte kaum Zeit, mal zur Seite zu blicken. Ich habe mich gefühlt, als ob ich in eine Tupperware-Dose eingesperrt sei.« Mit ihren Händen deutet sie ein Plastikbehältnis an, während ihr Kopf unentwegt nach unten gerichtet ist, so, als würde sie arbeiten. »Nach Feierabend«, fährt sie fort, »bin ich dann nach Hause gegangen. Todmüde bin ich in einen Sessel gesunken und habe den Fernseher angemacht. Unfähig, noch einen klaren Gedanken zu fassen, konnte ich bloß noch vor der Glotze hängen. Und als ob das nicht schon gereicht hätte, mussten wir auch noch das ewige Genörgel des Chefs ertragen. In letzter Zeit haben wir nicht mal mehr unser Gehalt ausgezahlt bekommen.«</p>
<p>In wenigen Worten bringt Ana Maria den Alltag, wie er von der großen Mehrheit der Lohnarbeitenden erfahren wird, auf den Punkt. Einer Arbeitsroutine unterworfen, die in diesen Zeiten der Krise des Kapitals immer aufreibender wird, erleben sie die nicht enden wollenden Stunden am Arbeitsplatz wie einen täglichen Gefängnisaufenthalt. Und die Rückkehr in die eigenen vier Wände, nach langen Stunden der Enteignung von Körper und Geist, bietet nur eine kurze Verschnaufpause, bis der Wecker am nächsten Morgen schmerzhaft an die Gefahr erinnert, vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu werden. Selbst mit der ›Freizeit‹ kann man kaum etwas anfangen: Nach acht Stunden Arbeit sowie der in den öffentlichen Verkehrsmitteln verbrachten Zeit – in Städten wie São Paulo oder Buenos Aires können das leicht vier bis fünf Stunden sein – bleibt nicht mehr viel übrig, um zu leben. Der während des ganzen Tages ausgelaugte Körper weiß nicht, wo er noch Energie hernehmen soll. Deshalb ist, ›vor der Glotze zu hängen‹, oft das Einzige, was einem zu Hause noch bleibt – und in Lateinamerika sind es nicht wenige, die nicht einmal ein Zuhause haben. Jedoch scheint sich für Ana Maria einiges geändert zu haben, seit sie und ihre Kollegen die Klinik besetzt und die Kontrolle über sie übernommen haben.</p>
<p>Zwar sind die finanziellen Probleme noch immer gewaltig. Die Rechtslage erlaubt noch keine stationären Behandlungen. Außerdem hat sich die Belegschaft der Klinik entschlossen, nur 5 Pesos (1,50 €) pro Sprechstunde zu berechnen, um die Behandlungen für mehr Menschen zugänglich zu machen. Jeder der Beschäftigten der Klinik erhält deshalb ein monatliches Gehalt von ungefähr 200 Pesos, nur wenig mehr als das miserable Arbeitslosengeld und in keiner Weise ausreichend, um die monatlichen Ausgaben eines Menschen zu decken. Nachdem sie dies in sehr ernstem Ton erzählt hat, hält Ana Maria für einige Momente inne, wie jemand, der kühl die eigenen Worte abwägt. Dann diese Einsicht:</p>
<p>»Weißt du was? Es ist alles sehr, sehr schwierig hier. Das ist wahr. Manchmal möchte man einfach alles hinschmeißen… Aber eins ist sicher: Kein Geld der Welt kann die Tatsache aufwiegen, dass wir hier keinen Chef mehr haben!«</p>
<p>Das ansteckende Lachen, in das sie gleich darauf ausbricht, lässt niemanden unberührt, der gezwungen ist, seine Arbeitskraft zu verkaufen und sich der Willkür eines Chefs auszusetzen, der in Zeiten, in denen es an Arbeitsstellen mangelt, immer mächtiger wird.</p>
<p>Allgemein erschien die Tatsache, in einem Betrieb ohne Chef zu arbeiten, in den Aussagen als eine unschätzbare Errungenschaft, etwas, auf das man stolz ist und das einen qualitativen Unterschied im so schwierigen Alltag ausmacht. In der Figur des Chefs verdichten sich zweifellos die Zwänge der kapitalistischen Produktion: von der Aneignung des Mehrwerts bis zum Kontrollregime in der Fabrik, von der zwangsweisen Unterordnung unter die Produktionshierarchie bis hinein in die tagtäglich reproduzierten Herrschaftsverhältnissein den persönlichen Beziehungen. Mit dem Verschwinden dieser Figur durch die Besetzung des Betriebs und seine Neuorganisation unter den Bedingungen der Selbstverwaltung gewinnen die Subjekte einen gewissen Grad an Autonomie zurück, die die Unterordnung unter einen Chef und die aufgezwungenen Arbeitsbedingungen ihnen genommen hatte. Dadurch gewinnt ihre alltägliche Tätigkeit eine neue, bisher unbekannte Dimension.</p>
<h4>Wiederaneignung von Zeit und Raum und Reorganisation der Arbeitsteilung</h4>
<p>Die Kontrolle über Zeit und Raum in einer Fabrik gehört zu den grundlegenden Mechanismen der kapitalistischen Profitproduktion. Ersteres bedeutet, dass die Arbeiter zu den vom Chef festgelegten Zeiten am Arbeitsplatz anwesend sind und während der Arbeit den vom Unternehmen vorgegebenen Produktionsrhythmus einhalten. Letzteres verlangt, dass jeder in der Fabrik sich nur dem Raum bewegt, der ihm von der Arbeitsteilung zugewiesen wurde, und, wichtiger noch, dass niemand Zugang zu allen Bereichen der Produktion hat, so dass die Arbeiter den Produktionsprozess, in den sie eingebunden sind, in seiner Gesamtheit nicht überschauen können. Um dies sicherzustellen, üben Vorgesetzte und Abteilungsleiter auf dem Fabrikgelände eine Polizeifunktion aus, womit sie den Stress, dem die Arbeiter ausgesetzt sind, noch erheblich steigern.</p>
<p>»Früher musste ich die ganze Zeit hier am Hochofen bleiben. Ich konnte nicht mal in die Nachbarabteilung gehen, um mich mit einem Kollegen zu unterhalten. Sofort kam jemand, um mich zurückzuschicken«, erzählt Angel, ein Arbeiter der Keramikfabrik Zanon. Keine zehn Meter liegen zwischen seinem Arbeitsplatz und der Nachbarabteilung. »Weißt du, hier gab es für alles Vorgesetzte. Ich habe noch nie so viele Vorgesetzte auf einem Haufen gesehen! Und das Schlimmste war, dass sie den ganzen Tag überall herumschnüffelten. Jede Kleinigkeit war ihnen willkommen, um uns zusammenzustauchen. Du kannst dir vorstellen, wie hier die Stimmung war!«</p>
<p>Mit der Selbstverwaltung der Fabriken löste sich auch die rigide Arbeitsteilung des Fordismus auf. In erster Linie lag das daran, dass ein Großteil der leitenden Angestellten und des Verwaltungspersonals nicht bereit war, zu Bedingungen zu arbeiten, die ihnen ihre Privilegien nahmen. Deshalb war eine Neuverteilung der Aufgaben in der Fabrik unumgänglich. Die Tatsache, dass nunmehr die Belegschaftsversammlungen über alle internen Fragen entscheiden können, bedeutet außerdem, dass auch ein Wechsel zwischen verschiedenen Funktionen möglich ist, wenn die Versammlung zustimmt. Darüber berichtet Sérgio, ein Arbeiter der Textilfabrik Brukman :</p>
<p>»Seit wir die Fabrik besetzt haben, haben sich die Dinge in dieser Beziehung ein wenig geändert. Wir haben jetzt mehr Mitsprache bei der Entscheidung, wo wir arbeiten. Ich z.B. arbeite beim Zuschnitt, aber auch in der Verwaltung und manchmal, so wie jetzt, helfe ich im Verkauf aus. Das heißt, wenn jemand etwas anderes machen will, muss er seinen Wunsch nur auf der Betriebsversammlung äußern. Dort wird man dann schauen, ob sich das realisieren lässt. Das läuft hervorragend. Wenn jemand in eine andere Tätigkeit eingearbeitet werden möchte, dann haben wir hier in der Fabrik die Möglichkeit, ihm dies zu ermöglichen. Ist das nicht toll? Die ganze Zeit das gleiche zu machen, kann einem gehörig auf die Nerven gehen. Irgendwann hält man das nicht mehr aus!«</p>
<p>Auch bei der Arbeitszeit gab es ein paar wesentliche Änderungen. Weil in vielen Fällen die Produktion zurückgefahren wurde, konnte auch die Arbeitszeit gekürzt werden. Aber auch dort, wo die Arbeitszeit offiziell nicht verringert wurde, läuft alles etwas geruhsamer ab. Außerdem kommen in einer Fabrik, in der alles gemeinsam entschieden wird, neue Aufgaben hinzu.</p>
<p>»Früher haben wir die acht Stunden am Tag wirklich gearbeitet. Wir hatten kaum Zeit, mal durchzuatmen, weil immer jemand da war, um uns zu beaufsichtigen«, berichtet Rosa, die bei Zanon arbeitet. »Heute ist das anders. Normalerweise arbeiten wir eine Zeit lang. Dann machen wir eine kleine Pause, trinken einen Mate und gehen dann zurück zur Arbeit. So läuft das heute. Ich denke, dass wir so vier bis fünf Stunden pro Tag arbeiten. Da hinten, da ist unser Koordinator,« sie zeigt auf einen älteren Herren, der mit einer der Maschinen beschäftigt ist, »und wir sitzen hier, trinken Tee und unterhalten uns. Außerdem haben wir mit den Betriebs- und Abteilungsversammlungen jetzt noch andere Aufgaben, die auch ziemlich viel Zeit kosten. Aber das ist nicht so anstrengend wie die Arbeit am Fließband.«</p>
<p>Abgesehen davon, dass aufgrund all dieser Veränderungen der permanente und Angst einflößende Druck verschwunden ist, den die Vorgesetzten auf die Arbeiter ausübten (was allein schon eine deutliche Erleichterung der harten Wirklichkeit am Fließband bedeutet), hat auch das Fabrikgelände selbst ganz neue Funktionen der Soziabilität für die Beschäftigen erlangt. Sie haben eine völlig veränderte Beziehung zu einem Raum entwickelt, der früher nicht der ihre war. Auf die Frage nach seinen Eindrücken vom ersten Arbeitstag unter den neuen Bedingungen antwortet Angel:</p>
<p>»Ah, das war ganz eigenartig. Erstmal gab es niemanden, der einen kontrollierte. Ab und zu schaute ich von der Arbeit auf, blickte mich um und sah dass die Kollegen teils konzentriert arbeiteten, teils sich unterhielten. Aber es gab niemanden, der sie oder mich zur Rechenschaft gezogen hätte. Gleichzeitig war mir klar, dass es nun schwieriger werden würde. Es reichte nicht mehr aus, jeden Tag seine Arbeit zu machen und am Ende des Monats den Lohn ausgezahlt zu bekommen – obwohl wir den ja auch nicht mehr bekommen haben. Wir sind jetzt für alles verantwortlich, und auf den Versammlungen müssen alle gemeinsam darüber entscheiden, was gemacht werden soll. Und das ist nicht so leicht. Aber du kannst dir sicher vorstellen, dass sich vieles geändert hat. Wir können uns hier jetzt frei bewegen und nicht nur mit dem Kollegen reden, sondern auch lernen, was er eigentlich macht. Jetzt weiß ich, wie alles hier funktioniert, ich kenne den gesamten Produktionsprozess und ich denke, dass wir vielleicht deshalb jetzt mehr Stolz haben. Wir haben das Gefühl, dass es irgendwie unsere Keramikfabrik ist…«</p>
<p>Es sind nicht wenige hier bei Zanon, die in den letzten Monaten gelernt haben, wie die einzelnen Abteilungen der Fabrik funktionieren. Mit der schrittweisen Sozialisierung des Produktionswissens wird es immer schwieriger, es als Herrschaftsinstrument in den Händen einiger ›Eingeweihter‹ zu konzentrieren. Viele der Beschäftigten sind stolz, den zahlreichen Besuchern jeden Schritt im Produktionsprozess erklären zu können, von der Anlieferung des Tons bis zur Verpackung der Kacheln. Sie versichern, dass die Qualität der Produkte sich verbessert hat. Jetzt, wo ihnen der Betrieb gehört, können sich die Beschäftigten auch neue Formen der Nutzung des Raumes vorstellen, die ihre Beziehung zu ihm verändern.</p>
<p>»Möchtest du etwas sehen, was sich ziemlich verändert hat?«, fragt Sérgio von der Firma Brukman. »Siehst du, wie viele Leute hier noch arbeiten?« Er zeigt in die Fabrik, wo ein Kommen und Gehen herrscht. »Und wie spät ist es?« Ein Blick auf die Uhr. »Es ist fast vier! Um drei ist hier offiziell Feierabend, und noch immer sind hier ein Haufen Leute. Früher war hier um zehn nach drei keine Menschenseele mehr anzutreffen. Außer dem Chef natürlich. Niemand ist auch nur eine Minute länger als nötig geblieben. Heute hat es keiner mehr so eilig. Einige machen noch fertig, womit sie angefangen hatten, andere plaudern, trinken Mate oder warten auf einen Kollegen oder eine Kollegin, um zusammen wegzugehen… Es ist, als ob das hier ein zweites Zuhause wäre. Wir fühlen uns wohl hier. Es gibt sogar Kolleginnen, die ihre Kinder mitbringen, wenn sie niemanden finden, bei dem sie sie lassen können. Das ist kein Problem. Wir wechseln uns ab, und den Kindern gefällt es.«</p>
<p>Nach und nach gewinnt der Raum der Fabrik neue Konturen und hört auf, einem Gefängnis zu gleichen. Die strikte Trennung zwischen der Arbeits- und Privatsphäre beginnt sich aufzulösen, aber nicht in dem Sinne, dass die Arbeitsroutine das Wohnzimmer erobert; vielmehr handelt es sich umgekehrt, wie Sérgio es beschreibt, um die Aneignung eines vormals privaten Raumes, der, indem er einen kollektiven Charakter annimmt, neue Dimensionen im Alltag der Arbeiter und Arbeiterinnen gewinnt. In einigen Fabriken etwa betreiben die Beschäftigten zusammen mit Studenten ›Kulturzentren‹, wo bei freiem Eintritt Filme und Theaterstücke gezeigt und verschiedene Workshops (Theater, Musik, Kunsthandwerk etc.) durchgeführt werden. So entstehen mit der Zeit neue Beziehungen zur Nachbarschaft der Fabrik und zu den Stadtteilversammlungen, was es zugleich auch erleichtert, Unterstützung zu mobilisieren, um der Polizei Widerstand zu leisten oder um die Monate zu überbrücken, in der die Produktion noch stillsteht.</p>
<h4>Politisierung und Identität der Unterdrückten</h4>
<p>Die Geschichten der Fabrikbesetzungen in Argentinien gleichen einander mehr oder weniger und sie alle haben etwas Heroisches: Monatelang keinen Lohn bekommen und auf die Unterstützung der Familie und der Nachbarn angewiesen sein, rund um die Uhr die Fabrik bewachen, um nicht durch eine Räumungsaktion der Polizei überrascht zu werden, gleichzeitig gegen den Staat und gegen den Chef kämpfen, kollektiv die Wiederaufnahme der Produktion organisieren, um schließlich am eigenen Leib zu erfahren, welche Möglichkeiten sich eröffnen, wenn die Beschäftigten die Kontrolle über die Produktionsmittel übernehmen. Sämtliche Aussagen in den Gesprächen zerfallen in ein ›Vorher‹ und ein ›Nachher‹. Körperhaltung, Gesichtsausdruck und Stimme ändern sich während der Erzählungen oft, je nachdem über welche Erfahrungen berichtet wird.</p>
<p>Dieselbe Ana Maria, die geschildert hat, wie sie zerschlagen von der Mühsal der Arbeit nach Hause kam und nur noch fähig war, vor der Glotze zu hängen, beschreibt die Änderungen, die sich in ihrem Alltag ergeben haben, mit folgenden Worten:</p>
<p>»Heute ist es anders. Ich komme hier an und arbeite. Wie gesagt: es ist nicht leicht, aber ich bin hier, nehme an den Versammlungen mit den Kollegen teil, gehe zu den Versammlungen bei mir im Viertel, mache bei den Protesten auf der Straße mit. Ich weiß, was im Land vor sich geht. Ich kann mit jedem darüber diskutieren. Ich fühle mich als Teil von etwas Größerem, eines Kollektivs, eines Ganzen.«</p>
<p>So gut wie niemand in den Fabriken hatte vorher mit Politik etwas zu schaffen. Die allgemeine Schwächung der Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten wurde in Argentinien noch durch die buchstäbliche Auslöschung der Linken während der massenmörderischen Militärdiktatur verschärft. 30.000 Menschen sind zwischen 1976 und 1983 ermordet worden. Genau aus diesem Grund bedeutet die mit den aktuellen Erfahrungen einhergehende Politisierung einen radikalen Einschnitt. Dies zeigt sich etwa, wenn Angel darüber spricht, was er früher beim Anblick der Piketeros, der Arbeitslosenbewegung, dachte, die auf der Straße demonstrierten, den Verkehr zum Erliegen brachten und in der Stadt ein ›Chaos‹ anrichteten:</p>
<p>»Das hat mich einfach nur angewidert!« »Aber warum?«, fragte ich vorsichtig. »Weiß nicht. Ich glaube, ich hatte keine Ahnung, was die damit erreichen wollten. Ich dachte: ›Was soll das hier? Warum halten die einen auf, richten ein solches Durcheinander an und stehlen den Leuten ihre Zeit?‹ Ich kannte niemanden, der in der Bewegung aktiv war, und wusste nicht, was da auf dem Spiel stand.« So ernst war Angel während des ganzen Gesprächs nicht gewesen. Er war sich bewusst, dass er einen heiklen Punkt berührte und sich vor einem Fremden eine Blöße geben könnte. Aber er versuchte in keiner Weise, seine Vergangenheit zu kaschieren. »Und wie siehst du das heute?«, fragte ich. »Heute? Heute bin ich es, der piquetes macht und auf der Straße protestiert. Wie gesagt, uns ist klar, dass wir früher oder später einpacken können, wenn wir hier in der Fabrik bleiben. Unser Kampf muss hier in der Fabrik und draußen in der Stadt stattfinden. Und die piquetes gehören zu den besten Formen der Mobilisierung über die wir verfügen.«</p>
<p>Die Erfahrung, die Welt aus der Perspektive eines Arbeitslosen zu erleben, der gezwungen ist, sich zu organisieren und gemeinsam mit anderen für sein Überleben zu kämpfen, hat dazu geführt, dass Angel sich heute mit jenen ›Ruhestörern‹ identifiziert, die er vor ein paar Monaten noch beschimpft hat, und sich damit blind auf den Standpunkt des herrschenden Bewusstseins stellte . Er musste auf die Straße gehen und demonstrieren, die Produktion in der Fabrik neu organisieren, Prügel von der Polizei einstecken und die verächtlichen Blicke der Passanten spüren, die wie er früher von alldem genervt sind, um zu verstehen, ›was auf dem Spiel steht‹. Für Angel ist sein Kampf in der Fabrik antikapitalistisch. Deshalb geht er davon aus, dass die Zukunft nicht einfach sein wird. Auch innerhalb der Betriebe mangelt es in der Regel an Solidarität und Identifikation zwischen den Beschäftigten und den Arbeitslosen. Nicht selten ist das Streben nach sozialem Aufstieg und Distinktion stärker als das Bewusstsein der gleichen sozialen Herkunft und verhindert die Entstehung einer gemeinsamen Identität. Auch das hat sich durch die Erfahrung der Besetzungen geändert, wenigstens im Fall von Gladys, Arbeiterin bei Brukman. Anderthalb Monate vor dem Bankrott war sie entlassen worden, doch nach der Besetzung des Werks durch ihre Kolleginnen und Kollegen holten diese sie zurück. Auch bei ihr verweist das ›Vorher‹ und das ›Nachher‹ auf eine grundlegende Veränderung, die stattgefunden hat:</p>
<p>»Oh je, Marco, so vieles hat sich geändert… Zuerst war es schwierig, mich hier wieder hineinzufinden, denn schließlich müssen wir uns jetzt selbst organisieren, d.h. wir müssen viel mehr miteinander reden, der Dialog ist sehr wichtig. Es reicht nicht mehr aus, hier anzukommen, die Anweisungen entgegenzunehmen, die Arbeit zu erledigen und wieder nach Hause zu gehen. Erst mal gibt es keine Anweisungen mehr, wir entscheiden alles gemeinsam auf den Versammlungen. Früher hatte ich nicht viel zu tun mit den anderen hier. Weißt du?…« »Hattest du keine Freunde hier in der Fabrik?« Ihre Miene verriet mir, dass ich einen wunden Punkt angesprochen hatte. »Ach, ganz wenige. Es ist so…, dass ich mich nicht allzu sehr mit den anderen hier identifiziert habe… Weißt du, ich komme auch aus einfachen Verhältnissen, aber ich hatte die Möglichkeit zu studieren, Kommunikationswissenschaften an der UBA. Meine Freundschaften hatte ich woanders. Die Leute hier, das war eine andere Schicht, wir sprachen nicht die gleiche Sprache, diese Dinge halt… Wir haben uns nie viel miteinander unterhalten. Außerdem hatte ich ein furchtbar hektisches Leben. Den ganzen Tag habe ich hier gearbeitet, und nach Feierabend bin ich so schnell wie möglich raus, um rechtzeitig zu den Vorlesungen an der Uni zu kommen. Für andere Sachen blieb da keine Zeit.« »Aber jetzt, nach alldem, was passiert ist, haben sich die Dinge geändert?«, hakte ich nach. »Auf jeden Fall. Es hat sich viel geändert. Jetzt kenne ich jeden hier und mit vielen bin ich auch befreundet. Sie haben auch mehr Vertrauen zu mir. Ich glaube, für mich war das die wichtigste Veränderung, dass die Beziehung zu den Leuten hier jetzt eine ganz andere ist. Ich fühle mich den anderen mehr verbunden, identifiziere mich mit ihnen. Ich denke, das ist es.«</p>
<p>Die Erfahrung der Fabrikbesetzung hat offensichtlich Menschen, deren Weltsicht in gewisser Hinsicht ›konservativ‹ war, nachhaltig verändert. Sie sind jetzt in der Lage, bestimmte ideologischen Beschränkungen von einst zu erkennen und zu reflektieren und sich mit den Beherrschten, zu denen ja schließlich auch sie selbst zählen, zu identifizieren. Das verweist auf das Ausmaß der individuellen wie kollektiven Politisierung, die mit dem Prozess der Besetzung einhergeht. Die Art, wie die daran beteiligten Personen die Welt um sich herum wahrnehmen und wie sie ihre objektive Position in den Produktionsbeziehungen und ihren Konflikt mit dem Kapital erleben, hat sich geändert. Wie Célia von Brukman sich ausdrückt: »Bis vor ein paar Monaten war ich eine einfache Hausfrau. Heute möchte ich die Welt verändern. Das heißt, für den Aufbau des Sozialismus kämpfen!«</p>
<h4>Zanon und die Demerkantilisierung der Produktion</h4>
<p>Politisch gesehen stellt die Keramikfabrik Zanon unter allen besetzten Betrieben vielleicht die fortgeschrittenste Erfahrung dar. In seinen goldenen Zeiten kontrollierte Zanon, einst ein riesiger Betrieb, 20 % des argentinischen Keramikmarktes und exportierte in mehr als 30 Länder. Der Umsatz betrug ungefähr 100 Millionen US-Dollar man konnte sich immer auf das Wohlwollen des Staates verlassen, wenn es darum ging, Kredite oder Zuschüsse zu bewilligen. In letzter Zeit war Luigi Zanon unzufrieden mit den Gewinnen, die seine Firma abwarf und tat, was der Großteil der Unternehmer tut: Er fing an, das Unternehmen auszuschlachten, zahlte keine Löhne und Steuern mehr, und transferierte das Geld des Unternehmens in irgendein Steuerparadies, um im Kasino der Finanzmärkte sein Vermögen zu mehren.</p>
<p>Fast ein Jahr dauerte der Kampf der Keramikarbeiter bereits an, als ich die Fabrik zu Beginn des Jahres 2003 besuchte. Es begann mit Forderungen nach mehr Sicherheit am Arbeitsplatz, nachdem ein junger Arbeiter tödlich verunglückt war. Danach kämpfte man für die Zahlung der noch ausstehenden Löhne und Gehälter und eroberte die Führung der Gewerkschaft, die vorher den Chefs hörig gewesen war. Schließlich kam es zur Fabrikbesetzung. Die neuen Forderungen, die jetzt erhoben werden, zeugen von dem beeindruckenden Niveau der Organisation und des politischen Bewusstseins, das sich im Lauf der Auseinandersetzungen entwickelt hat. Manotas, der von der Betriebsversammlung gewählte Generalkoordinator der Fabrik, erläutert:</p>
<p>»Wir wollen kein kapitalistisches Unternehmen sein wie all die anderen. Wir wollen nicht einfach Keramikprodukte herstellen, diese dann auf dem Markt an zahlungsfähige Kunden verkaufen und die Gewinne daraus einstreichen. Wenn es so wäre, könnten wir hier schon mehr als 800 Pesos verdienen. Aber das ist nicht unser Ziel. Denn uns ist klar, dass wir alleine keine Chance haben. Deshalb fordern wir die Verstaatlichung. Zunächst, weil wir verlangen, dass der Staat die notwendigen Investitionen tätigt, um die Produktion auszubauen und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Hauptsächlich aber, weil wir produzieren wollen, um die konkreten Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen. D.h. wir möchten unsere Keramikprodukte für öffentliche Schulen und Krankenhäuser, für Sozialwohnungen und Ähnliches herstellen. Wir sehen das im Zusammenhang mit einem Plan für öffentliche Bauvorhaben, der viele Menschen beschäftigen und die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen könnte. Auf diese Weise würden die Gewinne der Fabrik dem gesamten Land zugute kommen.«</p>
<p>Die Keramikarbeiter kämpfen für eine ›Verstaatlichung unter Arbeiterkontrolle‹. Sie machen sich keine Illusionen über eine mögliche Lösung der kapitalistischen Krise durch staatlichen Eingriff; schon deshalb nicht, weil sie im Staat eine Bande von Dieben und Mördern sehen. Neben den noch frischen Erinnerungen an die Militärdiktatur wurde den Arbeiterinnen und Arbeitern im Laufe der Fabrikbesetzung schnell klar, in wessen Interesse der Staat handelt. Die Forderung ist strategisch gemeint. Einerseits soll der Staat für Investitionen sorgen, um die Produktion und die Zahl der Arbeitsplätze zu erhöhen, andererseits, und noch wichtiger, wird es als Schritt in Richtung einer Demerkantilisierung der Produktion verstanden. Anstatt einfach nur Keramikprodukte herzustellen und in der Warenwelt gegen Geld zu tauschen, kämpfen die Arbeiter von Zanon dafür, dass ihre Fabrik den Charakter einer öffentlichen Einrichtung erhält und für öffentliche Gebäude und bedürftige Familien produziert.</p>
<p>Im gegenwärtigen Argentinien ist es schwer vorstellbar, dass der Staat einem solchen Projekt zustimmt. In der Zwischenzeit aber tun die Keramikarbeiterinnen und -arbeiter alles, was in ihrer Kraft steht, um ihrem Ziel näher zu kommen, und reinvestieren ihre Gewinne und die offenen Staatsschulden zugunsten der Allgemeinheit. Vor ein paar Monaten etwa setzte die Provinzregierung von Neuquen den Betrieb unter Druck, die Schulden des ehemaligen Besitzers zu begleichen. Die Besetzer akzeptierten die Forderung, allerdings unter einer Bedingung: die Tilgung müsse in Keramikprodukten und nicht in Geld erfolgen, und sie selbst würden bestimmen, an wen die Produkte gehen. Auf diese Weise konnten einige Schulen, Krankenhäuser und soziale Einrichtungen von der Zahlung profitieren. Andernfalls wäre sie sicherlich in dem Fass ohne Boden der öffentlichen Haushalte verschwunden. Ein weiteres Projekt wird gemeinsam mit dem MTD (Bewegung der arbeitslosen Arbeiter) von Neuquen in Angriff genommen. Die Keramikarbeiter sammeln Geld, um die Errichtung einer Fabrik für Verpackungsmaterial für ihre Produkte zu finanzieren. Es versteht sich, dass die Fabrik von den Arbeitslosen aus der Bewegung selbst geführt werden soll. Auch wenn Zanon die Belegschaft ausbaut, werden bevorzugt die organisierten Arbeitslosen berücksichtigt. Seit Beginn des Jahres 2003 sind 30 Arbeiter neu eingestellt worden. Auf die Hälfte der Stellen haben Mitglieder des MTD Anspruch, die andere Hälfte wird von anderen Organisationen besetzt. Außerdem fließt ein Teil des Gewinns in einen nationalen Streikfonds, damit andere Fabriken die Zeit von der Besetzung bis zur Aufnahme der Produktion überbrücken können. Ein wichtiger Aspekt der Kämpfe ist schließlich, dass die im Betrieb vollzogenen Veränderungen auch eine Außenwirkung entfalten. Die Beschäftigten von Zanon haben Kontakte zu anderen Bewegungen, Gewerkschaften und Parteien der Linken aufgenommen. Sie waren an der Gründung der »Coordinadora del Alto Valle«, einer Art unabhängigen Koordinationsstelle für die politischen Kämpfe in der Region, beteiligt und werden nach und nach zu einem Referenzpunkt in den sozialen Bewegungen.</p>
<h4>Laboratorium für den Sozialismus?</h4>
<p>Es wäre gewagt, ein allzu weitreichendes Urteil über die Bedeutung der Veränderungen, die sich im Alltag und in der Subjektivität der Besetzerinnen und Besetzer ergeben haben, zu treffen. Die Gespräche, die ich im Januar und Februar 2003 führen konnte, beschränken sich auf die Beschäftigten von drei Fabriken (Zanon, Brukman und Grissinopolis) sowie die Mitarbeiter der Clínica Junin. Es ist jedoch bezeichnend, dass sie alle die stattgefundenen Veränderungen auf sehr ähnliche Weise beschrieben und erlebt haben. (Aus Platzmangel habe ich mich auf Aussagen beschränkt, in denen zentrale Fragen auf den Punkt gebracht werden. Ich konnte aber mit mehr Personen sprechen, als hier zitiert wurden.) Zweifelsohne muss noch mehr empirisches Material gesammelt werden, jedoch überrascht es nicht, dass die Erfahrung der Selbstverwaltung starke subjektive Veränderungen in all jenen bewirkt, die tagtäglich unter der Arbeit (oder deren Fehlen) zu leiden haben.</p>
<p>Richten wir unseren Blick abschließend auf einen Grundpfeiler des Historischen Materialismus: die Theorie der Entfremdung oder der Verdinglichung – ein zentrales Thema bei Lukács, Adorno, Horkheimer, Marcuse, Debord und anderen Autoren -, welche die perversen Konsequenzen der täglichen Arbeit im Kapitalismus für die Subjektivität der Arbeitenden aufzeigt. Was aber geschieht mit diesen Individuen, wenn die empirischen Bedingungen der Produktion sich verändern, obwohl die Gesellschaft kapitalistisch bleibt? Legt man die zitierten Aussagen zugrunde, könnte man meinen, dass die Theorie der Entfremdung hier eine negative empirische Bestätigung erfährt. Anders ausgedrückt: Einigen grundlegenden Veränderungen im Funktionieren einer Produktionseinheit entsprechen die ›Spuren eines nicht-entfremdeten Bewusstseins‹ der Subjekte. Offenbar kann eine schwerwiegende Krise in der Reproduktion des Kapitals – abgesehen davon, dass sie Elend und Ausgrenzung hervorbringt – bestimmte Elemente des gesellschaftlichen Fetischismus erkennbar machen, die sonst durch die Gravitationsgesetze des Marktes oder durch die schlichte gesellschaftliche Macht des Privateigentums an Produktionsmitteln verdeckt sind.</p>
<p>Diese ›Bewusstseinsspuren‹ scheinen politische Konsequenzen zu zeitigen, die man nicht gering schätzen sollte, wenn man die Überwindung des ›warenproduzierenden Systems‹ anstrebt. Emanzipatorische Bewegungen bedürfen ›antikapitalistischer Subjektivitäten‹, die sie organisieren. Genau diese scheinen in Erfahrungen wie den Okupas zu entstehen. In der Regel fragte ich die Arbeiterinnen und Arbeiter am Ende unserer Unterhaltung, ob es ihnen früher je in den Sinn gekommen wäre, dass man die Produktion in der Fabrik auch ohne Hierarchien und ohne Chefs am Laufen halten könne. Wie zu erwarten, sahen die meisten Antworten wie die von Angel aus:</p>
<p>»Niemals! Nie habe ich gedacht, dass so etwas möglich sein könnte. Ich glaube, niemand hat das für möglich gehalten. Wir haben bei der Planung in unserer Abteilung mitgeholfen und das war’s dann. Sie haben uns eingeredet, dass wir nicht dazu in der Lage wären. Aber hier beweisen wir jeden Tag, dass wir die Produktion kontrollieren können, dass alle Arbeiter dazu in der Lage sind.«</p>
<p>Neben den objektiven Herrschaftsmechanismen wie dem ökonomischen Zwang oder den Waffen der Polizei verfügt der Kapitalismus auch über subjektive Mechanismen, um die herrschende Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Unterwerfung unter die Gesetze des Marktes und die hierarchische Ordnung der täglichen Arbeit, gestützt durch die Zwänge der kapitalistischen Produktion, tragen dazu bei, dass die Subjekte sich für unfähig und ohnmächtig halten, und berauben sie der Fähigkeit, im Namen von Interessen zu sprechen und zu handeln, die denen des Waren produzierenden Systems entgegengesetzt sind. In diesem Sinne kann die Kontrolle über die Mittel der eigenen Subsistenz (auch wenn die Gesetze der Warenproduktion nicht außer Kraft gesetzt sind) eine Art ›Stärkung des Selbstbewusstseins‹ bedeuten, was unabdingbar für die Entstehung von gegengesellschaftlichen ›Keimformen‹ ist, die über die Welt von Ware und Kapital hinausweisen.</p>
<p>Stößt das Kapital an die Grenzen seiner Reproduktion und demonstriert tagtäglich seine Unfähigkeit, die materiellen (und geistigen) Probleme eines immer größeren Teils der Bevölkerung zu lösen, so liefern einige Erfahrungen in den argentinischen Betrieben den praktischen Beweis dafür, dass Fragen wie die nach dem ›Was‹, ›Wie‹ und ›Für wen‹ der Produktion von frei organisierten Individuen beantwortet werden müssen und nicht von den blinden und unkontrollierbaren Gesetzen der Verwertung des Werts. In einem Land, in dem einer Studie der WHO zufolge heute Nahrung für 300 Millionen Menschen produziert wird, ist es ein Verbrechen, dass für über 20 % der Bevölkerung (sieben Millionen) nicht einmal der Zugang zu einer ausreichenden Grundversorgung mit Lebensmitteln garantiert ist. Aber ist der Kapitalismus nicht eine einzige Anhäufung von Verbrechen?</p>
<p>Als zentrale Erkenntnis bleibt schließlich: Die kollektive Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums, im Bruch mit den Formen der Ware, des Staats und des Privateigentums, sowie die Revolutionierung der Art und Weise, wie die Gesellschaft ihre materielle Produktion organisiert, ist unsere einzige Chance, der zerstörerischen Barbarei zu entkommen, die der Kapitalismus Tag für Tag hervorbringt.</p>
<p>Nichts anderes hat Manotas im Sinne, wenn er aus seiner reichen Erfahrung heraus sagt: »Guck dir die Größe dieser Fabrik an. Sie ist riesig, automatisiert, mit Computern und allem. Wir zeigen hier, dass die Arbeiter die Produktion organisieren und kontrollieren können. Ich frage dich: Wenn wir das hier schaffen, warum können wir das nicht im ganzen Land, auf dem ganzen Kontinent machen?«</p>
<p>Warum eigentlich nicht?</p>
<p>São Paulo, im Oktober 2003</p>
<p>Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Sigurd Jennerjahn und Norbert Trenkle</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.krisis.org/2003/wind-des-suedens/feed</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

