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	<title>krisis &#187; Marxistische Kritik 1 (1986)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Marxistische Kritik 1 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 1 (1986)]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 1 &#8212;- 1. Revolutionäre Theorie schöpft ihre Legitimität ebenso wie die ihr entsprechende historische Praxis aus sich selbst; sie rechtfertigt sich weder vor der institutionalisierten bürgerlichen Wissenschaft noch vor den Ideologien des Reformismus. Ihr Medium ist nicht die Legitimation, sondern die Kritik; ihre Absicht nicht die Verteidigung, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] </em></p>
<p>1 &#8212;-</p>
<h4>1.</h4>
<p>Revolutionäre Theorie schöpft ihre Legitimität ebenso wie die ihr entsprechende historische Praxis aus sich selbst; sie rechtfertigt sich weder vor der institutionalisierten bürgerlichen Wissenschaft noch vor den Ideologien des Reformismus. Ihr Medium ist nicht die Legitimation, sondern die Kritik; ihre Absicht nicht die Verteidigung, sondern der Angriff. Die Waffe der Kritik wird nicht geführt, um den Interpretationen der herrschenden Ordnung eine besonders pikante neue hinzuzufügen, sondern um sich in die Kritik der Waffen zu verwandeln.</p>
<p><span id="more-310"></span>Aber gerade dieser Zusammenhang war in der Geschichte der Linken den schwersten Mißverständnissen ausgesetzt. Da eine selbstverständliche &#8220;Einheit von Theorie und Praxis&#8221; seit langem nicht mehr behauptet werden kann, bedarf das Projekt einer marxistischen Theorie-Zeitschrift heute, wenn nicht einer Rechtfertigung, so doch einer selber theoretischen Begründung; und sei es nur zur Dokumentation unseres Selbstverständnisses.</p>
<p>Es ist kein Geheimnis, daß das vielbeschworene Theorie-Praxis-Verhältnis heute weitgehend in offene Theoriefeindlichkeit umgeschlagen ist. Theoretische Zeitschriften, gleichgültig welcher Richtung, finden in der gegenwärtigen linken Oppositionsbewegung kaum noch ein größeres Publikum; Zeitschriften wie &#8220;Argument&#8221; und &#8220;Prokla&#8221;, die mit der gesellschaftlichen Bewegung der &#8220;Neuen Linken&#8221; Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre aufgestiegen waren, beginnen mitsamt ihrem theoretischen Anspruch sichtlich abzubröckeln. Halten können sich noch am ehesten &#8220;Magazine&#8221; mit leichterer Kost für den Tageskonsum theoretischer Bedürfnislosigkeit, durch die ebenso locker wie folgenlos die aktuellen Themen des linken Modebewußtseins gezogen werden, ganz nach dem relativistischen Motto: &#8220;Anything goes&#8221;. Aber eben doch nicht alles &#8220;geht&#8221;: Der revolutionäre Marxismus ist nach einer sektenhaften Scheinblüte von wenigen Jahren heute in der Linken selbst kaum weniger verpönt und tabuisiert als im restaurativen Klima der Adenauer-Kultur in den fünfziger Jahren. Die antitheoretische und antimarxistische &#8220;Wende&#8221; der (Ex-)Linken ging der neokonservativen &#8220;Wende&#8221; im größeren gesellschaftlichen Maßstab noch voraus, und ironischerweise ist die eine wie die andere &#8220;Wende&#8221; offenbar als Reaktion auf die real existierende Krise des Kapitalismus zu verstehen.</p>
<p>Nun mag es kein besonders einschneidender Verlust für die Weltrevolution sein, daß heute nicht mehr ohne weiteres jeder halbwegs anständige Germanistik-Student mit revolutionärer Blasmusik und anderem Agitprop-Kasperltheater &#8220;heraus zum 1. Mai&#8221; kommt. Auch wollen wir nicht behaupten, daß die Linke theoretisch verarmt wäre, denn in dieser Hinsicht befand sie sich schon vor ihrer &#8220;Wende&#8221; im Gnadenstand einer Kirchenmaus. Trotz aktuell miserabler Aussichten unseres Projekts sind wir allerdings zuversichtlich, daß die Rolle der revolutionären Theorie auf lange Sicht keineswegs ausgespielt ist; sowenig sie Selbstzweck werden kann im Sinne einer spekulativen Loslösung von gesellschaftlicher Pra-</p>
<p>2 &#8212;-</p>
<p>xis, ebensowenig kann sie bloße Funktion und Vollzugsorgan der aktuellen Bewußtseinslage einer Linken bleiben, die sich fälschlich für &#8220;frei&#8221; hält in der &#8220;Einschätzung&#8221; des gesellschaftlichen Prozesses. Die gegebene historische Situation macht freilich den direkten Bezug auf diese politische Linke in dem Sinne notwendig, daß Theorie als rücksichtslose, radikale Kritik der Verhältnisse heute immer gleichzeitig eine ebensolche Kritik des herrschenden Bewußtseins in der Linken selbst sein muß. Gerade deswegen bedarf ein Projekt wie das unsrige auch einer Herleitung aus der Geschichte und Theoriegeschichte der Linken in der BRD.</p>
<h4>2.</h4>
<p>Mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ist bekanntlich die Zuwendung der &#8220;Neuen Linken&#8221; zum Marxismus Ende der 60er Jahre ebenso vermittelt wie ihre sukzessive Abkehr von der Marxschen Theorie seit Mitte der 70er Jahre. In dieser rückläufigen Gesamtbewegung hat freilich ein zentrales Motiv der Frankfurter nie eine wesentliche Rolle gespielt, nämlich die &#8220;Kritik der instrumentellen Vernunft&#8221;. Im Gegenteil, gerade in diesem Punkt standen schon die Studentenbewegung und die &#8220;Außerparlamentarische Opposition&#8221; (APO) von 1968 der Kritischen Theorie verständnislos und ablehnend gegenüber. Der moralisierende, bürgerlich-demokratische Impetus, von dem die &#8220;Neue Linke&#8221; nie ganz losgekommen ist (und der gerade heute wieder üppige Blüten treibt), diktierte der Bewegung durch alle ihre Metamorphosen hindurch ein platt positivistisches, unmittelbarkeits-fixiertes &#8220;Praktisch-Sein&#8221; als kategorischen Imperativ der &#8220;Politisierung&#8221;. Was für die Frankfurter Schule ein zentraler Ansatz ihrer Kritik der bürgerlichen Gesellschaft gewesen war, die Kritik des instrumentalistisch verkürzten Denkens, erschien so den &#8220;politisierten&#8221; Adepten gerade umgekehrt als der bürgerliche Pferdefuß der Kritischen Theorie, aus der sie sich folgerichtig selektiv die im Sinne subjektivistischen Handelns interpretierbaren Versatzstücke (hauptsächlich der Theorie von Herbert Marcuse) herausbrachen. Den subjektiven Aktivismus ist die Bewegung als Ganzes ebensowenig jemals losgeworden wie das Moralisieren. Sie mußte darum eben jener bürgerlichen Vernunft letztlich gerade &#8220;praktisch-politisch&#8221; zum Opfer fallen, gegen deren professorale Repräsentanten sie einst angetreten war.</p>
<p>Die reaktionären Platitüden des gesunden Menschenverstandes der Grün-Alternativen, für die man sich vielleicht 1969 noch zu Tode geschämt hätte, werden heute ernsthaft von ehemaligen Theorie-Häuptlingen erörtert, die anfangen, sich in vitalistischen Posen zu gefallen. Daß in der fluchtartigen Absetzbewegung der akademischen Ex-Linken heute die Rezeption von Max Weber schon fast eine &#8220;linke&#8221; Rückzugsstellung bildet, wirft mehr als bloß ein Schlaglicht auf ihre Geistesverfassung.</p>
<p>Evident war das verkürzte instrumentalistische Denken schon in den fraktionellen Zerfallsformen der APO zu Beginn der 70er Jahre. Die feindlichen Brüder der &#8220;Spontis&#8221; und der &#8220;Marxisten-Leninisten&#8221; gaben sich gegenseitig nichts nach an Subjektivismus, instrumenteller Rezeption historischer oder exotischer Strategeme und einer völlig unvermittelten</p>
<p>3 &#8212;-</p>
<p>&#8220;direkten&#8221; Massenagitation, die kaum einen Hund vom Ofen locken konnte. Das logisch notwendige Scheitern solchen Tuns, das einige traurige Restbestände bis zum heutigen Tag weiterbetreiben, wurde schon nach wenigen Jahren zum &#8220;Scheitern des Marxismus&#8221; erklärt (&#8220;Wir haben&#8217;s probiert, es hat nicht geklappt&#8221;, frei nach Sir Popper), und keineswegs zufällig trotten große Teile der damals spinnefeinden Fraktionen heute wieder traut vereint unter dem grünen Banner eines banalen bürgerlichen Moralismus. Die heutigen &#8220;Autonomen&#8221; und andere sogenannte &#8220;Militante&#8221; reproduzieren offensichtlich nur die Ideologie und die Illusionen ihrer Vorgänger auf noch niedrigerem Niveau.</p>
<p>Diese immer plattere instrumentalistische Blockade der revolutionären Theoriebildung konnte von der linkssozialistischen akademischen Theorie, wie sie in &#8220;Argument&#8221; oder &#8220;Prokla&#8221; ihr Dasein fristet, keinesfalls überwunden, ja nicht einmal systematisch thematisiert werden. Der theoretisierende politische Reformismus dieser Zeitschriften, deren gesellschaftlicher Erfolg vor allem darin besteht, daß sie im Sinne individueller Karrieren akdemisch &#8220;zitierfähig&#8221; wurden, war immer nur der Form nach verschieden von der subjektiven Legitimationstheorie anderer Fraktionen der &#8220;Neuen Linken&#8221;. Während für die &#8220;Marxisten-Leninisten&#8221; (K-Gruppen) und die verschiedenen Generationen von &#8220;Spontis&#8221; der instrumentalistisch verkürzte Charakter der Theorie offen als proklamierte unmittelbare Identität von Theorie und Praxis im handelnden Subjekt erschien, zeigte sich derselbe Charakter der Theorie linkssozialistischer Akademiker, wenn auch mehr gesellschaftlich vermittelt, in ihrem bewußtlosen und legitimatorischen Bezug auf die institutionalisierten gesellschaftlichen Ausdrucksformen des sozialen Reformismus (Gewerkschaften, linke Sozialdemokratie, neuerdings Grün-Alternative).</p>
<p>Eine Theoriebildung aber, die sich analog zur bürgerlich-positivistischen bloß als &#8220;wissenschaftliche Hilfestellung&#8221; für im großen und ganzen hingenommene, als solche überhaupt nicht oder höchstens immanent kritisch hinterfragte gesellschaftliche Ziele begreift, muß selber in ihren blinden Voraussetzungen kritisiert werden. Sie kann ebensowenig wie die subjektivistische Unmittelbarkeits-Identität der handwerkelnden revolutionären Sekten und revoltistischen Grüppchen eine Spannung aushalten und in vermittelnde Bewegung verwandeln, die in der objektiven Distanz und Polarität revolutionärer Theorie zur gesellschaftlichen Praxis begründet ist.</p>
<h4>3.</h4>
<p>Wenn wir mit der Kritik instrumenteller Verkürzung des Denkens ein zentrales Motiv der Kritischen Theorie aufgreifen und gegen die vorgefundene Linke selbst wenden, so ist dies allerdings keineswegs bloß methodisches Credo, sondern gleichzeitig wesentlich inhaltliche Bestimmung. Das revolutionäre und theoretische Defizit der Frankfurter Schule sehen wir nicht in ihrer Negation subjektivistischen Handlungsdrangs, ebensowenig in einer mangelnden Thematisierung der &#8220;Politischen Ökonomie&#8221; schlechthin, sondern vielmehr in einer fehlenden Zuspitzung der KRITIK der &#8220;Politischen Ökonomie&#8221; als Fundamentalkritik der</p>
<p>4 &#8212;-</p>
<p>Warenproduktion und der Lohnarbeit. Die Kritik der instrumentellen Vernunft zu Ende führen, heißt radikal werden gegen die Warenform-Vergesellschaftung, deren Produkt sie ist. Erst dann kann die auch in der Linken als esoterisch behandelte Kritik des positivistischen Instrumentalismus zum Sprengsatz gegen die bestehende Ordnung werden, wenn sie inhaltlich entfaltet wird als Konkretisierung des Zentrums der Marxschen Theorie: als Kritik des Tauschwerts, die auf der Grundlage entwickelter stofflicher Produktivkraft notwendig in die historische Parole mündet: Nieder mit der Lohnarbeit!</p>
<p>Nicht nur die evidente Existenz von Lohnarbeit und &#8220;Ware-Geld-Beziehungen&#8221; in den Gesellschaften vom Typus der Sowjetunion, deren Erklärung aus einer nachholenden ursprünglichen Akkumulation keine apologetische Rechtfertigung bedeuten kann, liegt als schwere Hypothek auf dem theoretischen Bewußtsein der Linken. Als mindestens ebenso deformierend erwies sich der historisch gewachsene Bezug der Marxisten auf die alte westliche Arbeiterbewegung, die nie über die Rolle einer Charaktermaske des variablen Kapitals hinausgekommen ist. Die Linke mußte aus diesen ererbten Zusammenhängen heraus nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch verkommen als gesellschaftlicher Faktor. Ihr Sozialismus-Begriff degenerierte zur Hilflosigkeit eines endlos und begriffslos gedehnten &#8220;Übergangs&#8221;, die Aufhebung der Waren-Vergesellschaftung verwandelte sich aus der Konsequenz wissenschaftlicher Kritik in eine kaum noch erinnerte Fata Morgana von vager Gestaltlosigkeit. Die Kategorien der Marxschen Theorie mußten so bis zur Affirmation verdinglichen; real werden ihnen heute bestenfalls linkskeynesianistische Inhalte untergeschoben. Theorie als &#8220;Anleitung zum Handeln&#8221; zerfällt so in einen vulgären Ökonomismus einerseits und in verselbständigte Form en von &#8220;Politik&#8221; andererseits, deren Einheit als Vollendung des fetischistischen Bewußtseins schließlich zu allem Überfluß und zunehmend der Untergang in &#8220;nationaler&#8221; Identität bildet.</p>
<p>Eine derart begrifflich abgerüstete und entwaffnete Linke, die ihre wissenschaftliche Fundierung in radikaler Kritik von Ware und Geld preisgegeben hat, muß angesichts ihres eklatanten Versagens vor den Erscheinungen der neuen kapitalistischen Krise winselnd nach UTOPIEN verlangen, deren Erbärmlichkeit umso greller hervortritt, je mehr sie sich a1s ebenso reaktionäre wie illusionistische Entgesellschaftungs-Träumereien entpuppen. Die fetischistische Propaganda eines gesellschaftlichen Märchenparks zurückgedrehter Ware-Geld-Beziehungen in &#8220;kleinen Kreisläufen&#8221; markiert einen unglaublichen Tiefpunkt im Rückfall hinter die Marxsche Kapital-Kritik.</p>
<p>Wenn wir gegen diesen Strom schwimmen wollen, so nicht aus jener trotzigen Resignation heraus, wie sie die Frankfurter Schule beseelte und wie sie heute bei einigen ihrer späten Nachkommen wieder auftaucht als zornige Polemik gegen die friedensschwangere und grün-nationale Linke: ein Zorn aber, dessen Festhalten an der Marxschen Theorie gleichzeitig ein Abgesang auf die historische Möglichkeit ihrer Verwirklichung ist und sich nur noch darstellt als angeekeltes Abwenden von der scheinbar unvermeidlichen Barbarei, zu deren Heraufdämmern die Linke nichts als die Begleitmusik ihrer eigenen haltlosen Zer-</p>
<p>5 &#8212;-</p>
<p>setzung liefert.</p>
<p>Unser Standpunkt in der Kritik der Linken ist ein gerade entgegengesetzter. Die Verwirklichung der Marx&#8217;schen Theorie ist keine versunkene Möglichkeit, sondern wird im Gegenteil erst heute praktisch wahr in der massiv erscheinenden Krise des Geldes, wie sie der kapitalistische Vergesellschaftungsprozeß auf der heutigen hohen Stufe von Verwissenschaftlichung und Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit hervortreibt. Die Wirklichkeit des Kapitals drängt heute in Wahrheit stärker zum Gedanken der authentischen Marx&#8217;schen Theorie als jemals vorher in der Geschichte.</p>
<p>Aufgabe dieser Zeitschrift wird daher nicht allein die Ideologiekritik der Linken sein, sondern vielmehr das Auffinden und die begriffliche Bestimmung des konkreten gesellschaftlichen Widerspruchspotentials, das real und historisch aktuell in Aufhebung von Lohnarbeit, Ware und Geld transformiert werden kann.</p>
<p><em>Die Redaktion </em></p>
<h4>NACHBEMERKUNG</h4>
<p>In gewisser Hinsicht ist die &#8220;Marxistische Kritik&#8221; ein Folgeprojekt der vor einigen Jahren eingestellten Zeitschrift &#8220;Neue Strömung&#8221;. Die gleichnamige Gruppe bildet heute aber nur noch einen Teil des neuen Trägerkreises, der sich aus Personen und Gruppen mit revolutionärmarxistischer Position, aber unterschiedlicher politischer Herkunft und ideologischer Sozialisationsgeschichte zusammensetzt; die Bandbreite reicht dabei von ehemaligen Mitgliedern oder Anhängern &#8220;marxistisch-leninistischer&#8221; Organisationen der 70er Jahre (K-Gruppen) über Leute aus dem Umfeld der &#8220;Arbeiterstimme&#8221; und einen Genossen der &#8220;Gruppe Arbeiterpolitik&#8221; bis hin zum Spektrum der &#8220;Autonomen&#8221;, ehemaligen &#8220;Hausbesetzer&#8221; etc. Die &#8220;Neue Strömung&#8221; war noch ganz ein Produkt der Auseinandersetzung innerhalb der sich auflösenden K-Gruppen-Bewegung; die damals bezogenen Positionen (vor allem gegen die Konstruktion einer &#8220;Traditionslinie&#8221; der revolutionären Arbeiterbewegung mit den berüchtigten &#8220;fünf Köpfen&#8221;, in die man sich zu &#8220;stellen&#8221; habe) teilen wir auch heute noch. Aber die damalige Auseinandersetzung, die mehr propädeutischen Charakter trug, hat sich längst erschöpft; sie konnte in dem eng beschränkten Rahmen der auf ein starres Kategorien-System bezogenen K-Gruppen-Opposition nicht mehr fruchtbar weitergeführt werden. Andererseits genügte es nicht, die Eierschalen eines hilflosen Hausmacher-Marxismus der politischen Sektenbewegung abzustreifen. Es war eine längere theoretische Mauserungs-Phase notwendig, bevor sich erneut die Frage der Publizistik stellen konnte. Nach mehr als zweijähriger Seminararbeit sehen wir nun den Zeitpunkt als gekommen an, auf einer neuen Ebene in dem uns möglichen Maßstab publizistisch in die öffentliche Diskussion der Linken einzugreifen.</p>
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		<item>
		<title>Die Kategorie der abstrakten Arbeit und ihre historische Entfaltung</title>
		<link>http://www.krisis.org/1986/die-kategorie-der-abstrakten-arbeit-und-ihre-historische-entfaltung</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 1 (1986)]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 49 &#8212;- Ernst Lohoff Methodische Vorbemerkungen &#8220;Es scheint das Richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsakts ist. Indes zeigt sich dies bei näherer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>49 &#8212;-</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<h4>Methodische Vorbemerkungen</h4>
<p><span id="more-311"></span>&#8220;Es scheint das Richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsakts ist. Indes zeigt sich dies bei näherer Betrachtung als falsch. Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z.B. die Klassen, aus denen sie besteht, weglasse. Diese Klassen sind wieder ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhn. Z.B. Lohnarbeit, Kapital etc. Diese unterstellen Austausch, Teilung der Arbeit, Preise etc. Kapital z.B. ohne Lohnarbeit ist nichts, ohne Wert, Geld, Preis etc. Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre. Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen. Der erste Weg ist der, den die Ökonomie in ihrer Entstehung geschichtlich genommen hat. Die Ökonomen des 17.Jahrhunderts z.B. fangen immer mit dem lebendigen Ganzen, der Bevölkerung, der Nation, Staat, mehreren Staaten etc. an; sie enden aber immer damit, daß sie durch Analyse einige bestimmende abstrakte, allgemeine Beziehungen, wie Teilung der Arbeit, Geld, Wert etc. herausfinden. Sobald diese einzelnen Momente mehr oder weniger fixiert und abstrahiert waren, begannen die ökonomischen Systeme, die von dem Einfachen, wie Arbeit, Teilung der Arbeit, Bedürfnis, Tauschwert aufstiegen bis zum Staat, Austausch der Nationen, und Weltmarkt. Das letztre ist offenbar die wissenschaftlich richtige Methode. Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen&#8221; (Grundrisse S.21).</p>
<p>Im Folgenden halten wir uns streng an diese &#8220;offenbar wissenschaftlich richtige Methode.&#8221; Daher gehen wir nicht vom gesellschaftlichen Oberflächengewimmel aus, nicht von den zahllosen-zum Teil verdienstvollen empirischen und historischen Untersuchungen-sondern rekurrieren auf die begriffliche Logik des Kapitals</p>
<p>50 &#8212;-</p>
<p>als solche, so wie sie im Marxschen Werk entwickelt ist.</p>
<p>Wenn Marx die Logik des Kapitals aus einigen bestimmenden abstrakten, allgemeinen Beziehungen bis zu den Oberflächenphänomenen Weltmarkt, Kredit, usw. entfaltet, muß eine Analyse des variablen Bestandteils des Kapitals von den diesen Teil bestimmenden abstrakten, allgemeinen Beziehungen ausgehen. Die wichtigste Kategorie, neben ihrer Teilung, ist für die lebendige Arbeit die Kategorie der abstrakt menschlichen Arbeit. Sie führt Marx schon im ersten Kapitel des 1.Bandes des &#8220;Kapitals&#8221; als aller Warenproduktion zugrundeliegend ein.</p>
<p>Wenn wir in &#8220;orthodoxer&#8221; Manier, von einer abstrakten Marxschen Realkategorie aus, uns bis zu den neueren Umstrukturierungen der Arbeiterklasse vorzutasten suchen, wenn wir skizzieren, wie sich diese Kategorie in der Geschichte entfaltet, so wird diese Vorgehensweise die meisten Leser erst einmal irritieren. So selbstverständlich unsere Methode für Marxisten eigentlich sein müßte, so ungewöhnlich ist sie inzwischen geworden. Überaus gründlich hat Positivismus und platter Empirismus die Vorstellungen von Theorie gerade auch in der Linken zersetzt und es hat sich ihr auch der Marxismus aufgelöst in ein Sammelsurium politwissenschaftlicher, soziologischer, ökonomischer und sonstiger Theoreme. Ihre Theoretiker nutzen ihn konsequent als Selbstbedienungsladen, brechen den einen oder anderen Brocken aus dem Marxschen Werk heraus und stutzen ihn für ihre windschiefen Konstruktionen zurecht. Was dabei hoffnungslos verschütt geht ist der Zusammenhang des Marxschen Werkes, seine dialektische Methode. Sie erscheint als bloße Äußerlichkeit, als antiquierte verhegelte Sprechweise, von der man abzusehen hat,um an den positiven Gehalt der Marxschen Theorie heranzukommen. Während die Dialektik, das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten, die Entfaltung der Begriffslogik, die eigentliche Essenz des Marxschen Werkes ausmacht, gilt sie vielen der heutigen Marxjünger als dessen Privatmarotte, als Relikt seiner philosophischen Vorgeschichte. In ihrem unbändigen Drang zum politischen Praktizismus sind die linken Theoretiker weit hinter die Position der Frankfurter Schule im Positivismusstreit zurückgefallen, haben vor der Übermacht der empirischen Faktenfülle bedingungslos kapituliert und sich selber als linker Nachtrab des Positivismus etabliert. Weil ihnen Wissenschaft nur noch in ihrer positivistischen Karikatur vertraut ist, verkürzen sie auch den Marxismus zu einer positiven Wissenschaft. Als solche kann er natürlich die Totalität des gesellschaftlichen Prozesses nicht mehr fassen und schreit daher wie jede andere positivistische Wissenschaft nach Ergänzung durch andere Einzelwissenschaften. So ist es üblich geworden,von der Krise des Marxismus sabbernd &#8211; wobei diese Krise des Marxismus nichts anderes als die Krise der bisherigen verkürzten Marxrezeption und dessen Verballhornung ist -, diese mit Zugaben aus dem bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb zu verdünnen und das so gewonnene Theoriesurrogat als &#8220;Ergänzung des Marxismus&#8221; oder als dessen &#8220;Erweiterung&#8221; meistbietend loszuschlagen.Die diversen Versuche sind zwar im Allgemeinen eher kurzlebig und überführen sich meist schnell ihrer eigenen Unzulänglichkeit, aber abgesehen davon, daß</p>
<p>51 &#8212;-</p>
<p>dies inzwischen zur Tugend umgelogen und als Bescheidenheit in die Vermarktungsstrategie mit eingebaut wird, erweist sich das dahinter stehende Prinzip als überaus widerstandsfähig und weitverbreitet.</p>
<p>Längst ist es in Vergessenheit geraten, daß die Marxschen Schriften ihrem Grundcharakter und meist auch dem Titel nach Kritiken sind. In den Händen der linken Theoretiker verwandelt sich das Marxsche Hauptwerk, &#8220;das Kapital&#8221;, aus einer &#8221; Kritik der politischen Ökonomie&#8221; in ein wirtschaftswissenschaftliches Lehrbuch und verliert dabei natürlich die Fähigkeit,den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang auch nur zu erahnen. Wollen wir den Zusammenhang des Marxschen Werkes und damit seine kritische Sprengkraft festhalten, so müssen wir vor allem seine dialektische Methode ernst nehmen, die beides erst gebiert. Die wenigsten neueren marxistischen Theoretiker haben dies getan und die Reichweite der Marxschen Realkategorien und ihre Dynamik erkannt. Die meisten von ihnen betrachten diese Kategorien als neben oder vor der eigentlichen Analyse stehende leere Hülsen, jonglieren mit ihnen mehr oder minder geschickt und versuchen, soweit sie sich explizit als Marxisten verstehen, ihre Forschungsergebnisse in ihnen auszudrücken; aber darin erschöpft sich ihr Tun. Denn sie beschränken sich darauf, der heutigen Gesellschaft ihren nach wie vor kapitalistischen Charakter zu attestieren, betonen die Kontinuität, das Noch-Immer des gesellschaftlichen Grundwiderspruchs, statt den gegenwärtigen Kapitalismus als entfaltetere Form der kapitalistischen Antagonismen und damit auch der zugrundeliegenden Realkategorien als etwas Neues, als Bruch mit einer eigenen Vergangenheit zu begreifen. Die Dynamik der Entfaltungslogik der Kategorien fließt in keiner Weise in die Analyse. Sie werden statisch gehandhabt, als unveränderliche, von Beginn an ein für allemal feststehende überzeitliche Gesetze des Kapitalverhältnisses. Marx hingegen ging es immer und wesentlich um den Zusammenhang zwischen begrifflich-logischer und historischer Entfaltung des Kapitals. Die von ihm erarbeiteten Kategorien bestimmen das Kapital in seiner prozeßhaften Entwicklung.</p>
<p>Exemplarisch ist hier die Behandlung der Kategorie der abstrakt menschlichen Arbeit. Marx führt sie schon im ersten Kapitel des &#8220;Kapitals&#8221; ein, aber nur damit sie bei seinen mißratenen Epigonen als bloße Voraussetzung unbesehen in Vergessenheit gerät,um dort zu verschimmeln. Dabei ist sie in Wirklichkeit dem Kapitalverhältnis nicht einfach vorausgesetzt,sondern sie ist dessen, zumindest in ihren entwickelteren Formen, recht spätes Produkt. Sie entfaltet sich erst mit der Entfaltung des Kapitalverhältnisses selber und durchzieht als Tendenz, die lebendige Arbeit in immer größere Abstraktheit zu setzen, die Geschichte des variablen Kapitals als deren eigentlicher Gehalt. Marx spricht diesen Sachverhalt in den Grundrissen an: &#8220;Die Gleichgültigkeit gegen die bestimmte Arbeit entspricht einer Gesellschaftsform, worin die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andere übergehen und die bestimmte Art der Arbeit ihnen zufällig, daher gleichgültig ist. Die Arbeit ist hier nicht nur in der Kategorie, sondern in der Wirklichkeit als Mittel</p>
<p>52 &#8212;-</p>
<p>zum Schaffen des Reichtums überhaupt geworden und hat aufgehört, als Bestimmung mit den Individuen in einer Besonderheit verwachsen zu sein. Ein solcher Zustand ist am entwickelsten in der modernsten Daseinsform der bürgerlichen Gesellschaft &#8211; den Vereinigten Staaten. Hier also wird die Abstraktion der Kategorie &#8216;Arbeit&#8217;, &#8216;Arbeit überhaupt&#8217;, &#8216;Arbeit sans phrase&#8217;, der Ausgangspunkt der modernen Ökonomie, erst praktisch wahr. Die einfachste Abstraktion also, welche die moderne Ökonomie an die Spitze stellt, und die eine uralte und für alle Gesellschaftsformen gültige Beziehung ausdrückt, erscheint doch nur in dieser Abstraktion praktisch wahr als Kategorie der modernsten Gesellschaft&#8221; (Grundrisse S.25).</p>
<p>Wenn Marx hier der abstrakt menschlichen Arbeit eine Geschichte einräumt, sie als stofflich-praktisch sich verändernde anerkennt, so endet diese Geschichte natürlich nicht in den USA der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Diese dem Kapitalverhältnis immanente Tendenz zum Abstraktwerden von Arbeit hat damals nicht ihre endgültige stoffliche Gestalt gefunden, sondern ist mit der weiteren Entfaltung des Kapitals zwischen zeitlich noch um einiges &#8220;praktisch wahrer&#8221; geworden.</p>
<p>Die Entfaltung des Kapitalverhältnisses und die Tendenz, Arbeit als immer abstrakter zu setzen, fallen zusammen: &#8220;Dies ökonomische Verhältnis &#8211; der Charakter, den Kapital und Arbeit als Extreme eines Produktionsverhältnisses tragen &#8211; wird daher desto reiner und adäquater entwickelt,je mehr die Arbeit allen Kunstcharakter verliert; ihre besondere Fertigkeit immer mehr etwas Abstraktes, Gleichgültiges wird, und sie mehr und mehr rein abstrakte Tätigkeit, rein mechanische, daher gleichgültige, gegen ihre besondere Form indifferente Tätigkeit wird; bloß formelle Tätigkeit oder, was dasselbe ist, bloß stoffliche Tätigkeit überhaupt, gleichgültig gegen die Form&#8221; (Grundrisse S.204).</p>
<p>In der Tendenz, Arbeit als immer abstraktere, entleertere zu setzen, drückt sich in Bezug auf die lebendige Arbeit aus, wie das Kapital vorgefundene Produktivkräfte umwälzt, vorkapitalistische Überbleibsel eliminiert und sich stofflich eine adäquate Basis schafft, eine Basis nach seinem Bilde.</p>
<p>Abstraktwerden von Arbeit, Entäußerung, Entleerung ist also nicht eine Möglichkeit unter vielen, sondern folgt als Haupttendenz unmittelbar aus der Logik des Kapitals. Alle Phantasien von selbstbestimmter Arbeit, &#8220;weniger entfremdeter Tätigkeit&#8221; innerhalb der kapitalistischen Herrschaft können eben nur Phantasien sein. Der Hauptstrom der historischen Entwicklung läuft, solange das Kapitalverhältnis besteht, genau in die entgegengesetzte Richtung, auch KERN und SCHUMANN zum Trotz. Das Kapital tut nur ausnahmsweise Nischen auf, und auch dies nur, um sie so bald als möglich wieder zu schließen. Dies gilt auf jeden Fall für die mehrwertschaffenden unmittelbaren Produzenten, aber nicht nur für sie.</p>
<p>53 &#8212;-</p>
<h4>Der historische Ausgangspunkt</h4>
<p>Ein gewisses Maß an Abstraktheit der Arbeit ist selber Voraussetzung für die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise. So ergreift das Manufakturwesen eben gerade nicht zuerst die hochentwickelten und hochspezialisierten Zünfte mit ihren ebenso hoch spezialisierten und gesonderten Arbeiten, &#8220;sondern das ländliche Nebengewerbe, Spinnen und Weben, die Arbeit, die am wenigsten zünftiges Geschick, künstlerische Ausbildung verlangt&#8230;Das ländliche Nebengewerbe enthält die breite Basis der Manufaktur, während das städtische Gewerbe hohen Fortschritt der Produktion verlangt, um fabrikmäßig betrieben werden zu können&#8221; (Grundrisse S. 410). Dieser Fortschritt der Produktion ermöglicht es dann in diesen traditionell zünftigen Produktionsbereichen die Arbeit zu zerlegen, für den unmittelbaren Produzenten zu entleeren und abstrakt zu machen. Aber beginnen kann das produktive Kapital historisch nur in Gewerben, in denen die dort verausgabte lebendige Arbeit per se einen allgemeinen Charakter aufweist, bei Arbeiten, die auf dem Land traditionell von fast allen geleistet werden, während sich die spezialisierten städtischen Zünfte noch lange gegen ihre Kapitalisierung sperren. Es ist kein Zufall, daß das Kapital, das beginnt, sich in die Produktion zu mengen, dort ansetzen muß,wo die allgemeine Arbeit vorkapitalistischer Produktion geleistet wird, auf dem Land.</p>
<h4>Formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital</h4>
<p>Mit der Trennung des unmittelbaren Produzenten von seinen Produktionsmitteln, also der Schaffung des freien Lohnarbeiters, ist formal Fremdheit und Äußerlichkeit des Arbeiters gegenüber Arbeitsprozeß und Arbeitsprodukt schon gegeben. Der Gebrauchswert der Arbeitskraft im Produktionsprozeß fällt schon hier dem Kapital anheim, während den Arbeiter nur mehr die Tauschwertseite seiner eigenen Arbeitskraft angeht, die in die Zirkulationssphäre fällt und dem Produktionsprozeß vorgeschoben ist. &#8220;Andererseits ist der Arbeiter selbst absolut gleichgültig gegen die Bestimmtheit seiner Arbeit, sie hat als solche nicht Interesse für ihn, sondern nur soweit sie überhaupt Arbeit und als solche Gebrauchswert für das Kapital ist &#8221; (Grundrisse S.204). Im selben Zusammenhang schreibt Marx: &#8220;Das Material, das es (das Arbeitsvermögen E.L.) bearbeitet, ist fremdes Material; ebenso das Instrument fremdes Instrument&#8230;Ja, die lebendige Arbeit selbst erscheint als fremd gegenüber dem lebendigen Arbeitsvermögen, dessen Arbeit sie ist, dessen eigene Lebensäußerung sie ist, denn sie ist abgetreten an das Kapital gegen vergegenständlichte Arbeit&#8230;Das Arbeitsvermögen verhält sich zu ihr als einer fremden, und wenn das Kapital es zahlen wollte, ohne es arbeiten zu lassen, so würde es mit Vergnügen den Handel eingehen. Seine eigene Arbeit ist ihm ebenso fremd&#8230;wie das Material und Instrument&#8221; (Grundrisse S.366). Diese Fremdheit betrifft allerdings auf dieser Stufe erstmal nur</p>
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<p>die Eigentumsseite, noch nicht den Produktionsablauf selber. Das Kapital beginnt historisch damit, den Produktionsprozeß seinem Kommando zu unterwerfen, so wie es ihn vorfindet. So lesen wir bei Marx: &#8220;Weder erfand, noch fabrizierte das Geldvermögen Spinnrad und Webstuhl. Aber losgelöst von ihrem Grund und Boden gerieten Spinner und Weber mit ihren Stühlen und Rädern in die Botmäßigkeit des Geldvermögens etc. Eigen ist dem Kapital nichts als die Vereinigung der Massen von Händen und Instrumenten, die es vorfindet. Es agglomeriert sie unter seiner Botmäßigkeit&#8221; (Grundrisse S.407).</p>
<p>Solange das Kapital lediglich die vorgefundenen Produktivkräfte, in erster Linie verkörpert in den Arbeitsmitteln, nur übernimmt, bleibt seine Herrschaft über den Produktionsprozeß formell. Die Mehrwertabpressung läuft in dieser Phase allein über die gnadenlose Verlängerung des Arbeitstages, also Abschöpfung absoluten Mehrwerts. Die Verlängerung des Arbeitstages bis an die physischen Grenzen der Produzenten wird erzwungen, die Struktur der Arbeit selber allerdings bleibt beim Alten und den unmittelbaren Produzenten überlassen.</p>
<p>Mit der Schaffung des freien Lohnarbeiters ist die Möglichkeit zum Abstraktwerden der lebendigen Arbeit gegeben, insoweit der Gebrauchswert seiner Arbeitskraft den Arbeiter nicht angeht und er vom Kapital zu allem nach dessen Plaisir verwendet werden kann. Allerdings muß das Kapital erst stofflich die Möglichkeit schaffen, daß Arbeitskraft in anderer Weise angewendet werden kann als traditionell. Bis dahin bleibt im Produktionsprozeß die traditionelle organische Verwachsung von unmittelbaren Produzenten und Produktionsmittel erhalten.</p>
<h4>Reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital</h4>
<p>Der erste Schritt in diese Richtung ist die Zergliederung der Arbeit in der Manufaktur, aber erst mit der Einführung der Maschinerie gelingt es dem Kapital wirklich, die Möglichkeit zum Abstraktwerden der Arbeit einzulösen. Erst sie ermöglicht ihm, den Produktionsprozeß wirklich in der ihm spezifischen Weise zu unterwerfen. Wenn mit der Kombination der Arbeiter in der Manufaktur der Übergang zur spezifsch kapitalistischen Weise der Mehrwertproduktion, der Produktion des relativen Mehrwerts, beginnt, so vertieft und befestigt die Entwicklung zur Industrie diesen entscheidenden Schritt. &#8220;Die Entwicklung des Arbeitsmittels zur Maschinerie ist nicht zufällig für das Kapital, sondern ist die historische Umgestaltung des traditionell überkommenen Arbeitsmittel als dem Kapital adäquat umgewandelt&#8221; (Grundrisse S.586). &#8220;Die Maschinerie erscheint also als die adäquateste FOrm des capital fixe und das capital fixe, soweit das Kapital in seiner Beziehung auf sich selbst betrachtet wird, als die adäquateste Form des Kapitals überhaupt&#8221; (Grundrisse S.586). Erst die Maschinerie macht die Arbeit auch stofflich abstrakt, denn &#8220;mit dem Arbeitswerkzeug geht auch die Virtuosität in seiner Führung vom Arbeiter auf die Maschine über&#8221; (MEW Band 23 S.442).</p>
<p>55 &#8212;-</p>
<h4>Akkumulation gesellschaftlicher Produktivkraft als Entleerung der unmittelbaren Arbeit</h4>
<p>&#8220;Das Wissen erscheint in der Maschine als fremdes außer ihm (dem Arbeiter E.L.); und die lebendige Arbeit subsumiert unter die selbständig wirkende vergegenständlichte&#8221; (Grundrisse S. 586). &#8220;Die Akkumulation des Wissens und des Geschicks der allgemeinen Produktivkräfte des gesellschaftlichen Hirns, ist so der Arbeit gegenüber absorbiert in dem Kapital und erscheint daher als Eigenschaft des Kapitals, und bestimmter des capital fixe, soweit es als eigentliches Produktionsmitteln in den Produktionsprozeß eintritt &#8220;(Grundrisse S.586). Im selben Maße wie die Anwendung des gesellschaftlichen Wissens sich zur Produktivkraft entwickelt und der Produktionsprozeß zunehmend gerade auch stofflich vom Kapital vergesellschaftet wird, im selben wachsenden Maße wird die lebendige Arbeit in immer größere Armseligkeit versetzt. &#8220;Wenn die einzelne Arbeit als solche überhaupt aufhört als produktiv zu erscheinen, vielmehr nur produktiv ist in den gemeinsamen, die Naturgewalten sich unterordnenden Arbeiten und diese Erhebung der unmittelbaren Arbeit in gesellschaftliche als Reduktion der einzelnen Arbeit auf Hilflosigkeit gegen die im Kapital repräsentierte, konzentrierte Gemeinsamkeit erscheint&#8221; (Grundrisse S.588), so kann weitere Vergesellschaftung, die schließliche Entwicklung der Wissenschaft zur Produktivkraft diesen Trend im kapitalistischen Rahmen nicht wenden. Es gilt nur und gilt zusehends gründlicher:&#8221;Die Tätigkeit des Arbeiters, auf eine bloße Abstraktion der Tätigkeit beschränkt, ist nach allen Seiten hin bestimmt und geregelt durch die Bewegung der Maschinerie, nicht umgekehrt. Die Wissenschaft, die die unbelebten Glieder der Maschinerie zwingt durch ihre Konstruktion zweckmäßig als Automaten zu wirken, existiert nicht im Bewußtsein des Arbeiters, sondern wirkt durch die Maschine als fremde Macht auf ihn, als Macht der Maschine selbst. Die Aneignung der lebendigen Arbeit durch die vergegenständlichte Arbeit &#8211; die verwertende Kraft oder Tätigkeit durch den für sich seienden Wert -, die im Begriff des Kapitals liegt, ist in der auf Maschinerie beruhenden Produktion als Charakter des Produktionsprozesses selbst, auch seinen stofflichen Elementen und seiner stofflichen Bewegung nach gesetzt. Der Produktionsprozeß hat aufgehört, Arbeitsprozeß in dem Sinn zu sein, daß die Arbeit als die ihn beherrschende Einheit über ihn übergriffe. Sie erscheint vielmehr nur als bewußtes Organ, an vielen Punkten des mechanischen Systems in einzelnen lebendigen Arbeitern; zerstreut, subsumiert unter den Gesamtprozeß der Maschinerie selbst, selbst nur ein Glied des Systems, dessen Einheit nicht in der lebendigen Arbeit, sondern in der lebendigen (aktiven) Maschinerie existiert, die seinem einzelnen, unbedeutenden Tun gegenüber als gewaltiger Organismus ihm gegenüber erscheint. In der Maschinerie tritt die vergegenständlichte Arbeit der lebendigen Arbeit im Arbeitsprozeß selbst als die sie beherrschende Macht gegenüber, die das Kapital als Aneignung der lebendigenArbeit seiner Form nach ist. Das Aufnehmen des Arbeitsprozesses als bloßes Moment</p>
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<p>des Verwertungsprozesses des Kapitals ist auch der stofflichen Seite nach gesetzt durch die Verwandlung des Arbeitsmittels in Maschinerie und der lebendigen Arbeit in bloßes Zubehör dieser Maschinerie&#8221; (Grundrisse S.584-585). In dieser entwickelten Gestalt durchdringt die abstrakte Arbeit aber erst sehr spät die gesamte gesellschaftliche Produktion. Die Verwissenschaftlichung der Produktion setzt sich erst nach dem 2. Weltkrieg endgültig durch.</p>
<h4>Gegenläufige Tendenzen in der Geschichte des Kapitalverhältnisses</h4>
<p>In der Geschichte tritt diese Tendenz zum Abstraktwerden von Arbeit gebrochen auf. Partiell stellt das Kapital auf veränderter technologischer Grundlage die Verwachsung der Arbeitskraft mit ihrem spezifischen Arbeitsvermögen wieder her. Das Kapital erzeugte gerade auch in Deutschland vor dem 1. Weltkrieg umfangreiche handwerkelnde Facharbeiterformationen, die sich durch eine relative unabhängige und deshalb starke Stellung im Produktionsprozeß auszeichneten, sich in einem hohen Maß mit ihrer Arbeit identifizierten und sich über deren Besondertheit definieren konnten. Das eigentliche Produktionswissen war ihr Monopol und somit der Produktionsprozeß vom Kapital stofflich nur bedingt kontrollierbar. Sie standen dem Produktionswissen alles andere als in nackter Armseligkeit gegenüber. Politisch hatte dies immense Folgen. Gerade diese handwerkelnden Facharbeiterformationen waren das Rückgrat der proletarischen Kampfkraft und sie prägten die klassische Arbeiterbewegung tiefgreifend. Arbeitsstolz und die starke Stellung im Produktionsprozeß bestimmten sowohl die politischen Ausdrucksformen und Zielvorstellungen als auch die Organisationsformen. Es ist vor diesem Hintergrund kein Wunder, daß sich die landläufige Sozialismusvorstellung damals auf die ersatzlose Streichung der &#8220;parasitären Kapitalisten&#8221; beschränkte, während die Kritik am Wert und am Lohnfetisch keine nennenswerte Rolle spielte, genauso wenig wie eine Umgestaltung des Produktionsprozesses selber ins Auge gefasst wurde. Auch wo diese Schichten radikal wurden, war dies nicht anders. So war z.B. ihre &#8220;&#8230; Stellung &#8230; materiell am meisten prädisponiert, ein organisatorisch-politisches Programm wie das der Arbeiterräte, d.h. der Selbstverwaltung der Produktion aufzugreifen. Die Aufnahme, die diese Vorstellung über Arbeiterselbstverwaltung in der deutschen Rätebewegung fanden, wäre &#8230; nicht so verbreitet gewesen ohne das Vorhandensein einer Arbeitskraft, die unauflöslich mit der Technologie des Prozesses verbunden war und die &#8211; von beruflichen und betrieblichen Wertvorstellungen zutiefst bestimmt &#8211; auf natürliche Weise dazu geführt wurde, die eigene Rolle als Produzent hervorzukehren.&#8221; (Sergio Bologna in &#8220;Zusammensetzung der Arbeiterklasse und Organisationsfrage&#8221;, Merve-Verlag Berlin 1973). Allenthalben proklamierte die traditionelle Arbeiterbewegung den Stolz des unmittelbaren Produzenten, &#8220;der alle Werte schafft&#8221; und das Proletariersein wurde nicht als besonderes aufzuhebendes Unglück gesehen, sondern als Ehre, die nur gesellschaftlich noch nicht adäquat anerkannt</p>
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<p>wird. Das gilt sowohl für die sozialdemokratisch-marxistische Linie in der Arbeiterbewegung als auch für den Syndikalismus. Gerade die Beschränkung der italienischen Syndikalisten in der Krisenzeit bis zur Machtübernahme Mussolinis auf den Einzelbetrieb, der bewußte Verzicht auf politische Aktion außerhalb des betrieblichen Rahmens, wird nur vor diesem Hintergrund verständlich. Die starke Stellung der Facharbeiterformationen im Produktionsprozeß prädisponierte sowohl die Kampfkraft als auch die Beschränkung der klassischen Arbeiterbewegung.</p>
<h4>Klassenzusammensetzung und Geschichte der Arbeiterbewegung</h4>
<p>Die Geschichte der Arbeiterbewegung zur Zeit der 2. Internationalen und nach deren Verfall wird nur verständlich vor dem Hintergrund dieser besonderen Zusammensetzung der Klasse. Überhaupt ist die Geschichte der Klassenzusammensetzung die eigentliche materielle Grundlage der Geschichte der Arbeiterbewegung. Die Arbeiterklasse erblickt das Licht der Welt zunächst als variables Kapital und bleibt dies grundlegend. Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist erst einmal und wesentlich die Geschichte der Klasse und ihrer Segmente im kapitalistischen Produktionsprozeß und zu ihm. Diese Grundlage ist allerdings weitgehend unter reiner Partei- und Organisationsgeschichte verschütt gegangen. Das ist ein wichtiger Grund, warum die Rezeption der Geschichte der Arbeiterbewegung durch die Neue Linke insgesamt so wenig befriedigend geblieben ist. Abgelöst von ihrer materiellen Basis erschöpfte sie sich doch weitgehend in einer idealistisch verbleibenden Organisationsdebatte, der penetrant langweilenden Wiederholung der ideologischen Kämpfe der 2. und 3.Internationale, während deren materieller Gehalt vorwiegend außen vor blieb. Die Ansätze, die es zu Beginn des Jahrhunderts gegeben hatte, z.B. Lenins Arbeiteraristokratiethese, wurden nicht weiterentwickelt.</p>
<h4>Taylorismus als Stufe kapitalistischer Entwicklung</h4>
<p>Wenn auch die klassische Arbeiterbewegung gerade durch eine Gegentendenz zur schnellen Abstraktsetzung der lebendigen Arbeit bestimmt wurde, so bleibt doch jenseits dieses retardierenden Moments die Haupttendenz in der Geschichte des Kapitals die Entmachtung des unmittelbaren Produzenten, seine direkte Subsumtion unter den Maschinenprozeß. Mit der Ausbreitung des Taylorismus erfaßt diese Tendenz auch die traditionellen Facharbeitertypen und begann deren alte Grundlage zu zerstören. Das Wesen des Taylorismus ist die Enteignung der traditionellen Facharbeiter vom Produktionswissen via Arbeitswissenschaft. Arbeitswissenschaft ist schlicht ein Synonym für die Übertragung und Monopolisierung des mit dem unmittelbaren Produzenten verwachsenen Produktionswissens. Der alte Facharbeiter wird seines Produktionswissens, das ihm als Quasieigentum seine relativ privilegierte Stellung gegenüber dem Kapital</p>
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<p>sicherte, entkleidet und es tritt ihm künftig als Fremdes, in Maschinerie und Arbeitsorganisation geronnen, gegenüber. Die verschiedenen Arbeitsschritte, die der alte Facharbeiter in seiner Profession vereinigte, werden in einzelne Handgriffe zerlegt und als solche vom kapitalistischen Kommando verschiedenen Arbeitern zugeteilt. Das Fließband als Symbol der neuen Arbeitsteilung macht diese Zergliederung des Arbeitsprozesses unter anderem möglich. Erst durch sie gewinnt das Kapital die stoffliche Kontrolle über den Produktionsprozeß. Die konkreten Produktionsschritte bleiben erstmal weitgehend die selben, die Arbeitswissenschaft orientiert sich technisch an den überkommenen Arbeitsabläufen, versucht sie lediglich zu effektivieren, aber das Wissen um sie, das bei den verschiedenen Facharbeiterberufen verteilt lag, wird nun vom Kapital zentralisiert. Zwar bleibt die lebendige Arbeit als Ganzes noch immer Agens des Produktionsprozesses, aber die einzelne Arbeit ist &#8220;auf Hilflosigkeit&#8221; reduziert gegen die &#8220;im Kapital konzentrierte Gemeinsamkeit.&#8221;</p>
<p>In Deutschland, aber nicht nur dort, ist in diesem Zusammenhang der 1. Weltkrieg ein entscheidender Einschnitt. Die Kriegsproduktion als Massenproduktion machte den Übergang zu zerlegter und zum Teil mechanisierter Produktion möglich, wie sie in den vor dem Krieg prägenden Bereichen mit ihren kleineren Serien einfach noch nicht durchführbar war. Andererseits machte die kriegsbedingte Umstrukturierung der arbeitenden Klasse selber, der Ausfall vieler gutausgebildeter Facharbeiter durch deren militärischen Einsatz und die Auffüllung der Lücken durch Unqualifizierte, insbesondere Frauen, diesen Schritt auch unumgänglich notwendig. Beim Übergang zur Friedensproduktion wurden diese neuen Errungenschaften dann nach und nach in den zivilen Bereich übernommen.</p>
<h4>Arbeitswissenschaft und Naturwissenschaft</h4>
<p>Die Anwendung der Arbeitswissenschaft zur Zerlegung der bis dahin integrierten Tätigkeiten ersetzt nicht weitere Mechanisierung, sondern bereitet sie vor. Erst auf großer Stufenleiter der kapitalistischen Produktionsweise kann die Anwendung der Naturwissenschaft in der Produktion via Maschinerie unabhängig von der Anwendung der Arbeitswissenschaft auftreten, sich aus ihrem Dunstkreis lösen. Das antizipiert Marx schon in den Grundrissen: &#8220;Es ist einerseits direkt aus der Wissenschaft entspringende Analyse und Anwendung mechanischer und chemischer Gesetze, welche die Maschine befähigt, dieselbe Arbeit zu verrichten, die früher der Arbeiter verrichtete. Die Entwicklung der Maschinerie auf diesem Weg tritt jedoch erst ein, sobald die Industrie schon höhere Stufe erreicht hat und die sämtlichen Wissenschaften in den Dienst des Kapitals gefangen genommen sind; andererseits die vorhandene Maschinerie selbst schon große Ressourcen gewährt. Die Erfindung wird dann ein Geschäft und die Anwendung der Wissenschaft auf die unmittelbare Produktion selbst ein für sie bestimmender und sollizitierender Gesichtspunkt. Dies ist aber nicht der Weg, worin die Maschinerie im großen entstanden ist, und noch weniger der,</p>
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<p>worin sie im Detail fortschreitet. Dieser Weg ist die Analyse &#8211; durch Teilung der Arbeit, die die Operation der Arbeiter schon mehr und mehr in mechanische verwandelt, so daß an einem gewissen Punkt der Mechanismus an die Stelle treten kann. Es erscheint hier also direkt die bestimmte Arbeitsweise übertragen von dem Arbeiter auf das Kapital in der Form der Maschine, und durch diese Transposition seines eigenen Arbeitsvermögens entwertet&#8221; (Grundrisse, S. 591).</p>
<p>Die Taylorisierung und die Ersetzung taylorisierter Arbeit durch die Maschinerie verhalten sich in dieser von Marx skizzierten Weise zueinander.</p>
<p>Erst mit einer weitgehenden Ersetzung der mechanisierten Arbeit durch die Maschinerie tritt die lebendige Arbeit endgültig &#8220;neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein&#8221; (Grundrisse, S. 593). Erst damit ist der Produktionsprozeß durch und durch von der Anwendung der Naturwissenschaft geprägt. Die abstrakte Arbeit ändert mit diesem Schritt ihre Erscheinungsform. Waren für sie bisher in ihrer ausgeprägtesten Form entleerte, ständig wiederholte Handgriffe typisch, so wird ihr neues Hauptcharakteristikum ihre Äußerlichkeit zum Produktionsprozeß selber. Hauptaufgabe ist die ständige Überwachung und Kontrolle des Produktionsprozesses, der als Naturprozeß selbsttätig abläuft und nur punktuell und im Störungsfall des menschlichen Eingriffs bedarf. Humaner ist diese Arbeit wohl kaum, zumindest verlangt sie ein relativ hohes Maß an Konzentration und läßt entlastende Habitualisierungen nicht zu. Die körperliche Belastung verschwindet zwar nicht, verliert aber relativ an Gewicht.</p>
<p>Dieser Ablöseprozeß der einen Form von abstrakter Arbeit durch ihre entwickeltere Gestalt geht nur allmählich und von Branche zu Branche unterschiedlich voran. Die lebendige Arbeit als unmittelbar produktive Arbeit bleibt noch lange als Lückenbüßer im automatischen Maschinensystem erhalten. Mit der Einführung der Mikroelektronik macht diese Entwicklung einen qualitativen Sprung, dessen Tragweite kaum zu überschätzen ist. Sie führt die skizzierte Ebene des Abstraktsetzens von Arbeit bis zu ihrem konsequenten Ende und hebt es gleichzeitig auf ein neues Niveau, das wir noch umreißen wollen. Ersteres können wir leicht und anschaulich in der IG-Metall Studie über &#8220;die negativen Folgen der Rationalisierung&#8221; nachlesen: &#8220;Es gibt zunehmend weniger beeinflußbare Zeiten. Der unmittelbare Einfluß der Arbeitenden auf die Arbeitsprozeßgestaltung nimmt ab&#8221; (S. 63 der Kurzfassung von 1983). &#8220;Den Arbeitern und Angestellten auf der ausführenden Ebene, sowie dem mittleren Management werden Fachwissen, Erfahrung und Zeitvorteile aufgrund ihrer größeren Produktionsnähe entzogen(&#8216;enteignet&#8217;). Gewachsene personelle Vorgesetztenverhältnisse und Einflußmöglichkeiten verändern sich. Z.B. geben nicht mehr Zeitnehmer und Planer direkt Daten vor, sondern das obere Management durch ihre jederzeitigen Kontrollmöglichkeiten über den Produktionsfortschritt. Faktisch werden die betrieblichen Machtverhältnisse zentralisiert&#8221; (S. 63 der Kurzfassung). Von dieser Seite her perfektioniert die Mikroelektronik nur Taylor auf neuer technischer Grundlage. Auf der anderen Seite treibt sie den kapitalistischen Produktionsprozeß, wo sie die unmittelbare</p>
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<p>produktive Arbeit zusehends verdrängt, über Taylor hinaus.</p>
<h4>Taylorismus und die hierarchische Gliederung der Arbeiterklasse</h4>
<p>Mit der weitgehenden Enteignung seines Produktionswissens durch die Arbeitswissenschaft verliert der alte Facharbeiter zwar in vielen Bereichen seine traditionelle Basis, er verschwindet aber nicht ersatzlos, sondern wird als Kommandeur und Unterkommandeur wiedergeboren. Für den unmittelbaren Produktionsarbeiter ist er als Meister und Vorarbeiter die Inkarnation der Kombination der Arbeit durch das Kapital. Der Mehrheit der auf die Personifizierung eines Handgriffs reduzierten unmittelbaren Produzenten gegenüber vertritt er als Teil der Betriebshierarchie die Totalität des Produktionsprozesses. Je differenzierter die Arbeitsteilung, je armseliger die Stellung des vereinzelten unmittelbaren Produzenten, desto wichtiger wird diese Funktion gegenüber eventuell verbliebenen technischen Fertigkeiten. Die technisch-handwerklerische Seite überlebt nur in den die Produktion begleitenden Bereichen in größerem Umfang (Instandhaltung, etc.). Ansonsten wird der alte Facharbeiter tendenziell eher zum Arbeitsorganisator und tritt auf diese Weise aus dem unmittelbarsten Produktionsprozeß.</p>
<p>Die Unterscheidung nach handwerklicher Besonderung der Arbeit tritt in den Hintergrund, während die Arbeitskraft sich vorwiegend nach ihrer Stellung in der Kommandohierarchie gliedert. Dabei wiederholt sich, was Marx im &#8220;Kapital&#8221; für den Übergang von der Manufaktur zur großen Industrie sagte: &#8220;An die Stelle der künstlich erzeugten Unterschiede der Teilarbeiter treten vorwiegend die natürlichen Unterschiede des Alters und des Geschlechts&#8221; (MEW 23 S.442). Eine ebenso große Bedeutung hat ein quasi-natürliches Merkmal, das Marx an dieser Stelle nicht erwähnte: die Nationalität.</p>
<p>Gerade in Deutschland hat die Gliederung der Arbeitskraft nach völkischen Gesichtspunkten eine lange, unselige Tradition. Dieser Mechanismus von Klassenspaltung feierte hierzulande seine Entstehung mit den Polenimporten Ende des 19. Jhds. und erreichte seine Krönung im Zwangsarbeitssystem des Faschismus der letzten Kriegsjahre. Damals herrschte ein Spaltungs- und Zergliederungssystem, das sich von der Vernichtung durch Arbeit für Juden, polnische und russische Kriegsgefangene über die besser gestellten westeuropäischen Kriegsgefangenen und Zwangsrekrutierten weiter zu den quasi-freiwilligen italienischen &#8220;Fremdarbeitern&#8221; und schließlich zu den privilegierten deutschen Vorarbeitern erstreckte. (Deren Hauptprivileg bestand darin, bei entsprechender Arbeitsleistung &#8211; in erster Linie der ihnen zugeteilten Zwangsarbeiter &#8211; als&#8221;unabkömmlich&#8221; vor der Versendung zur Front einigermaßen sicher sein zu können).</p>
<p>Nach dem Krieg wurde dieses System auf zivile Bedingungen umgebaut und ging perfektioniert als konstituierendes Moment in das &#8220;Modell Deutschland&#8221; ein. Hier liegt eine wesentliche materielle Grundlage für den Rassismus, der dieses Land nach wie vor ziert und an dem kein bloßes Humanitätsgewinsel auch nur das Geringste ändern kann.</p>
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<p>Ähnliches gilt im Bereich der Frauenarbeit. In weiten Bereichen industrieller Frauenbeschäftigung sind weiter Meister- und Vorarbeiterpositionen Männern vorbehalten. In beiden Fällen betonieren biologische und quasi-biologische Unterschiede die hierarchische Gliederung. Die Gewerkschaften stehen dem alles andere als feindlich gegenüber. Wenn die Gewerkschaften vor dem 1. Weltkrieg in erster Linie die handwerkelnden Facharbeiter repräsentierten, so etablieren sie sich seitdem zusehends als Interessenvertretung der Vorarbeiter und Meister, der Unterkommandeure des Kapitals. Entsprechend hat sich ihr Charakter verändert. Der Korporatismus relativ unabhängiger spezialisierter Arbeiter ist dem Korporatismus der Unterkommandeure und Executoren des Kapitals gewichen. Der Produktivitätspakt zwischen Kapital und Gewerkschaften hat eine Wurzel auch in der Antreibermentalität tragender Teile der Gewerkschaftsbasis. Auch wenn sich die Gewerkschaften mitunter in anderen Arbeiterschichten um Beitragszahler bemühen, ändert dies nichts an ihrem grundsätzlichen Charakter. Mit der jüngsten Umstrukturierung der Klasse in den 80er Jahren wird dies noch deutlicher sichtbar.</p>
<h4>Mikroelektronik-Naturwissenschaft als Agens der Produktion und die konkret-abstrakte Arbeit</h4>
<p>Heute, mit der technischen Umwälzung der Produktion durch die Mikroelektronik, wird auch die im Produktionsprozeß vernutzte lebendige Arbeit erneut tiefgreifend umgewälzt. Ihre noch immer bestehende relative Macht als Agens des Produktionsprozesses fällt endgültig der Vernichtung anheim. Nun erst wird Marxens Prognose endgültig wahr. Die Verwissenschaftlichung der Produktion setzt die lebendige Arbeit in eine Stufe von Abstraktheit und Hilflosigkeit gegenüber der im Kapital komprimierten gesellschaftlichen Macht, die Anfang der 7oer Jahre noch undenkbar gewesen ist. Die auf die Spitze getriebene Vergesellschaftung der stofflichen Produktion erscheint auf Seiten der lebendigen Arbeit als deren restloses Abstraktwerden.</p>
<p>Die in der Mikroelektronik geronnene Anwendung der Naturwissenschaft wird nach und nach zur gemeinsamen naturwissenschaftlich-technischen Basis in den unterschiedlichsten Anwendungsbereichen. Sie wird gemeinsame Grundlage in einem gerade auch in Hinblick auf die lebendige Arbeit viel weiterem Maße als dies beim klassischen Maschinensystem der Fall war. Die bisherigen industriellen Revolutionen wälzten in erster Linie die Antriebssysteme um (Dampf, Erdöl, Elektrizität) und verallgemeinerten deren produktive Anwendung, beließen die Arbeitsabläufe jedoch in ihrer jeweiligen Gesondertheit. Das Maschinensystem übertrug das spezifische handwerklerische Wissen auf die Maschine, die selber so wieder diese Spezifizität reproduzieren mußte. Es entstanden Spezialmaschinen mit recht unterschiedlichen Funktionsweisen und entsprechend von Industriezweig zu Industriezweig unterschiedlichen konkreten Arbeiten, die sie erforderlich machten. Die alte handwerkliche Besonderung der konkreten Arbeiten zog über die Maschinerie, die</p>
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<p>deren Spuren folgte, ein gewisses Maß an Spezifizierung der Arbeit an dieser Maschinerie nach sich. Erst die Verwissenschaftlichung der Produktion via Mikroelektronik löst diese endgültig von handwerklerischer Erfahrung und vereinzelter Tüftelei.</p>
<p>Die Naturwissenschaft als gesellschaftliches Ganzes wird zur allgemeinen stofflichen Basis der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums. Es sind in immer größeren Bereichen die selben wissenschaftlichen Erkenntnisse und deren analoge technische Übersetzung, &#8220;die als der große Grundpfeiler der Produktion des Reichtums&#8221; (Grundrisse S. 593) erscheinen. Für die konkreten Arbeitsprozesse hat dies zur Folge, daß sie einander in einem bisher unbekannten Maße angeglichen werden. Wenn laut der IG-Metallstudie zu den negativen Folgen der Rationalisierung es &#8220;Auffallend ist, daß von Betriebsräten aus räumlich, größenordnungs- und branchengemäß unterschiedlichen Betrieben die gleichen Arbeitsplätze als krankmachend bezeichnet werden&#8221; (S. 62 der Kurzfassung von 1983), so drückt sich dieser Sachverhalt darin aus. Denn &#8220;die neuen Technologien sind universelle Rationalisierungs- und Kontrolltechnologien, die wegen ihrer Flexibilität in fast jeden Bereich menschlicher Tätigkeit&#8230;eindringen können&#8221; (a.a.O. S. 66).</p>
<p>Die Arbeit erscheint nicht länger nur in dem Sinne abstrakt, daß &#8220;die Individuen mit Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andere übergehen&#8221; (Grundrisse S. 25), wie es Marx für die USA des 19. Jhd. skizzierte, die verschiedenen konkreten Arbeiten selber variieren kaum mehr. Wer seine Arbeit wechselt, tut nichts qualitativ anderes als zuvor. Die selbe technische Anlage kann, nur leicht umgebaut, völlig andere Produkte herstellen, und eine andere Anlage erfordert von der lebendigen Arbeit nahezu identische Verrichtungen. Die noch vor kurzem eindeutige Verbindung zwischen einer konkreten, nützlichen Arbeit und dem speziellen Produkt, in das sie eingeht, schwindet. Sie ist nicht länger gebunden an einen bestimmten Gebrauchswert, sondern erscheint unmittelbar als nicht abgrenzbarerPartikel jenes vergesellschafteten Prozesses, der allen stofflichen Reichtum zeugt. Damit wird die Dichotomie zwischen abstrakt menschlicher Arbeit und konkret nützlicher, die Marx im 1. Kapitel des Kapitals einführt, ausgehöhlt. Wenn dort in der Marxschen Analyse der gesellschaftliche Charakter der Produkte sich nur darin äußert, daß sie Gebrauchswerte nicht für ihren Produzenten, sondern für andere sind, er also für den Markt produziert und seine Arbeit als gesellschaftliche Arbeit nur in der Zirkulation, also auf der Seite des Tauschwerts erscheint, während sie gleichzeitig als konkret nützliche Arbeit Privatarbeit bleibt, so wird dieses Verhältnis nun gründlich zerschlagen. Die Arbeit ist nunmehr gesellschaftliche Arbeit nicht nur im Hinblick auf den Tauschwert, sie ist vergesellschaftet auch auf der stofflichen Seite in der Produktion der Gebrauchswerte. Ihr gesamtgesellschaftlicher Charakter erschöpft sich dabei nicht in der altbekannten Kombination verschiedener Arbeiter durch das Einzelkapital im Einzelbetrieb, wo die stofflich in ein Produkt eingehende Arbeit noch weiterhin klar umrissen allein im Einzelbetrieb verausgabte Arbeit ist und daher das Produkt notwendig als Privatprodukt, wenn nicht des Einzelkapitalisten, so doch zumindest der klar umrissenen Belegschaft dieses</p>
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<p>speziellen Betriebes erscheint (Rätegedanke). Diese saubere Abgrenzung ist verschwunden. Hinter der Produktion jeder Stecknadel scheint die gesamtgesellschaftliche Infrastrukturauf. Die Dichotomie von Gebrauchswerte produzierender konkret nützlicher Arbeit und Tauschwert produzierender abstrakt menschlicher Arbeit ist geknüpft an den privaten Charakter der Produktion und verschwindet mit diesem.</p>
<p>Das treibende Moment des Produktionsprozesses ist nicht länger die konkret in ein Produkt verausgabte Arbeit, sondern die Anwendung einer von vornherein gesellschaftlichen Potenz,der Naturwissenschaft. Wenn die Produkte stofflich gesellschaftlich werden, also Produkte einer gesellschaftlichen Gesamtproduktivkraft, so verlieren auch die Arbeitsabläufe ihre Verbindung zum gerade produzierten besonderen Gebrauchswert, können selber nicht länger in Besonderung verharren und werden austauschbar. Die konkreten Arbeiten sind restlos unter die vergesellschaftete Produktivkraft subsumiert.</p>
<p>Marx entfaltet begrifflich schon in den Grundrissen diesen Zusammenhang, der historisch erst heute Konturen gewinnt und das Wertgesetz in die Luft sprengen muß: &#8220;Es ist nicht mehr der Arbeiter, der modifizierten Naturgegenstand als Mittelglied zwischen das Objekt und sich einschiebt; sondern der Naturprozeß, den er in einen industriellen verwandelt, schiebt er als Mittel zwischen sich und die unorganische Natur, deren er sich bemeistert.Er tritt neben den Produktionsprozeß, statt sein Hauptagent zu sein. In dieser Umwandlung ist es weder die unmittelbare Arbeit, die der Mensch selbst verrichtet, noch die Zeit, die er arbeitet, sondern die Aneignung seiner eigenen allgemeinen Produktivkraft, sein Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper &#8211; in einem Wort die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, die als der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums erscheint. Der Diebstahl an fremder Arbeitszeit, worauf der jetzige Reichtum beruht, erscheint miserable Grundlage gegen diese neuentwickelte, durch die große Industrie selbst geschaffene. Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert (das Maß) des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein, ebenso wie die Nichtarbeit der Wenigen für die Entwicklung der allgemeinen Mächte des menschlichen Kopfes. Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhende Produktion zusammen&#8221; (Grundrisse S. 592/593).</p>
<p>So oft in der marxistischen Diskussion auf diese Stelle Bezug genommen wurde, so oft ist sie unverstanden geblieben. Immer wurde &#8220;die Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums&#8230;als der Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums&#8221;, als ein erst im Sozialismus zu verwirklichendes Ziel gedeutet, ebenso wie das Ende des Wertgesetzes, und nicht als ein Prozeß, der sich, wenn auch nur katastrophenhaft, schon innerhalb des Kapitalverhältnisses zu vollziehen beginnt. Befangen im Wertgesetz, und es mehr oder minder für ein Naturgesetz haltend, verschwand dessen Untergrabung durch den kapitalistischen Prozeß selber vollständig aus dem Bewußtsein und verschwand umso mehr, als sich die klassische</p>
<p>64 &#8212;-</p>
<p>Arbeiterbewegung real mit einer Stufe der Produktiventwicklung konfrontiert sah, die sich noch lange im Rahmen des Wertgesetzes bewegen konnte. Aber während einst noch mit relativer Berechtigung die Abschaffung des Wertgesetzes als nachrevolutionäre Aufgabe des Proletariats bei seiner endgültigen Selbstaufhebung genommen wurde, muß heute dessen katastrophenschwangere Zersetzung und das aus ihr resultierende Desaster des Nachkriegskapitalismus Ausgangspunkt einer revolutionären Strategie sein. Wir müssen heute Marxens Ausführungen in den Grundrissen von dieser Seite her ernst nehmen, denn sie werden inzwischen praktisch wahr. Das Kapital zerstört selber den Wert, seine logische Grundlage. Die sich anbahnende langatmige Krise des Kapitals fußt letztlich in nichts anderem als dem historischen Ende seiner grundlegenden Kategorie. &#8220;Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch (dadurch), daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum reduziert, während es andererseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. Es vermindert daher die Arbeitszeit in der Form der notwendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsenden Maß als Bedingung &#8211; question de vie et de mort &#8211; für die notwendige. Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die Schöpfung des Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der anderen Seite will es diese so geschaffenen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffenen Wert als Wert zu erhalten. Die Produktivkräfte und gesellschaftlichen Beziehungen &#8211; beides verschiedene Seiten der Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums &#8211; erscheinen dem Kapital nur als Mittel, und sind für es nur Mittel, um von seiner bornierten Grundlage aus zu produzieren. In fact aber sind sie die materiellen Bedingungen, um sie in die Luft zu sprengen&#8221; (Grundrisse S. 593/594).</p>
<p>Wenn wir daher vorher von der Aushöhlung der Dichotomie von konkret nützlicher und abstrakt menschlicher Arbeit gesprochen haben, so drückt sich darin eben nur die Zersetzung des Wertgesetzes aus. Wenn die konkrete Arbeit selber abstrakt wird, so äußertsich darin die Rebellion der schon vom Kapital vergesellschafteten Produktivkräfte gegen das auf Privateigentum und imaginär gewordener seperater Privatarbeit beruhende Wertgesetz. Die abstrakt gewordene konkrete Arbeit kündet von dessen baldigem Zusammenbruch, von der Herausbildung eines Proletariats, das nicht mehr Proletariat sein kann und daher das Kapitalverhältnis aufheben wird, weil es dazu gezwungen ist. Abstrakt menschliche Arbeit in diesem Sinn ist das lebendige Zubehör der stofflich vergesellschafteten Produktion. Der abstrakte Arbeiter, auch gerade wenn er einfache Arbeit leistet und keine potenzierte, ist selber gesellschaftliches Produkt, selber gesellschaftliche Produktivkraft, erzeugt von einer umfänglichen Bildungsinfrastruktur. Angewiesen auf einen allgemein-gesellschaftlichen Arbeiter, ist das Kapital gezwungen, in seiner neueren Gestalt immer mehr, den</p>
<p>65 &#8212;-</p>
<p>Bildungsbereich von familiären und ständischen Resten zu säubern und ihn von betrieblichen Zufälligkeiten freizuhalten. Die Ausdehnung des Schulsystems mit der sozialdemokratischen Bildungsreform schafft erst die adäquate gesellschaftliche Arbeitskraft für das Kapital des ausgehenden 2o. Jahrhunderts. Die Formalisierung von Qualifikationen, die Schwerpunktsverlagerung von der betrieblich-praktischen zur schulischen Bildung sind notwendige Erscheinungsformen der Vergesellschaftung der Produktion. Das Zurücktreten der Bedeutung von handwerklicher Erfahrung und Qualifikation verschiebt die Gewichte zugunsten der allgemeineren Qualifikation. Die Standardisierung und Verschulung der Bildung entspricht der Standardisierung der Technologie und den Anforderungen, die diese an die lebendige Arbeit stellt. Die vergesellschaftete Bildung fällt zusehends dem ideellen Gesamtkapitalisten anheim, die betriebliche Spezifikation dessen Wissens wird weniger wichtig. Betriebliche Arbeit bleibt lediglich von Bedeutung als fortgesetzte Anpassung an eine sich ständig weiterentwickelnde Wissenschaft und Technik, als Kampf der vereinzelten Arbeitskraft gegen ihren moralischen Verschleiß. Wichtig ist in den qualifizierteren Bereichen allein, daß eine Arbeitskraft die letzten Jahre verwandt wurde und sich so den neuen technischen Standards anpassen konnte, weniger wo sie speziell gearbeitet hat.</p>
<h4>Logische und historische Entfaltung des Kapitalverhältnisses (Exkurs)</h4>
<p>Auch das ist natürlich nur Tendenz und nicht in allen Bereichen der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion schon gleichermaßen alles erfassend Wirklichkeit geworden. Ausmaß und Geschwindigkeit dieser Entwicklung zu bestimmen, ist eine Aufgabe für sich. Mir kommt es hier auf zweierlei an. Erstens will ich nachweisen, daß die Marxschen Kategorien gerade für die Analyse der modernen Umstrukturierungsprozesse des zeitgenössischen Kapitalismus ein geeignetes analytisches Instrumentarium abgeben und zweitens &#8211; und das hängt damit engstens zusammen &#8211; aufzeigen, daß die so gerne beklagten und hier angedeuteten Phänomene, weit entfernt davon, die Logik des Kapitals und den Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit außer Kraft zu setzen, im Gegenteil nichts anderes darstellen, als die auf die Spitze getriebene kapitalistische Logik, die dabei ist, den Sprengstoff zusammenzutragen und zu schichten, der sie selber in die Luft jagen wird. Mir geht es erst einmal um die allgemeine Tendenz, deren genaue Durchsetzung natürlich einer weiteren Untersuchung harrt. Wenn ich die Marxschen Realkategorien als Gerüst meiner Betrachtung genommen und deren Logik verfolgt habe, dann um deutlich zu machen, wie sehr die modernste Wirklichkeit gerade in deren Richtung drängt.</p>
<p>Wie Lenin schon wußte, läuft, wer den Gang der Verhältnisse zu antizipieren sucht, Gefahr, ihnen vorauszueilen. Das gesamte Marxsche Werk ist dadurch charakterisiert. Marx entfaltete die begriffliche Logik des Kapitals zu einer Zeit, als deren historische Entwicklung, gemessen am heutigen Stand, noch in den Kinderschuhen steckte. Die Tendenz des Kapitals, das Wertgesetz aufzuheben, und die daraus resultierende Erzeugung eines Proletariats, das</p>
<p>66 &#8212;-</p>
<p>diese Tendenz dann auch zu exekutieren gezwungen ist, beides wird erst allmählich richtig wahr mehr als 100 Jahre nach Marxens Tod. Die historische Entwicklung des Kapitalverhältnisses blieb jahrzehntelang hoffnungslos zurück hinter deren theoretischer Entdeckung. Die Verkürzungen der traditionellen Marxinterpretationen haben hierin ihre grundlegende Ursache. Die Marxsche Theorie konnte die Massen in ihrer authentischen Gestalt nicht ergreifen, weil die Wirklichkeit selber noch nicht so weit war, um zu den Marxschen Gedanken zu drängen. Die marxistischen Theoretiker hielten diese Spannung kaum ansatzweise durch und lösten aus dem Marxschen Werk nur die Brocken heraus, die einigermaßen schon in der Realität greifbar wurden.</p>
<p>Die abstrakt menschliche Arbeit in ihrer entwickelteren Form war das für das Facharbeiterproletariat und dessen intellektuelle Vertreter in der Zeit der klassischen Arbeiterbewegung nicht, ebensowenig wie die revolutionären Potenzen,die mit ihr einhergehen. Die Facharbeiter als tragende Schicht der proletarischen Bewegung hatten nicht das mindeste Interesse an ihrer Selbstaufhebung, und so fiel diese Selbstaufhebung in den konkreten Sozialismusvorstellungen praktisch unter den Tisch. Die stoffliche Grundlage für die von Marx theoretisch herausgearbeitete proletarische Revolution schafft erst die Mikroelektronik. Erst heute zeichnet sich jene Revolution ab, die nicht mehr auf der unzulänglichen Entwicklung des Kapitalverhältnisses, oder auf vorübergehenden Friktionen in seiner Entwicklung beruht, sondern im Gegenteil gerade darauf, daß dieses dabei ist, auf die Spitze und damit über sich selbst hinauszutreiben.</p>
<p>Die Ironie der Geschichte besteht dabei darin, daß der authentische Marxismus, völlig verschüttet unter den historisch notwendigen Verkürzungen seiner Theorie, gerade in dem Augenblick von der Linken als alte Kamelle abgelegt wird, wo die gesellschaftliche Realität beginnt, die Höhe seiner theoretischen Reflexionen zu erreichen. Weil sie den Marxismus mit seinen traditionellen Kastrierungen identifizieren, beschließt die Linke Marx gerade in dem Augenblick zu Grabe zu tragen, in dem eine massenhafte und vollständige Marxinterpretation erstmals möglich, politisch wirksam und damit auch unumgänglich notwendig wird.</p>
<h4>Neue Technologien und &#8220;prekäre Arbeit&#8221;</h4>
<p>Die vom Kapital schon vergesellschaftete und daher abstrakt gewordene konkrete Arbeit verliert ihre enge Bindung an den Einzelbetrieb und an die besondere Branche. Mit dem Verschwinden des Einzelbetriebs als ausschließlichen Bezugspunkt der stofflichen Produktion löst sich auch die materielle Grundlage der traditionellen Arbeiterformationen auf. Die produktive Kooperation sprengt den Rahmen des Einzelkapitals, erst recht des Einzelbetriebs und jagt dabei die geschlossenen überlieferten Arbeiterzusammenhänge gleich mit in die Luft. Deren Zersetzung ist nur die andere Seite der stofflichen Vergesellschaftung der Produktion durch deren Verwissenschaftlichung. Was von Gorz und anderen als Ende des</p>
<p>67 &#8212;-</p>
<p>Proletariats gedeutet wird, ist nichts anderes als die Kehrseite der Krise des Wertgesetzes. Was real eine neue Stufenleiter in der Vergesellschaftung ist, erscheint auf Seiten der Arbeiter als Atomisierung und Individualisierung.</p>
<p>In den 80er Jahren erleben wir einen qualitativen Sprung in der Geschichte der Ware Arbeitskraft, dessen Tragweite erst in Umrissen absehbar ist. Die skizzierten tiefgreifenden technologischen Umwälzungen fallen zusammen mit Massenarbeitslosigkeit und zeitigen umso grundlegendere Folgen. Das Kapital nutzt die Gelegenheit, die ihm die Krise bietet, um die Arbeitskraft in eine neue, seiner veränderten technologischen Struktur entsprechende Form zu bringen. Flexibilisierung ist das Stichwort, unter dem das Kapital die abstrakt gewordene Arbeit sich in jeder beliebigen Proportion unter technologisch revolutionierten Bedingungen einverleibt. Das Kapital hat es nicht mehr nötig, wie in den Zeiten der Hochkonjunktur um jedes Stück Arbeitsvieh zu buhlen, sondern kann die Austauschbarkeit der Arbeitskräfte zu seinen Gunsten wenden. Unter den Bedingungen von anhaltender Massenarbeitslosigkeit schrumpfen die Stammbelegschaften zusehends auf die Unterkommandeure und besonders kapitalintensiven bzw. entsprechend störanfälligen Bereiche zusammen. Die ausgedünnten Stammbelegschaften werden durch prekäre Arbeit der verschiedensten Spielart ergänzt. Prekäre Arbeitsformen, einst nur ein Randphänomen und Überbleibsel längst vergangener Zeiten, werden nun zur Massenerscheinung. Illegale und legale Leiharbeit, Anfang der 70er Jahre noch so gut wie unbekannt, verbreitet sich ebenso wie neue Formen befristeter Arbeitsverhältnisse, Teilzeitarbeit und Heimarbeit. Das Kapital versucht seinen variablen Anteil zu minimieren, und sein Hauptmittel dazu ist die Reduktion der Lohnnebenkosten. Die sozialen Errungenschaften der 60er und 70er Jahre (Lohnfortzahlung, Urlaubsgeld, Kündigungsschutz, Vermögensbildung etc.) werden vom Kapital für einen wachsenden prekären Teil der Klasse unterlaufen und in Privilegien der Stammbelegschaft verwandelt. Was als Fortschritt für alle &#8220;Arbeitnehmer&#8221; gefeiert wurde, wird für das Kapital Anlaß und Mittel, um die Klasse zu spalten. Die Reformen, die am Normalarbeitsverhältnis (dauerhaft, Vollzeit) ausgerichtet waren, sind selbst Sporn für das Kapital, dieses Normalarbeitsverhältnis in weiten Bereichen aufzulösen.</p>
<p>Alle Formen prekärer Arbeit zeichnen sich mehr oder minder durch Äußerlichkeit gegenüber dem Einzelbetrieb und ein hohes Maß an Mobilität und Austauschbarkeit aus. Die Loslösung vom Einzelbetrieb führt erst einmal zur Individualisierung und Isolierung der Arbeitskraft gegenüber der geballten Macht des Kapitals. Der vereinzelte prekäre Arbeiter fällt weitgehend aus tarifvertraglichen Vereinbarungen sowie traditionellen Schutz- und Mitspracherechten von Betriebsrat und Gewerkschaft heraus. Beide haben auch nicht das mindeste Interesse ihn zu integrieren. Die allgemeine Tendenz, Arbeit als immer abstraktere zu setzen, erscheint in ihrer modernsten Ausprägung nicht mehr als Homogenisierung der Klasse, sondern vielmehr als deren völlige Zerstreuung und Segmentierung. Die Arbeiterklasse teilt sich in zwei miteinander in Widerspruch stehende Bereiche.</p>
<p>Auf der einen Seite die Kernbelegschaften, deren Interesse eng mit dem Einzelbetrieb ver-</p>
<p>68 &#8212;-</p>
<p>woben bleibt und die ihre Einzelinteressen am entschiedensten gegen den prekären Teil der Klasse verteidigen. Auf der anderen Seite eben jener prekäre Bereich, der selber noch vielfach segmentiert ist. Hier herrschen Äußerlichkeit gegenüber dem Einzelbetrieb, hohe Mobilität und Fluktuation; es findet gerade hier reger Austausch mit den verschiedenen Formen von industrieller Reservearmee statt.</p>
<p>Die Zersetzung der traditionellen Arbeiterklasse kündigt die Neuzusammensetzung der Klasse unter den Bedingungen des Zerfalls des Wertgesetzes an. Die erreichte Stufe der stofflichen Vergesellschaftung der Arbeit und ihre Abstraktsetzung machen eine grundlegend neue Arbeitsorganisation möglich. Z.B. sind neue Formen der Heimarbeit ein Produkt der neuen Informationstechniken. Sie erlauben es, auch komplexe Arbeitsvorgänge räumlich voneinander zu trennen, ohne daß für das Kapital dadurch der Arbeitsprozeß zerrissen würde. &#8220;Die Benutzung eines elektronischen Mediums, das gegenwärtig noch überwiegend schriftliche und graphische Informationen überträgt, führt zu einer effektiveren Kommunikation, zu einer Beschränkung der Kommunikation auf wesentliche Inhalte und zu einer Reduzierung des bei Gesprächen eher üblichen &#8216;social noise`&#8221; (Zitiert nach BMFT Forschungsbericht DV 82-002 August 82). &#8220;Die Tatsache des ausgelagerten Arbeitsplatzes ist mit einer Beschränkung der Möglichkeiten zur unmittelbaren Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen verbunden. Diese Zusammenarbeit ist zwar faktisch noch vorhanden, wenn an einer Produkterstellung, Problemlösung oder was sonst es auch immer sein mag mehrere Personen beteiligt sind. Sie wird aber wohl kaum als eine unmittelbare persönliche Beziehung wahrgenommen, da sie sich in einer abstrakten, für den Teilarbeiter vielleicht nicht einmal konkret nachvollziehbaren Arbeitsteilung versteckt&#8221; (a.a.O.).</p>
<p>Das Kapital kann die Kombination der Arbeiter aufrechterhalten, ohne die Arbeiter in persönlichen Kontakt während des Arbeitsprozesses setzen zu müssen. Prekäre Klitschenwirtschaft in irgendwelchen Zulieferbetrieben ist trotz räumlicher Trennung und teilweiser Auflösung der Großbetriebe unmittelbar angekoppelt an die Verwertungsbedürfnisse multinationaler Konzerne. FIAT-Turin ist hier ein Musterbeispiel, hinter dem das Volkswagenwerk nicht nachsteht. Legale und illegale Leiharbeiter wechseln nicht nur dauernd den Betrieb, in dem sie eingesetzt werden, sondern sie stehen auch einem kombinierten Kapitalisten gegenüber (Leiher und Verleiher).</p>
<p>Nicht nur für den wachsenden prekären Teil der Klasse fällt der Einzelbetrieb als der Bezugspunkt weitgehend fort. Das Kapital selber hat in seiner Entfaltung den Rahmen des Einzelbetriebs längst gesprengt und seine Bedeutung als Produktionseinheit relativiert. Dies gilt gerade auch für die Großbetriebe. Ihre Zergliederung weist den Weg zur großkapitalistischen Version von &#8220;small is beautiful&#8221;. Der kapitalistische Vergesellschaftungsprozeß beginnt, nachdem er die Arbeitskraft einst räumlich geballt hat, und so die Arbeiter auch notgedrungen in Kommunikation setzen mußte, sie wieder zu zerstreuen. Die Berührungspunkte, an denen die vereinzelten Arbeiter aufgrund der kapitalistischen Kombination der Arbeit miteinander in persönlichen Kontakt treten müssen, werden immer</p>
<p>69 &#8212;-</p>
<p>weniger, gerade weil sich die Kombination weiter entfaltet. Auf dieser Ebene gilt dies auch innerhalb des Einzelbetriebs, noch mehr natürlich für die ausgelagerten Bereiche. Innerhalb des Einzelbetriebs schiebt sich wachsendes konstantes Kapital zwischen eine sich verkleinernde Anzahl von Arbeitskräften. Der Zusammenhalt im Betrieb wird geschwächt und gleichzeitig die Bedeutung des Einzelbetriebs überhaupt.</p>
<h4>&#8220;Abschied vom Proletariat&#8221; oder neuer Klassenkampf</h4>
<p>Die traditionelle Arbeiterbewegung, oder was von ihr an Resten und Reminiszensen noch übrig geblieben ist, wird von dieser Entwicklung im Kern getroffen. Die Gewerkschaften verkommen endgültig zu rein ständischen Vertretungen kleiner werdender Schichten von Arbeiteraristokraten. Traditionelle Kampf- und Denkgewohnheiten werden obsolet, und so kann es nicht überraschen, wenn die traditionelle Linke, und dazu gehört inzwischen auch fast das ganze Spektrum der aus der Neuen Linken hervorgegangenen Organisationsansätze, in Jammern und Wehklagen versinkt und das Ende einer überholten Arbeiterformation bzw. die Neuzusammensetzung der Klasse durch das Kapital mit dem Ende jeder Arbeiterbewegung überhaupt verwechselt. Mit ihrem mangelhaften theoretischen Rüstzeug ist sie weder in der Lage, die ganze Tragweite dieser Entwicklung zu erfassen, noch die revolutionären Möglichkeiten zu begreifen, die in ihr stecken. Die vereinigte Linke stolpert in gewohnter Weise in Ritterrüstung übers inzwischen atomare Schlachtfeld und greint, weil ihr doch dunkel die eigene Don-Quichotterie dämmert. Doch das nur nebenbei.</p>
<p>Das Kapital hebt bekanntermaßen seine Widersprüche nur auf, um sie desto gründlicher auf neuer Stufenleiter zu setzen. Die Umstrukturierung der Arbeiterklasse zieht zwar dem revolutionären Marxismus das alte Schlachtfeld unter den Füßen weg, doch nur, um ein neues, entwickelteres zu errichten. Dieses noch jungfräuliche Terrain gilt es zu erforschen. Auf ihm wird sich der revolutionäre Marxismus neu bewähren müssen.</p>
<p>Eins ist klar: Die vom Kapital weitergetriebene Vergesellschaftung zwingt die zukünftigen proletarischen Kämpfe, wollen sie mehr sein als bloße Karikatur, auf einem Niveau von Allgemeinheit zu beginnen, das der traditionellen Arbeiterbewegung auch in ihren entwickelteren Formen fremd geblieben ist. So ist z.B. der internationalistische Charakter einer neuen Arbeiterbewegung von vornherein als unumgängliche Notwendigkeit gesetzt und nicht wie einst bloß moralischer Anspruch. Ähnliches gilt aber genauso innerhalb der einzelnen Nationen und ihren Märkten; und auch die politische Seite (Staatseingriffe usw.) ist enger an die ökonomischen Kämpfe angeschlossen denn je. Der traditionellen Trennung von politischen und ökonomischen Kämpfen bietet sich objektiv wenig Raum. Vor diesem Hintergrund verschiebt sich die Dialektik von Spontaneität und Organisation, und die theoretische Seite des Kampfes wird zur conditio sine qua non. Hier klaffen allerdings keine Lücken, sondern Abgründe.</p>
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		<title>Wissenschaft, Rationalisierung und Qualifikation im Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 1 (1986)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 70 &#8212;- Udo Winkel 1. Einleitung: Rationalisierung und Entfremdung. Zur Problematik der kapitalistischen Industriegesellschaft. MAX WEBER hat die Entstehung und Entfaltung des okzidentalen Kapitalismus als umfassenden Prozeß der &#8220;Rationalisierung&#8221; und &#8220;Entzauberung&#8221; der Welt beschrieben. Dieser Kapitalismus beruht auf rationaler Organisation formell freier Arbeit, basierend auf der Trennung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>70 &#8212;-</p>
<p><em>Udo Winkel </em></p>
<h4>1. Einleitung: Rationalisierung und Entfremdung. Zur Problematik der kapitalistischen Industriegesellschaft.</h4>
<p><span id="more-312"></span>MAX WEBER hat die Entstehung und Entfaltung des okzidentalen Kapitalismus als umfassenden Prozeß der &#8220;Rationalisierung&#8221; und &#8220;Entzauberung&#8221; der Welt beschrieben. Dieser Kapitalismus beruht auf rationaler Organisation formell freier Arbeit, basierend auf der Trennung von Haushalt und Betrieb und der &#8220;rationalen Betriebsführung&#8221;. &#8220;Der spezifisch moderne okzidentale Kapitalismus nun ist offenkundig zunächst in starkem Maße durch Entwicklung von technischen Möglichkeiten mitbestimmt. Seine Rationalität ist heute wesenhaft bedingt durch Berechenbarkeit der technisch entscheidenden Faktoren: der Unterlagen exakter Kalkulation. D.h. aber in Wahrheit: durch die Eigenart der abendländischen Wissenschaft, insbesondere der mathematisch und experimentell exakt und rational fundierten Naturwissenschaften. Die Entwicklung dieser Wissenschaften und der auf ihnen beruhenden Technik erhielt und erhält nun ihrerseits entscheidende Impulse von den kapitalistischen Chancen, die sich an ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit als Prämien knüpfen&#8221;(1). Den grundlegenden Unterschied zu vorkapitalistischen Gesellschaften hat Weber am Selbstverständnis abendländischer Wissenschaft in seinem Vortrag über &#8220;Wissenschaft als Beruf&#8221; angeführt: &#8220;Daß Wissenschaft heute ein FACHLICH betriebener &#8216;Beruf&#8217; ist im Dienste der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge, und nicht eine Heilsgüter und Offenbarungen spendende Gnadengabe von Sehern und Propheten oder ein Bestandteil des Nachdenkens von Weisen und Philosophen über den SINN der Welt &#8211; das freilich ist eine unentrinnbare Gegebenheit unserer historischen Situation, aus der wir, wenn wir uns selbst treu bleiben, nicht herauskommen können&#8221;(2). Die formale Rationalität, die für Max Weber die umfassende, alle gesellschaftlichen Erscheinungen umspannende Kategorie für das Verstehen von Genesis und Struktur des Kapitalismus bildet, bedeutet ihm &#8220;Entzauberung der Welt&#8221;, weil der moderne Mensch davon überzeugt ist, daß man im Prinzip alle Dinge durch Berechnen beherrschen könne.</p>
<p>KARL MARX hat demgegenüber gerade von einer &#8220;Verzauberung&#8221; der Gesellschaft unter Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion gesprochen. Die &#8220;Entfremdung&#8221; (so der junge Marx), die &#8220;Verdinglichung&#8221; und &#8220;Fetischisierung&#8221; der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen, d.h. die Verselbständigung der von den Menschen geschaffenen Verhältnisse ihnen selbst gegenüber, entspringt gerade der &#8211; im Gegensatz zum Einzelbetrieb &#8211; nicht gesamtgesellschaftlich geplanten Produktion. Der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang stellt sich auf der Grundlage individueller Warenproduktion eben nicht in der Produktion, sondern erst über den Markt, also über Tauschbeziehungen, über Waren, d.h. eben</p>
<p>71 &#8212;-</p>
<p>über Dinge, und zwar erst im nachhinein her. Die Konkurrenz der Warenproduzenten schlägt sich in sie selbst beherrschenden Marktgesetzen nieder: &#8220;Die freie Konkurrenz macht die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend&#8221;(3). D.h.: &#8220;Die bei der Teilung der Arbeit im Innern der Werkstatt a priori und planmäßig befolgte Regel wirkt bei der Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft nur a posteriori als innere, stumme, im Barometerwechsel der Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkür der Warenproduzenten überwältigende Naturnotwendigkeit (die als &#8216;zweite Natur&#8217;, als &#8216;gesellschaftliche Naturgesetze&#8217; in Erscheinung tritt, d. V.). Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit (die Arbeitsteilung innerhalb der Fabrik, d.V.) unterstellt die unbedingte Autorität des Kapitalisten über Menschen, die bloße Glieder eines ihm gehörigen Gesamtmechanismus bilden; die gesellschaftliche Teilung der Arbeit stellt unabhängige Warenproduzenten einander gegenüber, die keine andere Autorität anerkennen als die der Konkurrenz, den Zwang, den der Druck ihrer wechselseitigen Interessen auf sie ausübt, wie auch im Tierreich das bellum omnium contra omnes (der Krieg aller gegen alle, d.V.) die Existenzbedingungen aller Arten mehr oder minder enthält&#8221;(4).</p>
<p>Formale Rationalität, geplante Effektivierung und Verwissenschaftlichung der Produktion und Entfaltung der produktiven Fähigkeiten der Menschen im Einzelbetrieb und gesamtgesellschaftliche Planlosigkeit und Regulierung über den Markt im nachhinein stehen nicht in einem äußeren, sondern einem inneren notwendigen Widerspruch, dessen Seiten oder Momente sich gegenseitig bedingen. Die vorher nicht gekannte Dynamik und ständige Umwälzung der Produktion und ihrer Bedingungen entspringt gerade der Notwendigkeit für den Einzelbetrieb, im Konkurrenzkampf zu überleben und sich durchzusetzen. Die von Weber konstatierte innerbetriebliche Rationalität erfolgt auf der Folie der von Marx analysierten äußeren Zwangsgesetze des Marktes.</p>
<h4>II. Wissenschaft, Produktionsweise und Technologie</h4>
<h4>1. Die neuzeitliche Wissenschaft</h4>
<p>MAX SCHELER hat die Naturwissenschaft als &#8220;Kind der Vermählung von Philosophie und Arbeitserfahrung&#8221; bezeichnet(5). Das neuzeitliche Wissenschaftsbewußtsein wird durch die Verbindung von drei reflexiven Momenten &#8211; Gesetz, Experiment, Fortschritt &#8211; geprägt: Seit der Spätrenaissance wird sich der Mensch darüber klar, daß er selbst die gesellschaftlichen Fortschritte hervorgebracht hat, wie er sie gestalten und fortsetzen kann. &#8220;Das Bewußtsein der Innovationsfähigkeit des Menschen und die Bewertung der Innovation als Fortschritt ist die grundlegende und allgemeine reflexive Thematisierung zu Beginn der Neuzeit&#8221;(6). Diese Vorstellung erhält ihre Grundlage, ihre eigene Methode im Experiment(7). Einzelne Gesetzeserkenntnisse kombinieren sich allmählich zu zweckmäßigen Verfahren.</p>
<p>72 &#8212;-</p>
<p>&#8220;Die Überzeugung von der Gesetzmäßigkeit der Natur macht diese Einheitlichkeit VORWEG zum Prinzip; das moderne Bewußtsein stellt diese Einheit THEORETISCH her&#8221;(8). Wie WOLFGANG KROHN gezeigt hat, bleibt die Definition von Wissenschaft ein Desiderat der Wissenschaftssoziologie. Er arbeitet drei soziologische Definitionsgesichtspunkte heraus(9):</p>
<p>a) &#8220;Wissenschaftliche Innovationen des Westens&#8221;: Die neuzeitliche Wissenschaft als kulturelle Innovation wird als Bestandteil des sozialkulturellen Wandlungsprozesses in die Gesellschaft integriert.</p>
<p>b) &#8220;Die Institutionalisierung der Wissenschaft&#8221;: Erst im 17. Jahrhundert kommt es zur &#8220;sozialen Stabilisierung&#8221; der Wissenschaft durch die Akademiegründungen im Absolutismus.</p>
<p>c) &#8220;Die gesellschaftliche Definition legitimer Wissenschaft&#8221;: Die Institutionalisierung der Wissenschaft drückt gleichzeitig einen Kompromiß mit den herrschenden Gewalten aus(10). WOLFGANG BÜCHEL bezeichnet die gesellschaftlichen Kräfte, die die neuzeitliche Naturwissenschaft konstituieren(11):</p>
<p>a) Der Humanismus: Herausbildung einer an weltlicher Bildung interessierten Gelehrtenschicht im 14. Jahrhundert in den italienischen Städten(12).</p>
<p>b) Der Frühkapitalismus: Handel und Messewesen bringen im 13. Jahrhundert in Italien &#8211; dem Durchgangsland des Handels zwischen Orient und Okzident &#8211; kapitalistische Wirtschaftsformen hervor, die die Naturwissenschaft stimulieren(13).</p>
<p>c) Die Künstler-Ingenieure: &#8220;Sie erwuchsen aus den Leuten, die sich den Zwängen der Zünfte entwunden hatten und, angestachelt durch den wirtschaftlichen Wettbewerb, Kanonen, Papier-, Draht-, Brechmühlen und Hochöfen konstruierten und maschinelle Vorrichtungen in den Bergbau einführten. Sie waren in Personalunion Künstler, Architekten und (Militär) Techniker&#8221;(14). Hat die moderne Naturwissenschaft wesentliche Impulse von handwerklich-technischen Fragestellungen erhalten, so hat umgekehrt die Naturwissenschaft bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die technologische Entwicklung kaum gefördert.</p>
<p>Erst die industrielle Massenproduktion erforderte die Anwendung wissenschaftlicher Methoden(15).</p>
<h4>2. Entwicklung der Produktion und Technologie(16)</h4>
<p>Ausgangspunkt der modernen Produktion und Technologie ist das mittelalterliche Handwerk. Es ist durch qualifizierte Handarbeit des Meisters und seiner Gesellen, durch dezentralisierte Produktion in der eigenen Werkstatt (&#8220;Hauswerk&#8221;) und dezentralisierten Absatz durch Kundenbestellungen geprägt. Das Handwerk bleibt als feudal geprägte Produktionsform in die Zunft eingebunden, die Charakter, Umfang und Qualität der Produktion und der Produkte vorschreibt. Das Eindringen des Handelskapitals in die Produktion schafft, auf der Grundlage der Hausindustrie, das Verlagssystem. Die Handwerker produzieren in ihren eigenen Werkstätten und liefern die Produkte an den Verleger: die</p>
<p>73 &#8212;-</p>
<p>Produktion bleibt weiterhin dezentralisiert, der Absatz wird zentralisiert. &#8220;Der Kaufmann bringt mittels seiner finanziellen Überlegenheit den wirtschaftlich schwachen Lieferanten in ein immer fester werdendes Abhängigkeitsverhältnis. Er leistet ihm Vorschüsse an Geld, an Rohstoffen, ja Arbeitswerkzeugen, und bestimmt zugleich mehr und mehr Richtung, Umfang und Umstände der handwerklichen Produktion&#8221; (17). Der Handwerker bleibt nur formell selbständig und wird faktisch zum Lohnarbeiter. Der nächste logische Schritt ist dann die Zusammenfassung der abhängig gewordenen Handwerker in einem Raum, während der Kapitalist als Unternehmer die Produktionsleitung übernimmt. In der Manufaktur ist nun auch die Produktion zentralisiert(18). Hier kommt es auch zur endgültigen Trennung von Werkstatt und Haushalt. In der HETEROGENEN Manufaktur werden Einzelteile selbständig produziert und zusammengesetzt (wie in der Uhrenproduktion), in der ORGANISCHEN Manufaktur wird das Produkt arbeitsteilig hergestellt (wie in der Nadelproduktion). In der Manufaktur wird die Arbeitsteilung soweit vorangetrieben, daß ein Übergang zur maschinellen Produktion möglich wird. Die industrielle Produktion tritt an ihre Stelle, wobei unter Industrialisierung der &#8220;Übergang von der handarbeits-orientierten zur maschinenorientierten Tätigkeit&#8221; (HENNING) verstanden wird.</p>
<p>Auf dieser neuen Grundlage wird die Arbeitsteilung und die Umwälzung der Tätigkeitsformen beschleunigt vorangetrieben. MARX hat den qualitativen Unterschied der neuen Produktionsweise gegenüber der handwerklichen und manufakturellen klar herausgearbeitet: &#8220;In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt&#8221;. Und: &#8220;Die Maschinerie &#8230; funktioniert nur in der Hand unmittelbar vergesellschafteter oder gemeinsamer Arbeit. Der kooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird jetzt also durch die Natur des Arbeitsmittels selbst diktierte technische Notwendigkeit&#8221;(19).</p>
<p>RAMMERT unterscheidet drei Formen von Rationalisierung auf der Grundlage des Industriebetriebs(20):</p>
<p>1. Die formale Organisierung legt die standardisierten Arbeitsanforderungen im Sinne des vorgegebenen Betriebsziels fest, was funktionale Arbeitsteilung und hierarchische Stufung der Arbeitsorganisation umfaßt, im Sinne von &#8220;Auslese und Anpassung, Kooperation und Kontrolle der Arbeitskräfte&#8221;.</p>
<p>2. Die Technisierung, also Rationalisierung der Arbeitsmittel und -gegenstände, im Sinne einer verstärkten Ersetzung menschlicher Arbeitsfunktionen durch Maschinen und technische Vorrichtungen zwecks Steigerung der Arbeitsproduktivität.</p>
<p>3. Verwissenschaftlichung als Erhöhung des verfügbaren Wissenspotentials über den Produktionsprozeß durch Methoden wissenschaftlicher Informationsgewinnung und Datenverarbeitung.</p>
<p>74 &#8212;-</p>
<h4>3. Verwissenschaftlichung der Produktion</h4>
<p>Erst mit der Durchsetzung der mechanisierten Massenproduktion wird die Verwissenschaftlichung der Produktion zur Notwendigkeit. Wissenschaftliches Wissen tritt an die Stelle rational-handwerklichen Wissens. &#8220;Das rationale Verfahren ist ebenso charakteristisch für den Frühkapitalismus, wie das wissenschaftliche Verfahren für den Hochkapitalismus&#8221; (SOMBART)(21). Erst jetzt entstehen neue Produktionszweige auf wissenschaftlicher Grundlage und ihrer technologischen Anwendung, wird naturwissenschaftliche Forschung zur Basis neuer Industrien(22).</p>
<p>Doch es findet nicht nur eine Anwendung der Wissenschaft auf die Industrie statt, sondern auch eine Industrialisierung der wissenschaftlichen Arbeit. Wurden im 19. Jahrhundert die meisten Erfindungen von Einzelforschern an Hochschulen oder im Privatbereich gemacht, so dominiert heute das industrieeigene Forschungslabor. So stieg in den USA die Zahl der industriellen Forschungs- und Entwicklungslabors von 1910: ca. 100 auf 1960: 5400 an(23). Der geistige Arbeitsprozeß wird so betriebsmäßig organisiert und in Funktionsbereiche aufgegliedert. So etwa in Grundlagen- Anwendungs-, Entwicklungs- und Konstruktionsforschung zerlegt. Die Verwissenschaftlichung der Arbeit drückt sich nicht nur in der Ersetzung der praktischen Handwerker- und Ingenieurserfahrung durch Planung wissenschaftlicher Verfahren in Forschungs- und Entwicklungsinstituten aus, sondern auch zunehmend in der Wissensverarbeitung als organisierter Verwaltungs- und Planungsarbeit. &#8220;Da das Steuerungs- und Kontrollwissen für die ökonomische Position des Unternehmens gegenüber seinen Marktkonkurrenten und für die interne Machtstellung des Managements gegenüber den Beschäftigten zunehmende Bedeutung gewinnt, wird die INFORMATISIERUNG DER WISSENSVERARBEITUNG zu einer unternehmerischen Strategie, sich das lebendige Wissen der Arbeitenden anzueignen und die Erfahrungen und das Gedächtnis einzelner Individuen durch wissenschaftlich verkodete Informationen zu ersetzen, die sich zentral speichern und kontrolliert verteilen lassen&#8221;(24). Die Zentralisierung des Wissens durch die moderne Informationstechnologie ermöglicht dem Management eine Informationshierarchisierung, die die bestehende Trennung von planender, steuernder und kontrollierender sowie ausführender Tätigkeit zementiert und verstärkt.</p>
<h4>III. Technologie, Wissenschaft und abhängig Beschäftigte</h4>
<p>Voraussetzung für die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise sind die Anhäufung von Kapitalfonds, die produktiv eingesetzt werden können und der im Doppelsinn &#8220;freie Lohnarbeiter&#8221;, der, im Gegensatz zum feudal abhängigen leibeigenen Bauern, persönlich frei, Besitzer seiner eigenen Arbeitskraft, seines Arbeitsvermögens ist, andererseits aber auch von eigenen Produktionsmitteln &#8220;befreit&#8221; gezwungen ist, seine Arbeitskraft auf dem Markt als Ware anzubieten. MARX hat diesen mehrere Jahrhunderte dau-</p>
<p>75 &#8212;-</p>
<p>ernden Prozeß der Herausbildung des &#8220;freien Lohnarbeiters&#8221; am Beispiel Englands beschrieben(25). Auch WEBER nennt neben &#8220;Marktfreiheit&#8221;, &#8220;rationaler, d.h. im Höchstmaß berechenbarer und daher mechanisierter Technik&#8221;, &#8220;rationalem Recht&#8221; und &#8220;Kommerzialisierung der Wirtschaft&#8221; vor allem &#8220;Appropriation (Aneignung, d.V.) aller sachlichen Beschaffungsmittel (Grund und Boden, Apparate, Maschinen, Werkzeuge usw.) als freies Eigentum an autonome private Erwerbsunternehmungen&#8221; und &#8220;freie Arbeit, d.h., daß Personen vorhanden sind, die nicht nur rechtlich in der Lage, sondern auch wirtschaftlich genötigt sind, ihre Arbeitskraft frei auf dem Markt zu verkaufen&#8221; als Voraussetzungen des Kapitalismus(26).</p>
<h4>1. Technologischer Wandel, Arbeitsplatzstruktur und Lohnarbeit</h4>
<p>Die Stimulanz der kapitalistischen Produktion ist die Gewinnerwirtschaftung. Es geht also um die Verwertung von Kapital, das zum Subjekt dieser Produktionsweise wird (s.o. Einleitung). Es setzt somit in seinem &#8220;Akkumulationsprozeß&#8221; auch die Arbeitsbedingungen, die es permanent umgestaltet und weiterentwickelt und damit auch die verschiedenen Kategorien von Arbeitern. Das bedeutet Entwicklung von Qualifikationen und Dequalifikationen, die Entstehung neuer und das Verschwinden alter Berufe. Die sich wandelnde Arbeitsteilung und Kooperation der Arbeitenden bietet so die Grundlage ihrer Stratifizierung (Schichtung), Spezialisierung und Professionalisierung im Betrieb. Kam es im Zuge der industriellen Revolution zu einer Nivellierung und Angleichung der Tätigkeit und Qualifikation, was sich, insbesondere in der Textilindustrie, im massiven Einsatz von Frauen- und Kinderarbeit niederschlug, so setzte sich mit der Ausweitung und Differenzierung der Produktion auch eine Hierarchisierung der Arbeit und des Wissens durch: gelernte Facharbeiter, angelernte und ungelernte Arbeiter. In der Industriesoziologie wird der Zusammenhang von technischer Entwicklung und industrieller Arbeit idealtypisch in einem &#8220;Drei-Phasen-Schema&#8221; zusammengefaßt(27): Die 1. Phase der &#8220;handwerklichen Produktion&#8221; ist geprägt durch den idealisierten Facharbeiter, d.h. hochqualifizierte Werkzeug- und Maschinenbedienung, hohe Autonomie und Dispositionsspielräume, vielfältige soziale Interaktion und informelle Kommunikationsmöglichkeiten. Die 2. Phase der &#8220;Maschinen- und Fließbandproduktion&#8221; setzt den umfassenden Maschineneinsatz und arbeitsorganisatorische Rationalisierung durch. D.h. die immer weiter getriebene Zerlegung des Arbeitsprozesses reduziert die Tätigkeit der Maschinen- und Fließbandarbeiter auf immer wiederkehrende und routinisierte Handgriffe (repetitive Teilarbeit), bewirkt geringe Qualifikation, hohe physische und psychische Belastung und kaum Möglichkeit von sozialer Interaktion und Kommunikation. Die 3. Phase der &#8220;automatisierten Produktion&#8221; substituiert menschliche Arbeitskraft durch die Einführung teil- oder vollautomatisierter Maschinensysteme, d.h. die menschliche Tätigkeit konzentriert sich auf Kontrolle, Überwachung, Wartung und Instandhaltung der Produktion, was relativ hohe Qualifikation (wenn auch meist kompli</p>
<p>76 &#8212;-</p>
<p>zierte Angelerntenfunktionen), geringe physische und hohe nervliche Belastung bei guter Regenerations- und Kommunikationsmöglichkeit bedeutet. Im Störfall ist der Dispositionsspielraum zwar gering, bei der Überwachungstätigkeit der Autonomiegrad der Arbeit aber groß. KERN und SCHAUER arbeiten 1978 drei Tendenzen der weiteren Rationalisierung in der Metallindustrie heraus(28):</p>
<p>1. Mechanisierung und Effektivierung vorhandener Einrichtungen</p>
<p>2. Weiterentwicklung von elektronischen Bauelementen</p>
<p>3. Spezielle Rationalisierungsverfahren in der Kleinserienfertigung.</p>
<p>Aus der Sicht der Arbeitsanforderungen sind eine allgemeine Tendenz zur Polarisierung der fachlich-technischen Anforderungen im Sinne von Höherqualifizierung in den der Produktion vor-, neben- und nachgelagerten Bereichen (kleine Gruppe) und Dequalifizierung in der Produktion, d.h. Herabsinken auf Angelerntentätigkeiten (größere Gruppe) festzustellen (s.u.).</p>
<p>Mit der Entfaltung der industriellen Produktion nimmt seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts (Großindustrie, Monopolbildung) auch die Büroarbeit im kaufmännischen, technischen und verwaltenden Sektor des Betriebs zu, was auch zu einem raschen quantitativen Anwachsen der abhängig Beschäftigten, d.h. der Angestellten führt(29). Auch diese Tätigkeit ist der Technisierung und Mechanisierung unterworfen. Historisch bilden sich, wie BAHRDT gezeigt hat(30), das &#8220;Fabrikkontor&#8221; (Aufstiegsmöglichkeiten und geringe Delegation von Unternehmerfunktionen), das &#8220;Vorzimmerbüro&#8221;, das parallel zum industriellen Großbetrieb entsteht (den Teilbereichen der Leitung, Organisation und Verwaltung zugeordnet; gewisse Arbeitsteilung nach den Fachbereichen; beginnende Technisierung und Feminisierung; Entstehung der besonderen Schicht der Büroangestellten) und das &#8220;Großbüro&#8221; heraus (Routinisierte Tätigkeit in Bürosälen; Einsatz einfacher und entwickelter Büromaschinen und differenzierte Arbeitsteilung; restriktive Tätigkeit bei geringer Qualifikation). Nach BRAUN(31) lassen sich drei Phasen der Technisierung der Büroarbeit unterscheiden:</p>
<p>1. Die &#8220;instrumentale&#8221; Phase als Vereinfachung und Effektivierung der routinemäßigen Arbeiten durch Einsatz einfacher Büromaschinen (Schreib-, Rechen- und Vervielfältigungsmaschinen);</p>
<p>2. die Phase der &#8220;Büromaschinen&#8221; im Sinne einer Rationalisierung komplexerer Büroarbeit und Arbeitsteilung nach Erfordernissen dieser Maschinerie (Buchungsmaschinen, einfache Lochkarten- und Hollerithmaschinen);</p>
<p>3. die Phase der &#8220;automatischen und elektronischen Datenverarbeitung&#8221; führt zur Technisierung ganzer Bürokomplexe und erfaßt auch die mittleren und höheren Qualifikationen.</p>
<p>2. Verwissenschaftlichung der Produktion als Taylorismus</p>
<p>Arbeits- und Zeitdisziplin der Beschäftigten ist eine wesentliche Voraussetzung für die</p>
<p>77 &#8212;-</p>
<p>Kontinuität und Berechenbarkeit der Kapitalverwertung, wobei die Kontrolle immer stärker von der persönlichen Beaufsichtigung hin zu ihrer Integration in die Technologie und Arbeitsorganisation verlagert wird. Der amerikanische Ingenieur F.W. TAYLOR hat die verschiedenen Methoden der organisatorischen Rationalisierung zum System der &#8220;wissenschaftlichen Betriebsführung&#8221; zusammengefaßt(32). RAMMERT konstatiert: &#8220;Trotz vieler Kritiken und Verbesserungen durch die modernen Arbeitswissenschaften &#8230; sind die Zwecksetzungen und Prinzipien Taylors auch für die heutige Unternehmenspraxis der Arbeits- und Betriebsrationalisierung richtungweisend&#8221;(33). Die Bedeutung liegt eben darin, daß die organisatorische Rationalisierung vorrangig ein Instrument der Rentabilitätssteigerung bleibt. TAYLOR hat die vier Prinzipien der &#8220;methodischen Betriebsführung&#8221; am Beispiel der Maurertätigkeit herausgearbeitet(34):</p>
<p>1. &#8220;den Aufbau der Wissenschaft des Mauerns mit festen Regeln für jede Bewegung jeden Arbeiters sowie der zweckmäßigsten Vervollkommnung und Normalisierung aller Arbeitsgeräte und Arbeitsbedingungen&#8221;.</p>
<p>2. &#8220;Der sorgfältigen Auswahl der geeigneten Leute und der darauffolgenden Erziehung sowie der Ausschaltung aller jener Leute, denen der gute Wille oder die Fähigkeit fehlt&#8230;&#8221;.</p>
<p>3. &#8220;Der Herbeiführung einer bestimmten Beziehung zwischen den geeigneten Arbeitern und der Wissenschaft durch dauernde Nachhilfe und Überwachung seitens der Betriebsleitung&#8230;&#8221;.</p>
<p>4. &#8220;Einer fast gleichen Verteilung der Arbeit und der Verantwortung zwischen Arbeiter und Leitung&#8221;.</p>
<p>Die Verfeinerung und Ergänzung der Taylorschen Prinzipien führt zu einer &#8220;Kontrollstruktur&#8221;: &#8220;Kontrolle über die räumlich-zeitliche Dimension der Arbeitsverausgabung&#8221; (Festlegung des Ablaufs und Standardisierung der Bewegungen und Zeiten); &#8220;Kontrolle über den fachlich-qualifikatorischen Aspekt des Arbeitsprozesses&#8221; (Rekrutierung spezifisch geeigneter Arbeitskräfte und Anlernung); &#8220;Kontrolle über den arbeitswirtschaftlichen Aspekt des Lohn-Leistungs-Verhältnisses&#8221; (Leistungsabgabesteuerung durch Pensumvorgabe und Lohnanreizsysteme) und &#8220;Kontrolle über die Quellen der politischen Gegenmachtbildung&#8221; (durch Aneignung des Arbeits- und Organisationswissens und ihrer zentralen Steuerung und Koordination durch die Unternehmensleitung)(35).</p>
<h4>3. Die neue Qualität von Automation und Rationalisierung heute und ihre Auswirkungen</h4>
<p>U. BRIEFS hat in einer zusammenfassenden Darstellung gezeigt, daß die mit Mikroelektronik, EDV und Kommunikationstechnologie umschriebenen neuen Formen von Technologie und Organisation zu einer neuen Qualität von Automation und Rationalisierung geführt haben(36). Diese Tendenz läßt sich an Indikatoren des &#8220;technischen Wandels&#8221; von 45 Sektoren der industriellen Produktion (außer Bau- und Energiewirtschaft) aufzeigen. Im Zeitraum von 1970-1977 erhöhte sich die Nettoproduktion um 13,5 Prozent, das Be-</p>
<p>78 &#8212;-</p>
<p>schäftigungsvolumen (Zahl der Beschäftigten multipliziert mit der Arbeitszeit) verminderte sich um 21,3 Prozent; darin drückt sich das Absinken der Beschäftigtenzahlen um 14,5 Prozent (1,246 Millionen Personen) aus. Der potentielle Kapitalkoeffizient dagegen (Kapitaleinsatz je produzierte Einheit) erhöhte sich um 7,1 Prozent, die Produktivität pro Stunde stieg um 44,3 Prozent. Im Bereich der Büro- und Datenverarbeitungsmaschinen stieg im gleichen Zeitraum die Nettoproduktion um 48,9 Prozent, die Beschäftigtenzahlen sanken um 25,8 Prozent, das Beschäftigungsvolumen um 27,5 Prozent, die Produktivität pro Stunde stieg um 105,5 Prozent, der potentielle Kapitalkoeffizient sank um 16,3 Prozent(37). FRIEDRICHS sieht in der Mikroelektronik die &#8220;Schlüsseltechnologie unseres Jahrzehnts&#8221;: Die Möglichkeit ihrer Anwendung ist so vielfältig, daß alle Bereiche der Ökonomie und Gesellschaft in irgendeiner Form betroffen werden; der Preisverfall erfolgt so extrem, daß eine rasche Verbreitung zu erwarten ist (in den frühen 60er Jahren kostete eine Transistorfunktion 100 Pf., heute nur noch 0,1 Pf.). Viele Typen des &#8220;technischen Wandels&#8221; sind in gleicher Weise kapital- und arbeitssparend (Datenverarbeitung, Textverarbeitung, numerisch gesteuerte Maschinen, Industrieroboter, computergestützte Fabrikation, computergestütztes Konstruieren u.a. werden wesentlich billiger werden); war in der Vergangenheit die Automation auf Massenproduktion beschränkt, so werden in Zukunft mikroelektronische Kontroll- und Steuergeräte einen hohen Grad von Elastizität für automatische Produktion in Klein- und mittelgroßen Serien und in kleinen Produktionsstätten ermöglichen. In der Vergangenheit konzentrierte sich &#8220;technischer Wandel&#8221; auf die Produktion, in Zukunft wird die Mikroelektronik auch eine wichtige Rolle in privaten und öffentlichen Verwaltungen und innerhalb der Dienstleistungen spielen (38).</p>
<p>Die Elektronische Datenverarbeitung (EDV) zeichnet sich aus durch eine hohe Rechenund Verarbeitungsgeschwindigkeit, durch Erfassung, Verarbeitung und Speicherung sehr großer Datenmengen, durch die Möglichkeit, Daten und Informationen entsprechend den Notwendigkeiten der jeweiligen Arbeitsprozesse gezielt zu erfassen, zu kombinieren, zu verarbeiten und zu speichern, weiter durch die Möglichkeit, Daten und Informationen über große Entfernungen zu transportieren und zu verarbeiten, ferner durch die Möglichkeit, im Zusammenhang mit Telekommunikation und anderen Technologien komplexe Informationssysteme, Datenbanken, Netzwerke von Computern u.a. Informationsverarbeitungsgeräten usw. aufzubauen (auch die DV-Geräte verbilligen sich weiter: von 1970 bis 1978 sank der Preisindex von 100 auf 82,6 Punkte). Die neuen Technologien bilden tendenziell eine komplexe Infrastruktur aus: Die INTEGRATION von unterschiedlichen technischen Systemen wie EDV, Werkzeugmaschinen, Geräten zur Nachrichtenübermittlung, Bürotechnologien etc. führt mehr und mehr zu teil- und schließlich zu vollautomatischen Gesamtprozessen, die als einheitliche Gebilde zu steuern und zu kontrollieren sind: Die Bildung von komplexen HIERARCHIEN von Systemkomponenten, d.h. eine Zentralanlage steuert mehrere andere Computer, von denen wiederum größere Zahlen von Geräten an den einzelnen Arbeitsplätzen gesteuert werden. BRIEFS verweist darauf, daß zwar einer-</p>
<p>79 &#8212;-</p>
<p>seits am Arbeitsplatz mehr maschinenunterstützte Verarbeitungskapazität, mehr Zugang zu gespeichertem Wissen, mehr Möglichkeiten zum planmäßigen Umgang mit Arbeitsobjekten zur Verfügung gestellt werden, andererseits aber gleichzeitig die Verhältnisse in den Betrieben im Interesse der Betriebsleitungen neu durchdacht, gestaltet und strukturiert werden (Einerseits Einsatz von zahlreichen spezialisierten kleinen Geräten &#8211; Mikrocomputer &#8211; für die Automation in Betrieb und Büro, andererseits Entfaltung flächendeckender Computernetze).</p>
<p>BRIEFS hat die sozialen Auswirkungen der Durchsetzung der neuen Technologien herausgearbeitet:</p>
<p>a) MASSENARBEITSLOSIGKEIT: In den nächsten 10 bis 15 Jahren werden 10 Millionen, d.h. die Hälfte aller Arbeitsplätze erfaßt. Es wird geschätzt, daß 30 Prozent aller Arbeitsplätze der Banken und Versicherungen wegfallen und 25 Prozent aller Arbeitsplätze im Einzelhandel. Im Öffentlichen Dienst können &#8211; laut Siemensstudie &#8211; 72 Prozent aller Tätigkeiten formalisiert und 38 Prozent automatisiert werden. Die IBM schätzt, daß allein von der Ausbreitung der CAD/CAM-Systeme 1,1 Millionen Arbeitsplätze in der Bundesrepublik Deutschland betroffen werden. Im gewerblichen Bereich sind allein 700.000 Arbeitsplätze durch den Einsatz von Mikroprozessoren und Mikrocomputern bedroht.</p>
<p>b) AUSWIRKUNGEN AUF DIE QUALIFIKATIONS- UND ARBEITSBEDINGUNGEN: 1. Polarisierung der Qualifikationen: Auf der einen Seite werden kleine Gruppen im Sinne besserer Qualifikationen und Entfaltungsmöglichkeiten begünstigt. EDV-Spezialisten, technische und kaufmännische Fachkräfte oft mit Doppelqualifikation, vielfach mit Hochschulausbildung, Organisationsfachkräfte und &#8220;Berater&#8221;, Teile des Managements und der Stabsspezialisten, Teile der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, Dokumentationsspezialisten u.a. Allerdings sind diese Positionen einem verstärkten Qualifikationsdruck ausgesetzt. Auf der anderen Seite werden große Teile der Beschäftigten dequalifiziert, ihre Kenntnisse und Erfahrungen werden entwertet. Die traditionellen qualifizierten Sachbearbeiter werden zu Bürohilfsarbeitern, die Facharbeiter zu Angelernten. 2. Verschärfung der Arbeitsbedingungen: Die Anwendung der analytischen Arbeitsplatzbewertung, wie MTM-Verfahren u.a., und die darauf aufbauenden Organisationsanalysen führen zur Bürokratisierung und Routinisierung der Tätigkeiten, die Zerstückelung zur repetitiven Teilarbeit mit der allgemeinen Auswirkung einer Intensivierung der Arbeit.</p>
<p>c) VERSCHÄRFTE ÜBERWACHUNG UND KONTROLLE IN BETRIEB UND BÜRO: 1. Kontrolle durch die Steuerungssysteme der Datenverarbeitung. Die Erfassung der Arbeitsplätze durch die Netzwerke aus Computern, Bildschirmgeräten und anderen Terminals machen die jeweilige Tätigkeit transparent und kontrollierbar, etwa durch &#8220;Buch führen&#8221; der einzelnen Tätigkeiten am Bildschirm. 2. Kontrolle durch Personal-Informations-Systeme. Die bisher entwickelten Systeme können mehr als tausend Informationen je Beschäftigten erfassen und damit ein bisher nicht vorstellbares Maß von Kontrolle erreichen. D.h. es wird neben dem Leistungsverhalten im Betrieb auch ansatzweise das außerbetriebliche</p>
<p>80 &#8212;-</p>
<p>Verhalten der Beschäftigten erfaßt. Insbesondere die Personaleinsatzplanung wird durch die Erstellung der individuellen Leistungs- und Persönlichkeitsprofile effektiviert. 3. Kontrolle im Zuge der wissenschaftlichen Rationalisierung: Methoden mathematischer Programmierung und Simulation eröffnen neue wissenschaftliche Rationalisierungsmöglichkeiten. So werden aus den Informationssystemen die Ausgangsinformationen für Planungen und Rationalisierungskonzepte bereitgestellt und computergestützte Modelle und Rechenverfahren dienen der Durchführung und Durchrechnung der Planung selbst(39).</p>
<p>d) VERÄNDERUNG DES GRUNDCHARAKTERS DER ARBEIT: Neben der schon genannten dauerhaften und massenhaften Arbeitslosigkeit, der Beschäftigungsunsicherheit und Existenzbedrohung kommt es zur Zersetzung der traditionellen Vorstellungen über den Beruf, d.h. Sinn und Perspektive der Arbeit wird zunehmend in Frage gestellt, der Job und die Beschäftigung unter der eigenen Qualifikation setzt sich durch. Die aktiven und gestaltenden Momente der Arbeit werden zugunsten passiver Anforderungen zurückgedrängt. Die traditionelle Bindung an die Arbeit und ihre Inhalte (und die damit verbundene Selbstbestätigung) bei Facharbeitern und angestellten Sachbearbeitern löst sich auf. Die Spannungen zwischen den von dieser Entwicklung Begünstigten und der Mehrzahl der negativ Betroffenen steigen. Die Atomisierung der Beschäftigung durch den Kommunikationsverlust in der Arbeit bzw. durch den Trend hin zur technisch vermittelten Kommunikation verschärft die negative Entwicklung. &#8220;Die Zerstörung vieler traditioneller Qualifikationen und möglicherweise des traditionellen Berufs- und Qualifikationsbegriffs überhaupt führt nicht zur Bildung eines neuen Qualifikationsbegriffs, sondern setzt an dessen Stelle ein Sammelsurium von Fähigkeiten und Kenntnissen, das gerade nicht die Herausbildung eines besseren Gesamtverständnisses und einer verbesserten Gesamtfähigkeit der Beschäftigten zur aktiven Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt ermöglicht&#8221;(40).</p>
<p>Es bleibt die Frage, ob in dem hier skizzierten Prozeß nicht auch Ansätze für neue, höherwertige Qualifikationen &#8211; über den kleinen privilegierten Stamm hinaus &#8211; geschaffen werden. BRIEFS bejaht das als Möglichkeit; im Gegensatz zu den benannten sozialen Auswirkungen gebe es auch Tendenzen, die auf die Schaffung und Weiterentwicklung neuer Qualifikationen verweisen. Die schon benannten &#8220;Doppelqualifikationen&#8221;, also die Verbindung von Kenntnissen über die Produktions- und Verwaltungsprozesse mit Kenntnissen über die informationstechnologischen Systeme, könnten auf alle Beschäftigten ausgedehnt werden. Ein breites Wissen über die neuen Technologien könnte vermittelt werden. BRIEFS fragt: &#8220;Wäre es nicht möglich, auf diesem Wege einen Massenprozeß der ständigen Erneuerung und Verbesserung der Produktionsbedingungen durch die Beschäftigten selbst in ihrem eigenen Interesse entstehen zu lassen, einen Prozeß, der zugleich die gewaltigen schöpferischen Kräfte der Massen mobilisieren und ihnen Möglichkeiten für eine vielseitige Entfaltung in der Arbeit geben würde?&#8221; Könnte nicht die &#8220;Universalität und Komplexität&#8221; der neuen Technologien mit einer Vermittlung von ebenso komplexen und universalen Kenntnissen korrespondieren? Doch die bezeichneten Möglichkeiten werden sich,</p>
<p>81 &#8212;-</p>
<p>so BRIEFS, unter den bestehenden gesellschaftlich-ökonomischen Verhältnissen kaum verwirklichen können: &#8220;Tatsachlich bilden sich quer zur vorherrschenden Tendenz der Entwertung menschlicher Arbeit gewisse Hinweise für neue Qualifikationselemente und neue Herausforderungen für die Entwicklung und Ausbreitung von besseren Formen menschlicher Beherrschung der neuen Technologien heraus. Diese werden jedoch unter den gegebenen Bedingungen der chaotischen kapitalistischen Produktionsweise nur partiell, fragmentarisch, ohne ganzheitlichen Charakter und ohne innere Logik entwickelt. Die positiven Tendenzen werden nur unzureichend genutzt, sie werden vergeben, deformiert oder sogar pervertiert&#8221;(41).</p>
<h4>Exkurs: Zur &#8220;Humanisierung der Arbeit&#8221;(42)</h4>
<p>In der Diskussion um eine Humanisierung der Arbeit geht es um eine Verbesserung, eine Vermenschlichung der Arbeitsbedingungen. Hier drückt sich, wie WIENDIECK betont, die &#8220;Diskrepanz zwischen Arbeitsrealität und Arbeitshoffnung&#8221;(43) aus. Die Ansprüche an eine humanere Arbeit beziehen sich allgemein auf vier Ebenen:</p>
<p>1. Konkrete Bedingungen am Arbeitsplatz (Belastung, Handlungsspielraum, Unfallgefahr, Arbeitstempo usw.); 2. Situation in der Institution und dem Herrschaftsverband Betrieb (Kooperationsmöglichkeiten, Herrschaftsverhältnisse, Anerkennung und Aufstiegsmöglichkeiten, Betriebsklima usw.); 3. Lage der abhängig Beschäftigten auf dem Arbeitsmarkt (Betriebsbindung, berufliche Karrieremöglichkeiten, Bedeutung sozialer Merkmale wie Alter, Geschlecht, Nationalität usw.); und 4. Einfluß von Arbeitsbedingungen auf die Freizeit (etwa Bedeutung von Arbeitszeitregelung und Arbeitsbelastungen auf die Möglichkeiten von Freizeitgestaltung).</p>
<p>Der verschärfte betriebliche Rationalisierungsdruck hat die Diskussion vor allem auf die erste Ebene bezogen. Das 1974 angelaufene Forschungsprogramm &#8220;Humanisierung der Arbeitswelt&#8221; der Bundesregierung ist aus der Sicht der Gewerkschaften letztlich gescheitert. Während die Unternehmerverbände eine mangelnde wirtschaftliche Rationalität des Programms kritisieren, verweisen die Gewerkschaften auf seine mangelnde Umsetzungskapazität: die &#8220;Humanisierung&#8221; erscheint als &#8220;Fortsetzung der Rationalisierung mit anderen Mitteln&#8221;.</p>
<p>Die &#8220;Humanisierung der Arbeit&#8221; bleibt letztlich ein Nebenprodukt der technologischen Entwicklung. Etwa dort, wo die Zerstückelung der Arbeit so weit vorangetrieben wurde, daß eine weitere Steigerung der Arbeitsproduktivität und -effektivierung nicht mehr möglich war, wird auf Methoden der Ausweitung und Anreicherung der Tätigkeit oder Gruppenarbeit zurückgegriffen. (So beim Paradebeispiel Volvo.) Typen solcher neuen Formen von Arbeitsorganisation sind: 1.&#8221;Job-Rotation&#8221;: Arbeitsplatzwechsel durch systematisches Rotieren; 2. &#8220;Job-Enlargement&#8221;: Vergrößerung der individuellen Arbeitsaufgaben am Arbeitsplatz; 3. &#8220;Job-Enrichment&#8221;: Vergrößerung der individuellen Arbeitsaufgaben und ihre Verselbstän-</p>
<p>82 &#8212;-</p>
<p>digung; 4.&#8221;Teilautonome Gruppen&#8221;: Übertragung von Entscheidungen in die Kompetenz der zuständigen Gruppe.(44)</p>
<h4>IV. Formen der Qualifikation</h4>
<p>Der Arbeitende muß, um den Anforderungen eines spezifischen Arbeitsplatzes nachkommen zu können, eine entsprechende Qualifikation besitzen, eben die hier geforderten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zwar ist die jeweilige Qualifikation formal durch den Berufsbildungsabschluß bestimmt, doch konkret wird sie vielfach durch betriebsspezifische Qualifizierung und Berufserfahrung ergänzt und modifiziert. Die Qualifikationsanforderungen eines bestimmten Arbeitsplatzes hängen von den arbeitsorganisatorisch zugeordneten Teilfunktionen, d.h. dem Grad der Arbeitszerlegung und von der Art der Arbeitsmittelausstattung, d.h. dem Grad der Mechanisierung ab. SCHUMM unterscheidet zwischen beruflichfachlichen und normativen Qualifikationen.(45) Die technisch-organisatorischen Qualifikationen umfassen drei zusammenhängende Ebenen:</p>
<p>1. Anforderungen an &#8220;sensumotorisches Verhalten&#8221; (präziser Umgang mit Werkzeugen, Bewegungssicherheit, Fingerfertigkeit);</p>
<p>2. Anforderungen an &#8220;perzeptiv-routinisiertes Verhalten&#8221; (Materialgefühl, Sensibilität für</p>
<p>optische, akustische und taktile Wahrnehmung) und</p>
<p>3. Anforderungen an &#8220;diagnostisch-planendes Verhalten&#8221; (Planung von Montageschritten, Suchvorgänge bei Störungen). Die normativen Qualifikationsanforderungen umfassen &#8220;die Gesamtheit aller motivational geprägten und an Wertvorstellungen gebundenen Einstellungen, die zu erfüllen von Beschäftigten erwartet wird, wenn Tätigkeiten im Rahmen einer bestimmten gesellschaftlichen Organisation der Arbeit ohne ständigen äußeren Zwang ausgeführt werden sollen&#8221;.(46) Wobei die Ambivalenz normativer Qualifikationen im Widerspruch der Anforderungen an Anpassungsbereitschaft und eigenständigem Handeln liegt. Wir werden uns im weiteren auf die beruflich-fachliche Qualifikation beschränken.</p>
<p>In der Diskussion um die Entwicklung von Qualifikation ist zu unterscheiden zwischen den Qualifikationsanforderungen eines Arbeitsplatzes und der Qualifikation eines Individuums die sein Arbeitsvermögen bestimmt, denn gerade im möglichen Auseinanderfallen der beiden Momente liegt die Problematik beruflicher Qualifizierung, also die Frage individueller Entwertung von Qualifikationen, der Anpassung an neue Bedingungen durch Umschulung oder Weiter- und Neuqualifizierung. Vor allem zeigt sich hier auch die Problematik der Koordination von Bildungssystem und Beschäftigungssystem, auf das unten noch zurückzukommen ist.</p>
<p>KERN UND SCHUMANN haben für den Produktionsbereich die These von einer Polarisierung von Qualifikationsanforderungen im Zuge der technologischen Umwälzung entwickelt.(46) Der technische Fortschritt führt nicht zu einer allgemeinen höheren Qualifizierung der Tätigkeiten, sondern zu einer Differenzierung der Gesamtgruppe der Industriearbeiter.</p>
<p>83 &#8212;-</p>
<p>Nur für eine kleinere Anzahl erhöhen sich die Anforderungen an Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten (wie etwa Instandhaltungsarbeit und Meßwartentätigkeit); während es bei der Mehrheit zu einer Verringerung der Anforderungen und wachsender Restriktivität der Arbeit kommt (Repetitive Teilarbeiten und Automatenkontrolle). Auch im Bereich der Büro- und Verwaltungstätigkeiten ist diese Polarisierung der Anforderungen festgestellt worden.(48)</p>
<p>Die Polarisierungsthese ist sehr kontrovers diskutiert worden, wobei bisher nicht endgültig entschieden werden konnte, ob sie einen säkularen Trend oder eher eine Übergangsphase darstellt. Wenn im Zuge der Automatisierung die Arbeitsplätze mit geringen Anforderungen wegrationalisiert werden, also verschwinden, erhebt sich im Sinne einer Requalifizierungsthese das Niveau der verbliebenen Arbeitsplätze, so die Argumentation der &#8220;PROJEKTGRUPPE AUTOMATION UND QUALIFIKATION&#8221;.(49) Bei verringertem Personaleinsatz erhöht sich die Flexibilität im Einsatz des verbliebenen Personals.(50) Demgegenüber vertritt BRAVERMAN die These vom Trend zur Dequalifizierung durch fortschreitende Taylorisierung und Abtrennung der geistigen Potenzen der Arbeit. Der qualitative Unterschied zeigt sich etwa darin, daß ein gelernter Maschinenschlosser eine vierjährige Lehre benötigt, um seine Grundausbildung zu erhalten, während der Bediener einer numerisch gesteuerten Maschine in vier Monaten ausgebildet wird. Entscheidend aber bleibt, daß die abhängig Beschäftigten keinen Einfluß auf die Entwicklung der Qualifikationsanforderungen im Betrieb haben und damit auch allein das Risiko der Entwertung der erworbenen Qualifikationen tragen. LITTEK verweist darauf, daß die &#8220;betriebliche Personalpolitik &#8230; im Zuge der organisatorisch-technischen Rationalisierung prinzipiell bestrebt (ist), sich von der Notwendigkeit des Einsatzes hoher Qualifikationen zu befreien&#8221;.(51)</p>
<h4>V. Ausblick</h4>
<p>KERN UND SCHUMANN versuchen in einer neuen Nachfolgeuntersuchung zu ihrer Studie über &#8220;Industriearbeit und Arbeitsbewußtsein&#8221; (siehe weiter oben) eine Prognose der weiteren Entwicklung zu geben. (52) Neben den krisenbestimmten Branchen wie Stahl- und Werftindustrie,die massenhafte Arbeitslosigkeit hervorbringen, existieren noch &#8220;funktionierende Kernbereiche&#8221;, wie Autoindustrie, Werkzeugmaschinenbau, Großchemie, die differenzierter zu sehen sind. Neben der auch von ihnen konstatierten Wegrationalisierung und &#8220;Freisetzung&#8221; der wenig Qualifizierten durch die neuen Technologien entsteht auch eine Tendenz der Requalifizierung und Reprofessionalisierung in Gestalt des &#8220;Produktionsfacharbeiters&#8221;. &#8220;Das darf man sich nicht als schlichte Rückkehr zu den Berufsprofilen der Vergangenheit vorstellen, zu jenen &#8220;Professionisten&#8221;, die den Arbeitskörper vor allem der Metallindustrie vor 70 Jahren bestimmten und die in den klassischen handwerklichen Metallberufen noch rudimentär fortbestehen. &#8220;Produktionsfacharbeiter&#8221; kann in unserem Zusammenhang nur eine Arbeitskraft bedeuten, die in einem organisierten mehrjährigen Lernprozeß ausbau-</p>
<p>84 &#8212;-</p>
<p>fähige Grundkenntnisse über die Technisch-physikalischen-chemischen Funktionsprobleme moderner Produktionsprozesse erworben hat und die durch Gebrauch dieser Fähigkeiten einen wichtigen Beitrag zum optimalen Betrieb neuer Produktionssysteme leistet. In Status und Entlohnung werden solche industriellen Produktionsfacharbeiter den Handwerkern alter Art auf Dauer gleichgestellt werden, in Qualifikationsinhalten und Funktionen unterscheiden sie sich gewaltig von ihnen.&#8221;(53) KERN UND SCHUMANN unterscheiden vier ihnen wesentlich erscheinende Gruppen von Arbeitern: Die genannten Produktionsfacharbeiter in den industriellen Kernbereichen als &#8220;Rationalisierungsgewinner&#8221;; die &#8220;Rationalisierungsdulder&#8221; mit einem traditionalen Arbeitsplatz im Kernbereich, die in der dauernden Gefahr stehen &#8220;ausgefiltert&#8221; zu werden; die Arbeiter der krisenbestimmten Branchen ohne Perspektiven und die Arbeitslosen, deren Chance schwindet, überhaupt noch einmal in den Produktionsbereich hineinzukommen. Als Fazit wird formuliert: &#8220;Seit den unmittelbaren Nachkriegsjahren sind noch nie die Lageunterschiede innerhalb der Arbeiterschaft so groß gewesen wie jetzt. Wenn das Wort von den disparitären Lebensverhältnissen je einen Sinn gehabt hat, so jetzt. Für die Unternehmer heißt dies allemal &#8220;teile und herrsche&#8221;, also relativ leichtes Spiel&#8230;. Vernünftigerweise kann auch niemand das negative Moment leugnen, daß die neuen Produktionskonzepte nicht nur vorhandene Differenzierungslinien verfestigen, sondern mit der ungleichgewichtigen Verteilung der Rationalisierungslasten auch einen gesellschaftspolitisch höchst problematischen Zug aufweisen. Unter diesem Blickwinkel ist Segmentierung gleichsam die moderne Variante der Polarisierung.&#8221;(54)</p>
<h4>ANMERKUNGEN</h4>
<p>(1) Max Weber: Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. München und Hamburg 1965, S. 18-19</p>
<p>(2) Max Weber: Wissenschaft als Beruf. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1968, S.609. Siehe hierzu Johannes Weiß, M. Weber: Die Entzauberung der Welt. In: Grundprobleme der großen Philosophen, hrsg. v.J. Speck, Bd. IV Philosophie der Gegenwart, Göttingen 1981.</p>
<p>(3) Karl Marx :Das Kapital Bd.1, MEW Bd. 23. Berlin 1962, S.28. Marx entfaltet die Logik des Prozesses der Verschleierung der menschlichen Verhältnisse in den drei Bänden des &#8220;Kapital&#8221;. Siehe hierzu im einzelnen Elmar Treptow: Die Entfremdungstheorie bei Karl Marx. München 1978.</p>
<p>(4) Marx, ebenda. S.377. Dabei verweist Marx auf einen bis heute existierenden Widerspruch: &#8220;Dasselbe bürgerliche Bewußtsein, das die manufakturmäßige Teilung der Arbeit, die lebenslängliche Annexation des Arbeiters an eine Detailverrichtung und die unbedingte Unterordnung der Teilarbeiter unter das Kapital als eine Organisation der Arbeit feiert, welche ihre Produktivkraft steigere, denunziert daher ebenso laut jede bewußte gesellschaftliche Kontrolle und Regelung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses als einen Eingriff in</p>
<p>85 &#8212;-</p>
<p>die unverletzlichen Eigentumsrechte, Freiheit und sich selbst bestimmende &#8216;Genialität&#8217; des industriellen Kapitalisten. Es ist sehr charakteristisch, daß die begeisterten Apologeten des Fabriksystems nichts Ärgeres gegen jede allgemeine Organisation der gesellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als daß sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würden&#8221;. Ebda, S. 377.</p>
<p>(5) MAX SCHELER: Die Wissensformen und die Gesellschaft. Bern 1960, S. 92.</p>
<p>(6) WOLFGANG KROHN: Zur soziologischen Interpretation der neuzeitlichen Wissenschaft.</p>
<p>In: Edgar Zisel: Die sozialen Ursprünge der neuzeitlichen Wissenschaft. Ffm. 1976, S. 13.</p>
<p>(7) ebda, S. 13.</p>
<p>(8) ebda.</p>
<p>(9) Ebda, S. 18-23.</p>
<p>(10) Ebda, S. 21. &#8220;Seit dieser Zeit verzichten Politik und Theologie darauf, Wissenschaft zu verfolgen, sofern sie sich in den engen Grenzen eines Natur- und Technikverständnisses aufhält, das die Problematisierung sozialer Verhaltnisse ausschließt. Diese restriktive Definition der Wissenschaft beseitigt die emanzipatorischen Ansprüche, die bis ca. 1650 geradezu selbstverständlich mit ihr verbunden waren&#8221;.</p>
<p>(11) WOLFGANG BÜCHEL: Gesellschaftliche Bedingungen der Naturwissenschaft, München 1975.</p>
<p>(12) Ebda, S. 52-53.</p>
<p>(13) Als günstige Bedingungen erwiesen sich: 1. Die Verlagerung des kulturellen Lebens von Klöstern und Ritterburgen in die Städte und damit Überwindung der religiösen und militärischen Dominanz. 2. Technische Neuerungen in Produktion und Militärwesen stimulieren naturwissenschaftliche Fragestellungen. 3. Aushöhlung der traditionalen Autoritäten und des sozialen Gefüges durch individualistischen Wettbewerb im Zuge der sich durchsetzenden Warenproduktion. 4. Ökonomische und technische Rationalität bereiten den Boden für das neuzeitliche naturwissenschaftliche Denken.</p>
<p>(14) Ebda, S. 54-55.</p>
<p>(15) &#8220;Mit der Vergrößerung der Nachfrage nach den Produkten der chemischen und der Eisen- und Stahlindustrie erreichten die Produktionsanlagen eine kritische Größenordnung, die zu neuen Verfahrensproblemen führte, welche nicht einfach durch das herkömmliche Ausprobieren gelöst werden konnten. Ihre Lösung erforderte eine genaue THEORETISCHE ERKENNTNIS der chemischen Eigenschaften und der thermodynamischen Reaktionsweisen der Stoffe unter verschiedenen Bedingungen, wie sie die wissenschaftlichen Disziplinen der Chemie und Physik anboten und wie sie in der chemischen Verfahrenstechnologie systematisiert wurden&#8221;. WERNER RAMMERT: Verwissenschaftlichung der Arbeit: Industrialisierung der Wissensproduktion und der Informationsverarbeitung. In: W. LITTEK u.a. (Hrsg.): Einführung in die Arbeits- und Industriesoziologie. Ffm. &#8211; New York 1982, S. 77.</p>
<p>(16) Siehe hierzu ERNST MICHEL: Sozialgeschichte der industriellen Arbeitswelt. Ffm.</p>
<p>1947. Karl Marx hat im 1. Band des &#8220;Kapital&#8221; die Entwicklungsformen kapitalistischer</p>
<p>86 &#8212;-</p>
<p>Produktion vom Verlag über die Manufaktur bis zur Fabrik verfolgt und im einzelnen analysiert.</p>
<p>(17) KARL A. WITTFOGEL: Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Hannover 1977, S. 233-34.</p>
<p>(18) Die Manufaktur hat nicht die umfassende Bedeutung bekommen wie das Handwerk, der Verlag und die Fabrik; sie ist aber als logisches Zwischenglied zwischen handwerklicher und maschineller Produktion wichtig.</p>
<p>(19) MARX: Das Kapital Bd.1, S. 445 und 407.</p>
<p>(20) WERNER RAMMERT: Kapitalistische Rationalität und Organisierung der Arbeit. In: W. LITTEK u.a. (Hrsg.): Einführung&#8230;, a.a.O., S. 45-46.</p>
<p>(21) WERNER SOMBART: Der moderne Kapitalismus, Bd. 3, München und Leipzig 1928, S. 80.</p>
<p>(22) RAMMERT: Verwissenschaftlichung&#8230;, a.a.O., S. 79-80. &#8220;Die Nutzung der Wissenschaften für den Produktionsprozeß führte seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Entstehung und schnellen Ausbreitung ganz neuer Industriezweige, die eng mit bestimmten wissenschaftlichen Entdeckungen verbunden sind, besonders in der Elektrotechnologie (Telegraph, Telefon, Glühbirne, Radio, Fernsehen, Haushaltsgeräte, Büromaschinen, Computer, Kernkraftwerke), in der chemischen Industrie (Benzin, Anilinfarben, Pharmaka, Gummi, Plastik,Kunstfasern, synthetische Waschmittel, Margarine) und in der Stahl-, Maschinen- und Fahrzeugbauindustrie (Edelstähle, Aluminium, Benzinmotor, Diesellokomotive, Propellerflugzeug, Turbine, Raketenantrieb)&#8221;.</p>
<p>(23) Nach SILK und BIRR, zitiert bei RAMMERT, a.a.O., S. 80.</p>
<p>(24) RAMMERT, a.a.O., S. 83.</p>
<p>(25) MARX: Das Kapital Bd.1, Kap. 24. Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, S. 741-91.</p>
<p>(26) MAX WEBER: Wirtschaftsgeschichte. München und Leipzig 1923, S. 239-40.</p>
<p>(27) R. BLAUNER: Alienation and Freedom. Chicago 1964; J. BRIGHT: Automation and Management. Boston 1958; A. Touraine: L&#8217;évolution du travail, ouvriers aux usines Renault. Paris 1955. Siehe auch: A. OPPOLZER: Hauptprobleme der Industrie- und Betriebssoziologie. Köln 1976.</p>
<p>(28) H. KERN und H. SCHAUER: Rationalisierungs- und Besitzstandssicherung in der Metallindustrie. In: Gewerkschaftliche Monatshefte 5/1978, S. 272-76.</p>
<p>(29) Siehe zur Angestelltenproblematik generell SIEGFRIED BRAUN: Zur Soziologie der Angestellten, Ffm. 1964.</p>
<p>(30) H.P. BAHRDT: Industriebürokratie. Stuttgart 1958.</p>
<p>(31) BRAUN, a.a.O.</p>
<p>(32) Siehe hierzu die ausführliche Darstellung bei HARRY BRAVERMAN: Die Arbeit im modernen Produktionsprozeß, Ffm. &#8211; New York 1977, Kap. 4: Wissenschaftliche Betriebsführung.</p>
<p>87 &#8212;-</p>
<p>(33) RAMMERT: Kapitalistische Rationalität, a.a.O., S. 51. Auch BRAVERMAN hebt die Bedeutung des Taylorismus hervor: &#8220;Trotz vieler Kritiken und Verbesserungen durch die modernen Arbeitswissenschaften seit Erscheinen der beiden Hauptwerke &#8230; sind die Zwecksetzungen und Prinzipien Taylors auch für die heutige Unternehmenspraxis der Arbeits- und Berufsrationalisierung richtungsweisend&#8221;, BRAVERMAN a.a.O., S. 74-75.</p>
<p>(34) F.W. TAYLOR: Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung. München und Berlin 1919, S. 89-90.</p>
<p>(35) RAMMERT, a.a.O.</p>
<p>(36) ULLRICH BRIEFS: Arbeiten ohne Sinn und Perspektive? Köln 1980. Ich stütze mich im wesentlichen auf diese m.E. bisher umfassendste und beste Gesamtdarstellung zur Automations- und Rationalisierungsproblematik. Der Band enthält auch ein umfassendes Literaturverzeichnis.</p>
<p>(37) GÜNTHER FRIEDRICHS: Mikroelektronik &#8211; eine neue Dimension von technischem Wandel und Automation. In: Gewerkschaftliche Monatshefte 4/1980.</p>
<p>(38) FRIEDRICHS, a.a.O., S. 279.</p>
<p>(39) BRIEFS verweist hier auch auf die Bedeutung der neuen Technologien für politische Kontrollmöglichkeiten (ungeheure Verbundmöglichkeiten und geringe Transparenz), a.a.O., S. 85-90.</p>
<p>(40) BRIEFS, a.a.O., S. 95.</p>
<p>(41) Ebda, S. 97.</p>
<p>(42) Siehe hierzu G. WACHTLER: Humanisierung der Arbeit und Industriesoziologie. Stuttgart 1979.</p>
<p>(43) GERD WIENDIECK: Humanisierung der Arbeitswelt. In: Handwörterbuch der Betriebspsychologie und Betriebssoziologie, hrsg. von P.G. von Beckerath, P. Sauermann und G. Wiswede. Stuttgart 1981, S. 200.</p>
<p>(44) Hierzu im einzelnen WACHTLER, a.a.O., S. 128-139.</p>
<p>(45) WILHELM SCHUMM: Sozialisation durch Arbeit. In: LITTEK u.a. (Hrsg.): Einführung &#8230;, a.a.O., S. 250-258.</p>
<p>(46) SCHUMM, a.a.O., S. 255.</p>
<p>(47) HORST KERN und MICHAEL SCHUMANN: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein. Frankfurt 1970. Hierzu auch O. MICKLER u.a.: Technik, Arbeitsorganisation und Arbeit. Frankfurt 1976.</p>
<p>(48) Siehe hierzu etwa U. JAEGGl und H. WIEDEMANN: Der Angestellte in der Industriegesellschaft. Stuttgart 1966, und W. KUDERA u.a.: Betriebliche Rationalisierung und Angestellte. Köln 1979.</p>
<p>(49) Projektgruppe Automation und Qualifikation: Theorien über Automationsarbeit. Berlin 1978.</p>
<p>(50) 0. MICKLER und M. SCHUMANN, in SOFI-Mitteilungen Nr. 3, Ffm 1980.</p>
<p>(51) W. LITTEK: Arbeitssituation und betriebliche Arbeitsbedingungen. In: derselbe u.a.</p>
<p>88 &#8212;</p>
<p>(Hrsg.): Einführung&#8230;, a.a.O., S. 131.</p>
<p>(52) HORST KERN und MICHAEL SCHUMANN: Ein Stachel im Fleisch der Rationalisierungsgewinner, Teil I und II. In: Frankfurter Rundschau v. 10. und 12.3.1984, S. 10 und 14. Nach Abschluß dieses Manuskripts wurde die Untersuchung publiziert: HORST KERN/MICHAEL SCHUMANN: Das Ende der Arbeitsteilung? München 1985.</p>
<p>(53) Ebda, S. 14.</p>
<p>(54) Ebda.</p>
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		<title>Die Chance der Möglichkeit eines menschenfreundlichen Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 1 (1986)]]></category>
		<category><![CDATA[Rainer Büschel]]></category>
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		<description><![CDATA[oder wie man das westdeutsche Kapital wissenschaftlich auffordert, feste weiter zu rationalisieren &#8212; Kritik zu Kern/Schumann, das Ende der Arbeitsteilung? Rationalisierung in der industriellen Produktion [Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 89 &#8212;- Rainer Büschel / Rainer Jahn Seit Max Weber hat sich in der bürgerlichen Soziologie die Auffassung durchgesetzt, Arbeiten und Leben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>oder wie man das westdeutsche Kapital wissenschaftlich auffordert, feste weiter zu rationalisieren &#8212; Kritik zu Kern/Schumann, das Ende der Arbeitsteilung? Rationalisierung in der industriellen Produktion</h3>
<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>89 &#8212;-</p>
<p><em>Rainer Büschel / Rainer Jahn</em></p>
<p><span id="more-313"></span>Seit Max Weber hat sich in der bürgerlichen Soziologie die Auffassung durchgesetzt, Arbeiten und Leben im Kapitalismus als eine einzige Chance zu begreifen, die der Einzelne besitzt oder nicht. Durchaus contrafaktisch zur kapitalistischen Realität stellen bürgerliche Soziologen dann auch auf der sogenannten „Makroebene“ immer dann eine Chance der Möglichkeit zur Veränderung des Kapitalismus in Richtung „mehr Menschlichkeit“ fest, wenn das Kapital aufgrund veränderter Geschäftsgrundlagen die Produktion und/oder die Verteilung neu organisiert (entsprechend den vorgefundenen Bedingungen bzw. dem Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Kapital). Flott wird da dann schon mal der Klassenkampf zur &#8211; „an sich geklärten“ &#8211; SOZIALEN FRAGE uminterpretiert, die nur bei der Verteilung einiger geringer Korrekturen bedarf. Oder der neueste Dreh der bürgerlichen Soziologie: die Einführung neuer Technologien durch das westdeutsche Kapital wird als einzige Chance (z.B. der Selbstverwirklichung, freien Arbeitsplatzgestaltung) für die Lohnabhängigen dargestellt.</p>
<p>KERN/SCHUMANN, zwei wichtige bundesdeutsche Industriesoziologen, haben nun dieser Diskussion &#8211; unter dem bezeichnenden Titel „ZUKUNFT DER ARBEIT(?)“ &#8211; eine neue Variante hinzugefügt. Diese wird mittlerweile auch schon von den westdeutschen Gewerkschaften (DGB) aufgegriffen. So geht F. Steinkühler (IGM) in statements mit dem Wissenschaftsjargon von KERN/SCHUMANN u.a. hausieren (Zufall?): „Ich meine, daß ein Teil der Arbeitnehmer höherwertige Arbeitsplätze kriegt, andere abqualifiziert und weitere völlig ausgestoßen werden, weil man auf ihre Arbeit verzichten kann &#8230; Unter den Arbeitnehmern gibt es Rationalisierungsgewinner, deren Arbeit wird angenehmer und vielleicht auch besser bezahlt. Und es gibt Rationalisierungsverlierer, das sind vor allem die Arbeitslosen“ (F. Steinkühler, DER SPIEGEL 12/85). Zentraler Gedanke, in dem sich westdeutsche Gewerkschafter und Wissenschaftler (neben den erwähnten sind hier C. OFFE und W. MÜLLER-JENTSCH zu nennen) einig sind bei der Beurteilung der „ZUKUNFT DER ARBEIT“, ist der Gedanke, daß die Arbeiter-/innen im Lauf des kapitalistischen Rationalisierungsprozesses nicht mehr NUR einer Entwertung ihrer Qualifikation unterworfen werden. Vielmehr stellen diese eine TENDENZ zur Requalifizierung fest, die vor allem in der letzten Rationalisierungswelle zu Beginn der 80er Jahre</p>
<p>90 &#8212;</p>
<p>wirksam werden soll. Sie gehen dabei sogar soweit, von der Ablösung des tayloristisch-fordistischen Produktionskonzeptes zu reden.</p>
<h4>LEBENDIGE ARBEIT (K)EINE SCHRANKE FÜR DAS KAPITAL?</h4>
<p>Die empirische Studie „DAS ENDE DER ARBEITSTEILUNG“ von KERN/SCHUMANN, die eine follow-up-Studie zu einer von denselben Autoren in den 70er Jahren erstellten Studie („Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein“) darstellt (und deren Ergebnisse z.T. revidiert werden) beruht im Wesentlichen auf schwerpunktmäßig geführten Gesprächen mit Managern, Betriebsräten und Arbeitern in 5 wichtigen Bereichen der westdeutschen Industrie: Auto-, Chemie-, Maschinenbau-, Lebensmittel-, Werftindustrie. Dabei stellen die ersten 3 Industriezweige die für den westdeutschen Export führenden Branchen dar, sind also somit Kernsektoren des sog. „EXPORTMODELL DEUTSCHLAND“. Die letzten beiden Industriezweige sind eher den „Schrumpfungsindustrien“ zuzurechnen. Vor allem in der westdeutschen Werftindustrie sind dabei in den 60er/7oer Jahren über die Hälfte der Arbeitsplätze verloren gegangen und dieser Industriezweig hat vor allem im Bereich des Handelsschiffbaus/Tankerbaus massiv Marktanteile an die Schwellenländer Südostasiens verloren. Die beiden Autoren glauben herausgefunden zu haben, daß mit dem von der westdeutschen Industrie anvisierten Fortschritt der Produktionstechniken nicht notwendigerweise eine Dequalifizierung menschlicher Arbeitskraft einhergehen müsse. Vielmehr sind es vor allem die einfachen, routinierten Teilarbeiten, die im Zuge der Automatisierung tendenziell vollständig durch Maschinen übernommen werden und damit wegfallen. Wenn aber überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze mit geringen qualifikatorischen Anforderungen wegrationalisiert werden, hebt sich damit das Gesamtniveau der verbleibenden Arbeitsplätze. Darüber hinaus aber entstehen auch neue qualifikatorisch anspruchsvolle Tätigkeitsbereiche in der Entwicklung neuer Technologien und in der Bedienung und Kontrolle hochkomplexer technischer Anlagen. Hoch- bzw. höherqualifizierte Arbeit entsteht deshalb, nach KERN/SCHUMANN, vor allem durch die Verbindung bisher getrennter Aufgabenbereiche wie z.B. der Maschinenbedienung und der Maschinenwartung bzw. -Reparatur. Angestrebt wird von der Industrie also die Integration der Steuerungs-, Wartungs- und Kontrollfunktionen eines Fertigungsabschnitts bei einem Facharbeiter. In diesem Zusammenhang ist deshalb eine neue Tendenz im Management von Großbetrieben zu beobachten, die über bisher dominierende Produktionskonzepte &#8211; menschliche Arbeitskraft als Schranke im Produktionsprozeß zu betrachten &#8211; hinausgehen will: „Bisher beruhten alle Formen kapitalistischer Rationalisierung auf einem Grundkonzept, das lebendige Arbeit als Schranke der Produktion faßte, die es durch möglichst weitgehende technische Autonomisierung des Produktionsprozesses zu überwinden galt. In diesem Residuum lebendiger Arbeit sah es vor allem den potentiellen Störfaktor, der durch restriktive Arbeitsgestaltung möglichst weitgehend zu kanalisieren und zu kontrollieren war &#8230; Das Credo der neuen Produktionskonzepte</p>
<p>91 &#8212;-</p>
<p>lautet: Autonomisierung gegenüber lebendiger Arbeit durch Technisierung ist kein Wert an sich. Die weitestgehende Komprimierung lebendiger Arbeit bringt nicht per se das wirtschaftliche Optimum &#8230; Der restringierende Zugriff auf Arbeitskraft verschenkt wichtige Produktivitätspotentiale. Im ganzheitlichen Aufgabenzuschnitt liegt keine Gefahr, sondern Chancen(!); Qualifikationen und fachliche Souveränität auch der Arbeit sind Produktivkräfte, die es verstärkt zu nutzen gilt“ (KERN/SCHUMANN 1985, 19). Der wichtigste Grund des westdeutschen Kapitals, Funktionen und Bereiche menschlicher Tätigkeit, die es bisher brachliegen ließ, zu berücksichtigen, liegt nicht in einer philantropischen Anwandlung der westdeutschen Kapitaleigner, sondern in der Tatsache, daß schon kleine Stillstände der Produktionsstraßen Verluste von zig-tausenden von DM mit sich bringen. Diese Verluste entstehen vor allem durch die immer größer werdende Vernetzung der einzelnen Produktionsschritte, auch dann, wenn man von großen, einzügigen Bandstraßen à la FORD immer mehr abkommt. Stillstände in der Produktion müssen aber auch wegen der immer rascheren Abfolgen neuer Produktionszyklen vermieden werden, da die Konkurrenz ansonsten Marktanteile erobern könnte: „Für ein breitgefächertes Produktionsprogramm und zahllose Spezialitäten zahlen die deutschen Maschinenbauer indes einen hohen Preis. Nur 25% der abzüglich Feiertage und Urlaub übers Jahr möglichen Arbeitszeit kommt im Branchenschnitt der Fertigung zugute; der große Rest versickert in Stillstand, weil kleine Losgrößen zum häufigen Umrüsten der Anlagen zwingen. Maschinelle Defekte und Wartungsarbeiten schränken die Nutzungsmöglichkeiten ebenfalls ein. &#8216;Wenn diese Branche ihre Effizienz steigern will&#8217;, hat Brödner ganz klar erkannt, &#8216;dann muß sie in erster Linie die langen Standzeiten der Anlagen senken&#8217; &#8230;“ (zit. nach „WIRTSCHAFTSWOCHE“ Nr. 35 vom 23.8. 1985). Die menschenfreundlich anmutende Möglichkeit, Arbeitskraft nicht mehr so einseitig zu (ver)nutzen, entpuppt sich so schnell als Notwendigkeit für das Kapital, seine Stellung auf enger werdenden Märkten zu behaupten bzw. auszubauen: „Der Ersatz unqualifizierten Produktionspersonals durch qualifizierte Arbeitskräfte würde eine zusätzliche und letzten Endes ökonomischere Maßnahme sein als die sehr teure Linieninstandhaltung. Die Vorteile sind offenkundig: a) Alle Reparaturarbeiten unter 15 Minuten können durch das Produktionspersonal ohne lange Wege- und Wartezeiten erledigt werden. b) Mängel an den Maschinen und an den Ausrüstungen, die von nicht professionellen Arbeitskräften nicht identifiziert werden können, werden nun in einem sehr frühen Zustand durch das Linienpersonal wahrgenommen. Reparaturarbeiten können sofort ausgeführt werden. Größeren Schäden kann vorgebeugt werden, indem den Spezialabteilungen sehr frühzeitig Bericht erstattet wird. c) Wenn es zu Störungen kommt, die den Einsatz der Instandhaltung erforderlich machen, kann die Störursache exakt identifiziert und der herangezogenen Fachgruppe gleich mitgeteilt werden. d) Bei Ankunft des Instandhaltungspersonals kann das Produktionspersonal exaktere Informationen über die Details geben und bei den Reparaturarbeiten helfen &#8230; Langes und intensives Training erscheint absolut notwendig. Dieses Training sollte jedoch nicht nur technischer Art sein.</p>
<p>92 &#8212;-</p>
<p>Es sollte nach meiner Auffassung auch ein psychologisches Training wie auch ein Lerntraining umschließen, so daß wir zu einer neuen Arbeitshaltung kommen.“ Auszug aus einem Diskussionspapier von Managern aus der Autoindustrie, (Memorandum II in: KERN/SCHUMANN 1985, 92.) Der von den Unternehmern ins Auge gefaßte „ganzheitliche“ Zugriff auf die menschliche Arbeitskraft, unterscheidet sich von den bei VOLVO Anfang der 7oer Jahre praktizierten Mätzchen. Der bei VOLVO in Szene gesetzte Rückgriff auf handwerkliche Fähigkeiten &#8211; unter dem Stichwort „Humanisierung der Arbeitswelt“ &#8211; erhält dabei z. T. einen ganz neuen Klang. Durch den kombinierten Einsatz der neuen technischen Mittel sowie den neu zu erbringenden Qualifikationen, die nur noch bedingt handwerkliche Fähigkeiten erfordern,erfährt dieser Rückgriff auf handwerkliche Fähigkeiten eine ganz neue Qualität. Gefordert wird heute nämlich eher die Fähigkeit, mit Computern bzw. der Programmerstellung für diese umgehen zu können. „Wiederentdeckung des Berufsarbeiters für die industrielle Produktion: Das darf man sich nicht als schlichte Rückkehr zu den Berufsprofilen der Vergangenheit vorstellen, zu jenen „Professionisten“, die den Arbeitskörper vor allem der Metallindustrie vor 70 Jahren bestimmten und die in den klassischen handwerklichen Metallberufen noch rudimentär fortbestehen.“</p>
<p>Rationalisierung und Arbeitsverhalten &#8211; Erfahrungen, erste Befunde. (KERN/SCHUMANN; 1983 &#8211; Vortrag im Rahmen der DFG &#8211; Kolloquienreihe „Industriesoziologischer Technikbegriff“, 25.11.1983 S. 25) Erforderlich, und hier kommt man an den Knackpunkt, ist dieser Zugriff auf den ganzen Menschen aber auch, weil die eingesetzten Maschinen noch sehr unzulänglich menschliche Fähigkeiten, vor allem die Fähigkeit mehrere Tätigkeiten kombiniert zu verrichten, ersetzen können. Gefordert sind also bei diesem „neuen“ Arbeitskonzept Arbeiter/-innen mit VERANTWORTUNGS- und LEISTUNGSBEREITSCHAFT, deren Grenzen nicht am eigenen Tätigkeitsbereich enden, sondern übergreifend in andere Produktionsbereiche hineinwirkt. Voraussetzung für diese neuen Tätigkeitsbereiche mit übergreifenden Arbeitsfeldern war und ist aber die Beseitigung der Schranke der menschlichen Arbeitskraft in den Tätigkeitsbereichen mit einfa chen, routinierten Tätigkeiten. „Die in unserem Rahmen wichtigste Entwicklung liegt im verringerten Stellenwert der repetitiven Teilarbeit (insbessondere vom Typ der Maschinenbedienung und Bandarbeit) &#8211; jener Tätigkeit, die heute vielleicht noch ein Zehntel der Produktionsarbeiten in mechanisierten Betrieben ausmacht und die mit steigendem Automationsgrad immer weiter aus der Mechanischen Fertigung herausgedrängt wird.“ (KERN/SCHUMANN 1985, 89)</p>
<h4>DAS POLITISCHE KONZEPT VON KERN/SCHUMANN : DER KORPORATIVE VERBUND VON STAAT, KAPITAL UND GEWERKSCHAFTEN</h4>
<p>Offensichtlich sind KERN/SCHUMANN zu einer Zeit in die managerinterne Diskussion über den Nutzen der neuen Techniken für das Kapital hineingeplatzt, bevor man sich in vielen Bereichen vom frenetischen Jubel über die Aussicht, menschliche Arbeits-</p>
<p>93 &#8212;-</p>
<p>kraft massenhaft zu ersetzen, hin zu einer realistischeren Sicht der Dinge bewegte. Für eine längere Übergangszeit wird das Kapital nämlich nicht auf den, in seiner Qualifikation mehr auf die neuen Maschinen ausgerichteten Facharbeiter, auskommen können. Als Beispiel hierfür sei der CNC-Dreher genannt: Für die Betriebe hat sich schnell herausgestellt, daß die Programmierung der CNC-Maschinen in einem von der Produktion abgesonderten Büro durch Programmierungsfachleute nicht reibungslos verlaufen ist, vor allem dann nicht, wenn man den Dreher an der Maschine durch angelernte Hilfsarbeiter ersetzte. Lief das Programm nicht optimal, war weder der Programmierer noch der Hilfsarbeiter in der Lage, einen optimalen Betrieb der Maschine zu veranlassen. Über den Lernberuf des Drehers an der CNC-Maschine wurde deshalb ein Kompromiß geschlossen: Der Facharbeiter läßt das bereits erstellte Programm durch die Maschine laufen und optimiert es am Arbeitsplatz, je nach den „individuellen“ Gegebenheiten des Werkstückes. Aufgrund dieser Tatsachen, die sich aus anderen Bereichen der Produktion noch fortsetzen ließen, hat sich sowohl bei den Managern, die verstärkter an den „alten Konzepten“ des einfachen Ersetzens menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen/Kapital festhalten, als auch bei den „progressiven“ Managern, die eher die „ganzheitlichen Konzepte“ bevorzugten, die Einsicht durchgesetzt, daß zumindest in naher Zukunft kaum ohne qualifizierte Minimalmannschaften in vielen Kernbereichen der Produktion (profitabel) gearbeitet werden kann. Die Produktion ohne Menschen oder positiv nur mit Maschinen (Robotern) vertagt werden muß &#8211; zumindest auf dem heutigen Stand der Technik, da ansonsten die Produktion baden geht. Daß KERN/SCHUMANN die Konzeption der „progressiven Manager“ (ob und in wie weit eine solche Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Managerlinien sinnvoll ist und der Realität der Auseinandersetzungen dort entspricht, erörtern wir nicht, da beide Linien letzten Endes für die Betroffenen ähnliche Konsequenzen zeitigen) bevorzugen, hat allerdings seinen Grund in der zugrunde gelegten politischen Konzeption &#8211; und weniger in den objektiven Möglichkeiten des westdeutschen Kapitals. Die politische Konzeption, die hinter der empirischen Studie steht, ist die des politischen KORPORATISMUS &#8211; wie sie durch die gesamte Politische Wissenschaft geistert; stellvertretend für Viele: Lehmbruch, Allemann und Heinze oder Esser. KERN/SCHUMANN grenzen sich zwar von diesen Autoren ab (vgl. 1985, 24), positiv gewendet kommt aber dabei, gleichgültig ob das Konzept des „LIBERALEN KORPORATISMUS“ von Lehmbruch oder das des „SELEKTIVEN KORPORATISMUS“ (Esser und Fach) anlegt, genau dieses Konzept heraus. Der Kerngedanke der Korporatismuskonzeption, die Zusammenarbeit von Staat, Kapital und Gewerkschaften zum Erhalt und Ausbau der Position des BRD-Kapitals am Weltmarkt, ist einerseits die Grundlage der Befürwortung des Konzeptes der sog. „progressiven Manager“. Andererseits schreiben KERN/SCHUMANN den westdeutschen Gewerkschaften parallel zum Korporatismuskonzept eine herausragende Rolle bei der</p>
<p>94 &#8212;-</p>
<p>Vertretung des Kernarbeiter-Klientels zu. Konkret treten die beiden Autoren dafür ein, daß der DGB das Ausscheiden von weniger qualifizierten Arbeiter/innen mit Sozialplänen abfedert, Aufstiegsmöglichkeiten und Weiterqualifizierung der Restbelegschaft absichert, indem die Mitglieder die Unternehmensziele unterstützen und letztlich die Kernbelegschaft nach außen abgeschottet wird gegenüber den möglichen Ansprüchen der potentiellen und/oder realen Arbeitslosen. Interessanterweise machen Kern/Schumann diese Unterscheidung bei der Interessenvertretung aber nicht, sondern beschränken sich auf eher allgemeine Hinweise bei der Interessenvertretung im Betrieb: „So wenig z.B. die Progressisten sich ganz der Einsicht entziehen können, daß unter den Prämissen kapitalistischer Produktion Modernisierung eine Frage des ökonomischen Überlebens ist, so wenig kommen die Pluralisten um die Tatsache der strukturellen Bevorzugung unternehmerischer Interessen im Modernisierungsprozeß herum. Und so sehr etwa die Aktivisten den Konfliktkurs so abstecken müssen, daß sie sich einen Rest an Kompromißfähigkeit bewahren, so sehr sind auch die Pragmatiker darauf angewiesen, ab und an die Faust zu zeigen“. (Kern/Schumann 1985, 127) Eine derartige Beschreibung des Klassenkonflikts auf der Basis zweier Linien erwähnt zwar den kapitalistischen Modernisierungsprozeß als Ursache, verschweigt aber schamvoll die Folgekosten dieses Prozesses bzw. die neue Qualität dieses Prozesses für die Arbeiterklasse. Die neue Qualität dieses Modernisierungsprozesses der westdeutschen Ökonomie seit Beginn der 7oer Jahre besteht also in der Segmentierung der Arbeiterschaft in mindestens drei Gruppen, die gegeneinander mehr oder weniger abgeschottet sind, wobei die Zugangsmöglichkeiten von einzelnen Segmenten zu anderen Segmenten (relativ) eingleisig sind. Kern/Schumann unterscheiden deshalb im Sozialgefüge der BRD zwischen folgenden Gruppen/Segmenten (dieselben, 1985, 22f.): 1. Die Rationalisierungsgewinner Das sind die modernen Produktionsfacharbeiter, Instandhaltungsspezialisten und das große Umfeld, das aus denen besteht, die solche Positionen erreichen können (z.B. ausgebildete Maschinenarbeiter). 2. Die Rationalisierungsdulder bzw. -Verlierer Das sind diejenigen, die langfristig aus dem Produktionsprozeß ausscheiden oder mit ziemlicher Sicherheit abqualifiziert werden: Ältere und/oder minderqualifizierte Arbeiter/innen, Ausländer, Frauen und Jugendliche. 3. Die Arbeiter der Krisenbranchen (Werft, Stahl, Eisen, Bau) Diese Krisenbranchen können sich in der Regel nur „gesundschrumpfen“, eine Weiterbzw. Höherqualifizierung der Beschäftigten ist kaum möglich. Hinzu kommen die Arbeitslosen, „die immer weniger Chancen haben, überhaupt noch in den Produktionssektor hineinzukommen“ (Kern/Schumann 1985, 22), als quasi viertes Segment. Den westdeutschen Gewerkschaften teilen die beiden Autoren dabei die Aufgabe zu,</p>
<p>95 &#8212;-</p>
<p>die Interessen der in Lohn und Brot Stehenden zu vertreten, ohne dabei das wachsende Heer der Arbeitslosen bzw. deren Interessen zu vergessen &#8211; unabhängig davon, ob sie wie oben erwähnt eher dem Typ der allgemein-politisch orientierten oder der progressiv orientierten Interessenvertretung zuzuordnen sind. Grundlage des politischen Konzepts von Kern/Schumann ist also eine erhebliche Spaltung der Arbeiterklasse insgesamt, hervorgerufen durch die Veränderung der ORGANISCHEN ZUSAMMENSETZUNG DES KAPITALS in der BRD seit Beginn der 70er Jahre. Konsequenz dieser Veränderung &#8211; und notwendige VORAUSSETZUNG des vertretenen Ansatzes &#8211; ist der Ausschluß beträchtlicher Teile der Lohnarbeiter aus dem Produktionsprozeß und damit einhergehend ein starkes Anschwellen der industriellen Reservearmee, was letztlich die dominante Stellung des BRD-Kapitals gegenüber den organisierten Arbeitern weiter verstärkt (mal ganz davon abgesehen, was deren Verein, der DGB, für eine Politik betreibt). Darüber hinaus läuft dieser Ansatz für die westdeutschen Gewerkschaften auf die Hinnahme des Prozesses einer „AMERIKANISIERUNG“ der westdeutschen Gewerkschaften hinaus. Die Schwächung des „Arbeitsmarktpartners“ Gewerkschaft und deren Reduzierung auf Standes- bzw. Betriebsorganisationen zugunsten der noch in Brot und Lohn stehenden Arbeiter/innen &#8211; d.h. die Entfernung jedes klassenpolitischen Standpunktes in Theorie und Praxis der Gewerkschaften, sei er auch noch so rhetorisch gemeint &#8211; akzeptiert per se mit einem solchen Konzept die strukturell schwache Position dieser Gebilde. Dort, wo früher, auch von Kern/Schumann, die Ordnungsfunktion des DGB gegenüber oppositionellen Strömungen in der Arbeiterschaft beklagt wurde (vgl. Kern/Schumann 1977, Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein), wird nun eine derartige Funktion des DGB freudig begrüßt, ja sogar gefordert: Hauptsache Organisation, keine Frage mehr danach, wem das nützt und wem es schadet (der Facharbeiter, früher wie heute Stütze der gewerkschaftlichen Organisation, bleibt den Prognosen der beiden Autoren zufolge Rückgrat der Organisation &#8211; es bleibt also alles beim alten?!). Die Opfer der Rationalisierung, heute EG-weit immerhin ca. 30 Millionen Arbeitslose (darin sind noch nicht einmal die nicht registrierten Arbeitslosen enthalten, die sog. „Stille Reserve“ &#8211; vgl. Heintze/Bossel, 1985), werden von den beiden Autoren dagegen an den Staat verwiesen.</p>
<h4>DER SOZIALSTAAT, DEIN FREUND UND HELFER?</h4>
<p>Die Arbeitslosen insgesamt sollen dieser Weiterentwicklung der Produktivität, und damit dem Ausbau der Weltmarktposition des westdeutschen Kapitals, nämlich nicht im Wege stehen. Erkenntnisinteresse des politischen Konzepts von Kern/Schumann ist nämlich der Weg und die Mittel des Erhalts bzw. Ausbaus der Position des BRD-Kapitals/Staates am Weltmarkt (anders ausgedrückt die Interessen des „EXPORTMODELLS DEUTSCHLAND“), dem sich alles und alle unterzuordnen haben. Die Notwendigkeiten des Weltmarkts sind in dieser Studie MASSTAB, ob und inwieweit die materiellen Lebensbedingungen in der BRD</p>
<p>96 &#8212;-</p>
<p>mit einem geringeren Aufwand an menschlicher Arbeit zu sichern sind. Dies ist ein „GESELLSCHAFTLICHER FORTSCHRITT“, der es für die Opfer in sich hat und den es (für die beiden Autoren) zu unterstützen gilt. Den westdeutschen Gewerkschaften wird deshalb von den beiden Wissenschaftlern ein Platz in der politischen Landschaft der BRD zugewiesen, der von diesen eine positive Haltung zur Rationalisierung erfordert, und der ein Konzept der Interessenswahrnehmung erfordert, das per se hohe Kosten bei den Opfern/Verlierern der Modernisierungsstrategie voraussetzt: „Diese Sichtweise impliziert eine positive Grundhaltung gegenüber den neuen Produktionskonzepten, denn (diese werden) &#8230; auf diesem Hintergrund zu einer politischen Gestaltungsaufgabe, die man sich anziehen muß&#8230; Erscheint uns das Industriesystem also als conditio sine qua non weiteren gesellschaftlichen Fortschritts und eröffnet die Neoindustrialisierung unseres Erachtens beträchtliche Optionen, so ist zugleich festzuhalten: Solange die neuen Produktionskonzepte in ihrer privatistischen Verengung gefangen bleiben, stellen sie allenfalls gehemmte Modernisierung dar, die dem im Begriff angelegten Anspruch auf gesamtgesellschaftliche Rationalität nicht gerecht wird.“ (KERN/SCHUMANN, 1985, 320, 321.) Diese „gesamtgesellschaftliche Rationalität“ hat für die Opfer der Modernisierung aber immer die mehr oder weniger stille Hinnahme, sprich Nichtbehinderung dieses Modernisierungsprozeßes, ihrer VERELENDUNG bedeutet. Die Pazifizierung dieses möglichen Störpotentials soll dabei vom „Sozialstaat“ geleistet werden. KERN/SCHUMANN phantasieren sich deshalb einen bürgerlichen Staat zusammen, der eine Politik betreiben soll, deren Ziel die „Soziale Steuerung“ der Innovationspolitik des BRD-Kapitals durchsetzt. Danach soll der Staat eine „Sozialisierung“ der Anpassungslasten durchführen, soziale Härten sollen auf viele Schultern verteilt werden, es darf keine Pariaexistenzen geben etc. Flankiert soll diese „Sozialpolitik“ mit einer offensiven Arbeitsplatzgestaltung und Qualifizierung der Produktionsintelligenz werden, die die Produtionsintelligenz verallgemeinert und Industriearbeit als souveränes Arbeitshandeln ausformt. Auf die Modernisierung des bundesdeutschen Kapitals zu setzen, heißt für diese Soziologen auf die Durchsetzungskapazitäten auf dem Weltmarkt zu bestehen und darauf, daß der Staat das Ganze auch martialisch, wie nach Innen mit Gewalt absichert. Eine trübe Perspektive, sowohl für die „Arbeitsplatzbesitzer“ als erst recht für die „Sozialpensionäre“: Während die einen in der Weltolympiade der Arbeitshetze Nerven und Gesundheit ruinieren, werden die anderen am Existenzminimum herumkrebsen (nicht zuletzt deswegen, weil die Modernisierungsstrategien fast ohne Ausnahme dem keynesianistischen Nachfragemodell Lebewohl gesagt haben und monetaristisch orientierte Modelle zur Grundlage haben. Dies bedeutet gerade für die letzteren die Kürzung der Sozialausgaben, zum Zwecke der Finanzierung dieser Programme).</p>
<h4>WISSENSCHAFTLICHE SCHWÄCHEN DES OEUVRES</h4>
<p>Auch jenseits dieser Konsequenzen hat die Studie von Kern/Schumann ihre wissenschaftlichen Schwächen. Kursorisch seien hier genannt:</p>
<p>97 &#8212;-</p>
<p>Die Aussparung wichtiger Bereiche in der Studie, wie etwa den Angestelltenbereich und den Bereich der Elektroindustrie. Gerade in diesen Bereichen aber ist die Rationalisierung quasi an der Tagesordnung und der Umbruch für die Betroffenen besonders hart. Die bei Kern/Schumann nicht thematisierte Voraussetzung, nämlich der Durchsetzung dieser Strategie auf dem Weltmarkt. Der vorausgesetzte Erfolg dieser Strategie auf dem Weltmarkt ist nämlich gar nicht so sicher, wie ihn die beiden Autoren suggerieren. Die Dürftigkeit des ausgebreiteten Materials, das zudem auf subjektive Äußerungen gestützt wird (von Managern, Betriebsräten etc.), die kaum quantifizierbar sind. Hier drängt sich u.E. der Eindruck auf, daß aus den Konstellationen einer Übergangsperiode des Kapitalismus auf ein erhofftes „ENDE DER ARBEITSTEILUNG“ analog geschlossen werden soll. Verwiesen sei hier noch auf die widersprüchlichen Schlußfolgerungen für die Politik der westdeutschen Gewerkschaften im Sinne eines Auseinanderfallens von betrieblicher Orientierung auf Durchsetzung der neuen Produktionskonzepte und einem eher appellativ begründeten klassenpolitischen Ziel, wie den Kampf um Arbeitszeitverkürzung als „Solidarbeitrag“ für die Arbeitslosen.</p>
<h4>DEUTSCHE SOZIOLOGEN IM DIENST VON KAPITAL UND STAAT</h4>
<p>Die Chance der Möglichkeit, daß die Lohnabhängigen insgesamt bei der von Kern/Schumann geforderten Rationalisierung/Modernisierung auch nur halbwegs ungeschoren davonkommen,sind gleich NULL: a) weil in dem verfolgten Konzept die Triebkraft der Entwicklung nicht im Produktionsprozeß als Einheit von Arbeits- und Verwertungsprozeß, sondern nur im Arbeitsprozeß verortet wird. Dabei wird die kapitalistische Formbestimmtheit nicht erfaßt, es wird nur die stoffliche Seite als technologischer Determinismus betrachtet (insofern ist dieses Buch eine Fortsetzung der Studie „Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein“, 1977). b) weil ein historisch begrenzter Zeitraum, in dem das Kapital die Restarbeitskräfte in den Betrieben mit einer höheren Qualifikation benötigt, EXTRAPOLIERT wird. Die konkurrierende Dimension der Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch Kapital nur aufgehalten, aber keineswegs &#8211; wie dies Kern/Schumann annehmen &#8211; umgekehrt worden ist. c) weil die Voraussetzung für die Durchsetzung dieses Konzepts in der Segmentierung der Arbeiterklasse in verschiedene, miteinander konkurrierende Segmente ist. d) weil die verbleibenden Arbeitsplätze selten von „sinnvollerer Arbeit“ gekennzeichnet sein dürften. Anzunehmen ist wohl eher, daß eine Erhöhung der Leistung stattfindet. Diese Vermutung liegt nahe, da die Zusammenlegung von mehreren bisher getrennten Funktionen im Betriebsablauf einerseits vorgesehen ist. Andererseits die weitere Zergliederung und Vereinfachung dieser Funktionen gerade die Voraussetzung für ihre Zusammmensetzung darstellt.</p>
<p>98 &#8212;-</p>
<p>e) weil dem bürgerlichen „Sozial“-Staat Zwecke unterstellt werden &#8211; die optimale Versorgung von Teilen der Bevölkerung, die nicht in Lohnarbeitsverhältnissen stehen (auch zu Lasten der Konkurrenzfähigkeit des BRD-Kapitals???) &#8211; die niemals eingelöst werden. Einhergehend mit dieser Modernisierungsstrategie ist ja bekanntlich die Sanierung der Staatsfinanzen, was in der Regel eine Kürzung der Sozialausgaben bedeutet. Konsequenzen dieser Maßnahmen sind in der Verarmung weiter Bevölkerungsschichten sichtbar. Die CHANCE DER MÖGLICHKEIT, die in den anstehenden und/oder bereits durchgeführten Rationalisierungsprozessen in der BRD liegt, besteht für bundesdeutsche Soziologen heutzutage in einer einzigen Parteinahme für die Interessen von Staat und Kapital. Und es wäre sicherlich eine Frechheit, zu behaupten, daß Kern/Schumann zu dieser Position gefunden hätten, weil sie vielleicht irgendwann einmal selbst zu denjenigen gehören könnten, die überflüssig werden &#8230;</p>
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