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	<title>krisis &#187; Marxistische Kritik 2 (1986)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Marxistische Kritik 2 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 2 (1986)]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 1 &#8212;- 1. Später als erhofft und geplant legen wir die Nr. 2 der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; vor. Wie zu erwarten war, hat sich seither weder an unserer Situation noch an derjenigen der Linken insgesamt etwas geändert. Die Auflage der Nr. 1 ist zwar größtenteils unter die Leute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>1 &#8212;-</p>
<h4>1.</h4>
<p>Später als erhofft und geplant legen wir die Nr. 2 der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; vor. Wie zu erwarten war, hat sich seither weder an unserer Situation noch an derjenigen der Linken insgesamt etwas geändert.</p>
<p><span id="more-305"></span> Die Auflage der Nr. 1 ist zwar größtenteils unter die Leute gebracht (was bei 500 Exemplaren ja wahrhaftig nicht viel heißen will), aber das feedback ist mehr als spärlich geblieben, vom Interesse einzelner Personen abgesehen. Keine einzige der mehr oder weniger linken Zeitschriften hat es für nötig befunden, auch nur eine kritische Rezension abzudrucken. Solche Situationen wird es immer wieder geben; dieser Zustand ist kein Beweis, weder für die Richtigkeit noch für die Unrichtigkeit unserer Anschauungen. Ein wenig geht es uns wie dem chinesischen Schriftsteller Lu Hsün, der 1922 über den Versuch der Herausgabe einer linken Zeitschrift geschrieben hat:</p>
<p>&#8220;Der Termin, zu dem das &#8216;Neue Leben&#8217; erscheinen sollte, nahte. Da sprangen einige verantwortliche Mitarbeiter ab; andere zogen ihre Kapitaleinlagen zurück. Schließlich waren wir nur noch drei Mann und besaßen keinen einzigen Yüan. Wir hatten eine ungünstige Zeit für die Herausgabe der Zeitschrift gewählt und konnten uns über nichts und niemand wegen unseres Mißgeschicks beklagen &#8230; Und später habe ich überlegt: Wenn die Ansichten eines Menschen Zustimmung und Unterstützung finden, soll ihm das ein Ansporn sein. Stößt er auf Widerspruch, soll er den Kampf aufnehmen. Wenn er aber inmitten der Menschen seine Stimme erhebt und keinen Widerhall findet, auch den schwächsten nicht, sei es der Zustimmung, sei es der Ablehnung &#8211; dann fühlter sich in eine unabsehbare Einöde versetzt. Überall greift er ins Leere, und das ist der furchtbarste Zustand für ihn.&#8221; (Lu Hsün, Der Einsturz der Lei-feng-Pagode, Essays, Reinbek 1973, S.19).</p>
<p>Nun, wir wollen nicht allzuviel Tränen vergießen über unsere Einsamkeit und uns nicht weiter beklagen. &#8220;Gegen den Strom&#8221; zu schwimmen wird noch auf längere Sicht ein schwieriges Geschäft bleiben. Der wesentlich subjektivistische Impuls der 68-er Bewegung und ihrer Nachwehen und Folgebewegungen bis heute hat zu der Situation geführt, die wirbeklagen, beschimpfen und &#8220;trotz alledem&#8221; verändern möchten. Die politische Kultur theoretischer marxistischer Auseinandersetzung ist vorerst zerstört, dies muß als Tatsache anerkannt werden. Die &#8220;praktische&#8221; Linke ist tief und scheinbar hoffnungslos in staatsbürgerlichen Protest und neo-kleinbürgerliche Projekte oder andererseits in fast inhaltslos gewordene &#8220;Militanz&#8221; verstrickt, von der Öko-Bank bis zum Steinewerfen. Diskutiert wird, wenn überhaupt, nur auf den engen Bezugsrahmen der jeweiligen &#8220;Praxis&#8221; und deren tagespolitische Konjunktur hin. Wer mag da noch</p>
<p>2 &#8212;-</p>
<p>einen Seitenblick auf das Angebot theoretischer Auseinandersetzung werfen? Die theoretische Linke dagegen ist fast ganz auf abgeschottete, sich selbst reproduzierende und gegenseitig bestätigende akademische Klüngel zusammengeschmolzen, die als solche nur noch bedingt links sind (und schon gar nicht &#8220;marxistisch&#8221;); ihr Bezugsrahmen ist der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb geworden, vor dessen Instanzen sie sich, ängstlich um ihre Reputation besorgt, zu rechtfertigen suchen und dem sie längst jeden revolutionären Impuls der Theoriebildung geopfert haben. Wer sollte da noch eine Veranlassung sehen, sich mit neuen theoretischen Positionen außerhalb des Dunstkreises der breitärschig alteingesessenen linksakademischen Zeitschriften auseinanderzusetzen? So müssen wir also ausharren in der &#8220;unabsehbaren Einöde&#8221; einer immer seichter und abgeschmackter werdenden Rest-Linken, weiter die Klingen schärfen und auf gute Feinde hoffen, die wir gegenwärtig fast noch nötiger haben als gute Freunde.</p>
<p>Trotzdem wäre es ein Mißverständnis und ein Verstoß gegen unsere eigene theoretische Position, wollten wir uns der gegenwärtig mißlichen Lage wegen als das letzte Fähnlein der sieben Aufrechten betrachten. Niemand ist mehr als wir bestrebt, den &#8220;alten&#8221;, selber wertfetischistischen Marxismus der 2. und 3. Internationale zu kritisieren und zu überwinden. So verstehen wir uns nicht als die unwirschen letzten Exemplare einer aussterbenden Gattung, sondern ganz im Gegenteil als die noch etwas unsicheren ersten Vertreter einer neuen Spezies des gesellschaftlichen Denkens, als Vorkämpfer eines Neo-Marxismus des 21. Jahrhunderts, der die alte Arbeiterbewegung insgesamt nur noch als seine abgeschlossene Vorgeschichte innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft begreifen wird. Zu &#8220;historischem Pessimismus&#8221; besteht den aktuellen Erscheinungen der gesellschaftlichen Oberfläche zum Trotz überhaupt kein Anlaß; denn &#8220;so, wie es ist, kann es nicht bleiben&#8221;, weder was die objektive gesellschaftliche Entwicklung und deren Krise, noch was die ideologische Ent-Radikalisierung der Linken angeht.</p>
<h4>2.</h4>
<p>Wenn es noch eines Beweises bedurfte für die theoretische Verlotterung und Verkommenheit der akademischen Linkssozialisten, so lieferte sie der &#8220;Prima Klima&#8221;-Kongreß des als grün-sozialdemokratischer Zombie</p>
<p>3 &#8212;-</p>
<p>wiederauferstandenen SDS vom November 1986 in Frankfurt. Wir waren dort und wandten uns mit Grausen. Was großkotzig als Veranstaltung &#8220;wider den Zeitgeist&#8221;, als &#8220;öffentliche Konspiration subversiven Denkens&#8221;, als Wiederbelebung &#8220;kritisch-theoretischen Denkens&#8221; und als &#8220;Neueröffnung der Diskussion&#8221; deklariert war, entpuppte sich als völlig zeitgeist-konformer &#8220;Abschied von der Revolution&#8221; einer theologisch gewordenen (Ex-)Linken, deren einziges Sehnen darin zu bestehen scheint, sich unter Führung der grünen &#8220;Realos&#8221; und der heimlichen Schirmherrschaft von Peter Glotz der bürgerlichen Demokratie in die Arme zu werfen. Von offener Debatte keine Spur; hinter den Kulissen hatte ein grün-sozialdemokratischer Proporz offensichtlich die Fäden gezogen, wobei die in den Schoß der SPD zurückgekrochenen Ex-Helden von 1968 sich nicht einmal zu dieser Unanständigkeit bekennen mochten.</p>
<p>Über theoretische Inhalte gibt es nichts zu berichten, weil sie nicht vorhanden waren. Die Theologin Antje Vollmer konnte unter dem Vorwand eines radikalen Feminismus einen alles andere als radikalen Reformismus offerieren und unwidersprochen jedes als &#8220;Machismo&#8221; denunzierte revolutionäre Denken der fast schon johlenden Reformisten-Meute zum Abschuß freigeben. Professor Ulrich Preuß wurde für das von ihm selbst mehrfach als &#8220;banal&#8221; bezeichnete &#8220;Projekt einer ökologischen Demokratie&#8221;, &#8220;theologisch formuliert als Erlösung der Gesellschaft von sich selbst&#8221;, mit Beifall überschüttet, und so blieb dem behäbig gewordenen, pfeifeschmauchenden Familienvater Oskar Negt nur noch die brillante Formulierung, daß die Werttheorie &#8220;vielleicht das Unwesentlichste&#8221; sei, was Marx geschrieben habe, während ihm folgerichtig und fast schon im O-Ton der US-Außenpolitik zum Thema &#8220;Sozialismus&#8221; nichts anderes mehr einfiel als &#8211; &#8220;die Menschenrechte&#8221;. Fast muß es als müßigerscheinen, sich über diesen theoretischen Zustand der akademischen Linkssozialisten auch nur lustig zu machen. Und offensichtlich ist es gegenwärtig nicht möglich, mit einer Linken im Jahre 1986 über radikale Kritik von Ware, Geld und Demokratie zu streiten, die nichts Besseres mehr weiß, als die musealen Ideale von 1789 wieder einmal einzuklagen. Wie oft muß sich das Trauerspiel des bürgerlichen, abstrakten Ware-, Geld- und Staatsbürger-Subjekts denn noch als Farce wiederholen? Sinnvoll streiten könnten wir einzig noch mit Leuten wie z.B. E. Altvater, die trotz bürgerlich-akademischer Einbettung und eines reformistischen politischen Horizonts schon durch ihr Metier bedingt die Kritik der Politischen Ökonomie noch nicht völlig beiseitegelegt haben und daher auch mit Recht vor der kommenden Weltwirtschaftskrise warnen, an die eine fromm</p>
<p>4 &#8212;-</p>
<p>gewordene und im Alter zu staatsbürgerlichen Illusionen geflüchtete Linke in ihrem vermeintlichen demokratischen Frühling einfach nicht mehr glauben will. Diese bereits vor der Tür stehende Krise mit ihren noch unabsehbaren politischen und sozialen Folgen wird die illusionären staatsbürgerlich-warenfetischistischen Konzepte freilich wegfegen wie dürres Herbstlaub, aber das ist wohl ein mehr als schwacher Trost.</p>
<h4>3.</h4>
<p>Eine theoretische Position, von der aus wirklich &#8220;wider den Zeitgeist&#8221; gearbeitet wird, muß gerade &#8211; und dies wird unser &#8220;ceterum censeo&#8221; sein &#8211; den Warenfetisch kritisch thematisieren, der nichts weiter ist, als die ökonomische Grundlage (oder das ökonomische Moment) des staatsbürgerlichen Demokratie-Fetischs, dem die Linke heute erlegen ist. Niemand wird bestreiten, daß der Marxismus der alten Arbeiterbewegung einer kritischen Aufarbeitung bedarf. Aber diese Aufgabe impliziert eine neue theoretische Zuspitzung aller kritischen Gehalte der Marx&#8217;schen Theorie, nicht ihre noch größere Abstumpfung und nicht die Rückkehr zu den bürgerlichen Idealen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die jammervolle Regression der Linken heute besteht gerade darin, daß sie, statt einen neuen Anlauf zur radikalen Kritik von Ware und Geld zu unternehmen, angesichts der Krisenerscheinungen sich zurückflüchten möchte in eine &#8220;angemessene&#8221;, &#8220;menschliche&#8221;, &#8220;ökologische&#8221; usw. Form der Warenproduktion, deren Möglichkeit doch unwiederbringlich verloren ist (und das ist auch gut so). Die Auseinandersetzung mit wesentlichen Positionen und Stichworten dieser ideologischen Regression bildet den Schwerpunkt dieses Heftes.</p>
<p>Der Beitrag von Udo WINKEL dokumentiert den Rückzug der akademischen Linken in den bürgerlichen Wissenschaftspluralismus auf positivistischer Grundlage und stellt die &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1986/krise-des-marxismus">Krise des Marxismus</a>&#8221; in den historischen Rahmen der periodisch wiederkehrenden Krise des bürgerlichen Subjekts.</p>
<p>Robert KURZ versucht, eine ausführliche Kritik (Herrschadt der toten Dinge Teil 1) der &#8220;PRODUKTIVKRAFTKRITISCHEN&#8221; Theorie zu leisten, wie sie in der BRD vor allem in den Positionen von Otto ULLRICH und Winfried THAA zum Ausdruck kommt, die seit Ende der 70er Jahre in ihren Publikationen eine wissenschaftliche Legitimationsgrundlage für den grün-alternativen &#8220;Abschied vom Marxismus&#8221; zu liefern suchen.</p>
<p>5 &#8212;-</p>
<p>Robert SCHLOSSER setzt sich in seinem Beitrag vor allem anhand der heutigen Positionen von J. SCHMIERER (der als ehemaliger K-Gruppen-Häuptling wie Ch. Semler und andere in Frankfurt reuig am Katzentisch Platz nehmen durfte) mit den wiederaufgewärmten Illusionen &#8220;genossenschaftlicher&#8221; Warenproduktion als Hebel gesellschaftlicher Veränderungen auseinander.</p>
<p>Die Thematik Nr. 1 der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; wird fortgeführt mit einer Arbeit von Wolfgang BOGNER über die technologische und soziale Entwicklung in der DRUCKINDUSTRIE.</p>
<p>Wir werden den Schwerpunkt dieses Heftes in der nächsten Ausgabe weiterführen: Einige Beiträge mußten aus Platzgründen geteilt werden und werden in der nächsten Nummer fortgesetzt. Hinzukommen sollen für die Nr. 3 ein Grundsatzartikel über die &#8220;neuen sozialen Bewegungen&#8221;, eine Kritik an André GORZ und eine weitere Arbeit zur Kritik der Produktivkraftkritiker, die sich auf das bekannte Buch von H. BRAVERMAN über den modernen Produktionsprozeß bezieht.</p>
<p>Wir bitten die Leser für die lange Pause bis zum Erscheinen dieses Heftes um Entschuldigung und versprechen, die Nr. 3 der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; in kürzerer Folge herauszubringen (ca. März/April 1987), auch wenn wir noch lange nicht an ein festes, regelmäßiges Erscheinen denken können.</p>
<p><em>Dezember 1986 DIE REDAKTION </em></p>
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		<title>Krise des Marxismus</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 2 (1986)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur neuen Marxrezeption der alten akademischen Linken]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zur &#8220;neuen&#8221; Marx-Rezeption der &#8220;alten akademischen Linken&#8221;</h3>
<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>70 &#8212;-</p>
<p><em>Udo Winkel</em></p>
<h4>I.</h4>
<p>Die sogenannte &#8220;Krise des Marxismus&#8221; und seine Verwandlung in eine positive, mit der bürgerlichen konkurrierende, sich mit ihr austauschende und ihre Prämissen und Theoreme übernehmende Wissenschaft, die heute allenthalben im vormaligen akademischen Marxismus sichtbar wird, ist kein auf die &#8220;Postmoderne&#8221; beschränktes Phänomen. Der &#8220;gesunde Menschenverstand&#8221; des bürgerlichen Bewußtseins, als eben das &#8220;richtige Bewußtsein&#8221; einer &#8220;falschen Realität&#8221;, affiziert immer wieder &#8211; unter bestimmten Bedingungen &#8211; auch marxistisches oder vorgeblich marxistisches Denken.</p>
<p><span id="more-306"></span>So zeigt schon Karl Korsch 1923 in seinem Versuch die Etappen der Entwicklung der marxistischen Theorie zu bestimmen, die qualitative Veränderung des &#8220;Marxismus der 2. Internationale&#8221; gegenüber Marx und Engels auf:</p>
<p>&#8220;Aus der materialistischen Geschichtsauffassung, die bei Marx und Engels wesentlich materialistische Dialektik gewesen war, wird bei ihren Epigonen schließlich etwas wesentlich undialektisches: Bei der einen Richtung verwandelt sie sich in eine Art heuristisches Prinzip für die wissenschaftliche Einzelforschung; bei der anderen gerinnt das flüssige methodische Prinzip der materialistischen Dialektik Marxens zu einer Anzahl theoretischer Sätze über den kausalen Zusammenhang der geschichtlichen Erscheinungen auf den verschiedenen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, d.h. also zu etwas, was man am richtigsten als eine allgemeine systematische Soziologie bezeichnen würde. Die einen behandeln also das materialistische Prinzip Marxens als einen &#8216;subjektiven Grundsatz bloß für die reflektierende Urteilskraft&#8217; im Sinne Kants, während die anderen die Lehren der marxistischen &#8216;Soziologie&#8217; als ein je nachdem mehr ökonomistisches oder mehr geographisch-biologisches System dogmatisch hinnehmen. Alle diese und noch eine Reihe anderer, weniger eingreifender Deformationen, die der Marxismus in der zweiten Periode seiner Entwicklung in den Händen der Epigonen erlitten hat, können wir charakterisieren mit dem einen, alles zusammenfassenden Satz: &#8216;Die einheitliche Gesamttheorie der sozialen Revolution ist umgewandelt in eine wissenschaftliche Kritik der bürgerlichen Wirtschaftsordnung und des bürgerlichen Staates, des bürgerlichen Erziehungswesens, der bürgerlichen Religion, Kunst, Wissenschaft und sonstigen Kultur, die nicht mehr nach ihrem ganzen Wesen notwendig verläuft in einer revolutionären Praxis, sondern ebensogut verlaufen kann und tatsächlich</p>
<p>71 &#8212;-</p>
<p>in ihrer wirklichen Praxis meist verläuft in allerhand Reformbestrebungen, die grundsätzlich den Boden der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates nicht überschreiten.&#8217;&#8221; (Korsch, Karl, Marxismus und Philosophie, Ffm. 1966, S.102-104).</p>
<p>Geistesgeschichtlich erscheint der Bernsteinsche Revisionismus als Antwort auf das Scheitern des verdinglichten Vulgärmarxismus der alten Kautskyschen &#8220;Marxorthodoxie&#8221;. Der neue kapitalistische Aufschwung nach der langen Phase der &#8220;Großen Depression&#8221; (1873-95) ließ den Glauben an eine &#8220;naturnotwendige Entwicklung&#8221; zum Sozialismus obsolet werden. In dieser Situation einer &#8220;Krise des orthodoxen Marxismus&#8221; erfolgte eine Ergänzung und Revision der Marxschen Theorie durch Übernahme des bürgerlichen Verständnisses von Wissenschaft, während ihrerseits bürgerliche Wissenschaftler den &#8220;Marxismus&#8221; durch die Bernsteinsche revisionistische Brille rezipierten. Gegen &#8220;die Fallstricke der hegelianisch-dialektischen Methode&#8221; fordert Bernstein,</p>
<p>&#8220;daß der Sozialdemokratie ein Kant nottut, der einmal mit der überkommenen Lehrmeinung mit voller Schärfe kritisch-sichtend ins Gericht geht, der aufzeigt, wo ihr scheinbarer Materialismus die höchste und darum am leichtesten irreführende Ideologie ist, daß die Verachtung des Ideals, die Erhebung der materiellen Faktoren zu den omnipotenten Mächten der Entwicklung Selbsttäuschung ist, die von denen, die sie verkünden, durch die Tat bei jeder Gelegenheit selbst als solche aufgedeckt ward und wird.&#8221; (Bernstein, Eduard, die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Reinbek 1969, S.217).</p>
<p>So wird die Dialektik Hegels durch den kantigen Dualismus von theoretischer und praktischer Vernunft ersetzt. Die Realität der Arbeiterbewegung spaltet sich auf in die ethisch begründeten und eben wissenschaftlich nicht begründbaren sittlichen Ideale des Sozialismus und den durch das positivistische Trial and Error (Versuch und Irrtum) &#8211; Verfahren bestimmten praktischen Reformismus. Von Marx soll das übrigbleiben, was für eine positive Tatsachenforschung fruchtbar sei.</p>
<p>Hier knüpft nun die zeitgenössische bürgerliche Soziologie an. Man kann hier von einem &#8220;bürgerlichen Pendent des Revisionismus&#8221; (Lenk) sprechen: Bernsteins Forderung, die Einzelaussagen des historischen Materialismus als bloße Arbeitshypothesen zu bewerten, wurde in der Soziologie &#8211; v.a. bei Max Weber, Troeltsch und Werner Sombart &#8211; zur methodischen Selbstverständlichkeit, verbunden mit einer Relativierung, da das ökonomische Erklärungsprinzip als eines von vielen möglichen &#8211; wie dem psychologischen, ethnologischen, religionswissenschaftlichen u.a. &#8211; in die soziologische Methodik eingeführt wird (Methodenpluralismus). Bernstein und der Soziologie erscheint die Theorie inadäquat in Bezug auf die Buntheit und Mannigfaltigkeit des &#8220;wirklichen Lebens&#8221;.</p>
<p>72 &#8212;-</p>
<p>Konsequenterweise begründet er seinen Eklektizismus mit dem Hinweis, daß &#8220;das Leben umfassender als alle Theorie&#8221; sei. Hatte Marx den Anspruch erhoben, die inneren Zusammenhänge der gesellschaftlichen Totalität zu bestimmen, so erfolgt aus der Leugnung der Dialektik durch den positivistischen Wissenschaftsbegriff der nominalistische Charakter der positivistisch-revisionistischen Konzeption: Die begrifflichen Bestimmungen werden zu allenfalls zweckmäßigen Setzungen, die bestimmte Merkmalskombinationen zusammenfassen.</p>
<p>Kurt Lenk hat in seiner Kritik bürgerlicher Marxrezeption als einer der Wenigen begriffen, welche Bedeutung der Warenfetisch und seine Eliminierung für die &#8220;Verbürgerlichung&#8221; des Marxismus hatte (und hat), er sei deshalb hier ausführlich zitiert:</p>
<p>&#8220;Die Eliminierung der Entfremdungskategorie aus der ursprünglichen Marxschen Konzeption ist das gemeinsame Merkmal der orthodoxen Richtungen des Marxismus, des Vulgärmarxismus und des Revisionismus. In ihnen wird die Marxsche Ideologiekritik auf das simple Theorem reduziert, Ideologien seien lediglich zum Zwecke der Beherrschung der ausgebeuteten Klassen ersonnene gedankliche Instrumente. Die genetisch-kritische Herleitung der ideologischen Bewußtseinsformen, die mit einem historischen Verständnis ihrer Funktion und ihrer Wahrheitsmomente einherging, verschwindet im gleichen Maße, als die Analyse des Warenfetisches vom Ideologieproblem getrennt wird. Tritt die Subjekt-Objekt-Dialektik, wie sie nicht nur in den Frühschriften Marxens entwickelt worden ist, hinter einem neutralen Abbildtheorem zurück, so können Wahrheit und Unwahrheit einer Theorie nur mehr am Grad der Abbildhaftigkeit der in ihr enthaltenen Aussagen gemessen werden. Sowohl die gesellschaftliche Wirklichkeit als auch die ihr entsprechenden Bewußtseinselemente werden dann als vorgegebene Größen eingeführt, nach deren Wahrheit und Unwahrheit nicht mehr gefragt werden müsse, da sich diese nur dadurch bestimmten, in welchem Maße ein Urteil adäquate Widerspiegelung des Objekts leistet. Allein die Praxis bestimme darüber, inwieweit dies der Fall sei.</p>
<p>Wahrheit, Entfremdung und Ideologie sind bei Marx voneinander unablösbare Kategorien, denn ohne Entfremdungstheorie kann es für ihn auch keine wissenschaftliche Entscheidung über das Wahrheitsproblem geben. Ebensowenig ist eine Erörterung des Ideologieproblems ohne den Begriff der Entfremdung &#8211; der ökonomischen wie der geistigen &#8211; möglich und sinnvoll. Der objektive, klassische Ideologiebegriff Marxens, der aus der gesellschaftlichen Herrschaftsstruktur selbst abgeleitet wird, ist nur im Zusammenhang mit seiner Theorie des Warenfetischismus und der daraus resultierenden ökonomischen Entfremdung zu bestimmen. Denn im Verschwinden des konkreten Lohnverhältnisses hinter abstrakten Wertrelationen der zirkulierenden Waren auf dem Markt liegt der eigentliche Grund für das Entstehen entfremdeter Bewußtseinsformen. Bei Marx wird der Überbau nicht einfach als das gegenüber der gesellschaftlichen Praxis Unwahre eingeführt. Schon deshalb nicht, weil die gesellschaftliche Realität von ihm als eine von Grund auf verkehrte und entfremdete bestimmt wird. Während Praxis stets als historisch-umwälzende, revolutionäre Praxis gefaßt ist, als eine, die durch begriffliche Transzendierung des</p>
<p>73 &#8212;-</p>
<p>bloß Wirklichen realiter das einlöst, was in der Philosophie an kritischen Momenten enthalten ist, tritt bereits beim späten Engels eine Fetischisierung der Praxis ein. Der Wertakzent, den Marx der umwälzenden Praxis gegenüber einer nur im Denken sich vollziehenden &#8220;Revolutionierung&#8221; verliehen hatte, verschiebt sich in der Folgezeit derart, daß nun aller Praxis im Sinne der Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens ein Primat gegenüber der &#8220;bloßen&#8221; Theorie zukommen soll. Die Wahrheit wird gleichgesetzt mit geschichtlicher Wirkkraft, was dazu führt, daß man dem &#8220;Unterbau&#8221; ex definitione mehr &#8220;Wahrheit&#8221; zugesteht als dem ideologischen Überbau. Hatte Marx noch den Akzent auf politisch-historische Praxis als einer revolutionären gelegt, so wird dieser Praxisbegriff tendenziell nun in der Weise vergröbert, daß jede gesellschaftlich-politische oder industrielle Tätigkeit bereits als ein in der Theorie überlegenes Element gilt. Die damit vollzogene Neutralisierung des Marxschen Praxisbegriffs geht mit der Eliminierung der Entfremdungstheorie einher: Marx hat die Philosophie als eine Kritik der bestehenden Wirklichkeit ernster genommen als die Philosophen selbst. Sie sollte auch in Deutschland wirklich und damit praktisch werden. Im orthodoxen Marxismus hingegen wird Theorie abgewertet, weil sie gegenüber der historischen Praxis als minder wirklich &#8211; im Sinne von &#8220;unmittelbar wirksam&#8221; &#8211; erscheint. Der Überbau gewinnt mit dieser neuen Akzentuierung einen gewissermaßen irrealen Charakter.&#8221; (Lenk, Kurt, Marx in der Wissenssoziologie, Neuwied und Berlin 1972, S. 212-214).</p>
<p>Gerade das Nichtbegreifen bzw. Nichtbegreifenkönnen, daß die gesellschaftliche Realität eine im Prozeß kapitalistischer Wertproduktion mitproduzierte Wirklichkeit darstellt, die eigenen Produkte sich den Menschen gegenüber verselbständigen und sie beherrschen (Marktgesetze) und ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse ihnen als verdinglichte, als quasi &#8220;zweite Natur&#8221; gegenübertreten, läßt sie eben &#8211; bis hin zum &#8220;strukturalistischen Marxismus&#8221; Althussers &#8211; dieser Verdinglichung aufsitzen. Während dem jungen Lukács klar war, daß im Kapitel über den Warenfetischismus im 1. Band des &#8220;Kapital&#8221; die Grundlagen der materialistischen Geschichtsauffassung gelegt wurden, zerfällt den Epigonen &#8211; und darin manifestiert sich ihr bürgerliches Bewußtsein &#8211; die Totalität in die Pole Individuen hier und verdinglichte gesellschaftliche Struktur dort, die nur äußerlich zusammengebracht werden können. D.h. wie die erste Natur kann auch die zweite nur mit einem äußerlichen Instrumentarium und ihr äußerlich bleibenden Methoden, als Objekt, untersucht werden. Damit ist und bleibt der Positivismus die Grundlage bürgerlicher Wissenschaft. Will man auf dieser Grundlage weiterhin an einem, wie auch immer gearteten, Sozialismus festhalten, so kann dieser eben selbst nur äußerlich als ethischer begründet werden. Daher auch die Bedeutung des Neukantianismus für den im &#8220;kategorischen Imperativ&#8221; wurzelnden &#8220;Sozialismus&#8221;.</p>
<p>74 &#8212;-</p>
<h4>II.</h4>
<p>Der quantifizierende qualitätslose Kreislauf des kapitalistischen Akkumulationsprozesses verführt das bürgerliche Denken zur Reproduktion des immergleichen. So unterscheidet sich auch die heutige Marxkritik und -revision &#8211; bei erhöhtem wissenschaftstheoretischem Aufwand &#8211; kaum vom alten Revisionismus und der Rezeption von Marx durch die Soziologie der Jahrhundertwende.</p>
<p>So kommt das Editorial &#8220;Mehrwert&#8221; 25, das die Referate eines Kolloquiums unter dem Titel &#8220;Was bleibt von Marx?&#8221; wiedergibt, zu dem Ergebnis:</p>
<p>&#8220;Wie schon der kurze Blick auf die vergangenen Debatten auf dem Gebiet der Politischen Ökonomie lehrt, bestand ihr allgemeines Resultat darin, mehr alte Gewißheiten aufgelöst zu haben als daß sie zu einem einheitlichen corpus von methodischen und inhaltlichen Überzeugungen geführt hätte. Die Diskussion um Marx hat sich enorm verfachlicht und damit vervielfältigt. Mochte es früher vielleicht ausreichen, Marx gründlich gelesen zu haben, oder für wahr zu halten, was für Marx Resultat seiner Forschungen war, so ist heute die Beschäftigung mit Marx ohne Einbeziehung der Forschung anderer &#8220;Schulen&#8221; völlig undenkbar geworden. Man kann nicht mehr Marxist sein, ohne die Bereitschaft, Marxsche Lehren zu revidieren. Marx ist in den Kontext der modernen Wissenschaften gestellt und aus dem Kontext der Arbeiterbewegung herausgelöst worden. Das hat einerseits zu einer gewissen akademischen Anerkennung geführt, andererseits aber die Antwort auf die Frage erschwert, wodurch ein wissenschaftlicher Ansatz sich als marxistisch auszeichnen kann. Ein bestimmtes Glaubensbekenntnis kann dies ebenso wenig sein wie ein schon abgeklärter Satz von theoretischen Grundannahmen, auf den alle in der Tradition der Politischen Ökonomie stehenden Forscher sich verpflichtet fühlten. Was die von der Kritik der Politischen Ökonomie angetriebenen Forschungen eint, scheint uns das gesellschaftstheoretische Interesse an einer Produktionsweise zu sein, der &#8220;universelle Kulturbedeutung&#8221; (Weber) zukommt, die heute mehr denn je schicksalhaft die gesellschaftliche Entwicklung im Weltmaßstab prägt. Dieses Forschungsinteresse ist in emanzipatorischer Absicht zusammengehalten; es ist angeleitet von der Idee einer besseren, Ausbeutung und Entfremdung diskriminierenden Gesellschaft. Die Funktion eines Weltbildes, das als Interpretationsrahmen für die Fülle der Ereignisse die kollektive Identität einer Gruppe stiftet, kann dieses Interesse heute nicht mehr übernehmen. Insofern reflektiert sich in dem Zerfall der einheitsstiftenden Funktion dieses Weltbildes auch, daß das historisch Mögliche komplexer geworden ist. Ist dies nicht auch ein Vorteil?&#8221; (Mehrwert 25, Berlin November 1984, S. 5-6).</p>
<p>Karl-Ernst Lohmann hat in einer positiv-übereinstimmenden systematischen Rezension dieses Bandes im &#8220;Argument&#8221; das Selbstverständnis der &#8220;neuen&#8221; Marxrezeption der &#8220;alten&#8221; akademischen Linken gut herausgearbeitet, daher erscheint es nützlich, diesen Text in die Kritik miteinzubeziehen. Lohmann konstatiert richtig die &#8220;Verwissenschaftlichung&#8221; der Kritik der politischen Ökonomie zur positiven Ökonomie:</p>
<p>75 &#8212;-</p>
<p>&#8220;Generell kann man denn auch den Weg vieler linker Ökonomen seit 1968 so bezeichnen: Von der rebellischen Attitüde, mit der die &#8220;bürgerliche Nationalökonomie&#8221; aufgrund ihres &#8220;Klassencharakters&#8221; angegriffen wurde, zur nachdenklichen Frage, wie man kritischer Ökonom bleiben und die in der kapitalistischen Ökonomie existierenden Herrschaftsbeziehungen weiter thematisieren kann, ohne hinter das Niveau eben jener &#8220;bürgerlichen&#8221; Wirtschaftswissenschaft zurückzufallen. Von der politökonomischen zur fachökonomischen Analyse, von der &#8220;dialektischen&#8221; zur analytischen Methode. (Anführungszeichen sind bekanntlich immer ein Zeichen von Hilflosigkeit &#8211; und so könnte man auch formulieren: Den kritischen Ökonomen ist seit 1968 fraglich geworden, was das Bürgerliche, den Klassencharakter der herrschenden Orthodoxie ausmacht und umgekehrt, wie legitim das methodisch Andere, das Dialektische, und die politischen Implikationen der marxistischen Heterodoxie sind.)</p>
<p>Es könnte sein, daß sich ein &#8220;Neomarxismus&#8221; herausbildet, der diesen Namen verdient, der also in einem ähnlichen Verhältnis zum Marxismus steht wie die Neoklassik zur Klassik: Gewisse (sozialistische, kritische) Intentionen beibehaltend, dabei aber methodisch und inhaltlich eine gänzlich andere Theorie aufbauend.&#8221; (Das Argument, Rezensionsbeiheft, 27.Jg., Dezember 1985, S. 191-194).</p>
<p>Die &#8220;neue&#8221; positive Ökonomie beruht auf folgenden Postulaten:</p>
<p>1. Methodisch werden die Forderungen der analytischen Wissenschaftstheorie akzeptiert. So fordert Glombowski die stärkere &#8220;Verwendung mathematischer Modelle&#8221;, die durch empirische Analysen ergänzt werden sollen (Der abstrakt-unhistorische Charakter der Modelle in der bürgerlichen Ökonomie wird selbst vom kritischen Rationalisten Albert als &#8220;Modellplatonismus&#8221; bespöttelt.). Das Aufgeben der Totalitätssicht führt hier zum unmittelbaren Gegeneinander bzw. zur äußeren Ergänzung von abstrakt-verdinglichtem System (wie auch in den soziologischen Systemtheorien) und konkret empirischem Material.</p>
<p>2. Inhaltlich geht es um eine &#8220;Revision bzw. Reformulierung der Marxschen Werttheorie. Danach ist eine substanzialistische Interpretation des Werts (&#8220;Als Kristalle dieser ihnen (den Waren) gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz (der abstrakt menschlichen Arbeit) sind sie Werte &#8211; Warenwerte.&#8221; (MEW 23, S. 52)) unzulässig, sie wird durch die Definition einer Wertrelation ersetzt. &#8230;&#8217;Jede Wertschöpfungslehre hat (&#8230;) den Webfehler, im Kern Rechtfertigungslehre zu sein &#8211; entweder für die jeweils gegebene Einkommensverteilung oder für die Alternative zu ihr.&#8217; (so Küntzel). Eine arbeitswerttheoretisch begründete Ausbeutungstheorie hat normative Prämissen &#8211; und die kann man eben akzeptieren oder auch nicht.&#8221; (S.192). Schon Bernstein sah ja in der Favorisierung der objektiven oder subjektiven Wertlehre eine rein normative Entscheidung. Marx hat</p>
<p>76 &#8212;-</p>
<p>schon in einem Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868 auf die Unsinnigkeit des &#8220;Beweisens&#8221; des Werts verwiesen:</p>
<p>&#8220;Was das &#8216;Centralblatt&#8217; angeht, so macht der Mann die größtmögliche Konzession, indem er zugibt, daß wenn man unter Wert sich überhaupt etwas denkt, man meine Schlußfolgerungen zugeben muß. Der Unglückliche sieht nicht, daß, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den &#8216;Wert&#8217; stünde, die Analyse der realen Verhältnisse, die ich gebe, den Beweis und den Nachweis des wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde. Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiedenen Bedürfnissen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist self-evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.</p>
<p>Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt. Wollte man also von vornherein alle dem Gesetz scheinbar widersprechenden Phänomene &#8216;erklären&#8217;, so müßte man die Wissenschaft vor der Wissenschaft liefern. Es ist gerade der Fehler Ricardos, daß er in seinem ersten Kapitel über den Wert alle möglichen Kategorien, die erst entwickelt werden sollen, als gegeben voraussetzt, um ihr Adäquatsein mit dem Wertgesetz nachzuweisen&#8230;</p>
<p>Der Vulgärökonom hat nicht die geringste Ahnung davon, daß die wirklichen, täglichen Austauschverhältnisse und die Wertgrößen nicht unmittelbar identisch sein können. Der Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht ja eben darin, daß a priori keine bewußte gesellschaftliche Regelung der Produktion stattfindet. Das Vernünftige und Naturnotwendige setzt sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch. Und dann glaubt der Vulgäre eine große Entdeckung zu machen, wenn er der Enthüllung des inneren Zusammenhangs gegenüber drauf pocht, daß die Sachen in der Erscheinung anders aussehn. In der Tat, er pocht darauf, daß er an dem Schein festhält und ihn als letztes nimmt. Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft?&#8221; (Marx, Karl-Engels, Friedrich, Briefe über das &#8216;Kapital&#8217;, Berlin 1954, S. 184-186).</p>
<p>Das objektive Obsoletwerden des Wertes (siehe Robert Kurz: Die Krise des Tauschwerts, in: MK, Nr.1) kann nicht mehr als historische Schranke des Kapitals begriffen werden, sondern tritt als &#8220;Krise&#8221; der unbegriffenen Marxschen Werttheorie in Erscheinung.</p>
<p>3. Politisch formuliert Lohmann seine Kritik an dem &#8220;Beitrag Backhaus&#8221;, der indeutlichem Kontrast zu den Beiträgen der genannten Ökonomen</p>
<p>77 &#8212;-</p>
<p>steht, der also am originären Marx festhält. Auch hier zeigt sich, daß Lohmann nicht weit über Bernstein hinauskommt, der schon Hegel zum toten Hunde erklärte und meinte, was Marx und Engels theoretisch erreichten, hätten sie nicht wegen, sondern trotz Hegel erreicht.</p>
<p>&#8220;Ihm (Backhaus, d.V.) zufolge besteht der Gegenstand der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie in Nachweis und &#8216;Ableitung&#8217; der &#8216;Verrücktheit&#8217; der ökonomischen Formen, d.h. der &#8216;objektiven &#8216;Irrationalität&#8221; kapitalistischer Ökonomien. Diese Irrationalität veranlasse den Theoretiker &#8216;allenfalls zur Anstrengung, Nichtklares klar zu denken; nicht aber kann das zum Kriterium der Sache selbst gemacht werden&#8217; (Adorno, zit.7), und Backhaus fügt hinzu: &#8216;schon gar nicht zu einem ökonomischen Sinnkriterium&#8217;. Umgekehrt wird der Wirtschaftswissenschaft vorgeworfen, daß sie &#8216;die in den widersprechenden Bestimmungen der Dinge selbst liegenden Schwierigkeiten gern als &#8230; Widerstreit der definitions wegschwatzen will&#8217; (Marx, zit. 7). Was folgt, ist ein Plädoyer für die Rekonstruktion der Marxschen Formanalysen mit Hilfe der Hegelschen Dialektik.</p>
<p>Wollten die kritischen Okonomen diesem Forschungsprogramm folgen, dann wäre der Preis, den sie zu zahlen hätten, sehr hoch: Denn der Weg in den Hegelschen Sprachdschungel ist ein Weg ins marxphilologische Ghetto. Es würde dann allenfalls zu jener resignativen Arroganz à la Backhaus reichen, der der Fachökonomie pauschal die Wissenschaftlichkeit abspricht und ihr &#8216;Niveau&#8217; beklagt. Der Verzicht auf Klarheit der Formulierungen und auf logische Widerspruchsfreiheit kann überhaupt nicht hingenommen werden. Jede Rede von &#8216;Widersprüchen&#8217;, etwa von dem zwischen Gebrauchswert und Wert, muß sich in Aussagen übersetzen lassen, die a) verständlich und b) logisch konsistent sind. Würden kritische Ökonomen auf diese Forderung verzichten, hätten sie zu Recht keine Chance, in der wissenschaftlichen Offentlichkeit ernstgenommen zu werden.&#8221; (S. 193-194).</p>
<p>Neben dem gänzlichen Unverständnis der dialektischen Methode gegenüber &#8211; man könnte von einem Positivismus par excellence sprechen &#8211; zeigt sich hier vor allem auch ein wichtiges Motiv der positiv gewendeten &#8220;kritischen Okonomie&#8221;: die Sorge um die wissenschaftliche Reputation im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb.</p>
<p>Der &#8220;herrliche Sonnenaufgang&#8221; (Hegel) der Marxrezeption der Studentenbewegung mit der Forderung nach der &#8220;Kritik bürgerlicher Wissenschaft&#8221; endet so in der &#8220;ewigen Polarnacht&#8221; des universitären Akademismus, als splitterhafter Bestandteil des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus, d.h. als Methodenpluralismus auf positivistischer Grundlage.</p>
<p>Der II.Teil wird sich mit der Arbeit von Dozekal = von der &#8220;Rekonstruktion&#8221; der Marxschen Theorie zur &#8220;Krise des Marxismus&#8221; beschäftigen.</p>
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		<title>Irrational, aber wenig radikal</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 2 (1986)]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Schlosser]]></category>

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		<description><![CDATA[Zum Seiteneinstieg Joscha Schmierers in die grüne Strategiedebatte [Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 79 &#8212;- Robert Schlosser (Bochum) Einleitung Unter dem Titel &#8220;Utopie ist machbar, Frau Nachbar!&#8221; erschien am 16.06.84 in der TAZ ein langer Artikel aus Anlaß des fünfjährigen Bestehens der UFA-Fabrik in Westberlin. Die UFA-Fabrik gilt als Deutschlands &#8220;größtes und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zum Seiteneinstieg Joscha Schmierers in die grüne Strategiedebatte</h3>
<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>79 &#8212;-</p>
<p><em>Robert Schlosser (Bochum)</em></p>
<h4>Einleitung</h4>
<p>Unter dem Titel &#8220;Utopie ist machbar, Frau Nachbar!&#8221; erschien am 16.06.84 in der TAZ ein langer Artikel aus Anlaß des fünfjährigen Bestehens der UFA-Fabrik in Westberlin. Die UFA-Fabrik gilt als Deutschlands &#8220;größtes und vielleicht auch bekanntestes Alternativprojekt&#8221;. UFA, so die TAZ, &#8220;das sind Träume aus der APO-Zeit vom gemeinsamen Wohnen und Arbeiten, von der Aufhebung von Arbeit und Freizeit (gemeint ist wohl die Aufhebung der Trennung zwischen diesen beiden Bereichen, der Verf.), vom Leben ohne Besitzansprüche.&#8221;</p>
<p><span id="more-307"></span>Es gibt heute eine ganze Menge Leute, die solche Träume hier und heute verwirklichen möchten, teils aus Not, teils aus der Einschätzung heraus, daß der Klassenkampf nichts bringt. Neben und über diesen Alternativen thronen jene führenden Persönlichkeiten des linken öffentlichen Lebens, die eine neue revolutionäre Strategie entwickeln wollen, in denen solche und andere Alternativprojekte eine, wenn nicht die zentrale Rolle spielen.</p>
<p>Vorerst möchte ich die Praxis der Gütergemeinschaft hier und jetzt verlassen und mich den besagten Strategen zuwenden. Später werde ich dann auf die Probleme der Alternativprojekte zurückkommen.</p>
<p>Einer dieser Strategen, an dem ich mich etwas reiben möchte, ist Joscha Schmierer, der in der Kommune vom 04.06.84 unter dem Titel &#8220;Radikal und rational&#8221; seinen Seiteneinstieg in die grüne Strategiedebatte probt. Mit &#8220;Seiteneinstieg&#8221; haben wir nicht nur das Stichwort für seine Teilnahme an der grünen Strategiedebatte, sondern gleichfalls die neue &#8220;radikale und rationale&#8221; Formel seiner Strategie. Schmierers Seiteneinstieg ist zugleich ein Ausstieg aus bisherigen marxistischen Strategieansätzen. Er betont, daß &#8220;die bisherigen Strategien, die auf Verschärfung des Klassenkampfes und seinen Umschlag in revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft setzten, durch die Geschichte desavouiert erscheinen.&#8221; (S.33).</p>
<p>Joscha Schmierer will uns etwas neues präsentieren, was durch die Geschichte noch nicht bloßgestellt wurde. Eine löbliche Absicht!</p>
<p>80 &#8212;-</p>
<p>Wie sieht nun diese einzigartig neue und noch ganz unschuldige Strategie aus, die uns davor bewahrt, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen? Am Schluß seines Artikels faßt Schmierer seine Strategie des &#8220;Seiteneinstiegs&#8221; wie folgt zusammen:</p>
<p>&#8220;Programmatisch ist auf die formelle und reelle Emanzipation zu orientieren, und das verlangt negativ das Zerbrechen des Staatsapparates und der kapitalistisch-industriellen Struktur und positiv den Aufbau einer genossenschaftlich, -kommunalen Produktionsweise unter Nutzung und Entwicklung angepaßter Technologien und unter Berücksichtigung der natürlichen und historischen Bedingungen der jeweiligen Einheit.</p>
<p>Strategisch ist entscheidend, Basen für einen solchen Emanzipationsprozeß zu schaffen durch Entwicklung genossenschaftlicher Produktion, rechtliche und finanzielle Stärkung der Kommunen und Förderung aller Prozesse, die sie auch materiell unabhängiger machen, indem sie sich aus großindustriellen Strukturen lösen, etwa in der Energieversorgung. Auf diesem Wege kann mit der revolutionären Umgestaltung bereits begonnen werden. Da diese revolutionäre Umgestaltung als emanzipatorische nur Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie plebejisch- demokratischen Charakter hat und im Klassenkampf einen Nährboden findet, muß sie sich auf die Masse der Lohnabhängigen hin orientieren, indem sie zu demonstrieren versucht, wie alle anders arbeiten und besser leben können.&#8221; (S. 44).</p>
<p>Schmierer unterstreicht ausrücklich die &#8220;entscheidenden Anstöße&#8221;, die er von Rudolf Bahro erhielt, der &#8220;auf die grundlegende Bedeutung positiver Beispiele&#8221; sozialer Emanzipation hingewiesen hat, mit denen hier und heute begonnen werden muß. Was Schmierer an seinem neuen Idol bemängelt ist die &#8220;Geringschätzung des Klassenkampfes&#8221;, der seiner Meinung nach zwar nicht umschlagen kann in eine revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft, aber immerhin der &#8220;Nährboden&#8221; für diese Umgestaltung bleibt.</p>
<p>Für jemanden, der nur die jüngste Geschichte des Kapitalismus, der Arbeiterbewegung und der kommunistischen Bewegung kennt, muß die neue Formel des &#8220;Seiteneinstiegs&#8221; recht plausibel erscheinen. Folgen wir schließlich Schmierers Ausführungen, so scheint die ganze bisherige Geschichte der Klassengegensätze und des Klassenkampfes für ihn zu sprechen. Er präsentiert uns die Übergänge von der antiken zur feudalen und von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft als Musterbeispiele seines &#8220;Seiteneinstiegs&#8221;.</p>
<p>&#8220;Diese Umwälzungen sind ohne (diese) Klassenkämpfe nicht zu erklären, aber auch nicht durch sie. Die Klassenkämpfe der Antike und des Feudalismus gehörten jeweils zu diesen Gesellschaften, waren Bedingungen ihrer Reproduktion, drohten sie manchmal zu sprengen, aber sie allein führten nicht zur revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft, vielmehr kam es zur neuen Formation jeweils nur durch den &#8216;Seiteneinstieg&#8217; von Kräften außerhalb der</p>
<p>81 &#8212;-</p>
<p>Konfrontation der Hauptklassen der vorhergehenden Gesellschaft, die die Keime der neuen Formation neben der alten Gesellschaft bereits ausgebildet hatten, und die durch den Verfall der alten Ordnung zur bestimmenden Macht wurden.&#8221; (S. 34).</p>
<p>Es ist richtig, daß weder die Sklaven die Gesellschaft der Antike überwanden, noch die Bauern die feudale Gesellschaft, zumindest nicht als führende Klasse. Ich würde dem Autor auch zustimmen, wenn er im Tone tiefster Überzeugung hervorhebt:</p>
<p>&#8220;Daß die aufkommende moderne Bourgeoisie aber ein &#8216;Seiteneinsteiger&#8217; war und nicht eine der Hauptklassen, die sich im Feudalismus gegenüberstanden, kann nicht ernsthaft bezweifelt werden.&#8221; (S.34).</p>
<p>Damit hat sichs aber auch schon so ziemlich. Der Rest seiner Erkenntnisse über die Geschichte der Klassenkämpfe beruht auf inhaltsleeren Abstraktionen, ja läuft zum Teil auf platte Analogie hinaus. Wenden wir uns zunächst dem Übergang von der Antike zum Feudalismus zu und schauen uns diese Revolution etwas genauer an.</p>
<h4>Der angebliche &#8216;Seiteneinstieg&#8217; des Feudaladels und der feudalen Gesellschaft</h4>
<p>Der Feudaladel war kein &#8216;Seiteneinsteiger&#8217; in die germanische oder römische Gesellschaft, sowenig wie sich die feudale Produktionsweise im Schoße einer dieser beiden Gesellschaftsformen entwickelt hatte. Die Keime der neuen Formation, des Feudalismus, entstanden auf andere Art und Weise. Richtig bemerkt Schmierer, daß der Feudalismus &#8220;aus dem Zusammenstoß und der Verschmelzung von Elementen der germanischen Gesellschaft mit Elementen der antiken Gesellschaft&#8221; entstand. Damit ist aber noch wenig erklärt und jede Parallele zur Entstehung der Keime der bürgerlichen Gesellschaft im Feudalismus ist fehl am Platze. Mehr noch! Die Begriffe Zusammenstoß und Verschmelzung verdecken hier mehr die tatsächliche Geschichte als sie sie erklären. Mit der gewaltigen Ausdehnung des römischen Reiches stießen Germanen und Römer immer wieder zusammen. Diese Zusammenstöße hinterließen zwar ihre Spuren bei den germanischen Völkern &#8211; manche begannen zu kollaborieren und wurden selbst zu Sklavenhändlern, während andere stets aufs neue gegen die Römer kämpften &#8211; nirgendwo jedoch führte das zur Herausbildung der Keime der feudalen Gesellschaft, solange die Römer die Oberhand behielten. Dies änderte sich erst mit den militärischen</p>
<p>82 &#8212;-</p>
<p>Erfolgen der Germanen und mit der Überwindung der politischen Macht des römischen Staates in größeren Teilen der von Rom besetzten und kontrollierten Gebiete. Die Niederringung der politischen Macht Roms, etwa im alten Gallien, war die Voraussetzung für die Entstehung der feudalen Produktionsweise und feudalistischer Abhängigkeitsverhältnisse. Dabei verwandelten sich wesentliche Teile der alten germanischen Gentilverfassung unter den veränderten Bedingungen der riesigen Gebietseroberungen in Hebel für die Herausbildung des Feudalismus. (Nachzulesen bei Fritze Engels in den Aufsätzen &#8220;Die Umwälzung der Grundbesitzverhältnisse unter Merowingern und Karolingern&#8221; und &#8220;Gau- und Heeresverfassung&#8221; aus Marx/Engels, &#8220;Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung&#8221; Bd.1, Dietz-Verlag, Berlin 1961, S. 87-108). Dies &#8220;kann nicht ernsthaft bezweifelt&#8221; werden. Bezweifelt werden muß hingegen, daß es sich hierbei um einen Schmierer&#8217;schen &#8216;Seiteneinstieg&#8217; handelt.</p>
<p>In gewisser Hinsicht hat der Stratege mit seiner Berufung auf den Übergang von der Antike zum Feudalismus sogar ein Eigentor geschossen. Der Übergang von der Antike zum Feudalismus ist zwar kein Beispiel für einen erfolgreichen revolutionären Klassenkampf der wichtigsten ausgebeuteten Klasse der Antike (Sklaven), er ist aber wohl ein Beispiel dafür, daß sich selbst die Keime einer neuen gesellschaftlichen Formation unter bestimmten Voraussetzungen erst dann herausbilden können, wenn die alte Staatsmacht überwunden ist. Schmierer wendet sich ja gegen die &#8220;Grundauffassung der sozialistischen und kommunistischen Theorie&#8221;, wonach &#8220;zuerst die politische Macht erobert werden müsse&#8221;, bevor man an die &#8220;Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft&#8221; denken könne. (Anm. auf S.34). Schmierer ersetzt eine untaugliche Leerformel &#8211; nämlich erst politische Macht, dann alles andere, um die sich besonders er und sein KBW recht zweifelhafte Verdienste erworben haben &#8211; durch eine neue, ebenso untaugliche Leerformel, nämlich erst die selbständigen Basen, die &#8220;positiven Ansätze der neuen Formation&#8221;, dann alles andere, eventuell auch politische Macht.</p>
<p>Würden wir uns, unserem Strategen folgend, auf das Gebiet der oberflächlichen historischen Parallele begeben, dann könnten wir aus dem Übergang der Antike zum Feudalismus viel eher folgenden strategischen Grundgedanken übernehmen: Die neue Formation entsteht durch den erfolgreichen Ansturm der Völker der 3. Welt gegen die imperialistischen Metropolen, der &#8220;Einkreisung der Städte durch die Dörfer&#8221;. Diese Schlußfolgerung wäre mindestens ebenso naheliegend. Sie wird so oder ähnlich ja auch von einem Teil der revolutionären Linken formuliert.</p>
<p>83 &#8212;-</p>
<p>Allerdings ohne so tiefgehende historische Betrachtungen anzustellen, wie Joscha Schmierer.</p>
<p>Kann der &#8216;Seiteneinstieg&#8217; der Bourgeoisie in den Feudalismus ein Vorbild für eine kommunistische Strategie heute sein?</p>
<p>Verlassen wir den Übergang Antike-Feudalismus und fragen uns, inwieweit der &#8216;Seiteneinstieg&#8217; der Bourgeoisie und ihrer Gesellschaft als Orientierungspunkt einer revolutionären Strategie heute gelten kann. Dabei möchte ich auf zwei wesentliche Gesichtspunkte zu sprechen kommen, nämlich die Besonderheiten der kapitalistischen Produktionsweise und die Besonderheiten der Umwälzung, die wir heute anstreben.</p>
<p>Die Besonderheit der Umwälzung, die wir anstreben ist der Kommunismus, die Abschaffung aller Klassenprivilegien, die Beseitigung der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. Dies hat dem Kommunismus seit jeher die besondere Feindschaft aller besitzenden Klassen eingebracht; zumindest dann, wenn er das Feld einzelner Experimente verließ und sich verallgemeinern wollte. Doch dazu gleich mehr.</p>
<p>Wenn der Kommunismus mit dem Anspruch auftritt, die ganze Gesellschaft zu verändern, dann lassen ihm die herrschenden Klassen kaum Spielraum für seine Entfaltung, in welcher Form und Strategie dieser auch immer bewerkstelligt werden soll. Was uns von der Bourgeoisie im Feudalismus unterscheidet,ist, daß wir nicht für neue Klassenprivilegien und für effektivere Ausbeutung kämpfen. Der Feudaladel und aufkommende Bourgeoisie hatten zumindest eine sehr wesentliche Gemeinsamkeit: Beide waren Ausbeuterklassen.</p>
<p>Die ganze Epoche der bürgerlichen Revolution ist nicht nur eine Epoche der Aufstände und der Volksrevolution in verschiedenen Ländern, sie ist auch eine Epoche voller Kompromisse und Koalitionen zwischen der alten und der neuen Ausbeuterklasse. Innerhalb diese Zusammenspiels und dieses Gegeneinander veränderte sowohl die alte Aristokratie ihr Gesicht, wie auch die aufkommende Bourgeoisie. Engels spricht sogar davon, daß die alten feudalen Grundbesitzer sich anschickten &#8220;die ersten Bourgeoisie der Nation&#8221; zu werden. (In seinem Aufsatz &#8220;Die drei großen Entscheidungsschlachten des Bürgertums&#8221;). Marx zeigt in &#8220;Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation&#8221; auf, wie im letzten Drittel des 15. Jhd. und in den ersten Jahrzehnten des 16. Jhd. die</p>
<p>84 &#8212;-</p>
<p>Masse des &#8220;vogelfreien Proletariats&#8221; in England u.a. durch die Auflösung der feudalen Gefolgschaften entstand. Er weist zugleich auf folgendes hin:</p>
<p>&#8220;Vielmehr, &#8230;, schuf der große Feudalherr ein ungleich größeres Proletariat durch gewaltsame Verjagung der Bauernschaft von dem Grund und Boden, worauf sie denselben feudalen Rechtstitel besaß wie er selbst, und durch Usurpation ihres Gemeindelandes. Den unmittelbaren Anstoß dazu gab in England namentlich das Aufblühen der flandrischen Wollmanufaktur und das entsprechende Steigen der Wollpreise. Den alten Feudalhandel hatten die großen Feudalkriege verschlungen, der neue war ein Kind seiner Zeit, für welche Geld die Macht aller Mächte. Verwandlung von Ackerland in Schafweide ward also sein Losungswort.&#8221; (Kapital, Bd. 1, S. 746).</p>
<p>Der Spielraum für die Keime der bürgerlichen Produktionsweise im Feudalismus war relativ groß. Die auf Selbstversorgung ausgerichtete Naturalwirtschaft des Feudalismus hatte ökonomisch gesehen der sich entwickelnden Warenproduktion und Geldwirtschaft nichts entgegenzusetzen. Im übrigen konnte es dem alten Feudaladel recht sein, wenn an Stelle der Naturalabgaben durch die Bauern deren Geldabgaben traten, konnte er sich doch mit dem Geld in den Besitz der auf den Markt kommenden Luxusgüter bringen. Wie das angeführte Beispiel aus England zeigt, wurden die alten Großgrundbesitzer unter bestimmten Bedingungen sogar zu einer Stütze und Reserve für die Entwicklung der bürgerlichen Produktionsweise. Aus den alten feudalen Großgrundbesitzern wurden mehr und mehr kapitalistische Großgrundbesitzer.</p>
<p>Wenn über die Keime der bürgerlichen Gesellschaft und deren Ausdehnung zu Basen der revolutionären Umgestaltung gesprochen wird, so sollte das nicht vergessen werden.</p>
<p>Doch damit nicht genug. Wenn wir ferner an die Herausbildung einer genossenschaftlichen Produktionsweise hier und heute denken, so sollte dabei nicht übersehen werden, daß der Kapitalismus durchaus keine so &#8220;tolerante und hilflose&#8221; Ökonomie darstellt wie die feudale. Die feudale Produktionsweise legte der sich ausdehnenden Warenproduktion zwar Hindernisse in den Weg, die letztlich in den großen Revolutionen überwunden wurden, sie hat aber niemals aktiv auf die Keime der bürgerlichen Produktionsweise eingewirkt. Rosa Luxemburg kennzeichnete den Kapitalismus einmal wie folgt:</p>
<p>&#8220;Der Kapitalismus ist die erste Wirtschaftsform mit propagandistischem Effekt, eine Form, die die Tendenz hat, sich auf dem Erdrund auszubreiten und alle anderen Wirtschaftsformen zu verdrängen, die keine andere neben sich duldet.&#8221; (Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd.5, Dietz-Verlag, Berlin 1981, S. 411).</p>
<p>Ich würde dem so zustimmen, ohne das an dieser Stelle weiter begründen</p>
<p>85 &#8212;-</p>
<p>zu wollen.</p>
<p>Etwaige kommunistische Experimente, mit dem Anspruch der Verallgemeinerung versehen, haben es jedenfalls nicht nur mit der im Staat konzentrierten politischen Gewalt der herrschenden Klasse zu tun, sondern gleichermaßen mit dem stummen Zwang der ungeheuer dynamischen kapitalistischen Ökonomie. Hätte Schmierer sich weniger mit dem Übergang von der Antike zum Feudalismus und vom Feudalismus zur bürgerlichen Gesellschaft beschäftigt und sich stattdessen die Frage gestellt, wie es kam, daß sich die vom Marxismus beeinflußte Arbeiterbewegung so sehr auf die Eroberung der politischen Macht fixierte, dann wäre er über die Erfahrungen gestolpert, die es ihm wohl schwer gemacht hätten, so blauäugig eine Strategie zu präsentieren, die angeblich nicht von der Geschichte desavouiert erscheint. Die marxistische Strategie, die die Eroberung der politischen Macht durch den Klassenkampf in den Mittelpunkt stellt, ist nicht vom Himmel gefallen, und niemand hat sie sich aus den Fingern gesogen. Diese Strategie fand nicht zuletzt deshalb so viele Anhänger, weil andere Strategien, die den Schwerpunkt auf die &#8220;Schaffung positiver Beispiele&#8221;, auf Schaffung genossenschaftlicher Musterproduktion legten, schon vorher durch die Geschichte bloßgestellt waren.</p>
<h4>Zur Geschichte des Kommunismus, der Arbeiterbewegung und ihre Berücksichtigung in der marxistischen Strategie</h4>
<p>Es zeugt schon von unglaublicher Naivität oder theoretischer Ignoranz, wenn sich heute jemand hinstellt, eine Strategie entwickelt, in deren Zentrum die Schaffung der Keime des Kommunismus hier und jetzt steht, ohne auch nur ein Wort zu verlieren über die Erfahrungen der vormarxistischen Arbeiterbewegung und des vormarxistischen Kommunismus.</p>
<p>Werfen wir einen Blick in die Geschichte, indem wir uns zunächst wieder England zuwenden. 1845 erschien Engels &#8220;Die Lage der arbeitenden Klasse in England&#8221;. Darin berichtet er unter anderem:</p>
<p>&#8220;Die englischen Sozialisten verlangen allmähliche Einführung der Gütergemeinschaft in &#8216;Heimatskolonien&#8217; von 2.000-3.000 Menschen, welche Industrie und Ackerbau treiben, gleiche Rechte und gleiche Erziehung genießen &#8211; Erleichterung der Ehescheidung und Einführung einer vernünftigen Regierung mit vollständiger Meinungsfreiheit und Abschaffung der Strafen, die durch vernünftige Behandlung des Verbrechers ersetzt werden sollen.&#8221; (Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Dietz-Verlag, Berlin 1964, S. 304).</p>
<p>86 &#8212;-</p>
<p>Dieser Sozialismus ging bekanntlich von Robert Owen aus, der allerdings eher Bahro ähnelte als Schmierer, weil er zumindest lange Zeit an die Arbeiterklasse appelliert, doch ja die Finger vom Klassenkampf zu lassen. Immerhin umfaßte der Owenismus als Richtung schließlich mehr als nur die Versuche kommunistischer Mustersiedlungen, die &#8220;von vornherein als ein vollkommenes Muster der neuen Gesellschaftsordnung eingerichtet werden&#8221; sollten. Im praktischen Owenismus war Platz für:</p>
<p>&#8220;die Handwerker mit ihren Träumen, die Ökonomie des Marktes zu umgehen; die Facharbeiter, die auf eine allgemeine Gewerkschaft drängen; die philanthropisch gestimmten Leute aus der Gentry mit ihrer Sehnsucht nach einer rational geplanten Gesellschaft; die Armen mit ihrem Traum vom Grund und Boden oder von Zion; die Weber mit ihrer Hoffnung auf Selbständigkeit; sie alle mit ihrer Vorstellung von einer gerechten, brüderlichen Community, in der gegenseitige Hilfe die Stelle von Aggression und Konkurrenz einnehmen wird.&#8221; (E.P. Thompson, Owenismus aus: Vormarxistischer Sozialismus, herausgegeben von Manfred Hahn, Fischer Athenäum Taschenbücher, S.255).</p>
<p>Die klassenkämpferische Richtung war also durchaus Bestandteil des Owenismus, wenn sich auch die Facharbeiter nur zögernd anschlossen. Die Ausstrahlung der Bewegung ist jedoch wesentlich auf die kommunistischen Experimente des Robert Owen zurückzuführen und auf die darauf sich berufende Genossenschaftsbewegung. Immerhin gab es 1832 in England etwa 500 Genossenschaften mit wenigstens 20.000 Mitgliedern (vgl. E.P. Thompson, a.a.O., S. 245).</p>
<p>Es gab sogar einen großen Tauschbasar für die Produkte der Genossenschaften mit einem eigenen Zirkulationsmittel (Arbeitsgeld), um den Markt zu umgehen.</p>
<p>&#8220;Doch ach! Bald entdeckte man, daß das schöne Arbeitsgeld &#8230; durch nichts in den allgemeinen Umlauf zu zwingen war. Der Nachschub an Lebensmitteln stockte und am Ende stand der Zusammenbruch einer der ungewöhnlichsten Bewegungen, die es je in diesem oder irgend einem anderen Land gab.&#8221;</p>
<p>So schilderte ein Handwerkersozialist der damaligen Zeit, Allen Davenport, den Zusammenbruch des Londoner Tauschbasars. (zit. nach E.P. Thompson, a.a.O., S. 250).</p>
<p>Doch nicht nur im England des beginnenden 19. Jhd. gab es die kommunistischen Experimente. In den USA entstanden ähnliche Projekte. Noch 1845 nimmt Engels die kommunistischen Ansiedlungen in den USA als positiven Beweis, daß Gütergemeinschaft ohne die kapitalistischen Klassengegensätze möglich ist und aufs beste funktioniert. In seinem Aufsatz &#8220;Beschreibung der in der neueren Zeit entstandenen und noch bestehenden kommunistischen Ansiedlungen&#8221; (MEW, Bd.2, S. 521-535)</p>
<p>87 &#8212;-</p>
<p>unterstreicht Engels ausdrücklich deren Erfolge.</p>
<p>Doch nicht erst seit heute ist bekannt, daß die damaligen kommunistischen Mustergemeinschaften nicht zu &#8220;selbständigen Basen für die revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft&#8221; wurden. Nehmen wir Schmierers Strategie des Seiteneinstiegs zum Maßstab, dann sind gerade aus dieser Sicht der Dinge diese Versuche kläglich gescheitert. Sie haben es im Gegensatz zum vielgeschmähten Klassenkampf nicht einmal geschafft, die bürgerliche Gesellschaft bis &#8220;in die Grundfesten zu erschüttern. Vor der Geschichte erscheinen bisher alle Versuche, kommunistische Basen im Kapitalismus zu errichten, als &#8220;desavouiert&#8221;. Damit will ich diesen Versuchen keineswegs jede positive Bedeutung absprechen. So auch der entstehende und sich ausbreitende Marxismus, auf den ich mich dabei berufen kann. Dieser erkannte aber auch die Grenzen solcher Experimente, was bei den gemachten Erfahrungen nicht einmal eine außergewöhnliche Leistung war. In seinen &#8220;Instruktionen für die Delegierten des provisorischen Zentralrates&#8221; der I. Internationalen aus dem Jahr 1866 führt Marx zur Kooperativarbeit folgendes aus:</p>
<p>&#8220;Wir anerkennen die Kooperativbewegung als eine der Triebkräfte zur Umwandlung der gegenwärtigen Gesellschaft, die auf Klassengegensätzen beruht. Ihr großes Verdienst besteht darin, praktisch zu zeigen, daß das despotische und Armut hervorbringende System der Unterjochung der Arbeit unter das Kapital verdrängt werden kann durch das republikanische und segensreiche System der Assoziation von freien und gleichen Produzenten.</p>
<p>Aber das Kooperativsystem, beschränkt auf die zwerghaften Formen, die einzelne Lohnsklaven durch ihre privaten Anstrengungen entwickeln können, ist niemals imstande, die kapitalistische Gesellschaft umzugestalten. Um die gesellschaftliche Produktion in ein umfassendes und harmonisches System freier Kooperativarbeit zu verwandeln, bedarf es allgemeiner gesellschaftlicher Veränderungen, Veränderungen der allgemeinen Bedingungen der Gesellschaft, die nur verwirklicht werden können durch den Übergang der organisierten Gewalt der Gesellschaft, d.h. der Staatsmacht, aus den Händen der Kapitalisten und Grundbesitzer in die Hände der Produzenten selbst.</p>
<p>Wir empfehlen den Arbeitern, sich eher mit Produktivgenossen schaften als mit Konsumgenossenschaften zu befassen. Die letzteren berühren nur die Oberfläche des heutigen ökonomischen Systems, die ersteren greifen es in seinen Grundfesten an.&#8221; (MEW, Bd. 16, S. 195,196).</p>
<p>Eine solche Einschätzung der Kooperativbewegung ging in der sozialistischen 2. Internationalen, zumal in der deutschen Sozialdemokratie, ihrer führenden Kraft, mehr und mehr verloren. Wir sehen das zunächst darin, daß den Arbeitern &#8211; warum eigentlich nie den Arbeiterinnen? &#8211; nicht die Entwicklung von Produktivgenossenschaften &#8220;empfohlen&#8221;</p>
<p>wurde, sondern der Genossenschaftsgedanke sich schließlich nur noch</p>
<p>88 &#8212;-</p>
<p>auf Konsumgenossenschaft als einziger möglicher proletarischer Genossenschaft bezog. (vgl. Lothar Bertels/Hans Gerd Nottenbohm &#8220;&#8230;außer: man tut es!&#8221;, Beiträge zu wirtschaftlichen und sozialen Alternativen, Germinal Verlag, Bochum 1984, S.14).</p>
<p>Es würde zu weit führen, wollte ich hier die Entwicklung dieser Konsumgenossenschaften bis hin zu den heutigen gemeinwirtschaftlichen Unternehmen der Gewerkschaften weiter verfolgen. (Empfehlenswert in diesem Zusammenhang sind die Ausgaben der Zeitschrift &#8220;Revier&#8221; vom November 1983 und April 1984, in denen Uwe Höffkes und Bernd Fiegler die Probleme der proletarischen Genossenschaftsbewegung recht gut diskutieren).</p>
<p>Aus heutiger Sicht läßt sich zunächst feststellen, daß der Gedanke von der &#8220;grundlegenden Bedeutung positiver Beispiele&#8221;, von der Schaffung &#8220;selbständiger Basen für die revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft&#8221; nicht erst mit Bahro und Schmierer entstanden ist, sondern daß dieser Gedanke selbst eine lange Geschichte hat, die sich nicht zuletzt in einer ganzen Reihe praktischer Versuche niederschlägt. Diese Versuche erscheinen durch die Geschichte als desavouiert, um mit Schmierer zu sprechen. Nicht zuletzt deshalb lenkte der Marxismus die Aufmerksamkeit auf den Klassenkampf und die Eroberung der politischen Macht. Das wiederum hatte nichts mit einer Leugnung der &#8220;grundlegenden Bedeutung positiver Beispiele&#8221; zu tun. Wir sahen dies beim frühen revolutionären Marxismus und wir können dies auch &#8211; unter veränderten Vorzeichen &#8211; bei der Wiederbelebung des revolutionären Marxismus nach dem ersten Weltkrieg und in den späten 60er Jahren beobachten.</p>
<p>Die Experimente und positiven Beispiele, auf die Bezug genommen wurde, fanden nun auf gesamtstaatlicher Grundlage statt, nach der Eroberung der politischen Macht in einzelnen Ländern. Nach 1917 schaute die Welt auf die Sowjetunion. Die Sowjetunion sollte zur Basis eines weltweiten Emanzipationsprozesses werden. Die Parteien der Komintern ließen keine Gelegenheit ungenutzt, um das positive Beispiel der SU zu propagieren.</p>
<p>Ende der 60er Jahre richtete sich die Aufmerksamkeit auf das China der Kulturrevolution. Die entstehende junge Generation von Revolutionären erblickte darin &#8211; zumindest in großen Teilen &#8211; ein neues &#8220;Leuchtfeuer&#8221; und &#8220;positives Beispiel&#8221; des praktizierten Kommunismus. Heute sind alle &#8220;Leuchtfeuer&#8221; erloschen. Es bestehen weder genossenschaftliche Musterbetriebe, kommunistische Mustergemeinden noch kommunistische Musterländle. Nur einige Unverbesserliche meinen heute noch die Relikte,</p>
<p>89 &#8212;-</p>
<p>das was aus diesen Mustergemeinschaften geworden ist, anpreisen zu können. Das vermag jedoch nicht darüber hinwegzutäuschen, daß alle bisherigen &#8220;Basen für den Emanzipationsprozeß&#8221; durch die Geschichte gründlich bloßgestellt sind. Nicht der Klassenkampf und die Strategie der Eroberung der politischen Macht ist bloßgestellt, sondern der praktizierte Kommunismus. Daß sich dies nicht eben positiv auf die Entwicklung der Klassenkämpfe ausgewirkt hat, kann nicht verwundern. Die Bloßstellung des praktizierten Kommunismus hat es der bürgerlichen Klasse sehr erleichtert, den Antikommunismus zu einem &#8220;demokratischen Konsens&#8221; zu machen.</p>
<p>Ein zentrales Problem, vor dem wir heute stehen, ist in der Tat der absolute Mangel an positiven Beispielen des praktizierten Kommunismus. Insoweit ist Leuten wie Bahro oder Schmierer zuzustimmen. Meiner Meinung nach kann es auch nicht angehen, daß wir hier in Westdeutschland darauf warten, daß in irgendeinem Land der Welt wieder ein &#8220;Leuchtfeuer&#8221; des Kommunismus aufgeht. Wir benötigen positive Beispiele, die hier und jetzt stattfinden. Die jetzt sich breitmachende Krise der Kapitalakkumulation schafft in der Tat auch Raum dafür, indem sie die Not der Lohnabhängigen &#8211; wozu ich auch die (Lohn-) Arbeitslosen zähle &#8211; steigert und damit die Notwendigkeit anderer Formen von Produktion und Reproduktion schafft. Und zwar ganz unmittelbar. Daß in den letzten Jahren Alternativbetriebe entstanden sind, ist nicht bloß Ausdruck einer ideologischen Entwicklung eines Teils der Linken. Diese ideologische Entwicklung selbst ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund des Klassenk(r)ampfes und der ökonomischen Entwicklung. Notwendigkeit kommt schließlich von Not wenden. Inwieweit aus dem Bedürfnis nach alternativer Produktion und Alternativbetrieben positive Beispiele des praktizierten Kommunismus werden können, oder ob die Projekte, die da sind, schon als solche Beispiele angesehen werden können, dazu komme ich später noch.</p>
<p>Nur sollten wir nicht irgendwelchen Luftschlössern nachjagen und Strategen wie Joscha Schmierer auf den Leim gehen, indem wir uns einbilden, aus den positiven Beispielen des praktizierten Kommunismus könnten selbständige Basen für die Umgestaltung der ganzen Gesellschaft werden. Im besten Falle können sie zeigen &#8211; im begrenzten Rahmen und für eine begrenzte Zeit &#8211; daß es anders gehen kann, als unter der Knute des Kapitals. Im schlechtesten Falle gelingt nicht einmal das, und der Altnativbetrieb verwandelt sich unter der Hand in einen kleinen kapitalistischen Musterbetrieb, der wohl einigen Menschen Lohn</p>
<p>90 &#8212;-</p>
<p>und Arbeit beschert, mehr aber auch nicht.</p>
<p>Statt an Joscha Schmierer, der darin geübt zu sein scheint, den Leuten ein X für ein U vorzumachen, sollten wir uns lieber am ollen Marx orientieren. Die verschiedenen Formen der kooperativen Arbeit würden dann als &#8220;eine der Triebkräfte zur Umwandlung der gegenwärtigen Gesellschaft&#8221; betrachtet, &#8220;beschränkt auf die zwerghaften Formen, die einzelne Lohnsklaven durch ihre privaten Anstrengungen entwickeln&#8221; können. Sie würden dann nicht zu &#8220;strategisch entscheidenden Basen&#8221; erklärt, was sie nicht sind und nicht sein können. Entscheidend wäre der Klassenkampf, von dem letztlich auch die Perspektive genossenschaftlicher Experimente abhinge.</p>
<p>Die Experimente mit kommunistischen Gemeinwesen sind älter als die Arbeiterbewegung und älter als der Marxismus. Wir können diesen &#8220;Seiteneinstieg&#8221; schon im Mittelalter parallel zu dem der Bourgeoisie beobachten. Die kommunistischen Gemeinschaften der mittelalterlichen Sekten, der Begharden, der Wiedertäufer, der Taboriten usw., sie alle blieben relativ bedeutungslos vor den großen Auseinandersetzungen der frühbürgerlichen Revolution, also vor den Bauernkriegen und der Reformation. Oft wurden sie geduldet als eminent fleißige Arbeitsgemeinschaften (beghardische Wollwebergenossenschaften in Holland). Hatten sie zu großen Zulauf, wirkte ihr positives Beispiel zu arg, so wurden diese äußerst friedliebenden Menschen blutig verfolgt und verjagt, was schließlich zu ihrer Verbreitung führte. Ihre Sternstunden hatten diese kommunistischen Sekten dort, wo der Klassenkampf hohe Wogen schlug, und die unterdrückten Klassen Erfolge hatten. Im Gegensatz zur aufkommenden Bourgeoisie hatten sie alle bisherige Ordnung in Frage gestellt und sich die Beseitigung aller Klassenunterdrückung zum Ziel gesetzt. Dies brachte ihnen die besondere Feindschaft der herrschenden Klassen überall dort ein, wo sie in Folge der allgemeinen Umstände und besonders des Klassenkampfes auf Verallgemeinerung ihrer Arbeits- und Lebensweise drängen konnten. Aus friedlichen kommunistischen Sektierern wurden so entschlossene Avantgarden im Klassenkampf. Karl Kautsky hat das in seinem Werk &#8220;Vorläufer des modernen Sozialismus&#8221; sehr eindrucksvoll geschildert.</p>
<p>Auch diese Variante des &#8220;Seiteneinstiegs&#8221; zum Kommunismus im Mittelalter ist gescheitert. Die besonderen Gründe, die schließlich den Untergang des Kommunismus im ausgehenden Mittelalter erklären, brauchen an dieser Stelle nicht diskutiert werden, weil Joscha Schmierers Strategievorschlag in seiner ganzen Oberflächlichkeit gar keine Reibungsfläche da-</p>
<p>91 &#8212;-</p>
<p>für bietet. Es dreht sich ausschließlich um die Frage des Verhältnisses vom Klassenkampf und von den bestehenden und zu verändernden allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen zu den Keimen einer neuen kommunistischen gesellschaftlichen Formation, die hier und jetzt geschaffen und zu selbständigen Basen ausgebaut werden sollen. In diesem Zusammenhang sind die Lehren der Geschichte eindeutig. Die gemachten Erfahrungen verheißen wenig Gutes, wenn wir auf den einigermaßen ausgelatschten Pfaden von Joscha Schmierer&#8217;s &#8220;Seiteneinstieg&#8221; wandeln. Die Keime der kommunistischen Gesellschaftsordnung sind bisher allemal &#8211; und dies gilt besonders für das Zeitalter des Kapitalismus &#8211; an den allgemeinen gesellschaftlichen Bedingungen gescheitert. Die Rahmenbedingungen für den Aufbau kommunistischer Basen können nur durch den Klassenkampf geschaffen werden. Erst der Sturz der alten Macht schafft die Bedingungen &#8211; nicht die Garantie &#8211; dafür, daß die Keime des Kommunismus aufgehen und wachsen können.</p>
<h4>Klassenkampf und Kapitalakkumulation</h4>
<p>Joscha Schmierer hat nun schon so manches Semester darauf verwandt, den Klassenkampf zwischen Lohnarbeit und Kapital zu studieren. Jetzt läßt er uns wissen, nicht welchen Klassenkampf er selbst, sondern &#8220;wir&#8221; alle gelernt haben.</p>
<p>&#8220;&#8230;Klassenkampf, d.h. streiken und gewerkschaftlich demonstrieren für mehr Lohn und weniger Arbeitszeit &#8230;&#8221; (S. 41).</p>
<p>In Anbetracht dieses &#8220;gelernten&#8221; Klassenkampfes kommt der Stratege Schmierer zu folgenden Feststellungen und Fragestellungen.</p>
<p>&#8220;Der Klassenkampf ist Motor der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, er beschleunigt technische Revolutionen, und technische Revolutionen haben den Sinn, die Stellung der Arbeiterklasse gegenüber dem Kapital zu schwächen &#8230; Gelegentlich erschüttert der Klassenkampf die Gesellschaft bis in die Grundfesten, weil er die Sanierung des Kapitals erschwert. Nur: Wie soll aus diesem Klassengegensatz und Klassenkampf der Umschlag in eine revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft entspringen, da er die polare Abhängigkeit der beiden entgegengesetzten Klassen voraussetzt &#8230;? Wo sollen innerhalb dieses polaren Gegensatzes sich Inhaltspunkte finden oder entwickeln lassen für eine neue Formation?</p>
<p>Mit diesen Fragen hatte die revolutionäre Theorie schon immer größte Schwierigkeiten. Theoretisch sah Marx den Kampf um den Wert der Ware Arbeitskraft als Grundlage an, auf der sich der politische und revolutionäre Klassenkampf relativ spontan entwickelt. Aber wie soll sich aus dem Kampf um den Wert der</p>
<p>92 &#8212;-</p>
<p>Ware Arbeitskraft, der per definitionem und systematisch innerhalb des Kapitalismus verbleibt, die Revolution entwickeln, in deren Verlauf die ganze Gesellschaft umgestaltet werden soll?</p>
<p>Meiner Meinung nach hat Marx dieses Problem nicht gelöst und läßt es sich so auch nicht lösen.&#8221; (S. 36).</p>
<p>Der Wahrheit die Ehre! So läßt sich das Problem in der Tat nicht lösen. Die ganze Sache hat nur einen Haken. Schmierer&#8217;s Grundannahmen über den Klassenkampf und die bürgerliche Gesellschaft sind Konstruktionen eines überhitzten Gehirns und haben mit der Wirklichkeit wenig gemein. Dabei ist er in seinen Schlußfolgerungen nicht einmal konsequent. Wenn der Klassenkampf wirklich bloß Motor der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft wäre, in dessen Resultat die Stellung der Arbeiterklasse gegenüber dem Kapital immer weiter geschwächt würde, dann sollte er ihn konsequenterweise als sinnlos ablehnen.</p>
<p>Schmierer kann die wirkliche, praktische Problemstellung nicht einmal genau benennen, weil er den Klassenkampf erst auf die angeblich von uns allen gelernten Formen zurechtstutzt, um dann seine Fragen zu stellen, auf die es keine Antworten gibt.</p>
<p>Schauen wir uns die Wirklichkeit des Kapitalismus an, so können wir feststellen, daß nicht nur der Klassenkampf Motor der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft ist, sondern daß umgekehrt die bürgerliche Gesellschaft, und in letzter Instanz die kapitalistische Ökonomik, Motor des Klassenkampfes ist. Die Qualität und die Entwicklungstendenz des Klassenkampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital wird nicht zuletzt bestimmt durch die Qualität und den Reifegrad, den die Widersprüche der kapitalistischen Ökonomik erlangt haben. Bei beschleunigter Akkumulation des Kapitals, also unter Bedingungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten als normal kennengelernt haben, werden sicherlich in aller Regel keine anderen Kämpfe auf der Tagesordnung stehen, als die um mehr Lohn und kürzere Arbeitszeit. Doch die Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie erschöpft sich nicht in dieser &#8220;Normalität&#8221;. Das gilt in gleichem Maße für den Klassenkampf. Über mehrere Zyklen hinweg führt die beschleunigte Akkumulation des Kapitals unvermeidlich zu Perioden anhaltender Überakkumulation mit ihren mittlerweile bekannten Folgen, wie Firmenstillegungen, Rationalisierungen und dem dadurch bedingten Anschwellen der industriellen Reservearmee. Der Klassenkampf entzündet sich nicht an eingebildeten, sondern an wirklichen Problemen. Er hört nicht auf, wenn diese Probleme nicht mehr mit mehr Lohn und kürzerer Arbeitszeit gelöst werden können.</p>
<p>In Joscha Schmierers&#8217; eingebildetem Klassenkampf erschwert ein bis aufs äußerste gesteigerter ökonomischer Kampf um mehr Lohn und</p>
<p>93 &#8212;-</p>
<p>weniger Arbeitszeit die Sanierung des Kapitals und erschüttert gelegentlich, sozusagen indirekt, mehr durch die Schärfe der Auseinandersetzung als durch die Ziele der Bewegung, die bürgerliche Gesellschaft bis in die Grundfesten. Im tatsächlichen Klassenkampf finden wir dagegen immer wieder die Entwicklung von &#8220;Keimen&#8221; eines Klassenkampfes, der diese Grundfesten selbst in Frage stellt. Nach dem 78er Streik um die 35-Stundenwoche im Stahlbereich verabschiedete der Vertrauensleutekörper von Mannesmann eine Resolution, in der folgende unglaubliche Verletzung der Prinzipien des von Schmierer gelernten Klassenkampfes steht:</p>
<p>&#8220;Deshalb fragen wir danach, in welcher Zielperspektive unsere tägliche Auseinandersetzung eingebunden sein muß, wenn wir nicht noch ein Leben lang immer wieder aufs neue den Strategien der Kapitaleigner und ihren unmenschlichen Auswirkungen hinterherlaufen sollen &#8230; Müssen wir nicht wieder, wie schon eine Generation vor uns, die Frage stellen, wer produziert zu wessen Nutzen, und daraus den Schluß ziehen, daß wir die Diskussion über die Sozialisierung der großen Konzerne auf die Tagesordnung setzen? Müssen wir nicht über die uneingeschränkte Verfügung der Kapitaleigner, über den technischen Fortschritt, Investition, Produktion, ihr Tempo, ihre Richtung, Strategien und Forderungen entwickeln, die darauf abzielen, daß wir selbst Herr über die Produktion werden?&#8221; (Die ZEIT, Nr. 9, 25.02.1979).</p>
<p>Ich selbst habe in den letzten Jahren zweimal in kapitalistischen Unternehmen gearbeitet, die Pleite gingen. Zuletzt bei der Flanschenfabrik Mönninghoff in Bochum. Als ich dort anfing, lief der Laden noch auf vollen Touren. Von einer klassenkämpferischen Belegschaft konnte weder in der einen noch in der anderen Form die Rede sein. Als die Pleite sich abzuzeichnen begann, setzte in der Belegschaft ein deutlicher Stimmungsumschwung ein, und die Diskussionen verliefen in anderen Bahnen, als bis dahin gehabt. Interessant war die Geschichte auch deshalb, weil die IGM just zu derselben Zeit zu einem jener von Joscha Schmierer gelernten Klassenk(r)ämpfe ansetzte, dem K(r)ampf um die 35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich mit dem Ziel des Erhalts und der Schaffung von Lohnarbeitsplätzen. Die IGM betrieb also genau jene systemimmanente Variante des &#8220;Klassenkampfes&#8221;, die die Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise unangetastet ließ. Für die Belegschaft war klar, daß ihr die 35-Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich kaum helfen konnte. Im Mittelpunkt stand daher die Frage, wie die Produktion weitergeführt werden könnte, um die daran geknüpfte lohnabhängige Existenz zu sichern. Natürlich war dies noch keine Infragestellung von Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise. Die daraus sich ergebenden Diskussionen allerdings warfen zumindestens eine der</p>
<p>94 &#8212;-</p>
<p>wesentlichen Fragen der kapitalistischen Produktionsweise auf, nämlich die nach der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Innerhalb dieser Diskussion wurden die Bahnen des von Joscha Schmierer gelernten Klassenkampfes mehr oder weniger verlassen. Mit Hilfe des vorherrschenden sozialdemokratischen Gedankengutes wurde dem Verlauf der Diskussion Grenzen gesetzt. Die Frage nach der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel bekam eine systemimmanente Antwort. Die spontane Logik der Entwicklung wurde bewußt gebrochen. Es wurde nicht zugespitzt, sondern versöhnt. Die Betriebsbesetzung wurde nicht zu einem Angriff auf das Privateigentum erklärt, sondern zu einer Notwehrmaßnahme zur Verteidigung von Lohnarbeitsplätzen. Das ersonnene &#8220;Belegschaftsmodell&#8221; zur Weiterführung des Unternehmens stellte eine vollständig reformistische Variante zur &#8220;Lösung&#8221; der Eigentumsfrage dar. So wurde aus einer möglichen Schule des Klassenkampfes für weitergehende Ziele ein Stück Erziehung zu neuen Formen der Sozialpartnerschaft.</p>
<p>Ich will damit keineswegs sagen, bei Mönninghoff hätte die Revolution ausgerufen werden sollen. Man kann aber in solchen Konflikten, wie bei Mönninghoff und anderen Betrieben sehen, daß die &#8220;polare Abhängigkeit&#8221; durchaus anders verläuft, als Joscha Schmierer es gelernt hat. Wer sie aus weniger großer Distanz betrachtet als Joscha Schmierer, wird durchaus die &#8220;Anhaltspunkte für eine neue Formation&#8221; finden, nach denen er so vergeblich sucht. Bei Schmierer dreht sich die polare Abhängigkeit von Lohnarbeit und Kapital im Kreis und reproduziert sich ständig selbst. Was er nicht in Rechnung stellt, ist die Zusammenbruchstendenz der Kapitalakkumulation, die eben nicht nur im Tief des Konjunkturzyklus zum Ausdruck kommt, sondern zu längeren Phasen stagnierender Kapitalakkumulation in Folge ungenügender Verwertung führt.</p>
<p>Die Zeit der &#8220;Großen Depression&#8221; in den 30er Jahren ist dafür ein Beispiel, und es gibt mehr als einen Grund zu der Annahme, daß wir bereits drinstecken in einer solchen Phase stagnierender Kapitalakkumulation.</p>
<p>Sicherlich bleibt die Arbeiterklasse auch dann lohnabhängig, wenn sie auf den Posten einer Reserve gestellt wird, und sei es auch zu 40, 50 und mehr Prozent. Von der objektiven Situation her werden dann jedoch andere Fragen in den Mittelpunkt gestellt, als die des &#8220;Kampfes um den Wert der Ware Arbeitskraft&#8221;. Es ist nicht richtig, daß Marx angenommen habe, der politische und revolutionäre Klassenkampf</p>
<p>95 &#8212;-</p>
<p>entwickle sich &#8220;relativ spontan&#8221; auf der Grundlage der Verteidigung des Werts der Ware Arbeitskraft. Die revolutionäre Perspektiven ergeben sich bei Marx im Zusammenhang mit der Entwicklungdynamik der Kapitalakkumulation und eben jenen Zusammenbruchstendenzen, die er im Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate zusammengefaßt hat. Die revolutionäre Perspektive des Klassenkampfes ergibt sich relativ spontan, wo das Kapital die Existenz der Lohnarbeiterklasse nicht einmal mehr in den Grenzen der Lohnsklaverei sicherstellen kann. Bei anhaltend beschleunigter Akkumulation kann der Klassenkampf spontan sich in der Tat nur um mehr Lohn und kürzere Arbeitszeit drehen. Dieser Teufelskreis wird aber durch den Fortgang der Kapitalakkumulation selbst durchbrochen.</p>
<p>Joscha Schmierers immer wiederkehrende Beschwörungsformeln über die marxistische Kritik der politischen Ökonomie als &#8220;schärfste und tiefste Enthüllung der Widersprüche und Entwicklungstendenzen der bürgerlichen Gesellschaft&#8221; werden von mal zu mal durchsichtiger und nichtssagender. Seine Ausführungen im &#8220;Seiteneinstiegsartikel&#8221; offenbaren gerade sein Unverständnis für die Entwicklungstendenzen, die er lediglich als permanente Reproduktion des Kapitalverhältnisses (der Widersprüche) begreift. Die marxistische Theorie ist dabei nicht stehengeblieben. Die Leugnung der Zusammenbruchstendenzen der Kapitalakkumulation war bisher das Vorrecht aller Reformisten. Auf diesen wackeligen theoretischen Boden begibt sich nun auch Joscha Schmierer und macht ihn fruchtbar für die Strategie des Seiteneinstiegs.</p>
<p>Mir scheint im übrigen, daß Joscha Schmierer die reale Entwicklung der Arbeiterbewegung noch immer durch die Brille der ml Bewegung oder des KBW betrachtet. Es fällt da so einiges hintenrunter, was nicht ins Konzept paßt. Zu denken wäre dabei z.B. an die Massenstreikbewegung in Norditalien von 1920, die kaum ins Konzept des gelernten Klassenkampfes à la Schmierer passen dürfte.</p>
<p>&#8220;Trotz eines wesentlichen Anstiegs der Reallöhne von 1918 bis 1920 befand sich die italienische Arbeiterklasse in ständiger Unruhe &#8230; Im späten Juni und Juli 1919 überschwemmten Unruhen wegen der hohen Lebenshaltungskosten das ganze Land, wobei die Massen hunderte Läden in dutzenden von Städten plünderten und die Eigentümer die Schlüssel ihrer Lagerhäuser den Gewerkschaften aushändigten, damit diese die Waren verteilen konnten &#8230;</p>
<p>In Turin brach im April (1920) ein Generalstreik um die Rechte der Gewerkschaften aus. Die Arbeiter hatten in verschiedenen Teilen Italiens Fabriken besetzt und in einigen Fällen auch geleitet, ohne daß dies bereits zu einer koordinierten Bewegung geworden wäre.</p>
<p>96 &#8212;-</p>
<p>Aus den Massenstreiks heraus entwickelten die Arbeiter insbesondere in der Autostadt Turin die Entschlossenheit, die Produktion selbst zu übernehmen &#8230;</p>
<p>Im August 1920 wurden die Lohnforderungen der Gewerkschaft der Metallarbeiter abgelehnt. Die Gewerkschaften hatten kein Geld und waren nicht bereit, einen längeren Streik zu riskieren; sie forderten daher zu einer Aktion &#8216;Arbeit nach Vorschrift&#8217; auf. Die Unternehmer antworteten mit Aussperrungen, und die Gewerkschaft forderte am 01. September zu Fabrikbesetzungen auf, um ihnen zuvorzukommen. Die Arbeiter besetzten hunderte von Betrieben in Mailand und anderen Städten Italiens, einschließlich der meisten Betriebe der italienischen Schwerindustrie. In Turin, dem Schwerpunkt der Bewegung, übernahmen die (seit 1919 gebildeten) Fabrikräte die Betriebsleitung und begannen mit der Produktion unter eigener Verwaltung, während sie den Betrieb gegen Angriffe schützten.&#8221; Jeremy Brecher, &#8220;Streiks und Arbeiterrevolten&#8221;, Fischer Taschenbücher 1975, S. 250ff).</p>
<p>Nach Joscha Schmierer sind solche Formen der Massenstreikbewegung undenkbar unter den Voraussetzungen eines voll entwickelten Kapitalismus, dessen Kern er als Industrialismus beschreibt und der in der reellen Unterwerfung der Arbeit unter das Kapital gipfelt. Bei Schmierer sind die Arbeiter nur revolutionär, &#8220;wenn die ganze Situation revolutionär ist und auf eine Umwälzung hindrängt&#8221;. Das ist richtig und falsch zugleich. Falsch insoweit, als er unterstellt, die Arbeiterklasse konnte nur so lange revolutionär sein, wie es sich um die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise gehandelt hat und der Gegensatz von Lohnarbeit und Kapital noch nicht ausgetragen wurde vor dem Hintergrund des &#8220;entwickelten Kapitalismus auf eigener Grundlage&#8221;. So spricht er auch von den revolutionären &#8220;Volksmassen&#8221;, die sich im 19. Jhd. gegen die Durchsetzung des Kapitalismus wandten. Mit Blick auf das Rußland des 20. Jhd. wird der Widerspruch zwischen &#8220;russischer Gesellschaft und Zarismus&#8221; betont, der die Situation revolutionär werden ließ. Das entwickelte Kapitalverhältnis selbst reproduziert sich bloß ständig selbst, wozu die Klassenkämpfe beitragen. Interessant sind in diesem Zusammenhang Schmierers Hinweise auf die Ausführungen von Marx im Kapital, Bd.1, über &#8220;Maschinerie und große Industrie&#8221;. Er betont, daß es sich hier um Gebrauchswerte handelt, &#8220;in denen sich das Kapital als sich selbstverwertender Wert immer angemessener und vollkommener sachlich verkörpert.&#8221;</p>
<p>Was Schmierer nicht sieht, ist die &#8220;Unangemessenheit und Unvollkommenheit&#8221;, die sich aus dieser Verkörperung für die Verwertung des Wertes ergibt. Was er nicht sieht ist, daß das Kapital damit nicht nur den Arbeiter und die Natur als Quelle des Reichtums untergräbt, sondern zugleich die Bedingungen seiner eigenen Verwertung.</p>
<p>97 &#8212;-</p>
<p>&#8220;In dem Maße aber, wie die große Industrie sich entwickelt, wird die Schöpfung des wirklichen Reichtums abhängig weniger von der Arbeitszeit und dem Quantum angewandter Arbeit, als von der Macht der Agentien, die während der Arbeitszeit in Bewegung gesetzt werden&#8230; Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert das Maß des Gebrauchswertes&#8230; Damit bricht die auf dem Tauschwert beruhende Produktion zusammen, &#8230;(Grundrisse, S. 592,593).</p>
<p>Bei Schmierer entwickelt sich der Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert in der Gestalt des industriellen Kapitals zu immer größerer Harmonie. Bei Marx wird der Widerspruch immer schroffer, je mehr das Kapital die ihm gemäße Gestalt entwickelt. Die durch den entwickelten Kapitalismus erzeugte revolutionäre Krise steht erst noch bevor. Was wir bis jetzt erlebt haben, waren gewissermaßen Vorgeplänkel. Gerade in der Form der jetzt immer stärker zur Anwendung gelangenden Automationstechnologien entwickelt das Kapital jene Gebrauchswerte für die Mehrwertproduktion, die die Möglichkeiten einer weiteren profitablen Verwertung bei ihrer Verallgemeinerung in einem Maße beschneiden, wie das bisher nicht der Fall war. Es werden für den Fortgang der Verwertung des Wertes in dieser Gestalt von &#8220;produktiven&#8221; Gebrauchswerten Schranken errichtet, wie sie größer noch nie waren.</p>
<p>Joscha Schmierer hat recht, wenn er behauptet, die Arbeiterklasse sei nur dann revolutionär, &#8220;wenn die ganze Situation revolutionär ist&#8221;. Was er nicht sieht, oder nicht sehen will, sind jene Entwicklungstendenzen des auf seinen eigenen Grundlagen sich entwickelnden Kapitalismus, die notwendigerweise die revolutionäre Situation heraufbeschwören.</p>
<p>Doch ganz ohne Zusammenbruchstendenz des Kapitalismus kommt auch die Strategie des Seiteneinstiegs nicht aus:</p>
<p>&#8220;Ganz allgemein können die Chancen nicht im Funktionieren, sondern nur in den Verfallstendenzen des kapitalistischen Industrialismus liegen.&#8221;</p>
<p>Woher diese Verfallstendenzen plötzlich kommen, wo alles doch so vortrefflich besorgt ist, das Kapital als sich selbstverwertender Wert eine immer angemessenere und vollkommenere Gestalt im Maschinensystem der großen Industrie erhält, und der Klassenkampf lediglich ein Motor dieser Entwicklung ist, das verrät uns Joscha Schmierer nicht. Wie sagt unser Stratege doch so richtig:</p>
<p>&#8220;Es hat keinen Sinn, sich was im Kopfe auszudenken, statt zu Schauen, ob was sich, wenn auch nur rudimentär, abzeichnet.&#8221;</p>
<p>Hätte er sich bloß daran gehalten. Doch was sich heute &#8220;rudimentär&#8221;</p>
<p>98 &#8212;-</p>
<p>in der Entwicklung des Klassengegensatzes und des Klassenkampfes abzeichnet, das wird nicht wahrgenommen oder zugekleistert, insoweit hier nicht systemreproduzierende sondern systemsprengende Kräfte am Wirken sind. Da denkt sich unser Autor schon lieber was im Kopf aus über die Vollkommenheit des Kapitalismus mitsamt seinen Widersprüchen.</p>
<p>Joscha Schmierers Abschied vom Proletariat ist verschämt und halbherzig. Ein Abschied ist und bleibt es aber trotzdem. Eine wirkliche Alternative zum Klassenkampf kann er uns nicht aufzeigen.</p>
<h4>Die selbstverwalteten Betriebe und die Verwertung des Wertes</h4>
<p>Joscha Schmierers Strategie der Schaffung selbständiger Basen eines wirklichen Emanzipationsprozesses erinnert mich ein wenig an die Strategie der befreiten Gebiete etwa in der chinesischen Revolution. Allerdings entstanden die befreiten Gebiete als Ergebnis von Klassenkämpfen, im besonderen als Ergebnis von militärischen Erfolgen und der Eroberung von politischer Macht in Teilen Chinas. Es liegt mir fern, die Strategie zur Schaffung selbständiger Basen durch den Vorschlag zur Schaffung von bewaffneten Formationen (Volksarmee) zu ergänzen, etwa in der Annahme, das ganze würde dadurch praktikabler. Daß Revolution, die beim alten KBW zunächst einmal bloß politische Machteroberung war, durch Zerbrechen der Staatsmaschinerie, bei Joscha Schmierer sich nun aber ganz auf gesellschaftliche, soziale Evolution reduziert, fällt schon auf. Selbst die Zerbrechung der Staatsmaschinerie, die nach wie vor als notwendig erachtet wird, geschieht allmählich, durch fortwährenden Umbau, bzw. &#8220;Auflösung&#8221;. Die revolutionäre Umgestaltung besteht für Joscha Schmierer &#8220;nicht aus frontalem Zusammenstoß, zentraler Machtübernahme und zentralen Maßnahmen (&#8230;), sondern nur in einem Auflösungsprozeß der Zentralstruktur und in einem Prozeß der Herstellung komplexer kleinerer Einheiten, die sich in Autonomie zusammenschließen&#8221;. Es ist und bleibt das klassische undialektische Denken von &#8220;Entweder-Oder&#8221;. Daß die wirkliche gesellschaftliche Entwicklung beides einschließt, den frontalen Zusammenstoß etc., wie auch den allmählichen Auflösungs- und Umbauprozeß, das kommt gar nicht erst in den Sinn. Die wirkliche Frage ist nicht die des &#8220;Entweder-Oder&#8221;, sondern die Frage nach der konkreten Wechselwirkung zwischen beiden Seiten der revolutionären Umgestaltung. Unabhängig von dieser Wechselwirkung kann es keine</p>
<p>99 &#8212;-</p>
<p>selbständigen Basen des Emanzipationsprozesses geben, schon gar nicht im Bereich der Okonomie. Gerade hier aber hat Schmierer etwas entdeckt:</p>
<p>&#8220;In winzigen Ansätzen hat sich eine Art Neben- und Gegengesellschaft gebildet, die in ihren Projekten Formen der Selbstverwaltung entwickelt. Diese Projekte haben von ihren inneren Verhältnissen her, auch dort, wo sie auf den Markt treten, nicht die Selbstverwertung des Wertes zum Zweck, sondern Versorgung anderer mit Gebrauchswerten und Diensten und Selbstversorgung. Die diversen Projekte sind Bestandteil einer, vor allem städtischen Szene, die sich in verschiedenem Umfang und Grad theoretisch und teils eben auch praktisch den herrschenden Reproduktionsverhältnissen entzogen hat oder zu entziehen sucht.&#8221;</p>
<p>Ich will nicht leugnen, daß diese Projekte praktisch den Versuch unternehmen, sich den herrschenden Reproduktionsverhältnissen zu entziehen. Schon gar nicht will ich leugnen, daß sie sich theoretisch diesen Verhältnissen entzogen haben. Daß der theoretische Entzug hier besonders vermerkt ist, spricht schon Bände darüber, wie weit es mit diesem Entzug her ist. Begründeten sich die selbständigen Basen auf theoretischem Entzug von den herrschenden Reproduktionsverhältnissen, so gäbe es für ihre Ausdehnung keine anderen Grenzen, als die der Überzeugungskraft. Interessant ist aber einzig und allein, wie weit der praktische Entzug schon gegangen ist und noch gehen kann, wo ganz praktisch gesehen die Grenzen liegen.</p>
<p>Der Bericht über das Wintertagetreffen der selbstverwalteten Betriebe in der TAZ vom 28.01.1985 gibt eine Menge Hinweise auf Ausmaß und Grenzen des Entzugs. Immer deutlicher zeigen die Anpassungs- und Auflösungsmechanismen ihre unübersehbaren Folgen in der sogenannten Alternativökonomie, die bei Lichte betrachtet nichts anderes ist, als Warenproduktion auf kleiner Stufenleiter. Die Alternativbetriebe haben exakt die Schwierigkeiten der sonstigen, von Verdrängung bedrohten kleinen Warenproduzenten. Teilweise werden diese Schwierigkeiten mit Hilfe der &#8220;Ideologie der Befreiung&#8221; gemeistert. Manchmal aber steht gerade diese Ideologie einer pragmatischen Bewältigung der Schwierigkeiten im Wege. In der Praxis jedenfalls ist eine andere Entwicklungslogik auszumachen, als die einer zunehmenden Loslösung von herrschenden Reproduktionsverhältnissen. Gerd Nowakowski schreibt in der bereits angesprochenen TAZ-Ausgabe:</p>
<p>&#8220;Daß die Kollektivbewegung in die Jahre gekommen ist, merkt man auch an dem Drang bisher tabuisierte Fragen zu stellen. Besonders bei jenen, die seit langen Jahren der Utopie nachhetzen, sind seit einem Jahr neue Töne aufgetaucht. Zumindest in den größeren und seit Jahren existierenden Betrieben bestimmen die &#8216;Marktwirtschaftler&#8217; die Diskussion, sind Professionalisierung und Effektivität vom Reizwort zur Betriebsmaxime geworden. Wer</p>
<p>100 &#8212;-</p>
<p>lange dabei ist und Kollektivarbeit als Lebensperspektive sieht, ist nicht länger bereit, sich mit den Werbeparolen von fehlender Hierarchie und selbstbestimmter Arbeit zufrieden zu geben &#8230;</p>
<p>Er sei es Leid gewesen, immer nur die Hälfte wie im &#8216;normalen&#8217; Betrieb zu verdienen, dafür doppelt so lange zu arbeiten und den Betrieb nie aus dem Kopf zu bekommen, umriß ein Aussteiger bündig seine Motive.</p>
<p>Die lockere Arbeitsatmosphäre mit ungezwungener Kaffeepause und oftmaligen Plenas hat abgedankt, jetzt sehnen sich viele nach einem abgegrenzten Arbeitsfeld und Arbeitstag, um endlich wieder anderen Dingen nachgehen zu können &#8211; auch politischen Aktivitäten. Effektivere Strukturen und Spezialisierung sind gefordert, Rotation ist längst auf der Strecke geblieben.&#8221;</p>
<p>Brigitte Fehrle überschreibt ihren Teil des Berichtes über das Wintertage-Treffen bezeichnenderweise: &#8220;Mit der Logik des Marktes gegen den Markt&#8221;. Darin wird deutlich, worin zentrale Schwächen gesehen werden und worin die Perspektive erblickt wird. Die Schwächen werden umrissen als &#8220;mangelnde betriebswirtschaftliche Planung, Unkenntnis in der Anschaffung neuer Technologien, fehlende Kostenrechnung im Betrieb, die Scheu, sich mit den Anforderungen des Marktes auseinanderzusetzen und sich darauf einzustellen.&#8221;</p>
<p>Die Chance sieht man im überregionalen Zusammenschluß, und zwar nicht mehr nur der selbstverwalteten Betriebe, sondern auch mit &#8216;normalen&#8217; Handwerks- und Kleinbetrieben, &#8220;die ja letztlich dieselben Probleme wie die kollektiven Handwerksbetriebe haben.&#8221; Wie wahr! Schließlich und endlich ginge es um den gemeinsamen Kampf gegen die industrielle Massenfertigung!</p>
<p>Nicht mehr das Privateigentum an Produktionsmitteln wird hier auf&#8217;s Korn genommen, sondern die industrielle Massenfertigung. Kleinunternehmer aller Länder vereinigt Euch! Der utopische Kommunismus bleibt in den selbstverwalteten Betrieben mehr und mehr auf der Strecke. Das ist kein Grund zum triumphieren, aber es war und bleibt voraussehbar. Die praktizierte Gütergemeinschaft des Kommunismus und die Gebrauchswertökonomie müssen im allgemeinen Milieu der Warenproduktion eine Illusion bleiben. Wenn Joscha Schmierer meint, die Verwertung des Wertes sei nicht Zweck der selbstverwalteten Betriebe, so ist das eben nur richtig, insoweit hier unter Zweck die subjektiven Ziele der Alternativen verstanden werden. Mit diesen subjektiven Zielen ist es aber nicht getan, sie mögen auch bei einzelnen Kapitalisten wohlmeinend sein. Den Kollektivbetrieben werden Zwecke diktiert, die nichts mit ihren subjektiven Zielsetzungen zu tun haben. Sie ergeben sich aus den vorgefundenen und nicht so einfach zu beseitigenden Bedingungen der verallgemeinerten Warenproduktion im Kapitalismus. Wie entwickelt</p>
<p>101 &#8212;-</p>
<p>auch die innerbetriebliche Demokratie, der Kollektivismus in einem selbstverwalteten Betrieb sein mag, der Betrieb selber ist doch nichts anderes, als ein &#8220;individueller Warenproduzent&#8221;. Die Arbeit hier erscheint als unmittelbar vergesellschaftete Arbeit, ist aber gegenüber der Gesamtgesellschaftlichen Arbeit doch bloß Privatarbeit.</p>
<p>Die stofflichen Gebrauchswerte (Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen) der selbstverwalteten Betriebe können im allgemeinen nur über den Markt bezogen werden. Es handelt sich um Waren, die in die alternative Produktion eingehen (Die Frage der menschlichen Arbeitskraft will ich hier nicht diskutieren). Um in den Besitz der materiellen Voraussetzungen für die Produktion zu gelangen, muß Geld somit vorgeschossen werden. Der Wirtschaftskreislauf der Alternativbetriebe verläuft nach dem allgemeinen Grundmuster von Geld-Ware-Geld. Von Geld am Ende, also von mehr Geld, will ich hier erstmal gar nicht sprechen. Aus diesen Grundvoraussetzungen, auch der alternativen Produktion, ergibt sich aber schon, daß unabhängig von subjektiven Zielen der Produzenten der Tauschwert am Anfang und Ende des Kreislaufs steht. In der produktiven Konsumtion der Gebrauchswerte, die dazwischenliegt, handelt es sich also um Erhaltung und vielleicht auch Vermehrung des vorgeschossenen Tauschwertes. Nur wenn am Ende der gleiche oder größere Tauschwert realisiert wird, kann die Produktion auf gleicher oder größerer Stufenleiter fortgesetzt werden. Es mag tausendmal die Versorgung anderer mit Gebrauchswerten das subjektive Ziel der Produktion sein, unter den gegebenen Bedingungen klappt das nur, wenn der vorgeschossene Tauschwert erhalten, bzw. vergrößert wird. Unter der Voraussetzung verallgemeinerter Warenproduktion, von der man sich nicht vollständig abkoppeln kann, gibt es keine Alternative zur Verwertung des Wertes. Der Tauschwert regiert über den Gebrauchswert. Der Tauschwert einerseits, bzw. die Verwertung des Wertes hängt ab von den Gebrauchswerten, die in die Produktion eingehen, letztlich vom Gebrauchswert der Arbeit. Als Warenproduzenten müssen die Alternativbetriebe danach trachten, den Gebrauchswert der Arbeit zu erhöhen (gegen Schlamperei etc., für effektive Arbeitsorganisation, Einsatz von Maschinen, neuer Technologie vor allem). Dieses Muß wird ihnen über den Markt vermittelt, wo sich die Frage stellt, in welchen Mengenverhältnissen die Produkte ihrer Arbeit mit den Produkten von anderer Leute Arbeit getauscht werden. Über den Austausch von Waren auf dem Markt, ohne den die Alternativbetriebe nicht leben können, wird ihre besondere selbstbestimmte, kollektive Arbeit, mit der Arbeit verglichen, die in anderen Waren</p>
<p>102 &#8212;-</p>
<p>steckt. Die so selbstbestimmte, freie Arbeit wird dabei fatalerweise über einen Leisten gezogen mit der fremdbestimmten, unfreien Arbeit, weil beim Tausch nur nach dem Quantum gesellschaftlicher Arbeit gefragt wird, das zur Herstellung der Waren nötig war. Der Tauschwert ist gleichgültig gegenüber dem besonderen Charakter der verschiedenen Arbeiten. Selbstbestimmung und anderes &#8220;Brimborium&#8221; ist nicht gefragt. Über den Austausch auf dem Markt übt die produktivere Arbeit ihr unerbittliches Diktat über die unproduktivere Arbeit aus, gleichgültig, wie befriedigend diese unproduktivere Arbeit für die Produzenten gewesen sein mag. Über den Austausch auf dem Markt erhalten die Alternativbetriebe einen Wink mit dem Zaunpfahl. Sie haben, am gesellschaftlichen Durchschnitt gemessen, zuviel menschliche Arbeit in ihre Produkte gesteckt, wofür sie nun die Quittung, d.h. keinen Gegenwert erhalten. Die Welt steht auf dem Kopf! Die scheinbar vergesellschaftete Arbeit erweist sich als Privatarbeit gegenüber der gesamten gesellschaftlichen Arbeit. Der Markt zeigt den selbstverwalteten Betrieben, daß ihre unmittelbare Vergesellschaftung der Arbeit bloß ein Schein war.</p>
<p>In den selbstverwalteten Betrieben haben sich die Produzenten der unmittelbaren Ausbeutung durch das ihnen fremd gegenüber stehende Kapital entzogen. Trotzdem tragen auch sie ungewollt zur Kapitalakkumulation bei und schaffen Reichtum bei anderen. Ich sprach davon, daß Waren, die überdurchschnittlich viel Arbeit enthalten &#8211; wie das unbestreitbar in Alternativbetrieben der Fall ist &#8211; nicht den entsprechenden Gegenwert im Austausch erhalten. Es muß hier hinzugefügt werden, daß Waren, die mit überdurchschnittlicher Arbeitsproduktivität erzeugt werden, in denen also weniger als die durchschnittlich benötigte Arbeitsmenge steckt, im Austausch durchaus den Gegenwert beanspruchen können, der der durchschnittlich benötigten Arbeitszeit entspricht. Die produktiver arbeitenden Unternehmen erhalten also über den Tausch einen größeren Gegenwert erstattet, als ihnen eigentlich zusteht. Auf diese Art und Weise kommt es zu einer Umverteilung des produzierten Reichtums unter den verschiedenen Warenproduzenten, zugunsten der produktivsten Produzenten. Insofern die Alternativbetriebe in die allgemeine Warenproduktion eingebunden sind, sind sie also auch Teil des Akkumulationsprozesses des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.</p>
<p>In der ökonomischen Realität ist es nicht gar so weit her mit der &#8220;Neben- und Gegengesellschaft&#8221; der selbstverwalteten Betriebe. Der Versuch, sich den herrschenden Reproduktionsverhältnissen zu entziehen, muß meistens schon in Ansätzen stecken bleiben. Die Grenzen</p>
<p>103 &#8212;-</p>
<p>werden durch die allgemeinen Bedingungen der Warenproduktion gesteckt und können erst mit ihr fallen.</p>
<p>Ich bin bei allen diesen Bedenken und Einwänden kein prinzipieller Gegner von selbstverwalteten Betrieben, sondern richte meine Kritik gegen die damit verbundenen Illusionen. Solche Betriebe können größte Not lindern und gute Experimente auf Zeit sein. Der Versuch allerdings, sie zu selbständigen Basen für eine grundlegende Gesellschaftsveränderung auszubauen, muß scheitern. Der kontinuierliche Ausbau dieser Einrichtungen muß unvermeidlich zum Umbau zu stinknormalen kapitalistischen Unternehmen führen, weil sie sich eben dazu ökonomisch behaupten müssen in der kapitalistischen Warenproduktion. Als Experimente auf Zeit, im Zusammenhang mit einer starken politischen und sozialen Bewegung, können sie exemplarisch verdeutlichen, was Kommunismus heißt. Wenn auch in eingeschränkter Form. Dann aber muß der &#8220;Logik des Marktes&#8221; widerstanden werden, was eben über kurz oder lang zu ihrem Ruin führt. Das Ziel, sich im Markt zu behaupten, dürfte niemals oberste Maxime sein. Sie muß oberste Maxime sein, wenn diese Betriebe zu Basen werden sollen, deren Existenz gesichert ist. Kommunismus und Marktwirtschaft lassen sich nicht versöhnen. Man muß sich über kurz oder lang für das eine oder andere entscheiden. Der Ausstieg im Rahmen der Marktwirtschaft ist unmöglich.</p>
<p>Mit seiner religiösen Version des Ausstiegs ist Bahro sicher der reaktionärste, aber auch realistischste Propagandist der Alternative hier und jetzt. In der Tat haben in der Vergangenheit eigentlich nur die religiösen Sektierer sich einigermaßen behaupten können. Bei ihnen war der Kommunismus ebenso Beiwerk, wie bei Bahro. Im Mittelpunkt stand dabei stets die Praktizierung der Glaubensgemeinschaft, selbst um den Preis des größten Verzichts. (Kein Wunder, daß Bahro von Baghwan so angetan ist. Geschäftstüchtigkeit kann man diesen Leuten sicher nicht absprechen. Eine wirklich reizende Alternati ve ist das!). Die religiösen Sektierer, etwa in den USA des letzten Jahrhunderts, waren nicht nur vorbildliche Asketen, sondern auch vorbildliche Arbeits&#8221;tiere&#8221;. Es handelte sich überwiegend um Bauern, die beides gelernt hatten, den Verzicht und die Arbeit. So brachten sie es zum Teil zu erheblichem Wohlstand, scheuten dann allerdings auch nicht vor der Ausbeutungfremder Lohnarbeit zurück. Gott bewahre!</p>
<p>Die utopischen Kommunisten (Fourieristen, Owenisten, Ikaristen) sind alle samt gescheitert, gerade weil sie Kommunismus und nicht Glaubensgemeinschaft wollten.</p>
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		<title>Schwarze Kunst und neue Technik</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 2 (1986)]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Bogner]]></category>

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		<description><![CDATA[Veränderung der Klassenstruktur durch die Anwendung der Mikroelektronik am Beispiel der Druckindustrie [Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 105 &#8212;- Wolfgang Bogner &#8220;In den 90er Jahren dürfte der 1 Gbit-Chip praxisreif sein, der über ein Speichervolumen verfügt, das 75.000 Schreibmaschinenseiten entspricht oder 130 Millionen Zeichen; dies ist das Volumen von 700 Taschenbüchern. 700 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Veränderung der Klassenstruktur durch die Anwendung der Mikroelektronik am Beispiel der Druckindustrie</h3>
<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>105 &#8212;-</p>
<p><em>Wolfgang Bogner</em></p>
<p>&#8220;In den 90er Jahren dürfte der 1 Gbit-Chip praxisreif sein, der über ein Speichervolumen verfügt, das 75.000 Schreibmaschinenseiten entspricht oder 130 Millionen Zeichen; dies ist das Volumen von 700 Taschenbüchern. 700 Taschenbücher gespeichert in einem Chip, der 1 Quadratzentimeter groß ist!&#8221; (PERSPEKTIVEN 2 der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung in Druckindustrie, Papierverarbeitung und Medien, Heft 43, Schriftenreihe der IG Druck und Papier, Stuttgart 1986).</p>
<p><span id="more-308"></span>&#8220;Wir haben eine Schlacht, aber nicht den Krieg verloren&#8221;, kommentierte Peter Heathfield (Generalsekretär der britischen Bergarbeitergesellschaft, NUM) noch zweckoptimistisch am 09. März 1985 die Niederlage der Miners nach etwa einjährigem Streik.</p>
<p>Gut ein Jahr danach stehen arbeitslose Kumpels aus der ehemals so kämpferischen Region Kent, wo seit Streikende etliche Pütts dichtgemacht wurden, wieder Arm in Arm mit einer anderen, ebenfalls kämpferischen und traditionellen Bastion der britischen Gewerkschaftsbewegung in der &#8220;picket line&#8221;. Diesmal mit Druckern, Setzern und anderen Verlagsbeschäftigten aus der Londoner Fleet Street. Rupert Murdoch (&#8220;die Mörderbiene&#8221;), ein mit allen Wassern gewaschener Verleger, hat die Bastion sozusagen im Handstreich genommen.</p>
<p>Etwa 5.000-6.000 Beschäftigte von NEWS INTERNATIONAL, Herausgeber von THE SUN, NEWS OF THE WORLD, TIMES und SUNDAY TIMES, sind seit dem 24. Januar 1986 im Streik. Aber diese 5.000-6.000 sind nicht nur im Streik, sie sind durch Thatchers Antigewerkschaftsgesetze auch inzwischen alle arbeitslos. Währenddessen werden im Londoner Vorort Wapping, wo Murdoch ein neues Druckzentrum bauen ließ, alle vier Zeitungen mit ca. 600 Beschäftigten produziert.</p>
<p>Neben etlichen Journalisten (die dem Aufruf ihrer Gewerkschaft zum Solidaritätsstreik weitgehend nicht gefolgt waren, sowie durch kräftige Lohnerhöhungen regelrecht bestochen wurden)</p>
<p>106 &#8212;-</p>
<p>sorgte was ganz anderes für Überraschung: Mitglieder der auf ausdrückliche Klassenzusammenarbeit eingeschworenen Elektriker(!)gewerkschaft EETPU und andere Angeheuerte, produzieren Nacht für Nacht die o.g. Blätter. Was soll damit einleitend ausgesagt werden?</p>
<p>1. Der besonders im Druckgewerbe, und hier speziell im Bereich der Satzherstellung, ausgeprägte Berufsstolz und die unerschütterliche Überzeugung der Fleet Street-Drucker und -Setzer praktisch unersetzlich und mittels ihrer Gewerkschaften ein nicht zu übergehender Faktor zu sein, wurde nachhaltig erschüttert.</p>
<p>2. Die Streikbruchproduktion wurde und wird von einem Personal getätigt, welches (mit Ausnahme der Redakteure) berufsfremd und durch einige Monate (geheimgehaltener) Schulung an den neu installierten Produktionsmitteln jedenfalls Nacht für Nacht in der Lage ist, die Produktion zu fahren. Technisches Kernstück in Wapping ist ein elektronisches Textsystem der US-amerikanischen Firma ATEX (einer Kodak-Tochter), mit dem die Redakteure den Text druckreif eingeben. Möglicherweise gestalten sie über Bildschirm bereits die komplette Seite (Darüber sind bis jetzt keine Details bekannt geworden). Der Rest der Produktion wird nach Aussagen der NGA (= National Graphical Association) mit herkömmlichen Mitteln, also ohne Spitzentechnologie, bewältigt. Hieran zeigt sich, daß praktisch eine ganze Berufsgruppe, besonders die Setzer, dafür gar nicht mehr notwendig wären. Jedenfalls nicht in der Masse, wie sie in der Fleet-Street beschäftigt waren.</p>
<p>3. Murdochs Handstreich wird trotzdem kein Vorbild für andere Verleger sein. Die rauhbeinige Gangart Murdochs, mit der er dachte &#8220;kurzen Prozeß&#8221; machen zu können, ist doch nicht so ganz aufgegangen. Jedenfalls gelang es den grafischen Gewerkschaften aus der Defensive zu kommen und in der sog. öffentlichen Meinung Sympathie für ihr Vorgehen zu finden. Da die Wirkungslosigkeit des Streiks offensichtlich ist, sind Auslieferungsboykotte, Demonstrationen und vor allem der Aufruf zum Kaufboykott der vier Blätter die hauptsächlichen Kampfformen. Der Verkauf des Massenblattes SUN soll bereits von 4 auf 2 1/2 Millionen gesunken sein (druck und papier Nr. 21/86).</p>
<p>107 &#8212;-</p>
<p>Aber immerhin planen alle anderen Verleger der Fleet Street in den nächsten Jahren den Umzug in neue Druckzentren und verhandeln gegenwärtig mit den Gewerkschaften über die Einführung neuer, besonders rechnergesteuerter Satzeingabesysteme. In diesen Verhandlungen sind die Gewerkschaften zu weitgehenden Zugeständnissen bereit. Personalabbau von 30-40 %, Umschulungen, Lohnkürzungen etc. sind kein Thema mehr.</p>
<p>4. Am Beispiel von NEWS INTERNATIONAL präsentiert sich ein Paradebeispiel für den Niedergang einer traditionsreichen Arbeiterbewegung, die jetzt nur noch retten kann, was zu retten ist. Das über Jahrzehnte lang konservierte Wissen um den besonderen Produktionsablauf auf Seiten der Arbeiter und das ebenfalls zurückhaltende Interesse der Verleger, sich in den konkreten Ablauf der Produktion einzumischen, hatte zu einer Vormachtstellung von Gewerkschaft und Arbeitskraft geführt, welche sich schon sehen lassen konnte: Entlassungen und Einstellungen in den Zeitungsdruckereien der Fleet Street entschied letztendlich nicht das Management, sondern die Gewerkschaft. Ebenso die Installation neuer Technologie, die weitgehend auf Ablehnung stieß. In der Fleet Street wird immer noch im Bleisatz gesetzt und darauf aufbauend gedruckt. Während in sonstigen Druckereien längst Satzcomputer stehen. &#8220;&#8230;die Löhne sind wahrscheinlich die höchsten in Europa, ein Setzer verdient bei einer 4-Tage-Woche, 7,5 Std.-Schicht und 6 Wochen Urlaub durchschnittlich 500 Pfund (= 1.600.&#8211; DM) pro Woche und selbst die Angelernten gehen mit 300 Pfund nach Hause; &#8230;&#8221; (express, 4/86).</p>
<p>5. Der Coup R. Murdochs geht natürlich weiter, als nur um einen Streit über die Einführung neuer Produktionstechnologie. Die Technik wird hier nur konsequent als &#8220;Kampfmittel des Kapitals&#8221; (K. Marx) eingesetzt, um die errungenen Positionen zu zerbrechen.</p>
<p>Aber kehren wir zurück zur eigentlichen Thematik, den Veränderungen in der Klassenstruktur am Beispiel der Druckindustrie. Der kurze Ausflug in die Produktionswelt der Fleet Street sollte nur veranschaulichen, wie schnell es die alte Arbeiterbewegung treffen kann, wenn man sich in seinem Facharbeiterstolz gut eingeigelt glaubte und sozusagen über Nacht zur Reservearmee abqualifiziert wird. Und die alten Kampfmittel, so wird zähneknirschend erfahren, erweisen sich ebenfalls als stumpf!</p>
<p>108 &#8212;-</p>
<p>Kurzporträt der bundesdeutschen Druckindustrie</p>
<p>Die Druckindustrie gehört zur Gruppe der Verbrauchsgüterindustrie. Gemessen am Anteil der Beschäftigten im Vergleich zur Gesamtindustrie arbeiteten dort Ende der 70er Jahre lediglich 2,5%. Vom Gesamtumsatz der Industrie entfielen auf die Druckindustrie 1980 ca. 20,7 Mill. DM, das entspricht 1,8%.</p>
<p>Die Druckindustrie ist immer noch ein Produktionszweig mit relativ hoher Arbeitsintensität. Der überproportionale hohe Anteil der Löhne und Gehälter bestätigt dies. Die Lohnquote liegt mit 28,7% über dem gesamtindustriellen Durchschnitt von 21,5%. Dies ist jedoch nicht nur der hohen Arbeitsintensität geschuldet, sondern auch der spezifischen Beschäftigtenstruktur, dem hohen Anteil insbesondere an Facharbeitern.</p>
<p>Die ökonomische Bedeutung der Druckindustrie ist durch o.g. Zahlenwerte als gering im Rahmen der bundesdeutschen Industrie zu veranschlagen. Die besondere Bedeutung ist eher durch ihre Rolle als Hersteller von gedruckten Informationsträgern zu bestimmen. Stockungen des laufenden Produktionsprozesses (etwa durch einen Arbeitskampf) schlagen sich unmittelbar (wenigstens bis vor kurzem noch) nieder: Es gibt halt keine Zeitung oder Zeitschriften. 1978 und 1984, als in der Druckindustrie Arbeitskämpfe stattfanden, dürfte dem &#8220;interessierten Publikum&#8221; soviel klar geworden sein, daß sich &#8220;Drucker und Setzer gegen die Folgen der neuen Techniken wehren&#8221;.</p>
<p>Tatsächlich ist die &#8220;Arbeitsplatzvernichtung&#8221; ein hervorstechendes Erscheinungsbild der Branche. Von 1970 (Höchststand der Beschäftigten) bis 1984 betrug der Verlust rund 62.000 oder satte 27%.</p>
<p>Abbildung 1: Beschäftigte in der Druckindustrie</p>
<p>(Quelle: Daten, Fakten, Entwicklungen Nr.2, IG Druck u.Papier, Stgt 1986)</p>
<p>109 &#8212;-</p>
<p>SPD-Rau konnte deshalb den Delegierten des kürzlich stattgefundenen 14. ordentlichen Gewerkschaftstages in Essen auch bescheinigen: &#8220;Das Bild hat sich verändert wie sonst höchstens im Bergbau.&#8221; (druck und papier, Nr. 22/86).</p>
<p>Vorreiter dieser Entwicklung waren und sind insbesondere die Mittelund in abgeschwächter Tendenz die Großbetriebe der Druckindustrie. Was in der Druckindustrie Groß-, Mittel- und Kleinbetriebe sind, einschließlich ihrer Entwicklung nach Zu- und Abnahme, zeigt nachstehende Tabelle.</p>
<p>Abbildung 2: Betriebsstrukturen in der Druckindustrie</p>
<p>(Quelle: Daten, Fakten, &#8230;.)</p>
<p>Strukturen und Arbeitsbedingungen in der Druckindustrie</p>
<p>1. Hoher Facharbeiteranteil. Er lag 1984 bei 53% an den Beschäftigten der Druckindustrie (8% höher als in der Gesamtindustrie). Allerdings mit abnehmender Tendenz.</p>
<p>2. Wachsender Anteil von Angestellten. Es wird geschätzt, daß sich deren Anteil in den nächsten 10-20 Jahren auf 50% erhöhen wird. Während der Arbeiteranteil von gegenwärtig knapp 70% auf 50% abnehmen wird.</p>
<p>3. Der Anteil der weiblichen Beschäftigten in der Druckindustrie schwankt zwischen 33-35% seit den 60er Jahren. Langfristig rechnet man mit einer Abnahme, weil insbesondere in von Frauen stark dominier-</p>
<p>110 &#8212;-</p>
<p>ten Bereichen erhebliche Rationalisierungen abzusehen sind (Weiterverarbeitung und Repro).</p>
<p>4. Teilzeitarbeit. 1984 waren 9% der Beschäftigten in Teilzeitarbeitarbeitsverhältnissen beschäftigt. Das sind doppelt soviele wie in der Gesamtindustrie. Überwiegend werden diese Jobs von Frauen erledigt.</p>
<p>5. &#8220;Junge Olympiateams&#8221; könnte man die Fachkräfte der Druckindustrie nennen. Die Altersklassen zwischen 25 und 39 Jahren sind überdurchschnittlich vertreten. Die über 45jährigen sind im Vergleich mit anderen Berufen erheblich niedriger vertreten. Die besonderen Arbeitsbedingungen verlangen ihren besonderen Tribut: Ein Drittel aller Beschäftigten stirbt bereits während der Zeit der Erwerbstätigkeit.</p>
<p>6. Schichtarbeit. Was Schicht und insbesondere, dauernde Nachtschicht für Nachteile bringt, ist hinlänglich bekannt. Die Ausweitung der Schichtarbeit ist für die westdeutsche Ökonomie bekannt. Sie nimmt aber auch über das hohe Maß, welches in der Druckindustrie herrscht und produktionsspezifisch &#8220;begründet&#8221; (Zeitung) wird, weiter zu. In Druckbetrieben arbeiten 72% in Schichtarbeit, 52% davon regelmäßig. In Nachtschicht arbeiten 3l% der Betriebe.</p>
<p>(Quelle: Alle Angaben der Ziffern 1-6 sind entnommen der Broschüre PERSPEKTIVEN 2, Herausgg. vom HV der IG Druck und Papier, Stgt.1986).)</p>
<p>7. Struktur der gewerblichen Beschäftigten</p>
<p>Abbildung 3: Struktur der gewerblichen Beschäftigten</p>
<p>(Quelle:Ökonomisch-Technische Entwicklung und Auswirkungen auf die Beschäftigten in der Druckindustrie und bei Presseverlagen o.O.o.J.)</p>
<p>Die abgebildete Tabelle veranschaulicht das Verhältnis Fach- und Hilfsarbeiter in den verschiedenen Produktionsbereichen der Druckindustrie.</p>
<p>111 &#8212;-</p>
<p>Der Anteil von Hilfsarbeitertätigkeit ist dort groß, wo weitgehend maschinelle Produktion vorherrscht. Wir werden auf diese Tabelle zurückkommen, bei der Besprechung von EDV-gestützter Produktion für den Bereich Satz und Druckformherstellung. Das oben dargestellte Kurzportrait der Druckindustrie soll hier vorerst abgebrochen werden.</p>
<p>Es soll nunmehr um die genauere Darstellung der Veränderung im Produktionsprozeß nebst Auswirkungen auf die Unterordnung der Arbeitskraft unter das Kapital gehen.</p>
<p>Der von Ernst Lohoff in der Nr. 1 der MARXISTISCHEN KRITIK entwickelte Ansatz scheint mir dazu brauchbar zu sein, wenn er u.a. schreibt:</p>
<p>&#8220;Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist erst einmal und wesentlich die Geschichte der Klasse und ihrer Segmente im kapitalistischen Produktionsprozeß und zu ihm.&#8221; (S.57).</p>
<p>Für die Unterordnung der Arbeitskraft unter das Kapital im Druckbereich ist dies auch tatsächlich gesondert darzustellen. Ich beschränke mich dabei hauptsächlich auf die Entwicklung in der Zeitungsherstellung. Sie ist relativ typisch für den Produktionsablauf der Druckindustrie (a: Vorbereitung und Erstellung der Druckvorlage; b: Umsetzung der Druckvorlage in die Druckform; c: Druckvorgang; d: Weiterverarbeitung/Versand/Verteilung) und bietet unter der Besonderheit der raschen Verarbeitung und Herstellung am anschaulichsten Material für die zu verhandelnde Thematik.</p>
<p>Der lange Weg zur reellen Subsumtion</p>
<p>Betrachtet man die Kategorien der formellen und reellen Subsumtion (Unterordnung) der Arbeit unter das Kapital am Beispiel des Buchdrucks (ich verwende den Begriff Buchdruck synonym für das ganze Gewerbe, also Schriftguß/Schriftsatz/Druck, wie er historisch bis zum Ende der Weimarer Republik üblich war. Der gewerkschaftliche Zusammenschluß lautete ebenfalls &#8216;Verband der Buchdrucker&#8217; und umfaßte obige Kategorien, jedenfalls die absolute Mehrheit), so fallen seine Besonderheiten ins Auge.</p>
<p>Der Buchdruck ist kein Zweig der Produktion, den das Kapital sozusagen vorfindet. Er entwickelt sich selbst erst spät als &#8220;hochentwickel-</p>
<p>112 &#8212;-</p>
<p>te und hochspezialisierte Zunft&#8221;. Er wird überhaupt erst spät zur Zunft und zeichnet sich auch dann noch lange durch Exklusivität aus. Seine Urzelle ist der Ein-Mann-Betrieb, der universelle Kenntnisse vom Büttenschöpfen (Papierherstellung) bis zum Preßdruck vereinigt.</p>
<p>Erst Gutenbergs neues System (die fälschlicherweise genannte Erfindung des Buchdrucks um 1440), welches die Mechanisierung der Bücherherstellung und -vervielfältigung zu erschwinglichen Preisen ermöglichte, hebelte den Universalarbeiter langsam aus. Gutenbergs System hat als Folge eine erste Arbeitsteilung und die Grundlage für die Manufaktur geschaffen.</p>
<p>Abbildung 4: Arbeitsteilung beim Buchdruck</p>
<p>(Quelle: Hans-Jürgen Wolf, SCHWARZE KUNST, Ffm, 1981)</p>
<p>Die bis dahin geschaffenen Berufe oder Handwerke werden aber im Fortlauf nicht mehr wesentlich tangiert. Gut 300 Jahre wird in der Art Gutenbergs weitergesetzt und -gedruckt. Dann erst schert sozusagen der Druck aus. Aber die Satzherstellung bleibt davon unberührt. Dabei ist hervorzuheben, daß die &#8220;Gleichgültigkeit&#8221; gegenüber dem Inhalt und den Ergebnissen der Arbeit bei den Beschäftigten der schwarzen Kunst nicht vorherrschend ist. Orthographische und typographische Kenntnisse sind die Voraussetzung für ihren Beruf. Die Besonderheit des Produkts verleiht der dort beschäftigten Arbeitskraft Anerkennung. Er muß Lesen und Schreiben können. Lange Zeitein besonderes Privileg.</p>
<p>Die zweite Welle der industriellen Revolution, die sich auf Kohle, Eisen und Stahl stützt, zieht den Druck in seine Entwicklung. Die aufsteigende Maschinenbauindustrie verändert das Arbeitsmittel Druckmaschine selbst und hat eine Veränderung der Produktionsweise zur Folge. Hier können manuelle Fertigkeiten am besten an die Maschine übertragen werden. (Beispielsweise die per Hand geleistete Zu- und Abführung der Druckbogen, die Ersetzung des Preßvorgangs durch körperliche Kraftanstrengung an die Maschine und dann weiter auf rotierende Zylin-</p>
<p>113 &#8212;-</p>
<p>der). 1812 gelingt der Bau der ersten Schnellpresse. 1814 wird erstmals die TIMES auf solchen Schnellpressen mittels Dampfantrieb gedruckt. 1865 wird in den USA die erste Rotationsmaschine mit Papierrolle, statt Druckbogen, gebaut.</p>
<p>Hier gelingt dem Druckkapital ansatzweise der Übergang von der formellen zur reellen Subsumtion. All die besonderen Fertigkeiten des Druckens aus der handwerklichen Fertigung, die enge Verbundenheit mit der Handpresse, werden nun Stück für Stück auf die Maschine übertragen. Die Unvollkommenheit der Maschinerie freilich beläßt den ausgebildeten Drucker an seinem Posten. Er führt die letztendliche Oberaufsicht über die Maschine, nebst Begutachtung der Druckqualität. Aber technische Störungen kann er in größerem Umfang nicht mehr beheben. Dazu ist ein anderer Spezialist, beispielsweise ein Schlosser, notwendig. Aber dem Drucker zur Seite gestellt sind schon eine ganze Reihe von Hilfskräften, die keine Fachausbildung mehr benötigen, geschweige denn Lesen und Schreiben können.</p>
<p>Nicht so im Satz! Um die Jahrhundertwende kommen auf einen Drucker immer noch sechs Setzer. Was im Satz &#8220;draufgezahlt&#8221; werden muß, kann nun im Druck &#8220;herausgeholt&#8221; werden. Die Konstruktion einer leistungsfähigen Setzmaschine gelingt erstmals 1886 in den USA. Allerdings oder immerhin, war damit vorerst nur der sogenannte &#8220;glatte&#8221; oder Mengensatz in den Griff zu bekommen. Die sogenannte &#8220;Akzidenzen&#8221; (also alles, was nicht Zeile für Zeile ein fortlaufend Gleiches ist), lag weiter wie bisher in der Entscheidung des Handsetzers und seiner Fachqualifikation. Für das sich enorm ausbreitende Zeitungswesen um diese Zeit aber ein wichtiger Fortschritt. (1.500 Buchstaben pro Stunde brachte ein guter Handsetzer im Winkelhaken unter. Durch die neu entwickelte Setzmaschine konnte diese Leistung auf 5.000 Zeichen und später, nach Konstruktionsverbesserungen, auf 6.000-7.000 Zeichen gesteigert werden).</p>
<p>Befürchtungen des alten Setzerhandwerks um die Zukunft des Berufsstandes erwiesen sich als unbegründet, nachdem der &#8220;eiserne Kollege&#8221; gezähmt war. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität wurde durch einen erheblichen Produktionszuwachs ausgeglichen. Ferner konnte um die Jahrhundertwende ein Tarifvertrag ausgehandelt werden, wonach nur Angehörige dieser Berufsgruppe an den neuen Maschinen beschäftigt werden durften. Eine Forderung, die die Drucker nie durchsetzen konnten. Danach wechselten etliche Handsetzer zum Maschinensatz über und wurden noch durch neue technische Qualifikationsmomente (Wartung und Beherrschung der Maschine) aufgewertet.</p>
<p>114 &#8212;-</p>
<p>Klassenmäßig hatte dieser technische Vorwärtsschritt trotz der Mechanisierung auf die Struktur der Arbeit sogar zu einer Besserstellung geführt. Die Maschinensetzer wurden im Laufe der gewerkschaftlichen Entwicklung zu den Schrittmachern der Branche, überrepräsentiert in allen gewerkschaftlichen Gremien. Politisch-ideologisch immer am rechten Flügel der Sozialdemokratie angesiedelt und auf Klassenzusammenarbeit eingeschworen. Radikal nur dann, wenn ihre Privilegien tangiert wurden. Denn sie waren sich bewußt, stellten sie die Maschinen ab, lag die Branche weitgehend darnieder.</p>
<p>War der produktionstechnische Vorteil der Setzmaschine aber erst einmal errungen, war klar, daß die Entwicklung nicht stehen bleiben würde. Gerade die Zeitungsproduktion, die an einen höchstmöglichen Aktualitätsgrad gebunden ist, konnte mit dem Maschinensatz nicht zufrieden sein und auch gar nicht mit der stillen (und gelegentlich auch offenen) &#8220;Erpressung&#8221;, die von den Maschinensetzern selbst ausging.</p>
<p>&#8220;Einer weiteren Erhöhung der Setzmaschinenleistung schien durch die manuelle Bedienung der Tastatur eine natürliche Grenze gesetzt. Eine Lösung eröffnete die schon in den 20er Jahren entwickelte Idee, die Arbeitsgänge Tasten und Gießen an der Setzmaschine zu trennen. Der Schreibvorgang sollte nicht mehr an der Maschine selbst erfolgen. Bei dem auf dieser Grundüberlegung basierenden Teletypesetter-System (TTS), wird der Text auf Perforatoren in Lochstreifen gestanzt (später auch auf Magnetband) geschrieben, die dann die vollautomatische Steuerung der Setzmaschine übernahm. So konnte die volle Leistungsfähigkeit der Setzmaschine ausgenutzt und eine Setzleistung von 20.000 bis zu 25.000 Zeichen pro Stunde erzielt werden.&#8221; (S. Weischenberg, Die elektronische Redaktion, München 1978).</p>
<p>Diese Höchstleistung erreichte das TTS-System in Kombination mit Satzrechnern. Unter vorgegebenen, logischen Regeln der Datenspeicherung und der Programmierfähigkeit erwies sich der elektronische Digitalrechner als ein Mittel, mit dem sich routinisierte geistige Funktionen im Arbeitsprozeß technisieren ließen. In dieser letzten Stufe, in der immer noch auf Bleibasis gearbeitet wurde, konnten nun die restlichen verbliebenen geistigen Tätigkeitsmerkmale wie Silbentrennung und Zeilenausschluß vom Satzrechner übernommen werden. Was blieb, war das fortlaufende Betippen eines Lochstreifens. Damit war de facto keine sonderliche Qualifikation im überkommenen Sinn mehr nötig. Außer die einfache Bedienung der Tastatur. Ab diesem Zeitpunkt begann die schrittweise Liquidierung der Maschinensetzer. Ein Problem bestand aber darin, genügend Arbeitskräfte für die sich schnell ausbreitende Technik zu bekommen. Was lag näher, als einfache Stenotypistinnen anzulernen?</p>
<p>115 &#8212;-</p>
<p>Im April 1959 wurde eine Tarifierung erreicht, worin vereinbart wurde, daß eine Fachkraft der Druckindustrie 225 Anschläge und ein(e) Berufsfremde(r) 280 Anschläge in der Minute zu erbringen hatte. Gleichzeitig wurde durchgesetzt, daß auch den fachfremden Schreibkräften am Perforator der Maschinensetzerlohn zu zahlen sei. Die Verteuerung der Arbeitskraft sollte den Einsatz von fachfremdem Personal bremsen und die betriebliche Stellung des Maschinensetzers absichern.</p>
<p>&#8220;Dennoch gab es erhebliche Probleme, Handsetzer für diese Tätigkeit zu gewinnen. Offensichtlich bevorzugten viele Schriftsetzer weiterhin die Tätigkeit im Handsatz gegenüber der stupiden Arbeit an den Perforatoren, obwohl ein Überwechseln mit einem Lohnzuschlag von 20% verbunden gewesen wäre. Von den Perforatorsetzern waren im Jahre 1962 ca. 50% ausgebildete Schriftsetzer, der Rest Stenotypistinnen.&#8221; (Reister, Profite gegen Bleisatz, Berlin 1980).</p>
<p>Technikgeschichtlich ist dies der Stand Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Ökonomisch stand die Druckindustrie zu diesem Zeitpunkt aber auf wackeligen Füßen, oder genauer, die Akkumulation geriet ins Stocken. Trotz vorübergehender Einsparungen durch die Einführung von TTS u.a. Verfahren, war die Arbeitsproduktivität geringer als im gesamtindustriellen Durchschnitt. Die Lohn- und Gehaltssumme überproportional hoch.</p>
<p>Mit einem offensiven und umfassenden Rationalisierungsprozeß versuchte das Druckkapital zu Beginn der 70er Jahre wieder in die Offensive zu kommen. Eine erste Welle brachte Entlassungen, Verringerung von Löhnen und Sozialleistungen, Ökonomisierung und Intensivierung der Arbeit. 1978 wurde ein Tiefststand der Beschäftigten in der Druckindustrie seit 1970 erreicht.</p>
<p>Eine zweite Welle brachte die Umstrukturierung der Branche durch Konzentration und Arbeitsteilung auf der Grundlage neuer Technologie. Haupteinsatzgebiet für die neue Technologie war die Satzherstellung. Der entscheidende Schritt war der Fotosatz.</p>
<p>&#8220;Diese Maschinen stellen nicht nur ein neues technisches Gerät dar, sondern hierbei handelt es sich um eine völlig neue Technologie, die als Wandel von der heißen zur kalten Satzherstellung charakterisiert wird. Die mechanische Funktionsweise ist durch die Lichtsatztechnik (elektronische Impulse) überwunden.&#8221; (Reister).</p>
<p>Technische Glanzleistung auf diesem Gebiet, die vor allem für Zeitungs- und Zeitschriftenbetriebe von Bedeutung war, ist das rechnergesteuerte Textsystem.</p>
<p>&#8220;Unter rechnergesteuertem Textsystem versteht man die Zusammenfassung aller Arbeitsgänge im Fotosatz in einem Geräteverbund, bestehend aus dem Satzrechner mit Massenspeicherung, der Fotosetzmaschine</p>
<p>116 &#8212;-</p>
<p>sowie weiteren Periphergeräten (Bildschirm, etc.).&#8221; (Reister).</p>
<p>Durch solche Textverarbeitungsmaschinen werden die routinisierten handwerklichen und geistigen Funktionen technisiert.</p>
<p>&#8220;Die wesentliche Steigerung der Arbeitsproduktivität ergibt sich aus der Möglichkeit der direkten und einmaligen Erfassung und Bearbeitung der Daten und Texte an ihrem Ursprungsort über Bildschirm &#8211; oder andere One-line-Erfassungsgeräte. D.h. alle Daten und Texte brauchen nicht mehr wie bisher nochmals in einer gesonderten Produktionsstufe geschrieben bzw. gesetzt oder bearbeitet werden. um die Druckvorlage zu ermöglichen. Sie sind, einmal in das Textverarbeitungssystem eingegeben, für weitere Bearbeitungs- und Verarbeitungsvorgänge verfügbar: (&#8230;) Im traditionellen Fertigungsablauf waren die einzelnen Arbeitsstufen aufeinander aufgebaut und durch materielle Zwischenprodukte (Manuskripte, Lochstreifen, Bleisatz, Korrekturfahnen, Klischees) verbunden. Diese bisher relativ abgeschlossenen Arbeitsstufen, die ihren organisatorischen Ausdruck in der Abteilungsstruktur fanden, werden jetzt aufgelöst. Die Arbeitsstufen und -tätigkeiten werden fließender. Auch der Charakter der Arbeit verändert sich. Die formgebende Tätigkeit, die direkte Arbeit am Produkt bzw. Zwischen- und Teilprodukten wird nun in der technischen Anlage zusammengefaßt und durch elektronische Prozesse ersetzt. Das Textverarbeitungssystem hat die materielle Produktion bis zum Endpunkt der Druckvorlage übernommen. Der Zusammenhang der Arbeitsgänge und die Beziehung der vor- und nebengelagerten menschlichen Tätigkeiten untereinander sind über das technische System vermittelt. Koordination und Kontrolle der auf die im System ablaufenden Prozesse bezogenen Tätigkeiten an den Einzelarbeitsplätzen obliegen einer zentralen Dispositionsabteilung. Waren bisher den vielen einzelnen Aufgaben und Verantwortungsbereichen der Satzherstellung im Rahmen des Produktionsplans breitere Entscheidungs- und Improvisationsspielräume gegeben, so erfolgt mit der Umstellung eine Zusammenlegung von Teilbereichen, eine straffere Organisation der Produktion und eine Zentralisierung der Produktionsplanung, -steuerung und -sicherung.&#8221; (Fietzek/Weber-Deutschmann. Zur Entwicklung der qualitativen Tarifpolitik der IG DruPa. Berlin 1984).</p>
<p>Abbildung 5: Konventionelle Technik &#8211; Neue Technik</p>
<p>(Quelle: Siegfried Weischenberg, Die elektronische Redaktion. Publizistische Folgen der Neuen Technik, München 1978.</p>
<p>117 &#8212;-</p>
<p>Der oben etwas ausführlich geschilderte Einbruch der EDV-gestützten Produktion am Beispiel der Satzherstellung ist natürlich nicht der einzige Bereich in der Druckindustrie, wo dies vollzogen wurde. Kein Bereich ist davon inzwischen ausgenommen. Nur Tempo und Umfang variieren. Das Beispiel der Setzer wurde gewählt, weil sie über lange Zeit hinweg die Kadertruppe der Druckindustrie stellten. Diese Rolle haben heute unzweifelhaft die Drucker übernommen. Allerdings unter ganz anderen Bedingungen, wie sie die Setzer historisch errungen und lange verteidigen konnten. Der 1984er Streik hat ihre Streikteilnahme als nicht mehr wesentlich ins Gewicht fallend gezeigt. Mit den oben beschriebenen Satzsystemen war durch Redakteure, Büroschreibkräfte einschließlich Meistern/Vorarbeitern zwar keine komplette Satz- und Anzeigenverarbeitung zu schaffen, aber doch oftmals 12-16seitige &#8220;Notausgaben&#8221; (die diesen Namen schon gar nicht mehr verdienen), während man sich früher bei einem Streik damit begnügen mußte, maschinenschriftliche Aushänge in den Zeitungsvitrinen anzubieten.</p>
<p>Entscheidend ist heute der Druck geworden. Eine Zeitungsrotation mit Unterbesetzung anlaufen zu lassen, bekam das Kapital noch in den Griff. Einen STERN oder SPIEGEL im Tiefdruck in Gang zu setzen, jedoch noch nicht. Aber bekanntlich ist 1984 kein SPIEGEL, kein STERN oder sonst eine dieser Zeitschriften jemals ausgefallen. Dank der sogenannten &#8220;flexiblen Kampftaktik&#8221;.</p>
<p>Freilich ist es nicht so, daß die Gruppe der Setzer praktisch über Nacht aus der Druckindustrie verschwunden wäre. Womöglich die letzte Schlacht dürfte 1978 mit der Tarifierung der rechnergesteuerten Systeme gelaufen sein. (Erzwungen durch Arbeitskampf). Ergebnis war wiederum die Vereinbarung, daß die neuen Arbeitsplätze den ehemaligen Maschinensetzern vorrangig zustehen. Allerdings wurde ihr Status in Angestellte umgewandelt und die Arbeitsplatzgarantie nicht ins Blaue hinein gesichert. Der Tarifvertrag sieht vor, daß die Schriftsetzer für acht Jahre ein Vorrecht auf die Besetzung der neuen Arbeitsplätze in der Textverarbeitung haben. Die Besetzungsregelung gilt für einen Zeitraum von acht Jahren nach der Umstellung, mindestens bis 1986 und längstenfalls &#8211; wenn die Umstellung 1988 erfolgt &#8211; bis zum Jahre 1996 (§ 20 RTS-Tarif).</p>
<p>Noch ein weiteres Folgeproblem der rechnergesteuerten Satzsysteme wurde mit dem neuen Tarifvertrag äußerst vage umschrieben: Die Arbeit der Redakteure an den Bildschirmen. Mit den rechnergesteuerten Satzsystemen war natürlich klar, daß diese nicht nur die Arbeitsplätze und -bedingungen der Setzer betraf. Hier konnte ein weitverzweigtes Netz</p>
<p>118 &#8212;-</p>
<p>von Eingabestationen errichtet werden. Außenredaktionen, Nachrichtenagenturen, Anzeigenschalter, die Redaktionen in den Verlagsgebäuden &#8211; alle geben ihre Texte und Daten ein.</p>
<p>Die Textverarbeitung durch die Redakteure regelt der § 15 des RTS-Tarifs. Dort wird dem einzelnen Redakteur die Entscheidung zugeschoben, ob er an dem rechnergesteuerten Textsystem arbeiten will oder nicht. Weigert er sich jedoch, oder ist er gesundheitlich zu einer solchen Arbeit nicht in der Lage und kann der Verlag nachweisen, &#8220;daß ihm ein entsprechender Arbeitsplatz nicht zur Verfügung gestellt werden kann&#8221; (§ 16), so ist eine Entlassung zulässig. Die Angst vor dem drohenden Arbeitsplatzverlust wird die Bereitschaft der Redakteure zur Bildschirmarbeit zwangsläufig entstehen lassen.</p>
<p>Die Auswirkungen der elektronischen Satzherstellung sind aber nicht nur für die unmittelbaren Produzenten (z.B. der Setzer) spürbar. Die Redakteure selbst sind mehr und mehr einer Arbeitsteilung unterworfen. So schreibt die IG Druck und Papier in einer Untersuchung mit dem Titel: &#8220;Ökonomisch-technische Entwicklung und Auswirkungen auf die Beschäftigten in der Druckindustrie und bei Presseverlagen&#8221;:</p>
<p>&#8220;Die neue Technik hat für die Redakteure zu einer Aufgabenerweiterung geführt. Sie müssen zusätzlich zu ihrer journalistischen Arbeit technische Aufgaben übernehmen, wie die Eingabe von Satzanweisungen und die Korrektur am Bildschirm. In einigen Verlagen wurde die Abteilung Textkorrektur abgeschafft, ihre Aufgaben müssen die Redakteure mit übernehmen. Ihnen wird damit zusätzlich Verantwortung aufgebürdet.</p>
<p>Die Erweiterung des Aufgabenfeldes bringt die Redakteure unter Zeitdruck. Das hat zur Folge: Es wird weniger vor Ort recherchiert, die Neigung zur Übernahme vorgefertigter Agentur-Meldungen wächst.</p>
<p>Bisher kann keine Rede davon sein, daß die neue Technik den Redakteuren mehr Zeit für journalistische &#8220;Kreativität&#8221; &#8211; ein in diesem Zusammenhang gern gebrauchter Begriff &#8211; läßt. Im Gegenteil, die neue Technik hat mehr Zwänge gebracht als alte abgebaut. Die Zunahme der technischen Aufgaben bedeutet eine Beschneidung der inhaltlichen Arbeit und damit die Gefahr der Dequalifizierung, die durch einige neu erworbene und meist bruchstückhafte Kenntnisse des technischen Systems nicht aufgefangen wird.</p>
<p>Daneben ist der Trend zur Aufsplitterung journalistischer Tätigkeiten zu beobachten. Die einen recherchieren und schreiben wie bisher, die anderen üben weitgehend technische Arbeiten aus.&#8221; (ebenda. Band 1, S.74/75).</p>
<p>Kurzfristig ist der Arbeitsplatzabbau im Bereich der Satzherstellung, im Vergleich zum Aderlaß der 70er Jahre etwas verlangsamt. Fluktuation und Abgänge werden dabei aber in der Regel kaum mehr ersetzt. Mittelfristig dürfte die Entwicklung auf die weitere Reduzierung dieser Gruppe hinauslaufen. Alle Paradebeispiele von Zeitungsdruckereien, die auf diversen Fachmessen und -tagungen referiert werden, berichten vom</p>
<p>119 &#8212;-</p>
<p>gänzlichen oder erheblichen Ausschalten des Satzbereichs in diesen Betrieben. Die sogenannten Textseiten werden dort dann vollständig von der Redaktion erstellt. Die Anzeigenseiten gleich am Schalter von Stenotypistinnen mittels sogenannter standardisierter Masken erledigt. Diese &#8220;Superbetriebe&#8221; können natürlich nicht als Branchendurchschnitt verallgemeinert werden. In der Regel ist solchen Vorgängen ein rigoroses Vorgehen von Verlegerseite gegenüber der Arbeitskraft vorausgegangen, oder es sind Blätter, die neu auf den Markt gebracht werden und gleich mit den modernsten Systemen die Produktion beginnen, ohne erst groß Satzabteilungen u.ä. aufzubauen.</p>
<p>Die Hauptwelle der Rationalisierungen auf Basis der Mikroelektronik wird in den kommenden Jahren hauptsächlich die Bereiche Bildreproduktion und vor allem die Weiterverarbeitung treffen. Im ersteren Bereich ist noch ein großer Anteil von Facharbeitern konzentriert (1980 ca. 80%). Das Verhältnis Fachkräfte:Hilfskräfte ist in den Reproabteilungen und -betrieben 4:1. Die IG Druck und Papier rechnet mit einer Reduzierung bis in die neunziger Jahre auf 2:1.</p>
<p>Ähnlich wie in der Satzherstellung, war und ist die Bildreproduktion (also die Aufbereitung von Bildern jeglicher Art für den Druck durch Zerlegung der verschiedenen Ton- und Farbabstufungen mittels Raster) ein Feld ausgedehnter Facharbeitertradition (Chemigrafen, Retuscheure, Lithografen, Reprofotografen etc.).</p>
<p>Zwar konnte seit den 60er Jahren mit Hilfe standardisierender Hilfsgeräte eine gewisse Abkehr von der lange Zeit vorherrschenden, ausschließlich auf Berufserfahrung basierenden Produktionsweise eingeleitet werden. Aber im Kern blieb die Bildreproduktion personal-, zeit- und materialaufwendig.</p>
<p>Auf Basis der Computertechnologie bot sich jetzt erstmals die Chance, die gesamtindustrielle Technisierung, Standardisierung und Verwissenschaftlichung in breitem Umfang auch für die Bildreproduktion nützlich zu machen. Kernstück dieser Entwicklung waren Scanner, die zuerst die aufwendigste Reproarbeit (Erstellung von Farbreproduktionen, sowie die vor- und nachgelagerte Retusche und chemische Korrektur) standardisieren halfen. Im Scanner werden die manuellen Tätigkeiten und Arbeitsschritte eines Reprofotografen und Lithografen vereinigt und ausgeführt. Die früher durch lange Berufserfahrung gewonnene Sicherheit in der Auswahl und Beurteilung mannigfaltiger Arbeitsschritte und Hilfsmittel werden jetzt durch exakte Meß- und Kontrolldaten ersetzt, die der Scanner mittels Rechner in Belichtungs- und Korrekturbefehle umsetzt und ausführt.</p>
<p>120 &#8212;-</p>
<p>Auch für die Schwarz/Weiß-Reproduktion sind inzwischen solche Scanner entwickelt und im Einsatz.</p>
<p>Die Erfolge lagen einmal in der raschen Zunahme der Produktionsgeschwindigkeit. Zum zweiten in der exakten Qualität der Ergebnisse, die jederzeit wiederholbar ist und zuletzt in der Materialersparnis.</p>
<p>Weiterentwicklungen haben die sogenannte Elektronischen Bildverarbeitungssysteme (EBV) gebracht, wo gleich mehrere Bilder oder Dias zu einer kompletten Seite (nebst gestalterischen Sonderwünschen) an einem Bildschirm montiert werden können. Diese Arbeit muß bei den herkömmlichen Scannern noch durch manuellen Arbeitseinsatz vorgenommen werden. Weiter geht es jetzt darum, die Verbindung von Satz und Bildverarbeitung in einem integrierten elektronischen System anzubieten: Die integrierte elektronische Vorstufe!</p>
<p>Abbildung 6: Integrierte elektronische Vorstufe</p>
<p>(Quelle: Abb. aus PERSPEKTIVEN 2 &#8230;)</p>
<p>121 &#8212;-</p>
<p>Legende: Integrierte elektronische Vorstufe</p>
<p>Links oben: Mittels Datenfernübertragung (DFÜ) können von einem beliebigen Ort Reporter Artikel auf einem tragbaren Textcomputer eingeben und durch ein Telefon über akustische Koppelung Texte in das Redaktionssystem eingespeist werden. Ebenso können diverse Lokalredaktionen über installierte Bildschirme Artikel übertragen.</p>
<p>Ferner bieten Presseagenturen aufbereitete Meldungen an, die direkt übernommen werden können.</p>
<p>Rechts oben: Das gleiche kann mit Bildmaterial gemacht werden. Der Satlight ist ein tragbarer Scanner mit dem Dias am Ort des Geschehens mittels Datenleitung an weit entfernte Redaktionen überspielt werden können.</p>
<p>Elektronisches Fotografieren (Mavica) ist ein Fotoapparat, der seine Bilder nicht mehr auf Film, sondern auf einen Chip speichert. Die Weiterverarbeitung dieser Bildinformation auf EDV-Basis ist der nächste Schritt.</p>
<p>Darunter liegende Systeme: Die oben erstellten Texte und Bilder fließen alle im Redaktionssystem zusammen und werden abgespeichert. Einmal für den Nachrichtenteil, z.B. einer Zeitung. Hinzu tritt das Anzeigensystem, in dem alle Anzeigenaufträge gesammelt sind und das Reprosystem für alle Bildinformationen. (Als Ergänzung ist noch ein Grafiksystem angeschlossen).</p>
<p>Alle Teilsysteme werden nun für den Ganzseitenumbruch (= Zeitungsherstellung) abgerufen und mittels Bildschirm zu druckreifen Seiten (Text, Bilder, Grafiken und Anzeigen) aufbereitet (Elektronische Bogenmontage = Zeitschriften). Die so aufbereiteten Seiten oder &#8220;Bogen&#8221; können nun für das jeweilige Druckverfahren auf einen Druckträger übertragen (belichtet) werden. Dann kann der Rotationsdruck einsetzen.</p>
<p>Für die konkrete Arbeit im Bereich der Bildreproduktion hat die Anwendung der Mikroelektronik zuerst einmal die Folge der Eliminierung zahlreicher Einzelberufe gehabt sowie die Einebnung verbliebener, deren</p>
<p>122 &#8212;-</p>
<p>konkrete Tätigkeit jedoch von der Maschinerie (meist dem Scanner) übernommen wurde. Wer die Chance hatte, an solchen Geräten ausgebildet zu werden, konnte eine besondere Art von Qualifikation erreichen, er ist jetzt ganz banal erst einmal Bediener einer Maschine, für die ihm aber seine früheren Berufserfahrungen nützlich waren. Scannerpersonal gehört mit zu den bestbezahltesten Gruppen der Druckindustrie. Wenn möglich, wurde der Rest umgeschult und für nachfolgende Montage- und Korrekturarbeiten eingesetzt. Wer da nicht mehr unterkam, hatte Pech. Die IG Druck und Papier schätzt einen Verlust von ca. 6.000 Arbeitsplätzen im Bereich Repro zwischen 1980-1985.</p>
<p>Dieser Abbau wird mit der weiteren Installation der o.g. EBV-Anlagen eher zunehmen. Bildreproduktion ist vor allem eine Domäne von Kleinst- und Kleinbetrieben, die vielfach für grafische Großbetriebe Aufträge erledigen. Hier dürfte das Aus etlicher Klitschen vorprogrammiert sein.</p>
<p>Abbildung 7: Zentrale Repro</p>
<p>(Quelle: druck und papier, 5/6)</p>
<p>Abbildung 8: 70 arbeitsplätze weniger</p>
<p>(Quelle: Aus einem Bericht des Betriebsrates der Tiefdruckerei Broscheck in Hamburg, druck und papier, Nr. 18/86)</p>
<p>123 &#8212;-</p>
<p>Prognosen</p>
<p>Relativ spät hat die Druckbranche der gesamtindustrielle Umwälzungsprozeß erreicht, dann aber umso nachhaltiger! Die Möglichkeiten der Umwälzung sind dabei noch längst nicht ausgeschöpft. Das Druckkapital will mit einer Altlast aus tarifpolitischen Erfolgen der Vergangenheit aufräumen. Dazu gehörte überhaupt erst einmal, die traditionell ausgeprägte Sozialpartnerschaft zwischen Kapital und Arbeit aufzukündigen. Dies geschah spätestens in den 70er Jahren, einseitig von Seiten des Kapitals. Was auf der anderen Seite zu einer gewissen Radikalisierung der IG Druck und Papier führte. Die für westdeutsche Verhältnisse relativ schnelle Abfolge von längeren Arbeitskämpfen ist die Widerspiegelung der in den Betrieben vorsichgehenden technologischen Veränderungen die jedesmal zur Beschneidung errungener Vorteile hinauslaufen sollte. (1976 Streik für Lohn- und Gehaltserhöhung, 1978 erstmals für Arbeitszeitverkürzung und zur Tarifierung der rechnergesteuerten Satzsysteme, 1984 nochmals AZV und neue Lohnstruktur).</p>
<p>Seit 1978 sind die Auseinandersetzungen aber hauptsächlich Defensivkämpfe. Der dauernde Kleinkrieg spielt sich sowieso immer zwischen Friedenspflichtphasen ab. Bis auf Veränderungen in der Produktion reagiert werden kann, um wenigstens eine tarifvertragliche Festschreibung der veränderten Wirklichkeit zu erreichen, sind meistens die Veränderungen in den Betrieben schon passiert. Dazuhin ist das Druckkapital ein Meister der Verzögerungstaktik geworden.</p>
<p>Vieles, was früher in der Druckbranche verpönt und &#8220;nicht standesgemäß&#8221; erschien, hat sich langsam etabliert. In den größeren Betrieben zuerst. Typische Managements; statt der alten Stechuhr die wesentlich effektivere Methode von Personalinformationssystemen (PIS); die effektive Verfolgung der Auftragsabläufe über die Bildschirme; Rationalisierungsforschung und die Anwendung dieser Ergebnisse auf die endlich gewonnene wissenschaftlich-technische Standardisierung in der Produktion.</p>
<p>Die im Mai 1986 stattgefundene DRUPA-Messe in Düsseldorf, übrigens der Welt größte Fachmesse für die Druckindustrie, vermeldete eine Rekordbeteiligung an Ausstellern, Besuchern und Auftragsbestellungen(!).</p>
<p>Zwar wurde keine revolutionäre Neuerung an sich vorgestellt, aber endlich die serienmäßige Vollendung verschiedener Produktionsanlagen und -systeme, die bisher als noch nicht praxisnah genug und ausgereift galten.</p>
<p>124 &#8212;-</p>
<p>Der IG Druck und Papier-Hauptvorstand prognostizierte auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf den Verlust von ca. 100.000 Arbeitsplätzen in den nächsten 15 Jahren für die Druckindustrie und die Papierverarbeitung. Beltz-Rübelmann vom Bundesverband Druck dagegen meinte: &#8220;Die Prognosen sind abenteuerlich, die Zahlen schlichtweg erfunden.&#8221; Und: &#8220;Ich bin überzeugt, daß der Beschäftigungsstand erhalten bleibt. Dafür stehe ich!&#8221;</p>
<p>Jedenfalls kann nach den eingegangenen Bestellungen auf der DRUPA von einer erneuten starken Investitionsneigung ausgegangen werden, die zum Ziel hat, noch schnellere und rationellere Auftragserledigung anzubieten sowie die lebendige Arbeit weiter zu reduzieren.</p>
<p>Abbildung 9: Investitionstätigkeit und Lohnentwicklung Druckindustrie</p>
<p>(Quelle: Daten, Fakten, Entwicklungen 2 &#8230;)</p>
<p>Die Folge wird letztendlich eine enorme Überkapazität von Produktionsanlagen sein, die den mörderischen Konkurrenzkampf weiter zuspitzt. Die sogenannten &#8220;Marktreserven&#8221; sind abei noch nicht ganz ausgeschöpft, siehe z.B. den Springer-Konzern. Mit der &#8220;Trägerrakete&#8221; (so Vorstandsvorsitzender Peter Tamm) BILD konnte sich BILD DER FRAU zur Nummer 1 der Frauenpresse hinaufkatapultieren (2,4 Mill. verkaufte Auflage), ferner AUTO-BILD (1 Mill.) sowie BILDWOCHE, ein Auflagengewinner im Markt der Programmzeitschriften. Die Trägerrakete selber, also die BILD-ZEITUNG wird weiter regionalisiert und erscheint inzwischen in 24 redaktionell eigenständigen Ausgaben. Ihre Auflage liegt m.W. bei</p>
<p>125 &#8212;-</p>
<p>über 4 Mill. verkauften Exemplaren! Solche Bestrebungen sind bei den anderen Konzernen (Bauer, Burda, Gruner+Jahr) ähnlich. Im Rahmen dieser Strategie, die besonders hart im Tiefdrucksektor ausgetragen wird (Der Tiefdruck umfaßt alle die Produkte, die in Millionenauflage erscheinen und ein Mindestmaß an gedruckter Qualität aufweisen.), haben bisher zwei Konkurrenten ins Gras gebissen: In Westberlin die Tempelhofdruckerei und in München die Firma Thiemig. Der Tiefdruck-Elefant, Bauer-Druck, hatte bisher als einziger fünf Druckwerke mit der Überbreite 3 m laufen. Bis 1988 sollen 35 solcher Druckwerke installiert sein. Solche Milliardeninvestitionen müssen rund um die Uhr laufen. Nicht umsonst die Absicht des Druckkapitals, jede Chance zur Flexibilisierung der Arbeitskraft zu nutzen. Der neue Manteltarif in der Druckindustrie, dessen Kern die 38,5-Std.-Woche bildet, hat tatsächlich Neuland erbracht. Schneller als die IG DruPa hier schalten konnte, wurde den Betriebsräten die Pistole auf die Brust gesetzt; entweder Ausdehnung der Schicht &#8211; und Einführung der Samstagsarbeit (6-Tage-Woche), oder wir müssen den Laden dicht machen. Gruner+Jahr hat den ersten Einbruch erzielt! Bauer-Druck hat ähnliches verlauten lassen &#8230; Die Crux des Manteltarifvertrags besteht gerade darin, statt einheitliche Regelungen für die ganze Branche verbindlich zu machen, jedem Betrieb Sonderregelungen der AZV zuzugestehen!</p>
<p>Während der Bundesverband Druck den Tarifabschluß als ein &#8220;Ende der starren Arbeitszeitregelung&#8221; feiert und die großen Betriebe vorerst (aber nicht nur!) danach verfahren, jubelte die IG DruPa den Abschluß in den Himmel, was ihr selbst in den Leserbriefspalten von &#8220;druck und papier&#8221; herbe Kritik (&#8220;Scheißdreck als Bonbon verkauft&#8221;) eintrug.</p>
<p>Der ersten Euphorie ist inzwischen auch in der Stuttgarter IG DruPa-Zentrale eine gewisse Ernüchterung gefolgt. Kampf der weiteren Flexibilisierung wurde als Parole ausgegeben, angesichts der alles andere als rosigen Erfahrungen bei der Umsetzung der 38,5-Std.-Woche. Hauptinhalte der 87er Tarifrunde soll deshalb der 7-Std.-Tag an 5 Arbeitstagen (Ausnahme: 3-Schichtbetriebe und Nachtarbeit) sein, weil eben die Forderung nach der 35-Std.-Woche, dies zeigte jedenfalls die 38,5-Std.-Woche, noch lange nicht den Betroffenen zugute kommen mußte. Ferner eine Sonderverkürzung der Arbeitszeit für die in 3-Schichtbetrieben Beschäftigten um 2 1/2 Stunden, weil sie bei der 38,5-Std.-Woche vielfach um ihre bis dahin bezahlten Pausen oder Überlappzeiten geprellt wurden. Und last, not least ein Tarifvertrag zur Fort- und Weiterbildung, ein bescheidener Wurmfortsatz der 1984er Forderung nach Mitbestimmung der Betriebs-</p>
<p>126 &#8212;-</p>
<p>räte bei der Einführung neuer Technologie (Vetorecht!), der aber damals sang- und klanglos auf der Strecke blieb. Also ein &#8220;hochaktueller Beitrag&#8221; zur Umschulung der gebeutelten Straubinger, nachdem der eiserne Besen der Rationalisierung schon seit Mitte der 70er Jahre durch die Betriebe der Branche fegt. Mindestens ein ordentlicher Rationalisierungsschutz täte da eher Not!</p>
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		<title>Leserbrief zu Krise des Tauschwerts</title>
		<link>http://www.krisis.org/1986/leserbrief-zu-krise-des-tauschwerts</link>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 2 (1986)]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 127 &#8212;- Anmerkungen zu Robert Kurz: &#8220;Die Krise des Tauschwerts&#8221; &#8211; eine konstruktive Polemik (s. MK Nr. 1) Ich hab&#8217; die Sach&#8217; schon lang heraus. Das Astralfeuer des Sonnenzirkels ist in der goldenen Zahl des Orions von dem Sternbild des Planetensystems in das Universum der Parallaxe mittels [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>127 &#8212;-</p>
<h4>Anmerkungen zu Robert Kurz: &#8220;Die Krise des Tauschwerts&#8221; &#8211; eine konstruktive Polemik (s. MK Nr. 1)</h4>
<p><span id="more-309"></span></p>
<blockquote><p><em>Ich hab&#8217; die Sach&#8217; schon lang heraus. Das Astralfeuer des Sonnenzirkels ist in der goldenen Zahl des Orions von dem Sternbild des Planetensystems in das Universum der Parallaxe mittels des Fixstern-Quadranten in die Ellipse der Ekliptik geraten; folglich muß durch die Diagonale der Approximation der perpendikulären Zirkeln der nächste Komet mit der Welt zusammenstoßen. Die Berechnung ist so klar wie Schuhwix. Freilich hat nicht jeder die Wissenschaft so im klein&#8217; Finger als wie ich; aber auch der minder Gebildete kann alle Tag&#8217; Sachen genug bemerken, welche deutlich beweisen, daß die Welt nimmer lang steht. </em>(J.N. Nestroy)</p></blockquote>
<blockquote><p><em>Das objektive Heraustreten der gesellschaftlichen Produktion aus den Grenzen der fiktiven &#8220;Wertgegenständlichkeit&#8221; muß sich früher oder später auch an der erscheinenden Oberfläche mit voller Wucht bemerkbar machen. &#8230; Das Kapital, das die &#8220;miserable Grundlage&#8221; (Marx) des Reichtums als Ausbeutung lebendiger Arbeit als Wesenskern hat und diese Grundlage gleichzeitig durch seine eigene Bewegung auflöst, wird und muß mit aller Gewalt versuchen, den &#8220;Wert als Wert&#8221; zu erhalten, d.h. die leer werdende, ihres gesellschaftlichen Inhalts beraubte Form als allgemeine Verkehrsform weiterlaufen zu lassen. Das muß katastrophale gesellschaftliche Kollisionen zur Folge haben. </em>(R. Kurz)</p></blockquote>
<p>Der Artikel &#8220;Die Krise des Tauschwerts&#8221; befaßt sich ausführlich mit der in stofflicher Hinsicht produktiven, wertmäßig &#8220;aber&#8221; unproduktiven technologischen Arbeit. Ihm liegt eine Auffassung über das Wesen des Werts zugrunde, die hier auf ihre Korrektheit zu prüfen ist.</p>
<p>128 &#8212;-</p>
<p>Die im Aufsatz angesprochenen Beziehungen von Wert und Stoff zur kapitalistischen Krise werden im Anhang in einem etwas allgemeineren Rahmen behandelt. Die Kurz&#8217;schen Prophezeiungen stehen in der Tradition der marxistischen Krisentheorie, die die gleichen Fehler aufweist: Verabsolutierung des Werts und Vermengung von wertmäßigen und stofflichen Aspekten. Die Dualität beider Sphären wird zwar stets beteuert, in den kühnen Berechnungen aber einfach unterschlagen. Hierfür hat der Meister selbst ein trauriges Beispiel geliefert, als er der Nachwelt das Theorem der fallenden Profitrate (die einmal ganz schön hoch gewesen sein muß) hinterließ.</p>
<p>R. Kurz charakterisiert die naturwissenschaftliche Arbeit zutreffend als nicht-wertbildend. Im Zug des wissenschaftlichen Fortschritts fällt die in einem Warenquantum enthaltene Privatarbeit zugunsten der technologischen Arbeit, die abgetrennt vom konkreten Produktionsprozeß geleistet wird und in viele verschiedene Produkte eingeht ohne diesen Wert zuzusetzen.</p>
<p>Der Verfasser führt aus (S. 36ff.), wie sich die Kräfte der Konkurrenz als Triebfeder zur Anwendung der Naturwissenschaft geltend machen: Die Aussicht auf Extramehrwert spornt die Kapitalisten zur Rationalisierung, zur Reduktion lebendiger Arbeit an. Notwendige Folge dieser Entwicklung ist ein Absinken der gesellschaftlichen (Mehr-)Wertmasse.</p>
<p>Welche Bedeutung hat diese Tendenz für das Kapital?</p>
<p>&#8220;Abstrakt betrachtet, d.h. jedes Einzelkapital für sich genommen, würde sich &#8230; die absurde gegenläufige Bewegung des relativen Mehrwerts darstellen, d.h. pro Arbeiter wird mehr Wert angeeignet, während gleichzeitig die absolute Masse des geschöpften Neuwerts sich vermindert, weil insgesamt weniger lebendige Produktionsarbeit angewendet worden ist.&#8221;</p>
<p>Käme der Wertmasse wirklich irgendeine Bedeutung zu, würde das Kapital sich durch die Produktion des relativen Mehrwerts tatsächlich das eigene Grab schaufeln. Die Größe des Werts ist für die kapitalistische Ökonomie notwendigerweise unwesentlich. Zum Beweis dieser Behauptung muß ich etwas ausholen.</p>
<p>Der Tauschwert erscheint im Tauschakt als Proportion zweier Warenquanta. Die offensichtliche Vergleichbarkeit offensichtlich unvergleichbarer Gebrauchswerte läßt auf die Existenz eines &#8220;gemeinsamen Dritten&#8221;, des Werts, schließen, der die Tauschwertrelationen determiniert. Über die absolute Größe des Werts ist damit noch nichts ausgesagt. Rein empirisch läßt er sich nur bis auf einen konstanten Faktor bestimmen:</p>
<p>129 &#8212;-</p>
<p>&#8220;Stiegen oder fielen die Werte aller Waren gleichzeitig und in derselben Proportion, so würden ihre relativen Werte unverändert bleiben.&#8221; (K I [= Karl Marx. Kapital, Bd 1, in: MEW Bd 23. Berlin, Dietz], S. 69).</p>
<p>Durch die Rückführung des Werts auf die gemeinsame Substanz der abstrakten Arbeit gelingt Marx eine absolute Quantifizierung. Wie man leicht bestätigt, hätte er aber ebenso gut das Siebzehnfache der in einer Ware enthaltenen Arbeitszeit als deren Wert definieren können. Die Lücke des &#8220;unbestimmten Faktors&#8221; kann also auch durch eine theoretische Analyse nicht geschlossen werden. Die Warenbesitzer erliegen also nicht etwa einer Täuschung, wenn sie (wie gleich gezeigt wird) sich nicht vom Wert sondern nur von den Tauschwerten leiten lassen.</p>
<p>Ein Beispiel möge dies verdeutlichen: Auf dem Devisenmarkt interessiert von keiner der dort gehandelten n Währungen deren Wert; die Geldhändler orientieren sich ausschließlich an den n-1 Wechselkursen.</p>
<p>An dieser Stelle kommt erfahrungsgemäß der Einwand, die Argumentation bleibe in der Zirkulationssphäre stecken:</p>
<p>&#8220;Der absolute Wert der Ware ist dem Kapitalisten, der sie produziert, an und für sich gleichgültig. Ihn interessiert nur der in ihr steckende und im Verkauf realisierbare Mehrwert.&#8221; (K I, S. 338).</p>
<p>Prüfen wir, was es mit der angeblichen Realisation des Werts auf sich hat. Ein Kapitalist möge den ihm durch die Ausbeutung zugefallenen Mehrwert &#8220;realisieren&#8221; wollen. Da er ihn nicht aus dem Mehrprodukt herausfiltern kann, muß diese &#8220;Realisation&#8221; über den Tausch erfolgen. Selbst wenn es ihm gelingt, das Mehrprodukt zu verkaufen, also gegen die Geldware einzutauschen, hat er damit keineswegs den Mehrwert realisiert; er hat nur erreicht, daß sich das Mehrprodukt in einer anderen Ware (hier: der Geldware) darstellt. Die eingetauschte Ware hat nämlich Wert, ist aber (genauer: eben deswegen) nicht Wert. Da es die körperlose &#8220;Realisation des Werts&#8221; nicht gibt, verhält sich der Kapitalist de facto wie der Spekulant am Devisenmarkt; auch für ihn ist nur der Tauschwert (bzw. der Preis), nicht aber der Wert maßgebend. Den Kapitalisten interessiert also weder der Mehrwert noch allein das ihn enthaltende Mehrprodukt sondern dessen Äquivalent: Der Profit, das in Geld verwandelte Mehrprodukt, das einzige Maß für das Gelingen der Ausbeutung. Gleichwohl steht die Erzielung des Mehrprodukts den objektiven kapitalistischen Interessen immer noch näher als die Produktion des Mehrwerts. Jenes muß nur die Geldgestalt annehmen, während jener nirgends erscheinen kann (Bestes Beispiel ist der Produzent der Geldware, dessen Profit mit dem Mehrprodukt zusammenfällt; der Mehrwert ist ihm ziemlich gleichgültig.)</p>
<p>130 &#8212;-</p>
<p>Der Verfall des Werts einschließlich des Mehrwerts birgt für die Kapitalisten keine Gefahr; er ist nicht einmal &#8220;absurd&#8221;. Ob er sich auch lohnt, hängt von der Auswirkung auf die Profitrate ab.</p>
<p>Robert Kurz registriert die Unmöglichkeit, den Wertverfall durch eine (quantitative oder qualitative) Ausdehnung der Produktion zu kompensieren:</p>
<p>&#8220;In diesem Fall führt die stofflich-technologisch vermittelte &#8216;Steigerung der Rate des Mehrwerts&#8217; tatsächlich zum Fall der &#8216;erzeugten Masse des Mehrwerts und daher der Rate des Profits&#8217;, d.h. &#8230;&#8221;.</p>
<p>Die Notwendigkeit einer &#8220;Kompensation&#8221; wurde bereits widerlegt. Interessant ist jedoch die Frage, in welcher Weise die Verwissenschaftlichung der Produktion die Profitrate beeinflußt. Sie wird im zweiten Abschnitt des Anhangs beantwortet. Als Nebenprodukt fällt dabei eine zweite, von der obigen Argumentation völlig unabhängige Widerlegung der &#8220;Kompensations-Notwendigkeit&#8221; ab. In enger Anlehnung an den Kurz&#8217;schen Aufsatz hat Marx in den &#8220;Grundrissen&#8221; das &#8220;Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate&#8221; formuliert; er geht von einer &#8220;enormen Entwicklung der scientific powers&#8221; aus. Grund genug also, dieses Theorem im vierten Abschnitt des Anhangs zu widerlegen.</p>
<p><em>Harald J. (München)</em></p>
<h4>Post scriptum der Redaktion:</h4>
<p>Dem Leserbrief liegt noch ein 20 Seiten starker mathematischer Anhang bei. Aus Platzgründen, und weil er für Nichtmathematiker nur schwer nachvollziehbar ist, haben wir auf dessen Abdruck verzichtet. Leser(innen), die sich für dieses Papier näher interessieren, mögen sich an die Redaktionsadresse wenden. Sie bekommen dann eine Kopie zugeschickt.</p>
<h4>Einige antikritische Anmerkungen:</h4>
<p>Wenn unser Kritiker &#8220;erfahrungsgemäß den Einwand, die Argumentation bleibe in der Zirkulationssphäre stecken&#8221;, erwartet, so will ich ihn nicht enttäuschen und diesen Einwand ein bißchen präzisieren. Genau</p>
<p>131 &#8212;-</p>
<p>hier liegt wirklich die crux seines Ansatzes. Er nimmt Geld, und damit den Tauschwert überhaupt, nur in seiner Funktion als Zirkulationsmittel. Er geht von der Figur W-G-W (Ware-Geld-Ware) aus, in der das Geld nur als verschwindendes Moment auftaucht und der Inhalt der Bewegung im Händewechsel der Gebrauchswerte besteht. Für diese Bewegung hat er allerdings recht. Im bloßen Warenaustausch vermittels des Geldes ist der absolute Wert, der in den Waren steckt, wirklich völlig gleichgültig und es kommt alleine auf den relativen Wert dieser Waren zueinander an. Dies ist aber nicht mehr so, wenn wir die abstrakteste, für den Umschlag des Kapitals charakteristische Figur G-W-G&#8217;(Geld-Ware-mehr Geld) betrachten. Hier ist das Geld, der Tauschwert, nicht mehr bloß vermittelndes, an sich gleichgültiges und flüchtiges Moment, sondern er setzt sich als Selbstzweck. Die Bewegung erlischt hier nicht in der einzelnen Ware, sondern im inkarnierten Tauschwert, im Geld, findet sie ihren Ruhe- und Ausgangspunkt. Unser Kritiker hat Unrecht, wenn er die Unterscheidung der Kreisläufe W-G-W und G-W-G&#8217;verwischt, indem er den Unterschied zwischen Warenpöbel und dem Geld als der Königin der Warenwelt einebnet. Wenn er schreibt:</p>
<p>&#8220;Selbst wenn es ihm (dem Kapitalisten) gelingt, das Mehrprodukt zu verkaufen, gegen die Geldware einzutauschen, hat er damit keineswegs den Mehrwert realisiert; er hat nur erreicht, daß sich das Mehrprodukt in einer anderen Ware (hier: der Geldware) darstellt,&#8221;</p>
<p>so läßt er sich vom demokratischen Schein blenden, den die Warenwelt ausstrahlt, solange der Übergang von Geld und Ware und vor allem von Ware in Geld, flüssig bleibt. Spätestens in der Krise aber wird die privilegierte Stellung des Geldes handgreiflich und die Warendemokratie schlägt um in die brutale Diktatur des Geldes. Wenn die Kapitalisten auf ihren unabsetzbaren Warenbergen sitzen bleiben, wenn der konkrete Reichtum der Warenwelt um jeden Preis der unter kapitalistischen Bedingungen einzig möglichen Form gesellschaftlichen Reichtums, dem Geld, geopfert wird, wenn also Geld als Zahlungsmittel und nicht als Zirkulationsmittel erheischt ist, so zeigt sich, daß es im Kapitalverhältnis allein um den absoluten Wert als solchen gehen kann.</p>
<p>Wenn unser Kritiker meint:</p>
<p>&#8220;Die Größe des Werts ist für die kapitalistische Ökonomie notwendigerweise unwesentlich&#8221;,</p>
<p>so bringt er pointiert und gegen den Kern der Marx&#8217;schen Arbeitswertlehre gewandt, das Credo der nominalistischen Geldtheorie zum Ausdruck. Erst in einer ausführlichen theoretischen Auseinandersetzung mit dem</p>
<p>132 &#8212;-</p>
<p>inzwischen schon jahrzehntealten Streit zwischen nominalistischer und metallischer Geldtheorie, der sich quer durch alle politischen Lager zieht, wären die in dem Leserbrief angetippten Fragen in ihrer ganzen Tragweite auszuleuchten. Eine solche Arbeit wäre notwendig, um die im Artikel von R. Kurz &#8220;Krise des Tauschwerts&#8221; aufgeworfenen grundsätzlichen Fragestellungen weiter zu konkretisieren.</p>
<p><em>Ernst Lohoff für die Redaktion der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221;</em></p>
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