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	<title>krisis &#187; Marxistische Kritik 3 (1987)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Marxistische Kritik 3 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 1987 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 3 (1987)]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 1 &#8212;- 1. Mit der Nr. 3 der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; legen wir den zweiten Teil unserer Auseinandersetzung zum Thema &#8220;Produktivkraftkritik und theoretischer Verfall der Linken&#8221; vor. Die Schwierigkeiten, unseren Ansatz einer prinzipiellen Kritik der Wert-Ökonomie sowohl des westlichen wie des östlichen Typs in der linken Opposition zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] </em></p>
<p>1 &#8212;-</p>
<h4>1.</h4>
<p>Mit der Nr. 3 der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; legen wir den zweiten Teil unserer Auseinandersetzung zum Thema &#8220;Produktivkraftkritik und theoretischer Verfall der Linken&#8221; vor.</p>
<p><span id="more-301"></span>Die Schwierigkeiten, unseren Ansatz einer prinzipiellen Kritik der Wert-Ökonomie sowohl des westlichen wie des östlichen Typs in der linken Opposition zu vermitteln, sind nicht geringergeworden, auch wenn inzwischen immerhin einige theoretisch arbeitende Gruppen und Einzelpersonen Interesse bekundet haben. Im Ganzen aber ist die Fundamentalkritik des Geldes natürlich nach wie vor nicht gern gesehen in der Linken, obwohl wir am Vorabend einer akuten Weltkrise des Geldes stehen dürften. Auch in der vorliegenden Nummer unserer Zeitschrift dreht sich die Kritik der produktivkraftkritischen Ideologien um diesen zentralen Angelpunkt.</p>
<p>Während der dominierende Neo-Reformismus blauäugig und krisen-ungläubig mit der &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; seiner diversen Projektchen hausieren geht, hat sich andererseits ein falscher Fundamentalismus selber eng an die produktivkraftkritischen Gedanken angelehnt, statt die theoretische und praktische Kritik der Logik des Geldes zu betreiben. Dieser moralisierende Scheinradikalismus aber muß unfähig bleiben, die offen kapital-immanente reformistische Hauptströmung zu überwinden. Selbst noch die abstrakt bleibenden Parolen der &#8220;Autonomen&#8221; gegen die Lohnarbeit entpuppen sich bei näherem Hinsehen als produktivkraftkritisch vermittelt und als blind gegenüber der Wert-Geld-Kategorie, obwohl diese real das gesellschaftliche Leben bis in die feinsten Poren hinein beherrscht. Auch für die in den neo-reformistischen Diskurs eingebundenen wenigen Vertreter des akademischen Linkssozialismus wie Altvater/Prokla, SOST etc., die wenigstens formal noch an Grundzügen einer Kritik der Politischen Ökonomie festhalten, ist offenbar mit der bloßen Kritik des &#8220;Marktes&#8221; eine absolute begriffliche Schranke erreicht, über die hinauszudenken ihnen nicht mehr möglich ist (immerhin spielt hier auch, wir haben in der Nr. 2 der MK darauf hingewiesen, die &#8220;wissenschaftliche Reputation&#8221; im Rahmen des positivistischen Universitätsbetriebs eine nicht zu unterschätzende Rolle). Soweit dieser akademische Noch- und Rest-Marxismus nicht schon auf ohnehin staatstreue Positionen eingeschwenkt ist, mußte er daher dem produktivkraft-kritischen Gedankengut gegenüber eher hilflos und mit matten Zugeständnissen reagieren, ebenso wie der zwischen &#8220;Fundis&#8221; und &#8220;Realos&#8221; eingeklemmte &#8220;Öko-Sozialismus&#8221; innerhalb der Grünen.</p>
<p>Fast hat es den Anschein, als habe sich eine Art &#8220;heilige Scheu&#8221; über die Gesamtlinke gelegt, die es ihr verbietet, sich an die konkrete Kritik der gesellschaftlichen Realkategoien von abstrakter Arbeit, Wert und Geld heranzuwagen, ohne die eine Kritik des &#8220;Marktes&#8221;verkürzt und wertfetischistisch verblendet bleiben muß. Ohne einen solchen tiefergehenden Ansatz aber ist die heutige Entwicklungsstufe der westlichen wie der östlichen Wert-Ökonomien in ihren Widersprüchen begrifflich nicht mehr erklärbar. Das Kategorien-System des</p>
<p>2 &#8212;-</p>
<p>überlieferten &#8220;Marxismus&#8221; in allen seinen Spielarten verblaßt und hat inzwischen seine kritische Potenz endgültig verloren. Die Linke will diese Tatsachen einfach nicht wahrhaben. An einem Bein schleppt sie den verfaulten Klotz des traditionellen Arbeiterbewegungs-Marxismus mit sich herum, am anderen trägt sie gottergeben die rostigen Ketten des produktivkraftkritischen, grün-alternativen Bewegungsreformismus. Die daraus sich ergebende Gangart ist eine wenig elegante: klägliches Resultat des offenen oder auch klammheimlichen Credos, daß die Bewegung oder &#8220;Akzeptanz&#8221; eben alles sei. Solange auf diese Weise die Linke in ihren begrifflichen Verkürzungen befangen bleibt, ängstlich den Kundgebungen des Alltagsverstandes oder gar des &#8220;Wählerwillens&#8221; lauschend, und nicht bereit ist, zum theoretischen Befreiungsschlag gegen die Wert-Geld-Vergesellschaftung prinzipiell auszuholen, wird sie auch die Wurzel all ihrer vielbeklagten Schwierigkeiten nicht begreifen, sich in der veränderten gesellschaftlichen Landschaft zurechtzufinden und einen &#8220;transzendierenden&#8221; politischen Ansatz zu entwickeln.</p>
<h4>2.</h4>
<p>Angesichts der vorgefundenen Bewußtseinsformen selbst in der radikalen Linken kann es kaum verwundern, daß der erste Teil unserer Auseinandersetzung mit der Produktivkraftkritik von einigen Lesern vor allem der Schwerverständlichkeit angeklagt worden ist und die darin enthaltene Grundsatzposition den meisten wohl eher als &#8220;esoterisch&#8221; erscheint, weil sie sich an den konkretistisch verkürzten Diskurs der Linken gewöhnt haben. Es muß ja eigentlich auch buchstäblich eine neue Sprache und Begrifflichkeit der Kritik entwickelt und der &#8220;Marxismus&#8221; in diese übersetzt werden, weil seine an die Verkürzungen der alten Arbeiterbewegung gebundene Gestalt die neuen gesellschaftlichen Probleme nicht mehr auflösen kann. Die ganzen altvertrauten Begriffe, in einem historischen Interpretations- und Verständniszusammenhang abgeschliffen und allzu glatt geworden, sehen auf einmal sehr fremdartig und scharfkantig aus.</p>
<p>Es ist uns klar, daß die gestellte Aufgabe auf lange Sicht nicht von wenigen Autoren einer kleinen Gruppe und deren beschränkter Diskussionsmöglichkeit bewältigt werden kann. Solange nicht wenigstens Teile der gesellschaftlichen Linken durch die Entwicklung der Verhältnisse selbst zu einer Veränderung und Erweiterung ihres Diskurses über die bisherigen engen begrifflichen Grenzen hinaus gezwungen werden, besteht leider wenig Hoffnung, daß die von uns entwickelten Gedanken rasch konkretisiert, anschaulich gemacht und &#8220;popularisiert&#8221; werden können, ganz zu schweigen von einer Transformation in praktische gesellschaftliche Handlungsanleitung, die sich kritisch mit den fortgeschrittensten Teilen der Oppositionsbewegung vermitteln könnte. Zwischen der in bescheidenen Ansätzen begonnenen Kritik der Wert-Ökonomie und des Geldes auf der einen und den eben erst frisch &#8220;politisierten&#8221; Menschen in den großen oppositionellen Teilbewegungen auf der anderen Seite fließt noch unüberbrückbar der breite Strom des wert- und geldfetischistischen, damit aber auch rechts- und staatsfetischistischen Denkens, in dem sich die linken akademischen Theoretiker</p>
<p>3 &#8212;-</p>
<p>als ihrem angestammten Element tummeln und die &#8220;theoretischen&#8221; Stichworte liefern. Der Ausbruch aus diesen Denkformen kann von der theoretischen Kritik allein nicht geleistet werden. Und so müssen wir wohl noch geraume Zeit diejenigen enttäuschen, die vielleicht zu unserer Publikation greifen, weil sie sich unmittelbar einen Anstoß für die festgefahrene Bewegungspraxis erhoffen.</p>
<h4>3.</h4>
<p>Selbstkritisch wäre noch anzumerken, daß sich unsere ganze Auseinandersetzung mit den Produktivkraftkritikern, auch in der vorliegenden Nr. 3, noch nicht auf eine publizierte &#8220;positive&#8221; Ausarbeitung der grundsätzlichen wertkritischen Position stützen und berufen kann, sodaß der &#8220;Zweifrontenkrieg&#8221; einerseits gegen die heutige grün-alternative Produktivkraftkritik, andererseits aber auch gegen den &#8220;alten&#8221;, traditionellen Marxismus vielleicht in mancher Hinsicht als verwirrend erscheinen muß, zumindest für diejenigen, die uns wohl gern in die Schublade &#8220;überholter Revolutions-Dogmatismus&#8221; stecken möchten. Diese Schwierigkeit läßt sich zwar beim gegenwärtigen Stand der Ausarbeitung schwer vermeiden; wir hoffen aber, daß die Grundlagen unserer Position in den nun vorliegenden Texten etwas deutlicher werden, insoweit auch die Abgrenzung von der alten Arbeiterbewegung und deren Verständnis von Produktivkräften, Produktionsverhältnissen und &#8220;Demokratie&#8221; klarer herausgearbeitet wird.</p>
<p>Der zweite Teil des Artikels &#8220;Die Herrschaft der toten Dinge&#8221; von Robert KURZ setzt zunächst die Kritik der begrifflichen Fetischisierung der Technik unter dem Aspekt der &#8220;Degradation des Arbeiters&#8221; fort und leitet dann zu den Konsequenzen der Produktivkraftkritik über. Es geht dabei nicht nur darum, den illusionären Charakter produktivkraftkritischer Gesellschaftsreformen aufzuzeigen; vielmehr sollen auch die immanenten Bezüge zur alten Arbeiterbewegung und (besonders im letzten Abschnitt) die objektive sozialökonomische Grundlage des produktivkraftkritischen Denkens herausgearbeitet werden. Implizit ist dies auch als grundsätzliche Kritik der heute grassierenden industriesoziologischen Theoreme zu verstehen.</p>
<p>Ernst LOHOFF bemüht sich in seinem Artikel &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1987/technik-als-fetisch-begriff">Technik als Fetisch-Begriff. Über den Zusammenhang von alter Arbeiterbewegung und neuer Produktivkraftkritik</a>&#8221; darum, einen Bogen von den verdinglichten Bewußtseinsformen der alten Arbeiterbewegung zu den heutigen regressiven und bloß noch moralistisch begründeten Reaktionsformen in den &#8220;neuen sozialen Bewegungen&#8221; zu schlagen. Es zeigt sich dabei, daß in beiden Fällen der zugrundeliegende Produktivkraftbegriff identisch ist und bis heute nicht überwunden wurde, den sogenannten &#8220;westlichen Marxismus&#8221; von Lukács und Korsch eingeschlossen. &#8220;Ökosozialisten&#8221; wie Trampert/Ebermann können so ihren unreflektierten Bewegungsmarxismus, bloß mit umgekehrten produktivkraftkritischen Vorzeichen versehen, unaufgearbeitet weiterschleppen. Das Verhältnis von arbeiterbewegtem Wachstums-Fordismus und aktueller Bedürfnis-Kritik erscheint durch diese Arbeit in einem neuen und erhellenden Licht.</p>
<p>4 &#8212;-</p>
<p>Der Beitrag &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1987/moderne-demokratie-und-arbeiterbewegung">Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung</a>&#8221; von Peter KLEIN versucht eine grundsätzliche Neubewertung der Theorien der Oktoberrevolution und des überstrapazierten Räte-Gedankens, wobei die Geschichte kapitalistischer Vergesellschaftung als Herausarbeiten des Tauschwerts zur totalen Verkehrsform den Hintergrund bildet. Vor diesem erscheinen Bolschewiki, Menschewiki und westliche Sozialdemokratie gleichermaßenund notwendig befangen in einem Prozeß, der bis tief ins 20. Jahrhundert hinein erst die ständischen Formationen samt den dazugehörigen Ideologien überwinden mußte, um die moderne Demokratie als adäquate Form kapitalistischer Versachlichung und den Arbeiter als Staatsbürger hervorzubringen. Das Spannende dabei ist, wie diese Entwicklung zeitweilig als antikapitalistisch, als proletarische Revolution und Emanzipation erscheinen konnte und gegen das soziologisch-empirische, selber in ständischem Denken befangene Bürgertum der unreifen Formationen des Kapitals durchgesetzt werden mußte. Daß und warum dabei der eigentliche (und fragmentarische) kritische Kern der Marx&#8217;schen Theorie auf der Strecke bleiben mußte, kann in diesem Zusammenhang erst klar werden. Der Beitrag liefert zunächst ein Umreißen der Fragestellung; weitere Artikel des Autors zu diesem Thema sollen in den kommenden Ausgaben der MK folgen.</p>
<p>Udo WINKEL setzt seine in der Nr. 2 begonnene kritische Positionsbestimmung der akademischen Linken fort mit der Vorstellung des Buches von E. Dozekal: &#8220;Von der &#8216;Rekonstruktion&#8217; der Marx&#8217;schen Theorie zur &#8216;Krise des Marxismus&#8217;. Darstellung und Kritik eines Diskussionsprozesses in der BRD 1967-1984&#8243;. Dabei werden die Schwächen, aber auch die nicht eingelösten Chancen des theoretischen Werdegangs der Neuen Linken und die Gründe für die heutige staatsbürgerliche Regression ihrer akademischen Vertreter erörtert.</p>
<h4>4.</h4>
<p>Im übrigen gilt weiterhin: Kritische Auseinandersetzung ist erwünscht!</p>
<p><em>Mai 1987 DIE REDAKTION </em></p>
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		<title>Technik als Fetisch-Begriff</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 1987 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 3 (1987)]]></category>

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		<description><![CDATA[Über den Zusammenhang von alter Arbeiterbewegung und neuer Produktivkraftkritik]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Über den Zusammenhang von alter Arbeiterbewegung und neuer Produktivkraftkritik</h3>
<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>30 &#8212;-</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<h4>1. Die Verdinglichung des Produktivkraftbegriffs</h4>
<p><span id="more-302"></span>Der zeitgenössischen Linken gilt das Marxsche Werk insgesamt als überholt. Der Verweis auf den Umstand, daß Marx seit mehr als hundert Jahren nicht mehr unter den Lebenden weilt, reicht ihr aus, um seinen Ansatz als nicht mehr zeitgemäß ad acta zu legen. Das gilt für alle Momente der Marxschen Theorie, allerdings in sehr unterschiedlicher Weise. Bruchstücke der Marxschen Kapitalkritik finden bis zur Unkenntlichkeit verflacht als allgemein bekannte Platitüden, über die man nicht mehr diskutieren muß, gnädige Aufnahme, die entscheidenden revolutionären Züge seiner Theorie dagegen fallen, als indiskutable philosophische Illusionen, als Überbleibsel von liberalem Fortschrittsoptimismus denunziert, erbarmungslos unter den Tisch. Während Marx als Theoretiker der kapitalistischen Entwicklung nach wie vor zumindest eine gewisse Anerkennung findet, auch wenn er einem breiteren Publikum nur mehr vom Hörensagen bekannt ist, wird der Revolutionstheoretiker Marx in Bausch und Bogen verworfen. Otto Ullrich etwa ehrt den Analytiker Marx, indem er ihn seitenlang in seinem Buch &#8220;Weltniveau&#8221; schlecht paraphrasiert, und stellt diese selbst produzierte Vogelscheuche gegen den revolutionären Philosophen Marx: &#8220;Wo Marx aufgrund faktenorientierter Analyse Aussagen macht über die weitere Entwicklung des Kapitalismus als Kapitalismus, waren viele seiner Aussagen erstaunlich zutreffend, wie z.B. die Tendenz, lebendige Arbeit durch tote zu ersetzen oder die Tendenz der steigenden Konzentration des Kapitals. Wo jedoch Marx versuchte, aus der Entwicklung des Kapitalismus und der Industrie Voraussagen abzuleiten für die EMANZIPATION der Menschen, war er angewiesen auf seine philosophische Abstraktion, und das Ergebnis waren lauter Fehlprognosen: Die These von der vorwärtstreibenden Rolle der Arbeiterklasse, von der bevorstehenden Revolution, von der Sprengung des Kapitalverhältnisses durch die entfalteten Produktivkräfte oder vom Absterben des Staates, das alles waren keine EntwicklungsGESETZE, sondern philosophische Hypothesen, abstrahiert von Realzusammenhängen.&#8221;(<a href="#1">1</a>) <a name="q1"></a></p>
<p>Als Fehlprognose par excellence gilt Ullrich in diesem Sinne das zentrale Theorem des historischen Materialismus, die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Wenn Marx schreibt: &#8220;Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Aufgabe und Berechtigung des Kapitals. <a name="q2"></a>Eben damit schafft es unbewußt die materiellen Bedingungen einer höhren Produktionsform&#8221;(<a href="#2">2</a>), so ist das für Ullrich ein Konstrukt a priori, das der Empiriker Marx nirgends deckt. In die selbe Kerbe</p>
<p>31 &#8212;-</p>
<p>schlägt Helmut Reichelt: &#8220;Gerade diese Passagen provozieren die These, daß es sich bei diesem zentralen Konzept der materialistischen Geschichtsauffassung, dessen Formulierung in eine Zeit fällt, in der Marx so gut wie keine Einsicht in die Dynamik der Kapitalbewegung besaß, um notgedrungen methodisch unzulängliche und vorschnell verallgemeinerte Theoreme über Gesetze der &#8216;sozialen Entwicklung des Menschen&#8217; handelt, deren Korrektur schon damals angezeigt war.&#8221;(<a href="#3">3</a>) <a name="q3"></a></p>
<p>Die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen erscheint als bloße Geschichtsmetaphysik, auf die der reife Marx nur gelegentlich zurückkommt, um seine wissenschaftliche Reputation zu verspielen; ein Zeugenberg jugendlicher Revolutionseuphorik, von dem Marx wahrscheinlich aus psychischen Gründen auch im vorgerückten Alter nicht lassen konnte und der den Gesamteindruck seines Werkes doch schwer beeinträchtigt.</p>
<p>Diese Kritik lebt aus der marxistischen Rezeptionsgeschichte. Reichelt und sein Kompagnon Zech ebenso wie der viel plattere Ullrich schieben Marx den vollkommen verkürzten und verdinglichten Produktivkraftbegriff der Theoretiker der zweiten und dritten Internationale unter, weil sie selber einen anderen originär marxistischen nicht denken können, und überführen dann ihre eigene Borniertheit der Absurdität. <a name="q4"></a>Zech bringt es allen Ernstes fertig zu behaupten, daß Marx &#8220;im Kapital die freien Produzenten und die nicht entfremdete Gestalt des Arbeitsprozesses bereits vorfinden&#8221;(<a href="#4">4</a>) läßt und &#8220;die von ihm zuvor als bürgerlich charakterisierte Form der Arbeit &#8230; jetzt von ihm als gesellschaftliche Naturalform betrachtet&#8221;<a name="q5"></a>(<a href="#5">5</a>) wird. Im Marxschen &#8220;Kapital&#8221; soll laut Zech &#8220;der Arbeitsprozeß an sich die menschlichen Kräfte entwickeln und alle Verhältnisse kritisieren, in welchen die Menschen von den Dingen kontrolliert werden.&#8221;<a name="q6"></a>(<a href="#6">6</a>) Diese phantastische Behauptung beruht wesentlich darauf, daß Zech kapitalistischen Arbeitsprozeß und Produktivkräfte miteinander verwechselt und damit die Verballhornung des Produktivkraftbegriffs durch die marxistischen Akkumulationsfetischisten als genuin marxistisch anerkennt. Hiermit steht Zech in einer Front mit Stefan Breuer. Breuer spricht &#8220;von den vorwärtstreibenden Elementen der geistigen und körperlichen Arbeit einerseits, den einengenden und fesselnden Produktivkräften andererseits&#8221;<a name="q7"></a>(<a href="#7">7</a>), wo Marx den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen meint, und kann sich dann natürlich leicht über Marxens &#8220;Arbeitsmetaphysik&#8221; auslassen. Doch was Zech und Breuer und mit ihnen viele andere zeitgenössische Kritiker Marx in den Mund legen, die Hoffnung nämlich, der kapitalistische Arbeitsprozeß und seine weitere Entwicklung würde aus sich heraus den Menschen schließlich befreien, klingt zwar nach Original Bucharin und Konsorten, bloß nicht nach Marx.</p>
<p>&#8220;Bucharin hat den Fehler gemacht, den Marxschen Begriff der materiellen Produktivkräfte auf die Technik zu reduzieren und damit die technische Grundlage der Gesellschaft zum bestimmten Ausgangspunkt für die Entwicklung der gesellschaftlichen Ökonomie und des sozialen und politischen Überbaus insgesamt zu machen. Mit dieser Vereinseitigung</p>
<p>32 &#8212;-</p>
<p>des Produktivkraftbegriffs wird der Antrieb der gesellschaftlichen Entwicklung aus der Gesellschaft in die Technik verlegt; die gesellschaftlichen Widersprüche sind nur Erzeugnisse der Technik.&#8221;(<a href="#8">8</a>) <a name="q8"></a></p>
<p>Die konkretistische Identifizierung von Produktionsprozeß einerseits und Produktivkräften andererseits ist nicht Marxens Werk, sondern die Leistung seiner akkumulationsapologetischen Epigonen. Trotzdem besteht natürlich ein Zusammenhang zwischen dem Marxschen &#8220;Kapital&#8221; und seiner verbogenen traditionellen Rezeption. Sie ist nicht einfach Folge der mangelnden Geistesgaben der marxistischen Jünger, sondern selber materiell begründet. Die Vermittlung zwischen der allgemeinen Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und der Entwicklung der Kapitalbewegung bleibt im Marxschen Hauptwerk bruchstückhaft und gerade der entscheidende Übergang, der die kommunistische Revolution auf die Tagesordnung setzt und notwendig macht, wird nur auf sehr hohem Abstraktionsniveau beschrieben. Das Marxsche Werk muß hier der Unentwickeltheit des zeitgenössischen Kapitals Tribut zollen. Es kann den Prozeß, der die kapitalistische Produktionsweise über sich hinaustreibt, nur allgemein begrifflich herausarbeiten, weil er sich noch lange nicht konkret handgreiflich vor seinen Augen vollzog. Marx antizipiert begrifflich-logisch Fragestellungen, die auch fünfzig Jahre nach seinem Tod noch nicht historisch auf der Tagesordnung standen, und seine im Tageskampf verwickelten Nachfolger mußten notwendig die über den erreichten Stand der damaligen Entwicklung hinausgehenden Momente der Marxschen Theorie abbiegen. Da der übermächtigen neukantianischen Strömung Marxens begriffliche Schärfe allemal mehr oder minder als hegelianisches Hokuspokus erschien, verkamen die Schlüsselbegriffe, die die Zersetzung des Kapitalverhältnisses, die Auflösung von Privatproduktion und Wertgesetz fassen, wie Vergesellschaftung und Verwissenschaftlichung, zu gebetsmühlenhaften Leerformeln ohne Trennschärfe. So oft auch in den sozialistischen Sonntagsschriften der Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen wiedergekäut wurde, es war nie mehr gemeint als die allgemein verpackte Klage über die Anarchie der kapitalistischen Produktionsweise. Die alte Arbeiterbewegung verkürzte den Grundwiderspruch auf den Gegensatz zwischen geplanter Produktion im Einzelbetrieb und planlosem Markt, und kapitalistische Produktionsverhältnisse erschöpften sich ihr in den Wirrungen und Irrungen der Zirkulationssphäre. Der Produktionsbereich erschien ihr dagegen als Sphäre vernünftiger Organisation und Sozialismus wurde so zur Verallgemeinerung der einzelbetrieblichen Produktionsrationalität auf die Gesamtgesellschaft. Die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft verschmolz mit der Vision einer gesellschaftlichen Gesamtfabrik.</p>
<p>Der Unterschied zwischen Produktion und Produktivkraft mußte vor diesem Hintergrund verwischen und platte Identifizierung des Produktivkraftbegriffs mit den Produktionsmitteln, mit der Technik, so wie sie handgreiflich in den Fabriken herumsteht, durchzieht die gesamte traditionelle Arbeiterbewegung bis heute. So definiert das autoritative russische &#8220;Politische Wörterbuch&#8221; den Begriff &#8220;Produktivkräfte&#8221; folgendermaßen: &#8220;Pro-</p>
<p>33 &#8212;-</p>
<p>duktionsmittel, mit deren Hilfe die materiellen Güter hervorgebracht werden.&#8221;(<a href="#9">9</a>) <a name="q9"></a>Identisch äußert sich der Sozialdemokrat Cunow: &#8220;Produktionsbedingungen sind die zur Fortsetzung eines bestimmten gesellschaftlichen Arbeitsprozesses erforderlichen, natürlichen, technischen und sozialen Voraussetzungen, Produktivkräfte aber die in diesem Prozeß zur Anwendung gelangten Natur-, Arbeits- und Maschinenkräfte.&#8221;(<a href="#10">10</a>) <a name="q10"></a></p>
<p>Die Hauptströmung marxistischen Denkens, der Technik in ihrer Dinglichkeit und Produktivkraft eins waren, rief selbstverständlich schon in den zwanziger Jahren eine Gegenströmung hervor. Deren Kritik beschränkte sich aber lediglich darauf, die Bedeutung der lebendigen Arbeit gegenüber der toten zu betonen. Sie überwand so die herrschende konkretistische Reduktion nicht, sondern komplementierte sie stattdessen. Karl Korsch, als ein Hauptvertreter dieses &#8220;kritischen Marxismus&#8221;, dehnt den Produktivkraftbegriff über den objektiven Niederschlag, den er in der Maschinerie findet, aus. Er will auch den &#8220;subjektiven Faktor&#8221; bei der Bestimmung von Produktivkraft zu seinem Recht kommen lassen und identifiziert Produktivkräfte mit dem Arbeitsprozeß, so wie er ihn kapitalistisch vorfindet: &#8220;Produktivkraft ist zunächst weiter nichts als die irdische wirkliche Arbeitskraft lebender Menschen: die Kraft, durch ihre Arbeit unter Benutzung bestimmter materieller Produktionsmittel und in einer dadurch bedingten Art des Zusammenwirkens die materiellen Mittel zur Befriedigung gesellschaftlicher Lebensbedürfnisse herzustellen.&#8221;(<a href="#11">11</a>) <a name="q11"></a></p>
<p>Korsch und seine modernen Adepten stellen die menschliche Aktivität als prozeßhafte in den Mittelpunkt. Sie bestimmen daher korrekt gegen Bucharin und Konsorten die Bedeutung der Technik als solcher: &#8220;Die Technik enthüllt nicht nur die ökonomischen Momente; sie enthüllt vielmehr alle Momente gesellschaftlicher Praxis, nämlich die technischen, ökonomischen, sozialen und geistigen Aktivitäten der Menschheit, konstituiert sie aber nicht, sondern ist nur ihr Niederschlag wie fossile Offensichtlichkeit, Beweis oder fließende Form, die enthüllt, was dieses Verhältnis war oder ist. Die Geschichte der Technologie ist die Aufeinanderfolge der im Material zurückgebliebenen Resultate menschlicher Aktivität.&#8221;(<a href="#12">12</a>) <a name="q12"></a></p>
<p>Sie dringen aber nicht zum wesentlichen Springpunkt vor. Produktivkräfte sind nicht identisch mit der tatsächlichen Produktion und dem wirklichen Arbeitsprozeß. Sie sind ihrem ganzen Wesen nach menschliche Potenz. Korsch streift diesen Sachverhalt, aber nur um ihn auch um den Preis einer contradictio in adjecto vom Tisch zu wischen. Korsch verknüpft, wie wir oben gesehen haben, Produktivkraft mit Arbeitskraft, dementiert aber den potentiellen Charakter, der im Begriff Arbeitskraft liegt, sogleich. Er spricht von der &#8220;wirklichen Arbeitskraft lebender Menschen&#8221; und läßt sie schon im nächsten Halbsatz real produzieren. Die Verwirklichung der Arbeitskraft, ihre reale Betätigung, ist aber schon ihre Entwirklichung. Arbeitskraft ist nur so lange Kraft, so lange sie sich nicht betätigt, soweit sie Potenz bleibt. Mit dem Akt ihrer Betätigung hört sie auf, Kraft zu sein, und gerinnt zum Produkt. Die begriffliche Ungenauigkeit, mit der Korsch hier den Arbeits-</p>
<p>34 &#8212;-</p>
<p>kraftbegriff handhabt, verdinglicht ganz im traditionellen Sinn auch seinen Produktivkraftbegriff. Auch er kann Produkt und Produktion einerseits und Produktivkraft andererseits nicht scheiden. Die Entfesselung der Produktivkräfte im Sozialismus fällt ihm unmittelbar zusammen mit der Ausdehnung der Produktion und beide Begriffe sind ihm nicht weniger synonym als den Stalinisten. &#8220;Der Sozialismus wiederholt in veränderter Form und in gigantisch gesteigertem Ausmaße noch einmal die Entfesselung der Produktion, die der Kapitalismus für seine Zeit und in seiner Form, und am Ende mehr schlecht als recht zustande gebracht hat&#8221;(<a href="#13">13</a>).<a name="q13"></a> Er meint, Marx zu paraphrasieren, und stellt ihn doch auf den Kopf. Korsch landet mit der Betonung der wirklichen menschlichen Aktivität genau dort, wo auch seine marxistisch-technischfetischistische Konkurrenz angelangt ist. &#8220;Subjektivismus&#8221; und &#8220;Objektivismus&#8221; vereinen sich im &#8220;Konkretismus&#8221; und brechen gemeinsam dem Marxschen Produktivkraftbegriff die kritische Spitze ab. Bei Marx sind Produktivkräfte als solche nirgends greifbar. So wenig der Wert als solcher ans Licht tritt und trotzdem die kapitalistische Produktionsweise reguliert, so wenig ist die Produktivkraft darauf angewiesen, rein und an sich handgreiflich Gestalt anzunehmen, um historisch wirksam zu werden. Produktivkräfte erscheinen immer nur durch den Filter der herrschenden Produktionsverhältnisse hindurch. Materialisieren sie sich in der wirklichen Produktion, so sind sie nicht mehr sie selbst an sich, sondern hoffnungslos mit den Produktionsverhältnissen amalgiert. Im Produktionsprozeß und in seinem Produkt gehen Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte eine Synthese ein, aus der niemals eine reine Erscheinungsform der Produktivkräfte herausdestilliert werden könnte. Die Verwertungslogik des Kapitals bestimmt, welche von allen möglichen Techniken und Produktionsabläufen verwirklicht werden und kein davon unabhängiger Sachzwang. Allein an der Verwertung des Werts interessiert, gleichgültig gegen die stoffliche Seite, die ihr über den Kopf wächst, muß das Kapital, sobald es beginnt, sich wirklich zur Schranke zu werden, die Produktion irrational gestalten. Die Fragwürdigkeit von Produktion und Produkt drückt dann gerade die Spannung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen aus. Identifizieren wir aber Produktivkräfte platt und traditionell mit der wirklichen Produktion, wird der zentrale Widerspruch des historischen Materialismus zur Denkunmöglichkeit. Die Irrationalität kapitalistischer Produktion erscheint dann als Eigenschaft des erreichten Produktivkraftniveaus überhaupt und die kapitalistische Form wird zur Wesensbestimmung.</p>
<p>Genau dieser Verkehrung sitzt die gesamte produktivkraftkritische Diskussion auf. Sie übernimmt die traditionelle Identifizierung von materieller Produktion und Produktivkraft und überträgt damit die augenscheinliche Irrsinnigkeit weiter Teile der heutigen materiellen Produktion, die aus der völligen Subsumtion der konkreten stofflichen Produktion unter die abstrakte Logik des Tauschwertes entspringt, auf die Produktivkräfte selber. Lassen wir die strenge begriffliche Unterscheidung fallen, verwenden wir den Begriff Produktivkraft konkretistisch und handgreiflich, so erscheinen die Produktivkräfte ebenso hoffnungslos in die Produktionsverhältnisse eingeebnet wie es der konkrete Arbeits-</p>
<p>35 &#8212;-</p>
<p>prozeß tatsächlich ist. Eine mögliche Existenz von Produktivkräften jenseits der Wertabstraktion wird ausgelöscht.</p>
<p>Eine Veränderung der Tätigkeit der Menschen, diese wesentliche Bestimmung der kommunistischen Umwälzung, eine Aufgabe, die gerade die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit durch das Kapital auf die Tagesordnung der Geschichte setzt, erscheint bei den Produktivkraftkritikern auf hohem Niveau der Produktivkraftentwicklung ausgeschlossen. Jede Relativierung der Arbeitsteilung knüpft sich bei ihnen an den Verzicht auf wichtige gesellschaftliche Produktivkräfte. Entgesellschaftung wird zur Voraussetzung der Relativierung der stumpfsinnigen Teilung der Arbeit, während gerade erst die Aneignung der Produktivkräfte durch ihre Produzenten, das heißt die bewußte Vergesellschaftung der Produktion real die Aufhebung der Arbeitsteilung, die Aufhebung der Subsumtion des Arbeiters unter sein Werkzeug verspricht. Entwickelte Produktivkräfte und die kapitalistische Form, in der sie historisch erzeugt wurden, scheinen im selben Augenblick unauflöslich miteinander zu verschmelzen, in dem real der Widerspruch zwischen beiden sich zum Sprengen spannt.</p>
<p>Nehmen wir den Produktivkraftbegriff dinglich, so stellt sich die gesamte Marxsche Theorie auf den Kopf, sobald der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ein objektiv revolutionäres Niveau erreicht hat. Dann rückt jede weitere Entwicklung der Produktivkräfte die Befreiung des Menschen in weitere Ferne, dann steigert jede Entwicklung der Produktivkräfte nur die Macht des Kapitals, dann war die proletarische Revolution vielleicht einmal 1918/19 möglich, ist es aber nicht mehr. Genau dieses Theorem ist in weiten Teile des linken Spektrums verbreitet. Seinen Ursprung hat es in der kritischen Theorie, besonders in der &#8220;Negativen Dialektik&#8221; von Adorno und in der &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221;, die Adorno zusammen mit Horkheimer verfaßte. Heute finden wir es etwa bei Pohrt und Joscha Schmierer. Beide gehen davon aus, daß das Proletariat nur so lange revolutionär sein kann, solange es noch nicht reell unter das Kapital subsumiert ist, solange es sich weitgehend außerhalb des Kapitalverhältnisses reproduziert, solange es sich einigermaßen dem Kapital entziehen kann. Auf die Spitze getrieben finden wir das Theorem in der Unterscheidung zwischen revolutionärem Proletariat und reaktionärer Arbeiterklasse, die die Autonomia 14 trifft. Für sie ist das Proletariat nur revolutionär, solange es sich in erster Linie über Subsistenzproduktion, außerhalb des Kapitalverhältnisses also, reproduziert. Wird dieses Proletariat unter das Joch der Lohnabhängigkeit gepreßt und zur Lohnarbeiterklasse, so verliert es als variabler Bestandteil des Kapitals seinen revolutionären Charakter. Unter Proletariat versteht die Autonomia-Redaktion abstruserweise, aber durchaus folgerichtig, eine Klasse von Nichtlohnarbeitern.</p>
<p>Stefan Breuer schreibt, ganz im Sinne der hier aufgeführten Autoren, im Anhang zu seiner &#8220;Krise der Revolutionstheorie&#8221;: &#8220;Daß Marx und Engels ihre revolutionstheoretischen Annahmen vor dem Hintergrund der Erfahrung von Klassenauseinandersetzungen formulierten, die für die entwickelte bürgerliche Gesellschaft eher atypisch sind, ist eine These,</p>
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<p>die einer genaueren Untersuchung wert wäre. Die Militanz, wie sie die revolutionären Bewegungen in Süd- und Osteuropa, in China, Vietnam und anderen Ländern der &#8216;dritten Welt&#8217; auszeichnete und (noch) auszeichnet, läßt vermuten, daß ein wirklich radikaler Widerstand gegen die kapitalistische Ausbeutung nur dort möglich ist, wo das Kapitalverhältnis die lebendige Arbeit noch nicht völlig unterworfen hat. So stellten z.B., wie die gründliche Untersuchung von Vester 1972 dokumentiert, für die englische Bevölkerung des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts der Zusammenprall der alten dörflich-handwerklichen Wertmuster von ökonomischer Autonomie und gemeindlicher Solidarität mit den Normen kapitalistischer Rationalität, der Verlust der alten Sicherheit und die Zerstörung der überkommenen sozialen Beziehungen &#8211; von der Unterwerfung der Arbeitskraft unter die starre Disziplinierung und Zeiteinteilung der kapitalistischen Industrie gar nicht erst zu reden &#8211; eine Kette geradezu traumatischer sozialer Erfahrungen dar, auf die sie mit verzweifelter Abwehr reagierte. Diese Abwehr, die ihre Militanz möglicherweise gerade ihren regressiven, auf die Restaurierung der traditionellen Zusammenhänge gerichteten Ziele verdankte, transformierte sich mit der zunehmenden Erfahrung der Erfolglosigkeit des vereinzelten, unorganisiert-spontanen Widerstands in einem kollektiven Lernprozeß in eine Bewegung, die INNERHALB der bürgerlichen Produktionsweise um ihre Rechte kämpfte: anfangs noch mit erheblicher Radikalität, dann aber bald, nach der Erfahrung der brutalen Reaktion der Herrschenden, immer disziplinierter und den &#8216;Spielregeln&#8217; entsprechender. Es scheint, daß dieser Transformationsprozeß einer zersplitterten, von chiliastischen und naturrechtlichen Vorstellungen beherrschten Handwerker- und Kleinbauernbewegung zu einer gegen die privatkapitalistische Aneignung des Reichtums opponierenden Arbeiterbewegung Marx&#8217; und Engels&#8217; Revolutionsbegriff wesentlich prägte und sie zu der Erwartung veranlaßte, daß der ständige Rückkoppelungsprozeß von Erfahrung, bewußtseinsmäßiger Verarbeitung und Strategiebildung, wie er für die frühe englische Arbeiterbewegung charakteristisch war, auch den revolutionären Prozeß im entwickelten Kapitalismus bestimmen würde; eine Annahme, die sich nur zu bald als falsch erweisen sollte.&#8221;(<a href="#14">14</a>) <a name="q14"></a></p>
<p>Freilich kommt Breuer zu seinem &#8220;Sieg&#8221; über die Marxsche Revolutionstheorie auf einer sehr billigen Grundlage. Er schneidet zunächst, wie wir gesehen haben, alles am Produktivkraftbegriff ab, was über das faktisch Seiende hinausgeht. Die produktiven Möglichkeiten, die im erreichten Stand der Produktivkräfte stecken, schrumpfen auf das technisch gegebene, auf die vorhandene Maschinerie und die herrschende kapitalistische Organisation des Arbeitsprozesses zusammen. Dann wird natürlich der Prozeß der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital gleichbedeutend mit der fortschreitenden Eliminierung der Differenz zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, und er kann Adorno zustimmen, daß &#8220;das Marxsche Vertrauen in den geschichtlichen Primat der Produktivkräfte allzu optimistisch gewesen sei&#8221;(<a href="#15">15</a>).<a name="q15"></a> Dann steht der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nicht am Ende der Geschichte</p>
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<p>des Kapitals, sondern an ihrem Anfang.</p>
<p>Die Reduktion des Produktivkraftbegriffs auf den kapitalistischen Arbeitsprozeß verknüpft ALLGEMEIN MENSCHLICHE Emanzipation mit einer verbesserten Stellung des EINZELNEN ARBEITERS innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses. Aber gerade der Prozeß der reellen Subsumtion schließt eine Verstärkung der Position des vereinzelten Arbeiters gegenüber dem Kapital aus. Damit erscheint dann jeder weitere menschliche Fortschritt auf die Abschußliste gesetzt und der große Pessimismus als die einzig realistische Zukunftsvision. Ganz anders bei Marx.</p>
<p>Weil für Marx der konkrete Arbeitsprozeß nicht das Agens der Geschichte ist, muß er auch nicht in ihrer Tätigkeit allseitig entwickelte Individuen als conditio sine qua non der kommunistischen Umwälzung voraussetzen, sondern kann und muß von der absoluten Vereinseitigung menschlicher Tätigkeit ausgehen und die Veränderung der menschlichen Tätigkeit, die Aufhebung der Vereinseitigung des Menschen im Arbeitsprozeß, als einen der wesentlichen Inhalte dieser Revolution bestimmen. Die Bedeutung dieser Veränderung menschlicher Tätigkeit, die auf eine völlige Umwälzung der kapitalistisch vorgegebenen Arbeitsorganisation und des Arbeitsprozesses zielt, ist nicht zu überschätzen. Diese radikale Kritik von Marx an der kapitalistischen Organisation der Arbeit scheidet ihn deutlich von seinen akkumulationsfetischistischen Epigonen aus der Zeit der zweiten und dritten Internationale und nimmt den positiven Inhalt, die reale Problemstellung vorweg, deren bornierter Ausdruck die produktivkraftkritische Diskussion ist. Marx betont, &#8220;daß in allen bisherigen Revolutionen die Art der Tätigkeit stets unangetastet blieb und es sich nur um eine andere Distribution dieser Tätigkeiten, um eine neue Verteilung der Arbeit an andere Personen handelte, während die kommunistische Revolution sich gegen die bisherige Art der Tätigkeit richtet, die Arbeit beseitigt&#8221;(<a href="#16">16</a>), <a name="q16"></a>wie sie vom Kapital erzeugt wurde.</p>
<p>Marx macht gerade die radikale Veränderung des Arbeits- und Produktionsprozesses zum Springpunkt, der die proletarische von allen vorangegangenen Revolutionen scheidet. Die traditionelle Arbeiterbewegung mußte diese Einsicht gründlich verdrängen, um ihrer bürgerlichen Aufgabe gerecht werden zu können. Die Produktivkraftkritiker betonen demgegenüber zwar die Notwendigkeit der Veränderung der Tätigkeit, aber auf der Grundlage ihres konkretistisch verdinglichten Produktivkraftbegriffs scheint für sie jede Vermenschlichung des Arbeitsprozesses, jede Beseitigung lebensbedrohender Produktion das Zurückschrauben der Produktivkräfte unter das schon erreichte Niveau zu bedingen. Der produktivkraftkritischen Fortschrittsverzweiflung liegt ein einfacher Zirkelschluß zugrunde, der in dieser Form auf die Frankfurter Schule zurückgeht und der von ihren bewußten und unbewußten Epigonen gleichermaßen zäh festgehalten wird. Die Produktivkräfte können sich nur materiell niederschlagen durch den Filter der Produktionsverhältnisse hindurch. Die gesellschaftliche Potenz realisiert sich nur, indem sie ihre Reinheit als bloße menschliche Fähigkeit aufgibt und sich der Logik der Produktionsverhältnisse unterwirft. Sie ge-</p>
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<p>rinnt, wird handgreiflich, aber nicht als solche, sondern nur im gesellschaftlichen, das heißt eben kapitalistischen Ensemble. Dieser kapitalistische Ausdruck, ihre materielle Erscheinungsweise unter kapitalistischen Bedingungen, wird den Produktivkräften dann als solchen eingeimpft und der lebendige Widerspruch wird so aus der objektiven Realität exorziert. Die Vorstellung vom Kapital als seiner eigenen Schranke kann dann nur noch als unsinniges Paradoxon fallengelassen werden.</p>
<p>Auf diese handgreiflich-empirische Ebene zurechtgestutzt, kommen die Produktivkräfte als das letztliche Agens der gesellschaftlichen Emanzipation nicht mehr in Frage. Zur Technik versteinert, löst sich ihr Zusammenprall mit den Produktionsverhältnissen in Wohlgefallen auf. Übrig bleibt nur die Maschinerie des technologischen und gesellschaftlichen Apparates als schlecht faktische, in der sich die sich erweitert reproduzierende Herrschaft des Kapitals spiegelt. Verdinglichte Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse schmelzen sich und damit den lebendigen Widerspruch zum monolithischen Block ein und treten, zu feindlichen Dingen geronnen, den Menschen entgegen.</p>
<p>Mit der Verdinglichung des Produktivkraftbegriffs verschwimmt auch der Bedeutungsgehalt des Begriffs Produktionsverhältnis. Er verliert jede historische Trennschärfe, und Herrschaft verknüpft sich mit dem, was übrig bleibt, mit dem Produkt als solchem, mit dem Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur überhaupt. Das spezifisch kapitalistische verwandelt sich in eine bloße Spielart von etwas allgemeinerem und verliert seinen eigenständigen Charakter. Die Herrschaft des Menschen über den Menschen reduziert sich auf einen Spezialfall der herrschaftlichen Beziehung des Menschen zur Natur. Wenn heute bei allen drängenden realen Einzelproblemen, an denen sich die neuen sozialen Bewegungen abarbeiten, ausgerechnet auch der Tierschutz, das Schicksal des tierversuchsgequälten Hansi und des käfiggehaltenen Fiffi allen Ernstes einen Kristallisationspunkt mittelständischer Bewegtheit abgeben, wenn jeder harmlose Passant, der öffentlich und mit Wollust seine Wurstsemmel verdrückt, Gefahr läuft, von militanten Vegetariern totgebissen zu werden, dann findet darin diese Verblendungslogik ihren populären Ausdruck.</p>
<p>Diese Zurückverlegung von Herrschaft in den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur hat ihren Ursprung, zumindest was das linke Bewußtsein angeht, wie könnte es auch anders sein, in der Frankfurter Schule, genauer bei Adorno. Als der primitive Fortschrittsoptimismus der alten Arbeiterbewegung unter den Schlägen Hitlers und Stalins zusammenbrach, mußte Adorno, weil er an ihrem verdinglichten Produktivkraftbegriff kleben blieb, eine gerade Linie &#8220;von der Steinschleuder zur Megabombe&#8221;(<a href="#17">17</a>) <a name="q17"></a>ziehen. Er mußte, wie Stefan Breuer richtig anmerkt, &#8220;die Kritik von der tauschwertsetzenden auf die gebrauchswertsetzende Arbeit verlagern, die, weil sie auf Aneignung und Formung des Natürlichen beruht, all jene Gewalt und Unterdrückung in nuce enthalten soll, die auch für die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander charakteristisch sind. Die gesamte Praxis der Selbsterhaltung und des auf sie bezogenen Denkens verfällt diesem Verdikt. Produktion und Herrschaft, Macht und Erkenntnis sind der Negativen Dialektik zufolge</p>
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<p>synonym, und dies nicht erst aufgrund ihrer Verflechtung mit einer bestimmten Form der gesellschaftlichen Synthese, sondern aufgrund ihres innersten Prinzips, der Identität, das &#8216;noch vor aller gesellschaftlicher Kontrolle, vor aller Anpassung an Herrschaftsverhältnisse&#8217; allein durch seine bloße Form Gewalt ausübt. Mit dieser Konzeption, die die Realabstraktion der Tauschwertproduktion nur noch als Fortsetzung des schon in der Gebrauchswertproduktion wirksamen Gewaltverhältnisses zu fassen vermag, nähert Adorno die kritische Theorie der von ihm sonst so energisch befehdeten naturalistischen und irrationalistischen Kultur- und Zivilisationskritik bis zur Ununterscheidbarkeit an&#8221;(<a href="#18">18</a>).<a name="q18"></a> Adorno kippt schließlich vollends ins ahistorisch-darwinistische und schreibt, &#8220;daß der soziale Zwang tierisch biologisches Erbe sei; der ausweglose Bann der Tierwelt reproduziert sich in der brutalen Herrschaft stets noch naturgeschichtlicher Gesellschaft&#8221;(<a href="#19">19</a>). <a name="q19"></a></p>
<p>Adorno verlängert die scheinbare Geschlossenheit und Unaufhebbarkeit der kapitalistischen Gesellschaftlichkeit hier noch in die Vergangenheit hinein und ontologisiert den Alptraum des bürgerlichen Individuums von der Übermacht des Gesellschaftlichen. Er endet dort, wo die kritische Theorie ihre eigentliche Wurzel hat, im kulturkritischen Ekel vor der Durchvergesellschaftung der menschlichen Existenz, die der bürgerlichen Monade keinen Ausweg läßt. Er kann nur noch die Ausweglosigkeit, die Übermacht des schlecht faktischen konstatieren. Gegen dessen totalitäre, alles erfassende Gewalt, die alles und jeden in sich verschlingt, kann sich innerhalb der objektiven Wirklichkeit keine Gegenkraft finden. In der kritischen Theorie hißt das bürgerliche Individuum auf seinem auseinanderfallenden Floß noch einmal sein Fähnchen. Es ist von weißer Farbe.</p>
<p>Aber selbst die Eule Adorno hält diese Konstellation nicht aus, die dem kritischen Bewußtsein nur noch den Suizid als Möglichkeit läßt. Ganz gegen die Logik seines gesamten Gedankengangs hofft er schließlich doch noch, daß der Abenddämmerung, durch die er seinen geistigen Flug unternimmt, vielleicht nicht die ewige barbarische Finsternis folgen möge. Der Widerspruch kann aber gegen die in sich stimmige und geschlossene Wirklichkeit nur äußerlich herangetragen werden. Aus dem Nichts entspringt plötzlich transzendierende Subjektivität:</p>
<p>&#8220;Die Starre, die der Geist widerspiegelt, ist keine natur- und schicksalhafte Macht, der man ergeben sich zu beugen hätte. Sie ist von Menschen gemacht, der Endzustand eines geschichtlichen Prozesses, in dem Menschen Menschen zu Anhängseln der undurchsichtigen Maschinerie machten. Diese Maschinerie durchschauen, wissen, daß der Schein des Unmenschlichen menschliche Verhältnisse verbirgt, und dieser Verhältnisse selbst mächtig werden, sind Stufen eines Gegenprozesses der Heilung. Wenn wirklich der gesellschaftliche Grund der Starre als Schein enthüllt ist, dann mag auch die Starre selbst vergehen. Der Geist wird lebendig sein in dem Augenblick, in dem er nicht länger sich bei sich selber verhärtet, sondern der Härte der Welt widersteht&#8221;(<a href="#20">20</a>). <a name="q20"></a></p>
<p>Dieser plötzliche subjektivistische Umschlag folgt der selben Matrix, nach der sich</p>
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<p>sämtliche zeitgenössische Mittelstandbewegungen die Grundideologeme zusammenbasteln. Die Adornosche Fassung erinnert zwar sofort fatal an den Aufklärerhabitus, mit dem heutzutage die &#8220;Marxistische Gruppe&#8221;(MG) hausieren geht, die Grundstruktur ist aber bei weitem allgemeiner. Sie bestimmt das zeitgenössische oppositionelle Bewußtsein in seiner ganzen Breite.</p>
<p>Die von grundsätzlichen Widersprüchen frei gedachte Wucht der Tauschwertvergesellschaftung schlägt alles in ihren Bann. Widerstand erscheint nur von einem Bereich aus möglich, der sich dem objektiven Zugriff entzieht. Als Refugium des Widerstands bleibt nur eine unbedingte Subjektivität. Wenn es je eine andere Welt geben soll, so können deren Elemente nicht aus der bestehenden Wirklichkeit freigesetzt werden, sondern sie kann nur gegen die objektive Entwicklung ertrotzt werden. Sand im Getriebe sein, Widerstand leisten, lautet daher die Devise, und völlig befremdlich erscheint das Vertrauen, das die alte Arbeiterbewegung in die positiven Resultate der objektiven Entwicklung setzte: &#8220;Die Aufgabe der Sozialdemokratie ist es nicht, der Entwicklung ihren Weg vorzuschreiben; sie hat nur die Aufgabe, die Hindernisse der Entwicklung zu beseitigen; sie hat die Bahn frei zu machen für die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, sie hat nicht künstlich diese zu fabrizieren&#8221;(<a href="#21">21</a>). <a name="q21"></a></p>
<p>Diese scheinbar objektivistische Interpretation Kautskys, vor siebzig Jahren noch Credo der Sozialdemokratie, könnte heute überhaupt nicht mehr gedacht werden. Mit dem mechanischen Vertrauen in die objektive Entwicklung schwand auch jedes Bewußtsein der realen Kontinuität innerhalb des Umschlags von der kapitalistischen Krise zum Kommunismus, und die Revolution konnte nur noch als das &#8220;ganz Andere&#8221; betrachtet werden. Es scheint inzwischen abstrus, die Grundlagen einer neuen Gesellschaft schon im Schoße der alten als deren ureigenstes Produkt zu verorten und den Kommunismus als die positiv gewendete Krise des Kapitalismus zu bestimmen. Hier liegt aber keine neue Bornierung vor, es wiederholt sich nur die traditionelle mit umgekehrten Vorzeichen.</p>
<p>Die Vorweltkriegs-Arbeiterbewegung vergaß über der Kontinuität der historischen Entwicklung den Bruch, der im Wesen jeder Revolution liegt und der sie zu mehr als zu einer beschleunigten Evolution macht. Die leninistische Tradition führte diesen Bruch zwar ein, aber aufgrund des unentwickelten Produktivkraftniveaus nur auf der politischen Ebene. Bei den Produktivkraftkritikern, soweit sie überhaupt noch den Ausweg in eine bessere Zukunft offenstehen sehen, dreht sich dieses Verhältnis um. Sie kennen nur noch den Bruch, ohne jede Kontinuität. Beide Richtungen verhalten sich hier aber nur komplementär auf der selben Grundlage. Stehen heute in den Schriften der Produktivkraftkritiker die Beschreibung der ökologischen und sonstigen realen Krise unverbunden neben selbstgezimmerten Ökoidyllen, so ging es der alten Arbeiterbewegung im Grunde nicht besser. Auch damals blieb die Formbestimmtheit der kapitalistischen Krise und der Inhalt der proletarischen Revolution unvermittelt nebeneinander stehen. Die farcenhafte Renaissance des utopischen Denkens stellt nur die Unfähigkeit, einen</p>
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<p>Zusammenhang zwischen alter und neuer Gesellschaft zu bestimmen, selbstbewußt heraus, während die alte Arbeiterbewegung dieses Manko hinter einigen Allgemeinplätzen zu kaschieren suchte. Zwar insistierte Marx darauf, daß &#8220;die ganze ökonomische Scheiße letztlich in den Klassenkampf mündet&#8221;, aber die Theoretiker der alten Arbeiterbewegung konnten nie einen ernstzunehmenden Zusammenhang zwischen Krisen- und Revolutionstheorien herausarbeiten. Alle Varianten der traditionellen Verelendungstheorie meinten zwar, darin einen Grund für den proletarischen Aufstand angeben zu können, sie leisteten damit aber keinesfalls einen Beitrag zur Bestimmung des Inhalts der proletarischen Revolution.</p>
<p>Auch bei Marx selber fallen die Analyse der allgemeinen begrifflichen Logik des Kapitals und seine politischen Konzepte auseinander. Daß selbst er die Einheit nur proklamieren, aber nicht wirklich herstellen konnte, verweist darauf, daß hier mehr als bloß subjektives Versagen vorliegt. Der Stand der historischen Entwicklung hatte damals real die Einheit von proletarischer Revolution und kapitalistischer Krise noch nicht hergestellt, weil das Kapital seine absolute Schranke bei weitem noch nicht erreicht hatte, und eine proletarische Revolution nur als politische Revolution, nicht aber als soziale, da und dort auf der Tagesordnung der Geschichte stand. Erst heute fällt diese wirkliche Kluft, und die Einheit von Krisen- und Revolutionstheorie wird möglich. Die Krise der Tauschwertvergesellschaftung selber als absolute Schranke des Kapitalverhältnisses, die sich heute abzuzeichnen beginnt, drückt negativ aus, was auch die allgemeinste Bestimmung der proletarischen Revolution und des Kommunismus sein muß: Aufhebung der Tauschwertvergesellschaftung, Beseitigung der Warenform, und stattdessen direkte Vergesellschaftung (vgl. R. Kurz, Die Krise des Tauschwerts, Marxistische Kritik Nr. 1).</p>
<p>Aber gerade weil diese Vermittlung möglich geworden ist und die volle Entfaltung der Tauschwertabstraktion die einst real disparaten Elemente zur Einheit bringt, muß das Absehen der Produktivkraftkritiker von der Tauschwertabstraktion bei ihnen oder für sie die Kluft und Zusammenhanglosigkeit zwischen der real existierenden Gesellschaft und der angestrebten Veränderung ins Groteske steigern. Die Utopie kehrt wieder, aber nicht wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts antizipierend, als nur traumtänzerisch mögliche Überwindung des Kapitalismus, dem noch kaum seine Lauflernschuhe paßten, sondern vollkommen regressiv. Die historische Entwicklung wird nicht leichtfüßig im phantasiereichen Kopf vorweggenommen, sie wird zugekleistert und die Wirklichkeit wird nur verleugnet. Die utopischen Sozialisten kommen nicht zu neuen Ehren, sondern ihr Andenken wird erbarmungslos geschändet. Statt wie sie die Umwälzung der bestehenden Gesellschaft, die Aufhebung all ihrer Verkehrungen zu intendieren, propagiert die produktivkraftkritische Linke Abkehr und Umkehr. Sie macht sich nicht auf zur Aneignung der Welt, denn Aneignung kennt sie nur als verwerflichen Gewaltakt, sondern sie predigt die kollektive Rückkehr in die Innerlichkeit. Der eigene Nabel wird zur Fluchtburg und die Bewegung zum Kollektivnabel, der sich von Zeit zu Zeit der bösen Welt entge-</p>
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<p>genstellt, wenn sich die ohjektive Entwicklung wieder einmal allzu schmerzhaft den Monaden auf die Zehen stellt.</p>
<h4>2. Akkumulation und alte Arbeiterbewegung</h4>
<p>Die alte Arbeiterbewegung konnte einen verdinglichten Produktivkraftbegriff noch positiv besetzen und tat es. Schon der Frankfurter Schule war dies unmöglich, und heute liegt die Irrationalität kapitalistischer Produktion zu deutlich auf der Hand, als daß der überlieferte verkürzte Produktivkraftbegriff noch ideologisch mit den selben Vorzeichen versehen werden könnte. Was einst positiv klang nach Zukunftsmusik, wird heute zum Alptraum, und allzu gerne projizieren die modernen Produktivkraftkritiker den Horror vor dem modernen Produktionsprozeß in die kapitalistische Vergangenheit und machen der alten Arbeiterbewegung ihr Eintreten für die Produktivkraftentwicklung zum Vorwurf. Sie tun ihr damit allerdings gründlich unrecht. Denn solange der Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nur partiell aufscheint, etwa in den zyklischen Krisen, muß der konkrete Arbeitsprozeß und mit ihm die stoffliche Produktion überhaupt als weitgehend rationaler und adäquater Ausdruck der vorhandenen menschlichen Potenzen erscheinen. Irrational ist dann lediglich die zeitweilige Nichtproduktion im Gefolge von Überproduktionskrisen, aber nicht die materielle Produktion und das Produkt selber. Solange die Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums nicht im Übermaß fließen und allgemeine Notdurft herrscht, ist die Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion, auch wenn sie in antagonistischen Formen verläuft und damit über weite Strecken mit ungeheurer Brutalität und menschlichem Leid verknüpft ist, durchaus vorwärtstreibend. In seiner Würdigung Ricardos erkannte Marx diesen Sachverhalt an. Erst die Entwicklung der Produktivkräfte, mit welchen menschlichen Tragödien auch immer verbunden, und die damit einhergehende radikale Beschränkung der notwendigen Arbeitszeit machen die kommunistische Umwälzung möglich. Ohne die Entfaltung der Produktivkräfte bleibt der wahre Reichtum der Gesellschaft, die disponible Zeit, ein Luxusprodukt für wenige und die breite Mehrheit der Gesellschaft kann nur subsumiert unter die Notwendigkeiten der materiellen Produktion vor sich hin vegetieren. Menschliche Emanzipation bleibt ein frommer Wunsch, wenn die große Mehrheit gar nicht die Zeit hat, sich den allgemeinen Angelegenheiten zu widmen und ihre Individualität als universale zu entwickeln, sondern den größten Teil ihrer Energie in der bloßen materiellen Reproduktion verausgaben muß.</p>
<p>Sind die Produktionsverhältnisse und die Produktivkräfte miteinander noch weitgehend kongruent, ist ihr Widerspruch noch unentwickelt, so ist die streng begriffliche Unterscheidung zwischen Produktivkräften und dem konkreten Arbeitsprozeß nur von theoretischem Interesse. Nur die rein begriffliche Logik muß sie auseinanderhalten, während unmittelbar praktisch-politisch die Identifizierung noch keine weiterreichenden Folgen</p>
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<p>zeitigt. Die alte Arbeiterbewegung, zumal ihr revolutionärer Teil, durfte nicht den Übergang zur Massenproduktion bekämpfen, um traditionell handwerkelnden Arbeiterformationen ein Überleben zu ermöglichen, auch wenn für diese einzelnen Arbeiter der Arbeitsprozeß unter traditionellen Bedingungen angenehmer gewesen sein mag. Rosa Luxemburg hatte völlig recht, wenn sie sich gegen gewerkschaftliche Eingriffe in die Produktion zugunsten zünftlerischer Handwerkerarbeiter wandte und schrieb: &#8220;Unter Regulierung der Produktion kann man aber nur zweierlei verstehen: Die Einmischung in die technische Seite des Produktionsprozesses und zweitens die Bestimmung des Umfangs der Produktion selber. Welcher Natur kann in diesen beiden Fragen die Einwirkung der Gewerkschaft sein? &#8230; Es ist klar, daß, was die Technik der Produktion betrifft, das Interesse des einzelnen Kapitalisten mit dem Fortschritt und der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft vollkommen zusammenfällt&#8230; Es ist die eigene Not, die ihn zu technischen Verbesserungen anspornt. Jede technische Umwälzung widerstreitet den Interessen der direkt davon berührten Arbeiter und verschlechtert ihre unmittelbare Lage, indem sie die Arbeitskraft entwertet, die Arbeit intensiver, eintöniger, qualvoller macht. Insofern sich die Gewerkschaft in die technische Seite der Produktion einmischen kann, kann sie offenbar nur im letzteren Sinn, das heißt im Sinne der direkt interessierten einzelnen Arbeitergruppen handeln, das heißt sich Neuerungen widersetzen. In diesem Falle handelt sie aber nicht im Interesse der Arbeiterklasse im ganzen und ihrer Emanzipation, das vielmehr mit dem technischen Fortschritt&#8230; übereinstimmt, sondern gerade entgegengesetzt, im Sinne der Reaktion&#8221;(<a href="#22">22</a>). <a name="q22"></a></p>
<p>Die alte Arbeiterbewegung konnte und mußte die konkrete Ausgestaltung des Produktionsprozesses dem Kapital überlassen. Trampert und Ebermann demonstrieren die ganze Erbärmlichkeit ihres &#8220;Ökosozialismus&#8221;, wenn sie Rosa Luxemburg in ihrem Buch &#8220;Die Zukunft der Grünen&#8221; wegen dieser Position scharf angreifen, sich stattdessen auf den Standpunkt des einzelnen traditionellen Arbeiters stellen und die reaktionären Abwehrkämpfe etwa des Solinger Schleifervereins vor dem ersten Weltkrieg, der verzweifelt den noch verbliebenen Privatbesitz an den Schleifsteinen und das zünftlerische Wissensmonopol erhalten wollte, als vorbildlich glorifizieren. Sie enthüllen, wohin auch bei ihnen der Zug geht. Sie empfinden die Aufgabe, entwickelte Produktivkräfte gesellschaftlich anzueignen, als Zumutung und grollen der alten Arbeiterbewegung, daß sie es hat so weit kommen lassen. Sie wünschen den wirklichen Springpunkt unserer Epoche aus der Welt und träumen von Entgesellschaftung, kleinen überschaubaren Einheiten, zurechtgeschnitten auf den Horizont der bürgerlichen Monade, und wehren sich gegen alles, was den Zugriff des vereinzelten Produzenten auf &#8220;sein&#8221; Produkt untergräbt. In ihrer Utopie soll die Produktivkraftentwicklung so weit zurückgeschraubt werden, daß sie nicht mehr mit der kleinen Warenproduktion kollidiert. Sie kritisieren das Kapitalverhältnis nicht vom Standpunkt der inzwischen möglichen Aneignung der gesellschaftlichen Produktivkräfte durch die Gesellschaft selber, sondern von rückwärts her, allein deshalb, weil es die alte</p>
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<p>Gemütlichkeit in der Ausbeutung zerstört hat. Sie wiederholen damit nur, was Marx und Engels schon im &#8220;Kommunistischen Manifest&#8221; als &#8220;reaktionären Sozialismus&#8221; kritisiert haben, und ähnlich wie ihre Vorgänger vor 140 Jahren stellen sie ein äußerst irreal-liebliches Bild des vorkapitalistischen Alltags der schlechten kapitalistischen Gegenwart gegenüber. Die Arbeiten Thompsons müssen dabei als Beleg für die Idylle vorbürgerlicher Zustände herhalten. Suggestiv und in brutaler Interessiertheit am Stoff zitieren sie aus &#8220;Plebeische Kultur und moralische Ökonomie&#8221;: &#8220;Zinngießer aus Cornwall gingen zugleich der Pilchardfischerei nach, Bleibergleute im Norden bestellten einen kleinen Acker, Dorfhandwerker waren sowohl als Maurer als auch als Fuhrleute oder Schreiner tätig; Heimarbeiter verließen zur Ernte ihre Arbeit&#8230;&#8221;(<a href="#23">23</a>). <a name="q23"></a></p>
<p>Sie meinen dabei, in der Vergangenheit universell entwickelte Menschen entdeckt zu haben und bemerken gar nicht, daß die Vereinigung von zwei oder drei bornierten Tätigkeiten in einer Person sehr wenig mit der Entwicklung der eigenen Individualität zu tun hat. Ansonsten müßte der Fabrikarbeiter, der im eigenen Schrebergarten Möhren zieht, um sie an die eigenen Karnickel zu verfüttern, ein besonders glücklicher Mensch sein, und jeder arme Schlucker, der sich mit zwei bis drei verschiedenen 390-Mark-Jobs mühsam über Wasser hält, wäre ein vollkommen entwickeltes Individuum. Aber Zweifel dieser Art fechten unsere Ökosozialisten nicht an. Sie sehen überall in der Vergangenheit erfüllte Existenzen, die erst durch die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital vernichtet wurden. Vom vorweihnachtlichen Konsum angeekelt, betrachten sie mit Milde das materielle Elend bei einem 12- bis 16-stündigen selbstbestimmten Arbeitstag und wünschen sich nichts sehnlicher als die Rückkehr dieser Zeiten in Gestalt von alternativen Projekten.</p>
<p>Geängstigt von der Größe der anstehenden historischen Aufgabe, geben Trampert und Ebermann jeder bornierten, gemütlichen Knechtschaft den Vorzug. Die, um mit Engels zu sprechen, &#8220;viehische&#8221; vorkapitalistische Existenzweise ist diesen beiden Vertretern des herrschenden selbstbescheidenen Zeitgeistes tausendmal sympathischer als die Perspektive einer universalen Auseinandersetzung mit den Folgen der Weltvergesellschaftung, die nichts unverändert lassen wird. Die objektiven Verhältnisse rufen jenes bekannte &#8220;Hic Rhodus, hic salta!&#8221;, und unsere ökosozialistischen Vorturner gehen einen Schritt zurück. Aber nicht, um Anlauf zu nehmen, sondern um die Füße unter den Arm zu klemmen und der gestellten Frage schleunigst die Hacken zu zeigen. Die Flucht endet, wie könnte es anders sein, beim Urbild deutscher Gemütlichkeit, in der Mühle am rauschenden Bach. Trampert und Ebermann führen ausgerechnet den Mühlenbauer, einen vielseitigen Spezialisten, und als solcher eine Rarität, als den Prototyp des vorkapitalistischen Produzenten vor und zitieren auf tränenfeuchtem Papier Friedrich Klemm, der da schreibt: &#8220;Der Mühlenbauer vergangener Tage war bis zu einem gewissen Grade der alleinige Vertreter der Maschinenbaukunst; er wurde als Autorität in allen Fragen der Anwendung von Wind und Wasser betrachtet, wie auch immer diese Kräfte als Antrieb in den Werk-</p>
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<p>stätten gebraucht werden mochten. Er war der Ingenieur des Gebiets, in dem er wohnte; er war eine Art Hansdampf in allen Gassen. Mit der selben Fertigkeit vermochte er an der Drehbank, am Amboß oder an der Hobelbank zu arbeiten&#8230; So wurde er zu einem erfinderischen und ausgelassen umherschweifenden Gesellen, der überall Hand anlegen konnte&#8221;(<a href="#24">24</a>). <a name="q24"></a></p>
<p>In ihrer Begeisterung für die &#8220;selbstbestimmte&#8221; Arbeit des Mühlenbauers vergessen Trampert und Ebermann natürlich augenblicklich wesentliche Linien des vorkapitalistischen Klassenkampfes, wie sie von ihrem Lieblingsautor und Kronzeugen Thompson skizziert werden. Sie erwähnen mit keinem Wort, daß für die Masse der Landbevölkerung die Mühle das klassische Symbol von Teuerung, Ausbeutung und liederlichem Lebenswandel war und die Liebe und Bewunderung für Mühlen, Müller, Mühlenbauer etc. sich in Zeiten von Getreidenot ab und an in Brandstiftung entlud (vgl. Thompson, Plebeische Kultur und moralische Ökonomie, S. 93 ff.). Die neulinke Denkfaulheit schlägt hier wieder einmal in Feigheit um und flieht in die Vergangenheit. Die historische Entwicklung allerdings wird darauf genauso viel Rücksicht nehmen wie auf ähnliche Bewegungen bisher, nämlich gar keine, und jene Fragestellung, vor der sich die Produktivkraftkritiker so fürchten, erneut und reiner denn je herausarbeiten.</p>
<p>Nichts machen die Produktivkraftkritiker dem Kapital so verbittert zum Vorwurf wie seine transitorische Leistung. Als Apologeten der kleinen Warenproduktion bekämpfen sie das Kapitalverhältnis nur insofern, wie es die Existenz von Warenproduktion gefährdet und an die Schwelle einer neuen Gesellschaft heranführt. Genau in diesem Sinne verfällt auch die alte Arbeiterbewegung ihrem Verdikt. Sie kritisieren nicht deren Beschränktheit, sondern gerade deren wirkliche historische Leistung. Aller produktivkraftkritischen Larmoyanz zum Trotz, die alte Arbeiterbewegung hat gerade dadurch, daß sie sich zum Motor der Produktivkraftentwicklung machte, ihren einzig möglichen Beruf erfüllt und ist mit dem Abschluß dieser Aufgabe gestorben. Bei all ihrer theoretischen Borniertheit, so abgeschmackt uns heute das proletarische Arbeitsethos in den Ohren klingen mag, so fatal sich ihr verdinglichter Produktivkraftbegriff heute auswirkt, die als Propagierung der Rechte der unmittelbaren Produzenten kaschierte Apologetik der Verallgemeinerung der Verwertung des Werts hatte doch eine relative historische Berechtigung. Die alte Arbeiterbewegung wußte zwar nicht, was sie tat; das, was sie tat, war aber historisch notwendig, und wie jede revolutionäre bürgerliche Bewegung konnte auch die alte Arbeiterbewegung ihrem historischen Berufe nur nachkommen, wenn sie sich über ihre eigenen Aufgaben täuschte. Die sozialistische Phrase mußte ideologisch den bürgerlichen Inhalt schönen, damit die alte Arbeiterbewegung als treibende Kraft der Durchkapitalisierung aller gesellschaftlicher Bereiche praktisch wirksam werden konnte. Die Bourgeoisie auf sich gestellt, war entweder alleine zu schwach, um die rasante Entwicklung der Produktivkräfte zu vollbringen und mußte daher in der sowjetischen Variante durch die Arbeiterbewegung selber ersetzt werden, oder sie bedurfte zumindest der Arbeiterbewegung als</p>
<p>46 &#8212;-</p>
<p>ständiger Peitsche, die sie auf ihrem Weg vorwärtstrieb, wie in der westeuropäischen Version. Auf alle Fälle mußte sich die alte Arbeiterbewegung mit vor das Joch der Produktivkraftentwicklung spannen.</p>
<p>Die sozialistische Revolution als soziale Revolution, nicht nur als politische verstanden, sondern als Revolution, die auch die Tätigkeit des Menschen grundlegend umwälzt, stand noch nicht auf der Tagesordnung der Geschichte, und so konnte sich die alte Arbeiterbewegung auch gar keine andere Aufgabe stellen als diejenige, die sie auch gelöst hat. Nur weil Marx den Entwicklungsstand der Produktivkräfte seiner Zeit maßlos überschätzte, konnte er übersehen, daß er theoretisch die Möglichkeit einer proletarischen Revolution im 19. Jahrhundert dementiert hatte und daß seine revolutionäre Theorie die Existenz des Kapitals und seine weitere Entwicklung für seine Zeit rechtfertigte, denn: &#8220;Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoße der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind&#8221;(<a href="#25">25</a>). <a name="q25"></a></p>
<p>Trotz aller immanenten Krisenhaftigkeit kapitalistischer Entwicklung beweist schon allein die gigantische weitere Entfaltung der Produktivkräfte nach dem zweiten Weltkrieg, die ohne größere Erschütterungen innerhalb von Tauschwertlogik und Warenproduktion erfolgen konnte, daß eine proletarische Revolution als soziale Revolution im ersten Drittel dieses Jahrhunderts noch jeder objektiven Grundlage entbehrte. Engels schrieb rückblickend über seine und Marxens revolutionäre Hoffnungen von 1848: &#8220;Die Geschichte hat uns und allen, die ähnlich dachten, unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, daß der Stand der ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei weitem nicht reif war für die Beseitigung der kapitalistischen Produktion; sie hat dies bewiesen durch die ökonomische Revolution, die seit 1848 den ganzen Kontinent ergriffen und die große Industrie in Frankreich, Österreich, Ungarn, Polen und neuerdings Rußland erst wirklich eingebürgert, aus Deutschland aber geradezu ein Industrieland ersten Ranges gemacht hat &#8211; alles auf kapitalistischer, im Jahre 1848 also noch sehr ausdehnungsfähiger Grundlage&#8221;(<a href="#26">26</a>). <a name="q26"></a></p>
<p>In der Retrospektive können und müssen wir Engels&#8217; Selbstkritik auf die zweite und dritte Internationale übertragen, und all denjenigen, die immer noch den verpaßten Chancen von anno dazumal nachtrauern, entgegenhalten, daß keine Fraktion der alten Arbeiterbewegung sich jemals wirklich über den Horizont von Warenproduktion und Arbeitsteilung &#8211; und genau das kann ja nur der Gehalt eines Sozialismus sein, der diesen Namen verdient &#8211; erhoben hat und erheben konnte. Denn den Widerspruch von Produktionsverhältnissen und Produktivkräften erfuhren die Träger der alten Arbeiterbewegung nur als partiellen, niemals als totalen. Als absoluten Widerspruch kannten sie ihn nur vom Hörensagen, als versteinerte Floskel marxistischer Dogmatik.</p>
<p>Die revolutionäre Klasse als die größte Produktivkraft fühlte sich pudelwohl in</p>
<p>47 &#8212;-</p>
<p>ihrer bornierten Arbeiterrolle und alle Sozialismuskonzeptionen liefen auf die Verallgemeinerung der Arbeiterexistenz hinaus, statt auf deren Aufhebung. Wenn für Marx der Unterschied zwischen proletarischer Revolution und allen anderen vorhergegangenen Revolutionen darin besteht, daß bisher die revolutionären Klassen sich in ihrer Selbstborniertheit gesetzt haben, während für das Proletariat seine Revolution der Akt der Selbstaufhebung ist, so finden wir davon keine Spur im Bewußtsein der alten Arbeiterbewegung. Der rätekommunistische Facharbeiter wollte Facharbeiter bleiben, nur die parasitären Kapitalisten sollten verschwinden. Sie waren meilenweit entfernt von dem universalen Charakter des Proletariats, an den Marx die Möglichkeit der universalen proletarischen Revolution gebunden hatte. Wenn er schrieb, &#8220;sie (gemeint ist die proletarische Revolution, E.L.) kann nur vollzogen werden durch die Vereinigung, die durch den Charakter des Proletariats selbst wieder nur eine universelle sein kann&#8221; (<a href="#27">27</a>), <a name="q27"></a>so schoss er weit über das Niveau der traditionellen Arbeiterformationen hinaus. Er antizipierte begrifflich-logisch einen Zustand, der sich historisch mit über einhundert Jahren Verzögerung erst herzustellen beginnt.</p>
<p>Die Beschränktheit der Produktivkräfte drückt sich in der Borniertheit der größten Produktivkraft, der revolutionären Klasse, am entschiedensten aus. Der Facharbeiterstandpunkt als vorherrschendes Arbeiterbewußtsein mit all seinen korporatistischen und ständischen Elementen war eine denkbar ungeeignete Basis für die von Marx anvisierte proletarische, universelle Revolution. Erst die brutale Gewalt weiterer kapitalistischer Entwicklung konnte die Arbeiterklasse aus diesem noch immer selbstgenügsamen, trauten Verhältnis endgültig hinauskatapultieren, und die Erosion der traditionellen Arbeiterformationen und der ihr entsprechenden Bewußtseinsformen schafft endlich die Voraussetzung für eine wirkliche sozialistische Umwälzung. Solange es kein schlechter Witz ist, wenn ein Arbeiter Arbeiter sein will, kann von proletarischer Revolution im Sinne von sozialer Revolution nicht die Rede sein.</p>
<p>&#8220;Die Bedingungen, unter denen die Individuen, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, miteinander verkehren, sind zu ihrer Individualität gehörige Bedingungen, nichts Äußerliches für sie, Bedingungen, unter denen diese bestimmten, unter bestimmten Verhältnissen existierenden Individuen allein ihr materielles Leben und was damit zusammenhängt produzieren können, sind also die Bedingungen ihrer Selbstbetätigung und werden von dieser Selbstbetätigung produziert. Die bestimmte Bedingung, unter der sie produzieren, entspricht also, solange der Widerspruch noch nicht eingetreten ist, ihrer wirklichen Bedingtheit, ihrem einseitigen Dasein, dessen Einseitigkeit sich erst durch den Eintritt des Widerspruchs zeigt und also für die Späteren existiert. Dann erscheint diese Bedingung als eine zufällige Fessel, und dann wird das Bewußtsein, daß sie eine Fessel sei, auch der früheren Zeit untergeschoben&#8221;(<a href="#28">28</a>). <a name="q28"></a></p>
<p>Erst wenn die Produktivkräfte eine das Kapitalverhältnis sprengende Höhe erreicht haben, erst wenn sie wirklich universell geworden sind, verwandelt sich die jeweilige</p>
<p>48 &#8212;-</p>
<p>Privatarbeit in eine zufällige Äußerlichkeit für den einzelnen Arbeiter. Der Widerspruch zwischen universellen Produktivkräften und kapitalistischen Produktionsverhältnissen, zwischen dem unmittelbar gesellschaftlichen Charakter der Arbeit und ihrer Form als Privatarbeit, muß sich notwendig als Entprofessionalisierung äußern. In diesem Sinne zeigt allein schon die Tatsache, daß die traditionellen Facharbeiterformationen gar nicht auf die Idee gekommen wären, die Art ihrer Tätigkeit in Frage zu stellen, an, daß in den Hoch-Zeiten der alten Arbeiterbewegung Produktivkräfte und kapitalistische Produktionsverhältnisse einander kongruent waren, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der Theoretiker der zweiten und dritten Internationalen. Die Lohnarbeiterexistenz, die andere Seite des Kapitalverhältnisses, war für einen breiten Teil der Lohnarbeiter nichts zufälliges, äußerliches, feindliches, sondern sie war identitätsstiftend im positiven Sinn. Hans Meier arbeitet 1922 nicht als Schlosser, er WAR Schlosser, und erst in der Retrospektive, vom heutigen Stand der Produktivkraftentwicklung aus gesehen, wird die Beschränktheit seiner Existenzweise deutlich.</p>
<p>Erst wenn der vereinzelte Proletarier, aus dem korporatistischen Verband herausgelöst, dem Kapital in völliger Nacktheit gegenübersteht, wenn er sich nicht mehr hinter seiner Professionalität verschanzen kann, wenn er als Individuum darauf zusammenschrumpft, abstrakt-allgemeine, daher von vornherein gesellschaftliche Arbeit zu leisten (so er seine Arbeitskraft verkaufen kann), erst dann muß das Proletariat allen bornierten Zwecken entsagen und den universellen Zugriff auf die universellen Kräfte wagen. Erst dann wird Marx doch noch recht behalten: &#8220;Nur die von aller Selbstbetätigung vollständig ausgeschlossenen Proletarier der Gegenwart sind imstande, ihre vollständige, nicht mehr bornierte Selbstbetätigung, die in der Aneignung einer Totalität von Produktivkräften und der damit gesetzten Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten besteht, durchzusetzen&#8221;(<a href="#29">29</a>). <a name="q29"></a></p>
<p>In Marxens Gegenwart und auch noch geraume Zeit nach seinem Tod war allerdings von diesem Proletariertypus weit und breit nichts zu sehen, sondern nur proletarische Selbstzufriedenheit. Der Maulwurf braucht länger als Marx vorhergesehen hat, er wühlt dafür aber um so gründlicher.</p>
<h4>3. Vergesellschaftung und Verwissenschaftlichung der Produktion als katastrophenhafter Prozeß</h4>
<p>Die Selbstzufriedenheit innerhalb des stofflichen Arbeitsprozesses, die im proletarischen Produzentenstolz kulminiert, mußte sich auch im Verhältnis zu dem Produkt dieser Arbeit widerspiegeln. So selbstverständlich rational, quasi natürlich und unabhängig von seiner kapitalistischen Form der konkrete Arbeitsprozeß erschien, so selbstverständlich und unhinterfragbar mußte sich für die Protagonisten der alten Arbeiterbewegung auch das Produkt dieser Arbeit darstellen. Sie wären, sehen wir einmal von der nur marginalen</p>
<p>49 &#8212;-</p>
<p>Luxus- und Goldproduktion ab, nie auf die Idee gekommen, ein Produkt als solches zu kritisieren, bestimmte Gebrauchswerte und Bedürfnisse als dem Kapitalverhältnis spezifisch anzusehen. Rosa Luxemburg z.B. erweiterte das zweiteilige Reproduktionsschema aus dem zweiten Band des &#8220;Kapital&#8221; um eine dritte Ableitung, die Produktion von Gold als Zirkulationsmittel, und verortete den Unterschied zwischen kapitalistischer und sozialistischer Produktion allein im ersatzlosen Wegfall dieser faux frais der gesellschaftlichen Produktion unter der Morgensonne des Sozialismus. Getreide würde man in allen Gesellschaftsformationen benötigen, genauso wie Kleidung und Beleuchtung, ebenso die Produktionsmittel, mit deren Hilfe all diese Dinge erzeugt werden.</p>
<p>Nur im antimilitaristischen Kampf der alten Arbeiterbewegung finden wir hier eine wichtige Ausnahme. An diesem Punkt insistieren die Theoretiker und Propagandisten darauf, daß eine ganze Palette von Produkten allein dem antagonistischen Charakter der Gesellschaft entspringt und mit dem Klassenwiderspruch verschwinden wird. Aber auch hier war die Kritik an diesen Produkten weit weniger radikal als diejenige, die heute unübersehbar auf der Straße liegt. Und das aus gutem Grund. Erstens wurde nur und konnte nur ihr bewußter Zweck kritisiert werden, also ihre mörderische Funktion im Falle ihres Einsatzes, und nicht etwa die ungewollten, aber in Kauf genommenen Nebenfolgen dieser Produktion selber, etwa Umweltzerstörung, zweitens konnte das Überflüssigwerden von Waffen und Waffenproduktion erst von der fernen kommunistischen Zukunft erwartet werden. Waffen waren auch für das Proletariat im Klassenkampf unabdingbar, und ebenso wäre für sozialistische Länder, neben denen noch kapitalistische existieren würden, Waffenproduktion ein notwendiger Teil der gesellschaftlichen Gesamtproduktion geblieben. Der Verteidigungskrieg wurde in der traditionellen Arbeiterbewegung anerkannt und gerechtfertigt, und so konnten auch Waffen an und für sich nicht kritisiert werden, selbst in einer bürgerlichen Gesellschaft nicht. Kritikwürdig war allein der Angriffskrieg, aber einem Gewehr an sich war es nicht anzusehen, ob es auf seiten der Verteidiger oder auf seiten der Angreifer eingesetzt werden würde, auf seiten der Bourgeoisie oder als proletarische Argumentationshilfe.</p>
<p>Erst die Verwissenschaftlichung des Mordens hat diese weitgehende Neutralität der Waffe endgültig aufgehoben und gleichzeitig die Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskrieg überholt. Die Atombombe ist eben nicht mehr wie die Kanonen von anno 1871 gegen die Bourgeoisie zu drehen und kann außer in kranken Hirnen kein Mittel proletarischer Politik sein. Auch mit roter Nelke verziert und mit rosa Schleifchen umwickelt, könnte sie nie ein Symbol der proletarischen Revolution sein.</p>
<p>Die Ablösung des Kriegshandwerks durch die Verwissenschaftlichung der Kriegsführung zeigt wie im Brennglas ein allgemeineres Phänomen an, nämlich die Veränderung des Verhältnisses des unmittelbaren Produzenten zu seinem Produkt überhaupt. Die überkommenen handwerklerischen Grundlagen, die das Fabriksystem zunächst nur ratio-</p>
<p>50 &#8212;-</p>
<p>neller verwandte und konzentrierte, ließen die produzierten Gebrauchswerte weitgehend angebunden an die traditionellen Bedürfnisse und die als natürlich erscheinenden Formen des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur. Wurde da und dort die Form einer Bedürfniserfüllung verändert, so doch kaum der Inhalt des Bedürfnisses. Die Petroleumfunzel ersetzte die Kerze, und diese wurde schließlich ihrerseits von der Glühbirne abgelöst; aber es ging nach wie vor nur um Beleuchtung. Wer hätte dieses Bedürfnis kritisieren wollen? Für die breite Masse der Bevölkerung löste sich diese Beschränkung erst nach dem zweiten Weltkrieg rasant und auf breiter Front auf, parallel zur Verwissenschaftlichung der Produktion. Sie setzt den entscheidenden Einschnitt.</p>
<p>Waren klar umrissene, voneinander geschiedene Privatarbeiten einzelner Arbeiter, wenn auch in der Fabrik kombiniert, das Agens der Produktion, so waren auch die Kosten dieses Produkts klar umrissen. Sie bestanden allein aus der verausgabten lebendigen Arbeit und den aufgebrauchten Rohstoffen, Produktionsmitteln und Hilfsmitteln, die sich selber wieder in die zu ihrer Herstellung vernutzte lebendige Arbeit auflösen ließen. Konflikte zwischen Arbeit und Kapital gab es hier insofern, als ein Teil der lebendigen Arbeit dem Kapital unbezahlt zukam, weshalb dieses immer versucht war, hier Raubbau zu treiben. Der Versuch der Kapitalisten, Kosten zu externalisieren, konnte sich nur gegen die eigenen Arbeiter richten oder vermittelt gegen die Arbeiter des jeweiligen Lieferanten. Die bloße Existenz des Mehrwerts ist der Ausdruck für diese Art von Externalisierung. Im Kostpreis spiegelt sich nur ein Teil der verausgabten Arbeit, der andere gesellschaftlich nicht minder reale Teil, taucht in der Kostenrechnung des Kapitalisten nicht auf. Hierin findet der Klassenkonflikt zwischen Bourgeoisie und Proletariat seine traditionelle Grundlage.</p>
<p>Diese Konstellation verändert sich, sobald an die Stelle abgegrenzter Privatarbeiten in entscheidenden Bereichen ein von vornherein gesellschaftliches, naturwissenschaftlichtechnisches Aggregat als das Agens der Produktion einrückt. Die beschriebene Kostenexternalisierung zu ungunsten der eigenen Arbeiter bleibt bestehen, wird aber überlagert. In den Vordergrund schiebt sich die Revolutionierung des produktiven Bezugs des Menschen auf die Natur. Indem das Kapital die Naturwissenschaften unmittelbar in seine Botmäßigkeit nimmt, gestaltet es den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur gänzlich um, bleibt aber als wertheckender Wert selbstverständlich völlig gleichgültig gegen den stofflichen Inhalt, den es selber freisetzt. Das Einzelkapital &#8211; und das Kapital kann immer nur existieren als viele einzelne Kapitalien &#8211; interessiert die gesellschaftliche und stoffliche Potenz der Produktivkraft Wissenschaft nur insoweit, wie diese die von ihm zu bezahlenden Kosten pro Stück Output minimiert oder neue profitträchtige Produktionszweige ermöglicht. Unbekümmert um alle anderen Folgen, setzt es die gesellschaftliche Potenz allein im Sinne der maximalen Verwertung in Gang. Kosten, die sich nicht unmittelbar in den Bilanzen spiegeln, gesellschaftliche Lasten, die die Anwendung einer gesellschaftlichen Potenz hervorruft, kann der Wert als sich</p>
<p>51 &#8212;-</p>
<p>selbst setzender und sich selbst genügender Zweck nicht berücksichtigen. So muß sich die Vergesellschaftung und Verwissenschaftlichung der Produktion katastrophenhaft durchsetzen.</p>
<p>Die Natur und die Gesellschaft tragen die Folgelasten eines qualitativ umgewälzten Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, der eingepreßt bleibt in die rein quantitative Bestimmung des Geldes. Jeder Versuch, die hervorgerufenen Veränderungen im Naturhaushalt und im menschlichen Leben a posteriori wieder ins Quantitative, also ins geliebte Geld zurückzuübersetzen und die Verursacher entsprechend zur Kasse zu bitten, gleicht der Quadratur des Kreises und macht nur deutlich, wie wenig die Tauschwertgestalt die heutige Realität zu fassen vermag. Die Abstraktheit des Geldes, die den gesellschaftlichen Zusammenhang nur indirekt, hinter dem Rücken der Individuen herstellt, kann einer universell gewordenen Wirklichkeit, die alles und jeden unmittelbar miteinander in Verbindung bringt, und sei es unter dem Vorzeichen allgemeiner Katastrophen, nicht gerecht werden.</p>
<p>Solange die Produktivkräfte nicht antagonistisch den Produktionsverhältnissen gegenüberstehen, solange bleibt ihr Kreuzungspunkt, der Arbeitsprozeß und seine Produkte, mit sich in Frieden. Die Rationalität des Produktionsprozesses und seiner Ergebnisse schlägt aber in Irrationalität um, sobald die Produktivkräfte den Produktionsverhältnissen entwachsen oder zu entwachsen beginnen. Am Schnittpunkt zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften kommt deren Spannung zum Vorschein, und die stoffliche Produktion stößt nunmehr wildgewordene Resultate aus. Vom Gebrauchswertstandpunkt wird die gesellschaftliche Reproduktion widersinnig bis selbstmörderisch. Die mittlerweile universellen Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit bleiben vor das inzwischen wackelige Wägelchen der Verwertung des Werts gespannt und schleudern es in höllischer Fahrt hinter sich her durch die Prärie. Die materielle Produktion bringt die Unangemessenheit der Verhältnisse ans Licht. Das universelle Mittel, unterworfen dem erbärmlichsten Zweck, bringt die wunderlichsten Resultate hervor, und im konkreten Arbeitsprozeß materialisiert sich dieser Irrsinn. Die Herrschaft des Tauschwerts, der Mangel an unmittelbarer Gesellschaftlichkeit, stellt schließlich die bloße</p>
<p>Fortexistenz der Menschheit in Frage, die letztendlich gezwungen ist, den überlebten Tauschwert abzuschaffen oder sich selber auszuradieren. Genau diesen Zustand faßt die Marxsche Vorstellung von der Rebellion der Produktivkräfte gegen die überkommenen Produktionsverhältnisse.</p>
<p>52 &#8212;-</p>
<h4>ANMERKUNGEN</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">(1)</a> Otto Ullrich, Weltniveau, Berlin 1979, S. 66.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">(2)</a> MEW Bd. 25, S. 269.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">(3)</a> Helmut Reichelt, Reinhold Zech (Hrg.), Karl Marx: Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, Frankfurt-Berlin-Wien 1983, S. 8.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">(4)</a> Ebenda, S. 64.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">(5)</a> Ebenda, S. 80.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">(6)</a> Ebenda, S. 95.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">(7)</a> Stefan Breuer, Aspekte totaler Vergesellschaftung, Freiburg 1985, S. 26.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">(8)</a> Hans-Peter Müller (Hrg.), Karl Marx: Die technologischen-historischen Exzerpte, Frankfurt-Berlin-Wien 1981, S. CXIV in der Fußnote.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">(9)</a> Zit. nach Boris Goldenberg (Hrg.), Karl Marx, Ausgewählte Schriften, München 1962, S. 20 Fußnote.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">(10)</a> Heinrich Cunow, Die Marxsche Geschichts-, Gesellschafts- und Staatstheorie Bd. II, Berlin 1921, S. 161.</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">(11)</a> Karl Korsch, Karl Marx, Hamburg 1981, S. 167.</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">(12)</a> Hans-Peter Müller (Hrg.), a.a.O. S. CXVII.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">(13)</a> Karl Korsch, a.a.O. S. 174.</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">(14)</a> Stefan Breuer, Die Krise der Revolutionstheorie, Frankfurt 1977, S. 252f. (Anhang).</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q15">(15)</a> Stefan Breuer, Aspekte&#8230;, S. 26.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">(16)</a> MEW Bd. 3, S. 69f.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">(17)</a> Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 6, S. 314, zit. nach Breuer, Aspekte &#8230;, S. 29.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">(18)</a> Stefan Breuer, Aspekte&#8230;, S. 29.</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">(19)</a> Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 8, S. 348, zit. nach Breuer, ebd. S. 30.</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">(20)</a> Theodor W. Adorno, Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft, Frankfurt 1971, zit. nach Breuer, ebd. S. 41.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">(21)</a> Karl Kautsky, Bruno Schoenlank, Grundsätze und Forderungen der Sozialdemokratie: Erläuterungen zum Erfurter Programm, Berlin 1892, in: Peter Friedmann (Hrg.), Materialien zum politischen Richtungsstreit in der deutschen Sozialdemokratie 1890-1917 Bd. 1, Frankfurt-Berlin-Wien 1978, S. 118.</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">(22)</a> Rosa Luxemburg, zit. nach Thomas Ebermann, Rainer Trampert, Die Zukunft der Grünen, Hamburg 1984, S. 137.</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">(23)</a> Edward P. Thompson, zit. nach ebd. S. 123.</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">(24)</a> Friedrich Klemm, zit. nach ebd. S. 124.</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">(25)</a> MEW Bd. 13, S. 9.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">(26)</a> MEW Bd. 22, S. 515.</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">(27)</a> MEW Bd. 3, S. 68.</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">(28)</a> MEW Bd. 3, S. 71f.</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q29">(29)</a> MEW Bd. 3, S. 68.</p>
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		<title>Moderne Demokratie und Arbeiterbewegung I</title>
		<link>http://www.krisis.org/1987/moderne-demokratie-und-arbeiterbewegung-1</link>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 1987 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 3 (1987)]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Klein]]></category>

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		<description><![CDATA[Teil 1: Wie der Klassenkampf den Kapitalismus zu sich selbst gebracht hat]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>oder: Wie der Klassenkampf den Kapitalismus zu sich selbst gebracht hat &#8211; Plädoyer, den Kommunismus in der Zukunft und nicht in der Vergangenheit zu suchen.</h3>
<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>5 &#8212;-</p>
<p><em>Peter Klein</em></p>
<h4>I. Teil: Kapitalismus und Demokratie</h4>
<h4><span id="more-303"></span>1. Einleitung</h4>
<p>Es gibt einen Satz von Marx, worin er von der &#8220;konstitutionellen Republik&#8221; als &#8220;von der gewaltigsten und vollständigsten Form&#8221; der &#8220;bürgerlichen Klassenherrschaft&#8221; spricht (MEW 7, S. 94). Man darf heute getrost davon ausgehen, daß dieser Satz bei der Mehrzahl derjenigen, die sich Marxisten nennen, nicht bekannt ist beziehungsweise, daß er, falls bekannt, in seiner vollen Bedeutung nicht erfaßt ist. Die Bedeutung dieses Satzes liegt darin, daß hier auf den inneren, logischen Zusammenhang von Demokratie und Kapitalismus hingewiesen wird.</p>
<p>Die moderne Demokratie ist insofern die vollkommene Staatsform, als sie die Gesamtheit der Einwohner eines Landes ohne Ansehen des Geschlechts, der Rasse, der Religion und des sozialen Status repräsentiert. Durch eben dieses Absehen werden diese Einwohner vom Standpunkt der Demokratie aus zu lauter gleichen, mit den sogenannten Grundrechten ausgestatteten Menschen: Staatsbürgern. Die Demokratie ist Volksherrschaft, insofern das Volk aus lauter solchen gleichen und persönlich freien Staatsbürgern besteht und insofern sie diese Grundrechte der Freiheit und Gleichheit in der Verfassung zu ihrer Grundlage erklärt und mit Gewalt zu schützen verspricht. Die Demokratie ist die Organisationsform des allgemeinen, allen gemeinsamen Interesses, insofern man darunter das Interesse versteht, Staatsbürger, das heißt mit den Grundrechten der Freiheit und Gleichheit ausgestatteter Mensch zu sein. Deshalb eben ist dieses Allgemeininteresse abstrakt, weil auch der &#8220;Mensch&#8221;, den es voraussetzt, eine Abstraktion ist, weil es von den wirklichen, leibhaftigen Menschen, von ihren tatsächlichen Interessen und Bedürfnissen, von ihrem täglichen Leben absieht, für den es nur den Rechtsrahmen abgibt. Seiner Abstraktheit entsprechend etabliert das Allgemeininteresse eine gesonderte, jenseits des täglichen Lebens angesiedelte Sphäre, die Sphäre der Politik, in welcher nur Prinzipien walten, eben diejenigen aus der Gattung der Freiheit und Gleichheit, deren sich, diesen Prinzipien je unterschiedliches Gewicht beilegend, die demokratischen und also staatstragenden Parteien annehmen.</p>
<p>Es ist bekannt, daß die Idee der Menschenrechte aufkam und sich ausbreitete im Zusammenhang mit der kapitalistischen Produktionsweise. Die Entwicklung zur Demokratie ist von der Entwicklung der kapitalistischen Warenproduktion nicht zu trennen. Um die heute erlangte Stabilität der Demokratie nicht nur in den reichsten kapitalistischen Ländern, sondern &#8211; zumindest als Ideologie, als Zielvorstellung, als gemeinsame &#8220;politische Sprache&#8221; &#8211; in allen Ländern der Erde verstehen zu können, muß man sich immer diesen Zusammenhang vor Augen halten.</p>
<p>Die kapitalistische Warenproduktion hat den Warenverkehr dadurch allgemein gemacht, daß sie auch die Arbeitskraft der unmittelbaren Produzenten zu einer Ware machte. Nach-</p>
<p>6 &#8212;-</p>
<p>dem in vorkapitalistischen Zeiten über diese Arbeitskraft vermittels der persönlichen Gewalt des Feudalherren verfügt worden ist, liegt ihre Verwendung als WARE nunmehr vollkommen im Ermessen des unmittelbaren Produzenten selbst. Dieser ist nur noch einem einzigen Zwang unterworfen, dem unpersönlich und daher allgemein gewordenen Zwang, Geld zu verdienen. Arbeit gegen Geld, die allgemeine Ware, ist damit zur vorwiegenden Form der Arbeit und Geld zum Beweggrund für jede Arbeit geworden. Entsprechend befinden sich nun auch die allermeisten Produkte der menschlichen Arbeit in Warenform, erheischen also Geld für ihren Erwerb.</p>
<p>Damit ist eine zur Abstraktion des &#8220;Allgemeininteresses&#8221; sich spiegelbildlich verhaltende Abstraktion entstanden, diejenige des &#8220;Einzelinteresses&#8221;. Dieses ist seinerseits abstrakt, weil es qualitativ für alle Teilnehmer am Warenverkehr, ungeachtet ihrer sozialen Stellung, vollkommen gleich ist. Es ist das Interesse, über eine möglichst große Quantität von der allgemeinen Ware, dem Geld, zu verfügen. Geld wird zum ersten Bedürfnis und drängt alle anderen, besonderen Bedürfnisse, vor deren Befriedigung es nun einmal gesetzt ist, in den Hintergrund. Das Geld unterwirft sich gewissermaßen diese Bedürfnisse, damit aber auch die Menschen, die seiner bedürfen.</p>
<p>Die Menschen, die nun alle primär das gleiche Interesse haben, das beileibe kein gemeinsames, sondern ein monadisches Interesse ist, sind von dieser Entwicklung natürlich geprägt worden. Der Zweck jeder Tätigkeit ist aus dieser materiellen Sphäre hinaus- und in die esoterische des Geldes hineinverlagert worden. Mit anderen Worten, es ist beliebig, gleichgültig geworden, was man tut, wenn man nur Geld dafür erhält. Die Tätigkeit ist zum Mittel für einen qualitativ außer ihr liegenden Zweck, das Geld, geworden. Da nun die Menschen sind, was sie tun, dies Tun ihnen aber äußerlich und beliebig geworden ist, sind sie sich selbst äußerlich und beliebig geworden, sind sie sich selbst zum gleichgültigen Mittel für den allgemeingültigen Zweck, das Geld, geworden. Dies sich selbst und füreinander zum Mittelwerden, der allseitige, die Menschen negativ und äußerlich aufeinander beziehende Funktionalismus, bringt Denkformen und Verhaltensweisen mit sich, die die Menschen auch in ihrer täglichen Lebenspraxis zu jenen Punkten, Monaden machen, als welche sie in den &#8220;Menschenrechten&#8221; seit jeher, seit dem 18. Jahrhundert, vorausgesetzt werden. Als solche gleichförmigen Punkte und Monaden, die die Beliebigkeit und Zufälligkeit ihres Tuns für ihre Freiheit halten, werden sie zu idealen Trägern der Demokratie, die Demokratie als die Garantin ihrer Punkthaftigkeit und als die Verwirklichung des edlen Prinzips der Freiheit der Wahl wird zu ihrem politischen Ideal.</p>
<p>Die &#8220;absolute Subjektivität des Geldes&#8221;, unter welche philosophische Kategorie der Mensch des entwickelten Kapitalismus gelegentlich subsumiert worden ist, hat sich natürlich mehr oder weniger ausdrücklich in einer umfangreichen Literatur niedergeschlagen. Was die Belletristik betrifft, so kann man wohl sagen, daß sie, die in ihren Anfängen bei Stendhal, Flaubert und Dostojewski noch eine erschütternde Wirkung auszulösen vermochte, inzwischen genauso dürr und leer geworden ist wie ihr Gegenstand, der &#8220;moderne Mensch&#8221;, dessen von</p>
<p>7 &#8212;-</p>
<p>Isolation und &#8220;Sinnverlust&#8221; geprägtes Lebensgefühl nur seine wirkliche Situation widerspiegelt, die Situation eben, aller Bindungen ledig zu sein, von allen Zwängen, Pflichten und &#8220;Werten&#8221; befreit zu sein, außer von dem einzigen, dem eigenschaftslosen Wert schlechthin, dem Geld. Die theoretische Literatur, die sich, angespornt von Faschismus, Weltkrieg und Atombombe, als Kulturkritik ausdrücklich des Problems der &#8220;modernen Subjektivität&#8221; annahm, erwarb sich einerseits, und zwar in ihren sämtlichen Richtungen, ein Verdienst mit der eingehenden Beschreibung des Phänomens, blieb aber andererseits, wo sie sich mit der angerichteten Bescherung auseinanderzusetzen hatte, dabei stehen, teils die althergebrachten Werte und Bindungen wieder aufzuwärmen und selbst in käufliche Form zu bringen, teils sich auf die Suche nach &#8220;neuen Werten&#8221; zu begeben, teils die Ausweglosigkeit der Situation des &#8220;modernen Menschen&#8221; in einer Welt &#8220;ohne Werte&#8221;, ohne die &#8220;Idee der Wahrheit&#8221;, einfach nur zu konstatieren. Letztenendes bewegte sie sich in ideologischen Figuren, die selber noch der kapitalistischen Warenproduktion angehören, einem frühen Entwicklungsstadium derselben, in welchem die Herrschaft des Werts sich noch auf dem Weg ihrer Durchsetzung befand und in dem daher die Ideale der Freiheit und Gleichheit ebenso wie ihre konservativen Komplementär-Ideale noch die Gemüter bewegende, &#8220;sinnstiftende&#8221; Kraft besaßen.</p>
<h4>2. Die Logik des Tauschens und die Logik des Menschseins</h4>
<p>Für uns, die wir die &#8220;absolute Subjektivität des Geldes&#8221; so behandeln, wie es ihr zusteht, als Moment der kapitalistischen Vergesellschaftung, kommt es zunächst darauf an, daß wir uns Klarheit verschaffen über die wissenschaftliche Kategorie, unter die sie fällt. Es handelt sich mit anderen Worten darum, ihr die richtige Stelle innerhalb des konkreten Kapitalbegriffs zuzuweisen. Zu diesem Zweck müssen wir die logische Grundfigur des Warenverkehrs aufsuchen, den einfachen Tauschakt<a href="#1">(1)</a>.<a name="r1"></a></p>
<p>Der Tauschakt kann nur dadurch zustandekommen, daß die beiden Partner, die diese Operation vollziehen, voneinander unabhängig und frei sind, daß kein Verhältnis unmittelbarer Gewaltanwendung oder persönlicher Abhängigkeit zwischen ihnen besteht, daß somit der Gegenstand, der sich in der Hand des einen Partners befindet, für den anderen nur existiert in Abhängigkeit von dessen freien Willen, ebenso umgekehrt. Indem der Vollzug des Tauschaktes die (stillschweigende) Anerkennung dieser Bedingung ist, setzen die beiden Partner einander gleich als &#8211; Privateigentümer. Die freie, nur dem jeweiligen Willen unterworfene Verfügung über ein Ding ist nämlich die juristische Definition des Privateigentums an einer Sache (vgl. Paschukanis, S. 92, Marx-Engels Werke Bd. 23, S. 99).</p>
<p>Folgendes zeigt also der Tauschakt: Erstens, er ist gleichgültig gegen die Herkunft des zu tauschenden Gegenstandes. Von wem und unter welchen Umständen das Tauschobjekt hergestellt worden ist, ist für den Tauschakt unerheblich. Zweitens, gerade indem er von allen individuellen Besonderheiten abstrahiert, konstituiert der Tauschakt mit dem Privateigentümer die mit freiem Willen ausgestattete Rechtsperson und gibt selbst das Muster ab für die juristische Grundfigur des Vertrags, der (im Privatrecht) die spezifische Form der</p>
<p>8 &#8212;-</p>
<p>Verknüpfung von Rechtssubjekten ist. Die Grundelemente des Rechts entstammen also dem Tauschakt. Drittens, und darauf ist hier das Gewicht zu legen, ist gerade bei dieser allereinfachsten Operation, dem Tauschakt, noch klar erkennbar, was die juristische Definition des Privateigentums später vergessen macht, daß nämlich Privateigentümer zu sein keine persönliche Eigenschaft ist, sondern eine bestimmte Weise des Verhaltens der Menschen zueinander. Privateigentum hat man nicht, wie man eine lange Nase hat. Privateigentum ist praktisches Handeln, das auf Gegenseitigkeit beziehungsweise Allseitigkeit beruht. Privateigentum ist wechselseitiges Anerkennen, ist wechselseitiges Einverständnis mit dem jeweils gegenüberstehenden Willen. Einer für sich allein, kann gar nicht Privateigentümer sein. Privateigentum ist eine Form, in der sich immer schon eine bestimmte Weise menschlichen Verkehrs ausdrückt. Anders als es in seiner juristischen Definition erscheint, drückt das Privateigentum an einer Sache keine persönliche, individuelle Beziehung zu dieser Sache aus, sondern umgekehrt ist diese juristische Definition selbst schon eine gesellschaftliche Form, Niederschlag einer bestimmten, historisch bestimmten Art ZWISCHENMENSCHLICHER Beziehung. Das Privateigentum ist also selber kein Ding, weder lebendiges noch totes Ding, noch Eigenschaft eines Dings, noch Beziehung zwischen Dingen, sondern es ist GESELLSCHAFTLICHE PRAXIS. Viertens, Freiheit und Gleichheit, jene Grundprinzipien der modernen Demokratie, sind Momente dieser Praxis, Momente des Privateigentums, das mit Beziehungen unmittelbarer Gewalt zwischen den Teilhabern an dieser Praxis unverträglich ist, weshalb die gleichwohl vorhandene und vom widersprüchlichen Charakter dieser Praxis zeugende Gewalt sich in dem Maß aus diesen Beziehungen zurückziehen und unpersönlicher Rechtsstaat werden mußte, in dem diese Beziehungen ausschließlich und allseitig zum Warenverkehr wurden<a href="#2">(2)</a>.<a name="r2"></a> Fünftens schließlich, was hier, da es um die &#8220;subjektive&#8221; Seite des Tauschaktes geht, nur nebenbei erwähnt werden muß, setzt der Tauschakt die Gegenstände des Tausches in ein rein quantitatives Verhältnis zueinander, abstrahiert also von ihrer Qualität. Dieses quantitative Verhältnis, worin sich getrennt voneinander verrichtete Arbeiten unterschiedlicher Qualität als einander gleich und somit als gesellschaftlich kommensurabel setzen, verleiht den Arbeitsprodukten die &#8220;Eigenschaft&#8221;, Wert zu besitzen, jenen Wert, der sich im Geld handgreiflich und im Kapital autonom macht.</p>
<p>Natürlich bedurfte es einer langen historischen Praxis des Warentausches, bis es dahin gekommen war, daß die im einfachen Tauschakt gleichsam verpuppt enthaltenen Momente, die ihn konstituieren, sich von ihm &#8220;emanzipiert&#8221;, sich verselbständigt hatten, daß Freiheit und Gleichheit zu Prinzipien, zunächst theologisch-philosophischen, dann auch zu juristischen und schließlich zu politischen Prinzipien geronnen waren, die eine Gesellschaft, die aus lauter Tauschpartnern besteht, notgedrungen zu ihrer Grundlage erklären muß. &#8220;Der Austausch von Tauschwerten ist die produktive reale Basis aller Gleichheit und Freiheit&#8221;, sagt Marx<a href="#3">(3)</a>.<a name="r3"></a> Mit der Entwicklung des Kapitalismus im Verlauf der letzten zweihundert Jahre haben Freiheit und Gleichheit schließlich Eingang gefunden in das Alltagsdenken derart, daß</p>
<p>jeder Mensch, wenn er von sich als Mensch spricht, dieses Menschsein immer schon denkt in Verbindung mit diesen Prinzipien und innerhalb des Normen- und Rechtsgefüges, das um</p>
<p>9 &#8212;-</p>
<p>diese Prinzipien herum entstanden ist.</p>
<p>Das Selbstverständnis als &#8220;Mensch&#8221; hat im Laufe der Entwicklung eine dermaßen stabile Identität gewonnen, daß es vor und jenseits aller Tätigkeit im Alltagsleben immer schon vorausgesetzt wird. Es ficht diese Identität &#8220;Mensch&#8221; nicht an, ob sie Arbeiter oder Unternehmer ist. Ihr praktisches Tun, ihr sozialer Status, ihr wirkliches Leben, ist ihr, wie schon oben gesagt, äußerlich und zufällig. Sie kann ihre Tätigkeit, ihren Status, weil er kein mit der Geburt erworbener Stand mehr ist, durch Glück oder Unglück wechseln, sie bleibt doch immer sie selbst. Eben darin ist sie abstrakt, und eben in dieser Abstraktheit, in der sie meint, vor aller gesellschaftlichen Praxis zu existieren, erweist sie sich als Resultat und Moment einer ganz bestimmten gesellschaftlichen Praxis, derjenigen des allgemein gewordenen Privateigentums. &#8220;Aber die Epoche, die diesen Standpunkt erzeugt, den des vereinzelten Einzelnen, ist gerade die der bisher entwickeltsten gesellschaftlichen &#8230; Verhältnisse&#8221;<a href="#4">(4)</a>.<a name="r4"></a> Eine solche Festigkeit hat diese abstrakte Identität angenommen, daß angesichts realer Probleme, die innerhalb der beliebig gewordenen Lebenswelt auftreten, angesichts von Schwierigkeiten, innerhalb dieser Welt reibungslos zu funktionieren, zuerst einmal nach dem Defekt dieser Identität gefragt wird. Die reale Erfahrung, nichts wert zu sein, innerhalb der gegebenen Verhältnisse sich nicht verkaufen zu können, ist für die vom Tauschakt konstituierte Identität ein in jeder Hinsicht existentielles Problem, das nicht den vom Geld regierten Verhältnissen, sondern dem falschen Marketing der mit ihnen gesetzten Identität zur Last gelegt wird. Der Heilungsprozess besteht in der Korrektur dieses Marketings derart, daß als erstes ein Trainingsprogramm in Sachen &#8220;Selbstwertgefühl&#8221; verordnet wird: &#8220;Ich bin ich, ich bin wertvoll&#8221;, tausendmal wiederholt, ist eine Elementarqualifizierung, deren Nutzen außer Frage steht, schon allein deshalb, weil sie, bedingt durch die Aufgabenstellung, zu gar keinem Gedanken führt, zumindest zu keinem kritischen. Die Verabreichung dieser Wohltat ist daher gesellschaftlich kommensurabel. Die Kosten übernimmt die &#8220;Gemeinschaft der Versicherten&#8221;.</p>
<p>Erst jetzt, erst nachdem sie und indem sie ihre unverwüstliche Stabilität erlangt hat, ist die Abstraktion &#8220;Mensch&#8221; auch praktisch tauglich geworden für die moderne Demokratie, deren theoretische Grundlage sie seit den Vertragstheorien des 18. Jahrhunderts immer schon war. Dem damaligen Menschenbild lag allerdings eine gesellschaftliche Wirklichkeit zugrunde, in welcher die Abstraktion sozusagen noch einen stofflichen Leib hatte. Die rechtliche und politische Gleichheit wurde in einer Gesellschaft von SOZIAL Gleichen gefordert, von sozial Gleichen insofern, als sie &#8211; nicht nur im Frankreich der Großen Revolution &#8211; zum größten Teil aus Kleineigentümern bestand, aus Bauern, Handwerkern und Krämern, denen zur freien Verfügung über ihr Eigentum eben die Beseitigung der feudalen Abgaben und Dienstpflichten, die Beseitigung der Ständeschranken fehlte. Leider ging mit dem Siegeszug des Gleichheits-IDEALS auch der des Kapitalismus einher, der mit der Erzeugung einer Masse &#8220;eigentumsloser Lohnarbeiter&#8221; den sozialen Boden umpflügte, der der ursprünglichen Gleichheitsvorstellung als Muster gedient hatte. Der klassische Liberalismus, der das Recht noch nicht als reine Form, noch nicht getrennt von seinem ursprünglichen sozialen &#8220;Leib&#8221; zu den-</p>
<p>10 &#8212;-</p>
<p>ken vermochte, der im &#8220;Menschen&#8221;, den er mit dem Recht beglücken und zum Staatsbürger machen wollte, immer nur den Träger &#8220;bürgerlicher Selbständigkeit&#8221; (Kant) wenn nicht ausdrücklich gemeint, so doch stillschweigend vorausgesetzt hatte, geriet daher während des ganzen 19. Jahrhunderts, immer, wenn er sich anheischig machte, praktisch zu werden, in die Verlegenheit, seinen eigenen theoretischen Voraussetzungen untreu werden zu müssen. Der juristische Eigentumstitel hatte noch eine zu starke persönliche Färbung, als daß die Produktionsmittelbesitzer in der Ausstattung auch der eigentumslosen Arbeiter mit gleichem, insbesondere politischem Recht, nicht ihr Ende hätten gekommen sehen müssen<a href="#5">(5)</a>.<a name="r5"></a> Folgerichtig wechselte der Liberalismus unter dem Namen Sozialismus seinen Trägerkreis und die alte Arbeiterbewegung wurde zum Bannerträger des gleichen Rechts. Historisch kann man daher für den Durchbruch der &#8220;modernen Massendemokratie&#8221; etwa den Zeitraum zwischen den Jahren 1864 und 1945 ansetzen<a href="#6">(6)</a>.<a name="r6"></a> Wobei von einem &#8220;endgültigen&#8221;, weltweiten Sieg vielleicht erst gesprochen werden kann seit der Beendigung des klassischen Kolonialismus in den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts. Die Zauberkraft der Gerechtigkeits- und Gleichheitsparole wirkt auf manche &#8220;Sozialisten&#8221; übrigens auch heute noch so stark, daß sie Rousseau geradezu für einen unmittelbaren Wegbereiter von Marx, Marx für den Vollender Rousseaus ansehen<a href="#7">(7)</a>. <a name="r7"></a></p>
<h4>3. Menschen mit und Menschen ohne Privateigentum &#8211; Die herkömmliche Formulierung des kapitalistischen Widerspruchs</h4>
<p>Diese Entwicklung, in deren Verlauf Demokratie und Freiheit zu imperialistischen Kampfparolen geworden sind, die heutzutage zur Rechtfertigung von fast jeder Sorte von Terror und Massenmord verwendet werden, wie erst jüngst (1986) wieder der General Pinochet bestätigt hat, der sein Regime den &#8220;Kampf der Demokratie gegen den Marxismus&#8221; nennt<a href="#8">(8)</a>,<a name="r8"></a> diese Entwicklung ist natürlich nichts anderes als der Prozeß der kapitalistischen Vergesellschaftung. Im gleichen Maß, in dem die Praxis des Warentausches in den Produkten der menschlichen Arbeit sich kundtat als deren &#8220;natürliche&#8221; Eigenschaft, WERT zu besitzen, im gleichen Maß, in dem dieser Wert von der ursprünglichen Tauschoperation sich loslöste, um im Geld eine selbständige, handgreifliche Gestalt anzunehmen und um in dieser Gestalt, als Kapital, sich zum autonomen Subjekt der unmittelbar gesellschaftlich werdenden Arbeit aufzuschwingen, die nun um seinetwillen, um seiner scheinbar immerwährenden Vermehrung willen stattfindet, in dem gleichen Maß entstand auch der zur Demokratie taugende, sich außerhalb und vor aller Gesellschaftlichkeit wähnende MENSCH, der sich als solcher von vornherein definiert mit den Kategorien des Rechts, mit den Kategorien der Freiheit und Gleichheit, das heißt aber, mit den Kategorien des PRIVATEIGENTUMS. Mit anderen Worten, der Kapitalismus hat das Privateigentum total gemacht, der &#8220;moderne Mensch&#8221; und die &#8220;moderne Demokratie&#8221; fallen gleichermaßen unter diese Kategorie. Die Beseitigung des kapitalistischen Privateigentums schließt also die Beseitigung des &#8220;modernen Menschen&#8221; und der &#8220;modernen Demokratie&#8221; in sich ein; ein Resultat, das angesichts der verschiedentlich</p>
<p>11 &#8212;-</p>
<p>von Marx getanen Äußerungen, wonach zur kommunistischen Revolution &#8220;eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist&#8221; (MEW 3, S. 70), nicht gerade Aufsehen erregt. Dennoch hat die Formulierung, daß es sich bei den zu verändernden Menschen um lauter Privateigentümer handelt. den Anschein, ein Paradox zu sein.</p>
<p>Es ist ein Paradox gerade auch für viele von denen, die sich Marxisten nennen. Denn das Weltbild des landläufigen Marxismus bestimmt den Kapitalismus gerade dahingehend, daß er eine &#8220;große Masse EIGENTUMSLOSER Produzenten&#8221;, Proletarier, einem &#8220;kleinen Häuflein privater Aneigner der Produkte&#8221;, den kapitalistischen PRIVATEIGENTÜMERN der gesellschaftlich gewordenen Produktionsmittel, gegenüberstellt. Und das Weltbild dieses landläufigen Marxismus hat schwer daran zu tragen, daß die Empörung über diesen &#8220;unhaltbaren Zustand&#8221; ausbleibt. Es hat deshalb. um sich aufrechtzuerhalten, eine Reihe von Theorien zu seiner Hilfe geholt, Theorien, die die Geduld der &#8220;eigentumslosen Masse&#8221; aus ihrer ökonomischen Bestechung, aus ihrer psychischen Konstitution und aus der Verkehrtheit ihres Denkens erklären. Alle diese Theorien schildern einzelne Seiten des Privateigentums, wie sie im Verlauf der letzten hundert Jahre ausgesehen haben mögen, ohne indes diese Verkehrsform als solche zu begreifen. Deshalb muß man sagen, daß sie selber noch im Bann des Privateigentums stehen und mit Denkformen operieren, die ihm angehören.</p>
<p>In der Tat löst sich das Paradox auf, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, worauf ich bei der Erwähnung des einfachen Tauschakts ausdrücklich hingewiesen habe: Das Privateigentum ist keine Eigenschaft, kein der Definition zugängliches Ding, sondern eine Weise des Verhaltens der Menschen zueinander, gesellschaftliche Praxis, und kann daher nur als deren Totalität dargestellt werden. Das Paradox entsteht dadurch, daß man, immer schon gewohnt, mit den Kategorien des Privateigentums und also dinghaft, definitorisch zu denken, das Privateigentum in der Gestalt seiner juristischen Definition, als die Beziehung des freien Willens auf ein Ding auffaßt, womit es bloß vorgestellt, nicht aber begriffen ist. Im Begriff des Privateigentums ist nämlich jener freie Wille einschließlich der juristischen Definition, die ihn in dieser Nacktheit voraussetzt, immer schon mit enthalten.</p>
<p>Wenn das Privateigentum ein Ding wäre, dann könnte es dieser haben und jener nicht haben. Dann bestünde der &#8220;unhaltbare Zustand&#8221; in der ungleichen Verteilung dieses Dings, würde also zu einem quantitativen Problem erklärt werden. Tatsächlich behandelt der Alltagsverstand das Problem genau in dieser Weise und niemand wird leugnen, daß er damit einen wichtigen Aspekt der empirischen Oberfläche des Kapitalverhältnisses, von der jede revolutionäre Taktik wird ausgehen müssen, korrekt wiedergibt. Als einer von zahlreichen Vertretern dieses Alltagsverstandes sei hier der englische Sozialistenführer William Morris (1834-1896) zitiert, der in einer öffentlichen Versammlung Ende des letzten Jahrhunderts freimütig bekannte, daß es ihm nicht gelungen sei, die Marxsche &#8220;Mehrwerttheorie&#8221; zu verstehen. Das halte ihn freilich nicht davon ab, sich für einen Sozialisten zu erklären, denn, so fuhr er fort, ihm genüge es, &#8220;so viel von Nationalökonomie zu begreifen, um zu verstehen, daß die müßige Klasse reich und die arbeitende Klasse arm ist, und daß der Wohlstand der</p>
<p>12 &#8212;-</p>
<p>Reichen auf der Beraubung der Armen beruht. Das weiß ich, weil ich es mit eigenen Augen sehe. Ich brauche kein Buch zu lesen, um mich davon zu überzeugen. Und es ist meiner Meinung nach auch ganz gleichgültig, ob die Ausbeutung durch den sogenannten Mehrwert, durch Sklaverei oder durch offenen Raub erzielt wird. Das ganze System ist ungeheuerlich und unerträglich &#8230;&#8221;<a href="#9">(9)</a>. <a name="r9"></a></p>
<p>Der Hinweis auf Arm und Reich ist freilich ein hilfloses Argument, denn Arme und Reiche, wie Morris selbst es ja mit seiner Gleichsetzung von Mehrwert, Sklaverei und offenem Raub feststellt, &#8220;hat es schon immer gegeben&#8221; und bei &#8220;gerechter Verteilung&#8221; anders hätte es schon seit fünfhundert Jahren sein können, wie die utopischen Sozialisten (Fourier) zu ihrer Zeit fleißig zu beweisen pflegten. Die quantitative Auffassung des Problems rückt der Sache selbst, dem Privateigentum, zweifellos nicht zu Leibe. Mehr noch, sie macht sich der Komplizenschaft mit ihm schuldig, bewegt sich selbst noch auf seinem Boden. Denn das Privateigentum ist es ja gerade, das seinerseits die Produkte der menschlichen Arbeit als bloße Gegenstände des Tausches und damit nur nach ihrer quantitativen Seite behandelt. Der Tauschakt, damit er zustandekommen kann, muß bekanntlich die Tauschobjekte in ein rein quantitatives Verhältnis zueinander setzen.</p>
<p>Weiterhin führt die verdinglichte Behandlungsweise des Privateigentums dazu, daß all jene Momente, die ihm als gesellschaftlicher Praxis zukommen, die es ausmachen, herausfallen aus ihm und als &#8220;andere Götter neben ihm&#8221; sich verselbständigen. Man hat dann das Privateigentum auf der einen Seite, Moral, Recht und Staat auf beliebigen anderen Seiten, und kommt dann natürlich, diese Konstellation im Kopf einmal hergestellt, in die Versuchung, im Namen von Moral, Recht und Demokratie das böse Privateigentum beseitigen zu wollen, mit lauter Instanzen also, die ein und dieselbe gesellschaftliche Praxis des Warentausches konstituiert hat. Das Unterfangen ist etwa so erfolgversprechend wie, ja, wie es der Versuch wäre, den Gedanken des in sich konkreten Begriffs einem eingefleischten Empiristen anschaulich zu machen.</p>
<h4>4. Engels&#8217; falsche Ableitung des modernen Privateigentums</h4>
<p>Abgesehen davon, daß ihr eine tägliche &#8220;Handlungsweise&#8221; zugrundeliegt, bezieht die verdinglichte, juristische BE-handlungsweise des Privateigentums innerhalb der Theorie ihr zähes Beharrungsvermögen daraus, daß sie einen ursprünglichen Zustand zu beschreiben scheint, einen Zustand, wie er zu Zeiten des einfachen Tauschhandels oder der einfachen Warenproduktion bestanden haben soll. Es ist an dieser Stelle angebracht, auf diese falsche Weise der historischen Ableitung des Privateigentums ausführlicher einzugehen, da sie in der marxistischen Literatur eine weite Verbreitung erlangt hat.</p>
<p>a) In vorkapitalistischen Zeiten, als die Produktion noch nicht UNMITTELBAR gesellschaftlichen Charakter angenommen hatte, als sie noch nicht Sache der gesellschaftlich kombinierten, sondern der gesellschaftlich geteilten Arbeit war, zwerghaft entwickelte Angelegenheit von unabhängig voneinander arbeitenden handwerklichen Einzelproduzenten, die</p>
<p>13 &#8212;-</p>
<p>selbstverständlich Herren waren über ihre Arbeitsmittel ebenso wie über die Produkte ihrer Arbeit, die sie selbst zu Markte trugen, in jenen vorkapitalistischen Zeiten, so suggeriert diese Ableitung, ergab sich das Privateigentum gleichsam naturwüchsig und wie selbstverständlich aus der unmittelbaren Beziehung, die diese handwerklichen Einzelproduzenten zu ihren Produktionsmitteln hatten. Das heutige Privateigentum scheint dieser Ableitung zufolge die gleiche Art von Beziehung zu sein, wie diejenige es war, die der damalige Produzent zu den dinglichen, gegenständlichen Voraussetzungen seiner Produktion hatte. Weil diese dinglichen Voraussetzungen mit dem Wirken der kapitalistischen Konkurrenz inzwischen die gigantischen Ausmaße angenommen haben, die sie in den modernen industiellen Produktionsanlagen besitzen, sei die Beibehaltung dieses Privateigentums, das sich nunmehr nur noch bei wenigen konzentriere, nicht länger mehr gerechtfertigt.</p>
<p>Es ist Engels, der die Ineinssetzung von Privateigentum und handwerklicher Einzelproduktion vornimmt. Ich zitiere hier aus der bekannten Schrift &#8220;Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&#8221;. Nachdem er die Arbeitsmittel des mittelalterlichen Handwerkers und Bauern als &#8220;kleinlich, zwerghaft, beschränkt&#8221;, als &#8220;nur für den Einzelgebrauch berechnet&#8221; beschrieben hat, fährt Engels fort: &#8220;Aber sie gehörten EBEN DESHALB auch in der Regel den Produzenten selbst.&#8221; Er nennt daher die Produktion im Kleinbetrieb eine Produktion &#8220;auf Grundlage des PRIVATEIGENTUMS der Arbeiter an ihren Produktionsmitteln&#8221;<a href="#10"> (10)</a><a name="r10"></a> und wirft anschließend der kapitalistischen Produktionsweise vor, daß sie diese Eigentumsform BEIBEHALTEN hat, daß sie die inzwischen gesellschaftlich gewordenen Produktionsmittel und Produkte &#8220;behandelt, als wären sie NACH WIE VOR die Produktionsmittel und Produkte einzelner.&#8221; (ebd. S. 213, Hervorhebung P.K.)</p>
<p>Man kann Engels den Vorwurf nicht ersparen, daß diese Ableitung oder besser: Gleichsetzung des modernen Privateigentums mit dem technischen oder stofflichen Charakter der handwerklichen Einzelproduktion gelinde gesagt schlampig ist. Es ist zwar richtig, daß die handwerkliche Einzelproduktion insofern die Grundlage des modernen Privateigentums darstellt, als sie natürlich einem bereits entwickelten Stadium der gesellschaftlichen Arbeitsteilung angehört, einem Stadium also, in dem das Tauschen der Produkte in einem gewissen Umfang zur Notwendigkeit und Regel geworden ist und die Vorformen des modernen Rechts entstehen beziehungsweise, siehe das römische Recht, wieder Verwendung finden. Es ist aber völlig falsch, dieses Privateigentum UNMITTELBAR zu identifizieren mit dem damit verbundenen TECHNISCHEN Charakter der handwerklichen Arbeit, wie Engels es tut, wenn er den &#8220;eigenen&#8221; Charakter der handwerklichen Arbeitsmittel pauschal (unhistorisch) als PRIVATEN bezeichnet und so den Eindruck erweckt, als sei diese Kategorie sich bis in den modernen Kapitalismus hinein gleichgeblieben.</p>
<p>Die Entfaltung der Rechtsform, die zu Engels&#8217; Zeiten freilich noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hatte, macht es heute unabweisbar, klar zwischen Eigentum und Eigentum zu unterscheiden. Die Beziehung auf ein als ARBEITSMITTEL, HANDWERKSZEUG bestimmtes Ding, die in der PRAKTISCHEN ARBEIT mit diesem Ding sich herstellt, ist nämlich,</p>
<p>14 &#8212;-</p>
<p>GLEICHGÜLTIG oh dieses Ding OBENDREIN sich in der rechtlichen Form des Privateigentums befindet, von vollkommen anderer Natur als dieses Privateigentum es ist, das, ebenfalls verstanden als die &#8220;Beziehung auf ein Ding&#8221;, dies nur ist in Gestalt der juristischen Definition, einer FORM also, in die hinein eine bestimmte Weise ZWISCHENMENSCHLICHER Beziehungen sich VERKEHRT hat. Wie ein Blick ins &#8220;Kapital&#8221; lehrt, konstituiert die ARBEIT, als ein stofflicher, auf die Herstellung bestimmter Gebrauchsgegenstände ausgerichteter Prozeß betrachtet, eine ganz andere Eigentumskategorie als diejenige des modernen Privateigentums, die ihrerseits, als dieser Rechtstitel, AUSSCHLIESSLICH DEM TAUSCHAKT entspringt. Es ist also nicht zu übersehen, daß Engels, anstatt, wie er meint, das moderne Privateigentum aus der handwerklichen Einzelproduktion abzuleiten, vielmehr umgekehrt die schon vorher fertige Kategorie dieses Privateigentums nach rückwärts, in das technische Niveau der handwerklichen Einzelproduktion hineinprojiziert. Umgekehrt muß es ihm dann auch widerfahren, daß er bei der Kritik des modernen Privateigentums nicht von ihm abstrahieren kann, wie es bei seinem mittelalterlichen Handwerker ausgesehen hat (<a href="#punkt5">siehe unter 5.</a>)<a name="rpunkt5"></a>. Kein Zweifel, daß er dadurch das Privateigentum, &#8220;nur für den Einzelgebrauch berechnet&#8221;, seines gesellschaftlichen Inhalts entkleidet, des Inhalts, der gerade darin besteht, daß es die &#8220;Einzelnen&#8221; in bestimmter Weise, indem es sie nämlich zugleich als Einzelne festhält und als abstrakt Einzelne, als Rechtspersonen konstituiert, IN BEZIEHUNG ZUEINANDER setzt.</p>
<p>Dasjenige Eigentum, das in der Erzeugung bestimmter Produkte, in der gebrauchswertproduzierenden Arbeit sich herstellt, ist aufzufassen im Sinn jener ANEIGNUNG DER NATUR DURCH DEN MENSCHEN, die als übergreifende Kategorie allen Weisen der Vergesellschaftung zugrundeliegt und die somit synonym zu verwenden ist mit dem Begriff der MENSCHLICHEN GESCHICHTE. Dieses Eigentum ist jeweils konkret darzustellen als der Stand der Entwicklung der Produktivkraft der menschlichen Arbeit und als das damit gesetzte Niveau und Aussehen der Vergesellschaftung dieser Arbeit. Selbstverständlich ist auch das Eigentum unseres handwerklichen Einzelproduzenten BEREITS Privateigentum, aber es ist es nicht schlechthin, sondern in historisch bestimmter Weise, die sich von der ausschließlich juristischen Form, in der sich das Privateigentum heute befindet, krass unterscheidet: vor allem darin, daß es sich in seiner Arbeit, in seiner Leiblichkeit selbst befindet, daß es die Verausgabung seiner Kraft und Geschicklichkeit ist und insofern TATSÄCHLICH eine von ihm nicht zu trennende persönliche Eigenschaft darstellt. DIESES Eigentum würde ihm auch dann noch angehören, wenn er persönlich unfrei wäre und sich etwa als Sklave selbst in der Rechtsform des Privateigentums befände<a href="#11">(11)</a>. <a name="r11"></a></p>
<p>Das moderne Privateigentum hingegen ist äußerlich anhängender Titel, eine juristische Form, in welcher eine bestimmte Weise der Vergesellschaftung, die tauschvermittelte Vergesellschaftung, sich niedergeschlagen und im Laufe ihrer Entwicklung nur den SCHEIN einer handgreiflichen Eigenschaft angenommen hat. Es ist also eine jener Kategorien, die zur Bestimmung, Charakterisierung der historisch aufgetretenen Vergesellschaftungsformen</p>
<p>15 &#8212;-</p>
<p>Verwendung finden; und zwar ist es vom entwickelten Kapitalverhältnis aus betrachtet die entscheidende, sozusagen die Schrittmacher-Kategorie. Es verhält sich zu jener umfassenden Eigentumskategorie, die die Aneignung der Natur durch den Menschen beinhaltet, wie die Stufe, wie das Moment sich zum konkreten Ganzen der historischen Entwicklung verhält, innerhalb dessen es auftritt. Es ist die Form, die der Inhalt, die Vergesellschaftung des Menschen, im Verlauf seiner Entwicklung angenommen hat. Und so richtig es ist, daß die Entwicklung dieser Form nicht getrennt von der des Inhalts dargestellt werden kann, so wenig ist es erlaubt, Form und Inhalt miteinander zu verwechseln oder unmittelbar miteinander zu identifizieren. Sobald man im eigenen Denken über die Form, in der sich der Inhalt präsentiert, nicht hinauskommt, verliert man die Kraft, diesen Inhalt und diese Form jeweils konkret zu begreifen in ihrer Entfaltung, die zugleich die Entfaltung ihres Widerspruchs ist.</p>
<p>Innerhalb dieses Widerspruchs von Form und Inhalt, der als solcher, wie aus dem bisherigen klar sein sollte, erst im entwickelten Kapitalismus zu sich kommen kann, übernimmt das Privateigentum also den Part der Form. Das Privateigentum ist diejenige gesellschaftliche Verkehrsform, die eben dies, GESELLSCHAFTLICH zu sein, in dem Verständnis, das sie von sich selbst hat, in den Denkformen, die ihr angehören, leugnet. Das Privateigentum dementiert vorne herum den gesellschaftlichen Zusammenhang, dem es angehört und der sich vermittels seiner, aber hinter seinem Rücken, herstellt. Es ist die trennende, die Menschen atomisierende Form, in welcher ihr geschichtlicher Inhalt, die zunehmende Vergesellschaftung dieser &#8220;Menschen&#8221;, als seine eigene Negation in Erscheinung tritt. Der Inhalt, gerade indem er vorankommt, entzieht sich durch die Form, in der er dies tut, zunehmend und notwendigerweise jenem nur auf die Erscheinung gerichteten Blick, jener nur empiristischen Betrachtungsweise, die sich eben darin erweist, dieser Form bewußtlos anzugehören.</p>
<p>Engels, indem er das Privateigentum gleichsam bei dessen eigenem Wort nimmt, indem er die FORM der Ungesellschaftlichkeit, die es darstellt, &#8220;materialistisch&#8221; konfundieren zu können glaubt mit einem bestimmten, niedrigen Entwicklungsniveau des STOFFLICHEN Eigentums, mit einem Niveau, auf dem die Arbeit noch wenig vergesellschaftet war, die Arbeitsmittel &#8220;nur für den Einzelgebrauch berechnet&#8221; waren, bindet damit das Privateigentum als eine FERTIGE, starre Form an einen bloß virtuell zu nennenden historischen &#8220;Anfang&#8221;, an welchem es in Wirklichkeit noch im höchsten Grade UNFERTIG war. Bezeichnenderweise wird der Feudalismus, der bekanntlich vom Standpunkt der Entwicklung des Privateigentums aus als dessen Fessel erscheint, an dieser Stelle der Argumentation von Engels ausgeblendet. Wohl ist Engels aufgrund dieser theoretischen Vorgabe dazu imstande, den kapitalistischen Widerspruch zwischen der vergesellschafteten Arbeit und dem Privateigentum ÜBERHAUPT zu formulieren; dadurch aber, daß hierbei das Privateigentum nur in der einen Dimension auftritt, als übriggebliebene, veraltete, überholte Verkehrsform einer vergangenen, der handwerklichen und bäuerlichen &#8220;Produktionsweise&#8221;,</p>
<p>16 &#8212;-</p>
<p>muß er den PROZESSIERENDEN Charakter dieses Widerspruchs verfehlen, der eben darin besteht, daß das Privateigentum &#8220;unwahr&#8221; wird ZUGLEICH mit seiner Ausbreitung, Verallgemeinerung und Vervollkommnung.</p>
<p><a name="4b"></a><strong><a href="#r4b">b)</a></strong> Das Privateigentum wird &#8220;unwahr&#8221;, indem es sich &#8220;vervollkommnet&#8221;. Um Engels&#8217; verkürzte Darstellung des kapitalistischen Widerspruchs verstehen zu können, sollten wir uns vielleicht diesen Satz noch einmal näher ansehen. Was das Vervollkommnen betrifft, so dürfte das dem Verständnis eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten. Es liegt auf der Hand, daß weder die Abstraktion des Werts noch die des Rechts von vornherein in der Reinheit und Selbständigkeit gedacht werden und wirksam sein konnten, wie dies heute der Fall ist. Sie hatten sich erst gegen die vorgefundenen rohen, naturwüchsigen, von unmittelbarer, persönlicher Gewaltanwendung geprägten Produktionsverhältnisse durchzusetzen. Im Mittelalter konnte das Recht nicht getrennt gedacht werden von dem damit je verknüpften Inhalt und auch nicht von der Person des jeweiligen Berechtigten, schreibt Paschukanis<a href="#12">(12)</a>.<a name="r12"></a> Streng genommen entsprach es damit noch gar nicht seinem Begriff. Erst heute hat das Privateigentum jene vollkommen entsinnlichte oder sinnentleerte Abstraktheit erlangt, die es nicht nur gestattet, sondern aus Gründen der Anschaulichkeit es direkt geboten erscheinen läßt, unmittelbar den Tauschakt selbst als das Paradigma der damit einhergehenden Produktionsverhältnisse zu verwenden. Der &#8220;Überbau&#8221; des Rechts oder der Rechtsform hat sich gleichsam aus der Sphäre der weltanschaulichen Prinzipien herabgelassen auf die Unmittelbarkeit jedes einzelnen der modernen &#8220;Individuen&#8221; und umschließt es wie eine zweite, für den gesellschaftlichen Zusammenhang undurchlässige Haut. Die Rechtsform trübt den Blick ebenso des gemeinen wie den des theoretisierenden Alltagsverstandes oder, wie man wohl besser sagt, sie konstituiert diesen Alltagsverstand allererst, und zwar derart, daß man davon ausgehen muß, daß jeder, der heute von &#8220;Eigentum&#8221; spricht, immer schon das Privateigentum in dem hier ausgebreiteten Sinne meint oder im Schilde führt oder es jedenfalls nicht klar als solches in seinem eigenen Denken erkennen kann.</p>
<p>Dies ist freilich nur die andere Seite des gleichen Zustandes, der sich innerhalb der Sphäre der Produktion hergestellt hat und der es eigentlich verbietet, innerhalb dieser &#8220;ökonomischen Basis&#8221; noch von Eigentum im ursprünglichen Marxschen Sinn zu reden; in jenem &#8220;stofflichen&#8221; Sinn, meine ich, der eine &#8220;bestimmte objektive Einheit&#8221; des Produzenten mit seinen Produktionsbedingungen beinhaltet (Grundrisse, S. 396). Dieses Eigentum, das sich auch auf &#8220;die Arbeit selbst&#8221; erstreckt und das von Marx als die &#8220;handwerksmäßige bestimmte Geschicklichkeit&#8221; bezeichnet wird (Grundrisse, S. 401), mit welcher &#8220;ein bestimmtes subjektives Dasein&#8221; verbunden sei (Grundrisse, S. 396), dieses in der Kompetenz des einzelnen Produzenten liegende Eigentum ist im Verlauf der Entwicklung zur unmittelbar gesellschaftlichen Produktion verschwunden. Die stoffliche, in der Leiblichkeit des Handwerkers (und Bauern) liegende Produktivkraft ist, indem sie zur Anwendung der Naturwissenschaft in einem gigantischen technologischen Apparat geworden ist, unmittelbar auf</p>
<p>17 &#8212;-</p>
<p>die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit übergegangen. Übriggeblieben oder vielmehr: zugleich mit dieser Entwicklung entstanden, zugleich mit dieser Entwicklung vollkommen geworden ist das &#8220;unbestimmte subjektive Dasein&#8221;, die &#8220;Subjektivität als solche&#8221;, das Verhalten eines jeden der modernen abstrakten Subjekte nur noch zu sich selbst als &#8220;eigen&#8221; &#8211; außerhalb jeder &#8220;bestimmten objektiven Einheit&#8221; mit den Produktionsbedingungen. Damit erst ist die Form der Trennung von dem zugehörigen gesellschaftlichen Zusammenhang total geworden, ebenso total, wie dieser gesellschaftliche Zusammenhang es geworden ist, und diese reine Form der Trennung oder der Privatheit verdient es eigentlich nicht mehr, mit dem Begriff des Eigentums verknüpft zu werden.</p>
<p>Die eigentliche Schwierigkeit, die sich auch in dem Engelsschen &#8220;Handwerker&#8221; kundtut und die überhaupt das Problem der alten Arbeiterbewegung ausmacht, betrifft das &#8220;Unwahrwerden&#8221; des Privateigentums. So, wie ich es hier apodiktisch zugespitzt dargestellt habe, ist es schon (oder erst) heute &#8220;unwahr&#8221; geworden, weil ihm auf der Ebene der abstrakten Subjekte, soweit sie es geworden sind und so lange sie es bleiben, kein Eigentum (im stofflichen Sinn) mehr entspricht. HISTORISCH handelt es sich bei diesem &#8220;Unwahrwerden&#8221; um die sich bereits abzeichnende Epoche der &#8220;Endkrise des Kapitals&#8221;, die theoretisch adäquat nur im Rahmen der Marxschen Krisentheorie behandelt werden kann. Hier nur soviel: Historisch &#8220;wahr&#8221; und berechtigt ist die kapitalistische Produktionsweise mit ihrer widersprüchlichen Einheit von privater Form und gesellschaftlichem Eigentum offensichtlich so lange, so lange sie hinter ihrer Form der Zusammenhanglosigkeit eine zusammenhangstiftende, vergesellschaftende, die Produktivität der menschlichen Arbeit steigernde Wirkung besitzt. &#8220;Unwahr&#8221; wird sie, wenn die Produktion als &#8220;Produktion von Wert&#8221; stofflich in ihr Gegenteil umschlägt und überwiegend zur Destruktion der natürlichen Grundlagen des Reichtums wird. Der historische Umschlagspunkt ist zu dem Zeitpunkt erreicht, an dem der Wert ALS Wert nicht mehr aufrechterhalten werden kann, weil die Voraussetzung des Tauschakts &#8211; dem ja die Wertform der nur in ihr als solche anerkannten gesellschaftlichen Arbeit entspringt &#8211; , nämlich GETRENNT voneinander verrichtete Arbeiten, entfällt. Das wäre gesamtgesellschaftlich gesehen etwa dann der Fall, wenn der Anteil jener Arbeiten, die zu den allgemeinen Voraussetzungen der Produktion auf dem gegebenen kulturellen und wissenschaftlich-technischen Niveau gehören, die gleichsam in der Rolle einer &#8220;zweiten Natur&#8221;, in der Rolle einer auf alle UNMITTELBAR produktiven Arbeiten gleichmäßig scheinenden Sonne, in JEDES Produkt eingehen, wenn also dieser Anteil von Arbeiten, der naturgemäß, was auch immer seine Form, NICHT kapitalistisch verwertet werden kann (wertlos ist), den Anteil UNMITTELBAR produktiver Arbeiten, die sich jeweils nur in besonderen Produkten vergegenständlichen, deutlich überwiegt<a href="#13">(13)</a>. <a name="r13"></a></p>
<p>Dies wäre die HISTORISCHE Seite der Angelegenheit, deren theoretisches Verständnis sich nur darin bewähren kann, daß es (uns) zunehmend gelingt, von ihm her die empirische Oberfläche der Entwicklung in ein &#8220;richtiges&#8221;, das heißt zunehmend praktizierbares, tak-</p>
<p>18 &#8212;-</p>
<p>tische Bestimmungen ermöglichendes, strategisches Gesamtkonzept einzufügen. Bevor aber die HISTORISCHE Unwahrheit des Privateigentums in dieser Weise in Erscheinung tritt, ist der IDEOLOGISCHE STANDPUNKT des Privateigentums schon lange unwahr gewesen. THEORETISCH falsch, wenn ich mich so ausdrücken darf, ist nämlich das Privateigentum vom ersten Augenblick an, in dem es sich als der Standpunkt des &#8220;vereinzelten Einzelnen&#8221;, des &#8220;Kampfes Aller gegen Alle&#8221;, kurz als der bürgerliche Konkurrenzstandpunkt in der frühbürgerlichen Gesellschaft des 16. und 17. Jahrhunderts zu Wort meldete. Man braucht sich nur unseren bewährten Tauschakt anzusehen, um zu begreifen, daß ein mit dessen Abstraktionen als mit seinen &#8220;natürlichen&#8221; Denkvoraussetzungen umgehendes Bewußtsein sich notwendig täuschen muß. Dies gilt allerdings auch, und das ist jetzt der springende Punkt, für jenes &#8220;kritische&#8221; Bewußtsein, das das &#8220;Egoismus-Axiom&#8221; als dessen seitenverkehrtes Spiegelbild eines &#8220;natürlichen Geselligkeitstriebes&#8221; des Menschen<a href="#14">(14)</a><a name="r14"></a> von Anfang an in Gestalt der bekannten utopisch-kommunistischen Literatur begleitete. In dieser Literatur wurde das abstrakte Einzelinteresse, wie wir es heute nennen würden, schlicht dadurch &#8220;aufgehoben&#8221;, daß man ihm das scheinbar damit unverträgliche Gegenprinzip des gemeinsamen Wohles aller entgegenhielt und den anzustrebenden Gesellschaftszustand von ihm her konstruierte. Durch die Jahrhunderte hindurch zog sich der Streit zwischen dem Bruder Abel der &#8220;Gemeinschaftsidee&#8221; (S. 221), der Verheißung von dem &#8220;stillen und ruhigen Glück der Geborgenheit in der Gemeinschaft&#8221; (S. 229) auf der einen Seite und dem Bruder Kain des Neides und der Mißgunst, des &#8220;einzelmenschlichen Machtstrebens&#8221; (S. 221) und der &#8220;schrankenlosen Selbstbestimmung&#8221; (S. 219) auf der anderen Seite. Bei näherem Zusehen ließen sich sicher mehrere solcher &#8220;Theoretiker-Pärchen&#8221; identifizieren, wie etwa Machiavelli (Der Fürst, 1513) und Campanella (Der Sonnenstaat, 1602-1623) eines darstellen, das, ein kleines Jahrhundert auseinanderliegend, den Reigen des staatsphilosophischen Gegensatzes gleichsam eröffnet hat<a href="#15">(15)</a>. <a name="r15"></a></p>
<p>Um verstehen zu können, daß BEIDE Seiten, auch die vermeintlich kommunistische, den Privatvorteil verdammende Seite, der gleichen Verkehrsform des Privateigentums angehören, braucht man sich nur, &#8220;rein hypothetisch&#8221; versteht sich, auszumalen, was die konkrete geschichtliche Entwicklung aus den betreffenden Abstraktionen, wenn es sie &#8220;rein&#8221; gegeben hätte, würde gemacht haben müssen. Man braucht sich nur zu vergegenwärtigen, daß die Abstraktionen, die mit dem Tauschakt vollzogen werden, selbstverständlich nach BEIDEN historischen Richtungen hin blind sind: Die Praxis des Geldverkehrs (und die sich daran anschließenden Institutionen und Denkformen) abstrahiert SOWOHL von dem stofflichen produktiven Zusammenhang, der sich in ihrem Dienst herstellt, ALS AUCH von den vorgefundenen persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen, in die hinein sie sich entwickelt, und die sie damit, eben aufgrund ihrer Abstraktionskraft, zersetzt. Die erste &#8220;Funktion&#8221; hat ihren ideologischen Reflex in dem monadischen Egoismus-Standpunkt, von dem aus die gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft nur negativ bestimmt werden als ein notwendiges Übel, als staatliche Zwangsinstitution, deren sämtliche Maßnahmen als von außen kommende &#8220;Eingriffe&#8221; (D. Grimm) in die &#8220;Freiheit des Individuums&#8221; erscheinen und möglichst zu begrenzen sind.</p>
<p>19 &#8212;-</p>
<p>Die zweite &#8220;Funktion&#8221; hat ihren ideologischen Reflex in dem bekannten Gleichheitsund Gemeinschafts-Standpunkt, der sich einen Zustand der ewigen Harmonie und Gerechtigkeit erträumt. Die Blindheit gegenüber ihren materiellen, historischen Entstehungsbedingungen, die die beiden &#8220;Reflexe&#8221; auszeichnet, besitzen sie natürlich auch füreinander. Angesichts der gegensätzlichen sozialen Interessen, mit denen sie sich in den Konflikten ihrer Zeit jeweils verbanden, mußte ihnen ihre tieferliegende Verwandtschaft verborgen bleiben. Während wir die beiden feindlichen Brüder in ihrer epochalen Einheit betrachten können, während es von unserem materialistischen Standpunkt aus gesehen sogar unerheblich ist, was die jeweiligen theoretischen Vertreter dieser &#8220;Reflexe&#8221; ausdrücklich wünschten und als ihre Heilmittel für die gesellschaftlichen Gebrechen anpriesen, existierte für diese ideologischen Bewußtseinsformen selbst, die sich nicht als die Momente der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft zu denken vermochten, die wir seit Marx in ihnen sehen können, denen die ganze Welt als ein Gegeneinander von</p>
<p>lauter mehr oder weniger falsch &#8220;angewandten&#8221; Prinzipien und Ideen vorkommen mußte, diese ihre Gemeinsamkeit natürlich nicht. Sie sahen sich schroff und äußerlich einander gegenüberstehen: Das Recht, die Gleichheit und die harmonische Gemeinschaft hier, der private Vorteil, der &#8220;natürliche&#8221; Egoismus und die nur negativ zu bestimmende, in der Freiheit der konkurrierenden Monade ihre Grenze findende &#8220;Freiheit des Individuums&#8221; dort. Füreinander mußten sie sich in das Gespenst des gleichmacherischen, die persönliche Freiheit unterdrückenden Kommunismus einerseits und in die Geißel des ungerechten und mitleidlosen, die Schwachen zermalmenden Privateigentums andererseits verwandeln.</p>
<p>Zu dem theoretischen Mechanismus, der dafür sorgte, daß sich die gleiche bürgerliche Verkehrsform in ihren ideologischen Reflexen selber fremd vorkam, ist folgendes zu bemerken &#8211; wobei ich mich hier auf den seinerzeitigen &#8220;Kommunismus&#8221; beschränke, der uns deshalb interessieren muß, weil wir (<a href="#14">siehe Anmerkung 14</a>) noch heute in dem höchst zweifelhaften Ruf stehen, seine &#8220;Erben&#8221; zu sein. Was also diesen &#8220;Kommunismus&#8221; betrifft, so ist der Mechanismus offensichtlich in einem naiven Umgang mit der bürgerlichen Kategorie des &#8220;freien Willens&#8221; zu suchen. Wenn man sich anschaut, wie naiv auch heute noch mit dieser Kategorie umgegangen wird, dann kann es eigentlich nicht überraschen, wenn man entdeckt, daß diese BÜRGERLICHE Willenskategorie, die ihren angestammten Platz in der juristischen Definition des Privateigentums besitzt und dort vorkommt als die freie, beliebige, &#8220;willkürliche&#8221; Verfügung der Privateigentümer über ein DING, was ja gerade impliziert, daß sie mit dem Rechtsstandpunkt der PERSÖNLICHEN GLEICHHEIT vereinbar ist, daß sie von eben diesem Rechtsstandpunkt regelmäßig hineinprojiziert wurde in die vorkapitalistischen Verhältnisse der PERSÖNLICHEN Willkür. Natürlich gingen diese Verhältnisse der persönlichen Willkür, das muß zur Entlastung dieser theoretischen Fehlleistung gesagt werden, immer auch mit einer entsprechenden &#8220;ungerechten Verteilung&#8221; des Besitzes einher. Gerade diese Verquickung von &#8220;ungleichem Recht&#8221; und &#8220;ungleichem Eigentum, die für die vorkapitalistischen Verhältnisse kennzeichnend ist, machte es aber</p>
<p>20 &#8212;-</p>
<p>ungeheuer schwer und vor Marx eigentlich unmöglich, den Rechtstitel des bürgerlichen Eigentums, der sich ja auch keineswegs gemütlich und keineswegs &#8220;von selbst&#8221; herausbildete, von seinen jeweils mit persönlichen Bedingungen verknüpften feudalen und ständischen Vorformen zu unterscheiden. &#8220;Eigentum&#8221; und &#8220;Unrecht&#8221; wurden sehr leicht miteinander identifiziert, &#8220;Eigentum&#8221; und &#8220;Recht&#8221; als Gegensatz behandelt. Wobei noch erschwerend hinzukam, daß diese Behandlung in der Hitze des Kampfes immer auch mit moralischen Bewußtseinsformen einherging. Als Resultat muß man jedenfalls festhalten, daß die vermeintliche Kritik des Privateigentums, sofern sie im Namen der &#8220;Gleichheit&#8221; und der &#8220;Gerechtigkeit&#8221; geübt wurde, sofern sie sich von diesen Gleichheitsvorstellungen nicht völlig freizumachen wußte, sehr lange, bis in unser Jahrhundert hinein in Wirklichkeit eine Kritik oder Anklage der vorkapitalistischen, ständischen, von einer mangelhaften Entfaltung der Rechtsform zeugenden &#8220;Ungleichheit&#8221; darstellte. Dem entspricht anders herum ausgedrückt, daß sich der selbst nur bürgerliche Gleichheitsstandpunkt, der als solcher natürlich die Konkurrenz nicht wirklich, sondern nur in der &#8220;Gesinnung&#8221; aufzuheben vermochte und dessen Herz natürlich immer (Ausnahme: Gesetze vom Typ &#8220;Chapelier&#8221;, die die Bildung von Gewerkschaften als im Widerspruch zur Gleichheit der &#8220;Wirtschaftssubjekte&#8221; stehend unter Verbot stellten) für die jeweiligen Unterschichten schlug, ständig weiter fortgeschritten vorkommen mußte, als er es in Wirklichkeit war. Zugespitzt und vereinfacht formuliert, waren es also immer der &#8220;freie Wille&#8221; und das &#8220;gleiche Recht&#8221;, die sich in ihrer gegenseitigen Bedingtheit und in ihrer vermittelten Identität (innerhalb der sich ausbreitenden Verkehrsform des Privateigentums) deshalb nicht zu erkennen vermochten, weil sie sich natürlich nicht im luftleeren Raum, sondern unter je vorgefundenen Bedingungen und in Opposition zu je bestimmten, unmittelbaren sozialen Interessen entwickelten. Um so sicherer mußte das theoretische Quidproquo unterlaufen, je mehr ihm die tatsächliche Unreife der bürgerlichen Entwicklung entgegenkam.</p>
<p>Selbstverständlich galt dies auch noch für die alte Arbeiterbewegung, die ja noch meinte, eine gerade Linie der &#8220;Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&#8221; ziehen zu können. Gerade weil es sich für sie noch darum handelte, die elementarsten sozialen und politischen Rechte, deren es in der vorkapitalistischen, ländlichen Gesellschaft mit ihren hierarchischen Bindungen nicht &#8220;bedurft&#8221; hatte, allererst zu erkämpfen, konnte sie sich unmöglich kritisch, zumindest nicht konsequent kritisch zur Rechtsform ÜBERHAUPT verhalten, sondern mußte unweigerlich für diese rechtliche Seite des Privateigentums einen blinden Fleck entwickeln, der sich in ihrer Tendenz bemerkbar machte, das Recht nur in seiner bürgerlichen Beschränktheit, nur als BEVORRECHTUNG der Reichen und Besitzenden wahrzunehmen, der sie dann das Recht der Ausgebeuteten und Unterdrückten entgegenhielt. Die Notwendigkeit, sich zur Erkämpfung dieses Rechtes zusammenzuschließen, tat ein übriges für die ideologische Selbsttäuschung. Die im Namen der &#8220;Solidarität&#8221; und der &#8220;Vereinigung zur Klasse&#8221; erfolgende</p>
<p>21 &#8212;-</p>
<p>Organisierung in Gewerkschaften und politischen Parteien, die sich von den bis dahin bekannten bürgerlichen Honoratioren-Vereinen in ihren äußeren Formen deutlich unterschied, konnte leicht für das nahende Ende der Konkurrenz gehalten werden, um so leichter, als die theoretische Unterscheidung zwischen der moralischen Kritik der Konkurrenz einerseits und der Kritik der Moral als der Begleiterscheinung der Konkurrenz andererseits, die Marx bereits in der &#8220;Deutschen Ideologie&#8221; geleistet hatte, selbst bei den Protagonisten der Bewegung noch lange nicht durchgedrungen war und die unmittelbaren Existenzbedingungen der Proletariermassen geradezu nach dem moralischen Balsam lechzten, der in den feierlichen Beschwörungen des altruistischen Prinzips der &#8220;Solidarität&#8221; enthalten war.</p>
<p>Gerade die Tatsache, daß die Arbeiterorganisationen mit elementarer Notwendigkeit entstanden, daß sie ein existentielles Bedürfnis der Arbeiter befriedigten, daß sie unentbehrlich waren, um erträgliche Bedingungen für das Arbeiterdasein allererst herzustellen und zu behaupten, macht übrigens kenntlich, daß sie noch unter die gleiche Kategorie von Organisationen fallen, die Marx einmal mit Blick auf die ständischen Korporationen als &#8220;notwendige Vereinigung&#8221; bezeichnet hat. Bei dieser &#8220;notwendigen Vereinigung&#8221;, die Marx von der &#8220;Gemeinschaft der revolutionären Proletarier&#8221; abgrenzt, weil an dieser &#8220;die Individuen ALS Individuen Anteil&#8221; nehmen würden, handelte es sich, immer nach Marx, um eine Vereinigung, die durch die &#8220;gemeinschaftlichen Interessen&#8221; ihrer Mitglieder &#8220;gegenüber einem Dritten bedingt war&#8221; und die sich ihnen gegenüber demzufolge &#8220;zu einem ihnen fremden Bande&#8221; verselbständigen mußte. Die Individuen gehörten ihnen &#8220;nur als Durchschnittsindividuen&#8221; an, &#8220;nur soweit sie in den Existenzbedingungen ihrer Klasse lebten&#8221;, also, auf unser Thema übertragen, ARBEITER waren beziehungsweise den &#8220;Standpunkt der Arbeiterklasse&#8221; einnahmen. So gesehen war die &#8220;notwendige Vereinigung&#8221; der alten Arbeiterbewegung nicht das Mittel, die Konkurrenz (sprich Lohnarbeit) aufzuheben, sondern das Mittel, allgemeingültige, rechtliche Bedingungen derselben allererst herzustellen. Die Organisationen der alten Arbeiterbewegung spielten damit eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung des modernen, alle &#8220;Menschen&#8221; gleichmäßig als Staatsbürger affirmierenden Repräsentativstaates. (Die Marx-Zitate sind nachzulesen in: MEW 3, S. 74f.)</p>
<p>Bei Engels macht sich der zeitbedingte blinde Fleck bei der Wahrnehmung der RECHTLICHEN Seite des Privateigentums darin bemerkbar, daß er die Neigung erkennen läßt, es einerseits nur so aufzufassen, wie es bei dem mittelalterlichen Handwerker noch beschaffen war, andererseits aber diesen mittelalterlichen Handwerker bereits mit Zügen der &#8220;Privatheit&#8221; auszustatten, die erst einem späteren, &#8220;rechtlicheren&#8221; Stadium der Entwicklung angehören.</p>
<p>Ohne daß ich diese Gedanken hier weiter ausführen könnte, scheint mir das bisherige doch immerhin dafür auszureichen, die folgende allgemeine Schlußfolgerung zu ermöglichen: Daß es sich bei der Kritik der gesellschaftlichen Verkehrsform des Privateigentums nämlich darum handelt, sie konkret zu BEGREIFEN. Unterhalb ihres Begriffs, das hat</p>
<p>22 &#8212;-</p>
<p>nun einmal ein solcher Gegenstand, dessen totalisierender Tendenz sich niemand entziehen kann, an sich, gerät jede Kritik zu einer Kritik nicht DES Privateigentums, sondern zu einer Kritik MITTELS seiner, wird also bürgerlich teils im revolutionären, antifeudalistischen Sinn, teils im reaktionären, apologetischen Sinn. Wer das Privateigentum nicht konkret zu denken vermag, denkt immer schon mit ihm; er wird sich immer in den Fängen eben der Bestie wiederfinden, die zu erlegen er ausgezogen ist.</p>
<p>Mit den Denkformen des Privateigentums, soweit man davon noch affiziert ist, ist es nicht möglich, den für den modernen Kapitalismus charakteristischen Verlust des STOFFLICHEN Eigentums, das noch der mittelalterliche Handwerker in seinem &#8220;bestimmten subjektiven Dasein&#8221; besitzt, korrekt darzustellen. Man gerät unweigerlich in die Versuchung, diesen Verlust an Kompetenz und Produktivkraft auf der Ebene des einzelnen Produzenten immer schon als einen Verlust von Privateigentum in unserem rechtlichen Sinn darzustellen, und kommt dann umgekehrt natürlich angesichts der Tatsache in Verwirrung, daß sich diese RECHTLICHE Eigentumsform im Zuge der gleichen Entwicklung zur allgemeinen gesellschaftlichen Verkehrsform entfaltet hat. Dies kommt heute unter anderem darin zum Ausdruck, daß der demokratische Kapitalismus dem Arbeiter, dessen knechtische Abhängigkeit und dessen Elend wahrzunehmen, die Denkformen des Privateigentums schon im 19. Jahrhundert vorzüglich in der Lage waren, &#8220;soziale Freiheitsrechte&#8221; (F. Neumann) garantiert.</p>
<p>Vor allem entsteht bei dieser theoretischen Vorgabe die Versuchung, mehr noch, es ergibt sich als logische Schlußfolgerung eigentlich mit Notwendigkeit daraus, daß man den Umschlagspunkt der Entwicklung, die Aufhebung des Privateigentums, selber noch &#8220;privateigentumsmäßig&#8221; auffaßt. Die Inbesitznahme der Produktionsmittel durch die &#8220;eigentumslose Masse&#8221; erscheint dann selber noch als ein formeller, juristischer Akt, hinter dem der materielle Inhalt der kommunistischen Revolution, die Aneignung der inhaltlichen, stofflichen Qualifikation, die zur Meisterung der gesellschaftlichen Produktion erheischt ist, zu verschwinden droht. Hinter dieser Aneignung verbirgt sich übrigens kein kompliziertes Geheimnis. Es handelt sich um nichts anderes als um die Einnahme jenes &#8220;gesamtgesellschaftlichen Standpunktes&#8221;, zu dem die abstrakten Individuen angesichts des stofflichen Zusammenhangs, in dem sie sich befinden, schon heute gedrängt werden, selbst gegen ihren &#8220;freien Willen&#8221;, der sich allzu gerne von der &#8220;Politik&#8221; als der in der Tat falschen Form des gesellschaftlichen Zusammenhangs abwenden möchte.</p>
<h4><a name="punkt5"></a>5. Der kapitalistische Widerspruch heute</h4>
<p>Wenn man sich die ökonomische Entwicklung der letzten hundert Jahre vergegenwärtigt, dann sollte es eigentlich leicht möglich sein, die beiden Eigentumskategorien, die stoffliche und die rechtliche, in ihrer gegensätzlichen Bewegung auseinanderzuhalten. Das Eigentum im stofflichen Sinn, also die Produktivkraft der menschlichen Arbeit, ihre Fähigkeit, &#8220;Natur anzueignen&#8221;, ist unermeßlich gewachsen, damit aber jedem nur indivi-</p>
<p>23 &#8212;-</p>
<p>duellen Zugriff entwachsen. Es kann nur betrachtet, verstanden und gemeistert werden im Bezugsrahmen der Gesamtgesellschaft, letztlich also nur im internationalen Rahmen. Äußeres Zeichen dieser Entwicklung ist, daß der Typ des individuellen Kapitalisten, der alle unternehmerischen Entscheidungen selber trifft, der die Verwaltung und Organisation seines Unternehmens unter seinem persönlichen Kommando hat, immer mehr aus dem Wirtschaftsleben verschwindet. Schon Engels nimmt diese Entwicklung wahr und spricht angesichts der &#8220;Verwandlung der großen Produktions- und Verkehrsanlagen in Aktiengesellschaften, Trusts und Staatseigentum&#8221; von der &#8220;Entbehrlichkeit der Bourgeoisie für jenen Zweck&#8221;, nämlich für denjenigen der &#8220;Verwaltung der modernen Produktivkräfte&#8221; (MEW 19, S. 221). Damit aber verschwindet der letzte äußere Anhaltspunkt, der zur Verwechslung der beiden Eigentumskategorien noch hätte Anlaß geben können, damit wird dem Schein oder der Illusion die Grundlage entzogen, daß das Privateigentum in irgendeiner notwendigen Weise verbunden sei mit bestimmten, für die Produktion im stofflichen Sinn erheischten Kompetenzen und Qualifikationen. Das Privateigentum wird von solchen stofflichen &#8220;Verunreinigungen&#8221; gewissermaßen befreit und erweist sich nun auch praktisch-empirisch als das, wozu es schon immer Anlage hatte, als reine Form, reine Verkehrsform, wie sie im Tauschakt ihr Paradigma hat und wie ihr schon Marx in der Einleitung zum &#8220;Kapital&#8221; dadurch Rechnung trägt, daß er den Kapitalisten als bloße Charaktermaske bezeichnet von Produktionsverhältnissen, deren Herr er in Wirklichkeit nicht ist. Der Herr der Produktionsverhältnisse sind diese selbst, soweit sie die FORM des Privateigentums angenommen haben und soweit diese Form, von jeder persönlichen Willkür und Qualität entkoppelt, im Recht, im Sichdenken als Rechtsperson und natürlich im Geld allgegenwärtig geworden ist.</p>
<p>Die Befreiung des Privateigentums zur reinen Form, seine Entfesselung zum reinen Formalismus, das ist der wesentliche Punkt, der vor hundert Jahren in seiner heute erlangten Mächtigkeit und Allgegenwart offensichtlich nicht vorauszusehen war. Zwar ist dieser Formalismus begrifflich bereits angelegt und antizipiert in dem Marxschen Ausdruck von der &#8220;Ware Arbeitskraft&#8221;, der ja nichts anderes besagt, als daß der Lohnarbeiter sich zu sich selbst als Privateigentümer verhält, daß er, von persönlicher Hörigkeit und persönlichem Gehorsam entbunden, ausgestattet ist mit allen formellen, juristischen &#8220;Eigenschaften&#8221;, die ihn zum Tausch- und Vertragspartner tauglich machen. Aber damit dieser Zustand Wirklichkeit werden konnte, mußten erst noch einige gesamtgesellschaftliche Rahmenbedingungen hergestellt werden, mit denen zugleich auch der moderne Rechtsstaat entstand. Diese Rahmenbedingungen heißen in der juristischen Sprachregelung &#8220;soziale Freiheitsrechte&#8221; oder &#8220;soziale Grundrechte&#8221; (K.D. Bracher) und beinhalten insbesondere die sogenannte Koalitionsfreiheit, das Recht der Arbeiter, zur Wahrung ihrer ARBEITERinteressen, sich in Verbänden, Gewerkschaften zusammenzuschließen, und die gesetzliche Anerkennung der &#8220;Tarifautonomie&#8221; dieser Gewerkschaften.</p>
<p>Der Kampf der alten Arbeiterbewegung war denn auch im wesentlichen ein Kampf</p>
<p>24 &#8212;-</p>
<p>für solche sozialen Rechte, ein Kampf, der mit demjenigen für die politische Gleichberechtigung notwendigerweise einherging. Mit anderen Worten, der Kampf, dessen HISTORISCHE Stoßrichtung laut der ihn begleitenden und ihn überhöhenden propagandistischen Phraseologie GEGEN das Dasein als eine &#8220;bloße Ware&#8221; gerichtet war, diente als unmittelbarer zunächst einmal der Herstellung eben dieser Ware. Es war ein Kampf nicht gegen, sondern für das Privateigentum. Die Handvoll marxistischer Theoretiker, die diesen Kampf mit der Vorstellung begleitete, daß es sich dabei um ein taktisches Moment im Prozeß der sozialistischen Emanzipation der Arbeiterklasse handele, wurde bei dem epochalen Umfang der Bewegung, die zunehmend ein eigenes, von ihren unmittelbaren Bedürfnissen und Erfolgen genährtes, affirmatives Arbeiterbewußtsein entwickelte, sehr schnell, innerhalb einer Generation, an den Rand gedrängt. (<a href="http://www.krisis.org/1987/moderne-demokratie-und-arbeiterbewegung">Zu Lenin siehe den zweiten</a></p>
<p><a href="http://www.krisis.org/1987/moderne-demokratie-und-arbeiterbewegung">Teil dieser Arbeit.</a>)</p>
<p>Die falsche Optik, die den Klassenkampf des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als einen gegen das Privateigentum gerichteten Kampf erscheinen läßt, ergibt sich aus der persönlichen Färbung, die das Privateigentum in den Augen jener Zeit noch hatte (siehe auch oben unter <a href="#4b">4 b</a>).<a name="r4b"></a> Insbesondere konnten die Privateigentümer von damals diese ihre &#8220;Eigenschaft&#8221; nicht trennen von den durchaus noch vorkapitalistisch zu nennenden politischen und rechtlichen Privilegien, die sie genossen. Die herrschenden Klassen, die damals zum Teil noch Stände hießen und auf jeden Fall ein ständisches Selbstbewußtsein, ständische Allüren besaßen, von denen sich Restbestände in einigen noch unzureichend modernisierten Ländern bis heute erhalten haben, sträubten sich heftig gegen die Einführung gleicher Rechte auch für die &#8220;eigentumslosen&#8221; Arbeiter<a href="#16">(16)</a>.<a name="r16"></a> Sie verliehen damit dem Kampf für diese Rechte ein radikales AUSSEHEN, das sich auch daraus ergeben mußte, daß die FORMEN dieses Kampfes naturgemäß dahin tendierten, außerhalb der VORHANDENEN Legalität angesiedelt zu sein<a href="#17">(17)</a>.<a name="r17"></a> Aus dem radikalen und blutigen VERLAUF des Kampfes auf einen entsprechend revolutionären, gegen das Privateigentum gerichteten INHALT zu schließen, ist aber falsch. Die Anmaßung und Widerborstigkeit der PRIVATEIGENTÜMER machte deren z.B. in Rußland geglückte Überwältigung noch nicht zu einer Überwältigung der VERKEHRSFORM DES PRIVATEIGENTUMS, sondern verhalf dieser &#8211; mit der Verwandlung der Bauern in Arbeiter und deren allmählich voranschreitender Anerkennung als Staatsbürger &#8211; allererst zum Durchbruch. Insgesamt muß man heute für die alte Arbeiterbewegung die These aufstellen, daß sie nicht gegen das Privateigentum kämpfte, sondern gegen die Privateigentümer, wie sie in jener historischen Epoche empirisch beschaffen waren. Sie kämpfte gegen deren politisch und rechtlich privilegierte Stellung und eben deshalb, eben darin kämpfte sie FÜR das Privateigentum in seiner reinen, mit persönlichen, mit der Geburt erworbenen Privilegien unverträglichen Gestalt. Daß dieser &#8220;Sieg&#8221; des Privateigentums mit der damit verbundenen Entfesselung der kapitalistischen Logik zugleich sein Obsoletwerden bedeutet, daß also, so vermittelt, die alte Arbeiterbewegung sehr wohl einen Schritt auf ihr historisches Ziel hin getan hat, nur eben anders als sie meinte und</p>
<p>25 &#8212;-</p>
<p>viele ihrer Schattengestalten heute noch meinen, das sollte aus dem bisherigen eigentlich klar geworden sein.</p>
<p>Das Resultat dieser Entwicklung haben wir heute darin, daß das Privateigentum als die umfassende Verrechtlichung und Formalisierung aller Verhältnisse alle Denkformen und Verhaltensweisen bestimmt und schließlich zur freiwilligen Gleichschaltung der Monaden in der &#8220;modernen Massendemokratie&#8221; geworden ist. Die &#8220;eigentumslose Masse&#8221;, so muß man den kapitalistischen Widerspruch heute formulieren, ist nicht privateigentumslos, und die Privateigentümer, in die sich nun alle Menschen verwandelt haben eben darin, daß sie &#8220;Menschen schlechthin&#8221; geworden sind, sind nicht Eigentümer der Produktion in dem Sinn, in dem es sich dabei um den materiellen, stofflichen Prozeß der Aneignung der Natur durch den Menschen handelt. Die Produktion ist unmittelbar gesellschaftlich geworden und die Gesellschaft ist organisiert in der Form der Ungesellschaftlichkeit. Der stoffliche Prozeß der Produktion wird also organisiert und von &#8220;Menschen&#8221; vollzogen nach Gesichtspunkten und Beweggründen, die ständig von seiner tatsächlichen Beschaffenheit abstrahieren. Die Abstraktion, die zur leeren Form gewordene Privatheit ist es, die dem Stoff kommandieren zu können glaubt. Es ist dies ein Unterfangen, das weltweit schon laufend Schmerzen hervorruft und das immer noch weitere Katastrophen von größtem Ausmaß für uns bereithält.</p>
<p>Für die kommunistische Strategie ist es von größter Wichtigkeit, diesen Widerspruch &#8220;zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung&#8221; richtig zu formulieren und nicht schon in die Vorstellung von ihm Kategorien hineinzumischen, die selbst noch der &#8220;privaten Aneignung&#8221; angehören. Letzteres wäre etwa dann der Fall, wenn man, wie noch Engels, sich der Hoffnung hingeben würde, daß &#8220;kein Volk &#8230; eine durch Trusts geleitete Produktion, eine so unverhüllte Ausbeutung der Gesamtheit durch eine kleine Bande von Kupongschneidern sich gefallen lassen (würde)&#8221; (MEW 19, S. 221). Eine solche Auffassung vom kapitalistischen Widerspruch, die der Suggestivkraft des Rechts noch erlegen ist, indem sie dessen Definition des Privateigentums für bare Münze nimmt und also für eine persönliche, materielle, Kompetenz und Verantwortung beinhaltende Beziehung hält, eine solche Auffassung müßte heute entweder schon längst in Resignation und Zynismus versandet sein, was ja, die Restbestände der alten Arbeiterbewegung beweisen es, tatsächlich der Fall ist, oder zur hektischen Suche nach &#8220;Köpfen&#8221; führen, deren moralische oder tatsächliche &#8220;Hinrichtung&#8221; (siehe die RAF-Anschläge) aber an der Sache selbst, am Privateigentum als der allgegenwärtigen Verkehrform nichts ändert.</p>
<p>Speziell zur Kritik der Engelsschen Formulierung ist hier noch anzumerken, daß ja gerade das &#8220;Kupongschneiden&#8221; anzeigt, daß das Privateigentum an den Produktionsmitteln schon zu seiner Zeit im Begriffe war, zu einem reinen Formalismus zu werden, zu einem beliebig aufzuteilenden Rechtstitel, der den von seiner Form gebotenen Möglichkeiten entsprechend ganz so wie jeder andere Konsumgegenstand millionenfach unter das &#8220;Volk&#8221; gestreut werden kann (siehe die heutigen &#8220;Volksaktien&#8221;) und der mit der realen Verfügung</p>
<p>26 &#8212;-</p>
<p>über die Produktionsmittel eben darum nichts mehr zu tun hat. Engels behandelt aber diesen Formalismus, diese Kupongschneider so, als seien sie, die soeben jede persönliche Verbindung und Verantwortung bezüglich des Produktionsprozesses verloren haben, gerade aufgrund dieses Verlustes um so größere Schurken. Er sucht also persönlich verantwortliche Ausbeuter in eben jener Entwicklung, die den Ausbeutungsprozeß jeder persönlichen Färbung zu entkleiden beginnt, die ihn in einen anonymen Rechtstitel zu verwandeln im Begriffe steht.</p>
<p>Um also dem Privateigentum und damit der Lohnarbeit wirklich den Garaus machen zu können, müssen wir das Recht selbst als unseren Gegner begreifen. Wenn Engels das Staatseigentum an den Produktionsmitteln zwar nicht für die Lösung, aber doch für das &#8220;formelle Mittel&#8221; zur Lösung des kapitalistischen Widerspruchs erklärt (MEW 19, S. 222), dann müssen wir uns darüber im klaren sein, daß wir uns heute längst inmitten dieses &#8220;formellen Mittels&#8221; befinden. Das Staatseigentum ist, was die Verrechtlichung aller Verhältnisse betrifft, Wirklichkeit geworden. Wir leben auf jener für uns daher ein wenig plateauförmig aussehenden &#8220;Spitze&#8221;, als welche Engels diesen Vergesellschaftungsgrad bezeichnet, und haben nur dann eine Chance, von ihr auf der richtigen Seite herunterzukommen, wenn wir im &#8220;formellen Mittel&#8221; selbst unseren Gegner erkennen. Die Kommunisten müssen es endlich lernen, Staatsfeinde zu werden, nachdem sie so lange Verstaatlichungsfreunde waren.</p>
<h4>ANMERKUNGEN</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#r1">(1)</a> Das folgende ist die freie Referierung von Gedanken, die sich bei Eugen Paschukanis, Allgemeine Rechtslehre und Marxismus, 3.A.,Frankfurt 1970, finden. Siehe dort besonders das Kapitel &#8220;Ware und Subjekt&#8221;, S. 87-S. 113.</p>
<p>Im Gegensatz zu mir behandelt Paschukanis die Rechtsform meistens im Ton des &#8220;Als ob&#8221;, im Sinne einer Einbildung oder Illusion, hinter der sich die &#8220;Bourgeoisie&#8221;, die er noch soziologisch denkt, gleichsam &#8220;verbirgt&#8221;. Ihm, dessen Buch 1927 in der dritten russischen Auflage erschienen ist, lag noch nicht, zumal nicht in dem &#8220;barbarischen&#8221;, &#8220;halbasiatischen&#8221; Rußland, das empirische Material vor, das heute die Mächtigkeit und Allgegenwart des Rechts bezeugt. Kategorien wie z.B. die &#8220;politische Partei&#8221;, die meiner Meinung nach in den Begriff der Rechtsform und des Staates gehören, verwendet er gegensätzlich dazu (z.B. S. 128). Dennoch verdienen es seine wissenschaftliche Konsequenz und Unbestechlichkeit, rühmend hervorgehoben zu werden. Sie reichten allemal aus, ihn den Stalinschen &#8220;Säuberungen&#8221; zum Opfer fallen zu lassen.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#r2">(2)</a> Wenn ich im folgenden vom &#8220;modernen Privateigentum&#8221; oder auch nur vom &#8220;Privateigentum&#8221; spreche, dann verstehe ich darunter immer die Rechtsform in ihrer doppelten Bedeutung oder Funktion: als die frei-willige Beziehung des Privateigentümers auf ein Ding UND als das mit dem modernen Repräsentativstaat entstehende Rechtssystem, das</p>
<p>27 &#8212;-</p>
<p>diesen Privateigentümer konstituiert.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#r3">(3)</a> Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökomomie (Rohentwurf), S. 156, hier zitiert nach &#8220;Arbeiterstimme&#8221; Nr. 75, Dezember 1986, S. 12.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#r4">(4)</a> Karl Marx, Grundrisse, S. 6.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#r5">(5)</a> Das Dilemma der klassischen Liberalen schildert sehr anschaulich der monarchistische Staatsphilosoph Friedrich Julius Stahl (1802-1861). Nachdem er (in einer Schrift, die H.-U. Wehler, bei dem ich die Stelle gefunden habe, leider nicht nachweist) den gegen die Adelsprivilegien gerichteten bürgerlichen Gleichheitsgedanken herausgearbeitet hat, fährt er fort: &#8220;Allein, soll die Gleichheit positiv durchgeführt werden, soll die Klasse der Besitzlosen die selben Rechte mit ihr erhalten, dann gibt sie den Gedanken auf und macht politisch-rechtliche Unterschiede zugunsten der Vermöglichen. Sie will Zensus für die Repräsentation, Kautionen für die Presse, läßt nur den Fashionablen in den Salon, gewährt den Armen nicht die Ehre und die Höflichkeit wie den Reichen. Diese Halbdurchführung der Prinzipien der Revolution ist es, was die Parteistellung der Liberalen charakterisiert.&#8221; Zitiert nach Hans-Ulrich Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871-1918, in: Rürup, Wehler, Schulz, Deutsche Geschichte Band 3, 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 1985, S. 264.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#r6">(6)</a> 1864 ist das Gründungsjahr der &#8220;Internationalen Arbeiter-Assoziation&#8221;, der sogenannten I. Internationale. 1945 ist das Jahr, in dem mit dem Ende des deutschen Faschismus der Niedergang der plebiszitären oder &#8220;identitären&#8221; Form des Repräsentativstaates begann. Ich werde im 3. Teil dieser Arbeit Gelegenheit haben, diesen Ausdruck zu erläutern.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#r7">(7)</a> Dies berichtet P. Anderson von den italienischen &#8220;Marxisten&#8221; Della Volpe und Colletti. Vgl. Perry Anderson, Über den westlichen Marxismus, Frankfurt am Main 1978, S. 96 u. S. 100.</p>
<p>Andersons Buch mit seiner langweiligen Aufzählung &#8220;anspruchsvoller Versuche&#8221;, für &#8220;Marx eine philosophische Abstammungslinie zu konstruieren&#8221;, muß man übrigens selber als mißglückt bezeichnen. Anderson läßt nicht die geringste Neigung erkennen, die Zumutungen der von ihm vorgestellten &#8220;westlichen Marxisten&#8221;, die aus Marx allesamt einen Philosophen machen, zurückzuweisen. Alles, was ihm auffällt, ist, daß die &#8220;westlichen Marxisten&#8221; von Sartre(!) bis Horkheimer(!) eine gehörige Portion Pessimismus erkennen lassen und von der &#8220;Praxis der Arbeiterklasse&#8221; getrennt sind. Selbstverständlich hat das Buch als eine empirische Auflistung dessen, &#8220;was es gibt&#8221;, auch seinen Nutzen.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#r8">(8)</a> Neunzig Jahre zuvor hatte der reaktionäre Zeitgeist diese moderne Eleganz des sprachlichen Ausdrucks noch nicht erreicht. 1895 schrieb der deutsche Kaiser, Wilhelm II., in einem Brief an den Zaren Nikolaus II.: &#8220;Die Republikaner sind von Natur Revolutionäre und werden folgerichtig als Leute, die erschossen oder gehenkt werden müssen, behandelt.&#8221; Zitiert in: Julius Braunthal, Geschichte der Internationale Band 1, 3.A., Berlin-Bonn 1978, S. 282.</p>
<p>Demgegenüber muß man den modernen Imperialismus bewundern, der einer jeden</p>
<p>28 &#8212;-</p>
<p>Befreiungsbewegung als erstes die Gretchenfrage nach den &#8220;freien Wahlen&#8221; stellt. Die Inhaltslosigkeit des &#8220;Wählenkönnens&#8221; ist inzwischen selber zu einem solchen &#8220;Inhalt&#8221; geworden, daß sie sich vorzüglich dafür eignet, die dringenden materiellen Bedürfnisse der betreffenden Bevölkerung, Alphabetisierung, medizinische Versorgung, Hygieneerziehung, Landreform etc., die die Grundlage abgeben für deren elementaren Antiimperialismus, in den Hintergrund des Bewußtseins der &#8220;demokratischen Öffentlichkeit&#8221; zu drängen.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#r9">(9)</a> Braunthal, a.a.O., S. 273.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#r10">(10)</a> Marx-Engels Werke Band 19, S. 211, Hervorhebung P.K.</p>
<p><a name="11"></a><a href="#r11">(11)</a> Der mittelalterliche Handwerker ist insofern Privateigentümer, als die gesellschaftliche Vermitteltheit seiner Arbeit und seines Arbeitsinstruments für ihn als solche nicht erscheint, insofern also, als er sich zu den GESELLSCHAFTLICHEN Voraussetzungen seiner Produktion als zu NATÜRLICHEN Voraussetzungen verhält, womit er bereits eine bestimmte Stufe der TRENNUNG von dem zugehörigen gesellschaftlichen Zusammenhang repräsentiert. Siehe hierzu Karl Marx, Grundrisse, S. 398f.</p>
<p>Die Form der Privatheit oder der Trennung kann überhaupt immer nur dargestellt werden in bezug auf dasjenige, WOVON sie trennt, in bezug also auf den betreffenden Gesellschaftsverband, der den betreffenden &#8220;Privateigentümer&#8221; mit den letztendlich doch immer noch natürlichen Voraussetzungen seiner Existenz vermittelt. Die &#8220;Getrenntheit&#8221; ebenso wie die &#8220;Vermitteltheit&#8221; ist komplett, wenn sich die Gesellschaft für den einzelnen &#8220;Menschen&#8221; derart zur zweiten Natur verdichtet hat, daß ihm das &#8220;Allergesellschaftlichste&#8221;, nämlich sein reines &#8220;Menschsein&#8221;, als das &#8220;Allernatürlichste&#8221; vorkommt.</p>
<p><a name="12"></a><a href="#r12">(12)</a> Die mittelalterlichen Kaiser hatten bei ihrem Amtsantritt jedesmal das bestehende, von ihrem Vorgänger übernommene &#8220;Rechtssystem&#8221; persönlich zu bestätigen; wobei sich natürlich immer die Gelegenheit zu Modifikationen ergab. Großen Städten wie etwa Nürnberg mußte also jedesmal von neuem das Privileg, Stadt zu sein, mit sämtlichen daran hängenden &#8220;Rechten&#8221;, Marktrecht, Wegerecht, Recht auf Handelsniederlassungen etc., huldvollst verliehen werden. Selbst Verhältnisse, die sich längst objektiviert hatten, behielten so immer noch ihre persönliche Färbung. Vgl. hierzu, was Lukács zum modernen Recht und zum &#8220;&#8216;Recht&#8217; primitiver Gesellschaftsformen&#8221; schreibt: Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, 4.A., Darmstadt und Neuwied 1976, S. 190.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#r13">(13)</a> Vgl. Robert Kurz, Die Krise des Tauschwerts, in: Marxistische Kritik 1, Erlangen 1986.</p>
<p><a name="14"></a><a href="#r14">(14)</a> Klaus J. Heinisch, Essay &#8220;Zum Verständnis der Werke&#8221;, in: Der utopische Staat &#8211; Morus/Utopia, Campanella/Sonnenstaat, Bacon/Neu-Atlantis -, herausgegeben von Klaus J. Heinisch, Reinbek bei Hamburg 1983, S. 242. Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf diesen Text, der übrigens über jeden Verdacht der theoretischen Kompetenz im</p>
<p>Sinn materialistischer Wissenschaft erhaben ist. Die bürgerliche Dichotomie von &#8220;Individuum&#8221; und &#8220;Gesellschaft&#8221; nennt Heinisch die &#8220;beiden Richtungen des menschlichen Selbsterhaltungstriebes&#8221;, von denen die eine Richtung, für die die utopischen Kommunisten à la Campanella stehen, &#8220;schließlich durch das Kommunistische Manifest und die entsprechende</p>
<p>29 &#8212;-</p>
<p>Staatstheorie von Karl Marx und Friedrich Engels zu einem unzweideutigen Weltbrand&#8221; aufgelodert sei (ebd. S. 221).</p>
<p><a name="15"></a><a href="#r15">(15)</a> Selbstverständlich speist sich die moderne bürgerliche Staatstheorie aus beiden Quellen, aus der Egoismus- und aus der Gemeinschaftsquelle. Die &#8220;Versöhnung&#8221; der beiden &#8220;Prinzipien&#8221; fand natürlich, wie könnte es anders sein, endgültig erst in Hegels Rechtsphilosophie statt. Das bürgerliche Alltagsdenken, auch wo es sich &#8220;marxistisch&#8221; nannte und den Staat einen &#8220;proletarischen&#8221; sein ließ, kam aber natürlich nie über diese Dichotomie hinaus.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#r16">(16)</a> Gemäß dem hier verwendeten Begriff des Privateigentums, der mit dem der Rechtsform zusammenfällt, war diese &#8220;Eigentumslosigkeit&#8221; durchaus eine zutreffende Bestimmung des damaligen Arbeiters, der damit gleichsam noch nicht seinem &#8220;Begriff&#8221; entsprach. Zur Illustration des noch sehr persönlich und patriarchalisch gefärbten Unterordnungsverhältnisses zwischen Unternehmern und Arbeitern vor dem 1. Weltkrieg sei die folgende Stelle aus Margarete Buber-Neumanns Autobiographie zitiert, in der die Verfasserin ihren Vater, Leiter eines mittleren Industrieunternehmens in Potsdam, charakterisiert: &#8220;Er, der Bayer, fühlte sich in der preußischen Umgebung nicht nur wohl, er hatte den straffen Geist Potsdams beinahe fanatisch in sich aufgenommen. Widerspruch duldete er nicht, weder von uns Kindern noch von seinen Untergebenen. Einmal hörte ich, wie er auf dem Hofe der Brauerei einen Arbeiter anschrie: &#8216;Nehmen Sie die Hände aus den Hosentaschen, wenn ich mit Ihnen rede!&#8217; Mein Vater verlangte &#8216;Haltung&#8217;. In ihm verband sich der preussische Feldwebel mit dem bäuerlichen Patriarchen.&#8221; Margarete Buber-Neumann, Von Potsdam nach Moskau &#8211; Stationen eines Irrweges, Frankfurt am Main 1985, S. 11.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#r17">(17)</a> Das typische Beispiel für einen Radikalismus, der sich aus der unmittelbaren Erfahrung der Rechtlosigkeit speiste, ist Georg von Vollmar. Dieser spätere &#8220;Erzreformist&#8221; stand nach dem Inkrafttreten des Bismarckschen Sozialistengesetzes (1878) auf dem linken Flügel der deutschen Sozialdemokratie, verfolgte &#8220;eine überaus radikale Politik mit antiparlamentarischen Akzenten&#8221; und forderte die Partei auf, &#8220;sich offen als &#8216;staatsgefährlich&#8217; zu bekennen. Steinberg bezeichnet ihn zutreffend als ein Beispiel dafür, &#8220;daß bei theoretischer Unsicherheit und ausgeprägtem Temperament Radikalismus und eine gemäßigte Haltung unter dem Eindruck bestimmter Ereignisse austauschbar waren.&#8221; Hans-Josef Steinberg, Sozialismus und deutsche Sozialdemokratie, 5.A., Berlin-Bonn 1979, S. 31.</p>
<p>P.S.: Der zweite Teil der Arbeit befaßt sich mit dem Thema &#8220;Lenin und die Demokratie&#8221;, der dritte Teil ist der russischen &#8220;Rätedemokratie&#8221; gewidmet.</p>
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		<title>Von der &#8220;Rekonstruktion&#8221; zur &#8220;Krise des Marxismus&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 1987 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 3 (1987)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 114 &#8212;- Udo Winkel I. War im 1. Teil (siehe Udo Winkel: Die Krise des Marxismus, in: MK Nr. 2) auf die Verwandlung des akademischen &#8220;Marxismus&#8221; in einen positivistischen Splitter des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus eingegangen worden, so soll im 2. Teil eine Auseinandersetzung mit der Arbeit von E. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>114 &#8212;-</p>
<p><em>Udo Winkel</em></p>
<h4>I.</h4>
<p>War im 1. Teil (siehe Udo Winkel: <a href="http://www.krisis.org/1986/krise-des-marxismus">Die Krise des Marxismus</a>, in: MK Nr. 2) auf die Verwandlung des akademischen &#8220;Marxismus&#8221; in einen positivistischen Splitter des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus eingegangen worden, so soll im 2. Teil eine Auseinandersetzung mit der Arbeit von E. Dozekal folgen, der den Anspruch erhebt, die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; durch die Form seiner Rezeption zu bestimmen: DOZEKAL, EGBERT: VON DER &#8220;REKONSTRUKTION&#8221; DER MARX&#8217;SCHEN THEORIE ZUR &#8220;KRISE DES MARXISMUS&#8221;. DARSTELLUNG UND KRITIK EINES DISKUSSIONSPROZESSES IN DER BUNDESREPUBLIK 1967 bis 1984; Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1985, 36.- DM.</p>
<p><span id="more-304"></span>Dozekal versucht die Logik eines theoretischen Prozesses herauszuarbeiten, der von einer bestimmten Rekonstruktion, d.h. der Verwandlung des Marxismus in Erkenntnistheorie und Methode ausgehend, über seine empirische Verifikation als Realanalyse insbesondere als Krisentheorie und &#8211; Prognose, hin zur Krise als Demontage der rekonstruierten Marx&#8217;schen Theorie führte. &#8220;Die &#8216;Rekonstruktion&#8217; der Marx&#8217;schen Theorie im Gefolge der Studentenbewegung wurde explizit in Opposition zu und als Kritik an der etablierten &#8216;bürgerlichen&#8217; Gesellschaftswissenschaft betrieben, &#8230; und die Marx&#8217;sche Theorie (wurde) als theoretische Begründungsinstanz anerkannt, an der sich die gesamte Sozialwissenschaft zu messen habe; und zwar nicht mehr an einer auf die &#8216;Frühschriften&#8217; verkürzten Marxrezeption, sondern auf einem Gebiet, das auch Marx als sein Hauptanliegen und -Werk bezeichnete, der &#8216;Kritik der Politischen Ökonomie&#8217;. 15 Jahre später bietet sich das umgekehrte Bild. Nicht bloß, daß die Diskussion um die &#8216;Politische Ökonomie&#8217; an der Wende zu den 80er Jahren zu einer weitgehend akademischen Debatte geworden ist, wenn sie überhaupt noch geführt wird. Vielmehr haben eben die Protagonisten der seinerzeitigen &#8216;Rekonstruktion&#8217; der Marx&#8217;schen Theorie selbst &#8230; die &#8216;Krise des Marxismus&#8217; ausgerufen&#8221; (S. 9-10). Symptomatisch erscheint auch, daß die Arbeit Dozekals u.W. bisher vollständig ignoriert, also weder rezipiert noch kritisiert wurde.</p>
<h4>II.</h4>
<p>Dozekal sieht die Intention einer verhängnisvollen &#8220;Rekonstruktion&#8221; der Marx&#8217;schen Theorie &#8211; sein Ausgangspunkt bildet das Kolloquium &#8220;Kritik der politischen Ökonomie heute &#8211; 00 Jahre &#8216;Kapital&#8217;&#8221;, das 1967 in Frankfurt/M stattfand &#8211; in: 1. der Isolierung einer &#8220;dauerhaften Methode&#8221; getrennt von den materialen Aussagen, 2. verbunden mit einer Kritik an den materialen Aussagen von Marx, 3. der Glaube an eine Überlegenheit der Methode des &#8216;Kapital&#8217; ohne eine inhaltliche Überprüfung und 4. daraus folgend der Rekonstruktion der Marx&#8217;schen Theorie als Methode. Schon hier zeigt sich, daß Dozekal es sich sehr einfach macht, indem</p>
<p>115 &#8212;-</p>
<p>er die Rezeptionsprozesse undifferenziert einem Schema subsumiert, es ihm somit eher um die Sache der Logik als die Logik der Sache geht. Seine Darstellung bleibt theorieimmanent, abstrahiert von den Bedingungen dieser seit Mitte der sechziger Jahre einsetzenden Rezeption, verkürzt ihren komplexen Charakter und verkennt damit ihre Bedeutung. Diese kann nur erfaßt werden, wenn der damalige Stand oder Zustand des &#8220;Marxismus&#8221; berücksichtigt wird &#8211; hier kann auf diese Probleme nur verwiesen werden; Aufarbeitung und Darstellung der Problematik bleibt ein Desiderat. Es dominierten damals der in ein Formelsystem gegossene, der Realität übergestülpte positivistische &#8220;Sowjetmarxismus&#8221; des &#8220;Realsozialismus&#8221; mit seiner Funktion als Rechtfertigungsideologie und seine &#8220;marxologischen&#8221; Kritiker andererseits, die den jungen gegen den alten Marx ausspielten, d.h. ihn anthropologisierten und zu einer Variante des Existenzialismus machten. Wo im akademischen Bereich an Marx als einem gesellschaftskritischen Theoretiker festgehalten wurde, geschah es im Rahmen der &#8220;Kritischen Theorie&#8221; der &#8220;Frankfurter Schule&#8221; als Kulturkritik und in der Marburger Abendroth-Schule als politische Theorie.</p>
<p>In diesem Zusammenhang kann die Wiederentdeckung des Marxismus als einer &#8220;Kritik der politischen Ökonomie&#8221; &#8211; gerade im Gegensatz zum Verständnis einer positiven Wissenschaft &#8211; in ihrer Bedeutung und Eröffnung einer neuen Perspektive kaum überschätzt werden.</p>
<p>ROSDOLSKY verwies auf dem Frankfurter Kolloquium auf die großen Veränderungen &#8220;seit dem Ende des letzten Weltkrieges, seitdem der westliche Kapitalismus so gewaltige Wandlungen erfahren und seitdem es auch gilt, die im Osten neu entstandenen Gesellschaftsgebilde wissenschaftlich zu erfassen. Auch diesmal muß sich die Theorie, um mit Marx zu sprechen, &#8216;im Dünger der Widersprüche&#8217; emporarbeiten, wenn sie allem Neuen, das die konkrete Wirklichkeit darbietet, Rechnung tragen soll. Und unsere Theorie KANN es, wenn sie sich von jedem Dogmatismus fernhält und wenn sie die unendlich fruchtbare Methode des KAPITAL richtig anzuwenden weiß, d.h. wenn sie jene Vermittlungen aufzufinden vermag, die die abstrakten Theoreme dieses Werkes mit der konkreten Wirklichkeit VON HEUTE verbinden. Eben das erscheint uns als die Zentralaufgabe der heutigen marxistischen Ökonomie; und sollte unser Beitrag irgendwie zur Bewußtwerdung dieser theoretischen Aufgabe beigesteuert haben, dann ist sein Zweck vollauf erfüllt&#8221;(1).</p>
<p>Diese Forderung nach den Vermittlungen ist nicht nur legitim, sondern notwendig, wenn die Oberflächenphänomene der kapitalistischen Realität begriffen werden sollen und wenn man nicht, wie anscheinend Dozekal, bei der &#8220;Kerngestalt&#8221; (Marx) stehenbleiben will. Eine Kritik Rosdolskys hätte dort einzusetzen, wo er von der Verbindung der &#8220;abstrakten Theoreme&#8221; mit der &#8220;konkreten Wirklichkeit von heute&#8221; spricht und damit verkennt, daß diese &#8220;abstrakten Theoreme&#8221; eben die verdinglichte kapitalistische Realität ausdrücken.</p>
<p>Die Bedeutung des Kolloquiums für die Überwindung des alten, sich selbst als positive Wissenschaft verstehenden verdinglichten &#8220;Marxismus&#8221; und die Aufzeigung einer neuen, dem originären Marx verpflichteten theoretischen Perspektive zeigen etwa die Diskussionsbei-</p>
<p>116 &#8212;-</p>
<p>träge von Alfred Schmidt. So betont er etwa die Aufhebung der verdinglichten &#8220;zweiten Natur&#8221; als Voraussetzung des Kommunismus: &#8220;Immerhin hat Marx sehr deutlich gesagt, daß er unter Kommunismus einen Zustand versteht, in dem es keine Verhältnisse und Mächte gibt, die von den Menschen unabhängig existieren. Man darf nicht zur wissenschaftlichen Norm erheben, sozusagen zur Tugend eines erkenntnistheoretischen Realismus machen, was die Not des von Marx kritisierten Zustands war. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Es hat gar keinen Sinn, in der Theorie noch einmal zu fetischisieren, was in der Wirklichkeit schon fetischisiert ist. Je &#8216;objektiver&#8217; diese Gesetze sind, desto schlimmer für uns. Engels hat früh bereits den klassischen Ökonomen, die sich viel zugute hielten auf die &#8216;Naturgesetze&#8217; der kapitalistischen Produktion, entgegnet: Worauf beruhen diese Naturgesetze? Auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten &#8211; und das scheint mir überhaupt der Sinn des Sozialismus bei Marx zu sein, daß man nicht bei der bloßen Konstatierung stehenbleibt (man geniert sich fast, es zu wiederholen), daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt &#8211; endlich</p>
<p>soll das Bewußtsein übers Sein gebieten. Es ist doch der Zweck der Ökonomie, wie sie Marx vorgeschwebt hat, daß die Menschen bewußt ihre Verhältnisse gestalten und durch keine zweite Natur gefesselt werden, die viel gewalttätiger ist als die erste, und zwar deshalb, weil das Subjekt sich in ihr vergegenständlicht hat. Je mehr Subjektivität nämlich in der Objektivität verkörpert ist, desto &#8216;bewußtseinsunabhängiger&#8217; ist sie &#8211; im zu kritisierenden und aufzuhebenden Sinne&#8221;(2).</p>
<p>Und zur Wertproblematik führte Schmidt aus: &#8220;Während noch Ricardo, der fortgeschrittenste klassische Ökonom, sich damit begnügt, die Wertbildung als naturgegebene Eigenschaft der Arbeit anzusehen, deckt Marx den spezifisch gesellschaftlichen, das heißt historisch vergänglichen Charakter des Wertes auf. Er geht von der Wertgröße zur Analyse der Wertform über. Wenn die unter dem Aspekt des Tauschwerts betrachteten Waren sich nur quantitativ unterscheiden, dann setzt das ihre qualitative EINHEIT voraus, den Umstand, daß sie abstrakt menschliche Arbeit verkörpern. Diese Konsequenz entgeht den klassischen Ökonomen, weshalb sie auch den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang nicht begreifen. Der Marx&#8217;sche Begriff der Produktionsverhältnisse, ja der bürgerlichen Gesellschaft, steht und fällt mit der Anerkennung der zugleich logischen und historischen Objektivität des Wertes. Marx hat keineswegs geglaubt, es handle sich hier um einen &#8216;denkökonomischen&#8217; Begriff im Sinn der positivistischen Wissenschaftstheorie. Vielmehr können wir ihn nur deshalb nützlich anwenden, weil ihm eine tagtäglich im Produktionsprozeß vollzogene Abstraktion entspricht, die sich in den einzelnen Kaufakten bloß manifestiert. Er darf nicht nur als Arbeitshypothese, als denktechnische Notwendigkeit betrachtet werden. Marx hat schon in der KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, also 1859, nachgewiesen, daß es sich bei der Wertbildung um eine Abstraktion handelt, die nicht nur methodisch bedeutsam ist, sondern das Objekt der Untersuchung selbst strukturiert. Übergehen wir diesen Punkt, dann geraten wir in große Schwierigkeiten, dann können wir den für Marx so wichtigen Zusammenhang zwischen politischer Ökonomie und gesellschaftlicher Totalität nicht wirklich erfassen&#8221;(3).</p>
<p>117 &#8212;-</p>
<p>(Das auf dem Kolloquium gehaltene Referat von Alfred Schmidt: Zum Erkenntnisbegriff der Kritik der politischen Ökonomie, S. 30-43, bietet immer noch eine ausgezeichnete Einführung in die Problematik der Kritik der politischen Ökonomie). Dozekal expliziert nun seine Kritik an der Marxrezeption am Beispiel von H. Reichelt, C. Offe und J. Bischoff. Er verweist darauf, daß für REICHELT die &#8220;Kritik der politischen Ökonomie&#8221; eine doppelte theoretische Herausforderung darstellt: &#8220;Auf der einen Seite hat sich die Rezeption des &#8216;Kapital&#8217; weiterhin mit Problemen der METHODE bei Marx, &#8216;der dialektischen Darstellung der Kategorien und Erörterung dieser Darstellungsform&#8217;, der Extrapolation einer &#8216;Ableitungsstruktur als methodisches Vorbild&#8217;, der möglichen historischen Beeinflussung der &#8216;abstrakt kategorialen Darstellungsform&#8217; usw. im Bewußtsein zu befassen, daß es nur so &#8216;möglich wird, sich abschlußhaft über die Marx&#8217;sche Methode und ihre Eignung für die Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus zu äußern&#8217;. Auf der anderen Seite ist die methodische Selbstbeschäftigung mit dem &#8216;Kapital&#8217; durch ein später als &#8216;REALANALYSE&#8217; bezeichnetes &#8216;Studium des wirklichen Kapitalismus&#8217; im Bewußtsein zu ergänzen, erst dadurch &#8216;wirkliches&#8217; Wissen über den gegenwärtigen Kapitalismus zu erarbeiten und damit zugleich die &#8216;Eignung&#8217; der aus dem &#8216;Kapital&#8217; extrapolierten Marx&#8217;schen Methode zu verifizieren&#8221; (S. 75).</p>
<p>Hier gilt es eine differenziertere Beurteilung als die im schlechten Sinne abstrakte Dozekals. Er verkennt, daß es hier ja erst einmal um die Entdeckung und Aneignung der &#8220;Kritik der politischen Ökonomie&#8221; ging und die theoretisch-methodischen Reflexionen Reichelts in seiner Arbeit &#8220;Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx&#8221; diese Aneignung förderten. In Bezug auf die &#8220;Realanalyse&#8221; legt Dozekal den Finger auf die Wunde, wobei es hier allerdings nicht um eine Kritik an der Forderung der Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus gehen kann, sondern an der fehlenden bzw. nicht gelingenden Vermittlung zur &#8220;Kernstruktur&#8221;. So degenerierte die &#8220;Realanalyse&#8221; tatsächlich vielfach zur positivistischen Aneignung der erscheinenden Oberfläche.</p>
<p>Dozekal zeigt richtig, daß OFFE schon damals Fragestellungen entwickelte, die sich heute im akademischen &#8220;Marxismus&#8221; durchgesetzt haben. Er wendet sich dagegen, &#8220;die Frage nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus in naiver Weise zu stellen&#8221;. &#8220;Offe will vielmehr den marxistischen Krisentheoretikern die methodischen Bedingungen vorgeben, wie dieselbe Frage reflektiert zu stellen und ergänzend zu beantworten wäre: &#8216;Unter diesen Bedingungen wäre eine Krisentheorie nur dann überzeugend, wenn sie als eine Theorie über die Grenzen politischen und ökonomischen Krisenmanagements aufträte&#8230;&#8217;. Die sachliche Unhaltbarkeit von Krisentheorien, die &#8216;dem Kapitalismus eine graue Zukunft prophezeien&#8217;, bildet also geradezu die Grundlage, auf der das methodologische Konzept von Offe beruht. In ihm entwickelt umgekehrt Offe unabhängig vom sachlichen Gehalt der Krisentheorien die methodischen Maßstäbe und systemtheoretischen Kriterien, wann ihre Begutachtung der Überlebenschancen des kapitalistischen Systems als gelungen angesehen werden darf. Den ERFOLG einer kritischen Sozialwissenschaft, die sich auf die Marx&#8217;sche Kapitalis-</p>
<p>118 &#8212;-</p>
<p>musanalyse beruft, sieht Offe dabei zuallererst in der &#8216;Wahl&#8217; des überlegenen methodischen &#8216;Rahmens&#8217; verkörpert und durch ihn garantiert. Zugleich allerdings gilt Offe von Anfang an der &#8216;Marx&#8217;sche Kapitalismus-Begriff&#8217; als &#8216;Wahl&#8217; eines bloß möglichen &#8216;Ansatzes&#8217;, jederzeit vergleichbar, ergänzbar und kombinierbar mit ebenso möglichen systemtheoretischen Entwürfen. Indem der politische Soziologe Offe schon 1971 das Problem aufwarf, &#8216;ob und inwiefern systemtheoretische Konzepte dem Bezugsrahmen der Marx&#8217;schen politischen Ökonomie legitimerweise integriert werden können&#8217;, hat er bereits in der Phase der Rekonstruktion der Marx&#8217;schen Theorie deren Relativierung betrieben. Insofern hat Offe die RELATIVITÄT der Marx&#8217;schen Kapitalismuskritik je schon behauptet &#8211; zehn Jahre vor der &#8216;Krise des Marxismus&#8217;&#8230;&#8221; (S. 93).</p>
<p>In seiner BISCHOFF-Kritik verweist Dozekal auf ein m.E. wichtiges Moment in der damaligen Marxrezeption, was in seiner Logik tatsächlich zur &#8216;Krise des Marxismus&#8217; führte: die unmittelbare Bindung der Theorie an den praktischen Erfolg einer politischen Bewegung. &#8220;Die Identifikation der theoretischen Geltung des wissenschaftlichen Sozialismus mit der erfolgreichen praktisch politischen Durchsetzung einer kommunistischen Bewegung, die sich wissenschaftlich begründet, hat folgenschwere Konsequenzen: Auf der einen Seite wird damit das praktische Erfolgskriterium der als Ideologie kritisierten bürgerlichen Sozialwissenschaften übernommen, denen wissenschaftliche Urteile als &#8216;graue Theorie&#8217; gelten, solange sie nicht die gesellschaftlichen &#8216;Fakten&#8217; auf ihrer Seite haben. Aus einer ursprünglich GEGEN die etablierten Geistes- und Sozialwissenschaften gerichteten Rekonstruktion der Marx&#8217;schen Theorie wird ein Konkurrenzverhältnis MIT der &#8216;bürgerlichen&#8217; Wissenschaft, welche Theorierichtung über den adäquaten &#8216;theoretischen Ausdruck&#8217; der bestehenden Praxis verfügt. Damit ist auf der anderen Seite der Umschlag der Geltung der Marx&#8217;schen Theorie in die INFRAGESTELLUNG ihrer theoretischen Gültigkeit immer schon in nuce angelegt. Die methodische Vorgabe des praktischen Erfolgs einer politischen Bewegung als Instanz der wissenschaftlichen Gültigkeit der theoretischen Kapitalismuskritik zieht im Falle des praktischen Mißerfolgs die prinzipielle Skepsis nach sich, ob die Marx&#8217;sche Theorie nicht ein inadäquater und unzeitgemäßer &#8216;Ausdruck&#8217; der wirklichen Verhältnisse sei&#8221; (S. 106-107).</p>
<p>Nun führte dieses Verständnis &#8211; dies gilt es Dozekal ergänzend festzuhalten &#8211; bei Bischoff im weiteren nicht einfach zum &#8220;Abschied vom Marxismus&#8221;, sondern zum Reformismus, zur Anpassung an die real existierende &#8220;Arbeiterbewegung&#8221;, um ausgehend von der SEW/DKP über die italienische KP schließlich wieder bei der SPD zu landen (Die ML-Parteien kamen übrigens zu einem noch kurzschlüssigeren &#8220;Theorie-Praxis&#8221;-Verhältnis im Sinne einer unmittelbaren Instrumentalisierung der Theorie für die &#8220;revolutionäre Praxis&#8221;).</p>
<h4>III.</h4>
<p>Für Dozekal liegt nun der Skandal bei der weiteren Entwicklung des so rezipierten &#8220;Marxismus&#8221; darin, daß etwa ALTVATER versuchte, aus dem Verhältnis von &#8220;Marx&#8217;scher Darstellung des Kapitalbegriffs&#8221; und Interpretation der &#8220;empirischen Oberfläche&#8221; die methodische Not-</p>
<p>119 &#8212;-</p>
<p>wendigkeit einer &#8220;Realanalyse&#8221; zu begründen. &#8220;Marx selbst hat in einer Fülle von Artikeln, Erklärungen, Reden, Adressen permanent zu aktuellen politischen Fragen Stellung bezogen, ohne jeweils im einzelnen auf den &#8216;Kapitalbegriff im Allgemeinen&#8217; zu rekurrieren &#8230; Insofern ist die Aneignung der Marx&#8217;schen Theorie unbedingt notwendig, aber nicht als ein Instrument, das VOR der Auseinandersetzung mit Problemen der wirklichen Bewegung und Theorien gelernt sein muß, und auch nicht als ein Dogma, das nur noch &#8216;ex cathedra&#8217; auslegebedürftig sei, sondern als BEGRIFFLICHE Abstraktion der WIRKLICHEN Bewegung des Kapitalverhältnisses, die mit der historischen Entwicklung des Kapitalismus auch neue Fragen aufwirft, die nicht das Wesen dieser Gesellschaft, die Form ihrer Widersprüchlichkeit, wohl aber die Erscheinungsformen des Kapitalverhältnisses berühren. Und die &#8216;Realanalyse&#8217; umschließt sowohl die Analyse des Wesens als auch der Erscheinungen (sowohl in ihrer systematischen begrifflichen Herleitung als auch ihren konkreten historischen Verlaufsformen). Die Betonung des &#8216;doppelgleisigen&#8217; Vorgehens &#8211; Aneignung der von Marx dargestellten logischen Struktur des Kapitalbegriffs und Analyse historischer Erscheinungsformen des Kapitalismus &#8211; darf allerdings keinesfalls als methodisches Postulat verstanden werden. Allerdings gibt es auch keinen Königsweg vom allgemeinen Kapitalbegriff zur Oberfläche des Kapitalverhältnisses und den historischen Verlaufsformen einer konkreten Gesellschaft&#8221;(4).</p>
<p>Die Problematik liegt nicht in der fehlenden Abstinenz Altvaters und der &#8220;Prokla&#8221;, die sich zurecht nicht der Dozekal&#8217;schen Askese unterwerfen, &#8211; sie geben durch ihre Vermittlungsversuche und ihre Diskussionen, wie immer sie heute im einzelnen eingeschätzt werden können, eine marxistische Perspektive, deren kritische Aufarbeitung auch heute noch lohnt. Nicht Klassenanalyse, Konjunktur- und Krisenanalyse und -Prognose sind von Übel, sondern, wie schon oben vermerkt, der UNMITTELBARE PRAKTISCHE BEZUG auf die bestehende Arbeiterbewegung, bei Altvater und der &#8220;Prokla&#8221; vor allem auf die Gewerkschaften. Die seit Anfang der 70er Jahre erstellten Konjunktur- und Krisenprognosen enthielten als Quintessenz die These, daß die Krise des Kapitals zwangsläufig einen Aufschwung der Klassenkämpfe in der BRD bringen würde. Zehn Jahre später konstatiert Altvater, daß die westdeutsche &#8220;Arbeiterbewegung mit ihren Organisationen, den Gewerkschaften und den traditionellen Arbeiterparteien in eine Krise geraten ist &#8230; Manche haben behauptet, mit der ökonomischen Krise, mit der Situation der wachsenden Arbeitslosigkeit mit Lohnminderungen, mit zunehmender Arbeitshetze würde auch ein Aufschwung revolutionären Bewußtseins einhergehen, die Leute würden dann, um es etwas burschikos auszudrücken, gleich sauer werden und gegen das System anrennen, um es über den Haufen zu werfen. Das ist offensichtlich nicht so!&#8221;(5).</p>
<p>Dozekal konstatiert hier richtig: &#8220;Die beständige praktische Widerlegung des in den Krisenprognosen erwarteten Zusammenhangs von Krise des Kapitals und Aufschwung des Klassenkampfs macht Altvater zum Argument für eine pauschale Infragestellung der bislang für gültig befundenen marxistischen Krisentheorie, die über eine kritische Überprüfung einzelner Urteile und behaupteter Zusammenhänge auf ihre Stimmigkeit längst hinaus ist. Altvater äußert den Generalzweifel, ob er nicht in seiner bisherigen Theorie das Funktionieren</p>
<p>120 &#8212;-</p>
<p>des bundesrepublikanischen Kapitalismus und die Stabilität seiner Herrschaft unterschätzt habe, ob also seiner bisherigen Kritik nicht angesichts des Erfolgs des &#8216;Modell Deutschland&#8217; der Boden unter den Füßen weggezogen sei. Die &#8216;Krise des Marxismus&#8217; besteht somit darin, daß marxistische Theoretiker Abstand nehmen von ihren früheren Krisentheorien und Krisenprognosen, indem sie den praktischen ERFOLG des Kapitalismus zu einem theoretischen ARGUMENT gegen SICH machen: &#8216;Die vielberedete &#8216;Krise&#8217; der Linken rührt zu einem guten Teil daher, daß ein ganzer Traditionsbestand an politischen Analysen, Konzepten und Strategien sozialrevolutionärer Veränderung fragwürdig, ja, von der Entwicklung nachhaltig dementiert worden ist&#8217; (J. Hirsch)&#8230;&#8221; (S. 203-204).</p>
<p>Die &#8220;Krise des Marxismus&#8221;, so ist Dozekal zuzustimmen, bezeichnet eine Blamage früherer &#8220;revolutionsstrategischer Erwartungen&#8221; westdeutscher Linker, nicht eine Widerlegung von Marx. &#8220;Vom Standpunkt der an der Selbstverständnisdebatte über die &#8216;Krise des Marxismus&#8217; Beteiligten stellt sich dieser Sachverhalt allerdings genau umgekehrt dar: Weil für SIE die rekonstruierte Marx&#8217;sche Theorie von Anfang an weniger die theoretische AnaIyse und wissenschaftliche Kritik der kapitalistischen Verhältnisse leisten, sondern vor allem empirische Einschätzungen zukünftiger Krisenentwicklungen und realanalytische Interpretationen möglicher Klassenkämpfe erstellen sollte, wird in ihren Augen der praktische Erfolg des bundesdeutschen Kapitalismus in den 70er Jahren, die Krisenbewältigung ohne merkliche Gegenwehr der von ihr betroffenen Arbeiterklasse durchgesetzt zu haben, zu einem theoretischen Argument gegen den MARXISMUS&#8221; (S. 226-227).</p>
<p>Der 3. Teil der Arbeit erscheint mir als der interessanteste, wo Dozekal die Blüten zeigt, die die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; treibt. Neben dem &#8220;Abschied vom Proletariat&#8221; des früheren Syndikalisten André Gorz und der &#8220;Hinwendung zur Menschheit&#8221; bei Rudolf Bahro sind vor allem die Schlußfolgerungen aus der &#8220;Krise des Marxismus&#8221; bei M.Th. Greven, J. Hirsch und W.E. Haug symptomatisch.</p>
<p>GREVEN knüpft an der &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221; an. Während aber die Studentenbewegung versuchte, mit Hilfe des Marcuse&#8217;schen Aktivismus, die Adorno-Horkheimer&#8217;sche Spätform der Kritischen Theorie zu transzendieren, geht Greven hier voll konform, indem er vom &#8220;Ende der Geschichte&#8221;, vom &#8220;Übergang zur verwalteten Welt&#8221;, von der &#8220;Geschichte als Verhängnis&#8221; spricht. Ja, er zieht Konsequenzen, die ein &#8220;Überschreiten&#8221; in ganz andere Richtung bedeuten: &#8220;Der praktische Anspruch der Theorie bleibt ohne historisches Subjekt konsequenz- und perspektivlos &#8230; Die Kritik wird, ohne sich je affirmativ zum Bestehenden verhalten zu können, gleichwohl fest ans Gewordene und Bestehende gebunden. Darin liegt ihr konservatives Moment&#8230;&#8221;, und &#8220;wo sich in der wirklichen geschichtlichen Situation der Gegenwart die offenkundigen Widersprüche und Konflikte eben nicht zur wirklichen Bewegung über den gegebenen Zustand hinaus verdichten, da kann Geschichtstheorie, die das angemessen reflektiert, gar nicht anders, als konservativ sein&#8221;(6).</p>
<p>Es kommt zu einer Konvergenz von kritischer und konservativer Theorie, sozusagen zu einer neuen Theorie des status quo, der attestiert wird, adäquater Ausdruck der Realität zu</p>
<p>121 &#8212;-</p>
<p>sein: &#8220;Der Konservatismusbegriff &#8230; löst sich von seinem sozialgeschichtlichen Entstehungskontext ebenso wie von der damit verbundenen sozialen und interessenbedingten Basis und wird zur Strukturkategorie, in der der historisch neuartige Verlust der transzendierenden Zukunftsperspektive ebenso wie der sie tragenden sozialen und politischen Bewegung begriffen wird&#8221;(7).</p>
<p>Der vorgebliche Realismus der Anerkennung dieser Strukturgesetzlichkeit drückt allerdings &#8211; wie auch im französischen Strukturalismus &#8211; nichts anderes aus, als das Aufsitzender unbegriffenen gesellschaftlichen als verdinglichter Realität.</p>
<p>J. HIRSCH plädiert für eine andere Perspektive: die Weitertreibung der marxistischen Theorie zu einem die Erfahrung der Individuen integrierenden &#8220;plebejischen Wissen&#8221;. Die Marx&#8217;sche Theorie erscheint selbst als &#8220;Herrschaftswissen&#8221;: &#8220;Viel bedeutsamer als an vielleicht korrekturbedürftigen Einzelaussagen (des Marxismus) ist indessen die Kritik an einer spezifischen STRUKTUR von Theorie &#8230; &#8211; Theorie als im Rahmen herrschaftlicher Arbeitsteilung formulierte Auskunft ÜBER Subjekte und deren Handeln, als Feststellung von Regelmäßigkeiten und objektiven Zusammenhängen von außen, als katalogisierende Typisierung und Ordnung, kurz: als Produktion von Wissen ÜBER gesellschaftliche Individuen, das diese verfügbar macht und das wenig zu tun hat mit praktischem Wissen der Handelnden von und über sich selbst. Diese Wissensform, die im Kern den &#8216;bürgerlichen&#8217; Charakter von Wissenschaft ausmacht, prägt in eigentümlicher Weise und gegen ihren Anspruch auch wesentliche Teile der sich auf Marx berufenden Theorie. Das beginnt in bestimmter Weise schon bei Marx selbst, dessen ökonomisches Spätwerk &#8230; sich als &#8216;Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft&#8217; auf die Analyse objektiver gesellschaftlicher Strukturzusammenhänge und Bewegungsgesetze konzentriert&#8221;(8).</p>
<p>Hirsch sieht Marx also durch die Brille des positivistisch verstandenen &#8220;Marxismus&#8221; und lastet ihm &#8211; dem es ja gerade um die Entschleierung des &#8220;gesellschaftlich notwendigen Scheins&#8221; (Marx) und letztlich um die Aufhebung der &#8220;zweiten Natur&#8221; geht &#8211; die gesellschaftlich produzierte Verdinglichung an. Die Fiktion einer Wissenschaft, die dem Subjekt Gewalt antut, weil sie es zum Objekt ihrer Betrachtung macht &#8211; während umgekehrt das Kapital als Subjekt der warenproduzierenden Gesellschaft die Menschen den Marktgesetzen unterwirft &#8211; führt zur Forderung nach &#8220;Lebensnähe&#8221;, nach dem Aufgreifen von Erfahrungen des Alltagsverstandes und der Phantasien der Individuen. Hier reproduziert sich ideologisch letztlich die alte Problematik der bürgerlichen Gesellschaft, daß die Menschen zwar ihre Geschichte selbst machen, aber ohne Bewußtsein (als bewußtem Sein): Die Gesellschaft als verdinglichte Struktur, als &#8220;realité sui generis&#8221; (Durkheim), wird mit dem irrationalistischen Willen der Individuen konfrontiert, der Positivismus findet sein Pendant in der Lebensphilosophie.</p>
<p>HAUG schließlich &#8220;löst&#8221; die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; auf spezifisch originelle Weise, indem er allen &#8220;marxistischen&#8221; Varianten ihre Lebensberechtigung zuerkennt und auf einen &#8220;plurizentrischen Marxismus&#8221; setzt. Er gibt sich als &#8220;ideeller Gesamtmethoduloge&#8221; (Dozekal),</p>
<p>122 &#8212;-</p>
<p>dem es um eine &#8220;produktive Konvergenz auch in der Divergenz der unterschiedlichen Marxismen&#8221;(9) geht, um eine &#8220;marxistische Ökumene&#8221;. So landet Haug im Methodenpluralismus, die Akademisierung der &#8220;marxistischen&#8221; Varianten wird vollendet, in der universitären Gelehrtenrepublik kann trefflich und folgenlos gestritten werden.</p>
<h4>V.[! Abschnitt IV nicht vorhanden!]</h4>
<p>Dozekals Arbeit hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. So wichtig es ist, daß Dozekal die Problematik der Marxrezeption überhaupt stellt und so richtig und nützlich viele Fingerzeige seiner Darstellung sind, sie leidet letztlich doch an ihrer rein theorieimmanenten Logik. Dozekal resümiert richtig: &#8220;&#8230; wenn die VORtheoretischen &#8216;Erwartungen&#8217; auf Gesellschaftsveränderung zum methodischen Leitgedanken der THEORIEbildung erhoben werden, dann muß sich das Ausbleiben solcher Veränderung nicht nur als Niederlage des praktischen Interesses an ihr, sondern auch als grundsätzliches Versagen der eigenen Theorie darstellen. Nur dann erscheint die Stabilität des &#8216;Modell Deutschland&#8217; nicht als Anlaß der theoretischen und praktischen KRITIK der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern als Argument für eine längst überfällige SELBSTKRITIK des Marxismus&#8221; (S. 292).</p>
<p>Doch indem er die theoretischen Bedingungen der von ihm kritisierten Rezeption ausklammert und sich nicht um den Zustand des &#8220;Marxismus&#8221; heute, auch jenseits dieses Rezeptionsprozesses, kümmert, erscheint er selbst eher als &#8220;Marxismuspapst&#8221; à la Kautsky, der von den Zinnen des &#8220;Kapital&#8221; seinen Bannfluch schleudert, die Abweichler an Marx mißt, sie züchtigt und dann weiter macht wie vorher.</p>
<p>Ein Marxverständnis, das sich dagegen als Moment der realen Totalität begreift, muß in der Kritik des verkürzten Theorie-Praxis-Verständnisses der dargestellten Marxrezeption die Notwendigkeit der relativen Selbständigkeit des &#8220;theoretischen Pols&#8221; erkennen, den Entwicklungsstand der kapitalistischen Vergesellschaftung untersuchen und damit die Problematik des Obsoletwerdens des Wertgesetzes klären, um von hier aus überhaupt erst zu einer kommunistischen Perspektive zu kommen.</p>
<h4>ZITATENNACHWEISE</h4>
<p>(1) Kritik der politischen Ökonomie heute &#8211; l00 Jahre &#8220;Kapital&#8221;, hgg. von W. Euchner und A. Schmidt, Ffm. 1968, S. 21</p>
<p>(2) ebenda, S. 57</p>
<p>(3) ebenda, S. 277</p>
<p>(4) Altvater, Elmar: Zu einigen Problemen des Staatsinterventionismus, in: Probleme des Klassenkampfs &#8211; Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik Nr. 3/1972, S. 3</p>
<p>(5) Altvater, Elmar: Es muß sich noch mehr ändern, als sich bereits geändert hat!, in: Redaktionsgruppe Sozialistische Konferenz (Hg.): Ökologie und Sozialismus, Hannover</p>
<p>123 &#8212;-</p>
<p>1980, S. 12-13</p>
<p>(6) Greven, Michael Th.: Konservative Kultur- und Zivilisationskritik in &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221; und &#8220;Schwelle der Zeiten&#8221;, in: Konservatismus &#8211; Eine Gefahr für die Freiheit?, hgg. von E. Henning und R. Saage, München 1983, S. 156</p>
<p>(7) ebenda</p>
<p>(8) Hirsch, Joachim: Der Sicherheitsstaat, Ffm. 1980, S. 136</p>
<p>(9) Haug, Wolfgang Fritz: Krise oder Dialektik des Marxismus?, in: Aktualisierung Marx&#8217;, Argument Sonderband l00, Berlin 1983, S. 31</p>
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