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	<title>krisis &#187; Marxistische Kritik 6 (1989)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Marxistische Kritik 6 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 6 (1989)]]></category>

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		<description><![CDATA[Wenn diese &#8220;MK&#8221;-Ausgabe f&#252;r unsere bisherigen Begriffe recht schnell auf ihre Vorg&#228;ngerin folgt, so hat das nicht allein mit dem erfreulichen Umstand zu tun, dass sich der Kreis unserer Autoren allm&#228;hlich erweitert und unser Projekt &#8220;Marxistische Kritik&#8221; mittlerweile insgesamt stabilisiert hat. Neben unserer eigenen Entwicklung spielt hier ein anderer &#8220;externer Faktor&#8221; eine wesentliche Rolle und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn diese &#8220;MK&#8221;-Ausgabe f&#252;r unsere bisherigen Begriffe recht schnell auf ihre Vorg&#228;ngerin folgt, so hat das nicht allein mit dem erfreulichen Umstand zu tun, dass sich der Kreis unserer Autoren allm&#228;hlich erweitert und unser Projekt &#8220;Marxistische Kritik&#8221; mittlerweile insgesamt stabilisiert hat. Neben unserer eigenen Entwicklung spielt hier ein anderer &#8220;externer Faktor&#8221; eine wesentliche Rolle und treibt uns zur Eile: die brisante Lage der Weltwirtschaft.</p>
<p><span id="more-289"></span>Durchbl&#228;ttern wir die Tagespresse, zumal die Wirtschaftszeitschriften, so macht sich in unseren Reihen klammheimlich die Panik breit, dass vielleicht schon sehr bald ein weiterer monet&#228;rer crash den Weltmarkt aus seinem momentanen instabilen Gleichgewicht kippen und eine tiefe Depression einl&#228;uten k&#246;nnte, noch bevor wir eine Zeile zur Logik der modernen Weltmarktentwicklung ver&#246;ffentlicht haben. Diese stille Bef&#252;rchtung wird durch den neuen Wachstumsoptimismus von amtlichen Konjunkturforschern und grossen Teilen der b&#252;rgerlichen Publizistik eher noch gesch&#252;rt als ged&#228;mpft. Unmittelbar vor den grossen wirtschaftlichen Einbr&#252;chen haben die zust&#228;ndigen Wirtschaftsfachleute immer in h&#246;chsten T&#246;nen &#252;ber die berauschenden Perspektiven jubiliert, und es besteht nicht der geringste Anlass anzunehmen, dass diese Sorte von Experten diesmal mehr Gl&#252;ck hat als ihre verblichenen Vorg&#228;nger. Denn keines der grundlegenden Probleme, die im Oktober 1987 zum mittlerweile schon wieder gl&#252;cklich verdr&#228;ngten B&#246;rsenkrach f&#252;hrten, ist in der Folgezeit entsch&#228;rft, geschweige denn gel&#246;st worden. Im Gegenteil. Das ber&#252;chtigte US-Doppeldefizit w&#228;chst und gedeiht wie eh und je, die private und &#246;ffentliche Verschuldung erreicht weltweit neue Rekordh&#246;hen und auch die Zahlungsunf&#228;higkeit wichtiger Schuldnerl&#228;nder der 3.Welt ist nur durch krude Bilanzierungstricks einstweilen vom Tisch heruntermanipuliert worden. Selbst der sowjetische weltwirtschaftliche Juniorpartner musste neuerdings die &#8220;Entdeckung&#8221; eines eigenen gigantischen Haushaltsdefizits bekanntgeben. Die &#220;berwindung der akuten Kalamit&#228;ten am Aktienmarkt im Herbst 1987 durch die verzweifelte Schaffung zus&#228;tzlicher Liquidit&#228;t hat nur zu einer wirtschaftlichen Scheinbl&#252;te, einem Boom auf Pump gef&#252;hrt und wirkt mittelfristig selber als krisenversch&#228;rfendes Moment. <a name="F1"></a><a href="#FN1">1</a> Die aufget&#252;rmte Rechnung muss irgendwann bezahlt werden, die Frage ist nur, wie lange sich der Zahltag noch hinausz&#246;gern l&#228;sst. Die Weltwirtschaft hat sich in entscheidenden Sektoren in ein gigantisches Schwindelgesch&#228;ft verwandelt, dessen schiere Gr&#246;sse und Komplexit&#228;t bisher allein den Zusammenbruch hinausgeschoben haben. Sicher, die Zersetzung des kapitalistischen Reproduktionsmechanismus ben&#246;tigt mehr Zeit und nimmt verwickeltere Formen an als der Einsturz einer Hundeh&#252;tte. Entsprechend schwierig bis unm&#246;glich ist es, heute schon Prognosen &#252;ber die genaue Verlaufsform zu treffen; die angestaute monet&#228;re Lawine wird aber so oder so mit verheerenden Folgen abgehen. Der herrschende Ist-Zustand beruht allein auf der Streckung und Vertagung der dr&#228;ngenden grunds&#228;tzlichen Probleme und kann daher nicht von Dauer sein, auch wenn der weise gewordene linke und b&#252;rgerliche Alltagsverstand es gerne so h&#228;tte.</p>
<p>Die Einsicht in die Gefahren, die aus dem l&#228;ngst &#252;berspannten Kredit&#252;berbau entspringen, ist f&#252;r sich genommen allerdings nicht sonderlich originell. Von der drohenden Zuspitzung im monet&#228;ren Sektor und einer bevorstehenden &#8220;harten Landung&#8221; tr&#228;llert schon seit etlichen Jahren eine erkleckliche Anzahl Spatzen verschiedenster Couleur ihr munteres Liedchen von allen D&#228;chern. Diesmal geht dem akuten Ausbruch der realen &#8220;&#220;berakkumulationskrise&#8221; parallell zur &#252;blichen amtlichen Sch&#246;nf&#228;rberei auch die &#220;berakkumulation von Kassandren voraus. Neben dem Exbundeskanzler Helmut Schmidt hebt auch ein f&#252;llig gewordener kubanischer Revolutionsf&#252;hrer warnend den Finger, und auch Alexander Schubert, Elmar Altvater und US-Ex-Notenbankpr&#228;sident Volcker wissen seit geraumer Zeit, wie wackelig es um den aufgebl&#228;hten Kredit&#252;berbau steht. H&#228;tten wir nicht mehr zu sagen als diese honorigen Herren, so k&#246;nnten wir genausogut schweigen. Wollten wir nur die akuten Weltmarktspannungen skizzieren, so w&#228;re es ein reichlich &#252;berfl&#252;ssiges Unterfangen, mit unserem Piepsstimmchen in deren Chor einzufallen.</p>
<p>Unsere Position ersch&#246;pft sich aber keinesfalls in der braven Wiederholung all der bereits mehr oder minder &#252;berzeugend vorgetragenen Argumente, die f&#252;r eine baldige gr&#252;ndliche Ersch&#252;tterung der Weltmarktverh&#228;ltnisse sprechen. Die Perspektive, unter der wir die aktuellen Weltmarktprobleme betrachten, ist in ihrer ganzen Ausrichtung dem Lamento der wirtschafts- und finanzpolitischen Mahner entgegengesetzt und viel weitreichender. Wir setzen die drohende akute Zuspitzung auf den Weltfinanzm&#228;rkten in Beziehung zur Entwicklung der b&#252;rgerlichen Verkehrsform &#252;berhaupt. F&#252;r uns verweist die zum Zerreissen angespannte Situation hier &#252;ber sich hinaus und auf die reale Aush&#246;hlung der Basiskategorien der b&#252;rgerlichen Gesellschaft. Die Welt der B&#246;rse und der Finanzen insgesamt, mit ihren heftigen und verwirrenden Ausschl&#228;gen, zeigt nur als Seismograph die zugrundeliegende Zersetzung der Wert- und Geldbeziehung &#252;berhaupt.</p>
<p>Dieser innere Bezug wird von keinem der zahlreichen Weltmarktkritiker wahrgenommen und von der linken Variante dieser Spezies sogar ausdr&#252;cklich eskamotiert. Die Ablehnung jeder &#8220;Zusammenbruchstheorie&#8221; ist das Paradigma, das der empirischen Aneignung der Krisenwirklichkeit immer schon vorausgesetzt ist. Damit wird der Zugriff auf die Totalit&#228;t der Krisenerscheinungen aber ebenso apriori abgebogen und die Untersuchungen verlieren sich im krisenph&#228;nomenologischen Gestr&#252;pp. Wie krass verschiedene Autoren, etwa Alexander Schubert, auf dieser Grundlage auch die unmittelbaren Folgen der monet&#228;ren Verwicklungen schildern k&#246;nnen, der theoretische Rahmen innerhalb dessen sie das empirische Material sichten, verharmlost die in dieser Krise enthaltenen historischen Potenzen und f&#228;hrt sie auf das Niveau einer der zahllosen Friktionen herunter, die den unaufhaltsamen Aufstieg der kapitalistischen Produktionsweise seit jeher begleitet haben. Der schillernd halbherzige Charakter dieser Auseinandersetzungen mit der Wirklichkeit wird besonders krass und schreiend, wenn es um praktische politische Schlussfolgerungen geht. Die geistreiche Aufforderung an den &#8220;IWF&#8221;, er m&#246;ge doch zu den &#8220;Idealen seiner Gr&#252;ndung zur&#252;ckkehren&#8221;, ist kein einmaliger Ausrutscher, sie ist nur folgerichtig von dem Standpunkt aus, in den sich die linken Kritiker hoffnungslos verrannt haben. Die politischen Vorgaben, mit denen diese Autoren antreten, werden zum Strick, an dem sich jede theoretische Anstrengung erh&#228;ngt, weil sie diese Sorte von Kapitalismuskritik unl&#246;sbar an die Existenz und Lebenskraft der b&#252;rgerlichen Vergesellschaftungsform fesseln. Die Perspektive, die Unhaltbarkeit einer weiterhin warenf&#246;rmigen Reproduktion herauszuarbeiten, verbietet sich, da sie auch dem politischen Wollen und Begehren des gewohnten Ansprechpartners, jenes imagin&#228;ren Reformblocks aus Gewerkschaften, linker Sozialdemokratie und Gr&#252;nen, jegliche Grundlage entziehen w&#252;rde. Der Gedanke eines schliesslichen Zusammenbruchs der kapitalistischen Produktionsweise muss als durch und durch &#8220;irrationale Vorstellung&#8221; (Hilferding) erscheinen, weil er selbstverst&#228;ndlich die Zersetzung aller von der Wertform konstituierten Interessen, auch des &#8220;Arbeiterinteresses&#8221;, in sich schliesst. Die Perspektive der Vernichtung des gewohnten Emanzipationssubjekts, auf das sich zu beziehen die linkssozialistischen Theoretiker von alters her gewohnt sind, kann aber bei ihnen nur kaltes Schaudern ausl&#246;sen. Die Krise des Werts wird zur wegzuexorzierenden Bedrohung, weil sie die &#8220;Krise der Arbeit&#8221; als wesentliches Moment enth&#228;lt, und so sind die theoretischen Vertreter des &#8220;Arbeiterinteresses&#8221; darauf verwiesen, sich an die Fortdauer der herrschenden Verkehrsform zu klammern. Von linkssozialistischer Seite wird diese Logik auch offen und ohne Anflug von Scham ausgesprochen. Elmar Altvater etwa fragt nach einem alternativen &#8220;revolution&#228;ren Subjekt&#8221;, kann es innerhalb der Wertlogik nat&#252;rlich nicht ausmachen und springt dann zur Behandlung der Krise unter dem Motto: es kann nicht sein, was nicht sein darf. Auf diese Weise f&#228;rben die politischen Wahrnehmungsmuster den theoretischen Zugriff und modellieren ihn nach ihrem Bilde. Die Unhaltbarkeit der traditionellen Arbeiterbewegung unter den Bedingungen der neuen Krise wiederholt sich im schlechten Utopismus linkssozialistischer Konzepte, die zu guter letzt die Realanalyse ersetzen. Weil die Reformer jeder Provenienz eine Gesellschaft jenseits von Wert und Ware nicht denken k&#246;nnen und daher von vornherein die Frage nach der systemsprengende Potenz der Krise unter Bann stellen, m&#252;ssen sie in brutaler Interessiertheit am Stoff und ohne R&#252;cksicht auf Verluste ihre theoretischen Anl&#228;ufe alsbald in das Fahrwasser &#8220;praktikabler&#8221; -sprich Wert und Ware blind voraussetzender- politischer L&#246;sungsvorschl&#228;ge umbiegen. Die theoretische Erkl&#228;rungskraft f&#228;llt dem politisch motivierten Pr&#228;judiz zum Opfer, die apologetische Grundhaltung verschluckt den Willen zur analytischen Durchdringung und m&#252;ndet in ein Denkverbot. Die Krisenph&#228;nomene, die die gegenw&#228;rtige Situation bestimmen, werden nicht in ihrem logischen Zusammenhang untersucht, sie erscheinen als vereinzelte, zuf&#228;llige und daher auch beliebig revidierbare Umst&#228;nde. Die Einheit liegt nicht in der Sache selbst, sondern in der Magie politischer Strategien und Zugriffsm&#246;glichkeiten. Das reformistische Denkverbot hat dabei nat&#252;rlich verschiedene Durchsetzungsformen. Die erb&#228;rmlichste Variante liefert der uns&#228;glich Memorandum-H&#228;uptling Rudolph Hickel. Er verl&#228;sst das Gebiet &#246;konomischer Betrachtungen bereits bei der Behandlung des Zusammenhangs zwischen monet&#228;rer Krise und Entwicklung der Realakkumulation. Auf die Untersuchung dieser Beziehung l&#228;sst er sich vorsichtshalber erst gar nicht ein, und handelt stattdessen die Entkopplung des Kredit&#252;berbaus mit Vorliebe unter der Rubrik &#8220;falsche politische Entscheidung&#8221; und als Produkt der &#8220;Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse der Klassen&#8221; ab. Durch diese ideologischen Pr&#228;missen von der Realit&#228;t der Weltmarktkrise perfekt abgeschottet, l&#228;sst es sich nat&#252;rlich leicht und umstandslos &#252;ber alternative Wirtschaftspolitik phantasieren. Wenn die &#8220;Krise des Geldes&#8221; falschen politischen Entscheidungen geschuldet ist, kann sie auch leicht und locker durch andersgeartete wirtschaftspolitische Massnahmen ausser Kraft gesetzt werden. Es kommt dann allein darauf an, entsprechende Mehrheiten zusammenzukratzen, um einen neuen Kurs durchzusetzen. So abgrundtief dumm wie dieser Vulg&#228;rmarxist <a name="F2"></a><a href="#FN2">2</a>sind mehr empirisch orientierte Autoren wie Elmar Altvater und Alexander Schubert nat&#252;rlich nicht. Intellektuell ein wenig skrupul&#246;ser erfolgt ihr Absprung aus dem Universum der realen Untersuchung des Weltmarktzusammenhangs ins Reich politischen Wunschdenkens und Fabulierens erst einige Schritte sp&#228;ter. Sie wissen, dass hinter den Kalamit&#228;ten, die sich zun&#228;chst in der Welt der Finanzen entladen, die Schw&#228;che der Realakkumulation auf ihrer eigenen Grundlage steht. Die Erkl&#228;rung bleibt dabei aber merkw&#252;rdig blass und unkonkret. Sie kommt nicht dar&#252;ber hinaus, die traditionelle &#220;berakkumulationstheorie wieder aufzugreifen und verw&#228;ssert, daf&#252;r aber unergr&#252;ndet, fortzuschreiben. Getaucht in wohliges Dunkel, wird der Verweis auf die Realakkumulation zur black box, in der sich jedes ernstzunehmende theoretische Bem&#252;hen in Wohlgefallen aufl&#246;st. Die gegenw&#228;rtige Krise verliert jede besondere Qualit&#228;t, die sie von ihren Vorg&#228;ngern unterscheiden k&#246;nnte. Unter dem popul&#228;ren Stichwort &#8220;Auslaufen des fordistischen Akkumulationsmodells&#8221; wird die entscheidende Ebene der Realakkumulation zwar angesprochen, aber gleichzeitig entwirklicht und abgehakt. Die scharfe Abgrenzung gegen jede Form &#8220;teleologischen&#8221; Denkens etabliert unter der Hand den Glauben an die Wiederkunft des Gleichen zur ideologischen Grundfigur, und die Entwicklung der kapitalistischen Vergesellschaftungsform verliert sich im konjunkturellen Wellenschlag. Altvater, Hirsch und Konsorten exorzieren jede s&#228;kulare Trendlinie weg und l&#246;sen die Geschichte des Kapitalverh&#228;ltnisses in die Abfolge verschiedener &#8220;Akkumulationsmodelle&#8221; auf, zwischen denen kein innerer Zusammenhang, geschweige denn so etwas wie eine Entwicklungslogik auszumachen ist. In Anlehnung an die Tradition der &#8220;lange Wellen-Debatte&#8221; gehen sie davon aus, dass Abschwung- wie Aufschwungsphasen in der Geschichte der Weltwirtschaft gleichermassen unvermeidlich sind und konstruieren sich nach dem Ausbrennen des fordistischen Akkumulationsmodells einen neuen Wachstumszyklus zurecht, der in den 90er Jahren einsetzen soll und wieder ein reformfreundliches Klima herstellen k&#246;nnte. Mit einem Bein schon fest im Wolkenkuckucksheim von k&#252;nftiger Prosperit&#228;t verankert, erscheint die gegenw&#228;rtige Krisenphase nur als &#228;rgerliche Unterbrechung, deren soziale Folgen es so gut wie m&#246;glich abzufedern gilt. Der eigentliche Blickwinkel gilt nicht ihr, stattdessen schauen Hirsch/Roth und Co. bereits dem ph&#246;nixhaft-wiedergeborenen Kapitalismus ins neu gestylte Angesicht. Mit traumt&#228;nzerischer Sicherheit bewegen sie sich bereits jenseits der schn&#246;den Krisenwirklichkeit und freuen sich der selbstgemalten Sonne eines &#8220;postfordistischen&#8221; Neo-Neokapitalismus.</p>
<p>Trotzdem bleiben nat&#252;rlich einige Sorgen f&#252;r die n&#228;here Zukunft. Um auch in der Zwischenzeit konzeptionell vertreten zu sein und um zu verhindern, dass zwischen dem Ende des &#8220;fordistischen Akkumulationsmodells&#8221; und seinem hoffnungsfrohen phantastischen Nachfolger allzu viel Porzellan zerbricht, halten die linkssozialistischen &#214;konomen aber noch das Zaubermittelchen &#8220;politischer Faktor&#8221; bereit. Fr&#252;her oder sp&#228;ter h&#252;pft dieses Springteufelchen unvermeidlich aus der Kiste, und der Kampf f&#252;r &#8220;Demokratisierung&#8221; darf die Wartezeit auf die weihnachtliche Wachstumsbescherung, die das kommende Jahrzehnt verspricht, ein wenig verk&#252;rzen. Sobald die linkssozialistischen &#214;konomen versuchen, zu praktischen Konzepten durchzustossen, f&#228;llt die Erkl&#228;rungs- und &#220;berzeugungskraft ihrer Gedankeng&#228;nge unter den Gefrierpunkt und kippt ins Tragikomische. Die reformistischen Voraussetzungen ziehen die praktischen Schlussfolgerungen auf das gleiche erb&#228;rmliche Nullniveau hinunter, das wir schon von den Memorandumleuten zur Gen&#252;ge kennen. In seinem Buch &#8220;Sachzwang Weltmarkt&#8221; etwa steht Elmar Altvater gegen Ende des Buches vollkommen nackt und entbl&#228;ttert vor uns. Er entbl&#246;det sich nicht, billigstes Demokratisierungsgefasel als L&#246;sung f&#252;r die dr&#228;ngenden Probleme des hochverschuldeten Brasilien verkaufen zu wollen und erhebt sich schliesslich, leere Phrasen dreschend, vollkommen &#252;ber die schreienden Probleme des bankrotten Landes:</p>
<p>&#8220;Eine alternative Strategie regionaler Entwicklung kann sich infolgedessen nur zwischen den Klippen der Skylla der Offenheit und der Charybdis der Abgeschlossenheit gegen&#252;ber dem Weltmarkt bewegen. Sie kann also die Tendenzen der Kapitalverwertung weder negieren oder ausschliessen noch darf sie sich ihnen unterwerfen, sich auf sie einlassen; sie muss reformistisch sein&#8230;.&#8221; (Elmar Altvater, &#8220;Sachzwang Weltmarkt&#8221;, Hamburg 1987, S.312).</p>
<p>Besser als mit solchen vielsagend-nichtssagenden Triaden l&#228;sst sich die Haltlosigkeit der linkssozialistisch-neoreformistischen Positionen kaum mehr dokumentieren. Die hilflose Krankenschwester am Bett des todkranken Kapitalismus brabbelt gesch&#228;ftig und unsinnig, weil es un&#252;blich geworden ist, zur gegebenen Zeit nach dem Pfarrer zu l&#228;uten.</p>
<p>Wenn wir von den schreiend unsinnigen praktischen Schlussfolgerungen einmal absehen, mit denen die linkssozialistische Konkurrenz hausieren geht, und auf die urs&#228;chliche, theoretische Ebene rekurrieren, so lassen sich alle M&#228;ngel dieser Position in letzter Instanz auf ein Hauptmanko zur&#252;ckf&#252;hren. Der grunds&#228;tzliche theoretische Fehler besteht darin, wie Empirie und Kapitallogik aufeinander bezogen werden, n&#228;mlich nur &#228;usserlich bis gar nicht! Beide Ebenen erscheinen beziehungslos nebeneinander, die ontisch-kapitallogischen Bestimmungen stehen unver&#228;nderlich einer stets bunt wechselnden empirischen Oberfl&#228;che gegen&#252;ber. Die Kluft, die im traditionellen Marxismus allgemeinste Kapitallogik und empirische wirtschaftswissenschaftliche Untersuchungen als Spezialdisziplinen scharf voneinander trennt, wird perpetuiert und auf die Spitze getrieben. W&#228;hrend aber die Dichotomie von allgemeiner Logik und empirischen Ph&#228;nomenen f&#252;r ein unentwickeltes Kapitalverh&#228;ltnis, solange das Kapital noch nicht zu seinem Begriff gekommen ist und die empirische Wirklichkeit von ausserkapitalistischen Momenten mitbestimmt wird, einer gewissen Rechtfertigung nicht entbehrt, wird sie gerade unter den heutigen Bedingungen hinf&#228;llig. Die k&#252;nstlich gewordene Trennung dient nur mehr apologetischen Zwecken und schiebt sich als dicker Nebel vor die Durchdringung der modernen Wirklichkeit. Erst der zeitgen&#246;ssische Kapitalismus ist Kapitalismus sans phrase, Kapitalismus auf seiner ureigenen, selbst geschaffenen Grundlage. Die Grundeinsichten in die allgemeinste Logik des Kapitals, wie sie Marx in seiner Kritik der politischen &#214;konomie formuliert hat, gelten nicht im wesentlichen heute auch noch, wie der konservativ gewordene Marxismus es sich zugute h&#228;lt, sie haben sich erst in den letzten Jahrzehnten zur vollen Wirklichkeit aufgeschwungen! Mit der historischen Entfaltung des Kapitalverh&#228;ltnisses n&#228;hert sich die empirische Wirklichkeit zusehends ihrem von Marx in wesentlichen Z&#252;gen schon antizipierten eigenen Begriff, und die Analyse der realen Durchsetzungsform kapitalistischer Vergesellschaftung f&#228;llt heute mehr und mehr mit der Dechiffrierung der begrifflichen Logik des sich verwertenden Werts in eins.</p>
<p>Die beiden zentralen Artikel dieser Ausgabe reflektieren diesen Sachverhalt, wenn auch erst im Ansatz und als polemische Prolegomena noch zu leistender Untersuchungen, in denen die hier angesprochene Wiedergewinnung der Einheit von &#8220;Theorie&#8221; und &#8220;Empirie&#8221; einzul&#246;sen w&#228;re.</p>
<p><em>Robert Kurz</em> versucht in seinem Beitrag &#8220;Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff&#8221; die hier im Editorial bereits angerissene Grundsatzkritik am krisentheoretischen Raster der zum b&#252;rgerlichen &#8220;Realismus&#8221; degenerierten akademischen Linkssozialisten (z.B. Hickel, Schubert, Altvater, Hirsch/Roth usw.) detaillierter auszuf&#252;hren. Im Mittelpunkt steht dabei das Verh&#228;ltnis von immanenten &#8220;Wachstums&#8221;-Potenzen der arbeits-fetischistischen Warenproduktion, konkurrenzvermittelter &#8220;postfordistischer&#8221; Produktivkraftentwicklung und &#8220;Politik&#8221;, wobei die theoretische Begriffs- und Haltlosigkeit des gegenw&#228;rtig publizistisch und politisch sich spreizenden Neo-Reformismus aufgezeigt wird.</p>
<p>Der Artikel &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/staatskonsum-und-staatsbankrott">Staatskonsum und Staatsbankrott</a>&#8221; von <em>Ernst Lohoff</em> setzt diese Argumentation auf einer etwas anderen Ebene fort. Akkumulationstheoretisch wird dabei zun&#228;chst das Verh&#228;ltnis von &#8220;tendenziellem Fall der Profitrate&#8221; und &#8220;Profitmasse&#8221; (auch theoriegeschichtlich) er&#246;rtert, um von da aus die Hilflosigkeit der g&#228;ngigen marxistischen Krisen- und Akkumulationstheorien gegen&#252;ber dem Keynesianismus herauszuarbeiten. Eine besondere Rolle spielt dabei die Kritik des neomarxistischen wie linkskeynesianischen Staatsfetischismus und des naiven Glaubens an die &#8220;politische&#8221; Verewigungsf&#228;higkeit des &#8220;deficit spending&#8221; ohne Rekurs auf die jedem bewussten Zugriff entzogene Sph&#228;re der Realakkumulation.</p>
<p><em>Nuno Tomazky</em> schliesst die krisentheoretische Auseinandersetzung dieser Ausgabe der &#8220;MK&#8221; mit einer Polemik gegen das andere Ende des linken politischen Spektrums ab: in seinem Beitrag &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/militanter-empirismus-und-iwf-kampagne">Militanter Empirismus und IWF-Kampagne</a>&#8221; wendet er unsere grunds&#228;tzliche Kritik am b&#252;rgerlichen Subjekt-Fetisch der Linken gegen den Scheinradikalismus der Autonomen. Anhand der letzten Ausgabe der Zeitschrift &#8220;Autonomie (Neue Folge)&#8221; besch&#228;ftigt er sich militant mit den Illusionen der subjektivistischen Militanz, die keine objektive Reproduktionskrise der Warenform, sondern nur Ausbeutungs- und Genozid-Projekte einer kapitalistischen Weltverschw&#246;rung kennt, denen sie nichts entgegenzusetzen hat als den reaktion&#228;ren Mythos pr&#228;kapitalistischer Subsistenzwirtschaft. Tomazky weist gleichzeitig nach, dass es sich bei dem Eklektizismus dieses Theorems um eine Verfallsform des klassischen Operaismus der 60er und 70er Jahre handelt.</p>
<p>Noch einmal einen grossen Raum nimmt schliesslich die letzte Folge der Artikelserie von <em>Peter Klein</em> &#252;ber &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/moderne-demokratie-und-alte-arbeiterbewegung-iv">Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung</a>&#8221; ein. Der abschliessende Teil befasst sich mit dem &#8220;politischen Inhalt der Sowjets&#8221;, wobei anhand der Entwicklung der Oktoberrevolution die b&#252;rgerliche Fetisch-Kategorie des &#8220;Volkswillens&#8221; auf ihren verschiedenen Erscheinungsebenen untersucht wird. Das Resultat ist ern&#252;chternd f&#252;r alle marxistischen Altgl&#228;ubigen, denn der Autor weist nach, dass die unter dem &#8220;sozialistischen&#8221; Mantel verborgene Affirmation des &#8220;Volkswillens&#8221; als Legitimationsideologie des b&#252;rgerlichen Staates auch zu nichts anderem als der Herausbildung bzw. Vorbereitung der modernen kapitalistischen Massendemokratie dienen konnte; ein Prozess im &#252;brigen, der erst heute unter unseren Augen krisenhaft zum Abschluss zu gelangen scheint.</p>
<p>Mit dem Ende dieser Artikelserie soll f&#252;r die &#8220;MK&#8221; die Periode der Bandwurm-Grundsatzartikel zu Ende gehen. In Zukunft werden wir solche Texte nicht mehr derart auseinanderreissen und die Zeitschrift damit belasten, sondern sie gleich in Buch- bzw. Brosch&#252;renform ver&#246;ffentlichen, ein Vorgehen, das ihnen vielleicht auch eher das verdiente Leserinteresse sichert. Das bereits im Editorial der &#8220;MK&#8221; 5 gegebene Versprechen wird also erst mit der Nr. 7 endg&#252;ltig eingel&#246;st, die in einem f&#252;r unsere Verh&#228;ltnisse kurzen Abstand folgen soll.</p>
<p><em>Die Redaktion</em></p>
<p><em></em></p>
<p><a name="FN1" href="#F1">1</a>In der Wirtschaftspresse und den einschl&#228;gigen neueren Publikationen wurde der Vergleich zwischen der Krise von 1929 und der von 1987 mit dem Argument beiseite geschoben, dass die Krise 1929 einer restriktiven Geldpolitik geschuldet gewesen sei, w&#228;hrend 1987 eine kl&#252;gere Wirtschaftspolitik sich der Gefahr bewusst daran gemacht h&#228;tte, auf Teufel komm raus die n&#246;tige Liquidit&#228;t bereitzustellen. Diese Gegen&#252;berstellung, an die sich damals viele Wirtschaftsbeobachter wie an einen Strohhalm klammerten, beruht auf einer v&#246;lligen Ignoranz gegen&#252;ber der realen Geschichte der &#8220;Weltwirtschaftskrise&#8221;. Auch 1929 reagierten die Notenbanken auf den B&#246;rsenkrach keineswegs mit Kreditrestriktionen, wie es die Fama gerne h&#228;tte (Diese Interpretation hat &#252;brigens Milton Friedmann zum Urheber und ist ist nur aus dessen realit&#228;tsblindem monetaristischen Credo verst&#228;ndlich). &#8220;Bis Oktober oder Dezember 1930 ist die Geldmenge in den Vereinigten Staaten ..nicht zur&#252;ckgegangen&#8221; (Charles P.Kindleberger, &#8220;Die Weltwirtschaftskrise&#8221;, M&#252;nchen 1984, S.123). &#8220;Die Bank von England senkte ihren Diskontsatz dreimal zwischen dem 29.Oktober und dem Jahresende, die Niederlande und Norwegen zweimal; &#214;sterreich Belgien, D&#228;nemark, Deutschland, Ungarn und Schweden einmal&#8221; (A.a.O. S.124). Der &#220;bergang zur deflationistischen Geldpolitik erfolgte erst um einiges sp&#228;ter.</p>
<p><a name="FN2" href="#F2">2</a>Man verzeihe den harschen Ton. Aber wer beobachtet, mit welcher intellektuellen Unverfrorenheit gerade auf &#246;konomischem Gebiet von namhaften Autoren die Produktion von Seifenblasen betrieben wird, kann die Form dieser Polemik sicher verstehen.</p>
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		<title>Staatskonsum und Staatsbankrott</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 6 (1989)]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Verh&#228;ltnis vom tendenziellen Fall der Profitrate" und "Profitmasse""]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die Absorbtion lebendiger Arbeit als Grundlage des kapitalistischen Krisenzyklus</h3>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<h4>1. Profitrate und Profitmasse</h4>
<p>Marx hat in seinen Schriften zur Kritik der politischen &#214;konomie, insbesondere im &#8220;Kapital&#8221;, die zentrale Bedeutung des &#8220;Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate&#8221; herausgestellt. Die marxistische Krisendebatte kreiste daher wesentlich mit um diesen Punkt. Trotz des hervorgehobenen Stellenwerts dieses Problems blieb dabei aber die theoretische Besch&#228;ftigung der Marxepigonen mit der Entwicklungsrichtung der Profitrate merkw&#252;rdig blass und abstrakt.</p>
<p><span id="more-290"></span>Die zentrale Bedeutung f&#252;r die Zukunft des Kapitals, die der Profitratenentwicklung zugeordnet wurde, kontrastierte mit einer wenig zwingenden Darstellung der Folgen dieses &#8220;gesetzm&#228;ssigen&#8221; Zusammenhangs. Dieser eigenartige Gegensatz in der marxistischen Profitratendebatte hat sicher verschiedene Ursachen. Einer der wichtigsten innertheoretischen Gr&#252;nde ist dabei zweifellos die Isolierung aller &#220;berlegungen zum tendenziellen Fall der Profitrate von der Analyse der Entwicklung der Profitmasse. W&#228;hrend Marx seine krisentheoretischen Er&#246;rterungen zum tendenziellen Fall immer am schliesslichen Sinken der Profitmasse erl&#228;utert, ziehen seine Interpreten zwischen beiden Ph&#228;nomenen eine scharfe Trennungslinie. Dieser Gegensatz wird besonders krass an den schon klassischen Passagen im 3.Band des Kapitals, deutlich in denen Marx die Bedeutung des Begriffs &#220;berakkumulation idealtypisch zu skizzieren versucht. Marx schreibt dort bekanntlich:</p>
<blockquote><p>&#8220;Um zu verstehn, was diese &#220;berakkumulation ist.., hat man sie nur absolut zu setzen&#8230; Es w&#228;re eine absolute &#220;berproduktion von Kapital vorhanden, sobald das zus&#228;tzliche Kapital f&#252;r den Zweck der kapitalistischen Produktion = 0. Der Zweck der kapitalistischen Produktion ist aber die Verwertung des Kapitals, d.h. Aneignung von Mehrarbeit, Produktion von Mehrwert, von Profit. Sobald also das Kapital gewachsen w&#228;re in einem Verh&#228;ltnis zur Arbeiterbev&#246;lkerung, dass weder die absolute Arbeitszeit, die diese Bev&#246;lkerung liefert ausgedehnt, noch die relative Mehrarbeitszeit erweitert werden k&#246;nnte&#8230;Der Fall der Profitrate w&#228;re diesmal begleitet von einer absoluten Abnahme der Profitmasse, da unter unseren Voraussetzungen die Masse der angewandten Arbeitskraft nicht vermehrt und die Mehrwertrate nicht gesteigert, also auch die Masse des Mehrwerts nicht vermehrt werden k&#246;nnte&#8221;<a name="F1"></a><a href="#FN1">1</a>.</p></blockquote>
<p>Seine Epigonen konnten mit dieser Verkn&#252;pfung von Profitratenfall und sinkender Profitmasse wenig anfangen und lasen &#252;ber diesen Zusammenhang f&#252;r gew&#246;hnlich rigoros hinweg. Gewissenhaftere Theoretiker setzten sich von dieser Erl&#228;uterung dessen, was unter &#220;berakkumulation zu verstehen sei, sogar bewusst ab. Paul Mattick etwa distanziert sich offen von diesem &#8220;nicht besonders gl&#252;cklich gew&#228;hlten Beispiel&#8221; <a name="F2"></a><a href="#FN2">2</a>, weil es dem Missverst&#228;ndnis T&#252;r und Tor &#246;ffnen w&#252;rde, dass &#220;berakkumualtion aus einem Mangel an Arbeitskr&#228;ften und einem daraus resultierenden Steigen der L&#246;hne entspringen w&#252;rde. Mit seiner nicht ganz unberechtigten Kritik an der mangelnden Klarheit und Eindeutigkeit der Marxschen Formulierung wischt Mattick aber auch den realen theoretischen Kern vom Tisch, der sich in ihr doch deutlich abzeichnet. Er begreift nicht, dass die von Marx anvisierte absolute Schranke f&#252;r das Wachstum der vernutzten Arbeitsbev&#246;lkerung keineswegs im Mangel an potentiellen Arbeitskr&#228;ften bestehen muss, sondern auf einer bestimmten Stufe aus der Produktivkraftentwicklung entspringt. Er streicht den Zusammenhang zwischen &#220;berakkumulation und absoluter Abnahme der vernutzten lebendigen Arbeitsmenge, auf die die Argumentation von Marx doch recht zielsicher hinsteuert, ersatzlos! Stattdessen m&#252;hte er sich ein Leben lang an krisentheoretischen &#220;berlegungen ab, die mit einer selbstgen&#252;gsam fallenden Profitrate auskommen m&#252;ssen.</p>
<p>Mit der Trennung von fallender Profitrate und letztlich schrumpfenden Profitmassen steht Paul Mattick alles andere als allein. Wie er, so eskamotieren auch alle anderen wesentlichen marxistischen Krisentheoretiker den Gedanken einer absoluten Abnahme der Profitmasse, hinter der die Verringerung der wertm&#228;ssig produktiv vernutzten lebendigen Arbeit steht, von vornherein aus der marxistischen Theorie und erkl&#228;ren das Nebeneinander von sinkender Profitrate und steigender Profitmasse zu einer unaufhebbaren Grundtatsache. Aus der Tatsache, dass sinkende Profitrate mit einer wachsenden Profitmasse einhergehen kann, solange die Kapitalmasse nur schneller w&#228;chst als die Profitrate f&#228;llt, wird ein Grundgesetz: fallende Profitrate bedeutet grunds&#228;tzlich und &#252;berall steigende Profitmasse <a name="F3"></a><a href="#FN3">3</a>! Damit ist aber der marxistischen Krisentheorie jede Sprengkraft genommen, denn in dieser Interpretation l&#228;sst sich beim besten Willen keine absolute Schranke der kapitalistischen Produktionsweise angeben. In dieser Interpretation verlieren die aus dem Fall der Profitrate entspringenden Krisen ihren zwingenden Charakter. Es wird r&#228;tselhaft, warum, auf eine bestimmte Stufe gefallen, die Profitrate endg&#252;ltig nicht mehr f&#252;r die Fortsetzung des Akkumulationsprozesses ausreichen soll. Wo der tendenzielle Fall punktuell sich durchsetzt und zur zyklischen Krise verdichtet, schrumpft sie auf eine vor&#252;bergehende Unterbrechung der aufsteigenden Linie kapitalistischer Entwicklung. Was den langfristigen Trend angeht, so ist die marxistische Krisentheorie auf dieser Basis ausserstande, einen grunds&#228;tzlichen s&#228;kularen Wendepunkt zwischen aufbl&#252;hendem und verfallendem Kapitalverh&#228;ltnis anzugeben <a name="F4"></a><a href="#FN4">4</a>. Sie bleibt in dem dumpfen Ahnen stecken, das schon Ricardo in Sachen Fall der Profitrate umtrieb und der empirischen Entwicklung gegen&#252;ber hilf- und begriffslos bleibt.</p>
<p>Die blinde Hinnahme der scheinbar zwingenden Verkn&#252;pfung von steigender Profitmasse und fallender Profitrate kommt selbstverst&#228;ndlich nicht von ungef&#228;hr. Diese Sicht hat ihre Hauptst&#252;tze nat&#252;rlich in erster Linie an der Empirie jener Zeit, in der sie entstand. Die Interpretation lebt davon, dass die Erfahrung der letzten beiden Jahrhunderte, die mit der Entfaltung des Kapitalverh&#228;ltnisses die langfristige Ausdehnung der angeeigneten Mehrarbeit mit sich brachte, bedenkenlos in die Zukunft verl&#228;ngert wird. Die Profitmasse hat sich trotz des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate fleissig ausgedehnt, warum sollte sich dieses Verh&#228;ltnis k&#252;nftig einmal &#228;ndern? Hierbei wird allerdings furchtbar flach aus der Notwendigkeit wachsender Profitmasse f&#252;r das Gedeihen und die Existenz des Kapitals dabei schlichterhin die Garantie f&#252;r das weitere Wachstum der angeeigneten Mehrarbeitsmenge geschlussfolgert! Was zum Wohle des Kapitals sein muss, wird auch sein! Am historischen Horizont steht, was schon aus Vergangenheit und Gegenwart bekannt ist, das Anwachsen der vernutzten wertm&#228;ssig produktiven Arbeit. Bekanntlich existiert innerhalb der marxistischen Debatte kein Missverst&#228;ndnis, f&#252;r das nicht schon ein Marxzitat als Rechtfertigung h&#228;tte herhalten m&#252;ssen, und in diesem Fall verh&#228;lt es sich nicht anders. Auch die Vertreter dieser verqueren Sichtweise w&#228;hnen sich ihrem eigenen Selbstverst&#228;ndnis nach bei ihrer durch und durch apologetischen Interpretation in &#220;bereinstimmung mit Marx. Und in der Tat, oberfl&#228;chlich betrachtet scheint es sich bei dieser ausgesprochen eigenartigen Deutung lediglich um die Paraphrasierung der Marxschen Ausf&#252;hrungen im 14.Kapitel des 3.Bandes zu handeln. Dort schreibt der grosse Meister:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Anzahl der vom Kapital angewandten Arbeiter, also die absolute Masse der von ihm in Bewegung gesetzten Arbeit, daher die absolute Masse der von ihm aufesaugten Mehrarbeit, daher die Masse des von ihm produzierten Mehrwerts, daher die absolute Masse des von ihm produzierten Profits kann also wachsen, und progressiv wachsen, trotz des progressiven Falls der Profitrate. Dies kann nicht nur der Fall sein. Es muss der Fall sein -vor&#252;bergehnde Schwankungen abgerechnet- auf Basis der kapitalistischen Produktion&#8221; <a name="F5"></a><a href="#FN5">5</a>.</p></blockquote>
<p>Bei etwas genauerem Hinsehen sch&#228;lt sich allerdings sehr schnell der grundlegende Unterschied zwischen dem Ansatz von Marx und der geschilderten Lesart heraus. Marx setzt den Ewigkeitscharakter des Kapitalismus, seine objektive Schrankenlosigkeit, nicht voraus, wie es die schlechte Apologetik der Epigonen ganz selbstverst&#228;ndlich tut, im Gegenteil. Die Existenz der b&#252;rgerlichen Produktionsweise angesichts fallender Profitraten ist das R&#228;tsel, das Marx erkl&#228;ren will! Es geht ihm bei seinen Ausf&#252;hrungen nicht darum, den Gegensatz von steigender Profitmasse und fallender Profitrate zum unabweisbaren Quasinaturgesetz zu erheben, er will verst&#228;ndlich machen, wieso trotz des tendenziellen Falls der Profitrate die kapitalistische Produktionsweise &#252;berhaupt bestehen kann und unter welchen Voraussetzungen. Nur in diesem Rahmen gewinnen Marxens Ausf&#252;hrungen Sinn. Mit dem Gegensatzpaar steigende Profitmasse und fallende Profitrate bestimmmt er die Grundbedingung, unter der allein die Fortsetzung des kapitalistischen Akkumulationsprozesses trotz der angenommenen stetigen Steigerung der organischen Zusammensetzung des Kapitals sichergestellt ist. Das Anwachsen der Profitmasse ist conditio sine qua non f&#252;r das Kapital. Die Profitmasse h&#228;ngt von zwei Faktoren ab. Einerseits von der Masse des fungierenden produktiven Kapitals, andererseits von der Profitrate. Das Schrumpfen des einen Faktors kann durch die Vergr&#246;sserung des anderen ausgeglichen werden. Konkret heisst das: Der Fall der Profitrate kann durch ein schnelleres Anwachsen des angewandten Kapitals kompensiert werden. Mit dieser Erkl&#228;rung f&#252;r den Fortgang des kapitalistischen Akkumulationsprozesses &#246;ffnet Marx gleichzeitig, sozusagen im Umkehrschluss, einen zentralen Zugang zur Krisentheorie. Wenn die Lebensf&#228;higkeit des Kapitalverh&#228;ltnisses davon abh&#228;ngt, dass die Ausdehnung des angewandten Kapitals den Fall der Profitrate kompensiert und sich die Verwertungsbasis, also die Gesamtmenge der wertschaffenden lebendigen Arbeit &#8211; &#8220;vor&#252;bergehende Schwankungen abgerechnet&#8221; &#8211; erweitert, ist das Ende dieses Kompensationsprozesses, das absolute Schrumpfen der vernutzten produktiven lebendigen Arbeit, gleichbedeutend mit der Krise der kapitalistischen Reproduktion, und ihre s&#228;kulare Abnahme f&#252;hrt in die Aufl&#246;sung des kapitalistischen Systems. Marx selber hat diesen Zusammenhang recht deutlich herausgestellt:</p>
<blockquote><p>&#8220;&#220;brigens ist es nur das Bed&#252;rfnis der kapitalistischen Produktionsweise, dass die Anzahl der Lohnarbeiter sich absolute vermehre, trotz ihrer relativen Abnahme&#8230;Eine Entwicklung der Produktivkr&#228;fte, welche die absolute Anzahl der Arbeiter verminderte, d.h., in der Tat die ganze Nation bef&#228;higte, in einem geringern Zeitteil ihre Gesamtproduktion zu vollziehen, w&#252;rde Revolution herbeif&#252;hren, weil sie die Mehrzahl der Bev&#246;lkerung ausser Kurs setzen w&#252;rde. Hierin erscheint wieder die spezifische Schranke der kapitalistischen Produktion, und dass sie keineswegs eine absolute Form f&#252;r die Entwicklung der Produktivkr&#228;fte und Erzeugung des Reichtums ist, vielmehr mit dieser auf einem gewissen Punkt in Kollision tritt. Partiell erscheint diese Kollision in periodischen Krisen, die aus der &#220;berfl&#252;ssigmachung bald dieses, bald jenes Teils der Arbeiterbev&#246;lkerung in ihrer alten Besch&#228;ftigungsweise hervorgehn. Ihre Schranke ist die &#252;bersch&#252;ssige Zeit der Arbeiter&#8221; <a name="F6"></a><a href="#FN6">6</a>.</p></blockquote>
<p>In letzter Instanz haben die Krisen der kapitalistischen Entwicklung ihre Ursachen in fehlender Profitmasse, und erst die Verkn&#252;pfung des &#8220;tendenziellen Falls der Profitrate&#8221; mit ihr verleiht den &#8220;inneren Widerspr&#252;chen des Gesetzes&#8221;, wie sie von Marx im 15. Kapitel des 3. Bandes geschildert werden, ihre Sprengkraft. Solange die Br&#252;cke zur gesellschaftlichen Mehrwertmasse ungeschlagen bleibt, zerfasert sich die Analyse der Profitrate nur in blutleeren Zahlenspielereien. Es ist die Gr&#246;sse der gesellschaftlichen Mehrwertmasse, die &#252;ber Leben oder Tod, erweiterte Reproduktion oder Zerfall der kapitalistischen &#214;konomie entscheidet. Das Absinken der Durchschnittsprofitrate hat nur bedrohliche Relevanz, soweit es in das Schrumpfen der produzierten Mehrwertmasse einm&#252;ndet. Das gilt sowohl f&#252;r den einzelnen Krisenzyklus wie erst recht f&#252;r die s&#228;kulare Entwicklungslinie des Kapitalverh&#228;ltnisses. Das Kapital muss wachsen oder sterben, und das heisst f&#252;r die Ebene des Gesamtkapitals: Die Entfaltung des Kapitalverh&#228;ltnisses ist gleichbedeutend mit der Ausdehnung der Mehrwertmasse. Die Mehrwertmasse ist aber nichts anderes als die Mehrarbeit unter anderem Gesichtspunkt betrachtet, und die absolute gesellschaftliche Mehrarbeitszeit wiederum h&#228;ngt in erster Linie von der produktiv absorbierten Arbeitszeit &#252;berhaupt ab <a name="F7"></a><a href="#FN7">7</a>. Die Geschichte der kapitalistischen Weltwirtschaft und ihrer Krisen l&#246;st sich so im Kern in die Geschichte der Absorption, Freisetzung und Reabsorption lebendiger, produktiver Arbeit durch das Kapital auf.</p>
<p>Auf den ersten Blick mag es &#252;berraschen, dass diese fast schon banal bis selbstverst&#228;ndliche wirkende Schwerpunktsetzung in der marxistischen Polit&#246;konomie so sehr in den Hintergrund gedr&#228;ngt und von der Besch&#228;ftigung mit sekund&#228;ren, abgeleiteten Fragestellungen vollkommen &#252;berlagert wurde. Die platte Empirie, die Tatsache, dass die vernutzte lebendige Arbeit eben realiter noch im Anwachsen begriffen war und dass die marxistischen Krisentheorien in diesem Sinne nur die Wirklichkeit ihrer Zeit reflektieren, reicht zur Erkl&#228;rung allein nicht aus. Die Verwunderung weicht aber, wenn wir uns den historischen Kontext und die realen gesellschaftlichen Aufgabenstellungen angesichts derer diese Verdr&#228;ngung vor sich ging, vergegenw&#228;rtigen. Die Rezeption der Marxschen Krisentheorie erfolgte nicht im luftleeren Raum, Sinn und Zusammenhang gewann sie aus ihrem politischen Bezug, und so darf es nicht verwundern, dass die f&#252;r das Selbstverst&#228;ndnis der traditionellen sozialistischen Bewegung konstitutiven Pr&#228;missen sich auch in der krisentheoretischen Debatte niederschlagen und deren Horizont abstecken. Auch alle krisentheoretischen &#220;berlegungen blieben letzten Endes an dem Resonanzboden haften, von dem sie zehrten, und so spiegelt sich das Streben nach der Selbstaffirmation der Arbeiterklasse auch in den polit&#246;konomischen Theoremen. Der historische Kampf der Klasse galt nicht ihrer Selbstaufhebung. Das Emanzipationsverst&#228;ndnis blieb narzisstisch auf die Klasse als Klasse bezogen. Das schwere Los, Arbeiter zu sein, wurde nicht als zu beseitigendes Ungl&#252;ck begriffen. Sozialismus war kein Synonym f&#252;r das Verschwinden des Arbeiterdaseins, sondern war gleichbedeutend mit der Verallgemeinerung und Adelung dieses Schicksals. Der traditionelle Marxismus begriff die Lohnarbeiterklasse nicht als die andere Seite des Kapitalverh&#228;ltnisses, sondern hielt sie als solche f&#252;r eine transkapitalistische Kraft. Die Siegeszuversicht der alten Arbeiterbewegung lebte vor diesem Hintergrund ganz selbstverst&#228;ndlich vom Vertrauen in die wachsende eigene St&#228;rke, und die sicherste Garantie f&#252;r den schliesslichen Endsieg des Sozialismus schien die st&#228;ndige zahlenm&#228;ssige Ausdehnung der Arbeiterklasse zu sein. Auf dem Boden dieser unangegriffenen Vorgaben verbot sich aber jeder krisentheoretische Ansatz, der die Krisen des kapitalistischen Reproduktionsmechanismus von ihrer realen Basis, dem Schrumpfen der vernutzten produktiven Arbeit, aufgerollt h&#228;tte. Alle Momente der kapitalistischen Krise, die die lebendige Grundlage der b&#252;rgerlichen Produktionsweise wesentlich betrafen, w&#228;ren nur als Def&#228;tismus und Nihilismus erschienen und wurden von vornherein aus der Analyse ausgespart. Unter diesen Auspizien konnte die Besch&#228;ftigung mit der kapitalistischen Krisenlogik nur mit angezogener Handbremse voranschreiten und unter Ausklammerung der realen Basis, der absorbierten produktiven Arbeit. Sie musste haltmachen, sobald die Integrit&#228;t des machtvoll wachsenden Proletariats in Gefahr geraten w&#228;re <a name="F8"></a><a href="#FN8">8</a>, und zerstreute sich stattdessen auf die ungef&#228;hrlichere Ebene abgeleiteter Ph&#228;nomene. Die gesamte Profitratendebatte ist davon gezeichnet. Sie musste vor der Vision einer fallenden gesamtgesellschaftlichen Profitmasse haltmachen <a name="F9"></a><a href="#FN9">9</a>.</p>
<p>Solange der &#220;bergang zum Sozialismus an das Gegensatzpaar maroder Kapitalismus einerseits, kraftstrotzendes Proletariat andererseits gekoppelt war, war der Weg zur Antizipation der Krise des gesellschaftlichen Gesamtverh&#228;ltnisses nat&#252;rlich von vornherein verschlossen. Die Beschr&#228;nkung der klassischen marxistischen Krisentheorie betraf aber nicht nur deren prophetische Leistungskraft, sie machte sich auch in der Analyse der konkreten historischen Konjukturzyklen bemerkbar. Die marxistischen &#214;konomen konnten weder die Logik des s&#228;kularen Trends kapitalistischer Entwicklung und die objektive Schranke der b&#252;rgerlichen Produktionsweise logisch stimmig herleiten noch einen befriedigenden Beitrag zur Erkl&#228;rung der wirklichen Weltmarktkrisen liefern. Solange der grundlegende innere Widerspruch des Kapitals nicht logisch sauber herausgearbeitet war, konnte auch sein partielles Aufscheinen in den periodischen Krisen nicht wirklich begriffen werden. Mit dem Schl&#252;ssel zu den langfristigen Entwicklungslinien war auch der Zugang zur theoretischen Durchdringung der jeweiligen Etappe und ihrer besonderen Bedingungen aus der Hand gelegt worden, und die Marxisten hielten sich notgedrungen wo es um die Erkl&#228;rung wirklicher Ver&#228;nderungen ging an eine, oft von b&#252;rgerlichen &#214;konomen entliehene Auswahl von ad hoc Konstrukten. Die eigenen marxistischen Grundlagen verkamen dabei zum inhaltlichen Ballast. Die Kritik der politischen &#214;konomie verlor f&#252;r die Realanalyse jeden eigenen Erkenntniswert und degenerierte zu einer verschrobenen Ausdrucksweise, zu einem ideologischen Spezialjargon. Die marxistischen &#214;konomen hatten zur Aufarbeitung der vorliegenden Ph&#228;nomene nichts beizutragen, was von b&#252;rgerlicher Seite ohne marxeologisierenden Schwulst nicht schon vorgetragen worden w&#228;re.</p>
<h4>2. Der lange Weg zum Keynesianismus</h4>
<p><strong></strong></p>
<p>Das Erl&#246;schen der theoretischen Erkl&#228;rungskraft der marxistischen Polit&#246;konomie, ihre Deformation zu einer marxistischen Wirtschaftssoziologie, die mit von Marx &#252;berlieferten Versatzst&#252;cken operiert, hat nat&#252;rlich selber wiederum eine lange Geschichte, die schon mit der Marxrezeption der 2. Internationale einsetzt. Allerdings wirkte der Erosionprozess, dem die Marxsche Kritik der politischen &#214;konomie in den H&#228;nden der Epigonen unterlag, zun&#228;chst und &#252;ber weite Strecken untergr&#252;ndig. Der Verfall erschien vorderhand, im Selbstverst&#228;ndnis der Zeitgenossen, als strammes Festhalten. Das Unverst&#228;ndnis der Theoretiker der alten Arbeiterbewegung gegen&#252;ber der theoretischen Sprengkraft des Marxschen Werkes kam selbstbescheiden, als devoter Respekt vor diesem geistigen Monumentalbau daher, und die Anpassung der Marxschen Theorie an die beschr&#228;nkten Bed&#252;rfnisse der alten Arbeiterbewegung verstand sich selber als praktische Auslegung einer sakrosankten Lehre. Wie das Wort Gottes nur durch den Mund seiner Priester existieren kann, so w&#228;lzten sich die diversen handgeschusterten marxistischen Wirtschaftstheorien &#252;ber den revolution&#228;ren theoretischen Torso, den Marx hinterlassen hatte, und versch&#252;tteten ihn v&#246;llig. Diese quasirelig&#246;se Mimikry bestimmte auch den Umgang mit der zeitgen&#246;ssischen b&#252;rgerlichen Theorie. Die offizi&#246;s ge&#252;bte Ignoranz gegen&#252;ber der b&#252;rgerlich-akademischen Diskussion, das rein ideologiekritische Vorgehen, verschleierte nur, wie sehr hinter dem R&#252;cken der Beteiligten Motive aus der feindlichen terra incognita das polit&#246;konomische Verst&#228;ndnis im marxistischen Lager nach ihrer Melodie umorganisiert hatten.</p>
<p>Bei aller Kritik an dieser Entwicklung darf aber keinesfalls angenommen werden, dass die klammheimliche Metamorphose die aktuelle Wirkungskraft der marxistischen Theorie untergraben h&#228;tte. Im Gegenteil, zu ihrer Zeit war diese Verbiegung durchaus funktional. Die legitimatorische Leistung des traditionellen Marxismus beruhte gerade auf dieser Umwandlung. Die reale, historische Aufgabe der alten Arbeiterbewegung bestand gerade im Kampf f&#252;r die Durchsetzung und Verallgemeinerung der b&#252;rgerlichen Verkehrsform, und in diesem Zusammenhang mussten die das b&#252;rgerliche Denken sprengenden Momente der Marxschen Theorie in der Rezeption konsequent -weil f&#252;r die praktische Aufgabenstellung kontraproduktiv- ausgeschaltet werden. Das sozialistische Ethos mit dem die alte Arbeiterbewegung in den realen Kampf f&#252;r die Verallgemeinerung der b&#252;rgerlichen Verh&#228;ltnisse zog, lebte auf dem theoretischen Parkett von der Heiligung durch und durch b&#252;rgerlichen Denkens zu sozialistischem Gedankengut. Die Verkehrung der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie in positive marxistische Wirtschaftswissenschaft wiederholt nur folgerichtig und wie im Brennglas geb&#252;ndelt die notwendige Adaption aller Aporien b&#252;rgerlichen Denkens durch den traditionellen Marxismus. Zwar konnte auf der Grundlage dieses kastrierten Marxverst&#228;ndnisses der historische Prozess, dessen Agent die marxistische Linke selber geworden war, nicht durchleuchtet und auf den Begriff gebracht werden, f&#252;r die Konkurrenz mit den b&#252;rgerlichen Kontrahenten reichte das zusammengedeichselte R&#252;stzeug aber allemal. Die Marxisten hatten zwar auf polit&#246;konomischem Gebiet seit dem Erscheinen des 3. Bandes des Kapitals nichts wesentlich neues zu sagen, aber auch auf seiten der b&#252;rgerlichen Konkurrenz blieben die grossen wissenschaftlichen Umw&#228;lzungen der National&#246;konomie aus. Solange die reale Konjunkturentwicklung mit den Vorhersagen der marxistischen Wirtschaftswissenschaftler nicht in offensichtlichen Gegensatz geriet und solange die b&#252;rgerliche Makro&#246;konomie, soweit sie nicht vollkommen darniederlag, sich im wesentlichen mit der Fortschreibung der schon von Marx kritisierten klassischen National&#246;konomie begn&#252;gte, konnte auch die marxistische Polit&#246;konomie in aller Ruhe weiter vor sich hind&#252;mpeln, ohne damit automatisch ins Hintertreffen zu geraten. Diesem bequemen Zustand bereitete allerdings die &#220;berwindung der &#8220;Weltwirtschaftskrise&#8221; der 30er Jahren und die den einsetzenden Aufschwung begleitende &#8220;keynesianische Revolution&#8221; in der b&#252;rgerlichen Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik ein Ende. Die reale Entwicklung der Weltwirtschaft und der Diskurs dar&#252;ber wandte sich handgreiflich gegen die marxistische &#220;berlieferung und zog sie arg in Mitleidenschaft. Die Entfaltung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, die Verallgemeinerung der Wertbeziehung, an deren Durchsetzung sich realiter der Marxismus verzehrt hatte, brachte ihn aussichtslos ins Hintertreffen. Die einsetzende explosionsartige Ausdehnung der Staatst&#228;tigkeit innerhalb des kapitalistischen Rahmens war von einem Marxismus, der die Wertbeziehung rein distributiv als Austauschrelationen auf dem Markt auffasste, theoretisch nicht zu bew&#228;ltigen. Der traditionelle Marxismus hatte den Staat immer ausserhalb des Wertzusammenhangs als dessen Kontrapunkt angesiedelt, und der emanzipative Impuls der Arbeiterbewegung hatte sich wesentlich in die Propagierung der Ausdehnung der Staatst&#228;tigkeit ergossen. Der Staat als vermeintlich bewusstes Organ der Gesellschaft sollte die &#8220;Marktanarchie&#8221; beseitigen und die Regulation des Wirtschaftslebens &#252;bernehmen. Die Entwicklung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft erf&#252;llte diese essentielle Forderung &#8211; allerdings unter von der Arbeiterbewegung nicht vorausgesehenen Vorzeichen. Der Staat, der diese Aufgabe auf sich nahm, war peinlicherweise mit dem falschen Adjektiv ausger&#252;stet. Es war kein &#8220;sozialistischer&#8221; Staat, sondern der &#8220;Staat der Monopole&#8221;. Damit war diesem Marxismusverst&#228;ndnis de facto das Genick gebrochen. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan und konnte von der historischen B&#252;hne abtreten. Das Schicksal, das im 19.Jahrhundert die b&#252;rgerlichen Revolutionen in Deutschland und Italien getroffen hatte, wiederholte der Faschismus an der Arbeiterbewegung. Wenn Marx darauf hinweist, dass ironischerweise ausgerechnet ihre &#228;rgsten Feinde, Bismarck und Napoleon III., die Revolution von 1848 beerbt, und wesentliche ihrer Ziele schliesslich verwirklicht haben (die deutsche und italienische Einigung), so l&#228;sst sich r&#252;ckblickend &#228;hnliches noch entschiedener von den faschistischen Diktaturen sagen. Der Faschismus radierte nicht nur die organisierte Arbeiterbewegung aus, er machte sie auch positiv &#252;berfl&#252;ssig. Mit Hitlers Kriegswirtschaft und den parallellen Entwicklungen in den anderen kriegf&#252;hrenden Staaten erreicht die inner&#246;konomische Potenz des Staates ein Niveau, von dem die Sozialisten immer nur tr&#228;umen konnten. Die physische Verfolgung und Liquidierung der marxistischen Linken in Faschismus und Stalinismus war nicht viel mehr als die grausam-vorwegnehmende Begleitmusik zu diesem Substanzverlust. Sie traf einen an sich selber hohl gewordenen Gegner, dessen stolze Divisionen nur eins verdient h&#228;tten, n&#228;mlich Mitleid. Die theoretisch und praktisch kampflose Abdankung der deutschen Arbeiterbewegung vor dem Faschismsus enth&#252;llte, wie &#252;berlebt und haltlos diese Form von Oppositionsbewegung schon geworden war. Der 2.Weltkrieg, das Ende des Faschismus und der langanhaltenden Depressionsphase, das Einsetzen des Nachkriegsbooms, der sich mit historisch einmaligen Wachstumsraten f&#252;r die gesamte Weltwirtschaft auswies, setzten die strukturellen Ver&#228;nderungen, an denen sich der traditionelle Marxismus gr&#252;ndlich blamiert hatte, fort. Die marxistische Polit&#246;konomie blieb hoffnungslos in der Defensive. Das lag aber nicht nur einfach an der flachen empirischen Tatsache, dass die Renaissance der kapitalistischen Weltwirtschaft als handgreifliche Wiederlegung aller marxistischen Zusammenbruchs- und Krisentheorien erscheinen musste, sondern hatte tiefer gehende, innertheoretische Ursachen. Der Marxismus scheiterte und machte eine theoretisch &#228;usserst kl&#228;glich Figur, weil er, unf&#228;hig die Dichotomie von Politik und &#214;konomie begrifflich aufzul&#246;sen, ausserstande, war die parallell zum Aufschwung sich vollziehende Wende vom &#246;konomisch abstinenten Nachtw&#228;chterstaat zum keynsianischen Interventionsstaat<a name="F10"></a><a href="#FN10">10</a> in seine Konzeption der Kritik der politischen &#214;konomie zu integrieren. Er blieb die Antwort auf die enge Einbindung des Staates in die kapitalistische &#214;konomie und deren Reflexe in der b&#252;rgerlichen Wirtschaftswissenschaft schuldig und dankte de facto ab.</p>
<p>Dabei hatte alles, oberfl&#228;chlich betrachtet, so hoffnungsvoll begonnen. Als 1929 die &#8220;Weltwirtschaftskrise&#8221; hereinbrach und im Anschluss daran das ganze Jahrzehnt vor dem Ausbruch des 2.Weltkriegs unter dem Vorzeichen einer langwierigen Depression stand, musste dieser Umstand den marxistischen &#214;konomen als gl&#228;nzende empirische Best&#228;tigung der Marxschen Krisentheorie erscheinen. Das nebelhafte und immer so schwer fassbare &#8220;Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate&#8221; und die anderen in der klassischen marxistischen Debatte kolportierten Bruchst&#252;cke der Marxschen Krisentheorie verwandelten sich den konkurrierenden marxistischen Theoretikern aus analytischen Bestimmungen in unmittelbar greifbare materielle Tatsachen. Fritz Sternberg spricht nicht nur f&#252;r sich, sondern f&#252;r alle, wenn er 1934 schreibt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wenn wir die heutige Krise insgesamt betrachten, so beweist die Analyse, dass die von Marx aufgewiesene Gesetzlichkeit nicht mehr nur Tendenz ist, sondern bereits Realit&#228;t, bereits Wirklichkeit. Und vieles was er vor Generationen im &#8220;Kapital&#8221; schrieb, ist heute als Wirklichkeit mit H&#228;nden zu greifen&#8230;&#8221; <a name="F11"></a><a href="#FN11">11</a>.</p></blockquote>
<p>Unabh&#228;ngig davon, ob sie die Krise unter dem Vorzeichen der Unterkonsumtions oder der &#220;berakkumulation einordneten, alle verstanden die reale Weltmarktkrise als Verifikation ihrer Interpretation der Marxschen Krisentheorie. Zwar brachte die langanhaltende Krisenperiode nicht die erwarteten politischen Fr&#252;chte, sondern im Gegenteil vernichtende Niederlagen f&#252;r die historisch gewachsene Arbeiterbewegung, trotzdem war aber das &#246;konomische Faktum der Krise des Kapitalismus selbstverst&#228;ndlich nicht von der Hand zu weisen. Auch wenn alle Ausformungen marxistischer Krisentheorie der konkreten Krise von 1929 gegen&#252;ber reichlich abstrakt blieben und keinesfalls deren Ablauf begreifbar und nachvollziehbar machten, die marxistischen Astrologen hatten die Krisenhaftigkeit kapitalistischer Entwicklung immerhin stets gen&#252;sslich proklamiert und konnten sich auf diesem Lorbeer zur ewigen Ruhe betten. Wie wenig tragf&#228;hig und inhaltsleer diese scheinbar glatte empirische Verifikation der marxistischen Krisentheorie war, blieb den zeitgen&#246;ssischen &#214;konomen zun&#228;chst verborgen <a name="F12"></a><a href="#FN12">12</a>. Selbst im Kreis der hilfs- und begriffslosen b&#252;rgerlichen &#214;konomen, die in ihrem Gros vom Zusammenbruch der Weltwirtschaft vollkommen &#252;berrascht worden waren, machte sich der Gedanke breit, dass der Kapitalimus der freien Konkurrenz unhaltbar geworden sei und grundlegend ver&#228;ndert werden m&#252;sse. Die axiomatische Hoffnung auf die Selbstregulierungskr&#228;fte des Marktes, hatten sich an der Empirie der 30er Jahre gr&#252;ndlich blamiert und befand sich bei den akademischen &#214;konomen, wenn auch z&#246;gerlich, auf dem R&#252;ckzug. Das Saysche Theorem, demzufolge jedes Angebot auch seine Nachfrage schafft, das die Grundlage zur vorherrschenden klassischen Gleichgewichtstheorie gebildet hatte, war durch die Krisenwirklichkeit falsifiziert worden und musste fallengelassen werden. Die Schlappe, die die empirische Entwicklung dem tradierten Credo b&#252;rgerlicher Wirtschaftswissenschaften bereitet hatte, ebnete aber gleichzeitig den Boden f&#252;r eine Gegenbewegung innerhalb des b&#252;rgerlichen Lagers und entzog den Marxisten ihr gewohntes Terrain. Der tiefsitzende Schock machte die Position des Aussenseiters John Maynard Keynes hoff&#228;hig. Sie beeinflusste von nun an massgeblich die Debatte im b&#252;rgerlichen Spektrum.</p>
<p>Religionen werden f&#252;r gew&#246;hnlich, wenn sie in die Krise geraten, von ihren Ketzern gerettet. Im Reich der Theorie verh&#228;lt sich das nicht anders <a name="F13"></a><a href="#FN13">13</a>. Keynes ist daf&#252;r ein Musterbeispiel. Er brach nicht grundlegend mit der tradierten klassischen Theorie, sondern sprengte sie durch Erweiterung. Seine H&#228;resie blieb theoretisch voll in ihrem eigenen Rahmen angesiedelt. Er kritisierte nicht das klassische Gleichgewichtstheorem, sondern behauptete lediglich, dass der von der klassischen Theorie angenommene Fall keinesfalls der einzig m&#246;gliche sei, und integrierte die &#252;berlieferte klassische Theorie als Spezialfall in seine eigene theoretische Konzeption <a name="F14"></a><a href="#FN14">14</a>.</p>
<p>In einer verzweifelten Situation lieferte Keynes innerhalb der auf die Zirkulationsoberfl&#228;che fixierten b&#252;rgerlichen National&#246;konomie ein Alternativkonzept. Ohne die Probleme von Profitproduktion und Verwertung zu thematisieren, allein auf die alle kapitalistischen Spezifika einebnende Kategorie &#8220;Einkommen&#8221; fixiert, proklamierte er in stillschweigender Anlehnung an die Grenznutzentheorie eine &#8220;Grenzleistungsf&#228;higkeit des Kapitals&#8221; und forderte die Erg&#228;nzung der erlahmenden investiven Unternehmernachfrage durch staatliche Ausgabenpolitik.</p>
<blockquote><p>&#8220;Ausgehend von einem wachsenden Volkseinkommen postulierte Keynes, dass der Verbrauch relativ weniger schnell und infolgedessen die Ersparnisse relativ schneller steigen als das Gesamteinkommen. Die Ersparnisse stehen &#252;ber das Kreditsystem zur Investition zur Verf&#252;gung. Der Zinsfuss als Regulierungsmechanismus von Angebot und Nachfrage im Kreditsystem bildet jedoch nach Keynes allein keine ausreichende Garantie der f&#252;r Vollbesch&#228;ftigung und kontinuierliches Wachstum erforderlichen st&#228;ndigen gleichm&#228;ssigen Anpassung der Investitionsquote und der Ersparnisquote aneinander und an den optimalen Wachstumsfaktor. Eine solche Garantie zu &#252;bernehmen ist vielmehr Aufgabe des Staates. &#220;ber seinen Anteil am Volkseinkommen kann er auf vielf&#228;ltige Weise die notwendigen Anpassungsprozesse induzieren. Er hat nach der keynsianischen Theorie die M&#246;glichkeit, &#252;ber den Steuermechanismus Ersparnisse an sich zu bringen und sie je nach der Konjunkturlage der eigenen oder privatwirtschaftlichen Investitionen zuzuf&#252;hren oder vorzuenthalten&#8221; <a name="F15"></a><a href="#FN15">15</a>.</p></blockquote>
<p>Nach dem Erscheinen seines sagenumwogenen Hauptwerks &#8220;General theory of employment, interest and money&#8221; 1936 trat seine Lehre ihren unaufhaltsamen Siegeszug an. Sehr schnell zum Keynesianismus vergr&#246;bert und ausgewalzt, errang sie in der Wirtschafpolitik eine Schl&#252;sselstellung und bewahrte sie bis heute. Erst tief in den 70er Jahren, angesichts einer grundlegenden wirtschaftlichen Trendwende, begann die keynesianische Vormacht zu br&#246;ckeln und geriet das Credo: &#8220;deficit spending&#8221; in der wirtschaftspolitischen Debatte in die Defensive. Die enorme Durchschlagskraft der Keynesschen Position muss &#252;berraschen, wenn wir sie allein innertheoretisch betrachten. Denn wenn wir den wissenschaftlichen Grenznutzen der Keynesschen Theorie zu messen versuchten, so l&#228;ge er sicher nahe Null. Als theoretischer Ansatz zeichnet sich die Keynessche Lehre weder durch fulminanten Tiefgang noch durch besondere Reichweite aus <a name="F16"></a><a href="#FN16">16</a>. Selbst im b&#252;rgerlichen Wissenschaftsrahmen war Keynes&#8217; fiscal theory eher ein R&#252;ckschritt. Sie brachte an Gesichtspunkten der realen Entwicklung kaum etwas aufs Tapet, was die bedeutendsten Gestalten der deutschen &#8220;Finanzsoziologie&#8221;, Wagner, Goldscheid, Schumpeter, Mann und Jecht, nicht schon umfassender und mehr in die Tiefe gehend vorgedacht und vorformuliert hatten. Aber wahrscheinlich liegt gerade in dieser bescheidenen Armseligkeit des Keynesschen Gedankenguts der Schl&#252;ssel zu dessen bemerkenswerten Erfolg. Seine theoretische Beschr&#228;nktheit und Schn&#246;rkellosigkeit macht den Keynesschen Ansatz glatt finanztechnisch operationalsierbar und liess ihn als unmittelbar praxistaugliches R&#252;stzeug moderner Finanz- und Konjunkturpolitik erscheinen. Ohne viel theoretisches Brimborium, angels&#228;chsisch n&#252;chtern im k&#252;mmerlichsten Sinn, erf&#252;llte der Keynesianismus bestens seine historische Aufgabe. Rein finanztechnisch, ohne grossen emphatischen &#220;berhang <a name="F17"></a><a href="#FN17">17</a>, reetablierte Keynes die eigenst&#228;ndige Funktion des Staates im Wirtschaftsleben und lieferte so eine passende, durch und durch technokratische Begr&#252;ndung f&#252;r die historisch anstehende, l&#228;ngst schon real angelaufene Ausdehnung der Staatst&#228;tigkeit. Krisentheoretisch ist Keynes&#8217; Ansatz eher belanglos. Bei der Suche nach den Krisenursachen fl&#252;chtet er flugs aus den Wirtschaftswissenschaften in die Psychologie und nimmt eine wachsende &#8220;Sparneigung&#8221; zum Ausgangspunkt seiner &#220;berlegungen. Er lieferte keinesfalls eine irgendwie zureichende und tiefsinnige Erkl&#228;rung f&#252;r den sich vollziehenden tiefgreifenden Umstrukturierungsprozess innerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft, sondern legitimierte lediglich eine sich ohne sein Zutun schon z&#246;gerlich, naturw&#252;chsig durchsetzende Praxis. Sein &#8220;Paradigmenwechsel&#8221; beseitigte lediglich ein lebensfremdes und anachronistisches Dogma, dessen z&#228;he Anwendung in der Wirtschaftspolitik l&#228;ngst kontraproduktiv geworden war, und lieferte dabei frei Haus einige handliche finanztechnische Tips mit.</p>
<p>Selten ging eine Theorie so in ihrer unmittelbar-praktischen Funktion auf wie der Ansatz von Keynes. Die ber&#252;chtigte &#8220;keynesianische Revolution&#8221; richtete sich kaum gegen die tradierten theoretischen Grundlagen der herrschenden Wirtschaftslehre, die radikale Umw&#228;lzung bezog sich auf die praktischen Schlussfolgerungen, die gemeinhin aus ihnen gezogen wurden. Diese Tatsache muss auch unser Vorgehen bestimmen. Wir k&#246;nnen uns an das Verst&#228;ndnis der Bedeutung Keynes&#8217; kaum rein innertheoretisch herantasten. Wir m&#252;ssen stattdessen sie reale historische Entwicklung in den Mittelpunkt unserer &#220;berlegungen r&#252;cken. Den Schl&#252;ssel zum Verst&#228;ndnis der &#8220;keynesianischen Revolution&#8221; erhalten wir nur, wenn wir uns zun&#228;chst die Aussgangssituation, das wirtschaftstheoretische und wirtschaftspolitische &#8220;Ancien Regime&#8221; und seine Krise, vor Augen f&#252;hren, von der die Lehre von Keynes sich abstiess.</p>
<p>Mit dem 1. Weltkrieg und seinen immensen Folgelasten geriet die bis dahin weitgehend heile Welt der Finanz- und Wirtschaftspolitik gr&#252;ndlich in Unordnung. Der Vergesellschaftungsschub, den die imperialistische Kriegsf&#252;hrung mit sich brachte, zwang den b&#252;rgerlichen Staat in seine Pflicht und f&#252;hrte zu einer bis dahin unvorstellbaren Expansion seines Einflusses auf die Gestaltung des Wirtschaftslebens. Nur widerwillig und halbherzig unterwarf sich die Wirtschaftspolitik dem Zwang milit&#228;rischer Notwendigkeiten. Denn im Lichte der vorherrschenden liberalen Wirtschaftsdoktrin konnte die Ausdehnung der Staatst&#228;tigkeit nur als Abweichung vom rechten Pfad der Tugend erscheinen. Indes, die Bedingungen einer modernen Kriegs&#246;konomie liessen keine andere Wahl, und so beschritt die Wirtschaftspolitk in allen kriegf&#252;hrenden Staaten notgedrungen Wege, die der offizi&#246;sen Lehre ins Gesicht schlugen. Als erstes forderte der Krieg in der W&#228;hrungspolitik seinen Tribut. Die Kriegsbedingungen erlaubten nicht l&#228;nger die Aufrechterhaltung der bis dahin unangestasteten Goldkonvertibilit&#228;t, und die kriegf&#252;hrenden Staaten mussten zu einer aktiven Geldpolitiik &#252;bergehen. Das auf dem Goldstandard beruhende internationale &#8220;W&#228;hrungssystem geriet schon vor der Er&#246;ffnung der Feindseligkeiten, in den Tagen der kriegsnahen Spannungen, in eine Krise&#8221; <a name="F18"></a><a href="#FN18">18</a> und hielt dem Krieg kaum Tage stand. Die W&#228;hrungen unterlagen f&#252;r den Rest des Krieges staatlicher Regulierung, und das Geldangebot wurde im Interesse der Kriegsfinanzierung in allen beteiligten L&#228;ndern stark ausgedehnt. Parallell dazu dehnten sich die Staatausgaben explosionsartig aus.</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Staatsausgaben der kriegf&#252;hrenden Parteien erreichten alsbald eine H&#246;he, die alles in den Schatten stellte, was man vorher gewohnt war. Bereits die ersten Kriegsbudgets lagen &#252;berall erheblich &#252;ber den Friedensbudgets, und das war erst der Anfang. In den folgenden Jahren liess die totale Kriegf&#252;hrung die Staatsausgaben immer weiter steigen. Das letzte Kriegsbudget betrug in Relation zum ersten Kriegsbudget in Deutschland 505 Prozent, in Frankreich 448 Prozent, in Grossbritannien 562 Prozent, in Russland (bis 1916) 315 Prozent&#8221; <a name="F19"></a><a href="#FN19">19</a>.</p></blockquote>
<p>Dieses Abgehen vom idealen &#8220;staatsfreien&#8221; Gleichgewichtszustand ging aber keinesfalls mit einer Umw&#228;lzung der wirtschaftstheoretischen Grundvorstellungen einher <a name="F20"></a><a href="#FN20">20</a>. Der Krieg wurde von den Zeitgenossen nicht als das wahrgenommen, als was er sich vom heutigen Standpunkt aus enth&#252;llen muss, als die Einleitung einer neuen wirtschaftspolitischen Epoche, sondern sie empfanden ihn nur als unliebsame Unterbrechung der &#246;konomischen Normalit&#228;t. Dementsprechend erwarteten und erhofften selbst die Protagonisten der Ausweitung der Staatst&#228;tigkeit vom Friedensschluss Wiederkunft des Status quo ante. Sie gingen davon aus, dass, sobald die Waffen endlich zur Ruhe finden, alsbald der R&#252;ckmarsch in den liberalen, sich in Wirtschaftsdingen in Askese &#252;benden Nachtw&#228;chterstaat beginnen w&#252;rde. So waren die staatlichen Eingriffe ins Wirtschaftsleben und die Ausdehnung des Staatssektors keineswegs auf Dauer geplant. Sie bezogen ihre Rechtfertigung allein aus der aktuellen Notlage, die aussergew&#246;hnliche Massnahmen erfoderlich machte. Das Ideal blieb die Vorkriegsordnung und deren Reetablierung gab erst einmal auch den Orientierungsrahmen f&#252;r jede Nachkriegswirtschaftspolitik ab. In den K&#246;pfen der b&#252;rgerlichen &#214;konomen blieb die Abweichung vom rechten Pfad des staatslosen Wirtschaftens allein einer historisch einmaligen Kostellation, dem Druck &#8220;ausser&#246;konomischer Faktoren&#8221; geschuldet. Sie begriffen nicht, dass hinter den besonderen Kriegsnotwendigkeiten sich ein allgemeiner Zug verbarg, der in den Jahren des Weltkriegs sich im kriegerischen Gewand beschleunigt durchsetzte. Die zunehmende Vergesellschaftung, die mit dem Weltkrieg einen entscheidenden Sprung voran gemacht hatte, musste sich unter kapitalistischen Bedingungen als Ausdehnung der abstrakten Allgemeinheit (des Staates) vollziehen.</p>
<p>Die grundlegende Ver&#228;nderung wurde nach dem Krieg erst wirklich sichtbar. Alle Anstrengungen, national und international die Vorkriegsordnung zu rekonstruieren, scheiterten kl&#228;glich. Das z&#228;h verteidigte Ideal des Laisser-faire-Staates wurde permanent durch eine Wirklichkeit gest&#246;rt, die sich ihm partout nicht mehr f&#252;gen wollte und mit Macht genau in die entgegengesetzte Richtung strebte. Trotz allem finanzpolitischen Konservativismus war die zunehmende Einbeziehung des Staates in den kapitalistischen Reproduktionsprozess nicht r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Deutlich wird das etwa an der Entwicklung der Staatsquote. Sie erreicht zwar in den 20er Jahren nicht mehr die Weltkriegsspitzen, von einem Schrumpfen auf Vorkriegsniveau kann aber erst recht nicht die Rede sein. Im Gegenteil, der langfristige Trend verl&#228;uft steigend:</p>
<blockquote><p>&#8220;Beliefen sich 1913 die von allen Doppelz&#228;hlungen bereinigten Ausgaben des Reiches, der L&#228;nder, der Gemeinden und der Sozialversicherung nach zuverl&#228;ssiger Sch&#228;tzung auf knapp 16 Prozent des Bruttosozialprodukts, so lag dieser Satz 1927 bereits zwischen 27 und 28 Prozent und d&#252;rfte beim Ausbruch der Krise (gemeint ist nat&#252;rlich die Krise von 1929, Anmerkung E.L.) nahe an 30 Prozent herangekommen sein&#8221; <a name="F21"></a><a href="#FN21">21</a>.</p></blockquote>
<p>Die herrschende Wirtschaftspolitik f&#252;gte sich keineswegs kampflos in ihr Geschick. Ihre Zielsetzung blieb die ganzen 20er Jahre hindurch der Kampf gegen den s&#228;kularen Trend, und auch das Hereinbrechen der Weltwirtschaftskrise brachte zun&#228;chst keine Umkehr, sondern eher z&#228;hes Festhalten an &#252;berlieferten Glaubenss&#228;tzen. Heinrich Br&#252;hning etwa verfolgte w&#228;hrend seiner Reichskanzlerschaft gottesf&#252;rchtig und v&#246;llig vernagelt eine entschiedene Deflationspolitik und sorgte daf&#252;r, dass die eh schon prek&#228;re Lage weiter versch&#228;rft wurde.</p>
<blockquote><p>&#8220;Statt die Krise durch zus&#228;tzliche &#246;ffentliche Auftr&#228;ge zu bek&#228;mpfen, k&#252;rzte man in erster Linie die Investitionsausgaben&#8221; <a name="F22"></a><a href="#FN22">22</a>.</p></blockquote>
<p>Der Traum, an dem die b&#252;rgerlichen &#214;konomen z&#228;h festhielten und den erst die volle Wucht der Weltwirtschaftskrise zertr&#252;mmern konnte, die Wiederherstellung der idyllischen &#8220;staatsarmen&#8221; Vorkriegsordnung, scheiterte nicht nur auf diesem Gebiet. Besonders augenscheinlich blamieren sich die entsprechenden Anstrengungen in diese Richtung in der W&#228;hrungspolitik. Sie ist die ganzen 20er Jahre hindurch von dem zweifelhaften Unterfangen gepr&#228;gt, die ver&#228;nderte Wirklichkeit der neoklassischen Tradition anpassen zu wollen. Sie m&#252;ht sich jahrelang an dem realit&#228;tsblinden Versuch ab, um jeden Preis den Goldstandard und die W&#228;hrungsparit&#228;ten von 1913 wiederherzustellen <a name="F23"></a><a href="#FN23">23</a>. Der Verzicht auf jede aktive W&#228;hrungspolitik, die Beschr&#228;nkung der staatlichen Zust&#228;ndigkeit auf diesem Gebiet auf die Sicherstellung der Goldkonvertibilit&#228;t, st&#228;rkt aber nur die zentrifugalen Kr&#228;fte der Weltwirtschaft und wirkt krisenversch&#228;rfend <a name="F24"></a><a href="#FN24">24</a>. Die verzweifelten Versuche, gegen den historischen Strom anzuk&#228;mpfen und gem&#228;ss der neoklassischen Tradition zum R&#252;ckzug des Staates aus der wirtschaftlichen Verantwortung zu blasen, zeitigen allenthalben die selben Resultate: Sie wirken verheerend. Wo die anachronistische Theorie auf die ver&#228;nderte Wirklichkeit losgelassen wird, steigert sie die real-existierenden Probleme nur weiter. Die falsche Gegen&#252;berstellung von wirtschaftlich vern&#252;nftiger Selbstbeschr&#228;nkung des Staates und politisch motivierten Anspr&#252;chen an die abstrakte Allgemeinheit verbaut den Weg zum praktischen Krisenmanagement. Diese Selbstblockade r&#228;umt Keynes aus dem Weg und vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung seines Ansatzes verst&#228;ndlich. Der Keynesianismus erlaubte mit wissenschaftlicher Absicherung und einigen finanztechnischen Tips, was die reale Entwicklung in ihrem Selbstlauf lange schon dabei war, den Wirtschaftspolitikern aufzun&#246;tigen, was aber im Lichte der klassischen National&#246;konomie nur als S&#252;ndenfall erscheinen konnte. Die Ausdehnung der Staatst&#228;tigkeit, die den &#214;konomen bislang nur unter politischen Vorzeichen als &#246;konomiefremde Zumutung aufgezwungen worden war, f&#252;hrte die keynesianische Revolution in den &#246;konomischen Zust&#228;ndigkeitsbereich zur&#252;ck. Keynes leitete die Staatst&#228;tigkeit endlich aus dem wohlverstandenen Eigeninteresse des freien Marktes ab:</p>
<blockquote><p>&#8220;Der Zwang zur Intervention ergibt sich f&#252;r Keynes (als fundamental neoklassisch orientiertem Denker) jedoch nicht aus sozialstaatlichen oder gar staatssozialistischen &#220;berlegungen, sondern aus der strikt konservativen Einstellung, es gelte, die freie Wirtschaft um ihrer Selbsterhaltung willen in den Grenzen zu halten, innerhalb derer langfristiges Wachstum ohne Depression und Inflation m&#246;glich ist&#8221; <a name="F25"></a><a href="#FN25">25</a>.</p></blockquote>
<p>Dieser Grundzug der keynesianischen Wende bedeutete die Aufl&#246;sung jenes gordischen Knotens, in dem sich die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Zwischenkriegszeit hoffnungslos verheddert hatte. Die &#8220;keynesianische Revolution&#8221; beendete den permanenten Widerspruch zwischen dem &#252;berlieferten neoklassischen Dogma, das den Staat soweit wie irgend m&#246;glich aus dem Wirtschaftsleben heraushalten wollte, und der schn&#246;den Realit&#228;t, die sich dieser Lehre partout nicht mehr beugen wollte und ein ums andere mal die Ausdehnung der Staatsintervention erzwang. Endlich durften die Wirtschaftspolitiker ihr schlechtes Gewissen ablegen, und die aussichtslose Don Quichotte Existenz beenden, die sie jahrzehntelang f&#252;hren mussten, solange sie sich noch am neoklassischen Leitbild orientiert hatten.</p>
<p>Der &#220;bergang zum Keynesianismus bereinigte diese Situation. Die b&#252;rgerlichen Wirtschaftpolitiker durften endlich guten Gewissens und mit wirtschaftswissenschaftlichem Segen den Weg einschlagen, den die Pragmatiker unter ihnen von sich aus schon lange in Angriff genommen hatten. Keynes&#8217;, General Theory schob eine verallgemeinernde Rechtfertigung f&#252;r das nach, was der &#8220;gesunde Menschenverstand&#8221; wirtschaftswissenschaftlicher Vollblutdilettanten wie Roosvelt und Hitler bereits erprobt hatte, oder dabei war zu erproben.</p>
<h4>Die keynesianische Herausforderung und die Marxisten</h4>
<p>Wenn es auch offensichtlich ist, dass die Krise von 1929 durch falsche Wirtschaftspolitik, zumal durch den Verzicht auf sie, versch&#228;rft wurde, so w&#228;re es doch falsch, dieses Versagen zur Ursache der Krise zu erkl&#228;ren. Was Marx in Bezug auf seine Kritik der currency-theory und die Krise von 1847 schrieb, dass eine falsche Geldtheorie zwar krisenversch&#228;rfend wirken kann, aber niemals als der letzte Grund der Krise angesehen werden darf, das gilt selbstver&#228;ndlich auch f&#252;r die 29er Krise. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 w&#228;re sicher weniger hart ausgefallen, wenn die praktische Wirtschaftspolitik sich den ihr aus dem erreichten neuen Stadium der Wertvergesellschaftung entspringenden M&#246;glichkeiten und Aufgaben von vornherein gestellt h&#228;tte, sie w&#228;re aber deswegen nicht ersatzlos entfallen. Das Gedeihen der Weltwirtschaft und ihre Konjunkturen h&#228;ngen nicht urs&#228;chlich an der Anwendung &#8220;richtiger&#8221; oder &#8220;falscher&#8221;Theorien, weder im Guten noch im B&#246;sen, weder in der Krise noch im Aufschwung. Die &#8220;keynesianische Revolution&#8221; beseitigte zwar einige Hemmungen in den wirtschaftswissenschaftlichen K&#246;pfen, die einem Neuaufschwung unter den modernen Bedingungen im Weg standen, die Anwendung keynesianischer Grunds&#228;tze kann aber keinesfalls als letzte Ursache f&#252;r die &#220;berwindung der Krise verantwortlich gemacht werden. Die Entwicklung in jenen L&#228;ndern, in denen in den 30er Jahren eine protokeynesianische, antizyklische Wirtschaftspolitik verfolgt wurde, machen diesen Sachverhalt deutlich. Im faschistischen Deutschland etwa hob das staatliche deficit spending in der Aufr&#252;stungskonjunktur zwar das Besch&#228;ftigungsniveau erst einmal an, dieser Erfolg wurde allerdings mit einer immensen Staatsverschuldung bezahlt. Hitlerdeutschland stand Ende der 30er Jahre nur mehr vor der Wahl, &#252;ber kurz oder lang Staatsbankrott anzumelden oder, in der Hoffnung, die Begleichung der Rechnung auf die Schultern anderer Nationen umzuw&#228;lzen, die Flucht in den Weltkrieg anzutreten. Diese historische Alternative spricht nun aber keinesfalls f&#252;r die Praktikabilit&#228;t keynesianischer Krisenregulierung.</p>
<p>Trotz dieses abschreckenden Beispiels hat sich, geblendet vom realen Aufschwung der Weltwirtschaft nach dem 2.Weltkrieg, der Irrglaube durchgesetzt, die Ausdehnung staatlicher Nachfrage sei urs&#228;chlich verantwortlich f&#252;r den Nachkriegsboom. Diesen Ursache-Wirkung-Zusammenhang unterstellen nicht nur eingefleischte Keynesianer, gerade viele marxistisch orientierte Theoretiker kommen gleichfalls zu dieser Fehleinsch&#228;tzung. Auf der Suche nach den Wurzeln der Nachkriegsprosperit&#228;t streifen sie bestenfalls die Geschichte der Verdr&#228;ngung und Reabsorption lebendiger Arbeit im unmittelbaren Produktionsprozess, die, wenn wir die G&#252;ltigkeit der Marxschen Werttheorie voraussetzen, allein die reale Basis der &#246;konomischen Entwicklung abgeben kann, und konzentrierten sich vielmehr auf die Ver&#228;nderungen in der Wirtschaftspolitik <a name="F26"></a><a href="#FN26">26</a>. Mit dieser Schwerpunktsetzung stellt sich der reale Zusammenhang auf den Kopf und die permanente Ausdehnung der Staatst&#228;tigkeit erscheint als Motor des neuanlaufenden Akkumulationsschubs. Sie wird nicht als sekund&#228;res, aus den stofflichen Notwendigkeiten der Akkumulation auf einem bestimmten Produktivkraftniveau abzuleitendes Moment betrachtet, sondern wird zur logischen Basis der Akkumulationsbewegung umgebogen. Damit verschiebt sich die Ebene, von der Entwicklung und Reproduktion des Kapitalverh&#228;ltnisses abh&#228;ngt, aus der &#246;konomischen Sph&#228;re zur nun alles entscheidenden politischen Instanz. In dieser gelegentlich ins Paranoide umschlagenden Weltsicht markiert der &#220;bergang zum Keynesianismus die Emanzipation der Politik vom Selbstlauf des &#246;konomischen Prozesses und die Heraufkunft eines neuen, seiner selbst bewusst gewordenen und seine Entwicklung selber steuernden Kapitalismus. Diese Interpretation verfestigte sich in den 60er Jahren zum fast allgemeinverbindlichen linken Vorurteil. Das wachsende &#246;konomische Gewicht des Staates wird als Vordringen eines anderen ausser&#246;konomischen Prinzips ins Wirtschaftsleben missverstanden und f&#228;lschlich als zunehmende Zur&#252;ckdr&#228;ngung der verselbst&#228;ndigten privaten Wert- und Profitlogik identifiziert. Die Spukgestalt einer gemischten Wirtschaft, in der die der &#8220;Profitlogik&#8221; enthobene &#246;ffentliche Sph&#228;re weiter an Gewicht gewinnt, geht um. Im wesentlichen macht sich diese Sicht an der nach dem Krieg entscheidend anwachsenden staatlichen Nachfrage fest. Die Ausdehnung der Staatsquote gilt per se als Indikator f&#252;r die wachsende Potenz der &#8220;Globalsteuerung&#8221; und wird zum Garanten f&#252;r die innere Stabilit&#228;t des kapitalistischen Molochs. Eine zentrale Stellung nimmt in diesem Zusammenhang die &#246;konomische Deutung von Wettr&#252;sten und Kriegsproduktion ein. Unter dem Stichwort &#8220;Warfarestaat&#8221; geh&#246;rte es w&#228;hrend der Zeit des Vietnamkriegs zu den Standardvorw&#252;rfen gegen das bestehende kapitalistische System, seinen &#246;konomischen Erfolg aus Verschwendung, R&#252;stungsproduktion und V&#246;lkermord herzuleiten,um es damit madig zu machen. Diese Interpretation war (und ist) nicht nur popul&#228;r, sie war auch in der linken theoretischen Diskussion vorherrschend und spukt heute noch in der einen oder anderen Version durch den linkssozialistischen &#8220;Diskurs&#8221;. Der recht umfang- und einflussreiche, von der Frankfurter Schule herkommende Theoriestrang etwa sucht durchg&#228;ngig die Erkl&#228;rung f&#252;r die jahrzehntelange Vollbesch&#228;ftigungsphase ausser in planm&#228;ssiger Verschwendungsproduktion in erster Linie im Expandieren der Milit&#228;rausgaben. Neben den Frankfurtern und ihren Adepten reiten die unterkonsumtionstheoretisch orientierten marxistischen &#214;konomen mit besonderer Begeisterung auf dieser Vorstellung herum. F&#252;r Baran und Sweezy etwa schrumpft der Unterschied zwischen der Depression der 30er Jahre und dem Boom der 50er auf die rasant gestiegenen R&#252;stungsausgaben und die daraus vermeintlich entspringende Produktion und Absorption von zus&#228;tzlichem Surplus:</p>
<blockquote><p>&#8220;Der Unterschied zwischen der tiefen Stagnation der Dreissiger- und der relativen Prosperit&#228;t der F&#252;nfzigerjahre geht v&#246;llig auf die hohen R&#252;stungsausgaben in den F&#252;nfzigerjahren zur&#252;ck. 1939 zum Beispiel waren 17.2 Prozent der Arbeitskr&#228;fte ohne Besch&#228;ftigung, und von den &#252;brigen m&#246;gen 1.4 Prozent mit der Produktion von G&#252;tern und Dienstleistungen f&#252;r die R&#252;stung besch&#228;ftigt gewesen sein. Gut 18 Prozent der Arbeitskr&#228;fte waren, mit anderen Worten, entweder arbeitslos oder von Besch&#228;ftigungen abh&#228;ngig, die aus dem R&#252;stungsetat finanziert wurden. 1961 .. waren die vergleichbaren Ziffern 6.7 Prozent Arbeitslose und 9.4 Prozent Arbeitskr&#228;fte, die von R&#252;stungsausgaben abhingen, insgesamt also 16 Prozent. Man k&#246;nnte diese Rechnungen vervollkommnen oder verfeinern, ohne dass sich an der allgemeinen Schlussfolgerung etwas &#228;ndern w&#252;rde: Der Prozentsatz an Arbeitskr&#228;ften, die entweder unbesch&#228;ftigt oder von R&#252;stungsausgaben abh&#228;ngig sind war 1961 etwa der gleiche wie 1939. Daraus folgt, dass die Arbeitslosigkeit w&#252;rde der R&#252;stungshaushalt auf den Umfang von 1939 reduziert, ebenfalls wieder die Ausmasse von 1939 annehmen w&#252;rde&#8221; <a name="F27"></a><a href="#FN27">27</a>.</p></blockquote>
<p>Mit ihrer flachen Unterkonsumtionsvorstellung, in der unproduktiver Staatskonsum f&#252;r die mangelhafte Nachfrage der ausgebeuteten Arbeitermassen in die Bresche springen muss, transportieren unsere beiden Mac-Donalds-Marxisten ein f&#252;r die marxistische &#246;konomische Nachkriegsdebatte insgesamt charakteristisches Motiv. Wie Baran und Sweezy so leugnen auch alle anderen aus der Marxschen Tradition kommenden &#214;konomen schlicht die Realit&#228;t der Prosperit&#228;t oder verharmlosen den Nachkriegsboom zu einem unwesentlichen, zuf&#228;lligen Strohfeuerchen. Nicht nur Ernest Mandel zerredet den Nachkriegsaufschwung bis zur Unkenntlichkeit und l&#228;sst ihn lediglich aus einem B&#252;ndel f&#252;r das Kapital &#228;usserst g&#252;nstiger Umst&#228;nde resultieren, auch in den ernsthafteren Versuchen, die Nachkriegsentwicklung theoretisch in den Griff zu bekommen, wiederholt sich dieser Tenor und der Boom wird allzu gern zum Boomchen miniaturisiert. Paul Mattick etwa, dessen Ansatz ansonsten keinesfalls mit den die Schwachsinnsgrenze streifenden Milchm&#228;dchenrechnungen der Mac-Donalds-Marxisten und der trotzkistisch bornierten Harmlosigkeit auf eine Stufe gestellt werden kann, verf&#228;llt ebenfalls dieser Versuchung und bagatellisiert schamlos den Stellenwert des selbsttragenden Aufschwung der kapitalistischen Weltwirtschaft. Er rutscht bedrohlich in die N&#228;he der Position von Sweezy und Baran ab und schreibt &#252;ber die USA:</p>
<blockquote><p>&#8220;Aber da die Arbeitslosigkeit nicht unter vier Prozent der Gesamtbesch&#228;ftigung fiel und die Produktionskapazit&#228;t keine volle Ausnutzung fand, ist es mehr als wahrscheinlich, dass ohne den &#8216;&#246;ffentlichen Konsum` der Aufr&#252;stung und Menschenschl&#228;chterei die Arbeitslosenzahl weit h&#246;her gestanden h&#228;tte, als es tats&#228;chlich der Fall war. Und da ungef&#228;hr die H&#228;lfte der Weltproduktion auf Amerika f&#228;llt, liess sich trotz des Aufschwungs in Westeuropa und Japan nicht von einer v&#246;lligen &#220;berwindung der Weltkrise sprechen, und besonders dann nicht, wenn die unterentwickelten L&#228;nder in die Betrachtung mit einbezogen werden. So lebhaft die Konjunktur auch war, so bezog sie sich doch nur auf Teile des Weltkapitals, ohne es zu einem allgemeinen die Weltwirtschaft umfassenden Aufschwung zu bringen&#8221; <a name="F28"></a><a href="#FN28">28</a>.</p></blockquote>
<p>In dieser mit schon beneidenswerter Ignoranz gesegneten Interpretation wird aus einer Epoche, die historisch einmalige, weder vorher noch nachher je ann&#228;hernd erreichte Wachstumsraten mit sich brachte, ein halbherziger Wiederaufschwung, wie er nun einmal auf jede &#8220;zyklische Krise&#8221;, wenn sie sich ersch&#246;pft hat, irgendwann folgen muss. Aufschlussreich f&#252;r diese verharmlosende Herangehensweise sind die Ursachen, die Paul Mattick f&#252;r den relativen Wiederaufschwung anzugeben weiss. Die Nachkriegskonjunktur hat keine eigenen positiven Ursachen, sie ist f&#252;r ihn lediglich das Echo der Weltwirtschaftskrise und des verheerenden Weltkriegs, die relative Stabilisierung, die die vorhergegangene katastrophale Entwicklung irgendwann nach sich ziehen muss. Um die Nachkriegskonjunktur zu erkl&#228;ren, beschr&#228;nkt er sich n&#228;mlich auf den obligatorischen Hinweis auf die in jeder zyklischen Krise sich vollziehende Kapitalvernichtung und die parallell dazu stattfindende Erh&#246;hung der Mehrwertrate und stellt dabei den Krieg als Verst&#228;rker in Rechnung:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Kombination fortw&#228;hrender Kapitalvernichtung w&#228;hrend der langen Depressionsperiode mit der enormen Akzeleration dieses Prozesses durch die Zerst&#246;rung von Kapitalwerten w&#228;hrend des Krieges fand das &#252;berlebende Kapital in einer ver&#228;nderten Welt, in der die gegebene Profitmasse einem weithin verringerten Kapital zugute kam und dessen Rentabilit&#228;t entsprechend vermehrte. Gleichzeitig erlaubte die durch den Krieg forcierte technische Entwicklung eine bedeutsame Erh&#246;hung der Arbeitsproduktivit&#228;t, die, in Verbindung mit der ver&#228;nderten Kapitalstruktur, die Profitabilit&#228;t des Kapitals gen&#252;gend anhob, um Produktion und Produktionsapparat zu vergr&#246;ssern&#8221; <a name="F29"></a><a href="#FN29">29</a>.</p></blockquote>
<p>Das zentrale Problem, die technische Entwicklung und ihre R&#252;ckwirkung auf die Wertproduktion (Reabsorption oder Verdr&#228;ngung lebendiger Arbeit), blendet Mattick aus oder versch&#252;ttet sie vollkommen unter allgemeinsten Leerformeln. Den technischen Fortschritt nimmt er nur unter zwei Gesichtspunkten wahr. Einerseits und in erster Linie unter dem Vorzeichen der Erh&#246;hung der Mehrwertrate und andererseits unter dem Gesichtspunkt der Verbilligung der Elemente des konstanten Kapitals. Beides sind f&#252;r ihn unmittelbare Ergebnise der Kapitalvernichtung in der Krise. Unter diesem beschr&#228;nkten Blickwinkel bleibt der Nachkriegsboom ein retardierender Reflex innerhalb des kapitalistischen Krisenprozesses und die &#8220;grosse Depression&#8221; im Kern un&#252;berwunden. Auch nach dem Krieg bleibt die aus dem Gesetz vom tendenziellen Fall resultierende Schwierigkeit f&#252;r die Kapitalverwertung im wesentlichen akut. Auch Mattick landet dann aus der Erkl&#228;rung der unverkennbaren &#8220;relativen Stabilisierung&#8221; des kapitalistischen System bei der wachsenden Rolle des Staates. In seinem Konzept einer &#8220;gemischten Wirtschaft&#8221; kommt er dabei der Sicht von Baran/Sweezy unfreiwillig recht nahe. Auch er meint, die Krise der 30er wirkt im Grunde immer noch fort, sie wird aber in ihrer Wirksamkeit vom keynesianischen Interventionsstaat &#252;berlagert. Die Zusammenbruchstendenz existiert unver&#228;ndert weiter, ihr gelingt es nur nicht mehr, empirisch in Erscheinung zu treten <a name="F30"></a><a href="#FN30">30</a>. Die oft schon komisch wirkenden Verrenkungen, mit denen Mattick seine vom Vorkriegstheoretiker Henryk Grossmann &#252;bernommene Zusammenbruchstheorie vor der drohenden Falsifizierung durch den realen Nachkriegsboom zu retten versucht, zeigen exemplarisch, wie wenig die marxistischen Nachkriegs&#246;konomen bereit waren, die Ver&#228;nderungen der Akkumulationsbedingungen anzuerkennen und sie im Lichte der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie zu analysieren. Sie begn&#252;gten sich in ihrem ureigensten Bereich damit, die &#252;berlieferten Motive der Nachkriegsdebatte zu variieren und dankten de facto ab. Statt die bisherige Theoriebildung kritisch zu durchleuchten, bewegte sich die innermarxistische Debatte stur auf den Holzwegen weiter, auf denen sie schon zur Erkl&#228;rung der 29 er Krise und ihrer Vorg&#228;nger real hatte nichts beitragen k&#246;nnen, und m&#252;hte sich im besten Fall damit ab, die verborgenen Krisentopoi als im Nachkriegsboom noch immer existent nachzuweisen. Die marxistische Polit&#246;konomie trat steril auf der Stelle und hantierte mit handgeschneiderten Erg&#228;nzungen, um die Fortschreibung der &#252;berlieferten Theoreme irgendwie zu legitimieren. Der offensichtliche Triumph der kapitalistischen Produktionsweise f&#252;hrt zum R&#252;ckzug in die Wagenburg. Die letzten Getreuen gruben sich in den obsolet gewordenen Stellungen ein und bewahrten sich ihre &#8220;marxistische&#8221; Identit&#228;t im z&#228;hen Bem&#252;hen, das arg gefledderte tradierte F&#228;hnchen weiterhin hochzuhalten. Krisentheoretisch lief das darauf hinaus, den schon Anno 29 gebrochenen Stab dem Kapital weiterhin um die Ohren zu hauen. Aus dem kleinen H&#228;ufchen marxistischer Nachkriegs&#246;konomen echot noch einmal das gleichen Verdikt, das schon die divergierenden klassischen marxistischen Krisentheorien &#252;ber den Vorkriegskapitalismus gesprochen haben. Faktisch lief dieses Festkrallen an den &#252;berlieferten Krisentheorien freilich auf die Selbstaufgabe jedes krisentheoretischen Ansatzes hinaus. Denn wenn die alten Theoreme zutreffend die Krisengesetzm&#228;ssigkeit des kapitalistischen Systems beschrieben haben sollen, gleichzeitig aber der moderne Kapitalismus partout nicht die geringsten Anstalten macht, in gewohnter Weise in Stagnation zu verfallen, so konnte dieser Widerspruch nur aufgel&#246;st werden, wenn bewusst oder stillschweigend eine grunds&#228;tzliche Metamorphose des Kapitalverh&#228;ltnisses angenommen wurde. Wenn die tradierten marxistischen Krisentheorien die bisherigen Krisen befriedigend erkl&#228;rt haben, so m&#252;ssen sie sich zur Nachkriegsrealit&#228;t wie die Newtonsche Physik zu den in der allgemeinen Relativit&#228;tstheorie beschriebenen Ph&#228;nomenen verhalten. Das sture Festhalten an den Standpunkten der Vorkriegskrisendebatte, verwandelte ein Herzst&#252;ck marxistischer Theorie in ein nebens&#228;chliches, gegen&#252;ber einer ver&#228;nderten Wirklichkeit letztlich bedeutungslos gewordenes Abstellgleis. Der reale Nachkriegsboom konnte in die &#252;berholten Konzeptionen nicht wirklich eingearbeitet werden und blieb ein &#228;usseres st&#246;rendes Faktum. Die M&#246;glichkeit eines derart langen und gr&#252;ndlichen Aufschwungs war im Horizont keiner der landl&#228;ufigen Krisentheorien enthalten, und so liessen sie sich mit der realen Entwicklung nur verquer und gewaltsam auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Die marxistischen Krisentheoretiker konnten mit ihren &#252;berlieferten Theoremen den Boom nicht plausibel erkl&#228;ren und schrieben ihn daher dem Vordringen &#8220;ausser&#246;konomischer Faktoren&#8221; zugute. Der Unterschied zwischen Vorkriegsdepression und Nachkriegsboom schrumpfte im Kern auf das neue Ph&#228;nomen des &#8220;keynesianischen Interventionsstaats&#8221;. Er galt als die vermeintlich schlagende politische Antwort des Kapitals auf seine inner&#246;konomisch un&#252;berwindbare Krise, die in der Lage war, den klassischen Krisenmechanismus auszuhebeln. In dieser Interpretation der marxistischen &#214;konomen wurde der Siegeszug des Keynesianisums gleichbedeutend mit dem Sieg der politischen Sph&#228;re &#252;ber die Eigengesetzlichkeit der &#214;konomie, und so war die Reproduktion des Kapitals im G&#252;ltigkeitsbereich der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie gar nicht mehr voll zu erfassen. Die blinde Nibelungentreue zu den klassischen marxistischen Krisentheorien, die Leugnung eines sellbsttragenden Akkumulationsschubs, m&#252;ndete ganz folgerichtig in den Abschied von der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie. Die polit&#246;konomische Debatte rutschte in der marxistischen Binnentheoriegeschichte an den Rand und blieb das Steckenpferd weniger verstreuter Spezialisten ohne breitere Resonanz. Das Interesse konzentrierte sich von nun an auf politische und legitimatorische Fragestellungen, von denen unter den neuen Bedingungen die Existenz und Lebenskraft des Kapitalverh&#228;ltnisses allein abzuh&#228;ngen schien. Diese Verschiebung des theoretischen Interesses der Marxisten ist vor dem Hintergrund einer scheinbar endlosen Boomphase, in der die innere Widerspr&#252;chlichkeit des Akkumulationsprozesses innerhalb der &#246;konomischen Sph&#228;re nicht mehr sp&#252;rbar war, vielleicht verst&#228;ndlich. Die einseitige Orientierung auf die politische Sph&#228;re endete aber keineswegs mit der ihr zugrundeliegenden krisenfreien Konjunkturentwicklung, sie ist auch heute noch das Nonplusultra aller linker Ans&#228;tze. Selbst f&#252;r die theoretisch interessierten Teile der Linken, die sich mit wirtschaftlichen Fragen intensiv auseinandersetzen und sich daher der Krisenwirklichkeit nicht einfach verschliessen k&#246;nnen, ist das Ausweichen vor dieser Realit&#228;t in die politische Sph&#228;re zum unumst&#246;sslichen Paradigma geworden. Aus diesem Impuls speist sich im wesentlichen die intensive und begeisterte Keynesrezeption bei den Linkssozialisten. Der politizistische Zauberlehrling bleibt bei der verzweifelten Hoffnung auf den Spielraum politischer Entscheidungen, auch wenn sich der l&#228;ngst geb&#228;ndigt geglaubte D&#228;mon der Wertlogik, lebenskr&#228;ftiger und irrationaler denn je, neu erhebt. Fortschrittliche, reformorientierte Politik soll richten, was der Selbstlauf des &#246;konomischen Prozesses anrichtet, und ihn an ihren Z&#252;gel nehmen. Besonders plastisch pr&#228;sentiert Harald Mattfeldt von der SOST das realit&#228;tsblinde Festkrallen am Politikasterzauberst&#228;bchen. In seinen Kommentaren zu einer Auswahl aus den Werken von Keynes entbl&#246;det er sich nicht, die Hosen bis zu den Kn&#246;cheln herunterrutschen zu lassen, und greint:</p>
<blockquote><p>&#8220;Wenn auch der Staat ganz selbstverst&#228;ndlich nicht ein anderes Prinzip gegen&#252;ber der Wert- und Profitlogik verk&#246;rpert, sondern immer nur das abstrakt allgemeine Interesse gegen gesonderte Einzelinteressen durchsetzen kann, so bleibt mit der Entwicklung der Wertvergesellschaftung doch immer ein Spannungsverh&#228;ltnis zwischen den verschiedenen Ebenen und Formen, in der sich die Wertbeziehung gesellschaftlich durchsetzt. Die Freiheit des Staates&#8230;.&#8221;Der &#8216;linke` Keynesianismus ist also ein Versuch, das politische System mit seinen zentralen Institutionen, insbesondere dem Parlament, und seinen Rationalit&#228;ten (&#8216;Eigengesetzlichkeiten`) als Schutzschild gegen die &#246;konomischen Gesetzm&#228;ssigkeiten des Kapitalismus zu mobilisieren und sie mit Hilfe dieses Schildes zur&#252;ckzudr&#228;ngen. So k&#246;nnen profitlogisch verd&#252;nnte oder &#8216;befreite Gebiete`, Basen geschaffen werden, von denen aus weitere Schritte &#252;berlegt und unternommen werden k&#246;nnen. Diese Position wird manchmal als &#8216;falsche Staatstheorie` bezeichnet, da der Mechanismus des politischen Systems gerade, im Prinzip zumindest, stromlinienf&#246;rmig auf die Bed&#252;rfnisse des Kapitalismus zugeschnitten sei. Aber wenn nicht im &#246;konomischen System und nicht durch das politische System und &#252;ber dieses eine Politisierung der &#214;konomie m&#246;glich sein soll, wie denn dann? Hoffen auf die &#8216;Superkrise` mit ihrer gef&#228;hrlichen konservativen bis reaktion&#228;ren Dynamik&#8221; <a name="F31"></a><a href="#FN31">31</a>?</p></blockquote>
<p>Mattfeldt zieht mit aufgepflanzter weisser Fahne aufs theoretische Schlachtfeld. Seine bescheidene Logik lautet: Die Krise darf nicht sein, sie w&#252;rde ja die Grundlagen jeder reformistischen Strategie zertr&#252;mmern, deshalb wird sie auch nicht sein! Seine Kriegserkl&#228;rung an jede moderne Version einer &#8220;Zusammenbruchstheorie&#8221; kommt einer bedingungslosen Kapitulation gleich.</p>
<p>Diese erbarmungsw&#252;rdige Selbstentbl&#246;ssung des Politikasterdogmas ist recht jungen Datums. Erst die Krise enth&#252;llt r&#252;cksichtslos den Glauben an die souver&#228;ne Herrschaft des wirtschaftspolitischen Instrumentariums &#252;ber die herrschende Wertlogik als Treppenwitz und ebnet der Einsicht den Weg, dass die politische Sph&#228;re nur als abgeleitete Ebene des Wertverh&#228;ltnisses gefasst werden kann und immer allen Unbilden unterworfen bleibt, die die Realakkumulation auch weiterhin treffen <a name="F32"></a><a href="#FN32">32</a>. Fruchtlos f&#252;r die reale theoretische Durchdringung des zeitgen&#246;ssischen Kapitalismus war der Irrglaube an die Selbstregulierungsf&#228;higkeit des keynesianisch moderierten Kapitalismus aber von Anbeginn an. Er blamiert sich im Grunde nicht erst an der Krise der 80er, sondern schon bei der Erkl&#228;rung des &#8220;Wirtschaftswunders&#8221;.</p>
<p>Die Suche nach den Ursachen muss die Wertproduktion zum Ausgangspunkt nehmen, eine Ebene also, in die das keynesianische Begriffsinstrumentarium, das die verwaschene Kategorie &#8220;Einkommen&#8221; als Grundlage hat, &#252;berhaupt nicht hineinreicht. Die letzte Ursache f&#252;r die &#220;berwindung der Weltwirtschaftskrise war keineswegs der keynesianische Interventionsstaat, seine Durchsetzung und Verallgemeinerung war nur ein begleitendes Moment eines selbsttragenden Aufschwungs. Das Ende der Depression, der &#220;bergang zu einer neuerlichen, in der Geschichte des Kapitalismus einmaligen Prosperit&#228;tsphase, ist allein von den produktiven Grundlagen her erkl&#228;rbar.Die ungeahnte Bl&#252;te der kapitalistischen Weltwirtschaft entsprang aus einer bemerkenswerten Verbreiterung der Verwertungsbasis. Die Weltwirtschaft konnte sich nicht aus ihrem Tief befreien, weil der Staat ansonsten brachliegendes Kapital an sich zog und Menschen dar&#252;ber in Brot und Arbeit setzte, sondern weil die Umstrukturierung der stofflichen Produktion seit den 40er Jahren neue Industriezweige schuf, die massenhaft bis dahin freigesetzte lebendige produktive Arbeit reabsorbierte und die Verwertungsbasis des Kapitals insgesamt sprunghaft absolut ausdehnte. Die fordistische Umw&#228;lzung der Produktionsstruktur liess auf breiter Front neue Industriezweige entstehen, deren technische Struktur die massenhafte Einsaugung lebendiger Arbeit bedingte und so zu einem sprunghaften absoluten Wachsen der produzierten Wertmasse f&#252;hrte. An erster Stelle ist hier nat&#252;rlich die Automobilindustrie zu nennen. (Die Massenmotorisierung wurde zu einer der tragenden S&#228;ulen des Nachkriegsbooms; noch heute h&#228;ngt bekanntlich in der BRD jeder 7. Arbeitsplatz am Auto.) Aber auch die Massenproduktion anderer Konsumg&#252;ter beruhte auf &#228;hnlichen technologischen Gundlagen und zeitigte daher die gleichen &#246;konomischen Folgen. Die verschiedenen Teilstr&#246;me neu eingesaugter unmittelbarer Produktionsarbeit vereinigten sich zum &#8220;fordistischen Akkumulationsschub&#8221;. Die sprunghafte Erweiterung der realen Basis der Wertsch&#246;pfung l&#246;ste dabei gleichzeitig das Realisationsproblem. Die Ausdehnung der produktiv vernutzten lebendigen Arbeit schuf durch ein rasantes Wachstum der Lohnsumme (Reallohnanstieg und Wachstum der Besch&#228;ftigtenzahl in den wertproduktiven Bereichen) die n&#246;tige Massenkaufkraft. Die fordistische Massenproduktion erzeugte den notwendigen Massenkonsum aus ihrer eigenen Logik heraus selber, und das auf den 2.Weltkrieg folgende Vierteljahrhundert stand im Zeichen eines sich selbst tragenden weltweiten Booms.</p>
<p>F&#252;r die Genese dieser wohl alle Zeitgenossen &#252;berraschende Entwicklung war die Ausdehnung der Staatst&#228;tigkeit keineswegs ohne Belang. Ihre Bedeutung lag aber auf einer ganz anderen Ebene als es der popul&#228;re keynesianische Irrglauben annahm. Der Staatsnachfrage kam durchaus eine Katalysatorfunktion zu. Sie betraf aber nicht die Absorption von &#8220;&#252;bersch&#252;ssigem Surplus&#8221;, sondern bezog sich auf die beschleunigte Ver&#228;nderung der technischen Struktur der Produktion. An der Wiege der neuen Massenproduktion stand zun&#228;chst die Produktion f&#252;r den totalen Krieg. Die Erfordernisse der Kriegswirtschaften erzwangen die Verallgemeinerung der neuen fordistischen Prinzipien. Die Herstellung genormten Kriegsger&#228;ts in hohen St&#252;ckzahlen (Panzer, Flugzeuge, Schiffe, dazu geh&#246;rige Basisindustrien etc.) gab technologisch die Matrix ab, nach der sich die Produktion der &#8220;zivilen&#8221; Massenkonsumg&#252;ter ausrichtete. In diesem Sinne legte die Kriegswirtschaft den Keim zum Nachkriegsboom.</p>
<p>Wenn wir die Nachkriegswirtschaft betrachten und damit allgemein zum Zusammenhang zwischen der Ausdehnung der Staatsquote und dem fordistischen Akkumulationsschub durchstossen, so wiederholt sich auf einer ganz anderen Ebene diese prim&#228;r stofflich-technologische Verkn&#252;pfung von Staatsnachfrage und fordistischem Akkumulationsschub. Entscheidend f&#252;r die unaufhaltsame Expansion der Staatsquote war nicht deren Nachfragewirksamkeit, entscheidend waren die ver&#228;nderten Erfordernisse der stofflichen Produktion und Reproduktion. Der Vergesellschaftungsschub, den der &#220;bergang zum &#8220;fordistischen Akkumulationsmodell&#8221; mit sich brachte, f&#252;hrte zu einer sprunghaften Ausdehnung von Bereichen, die f&#252;r die gesellschaftliche Reproduktion unumg&#228;nglich waren, sich aber einzelkapitalistischer Verwertung entzogen und daher dem Staat anheim fielen. Die Zunahme der produktiv vernutzten unmittelbaren Produktionsarbeit erforderte parallel dazu umf&#228;ngliche Investitionen in die gesamtgesellschaftliche Infrastruktur, die selber aber auf breiter Front keinesfalls Warenform annehmen kann. Die nach dem Krieg anlaufende Massenmotorisierung etwa verlangte nicht nur die Massenproduktion von Automobilien, sie erforderte genauso die Schaffung eines umf&#228;nglichen Strassennetzes. Besonders krass f&#252;hrt uns diesen Sachverhalt vielleicht die stetige Ausdehnung der Bildungsinstitutionen vor Augen, die in allen wichtigen kapitalistischen L&#228;ndern unabh&#228;ngig von deren politischen Pr&#228;ferenzen sich unaufhaltsam durchsetzte. Die neuen Methoden wissenschaftlicher Betriebsf&#252;hrung und die betriebswirtschaftliche Verwertung moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnisse bed&#252;rfen selbstverst&#228;ndlich eines entsprechenden Menschenmaterials. Die fordistischen Fabriken kommen nicht mit gut konditionierten, Kn&#246;pfchen dr&#252;ckenden Halbaffen, wie sie Taylors grosser Vision entsprachen, aus. Sie h&#228;ngen am anderen Pol ebenso von einem umf&#228;nglichen Reservoir qualifizierter Arbeitskr&#228;fte ab. Diese menschliche Potenz kann aber weder im Naturzustand von den B&#228;umen gesch&#252;ttelt werden, noch sind die erforderlichen zugrundeliegenden allgemeinen Qualifikationsmerkmale daf&#252;r geeignet, im Einzelbetrieb unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten vermittelt zu werden. Mit dem wachsenden Gewicht allgemeiner, betriebsunspezifischer Qualifikationen im Arbeitsprozess wird es daher mehr und mehr zur Staatsfunktion, f&#252;r die Bereitstellung eines ad&#228;quaten Arbeitskr&#228;ftepotentials zu sorgen, und die allgemein-qualifizierenden Bildungsinstitutionen schwellen in einem historisch einmaligen Umfang an. Der &#220;bergang vom &#8220;Bildungsnotstand&#8221; zur &#8220;Bildungsschwemme&#8221; ist kein historischer Ausrutscher, der von allzu reformfreudigen Politikern verursacht worden w&#228;re, er entspringt notwendig dem allgemeinen Widerspruch, in dem sich das fordistische Akkumulationsmodell bewegt und an dem es schliesslich zugrundegeht. Der armselige Selbstzweck der Verwertung des Werts bricht sich an den Mitteln, derer er sich bedienen muss. Die Produktion des stofflichen Reichtums wird zusehends abh&#228;ngig von der Leistung gesamtgesellschaftlicher Aggregate (Infrastruktur etc.), deren Anteil an der Herstellung von Gebrauchswerten sich nicht als Tauschwert darstellen kann <a name="F33"></a><a href="#FN33">33</a>. Der Widerspruch zwischen der allein herrschenden Wertbeziehung und den stofflichen Inhalten, die sich dieser Form energisch entziehen, kann unter kapitalistischen Bedingungen nur durch die Verstaatlichung dieser zentralen Sektoren &#252;berbr&#252;ckt werden. F&#252;r die Verwertung des Kapitals hat diese Entwicklung prek&#228;re Folgen, denn wenn die &#246;ffentlichen Arbeiten sich der Tauschwertproduktion sperren, so heisst das nat&#252;rlich nicht, dass sie in einer warenproduzierenden Gesellschaft deshalb kostenlos w&#228;ren. Im Gegenteil. Die vom Staat f&#252;r diese Aufgaben verausgabten Mittel k&#246;nnen nur durch Steuern, sprich Umverteilung aus dem wertproduktiven Bereich aufgebracht werden. In einer vom Wert konstituierten Gesellschaft nehmen auch die in ihrer Zwecksetzung von vornherein gesellschaftlichen Arbeiten Geldform an. Sie k&#246;nnen es aber nicht als positiver Beitrag zur Wertsch&#246;pfung, sondern nur als faux frais. Der Staatskonsum ist real und nicht nur in der monetaristischen Propaganda eine schwere B&#252;rde f&#252;r die private Kapitalakkumulation. Stofflich zwar unumg&#228;nglich notwendig, wird sein exponentielles Wachstum vom Standpunkt der Tauschwertproduktion zum kaum tragbaren Luxus. Dieser Doppelcharakter f&#252;hrt dazu, dass der gigantisch gewachsene Staatskonsum in der Akkumulationskrise zum zus&#228;tzlichen und versch&#228;rfenden Moment wird (ein Moment, das in allen bisherigen Krisen kaum eine Rolle spielte), trotzdem aber auch unter Krisenbedingungen nicht beliebig zusammengestrichen werden kann. Da die Ausdehnung der Staatsquote nicht einfach das Eigengew&#228;chs der politischen Sph&#228;re und das Ergebnis der siegreichen K&#228;mpfe der Arbeiterklasse ist, wie es die Linkssozialisten in ihren Schriften so gerne phantasieren, sondern schlicht und platt den Notwendigkeiten des stofflichen und gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses auf fortgeschrittenem Produktivkraftniveau entspringt <a name="F33a"></a><a href="#FN33a">33a</a>, kann der Welfarestate auch nicht durch anders gelagerte politische Entscheidungen still und heimlich r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden, ohne den Reproduktionsprozess der Kapitalien wiederum, diesmal von der stofflichen Seite her in Frage zu stellen <a name="F34"></a><a href="#FN34">34</a>. Wie wir das Problem auch drehen und wenden, der grunds&#228;tzliche Antagonismus zwischen zunehmender Vergesellschaftung der Produktion und ihrer Formbestimmtheit durch den Tauschwert setzt sich auch in Bezug auf den Staatkonsum durch. Er erscheint hier als Widerspruch zwischen der wachsenden Notwendigkeit staatlicher Eingriffe f&#252;r die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses einerseits und der wachsenden finanziellen Last, die er f&#252;r die wertproduktiven Sektoren andererseits bedeutet. In den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg wurde dieses Problem nur deshalb (noch) nicht akut, weil das Anwachsen der produktiv vernutzten, unmittelbaren Produktionsarbeit die Expansion des staatlichen Sektors und anderer wertm&#228;ssig unproduktiver Bereiche in seinem Windschatten noch mehr als kompensierte. Trotz dieser g&#252;nstigen Rahmenbedingungen war die &#246;ffentliche Hand aber schon w&#228;hrend der Boomphase nicht in der Lage, ihre laufenden Ausgaben aus dem laufenden Steueraufkommen allein zu bestreiten. Weit entfernt, dem Keyneschen Konzept folgend die Staatsausgaben antizyklisch zu regulieren, wich die abstrakte Allgemeinheit schon sehr fr&#252;h bei der Mittelbeschaffung auf den Kreditmarkt aus und l&#246;ste ihre aktuellen Finanzprobleme durch einen Wechsel auf k&#252;nftiges gesteigertes Wirtschaftswachstum. Schon in den Jahren der Hochkonjunktur stieg die Staatsverschuldung in allen kapitalistischen Kernl&#228;ndern langsam aber kontinuierlich an. Im Wirtschaftswunderland Deutschland, das auf diesem Gebiet noch einen sehr vorsichtigen, &#8220;konservativen&#8221; Kurs fuhr, bewegte sich die Kreditmarktneuverschuldung von Bund, L&#228;ndern und Kommunen 1950 bei 1,22 Mrd. DM, kletterte 1960 auf 20,1 Mrd. und erreichte 1970, gegen Ende der Boom&#228;ra bereits 91.52 Mrd. DM. Der s&#228;kulare Trend zur Finanznot der &#246;ffentlichen Hand, der sich schon in &#8220;guten Zeiten&#8221; durchgesetzt hatte, musste sich mit dem Abflachen der Konjunktur enorm versch&#228;rfen. 1980 erreichte die Kreditmarktneuverschuldung bereits 430,75 Mrd DM, und auch die Wenderegierung brachte keine Ver&#228;nderung sondern nur eine weitere Zuspitzung dieser Entwicklung. Die Verschuldung der &#246;ffentlichen Haushalte in der BRD kletterte im Zeitraum von 1980 bis 1987 von 468,61 Mrd DM auf 848,36 Mrd DM <a name="F35"></a><a href="#FN35">35</a> Das f&#252;r die 80er Jahre charakteristische Nebeneinander von erschlaffter Realakkumulation <a name="F36"></a><a href="#FN36">36</a> und exponentiell steigender Staatsverschuldung kann als empirischer Beleg daf&#252;r genommen werden, wie wenig die Nachfragewirkung wachsender &#246;ffentlicher Ausgaben als dauerthaftes Subsitut f&#252;r erlahmende &#8220;private Nachfrage&#8221; taugt. Trotzdem bleiben alle reformistischen Krisenbew&#228;ltigungskonzepte permanent in dieser Denkfigur stecken. Die linkssozialistische Platte hat hier ihren Sprung. W&#228;hrend das st&#228;ndig wiederholte Credo: &#8220;kreditfinanzierte Ausdehnung des Staatskonsums&#8221; von Umlauf zu Umlauf schriller klingt, bemerken die eifrigen Protagonisten diesen Umstand gar nicht. Sie empfehlen agnz unbek&#252;mmert und vertrauensselig man m&#246;ge das lodernde Krisenfeuer doch mit Napalm zu l&#246;schen. Mit armseligsten und abgeschmacktesten Fassung dieses ausgelutschten Gedankens, geht wohl derzeit Karl Georg Zinn hausieren. Schon 1986 schrieb er seine bedingungslose Liebeserkl&#228;rung an den Staatskredit.</p>
<blockquote><p>&#8220;Die &#246;konomisch verst&#228;ndliche Vorliebe f&#252;r &#8216;produktive` Kredite hat&#8230;manche &#214;konomen und Wirtschaftspolitiker gegen&#252;ber der Tatsache blind werden lassen, dass es f&#252;r die gesamtwirtschaftliche Stabilit&#228;t immer noch besser ist, Kredite f&#252;r &#8216;unproduktive` Zwecke aufzunehmen und damit jenes von den Ersparnissen der Haushalte gerissene Nachfrageloch zu stopfen, als sich einer allgemeinen Absatzkrise auszuliefern&#8230;Salopp formuliert l&#228;sst sich sagen &#8216;produktive` Schulden sind besser als &#8216;unproduktive`, aber wenn die Haushalte sparen, dann muss es irgendwelche Schuldner geben, sonst ist die Krise unvermeidbar. Fehlt es an M&#246;glichkeiten der &#8216;produktiven` Verwendung von Krediten, so sind auch &#8216;unproduktive` Schulden gerechtfertigt. Denn der Nachfrageeffekt f&#252;r die Gesamtwirtschaft ist der gleiche, ob nun Kredite f&#252;r Investitionen, f&#252;r Konsumg&#252;ter oder f&#252;r staatliche Ausgabenerh&#246;hungen aufgenommen wurden. Um es kurz an einem empirischen Beispiel zu erl&#228;utern: der US-amerikanische Wirtschaftsaufschwung von 1983/84 ist vorwiegend durch eine starke Ausweitung von kreditfinanzierten Ausgaben getragen worden. Die Kredite waren zudem &#252;berwiegend &#8216;unproduktiv`. Eindeutig trifft dies f&#252;r die mit 14% im Jahr 1984 gewachsene Konsumentenverschuldung zu; aber auch die staatlichen Haushaltsdefizite sind vor dem Hintergrund des US-R&#252;stungsetats wohl kaum als &#8216;produktiv`, schon gar nicht im Sinne des Produktivit&#228;tsverst&#228;ndnisses konservativer &#214;konomen einzustufen&#8221; <a name="F37"></a><a href="#FN37">37</a>.</p></blockquote>
<p>Zinn ist dumm genug sich in seinem begriffslosen Gestammel auch noch positiv auf die Reaganomics zu beziehen. Dabei zeigt gerade die US-Erfahrung handgreiflich, was immer schon unmittelbar einsichtig gewesen ist: Staatliche Kreditaufnahme st&#246;sst fr&#252;her oder sp&#228;ter auf immanente Schranken. Obwohl die hegemoniale Stellung der USA, und die Funktion des Dollars als Weltgeld der US-Administration den einmaligen Spielraum er&#246;ffnete ein Inlandscheinbl&#252;te auf Pump zu inszenieren, ist dieser Traum doch binnen weniger Jahre f&#252;r die USA zum Trauma geworden. Der Anteil der Zinszahlungen an dem f&#252;r das Jahr 1990 vorgelegten US-Haushalt bel&#228;uft sich bereits auf 14,8% <a name="F38"></a><a href="#FN38">38</a> und stellt damit schon den drittgr&#246;ssten Haushaltsposten dar. Die Staatsverschuldung insgesamt hat sich unter Reagan explosionsartig vermehrt. Entsprechend hat sich die Man&#246;vriermasse verringert, die dem neuen Pr&#228;sidenten Bush noch bleibt.</p>
<p>Zinns Vulg&#228;r&#246;konomik, mit ihrer pikanten Wendung zur Reganomicsapologetik, sticht aus dem linkssozialistischen Meinungspluralismus nur deshalb noch einmal besonders negativ heraus, weil Zinn auch noch Keynes gnadenlos vulgarisiert. Mit seinen Grundaxiomen schwimmt er aber durchaus im Hauptstrom linkssozialistischer Theoriebildung. Das Desinteresse an der Kl&#228;rung zentraler theoretischer Fragen ist ebenso ein allgemeiner Zug dieses Debattenstrangs, wie die Flucht zu keynesianisch inspirierten Oberfl&#228;chenkategorien. Die &#246;konomische Scharlatanerie eines Zinn kann nur deshalb im linkssozialistischen Theoriepluralismus mitschwimmen, weil die linkssozialistische Debatte insgesamt sich nur mehr auf Oberfl&#228;chenph&#228;nomene fixiert und um entscheidende Probleme, wie die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit, einen grossen Bogen macht. Mit dem allgemeinen theoretischen R&#252;ckzug von Marx auf Keynes verschwanden die werttheoretischen Grundlagen aus dem Blickfeld, und die Irrungen und Wirrungen der alle entscheidenden kategorialen Unterschiede einebnenden Zirkulation vernebelten den analytischen Zugriff. Auch der Glaube an die Heilkraft des deficit-spending lebt in seinem Kern von diesem Standpunktwechsel. Plausibel erscheint der Ersatz von Akkumulation im wertschaffenden Bereich durch Staatskonsum nur vom Standpunkt des Einzelkapitals aus. Nur ist real der Standpunkt der gesamtgesellschaftlichen Wertsch&#246;pfung keineswegs identisch mit der blossen Summe der produktiven Kapitalien. Einige grunds&#228;tzliche &#220;berlegungen m&#246;gen das verdeutlichen.</p>
<p>Betrachten wir zun&#228;chst isoliert die Akkumulation eines einzelnen Kapitals, so ist klar f&#252;r dieses Kapital der Staat als K&#228;ufer ebenso gut wie jeder andere. Das Einzelkapital muss den von ihm produzierten Wert realisieren, das ist alles. Wer ihm dazu verhilft, ist ihm v&#246;llig gleichg&#252;ltig. Mit dem Verkauf h&#246;rt die Ware auf, ein Bestandteil dieses Kapitals zu sein, und damit endet auch jede Beziehung dieses Kapitals zu dieser Ware. Ihr weiteres Schicksal hat f&#252;r den Einzelkapitalisten keinerlei Bedeutung. Ihn interessiert allein, dass er verkaufen kann. Was der K&#228;ufer mit dem Gekauften anf&#228;ngt, ob er die erworbene Ware produktiv konsumiert, wegwirft oder verzehrt, ist dessen Privatangelegenheit. Die Frage, aus welchen Quellen der K&#228;ufer die Mittel zur Bezahlung sch&#246;pft, ber&#252;hrt den Verk&#228;ufer ebenso wenig. Im H&#228;ndewechsel des abstrakten Reichtums ist die Zukunft der Ware, die das Kapital austauscht, ebenso ausgel&#246;scht wie die Vergangenheit des Geldes, die es als Gegenwert daf&#252;r erh&#228;lt. In diesem Akt hat nur das Hier und Heute, das stumme Sein des Geldes G&#252;ltigkeit. Das Auftreten des Staates als besondere Sorte K&#228;ufer &#228;ndert an diesem Verh&#228;ltnis f&#252;r das Einzelkapital selbstverst&#228;ndlich nichts. Die zus&#228;tzliche Nachfrage, gleichg&#252;ltig aus welchen Quellen sie fliesst, wird sich in verst&#228;rkten produktiven Anstrengungen niederschlagen und die vernutzte produktive Arbeit wird anwachsen. Von dieser Perspektive leben alle nachfrageorientierten Wirtschaftsdoktrinen. Deren Standpunkt l&#246;st sich aber in Wohlgefallen auf, wenn wir nicht von der Oberfl&#228;che des Zirkulationsprozesses ausgehen, die alle Katzen unterschiedslos grau macht, sondern stattdessen auf die Produktion und Reproduktion des Werts zur&#252;ckgehen <a name="F39"></a><a href="#FN39">39</a>. Wechseln wir die Ebene und betrachten wir nicht nur punktuell die Realisation eines Kapitals, sondern die Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals und dessen Akkumulation in ihrem zeitlichen Fluss, so reproduziert sich dieser Zusammenhang keineswegs. Nehmen wir den Reproduktionsprozess einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft als ganzes ins Visier, so ist es alles andere als gleichg&#252;ltig, auf welchem Weg die jeweiligen K&#228;ufer ihren Anteil aus dem abstrakten Reichtum beziehen und wie sie das Erworbene verwenden. In die gesamtgesellschaftlichen Akkumulationsfonds kann eine Ware n&#228;mlich nur eingehen, wenn sie produziert wurde, um selber wieder als Kapital verwandt zu werden. Alle Produkte, die dieser Bedingung nicht gen&#252;ge tun und unproduktiv verausgabt werden, also nicht in den n&#228;chsten Produktionszyklen als Bestandteile eines Kapitals wiedererscheinen, verwandeln sich f&#252;r das gesellschaftliche Gesamtkapital zu faux frais, auch wenn die in ihrer Erzeugung vernutzte Arbeit eindeutig als produktive, wertschaffende Arbeit zu klassifizieren ist. Was f&#252;r das Einzelkapital die Realisierung des von ihm produzierten Werts brachte, ist gesamtgesellschaftlich dann trotzdem als Abzug in Rechnung zu stellen. In einer auf der Selbstverwertung des Werts beruhenden Gesellschaft sind daher grunds&#228;tzlich zwei Kategorien von K&#228;ufen zu unterscheiden. Auf der einen Seite K&#228;ufe von Waren, die selber wiederum unmittelbar in die Erzeugung von Tauschwert eingehen, auf der anderen Seite Erwerb von Waren f&#252;r nicht produktive Zwecke. Zur ersten Sorte geh&#246;ren sowohl alle K&#228;ufe von Produktionsmitteln als auch alle K&#228;ufe, mit denen die Ware Arbeitskraft, der variable Bestandteil des gesellschaftlichen Gesamtkapitals seine unmittelbare Reproduktion sicher stellt. Sie allein summieren sich zur Realakkumulation, von der die Lebens- und Entwicklungsf&#228;higkeit des Kapitalverh&#228;ltnisses abh&#228;ngt. Die wertm&#228;ssige Reproduktion des Kapitals, die von der Unterkonsumtionstheorie immer beschworene Realisierung, ist in letzter Instanz in diese Verflechtung eingefangen und vollzieht sich in deren Rahmen. Solange die Akkumulation problemlos voranschreitet, ist auch sie gesichert. Marx hat in seinen ber&#252;chtigten Reproduktionsschemata aus dem wirren Geflecht von K&#228;ufen und Verk&#228;ufen, wie sie auf der &#246;konomischen Oberfl&#228;che vonstatten gehen, die f&#252;r die wertm&#228;ssige und stoffliche Akkumulation wesentlichen Verkn&#252;pfungen herausgehoben und n&#228;her betrachtet. Er sah dabei bewusst von allen nichtkapitalistischen Konsumenten ab und beschr&#228;nkte sich auf das Ineinander der K&#228;ufe der Kapitalisten und Arbeiter, um den Reproduktionsprozess des Kapitals &#8220;rein&#8221; zu untersuchen. Wir k&#246;nnen f&#252;r unsere Zwecke, um den Akkumulationsprozess idealtypisch darzustellen, die Marxsche Abstraktion noch etwas weiter treiben und selber eine Schema konstruieren, in der die Kapitalisten allein als Charaktermasken des sich verwertenden Werts erscheinen und ausschliesslich dem Beruf der Akkumulation nachgehen. Diese Vereinfachung hat den Vorteil, dass wir so die Logik von Realisation des Mehrwerts durch Akkumulation idealtypisch darstellen k&#246;nnen. Denn w&#228;hrend Marx die Fleischlichkeit der lebendigen Kapitalisten in Rechnung stellte, indem er in seinen Schemata einen Teil des produzierten Mehrwerts unproduktiv zwischen den Kapitalistenz&#228;hnen verschwinden liess, &#252;bt sich unser entpersonalisiertes Kapital in vollkommener Askese, isst und trinkt nicht und kennt nur eine Besch&#228;ftigung, seine rastlose Vermehrung. Auf diese Weise kommen wir zu einem Reproduktionsschema, in dem der gesamte in einer Produktionsperiode erzeugte Wert im n&#228;chsten Produktionszyklus wiedererscheint. Wenn jede Mark Mehrwert in Lohn- und Anlagefonds fliesst, ergibt sich in Anlehnung an das zweite Beispiel f&#252;r erweiterte Reproduktion im 2.Band des Kapitals (d.h wenn wir eine konstante Mehrwertrate von 100% und konstante organische Zusammensetzung unterstellen) folgendes Bild <a name="F40"></a><a href="#FN40">40</a>:</p>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>av</td>
<td>ac</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>4000</td>
<td>1000</td>
<td>1000</td>
<td>200</td>
<td>800</td>
<td>6000</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1000</td>
<td>250</td>
<td>250</td>
<td>50</td>
<td>200</td>
<td>1500</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>5000</td>
<td>1250</td>
<td>1250</td>
<td>250</td>
<td>1000</td>
<td>7500</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>av</td>
<td>ac</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>4800</td>
<td>1200</td>
<td>1200</td>
<td>240</td>
<td>960</td>
<td>7200</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1200</td>
<td>300</td>
<td>300</td>
<td>60</td>
<td>240</td>
<td>1800</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>6000</td>
<td>1500</td>
<td>1500</td>
<td>300</td>
<td>1200</td>
<td>9000</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>av</td>
<td>ac</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>5760</td>
<td>1440</td>
<td>1440</td>
<td>288</td>
<td>1152</td>
<td>8640</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1440</td>
<td>360</td>
<td>360</td>
<td>72</td>
<td>288</td>
<td>1860</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>7200</td>
<td>1800</td>
<td>1800</td>
<td>360</td>
<td>1440</td>
<td>10500</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>av</td>
<td>ac</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>6912</td>
<td>1728</td>
<td>1728</td>
<td>345.6</td>
<td>1382.4</td>
<td>10368</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1728</td>
<td>432</td>
<td>432</td>
<td>86.4</td>
<td>345.6</td>
<td>2292</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>8640</td>
<td>1860</td>
<td>1860</td>
<td>432</td>
<td>1728</td>
<td>12160</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Die einzigen Konsumenten in unserem Schema sind die Arbeiter. Die Realisation der gesamten produzierten Wertmasse erfolgt also ausschliesslich durch deren M&#228;gen hindurch, und trotzdem muss keine &#8220;Unterkonsumtionskrise&#8221; eintreten. Die k&#252;nftige Konsumtion der Arbeiter verschlingt die im gegenw&#228;rtigen Produktionszyklus angeh&#228;uften Wertmassen und vermittelt deren R&#252;ckverwandlung in Kapital. In unserer einfachen schematischen Darstellung dr&#252;ckt sich dieser Zusammenhang als Spezifizierung der aus den Marxschen Reproduktionsschemata vertrauten Gleichgewichtsbedingungen aus. Die Akkumulation h&#228;ngt an zwei Voraussetzungen:</p>
<ol>
<li>muss innerhalb jeden Produktionszklus&#8217; gelten: vI = cII, sowie folgerichtig auch avI = acII</li>
<li>zwischen aufeinanderfolgenden Produktionszyklen herrscht folgende Verkn&#252;pfung: Produktenwert in Abt II im Zyklus x = variables Kapital im darauffolgenden Zyklus.</li>
</ol>
<p>Solange wir die organische Zusammensetzung belassen und auch ansonsten die Ausgangsbedingungen einfach fortschreiben, gilt dieser Zusammenhang allgemein. Ver&#228;ndern wir die Mehrwertrate (hier auf 150%) so bleibt dennoch diese Verkn&#252;pfung:</p>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>av</td>
<td>ac</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>4000</td>
<td>1000</td>
<td>1500</td>
<td>300</td>
<td>1200</td>
<td>6500</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1000</td>
<td>250</td>
<td>375</td>
<td>75</td>
<td>300</td>
<td>1625</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>5000</td>
<td>1250</td>
<td>1875</td>
<td>375</td>
<td>1500</td>
<td>8125</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>av</td>
<td>ac</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>5200</td>
<td>1300</td>
<td>1950</td>
<td>390</td>
<td>1560</td>
<td>8450</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1300</td>
<td>325</td>
<td>478.5</td>
<td>97.5</td>
<td>390</td>
<td>2212.5</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>6500</td>
<td>1625</td>
<td>2437.5</td>
<td>487.5</td>
<td>1950</td>
<td>10662.5</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>Wir haben damit die zirkulative Beziehung im Kernsegment des kapitalistischen Akkumulationsprozesses herausdestilliert. Betrachten wir den Reproduktions- und Akkumulationsprozess einer kapitalistisch verfassten Gesellschaft als ganzer, so ist klar, dass er seine Kraft und Wucht allein aus diesem Bereich bezieht, in dem die produktiv verausgabte Arbeit sich wertm&#228;ssig perpetuiert und sich so dem Erl&#246;schen in der blossen Konsumtion entzieht. Alle K&#228;ufe und Verk&#228;ufe, die sich nicht zwischen den Polen der Realakkumulationssph&#228;re bewegen und den Stoffwechsel mit dem Rest des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhangs vermitteln, schlagen sich als gesamtgesellschaftliche Kosten und damit als Abzug von der gesamtgesellschaftlichen Realakkumulation nieder. Sie k&#246;nnen daher das Erlahmen des Akkumulationsprozesses nicht konterkarieren, ihr wachsendes relatives Gewicht belastet im Gegenteil zus&#228;tzlich dessen Fortgang. Das gilt nat&#252;rlich auch und in erster Linie f&#252;r den Staatskonsum. Ein weiteres Schema mag das illustrieren. Gehen wir von unserem zweiten Schema aus, so kann durch die Einf&#252;hrung unproduktiven Staatskonsums <a name="F41"></a><a href="#FN41">41</a> unser Wirtschaftsmechanismus unschwer auf Stagnation umgestellt werden. Wenn wir unsere schematische Darstellung um eine dritte Abteilung, die wertm&#228;ssig unproduktiven Staatsausgaben, erg&#228;nzen, die den gesamten akkumulierten Mehrwert (ac+av) absch&#246;pft, so ergibt sich folgendes Bild:</p>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>4000</td>
<td>1000</td>
<td>1500</td>
<td>6500</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1000</td>
<td>250</td>
<td>375</td>
<td>1625</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>5000</td>
<td>1250</td>
<td>1875</td>
<td>8125</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>4000</td>
<td>1000</td>
<td>1500</td>
<td>6500</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1000</td>
<td>250</td>
<td>375</td>
<td>1625</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>5000</td>
<td>1250</td>
<td>1875</td>
<td>8125</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt III</td>
<td>1500</td>
<td>375</td>
<td>&#8212;</td>
<td>&#8212;</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td></td>
<td>c</td>
<td>v</td>
<td>m</td>
<td>Produktenwert</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt I</td>
<td>4000</td>
<td>1000</td>
<td>1500</td>
<td>6500</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt II</td>
<td>1000</td>
<td>250</td>
<td>375</td>
<td>1625</td>
</tr>
<tr>
<td></td>
<td>5000</td>
<td>1250</td>
<td>1875</td>
<td>8125</td>
</tr>
<tr>
<td>Abt III</td>
<td>1500</td>
<td>375</td>
<td>&#8212;</td>
<td>&#8212;</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p>usw.</p>
<p>Abteilung 1 produziert zwar in jedem Zyklus einen Mehrwert von 1500, und Abteilung 2 einen von 375, diese G&#252;ter werden aber vom unproduktiven Sektor aufgesogen und k&#246;nnen daher im n&#228;chsten Zyklus nicht mehr als Kapital wiedererscheinen. Die produktive Basis stagniert. Das von Abteilung I erzeugte Mehrprodukt verendet als staatliche Sachinvestition, das Mehrprodukt von Abteilung II erlischt im Konsum der staatlichen Almosen- und Gehaltsempf&#228;nger. Damit ist eins klar: Soweit der Staatskonsum aus dem aktuellen Steueraufkommen finanziert wird, fliessen in ihn Teile des gerade erzeugten Wertprodukts und er wirkt als unmittelbarer Abzug von der Realakkumulation.</p>
<p>Wenn zu seiner Finanzierung Kapitalien herangezogen werden, die sich ausserhalb der produktiven Basis im Kredit&#252;berbau tummeln, &#228;ndert sich am grunds&#228;tzlichen Verh&#228;ltnis nat&#252;rlich nichts, die Schwierigkeiten werden damit nur zeitlich gestreckt und verlagert. Die Dazwischenkunft des Kreditsystems kann die aktuelle Belastung von der gegenw&#228;rtigen auf die k&#252;nftige Realakkumulation umw&#228;lzen. Die Notl&#246;sung Staatsverschuldung funktioniert, sie funktioniert aber nicht unbegrenzt. Fr&#252;her oder sp&#228;ter m&#252;ssen die gemachten Schulden zur&#252;ckgezahlt werden und es kommt ans Licht, dass in letzter Instanz die aus dem Nachlassen der Realakkumulation entstehenden Probleme durch das Leben auf Pump nur angestaut und um ein weiteres Moment bereichert wurden <a name="F42"></a><a href="#FN42">42</a>. Die negativen R&#252;ckwirkungen der ins astronomische gewachsenen Staatsverschuldung werden am Beispeil der USA besonders deutlich. Das unter Reagan ins unermessliche gestiegene US-Haushaltsdefizit war nur durch eine Hebung des US-Zinsniveaus finanzierbar, die Investionen in die kr&#228;nkelnden wertproduktiven US-Industrien zur unrentablen Kapitalanlage machte und zu einer gigantischen Umlenkung der Geldstr&#246;me aus den darbenden produktiven in die unproduktiven Sph&#228;ren f&#252;hrte. In den USA, aber nicht nur dort, haben spekulative Anlagen die produktive Verausgabung des akkumulierten Geldkapitals mehr und mehr verdr&#228;ngt. Aber nicht allein das ist ein Problem. Selbst die unmittelbare Belastung durch Tilgungs- und Kreditzahlungen, die &#8220;finanziellen Altlasten&#8221;, sind zu einem ernsthaften Faktor innerhalb der staatlichen &#214;konomie geworden. Schon heute fliesst der gr&#246;ssere Teil der staatlichen Kreditaufnahme in den Schuldendienst.</p>
<p>Vor der brutalen Wucht der sich anbahnenden Weltmarktkrise werden alle Hoffnungen in die M&#246;glichkeiten staatlicher Wirtschaftspolitik und in die heilsame Wirkung des keynesianischen deficit-spending sich sehr schnell als v&#246;llig l&#228;cherlich und illusion&#228;r erweisen. Denn genauso wenig wie die Lehren von Keynes&#8217; real f&#252;r die &#220;berwindung der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre verantwortlich gemacht werden k&#246;nnen, so wenig sind sie in der Lage, die Zuspitzung einer neuen weltweiten Akkumulationskrise zu verhindern. Der viel gepriesene &#8220;keynesianische Interventionsstaat&#8221; hat nie die Geschicke der Wirtschaft gelenkt, er war immer nur Trittbrettfahrer des sich selbst tragenden fordistischen Akkumulationsschubs. Das Auslaufen des Nachkriegsbooms l&#228;utet das lange Sterben der keynesianischen Ideologeme ein, und der Weltmarkteklat wird schlagartig enth&#252;llen, wie nackt dieser scheinbar im vollen Ornat prunkende Monarch doch immer schon gewesen ist. Sobald das Schiff der Weltwirtschaft in schweres Wetter ger&#228;t, zeigt sich, wie fragil das Ruder der staatlichen Nachfrageregulierung ist. Das imposante Instrumentarium wirtschaftspolitischer Steuerung erweist sich dann als sekund&#228;res, abh&#228;ngiges System, das am Kurs der s&#228;kularen Entwicklung der Absorption lebendiger produktiver Arbeit nichts &#228;ndern kann. Die Eigengesetzlichkeiten der Wirtschaftspolitik wirken zuguterletzt versch&#228;rfend (!) auf Zeitpunkt und Verlaufsform der krisenhaften Zuspitzung ein, sie sind aber weit davon entfernt, die Eigendynamik des &#246;konomischen Prozesses aus den Angeln zu heben.</p>
<p><a name="FN1" href="#F1">1</a>MEW 25 S. 261/262</p>
<p><a name="FN2" href="#F2">2</a>Paul Mattick in &#8220;Krisen und Krisentheorien&#8221; Hrsg. Claudio Pozzoli Frankfurt 1974 S.58</p>
<p><a name="FN3" href="#F3">3</a>Schon grotesk naiv vertritt Klaus Winter in seiner Kritik an E.Mandels &#8220;Marxistischer Wirtschaftstheorie&#8221; dieses Axiom. Vgl. &#8220;Aufs&#228;tze zur Diskussion&#8221; 46, S. 82.</p>
<p>Aber auch andere Autoren gehen ganz selbstverst&#228;ndlich von dieser scheinbar naturgesetzlichen Verkn&#252;pfung aus. Elmar Altvater etwa zieht sie zur &#8220;Erkl&#228;rung&#8221; der aktuellen Entkopplung von monet&#228;rer Entwicklung und Realakkumulation heran. F&#252;r ihn sinkt mit dem Fall der Profitrate auch die Akkumulationsrate. Damit ist aber der stur weiter wachsenden Profitmasse der Weg zur Neuanlage in der Sph&#228;re der Realakkumulation versperrt und sie wird auf die schiefe Bahn der Spekulation abgedr&#228;ngt. Vgl. dazu den Aufsatz von Altvater &#8220;Bruch und Formwandel des Entwicklungsmodells&#8221;, in J&#252;rgen Hoffmann (Hrsg.):&#8221;&#220;berproduktion, Unterkonsumtion, Depression&#8221;, Hamburg 1983, S. 234/235.</p>
<p><a name="FN4" href="#F4">4</a>Denn wo soll der festgemacht werden, bei 5, 10, 100, 1 oder 0,1% Profit?</p>
<p><a name="FN5" href="#F5">5</a>MEW 25 S.228</p>
<p><a name="FN6" href="#F6">6</a>MEW 25 S.274</p>
<p><a name="FN7" href="#F7">7</a>Die Evidenz dieses Zusammenhangs steigt mit der bereits erreichten Ausgangsh&#246;he des Mehrwerts und damit mit dem Entwicklungsstand des Kapitalverh&#228;ltnisses. Je h&#246;her die Mehrwertrate bereits geklettert ist, desto geringer ist das absolute Anwachsen der Mehrwertmasse, das aus ihrer weiteren Steigerung resultieren kann. Ein simples Zahlenbeispiel mag das verdeutlichen. Nehmen wir eine kapitalistische Gesellschaft oder Fabrik an, in der 6000 Arbeitsstunden produktiv gearbeitet wird. Die Mehrwertrate sei zun&#228;chst 100% und steigere sich von Produktionszyklus zu Produktionszyklus um weitere 100%, w&#228;hrend die Gesamtarbeitszeit konstant bleibe. F&#252;r die absolute Gr&#246;sse der Arbeitszeit ergibt sich dann folgendes Bild:</p>
<table border="1" width="75%">
<tbody>
<tr>
<td>Gesamtarbeitszeit</td>
<td>Mehrwertrate</td>
<td>Mehrwertmasse</td>
<td>Anwachsen der Mehrwertmasse</td>
</tr>
<tr>
<td>6000</td>
<td>100%</td>
<td>3000</td>
<td>&#8212;-</td>
</tr>
<tr>
<td>6000</td>
<td>200%</td>
<td>4000</td>
<td>1000</td>
</tr>
<tr>
<td>6000</td>
<td>300%</td>
<td>4500</td>
<td>500</td>
</tr>
<tr>
<td>6000</td>
<td>400%</td>
<td>4800</td>
<td>300</td>
</tr>
<tr>
<td>6000</td>
<td>500%</td>
<td>5000</td>
<td>200</td>
</tr>
<tr>
<td height="26">6000</td>
<td height="26">600%</td>
<td height="26">5143</td>
<td height="26">143</td>
</tr>
<tr>
<td>6000</td>
<td>700%</td>
<td>5250</td>
<td>107</td>
</tr>
<tr>
<td>6000</td>
<td>800%</td>
<td>5333</td>
<td>83</td>
</tr>
</tbody>
</table>
<p><a name="FN8" href="#F8">8</a>Diesen Punkt habe ich zusammen mit R.K. in dem Artikel &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch">Der Klassenkampffetisch</a>&#8221; herausgearbeitet. Dieser Beitrag erscheint in der n&#228;chsten Ausgabe der &#8220;MK&#8221;. Ich verzichte daher darauf an dieser Stelle genauer auf diesen Zusammenhang einzugehen.</p>
<p><a name="FN9" href="#F9">9</a>In der gesamten marxistischen Krisendebatte wird die Betrachtung der Profitmasse und ihrer Entwicklungslinie strikt von der Profitrate getrennt. Die Profitmasse bleibt f&#252;r gew&#246;hnlich v&#246;llig ausserhalb des Blickfelds. Eine gewisse Sonderstellung nimmt hier allein Henryk Grossmann ein. Er ist die Ausnahme, die die Regel und das zugrundeliegende Prinzip best&#228;tigt. Er wiederholt den gewohnten Fehler und stellt ihn andererseits gekonnt auf den Kopf. F&#252;r Grossmann hat die Profitratenentwicklung expressis verbis keinerlei eigenst&#228;ndige Bedeutung, sie taugt lediglich als Index f&#252;r die Entwicklung der Profitmasse. Da er unter Profitmasse aber keineswegs den gesellschaftlichen Gesamtprofit versteht, sondern sie auf den &#8220;eigentlichen Profit&#8221;, den konsumierten Mehrwertteil beschr&#228;nkt, bezieht sich auch seine Zusammenbruchstheorie keineswegs auf die hinter der Profitmasse stehende vernutze lebendige Arbeit. In Grossmanns System sinkt die von ihm begrifflich zurechtmaltr&#228;tierte Profitmasse, obwohl die absorbierte lebendige Arbeit weiterhin im Anwachsen begriffen ist! Die Verbiegungen, zu denen er bei diesem Konstrukt Zuflucht suchen muss, habe ich an anderer Stelle (&#8220;MK5&#8243;) bereits dargestellt, es er&#252;brigt sich daher, hier auf diesen Zusammenhang einzugehen.</p>
<p><a name="F10"></a><a href="#FN10">10</a>Wenn ich in diesem Zusammenhang die faschistische Wirtschaftspolitk und die Keynessche Lehre in einem Atemzug nenne, so kommt dies nicht von ungef&#228;hr. Das nationalsozialistische Deutschland war wohl das erste Land, das sich wirtschaftspolitisch auf breiter Front auf das sp&#228;ter nach Keynes benannte Instrumentarium ganz unbek&#252;mmert in wesentlichen Punkten einliess. Die Affinit&#228;t zwischen Keynes und der faschistischen Wirtschaftspolitik (dass Keynes pers&#246;nlich keinerlei Zuneigung zum faschistischen Denken versp&#252;rte, tut hier nichts zur Sache) kommt unter anderem in der Abkehr vom Weltmarkt und in der starken Binnenmarktorientierung zum Ausdruck. Das Streben relativ geschlossener Wirtschaftsr&#228;ume nach Autarkie, wie wir es vom Dritten Reich kennen, galt Keynes als Voraussetzung daf&#252;r, dass die von ihm vorgeschlagenen Massnahmen &#252;berhaupt greifen k&#246;nnen. In dem 1933 erschienenen Aufsatz &#8220;nationale Selbstgen&#252;gsamkeit&#8221; schreibt er : &#8220;Ich sympathisiere .. mehr mit denen, die die finanzielle Verkn&#252;pfung zwischen den Nationen sehr stark lockern wollen, als mit denen, die sie zu steigern gedenken. Ideen, Wissen, Kunst, Gastfreundschaft, Reisen- das sind Dinge, die ihrer Natur nach international sein sollten, aber lasst G&#252;ter in der Heimat herstellen, wenn immer es sinnvoll und praktisch m&#246;glich ist, und vor allem lasst die Finanzen in erster Linie nationale sein&#8221; ( zit. nach Harald Mattfeldt, Keynes, kommentierte Werkauswahl, Hamburg 1985, S.154).</p>
<p>Der Gedanke der Zur&#252;ckdr&#228;ngung des Welthandels und die Forderung nach Befreiung der nationalen Geldm&#228;rkte von internationalen Einfl&#252;ssen kommen nicht von ungef&#228;hr. Keynes geht davon aus, dass die Verwirklichung seiner Pl&#228;ne von einer niedrigen Zinsrate abh&#228;ngen. Die staatliche Regulierung des Zinses kann aber nur innerhalb des nationalen Rahmens funktionieren und wird durch die weltwirtschaftliche Verflechtung konterkariert: &#8220;In der Tat mag aber die Umformung der Gesellschaft, die ich in erster Linie betrachten m&#246;chte, in den n&#228;chsten dreissig Jahren eine Reduktion der Zinsrate bis auf eine verschwindend geringe H&#246;he fordern. Aber in einem System, in dem die Zinsrate durch die Wirkung normaler finanzieller Kr&#228;fte &#8230; in der ganzen Welt ein einheitliches Niveau erreicht, ist eine Entwicklung in dieser Richtung ganz unwahrscheinlich&#8221; (ebenda. S.157).</p>
<p><a name="FN11" href="#F11">11</a>Fritz Sternberg, &#8220;Der Faschismus an der Macht&#8221;, Hildesheim 1981, S.3</p>
<p><a name="FN12" href="#F12">12</a>Dieses Urteil trifft allerdings auf einen bedeutenden &#214;konomen nicht zu. J.A. Schumpeter kritisiert seine &#8220;marxistischen&#8221; und &#8220;b&#252;rgerlichen&#8221; Zeitgenossen genau in dem von uns beschriebenen Sinne. Er schreibt 1942, zu einem Zeitpunkt, an dem die schliessliche &#220;berwindung der &#8220;grossen Depression&#8221; l&#228;ngst noch keine ausgemachte Sache war:</p>
<p>&#8220;Insbesondere besteht kein Anlass, auf die Art und Weise stolz zu sein, in der die Marxsche Synthese die Erfahrung des letzten Jahrzehnts erkl&#228;rt. Jede anhaltende Periode der Depression oder der unbefriedigenden Erholung wird jede pessimistische Voraussage ebenso gut verifizieren wie die Marxsche. In diesem Falle wird ein gegenteiliger Eindruck erweckt durch das Gerede von mutlosen Bourgeois und erregten Intellektuellen, die durch ihre Bef&#252;rchtungen und Hoffnungen unwillk&#252;rlich einen Marxschen Anstrich erhielten. Aber keine wirkliche Tatsache rechtfertigt irgend eine spezifische Marxsche Diagnose und noch weniger eine Schlussfolgerung, dass das, was wir erlebt haben, nicht einfach eine Depression war, sondern Symptome einer strukturellen &#196;nderung im kapitalistischen Prozess,so wie Marx sie erwartete.&#8221; (J.A. Schumpeter, &#8220;Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie&#8221;, M&#252;nchen 1975, S.86.</p>
<p><a name="FN13" href="#F13">13</a>Keynes war sich seiner eigenen Stellung zur klassischen National&#246;konomie vollkommen bewusst. Im Vorwort zur ersten deutschen Ausgabe seines Hauptwerks greift Keynes bei der Beschreibung des Stellenwerts seines Ansatzes selber zu der von uns gew&#228;hlten Metapher, um die Sch&#228;rfe seiner Abgrenzung zu rechtfertigen: &#8220;Wie ich &#8230;die Punkte, in denen ich von der anerkannten Doktrin abweiche, hervorgehoben habe, ist in gewissen Kreisen in England als &#252;berm&#228;ssig kontrovers betrachtet worden. Aber wie kann einer, der in englischer wirtschaftlicher Orthodoxie erzogen wurde, sogar einmal ein Priester jenes Glaubens war, einigen kontroversen Nachdruck vermeiden, wenn er zum erstenmal Protestant wird?&#8221; (John Maynard Keynes, &#8220;Allgemeine Theorie der Besch&#228;ftigung, des Zinses und des Geldes&#8221;, Berlin 1936, S. VIII)</p>
<p><a name="FN14" href="#F14">14</a>An hervorgehobener Stelle, im ersten Kapitel schreibt Keynes dies explizit : &#8220;Ich werde darlegen, dass die Postulate der klassischen Theorie nur in einem Sonderfall, aber nicht im allgemeinen g&#252;ltig sind, weil der Zustand, den sie voraussetzt, nur ein Grenzpunkt der m&#246;glichen Gleichgewichtslagen ist. Die Eigenheit des von der klassischen Theorie vorausgesetzten Sonderfalls weichen &#252;berdies von denen unserer gegenw&#228;rtigen wirtschaftlichen Verh&#228;ltnisse ab, und ihre Lehren werden daher irref&#252;hrend und verh&#228;ngnisvoll, wenn wir versuchen, sie auf die Tatsachen der Erfahrung zu &#252;bertragen.&#8221; (ebd. S. 3)</p>
<p><a name="FN15" href="#F15">15</a>Klaus-Martin Groh, &#8220;Die Krise der Staatsfinanzen Systematische &#220;berlegungen zur Krise des Steuerstaates&#8221; Frankfurt/M. 1978, S. 40.</p>
<p><a name="F16"></a><a href="#FN16">16</a>Bei Keynes &#8220;general theory..&#8221; entsprechen sich Umfang und Inhalt ziemlich genau. Beide sind ausgesprochen d&#252;nn bemessen.</p>
<p><a name="FN17" href="#F17">17</a>Ein Theoretiker wie Goldscheid, der sich schon w&#228;hrend des 1. Weltkriegs mit der ge&#228;nderten Rolle des Staates f&#252;r die kapitalistische Wirtschaft besch&#228;ftigt hatte, machte sich beim eigenen, b&#252;rgerlichen Publikum durch seine &#8220;staatssozialistischen&#8221; Untert&#246;ne suspekt. Nur ein flacherer, daf&#252;r aber im b&#252;rgerlichen Sinne &#8220;ideologiefreier&#8221; Theoretiker konnte der gewachsenen Bedeutung des Staates Rechnung tragen, ohne das Selbstverst&#228;ndnis der b&#252;rgerlichen Wirtschaftswissenschaften v&#246;llig zu sprengen.</p>
<p><a name="FN18" href="#F18">18</a>Gerd Hardach, &#8220;Geschichte der Weltwirtschaft im 20 Jahrhundert&#8221;, Band 2, M&#252;nchen 1973.</p>
<p><a name="F19"></a><a href="#FN19">19</a>ebd. S. 163.</p>
<p><a name="FN20" href="#F20">20</a>Das gilt insbesondere f&#252;r den angels&#228;chsischen Raum. In Deutschland dagegen kristallisierten sich schon w&#228;hrend des Krieges Str&#246;mungen heraus, die die wachsende Bedeutung des Staates durchaus nicht als einmalige historische Entgleisung betrachteten, die es so schnell wie irgendm&#246;glich zu revidieren gelte. In erster Linie w&#228;re hier Rudolf Goldscheid zu nennen. Ihr Einfluss blieb allerdings relativ gering. Die Position von Goldscheid ist in Rudolf Hickel (Hsg.), &#8220;Die Finanzkrise des Steuerstaates. Beitr&#228;ge zur politischen &#214;konomie der Staatsfinanzen&#8221;, Frankfurt 1976, recht breit dokumentiert.</p>
<p><a name="FN21" href="#F21">21</a>Otto Barbarino: Geldwert, Konjunktur und &#246;ffentlicher Haushalt, M&#252;nchen 1981 S. 113</p>
<p><a name="FN22" href="#F22">22</a>ebd. S.114. Diese Aussage ist insofern bemerkenswert, als sie andeutet, wie allgemeinverbindlich das keynesianische Credo in der praktischen Wirtschaftspolitik, und zwar, zumindest in der BRD, in all ihren Spielarten, geworden ist. Bei dem Autor handelt es sich n&#228;mlich um einen erzkonservativen Ministerialdirektor im Bayrischen Finanzministerium.</p>
<p><a name="FN23" href="#F23">23</a>Die britische Regierung tut sich hier besonders r&#252;hmlich hervor, und Keynes polemisiert ganz zurecht seit Anfang der 20er Jahre gegen diese Politik, die die &#246;konomischen Potenzen des Landes fast planm&#228;ssig erdrosselt.</p>
<p><a name="FN24" href="#F24">24</a>Diese Sicht wird heute auch von der b&#252;rgerlichen Wirtschaftswissenschaft unisono vertreten. Vgl. etwa Charles Kindleberger und Otto Barbarino.</p>
<p><a name="FN25" href="#F25">25</a>ebd. S. 38</p>
<p><a name="FN25" href="#F25">25</a>Das gilt auch f&#252;r die linkssozialistischen Theoretiker, die neuerdings mit dem Begriff des Akkumulationsmodells hausieren gehen. In der Angst, keinesfalls &#8220;monokausal&#8221; zu argumentieren, zerf&#228;llt ihnen ihr &#8220;fordistisches Akkumulationsmodell&#8221; in eine &#252;ppige Vielzahl sich durchkreuzender technischer, &#246;konomischer und politischer Faktoren, die die Geschichte der Absorption lebendiger Arbeit bestenfalls unter ferner liefen kennt.</p>
<p><a name="FN26" href="#F26">26</a>Paul A. Baran, Paul M. Sweezy, &#8220;Monopolkapital. Ein Essay &#252;ber die amerikanische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung&#8221;, S. 174.</p>
<p><a name="FN27" href="#F27">27</a>Paul Mattick, &#8220;Krisen und Krisentheorien&#8221;, Frankfurt 1974, S. 133.</p>
<p><a name="FN28" href="#F28">28</a>ebenda, S. 131.</p>
<p><a name="FN29" href="#F29">29</a>Besonder h&#252;bsch bringt Mattick seine Windungen, mit denen er eine empirisch nicht erscheinende Krisenwesenheit konstruiert, in seiner Polemik gegen Gillman aufs Papier. Nachzulesen in &#8220;Kritik der Neomarxisten&#8221;, Frankfurt, 1974.</p>
<p><a name="FN30" href="#F30">30</a>Harald Mattfeldt, &#8220;Keynes&#8221;, Hamburg 1985, S. 46 f..</p>
<p><a name="FN31" href="#F31">31</a>Nat&#252;rlich kann sich auch die linkssozialistische Diskussion um den Interventionsstaat der platt empirischen Tatsache nicht einfach verschliessen, dass die unproduktiven, staatlichen T&#228;tigkeiten finanziell vom Funktionieren der Wertproduktion abh&#228;ngen. Sie geht trotzdem aber davon aus, dass der &#8220;politische Faktor&#8221; in der unaufl&#246;slichen Ehe von abstrakter Allgemeinheit und abstrakter Reichtumsproduktion letzlich doch den Spielraum zur freien Gestaltung sich erk&#228;mpfen k&#246;nne. Dabei bleibt der Wunsch stets Vater des Gedankens. Das Ideologem und Volksvorurteil von der Herrschaft der Politik springt als deus ex machina vollkommen unabgeleitet und unbegr&#252;ndet den von den schn&#246;den Fakten hart bedr&#228;ngten linkssozialistischen Theoretikern hilfreich zur Seite. Besonders sch&#246;n, ja schon klassisch ist die Hickelsche Version dieses allgemeinen Motivs. Rudolph Hickel weiss insgesamt nicht sehr viel, aber zumindest ist ihm klar: &#8220;Der ausserhalb privater Wertsch&#246;pfung stehende Staat kann sich im Kern lediglich durch die Absch&#246;pfung dieser finanzieren. Damit wird ein fr&#252;herer Hinweis verst&#228;ndlich, demzufolge der Staat seine aufgabenspezifischen Interventionen auf die Sicherung und Erweiterung der Konkurrenz&#246;konomie konzentrieren muss, denn diese ist -wie sich jetzt zeigt- seine Finanzierungsgrundlage. Die Finanzierungsf&#228;higkeit des Staates h&#228;ngt von der Entwicklung privater Wertsch&#246;pfung unmittelbar ab&#8221;, S.13. Rudolf Hickel als Herausgeber und Vorwortschreiber zu Rudolf Goldscheid/Joseph Schumpeter &#8220;Die Finanzkrise des Steuerstaates Beitr&#228;ge zur politischen &#214;konomie der Staatsfinanzen&#8221; ,Frankfurt 1976, S.13.</p>
<p>&#8220;Die zwangsm&#228;ssige, d.h. steuerliche Absch&#246;pfung der privaten Wertsch&#246;pfung unterliegt einer prinzipiellen Grenze. Abstrakt ist die Grenze dadurch charakterisiert, dass die Absch&#246;pfung ihre Quelle, die werteschaffende &#214;konomie, nicht zum Versiegen oder, besser, zum &#8216;Schrumpfen` bringt&#8221;, (ebenda S.13). Diese &#220;berlegungen haben aber nur auf abstrakter Ebenene Bedeutung. &#8220;Praktisch-konkret&#8221; sind sie ohne Belang. Real sind, wie sich jeder Lieschen-M&#252;ller-Marxismus mit Erfolg einredet, jene mystisch-dunklen &#8220;Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse zwischen den Klassen&#8221; das entscheidende Kriterium f&#252;r die weitere Entwicklung: &#8220;&#196;hnlich wie bei der Analyse des Funktionskorridors des Interventionsstaats l&#228;sst sich die Besteuerungsgrenze nur in ihrer prinzipiellen Bedeutung abstrakt bestimmen; in ihrer realen Auspr&#228;gung ist sie durch die politischen Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse, die sich im Staat reproduzieren determiniert&#8221; (ebenda S.13.)</p>
<p><a name="FN32" href="#F32">32</a>Vgl in diesem Zusammenhang den zentralen Artikel von Robert Kurz aus der &#8220;MK&#8221;1, &#8220;<a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Krise des Tauschwerts</a>&#8220;.</p>
<p><a name="FN33" href="#F33">33</a>Das soll nat&#252;rlich nicht heissen, dass die gewerkschaftlichen und sonstigen K&#228;mpfe keinerlei Bedeutung bei der Herausbildung des staatlichen Sektors gespielt h&#228;tten. Allein, wo sie erfolgreich waren, verdankten sie ihre Siege dem Umstand, dass sie Forderungen auf ihre Fahnen schrieben, die im Trend lagen, also einem entwickelteren Kaptialverh&#228;ltnis nur ad&#228;quat und f&#246;rderlich waren. Das schliesst die Auseinandersetzung mit empirischen Kapitalisten und Kapitalfraktionen nat&#252;rlich nicht aus, aber auch die verliefen, in der BRD zumal, bekanntlich eher gesittet und im grunds&#228;tzlichen sozialpartnerschaftlichen Einverst&#228;ndnis.</p>
<p><a name="FN33a" href="#F33a">33a</a>Die Reprivatisierung verstaatlichter Bereiche hat eine absolute Grenze. Sie liegt dort, wo Einschnitte in die Infrastruktur die Reproduktionsf&#228;higkeit einer modernen Industriegesellschaft in Frage stellen. Die in die Tiefe zielenden Entstaatlichungsideologeme, mit denen etwa Mrs. Thatcher schwanger geht, m&#252;ssen die Kernbereiche der unproduktiven Staatsausgaben aussparen, will sie Grossbritannien nicht auch in der Konkurrenz der f&#252;hrenden kapitalistischen Staaten auf das Niveau eines 3.Welt-Landes herunterdr&#252;cken. Folgerichtig bestand ihre reale Reprivatsierungspolitik fast ausschliesslich in der Verschleuderung verstaatlichter Industrien (P&#252;nktlich zum B&#246;rsenkrach 1987 wurde die BP in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, und das gleiche Schicksal trifft derzeit die verstaatlichten Bereiche der britischen Stahlindustrie).</p>
<p><a name="FN34" href="#F34">34</a>Quelle Ifo-Institut f&#252;r Wirtschaftsforschung, M&#252;nchen, 1988.</p>
<p><a name="FN34" href="#F34">34</a>Der Besch&#228;ftigungsboom, mit dem die Reaganadministration hausieren ging, beschr&#228;nkte sich vollst&#228;ndig auf den unproduktiven Sektor. Die Besch&#228;ftigtenzahlen im Dienstleistungbereich wuchsen zwar in den 80er Jahren in den USA real an, die klassischen Industriezweige dagegen erlitten enorme Arbeitsplatzverluste, die durch die Entstehung weniger Spitzentechnologien (Computer etc.) bei weitem nicht wett gemacht wurden. Die USA sind dabei kein Einzelfall, sondern zeigen nur wie im Brennglas die Entwicklung des Weltmarkts insgesamt. Auch in der BRD konzentrierten sich alle Besch&#228;ftigungszuw&#228;chse auf die unproduktive Sph&#228;re. Die Wachstumsbranche Nummer 1 waren auch hierzulande Banken und Versicherungen.</p>
<p><a name="FN35" href="#F35">35</a>Karl Georg Zinn, &#8220;Arbeit, Konsum, Akkumulation&#8221;, Hamburg, 1986, S.41 f..</p>
<p><a name="FN36" href="#F36">36</a>Quelle:&#8221;Frankfurter Rundschau&#8221; vom 11.1.1989</p>
<p><a name="FN37" href="#F37">37</a>Dieser Rekurs auf die den Zirkulationsph&#228;nomenen zugrundeliegende Ebene der Wertproduktion und -reproduktion ist aber nur innerhalb der Marxschen Werttheorie m&#246;glich. Alle b&#252;rgerlichen Theoreme, die seit 100 Jahren die Arbeitswertlehre ersatzlos fallen gelassen haben, verschliessen sich damit selbstverst&#228;ndlich auch von vornherein den Weg zur analytischen Durchdringung der Erscheinungen auf der Marktoberfl&#228;che. Das gilt insbesondere auch f&#252;r die Keynesche Theorie. Keynes&#8217; Dreh- und Angelpunkt ist die vollkommen unspezifische, rein auf den blossen Austausch fixierte Kategorie Einkommen.</p>
<p>Diese grundlegende Beschr&#228;nktheit m&#252;ssen nat&#252;rlich auch die mittlerweile zahllosen &#8220;linken&#8221; Interpretationsversuch dieser Theorie transportieren. (Genauso wie sich die ehemals &#8220;marxistischen&#8221; Soziologen zunehmend auf Max Weber zur&#252;ckziehen, haben die &#8220;marxistischen&#8221; &#214;konomen seit einigen Jahren fast geschlossen Sir Maynard Keynes zur theoretischen Fluchtburg auserkoren.) Diesen Zusammenhang k&#246;nnen wir schon musterg&#252;ltig an der wohl ausgefeiltesten linken Keynesrezeption, bei Stephan Kr&#252;ger verfolgen. Kr&#252;ger siedelt in seiner Arbeit &#8220;Keynes contra Marx?&#8221; das Werk von Keynes &#8220;gewissermassen zwischen der klassischen (und neoklassischen) &#214;konomie einerseits, der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie andererseits&#8221; (Stephan Kr&#252;ger, &#8220;Keynes contra Marx?&#8221;, Hamburg 1984, S. 14) an und erhofft sich von Keynes tiefere Einsichten in die von Marx nicht n&#228;her analysierten Oberfl&#228;chenph&#228;nomene. Mit diesen ungerechtfertigten Vorschusslorbeeren f&#252;r Keynes ist das Endresultat seiner Anstrengung schon vorgezeichnet. Statt die von Keynes thematisierten Problemfelder im Sinne der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie auszuleuchten, f&#228;hrt Kr&#252;ger die marxistische Theorie auf das oberfl&#228;chenbornierte Niveau des Keynesschen Ansatzes zur&#252;ck und kann am Schluss seines Buches nur mehr ganz allgemein auf eine der Zirkulation zugrundeliegende Produktionsebene verweisen, um ganz abstrakte und nichtssagende Forderungen nach &#196;nderungen in der Produktionsstruktur zu stellen.</p>
<p><a name="FN38" href="#F38">38</a>In unserer schematischen Darstellung steht, analog zu den Marxschen Reproduktionsschemata im 2.Band des Kapitals, Abteilung I f&#252;r den Teil des gesellschaftlichen Produkts, der aus Elementen des konstanten Kapitals besteht, Abteilung II f&#252;r die Konsumg&#252;terproduktion. m umfasst den in den Abteilungen produzierten Mehrwert, av setzt sich aus dem akkumulierten und schliesslich f&#252;r zus&#228;tzliche Lohng&#252;ter verausgabten Teil des Mehrwerts, ac aus dem zus&#228;tzlichen, neu akkumulierten konstanten Kapitalteil zusammen.</p>
<p><a name="FN39" href="#F39">39</a>Auf der Abstraktionsebene, auf der wir uns hier bewegen, sind die konkreten Mechanismen des Steuersystems irrelevant. Da wir unterstellen, dass die Arbeitskraft sich zu ihrem Wert reproduzieren kann und nicht durch die Steuerlast unter dieses Niveau gedr&#252;ckt wird, kommt als einzige andere prim&#228;re Einkommensquelle in einer durchkapitalisierten Gesellschaft nur der Mehrwert in Betracht.</p>
<p><a name="FN40" href="#F40">40</a>Was f&#252;r die Entwicklung von Staatausgaben und Staatsschulden gilt, ist allgemein f&#252;r die gesamte Entwicklung des unproduktiven Sektors und des Kredit&#252;berbaus charakterstisch. Die Aufbl&#228;hung des unproduktiven Sektors kann zwar einstweilen die &#246;konomischen Krisensymptome &#252;bert&#252;nchen, aber nur, damit seine eigene unvermeidbare Krise k&#252;nftig mit umso verheerenderer Gewalt auf die wertproduktive Basis zur&#252;ckschl&#228;gt. Die grundlegende Krise der Wertproduktion wird erst einmal von der Eigendynamik der abgekoppelten Bereiche &#252;berlagert, aber nur, damit der Zusammenbruch der Kredit- und Finanzsph&#228;re zum Fanal der akuten Weltmarktkrise werde. In der gegenw&#228;rtigen Situation zeichnet sich der bevorstehende Eklat bereits auf verschiedenen Ebenen deutlich ab.</p>
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		<title>Militanter Empirismus und IWF-Kampagne</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 6 (1989)]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur Kritik des Operaismus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zur Kritik der Zeitschrift &#8220;Autonomie&#8221; und ihrer Apologeten</h3>
<p><em>Norbert Trenkle</em></p>
<h4><strong>Die Bewegung flirtet mit der Theorie</strong></h4>
<p><strong></strong></p>
<p>Die Erwartungen der Oppositionsbewegung an die letztj&#228;hrige Kampagne gegen die Tagung von Weltbank und IWF in West-Berlin waren hoch. Sie sollte die m&#252;de gewordenen Aktivisten wieder aufr&#252;tteln, der Zersplitterung in verschiedene &#8220;Teilbereichsbewegungen&#8221; entgegenwirken, gar eine neue Qualit&#228;t darstellen. Auch die autonome Szene versuchte, wieder auf die Beine zu kommen; von &#8220;neuem Antiimperialismus&#8221; und &#8220;internationalem Klassenkampf&#8221; war da die Rede, und der Ruf nach Theorie wurde laut.</p>
<p><span id="more-291"></span>Zumindest im Vorfeld der Kampagne schossen Arbeitskreise wie Pilze aus dem Boden, die sich durch Berge empirischen Materials zur Soziologie der beiden Geldmonster, zur internationalen Verschuldung und zu K&#228;mpfen und Auseinandersetzungen in den L&#228;ndern der kapitalistischen Peripherie durchqu&#228;lten. Doch das euphorische Techtelmechtel mit &#8220;der Theorie&#8221; war von kurzer Dauer. Je n&#228;her die &#8220;Herbstkampftage&#8221; heranr&#252;ckten, desto st&#228;rker trat die inhaltliche Debatte in den Hintergrund und machte hektischen organisatorischen &#220;berlegungen Platz. Nat&#252;rlich konnte auch auf dieser Ebene keineswegs von &#8220;Angriff&#8221; die Rede sein, wie dies die diversen Flugbl&#228;tter in gewohnt gro&#223;kotziger Weise angek&#252;ndigt hatten. Angesichts des massiven Polizeiaufgebotes lie&#223; man seine schwarze Lederjacke lieber zuhause und versteckte sich unter den demonstrierenden Christen und den anderen im Vorfeld so verschm&#228;hten &#8220;Reformisten&#8221;. &#220;brig blieb die versch&#228;mt- hilflose Parole &#8220;Einheit in der Vielfalt&#8221; und die gewohnte Leere, als die imperialistische Invasion vor&#252;ber war. Mit dem Aktionsziel fehlte nun auch jeglicher Antrieb f&#252;r &#8220;theoretische Arbeit&#8221;.</p>
<p><a name="q1"></a>Der Konjunkturverlauf der Kampagne ist an sich nicht weiter verwunderlich, es wiederholt sich lediglich die Fieberkurve aller Kampagnen der letzten Jahre. Zwar erschallte der Ruf nach &#8220;mehr Theorie&#8221; etwas lauter als &#252;blich &#8211; offenbar, weil immer mehr Aktivisten ihre eigene Hilflosigkeit deutlich versp&#252;ren &#8211; doch diese Hinwendung vom Stein zum Inhalt blieb selbst wieder hilflos, da sie unmittelbar an die &#252;berkommene Bewegungsform gekoppelt war und damit eine wirklich grunds&#228;tzliche theoretische Aufarbeitung ausschlo&#223;. Wenn die theoretische Arbeit von vorneherein lediglich der Legitimation einer ohnehin schon beschlossenen Praxis dient, also instrumentalisiert wird, mu&#223; sie zwangsl&#228;ufig in einer Kurzatmigkeit m&#252;nden, die es nicht erlaubt, &#252;ber den Tellerrand des Aktionismus hinauszuschauen und dessen Sto&#223;richtung grunds&#228;tzlich in Frage zu stellen. Tats&#228;chlich reduziert sich eine solche &#8220;Theorie&#8221; in der Regel auf die Betriebsamkeit des empiristischen Sammelns kruder facts f&#252;r die &#8220;Agitation&#8221; oder &#8220;Aufkl&#228;rung&#8221;, die dann nachtr&#228;glich noch mit einer ideologischen Fertigso&#223;e &#252;bergossen werden, deren Farbt&#246;nung je nach Temperament und politischer Szene variert (<a href="#1">1</a>). Da hilft kein Ruf nach &#8220;mehr Theorie&#8221;, denn mehr Theorie von dieser Sorte wird die Verwirrung eher noch vergr&#246;&#223;ern, und es ist kein Wunder, wenn sich die Aktivisten nach dem Abschlu&#223; der jeweiligen Kampagne ersch&#246;pft zur&#252;ckfallen lassen und die &#252;blichen Ank&#252;ndigungen, die inhaltliche Arbeit werde fortgesetzt, nichts als magische Beschw&#246;rungsformeln bleiben, bis man sich dem n&#228;chsten Kampagnenthema zuwendet.</p>
<p>Die ideologische Fertigso&#223;e, der sich das autonome Spektrum diesmal bediente, war keineswegs neu, auch wenn dies einem gro&#223;en Teil der Aktivisten so erschienen sein mag. Sie kam von der Zeitschrift &#8220;Autonomie (NF)&#8221;. Der pl&#246;tzliche Andrang auf ihre Druckerzeugnisse d&#252;rfte die ehemaligen Redaktionsmitglieder selbst &#252;berrascht haben, denn mit der jetzt nachgedruckten Nr. 14 hatten sie ihr Zeitschriftenprojekt etwas resigniert beendet; viel erstaunlicher ist jedoch im Grunde, da&#223; die &#8220;Autonomie&#8221; nicht bereits viel fr&#252;her die wohlverdienten Ehrungen empfangen durfte. Schlie&#223;lich wiederholt sie nur das, was der durchschnittliche Bewegungsaktivist ohnehin schon immer gedacht hat, mit dem Unterschied, da&#223; sie es geschliffener formuliert und dem Ganzen dadurch einen theoretischen Anstrich verleiht. Hinter der glatten Fassade ihres scheinbar originellen Ansatzes verbirgt sich allerdings nicht viel mehr als ein bunt zusammengew&#252;rfeltes Konglomerat aus Bruchst&#252;cken verschiedenster linker Ideologeme, die nur deshalb scheinbar problemlos zusammengef&#252;gt werden k&#246;nnen, weil auf die zugrunde liegenden Theorieans&#228;tze so gut wie nie explizit Bezug genommen wird, geschweige denn die mit ihnen verbundenen Grundsatzprobleme aufgearbeitet werden. Die &#8220;Autonomie&#8221; f&#252;hrt in geradezu grotesker Weise den eklektischen und instrumentellen Umgang mit Theorie vor, wie er in der &#8220;Neuen Linken&#8221; seit 1968 fast durchg&#228;ngig praktiziert wurde. Nicht kritisches Durchgehen durch die traditionelle Debatte und Entwicklung einer theoretischen Position auf der H&#246;he der Zeit, sondern &#8220;Ausprobieren&#8221; nach dem trial and error Prinzip bestimmte deren durch und durch positivistisches Verh&#228;ltnis zur Theorie. In der Folge wurde eine Position nach der anderen entt&#228;uscht fallen gelassen, weil sich bald herausstellte, da&#223; sie auf die aktuelle Situation nicht unmittelbar &#8220;anwendbar&#8221; war und konsequenterweise stand am Ende die &#8220;Erkenntnis&#8221;, da&#223; &#8220;die ganze Theoriewichserei eh nichts bringt&#8221;. Bestand das Verdienst dieses Sprints durch die Geschichte in den 70er Jahren jedoch immerhin darin, da&#223; die gesamte Palette linker Theorieproduktion &#252;berhaupt erst einmal wieder zug&#228;nglich gemacht und ausgegraben wurde, so pr&#228;sentiert uns die &#8220;Autonomie&#8221; eine groteske Karikatur dieser Umgangsweise, tut obendrein noch einen Schritt zur&#252;ck und deckt die Quellen nicht etwa auf, sondern versch&#252;ttet sie geradezu systematisch. Da l&#228;&#223;t sich Marcuse neben Lenin ahnen, ein vergewaltigter Marx neben Fanon, die Operaisten neben Kautsky und den Fr&#252;hsozialisten etc. etc., das ganze &#252;berkleistert mit Versatzst&#252;cken des Feminismus der &#8220;Bielefelder Schule&#8221; und m&#252;hsam zusammengehalten durch eine resigniert existentialistische Haltung. Wo immer man auch am matten Lack kratzt, br&#246;ckelt der Rost und es ist schwerlich vorzustellen, da&#223; dieses Theorieversatzst&#252;ck &#252;berhaupt ernsthaft zur Kenntnis genommen worden w&#228;re, w&#252;rde es nicht das ausdr&#252;cken, was die Aktivisten des subjektiven Radikalismus ohnehin schon &#8220;gewu&#223;t&#8221; haben.</p>
<p>Nun stie&#223;e allerding selbst der dreisteste Eklektizismus auf gewisse Schwierigkeiten, verb&#228;nde die von ihm oberfl&#228;chlich zusammengeflickten Bruchst&#252;cke nicht eine, wenn auch von ihm nicht begriffene, Grundstruktur in den Denkans&#228;tzen; die &#8220;Autonomie&#8221; macht ihre Theorie selbst, aber sie wei&#223; nicht was sie tut. Diese Grundstruktur, die alle Ans&#228;tze der traditionellen Linken durchzieht wie ein roter Faden, ist die unmittelbare Fixierung auf die Oberfl&#228;chenerscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft, auf die Klassen bzw. den Klassenkampf. Die grundlegende und jedes Handeln im Kapitalismus konstituierende Kategorie, der Wert, ger&#228;t gar nicht erst ins Blickfeld, stattdessen hat die Analyse ihren Ausgangspunkt direkt auf der Ebene der Interessenskonflikte. Die soziologisch bestimmbaren Interessensgruppen, die Klassen, werden als voraussetzungslose Grundlage der Gesellschaft genommen und ihr Kampf wird mystifiziert. Traditionell war in dieser Interpretation die soziale Schicht der Industriearbeiter das &#8220;revolution&#228;re Subjekt&#8221;, dessen dem Kapitalismus feindlich gesonnenes Bewu&#223;tsein im Interessenskampf mit der, ebenfalls als bestimmte soziale Schicht gedachten, Bourgeosie bzw. dem Kapital zum Ausdruck kommt. Mit dem empirischen Verschwinden der Arbeiterklasse im alten Sinne (als soziale Schicht mit st&#228;ndischen Merkmalen, wie gemeinsames soziales Schicksal qua Geburt, Arbeiterwohnvierteln, Arbeiterkultur etc.) bricht auch das Denkgeb&#228;ude der ganz auf diese bestimmte historische Erscheinung fixierten traditionellen Linken zusammen. Auch die &#8220;Autonomie&#8221; reflektiert diese Entwicklung, indem sie n&#228;mlich das Subjekt Arbeiterklasse entt&#228;uscht beiseite legt, ohne allerdings daraus die Konsequenz zu ziehen, die zunehmend m&#246;rderischen Widerspr&#252;che der Wertgesellschaft nach vorne aufzul&#246;sen. Sie r&#252;ckt nicht das Wertverh&#228;ltnis als solches in das Visier ihrer Kritik, bem&#252;ht sich auch nicht um einen <em>logisch</em> neuen Begriff von Klassenkampf, sondern regrediert lieber in die heimelige Vergangenheit, um &#8220;empirisch&#8221; ein neues &#8220;revolution&#228;res Subjekt&#8221; in der angeblichen &#8220;Subsistenzwirtschaft&#8221; des Fr&#252;hkapitalismus bzw. der heutigen kapitalistischen Peripherie herbeizuphantasieren.</p>
<p><a name="q2"></a>Ironischerweise treffen sie, nebenbei bemerkt, bei diesem Trip in die Vergangenheit auf die von ihnen so verabscheute reformistische Linke, die ihrerseits inzwischen die Ideale von 1917 gegen die von 1848 eingetauscht hat und der schn&#246;den Realit&#228;t die &#8220;wahre Demokratie&#8221; entgegenh&#228;lt. Die alten K&#228;mpfe der Vergangenheit k&#246;nnen also auch an dieser Front wieder aufgegriffen und als Farce neu aufgef&#252;hrt werden, eine Tatsache &#252;brigens, die mehr als zuf&#228;llig ist, vielmehr auf die innere Verwandschaft beider Positionen verweist, denen mit dem Verlust ihres empirischen Subjekts auch die theoretische Grundlage entzogen wurde (<a href="#2">2</a>).</p>
<p><a name="q3"></a>Nun kann es nicht Aufgabe eines Zeitschriftenartikels sein, all jene theoretischen Str&#228;nge aufzuarbeiten, deren unreflektierter Erbe die &#8220;Autonomie&#8221; ist; ich will mich deshalb damit begn&#252;gen, bei einer relativ jungen Position anzusetzen, in deren Traditon sie in direkter Linie steht: die des italienischen Operaismus der 60er und 70er Jahre. Zwar kann auch die Auseinandersetzung mit dieser Str&#246;mung hier nicht mit der angemessenen Ausf&#252;hrlichkeit erfolgen, doch ist es notwendig, sie in ihren Grundz&#252;gen darzustellen und zu kritisieren (<a href="#3">3</a>). Nur so werden einige wesentliche Argumentationszusammenh&#228;nge der &#8220;Autonomie&#8221; deutlich, da sie wichtige Grundmuster des Operaismus &#252;bernimmt, aber fast durchg&#228;ngig darauf verzichtet, diese zu begr&#252;nden.</p>
<h4>Die Erbschaft des Operaismus</h4>
<p><a name="q4"></a>Hatte schon der traditionelle Marxismus den real verdinglichten gesellschaftlichen Zusammenhang versubjektiviert und den Zusammenprall der Klassen zum bewegenden Moment erhoben, so denkt der Operaismus diese Interpretation konsequent zu Ende und f&#252;hrt sie damit letztlich ad absurdum. Insofern ist diese Str&#246;mung so etwas wie der logische Schlu&#223;punkt der traditionellen Theoriebildung. H&#246;ren wir Mario Tronti, einen der theoretischen K&#246;pfe der Operaisten:</p>
<blockquote><p>&#8221; &#8230; ein Klassenverh&#228;ltnis wird zum ersten Mal von der Arbeiterklasse gesetzt &#8230;. So wie keine Klassen existieren k&#246;nnen, bevor nicht die Arbeiter als Klasse zu existieren beginnen, so gibt es keine Revolution, bevor nicht jener zerst&#246;rerische Wille Gestalt angenommen hat, den die Arbeiterklasse mit ihrer blo&#223;en Existenz mit sich bringt.&#8221; (Tronti 1974 [1966], 5.212; erste Hervorheb. im Original) (<a href="#4">4</a>).</p></blockquote>
<p>Deutlicher geht es nicht mehr! Die Arbeiterklasse, verstanden nat&#252;rlich immer als die klassische Industriearbeiterschaft, bzw. bei Tronti vor allem die unqualifizierten Massenarbeiter, hat von allem Anbeginn an, durch ihre blo&#223;e Existenz, den Willen, die kapitalistische Gesellschaft revolution&#228;r zu beseitigen. Dieser Wille bzw. dieses Bewu&#223;tsein mu&#223; durch die K&#228;mpfe hindurch nur noch Gestalt annehmen, sozusagen sich selbst bewu&#223;t werden, so da&#223; die revolution&#228;re Aufgabe lediglich darin besteht, diesen Willen ad&#228;quat zu organisieren und in taktisch angemessener Weise auf den Klassenfeind zu reagieren. Erfolg oder Mi&#223;erfolg der Revolution h&#228;ngen also letzlich von den praktischen Kriterien &#8220;Organisation und Taktik&#8221; ab.</p>
<blockquote><p>&#8220;Das was im allgemeinen &#8216;Klassenbewu&#223;tsein&#8217; genannt wird, ist f&#252;r uns nichts anderes als Moment der Organisation, die Funktion der Partei, das Problem der Taktik.&#8221; (Tronti a.a.O., S. 223) (<a href="#5">5</a>)</p></blockquote>
<p>Der Arbeiterklasse tritt das als gesamtgesellschaftliches Subjekt konstituierte Kapital (bzw. die Kapitalistenklasse) gegen&#252;ber, das seinerseits mit dem Willen ausgestattet ist, die Arbeiter zu unterwerfen und auszubeuten. Soweit bewegt sich Tronti ganz im Rahmen der marxistischen Tradition. Das Spezifische an seiner Position besteht nun darin, da&#223; er dem Bewu&#223;tsein der Arbeiter eine geradezu mystische Selbst&#228;ndigkeit andichtet. Er postuliert n&#228;mlich, da&#223; die Arbeiterklasse zwar gezwungen ist, sich dem Ausbeutungsproze&#223; innerhalb der Produktion zu unterwerfen, also &#246;konomisch als variables Kapital fungiert, sich aber dennoch die <em>subjektive Feindschaft</em> <em>gegen das Kapitalverh&#228;ltnis</em> bewahrt. Die Arbeiterklasse bewegt sich &#8220;innerhalb des Kapitals&#8221;, jedoch als wesensfremde, feindliche Macht. Darin besteht die &#8220;Autonomie&#8221; der Arbeiterklasse (autonomia operaia) (vgl. Tronti a.a.O., S. 107, S. 139 u.a.), die tagt&#228;glich zum Ausdruck kommt, sowohl in Form von Arbeitsk&#228;mpfen, als auch als St&#246;rung des Produktionsprozesses durch Arbeitsverz&#246;gerung, Absentismus etc.</p>
<p>Das Kapital bzw. die Kapitalistenklasse ist auch bewu&#223;t handelndes Subjekt, wenn auch nur ein abgeleitetes, es reagiert auf die st&#228;ndigen Angriffe der Arbeiterklasse, etwa indem es bewu&#223;t Krisen produziert oder den Produktionsproze&#223; technologisch umstrukturiert etc. In dem Ma&#223;e, in dem die Arbeiterklasse durch ihre historischen K&#228;mpfe hindurch beginnt, sich gesamtgesellschaftlich zu organisieren (Gewerkschaften, Arbeiterparteien), reagieren die Kapitalisten ebenfalls mit ihrer Organisierung als Klasse. Entscheidender historischer Wendepunkt ist, so Tronti, das Jahr 1917, wo der Sog der russischen Revolution die Kapitalisten in den westeurop&#228;ischen L&#228;ndern dazu zwingt, sich auf nationaler Ebene als &#8220;Gesellschaftskapital&#8221; zu konstituieren, um den revolution&#228;ren Bestrebungen der selbst bereits gesamtgesellschaftlich organisierten Arbeiterklasse effektiv gegen&#252;bertreten zu k&#246;nnen. Seit diesem Zeitpunkt gibt es keine Einzelkapitalien mit widerstreitenden Partialinteressen mehr, sondern nur noch &#8220;das Kapital&#8221;, das die Gesellschaft organisiert und, im antagonistischen Interessengegensatz dazu, die Arbeiterklasse (vgl. Tronti a.a.O., S. 221).</p>
<p><a name="q6"></a>Die Parallelle zu Hilferding, Lenin und der daran ankn&#252;pfenden Tradition sticht ins Auge &#8211; Tronti beruft sich auch ausdr&#252;cklich auf Lenin &#8211; wobei jene allerdings den angeblichen &#220;bergang zum &#8220;Monopolkapitalismus&#8221; mit der dem Kapitalismus immanenten &#246;konomischen Tendenz zur fortschreitenden Konzentration und Zentralisation von Kapital begr&#252;nden und den Zeitpunkt f&#252;r den H&#246;hepunkt dieser Entwicklung auf die Jahrhundertwende datieren. Da Tronti jedoch konsequent in den soziologischen Kategorien des Klassenkampfes denkt und ihm jegliche &#246;konomische Reflexion fremd ist, orientiert er seine Geschichtsschreibung an den H&#246;hepunkten dieses Kampfes (in diesem Fall also die Oktoberrevolution). Das logische Resultat beider Positionen ist jedoch das gleiche. Das Kapital, in Form der Monopole bzw. des &#8220;Gesellschaftskapitals&#8221;, wird zu einem Subjekt, das die gesamte Gesellschaft kontrolliert und seiner Willk&#252;rherrschaft unterwirft, das Wertgesetz ist ausgeschaltet und die &#246;konomischen Vorg&#228;nge werden nun <em>bewu&#223;t vom Kapital gesteuert</em> (<a href="#6">6</a>). Damit wird der Klassenkampf zu einer reinen politischen Machtfrage, denn im Prinzip gibt es ja schon eine gesellschaftliche Planung, nur da&#223; sie von den &#8220;falschen Leuten&#8221; durchgef&#252;hrt wird, den blutsaugenden Kapitalisten oder Monopolisten n&#228;mlich, im Sinne ihres &#8220;Profitinteresses&#8221;.</p>
<p>Die crux dieser subjektivistischen Sichtweise ist, da&#223; sie zwar abstrakt von Interessen spricht (z.B. dem Verwertungsinteresse), nicht aber erkl&#228;ren kann, wo diese ihren Ursprung haben, diese also letztlich den Subjekten selbst als ontologische Eigenschaft anheften mu&#223; (&#8220;Profitgier&#8221;). Die Interessenskategorie l&#228;&#223;t sich aber nur verstehen, wenn sie aus der <em>durch den Wert gesetzten Konkurrenz</em> erkl&#228;rt wird. Da das Kapital nichts weiter ist, als nach Verwertung dr&#228;ngender Wert, schlie&#223;t der Begriff des Kapitals Konkurrenz ein, sowohl logisch wie auch empirisch (!), und zwar Konkurrenz sowohl zwischen Einzelkapitalien (ein Gesamtmonopol kann es folglich gar nicht geben) als auch zwischen den atomisierten Einzelnen (Individuen, Gruppen, Nationalstaaten etc.) auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Reproduktion.</p>
<p><a name="q7"></a><a name="q8"></a>Auch die Arbeiter agieren also zun&#228;chst einmal als <em>konstituierte</em> Interessensubjekte innerhalb des Prozesses der Kapitalverwertung (<a href="#7">7</a>), was nicht hei&#223;t, da&#223; es hier keine Konfliktlinien gibt, entlang derer sich ein wirklich antikapitalistisches Bewu&#223;tsein, d.h. ein gegen den Gesamtzusammenhang der Wertvergesellschaftung gerichtetes, entfalten kann. Dieses Bewu&#223;tsein ist jedoch nicht apriori vorhanden. Im Gegenteil, der Interessenskonflikt zwischen Lohnarbeit und Kapital ist historisch als ein vollkommen wertimmanenter ausgetragen worden, f&#252;r h&#246;here L&#246;hne und nicht f&#252;r die Abschaffung der Lohnarbeit, f&#252;r politische Rechte und nicht f&#252;r die Abschaffung von Staat und formalem Recht &#252;berhaupt etc. (<a href="#8">8</a>). Erst indem sich diese Form der Konfliktaustragung historisch ersch&#246;pft, die Arbeiterklasse ihre Anerkennung als <em>gleichberechtigtes Interessensubjekt</em> erk&#228;mpft hat und damit als soziologisch bestimmte Schicht verschwindet, die Lohnarbeit aber gleichzeitg zur verallgemeinerten Existenzform geworden ist, sind die <em>Voraussetzungen</em> f&#252;r ein massenhaftes antikapitalistisches Bewu&#223;tsein geschaffen. Ein solches Bewu&#223;tsein wird sich aber gerade nicht auf den hilflosen Standpunkt stellen, &#8220;die Arbeiter&#8221; sollten doch endlich ihre &#8220;objektiven Interessen&#8221; konsequent wahrnehmen, sondern mu&#223; im Ge-genteil die Interessenskategorie selbst durchbrechen. Es mu&#223; die Abschaffung des Arbeiterdaseins &#252;berhaupt (wie auch die des Technikerdaseins, des Sozialarbeiterdaseins etc.), d.h. der auf dem Wert beruhenden Arbeitsteilung, auf seine Fahnen schreiben, was nichts anderes hei&#223;en kann, als die Beseitigung des Wertverh&#228;ltnisses und die Herstellung einer direkten, also bewu&#223;ten Vergesellschaftung.</p>
<p><a name="q9"></a>Dieser Sprung &#252;ber die Interessenskategorie hinaus klingt zwar auch bei den Operaisten an, etwa in der Parole &#8220;Kampf gegen die Arbeit&#8221;. Allerdings bleibt diese Parole vollkommen abstrakt und unvermittelt (<a href="#9">9</a>) und l&#228;&#223;t sich letztlich nur als reine Negation des Bestehenden formulieren.</p>
<blockquote><p>&#8220;&#8230; vom Arbeiterstandpunkt aus existiert die Zukunft nicht: vielmehr nur als Blockade des Bestehenden, Unm&#246;glichkeit, da&#223; es so weiter funktioniert, wie es aktuell organisiert ist &#8230;&#8221; (Tronti a.a.O., S.224)</p></blockquote>
<p><a name="q10"></a>Schon in Trontis mehr als vagen Umschreibungen des revolution&#228;ren Ziels, dem &#8220;Arbeiterstaat&#8221;, r&#228;cht sich diese begriffliche Schwammigkeit. Das Wortmonstrum enth&#228;lt gleich die beiden wesentlichen Bestimmungen der Wertgesellschaft, denn die Kategorie des Arbeiters kann ja wohl schwerlich ohne die dazugeh&#246;rige Lohnarbeit existieren und die dann unvermeidliche Staatsgewalt wird auch gleich mitgeliefert. Entsprechend hilfos bleiben dann auch die Abgrenzungsversuche gegen&#252;ber der Sowjetunion und ihren Anh&#228;ngseln. Tronti konstruiert die &#8220;Erkl&#228;rung&#8221;, die &#8220;<em>politische Macht des Kapitals</em>&#8221; habe dort die &#8220;<em>Form des Arbeiterstaates </em>angenommen&#8221; (Tronti a.a.O., S.195; Hervorheb. N.T.) (<a href="#10">10</a>). &#220;ber den Inhalt &#8220;<em>seines</em>&#8221; Arbeiterstaates kann er uns bedauerlicherweise keine Auskunft geben.</p>
<p>Auch der bekannte operaistische Theoretiker Toni Negri f&#252;hrt uns &#252;berdeutlich die Beschr&#228;nktheit eines Ansatzes vor, dessen Ausgangspunkt die unmittelbar empirische Interessenkategorie ist. In seinem Bem&#252;hen um eine Krisentheorie, beispielsweise, interpretiert er, in expliziter Anlehnung an Keynes, die Krise von 1929/30 als urs&#228;chlich durch eine St&#246;rung von Angebot und Nachfrage bedingt. Die Ursache dieser St&#246;rung ist bei ihm allerdings nicht das Wirken blinder &#246;konomischer Gesetzm&#228;&#223;igkeiten sondern der antagonistische Wille der feindlichen Klassensubjekte.</p>
<blockquote><p><a name="q11"></a>&#8220;Die herrschende politische Schicht &#8230; hatte nicht gewollt (!), da&#223; auf die massenhaften Bewegungen des Angebots eine ebensolche Vermassung der Nachfrage Einflu&#223; nehmen k&#246;nnte&#8230;&#8221; (Negri, 1972 [1968], S. 26) (<a href="#11">11</a>)</p></blockquote>
<p>Die Bourgeosie = Angebot, die Arbeiterklasse = Nachfrage und letztere bringt ihre &#8220;Autonomie&#8221; dadurch zum Ausdruck, da&#223; sie auf einer bestimmte Mindestlohnh&#246;he beharrt.</p>
<blockquote><p>&#8220;Denn sagt man &#8216;Nachfrage&#8217;, so sagt man Arbeiterklasse, Massenbewegung, die eine politische Identifikation gefunden hat, M&#246;glichkeit des Aufstandes und der Umw&#228;lzung des Systems.&#8221; (Negri, a.a.O., S. 26f.)</p></blockquote>
<p>Negri &#252;bernimmt hier also blind die vulg&#228;rsten, auf die Oberfl&#228;chenerscheinungen der Zirkulation fixierten Krisenerkl&#228;rungen der b&#252;rgerlichen &#214;konomie und versucht sie in seinem Sinne &#8220;positiv&#8221; zu wenden, indem er das blo&#223;e Stellen von Lohnforderungen zur bewu&#223;ten gegen den Kapitalismus gerichteten Aktion uml&#252;gt. Schon die Formulierung &#8220;Identifikation mit der Rolle der Nachfrage&#8221; macht jedoch un&#252;bersehbar deutlich, da&#223; hier auch ideologisch ein rein immanenter Interessenstandpunkt bezogen wird.</p>
<p><a name="q12"></a>Dagegen wirkt es hilflos, wenn Tronti seinerseits nur dem instituionalisierten gewerkschaftlichen Kampf vorwirft, er sei nicht mehr als &#8220;der Reflex der Notwendigkeiten des Kapitals&#8221; (Tronti, 1974 [1966], S.222). Im Grunde tut er nicht mehr, als der institutionalisierten Interessensvertretung durch Gewerkschaften und Parteien w&#252;tend den unmittelbaren Interessenstandpunkt des (Massen-)Arbeiters entgegenzuschleudern &#8211; er nennt dies den &#8220;Arbeiterstandpunkt&#8221; &#8211; und als solchen zu hypostasieren (<a href="#12">12</a>). In dieser Hypostasierung des unmittelbaren empirischen Interesses ist im &#252;brigen schon ein v&#246;llig instrumentelles Verh&#228;ltnis zur Theorie bzw. eigentlich die Negation jeglicher Theorie angelegt. Wenn die k&#228;mpfenden Subjekte den gesellschaftlichen Zusammenhang bewu&#223;t konstituieren, so sind die Verh&#228;ltnisse klar und durchsichtig. Was es an R&#228;tseln zu l&#246;sen gibt, sind bestenfalls die Mystifikationen (Ideologie, &#8220;falsches Bewu&#223;tsein&#8221;), die der Gegner in die Welt setzt und sie zu durchschauen ist der gesunde &#8220;revolution&#228;re&#8221; Menschenverstand selbstverst&#228;ndlich zureichend.</p>
<p><a name="q13"></a>&#8220;Theorie&#8221; wird dann zu einer Frage der Taktik, zu dem Versuch, die &#8220;Schachz&#252;ge des Gegners&#8221; zu antizipieren und beschr&#228;nkt sich dementsprechend in der Regel auf ein ma&#223;loses Ansammeln empirischen Materials. Den revolution&#228;ren Anstrich erh&#228;lt dieses durch und durch b&#252;rgerliche Theorieverst&#228;ndnis per Adjektiv (&#8220;militante Untersuchung&#8221; u.&#228;.) (<a href="#13">13</a>). Tronti etwa empfiehlt, jeden Moment der &#246;konomischen Entwicklung genau zu studieren, um dann immer genau das zu fordern, was &#8220;&#252;ber den Spielraum der Kapitalisten hinausgeht&#8221; (Tronti, a.a.O., S. 219). <a name="q14"></a>Dadurch werde das Kapital von einer Krise in die n&#228;chste gest&#252;rzt, bis nur noch eine Forderung bleibt, n&#228;mlich die nach politischer Macht (Tronti, a.a.O., S.220 f.) (<a href="#14">14</a>). Diese letztlich v&#246;llig abstrakten taktischen &#220;berlegungen, die in keinster Weise das reale Bewu&#223;tsein der anvisierten Akteure mitreflektieren, wiederholen sich nicht zuf&#228;llig in der beliebten Agitationsfigur der ML-Sekten der 70er Jahre, die Arbeiter sollten doch endlich ihre Interessen &#8220;konsequent&#8221; wahrnehmen (die &#8220;Marxistische Gruppe&#8221; ist bis heute nicht &#252;ber diesen Standpunkt hinausgekommen) und haben sich dort restlos blamiert. Da die Interessenskategorie selbst und damit der <em>Inhalt</em> dieser K&#228;mpfe nicht in Frage gestellt wird, bleibt von dem, was bei Tronti &#8220;Strategie der Verweigerung&#8221; hei&#223;t, die Weigerung &#8220;die Bed&#252;rfnisse des Kapitals durch die Arbeiterforderungen zu <em>tragen</em>&#8221; (Tronti, a.a.O., S.222), in der Praxis bestenfalls eine Radikalit&#228;t in der <em>Form</em> &#252;brig (&#8220;wilde&#8221; Streiks, Fabrikbesetzung, Sabotage etc.).</p>
<h4>Die &#8220;Subsistenzklasse&#8221;, das &#8220;neue&#8221; revolution&#228;re Subjekt</h4>
<p>Ein theoretischer Ansatz, der unmittelbar an die Interessen eines bestimmten empirischen Subjekts ankn&#252;pft, mu&#223;te mit dem tendenziellen Verschwinden dieses Subjekts selbst obsolet werden. Angesichts der sozialen Auseinandersetzungen im Italien der 70er Jahre wurde zwar zun&#228;chst versucht, den Operaismus dadurch zu retten, da&#223; die Beschr&#228;nkung auf die Produktionssph&#228;re aufgegeben und die gesamte Gesellschaft als eine &#8220;Fabrik des Kapitals&#8221; begriffen wurde (Negri), doch mit dem Abebben der K&#228;mpfe versank der Ansatz in der Bedeutungslosigkeit.</p>
<p><a name="q15"></a>Nur einige unerm&#252;dliche Aktivisten setzten die Traditionslinie fort, in der Bundesrepublik, neben einigen Vertretern des klassischen Operaismus (&#8220;<a href="http://www.wildcat-www.de">Wildcat</a>&#8220;), vor allem die Zeitschrift &#8220;Autonomie&#8221;. Sie treibt den Subjektivismus auf die Spitze, indem sie die alte Arbeiterklasse endg&#252;ltig ad acta legt, um &#8211; nach einer Irrfahrt durch die &#8220;neuen sozialen Bewegungen&#8221; &#8211; beim &#8220;revoltierenden Subjekt schlechthin&#8221; zu landen, dessen Wurzeln sie in der &#8220;Subsistenz&#8221; verortet. Dabei reproduziert sie bewu&#223;tlos weit mehr von der logischen Herangehensweise des Operaismus und des traditionellen Marxismus, als ihr angesichts der wortgewaltigen Scheingefechte, die sie vor allem gegen letzteren f&#252;hrt, lieb sein d&#252;rfte. Nicht nur das instrumentelle Theorieverst&#228;ndnis, sondern vor allem auch die Hypostasierung des unmittelbaren Interesses &#252;bernimmt sie unhinterfragt. Selbst bei ihrer Wendung weg von der Arbeiterklasse stand das operaistische Geschichtsverst&#228;ndnis un&#252;bersehbar Pate. Auch die &#8220;Autonomie&#8221; begreift die Geschichte des Kapitalismus als permanenten Kampf zweier antagonistischer Subjekte, der Klasse und dem Kapital, und kann daher das Verschwinden der alten Arbeiterklasse nur als deren vollst&#228;ndige Unterwerfung unter die Herrschaft des Kapitals interpretieren. Das Kapital hat, in dieser Interpretation, in den Metropolen auf (fast) ganzer Linie gesiegt, es bleiben noch Minderheiten &#252;brig, auf die sich die Hoffnung st&#252;tzen kann. Demnach, so folgert die &#8220;Autonomie&#8221; messerscharf, kann etwas nicht stimmen mit der theoretischen Konstruktion des Operaismus, nach der sich die Arbeiterklasse zwar innerhalb des Kapitals (der Produktion, der Fabrik) bewege, dabei aber die subjektive Feindschaft dagegen bewahre &#8211; die Empirie spricht offenbar gegen diese Behauptung. Besteht also Tronti noch auf einem immanenten Widerspruch des Kapitalverh&#228;ltnisses, der darin bestehe, da&#223; sich die Arbeiterklasse als (feindliches) &#8220;Au&#223;en&#8221; im &#8220;Innen&#8221; des Kapitals (der Produktion) bewege, kommt die &#8220;Autonomie&#8221; zu dem Schlu&#223;, das feindliche Subjekt k&#246;nne tatas&#228;chlich nur von au&#223;en hinzutreten und verortet es in dem Bereich, der bei ihnen die &#8220;Subsistenz&#8221; bzw. &#8220;Reproduktion der Unterschichten&#8221; hei&#223;t (<a href="#15">15</a>).</p>
<p>Die &#8220;antagonistische Konstitution der Klasse&#8221; um die Jahrhundertwende wird dementsprechend folgenderma&#223;en erkl&#228;rt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Diese Konstitution ist nicht Resultat des Produktionsprozesses allein, mi&#223;t sich nicht am Grad der Vereinahmung, sondern genau am Gegenteil: an der archaischen Reproduktion der Unterschichten, die in erster und zweiter Generation dem Leben als Industriearbeiter fremd gegen&#252;berstehen, und an der Bereitschaft, aus dieser Fremdheit heraus das gesamte soziale Verh&#228;ltnis infrage zu stellen&#8221; (Autonomie 14, S.206).</p></blockquote>
<p>Die Strategie des Kapitals im permanenten Klassenkrieg ist demzufolge voll darauf ausgerichtet, der Klasse ihre &#8220;autonome Reproduktionsbasis&#8221; zu entziehen. Elemente dieser Strategie sind z.B. die Einrichtung von Werkssiedlungen, die Einf&#252;hrung der Sozialversicherung, Familienplanung, ideologische Manipulation, soziale und polizeiliche &#220;berwachung etc. (vgl. Autonomie 14, S. 207 &#8211; 214). Jegliche Erscheinung der fortschreitenden Wertvergesellschaftung wird als Teil des allgegenw&#228;rtigen Kampfes gegen &#8220;die Klasse&#8221; interpretiert, aus dem, zumindest in den westlichen kapitalistischen L&#228;ndern, &#8220;das Kapital&#8221; als Sieger auf ganzer Linie hervorgegangen ist.</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Singularisierung der Individuen, der Zusammenbruch famili&#228;rer Gewaltstrukturen unter den versch&#228;rften Zumutungen der Krisenpolitik leiten nur den letzten Schritt ein in der Aufl&#246;sung sozialer Strukturen, in denen noch Reste und pervertierte Formen proletarischer Selbstbestimmung gelegen haben m&#246;gen. Einerseits in der kybernetischen Planung gesellschaftlicher Prozesse (Neue Technologien, &#220;berwachung etc., N.T.) &#8230;, andererseits in der Subsumtion der sozialen Bed&#252;rfnisse noch auf dem kleinsten Niveau und in der Subsumtion auch der generativen Reproduktion selbst (Gen- und Reproduktionstechnologien, N.T.) liegt das Projekt der Dekonstitution und Abschaffung der Klasse, die mit der reellen Subsumtion ihre aus sich selbst bestimmte Existenz verloren hatte, die aber als gesellschaftlicher Widerspruch innerhalb des Kapitalverh&#228;ltnisses noch im Zentrum des gesellschaftlichen Prozesses gestanden hatte&#8221; (Autonomie 14, S. 213, Hervorheb. N.T.).</p></blockquote>
<p><a name="q16"></a>Die Widerspr&#252;che des Kapitalverh&#228;ltnisses sind also beseitigt, weil das revolution&#228;re Subjekt die &#8220;aus sich selbst bestimmte Existenz&#8221; verloren hat. Wenn aber jegliche Grundlage f&#252;r ein revolution&#228;res Bewu&#223;tsein fehlt, sobald die Gesellschaft kapitalistisch durchstrukturiert ist, kann das revolution&#228;re Subjekt nur ausserhalb des Kapitalismus zu finden sein und dieses &#8220;ausserhalb&#8221; ist bei der &#8220;Autonomie&#8221; die &#8220;Subsistenz&#246;konomie&#8221;. Sie behauptet, da&#223; eine kommunistische Revolution nur an der &#8220;Bruchstelle zwischen Subsistenzwirtschaft und Kapitalismus&#8221; m&#246;glich war bzw. ist. Dort, wo das Eindringen des Kapitalverh&#228;ltnisses subsistenzwirtschaftliche Strukturen zerst&#246;rt, werde ein Widerstand produziert, in dessen Gefolge die traditionellen &#8220;Lebens- und Subsistenzzusammenh&#228;nge &#8230; revolution&#228;r aktualisiert und umgedeutet&#8221; w&#252;rden (<a href="#16">16</a>).</p>
<p>Die &#8220;Autonomie&#8221; baut hier eine k&#252;nstliche Frontstellung zweier Produktionsweisen auf, was nur deshalb m&#246;glich ist, weil sie einen v&#246;llig aufgebl&#228;hten Begriff von &#8220;Subsistenzwirtschaft&#8221; zugrunde legt. Subsistenzproduktion oder Subsistenzwirtschaft, im strengen Sinne, w&#228;re eine den Naturv&#246;lkern angeh&#246;rende Produktionsweise, in der nicht nur alle Produkte f&#252;r den unmittelbaren Verbrauch hergestellt werden, sondern die Produktion, auch bedingt durch den geringen Grad an Produktivkraft der Arbeit, den unmittelbar lebensnotwendigen Bedarf nicht &#252;bersteigt. Es wird also kein Mehrprodukt erwirtschaftet, das f&#252;r andere Zwecke als das pure physische &#220;berleben verwendet werden k&#246;nnte. Wenn man den Begriff der Subsistenzproduktion &#252;ber diese strenge Definition hinaus ausdehnen kann, dann allenfalls auf solche Produktionsweisen, in denen zwar ein gewisses Mehrprodukt hergestellt wird, dieses Mehrprodukt aber, in welchem gesellschaftlichen Zusammenhang auch immer, i.d.R. in <em>Naturalform</em> angeeignet wird (Naturaltausch, Aneignung durch eine Kriegerkaste/ einen Feudalherren etc.), d.h. Geldwirtschaft und Warenproduktion noch nicht entwickelt sind oder eine sekund&#228;re Rolle spielen.</p>
<p>Welchen Inhalt hat nun der Begriff der Subsistenzproduktion f&#252;r die &#8220;Autonomie&#8221;? Zwar suchen wir vergeblich nach einer expliziten Begriffsbestimmung, eine Spezialit&#228;t der &#252;berwiegend assoziativ arbeitenden Autoren, doch geht aus dem Zusammenhang des Textes eindeutig hervor, da&#223; hier unter &#8220;Subsistenz&#246;konomie&#8221; nicht eine bestimmte historische <em>Produktionsweise</em> sondern die <em>Bewu&#223;tseinshaltung</em> vor- und fr&#252;hkapitalistischer Familienverb&#228;nde gemeint ist, deren erstes Ziel darin bestand, das &#220;berleben (in der Diktion der &#8220;Autonomie&#8221;: die Subsistenz) aller Angeh&#246;rigen des Verbandes zu gew&#228;hrleisten. So wird etwa eine sich &#252;berwiegend durch Heimarbeit reproduzierende Familie des 19. Jahrhunderts, als &#8220;subsistenzwirtschaftlich orientierte Produktionsfamilie&#8221; bezeichnet, &#252;ber die es weiterhin hei&#223;t:</p>
<blockquote><p>&#8220;Der Arbeitsaufwand der ganzen Familie richtete sich nicht auf einen zu erzielenden &#220;berschu&#223;, auf Sparen oder auf in der Zukunft liegende Befriedigung von Bed&#252;rfnissen, sondern nach der `&#214;konomie der begrenzten Ziele&#8217; nach dem Interesse an Konsum, Mu&#223;e, Vergn&#252;gungen usw. Und so konnte es sehr wohl vorkommen, da&#223; die subsistenzarbeitende Familie, wenn sie genug Einkommen zusammen hatte, anl&#228;&#223;lich eines Festes &#8230; `alles auf den Kopf haute&#8217; &#8230; Das Interesse an Arbeit &#8211; und zwar der ganzen Familie &#8211; war nur insoweit vorhanden, wie es zur Sicherstellung des Konsums der Familie diente.&#8221; (Autonomie 14, S. 154, Hervorheb. N.T.)</p></blockquote>
<p><a name="q17"></a>Indem der Begriff so v&#246;llig aufgel&#246;st und auf die Frage der <em>Einstellung</em> zur eigenen Reproduktion reduziert wird, l&#228;&#223;t er sich nun beliebig mit Inhalt f&#252;llen. Neben tats&#228;chlicher b&#228;uerlicher Subsistenzproduktion wird ausdr&#252;cklich auch b&#228;uerliche Warenproduktion (<a href="#17">17</a>) und die zitierte fr&#252;hkapitalistische Heimarbeit hineingepackt, beides also Reproduktionsformen, wo ganz eindeutig nicht f&#252;r den eigenen Bedarf produziert wird, sondern die eigenen Produkte bzw. die eigene Arbeitsleistung <em>verkauft</em> werden, der subsistenzwirtschaftliche Zusammenhang also bereits durch das Eindringen des Wertes zersetzt wurde. Da&#223; in diesen &#220;bergangsformen zur kapitalistischen Produktion (die Heimarbeit wird h&#228;ufig als. &#8220;protoindustrielle&#8221; Produktionsform bezeichnet) Bewu&#223;tseinsformen &#252;berlebten, die &#8220;eigentlich&#8221; im Kontrast zum &#8211; der Produktionsweise inh&#228;renten &#8211; Rentabilit&#228;tsdenken standen (vgl. dazu auch Sieder 1987, S. 73ff.), ist eine andere, sehr interessante Frage, auf die noch zur&#252;ckzukommen sein wird. Die &#8220;Autonomie&#8221; aber, weil sie das Bewu&#223;tsein von der historischen Verlaufsform isoliert, setzt <em>stoffliche</em> Produktion f&#252;r den eigenen Bedarf (also Gebrauchswertproduktion) unmittelbar in eins mit einer Reproduktionsform, in der zwar das Sichern der Existenz des Familienverbandes Priorit&#228;t genie&#223;t, dies aber nur vermittelt &#252;ber <em>wertm&#228;&#223;ige</em> Produktion gew&#228;hrleistet werden kann.</p>
<p><a name="q18"></a>Die schwammige Verwendung des Begriffes dr&#252;ckt sich &#252;brigens auch darin aus, da&#223; ausdr&#252;cklich von &#8220;st&#228;dtischer Subsistenz&#246;konomie&#8221; die Rede ist (Autonomie 14, S.121), worunter die &#8220;Autonomie&#8221; die Reproduktion st&#228;dtischer Handwerker, Kleinh&#228;ndler und sogar fr&#252;her Lohnarbeiter fa&#223;t. Allerdings scheint ihr die inflation&#228;re Verwendung des Begriffes der &#8220;Subsistenzproduktion&#8221; selbst nicht ganz geheuer zu sein, denn weitaus h&#228;ufiger verwendet sie in diesem Zusammenhang die Begriffe der &#8220;Reproduktion der Unterklassen&#8221; bzw. der &#8220;selbst&#228;ndigen Reproduktion&#8221;, die dann neben Handwerk und Kleinhandel auch Diebstahl, h&#228;usliche Reproduktionsarbeit und den Rekurs st&#228;dtischer Lohnarbeiter auf die Unterst&#252;tzung durch den auf dem Lande lebenden Familienverband beinhaltet (<a href="#18">18</a>). Diese Begriffsdifferenzierung ist jedoch eine rein formelle, denn tats&#228;chlich werden alle drei Begriffe vom Bedeutungsinhalt her synonym verwendet, was allein daran deut-lich wird, da&#223; deren Verh&#228;ltnis zueinander an keiner Stelle explizit gekl&#228;rt wird. Alle drei Begriffe umfa&#223;en jegliche Reproduktion, die nicht unmittelbar auf Lohnarbeit beruht oder durch staatliche bzw. quasi-staatliche Institutionen (Sozialversicherung, Sozialverwaltung etc.) geregelt wird. Solange die Subjekte sich noch Einkommensquellen bzw. erg&#228;nzende Reproduktionsbasen neben der Lohnarbeit und der staatlichen Versorgung erhalten, solange kann also noch von (Resten) &#8220;selbst&#228;ndiger Reproduktion&#8221; gesprochen werden, und nur solange ist auch die Grundlage f&#252;r ein &#8220;autonomes&#8221;, also antikapitalistisches Bewu&#223;tsein gegeben.</p>
<p>Doch das Kapital schl&#228;ft nicht:</p>
<blockquote><p>&#8220;Mit der Ausweitung der Sozialversicherungen subsumiert der Staat auch das Existenzrecht der Klasse in einem versicherungsrechtlichen Verh&#228;ltnis. Aus der Rache f&#252;r das erlittene Unrecht wird der `Generationenvertrag&#8217;. Das ehedem antagonistische, unvermittelt dem Kapital gegen&#252;berstehende Existenzrecht wird umgedreht zum Mittel kapitalistischer Reproduktion. Die autonome Klassenkonstitution wird damit ihrer moralischen und &#246;konomischen Grundlage beraubt&#8221; (Autonomie 14, S.207).</p></blockquote>
<p>Die Frontstellung, die k&#252;nstlich aufgebaut wird, ist die zwischen Kapitalismus und Subsistenzwirtschaft, zwischen &#8220;kapitalistischer Reproduktion&#8221; und &#8220;selbst&#228;ndiger Reproduktion&#8221;. Das Kapitalverh&#228;ltnis wird nicht begriffen als das logisch-historische Resultat der Warenproduktion, sondern als eine &#228;u&#223;erliche, fremde Macht, die vollkommen willk&#252;rlich die B&#252;hne der Geschichte betritt und mit dem subjektiven Willen ausgestattet ist, alle anderen Formen der Produktion und Reproduktion zu unterwerfen oder zu zerst&#246;ren.</p>
<blockquote><p>&#8220;Es hat keinen selbstgesetzlichen Zwang gegeben, unter dem eine Gesellschaft auf der Grundlage von Feudalrente, Subsistenzproduktion und kleiner selbst&#228;ndiger Warenproduktion zu einem modernen, auf kapitalistischer Lohnarbeit beruhenden Produktionsverh&#228;ltnis h&#228;tte fortschreiten m&#252;ssen&#8221; (Autonomie 14, S. 127).</p></blockquote>
<p><a name="q19"></a>Woher allerdings dieses Subjekt kam, das hier so anma&#223;end einfach den Gang der Geschichte bestimmt hat, woher es seinen Zerst&#246;rungswillen bezogen hat, kann uns die sonst so mit historischen Fakten um sich schmei&#223;ende &#8220;Autonomie&#8221; leider nicht verraten. Wie jeder Empirismus mu&#223; sie zu Mystifizierungen greifen, sobald sie &#252;bergreifende Zusammenh&#228;nge erkl&#228;ren will, die mit den Mitteln der kruden Faktenklauberei nicht mehr fa&#223;bar sind. Das Kapital als &#8220;diabolus ex machina&#8221;.</p>
<p>Wenn man &#252;berhaupt eine historische Frontstellung zwischen Produktionsweisen aufbauen wollte, dann die zwischen wirklicher (dem Wesen nach b&#228;uerlicher) Subsistenzproduktion und Warenproduktion. Erstere wurde im Verlaufe der historischen Entwicklung durch die Ausbreitung von Tausch und Geld zunehmend zersetzt &#8211; wobei die &#220;berg&#228;nge von einer Form zur anderen flie&#223;end und regional extrem ungleichzeitig waren. Die kapitalistische Produktionsweise allerdings ist<em> kein Gegensatz </em>zur Warenproduktion, sondern deren <em>entfaltete Form</em>, die durch die Verwandlung der Arbeitskraft in Ware die Verwertung des Wertes zum Selbstzweck der Produktion macht und damit tendenziell alles in die Wert-/Geldform pre&#223;t. Soziale Zusammenh&#228;nge, die auf pers&#246;nlicher Abh&#228;ngigkeit und Blutsverwandschaft beruhen, werden durch die entfesselte Eigendynamik des Wertes aufgel&#246;st, die Vergesellschaftung, die sich hinter dem R&#252;cken der Subjekte herausbildet, ist keine bewu&#223;t organisierte, sondern tritt ihnen als &#228;u&#223;erlich und fremd gegen&#252;ber. Die gesellschaftliche Beziehung der Menschen ist in ein &#8220;gesellschaftliches Verhalten der Sachen verwandelt&#8221; (<a href="#19">19</a>).</p>
<p><a name="q20"></a>Soweit auch unter den Bedingungen entfalteter Wertproduktion noch Reste direkt gebrauchswertm&#228;&#223;iger Reproduktion erhalten bleiben (z.B. der Gem&#252;segarten), so hat dies bestenfalls erg&#228;nzenden Charakter. Was die Hausarbeit im engeren Sinne betrifft, die etwa von den Bielefelder Feministinnen auch unter die Rubrik &#8220;Subsistenzarbeit&#8221; gefa&#223;t wird, so hat sie sich als solche &#8211; als getrennte Sph&#228;re &#8211; selbst erst im Rahmen der kapitalistischen Vergesellschaftung, als unerl&#228;ssliche Erg&#228;nzung zur Lohnarbeit, herausgebildet (<a href="#20">20</a>). Beides, sowohl die Reste gebrauchswertm&#228;&#223;iger Reproduktion als auch die Hausarbeit, sind also immer schon kapitalistisch subsumiert und k&#246;nnen daher gar keinen unabh&#228;ngigen &#8220;sozialen Raum&#8221; bilden, geschweige denn isolierte Grundlage f&#252;r ein &#8220;autonomes antikapitalistisches Bewu&#223;tsein&#8221; sein. Dies gilt auch f&#252;r &#220;berlebensstrategien, wie sie in Krisen- und Kriegszeiten immer wieder aufleben und in der 3. Welt weit verbeitet sind. Sie haben entweder &#220;bergangscharakter, soweit Perspektiven f&#252;r einen Wieder-Aufbau kapitalistischer Reproduktion bestehen, oder sie sind in der ein oder anderen Weise an diese gebunden, sei es durch Kleinhandel, &#8220;M&#252;llhaldenproduktion&#8221;, gelegentliche Lohnarbeit, Diebstahl oder schlicht durch Orientierung der (meist unerf&#252;llbaren) Konsumw&#252;nsche an der Warenwelt.</p>
<p><a name="q21"></a>F&#252;r die &#8220;Autonomie&#8221; stellt sich die Verallgemeinerung des Kapitalverh&#228;ltnisses jedoch vollkommen verquer dar -&#252;brigens ganz in der Tradition der linken Debatte- nicht als Versachlichung, sondern als Herausbildung der pers&#246;nlichen Herrschaft des Subjektes Kapital &#252;ber das Subjekt Klasse. Die Subjektivit&#228;t, das Bewu&#223;tsein der Kontrahenten wird als fertiges vorausgesetzt, ist den Subjekten genauso unver&#228;nderlich angeheftet wie ihre Hautfarbe. Wenn &#8220;die Klasse&#8221; in den kapitalistischen Metropolen also mittlerweile in &#8220;das Kapital&#8221; integriert ist, so hei&#223;t dies demnach, da&#223; ihr &#8220;eigentliches Bewu&#223;tsein&#8221; im Verlauf der K&#228;mpfe versch&#252;ttet wurde. Voraussetzung einer Revolution ist dann logischerweise, da&#223;</p>
<blockquote><p>&#8220;es gelingt R&#228;ume f&#252;r proletarische Rekonstitution zu er&#246;ffnen und zu sichern.&#8221; (Autonomie 14, S. 214, Hervorheb. N.T.) (<a href="#21">21</a>)</p></blockquote>
<p>Die &#8220;Autonomie&#8221; versucht diese haarstr&#228;ubende These dadurch zu st&#252;tzen, da&#223; sie blindw&#252;tig in der Geschichte wildert und einen Berg beliebiger Details herbeischaufelt, wobei ihr im Eifer des Gefechtes nicht einmal auff&#228;llt, da&#223; schon diese Beispiele gerade das Gegenteil ihrer eigenen Behauptungen belegen. Alles was ihnen n&#228;mlich als &#8220;antikapitalistischer&#8221; sozialer Kampf erscheint, entpuppt sich meist schon auf den zweiten fl&#252;chtigen Blick selbst schon als Teil der sich heraus-bildenden Wertlogik. Ein krasses Beispiel hierf&#252;r ist die Beschreibung der Arbeitsk&#228;mpfe der deutschen Eisenbahnarbeiter um 1845/47. Ausf&#252;hrlich schildert die &#8220;Autonomie&#8221;, da&#223; es sich hierbei ganz offensichtlich um Lohnk&#228;mpfe gehandelt hat, deren H&#228;rte sich wohl in erster Linie aus dem Status dieses sich gerade erst herausbildenden neuen Typus des Massenarbeiters erkl&#228;ren l&#228;&#223;t. Der Eisenbahnbau pferchte zum ersten Mal gro&#223;e Massen unqualifizierter Arbeiter unter sch&#228;rf-sten Ausbeutungsbedingungen zusammen und entkoppelte sie gleichzeitig von ihren bisherigen Lebens- und Reproduktionszusammenh&#228;ngen. Die &#8220;Autonomie&#8221; selbst:</p>
<blockquote><p>&#8220;Obermann, D. Eichholtz u.a. sehen in dieser fortgeschrittenen kapitalistischen Ausbeutungsform, sicher nicht zu unrecht, eine Grundlage f&#252;r die st&#228;ndige Kampfbereitschaft und Aktivit&#228;t der Eisenbahnarbeiter im Vorm&#228;rz und f&#252;r die H&#228;rte ihrer K&#228;mpfe, die sich &#252;berwiegend als Lohnk&#228;mpfe darstellten&#8230;&#8221; (Autonomie 14, S.50)</p></blockquote>
<p>Umso erstaunlicher ist dann die Schlu&#223;folgerung aus dieser Feststellung:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die spezifische Modernit&#228;t der Eisenbahnarbeiterk&#228;mpfe &#8230; lag in der Revolte gegen das System der Lohnarbeit selbst.&#8221; (ebd.)</p></blockquote>
<p>Eine wahrhaft logische Denkleistung, die folgenderma&#223;en &#8220;begr&#252;ndet&#8221; wird:</p>
<blockquote><p>&#8220;Selbst wo immer Lohnforderungen gestellt und Lohnk&#228;mpfe gef&#252;hrt wurden, ist daraus nicht zu folgern, da&#223; die Arbeiter ihre Unterwerfung unter das Lohnsystem gewollt h&#228;tten. Im Eisenbahnbau wurden h&#246;here L&#246;hne gefordert als anderswo&#8230;&#8221; (ebd., Hervorheb. N.T.)</p></blockquote>
<p><a name="q22"></a>Als ob es einen freien Willen g&#228;be, der au&#223;erhalb des erreichten Vergesellschaftungszusammenhanges st&#252;nde und sich zwischen verschiedenen Formen der Reproduktion entscheiden k&#246;nnte, wie zwischen zwei Waschmittelmarken im Supermarkt! Das unmittelbare Wollen der Eisenbahnarbeiter mu&#223;te sich auf Lohnforderungen konzentrieren, denn nur &#252;ber den Lohn konnten sie sich reproduzieren. Das hei&#223;t allerdings nicht, da&#223; es f&#252;r die ersten Lohnarbeiter selbstverst&#228;ndlich war, ihre Arbeitskraft zu verkaufen; dies erforderte in der Tat einen langen historischen Gew&#246;hnungsproze&#223;, der keineswegs reibungslos verlief. Die Bewu&#223;tseinsformen, die im Laufe dieses Prozesses ausgepr&#228;gt werden, reflektieren jedoch allesamt die jeweils erreichte Stufe der Wertvergesellschaftung, und das gilt nicht nur f&#252;r Lohnk&#228;mpfe und die sich daraus entwickelnden Gewerkschaften, sondern genauso auch f&#252;r die fr&#252;hsozialistischen Vorstellungen von &#8220;Gemeindesozialismus&#8221;, auf welche die &#8220;Autonomie&#8221; sich positiv bezieht (<a href="#22">22</a>). Dem geringen Verallgemeinerungsgrad des Wertverh&#228;ltnisses entsprach die Utopie einer genossenschaftlich organisierten kleinen Warenproduktion und nicht etwa die &#220;berwindung der Warenproduktion &#252;berhaupt.</p>
<p><a name="q23"></a>Auch die von der &#8220;Autonomie&#8221; mehrfach zitierten Hungerunruhen im vorrevolution&#228;ren Frankreich der 1770er und 80er sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Sie waren in erster Linie spontane Reaktion der Volksmassen auf die existentielle Bedrohung, die von der Freigabe (und damit Erh&#246;hung) der Getreide- und Brotpreise und der Etablierung eines nationalen Marktes ausging. Gegen&#252;ber diesen Bedrohungen forderten sie, die bisherigen Zust&#228;nde vor Auge, <em>&#8220;gerechte&#8221; Lebensmittelpreise</em> und die Wiederherstellung von lokalen, <em>&#8220;&#252;berschaubaren&#8221; M&#228;rkten</em> (<a href="#23">23</a>). Nat&#252;rlich waren solche Revolten nie auschlie&#223;lich auf die Verteidigung eines &#8220;rein materiellen&#8221; Lebensstandards ausgerichtet, denn die materielle Reproduktion war ja in vorkapitalistischen Zust&#228;nden immer unmittelbar und unaufl&#246;slich mit dem sozialen Lebenszusammenhang verquickt. Das Auseinanderfallen des sozialen Zusammenhangs in getrennte Sph&#228;ren, (Lohn)Arbeit und Familie, &#246;ffentlich und privat etc., ist ja &#252;berhaupt erst ein Produkt der Wertvergesellschaftung, und Voraussetzung f&#252;r ein Bewu&#223;tsein, das diese Getrenntheit als selbstverst&#228;ndlich empfindet (erst ab diesem Punkt k&#246;nnen auch die sozialen Auseinandersetzungen in &#8220;Einzelprobleme&#8221; zerfallen, die blo&#223; additiv verkn&#252;pft werden, in &#8220;Lohnfrage&#8221;, &#8220;Frauenfrage&#8221;, &#8220;Agrarfrage&#8221; etc.). <a name="q24"></a>Die kleine b&#228;uerliche und handwerkliche Warenproduktion dagegen findet noch bis ins 19. Jahrhundert hinein im Zusammenhang des &#8220;ganzen Hauses&#8221; statt, und selbst in der protoindustriellen Heimarbeit ist die Trennung zwischen den Orten von Produktion und Reproduktion noch nicht gegeben, obwohl die Heimarbeiterfamilie bereits auf Gedeih und Verderb von der Konjunktur des nationalen und internationalen Marktes abh&#228;ngig ist. Die Zersetzung dieser sozialen Strukturen provoziert selbstverst&#228;ndlich Gegenwehr, doch bleibt diese bewu&#223;tseinsm&#228;&#223;ig dem erreichten Stand der Vergesellschaftung verhaftet, ist sogar h&#228;ufig offen r&#252;ckw&#228;rtsgewandt (<a href="#24">24</a>).</p>
<p>Interessanterweise findet in der franz&#246;sischen Revolution die Forderung nach lokaler Preisregulierung auf dem Lande ihr Pendant in der politischen Forderung der st&#228;dtischen Massen (vor allem der Sansculotten-Bewegung) nach einem &#8220;Allgemeinen Maximum&#8221; d.h. nach Obergrenzen f&#252;r die <em>Preise der wichtigsten Lebensmittel </em>und einer <em>Festsetzung der Arbeitsl&#246;hne</em> entsprechend den Preisen dieser Waren, was der &#8220;Autonomie&#8221; sofort zur &#8220;sozialrevolution&#228;ren Forderung&#8221; gerinnt (vgl. Autonomie 14, S.80 f.). Zwar ist es sicher richtig, da&#223; in den erhobenen Forderungen Elemente der &#8220;moral economy&#8221; fortleben (&#8220;das &#220;berleben aller sichern&#8221;), doch kleiden sie sich bereits in die grundlegenden Kategorien der Wertgesellschaft. Indem an den <em>Staat</em> appelliert wird, er solle in das Wirken des <em>Wertgesetzes</em> eingreifen, werden ja gleichzeitig diese beiden Kategorien affirmiert, gewisserma&#223;en wird ihnen sogar zum Durchbruch verholfen. Nicht zuf&#228;llig findet sich die Forderung nach Preisregulierung in allen sp&#228;teren populistischen Bewegungen (inkl. der alten Arbeiterbewegung, dem &#8220;Realsozialismus&#8221; und dem Faschismus) wieder, die allesamt dem Staat die Rolle des Regulators <em>innerhalb der Wertvergesellschaftung</em> zuschreiben (neben Preisregulierung auch Subventionierung, Investitionslenkung etc.).</p>
<p>Es hie&#223;e die Geschichte nicht zu verstehen, wollte man den Sansculotten etwa &#8220;falsches Bewu&#223;tsein&#8221; vorwerfen, doch mu&#223; ihr Bewu&#223;tsein, aus heutiger Sicht, als ein notwendig seiner Epoche verhaftetes entziffert werden. Der &#8220;Autonomie&#8221; ist aber ein solcher Zugang zur Geschichte verschlossen, da sie sich immer ganz unmittelbar mit Revoltierenden und ihren Forderungen identifiziert, als s&#228;&#223;e sie im Kino und die Geschichte w&#252;rde als riesige Hollywood-Inszenierung auf der Leinwand abgespult. Die unmittelbarsten Interessen der jeweiligen Subjekte werden absolut gesetzt und nicht mehr hinterfragt (im klassischen Operaismus kommt dies als &#8220;Arbeiterstandpunkt&#8221; daher).</p>
<blockquote><p>&#8220;So bleibt es letztlich belanglos, mit welcher politischen Fahne, mit der royalistischen oder der von 1793, die Revolten sich auszeichneten. Ihre eigentliche Kampfansage war die welche noch 1848 von den Frauen erhoben wurde: &#8216;Du pain ou la mort&#8217; (Brot oder Tod).&#8221; (Autonomie 14, S. 82, Hervorheb. N.T.)</p></blockquote>
<h4>Die ewige Wiederkehr des Immergleichen</h4>
<p>Da die &#8220;Autonomie&#8221; im Gegensatz zum Operaismus real auf kein empirisches soziales Subjekt verweisen kann, mu&#223; sie sich auf das &#8220;allgemein Menschliche&#8221; zur&#252;ckziehen, den Kampf um das elementarste &#220;berleben. Wenn die Menschen nichts mehr zu bei&#223;en haben, dann revoltieren sie, lautet die tiefsch&#252;rfende Erkenntnis von 300 Seiten &#8220;Autonomie 14&#8243;. Die Geschichte gerinnt ihnen damit zu einem v&#246;llig unf&#246;rmigen Brei des immergleichen Gegensatzes zwischen arm und reich, Herrschern und Beherrschten und einer ewigen Wiederkehr von Klassenk&#228;mpfen, verstanden als die &#8220;Permanenz der Revolution der Armen&#8221; (Autonomie 14, S.84). Der primitivste Vulg&#228;rmaterialismus kommt hier im Gewande des Subjektivismus daher, entlarvt sich allerdings schon in der Begriffslosigkeit, mit der er in allen Revolten letztlich nur den &#8220;Kampf um das Recht auf Existenz&#8221; (Autonomie 14, S.109 f.) entdecken kann.</p>
<p>Dieser Begriff ist tats&#228;chlich nicht mehr als eine leere Abstraktion, die versucht, v&#246;llig disparate K&#228;mpfe krampfhaft auf einen Nenner zu bringen und das reale Bewu&#223;tsein der K&#228;mpfenden wird v&#246;llig ignoriert. Deren unmittelbare Forderungen samt der damit verkn&#252;pften Ideologie k&#246;nnen so nicht im Kontext der jeweiligen historischen Si-tuation begriffen werden; letztlich wird jeglicher Fortschritt im gesellschaftlichen Bewu&#223;tsein Schlichtweg geleugnet, was insofern verst&#228;ndlich ist, als die &#8220;Autonomie&#8221; die Perspektive, den Kapitalismus nach vorne aufzul&#246;sen, l&#228;ngst aufgegeben hat. Stattdessen weint sie der &#8220;guten alten Zeit&#8221; hinterher und f&#252;hrt jeden revolution&#228;ren Impuls immer nur auf einen (schwindenden) Rest von &#8220;Subsistenzbewu&#223;tsein&#8221; zur&#252;ck, welches seine materielle Basis in &#220;berbleibseln einer &#8220;selbst&#228;ndigen Reproduktion&#8221; habe.</p>
<p>Das Bewu&#223;tsein der revoltierenden Arbeiter von 1918, beispielsweise, unterscheidet sich demnach von dem der Aufst&#228;ndischen von 1848 nicht qualitativ vom Inhalt her, sondern rein quantitativ: die &#8220;Unterklassen&#8221; von 1848 besa&#223;en halt &#8220;noch mehr&#8221; Subsistenzbewu&#223;tsein als die von 1918. Der Karnickelstall im Hinterhof des Wohnblocks l&#228;&#223;t die &#8220;Autonomie&#8221; darauf schlie&#223;en, da&#223; die dort wohnenden Arbeiter sich nichts sehnlicher gew&#252;nscht h&#228;tten, als ein Zur&#252;ck in den Stallmief der Subsistenzwirtschaft. Wenn die Arbeiter hingegen f&#252;r allgemeines Wahlrecht auf die Stra&#223;e gingen und f&#252;r ihre Anerkennung als gleichberechtigte Staatsb&#252;rger k&#228;mpften, dann mu&#223; die &#8220;Autonomie&#8221; dies wohl f&#252;r Geschichtsklitterung oder einen besonders perfiden Schachzug des Kapitals halten, denn &#8220;eigentlich&#8221; ging es den Arbeitern immer nur um ihr &#8220;Recht auf Existenz&#8221;. Der Begriff ist nichts als eine Leerformel, die gerade deshalb auch jeder beliebigen Bewegung &#252;bergest&#252;lpt werden kann, und den &#8220;Theoretiker&#8221; der Notwendigkeit enthebt, sich konkret mit dem jeweils realen Inhalt auseinanderzusetzen und ihn zu erkl&#228;ren.</p>
<p>Mit diesem im schlechtesten Sinne abstrakten Vorgehen verballhornt die &#8220;Autonomie&#8221; nicht nur die Geschichte, sondern sie phantasiert damit auch die angebliche &#8220;Klassenhomogenit&#228;t eines Weltproletariats der Armen&#8221; herbei. Drastisch vor Augen gef&#252;hrt wird uns dies in der &#8220;Autonomie 10&#8243; (S.49 f.), wo die Autoren unter der &#220;berschrift: &#8220;Der neue Bauernkrieg aus den Slums: Beispiele aus der j&#252;ngeren Zeit&#8221;, eine Kollage aus Zeitungsschnipseln zusammengestellt haben. Eintr&#228;chtig ne-beneinander finden wir hier die Stra&#223;enblockaden von Bauern aus dem afrikanischen Benin, die den Abtransport des von ihnen produzierten Mais verhindern, weil sie mit dem vom Staat festgesetzten geringen (!) Preis nicht einverstanden sind, militante Proteste und Pl&#252;nderungen in liberianischen St&#228;dten, die sich gegen Preiserh&#246;hungen (!) beim Grundnahrungsmittel Reis richten, der Streik st&#228;dtischer Angestellter und Kleinbusfahrer im peruanischen Huancayo, ein durch die Gewerkschaften organisierter Generalstreik in Kolumbien etc. Schon auf der Ebene der krudesten Empirie sticht ins Auge, da&#223; die verschiedenen Teile dieses &#8220;Weltproletariats&#8221; ganz offenbar vollkommen unterschiedliche und sogar entgegengesetzte unmittelbare Interessen verfolgen. Genauer gesagt, sie verfolgen zwar alle das gleiche <em>unmittelbare Einzelinteresse</em>, n&#228;mlich das nach Geld, doch schlie&#223;t genau dies ein, da&#223; ihre Interessen miteinander konkurrieren, eben nicht auf einen Nenner zu bringen sind. Wenn die Bauern beispielsweise ihr Interesse an hohen Preisen f&#252;r ihre Produkte verfolgen, die st&#228;dtische Bev&#246;lkerung ihrerseits gegen die gestiegenen Lebenshaltungskosten auf die Stra&#223;e geht, dann agieren sie als zwei Pole eines Interessengegensatzes innerhalb der Wertgesellschaft, keinesfalls als Klassensubjekt gegen &#8220;das Kapital&#8221; (obwohl nat&#252;rlich fast immer irgendwelche Einzelkapitalien tangiert werden). Selbst da jedoch, wo keine unmittelbaren In-teressensgegens&#228;tze vorliegen, l&#228;&#223;t sich beim besten Willen nicht erkennen, worin die Grundlage f&#252;r ein gemeinsames Bewu&#223;tsein dieser auf dem Papier zusammengebrachten Protestewegungen bestehen soll. Es ist schwerlich vorzustellen, da&#223; ein st&#228;dtischer Angestellter aus Peru sein &#8220;Recht auf Existenz&#8221; in Form einer Strohh&#252;tte in der afrikanischen Steppe einklagt und der Bauer aus Benin wird wohl kaum nach einem sicheren Arbeitsplatz in der kolumbianischen Autoindustrie trachten.</p>
<p>Auch Bewu&#223;tseinslage und Interessenskonstitution von Slumbewohnern sind keineswegs so homogen, wie die &#8220;Autonomie&#8221; das gerne h&#228;tte (aber vorsichtshalber nicht n&#228;her belegt). Sie geht dabei sogar so weit, etwa indische, malaysische, mexikanische und chilenische Slums, als ein und dasselbe zu behandeln (vgl. Autonomie 10, S.50). V&#246;llig beliebig werden hier Unterschiede in der geschichtlichen und politischen Entwicklung der L&#228;nder, des erreichten Vergesellschaftungsniveaus, der sozialen Schichtung, der kulturellen und relig&#246;sen Traditionen etc. mit der Geste des gro&#223;artigen Theoretikers, der sich auf das &#8220;Wesentliche&#8221; konzentriert, beiseite gewischt und schon wird das &#8220;Weltproletriat&#8221; aus dem Zylinder gezaubert. Dieses &#8220;Wesentliche&#8221; ist aber bei Licht betrachtet nicht viel mehr als die Gemeinsamkeit, da&#223; alle zitierten Auseinandersetzungen sich meist an unmittelbar existentiellen Bedrohungen entz&#252;nden und da&#223; sie in der Regel sehr heftig ausgetragen werden. Die realen Unterschiede der jeweiligen Anl&#228;sse, das Bewu&#223;tsein der Akteure, ihre konkreten Forderungen und Ziele etc., werden bei dieser Betrachtungsweise v&#246;llig versch&#252;ttet und die aufgebl&#228;hte, aber v&#246;llig inhaltsleere Begrifflichkeit &#8220;Kampf um das Recht auf Existenz&#8221; kaschiert nur m&#252;hsam, da&#223; die &#8220;Autonomie&#8221; selbst in keinem Moment &#252;ber die ph&#228;nomenologische Beschreibung einzelner Momente der unmittelbarsten Empirie hinauskommt.</p>
<p>Indem sie aber in der Unmittelbarkeit der Betrachtung verharrt, affirmiert die &#8220;Autonomie&#8221; zwangsl&#228;ufig die Unmittelbarkeit des Geldes und ihre &#8220;Subsistenzk&#228;mpfe&#8221; entpuppen sich als auseinanderdriftende Interessenskonflikte innerhalb der (in die Krise geratenen) Wertgesellschaft. Eine revolution&#228;re theoretische Position hingegen m&#252;&#223;te den Rahmen der Interessenkonkurrenz selbst sprengen, d.h. die Ebene der Unmittelbarkeit verlassen, deren Wertkonstituiertheit kritisieren und damit die Voraussetzungen f&#252;r ihre Beseitigung schaffen. Das hei&#223;t nat&#252;rlich nicht, den handelnden Subjekten etwa eine &#8220;falsche Praxis&#8221; vorzuwerfen und sie auffordern, sich doch endlich das &#8220;richtige Bewu&#223;tsein&#8221; zuzulegen. Nat&#252;rlich ist es richtig, wenn die kolumbianischen Arbeiter f&#252;r h&#246;here L&#246;hne und bessere Arbeitsbedingungen streiken, wenn Slumbewohner gegen Erh&#246;hung der Lebensmittelpreise auf die Stra&#223;en gehen, sich organisieren etc.; die Theorie darf sich jedoch nicht auf diese Ebene des unmittelbar Notwendigen beschr&#228;nken und in falscher Bescheidenheit vor dem begrenzten Horizont des Unmittelbarkeitsbewu&#223;tseins kapitulieren, will sie nicht den Anspruch auf &#220;berwindung dieser Gesellschaft aufgeben und &#252;berhaupt aufh&#246;ren, Theorie zu sein. Genau dies aber tut die &#8220;Autonomie&#8221;:</p>
<blockquote><p>&#8220;Der Verzicht auf die Idee einer historischen Gesetzm&#228;&#223;igkeit. auf die Formulierung eines jenseits der Subjekte liegenden Ziels wird zur Voraussetzung revolution&#228;rer Moral und f&#252;r ein revolution&#228;res Handeln, welches nicht in die Verachtung der Massen umschl&#228;gt und diese schlie&#223;lich auf ein Ziel zutreibt.&#8221; (Autonomie 14. S.138. Hervor heb. N.T.)</p></blockquote>
<p>Ihre dichotomische Denkweise kommt hier voll zum Ausdruck: Es gibt nur zwei M&#246;glichkeiten, entweder die Theorie unterwirft sich &#8220;die Massen&#8221;, oder sie ordnet sich ihrerseits &#8220;den Subjekten&#8221; unter. Woher diese Subjekte allerdings ihre &#8220;in ihnen liegenden Ziele&#8221; beziehen, darf eine Theorie, die sich f&#252;r den Denkverzicht entschieden hat (also schon gar keine Theorie mehr ist), nicht mehr fragen. Sie mu&#223; diese Ziele als gegeben hinnehmen und beraubt sich damit selbst der M&#246;g-lichkeit, diese als in den jeweiligen Verh&#228;ltnissen befangene zu erkennen. Letzten Endes mu&#223; eine solche Position die Unmittelbarkeit im wahrsten Sinne des Wortes mystifizieren, und so ist es nicht weiter verwunderlich, wenn die &#8220;Autonomie&#8221; sich positiv auf</p>
<blockquote><p>&#8220;den nicht institutionalisierten Teil des iranischen Chiliasmus, die indonesischen Moslemrebellen, die philippinischen Christenbewegungen gegen die Landreform&#8230;&#8221; (Autonomie 10, S.48)</p></blockquote>
<p>bezieht. Der Logik der Argumentation entsprechend, ist demnach religi&#246;ser Fanatismus ein Teil des &#8220;eigentlich&#8221; im Subjekt angelegten Bewu&#223;tseins. Wir k&#246;nnen also gespannt sein, wann Detlev Hartmann sich wieder auf die Jungfrau Maria besinnt.</p>
<p>Hier f&#252;hrt sich die ganze Position ganz offensichtlich ad absurdum. Wenn entwurzelte und verarmte Massen in ihrer Verzweiflung Zuflucht bei religi&#246;sen und quasi-religi&#246;sen Bewegungen suchen, so ist das zwar objektiv ein Reflex auf die Zerst&#246;rung der traditionellen Lebenszusammenh&#228;nge, hat aber mit politischer <em>Bewu&#223;theit</em> sowenig zu tun wie der abendliche Alkoholrausch eines VW-Arbeiters. Sicher merkt etwa der arbeitslose Slumbewohner, lapidar ausgedr&#252;ckt, da&#223; es ihm dreckig geht und da&#223; demzufolge &#8220;irgendwas&#8221; faul sein mu&#223; an den Verh&#228;ltnissen, doch fehlen ihm h&#228;ufig die elementarsten Voraussetzungen daf&#252;r, dies bewu&#223;t zu artikulieren (was ja selbst Teil dieser Verh&#228;ltnisse ist), weshalb er f&#252;r vorrationale, meist in der jeweiligen Tradition verwurzelte, Deutungsmuster leicht zug&#228;nglich ist. Ich kann hier keine Analyse moderner religi&#246;ser Massenbewegungen vornehmen, doch l&#228;&#223;t sich grunds&#228;tzlich feststellen: Der R&#252;ckgriff auf Religion oder quasi-religi&#246;se Ideologie (etwa Personenkult) ist ein sicheres Indiz daf&#252;r, da&#223; das betreffende Bewu&#223;tsein seiner selbst eben nicht bewu&#223;t ist. Mit anderen Worten, der eigene soziale Zusammenhang wird nicht als solcher begriffen (geschweige denn bewu&#223;t geregelt), sondern es bedarf einer fiktiven, aber <em>f&#252;r</em> dieses Bewu&#223;tsein durchaus realen Instanz &#8220;au&#223;erhalb&#8221; dieses Zusammenhanges, auf die die eigene Gesellschaftlichkeit (unbewu&#223;t) projiziert wird und vermittels derer die jeweils g&#252;ltigen Normen legitimiert werden (Fetischismus). Das hei&#223;t, selbst dort, wo religi&#246;se Bewegungen &#8220;urkommunistische&#8221; Z&#252;ge annehmen, was historisch vor allem in Umbruchsituationen immer wieder der Fall war, werden der soziale Zusammenhang bzw. die Zielvorstellungen nur mystifiziert wahrgenommen, etwa als das &#8220;Himmelreich auf Erden&#8221; oder eine &#8220;tausendj&#228;hrige Gerechtigkeit&#8221;. Bezeichnenderweise bezieht sich die &#8220;Autonomie&#8221; allen Ernstes positiv auf diese religi&#246;sen Ideologeme (Autonomie 10, S.48)! Ihr erscheint ein solcher noch wenig artikulierter Bewu&#223;tseinszustand schon als der Inbegriff des &#8220;dem Subjekt&#8221; von allem Anbeginn eigenen, fertig ausgepr&#228;gten kommunistischen Bewu&#223;tseins, das nur deshalb nie den Sieg davongetragen hat, weil die &#8220;Rebellion der Bauern&#8221; immer wieder &#8220;von Eliten usurpiert und in ihren Zielen verdreht worden ist&#8221; (ebd.). Leider beantwortet sie uns aber nicht die Frage, weshalb sich ein solches Bewu&#223;tsein einfach die Verdrehung seiner Ziele gefallen l&#228;&#223;t.</p>
<h4>Gef&#228;hrlich harmloser Verbalradikalismus</h4>
<p><a name="q25"></a>Nun kann bei allen Einschr&#228;nkungen, was das Bewu&#223;tsein betrifft, jedoch gesagt werden, da&#223; viele der heutigen Bewegungen in der kapitalistischen Peripherie tats&#228;chlich den Charakter eines objektiven Antiimperialismus haben. Die Gleichsetzung mit Bewegungen aus dem Europa des 18. und 19. Jahrhunderts ist also schon insofern falsch, als diese ein Reflex auf ein sich v&#246;llig neu herausbildendes gesellschaftliches Verh&#228;ltnis waren, w&#228;hrend jene auf die Bedingungen eines fertig herausgebildeten Weltmarkts und einer enorm entwickelten Produktivkraft treffen. Insofern k&#246;nnen Unruhen, Streiks und das Agieren nationaler Befreiungsbewegungen die Bedingungen internationaler Kapitalverwertung durchaus empfindlich tangieren, vor allem soweit es sich um strategische Rohstofflieferanten (z.B. Iran), wichtige Regionen der Kapitalanlage oder Gro&#223;schuldnerl&#228;nder handelt. Sollten beispielsweise mehrere der gro&#223;en Schuldnerl&#228;nder die Zahlungen einstellen, so k&#246;nnte dies der <em>Ausl&#246;ser</em> f&#252;r einen Zusammenbruch des internationalen Bankensystems, des spekulativen &#220;berbaus und letztlich des gesamten Weltmarktes sein. Es w&#252;rde sich dabei aber tats&#228;chlich nur um einen Ausl&#246;ser handeln, um das Streichholz, das an die Lunte des durch die Eigendynamik der Akkumulation angeh&#228;ufte Krisenpotentials gehalten wird (<a href="#25">25</a>).</p>
<p><a name="q26"></a>Insofern steckt ein K&#246;rnchen Wahrheit in der &#8220;Autonomie&#8221;-These vom antiimperialistischen Charakter der &#8220;IWF-riots&#8221;. Allerdings leugnet sie gerade die objektive Seite dieser Erscheinung, denn f&#252;r sie existieren selbstverst&#228;ndlich keine inneren Widerspr&#252;che der Weltmarktentwicklung, au&#223;er dem ewigen Gegensatz zwischen den beiden Gro&#223;subjekten Kapital und Klasse. Krisen sind lediglich Instrumente des Kapitals zur Unterwerfung der Klasse und das System von Bretton Woods ist &#8220;eine Waffe gegen die Klasse, ein Klassenkampfprojekt&#8221; (Autonomie 14, S.282) mit dem Ziel der &#8220;Zerst&#246;rung der Subsistenz&#8221;. Damit steigert sich die Argumentation bis zum offenen Widersinn. War der Klassenkampf im klassischen Marxismus und im Operaismus immerhin noch gekoppelt an den Interessensgegensatz von Kapital und Arbeit, also an die Verwertung des Kapitals durch Vernutzung der Ware Arbeitskraft im Produktionsproze&#223;, ger&#228;t der &#8220;Autonomie&#8221; der Klassenkampf praktisch zum Selbstzweck. Sie treibt den Subjektivismus endg&#252;ltig auf die Spitze und unterstellt zwei ontologisch feindliche Wil-lensm&#228;chte, die im Dauerclinch liegen. Zwar redet auch sie von &#8220;Verwertung&#8221;, doch wei&#223; sie offenbar selbst nicht, was sie damit eigentlich meint. So erkl&#228;rt sie einmal die &#8220;Vernichtung der Subsistenz&#8221; damit, da&#223; diese &#8220;so undurchdringlich schien, da&#223; das Kapital die M&#246;glichkeit der <em>`Verwertung&#8217; nur in der totalen Beseitigung</em> sah&#8221; (<a href="#26">26</a>), ein andermal sieht sie gar einen direkten (monet&#228;ren) &#8220;<em>Transfer aus den Zerst&#246;rungsprozessen der Peripherie</em>&#8221; (Autonomie 14, S.283). Damit aber noch nicht genug, kommen Absatzschwierigkeiten des Kapitals hinzu, die es zur Expansion zwingen (Autonomie 14, S.250 f.), dann wieder soll das Einkommen der metropolitanen Klasse gedr&#252;ckt werden (Autonomie 14, S.284)(und der Absatz?) und schlie&#223;lich geht es um die Bereitstellung von Arbeitskr&#228;ften f&#252;r die Industrie (Autonomie 14, S.282).</p>
<p>Gleichzeitig l&#228;&#223;t sich aber nicht verheimlichen, da&#223; unter den Bedingungen des heutigen Weltmarktes die zig-Millionen &#8220;freigewordener&#8221; Menschen der Peripherie ganz offenbar nicht mehr in die Kapitalverwertung integriert werden k&#246;nnen, eine analoge Entwicklung zu der in den Metropolen also ausgeschlossen ist, was ja nichts anderes hei&#223;t, als da&#223; die Aufnahmef&#228;higkeit des Weltmarktes an objektive Grenzen st&#246;&#223;t. F&#252;r die &#8220;Autonomie&#8221; ist aber selbst dies nur eine weitere Niedertr&#228;chtigkeit des Kapitals, Teil des bewu&#223;ten Plans zur Vernichtung der, aus seiner Sicht, &#8220;unn&#252;tzen Esser&#8221;. Soweit dies &#252;berhaupt noch m&#246;glich ist, bei&#223;t sich sp&#228;testens hier die Katze vollends in den Schwanz. Denn, wenn das Kapital die &#8220;Subsistenz&#8221; zerst&#246;rt, um Arbeiter f&#252;r seine Verwertungsmaschinerie &#8220;freizusetzen&#8221;, warum sollte es sich dann Millionen von Menschen aufb&#252;rden, f&#252;r die es keine Verwendung hat und diese deshalb physisch vernichten mu&#223;?</p>
<p><a name="q27"></a><a name="q28"></a>Entweder-Oder! Entweder das Kapital ist weltweit planendes Subjekt, das die Bedingungen seiner eigenen Verwertung optimiert, dann wird es sich gar nicht erst zu viele &#8220;unn&#252;tze Esser&#8221; schaffen, oder man mu&#223; zugeben, da&#223; die Verwertung des Wertes einer Eigendynamik unterliegt, die von niemandem kontrolliert werden kann und immanente Widerspr&#252;che erzeugt. Oder sollte das Kapital ausgeflippt sein? Die uns&#228;gliche Behauptung, das Kapital m&#252;sse die Subsistenzklasse vernichten, weil diese ihm in unvers&#246;hnlicher Feindschaft gegen&#252;berstehe und seine Verwertungsbdingungen bedrohe, ist nicht mehr als eine platte Tautologie. Solange es sich um real subsistenzwirtschaftende Bauern handelt, k&#246;nnen sie auch keine Verwertungskrisen ausl&#246;sen, weil sie gar nicht in den Geldkreislauf eingebunden sind (<a href="#27">27</a>), soweit sie aber bereits ihrer Subsistenzbasis beraubt sind, w&#228;re dies ja wiederum eine Strategie des Kapitals. Ergo schafft sich das Kapital seine Feinde selbst, nur um sie anschlie&#223;end unter gro&#223;em Aufwand und Gefahr des eigenen Untergangs wieder zu vernichten. Das Kapital als Dracula! (<a href="#28">28</a>).</p>
<p><a name="q29"></a>Die &#8220;Autonomie&#8221; kann den gordischen Knoten dieser Widerspr&#252;che nicht aufl&#246;sen, weil sie der abgeleiteten Ebene der Oberfl&#228;chenph&#228;nomene total verhaftet bleibt. Sie begreift nicht, da&#223; der quasi-naturw&#252;chsig verlaufende Proze&#223; der Weltmarktentwicklung in der Tat widerspr&#252;chliche Momente erzeugt und gerade weil er keiner Kontrolle unterliegt ein ungeheures Krisenpotential anh&#228;uft (<a href="#29">29</a>). Stattdessen versucht sie &#252;berall Planm&#228;&#223;igkeit zu entdecken, und die Oberfl&#228;che der gesellschaftlichen Erscheinungen zerf&#228;llt ihr in lauter Bestandteile einer Globalstrategie des Klassenfeindes. Die einzelnen, oft nicht unmittelbar miteinander kompatiblen Ph&#228;nomene bleiben dann zwangsl&#228;ufig genauso &#228;u&#223;erlich aneinandergereiht (besonders deutlich in der hilflosen Addition von &#8220;Verwertung und Vernichtung&#8221;), wie vorher schon die einzelnen Fraktionen des &#8220;Weltproletariats&#8221;.</p>
<p><a name="q30"></a><a name="q31"></a>Da die &#8220;Autonomie&#8221; den realen Zusammenhang nicht begriffen hat, bleiben auch ihre &#196;u&#223;erungen zur revolution&#228;ren Strategie in dunklen Andeutungen und trotzigem Verbalradikalismus stecken. Tats&#228;chlich verharmlost sie nicht nur die reale Gefahr der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise (und verbaut damit auch den Blick f&#252;r Handlungsperspektiven vor deren Hintergrund), sondern sie f&#252;hrt auch in der Frage des revolution&#228;ren Subjekts nur noch tiefer in die alte Sackgasse. Mit dem stumpf gewordenen Instrumentarium der traditionellen Klassenanalyse stochert sie hilflos in einer kapitalistischen Realit&#228;t herum, die l&#228;ngst die Reste des St&#228;ndischen abgesch&#252;ttelt hat und der totalen Herrschaft des Geldes unterworfen ist (<a href="#30">30</a>). Die autonomen Aktivisten der IWF-Kampagne sind ihr auf diesem Holzweg blind gefolgt und haben &#8211; weit davon entfernt, sie grunds&#228;tzlich in Frage zu stellen &#8211; die &#8220;Autonomie&#8221;-Position bestenfalls empiristisch &#8220;erg&#228;nzt&#8221;. Da wurden &#8220;der Klasse&#8221; die Rheinhausener Stahlarbeiter, die franz&#246;sischen Studenten, die Jobber etc. hinzuaddiert und nicht zuletzt nat&#252;rlich dem Kapitalverh&#228;ltnis das Patriarchat zur Seite gestellt, ohne aber deren inneren Zusammenhang kl&#228;ren zu k&#246;nnen (<a href="#31">31</a>). <a name="q32"></a>Statt also begriffliche Klarheit zu schaffen, wurde die Verwirrung noch potenziert. Deutlich wurde dies in den Beitr&#228;gen auf den sogenannten Vorbereitungsveranstaltungen, wo die Zuh&#246;rer mit einer Flut unzusammenh&#228;ngender Fakten &#8211; angereichert durch meist halbverdaute Ideologeme aus der &#8220;Autonomie&#8221; &#8211; &#252;bersch&#252;ttet wurden, eine qualvolle Prozedur, die das Interesse an &#8220;der Theorie&#8221; schnell versanden lie&#223;. Obendrein trugen auch noch die Mystifizierungen des angeblichen Subjekts &#8220;Kapital&#8221; dazu bei, die Ratlosigkeit zu vollenden und selbst die sonst so eifrigen Vorbereitungen auf die &#8220;direkte Aktion&#8221; zu l&#228;hmen, dies umso mehr, als &#8220;die Klasse&#8221; sich so gar nicht r&#252;hren wollte. Im Anschlu&#223; an die Kampagne wurden deshalb erwartungsgem&#228;&#223; bald kritische Stimmen laut, die bem&#228;ngelten, es sei &#8220;zuviel Theorie&#8221; betrieben worden, die Vermittlung zur Basis und zur &#8220;Praxis&#8221; habe nicht geklappt (<a href="#32">32</a>); der &#252;bliche Kurzschlu&#223; des instrumentellen Theorieverst&#228;ndnises. Die Kritik richtet sich nicht gegen den Inhalt der Theorie &#8211; im Gegenteil, die &#8220;Unterklassenstrategie&#8221; wird blind vorausgesetzt -, sondern es wird eine konsquentere &#8220;Umsetzung&#8221; gefordert. Das Pendel schl&#228;gt wieder zur Seite des Aktionismus aus.</p>
<p>Die ersehnte &#8220;neue Qualit&#228;t&#8221; hat die IWF-Kampagne also nicht gebracht, von der angestrebten &#8220;B&#252;ndelung der Teilbereichsbewegungen&#8221; blieb nicht viel mehr als ein beliebig zusammengew&#252;rfeltes &#8220;Aktionsb&#252;ndnis&#8221; &#252;brig, das es bei solchen Anl&#228;ssen immer schon gegeben hatte, und die &#8220;l&#228;ngerfristige Perspektive&#8221; ersch&#246;pft sich, soweit nicht an absurden &#8220;Organisationskonzepten&#8221; gebastelt wird, in der Hoffnung auf die n&#228;chste Kampagne &#8211; gegen den EG-Binnemarkt. Ein voller Erfolg war die Kampagne nur f&#252;r die &#8220;Autonomie&#8221;. Sie ist endlich bis zur Ununterscheidbarkeit in der praktischen Bewegung aufgegangen und braucht sich nicht l&#228;nger mit einem Image herumzuqu&#228;len, von dem sie sich ganz zu Unrecht bisher nicht hatte befreien k&#246;nnen: dem Image, Theorie zu betreiben.</p>
<h4>LITERATUR</h4>
<p>- Mario Tronti: Arbeiter und Kapital, Frankfurt/M 1974 [1966] &#8211; Toni Negri: Zyklus und Krise bei Marx, Berlin 1972 [1968]</p>
<p>- &#8220;Autonomie (NF)&#8221; Nr.14, Berlin 19872</p>
<p>- &#8220;Autonomie (NF)&#8221; Nr.10, Hamburg 1982</p>
<p>- &#8220;Aufs&#228;tze zur Diskussion&#8221; Nr.39, Gelsenkirchen 1987</p>
<p>- Reinhard Sieder: Sozialgeschichte der Familie, Frankfurt/M 1987</p>
<p>- Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen &#214;konomie (MEW 42), Berlin (DDR) 1983</p>
<p>- Karl Kautsky: Der Weg zur Macht, Frankfurt/M 1972 [1909]</p>
<p>- Nicholas Shakespeare: Auf den Spuren Guzmans, in &#8220;Lettre International&#8221; Nr.2, Berlin 1988</p>
<p>- &#8220;Materialien f&#252;r einen neuen Antiimperialismus&#8221;, Berlin 1988</p>
<p>- &#8220;Neuer Internationalismus und IWF-Kampagne&#8221; (Treibsand-Reader Nr.70), AStA Uni Bremen 1988</p>
<p>- &#8220;Unzertrennlich&#8221; Nr. 10/11, Winter 1988, Berlin</p>
<h4>Fu&#223;noten</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Dieser Zusammenhang ist keineswegs zuf&#228;llig. Da der Empirismus aus sich heraus keinen Begriff von gesellschaftlicher Totalit&#228;t entfalten kann, mu&#223;, um ihn politisch zu machen, eine (politische) Moral oder Religion &#228;u&#223;erlich, also letztlich willk&#252;rlich, an ihn herangetragen werden. Positivismus und Irrationalismus sind die beiden Seiten b&#252;rgerlicher Theoriebildung und seit der Aufkl&#228;rung unheilvoll miteinander verschwistert.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Entsprechend langweilig und unfruchtbar waren deshalb auch die Auseinandersetzungen zwischen Autonomen und dem Rest der Bewegung im Verlauf der IWF-Kampagne. Man haute sich ein ums andere Mal die bekannten Prinzipien um die Ohren und kam keinen Schritt weiter.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q3">3</a>) Die Auseinandersetzung mit dem Operaismus steht auf unserem theoretischen Fahrplan. Da es mir hier nur um das Grundmuster der operaistischen Argumentation geht, das sich auch bei der &#8220;Autonomie&#8221; wiederfindet, kann ich die Richtung der Kritik hier nur andeuten.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">4</a>) Deutlich auch die Grundannahme, das Klassenverh&#228;ltnis sei dem Wertverh&#228;ltnis vorausgesetzt, in folgendem Zitat: &#8220;Das Gesetz des Arbeitswerts kann in der Marxschen Interpretation in der Tat nicht vom kapitalisitischen Produktionsverh&#228;ltnis und vom Klassenverh&#228;ltnis, das dessen Grundlage ist, extrapoliert werden.&#8221; (Tronti a.a.0., S. 194; Hervorheb. N.T.); Tronti verbindet eine frappierende Verwandtschaft mit dem sozialdemokratischen Theoretiker Kautsky: &#8220;Wenn nicht der Urgrund aller &#246;konomischen Notwendigkeit, der Wille zu leben, in den Arbeitern aufs kraftvollste wirkte, wenn dieser Wille in ihnen erst k&#252;nstlich geweckt werden m&#252;&#223;te, dann w&#228;re all unser Streben vergeblich&#8221; (Kautsky 1972 [1909], S.43; Hervorheb. N.T.).</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) vgl. auch Tronti a.a.O., S. 191</p>
<p><a name="6" href="#q6">6</a>) Lenin &#228;u&#223;ert sich in dieser Hinsicht zwar etwas widerspr&#252;chlich, stimmt aber im Wesentlichen den Aussagen Hilferdings zu; vgl. dazu &#8220;Aufs&#228;tze zur Diskussion&#8221; Nr. 39.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) Die Fronten der Interessenskonflikte verlaufen dabei auch keinesfalls so eindeutig. So kann der einzelne Arbeiter dem Gewerkschaftsstandpunkt entgegengesetzte Interessen haben, wenn er an seinem individuellen Fortkommen interssiert ist, die Besch&#228;ftigten in der Atomindustrie verb&#252;nden sich mit den Betreibern der Kraftwerke gegen die Anti-AKW-Bewegung und die bundesdeutschen &#8220;Arbeitnehmer&#8221; erwarten von der Bundesregierung eine knallharte Interessenspolitik gegen&#252;ber den USA etc.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) vgl. hierzu die Artikelserie von Peter Klein, &#8220;MK&#8221; 3 &#8211; 6</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) Schon die Formulierung &#8220;Kampf gegen die Arbeit&#8221; verr&#228;t die begriffliche Verwirrung. Die Arbeit als gebrauchswertsetzende, als Stoffwechsel mit der Natur, kann selbstverst&#228;ndlich nicht bek&#228;mpft werden. Abgeschafft werden mu&#223; die kapitalistische Form der Arbeit, die Lohnarbeit also und die durch sie konstituierte Arbeitsteilung.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) Der Schw&#228;che dieser Argumentation scheint sich Tronti selbst bewu&#223;t zu sein, denn er merkt an, da&#223; es sich dabei um eine &#8220;Absurdit&#228;t&#8221; handle, die jedoch &#8220;eine reale historische Tatsache&#8221; sei (ebd.). Es schimmert hier die Ahnung durch. da&#223; der Kapitalismus eben nicht die pers&#246;nliche Herrschaft einer Clique ist, sondern ein versachlichter Zusammenhang, der sich nicht daran st&#246;rt, welcher Name ihm jeweils verliehen wird. Tronti durchschaut dies jedoch nicht, da er sich selbst an die Kategorien direkter Herrschaft klammert, die Verh&#228;ltnisse also versubjektiviert.</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) Tronti argumentiert analog: &#8220;Genau mit dem Jahr 1917 wird die Vermittlung des Kapitals durch die Arbeiter den Kapitalisten subjektiv aufgezwungen. Was fr&#252;her von selber funktionierte, ohne da&#223; es irgendjemand kontrollierte, als blindes &#246;konomisches Gesetz, mu&#223; von diesem Moment an von oben in Bewegung gebracht werden durch den politischen Willen dessen, der die Macht besitzt&#8230;&#8221; (Tronti, a.a.O., S.221).</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) Historisch erkl&#228;rt sich dies aus der spezifischen Situation im Italien der Nachkriegszeit. Die Operaisten hatten insofern, mit den unzufriedenen Massenarbeitern, tats&#228;chlich einen empirischen Ankn&#252;pfungspunkt f&#252;r ein scheinbar revolution&#228;res Subjekt.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#13">13</a>) Diese Form der &#8220;Theoriebildung&#8221; findet sich konsequenterweise nicht nur bei den bundesrepublikanischen Erben der Operaisten (&#8220;Wildcat&#8221;, &#8220;Autonomie&#8221; etc.), sondern trift sich auch mit dem Unmittelbarkeitsfetischismus der Oppositionsbewegung.</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>) Auch hier zeigt sich wieder die Befangenheit im traditionellen Standpunkt, der g&#228;nzlich auf die &#8220;Eroberung der politischen Macht&#8221; fixiert ist.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q15">15</a>) Mit dieser Argumentationslogik folgt die &#8220;Autonomie&#8221; im &#220;brigen nicht nur der Entwicklung des italienischen Operaismus der 70er Jahre, sondern u.a. auch dem Feminismus der &#8220;Bielefelder Schule&#8221;, bei dem sie das &#8220;Subsistenz&#8221;-Konzept im wesentlichen abgekupfert haben.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) vgl. Autonomie 14, S. 112; diese Auffassung entspricht im &#252;brigen einem weit verbreiteten linken &#8220;Niederlagenbewu&#223;tsein&#8221; und findet sich u.a. ausdr&#252;cklich bei dem in der Tradition der &#8220;Kritischen Theorie&#8221; stehenden Stefan Breuer und bei Joscha Schmierer.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) vgl. die Verweise auf die &#8220;Marktrevolten&#8221; gegen die &#8220;Zerst&#246;rung der Transparenz des Marktvorganges&#8221; (!), Autonomie 14, S.109</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) vgl. etwa Autonomie 14, S. 113 f.; ebd. S.109: &#8220;Die Basis dieser selbstbestimmten Reproduktion blieb die Subsistenz&#246;konomie&#8221;</p>
<p><a name="19"></a><a href="#q19">19</a>) vgl. Grundrisse der Kritik der pol. &#214;konomie, MEW 42, S.91; Nat&#252;rlich agieren im Proze&#223; der Durchsetzung der Wertproduktion immer auch Subjekte. doch agieren sie innerhalb des begrenzten Interessenshorizontes ihrer Zeit. Wenn z.B. ein Feudalherr die Naturalsteuer durch eine Geldsteuer ersetzt, tut er dies selbstverst&#228;ndlich nicht deshalb, weil er den Plan gefa&#223;t hat, den ersten Schritt zur &#8220;Einf&#252;hrung&#8221; des Kapitalverh&#228;ltnisses zu vollziehen, sondern weil er etwa seinen Konsum auf Produkte ausdehnen m&#246;chte, die selbst nur gegen Geld erh&#228;ltlich sind (z.B. ausl&#228;ndische Textilien) oder S&#246;ldner anheuern will etc. Indem er aber seine Vasallen zur Warenproduktion zwingt, tr&#228;gt er gleichzeitig selbst zur Ausweitung der arbeitsteiligen, spezialisierten Produktion f&#252;r den Verkauf bei (also Zunahme des Handels, Entstehung von Handelskapital etc.). Dem ganzen Proze&#223; wohnt also eine Eigendynamik inne, deren Resultat von den Protagonisten weder antizipiert, noch viel weniger bewu&#223;t angestrebt wird. Vgl. dazu u.a. MEW 42, S. 146-152</p>
<p><a name="20"></a><a href="#q20">20</a>) Nichts ist insofern l&#228;cherlicher, als moraltriefende Ereiferung dar&#252;ber, der &#8220;Wert&#8221; der Hausarbeit werde von Marx bzw. dem Marxismus nicht geb&#252;hrend gew&#252;rdigt (Autonomie 14, S.115 ff.). Die Begriffe der &#8220;produktiven&#8221; und &#8220;unproduktiven&#8221; Arbeit enthalten keinerlei moralische Wertung, sondern sind analytische Kategorien der Kritik der politischen &#214;konomie, die damit gleichzeitig schon immer gegen den Kapitalismus gerichtet sind. Die Hausarbeit wird nicht unmittelbar im Produktionsproze&#223; verwertet (als ob dies eine besondere Ehre w&#228;re!), ist aber das notwendige Pendant zur Lohnarbeit und mu&#223; damit zusammen mit dieser verschwinden.</p>
<p><a name="21"></a><a href="#q21">21</a>) Die perfekte Hilflosigkeit schl&#228;gt uns auch an folgender Stelle entgegen: &#8220;Und es m&#252;ssen Orte proletarischer Subsistenz, d.h. unkontrollierter proletarischer Reproduktion erk&#228;mpft werden &#8230; (vermutlich Radieschen-Anbau in Kreuzberger Hinterh&#246;fen ! N.T.)&#8230; Bis dahin bleibt der metropolitane Widerschein des Weltproletariats eine Bezugsgr&#246;&#223;e f&#252;r revolution&#228;res Handeln, welche zun&#228;chst moralisch (!) zu antizipieren ist.&#8221; (Autonomie 14, S.11)</p>
<p><a name="22"></a><a href="#q22">22</a>) vgl. Autonomie 14, S. 126; die &#8220;Autonomie&#8221; zeigt hier im &#220;brigen einmal mehr ihre Verwandtschaft mit der Produktivkraftkritik der von ihnen &#228;u&#223;erlich abgelehnten Gr&#252;n-Alternativen. Zur Kritik der produktivkraftkraftkritischen Vorstellungen vgl. die Artikelserie von R. Kurz in MK 2-3</p>
<p><a name="23"></a><a href="#q23">23</a>) &#8220;Es war kein Vorurteil, wenn die Unterklassen sich der Zerst&#246;rung der Transparenz des Marktvorganges und der Preisbildung durch &#246;konomische Zentralisierung &#8211; durch das Wertgesetz, wenn man so will &#8211; widersetzten &#8230;&#8221; (Autonomie 14. S. 109, Hervorheb. NT.)</p>
<p><a name="24"></a><a href="#q24">24</a>) schlaglichtartig kommt dies in der Forderung nach &#8220;Brot und R&#252;ckkehr des K&#246;nigs&#8221;(!) zum Ausdruck, die, wie die &#8220;Autonomie&#8221; selbst berichtet, z.T. in l&#228;ndlichen Hungerunruhen des revolution&#228;ren Frankreichs um 1795 erhoben wurde (Autonomie 14, S. 82). Dies hindert sie jedoch nicht daran, selbst hier transzendierendes Bewu&#223;tsein hineinzulesen.</p>
<p><a name="25"></a><a href="#q25">25</a>) Die Reaktionen der Bankenwelt auf die j&#252;ngsten Unruhen in Venezuela zeugen von der Angst vor einem Schuldenmoratorium, da&#223; dadurch ausgel&#246;st werden k&#246;nnte und eventuell Beispielscharakter f&#252;r andere L&#228;nder h&#228;tte.</p>
<p><a name="26"></a><a href="#q26">26</a>) Autonomie 14, S. 264; das geht so weit, da&#223; sie mit diesem mehr als vulg&#228;rmaterialisitischen Argument, die Vernichtung der &#8220;j&#252;dischen Subsistenz&#8221; durch den Nationalsozialismus &#8220;erkl&#228;rt&#8221; (Autonomie 14, S.264)</p>
<p><a name="27"></a><a href="#q27">27</a>) Die &#8220;Autonomie&#8221; schreckt allerdings vor keiner Dreistigkeit zur&#252;ck. In offener Geschichtsf&#228;lschung geht sie soweit zu behaupten, die Weltwirtschaftskrise sei durch den Widerstand der s&#252;dosteurop&#228;ischen &#8220;Subsistenzklasse&#8221; verursacht worden! (Autonomie 14, S.228 f.)</p>
<p><a name="28"></a><a href="#q28">28</a>) Dies erinnert an einen Mythos, der unter der Indio-Bev&#246;lkerung der peruanischen Anden weit verbreitet ist. Danach gibt es gewisse Halbmenschen wei&#223;er Hautfarbe, namens &#8220;Pistaco&#8221;, welche die Indios mit einem Messer umbringen. um ihnen das Fett aus dem K&#246;rper zu saugen. Dieses Fett wiederum sei unabdingbares Schmiermittel f&#252;r das Funktionieren der westlichen Industrie. Hier wird ganz offenbar der reale Zusammenhang in die Form des Mythos gepackt (der Mythos geht auf die Zeit der Kolonisation zur&#252;ck), weil sich das Bewu&#223;tsein auf einer Ebene bewegt, auf der ein tats&#228;chliches Begreifen noch nicht m&#246;glich ist. Vgl. den aufschlu&#223;reichen Bericht von Shakespeare in &#8220;Lettre International&#8221; Nr. 2, S.11 f. Die Mythologisierungen der &#8220;Autonomie&#8221; sind, wie erw&#228;hnt. das notwendige Korrelat zu ihrem begriffslosen Empirismus.</p>
<p><a name="29"></a><a href="#q29">29</a>) vgl. dazu die Artikel von <a href="http://www.krisis.org/2008/veroeffentlichung-untersagt">Robert Kurz</a> und <a href="http://www.krisis.org/1989/staatskonsum-und-staatsbankrott">Ernst Lohoff</a> in dieser Nummer</p>
<p><a name="30"></a><a href="#q30">30</a>) Die &#8220;Autonomie&#8221; kann nicht begreifen, da&#223; mit der Verallgemeinerung des Werteverh&#228;ltnisses dieses gleichzeitig an seine objektiven Grenzen st&#246;&#223;t, und sich daraus &#252;berhaupt erst die Perspektive seiner revolution&#228;ren Beseitigung er&#246;ffnet, oder besser gesagt aufzwingt. Diese Perspektive erfordert aber auch ein v&#246;llig neuer Begriff von Klassenkampf, der sich nicht mehr auf den Interessensstandpunkt einer bestimmten sozialen Gruppe bezieht, sondern den Horizont der Wertvergesellschaftung durchbricht. Ein grunds&#228;tzlicher Artikel zu dieser Frage erscheint in der n&#228;chsten Nummer unserer Zeitschrift.</p>
<p><a name="31"></a><a href="#q31">31</a>) vgl. etwa &#8220;Materialien f&#252;r einen neuen Antiimperialismus&#8221; Nr. 1 , S.2-10; &#8220;Treibsand-Reader&#8221; Nr.70, z.B. S.26-29</p>
<p><a name="32"></a><a href="#q32">32</a>) Vgl. etwa die Artikel auf S.7 ff. und S.11 ff. in: &#8220;Unzertrennlich&#8221; Nr.10/11. Berlin 1988</p>
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		<title>Moderne Demokratie und alte Arbeiterbewegung III.2</title>
		<link>http://www.krisis.org/1989/moderne-demokratie-und-alte-arbeiterbewegung-3-2</link>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 6 (1989)]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Klein]]></category>

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		<description><![CDATA[Die beiden Komponenten des Volkswillens]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>III. Teil: Der politische Inhalt der Sowjets</h3>
<p><em>Peter Klein</em></p>
<h4>2. Die beiden Komponenten des Volkswillens</h4>
<p><strong></strong></p>
<h4>a) Der Volkswille I: Die Legitimationsideologie des (b&#252;rgerlichen) Staates</h4>
<p><a name="q1"></a>Nach den soeben angestellten &#220;berlegungen ist es nicht weiter erstaunlich, von Lenin am laufenden Band &#196;u&#223;erungen zu vernehmen, bei denen sich einmal der &#8220;Sowjetapparat&#8221;, ein anderes Mal die Kommunistische Partei den &#8220;Massen&#8221; gegen&#252;ber in einer Konstellation befindet, wie sie f&#252;r jeden b&#252;rgerlichen Feld-, Wald- und Wiesenstaat typisch ist. Besonders reichlich finden sich solche &#196;u&#223;erungen nat&#252;rlich nach dem Oktoberumsturz, nachdem es mit der Sowjetmacht ernst geworden ist.</p>
<p><span id="more-292"></span>Vor allem in der auf den B&#252;rgerkrieg folgenden Krise von 1920/21, als die unmittelbare Erfahrung, n&#228;mlich Streiks, Demonstrationen und Protestversammlungen der Arbeiter (<a href="#1">1</a>), bewaffnete Aufst&#228;nde der Bauern und nicht zuletzt die Erhebung von Kronstadt die Bolschewiki zu der Einsicht f&#252;hrte, da&#223; sie sich mit der auf Arbeitszwang und Ablieferungspflicht beruhenden Politik des Kriegskommunismus ein wenig von ihrer sozialen Basis entfernt hatten, da&#223; es ihnen nicht gelungen war, die Tadellosigkeit ihrer guten Absichten in Massenloyalit&#228;t umzusetzen, trat das Problem hervor, &#8220;wie man an die Massen herangehen, sie gewinnen, sich mit ihnen verbinden soll&#8230;&#8221; (LW 32, S. 5ff.). &#8220;Die Massen &#252;berzeugen&#8221;, die Massen &#8220;erziehen&#8221;, das &#8220;Vertrauen&#8221; der Massen gewinnen bzw. bewahren, die &#8220;Glaubw&#252;rdigkeit&#8221; der bolschewistischen Partei aufrechterhalten etc., das sind die Stichworte, die in der bekannten Diskussion &#252;ber die Rolle der Gewerkschaften, in der sich diese Krisenzeit widerspiegelt, am h&#228;ufigsten fallen.</p>
<p>&#196;hnlich klang es bereits im Fr&#252;hjahr 1918, als es sich darum handelte, im Anschlu&#223; an die Phase der Machtergreifung und der spontanen &#8220;Expropriationen&#8221; den &#220;bergang zur Konsolidierung der Staatsmacht und des Produktionsapparates zu bewerkstelligen. Am Arbeiterdasein &#228;nderte sich dabei nat&#252;rlich nichts, konnte sich nichts &#228;ndern unter den gegebenen Umst&#228;nden, die sogar noch auf eine weitere Verschlechterung der Lebensumst&#228;nde zusteuerten. An der Fabrikdisziplin &#228;nderte sich nichts, an der Organisation der Produktion durch &#8220;b&#252;rgerliche Spezialisten&#8221; &#228;nderte sich nichts. Aber der Staat war ein anderer geworden, einer, der sich legitimieren konnte, der zu argumentieren verstand, der im Namen der Arbeiter selber sprach.</p>
<p><a name="q2"></a>Die Disziplin, die wiederhergestellt und strengstens eingehalten werden mu&#223;, hei&#223;t nunmehr &#8220;Selbstdisziplin der Werkt&#228;tigen&#8221;. Die &#8220;b&#252;rgerlichen Spezialisten&#8221;, die nach wie vor f&#252;r die Organisierung der Produktion und Verteilung unerl&#228;&#223;lich sind, dienen nunmehr dem Proletariat, das vermittels &#8220;seines Staates&#8221; die Macht aus&#252;bt. Lenin zu den Gewerkschaften: &#8220;Gestern war die Losung des Tages das Mi&#223;trauen gegen den Staat&#8217; (LW 27, S. 205). Diese Losung ist heute &#252;berholt. &#8220;Die Gewerkschaften werden und m&#252;ssen Staatsorganisationen werden&#8221; (ebd.) (<a href="#2">2</a>). Lenin zu den Gerichten: &#8220;In der kapitalistischen Gesellschaft war das Gericht vorwiegend ein Apparat der Unterdr&#252;ckung, ein Apparat der kapitalistischen Ausbeutung&#8221; (LW 27, S. 207). Im Arbeiterstaat ist nat&#252;rlich genau das Gegenteil der Fall. <a name="q3"></a>Die Aufgabe der neu zusammengesetzten Gerichte lautet, &#8220;die strengste Einhaltung der Disziplin und der Selbstdisziplin der Werkt&#228;tigen zu sichern&#8221; (ebd.). Von Ausbeutung ist ersichtlich nicht mehr die Rede. Genau die gleiche Argumentationsfigur begleitet auch die mit einer Beschneidung der Rechte der Soldatenkomitees einhergehende Schaffung der Roten Armee: &#8220;Als die Macht den Gro&#223;grundbesitzern und der Bourgeoisie geh&#246;rte, war der Offizier ein Feind der Soldaten. Es ist daher vollkommen nat&#252;rlich, da&#223; die Soldaten gleich nach der Absch&#252;ttelung des Zarismus die Einf&#252;hrung des Wahlprinzips in der Armee verlangten. Etwas anderes ist es nun in einem sozialistischen Staate. Hier besteht die Regierung durch den Willen des Proletariats &#8230; Es versteht sich daher von selbst, da&#223; die Werkt&#228;tigen durch ihr der Regierung entgegengebrachtes Vertrauen (!) dieser auch das Recht erteilen, Beamte und verschiedene Beh&#246;rden einzusetzen. Ebenso selbstverst&#228;ndlich war es, da&#223; die Regierung auch die Befehlshaber in der Armee ernannte&#8221;(<a href="#3">3</a>).</p>
<p><a name="q4"></a><a name="q5"></a><a name="q6"></a>Ganz unzweifelhaft offenbart sich in diesen Verlautbarungen die klassische b&#252;rgerliche Staatsauffassung, freilich ohne etwas selbst davon zu bemerken. Die Institutionen des Staates, Regierung, Armee, Gerichte, bekennen sich als die Diener des Volkes und leiten aus diesem Bekenntnis ihre Anspr&#252;che an das Volk ab, Anspr&#252;che, die, da sie durch die gute Absicht legitimiert sind und an die Einsicht appellieren, wesentlich gr&#246;&#223;eres Gewicht besitzen als die Anma&#223;ungen des Zarismus. Zur h&#246;chsten Vollendung bringt Trotzki, bekannt f&#252;r seinen Hang zur rhetorischen &#220;berspitzung und &#220;bertreibung, die Logik dieser Legitimation.</p>
<p>Anfang 1920, als mit dem sich abzeichnenden Ende des B&#252;rgerkriegs und der ausl&#228;ndischen Intervention der wirtschaftliche Wiederaufbau zur vordringlichsten Aufgabe zu werden begann, erhob sich die Frage, ob man nicht das Befehlsregime des Kriegskommunismus, das sich bei der Bew&#228;ltigung der milit&#228;rischen Aufgaben so gl&#228;nzend bew&#228;hrt hatte, auch an dieser &#8220;&#246;konomischen Front&#8221; einsetzen sollte. Dies war in der Tat die Auffassung Lenins, der dabei neben den Illusionen, die er hinsichtlich der kommunistischen Qualit&#228;t des Kriegskommunismus mit den meisten Bolschewiki teilte, auch ein realpolitisches Kalk&#252;l, n&#228;mlich die Gefahr einer weiteren, diesmal von Polen drohenden Intervention, in Anschlag brachte. Zu Recht, wie die folgenden Monate zeigten. Auf dem IX. Parteitag (29. M&#228;rz &#8211; 5. April 1920), auf dem der Streit mit den &#8220;linken&#8221; Gegnern dieser Politik entbrennt, unterst&#252;tzt Trotzki Lenin mit Vehemenz. Nach einer kurzen Phase der Unstimmigkeit (<a href="#4">4</a>) um so mehr darum bem&#252;ht, es an radikalem und konsequentem &#8220;Bolschewismus&#8221; nicht fehlen zu lassen, bringt er es sogar dahin, den vom Politb&#252;ro insbesondere bei der Wiederingangsetzung des zerst&#246;rten Transportsystems bef&#252;rworteten Arbeitszwang nicht nur mit der desolaten Lage des Landes, sondern grunds&#228;tzlich theoretisch zu rechtfertigen. Der Arbeitszwang w&#252;rde &#8220;w&#228;hrend des &#220;bergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus den h&#246;chsten Grad an Intensit&#228;t erreichen&#8221; (<a href="#5">5</a>). Auf dem unmittelbar darauffolgenden III. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongre&#223; h&#228;lt er seinen Opponenten, die -wie der Gewerkschaftsf&#252;hrer Tomski- auf dem prosaischen Thema der &#8220;Verbraucheranspr&#252;che&#8221; der Arbeiter beharren und -wie der Menschewik Abramowitsch- sein Konzept zur &#8220;Militarisierung der Arbeit&#8221; mit dem Pyramidenbau der Pharaonen vergleichen, das unschlagbare Argument entgegen, da&#223; die Arbeiter schlie&#223;lich &#8220;f&#252;r den Arbeiterstaat und nicht f&#252;r die alten besitzenden Klassen produzierten&#8221; (<a href="#6">6</a>). <a name="q7"></a><a name="q8"></a><a name="q9"></a>Im Unterschied zu den &#8220;Zwingherren und Fronv&#246;gten&#8221; fr&#252;herer Epochen k&#246;nnten und m&#252;&#223;ten die Kommunisten an das Problem des Arbeitszwanges &#8220;ohne Heuchelei herangehen&#8221;, &#8220;weil sie die ersten seien, die die Arbeit zum Nutzen der gesamten Gesellschaft organisierten&#8221; (<a href="#7">7</a>). &#8220;Zwang, Reglementierung und Militarisierung der Arbeit&#8221; seien &#8220;nicht nur Notstandsma&#223;nahmen&#8221;; vielmehr besitze &#8220;der Arbeiterstaat normalerweise das Recht&#8221;, &#8220;jeden B&#252;rger zu jeder beliebigen Arbeitsleistung an jedem beliebigen Ort zu n&#246;tigen&#8221; (<a href="#8">8</a>). Die abstrakte Allgemeinheit, die der moderne Staat ist und die die &#8220;Russische Sozialistische F&#246;derative Sowjetrepublik&#8221; 1920 allerdings erst noch zu werden versprach, hat sich selten deutlicher als Abstraktion zu erkennen gegeben, und selten ist der Irrtum, sie um ihrer blo&#223;en Allgemeinheit willen f&#252;r den Kommunismus zu halten, mit gr&#246;&#223;erer Naivit&#228;t vorgetragen worden (<a href="#9">9</a>).</p>
<p><a name="q10"></a><a name="q11"></a>In den gleichen Zusammenhang geh&#246;rt auch der Streit, der sich um die Frage entspann, ob in den verstaatlichten Fabriken das &#8220;Kollegialit&#228;tsprinzip&#8221; oder das &#8220;Prinzip der Einzelleitung&#8221; anzuwenden sei. Lenin verwirft das von den &#8220;Linken&#8221; und den Gewerkschaftsf&#252;hrern geforderte &#8220;Kollegialit&#228;tsprinzip&#8221; unter den gegebenen Umst&#228;nden als &#8220;utopisch&#8221;, &#8220;unpraktisch&#8221; und &#8220;sch&#228;dlich&#8221; (<a href="#10">10</a>), Trotzki bleibt es vorbehalten, in fast schon schamlos zu nennender Weise die moralische Keule zu schwingen: &#8220;Wer sich davor f&#252;rchtet (vor dem System der Einzelleistung, das vornehmlich den &#8220;b&#252;rgerlichen Spezialisten&#8221; zugute kam und ihre Anordnungen mit unbedingter staatlicher Autorit&#228;t ausstattete), offenbart damit unbewu&#223;t ein tiefes inneres Mi&#223;trauen gegen die Sowjetmacht&#8221; (<a href="#11">11</a>).</p>
<p>Vielleicht noch bemerkenswerter als die theoretische Verwirrung, die aus diesen Worten spricht, ist der Umstand, da&#223; Trotzki offensichtlich darauf rechnen konnte, mit diesem moralischen Pathos nicht nur seine unmittelbaren Opponenten auf dem Partei- bzw. Gewerkschaftskongre&#223; zu beeindrucken, sondern die &#8220;Massen&#8221; &#252;berhaupt. Es wird daraus ersichtlich, welche ungeheure Autorit&#228;t sich die Bolschewiki mit jener Legitimationsideologie verschafft hatten, die ich die &#8220;Affirmation der Massen&#8221; nenne. Es wird daraus ersichtlich, wie sehr diese im wesentlichen eben nur als Ideologie und als Recht vorhandene Affirmation damals den unmittelbaren Bed&#252;rfnissen dieser Massen entsprochen haben mu&#223;. Was die Aus&#252;bung der in der Verfassung von 1918 niedergelegten Rechte anlangt, insbesondere das Recht auf Wahl und jederzeitige Abwahl des leitenden Personals, so lag sie in der Praxis des Kriegskommunismus nat&#252;rlich vollkommen brach. Da es in dem r&#252;ckst&#228;ndigen Land an allen Ecken und Enden an der erforderlichen Qualifikation fehlte, mu&#223;te buchst&#228;blich jeder einigerma&#223;en taugliche Mensch in den staatlichen Verwaltungsapparat hineingezogen werden. Infolgedessen gewann dieser Apparat, von dem Lenin 1922 sagte, da&#223; er nur oberfl&#228;chlich mit &#8220;Sowjet&#246;l&#8221; gesalbt sei, eine solche personelle Best&#228;ndigkeit, da&#223; sich in k&#252;rzester Frist s&#228;mtliche Wahlprozeduren in ein unbedeutendes Ritual verwandelten, das man sich, w&#228;re nicht die Legitimationsproblematik gewesen, bei dem durchwegs ge&#252;bten Verfahren der &#8220;Ernennung von oben&#8221; ebensogut auch h&#228;tte sparen k&#246;nnen. Auch nach dem Ende des Kriegskommunismus, das auch das Ende jeder legalen politischen Opposition mit sich brachte, blieb der &#8220;Demokratismus&#8221; weit unterhalb des Standarts, den man heute f&#252;r ein technologisch entwickeltes Land als unerl&#228;&#223;lich ansehen mu&#223;. Die R&#252;ckst&#228;ndigkeit Ru&#223;lands, die der B&#252;rgerkrieg ins Katastrophale gesteigert hatte, war von der Art, da&#223;, wie gezeigt, eine gespenstisch anmutende Diskussion dar&#252;ber anheben konnte, ob nicht die staatlich durchgepeitschte Zwangsarbeit der &#8220;eigentliche&#8221; Sozialismus sei.</p>
<p>Die &#8220;Rechte des werkt&#228;tigen Volkes&#8221; waren deshalb nicht ohne Funktion. Sie blieben die legitimatorische Grundlage der Macht derer, die sie feierlich verk&#252;ndet hatten. Freilich, auch die unbefleckte moralische Autorit&#228;t bedarf einer materiellen Grundlage. Der Enthusiasmus, den die Bolschewiki bei den Massen allein dadurch entfacht hatten, da&#223; sie sie f&#252;r Menschen erkl&#228;rten, stand ihnen nicht grenzenlos zur Verf&#252;gung. Die Bereitschaft &#8220;zur Selbstaufopferung&#8221; (LW 30, S. 446) erlahmt, wenn ihr im Diesseits nichts anderes entspricht als der nackte Hunger. Mit einem Wort, die schrillen T&#246;ne, die sich in der von dem polnischen Feldzug nur vor&#252;bergehend unterbrochenen Debatte des Jahres 1920 vernehmen lie&#223;en, sie waren die Vorboten jenes vollkommenen wirtschaftlichen und moralischen Zusammenbruchs, der die Bolschewiki im darauffolgenden Fr&#252;hjahr mehr als es zuvor irgendein milit&#228;rischer Schlag vermocht hatte, an den Rand der endg&#252;ltigen Niederlage brachte.</p>
<p>Da&#223; die &#8220;Verwirklichung&#8221; der revolution&#228;ren Ideale von 1917 nur &#228;u&#223;erst unvollkommen gelungen war, war den Bolschewiki selbst nat&#252;rlich nur allzu bewu&#223;t. Lenin, auf die durchaus b&#252;rgerliche Zweiteilung von Volk und Staat angesprochen, w&#252;rde, wenn er sich diese Frage gefallen lassen h&#228;tte, zweifellos auf die harten Tatsachen verwiesen haben: &#8220;Wir leiden schwer unter dem Mangel an Kr&#228;ften, nach der geringsten Hilfe eines einigerma&#223;en t&#252;chtigen Menschen -und erst recht aus den Reihen der Arbeiter- greifen wir mit beiden H&#228;nden. Aber wir haben solche Kr&#228;fte nicht&#8221; (LW 32, S. 206). Er w&#252;rde darauf hinweisen, da&#223; &#8220;die Millionen Proletarier &#8230; unaufgekl&#228;rt, meistenteils unwissend, unentwickelt, ungebildet sind&#8230;&#8221; (LW 32, S. 43). Selbstverst&#228;ndlich sind wir ein Staat, w&#252;rde er sagen, selbstver-st&#228;ndlich m&#252;ssen wir Zwang anwenden, nicht nur gegen die &#8220;verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten&#8221;, sondern auch gegen diejenigen Arbeiter, die &#8220;durch den Kapitalismus tief demoralisiert worden sind&#8221; (LW 25, S. 489). &#8220;Wir haben nicht einmal das Analphabetentum liquidiert. Wir wissen, wie sich die noch mit den Bauern verbundenen Arbeiter von unproletarischen Losungen beeinflussen lassen&#8221; (LW 32, S. 48). Aber wir sind trotz alledem ein Staat neuen Typs, ein Staat, in dem &#8220;die Massenorganisationen eben der Klassen, die vom Kapitalismus unterdr&#252;ckt wurden &#8230; die st&#228;ndige und einzige Grundlage der gesamten Staatsmacht, des gesamten Staatsapparates&#8221; sind. Die &#8220;Sowjetmacht in Ru&#223;land&#8221; bedeutet &#8220;f&#252;r die &#252;berwiegende Mehrheit der Bev&#246;lkerung&#8221; eine &#8220;solche praktische M&#246;glichkeit(&#8216;.), sich der demokratischen Rechte und und Freiheiten zu bedienen, wie es sie noch niemals auch nur ann&#228;hernd in den besten und demokratischsten b&#252;rgerlichen Republiken gegeben hat&#8221; (LW 28, S. 479). Da&#223; die Massen jetzt diese M&#246;glichkeit nicht wahrnehmen k&#246;nnen, da&#223; sie unwissend, kulturlos, ersch&#246;pft sind, das ist nicht unsere Schuld. Das ist ein Erbe des Kapitalismus und des Krieges. &#8220;Unser Ziel ist, da&#223; jeder Werkt&#228;tige nach Erf&#252;llung des achtst&#252;ndigen &#8216;Pensums&#8217; produktiver Arbeit unentgeltlich an der Aus&#252;bung der Staatspflichten teilnimmt&#8221; (LW, S. 264, Hervorh. Lenin). Wir, &#8220;die Avantgarde des Proletariats, die kom-munistische Partei&#8221;, werden dieses Ziel erreichen, indem wir &#8220;die parteilose Masse der Arbeitenden&#8221; aufkl&#228;ren, schulen, bilden und erziehen, damit sie schlie&#223;lich nach und nach, vielleicht noch nicht in der n&#228;chsten Generation, aber doch nach einigen Jahrzehnten, dahin gelangt, &#8220;die Leitung der gesamten Volkswirtschaft tats&#228;chlich in ihren H&#228;nden zu konzentrieren&#8221; (LW 32, S. 34, Hervorh. Lenin). &#8220;Von dem Zeitpunkt an, da alle Mitglieder der Gesellschaft oder wenigstens ihre &#252;bergro&#223;e Mehrheit selbst gelernt haben, den Staat zu regieren&#8230; -von diesem Zeitpunkt an beginnt die Notwendigkeit jeglichen Regierens &#252;berhaupt zu schwinden&#8221; (LW 25, S. 488f.).</p>
<p><a name="q12"></a>Niemand wird es wagen, Lenin bei seiner Rechtfertigungsrede ins Wort zu fallen. Niemand wird die besonderen Umst&#228;nde, die er uns zu erw&#228;gen gibt, beiseite wischen. Und niemand wird in Zweifel ziehen, da&#223; die Bolschewiki fest entschlossen waren, aus diesen Umst&#228;nden das beste zu machen, das beste, um &#252;ber die &#8220;b&#252;rgerlich-demokratische Etappe&#8221; der russischen Revolution m&#246;glichst weit hinauszugelangen in Richtung Sozialismus. Aber so wenig es angeht, eine Epoche danach zu beurteilen, &#8220;was sie von sich selbst sagt und sich einbildet&#8221; (MEW 3, S. 49), so wenig k&#246;nnen wir uns damit zufrieden geben, die Produktionsverh&#228;ltnisse in Ru&#223;land mit dem sozialistischen Willen und Selbstverst&#228;ndnis der Bolschewiki zu identifizieren. Nicht allein der Wille oder der Kampf, wie Lenin schreibt (<a href="#12">12</a>), entscheidet dar&#252;ber, in welchem Umfang die Umgestaltung gegebener Produktionsverh&#228;ltnisse gelingt, sondern auch die zugeh&#246;rigen materiellen Voraussetzungen, das erreichte Niveau der Produktivkraftentwicklung. Dieses Niveau bestimmt sogar seinerseits den Willen zum Kampf und die Vorstellungen davon, wie er zu f&#252;hren sei. Wie niedrig dieses Niveau in Ru&#223;land zur Zeit der Oktoberrevolution gewesen ist, dar&#252;ber gibt eben Lenin mit seinen eigenen Vorstellungen am besten Auskunft -und nicht nur freiwillig mit den diversen Hinweisen auf das Analphabetentum und den Hunger, Erscheinungen, die ohnehin allenthalben bekannt sind, sondern auch unfreiwillig: indem er uns eine &#8220;proletarische Staatsmacht&#8221; vor Augen f&#252;hrt, die, ausgestattet mit allen Schikanen der b&#252;rgerlichen Legitimationsproblematik, eben diese f&#252;r ihren welthistorischen Fortschritt &#252;ber den Kapitalismus hinaus ansieht. Was Lenin f&#252;r einen h&#246;chst unvollkommenen Sozialismus halten mag, das ist in Wirklichkeit ein h&#246;chst unvollkommener und entwicklungsbed&#252;rftiger Kapitalismus.</p>
<p><a name="q13"></a><a name="q14"></a>Die Anlage zu einem solchen als politische Legitimationsideologie fungierenden Sozialismus befindet sich von Anfang an in den Schriften Lenins. Sie befindet sich bereits in jener Formel, die dem &#8220;politischen &#220;berbau&#8221; eine &#8220;relative&#8221; Unabh&#228;ngigkeit von der &#8220;&#246;konomischen Basis&#8221; zubilligt (<a href="#13">13</a>); und sie waltet selbstverst&#228;ndlich in der darauf aufbauenden Vorstellung von einer Konkurrenz zwischen den verschiedenen Sorten des &#8220;politischen &#220;berbaus&#8221;, der beschr&#228;nkten, inkonsequenten &#8220;b&#252;rgerlichen Demokratie&#8221; einerseits und der konsequenten &#8220;proletarischen Demokratie&#8221; andererseits; wohinter sich wiederum entgegen ausdr&#252;cklicher Versicherung (<a href="#14">14</a>) der Glaube verbirgt, man k&#246;nne durch die Steigerung des &#8220;Demokratismus&#8221;, auf rein politischem Wege also, &#252;ber die Politik &#252;berhaupt hinausgelangen und somit innerhalb und vermittels der politischen Form dem niedrigen Niveau der Vergesellschaftung der menschlichen Arbeit, das eben in diesem Glauben an die Form der Politik erscheint, ein Schnippchen schlagen und an die Stelle realer Vergesellschaftung die Proklamation derselben setzen. Dieses Konzept m&#252;ndet schlie&#223;lich in dem Eingest&#228;ndnis Lenins, da&#223; es &#8220;uns&#8221; an &#8220;Zivilisation&#8221; mangelt, &#8220;um unmittelbar zum Sozialismus &#252;berzugehen, obwohl wir die politischen Voraussetzungen daf&#252;r haben&#8221; (LW 33, S. 488, Hervorh. P.K.).</p>
<p><a name="q15"></a><a name="q16"></a>Trotz gr&#246;&#223;ter N&#252;chternheit und Zur&#252;ckhaltung, was die Beurteilung der unmittelbaren Resultate der russischen Revolution anlangt, h&#228;lt Lenin also an der Illusion von den &#8220;politischen Voraussetzungen&#8221; des Sozialismus (die diesen gerade dementieren) bis zuletzt fest. Der trotzigen Unbelehrbarkeit, die aus diesen Worten spricht, kann man angesichts des realen Vergesellschaftungsschubs, der damit weltweit verkn&#252;pft war, die Sympathie nicht versagen. Offensichtlich war kein anderer als ein &#8220;politischer Sozialismus&#8221; m&#246;glich in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts. Offensichtlich konnte die &#8220;Affirmation der Massen&#8221;, die mit dem Voranschreiten der wertvermittelten Vergesellschaftung unabweislich wurde, nur unter der ideologischen Form des &#8220;Sozialismus&#8221; vollzogen werden (<a href="#15">15</a>). Die Akteure f&#252;hrten also ihre gespenstisch-gro&#223;artige Trag&#246;die in Gew&#228;ndern auf, die einer erst noch als Abstraktion vorhandenen Zukunft entstammten &#8211; immerhin ein Unterschied zu 1793.</p>
<p>Um dieser Abstraktion willen wird man sich auch heute noch und sogar heute erst recht dem schon 1920 von Otto Bauer gef&#228;llten Urteil &#252;ber den bolschewistischen Staat anschlie&#223;en m&#252;ssen. Er nannte ihn die &#8220;Diktatur der Idee des Proletariats&#8221; (<a href="#16">16</a>). Abgesehen von der Proletariatskategorie, trifft diese Bezeichnung auch vollkommen f&#252;r das Selbstverst&#228;ndnis des modernen Repr&#228;sentativstaates zu, den man die &#8220;Diktatur der Idee des Volkes&#8221; nennen k&#246;nnte, eine Diktatur, die nat&#252;rlich um so vollkommener herrscht, je selbstverst&#228;ndlicher ihre ideologischen Pr&#228;missen, Freiheit und Gleichheit, im Alltagsdenken herrschen. Alles, was dieser Staat tut, tut er in: Namen und f&#252;r &#8220;seine&#8221; Bev&#246;lkerung, auf deren von den Meinungsforschungsinstituten sorgf&#228;ltig beobachtete Loyalit&#228;t er deswegen Anspruch erhebt. Ganz genau die gleiche repr&#228;sentativstaatliche Logik bringt Lenin in der Weise zur Anwendung, wie er unmittelbar vor dem Oktober f&#252;r die bolschewistische Machtergreifung agitiert. Weil es gar so anschaulich ist, kann ich mich leider nicht enthalten, auch noch dieses letzte Beispiel f&#252;r die klassische Staatskonfiguration von Lenins Denken dem geneigten Leser und der geneigten Leserin zuzumuten.</p>
<p><a name="q17"></a>Lenin rechnet den Wankelm&#252;tigen innerhalb und au&#223;erhalb der bolschewistischen Partei, die sich um eine hinl&#228;ngliche Unterst&#252;tzung durch die &#8220;Massen&#8221; sorgen, vor, da&#223; riesige &#8220;noch unerschlossene Kr&#228;fte &#8230;im Volke schlummern.&#8221; Diese werden sich erst nach der Macht&#252;bernahme entfalten und sichtbar werden, &#8220;wenn Dutzende Millionen Menschen&#8221;, die &#8220;bis dahin politisch geschlafen, in qualvollem Elend und in Verzweiflung dahinvegetiert haben, die den Glauben daran verloren hatten, da&#223; auch sie Menschen sind, da&#223; auch sie ein Recht zum Leben haben&#8221;, aus &#8220;eigener Erfahrung sehen und sp&#252;ren, da&#223; die Macht im Staate den unterdr&#252;ckten Klassen geh&#246;rt&#8221;, &#8220;da&#223; die ganze Macht des modernen zentralisierten Staates auch ihnen dienen kann (Hervorh. P.K.), da&#223; die proletarischen Miliztruppen auch sie vertrauensvoll(!) zur unmittelbaren, engsten, tagt&#228;glichen Beteiligung an der Staatsverwanltung auffordern&#8221; (LW 26, S. 111, &#228;hnlich auch LW 24, S. 356f.).</p>
<p>Wem fiele nicht angesichts dieses Preisliedes auf den Staat als den Diener der Armen unser bew&#228;hrtes &#8220;soziales Netz&#8221; ein! Wem kl&#228;ngen nicht angesichts dieses musterg&#252;ltigen Vortrages zum Thema Staatsb&#252;rgerkunde die sorgenvollen Reden &#8220;unserer&#8221; Politiker im Ohr, die, grunds&#228;tzlich mit dem gleichen Vertrauen ausgestattet wie Lenin, aber am Ende des Weges angelangt, den der Repr&#228;sentativstaat seit 1917 zur&#252;ckgelegt hat, Klage &#252;ber die in der Bev&#246;lkerung verbreitete &#8220;Versorgungsmentalit&#228;t&#8221; f&#252;hren, von der sie zu Recht annehmen, da&#223; sie mit einem entsprechenden Mangel an dem einst gesch&#228;tzten Enthusiasmus und der eigentlich immer geforderten Opferbereitschaft einhergeht (<a href="#17">17</a>).</p>
<p>Lenins Kalk&#252;l ist seinerzeit nat&#252;rlich aufgegangen. Das beweist nicht nur die erfolgreiche Machtergreifung, sondern auch der siegreich bestandene B&#252;rgerkrieg. Sein Fehler liegt nicht in der &#8220;Praxis&#8221;, sondern in der &#8220;Theorie&#8221;. Sein Fehler besteht darin, &#8220;das Ganze&#8221; bzw. die Mehrheit dieses &#8220;Ganzen&#8221; (vgl. LW 26, S. 113), das die neue Staatsmacht nun in der modernen b&#252;rgerlichen Manier repr&#228;sentiert, unmittelbar mit dieser Staatsmacht gleichzusetzen. Wie schon oben ausgef&#252;hrt, identifiziert er das abstrakt-unmittelbare Interesse der &#8220;Armen&#8221;, der &#8220;Proletarier und der armen Bauern&#8221;, unmittelbar mit dem Allgemeininteresse, das in dem Interesse das die Arbeiter und Bauern als Arbeiter und Bauern haben, gerade nicht als solches erscheint und eben deshalb selber nur als Abstraktion, als Staat existieren kann. In dieser Hinsicht erweist sich Lenin als vollkommen naiv und treuherzig, unersch&#252;tterlich in seinem Glauben an die Unmittelbarkeit. Obwohl ihm die weitere Entwicklung ein solches &#8220;Klaffen&#8221; zwischen den beiden Interessenkategorien, dem transzendentalen Interesse der Revolution der Arbeiter einerseits und dem unmittelbaren Arbeiterinteresse andererseits, vor Augen f&#252;hrte, wie es sich vor allem in der Situation des Februar/M&#228;rz 1921 offenbart, als sich die &#8220;proletarische Staatsmacht&#8221; gegen den drohenden und teilweise (Kronstadt) bereits ausgebrochenen proletarischen Aufstand zu behaupten hatte, vermochte diese Erfahrung an seinem grunds&#228;tzlichen theoretischen Konzept nichts zu &#228;ndern. In der Folgezeit, angelangt in den ruhigeren Gew&#228;ssern der N&#214;P (der Neuen &#214;konomischen Politik), macht sich lediglich ein verst&#228;rkter Hang zur Nachdenklichkeit bemerkbar. Vorsicht, Besonnenheit und das Bed&#252;rfnis nach Konsolidierung bestimmen den Grundtenor der Schriften, die Lenin in seinem letzten Lebensabschnitt ver&#246;ffentlicht. Wem es aber wie dem oben zitierten Otto Bauer einf&#228;llt, die Oktoberrevolution eine b&#252;rgerliche Revolution zu nennen, dem wird in aller Freundschaft der Tod durch Erschie&#223;en in Aussicht gestellt (Vgl. LW 33, S. 269).</p>
<p><a name="q18"></a>Die theoretische Front war noch allzu eng mit der B&#252;rgerkriegsfront verkn&#252;pft, und hinter dem Zweifel am sozialistischen Charakter des Oktober, insbesondere wenn er von Sozialdemokraten vorgetragen wurde, witterte Lenin sicher nicht zu Unrecht das Plechanowsche Lamento: &#8220;Man h&#228;tte nicht zu den Waffen greifen d&#252;rfen!&#8221; Vor dessen Ansteckung mu&#223;ten sich die Bolschewiki in der damaligen schweren Krise, die auch eine Krise ihres Selbstvertrauens war, allerdings in acht nehmen, wollten sie an der Macht bleiben (<a href="#18">18</a>).</p>
<p>Abgesehen von diesem realpolitischen Bezug, ist nat&#252;rlich f&#252;r die Beharrlichkeit, mit welcher Lenin die Macht der Bolschewiki mit der &#8220;Macht des Proletariats&#8221; gleichsetzte, jener grundlegende theoretische Mangel verantwortlich, der die gesamte alte Arbeiterbewegung, zweite wie dritte Internationale, auszeichnet. Es fehlte eine wertkritische Basis f&#252;r den revolution&#228;ren Willen, eine Basis, die es erlaubt h&#228;tte, die sich ja eben erst zur vollen -Transzendentalit&#228;t ausbildende Form der Politik selbst noch als das notwendige Moment der kapitalistischen Vergesellschaftung zu begreifen, und die somit den revolution&#228;ren Willen daran zu hindern vermocht h&#228;tte, eine staatliche Institution zu werden.</p>
<p><a name="q19"></a><a name="q20"></a>Es versteht sich von selbst, da&#223; dieser Mangel nicht als ein Anzeichen subjektiver Geistesschw&#228;che aufzufassen ist. Vielmehr ist er in dem historisch gegebenen, niedrigen Niveau der Produktivkraftentwicklung zu suchen, das seinerseits f&#252;r die heute erst in ihrem ganzen Umfang erkennbar werdenden &#8220;Entstellungen&#8221; des alten Arbeiterbewegungs-Marxismus verantwortlich zu machen ist (<a href="#19">19</a>). Man mu&#223; es im Gegenteil eine beeindruckende Leistung nennen, mit welcher Geschicklichkeit und Elastizit&#228;t Lenin es verstand, hinter einer ganz und gar vom Gegenteil zeugenden Erscheinungswelt immer wieder das &#8220;Wesen&#8221; des Sozialismus zu erblicken. Es ist bewundernswert, wie es ihm gelang, bei gr&#246;&#223;ter Wendigkeit in allen realpolitischen, taktischen Fragen einschlie&#223;lich derjenigen der Zwangsarbeit, unersch&#252;tterlich an dem Ziel oder besser: an dem Glauben daran festzuhalten. Dieser Leistung -falls dieses Wort aus meinem Munde ein wenig ironisch klingen sollte, so gesch&#228;he das gegen meine Absicht- kam freilich zweierlei entgegen: Das war einmal die juristische Bescheidenheit bei der Definition des Sozialismus, eine Bescheidenheit, die sich schon damit zufrieden gab, da&#223; &#8220;die&#8221; Kapitalisten formal enteignet worden waren (<a href="#20">20</a>), zum anderen handelt es sich um die hautnahe Erfahrung des Volkswillens, wie er nach seiner &#8220;anderen Seite&#8221; hin beschaffen ist, um die Erfahrung der Massenstimmung. Diese Massenstimmung, der bis zur Todesverachtung gesteigerte Enthusiasmus, der den bolschewistischen Parolen entgegenbrandete, war wohl bis in die Krisenzeit von 1920/21 hinein die entscheidende Kraftquelle, die die Bolschewiki in ihrem sozialistischen Selbstverst&#228;ndnis best&#228;rkte und sie zu ihrer historischen Leistung bef&#228;higte. Ihr m&#252;ssen wir uns nun zuwenden.</p>
<h4>b) Der Volkswille II: Die Stimmung der Massen</h4>
<p><a name="q21"></a>Lenins Glaube an die Unmittelbarkeit leuchtet am hellsten im Jahre 1917. Wir erinnern uns an das oben (S.4) angef&#252;hrte Zitat: &#8220;&#8230;das bewaffnete Volk selbst aber kann nicht &#252;ber sich herrschen.&#8221; Darin eben manifestiert sich der Glaube, da&#223; eine politische, das &#8220;Volk&#8221; in lauter gleichberechtigte Staatsb&#252;rger verwandelnde Ma&#223;nahme (<a href="#21">21</a>), n&#228;mlich die allgemeine Volksbewaffnung, unmittelbar das andere ihrer selbst sei, das Ende der Politik. Weil das Volk die Waffen selbst in der Hand hat, so lautet die in diesem Glauben waltende Logik, deshalb hat es auch seinen eigenen gesellschaftlichen Zusammenhang unter Kontrolle, deshalb besitzt es die Kompetenz, sich unmittelbar selbst, ohne die Dazwischenkunft eines besonderen Staatsapparates zu &#8220;beherrschen&#8221;, deshalb er&#252;brigt sich die Frage nach dem historischen, vom Niveau der Produktivkraftentwicklung bestimmten Inhalt der Abstraktion &#8220;Volk&#8221;. Man sieht leicht, da&#223; diese Beweisf&#252;hrung sich die Ambivalenz der Worte &#8220;Kontrolle&#8221; und &#8220;Kompetenz&#8221; (oder Macht, Herrschafft etc. ) zunutze machen kann. Sie verzichtet darauf, die formelle und die inhaltliche Seite in der Bedeutung dieser Ausdr&#252;cke voneinander zu unterscheiden. Es sieht dann so aus, als sei mit einer Ma&#223;nahme, die die formelle M&#246;glichkeit einer Sache betrifft zugleich auch diese Sache selbst erworben worden. Ganz in diesem Sinn k&#246;nnte man also schlu&#223;folgern: Gib dem Arbeiter ein Gewehr in die Hand, und er h&#246;rt auf, ein Arbeiter zu sein. Proklamiere die Macht der Arbeiterklasse, und sie besitzt die Macht &#252;ber die historischen Voraussetzungen, die sie zur Arbeiterklasse konstituiert haben.</p>
<p><a name="q22"></a><a name="q22"></a>Besonders anschaulich zeigt sich diese kurzschl&#252;ssige Gleichsetzung von politischer Form und gegenteiligem Inhalt, das, was ich Lenins Glauben an die Unmittelbarkeit genannt habe, in den noch im Schweizer Exil verfa&#223;ten &#8220;Briefen aus der Ferne&#8221; (M&#228;rz 1917). In dem der &#8220;proletarischen Miliz&#8221; gewidmeten Brief illustriert Lenin mit einem Rechenbeispiel, wie er sich etwa f&#252;r Petersburg die Organisierung einer &#8220;wirklichen&#8221; Volksmiliz, an der reihum die gesamte erwachsene und k&#246;rperlich dazu bef&#228;higte Bev&#246;lkerung teilzunehmen h&#228;tte, vorstellt. Im Anschlu&#223; an dieses rein technisch konzipierte Milizmodell kommt er zu dem Resultat: &#8220;Eine solche Miliz w&#252;rde zu 95 Prozent aus Arbeitern und Bauern bestehen und wirklich die Vernunft(!) und den Willen(!), die Kraft und die Macht der &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit des Volkes zum Ausdruck bringen&#8221; (LW 23, S. 343) (<a href="#22">22</a>).</p>
<p>Hier werden also die einen bestimmten Inhalt meinenden Kategorien &#8220;Vernunft&#8221; und &#8220;Willen&#8221;, Kategorien, die auf den gesellschaftlichen Zusammenhang verweisen, auf den Entwicklungsstand der Produktivkraft der menschlichen Arbeit, auf die dementsprechenden Produktionsverh&#228;ltnisse, nicht vom Begriff dieser Produktionsverh&#228;ltnisse her bestimmt, sondern zu unmittelbaren Eigenschaften &#8220;der &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit des Volkes&#8221; erkl&#228;rt. Es wird mit anderen Worten aus-ser acht gelassen, da&#223; die sozialen Kategorien &#8220;Arbeiter&#8221; und &#8220;Bauer&#8221; an ihnen selbst ein bestimmtes Produktionsverh&#228;ltnis, n&#228;mlich die Produktion als Produktion von Waren, die Produktion innerhalb der Verkehrsform des Privateigentums, ausdr&#252;cken; da&#223; sie also als Arbeiter und als Bauern eine &#8220;Vernunft&#8221; und einen &#8220;Willen&#8221; besitzen, wie er von diesem Produktionsverh&#228;ltnis konstituiert worden und f&#252;r dieses Produktionsverh&#228;ltnis kennzeichnend ist &#8211; und keineswegs &#252;ber dieses Produktionsverh&#228;ltnis hinausweist.</p>
<p>Die Nutzanwendung, die aus dieser Einsicht zu ziehen ist, besteht nat&#252;rlich nicht darin, da&#223; man die betreffende &#8220;Vernunft&#8221; und den betreffenden &#8220;Willen&#8221; geringsch&#228;tzen oder vernachl&#228;ssigen d&#252;rfte. Ganz gewi&#223; nicht. Sie bedeutet nur, da&#223; man sich ihnen auf andere, theoretisch weniger naive Weise n&#228;hren wird, da&#223; man gewisserma&#223;en durch sie als das Konstituierte hindurch auf ihr Konstituierendes schauen wird. Man wird also zur Erlangung eines strategischen Ausgangspunk-tes nicht dabei stehenbleiben, die sozialen Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft nach ihrem Willen zu fragen, sondern man wird umgekehrt den gesellschaftlichen Zusammenhang daraufhin untersuchen, inwieweit er mit dem Dasein dieser Kategorien &#252;berhaupt noch vertr&#228;glich ist, inwieweit er im Begriffe steht, sie und die zugeh&#246;rigen Bewu&#223;tseinsformen zunichte zu machen, inwieweit anders gesagt die auf dem Weg der Vergesellschaftung befindliche Produktion sich noch innerhalb der (ungesellschaftlichen, atomistischen) Form des Privateigentums bewegen kann, ohne materiell in ihr komplettes Gegenteil, die Destruktion umzuschlagen. Die kommunistische Strategie kann niemals der Ausdruck des Arbeiterwillens sein, sie ist vielmehr immer dessen Kritik, eine Kritik freilich, die sich mit dieser &#8220;empirischen Oberfl&#228;che&#8221; taktisch zu vermitteln hat. Der Standpunkt kann nur das Ganze des gesellschaftlichen Zusammenhangs sein, wie es sich historisch vermittels der kapitalistischen Warenproduktion herstellt und nur mit dem kategorialen Apparat des Kapitalbegriffs zu erfassen ist. Damit verh&#228;lt sich dieser Standpunkt, wiewohl auf vermittelte Weise mit der empirischen Oberfl&#228;che identisch, notwendigerweise apriorisch zu jedem einzelnen empirischen Moment innerhalb dieses Zusammenhangs. Er kann also niemals in der Bequemlichkeit jener Demagogie m&#252;nden, die sich umstandslos in das Bett einer jeglichen Massenstimmung begibt. Wir werden im letzten Abschnitt sehen, da&#223; Lenin dies, seinen &#8220;identit&#228;ren Illusionen&#8221; zum Trotz, tats&#228;chlich auch nicht getan hat; eine Inkonsequenz in der &#8220;Praxis&#8221;, die gerade seine historische Gr&#246;&#223;e ausmacht.</p>
<p>Da zu Lenins Zeiten die kapitalistische Produktionsweise noch zu gering entfaltet war, um empirisches Material f&#252;r eine immanente, an der Wertform ansetzende, &#8220;realpolitische&#8221; Kritik liefern zu k&#246;nnen, mu&#223; seine Kapitalismuskritik &#228;u&#223;erlich und soziologisch werden und mit dem erw&#228;hnten tautologischen Verfahren die Arbeiterklasse bzw. das &#8220;Volk&#8221; affirmieren. Auf unsere Frage, welche Vernunft und welchen Willen das &#8220;Volk&#8221; zum Ausdruck bringe, antwortet er: seinen eigenen. Er &#252;bergeht also die auf die historische Qualit&#228;t abzielende theoretische Frage und verweist uns theoretisch steril bleibend stattdessen an die empirische Oberfl&#228;che, von der diese Frage doch gerade ihren Ausgang nahm. Nat&#252;rlich haben wir es bei dieser Antwort, mit der wir uns nicht zufrieden geben k&#246;nnen, mit einem eindimensionalen, empiristischen Denken zu tun, das philosophisch gesprochen die Erscheinung unmittelbar f&#252;r das Wesen nimmt.</p>
<p><a name="q23"></a>Lenins Hingabebereitschaft an die Empirie wird nat&#252;rlich von dieser gen&#228;hrt. Der Glaube an das &#8220;Volk&#8221;, an seine F&#228;higkeit zur Selbstverwaltung, findet sich scheinbar best&#228;tigt von der akut revolution&#228;ren Situation im Ru&#223;land von 1917. Die R&#228;te entsprangen ja tats&#228;chlich der selbst&#228;ndigen Initiative der Massen und sie waren Ausdruck von dieser Initiative. &#8220;Die Bewegung war spontan in dem Sinne, als unabh&#228;ngig voneinander und ohne jede theoretische Vorbereitung, aus den praktischen Bed&#252;rfnissen des revolution&#228;ren Augenblicks heraus, &#252;berall Sowjets emporschossen&#8221;, schreibt Anweiler (<a href="#23">23</a>). Der Zusammenbruch des alten Regimes f&#252;hrte auch zur Aufl&#246;sung der lokalen Verwaltungsorgane und brachte es wie selbstverst&#228;ndlich mit sich, da&#223; die frischgebackenen R&#228;te an vielen Orten deren Aufgaben &#252;bernahmen beziehungsweise sich wenigstens in sie hineinmischten. Von daher lag es nahe, in den R&#228;ten den k&#252;nftigen Staatsapparat zu sehen. &#252;berhaupt erzeugte die mit einem Schlag errungene Freiheit, die nach langen Jahren der &#8220;bleiernen Zeit&#8221; gleichsam explosionsartig entstandene vollkommene politische &#214;ffentlichkeit eine Atmosph&#228;re des allgemeinen Aufbruchs, eine Atmosph&#228;re, in welcher Millionen Menschen erstmals aus der gewohnten Lethargie und Passivit&#228;t herausgerissen wurden und zu politischer Aktivit&#228;t erwachten. Diese aufw&#252;hlenden ersten Wochen nach dem 27. Februar 1917, Wochen, in denen laut Anweiler die Plenarsitzungen des Petersburger Arbeiter- und Soldatenrats &#8220;Kundgebungen und Volksversammlungen&#8221; glichen -ein zeitgen&#246;ssischer Beobachter, den Anweiler zitiert, sprach von den R&#228;ten als von dem &#8220;Auflauf in Permanenz&#8221;- bilden den Hintergrund, vor dem man Lenins optimistisches Konzept der direkten R&#228;tedemokratie sehen mu&#223;.</p>
<p><a name="q24"></a>Die Zeit der Masseninitiative war allerdings von kurzer Dauer. &#8220;Im Verlauf von zwei Monaten&#8221;, schreibt Anweiler, hatte sich der Petersburger Sowjet zu einem &#8220;wohlorganisierten Verwaltungsapparat&#8221; mit mehreren hundert Angestellten entwickelt. Nachdem schon von Anfang an das Schwergewicht der praktischen Arbeit bei dem Exekutivkomitee des Sowjets gelegen hatte (Ende M&#228;rz umfa&#223;te es 42 Mitglieder), verlor dieser im gleichen Ma&#223;, &#8220;in dem die Arbeit des Sowjets gut zu funktionieren begann&#8221;, zu einem betr&#228;chtlichen Teil den unmittelbaren Kontakt mit den Massen. Die Plenarsitzungen (in der zweiten M&#228;rzh&#228;lfte fast dreitausend Deputierte), die in den ersten Wochen fast t&#228;glich stattgefunden hatten, wurden seltener und von den Deputierten oft nur schwach besucht. &#8220;Die Sowjetexekutive verselbst&#228;ndigte sich zusehends&#8230;&#8221; (<a href="#24">24</a>)</p>
<p><a name="q25"></a><a name="q26"></a><a name="q27"></a>Diese Entwicklung, die sich nach dem Oktober unter dem Vorzeichen einer bolschewistischen R&#228;temehrheit wiederholen und im B&#252;rgerkrieg sogar noch zuspitzen sollte (<a href="#25">25</a>), kann niemanden in Erstaunen versetzen, der sich dar&#252;ber Rechenschaft abgelegt hat, da&#223; die beiden mit der Ware-Geld-Vergesellschaftung aufkommenden Interessenkategorien -privat und &#246;ffentlich- grunds&#228;tzlich nicht miteinander zu vermitteln sind. Man kann von einer Bev&#246;lkerung, die nahezu ihre gesamte Energie den Angelegenheiten der unmittelbaren Reproduktion widmen mu&#223;, die, um zu leben, gezwungen ist, t&#228;glich f&#252;r Geld zu arbeiten, man kann von einer solchen innerhalb der Zw&#228;nge der Armut bzw. des kapitalistischen Privateigentums (das die Logik des Mangels mit verschwenderischen Folgen zum zentralen Gesichtspunkt der Reichtumserzeugung macht) eingepferchten Bev&#246;lkerung nicht erwarten, da&#223; sie sich mit der gleichen Intensit&#228;t und dauerhaft f&#252;r die dazugeh&#246;rigen Rahmenbedingungen zu interessieren verm&#246;chte; von einer selbstst&#228;ndigen Organisation oder Kontrolle der allgemeinen Angelegenheiten einmal ganz abgesehen. Sie kann wohl &#246;ffentliche Anspr&#252;che anmelden, wie sie sich aus ihrer unmittelbaren Lebenssituation ergeben (<a href="#26">26</a>); und sie kann diejenigen Ma&#223;nahmen des Staates, die f&#252;r die unmittelbare Lebenssituation von Belang sind, an Hand der eigenen Erfahrungen gut- oder schlechthei&#223;en, begr&#252;&#223;en oder ablehnen, es fehlt ihr aber die Zeit und das Wissen, das erforderlich w&#228;re, um den jeweiligen Begr&#252;ndungszusammenhang, warum eine Ma&#223;nahme nicht m&#246;glich oder doch m&#246;glich oder sogar zwingend notwendig ist, einsehen und auf seine Stichhaltigkeit hin &#252;berpr&#252;fen zu k&#246;nnen. (<a href="#27">27</a>)</p>
<p><a name="q28"></a><a name="q29"></a>Eben diese Konstellation bringt es nat&#252;rlich mit sich, da&#223; ein solcher gleichzeitig von jedem gesellschaftlichen Ort aus einsichtiger Begr&#252;ndungszusammenhang in der politischen Form gar nicht existieren kann, da&#223; somit die Beziehung zwischen der privaten und der &#246;ffentlichen Sph&#228;re immer nur eine Angelegenheit des Gef&#252;hls sein kann, des Vertrauens, Glaubens etc., wie ich schon oben gesagt habe (<a href="#28">28</a>). Das Gef&#252;hl aber ist ein schwankender Boden. Es kann schnell erlahmen oder in sein Gegenteil umschlagen. Ja, es mu&#223; im Fall der revolution&#228;ren Begeisterung sogar erlahmen, solange die Revolution in der Sph&#228;re des &#8220;politischen &#220;berbaus&#8221; (der &#8220;politischen Voraussetzungen&#8221;, vgl. oben S.121) verbleibt und zum Arbeiter- und Bauerndasein nur das Staatsb&#252;rgerrecht hinzuf&#252;gt. Die politische Freiheit ist eine gro&#223;artige Sache, beseitigt aber f&#252;r sich nicht den Hunger, noch enthebt sie der M&#252;hen der Fabrikarbeit (<a href="#29">29</a>).</p>
<p>Von daher ist der Vorwurf, den Lenin gegen diejenigen Parteien erhebt, die bis Sommer 1917 die Mehrheit innerhalb der R&#228;te stellten, sie seien f&#252;r das Abflauen der Massenstimmung, f&#252;r den R&#252;ckgang der Revolution&#8221; (LW 25, S. 299) verantwortlich, sie h&#228;tten die R&#228;te parlamentarisch &#8220;versaut&#8221; (LW 25, S. 436) nur teilweise berechtigt. Es handelt sich bei der Frage der Massenstimmung durchaus um einen Mechanismus, der f&#252;r alle Formen politischer Repr&#228;sentation G&#252;ltigkeit beanspruchen kann. Auch die Bolschewiki waren diesem Mechanismus ausgesetzt und mu&#223;ten sich ihm unterwerfen. Lenin hat gegen&#252;ber den Menschiwiki und Sozialrevolution&#228;ren nur insofern recht, als er eine Politik verficht, von der er &#252;berzeugt ist, da&#223; sie &#8220;den revolution&#228;ren Enthusiasmus der Massen entfachen, steigern, verzehnfachen&#8221; wird (LW 24, S. 356). Sein Rechthaben findet also innerhalb der gleichen Konstellation statt, in der sich auch seine politischen Konkurrenten den Massen gegen&#252;ber befinden. Lenin bleibt innerhalb jener Sph&#228;re der politischen Legitimation, die mit dem modernen Repr&#228;sentativ- oder Allgemeinwohlstaat entsteht und sich in ihm gleichsam niederschl&#228;gt und institutionalisiert. Innerhalb dieser Sph&#228;re wei&#223; sich Lenin als der bessere, ehrlichere, konsequentere Volksfreund, der den Massen voll und ganz vertraut, der die unmittelbaren Bed&#252;rfnisse der Massen r&#252;ckhaltlos ausspricht und der, getragen von dem Enthusiasmus der Massen, entschlossen und f&#228;hig ist, sie zu befriedigen: Die proletarische Regierung, wenn sie an die Macht k&#228;me, sie w&#252;rde wirklich und sofort den ersten, unmittelbar m&#246;glichen Schritt zum Frieden tun und den Waffenstillstand verk&#252;nden. Sie w&#252;rde wirklich und sofort die Banken verstaatlichen, das Gesch&#228;ftsgeheimnis aufheben und die H&#228;ndler und Unternehmer einer strengen Kontrolle unterwerfen, um sie daran zu hindern, sich durch Lebensmittelschiebereien an der Not des Volkes zu bereichern. Sie w&#252;rde wirklich und sofort das &#8220;Dekret &#252;ber Grund und Boden&#8221; erlassen und damit augenblicklich die bereits im Gang befindliche Inbesitznahme der Gutsl&#228;ndereien durch die Bauern legalisieren.</p>
<p><a name="q30"></a><a name="q31"></a>Die fortschreitende wirtschaftliche Zerr&#252;ttung; die vor allem in der Friedensfrage unaufrichtige Politik der Provisorischen Regierung, an der seit Mai auch sozialistische (menschewistische) Minister beteiligt waren, ihre Unt&#228;tigkeit teils mit radikalen Phrasen bem&#228;ntelnd, teils mit den Erfordernissen korrekter demokratischer Verfahrenweisen rechtfertigend; und schlie&#223;lich auch die Erfahrung des Juli und August, die zeigte, da&#223; die im Gefolge des Kerenski-Putsches einsetzende und zum Teil blutige Unterdr&#252;ckung der Volksbewegung sich politisch ausschlie&#223;lich gegen die Bolschewiki richtete, die verlegen murmelnden &#252;brigen Linksparteien aber unbehelligt lie&#223;, all dies brachte schlie&#223;lich den Umschwung. Die Stimmung der Massen neigte sich schlie&#223;lich den Bolschewiki zu. &#8220;Zum erstenmal wurde seit August/Anfang September 1917 der Bolschewismus zu einer Massenbewegung. Die zahlenm&#228;&#223;ig immer noch relativ kleine Partei (<a href="#30">30</a>) erhielt die Unterst&#252;tzung von Millionen erbitterter und hoffender Menschen. Auf jeden Parteibolschewik kamen 20, 30 oder auch 50 &#8216;Bolschewiki&#8217;, die nicht Mitglieder, aber Sympathisierende waren&#8221; (<a href="#31">31</a>). Der Durchbruch machte sich nat&#252;rlich sogleich auch in den R&#228;ten bemerkbar, deren Deputierte zu jener Zeit noch rasch wechselten. Anfang September 1917 errangen die Bolschewiki die Mehrheit in Petersburg und in Moskau, um nur diese beiden entscheidenden Zentren zu nennen.</p>
<p>Indem sie hiermit als &#8220;Stimmungsbarometer&#8221; (Anweiler) kenntlich werden, ist das Geheimnis der R&#228;te von 1917 eigentlich schon ausgesprochen. Es &#228;u&#223;ert sich in ihnen die massenhafte Zustimmung zu einem bestimmten politischen Programm in einer bestimmten politischen Situation, in welcher dieses Programm die dringendsten unmittelbaren Bed&#252;rfnisse der Bev&#246;lkerungsmehrheit formuliert. Dieser Synergismus, diese gegenseitige Resonanz von Politik und Massenstimmung kommt in den R&#228;ten zum Ausdruck, sie bildet die Grundlage des Oktober, eine Grundlage, die sich bis etwa 1920/21 als tragf&#228;hig erweisen sollte.</p>
<p><a name="q32"></a>Ganz allgemein l&#228;&#223;t sich sagen, da&#223; sich Lenins Genie vor allem im Umgang mit dieser Massenstimmung bew&#228;hrt. Lenin nimmt diese Stimmung ernst, studiert sie im Zusammenhang mit den aktuellen Erfahrungen der Massen und versteht es, mit ihr zu rechnen, ohne dabei jemals sein politisches Ziel, die innerhalb des zeitgem&#228;&#223;en Modells der politischen Repr&#228;sentation verbleibende &#8220;Macht des Proletariats&#8221;, preiszugeben oder aus den Augen zu verlieren. &#8220;Die revolution&#228;ren Sozialdemokraten verfolgen aufmerksam die Stimmung der Massen&#8221;; sie verstehen es, die Massen, &#8220;gest&#252;tzt auf ihre eigene Erfahrung und auf ihre Stimmung &#8230; aufzukl&#228;ren&#8221; (LW 21, S. 184), das sind stehende Redensarten bei Lenin. Trotzki bezeichnet es als einen der &#8220;gro&#223;en Vorz&#252;ge&#8221; des Bolschewismus, da&#223; ihm &#8220;die aristokratische Verachtung f&#252;r die selbst&#228;ndige Erfahrung der Massen absolut fremd&#8221; sei (<a href="#32">32</a>). Allem Anschein nach sahen die Bolschewiki in ihrem &#8220;Vertrauen zu den Massen&#8221;, ihrem &#8220;Sichst&#252;tzen auf die Massen&#8221; den Kern ihrer revolution&#228;ren Identit&#228;t. Dies ist sowohl in &#8220;theoretischer&#8221; als auch in &#8220;praktischer&#8221; Hinsicht verst&#228;ndlich. Aus der theoretischen &#8220;Affirmation der Massen&#8221; bezog der gesamte alte Arbeiterbewegungs-Sozialismus sein Selbstbewu&#223;tsein und seine Siegeszuversicht als eine neue, un&#252;berwindliche historische Kraft, also auch die Bolschewiki. Die konsequente &#8220;Verwirklichung&#8221; dieses Konzeptes, ihre &#8220;Verwurzelung in den Massen&#8221;, ihre &#8220;N&#228;he zu den Massen&#8221;, erm&#246;glichte es den Bolschewiki dar&#252;ber hinaus, jene Flexibilit&#228;t und Man&#246;vrierf&#228;higkeit, jene &#8220;technischen Fertigkeiten&#8221; zu erwerben, die f&#252;r die praktische Durchf&#252;hrung der Revolution unerl&#228;&#223;lich waren. Selbstverst&#228;ndlich setzt dies voraus, da&#223; man in der &#8220;proletarischen Revolution&#8221; nicht nur eine historische Kategorie, sondern eine unmittelbar anstehende, dringende Notwendigkeit sah. In dieser praktischen Hinsicht zeigten sich die Bolschewiki als einzige sozialistische Gruppierung den Anforderungen des historischen Augenblicks gewachsen.</p>
<p><a name="q33"></a>Vor allem zeigt sich an diesem Punkt der entscheidende Unterschied zu den Menschewiki, auf den ich hier kurz eingehen m&#246;chte. Die Menschewiki leiteten ihre Politik bekanntlich von dem &#8220;historischer Materialismus&#8221; genannten geschichtsphilosophischen Schema ab, wonach Ru&#223;lands Revolution b&#252;rgerlich zu sein hatte. Wenn man will, dann kann man sie als die &#8220;Theoretiker&#8221;, die Bolschewiki als die &#8220;Praktiker&#8221; dieser Revolution bezeichnen. Die Menschewiki verwiesen durchaus zu Recht auf das historisch niedrige Niveau der Produktivkraftentwicklung und zogen daraus den falschen (&#8220;praktischen&#8221;) Schlu&#223;, da&#223; das Proletariat sich zu z&#252;geln habe. Mit nicht geringerem Recht verwiesen die Bolschewiki auf die im Zusammenhang mit der akuten Notsituation stehende aufr&#252;hrerische Stimmung nicht nur der st&#228;dtischen, sondern auch der l&#228;ndlichen Massen und zogen daraus den falschen (&#8220;theoretischen&#8221;) Schlu&#223;, da&#223; die Revolution sich bereits auf dem Weg zum Sozialismus befinde (<a href="#33">33</a>). Wie es die Regel ist innerhalb der b&#252;rgerlichen Epoche, erkannte die &#8220;Theorie&#8221; ihre &#8220;Praxis&#8221; nicht, und die &#8220;Praxis&#8221; vermochte es nicht, sich in ihrer &#8220;Theorie&#8221; wiederzufinden. Von heute aus kann man es eine k&#246;stliche &#8220;Ironie der Geschichte&#8221; nennen, da&#223; ausgerechnet die gleiche theoretische Befangenheit und Unzul&#228;nglichkeit, n&#228;mlich ein soziologisch verk&#252;rzter Marxismus, die beiden feindlichen Br&#252;der daran hinderte, ihrer nahen Verwandtschaft innezuwerden.</p>
<p>Die soziologische Verk&#252;rzung, die immer auch eine empiristische Verk&#252;rzung beinhaltet, kommt darin zum Ausdruck, da&#223; die einen, n&#228;mlich die Bolschewiki, von einer bestimmten empirischen Erscheinung wie derjenigen der politischen Bewegung des Proletariats unvermittelt auf den historischen Begriff der gesamten Epoche schlie&#223;en, w&#228;hrend andererseits die Menschewiki mit dem Begriff der historischen Epoche eine dogmatische Vorstellung von der zugeh&#246;rigen Empirie verkn&#252;pfen und danach die Bewegung zu modeln trachten. Eine b&#252;rgerliche Revolution, so schlie&#223;en die Menschewiki messerscharf, geh&#246;rt in die H&#228;nde von Menschen, die sich soziologisch einwandfrei als B&#252;rger auszuweisen verm&#246;gen. Mit der gleichen Logik ausgestattet sagen die Bolschewiki, da&#223; eine Revolution , in welcher soziologisch zweifelsfrei als Proletarier auszumachende Menschen den Kerntrupp der Bewegung bilden und die gr&#246;&#223;te Leidenschaft und den gr&#246;&#223;ten Opfermut an den Tag legen, da&#223; eine solche Revolution nat&#252;rlich keine b&#252;rgerliche mehr ist, sondern nur eine proletarische genannt werden darf. Wie ersichtlich, sind beide Argumentationsfiguren weit davon entfernt, die &#8220;Bourgeoisie&#8221; als ein im Wert und im Recht waltendes, den soziologischen Kategorien gegen&#252;ber sich als &#8220;Sachzwang&#8221; verselbst&#228;ndigendes Produktionsverh&#228;ltnis zu begreifen.</p>
<p>Von daher, von dieser theoretischen Gemeinsamkeit her ist nat&#252;rlich gew&#228;hrleistet, da&#223; die beiden Kontrahenten einander gar nicht theoretisch, sondern nur auf der Ebene der &#8220;Praxis&#8221; zu kritisieren verm&#246;gen. Das hei&#223;t: Die Menschiwiki besitzen die gleiche Vorstellung von der proletarischen Revolution wie die Bolschewiki, sie w&#252;rden der eben erw&#228;hnten soziologischen Definition also nicht widersprechen, aber sie sind gegen die praktische Durchf&#252;hrung dieser Revolution, weil sie aufgrund der genannten Voraussetzungen (R&#252;ckst&#228;ndigkeit Ru&#223;lands) zum &#8220;Scheitern&#8221; verurteilt sei. Umgekehrt verachten die Bolschewiki diesen &#8220;lebensfernen Schematismus&#8221;, der hinsichtlich seiner praktischen Konsequenzen ein Verbrechen sei gegen die unmittelbaren, buchst&#228;blich lebenswichtigen Interessen des Proletariats. Ihre Widerlegung der menschewistischen Argumente, hinter denen sie Feigheit und Verrat wittern, ist die Tat, n&#228;mlich die Praxis der Revolution: &#8220;Der Kampf und nur der Kampf entscheidet, wie weit es der (proletarisch-sozialistischen Revolution) gelingt, &#252;ber die (b&#252;rgerlich-demokratische) hinauszuwachsen (LW 33, S. 34).</p>
<p><a name="q34"></a>Die Konfliktlinie &#8220;Praxis versus Theorie&#8221; beinhaltet nat&#252;rlich eine Gefahr. Allzu leicht k&#246;nnte die &#8220;Praxis&#8221; in die Versuchung geraten, das, was sie ihr Gelingen nennt, nach eigenem Gutd&#252;nken, ohne die l&#228;stige Einmischung theoretischer Kl&#252;gelei, zu bestimmen (<a href="#34">34</a>). Das dann noch &#252;brigbleibende Bed&#252;rfnis nach einem vermeintlich &#252;ber der Empirie stehenden Gesichtspunkt, der den Eindruck von &#8220;Linie&#8221; zu erwecken verm&#246;chte, m&#252;&#223;te sich in diesem Fall mit jener ideologischen Billigstproduktion begn&#252;gen, die etwa den Markennamen &#8216;Wir stehen in der Tradition des Oktober&#8221; zu tragen h&#228;tte. Die auf dem X. Parteitag an die Bolschewiki gerichteten Warnungen Lenins, sich nichts vorzumachen, sich die M&#246;glichkeit rascher Erfolge z.B. im Kampf gegen die B&#252;rokratisierung nicht in die Tasche zu l&#252;gen, die Arbeiter nicht mit demagogischen Patentrezepten zu betr&#252;gen, mu&#223; man wohl als Anzeichen daf&#252;r nehmen, da&#223; dieser Weg zur -wie soll man sagen- zur theoretischen Willk&#252;r, zur sch&#246;pferischen Freiheit bei der Bestimmung dessen, was man sei und dementsprechend vollbringen k&#246;nne, sich bereits 1921, nach der administrativen Ausschaltung aller politischer Gegner, in Umrissen abzuzeichnen begann. Der sp&#228;ter unter Stalin verordnete Pflichtoptimismus, der es allemal fertigbrachte, in jedem Schwenk der Regierungspolitik eine musterg&#252;ltige Anwendung der &#8220;Lehren des Oktober&#8221; ausfindig zu machen, hat hier offensichtlich seine Wurzeln. Die penetrante Staatsfr&#246;mmigkeit und neurotische Zwanghaftigkeit dieses Optimismus (&#8220;aufw&#228;rts und vorw&#228;rts&#8221;), eines Grundkurses in &#8220;positivem Denken&#8221; von wahrhaft internationalem Niveau, geht weit &#252;ber das hinaus, was dem heute &#252;blichen Legitimationsbed&#252;rfnis eines kapitalistischen Staatswesens entsprechen w&#252;rde. Abgesehen davon, da&#223; es sich dabei um eine Eigenart dieses gesamten &#8220;Zeitalters der Massen&#8221; (Moscovici) handelt, die auch in anderen plebeszit&#228;ren Bewegungen und Systemen anzutreffen war, d&#252;rfte im vorliegenden Fall der Grund daf&#252;r unter anderem eben darin zu suchen sein, da&#223; die &#8220;Praxis des Bolschewismus&#8221; immer auch mit jener alten theoretischen Rechnung befrachtet war, die die Menschiwiki ihm einst aufgemacht hatten, da&#223; also die &#8220;Praxis&#8221; unmittelbar als sie selbst die Rolle eines theoretischen Arguments zu &#252;bernehmen hatte, von dessen Koh&#228;renz auch nachtr&#228;glich noch die &#8220;Berechtigung&#8221; des Oktober und des gesamten darauf aufbauenden ideologischen Konstrukts des &#8220;Marxismus-Leninismus&#8221; abhing (<a href="#35">35</a>). <a name="q35"></a>Man durfte nicht &#8220;gescheitert&#8221; sein, und jede Kritik mu&#223;te sich davor h&#252;ten, die Grenze zu jener &#8220;Destruktivit&#228;t&#8221; zu &#252;berschreiten, jenseits welcher die menschewistische &#8220;Verh&#246;hnung&#8221; und &#8220;Sabotage&#8221; des &#8220;Kampfes der Arbeiterklasse&#8221; begann; des Kampfes, von dem man meinte, da&#223; &#8220;nur&#8221; er &#252;ber den &#8220;Aufbau des Sozialismus&#8221; entscheiden werde, und von dem man heute sagen mu&#223;, da&#223; er die ideologische Form des staatlichen Aufbauwillens war, der, seinerseits induziert von der internationalen Konkurrenz der kapitalistischen Staaten, w&#228;hrend der Epoche der nachholenden urspr&#252;nglichen Akkumulation in Ru&#223;land die &#8220;Kr&#228;fte des Binnenmarktes&#8221; zu ersetzen hatte.</p>
<p>Ich habe es vorhin eine &#8220;k&#246;stliche Ironie&#8221; genannt, da&#223; Menschiwiki und Bolschewiki ihre unter der gegens&#228;tzlichen politischen Oberfl&#228;che verborgene Gemeinsamkeit nicht zu erkennen vermochten. Den Zeitgenossen wird kaum nach einer solchen am&#252;sierten Betrachtungsweise zumute gewesen sein. Nach der Aufl&#246;sung der Konstituante (Januar 1918) und im Verlauf des B&#252;rgerkriegs nahm die Beziehung zwischen Menschiwiki und Bolschewiki teilweise sehr repressive Formen an, an denen nichts k&#246;stliches war. Schon im t&#228;glichen Leben kann man ja beobachten, da&#223; gerade solche Menschen, die sich in einer bestimmten Charakterschw&#228;che gleichen, um so mehr dazu neigen, einander eben um dessentwillen zu hassen. Wie sollte dieser Mechanismus nicht auch im politischen Leben G&#252;ltigkeit beanspruchen k&#246;nnen, das ja in den Augen derjenigen, die darin das Wort f&#252;hren, ebenfalls eine Sache des Charakters, der &#220;berzeugungstreue, der Vertrauensw&#252;rdigkeit etc. ist.</p>
<p><a name="q36"></a><a name="q37"></a><a name="q38"></a><a name="q39"></a>Die bolschewistische Unduldsamkeit gegen&#252;ber den Menschiwiki wurde vielleicht gerade durch den Umstand gen&#228;hrt, da&#223; sich die letzteren im B&#252;rgerkrieg gegen die wei&#223;e Konterrevolution (<a href="#36">36</a>) loyal verhielten und ihre Forderung nach dem Zusammentritt der konstituierenden Versammlung mit der ausdr&#252;cklichen Begr&#252;ndung zur&#252;cknahmen, sie k&#246;nnte &#8220;als Banner und Maske der Konterrevolution&#8221; mi&#223;braucht werden (<a href="#37">37</a>). Die Menschiwiki, die sich auf den Kurs einer legalen Opposition im Rahmen des vorhandenen R&#228;tesystems festlegten (dieser Kurs wurde im Juli 1919 durch das Manifest &#8220;Was tun?&#8221; best&#228;tigt), entsprachen w&#228;hrend des B&#252;rgerkriegs nicht mehr dem Verr&#228;terbild, mit dem man 1917 ihren Masseneinflu&#223; hatte untergraben k&#246;nnen. Um so &#8220;gef&#228;hrlicher&#8221; waren sie. Um so l&#228;stiger war ihre Opposition, der man einfacher h&#228;tte beikommen k&#246;nnen, wenn sie sich umstandslos in die Kategorie der wei&#223;en Konterrevolution h&#228;tte einordnen lassen. Ihr Schicksal war endg&#252;ltig besiegelt, als sich 1920/21 die Stimmung der Massen nicht nur von den Bolschewiki abkehrte, sondern sogar gegen sie emp&#246;rte. Anweiler zweifelt nicht daran, &#8220;da&#223; bei freien Wahlen in die Arbeiterdeputiertenr&#228;te die Menschiwiki gegen Ende des B&#252;rgerkriegs mehr Sitze gewonnen h&#228;tten als die Bolschewiki (<a href="#38">38</a>). Isaac Deutscher vertritt die gleiche Ansicht (<a href="#39">39</a>).</p>
<p>Diese akute Krisensituation war f&#252;r die Bolschewiki, die ihrem ganzen Selbstverst&#228;ndnis nach die einzigen und einzig wahren Anw&#228;lte der Massen waren, zweifellos unertr&#228;glich. Nichts mu&#223;te sie mehr ersch&#252;ttern und verbittern, als auf einem Felde ins Hintertreffen zu geraten, als dessen Urheber sie sich ansahen, auf dem sie gleichsam das Recht des Erstgeborenen besa&#223;en. Zutiefst davon &#252;berzeugt, da&#223; sie die eigentlichen, die historischen Interessen des Proletariats repr&#228;sentierten, konnten sie sich bei diesem, das seine Hoffnungen von 1917 am gegenw&#228;rtigen Elend ma&#223;, kein Geh&#246;r mehr verschaffen. Die politische Krise, die die Aufst&#228;nde und Streiks des Februar und M&#228;rz 1921 ohnehin bedeuteten, wurde dramatisch versch&#228;rft durch die damit einhergehende tiefe ideologische Krise, die das Zentrum des bolschewistischen Selbstverst&#228;ndnisses ber&#252;hrte. Auf dem X. Parteitag (M&#228;rz 1921) sch&#228;tzte Lenin die &#8220;innere Gefahr&#8221; gr&#246;&#223;er ein als diejenige, die seinerzeit (1919) &#8220;von Denikin und Judenitsch&#8221; gedroht hatte (LW 32, S. 257). Es ist ganz gewi&#223; gerechtfertigt, dieses Wort von der &#8220;inneren Gefahr&#8221; um die ideologische und psychologische Dimension zu erweitern.</p>
<p><a name="q40"></a><a name="q41"></a><a name="q42"></a>Der Ausweg, den Lenin in dieser Lage fand, ist bekannt. Die Forderung nach freiem Handel, die alle politischen Gegner der Bolschewiki im Einklang mit der Stimmung unter den Arbeitern und Bauern erhoben, wurde erf&#252;llt, die Ablieferungspflicht der Bauern durch eine Naturalsteuer ersetzt. Zugleich mit dieser &#8220;Neuen &#214;konomischen Politik&#8221; wurde die politische Repression versch&#228;rft: &#8220;Die Menschiwiki und Sozialrevolution&#228;re, sowohl die offenen wie auch die als Parteilose getarnten, geh&#246;ren ins Gef&#228;ngnis&#8230;&#8221; (LW 32, S. 376). Das &#8220;Interesse des Proletariats&#8221; oder auch der &#8220;Volkswille&#8221; erhielt, wie ich schon fr&#252;her ausgef&#252;hrt habe, eine extrem &#8220;transzendentale&#8221; F&#228;rbung, wie sie zwar f&#252;r jeden modernen Repr&#228;sentativstaat konstitutiv ist, aber nur selten, eben nur in Krisenzeiten, so klar hervorsticht. Das &#8220;Interesse des Proletariats&#8221; wurde gleichsam von dessen Augenblickszustand abgel&#246;st und einstweilen in die ausschlie&#223;liche Obhut der Bolschewiki genommen (<a href="#40">40</a>). Der Massenstimmung, nachdem sie sich &#8220;kleinb&#252;rgerlicher Schwankungen&#8221;, d.h. Sympathien f&#252;r die Menschiwiki und Sozialrevolution&#228;re schuldig gemacht hatte (vgl. LW 32, S. 257), wurde jede andere als die bolschewistische Artikulation abgeschnitten. Damit hatten nat&#252;rlich die R&#228;te, die den B&#252;rgerkrieg ohnehin nur zu einem Zehntel &#252;berstanden hatten (<a href="#41">41</a>), ihre Funktion als Stimmungsbarometer eingeb&#252;&#223;t (<a href="#42">42</a>) und wurden -erst recht nach ihrer staatlich verordneten Neugr&#252;ndung im Jahre 1922- zu reinen Verwaltungsorganen.</p>
<p><a name="q43"></a><a name="q44"></a><a name="q45"></a><a name="q46"></a>Es ist hier nicht meine Aufgabe, nach den &#8220;Fehlern&#8221; der Bolschewiki zu suchen und etwa, wie R. Medwedjew es tut, die Frage zu stellen, ob nicht im Interesse einer breiteren Ausgangsbasis f&#252;r den B&#252;rgerkrieg, die vielleicht die Aussicht auf ein rascheres Durchlaufen dieser ruin&#246;sen Etappe der bolschewistischen Revolution er&#246;ffnet haben w&#252;rde, das Kernst&#252;ck der N&#214;P, die die Bauern weniger belastende Naturalsteuer, schon 1918 h&#228;tte eingef&#252;hrt werden sollen. Faktisch, so sagt Medwedjew, habe sich in dem kleinb&#228;uerlichen Land, das durch die im Sommer 1918 von den Bolschewiki initiierten &#8220;Komitees der Dorfarmut&#8221; noch weiter &#8220;verkleinb&#252;rgerlicht worden&#8221; sei als schon durch die Oktoberrevolution geschehen (<a href="#43">43</a>), der freie Handel angesichts eines kaum noch so zu nennenden &#8220;Schwarzmarkt&#8221;-Anteils von 50 bis 60 Prozent an der Lebensmittelversorgung der Bev&#246;lkerung ohnehin nicht verbieten lassen (<a href="#44">44</a>). Er sei aber durch den illusorischen Versuch, seit Mai 1918 ein &#8220;staatliches Getreidehandelsmonopol&#8221; durchzusetzen, das sich im weiteren Verlauf zu einer obligatorischen Ablieferungspflicht f&#252;r fast alle Agrarerzeugnisse entwickelte (<a href="#45">45</a>), unn&#246;tig behindert und unrationell gestaltet worden (<a href="#46">46</a>).</p>
<p>Ebenso unerheblich f&#252;r unseren Zusammenhang ist die Diskussion der Frage, ob nun mit dem 1921 beschrittenen Weg zur Staatspartei bzw. zum Einparteienstaat der &#8220;Weg des Oktober&#8221; verraten worden sei oder ob er damit nur seine von Anfang an vorhandene innere Logik offenbart habe. Meine Darstellung der politischen Kategorie des &#8220;Volkswillens&#8221; zielt auf das grunds&#228;tzliche Auseinander von &#8220;Politik&#8221; und &#8220;&#214;konomie&#8221;, von &#8220;Staat&#8221; und &#8220;Gesellschaft&#8221;, wie es konstitutiv ist f&#252;r die mittels der Wertform sich vollziehende Vergesellschaftung des Menschen. Dieses &#8220;Wesen der Sache&#8221; im Auge, ist es zun&#228;chst unerheblich, wie sich die &#8220;Beziehung&#8221; zwischen den beiden Komponenten des &#8220;Volkswillens&#8221; im einzelnen gestaltet, ob die &#8220;Massenstimmung&#8221; durch eine einzige politische Partei hindurchgehen mu&#223; oder ob sie mehrere miteinander konkurrierende Parteien zu ihrer Verf&#252;gung hat, die einander abl&#246;sen in der Verwaltung des (abstrakten) Allgemeininteresses. Die landl&#228;ufige Alternative von &#8220;Diktatur&#8221; (als Einparteienherrschaft) und &#8220;Demokratie&#8221; (als politischer Pluralismus) findet innerhalb der dualistischen Konstellation des &#8220;Volkswillens&#8221; statt; sie geh&#246;rt insgesamt der demokratischen, selber vom Wert konstituierten Denkform an, die dieses Auseinander immer schon stillschweigend voraussetzt. Freilich darf die Tatsache, da&#223; sich im Verlaufe dieses Jahrhunderts die pluralistische Variante der Demokratie durchgesetzt hat, deshalb nicht unbeachtet bleiben. Offensichtlich ist der Pluralismus (im Denken wie in den politischen Institutionen) die reifere, dem heute erreichten Vergesellschaftungsniveau besser entsprechende Form der Demokratie, neben welcher die plebiszit&#228;ren Diktaturen der ersten Jahrhunderth&#228;lfte mit ihrer &#8220;Staatsallmacht&#8221; nur als ihr noch h&#246;chst unvollkommenes Entwicklungsstadium anmuten k&#246;nnen. Der Pluralismus verleiht dem in der politischen Sph&#228;re sich manifestierenden &#8220;Volkswillen&#8221; jene Flexibilit&#228;t und Anpassungsf&#228;higkeit, deren er in einer Gesellschaft, die in der st&#228;ndigen Revolution der Produktivkraft der menschlichen Arbeit begriffen ist, dringend bedarf. In einer solchen &#8220;dynamischen Gesellschaft&#8221; werden ja jene Normen des menschlichen Zusammenlebens, die sich nach althergebrachter Sitte und Gewohnheit gleichsam von selbst verstehen, laufend zur&#252;ckgedr&#228;ngt, wohingegen diejenigen Fragen, die einer ausdr&#252;cklichen und bewu&#223;ten (vorl&#228;ufig nur rechtlichen) Regelung zugef&#252;hrt werden m&#252;ssen, st&#228;ndig an Umfang zunehmen.</p>
<p><a name="q47"></a><a name="q48"></a>Eine nennenswert entwickelte Produktivkraft der Arbeit war allerdings in dem vollkommen ruinierten Ru&#223;land von 1921 erst noch zu schaffen. Es stand keine grundlegend andere Alternative zur Debatte als &#8220;Produktion &#252;berhaupt&#8221; oder drastischer formuliert: &#8220;&#220;berleben &#252;berhaupt&#8221;. &#8220;Was wir vor allem und um jeden Preis brauchen, ist die Steigerung der Produktion&#8221; (LW 33, S.39), schreibt Lenin zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution. Jede denkbare Garnitur &#8220;politischer&#8221;</p>
<p>oder &#8220;wirtschaftlicher&#8221; Kader h&#228;tte diese und keine andere Aufgabe zu l&#246;sen gehabt. Wenn man dies bedenkt und obendrein ber&#252;cksichtigt, da&#223; ohnehin jeder einigerma&#223;en brauchbare, d.h. mit einem Minimum an Kulturtechniken ausger&#252;stete Mensch (<a href="#47">47</a>) zu Verwaltungsaufgaben herangezogen werden mu&#223;te, dann kann man ohne weiteres mit Lenin zu dem Schlu&#223; gelangen, da&#223; es wahrscheinlich wirklich ein &#252;berfl&#252;ssiger Luxus gewesen w&#228;re, sich dem Zeitvertreib demokratischer Debatten, sei es in den R&#228;ten, sei es in einer anderen etwa von der konstituierenden Versammlung abgesegneten Vertretungsk&#246;rperschaft, hinzugeben.</p>
<p>Dies aber wie gesagt nur nebenbei. F&#252;r unseren Zusammenhang kommt es nur auf die grundlegende Lehre an, auf das &#8220;allgemeine Gesetz&#8221;, das sich aus den Ereignissen von 1921 extrapolieren l&#228;&#223;t. F&#252;r unseren Zusammenhang ist es ausreichend, sich zu vergegenw&#228;rtigen, da&#223; die &#8216;Massenstimmung&#8217; als die andere Seite des &#8220;Volkswillens&#8221; grunds&#228;tzlich mit &#8220;Haken und &#214;sen&#8221; behaftet ist, da&#223; sie ein schwankendes, unzuverl&#228;ssiges Element darstellt, mit dem die moderne Politik zwar rechnen mu&#223; (<a href="#48">48</a>), auf das sie aber nicht verl&#228;&#223;lich bauen kann. Und schon gar nicht darf sie dem Wahn verfallen, sie k&#246;nnte sich von den Massen und ihrer jeweiligen Stimmung ersetzen lassen.</p>
<p><a name="q49"></a>Im Oktober 1917 kamen die Bolschewiki auf einer Woge des Massenenthusiasmus zur Macht, im Fr&#252;hjahr 1921 sprach die Menge, &#8220;kreuzige ihn&#8221;. Wenn es bei den Bolschewiki Illusionen gegeben hatte hinsichtlich der Stabilit&#228;t der 1917 erreichten &#8220;Verbindung mit den Massen&#8221; &#8211; und es mu&#223;te bei der mangelhaften theoretischen Durchdringung der Kategorie des &#8220;Volkswillens&#8221; unbedingt solche Illusionen geben &#8211; , dann wurden sie sehr abrupt zerst&#246;rt im Fr&#252;hjahr 1921. Da&#223; diese pl&#246;tzliche Ern&#252;chterung mit Gef&#252;hlen der Hilflosigkeit einherging, da&#223; sie Verwirrung und Panik in die Reihen der Bolschewiki trug, kann niemanden verwundern, der sich in die damalige Situation hineindenkt. Jedenfalls zeugt die Ausschaltung jeglicher politischer Opposition nicht von der St&#228;rke, sondern von der Schw&#228;che der Bolschewiki. Eine Partei, die nur noch &#8220;mit der politisch unber&#252;hrten Masse der Werkt&#228;tigen&#8221; Verbindung ankn&#252;pfen will, die den &#8220;einfachen Werkt&#228;tigen&#8221; zu ihrem Ideal k&#252;rt (LW 32, S, 377), die sich nur noch denjenigen stellt, die reinen Herzens sind, die nur noch die arglosesten und unbescholtesten L&#228;mmer f&#252;hren zu k&#246;nnen glaubt, der Auseinandersetzung mit menschewistischen und sozialrevolution&#228;ren Argumenten aber ausweicht (&#8220;Wir haben andere Sorgen, als uns auf &#8216;Konferenzen&#8217; mit &#8216;Oppositionen&#8217; abzugeben&#8221;, (LW 32, S. 377), ist sich weder in theoretischer noch in irgendeiner anderen Hinsicht der souver&#228;ne Herr der Lage. Die einzige St&#228;rke, die ihr geblieben ist, ist ihr Vorhandensein, ihre organisatorische Intaktheit, ihre &#8220;Einheit&#8217; und &#8220;Geschlossenheit&#8221; sowie der Wille, an der Macht zu bleiben, mag auch ideologisch alles drunter und dr&#252;ber gehen (<a href="#49">49</a>)</p>
<p><a name="q50"></a>Die Dramatik und Geschwindigkeit mit der sich der Abfall der Massen einerseits, das &#228;ngstliche Zusammenr&#252;cken der Bolschewiki, ihre Verwandlung von der Bewegungs- zur Staatspartei andererseits vollzog, ist nat&#252;rlich vor dem Hintergrund des unvorstellbaren Elends in Ru&#223;land zu sehen. Das Jahr 1921 brachte noch einmal millionenfachen Tod durch Hunger und Seuchen, nachdem bereits der B&#252;rgerkrieg massenhaft Opfer gefordert und die Bev&#246;lkerung bis hin zur Arbeitsunf&#228;higkeit ersch&#246;pft hatte. Diese Situation zusammen mit der organisatorischen Festigkeit der Partei scheint &#252;brigens auch den Ausschlag gegeben zu haben daf&#252;r, da&#223; sich die Bolschewiki an der Macht halten konnten. Der Zustand jeder m&#246;glichen Opposition war einfach noch desolater als derjenige der Bolschewiki, und die Mehrzahl der Bev&#246;lkerung versank ohnehin in Apathie (<a href="#50">50</a>).</p>
<p>Diese au&#223;erordentliche Situation sollte man aber nur f&#252;r die Klarheit verantwortlich machen, in der sich die beiden Komponenten des &#8220;Volkswillens&#8221;, die auf die unmittelbare Erfahrung gegr&#252;ndete der &#8220;Massenstimmung&#8221; einerseits und die ein transzendentales politisches Prinzip darstellende staatliche Legitimation andererseits, sozusagen in ihrem &#8220;Eigengewicht&#8221; pr&#228;sentierten, nicht f&#252;r die Sache selbst. Gem&#228;&#223; unserer theoretischen Voraussetzung, die besagt, da&#223; die Gesellschaft des Privateigentums mit sich nicht durchsichtig und bewu&#223;t vermittelt werden kann, da&#223; das Einzelinteresse und das Gesamtinteresse der Warenbesitzer, wiewohl vom gleichen &#8220;Prinzip&#8221; erzeugt, zwei verschiedene, sich gegens&#228;tzlich zueinander verhaltende Sph&#228;ren konstituieren, sind die genannten Komponenten, wenn auch als solche selten so deutlich sichtbar, immer vorhanden in dem, was man &#8220;Volkswillen&#8221; nennt. Mit dem Abflauen der Massenstimmung und der Herausbildung staat-licher Strukturen -rigiderer selbstverst&#228;ndlich, als sie der Zarismus kennen konnte, der sich die Aufgabe der Verwaltung des gesamten Volkes, der &#8220;Massen&#8221;, ja gar nicht gestellt hatte- war also auf jeden Fall zu rechnen, wenn auch nicht in dieser Form und unter diesen extremen Umst&#228;nden.</p>
<p>Anders kann es gar nicht sein, solange die &#8220;Massen&#8221; nur erst als solche in das Rampenlicht der Geschichte treten und zur Verwaltung der gemeinsamen Angelegenheiten vorl&#228;ufig nichts anderes beizutragen haben als ihre Stimmung, welche sie den sich auf sie berufenden politischen Prinzipien und Konzepten entgegenbringen. Wenn wir uns die erw&#228;hnten &#8220;Haken und &#214;sen&#8221; der Massenstimmung n&#228;her ansehen, dann zeigt sich, da&#223; diese Massenstimmung nicht nur keinerlei organisierende Kompetenz besitzt, sondern direkt das Fehlen einer solchen Kompetenz anzeigt. Die Stimmung, mit der etwas getan wird oder geschieht, kann immer nur als &#228;u&#223;eres Attribut zu diesem Tun oder Geschehen hinzutreten. Ich kann meine Arbeit mit mehr oder weniger Begeisterung, Eifer, Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewu&#223;tsein etc. verrichten &#8211; der Inhalt dieser Pflicht, dieser Arbeit, wird davon nicht ber&#252;hrt. Der Enthusiasmus kann also die F&#228;higkeiten, die ich schon habe, in quantitativer Hinsicht modeln, er kann mich dazu veranlassen, diese F&#228;higkeiten restlos auszusch&#246;pfen, diese F&#228;higkeiten bis zur Ersch&#246;pfung in den &#8220;Dienst des Allgemeinwohls&#8221; (oder weil wir in Ru&#223;land sind: in den &#8220;Dienst des Proletariats&#8221;, bzw. der &#8220;proletarischen Revolution&#8221;) zu stellen, aber er kann diese F&#228;higkeiten nicht qualitativ ersetzen oder erzeugen. Als Analphabet kann ich mit gro&#223;er Begeisterung Aufgaben &#252;bernehmen, die der Kompetenz eines Analphabeten entsprechen, und ich kann als der gleiche Analphabet verzweifelt oder resigniert oder gleichg&#252;ltig mich abseits halten; aber weder die Begeisterung noch die Verzweiflung sind als solche dazu in der Lage, mir das Lesen und Schreiben beizubringen.</p>
<p><a name="q51"></a><a name="q52"></a>Ich habe das Beispiel des Analphabeten nat&#252;rlich mit Bedacht gew&#228;hlt. Denn der Analphabetismus, der nach den von Lenin zitierten Angaben der Volksz&#228;hlung von 1920 im europ&#228;ischen Ru&#223;land, also in dem am weitesten fortgeschrittenen Teil Ru&#223;lands, immer noch ein Ausma&#223; erreichte, das zwei Drittel der Gesamtbev&#246;lkerung umfa&#223;te, dieser Analphabetismus ist wohl das herausragendste Merkmal, an dem sich die Zur&#252;ckgebliebenheit des Landes, der geringe Grad der Entfaltung der Produktivkr&#228;fte, der geringe Grad der Vergesellschaftung der Produktion ablesen l&#228;&#223;t. Der Entwicklungsstand der Produktivkr&#228;fte entscheidet aber letztenendes dar&#252;ber, inwieweit die &#8220;Macht der Arbeiterklasse&#8221; tats&#228;chlich eine sp&#252;rbare Verbesserung der Lebensumst&#228;nde mit sich bringt, inwieweit &#252;berhaupt von einer solchen Macht in dem Sinn die Rede sein kann, da&#223; die Arbeiter &#8220;den Staat leiten&#8221; und &#8220;die Produktion organisieren&#8221;. Die F&#228;higkeit, Passierscheine zu lesen (<a href="#51">51</a>), ist jedenfalls nicht ausreichend, um eine hochentwickelte, empfindliche Technik zu bedienen oder zu warten, geschweige da&#223; sie daf&#252;r ausreichen w&#252;rde, diese Technik im wissenschaftlichen Sinn zu beherrschen und zum Wohle der gesamten Gesellschaft einzusetzen (<a href="#52">52</a>). Wir wissen ja bereits, da&#223; die russischen Arbeiter nicht einmal dazu in der Lage waren (und sein konnten), die &#8220;Kontrolle und Rechnungsf&#252;hrung&#8221; der kapitalistischen Warenproduktion durchzuf&#252;hren (vgl. dazu &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1988/moderne-demokratie-und-arbeiterbewegung-3-1">MK5</a>&#8220;).</p>
<p>Wenn wir neben diese &#8220;stoffliche Beschaffenheit&#8221; der Massen die Stimmung, die Begeisterung, die hochfliegenden Erwartungen dieser gleichen Massen halten, welche Wunder die &#8220;Macht der Arbeiter und Bauern&#8221; f&#252;r sie bereithalte, dann l&#228;&#223;t sich leicht vermuten, da&#223; eine gro&#223;e Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit vorhanden war. Der oft gehuldigten Wahrheit, da&#223; die eigentlichen Sch&#246;pfer der Geschichte die namenlosen Massen selber sind, tut es keinerlei Abbruch, wenn ich darauf hinweise, da&#223; dieses Sch&#246;pfertum unter den russischen Voraussetzungen noch f&#252;r einige Generationen vor allem aus knochenbarter unmittelbarer, &#8220;fremdbestimmter&#8221; Produktionsarbeit bestehen mu&#223;te.</p>
<p><a name="q53"></a><a name="q54"></a>Jedenfalls waren die Voraussetzungen f&#252;r eine rasche, dramatische, den Bolschewiki gef&#228;hrlich werdende Abk&#252;hlung der Massenstimmung &#8220;ideal&#8221;, wenn ich mich so ausdr&#252;cken darf. Und ich bin fast versucht, ein Art Gesetz aufzustellen, das Gesetz vom reziproken Verh&#228;ltnis zwischen der politischen Rolle der Massenstimmung einerseits und der Qualifikation der Massen, dieser Stimmung gerecht werden zu k&#246;nnen, andererseits. Alles, n&#228;mlich die gesamte alte Arbeiterbewegung, spricht daf&#252;r, da&#223; die Neigung, &#8220;in Stimmung zu machen&#8221;, um so gr&#246;&#223;er ist, je geringer entwickelt der &#220;berblick ist &#252;ber das Unternehmen, das mit dieser Stimmung in Szene gesetzt wird, je weniger jene Kompetenz und F&#228;higkeit vorhanden ist, die eine realistische Aussicht er&#246;ffnen w&#252;rde avf die M&#246;glichkeit, &#8220;Abschied vom Proletarierdasein&#8221; zu nehmen. Je enger und kleiner der Bereich, in dem sich der Arbeiter zurechtfindet, je gr&#246;&#223;er der Abstand zwischen seinen gew&#246;hnlichen Lebensumst&#228;nden und dem unbegriffenen Ganzen der Gesellschaft, desto gr&#246;&#223;er mu&#223; gleichsam das Gef&#252;hl sein, das diesen Abstand auf phan-tastische Weise zu &#252;berbr&#252;cken trachtet. Die riesige Kluft zwischen dem einzelnen, unwissenden, soeben erst sein &#8220;Menschenrecht&#8221; entdeckenden, nur in der &#8220;Masse&#8221; etwas z&#228;hlenden Arbeiter einerseits und dem politischen Anspruch, die &#8220;Arbeitermacht&#8221; zu erobern andererseits ist gleichsam das gro&#223;e Einfallstor, durch das hindurch der in den letzten Jahren von der akademischen Forschung reichlich zutage gef&#246;rderte Chiliasmus in die alte Arbeiterbewegung Eingang fand (<a href="#53">53</a>). Der Entstehungsmechanismus dieses politischen Chiliasmus w&#228;re somit ganz analog demjenigen, der auch den religi&#246;sen hervorgebracht hat (<a href="#54">54</a>). Hier scheint mir auch der Punkt zu liegen, an dem die Erkl&#228;rung daf&#252;r zu suchen ist, da&#223; sich die F&#252;hrer der Bewegung so rasch und m&#252;helos in Heilige (Lenin) und Teufel (Trotzki) verwandeln lie&#223;en.</p>
<p><a name="q55"></a>Es ist klar, da&#223; eine Politik, die sich weitgehend mit den &#8220;Massen&#8221; identifiziert und sich st&#228;ndig auf die &#8220;Massen&#8221; beruft, die sich von der Stimmung der Massen abh&#228;ngig wei&#223; und diese daher laufend zu beeinflu&#223;en trachtet (<a href="#55">55</a>), da&#223; eine solche Politik von der Labilit&#228;t dieses &#8220;Faktors&#8221; nicht unber&#252;hrt bleiben kann und durch scharfe Kurs&#228;nderungen, rasante Wendungen und Zickzackbewegungen ausgezeichnet sein mu&#223;. Solange der Vergesellschaftungszusammenhang stofflich noch auf schwachen Beinen steht, mu&#223; der Staat, noch unbeholfen im Umgang mit seiner frischgebackenen Allgemeinheit, auf seine (plebeszit&#228;re, populistische) Weise Zust&#228;ndigkeiten &#252;bernehmen oder sich anma&#223;en, die bei der &#8220;pers&#246;nlichen Interessiertheit&#8221; (Lenin), die sich als das &#8220;normale&#8221; Verhaltensmuster aber auch erst herausbildet, wahrscheinlich besser aufgehoben w&#228;ren. Aus der &#8220;totalit&#228;ren&#8221; Sorge um die &#8220;Einheit des Volkes&#8221;, die bei jedem beliebigen Anla&#223; mit Kundgebungen und Stra&#223;enumz&#252;gen augenf&#228;llig gemacht werden mu&#223;, resultiert jene Sprunghaftigkeit und Fahrigkeit, die mir f&#252;r die populistischen Regimes der &#228;lteren Bauart (des vor 1945 entwickelten Typs) charakteristisch zu sein scheint. Diese Eigenart wird nat&#252;rlich mit der zunehmenden Vergesellschaftung der Produktion, die das Bed&#252;rfnis nach Kontinuit&#228;t und Berechenbarkeit der politischen Rahmenbedingungen erzeugt, als ein Hemmschuh der Entwicklung empfunden und zunehmend auch tats&#228;chlich ein solcher werden.</p>
<p>Zum einem bedeutet die Vergesellschaftung der Produktion, da&#223; die &#8220;Massen&#8221; aufh&#246;ren, als solche im stofflichen Sinn produktiv zu sein. Sie verlieren die Bedeutung, die sie teils als rohe, teils als handwerklich qualifizierte, auf jeden Fall aber unmittelbare Produktivkraft zweifellos gehabt haben in den &#228;lteren Phasen des Industrialismus. Zum anderen verliert die Masse offenbar selbst den Gefallen daran, also solche gerufen zu werden. Der sich ausdehnende Bereich der Privatsph&#228;re und des privaten Konsums, in dem sich auch der Arbeiter als ein Individuum vorzukommen beginnt, h&#228;lt andere und anscheinend wirksamere Formen der Affirmation bereit als jene altert&#252;mlichen der Orden und des Heldenruhms, mit denen sich der Populismus alten Stils behelfen mu&#223;te.</p>
<p><a name="q56"></a>Die Masse, nachdem sie, endlich gleichgeschaltet von der Verkehrsform des Privateigentums, wirklich dazu geworden ist und damit ihrem Gleichheitsideal entspricht, bedarf, um als Masse zu funktionieren, immer weniger der gro&#223;en Ideale, der gro&#223;en Gef&#252;hle, des Taumels und des H&#246;herschlagens der Millionen Herzen. Der Appell an die Leidenschaft der Massen, an ihren Opfermut und ihre Ideale verschwindet damit aus dem Arsenal der Politik (die sich im gleichen Zug das Problem der &#8220;Sinnkrise&#8221; einhandelt). Und Nachz&#252;gler mu&#223; man jene nennen, die &#252;ber den ideologischen Gestalten des alten Populismus, deren Auferstehung sie teils f&#252;rchten, teils herbeiw&#252;nschen, den gegenw&#228;rtigen aus den Augen verlieren. Dieser gegenw&#228;rtige Populismus, der als die moderne, einschlie&#223;lich der zugeh&#246;rigen Protestrituale reibungslos funktionierende Massendemokratie tagt&#228;gliche Triumphe feiert, hat es nicht mehr n&#246;tig, die Massen mittels einer besonderen, auf sie gem&#252;nzten Ideologie (rassistisch oder sozialistisch) eigens noch zu mobilisieren, weil sie offensichtlich in jenem tieferen Sinn von Freiheit und Gleichheit, der in der Verwertung von allem und jedem gleichsam zu sich selbst gekommen ist, laufend schon mobilisiert sind (<a href="#56">56</a>).</p>
<h4>c. Lenin und die linke Opposition</h4>
<p>Nachdem wir uns die Eigent&#252;mlichkeiten der &#8220;anderen Seite&#8221; des &#8220;Volkswillens&#8221; n&#228;her zu Gem&#252;te gef&#252;hrt haben, scheint es mir angebracht zu sein, noch einmal einen Blick auf Lenin und seinen Umgang mit der &#8220;Massenstimmung&#8221; zu werfen. Dabei zeigt sich, da&#223; dieser Umgang nahezu durchgehend ad&#228;quat zu nennen ist. Lenin wurde den Anforderungen, die die &#8220;Massenstimmung&#8221; seinerzeit an den modernen, das &#8220;Volk&#8221; repr&#228;sentierenden Politiker stellte, auch dort gerecht, wo dieser &#8220;Faktor der Politik&#8221; seine soeben besprochenen, im Sinn des &#8220;Glaubens an die Massen&#8221; eher desillusionierenden Seiten zur Schau stellte. Obwohl hinsichtlich des doppelten Inhalts der Kategorie des &#8220;Volkswillens&#8221; keineswegs reflektiert und insofern bewu&#223;tloser Repr&#228;sentant der vom Privateigentum hervorgebrachten Konstellation, vermochte er es, in allen entscheidenden Phasen der Revolution von den Massen so weit Distanz zu halten, da&#223; er der laufenden Versuchung zur demagogischen &#8220;Hingabe an die Massen&#8221; widerstehen, den Kopf oben behalten und das &#8220;Moment des Bewu&#223;tseins&#8221; zur Geltung bringen konnte.</p>
<p><a name="q57"></a>Zum einen erweist sich hierin die Tragf&#228;higkeit und Bedeutung jenes alten, schon in &#8220;Was tun?&#8221; (1901) formulierten Konzeptes, das davon ausgeht, da&#223; die Arbeiter von sich aus nur ein tradeunionistisches bzw. &#8220;&#246;konomistisches&#8221; Bewu&#223;tsein von ihrer Lage zu entwickeln verm&#246;gen, da&#223; aber das &#8220;sozialistische&#8221; Bewu&#223;tsein nur aus der wissenschaftlichen Analyse des Gesamtsystems der kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnisse hervorgehen kann. In dieser Hinsicht blieb sich Lenin, wie sich jetzt auch bei der Untersuchung der Oktoberrevolution zeigt, immer selbst treu. In dieser Hinsicht ist man sogar berechtigt, von einer Art &#8220;einheitlicher Theorie&#8221;, von &#8220;Leninismus&#8221; zu reden. Wenn man auch heute bem&#228;ngeln mu&#223;, da&#223; diese Kritik des Arbeiterbewu&#223;tseins zu kurz griff, da&#223; sie den Stier, das Arbeiterdasein selbst, nicht radikal genug bei den H&#246;rnern packte (<a href="#57">57</a>); wenn man auch zugeben mu&#223;, da&#223; sie innerhalb der vom Wert konstituierten Zweiteilung</p>
<p>von &#8220;Politik&#8221; und &#8220;&#214;konomie&#8221; verblieb und insofern nur in einem theoretischen Unding namens &#8220;Arbeiterstaat&#8221; m&#252;nden konnte, so mu&#223; man es doch gro&#223; nennen, da&#223; hier &#252;berhaupt einmal von einem politischen F&#252;hrer der alten Arbeiterbewegung die Weiche ausdr&#252;cklich in die richtige Richtung gestellt wurde. Mit &#8220;richtig&#8221; meine ich, da&#223; hier die Einsicht sich andeutet, da&#223; der Kommunismus sich niemals damit begn&#252;gen kann, die &#8220;Massen&#8221; in ihrer d&#252;rftigen Unmittelbarkeit zu belassen oder gar zu affirmieren. Wenn man bei Lenin &#252;berhaupt nach einem &#8220;Vorschein&#8221; des Kommunismus suchen will, dann sollte man hier suchen. Dieser &#8220;Kommunismus&#8221;, aus dem unter den russischen Verh&#228;ltnissen freilich nur eine neue Staatsverfassung werden konnte, war es offensichtlich, der Lenin davor bewahrte, in den Phasen des Aufschwungs der Bewegung vom &#220;berschwang der Stimmung mitgerissen zu werden; entsprechend gelang es ihm, auch in den Phasen des Abschwungs einen f&#252;r die Umst&#228;nde ausreichend klaren Kopf zu bewahren.</p>
<p>Zum anderen sollte man aber neben diesem nur mit einer gewissen Bedenklichkeit &#8220;theoretisch&#8221; oder &#8220;marxistisch&#8221; zu nennenden Grundzug des &#8220;Leninismus&#8221; noch eine andere &#8220;Kraftquelle&#8221; in Erw&#228;gung ziehen, die ebenfalls dazu beigetragen haben mag, Lenins Beziehung zu den &#8220;Massen&#8221; auf ein solides, von schw&#228;rmerischer Sentimentalit&#228;t freies Fundament zu stellen. Ich denke dabei an die Psychologie, an das Gesp&#252;r und Gef&#252;hl, das der politische F&#252;hrer f&#252;r die Massen haben mu&#223; und das nach meiner Voraussetzung, wonach die beiden Sph&#228;ren des Allgemein- und des Privatinteresses nicht durchsichtig miteinander vermittelt sein k&#246;nnen, letztendlich das entscheidende Band ist, das diese, so wie sie f&#252;reinander erscheinen, miteinander verkn&#252;pft. K&#246;nnte es nicht tats&#228;chlich sein, da&#223; Lenins Zuneigung zu den Massen, sein Mitf&#252;hlen mit dem unwissenden, verachteten, geduckten und geschundenen &#8220;Volk&#8221;, sein Ha&#223; gegen die selbstzufriedenen und selbstgerechten Spie&#223;er der &#8220;anst&#228;ndigen Welt&#8221;, aufrichtig und tief genug waren, um von jeder schmeichlerischen und demagogischen Beimischung frei gewesen zu sein? K&#246;nnte es nicht sein, da&#223; gerade diese &#8220;Gef&#252;hlstiefe&#8221; ihn dazu bef&#228;higte, die &#8220;Massen&#8221; nicht als Phrase zu mi&#223;brauchen, sondern sie unbarmherzig so zu sehen, wie sie wirklich waren, in all ihrer H&#228;&#223;lichkeit, Fehlerhaftigkeit und Verdorbenheit, behaftet mit allen Schw&#228;chen und Kainsmalen, die die Lebensumst&#228;nde der &#8220;alten Gesellschaft&#8221; ihnen aufgepr&#228;gt hatten? K&#246;nnte es nicht sein, da&#223; gerade dieser unverstellte Blick auf die Massen ihn davor bewahrte, allzuviel Revolution und &#8220;Sch&#246;pfertum&#8221; von ihnen zu erwarten, da&#223; es ihm im Lichte dieses Blicks unverantwortlich erschien, die Massen unter welcher schmeichlerischen Parole auch immer sich selbst zu &#252;berlassen?</p>
<p><a name="q58"></a>Meiner Meinung nach ist es keineswegs abwegig, solche Betrachtungen &#252;ber Lenins Charaktereigenschaften anzustellen. Die charakterliche Bef&#228;higung zum Volkstribun, die gerade nichts mit Demagogie zu tun hat, ist nicht die schlechteste Eigenschaft, die man den gro&#223;en Figuren der b&#252;rgerlichen Revolutionen attestieren kann. Zumindest von Lenin l&#228;&#223;t sich sagen, da&#223; sie es ihm erm&#246;glichte, den eigenen ideologischen Pr&#228;missen zum Trotz realistisch, d.h. den unmittelbaren Bed&#252;rfnissen der Bewegung entsprechend zu handeln &#8211; einschlie&#223;lich der rechtzeitigen Korrektur von Fehlern, wie das Beispiel von 1921 zeigt. Und der Kampf mit den eigenen ideologischen Pr&#228;missen, mochten sie einer virtuellen Vergangenheit oder einer virtuellen Zukunft entstammen, war wohl essentiell f&#252;r alle Revolutionen dieser Art (<a href="#58">58</a>).</p>
<p>Wie dem auch sei, jedenfalls l&#228;&#223;t sich auch f&#252;r das Jahr 1917, f&#252;r jenes Jahr, in dem die Massenstimmung am h&#246;chsten brandete und Lenin die &#8220;Vernunft und den Willen&#8221; der Massen am h&#246;chsten sch&#228;tzte, nachweisen, da&#223; er -wohlgemerkt praktisch, nicht theoretisch- ein vollkommen angemessenes Verhalten dazu an den Tag legte. Dieses Verhalten ist so eindeutig und erhellend, da&#223; wir von ihm her sogar, wenn wir ihn nicht schon entwickelt h&#228;tten, den Begriff der &#8220;Massenstimmung&#8221; allererst erschlie&#223;en k&#246;nnten. Die Rolle, die Lenin dem Enthusiasmus und der Begeisterung innerhalb der klassischen politischen Konstellation zuweist, ergibt sich ganz einfach daraus, da&#223; er von den Massen keinen anderen Beitrag als eben diesen erwartet. Er sieht (im M&#228;rz 1917), da&#223; die &#8220;Masse der russischen Arbeiter &#8230;. im unmittelbaren revolution&#228;ren Kampf Wunder an K&#252;hnheit, Initiative und Selbstaufopferung vollbracht hat&#8221; (LW 23, S. 345), und er setzt f&#252;r den weiteren Verlauf der Revolution (im September 1917) &#8220;auf ihre F&#228;higkeit zu Heroismus, Selbstaufopferung und kameradschaftlicher Disziplin&#8221; (LW 25, S. 353). &#196;hnlich stimmungsvolle, zum Gef&#252;hl sprechende Vokabeln aus dem Bereich der Massenpsychologie -etwa &#8220;Wunder an Heldenmut&#8221; (LW 33, S. 355), &#8220;eiserne Energie, Festigkeit, Entschlossenheit und Hingabe im Kampf&#8221; (LW 32, S. 376)- tauchen laufend auch in den folgenden Jahren auf. Lenin behandelt die Massenstimmung also genau als jenes &#228;u&#223;ere Attribut, das zu den vorhandenen sozialen Kategorien hinzutreten mu&#223;, damit daraus im Zusammenklang mit der bolschewistischen Politik eine Revolution werde.</p>
<p><a name="q59"></a>Da&#223; dies nur eine politische, aber keine die Form der Politik selbst aufhebende sozialistische Revolution sein kann, deutet Lenin nach der Wende von 1921 in seinem &#8220;Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution&#8221; erschienen Artikel selber an &#8211; freilich ohne die Bedeutung seiner eigenen Worte voll zu erfassen. Er nennt es dort, sich auf die zwei Jahre &#8220;Kriegskommunismus&#8221; beziehend, einen Fehler der Bolschewiki, darauf gerechnet zu haben, da&#223; sich mit dem &#8220;Volksenthusiasmus&#8221; au&#223;er &#8220;den allgemeinen politischen&#8221; und &#8220;milit&#228;rischen&#8221; auch &#8220;die ebenso gro&#223;en &#246;konomischen Aufgaben&#8221; w&#252;rden unmittelbar l&#246;sen lassen (<a href="#59">59</a>).</p>
<p>Die Probe auf meine Interpretation der Massenstimmung als ein &#228;u&#223;erliches, zur vorhandenen Sozialstruktur nur hinzutretendes Attribut liefert Lenin dort, wo er diese Sozialstruktur ausdr&#252;cklich beim Namen nennt und als solche affirmiert. Ein sch&#246;nes Beispiel ist die auf dem &#8220;Ersten Gesamtrussischen Kongre&#223; der Bauerndeputierten&#8221; gehaltene Rede (Mai 1917). Gleichsam komplement&#228;r zu den laufenden Anfeuerungsrufen, die der Massenstimmung, diesem unverzichtbaren Requisit des &#228;lteren Populismus gelten, versichert er den Bauern, da&#223; sie diesen Beitrag zum Volkswohl, n&#228;mlich ihren Eifer, nur als Bauern zu leisten haben werden. Nachdem er das bolschewistische Agrarprogramm mit seiner zentralen Forderung nach &#8220;gemeinsamer Bodenbestellung in gro&#223;en Musterwirtschaften&#8221; erl&#228;utert hat, weist er auf die Schwierigkeiten hin, die diesem Unternehmen im Wege stehen, und er warnt davor zu glauben, &#8220;da&#223; eine so gewaltige Umgestaltung im Leben eines Volkes mit einem Schlag vollbracht werden kann. Nein&#8221;, f&#228;hrt er fort, &#8220;das bedarf einer riesigen Arbeit, bedarf der Anstrengung, der Entschlossenheit und der Tatkraft jedes einzelnen Bauern, jedes Arbeiters an dem Ort, wo er wohnt, in der Sache, die er kennt, in der Arbeit, die er seit Jahrzehnten aus&#252;bt&#8221; (LW 24, S. 508, Hervorh. P.K.).</p>
<p><a name="q60"></a>Ich vermag in diesen &#196;u&#223;erungen keinen &#8220;revolution&#228;ren Utopismus&#8221; oder &#8220;utopischen Anarchismus&#8221;, der 1917 angeblich unter den Bolschewiki grassiert haben soll, zu entdecken. Daniels, der diese These aufstellt (<a href="#60">60</a>), beruft sich dabei vorzugsweise auf die im September 1917 abgefa&#223;te Brosch&#252;re &#8220;Staat und Revolution&#8221;. Aber auch in &#8220;Staat und Revolution&#8221;, zweifellos der &#8220;linkesten&#8221; Schrift von Lenin, fehlt nicht der Hinweis darauf, da&#223; auch der Staat, &#8220;der aus bewaffneten Arbeitern besteht und &#8220;schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr&#8217; ist&#8221;, sich gen&#252;gend Transzendentalit&#228;t bewahrt haben wird, um auch die Kontrolle &#8220;&#252;ber die Arbeiter, die durch den Kapitalismus tief demoralisiert worden sind&#8221; (LW 25, S. 489), aus&#252;ben zu k&#246;nnen.</p>
<p>Genau auf diese Stelle berief sich Lenin im Jahre 1918, als ihm die &#8220;linken Kommunisten&#8221; vorwarfen, mit dem neuen, im M&#228;rz 1918 eingeschlagenen Kurs, der auf die Durchsetzung einer strengen Arbeitsdisziplin abzielte, die &#8220;Prinzipien des Oktober&#8221; zu verraten. Lenin rechtfertigte diesen Kurs, der das Verbot von Versammlungen der Arbeiter w&#228;hrend der Arbeitszeit, die Einf&#252;hrung des St&#252;cklohns, die Ausstattung der Betriebsleiter mit diktatorischen Vollmachten sowie hohe Geh&#228;lter f&#252;r die &#8220;b&#252;rgerlichen Spezialisten&#8221; vorsah (vgl. &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1988/moderne-demokratie-und-arbeiterbewegung-3-1">MK5</a>&#8220;), freilich nicht mit der Schrift aus dem Jahre 1917. Er leitete ihn aus der aktuellen Situation ab. Die &#8220;rotgardistische Attacke auf das Kapital&#8221;, die Phase der spontanen und planlosen Konfiskationen, die Phase der &#8220;Versammlungsdemokratie&#8221;, hatte zu einer drastischen Senkung der Arbeitsproduktivit&#228;t gef&#252;hrt und drohte, im allgemeinen Chaos zu enden. Ma&#223;nahmen zur Hebung der Arbeitsdisziplin waren dringend geboten. Seinen Kritikern, die bei dieser Lage der Dinge auf den &#8220;Prinzipien&#8221; beharrten, hielt er den Satz aus &#8220;Staat und Revolution&#8221; deshalb entgegen, um ihnen zu zeigen, da&#223; seine theoretischen Grunds&#228;tze aus dem Jahre 1917 auch dieser Situation gewachsen waren. Er demonstrierte ihnen damit, da&#223; die &#8220;Prinzipien&#8221; der &#8220;Diktatur des Proletariats&#8221; weit genug und elastisch genug waren, um auch solche Zwangsma&#223;nahmen gegen das Proletariat unter sich fassen zu k&#246;nnen, die sich zur &#8220;Hebung der Disziplin der Werkt&#228;tigen, ihres produktiven K&#246;nnens, ihrer Geschicklichkeit&#8221;, zur &#8220;Steigerung der Arbeitsproduktivit&#228;t&#8221; als notwendig erwiesen (LW 27, S. 259).</p>
<p>So verf&#228;hrt Lenin &#252;berhaupt immer. Im Zweifelsfall pa&#223;t er das &#8220;Prinzip&#8221; den praktischen Gegebenheiten an, ordnet er es den unmittelbaren Bed&#252;rfnissen der revolution&#228;ren Macht unter. Die Revolution ist nicht f&#252;r die Prinzipien da, sondern die Prinzipien dienen umgekehrt der Revolution, der Herausbildung des neuen, auf das transzendentale Allgemeinwohl verpflichteten Staatsapparates &#8211; womit Lenin nat&#252;rlich automatisch bei dem &#8220;Volkswillen&#8221; der Kategorie I landet. Die Bereit-schaft, f&#252;r diesen &#8220;Volkswillen&#8221; die Verantwortung zu &#252;bernehmen, seine Interpretation in die eigene Regie zu nehmen, macht Lenins Wendigkeit und taktische Beweglichkeit aus. Seine Haltung zu den &#8220;Prinzipien des Oktober&#8221; ist eine aktive Haltung, eine Haltung, die darauf gerichtet ist, Ergebnisse im Hier und Jetzt, im Diesseits zu erzielen, wie sie unter den gegebenen Umst&#228;nden eben m&#246;glich sind. Wenn sich das Proletariat &#8220;infolge des Krieges und der R&#252;ckst&#228;ndigkeit Ru&#223;lands&#8221; als unf&#228;hig erweist, &#8220;die Aufgabe der Rechnungsf&#252;hrung, der Kontrolle, der Organisation im Ma&#223;stab des ganzen Volkes&#8221; rasch zu l&#246;sen (LW 27, S. 238), dann mu&#223; man eben, selbstverst&#228;ndlich im Namen des Proletariats, einen anderen Weg beschreiten und gegen &#8220;sehr hohe Bezahlung&#8221; die Dienste &#8220;der bedeutendsten b&#252;rgerlichen Spezialisten&#8221; in Anspruch nehmen (ebd. S. 239). Wenn &#8220;der russische Mensch&#8221; aufgrund der &#8220;&#220;berreste der Leibeigenschaft&#8221; sich als &#8220;ein schlechter Arbeiter&#8221; erweist, dann mu&#223; er eben das &#8220;Arbeiten lernen&#8221;, sei es auch mit den Methoden des Taylorsystems (ebd. S. 249).</p>
<p>Es ist dieser n&#252;chterne Blick f&#252;r die Tatsachen (dem man sp&#228;ter mit der Metapher von der amerikanischen Sachlichkeit&#8221; gleubte, die Ehre erweisen zu m&#252;ssen), der Lenins Modernit&#228;t ausmacht, der die Transzendentalit&#228;t, in deren Namen er spricht, als jene diesseite Transzendentalit&#228;t ausweist, die eine wichtige Errungenschaft der b&#252;rgerlichen Epoche darstellt. Im Gegensatz dazu lassen seine &#8220;linken&#8221; Kritiker st&#228;ndig die Neigung erkennen, das &#8220;Prinzip&#8221; h&#246;her zu stellen als die schn&#246;de Wirklichkeit. Damit wird ihre Haltung passiv. Um der Unbeflecktheit und des Glanzes der revolution&#228;ren Idee willen, scheuen sie vor notwendigen &#8220;Kompromissen&#8221; und &#8220;R&#252;ckzugsman&#246;vern&#8221; zur&#252;ck. Sie sind immer auf dem Sprung, sich f&#252;r das &#8220;Prinzip&#8221; zu opfern, damit hinterher das &#8220;Prinzip&#8221;, geheiligt durch das Opfer, um so heller strahle. Mit diesem Hang zur religi&#246;sen Transzendentalit&#228;t berauben sie sich der F&#228;higkeit zur Initiative, &#252;bernehmen sie unbewu&#223;t den Part, der in der b&#252;rgerlichen Revolution den frischgebackenen Staatsb&#252;rgern zukommt, und stellen sie ihre Unf&#228;higkeit zur politischen F&#252;hrung unter Beweis.</p>
<p><a name="q61"></a>Daniels ist zwar bereit, diesen Unterschied zwischen Lenin und der &#8220;linken Opposition&#8221; f&#252;r die Jahre 1918 und 1921 anzuerkennen, behauptet aber, da&#223; Lenin im Jahre 1917 selbst ein solcher &#8220;Linker&#8221;, ein &#8220;utopischer Anarchist&#8221; gewesen sei. Es kommt dann so heraus, als hielten die &#8220;Linken&#8221; am &#8220;eigentlichen Leninismus&#8221; des Jahres 1917 fest, als verteidigten sie den Lenin des Jahres 1917 gegen den des Jahres 1918. Diese falsche Optik speist sich nat&#252;rlich aus der realpolitischen Situa-tion des Jahres 1917, aus dem, was ich den Synergismus von Massenstimmung und bolschewistischer Politik genannt habe. Es mochte in den aufw&#252;hlenden Wochen vor, w&#228;hrend und nach dem Oktober, als jeder aus dem Heer der st&#228;dtischen Armut gerne ein Bolschewik sein wollte, so erscheinen, als sei das Aufgehen in den Massen, das &#8220;Verschmelzen&#8221; mit den Massen spezifisch &#8220;leninistisch&#8221;, die staatliche Disziplinierung der Massen aber &#8220;unleninistisch&#8221;. Wie aber die oben angef&#252;hrten Zitate und viele andere &#196;u&#223;erungen Lenins aus dem Jahre 1917 beweisen (<a href="#61">61</a>), besteht keinerlei Anla&#223;, mit Daniels diesem Schein aufzusitzen. Lenin blieb immer der politische F&#252;hrer, der mit der Massenstimmung zwar rechnete, der alles unternahm, um diese Massenstimmung anzufachen, der gro&#223;e Hoffnungen setzte in den Schwung, in die reinigende Kraft des Massenenthusiasmus, dem es aber nicht im Traum einfiel, den &#8220;L&#246;ffel&#8221; an die Massen abzugeben. Eben darin zeigt sich seine F&#228;higkeit, zum Kristallisationspunkt eines neuen Staatsgebildes zu werden.</p>
<p><a name="q62"></a>In dieser Hinsicht ist Anweilers Untersuchung des Bolschewismus von 1917 viel pr&#228;ziser als diejenige von Daniels. Bei der Darstellung der Taktik, die Lenin nach dem Kerenski-Putsch im Juli 1917 einschlug, arbeitet Anweiler klar heraus, da&#223; Lenin keineswegs bereit war, etwa aus der Parole &#8220;Alle Macht den R&#228;ten&#8221; einen Fetisch zu machen. Die Parole galt, solange die R&#228;te geeignet schienen, der bolschewistischen Politik zum Durchbruch zu verhelfen, solange sie der freien bolschewistischen Agitation zumindest nicht im Wege standen; sie wurde zur&#252;ckgenommen, als sich ein neues Machtzentrum au&#223;erhalb der R&#228;te gebildet hatte, n&#228;mlich die Milit&#228;rdiktatur Kerenskis, das sich ihrer zu legitimatorischen Zwecken bediente. Die R&#228;te waren f&#252;r Lenin kein Wert an und f&#252;r sich. Anweiler schreibt: &#8220;Lenin steuerte auf die Machteroberung seiner Partei zu, ohne Hilfe der Sowjets und sogar gegen sie. In dem Augenblick, in dem er glaubte, auf dem Weg &#252;ber die R&#228;te nicht zur Herrschaft gelangen zu k&#246;nnen, lie&#223; er sie fallen. Er offenbarte damit eindeutig, da&#223; f&#252;r ihn die R&#228;te lediglich die Bedeutung taktischer Figuren im Spiel um die Macht und nicht grunds&#228;tzlichen Wert als eine h&#246;here demokratische Staatsform besa&#223;en, wie er nach au&#223;en stets betonte&#8221; (<a href="#62">62</a>).</p>
<p><a name="q63"></a>Die genauere Beobachtung bedeutet freilich nicht, da&#223; Anweiler im theoretischen Verst&#228;ndnis der Entwicklung weiter gelangt w&#228;re als Daniels. Wie sich seinem s&#228;uerlichen Tonfall entnehmen l&#228;&#223;t, ist er mit Lenins taktischem Geschick, das immerhin der Durchsetzung einer bestimmten, f&#252;r notwendig erkannten Politik, nicht aber der pers&#246;nlicher Herrschsucht diente, ganz und gar nicht einverstanden. Gleichsam das mechanische Gegenst&#252;ck zu Daniels, beleuchtet er das Jahr 1917 von 1918 und 1921 her. Er m&#246;chte schon im Jahr 1917 jene Heimt&#252;cke ausfindig machen, mit der allein er sich die sp&#228;tere Entwicklung zum rigiden staatlichen Zentralismus erkl&#228;ren zu k&#246;nnen scheint. Sein demokratisches Bewu&#223;tsein ist nicht dazu in der Lage, die beiden Komponenten, aus denen der &#8220;Volkswille&#8221; besteht, voneinander zu unterscheiden, geschweige da&#223; er sie in ihrer inneren Bezogenheit aufeinander, in ihrer wechselseitigen Abh&#228;ngigkeit voneinander zu fassen ver-m&#246;chte. Er w&#252;rde sonst begreifen, da&#223; der &#8220;Volkswille&#8221; eine um so &#8220;transzendentalere&#8221;, eine um so &#8220;diktatorischere&#8221; F&#228;rbung annehmen mu&#223;, je weniger das &#8220;Volk&#8221;, das er repr&#228;sentiert, einen wirklichen stofflichen Zusammenhang darstellt. Naiv im Umgang mit der b&#252;rgerlichen Kategorie des freien Willens und darauf abgerichtet, zwischen verschiedenen &#8220;Angeboten&#8221; zu w&#228;hlen, meint der Demokrat, da&#223; man sich nur f&#252;r die &#8220;richtige&#8221; Auffassung von den R&#228;ten h&#228;tte entscheiden m&#252;ssen, damit diese ihre ganze Pracht als &#8220;ein freies Spiel des spontanen Willens des Volkes&#8221; h&#228;tten entfalten k&#246;nnen (<a href="#63">63</a>). Als h&#228;tte es Lenin freigestanden, die &#8220;R&#228;teidee&#8221; so zu &#8220;verwirklichen&#8221;, wie es den Spr&#246;&#223;lingen der &#8220;westlichen Demokratie&#8221; gefallen haben w&#252;rde, machen diese, die ihren Vergesellschaftungsstandard ohne theoretische Skrupel nach r&#252;ckw&#228;rts projizieren, ihn f&#252;r Entscheidungen verantwortlich, die letztlich von der nackten Not diktiert waren: &#8220;<a name="q64"></a>Aber durch den Sieg des Bolschewismus wurde zugleich die R&#228;teidee grundlegend verwandelt: aus Organen der proletarischen Selbstverwaltung und Tr&#228;gern einer radikalen Demokratie wurden die R&#228;te in Ru&#223;land zu Organen der Massenf&#252;hrung durch die Elite der Partei. Die Partei als die &#8216;richtunggebende Kraft&#8217; und die Sowjets als die &#8216;Transmissionsriemen&#8217; sind etwas ganz anderes als der Gedanke der Selbstherrschaft der Massen mit seiner Beseitigung des Gegensatzes zwischen &#8216;oben&#8217; und &#8216;un-ten&#8217;, wie er von Lenin 1917 in der Theorie beschrieben, agitatorisch verk&#252;ndet, aber in der Praxis des Sowjetstaates niemals angewandt wurde&#8221; (<a href="#64">64</a>).</p>
<p><a name="q65"></a>Im Gegensatz zu diesem Tadel, der ganz danach klingt, als habe der b&#246;se Wille oder die &#8220;Machtbesessenheit&#8221; Lenins den &#8220;Massen&#8221; diesen Streich gespielt, kann man nur immer wieder betonen, da&#223; sich Lenin angesichts der realen Gegebenheiten in dem r&#252;ckst&#228;ndigen, vom Krieg ersch&#246;pften Land, angesichts des raschen Wechsels in den politischen Stimmungen der Massen, in den &#8220;Gezeiten ihres Vertrauens und Mi&#223;trauens&#8221; (<a href="#65">65</a>), vollkommen richtig verhielt, wenn er das Moment der staatlichen Zentralisierung, das Moment von Disziplin und Organisation betonte. Wenn die Bolschewiki sich angesichts des Zusammenbruchs des Transportwesens, angesichts des Niedergangs der Industrieproduktion und der um sich greifenden Hungersnot damit begn&#252;gt h&#228;tten, an die &#8220;proletarische Selbstverwaltung&#8221; zu appellieren, w&#228;re die Oktoberrevolution eine fl&#252;chtige Episode geblieben &#228;hnlich derjenigen der Pariser Kommune.</p>
<p>Man darf allerdings nicht vergessen, da&#223; Lenin w&#228;hrend der ganzen Zeit, w&#228;hrend er einen angemessenen Abstand zur Massenstimmung einzuhalten wu&#223;te, die politischen Vertretungsorgane der Massen mit deren unmittelbarer Herrschaft gleichsetzte. Diese seine Neigung zur Identifikation, auf die ich schon in der Einleitung hingewiesen habe, findet sich zumindest in allen theoretisch gemeinten &#196;u&#223;erungen Lenins. Auch auf dem erw&#228;hnten Bauernkongre&#223; f&#228;llt einer jener S&#228;tze &#252;ber die R&#228;te, in denen diese &#8220;Barometer der Massenstimmung&#8221; dargestellt werden. als seien sie schon keine Staatsorgane &#8220;im eigentlichen Sinn&#8221; mehr, &#8220;weil sie das Volk selber, die Volksmassen selber sind&#8221; (LW 24, S.508). Von daher halte ich mich f&#252;r berechtigt, sein realistisches, den anstehenden Aufgaben angemessenes, vollkommen innerhalb des b&#252;rgerlichen Rahmens der politischen Repr&#228;sentation verbleibendes Verhalten zu einer Sache seines richtigen Gesp&#252;rs, seines &#8220;politischen Instinktes&#8221; zu erkl&#228;ren. Der richtige Instinkt des politischen Praktikers kam der ideologischen Begrifflichkeit sozusagen dauernd in die Quere, lief mit ihr durcheinander, vermischte sich mit ihr, so da&#223; gen&#252;gend Anl&#228;sse f&#252;r Mi&#223;verst&#228;ndnisse geschaffen wurden. Zumal jene Bolschewiki mu&#223;ten sich schwertun, die weniger reichlich als Lenin mit der Gabe des Volkstribunen gesegnet waren. Dauernd liefen sie Gefahr, &#252;ber dem &#8220;Buchstaben&#8221; den &#8220;Geist des Leninismus&#8221; zu verfehlen. Und meinten sie einmal, des &#8220;Geistes&#8221; habhaft geworden zu sein, trat ihnen hohnlachend der &#8220;Buchstabe&#8221; entgegen. Solche Wechselg&#252;sse mu&#223;ten sich gerade die eifrigsten seiner Sch&#252;ler schon zu Lenins Lebzeiten &#252;ber sich ergehen lassen, als der Kanon des &#8220;Leninismus&#8221; noch gar nicht ausgebr&#252;tet war. Wie mu&#223;te ihnen erst zumute sein, nachdem das &#8220;K&#252;ken des Adlers&#8221; geschl&#252;pft war, der &#8220;immer wahre und immer siegreiche Marxismus-Leninismus&#8221;, nachdem die Politik sich endg&#252;ltig verwandelt hatte in die &#8220;Anwendung&#8221; der ewig &#8220;korrekten Linie&#8221;, hinter der sie den barbarischen Pragmatismus der nachholenden urspr&#252;nglichen Kapitalakkumulation nicht zu entdecken vermochten.</p>
<p>Freilich konnte auch Lenin selbst nicht restlos gefeit sein gegen die T&#252;cken seiner eigenen &#8220;Verschmelzungsphantasien&#8221;, wenn ich die falsche Identifikation der politischen Sph&#228;re mit den &#8220;Massen&#8221; einmal so nennen darf. Das beste Beispiel daf&#252;r sind die beiden Jahre des Kriegskommunismus, in denen Lenin nach eigenem Zeugnis (LW 33, S. 38) und im Gegensatz zu fr&#252;heren Einsichten (z.B. LW 25, S.354) allen Ernstes daran glaubte, da&#223; ausgerechnet auf Staatsbefehl hin die b&#228;uerliche Kleinproduktion sich w&#252;rde kommunistisch organisieren lassen. Nat&#252;rlich war dies eine absurde Vorstellung; denn der Staat als die allemal nur abstrakte Allgemeinheit, ist ja an ihm selbst der Ausdruck f&#252;r die Privatheit oder Zusammenhanglosigkeit der Produktion. Er am allerwenigsten kann sie aufheben. Besonders galt das f&#252;r das wegelose Ru&#223;land mit seinen &#8220;weltverlorenen D&#246;rfer(n)&#8221; (LW 25, S. 355), dessen 24 Millionen(!) primitivst ausger&#252;stete b&#228;uerliche Einzel-wirtschaften (<a href="#66">66</a>) sinnf&#228;llig machten, da&#223; die Zusammenhanglosigkeit der Produktion hier nicht etwa nur (oder schon) eine Sache der entfalteten Form des Privateigentums war, sondern harte, stoffliche Gegebenheit, wirklicher Mangel an Vergesellschaftung, nicht die negative Form davon.</p>
<p><a name="q67"></a><a name="q68"></a><a name="q69"></a>Genau dieser Umstand taucht allerdings den &#8220;Kriegskommunismus&#8221; in ein milderes Licht. So ungeheuerlich die vom B&#252;rgerkrieg angestiftete Idee der Bolschewiki auch gewesen sein mag, im staatlichen Takt 24 Millionen b&#228;uerliche Klein- und Kleinstunternehmer aus &#8220;Einsicht in das Uneinsehbare&#8221;, f&#252;r nichts als die &#8220;historische Mission&#8221; und das &#8220;Menschheitsideal&#8221; schuften lassen und dies auch noch Kommunismus nennen zu k&#246;nnen (<a href="#67">67</a>), so darf man doch nicht &#252;bersehen, da&#223; sich hinter diesem Glauben an die Wunderkraft des Staates ein Moment der historischen Berechtigung verbirgt. Denn woher, wenn nicht von dem neugeschaffenen Repr&#228;sentativstaat her, der einzigen zentralisierenden Kraft in Ru&#223;land, sollte jener historisch &#252;berf&#228;llige Zivilisierungs- und Vergesellschaftungssschub kommen, f&#252;r den seinerzeit auch die westeurop&#228;ischen L&#228;nder den (absolutistischen) Staat ben&#246;tigt, ja allererst herausgebildet hatten (<a href="#68">68</a>)? Angesichts der un&#252;bersehbaren &#8220;zivilisatorischen Mission&#8221;, die den Bolschewiki als den neuen Herren des Landes zugefallen war, ist der Fehlgriff in das Vokabular des Kommunismus bis zu einem gewissen Grade verst&#228;ndlich. Man kann diesen Fehlgriff etwa dahingehend interpretieren, da&#223; sie mit dieser anspruchsvollen Metapher das notwendigerweise verschwommene Bewu&#223;tsein von der gigantischen Gr&#246;&#223;e der vor ihnen liegenden Aufgaben zum Ausdruck brachten. Vom Standpunkt dieser Aufgaben her mu&#223; man es sogar bedauern, da&#223; die Bolschewiki, gleichsam kopfscheu geworden durch das katastrophale Ende des Kriegskommunismus, in den darauffolgenden Jahren allzu sehr die Finger vom &#8220;Kommunismus&#8221; lie&#223;en und, um nur ja die Bauern und die &#8220;N&#214;P-Leute&#8221; nicht zu verschrecken, auch innerhalb des staatlichen Sektors der Volkswirtschaft jede zielstrebige Initiative zur Erstellung und Durchf&#252;hrung eines Industrialisierungsplans vermissen lie&#223;en (<a href="#69">69</a>).</p>
<p>Was nun Lenin betrifft, so scheint mir die Phase des Kriegskommunismus deutlich zu zeigen, da&#223; er selbst dort, wo er die politischen Proportionen aus den Augen verliert, wo er von jenem Tugendpfad abweicht, den die politische Konstellation des &#8220;Volkswillens&#8221; nun einmal vorschreibt, sozusagen nach der &#8220;richtigen Seite&#8221; hin abweicht. Die Identifikation mit den &#8220;Massen&#8221;, die das Befehlsregime des Kriegskommunismus zweifellos bedeutet hat, war bei Lenin von vollkommen anderer Art als diejenige, die jeweils die &#8220;linke Opposition&#8221; zum Ausdruck brachte. Lenin &#252;bersch&#228;tzt und &#252;berfordert die Massen, das stimmt. Aber sein &#220;bersch&#228;tzen bedeutet nicht, da&#223; er sich damit ein Alibi f&#252;r die eigene Tatenlosigkeit verschaffen w&#252;rde, ein Alibi, um die Verantwortung f&#252;r den Verlauf der Revolution von sich abzuw&#228;l-zen und den Massen aufzub&#252;rden. Lenin vertraut den Massen, aber er vertraut sich ihnen nicht an, wirft sich ihnen nicht an den Hals, sondern geht im Zweifelsfalle immer davon aus, da&#223; sie umgekehrt ihm anvertraut sind, da&#223; sie bereit sind oder bereit sein m&#252;ssen ihm zu folgen, um ans Ziel gelangen zu k&#246;nnen. Der Kriegskommunismus war eine extreme Abweichung in diese Richtung, eine Abweichung hin zu dem Glauben, da&#223; die Staatsraison unmittelbar auch die Raison der Massen sei, da&#223; die Stimme des revolution&#228;ren Staates ein so gro&#223;es Gewicht bei den Massen habe, ihnen soviel Vertrauen einfl&#246;&#223;e, da&#223; sie ihr &#252;berallhin folgen w&#252;rden. Von diesem moralischen Gewicht der revolution&#228;ren Staatsmacht war schon oben im Zusammenhang mit Trotzki die Rede.</p>
<p>Nachdem sich dieser Glaube als Irrglaube erwiesen hatte, mu&#223;te Lenin, da er seine Verantwortlichkeit nie an die Massen abgegeben hatte, keinen ideologischen Salto mortale vollbringen, um einen Wechsel der Perspektive vornehmen zu k&#246;nnen. Die Massen waren eben doch noch nicht so weit entwickelt, sie brachten doch noch nicht so viel revolution&#228;res Bewu&#223;tsein auf, um in gro&#223;em Umfang und unentgeltlich &#8220;im Interesse der Gesellschaft&#8221; zu arbeiten, wie Lenin es, wenn auch mit Vorbehalt, in den &#8220;Subbotnik&#8221;-Artikeln noch gehofft hatte (z.B. LW 29, S. 421). Die bekannte R&#252;ckst&#228;ndigkeit Ru&#223;lands, die kleinb&#228;uerliche Zersplitterung des Landes forderte ihren Tribut. Ohne da&#223; man an dem mi&#223;gl&#252;ckten Versuch selbst Zweifel zu hegen brauchte, mu&#223;te man jetzt eben den taktischen R&#252;ckzug antreten und einen Umweg in Kauf nehmen.</p>
<p><a name="q70"></a><a name="q71"></a>Die Gewi&#223;heit, da&#223; man unterwegs den Kompa&#223; nicht verlieren w&#252;rde, da&#223; die Kontinuit&#228;t der &#8220;revolution&#228;ren Linie&#8221; gewahrt werden k&#246;nnte, bezog Lenin aus der Machtstellung der Kommunistischen Partei, die die &#8220;Kommandoh&#246;hen&#8221; des Staates und der Volkswirtschaft innehatte. Letztlich bezog er sie also aus der organisatorischen Identit&#228;t von 100 000 bis 200 000 Menschen (<a href="#70">70</a>), die sich in einem Land mit 100 Millionen Bauern zum Ziel des Kommunismus bekannten und die bei der &#8220;Verwirklichung&#8221; dieses Ziels zun&#228;chst einmal, f&#252;r die kleine Etappe von einigen Generationen, die Sitte, die Gewohnheit und die Disziplin der Lohnarbeit durchzusetzen hatten. Der daraus resultierende &#8220;Sozialismus&#8221; konnte freilich keine Angelegenheit der Produktionsverh&#228;ltnisse sein, sondern nur eine der Legitimationsideologie des neuen Staatsapparates, der unter den gegebenen Umst&#228;nden nat&#252;rlich der Versuchung nicht widerstehen konnte, die Effektivit&#228;t seiner Entwicklungsdiktatur f&#252;r die &#8220;Effektivit&#228;t des Sozialismus&#8221; zu halten. Immerhin war so ein neuer Staat gemacht.</p>
<p>Die &#8220;linke Opposition&#8221; (<a href="#71">71</a>), der unsere heutigen Demokraten als einer angeblich verpa&#223;ten Chance nachzutrauern pflegen, hatte diesem Konzept nichts entgegenzusetzen. Erstens stand sie keinen Deut &#252;ber jener dualistischen Konstellation, die die politische Kategorie des &#8220;Volkswillens&#8221; ebenso beinhaltet wie verbirgt, und zweitens hatte sie selbstverst&#228;ndlich auch keine anderen Produktionsverh&#228;ltnisse anzubieten als die vorhandenen. Was sie auszeichnet, habe ich schon an mehr-eren Stellen anklingen lassen. Es ist der Glaube an die &#8220;Sch&#246;pferkraft der Massen&#8221;, ein Glaube, der unter den gegebenen Umst&#228;nden die &#8220;Massen&#8221; notwendigerweise in einen Mythos, in eine Phrase verwandeln mu&#223;te, mit der sich zwar renommieren und kokettieren, aber keine Politik machen lie&#223;. Die &#8220;Massen&#8221;, an deren durchwegs nur gute und edle Beweggr&#252;nde und Eigenschaften die &#8220;Linken&#8221; appellierten, waren die Illusionen in ihrem eigenen Kopf. Bei Lenin, der den Glauben an die &#8220;Massen&#8221; bis zu einem gewissen Grad teilt, entspricht ihm allemal ein reales, diesseitiges Substrat, n&#228;mlich die Kommunistische Partei, die &#8220;Avantgarde des Proletariats&#8221;, letztenendes seine eigene F&#252;hrungsqualit&#228;t. Die &#8220;Linken&#8221; demgegen&#252;ber halten an der Ideologie von der &#8220;Masseninitiative&#8221;, vom &#8220;Vertrauen in die Massen&#8221; gerade in jenen Augenblicken fest und treten in ihnen &#252;berhaupt erst als &#8220;Linke&#8221; hervor, in denen es mit dem Massenenthusiasmus bergab geht, in denen er seine organisatorische Untauglichkeit unter Beweis stellt, in denen die beiden synergistischen Komponenten des &#8220;Volkswillen&#8221; sichtbar auseinandertreten und in denen daher die Initiative des Staates um so mehr in den Vordergrund r&#252;cken mu&#223;.</p>
<p><a name="q72"></a>Als Beispiel sei Osinskij genannt. Ausgerechnet in jener kritischen Phase des Fr&#252;hjahrs 1918, in der die Betriebskomitees zugleich mit ihrer F&#228;higkeit zur Konfiskation der Fabriken ihre Unf&#228;higkeit zur Organisation der Arbeit hatten &#252;berdeutlich erkennen lassen, in der der allenthaben gegei&#223;elte &#8220;Lokalismus und Betriebsegoismus&#8221; sich verheerend bemerkbar zu machen begann, ausgerechnet in dieser Phase h&#228;lt es Osinskij f&#252;r notwendig, warnend seine Stimme gegen die von Lenin vorgeschlagenen Disziplinierungsma&#223;nahmen zu erheben. An deren Stelle, so lautet sein fabelhafter Rat, m&#252;sse das &#8220;Vertrauen zum Klasseninstinkt, zur klassemn&#228;&#223;igen Eigeninitiative des Proletariats&#8221; treten. Die Erbringung einer &#8220;angemessene(n) Produktionsleistung&#8221; sei f&#252;r den Arbeiter eine &#8220;Frage der Berufsehre und der staatsb&#252;rgerlichen Pflicht&#8221; (<a href="#72">72</a>), keineswegs aber jener Antreibermethoden wie z.B. des Akkordlohns, die in der &#8220;alten Gesellschaft&#8221; angewandt wurden und die, m&#246;chte man als Marxist hinzuf&#252;gen, nun einmal logisch zum Begriff der Lohnarbeit geh&#246;ren.</p>
<p>Noch weniger als bei Lenin findet sich hier die Spur einer Kritik des Arbeiterdaseins selbst. Sie lag au&#223;erhalb des &#8220;realpolitischen&#8221; Horizonts der damaligen Zeit. Aber gerade das Arbeiterdasein mit dem unmittelbar darauf bezogenen Interesse ist es eben, das dem blo&#223; affirmativ verstandenen &#8220;Klasseninteresse&#8221; jenen transzendentalen, die realen Arbeiter nur in ihrer abstrakten Gemeinsamkeit erfassenden Charakter verleiht, der enth&#252;llt, da&#223; diese Kategorie (des affirmativen &#8220;Klasseninteresses&#8221;) nur daf&#252;r geeignet sein kann, das Grundgesetz und die Legitimationsideologie f&#252;r den neuen Staatsapparat abzugeben.</p>
<p>Diese Legitimationsideologie wird von den &#8220;Linken&#8221; nun gleichsam zweckentfremdet und aus der Sph&#228;re der abstrakten, politischen Allgemeinheit, die sich als solche eben der abstrakten Unmittelbarkeit des Lohninteresses verdankt, schnurstracks in diese Ummittelbarkeit zur&#252;ckprojiziert. Sie wird quasi zu einer Charaktereigenschaft, wenn nicht gar zu einer biologischen Eigenschaft (&#8216;&#8221;Instinkt&#8221;) des einzelnen Arbeiters erkl&#228;rt. Die kommunistische Aufhebung des Staates, eine Idee, an der die &#8220;Linken&#8221; mit Emphase festhalten, verliert damit ihren materiellen Charakter, sie h&#246;rt auf, jene praktische Umw&#228;lzung der Produktionsverh&#228;ltnisse zu sein, in welcher vornehmlich die Beseitigung des Arbeiterdaseins eingeschlossen w&#228;re, und verwandelt sich in einen bewu&#223;tseinsm&#228;&#223;igen Kraftakt der Arbeiter. Die Arbeiter sollen nicht aufh&#246;ren, Arbeiter zu sein, sondern aufh&#246;ren, sich als Arbeiter zu betragen. <a name="q73"></a>An die Stelle des unmittelbaren Lohninteresses, das mit dem Arbeiterdasein gesetzt ist, soll unmittelbar das &#8220;Klasseninteresse&#8221;, sprich Staastsinteresse treten. Nicht um der unmittelbaren Affirmation willen, die der Lohn darstellt, sondern um der transzendentalen Affirmation willen, die die Erhebung zum Staatsb&#252;rger darstellt, um der Idee ihrer Herrschaft willen sollen sie arbeiten. Der Staat soll verschwinden, nicht weil seine Grundlage, die Ware Arbeitskraft verschwindet, sondern weil er von jedem Arbeiter verinnerlicht werden soll, weil er in jeden Arbeiter hineinfahren soll, wie einstmals der Heilige Geist in die J&#252;nger Jesu hineingefahren ist. Es wird erwartet, da&#223; die Arbeiter um des ver&#228;nderten oder sich ver&#228;ndernden Rechtssystems willen, das sie erst wirklich zu Arbeitern im modernen Sinn machen wird, nun gerne, freiwillig und mit Inbrunst geben, was sie bisher gleichg&#252;ltig, st&#246;rrisch, widerwillig und nur aus Interesse am Lohn gegeben haben: ihre Arbeitskraft. Das Ethos der &#8220;Linken&#8221; verlangt, da&#223; man Arbeiter sei aus &#220;berzeugung und Verantwortungsbewu&#223;tsein (<a href="#73">73</a>).</p>
<p>Diese Zumutung, die &#252;brigens ihre Berechtigung hat, soweit sie und solange sie dazu geeignet ist, die bekannte, f&#252;r die Revolution erforderliche Massenstimmung anzufachen, solange sie es versteht, sich mit dieser Massenstimmung im Einklang zu befinden, diese Zumutung erreicht ihren Gipfel und ihren klarsten Ausdruck dort, wo zum Appell an die Staatsb&#252;rgerehre und die Klassenpflicht auch noch das Lob der in der Fabrik erworbenen Disziplin, das Lob des Opfermutes, der Selbstverleugnung und Leidensf&#228;higkeit tritt. Die Entbehrungen und Beschr&#228;nkungen, die mit der Unsicherheit der Arbeiterexistenz verbunden sind, Merkmale des Arbeiterdaseins, die in der Tat ein gemeinsames Klasseninteresse konstituieren, n&#228;mlich das Interesse, es sich vom Hals zu schaffen, werden dabei wie zum Hohn auf den Kopf gestellt und den Arbeitern zugesprochen, als handele es sich dabei um die Leistungen und F&#228;higkeiten einer neuen Adelskaste.</p>
<p>Selbstverst&#228;ndlich bedient sich auch Lenin dieses &#8216;revolution&#228;ren Pathos&#8217;. Aber er macht daraus, wie oben gezeigt, keinen Fetisch, keinen Mythos, den er eigensinnig gegen die Wirklichkeit festhalten w&#252;rde, sondern ist jederzeit dazu bereit, das nach seiner Einsch&#228;tzung notwendige, etwa die &#8220;angemessene Produktionsleistung&#8221;, mit allen wirksamen Mitteln durchzusetzen, auch mit Zwang, auch mit Sonderpr&#228;mien.</p>
<p><a name="q74"></a><a name="q75"></a>Vielleicht noch penetranter als Osinskij stimmt Alexandra Kollontai im Jahre 1921, als wirklich gar nichts mehr funktionierte, als jedes Leben in den Fabriken erloschen war und das ganze Land in der Apathie des Hungers versank, das Lied von der &#8220;Eigeninitiative der Massen&#8221; an. &#8220;Statt des B&#252;rokratismus als System&#8221; fordert sie &#8220;das System der Eigeninitiative der werkt&#228;tigen Massen (<a href="#74">74</a>). Insbesondere der &#8220;Klassensp&#252;rsinn&#8221; (S. 184) und der &#8220;gesunde Klasseninstinkt&#8221; (S. 194) des Proletariats haben es ihr angetan. Sie klagt die Parteif&#252;hrung unter Lenin und Trotzki &#8220;einer Anwandlung mangelnden Vertrauens in die sch&#246;pferischen F&#228;higkeiten der Arbeitskollektive&#8221; an (S. 195) und bringt damit richtig die Krise des Kriegskommunismus auf den Punkt einer Glaubenskrise der Bolschewiki: &#8220;&#8230;aber wenn die Masse sp&#252;rt, da&#223; man ihr und ihrer sch&#246;pferischen F&#228;higkeit als Klasse mi&#223;trauisch begegnet, dann sagt sie nat&#252;rlich: Nein, halt! Wir folgen euch nicht weiter blindlings&#8221; (S. 199). Das Universalmittel der &#8220;Arbeiteropposition&#8221;, f&#252;r die Kollontai spricht, hei&#223;t demnach, inbr&#252;nstig zu glauben &#8220;an die sch&#246;pferische Kraft des Klassenkollektivs&#8221; (S. 223). Den Rest wird dieses Kollektiv, unwissend, ersch&#246;pft und hungrig wie es ist (vgl. dazu Lenins Beitr&#228;ge in der Gewerkschaftsdebatte und auf dem X. Parteitag ), schon selbst erledigen. Isaac Deutscher hat in diesem Zusammenhang sehr treffend von dem &#8220;donquichotischen Geist der Arbeiteropposition&#8221; gesprochen (<a href="#75">75</a>).</p>
<p>Freilich sollte man angesichts des sp&#246;ttischen Tons, den ich hier anschlage, &#8220;die hochgestimmten, utopischen Tr&#228;umer&#8221; (ebd.) nicht f&#252;r Dummk&#246;pfe halten. Praktisch sind ihre Ratschl&#228;ge in der gegebenen Situation wertlos, aber die Diagnose die sie stellen, da&#223; ohne das Selbertun der Massen von Kommunismus nicht die Rede sein k&#246;nne, trifft nat&#252;rlich zu. So spricht Kollontai immerhin diejenige Wahrheit &#252;ber die bolschewistische Herrschaft aus, die allerdings von jedem Staat gilt: &#8220;Indem sie sich mit dem Sowjet- und Staatsapparat identifiziert, verwandelt sich die klare Klassenpolitik unserer Partei immer mehr in jene &#252;ber den Klassen stehende Politik, die nichts anderes ist als die &#8216;Anpassung&#8217; der f&#252;hrenden Organe an die verschiedenartigen und widerspr&#252;chlichen Interessen der sozial verschiedenartigen, ge-mischten Bev&#246;lkerung&#8221; (S. 197).</p>
<p><a name="q76"></a>&#8220;&#8216;Allgemeinstaatliche` Erw&#228;gungen beginnen gegen&#252;ber den Interessen der Arbeiterklasse in den Vordergrund zu treten&#8221; (S. 232). Diese Wahrheit, die den Bolschewiki durchaus zur Ehre gereicht (denn ohne solche &#8220;Erw&#228;gungen&#8221; w&#228;re das Proletariat verhungert) und die es nicht verdient, in Anf&#252;hrungszeichen gesetzt zu werden, da es nun einmal der Begriff des Staates ist, abstrakte Allgemeinheit zu sein (<a href="#76">76</a>), verbargen die Bolschewiki in den folgenden Jahren leider vor sich selbst und brachten damit -indem sie die Opfer des Proletariats st&#228;ndig f&#252;r seine Siege ausgeben zu m&#252;ssen meinten- jenen bekannten Klang der Heuchelei, der Demagogie und des Betrugs in das &#246;ffentliche Leben, den sie bei der Aufbauarbeit, die sie leisteten, keineswegs n&#246;tig gehabt h&#228;tten.</p>
<p>Wenn wir abschlie&#223;end noch die Frage beantworten wollen, welche Stellung die &#8220;linke Opposition&#8221; innerhalb des dualistischen Gef&#252;ges unseres &#8220;Volkswillens&#8221; einnimmt, so werden wir wohl sagen k&#246;nnen, da&#223; sie eine Art politisches Echo, einen Nachhall darstellt auf die &#8220;heroische Phase&#8221; der Oktoberrevolution, in der die Wogen des Massenenthusiasmus ihre gr&#246;&#223;te M&#228;chtigkeit erreicht hatten. Sie ist gleichsam der (dogmatisch erstarrte) ideologische Abdruck, den die Massenstim-mung innerhalb der politischen Sph&#228;re hinterlassen hat. Auf diese Weise hat sich die Doppelnatur des Volkswillens, wenn sie schon nicht als solche begriffen werden konnte, wenigstens insofern Anerkennung verschafft, als sie sich hinter dem R&#252;cken der seinerzeitigen Protagonisten in deren mehr oder weniger deutlich ausgepr&#228;gten politischen Spaltung bemerkbar machte. Die politische Sph&#228;re reproduzierte gleichsam in sich selbst, was das Wesen der Politik &#252;berhaupt ausmacht. Und fast will es so scheinen, als w&#252;rde diese dichotomische Struktur des politischen Himmelszeltes sich bis heute erhalten haben, als w&#252;rden die beiden feindlichen Br&#252;der (in welcher verfremdeten Gestalt auch immer) auch heute noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit den alten Streit wieder aufnehmen, wer denn der bessere Volksfreund sei, wer den Massen n&#228;her stehe, wer ihre wahren Interessen besser kenne und wer sich ihrer erfolgreicher annehme.</p>
<p>Aber die matten Gesten und die zahmen Rituale, in denen inzwischen dieser Streit ausgefochten wird, zeugen eigentlich schon davon, da&#223; dies ein unfruchtbarer Streit geworden ist. F&#252;r unsere kommunistischen Zwecke kommt es bei dem heute erreichten Vergesellschaftungsniveau nicht mehr darauf an, wer im politischen Himmel herrscht, sondern darauf, ihn zum Einsturz zu bringen. Die &#8220;linke Opposition&#8221; von 1921 verr&#228;t ihre historische Unwahrheit eben darin, da&#223; sie selber nur in politischer Form repr&#228;sentieren konnte, was, w&#228;re es an der Zeit gewesen, die Form der Politik selbst &#252;berfl&#252;ssig und obsolet gemacht haben w&#252;rde.</p>
<h4>Literaturliste</h4>
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<p>- Altrichter, Helmut (Hg.), Die Sowjetunion &#8211; Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod, Band 1: Staat und Partei, M&#252;nchen 1986 (dtv dokumente).</p>
<p>- Anweiler, Oskar, Die R&#228;tebewegung in Ru&#223;land 1905 &#8211; 1921, Leiden 1958.</p>
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<p>- Bracher, Karl Dietrich, Geschichte und Gewalt, und Siedler).</p>
<p>- Daniels, Robert V., Das Gewissen &amp; Wolter).</p>
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<p>- Deutscher, Isaac, Trotzki II: Der unbewaffnete Stuttgart 1972 (Kohlhammer)</p>
<p>- Dubiel, Helmut (Hg.), Populismus 1986 (Suhrkamp).</p>
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<p>- Emig, Brigitte, Die Veredelung des Arbeiters, Frankfurt/M: 1980 (Campus).</p>
<p>- Finley, Moses I., Antike und moderne Demokratie, Stuttgart 1980 (Reclam).</p>
<p>- Fraenkel, Ernst, Die repr&#228;sentative und die plebeszit&#228;re Komponente im demokratischen Verfassungsstaat (1958), in: Zur Theorie und Geschichte der Repr&#228;sentation und der Repr&#228;sentativverfassung, hrsg. von Heinz Rausch, Darmstadt 1968 (Wiss. Buchges.).</p>
<p>- Fraenkel, Ernst, Strukturdefekte der Demokratie und deren &#220;berwindung (1964), in: Grundprobleme der Demokratie, hrsg. von Ulrich Matz, Darmstadt 1973 (Wiss. Buchges.).</p>
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<p>- Kunisch, Johannes, Absolutismus, G&#246;ttingen 1986 (Vandenhoeck &amp; Ruprecht).</p>
<p>- Lorenz, Richard, Sozialgeschichte der Sowjetunion 1, 1917 &#8211; 1945, Frankfurt/M. 19813 (edition suhrkamp 654).</p>
<p>- Marxistisch-leninistische Staats- und Rechtstheorie &#8211; Lehrbuch, hrsg. vom Institut f&#252;r Theorie des Staates und des Rechts der Akademie der Wissenschaften der DDR, Berlin 1975 (Staatsverlag der DDR).</p>
<p>- Medwedjew, Roy A., Oktober 1917, Hamburg 1979 (Hoffmann und Campe).</p>
<p>- Nolte, Ernst, Der Faschismus in seiner Epoche, M&#252;nchen 19867 (Serie Piper).</p>
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<p>- Paschukanis, Eugen, Allgemeine Rechtslehre und Marxismus, Frankfurt/M. 19703 (Verlag Neue Kritik).</p>
<p>- Rosenberg, Arthur, Der Faschismus als Massenbewegung, in: Faschismus und Kapitalismus, hrsg. von Wolfgang Abendroth, Frankfurt/M. 1979 (EVA).</p>
<p>- Trotzki, Leo, Geschichte der russischen Revolution, Zweiter Teil: Oktoberrevolution, 1. Halbband, Frankfurt/M. 1982 (Fischer Taschenbuch 6630).</p>
<p>- Saage, Richard, Die Oktoberrevolution und das sowjetische Herrschaftssystem im politischen Denken Otto Bauers, in: ders., Arbeiterbewegung, Faschismus, Neokonservativismus, Frankfurt/M. 1987 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 689).</p>
<p>- Serge, Victor, Erinnerungen eines Revolution&#228;rs, 1901 &#8211; 1941, Hamburg 19773 (Association).</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a name="1"></a>(<a href="#q1">1</a>.) &#8220;Der menschewistische Augenzeuge Th. Dan, der Anfang Februar 1921 nach Petrograd kam, berichtet: &#8216;In den Fabriken und Werken brodelte es, Arbeiter versammelten sich, um die Lage zu diskutieren. Ihre Forderungen konzentrierten sich weitgehend auf die Abschaffung der Sperrkommandos und die Aufhebung aller Beschr&#228;nkungen des freien Lebensmittelmarktes. Die Arbeiter lie&#223;en bolschewistische Redner in den Fabriken nicht zu Wort kommen; auf der Stra&#223;e wurden bolschewistische Funktion&#228;re aus ihrem Auto geworfen und mit Pr&#252;geln bedroht. Bis zum 20. Februar war die Bewegung zu einem Generalstreik herangewachsen`&#8221; (Lorenz 1981, S.119).</p>
<p><a name="2"></a>(<a href="#q2">2</a>.) Diese &#196;u&#223;erung Lenins aus dem Fr&#252;hjahr 1918 steht in einem gewissen Gegensatz zu den Ausf&#252;hrungen, die er in der Gewerkschaftsdebatte des Winters 1920/21 macht, wo er den Gewerkschaften auch die Funktion zuweist, die Arbeiter vor &#8220;ihrem&#8221; Staat und seinen &#8220;b&#252;rokratischen Ausw&#252;chsen&#8221; zu sch&#252;tzen (LW 32, S. 7). Der Gegensatz ist aber nicht so absolut, wie es scheinen k&#246;nnte. Die Gewerkschaften h&#246;ren f&#252;r Lenin 1921 nicht auf, &#8220;Staatsorganisationen&#8221; zu &#8220;werden&#8221;, er bem&#252;ht sich nur, die Vielf&#228;ltigkeit der mit diesem &#8220;Werden&#8221; verbundenen Funktionen, wie sie die gegebene Situation mit sich bringt, hervorzuheben. Dabei verwendet er das ber&#252;hmt gewordene Bild vom Wasserglas, das als Trinkgef&#228;&#223;, Wurfgescho&#223;, Briefbeschwerer etc. verwendet werden k&#246;nne. Vgl. LW 32, S. 84. <a name="3"></a>(<a href="#q3">3</a>.) Der Armeekommissar Smilga, zit. nach Anweiler 1958, S. 287.</p>
<p><a name="4"></a>(<a href="#q4">4</a>.) Angesichts der absehbaren katastrophalen Folgen der Lebensmittelrequisitionen, die bei den Bauern &#8220;stumpfe Unempfindlichkeit&#8221; und das Versiegen jedes &#8220;wirtschaftlichen&#8221; Interesses am Ackerbau hervorgerufen hatten, machte Trotzki bereits im Februar 1920 Vorschl&#228;ge, die in die Richtung der N&#214;P gingen. Er drang damit aber bei Lenin und dem Zentralkomitee nicht durch. Deutscher schreibt, da&#223; er sich bei dieser Gelegenheit &#8220;auf die Seite der herrschenden Meinung schlug und sich zu ihr nun mit einem Eifer bekannte, den selbst die Toren f&#252;r primitiv hielten&#8221; (Deutscher I, S. 467).</p>
<p><a name="5"></a>(<a href="#q5">5</a>.) Deutscher I, S. 468</p>
<p><a name="6"></a>(<a href="#q6">6</a>.) ebd.</p>
<p><a name="7"></a>(<a href="#q7">7</a>.) ebd. S. 469</p>
<p><a name="8"></a>(<a href="#q8">8</a>.) ebd.</p>
<p><a name="9"></a>(<a href="#q9">9</a>.) Wie die folgende Passage aus Lenins Abschlu&#223;rede auf dem IX. Parteitag zeigt, teilte er diese Naivit&#228;t: &#8220;Wir vollziehen den &#220;bergang zum Sozialismus, und die wesentlichste Frage -die Frage Brot, Arbeit- ist keine private Frage, nicht Privatsache eines Unternehmers, sondern eine Frage der gesamten Gesellschaft, wo jeder halbwegs denkende Bauer erkennen und begreifen mu&#223;: Wenn der Staat in seiner gesamten Presse, in jedem Artikel, in jeder Zeitung die Frage des Verkehrswesens aufwirft, so ist das eine Frage der Allgemeinheit&#8221; (LW 30, S. 481)!</p>
<p><a name="10"></a>(<a href="#q10">10</a>.) Daniels, S. 136</p>
<p><a name="11"></a>(<a href="#q11">11</a>.) Daniels, S. 137. Ganz gewi&#223; ist dies nicht der Punkt, der den Unterschied zwischen Trotzki und Stalin markiert h&#228;tte. Der Unterschied besteht vielmehr darin, da&#223; Stalin diese Position konsequent bezog und das moralische Gewicht der Sowjetmacht f&#252;r jede seiner Entscheidungen, sie mochten so pragmatisch und sprunghaft sein, wie sie wollten, in Anspruch zu nehmen verstand. Trotzki besa&#223; zu viele intelektuelle Skrupel, um diese moralisierende Sprache mit der gleichen Beharrlichkeit und Meisterschaft machtpolitisch instrumentalisieren und zu einem in sich geschlossenen System der ideologischen Legitimation ausbauen zu k&#246;nnen.</p>
<p><a name="12"></a>(<a href="#q12">12</a>.) LW 33, S. 34. Vgl. weiter unten, S. &#8220;&#8216;.</p>
<p><a name="13"></a>(<a href="#q13">13</a>.) Vgl. meine in <a href="http://www.krisis.org/1988/moderne-demokratie-und-arbeiterbewegung-2">MK 4</a>, S. 15 und S. 27 (Anmerkung 15), zu diesem Thema gemachten Ausf&#252;hrungen.</p>
<p><a name="14"></a>(<a href="#q14">14</a>.) LW 25, S. 466: &#8220;F&#252;r sich genommen wird kein Demokratismus den Sozialismus bringen.&#8221; Diese scheinbar im Widerspruch zu meiner Ansicht stehende Stelle mu&#223; man im Zusammenhang mit Lenins innerhalb der Rechtsform verbleibenden Auffassung von &#8220;&#214;konomie&#8221; sehen. Danach ist der Rechtsakt der &#8220;Enteignung&#8221; eines Kapitalisten durch den &#8220;sozialistischen Staat&#8221; eine &#8220;&#246;konomische&#8221; Ma&#223;nahme. Einen umfassenden Begriff von &#214;konomie im Sinne von kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnissen, die den Gegensatz von (Wert- und Rechts-)Form und Inhalt (stoffliche Vergesellschaftung) in sich schl&#246;ssen, besa&#223; Lenin nicht.</p>
<p><a name="15"></a>(<a href="#q15">15</a>.) Da der Faschismus ja ebenfalls eine Form der &#8220;Affirmation der Massen&#8221; war, und zwar die konsequentere, innerhalb der Verkehrsform des Privateigentums wirkungsvollere, weil unter der Losung der &#8220;Volkseinheit&#8221; und der &#8220;Volksgemeinschaft&#8221; auf die &#8220;spalterische&#8221; Ideologie des &#8220;Klassenkampfs&#8221; Verzicht leistende und sie bek&#228;mpfende Form, mu&#223;te er nat&#252;rlich bei diesem ideologischen &#8220;Sozialismus&#8221; Anleihen machen. Teilweise (nicht in Deutschland) bediente er sich sogar aus dem personellen Arsenal des Sozialismus. Mussolini in Italien und Doriot in Frankreich sind daf&#252;r prominente Beispiele. Vgl. Nolte, S. 117</p>
<p><a name="16"></a>(<a href="#q16">16</a>.) Anweiler 1967, S. 18. Aus dieser treffenden Kennzeichnung sollte man aber nicht den Schlu&#223; ziehen, da&#223; Bauer etwa ein fr&#252;her Vertreter der von mir hier vorgetragenen Auffassung war. Die Qualifizierung der Oktoberrevolution als &#8220;b&#252;rgerlich&#8221; leitet er ab aus der von ihr bewirkten Verwandlung der Bauern in selbst&#228;ndige Warenproduzenten. Die N&#214;P von 1921, die diesen Tatbestand ausdr&#252;cklich anerkennt, dient ihm denn auch ebenso als Probe auf seine Ansicht wie er sich, veranla&#223;t durch den ersten F&#252;nfjahresplan und die Stalinsche Kollektivierung der Landwirtschaft. seit 1931 dazu herbeil&#228;&#223;t. diese zu &#228;ndern und der SU zu attestieren, da&#223; sie &#8220;zum ersten Mal in der Weltgeschichte den &#220;bergang vom Kapitalismus zum Sozialismus konkret in Angriff nahm&#8221; (Saage. S. 105).</p>
<p><a name="17"></a>(<a href="#q17">17</a>.) Dieser mehr oder weniger ausdr&#252;ckliche Appell an das staatsb&#252;rgerliche Engagement. die Aufforderung &#8220;mitzumachen&#8221; und aus Dankbarkeit f&#252;r die Segnungen der Demokratie einen entsprechenden Staatsidealismus an den Tag zu legen, findet man heute am ehesten noch in jenen Staaten, in deren j&#252;ngster Geschichte die &#8220;identit&#228;re Illusion&#8221; eine nennenswerte Rolle gespielt hat. Die neuere angloamerikanische Demokratietheorie verzichtet demgegen&#252;ber ganz darauf, die Staatsform der modernen Massendemokratie als einen emotional besetzten &#8220;Wert&#8221; oder als ein &#8220;Ideal&#8221; darzustellen. Vgl. unten, Anmerkung (56).</p>
<p><a name="18"></a>(<a href="#q18">18</a>.) Da&#223; Stalin diese in der Situation liegende Logik sp&#228;terhin umkehrte und den Umstand, da&#223; es gelungen war, die Macht zu erhalten, als Beweis f&#252;r den Sozialismus der SU ben&#252;tzte, steht auf einem anderen Blatt.</p>
<p><a name="19"></a>(<a href="#q19">19</a>.) Diese Parallele zwischen der &#8220;Beschr&#228;nktheit der Produktivkr&#228;fte&#8221; und der &#8220;Borniertheit&#8221; der alten Arbeiterbewegung wird ausdr&#252;cklich thematisiert in dem Artikel &#8220;Technik als Fetischbegriff&#8221; von E. Lohoff (MK 3, S. 30 ff.).</p>
<p><a name="20"></a>(<a href="#q20">20</a>.) Ausdr&#252;cklich in diesem Sinn Lenin auf dem IX. Parteitag: &#8220;Die Herrschaft des Proletariats &#228;u&#223;ert sich darin, da&#223; man das Eigentum der Gutsbesitzer und Kapitalisten konfisziert hat&#8230; Unsere Verfassung hat das Recht, in die Geschichte einzugehen, sie hat sich dieses Recht erworben, weil die Aufhebung des Privateigentums nicht nur auf dem Papier geblieben ist. Das siegreiche Proletariat hat das Privateigentum abgeschafft und endg&#252;ltig beseitigt. Darin eben kommt die Herrschaft der Klasse zum Ausdruck&#8221; (LW 30, S. 448).</p>
<p><a name="21"></a>(<a href="#q21">21</a>.) &#8220;Die Fragen der Teilnahme der Soldaten an der Miliz ist die Grundfrage der Umerziehung der &#8216;Soldaten&#8217; zu Staatsb&#252;rgern und Milizion&#228;ren, der Umerziehung der Bev&#246;lkerung aus Spie&#223;ern zu bewaffneten B&#252;rgern. Die Demokratie bleibt eine leere und verlogene Phrase oder eine halbe Ma&#223;regel, wenn nicht das ganze Volk sofort und unbedingt die M&#246;glichkeit erh&#228;lt, den Waffengebrauch zu erlernen&#8221; (LW 24, S. 383). Diese S&#228;tze stehen in einem Artikel mit der bezeichnenden &#220;berschrift &#8220;Ein trauriges Abweichen vom Demokratismus&#8221;.</p>
<p><a name="22"></a>(<a href="#q22">22</a>.) Diese un&#252;bertroffen naive und offenherzige Manifestation des b&#252;rgerlichen Glaubens an die Zahl, die unmittelbar als solche wie ein Argument behandelt wird, liegt vollkommen auf der Linie der Demokraten seit den Zeiten Rousseaus und der Jakobiner. Sie atmet den Geist Robespierres, von dem der ber&#252;hmte Satz stammt: &#8220;Jede Institution, die nicht davon ausgeht, das das Volk gut und die Beh&#246;rden verderbt sind, ist sch&#228;dlich&#8221; (zit. nach Fraenkel 1973, S. 384).</p>
<p>Es zeigt sich daran, da&#223; die in der &#8220;b&#252;rgerlichen&#8221; Theorie g&#228;ngige Gewohnheit, den Marxismus als konsequenten &#8220;Rousseauismus&#8221; zu behandeln, zwar, wie ich meine, Marx unrecht tut, aber doch von einem gewissen, sehr weit verbreiteten &#8220;Marxismus&#8221; ihre Berechtigung erh&#228;lt. Die sogenannte Linke, die auch heute noch von dieser Denkweise nicht lassen kann, mu&#223; den emp&#246;renden Zustand, da&#223; sie sich in der unzweideutigen Minderheit befindet, dadurch sich ertr&#228;glich machen, da&#223; sie ihn f&#252;r das Werk finsterer M&#228;chte des Betrugs und der Manipulation erkl&#228;rt. Offensichtlich mu&#223; sie den Stab &#252;ber die kapitalistische Gesellschaft deswegen brechen, weil in ihr der gute Wille, die lautere Absicht, die unbestechliche Liebe zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit, mit einem Wort: die Moral vermeintlich keine Chance hat. Der moralisch weniger penetrante Teil dieser Linken, der, seine entsprechenden Bedenken zur&#252;ckstellend, via SPD in das &#8220;harte politische Gesch&#228;ft&#8221; eingestiegen ist, tat dies mit der Ma&#223;gabe, da&#223; man &#8220;dem Kapital&#8221; wenn schon keine Niederlage, so doch moralische Skrupel beibringen m&#252;sse. Wieder andere, die die Moral selbst als den &#8220;Betrug&#8221; entdeckt haben (MG), verhelfen ihr dadurch zu ihrem Recht, da&#223; sie in der Rolle streng logisch argumentierender Moralver&#228;chter mit daf&#252;r umso gr&#246;&#223;erem Missionarseifer an das allerunmittelbarste Lohninteresse der Proleten appellieren. Jeder Hinweis auf die Vermitteltheit dieses unmittelbaren Interesses versetzt sie in Panik, weil er zu gesamtgesellschaftlichen Fragestellungen hinf&#252;hrt, deren anscheinend nur im Namen der Moral m&#246;gliche Beantwortung das heilige Lohninteresse &#8220;relativieren&#8221; k&#246;nnte.</p>
<p><a name="23"></a>(<a href="#q23">23</a>.) Anweiler 1958, S. 137.</p>
<p><a name="24"></a>(<a href="#q24">24</a>.) ebd. S. 133.</p>
<p><a name="25"></a>(<a href="#q25">25</a>.) &#8220;Abgesehen von der Ausschaltung der nichtbolschewistischen Parteien aus den Sowjets&#8230; verloren die R&#228;te in den Jahren des B&#252;rgerkrieges auch sonst ihren Charakter als breite Massenorganisation. Schon vor der bolschewistischen Machteroberung im Oktober 1917 hatte sich die eigentliche politische Entscheidungsgewalt weitgehend in das Exekutivkomitee verlagert, w&#228;hrend dem Plenum des Sowjets nur die Zustimmung oder Ablehnung vorbereiteter Resolutionen und die Entscheidung in den grunds&#228;tzlichen Fragen &#252;berlassen blieb. In der Folgezeit setzte sich diese Konzentration weiter fort&#8230;&#8221; (Anweiler 1958, S. 297).</p>
<p><a name="26"></a>(<a href="#q26">26</a>.) Als Beispiel kann das schon fr&#252;her erw&#228;hnte (MK 4, S. 26) Titulieren der Offiziere mit &#8220;Exzellenz, Wohlgeboren usw.&#8221; dienen, das den russischen Soldaten offenbar so sehr auf den N&#228;geln brannte und f&#252;r sie von so gro&#223;er Bedeutung war, da&#223; seine Abschaffung als gesonderter Punkt in den unmittelbar nach dem Februarumsturz erlassenen &#8220;Befehl Nr.1 des Petersburger Sowjets&#8221; aufgenommen wurde -neben dem anderen Punkt, der vorsah, den zaristischen Offizieren die Kontrolle &#252;ber &#8220;alle Arten von Waffen&#8221; zu entziehen. Vgl Hellmann 1984, S. 134.</p>
<p>Tats&#228;chlich ist aber das gesamte politische Leben der modernen Gesellschaft dieses Beispiel. Beim Blick in die t&#228;gliche Zeitung st&#246;&#223;t man laufend auf Meldungen wie etwa die folgende: &#8220;Aus Protest gegen die von der Bundesregierung geplante Streichung der Zusch&#252;sse f&#252;r ambulante Patientenfahrten wollen die bundesdeutschen Taxiunternehmen morgen eine Stunde lang &#8216;streiken`&#8221; (N&#252;rnberger Nachrichten vom 9.2.88, S. 1). Eine Reform wie die des Gesundheitswesens, die im Interesse des Gesamtsysstems der kapitalistischen Warenproduktion (= abstraktes Allgemeininteresse) unerl&#228;&#223;lich ist, wird also von dem entsprechenden &#8220;Volk&#8221; jeweils unter dem Gesichtspunkt seines unmittelbaren &#8220;wertkonstituierten&#8221; Daseins (=abstrakt unmittelbares Interesse) wahrgenommen. &#8220;Der demokratische Staat ist stets ein Kompromi&#223;gebilde&#8221; (Hermann Broch).</p>
<p><a name="27"></a>(<a href="#q27">27</a>.) Bei Lenin scheint dieser gleiche Gedanke auf, wenn er in &#8220;Staat und Revolution&#8221; schreibt: &#8220;Die modernen Lohnsklaven bleiben infolge der Bedingungen der kapitalistischen Ausbeutung so von Not und Elend bedr&#252;ckt, da&#223; ihnen &#8216;nicht nach Demokratie&#8217;, &#8216;nicht nach Politik&#8217; der Sinn steht, so da&#223; bei dem gew&#246;hnlichen, friedlichen Gang der Ereignisse die Mehrheit der Bev&#246;lkerung von der Teilnahme am &#246;ffentlichen und politischen Leben ausgeschlossen ist&#8221; ( LW 25, S. 474).</p>
<p>Dieser vollkommen richtige Gedanke wird von Lenin aber um die entscheidende Dimension des Wertverh&#228;ltnisses gestutzt. Lediglich &#8220;Not und Elend&#8221; macht er daf&#252;r verantwortlich,</p>
<p>da&#223; den Massen &#8220;nicht nach Politik&#8221; zumute ist. Die mit der Wertform der Produktion gesetzte Konstellation, die in der Kategorie des Arbeiters als solchen erscheint ebenso wie in der des &#8220;politischen Lebens&#8221;, mu&#223; ihm auf dem damaligen Niveau der kapitalistischen Entwicklung entgehen.</p>
<p><a name="28"></a>(<a href="#q28">28</a>.) Hier befindet sich &#252;brigens der Ort, an dem der moderne, angeblich der b&#252;rgerlichen Rationalit&#228;t fremde Irrationalismus, wie er im Faschismus &#8220;geschichtsm&#228;chtig&#8221; geworden ist, wo er also seine Vernunft und Notwendigkeit innerhalb des Wertverh&#228;ltnisses besitzt.</p>
<p><a name="29"></a>(<a href="#q29">29</a>.) Dies ist nebenbei gesagt die frappierend einfache Erkl&#228;rung f&#252;r die von den Ideologen der &#8220;westlichen&#8221; Demokratie beklagte Tatsache, da&#223; die &#8220;Werte&#8221; der Demokratie (wie der Wert &#252;berhaupt) es partout nicht verm&#246;gen, den Arbeitern &#8220;in Fleisch und Blut &#252;berzugehen&#8221;. Mit dieser Bemerkung beziehe ich mich auf Max Horkheimer, der 1933 angesichts des in Europa &#252;berm&#228;chtig gewordenen Faschismus den folgenden Seufzer ausstie&#223;: &#8220;Die Zahl der L&#228;nder, in denen noch nicht alle Werte, die auf Steigerung des Gl&#252;cks der Individuen gehen, verp&#246;nt sind, verringert sich immer mehr; es zeigt sich, da&#223; der Zeitraum, in dem die b&#252;rgerliche Welt Moral erzeugte, zu kurz gewesen ist, um der Allgemeinheit in Fleisch und Blut &#252;berzugehen&#8221; (Max Horkheimer, Materialismus und Moral, in: Zeitschrift f&#252;r Sozial-forschung, Jahrgang 2 1933, M&#252;nchen 1980 (dtv reprint), S. 190).</p>
<p><a name="30"></a>(<a href="#q30">30</a>.) Nach Trotkis Angabe repr&#228;sentierte der Ende Juli 1917 zusammengetretene Vl. Parteitag der Bolschewiki 176 750 Parteimitglieder (Trotzki 1982, S. 658). Lenin geht in dem mit dem Datum vom 1.Okt. 1917 versehenen Artikel &#8220;Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?&#8221; von 240 000 Mitgliedern aus (LW 26, S. 95).</p>
<p><a name="31"></a>(<a href="#q31">31</a>.) Anweiler 1958, S. 222.</p>
<p><a name="32"></a>(<a href="#q32">32</a>.) Trotzki 1982, S. 656.</p>
<p><a name="33"></a>(<a href="#q33">33</a>.) &#196;hnlich bereits Otto Bauer in einem an Kautsky gerichteten Brief vom 4.1.18 (zit. bei Saage 1987, S. 88).</p>
<p><a name="34"></a>(<a href="#q34">34</a>.) Wie virulent diese Gefahr w&#228;hrend der ersten Jahrhunderth&#228;lfte nicht nur in Ru&#223;land war, sondern in allen L&#228;ndern, in denen die Affirmation der Massen unter dem Signum der &#8220;Praxis&#8221;, der &#8220;Aktion&#8221;, der &#8220;Tat&#8221; betrieben wurde, davon legt die notorische Intellektuellenfeindlichkeit jener Zeit Zeugnis ab. Unter Stalin wurden Intelektuelle, sobald sie sich in der Abweichung vom staatlichen Jubelkurs als solche zu erkennen gaben, als&#8221;b&#252;rgerlich&#8221; oder &#8220;kleinb&#252;rgerlich&#8221; denunziert; in Deutschland verfielen sie dem Verdikt, &#8220;Juden&#8221; zu sein oder von dem &#8220;zersetzenden j&#252;dischen Denken angekr&#228;nkelt&#8221; zu sein. Reichlich Belege finden sich bei: Dietz Bering, Die Intellektuellen, Berlin, Wien 1982 (Ullstein 39031). Das Buch hat als eine wenn auch flei&#223;ige, aber nur unter linguistischem Aspekt erfolgte Sammlung von Zitaten &#252;brigens keinen theoretischen Wert.</p>
<p><a name="35"></a>(<a href="#q35">35</a>.) &#8220;Marxismus-Leninismus &#8211; eine einheitliche internationale Lehre&#8221; ist der Titel eines 1968 in Moskau erschienenen Sammelbandes (zit. bei Medwedjew 1979, S. 216). Solche und &#228;hnlich verkrampfte Formulierungen bezeugen, welche Bedeutung der Besitz einer &#8220;einheitlichen Weltanschauung&#8221; bis in die j&#252;ngste Vergangenheit f&#252;r das Selbstverst&#228;ndnis des sowjetischen Staates besa&#223;.</p>
<p>Dem bekannten Einwand, da&#223; Ru&#223;land aufgrund seiner R&#252;ckst&#228;ndigkeit &#8220;f&#252;r den Sozialismus noch nicht reif&#8221; sei, begegnet Stalin in einem am 9. Mai 1925 in Moskau gehaltenen Referat zun&#228;chst mit dem obligatorischen Lenin-Zitat, um danach folgenderma&#223;en fortzufahren: &#8220;Andernfalls h&#228;tte es ja keinen Sinn gehabt, im Oktober die Macht zu ergreifen und die Oktoberrevolution durchzuf&#252;hren. Denn wenn die M&#246;glichkeit und die Notwendigkeit der Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft aus diesen oder jenen Erw&#228;gungen ausgeschlossen wird, so verliert damit auch die Oktoberrevolution ihren Sinn. Wer die M&#246;glichkeit der Errichtung des Sozialismus in einem Land leugnet, der mu&#223; auch zwangsl&#228;ufig die Rechtm&#228;&#223;igkeit der Oktoberrevolution leugnen. Und umgekehrt: Wer nicht an den Oktober glaubt, der kann auch die M&#246;glichkeit des Sieges des Sozialismus unter den Verh&#228;ltnissen der kapitalistischen Umkreisung nicht anerkennen. Es besteht ein enger und unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Unglauben an den Oktober und der Nichtanerkennung der sozialistischen M&#246;glichkeiten in unserem Lande&#8230;&#8221; (zit. in Altrichter 1986, S. 87).</p>
<p><a name="36"></a>(<a href="#q36">36</a>.) Diese seit dem Sommer 1918 ihr Haupt erhebende Konterrevolution wurde nicht nur von zaristischen Gener&#228;len gef&#252;hrt, sie war auch ihrer ganzen politischen und sozialen Substanz nach zaristisch. Keinesfalls darf man sich die Vorstellung machen, es habe sich darum gehandelt, die russische Revolution von ihrer &#8220;sozialistischen Etappe&#8221; auf die &#8220;b&#252;rgerlich-demokratische Etappe&#8221; zur&#252;ckzuzerren. Die Lage der Bolschewiki w&#228;re wahrscheinlich aussichtslos gewesen, wenn die &#8220;Wei&#223;en&#8221; (wie die Konterrevolution&#228;re genannt wurden) auch nur einen Funken b&#252;rgerlich-demokratischen Verstandes besessen h&#228;tten, wenn sie nur wenigstens die Sprache der Massenaffirmation beherrscht h&#228;tten, mit welcher die westeurop&#228;ische Konterrevolution, beginnend 1919 in Italien, so eindrucksvolle Erfolge zu erzielen vermochte. Ich zitiere Victor Serge, der die entscheidenden Niederlagen, die die Gener&#228;le Judenitsch, Denikin und Koltschak im Oktober und November 1919 an drei verschiedenen Abschnitten der B&#252;rgerkriegsfront erlitten, folgenderma&#223;en kommentiert: &#8220;Die Wei&#223;en bezahlten mit ihrer Niederlage zwei kapitale Irrt&#252;mer: da&#223; sie nicht den Verstand und den Mut gehabt hatten, in den der Revolution abgewonnenen Gebieten eine Agrarreform durchzuf&#252;hren, und da&#223; sie &#252;berall die alte Dreieinigkeit der Gener&#228;le, der hohen Geistlichkeit und der Gro&#223;grundbesitzer wieder zur Macht gebracht hatten&#8221; (Serge, 1977, S. 112).</p>
<p><a name="37"></a>(<a href="#q37">37</a>.) Vgl. die Resolution des &#8220;Zentralkomittees der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Menschewiki)&#8221; vom Oktober 1918, zit. bei Anweiler 1958, S. 294. Sie bewirkte, da&#223; die Menschewiki nach ihrem im Juni 1918 erfolgten Ausschlu&#223; am 30. November 1918 wieder offiziell zu den R&#228;ten zugelassen wurden (vgl. Altrichter 1986, S. 70). Freilich &#8220;blieb die Partei auch weiterhin nur halb geduldet und st&#228;ndigen willk&#252;rlichen Eingriffen durch die Bolschewiki ausgesetzt. Sie hielt aber an ihrem Kurs einer legalen Opposition fest und versuchte die Einheitsfront mit den Bolschewiki nach au&#223;en mit einer Kritik im Innern zu verbinden&#8221; (Anweiler 1958, S. 294).</p>
<p><a name="38"></a>(<a href="#q38">38</a>.) Anweiler 1958, S. 295.</p>
<p><a name="39"></a>(<a href="#q39">39</a>.) Deutscher 1, S. 472: &#8220;H&#228;tten die Bolschewiki jetzt freie Wahlen zugelassen, so w&#252;rden sie fast mit Sicherheit aus ihrer Machtstellung hinweggefegt worden sein.&#8221;</p>
<p><a name="40"></a>(<a href="#q40">40</a>.) Lenin kennzeichnet die Situation nach dem B&#252;rgerkrieg gelegentlich mit den Worten, da&#223; mit dem Stillstand der &#8220;Fabriken und Werke&#8221; &#8220;das Proletariat verschwunden&#8221; sei (LW 33, S. 46) und au&#223;erhalb der Kommunistischen Partei nur noch Elemente existierten, &#8220;die</p>
<p>durch Deklassierung am meisten geschw&#228;cht sind und den menschewistischen und anarchistischen Schwankungen am st&#228;rksten unterliegen&#8221; (LW 33, S. 7).</p>
<p><a name="41"></a>(<a href="#q41">41</a>.) Altrichter 1981, S. 60.</p>
<p><a name="42"></a>(<a href="#q42">42</a>.) Die beiden Menschiwiki Martov und Dan, die am 7. (Dezember 1919) und B. Allrussischen Sowjetkongre&#223; (Dezember 1920) mit beratender Stimme teilnahmen, berichten von der &#8220;leblosen Atmosph&#228;re&#8221; und dem &#8220;Paradecharakter&#8221; dieser Kongresse, den letzten &#252;brigens, zu denen oppositionelle Deputierte (neben den erw&#228;hnten Menschiwiki handelte es sich um einige Sozialrevolution&#228;re, Anarchisten und Maximalisten) zugelassen waren (zit. in Anweiler 1958, S. 295). Insofern kann man von den R&#228;ten also immer noch als von einem &#8220;Stimmungsbarometer&#8221; sprechen, das Barometer steht allerdings auf Null.</p>
<p>Vgl. auch das Zeugnis eines bolschewistischen F&#252;hrers: &#8220;Die Sowjet-Plenarversammlungen als politische Organisationen siechen oft dahin, die Leute besch&#228;ftigen sich mit rein technischen Arbeiten &#8230; Die allgemeinen Sowjetversammlungen finden selten statt, und wenn sich die Deputierten zusammenfinden, dann nur, um einen Bericht entgegenzunehmen, eine Rede anzuh&#246;ren usw.&#8221; (Kamenew auf dem 7. Allrussischen Sowjetkongre&#223;, zit. in: Anweiler 1958, S. 297).</p>
<p><a name="43"></a>(<a href="#q43">43</a>.) &#8220;In allen Arbeiten &#252;ber diese Komitees wird f&#252;r gew&#246;hnlich der Gedanke ventiliert, da&#223; gerade mit ihrer Schaffung &#8216;die &#220;bertragung der sozialistischen Revolution von der Stadt aufs Land&#8217; verbunden sei; da&#223; auf dem Land &#8216;die sozialistische Revolution mit dem Sommer 1918 begonnen habe&#8217;, usw. Diese These ist &#228;u&#223;erst strittig. Es entspricht den Tatsachen, da&#223; die Komitees der Dorfarmut die Sowjetmacht in den St&#228;dten unterst&#252;tzt und den &#8216;Geist eines heftigen Klassenkampfes&#8217; ins Dorf hineingetragen haben. Aber die &#228;rmsten Bauern waren ja im Gegensatz zum Proletariat gar nicht Tr&#228;ger der sozialistischen Ideen und konnten es nicht sein &#8230; Wurde die Oktoberrevolution von der Vernichtung der Gutsherrschaft begleitet, so die Gr&#252;ndung der Komitees der Dorfarmut im russischen Dorf mit Blick auf die Vernichtung der Kulaken-, das hei&#223;t der Gro&#223;bauernwirtschaft. Nur diese erste &#8216;Entkulakisierung&#8217; in unserer Geschichte wurde nicht von der Errichtung gro&#223;er Kollektivwirtschaften begleitet, sondern hat zur Schaffung einer Menge neuer kleiner und mittlerer Landwirtschaftsbetriebe gef&#252;hrt. Die neue Landaufteilung nahm enorme Ma&#223;st&#228;be an &#8211; den reichen Bauern wurden von 80 Millionen Hektar etwa 50 Millionen abgenommen&#8221; (Medwedjew, S. 206f.).</p>
<p>Nach Lorenz &#8220;entwickelte sich fast die H&#228;lfte der &#228;rmeren Bauern zu Mittelbauern, die nun mit 60 Prozent die Mehrheit im Dorfe bildeten&#8221; (Lorenz 1981, S. 108). &#8220;Die Komitees der Dorfarmut neigten allerdings immer mehr dazu, beschlagnahmte Vorr&#228;te im Dorf zu behalten, statt sie an die hungernden St&#228;dte abzugeben. Auf die Dauer war mit ihrer Hilfe das Versorgungsproblem nicht zu l&#246;sen &#8230; Daher l&#246;ste man die Komitees der Dorfarmut Ende 1918 auf&#8230;&#8221; (ebd.).</p>
<p>Bleibt noch zu erw&#228;hnen, da&#223; die von Medwedjew oben referierte Position, mit den Komitees der Dorfarmut sei die &#8220;sozialistische Revolution von der Stadt aufs Land&#8221; &#252;bertragen worden, fast w&#246;rtlich so von Lenin in seiner gegen Kautsky gerichteten Schrift vertreten wird (vgl. LW 28, S.300, S. 304 etc.).</p>
<p><a name="44"></a>(<a href="#q44">44</a>.) &#8220;Die Politik der Requisition und Konfiszierung rief von allen Seiten einen organischen Protest, und das Verbieten des Handels einen allgemeinen Ungehorsam hervor. Ein Mensch, der beschlossen h&#228;tte, sich den kommunistischen Dekreten zu f&#252;gen, w&#228;re ein paar Wochen nach seinem Entschlu&#223; Hungers gestorben: denn &#8216;legal&#8217; war au&#223;er dem bekannten Achtel zweifelhaften Brotes und einem Teller Br&#252;he aus fauligen Kartoffeln nichts aufzutreiben. Das ganze Land, einschlie&#223;lich der Kommunisten selbst, lebte gegen die kommunistischen Dekrete, ganz Ru&#223;land &#8216;spekulierte&#8217;, und es ist nat&#252;rlich, da&#223; man offizielle Gr&#252;nde, &#8216;jeden B&#252;rger zu bestrafen, soviel man wollte&#8217;, finden konnte&#8221; (der nicht-bolschewistische Autor Ustrjalow, den aber laut Medwedjew &#8220;Lenin als einen ziemlich objektiven Menschen kannte und sch&#228;tzte&#8221;, in seinem 1925 erschienen Buch &#8220;Unter dem Zeichen der Revolution&#8221;, zit. bei Medwedjew, S. 191).</p>
<p><a name="45"></a>(<a href="#q45">45</a>.) Lorenz 1981, S. 108</p>
<p><a name="46"></a>(<a href="#q46">46</a>.) Auf das seinerzeit (w&#228;hrend des Kriegskommunismus) von Lenin vorgetragene Argument, da&#223; das staatliche Getreidehandelsmonopol die Versorgung der Bev&#246;lkerung immerhin zur H&#228;lfte gew&#228;hrleiste und also notwendig sei, antwortet Medwedjew:</p>
<p>&#8220;Allzu &#252;berzeugend ist diese Folgerung freilich nicht. Dieselbe Ration h&#228;tte man doch durch eine einfache Naturalsteuer, wie 1921/22 geschehen, gew&#228;hrleisten k&#246;nnen. Aber dann w&#228;re es nicht n&#246;tig gewesen, Kontroll-, Wege- oder Lebensmitteleintreibungs-Abteilungen oder eine Menge anderer Abteilungen und Organisationen zu gr&#252;nden. Zudem h&#228;tten Arbeiter und Angestellte auch die zweite H&#228;lfte des f&#252;r sie n&#246;tigen Lebensmittelminimums nicht zu zehnmal, sondern blo&#223; f&#252;nfmal h&#246;heren Preisen erhalten k&#246;nnen und ohne das Risiko, pl&#246;tzlich im Konzentrationslager, das ohnehin mit &#8216;Hamsterern&#8217; und &#8216;Spekulanten&#8217; &#252;berf&#252;llt war, zu landen&#8221; (Medwedjew, S. 179).</p>
<p>F&#252;r seine These, da&#223; Millionen kleiner Hamsterer unrationeller handelten, als es legale Gro&#223;h&#228;ndler getan h&#228;tten, kann Medwedjew sogar einen (unfreiwilligen) bolschewistischen Zeitzeugen anf&#252;hren: &#8220;Es ist nicht verwunderlich, da&#223; sogar in einem B&#252;chlein des aktiven Narkomprod-Mitglieds N.A. Orlow (Narkomprod = Volkskomitee f&#252;r Versorgung), das seit 1919 mit dem Ziel herausgegeben wurde, die Politik des Narkomprod und das Getreidemonopol zu rechtfertigen; in einem Buch, in dem der Autor die Hamsterer als &#8216;Gauner&#8217;, &#8216;Spekulanten&#8217;, &#8216;menschlichen Staub&#8217; bezeichnet, der unerwartete Ausruf zu lesen steht, da&#223; sich mit dem verbotenen privaten Handel besser &#8216;hundert gro&#223;e Haie befa&#223;t h&#228;tten&#8230;, die bis zu einem gewissen Grad vor einer Handelsethik, haupts&#228;chlich aber von einer wirklichen wirtschaftlichen Effektivit&#228;t geleitet worden w&#228;ren&#8217;&#8221; (ebd. S. 180).</p>
<p><a name="47"></a>(<a href="#q47">47</a>.) &#220;ber die Dorfsowjets am Ende des B&#252;rgerkriegs schreibt Altrichter: &#8220;Wo die Dorfr&#228;te noch existierten, war der Anteil der Kommunisten verschwindend gering und der Anteil &#8216;sowjetfremder Elemente&#8217; gro&#223;. Doch das Dorf brauchte sie, weil sie lesen und schreiben konnten oder weil sie &#252;ber Besitz verf&#252;gten und den unbezahlten Vorsitz im Dorfrat neben ihrer Arbeit noch &#252;bernehmen konnten&#8221; (Altrichter, 1981, S. 60).</p>
<p><a name="48"></a>(<a href="#q48">48</a>.) Seit dem Ende des 19.Jahrhunderts fingen auch die konservativen, der Demokratie (worunter oft Liberalismus und Sozialismus gleicherma&#223;en verstanden wurde) feindlich gesonnenen Kr&#228;fte damit an, mit den Massen zu rechnen. Als Beispiel kann der Berliner Hofprediger Stoecker dienen, der in den achtziger Jahren eine konservative, st&#228;dtische Massenpartei gr&#252;nden wollte, mit seinem Vorhaben aber von Bismarck bzw. Wilhelm II. gestoppt wurde. Das Buhlen um die Gunst sei es auch monarchistischer Massen empfanden die Herren aus altem adligen Gebl&#252;t offenbar als eine bei ihrer Machtf&#252;lle &#252;berfl&#252;ssige, bei ihrem Stand unziemliche Anstrengung (vgl. Rosenberg, S. 118).</p>
<p><a name="49"></a>(<a href="#q49">49</a>.) In diesem Zusammenhang ist das von Lenin auf dem X. Parteitag durchgesetzte Fraktionsverbot zu sehen.</p>
<p><a name="50"></a>(<a href="#q50">50</a>.) &#8220;Die von Lenins Partei regierte Nation war ihrer Aufl&#246;sung nahe. Die materiellen Grundlagen ihrer Existenz waren zerst&#246;rt. Es gen&#252;gt, sich daran zu erinnern, da&#223; das Volkseinkommen Ru&#223;lands am Ende des B&#252;rgerkriegs nur ein Drittel seines Einkommens im Jahre 1913 betrug, da&#223; die Industrie weniger als ein F&#252;nftel der vor dem Krieg hergestellten G&#252;ter erzeugte, da&#223; die Kohlenf&#246;rderung weniger als ein Zehntel und die Eisengewinnung nur ein Vierzigstel der Normalproduktion erreichten, da&#223; die Eisenbahnen zerst&#246;rt waren, da&#223; alle Vorr&#228;te und Reserven, ohne die keine Wirtschaft bestehen kann, v&#246;llig ersch&#246;pft waren, da&#223; der G&#252;teraustausch zwischen Stadt und Land zum Erliegen gekommen war, da&#223; sich Ru&#223;lands St&#228;dte, gro&#223;e und kleine, so entv&#246;lkerten, da&#223; im Jahre 1921 Moskau nur die H&#228;lfte und Petrograd nur ein Drittel ihrer fr&#252;heren Einwohnerschaft z&#228;hlten und da&#223; die Bev&#246;lkerung der beiden Hauptst&#228;dte seit vielen Monaten von Hundert Gramm Brot und ein paar gefrorenen Kartoffeln am Tag lebte und ihre M&#246;bel zum Heizen benutzte, &#8211; und wir werden uns eine Vorstellung von der Situation bilden k&#246;nnen, in der sich die Nation im vierten Jahr der Revolution befand&#8221; (Deutscher II, S. 18).</p>
<p><a name="51"></a>(<a href="#q51">51</a>.) Da&#223; es auch mit dieser F&#228;higkeit bei den russischen Revolution&#228;ren nicht zum besten stand, zeigt das folgende lebensgef&#228;hrliche Erlebnis, von dem John Reed, amerikanischer Journalist und Sympathisant der Oktoberrevolution, in seinem Buch &#8220;Zehn Tage, die die Welt ersch&#252;tterten&#8221; berichtet. Am 13. November 1917 mit einer Gruppe von Rotarmisten unterwegs an die Kerenski-Front, wird sein Wagen von einer Patrouille des &#246;rtlichen revolution&#228;ren Komitees angehalten. Da sein Ausweis, der vom revolution&#228;ren Stab im Smolny ausgestellt wurde, anders aussieht als die Papiere der Rotgardisten, mu&#223; er aussteigen: &#8220;Um den Streit zu beenden, kletterte ich schlie&#223;lich von dem Wagen herunter. Er fuhr weiter, und die Genossen winkten mir zu, bis ich sie nicht mehr sehen konnte. Die Soldaten berie-ten eine Weile miteinander und f&#252;hrten mich dann zu einer Mauer, an die sie mich stellten &#8211; und pl&#246;tzlich begriff ich: Sie wollten mich erschie&#223;en!</p>
<p>In allen drei Richtungen war kein Mensch zu sehen. Nur ein d&#252;nner Rauchfaden, der von dem Schornstein eines alleinstehenden Holzhauses aufstieg, zeugte von Lebewesen. Es mochte ein halber Kilometer bis dahin sein, den Weg hinunter. Die beiden Soldaten gingen ein St&#252;ck in den Weg hinein. Ich lief verzweifelt hinter ihnen her.</p>
<p>&#8220;Aber Genossen! Seht doch! Hier ist der Stempel des Revolution&#228;ren Milit&#228;rkomitees!&#8221; Sie starrten dumm auf meinen Ausweis und blickten dann einander an.</p>
<p>&#8220;Er ist nicht wie die anderen, Bruder&#8221;, sagte der eine eigensinnig. &#8220;Wir k&#246;nnen nicht lesen.&#8221; Zit. nach Kohn (Hg.), S. 369ff.</p>
<p>Erst im Regimentskomitee, zu dem er schlie&#223;lich gebracht wird, ist die Gefahr endg&#252;ltig gebannt. Der Vorsitzende des Komitees ist dazu in der Lage festzustellen, da&#223; es sich bei Reed um einen &#8220;amerikanischen Genossen&#8221; handelt.</p>
<p><a name="52"></a>(<a href="#q52">52</a>.) Was das Potential an Fachkr&#228;ften betrifft, macht Lorenz f&#252;r das Jahr 1928 f&#252;r Ru&#223;land folgende Angaben: &#8220;W&#228;hrend in den westeurop&#228;ischen Staaten der Anteil des technischen Personals an der Zahl aller in der Industrie besch&#228;ftigten Personen im Durchschnitt bei 10-15 Prozent lag, betrug er in der Sowjetunion nur 1-2 Prozent, bei Ingenieuren sogar nur 0,62 Prozent. In der ganzen Sowjetunion arbeiteten im Jahre 1928 nur 24 200 Techniker und Ingenieure mit Spezialausbildung, darunter 250-260 ausl&#228;ndische Kr&#228;fte&#8221; (Lorenz 1981, S. 169).</p>
<p><a name="53"></a>(<a href="#q53">53</a>.) Reichlich Material findet sich beispielsweise bei Einig 1980, S. 94 ff.</p>
<p><a name="54"></a>(<a href="#q54">54</a>.) wie zur Best&#228;tigung meiner These hat gerade rechtzeitig f&#252;r die Reinschrift dieses Manuskripts ein Veteran der alten Arbeiterbewegung seine Stimme in ihrem Sinn erhoben. In allen Zeitungen waren die S&#228;tze abgedruckt, die der Pr&#228;sident des PEN-Zentrums der DDR, der siebzigj&#228;hrige Heinz Kamnitzer, aus Anla&#223; der im Januar 1988 erfolgten St&#246;rung der allj&#228;hrlichen Liebknecht/Luxemburg-Prozession der SED fand: &#8220;Was da geschah, ist verwerflich wie eine Gottesl&#228;sterung. Keine Kirche k&#246;nnte hinnehmen, wenn man eine Prozession zur Erinnerung an einen katholischen Kardinal oder protestantischen Bischof entw&#252;rdigt. Ebensowenig kann man uns zumuten, sich damit abzufinden, wenn jemand das Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht absichtlich st&#246;rt und sch&#228;ndet&#8221; (zit. nach &#8220;Arbeiterkampf&#8221; Nr.291 vom 8.2.88, S. 42).</p>
<p>Wenn die unwissenden, rechtlosen und niedergedr&#252;ckten, noch mit dem l&#228;ndlichen Leben verbundenen Arbeiter des letzten Jahrhunderts ihre F&#252;hrer (wie etwa Lassalle) wie Heilige verehrten, so mag das beim heutigen Betrachter R&#252;hrung hervorrufen, im Jahr 1988 kann man ein so hohles und abgestandenes Pathos nur noch mit Kopfsch&#252;tteln und innerem Grauen zur Kenntnis nehmen.</p>
<p><a name="55"></a>(<a href="#q55">55</a>.) Das Wort von der &#8220;Manipulation&#8221; scheint mir auf jene Epoche der ersten Jahrhunderth&#228;lfte weitaus besser zu passen als auf die heutige Zeit, wo es zum l&#228;ngst leerlaufenden Jargon der sogenannten Linken geworden ist.</p>
<p><a name="56"></a>(<a href="#q56">56</a>.) Sehr deutlich spiegelt sich diese Entwicklung in der neueren, von Schumpeter ihren Ausgang nehmenden Demokratietheorie wider, die dahin gelangt ist, Traktate &#8220;Zur Verteidigung der Apathie&#8221; hervorzubringen. Man kann die von Morris Jones vertretene Ansicht, da&#223; die politische Abstinenz eine &#8220;vorteilhafte Wirkung auf die Atmosph&#228;re des politischen Lebens&#8221; habe, als treffenden Ausdruck daf&#252;r nehmen, da&#223; &#8220;die Bourgeoisie&#8221; inzwischen reich und reif und ein wenig blasiert geworden ist (zit. bei Finley 1980, S. 8).</p>
<p>Unwillk&#252;rlich f&#228;llt einem zu dieser Entwicklung die in unserer V&#228;tergeneration verbreitete Phrase ein, da&#223; in seiner Jugend jeder mal ein &#8220;Revolution&#228;r&#8221; oder ein &#8220;Idealist&#8221; gewesen sein sollte, von einem gewissen Alter an aber zum &#8220;Realismus&#8221; oder zur &#8220;Vernunft&#8221; gekommen sein m&#252;sse. Wenn man sich die Enkel anschaut so haben sie in einer bequem-&#8221;sinnlosen&#8221; Welt selbst diesen fl&#252;chtigen Gef&#252;hlsaufwand nicht mehr n&#246;tig. Hinsichtlich ihrer Begeisterungsf&#228;higkeit scheint diese &#8220;coole Generation&#8221; mit dem Reifegrad des Greisenalters an den Start gehen zu wollen. Freilich, mit der naiven Begeisterung von ehedem wird der Krise des Werts auch ganz gewi&#223; nicht beizukommen sein.</p>
<p><a name="57"></a>(<a href="#q57">57</a>.) Vgl. Anmerkung (<a href="#27">27</a>).</p>
<p><a name="58"></a>(<a href="#q58">58</a>.) Nebenbei gesagt hat diese psychologische Sichtweise auch noch den Vorzug, da&#223; dadurch auf eine f&#252;r sie allerdings unerwartete Weise auch noch jene &#8220;Leninisten&#8221; recht bekommen, die sich seinerzeit darauf kapriziert hatten, in Lenin den guten, das &#8220;proletarische Denken und F&#252;hlen&#8221; tief erfassenden Vater zu sehen, der besser als seine Kinder wei&#223;, was f&#252;r sie von Nutzen ist.</p>
<p><a name="59"></a>(<a href="#q59">59</a>.) LW 33, S. 38. Die Stelle lautet im Zusammenhang: &#8220;Wir, die wir von der Welle des Enthusiasmus getragen waren, die wir den Volksenthusiasmus -zun&#228;chst den allgemeinen politischen, sodann den milit&#228;rischen- geweckt hatten, wir rechneten darauf, da&#223; wir auf Grund dieses Enthusiasmus auch die ebenso gro&#223;en ( wie die allgemeinen politischen und milit&#228;rischen) &#246;konomischen Aufgaben unmittelbar l&#246;sen w&#252;rden. Wir rechneten darauf &#8211; vielleicht w&#228;re es richtiger zu sagen: Wir nahmen an, ohne gen&#252;gend zu rechnen-, da&#223; wir durch unmittelbare Befehle des proletarischen Staates die staatliche Produktion und die staatliche Verteilung der G&#252;ter in einem kleinb&#228;uerlichen Land kommunistisch regeln k&#246;nnten. Das Leben hat unseren Fehler gezeigt.&#8221;</p>
<p>Das Pathos der Aufopferung und der Hingabe an die abstrakte Allgemeinheit, die der frischgebackene Repr&#228;sentativstaat sich anschickt zu werden, findet sich &#252;brigens in allen b&#252;rgerlichen Revolutionen. Es ist f&#252;r sie ebenso charakteristisch wie es bei den heutigen Nachfahren dieser Revolutionen, die um ihre vermeintlich &#8220;reiche Subjektivit&#228;t&#8221; f&#252;rchten, in Mi&#223;kredit geraten ist. So reich ist diese &#8220;Subjektivit&#228;t&#8221; nicht, da&#223; sie sich einschlie&#223;lich ihrer Entstehungsgeschichte selbst zu begreifen verm&#246;chte.</p>
<p><a name="60"></a>(<a href="#q60">60</a>.) Daniels, S. 72/73.</p>
<p><a name="61"></a>(<a href="#q61">61</a>.) Ich verweise auf die schon ausgiebig zitierte Schrift &#8220;Die drohende Katastrophe und wie man sie bek&#228;mpfen kann&#8221; sowie auf den im Oktober 1917 erschienen Artikel &#8220;Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?&#8221;. Ich zitiere:</p>
<p>&#8220;Ru&#223;land wurde nach der Revolution des Jahres 1905 von 130 000 Gutsbesitzern regiert, und zwar mittels endloser Vergewaltigung und Drangsalierung von 150 Millionen Menschen, deren ungeheure Mehrzahl zu Zuchthausarbeit und einem Hungerdasein gezwungen wurde. Und da sollen 240 000 Mitglieder der Partei der Bolschewiki nicht imstande sein. Ru&#223;land zu regieren, es im Interesse der Armen und gegen die Reichen zu regieren&#8221; (LW 26, S. 95)!</p>
<p><a name="62"></a>(<a href="#q62">62</a>.) Anweiler 1958, S. 213 f.</p>
<p><a name="63"></a>(<a href="#q63">63</a>.) ebd. S.292. Ich halte mich f&#252;r berechtigt, diese Formulierung, die von der Sozialrevolution&#228;rin Spiridonova stammt (Sommer 1918), Anweiler in den Mund zu legen. Wenn er sie auch mit einer gewissen Distanz zitiert, ist seine Sympathie daf&#252;r doch unverkennbar.</p>
<p><a name="64"></a>(<a href="#q64">64</a>.) ebd. S. 303.</p>
<p><a name="65"></a>(<a href="#q65">65</a>.) Medwedjew, S. 184.</p>
<p><a name="66"></a>(<a href="#q66">66</a>.) Diese Zersplitterung war das Resultat des halbj&#228;hrigen Wirkens der famosen &#8220;Komitees der Dorfarmut&#8221;, die die Bolschewiki unter der Vorstellung, damit &#8220;den Sozialismus aufs Land&#8221; zu tragen, im Sommer 1918 ins Leben gerufen hatten. Saage gibt an, da&#223; die Zahl der &#8220;primitiv wirtschaftenden b&#228;uerlichen Zwergbetriebe&#8221; in dem Zeitraum &#8220;von 1917 bis 1927 von 16. Millionen auf 26. Millionen&#8221; angestiegen sei (Saage. S. 104).</p>
<p><a name="67"></a>(<a href="#q67">67</a>.) Faktisch handelte es sich wegen der Okkupation weiter Landstriche durch die Konterrevolution um eine weit geringere Anzahl. Medwedjew, der die Versorgungslage der kleineren St&#228;dte mit ihrer engen Beziehung zum Umland g&#252;nstig beurteilt, sch&#228;tzt auch die Zahl der staatlich zu versorgenden Stadtbev&#246;lkerung relativ niedrig ein. Bei einer Stadtbev&#246;lkerung von insgesamt 28,5 Millionen Menschen (18 Prozent der Bev&#246;lkerung) geht er davon aus, da&#223; &#8220;der Stadtbev&#246;lkerung der Nicht-Schwarzerdezone -das waren kaum mehr als 10 Millionen Menschen- die Hauptsorge der Regierung&#8221; galt (Medwedjew, S.160).</p>
<p><a name="68"></a>(<a href="#q68">68</a>.) &#8220;Aber zugleich konnte nur ein Staatswesen einen solchen Modernisierungsschub zustande bringen, das willens und f&#228;hig war, sich in den Dienst eines Selbstbehauptungswillens zu stellen, der alle Kr&#228;fte des Landes zu mobilisieren entschlossen war&#8221; Kunisch, S. 109). Diesen auf das absolutistische Preu&#223;en Friedrichs II.gem&#252;nzten Satz k&#246;nnte man ebensogut zur Charakterisierung des bolschewistischen Staates verwenden.</p>
<p><a name="69"></a>(<a href="#q69">69</a>.) Vgl. die &#8220;Industrialisierungsdebatte&#8221; der zwanziger Jahre, in der sich Trotzki zun&#228;chst nicht durchsetzen konnte, um dann von 1929 an vom Exil aus mitansehen zu m&#252;ssen, wie seine Vorschl&#228;ge, nachdem die WIrklichkeit ihre Unabweisbarkeit bewiesen hatte, hektisch und &#252;berst&#252;rzt verwirklicht wurden.</p>
<p><a name="70"></a>(<a href="#q70">70</a>.) Lenin bemerkt gelegentlich, da&#223; nach einer ernsthaften Parteireinigung etwa diese Anzahl von &#8220;echten Kommunisten&#8221; &#252;brigbleiben werde. Vgl. LW 29, S. 421.</p>
<p><a name="71"></a>(<a href="#q71">71</a>.) Ich subsumiere unter diese Kategorie lediglich die &#8220;linken Kommunisten&#8221; des Jahres 1918, die &#8220;Arbeiteropposition&#8221; des Jahres 1920/21 und &#228;hnliche Gruppen wie etwa die &#8220;Demokratischen Zentralisten&#8221;. Trotzki, der in den zwanziger Jahren das Etikett eines &#8220;Linken&#8221; trug, klammere ich aus dieser Kategorie aus.</p>
<p><a name="72"></a>(<a href="#q72">72</a>.) Osinskji, S. 110.</p>
<p><a name="73"></a>(<a href="#q73">73</a>.) In dieser Hinsicht werden die &#8220;linken Kommunisten&#8221; von Stalin vollkommen beerbt. Von Stalin ist das Wort &#252;berliefert, da&#223; sich in Ru&#223;land die Arbeit aus Zwang und Fron &#8220;in eine Sache der Ehre und W&#252;rde, des Ruhmes und Heldentums&#8221; verwandelt habe (zit. nach Heinisch, S. 252).</p>
<p><a name="74"></a>(<a href="#q74">74</a>.) Kollontai, S. 239. Die nachfolgenden Seitenangaben beziehen sich auf diesen Text.</p>
<p><a name="75"></a>(<a href="#q75">75</a>.) Deutscher I, S. 476.</p>
<p><a name="76"></a>(<a href="#q76">76</a>.) Vgl. Otto Bauer: &#8220;Der Arbeiter konnte den Bauern, der Bauer den Arbeiter nicht niederzwingen: auf der Basis dieses Gleichgewichts der Klassenkr&#228;fte wurde die Diktatur zu einer &#252;ber den Klassen stehenden Macht, die den Bauern die Ablieferung ihrer &#220;bersch&#252;sse an die Stadt und den Arbeiter disziplinierte, intensivierte Produktion f&#252;r die Bed&#252;rfnisse des Dorfes aufzwingen mu&#223;te&#8221; (zit. bei Saage, S. 104).</p>
<p>Die von Bauer bem&#252;hte &#8220;&#252;ber den Klassen stehende Macht&#8221;, die seit dem 19. Jahrhundert unter dem Namen &#8220;Bonapartismus&#8221; ein zwielichtiges, nicht mit dem Kapitalbegriff vermitteltes Leben innerhalb der marxistischen Diskussion f&#252;hrt, scheint mir &#252;brigens den Begriff des modernen Staates &#252;berhaupt auszumachen. Wenn man sich von dem in der Linken eingefahrenen Soziologismus freimacht und die &#8220;Klassen&#8221; als wertkonstituierte Funktionen innerhalb des einen Kapitalverh&#228;ltnisses begeift, die sich als solche nicht antagonistisch, sondern konkurrierend zueinander verhalten, dann ergibt es sich von selbst, da&#223; sie zum Austragen ihres Konkurrenzkampfes eines gemeinsamen Mediums bed&#252;rfen. das mit keiner dieser partikularen Funktionen unmittelbar zusammenfallen kann. Man wird dann finden, da&#223; der &#8220;Bonapartismus&#8221; nicht etwa einen &#8220;Sonderfall&#8221;, sondern die &#8220;Regel&#8221; bei der Verwaltung des kapitalistischen Gemeinwesens darstellt, eine &#8220;Regel&#8221; freilich, die nicht von Anfang an fertig war, sondern sich im Konkurrenzkampf zwischen &#8220;Kapital&#8221; und &#8220;Arbeit&#8221; und seiner &#228;u&#223;eren Form, dem Konkurrenzkampf der Nationalstaaten, nach und nach vervollkommnete. Zur Zeit seiner beiden Namensgeber (Napoleon I. und III.), als die &#8220;Klassen&#8221; noch unterschiedlich berechtigte St&#228;nde waren, war der Bonapartismus nur erst die &#8220;Andeutung&#8221; auf das &#8220;H&#246;hre&#8221;, das ihm folgen sollte. Von wirklicher Allgemeinheit konnte erst die Rede sein, nachdem die Entfaltung der Rechtsform alle B&#252;rger gleicherma&#223;en staatsunmittelbar gemacht hatte, nachdem also die Abstraktion des Wertes sich der ganzen (Welt-)Gesellschaft bem&#228;chtigt hatte, und Freiheit und Gleichheit zu den &#8220;nat&#252;rlichen&#8221; Voraussetzungen des Alltagsdenkens geworden waren.</p>
<p>Der Linken war der immanente, &#8220;b&#252;rgerliche&#8221; Charakter des &#8220;reinen&#8221; und &#8220;&#246;konomistischen&#8221; Arbeiterinteresses &#252;brigens von jeher bewu&#223;t. Lenin selbst ist der beste Beleg daf&#252;r. Nur wurde diese Immanenz nicht historisch, sondern mit den Denkformen der Zeit betrachtet. Sie erschien dann nicht mehr als der (zu analysierende) historische Spielraum.der der Arbeiterkategorie selbst noch innerhalb der kapitalistischen Vergesellschaftung zur Verf&#252;gung stand, sondern gleichsam nur wie eine bewu&#223;tseinsm&#228;&#223;ige Schranke, &#252;ber die hinaus revolution&#228;rer Wille und Anstrengung, n&#228;mlich Agitation und Propaganda, die Arbeiterklasse zu treiben hatte. Dieses Hinaus war bekanntlich die Politik und die als ein &#8220;politisches System&#8221; oder eine &#8220;politische Verfassung&#8221; mi&#223;verstandene &#8220;Diktatur des Proletariats&#8221;. Das andere und gr&#252;ndlichere Hinaus, das das Kapitalverh&#228;ltnis an ihm selbst darstellt, geriet &#252;ber dieser Anstrengung aus dem Blick. Der Katzenjammer, der diese politikasternde Linke &#252;berkam, nachdem es die Politik endlich dahin gebracht hatte, ihrem Begriff als einer allgemeinen Staatsb&#252;rgerschaft zu entsprechen, die das Anprangern der t&#228;glichen &#8220;Ungleichheit&#8221; und &#8220;Ungerechtigkeit&#8221; selbst&#228;ndig zu betreiben verstand, war somit vorprogrammiert.</p>
<p>Diese Gedankenfolge ist hier nat&#252;rlich nur kurz und daher schwer verst&#228;ndlich angedeutet, ihre Ausarbeitung bleibt einer anderen Gelegenheit vorbehalten.</p>
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