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	<title>krisis &#187; Marxistische Kritik 7 (1989)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Marxistische Kritik 7 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 7 (1989)]]></category>

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		<description><![CDATA[Als Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, von seinen &#196;rzten verordnet wurde, sich den Kopf kahl scheren zu lassen, erliess er postwendend die Anweisung, allen seinen H&#246;flingen und Bediensteten gleichfalls Glatzen zu verpassen; eine ungew&#246;hnliche Tat, die ihn dem oberfl&#228;chlichen Betrachter vielleicht als einen fr&#252;hen Verfechter der Gleichheit oder gar als einen Urvater der Demokratie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, von seinen &#196;rzten verordnet wurde, sich den Kopf kahl scheren zu lassen, erliess er postwendend die Anweisung, allen seinen H&#246;flingen und Bediensteten gleichfalls Glatzen zu verpassen; eine ungew&#246;hnliche Tat, die ihn dem oberfl&#228;chlichen Betrachter vielleicht als einen fr&#252;hen Verfechter der Gleichheit oder gar als einen Urvater der Demokratie erscheinen l&#228;sst.</p>
<p><span id="more-285"></span>Tieferblickende Demokraten, und ihrer gibt es neuerdings immer mehr, w&#252;rden hingegen sofort etliche Einw&#228;nde geltend machen. Da dr&#228;ngt sich zun&#228;chst das quantitative Argument auf, dass mit dem Scheren von H&#246;flingen doch nur ein geringer Anteil der Gesamtbev&#246;lkerung erfasst sei, ein kluger Gedanke, der seine wahre Tiefe erst zeigt, wenn man ihn weiterdenkt. Sind es nicht gerade die Arbeiter und Bauern, die ungeschoren davonkommen, ausserhalb des demokratischen Schurprozesses stehen? Eine Karikatur aus der Zeit der franz&#246;sischen Revolution geht da schon einen Schritt weiter &#8211; auf dem Bild werden alle Klassen und Schichten unter einem riesigen Messapparat gleichgeklopft. Doch noch ein weiterer Einwand soll nicht ungenannt bleiben. Wie steht es denn bitte mit dem freien Willen der Betroffenen? Nicht, dass man etwas gegen Glatzk&#246;pfe und Gleichgeklopftheit h&#228;tte, aber doch bitte auf freiwilliger Basis, durch demokratische Entscheidung. Auf diese Weise liesse sich auch die freie Entfaltung der Individuen gew&#228;hrleisten; etwa durch verschiedenste Einf&#228;rbungen der kahlen Sch&#228;del. Der moralisch integre Demokrat geht aber noch einen Schritt weiter, indem er die Argumente verkn&#252;pft: der freie Wille muss sich &#252;ber alle Bereiche der Gesellschaft erstrecken und nicht nur die Gleichstellung der Arbeiter und Bauern, sondern auch ihre Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber Rasierschaum und Messer beinhalten &#8211; erst dann sei die Gleichheit vollendet. Und seien wir einmal ehrlich: was der gute Philipp da gemacht hat, war nichts weiter als eine Revolution von oben, ohne kollektive Willensbekundung der Volksmassen. Wahre Demokraten vom Schlage eines Ernest Mandel oder Henry Kissinger h&#228;tten ihn darob schnell als blossen Privilegienverteidiger entlarvt, dem es nur um die Erhaltung der Macht geht. So einig die Front der modernen Demokraten ob der Grundfrage, dass kein Sch&#228;fchen ungeschoren davonkommen solle, ist, so uneinig zeigt sie sich in den &#8220;entscheidenden&#8221; Fragen.</p>
<p>So w&#252;rde etwa die Fraktion der demokratischen Sowjetreformer sofort einwerfen, dass die Zeiten der Gleichmacherei ein f&#252;r alle mal vorbei seien, Demokratie eben in erster Linie individuelle Motiviertheit und Verantwortlichkeit bedeute; ein strahlender Geniestreich, der den guten Kissinger sofort die Fronten wechseln lassen w&#252;rde. Sein Genosse von vorhin n&#228;mlich, ruhmreicher F&#252;hrer des internationalen Trotzkismus, w&#252;rde im Chor mit den &#252;brigen Linken des Westens, mittlerweile einschliesslich der Eispickelfraktion, jenes alte Lied anstimmen, welches besagt, dass wahre Demokratie nur Arbeiterdemokratie sein k&#246;nne und ihr entscheidendes Kriterium die Selbstverwaltung der Betriebe sei. Was nun aber die beiden Fraktionen unterscheidet, liegt im Bewusstsein &#252;ber&#8217;s eigene Ziel. So erkennen die Sowjetreformer, deren Anzahl sich mit jeder Woche mehrt, durchaus, in welche Richtung ihr Zug f&#228;hrt, sodass etwa Radikalreformer Schmeljow, bei aller scharfen Kritik an der Regierung, sich streng dagegen verwahrt, ihren Mitgliedern unterstellen zu wollen, sie seien gegen eine Ausweitung der Ware-Geld-Beziehungen. Die andere Fraktion hingegen, deren Reformen gl&#252;cklicherweise nur noch in schlecht sortierten K&#246;pfen stattfinden, merkt durchaus nicht, dass ihre geliebte Selbstverwaltung der Betriebe im Grunde nichts weiter ist, als eine Affirmation der betriebswirtschaftlichen Logik, dass auch ein demokratisierter Betrieb Konkurrenzsubjekt der Warenproduktion ist.</p>
<p>Die fundamentale Einheit der modernen Demokraten besteht also darin, die Logik von Wert und Geld als Selbstverst&#228;ndlichkeit vorauszusetzen und den Arbeiter als das was er ist, Wertesch&#246;pfer und Staatsb&#252;rger, anzuerkennen. Debattiert wird nur noch &#252;ber seine dementsprechenden Rechte und Pflichten.</p>
<p>Springen wir vom alten Burgund ins moderne China, dessen Einheitsglatzenmentalit&#228;t nicht weniger ber&#252;hmt ist, so gilt die naive Formulierung der Zeitschrift &#8220;Links&#8221;, dass man vom Sozialismus nur noch wisse, dass er demokratisch zu sein habe, f&#252;r alle Fraktionen rezipierender Ideologen. So sehr sie allerdings alle aufrechte Demokraten sind, so sehr scheinen sie verschiedene Sprachen zu sprechen. So halten sich etwa Ping und Peng, die H&#252;ter des himmlischen Friedens, durchaus f&#252;r demokratische Verfechter des freien Marktes und K&#228;mpfer gegen die Korruption, sich in strengen Gegensatz zur diktatorischen Kulturrevolution stellend. W&#228;hrend nun letzteres von der restlichen Welt begr&#252;sst wird, st&#246;sst ersteres auf weltweiten Widerspruch. Man zeigt sich vom undemokratischen Handeln der Chefchinesen echt betroffen und dr&#252;ckt ein St&#252;ck weit seinen Widerstand aus, wohlbeachtend, dass man sich keinen Markt verschliesst. Die maoistische Sekte KB sieht die ganze Sache nun wieder ganz anders: die chinesische Opposition ist die legitime Nachfolgerin der demokratischen Kulturrevolution. W&#228;hrend der Physiker Fang Lizhi vor begeisterten Studenten vom v&#246;lligen Versagen des Sozialismus spricht, wird er so von westdeutschen Projektionsspezialisten zum Kommunisten ernannt.</p>
<p>Jener durchaus unschuldig geschm&#228;hte Physikus liefert uns daf&#252;r ein neues Kriterium der Demokratie oder des demokratischen Staates, das an Goldigkeit kaum zu &#252;berbieten ist. Da die B&#252;rger dem demokratischen Staat per Steuern ihr Geld zur Verf&#252;gung stellen, ist dieser ihnen gegen&#252;ber verpflichtet und sorgt nun f&#252;r sie. Was der gute Fang als moralischen Vorwurf an den chinesischen Staat formuliert, ist in Wirklichkeit nur eine Einforderung wirklicher Staatsr&#228;son, wenn er auch ein kindlich harmonisierendes Bild davon zeichnet. Denn abgesehen davon, dass sich ein moderner Staat, im Gegensatz zu dem des guten Philipp, nicht &#252;ber die Abgaben seiner B&#252;rger finanzieren kann, wird uns hier ein pfiffiger Plan zur Vers&#246;hnung von Allgemeininteresse und Einzelinteresse aufgetischt, der ganz im Sinne der alten sozialistischen Propagandamethode, die Einzelinteressen der Individuen als gegebene voraussetzt, um sie dann zu bitten, ihre Verbundenheit mit dem Gesamtinteresse anzuerkennen, bzw. diese Verbundenheit &#8220;materialistisch&#8221; (was meist per Geld meint) zu beweisen. In der einfachen Gedankenwelt des Fang Lihzi spiegelt sich eine reale Problematik der Reformen des &#8220;Realsozialismus&#8221;, einerseits die unmittelbaren Geldinteressen freisetzen zu m&#252;ssen und andererseits den Staat als anerkanntes und vor allem funktionst&#252;chtiges Gemeinwohl zu etablieren. Nach der Logik des Physikus, Geldinteresse gegen Geldinteresse aufzurechnen, h&#228;tte der chinesische Staat allerdings wenig Veranlassung, ein guter zu sein, solange seine Steuereinnehmer in Schweinest&#228;lle gesperrt werden und Provinzmogule Riesensummen unterschlagen.</p>
<p>Ein &#228;hnliches Problem, auf der einen Seite unmittelbar Interessenvertretung der Arbeiter zu sein und gleichzeitig das abstrakte Allgemeinwohl vertreten zu wollen, stellt sich der polnischen Gewerkschaft Solidarit&#228;t, die darum langsam aber sicher den gewerkschaftlichen L&#246;ffel an die alt-offizi&#246;se Arbeitervertretung abzugeben scheint oder vor der politischen Verantwortung kneifen muss.</p>
<p>Die Demokratie als Vermittlungssystem der abstrakten Teilinteressen und ihrer Parteiungen ist in den realsozialistischen L&#228;ndern noch nicht durch ein verl&#228;ssliches Rechtssystem abgest&#252;tzt; vor allem aber findet der Versuch einer Modernisierung der &#8220;Volksdemokratien&#8221; mitten in einer scharfen Wirtschaftskirse statt, ein Problem, um das sich s&#228;mtliche Ideologen mit der Behauptung herummogeln, dass Demokratie aus sich selbst heraus eine funktionierende &#214;konomie hervorbringe. Mit der philippischen Formel, dass keiner ungeschoren bleiben d&#252;rfe, werden alle Probleme in den Wind geschlagen. Der beliebte Wirtschaftsspassmacher Wilhelm Hankel, allseits bekannt als der letzte Keynesianer, hat denn auch gleich ein Gesamtkonzept f&#252;r China und die Sowjetunion parat, dessen Zauberformel einfach Freiheit heisst: Freiheit des Individuums, Freiheit der Wahl, Preisfreiheit, Vertragsfreiheit, Freiheit des Geldhandels,, abgemischt mit ein bisschen keynesianischer Geldpolitik &#8211; und alles ist perfekt.</p>
<p>Freiheit des Individuums und Freiheit des Geldes &#8211; ist das nicht die grosse Gesamtideologie b&#252;rgerlichen Denkens, die endlich noch ein klein wenig Salz in den schalen Eintopf der Demokraten bringt? Doch weit gefehlt &#8211; am Geld scheiden sich die Geister.</p>
<p>Als Philipp der Gute sich des Erzbistums Utrecht bem&#228;chtigen will, hegen die Holl&#228;nder und Friesen Zweifel an seiner Liquidit&#228;t. Flugs l&#228;sst er aus Lille zwei Geldkisten mit zweimalhunderttausend goldenen L&#246;wen kommen, an denen jedermann seine Kraft erproben darf, indem er versucht sie hochzustemmen; eine M&#252;he, die sich als vergebens erweist. Der gute Philipp wusste, welche Sprache sein Volk verstand, und dies hatte, wie er, ein ungezwungenes Verh&#228;ltnis zum Geld. Dem modernen Individuum w&#252;rde solche Protzerei wohl eher peinlich erscheinen, zumal ihm der Hochleistungssport mit physischem Golde mehr und mehr durch blosse &#220;berweisungen abgenommen wird. Moderne Finanzpolitiker und Bankiers gar haben solche ausgefeilten M&#246;glichkeiten der Geldsch&#246;pfung, dass sie dem gemeinen Bewusstsein sich wie ein wahrer Dmiurg darzustellen pflegen. Lediglich in den L&#228;ndern des &#8220;Realsozialimus&#8221; scheint es n&#246;tig zu sein, dass der Staat die direkte Gewalt &#252;ber die Goldvorr&#228;te und die Druckerein aufrecht erh&#228;lt, sodass man etwa in der DDR Altgold abliefern muss, um sein geheiligtes Eheringlein zu erhalten, und die sowjetischen Sparkassen zur Kreditvergabe auf materielles Gelddrucken angewiesen sind, da sie keine Giralsysteme besitzen. So erscheint es DDR-Autoren auch bereits als sozialistische Errungenschaft, wenn Betriebe ihren Austausch durch &#220;berweisung abwickeln. Das moderne Bewusstsein kann &#252;ber soviel &#8220;Materialismus&#8221; nur noch l&#228;cheln, kennt es das Geld doch mehr und mehr als immaterielles Gut, das beliebig vermehrt werden kann. Das Ausmass der selbstverst&#228;ndlichen Verschuldung aller modernen Staaten l&#228;sst das Geld endg&#252;ltig als eine reine Fiktion, als pure Abstraktion erscheinen; und dennoch ist es mehr denn je die zwanghafte Grundlage des Alltagslebens. Die unreflektierten Geister l&#228;sst dies Jubeln, wie etwa unseren letzten Keynesianer, den beliebten Wirtschaftsspassmacher Hankel, der in seinem &#220;berschwang ausruft: &#8220;Wer genug Geld hat, ist frei, sich seinen Gott und seine Gesellschaft selbst zu w&#228;hlen.&#8221; Nur richtig umgehen muss man mit dem Geld, ist sein allg&#252;ltiges Rezept, sowohl f&#252;r die Sparer als auch f&#252;r die Staaten. Woher dies Geld denn kommen soll, juckt ihn kaum, was er mit jenen moralisch Integren von vorhin gemein hat, die aber immerhin wissen wollen, wie denn der Mammon verteilt sei. W&#252;rde Hankel dem guten Philipp vorgeschlagen haben, doch eine Zentralbank mit ihrem geldpolitischen, Instrumentarium zu gr&#252;nden, so w&#252;rde sie wohl von ihm gefordert haben, das Geld gef&#228;lligst gleichm&#228;ssig zu verteilen, die Glatzenpolitik zu verallgemeinern, damit auch hierbei keiner ungeschoren davonkomme.</p>
<p>Tiefer empfindende Menschen dagegen hat l&#228;ngst eine begreifliche Angst vor der scheinbar ins Unendliche wachsenden Macht der Abstraktion Geld ergriffen, wie sie schon Shakespeares Timon von Athen treffend formulierte. In verschiedenen Gegen&#252;berstellungen geistert sie seitdem durch das b&#252;rgerliche Denken: konkretes Leben versus Abstraktion, raffendes gegen schaffendes Kapital, Arbeiterfaust gegen Bankenmacht, Motive, die die Ideologie des 20. Jahrhunderts geradezu beherrschen. Wer meint, das moderne kreditkartenbewaffnete Subjekt sei gegen derlei &#8220;reaktion&#228;re Utopien&#8221; gefeit, muss nicht erst tiefsch&#252;rfende Traktate lesen, um sich eines Besseren belehren zu lassen. Dem d&#252;mmlichsten Talkmaster steht es heute gut an, seinen G&#228;sten zun&#228;chst einmal in vorwurfsvollem Tone vorzuhalten, dass sie mit dem was sie da t&#228;ten doch wohl Geld verdienten, eine Entlarvung, die meist kr&#228;ftigen Applaus hervorruft. Die Er&#246;ffnung einer Spielbank darf bestenfalls in Polen als Fortschritt gefeiert werden, w&#228;hrend sie in westlichen Gefielden so sehr Banalit&#228;t ist, dass der Berufsspieler in der Talkshow meint, er k&#246;nne sich die Abschaffung des Geldes durchaus vorstellen, wobei nat&#252;rlich klar ist, dass keiner dies als ernsthafte M&#246;glichkeit in Betracht zieht.</p>
<p>Allerdings finden auch ausserhalb solch oberfl&#228;chlichen Gepl&#228;nkels Debatten &#252;ber den Charakter des Geldes statt, und da wir Frauen bekanntlich tiefer empfinden als M&#228;nner, hat Veronika Bennholdt-Thommsen, beliebte Bio-Feministin aus Bielefeld, im Rahmen einer Rehabilitierung der Frau als Naturwesen, wohl weitgehend unbewusst, die alte Lebensphilosophie wieder ausgegraben.</p>
<p>Das Geld, als Inkarnation des Abstrakten, wurde von jenen alten Herren (etwa Simmel) als der Feind des unmittelbaren, ganzheitlichen Lebensstroms angesehen, welcher gewaltsam in jene abstrakte Form der Gesellschaftlichkeit, die sich in Geld, Recht und Politik ausdr&#252;ckt, gepresst wird. Das Individuum als Schaffendes (zentral hier die Figur des K&#252;nstlers) erscheint als die Konkretion, der &#228;usserlich Zwang angetan wird, die unmittelbaren Interessen sind wahres Leben im Gegensatz zu den Zw&#228;ngen gesellschaftlicher Institutionen und rationalistischer Ideologie. Hat die Arbeiterbewegung dieses Motiv &#252;bernommen, indem sie den Werte sch&#246;pfenden Proleten zum Konkreten machte, die Abstraktion in den Austausch verlegte, so geht Bennholdt-Thommsen noch einen Schritt weiter: auch die Fabrikarbeit erscheint ihr bereits als zu &#246;ffentlich, nicht mehr als reine Unmittelbarkeit, da sie, obwohl Privatarbeit, bereits zu weit in den gesellschaftlichen Prozess einbezogen ist. Demgegen&#252;ber gelte es, die wahrhaft individuelle Arbeit zu betonen &#8211; Geb&#228;ren und Subsistenzproduktion.</p>
<p>In all diesen Formen der Geldkritik erscheint das Geld nicht als das, was es ist, als Ausdruck und Vermittlungsinstanz voneinander isolierter Privatproduzenten und ihrer bornierten Interessen, sondern, da es die Gesellschaftlichkeit der abstrakten Individuen, als negative, erst herstellt, als Gegensatz zu ihrer reinen Innerlichkeit. Die Kritik der Abstraktion (abstrakte Allgemeinheit) wird so zur Affirmation der Abstraktion (abstrakte Einzelheit), indem sie gerade jenes von seiner Gesellschaftlichkeit getrennte, und eben darum abstrakte Individuum auf den Thron hebt. Die Konsequenz bei Bennholdt-Thommsen und anderen Feministinnen l&#228;uft letztlich auf eine Degradation des Menschen bzw. der Frau zum Tier, zur &#8220;konkreten&#8221; Eingebundenheit in den Naturprozess hinaus. So kommt sie, und mit ihr ein ganzer Schwung sogenannter Feministinnen, zu einer Kritik des abstrakten, m&#228;nnlichen Subjekts, dem die Frau als Naturwesen entgegenstehen soll. Die Frau als der beste Freund des Menschen? Soweit geht es nun gerade nicht, denn schliesslich wird man sich wohl immer noch in die altbackene Vorstellung (Proudhon) eines unmittelbaren Produktenaustausches zwischen erdverbundenen B&#228;uerinnen retten k&#246;nnen. Wie dem auch sei, letztlich ist in all diesen kritischen Vorstellungen das Geld nicht aufgehoben, da es, ob es nun als Kaurimuschel oder als Sonderziehungsrecht erscheint, den Verkehr zwischen den isolierten Produzenten gew&#228;hrleisten muss. Der Wert ist immer die blinde, nicht &#252;berwundene Voraussetzung.</p>
<p>Auf Basis dieser Voraussetzung aber scheint Geld, obwohl es s&#228;mtliche Bereiche des Lebens durchzieht, weiterhin ein moralisch zweifelhaftes Medium geblieben zu sein, zwar hingenommene Grundlage, aber doch nicht ideologisches Banner, sodass man etwa sagen k&#246;nnte: &#8220;Ich bin f&#252;r Geld!&#8221; Im Gegenteil wird der schn&#246;de Mammon mehr und mehr als notwendiges &#220;bel betrachtet, w&#228;hrend die Herzen lautstark f&#252;r die Demokratie schlagen, die Verbindung zwischen Beiden ist mehr selbstverst&#228;ndliche als gewusste, und jene Selbstverst&#228;ndlichkeit teilen Marxisten und B&#252;rgerliche mit Freude, w&#228;hrend ihre scheinbare Differenz, jene magische Klassenfrage, mehr und mehr verschwimmt. Sicherlich bezeichnen aufrechte Sozialisten Geld immer noch erst dann als gutes Geld, wenn es zum Nutzen des Proletariats wirkt, sicherlich ist ihnen wahre Demokratie nur die der arbeitenden Massen. Doch sind diese einstmals so revolution&#228;ren Forderungen nicht bereits von der realen Entwicklung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft anerkannt, sind sich ihre Ideologen von Bl&#252;m bis Mandel und von Gorbatschow bis Kissinger nicht l&#228;ngst dar&#252;ber einig, dass die Arbeiter ein Menschrecht auf Geld und Demokratie besitzen?</p>
<p>Der verzweifelte Versuch der Marxisten, sich in diesem Zusammenhang als die Besseren und Konsequenteren darzustellen, lebt von einer &#220;berh&#246;hung des proletarischen Klassenstandpunkts zur transzendierenden Kraft. Das Arbeiterinteresse erscheint nicht als blosses banales Geldinteresse, das mit anderen Geldinteressen innerhalb dieser Form konkurriert, sondern als ontologischer Gegensatz zur abstrakten Verwertungslogik des Kapitals. Diesen Zusammenhang greifen <em>Robert Kurz und Ernst Lohoff</em> in dieser Ausgabe der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; auf. In ihrem Artikel &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch">Der Klassenkampffetisch</a>&#8221; verweisen sie das zentrale Ideologem des Marxismus auf seinen Platz unter den Denkformen der Wertvergesellschaftung. Der das Kapital vermeintlich sprengende Arbeitersozialismus wird dargestellt als das, was er ist &#8211; eine der Schrittmacherideologien des modernen Kapitalismus. Ein diesen &#252;berwindendes Subjekt kann nicht aus der Affirmation der Arbeiterkategorie, sondern nur aus der Krise, der Krise des Werts entstehen. Dem tradierten Klassenbegriff wird der noch n&#228;her auszuf&#252;hrende Begriff der &#8220;Antiklasse&#8221; gegen&#252;bergestellt.</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em> f&#252;hrt in seinem Artikel &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/die-wechseljahre-der-republik">Die Wechseljahre der Republik</a>&#8221; die vielgeschm&#228;hten &#8220;Republikaner&#8221; als nat&#252;rliche Kinder der westdeutschen Demokratie ein. Er zeigt auf, wie wenig die neuen rechtspopulistischen Str&#246;mungen mit dem historischen Faschismus gemein haben und versucht, die einschneidenden Ver&#228;nderungen, die sich in der bundesdeutschen Parteienlandschaft in den letzten eineinhalb Jahrzehnten vollzogen haben (insbesondere die Herausbildung der &#8220;Gr&#252;nen&#8221;), aus dem objektiven Ausbrennen der demokratischen Form selber abzuleiten.</p>
<p><em>Peter Klein</em> untersucht im Anschluss an seine Artikelserie in den &#8220;MKs&#8221; 3-6 noch einmal grunds&#228;tzlich den notwendigen Zusammenhang von Demokratie und Wertvergesellschaftung (<a href="http://www.krisis.org/1989/demokratie-und-sozialismus">Demokratie und Sozialismus</a>). Ausgangspunkt sind die Illusionen der Linken in Bezug auf die Kategorien des freien Willens und der Verf&#252;gungsmacht, die einen falschen Begriff des Privateigentums, das nicht als gesellschaftliches Verh&#228;ltnis verstanden wird, voraussetzen. Das demokratische Bewusstsein, als Moment der Wertvergesellschaftung, erweist sich als untauglich zu deren &#220;berwindung.</p>
<p><em>Johanna W.Stahlmann f&#252;r die Redaktion</em></p>
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		</item>
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		<title>Der Klassenkampf-Fetisch</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 7 (1989)]]></category>

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		<description><![CDATA[Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus</h3>
<p><em>Robert Kurz / Ernst Lohoff</em></p>
<p><em></em></p>
<h4>Erstes Kapitel</h4>
<p>Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. &#8220;Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenk&#228;mpfen&#8221;. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.</p>
<p><span id="more-286"></span>Aber der Schein tr&#252;gt. Das Marxsche Hauptwerk tr&#228;gt weder den Titel &#8220;die Klasse&#8221; noch beginnt es mit dieser Kategorie, sondern vielmehr mit derjenigen der Ware: &#8220;Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware&#8221;. Statt dessen endet das &#8220;Kapital&#8221; mit der systematischen Ableitung der Klassen, und auch dies blo&#223; der Absicht nach, denn der 3. Band ist bekanntlich Fragment geblieben. Schon diese Stellung verr&#228;t: Die Klassen sind also in der Marxschen Theorie letztlich eine sekund&#228;re, abgeleitete Kategorie. Der traditionelle Marxismus in all seinen Variationen aber hat dieses Verh&#228;ltnis in der Theorie auf den Kopf gestellt. Hier ist die Klasse der letzte Grund der Gesellschaft und nicht die Ware. Die Analyse der Warenform erscheint vielmehr als blo&#223; definitorisch und unkritisch herunterzuschnurrender Vorspann zur &#8220;eigentlichen&#8221; Theorie des Kapitals, die prim&#228;r als Theorie des Klassenkampfs verstanden wird.</p>
<p>Die auf diese Weise programmierte theoretisch-politische Mustererkennung ist sehr einfach. W&#228;hrend die b&#252;rgerliche Ideologie bem&#252;ht ist, &#252;ber eine Theorie der &#252;bergreifenden gesellschaftlichen Kategorien und Institutionen (Volkswirtschaft, Staat und Demokratie, Nation etc.) die identit&#228;re Gemeinsamkeit der Gesellschaftsmitglieder zu betonen und herauszuarbeiten, verweist der Marxismus demgegen&#252;ber beharrlich auf die &#8220;dahinterstehende&#8221; Klassenspaltung. Die staatliche, nationale usw. Identit&#228;t wird konterkariert durch die &#8220;klassenm&#228;&#223;ige&#8221; Nicht-Identit&#228;t. Die Warenform und die von ihr konstituierten gesellschaftlichen Sph&#228;ren, den Staat eingeschlossen, erscheinen demzufolge quasi als die gesellschaftliche Oberfl&#228;che, &#8220;hinter&#8221; der sich als das &#8220;Eigentliche&#8221; der Gesellschaft der Klassengegensatz &#8220;verbirgt&#8221;. Mit derselben erm&#252;denden Eint&#246;nigkeit, mit der die b&#252;rgerliche Theorie die Gemeinsamkeit der Gesellschaftsmitglieder beweist, beweist der Marxismus postwendend ihre Klassenspaltung als Nichtgemeinsamkeit. Dieser Marxismus bemerkt gar nicht, dass er mit einer solchen Diktion v&#246;llig an einer Kritik der Fundamentalkategorien des Kapitals vorbeizielt. Nicht Warenform, Geld und Staat als solche werden zum Gegenstand der Negation, sondern lediglich der gesellschaftliche Bezug darauf, der als klassenm&#228;&#223;ig bestimmter &#8220;entlarvt&#8221; wird. Indem Warenform, Geld und Staat zu quasi-ontologischen Hintergrund-Kategorien vernebelt werden, richtet sich die kritische Aufmerksamkeit haupts&#228;chlich auf den &#8220;Umgang&#8221; mit diesen Erscheinungen. Die zentralen, von der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie radikal angegriffenen Gegenst&#228;nde verkommen so zu Requisiten, deren sich die herrschende Klasse auf der Klassenkampfb&#252;hne gewohnheitsm&#228;&#223;ig bedient. Nichts f&#228;llt aber leichter als der Nachweis, dass die &#8220;Monopole&#8221; sich den Staat &#8220;untergeordnet&#8221; haben, dass die erarbeiteten &#8220;Werte&#8221; nicht den Arbeitenden zugute kommen, sondern &#8220;dem Kapital&#8221;, dass die Steuern f&#252;r die (u.a. kriegerischen) &#8220;Zwecke des Kapitals&#8221; ausgegeben werden und nicht oder unzureichend f&#252;r die Bed&#252;rfnisse der Massen, dass &#252;berhaupt die &#8220;Verwendung&#8221; des Geldes im allgemeinen den Interessen der &#8220;Kapitalistenklasse&#8221; folgt und nicht den Interessen der &#8220;Arbeiterklasse&#8221; usw.</p>
<p>In dieser herrschenden Interpretation der Marxschen Theorie ist letztlich die Kritik der politischen &#214;konomie durch einen affirmativen Vulg&#228;rsoziologismus ersetzt. Die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; erscheint nicht mehr als eine logische Realkategorie des Kapitals selbst, d.h. als Charaktermaske des variablen Kapitals, sondern als absolute Entit&#228;t der &#8220;Arbeit&#8221; in einem unhistorischen Sinne, die in der kapitalistischen Produktionsweise quasi &#8220;von au&#223;en&#8221; durch die Profit-Subjektivit&#228;t der feindlichen, mit dem &#8220;Willen zur Ausbeutung&#8221; begabten &#8220;Kapitalistenklasse&#8221; geknechtet wird. Die Kritik dieses kastrierten Marxismus richtet sich demzufolge nicht gegen das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis als solches, das ja die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; immer mit einschlie&#223;t, sondern blo&#223; gegen das subjektive &#8220;Interessen&#8221;-Handeln der &#8220;Kapitalisten&#8221;. Indem diese hilflose und begriffslose Theorie sich blo&#223; positiv und affirmativ auf die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; als das auserw&#228;hlte Volk Gottes bezieht und mit fliegenden Fahnen &#8220;Partei ergreift&#8221; im &#8220;Klassenkampf&#8221;, bemerkt sie gar nicht, dass sie sich ausschlie&#223;lich in der H&#252;lle des Kapitalverh&#228;ltnisses bewegt und sich einbildet, dieses Verh&#228;ltnis mit seinen eigenen Kategorien kritisieren und umw&#228;lzen zu k&#246;nnen. Der &#8220;Klassenkampf&#8221; in diesem Sinne ist aber nichts weiter als die subjektive Seite der &#8220;Selbstbewegung des Kapitals&#8221;, d.h. der Selbstverwertung des Werts in der Form eines bewusstlosen, den Individuen &#228;u&#223;erlichen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisses.</p>
<h4>Zweites Kapitel</h4>
<p>Die Subjektivit&#228;t, die in diesem traditionellen &#8220;Klassenkampf&#8221;-Modell und dessen realen historischen Verlaufsformen beschworen bzw. bek&#228;mpft wird, ist aber eine Schein-Subjektivit&#228;t, die auf beiden Seiten des Verh&#228;ltnisses im Fetischismus der Warenform befangen bleibt. Diese Willens-Subjektivit&#228;t ist nicht ihr eigener letzter Grund, weil ihre sozialen Tr&#228;ger, die &#8220;k&#228;mpfenden Klassen&#8221;, nicht der letzte Grund der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse sind, sondern vielmehr selber sekund&#228;re, abgeleitete Formen. Diese Subjektivit&#228;t ist also eine konstituierte, die ihren eigenen Konstitutionszusammenhang nicht wei&#223;, der v&#246;llig au&#223;erhalb ihres Blickfelds bleibt. Das auf dem Boden dieser unwahren, konstituierten Subjektivit&#228;t entwickelte Denken bleibt begriffslos gegen&#252;ber seiner eigenen Form, der die Warenform der gesellschaftlichen Reproduktion zugrunde liegt. Die blo&#223;e Beschw&#246;rung der &#8220;Klassenm&#228;&#223;igkeit&#8221; aller gesellschaftlichen Erscheinungen ber&#252;hrt das zentrale Wesensproblem des Konstitutionszusammenhangs der Klassen selber &#252;berhaupt nicht. Die b&#252;rgerlichen Identit&#228;ts-Kategorien wie Nation, Staat etc. k&#246;nnen gerade deswegen nicht als solche radikal kritisiert werden, weil sie demselben ausgeblendeten Konstituierungszusammenhang wie die unvermittelt als Ausgangspunkt genommenen Klassen und deren Gegensatz angeh&#246;ren. Die Aufhebung der b&#252;rgerlichen Gesellschaftskategorien kann nicht gedacht werden, weil die Aufhebung warenf&#246;rmiger und damit geldf&#246;rmiger Beziehungen nicht gedacht werden kann, sondern die Kritik in der empirisch-soziologischen Bestimmung der &#8220;Klassenm&#228;&#223;igkeit&#8221; stecken bleibt.</p>
<p>Mit dem Verh&#228;ltnis von Warenform und Klassen wird so auch der Marxsche Begriff des gesellschaftlichen Fetischismus auf den Kopf gestellt. W&#228;hrend im Ansatz der Marxschen Theorie die subjektiv bewussten Sozial- und Konkurrenz-Handlungen der kapitalistischen Oberfl&#228;che, also letztlich auch der &#8220;Klassenkampf&#8221;, als falsche und scheinbar selbstverst&#228;ndliche Unmittelbarkeit in Wirklichkeit durch den zugrundeliegenden Waren-Fetischismus konstituiert sind, versteht der traditionelle Arbeiterbewegungs-Marxismus diesen Zusammenhang gerade andersherum. Die blo&#223; &#8220;scheinbare&#8221; Gleichheit und Freiheit des Waren-Tausches soll als Fetisch die &#8220;verborgene&#8221; Ungleichheit und Unfreiheit des &#8220;dahinterstehenden&#8221; Klassengegensatzes verschleiern. Paul Mattick etwa plaudert diese f&#252;r das landl&#228;ufige Marxverst&#228;ndnis typische Verkehrung mit naivem Selbstbewusstsein aus. Er erkl&#228;rt ganz offen:</p>
<p><a name="F1"></a>&#8220;Bei Marx handelt es sich um den die heutige Gesellschaft beherrschenden und auf Ausbeutung beruhenden Klassengegensatz von Arbeit und Kapital, der sich durch die Marktbeziehung in &#246;konomischen Kategorien darstellt und in diesen fetischistischen Formen ins Bewusstsein r&#252;ckt.&#8221;<a href="#FN1">1</a></p>
<p>Der Begriff des Warenfetischismus erscheint hier im Gegensatz zu Marx auf die Zirkulationssph&#228;re verk&#252;rzt, auf den &#8220;Austausch&#8221; von &#196;quivalenten des &#8220;Werts&#8221;. Das Verh&#228;ltnis von Wesen und Erscheinung wird damit umgekehrt, die Klassen bzw. der Klassenkampf zur Wesenskategorie und die Warenform zur (Oberfl&#228;chen-) Erscheinung erkl&#228;rt. Diese eingefleischte Auffassung widerspricht schon der simpelsten empirischen Evidenz. Der Klassengegensatz, auch wenn er nicht als aufhebbar gedacht werden kann, ist in vielf&#228;ltigen Formen im empirischen Alltag allgegenw&#228;rtig, angefangen vom unmittelbaren Arbeitsprozess bis hin zu den vermittelten Formen der Sozialverwaltung usw. Dieser Gegensatz ist in seinem kruden empirischen Dasein durchaus begriffen und bewegt sich in den sozialen Handlungen und Organisationsformen der Subjekte; nicht begriffen und v&#246;llig au&#223;erhalb jedes bewussten Handlungs-Zugriffs hingegen bleibt das Geh&#228;use der Warenform selber als der blind vorausgesetzten gesellschaftlichen Reproduktionsform, die den empirischen Klassengegensatz der modernen Gesellschaft erst erzeugt hat und in deren H&#252;lle er sich empirisch- historisch bewegt.</p>
<p>Die Warenform selber ist das eigentlich &#8220;Verborgene&#8221;, Zugrundeliegende, Unbegriffene; was durch die Freiheit und Gleichheit des &#196;quivalenten-Tausches in der Zirkulation verdeckt und verschleiert wird, ist nicht der in Wahrheit empirisch offenliegende Klassengegensatz, sondern der Fetischismus der Warenform im produktiven Kern des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses selbst. Der Warenfetischismus besteht in der Fetischisierung der gesellschaftlichen Arbeit selber zum &#8220;Wert&#8221;, zur scheinbaren Produkt-Eigenschaft. Die wirkliche Nicht-Identit&#228;t der Gesellschaftsmitglieder ist ihr Dasein als Warenproduzenten &#252;berhaupt, d.h. das Auseinanderfallen von konkretem Arbeitsprozess und an sich realer, aber bewusstloser Gesellschaftlichkeit der Arbeit. Die Gesellschaftlichkeit der Arbeit existiert so au&#223;erhalb der menschlichen Arbeits-Subjekte als Beziehung der Produkte aufeinander; diese negative, dingliche Form der Gesellschaftlichkeit kommt in der Zirkulation, im Warenaustausch, zur Erscheinung, sie hat ihre Grundlage jedoch in der Form des Arbeitsprozesses selbst als Dasein der abstrakten Arbeit: der kapitalistische Arbeitsprozess ist wesenslogisch nicht Produktion von Gebrauchsg&#252;tern, die &#8220;danach&#8221; ausgetauscht werden, sondern vielmehr abstrakter Verausgabungsprozess menschlicher Arbeitskraft um seiner selbst willen. Die produzierten Gebrauchswerte sind demzufolge nur Erscheinungsform von &#8220;Wert&#8221;, nicht umgekehrt, weil die konkret-stoffliche Arbeit blo&#223; Erscheinungsform von abstrakt-gesellschaftlicher Arbeit ist. Diese Verallgemeinerung des Warenfetischs zur gesellschaftlichen Reproduktionsform oder Totalit&#228;t und damit die vollst&#228;ndige Subsumtion der produktiven Grundlage der gesellschaftlichen Arbeit unter den Fetischismus ist nur m&#246;glich durch die Warenform der menschlichen Arbeitskraft selbst. Der Warenfetisch verschleiert also nicht etwa den &#8220;eigentlichen&#8221; Klassengegensatz, sondern er konstituiert diesen erst. Die Warenform und der in ihren produktiven Kern eingeschlossene Fetischismus sind die wirklichen Wesenskategorien des Kapitalverh&#228;ltnisses, Klassen und Klassenkampf hingegen die Oberfl&#228;chenerscheinungen dieses Wesens. Kapital und Arbeit sind identisch als die sozialen Daseinsformen des Warenfetischismus, der auf der Nicht-Identit&#228;t der menschlichen Subjekte &#252;berhaupt mit der Gesellschaftlichkeit ihrer eigenen Arbeit beruht. Der herk&#246;mmliche &#8220;Klassenkampf&#8221; beinhaltet also nicht das Durchschauen des Fetischismus und die Befreiung davon, sondern er ist im Gegenteil die Bewegungsform des Fetischismus selbst, die wiederum identisch ist mit der Selbstbewegung des Kapitals; denn nur als Verwertung des Werts kann der Warenfetisch zur gesellschaftlichen Totalit&#228;t aufsteigen.</p>
<h4>Drittes Kapitel</h4>
<p>Die zentrale Subjekt-Kategorie des fetischistischen Vergesellschaftungsprozesses der Warenform ist die des Interesses, in der soziologischen Wahrnehmung des traditionellen Marxismus definiert als das Klasseninteresse. Wie es f&#252;r einen scheinbar radikalen Standpunkt gegen die kapitalistische Produktionsweise in dieser verk&#252;rzten Diktion ausreicht, sich &#8220;auf den Standpunkt der Arbeiterklasse&#8221; zu stellen und also &#8220;klassenm&#228;&#223;ig&#8221; zu denken und zu handeln, so scheint dieses Denken und Handeln seinen Inhalt vom &#8220;Klasseninteresse des Proletariats&#8221; zu beziehen. Die Erhebung dieses &#8220;Klasseninteresses&#8221; zur schein-transzendenten, scheinrevolution&#228;ren Kategorie kann dadurch vorget&#228;uscht werden, dass die &#8220;Arbeit&#8221; nicht von ihrer wirklichen warenfetischistisch-kapitalistischen Formbestimmtheit her begriffen wird, sondern als &#252;berhistorische Entit&#228;t des Stoffwechselprozesses mit der Natur. Die Marxsche Kategorie der &#8220;abstrakten Arbeit&#8221; verschwindet ganz oder wird einseitig dem &#8220;Klasseninteresse des Kapitals&#8221; zugeschlagen, w&#228;hrend die Arbeiterklasse ebenso einseitig auf der Seite der konkreten Arbeit erscheint. In der Diktion des traditionellen Marxismus findet hier eine doppelte Verwechslung und Vertauschung statt: einerseits wird die gesellschaftliche Abstraktion des &#8220;Werts&#8221; nicht etwa kritisiert, sondern positiv affirmiert in der dithyrambischen Feier der Arbeiterklasse als der &#8220;Sch&#246;pferin aller Werte&#8221;, damit aber (konkretes) Mehrprodukt und (abstrakter) Mehrwert begriffslos vermischt und so der tats&#228;chliche &#8220;unvers&#246;hnliche&#8221; Gegensatz von Gebrauchswert (konkrete N&#252;tzlichkeit) und &#8220;Wert&#8221; der gesellschaftlichen Arbeit und ihrer Produkte ebenso begriffslos vers&#246;hnt; andererseits aber wird das diffuse Unbehagen an den negativen Seiten der warenf&#246;rmigen Abstraktion empiristisch auf das manifeste &#8220;Profitinteresse&#8221; des &#8220;Kapitals&#8221; zur&#252;ckgef&#252;hrt und das &#8220;Arbeiterinteresse&#8221; als das ontologische, &#8220;lebensweltliche&#8221; Interesse des quasi-&#8221;nat&#252;rlichen&#8221; Produzenten aus dem unbegriffenen Abstraktions-Zusammenhang der fetischistischen Verwertung des Werts klammheimlich herausgenommen. Das &#8220;Klasseninteresse des Proletariats&#8221;, wiewohl verr&#228;terisch immer und unvermeidlich in der Wert- und damit Geldform geltend gemacht, erh&#228;lt so den (freilich nie exakt hergeleiteten) Geruch eines unmittelbaren &#8220;Gebrauchswertinteresses&#8221; bzw. auf der Seite des &#8220;proletarischen Klasseninteresses&#8221; erscheint der Gegensatz von Wert und Gebrauchswert als ausgel&#246;scht oder unwesentlich.</p>
<p>In dieser Fassung des &#8220;Arbeiterinteresses&#8221; als &#8220;Gebrauchswertinteresse&#8221;, soweit es &#252;berhaupt polit&#246;konomisch begr&#252;ndet ist, erscheint wieder die Zirkulations-Bornierung des traditionellen Marxismus, indem der Verwertungsprozess ausschlie&#223;lich in das subjektiv-empirische &#8220;Klasseninteresse&#8221; verlegt wird (wom&#246;glich als subjektive Pseudo-Eigenschaft namens &#8220;Profitgier&#8221;), w&#228;hrend das &#8220;Klasseninteresse des Proletariats&#8221; im Austausch der Ware Arbeitskraft gegen die Geld-Lohnform der Konsumtionsmittel quasi der Form eines &#8220;einfachen&#8221; Warenaustauschs zugeschlagen erscheint. Die Selbstbewegung des Geldes als Verwertung des Werts, d.h. die kapitalistische Warenproduktion, in der die Zirkulation nicht etwa die Sph&#228;re der Vermittlung von Gebrauchswerten ist, sondern in Wahrheit die blo&#223;e Realisierungs-Sph&#228;re des Mehrwerts, erscheint so einseitig als der Zirkulationsprozess des Kapitals, w&#228;hrend das &#8220;Arbeiterinteresse&#8221; quasi auf die Form einer &#8220;einfachen&#8221; Zirkulation bezogen erscheint und der Lohnarbeiter also in der Position eines &#8220;einfachen&#8221; Warenproduzenten, f&#252;r den der Warentausch tats&#228;chlich nur der Gebrauchswertvermittlung dient. Hier wird die begriffliche Vernebelung der Warenform noch deutlicher: Nicht die Wert-Kategorie als solche wird in diesem Verst&#228;ndnis angegriffen, sondern blo&#223; das scheinbar subjektive &#8220;Mehrwert&#8221;-Interesse des Kapitalisten (das gleichzeitig mit der Mehrprodukt-Aneignung vorkapitalistischer Produktionsweisen f&#228;lschlich identifiziert wird), w&#228;hrend auf der anderen Seite die Kategorien des Lohnarbeiters, des &#8220;einfachen&#8221; Warenproduzenten und der Gebrauchswert-Produktion zu einer einzigen pseudo-nat&#252;rlichen und ontologischen Kategorie amalgamiert werden, die nur positiv und dem &#8220;Kapitalinteresse&#8221; &#228;u&#223;erlich als das Dasein und der Standpunkt der ewigen menschlichen Arbeit schlechthin erscheint.</p>
<p>Dieses verk&#252;rzte &#8220;marxistische&#8221; Denken verkennt v&#246;llig, dass es nur eine einzige Zirkulation gibt, n&#228;mlich die des Kapitals, in die das &#8220;Arbeiterinteresse&#8221; und der Tausch der Ware Arbeitskraft vollst&#228;ndig involviert sind. Diese Ware Arbeitskraft unterscheidet sich fundamental von allen anderen Waren und kann keineswegs einem &#8220;einfachen&#8221; Zirkulationsprozess auf der Seite des Arbeiters zugeschlagen werden. Der Arbeiter produziert seine Arbeitskraft nicht unmittelbar als stofflichen Gebrauchswert wie der B&#228;cker seine Br&#246;tchen, sondern die Produktion dieser seiner &#8220;Ware&#8221; ist selbst schon durch abstrakte Arbeit negativ gesellschaftlich vermittelt und erlischt nicht im Gebrauchswert als konkretem, sondern in der Wert-Abstraktion selbst als Gebrauchswert f&#252;r das Kapital, mehr Wert als ihre Reproduktionskosten zu produzieren. Das Kapital-Interesse und das Arbeiter-Interesse sind also bereits von vornherein innerhalb der abstrakten Form miteinander verschr&#228;nkt und k&#246;nnen nicht als &#8220;abstraktes&#8221; Wert-Interesse auf der Seite des Kapitals und als &#8220;konkretes&#8221; Gebrauchswert-Interesse auf der Seite des Arbeiters auseinanderdividiert werden. Die unmittelbare Produktion der Ware Arbeitskraft geschieht teils &#252;berhaupt au&#223;erhalb des Wert-Gebrauchswert-Gegensatzes der Warenform (Naturvorgang der Zeugung und Geburt einerseits, Hausarbeit andererseits), teils ist sie ganz unabh&#228;ngig von der T&#228;tigkeit des Arbeiters oder seiner Familie wertf&#246;rmig indirekt vermittelt durch den Staat (Schule usw.); gleichzeitig ist diese &#8220;Ware&#8221; mit ihrer urspr&#252;nglichen Produktion nicht ein f&#252;r allemal produziert und verkauft, sondern muss st&#228;ndig neu reproduziert und neu verkauft werden. Diese Reproduktion aber geschieht eben unmittelbar zun&#228;chst einmal &#252;ber die Geldform des Lohns, worin sich die Verkehrung von Abstraktem und Konkretem auch auf der Seite des Arbeiters ausdr&#252;ckt; denn indem in Gestalt des Lohns auch f&#252;r ihn das Geld als die Inkarnation der abstrakten Arbeit der wirkliche Ausgangspunkt seiner Reproduktion ist, und nicht die vorg&#228;ngige Produktion eines stofflichen Gebrauchswerts, bleibt die scheinbar einfache W-G-W-Bewegung f&#252;r ihn eine blo&#223; formelle, deren wirklicher stofflich-gesellschaftlicher Inhalt nichts, aber auch gar nichts mit der blo&#223;en Gebrauchswert-Vermittlung einer &#8220;einfachen&#8221; Warenproduktion zu tun hat. Der Arbeiter ist ein genauso abstraktes Geld-Subjekt wie der Kapitalist, aber eben auf der anderen Seite der negativ-polaren gesellschaftlichen Beziehung. Die blo&#223;e Konsequenz seiner Interessen-Verfolgung f&#252;hrt daher nie und nimmer aus der Wertabstraktion heraus zu einem unmittelbaren Gebrauchswert-Interesse, sondern bleibt notwendig in der Warenform, d.h. im Kapitalverh&#228;ltnis befangen.</p>
<h4>Viertes Kapitel</h4>
<p>Es geh&#246;rt zur fetischistischen Mythologie des traditionellen Marxismus, die &#8220;Klasseninteressen&#8221; in der vorgefundenen Form f&#252;r &#8220;unvers&#246;hnlich&#8221; zu erkl&#228;ren, ohne zu bemerken, dass sie gerade durch diese Form, die Warenform n&#228;mlich, zu einer Identit&#228;t zusammengeschlossen werden, die den erscheinenden und von der b&#252;rgerlichen Ideologie angerufenen Identit&#228;ten wie Staat und Nation etc. noch vorgelagert ist und diese erst konstituiert. Innerhalb der Warenform ist das &#8220;Klasseninteresse des Proletariats&#8221; ein ganz gew&#246;hnliches, stinknormales Konkurrenzinteresse, das zwar einen Gegensatz zu anderen Konkurrenz-Interessen stiftet, aber als solches keineswegs einen &#8220;unvers&#246;hnlichen&#8221;.</p>
<p>Bevor noch die Gegens&#228;tze der konkurrierenden Individuen und sozialen Charaktere (&#8220;Charaktermasken&#8221;) in Kraft treten und vollzogen werden k&#246;nnen, sind diese Individuen und Charaktere immer schon in die zugrundeliegende abstrakt-allgemeine Identit&#228;t und gesellschaftliche Gemeinsamkeit der Warenform eingebunden, die sie in einer einzigen gesellschaftlichen Totalit&#228;t, der Selbstbewegung des Werts n&#228;mlich, zu einem Ganzen gesellschaftlicher Reproduktion zwanghaft aneinanderkettet. Erst innerhalb dieser abstrakt-allgemeinen gemeinsamen Identit&#228;t unterscheiden sich die Individuen und sozialen Charaktere voneinander, je nachdem, welchen Platz und welche Funktion sie in der warenproduzierenden Gesellschaft einnehmen bzw. welcher Natur ihre jeweilige Ware ist. Daraus ergeben sich in der H&#252;lle der Warenform unterschiedliche und gegens&#228;tzliche Interessen. Solange jedoch die Warenform selber nicht radikal kritisiert wird, muss sich der &#8220;Klassengegensatz&#8221; in dieser Form objektiv notwendig in die allgemeine Logik der Konkurrenz und ihrer Formen einordnen, ohne dass dadurch ein besonderer Gegensatz &#252;ber die anderen Ebenen der Konkurrenz hinaus gestiftet w&#252;rde. Dieser falsche Schein konnte nur entstehen, solange die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; innerhalb der b&#252;rgerlichen Gesellschaft noch nicht als offizielles Konkurrenzsubjekt anerkannt war, solange sie also noch gegen den halbfeudalen Staat und/oder gegen m&#228;chtige Einzelkapitale ihre &#8220;Koalitionsfreiheit&#8221;, &#252;berhaupt ihre &#8220;Rechte&#8221; als warenf&#246;rmiges soziales Subjekt geltend machen und durchsetzen musste.</p>
<p>Wenn die alte Arbeiterbewegung ein explizit sozialistisches Pathos entwickelt hat und aus ihm ihre ideologische Durchschlagskraft sch&#246;pfte, so beruht dieser antikapitalistische &#220;berschuss auf einem grunds&#228;tzlichen Quidproquo. Sie erkl&#228;rte gerade die st&#228;ndischen Eierschalen, die ihrem zeitgen&#246;ssischen Kapitalismus noch anhafteten, mit dem sie sich empirisch nun einmal auseinandersetzen musste, zu unaufhebbaren Wesensmerkmalen dieser Gesellschaftsformation. W&#228;hrend realiter die gleichberechtigte Anerkennung des &#8220;Arbeiterinteresses&#8221; identisch mit der vollen Ausbildung der Wertvergesellschaftung ist, setzte die alte Arbeiterbewegung daher f&#228;lschlicherweise die Emanzipation der Arbeiterklasse als Arbeiterklasse mit dem Ende der b&#252;rgerlichen Form in eins. Der traditionelle Marxismus hielt die Exterritorialit&#228;t der Arbeiterschaft, ihren Ausschluss aus der Welt der freien und gleichen Warenbesitzer, der sich aus vorkapitalistischen Verh&#228;ltnissen in die b&#252;rgerliche Gesellschaft des beginnenden Jahrhunderts noch hin&#252;bergerettet hatte, f&#252;r ein spezifisches Charakteristikum jeder b&#252;rgerlichen Gesellschaft. Er kam zu dieser Einsch&#228;tzung, weil er die eigene Gegenwart nicht vom Standpunkt der allgemeinen Logik des Kapitals beurteilte, sondern statt dessen unter Gesichtspunkten deutete, die selber noch von st&#228;ndischen Modellen hergeleitet waren. Der dabei transportierte Klassenbegriff nahm eine eindeutig vorkapitalistische F&#228;rbung an. Der Kontrast zu der verflossenen organischen Einheit von Arbeitsmittel und Arbeitskraft tr&#252;bte den Blick f&#252;r die neue, sich erst herausbildende Konstellation und lie&#223; den Arbeiter als erweiterte und verallgemeinerte Fortsetzung der vorkapitalistischen landlosen Armut erscheinen. Der traditionelle Marxismus nimmt den Arbeiter nicht als Warenbesitzer neben anderen, sondern sieht ihn innerhalb der b&#252;rgerlichen Gesellschaft rein negativ bestimmt und zum eigentumslosen outlaw degradiert, der allen Besitzenden unterschiedslos gegen&#252;bersteht. Die noch in ihrer Herausbildung begriffene Arbeiterklasse verstand sich selbst der klassisch-marxistischen Kurzdefinition gem&#228;&#223; rein negativ, als die ber&#252;chtigte Klasse der &#8220;Nichtbesitzer von Produktionsmitteln&#8221;, und wurde von der empirischen Bourgeoisie ihrer Zeit auch als solche unterst&#228;ndische Masse gesehen. Der Klassengegensatz erscheint nicht als das, was er dem Begriff des Kapitals nach nur sein kann, als wertimmanenter Konkurrenzgegensatz verschiedener Warenbesitzerkategorien, sondern beansprucht einen weit fundamentaleren Stellenwert und wird zum allgemeinen Widerspruch von Besitz und Nichtbesitz, von Produktion des gesellschaftlichen Reichtums und dessen parasit&#228;rer Aneignung hochstilisiert. Nur unter diesem, vom vorkapitalistischen Widerspruch von Arm und Reich bestimmten Blickwinkel, kann die Arbeiterklasse den Anspruch erheben, per se als grundlegend andere, immer schon transb&#252;rgerliche Entit&#228;t zu gelten.</p>
<p>Die historische Entwicklung strafte das antib&#252;rgerliche Selbstverst&#228;ndnis der alten Arbeiterbewegung mit un&#252;bersehbarer Evidenz L&#252;gen. Ihre praktischen, historischen Erfolge erwiesen handgreiflich, wie unzureichend diese Selbsteinsch&#228;tzung immer schon gewesen war, und h&#246;hlten sie gr&#252;ndlich aus. Indem die Arbeiterklasse ihrem wirklichen Beruf einer erst vollen Durchsetzung der &#8220;freien&#8221; Lohnarbeit und damit der totalen Warenproduktion nachkam, konstituierte sie einerseits das halbst&#228;ndische Arbeitermilieu endlich zur modernen Klasse, arbeitete aber andererseits den profanen Geldkern des &#8220;Arbeiterinteresses&#8221; heraus und zerst&#246;rte damit dessen transzendenten Schein. Im selben Masse, wie die Arbeiterklasse wirklich zu Klasse wird, und alle st&#228;ndischen &#220;berbleibsel an ihr verdampfen, verblasst der Klassenstandpunkt. Er wandert aus dem Zentrum des Sonnensystems auf die Erde und wird banal. Er taugt offensichtlich nicht l&#228;nger zur allgemeinen Sinnstiftung und Welterkl&#228;rung. Dieser Endzustand des positiven &#8220;Klassenbewusstseins&#8221; entspringt nicht der Niederlage der sich affirmierenden Arbeiterklasse, wie es sich die entt&#228;uschten Liebhaber des verblichenen &#8220;sozialistischen Ideals&#8221; gerne einreden, sie hat vielmehr deren Endsieg zur Quelle. Der reale gesellschaftliche Prozess, der unter der Bezeichnung einer &#8220;Integration der Arbeiterklasse&#8221; als vermeintliche &#8220;Abkehr&#8221; von positivem &#8220;Klassenbewusstsein&#8221;, &#8220;Klasseninteressen&#8221; und &#8220;Klassenkampf&#8221; etc. erscheint, ist in Wirklichkeit deren unvermeidliches Resultat. Am Ende des &#8220;Klassenkampfs&#8221; des Proletariats als dessen Selbstaffirmation in der Warenform der Arbeitskraft kann nur seine endg&#252;ltige Entpuppung als &#8220;reines&#8221; Dasein des variablen Kapitals stehen.</p>
<p>In der allseitigen Konkurrenz der warenf&#246;rmigen Subjekte, wie sie erst mit der fordistischen Voll-Vergesellschaftung nach dem Zweiten Weltkrieg als totale und weltweite Verkehrsform endg&#252;ltig und unter Zerst&#246;rung der letzten vor- bzw. nichtkapitalistischen Reproduktionsformen und -Sektoren herausgebildet wurde, verliert das &#8220;Klasseninteresse&#8221; seine privilegierte Konfliktposition. Einerseits zwingt die nationale ebenso wie die Weltmarkt-Konkurrenz die konkurrierenden Sozialcharaktere &#8220;Lohnarbeit&#8221; und &#8220;Kapital&#8221; auf einer anderen Ebene gleichzeitig in eine unmittelbare Interessen-Identit&#228;t hinein. In ganz allgemeiner Form war dieses Ph&#228;nomen auch schon relativ fr&#252;hzeitig in der alten Arbeiterbewegung wirksam, etwa in deren &#8220;nationaler&#8221; Integration gegen andere (konkurrierende) Nationen. Auf der heute erreichten Stufe einer fast total gewordenen Weltmarkt-Vergesellschaftung ist dieses Moment der Interessen-Identit&#228;t jedoch noch viel durchschlagender und vielf&#228;ltiger geworden. Es handelt sich hier keineswegs blo&#223; um &#8220;Ideologie&#8221; im Sinne eines &#8220;falschen Bewusstseins&#8221; bzw. gar im Sinne einer vermeintlichen &#8220;manipulierten&#8221; Abkehr vom &#8220;wahren&#8221; eigenen Interesse. Die empirischen Subjekte sind hier viel &#8220;materialistischer&#8221; (in einem affirmativen, zynischen, eben warenf&#246;rmig konstituierten Bezug) als die &#8220;humanistischen&#8221; Idealisten des Altmarxismus verschiedenster Couleur. Sie wissen sehr wohl, dass sie in einem objektiven &#8220;Interessengegensatz&#8221; zum &#8220;Kapital&#8221; stehen, vielleicht besser und abgekl&#228;rter als ihre arbeiterbewegten Vorfahren, aber sie wissen ebenso, dass dieser Gegensatz seine Schranke findet in der Interessen-Identit&#228;t auf einer anderen Ebene der allseitigen Konkurrenz. Die eigenen Forderungen m&#252;ssen sich den &#8220;Gesetzen der Warenproduktion&#8221; beugen, auch wenn deren wissenschaftlicher Begriff nicht gewusst ist, ihre Objektivit&#228;t sich jedoch empirisch aus dem Erfahrungszusammenhang der totalen Warengesellschaft allt&#228;glich aufdr&#228;ngt. Die Lohnarbeiter von Siemens, Daimler, MBB oder der Atomindustrie usw. &#8220;vertreten&#8221; durchaus ihr Lohn- und Arbeitsplatz-&#8221;Interesse&#8221; gegen &#8220;ihr&#8221; jeweiliges Kapital, treten f&#252;r bessere Arbeitsbedingungen ein usw., aber sie m&#252;ssen notwendig als warenf&#246;rmige Interessen-Subjekte gleichzeitig f&#252;r den Weltmarkterfolg von Siemens oder Daimler gegen die japanische Weltmarkt-Konkurrenz eintreten oder um ihrer &#8220;Arbeitspl&#228;tze&#8221; willen die Lobby der Atomindustrie etwa gegen Umweltsch&#252;tzer und Atomkraftgegner unterst&#252;tzen (wie es auch die Betriebsr&#228;te der Kraftwerksindustrie ganz konsequent tun). Die Lohnarbeiter wissen l&#228;ngst, dass die Konkurrenz der warenf&#246;rmigen Interessen nicht so eindimensional ist, wie es der traditionelle Marxismus glauben m&#246;chte. Und deswegen wissen sie auch, wann sie zu schlechte Karten und ausgereizt haben, etwa bei den Stillegungen der Stahlindustrie. Die &#8220;Gesetze der Warenproduktion&#8221;, die als Vollstreckung der Weltmarkt-Konkurrenz in Erscheinung treten, werden letzten Endes notgedrungen hingenommen, weil keinerlei gesellschaftliche Alternative dazu sichtbar ist. Nicht die abgekl&#228;rten, ihre Konkurrenz-Interessen auf allen Ebenen wahrnehmenden und &#8220;realistischen&#8221; Lohnarbeiter sind die historischen Idioten, sondern die selber durch und durch im Warenfetisch befangenen Linken und Marxisten, die den ordin&#228;ren Konkurrenz-Interessen der Ware Arbeitskraft eine &#8220;Unvers&#246;hnlichkeit&#8221; gegen &#8220;das Kapital&#8221; andichten wollen und die von Kapital und Staat ebenso n&#252;chtern und zynisch pr&#228;sentierten h&#246;chst realen Sachzw&#228;nge, die &#8220;Zwangsgesetzlichkeit der Konkurrenz&#8221; (Marx), schlicht wegleugnen und wegmoralisieren bzw. in die &#8220;Profit&#8221;-Subjektivit&#228;t &#8220;der Kapitalisten&#8221; verlagern m&#246;chten. Jeder Versuch, die Lohnarbeiter innerhalb der nicht explizit als solche angegriffenen Warenform zu einer &#8220;konsequenten&#8221;, &#8220;unvers&#246;hnlichen&#8221;, &#8220;r&#252;cksichtslosen&#8221; usw. Interessenverfolgung gegen &#8220;das Kapital&#8221; anzustacheln, muss sich als unwahr und aussichtslos blamieren. Die Inkonsequenz des Interesses liegt in ihm selber, in seiner Form, die immer eine reale Identit&#228;t von Interessengegensatz und Interessengleichheit auf verschiedenen Ebenen stiftet. Die Lohnarbeiter als Lohnarbeiter k&#246;nnen &#252;berhaupt kein absolut unvers&#246;hnliches Interesse gegen das Kapital als Kapital besitzen, weil sie selber Moment und Bestandteil des Kapitals sind. Der Marxsche Satz, dass die Idee sich immer blamiert, sofern sie vom Interesse verschieden war, beweist sich hier auf &#252;berraschende Weise an den Marxisten selbst, deren Denken nicht &#252;ber den Warenfetisch hinauskommt. Es f&#252;hrt kein Weg vom warenf&#246;rmig konstituierten Interessenkampf zur Aufhebung des gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisses selber, das diese Interessen auf allen Ebenen erst konstituiert.</p>
<p>Andererseits aber bricht sich das Lohnarbeiter-Interesse nicht nur an der Interessen-Identit&#228;t mit dem Kapital auf einer anderen Ebene der Konkurrenz, sondern die Allseitigkeit der Konkurrenz zwingt gleichzeitig zum Konkurrenzkampf nicht nur unter den &#8220;Kapitalisten&#8221;, sondern auch unter den Lohnarbeitern selber. Im Interessenkampf um Arbeitspl&#228;tze, Arbeitsbedingungen, Lohnquoten, Status, Qualifizierung usw. stehen sich nicht nur Lohnarbeiter und Kapital, sondern immer gleichzeitig auch die einzelnen Arbeiter untereinander, Facharbeiter und Un- oder Angelernte, Kern- und Randbelegschaften, Vollzeit- und Teilzeitarbeiter, Besch&#228;ftigte und Arbeitslose, m&#228;nnliche und weibliche Lohnarbeiter usw. gegen&#252;ber. Die Interessengegens&#228;tze und -Identit&#228;ten auf dieser Ebene sind nicht weniger real als diejenigen zwischen Kapital und Arbeit, dieselben Gegens&#228;tze und Identit&#228;ten zwischen den verschiedenen Branchen, Nationen, Blocks usw. Die Vielschichtigkeit und Allseitigkeit der Konkurrenz treibt in ihrem totalen, weltweiten Dasein ein ungeheures Kraftfeld widerstreitender und identischer Interessen hervor, dessen Resultante und konkrete Verlaufsform nicht wirklich vom warenf&#246;rmig konstituierten &#8220;Klassengegensatz&#8221; als lediglich einer von vielen Kr&#228;ften &#252;bergriffen und dauerhaft dominiert werden kann. Die altmarxistische Behauptung, dass allein das &#8220;Klasseninteresse&#8221; real sei, alle anderen Interessenlagen der Konkurrenz aber dem Arbeiter in letzter Instanz fremd w&#228;ren, er &#8220;nichts davon h&#228;tte&#8221; oder diese mit dem Klasseninteresse divergierenden Konkurrenz-Interessen gar blo&#223; Ideologie, &#8220;Bestechung&#8221; usw. w&#228;ren, h&#228;lt so gut wie keiner konkreten Einzelfall- oder Situationsanalyse stand und wurde auch l&#228;ngst historisch L&#252;gen gestraft. Weder auf der Ebene des Trade-Unionismus noch auf der Ebene der &#8220;proletarischen Partei&#8221; konnte die Involvierung der Lohnarbeiter in die divergierende Allseitigkeit der Konkurrenz-Interessen jemals wirklich aufgehoben werden. Diese Involvierung ist mit der Warenform als solcher mit Naturnotwendigkeit gesetzt; alle Versuche des verk&#252;rzten Marxismus, innerhalb dieser unbegriffenen, als quasi-ontologisch hingenommenen Form einen &#8220;reinen&#8221;, totalen, von den anderen Ebenen der Konkurrenz abgekoppelten &#8220;Klassengegensatz&#8221; zu mobilisieren, mussten letztlich in der blo&#223; noch moralischen Beschw&#246;rung eines quasi altruistisch verkl&#228;rten &#8220;Klassenbewusstseins&#8221; verenden und kl&#228;glich scheitern.</p>
<h4>F&#252;nftes Kapitel</h4>
<p>Es ist also klar, dass die warenf&#246;rmig konstituierten Interessen nicht dem &#8220;freien Willen&#8221; der voraussetzungslos gedachten Subjekte entspringen, sondern umgekehrt diese Subjekte und ihre Willenshandlungen immer schon von ihnen objektiv vorgegebenen Interessen und deren undurchschauter, blind-gesetzm&#228;&#223;iger gesellschaftlicher Grundlage pr&#228;formiert sind. Dies wirft allerdings ein eigent&#252;mliches Licht auch auf jene Standard-Begrifflichkeit des Marxismus, die den revolution&#228;ren Bewusstwerdungs-Prozess angelegt sieht im &#220;bergang von der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse f&#252;r sich&#8221;. Marx hat hier die Hegelsche Terminologie in die Soziologie des Klassenkampfes umgegossen. Freilich ist in der Marxschen theoretischen Argumentation diese Soziologie der Arbeiterklasse und ihres Bewusstseinsprozesses immer bezogen auf die Kritik der politischen &#214;konomie, d.h. letzten Endes die Kritik der Warenform &#252;berhaupt und den darin eingeschlossenen gesamtgesellschaftlichen Fetischismus, der &#8220;vergangene gesellschaftliche Arbeit&#8221; bewusstlos als &#8220;Wert&#8221; der Produkte &#8220;darstellt&#8221;. Die Soziologie des Proletariats und seines &#8220;Klassenkampfs&#8221; steht also in Wirklichkeit nicht f&#252;r sich, sondern ist in die Kritik dieses zugrundeliegenden Fetischismus eingebunden.</p>
<p>Die Marxsche Terminologie wirft hier allerdings trotzdem ein schwerwiegendes Verst&#228;ndnisproblem auf, insofern dieser R&#252;ckbezug auf die Kritik des Warenfetischismus in seinem Werk keineswegs durchg&#228;ngig explizit und auch nicht systematisch durchgehalten ist. Aus dieser Schwierigkeit bei Marx selber, die zweifellos den unvermeidlichen Anfangsschwierigkeiten einer gro&#223;en theoretischen Entdeckung ebenso wie dem Bezug auf die kapitalistisch noch wenig entwickelten empirischen Zeitverh&#228;ltnisse geschuldet ist, ergibt sich die M&#246;glichkeit einer Lesart, die den &#8220;proletarischen Klassenkampf&#8221; v&#246;llig von der Kritik des Warenfetischs wegpr&#228;pariert. Genau dies ist die Lesart des traditionellen Marxismus. Damit wird aber die Begrifflichkeit des &#220;bergangs von der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse f&#252;r sich&#8221; nicht mehr blo&#223; der Terminologie nach hegelianisch, auch wenn dieser Sachverhalt den Marxisten nicht bewusst geworden ist. Hegel hat die Kategorie des historischen Entwicklungsprozesses entdeckt, aber f&#252;r ihn bleibt Entwicklung immer nur die des Geistes, n&#228;mlich dessen Ansichsein, Selbstentfremdung und schlie&#223;liches Fuersichwerden in der philosophischen Geistesgeschichte. Eine revolution&#228;re &#8220;Aufhebung&#8221; kann demzufolge f&#252;r Hegel auch immer nur im Denken stattfinden, indem dieses ein schon immer vorgegebenes &#8220;an sich&#8221; nunmehr auch endlich subjektiv &#8220;f&#252;r sich&#8221; erkennt, d.h. das Denken (und Handeln) der Objektivit&#228;t des &#8220;an sich&#8221; gegebenen Verh&#228;ltnisses ad&#228;quat wird. Hegels Bezug auf die (von ihm noch nicht in ihrer gesellschaftlichen Form begriffenen) b&#252;rgerlichen Verh&#228;ltnisse ist also von vornherein ein affirmativer, der Gang des Bewusstseins vom &#8220;an sich&#8221; zum &#8220;f&#252;r sich&#8221; f&#252;r ihn ein solcher des bewussten Einsehens und Anerkennens, womit die Dialektik mit dem Erreichen des Endstadiums dieser begreifenden Geschichte des Geistes auch zum Stillstand kommt. Marx hat diesen Zug des Hegelschen Denkens schon in der &#8220;Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie&#8221; im Ansatz denunziert und aufgebrochen. F&#252;r ihn ist die Einsicht des Denkens in die Verh&#228;ltnisse eine kritische, die den objektiven Widerspruch dieses Verh&#228;ltnisses selber in seiner Dynamik aufnimmt und daher nicht zur Aufhebung des Widerspruchs im Denken, sondern zur praktisch-materiellen Umw&#228;lzung der Verh&#228;ltnisse selber gelangt. Erst damit ist die kritische Dimension des Denkens in vollem Umfang erlangt und die blo&#223;e Immanenz durchbrochen. Der Marxismus hat nicht erkannt, welche Schlussfolgerung darin f&#252;r das Verst&#228;ndnis des revolutionierenden Bewusstwerdungsprozesses im &#220;bergang von der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse f&#252;r sich&#8221; begr&#252;ndet ist; er hat diese Begrifflichkeit vielmehr rein affirmativ interpretiert, also letztlich im Verst&#228;ndnishorizont der Hegelschen Rechtsphilosophie und nicht deren Kritik. Denn im Hegelschen Sinne interpretiert, stehen die &#8220;gl&#252;cklichen&#8221; Besitzer der Ware Arbeitskraft in einem objektiven, ihnen selber noch nicht bzw. nicht hinreichend bewussten Interessenzusammenhang gegen&#252;ber anderen Warenbesitzern. Allein dadurch werden sie zu einer &#8220;Klasse an sich&#8221;. Indem sie sich nun dieses ihr objektiv konstituiertes &#8220;Interesse&#8221; subjektiv bewusst machen und danach handeln, also &#8220;ihre Interessen vertreten&#8221;, werden sie zur &#8220;Klasse f&#252;r sich&#8221;. Was damit gewonnen ist, ist letztlich nichts als der Standpunkt der hegelschen affirmativen Rechtsphilosophie. Dass sich dieser Standpunkt nicht in s&#252;&#223;liche und in sich ruhende Harmonie aufl&#246;st, sondern in den immerw&#228;hrenden Interessenkampf der Konkurrenzsubjekte, &#228;ndert &#252;berhaupt nichts am Befangenbleiben in den vorgegebenen b&#252;rgerlichen Gesellschaftskategorien. Der Kampf der konkurrierenden Interessen innerhalb der Warenform ist keinerlei den Kapitalismus praktisch infragestellendes Moment, sondern vielmehr umgekehrt gerade sein positives Dasein. Insofern geh&#246;rt der Interessenkampf der Arbeiterklasse zum Funktionieren des Kapitalverh&#228;ltnisses und die historische Herausbildung der &#8220;Klasse f&#252;r sich&#8221; kann gar nichts anderes zum Inhalt haben als die vollst&#228;ndige und bewusste Einbindung der Lohnarbeiter in das immer mehr auf seinen Grundlagen prozessierende Kapitalverh&#228;ltnis.</p>
<p>Das Hegelsche Zusichkommen des Geistes schlie&#223;t ja Praxis keineswegs aus; es handelt sich aber darum, dass diese Praxis als eine immer schon &#8220;an sich&#8221; gegebene nunmehr auch von einem &#8220;f&#252;r sich&#8221; gewordenen Bewusstsein subjektiv bewusst vollzogen wird. Nicht die gesellschaftlichen Realkategorien Ware, Geld, Recht, Staat, Familie usw. sollen als solche praktisch &#8220;aufgehoben&#8221; werden, sondern das Bewusstsein soll ihnen im praktischen Vollzug ad&#228;quat werden. Ohne es zu wissen, repr&#228;sentiert Hegel hier in abstrakter Form das &#8220;Zusichkommen&#8221; der b&#252;rgerlichen Verh&#228;ltnisse, das &#8220;reine&#8221; Werden des Kapitals als totaler Warenform der gesellschaftlichen Reproduktion und damit das Abstreifen vorkapitalistischer Schlacken. Das &#8220;an sich&#8221; der Warenform ist schon vorgegeben, es muss nur im &#8220;f&#252;r sich&#8221;-Werden des Bewusstseins erkannt und bewusst praktiziert, d.h. aber auch praktisch durchgesetzt werden.</p>
<p>Der Logik der Marxschen Theorie nach, wenn auch nicht immer in seiner expliziten Diktion, geht es aber um eine viel tieferliegende Schicht des Umw&#228;lzungsprozesses vom &#8220;an sich&#8221; zum &#8220;f&#252;r sich&#8221;. Das selber revolution&#228;re, umw&#228;lzende &#8220;an sich&#8221;, das sich bewusstlos unter der H&#252;lle der Warenform herausbildet, ist auf dem Weg der Industrialisierung und Verwissenschaftlichung der Vergesellschaftungsprozess der konkret-stofflichen Arbeit und Reproduktion. Dieses &#8220;an sich&#8221; jedoch steht im Widerspruch zu seiner eigenen gesellschaftlichen Form, der Warenform und aller ihrer Emanationen wie Staat, Recht, Familie usw. Das subjektive Bewusstwerden dieses Widerspruchs, der revolution&#228;re &#220;bergang vom &#8220;an sich&#8221; zum &#8220;f&#252;r sich&#8221; beinhaltet also nicht die &#8220;bewusste Anerkennung&#8221; und den &#8220;bewussten Vollzug&#8221; der warenf&#246;rmigen Kategorien, sondern im Gegenteil ihr praktisches In-die-Luft-Sprengen. Die H&#252;lle der Warenform muss gesprengt werden, um die reale Vergesellschaftung des stofflichen Arbeitsprozesses &#8220;bewusst anzuerkennen&#8221;. Der Bewusstseinsprozess des &#8220;f&#252;r sich&#8221;-Werdens beinhaltet also nicht das affirmative &#8220;Vertreten der Klasseninteressen&#8221;, sondern im Gegenteil die Aufhebung des objektiven Konstitutionszusammenhangs dieser Interessen selber.</p>
<p>So klar auf dieser fundamentalen Ebene der Unterschied zwischen der Hegelschen und der Marxschen Auffassung des Verh&#228;ltnisses von &#8220;an sich&#8221; und &#8220;f&#252;r sich&#8221; wird, so klar muss es auch sein, dass der gesamte &#8220;Interessenkampf&#8221; der alten Arbeiterbewegung und der darauf bezogene Marxismus sich in dieser Hinsicht v&#246;llig im Verst&#228;ndnishorizont von Hegel und nicht von Marx bewegt. Marx selber hat allerdings mit seiner positiv-affirmativ und damit soziologistisch verk&#252;rzt interpretierbaren Formel vom &#220;bergang der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse f&#252;r sich&#8221; ungewollt diesem Missverst&#228;ndnis Vorschub geleistet, im Widerspruch zur Logik seines eigenen theoretischen Ansatzes. Dies verweist auf die historische Notwendigkeit einer Epoche, in der tats&#228;chlich noch gewisserma&#223;en Hegel praktisch Recht beh&#228;lt gegen den weiter und tiefer denkenden Marx: n&#228;mlich auf die Notwendigkeit eines tats&#228;chlichen praktischen &#8220;Zusichkommens&#8221; der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, d.h. der Durchsetzung der totalen Wertform und der Befreiung der Arbeiterklasse nicht etwa von der Konkurrenz, sondern vielmehr zur Konkurrenz, nicht von der Lohnarbeit, sondern zur Lohnarbeit in einer von allen vorkapitalistischen Resten befreiten Form, nicht vom Recht, sondern zur abstrakten Freiheit warenf&#246;rmiger Rechts-Subjekte. Einzig und allein in diesem historischen Kontext macht die Formel des &#220;bergangs von der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse f&#252;r sich&#8221; einen positiven Sinn. In der noch unentwickelten b&#252;rgerlichen Gesellschaft bildet sich die Arbeiterklasse objektiv (&#8220;an sich&#8221;) heraus, aber sie wird nicht als vollg&#252;ltiges b&#252;rgerliches Konkurrenz-Subjekt anerkannt, weil die b&#252;rgerliche Gesellschaft (das Bewusstsein und das Handeln der &#8220;Kapitalisten&#8221; eingeschlossen) noch &#252;berformt ist von vorkapitalistischen Zust&#228;nden. Indem die Arbeiterklasse also von den ihr &#8220;an sich&#8221; entsprechenden b&#252;rgerlichen, warenf&#246;rmigen Daseinsformen auf vielen Ebenen ausgeschlossen bleibt, wird sie sich als Klasse &#8220;f&#252;r sich&#8221; bewusst und negiert praktisch den empirischen Zustand des Kapitalismus, ohne zu ahnen, dass sie damit zum entscheidenden Bahnbrecher &#8220;reiner&#8221; b&#252;rgerlicher Verh&#228;ltnisse im Sinne eines Hegelschen Bewusstseinsprozesses wird.</p>
<p>Sobald aber das historische Ziel des &#8220;f&#252;r sich&#8221;-Werdens der Arbeiterklasse tats&#228;chlich praktisch erreicht und sie als vollg&#252;ltiges Konkurrenz- und Rechts-Subjekt, als &#8220;freier und gleicher Warenbesitzer&#8221;, als Staatsb&#252;rger etc. anerkannt ist, erlischt notwendig auch der Sinn dieses &#8220;f&#252;r sich&#8221;-Werdens. Der positive Zusammenschluss der Klasse als Klasse war notwendig, um dieses Ziel zu erreichen; mit diesem Erreichen aber wird die Arbeiterklasse in den allseitigen und weltweiten Prozess der Konkurrenz eingebunden und der warenf&#246;rmig immanente Klassengegensatz verliert seine Exklusivit&#228;t, wird zu einer Ebene der Konkurrenz neben vielen anderen. W&#228;hrend die &#8220;Wende&#8221;-Linken bzw. Ex-Linken diese Wahrheit wenigstens empirisch gefressen haben, d.h. sich (wenn auch bewusstlos und affirmativ) &#8220;vom Proletariat verabschieden&#8221;, beschw&#246;ren die &#252;briggebliebenen historischen Idioten des Marxismus den Fetisch eines v&#246;llig zu Recht vergangenen &#8220;Klassenbewusstseins&#8221;, das seinen Sinn nur innerhalb jener historischen Aufgabe hatte. Sie beten diesen Fetisch weiter an, obwohl er das Gegenteil von dem bedeutet, was sie zu meinen glauben, n&#228;mlich &#8220;Antikapitalismus&#8221;.</p>
<h4>Sechstes Kapitel</h4>
<p>Wenn aber gerade das &#8220;f&#252;r sich&#8221;-Werden der Arbeiterklasse, somit also positives &#8220;Klassenbewusstsein&#8221;, Klasseninteresse und Klassenkampf identisch ist nicht mit der Negation des Kapitalverh&#228;ltnisses, sondern im Gegenteil mit dessen &#8220;Zusichkommen&#8221; und der vollst&#228;ndigen Integration der Lohnarbeiter, dann muss die heiligste Kuh des Marxismus endlich notgeschlachtet werden, n&#228;mlich der positive, affirmative Bezug auf jenes historische Subjekt namens &#8220;Arbeiterklasse&#8221; und alle ihm entsprechenden Kategorien. Dann wird klar, dass gerade in diesen &#8220;heiligsten&#8221; Begriffen des Klassenkampfes der Marxismus noch hegelisch auf dem Kopf steht. Auf die Fu&#223;e gestellt, ist das Problem kaum wiederzuerkennen. Denn die logische Konsequenz kann nur darin bestehen, dass alle positiven Klassen-Begriffe des Marxismus mit einem negativen Vorzeichen versehen werden m&#252;ssen. Nicht &#8220;proletarisches Klassenbewusstsein&#8221; ist &#8220;revolution&#228;r&#8221;, sondern im Gegenteil negatives Klassenbewusstsein, nicht die Selbst-Affirmation der Arbeiterklasse als Klasse, sondern ihre Selbst-Negation.</p>
<p>Damit aber hat sich auch die Frage nach dem &#8220;revolution&#228;ren Subjekt&#8221; v&#246;llig verschoben. Keineswegs kann die Arbeiterklasse als Klasse das &#8220;identische Subjekt-Objekt der Geschichte&#8221; sein, wie es noch Lukacs in &#8220;Geschichte und Klassenbewusstsein&#8221; formuliert. Diese Formel zeigt nur, wie auch der &#8220;kritische&#8221;, &#8220;westliche&#8221; Marxismus noch ganz in der positiven, affirmativen Bestimmung des Klassen-Subjekts befangen ist.</p>
<p>Das Dasein der Arbeiterklasse als Klasse dr&#252;ckt vielmehr im Gegenteil gerade die totale Nichtidentit&#228;t der arbeitenden Subjekte mit der Gesellschaftlichkeit ihrer eigenen Arbeit aus. Das &#8220;identische Subjekt-Objekt der Geschichte&#8221; k&#246;nnte erst die kommunistische Gesellschaft sein, deren Dasein gerade in der bewussten Negation des Daseins der Arbeiterklasse bestehen muss.</p>
<p>Das vage Ziel einer &#8220;Selbstaufhebung der Arbeiterklasse&#8221; geistert zwar gelegentlich in Randstr&#246;mungen des Marxismus, aber nie konnte dieser Standpunkt konsequent durchgehalten werden; immer schlug die &#8220;Ungeheuerlichkeit&#8221; dieses Vorhabens schlie&#223;lich doch um in die Affirmation eines positiven Klassenbewusstseins. Allzu fremdartig w&#228;re auch der Gedanke erschienen, dass die Arbeiterklasse sich ihrer selbst negativ bewusst wird, dass der wirkliche Bewusstwerdungsprozess gerade die Aufl&#246;sung jeden &#8220;Klassenstolzes&#8221; ist, d.h. unmittelbar das Nicht-mehr-Arbeiter-Sein-Wollen. Die letzte Konsequenz der Marxschen Kritik der politischen &#214;konomie beinhaltet eine &#8220;Umwertung aller Werte&#8221; des traditionellen Marxismus: nicht die Arbeiterklasse reproduziert sich selbst bewusst im Klassenbewusstsein, sondern die Anti-Klasse negiert sich im negativen Klassenbewusstsein; nicht die Arbeiterklasse baut als Klasse &#8220;den Sozialismus auf&#8221;, sondern umgekehrt ist der &#8220;Aufbau des Sozialismus&#8221; unmittelbar identisch mit dem Selbst-&#8221;Abbau&#8221; der Arbeiterklasse. Ein &#8220;Sozialismus&#8221;, in dem die Arbeiterklasse sich als Klasse affirmiert und Arbeiterklasse bleibt, ist nur ein anderer Name f&#252;r Kapitalismus. Allzu krude und durchsichtig ist das Argument, die Klasse m&#252;sse sich als Klasse formieren und f&#252;r eine ganze Epoche selbst affirmieren, um etwa den &#8220;kapitalistischen Widerstand&#8221; etc. zu brechen. Woran sollte &#8220;die Bourgeoisie&#8221; die famose Arbeiterklasse denn eigentlich &#8220;hindern&#8221; wollen au&#223;er an ihrer Selbstaufhebung? Das unlogische Affirmations-Argument des traditionellen Klassenbewusstseins verwechselt hier die revolution&#228;re Organisation zur Aufhebung der b&#252;rgerlichen Vergesellschaftungs-Formen mit einer &#8220;Selbstorganisation des Proletariats&#8221; in diesen Formen. Die auch bewaffnete Organisation zum Zwecke der Aufhebung der Lohnarbeit schlie&#223;t jedes positive Klassenbewusstsein vollkommen aus; die revolution&#228;ren Subjekte organisieren sich nicht als Arbeiter, sondern als Kommunisten, deren unmittelbares Ziel es nur sein kann, das Arbeiter-Dasein f&#252;r immer abzusch&#252;tteln. In der kommunistischen Revolution kommt nicht die &#8220;Ontologie der Arbeit&#8221; (Lukacs) des &#8220;unmittelbaren Produzenten&#8221; zum Selbstbewusstsein, sondern umgekehrt wird in der &#8220;bewussten Anerkennung&#8221; der erreichten Industrialisierung, Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung der konkreten Arbeit jener &#8220;unmittelbare Produzent&#8221; f&#252;r immer abgeschafft und bewusst als &#8220;vorgeschichtliche&#8221; Kategorie negiert.</p>
<p>F&#252;r das im Warenfetisch befangene Bewusstsein des Marxismus und der alten Arbeiterbewegung dagegen mussten die vermeintliche &#8220;Revolution&#8221; gegen das Kapital und die (Selbst-)Aufhebung der Arbeiterklasse um eine ganze Epoche, wom&#246;glich um Jahrhunderte auseinanderfallen. Die Negation der &#8220;Arbeit&#8221; und des Arbeiter-Daseins schien daher keinerlei theoretische, geschweige denn praktische Relevanz zu besitzen. Der &#8220;Sozialismus&#8221; ist diesem Verst&#228;ndnis nach nicht etwa wie bei Marx eine &#8220;niedere Phase des Kommunismus&#8221;, d.h. der unmittelbar praktische Beginn der Aufhebung des unmittelbaren Produzenten, sondern eher eine in sich abgeschlossene, weiterhin warenf&#246;rmige Gesellschaftsformation, deren Beziehung zu einem transzendenten Kommunismus v&#246;llig unklar und vage bleibt. Im historischen Dasein dieser Vorstellungswelt dr&#252;ckt sich nur die Verkleidung des realen &#8220;Zusichkommens&#8221; einer rein kapitalistischen Gesellschaftsformation in pseudo-sozialistischen Begriffen einer Arbeiterbewegung aus, die selber noch wesentliches Moment dieses &#8220;Zusichkommes&#8221; ist. Am klarsten wird dieser Sachverhalt am Schicksal der Sowjetunion, wo die ideologische Selbstaffirmation der Arbeiterklasse wirklich identisch ist mit dem &#8220;nachholenden&#8221; Aus-dem Boden-Stampfen einer modernen b&#252;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.</p>
<h4>Siebtes Kapitel</h4>
<p>Die Identifikation des Sozialismus mit der Verallgemeinerung der Figur des unmittelbaren Produzenten beschr&#228;nkt sich aber nicht auf die theoretische Rechtfertigung der nachrevolution&#228;ren &#8220;sozialistischen Akkumulation&#8221;, sie kommt ebenso schon in den Vorstellungen zum Vorschein, in denen die alte Arbeiterbewegung den &#220;bergang vom Kapitalismus zum Sozialismus denkt. Im Verst&#228;ndnis der alten Arbeiterbewegung bahnt das Kapital einer sozialistischen Reproduktion nicht negativ den Weg, durch die Zersetzung seiner eigenen Basis, sondern wird im Gegenteil von seiner lebendigen, nur &#228;u&#223;erlich unterworfenen Grundlage &#252;berwuchert und verschluckt. Die Herausbildung einer sozialistischen Gesellschaft hat nicht die reale Aufl&#246;sung des Wertzusammenhangs zu ihrer Voraussetzung, das Kapital schaufelt diesem Verst&#228;ndnis gem&#228;&#223; sein Grab, indem es ein &#8220;best&#228;ndig wachsendes&#8221; Proletariat erzeugt. In diesem Rahmen bewegt sich auch das proklamierte &#8220;objektiv-gesetzm&#228;&#223;ige&#8221; Heraufziehen der sozialistischen Gesellschaft.</p>
<p>Das Hauptargument, auf dem die Vertreter der These von der &#8220;ehernen, &#246;konomischen verankerten Notwendigkeit&#8221; des schlie&#223;lichen Triumphs des Sozialismus herumreiten, ist die wachsende Konzentration der Kapitalien und das gleichzeitige Wachstum des Proletariats an Kraft und Zahl. Die Entwicklung fuhrt, dieser klassischen Stereotype zufolge, zur st&#228;ndigen Ausd&#252;nnung einer f&#252;r die Produktion &#252;berfl&#252;ssig werdenden Kapitalistenklasse, der ein parallel dazu sich vollziehendes Anschwellen der Arbeiterklasse gegen&#252;bersteht. Das Kollektivsubjekt Arbeiterklasse muss fr&#252;her oder sp&#228;ter das Subjekt Kapitalistenklasse erdr&#252;cken und als herrschende Klasse abl&#246;sen. Fast schon goldig formulierte Boudin dieses grundlegende Theorem, auf das der traditionelle Marxismus sein Zukunftsvertrauen st&#252;tzte. Er geht davon aus, dass im Laufe des Konzentrationsprozesses</p>
<p><a name="F2"></a>&#8220;eine Stufe erreicht w&#252;rde, wo aus Mangel an der n&#246;tigen Anzahl die Kapitalisten aufh&#246;rten, eine gesellschaftliche Klasse zu sein, da eine solche ein gewisses Minimum an Zahl voraussetzt; der Verlust an Quantit&#228;t w&#252;rde f&#252;r die Kapitalisten in einen Verlust ihrer Stellung als gesellschaftliche Klasse umschlagen&#8221; <a href="#FN2">2</a></p>
<p>Dieses Bonmot entspricht vollkommen dem Geist des soziologisierenden traditionellen Marxismus. Das glatte Hin&#252;berflie&#223;en in den Sozialismus erw&#228;chst charakteristischerweise nicht aus der Krise und dem Ausbrennen der Verwertungslogik, sie ist deren Resultat auf ureigenster Grundlage. Die Kapitallogik fuhrt sich nicht ad absurdum, sondern st&#246;&#223;t, indem sie sich nur konsequent fortsetzt und die Verwertungsbasis, die vernutzte lebendige Arbeit erweitert, die T&#252;r zum Sozialismus auf. Dieses Axiom bestimmt tiefgreifend die innermarxistische Theoriedebatte und den Stellenwert, den die einzelnen Momente der Marxschen Theorie in der klassischen Rezeption einnahmen. Besonders die subalterne Stellung aller krisentheoretischen &#220;berlegungen im traditionellen Marxismus und ihre beschr&#228;nkte Reichweite resultiert wesentlich aus diesem festverankerten Paradigma. Entgegen landl&#228;ufigen Vorurteilen lebten gerade die entschiedensten Anh&#228;nger eines deterministischen &#220;bergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus mit der Krisentheorie im allgemeinen eher auf Kriegsfu&#223; und lehnten alles, was auch nur im Entferntesten einer Zusammenbruchstheorie &#228;hnlich sah, instinktiv entschieden ab. Die wenigen krisentheoretischen Anl&#228;ufe, die von einer absoluten immanenten Schranke des Kapitals ausgingen, insbesondere der Ansatz von Rosa Luxemburg, wurden von den Hauptstr&#246;mungen des Marxismus grunds&#228;tzlich verdammt. Kautsky etwa leugnet in seiner Entgegnung auf Bernstein ex cathedra, dass der Marxsche Ansatz eine &#8220;Zusammenbruchstheorie&#8221; intendieren w&#252;rde, und schreibt den Gegensatz beider Positionen ein f&#252;r allemal fest:</p>
<p><a name="F3"></a>&#8220;Nicht von der M&#246;glichkeit oder Notwendigkeit eines kommenden Zusammenbruchs oder Niedergangs des Kapitalismus h&#228;ngen die Aussichten des Sozialismus ab, sondern von den Erwartungen, die wir hegen d&#252;rfen, dass das Proletariat gen&#252;gend erstarkt&#8221;<a href="#FN3">3</a>.</p>
<p>Kautsky setzt nicht auf die Schranken, die sich das Kapital selber setzt, seine Hoffnung richtet sich auf das wachsende Gewicht eines Moments der Wertvergesellschaftung, der Arbeiterklasse. In die gleiche Kerbe haut Braunthal:</p>
<p><a name="F4"></a>&#8220;Die Entwicklung zum Sozialismus wird nicht von Zusammenbruch und Verelendung, sondern im Gegenteil von einer wachsenden Polarisierung der beiden Klassen und der Wirtschaft erwartet.&#8221;<a href="#FN4">4</a></p>
<p>Die nur geringe Resonanz, die die wenigen Zusammenbruchstheoretiker in den Hauptstr&#246;mungen der alten Arbeiterbewegung fanden, kommt nicht von ungef&#228;hr. Solange die Arbeiterklasse, wie sie dem Kapitalverh&#228;ltnis entspringt, also sich selber affirmierend, zum revolution&#228;ren Subjekt auserkoren wird, ger&#228;t jeder Gedanke, der auch nur entfernt die reale Zersetzung des Zusammenhangs ins Auge fasst, in dem die Arbeiterklasse allein als solche existieren kann, von vornherein in den Geruch der Irrationalit&#228;t. Denn allzu leicht verschwindet die geliebte Arbeiterklasse mitsamt ihren gewerkschaftlichen und sonstigen Organisationen selber im Wirbel des allgemeinen Zusammenbruchs und das sch&#246;ne, handgreifliche &#8220;revolution&#228;re Subjekt&#8221; ginge versch&#252;tt. Die allgemeine Angst vor tiefgreifenden gesellschaftlichen Ersch&#252;tterungen in der sozialdemokratischen Variante wird so verst&#228;ndlich. Aber auch bei den Leninisten verhielt sich die Sache nicht wesentlich anders. Die Zerr&#252;ttung der kapitalistischen Verh&#228;ltnisse musste die Arbeiterklasse als revolution&#228;res Subjekt in ihrer Substanz aussparen. Zwischen dem kapitalistischen Heute und dem sozialistischen Morgen g&#228;hnt ein Schlund, der nur von einem lebenskr&#228;ftigen Proletariat &#252;berbr&#252;ckt werden kann.</p>
<p>Dieses Credo existiert nicht nur als Vorbehalt gegen jede weiterreichende krisentheoretische &#220;berlegung, sie findet auch dort ihren Niederschlag, wo der traditionelle Marxismus seinen inh&#228;renten Widerstand &#252;berwindet und sich auf dieses unsichere und angstbesetzte Terrain vortastet. Soweit der traditionelle Marxismus Krisentheoretiker hervorbringt, &#252;ben sie sich erst einmal in Selbstbescheidenheit. Sobald sie die zunehmende Krisenhaftigkeit kapitalistischer Entwicklung proklamierten, dachten sie an sich versch&#228;rfende zyklische Krisen, die alleine den Zweck haben sollten, als handgreifliches Aufkl&#228;rungsmittel das Proletariat &#252;ber seine &#8220;wahre Lage&#8221; ins rechte Licht zu r&#252;cken, und keinesfalls an die grunds&#228;tzliche Zersetzung der Wertbeziehung und damit nat&#252;rlich auch des Proletariats selber. Mit dem bekannten Marxzitat &#8220;permanente Krisen gibt es nicht&#8221; retteten sich die Krisentheoretiker von vornherein vor der be&#228;ngstigenden Perspektive der Aufl&#246;sung des Proletariats schon unter kapitalistischen Bedingungen und behielten damit an der Empirie ihrer Zeit recht. Die Krisen schienen einzig den Sinn zu haben, dem revolution&#228;ren Willen als periodisches Aufputschmittel zu dienen. Sie hatten sonst keinerlei Bedeutung f&#252;r den &#220;bergang zum Sozialismus und stellten lediglich eine St&#246;rung dar, die die Ausl&#246;sung von Lernprozessen versprach.</p>
<p>In dieser Denkfigur blieben auch Rosa Luxemburg und Henryk Grossmann gefangen, die als die klassischen Zusammenbruchstheoretiker &#252;berhaupt gehandelt werden. Grossmann spricht in seinem &#8220;Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz..&#8221; von einer Zusammenbruchstendenz, die in jeder periodischen Krise zum Ausdruck kommt, aber einstweilen auch wieder durch Wertvernichtung, Erh&#246;hung der Mehrwertrate, etc., &#252;berwunden werden kann, wenn die revolution&#228;re Aktion des Proletariats ausbleibt:</p>
<p><a name="F5"></a>&#8220;Die Zusammenbruchstendenz zerf&#228;llt&#8230; in eine Reihe von scheinbar voneinander unabh&#228;ngigen Zyklen, wo die Zusammenbruchstendenz nur periodisch immer wieder von neuem einsetzt, wie der nat&#252;rliche Wachstumsprozess der Schafwolle, der mit jeder Schafschur unterbrochen wird, um dann von neuem zu beginnen.&#8221; <a href="#FN5">5</a></p>
<p>Die Revolution beginnt, sobald das Proletariat vom periodischen Scheren genug hat. Auch bei Grossmann f&#228;ngt die Revolution dort an, wo die Geduld des Proletariats aufh&#246;rt. Wer wenigstens von ihm einen krisentheoretischen Begr&#252;ndungszusammenhang f&#252;r ein automatisches Hin&#252;berwachsen in den Sozialismus erwartet, der wird entt&#228;uscht, und wird in der gesamten marxistischen Theoriegeschichte vergeblich nach einem solchen Theorem fahnden. Selbst wer in diesem Kontext auf die Theoreme vom &#8220;verrottenden&#8221; und &#8220;verkommenden&#8221; Kapitalismus setzt, die die Theoretiker der 3. Internationale bis zum Erbrechen breitgewalzt haben, wird nicht f&#252;ndig werden. Die Dauerkrise, von der sie schwadronieren, und die ihnen als sicheres Zeichen f&#252;r das baldige Ende des Kapitalismus galt, bezog sich auf ein Sammelsurium sozialer, politischer (Krieg und Kriegsgefahr stehen im Mittelpunkt) und kultureller Ph&#228;nomene und streift die Krisentheorie bestenfalls kursorisch. Eklatant tritt dies bei E. Varga, dem wohl profiliertesten &#214;konomen der Stalin&#228;ra, zutage. Er kommt auf die &#246;konomische Seite des &#8220;kapitalistischen Verfalls&#8221; allein durch die soziologisierende Brille zu sprechen und vermischt diese Ebene umgehend wieder mit der Beschreibung politischer Ver&#228;nderungen. Sein st&#228;rkstes Argument f&#252;r die Krise des kapitalistischen Systems ist die Existenz der Sowjetunion! Die matte Unterkonsumtionstheorie dagegen, die Varga vertritt, spielt nur eine m&#228;&#223;ige Rolle und ist weit davon entfernt, die behauptete Instabilit&#228;t des zeitgen&#246;ssischen Kapitalismus auch nur ann&#228;hernd zu begr&#252;nden.</p>
<p>Die &#228;rmliche Selbstbeschr&#228;nkung der klassischen marxistischen Krisentheorie und ihr nachgeordneter Charakter reflektieren zweierlei. Zum einen spiegelt sich darin die Realit&#228;t aller Vorkriegskrisen, die, weit davon entfernt, die absolute Schranke kapitalistischer Entwicklung anzuzeigen, der Entfaltung der Wertvergesellschaftung nur die n&#246;tigen Sporen gaben. Zum anderen macht sich der praktische, enge, auf die Durchsetzung des Wertzusammenhangs beschr&#228;nkte Horizont der alten Arbeiterbewegung theoretisch bemerkbar. Die Antizipation einer wirklichen Zersetzung des Kapitalverh&#228;ltnisses verbot sich, da ein solcher Zustand notwendig die Aufl&#246;sung der geheiligten Arbeiterklasse mit einschlie&#223;t. Nicht zuf&#228;llig denkt Grossmann seine Zusammenbruchstheorie nicht bis zu dem Punkt, wo deren rationales Moment, das absehbare Schrumpfen der produzierten Wertmasse und der wertproduktiven Lohnarbeiterschaft zutage tritt, sondern siedelt seinen Zusammenbruchspunkt weit vorher an. Die Pr&#228;misse: &#8220;ohne ein starkes, stolzes Proletariat keine Revolution, kein Sozialismus&#8221; kastriert von vornherein alle krisentheoretischen &#220;berlegungen, weil eine Zusammenbruchstheorie zu Ende gedacht die Zweifaltigkeit von Kapitalistenklasse und Lohnarbeiterschaft en bloc in Frage stellen muss. Die Theoriebildung kann an diesem Punkt nur mit angezogener Handbremse fahren und findet so allein schon aus R&#252;cksicht auf das &#8220;revolution&#228;re Subjekt&#8221; ihre vom Wert bestimmten Grenzen. Keinesfalls d&#252;rfen Krisen als mehr denn ein aufstachelnder Wellenschlag gedacht werden. Die m&#246;gliche H&#246;he der Wogen (in erster Linie sind sie dabei immer politisch bestimmt, die &#214;konomie folgt nur im zweiten Glied) ist dabei eine Temperamentsfrage. Mit mehr Mut als ihre sozialdemokratischen Vettern ausgestattet, k&#246;nnen die Bolschewisten ein h&#246;heres Ma&#223; an gesellschaftlicher Ersch&#252;tterung verkraften, ohne in Panik zu geraten. Der Grundkonnex hat sich dadurch aber selbstverst&#228;ndlich nicht ge&#228;ndert. Die sozialistische Zukunft h&#228;ngt auch bei ihnen davon ab, dass sich das Proletariat als festumrissene Schicht im allgemeinen Chaos bewahren kann. Endet die Entwicklung mit dem gemeinsamen Untergang beider k&#228;mpfender Klassen, so ist dies gleichbedeutend mit dem Versinken der Gesellschaft in Barbarei. In seiner &#8220;&#214;konomik der Transformationsperiode&#8221; hat Bucharin diese Verkn&#252;pfung explizit formuliert:</p>
<p><a name="F6"></a>&#8220;Ist der Zerfall der kapitalistischen Produktionsverh&#228;ltnisse einmal real gegeben und ist die Unm&#246;glichkeit der Wiederherstellung derselben theoretisch einmal bewiesen, so entsteht die Frage, wie das Dilemma:&#8217;Untergang der Kultur` oder Sozialismus gel&#246;st werden soll. In den Grundz&#252;gen ist diese Frage durch die vorhergehende Untersuchung gel&#246;st&#8230; Wir sahen, dass das Zeitalter des Zerrei&#223;ens der technisch-sozialen Schichten der Produktion im gro&#223;en und ganzen die Einheit des Proletariats beibeh&#228;lt. Dieses entscheidende und grundlegende Element zerf&#228;llt im Verlaufe der Revolution nur teilweise. Andererseits schlie&#223;t es sich ungeheuerlich zusammen, erzieht sich neu, organisiert sich. Den empirischen Beweis liefert die russische Revolution mit ihrem relativ schwachen Proletariat, das sich dennoch als geradezu unersch&#246;pfliches Reservoir organisatorischer Energie erwies.&#8221; <a href="#FN6">6</a></p>
<p>Das gemeinsame Verschwinden beider von der Wertform konstituierter Klassen, der reale Inhalt der kommunistischen Revolution, kann innerhalb des Horizonts der alten Arbeiterbewegung nur als Supergau gedacht werden und w&#228;re gleichbedeutend mit dem Versinken der zivilisierten Welt im Meer der Barbarei.</p>
<h4>Achtes Kapitel</h4>
<p>Solange sich der historische Vergesellschaftungsprozess des Kapitals nicht ersch&#246;pft hatte und die darin enthaltene &#8220;Mission der Arbeiterklasse&#8221; noch positiv als &#8220;Zusichkommen&#8221; der Ware Arbeitskraft einzul&#246;sen war, konnte auch der wertimmanente positive &#8220;Klassenstandpunkt&#8221; nicht &#252;berwunden werden. Die Idee eines negativen Klassenbewusstseins und einer sozialistischen Selbstaufhebung der Arbeiterklasse gewinnt theoretisch wie praktisch Relevanz und Brisanz erst in dem Masse, wie ihr die Wirklichkeit entgegenkommt in Gestalt eines objektiven Prozesses &#8220;hinter dem R&#252;cken der Subjekte&#8221;, ein unvermeidliches Merkmal der Progression in warenf&#246;rmig und also fetischistisch verfassten Gesellschaften. Der Fortschritt erscheint dann als Krise, die sich allerdings nicht mehr wie in der bisherigen Geschichte des Kapitals nur als periodische Abfolge von Wachstumskrisen darstellen kann, sondern die absolute immanente Schranke des Kapitalverh&#228;ltnisses signalisiert.</p>
<p>Erst die heutige Krise des Kapitalverh&#228;ltnisses erweist sich gerade darin als diese absolute Schranke, dass in ihr erstmals das Proletariat als solches objektiv in Frage gestellt wird. Dieser Zusammenhang bleibt in der gegenw&#228;rtigen Krisendebatte so gut wie unbemerkt. Der g&#228;ngige Topos von der &#8220;Krise der Arbeit&#8221; kann diese nicht als Krise des Kapitals selber (d.h. der Warenform und des Geldes &#252;berhaupt) entziffern und tut so, als k&#246;nnte das Kapital ohne &#8220;Arbeit&#8221; weiterexistieren. Mit der Entwicklung von &#8220;k&#252;nstlicher Intelligenz&#8221;, von Expertensystemen usw. beginnt heute die Computer-Technologie in ein Stadium einzutreten, in dem erstmals in der Geschichte die massenhafte und fl&#228;chendeckende Substitution menschlicher Arbeit nicht mehr blo&#223; in diesem oder jenem Produktionszweig oder innerhalb einzelner technischer Abl&#228;ufe, sondern quer durch den gesamten gesellschaftlichen Reproduktionsprozess m&#246;glich und in Ans&#228;tzen auch schon wirklich geworden ist. W&#228;hrend die Koryph&#228;en der Informatik schon seit langem auf die empirische Evidenz dieses Prozesses hinweisen und auf dieser empirischen Ebene auch vage die in den gegebenen gesellschaftlichen Formen nicht mehr bew&#228;ltigbaren sozialen Probleme erkennen, kann die bodenlose Ignoranz der Gesellschaftswissenschaften und insbesondere der Marxisten dieser Sachlage gegen&#252;ber nur verbl&#252;ffen. Gerade die &#8220;Arbeiterbewegungs&#8221;- und &#8220;Klassenbewusstseins&#8221;-Marxisten stecken sogar den Kopf am heftigsten und tiefsten in den Sand, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, weil in Wahrheit mit der kapitalistischen Form der Arbeit auch ihr eigenes Weltbild zusammenbricht. Ein an der &#8220;Ontologie der Arbeit&#8221; festgemachter, affirmativer Klassenbegriff, der die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; auch noch au&#223;erhalb der kapitalistischen, wertf&#246;rmigen Bestimmtheit der Reproduktion existent sieht im Sinne einer &#8220;Naturnotwendigkeit&#8221; des unmittelbaren Produzenten, muss in heillose Verwirrung geraten angesichts einer realen Entwicklung, die dem Dasein dieses vermeintlich &#8220;nat&#252;rlichen&#8221; und ewigen unmittelbaren Produzenten den Boden unter den F&#252;&#223;en wegzieht. Der Marxismus in seiner fetischistisch verk&#252;rzten Form kann nicht akzeptieren, dass im wirklichen Endstadium der kapitalistischen Dynamik die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; selber samt Klassenbewusstsein und allen Schikanen vollst&#228;ndig obsolet wird. Die soziologistische Interpretation der Marxschen Theorie, die &#220;bersetzung des Grundwiderspruchs der b&#252;rgerlichen Gesellschaft in die glatte soziale Dichotomie von Arbeiter- und Kapitalistenklasse paralysiert gerade in dem Augenblick, in dem sich das Kapital an seiner absoluten Schranke zu sto&#223;en beginnt, jede positive, &#252;ber das Kapitalverh&#228;ltnis hinausreichende Perspektive. Das tradierte marxistische Denken steht und fallt mit Lebenskraft und Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse. Sobald die Arbeiterklasse sich als gleichberechtigte Interessengruppe innerhalb der b&#252;rgerlichen Gesellschaft etabliert hat, verliert dieses Denken aber seine Grundlage. Dieser Verlust wendet sich ins Katastrophale, sobald ihm sein &#252;berkommener Besitz, das handgreifliche, als homogene Interessengruppe innerhalb der bestehenden Verkehrsform angesiedelte &#8220;revolution&#228;re Subjekt&#8221; von anno dazumal auch noch unter den Fingern auseinanderf&#228;llt. Der Alptraum von der bevorstehenden Aufl&#246;sung des unmittelbaren Produzenten stellt auch noch die minimalste reformistische Zukunftserwartung in Frage und muss daher mit allen Mitteln gebannt werden. Die Zersetzung der lebendigen Basis der Wertvergesellschaftung erscheint im Lichte des &#252;berlieferten Marxismus als die gr&#246;&#223;tm&#246;gliche Bedrohung jeder emanzipativen Perspektive.</p>
<p>Dabei ist es logisch einleuchtend, dass die &#8220;Krise der Arbeit&#8221; identisch sein muss mit der Krise des Kapitals und umgekehrt, weil die &#8220;proletarische Arbeit&#8221; identisch ist mit dem Dasein des Kapitals. Der tiefste Widerspruch des Kapitalverh&#228;ltnisses besteht gerade darin, dass es einerseits die gesellschaftliche Reproduktion einbannt in die Form des &#8220;Werts&#8221; und damit an den Verausgabungsprozess abstrakter Arbeit unmittelbarer Produzenten kettet, andererseits aber gleichzeitig &#252;ber die Konkurrenzvermittlung diesen unmittelbaren Produzenten im Prozess der Verwissenschaftlichung der Arbeit selber aufhebt. Dieser Widerspruch ist heute in ein entscheidendes Stadium getreten, und eben deswegen steht erstmals der Kommunismus real auf der historischen Tagesordnung, aber nicht als Vollendung und Triumph des &#8220;proletarischen Klassenbewusstseins&#8221;, sondern als dessen Krise und Negation. Dort, wo heute noch &#8220;Klassenk&#228;mpfe&#8221; alten Stils aufflackern, etwa in der sterbenden Montanindustrie, in den Deindustrialisierungsprozessen der kapitalistischen Peripherie als einem Moment der Weltmarkt-Krise etc., lebt nur noch einmal die Vergangenheit gespenstisch auf. Diese K&#228;mpfe tragen keinerlei historische oder gar revolution&#228;re Perspektive mehr in sich. Wo die Arbeiter noch Arbeiter sein und sich positiv als Klasse mit Klassenbewusstsein formieren wollen, sind sie nur noch reaktion&#228;r, tendenziell &#8220;produktivkraftkritisch&#8221; und wom&#246;glich maschinenst&#252;rmerisch militant, aber v&#246;llig unf&#228;hig zu einer kommunistischen Perspektive. Der Einbruch der postfordistischen Krise, mit dem die allm&#228;hliche Aush&#246;hlung der Figur des unmittelbaren Produzenten gesellschaftlich virulent wird, ist am allerwenigsten dazu geeignet, ein &#8220;wahres&#8221;, bisher versch&#252;ttetes, antikapitalistisches &#8220;Arbeiterinteresse&#8221; freizusetzen. Jedes Bestreben, ein schlafendes revolution&#228;res Klassenbewusstsein wachk&#252;ssen zu wollen, bleibt vergebliche Liebesm&#252;h. Trotz aller Vergewaltigungsversuche, der Frosch bleibt ein Frosch. Die saekularisierte Arbeiterschaft l&#228;sst sich nicht mehr auf den Pfad des Sozialismus und anderer hehrer Ziele zur&#252;ckfuhren. In die Enge getrieben, ziehen sich die traditionellen Arbeiterformationen im Gegenteil aufs Unmittelbarste zur&#252;ck, verschanzen sich hinter der eigenen konstituierten Sozialkategorie und klammern sich verzweifelt an den unhaltbar werdenden Status quo. Neue reformistische, geschweige denn revolution&#228;re Horizonte k&#246;nnen innerhalb dieser Konstellation nur mehr linke Illusionisten und Ideologen ausmachen. Den Protagonisten dieser K&#228;mpfe bleiben derlei Vorstellungen nicht zuf&#228;llig fremd oder bestenfalls &#228;u&#223;erlich. Weihrauchschwingende Pfaffen und Demokratisierungsphraseologen k&#246;nnen schwerlich verbergen, dass f&#252;r den altbekannten Arbeiterstandpunkt nur mehr korporatistischer Abgesang auf dem Programm steht und keinesfalls eine vorw&#228;rtstreibende gesamtgesellschaftliche Perspektive. Das Lohnarbeiterinteresse ist l&#228;ngst als gleichberechtigtes Geldinteresse gesellschaftlich anerkannt, der Spielraum, innerhalb dessen die vom Wert konstituierten Sozialkategorien miteinander konkurrieren, ist abgesteckt. Die absolute Schranke, an die die Wertvergesellschaftung heute zu sto&#223;en beginnt, best&#228;tigt die grundlegende Identit&#228;t der konkurrierenden Geldinteressen von Kapital und Lohnarbeit nicht nur, sie arbeitet sie erst handgreiflich heraus und treibt sie auf die Spitze. Die Revisionsinstanz Weltmarktkrise hebt das Urteil, das der Nachkriegsboom &#252;ber die Arbeiterbewegung gesprochen hatte, nicht auf und schmettert lakonisch alle Hoffnungen auf eine arbeiterbewegte Radikalisierung ab, die die neue Linke einst in sie gesetzt hatte. Der historische Prozess, der den Arbeiter in ein gleichberechtigtes Mitglied der b&#252;rgerlichen Gesellschaft verwandelt und gleichzeitig die soziale Kategorie des Lohnarbeiters auf eine Emanation der Wertbeziehung reduziert hat, erweist sich als irreversibel, und der glatte Automatismus Krise = Herausbildung eines revolution&#228;ren Klassen(selbst)bewusstseins entlarvt sich als frommer Wunsch. Die Lohnarbeiter, die Lohnarbeiter bleiben wollen, k&#246;nnen sich nurmehr in Selbstbescheidung &#252;ben und f&#252;r das Wohlergehen &#8220;ihres Kapitals&#8221; beten.</p>
<p>Diese Entwicklung kann nicht sonderlich &#252;berraschen, wenn wir uns noch einmal die Spannung zwischen dem realen Gehalt der klassischen Arbeiterbewegung und ihren &#8220;sozialistischen Idealen&#8221; in Erinnerung rufen. Der tradierte Marxismus und die praktische Bewegung, die sich in ihm reflektierte, bezog ihren chiliastischen Schwung aus der Diskrepanz zwischen allgemeiner Logik des Kapitals und dem erreichten empirischen Stand kapitalistischer Entwicklung. Was er wirklich bek&#228;mpfte, war nicht das &#8220;Kapital&#8221; schlechthin, sondern die antediluvianischen unzureichenden Formen, in die sich die empirische kapitalistische Herrschaft kleidete. Die Arbeiterbewegung war der st&#228;ndige Stachel, der die Entfaltung der Wertvergesellschaftung auf ihren eigenen, vorgezeichneten Bahnen vorantrieb. Die emanzipatorischen Potenzen, die in den identifikatorischen Bewusstseinsformen, in der selbstbewussten Vertretung des Arbeiterstandpunkts lagen, konnten nur als Moment der Herausbildung der totalen abstrakten Geldbeziehung und damit der abstrakten Individualit&#228;t wirksam werden. Die progressive Rolle, die die Arbeiterbewegung in der Geschichte spielte, enth&#252;llt sich ex post als eine Seite der zivilisatorischen Mission des Kapitals. Damit ist aber auch klar, dass gleichzeitig mit der b&#252;rgerlichen Gesellschaft auch jede positive Arbeiterbewegung am Ende ihres Weges angelangt ist.</p>
<p>Es kann keinesfalls unsere Aufgabe sein, diese Tatsache zu bedauern und in das vorherrschende Lamento &#252;ber die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; einzustimmen. Denn im Gegensatz zum landl&#228;ufigen linken Vorurteil wird der Gedanke der revolution&#228;ren Umw&#228;lzung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft vor dem skizzierten Hintergrund keineswegs zur nostalgischen Reminiszenz. Im Gegenteil, er kann auf dieser heute erreichten Grundlage erst konkret gedacht und schlie&#223;lich eingel&#246;st werden. Die Eingemeindung des wertkonstituierten Arbeiterinteresses schafft die objektive Krise der b&#252;rgerlichen Gesellschaftsformation nicht aus der Welt. Weder die Notwendigkeit noch die Grundbedingung einer revolution&#228;ren Bewegung verschwindet. Wenn das Arbeiterinteresse mittlerweile zu sich selber gefunden hat, sich als profanes Geld- und Konkurrenzinteresse wei&#223;, und ein f&#252;r allemal auf jeden sozialistischen &#220;berschwang verzichtet, so ist damit nur die Verkn&#252;pfung von kommunistischer Revolution und positivem Arbeiterinteresse hinf&#228;llig geworden, nichts weiter. Klar geworden ist nur, dass jede emanzipative Entwicklung innerhalb der b&#252;rgerlichen Formbestimmtheit ein f&#252;r allemal abgeschnitten ist und dass jeder weitere Fortschritt nurmehr den Bruch mit Wert, Geld und allen davon konstituierten Interessen und Daseinsweisen, allen voran die Lohnarbeiterexistenz, zum Inhalt haben kann. Diese Desillusionierung ist gegen&#252;ber dem alten selbstaffirmativen Arbeiterstandpunkt ein gigantischer Fortschritt. Denn heute dr&#228;ngt sich praktisch auf, was Marx begrifflich schon in seinen Fr&#252;hschriften als Quintessenz des &#220;bergangs zum Kommunismus aufgezeigt hat. Es wird endlich handgreiflich, dass der Kampf f&#252;r die Aufhebung des Kapitalverh&#228;ltnisses die bewusste Negation der Arbeiterkategorie &#252;berhaupt einschlie&#223;t.</p>
<p>Die Desavouierung des &#8220;revolution&#228;ren Subjekts&#8221; von anno dazumal bedeutet nicht die Verewigung des Kapitalverh&#228;ltnisses, sie ist die Voraussetzung einer neuerlichen revolution&#228;ren Perspektive. Bevor die wahren Totengr&#228;ber des Kapitalverh&#228;ltnisses sich ihres Berufes bewusst werden k&#246;nnen, muss zun&#228;chst einmal der vermeintliche Totengr&#228;ber und reale Geburtshelfer der Wertvergesellschaftung seine Planstelle r&#228;umen und ohne falsche R&#252;cksichtnahme unter die Erde gebracht werden. Dieses negatorische, kritische Werk &#246;ffnet erst den Weg zu einer Neubestimmung des sozialistischen Ziels und macht den Blick f&#252;r positive Ankn&#252;pfungspunkte frei, die die moderne Wirklichkeit einer revolution&#228;ren Bewegung gegen Wertbeziehung, Geldinteresse und Lohnarbeit bietet. Nur wenn wir die praktisch l&#228;ngst verfaulte, klassenstolze Proletenfaust endlich theoretisch abhacken und uns radikal von allen sonstigen an dieser Metapher klebenden Bildern verabschieden, lassen sich jene Momente im Aufl&#246;sungsprozess der b&#252;rgerlichen Gesellschaft aufsp&#252;ren, in denen sich die Herausbildung einer revolution&#228;ren Subjektivit&#228;t andeutet. Dann wird klar, dass die moderne b&#252;rgerliche Gesellschaft nicht nur negativ zum Marxschen Gedanken der &#8220;Selbstaufhebung des Proletariats&#8221; dr&#228;ngt, indem sie die alten Illusionen und Hoffnungen ad absurdum f&#252;hrt, sondern damit gleichzeitig auch erstmals die positiven Voraussetzungen f&#252;r die Selbstkonstituierung revolution&#228;rer Subjektivit&#228;t jenseits von Wert und Ware schafft. Damit kann endlich der logische Widerspruch jeder bisherigen radikalen Position aufgel&#246;st werden, die Revolution gleichzeitig als Verwirklichung des Arbeiterstandpunkts und als Aufhebung der proletarischen Arbeit denken zu m&#252;ssen. Indem heute sichtbar wird, dass bereits innerhalb der kapitalistischen Entwicklung selber die Arbeit im bisherigen Sinne krisenhaft abgeschafft wird, wird auch die Vorstellung vom &#8220;Absterben des Wertes&#8221; in einer fernen nachrevolution&#228;ren Zukunft gegenstandslos, mit der sich bisher die Sozialisten um das Konkretisieren einer Aufhebung der b&#252;rgerlichen Basiskategorien herumgedr&#252;ckt haben. Wenn sozialistische Umw&#228;lzung und die Abschaffung des unmittelbaren Produzenten nicht mehr um Jahrhunderte auseinanderfallen, dann kann auch das kommunistische Ziel nicht mehr als Konsequenz des Arbeiterstandpunkts erscheinen.</p>
<h4>Neuntes Kapitel</h4>
<p>Auch wenn ein revolution&#228;res nichtidentifikatorisches Bewusstsein schon ex definitione nicht einfach der korrekten &#8220;Widerspiegelung&#8221; der eigenen gesellschaftlichen Seinsweise entspringen kann, so schwebt die Bereitschaft und F&#228;higkeit, den Horizont des eigenen konstituierten Daseins zu durchsto&#223;en, nat&#252;rlich trotzdem nicht frei &#252;ber der realen gesellschaftlichen Existenz. Das Auseinandertreten von Waren- bzw. Geldform und konkret stofflichem Inhalt der gesellschaftlichen Beziehung trifft heute nicht mehr nur auf von der Wertform positiv konstituierte, sondern auch bereits auf von ihrem Ver- und Zerfall gezeichnete Daseinsweisen und f&#252;hrt entsprechend zu divergierenden Verarbeitungsformen. Die Krise des Werts zieht sich nicht auf einen Punkt zusammen, dessen Erreichen schlagartig die Reproduktionsunf&#228;higkeit des Gesamtsystems nach sich zieht und alle Interessenkategorien gleicherma&#223;en vollautomatisch in die Luft sprengt, sie f&#252;llt eine ganze Epoche, und in deren Br&#252;chen und Spr&#252;ngen m&#252;ssen wir uns theoretisch wie praktisch notgedrungen bewegen. Angesichts der realen Zersetzung der Wertbeziehung und aller von ihr konstituierten Interessen wird die Antizipation ihrer Verlaufsform notwendig und m&#246;glich.</p>
<p>Gerade weil unter den heutigen Bedingungen der Gedanke der &#8220;Selbstaufhebung des Proletariats&#8221;, der Kampf f&#252;r das Verschwinden aller bestehenden Sozialkategorien, endlich virulent wird, reicht es nicht aus, ihn abstrakt-philosophisch zu denken. An die Stelle des ausgezehrten, greisenhaft schw&#228;chlich und impotent gewordenen &#8220;Klassenstandpunkts&#8221; kann nicht der exhumierte moralisierende &#8220;Menschheitsstandpunkt&#8221; aus dem Grabmal der b&#252;rgerlichen Aufkl&#228;rung des 18. Jahrhunderts treten, dessen gebleichte Gebeine heute eine endg&#252;ltig n&#228;rrisch gewordene demokratische Linke noch einmal zum Tanzen animieren m&#246;chte. Die Aufl&#246;sung der Geschichte in die allseitige und unaufh&#246;rliche Konkurrenz der abstrakten Individualit&#228;t, die sich als das in Wirklichkeit &#252;bergreifende Moment aller denkbaren &#8220;Standpunkte&#8221; innerhalb der Warenform herausstellt, verwandelt die revolution&#228;re Kritik dieser Form keineswegs in eine reine Kopfgeburt und eine dieser Kritik entsprechende revolution&#228;re Bewegung nicht in eine blo&#223;e Vereinigung aller Einsichtigen. Auch jenseits von warenf&#246;rmigem &#8220;Klassenstandpunkt&#8221; und &#8220;Klassenkampf&#8221; bleibt die weitergehende Negation der Warenform selber in den realen Verh&#228;ltnissen und deren Entwicklung auffindbar als prozessierender Selbstwiderspruch des Kapitals auf h&#246;herer Stufenleiter. Das bisher als &#8220;Klassenanalyse&#8221; firmierende Problem l&#246;st sich also nicht in Wohlgefallen auf, sondern stellt sich nur auf ver&#228;nderter, nunmehr negativ gewendeter Grundlage. Es gilt nicht mehr, von einer warenf&#246;rmig konstituierten sozialen Klassenkategorie aus positiv eine &#8220;gesamtgesellschaftliche Hegemonie&#8221; innerhalb dieses Geh&#228;uses strategisch zu formulieren, sondern vielmehr eine &#8220;negative&#8221; Umkehrung dieses Konstrukts zu bestimmen; aber auch diese muss in den realen Verh&#228;ltnissen selbst angelegt sein. Krise und Zerfall der Wertform bringen soziale Charaktere hervor, die nur noch negativ zu den vorgefundenen Verkehrsformen quasi als &#8220;Antiklasse&#8221; zu definieren w&#228;ren, weil sie nicht mehr in den Konstitutionszusammenh&#228;ngen der warenf&#246;rmigen Reproduktion aufgehen. Wir m&#252;ssen bei der Bestimmung der revolution&#228;ren &#8220;Antiklasse&#8221; antizipieren, wo und wie die von der Geldform konstituierten &#8220;Interessen&#8221; br&#252;chig werden und der immer noch blinde soziale Prozess Subjekte hervorbringt, die in ihrem ganzen Dasein nicht mehr mit der warenf&#246;rmigen Konstituiertheit &#252;bereinstimmen k&#246;nnen und wollen, also den erreichten Stand der gebrauchswertm&#228;&#223;igen Produktivkr&#228;fte gegen die wertabstraktiven Produktionsverh&#228;ltnisse auf einem neuen Widerspruchsniveau repr&#228;sentieren.</p>
<p>Die Kritik des &#8220;Klassenkampffetischs&#8221; kann nur das Prolegomenon zur Analyse der Entstehungsbedingungen von Antiklasse und negativem Klassenbewusstsein sein. Vorweggenommen sei nur, was nach dem Gesagten auf der Hand liegt. Ein neues revolution&#228;res Subjekt ist dort zu suchen, wo innerhalb der gesellschaftlichen Gesamtarbeit schon unter kapitalistischen Bedingungen Elemente einer ideellen und praktischen Negation der Arbeit selber auftauchen, d.h. des abstrakten Verausgabungsprozesses menschlicher Arbeitskraft als einer vermeintlich &#8220;nat&#252;rlichen&#8221; und &#8220;sinnstiftenden&#8221; Angelegenheit. Diese Negation der proletarischen Arbeit geschieht am ehesten nicht in den traditionellen Industrien, sondern in den fortgeschrittensten Sektoren des Verwissenschaftlichungsprozesses, wo Lohnabh&#228;ngige sich heute schon durch die Negation famili&#228;rer Reproduktion (&#8220;Familienverweigerung&#8221;), Teilzeitarbeit, bewusstes Ausn&#252;tzen der sozialstaatlichen Netze usw. von einer totalen Subsumtion unter die abstrakte Arbeit zu entkoppeln und die H&#246;he des Vergesellschaftungsprozesses der Reproduktion f&#252;r sich selber zu mobilisieren suchen, im offenen Gegensatz zur traditionellen Arbeiterbewegung ebenso wie zu den &#8220;alternativen&#8221; Reaktion&#228;ren der kruden &#8220;Selbermacher&#8221;- und Selbstausbeutungs-Szene (den Schwachsinn der &#8220;Belegschaftsbetriebe&#8221; eingeschlossen). Diese fortschrittliche negatorische Einstellung zur abstrakten Arbeit existiert bereits real, sie scheint auf in den g&#228;ngigen soziologischen (und nat&#252;rlich begriffslosen) Analysen des &#8220;Wertewandels&#8221;, in dem sich das Obsoletwerden der abstrakten Arbeit widerspiegelt.</p>
<p>Revolution&#228;re Subjektivit&#228;t wird sich also gerade dort herausbilden, wo die Charaktermasken nicht mehr als zweite Haut organisch mit ihren Tr&#228;gern verwachsen, und die eigene Sozialkategorie den Individuen selber ein &#228;u&#223;erliches und eher befremdliches Merkmal wird. Die zentrale Voraussetzung f&#252;r die Genesis eines transzendierenden Bewusstseins ist die Entstehung einer inneren Distanz zu allen Emanationen der Wertbeziehung in Menschengestalt, also auch zur eigenen Sozialfunktion. Diese radikal neue Grundhaltung ist keine fiktive Zukunftsmusik, sie zeichnet sich l&#228;ngst massenhaft empirisch ab. Von den marxistischen Nostalgikern unbemerkt hat sich eine breite soziale Schicht herauskristallisiert, f&#252;r deren Angeh&#246;rige die Nichtidentifikation mit der eigenen Sozialkategorie l&#228;ngst zum essentiellen Bestandteil ihres eigenen Selbstverst&#228;ndnisses und zur allt&#228;glichen Lebenspraxis geworden ist. In den nachwachsenden Generationen ist zunehmend ein ausgesprochen &#8220;pragmatischer&#8221; und desillusionierter Umgang mit diversen wechselnden Einkommensquellen salonf&#228;hig und weit verbreitet. Die &#220;berg&#228;nge vom Arbeitslosengeldbezieher zum Jobber, vom Kleinunternehmer zum Baf&#246;g-Empf&#228;nger sind flie&#223;end und in beide Richtungen durchg&#228;ngig geworden, ohne dass diese wechselnden bis beliebigen Bestimmungen einen besonders nachhaltigen Eindruck im Selbstverst&#228;ndnis der Einzelnen hinterlassen m&#252;ssten. Die mit dem Totalwerden der Geldbeziehung gesetzte Gleichg&#252;ltigkeit der Einkommensquellen f&#252;hrt gerade in den modernsten Schichten der b&#252;rgerlichen Gesellschaft dazu, dass ein spezifischer Broterwerb nicht l&#228;nger zum identit&#228;tsstiftenden Merkmal taugt. Die Selbstkonstituierung des revolution&#228;ren Subjekts kann an diese von der b&#252;rgerlichen Verkehrsform selber geschaffene flexible Grundhaltung ankn&#252;pfen. Zum revolution&#228;ren Subjekt sind daher Angeh&#246;rige all jener Schichten und Gruppen pr&#228;destiniert, die das moderne flexibel werdende Kapitalverh&#228;ltnis schon aus dem engen Horizont identifikatorischer Lebensformen entl&#228;sst; Menschen, die alle Rollen, zwischen denen die b&#252;rgerliche Gesellschaft den freien und gleichen Individuen die Wahl l&#228;sst, im Grunde gleicherma&#223;en als Zwang und Zumutung empfinden m&#252;ssen. Das Programm der fundamentalen Kritik von Ware und Geld kann nur bei den modernen Individuen Widerhall finden, die ihrem eigenen Selbstverst&#228;ndnis nach weder Arzt noch Sozialhilfeempf&#228;nger, weder Arbeiter noch Student noch Bankangestellter &#8220;sind&#8221;, selbst wenn sie die eine oder andere dieser Positionen gerade innehaben. Der Weg zur konkreten revolution&#228;ren Subjektivit&#228;t &#246;ffnet sich dort, wo die Menschen mit ihren Bed&#252;rfnissen und F&#228;higkeiten in ihrer abstrakten, an sich selber inhaltsleeren, von Geld und Ware konstituierten Subjektivit&#228;t nicht mehr aufgehen und &#252;ber sie hinausdr&#228;ngen.</p>
<p>Es w&#228;re allerdings ein fataler Fehlschluss, wollten wir in Anlehnung an die von der b&#252;rgerlichen Soziologie konstatierten Ph&#228;nomene wie &#8220;Wertewandel&#8221; und &#8220;Abkehr vom protestantischen Arbeitsethos&#8221; uns freudiger Erwartung hingeben und auf die allm&#228;hliche und friedliche Herausbildung eines &#8220;postindustriellen Menschen&#8221; spekulieren, der weniger auf sein unmittelbares Geldinteresse versessen w&#228;re und dem Pfl&#228;nzchen Gemeinwohl Licht und Raum lie&#223;e, weil er sich in friedlicher Koexistenz &#8220;neben&#8221; den Formationen der abstrakten Arbeit gem&#252;tlich niederlassen k&#246;nnte. Die &#8220;Antiklasse&#8221; kann erst mit der vollen Wucht der Krise von Wert und Ware &#252;berhaupt zum vollen Bewusstsein gelangen. Ihr Beruf ist nicht die Kreierung eines postindustriellen Hedonismus neben Ware und Geld, sondern die bewusste revolution&#228;re Zerst&#246;rung dieser Form von Gesellschaftlichkeit, weil sie untragbar geworden ist.</p>
<p>Die revolution&#228;re Theorie hat diesen Bewusstwerdungsprozess gegen die abstrakte Arbeit in &#220;bereinstimmung mit dem objektiven Verwissenschaftlichungsprozess der Reproduktion zu unterst&#252;tzen und zu beschleunigen, nicht aber die Vergangenheit des &#8220;Klassenkampfes&#8221; wieder hilflos heraufzubeschw&#246;ren. Kommunistisches Bewusstsein und &#8220;proletarisches Klassenbewusstsein&#8221; schlie&#223;en sich gegenseitig aus. Deswegen gibt es auch keine &#8220;revolution&#228;re Klassenpartei des Proletariats&#8221; oder dergleichen mehr &#8220;aufzubauen&#8221;. Die meisten derjenigen, die in den letzten zehn Jahren von dieser &#8220;Titanic&#8221; des &#8220;klassenbewussten Parteiaufbaus&#8221; etc. abgesprungen sind, haben jedoch nicht einmal die H&#228;lfte der Wahrheit f&#252;r sich, weil sie das Obsoletwerden der proletarischen Arbeit ausgerechnet mit einer Verewigung der Warenproduktion identifizieren, innerhalb der es bestenfalls noch f&#252;r &#8220;demokratische Reformen&#8221; zu k&#228;mpfen gelte. Das genaue Gegenteil ist richtig. Mit der objektiven und zunehmend subjektiven Negation der abstrakten Arbeit steht erst wirklich der Kommunismus auf der Tagesordnung, nicht als &#8220;proletarische Revolution&#8221;, sondern als Revolution gegen die proletarische Arbeit, d.h. als Revolution gegen den Wert.</p>
<hr /><a name="FN1" href="#F1">1</a> Paul Mattick, Marxismus und die Unzul&#228;nglichkeiten der Arbeiterbewegung, in: Arbeiterbewegung Theorie und Geschichte Jahrbuch 1, Frankfurt 1973, S. 193.</p>
<p><a name="FN2" href="#F2">2</a> Boudin, das theoretische System von Karl Marx, Stuttgart 1909, S. 172</p>
<p><a name="FN3" href="#F3">3</a> Karl Kautsky, zitiert nach Henryk Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Frankfurt M., 1970, S. 73</p>
<p><a name="FN4" href="#F4">4</a> Alfred Braunthal, Die Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Wirtschaft, Berlin 1927, S.7.</p>
<p><a name="FN5" href="#F5">5</a> Henryk Grossmann, das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Frankfurt M., 1970, (Ersterscheinung 1929), S.140</p>
<p><a name="FN6" href="#F6">6</a> Nikolaj Bucharin: &#214;konomik der Transformationsperiode, Hamburg 1970 S. 63</p>
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		<title>Demokratie und Sozialismus</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 7 (1989)]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Klein]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur Kritik einer linken Allerweltsphrase]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zur Kritik einer linken Allerweltsphrase</h3>
<p><em>Peter Klein</em></p>
<p>Wenn man der demokratischen Linken Glauben schenkt, dann steht das kapitalistische Privateigentum im Gegensatz zur Demokratie. Zumindest eine konsequent durchgef&#252;hrte Demokratie, so sagt diese Linke, die &#8220;auch Wirtschaft und Arbeitswelt&#8221; umfassen w&#252;rde, w&#252;rde sich die &#8220;Herrschaft&#8221; des Unternehmers &#8220;&#252;ber seinen Betrieb&#8221; nicht gefallen lassen und die &#8220;G&#252;terherstellung und G&#252;terverteilung&#8221; &#8220;der Disposition des gesamten Volkes&#8221; unterwerfen <a name="F1"></a><a href="#FN1"> 1 </a>.</p>
<p><span id="more-287"></span>Wenn sich &#8220;das Volk&#8221; heute bescheiden zeigt und sich mit der politischen Demokratie begn&#252;gt, den Unternehmer aber &#252;ber seinen Bereich, den &#8220;Bereich der Wirtschaft&#8221;, &#8220;uneingeschr&#228;nkt verf&#252;gen&#8221; l&#228;&#223;t, so &#8220;wie einst der absolute Monarch &#252;ber sein Land&#8221; verf&#252;gt hat (ebd.), dann sieht die demokratische Linke darin den Beweis f&#252;r die fatale Wirksamkeit etlicher &#8220;Rechtfertigungs- und Verschleierungsideologien&#8221; (S.71), mit deren Hilfe es den &#8220;&#246;konomisch Herrschenden&#8221; <a name="F2"></a><a href="#FN2"> 2 </a> immer wieder gelingt, &#8220;den unteren Klassen einzureden, da&#223; ihre Interessen bei niemandem so gut aufgehoben sind wie bei den Machthabern&#8221; (S. 39). An diesem Punkt der demokratischen Argumentation tauchen dann mit sch&#246;ner Regelm&#228;&#223;igkeit die sattsam bekannten Manipulationstheorien auf, die unter Hinweis auf die &#8220;Macht der Medienkonzerne&#8221; und der anderen &#8220;ideologischen Apparate&#8221; allesamt nachweisen, da&#223; die &#8220;&#246;ffentliche Meinung&#8221; von &#8220;&#246;konomischen Interessen&#8221; verzerrt werde und da&#223; in der modernen Massendemokratie ein entsprechender &#8220;Strukturwandel der &#214;ffentlichkeit&#8221; (Habermas) stattgefunden habe. Schlu&#223;endlich m&#252;ndet der demokratische Klagegesang bei jenem Ceterum censeo, bei dem er bei allen Demokraten schon immer m&#252;ndete, bei der Verfassung. Alles Ungl&#252;ck r&#252;hrt n&#228;mlich daher, &#8220;da&#223; die soziale Demokratie, die mindestens eine demokratische Kontrolle privater Wirtschaftsmacht, wenn nicht eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel gem&#228;&#223; Art. 15 (Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland) bedeuten w&#252;rde, nicht realisiert worden ist&#8221; (S. 74).</p>
<p>Diese schlichte Darstellung der kapitalistischen Wirklichkeit, die mit ihrer s&#228;uberlichen Unterscheidung der beiden &#8220;Bereiche&#8221; der &#8220;Wirtschaft&#8221; (Herrschaft der Minderheit) und &#8221; des Politischen&#8221; (Herrschaft der Mehrheit) ein wenig an jene klaren Verh&#228;ltnisse erinnert, die auch in Kinderm&#228;rchen vorzukommen pflegen, hat, so paradox es klingen mag, ihre Berechtigung. Dann zumindest, wenn man das Alter und die Macht der Gewohnheit als Ma&#223;stab gelten l&#228;&#223;t. &#8220;Wie einst der absolute Monarch&#8221; auf die Legitimit&#228;t des Erbk&#246;nigtums im Namen des ehrw&#252;rdigen Alters dieser Institution pochen konnte, deren w&#252;rdevoller Gehalt seinerzeit gerne mit dem Bild einer alten, knorrigen Eiche zur Darstellung gebracht wurde, so kann auch die demokratische Auffassung auf eine inzwischen lang w&#228;hrende und ruhmreiche Tradition verweisen.</p>
<p>Schon w&#228;hrend der franz&#246;sischen Revolution ging die mit dem Namen Babeufs verkn&#252;pfte Richtung dazu &#252;ber, die politische Freiheit mit der &#8220;sozialen Frage&#8221; zu verbinden. Die &#8220;wahre Demokratie&#8221;, so hie&#223; es damals, m&#252;sse sich auch des Privateigentums bem&#228;chtigen. Und im Lichte dieser &#8220;Konsequenz&#8221; wird die Demokratie w&#228;hrend des ganzen 19.Jahrhunderts betrachtet. Insbesondere ihre Gegner erwiesen ihr diese Reverenz, die sich, wie ich meine, das junge und f&#252;r Schmeicheleien empf&#228;ngliche Gesch&#246;pf damals noch mit einer gewissen Berechtigung gefallen lassen durfte, die aber als die fix gewordene Idee der inzwischen zweihundert Jahre alten Greisin doch verd&#228;chtig nach einer Erscheinungsform des Altersschwachsinns aussieht. So wird etwa das allgemeine Wahlrecht im Jahre 1849 von einer in Berlin erscheinenden Zeitung namens &#8220;Die deutsche Reform&#8221; bezichtigt, des &#8220;Kommunismus&#8221; verd&#228;chtig zu sein <a name="F3"></a><a href="#FN3"> 3 </a>. In der gleichen Weise charakterisiert der monarchistische Staatsphilosoph Friedrich Julius Stahl 1868 die &#8220;demokratische Partei&#8221;, die &#8220;keine Schranke des Volkswillens an dem Rechte des Individuums dulde&#8221;: &#8220;Ihr Standpunkt ist die g&#228;nzliche Unterwerfung des Einzelnen unter das Volk. Er hat kein Recht gegen&#252;ber dem Willen des Volkes, seine Freiheit ist kein Hinderni&#223; gegen&#252;ber den Zwecken des Volkes. Sie will darum nicht unbedingten Schutz des Privateigentums, sondern viel lieber die Einziehung zum Nationaleigentum; sie schw&#228;rmt nicht f&#252;r Gewerbefreiheit, Freiheit des G&#252;terhandels, Freiheit von Kauf und Verkauf, sondern sucht vielmehr Anordnung und Garantie f&#252;r die Versorgung der ganzen Volksmasse;..&#8221; <a name="F4"></a><a href="#FN4"> 4 </a>. Die Notstandsma&#223;nahmen der Jakobinerdiktatur w&#228;hrend des Jahres 1793/94, allesamt &#8220;Opfer des Eigenthums zum Besten des Volkes&#8221;, sieht Stahl folgerichtig &#8220;bereits an der Grenze des Kommunismus stehen (ebd.).</p>
<p>Die z&#228;he Beharrlichkeit, mit der sich diese Auffassung der Demokratie als &#8220;eigentlich&#8221; oder &#8220;tendenziell&#8221; kommunistisch bis heute nicht nur gehalten, sondern geradezu bis zur Bewu&#223;tlosigkeit der Allerweltsfloskel durchgesetzt hat &#8211; in jedem DDR-Schm&#246;ker zur Franz&#246;sischen Revolution wird diese Gedankenlosigkeit um und um gewendet mit dem immer gleichen Resultat, da&#223; damals zum Triumph der guten Sache die Arbeiterklasse gefehlt habe &#8211; , bedeutet freilich nicht, da&#223; sie dadurch an innerer St&#228;rke gewonnen h&#228;tte. Auch der Absolutismus war ja zu jener Zeit, als er sich mit dem romantischen Bild der alten, knorrigen Eiche ausstaffieren zu m&#252;ssen meinte, innerlich bereits hohl und morsch und brach bald darauf f&#252;r immer in sich zusammen. Deshalb unternehme ich die Kritik an dem breitgetretenen Quark der &#8220;Sozialistischen Demokratie&#8221; auch nicht aus der Sorge heraus, da&#223; er allzuviel Kraft in sich bergen k&#246;nnte. Vielmehr scheint mir die Kritik deshalb erforderlich zu sein, weil die demokratische Ideologie gar keine Kraft mehr besitzt. Sie kann die oppositionelle Bewegung nicht in die Irre f&#252;hren, weil sie zu gar keiner Opposition mehr taugt. Sie hat sich gleichsam zu Tode gesiegt. Nachdem zweihundert Jahre lang theoretisch und praktisch s&#228;mtliche Demokratievarianten durchgespielt worden sind, begegnet der eine Demokrat nur noch dem anderen Demokraten. Das babylonische Sprachengewirr, in dem sich die nationalen, christlichen, freien, sozialen und &#246;kologischen Demokraten dar&#252;ber streiten, welcher von ihnen mit der gr&#246;&#223;ten Beflissenheit &#8220;dem Volk dient&#8221;, ist bereits als jene Irre anzusehen, in die uns der als eine &#8220;konsequente Demokratie&#8221; mi&#223;verstandene Sozialismus daher nicht mehr f&#252;hren kann.</p>
<p>Ich habe vor, mich dem Thema in zwei Schritten zu n&#228;hern. Im vorliegenden Artikel versuche ich zu zeigen, da&#223; der von der Demokratie aufs Podest gehobene &#8220;Volkswille&#8221; und die &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; des einzelnen Privateigent&#252;mers zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, da&#223; sie in der gleichen vom Wertverh&#228;ltnis konstituierten Willenskategorie ihre Identit&#228;t besitzen. In einem weiteren Artikel wird dieser &#8220;freie Wille&#8221; f&#252;r sich zu betrachten sein &#8211; mit der Absicht, ihn als eine zum entfalteten Kapitalismus geh&#246;rige Abstraktion kenntlich zu machen, die gerade in ihrer Allgegenwart un&#252;bersehbar hilflos und f&#252;r die L&#246;sung der heute anstehenden Aufgaben direkt zu einem Hemmschuh geworden ist.</p>
<h4>Die Identit&#228;t von Demokratie und Privateigentum</h4>
<p>Der grundlegende Mangel des demokratischen Bewu&#223;tseins besteht in seiner Unf&#228;higkeit, das Privateigentum als das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis zu denken, das es ist. Wenn etwa K&#252;hnl sich die Vorstellung macht, da&#223; der Kapitalist &#8220;die Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber das Privateigentum&#8221; (S.54) bzw. &#8220;&#252;ber seinen Betrieb&#8221; (S. 75, Hervorh. jeweils P.K.) besitzt, so hat er &#8220;das Privateigentum nicht als Verh&#228;ltnis, sondern dinglich bestimmt. Das Verh&#228;ltnis ist gewisserma&#223;en in den Betrieb hineingefahren, und er hat die Eigenschaft zugesprochen erhalten, Privateigentum zu sein. Ganz entsprechend mu&#223; dann auch mit &#8220;dem&#8221; Kapitalisten verfahren werden. Sein Verhalten zu diesem &#8220;Privateigentum&#8221; als zu einem Ding verwandelt sich zu einer Bestimmung dieser Person. &#8220;&#220;ber&#8221; Privateigentum zu verf&#252;gen, wird damit nicht minder zu einer pers&#246;nlichen Eigenschaft, wie es vorher die Eigenschaft des Dinges war, Privateigentum zu sein. Das Sein des Verh&#228;ltnisses stellt sich dar als das Sein von Eigenschaften, die, sobald sie f&#252;r sich betrachtet und gelten gelassen werden, jenes Verh&#228;ltnis, indem es in ihnen erscheint, sogleich auch verschluckt und mystifiziert h&#228;tten.</p>
<p>Den Vorteil von dieser Darstellungsweise hat offensichtlich die &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221;. Da das Privateigentum als Ding bestimmt ist, &#252;ber das eine Person, der kapitalistische Privateigent&#252;mer, verf&#252;gt, befindet sich dieses Verf&#252;gen ganz klar au&#223;erhalb &#8211; au&#223;erhalb der Person und des Dings. Frei und ledig von allen Zumutungen des Eigentums ist die &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; allerdings nur f&#252;r einen sehr kurzen Zeitraum. Sie mu&#223; es sich n&#228;mlich allsogleich gefallen lassen, da&#223; sie jetzt der Demokrat f&#252;r sein Weltverbesserungsmodell in Beschlag nimmt. Da&#223; nur wenige Privateigent&#252;mer &#8220;&#252;ber&#8221; die Produktionsmittel &#8220;verf&#252;gen&#8221;, mit denen viele arbeiten m&#252;ssen, empfindet n&#228;mlich der Demokrat als die eigentliche &#8220;Ungerechtigkeit&#8221; des Kapitalismus, die er, den armen Marx paraphrasierend, als den &#8220;Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung&#8221; auf den richtigen Begriff zu bringen meint. Und ohne gro&#223; &#252;ber die &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; nachzudenken, meint er weiter, sie k&#246;nnte in der gleichen Beschaffenheit, in der sie jetzt bei den &#8220;Wenigen&#8221; ist, ebensogut den &#8220;Vielen&#8221; zukommen. Nachdem schon im Verlauf der bisherigen Geschichte des Kapitalismus &#8220;der Staat&#8221; mit Gesetzen &#8220;zum Schutze der sozial Schwachen&#8221; die &#8220;Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber das Privateigentum&#8230;, in mannigfacher Weise&#8221; eingeschr&#228;nkt hat, warum nicht konsequent fortschreiten auf diesem Weg, die &#8220;demokratische &#214;ffentlichkeit&#8221; mobilisieren, den &#8220;Einflu&#223; &#246;konomisch m&#228;chtiger Gruppen&#8221; auf &#8220;Regierung und B&#252;rokratie&#8221; zur&#252;ckdr&#228;ngen und &#8220;die Lohnabh&#228;ngigen&#8221; via &#8220;Einflu&#223; der Volksvertretung&#8221; &#8220;an die Hebel der Macht gelangen&#8221; lassen. (S. 54)?</p>
<p>Dieses demokratische Konzept zur Beseitigung oder &#8220;&#220;berwindung&#8221; des kapitalistischen Privateigentums stellt eine kolossale theoretische Verballhornung dieses gesellschaftlichen Produktionsverh&#228;ltnisses dar. Wobei ich f&#252;r diejenigen, die sich bei der Erw&#228;hnung dieses &#8220;Reformismus&#8221; nicht gemeint f&#252;hlen, weil sie es mit dem &#8220;Zerschlagen des Staatsapparates&#8221; und der &#8220;Diktatur des Proletariats&#8221; halten, gleich hinzuf&#252;ge, da&#223; sie um dieser &#8220;revolution&#228;ren Konsequenz&#8221; willen noch keinen Flohsprung &#252;ber das demokratische Eiapopeia der &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; hinausgelangt sind. Die Verballhornung kommt darin zum Ausdruck, da&#223; hier mit den &#8220;Lohnabh&#228;ngigen&#8221;, den &#8220;Unternehmern&#8221;, dem &#8220;Staat&#8221;, der &#8220;Volksvertretung&#8221; und dem &#8220;Privateigentum&#8221; umgegangen wird wie mit lauter positiven Tatsachen, von denen eine jede f&#252;r sich etwas &#8220;ist&#8221; und demzufolge auch wollen und tun und mit sich geschehen lassen k&#246;nne. Man nennt daher dieses Denken, das sich naiv und unmittelbar verh&#228;lt zu den Kategorien der kapitalistischen, wertvermittelten Gesellschaft, positivistisch. Das positivistische Denken setzt sich dar&#252;ber hinweg, da&#223; die Kategorien, mit denen es umgeht, allesamt konstituiert sind von dem einen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnis des Werts, das in einer jeden von ihnen gleicherma&#223;en erscheint und somit ihre wesentliche Identit&#228;t ausmacht.</p>
<p>Es ist eine der schwierigsten Aufgaben auf dem Felde der marxistischen Theorie, dem Alltagsverstand zum Verst&#228;ndnis dieses &#8220;Konstituiertseins&#8221;, das schlie&#223;lich ihn selbst betrifft, hinzuf&#252;hren. Da der Alltagsverstand mechanisch-kausal denkt und die &#8220;Fakten&#8221;, mit denen er umgeht, immer schon in einem Ursache-Wirkungs-Gef&#252;ge wahrnimmt, behandelt er nat&#252;rlich auch die Frage des Konstituiertseins ganz in diesem Sinne als die Frage nach einer &#8220;ersten Ursache&#8221;. Und in der (durchaus berechtigten) Ansicht, die er &#252;brigens mit dem alten Kant teilt, da&#223; hier eine Welt zum Problem gestellt ist, die sich jenseits der seinen befindet, fragt er, mi&#223;trauisch gegen alle Metaphysik, um die es sich f&#252;r ihn dabei nur handeln kann: &#8220;Wer&#8221; denn nun die in Frage stehenden Kategorien &#8220;konstituiert&#8221; haben soll. &#220;ber der Marxschen Antwort, da&#223; es sich dabei um den zum &#8220;automatischen Subjekt&#8221; der Gesellschaft aufgestiegenen Wert handele, um ihr eigenes, zur Objektivit&#228;t geronnenes Produktionsverh&#228;ltnis, an dem die Menschen h&#228;ngen wie Marionetten an ihren F&#228;den, sch&#252;ttelt er noch heute den Kopf, &#252;berzeugt davon, da&#223; ihm mit diesem &#8220;Wert&#8221; nur wieder einmal &#8211; diesmal in besonders raffinierter Verkleidung- ein Herr namens Gott aufgeschwatzt werden soll, von dem er sich doch erst in der Aufkl&#228;rung gl&#252;cklich befreit hatte. Mit dem Hinweis, da&#223; es von Marx, angeblich hierzu im Widerspruch stehend, schlie&#223;lich auch noch andere Aussagen gebe, worin den Menschen verst&#228;ndigerweise einger&#228;umt werde, da&#223; sie ihre Geschichte selber machen, l&#228;&#223;t er das Jenseits, von welchem her seinen Kategorien jenes &#8220;gemeinsame Wesen&#8221; aufgeschwatzt wird, das der metaphysische, von der Hegelschen Spekulation verf&#252;hrte Marx zu allem &#220;berflu&#223; auch noch ihre &#8220;Formbestimmtheit&#8221; genannt haben soll, Jenseits sein &#8211; und wendet sich dem Diesseits zu. Formbestimmtheit hin, Konstituiertheit her, gegen so handgreifliche Mi&#223;lichkeiten wie die Arbeitslosigkeit oder die Umweltvergiftung, allesamt &#8220;vom Kapital verursacht&#8221;, wird man wohl noch agitieren d&#252;rfen!</p>
<h4>1. Der Fetischismus der Eigenschaftsform</h4>
<p>Ich ma&#223;e mir nicht an, in einem Artikel s&#228;mtliche Mi&#223;verst&#228;ndnisse des Alltagsverstandes &#8211; und damit diesen selbst &#8211; beseitigen zu k&#246;nnen. Wohl aber mu&#223; ich, was die erw&#228;hnte &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; betrifft, den Versuch unternehmen, die allzu gro&#223;e Selbstverst&#228;ndlichkeit, mit welcher sie von der demokratischen Linken gehandhabt wird, zu ersch&#252;ttern. Um es kenntlich zu machen, da&#223; diese &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; selber noch ein konstitutives Moment des Privateigentums ist, gegen das sie infolgedessen nichts auszurichten vermag, ist es erforderlich, einen wenn auch nur kurzen Blick auf die logische Figur des Tauschakts zu werfen, jenes Tauschakts, durch den zwei Produkte &#8220;sinnlich verschiedener Gebrauchsgegenst&#228;ndlichkeit&#8221; den Besitzer wechseln.</p>
<p>Damit der Tausch vonstatten gehen kann, mu&#223;, wie Marx in der Analyse der Warenform gezeigt hat, von dieser &#8220;sinnlich verschiedenen Gebrauchsgegenst&#228;ndlichkeit&#8221; abstrahiert werden. Die beiden Produkte k&#246;nnen nur als Tr&#228;ger von reiner Quantit&#228;t in jene Beziehung zueinander treten, die sie zu Waren macht. Diese Beziehung beinhaltet eine Gleichung, die besagt, da&#223; die Menge x der Ware A die Menge y der Ware B wert ist. Da die Entfaltung dieser &#8220;einfachen Wertform&#8221; zur &#8220;allgemeinen Wertform&#8221; und zur &#8220;Geldform&#8221; hier nicht mein Thema ist, belasse ich es bei dem allgemeinen Hinweis, da&#223; sich in der modernen, kapitalistischen Gesellschaft, in der die Produkte immer schon f&#252;r den Austausch (bzw. Verkauf) hergestellt werden, sie sich auch immer schon in der Wertform befinden. Da&#223; zur Darstellung dieser Wertform eine bestimmte Ware als Geld dauerhaft abkommandiert worden ist, und da&#223; dieses Geld, zum Movens aller Produktion geworden, diese Produktion kapitalistisch macht, tut hier nichts zur Sache. Hier interessiert und nur die als solche nicht in Erscheinung tretende Voraussetzung der Aktion, die darin besteht, da&#223; die betreffenden Produkte &#252;berhaupt nur deshalb ausgetauscht und also Waren werden m&#252;ssen, &#8220;weil sie Produkte voneinander unabh&#228;ngig betriebener Privatarbeiten sind&#8221; <a name="F5"></a><a href="#FN5"> 5 </a>. Diese Privatarbeiten sind nat&#252;rlich objektiv immer schon Glieder &#8220;des naturw&#252;chsigen Systems der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit&#8221; und damit &#8220;Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit&#8221;, aber sie bet&#228;tigen sich als solche erst &#8220;durch die Beziehung, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittelst derselben die Produzenten versetzt&#8221; (ebd.). In diesen (wertf&#246;rmigen) Beziehungen erscheint die &#8220;gesellschaftliche Gesamtarbeit&#8221; ebensowohl, wie sie von ihnen verdeckt wird. In der Wertform (in der sich unmittelbar nur die Produkte zueinander verhalten), verschwindet nicht nur das vorausgesetzte System der gesellschaftlichen Arbeit, sondern, und das ist das eigentliche Kunstst&#252;ck, das der Tauschakt vollbringt, es nimmt obendrein auch noch die Form einer Eigenschaft an, die den Dingen als Dingen innezuwohnen scheint. Ihr eigener gesellschaftlicher Zusammenhang, den die Menschen bei der Produktion ihres Lebens herstellen, verwandelt sich also durch die Art und Weise, wie sie ihn herstellen, n&#228;mlich &#8220;vermittelst&#8221; des Austausches der Arbeitsprodukte, in eine &#8220;gesellschaftliche Natureigenschaft (..)dieser Dinge&#8221; (S. 86 Hervorh. P.K.). Diese Eigenschaftsform ist der Kern dessen, was Marx den Warenfetisch nennt.</p>
<p>Der Warenfetisch w&#228;re noch nicht durchschaut, wenn man hinter der Wert&#8221;eigenschaft&#8221; der Waren die gesellschaftliche Arbeit auch wieder nur in der Eigenschaftsform wahrnehmen und also zu der Definition gelangen w&#252;rde, da&#223; die Waren Produkte &#8220;abstrakter durchschnittlicher gesellschaftlicher Arbeit&#8221; sind. Hierbei w&#252;rde sich die gesellschaftliche Arbeit immer noch erst in ihren Produkten begegnen. An diesem Umstand, der die Produkte &#252;berhaupt erst zu Waren macht, verm&#246;chte also ein so verfahrendes Denken, das sich lediglich um die &#8220;richtige Definition&#8221; der Ware bem&#252;ht, noch gar keinen Ansto&#223; zu nehmen. Wer meinen w&#252;rde ,mit dieser Definition den Warenfetisch entzaubert zu haben, h&#228;tte ihn damit nur umso mehr befestigt. Marx zeigt, da&#223; dieses definitorische Denken dasjenige der &#8220;klassischen politischen &#214;konomie&#8221; ist. Er r&#228;umt dieser, zuv&#246;rderst ihrem bedeutendsten Vertreter Ricardo, zwar ein, den &#8220;Inhalt&#8221; oder &#8220;Gehalt&#8221; von &#8220;Wert und Wertgr&#246;&#223;e&#8221; entdeckt zu haben (S. 90, S. 94 f.), macht dabei aber einen bedeutsamen Vorbehalt: Weil ihr die &#8220;Wertform des Arbeitsprodukts&#8221; &#8220;f&#252;r die ewige Naturform der gesellschaftlichen Produktion&#8221; galt, habe sie es nie f&#252;r erforderlich gehalten, &#8220;auch nur die Frage&#8221; zu stellen, &#8220;warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert&#8230;darstellt&#8221; (S. 95). Entsprechend vers&#228;ume sie es, die in der Wertform erfolgende &#8220;Reduktion auf abstrakt menschliche Arbeit&#8221; ausdr&#252;cklich zu unterscheiden &#8220;von derselben Arbeit, soweit sie sich im Gebrauchswert ihres Produkts darstellt&#8221; (S. 94); geschweige, so f&#252;ge ich hinzu, da&#223; sie sie (die abstrakte Arbeit) zu problematisieren vermocht h&#228;tte <a name="F6"></a><a href="#FN6"> 6 </a>. Mit ihrer Entdeckung, da&#223; die &#8220;Wertgr&#246;&#223;e durch die Arbeitszeit&#8221; bestimmt ist, habe sie daher lediglich den &#8220;Schein der blo&#223; zuf&#228;lligen Bestimmung der Wertgr&#246;&#223;en der Arbeitsprodukte&#8221; aufheben k&#246;nnen, &#8220;keineswegs ihre sachliche Form&#8221; (S. 89, Hervorh. P.K.).</p>
<p>Diese sachliche oder Eigenschaftsform des Werts erlangt in dem Masse, wie der Austausch &#8220;hinreichende Ausdehnung und Wichtigkeit gewonnen hat&#8221; (S. 87), die &#8220;Festigkeit&#8221; einer &#8220;Naturform(..) des gesellschaftlichen Lebens&#8221; (S.90). Zu dieser &#8220;Naturform&#8221; m&#252;ssen sich die Menschen der tauschvermittelten Gesellschaft tagt&#228;glich verhalten wie zu jeder anderen Tatsache von naturgesetzlicher Objektivit&#228;t. Und zwar verallgemeinert sich dieses Mu&#223; paradoxerweise gerade in dem Ma&#223;, in dem die Grundlage des Warentausches, &#8220;voneinander unabh&#228;ngig betriebene Privatarbeiten&#8221;, durch die kapitalistische Industrialisierung aufgehoben und also die Tauschvermitteltheit des zu einem gesamtgesellschaftlichen Organismus zusammenwachsenden Produktionsapparates zu einem Formalismus und zur Chim&#228;re wird. Mit dieser Chim&#228;re der Wertform steht den Menschen ihr eigener gesellschaftlicher Zusammenhang als eine selbst&#228;ndige, au&#223;erhalb von ihnen existierende Objektivit&#228;t gegen&#252;ber. Indem sie sich zum Wert als zu einer unverr&#252;ckbaren Tatsache verhalten, verhalten sie sich zu dem von ihnen selbst hergestellten gesellschaftlichen Verh&#228;ltnis wie zu einer zweiten Natur, der sie bedingungslos unterworfen sind. Der Alltagsverstand, der sich auf dem Niveau der blo&#223;en Wahrnehmung von Tatsachen bewegt, der sich bei der Organisation seines Lebens auf seine Erfahrung verl&#228;&#223;t und dessen philosophisches Sprachrohr daher der Empirismus ist, nimmt daran keinen Ansto&#223;. Gerade in der Selbstverst&#228;ndlichkeit, mit der er die &#8220;Naturformen&#8221; der tauschvermittelten Gesellschaft f&#252;r das Material seines &#8220;eigenen&#8221; Denkens h&#228;lt, geh&#246;rt er dieser &#8220;zweiten Natur&#8221; bewu&#223;tlos an und erweist sich als von ihr unterworfen bzw. &#8220;konstituiert&#8221; &#8211; weshalb er auch den mit der kapitalistischen Krise notwendig eintretenden Substanzverlust dieser &#8220;Naturformen&#8221; nur als die Krise und das Unsicherwerden seines eigenen Denkens und Meinens erleiden kann.</p>
<p>Bis zu diesem Punkt der Marxschen Analyse pflegt &#252;brigens der Demokrat, wenn wir einmal vom letzten Satz absehen, sein Einverst&#228;ndnis kundzutun. Teils z&#246;gerlich, teils mit verd&#228;chtiger Beflissenheit haben wir ihn in der Kapitalschulung mit dem Kopf nicken sehen. Noch kann er sich die Illusion machen, da&#223; nicht von ihm selbst, sondern von dem die Rede ist, was er sich unter der Bezeichnung &#8220;Wirtschaft&#8221; oder &#8220;&#214;konomie&#8221; vermeintlich gegen&#252;berstehen hat. Insbsondere bei dem Wort &#8220;Unterwerfung&#8221; leuchten seine Augen verst&#228;ndnisinnig auf. Er erkennt darin n&#228;mlich allsogleich den Komplement&#228;rausdruck f&#252;r die von ihm so genannte &#8220;Herrschaft des Kapitals&#8221;, um deren Beseitigung es ihm ja zu tun ist. Weshalb er mir vielleicht auch den Vorwurf machen wird, da&#223; bisher vom Kapital und den ihm &#8220;unterworfenen&#8221; Arbeitern noch gar nicht die Rede war, sondern lediglich von jener Wertform, die die Arbeitsprodukte annehmen, indem sie als Produkte der abstrakten, das hei&#223;t von ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang getrennt verrichteten Arbeit ausgetauscht werden m&#252;ssen.</p>
<p>Ich kann nun zwar zugeben, da&#223; die Wertform erst im modernen Kapitalismus zur wirklich herrschenden Form der Produktion als einer Produktion von Waren geworden ist, von ihr fortgehen aber kann ich im Interesse unseres Themas, der &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221;, noch nicht. In dieser Hinsicht ist die Analyse n&#228;mlich beileibe noch nicht abgeschlossen. Bisher war vom Tauschakt nur im Hinblick auf die getauschten Produkte die Rede, was er aber auf der Seite der tauschenden Subjekte anrichtet, das habe ich erst angedeutet. Wenn wir diesen n&#228;chsten notwendigen Schritt tun und also auf die Frage zu sprechen kommen, wie denn nun n&#228;her die &#8220;Unterwerfung&#8221; unter die Wertform beschaffen ist, so werden wir den bisher noch leidlich gefa&#223;ten Demokraten sogleich seine Contenance verlieren sehen. Der demokratische Esel wird endg&#252;ltig st&#246;rrisch, wenn er zu h&#246;ren bekommt, da&#223; seine Fesseln ausgerechnet &#8220;Freiheit&#8221; und &#8220;Gleichheit&#8221; hei&#223;en. Schlie&#223;lich sind dies seine mit Andacht gepflegten Heiligt&#252;mer. Deren (vermeintliche) Verunglimpfung will um so weniger in seinen Kopf, als ihm doch die Erfahrung sagt, da&#223; alle edlen Menschen, die in den vergangenen zweihundert Jahren den Kampf f&#252;r den Fortschritt und gegen die Reaktion, sei es des Absolutismus, sei es des Kapitals, gef&#252;hrt haben, dies im Namen von Freiheit und Gleichheit getan haben. Wie kann man allen Ernstes diesen demokratischen Kampf, der nicht nur Intelligenz, Energie und Leidenschaft, sondern auch Str&#246;me von Blut gekostet hat, unter den Begriff der &#8220;Unterwerfung&#8221; bringen, mit dem man Demutsgesten und Friedhofsruhe zu assoziieren pflegt? Und emp&#246;rt den Eselsschrei aussto&#223;end wird er mich der Verh&#246;hnung der Opfer anklagen und den Verdacht aussprechen, da&#223; man, mit meinem Ma&#223;stab geurteilt, wohl alles K&#228;mpfen h&#228;tte sein lassen sollen, da ich bei meiner l&#228;cherlichen Fixierung auf die &#8220;wertf&#246;rmige &#214;konomie&#8221; die demokratischen Freiheiten, die man m&#252;hsam und unvollkommen genug errungen habe, nicht zu sch&#228;tzen wisse.</p>
<p>Schon mit diesem ersten spontanen Protest beweist der Demokrat &#8211; ich spreche immer von demjenigen, der den Anspruch erhebt, &#8220;Marxist&#8221; oder &#8220;links&#8221; zu sein &#8211; , da&#223; ihm der Warenfetisch ein versiegeltes Buch geblieben ist. Obwohl er beif&#228;llig nickte, als ihm zu Geh&#246;r kam, da&#223; im Wert der Waren ein gesellschaftliches Verh&#228;ltnis erscheint, n&#228;mlich das voneinander unabh&#228;ngig betriebener Privatarbeiten, hat er ihn hiermit dennoch l&#228;ngst den toten Dingen als ihre &#8220;Eigenschaft&#8221; zugeschlagen und meint jetzt, mich mit der Allerweltsphrase bel&#228;stigen zu m&#252;ssen, da&#223; dieser Bereich der &#8220;&#214;konomie&#8221; keineswegs ausreichend sei, um das &#8220;politische&#8221; Verhalten der Menschen zu bestimmen. Soweit die &#8220;Faktizit&#228;t&#8221; der historischen Ereignisse betroffen ist, befindet sich unser Demokrat nat&#252;rlich im Recht &#8211; allerdings in jeder Hinsicht und auf allen Gebieten, auf dem der &#8220;Politik&#8221; ebenso wie auf dem der &#8220;&#214;konomie&#8221; &#8211; , was aber die Wertf&#246;rmigkeit dieser Ereignisse anlangt, so wird sie von diesem Einwand &#252;berhaupt nicht ber&#252;hrt. Ich will mich hier nicht bei dem aus der Empirie genommenen Hinweis aufhalten, da&#223; der Erfolg der Demokratie offensichtlich auch der des Kapitalismus gewesen ist, weil ich gew&#228;rtigen mu&#223;, da&#223; der Demokrat zwar diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen wom&#246;glich bereit ist, aber nur, um darin ein weiteres Mal seine Ansicht best&#228;tigt zu sehen, da&#223; es der Demokratie eben immer noch an Vollst&#228;ndigkeit gebricht. Stattdessen will ich bei der Logik der Sache verweilen, wie sie diesmal nicht an den Gegenst&#228;nden, sondern den menschlichen Subjekten der Tauschhandlung in Erscheinung tritt. Ich werde also zu zeigen versuchen, da&#223; Freiheit und Gleichheit notwendige Momente des heutzutage allt&#228;glichen Tausch- bzw. Kaufaktes und somit des Wertverh&#228;ltnisses sind; dies gezeigt, h&#228;tten sie sich nat&#252;rlich auch erwiesen, Emanationen jener von der klassischen politischen &#214;konomie nicht ausdr&#252;cklich thematisierten, sondern blind vorausgesetzten &#8220;abstrakten Arbeit&#8221; zu sein, die Marx als das Wesen der Wertform herausgearbeitet hat.</p>
<h4>2. Das Jenseits des freien Willens</h4>
<p>Marx macht im &#8220;Kapital&#8221; genau auf diese logische Notwendigkeit aufmerksam, wenn er die nicht gerade umwerfende Feststellung trifft, da&#223; die Waren &#8220;nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst austauschen&#8221; k&#246;nnen. Sie ben&#246;tigen dazu ihre &#8220;H&#252;ter&#8221;, die Warenbesitzer. Diese m&#252;ssen, um die Dinge als Waren aufeinander beziehen zu k&#246;nnen, &#8220;sich zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so da&#223; der eine nur mit dem Willen des andern, also jeder nur vermittels eines, beiden gemeinsamen Willensaktes sich die fremde Ware aneignet, indem er die eigne ver&#228;u&#223;ert. Sie m&#252;ssen sich damit wechselseitig als Privateigent&#252;mer anerkennen. Dies Rechtsverh&#228;ltnis, dessen Form der Vertrag ist,&#8230;, ist ein Willensverh&#228;ltnis, worin sich das &#246;konomische Verh&#228;ltnis widerspiegelt&#8221; <a name="F7"></a><a href="#FN7"> 7 </a>. Der Wille, der hierbei wirksam wird, mu&#223; notwendigerweise &#8220;frei&#8221; sein; denn andernfalls w&#228;ren die betreffenden &#8220;Warenh&#252;ter&#8221; voneinander nicht unabh&#228;ngig und sie k&#246;nnten sich nicht als Austauschende zueinander verhalten. W&#228;re dieses Moment des freien Willens nicht vorhanden, dann w&#228;re auch das Verh&#228;ltnis ein qualitativ anderes, dann w&#252;rde der St&#228;rkere vom Schw&#228;cheren nehmen, soviel er bekommen kann bzw. er w&#252;rde ihn gleich als seinen Knecht oder Sklaven f&#252;r sich arbeiten lassen. Wir h&#228;tten also ein Verh&#228;ltnis pers&#246;nlicher Abh&#228;ngigkeit vor uns, in welchem die Freiheit des einen Teils die Unfreiheit des anderen ausmachen w&#252;rde. Damit ist aber bereits gesagt, da&#223; die Freiheit des Willens der Warenbesitzer nicht als eine Hierarchie von abgestuften &#8220;Freiheiten&#8221;, sondern nur in der Weise existieren kann, da&#223; sie f&#252;r alle Beteiligten die gleiche ist. Als gleiche aber mu&#223; sie gleichg&#252;ltig sein gegen alle Qualit&#228;t sowohl der Personen wie der Sachen, &#252;ber die die Personen als private (voneinander unabh&#228;ngige und getrennte) verf&#252;gen. Es darf also niemand aufgrund seiner Geburt, seiner Rasse oder Religion Eintrag erleiden an der Bet&#228;tigung seines freien Willens, sofern nicht diese Bet&#228;tigung ins Gehege kommt mit der Bedingung der Freiheit des Willens aller anderen Privateigent&#252;mer. Ebenso steht auch der Gegenstand, &#252;ber den er als potentiell zu ver&#228;u&#223;ernden verf&#252;gt, zu keiner anderen Debatte als derjenigen, die vom Rahmen dieses Willensverh&#228;ltnisses abgesteckt ist. Der freie Wille besitzt also, wenn man ihn nicht auf der historischen Ebene betrachtet und als Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaftsformation begreift, die ihm mit der Verwandlung auch der Arbeitskraft in eine Ware &#252;berhaupt erst zum Durchbruch gegen die &#8220;buntscheckigen Feudalbande&#8221; verholfen hat, an sich selbst keine Qualit&#228;t. Er ist ein reines, dem modernen Recht zugrundeliegendes &#8220;Prinzip a priori&#8221;, das sich zu allen bestimmten Willens&#228;u&#223;erungen wie die leere Form verh&#228;lt, als deren Inhalt sie dann erscheinen.</p>
<p>Die Erw&#228;hnung des &#8220;Apriorismus&#8221; dieser Willenskategorie erinnert nicht von ungef&#228;hr an die ber&#252;hmte Formel der Kantschen Philosophie. Denn es war in der Tat Kant, der dieses subjektive Zubeh&#246;r der Wertvergesellschaftung als erster wissenschaftlich pr&#228;zise auf den Begriff brachte, indem er es als einen solchen Formalismus kennzeichnete. Da&#223; sich solche zuverl&#228;ssigen Aussagen &#252;ber die b&#252;rgerliche Gesellschaft bereits bei Theoretikern finden, die einen zusammenfassenden Begriff von ihr noch nicht besitzen konnten, darf nicht verwundern. Wenn sich auch das Wertverh&#228;ltnis erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts soweit durchgesetzt hatte, da&#223; es zun&#228;chst als die Totalit&#228;t eines gesamtgesellschaftlichen Systems, schlie&#223;lich als der konkrete Kapitalbegriff des sich selbst verwertenden Werts gefa&#223;t werden konnte, so existierten einzelne, als solche freilich noch nicht zu bestimmende Seiten dieses Systems, die nachtr&#228;glich, von der Logik des fertigen Produktionsverh&#228;ltnisses aus gesehen, als seine &#8220;zirkulative Oberfl&#228;che&#8221; imponieren, doch schon lange zuvor. Soweit die Ware-Geld-Beziehungen Bedeutung erlangt hatten, mu&#223;ten sie sich auch schon in einer noch wesentlich vorb&#252;rgerlichen Welt in den entsprechenden Daseins- und diesen gem&#228;&#223;en Denkformen niederschlagen. Es ist genau dieser Gedanke, den Marx &#8220;&#252;berhaupt bei jeder historischen, sozialen Wissenschaft&#8221; festgehalten wissen will, &#8220;da&#223;, wie in der Wirklichkeit, so im Kopf, das Subjekt, hier die moderne b&#252;rgerliche Gesellschaft, gegeben ist, und da&#223; die Kategorien daher Daseinsformen, Existenzbestimmungen, oft nur einzelne Seiten dieser bestimmten Gesellschaft, dieses Subjekts ausdr&#252;cken, und da&#223; sie daher auch wissenschaftlich keineswegs da erst anf&#228;ngt, wo nun von ihr als solcher die Rede ist&#8221; <a name="F8"></a><a href="#FN8"> 8 </a>. In diesem Sinn, so meine ich, kann es nur n&#252;tzlich sein ,wenn man sich bei der Analyse der b&#252;rgerlichen Subjektivit&#228;t u.a. auch der Philosophie anvertraut. Da sie ja bis zu ihrem Ende im deutschen Idealismus so etwas wie den weltanschaulichen Vortrupp des neuen, unpers&#246;nlichen Vergesellschaftungsprinzips darstellte, mu&#223;te sie, immer im Kampf befindlich mit den zun&#228;chst als &#8220;unnat&#252;rlich&#8221;, dann als &#8220;unvern&#252;nftig&#8221; apostrophierten Anma&#223;ungen der Geburt und der Offenbarungsreligion, ihre Kategorien mit jener Pr&#228;zision und Gewissenhaftigkeit entwickeln, die sich seither, mit dem selbstverst&#228;ndlichen Gelten dieser Kategorien auch im Alltagsverstand, nat&#252;rlich verloren hat. Man mu&#223; es nur verstehen, die nach ihrem eigenen Verst&#228;ndnis unhistorische &#8220;Vernunft&#8221; der Philosophen als diejenige der Ware-Geld-Vergesellschaftung zu dechiffrieren, dann besitzt man hier, zumal in der Rechts- und Staatsphilosophie, eine theoretisch so ergiebige Analyse der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, da&#223; die sp&#228;tere &#8220;positive&#8221; Ausarbeitung und angebliche Weiterentwicklung dieses Materials im Vergleich dazu nur als die Verw&#228;sserung der zentralen Problemstellungen erscheinen kann.</p>
<p>Jedenfalls ist es, um wieder auf unser Thema zu kommen, von Kant vollkommen richtig gesehen, wenn er Freiheit und Gleichheit als die Grundelemente seiner Moral- und Rechtsphilosophie von jener Willenskategorie ableitet. Soll es eine f&#252;r alle Menschen gleicherma&#223;en verbindliche Moral- und Rechtsordnung geben, dann mu&#223; sie auf dieser Kategorie des freien Willens aufbauen, wie sie konstitutiv ist f&#252;r das Verh&#228;ltnis, in dem pers&#246;nlich voneinander unabh&#228;ngige Warenbesitzer zueinander stehen. Ebenso leuchtet es ein, da&#223; von dieser Willensfreiheit, sobald man sie als das Gemeinsame aller Privateigent&#252;mer zusammenfa&#223;t, nichts anderes &#252;brigen bleiben kann &#8220;als die Allgemeinheit eines Gesetzes &#252;berhaupt&#8221; <a name="F9"></a><a href="#FN9"> 9 </a>. Setzt man die Freiheit als die voneinander unabh&#228;ngiger Privateigent&#252;mer voraus, so mu&#223; sie f&#252;r einen jeden dieser &#8220;vereinzelten Einzelnen&#8221; als ihre eigene Negation in Erscheinung treten, als die Schranke der Allgemeinheit dieses Verh&#228;ltnisses. Im gleichen Moment, in dem die Freiheit solcherart auf das aus allem gesellschaftlichen Zusammenhang herausgel&#246;ste Individuum bezogen wird, liegt sie also im Hader mit diesem gesellschaftlichen Zusammenhang. Er kann f&#252;r jedes Individuum eben nur als die Grenze in Erscheinung treten, jenseits welcher seine Freiheit die der anderen ebenso freien Individuen verletzen w&#252;rde. In dem Gegensatz von &#8220;Individuum&#8221; und &#8220;Gesellschaft&#8221;, &#8220;Freiheit&#8221; und &#8220;Sozialismus&#8221; (oder &#8220;&#246;ffentlicher Wohlfahrt&#8221;, um an die Jakobinerdiktatur zu erinnern) bewegt sich denn auch das b&#252;rgerliche Bewu&#223;tsein seit jeher, ohne diese beiden Abstraktionen, die es als solche nicht durchschaut, miteinander vermitteln zu k&#246;nnen.</p>
<p>Kant ist sich &#252;brigens nicht dar&#252;ber im klaren, da&#223; er einen solchen &#8220;vereinzelten Einzelnen&#8221; voraussetzt. Sein &#8220;Mensch&#8221; kommt ihm, wie es auch bei den vorausgegangenen Naturrechtstheoretikern der Fall war, noch ganz als ein Erzeugnis der &#8220;Natur&#8221; vor. Dieser Mensch befindet sich auch schon im vorb&#252;rgerlichen Zustand in jenem (provisorischen) Eigentum, das der b&#252;rgerliche Zustand dann nur noch rechtlich zu sichern hat. Als eine gleichsam im biologischen Sinn &#8220;nat&#252;rliche&#8221; Gegebenheit behandelt Kant ihn nicht als das &#8220;Ensemble der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse&#8221;, das er ist, sondern als den Sitz von Sinnlichkeit, Trieb und Begierde. Als solcher ist der Mensch den Naturgesetzen unterworfen und also unfrei.</p>
<p>Zugleich ist er aber auch ein Vernunftwesen und besitzt als solches einen Willen, den Kant als das Verm&#246;gen bestimmt, nach &#8220;der Vorstellung der Gesetze&#8221; zu handeln (S.41). Da nun der Begriff des Willens den der Autonomie oder Freiheit bei sich f&#252;hrt, so kann jenes &#8220;Gesetz&#8221;, dem sich der Mensch als Vernunftwesen &#8220;unterworfen&#8221; erkennt, nur die &#8220;Idee der Freiheit&#8221; sein. Im Gegensatz zu den aus der Beobachtung empirischer Erscheinungen gewonnenen Naturgesetzen l&#228;&#223;t sich die Freiheit aber nur als die schon erw&#228;hnte &#8220;Allgemeinheit eines Gesetzes &#252;berhaupt&#8221; formulieren. Nur diese gegenstandslose Allgemeinheit l&#228;&#223;t sich als etwas denken, das selber keiner Bedingung unterworfen ist und daher dem Begriff der &#8220;Freiheit im strengsten, d.i. transzendentalen Verstande&#8221; (S. 138) entspricht.</p>
<p>Wie immer tautologisch diese Ableitung ist, einen freien Willen vorauszusetzen, um dann das allgemeine Prinzip dieses Willens zum &#8220;kategorischen Imperativ der Sittlichkeit&#8221; zu erkl&#228;ren, so unzweifelhaft stellt doch die Auseinandersetzung mit dem &#8220;Naturgesetz der Erscheinungen, n&#228;mlich dem Gesetze der Kausalit&#228;t&#8221;, einen Fortschritt dar, der Kant &#252;ber das naive Naturrecht, das mit der Willenskategorie noch unbefangen umgeht, hinausf&#252;hrt. Die Freiheit als &#8220;eine sich g&#228;nzlich von selbst bestimmende Kausalit&#228;t&#8221; (S. 138) unterscheidet er zuerst und ausdr&#252;cklich von jener Sph&#228;re der &#8220;Sinnenwelt&#8221;, in welcher die Naturgesetze gelten. Genau in diesem Gedanken, da&#223; die Freiheit in der &#8220;Natur&#8221; nicht vorkommt, die &#8220;Vernunft&#8221; aber gleichwohl gen&#246;tigt ist, sie &#8220;in praktischer Absicht&#8221; &#8220;zum regulativen Prinzip&#8221; zu machen, blitzt aber eine Ahnung davon auf, da&#223; er sich hier auf einem anderen Gebiet befindet als auf demjenigen der Newtonschen Physik, die seiner Erkenntnistheorie bekanntlich zum Paradigma gedient hat. In der Konsequenz dieses Gedankens verlegt er die Freiheit in eine &#8220;&#252;bersinnliche Natur&#8221; bzw. in eine &#8220;intelligible Welt&#8221;, von der &#8220;unsere menschliche Erkenntnis&#8221; (theoretische Vernunft) nichts als ihr m&#246;gliches, im Hinblick auf die &#8220;Sittlichkeit&#8221; (praktische Vernunft) aber notwendiges Vorhandensein aussagen k&#246;nne. Er spricht also gleichsam von dem gesellschaftlichen Verh&#228;ltnis des Privateigentums, ohne eine daf&#252;r geeignete Sprache zu besitzen, ohne sich von den Denkformen der mechanischen Physik, die ihm f&#252;r die des Denkens schlechthin gelten &#8211; &#8220;&#252;ber die Naturbestimmung hinaus gibt es keine Theorie&#8221; <a name="F10"></a><a href="#FN10"> 10 </a> &#8211; l&#246;sen zu k&#246;nnen. Diese Schwierigkeit ausdr&#252;cklich festgehalten zu haben, den Freiheitsbegriff &#8220;f&#252;r die (n&#228;mlich seine) theoretische Philosophie transzendent&#8221; erkl&#228;rt zu haben, weil von ihm &#8220;kein angemessenes Beispiel in irgendeiner m&#246;glichen Erfahrung gegeben werden&#8221; k&#246;nne, auf deutsch: weil ihm mit den Mitteln des naturwissenschaftlichen Empirismus nicht beizukommen ist, darin besteht gerade die theoretische Leistung Kants und seine Wegbereiterfunktion f&#252;r Hegel und Marx. In der Kantschen Philosophie zeigt der naturwissenschaftliche Empirismus gewisserma&#223;en selbst seine Grenzen auf und erkl&#228;rt sich f&#252;r au&#223;erstande, solche gesellschaftlichen Erscheinungen wie das b&#252;rgerliche Recht und den darin wirksamen &#8220;freien Willen&#8221; der Privateigent&#252;mer erkl&#228;ren zu k&#246;nnen.</p>
<p>Freilich brauchte Kant um dieser Beschr&#228;nktheit willen kein &#8220;toter Hund&#8221; zu werden. Seine Bestimmung der Freiheit als die &#8220;Allgemeinheit eines Gesetzes &#252;berhaupt&#8221;, von der schon Hegel gezeigt hat, da&#223; sie auf jeden beliebigen Inhalt pa&#223;t und es gerade dadurch unbestimmt l&#228;&#223;t, was als &#8220;sittlich&#8221; gelten soll, sie mu&#223;te sich in dem Masse gl&#228;nzend bew&#228;hren, in dem die zugrundeliegende Ware-Geld-Vergesellschaftung ihre bekannten Fortschritte machte. Kants inhaltslose &#8220;Idee der Freiheit&#8221; als das apriorische Prinzip der &#8220;reinen praktischen Vernunft&#8221; diente gleichsam als die Grundstruktur, in die hinein sich das immer dichter werdende Netz der Verrechtlichung und Formalisierung aller menschlichen Beziehungen als solcher von freien und gleichen Privateigent&#252;mern entwickeln konnte. Noch heute wei&#223; sich die Rechtswissenschaft den historischen Erfolg ihrer Disziplin nur mit der &#8220;Freiheit&#8221; zu erkl&#228;ren, die, ein Gebot der Vernunft, anders als durch das Recht nicht zu gew&#228;hrleisten sei. Die Kritik an diesem Formalismus, den Hegel nur f&#252;r einen vom Staat &#8220;in dem Gef&#252;hl seiner inneren Nichtigkeit&#8221; <a name="F11"></a><a href="#FN11"> 11 </a> zu erhaltenden &#8220;Stand&#8221;, den der &#8220;bourgeois&#8221;, gelten lassen wollte <a name="F12"></a><a href="#FN12"> 12 </a>, w&#228;hrend Marx ihn, und entsprechend auch den sich herausbildenden b&#252;rgerlichen Staat, als die Oberfl&#228;che des Kapitalverh&#228;ltnisses bestimmte, womit er sich aus dem Reich der philosophischen Fragestellungen &#252;berhaupt verabschiedete, diese Kritik also mu&#223;te angesichts des Siegeszuges der freien und gleichen Rechtsperson, der via Lohnvertrag auch die unmittelbaren Produzenten erfa&#223;te, (vorl&#228;ufig) eine Episode bleiben.</p>
<p>Dieser Siegeszug brachte es allerdings paradoxerweise mit sich, da&#223; selbst auch noch das von Kant seinerzeit erreichte Reflexionsniveau Schaden litt. Um dies kenntlich zu machen, scheint mir der kurze Abstecher zur Philosophie erforderlich zu sein. Kant, wie wir gesehen haben, fiel es nicht ein, den freien Willen als eine gleichsam &#8220;nat&#252;rliche&#8221; Eigenschaft am einzelnen Menschen wahrzunehmen. Im Gegenteil, durch seine F&#228;higkeit zu &#8220;wollen&#8221;, weist sich der Mensch als &#8220;Vernunftwesen&#8221; aus, als welches er Anteil an der erw&#228;hnten &#8220;intelligiblen Welt&#8221; hat. Kant war sich also sehr wohl bewu&#223;t, da&#223; er sich bei der Betrachtung der Willenskategorie in eine jenseits der handgreiflichen Sinnlichkeit gelegene Sph&#228;re begab, von der er, wenn auch sonst nichts, immerhin diese &#8220;Jenseitigkeit&#8221; auszusagen wu&#223;te. Damit der Wille &#8220;moralisch&#8221; sei, mu&#223; er sich sein eigenes apriorisches Prinzip zur Maxime des Handelns machen: &#8220;die Allgemeinheit eines Gesetzes &#252;berhaupt&#8221;. Das Recht als die Befugnis, bestimmte Handlungen zu erzwingen <a name="F13"></a><a href="#FN13"> 13 </a>, ist dann ganz entsprechend als das gleiche Prinzip des freien Willens, aber jetzt als der &#228;u&#223;ere Rahmen des Handelns gesetzt. &#8220;Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willk&#252;r des einen mit der Willk&#252;r des andern nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit zusammen vereinigt werden kann&#8221; <a name="F14"></a><a href="#FN14"> 14 </a>. Ein &#228;u&#223;erer Gegenstand meiner Willk&#252;r kann nur dann mein rechtlich-verbindlicher (peremtorischer, S.367) Besitz sein, wenn ich mich zur Anerkennung dieser Willk&#252;r auch gegen&#252;ber &#8220;jedem anderen in Ansehung des &#228;u&#223;eren Seinen&#8221; verbinde oder verpflichte (S. 365). &#8220;Also ist nur ein jeden anderen verbindender, mithin kollektiv-allgemeiner (gemeinsamer) und machthabender Wille derjenige, welcher jedermann jene Sicherheit (des Eigentums, P.K.) leisten kann. &#8211; Der Zustand aber unter einer allgemein &#228;u&#223;eren (d.i. &#246;ffentlichen) mit Macht begleiteten Gesetzgebung ist der b&#252;rgerliche. Also kann es nur im b&#252;rgerlichen Zustand ein &#228;u&#223;eres Mein und Dein geben&#8221; (S. 365 f.) <a name="F15"></a><a href="#FN15"> 15 </a>.</p>
<p>Kant nimmt also den umgekehrten Weg: Er leitet die Willenskategorie nicht aus dem Tauschakt ab, um sie, wie ich es oben in gewisserma&#223;en denunziatorischer Absicht getan habe, als Moment des Privateigentums und der abstrakten Arbeit zu erweisen, sondern er zeigt, da&#223; es Privateigentum nur geben kann, sofern die Willenskategorie als das &#8220;regulative Prinzip&#8221; der Gesellschaft anerkannt ist, die Menschen sich also im &#8220;b&#252;rgerlichen Zustand&#8221; oder &#8220;status civilis&#8221; (S. 429), n&#228;mlich unter &#8220;der allgemeinen Gesetzgebung des a priori als vereinigt gedachten Willens&#8221; (S. 379 f.) aller befinden, dessen Ganzes der &#8220;Staat&#8221; hei&#223;t (S. 429). Er steigt also anfangend bei der Freiheit als dem reinen Apriori der praktischen Vernunft, &#252;ber die Moral und das Recht herab bis zum Privateigentum, das, in seiner Vern&#252;nftigkeit au&#223;er jedem Zweifel stehend, sozusagen zur Best&#228;tigung oder Unterst&#252;tzung seines theoretischen Anliegens dient: Die Notwendigkeit und Zweckm&#228;&#223;igkeit eines nichtempirischen Vernunftbegriffes nachzuweisen.</p>
<p>Unbeschadet aller schon angedeuteter M&#228;ngel dieses Verfahrens, das seiner historischen Funktion nach nat&#252;rlich nur erst der Durchsetzung des b&#252;rgerlichen, d.i. rechtsf&#246;rmigen Eigentums dienen konnte <a name="F16"></a><a href="#FN16"> 16 </a>, gelangt Kant also zu dem gleichen Resultat, zu dem wir von &#8220;unten&#8221; her, durch die Analyse des Tauschaktes, gekommen waren. Er behandelt den freien Willen als das Strukturelement eines &#8220;Zustandes&#8221;, eines gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisses, w&#252;rden wir heute sagen, in den per &#8220;Konstitution&#8221; f&#246;rmlich &#8220;einzutreten&#8221; den Menschen die &#8220;Vernunft&#8221;, n&#228;mlich dieser gleiche, aber zur reinen Form a priori erhobene freie Wille, gebietet. In dieser ausdr&#252;cklich und bewu&#223;t vollzogenen Abkehr von der Sinnlichkeit liegt also bereits ein erster, theoriegeschichtlich &#252;brigens von der Unzul&#228;nglichkeit des Rousseauschen &#8220;Gesellschaftsvertrages&#8221; angesto&#223;ener <a name="F17"></a><a href="#FN17"> 17 </a> Versuch zur Kritik an der Eigenschaftsform vor. Wenn auch erst durchgef&#252;hrt am Gegenstand der selber noch unkritisch vorausgesetzten Willenskategorie, deren Ursprung gewisserma&#223;en im Himmel und ganz und gar nicht auf dem soliden Boden der Produktion vermutet wird, handelt es sich doch, was die theoretische Analyse dieser Kategorie betrifft, unzweifelhaft um den ersten Schritt auf jenem Weg, der schlie&#223;lich in der Marxschen Kritik des Warenfetischs m&#252;ndet.</p>
<p>Um diesen Weg ein st&#252;ckweit sichtbar zu machen, sei es gestattet, auch noch einen kurzen Blick auf die Hegelsche Philosophie zu werfen. Hegel repr&#228;sentiert insofern einen wichtigen Abschnitt auf diesem Weg, als er die von Kant nur erst halbherzig begonnene &#220;berwindung des empiristischen Eigenschaftsdenkens konsequent zuende f&#252;hrt. Wie schonerw&#228;hnt, ist es der inhaltslose Formalismus des Kantschen &#8220;Sittengesetzes&#8221;, an dem er Ansto&#223; nimmt. Wenn als das Kriterium der Sittlichkeit nur die abstrakte &#8220;Allgemeinheit eines Gesetzes &#252;berhaupt&#8221; dienen soll, so l&#228;&#223;t sich leicht zeigen, da&#223; von einer jeden Bestimmung, die Kant zur Illustration seines kategorischen Imperativs verwendet, auch das genaue Gegenteil in diese reine Form der Allgemeinheit erhoben werden kann; etwa die Pflicht, einen hinterlegten Geldbetrag (Depositum) nicht abzuleugnen bzw. nicht zu hinterziehen, weil dieses Ableugnen, zur Allgemeinheit eines Gesetzes erhoben, das Verleihen oder Hinterlegen von Geldbetr&#228;gen g&#228;nzlich unm&#246;glich machen w&#252;rde: &#8220;Da&#223; es aber gar kein Depositum g&#228;be, welcher Widerspruch l&#228;ge darin&#8221; (S. 462)? F&#252;r &#8220;die Form ist die eine der entgegengesetzten Bestimmtheiten so gleichg&#252;ltig als die andere &#8230;&#8221; (ebd.). Ist das Eigentum gesetzt, so mu&#223; nach diesem tautologischen Verfahren das Eigentum sein; ist die Negation des Eigentums gesetzt, &#8220;so ergibt sich durch die Gesetzgebung ebenderselben praktischen Vernunft die Tautologie: das Nichteigentum ist Nichteigentum, wenn kein Eigentum ist, so mu&#223; das, was Eigentum sein will, aufgehoben werden. Aber es ist gerade das Interesse zu erweisen, da&#223; Eigentum sein m&#252;sse; ..&#8221; (S. 463). Kants Fortschritt &#252;ber den Empirismus hinaus erfolgt gewisserma&#223;en in das Nichts der &#8220;reinen Form a priori&#8221; &#8211; er ist ein Aussch&#252;tten des Kindes, n&#228;mlich jedes betimmten Inhalts, mitsamt diesem Bade.</p>
<p>In der Auseinandersetzung mit diesem Formalismus versucht Hegel, die Willenskategorie aus diesem abstrakten Jenseits der f&#252;r jeden beliebigen Inhalt passenden Form zu befreien und sie selbst als den entscheidenden Inhalt zu erweisen. Dies geschieht in der &#8220;Rechtsphilosophie&#8221; so, da&#223; der Wille als das Ganze der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse bestimmt wird, das in einem jeden seiner Momente gleicherma&#223;en anwesend ist, um sich an seiner Spitze, als Staat, selber als dieser Inhalt zu wissen und zu wollen. Der Kantsche Gegensatz von naturgegebener &#8220;Sinnlichkeit&#8221; und formaler &#8220;Vernunft&#8221; ist damit beseitigt. Alle menschlichen Dinge und Einrichtungen erscheinen jetzt als aufgehoben in jenem Vernunftbegriff des Willens bzw. der Freiheit, das hei&#223;t in unserer Terminologie: als von einem gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Verh&#228;ltnis geformt oder &#8220;konstituiert&#8221;. Das gilt insbesondere auch f&#252;r jene Sph&#228;re, die Kant unter der Rubrik &#8220;Trieb und Begierde&#8221; noch ganz als ein au&#223;erhalb der &#8220;Vernunft&#8221; angesiedeltes Ensemble von &#8220;Natureigenschaften&#8221; behandelt. Hegel requiriert gerade auch dieses Territorium f&#252;r den &#8220;Begriff&#8221; des freien Willens. Im &#8220;System der Bed&#252;rfnisse&#8221;, einem Kapitel, in dem ausdr&#252;cklich auf die englische politische &#214;konomie Bezug genommen wird, ordnet er es sogar an einer prominenten Stelle ein, an dem sich dieser &#8220;Begriff&#8221; bereits in einem entfalteten Stadium seiner Entwicklung befindet. Dem formalen Recht und der Moral wird selbstverst&#228;ndlich ein Bereich ihres Geltens einger&#228;umt, n&#228;mlich die Sph&#228;re des Privatrechts, aber der Absolutheitsanspruch wird ihnen aberkannt. Damit erteilt Hegel allen Theorien eine Absage, die den Staat aus der &#8220;Form eines solchen untergeordneten Verh&#228;ltnisses, wie der Vertrag ist&#8221; <a name="F18"></a><a href="#FN18"> 18 </a> ableiten wollen. Beim abstrakten Ich der Rechtsperson und der f&#252;r sich genommen nicht weniger abstrakten Subjektivit&#228;t des individuellen (moralischen) Gewissens handele es sich nur erst um das &#8220;An sich&#8221; des freien Willens, das nur im gr&#246;&#223;eren Rahmen der &#8220;Sittlichkeit&#8221; Realit&#228;t besitzen kann <a name="F19"></a><a href="#FN19"> 19 </a>. Unter dieser &#220;berschrift der &#8220;Sittlichkeit&#8221; entwirft Hegel eine Art Soziologie seiner Zeit, bestehend aus &#8220;Familie&#8221;, &#8220;b&#252;rgerlicher Gesellschaft&#8221; (in die das &#8220;System der Bed&#252;rfnisse&#8221; hineingeh&#246;rt) und &#8220;Staat&#8221;. Wobei es ihm bei der Zwieschl&#228;chtigkeit der gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse, die das Europa, insbesondere aber das Deutschland der &#8220;Heiligen Allianz&#8221; kennzeichnet, ohne weiteres gelingt, die Willenskategorie auch dadurch zur &#8220;konkreten Totalit&#228;t&#8221; zu entfalten, da&#223; er sie zum Wesen von allerlei vorb&#252;rgerlichen Erscheinungen ernennt: Neben der politischen &#214;konomie erhalten auch der Adel und der Monarch ihre &#8220;notwendigen&#8221; Pl&#228;tze zugewiesen <a name="F20"></a><a href="#FN20"> 20 </a>. Dies aber nur nebenbei.</p>
<p>Da Hegel ebensowenig wie Kant &#252;ber die Oberfl&#228;chenkategorien der b&#252;rgerlichen Gesellschaft hinauskommt, sich aber, was sein entscheidendes Verdienst ist, gleichwohl gen&#246;tigt sieht, sie als abgeleitet oder konstituiert darzustellen, wird ihm die von Kant ge&#228;u&#223;erte Vermutung zur Gewissheit: Mit all der Konsequenz, die ihn &#252;ber Kant hinausf&#252;hrt, mit Pauken und Trompeten sozusagen, landet er im Himmel. Der Gegenbegriff gegen die empiristische &#8220;Natur&#8221; ist ihm der &#8220;Geist&#8221; n&#228;mlich der Weltgeist, der in allen vom Empirismus f&#228;lschlich fixierten Bestimmungen als dasjenige erscheint, was ihren lebendigen Zusammenhang ausmacht: &#8220;denn der Mensch mag es wissen oder nicht, dies Wesen realisiert sich als selbst&#228;ndige Gewalt, in der die einzelnen Individuen nur Momente sind: es ist der Gang Gottes in der Welt, da&#223; der Staat ist&#8230;&#8221; <a name="F21"></a><a href="#FN21"> 21 </a>.</p>
<p>So sehen wir Hegel also am Ende, das zugleich das Ende der Philosophie ist, in einem ziemlich grotesken Spagat dastehen. Einerseits ist sein Denken das allerkonkreteste: Die Philosophie, als Philosophie gleichsam an ihrer &#228;u&#223;ersten Grenze angelangt, ist der Konstituiertheit der b&#252;rgerlichen (d.h. aufkl&#228;rerischen) &#8220;Tatsachenwelt&#8221; nahezu auf die Schliche gekommen; sie l&#228;&#223;t sich von keiner &#8220;gesellschaftlichen Natureigenschaft&#8221; mehr beeindrucken und steht im Begriffe, alle fetischistischen Schleier der Verdinglichung und Verselbst&#228;ndigung zu zerrei&#223;en, hinter denen sich der gesellschaftliche Organismus vor sich selbst verbirgt. Hegel zeigt von den angeblich &#8220;feststehenden Tatsachen&#8221; des Empirismus, da&#223; sie allesamt Veranstaltungen dieses abstrakten Denkens sind, Kategorien, die, ohne ihre wirkliche Voraussetzung, ohne ihren Zusammenhang gedacht und also abgetrennt von dem &#8220;lebendigen Wesen&#8221;, das in einer jeden von ihnen gleicherma&#223;en erscheint, seelenlosen H&#252;llen gleichen, Kadavern, denen kein &#8220;wirkliches Sein&#8221; zukommt, weil sie so in der Wirklichkeit nicht vorkommen; er beseitigt in der Konsequenz dieses alle vermeintlich substantiellen Trennungen niederrei&#223;enden Denkens selbstverst&#228;ndlich auch den Dualismus von &#8220;Denken&#8221; und &#8220;Sein&#8221;, gelangt also zu jenem theoretischen Standpunkt des &#8220;Reflektiertseins-in-sich&#8221;, der sich selber noch als Moment jenes zu begreifenden Zusammenhangs wei&#223;, jenes &#8220;Ganzen&#8221;, das von jeher (&#8220;an sich&#8221;) das konstituierende Subjekt allen menschlichen Denkens und Tuns gewesen ist, und nennt andererseits dieses Subjekt, das damit zum Bewu&#223;tsein seiner selbst gekommen bzw. &#8220;f&#252;r sich geworden&#8221; w&#228;re &#8211; nein, nicht etwa die gesellschaftlichen Produktionsverh&#228;ltnisse, sondern Gott.</p>
<p>Indem Hegel diese Kategorie des &#8220;Absoluten&#8221; ins Spiel bringt, hat er die Zust&#228;ndigkeit seines Denkens nat&#252;rlich auch auf den Bereich der physischen Natur ausgedehnt. Sieht man einmal von dem damit verbundenen teleologischen Grundzug ab, so handelt es sich bei diesem theoretischen Anspruch um eine noch durchaus berechtigte Seite des Gottesbegriffs. Denn die Diremtion Mensch &#8211; Natur, selber nur ein Resultat der geschichtlichen Entwicklung, ist ihrerseits keineswegs absolut und gibt daher keine Veranlassung, den beiden &#8220;Bereichen&#8221; eine je eigene &#8220;Methode&#8221; oder ein je eigenes &#8220;Denksystem&#8221; zuzuordnen. An diesem Thema hat sich bekanntlich bereits Engels versucht (&#8220;Dialektik der Natur&#8221;), und die Physik des Zwanzigsten Jahrhunderts (Einstein, Heisenberg) h&#228;tte, wenn sie bereit gewesen w&#228;re, Hegel zur Kenntnis zu nehmen, an diesem Gedanken der Einheit, derzeit wieder einmal als eklektische &#8220;Ganzheits&#8221;-Beschw&#246;rung in Mode (Capra), vermutlich nichts auszusetzen gehabt <a name="F22"></a><a href="#FN22"> 22 </a>. Dies aber nur nebenbei.</p>
<p>Viel wichtiger in unserem Zusammenhang ist die reaktion&#228;re Seite dieses Gottesbegriffs. Denn die &#8220;zweite Natur&#8221;, zu der sich die &#8220;Verh&#228;ltnisse, die die Menschen bei der Produktion ihres Lebens eingehen&#8221; in der b&#252;rgerlichen Epoche endg&#252;ltig verdichten und verselbst&#228;ndigen, sie wird, kaum da&#223; sie von Hegel als solche benannt worden ist <a name="F23"></a><a href="#FN23"> 23 </a>, auch schon f&#252;r sakrosankt erkl&#228;rt. Die richtige Erkenntnis einer objektiven &#8220;Logik&#8221;, die sich hinter dem R&#252;cken der Menschen durchsetzt &#8211; nicht nur ihrem unmittelbaren Wollen und Tun zum Trotz, sondern selbst noch darin erscheinend, sie verbleibt, mit dem Gottesbegriff ausgestattet, im Rahmen der Ontologie, erscheint also als die Erkenntnis des ewigen und unab&#228;nderlichen &#8220;Seins&#8221;. Es ist eine Selbst&#252;berlistung des b&#252;rgerlichen Denkens, wenn es, auf dem h&#246;chsten Punkt seiner Entwicklung, auf dem es sogar der Konstituiertheit seiner selbst und seiner Welt innegeworden ist, meint, vor dem Subjekt dieses Konstitutionszusammenhanges in frommer Andacht verharren zu m&#252;ssen. Was &#8220;an sich&#8221; der historische Skandal ist und den Stachel der revolution&#228;ren Kritik ausmacht, das von Marx so genannte &#8220;Sichfestsetzen der sozialen T&#228;tigkeit, dieser Konsolidation unseres eigenen Produkts zu einer sachlichen Gewalt &#252;ber uns&#8221; <a name="F24"></a><a href="#FN24"> 24 </a>, ist f&#252;r Hegel sowohl Anla&#223; wie Gegenstand der Kontemplation: Zur Erkenntnis jenes, n&#228;mlich seines eigenen &#8220;Wesens&#8221; vorgedrungen, soll das &#8220;sich in sich vertiefende Denken&#8221; die &#8220;Rose im Kreuze der Gegenwart&#8221; gefunden haben und sich daran &#8220;erfreuen&#8221; <a name="F25"></a><a href="#FN25"> 25 </a>. Die vollendete Objektivierung des Menschen durch sich selbst soll allein darin, da&#223; sie als ihr eigenes Subjekt begriffen wird, aufgehoben sein.</p>
<p>Da&#223; hier ein hoffnungslos somnambuler Hans-guck-in-die-Luft dringend auf den Boden unter seinen F&#252;&#223;en hat aufmerksam gemacht werden m&#252;ssen, liegt auf der Hand. Dieser Boden ist aber eben die blind vergesellschaftete und daher nur als abstrakter Durchschnitt zur Geltung kommende Arbeit, die sich in der Form des Werts zum (kapitalistischen) Selbstzweck geworden ist. Und Marx ist es gewesen, der dieses Geheimnis gel&#252;ftet und die abstrakte Arbeit hinter der &#8220;gesellschaftlichen Natureigenschaft&#8221; des Werts aufgesp&#252;rt hat. Man versteht jetzt vielleicht, warum sich Marx bei der Erw&#228;hnung des freien Willens kurz halten und sich bei der Kritik der Rechtsform und der darauf sich gr&#252;ndenden b&#252;rgerlichen Subjektivit&#228;t auf wenige &#252;ber sein ganzes Werk verstreute Bemerkungen beschr&#228;nken konnte. Das liegt keineswegs daran, da&#223; das Thema bei dem Kapitalbegriff etwa &#228;u&#223;erlich w&#228;re und in diesem &#8220;Bereich der &#214;konomie&#8221; nichts zu suchen h&#228;tte. Der Grund ist vielmehr darin zu suchen, da&#223; die Darstellung dieser &#8220;b&#252;rgerlichen Oberfl&#228;che&#8221; im Verlauf der vorangegangenen philosophischen Entwicklung bereits erfolgt war. Innerhalb der Philosophie war es, wie gezeigt, sogar schon zur Kritik der empiristischen Eigenschaftsform gekommen. Der zur Zeit der Aufkl&#228;rung in h&#246;chster Bl&#252;te stehende Glaube, da&#223; der freie Wille zur &#8220;Natur&#8221; des Menschen geh&#246;re, hatte (sp&#228;testens in der Franz&#246;sischen Revolution) bereits Schiffbruch erlitten. Was die Dechiffrierung der Willenskategorie eines gesellschaftlichen Strukturelements anlangt, das ausdr&#252;cklich dem b&#252;rgerlichen Privateigentum als die allen Privateigent&#252;mern gemeinsame &#8220;praktische Vernunft&#8221; zuzuordnen ist, so hatte Kant keine W&#252;nsche offen gelassen. Und nachdem Hegel auch noch &#252;ber diesen Standpunkt hinausgegangen war und &#8211; wenn auch erst noch im Namen eines &#252;bersteigerten Systembegriffs, des &#8220;Absoluten&#8221; &#8211; angefangen hatte, die in dieser Sph&#228;re des Privatrechts ans&#228;ssige Willenskategorie samt der zugeh&#246;rigen Freiheit des b&#252;rgerlichen Individuums als Abstraktion zu kritisieren, da beschr&#228;nkte sich die im Hinblick auf die Rechts- und Staatsphilosophie noch zu l&#246;sende Aufgabe tats&#228;chlich darauf, am schon vorhandenen Geb&#228;ude, das dadurch freilich seinen Ewigkeitswert verlor, das materielle Fundament aufzuzeigen.</p>
<p>Marx hat diese theoretische Leistung bekanntlich in das Bild gefa&#223;t, da&#223; Hegel &#8220;vom Kopf auf die F&#252;&#223;e&#8221; habe gestellt werden m&#252;ssen <a name="F26"></a><a href="#FN26"> 26 </a>. Wenn ich darauf verzichte, dieses inzwischen zur billigen Floskel gewordene Wort zum tausendsten Mal wiederzuk&#228;uen, so hat dies seinen guten Grund. Regelm&#228;&#223;ig ging n&#228;mlich denen, die sich vorlaut zur Stelle meldeten, um Marx diese gymnastische &#220;bung nachzuturnen, der entscheidende Inhalt des Hegelschen &#8220;Weltgeistes&#8221; verloren. Mitsamt dem Gottesbegriff negierten sie die darin enthaltene Kritik der empiristischen Eigenschaftsform. Aber genau diese Kritik war es gewesen, die Marx nicht nur beibehalten, sondern &#252;berhaupt erst revolution&#228;r zugespitzt hatte dadurch, da&#223; er sie der affirmativen Bedeutung, die sie im Rahmen der philosophischen Ontologie besitzen mu&#223;te, entkleidete. Was daher bei dem mi&#223;gl&#252;ckten Salto der Marxschen Epigonen nur herauskommen konnte, das war niemand anderes als unser linker Demokrat.</p>
<p>Weil er es gl&#252;cklich zu einem eher zweifelhaften Atheismus gebracht hat, meint er, weit &#252;ber Hegel hinausgelangt zu sein &#8211; und steht doch wieder bis zum Hals im 18. Jahrhundert: n&#228;mlich auf dem &#252;beraus &#8220;tiefen&#8221; Boden der schon damals theoretisch nicht gerade ergiebigen Fragestellung, ob es nun Gottes oder des Menschen &#8220;Wille&#8221; sei, der auf Erden geschehe. Die linke Zutat besteht einzig darin, in den allgemein-menschlichen &#8220;Willen&#8221; der Aufkl&#228;rung die soziologische Unterscheidung zwischen ausgebeuteten Werkt&#228;tigen und ausbeutenden Produktionsmittelbesitzern hineinzubringen und zwecks Beseitigung der letzteren dem Mehrheitswillen der ersteren die Produktionsmittel anzuempfehlen. Ein k&#252;hnes Projekt, das sich zwar damit br&#252;sten kann, die dem Aufkl&#228;rungsdenken inh&#228;rente Logik &#8220;&#246;konomisch&#8221; zuendezuf&#252;hren, das aber die Rechnung ohne den Wirt des Konstitutionsproblems gemacht hat. Ersichtlich beruht es darauf, da&#223; der Zusammenhang der Willenskategorie mit dem Recht, dem Staat und dem b&#252;rgerlichen Privateigentum nicht begriffen ist, und der freie Wille also als eine in &#8211; je nach &#8220;Interesse&#8221; &#8211; beliebige Richtung zu steuernde Eigenschaft der Menschen behandelt wird. Die Naivit&#228;t dieses vorgeblich &#8220;marxistischen&#8221; Standpunktes hat Marx &#8211; von Anh&#228;ngern sowohl wie von Gegnern &#8211; prompt die &#252;ble Nachrede eingetragen, der Vollender des Rousseauschen &#8220;Volkswillens&#8221; zu sein.</p>
<p>Da&#223; sich diese Naivit&#228;t, wiewohl theoretisch bereits von Kant &#252;berwunden, im demokratischen Alltag (der ja in allen seinen Fraktionen an den mit welchem Attribut auch immer versehenen Willen glaubt) hat durchsetzen k&#246;nnen, f&#252;hrt uns eindrucksvoll die Macht dieses Alltags vor Augen. Solange die blinde Logik in Kraft ist, nach der das b&#252;rgerliche Diesseits funktioniert, bedarf es der theoretischen Kenntnis davon gerade nicht. Es geh&#246;rt in die Reihe der vielen Paradoxien, die die b&#252;rgerliche Gesellschaft erzeugt, da&#223; ihr eigener theoretischer &#220;berbau, sobald er anf&#228;ngt, sich dem allt&#228;glichen Diesseits dieser Gesellschaft zuzuwenden und den wissenschaftlichen Begriff davon zu entwickeln, f&#252;r dieses Diesseits hoffnungslos &#8220;transzendental&#8221; wird. Der theoretische Begriff der b&#252;rgerlichen Gesellschaft kommt, weil er nicht bewu&#223;t &#8220;angewendet&#8221; werden kann und die in ihm formulierte Logik der Verh&#228;ltnisse geradezu auf der Bewu&#223;tlosigkeit der Beteiligten beruht, viel mehr in die Rolle eines schlechthin Jenseitigen, als es der christliche Jenseitsglaube im Mittelalter jemals gewesen ist. Der Anpassungsdruck, dem die Theorie unterliegt, ist entsprechend. Hat sich der mittelalterliche Mensch demutsvoll vor den haarstr&#228;ubend &#8220;irrationalen&#8221; Anspr&#252;chen der seinerzeitigen Ideologie gebeugt, so war es in den vergangenen hundert Jahren b&#252;rgerlicher Entwicklung umgekehrt die &#8220;rationalistische&#8221; Theorie <a name="F27"></a><a href="#FN27"> 27 </a>, die es dem Alltag recht machen wollte und sich den je vorgefundenen Interessen als anwendbares Instrument zur Lebensbew&#228;ltigung empfahl. Es scheint sich im Verlauf dieser Entwicklung die Regel eingespielt zu haben, da&#223;, vom jeweils neuesten Niveau der Anpassung an die &#8220;Realit&#228;t&#8221; aus gesehen, der vorausgegangene theoretische Anspruch bereits als kritisch, wenn nicht gar als &#8220;subversiv&#8221; eingestuft wird. Die Folge ist ein immer rascheres &#8220;Klassischwerden&#8221; von Texten, die dann auch periodisch ihre Renaissance erleben (Weber-, Simmel,- Heidegger-, Schopenhauer-, etc.-Renaissance) und zum gauklerischen Eindruck einer &#8220;regen geistigen Auseinandersetzung&#8221; beitragen k&#246;nnen &#8211; bis endlich das erl&#246;sende &#8220;Anything goes&#8221; gefunden ist.</p>
<p>Freilich l&#228;&#223;t sich auch von dieser Konstellation zeigen, da&#223; sie wie alles Menschengemachte verg&#228;nglich ist. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wenden wir uns nun dem konstituierten Diesseits des freien Willens zu.</p>
<h4>3. Das Diesseits des freien Willens</h4>
<p>Mit dem Allt&#228;glichwerden der Ware-Geld-Beziehung mu&#223;ten auch die zu dieser Beziehung geh&#246;renden formalen Elemente allt&#228;glich werden und in den &#8220;Besitz&#8221; eines jeden Menschen &#252;bergehen. Der moderne Mensch, dessen s&#228;mtliche Unternehmungen das Geld als die allgemeine Ware entweder voraussetzen oder zu ihrem Zweck haben, wei&#223; sich als Mensch immer schon innerhalb jener vom Staat garantierten Rechtsstruktur, die ihn frei und gleich macht, ohne da&#223; ihm dies zu Bewu&#223;tsein k&#228;me. F&#252;r den freien Willen, der ja das Prinzip dieser Struktur darstellt, hat dies zur Folge, da&#223; er mit der gr&#246;&#223;tm&#246;glichen empirischen Gewissheit zum allerpers&#246;nlichsten Attribut dieses Menschen wird. Seine Identit&#228;t als Individuum sieht er nirgendwo anders als in diesem freien Willen, und gesellschaftliche Zust&#228;nde, in denen dieser als ein urspr&#252;ngliches Verm&#246;gen gedachte freie Wille nicht voll zur Geltung gelangt, gelten ihm, egal ob gegenw&#228;rtig oder vergangen, als unmenschlich und unertr&#228;glich. Dem freien Willen ist somit das gleiche Schicksal widerfahren, das wir schon den Wert haben erleiden sehen, und er ist auch nichts anderes als dessen &#8220;subjektive&#8221; Seite. Wie der Wert sich durch den Austausch der Arbeitsprodukte in eine &#8220;Natureigenschaft&#8221; verwandelt hat, die den DIngen als Dingen &#8211; &#8220;unabh&#228;ngig von dieser Beziehung&#8221; <a name="F28"></a><a href="#FN28"> 28 </a> &#8211; zuzukommen scheint, so hat sich auch der freie Wille am einzelnen Warenbesitzer als eine &#8220;nat&#252;rliche Eigenschaft&#8221; niedergeschlagen, die er, unabh&#228;ngig von der Tauschbeziehung, als Mensch schlechthin zu besitzen scheint.</p>
<p>Damit stellt sich f&#252;r diesen vom &#8220;Willensverh&#228;ltnis&#8221; konstituierten Menschen, hinter dem wir unschwer das System der abstrakten Arbeit erkennen k&#246;nnen, die Welt buchst&#228;blich auf den Kopf. Das gesellschaftliche Verh&#228;ltnis, das er in der Weise, wie er es als sein allerpers&#246;nlichstes Kleinod gleichsam unmittelbar auf dem Leibe tr&#228;gt, verschwindet gerade aufgrund dieser intimen N&#228;he f&#252;r ihn <a name="F29"></a><a href="#FN29"> 29 </a> und l&#246;st ihn vermeintlich aus jedem gesellschaftlichen Zusammenhang heraus. Da der Ausgangspunkt all seiner Entschl&#252;sse sein freier Wille ist, wird ihm dieser zur urspr&#252;nglichen Kategorie. Der freie Wille erscheint nicht als das Moment und Resultat der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern als deren Voraussetzung. Mit dieser Voraussetzung als seiner urspr&#252;nglichsten Qualit&#228;t ausgestattet, steht er als punktf&#246;rmiges Willensatom der damit nat&#252;rlich bereits dinglich und dualistisch gedachten &#8220;Gesellschaft&#8221; gegen&#252;ber und meint, da&#223; es nur von seinem Willen abh&#228;ngt, in welchen Zusammenhang er sich begibt. Das moderne Individuum teilt also die Illusion, die Marx seinerzeit noch die &#8220;Illusion der Juristen&#8221;, nur der Juristen, nennen konnte, wonach es &#8220;zuf&#228;llig ist, da&#223; Individuen in Verh&#228;ltnisse untereinander treten, z.B. Vertr&#228;ge&#8221;. Ihm gelten &#8220;diese Verh&#228;ltnisse f&#252;r solche&#8230;, die man nach Belieben eingehen oder nicht eingehen /kann/ und deren Inhalt ganz auf der individuellen Will/k&#252;r der Kontrahenten be/ruht&#8221; <a name="F30"></a><a href="#FN30"> 30 </a>.</p>
<p>Diese &#8220;Illusion&#8221; ist nat&#252;rlich im Bereich der unmittelbaren Kauf- und Vertragsbeziehungen, die die verrechtlichten Menschen untereinander eingehen m&#252;ssen, eine praktische Notwendigkeit. Als Illusion bew&#228;hrt sie sich erst in jener Sph&#228;re der &#8220;Allgemeinheit&#8221;, die, ebenso eine Abstraktion wie der freie Wille der vereinzelten Rechtsperson, sich zu dieser gewisserma&#223;en komplement&#228;r verh&#228;lt und ihre andere Seite ist. W&#228;hrend Kant diese beiden einander bedingenden Seiten des &#8220;b&#252;rgerlichen Zustands&#8221; sauber auseinanderh&#228;lt und den Staat als den &#8220;a priori als vereinigt gedachten Willen aller&#8221; definiert, h&#228;lt der Demokrat sie gegeneinander fest, behandelt also eine jede von ihnen als eine Gegebenheit f&#252;r sich und l&#228;&#223;t die eine Seite, den freien Willen, auf die andere nach einem Belieben, das nur in seiner Phantasie stattfindet, &#252;bergreifen. Aber indem er sich auf die Willenskategorie st&#252;tzt, kann aller etwa behaupteten Staatsfeindschaft zum Trotz doch immer nur diese ihre abstrakte Allgemeinheit herauskommen. Die demokratische Ideologie (die wir nicht mit der kapitalistischen Wirklichkeit, zu deren immer d&#252;nner werdenden Oberfl&#228;che sie geh&#246;rt, verwechseln d&#252;rfen) zementiert also die Konstellation, &#252;ber die sie als &#8220;sozialistische&#8221; ihrem begriffslosen Meinen nach hinausstrebt.</p>
<p>In seinem Glauben an den freien Willen ist der Demokrat so weit fortgeschritten, da&#223; er die geschichtliche Entwicklung, deren eigenes Resultat er ist, nur noch verstehen kann als die Folge einer gro&#223;en, direkt auf sie gerichteten Willensanstrengung. Jede Ahnung davon, da&#223; es sich beim freien Willen um eine gesellschaftliche Verkehrsform handelt, ist hier verlorengegangen, und er wird wirklich f&#252;r die &#8220;Ursache&#8221; genommen, die die Welt bewegt. Infolgedessen sieht der Demokrat zur Erreichung seines Zweckes, der immer weiteren &#8220;Demokratisierung der Gesellschaft&#8221;, keinen anderen Weg als die Multiplikation seiner selbst. Alles Bewegen und Ver&#228;ndern der Gesellschaft wird zu einem Sammeln und Abspenstigmachen von Willensatomen. Zur Erkl&#228;rung der geschichtlichen Entwicklung scheint die Beherrschung der vier Grundrechnungsarten auszureichen <a name="F31"></a><a href="#FN31"> 31 </a>. Nicht nur die Gegner des &#8220;Systems&#8221;, auch seine Verteidiger besitzen diesen unhistorischen Glauben an den freien Willen, den sie mit lobpreisenden &#8220;Reden auf die Republik&#8221; meinen, bei der Stange halten zu m&#252;ssen. Eben dieser Eifer, mit dem sie sich agitatorisch um den Willen ihres Publikums bem&#252;hen, bew&#228;hrt sich die Gemeinsamkeit dieser Demokraten. Gemeinsam ist ihnen insbesondere die Abwehrhaltung gegen ihre eigene Vorgeschichte, den Faschismus. Die das Resultat dieser historischen Epoche der diversen nationalen &#8220;Sozialismen&#8221; sind, sehen darin ein &#8220;Versagen&#8221; der Demokratie, dem man mit besseren Paragraphen und beherzterem Abwehrwillen sicherlich h&#228;tte beikommen k&#246;nnen. Als habe es sich um das Werk b&#246;sartiger, vom &#8220;Kapital&#8221; gekaufter Verf&#252;hrer des Massenwillens gehandelt, f&#228;llt den in dieser Arithmetik befangenen Demokraten, weit davon entfernt, &#252;ber ihr zahlreiches Vorhandensein am Ende einer &#252;beraus erfolgreichen Entwicklung des Kapitalismus zu staunen, kein besserer Reim auf die Verh&#228;ltnisse ein als die dauernde Wiederholung der im Hinblick auf die historische Vergangenheit garantiert erfolgreichen Floskel: &#8220;Wehret den Anf&#228;ngen!&#8221;</p>
<p>Tats&#228;chlich ist aber der hinter uns liegende Proze&#223; der Demokratisierung nicht etwa die &#8220;Folge&#8221; eines als &#8220;Ursache&#8221; gedachten freien Willens, der sich au&#223;erhalb und vor diesem &#8220;Ziel&#8221; massenhaft gesammelt h&#228;tte, um sich auf seine &#8220;Verwirklichung&#8221; zu konzentrieren, sondern dieser Proze&#223;, seinem &#246;konomischen Wesen nach die Entwicklung der Produktivkr&#228;fte als gesellschaftlicher, erscheint entsprechend der Form, in der er sich vollzog und die er gleichzeitig herausbildete, vielmehr in dieser Kategorie des freien Willens selbst. Als notwendiges Attribut der Warenbesitzer, in die das Kapitalverh&#228;ltnis alle Menschen verwandelte, mu&#223;te der freie Wille vom Staat nicht allein anerkannt werden, sondern dieser, indem er anerkannte und also jedermanns Staat wurde, entfaltete sich damit erst zu jener von Kant a priori konstruierten &#8220;Allgemeinheit &#252;berhaupt&#8221;, die seinen Begriff ausmacht. Im Proze&#223; der Demokratisierung ist sich der freie Wille selbst das Ziel. Wenn Hegel den Begriff des Staates als den &#8220;an und f&#252;r sich seienden Willen&#8221; bestimmt, als das bewu&#223;te Wollen aller Verh&#228;ltnisse, denen die Verbreitung und Anerkennung der Willenskategorie immanent ist, so hat er damit &#8211; &#252;brigens seiner eigenen politisch konservativen Haltung zum Trotz &#8211; genau die Logik formuliert, der die politische Oberfl&#228;che der b&#252;rgerlichen Gesellschaft in den vergangenen zweihundert Jahren ihrer Entwicklung gefolgt ist. Die weite Verbreitung des (wertkonstituierten) Bewu&#223;tseins, das an den freien Willen als an ihre Ursache glaubt, steht also am Ende dieser Entwicklung, nicht an ihrem Anfang, an welchem sich erst noch eine kleine intellektuelle Avantgarde dieser antist&#228;ndischen und antiklerikalen Kategorie annahm.</p>
<p>Sein endlicher Triumph ist zugleich ein Pech f&#252;r dieses Bewu&#223;tsein. Es trifft jetzt zwar &#252;berall auf seinesgleichen, kann sich aber gerade deshalb zum &#8220;Wollen&#8221; eines gr&#246;&#223;eren Projektes nicht mehr sammeln. Der Demokrat wurde, indem ihm jeder mit einem ausdr&#252;cklich st&#228;ndischen oder elit&#228;ren Anspruch auftretende Gegner abhanden gekommen ist, der Gelegenheit zum identit&#228;tsstiftenden Gemeinschaftserlebnis beraubt und w&#228;hnt sich seither laufend in der Minderheit. Freiheit und Gleichheit, jene Prinzipien des b&#252;rgerlichen Rechts, in denen sich der freie Wille noch als sein eigenes politisches Ziel, als Wille zur Demokratie besa&#223;, haben mit dem Fortfall der Vorrechte von Geburt und Besitz ihre bewegende Kraft verloren. Wo sie noch zur ideologischen Legitimierung einer gesellschaftlichen Bewegung ben&#252;tzt werden, etwa im Feminismus, handelt es sich um die unzul&#228;ngliche Formulierung von Aufgaben, die, wie hier die Aufl&#246;sung der b&#252;rgerlichen Familie, bereits jenseits der Rechtsform angesiedelt sind.</p>
<p>Der Sieg von Freiheit und Gleichheit, der den Anh&#228;ngern der Demokratie aufgrund der Konstellation ihres Weltbildes, das ewig nach der &#8220;Verwirklichung&#8221; von Prinzipien verlangt, nat&#252;rlich nicht zu Bewu&#223;tsein kommen kann, teilt sich dennoch selbst auch den naivsten von ihnen mit: n&#228;mlich darin, da&#223; der Knotenpunkt dieser Struktur, eben der freie Wille, an jedem einzelnen der damit &#8220;menschgewordenen&#8221; Warenbesitzer als seine &#8220;nat&#252;rliche Eigenschaft&#8221; angekommen ist. Dem entspricht aber die Aufl&#246;sung jeden &#8220;Milieus&#8221; und jeder &#8220;Wertegemeinschaft&#8221;, auch der demokratischen. Demokratie hei&#223;t, da&#223; jedes staatsb&#252;rgerliche Individuum seinem &#8220;eigenen&#8221; Willen folgt. Sich &#8220;innerhalb gewisser Bedingungen der Zuf&#228;lligkeit&#8230;erfreuen zu d&#252;rfen&#8221;, ist denn auch die Marxsche Bezeichnung f&#252;r diesen Endzustand der pers&#246;nlichen Freiheit <a name="F32"></a><a href="#FN32"> 32 </a>.</p>
<p>Die Entfesselung dieser Freiheit hat ihren angestammten Platz aber zun&#228;chst in der Entfesselung der Warenproduktion. Mit der Karriere des freien Willens mu&#223;te das Angebot von Gegenst&#228;nden, in deren Auswahl er sich ja erst als solcher bet&#228;tigt, nat&#252;rlich Schritt halten. Die Verwandlung auch der Arbeitskraft in eine Ware, der entscheidende Motor der Demokratisierung, setzt voraus, da&#223; ihr Verk&#228;ufer auch uneingeschr&#228;nkt als K&#228;ufer auftreten kann, alle Produktion also Warenproduktion wird. Kaufen und sich Verkaufen, so lautet das Gesetz des Lebens, in dem der freie Wille die f&#252;hrende ideologische Position innehat. Inzwischen haben selbst auch die Prostituierten entdeckt, da&#223; sie dazugeh&#246;ren, und auf diversen Public-relations-Veranstaltungen jenen Willen zu Geh&#246;r der christlichen Regierung gebracht, der daraus resultiert, da&#223; ihre Ware ebensogut Ware ist wie jede andere <a name="F33"></a><a href="#FN33"> 33 </a>. Wenn nun aber auch diese Erwerbst&#228;tigkeit das Bewu&#223;tsein eines freien und gleichen Selbst mit Rentenanspruch hervorzubringen imstande ist, so wird man davon ausgehen d&#252;rfen, da&#223; dieses Selbst sich heute von der Ware, die es jeweils verkauft, und sei es auch die eigene Haut, endg&#252;ltig emanzipiert und eine jenseits davon angesiedelte Identit&#228;t ausgebildet hat, da&#223; es mit anderen Worten abstrakt geworden ist.</p>
<p>Ebenso wie dieses abstrakte Individuum ein Erzeugnis der Warenproduktion ist, durch welche es aus den &#252;berschauberen st&#228;ndischen Gemeinschaften und Abh&#228;ngigkeiten herausgel&#246;st worden ist, so werden ihm seinerseits die Kauf- und Vertragsbeziehungen, die es mit seinem freien Willen t&#228;glich eingeht, zum Muster f&#252;r sein Verhalten zur Welt &#252;berhaupt. Alle Institutionen, Ansichten, Wertvorstellungen und Glaubensinhalte nimmt es als Dinge wahr, die man unvermittelt haben oder nicht haben, wollen oder nicht wollen kann, die also ganz so wie die profanen Dinge der Warenwelt gegeneinander austauschbar sind. Die Demokratie erscheint ja neben den anderen &#8220;politischen Modellen&#8221;, die sich das abstrakte Individuum etwa als m&#246;glich vorstellt, selbst wie ein Ding, dessen Existenz ganz davon abh&#228;ngt, ob es gewollt wird oder nicht. Erst dieser Wille, der in seiner Selbstvergessenheit nichts mehr voraussetzt als seine Freiheit, aus dem Angebot, zu dem ihm die Welt geworden ist, zu w&#228;hlen, ist wirklich zum Willen des abstrakten Individuums und das hei&#223;t nat&#252;rlich: zum subjektiven Dasein des Geldes geworden.</p>
<p>Das hat aber f&#252;r diesen Willen zur Folge, da&#223; er es bei der gro&#223;en ihm zur Verf&#252;gung stehenden Auswahl von Gegenst&#228;nden immer weniger &#252;ber sich bringt, sich dauerhaft mit einem bestimmten zu verbinden. Gerade auch sein t&#228;gliches Tun wird dem abstrakten Individuum zu solch einem &#228;u&#223;erlichen, beliebigen Gegenstand. Indem es hinter dem Zweck des Geldes, der damit verfolgt wird bzw. verfolgt werden mu&#223;, verschwindet, verliert dieses Tun selbst auch noch die Eignung zur Charaktermaske, und das &#246;konomische Verh&#228;ltnis tritt unverh&#252;llt zutage: die zum Selbstzweck gewordene Arbeit, die dies nur als Abstraktion, als Geld sein kann. Diese Entwicklung, in der die Aufhebung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung dadurch, da&#223; sie sich als die Herausl&#246;sung der Individuen aus ihren &#8220;gewachsenen Strukturen&#8221; vollzieht, gewisserma&#223;en auf dem Kopf stehend erscheint, tr&#228;gt den davon konstituierten Individuen mit dem Verlust der Gewissheiten, die die stabilen &#8220;Lebenswelten&#8221; von ehedem noch besa&#223;en, die &#252;beraus zeitgem&#228;&#223;e Frage ein, wer sie denn &#8220;wirklich&#8221; seien. Die abstrakte Identit&#228;t der Ware-Geld-Individuen ist sozusagen dauernd auf der Suche nach sich selbst. Verwiesen auf den allen gemeinsamen freien Willen, der ihnen eine Unzahl von m&#246;glichen &#8220;Identit&#228;ten&#8221; vorgaukelt, befinden sie sich auf der hektischen Jagd nach der &#8220;endg&#252;ltigen&#8221;, der sie sich dann auch, allerdings meist nur f&#252;r bestimmte, im &#252;brigen immer k&#252;rzer werdende Zeitabschnitte, mit einem Fanatismus hingeben, der alle Zeichen der Sucht an sich hat. Ein rascher Wechsel der Moden und Meinungen ist die Folge, wobei es keine mehr schafft, die Gesellschaft als ganze oder auch nur einen nennenswerten Teil von ihr zu erfassen. Ihre einander ausschlie&#223;enden Obsessionen verfolgen die modernen Willensatome im friedlichen Nebeneinander. &#220;ber die von der Produktion ihren Ausgang nehmende Losung des Tages kann der &#8220;pluralistische&#8221; &#220;berbau nur milde l&#228;cheln; die &#8220;Flexibilit&#228;t&#8221; ist seine Spezialit&#228;t schon lange. Zwischen Politsekte und Meditationswochenende, Friedensarbeitskreis und Tierschutzverein, zwischen Bibelstunde und Computerclub, &#246;kologischem Bauernhof und Szenekneipe, Selbsterfahrungsgruppe und Thailandtrip flottiert das abstrakte Individuum frei umher, ohne da&#223; sein Wechseln zwischen den verschiedenen &#8220;Milieus&#8221; diese merklich zu beeintr&#228;chtigen verm&#246;chte. Der postmoderne Zeitgeist probiert alles einmal aus und legt sich nirgends mehr fest. Das Bild einer Gesellschaft ist entstanden, die mit Enzensberger zu reden &#8220;nichts anderes ist als ein fluktuierender Komplex von vernetzten Minderheiten&#8221; <a name="F34"></a><a href="#FN34"> 34 </a>.</p>
<p>Unser Demokrat, der diesen Fleckenteppich der &#8220;dissipativen Gesellschaft&#8221; (ebd.) noch nicht als seinen fatalen Sieg begriffen hat, sichert sich den Glauben an seine oppositionelle Mission teils dadurch, da&#223; er, was keine Kunst ist f&#252;r das abstrakte Individuum, die Augen vor dieser Wirklichkeit verschlie&#223;t und von den vergangenen K&#228;mpfen als von den zuk&#252;nftigen tr&#228;umt, teils dadurch, da&#223; er sich jener gesellschaftlichen Randbereiche annimmt, in denen f&#252;r Freiheit und Gleichheit noch etwas zu tun &#252;brig geblieben ist. Das zugegeben etwas weinerliche Pathos, mit dem heute Prostituierte, Homosexuelle, Behinderte und Aidskranke um ihre gleichberechtigte Integration in die angebliche Normalit&#228;t der angeblichen Mehrheit k&#228;mpfen, erscheint wie das letzte verebbende Pl&#228;tschern, das von der m&#228;chtigen Woge, die die Demokratie einst war, &#252;briggeblieben ist. Die Parole, die der Bewegungsdemokrat seinem verst&#228;ndnisvoll nickenden Bruder im Amt entgegenschleudert, lautet sehr im Kontrast zu den Gepflogenheiten von einst: Minderheitenschutz! Auf dieser ideologischen Schiene bringt es auch die Natur, aufgefa&#223;t als ein Potpourri aussterbender Arten, zur &#8220;Politikf&#228;higkeit&#8221; und zu einem eigenen Ministerium. Und die ganz subversiven Revolution&#228;re haben sich, das Enzensberg-Wort im Ohr, auch schon unauff&#228;llig in den Trend gemogelt, der heute den Minderheiten hold ist; sie empfehlen ihre Organisation als GABBA, als das Gr&#252;n-Alternativ-Bunt-Bleifrei-Autonome Jugendspektrum, in dem sich doch eigentlich jede Besonderheit, auch die der fahrradeuphorischen Epikur&#228;er, aufgehoben f&#252;hlen m&#252;&#223;te. Da&#223; die weniger laute Mehrheit dar&#252;ber nicht in Vergessenheit ger&#228;t, zeigt &#252;brigens die r&#252;hrende Beflissenheit, mit der sich die demokratischen Politiker ihrem Willen f&#252;gen, wenn es um die wichtige Frage des Outfits geht. Unter der &#220;berschrift &#8220;R&#252;ckkehr zur Mehrheitsbrille&#8221; ging im Herbst 1988 die erbauliche Nachricht durch die Presse, da&#223; Bundeskanzler Kohl, obwohl von einer seit je geringen Kurzsichtigkeit befreit, aufgrund eines von Infratest organisierten Plebiszits &#8220;in Zukunft in der &#214;ffentlichkeit meist wieder Brille tragen&#8221; wird. &#8220;Auf die Meinung der Mehrheit mu&#223; ein Politiker auch bei diesen Dingen R&#252;cksicht nehmen&#8221;, meinte der zust&#228;ndige Ministerialdirektor &#8211; ein Verdikt best&#228;tigend, da&#223; schon Tocqueville &#252;ber die Demokratie gef&#228;llt hat <a name="F35"></a><a href="#FN35"> 35 </a>.</p>
<h4>4. Die Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber die Produktionsmittel</h4>
<p>Nach dieser Schilderung des Diesseits oder der Oberfl&#228;che des freien Willens mu&#223; ich darauf gefa&#223;t sein, da&#223; mein Sparringpartner, der Demokrat, sich ganz und gar nicht davon beeindruckt zeigt. Von mir aus gesehen ist er zwar nur ein sogar schon ziemlich ausgebleichter Flecken auf dem besagten Teppich der dissipativen Gesellschaft, der wie die anderen seiner Art auf das abstrakte Individuum nur einen vor&#252;bergehenden Reiz auszu&#252;ben vermag, in seinen eigenen Augen aber ist er in der bisherigen Darstellung noch gar nicht vorgekommen. Weil er ja ein linker Demokrat ist, der auf die &#8220;&#246;konomische Basis&#8221; der Gesellschaft abzielt, wird er zun&#228;chst einmal heftig abstreiten, da&#223; er mit den &#8220;Illusionen&#8221; des abstrakten Individuums, von dem er meint, da&#223; ich es besser &#8220;b&#252;rgerliches&#8221; oder &#8220;kleinb&#252;rgerliches&#8221; Individuum genannt haben w&#252;rde, irgendetwas zu schaffen habe. Sodann wird er auf den Kapitalismus zu sprechen kommen und mich mit inquisitorischer Miene darauf hinweisen, da&#223; dieser einen entscheidenden Unterschied gesetzt habe zwischen den Individuen, da&#223; dieser Unterschied von der Beschaffenheit der Ware herr&#252;hre, &#252;ber die der sogenannte freie Wille jeweils verf&#252;ge, und da&#223; ich bisher diesen Unterschied unterschlagen habe. Wie steht es mit der &#8220;Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber die Produktionsmittel&#8221; und wie gedenkst Du, mit dem zugeh&#246;rigen &#8220;Klasseninteresse&#8221; zu verfahren? wird er mich also in gereiztem Tonfall fragen, und er wird sich vielleicht wundern, wenn ich darauf antworte, da&#223; genau davon die ganze Zeit &#252;ber die Rede war.</p>
<p>Freilich gebe ich zu, da&#223; es bei den tiefen Wurzeln, die das positive und soziologische Denken im Kopf unseres Freundes geschlagen hat, eine Zumutung w&#228;re, ihn mit diesem lakonischen Hinweis abzufertigen und stehenzulassen. Die konsequent zuendegedachte Logik des Warentauschs impliziert zwar eine bestimmte Position zur &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; und zum &#8220;Klassenkampf&#8221;, kann mich aber eben deswegen nicht von der Aufgabe entbinden, sie ausdr&#252;cklich darzustellen. Begeben wir uns unter diesem Aspekt also ein zweitesmal auf den Weg durch den freien Willen; sehen wir ihn uns gerade daraufhin genau an, da&#223; er in der Tat eine Oberfl&#228;chenkategorie der kapitalistischen Gesellschaft darstellt und als solche der Wertform und der Warenproduktion unverzichtbar angeh&#246;rt. In diesem Zusammenhang darf selbstverst&#228;ndlich auch das abstrakte, warenbesitzende Individuum nicht &#252;bergangen werden. Sobald vom freien Willen als von einer Eigenschaft die Rede ist, als von einer wirklichen Qualit&#228;t oder Kraft, die das, worauf sie sich richtet, wirklich ver&#228;ndern oder hervorbringen kann, befindet sich das abstrakte Individuum immer schon mit im Spiel. Denn nur f&#252;r dieses allerdings sehr weit verbreitete Gesch&#246;pf gilt, da&#223; es die Ware-Geld-Beziehung, der es sich verdankt, f&#252;r etwas selbstverst&#228;ndliches nimmt und den dazugeh&#246;renden freien Willen als den urspr&#252;nglichen, nicht abzuleitenden Ausgangspunkt seines Handelns betrachtet. Daraus aber folgt, da&#223; es logisch vollkommen unm&#246;glich ist, die Willenskategorie aus diesem Zusammenhang herauszul&#246;sen und sie wom&#246;glich gegen ihn, gegen das Geld und gegen das Privateigentum, von dem es doch nur ein Moment ist, ins Feld zu schicken. Und schon gar nicht darf man sich von ihr als &#8220;Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber die Produktionsmittel&#8221; etwas erhoffen. Diese Verf&#252;gungsgewalt, wenn sie denn ihrem Namen im stofflichen Sinn die Ehre machen und die Bef&#228;higung zur Organisation der gesellschaftlichen Arbeit nicht als abstrakter Selbstzweck, sondern als Mittel zur Befriedigung konkreter Bed&#252;rfnisse bedeuten soll, beinhaltet vielmehr die Aufhebung des abstrakten Individuums samt seines freien Willens, in dem, worauf ich in einem weiteren Artikel noch zu sprechen komme, alles K&#246;nnen, Wissen und Begreifen verschluckt ist. Man steht von vornherein auf verlorenem Posten, verlegt sich jeden Zugang zur Formulierung einer kommunistischen Strategie und ist zur Bestimmung irgendwelcher taktischer Schritte g&#228;nzlich au&#223;erstande, wenn man sich das von der kapitalistischen Vergesellschaftung selbst vorgezeichnete Ziel ausgerechnet mit jenen formalen Elementen ausdenkt, die der Wertabstraktion und damit dem zu kritisierenden und objektiv sich bereits in einem kritischen Zustand befindenden Ausgangspunkt der Entwicklung angeh&#246;ren.</p>
<p>Genau dieser Gedanke ist es ja, in dessen Licht besehen die geschilderte Kraftlosigkeit des freien Willens, seine nachlassende F&#228;higkeit, sich auf einen bestimmten Gegenstand dauerhaft einzulassen <a name="F36"></a><a href="#FN36"> 36 </a>, ihren eigent&#252;mlichen, die kommunistische Phantasie befl&#252;gelnden Reiz gewinnt. Diese Erscheinung w&#228;re dann ganz und gar kein Anla&#223;, der kapitalistischen Wirklichkeit gram zu sein und ihr z&#228;hneknirschend das Attest auf ewiges Leben auszustellen <a name="F37"></a><a href="#FN37"> 37 </a>, sondern im Gegenteil ein h&#246;chst bedeutsames Anzeichen f&#252;r dessen beginnendes Siechtum, an dem sich ablesen l&#228;&#223;t, da&#223; die gesellschaftliche Entwicklung bereits anf&#228;ngt, &#252;ber die Form, in der sie sich bisher vollzog, hinauszuwachsen. Und die Aufgabe, die sich daraus ergibt, besteht nat&#252;rlich darin, weitere Risse dieser Art, an denen sich zeigt, da&#223; die f&#252;r die stoffliche Reproduktion der Gesellschaft zu eng gewordene Wertform abzubl&#228;ttern beginnt, als solche kenntlich zu machen, die Menschen, die als in den Zw&#228;ngen und Denkmustern dieser Form befangene zun&#228;chst nat&#252;rlich meinen, es handele sich um den bevorstehenden Einsturz des gesellschaftlichen Geb&#228;udes selber, von dieser Furcht zu befreien und sie dazu anzuhalten, sich mutig auf die dahinter zum Vorschein kommende Wirklichkeit einzulassen.</p>
<p>Hierbei aber kann uns der linke Demokrat aufgrund der Z&#228;hlebigkeit seiner eigenen Willensst&#228;rke, die er immer f&#252;r seine ausschlaggebende Tugend gehalten hat, gerade nicht folgen. Er ordnet den freien Willen eben nicht dem abstrakten Individuum zu (als das er sich ja dann erkennen m&#252;&#223;te) und ist nicht bereit, ihn mitsamt diesem in den Orkus zu schicken. Der Adressat seiner agitatorischen Bem&#252;hungen ist vielmehr der &#8220;Arbeiter&#8221; oder der &#8220;Werkt&#228;tige&#8221;. Dessen Willen ist es, der sich, angestiftet von der t&#228;glich erlebten M&#252;hsal in der Produktion und von der kapitalistischen Krise, die nicht einmal in der Ausbeutung eine sichere Existenz gew&#228;hrleistet, zur &#8220;Verf&#252;gungsgewalt &#252;ber die Produktionsmittel&#8221; aufschwingen soll. Er bemerkt nicht oder will es nicht wahrhaben, da&#223; er sich in diesem Adressaten immer schon an das abstrakte Individuum der Tauschbeziehung wendet. Denn damit jemand freier Lohnarbeiter sein kann, mu&#223; er zun&#228;chst abstraktes, warenbesitzendes Individuum sein, das, mit dem gleichen freien Willen ausgestattet wie jeder andere Warenbesitzer, zur Einwilligung in den Kauf der Ware Arbeitskraft ben&#246;tigt wird. Das abstrakte Individuum ist das logische Apriori jeden Kauf- oder Vertragsabschlusses &#252;berhaupt und wird eben deshalb von der Beschaffenheit des in Frage stehenden Gegenstandes in gar keiner Weise tangiert.</p>
<p>Wer sich etwa dar&#252;ber erhitzen w&#252;rde, da&#223; aufgrund ihrer besonderen &#8220;Eigenschaft&#8221;, die Wertsubstanz zu &#8220;sein&#8221;, die Ware Arbeitskraft ihrem K&#228;ufer mehr Wert einbringt, als sie ihn kostete, w&#228;re damit bereits stillschweigend &#252;ber die grundlegende Fragestellung, &#8220;warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert&#8230;darstellt&#8221; <a name="F38"></a><a href="#FN38"> 38 </a>, hinweggegangen, h&#228;tte die Arbeit als jene Abstraktion, in der allein sie die &#8220;Wertsubstanz&#8221; sein kann, hingenommen und bef&#228;nde sich bei einem jenseits dieses Rubikons angesiedelten Thema. Die Mehrwertproduktion w&#228;re damit noch nicht als das objektive, zu ihrer absoluten Krise treibende Problem der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt begriffen, sondern f&#228;nde sich erst noch als das sektorale Problem der &#8220;Ausgebeuteten&#8221; behandelt. Der sich daraus ergebende Appell an den selbst erst von der Warenlogik hervorgetriebenen Gerechtigkeitssinn der Arbeiter w&#228;re ein Beitrag zur Affirmation des dem abstrakten Individuum eigenen &#8220;Wertma&#223;stabes&#8221; von Freiheit und Gleichheit, keineswegs dessen Kritik. Indem die alte Arbeiterbewegung dem Mehrwert die erw&#228;hnte sektorale Behandlungsweise angedeihen lie&#223; und daraus ihren Anspruch auf &#8220;Gleichberechtigung&#8221; bzw. auf &#8220;Herrschaft&#8221; ableitete, beschritt sie genau den von diesem Appell vorgezeichneten Weg. Sie leistete damit den entscheidenden Beitrag zur Herausbildung des abstrakten Ware-Geld-Individuums, das als der Knotenpunkt der Wertvergesellschaftung, auf den sich alle Institutionen und Ma&#223;nahmen des sozialen Rechtsstaates beziehen, die Gew&#228;hr daf&#252;r bietet, da&#223; das Kapitalverh&#228;ltnis nicht etwa die Tauschlogik aufhebt oder verletzt, sondern &#252;berhaupt erst durchsetzt und verallgemeinert.</p>
<p>Genau in diesem &#8220;Durchsetzen&#8221; liegt aber das Problem, das wir mit unserem linken Demokraten haben. Es bedeutet n&#228;mlich, da&#223; das abstrakte Individuum, obwohl unzweifelhaft eine Oberfl&#228;chenkategorie der b&#252;rgerlichen Gesellschaft auf der empirischen Oberfl&#228;che zun&#228;chst durchaus nicht erscheint. Was sich dort am Beginn unserer Epoche befindet, das sind vielmehr jene st&#228;ndischen Sozialcharaktere, in denen die Individuen noch fest verbunden sind mit der jeweiligen Lebenswelt, die ihnen die naturw&#252;chsig entstandene Teilung der Arbeit zugewiesen hat. Die Frage nach der Identit&#228;t treibt zu jener Zeit erst einige wenige romantisch gestimmte Literaten um. Als Ideal ist das Willensatom des abstrakten Individuums zwar schon von Rousseau und den franz&#246;sischen Jakobinern verk&#252;ndet worden, zur empirischen Sichtbarkeit und Darstellbarkeit ist es dagegen erst sp&#228;t, erst in unserer Gegenwart gelangt.</p>
<p>Es hatte demnach lange Zeit Gelegenheit, dem Schiff der Wertvergesellschaftung als eine Art virtuellen Leitsterns zu dienen. Alle Fraktionen der sich aufl&#246;senden st&#228;ndischen Gesellschaft, auch wenn sie, nur ihr jeweiliges Erscheinungsbild im Auge, einander erbittert befehdeten, bewegten sich, gleichsam magnetisch davon angezogen, in dem Ma&#223; in seine Richtung, in dem sie ihr st&#228;ndisch solides Dasein verloren und zum &#8220;An sich&#8221; des Kapitalverh&#228;ltnisses wurden. Aufgrund der Bewu&#223;tlosigkeit dieses Vorgangs konnten nat&#252;rlich alle m&#246;glichen Vorstellungen in den blinden Fleck am Horizont hineinprojiziert werden. Von unten her gesehen verhie&#223;en &#8220;Freiheit und Gleichheit&#8221; das &#8220;Morgenrot einer neuen Zeit&#8221;, w&#228;hrend die st&#228;ndisch priviligierten Oberschichten, die es gleichwohl nicht vermeiden konnten, sich ein massenwirksames, demokratisches Auftreten anzugew&#246;hnen, den &#8220;Untergang des Abendlandes&#8221; und den Verlust aller &#8220;h&#246;heren Kulturwerte&#8221; vorhersagten. Da Freiheit und Gleichheit erst noch in der Tiefe der Zukunft verborgen waren, konnte auch die marxistische Kritik dieser dem Warenfetisch angeh&#246;renden Abstraktionen ein ganz unerwartetes Aussehen annehmen. Zurechtgeschnitten auf die Lehre vom Mehrwert, dienten sie dem zeitgem&#228;&#223;en demokratischen Bewu&#223;tsein insofern zur &#8220;linken&#8221; Selbstt&#228;uschung, als dieses, unbelastet vom Konstitutionsproblem und bar jeder Kritik an der empiristischen Eigenschaftsform und am Warenfetisch, meinen konnte, sich mit dem Hinweis auf den &#8220;in der Produktion&#8221; erzeugten Mehrwert, der sich obendrein leicht verkn&#252;pfen lie&#223; mit den reichlich vorhandenen Erscheinungen der Diskriminisierung, Dem&#252;tigung und Unterdr&#252;ckung der Arbeiterklasse, von der &#8220;zirkulativen Oberfl&#228;che&#8221; jeweils hinwegzubegeben, wenn es die angeblich dahinter verborgene &#8220;wirkliche Ungleichheit in der Produktion&#8221; ans Tageslicht brachte. &#8220;Produktion&#8221; und &#8220;Zirkulation&#8221; als solche von Waren sind aber bereits in dieser Zweiheit verschiedener &#8220;Sph&#228;ren&#8221; von der Wertform konstituiert. Nur dem sich selber noch in dieser Form bewegenden demokratischen Bewu&#223;tsein k&#246;nnen als unterschiedliche, einander &#8220;bedingende&#8221; Bereiche erscheinen, in denen eine je eigene Logik wirksam ist. In der Tat ist es aber dieselbe formale Wertlogik, die in der Abstraktion der Gleichheit ebenso wie in der der Ungleichheit anwesend ist.</p>
<p>Jedenfalls war daf&#252;r gesorgt, da&#223; sich der linke Demokrat beim Auftauchen des freien und gleichen Ware-Geld-Individuums mit dem Gedanken nicht abfinden konnte, da&#223; dies sein Ziel gewesen sein sollte und da&#223; er nun seinerseits von der Bildfl&#228;che zu verschwinden h&#228;tte. Im schaukelnden Rhythmus der Biermann-Melodie &#8220;Das kann doch nicht alles gewesen sein&#8221; reitet er vielmehr weiter auf seiner d&#252;rren Mehrwert-Rosinante ins tiefdunkle Abendrot der Wertvergesellschaftung hinein und ist nach wie vor wild entschlossen, gegen jede sich ihm etwa in den Weg stellende Ungleichheits-Windm&#252;hle zum &#8220;letzten Gefecht&#8221; anzutreten. F&#252;r uns aber ergibt sich wieder einmal die Gelegenheit, eines der vielen mit der Wertvergesellschaftung entstandenen Paradoxe zu registrieren: Aufgrund der v&#246;llig unerwarteten Erfahrungen, die ihm bei der Verwirklichung des abstrakten Individuums begegneten, Erfahrungen, die die Revolution&#228;re des 18. Jahrhunderts durchaus nicht hatten voraussehen k&#246;nnen, hat gerade der linke Demokrat, der treueste Gefolgsmann der Jakobiner, seine historischen Wurzeln aus den Augen verloren. Weil er die &#8220;Eigentumsfrage&#8221; thematisierte, freilich ohne sie, mit der Willenskategorie gedacht, &#252;ber die juristische und Wertform hinausf&#252;hren zu k&#246;nnen, meinte er, sich immer weiter von seiner jakobinischen Quelle zu entfernen, w&#228;hrend er doch laufend noch aus ihr sch&#246;pfte.</p>
<p>F&#252;r dieses demokratische Bewu&#223;tsein, das immer nur Sozialcharaktere vor Augen hat, wenn vom Kapitalverh&#228;ltnis die Rede ist, ist das &#8220;Diesseits des freien Willen&#8221;, wie ich es oben nahezu &#252;bergangslos ins Spiel gebracht habe, selbstverst&#228;ndlich ein harter Brocken. Unweigerlich mu&#223; bei ihm der Eindruck entstehen, da&#223; eine solche Darstellung, bei welcher das abstrakte Individuum unvermittelt selbst an den Pranger gestellt wird, das &#8220;wichtigste&#8221; vermissen l&#228;&#223;t. Was hier in der Tat nachzutragen war, das ist eben der Hinweis auf die erw&#228;hnten st&#228;ndischen Sozialcharaktere. Allerdings gilt es zu begreifen, da&#223; es sich hierbei um Gestalten der Vergangenheit handelt, die vor der Wirklichkeit des abstrakten Individuums verbla&#223;t sind oder dabei sind zu verblassen. In dem Marxschen Wort von den &#8220;&#246;konomischen Charaktermasken&#8221;, die &#8220;Bourgeoisie&#8221; und &#8220;Grundeigent&#252;mer&#8221; jeweils seien, ist genau dieser Gedanke bereits enthalten. Es dr&#252;ckt sich darin die Einsicht aus, da&#223; die der Verwertung des Werts unterworfenen Sozialcharaktere keine stabile Lebenswelt mehr repr&#228;sentieren, wie das bei den schwerf&#228;lligen st&#228;ndischen Sozialcharakteren, insbesondere bei der zu Anfang des 19. Jahrhunderts zahlenm&#228;&#223;ig weit &#252;berwiegenden b&#228;uerlichen Bev&#246;lkerung, noch der Fall gewesen ist; da&#223; also ein Unterschied eingetreten ist zwischem dem &#8220;Individuum als solchem&#8221; und der sozialen Lage, in der es sich gerade befindet. Hinzuzuf&#252;gen w&#228;re lediglich, da&#223; auch das neu erzeugte Industrieproletariat das Bed&#252;rfnis nach einer positiven Identifikation mit seinem Dasein noch besa&#223; und es, seinem Begriff widersprechend <a name="F39"></a><a href="#FN39"> 39 </a>, tats&#228;chlich dahin brachte, einen eigenen, nat&#252;rlich von vornherein &#8220;maskenhaften&#8221; Sozialcharakter und eine eigene fahnengeschm&#252;ckte &#8220;Arbeiterkultur&#8221; auszubilden. &#220;ber den sozialpsychologischen Mechanismus, der f&#252;r diese fl&#252;chtige, sp&#228;testens wohl mit dem 2. Weltkrieg beendete Bl&#252;te einer proletarischen &#8220;Charaktermaske&#8221; verantwortlich war &#8211; &#8220;negative Integration&#8221; lautet eines der in der neueren historischen Literatur gebr&#228;uchlichen, speziell auf die deutsche Entwicklung bezogenen Schlagworte <a name="F40"></a><a href="#FN40"> 40 </a> &#8211; ist hier weiter kein Wort zu verlieren.</p>
<p>F&#252;r uns kommt es lediglich darauf an zu begreifen, da&#223; der Proze&#223; der Wertvergesellschaftung, bezogen auf die st&#228;ndischen und quasi-st&#228;ndischen Sozialcharaktere, nichts anderes ist als das L&#246;chrig- und Durchsichtigwerden dieser &#8220;Masken&#8221;, hinter denen die abstrakte WIllensmonade immer deutlicher sichtbar wird. Die st&#228;ndischen &#8220;Milieus&#8221; und &#8220;Lebenswelten&#8221; l&#246;sen sich auf; die vorhandenen &#8220;T&#228;tigkeitsfelder&#8221; sind keine korporativ abgeschlossenen &#8220;Berufe&#8221; mehr. Es gibt nur noch unterschiedliche, in ihren qualifikatorischen Anforderungen sich einander ann&#228;herende &#8220;Funktionen&#8221; innerhalb des einen gesamtgesellschaftlichen Produktionsaggregates, das sich unter der &#8220;privaten&#8221; Oberfl&#228;che des Wertzweckes hergestellt hat. Zwischen diesen Funktionen k&#246;nnen die immer mehr auf den einzigen Gesichtspunkt ihrer Selbstverwertung beschr&#228;nkten Ware-Geld-Individuen nicht nur wechseln, sie m&#252;ssen es auch; so da&#223; sich ihre Universalisierung gewisserma&#223;en wie ein unerw&#252;nschter Nebeneffekt bei der Verfolgung ihres abstrakten Geldinteresses ergibt. F&#252;r Mehrwert-Fanatiker sei hinzugef&#252;gt, da&#223; bei diesem Wechsel wertproduktive und wertunproduktive Funktionen einander abl&#246;sen k&#246;nnen, ohne da&#223; dies f&#252;r das einzelne Individuum ins Gewicht fallen mu&#223;.</p>
<p>Da&#223; die Kategorie der &#8220;&#246;konomischen Charaktermaske&#8221; theoretisch so lange steril geblieben ist, hat innertheoretisch nat&#252;rlich seinen Grund im Zusammenbruch des deutschen Idealismus, speziell der Hegelschen Philosophie, &#228;u&#223;erlich kenntlich gemacht durch Schopenhauers Aufstieg zum Modephilosophen nach 1848. Das Zeitalter der kapitalistischen Industrialisierung, das auch ideologisch den Triumph der Naturwissenschaften mit sich brachte, konnte mit der subtilen Konstitutionsproblematik &#8211; und noch gar in Gestalt der Hegelschen Ontologie &#8211; nichts mehr anfangen. Marx, soweit er der Hegelei verd&#228;chtig war, wurde damit gleich mitvernichtet und zu einem Fachwissenschaftler in Sachen &#214;konomie und Arbeiterpolitik zurechtgestutzt. Ironischerweise kam im gleichen Augenblick, in dem er damit anfing, die diversen Sozialcharaktere als Masken eines tendenziell gesamtgesellschaftlichen, also globalen Produktionsverh&#228;ltnisses zu durchschauen, jener Soziologismus auf, der die vorgefundenen Interessen &#8211; unbeschadet ihrer Herkunft oder ihrer ideologischen Legitimierung &#8211; mit dem n&#252;chternen Blick der experimentellen Naturwissenschaften als &#8220;Fakten&#8221; fixierte, mit denen &#8220;man&#8221;, z.B. der erfolgreiche Politiker, zu &#8220;rechnen&#8221; habe.</p>
<p>Au&#223;ertheoretisch ist als Ursache f&#252;r das vorl&#228;ufige Abreissen des Konstitutionsfadens der schon erw&#228;hnte Alltagsdruck zu nennen, dem die Theorie ausgesetzt war. Relevant in einem unmittelbaren Sinn kann ja der Konstitutionsgedanke erst werden, wenn wie heute die Aufhebung des Gesamtverh&#228;ltnisses auf der historischen Tagesordnung steht. Wie wenig dies im 19. Jahrhundert der Fall war, zeigt sich eben daran, da&#223; selbst die Arbeiterklasse, von Marx nicht nur zur Aufhebung der st&#228;ndischen, sondern sogar der kapitalistischen Gesellschaftsformation ausersehen, ein quasi-st&#228;ndisches Selbstbewu&#223;tsein zu entwickeln vermochte.</p>
<p>Dies hindert aber nicht, da&#223; der dahinter w&#252;hlende Maulwurf des abstrakten Individuums, der sich erst heute zu jener Oberfl&#228;che emporgearbeitet hat, die seinen Begriff ausmacht, dennoch die Logik abgegeben hat, der nicht nur die Arbeiterklasse, sondern s&#228;mtliche st&#228;ndisch-bornierten Sozialcharaktere im Proze&#223; ihrer Aufl&#246;sung gefolgt sind und, sofern hier noch etwas zu tun &#252;brig geblieben ist, auch weiterhin folgen. Die ad&#228;quate historische Darstellung dieses Prozesses steht noch aus und kann hier nat&#252;rlich nicht geleistet werden. Im Zusammenhang unserer Argumentation bedarf es dieser Leistung aber auch gar nicht. Um die &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; unseres linken Demokraten ebenso durchsichtig zu machen, wie es die diversen &#8220;&#246;konomischen Charaktermasken&#8221; bereits sind, ist es ausreichend, wenn wir uns der Logik anvertrauen, die hinter dem Klassenkampf- und Weltkriegget&#246;se an der Hervorbringung der abstrakten Willensmonade gearbeitet hat. Indem sie sich des &#8220;eigentumslosen Arbeiters&#8221; bem&#228;chtigte, wurde sie allen st&#228;ndischen Charaktermasken zum Verderben.</p>
<p>Sehen wir uns jetzt also diese Logik des Warebesitzens n&#228;her an. Sie l&#228;&#223;t dem zugeh&#246;rigen, mit der Rechtsform um sich greifenden freien Willen nur zwei Richtungen der Bet&#228;tigung. Zum einen wird er sich unmittelbar seiner Ware annehmen m&#252;ssen und danach trachten, sie den Marktchancen entsprechend zu verbessern oder in den Besitz einer besseren Ware zu gelangen. Das ist der Weg des individuellen Erfolgs und des sozialen Aufstiegs. Der Arbeiter w&#252;rde hierbei den Wert seiner Arbeitskraft erh&#246;hen oder sogar ganz aufh&#246;ren, Arbeiter zu sein, und in eine andere soziale Kategorie oder Funktion hin&#252;berwechseln. Da&#223; dies im Kapitalismus grunds&#228;tzlich m&#246;glich ist, da&#223; das Individuum nicht durch die Geburt und f&#252;r die Dauer des ganzen Lebens mit einer bestimmten T&#228;tigkeit und einem bestimmten Status verschmolzen ist, macht den welthistorischen Fortschritt dieser Produktionsweise gegen&#252;ber der st&#228;ndische Ordnung aus. Das Arbeiterdasein wie auch jede andere Form der Erwerbst&#228;tigkeit wird den dadurch abstrakt werdenden Individuen zunehmend &#228;u&#223;erlich und zuf&#228;llig, es verliert den Geruch, ein von Gott verh&#228;ngtes Schicksal zu sein. Sich auf diese Entwicklung nicht einzulassen, sie zu verdr&#228;ngen oder sogar zu bedauern, das macht den konservativen und sogar reaktion&#228;ren Charakter unseres linken Demokraten aus. Er demonstriert damit, da&#223; er auf dem geistigen Niveau der st&#228;ndischen Gesellschaft stehengeblieben ist und in der kapitalistischen Gegenwart ihre unentfaltete Vergangenheit repr&#228;sentiert.</p>
<p>Der zweite Weg f&#252;hrt den freien Willen unseres Warenbesitzers in jene Sph&#228;re der Allgemeinheit, die er, weil sie im Kantschen Sinne gesprochen das Prinzip des freien Willens darstellt, mit allen anderen Warenbesitzern teilt. In der Tat mit allen: Da aber diese Alle nicht mit einem Schlag da sind, und sich die Ware-Geld-Vergesellschaftung der verschiedenen geographischen und sozialen Regionen zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt bem&#228;chtigt, ist er, gleichsam in einer vorpolitischen Phase der Entfaltung seines Prinzips, zun&#228;chst einmal auf seine n&#228;here Umgebung verwiesen. Er wird also mit den anderen Anbietern der gleichen Ware &#8220;Kartell schlie&#223;en&#8221;, um der Konkurrenz untereinander bestimmte Grenzen zu ziehen und die Preise nicht zu ruinieren. Beispielsweise mu&#223; der einzelne Arbeiter daran gehindert und davor gesch&#252;tzt werden, seine Arbeitskraft unterhalb eines gewissen durchschnittlichen Werts zu verkaufen oder sich &#8211; per freiem Lohnvertrag &#8211; in eine leibeigenschafts&#228;hnliche Abh&#228;ngigkeit zu begeben. Dieser korporative oder gewerkschaftliche Gesichtspunkt stand vor allem in den Anf&#228;ngen der Industrialisierung, als die t&#228;gliche Arbeitszeit bis zu sechzehn und mehr Stunden betrug, ganz obenan unter den dringendsten Bed&#252;rfnissen, die die Arbeiter bewegten. Mit der weiteren Entwicklung des Kapitalverh&#228;ltnisses erlangten dessen Funktionen einschlie&#223;lich der Arbeiterbev&#246;lkerung eine solche Bedeutung, da&#223; die Anforderungen, die sie an die gesetzlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen seines Funktionierens stellten, von vornherein eine Ber&#252;cksichtigung im gesamtgesellschaftlichen, d.h. zun&#228;chst im nationalstaatlichen Rahmen erzwangen. Oder anders: Die staatliche Allgemeinheit wurde in dem Ma&#223;, in dem sie dazu gedr&#228;ngt wurde, diesem Begriff zu entsprechen, selbst immer mehr zu einer Funktion des Kapitalverh&#228;ltnisses <a name="F41"></a><a href="#FN41"> 41 </a>. Die diversen &#8220;Kartelle&#8221; der Besitzer von Waren verschiedener und gegens&#228;tzlicher Art schlossen sich (etwa seit den Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts) zu gro&#223;en politischen Parteien zusammen, die, selber bereits ein Resultat der Konkurrenz, nun ihrerseits darum konkurrierten, da&#223; das jeweilige Durchschnittsinteresse ihrer Klientel, das sie repr&#228;sentierten, in dem gr&#246;&#223;eren Zusammenhang, der sich hinter dem R&#252;cken dieser Konkurrenz herstellte, hinl&#228;nglich zur Geltung gelange. Im Fall der Ware Arbeitskraft handelte es sich dabei um solche Fragen wie das &#246;ffentliche, unentgeldliche Schulsystem, die Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung; Fragen &#252;brigens, an denen auch die Anwender der Ware Arbeitskraft ein Interesse nahmen, weshalb sich in dieser Sph&#228;re der Allgemeinheit Interessen&#252;berschneidungen ergaben und die M&#246;glichkeit von Kompromissen und Koalitionen sich auftat. Letzteres betrifft auch solche Fragen wie die staatliche Zoll- und Kreditpolitik sowie die der &#246;ffentlichen Investitionen, die mit dem Erfolg bestimmter Industriezweige mittelbar auch den der Ware Arbeitskraft betreffen <a name="F42"></a><a href="#FN42"> 42 </a>. Auch an der ausw&#228;rtigen Politik als an dem Erfolg des staatlichen Gemeinwesens insgesamt mu&#223;te die Ware Arbeitskraft ein Interesse nehmen und sich dementsprechend politisch zu Geh&#246;r bringen.</p>
<p>Man darf sich also die Konkurrenz, da sie auf der allen Konkurrenten gemeinsamen Grundlage der kapitalistischen Warenproduktion fu&#223;t, niemals als einen absoluten oder &#8220;unvers&#246;hnlichen&#8221; Widerspruch vorstellen. Im Gegenteil. In ihren besten Zeiten mit einer Metaphorik ausgetragen, in welcher die politischen Konkurrenten die vollkommene Unvereinbarkeit ihrer jeweiligen Interessen konstatieren, in welcher die Gesellschaft als in sich hoffnungslos gespalten, zerkl&#252;ftet, zerrissen, dem Untergang und der Anarchie geweiht, erscheint, ist sie dieser ideologischen Oberfl&#228;che zum Trotz genau die Form, in welcher sich die Ware-Geld-Vergesellschaftung als die totale Verstaatlichung aller menschlichen Beziehungen vollzog. Im Lichte dieser uns inzwischen schon vertrauten Verkehrung von Erscheinung und Wesen darf man wohl die Epoche der Weltkriege als den entscheidenden Schritt ansehen, mit dem das Kapitalverh&#228;ltnis anfing, sich endg&#252;ltig von dem nationalstaatlichen Bezugsrahmen zu emanzipieren. Jener Dogmatismus, der mit dem Absolutsetzen der jeweils immer nur partikularen Funktion, in deren Name er sprach, meinte, ihr am konsequentesten und treuesten zu dienen, mu&#223;te sich angesichts der fundamentalen Erfordernisse der kapitalistischen Warenproduktion immer wieder blamieren und mit zunehmender Hilflosigkeit bei einem immer unglaubw&#252;rdiger werdenden Moralismus Zuflucht nehmen, der den weniger prinzipiell gestimmten Sachwaltern der unmittelbaren Interessen in schrillen T&#246;nen Verrat am &#8220;wahren&#8221; oder &#8220;historischen&#8221; Interesse vorwarf <a name="F43"></a><a href="#FN43"> 43 </a>.</p>
<p>Dieser Vorwurf traf die kompromissbereiten &#8220;Realisten&#8221; aus dem konservativen und liberalen Lager nicht weniger als die aus dem sozialistischen. Im Nachhinein mu&#223; man sogar sagen, da&#223; es in der vergangenen Epoche der weltweiten Durchsetzung des Kapitalverh&#228;ltnisses &#252;berhaupt nur solche politischen F&#252;hrer zu einer geschichtlichen Wirksamkeit bringen konnten, die dazu imstande waren, bei ihren taktischen Man&#246;vern auch jene wertkonstituierten Bed&#252;rfnisse zu ber&#252;cksichtigen, f&#252;r die der jeweilige politische Gegner stand. Das trifft beispielsweise auf Bismarck zu, der, ein treuer Diener der Dynastie Hohenzollern, flexibel genug war, die neuen sozialen Interessen der Gro&#223;sindustrie und der Arbeiterschaft als unmittelbar berechtigte unter seine Obhut zu nehmen. Der feudalen Suprematie zum Trotz brachte er damit nat&#252;rlich ein St&#252;ck weit die Entwicklung zur modernen staatlichen Allgemeinheit voran &#8211; was ihm prompt die gegen &#8220;das Heraufkommen des parlamentarischen Bl&#246;dsinns, des Zeitungslesens und der literatenhaften Mitsprecherei von Jedermann und &#252;ber Jegliches&#8221; gerichtete Feindschaft Nietsches eingetragen hat <a name="F44"></a><a href="#FN44"> 44 </a>. Das gilt auch f&#252;r Lenin, der bei der gr&#246;&#223;tm&#246;glichen ideologischen Best&#228;ndigkeit, die ihn in allen Phasen der russischen Revolution als &#8220;politischen F&#252;hrer des Proletariats&#8221; hervortreten l&#228;&#223;t, keinerlei Bedenken trug, unter dem Dach der &#8220;Dikatatur des Proletariats&#8221; allen Kategorien von Warenbesitzern die f&#252;r ihr Mittun erforderliche unmittelbare Affirmation angedeihen zu lassen. Mit der jeweils siegreichen Partei, wozu auch der italienische und der deutsche Faschismus zu z&#228;hlen sind, siegte immer auch jene staatliche Allgemeinheit mit, die eine Bedingung daf&#252;r ist, da&#223; die Menschen unter Bet&#228;tigung ihres freien und gleichen Willens, d.h. als Warenbesitzer miteinander verkehren k&#246;nnen. Oder umgekehrt formuliert: Die Siegeschancen einer Partei standen um so besser, je mehr sie es vermochte, sich praktisch &#252;ber die Beschr&#228;nktheit, die in dem Parteinamen steckt (lat. pars=Teil), zu erheben und zur Herausbildung des modernen Staates als des Allgemeinwillens aller Warenbesitzer einen Beitrag zu leisten. Dieses Erfolgsrezept hat seine Unabweisbarkeit in den vergangenen hundertf&#252;nfzig oder zweihundert Jahren europ&#228;ischer Geschichte so nachhaltig unter Beweis gestellt, da&#223; es heute &#252;berhaupt nur noch &#8220;Volksparteien&#8221; gibt, die um die Gunst eines kaum noch n&#228;her definierten &#8220;W&#228;hlers&#8221; ringen. Diese Gunst wird ihnen um so leichter zuteil, je moderater der Tonfall ist, dessen sie sich bei ihren Werbekampagnen bedienen. Der Eindruck, man w&#252;rde den &#8220;politischen Gegner verteufeln&#8221;, ist um jeden Preis zu vermeiden <a name="F45"></a><a href="#FN45"> 45 </a>. Das abstrakte staatsb&#252;rgerliche Individuum, das sich mit keinem &#8220;Milieu&#8221; und mit keiner &#8220;Klasse&#8221; mehr identifizieren kann, liebt die schroffen T&#246;ne nicht.</p>
<p>Entscheidend wichtig bei dem staatlichen Allgemeinwillen ist, da&#223; er seiner logischen Bestimmung nach von vornherein auf den freien Willen des einzelnen, von jedem st&#228;ndischen Zusammenhang befreiten, warenbesitzenden Individuums bezogen ist (vgl. Anm. 40). Es ist somit der gleiche geschichtliche Proze&#223;, der auf der einen Seite den modernen Staat, auf der anderen Seite die freie und gleiche Willensmonade hervorbringt. Das &#8220;Diesseits des freien Willens&#8221; ist zweigeteilt, das abstrakte Individuum immer schon ein verstaatlichtes. Die milieu- und klassenbildenden Merkmale, in denen sich die unterst&#228;ndischen Schichten urspr&#252;nglich als eine Besonderheit wu&#223;ten, die gegen den seinerseits noch eine Besonderheit darstellenden, dem Begriff der abstrakten Allgemeinheit noch nicht hinl&#228;nglich entsprechenden Obrigkeitsstaat gerichtet war, verloren ihren oppositionellen Stachel dadurch, da&#223; sie in einer zum politischen Erfolg der entsprechenden Parteien und Verb&#228;nde parallel verlaufenden Entwicklung zunehmend ihre Ber&#252;cksichtigung im Rechtssystem fanden. Es handelt sich um das Resultat genau dieser Entwicklung, wenn der moderne Staat <a name="F46"></a><a href="#FN46"> 46 </a>, anders als es sich der Liberalismus einst vorgestellt hatte, &#8220;inhaltlich gestaltend in die gesellschaftliche Sph&#228;re&#8221; eingreift, &#8220;um soziale Gerechtigkeit&#8230;zu f&#246;rdern&#8221; <a name="F47"></a><a href="#FN47"> 47 </a>. Womit wir gl&#252;cklich wieder bei unserem Stichwortgeber, dem wackeren Reinhard K&#252;hnl, angelangt w&#228;ren.</p>
<p>Wenn der Staat sich, von den politischen Parteien dazu veranla&#223;t, auf die verschiedenen sozialen Situationen und Interessen einl&#228;&#223;t in Gestalt etwa des Arbeitsrechts und der umfangreichen sozialen Gesetzgebung, des Wettbewerbs- und des Kartellrechts, dann bezieht er sich gerade nicht auf &#8220;ganz bestimmte Personengruppen&#8221;, wie K&#252;hnl f&#228;lschlich meint. Er tr&#228;gt lediglich der betreffenden Ware, worunter hier vorzugsweise die Ware Arbeitskraft zu verstehen ist, Rechnung und regelt, wie dies auch bei anderen technisch zu normenden Produkten der Fall ist, die Konditionen ihres Kaufs und Verkaufs. Die f&#252;r die betreffende Ware charakteristische &#8220;soziale Situation&#8221; wird so selber zu einem Bestandteil des Rechtssystems. Sie hat sich damit von der jeweiligen Person, die in die entsprechende Situation hineinger&#228;t, gerade abgel&#246;st und verh&#228;lt sich dieser gegen&#252;ber vollkommen gleichg&#252;ltig. Eben diese Gleichg&#252;ltigkeit ist es, in der die st&#228;ndischen Rangunterschiede vernichtet sind und das gleiche Gelten der auf die abstrakte einzelne Person bezogenen Grundrechte f&#252;r alle Menschen sich bew&#228;hrt. Ob jemand Bundeskanzler oder Sozialhilfeempf&#228;nger &#8220;ist&#8221;, Mieter oder Hausbesitzer, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, er findet jede diese Situationen als eine bereits fertige, rechtlich definierte Struktur vor, die au&#223;erhalb und unabh&#228;ngig von ihm existiert und ihn gerade deswegen als den rechtsf&#228;higen Tr&#228;ger eines freien Willens und als sonst nichts voraussetzt und anerkennt. Er &#8220;ist&#8221; also all dies nicht mehr mit Leib und Seele, so sehr er sich dies noch einbilden oder als von der modernen &#8220;Sinnkrise&#8221; betroffener bereits wieder w&#252;nschen mag, sondern er ist es immer nur vor&#252;bergehend bzw. der M&#246;glichkeit nach. Als freie und gleiche Rechtsperson kommt er f&#252;r jede Ware und f&#252;r jede Funktion in Frage. Soweit es am Recht und am Staat liegt, wird er nirgendwo mehr festgehalten und &#252;berall hingelassen. Die physische und informationelle Beweglichkeit, die ihm in den modernen Verkehrs- und Kommunikationsmitteln zur Verf&#252;gung steht, hat somit ihre Entsprechung in der universellen Verwendbarkeit des freien Willens der Rechtsperson gefunden. Das Alltagsbewu&#223;tsein tr&#228;gt dieser zum Wert an sich aufgestiegenen Flexibilit&#228;t und Dynamik darin Rechnung, da&#223; es sich mit einer f&#252;r unseren linken Demokraten nur schwer ertr&#228;glichen Toleranz in nahezu jede Lage versetzen kann und angesichts aller m&#246;glicher Unbilden, die das Allgemeininteresse von bestechlichen Politikern und allzu gesch&#228;ftst&#252;chtigen Wirtschaftsf&#252;hrern erleiden mu&#223;, immer wieder zu der beschaulichen Weisheit findet: &#8220;Ich w&#252;rde es an seiner/ihrer Stelle vielleicht genauso gemacht haben.&#8221;</p>
<p>Es ist der Gipfel der Begriffslosigkeit, wenn K&#252;hnl genau diese Entwicklung zum freien Rechtsatom als ihr eigenes Gegenteil wahrnimmt und die Verrechtlichung aller Lebensbereiche mit der Sottise kommentiert, da&#223; damit &#8220;der generelle Charakter des Gesetzes &#8230; nicht mehr gewahrt&#8221; werde, &#8220;da nun ganz bestimmte Personengruppen und Situationen Adressaten von Gesetzen sind&#8221; <a name="FN48"></a><a href="#F48"> 48 </a>. Er verdankt diese peinliche theoretische Fehlleistung <a name="F49"></a><a href="#FN49"> 49 </a> seinem Rechtsfetischismus, der es ihm verwehrt, in den &#8220;bestimmten Personengruppen und Situationen&#8221;, wie sie heute durchg&#228;ngig das abstrakte, wertkonstituierte Individuum zugrundeliegen haben, selber noch die Rechtsform zu erkennen. Das Recht wird dann nicht in der Arbeiterkategorie selbst als der eines vertr&#228;geschlie&#223;enden Warenbesitzers gesehen, sondern diese Kategorie wird &#8220;pers&#246;nlich&#8221; gedacht. Sie hat dann als solche, als &#8220;der&#8221; Arbeiter ein Recht, dem dasjenige einer anderen &#8220;Person&#8221;, f&#252;r welche die &#246;konomische Charaktermaske des Kapitalisten durchgehen mu&#223;, gegen&#252;bersteht <a name="F50"></a><a href="#FN50"> 50 </a>. Alles Heil &#8220;des&#8221; Arbeiters kann dementsprechend nur in einer Vermehrung &#8220;seiner&#8221; Rechte liegen, die ihren Gipfelpunkt im &#8220;Recht&#8221;, &#252;ber die Produktionsmittel zu &#8220;verf&#252;gen&#8221;, erlangt h&#228;tte &#8211; die Rechtsform selbst dagegen wird in ihrem ungeahnten historischen Erfolg keines Blickes gew&#252;rdigt. Der Triumph des Kapitalverh&#228;ltnisses, wie er in der staatlichen Anerkennung des freien Willens aller als vereinzelter Warenbesitzer zum Ausdruck kommt, verwandelt sich so auf wundersame Weise in die erfolgreiche Z&#228;hmung und Eind&#228;mmung der &#8220;Willk&#252;r der Kapitalisten&#8221;.</p>
<p>Nachdem dieses Wunder einmal vollbracht ist, ist es kein Wunder mehr, wenn sich K&#252;hnl die endg&#252;ltige Erl&#246;sung von dem kapitalistischen &#220;bel davon erhofft, da&#223; die gesellschaftlichen Produktionsmittel &#8220;privater Verf&#252;gungsgewalt entzogen und der Disposition des gesamten Volkes unterworfen&#8221; werden. Der Rechtsfetischismus ist, wie inzwischen klar sein m&#252;&#223;te, nichts anderes als der naive Glaube an die bewegende Kraft der Willenskategorie. Und in der &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; sowie in der &#8220;Disposition&#8221; haben wir eben diese naiv verwendete Willenskategorie vor uns. K&#252;hnl unterscheidet nicht zwischen dem freien Willen, wie er nur an der einzelnen Rechtsperson sein kann, einerseits und dem staatlichen Allgemeinwillen andererseits, der die Voraussetzung, das Prinzip, den Rahmen f&#252;r jenen freien Willen abgibt. Entsprechend ist er auch unf&#228;hig, den notwendigen inneren Zusammenhang zwischen diesen beiden Seiten der Willenskategorie zu ber&#252;cksichtigen. Wille ist f&#252;r ihn gleich Wille, Verf&#252;gungsgewalt gleich Verf&#252;gungsgewalt, ungeachtet der Wertf&#246;rmigkeit des gesellschaftlichen Zusammenhangs, in dem er sich mit der Willenskategorie immer schon befindet. Es kann ihm daher theoretisch keine Skrupel bereiten, den Willen der vielen, den er unabh&#228;ngig von der Tauschbeziehung wahrnimmt, von den allt&#228;glichen Kaufentscheidungen, mit denen er befa&#223;t ist, gleichsam abzulenken oder umzuleiten und ihn auf die gesellschaftlichen Produktionsmittel zu richten. Er bemerkt nicht, da&#223; ihm das Volk in der rechtsf&#246;rmigen Gestalt, in der er es vorfindet, n&#228;mlich als eine Summe freier WIllensatome, bei diesem Man&#246;ver einerseits nicht folgen kann, andererseits aber als der nur als totaler Staat in Erscheinung treten k&#246;nnende Zusammenhang dieser Willensatome sich, wie der Igel im M&#228;rchen, l&#228;ngst an dem von K&#252;hnl anvisierten Ziel befindet.</p>
<p>Denn auf nichts anderes l&#228;uft das Konzept der &#8220;demokratischen Verf&#252;gungsgewalt&#8221; ja hinaus. Da es sich bei den in Frage stehenden Produktionsmitteln um ein gesamtgesellschaftlich funktionierendes Aggregat handelt, um das Ganze von &#8220;Wirtschaft und Arbeitswelt&#8221;, kann das &#8220;Volk&#8221; nur in seiner Gesamtheit, d.h. als Staat, dar&#252;ber verf&#252;gen. Eine andere L&#246;sung des Problems ist nicht in Sicht, solange das &#8220;Volk&#8221; aus lauter Rechtspersonen besteht, deren Wille jeweils unmittelbar auf das Geld als die allgemeine Ware bezogen bleibt. Da von der Aufhebung weder des Rechtes noch des Geldes die Rede ist, die Angelegenheit der &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221; vielmehr als die &#8220;Ausdehnung&#8221; der demokratischen Rechte behandelt wird, brauchen wir in K&#252;hnls &#8220;Sozialismus&#8221; nichts anderes zu vermuten als die sattsam bekannte Verstaatlichung der Produktionsmittel. Aber als Staat ist der &#8220;Wille des Volkes&#8221; eben etwas anderes als an dem zugeh&#246;rigen Warenbesitzer. Es handelt sich zwar um die gleiche, der Wertbeziehung angeh&#246;rende Form; jedoch gerade als diese Form ist der freie Wille au&#223;erstande, die beiden sich zueinander polar verhaltenden Extreme, in die von ihm aus gesehen der gesellschaftliche Zusammenhang zerf&#228;llt, konkret miteinander zu vermitteln. Zwichen der einzelnen Ware-Geld-Monade und der staatlichen Gesamtheit dieser Monaden klafft der Abgrund zwischen dem Egoismus und dem Altruismus des Geldinteresses. Den Unterschied zwischen seinem wie er meint &#8220;pers&#246;nlichen&#8221; Interesse und dem Staat, der ihn dieses in mehr oder weniger engen Grenzen zu verfolgen gestattet, hat aber der Warenbesitzer bisher immer noch zu bemerken vermocht. Da halfen dem Staat auch die allervolksverbundensten Arbeiter- und Bauern-Attribute, die er sich etwa zulegte, nichts. So gut ist der Ware-Geld-Mensch nicht, da&#223; er sich die ihm gegen&#252;berstehende Abstraktion des Allgemeininteresses dauerhaft zu eigen machen k&#246;nnte. Da hat der durch inzwischen viele Glaubensentt&#228;uschungen gel&#228;uterte Alltagsverstand schon recht.</p>
<p>Der Gegensatz zwischen den beiden Abstraktionen des Einzel- und des Allgemeininteresses, in der politischen Phraseologie bekannt als der von &#8220;Freiheit&#8221; und &#8220;Sozialismus&#8221;, w&#228;re nur mit der Warenproduktion &#252;berhaupt aufzuheben. Das &#8220;Volk&#8221; m&#252;&#223;te nach einem Ausspruch Tocquevilles &#8220;aufh&#246;ren, Volk zu sein&#8221;. Die Rechtsperson m&#252;&#223;te aufh&#246;ren, sich mit ihrer jeweiligen Ware als mit ihrem &#8220;pers&#246;nlichen&#8221; Interesse zu identifizieren. Oder noch deutlicher: Der Arbeiter m&#252;&#223;te aufh&#246;ren, Arbeiter zu &#8220;sein&#8221; und das Motiv f&#252;r sein Denken und Handeln von vornherein, ohne die Dazwischenkunft des Geldes, aus dem produktiven gesellschaftlichen Zusammenhang beziehen, in dem er sich bereits befindet. Dieses dann ausdr&#252;cklich gesellschaftlich zu nennende Individuum, das in seiner keinen abstrakten Selbstzweck mehr darstellenden Arbeit auch einmal mit Genu&#223; innehalten k&#246;nnte, w&#228;re die Aufhebung von Staat, Recht, Ware und Geld. Der Umweg, den der produktive gesellschaftliche Zusammenhang heute noch &#252;ber die Willens&#8221;eigenschaft&#8221; der Menschen und die Wert&#8221;eigenschaft&#8221; ihrer Gebrauchsgegenst&#228;nde zu nehmen gen&#246;tigt ist, w&#228;re beseitigt.</p>
<p>Diese Perspektive verstellt K&#252;hnl sich entgegen der geschichtlichen Tendenz gerade dadurch, da&#223; er, wie oben gezeigt, die von der Tauschbeziehung konstituierten Charaktermasken pers&#246;nlich nimmt. Die Arbeiterkategorie wird gedanklich ebensowenig &#252;berschritten wie die jeden anderen Lohn- und Gehaltsempf&#228;ngers, und auch der Arbeitgeber fehlt nicht in diesem zukunftsweisenden Konzept. Es ist jetzt der Staat, der, von K&#252;hnl wahrscheinlich Volksstaat oder Arbeiterstaat genannt, den unsch&#228;tzbaren Vorteil besitzt, da&#223; sich sein nun auch in der &#8220;&#246;konomischen Sph&#228;re&#8221; t&#228;tiges Personal durch demokratische Wahlen legitimieren l&#228;&#223;t. Der Einschnitt ist nicht allzu revolution&#228;r. Als unbestechliche Qualit&#228;tsprobe bew&#228;hrt sich nach wie vor der Geldbeutel des Arbeiters bzw. das, was er sich daf&#252;r kaufen kann. Ein m&#228;chtiger Hebel der Kritik, der, wie die &#8220;Perestroika&#8221; genannte Verlaufsform des &#246;konomischen Zusammenbruchs der Sowjetunion zeigt, dem Realsozialismus eine gl&#228;nzende demokratische Perspektive er&#246;ffnet.</p>
<p>K&#252;hnl, der mit dem freien Willen kein anderes Problem hat als das seiner demokratischen &#8220;Ausdehnung&#8221; auf &#8220;Wirtschaft und Arbeitswelt&#8221;, ahnt von diesen theoretischen Implikationen nat&#252;rlich nichts. Was er aber theoretisch nicht wei&#223;, hat er und seinesgleichen dennoch l&#228;ngst zu sp&#252;ren bekommen. Das moderne Ware-Geld-Individuum schenkt ihm n&#228;mlich keinen Glauben mehr. Der Staat hat seine Zauberkraft verloren, indem er zur selbstverst&#228;ndlichen Voraussetzung dieses Individuums geworden ist. Es verdankt sich ja, um dies noch einmal zu erw&#228;hnen, selbst dieser Entwicklung. W&#228;hrend die einen freien Willen bet&#228;tigende Rechtsperson zur gesellschaftlichen Norm wurde, ver&#228;nderte sich notwendigerweise der Charakter jener Organisationen, die mit ihren politischen K&#228;mpfen dieser Norm zum Durchbruch verholfen haben. Jene milieubildenden Merkmale gesellschaftlicher Rangunterschiede, die einst ihre Gr&#252;ndung veranla&#223;t hatten, mu&#223;ten, indem sie von dem einzigen Merkmal des freien und gleichen Willens der Rechtsform &#252;berlagert wurden, in den Hintergrund treten bzw. ganz beseitigt werden. Mit der Angleichung auch der verschiedenen Alltagskonventionen (Heller) zu einer einzigen &#8220;industriellen (inzwischen bereits &#8220;postindustriellen&#8221;) Lebenswelt&#8221; blieb von ihrer Raison d&#8217;^tre nur das nackte Geldinteresse ihrer jeweiligen Klientel &#252;brig. Mit diesem Gewinn an Allgemeinvertr&#228;glichkeit lagert sich die jeweilige Organisation (Gewerkschaft, politische Partei, Verband etc.) gleichsam an die schon vorhandenen Institutionen des vom Absolutismus &#252;bernommenen &#8220;Obrigkeitsstaates&#8221; an, wurde selbst als institutionalisierte Lobby, deren Funktion&#228;re jederzeit in die Legislative oder Exekutive hin&#252;berwechseln k&#246;nnen, ein integraler Bestandteil des Staatsapparates und verwandelte damit das Interesse ihrer Klientel in einen anerkannten Staatszweck, der, im friedlichen Wettbewerb mit allen anderen &#8220;gesellschaftlichen Gruppen&#8221; stehend, seine routinem&#228;&#223;ige Ber&#252;cksichtigung findet. Die betreffende Klientel ihrerseits verlor damit nat&#252;rlich ihre klaren Konturen und ihr &#8220;st&#228;ndisch gepr&#228;gtes Sozialmilieu&#8221; (Beck), sie mu&#223;te sich individualisieren. Keines der modernen Ware-Geld-Individuen hat, wenn es nicht gerade die Aussicht auf eine Funktion&#228;rskarriere ist, noch Grund dazu, der betreffenden Partei in besonderer Anh&#228;nglichkeit oder Treue verbunden zu sein. Die Rede vom &#8220;Stallgeruch&#8221; ist ihm nahezu unverst&#228;ndlich geworden. Es kann sich leicht au&#223;erhalb des ehemaligen Milieus bewegen. So wie es selbst, nur gleichbleibend in seinem Geldinteresse, von einer Funktion in die andere wechseln kann, so schenkt es auch sein mit nurmehr geringer Adh&#228;sionskraft ausgestattetes &#8220;Vertrauen&#8221; abwechselnd dieser oder der anderen &#8220;Volkspartei&#8221; &#8211; oder es versagt sich die Aus&#252;bung seiner souver&#228;nen Macht, ein Kreuzchen zu malen, gleich ganz. Entscheidend ist in jedem Fall die Kalkulation des eigenen unmittelbaren Geldinteresses.</p>
<p>Dieser n&#252;chtern-kalkulierende Blick des Ware-Geld-Individuums ist es, der sich von der &#8220;Verf&#252;gungsgewalt&#8221;, die unser linker Demokrat ihm anpreist, l&#228;ngst schon wieder abgewendet hat. Erstens ist mit der Wertform-Vergesellschaftung die Bedeutung des Staates als allgemeine Voraussetzung gerade auch der stofflichen Reproduktion ohnehin schon ungeheuer gewachsen. Auch in den &#8220;privatkapitalistischen&#8221; L&#228;ndern besitzt die Staatsquote an den Investitionen einen Anteil, der sich zwischen 35 (USA) und 60 Prozent (Schweden) bewegt. Und zweitens hat unser linker Demokrat diesem bereits laufenden Projekt nur noch seinen guten Willen hinzuzuf&#252;gen. Denn wie vermag er sich anders von &#8220;unseren&#8221; volksverbundenen, bierf&#228;sseranstechenden Politikern zu unterscheiden als dadurch, da&#223; er uns einen Staatsapparat in Aussicht stellt, der von sich behauptet, &#8220;das Volk selbst&#8221; zu sein und sich an treuer Hingabe f&#252;r das &#8220;wahre Volksinteresse&#8221; von niemandem &#252;bertreffen zu lassen. Das ist ein alter ideologischer Schlager, aber beileibe kein Evergreen. Das abstrakte Individuum, das sich selber kennt, zuckt bei diesen T&#246;nen, sofern es sie &#252;berhaupt noch zur Kenntnis nimmt, blo&#223; noch mitleidig mit den Schultern. Solange sich eine &#8220;Volksvertretung&#8221; aufgrund der bekannten Konstellation nicht vermeiden l&#228;&#223;t, mutet man sich lieber jene unauff&#228;lligen Beamtentypen zu, von denen man wenigstens soviel Besonnenheit erwarten kann, da&#223; sie die &#252;blichen Gemeinwohlfloskeln, denenzufolge sie lauter edelgesinnte Diener der Allgemeinheit sind, nicht auch noch selber glauben. Mit anderen Worten, die &#8220;Verf&#252;gungsgewalt des Volkes&#8221;, die Staat, Recht, Ware und Geld unangetastet l&#228;&#223;t, hat sich zu einem der vielen ideologischen Splitter verfl&#252;chtigt, die heute auf dem Markt der Meinungen gleichberechtigt neben indischer Babymassage feilgeboten werden. Dem abstrakten Individuum, das seinen Erfolg in Geld messen mu&#223;, ist der gute Name oder der gute Wille seines Arbeitgebers &#8211; mag er auch &#8220;volkseigener Betrieb&#8221; hei&#223;en &#8211; herzlich gleichg&#252;ltig, Hauptsache die Kasse stimmt. In dieser Hinsicht hat es, seinen eigenen Willen dort einsetzend, wo er hingeh&#246;rt, die Willensillusion unseres linken Demokraten l&#228;ngst hinter sich und in jenem Ghetto gelassen, das sich seither die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; nennt.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a name="FN1" href="#F1">1</a> Reinhard K&#252;hnl, Formen b&#252;rgerlicher Herrschaft I: Liberalismus &#8211; Faschismus Reinbek bei Hamburg 1971, 156.-161. Tausend Okt. 1981, S. 75.</p>
<p>Die nachfolgenden Seitenangaben beziehen sich auf diesen Text. R. K&#252;hnl, Marburger Faschismus-Experte, geh&#246;rt in jenes breite, weit &#252;ber SPD und DKP hinausgreifende Spektrum von mutigen Ideologen, deren Sozialismus seine blo&#223; moralische St&#228;rke vor allem daraus bezieht, da&#223; er sich mit Inbrunst als Gegner des 1945 milit&#228;risch besiegten Faschismus bekennt. Ich ben&#252;tze ihn hier lediglich als Stichwortgeber. Keinesfalls will ich den EIndruck erwecken, da&#223; er etwa f&#252;r sich ernstzunehmen oder als eigenst&#228;ndige theoretische Position zu bek&#228;mpfen sei. Wie so oft bei vermeintlich theoretischen Texten, die dem Leser keine eigene Denkleistung abverlangen, handelt es sich auch in diesem Fall im wesentlichen um eine idealtypische Erscheinungsform des Alltagsverstandes, dadurch ausgezeichnet, da&#223; sie die vorausgesetzten linken Denkschemata mit flei&#223;ig zusammengestellten Zitaten best&#228;tigt. Als Beleg f&#252;r diese affirmative Funktion k&#246;nnte man allein schon die von den K&#252;hnlschen Schriften erreichte hohe Auflagenziffer heranziehen.</p>
<p>Da&#223; diese vor allem in den siebziger Jahren modern gewesene Form von Aufm&#252;pfigkeit sich bis in die heute grassierende &#8220;Postmoderne&#8221; hin&#252;bergerettet hat, beweisen u.a. die der Zeitschrift &#8220;Konkret&#8221; nahestehenden &#8220;&#214;kosozialisten&#8221; Ebermann und Trampert. Gegen den l&#228;ngst schon f&#228;lligen Durchmarsch der gr&#252;nen &#8220;Realos&#8221; fiel ihnen noch 1988 kein anderes Hilfsmittel ein als die Wiederholung der altbekannten linken Gemeinpl&#228;tze, die ihren Dienst &#252;brigens schon gegen den historischen Faschismus versagt hatten: &#8220;Da&#223; das Schicksal von Millionen durch Entscheidungen weniger Kapitaleigner oder -Verwalter bestimmt wird, die &#252;ber Arbeitslosigkeit und Not verf&#252;gen, ohne jede demokratische Eingriffsm&#246;glichkeit der Betroffenen, kommt schlicht nicht vor&#8221;, so lautete ihr Haupteinwand gegen das seinerzeit ver&#246;ffentlichte &#8220;Manifest gr&#252;ner Realpolitik&#8221; (Konkret 7/1988, S. 11). Und man darf getrost davon ausgehen, da&#223; sie seither nicht kl&#252;ger, allenfalls verbitterter geworden sind. Insofern scheint mir die Auseinandersetzung mit dem linken Demokratismus, ungeachtet seiner historischen Angestaubtheit, auch heute noch berechtigt und erforderlich zu sein.</p>
<p><a name="FN2" href="#F2">2</a> J&#246;rg Kammler, Das sozialstaatliche Modell &#246;ffentlicher Herrschaft, in: Wolfgang Abendroth,. Kurt Lenk (Hg.), Einf&#252;hrung in die politische Wissenschaft, M&#252;nchen 1982 (UTB 35), 1. AUflage 1968, S. 86 &#8211; S. 118, Zitat: S.116.</p>
<p><a name="FN3" href="#F3">3</a> Zit nach: Jacques Droz, Die Wahlrechtsfrage und das preu&#223;ische Dreiklassenwahlrecht, in: Ernst-Wolfgang B&#246;ckenf&#246;rde (Hg.), Moderne deutsche Verfassungsgeschichte, K&#246;ln 1972, S. 195 &#8211; 214, Zitat S. 201.</p>
<p><a name="FN4" href="#F4">4</a> Friedrich Julius Stahl, Revolution und Legetimit&#228;t, in: Kurt Lenk, Franz Neumann (Hg.), Theorie und Soziologie der politischen Parteien Bd. 1, Darmstadt u. Neuwied 1974 (Luchterhand, Soziologische Texte 88), S. 106 f.</p>
<p><a name="FN5" href="#F5">5</a> Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, S.87, in Marx-Endels Werke Bd. 23 (MEW 23), Berlin 1975 (Dietz Verlag). Die n&#228;chstfolgenden Seitenangabe beziehen sich, wo nicht anders angegeben, auf diesen Text.</p>
<p>Die &#8220;abstrakte Arbeit&#8221; setzt wie gesagt &#8220;voneinanderunabh&#228;ngig betriebene Privatarbeiten&#8221; voraus. Sie wird mit derAufhebung dieser Unabh&#228;ngigkeit, mit dem Voranschreiten der stofflichen Vergesellschaftung der Produktion, objektiv problematisch &#8211; ein zur kommunistischen Aufhebung der Wertform dr&#228;ngender Proze&#223;, der ohne die theoretische Kategorie der abstrakten Arbeit als solcher nicht wahrgenommen und formuliert weren kann. Vgl. etwa den Artikel von Robert Kurz, Abstrakte Arbeit und Sozialismus, in Marxistische Kritik 4/1987, S. 57 &#8211; 108, sowie Ernst Lohoff, Die Kategorie der abstrakten Arbeit und ihre historische Entfaltung, in Marxistische Kritik 1/1986, S. 49- 69.</p>
<p><a name="FN6" href="#F6">6</a> MEW 23, S.99</p>
<p><a name="FN7" href="#F7">7</a> Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen &#214;konomie, Berlin 1974, S. 26 f.</p>
<p><a name="FN8" href="#F8">8</a> Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung der Metaphysik der Sitten, I. Kant, Werkausgabe Bd. VII, hrsg von Wilhelm Weischedel, Frankfurt 1974 (stw 56), S. 51</p>
<p><a name="FN9" href="#F9">9</a> Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Bd. VIII, Frankfurt 1982 (stw 190), S. 322.</p>
<p><a name="FN10" href="#F10">10</a> G.W.F. Hegel, &#220;ber die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen Philosophie und sein Verh&#228;ltnis zu den positiven Rechtswissenschaften, in G.W.F. Hegel, Werke in zwanzig B&#228;nden Bd. &#8220;, Frankfurt 1980, S. 434 &#8211; 532, Zitat: S. 483.</p>
<p><a name="FN11" href="#F11">11</a> ebd. S. 492.</p>
<p><a name="FN12" href="#F12">12</a> Kant, Metaphysik der Sitten, S. 399 ff.</p>
<p><a name="FN13" href="#F13">13</a> ebd. S. 337 und die im Text genannten n&#228;chstfolgenden Seitenangaben</p>
<p><a name="FN14" href="#F14">14</a> Die Herausarbeitung dieses &#8220;&#228;u&#223;eren Mein und Dein&#8221; als &#8220;die blo&#223;-rechtliche Verbindung des Willens des Subjekts mit jenem Gegenstand&#8221; (S. 363) ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Kantschen Philosophie. Kant unterscheidet den &#8220;blo&#223;-rechtlichen Besitz&#8221; ausdr&#252;cklich vom &#8220;physischen Besitz&#8221; an einer Sache. Nur die letztere Besitzart bedeutet ein stoffliches Verf&#252;gen und Umgehen mit dem in Frage stehenden Ding, ein buchst&#228;bliches Handanlegen. Die &#8220;blo&#223;-rechtliche Verbindung&#8221; mit dem Gegenstand existiert dagegen &#8220;unabh&#228;ngig von dem Verh&#228;ltnis zu demselben in Raum und in der Zeit, nach dem Begriff eines intelligiblen Besitzes&#8221; (ebs.). Entgegen der landl&#228;ufigen Vorstellung des Alltagsverstandes handelt es sich bei der rechtsf&#246;rmigen Willensbeziehung also nicht um ein &#8220;unmittelbares Verh&#228;ltnis zu einem k&#246;rperlichen Ding&#8221; (S. 370, Hervorh. Kant), sondern um ein Verh&#228;ltnis, in dem sich der Privateigent&#252;mer gemeinschaftlich mit den anderen Rechtspersonen befindet, um ein gesellschaftliches Verh&#228;ltnis mit anderen Worten. Der frei &#252;ber ein Ding verf&#252;gende Wille des Privateigent&#252;mers ist ein Abk&#246;mmling bzw. ein Bestandteil des &#8220;a priori als vereinigt gedachten Willens&#8221; aller Rechtspersonen (S. 380) und sagt &#252;ber die wirkliche Beziehung zu dem Ding, inwieweit es durch Wissen und Geschicklichkeit beherrscht wird, nichts aus. &#8220;Durch einseitige Willk&#252;r kann ich keinen anderen verbinden, sich des Gebrauchs einer Sache zu enthalten, wozu er sonst keine Verbindlichkeit haben w&#252;rde: also nur durch vereinigte Willk&#252;r aller in einem Gesamtbesitz. Sonst m&#252;&#223;te ich mir ein Recht in einer Sache so denken: als ob die Sache gegen mich eine Verbindlichkeit h&#228;tte, und davon allererst das Recht gegen jeden Besitzer derselben ableiten; welches eine ungereimte Vorstellungsart ist&#8221; (S. 371).</p>
<p>Ich habe in der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; 3/1987 gezeigt, da&#223; Engels die Unterscheidung zwischen dem rechtlichen und dem stofflichen Eigentumsbegriff nicht konsequent durchf&#252;hrt. Ausgerechnet das kapitalistische Privateigentum, das von jedem pers&#246;nlichen Verf&#252;gen &#252;ber die Produktionsmittel weiter entfernt ist, als es zuvor je ein geschichtlich aufgetretener Privateigent&#252;mer von seinem EIgentum war, behandelt er (in der Brosch&#252;re: &#8220;Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&#8221;) wie einen ungesellschaftlichen und sogar &#8220;antigesellschaftlichen&#8221; Affront der Wenigen gegen die Vielen. Ich darf den seinerzeitigen Ausf&#252;hrungen jetzt hinzuf&#252;gen, da&#223; er damit selbst hinter das bereits von Kant erreichte Reflexionsniveau zur&#252;ckfiel. Ein theoretischer Tribut, den nicht nur Engels, sondern die alte Arbeiterbewegung insgesamt der Tatsache zu zahlen hatte, da&#223; ihre historische Aufgabe noch nicht in der Kritik und nicht mehr in der theoretisch reinen Darstellung der Rechtsform, sondern in ihrer praktischen Durchsetzung bestand.</p>
<p><a name="FN15" href="#F15">15</a> Die &#8220;Herstellung der pers&#246;nlichen Freiheit der Bauern datiert (nachdem &#214;sterreich mit den josephischen Reformen von 1781 ff. vorangegangen war) in Preu&#223;en erst von den Jahren 1799 (f&#252;r die Bauern auf landesherrlichen Grundbesitz) und 1807 (&#8220;Oktober-Edikt&#8221;, das auch den adligen Grundbesitz erfa&#223;te) an. Die &#8220;Umwandlung des vielerlei feudalrechtliche Bindungen unterworfene Grund und Bodens in privates, frei verf&#252;gbares Eigentum&#8221; hingegen, erstreckte sich.. allein auf der Ebene der Gesetzgebung &#252;ber ein halbes Jahrhundert. Die praktische Durchf&#252;hrung und Abwicklung zog sich noch &#252;ber weitere Jahrzehnte hin und reichte in manchen F&#228;llen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein&#8221; (R&#252;rup, S. 27 ff.). Zum Vergleich: Kants &#8220;Metaphysik der Sitten&#8221; ist zuerst im Jahre 1797 ver&#246;ffentlicht worden.</p>
<p>Hegel kommentiert diese Entwicklung in seiner 1821 erschienen &#8220;Rechtsphilosophie&#8221; folgenderma&#223;en: &#8220;Es ist wohl anderthalbtausend JAhre, da&#223; die Freiheit der Person durch das Christentum zu erbl&#252;hen begonnen hat und unter einem &#252;brigens kleinen Teile des Menschengeschlechts allgemeines Prinzip geworden ist. Die Freiheit des Eigentums aber ist seit gestern, kann man sagen, hier und da als Prinzip anerkannt worden. &#8211; Ein Beispiel aus der Weltgeschichte &#252;ber die L&#228;nge der Zeit, die der Geist braucht, in seinem Selbstbewu&#223;tsein fortzuschreiten &#8211; und gegen die Ungeduld des Meinens&#8221; (Rechtsphilosophie, S. 133).</p>
<p><a name="FN16" href="#F16">16</a> Jean-Jacques Rousseau geb&#252;hrt das Verdienst, in seinem 1762 erschienen &#8220;Gesellschaftsvertrag&#8221; den Zusammenhang von Staat, Recht und freiem Willen &#252;berhaupt als ein logisches &#8220;System&#8221; konstruiert zu haben. Er ermangelt aber der Kantschen Aprioirimus und behandelt die Willenskategorie ganz im Stil des empiristischen 18. Jahrhunderts als &#8220;nat&#252;rliche Eigenschaft&#8221; des Menschen, der nach ihrer Vergewaltigung durch die &#8220;Zivilisation&#8221; (= Absolutismus) wieder Anerkennung verschafft werden m&#252;sse. Abgesehen von zaghaften Ans&#228;tzen wird der staatliche Allgemeinwille (volonte generale) nicht deutlich von den empirisch vorfindlichen &#8220;Willensmeinungen&#8221; der B&#252;rger (volonte de tous) als deren A priori unterschieden, sondern als eine Art Durchschnitt dieser Willensmeinuungen bestimmt (S. 61). Die Existenz des Staates erscheint damit nicht als das Resultat einer objektiven Entwicklung, sondern bleibt als etwas &#8220;Gemachtes&#8221; (Hegel) von diesen &#8211; Stimmungsschwankungen unterworfenen &#8211; &#8220;Willensmeinungen&#8221; abh&#228;ngig. Wenn diese nicht wenigstens bei den &#8221; wichtigen und ernsten&#8221; Fragen zur Einstimmigkeit gelangen, erschlafft das &#8220;gesellschaftliche Band&#8221; (S. 131); der Staat ist verloren, wenn sich die B&#252;rger in Gleichg&#252;ltigkeit vom Allgemeinwillen abwenden und nur noch ihren privaten Gesch&#228;ften nachgehen (S. 122).</p>
<p>Dieses Identischsetzen des staatlichen Allgemeinwillens mit dem Augenblickszustand des Mehrheitswillens hatte sich sp&#228;testens in der Franz&#246;sischen Revolution ad absurdum gef&#252;hrt. Robespierre, gl&#252;hender Anh&#228;nger Rousseaus, mu&#223;te dies am eigenen Kopf, der 1794 fiel, erfahren. Was freilich nicht hinderte, da&#223; der Rousseauismus, u.a. auch unter dem Namen Leninismus, auf der Grundlage entsprechend gering entwickelter Gesellschaftszust&#228;nde bis ins 2O. Jahrhundert hinein virulent blieb. (Seitenangaben nach: Jean Jacques Rousseau, der Gesellschaftsvertrag*/Rest fehlt!//</p>
<p>Nebenbei gesagt, ist der Empirismus, der jede Art von Zusammenhang nur als das &#228;u&#223;erliche und mechanische Aufeinanderwirken von lauter f&#252;r sich seienden Dingen und Eigenschaften zu fassen vermag, nat&#252;rlich auch in den Naturwissenschaften, deren Gegenstand objektiv ein konkretes Ganzes ist, unhaltbar. Schon die Distinktion von &#8220;Natur&#8221; und &#8220;Gesellschaft&#8221; ist, wenn sie substantiell durchgef&#252;hrt wird, eigentlich eine theoretische Barbarei.</p>
<p><a name="FN17" href="#F17">17</a> Hegel Bd. 2, S. 518.</p>
<p><a name="FN18" href="#F18">18</a> vgl. Hegel, Rechtsphilosophie</p>
<p><a name="FN19" href="#F19">19</a> Ebd. S.474 ff.</p>
<p><a name="FN20" href="#F20">20</a> Ebd. S. 403.</p>
<p><a name="FN21" href="#F21">21</a> Einen mir bekannten neueren Versuch, Hegel f&#252;r die Naturwissenschaft wiederzubeleben, stellt dar: Robert Havemann, Dialektik ohne Dogma? Naturwissenschaft und Weltanschauung, Reinbek bei Hamburg 1964 (rororo aktuell 683).</p>
<p><a name="FN22" href="#F22">22</a> Rechtsphilosophie, S. 301.</p>
<p><a name="FN23" href="#F23">23</a> Karl MArx/ Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 33</p>
<p><a name="FN24" href="#F24">24</a> Rechtsphilosophie, S. 26 f.</p>
<p><a name="FN25" href="#F25">25</a> sinngem&#228;&#223; nach Kapital Bd. 1, MEW 23, S. 27.</p>
<p><a name="FN26" href="#F26">26</a> Da&#223; auch der moderne Irrationalismus ein Kind des &#8220;rationalen Diskurses&#8221; der Aufkl&#228;rung ist, bem&#252;ht sich neuerdings zu zeigen: Panajotis Kondylis, Die Aufkl&#228;rung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, M&#252;nchen (dtv4450). Da&#223; solche Antinomien im Rahmen wie die von &#8220;Denken&#8221; und &#8220;F&#252;hlen&#8221; bzw. &#8220;Kopf&#8221; und &#8220;Bauch&#8221;, um es zeitgem&#228;&#223; auszudr&#252;cken, von der gleichen Sorte abstrakten Verstandes erzeugt sind, ungeachtet, welcher von beiden Bestimmungen er sich jeweils zuneigt, hat freilich lange vorher schon Hegel gewu&#223;t. Vgl. etwa: Enzyklop&#228;die der philosophischen Wissenschaft Bd. I, S. 42 (Theorie Werkausgabe Suhrkamp Bd. 8, Frankfurt 1983).</p>
<p><a name="FN27" href="#F27">27</a> MEW 23, S. 107.</p>
<p><a name="FN28" href="#F28">28</a> Es ist dies, da&#223; das Nahe und Allgegenw&#228;rtige eben deshalb nicht wahrgenommen werden kann, ein Grundgedanke der Philosophie von Ernst Bloch, den dieser leider nicht konsequent bis zur Kritik der Wertform, die ja speziell das Gleichheits- und Gerechtigkeitsdenken der Aufkl&#228;rung regiert, hat vorantreiben k&#246;nnen.</p>
<p><a name="FN29" href="#F29">29</a> MEW 3, S. 64.</p>
<p><a name="FN30" href="#F30">30</a> Als eines der Kennzeichen der &#8220;neuen sozialen Bewegungen&#8221; hat dies E. Lohoff sehr anschaulich herausgearbeitet in dem Artikel: Die Privatisierung des Politischen oder: Neue soziale Bewegungen und abstraktes Individuum. Marxistische Kritik Nr. 4/87, S. 31-56.</p>
<p><a name="FN31" href="#F31">31</a> MEW 3, S. 75.</p>
<p><a name="FN32" href="#F32">32</a> Ich verweise auf die in j&#252;ngster zeit breit durch die Medien gezerrte Prostituierten-Selbsthilfeorganisation &#8220;Kassandra&#8221;, deren Talkshow-Attraktivit&#228;t als Symptom daf&#252;r gelten kann, da&#223; die vormals st&#228;ndisch gegliederte Gesellschaft ihre letzten diesbez&#252;glichen Vorurteile gegen&#252;ber den &#8220;unterst&#228;ndischen&#8221; Gewerben verloren und sich damit in die freilich nur formale Gemeinsamkeit aller Ware-Geld-Monaden aufgel&#246;st hat.</p>
<p>In diesem Zusammenhang d&#252;rfen auch die &#8220;Penner und Tippelbr&#252;der&#8221; nicht vergessen werden. Ebenso &#8220;wertneutral&#8221; wie es dem demokratischen Pluralismus gem&#228;&#223; ist, haben sie damit begonnen, sich als Lobby zu formieren, die f&#252;r sich das gleiche Recht reklamiert, das auch alle anderen sozialen Erscheinungsformen des Wertes f&#252;r sich in Anspruch nehmen (m&#252;ssen): Die &#8220;Berber-Briefe &#8211; Eine Zeitung f&#252;r alle, die auf der Stra&#223;e leben&#8221; k&#252;mmern sich um ein verbessertes &#8220;Pennerbild&#8221; ventilieren Fragen wie das &#8220;h&#246;chstrichterlich best&#228;tigte Recht jedes Nichtse&#223;haften auf einen t&#228;glichen Sozialhilfesatz von 13 Mark&#8221; und bem&#228;ngeln, da&#223; von einem &#8220;fl&#228;chendeckenden Netz der Hilfsangebote f&#252;r Nichtse&#223;hafte&#8221; keine Rede sein k&#246;nne. Offensichtlich haben sie entdeckt, da&#223; auch sie marktkonforme Subjekte sind, die auf eine Nachfrage sto&#223;en: n&#228;mlich auf die nach rechtlich einwandfrei definierten Objekten der Mitmenschlichkeit, die in Gestalt der diversen Wohlfahrtsverb&#228;nde und ihres sozialtherapeutischen Personals schlie&#223;lich befriedigt werden will. (Vgl. N&#252;nberger Nachrichten vom 1.7.88, S. 22 &#8220;M&#252;nchens &#8216;Berber` haben eine eigene Zeitung&#8221; und taz vom 4.1.89, S. 13: &#8220;Handgeschrieben der &#8216;Berber-Brief`, eine Zeitung der Nichtse&#223;haften.)</p>
<p><a name="FN33" href="#F33">33</a> &#8216;Macht und Geist: EIn deutsches Indianerspiel`, in: &#8216;Die Zeit`, Hamburg, 8.4.1988, S. 52.</p>
<p><a name="FN34" href="#F34">34</a> N&#252;rnberger Nachrichten vom 19.9.1988.</p>
<p>Zu dem Verdikt von Tocqueville vgl.: Alexis de Tocqueville, &#220;ber die Demokratie in Amerika, M&#252;nchen 1984 (dtv 2135), 1. Band von 1835, II. Teil, Kap. 7: &#220;ber die Allmacht der Mehrheit in den Vereinigten Staaten und &#252;ber ihre Wirkungen, S. 284 ff.</p>
<p><a name="FN35" href="#F35">35</a> Diese &#8220;Kraftlosigkeit&#8221; &#228;u&#223;ert sich in der politischen Sph&#228;re schon seit einiger Zeit in dem Problem, das die demokratischen Parteien mit der &#8220;Zuverl&#228;ssigkeit&#8221; ihres &#8220;W&#228;hlerpotentials&#8221; haben. Die Rede von der &#8220;nachlassenden Integrationskraft der Parteien&#8221;, von der &#8220;Krise des Parteienstaats&#8221; geh&#246;rt nachgerade zur t&#228;glichen &#220;bung der Zeitungsschreiber und Politologen. Sorgf&#228;ltig werden die entsprechenden Erscheinungen wie das &#8220;Ausfransen der R&#228;nder&#8221;, die Zunahme der &#8220;Wechselw&#228;hler&#8221;, &#8220;Denkzettelverpasser&#8221; und &#8220;Stimmenthalter&#8221; regestriert und zum berufsm&#228;&#223;igen Stirnrunzeln verwendet. Vor jedem B&#228;umchen des von gr&#252;n bis braun in allen matten Farben schimmernden Spektrums steht eine Meute des flei&#223;igen Wauwaus des Zeitgeistes und gibt, aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd, Laut. Nat&#252;rlich wissen sie nicht zu sagen, welcher Wald das ist, in dem sie bellen &#8211; die Krise des Werts ist ein gar zu unanschaulicher Begriff &#8211; , aber da&#223; sich &#252;berhaupt etwas ver&#228;ndert und ihnen Sorge bereitend entwickelt, merken sie doch.</p>
<p><a name="FN36" href="#F36">36</a> Dieses Z&#228;hneknirschen ist der einzig mildernde Umstand, den man der von gewissen Enkeln der &#8220;kritischen Theorie&#8221; in dieser Frage an den Tag gelegten Begriffslosigkeit zugutehalten kann. Befangen in der Konstellation des Aufkl&#228;rungsdenkens, bei dem es sich immer um das &#8220;Verwirklichen&#8221; von dementsprechend nicht zur Wirklichkeit gerechneten Idealen und Prinzipien handelt, bemessen sie die Chancen des Sozialismus nach der Intensit&#228;t, mit welcher er als ein zu &#8220;verwirklichendes&#8221; Ziel &#8220;gewollt&#8221; wird. Mit dem Mattwerden dieses Willens, wie er f&#252;r die alte, nur an Glaubensst&#228;rke reiche Arbeiterbewegung kennzeichnend war, geht ihnen dann auch die Art &#8220;historisches Subjekt&#8221; verloren, die sie zur Vollbringung des idealen Werkes f&#252;r erforderlich halten. Anstatt die Willenskategorie und das ihr gem&#228;&#223;e Verhalten zur Wirklichkeit als zu einer Ansammlung von &#8220;Gegenst&#228;nden&#8221; selber noch als ein Moment des wertkonstituierten Bewu&#223;tseins zu begreifen, richten sie sie auf jenen &#8220;Gegenstand&#8221;, der eine geschichtliche Epoche bzw. eine Geschichtsformation eben niemals sein kann. */grammatikalischer Bezug ist mir unklar//Zur n&#228;heren Qualifizierung dieses &#8220;Gegenstandes&#8221;, als welcher Kapitalismus und Sozialismus jeweils behandelt werden, verwendet Wolfgang Pohrt, namhafter Vertreter dieser Richtung, zu allem &#220;berflu&#223; auch noch die philosophischen Ausdr&#252;cke der &#8220;Vernunft&#8221; und &#8220;Unvernunft&#8221;, um damit elegant von der &#8220;Logik des Kapitals&#8221; zur &#8220;Logik der Geschichte&#8221; hin&#252;berzugleiten.</p>
<p>Da die aufkl&#228;rerische &#8220;Vernunft&#8221; nicht etwa die &#8220;absolute Vernunft&#8221; Hegels f&#252;r ein bestimmtes, &#252;ber allen Werturteilen stehendes theoretisches Reflexionsniveau steht, sondern die Bedeutung von etwas an und f&#252;r sich Gutem und Sch&#246;nem besitzt, kann ein Revolution&#228;r aus der Familie der &#8220;kritischen Theorie&#8221; sie dem Kapitalismus, der ja wegen seiner &#8220;Unvernunft&#8221; bek&#228;mpft werden mu&#223;, nat&#252;rlich nicht konzedieren. Immerhin ist Pohrt konsequent genug, die Aporie zu bemerken die er sich mit seiner &#8220;Vernunft&#8221;, die unter der Voraussetzung &#8220;unvern&#252;nftiger&#8221; Verh&#228;ltnisse erst noch &#8220;gewollt&#8221; werden mu&#223;, einhandelt: &#8220;Es bleibt bei der Konstitution der Menschheit zum historischen Subjekt unter Verh&#228;ltnissen, die dies eigentlich nicht erlauben, also unter allen Verh&#228;ltnissen, unter denen Revolution erforderlich ist &#8211; stets ein irrationales Restchen stehen, die freie, und das hei&#223;t: nicht am Schreibtisch prognostizierte &#220;bereinkunft der Betroffenen n&#228;mlich, deren spontaner Wille (S. 13).</p>
<p>Das &#8220;irrationale Restchen&#8221;, das Pohrt im &#8220;revolution&#228;ren Willen&#8221; walten sieht, ergibt sich nat&#252;rlich logisch aus seinem Vernunftbegriff, den er (wie Herbert Marcuse und die anderen Gevatter der kritischen Theorie &#252;brigens auch) nur zur Formulierung des geschichtlichen &#8220;Telos&#8221; in Verwendung hat, nicht zum Begreifen der auch die Willenskategorie umfassenden Gegenwart. Ich anerkenne dies &#8220;irrationale Restchen&#8221; als einen Anflug von Selbstkritik: der b&#252;rgerliche Vernunftbegriff zeigt darin sein Ungen&#252;gen, erhebe aber Einspruch gegen die Verkleinerungsform. In Wahrheit ist n&#228;mlich dieses geschichtsphilosophische Gestammel, bei dem es sich schlie&#223;lich herausstellt, da&#223; so um das Jahr 1870 herum die Marxsche Theorie ihre Chance zur &#8220;Verwirklichung&#8221; gehabt habe, theoretisch der schiere Bl&#246;dsinn und als weiteres Treten der Aufkl&#228;rungsm&#252;hle seiner ideologischen Funktion nach reaktion&#228;r. Einzig der (f&#252;r kritische Theoretiker allerdings obligatorische) bittere und sarkastische Tonfall, in dem hier das bekannte, mit einem feierlichen &#8220;Trotz alledem&#8221; ausklingenden Lied von der &#8220;Krise des Marxismus&#8221; vorgetragen wird, gestattet es uns, auf einen im b&#252;rgerlichen Sinn &#8220;anst&#228;ndigen Charakter&#8221; zu schlie&#223;en. Vgl. Wolfgang Pohrt, Vernunft und Geschichte bei Marx, in Krise und Kritik. Zur Aktualit&#228;t der Marxschen Theorie, hrsg. von Gerhard Schweppenh&#228;user u.a., L&#252;neburg 1983 (Dietrich zu Klampen), S. 5-14.</p>
<p><a name="FN37" href="#F37">37</a> MEW 23, S. 95.</p>
<p><a name="FN38" href="#F38">38</a> Seinem Begriff nach ist das Proletariat eigentumslos, eine Bestimmung, die in der st&#228;ndischen Gesellschaft nahezu mit Rechtlosigkeit gleichbedeutend war. Die Schwierigkeit, die sich f&#252;r die b&#252;rgerliche Rechtstheorie aus dieser Situation ergab, f&#252;hrt Kant sehr anschaulich in den Verrenkungen vor, mit denen er das im &#8220;Hauswesen&#8221; geltende &#8220;auf pers&#246;nliche Art dingliche Recht&#8221; abhandelt. Vom &#8220;Hausherrn&#8221; aus gesehen, handelt es sich dabei neben dem &#8220;Erwerb&#8221; des Weibes und der Kinder um den des &#8220;Gesindes&#8221;. Einerseits ist es &#8220;nicht ein blo&#223;es Recht gegen eine Person, sondern auch ein Besitz derselben&#8221; (S. 389) &#8220;gleich als nach einem Sachenrecht&#8221; (S. 396), andererseits soll aber dieser Zustand hinwiederum &#8220;nur durch Vertrag&#8221; (S. 396) hergestellt werden k&#246;nnen, wozu aufseiten der Dienerschaft ein Minimum von rechtlicher Unabh&#228;ngigkeit erforderlich ist. (Vgl. &#8220;Metaphysik der Sitten&#8221; a.a.O. S.388 &#8211; 397)</p>
<p>Angesichts dieser Situation konnte in den Anf&#228;ngen der Arbeiterbewegung leicht die Vorstellung entstehen, da&#223; der &#228;hnlich gering wie das Gesinde geachtete Lohnarbeiter in die b&#252;rgerliche Gesellschaft nicht integrierbar sein w&#252;rde und keine positive Identifikationsm&#246;glichkeit mit seinem vom &#8220;b&#252;rgerlichen Recht&#8221; diskriminierten Dasein besitze.</p>
<p>Das b&#252;rgerliche Recht ist aber seiner formalen Logik antist&#228;ndisch ausgerichtet und besitzt deshalb politisch, wie seinerzeit (1796) schon F. Schlegel gegen Kant geltend gemacht hat, die Tendenz zum Demokratismus. Bei der &#8220;klassenk&#228;mpferischen&#8221; Durchsetzung dieser Tendenz entstand dann sehr leicht jene optische T&#228;uschung, durch welche die Beseitigung der st&#228;ndischen &#220;bel, weil sie mit dem &#8220;b&#252;rgerlichen Eigentum&#8221; a la Kant assoziiert zu werden pflegten, als antib&#252;rgerliche Errungenschaft zur &#8220;proletarische Identit&#228;t&#8221; beitragen konnte. B&#252;rgerlich ist aber gerade die Rechtsform und der durch nichts als seinen freien und gleichen Willen definierte, rechtsf&#246;rmige Eigent&#252;mer, der sich, am Ende der Entwicklung reichlich vorhanden, ein anderes als das rechtsf&#246;rmige Eigentum, das es aber gleichwohl immer schon gibt, gar nicht mehr vorstellen kann.</p>
<p><a name="FN39" href="#F39">39</a> Vgl. Dieter Groh, Negative Integration und revolution&#228;rer Attentismus &#8211; Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges, Frankfurt/M 1973 (Ullstein)</p>
<p><a name="FN40" href="#F40">40</a> Da&#223; mit dem &#8220;Wachstum des Systems des Besitzes&#8221; auch der &#8220;Aufwand des Staates&#8221; zunimmt &#8211; wenn auch &#8220;mehr bewu&#223;tlos und in der Gestalt einer &#228;u&#223;eren Naturnotwendigkeit, der er &#252;berhoben zu sein sich selbst w&#252;nschte&#8221; &#8211; wu&#223;te schon Hegel. Ebenso gel&#228;ufig war ihm auch schon die naive, zu seiner Zeit aber noch verzeihliche Absicht, da&#223; diese Staatst&#228;tigkeit einen Gegensatz zum Privateigentum darstelle und mit &#8220;steigenden Auflagen&#8221; auf eine &#8220;Verminderung des Besitzes und Erschwerung des Erwerbs&#8221; hianuslaufe. Vgl. a.a.O. Bd. 2, S. 483. Die Spie&#223;er-Alternative von &#8220;Freiheit oder Sozialismus&#8221; ist hier also bereits angelegt.</p>
<p><a name="FN41" href="#F41">41</a> Zur ideologischen Bedeutung des Keynesianismus vgl. den in MK 6/89 erschienen Artikel von E. Lohoff: &#8220;Staatskonsum und Staatsbankrott&#8221;.</p>
<p><a name="FN42" href="#F42">42</a> Seit der Aufkl&#228;rung, zu der man als Vorform vielleicht bereits die Reformation rechnen sollte, verst&#228;ndigen sich die Menschen &#252;ber ihre gesellschaftlichen Interessen mit Hilfe jener Prinzipien von Freiheit und Gleichheit, zu denen ihnen der unbegriffene Proze&#223; ihrer wertf&#246;rmigen Vergesellschaftung gerinnen mu&#223;te. Seitdem hat jede der nacheinander auf die historische B&#252;hne getretenen Bewegungen das gleiche Schauspiel geboten, ideologisch mit zunehmenden Erfolg von der opferfreudigen &#8220;Prinzipientreue&#8221; zum g&#228;nzlich unheroischen &#8220;Machbarkeitspragmatismus&#8221; zu degenerieren.</p>
<p><a name="FN43" href="#F43">43</a> Zit. nach Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Frankfurt/M. 1988 (Fischer Taschenbuch 9108, S. 79 und S. 227 &#8211; 239.</p>
<p><a name="FN44" href="#F44">44</a> Dies gilt durchaus auch f&#252;r die neuerdings erfolgreiche Protestpartei der Republikaner, allem Entsetzen zum Trotz, das der linke Demokrat sofort pflichtgem&#228;&#223; absolvierte. Sie konnte erst dadurch salonf&#228;hig werden, da&#223; sie die Ausl&#228;nder-raus-Parole der Pissoirs und Stammtische in die &#8220;anst&#228;ndige&#8221; Version der &#8220;humanit&#228;ren R&#252;ckf&#252;hrung in die Heimatl&#228;nder&#8221; transformierte. Der Parteivorsitzende Sch&#246;nhuber nennt den von ihm angebotenen Patriotismus denn auch zu Recht einen im Vergleich zum Nationalsozialismus &#8220;demokratisch gel&#228;uterten&#8221;.</p>
<p>Bei der komplemant&#228;ren Erscheinung der Gr&#252;nen (ihr W&#228;hlerpotential ist vornehmlich sozialtherapeuthisch engagiert und betreut in dieser Funktion das der Republikaner), die ohnehin die Partei des sanft-vibrierenden und um Vers&#246;hnung betenden Timbres sind, bedarf es eines solchen Hinweises ungeachtet aller Fl&#252;gelk&#228;mpfe, bei denen dieDrohung mit dem Parteiaustritt (und nicht etwa -rausschmiss) die sch&#228;rfste Waffe zu sein scheint, ohnehin nicht.</p>
<p><a name="FN45" href="#F45">45</a> Die Modernit&#228;t zeigt sich z.B. daran, da&#223; seine begriffslose Qualifizierung als &#8220;Obrigkeitsstaat&#8221; heute als ein wenn auch hilfloses Schimpfwort dienen kann.</p>
<p><a name="FN46" href="#F46">46</a> R. K&#252;hnl, Das liberale Modell &#246;ffentlicher Herrschaft, in: Einf&#252;hrung.. (wie Anm. 2), S. 82.</p>
<p><a name="FN47" href="#F47">47</a> ebd.</p>
<p><a name="F48"></a><a href="#FN48">48</a> J. Habermas, weit davon entfernt, in der Rechtsform einen Gegner zu sehen, ist immerhin dazu in der Lage, diesen Proze&#223; der Verrechtlichung als solchen wahrzunehmen. Er beschreibt die &#246;ffentlichen Eingriff in ehemals ausschlie&#223;lich privatrechtliche Vertragsbeziehungen, wie sie sich u.a. in der &#8220;zunehmenden Standardisierung der Vertragsverh&#228;ltnisse&#8221; &#228;u&#223;ern, zutreffend als Versuch, &#8220;die Rechtsbeziehungen sozialtypisch auszugleichen&#8221; (S. 182). Durch die &#8220;Enf&#252;hrung sogenannter sozialrechtlicher Normen&#8221; werde &#8220;die formale Vertragsgleichheit der Partner in typischen sozialen Situationen (als Beispiel dienen die &#8220;Kollektivvertr&#228;ge&#8221; im Arbeitsrecht, das Mietrecht; Betriebsverfassungs-, Wohnsiedlungs- und Familienrecht) wiederhergestellt&#8221; (S. 181). Abgesehen von der verkehrten Optik, bei der sich die Entwicklung als &#8220;Wiederherstellung&#8221; eines nie existiert ahbenden Zustands tdealtypischer &#8220;Vertragsgleichheit&#8221; darstellt, befindet sich diese Position sicher n&#228;her an der Wahrheit als die von K&#252;hnl. Mit ihr h&#228;tte sich K&#252;hnl zumindest auseinandersetzen m&#252;ssen. Vgl. J&#252;rgen Habermas, Strukturwandel der &#214;ffentlichkeit, Darmstadt u. Neuwied 1983 (1. Auflage 1962), 16: Tendenzielle Verschr&#228;nkung der &#246;ffentlichen Sph&#228;re mit dem privaten Bereich, S. 172-183.</p>
<p><a name="FN49" href="#F49">49</a> Da&#223; &#8220;der Kampf zwischen den Klassen um zwei verschiedene Rechtsauffassungen gehe&#8221;, ist eine gel&#228;ufige Vorstellung in der alten Arbeiterbewegung. &#8220;Nur wenn die Klassen engegengesetzte Rechtsauffassungen entwickelt h&#228;tten, k&#246;nne man sagen, &#8216;da&#223; die Klassen f&#252;r sich existieren`und da&#223; der Klassenkampf politisch sei&#8221; (S. 255f.). Es handelt sich hierbei um die Referierung von Gedanken Georges Sorels, der, zuletzt dem italienischen Faschismus nahestand, &#8220;Mitte der neunziger Jahre (des letzten Jahrhunderts) &#8230; als einer der f&#252;hrenden Sprecher des Marxismus in Frankreich gelten konnte (S. 245). Vgl. Bo Gustafsson, Marxismus und Revisionismus Teil 1, Frankfurt/M. 1972 (EVA).</p>
<p><a name="FN50" href="#F50">50</a> Heute noch mit dieser Position aufzuwarten, und sei es auch nur andeutungsweise, kann nur noch peinlich sein.</p>
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		<title>Die Wechseljahre der Republik</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 7 (1989)]]></category>

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		<description><![CDATA[&#220;ber die Volksparteien und ihre ungeliebten Kinder]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#220;ber die Volksparteien und ihre ungeliebten Kinder</strong></p>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>&#8220;Die Gemeinschaft der Demokraten&#8221; hat Zuwachs bekommen. 40 Jahre nach Gr&#252;ndung der Republik erweist sich ihr Schoss als noch immer fruchtbar. Die demokratische Familienplanung hat abermals versagt und die bundesdeutsche Demokratie l&#228;uft trotz 5% Klausel auf ihre alten Tage noch Gefahr, auf den Status einer kinderreichen Familie herabzusinken.</p>
<p><span id="more-288"></span>Fast 10 Jahre nach der gl&#252;cklichen Geburt der &#8220;Gr&#252;nen&#8221; wird auch das verblasste Gespenst von Kreuth, allerdings unter g&#228;nzlich anderen Vorzeichen als sie sein mittlerweile verblichener Sch&#246;pfer im Auge gehabt hatte, zur Realit&#228;t. Mutter Demokratie bringt wirklich einen weiteren, diesmal rechten Spross zur Welt. Mit diesem gl&#252;cklichen Ereignis k&#246;nnen sich ihre &#252;brigen Kinder allerdings nur bedingt anfreunden. Die anderen demokratischen Parteien begr&#252;ssen den Nachz&#252;gler keineswegs freudestrahlend, sondern schwelgen stattdessen vorzugsweise in Abtreibungshantasien. Selbst die Hardcorefraktion der CDU-CSU w&#228;re in diesem speziellen Fall f&#252;r eine ausgesprochen liberale Interpretation des § 218 zu gewinnen, eine, die den postnatalen Schwangerschaftsabbruch als zul&#228;ssige Option mit einschliesst. Trotzdem, die Republik, ob sie will oder nicht, sie hat jetzt ihre Republikaner, und weder der Unwille der unfreiwilligen Geschwister, noch deren stille Hoffnung, das Berliner Wahldebakel k&#246;nne eine Eintagsfliege bleiben, werden diesen peinlichen fait accompli ungeschehen machen.</p>
<p>Die Reaktion der Restdemokraten auf die sich abzeichnende Ver&#228;nderung der bundesdeutschen Parteienlandschaft schwanken zwischen schierer Leugnung, Hysterie und gereizter Verstimmung gegen&#252;ber dem abtr&#252;nnigen Wahlvolk. Die letzte Variante ist vielleicht nicht die dominierende, aber sicher die am&#252;santeste, und sie schwingt in den &#196;usserungen der erstaunten Politiker allenthalben mit. Heiner Geissler etwa springt die Emp&#246;rung dar&#252;ber, dass &#8220;seine W&#228;hler&#8221; scharenweise auf Abwege geraten sind und fremdgehen, schier aus dem Gesicht. Er m&#246;chte dem Wahlvolk den Umgang mit den neuen Schmudellkindern der Demokratie am liebsten rigoros verbieten und l&#228;dt seine sozialdemokratischen, liberalen und zur Not auch gr&#252;nen Kollegen zur kollektiven Standpauke: &#8220;Wir m&#252;ssen dem deutschen Volk klarmachen, dass anst&#228;ndige Leute solche Rattenf&#228;nger nicht w&#228;hlen k&#246;nnen,&#8221; <a name="F1"></a><a href="#FN1">1</a> t&#246;nt es da reichlich anges&#228;uert aus seinem Munde.</p>
<p>Die unwillige bis allergische Reaktion von Parteipolitikern und Freizeitdemokraten auf das Auftauchen der Republikaner l&#228;sst sich nicht auf blossen nat&#252;rlichen Geschwisterneid reduzieren. Es geht um mehr als den wachsenden Konkurrenzdruck an den parlamentarischen Futtertr&#246;gen. Ein Blick in die Wiege kann das nackte Entsetzen, das alle gelernten Demokraten des Landes umtreibt, wenn nicht rechtfertigen, so doch erkl&#228;ren. Das neue Br&#252;derchen ist nicht nur neu, es ist ausserdem noch ausgesprochen h&#228;sslich und unerfreulich. Das h&#246;here Risiko, das Sp&#228;tgeb&#228;rende mit einer Schwangerschaft nun einmal eingehen, hat sich fatal verifiziert. Die mangelnde Begeisterung, die dem neuen Spross entgegenschl&#228;gt, die Abgrenzungs- und Distanzierungsraserei entspricht diesem traurigen Umstand. Der missgebildete Zuwachs wird als Fremdk&#246;rper im Kreise der Familie empfunden, aus der famili&#228;ren Identit&#228;t ausgegrenzt und von der Aussenwelt so gut es geht abgeschirmt. Die Republikaner werden dem Ideal demokratischer Tugendhaftigkeit nie zu besonderer Zier gereichen, deshalb muss sie der ideelle Gesamtdemokrat exkommunizieren und als Undemokraten entlarven. Die Familie weiss den schweren Schicksalsschlag als Makel und will mit dem missratenen Etwas nicht weiter in Verbindung gebracht werden. Diese irrationale Abwehrhaltung, auf die wir bei Familien, die pl&#246;tzlich mit der Geburt eines behinderten Kindes konfrontiert werden, h&#228;ufig finden, ist in unserem Fall funktional ja notwendig um das demokratische Selbstverst&#228;ndnis auf rechterhalten zu k&#246;nnen. Sie entspringt der dunklen, aber nie zugelassenen Ahnung, dass es sich bei den Republikanern und &#228;hnlichen Gruppierungen um Fleisch vom eigenen Fleisch handelt. In diesem Sinne entbehrt die herrschende Demokratenhysterie nicht der inneren Konsistenz und Folgerichtigkeit. Die Abwehr der dunklen Seite des demokratischen Bewusstseins &#252;ber Bord zu werfen, hiesse, den ganzen stolzen Demokraten hinter sich zu lassen, uns so m&#252;ssen wir mit einem z&#228;hen Fortleben der akuten demokratisch-antifaschistischen Entwirklichungsrituale rechnen. Denn bei den Defekten unseres Neugeborenen handelt es sich nicht um unverschuldete M&#228;ngel, um den pl&#246;tzlichen Einbruch eines demokratiefremden Prinzips, mit dem die demokratische Unschuld aus heiterem Himmel konfrontiert wird wie ein kleines M&#228;dchen mit dem Genital des Exhibitionisten, sondern um die folgerichtige Konsequenz der Entwicklung der deutschen Demokratie. Die Demokratie, die auf ihren Begriff und damit zu sich selbst kommt, produziert notwendig das was die linken Demokraten am allerwenigsten wollen: rechtspopulistische Str&#246;mungen. <a name="F2"></a><a href="#FN2">2</a> Die &#8220;neue Rechte&#8221; verdankt ihre Siege nicht vordemokratischem, faschistoidem Bodensatz, der sich demokratischer Durchdringung bis heute gesperrt hat, ihre Herausbildung lebt im Gegenteil vom v&#246;lligen Sieg und schliesslich Ausbrennen der demokratischen Logik.</p>
<p>Dieser Gedanke bedarf nat&#252;rlich n&#228;herer Erl&#228;uterung. Die Verkn&#252;pfung des hehren Wertes Demokratie und seiner Verwirklichung gerade mit den Schattenseiten der b&#252;rgerlichen Gesellschaft schl&#228;gt den gewohnten Denkfiguren der durch und durch demokratischen Linken allzusehr ins Gesicht, um per se einsichtig zu sein und als akkzeptabel zu erscheinen. Der herrschende Alltagsverstand hat keinen anderen Begriff im politischen Wortschatz so einhellig positiv besetzt wie Demokratie und Demokrat. Alle Fraktionen des politischen Spektrums, von rechts- bis linksaussen wetteifern geschlossen miteinander um diesen Ehrenpreis und keiner von ihnen w&#252;rde je freiwillig auf den Titel Demokrat verzichten, am allerwenigsten die versammelte Linke. Die schlimmste Diffarmierungswaffe, mit der hierzulande der politische Gegner &#252;berhaupt traktiert werden kann, ist der Ausschluss aus der Gemeinsamkeit der Demokraten. Die Springerpresse hatte als st&#228;rksten ideologischen Holzhammer im kalten Krieg Anf&#252;hrungsstriche f&#252;r die &#8220;Deutsche Demokratische Republik&#8221; bereit, und die Linke hat ihrer Lebtage z&#228;h daran gearbeitet, sich als die besseren und &#8220;wahren&#8221; Demokraten zu erweisen. <a name="F3"></a><a href="#FN3">3</a> Daher kann der pejorative Beigeschmack mit dem wir hier das Wort Demokratie verwenden den landl&#228;ufigen naiven und demokratischen Antifaschismus nur verbl&#252;ffen und muss ihm als obskure Verr&#252;cktheit &#252;bel aufstossen.</p>
<p>Allein, so ungewohnt die Kritik der Demokratie auch klingen mag, sie h&#228;ngt nicht in der Luft, sondern will nur transparent machen, was die wirkliche Entwicklung, vollkommen bewusstlos allerdings, l&#228;ngst schon vorgezeichnet hat. Die Allgemeinheit, die das demokratische Credo heute erlangt hat, kontrastiert mit einer tiefen inneren Schw&#228;che. Die Spannkraft des demokratischen Gedankens l&#228;sst sichtbar nach, und die platte Erfahrung muss den &#252;berzeugten Anh&#228;nger der Volksherrschaft tagt&#228;glich frustrieren. Gegen&#252;ber den dr&#228;ngenden Problemen unserer Zeit hat die Demokratie jede mobilisierende Kraft eingeb&#252;sst, sie hat sich quasi zu Tode gesiegt. Jeder Versuch, die realen Widerspr&#252;che der Gegenwart mit der altbekannten Demokratenmelodie: &#8220;Ausschluss vom demokratischen Entscheidungsprozess&#8221; zu intonieren, bringt nur peinliche Dissonanzen hervor. Alles, was dem linken Demokraten hierzulande als Fehlentwicklungen aufstossen muss, (von der Umweltzerst&#246;rung bis zum Ausl&#228;nderhass) kann nur mit schwerf&#228;lliger Akrobatik zum Verstoss gegen die hehren demokratischen Grunds&#228;tze umgebogen werden. Der &#252;berzeugte Demokrat muss schon beide Augen gewaltsam zupressen, um nicht wahrzunehmen, dass realiter alle von ihm angeprangerten Missst&#228;nde gerade im ihm umgebenden demokratischen Klima treibhausm&#228;ssig gedeihen. Im selben Masse, wie die Demokratie allseits als Universalschl&#252;ssel anerkannt wurde, &#246;ffnet dieser Passepartout kein Schloss mehr. Dem staats- und parteienverdrossenen kleinen Mann ist diese allgemeine Versumpfung, die alle Facetten der demokratischen Bewegung letztendlich erfasst, dumpf bewusst. Mit ihren vordemokratischen Gegnern sind auch die Massen verschwunden, die f&#252;r das demokratische Programm in die Schlacht ziehen w&#252;rden, und die linken demokratischen Reformer und &#8220;Revolution&#228;re&#8221; leiden gar schrecklich unter diesem schn&#246;den Umstand <a name="F4"></a><a href="#FN4">4</a>. Der Gegensatz von zu verwirklichenden demokratischen Idealen und Prinzipien und nur unzureichender Umsetzung derselben, auf dem die Linke seit Jahr und Tag herumreitet, klingt zusehens abgestanden und unglaubw&#252;rdig. Denn w&#228;hrend der Kampf f&#252;r Demokratisierung einst noch auf breite Bev&#246;lkerungsgruppen zielte und das Anliegen der Mehrheit war, sind den grossen linken Demokratisierungsstrategen heute nur noch Randgruppen geblieben, denen der Zugang zum demokratischen Reich der Gl&#252;ckseligkeit bislang versperrt geblieben ist. Die Suche nach den noch zu erl&#246;senden Prinzessinnen wird m&#252;hesam. Die grosse Demokratisierungsgeste wird bestenfalls noch in Asylantenwohnheimen, auf dem Strich, in Kinderg&#228;rten und psychiatrischen Klinken sowie auf U-bahnsch&#228;chten f&#252;ndig, wo sie mit der Heilsarmee um deren Klientel konkurrieren kann. Zu einer &#8220;Mehrheitsbewegung&#8221; wird die Demokratie nur noch, wenn sie den engen Rahmen der menschlichen spezies hinter sich l&#228;sst und sich stellvertretend auch noch auf das gequ&#228;lte Tierreich wirft. Alle anderen haben ihre Verwandlung in gleichberechtigte, freie Staatsb&#252;rger nicht mehr vor, sondern l&#228;ngst hinter sich. Die demokratischen Denkfiguren tragen bestenfalls noch zur Belustigung bei, keinesfalls k&#246;nnen sie mehr die Wirklichkeit erkl&#228;ren oder ernsthaft als Banner dienen. Das desinteressierte, apathisch bis gereizte Volksempfinden reflektiert das bewusstlos. Es zeigt an, wie vermodert und unhaltbar die 200-j&#228;hrigen Ideale der Franz&#246;sischen Revolution geworden sind. Im m&#252;den, desillusionierten Umgang der Bundesb&#252;rger mit den sich h&#228;ufenden Skandalen zeigt sich drastisch die Kraft- und Saftlosigkeit der demokratischen Prinzipien. Das demokratische Sollen lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor, und zur aktiven Verteidigung dieses kategorischen Imperativs tritt nurmehr ein H&#228;uflein linker Moralisten an und jene Sorte von Publizisten, die sich mit h&#252;bschen Skandalgeschichten nun einmal ihr Geld sauer verdienen m&#252;ssen. Das Volk, als amtsm&#252;der Souver&#228;n, registriert mehr oder minder abgestumpft bis gelangweilt die allw&#246;chentliche Aufdeckung neuer, gravierender Skandale. Der grosse Aufschrei f&#228;llt ersatzlos aus oder bleibt im Halse stecken, und die amtierende Bundesregierung wundert sich klammheimlich selber dar&#252;ber, wie unbeschadet sie die Serie katastrophaler Pannen &#252;berstehen konnte, mit der sie die letzten Jahre geschlagen war. Die &#220;berraschung besteht zu Recht. Diese friedliche Koexistenz von regierendem Missmanagment und permanenten Enth&#252;llungen w&#228;re in jedem anderen Abschnitt der menschlichen Geschichte undenkbar gewesen. Keine Regierung vor ihr h&#228;tte sich je einen solchen Zustand leisten k&#246;nnen.</p>
<p>Das R&#228;tsel, warum das demokratische Bewusstsein nach Abschluss seiner Sturm- und Drangperiode, endlich am Ziele angekommen, m&#252;de wird und in Lethargie versinkt, verweist nicht auf unzureichende Aufkl&#228;rung und moralische M&#228;ngel der B&#252;rger, wie es sich die linken Demokraten gerne einreden, es liegt tiefer und wirft die Frage nach den Existenzbedingungen demokratischer Herrschaft selber auf. Der komat&#246;se Zustand, in den unser demokratisches Gemeinwesens allm&#228;hlich verf&#228;llt, ist kein Betriebsunfall, er ist nur das logische und folgerichtige Endprodukt der Entfaltung der modernen Demokratie.</p>
<p>Die Lebensgrundlage der Demokratie liegt im Auseinanderfallen von Staat und Gesellschaft. Sie geht aus dieser Trennung hervor und treibt sie auf die Spitze <a name="F5"></a><a href="#FN5">5</a>. Der demokratische Konsens wendet sich gegen jeden willk&#252;rlichen Eingriff der Obrigkeit ins gesellschaftliche Gef&#252;ge. Er schafft damit aber nicht nur einen staatsfreien gesellschaftlichen Bereich, er destilliert gleichzeitig eine jenseits davon angesiedelte politische Sondersph&#228;re aus. Bei dieser Verdopplung von Staat und Gesellschaft handelt es sich nicht um einen der b&#252;rgerlichen Produktionsweise &#228;usserlich anhaftenden zus&#228;tzlichen Faktor, sie erw&#228;chst zwangsl&#228;ufig aus deren zwieschl&#228;chtigen Charakter. Jede Form von Warenproduktion vereinigt in sich zwei einander scheinbar ausschliessende Eigenschaften. Sie ist paradoxerweise gleichzeitig gesellschaftlich und ungesellschaftlich. In einer Waren produzierenden Gesellschaft stellen selbst&#228;ndige und von einander unabh&#228;ngige Privatproduzenten Produkte f&#252;r den Markt und damit nicht f&#252;r sich selber, sondern jeweils f&#252;r andere her. Indem sie das tun, bet&#228;tigen sie sich objektiv als Glieder eines gesellschaftlichen Produktionszusammenhangs. Sie erzeugen diesen aber nicht bewusst und willentlich, er stellt sich hinter ihrem R&#252;cken her, w&#228;hrend sie sich ausschliesslich in der Verfolgung ihrer Einzelinteressen ersch&#246;pfen. Die vereinzelten Produzenten schaffen an sich das Allgemeine, es existiert f&#252;r sie aber in ihrer realen produktiven Anstrengung nie unmittelbar als solches. Das Allgemeine kann nur jenseits der unmittelbaren Interessen Fleisch werden. Wenn der Einzelne sich also innerhalb dieser Grundkonstellation auf den realen Gesamtzusammenhang bezieht, so kann er es nicht als das, was er tagt&#228;glich ist und tut, sondern nur davon abgespalten, indem er seine Alltagsexistenz abstreift und zu einem Doppelleben &#252;bergeht. Im Akt ihrer staatsb&#252;rgerlichen Vereinigung beziehen die Einzelnen nicht ihre konkreten menschlichen Potenzen und F&#228;higkeiten aufeinander; er bleibt in einer eigenartigen Weise platonisch und erfasst die Individuen nur als leere Chim&#228;ren, Staatsb&#252;rger genannt. Unter der Woche verfolgt jeder Einzelne seine speziellen Geldinteressen. In freien Stunden meldet der transzendentale, jeder unmittelbaren materiellen Notdurft enthobene Schatten seiner Wochenendliebe seine Rechte an.</p>
<p>Marx hat dieses grundlegende Charakteristikum der b&#252;rgerlichen Gesellschaft schon in seinen Fr&#252;hschriften analysiert. Vor allem in seinen Bemerkungen &#8220;Zur Judenfrage&#8221; stellte er schon klassisch die Verdopplung des b&#252;rgerlichen Individuums in &#8220;bourgeois&#8221; und &#8220;citoyen&#8221; dar. Die dualistische Beziehung, die er in dieser Arbeit untersucht und heraushebt, ist kein Privileg der empirischen Bourgeoisie geblieben, wie es vielleicht die von Marx benutzten Termini nahelegen k&#246;nnten. Mit der Erringung des allgemeinen Wahlrechts avancierten nacheinander auch Arbeiter und Frauen zu freien und gleichen Staatsb&#252;rgern. Das Gegensatzpaar von abstraktem Allgemeininteresse und davon getrennten Sonderinteressen verliert durch diesen Epoche machenden Fortschritt nichts an Bedeutung, sondern verallgemeinert sich. Er wird damit erst real zur alles bestimmenden Matrix, nach der sich die gesellschaftlichen Binnenbeziehungen formen. Die historische Entfaltung der Demokratie ist letztendlich identisch mit der reinen Herausarbeitung dieses Dualismus, und so muss sich revolution&#228;re Demokratietheorie auch um diesen Punkt zentrieren.</p>
<p>Dass hier deren Springpunkt liegen muss, wird besonders dann deutlich, wenn wir die Geschichte der Demokratie von ihrem absehbaren Ende her betrachten und den Prozess ihrer Aufl&#246;sung und revolution&#228;ren Aufhebung antizipieren. Die demokratische Synthese stellt die ad&#228;quate Form der Allgemeinheit von unanh&#228;ngigen einzelbetrieblichen Produzenten her. Ihr Schicksal ist mit Gedeih und Verderb an das Los gekn&#252;pft, das dieser Figuration auch immer zu Teil werden mag. Die Demokratie <a name="F6"></a><a href="#FN6">6</a> kann nur solange funktionieren, solange voneinander unabh&#228;nige einzelbetriebliche Produzenten die alles entscheidende Quelle des stofflichen Reichtums bleiben. Sie wird hinf&#228;llig und verliert ihre Grundlage, wenn dieser notwendige Gegenpart der abstrakten Allgemeinheit seine souver&#228;ne Stellung einb&#252;sst und ein gesamtgesellschaftliches Aggregat zum entscheidenen Agens der Produktion des stofflichen Reichtums wird. Der Siegeszug der &#8220;westlichen Demokratie&#8221;, der die fordistische Akkumulation und die Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses flankierte, haben aber genau diesem s&#228;kularen Trend zur Vollvergesellschaftung zum Durchbruch verholfen. Die Demokratie st&#252;rzt durch diese Entwicklung in unl&#246;sbare Probleme. Denn w&#228;hrend der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang sich in den letzten Jahrzehnten unter seiner &#196;gide zu einem fl&#228;chendeckenden undurchdringbaren Netz verwoben hat, kann das demokratisch verfasste Gemeinwesen nach wie vor zu dieser neu entstandenen konkret stofflichen Totalit&#228;t nur als Inkarnation abstrakter Allgemeinheit &#228;usserlich hinzutreten. Die alte Form bricht sich am neuen Inhalt. Der demokratische Standpunkt muss scheitern, weil er die angesichts der realen Vergesellschaftung dysfunktional werdende Logik von Einzelbetrieb und Einzelinteresse nicht ausser Kraft setzen kann, sondern immer die Rolle des immanenten Gegenparts &#252;bernimmt. Die Demokratie stellt ihrem ganzen Begriff nach die diversen, von Wert und Geld konstituierten Sozialkategorien nicht in Frage, sie setzt sie stattdessen positiv voraus und beschr&#228;nkt sich darauf, auf dieser unhintergehbaren Grundlage nachbessernd und Rahmen setzend einzugreifen. Indem die Demokratie dieser ihrer einzig m&#246;glichen Aufgabe nachkommt, affirmiert sie den unhaltbar und widersinnig werdenden einzelbetrieblichen und Einzelinteressen verfolgenden Standpunkt. Dessen Zerfall muss daher auch politisch in Erscheinung treten und auf die demokratischen Formen &#252;berschwappen.</p>
<p>Die Krise der demokratischen Syntheseform, die sich heute abzuzeichnen beginnt, ist im Kern nichts anderes als das Scheitern der Verdopplung von unabh&#228;ngigen Privatinteressen und abstrakter Allgemeinheit am realen Vergesellschaftungsprozess. Die demokratische Form wird obsolet und schliesslich gesprengt, weil sie nicht die ganze F&#252;lle des gesellschaftlichen Zusammenhangs zur konkreten Allgemeinheit zusammenfassen kann, sondern immer nur das Allgemeine in die Form seines Gegenteils presst, also zu einer weiteren Besonderung vergewaltigt.</p>
<p>Wie alle Kategorien der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, so hat auch die f&#252;r sie charakteristische Verdopplung von abstraktem Staatsb&#252;rger und abstraktem Privatmensch, der seinem unmittelbaren Geldinteresse fr&#246;nt, ihre Geschichte. Der Dualismus ist der b&#252;rgerlichen Gesellschaft nicht vorausgesetzt, er ist deren ureigenstes Produkt. Erst ihre volle Entfaltung pr&#228;gt auch diesen Gegensatz rein aus. Die Zerst&#246;rung st&#228;ndischer Reste, die Herausbildung und Vollendung von abstraktem Staatsb&#252;rger und abstraktem Privatmann, lassen auch beide Figurationen erst v&#246;llig auseinandertreten. Erst die Monadisierung und Individualsierung aller gesellschaftlichen Beziehung verdammt das zoon politicon endg&#252;ltig dazu, in einem abgehobenen, dem Alltagsleben entr&#252;ckten Himmelreich zu verschimmeln. In fr&#252;heren Stadien b&#252;rgerlicher Entwicklung, solange die Sozialkategorien noch st&#228;ndische Momente in sich trugen, war auch das politische Leben in ein klar umrissenes soziales Milieu eingebunden. Der Vorkriegssozialdemokrat war SPD-Mitglied, weil er Arbeiter war, seine soziale Daseinsweise fiel mit seiner politischen Haltung mehr oder minder in eins, und auch die b&#252;rgerlichen Parteien bezogen sich auf jeweils klar eindeutig bestimmbare soziale Segmente. Eine Partei des politischen Laienkatholizismus etwa, wie das &#8220;Zentrum&#8221;, erwuchs einer katholisch gepr&#228;gten, noch in sich weitgehend geschlossenen &#8220;Lebenswelt&#8221;, wie sie heute nicht einmal mehr in oberpf&#228;lzer D&#246;rfern existiert. Im politischen Himmel kehrten die noch scharf voneinander abgetrennt existierenden sozialen Segmente spiegelgetreu wieder, und die genuin politischen K&#228;mpfe in der Zeit der Weimarer Republik nahmen die F&#228;rbung von (oft handgreiflichen) Auseinandersetzungen zwischen den disparaten Sozialmilieus an. Diese Konstellation fand auch in der b&#252;rgerlichen Parteiensoziologie ihren Niederschlag. Sigmund Neumann pr&#228;gte in seinem 1932 erschienen Buch &#8220;Wesen und Wandel der deutschen Parteien nach dem Kriege&#8221; f&#252;r die SPD den Begriff &#8220;demokratische Massenintegrationspartei auf Klassenbasis&#8221; und begriff auch die b&#252;rgerlichen demokratischen Parteien als &#8220;Integrationsparteien&#8221;, die sich auf ein spezifisches soziales Milieu beziehen. Der Sieg des Nationalsozialismus warf dieses Verh&#228;ltnis gewaltsam &#252;ber den Haufen und brach damit der Modernisierung der b&#252;rgerlichen Gesellschaft eine entscheidende Bresche. Trotz seiner eigenen st&#228;ndischen Fermente, aus denen er in der &#8220;Kampfzeit&#8221; wesentliche Impulse gesch&#246;pft hatte, zwang die Ideologie des deutschen Faschismus die &#8220;Arbeiter der Stirn und Faust&#8221; unter einem Banner zusammen. So erf&#252;llte der Faschismus seine Mission und wurde als st&#228;ndische Bewegung gegen die St&#228;ndegesellschaft historisch wirksam. An die Macht gekommen, tat er sein Bestes, um vor allem die in sich geschlossene Arbeiterschaft aufzul&#246;sen. Die nazistischen Organisationen, von der HJ &#252;ber die DAF bis zu den nationalsozialistischen H&#228;kelgruppen, erfassten die arischen Bewohner des Deutschen Reiches ohne R&#252;cksicht auf tradierte soziale Grenzlinien und affirmiert alle &#8220;Volksgenossen&#8221; gleichermassen. Auf dieser Grundlage errichtete der Nationalsozialismus erstmals in der deutschen Geschichte ein einheitliches alle St&#228;nde des deutschen Volkes &#252;berspannendes politisches Firmament. Der bislang zersplitterte politische Kosmos w&#228;chst zusammen und spart keinen Bestandteil des Volksk&#246;rpers aus seiner Synthese aus. In diesem Sinne wird der &#8220;Volksgenosse&#8221; zum direkten Vorl&#228;ufer des abstrakten &#8220;Staatsb&#252;rgers&#8221; unserer Tage und die NSDAP zum Protoyp der Volkspartei. Die Nachkriegsdemokratie erntet in diesem zentralen Punkt jene Fr&#252;chte, die der Faschismus ges&#228;t hat.</p>
<p>Allerdings m&#252;ssen wir dabei einen wesentlichen Unterschied zwischen Vorform und entwickelter Gestalt festhalten, dem f&#252;r die historische Bestimmmung des Faschismus zentrale Bedeutung zukommt. Die moderne b&#252;rgerliche Gesellschaft, wie sie sich in der BRD nach dem 2.Weltkrieg entwickelt hat, kennt als einzige Form gesellschaftlicher Synthese die nackte Geldform. Ausserhalb der klingenden M&#252;nze existiert keinerlei sinnstiftende Ideologie mehr, welche universellen Anspruch erheben w&#252;rde und die Massen in ihrem Namen sammeln k&#246;nnte. Die fanatisierten Massen verschwinden von der historischen Bildfl&#228;che und machen der Vermassung durch Vereinzelung Platz. Die auf die Spitze getriebene Wertvergesellschaftung atomisiert die Individuen und setzt sie als monadisierte Bruchst&#252;cke zueinander in Beziehung. Diese Form der Totalisierung hat es nicht mehr n&#246;tig, die Massen als solche f&#252;r irgendwelche hehren Ziele zu mobilisieren. Auch die abstrakte Allgemeinheit bewegt sich in diesem Muster. Sie stellt den gesellschaftlichen Zusammenhang nurmehr pragmatisch her und beschr&#228;nkt sich darauf die konkurrierenden Geldinteressen der verschiedenen Kategorien von Warenbesitzern <a name="F7"></a><a href="#FN7">7</a> miteinander zu vermitteln. Der Faschismus bewegt sich weit unterhalb dieses Niveaus, und es war seine Aufgabe, es mit herzustellen. Seinem ganzen Wesen nach hebt er auf die Mobilisierung der Massen ab. Sein Angriff auf die rechtliche Ungleichheit der Volksgenossen und alle Reste von Standesd&#252;nkel beruht noch nicht auf der alles einebnenden materiellen Basis einer vollendenten Warenproduktion. Er muss daher noch die Massen als Massen zusammenballen und in Bewegung setzen, um mit seinem ideologischen &#220;berschuss den unzureichenden Stand der realen stofflichen Vernetzung wettzumachen. Gerade das hervorstechenste Merkmal des Faschismus, die auf Kommando im Gleichschritt maschierende Masse, charakterisiert ihn nicht als historische Regression, sondern als &#220;bergangsph&#228;nomen zu h&#246;heren Formen b&#252;rgerlicher Vergesellschaftung. Der Faschismus sch&#228;tzt das empirische Individuum gering, weil er den vereinzelten Einzelnen, das abstrakte Ware-Geld-Indivduum, nicht voraussetzen kann, und daher im Kampf f&#252;r die noch fehlende empirische Gleichnamigkeit aller Individuen sie erst einmal ideologisch, jenseits der geld-individuellen Sinnstiftung, herstellen muss. Die pathetische Betonung der &#8220;Volksgemeinschaft&#8221;, das zur Schau gestellte national identit&#228;re Selbstbewusstsein ist notwendiges Substitut, solange die Identit&#228;t aller Geldinteressen realiter noch auf wackligen Beinen steht <a name="F8"></a><a href="#FN8">8</a>. Die Inviduen m&#252;ssen ideologisch zusammengen&#246;tigt werden, weil sie empirisch noch nicht in der abstrakten Geldbeziehung eingeschmolzen sind <a name="F8a"></a><a href="#FN8a">8a</a>.</p>
<p>Das historische Novum einer &#252;berst&#228;ndischen Gesamtheit bleibt in seiner ersten, faschistischen Verk&#246;rperung notwendig doppelz&#252;ngig und halb nach r&#252;ckw&#228;rts gewandt. Denn die gleichmacherische Mobilisierung der Masse kann nicht ohne die Affirmation dieser Massen als das, was sie sind und bleiben wollen, auskommen. Die faschistische Bewegung rekrutierte ihre breite Anh&#228;ngerschaft bekanntlich aber ausgerechnet aus den Opfern und Gegnern des anlaufenden Modernisierungsprozesses. Die faschistischen Reihen setzen sich vorzugsweise aus Deklassierten aller Schattierungen zusammen. Unter den W&#228;hlern der NSDAP finden sich in erster Linie Bauern, die vom Aufkommen einer internationalen Agroindustrie &#252;berrollt werden, Ladenbesitzer, die den Konkurrenzkampf mit den (j&#252;dischen) Warenh&#228;usern nicht bestehen k&#246;nnen, kleine Angestellte, die wenig zu essen, aber ihren weissen Kragen zu verteidigen haben, und Arbeitslose, denen die Rationalisierungswellen der 20er Jahre ihre Verankerung im &#8220;Arbeiterstand&#8221; raubte. Unter dem Hakenkreuz sammeln sich alle zerstreuten Interessengruppen, die sich von der Durchsetzung der abstrakten Geldbeziehung existenziell bedroht f&#252;hlen m&#252;ssen und z&#228;h und verzweifelt um ihr &#220;berleben gegen fortgeschrittenere Produktionsformen k&#228;mpfen. Dieser Umstand verleiht der faschistischen Bewegung ihren schillernd doppeldeutigen Charakter. Einerseits ist sie allein schon dadurch, dass sie vor allem den breiten, in die Bredouille geratenen mittelst&#228;ndischen Schichten zu einer eigenen politischen Ausdrucksform verhilft, Teil jenes Modernisierungsschubs <a name="F9"></a><a href="#FN9">9</a>, den die deutsche Revolution von 1918 eingeleitet hatte, andererseits wendet sie sich gerade gegen die endg&#252;ltige Zerst&#246;rung des st&#228;ndischen Idylls. Die nationalsozialistische Bewegung entfaltet sich so auf der Basis auseinanderstrebender Momente. Einerseits kann sie nur siegen, weil sie sich real zum Motor der Entwicklung der Wertvergesellschaftung macht, andererseits sch&#246;pft sie ihre Energie gerade aus dem hilflosen Widerstand gegen des Abstraktwerden des gesellschaftlichen Zusammenhangs, gegen den Siegeszug der Geldbeziehung.</p>
<p>Diese bemerkenswerte Transformation eines an und f&#252;r sich reaktion&#228;r-antikapitalistischen Bewusstseins leistet der moderne Antisemitismus. Er bringt ideologisch-phantastisch zusammen, was real einander ausschliesst und wird zur letzten und entsprechend kruden und blutr&#252;nstigen Form b&#252;rgerlicher Synthese ausserhalb der nackten Geldform. Das Strickmuster dabei ist relativ einfach. Im Hass auf den Juden personifiziert sich die um sich greifende Angst vor der abstrakten Geldbeziehung. Joseph G&#246;bbels brachte diese Identit&#228;t von Judenhass und reaktion&#228;rer Geldkritik in seinem Romanfragment &#8220;Michael &#8211; Ein Deutsches Schicksal&#8221; auf den Punkt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Geld regiert die Welt! Ein furchtbares Wort, wenn es wahr wird. Heute gehen wir an seiner Tats&#228;chlichkeit zugrunde. Geld &#8211; Jude, das sind Sache und Person, die zusammengeh&#246;ren&#8221; <a name="F10"></a><a href="#FN10">10</a>.</p></blockquote>
<p>Der mit der Verallgemeinerung der Geldbeziehung gesetzte reale Abstraktionsprozess erscheint, aber er erscheint auf den Kopf gestellt. Er wird in sein eigenes Gegenteil, in eine biologische Konstante verwandelt. Die unfassbare, tief ins gesellschaftliche Verh&#228;ltnis eingegrabene Bedrohung wird damit handgreiflich und abspaltbar; der &#8220;St&#252;rmer&#8221;-leser weiss: &#8220;Der Jude macht den Menschen zur Ware!&#8221;. Der moderne Antisemitismus schafft es, mit dieser Projektion gleichzeitig die Kritik der Warenform, die Quintessenz jedes wirklichen Antikapitalismus, auszusprechen <a name="F11"></a><a href="#FN11">11</a> und sie zu einer universellen b&#252;rgerlichen Welterkl&#228;rung umzubiegen. Das die Wirklichkeit &#252;berrollende und nach ihrem Leisten umformende Prinzip der abstrakten Geldbeziehung verk&#246;rpert der Jude, und es entsteht eine zwar irrationale, aber einheitliche und sinnstiftende Weltanschauung. Mit diesem bemerkenswerten Kunstgriff leitet der deutsche Faschismus die antikapitalistischen und antimodernistischen Impulse mit v&#246;lkerm&#246;rderischem Ergebnis um und &#246;ffnet damit gleichzeitig den Weg zur Mobilisierung der antimodernistischen Massen f&#252;r die reale Weiterentwicklung kapitalistischer Vergesellschaftung. Dieser Doppelcharakter der faschistischen Bewegung erscheint ideologisch im ber&#252;hmten Gegensatz von &#8220;raffendem&#8221; und &#8220;schaffendem&#8221; Kapital. Die abstrakte Gesellschaftlichkeit wird nicht im kapitalistischen Produktionsprozess mitverortet. Er gilt stattdessen als das Unbefleckt-Konkrete (deutsch-Handfeste), der teuflischen Herrschaft des abstrakten Geldinteresses nur &#228;usserlich Unterworfene <a name="F12"></a><a href="#FN12">12</a>. Abstrakt ist nur das Geld, nicht die Arbeit, die sich in ihm dinglich niederschl&#228;gt:</p>
<p>&#8220;Das Geld ist der Fluch der Menschheit. Es erstickt das Grosse und Gute im Keim. An jedem Pfennig klebt Schweiss und Blut. Ich hasse den Mammon(&#8230;). Er vergiftet den Wert in uns, macht uns niederen, gemeinsamen Instinkten dienstbar. Der schlimmste Tag in der Woche ist f&#252;r mich der Lohntag <a name="F13"></a><a href="#FN13">13</a>. Man wirft uns das Geld hin wie den Hunden den Knochen. Diese Welt ist hart und grausam. So hart wie Geld in den d&#252;nnen H&#228;nden des Geizigen (&#8230;). Das Geld ist der Wertmesser des Liberalismus. So wesenlos ist ist diese Lehre, dass sie den Schein zum Sein erheben konnte. Daran geht sie dann auch letzthin zugrunde. Das Geld ist der Fluch der Arbeit. Man kann das Geld nicht &#252;ber das Leben setzen. Wo das geschieht, da m&#252;ssen alle edlen Kr&#228;fte versiegen. Geld ist Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Wird es zum Selbstzweck, dann muss es notwendigerweise die Arbeit zum Mittel am Zweck entwerten (&#8230;). W&#228;hrend die Soldaten des grossen Krieges ihre Leiber hinhielten zum Schutz der Heimat, und zwei Millionen verbluteten, haben die Schieber aus dem roten Edelsaft Gold gem&#252;nzt. Dieses Gold hat ihnen dann sp&#228;ter dazu gedient, die heimkehrenden Soldaten um Haus und Hof zu prellen. Der Krieg ist also vom Geld gewonnen und von der Arbeit verloren worden. Nicht die V&#246;lker sind seine Gewinner oder Verlierer. Sie haben nur Handlangerdienste am Gelde getan oder gegen diese Handlangerdienste die Arbeit verteidigt. Deutschland focht f&#252;r die Arbeit. Frankreich focht f&#252;r das Geld. Die Arbeit hat verloren. Das Geld hat gewonnen (&#8230;). Das Geld ist wurzellos. Es steht &#252;ber den Rassen. Langsam frisst es sich in den gesunden Organismus der V&#246;lker und vergiftet allm&#228;hlich seine sch&#246;pferische Kraft. Wir m&#252;ssen uns durch Kampf und Arbeit vom Geld befreien. In uns selber den Wahn zertr&#252;mmern. Dann st&#252;rzt auch einmal das goldene Kalb. Der Liberalismus ist in seinem tiefsten Sinn die Lehre vom Geld. Liberalismus, das heisst, ich glaube an den Mammon. Sozialismus, das heisst, ich glaube an die Arbeit.&#8221; <a name="F14"></a><a href="#FN14">14</a></p>
<p>Die Totalit&#228;t des Kapitalverh&#228;ltnisses l&#246;st sich in den antagonistischen Kampf zwischen ontisch-allgemein gedachtem Arbeiterstand und davon abgetrennter abstrakter und verjudeter Geldbeziehung auf. &#8220;Das Geld hat uns versklavt, die Arbeit wird uns freimachen&#8221; <a name="F15"></a><a href="#FN15">15</a>, heisst die Parole, unter der der Faschismus zum Sammeln bl&#228;st, und unter dem Motto &#8220;Arbeit macht frei&#8221; setzt er zur Endl&#246;sung der Geld- und Judenfrage an. Die Tiraden gegen die Geldlogik m&#252;nden in die ersatzweise Vernichtung der Personifikation des Geldes. Die Geschichte des automatischen Subjekts neigt nicht nur zur Ironie, sondern auch zur Bestialit&#228;t, und so leiten Geld und Wert ihren fordistischen Endsieg mit einem Bauernopfer in Auschwitz und Treblinka ein.</p>
<p>Der Faschismus schreibt die Befreiung der klassen&#252;bergreifend gedachten Produzentengemeinschaft von der Herrschaft des &#8220;verjudeten&#8221; Geldkapitals auf seine Fahnen und wird de facto als Modernisierungsagent wirksam. Das Gegensatzpaar &#8220;deutsches&#8221; Industrie- und &#8220;j&#252;disches&#8221; Finanzkapital verlegt alle &#220;bel kapitalistischer Entwicklung in die d&#252;nne Firnisschicht einer von den Juden dominierten Finanzsph&#228;re, bricht dem antikapitalistischen Unmut des deutschen Kleinb&#252;rgertums die Spitze <a name="F16"></a><a href="#FN16">16</a> und mobilisiert seine aktiven Massen genau f&#252;r das, wovor sie sich f&#252;rchten: f&#252;r die Reduktion des gesamten gesellschaftlichen Zusammenhangs auf die nackte Geldbeziehung.</p>
<p>In diesem skizzenhaften Durchgang fehlt leider der Raum, um auf die Binnengeschichte des Nationalsozialismus, insbesondere auf den &#220;bergang von der &#8220;Bewegungszeit&#8221; hin zum &#8220;Faschismus an der Macht&#8221; einzugehen (&#8220;R&#246;hmputsch&#8221;-etc.). Ich will mich daher auf den Sprung vom Hitlerregime zur Adenauer&#228;ra und auf den historischen Zusammenhang zwischen nationalsozialistischem Einparteienstaat und dem System der bundesrepublikanischen Volksparteien beschr&#228;nken.</p>
<p>Die faschistische Bewegung mobilisiert die Massen, aber sie mobilisiert sie nicht auf ihre unmittelbare soziale Existenz bezogen.<a name="F17"></a><a href="#FN17">17</a> Die Massen treten im Faschismus zun&#228;chst im ideellen Gewande auf die historische B&#252;hne. Die Reduktion aller realen sozialen Kategorien auf das immergleiche Geldinteresse war noch im status nascendi begriffen, und so musste die faschistische Bewegung, um den Prozess der Aufl&#246;sung st&#228;ndischer Restbest&#228;nde zu beschleunigen, diesen Mangel noch durch ideologische &#220;berh&#246;hung wett machen. Der Allmachtsanspruch einer universellen, nach allen Volksgenossen gleichermassen greifenden Ideologie begleitet die Herausbildung eines vereinheitlichten, allein auf der Herrschaft des Geldes beruhenden gesellschaftlichen Zusammenhangs und eilt ihr voraus. Vor die Vollendung der im Geld objektivierten gesellschaftlichen Einheit schiebt sich noch das Phantasma einer als Gesamtsubjekt handelnden Volksgemeinschaft. Dieses &#252;berschiessende ideologische Moment nimmt irrational-subjektivistisch gewendet die sich real verallgemeinernde Geldvergesellschaftung vorweg. Das Herzst&#252;ck der nationalsozialistischen Weltanschauung, der Antisemitismus, entlehnte, wie wir bereits gesehen haben, seinen einheitlich-welterkl&#228;renden Charakter bereits der im Zerrspiegel wahrgenommenen, alles in ihren Bann schlagenden abstrakten Geldbeziehung. Nachdem deren Durchsetzungsprozess eine neue Stufe erreicht hatte, das Werk des Nationalsozialismus also vollbracht war, wurden alle Formen universeller-gesamtgesellschaftlicher Sinnstiftung ausserhalb des unmittelbaren profanen Geldinteresses allm&#228;hlich &#252;berfl&#252;ssig und konnte schliesslich entfallen. Der Weltkrieg und sein f&#252;r das faschistische Deutschland katastrophaler Ausgang raffte dabei einen Entwicklungsprozess, der sich unter anderen, friedlicheren Umst&#228;nden vielleicht noch Jahrzehnte hingezogen h&#228;tte <a name="F18"></a><a href="#FN18">18</a>, auf wenige Jahre zusammen. Der abrupte Charakter des &#220;bergangs nach 1945 muss den Schein eines v&#246;lligen, von aussen erzwungenen Bruchs erwecken. Trotzdem ist die Stunde Null auch hier ein blosser Mythos. Zwischen beiden Formen b&#252;rgerlicher Herrschaft besteht ein innerer logischer Zusammenhang. Das hat allerdings mit der in der Linken gern apostrophierten Fortexistenz genuin faschistischer und daher demokratiefremder Elemente nichts, aber auch gar nichts zu tun. Der Faschismus ist in der Demokratie ganz im Hegelschen und Marxschen Sinne, also als eine ihrer Vorformen, aufgehoben. Er stellt nicht so sehr den absoluten Gegensatz zum herrschenden demokratischen Ideal dar, wie es sich der allseits beliebte moralsaure Antifaschismus vorstellt, sondern war selber Moment der Herausbildung der modernen Demokratie. Nicht ohne Grund fand der Nationalsozialismus in der BRD keine ernsthafte politische Fortsetzung. Er hat seine historische Mission erf&#252;llt und sich damit &#252;berlebt. Der Nationalsozialismus im allgemeinen und der Antisemitismus im besonderen, war die letzte Form einer einheitsstiftenden ideologischen Synthese. Entsprechend irrwitzig fiel sie auch aus. Ihre m&#246;rderische Irrationalit&#228;t war allerdings alles andere als die Wiederkehr vordemokratischen, mittelalterlichen Aberglaubens. Es war die Irrationalit&#228;t der Geld- und Warenform selber, die hier zum Vorschein kam. Mit dem Zusammenbruch des Naziregimes l&#228;sst der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang die Ebene einer koh&#228;renten und verbindlichen Welterkl&#228;rung endg&#252;ltig hinter sich und rutscht ins sich verallgemeinernde unmittelbare Geldinteresse <a name="F19"></a><a href="#FN19">19</a>. Die grossen historischen Ersch&#252;tterungen im Gefolge des Weltkriegs beschleunigen die Reduktion allen politischen Lebens auf dieses Niveau. Im Feuersturm des Weltkriegs zerstobte, was an st&#228;ndischen &#220;berresten noch geblieben war. Der deutsche Sonderweg m&#252;ndete mit dem Untergang des Faschismus im westlichen Teilstaat in den klassischen Fluss demokratischer Entwicklung. Deutschland verlor mit seinen r&#252;ckst&#228;ndigen, agrarisch strukturierten Ostgebieten nicht nur geographisch Ballast. Die Rote Armee befreite Westdeutschland auch von der grossen Zwingburg st&#228;ndischer Ordnung, die mehr als ein Jahrhundert sich der politischen Durchmodernisierung des Deutschen Reiches beharrlich in den Weg gestellt hatte. Was von Deutschland &#252;brig geblieben war konnte sich nun nurmehr als auch politisch rein b&#252;rgerliche Gesellschaft rekonstruieren. Die ehemaligen Bewohner der Landstriche &#246;stlich der Oder wurden durch den Ansturm der Roten Armee von jedem Anflug von junkerlichem Herrschaftsgef&#252;ge gr&#252;ndlich befreit und wanderten schon als monadisierte Nomaden gen Westen. In der Trizone selber verlief die Entwicklung, wenn auch weniger eklatant, so doch in &#228;hnlichen Bahnen. Der nationalsozialistische Einheitsstaat hatte nicht ohne Erfolg versucht, wesentliche soziale Beziehungen entweder in sein vielgliedriges Organisationsgeflecht einzusaugen oder zumindest jeden konkurrierenden Zusammenhang zur&#252;ckzudr&#228;ngen oder zu verbieten (Kirchen, Arbeiterorganisationen, aber etwa auch die b&#252;rgerliche Jugendbewegung). Wenn sich auch in den 12 Jahren, die das 1000j&#228;hrige Reich w&#228;hrte, nicht jedes soziale Milieugeflecht in Luft aufl&#246;ste, so beraubten die NSDAP-Unterorganisationen sie doch jeder &#246;ffentlich-&#252;bergreifenden Funktion. Die entstandene L&#252;cke <a name="F20"></a><a href="#FN20">20</a> konnte die Wiederkehr der &#8220;Weimarer Systempolitiker&#8221; nicht &#252;berbr&#252;cken. Die Amputation dieser Dimension erwies sich in der Nachkriegszeit als irreversibel und damit war auch den demokratischen milieugebundenen &#8220;Integrationsparteien&#8221; ihr N&#228;hrboden entzogen. In der Nachkriegszeit wendeten die breiten Massen ihre Aufmerksamkeit von der Politik &#252;berhaupt ab; es vollzog sich ein radikaler Entpolitisierungsprozess. Das prim&#228;re Interesse war, das &#220;berleben der eigenen Familie zu organisieren. Was dar&#252;ber hinaus ging, konnte nur als &#252;berfl&#252;ssiger Luxus gelten und geriet ausserdem noch leicht in den Geruch, gegen den guten Geschmack zu verstossen. Diese Grundhaltung beschr&#228;nkte sich keineswegs auf die unmittelbare Nachkriegszeit, sie schleppte sich in die &#196;ra des &#8220;Wirtschaftswunders&#8221; fort und dr&#252;ckte dem politischen Leben bis zur APO ihren Stempel auf. Der Nachkriegsdeutsche widmete sich fast ausschliesslich seinen unmittelbaren Interessen, w&#228;hrend die Nebelgestalt des Staatsb&#252;rgers &#252;ber eine Schattenexistenz nicht hinauskam. Die Entt&#228;uschung &#252;ber den verlorenen Krieg machte Politik &#252;berhaupt verd&#228;chtig. Nachdem sich das deutsche Volk mit dem Nationalsozialismus so gr&#252;ndlich die Finger verbrannt hatte, machte es einen grossen Bogen um jeden &#8220;idealistischen&#8221; Anspruch. Der Aufstieg der BRD wurde von keiner grossen Vision begleitet, sondern von politischem Desinteresse und von Apathie. Kleinmut und eine unertr&#228;glich muffige Buchhaltermentalit&#228;t regierten in den 50er und fr&#252;hen 60er Jahren. Die unvermeidliche S&#228;kularisierung der staatlichen und politischen Sph&#228;re nahm hierzulande ausgesprochen biederm&#228;nnische Z&#252;ge an. Vom nazistischen Rausch war &#252;ber Nacht nurmehr ein &#252;bler Nachkriegskater &#252;briggeblieben. Der frischgebackene Bundesb&#252;rger &#252;bte sich in Reue und schwor jeder Art politischer Exzesse ein f&#252;r allemal ab. Was innen- wie aussenpolitisch z&#228;hlte, war allein das aller unmittelbarste Geldinteresse. W&#228;hrend die westdeutsche Wirtschaft einen rasanten Siegeszug feierte, blieb die bundesrepublikanische Politik im Windschatten und nach M&#246;glichkeit unsichtbar. Die einzig nennenswerte Utopie, der Traum vom vereinigten Westeuropa, zielte gerade auf die Ausl&#246;schung einer gesonderten deutschen Staatsb&#252;rgerherrlichkeit. Die BRD begn&#252;gte sich mit ihrer Rolle als prosperierender Wirtschaftsstandort, w&#228;hrend das politische Leben auf kleinster Flamme kochte. Diesem Zustand machte erst die Studentenbewegung der 60er Jahre ein Ende. Erst sie f&#252;hrte zu einer gesellschaftlichen Renaissance des zoon politicon, allerdings auf g&#228;nzlich ver&#228;nderter Grundlage <a name="F21"></a><a href="#FN21">21</a>.</p>
<p>Mit dieser Selbstbescheidung geht eine grundlegende Umgestaltung des politischen Systems einher. Das ideologische roll-back trifft nicht nur die politisch-staatliche Sph&#228;re als ganze, die nicht mehr l&#228;nger als eigenst&#228;ndiger Endzweck akkzeptiert und propagiert wird, es betrifft auch entscheidend die Binnenbeziehungen innerhalb des politischen Universums. Das Verh&#228;ltnis der konkurrierenden politischen Str&#246;mungen gestaltet sich radikal um. Mit der Abl&#246;sung des nationalsozialistischen Einparteienstaats durch die pluralistische, parlamentarische Demokratie, die Volksparteien im mehr oder minder friedlichen Wettstreit miteinander vereint, verliert der politische Richtungsstreit seinen grunds&#228;tzlichen Charakter. Konservative, sozialistische und liberale Str&#246;mungen h&#246;ren auf einander als prinzipienfeste Todfeinde gegen&#252;berzutreten. CDU, FDP und SPD berufen sich auf die gleichen demokratischen, liberalen und sozialen Werte. Strittig ist allein, wie die ideale Gewichtung dieser verschiedenen Momente des demokratischen Konsenses aussehen mag. Der erbitterte Kampf feindlicher Prinzipien verschwindet aus der politischen Auseinandersetzung, die Grenzen zwischen den umstrittenen ehernen Grundfesten weicht auf, und es geht nur noch darum, wer der breiten Palette gemeinsamer demokratischer, sozialer und liberaler Werte in dieser oder jener Hinsicht und allgemein besser gerecht werde. Der freundschaftliche Streit der diversen Sozialkategorien und &#8220;Sozialpartner&#8221; ersetzt den verbiesterten Klassenkampf von anno dazumal.</p>
<p>Auch auf dieser Ebene zeigt sich, dass die parlamentarische Nachkriegsdemokratie keineswegs einfach zum Status quo ante, zur Parteien- und Organisationslandschaft der Weimarer Republik zur&#252;ckkehrt. Sie entwickelt stattdessen eine eigene, v&#246;llig neue politische Geographie. Denn w&#228;hrend der politische Pluralismus in Weimar noch von allen politischen Str&#246;mungen als ein erst einmal unvermeidliches &#220;bel betrachtet wurde, das es in letzter Instanz aber zu beseitigen gelte, wurde er in der Nachkriegsgesellschaft selber zum allgemein anerkannten Wert <a name="F22"></a><a href="#FN22">22</a>. Die politischen Str&#246;mungen, die sich in der Nachkriegsern&#252;chterung erneut herausbildeten und organisierten, liessen erstmals in der Geschichte der b&#252;rgerlichen Gesellschaft das Ziel fallen im Grunde jeweils im Namen der Gesamtgesellschaft zu sprechen. Die politischen Kontrahenten galten nicht l&#228;nger als zu beseitigende Feinde, und die bewusste Vertretung der beim blossen Geld angelangten Sonderinteressen der eigenen Klientel schloss von nun an die grunds&#228;tzliche Affirmation aller konkurrierenden Interessengruppen mit ein. Die Sozialdemokratie trennte sich von der antediluvianischen Phantasie, irgendwann einmal die Kapitalisten abzuschaffen, und die konservativen Str&#246;mungen erkannten die Existenz gesonderter Arbeiterorganisationen als wesentliches Moment einer modernen demokratischen Gesellschaft endg&#252;ltig an. Die Fortexistenz des politischen Gegners wurde zum Bestandteil demokratischen Selbstverst&#228;ndnisses. Die demokratische Str&#246;mung kam nach dem Aussterben aller vordemokratischen Gegenspieler <a name="F23"></a><a href="#FN23">23</a> zur Ruhe und f&#228;cherte sich zur schon in der &#8220;Volksfront&#8221; und im &#8220;antifaschistischen Kampf&#8221; pr&#228;formierten &#8220;Gemeinschaft aller Demokraten&#8221; auf.</p>
<p>Die Entwicklung des Parteiensystems, die Herausbildung und Etablierung der Volksparteien, fasst den allgemeinen Transformationsprozess hin zum &#8220;demokratischen Verb&#228;ndestaat&#8221; im Brennglas zusammen. Die politischen Parteien vertreten nicht l&#228;nger eine homogene, explizite Weltanschauung mit Universalanspruch, sie bedienen sich aus der ganzen Warenpalette &#8220;freiheitlich-demokratischer Grundwerte&#8221; und verstehen sich ganz pragmatisch als m&#246;glichst breit angelegtes Sammelbecken. Sinnstiftung und auf die Totalit&#228;t des gesellschaftlichen Prozesses zielende Deutungsmuster bieten sie nur noch in hom&#246;opathischen, garantiert f&#252;r jedermann unsch&#228;dlichen Dosen an. Alle auch nur im Ansatz hochtrabenden Ideologeme dienen allein dazu, das schon &#252;berall durchschimmernde nackte Geldinteresse zumindest mit Erbarmen notd&#252;rftig zu bekleiden. Musterg&#252;ltig ist dieser Umstand am &#8220;Christentum&#8221; der CDU/CSU zu verfolgen. Die Flucht vom Hakenkreuz zum Kreuz ohne Haken, der Rekurs auf die abgestandene christliche Religion, war R&#252;ckzug in Richtung ethisch-ideologische Nullebene. Die Propagierung eines nochmals verd&#252;nnten, an sich selber aber auch schon l&#228;ngst zahnlosen christlichen Gedankens, konnte niemandem ernsthaft weh tun. Sie war daher das ideale Feigenblatt f&#252;r die neue b&#252;rgerliche Volkspartei, die nicht mehr nach einer homogenen, in sich geschlossenen Anh&#228;ngernschaft strebte und stattdessen die Diversifikation der eigenen sozialen Basis zur neuen volksparteilichen Tugend machte <a name="F24"></a><a href="#FN24">24</a>. Der Vorsprung, mit dem die Christdemokraten diesen Weg einschlugen, sicherte ihren Erfolg in den ersten beiden Jahrzehnten nach Gr&#252;ndung der Republik. Die SPD konnte sich dagegen erst mit der Annahme des Godesberger Programms Ende der 50er Jahre endg&#252;ltig vom antiquierten, klassenk&#228;mpferischen Kaninchenstallgeruch befreien. Erst nach dieser Verj&#252;ngungskur konnte sie sich daran machen, die CDU/CSU einzuholen und zu &#252;berholen.</p>
<p>So widerlich biederm&#228;nnisch das Adenauerregime auch zweifellos immer gewesen ist, gegen&#252;ber dem Faschismus und den traditionellen &#8220;Klassenparteien&#8221; stellte es zweifellos die entwickeltere, modernere Stufe dar. Die &#8220;b&#252;rgerlichen&#8221; Koalitionsregierungen unter Adenauers Kanzlerschaft haben nicht mehr n&#246;tig, was f&#252;r den Faschismus Lebenselexier und Hauptinhalt war. Sie m&#252;ssen die Massen nicht mehr ausserhalb ihrer allt&#228;glichen Reproduktion zusammenbringen. Sie k&#246;nnen den gesellschaftlichen Konsens sicherstellen, ohne die Volksmassen in ihrem fetten, selbstzufriedenen, privten Stumpfsinn unn&#246;tig zu bel&#228;stigen. Der gewaltige Fortschritt, den Vergesellschaftung und Normierung nach dem 2.Weltkrieg feiern k&#246;nnen, erscheint als Beschneidung des politischen Anspruchs, als Wendung hin zu einem ideologisch selbstbescheidenen, technokratisch orientierten Staat.</p>
<p>Im Kontext dieser neuartigen Konstellation ist auch der Antikommunismus zu sehen, der das politische Klima hierzulande w&#228;hrend des &#8220;Kalten Krieges&#8221; tiefgreifend pr&#228;gte. Selber nicht als positives Prinzip bestimmt, sondern gerade als die kollektive Abwehr &#252;berholter &#8220;sozialistischer&#8221; Prinzipien, war er nicht die Fortsetzung, sondern das genaue Gegenteil der faschistischen Massenmobilisierung. Im Antikommunismus verk&#246;rperte sich die Haltung derer, die k&#252;nftig nur noch in Ruhe gelassen werden wollten. Das kommunistische System war in erster Linie verhasst, weil es wie der Nationalsozialismus, mit dem das deutsche Volk gerade so erb&#228;rmlich Schiffbruch erlitten hatte, auf Affirmation der Massen abzielte. Von dieser antiquierten Bel&#228;stigung hatte aber die &#8220;skeptische Nachkriegsgeneration&#8221; genauso geschlossen die Schnauze voll wie die breite Masse der &#252;berlebenden Weltkriegsveteranen. Im gemeinsamen Hang von kommunistischer und faschistischer Bewegung, die Massen &#252;berhaupt f&#252;r etwas zu mobilisieren, liegt der reale Kern der Totalitarismustheorie, und er sicherte ihr ihren Siegeszug.</p>
<p>Im Konzept der Volksparteien fand die westdeutsche Wirtschaftswundergesellschaft ihre ad&#228;quate Form. In den Volksparteien wurden die konkurrierenden Geldinteressen der Gesamtklientel allesamt affirmiert und unter dem Schlagwort &#8220;Sozialpartnerschaft&#8221; zu einem Gesamtgeldinteresse der BRD auf dem Weltmarkt kondensiert. Die von den Volksparteien ohne Anteilnahme des Wahlpublikums hergestellte gesellschaftliche Synthese landete stets bei der normativen Kraft des Faktischen. Der &#8220;Sachzwang&#8221;, hinter dem sich nichts anderes als die Eigenlogik des Wertes verbirgt, &#252;bersetzte die Notwendigkeiten der Wertvergesellschaftung in politische Entscheidungen. Das reibungslose Expandieren des &#8220;Exportmodells&#8221; Deutschland wurde zur unhinterfragten Grundlage des demokratischen Konsens. In diesen Rahmen eingezw&#228;ngt, konnten die konzeptionellen Differenzen zwischen der Nachgodesberger Sozialdemokratie und ihren christdemokratischen Gegnern nur zusehens marginaler werden. Die Regierungswechsel verloren immer mehr an Bedeutung, und das grosskotzig zur &#8220;Wende&#8221; hochstylisierte oder von der Linken m&#252;hevoll d&#228;monisierte St&#252;hler&#252;cken 1983, hatte gerade noch eine gewisse klimatische Bedeutung, kr&#228;uselte aber in den zentralen Fragen kaum mehr die politische Oberfl&#228;che. Aber schon mindestens 1« Jahrzehnte vorher, beim &#220;bergang von der noch reichlich hausbackenen CDU/CSU/FDP Regierung zur grossen Koalition und schliesslich zur modernen sozialliberalen Regierung, war der Rubikon ins Reich der Ununterscheidbarkeit &#252;berschritten worden. Unter den Kanzlerschaften von Brandt und Schmidt entkleideten sich die Reform- und Demokratisierungshoffnungen der Apogeneration ihrer &#252;berschiessenden Momente und reduzierten sich auf ihren realen, durch und durch wertf&#246;rmigen Gehalt. Das zun&#228;chst modernere Styling der Sozialdemokratie &#228;nderte nat&#252;rlich nichts am historischen Trend. Der Zwang, mit dem &#8220;Modell Deutschland&#8221; auf dem kapitalistischen Weltmarkt zu bestehen, modellierte die Profile aller konkurrierenden Volksparteien und gab ihnen die gleiche konturlose, aber stromlinienf&#246;rmige Gestalt. CDU und SPD wetteiferten im Kern immer nur darum, wer die f&#252;r den weltweiten fordistischen Akkumulationsschub notwendigen staatlichen Rahmenbedingungen am effektivsten und mit den geringsten Reibungsverlusten gestalten k&#246;nne.</p>
<p>Die Volksparteien gehen in einer Funktion auf: sie vereinen konkurrierende Geldinteressen und bringen sie auf einen gemeinsamen staatspolitischen Nenner, sobald es ihnen gelingt, zur Regierungspartei zu avancieren. Zur L&#246;sung jeder anderen Aufgabe sind sie vollkommen unf&#228;hig. Gesellschaftliche Problemfelder, die sich dem Strickmuster geldf&#246;rmiger Sonderinteressen sperren, entziehen sich per se dem Wahrnehmungsverm&#246;gen der klassischen Volksparteien, und so muss das Parteiensystem, das sie konstituieren, unweigerlich in die Krise geraten, wenn gesellschaftliche Widerspr&#252;che virulent werden, die sich ihrer ganzen Natur nach nicht auf soziale Sonderinteressen reduzieren und ins liebe Geld &#252;bersetzen lassen. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise treibt aber ganz notwendig genau auf diese Situation hin! Nachdem der Siegeszug der Wertvergesellschaftung zun&#228;chst die bunte Vielfalt aller vorgefundenen sozialen Schichten und Interessen auf das allen Besonderungen gemeinsame Medium Geld reduziert hat, erzeugt sie unter der Hand einen stofflichen Gesamtzusammenhang, der zun&#228;chst fast unmerklich als solcher zum Problem wird. Unter dem Mantel der verallgemeinerten abstrakten Geldbeziehung bildet sich im Rahmen der zunehmenden Vernetzung und Verwissenschaftlichung der Produktion ein stoffliches, konkret-allgemeines Interesse heraus. Auf Dauer musste diese Ver&#228;nderung auch an der politischen Oberfl&#228;che durchschlagen. In der Bundesrepublik war der historische Umschlagspunkt Mitte der 70er Jahre erreicht. Als B&#252;rgerinitiativen gegen Atomkraftwerke und f&#252;r den Umweltschutz epidemisch die Republik durchseuchten, begann die lange Krise und der unaufhaltsame Zerfall der Volksparteien. Damals drangen erstmals die gesamtgesellschaftlichen Folgelasten und Risiken des fordistischen Akkumulationsschubs und der vermeintlichen Nachfolgetechnologien auf breiter Front ins &#246;ffentliche Bewusstsein. Der vergessene gesellschaftliche Gesamtzusammenhang war pl&#246;tzlich wieder greifbar und vielleicht intensiver denn je. Die nach dem Zusammenbruch des Faschismus vom Ideologischen ins Faktische abgedr&#228;ngte Gesellschaftlichkeit kehrte negativ gewendet wieder und wurde selber zu einem zentralen politischen Thema. Die Frage nach der &#252;ber das Geld hinausgehenden Beziehung zum gesellschaftlichen Stoffwechsel tauchte allerdings nicht mehr unter ideologischen Vorzeichen, als Frage nach allgemeiner &#252;berindividueller Sinnstiftung auf, sondern ganz realistisch als Furcht vor einem universellen Gef&#228;hrdungspotential. Die Ersch&#246;pfung und Zerst&#246;rung nat&#252;rlicher Resourcen, die Gefahren der Atomindustrie wurden binnen weniger Jahre zu entscheidenden Feldern politischer Auseinandersetzung. Die vollkommen blindw&#252;tig auf Wachstum und Arbeitspl&#228;tze festgeschriebenen Volksparteien aber waren ihrer ganzen Anlage nach nicht in der Lage, diese Entwicklung aufzufangen und in ihrem eigenen Rahmen zu verarbeiten. Sie zeigten sich der pl&#246;tzlich &#252;ber sie hereinbrechenden Herausforderung nicht gewachsen. St&#246;rrisch und taub gerieten sie erst einmal in die Defensive. Das von vornherein gesamtgesellschaftliche Interesse an einer intakten Umwelt musste andere, gegen die herk&#246;mmlichen Volksparteien gerichtete Ausdrucksformen suchen und fand sie auch.</p>
<p>Das erste noch punktuelle, auf einen bestimmten Themenkomplex beschr&#228;nkte Aufleuchten eines immer schon unmittelbar gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs konnte die Bindekraft der demokratischen Gesellschaft nat&#252;rlich nicht zerreissen. Die Adaptionsf&#228;higkeit der bestehenden demokratischen Ordnung blieb im wesentlichen intakt. Die Demokratie wich auf neue Sonderformen aus, um den ihr im grunde schon wesensfremden Inhalt aufzusaugen. Wo die volksparteiliche Version der Demokratie versagt hatte, &#246;ffneten sich stattdessen Spielr&#228;ume f&#252;r eine andere, alternative Spielart demokratischen Bewusstseins. Diese neue Variante fing den vom konkret-stofflichen ausgehenden, abstrakte Geldform und abstrakte Allgemeinheit gleichermassen sprengende Impuls ein. Die mit der B&#252;rgerinitiativbewegung erbl&#252;hende basisdemokratische Komponente f&#252;hrte keinen Millimeter weg vom Weg demokratischer Tugend, sondern erg&#228;nzte das System der Volksparteien, indem es den neuen a prioiri konkret-gesellschaftlichen Inhalt selber wieder in demokratische Formen und damit in die Sph&#228;re der herrschenden abstrakten Allgemeinheit presste. Die Demokratie rettete sich auf diesem neuen, ihr bereits fremden gesellschaftlichen Boden als ihre eigene karikaturhafte Neuauflage &#252;ber die Runden. Das ganz universelle und daher lobbylose Anliegen, eine halbwegs intakte Umwelt zu erhalten, der Kampf gegen die Zerst&#246;rung aller nat&#252;rlichen Ressourcen durch die zum Selbstzweck gewordene Verwertung des Werts, nahm selber augenblicklich wieder die Form eines sich frisch organisierenden Sonderinteresses an. Die neu entstandene Anti-AKW-Bewegung und die in der Folgezeit spriessenden Umweltschutzverb&#228;nde gerieten von Beginn an zu einer ideellen Quasilobby innerhalb des demokratisch Systems, die f&#252;r die gleichberechtigte Ber&#252;cksichtigung eines weiteren Spezialinteresses eintritt. Das per se Allgemeine, alles und jeden in seinen Bann Schlagende, schrumpft damit auf eine weitere Besonderung und darf in dieser kastrierten Form im weiten Oval demokratischen Interessenwettstreits mitantreten. Diese den realen Inhalt auf den Kopf stellende Formverkehrung, beraubt die &#246;kologische Frage ihrer gesellschaftlichen Sprengkraft und macht die &#214;kologiebwegung mit der herrschenden Verkehrsform erst kompatibel. Diese objektive Funktion, die die Bewegung zwangsl&#228;ufig aus&#252;ben musste, solange sie den im demokratischen Rechtsstaat gesetzten Rahmen selber nicht zum Kritikgegenstand erhob, stellte sich in den wilden Anf&#228;ngen hinter dem R&#252;cken der Bewegungsprotagonisten her. F&#252;r den reformistischen Fl&#252;gel geh&#246;rte sie allerdings von Anfang an zum eigenen Selbstverst&#228;ndnis. BBU und Bund Naturschutz wollen f&#252;r die belebte und unbelebte Natur das Gleiche werden, was die Gewerkschaften f&#252;r die Arbeitnehmer schon lange sind. Sie verstehen sich als Vertreter eines imagin&#228;ren &#8220;&#246;kologischen Interesses&#8221;, das seine Ber&#252;cksichtigung neben anderen, wirtschaftlichen und sonstigen Interessen einfordert.</p>
<p>Die Verkehrung &#246;kologischer Forderungen zu Sonderinteressen geht mit der &#220;berf&#252;hrung dieses Anliegens in die Rechtsform Hand in Hand. Wenn die Unversehrtheit der Natur zum Sonderziel wird, so verwandelt sich der Kampf gegen die Umweltzerst&#246;rung zum Kampf f&#252;r die legitimen &#8220;Rechte der Natur&#8221;. Henning Friege und Michael M&#252;ller bringen diese demokratisch bornierte Sicht musterg&#252;ltig auf den Punkt, wenn sie &#8220;&#246;kologische B&#252;rgerrechte&#8221; einklagen und diese Forderung folgendermassen erl&#228;utern:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Interessenvertretung f&#252;r die Umwelt muss gest&#228;rkt werden. Vor allem an den Aushandlungsprozessen zwischen Kapital, Arbeit und Staat sind Umwelt- und Verbraucherverb&#228;nde zu beteiligen&#8230;Das Ziel &#246;kologischer B&#252;rgerrechte ist es, Auswahlm&#246;glichkeiten f&#252;r die Gestaltung der Zukunft herzustellen&#8221; <a name="F25"></a><a href="#FN25">25</a>.</p></blockquote>
<p>Die Natur wird damit nicht nur zum eigenen Rechtsgut, das gegen andere Rechtsg&#252;ter abgewogen werden muss, sie avanciert im Extremfall schliesslich selber zum Rechtssubjekt. &#8220;Fortschrittliche&#8221; Juristen schlagen sich seit einigen Jahren ernsthaft mit dem absurden Problem herum, neben menschlichen Individuen und sozialen Interessengruppen auch Pflanzen- und Tierwelt in den Status juristischer Personen zu erheben, und das herrschende demokratische linke Bewusstsein nimmt diesen Irrwitz wohlwollend zur Kenntnis. W&#228;hrend angesichts der realen, konkret-stofflichen Vernetzung das abstrakte Rechtssubjekt l&#228;ngst der wohlverdienten letzten &#214;lung entgegend&#228;mmert, kaspern sich die linken Demokraten damit ab, diese absterbende Figur &#252;ber die Grenzen der menschlichen Spezies hinaus noch verbreiten zu wollen.</p>
<p>Der Weg zu den Gerichten, der Versuch, die Rechtsform f&#252;r den Kampf gegen die Umweltzerst&#246;rung zu nutzen, entspringt nicht allein (nat&#252;rlich berechtigtem) taktischem Kalk&#252;l. F&#252;r die Demokratie, die entwickeltste Form abstrakter Allgemeinheit, ist das abstrakte Recht das zentrale Lebenselexier und eine demokratische Bewegung kann die zunehmend absurder werdende Rechtsf&#246;rmigkeit des gesellschaftlichen Vermittlungsprozesses selber nur affirmieren und weiter vorantreiben. Das wird dort besonders deutlich, wo die Bewegungsprotagonisten ihre Skepsis gegen&#252;ber der Rechtssprechung &#228;ussern, mit der sie bei den Auseinandersetzungen um ihr Anliegen konfrontiert wurden. Ihre Kritik an bestimmen juristischen Entscheidungen, zielt immer darauf ab, die tats&#228;chliche Abh&#228;ngigkeit der Judikativen von politischen Entscheidungen herauszustellen, sie wuchs sich nie zur Kritik der abstrakten Rechtsf&#246;rmigkeit selber aus. Die Anklage lebte nicht von der Realit&#228;t des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die die Vermittlung des konkreten stofflich-gesellschaftlichen Zusammenhangs &#252;ber die abstrakte Rechtsform obsolet macht, sondern d&#252;mpelte in den abgestandenen Denkfiguren des 18.Jahrhunderts. Ihre Stossrichtung war es, die Diskrepanz zwischen dem Ideal der Gewaltenteilung, wie wir es aus den Schriften Montesquies kennen und einer schn&#246;den Realit&#228;t, die dieser Forderung nicht ausreichend gerecht zu werden scheint, aufzuzeigen. Diese Art der Kritik fordert gerade das abstrakte Recht und muss ins Leere laufen, sobald der eigenartige Parvenue unter den Sonderinteressen seinen legitimen Platz im demokratischen Gemeinwesen zugewiesen erh&#228;lt.</p>
<p>Schon wenige Jahre nach ihrem Entstehen dr&#228;ngte es die &#214;kologiebewegung, die sich zun&#228;chst als gesellschaftlicher Quasiinteressenverband herausgebildet hatte, mit aller Macht auch in die heiligen parlamentarischen Hallen. Als die basisdemokratische, ausserparlamentarische Bewegung ihre Grenzen zu sp&#252;ren begann, <a name="F26"></a><a href="#FN26">26</a> entwickelte sie eine eigene Partei &#8211; damals auch euphemistisch als &#8220;parlamentarischer Arm&#8221; bezeichnet. Damit vollzog sich auf parteipolitischem Parkett die gleiche Entwicklung, wie sie sich vorher schon bei den gesellschaftlichen Verb&#228;nden und Interessengruppen angebahnt hatte. Die Erg&#228;nzung des bundesdeutschen &#8220;Verb&#228;ndestaates&#8221; durch die neuen diversen &#246;kologischen Interessenvertretungen setzte sich mit der Entstehung der &#8220;Gr&#252;nen&#8221; auch auf der Ebene des hiesigen &#8220;Parteienstaates&#8221; durch und erweiterte qualitativ das Spektrum demokratischer Parteien. Mit den &#8220;Gr&#252;nen&#8221; trabten die dr&#228;ngenden, aber vergessenen, grossen Menschheitsfragen endlich in die Parlamente. Was die klassischen Volksparteien bei ihrem t&#228;glichen Gesch&#228;ft der Synthese konkurrierender Geldinteressen nicht hatten ber&#252;cksichtigen k&#246;nnen, bekam in den &#8220;Gr&#252;nen&#8221; eine eigenst&#228;ndige, abgespaltene Existenzform. Sie brachten moralinsauer verpackt und ohne an der herrschenden warenf&#246;rmigen gesellschaftlichen Synthese auch nur zu kratzen, das aufs Tablett, was bislang immer unter den Tisch gefallen war. Neben der profanisierten, auf das Funktionieren der Ware-Geldbeziehung reduzierten abstrakten Staatsb&#252;rgerlichkeit, wie sie die &#8220;Volksparteien&#8221; vertreten, etablierte sich damit Ende der 70er Jahre noch eine h&#246;here und abstraktere Variante des citoyen, die ihren Impuls ausschliesslich von den zentralen Menschheitsfragen wie &#8220;&#214;kologie&#8221; und &#8220;Frieden&#8221; bezieht. Im gr&#252;nen Gewande leuchtet das klappernde Gerippe des abstrakten Staatsb&#252;rgers heller und hohler denn je, denn in seiner gr&#252;nen Meta-Abart abstrahiert er nicht nur wie eh und je von seinen eigenen pers&#246;nlichen Sonderinteressen, sondern dar&#252;ber hinaus auch noch blind und radikal von der aus den konkurrierenden Geldinteressen extrapolierten und mittlerweile vollendeten abstrakten Allgemeinheit. Durch den Filter der Gr&#252;nen Partei hindurch scheinen zwar die brennenden Fragen konkret stofflicher Vergesellschaftung auf, aber auf den Kopf gestellt und von einem moralisch-mahnenden Menschheitsstandpunkt aus. Sie sind zu zahnloser Abstraktion entwirklicht, degeneriert zur Abstraktion in 2.ter Potenz. Entsprechend erb&#228;rmlich und hilflos fallen die gr&#252;nen L&#246;sungskonzepte aus. Der Appell, &#252;ber wirtschaftlichen Gesichtspunkten doch bitte die &#214;kologie nicht vollkommen zu vergessen, muss in einer Gesellschaft, die auf der Verwertung des Werts beruht, unerh&#246;rt verhallen. Solange Geld und Wert herrschen, ist jeder gesellschaftliche Transmissionsriemen, der das allgemeine Interesse an einem intakten &#214;ko-System in praktische durchgreifende Massnahmen &#252;bersetzen k&#246;nnte, von vornherein durchschnitten. Menschliche Bed&#252;rfnisse, deren Erf&#252;llung ihrer ganzen Natur nach nicht an einer vom Einzelnen k&#228;uflich zu erwerbenden Ware kleben k&#246;nnen, liegen ausserhalb der Reichweite einer warenproduzierenden Gesellschaft und werden von ihr nicht ber&#252;cksichtigt. Die kapitalistische Produktion bringt zwar neben der landes&#252;blichen Zerst&#246;rungsproduktion auch biodynamisch angebaute Agrarprodukte und baubiologische Artikel hervor, sobald sich eine entsprechende Nachfrage entwickelt, sie kann aber den betriebswirtschaftlichen Standpunkt nicht sprengen und den gesellschaftlichen Produktionsprozess in seiner Tiefe allgemeinen &#246;kologischen Gesichtspunkten gem&#228;ss nicht umgestalten. Der gr&#252;ne Geldbesitzer erwirbt zwar f&#252;r sich und seine Lieben ges&#252;ndere Waren, den gesamtgesellschaftlichen Umweltlasten kommt er auf diese Weise aber auch nicht millimeterweise bei. Sein Schrei nach ganzheitlichem Zugriff bleibt an die einzelne Ware zwangsgekoppelt und unerf&#252;llt. K&#246;nig Kunde kann die Warenwelt nicht regieren, er wird von ihr regiert.</p>
<p>In der b&#252;rgerlichen Gesellschaft ist das Allgemeine alleinige Dom&#228;ne des Staates. Als Inkarnation abstrakter Allgemeinheit ringt er sich auch tats&#228;chlich dazu durch, von Gesetz wegen da und dort h&#246;here technische Sicherheitsstandards festzulegen und Mehrausgaben f&#252;r die nachtr&#228;gliche Beseitigung von Umweltsch&#228;den in Aussicht zu stellen. Die grunds&#228;tzliche, zerst&#246;rerische Logik wird damit aber nicht ausser Kraft gesetzt. Wenn der moderne, demokratische Staat sich den un&#252;bersehbaren Umweltproblemen nur halbherzig stellt, so ist das keine Frage blosser politischer &#8220;Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse&#8221;, seine Grundstruktur l&#228;sst gar kein anderes Vorgehen zu. Da er, bei allem, was er auch tun mag, auf Gedeih und Verderb auf die Alimentierung durch die wertproduktiven Sektoren der kapitalistischen Gesellschaft angewiesen ist, muss jedes staatlich-politische Handeln zuallererst das Funktionieren der Verwertung abstrakter Arbeit garantieren. Damit sind aber auf dem heutigen Produktivkraftniveau deren fatale Folgelasten ebenfalls immer schon mit gesetzt. Das staatliche Handeln lebt nicht im luftleeren Raum, in dem es nur auf energisches politisches Wollen ank&#228;me, es bewegt sich in einer abgeleiteten Sph&#228;re und kann sich von der zugrundeliegenden Verwertungsbasis niemals emanzipieren. Unter dem Schlagwort &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; setzt sich ein unaufhebbares Grunddilemma durch. Umweltschutz kostet in einer warenproduzierenden Gesellschaft Geld. Wertm&#228;ssig unproduktiv, bilden alle Ausgaben in diesem Bereich einen Abzug von der produzierten realen gesellschaftlichen Wertmasse <a name="F27"></a><a href="#FN27">27</a>. Unabh&#228;ngig davon, ob der Staat per Gesetz den Einzelkapitalien die Abweichung von der optimalen betriebswirtschaftlichen Kalkulation aufzwingt, oder ob er die &#246;kologische Sanierung aus dem Steuers&#228;ckel begleicht, er beschr&#228;nkt damit allemal die gesamtgesellschaftliche Wertsch&#246;pfung <a name="F28"></a><a href="#FN28">28</a>, deren Wachsen doch die oberste Richtlinie all seines Tuns sein muss. Dementsprechend kann der demokratische Staat nur hilflos zwischen den Notwendigkeiten der stofflichen Reproduktion und dem Zwang, die freien Verwertungsbedingungen, die Voraussetzung seiner eigenen Existenz, aufrechtzuerhalten, hin und her schwanken. Die Verwertung des Werts als ihr eigener Selbstzweck und die vom modernen abstrakten Verwertungsprozess zwangsl&#228;ufig losgetretene konkret-stoffliche Lawine treten mit der Produktivkraftentwicklung mehr und mehr auseinander, und es wird f&#252;r den Staat immer schwerer, den Spagat zwischen den beiden voneinander wegdriftenden Polen durchzuhalten. Strukturell angewiesen auf die selbsttragende Kraft kapitalistischer Akkumulation, muss sich staatliches Handeln im Bereich der &#214;kologie zwangsl&#228;ufig auf nachbessernde Eingriffe beschr&#228;nken. In einer auf der Geldform beruhenden gesellschaftlichen Reproduktion kann das Resultat politischer Entscheidungsprozesse dem dr&#228;ngenden realen Problemdruck daher nur allzeit Hohn sprechen. Der Staat bricht bestenfalls a posteriori die groteskesten und handgreiflichesten Spitzen von Umweltzerst&#246;rung ab, aber nur, um die zugrunde liegende m&#246;rderische Logik insgesamt zu affirmieren.</p>
<p>Solange Geld und Ware als gesellschaftliche Syntheseform nicht angegriffen, sondern blind vorausgesetzt werden, verf&#228;ngt sich unsere gr&#252;ne Abstraktion einer Abstraktion unweigerlich in dieser Konstellation und ger&#228;t in eine unhaltbare Lage. Sobald der abstrakte Menschheitsstandpunkt die R&#228;nge verl&#228;sst, um selber auf der politischen Arena im Wettstreit zu bestehen, macht er keine sonderlich gl&#252;ckliche Figur. Er kann neben dem allgemein abstrakten Geldinteresse, von dem er absieht, nicht existieren, ohne sich binnen k&#252;rzester Zeit hoffnungslos zu blamieren und f&#228;llt sehr schnell auseinander. Wer die alles in ihren Bann schlagende Geld- und Warenbeziehung nicht radikal kritisiert, der muss sich ihrer Logik nolens volens f&#252;gen. Ihm bleibt nur die vor&#252;bergehende Flucht ins Irreale. Diesen Seitenweg haben die gr&#252;nen, produktivkraftkritischen Str&#246;mungen eingeschlagen. In den neugeschaffenen Emanationen abstrakter Staatsb&#252;rgerlichkeit koppelt sich die demokratische Ideologie von der voranschreitenden real-stofflichen Vergesellschaftung ab und kann ihr nurmehr &#252;berh&#246;ht und zur Weltfremdheit gel&#228;utert entgegentreten. In dieser neuen Gestalt ist die abstrakte Staatsb&#252;rgerlichkeit selbstverst&#228;ndlich noch weniger dazu in der Lage, realistische Zugriffsm&#246;glichkeiten auf den ausser Kontrolle geratenen stofflichen Reproduktionszusammenhang zu er&#246;ffnen, als in all ihren fr&#252;heren Versionen. Die &#8220;Basisdemokratie&#8221; ist folglich kein Gegenbild zur b&#252;rgerlichen Massendemokratie, sie karikiert sie lediglich. Die modernsten Ideologen der Demokratie begreifen am allerwenigsten die Entwicklung der objektiven Wirklichkeit und sind einige hundertausend Lichtjahre davon entfernt, irgendein praktikables &#8220;L&#246;sungskonzept&#8221; zu erstellen. Statt realistisch nach vorn, l&#246;sen sie die Diskrepanz zwischen realer, negativer Vergesellschaftung und monadisierter Staatsb&#252;rgerlichkeit phantastisch nach hinten auf. Sie tr&#228;umen davon, das erreichte Produktivkraftniveau soweit zur&#252;ckzuschrauben, dass der gesellschaftliche Zusammenhang von den immer nur vereinzelt gedachten Produzenten problemlos &#252;berblickt und von ihnen noch nebenbei als &#8220;demokratisch&#8221; bewussten B&#252;rgern gemanagt werden kann. Die moderne Wirklichkeit widerspricht dem demokratischen Ideal, also hat sie zugunsten dieses Traumbildes zur&#252;ckzutreten. Diese Vorstellung, die l&#228;ngst &#252;ber die b&#252;rgerlichen Verh&#228;ltnisse hinaustreibende Wirklichkeit gewaltsam in den Rahmen demokratischer Ideale zu zw&#228;ngen, ist nat&#252;rlich aussichtslos und im schlechtesten Sinne utopisch. Prinzipien k&#246;nnen sich gegen die Realit&#228;t niemals durchsetzen, und auch die demokratischen Normvorstellungen werden dieses Kunstst&#252;ck nicht fertigbringen. Die R&#252;ckkehr zur kleinen Warenproduktion und damit zu einem Produktivkraftniveau, auf dem die altehrw&#252;rdige Figur des citoyen noch nicht ins Schwitzen kommt und die Waffen strecken muss, ist ausgeschlossen. Ein Fundamentalismus, der seines Systemopposition aus dieser ideologischen Matrix bezieht und sich am abstrakten Menschheitsstandpunkt festkrallt, bleibt daher steril und gegen jede Variante von &#8220;Realpolitik&#8221; letztlich hilflos. Neben der empirischen Beschreibung sich anbahnender &#246;kologischer Katastrophen hat er nichts zu bieten ausser nacktem Moralismus und der Beschw&#246;rung imagin&#228;rer kleinkarierter Idyllen, und so erodiert diese Position unweigerlich. Je l&#228;nger sie auf dem Markt der Meinungen feilgeboten wird, und je mehr sie sich an der schn&#246;den Realit&#228;t abarbeiten muss, desto abgeschmackter wirkt sie. Gerade darin liegt der Schl&#252;ssel zur bisherigen Entwicklung der &#8220;Gr&#252;nen&#8221;. Abstrakter Menschheitsstandpunkt und Politikf&#228;higkeit schliessen einander aus. Der Alpdruck der herrschenden Realabstraktion erzeugt das Phantasma eines abstrakt-allgemeinen Menschheitsstandpunkts nicht nur, er zersetzt ihn im n&#228;chsten Augenblick auch wieder. Die Parlamentarisierung der prinzipienstarken Unlust am politischen Gesch&#228;ft enth&#252;llt den Ausgangsimpuls schliesslich als Absurdit&#228;t. Wo der abstrakte, &#252;berpolitische Menschheitsstandpunkt auf sich selbst beharrt, verurteilt er sich zur Wirkungslosigkeit und wird unhaltbar. Der fundamentalistische Fl&#252;gel der &#8220;Gr&#252;nen&#8221; offeriert seinen Anh&#228;ngern nur die Unschuld eines reinen Gewissens und verf&#228;llt zusehens einem altj&#252;ngferlichen Ambiente. Angesichts des harten Verdr&#228;ngungswettbewerbs, den sich Tschernobyl, die Verseuchung des Grundwassers, das Waldsterben, und das Ozonloch in den Schlagzeilen der Tageszeitungen liefern, wirkt der &#8220;realpolitische&#8221; Spatz in der Hand aber noch immer attraktiver als die unerreichbare &#8220;Fundi-Taube&#8221;. Gerade weil die &#246;kologischen Probleme sich mehr und mehr zuspitzen und sich in der Bev&#246;lkerung das Gef&#252;hl verbreitet, dass die Zeit dr&#228;ngt, kann der Dauerclinch zwischen &#8220;Fundis&#8221; und &#8220;Realos&#8221; nur mit dem Endsieg der realpolitischen Str&#246;mung enden <a name="F29"></a><a href="#FN29">29</a>. Die &#220;berwindung des abstrakten Geldinteresses durch die Emanationen abstrakter Staatsb&#252;rgerlichkeit scheitert wie jede Quadratur des Kreises kl&#228;glich und setzt zwei m&#246;gliche Optionen von &#8220;Realpolitik&#8221; frei. Der abstrakte, &#252;berpolitische Menschheitsstandpunkt, der konsequent vom allgemeinen Geldinteresse absieht, muss sich entweder zur Kritik von Ware, Geld und Demokratie konkretisieren oder selber wieder auf den Standpunkt einer geldhaften, abstrakten und daher auch politischen Allgemeinheit zusammensacken. Wer nicht zur fundamentalen Kritik der herrschenden Produktionsweise und all ihrer Emanationen voranschreitet, der muss vor den Aporien der Warenproduktion bedingungslos kapitulieren <a href="#FN29"></a><a name="F30"></a><a href="#FN30">30</a>. Die &#8220;Gr&#252;nen&#8221; als demokratische Partei k&#246;nnen nur die zweite L&#246;sung w&#228;hlen und erl&#246;schen damit als Sonderform im System der modernen Volksparteien. W&#228;hrend sich das Anliegen Umweltschutz, soweit es in der herrschenden Geldform m&#246;glich ist, verallgemeinert hat, sind die &#8220;Gr&#252;nen&#8221; bereits auf dem besten Weg dazu, sich als eigenst&#228;ndiger, aber inhaltlich kaum mehr unterscheidbarer Juniorpartner der gel&#228;uterten Sozialdemokratie anzupassen. Ihre Mission ist erf&#252;llt und die gr&#252;ne Str&#246;mung darf absterben <a name="F31"></a><a href="#FN31">31</a>. Heute, knapp 1« Jahrzehnte nach ihrem Entstehen, hat die &#8220;andere Demokratie&#8221; ihren Kulminationspunkt bereits l&#228;ngst &#252;berschritten. Ohne jeden Elan und fast ausschliesslich mit qu&#228;lerischer Selbstzerfleischung besch&#228;ftigt, entpuppt sich die scheinradikale Aufl&#246;sung der Krise des bundesdeutschen Parteiensystem nur als weiteres Moment eben dieser Krise. Die mit der Wertform kollidierende gesellschaftlichen Bed&#252;rfnisse bleiben uneingel&#246;st, solange sie sich nicht von der Figur des abstrakten Staatsb&#252;rgers befreien.</p>
<p>Der gordische Knoten, zu dem sich die Krise aller tragenden Momente der Wertvergesellschaftung verschlingt, zeichnet sich deutlicher und klarer ab und schl&#228;gt auch verheerend auf die politischen Vermittlungsformen durch, wenn neben die Probleme, die aus dem Selbstlauf kapitalistischer Akkumulation auf verwissenschaflichtem Produktivkraftniveau resultieren, auch noch jene Krisenmomente treten, die aus dem Versagen der Realakkumulation erwachsen. Der Grundwiderspruch zwischen der steigenden Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung des stofflichen Produktionsprozesses und dem alleinigen Zweck der Verwertung des Werts, dem dieser neue Inhalt unterworfen bleibt, spitzt sich aber genau in dieser doppelten Weise zu. Was als Legitimationskrise begann, sobald neben den Geldinteressen sich konkret allgemeine Aufgaben auftaten, die mit der Geldform kollidieren, erreicht eine neue Qualit&#228;t und trifft das etablierte demokratische System in seiner Substanz, wenn die diversen gesonderten Geldinteressen auf ihrer eigenen Grundlage in Mitleidenschaft gezogen werden. Das System der Volksparteien, das ausser dem gemeinsamen Geldinteresse keine Form gesellschaftlicher Synthese kennt, ist auf das Funktionieren des Akkumulationsprozesses angewiesen, um die gesamte Wahlbev&#246;lkerung unter seinen Fittichen vereinigen zu k&#246;nnen. Diese Bedingung ist aber heute br&#252;chig geworden und keineswegs so selbstverst&#228;ndlich erf&#252;llt wie in den 60er und fr&#252;hen 70er Jahren. Mit der sich befestigenden Verunsicherung nimmt die Konkurrenz der disparaten Geldinteressen einen harscheren Ton an, und die uns vertraute politische Landschaft ger&#228;t in Bewegung. Im Schatten, der sich abzeichnenden Krise, verwandeln sich die Br&#252;der im Gelde in Hy&#228;nen, die sich um die verbliebenen Brocken balgen, gerade weil ihre widerstreitenden Interessen in diesem Medium korreliert und einander gleich werden.</p>
<p>Allein, mit einer wie auch immer gearteten Renaissance des traditionellen Klassenkampfes zwischen &#8220;Kapital&#8221; und &#8220;Arbeit&#8221;, die sich die neue Linke in den 60er und 70er Jahren noch von der R&#252;ckkunft zyklischer Krisen erwartete, hat das alles sehr wenig zu tun. Denn die Entwicklung der Wertvergesellschaftung hat mit der Verallgemeinerung der Geldbeziehung die einfache Bipolarit&#228;t von &#8220;Lohn-&#8221; und &#8220;Profitinteresse&#8221; nicht nur nicht hergestellt, sie hat sie als das die Gesellschaft charakterisierende Merkmal zusehends im Interessenpluralismus ausgel&#246;scht. Die vereinheitlichte Formbestimmung, die alles und jeden in ihren Bann schlagende Geldbeziehung, vereinfacht die Interessenstruktur nicht, sondern zerst&#252;ckelt die Gesellschaft in eine Vielzahl einander widerstrebender und durchkreuzender Schichten und Interessengruppen. Aus der produktiven Beziehung von Kapital und Arbeit entspringt zwar die gesellschaftliche Wertmasse, die die Grundlage der b&#252;rgerlichen Gesellschaft &#252;berhaupt abgibt, deshalb fallen aber die dazugeh&#246;rigen Binnenkonflikte im produktiven Sektor (der Gegensatz von Lohnarbeiterinteresse und dem Interesse seines Kapitalisten) noch lange nicht mit der entscheidenen Konfliktlinie zusammen, die den herrschenden gesellschaftlichen Grundkonsens aufreissen kann <a name="F32"></a><a href="#FN32">32</a>. Im Gegenteil, gerade die Interessen der produktiven Lohnarbeiter und des produktiven Kapitals r&#252;cken im Kampf aller Geldinteressen auf vielen gesellschaftlichen Konfliktfeldern einander n&#228;her und koalieren. Sobald es darum geht, Schlachten gegen die sich st&#228;ndig verbreiternde Masse &#8220;Dritter Personen&#8221; zu schlagen, finden wir sie beide in sch&#246;ner Regelm&#228;ssigkeit auf der gleichen Seite der diffuser gewordenen gesellschaftlichen Frontlinie. Denn mit dem Universalwerden des Geldes haben sich die m&#246;glichen Geldinteressen keineswegs im bipolaren Spannungsfeld von Lohninteressen der &#8220;Arbeiter&#8221; <a name="F33"></a><a href="#FN33">33</a> und den Profitinteressen der &#8220;Kapitalisten&#8221; ausgerichtet, wie sich das der traditionelle Marxismus immer ertr&#228;umte. Die Verallgemeinerung der Geldbeziehung, der der Fordismus endg&#252;ltig zum Durchbruch verhalf, differenzierte stattdessen die Sozialstruktur aus und ging mit einem historisch einmaligen Anwachsen abgeleiteter Einkommensquellen einher, die sich der &#252;berkommenen Zuordnung auf Lohn oder Profit sperren, weil sie, im gesamtgesellschaftlichen Rahmen angesiedelt, allesamt wertm&#228;ssig vom wertproduktiven Sektor alimentiert werden m&#252;ssen und damit sowohl f&#252;r das produktive Kapital als auch f&#252;r die produktive Arbeit auf der Grundlage einer warenproduzierenden Gesellschaft nur als Abzug und finanzielle Belastung erscheinen k&#246;nnen. Wenn die traditionelle Arbeiterklasse sich einst durch die mehrwertfressenden Kapitalisten um ihren &#8220;vollen Arbeitsertrag&#8221; betrogen sah, so f&#252;hlt sich der moderne Arbeiter mindestens ebensosehr durch die staatliche Steuerabsch&#246;pfung, das Zwangsversicherungswesen und den Sozialstaat insgesamt geschr&#246;pft <a name="F34"></a><a href="#FN34">34</a>. Hinter dem Gegensatz der auf breiter Front erst nach dem 2.Weltkrieg durch die staatliche Umverteilung konstituierten, an sich selber wieder vielgliedrigen Geldinteressen und den gemeinsamen Verteilungsinteressen von produktivem Kapital und produktiver Arbeit ist die Binnenkonkurrenz von Profit und Lohn ins zweite Glied ger&#252;ckt und zu einem geldhaften Interessengegensatz unter vielen anderen gesundgeschrumpft. Unter den Bedingungen von Verwissenschaftlichung und wachsender Vergesellschaftung des Reproduktionsprozesses ist heute das Gegeneinander gesellschaftlich notwendiger, aber wertm&#228;ssig unproduktiver Sektoren und der Waren und Tauschwert produzierenden Kernsegmente f&#252;r die s&#228;kulare Entwicklung des Kapitalverh&#228;ltnisses wesentlich wichtiger geworden. Auch wenn die Beteiligten um die werttheoretischen Hintergr&#252;nde dieses Zusammenhangs nat&#252;rlich nicht wissen, und er ihnen nur bruchst&#252;ckhaft und verschroben ins Bewusstsein r&#252;ckt, so tr&#228;gt er mittlerweile mehr gesellschaftlichen Sprengstoff in sich als der verblassende Kampf von Kapital und Arbeit. Kapital und Arbeit geraten parallel zueinander in die Krise und gehen gemeinsam unter.</p>
<p>Die Grundlogik dieses Prozesses ist dabei relativ klar und einfach. W&#228;hrend der Umfang der Wertproduktion ausschliesslich an der im unmittelbaren Produktionsprozess verausgabten Arbeit h&#228;ngt, er also allein aus der aktiven Arbeiterklasse fliesst, schliesst die stoffliche und soziale Reproduktion der modernen b&#252;rgerlichen Gesellschaft notwendig noch weitere, entlohnte T&#228;tigkeitsfelder ein. Auf fortgeschrittenem Produktivkraftniveau setzt die stoffliche Produktion, von der sich der Wertbildungsprozess nun einmal nicht emanzipieren kann, flankierende, allgemein-gesellschaftliche Arbeiten (Infrastruktur, Bildungssystem, etc.) voraus, die selber wertm&#228;ssig unproduktiv sind und als wachsende faux frais den Akkumulationsprozess, die Anh&#228;ufung von konstantem und variablem Kapital beschr&#228;nken. Die moderne b&#252;rgerliche Gesellschaft hat mit dem Fortgang der Produktivkraftentwicklung eine breite Palette von Arbeitsbereichen herausdifferenziert und notgedrungen monetarisiert, die zwar gesellschaftlich notwendig sind, aber keineswegs in die Kriterien betriebswirtschaftlicher Profitabilit&#228;t eingebunden werden k&#246;nnen. Die dort verausgabte Arbeit kann daher ihren Rahmen nicht im Austausch des Einzelkapitals mit seinen Arbeitern finden. Sie muss stattdessen via Umverteilung und Redistribution aus dem wertproduktiven Sektor und damit zu Lasten der Einkommen von produktiven Arbeitern und Kapitalisten finanziert werden. Der entwickelte Produktions- und Verwertungsprozess kann ohne einen sich best&#228;ndig ausdehnenden gesamtgesellschaftlichen Rahmen l&#228;ngst nicht mehr funktionieren. Das Ziel, dem dieses Mittel dient, die Verwertung des Werts, wird aber gleichzeitig von dessen wachsendem Umfang beeintr&#228;chtigt und schliesslich erdr&#252;ckt. Die st&#228;ndige Expansion des &#246;ffentlichen Dienstes, der heute weder nach Besch&#228;ftigtenzahlen noch nach funktioneller Bedeutung mit der vollkommen marginalen Gruppe von Staatsbediensteten in fr&#252;heren Etappen kapitalistischer Entwicklung zu vergleichen ist, ist ein Symptom dieser unaufhaltsamen Entwicklung <a name="F35"></a><a href="#FN35">35</a>. Auch wenn diese objektive Logik, die die kapitalistische Produktionsweise in die Krise und damit schliesslich &#252;ber sich hinaustreibt, den konstituierten Sozialcharakteren nat&#252;rlich verschlossen bleibt, so gehen deren Folgen doch am Alltagsverstand nicht spurlos vorbei. Als Lohnsteuerzahler weiss der produktive Lohnarbeiter sehr wohl, dass das Einkommen seiner &#214;TV-Kollegen keineswegs auf den B&#228;umen w&#228;chst, sondern in letzter Instanz auch aus seiner Tasche stammt.</p>
<p>Wenn hier von der Herausbildung eines gesamtgesellschaftlichen Rahmens die Rede ist, ohne den die Reproduktion einer modernen b&#252;rgerlichen Gesellschaft nicht mehr funktionieren kann, so ist die Entstehung neuer Kategorien von abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten nur eine Seite dieses noch viel allgemeineren Prozesses. Die Zersetzung vorkapitalistischer Strukturen, die mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise unvermeidlich verkn&#252;pfte Monadisierung und Individualisierung, macht auch die Versorgung nichtarbeitender Personengruppen zur notwendigen gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Was landl&#228;ufig unter der Rubrik &#8220;Sozialstaat&#8221; abgehandelt wird, ist keineswegs ein Problem staatlich organisierter Mildt&#228;tigkeit, sondern ist l&#228;ngst f&#252;r den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess und damit auch als Voraussetzung des Verwertungsprozesses unentbehrlich geworden. Die Bereitstellung einer breiten Masse qualifizierter Arbeitskr&#228;fte kann nicht der privaten Finanzkraft einzelner Familien &#252;berlassen bleiben, der Staat muss selber einspringen, um von dieser Seite her eine einigermassen breit gestreute und f&#252;r die Bed&#252;rfnisse des Kapitals effiziente Ausbildung zu sichern. Daher wuchern neben den abgeleiteten Arbeitseinkommen auch neue Einkommenskategorien, die kein Entgeld mehr f&#252;r Lohnarbeit darstellen, aber f&#252;r die Reproduktion und Qualifizierung der Ware Arbeitskraft als gesamtgesellschaftliche Potenz unerl&#228;sslich werden. Das &#8220;Lohnarbeitsleben&#8221; nimmt einen immer geringeren Bruchteil an der menschlichen Lebensspanne ein <a name="F36"></a><a href="#FN36">36</a> und die Versorgung all jener Menschen, die weder &#252;ber Lohnarbeit noch als private Rentiers ihre Reproduktion bestreiten, kann immer weniger auf ein l&#228;ngst zerfetztes soziales Geflecht abgeschoben werden <a name="F37"></a><a href="#FN37">37</a>. Was in fr&#252;heren Phasen kapitalistischer Entwicklung noch weitgehend unter den Zust&#228;ndigkeitsbereich des Familienverbandes subsumiert war und inzwischen eine historisch einmalige Dimension angenommen hat, wird heute zunehmend zu wesentlichen gesellschaftlichen Sektoren ausdifferenziert. In der modernen b&#252;rgerlichen Gesellschaft, die ihre eigene Gesellschaftlichkeit nur im Geldmedium abwickeln kann, m&#252;nden aber all diese verschiedenen Momente von Vergesellschaftung durch Individualisierung und Vereinzelung unweigerlich in eine gigantische monet&#228;re Redistribution. Die verschiedenen Kategorien von Lohnarbeitern, deren Arbeit in die Erstellung der gesellschaftlichen Infrastruktur eingeht, der Rentner und der Student, die nicht mehr vom eigenen Familienverband, sondern als vereinzelte Monaden auf Staatskosten unterhalten werden, sie alle liegen dem wertproduktiven Sektor auf der Tasche und werden zu Mitessern am gesamtgesellschaftlichen Wertprodukt. Der zeitgen&#246;ssische Kapitalismus ist ohne diese gigantische Umverteilungsmaschinerie, von der sich unserer Vorfahren, als sie Bismarcks Sozialgesetzgebung bejubelten, nie etwas h&#228;tten tr&#228;umen lassen, gar nicht mehr denkbar und auf heutigem Produktivkraftniveau auch nicht mehr funktionsf&#228;hig. Wer nicht mehr, oder noch nicht, am Lohnarbeitsleben beteiligt ist, oder wer gerade aus dem Arbeitsprozess herausgefallen ist, erh&#228;lt durch staatliche und/oder pflichtversicherungsm&#228;ssige Umverteilung Anteil an der gesamtgesellschaftlichen Wertsch&#246;pfung. Sein Unterhalt lastet auf der Gesamtheit aller Versicherten und Steuerzahler und seine jeweiligen Geldinteressen etablieren sich als weitere Konkurrenz. Selbst die Fortpflanzung der Gesamtpopulation hat aufgeh&#246;rt eine Selbstverst&#228;ndlichkeit darzustellen, die getrost dem naturw&#252;chsigen Selbstlauf &#252;berlassen bleiben kann. Auch hier f&#252;hlt sich der Staat in die Pflicht genommen und kommt der neuen Aufgabe in der ihm einzig m&#246;glichen, daf&#252;r erb&#228;rmlich-hilflosen Form nach. Er wird zum kollektiven Teilzahlvater. Da Kinder vom Standpunkt des monadisierten Geldbesitzers und Konsumenten nur als dysfunktionaler Luxus erscheinen k&#246;nnen, dieser &#8220;Luxus&#8221; aber f&#252;r die Fortexistenz jeder Gesellschaft nun einmal lebensnotwendig ist, muss er den Einzelnen von Staats wegen, wenigstens durch Teilsubventionierung einigermassen schmackhaft gemacht werden. Wie die in allen entwickelten Industriestaaten steil abgefallene Fertilit&#228;tsrate zeigt, bleibt diesen Versuchen nur wenig Erfolg beschieden. Aber immerhin gelingt es dieser Sorte von Familienpolitik, ausser dem Gegensatz von Arbeitslosen und Arbeitsplatzbesitzern auch noch das potentielle Gegeneinander von Kinderlosen und Kindseigent&#252;mern virulent zu machen.</p>
<p>Der reale von der Verwertungslogik losgetretene Vollvergesellschaftungsprozess wuchert allenthalben &#252;ber die warenf&#246;rmige Verkn&#252;pfung hinaus. Unter kapitalistischen Bedingungen muss der Staat diesem Umstand Rechnung tragen und das gesellschaftliche Umfeld, das der moderne Produktionsprozess ben&#246;tigt, bereitstellen. In einer auf Wert und Ware beruhenden Gesellschaft kann die &#246;ffentliche Hand und die ihr angeschlossenen Zwangsversicherungen nur durch monet&#228;re Umverteilung diesen realen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang gegen&#252;ber den Warenproduzenten und vereinzelten Geldbesitzern und ihren getrennten Geldinteressen durchsetzen und vermitteln. Diese Funktion nimmt einen umso gr&#246;sseren Stellenwert ein, je weiter unmittelbare Warenproduktion und der stoffliche Reproduktionsprozess, der die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite umspannt, auseinandertreten. Die allm&#228;hlich &#252;ber die Wertform hinaustreibende Durchvergesellschaftung f&#228;llt innerhalb der b&#252;rgerlichen Formbestimmtheit mit der unaufhaltsamen Expansion der &#246;ffentlichen Redistributionssph&#228;re zusammen. Da der moderne Staat seine gesamtgesellschaftliche Aufgabe nur via Geld leisten kann, in einer Form also, die zum allgemein-gesellschaftlichen Charakter gerade im Widerspruch steht, reproduziert seine T&#228;tigkeit den zwieschl&#228;chtigen Charakter der Warenproduktion, gleichzeitig gesellschaftlich und ungesellschaftlich zu sein, auf neuer Stufenleiter. Die Staatsintervention stellt den Gesamtzusammenhang her, indem sie unter bestimmten Gesichtspunkten Quanta abstrakten gesellschaftlichen Reichtums von der Tasche des einen freien und gl&#252;cklichen Geldbesitzers zu der des anderen schaufelt. Die staatliche Zwangskopplung der Geldbeutel realisiert nicht nur die gesellschaftliche Verkn&#252;pfung der Besitzer, sie bringt sie gleichzeitig in Gegensatz zueinander. Gerade weil die staatliche Redistribution den realen gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung zu tragen versucht, diese Aufgabe aber nur im Geldmedium angehen kann, schafft sie den realen gesellschaftlichen Zusammenhang als un&#252;bersehbare Vielzahl sich bekriegender Geldinteressen. Mit jedem neuen Verteilungskriterium, das sie entwickelt, schafft sie ein weiteres, mit all seinen Artgenossen konkurrierendes, Geldinteresse. Der Sozial- und Steuerstaat, zumal wenn er in die Finanzkrise ger&#228;t, stellt den Lohnsteuerzahler allen Sozialhilfeempf&#228;ngern gegen&#252;ber, macht den Beitragszahler zur gesetzlichen Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung zum Feind aller Pensionisten und Arbeitslosengeldbezieher und verwandelt jeden Steuerzahler in einen Gegner des defizit&#228;ren &#246;ffentlichen Nahverkehrs. Nicht zuf&#228;llig wiederholen sich deshalb an den bundesdeutschen Stammtischen nicht nur die ewig gleichen Tiraden gegen arbeitsscheue und Arbeitspl&#228;tze klauende Ausl&#228;nder, sondern auch die abgestandenen Rentner-&#220;berroll-Pr&#228;mienwitze. (Es sei denn, die fr&#246;hliche Stammtischrunde setzt sich aus &#228;lteren Semestern zusammen.) Im Verteilungskampf um den abstrakten gesellschaftlichen Reichtum stehen sich nicht nur Kapitalisten und Arbeiter feindlich gegen&#252;ber, sondern auch Beitragszahler und Rentner, Steuerzahler und die diversen Empf&#228;nger staatlicher Leistungen (vom Sozialhilfeempf&#228;nger bis zur maroden Grosswerft). Alle bekriegen sich, weil sie alle nur das eine knapper werdende Gut wollen &#8211; Geld.</p>
<p>Diese neue Zerkl&#252;ftung der sozialen Landschaft verliert dadurch nichts an Sch&#228;rfe, dass die Unzahl neuer Geldbesitzerkategorien keineswegs neue soziale und gesonderte Milieus konstituieren, ja nicht einmal fest mit bestimmten Personen verwachsen. Der Lohnabh&#228;ngige wird als Lohnsteuerzahler der Erh&#246;hung dieser Steuer genauso begeistert gegen&#252;berstehen, wie er als Verbraucher die h&#246;here Mehrwertsteuer zu sch&#228;tzen weiss, auch wenn er als Kindergeldbezieher oder k&#252;nftiger Rentner zu den potentiellen Nutzniessern h&#246;herer staatlicher Einnahmen geh&#246;ren mag. Auch der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigte kann in seiner Funktion als Sparer in die Verlegenheit kommen, Quellensteuer entrichten zu m&#252;ssen und wird dar&#252;ber in dumpfen Groll verfallen. Auch wenn die Individuen zwischen den verschiedenen sozialen Funktionen frei flottieren und in der sozialstaatlichen Redistribution die unterschiedlichsten Rollenbestimmungen in sich vereinen, so verfolgen sie doch ihre aktuellen verschiedenen Geldinteressen mit Klauen und Z&#228;hnen und unbek&#252;mmert der Folgelasten, die die Allgemeinheit zu tragen hat. Die bis zur Un&#252;berschaubarkeit sich auswuchernde, aber doch immer ungen&#252;gend bleibende Differenzierung der Umverteilungsstruktur zeigt nur an, dass die Reduktion der Wirklichkeit auf Geldinteressen insgesamt obsolet wird. Die Vielfalt der konkret stofflichen Verkn&#252;pfung bricht sich an der abstrakten Geldform, in der sie sich innerhalb der b&#252;rgerlichen Verkehrsform allein darstellen kann. Statt zu befrieden, schafft die contradictio in adjecto der Verkollektivierung des abstrakten Reichtums, die Transformierung des Allgemeinen in ein abgetrenntes Besonderes, verquere Frontstellungen und blockiert ihre eigene Funktion permanent selbst. Die aktuellen, allesamt im Ansatz schon kl&#228;glich gescheiterten Versuche einer Reform von Gesundheitswesen und Rentensystem dokumentieren schlagend die Dysfunktionalit&#228;t des gesamten Mechanismus. Der Tanker treibt dahin, und wenn die hilflosen Steuerleute nicht durch hektisches Man&#246;vrieren sein absehbares Auseinanderbrechen riskieren wollen, so werden sie ihn daf&#252;r zielsicher aufs Riff der Unfinanzierbarkeit setzen. Jeder breiter angelegte Reformanlauf versackt auf diesen Gebieten im Handumdrehen im Widerstandsgestr&#252;pp der betroffenen Interessengruppen und statt rationaler Regulierung kann sich als Kompromiss beider &#220;bel nur notd&#252;rftigste Flickschusterei durchsetzen.</p>
<p>Diese Entwicklung resultiert zwangsl&#228;ufig aus der wachsenden realen stofflichen Vergesellschaftung, die in die sich dadurch erst verallgemeinernde Geld- und Warenform gepresst bleibt. Sie wird &#252;bert&#252;ncht und bleibt untergr&#252;ndig, solange der wertproduktive Sektor der Wirtschaft boomt und seine absolute Ausdehnung die wachsende relative Last wegstecken kann. Was sich in der Nachkriegsprosperit&#228;tsphase schleichend anbahnte, spitzt sich aber zu und wird gesamtgesellschaftlich akut, sobald der Verwertungsprozess insgesamt ins Stocken ger&#228;t und die Proportionen sich weiter, gerade auch durch die Krise, zuungunsten des wertm&#228;ssig produktiven Sektors verschieben. Das Anwachsen der abgeleiteten Einkommenskategorien kann nicht einfach r&#252;ckg&#228;ngig gemacht werden und aus der relativen Mehrbelastung wird eine absolute. Neben die Krise der Realakkumulation treten die Krisen des Gesundheitswesens, des Rentensystems und des Sozialstaates und komplettieren sie erst. Sobald Rentner, Arbeitslose, Beamte und sonstige Empf&#228;nger abgeleiteter Einkommen &#252;berhandnehmen, versch&#228;rft sich der Verteilungskonflikt zwischen diesen Gruppen und noch mehr nat&#252;rlich der gegen&#252;ber den lohnabh&#228;ngigen Beitragszahlern jeder Couleur.</p>
<p>Diese Zuspitzung der allseitigen Konkurrenz trifft nicht von vornherein die gesamte Gesellschaft gleichermassen. Ihre konzentrierte Wucht entfaltet sich zun&#228;chst am unteren Ende der sozialen Skala, dort, wo der Bezug auf die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums erlischt und nurmehr Verteilungsk&#228;mpfe angesagt sind. Mit dem Auslaufen des fordistischen Akkumulationsschubs hat sich die bundesdeutsche Sozialstruktur auf ihren unteren Stufen stark ver&#228;ndert. Was in den letzten Jahren als &#8220;Neue Armut&#8221; apostrophiert wurde, hat ihr reales Substrat. In den letzten Jahren entstand eine wachsende Schicht von Deklassierten und Dauerarbeitslosen, die endg&#252;ltig aus dem Verwertungszusammenhang herausgefallen sind. Dieser nurmehr marginal (Schwarzarbeit, etc.) auf den produktiven Stoffwechsel bezogene gesellschaftliche Bodensatz fristet, zur neu entstandenen und ausufernden Kategorie &#8220;Sozialfall&#8221; <a name="F38"></a><a href="#FN38">38</a> kollektiviert und individualisiert, sein Dasein und ist in den gesamtgesellschaftlichen Rahmen als Objekt staatlicher F&#252;rsorge eingebunden. Die Absonderung einer breiten, auf staatliche Wohlfahrt verwiesenen Pariaschicht ist kein vor&#252;bergehender Betriebsunfall im sozialen Getriebe, sie wird zum sozialen Dauerbrenner und wirft gravierende Probleme auf. F&#252;r eine neue, heterogen zusammengesetzte soziale Gruppe &#8211; sie umfasst genauso Jugendliche ohne Ausbildung, &#228;ltere Arbeitnehmer aus absterbenden Industriezweigen wie Bauern, deren bisherige Lebensgrundlage der EG-Binnenmarktintegration zum Opfer f&#228;llt &#8211; kann selbst der allseits erhoffte neue Aufschwung auf der Basis internationaler Arbeitsteilung und neuer Technologien keine Lebensperspektive bieten. Den Flexibilit&#228;tsanspr&#252;chen der neuen transnationalen high-tec-Strukturen werden sie nicht gerecht, und deren Siegeszug verengt nur den verbliebenen Spielraum. Was f&#252;r die Unklasse der bereits Deklassierten akut geworden ist, bedroht potentiell weite Bereiche von unqualifizierter Besch&#228;ftigung und gewinnt so gesellschaftliche Durchschlagskraft. Im neuen multinationalen europ&#228;ischen Block, der das dahingewelkte &#8220;Modell Deutschland&#8221; abl&#246;sen soll, werden die Wassertr&#228;ger der fordistischen Akkumulation und ihre Kinder nach und nach in Nischen abgedr&#228;ngt, w&#228;hrend breite Teile dieser Schicht ihrer Degradierung zu Almosenempf&#228;ngern entgegengehen. Gl&#252;cklich ist, wer auf Grund der Gnade der fr&#252;hen Geburt rechtzeitig in den verdienten Voruhestand entfleuchen kann. Jede fallende Grenze, das unaufhaltsame Voranschreiten der Weltmarktintegration, macht die Stellung der fordistischen Arbeiterschichten nur unhaltbarer <a name="F39"></a><a href="#FN39">39</a>. Gerade die klassischen Basisindustrien, die beim Nachkriegsaufschwung eine bedeutende Rolle spielten und die breite Masse lebendiger Arbeit absorbierten, werden heute und in Zukunft hierzulande abrasiert. Sie wandern in die Schwellenl&#228;nder aus <a name="F40"></a><a href="#FN40">40</a>, oder sind bevorzugtes Experimentierfeld f&#252;r arbeitssparende computergesteuerte Fertigung <a name="F41"></a><a href="#FN41">41</a>. Die Weltmarktintegration auf ver&#228;nderter technischer Grundlage, gef&#228;hrdet die alte, relativ privilegierte Position auf dem sich herausbildenden Weltarbeitsmarkt und im Gefolge auch das dolce vita im sozialen Netz eines der reicheren L&#228;nder. Die Verlierer von heute wissen, dass das Fortschreiten des Modernisierungsprozesses f&#252;r sie auch weiterhin nur die Rolle des Opfers bereit halten wird. In die offizi&#246;se politische Diskussion ist dieser Desintegrationstrend unter dem Terminus &#8220;Zweidrittelgesellschaft&#8221; lange schon eingegangen <a name="F42"></a><a href="#FN42">42</a> und schon seit geraumer Zeit wurde &#252;ber dessen m&#246;gliche politische Implikationen r&#228;soniert. Heute beginnen sie sich praktisch abzuzeichnen. Dem l&#228;ngst angelaufenen sozialen Desintegrationprozess folgt allm&#228;hlich ein politischer. Der Zusammenhalt der b&#252;rgerlichen Gesellschaft beginnt an ihrem unteren Rand zu br&#246;ckeln, und das schl&#228;gt sich hier zu guter Letzt in neuen politischen Formen und auch im Wahlverhalten nieder. Der volksparteiliche Konsens wird in Frage gestellt, er franst aus und wird von seinen Kellerkindern angeknabbert. Die &#220;berraschungserfolge von Republikanern und NPD bei den Senatswahlen in Berlin und den Kommunalwahlen in Hessen m&#252;ssen hier als Menetekel gelten. Was lange Jahre nur untergr&#252;ndig innerhalb des politischen Systems wirkte, bricht durch und wird mittlerweile zum politischen Tagesproblem. Das Aufbl&#252;hen rechtspopulistischer Str&#246;mungen in ganz Westeuropa, das Mitte der 80er Jahre einsetzte, greift endlich auch un&#252;bersehbar auf die Bundesrepublik und West-Berlin &#252;ber. Die lange g&#228;rende Entt&#228;uschung &#252;ber die Wenderegierung und die oppositionelle Sozialdemokratie, die Einsicht, dass zumindest f&#252;r das ausgegrenzte &#8220;Drittel&#8221; der Gesellschaft Hochkonjunktur, Vollbesch&#228;ftigung und steigendes Konsumniveau nicht mehr zur&#252;ckkehren werden, m&#252;ndet bei breiten Teilen dieser Schichten in rechtem Protest und gibt den Resonanzboden f&#252;r den anlaufenden rechtspopulistischen Parteibildungsprozess ab. Das entt&#228;uschte nackte Geldinteresse des kleinen Mannes f&#252;hlt sich von den Volksparteien verraten und verkauft und macht sich selbst&#228;ndig. In der &#8220;neuen Rechten&#8221; l&#246;st sich das unmittelbare Geldinteresse der von der &#8220;postfordistischen&#8221; Krise &#252;berrollten und an den gesellschaftlichen Rand gedr&#228;ngten Gruppen von der volksparteilichen Synthese ab und kommt zu einer gesonderten Ausdrucksform. So &#252;berraschend die pl&#246;tzliche Kulmination dieser Entwicklung in den letzten Monaten auch sein mag, auf Dauer konnte dieser neue Seperatismus am rechten Rand des politischen Spektrums kaum ausbleiben, er war daher auch voraussehbar. Die allgemeine Parteienverdrossenheit, kombiniert mit dem wachsenden Konkurrenzdruck zwischen allen Geldinteressen, kann speziell bei den diversen ausgegrenzten gesellschaftlichen Segmenten nur unmittelbar aufl&#246;send auf den herrschenden gesellschaftlichen Konsens, wie ihn die Volksparteien seit den 50er Jahren transportieren, wirken. Denn w&#228;hrend f&#252;r alle Schichten, die in die Erzeugung des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhangs und damit direkt oder indirekt in die Schaffung der Gesamtwertmasse eingebunden sind, die Notwendigkeiten der Kooperation im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess als Korrektiv gegen&#252;ber dem blossen Verteilungsgesichtspunkt wirksam werden, stellen die unterschiedlichen Kategorien von Wohlfahrtsempf&#228;ngern f&#252;reinander und f&#252;r den Rest der Gesellschaft nichts als Abzug vom eigenen Anteil dar. Alle wie auch immer im Reproduktionsprozess involvierten Schichten sind f&#252;reinander Konkurrenten und Partner. Die Herausgefallenen kennen einander nur als Gegner und ihre unwilligen Finanziers sp&#252;ren sie als wachsende Last, und so werden Hass und Neid im unteren Drittel der Gesellschaft umso erbitterter, je bescheidener die Aussichten f&#252;r alle Abgest&#252;rzten werden und je mehr ihre Zahl anschwillt. Unterhalb der korporatistische Z&#252;ge annehmenden Interessengemeinschaft aller an der Produktion des abstrakten Reichtums Beteiligter bahnen sich zwischen und um die &#8220;sozialen Opfer&#8221; Konflikte von in der bisherigen Geschichte der Republik unbekannter H&#228;rte an. Der breiter werdende gesellschaftliche Bodensatz wird zum bevorzugten Opfer und Tr&#228;ger einer neuen Feindseligkeit, die die Sozialpartnerschaft der Wirtschaftswunderjahre zwar nicht abl&#246;sen kann, ihren G&#252;ltigkeitsbereich aber immer mehr einschr&#228;nkt. Die Unklasse der Deklassierten gelangt zu diesem pikanten Doppelcharakter, indem sie &#8211; den inneren Bruchlinien ihres bunt zusammengew&#252;rfelten Haufens folgend- offensiv gegen die schw&#228;chsten Segmente in ihren eigenen Reihen vorgeht <a name="F43"></a><a href="#FN43">43</a>. Die Ausgegrenzten grenzen selber aus, um den Andrang an den Futtertr&#246;gen zu verringern. Die Einheitlichkeit des Interesses -alle wollen das Gleiche, n&#228;mlich Geld- verleiht den Auseinandersetzungen, dort wo der Bezug zur Erzeugung des abstrakten Reichtums gekappt ist und es allein um die Verteilung der abfallenden Brosamen geht, einen Hang zur Erbarmungslosigkeit. Der deutsche Sozialhilfeempf&#228;nger neidet seinem tamilischen Kollegen jede Mark, der Arbeitslose auf Wohnungssuche sieht den wolgadeutschen Sp&#228;taussiedler als Sargnagel all seiner Hoffnungen auf Wohnraum und Arbeitsplatz. Ausgerechnet die Deklassierten k&#252;ndigen die allumfassende Sozialpartnerschaft, und ziehen ressentimentgeladen bis handgreiflich gegen andere kulturell oder national abgrenzbare &#8220;Nutzniesser&#8221; des &#8220;deutschen&#8221; Staates zu Felde. Die reale Sparpolitik des Staates, die gerade die sozial Bed&#252;rftigen hart trifft, zeitigt Wirkung. Sie schl&#228;gt vor allem im Verh&#228;ltnis zu allen nichtdeutschen Bewohnern unseres Landes durch. Die auch in Zeiten der Hochkonjunktur latent vorhandene Fremdenfeindlichkeit wird manifest und zum politischen Faktor.</p>
<p>Trotzdem darf diese Entwicklung keineswegs mit der Wiedergeburt eines lebensstarken Nationalismus verwechselt werden. Das Kapital hat den nationalen Rahmen l&#228;ngst gesprengt und dieser Sachverhalt reflektiert sich auch in den modernen rechtspopulistischen Str&#246;mungen. Die hier immer mitschwingenden deutscht&#252;mlerischen Fermente haben nichts Genuines an sich, sie sind selber im wahrsten Sinne nur reaktion&#228;r und an sich selber hohl geworden. Wie im Zugabteil wird jeder Neuank&#246;mmling auf deutschen Boden von all seinen Vorg&#228;ngern als Eindringling betrachtet, der den eigenen Platz einengt, und er wird so lange abgelehnt, bis weiterer Zuzug ihn (zumindest fast) zu einem der unseren macht. Wer heute noch stolz ist, ein Deutscher zu sein, beharrt nur auf seinen &#228;lteren Rechten, die er daraus ableitet, dass er schon l&#228;nger im Lande ist, weil ihm kein anderer Vorzug geblieben ist. Mit dem alten Nationalismus als einer gr&#246;ssere Einheiten stiftenden Ideologie hat dies nicht mehr allzuviel zu tun. Der neue Nationalismus taugt nicht mehr dazu das deutsche Volk &#252;ber die l&#228;ngst zerst&#246;rten st&#228;ndischen Grenzen hinweg zusammenzuschweissen. Er ist zur puren Ausgrenzungsideologie verkommen, die Feindschaft und Diskriminierung bestimmter Segmente der bundesdeutschen Gesellschaft zu rechtfertigen hat. Entsprechend inkonsistent und br&#252;chig f&#228;llt der Rekurs auf alles deutsch-nationale aus. Wie leer die Beschw&#246;rung deutschen Blutes in diesem Zusammenhang geworden ist, zeigt schlagend die Tatsache, dass der Kampf gegen neue Konkurrenten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt sich gerade besonders auch gegen deutschst&#228;mmige Sp&#228;taussiedler richtet. Den Erdrutschsieg, den die Republikaner in Berlin davontrugen, verdanken sie weniger dem Hass auf die mittlerweile vertrauten und zahlenm&#228;ssig stagnierenden T&#252;rken, als vielmehr dem Neid auf die wachsenden Aussiedlermassen <a name="F44"></a><a href="#FN44">44</a>.</p>
<p>Die Vereinigung aller Geldinteressen zu einem abstrakten, gesamtgesellschaftlichen Geldinteresse, das die regierenden Volksparteien mehr als 30 Jahre lang leisteten, funktioniert nicht mehr ohne gravierende Friktionen. Nachdem das System der Volksparteien konkrete, gesamtgesellschaftliche Aufgaben, wie den Umweltschutz nicht befriedigend integrieren konnte und daher eine spezielle Partei des Moralisch-Allgemeinen absonderte, erschlafft seine Integrationskraft in der Krise auch was die unmittelbaren Geldinteressen angeht. Im selben Mass wie der fordistische Akkumulationsschub endg&#252;ltig ausl&#228;uft, und sich alle stillen Hoffnung auf dessen Wiederkehr als illusion&#228;r erweisen, separiert sich auch das erb&#228;rmlichste ressentimentgeladene Geldinteresse von der volksparteilichen Synthese und entwickelt seine eigene parteipolitische Ausdrucksform. Das Fortschreiten der realen Vergesellschaftung, die sich an der Wert- und Warenform zu brechen beginnt, &#252;berdehnt die volksparteiliche Form. Angesichts der realen stofflichen Durchvergesellschaftung wird die Verdopplung von Privatinteresse und abstrakter Staatsb&#252;rgerlichkeit, die in den Volksparteien ihre entwickelte Bewegungsform fand, obsolet. Solange aber Geld und Ware fortexistieren, kann sie auch nicht &#252;berwunden werden und schleppt sich auf eine Metaebene transformiert fort. Die deutsche Demokratie l&#246;st ihren immanenten Widerspruch durch die Verdopplung der Verdopplung. Wie der citoyen in den Gr&#252;nen zu seiner weiter verhimmelten Metagestalt kam, so trennt sich auf der anderen Seite vom unmittelbaren bornierten Alltagsinteresse noch einmal dessen Kellerkinderversion. Nach dem abstraktesten Menschheitsstandpunkt wird auch das aller&#228;rmlichste f&#252;r sich stehende Geldinteresse politik- und parlamentsf&#228;hig. Vom realen Problemdruck in die Zange genommen, wuchert die demokratische Form &#252;ber ihren volksparteilichen Rahmen. Die Demokratie bildet Metastasen und verf&#228;llt dabei dem Koma.</p>
<p>Nach den Gr&#252;nen, die als Mahnung zu mehr &#8220;demokratischem Idealismus&#8221; und als eine inkarnierte Aufforderung zur Auseinandersetzung mit den &#8220;grossen Menschheitsfragen&#8221; aufgefasst werden mussten, zieht diesmal der nackte, resentimentgeladene Stumpfsinn ins Parlament. Dem Einzug der &#8220;besseren citoyens&#8221; in die Parlamente folgt nun die Parlamentarisierung der allerarmseligsten Variante von Konkurrenzinteressen. Das dumpfe Grollen des kleinen deutschen Mannes gegen&#252;ber dem Druck ausl&#228;ndischer Mitbewerber auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt schl&#228;gt endlich nicht mehr nur am Stammtisch, sondern auch an der Wahlurne durch.</p>
<p>Das Konzept der Volkspartei, das der politischen Entwicklung der BRD &#252;ber Jahrzehnte seinen Stempel aufdr&#252;ckte, f&#228;llt damit nach beiden Seiten auseinander. Weder der CDU noch der SPD gelingt es noch glaubhaft, die unmittelbarsten Geldinteresssen ihrer W&#228;hlerklientel mit einem hehren Allgemeininteresse zu integrieren, das eine gesellschaftliche Perspektive angeben k&#246;nnte. Die Sozialdemokratie wurde f&#252;r ihr krisenverwaltendes Weiterwursteln mit der Herausbildung der Gr&#252;nen bestraft, auf der Rechten bahnt sich heute spiegelverkehrt eine analoge Entwicklung an. Genauso wie die &#8220;Gr&#252;nen&#8221; einst vom linken Fl&#252;gel den etablierten Dreiklang CDU/CSU, SPD, FDP aufl&#246;sten, so zerfranst heute der rechte Rand der tradierten Parteienlandschaft. Dem linken Protestpotential innerhalb der parlamentarischen Demokratie erw&#228;chst das l&#228;ngst &#252;berf&#228;llige rechte Pendant. Die Integrationskraft der krisen- und skandalgesch&#252;ttelten CDU/CSU im reaktion&#228;ren Lager ist am Ende. Dieses Zerfasern der volksparteilichen Synthese in der Krise ist unvermeidbar. Sie kann durch kein Zugest&#228;ndnis an den Stumpfsinn der bornierten Geldinteressen aus der Welt geschafft werden. Denn keine Regierung, so b&#246;swillig sie auch sein mag, kann ein Land wie die BRD, das voll in den Kapital-, Arbeits-, und Warenweltmarkt integriert ist, so ausl&#228;nderfeindlich und brutal reaktion&#228;r verwalten, dass sie dem Druck der dumpfen, von der realen Krise gesch&#252;ttelten Masse gen&#252;ge leisten k&#246;nnte. Selbst ein Theo Weigel wird, in die Verantwortung genommen, an dieser Aufgabe j&#228;mmerlich scheitern und die in ihn gesetzten Erwartungen entt&#228;uschen.</p>
<p>So wenig aber das sich anbahnende Auseinanderdriften der volksparteilichen Formen reversibel ist, so wenigen versprechen die neuen rechtspopulistischen Str&#246;mungen an sich selber eine wie auch immer geartete gesamtgesellschaftliche Perspektive. Die Hysterie der demokratischen Linken, die am Horizont wieder einmal den Faschismus anmaschieren sieht, ist v&#246;llig deplaziert und verkennt die reale Lage grundlegend. Was sich da vor unseren Augen abspielt, ist keineswegs die Wiederkehr der vordemokratischen, faschistischen Vorvergangenheit, wie es sich das unsere naiven, ewigen Antifaschisten zusammenreimen; im Gegenteil, die Ausbreitung der &#8220;neuen Rechten&#8221; entspringt dem Ausbrennen und Br&#252;chigwerden von Ware und Demokratie, hinter die es im b&#252;rgerlichen Rahmen aber auch kein zur&#252;ck mehr geben kann. Am Ende der demokratischen Entwicklung kann selbstverst&#228;ndlich nicht die R&#252;ckkunft ihrer Vorform stehen. Der verbreitete R&#252;ckgriff auf rechtsradikale Ideologiefragmente darf nicht mit der Lebenskraft faschistischer Politikkonzepte verwechselt werden. Das Gespenst wird Gespenst bleiben und sich, bei Tageslicht besehen, sobald es &#8220;realpolitisch&#8221; gefordert wird, als abgegriffenes Bettlaken, das mit dem Wind weht, enth&#252;llen. Die &#8220;neue Rechte&#8221; ist nicht dazu in der Lage, ein irgendwie stimmiges und konsistentes neues Entwicklungsmodell zu transportieren, sie kann nur als reines Protestph&#228;nomen existieren. Mit der Sammlung des Unwillens der in jeder Beziehung zu kurz Gekommenen lassen sich Wahlerfolge erzielen, aber es ist kein Staat damit zu machen. Sobald Sch&#246;nhuber und Consorten gen&#246;tigt w&#228;ren, auch nur punktuell positive Vorschl&#228;ge zu entwickeln, w&#252;rde sich ihre bunt zusammengew&#252;rfelte Anh&#228;ngerschaft in Windeseile wieder zerstreuen. Hitler konnte f&#252;r seine Vabanquepolitik noch Massen sammeln; ein politisches Ph&#228;nomen wie Sch&#246;nhuber wird, sich augenblicklich in Luft aufl&#246;sen, sobald er so leichtsinnig wird ein zusammenh&#228;ngendes Konzept formulieren zu wollen <a name="F45"></a><a href="#FN45">45</a>. Der traditionelle Faschismus war nicht nur das Resultat der Krise der vorg&#228;ngigen politischen Formen, er konnte nur siegen, weil er auch Antworten auf sie parat hatte. Sowohl in der italienischen wie in der deutschen Variante war er Produkt und Aufl&#246;sung einer Modernisierungskrise. Er wird allein aus seiner transitorischen Funktion verst&#228;ndlich. Dem moralinsauren demokratischen Antifaschismus entgeht, dass dazu heute nicht die geringste Parallele auszumachen ist. Das Aufkommen des Rechtspopulismus ist zwar ein Symptom f&#252;r den Niedergang der Geldvergesellschaftung, er kann ihn aber nicht einmal oberfl&#228;chlich kitten und &#252;berwinden. Es gibt kein b&#252;rgerliches Land jenseits der zerfallenden schon voll ausgebildeten Geld- und Warenform, es kann daher auch keinen postdemokratischen b&#252;rgerlichen Staat geben, und so verweist die &#8220;neue Rechte&#8221; keineswegs auf m&#246;gliche neue &#8220;Formen b&#252;rgerlicher Herrschaft&#8221;, sondern nur auf den Zerfall b&#252;rgerlicher Herrschaft &#252;berhaupt. Die b&#252;rgerliche Gesellschaft ist am Ende ihres Entwicklungsweges angelangt, sie hat ihre Zukunft hinter sich und vor sich nur ihren eigenen Zerfallsprozess. Sie wird vor sich hind&#252;mpeln, sie wird ihren Notstand verwalten, sie wird repressive Formen annehmen, sie kann aber keine qualitativ neue Etappe mehr erklimmen. Der Weg zur&#252;ck hinter die moderne b&#252;rgerliche Demokratie ist auf dem heutigen Vergesellschaftungsniveau abgeschnitten. Oder anders gesagt: Die weitere krisenhafte Entwicklung wird nicht die Frage &#8220;faschistische Barbarei oder demokratische Erneuerung&#8221; auf die Tagesordnung setzen, sie wird zweifellos praktisch herausarbeiten, dass die Fortexistenz der demokratischen Regulierungsformen identisch mit der oft beschworenen sich abzeichnenden &#8220;Barbarei&#8221; ist. Eine Linke, die die Misere &#252;berwinden will, darf daher auch nicht die Verteidigung der Demokratie auf ihre Fahnen schreiben sondern deren Aufhebung.</p>
<p><a name="FN1" href="#F1">1</a> zitiert nach der &#8220;Zeit&#8221; Nr. 7 vom 10.2.1989</p>
<p><a name="FN2" href="#F2">2</a> Ein Blick &#252;ber die Grenzen in unsere Nachbarl&#228;nder kann uns zumindest dar&#252;ber belehren, dass es sich dabei um kein spezifisch deutsches Problem handelt. Die Republikaner reihen sich bruchlos in die Vielzahl artverwandter rechter Prostestparteien ein, die auch in anderen L&#228;ndern in den letzten Jahren entstanden sind. Le Pen und seine &#8220;Nationale Front&#8221; war nur der Vorreiter. Die diversen Antisteuerparteien in D&#228;nemark und Norwegen sind der gleichen Kategorie zuzuordnen, und es geh&#246;rt nicht allzuviel an prophetischen Gaben dazu, schon heute davon auszugehen, dass parallel zur Herstellung des europ&#228;ischen Binnenmarktes sich diese diffusen, durch und durch reaktion&#228;ren Positionen weiter verbreiten und erst einmal verallgemeinern werden.</p>
<p><a name="FN3" href="#F3">3</a> Eine unausrottbare Denkfigur, in die sich diese Sicht kleidet, ist die Gegen&#252;berstellung zwischen &#8220;formaler&#8221;, &#8220;b&#252;rgerlicher&#8221; Demokratie und &#8220;eigentlicher&#8221;, &#8220;sozialistischer&#8221; Demokratie. Sozialismus und Demokratie verschmelzen hier zumindest fast zu Synonymen.</p>
<p><a name="FN4" href="#F4">4</a> Vielleicht erkl&#228;rt dieser Umstand den gl&#252;ckselig euphorischen kalten Schauer, mit dem die Linke das Aufbl&#252;hen rechtspopulistischer Str&#246;mungen begr&#252;sst. Im Widerstand gegen einen vermeintlich ausserdemokratischen Feind hoffen die linken Demokraten wieder eine Mehrheitsbewegung zusammenschaufeln zu k&#246;nnen. Die demokratische Linke nutzt daher jetzt entschlossen die M&#246;glichkeit, Sch&#246;nhuber und Konsorten zur mit langen Eckz&#228;hnen bewaffneten Reinkarnation von Hitler zu stylisieren, und kommt so zum lange ersehnten, wenigstens ihr selber glaubhaften Gegner ihrer demokratisch-antifaschistischen Einheitsfront. Endlich taucht im politischen Spektrum der BRD eine Kraft auf, die sich nicht permanent und beflissentlich vom historischen Faschismus distanziert, gegen den die demokratische Linke seit Jahr und Tag mit aller Entschiedenheit zum Kampf hinauszieht. Bisher standen die linken Antifaschisten immer vor dem un&#252;berwindlichen Problem, permanent biedere, rechte Demokraten als faschistische Springteufelchen und potentielle Diktatoren entlarven zu m&#252;ssen. Heute treffen sie am rechten Rand zu ihrem unbeschreiblichen Gl&#252;ck auf eine ideologisch aufgeweichte Grenze zum Neofaschismus.</p>
<p>Auf der anderen, der rechten Seite, existiert im &#252;brigen eine &#228;hnliche Negativfixierung. Wenn man deren eigenen Aussagen trauen darf, so treibt die Abneigung gegen &#8220;Linke&#8221; (sprich gegen die eigenen links-liberalen Lehrer und Sozialarbeiter) besonders viele Jugendliche ins rechtsradikale Lager. Es scheint sich hier eine fruchtbare Symbiose zwischen Pseudonazismus und biederen linken Antifaschismus anzubahnen, die die Existenz beider Richtungen noch ein ganzes Weilchen sichern kann.</p>
<p><a name="FN5" href="#F5">5</a> Vorkapitalistische Formationen entwickeln bestenfalls eine embryonale Trennung von Staat und Gesellschaft. Der Staatsapparat ist nur unscharf vom empirisch herrschenden Stand abgegrenzt, ja f&#228;llt, je weiter wir in der Geschichte zur&#252;ckgehen, mit ihm mehr oder minder in eins. Die Aufspaltung des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die Herausbildung einer gesonderten politischen Sph&#228;re, ist in vorb&#252;rgerlichen Gesellschaften undenkbar.</p>
<p><a name="FN6" href="#F6">6</a> Ich benutzte Demokratie und abstrakte Allgemeinheit bewusst synonym. Demokratie ist identisch mit der entwickelten abstrakten Allgemeinheit. Solange nicht allen Gesellschaftsmitgliedern der Status eines gleichberechtigten Staatsb&#252;rgers zuteil wurde, solange der Zugang zur &#8220;Politik&#8221; ein Privileg bleibt, ist die Grenze von Staat und besonderer herrschender Klasse unscharf. Auf dieser Entwicklungsstufe ist der Staat noch keineswegs der allgemeine Ausdruck der gesamten Verkehrsform, er bleibt mit dem unmittelbaren besonderen Interessen einer speziellen Schicht amalgiert. Er entspricht noch nicht seinem Begriff. Die Demokratisierung zerst&#246;rt diese Relikte von Besonderung.</p>
<p><a name="FN7" href="#F7">7</a> Die Arbeiter als Besitzer der Ware Arbeitskraft sind in dieses System gleichberechtigt integriert</p>
<p><a name="FN8" href="#F8">8</a> Die Anh&#228;ngerschaft der NSDAP setzt sich aus sozial heterogenen Gruppen zusammen, deren unmittelbare Interessen einander oft gerade entgegengesetzt sind. W&#228;hrend die volksparteiliche Syntheseform der Nachkriegszeit sich auf die Identit&#228;t aller konkurrierenden Geldinteressen, die allesamt auf die St&#228;rke der bundesdeutschen Volkswirtschaft auf dem expandierenden Weltmarkt verwiesen sind, st&#252;tzen kann, fehlt in der Zeit vor 1933 noch eine &#228;hnlich praktisch wirksame Gemeinsamkeit aller wichtigen Sozialkategorien. Auf einem wesentlich niedrigeren Vergesellschaftungsniveau kann der deutsche Faschismus die v&#246;llig heterogenen sozialen Schichten, auf die er sich st&#252;tzt, nur ideologisch zusammenbringen, aber bleibt auf der Ebene der unmittelbaren Interessen notwendig diffus und vieldeutig. Diese Ausgangsposition bestimmt wesentlich die Erscheinungsweise der faschistischen Bewegung: &#8220;Die Nationalsozialisten betrieben die Gewinnung der Mittelschichten auf zweierlei Weise. Sie versprachen einmal den einzelnen Gruppen die Erf&#252;llung ihrer traditionellen Forderungen, wobei sie auf die konkurrierenden Interessen anderer und auf die gesamtwirtschaftlichen Belange keine R&#252;cksicht nahmen. Zum anderen versuchten sie von den Widerspr&#252;chen zwischen den von ihnen unterst&#252;tzten Gruppeninteressen durch den Rekurs auf eine vorgeblich reine Politik wie durch konsequente Personalisierung ihres Kampfes gegen das &#8220;System&#8221; abzulenken. Das &#220;bergewicht, das ideologische Postulate gegen&#252;ber &#246;konomischen Forderungen in Programm und Propaganda der Partei besassen, war ebenso ein Ausdruck ihrer heterogenen Interessenstruktur wie letztlich auch der F&#252;hrerkult. Das Fehlen einer positiven Interessenidentit&#228;t der Mittelschichten provozierte eine Scheinintegration durch militante Abwehrideologien und durch charismatische F&#252;hrung. Was die Nationalsozialisten beispielsweise dem &#8216;alten Mittelstand` versprachen, verletzte die Konsumenteninteressen des &#8216;neuen Mittelstandes`. Die steuerliche Diskriminierung von Warenh&#228;usern, Einheitspreisgesch&#228;ften und Konsumgenossenschaften n&#252;tzte kurzfristig dem Kleinhandel; sie schadete den Verbrauchern insgesamt. Die Massnahmen zugunsten des Handwerks, die die Nationalsozialisten ank&#252;ndigten &#8211; namentlich die allgemeine Pflichtinnung und die obligatorische Meisterpr&#252;fung -, mussten ebenfalls protektionistische Marktverzerrungen zur Folge haben. Erst recht gilt das f&#252;r das landwirtschaftliche Schutzprogramm, das einer positiven Resonanz bei den Bauern sicher war&#8221;. Heinrich August Winkler, Mittelstandsbewegung oder Volkspartei? Zur sozialen Basis der NSDAP, in Wolfgang Schieder (Hg.), Faschismus als soziale Bewegung, G&#246;ttingen 1983, S. 102f.</p>
<p><a name="FN8a" href="#F8a">8a</a> Ihren entwickeltsten theoretischen Ausdruck findet diese Sichtweise wohl im Werk Carl Schmitts. Er kehrt das vom Liberalismus proklamierte Verh&#228;ltnis von empirischem Individuum und Allgemeinheit um, und erkl&#228;rt den f&#252;r den Einzelnen transzendenten Staat zur alles entscheidenden Richtschnur. &#8220;Keine Bewertung kann bei der Individualit&#228;t als lediglich empirischer Tatsache des einzelnen Menschen, jedes der Menschenanlitz tr&#228;gt, stehen bleiben&#8221;. &#8220;Vor der &#8216;&#252;berpers&#246;nlichen Dignit&#228;t des Staates` verschwindet das Individuum&#8221;. Nur die W&#252;rde des Staates kann den Einzelnen als dessen Funktionstr&#228;ger wiederum mit Wert ausstatten. &#8220;Der Mensch hat keinen Wert, er kann allenfalls &#8216;verkn&#252;pft` werden mit einem Wert, der nach der &#8216;Hingabe an den &#252;berindividuellen Rhythmus einer Gesetzlichkeit` bemessen ist.&#8221; Diese Wertverleihung als staatlicher Funktionstr&#228;ger (Seine Definition des staatlichen Funktion&#228;rs fasst Schmitt sehr weit, sie schliesst auch den Tr&#228;ger von Kapitalfunktionen explizit ein!!) erscheint f&#252;r den Einzelnen als Akt von Selbstverleugnung: &#8220;&#8216;Die objektiv g&#252;ltige Norm erf&#252;llen heisst, vom Einzelnen aus gesehen, die eigene subjektive empirische Wirklchkeit verneinen`&#8221;. Allesamt zitiert nach Volker Neumann, Der Staat im B&#252;rgerkrieg, Kontinutit&#228;t und Wandlung des Staatsbegriffs in der politischen Theorie von Carl Schmitt, Frankfurt/M., New York, 1980, S. 32 f.</p>
<p><a name="FN9" href="#F9">9</a> Die von mir hier proklamierte Modernisierungsfunktion des Faschismus wird vielleicht klarer, wenn wir die faschistische Bewegung nicht isoliert betrachten, sondern sie in die Gesamtepoche einordnen. Der Modernisierungsschub, den der Nationalsozialismus mit sich brachte, trieb die Entwicklung zur Herausbildung und Verallgemeinerung des abstrakten Staatsb&#252;rgers weiter, welche die Revolution von 1918 er&#246;ffnet hatte. W&#228;hrend sich im revolution&#228;ren Prozess zu Beginn der Zwischenkriegs&#228;ra die proletarischen Massen als aktive politische Subjekte auf der historischen B&#252;hne erschienen und die Arbeiterschaft f&#252;r sich die Demokratie eroberte (damit kulminierte, was die Vorkriegsarbeiterbewegung schon begonnen hatte), verblieben die mittelst&#228;ndischen Massen zun&#228;chst weitgehend passiv. Sie fanden erst einmal zu keiner eigenst&#228;ndischen politischen Ausdrucksform und blieben der Resonanzboden einer traditionellen vordemokratischen Rechten. Die Modernisierung blieb also auf halben Wege stecken. Der Arbeiter hatte seine Arbeiterdemokratie erk&#228;mpft oder zumindest angestrebt. Der Mittelstand dagegen hatte das 19. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen und blieb unselbst&#228;ndiges, h&#246;riges Anh&#228;ngsel. Erst mit der faschistischen Bewegung tritt der Mittelstand selbstbewusst auf den Plan und fordert seinen eigenst&#228;ndigen Platz auf der politischen Bildfl&#228;che. Als Pendant zur Arbeiterdemokratie etabliert er die Figur des Volksgenossen, dessen universeller und einebnender Anspruch seine eigene st&#228;ndische Orientierung dementiert.</p>
<p><a name="FN10" href="#F10">10</a> Joseph G&#246;bbels, Michael &#8211; Ein Deutsches Schicksal, zitiert nach George L.Mosse, Der Nationalsozialistische Alltag, K&#246;nigstein/Ts., 1978, S. 144.</p>
<p><a name="FN11" href="#F11">11</a> Das macht auch seine &#220;berlegenheit gegen&#252;ber der konkurrierenden Arbeiterbewegung mit aus. Die Kritik von SPD und KPD an der Weimarer Republik dringt gar nicht bis zu dieser universellen Ebene vor. Die Kritik des Geldes bleibt eine Dom&#228;ne der rechten Lebensphilosophie und, vollends ins Biologische &#252;bersetzt, der Nazis.</p>
<p><a name="FN12" href="#F12">12</a> Die hier nur kurz referierte Interpretation des modernen Antisemitismus st&#252;tzt sich im Wesentlichen auf Arbeiten von Moishe Postone, unter anderen auf dessen Artikel &#8220;Antisemitismus und Nationalsozialismus&#8221;. Diesen Beitrag schrieb Postone in amerikanischer Sprache f&#252;r die &#8220;New German Critic&#8221;. Er erschien aber auch in deutscher &#220;bersetzung in: Die Mythen knacken, Materialien wider ein Tabu, Hrsg. Linke Liste an der Universit&#228;t Frankfurt, Frankfurt, 1987, S. 273-281. Sehr zu Unrecht fand sein Ansatz bisher wenig Beachtung.</p>
<p><a name="FN13" href="#F13">13</a> Mit diesem Standpunkt d&#252;rfte G&#246;bbels fiktiver Held Michael bei seinen Kolleggen allerdings auf wenig Verst&#228;ndnis gestossen sein. Hervorhebung von E.L.</p>
<p><a name="FN14" href="#F14">14</a> Joseph G&#246;bels a.a.O., S. 144</p>
<p><a name="FN15" href="#F15">15</a> Joseph G&#246;bbels a.a.O., S. 142.</p>
<p><a name="FN16" href="#F16">16</a> Die Gleichsetzung Jude=Geld ist nat&#252;rlich keineswegs zuf&#228;llig. Juden waren real schon seit dem Mittelalter in der Finanzsph&#228;re &#252;berrepr&#228;sentiert. Der Ausschluss aus der traditionellen christlich-feudalen Gemeinschaft dr&#228;ngte die Juden von alters her in die modernsten und daher von der abstrakten Geldlogik am eindeutigsten beherrschten Sektoren. Das gilt aber nicht nur f&#252;r die Kapitalseite, sondern genauso f&#252;r die andere, von der kapitalistischen Produktionsweise konstituierten Kategorie von Warenbesitzern, den Arbeiter. Auch von dieser Seite her traten Juden geh&#228;uft als &#8220;Modernisierer&#8221; auf. Es w&#228;re hier m&#252;ssig, die endlose Latte marxistischer Theoretiker j&#252;discher Abstammung herunterzubeten. Jedenfalls lief der Kampf der Arbeiter f&#252;r ihr abstraktes Geldinteresse und f&#252;r ihre Anerkennung als abstrakte Staatsb&#252;rger ideologisch durchaus unter &#8220;j&#252;discher&#8221; &#196;gide.</p>
<p><a name="FN17" href="#F17">17</a> An diesem Punkt &#228;hnelt der Gehalt der faschistischen Bewegung fatal der Entwicklung, die Lenin f&#252;r Russland zu Beginn der 20er Jahre konzipiert hatte und die sich schliesslich historisch durchsetzte. Auch die Oktoberrevolution best&#228;tigte die unmittelbaren Produzenten als das, was sie schon immer gewesen sind und begn&#252;gte sich mit der ideellen Adelung der &#8220;Arbeiter&#8221; und &#8220;Bauern&#8221;. (Vergleiche in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Peter Klein &#8220;Demokratie und alte Arbeiterbewegung&#8221; &#8220;MK&#8221;3 &#8211; &#8220;MK&#8221;6)</p>
<p><a name="FN18" href="#F18">18</a> Allerdings ist es sicher auch kein Zufall, dass das nationalsozialistische Deutschland zielsicher auf seinen v&#246;lligen Zusammenbruch hinarbeitete, anders als weniger entwickelte faschistisch beherrschte L&#228;nder, die sich keineswegs mit Vorbedacht in das Abenteuer eines Weltkriegs st&#252;rzten. Italien wurde mehr oder minder unfreiwillig in den Strudel mithineingerissen. Franco wusste Spanien im 2.Weltkrieg neutral zu halten, und so zog sich der &#220;bergang zu einer modernen parlamentarischen Demokratie in diesem Land noch &#252;ber Jahrzehnte hin.</p>
<p><a name="FN19" href="#F19">19</a> Diese Ver&#228;nderung haben auch konservative Staatstheoretiker und Demokratiekritiker registriert. Vgl. dazu vor allem Forsthoff, Der Staat der Industriegesellschaft. Dargestellt am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland, M&#252;nchen 1971. In diesem Sp&#228;twerk stellt er resignativ fest, dass der Staat der Industriegesellschaft zu geistigen Impulsen nicht f&#228;hig sei, und zu seiner Legitimation ihrer auch nicht mehr bed&#252;rfe. Stattdessen liege seine Rechtfertigung in der Stabilisierung der gesellschaftlichen Entwicklung selbst, also im Wesentlichen im Voranschreiten des staatlich flankierten Wirtschaftswachstums, d.h. in der Verbindung partikularer Interessen.</p>
<p><a name="FN20" href="#F20">20</a> Die apostrophierte L&#252;cke ist wesentlich eine L&#252;cke der politischen Generationenfolge.</p>
<p><a name="FN21" href="#F21">21</a> Die APO politisert keine Sozialmilieus mehr, sondern vereinzelte Einzelne. Erst der Impuls, der von ihr ausgeht, und sich im &#8220;Marsch durch die Institutionen verallgemeinert&#8221;, schafft daher den citoyen in Reinkultur. F&#252;r die Zeit vorher ist die Rede von der Republik ohne Republikaner auch f&#252;r die BRD nicht ohne Berechtigung. Der Unterschied zu Weimar liegt nur darin, dass dem westdeutschen Nachkriegsstaat nicht nur die Masse fanatischer Demokraten, sondern auch die &#252;berzeugten Demokratiegegner abgingen.</p>
<p><a name="FN22" href="#F22">22</a> In der franz&#246;sischen Revolution trat der &#8220;Dritte Stand&#8221; im Namen des ganzen Volkes an und setzte sich mit der Nation identisch. Die von SieySs nach dem Selbstverst&#228;ndis dieser Epoche formulierte Frage, was der &#8220;Dritte Stand&#8221; denn nun sei, beantwortete er schlicht und einfach mit &#8220;alles&#8221;. Diese Gedankenfigur &#252;berlebte das Auseinanderbrechen des Dritten Standes in einander bek&#228;mpfende St&#228;nde und Klassen. Alle politischen Str&#246;mungen, die nacheinander als Bugwelle der Demokratisierung antraten (Liberalismus, Sozialismus und Faschismus!!), nahmen f&#252;r sich in Anspruch, eigentlich das Ganze zu vertreten. Partei (von lat pars der Teil) waren immer nur die anderen, die ihre Sonderinteressen verteidigten. Erst an ihr Ende gelangt, lernte die demokratische Str&#246;mung Toleranz und erkl&#228;rte den Pluralismus zur Tugend. Auch dieser qualitativ neue Zug der Nachkriegsparteien ist in der b&#252;rgerlichen Parteiendebatte recht breit thematisiert worden.</p>
<p><a name="FN23" href="#F23">23</a> Als letzter vordemokratischer Partei schlug der KPD das Totengl&#246;ckchen. Allerdings ist ihre Sterbestunde nicht erst 1956 mit ihrem offiziellen Verbot anzusetzen. Schon vorher war sie zu ihrem eigenen Schatten, einem Relikt einer l&#228;ngst verflossenen Epoche, verkommen.</p>
<p><a name="FN24" href="#F24">24</a> Der etwas apodiktische Tonfall, den mein stichpunkthafter und entsprechend grober Durchgang durch die Entwicklung des deutschen Parteiensystems annimmt, darf nat&#252;rlich nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass die neue volksparteiliche Form nicht 1949, p&#252;nktlich zur Geburt der Republik, vom Himmel fiel, sondern sich erst nach und nach herauskristallisierte. Die objektive Funktion, die sich uns ex post enth&#252;llt, war f&#252;r die Zeitgenossen nat&#252;rlich noch nicht ausgemachte Sache. Die Gr&#252;ndungsv&#228;ter der CDU/CSU kn&#252;pften ihrem ganzen Selbstverst&#228;ndnis nach sehr wohl unmittelbar an die Zentrumstradition und an Fermente &#8220;christlichen Widerstandes&#8221; an. Parallel zur fortschreitenden &#8220;Entkirchlichung&#8221; gingen diese Reminiszenzen an das Vorkriegssystem aber verloren. Exemplarisch haben diesen &#220;bergang Dorothee Buchhaas und Herbert K&#252;hr an der CDU im rheinischen Ruhrgebiet untersucht. (Vgl. dazu: Dorothee Buchhaas/Herbert K&#252;hr, Von der Volkskirche zur Volkspartei -Ein analytisches Stenogramm zum Wandel der CDU im rheinischen Ruhrgebiet-, in Herbert K&#252;hr (Hrsg.) Vom Milieu zur Volkspartei, K&#246;nigstein/Ts. 1979, S. 135-232)</p>
<p><a name="FN25" href="#F25">25</a> Hennig Friege und Michael M&#252;ller, Mensch und Natur sind &#252;berfordert, in &#8220;Die Zeit&#8221;, vom 5.5.1989, S. 36.</p>
<p><a name="FN26" href="#F26">26</a> Ein entscheidentes Datum war in diesem Zusammenhang die durch &#8220;polizeilichtechnische Vorfeldmassnahmen&#8221; faktisch verhinderte Grossdemonstration gegen den &#8220;Schnellen B&#252;rter&#8221; zu Kalkar im Sommer 1977.</p>
<p><a name="FN27" href="#F27">27</a> Die in linkssozialistischen Kreisen recht beliebte Hoffnung, dass gerade die Investitionen in den Umweltschutz die Grundlage einer neuen Boomphase oder zumindest einer sp&#252;rbaren wirtschaftlichen Belebung sein k&#246;nnten, erweist sich vor dem Hintergrund der Marxschen Werttheorie als vollkommen illusion&#228;r. Zwar handelt es sich bei der Produktion neuer Umweltg&#252;ter zum gr&#246;sseren Teil um wertproduktive Arbeiten; der in ihnen verk&#246;rperte Wert erscheint aber am Endprodukt nicht wieder und wird an diesem Punkt des gesellschaftlichen Stoffwechsels zu faux frais. Wertm&#228;ssig produktiv sind nur Arbeiten, die f&#252;r die Herstellung eines bestimmten Produkts mittel- oder unmittelbar notwendig sind. Was nicht an der einzelnen Ware existiert, existiert wertm&#228;ssig &#252;berhaupt nicht.</p>
<p><a name="FN28" href="#F28">28</a> Die gesamtgesellschaftliche Wertsch&#246;pfung, von der ich hier spreche, hat mit der begrifflosen Kategorie des Bruttosozialprodukts nat&#252;rlich nichts gemein. Zur gesamtgesellschaftlichen Wertsch&#246;pfung tr&#228;gt allein die produktiv verausgabte Arbeit bei.</p>
<p><a name="FN29" href="#F29">29</a> Im wesentlichen scheint dieser Prozess mittlerweil vollzogen zu sein, und die liberale, demokratische &#214;ffentlichkeit feiert mittlerweile bereits ausgiebig: &#8220;der Realismus siegt&#8221;. Die &#8220;Zeit&#8221; vom 10.3.89 stellt voller Genugtuung fest:&#8221;Vier Jahre dauerte der Streit um Rot-Gr&#252;n, am vergangenen Wochenende ist er endlich entschieden worden. Auf ihrer Bundesversammlung in Duisburg erteilten die Gr&#252;nen bei der Wahl ihrer neuen Parteispitze jenen b&#252;ndnisunwilligen Gruppen eine klare Absage, deren Kurzbezeichnung &#8216;Fundis` in die Alltagssprache eingegangen ist. Fundamentalisten, &#214;kosozialisten und Radikal-&#214;kologen werden nicht l&#228;nger den offiziellen Kurs der Partei bestimmen. Sie werden mit ihrer Forderung, das System von aussen mittels sozialer Bewegungen zu &#228;ndern, nicht l&#228;nger die K&#228;rrnerarbeit der kleinen Reformen in den Parlamenten behindern oder gar verhindern.&#8221;</p>
<p><a name="FN30" href="#F30">30</a> Der Ex-KBWler und &#8220;Oberrealo&#8221; Willfried Meier brachte diesen Zusammenhang in einem Artikel in der &#8220;Kommune&#8221; 3/89, Die GAL Hamburg Der Fall einer grossst&#228;dtischen radikalen Linken, treffend auf den Punkt. Pikanterweise argumentiert er allerdings in seinem Halalie auf die &#8220;fundamentalistische Systemopposition&#8221; gerade unter umgekehrten Vorzeichen. Er weist nicht unintelligent die schreienden Inkonsequenzen im fundamentalistisch inspirierten GAL-Programm nach und kommt zu dem v&#246;llig korrekten Schluss: &#8220;Die basisdemokratische Fiktion, die dem guten Gewissen der Systemoppositionellen zugrunde liegt, ist f&#252;r hocharbeitsteilige Gesellschaften unhaltbar&#8221;. Er verweist ganz richtig darauf, dass &#8220;Geld sowie Staat und Recht einander bedingen&#8221;, folgert daraus aber nicht, dass jede koh&#228;rente grunds&#228;tzliche Systemkritik zur Kritik von Ware und Geld fortschreiten muss, sondern erkl&#228;rt ganz selbstverst&#228;ndlich den Gedanken der Abschaffung des Geldes zum Hirngespinst. Damit landet er zuguter Letzt bei einer h&#252;ndischen Realo-Apologetik, die angesichts der hereinbrechenden Krise von Geld und Tauschwert mindestens genauso utopisch und irreal ist wie der gr&#252;ne Fundamentalismus, den Willfried Maier so scharf zur&#252;ckweist: &#8220;Menschen nehmen im wirtschaftlichen Verkehr keine unmittelbar personalen Beziehungen zueinander auf, sondern vermittelt &#252;ber Sachen bzw. &#252;bers Geldmedium. Wollten sie die `Entfremdung` voneinander r&#252;ckg&#228;ngig machen, so m&#252;ssten sie auf Warenbeziehungen und aufs Geldmedium verzichten..&#8221; Aber: &#8220;Das Geld als Kommunikationsmittel, das Unmittelbarkeit und Sprache abl&#246;st, ist (&#8230;) ganz unverzichtbar.&#8221; Der notwendige innere Zusammenhang zwischen Geldlogik und Staat wird bei ihm zur Rechtfertigung f&#252;r einen starken gr&#252;n gef&#228;rbten Staat. (in Kommune 3/89 S. 43-50)</p>
<p><a name="FN31" href="#F31">31</a> Siechtum und Tod der gr&#252;nen Str&#246;mung m&#252;ssen nicht mit dem Verschwinden der &#8220;Gr&#252;nen&#8221; aus den Parlamenten einhergehn. Wahrscheinlich werden uns die Turnschuhparlamentarier und -minister erhalten bleiben. Sie h&#246;ren aber auf, als das &#8220;ganz andere&#8221; zu figurieren. Das gr&#252;ne Kind von Mutter Demokratie hat seine Flegeljahre weitgehend hinter sich.</p>
<p><a name="FN32" href="#F32">32</a> Diesen Gesichtspunkt habe ich zusammen mit Robert Kurz in dem Beitrag &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch">Der Klassenkampffetisch</a>&#8221; in dieser &#8220;MK&#8221; breiter entwickelt.</p>
<p><a name="FN33" href="#F33">33</a> Ich verwende hier den Begriff &#8220;Arbeiterklasse&#8221; recht eng. Unter Arbeiterklasse verstehe ich ausschliesslich die wertproduktiven, am unmittelbaren Produktionsprozess beteiligten Lohnarbeiter. Ich stelle mich damit bewusst im Gegensatz zu Positionen, die den Begriff Arbeiterklasse nach M&#246;glichkeit zum Sammelsurium aller akuten, potentiellen und ehemaligen Lohnabh&#228;ngigen aufblasen m&#246;chten und ihm damit jede analytische Trennsch&#228;rfe nehmen. Besonders intensiv widmen sich einerseits DKP-orientierte Ans&#228;tze diesem Hobby, die gleiche Verballhornung betreiben aber andererseits speziell auch autonome und operaistische Autoren. In Sozialstatistiken des ISMF umfasst das bundesdeutsche Proletariat etwa 90% der hiesigen Bev&#246;lkerung. Dieser statistische Erfolg wird allerdings mit Kalauern wie den ber&#252;hmten &#8220;Proletariern im Repressionsapparat&#8221; erkauft. Polizeibeamte, Bundesgrenzschutz und Bundeswehrsoldaten z&#228;hlen zum Proletariat, nur weil diesen Nichtbesitzern von Produktionsmitteln ihr Einkommen in der Lohnform zufliesst. Toni Negri und Konsorten agieren &#228;hnlich und gemeinden unter den Denkfiguren &#8220;Soziallohn&#8221; und &#8220;gesellschaftliche Gesamtfabrik&#8221; Studenten, Hausfrauen und die Empf&#228;nger staatlicher Sozialleistungen r&#252;cksichtslos in die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; mit ein. Vielleicht l&#228;sst sich auf dieser Basis munter Schmalspuragitation betreiben, zur theoretischen Erkl&#228;rung der modernen b&#252;rgerlichen Gesellschaft tr&#228;gt diese Vernebelung allerdings nichts bei. Vor allem bleibt v&#246;llig r&#228;tselhaft, warum die unterschiedlichen Segmente dieser gigantischen &#8220;Arbeiterklasse&#8221; ihre angeblichen gemeinsamen Interessen nie auch nur ansatzweise realisieren, sondern einander beharrlich als Konkurrenten gegen&#252;berstehen.</p>
<p><a name="FN34" href="#F34">34</a> Im Jahresablauf erreicht diese Einsicht ihren periodischen H&#246;hepunkt bei der Abrechnung des &#8220;13.Monatsgehalts&#8221;.</p>
<p><a name="FN35" href="#F35">35</a> 1962 wurden in der BRD 2 348 000 Besch&#228;ftigte aus dem Steuers&#228;ckel bezahlt. 1987 z&#228;hlte der &#246;ffentliche Sektor bereits 4 187 000 Besch&#228;ftigte. Bei einer Gesamtzahl von 22 883 000 besch&#228;ftigten Arbeitnehmern, arbeitet also mittlerweile fast jeder f&#252;nfte Lohn- und Gehaltsempf&#228;nger im staatlichen Bereich! ( Quelle IFO-Insitut 1988)</p>
<p><a name="FN36" href="#F36">36</a> Der Kontrast zwischen den Vorkriegsbedingungen, als der durchschnittliche Erwerbst&#228;tige nach wenigen Schuljahren ins Arbeitsleben eintrat, um es 50-60 Jahre sp&#228;ter wieder zu verlassen, von kurzen Zeiten der Arbeitslosigkeit vielleicht abgesehen, und der heutigen Strukturierung des Erwerbslebens ist kaum zu &#252;bersch&#228;tzen.</p>
<p><a name="FN37" href="#F37">37</a> In seiner Finanznot versucht der Staat das trotzdem. Die Anl&#228;ufe in dieser Richtung brechen sich aber an der sozialen Wirklichkeit, bleiben St&#252;ckwerk und werden eher ideologisch denn praktisch wirksam.</p>
<p><a name="FN38" href="#F38">38</a> Interessant ist in diesem Zusammenhang die Geschichte und Entwicklung der &#8220;Sozialhilfe&#8221; in der BRD. In den Boomjahren f&#252;hrte diese Institution nur ein Schattendasein. Sie hatte allein die Funktion, in besonderen, pers&#246;nlichen, von der Sozialgerichtsbarkeit nicht vorgesehenen Notsituationen einzuspringen und war dem eigentlichen sozialen Netz vorgelagert. Sie wurde nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen, sondern als Akt individueller Wohlfahrt, und wurde deshalb auch den Gemeinden &#252;bertragen (ganz in der Tradition der Armenf&#252;rsorge des 19.Jahrhunderts, die auch schon Angelegenheit der jeweiligen Gemeinden war). Alle Beobachter erwarteten, dass mit der weiteren Ausdifferenzierung der sozialen Sicherung das unterste Auffangbecken an Bedeutung verlieren und schliesslich absterben w&#252;rde. Real setzte sich die entgegengesetzte Entwicklung durch. Mittlerweile hat die Sozialhilfe mehr und mehr die Aufgaben der Arbeitslosenversorgung &#252;bernommen. Der vehemente Streit um die Finanzierung (Kommunen contra Bund) reflektiert diese Funktionsver&#228;nderung.</p>
<p><a name="FN39" href="#F39">39</a> F&#252;r das Kapital, zumal in einem f&#252;hrenden Industrieland wie der BRD, ist jede nationalistische Anwandlung l&#228;ngst kontraproduktiv geworden. Die relativ autarke Entwicklung im nationalen Massstab kann auf dem heutigen Niveau stofflicher Vernetzung keinerlei Perspektive mehr bieten. Die hiesigen Unternehmen m&#252;ssen sich global, zumindest kontinental, ausrichten. Entsprechend wenig begeistert stehen daher die Repr&#228;sentanten f&#252;hrender deutscher Konzerne und Banken dem Erstarken nationalistischer Ressentiments gegen&#252;ber. Sie k&#246;nnen sich diesen Luxus auf dem heimatlichen internationalen Parkett gar nicht leisten, und daher bet&#228;tigen sich wichtige Repr&#228;sentanten der deutschen Industrie und ihrer Banken (z.B. der Pr&#228;sident der &#8220;Deutschen Bank&#8221;, Herrhausen) als Prediger f&#252;r Toleranz und V&#246;lkerverst&#228;ndigung. Hierin liegt auch ein grundlegender Unterschied zwischen &#8220;neuer Rechten&#8221; und dem Faschismus der Vorkriegszeit. Auf dem Vernetzungsniveau der 20er und 30er Jahre konnte die Schaffung autarker Grosswirtschaftsr&#228;ume durch milit&#228;rische Expansion noch als m&#246;gliche Option gelten. Heute hat das Kapital den nationalstaatlichen Rahmen l&#228;ngst hinter sich gelassen. Im Weltmarkt der vielen eng verkn&#252;pften Nationen fand es seine ad&#228;quate Gestalt. Der nationalistische Gedanke hat daher in der Gegenwart nichts mehr hinter sich als dumpfe und wirre Ressentiments, der in jeder Beziehung zu kurz Gekommenen.</p>
<p><a name="FN40" href="#F40">40</a> Das klassische Beispiel ist hier sicher die Stahlindustrie. Wenn die deutsche und europ&#228;ische Stahlindustrie in den letzten Jahren einen herben Gesundschrumpfungsprozess durchmachen musste, so nicht so sehr deshalb, weil der Weltstahlmarkt absolut im Abnehmen begriffen w&#228;re, sondern in erster Linie, weil an der Peripherie neue Anbieter auftreten (S&#252;dkorea, aber auch lateinamerikanische Staaten), mit denen die bundesdeutschen Konzerne zumindest auf dem Massenstahlsektor nicht konkurrieren k&#246;nnen.</p>
<p><a name="FN41" href="#F41">41</a> Die ersten grossen Einbr&#252;che der neuen Fertigungsmethoden, die auf breiter Front lebendige Arbeit aus dem unmittelbaren Produktionsprozess verdr&#228;ngen, sind wohl in den 90er Jahren zu erwarten. Eine Vorreiterfunktion hat hier ausgerechnet die klassische fordistische Industrie, der Automobilbau.</p>
<p><a name="FN42" href="#F42">42</a> Empirisch werfen die Verh&#228;ltnisse in den USA ein Schlaglicht auf diese Entwicklung, denn dort ist der Zerfallsprozess, die neue gesellschaftliche Segmentierung, schon in der Reaganschen Scheinprosperit&#228;t um einiges weiter fortgeschritten als hierzulande.</p>
<p><a name="FN43" href="#F43">43</a> Dank der eigenen Ohnmacht erfolgt diese Offensive in erster Linie mit der Faust in der Tasche, sie schl&#228;gt aber auch zunehmend in offene Brutalit&#228;t um.</p>
<p><a name="FN44" href="#F44">44</a> Das liegt nat&#252;rlich wesentlich daran, dass die Neudeutschen aus dem Osten f&#252;r die bundesdeutschen Unterschichten eine weit realere Konkurrenz darstellen als etwa anatolische Zuwanderer. Auf die Wohnungen, in denen sich die T&#252;rken in den deutschen Grossst&#228;dten ballen, legen die deutschen Wohnungssuchenden von vornherein keinen gesteigerten Wert, und auch auf dem Arbeitsmarkt kann von einer Bevorzugung von Ausl&#228;ndern nun am allerwenigsten die Rede sein. Die handgreifliche reale Diskriminierung dieser Gruppen kontrastiert dagegen heftig mit einer relativen Privilegierung von deutschst&#228;mmigen osteurop&#228;ischen Einwanderern. Die Sozialwohnung, f&#252;r die sich der Berliner Wohnungssuchende seit Jahren bewirbt, ist garantiert nicht f&#252;r T&#252;rken, daf&#252;r aber f&#252;r Aussiedler reserviert. Pikanterweise tr&#228;gt daher gerade diese anchronistische, noch aus den Zeiten des Kalten Krieges stammende regierungsamtliche Deutscht&#252;melei, die alle Deutsche auf ihre Weise heim ins Reich holen muss, zu dem Klima bei, das den rechtspopulistischen Str&#246;mungen zur Wirksamkeit verhilft. Aber nicht so sehr als unmittelbarer Vorg&#228;nger, worauf das linke Alltagsbewusstsein mit Vorliebe beharrt, sondern vor allem auch als Abstossungspunkt. Worin der Vorzug des Sowjetdeutschen, der als einziges deutsches Wort seinen Familiennamen kennt, gegen&#252;ber dem Kreuzberg-Kid liegen soll, dem die anatolische Heimat seiner Eltern genauso nur von Urlaubsreisen vertraut ist, wie seinem orginaldeutschen Klasenkameraden, ist nicht nur Lafontaine, sondern gerade auch den anschwellenden rechtspopulistischen W&#228;hlermassen schleierhaft.</p>
<p><a name="FN45" href="#F45">45</a> Ernster als der Neofaschismus in den Parlamenten, der sich auf diesem Parkett nur noch weit schneller als vor ihm die gr&#252;ne Fundamentalopposition blamieren kann, ist wohl der Rechtsradikalismus auf der Strasse zu nehmen. Aber auch hier steht keine Wiedergeburt der SA und &#228;hnlicher Gruppierungen bevor, die in einem bestimmten funktionierenden Sozialmilieu verankert waren, sondern ein freischwebendes, nur bedingt von &#8220;normaler&#8221; Bandenkriminalit&#228;t abgrenzbares Gewaltpotential. Dessen wachsende Brutalit&#228;t spiegelt ziemlich genau den gesellschaftlichen Zersetzungsprozess und steht in reziproker Relation zu der Unf&#228;higkeit, gr&#246;ssere, geschlossene politische Zusammenh&#228;nge zu entwickeln und sich in eine politische Gesamtbewegung einzuordnen. Zwischen der passiven W&#228;hlerschaft der Republikaner und jugendlichen, neonazistischen Schl&#228;gertrupps besteht ein Abgrund, der nicht untersch&#228;tzt werden darf und der zu herben Br&#252;chen innerhalb der Morgenluft witternden &#8220;neuen Rechten&#8221; f&#252;hren muss.</p>
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