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	<title>krisis &#187; Marxistische Kritik 7 (1989)</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Marxistische Kritik 7 &#8212; Editorial</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 7 (1989)]]></category>

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		<description><![CDATA[Als Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, von seinen Ärzten verordnet wurde, sich den Kopf kahl scheren zu lassen, erliess er postwendend die Anweisung, allen seinen Höflingen und Bediensteten gleichfalls Glatzen zu verpassen; eine ungewöhnliche Tat, die ihn dem oberflächlichen Betrachter vielleicht als einen frühen Verfechter der Gleichheit oder gar als einen Urvater der Demokratie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Philipp dem Guten, Herzog von Burgund, von seinen Ärzten verordnet wurde, sich den Kopf kahl scheren zu lassen, erliess er postwendend die Anweisung, allen seinen Höflingen und Bediensteten gleichfalls Glatzen zu verpassen; eine ungewöhnliche Tat, die ihn dem oberflächlichen Betrachter vielleicht als einen frühen Verfechter der Gleichheit oder gar als einen Urvater der Demokratie erscheinen lässt.</p>
<p><span id="more-285"></span>Tieferblickende Demokraten, und ihrer gibt es neuerdings immer mehr, würden hingegen sofort etliche Einwände geltend machen. Da drängt sich zunächst das quantitative Argument auf, dass mit dem Scheren von Höflingen doch nur ein geringer Anteil der Gesamtbevölkerung erfasst sei, ein kluger Gedanke, der seine wahre Tiefe erst zeigt, wenn man ihn weiterdenkt. Sind es nicht gerade die Arbeiter und Bauern, die ungeschoren davonkommen, ausserhalb des demokratischen Schurprozesses stehen? Eine Karikatur aus der Zeit der französischen Revolution geht da schon einen Schritt weiter &#8211; auf dem Bild werden alle Klassen und Schichten unter einem riesigen Messapparat gleichgeklopft. Doch noch ein weiterer Einwand soll nicht ungenannt bleiben. Wie steht es denn bitte mit dem freien Willen der Betroffenen? Nicht, dass man etwas gegen Glatzköpfe und Gleichgeklopftheit hätte, aber doch bitte auf freiwilliger Basis, durch demokratische Entscheidung. Auf diese Weise liesse sich auch die freie Entfaltung der Individuen gewährleisten; etwa durch verschiedenste Einfärbungen der kahlen Schädel. Der moralisch integre Demokrat geht aber noch einen Schritt weiter, indem er die Argumente verknüpft: der freie Wille muss sich über alle Bereiche der Gesellschaft erstrecken und nicht nur die Gleichstellung der Arbeiter und Bauern, sondern auch ihre Verfügungsgewalt über Rasierschaum und Messer beinhalten &#8211; erst dann sei die Gleichheit vollendet. Und seien wir einmal ehrlich: was der gute Philipp da gemacht hat, war nichts weiter als eine Revolution von oben, ohne kollektive Willensbekundung der Volksmassen. Wahre Demokraten vom Schlage eines Ernest Mandel oder Henry Kissinger hätten ihn darob schnell als blossen Privilegienverteidiger entlarvt, dem es nur um die Erhaltung der Macht geht. So einig die Front der modernen Demokraten ob der Grundfrage, dass kein Schäfchen ungeschoren davonkommen solle, ist, so uneinig zeigt sie sich in den &#8220;entscheidenden&#8221; Fragen.</p>
<p>So würde etwa die Fraktion der demokratischen Sowjetreformer sofort einwerfen, dass die Zeiten der Gleichmacherei ein für alle mal vorbei seien, Demokratie eben in erster Linie individuelle Motiviertheit und Verantwortlichkeit bedeute; ein strahlender Geniestreich, der den guten Kissinger sofort die Fronten wechseln lassen würde. Sein Genosse von vorhin nämlich, ruhmreicher Führer des internationalen Trotzkismus, würde im Chor mit den übrigen Linken des Westens, mittlerweile einschliesslich der Eispickelfraktion, jenes alte Lied anstimmen, welches besagt, dass wahre Demokratie nur Arbeiterdemokratie sein könne und ihr entscheidendes Kriterium die Selbstverwaltung der Betriebe sei. Was nun aber die beiden Fraktionen unterscheidet, liegt im Bewusstsein über&#8217;s eigene Ziel. So erkennen die Sowjetreformer, deren Anzahl sich mit jeder Woche mehrt, durchaus, in welche Richtung ihr Zug fährt, sodass etwa Radikalreformer Schmeljow, bei aller scharfen Kritik an der Regierung, sich streng dagegen verwahrt, ihren Mitgliedern unterstellen zu wollen, sie seien gegen eine Ausweitung der Ware-Geld-Beziehungen. Die andere Fraktion hingegen, deren Reformen glücklicherweise nur noch in schlecht sortierten Köpfen stattfinden, merkt durchaus nicht, dass ihre geliebte Selbstverwaltung der Betriebe im Grunde nichts weiter ist, als eine Affirmation der betriebswirtschaftlichen Logik, dass auch ein demokratisierter Betrieb Konkurrenzsubjekt der Warenproduktion ist.</p>
<p>Die fundamentale Einheit der modernen Demokraten besteht also darin, die Logik von Wert und Geld als Selbstverständlichkeit vorauszusetzen und den Arbeiter als das was er ist, Werteschöpfer und Staatsbürger, anzuerkennen. Debattiert wird nur noch über seine dementsprechenden Rechte und Pflichten.</p>
<p>Springen wir vom alten Burgund ins moderne China, dessen Einheitsglatzenmentalität nicht weniger berühmt ist, so gilt die naive Formulierung der Zeitschrift &#8220;Links&#8221;, dass man vom Sozialismus nur noch wisse, dass er demokratisch zu sein habe, für alle Fraktionen rezipierender Ideologen. So sehr sie allerdings alle aufrechte Demokraten sind, so sehr scheinen sie verschiedene Sprachen zu sprechen. So halten sich etwa Ping und Peng, die Hüter des himmlischen Friedens, durchaus für demokratische Verfechter des freien Marktes und Kämpfer gegen die Korruption, sich in strengen Gegensatz zur diktatorischen Kulturrevolution stellend. Während nun letzteres von der restlichen Welt begrüsst wird, stösst ersteres auf weltweiten Widerspruch. Man zeigt sich vom undemokratischen Handeln der Chefchinesen echt betroffen und drückt ein Stück weit seinen Widerstand aus, wohlbeachtend, dass man sich keinen Markt verschliesst. Die maoistische Sekte KB sieht die ganze Sache nun wieder ganz anders: die chinesische Opposition ist die legitime Nachfolgerin der demokratischen Kulturrevolution. Während der Physiker Fang Lizhi vor begeisterten Studenten vom völligen Versagen des Sozialismus spricht, wird er so von westdeutschen Projektionsspezialisten zum Kommunisten ernannt.</p>
<p>Jener durchaus unschuldig geschmähte Physikus liefert uns dafür ein neues Kriterium der Demokratie oder des demokratischen Staates, das an Goldigkeit kaum zu überbieten ist. Da die Bürger dem demokratischen Staat per Steuern ihr Geld zur Verfügung stellen, ist dieser ihnen gegenüber verpflichtet und sorgt nun für sie. Was der gute Fang als moralischen Vorwurf an den chinesischen Staat formuliert, ist in Wirklichkeit nur eine Einforderung wirklicher Staatsräson, wenn er auch ein kindlich harmonisierendes Bild davon zeichnet. Denn abgesehen davon, dass sich ein moderner Staat, im Gegensatz zu dem des guten Philipp, nicht über die Abgaben seiner Bürger finanzieren kann, wird uns hier ein pfiffiger Plan zur Versöhnung von Allgemeininteresse und Einzelinteresse aufgetischt, der ganz im Sinne der alten sozialistischen Propagandamethode, die Einzelinteressen der Individuen als gegebene voraussetzt, um sie dann zu bitten, ihre Verbundenheit mit dem Gesamtinteresse anzuerkennen, bzw. diese Verbundenheit &#8220;materialistisch&#8221; (was meist per Geld meint) zu beweisen. In der einfachen Gedankenwelt des Fang Lihzi spiegelt sich eine reale Problematik der Reformen des &#8220;Realsozialismus&#8221;, einerseits die unmittelbaren Geldinteressen freisetzen zu müssen und andererseits den Staat als anerkanntes und vor allem funktionstüchtiges Gemeinwohl zu etablieren. Nach der Logik des Physikus, Geldinteresse gegen Geldinteresse aufzurechnen, hätte der chinesische Staat allerdings wenig Veranlassung, ein guter zu sein, solange seine Steuereinnehmer in Schweineställe gesperrt werden und Provinzmogule Riesensummen unterschlagen.</p>
<p>Ein ähnliches Problem, auf der einen Seite unmittelbar Interessenvertretung der Arbeiter zu sein und gleichzeitig das abstrakte Allgemeinwohl vertreten zu wollen, stellt sich der polnischen Gewerkschaft Solidarität, die darum langsam aber sicher den gewerkschaftlichen Löffel an die alt-offiziöse Arbeitervertretung abzugeben scheint oder vor der politischen Verantwortung kneifen muss.</p>
<p>Die Demokratie als Vermittlungssystem der abstrakten Teilinteressen und ihrer Parteiungen ist in den realsozialistischen Ländern noch nicht durch ein verlässliches Rechtssystem abgestützt; vor allem aber findet der Versuch einer Modernisierung der &#8220;Volksdemokratien&#8221; mitten in einer scharfen Wirtschaftskirse statt, ein Problem, um das sich sämtliche Ideologen mit der Behauptung herummogeln, dass Demokratie aus sich selbst heraus eine funktionierende Ökonomie hervorbringe. Mit der philippischen Formel, dass keiner ungeschoren bleiben dürfe, werden alle Probleme in den Wind geschlagen. Der beliebte Wirtschaftsspassmacher Wilhelm Hankel, allseits bekannt als der letzte Keynesianer, hat denn auch gleich ein Gesamtkonzept für China und die Sowjetunion parat, dessen Zauberformel einfach Freiheit heisst: Freiheit des Individuums, Freiheit der Wahl, Preisfreiheit, Vertragsfreiheit, Freiheit des Geldhandels,, abgemischt mit ein bisschen keynesianischer Geldpolitik &#8211; und alles ist perfekt.</p>
<p>Freiheit des Individuums und Freiheit des Geldes &#8211; ist das nicht die grosse Gesamtideologie bürgerlichen Denkens, die endlich noch ein klein wenig Salz in den schalen Eintopf der Demokraten bringt? Doch weit gefehlt &#8211; am Geld scheiden sich die Geister.</p>
<p>Als Philipp der Gute sich des Erzbistums Utrecht bemächtigen will, hegen die Holländer und Friesen Zweifel an seiner Liquidität. Flugs lässt er aus Lille zwei Geldkisten mit zweimalhunderttausend goldenen Löwen kommen, an denen jedermann seine Kraft erproben darf, indem er versucht sie hochzustemmen; eine Mühe, die sich als vergebens erweist. Der gute Philipp wusste, welche Sprache sein Volk verstand, und dies hatte, wie er, ein ungezwungenes Verhältnis zum Geld. Dem modernen Individuum würde solche Protzerei wohl eher peinlich erscheinen, zumal ihm der Hochleistungssport mit physischem Golde mehr und mehr durch blosse Überweisungen abgenommen wird. Moderne Finanzpolitiker und Bankiers gar haben solche ausgefeilten Möglichkeiten der Geldschöpfung, dass sie dem gemeinen Bewusstsein sich wie ein wahrer Dmiurg darzustellen pflegen. Lediglich in den Ländern des &#8220;Realsozialimus&#8221; scheint es nötig zu sein, dass der Staat die direkte Gewalt über die Goldvorräte und die Druckerein aufrecht erhält, sodass man etwa in der DDR Altgold abliefern muss, um sein geheiligtes Eheringlein zu erhalten, und die sowjetischen Sparkassen zur Kreditvergabe auf materielles Gelddrucken angewiesen sind, da sie keine Giralsysteme besitzen. So erscheint es DDR-Autoren auch bereits als sozialistische Errungenschaft, wenn Betriebe ihren Austausch durch Überweisung abwickeln. Das moderne Bewusstsein kann über soviel &#8220;Materialismus&#8221; nur noch lächeln, kennt es das Geld doch mehr und mehr als immaterielles Gut, das beliebig vermehrt werden kann. Das Ausmass der selbstverständlichen Verschuldung aller modernen Staaten lässt das Geld endgültig als eine reine Fiktion, als pure Abstraktion erscheinen; und dennoch ist es mehr denn je die zwanghafte Grundlage des Alltagslebens. Die unreflektierten Geister lässt dies Jubeln, wie etwa unseren letzten Keynesianer, den beliebten Wirtschaftsspassmacher Hankel, der in seinem Überschwang ausruft: &#8220;Wer genug Geld hat, ist frei, sich seinen Gott und seine Gesellschaft selbst zu wählen.&#8221; Nur richtig umgehen muss man mit dem Geld, ist sein allgültiges Rezept, sowohl für die Sparer als auch für die Staaten. Woher dies Geld denn kommen soll, juckt ihn kaum, was er mit jenen moralisch Integren von vorhin gemein hat, die aber immerhin wissen wollen, wie denn der Mammon verteilt sei. Würde Hankel dem guten Philipp vorgeschlagen haben, doch eine Zentralbank mit ihrem geldpolitischen, Instrumentarium zu gründen, so würde sie wohl von ihm gefordert haben, das Geld gefälligst gleichmässig zu verteilen, die Glatzenpolitik zu verallgemeinern, damit auch hierbei keiner ungeschoren davonkomme.</p>
<p>Tiefer empfindende Menschen dagegen hat längst eine begreifliche Angst vor der scheinbar ins Unendliche wachsenden Macht der Abstraktion Geld ergriffen, wie sie schon Shakespeares Timon von Athen treffend formulierte. In verschiedenen Gegenüberstellungen geistert sie seitdem durch das bürgerliche Denken: konkretes Leben versus Abstraktion, raffendes gegen schaffendes Kapital, Arbeiterfaust gegen Bankenmacht, Motive, die die Ideologie des 20. Jahrhunderts geradezu beherrschen. Wer meint, das moderne kreditkartenbewaffnete Subjekt sei gegen derlei &#8220;reaktionäre Utopien&#8221; gefeit, muss nicht erst tiefschürfende Traktate lesen, um sich eines Besseren belehren zu lassen. Dem dümmlichsten Talkmaster steht es heute gut an, seinen Gästen zunächst einmal in vorwurfsvollem Tone vorzuhalten, dass sie mit dem was sie da täten doch wohl Geld verdienten, eine Entlarvung, die meist kräftigen Applaus hervorruft. Die Eröffnung einer Spielbank darf bestenfalls in Polen als Fortschritt gefeiert werden, während sie in westlichen Gefielden so sehr Banalität ist, dass der Berufsspieler in der Talkshow meint, er könne sich die Abschaffung des Geldes durchaus vorstellen, wobei natürlich klar ist, dass keiner dies als ernsthafte Möglichkeit in Betracht zieht.</p>
<p>Allerdings finden auch ausserhalb solch oberflächlichen Geplänkels Debatten über den Charakter des Geldes statt, und da wir Frauen bekanntlich tiefer empfinden als Männer, hat Veronika Bennholdt-Thommsen, beliebte Bio-Feministin aus Bielefeld, im Rahmen einer Rehabilitierung der Frau als Naturwesen, wohl weitgehend unbewusst, die alte Lebensphilosophie wieder ausgegraben.</p>
<p>Das Geld, als Inkarnation des Abstrakten, wurde von jenen alten Herren (etwa Simmel) als der Feind des unmittelbaren, ganzheitlichen Lebensstroms angesehen, welcher gewaltsam in jene abstrakte Form der Gesellschaftlichkeit, die sich in Geld, Recht und Politik ausdrückt, gepresst wird. Das Individuum als Schaffendes (zentral hier die Figur des Künstlers) erscheint als die Konkretion, der äusserlich Zwang angetan wird, die unmittelbaren Interessen sind wahres Leben im Gegensatz zu den Zwängen gesellschaftlicher Institutionen und rationalistischer Ideologie. Hat die Arbeiterbewegung dieses Motiv übernommen, indem sie den Werte schöpfenden Proleten zum Konkreten machte, die Abstraktion in den Austausch verlegte, so geht Bennholdt-Thommsen noch einen Schritt weiter: auch die Fabrikarbeit erscheint ihr bereits als zu öffentlich, nicht mehr als reine Unmittelbarkeit, da sie, obwohl Privatarbeit, bereits zu weit in den gesellschaftlichen Prozess einbezogen ist. Demgegenüber gelte es, die wahrhaft individuelle Arbeit zu betonen &#8211; Gebären und Subsistenzproduktion.</p>
<p>In all diesen Formen der Geldkritik erscheint das Geld nicht als das, was es ist, als Ausdruck und Vermittlungsinstanz voneinander isolierter Privatproduzenten und ihrer bornierten Interessen, sondern, da es die Gesellschaftlichkeit der abstrakten Individuen, als negative, erst herstellt, als Gegensatz zu ihrer reinen Innerlichkeit. Die Kritik der Abstraktion (abstrakte Allgemeinheit) wird so zur Affirmation der Abstraktion (abstrakte Einzelheit), indem sie gerade jenes von seiner Gesellschaftlichkeit getrennte, und eben darum abstrakte Individuum auf den Thron hebt. Die Konsequenz bei Bennholdt-Thommsen und anderen Feministinnen läuft letztlich auf eine Degradation des Menschen bzw. der Frau zum Tier, zur &#8220;konkreten&#8221; Eingebundenheit in den Naturprozess hinaus. So kommt sie, und mit ihr ein ganzer Schwung sogenannter Feministinnen, zu einer Kritik des abstrakten, männlichen Subjekts, dem die Frau als Naturwesen entgegenstehen soll. Die Frau als der beste Freund des Menschen? Soweit geht es nun gerade nicht, denn schliesslich wird man sich wohl immer noch in die altbackene Vorstellung (Proudhon) eines unmittelbaren Produktenaustausches zwischen erdverbundenen Bäuerinnen retten können. Wie dem auch sei, letztlich ist in all diesen kritischen Vorstellungen das Geld nicht aufgehoben, da es, ob es nun als Kaurimuschel oder als Sonderziehungsrecht erscheint, den Verkehr zwischen den isolierten Produzenten gewährleisten muss. Der Wert ist immer die blinde, nicht überwundene Voraussetzung.</p>
<p>Auf Basis dieser Voraussetzung aber scheint Geld, obwohl es sämtliche Bereiche des Lebens durchzieht, weiterhin ein moralisch zweifelhaftes Medium geblieben zu sein, zwar hingenommene Grundlage, aber doch nicht ideologisches Banner, sodass man etwa sagen könnte: &#8220;Ich bin für Geld!&#8221; Im Gegenteil wird der schnöde Mammon mehr und mehr als notwendiges Übel betrachtet, während die Herzen lautstark für die Demokratie schlagen, die Verbindung zwischen Beiden ist mehr selbstverständliche als gewusste, und jene Selbstverständlichkeit teilen Marxisten und Bürgerliche mit Freude, während ihre scheinbare Differenz, jene magische Klassenfrage, mehr und mehr verschwimmt. Sicherlich bezeichnen aufrechte Sozialisten Geld immer noch erst dann als gutes Geld, wenn es zum Nutzen des Proletariats wirkt, sicherlich ist ihnen wahre Demokratie nur die der arbeitenden Massen. Doch sind diese einstmals so revolutionären Forderungen nicht bereits von der realen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt, sind sich ihre Ideologen von Blüm bis Mandel und von Gorbatschow bis Kissinger nicht längst darüber einig, dass die Arbeiter ein Menschrecht auf Geld und Demokratie besitzen?</p>
<p>Der verzweifelte Versuch der Marxisten, sich in diesem Zusammenhang als die Besseren und Konsequenteren darzustellen, lebt von einer Überhöhung des proletarischen Klassenstandpunkts zur transzendierenden Kraft. Das Arbeiterinteresse erscheint nicht als blosses banales Geldinteresse, das mit anderen Geldinteressen innerhalb dieser Form konkurriert, sondern als ontologischer Gegensatz zur abstrakten Verwertungslogik des Kapitals. Diesen Zusammenhang greifen <em>Robert Kurz und Ernst Lohoff</em> in dieser Ausgabe der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; auf. In ihrem Artikel &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch">Der Klassenkampffetisch</a>&#8221; verweisen sie das zentrale Ideologem des Marxismus auf seinen Platz unter den Denkformen der Wertvergesellschaftung. Der das Kapital vermeintlich sprengende Arbeitersozialismus wird dargestellt als das, was er ist &#8211; eine der Schrittmacherideologien des modernen Kapitalismus. Ein diesen überwindendes Subjekt kann nicht aus der Affirmation der Arbeiterkategorie, sondern nur aus der Krise, der Krise des Werts entstehen. Dem tradierten Klassenbegriff wird der noch näher auszuführende Begriff der &#8220;Antiklasse&#8221; gegenübergestellt.</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em> führt in seinem Artikel &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/die-wechseljahre-der-republik">Die Wechseljahre der Republik</a>&#8221; die vielgeschmähten &#8220;Republikaner&#8221; als natürliche Kinder der westdeutschen Demokratie ein. Er zeigt auf, wie wenig die neuen rechtspopulistischen Strömungen mit dem historischen Faschismus gemein haben und versucht, die einschneidenden Veränderungen, die sich in der bundesdeutschen Parteienlandschaft in den letzten eineinhalb Jahrzehnten vollzogen haben (insbesondere die Herausbildung der &#8220;Grünen&#8221;), aus dem objektiven Ausbrennen der demokratischen Form selber abzuleiten.</p>
<p><em>Peter Klein</em> untersucht im Anschluss an seine Artikelserie in den &#8220;MKs&#8221; 3-6 noch einmal grundsätzlich den notwendigen Zusammenhang von Demokratie und Wertvergesellschaftung (<a href="http://www.krisis.org/1989/demokratie-und-sozialismus">Demokratie und Sozialismus</a>). Ausgangspunkt sind die Illusionen der Linken in Bezug auf die Kategorien des freien Willens und der Verfügungsmacht, die einen falschen Begriff des Privateigentums, das nicht als gesellschaftliches Verhältnis verstanden wird, voraussetzen. Das demokratische Bewusstsein, als Moment der Wertvergesellschaftung, erweist sich als untauglich zu deren Überwindung.</p>
<p><em>Johanna W.Stahlmann für die Redaktion</em></p>
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		<title>Der Klassenkampf-Fetisch</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Subjektkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 7 (1989)]]></category>

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		<description><![CDATA[Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus</h3>
<p><em>Robert Kurz / Ernst Lohoff</em></p>
<p><em></em></p>
<h4>Erstes Kapitel</h4>
<p>Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. &#8220;Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen&#8221;. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.</p>
<p><span id="more-286"></span>Aber der Schein trügt. Das Marxsche Hauptwerk trägt weder den Titel &#8220;die Klasse&#8221; noch beginnt es mit dieser Kategorie, sondern vielmehr mit derjenigen der Ware: &#8220;Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform. Unsere Untersuchung beginnt daher mit der Analyse der Ware&#8221;. Statt dessen endet das &#8220;Kapital&#8221; mit der systematischen Ableitung der Klassen, und auch dies bloß der Absicht nach, denn der 3. Band ist bekanntlich Fragment geblieben. Schon diese Stellung verrät: Die Klassen sind also in der Marxschen Theorie letztlich eine sekundäre, abgeleitete Kategorie. Der traditionelle Marxismus in all seinen Variationen aber hat dieses Verhältnis in der Theorie auf den Kopf gestellt. Hier ist die Klasse der letzte Grund der Gesellschaft und nicht die Ware. Die Analyse der Warenform erscheint vielmehr als bloß definitorisch und unkritisch herunterzuschnurrender Vorspann zur &#8220;eigentlichen&#8221; Theorie des Kapitals, die primär als Theorie des Klassenkampfs verstanden wird.</p>
<p>Die auf diese Weise programmierte theoretisch-politische Mustererkennung ist sehr einfach. Während die bürgerliche Ideologie bemüht ist, über eine Theorie der übergreifenden gesellschaftlichen Kategorien und Institutionen (Volkswirtschaft, Staat und Demokratie, Nation etc.) die identitäre Gemeinsamkeit der Gesellschaftsmitglieder zu betonen und herauszuarbeiten, verweist der Marxismus demgegenüber beharrlich auf die &#8220;dahinterstehende&#8221; Klassenspaltung. Die staatliche, nationale usw. Identität wird konterkariert durch die &#8220;klassenmäßige&#8221; Nicht-Identität. Die Warenform und die von ihr konstituierten gesellschaftlichen Sphären, den Staat eingeschlossen, erscheinen demzufolge quasi als die gesellschaftliche Oberfläche, &#8220;hinter&#8221; der sich als das &#8220;Eigentliche&#8221; der Gesellschaft der Klassengegensatz &#8220;verbirgt&#8221;. Mit derselben ermüdenden Eintönigkeit, mit der die bürgerliche Theorie die Gemeinsamkeit der Gesellschaftsmitglieder beweist, beweist der Marxismus postwendend ihre Klassenspaltung als Nichtgemeinsamkeit. Dieser Marxismus bemerkt gar nicht, dass er mit einer solchen Diktion völlig an einer Kritik der Fundamentalkategorien des Kapitals vorbeizielt. Nicht Warenform, Geld und Staat als solche werden zum Gegenstand der Negation, sondern lediglich der gesellschaftliche Bezug darauf, der als klassenmäßig bestimmter &#8220;entlarvt&#8221; wird. Indem Warenform, Geld und Staat zu quasi-ontologischen Hintergrund-Kategorien vernebelt werden, richtet sich die kritische Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den &#8220;Umgang&#8221; mit diesen Erscheinungen. Die zentralen, von der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie radikal angegriffenen Gegenstände verkommen so zu Requisiten, deren sich die herrschende Klasse auf der Klassenkampfbühne gewohnheitsmäßig bedient. Nichts fällt aber leichter als der Nachweis, dass die &#8220;Monopole&#8221; sich den Staat &#8220;untergeordnet&#8221; haben, dass die erarbeiteten &#8220;Werte&#8221; nicht den Arbeitenden zugute kommen, sondern &#8220;dem Kapital&#8221;, dass die Steuern für die (u.a. kriegerischen) &#8220;Zwecke des Kapitals&#8221; ausgegeben werden und nicht oder unzureichend für die Bedürfnisse der Massen, dass überhaupt die &#8220;Verwendung&#8221; des Geldes im allgemeinen den Interessen der &#8220;Kapitalistenklasse&#8221; folgt und nicht den Interessen der &#8220;Arbeiterklasse&#8221; usw.</p>
<p>In dieser herrschenden Interpretation der Marxschen Theorie ist letztlich die Kritik der politischen Ökonomie durch einen affirmativen Vulgärsoziologismus ersetzt. Die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; erscheint nicht mehr als eine logische Realkategorie des Kapitals selbst, d.h. als Charaktermaske des variablen Kapitals, sondern als absolute Entität der &#8220;Arbeit&#8221; in einem unhistorischen Sinne, die in der kapitalistischen Produktionsweise quasi &#8220;von außen&#8221; durch die Profit-Subjektivität der feindlichen, mit dem &#8220;Willen zur Ausbeutung&#8221; begabten &#8220;Kapitalistenklasse&#8221; geknechtet wird. Die Kritik dieses kastrierten Marxismus richtet sich demzufolge nicht gegen das gesellschaftliche Verhältnis als solches, das ja die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; immer mit einschließt, sondern bloß gegen das subjektive &#8220;Interessen&#8221;-Handeln der &#8220;Kapitalisten&#8221;. Indem diese hilflose und begriffslose Theorie sich bloß positiv und affirmativ auf die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; als das auserwählte Volk Gottes bezieht und mit fliegenden Fahnen &#8220;Partei ergreift&#8221; im &#8220;Klassenkampf&#8221;, bemerkt sie gar nicht, dass sie sich ausschließlich in der Hülle des Kapitalverhältnisses bewegt und sich einbildet, dieses Verhältnis mit seinen eigenen Kategorien kritisieren und umwälzen zu können. Der &#8220;Klassenkampf&#8221; in diesem Sinne ist aber nichts weiter als die subjektive Seite der &#8220;Selbstbewegung des Kapitals&#8221;, d.h. der Selbstverwertung des Werts in der Form eines bewusstlosen, den Individuen äußerlichen gesellschaftlichen Verhältnisses.</p>
<h4>Zweites Kapitel</h4>
<p>Die Subjektivität, die in diesem traditionellen &#8220;Klassenkampf&#8221;-Modell und dessen realen historischen Verlaufsformen beschworen bzw. bekämpft wird, ist aber eine Schein-Subjektivität, die auf beiden Seiten des Verhältnisses im Fetischismus der Warenform befangen bleibt. Diese Willens-Subjektivität ist nicht ihr eigener letzter Grund, weil ihre sozialen Träger, die &#8220;kämpfenden Klassen&#8221;, nicht der letzte Grund der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, sondern vielmehr selber sekundäre, abgeleitete Formen. Diese Subjektivität ist also eine konstituierte, die ihren eigenen Konstitutionszusammenhang nicht weiß, der völlig außerhalb ihres Blickfelds bleibt. Das auf dem Boden dieser unwahren, konstituierten Subjektivität entwickelte Denken bleibt begriffslos gegenüber seiner eigenen Form, der die Warenform der gesellschaftlichen Reproduktion zugrunde liegt. Die bloße Beschwörung der &#8220;Klassenmäßigkeit&#8221; aller gesellschaftlichen Erscheinungen berührt das zentrale Wesensproblem des Konstitutionszusammenhangs der Klassen selber überhaupt nicht. Die bürgerlichen Identitäts-Kategorien wie Nation, Staat etc. können gerade deswegen nicht als solche radikal kritisiert werden, weil sie demselben ausgeblendeten Konstituierungszusammenhang wie die unvermittelt als Ausgangspunkt genommenen Klassen und deren Gegensatz angehören. Die Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaftskategorien kann nicht gedacht werden, weil die Aufhebung warenförmiger und damit geldförmiger Beziehungen nicht gedacht werden kann, sondern die Kritik in der empirisch-soziologischen Bestimmung der &#8220;Klassenmäßigkeit&#8221; stecken bleibt.</p>
<p>Mit dem Verhältnis von Warenform und Klassen wird so auch der Marxsche Begriff des gesellschaftlichen Fetischismus auf den Kopf gestellt. Während im Ansatz der Marxschen Theorie die subjektiv bewussten Sozial- und Konkurrenz-Handlungen der kapitalistischen Oberfläche, also letztlich auch der &#8220;Klassenkampf&#8221;, als falsche und scheinbar selbstverständliche Unmittelbarkeit in Wirklichkeit durch den zugrundeliegenden Waren-Fetischismus konstituiert sind, versteht der traditionelle Arbeiterbewegungs-Marxismus diesen Zusammenhang gerade andersherum. Die bloß &#8220;scheinbare&#8221; Gleichheit und Freiheit des Waren-Tausches soll als Fetisch die &#8220;verborgene&#8221; Ungleichheit und Unfreiheit des &#8220;dahinterstehenden&#8221; Klassengegensatzes verschleiern. Paul Mattick etwa plaudert diese für das landläufige Marxverständnis typische Verkehrung mit naivem Selbstbewusstsein aus. Er erklärt ganz offen:</p>
<p><a name="F1"></a>&#8220;Bei Marx handelt es sich um den die heutige Gesellschaft beherrschenden und auf Ausbeutung beruhenden Klassengegensatz von Arbeit und Kapital, der sich durch die Marktbeziehung in ökonomischen Kategorien darstellt und in diesen fetischistischen Formen ins Bewusstsein rückt.&#8221;<a href="#FN1">1</a></p>
<p>Der Begriff des Warenfetischismus erscheint hier im Gegensatz zu Marx auf die Zirkulationssphäre verkürzt, auf den &#8220;Austausch&#8221; von Äquivalenten des &#8220;Werts&#8221;. Das Verhältnis von Wesen und Erscheinung wird damit umgekehrt, die Klassen bzw. der Klassenkampf zur Wesenskategorie und die Warenform zur (Oberflächen-) Erscheinung erklärt. Diese eingefleischte Auffassung widerspricht schon der simpelsten empirischen Evidenz. Der Klassengegensatz, auch wenn er nicht als aufhebbar gedacht werden kann, ist in vielfältigen Formen im empirischen Alltag allgegenwärtig, angefangen vom unmittelbaren Arbeitsprozess bis hin zu den vermittelten Formen der Sozialverwaltung usw. Dieser Gegensatz ist in seinem kruden empirischen Dasein durchaus begriffen und bewegt sich in den sozialen Handlungen und Organisationsformen der Subjekte; nicht begriffen und völlig außerhalb jedes bewussten Handlungs-Zugriffs hingegen bleibt das Gehäuse der Warenform selber als der blind vorausgesetzten gesellschaftlichen Reproduktionsform, die den empirischen Klassengegensatz der modernen Gesellschaft erst erzeugt hat und in deren Hülle er sich empirisch- historisch bewegt.</p>
<p>Die Warenform selber ist das eigentlich &#8220;Verborgene&#8221;, Zugrundeliegende, Unbegriffene; was durch die Freiheit und Gleichheit des Äquivalenten-Tausches in der Zirkulation verdeckt und verschleiert wird, ist nicht der in Wahrheit empirisch offenliegende Klassengegensatz, sondern der Fetischismus der Warenform im produktiven Kern des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses selbst. Der Warenfetischismus besteht in der Fetischisierung der gesellschaftlichen Arbeit selber zum &#8220;Wert&#8221;, zur scheinbaren Produkt-Eigenschaft. Die wirkliche Nicht-Identität der Gesellschaftsmitglieder ist ihr Dasein als Warenproduzenten überhaupt, d.h. das Auseinanderfallen von konkretem Arbeitsprozess und an sich realer, aber bewusstloser Gesellschaftlichkeit der Arbeit. Die Gesellschaftlichkeit der Arbeit existiert so außerhalb der menschlichen Arbeits-Subjekte als Beziehung der Produkte aufeinander; diese negative, dingliche Form der Gesellschaftlichkeit kommt in der Zirkulation, im Warenaustausch, zur Erscheinung, sie hat ihre Grundlage jedoch in der Form des Arbeitsprozesses selbst als Dasein der abstrakten Arbeit: der kapitalistische Arbeitsprozess ist wesenslogisch nicht Produktion von Gebrauchsgütern, die &#8220;danach&#8221; ausgetauscht werden, sondern vielmehr abstrakter Verausgabungsprozess menschlicher Arbeitskraft um seiner selbst willen. Die produzierten Gebrauchswerte sind demzufolge nur Erscheinungsform von &#8220;Wert&#8221;, nicht umgekehrt, weil die konkret-stoffliche Arbeit bloß Erscheinungsform von abstrakt-gesellschaftlicher Arbeit ist. Diese Verallgemeinerung des Warenfetischs zur gesellschaftlichen Reproduktionsform oder Totalität und damit die vollständige Subsumtion der produktiven Grundlage der gesellschaftlichen Arbeit unter den Fetischismus ist nur möglich durch die Warenform der menschlichen Arbeitskraft selbst. Der Warenfetisch verschleiert also nicht etwa den &#8220;eigentlichen&#8221; Klassengegensatz, sondern er konstituiert diesen erst. Die Warenform und der in ihren produktiven Kern eingeschlossene Fetischismus sind die wirklichen Wesenskategorien des Kapitalverhältnisses, Klassen und Klassenkampf hingegen die Oberflächenerscheinungen dieses Wesens. Kapital und Arbeit sind identisch als die sozialen Daseinsformen des Warenfetischismus, der auf der Nicht-Identität der menschlichen Subjekte überhaupt mit der Gesellschaftlichkeit ihrer eigenen Arbeit beruht. Der herkömmliche &#8220;Klassenkampf&#8221; beinhaltet also nicht das Durchschauen des Fetischismus und die Befreiung davon, sondern er ist im Gegenteil die Bewegungsform des Fetischismus selbst, die wiederum identisch ist mit der Selbstbewegung des Kapitals; denn nur als Verwertung des Werts kann der Warenfetisch zur gesellschaftlichen Totalität aufsteigen.</p>
<h4>Drittes Kapitel</h4>
<p>Die zentrale Subjekt-Kategorie des fetischistischen Vergesellschaftungsprozesses der Warenform ist die des Interesses, in der soziologischen Wahrnehmung des traditionellen Marxismus definiert als das Klasseninteresse. Wie es für einen scheinbar radikalen Standpunkt gegen die kapitalistische Produktionsweise in dieser verkürzten Diktion ausreicht, sich &#8220;auf den Standpunkt der Arbeiterklasse&#8221; zu stellen und also &#8220;klassenmäßig&#8221; zu denken und zu handeln, so scheint dieses Denken und Handeln seinen Inhalt vom &#8220;Klasseninteresse des Proletariats&#8221; zu beziehen. Die Erhebung dieses &#8220;Klasseninteresses&#8221; zur schein-transzendenten, scheinrevolutionären Kategorie kann dadurch vorgetäuscht werden, dass die &#8220;Arbeit&#8221; nicht von ihrer wirklichen warenfetischistisch-kapitalistischen Formbestimmtheit her begriffen wird, sondern als überhistorische Entität des Stoffwechselprozesses mit der Natur. Die Marxsche Kategorie der &#8220;abstrakten Arbeit&#8221; verschwindet ganz oder wird einseitig dem &#8220;Klasseninteresse des Kapitals&#8221; zugeschlagen, während die Arbeiterklasse ebenso einseitig auf der Seite der konkreten Arbeit erscheint. In der Diktion des traditionellen Marxismus findet hier eine doppelte Verwechslung und Vertauschung statt: einerseits wird die gesellschaftliche Abstraktion des &#8220;Werts&#8221; nicht etwa kritisiert, sondern positiv affirmiert in der dithyrambischen Feier der Arbeiterklasse als der &#8220;Schöpferin aller Werte&#8221;, damit aber (konkretes) Mehrprodukt und (abstrakter) Mehrwert begriffslos vermischt und so der tatsächliche &#8220;unversöhnliche&#8221; Gegensatz von Gebrauchswert (konkrete Nützlichkeit) und &#8220;Wert&#8221; der gesellschaftlichen Arbeit und ihrer Produkte ebenso begriffslos versöhnt; andererseits aber wird das diffuse Unbehagen an den negativen Seiten der warenförmigen Abstraktion empiristisch auf das manifeste &#8220;Profitinteresse&#8221; des &#8220;Kapitals&#8221; zurückgeführt und das &#8220;Arbeiterinteresse&#8221; als das ontologische, &#8220;lebensweltliche&#8221; Interesse des quasi-&#8221;natürlichen&#8221; Produzenten aus dem unbegriffenen Abstraktions-Zusammenhang der fetischistischen Verwertung des Werts klammheimlich herausgenommen. Das &#8220;Klasseninteresse des Proletariats&#8221;, wiewohl verräterisch immer und unvermeidlich in der Wert- und damit Geldform geltend gemacht, erhält so den (freilich nie exakt hergeleiteten) Geruch eines unmittelbaren &#8220;Gebrauchswertinteresses&#8221; bzw. auf der Seite des &#8220;proletarischen Klasseninteresses&#8221; erscheint der Gegensatz von Wert und Gebrauchswert als ausgelöscht oder unwesentlich.</p>
<p>In dieser Fassung des &#8220;Arbeiterinteresses&#8221; als &#8220;Gebrauchswertinteresse&#8221;, soweit es überhaupt politökonomisch begründet ist, erscheint wieder die Zirkulations-Bornierung des traditionellen Marxismus, indem der Verwertungsprozess ausschließlich in das subjektiv-empirische &#8220;Klasseninteresse&#8221; verlegt wird (womöglich als subjektive Pseudo-Eigenschaft namens &#8220;Profitgier&#8221;), während das &#8220;Klasseninteresse des Proletariats&#8221; im Austausch der Ware Arbeitskraft gegen die Geld-Lohnform der Konsumtionsmittel quasi der Form eines &#8220;einfachen&#8221; Warenaustauschs zugeschlagen erscheint. Die Selbstbewegung des Geldes als Verwertung des Werts, d.h. die kapitalistische Warenproduktion, in der die Zirkulation nicht etwa die Sphäre der Vermittlung von Gebrauchswerten ist, sondern in Wahrheit die bloße Realisierungs-Sphäre des Mehrwerts, erscheint so einseitig als der Zirkulationsprozess des Kapitals, während das &#8220;Arbeiterinteresse&#8221; quasi auf die Form einer &#8220;einfachen&#8221; Zirkulation bezogen erscheint und der Lohnarbeiter also in der Position eines &#8220;einfachen&#8221; Warenproduzenten, für den der Warentausch tatsächlich nur der Gebrauchswertvermittlung dient. Hier wird die begriffliche Vernebelung der Warenform noch deutlicher: Nicht die Wert-Kategorie als solche wird in diesem Verständnis angegriffen, sondern bloß das scheinbar subjektive &#8220;Mehrwert&#8221;-Interesse des Kapitalisten (das gleichzeitig mit der Mehrprodukt-Aneignung vorkapitalistischer Produktionsweisen fälschlich identifiziert wird), während auf der anderen Seite die Kategorien des Lohnarbeiters, des &#8220;einfachen&#8221; Warenproduzenten und der Gebrauchswert-Produktion zu einer einzigen pseudo-natürlichen und ontologischen Kategorie amalgamiert werden, die nur positiv und dem &#8220;Kapitalinteresse&#8221; äußerlich als das Dasein und der Standpunkt der ewigen menschlichen Arbeit schlechthin erscheint.</p>
<p>Dieses verkürzte &#8220;marxistische&#8221; Denken verkennt völlig, dass es nur eine einzige Zirkulation gibt, nämlich die des Kapitals, in die das &#8220;Arbeiterinteresse&#8221; und der Tausch der Ware Arbeitskraft vollständig involviert sind. Diese Ware Arbeitskraft unterscheidet sich fundamental von allen anderen Waren und kann keineswegs einem &#8220;einfachen&#8221; Zirkulationsprozess auf der Seite des Arbeiters zugeschlagen werden. Der Arbeiter produziert seine Arbeitskraft nicht unmittelbar als stofflichen Gebrauchswert wie der Bäcker seine Brötchen, sondern die Produktion dieser seiner &#8220;Ware&#8221; ist selbst schon durch abstrakte Arbeit negativ gesellschaftlich vermittelt und erlischt nicht im Gebrauchswert als konkretem, sondern in der Wert-Abstraktion selbst als Gebrauchswert für das Kapital, mehr Wert als ihre Reproduktionskosten zu produzieren. Das Kapital-Interesse und das Arbeiter-Interesse sind also bereits von vornherein innerhalb der abstrakten Form miteinander verschränkt und können nicht als &#8220;abstraktes&#8221; Wert-Interesse auf der Seite des Kapitals und als &#8220;konkretes&#8221; Gebrauchswert-Interesse auf der Seite des Arbeiters auseinanderdividiert werden. Die unmittelbare Produktion der Ware Arbeitskraft geschieht teils überhaupt außerhalb des Wert-Gebrauchswert-Gegensatzes der Warenform (Naturvorgang der Zeugung und Geburt einerseits, Hausarbeit andererseits), teils ist sie ganz unabhängig von der Tätigkeit des Arbeiters oder seiner Familie wertförmig indirekt vermittelt durch den Staat (Schule usw.); gleichzeitig ist diese &#8220;Ware&#8221; mit ihrer ursprünglichen Produktion nicht ein für allemal produziert und verkauft, sondern muss ständig neu reproduziert und neu verkauft werden. Diese Reproduktion aber geschieht eben unmittelbar zunächst einmal über die Geldform des Lohns, worin sich die Verkehrung von Abstraktem und Konkretem auch auf der Seite des Arbeiters ausdrückt; denn indem in Gestalt des Lohns auch für ihn das Geld als die Inkarnation der abstrakten Arbeit der wirkliche Ausgangspunkt seiner Reproduktion ist, und nicht die vorgängige Produktion eines stofflichen Gebrauchswerts, bleibt die scheinbar einfache W-G-W-Bewegung für ihn eine bloß formelle, deren wirklicher stofflich-gesellschaftlicher Inhalt nichts, aber auch gar nichts mit der bloßen Gebrauchswert-Vermittlung einer &#8220;einfachen&#8221; Warenproduktion zu tun hat. Der Arbeiter ist ein genauso abstraktes Geld-Subjekt wie der Kapitalist, aber eben auf der anderen Seite der negativ-polaren gesellschaftlichen Beziehung. Die bloße Konsequenz seiner Interessen-Verfolgung führt daher nie und nimmer aus der Wertabstraktion heraus zu einem unmittelbaren Gebrauchswert-Interesse, sondern bleibt notwendig in der Warenform, d.h. im Kapitalverhältnis befangen.</p>
<h4>Viertes Kapitel</h4>
<p>Es gehört zur fetischistischen Mythologie des traditionellen Marxismus, die &#8220;Klasseninteressen&#8221; in der vorgefundenen Form für &#8220;unversöhnlich&#8221; zu erklären, ohne zu bemerken, dass sie gerade durch diese Form, die Warenform nämlich, zu einer Identität zusammengeschlossen werden, die den erscheinenden und von der bürgerlichen Ideologie angerufenen Identitäten wie Staat und Nation etc. noch vorgelagert ist und diese erst konstituiert. Innerhalb der Warenform ist das &#8220;Klasseninteresse des Proletariats&#8221; ein ganz gewöhnliches, stinknormales Konkurrenzinteresse, das zwar einen Gegensatz zu anderen Konkurrenz-Interessen stiftet, aber als solches keineswegs einen &#8220;unversöhnlichen&#8221;.</p>
<p>Bevor noch die Gegensätze der konkurrierenden Individuen und sozialen Charaktere (&#8220;Charaktermasken&#8221;) in Kraft treten und vollzogen werden können, sind diese Individuen und Charaktere immer schon in die zugrundeliegende abstrakt-allgemeine Identität und gesellschaftliche Gemeinsamkeit der Warenform eingebunden, die sie in einer einzigen gesellschaftlichen Totalität, der Selbstbewegung des Werts nämlich, zu einem Ganzen gesellschaftlicher Reproduktion zwanghaft aneinanderkettet. Erst innerhalb dieser abstrakt-allgemeinen gemeinsamen Identität unterscheiden sich die Individuen und sozialen Charaktere voneinander, je nachdem, welchen Platz und welche Funktion sie in der warenproduzierenden Gesellschaft einnehmen bzw. welcher Natur ihre jeweilige Ware ist. Daraus ergeben sich in der Hülle der Warenform unterschiedliche und gegensätzliche Interessen. Solange jedoch die Warenform selber nicht radikal kritisiert wird, muss sich der &#8220;Klassengegensatz&#8221; in dieser Form objektiv notwendig in die allgemeine Logik der Konkurrenz und ihrer Formen einordnen, ohne dass dadurch ein besonderer Gegensatz über die anderen Ebenen der Konkurrenz hinaus gestiftet würde. Dieser falsche Schein konnte nur entstehen, solange die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft noch nicht als offizielles Konkurrenzsubjekt anerkannt war, solange sie also noch gegen den halbfeudalen Staat und/oder gegen mächtige Einzelkapitale ihre &#8220;Koalitionsfreiheit&#8221;, überhaupt ihre &#8220;Rechte&#8221; als warenförmiges soziales Subjekt geltend machen und durchsetzen musste.</p>
<p>Wenn die alte Arbeiterbewegung ein explizit sozialistisches Pathos entwickelt hat und aus ihm ihre ideologische Durchschlagskraft schöpfte, so beruht dieser antikapitalistische Überschuss auf einem grundsätzlichen Quidproquo. Sie erklärte gerade die ständischen Eierschalen, die ihrem zeitgenössischen Kapitalismus noch anhafteten, mit dem sie sich empirisch nun einmal auseinandersetzen musste, zu unaufhebbaren Wesensmerkmalen dieser Gesellschaftsformation. Während realiter die gleichberechtigte Anerkennung des &#8220;Arbeiterinteresses&#8221; identisch mit der vollen Ausbildung der Wertvergesellschaftung ist, setzte die alte Arbeiterbewegung daher fälschlicherweise die Emanzipation der Arbeiterklasse als Arbeiterklasse mit dem Ende der bürgerlichen Form in eins. Der traditionelle Marxismus hielt die Exterritorialität der Arbeiterschaft, ihren Ausschluss aus der Welt der freien und gleichen Warenbesitzer, der sich aus vorkapitalistischen Verhältnissen in die bürgerliche Gesellschaft des beginnenden Jahrhunderts noch hinübergerettet hatte, für ein spezifisches Charakteristikum jeder bürgerlichen Gesellschaft. Er kam zu dieser Einschätzung, weil er die eigene Gegenwart nicht vom Standpunkt der allgemeinen Logik des Kapitals beurteilte, sondern statt dessen unter Gesichtspunkten deutete, die selber noch von ständischen Modellen hergeleitet waren. Der dabei transportierte Klassenbegriff nahm eine eindeutig vorkapitalistische Färbung an. Der Kontrast zu der verflossenen organischen Einheit von Arbeitsmittel und Arbeitskraft trübte den Blick für die neue, sich erst herausbildende Konstellation und ließ den Arbeiter als erweiterte und verallgemeinerte Fortsetzung der vorkapitalistischen landlosen Armut erscheinen. Der traditionelle Marxismus nimmt den Arbeiter nicht als Warenbesitzer neben anderen, sondern sieht ihn innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft rein negativ bestimmt und zum eigentumslosen outlaw degradiert, der allen Besitzenden unterschiedslos gegenübersteht. Die noch in ihrer Herausbildung begriffene Arbeiterklasse verstand sich selbst der klassisch-marxistischen Kurzdefinition gemäß rein negativ, als die berüchtigte Klasse der &#8220;Nichtbesitzer von Produktionsmitteln&#8221;, und wurde von der empirischen Bourgeoisie ihrer Zeit auch als solche unterständische Masse gesehen. Der Klassengegensatz erscheint nicht als das, was er dem Begriff des Kapitals nach nur sein kann, als wertimmanenter Konkurrenzgegensatz verschiedener Warenbesitzerkategorien, sondern beansprucht einen weit fundamentaleren Stellenwert und wird zum allgemeinen Widerspruch von Besitz und Nichtbesitz, von Produktion des gesellschaftlichen Reichtums und dessen parasitärer Aneignung hochstilisiert. Nur unter diesem, vom vorkapitalistischen Widerspruch von Arm und Reich bestimmten Blickwinkel, kann die Arbeiterklasse den Anspruch erheben, per se als grundlegend andere, immer schon transbürgerliche Entität zu gelten.</p>
<p>Die historische Entwicklung strafte das antibürgerliche Selbstverständnis der alten Arbeiterbewegung mit unübersehbarer Evidenz Lügen. Ihre praktischen, historischen Erfolge erwiesen handgreiflich, wie unzureichend diese Selbsteinschätzung immer schon gewesen war, und höhlten sie gründlich aus. Indem die Arbeiterklasse ihrem wirklichen Beruf einer erst vollen Durchsetzung der &#8220;freien&#8221; Lohnarbeit und damit der totalen Warenproduktion nachkam, konstituierte sie einerseits das halbständische Arbeitermilieu endlich zur modernen Klasse, arbeitete aber andererseits den profanen Geldkern des &#8220;Arbeiterinteresses&#8221; heraus und zerstörte damit dessen transzendenten Schein. Im selben Masse, wie die Arbeiterklasse wirklich zu Klasse wird, und alle ständischen Überbleibsel an ihr verdampfen, verblasst der Klassenstandpunkt. Er wandert aus dem Zentrum des Sonnensystems auf die Erde und wird banal. Er taugt offensichtlich nicht länger zur allgemeinen Sinnstiftung und Welterklärung. Dieser Endzustand des positiven &#8220;Klassenbewusstseins&#8221; entspringt nicht der Niederlage der sich affirmierenden Arbeiterklasse, wie es sich die enttäuschten Liebhaber des verblichenen &#8220;sozialistischen Ideals&#8221; gerne einreden, sie hat vielmehr deren Endsieg zur Quelle. Der reale gesellschaftliche Prozess, der unter der Bezeichnung einer &#8220;Integration der Arbeiterklasse&#8221; als vermeintliche &#8220;Abkehr&#8221; von positivem &#8220;Klassenbewusstsein&#8221;, &#8220;Klasseninteressen&#8221; und &#8220;Klassenkampf&#8221; etc. erscheint, ist in Wirklichkeit deren unvermeidliches Resultat. Am Ende des &#8220;Klassenkampfs&#8221; des Proletariats als dessen Selbstaffirmation in der Warenform der Arbeitskraft kann nur seine endgültige Entpuppung als &#8220;reines&#8221; Dasein des variablen Kapitals stehen.</p>
<p>In der allseitigen Konkurrenz der warenförmigen Subjekte, wie sie erst mit der fordistischen Voll-Vergesellschaftung nach dem Zweiten Weltkrieg als totale und weltweite Verkehrsform endgültig und unter Zerstörung der letzten vor- bzw. nichtkapitalistischen Reproduktionsformen und -Sektoren herausgebildet wurde, verliert das &#8220;Klasseninteresse&#8221; seine privilegierte Konfliktposition. Einerseits zwingt die nationale ebenso wie die Weltmarkt-Konkurrenz die konkurrierenden Sozialcharaktere &#8220;Lohnarbeit&#8221; und &#8220;Kapital&#8221; auf einer anderen Ebene gleichzeitig in eine unmittelbare Interessen-Identität hinein. In ganz allgemeiner Form war dieses Phänomen auch schon relativ frühzeitig in der alten Arbeiterbewegung wirksam, etwa in deren &#8220;nationaler&#8221; Integration gegen andere (konkurrierende) Nationen. Auf der heute erreichten Stufe einer fast total gewordenen Weltmarkt-Vergesellschaftung ist dieses Moment der Interessen-Identität jedoch noch viel durchschlagender und vielfältiger geworden. Es handelt sich hier keineswegs bloß um &#8220;Ideologie&#8221; im Sinne eines &#8220;falschen Bewusstseins&#8221; bzw. gar im Sinne einer vermeintlichen &#8220;manipulierten&#8221; Abkehr vom &#8220;wahren&#8221; eigenen Interesse. Die empirischen Subjekte sind hier viel &#8220;materialistischer&#8221; (in einem affirmativen, zynischen, eben warenförmig konstituierten Bezug) als die &#8220;humanistischen&#8221; Idealisten des Altmarxismus verschiedenster Couleur. Sie wissen sehr wohl, dass sie in einem objektiven &#8220;Interessengegensatz&#8221; zum &#8220;Kapital&#8221; stehen, vielleicht besser und abgeklärter als ihre arbeiterbewegten Vorfahren, aber sie wissen ebenso, dass dieser Gegensatz seine Schranke findet in der Interessen-Identität auf einer anderen Ebene der allseitigen Konkurrenz. Die eigenen Forderungen müssen sich den &#8220;Gesetzen der Warenproduktion&#8221; beugen, auch wenn deren wissenschaftlicher Begriff nicht gewusst ist, ihre Objektivität sich jedoch empirisch aus dem Erfahrungszusammenhang der totalen Warengesellschaft alltäglich aufdrängt. Die Lohnarbeiter von Siemens, Daimler, MBB oder der Atomindustrie usw. &#8220;vertreten&#8221; durchaus ihr Lohn- und Arbeitsplatz-&#8221;Interesse&#8221; gegen &#8220;ihr&#8221; jeweiliges Kapital, treten für bessere Arbeitsbedingungen ein usw., aber sie müssen notwendig als warenförmige Interessen-Subjekte gleichzeitig für den Weltmarkterfolg von Siemens oder Daimler gegen die japanische Weltmarkt-Konkurrenz eintreten oder um ihrer &#8220;Arbeitsplätze&#8221; willen die Lobby der Atomindustrie etwa gegen Umweltschützer und Atomkraftgegner unterstützen (wie es auch die Betriebsräte der Kraftwerksindustrie ganz konsequent tun). Die Lohnarbeiter wissen längst, dass die Konkurrenz der warenförmigen Interessen nicht so eindimensional ist, wie es der traditionelle Marxismus glauben möchte. Und deswegen wissen sie auch, wann sie zu schlechte Karten und ausgereizt haben, etwa bei den Stillegungen der Stahlindustrie. Die &#8220;Gesetze der Warenproduktion&#8221;, die als Vollstreckung der Weltmarkt-Konkurrenz in Erscheinung treten, werden letzten Endes notgedrungen hingenommen, weil keinerlei gesellschaftliche Alternative dazu sichtbar ist. Nicht die abgeklärten, ihre Konkurrenz-Interessen auf allen Ebenen wahrnehmenden und &#8220;realistischen&#8221; Lohnarbeiter sind die historischen Idioten, sondern die selber durch und durch im Warenfetisch befangenen Linken und Marxisten, die den ordinären Konkurrenz-Interessen der Ware Arbeitskraft eine &#8220;Unversöhnlichkeit&#8221; gegen &#8220;das Kapital&#8221; andichten wollen und die von Kapital und Staat ebenso nüchtern und zynisch präsentierten höchst realen Sachzwänge, die &#8220;Zwangsgesetzlichkeit der Konkurrenz&#8221; (Marx), schlicht wegleugnen und wegmoralisieren bzw. in die &#8220;Profit&#8221;-Subjektivität &#8220;der Kapitalisten&#8221; verlagern möchten. Jeder Versuch, die Lohnarbeiter innerhalb der nicht explizit als solche angegriffenen Warenform zu einer &#8220;konsequenten&#8221;, &#8220;unversöhnlichen&#8221;, &#8220;rücksichtslosen&#8221; usw. Interessenverfolgung gegen &#8220;das Kapital&#8221; anzustacheln, muss sich als unwahr und aussichtslos blamieren. Die Inkonsequenz des Interesses liegt in ihm selber, in seiner Form, die immer eine reale Identität von Interessengegensatz und Interessengleichheit auf verschiedenen Ebenen stiftet. Die Lohnarbeiter als Lohnarbeiter können überhaupt kein absolut unversöhnliches Interesse gegen das Kapital als Kapital besitzen, weil sie selber Moment und Bestandteil des Kapitals sind. Der Marxsche Satz, dass die Idee sich immer blamiert, sofern sie vom Interesse verschieden war, beweist sich hier auf überraschende Weise an den Marxisten selbst, deren Denken nicht über den Warenfetisch hinauskommt. Es führt kein Weg vom warenförmig konstituierten Interessenkampf zur Aufhebung des gesellschaftlichen Verhältnisses selber, das diese Interessen auf allen Ebenen erst konstituiert.</p>
<p>Andererseits aber bricht sich das Lohnarbeiter-Interesse nicht nur an der Interessen-Identität mit dem Kapital auf einer anderen Ebene der Konkurrenz, sondern die Allseitigkeit der Konkurrenz zwingt gleichzeitig zum Konkurrenzkampf nicht nur unter den &#8220;Kapitalisten&#8221;, sondern auch unter den Lohnarbeitern selber. Im Interessenkampf um Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen, Lohnquoten, Status, Qualifizierung usw. stehen sich nicht nur Lohnarbeiter und Kapital, sondern immer gleichzeitig auch die einzelnen Arbeiter untereinander, Facharbeiter und Un- oder Angelernte, Kern- und Randbelegschaften, Vollzeit- und Teilzeitarbeiter, Beschäftigte und Arbeitslose, männliche und weibliche Lohnarbeiter usw. gegenüber. Die Interessengegensätze und -Identitäten auf dieser Ebene sind nicht weniger real als diejenigen zwischen Kapital und Arbeit, dieselben Gegensätze und Identitäten zwischen den verschiedenen Branchen, Nationen, Blocks usw. Die Vielschichtigkeit und Allseitigkeit der Konkurrenz treibt in ihrem totalen, weltweiten Dasein ein ungeheures Kraftfeld widerstreitender und identischer Interessen hervor, dessen Resultante und konkrete Verlaufsform nicht wirklich vom warenförmig konstituierten &#8220;Klassengegensatz&#8221; als lediglich einer von vielen Kräften übergriffen und dauerhaft dominiert werden kann. Die altmarxistische Behauptung, dass allein das &#8220;Klasseninteresse&#8221; real sei, alle anderen Interessenlagen der Konkurrenz aber dem Arbeiter in letzter Instanz fremd wären, er &#8220;nichts davon hätte&#8221; oder diese mit dem Klasseninteresse divergierenden Konkurrenz-Interessen gar bloß Ideologie, &#8220;Bestechung&#8221; usw. wären, hält so gut wie keiner konkreten Einzelfall- oder Situationsanalyse stand und wurde auch längst historisch Lügen gestraft. Weder auf der Ebene des Trade-Unionismus noch auf der Ebene der &#8220;proletarischen Partei&#8221; konnte die Involvierung der Lohnarbeiter in die divergierende Allseitigkeit der Konkurrenz-Interessen jemals wirklich aufgehoben werden. Diese Involvierung ist mit der Warenform als solcher mit Naturnotwendigkeit gesetzt; alle Versuche des verkürzten Marxismus, innerhalb dieser unbegriffenen, als quasi-ontologisch hingenommenen Form einen &#8220;reinen&#8221;, totalen, von den anderen Ebenen der Konkurrenz abgekoppelten &#8220;Klassengegensatz&#8221; zu mobilisieren, mussten letztlich in der bloß noch moralischen Beschwörung eines quasi altruistisch verklärten &#8220;Klassenbewusstseins&#8221; verenden und kläglich scheitern.</p>
<h4>Fünftes Kapitel</h4>
<p>Es ist also klar, dass die warenförmig konstituierten Interessen nicht dem &#8220;freien Willen&#8221; der voraussetzungslos gedachten Subjekte entspringen, sondern umgekehrt diese Subjekte und ihre Willenshandlungen immer schon von ihnen objektiv vorgegebenen Interessen und deren undurchschauter, blind-gesetzmäßiger gesellschaftlicher Grundlage präformiert sind. Dies wirft allerdings ein eigentümliches Licht auch auf jene Standard-Begrifflichkeit des Marxismus, die den revolutionären Bewusstwerdungs-Prozess angelegt sieht im Übergang von der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse für sich&#8221;. Marx hat hier die Hegelsche Terminologie in die Soziologie des Klassenkampfes umgegossen. Freilich ist in der Marxschen theoretischen Argumentation diese Soziologie der Arbeiterklasse und ihres Bewusstseinsprozesses immer bezogen auf die Kritik der politischen Ökonomie, d.h. letzten Endes die Kritik der Warenform überhaupt und den darin eingeschlossenen gesamtgesellschaftlichen Fetischismus, der &#8220;vergangene gesellschaftliche Arbeit&#8221; bewusstlos als &#8220;Wert&#8221; der Produkte &#8220;darstellt&#8221;. Die Soziologie des Proletariats und seines &#8220;Klassenkampfs&#8221; steht also in Wirklichkeit nicht für sich, sondern ist in die Kritik dieses zugrundeliegenden Fetischismus eingebunden.</p>
<p>Die Marxsche Terminologie wirft hier allerdings trotzdem ein schwerwiegendes Verständnisproblem auf, insofern dieser Rückbezug auf die Kritik des Warenfetischismus in seinem Werk keineswegs durchgängig explizit und auch nicht systematisch durchgehalten ist. Aus dieser Schwierigkeit bei Marx selber, die zweifellos den unvermeidlichen Anfangsschwierigkeiten einer großen theoretischen Entdeckung ebenso wie dem Bezug auf die kapitalistisch noch wenig entwickelten empirischen Zeitverhältnisse geschuldet ist, ergibt sich die Möglichkeit einer Lesart, die den &#8220;proletarischen Klassenkampf&#8221; völlig von der Kritik des Warenfetischs wegpräpariert. Genau dies ist die Lesart des traditionellen Marxismus. Damit wird aber die Begrifflichkeit des Übergangs von der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse für sich&#8221; nicht mehr bloß der Terminologie nach hegelianisch, auch wenn dieser Sachverhalt den Marxisten nicht bewusst geworden ist. Hegel hat die Kategorie des historischen Entwicklungsprozesses entdeckt, aber für ihn bleibt Entwicklung immer nur die des Geistes, nämlich dessen Ansichsein, Selbstentfremdung und schließliches Fuersichwerden in der philosophischen Geistesgeschichte. Eine revolutionäre &#8220;Aufhebung&#8221; kann demzufolge für Hegel auch immer nur im Denken stattfinden, indem dieses ein schon immer vorgegebenes &#8220;an sich&#8221; nunmehr auch endlich subjektiv &#8220;für sich&#8221; erkennt, d.h. das Denken (und Handeln) der Objektivität des &#8220;an sich&#8221; gegebenen Verhältnisses adäquat wird. Hegels Bezug auf die (von ihm noch nicht in ihrer gesellschaftlichen Form begriffenen) bürgerlichen Verhältnisse ist also von vornherein ein affirmativer, der Gang des Bewusstseins vom &#8220;an sich&#8221; zum &#8220;für sich&#8221; für ihn ein solcher des bewussten Einsehens und Anerkennens, womit die Dialektik mit dem Erreichen des Endstadiums dieser begreifenden Geschichte des Geistes auch zum Stillstand kommt. Marx hat diesen Zug des Hegelschen Denkens schon in der &#8220;Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie&#8221; im Ansatz denunziert und aufgebrochen. Für ihn ist die Einsicht des Denkens in die Verhältnisse eine kritische, die den objektiven Widerspruch dieses Verhältnisses selber in seiner Dynamik aufnimmt und daher nicht zur Aufhebung des Widerspruchs im Denken, sondern zur praktisch-materiellen Umwälzung der Verhältnisse selber gelangt. Erst damit ist die kritische Dimension des Denkens in vollem Umfang erlangt und die bloße Immanenz durchbrochen. Der Marxismus hat nicht erkannt, welche Schlussfolgerung darin für das Verständnis des revolutionierenden Bewusstwerdungsprozesses im Übergang von der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse für sich&#8221; begründet ist; er hat diese Begrifflichkeit vielmehr rein affirmativ interpretiert, also letztlich im Verständnishorizont der Hegelschen Rechtsphilosophie und nicht deren Kritik. Denn im Hegelschen Sinne interpretiert, stehen die &#8220;glücklichen&#8221; Besitzer der Ware Arbeitskraft in einem objektiven, ihnen selber noch nicht bzw. nicht hinreichend bewussten Interessenzusammenhang gegenüber anderen Warenbesitzern. Allein dadurch werden sie zu einer &#8220;Klasse an sich&#8221;. Indem sie sich nun dieses ihr objektiv konstituiertes &#8220;Interesse&#8221; subjektiv bewusst machen und danach handeln, also &#8220;ihre Interessen vertreten&#8221;, werden sie zur &#8220;Klasse für sich&#8221;. Was damit gewonnen ist, ist letztlich nichts als der Standpunkt der hegelschen affirmativen Rechtsphilosophie. Dass sich dieser Standpunkt nicht in süßliche und in sich ruhende Harmonie auflöst, sondern in den immerwährenden Interessenkampf der Konkurrenzsubjekte, ändert überhaupt nichts am Befangenbleiben in den vorgegebenen bürgerlichen Gesellschaftskategorien. Der Kampf der konkurrierenden Interessen innerhalb der Warenform ist keinerlei den Kapitalismus praktisch infragestellendes Moment, sondern vielmehr umgekehrt gerade sein positives Dasein. Insofern gehört der Interessenkampf der Arbeiterklasse zum Funktionieren des Kapitalverhältnisses und die historische Herausbildung der &#8220;Klasse für sich&#8221; kann gar nichts anderes zum Inhalt haben als die vollständige und bewusste Einbindung der Lohnarbeiter in das immer mehr auf seinen Grundlagen prozessierende Kapitalverhältnis.</p>
<p>Das Hegelsche Zusichkommen des Geistes schließt ja Praxis keineswegs aus; es handelt sich aber darum, dass diese Praxis als eine immer schon &#8220;an sich&#8221; gegebene nunmehr auch von einem &#8220;für sich&#8221; gewordenen Bewusstsein subjektiv bewusst vollzogen wird. Nicht die gesellschaftlichen Realkategorien Ware, Geld, Recht, Staat, Familie usw. sollen als solche praktisch &#8220;aufgehoben&#8221; werden, sondern das Bewusstsein soll ihnen im praktischen Vollzug adäquat werden. Ohne es zu wissen, repräsentiert Hegel hier in abstrakter Form das &#8220;Zusichkommen&#8221; der bürgerlichen Verhältnisse, das &#8220;reine&#8221; Werden des Kapitals als totaler Warenform der gesellschaftlichen Reproduktion und damit das Abstreifen vorkapitalistischer Schlacken. Das &#8220;an sich&#8221; der Warenform ist schon vorgegeben, es muss nur im &#8220;für sich&#8221;-Werden des Bewusstseins erkannt und bewusst praktiziert, d.h. aber auch praktisch durchgesetzt werden.</p>
<p>Der Logik der Marxschen Theorie nach, wenn auch nicht immer in seiner expliziten Diktion, geht es aber um eine viel tieferliegende Schicht des Umwälzungsprozesses vom &#8220;an sich&#8221; zum &#8220;für sich&#8221;. Das selber revolutionäre, umwälzende &#8220;an sich&#8221;, das sich bewusstlos unter der Hülle der Warenform herausbildet, ist auf dem Weg der Industrialisierung und Verwissenschaftlichung der Vergesellschaftungsprozess der konkret-stofflichen Arbeit und Reproduktion. Dieses &#8220;an sich&#8221; jedoch steht im Widerspruch zu seiner eigenen gesellschaftlichen Form, der Warenform und aller ihrer Emanationen wie Staat, Recht, Familie usw. Das subjektive Bewusstwerden dieses Widerspruchs, der revolutionäre Übergang vom &#8220;an sich&#8221; zum &#8220;für sich&#8221; beinhaltet also nicht die &#8220;bewusste Anerkennung&#8221; und den &#8220;bewussten Vollzug&#8221; der warenförmigen Kategorien, sondern im Gegenteil ihr praktisches In-die-Luft-Sprengen. Die Hülle der Warenform muss gesprengt werden, um die reale Vergesellschaftung des stofflichen Arbeitsprozesses &#8220;bewusst anzuerkennen&#8221;. Der Bewusstseinsprozess des &#8220;für sich&#8221;-Werdens beinhaltet also nicht das affirmative &#8220;Vertreten der Klasseninteressen&#8221;, sondern im Gegenteil die Aufhebung des objektiven Konstitutionszusammenhangs dieser Interessen selber.</p>
<p>So klar auf dieser fundamentalen Ebene der Unterschied zwischen der Hegelschen und der Marxschen Auffassung des Verhältnisses von &#8220;an sich&#8221; und &#8220;für sich&#8221; wird, so klar muss es auch sein, dass der gesamte &#8220;Interessenkampf&#8221; der alten Arbeiterbewegung und der darauf bezogene Marxismus sich in dieser Hinsicht völlig im Verständnishorizont von Hegel und nicht von Marx bewegt. Marx selber hat allerdings mit seiner positiv-affirmativ und damit soziologistisch verkürzt interpretierbaren Formel vom Übergang der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse für sich&#8221; ungewollt diesem Missverständnis Vorschub geleistet, im Widerspruch zur Logik seines eigenen theoretischen Ansatzes. Dies verweist auf die historische Notwendigkeit einer Epoche, in der tatsächlich noch gewissermaßen Hegel praktisch Recht behält gegen den weiter und tiefer denkenden Marx: nämlich auf die Notwendigkeit eines tatsächlichen praktischen &#8220;Zusichkommens&#8221; der bürgerlichen Gesellschaft, d.h. der Durchsetzung der totalen Wertform und der Befreiung der Arbeiterklasse nicht etwa von der Konkurrenz, sondern vielmehr zur Konkurrenz, nicht von der Lohnarbeit, sondern zur Lohnarbeit in einer von allen vorkapitalistischen Resten befreiten Form, nicht vom Recht, sondern zur abstrakten Freiheit warenförmiger Rechts-Subjekte. Einzig und allein in diesem historischen Kontext macht die Formel des Übergangs von der &#8220;Klasse an sich&#8221; zur &#8220;Klasse für sich&#8221; einen positiven Sinn. In der noch unentwickelten bürgerlichen Gesellschaft bildet sich die Arbeiterklasse objektiv (&#8220;an sich&#8221;) heraus, aber sie wird nicht als vollgültiges bürgerliches Konkurrenz-Subjekt anerkannt, weil die bürgerliche Gesellschaft (das Bewusstsein und das Handeln der &#8220;Kapitalisten&#8221; eingeschlossen) noch überformt ist von vorkapitalistischen Zuständen. Indem die Arbeiterklasse also von den ihr &#8220;an sich&#8221; entsprechenden bürgerlichen, warenförmigen Daseinsformen auf vielen Ebenen ausgeschlossen bleibt, wird sie sich als Klasse &#8220;für sich&#8221; bewusst und negiert praktisch den empirischen Zustand des Kapitalismus, ohne zu ahnen, dass sie damit zum entscheidenden Bahnbrecher &#8220;reiner&#8221; bürgerlicher Verhältnisse im Sinne eines Hegelschen Bewusstseinsprozesses wird.</p>
<p>Sobald aber das historische Ziel des &#8220;für sich&#8221;-Werdens der Arbeiterklasse tatsächlich praktisch erreicht und sie als vollgültiges Konkurrenz- und Rechts-Subjekt, als &#8220;freier und gleicher Warenbesitzer&#8221;, als Staatsbürger etc. anerkannt ist, erlischt notwendig auch der Sinn dieses &#8220;für sich&#8221;-Werdens. Der positive Zusammenschluss der Klasse als Klasse war notwendig, um dieses Ziel zu erreichen; mit diesem Erreichen aber wird die Arbeiterklasse in den allseitigen und weltweiten Prozess der Konkurrenz eingebunden und der warenförmig immanente Klassengegensatz verliert seine Exklusivität, wird zu einer Ebene der Konkurrenz neben vielen anderen. Während die &#8220;Wende&#8221;-Linken bzw. Ex-Linken diese Wahrheit wenigstens empirisch gefressen haben, d.h. sich (wenn auch bewusstlos und affirmativ) &#8220;vom Proletariat verabschieden&#8221;, beschwören die übriggebliebenen historischen Idioten des Marxismus den Fetisch eines völlig zu Recht vergangenen &#8220;Klassenbewusstseins&#8221;, das seinen Sinn nur innerhalb jener historischen Aufgabe hatte. Sie beten diesen Fetisch weiter an, obwohl er das Gegenteil von dem bedeutet, was sie zu meinen glauben, nämlich &#8220;Antikapitalismus&#8221;.</p>
<h4>Sechstes Kapitel</h4>
<p>Wenn aber gerade das &#8220;für sich&#8221;-Werden der Arbeiterklasse, somit also positives &#8220;Klassenbewusstsein&#8221;, Klasseninteresse und Klassenkampf identisch ist nicht mit der Negation des Kapitalverhältnisses, sondern im Gegenteil mit dessen &#8220;Zusichkommen&#8221; und der vollständigen Integration der Lohnarbeiter, dann muss die heiligste Kuh des Marxismus endlich notgeschlachtet werden, nämlich der positive, affirmative Bezug auf jenes historische Subjekt namens &#8220;Arbeiterklasse&#8221; und alle ihm entsprechenden Kategorien. Dann wird klar, dass gerade in diesen &#8220;heiligsten&#8221; Begriffen des Klassenkampfes der Marxismus noch hegelisch auf dem Kopf steht. Auf die Fuße gestellt, ist das Problem kaum wiederzuerkennen. Denn die logische Konsequenz kann nur darin bestehen, dass alle positiven Klassen-Begriffe des Marxismus mit einem negativen Vorzeichen versehen werden müssen. Nicht &#8220;proletarisches Klassenbewusstsein&#8221; ist &#8220;revolutionär&#8221;, sondern im Gegenteil negatives Klassenbewusstsein, nicht die Selbst-Affirmation der Arbeiterklasse als Klasse, sondern ihre Selbst-Negation.</p>
<p>Damit aber hat sich auch die Frage nach dem &#8220;revolutionären Subjekt&#8221; völlig verschoben. Keineswegs kann die Arbeiterklasse als Klasse das &#8220;identische Subjekt-Objekt der Geschichte&#8221; sein, wie es noch Lukacs in &#8220;Geschichte und Klassenbewusstsein&#8221; formuliert. Diese Formel zeigt nur, wie auch der &#8220;kritische&#8221;, &#8220;westliche&#8221; Marxismus noch ganz in der positiven, affirmativen Bestimmung des Klassen-Subjekts befangen ist.</p>
<p>Das Dasein der Arbeiterklasse als Klasse drückt vielmehr im Gegenteil gerade die totale Nichtidentität der arbeitenden Subjekte mit der Gesellschaftlichkeit ihrer eigenen Arbeit aus. Das &#8220;identische Subjekt-Objekt der Geschichte&#8221; könnte erst die kommunistische Gesellschaft sein, deren Dasein gerade in der bewussten Negation des Daseins der Arbeiterklasse bestehen muss.</p>
<p>Das vage Ziel einer &#8220;Selbstaufhebung der Arbeiterklasse&#8221; geistert zwar gelegentlich in Randströmungen des Marxismus, aber nie konnte dieser Standpunkt konsequent durchgehalten werden; immer schlug die &#8220;Ungeheuerlichkeit&#8221; dieses Vorhabens schließlich doch um in die Affirmation eines positiven Klassenbewusstseins. Allzu fremdartig wäre auch der Gedanke erschienen, dass die Arbeiterklasse sich ihrer selbst negativ bewusst wird, dass der wirkliche Bewusstwerdungsprozess gerade die Auflösung jeden &#8220;Klassenstolzes&#8221; ist, d.h. unmittelbar das Nicht-mehr-Arbeiter-Sein-Wollen. Die letzte Konsequenz der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie beinhaltet eine &#8220;Umwertung aller Werte&#8221; des traditionellen Marxismus: nicht die Arbeiterklasse reproduziert sich selbst bewusst im Klassenbewusstsein, sondern die Anti-Klasse negiert sich im negativen Klassenbewusstsein; nicht die Arbeiterklasse baut als Klasse &#8220;den Sozialismus auf&#8221;, sondern umgekehrt ist der &#8220;Aufbau des Sozialismus&#8221; unmittelbar identisch mit dem Selbst-&#8221;Abbau&#8221; der Arbeiterklasse. Ein &#8220;Sozialismus&#8221;, in dem die Arbeiterklasse sich als Klasse affirmiert und Arbeiterklasse bleibt, ist nur ein anderer Name für Kapitalismus. Allzu krude und durchsichtig ist das Argument, die Klasse müsse sich als Klasse formieren und für eine ganze Epoche selbst affirmieren, um etwa den &#8220;kapitalistischen Widerstand&#8221; etc. zu brechen. Woran sollte &#8220;die Bourgeoisie&#8221; die famose Arbeiterklasse denn eigentlich &#8220;hindern&#8221; wollen außer an ihrer Selbstaufhebung? Das unlogische Affirmations-Argument des traditionellen Klassenbewusstseins verwechselt hier die revolutionäre Organisation zur Aufhebung der bürgerlichen Vergesellschaftungs-Formen mit einer &#8220;Selbstorganisation des Proletariats&#8221; in diesen Formen. Die auch bewaffnete Organisation zum Zwecke der Aufhebung der Lohnarbeit schließt jedes positive Klassenbewusstsein vollkommen aus; die revolutionären Subjekte organisieren sich nicht als Arbeiter, sondern als Kommunisten, deren unmittelbares Ziel es nur sein kann, das Arbeiter-Dasein für immer abzuschütteln. In der kommunistischen Revolution kommt nicht die &#8220;Ontologie der Arbeit&#8221; (Lukacs) des &#8220;unmittelbaren Produzenten&#8221; zum Selbstbewusstsein, sondern umgekehrt wird in der &#8220;bewussten Anerkennung&#8221; der erreichten Industrialisierung, Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung der konkreten Arbeit jener &#8220;unmittelbare Produzent&#8221; für immer abgeschafft und bewusst als &#8220;vorgeschichtliche&#8221; Kategorie negiert.</p>
<p>Für das im Warenfetisch befangene Bewusstsein des Marxismus und der alten Arbeiterbewegung dagegen mussten die vermeintliche &#8220;Revolution&#8221; gegen das Kapital und die (Selbst-)Aufhebung der Arbeiterklasse um eine ganze Epoche, womöglich um Jahrhunderte auseinanderfallen. Die Negation der &#8220;Arbeit&#8221; und des Arbeiter-Daseins schien daher keinerlei theoretische, geschweige denn praktische Relevanz zu besitzen. Der &#8220;Sozialismus&#8221; ist diesem Verständnis nach nicht etwa wie bei Marx eine &#8220;niedere Phase des Kommunismus&#8221;, d.h. der unmittelbar praktische Beginn der Aufhebung des unmittelbaren Produzenten, sondern eher eine in sich abgeschlossene, weiterhin warenförmige Gesellschaftsformation, deren Beziehung zu einem transzendenten Kommunismus völlig unklar und vage bleibt. Im historischen Dasein dieser Vorstellungswelt drückt sich nur die Verkleidung des realen &#8220;Zusichkommens&#8221; einer rein kapitalistischen Gesellschaftsformation in pseudo-sozialistischen Begriffen einer Arbeiterbewegung aus, die selber noch wesentliches Moment dieses &#8220;Zusichkommes&#8221; ist. Am klarsten wird dieser Sachverhalt am Schicksal der Sowjetunion, wo die ideologische Selbstaffirmation der Arbeiterklasse wirklich identisch ist mit dem &#8220;nachholenden&#8221; Aus-dem Boden-Stampfen einer modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft.</p>
<h4>Siebtes Kapitel</h4>
<p>Die Identifikation des Sozialismus mit der Verallgemeinerung der Figur des unmittelbaren Produzenten beschränkt sich aber nicht auf die theoretische Rechtfertigung der nachrevolutionären &#8220;sozialistischen Akkumulation&#8221;, sie kommt ebenso schon in den Vorstellungen zum Vorschein, in denen die alte Arbeiterbewegung den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus denkt. Im Verständnis der alten Arbeiterbewegung bahnt das Kapital einer sozialistischen Reproduktion nicht negativ den Weg, durch die Zersetzung seiner eigenen Basis, sondern wird im Gegenteil von seiner lebendigen, nur äußerlich unterworfenen Grundlage überwuchert und verschluckt. Die Herausbildung einer sozialistischen Gesellschaft hat nicht die reale Auflösung des Wertzusammenhangs zu ihrer Voraussetzung, das Kapital schaufelt diesem Verständnis gemäß sein Grab, indem es ein &#8220;beständig wachsendes&#8221; Proletariat erzeugt. In diesem Rahmen bewegt sich auch das proklamierte &#8220;objektiv-gesetzmäßige&#8221; Heraufziehen der sozialistischen Gesellschaft.</p>
<p>Das Hauptargument, auf dem die Vertreter der These von der &#8220;ehernen, ökonomischen verankerten Notwendigkeit&#8221; des schließlichen Triumphs des Sozialismus herumreiten, ist die wachsende Konzentration der Kapitalien und das gleichzeitige Wachstum des Proletariats an Kraft und Zahl. Die Entwicklung fuhrt, dieser klassischen Stereotype zufolge, zur ständigen Ausdünnung einer für die Produktion überflüssig werdenden Kapitalistenklasse, der ein parallel dazu sich vollziehendes Anschwellen der Arbeiterklasse gegenübersteht. Das Kollektivsubjekt Arbeiterklasse muss früher oder später das Subjekt Kapitalistenklasse erdrücken und als herrschende Klasse ablösen. Fast schon goldig formulierte Boudin dieses grundlegende Theorem, auf das der traditionelle Marxismus sein Zukunftsvertrauen stützte. Er geht davon aus, dass im Laufe des Konzentrationsprozesses</p>
<p><a name="F2"></a>&#8220;eine Stufe erreicht würde, wo aus Mangel an der nötigen Anzahl die Kapitalisten aufhörten, eine gesellschaftliche Klasse zu sein, da eine solche ein gewisses Minimum an Zahl voraussetzt; der Verlust an Quantität würde für die Kapitalisten in einen Verlust ihrer Stellung als gesellschaftliche Klasse umschlagen&#8221; <a href="#FN2">2</a></p>
<p>Dieses Bonmot entspricht vollkommen dem Geist des soziologisierenden traditionellen Marxismus. Das glatte Hinüberfließen in den Sozialismus erwächst charakteristischerweise nicht aus der Krise und dem Ausbrennen der Verwertungslogik, sie ist deren Resultat auf ureigenster Grundlage. Die Kapitallogik fuhrt sich nicht ad absurdum, sondern stößt, indem sie sich nur konsequent fortsetzt und die Verwertungsbasis, die vernutzte lebendige Arbeit erweitert, die Tür zum Sozialismus auf. Dieses Axiom bestimmt tiefgreifend die innermarxistische Theoriedebatte und den Stellenwert, den die einzelnen Momente der Marxschen Theorie in der klassischen Rezeption einnahmen. Besonders die subalterne Stellung aller krisentheoretischen Überlegungen im traditionellen Marxismus und ihre beschränkte Reichweite resultiert wesentlich aus diesem festverankerten Paradigma. Entgegen landläufigen Vorurteilen lebten gerade die entschiedensten Anhänger eines deterministischen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus mit der Krisentheorie im allgemeinen eher auf Kriegsfuß und lehnten alles, was auch nur im Entferntesten einer Zusammenbruchstheorie ähnlich sah, instinktiv entschieden ab. Die wenigen krisentheoretischen Anläufe, die von einer absoluten immanenten Schranke des Kapitals ausgingen, insbesondere der Ansatz von Rosa Luxemburg, wurden von den Hauptströmungen des Marxismus grundsätzlich verdammt. Kautsky etwa leugnet in seiner Entgegnung auf Bernstein ex cathedra, dass der Marxsche Ansatz eine &#8220;Zusammenbruchstheorie&#8221; intendieren würde, und schreibt den Gegensatz beider Positionen ein für allemal fest:</p>
<p><a name="F3"></a>&#8220;Nicht von der Möglichkeit oder Notwendigkeit eines kommenden Zusammenbruchs oder Niedergangs des Kapitalismus hängen die Aussichten des Sozialismus ab, sondern von den Erwartungen, die wir hegen dürfen, dass das Proletariat genügend erstarkt&#8221;<a href="#FN3">3</a>.</p>
<p>Kautsky setzt nicht auf die Schranken, die sich das Kapital selber setzt, seine Hoffnung richtet sich auf das wachsende Gewicht eines Moments der Wertvergesellschaftung, der Arbeiterklasse. In die gleiche Kerbe haut Braunthal:</p>
<p><a name="F4"></a>&#8220;Die Entwicklung zum Sozialismus wird nicht von Zusammenbruch und Verelendung, sondern im Gegenteil von einer wachsenden Polarisierung der beiden Klassen und der Wirtschaft erwartet.&#8221;<a href="#FN4">4</a></p>
<p>Die nur geringe Resonanz, die die wenigen Zusammenbruchstheoretiker in den Hauptströmungen der alten Arbeiterbewegung fanden, kommt nicht von ungefähr. Solange die Arbeiterklasse, wie sie dem Kapitalverhältnis entspringt, also sich selber affirmierend, zum revolutionären Subjekt auserkoren wird, gerät jeder Gedanke, der auch nur entfernt die reale Zersetzung des Zusammenhangs ins Auge fasst, in dem die Arbeiterklasse allein als solche existieren kann, von vornherein in den Geruch der Irrationalität. Denn allzu leicht verschwindet die geliebte Arbeiterklasse mitsamt ihren gewerkschaftlichen und sonstigen Organisationen selber im Wirbel des allgemeinen Zusammenbruchs und das schöne, handgreifliche &#8220;revolutionäre Subjekt&#8221; ginge verschütt. Die allgemeine Angst vor tiefgreifenden gesellschaftlichen Erschütterungen in der sozialdemokratischen Variante wird so verständlich. Aber auch bei den Leninisten verhielt sich die Sache nicht wesentlich anders. Die Zerrüttung der kapitalistischen Verhältnisse musste die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt in ihrer Substanz aussparen. Zwischen dem kapitalistischen Heute und dem sozialistischen Morgen gähnt ein Schlund, der nur von einem lebenskräftigen Proletariat überbrückt werden kann.</p>
<p>Dieses Credo existiert nicht nur als Vorbehalt gegen jede weiterreichende krisentheoretische Überlegung, sie findet auch dort ihren Niederschlag, wo der traditionelle Marxismus seinen inhärenten Widerstand überwindet und sich auf dieses unsichere und angstbesetzte Terrain vortastet. Soweit der traditionelle Marxismus Krisentheoretiker hervorbringt, üben sie sich erst einmal in Selbstbescheidenheit. Sobald sie die zunehmende Krisenhaftigkeit kapitalistischer Entwicklung proklamierten, dachten sie an sich verschärfende zyklische Krisen, die alleine den Zweck haben sollten, als handgreifliches Aufklärungsmittel das Proletariat über seine &#8220;wahre Lage&#8221; ins rechte Licht zu rücken, und keinesfalls an die grundsätzliche Zersetzung der Wertbeziehung und damit natürlich auch des Proletariats selber. Mit dem bekannten Marxzitat &#8220;permanente Krisen gibt es nicht&#8221; retteten sich die Krisentheoretiker von vornherein vor der beängstigenden Perspektive der Auflösung des Proletariats schon unter kapitalistischen Bedingungen und behielten damit an der Empirie ihrer Zeit recht. Die Krisen schienen einzig den Sinn zu haben, dem revolutionären Willen als periodisches Aufputschmittel zu dienen. Sie hatten sonst keinerlei Bedeutung für den Übergang zum Sozialismus und stellten lediglich eine Störung dar, die die Auslösung von Lernprozessen versprach.</p>
<p>In dieser Denkfigur blieben auch Rosa Luxemburg und Henryk Grossmann gefangen, die als die klassischen Zusammenbruchstheoretiker überhaupt gehandelt werden. Grossmann spricht in seinem &#8220;Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz..&#8221; von einer Zusammenbruchstendenz, die in jeder periodischen Krise zum Ausdruck kommt, aber einstweilen auch wieder durch Wertvernichtung, Erhöhung der Mehrwertrate, etc., überwunden werden kann, wenn die revolutionäre Aktion des Proletariats ausbleibt:</p>
<p><a name="F5"></a>&#8220;Die Zusammenbruchstendenz zerfällt&#8230; in eine Reihe von scheinbar voneinander unabhängigen Zyklen, wo die Zusammenbruchstendenz nur periodisch immer wieder von neuem einsetzt, wie der natürliche Wachstumsprozess der Schafwolle, der mit jeder Schafschur unterbrochen wird, um dann von neuem zu beginnen.&#8221; <a href="#FN5">5</a></p>
<p>Die Revolution beginnt, sobald das Proletariat vom periodischen Scheren genug hat. Auch bei Grossmann fängt die Revolution dort an, wo die Geduld des Proletariats aufhört. Wer wenigstens von ihm einen krisentheoretischen Begründungszusammenhang für ein automatisches Hinüberwachsen in den Sozialismus erwartet, der wird enttäuscht, und wird in der gesamten marxistischen Theoriegeschichte vergeblich nach einem solchen Theorem fahnden. Selbst wer in diesem Kontext auf die Theoreme vom &#8220;verrottenden&#8221; und &#8220;verkommenden&#8221; Kapitalismus setzt, die die Theoretiker der 3. Internationale bis zum Erbrechen breitgewalzt haben, wird nicht fündig werden. Die Dauerkrise, von der sie schwadronieren, und die ihnen als sicheres Zeichen für das baldige Ende des Kapitalismus galt, bezog sich auf ein Sammelsurium sozialer, politischer (Krieg und Kriegsgefahr stehen im Mittelpunkt) und kultureller Phänomene und streift die Krisentheorie bestenfalls kursorisch. Eklatant tritt dies bei E. Varga, dem wohl profiliertesten Ökonomen der Stalinära, zutage. Er kommt auf die ökonomische Seite des &#8220;kapitalistischen Verfalls&#8221; allein durch die soziologisierende Brille zu sprechen und vermischt diese Ebene umgehend wieder mit der Beschreibung politischer Veränderungen. Sein stärkstes Argument für die Krise des kapitalistischen Systems ist die Existenz der Sowjetunion! Die matte Unterkonsumtionstheorie dagegen, die Varga vertritt, spielt nur eine mäßige Rolle und ist weit davon entfernt, die behauptete Instabilität des zeitgenössischen Kapitalismus auch nur annähernd zu begründen.</p>
<p>Die ärmliche Selbstbeschränkung der klassischen marxistischen Krisentheorie und ihr nachgeordneter Charakter reflektieren zweierlei. Zum einen spiegelt sich darin die Realität aller Vorkriegskrisen, die, weit davon entfernt, die absolute Schranke kapitalistischer Entwicklung anzuzeigen, der Entfaltung der Wertvergesellschaftung nur die nötigen Sporen gaben. Zum anderen macht sich der praktische, enge, auf die Durchsetzung des Wertzusammenhangs beschränkte Horizont der alten Arbeiterbewegung theoretisch bemerkbar. Die Antizipation einer wirklichen Zersetzung des Kapitalverhältnisses verbot sich, da ein solcher Zustand notwendig die Auflösung der geheiligten Arbeiterklasse mit einschließt. Nicht zufällig denkt Grossmann seine Zusammenbruchstheorie nicht bis zu dem Punkt, wo deren rationales Moment, das absehbare Schrumpfen der produzierten Wertmasse und der wertproduktiven Lohnarbeiterschaft zutage tritt, sondern siedelt seinen Zusammenbruchspunkt weit vorher an. Die Prämisse: &#8220;ohne ein starkes, stolzes Proletariat keine Revolution, kein Sozialismus&#8221; kastriert von vornherein alle krisentheoretischen Überlegungen, weil eine Zusammenbruchstheorie zu Ende gedacht die Zweifaltigkeit von Kapitalistenklasse und Lohnarbeiterschaft en bloc in Frage stellen muss. Die Theoriebildung kann an diesem Punkt nur mit angezogener Handbremse fahren und findet so allein schon aus Rücksicht auf das &#8220;revolutionäre Subjekt&#8221; ihre vom Wert bestimmten Grenzen. Keinesfalls dürfen Krisen als mehr denn ein aufstachelnder Wellenschlag gedacht werden. Die mögliche Höhe der Wogen (in erster Linie sind sie dabei immer politisch bestimmt, die Ökonomie folgt nur im zweiten Glied) ist dabei eine Temperamentsfrage. Mit mehr Mut als ihre sozialdemokratischen Vettern ausgestattet, können die Bolschewisten ein höheres Maß an gesellschaftlicher Erschütterung verkraften, ohne in Panik zu geraten. Der Grundkonnex hat sich dadurch aber selbstverständlich nicht geändert. Die sozialistische Zukunft hängt auch bei ihnen davon ab, dass sich das Proletariat als festumrissene Schicht im allgemeinen Chaos bewahren kann. Endet die Entwicklung mit dem gemeinsamen Untergang beider kämpfender Klassen, so ist dies gleichbedeutend mit dem Versinken der Gesellschaft in Barbarei. In seiner &#8220;Ökonomik der Transformationsperiode&#8221; hat Bucharin diese Verknüpfung explizit formuliert:</p>
<p><a name="F6"></a>&#8220;Ist der Zerfall der kapitalistischen Produktionsverhältnisse einmal real gegeben und ist die Unmöglichkeit der Wiederherstellung derselben theoretisch einmal bewiesen, so entsteht die Frage, wie das Dilemma:&#8217;Untergang der Kultur` oder Sozialismus gelöst werden soll. In den Grundzügen ist diese Frage durch die vorhergehende Untersuchung gelöst&#8230; Wir sahen, dass das Zeitalter des Zerreißens der technisch-sozialen Schichten der Produktion im großen und ganzen die Einheit des Proletariats beibehält. Dieses entscheidende und grundlegende Element zerfällt im Verlaufe der Revolution nur teilweise. Andererseits schließt es sich ungeheuerlich zusammen, erzieht sich neu, organisiert sich. Den empirischen Beweis liefert die russische Revolution mit ihrem relativ schwachen Proletariat, das sich dennoch als geradezu unerschöpfliches Reservoir organisatorischer Energie erwies.&#8221; <a href="#FN6">6</a></p>
<p>Das gemeinsame Verschwinden beider von der Wertform konstituierter Klassen, der reale Inhalt der kommunistischen Revolution, kann innerhalb des Horizonts der alten Arbeiterbewegung nur als Supergau gedacht werden und wäre gleichbedeutend mit dem Versinken der zivilisierten Welt im Meer der Barbarei.</p>
<h4>Achtes Kapitel</h4>
<p>Solange sich der historische Vergesellschaftungsprozess des Kapitals nicht erschöpft hatte und die darin enthaltene &#8220;Mission der Arbeiterklasse&#8221; noch positiv als &#8220;Zusichkommen&#8221; der Ware Arbeitskraft einzulösen war, konnte auch der wertimmanente positive &#8220;Klassenstandpunkt&#8221; nicht überwunden werden. Die Idee eines negativen Klassenbewusstseins und einer sozialistischen Selbstaufhebung der Arbeiterklasse gewinnt theoretisch wie praktisch Relevanz und Brisanz erst in dem Masse, wie ihr die Wirklichkeit entgegenkommt in Gestalt eines objektiven Prozesses &#8220;hinter dem Rücken der Subjekte&#8221;, ein unvermeidliches Merkmal der Progression in warenförmig und also fetischistisch verfassten Gesellschaften. Der Fortschritt erscheint dann als Krise, die sich allerdings nicht mehr wie in der bisherigen Geschichte des Kapitals nur als periodische Abfolge von Wachstumskrisen darstellen kann, sondern die absolute immanente Schranke des Kapitalverhältnisses signalisiert.</p>
<p>Erst die heutige Krise des Kapitalverhältnisses erweist sich gerade darin als diese absolute Schranke, dass in ihr erstmals das Proletariat als solches objektiv in Frage gestellt wird. Dieser Zusammenhang bleibt in der gegenwärtigen Krisendebatte so gut wie unbemerkt. Der gängige Topos von der &#8220;Krise der Arbeit&#8221; kann diese nicht als Krise des Kapitals selber (d.h. der Warenform und des Geldes überhaupt) entziffern und tut so, als könnte das Kapital ohne &#8220;Arbeit&#8221; weiterexistieren. Mit der Entwicklung von &#8220;künstlicher Intelligenz&#8221;, von Expertensystemen usw. beginnt heute die Computer-Technologie in ein Stadium einzutreten, in dem erstmals in der Geschichte die massenhafte und flächendeckende Substitution menschlicher Arbeit nicht mehr bloß in diesem oder jenem Produktionszweig oder innerhalb einzelner technischer Abläufe, sondern quer durch den gesamten gesellschaftlichen Reproduktionsprozess möglich und in Ansätzen auch schon wirklich geworden ist. Während die Koryphäen der Informatik schon seit langem auf die empirische Evidenz dieses Prozesses hinweisen und auf dieser empirischen Ebene auch vage die in den gegebenen gesellschaftlichen Formen nicht mehr bewältigbaren sozialen Probleme erkennen, kann die bodenlose Ignoranz der Gesellschaftswissenschaften und insbesondere der Marxisten dieser Sachlage gegenüber nur verblüffen. Gerade die &#8220;Arbeiterbewegungs&#8221;- und &#8220;Klassenbewusstseins&#8221;-Marxisten stecken sogar den Kopf am heftigsten und tiefsten in den Sand, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, weil in Wahrheit mit der kapitalistischen Form der Arbeit auch ihr eigenes Weltbild zusammenbricht. Ein an der &#8220;Ontologie der Arbeit&#8221; festgemachter, affirmativer Klassenbegriff, der die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; auch noch außerhalb der kapitalistischen, wertförmigen Bestimmtheit der Reproduktion existent sieht im Sinne einer &#8220;Naturnotwendigkeit&#8221; des unmittelbaren Produzenten, muss in heillose Verwirrung geraten angesichts einer realen Entwicklung, die dem Dasein dieses vermeintlich &#8220;natürlichen&#8221; und ewigen unmittelbaren Produzenten den Boden unter den Füßen wegzieht. Der Marxismus in seiner fetischistisch verkürzten Form kann nicht akzeptieren, dass im wirklichen Endstadium der kapitalistischen Dynamik die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; selber samt Klassenbewusstsein und allen Schikanen vollständig obsolet wird. Die soziologistische Interpretation der Marxschen Theorie, die Übersetzung des Grundwiderspruchs der bürgerlichen Gesellschaft in die glatte soziale Dichotomie von Arbeiter- und Kapitalistenklasse paralysiert gerade in dem Augenblick, in dem sich das Kapital an seiner absoluten Schranke zu stoßen beginnt, jede positive, über das Kapitalverhältnis hinausreichende Perspektive. Das tradierte marxistische Denken steht und fallt mit Lebenskraft und Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse. Sobald die Arbeiterklasse sich als gleichberechtigte Interessengruppe innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft etabliert hat, verliert dieses Denken aber seine Grundlage. Dieser Verlust wendet sich ins Katastrophale, sobald ihm sein überkommener Besitz, das handgreifliche, als homogene Interessengruppe innerhalb der bestehenden Verkehrsform angesiedelte &#8220;revolutionäre Subjekt&#8221; von anno dazumal auch noch unter den Fingern auseinanderfällt. Der Alptraum von der bevorstehenden Auflösung des unmittelbaren Produzenten stellt auch noch die minimalste reformistische Zukunftserwartung in Frage und muss daher mit allen Mitteln gebannt werden. Die Zersetzung der lebendigen Basis der Wertvergesellschaftung erscheint im Lichte des überlieferten Marxismus als die größtmögliche Bedrohung jeder emanzipativen Perspektive.</p>
<p>Dabei ist es logisch einleuchtend, dass die &#8220;Krise der Arbeit&#8221; identisch sein muss mit der Krise des Kapitals und umgekehrt, weil die &#8220;proletarische Arbeit&#8221; identisch ist mit dem Dasein des Kapitals. Der tiefste Widerspruch des Kapitalverhältnisses besteht gerade darin, dass es einerseits die gesellschaftliche Reproduktion einbannt in die Form des &#8220;Werts&#8221; und damit an den Verausgabungsprozess abstrakter Arbeit unmittelbarer Produzenten kettet, andererseits aber gleichzeitig über die Konkurrenzvermittlung diesen unmittelbaren Produzenten im Prozess der Verwissenschaftlichung der Arbeit selber aufhebt. Dieser Widerspruch ist heute in ein entscheidendes Stadium getreten, und eben deswegen steht erstmals der Kommunismus real auf der historischen Tagesordnung, aber nicht als Vollendung und Triumph des &#8220;proletarischen Klassenbewusstseins&#8221;, sondern als dessen Krise und Negation. Dort, wo heute noch &#8220;Klassenkämpfe&#8221; alten Stils aufflackern, etwa in der sterbenden Montanindustrie, in den Deindustrialisierungsprozessen der kapitalistischen Peripherie als einem Moment der Weltmarkt-Krise etc., lebt nur noch einmal die Vergangenheit gespenstisch auf. Diese Kämpfe tragen keinerlei historische oder gar revolutionäre Perspektive mehr in sich. Wo die Arbeiter noch Arbeiter sein und sich positiv als Klasse mit Klassenbewusstsein formieren wollen, sind sie nur noch reaktionär, tendenziell &#8220;produktivkraftkritisch&#8221; und womöglich maschinenstürmerisch militant, aber völlig unfähig zu einer kommunistischen Perspektive. Der Einbruch der postfordistischen Krise, mit dem die allmähliche Aushöhlung der Figur des unmittelbaren Produzenten gesellschaftlich virulent wird, ist am allerwenigsten dazu geeignet, ein &#8220;wahres&#8221;, bisher verschüttetes, antikapitalistisches &#8220;Arbeiterinteresse&#8221; freizusetzen. Jedes Bestreben, ein schlafendes revolutionäres Klassenbewusstsein wachküssen zu wollen, bleibt vergebliche Liebesmüh. Trotz aller Vergewaltigungsversuche, der Frosch bleibt ein Frosch. Die saekularisierte Arbeiterschaft lässt sich nicht mehr auf den Pfad des Sozialismus und anderer hehrer Ziele zurückfuhren. In die Enge getrieben, ziehen sich die traditionellen Arbeiterformationen im Gegenteil aufs Unmittelbarste zurück, verschanzen sich hinter der eigenen konstituierten Sozialkategorie und klammern sich verzweifelt an den unhaltbar werdenden Status quo. Neue reformistische, geschweige denn revolutionäre Horizonte können innerhalb dieser Konstellation nur mehr linke Illusionisten und Ideologen ausmachen. Den Protagonisten dieser Kämpfe bleiben derlei Vorstellungen nicht zufällig fremd oder bestenfalls äußerlich. Weihrauchschwingende Pfaffen und Demokratisierungsphraseologen können schwerlich verbergen, dass für den altbekannten Arbeiterstandpunkt nur mehr korporatistischer Abgesang auf dem Programm steht und keinesfalls eine vorwärtstreibende gesamtgesellschaftliche Perspektive. Das Lohnarbeiterinteresse ist längst als gleichberechtigtes Geldinteresse gesellschaftlich anerkannt, der Spielraum, innerhalb dessen die vom Wert konstituierten Sozialkategorien miteinander konkurrieren, ist abgesteckt. Die absolute Schranke, an die die Wertvergesellschaftung heute zu stoßen beginnt, bestätigt die grundlegende Identität der konkurrierenden Geldinteressen von Kapital und Lohnarbeit nicht nur, sie arbeitet sie erst handgreiflich heraus und treibt sie auf die Spitze. Die Revisionsinstanz Weltmarktkrise hebt das Urteil, das der Nachkriegsboom über die Arbeiterbewegung gesprochen hatte, nicht auf und schmettert lakonisch alle Hoffnungen auf eine arbeiterbewegte Radikalisierung ab, die die neue Linke einst in sie gesetzt hatte. Der historische Prozess, der den Arbeiter in ein gleichberechtigtes Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft verwandelt und gleichzeitig die soziale Kategorie des Lohnarbeiters auf eine Emanation der Wertbeziehung reduziert hat, erweist sich als irreversibel, und der glatte Automatismus Krise = Herausbildung eines revolutionären Klassen(selbst)bewusstseins entlarvt sich als frommer Wunsch. Die Lohnarbeiter, die Lohnarbeiter bleiben wollen, können sich nurmehr in Selbstbescheidung üben und für das Wohlergehen &#8220;ihres Kapitals&#8221; beten.</p>
<p>Diese Entwicklung kann nicht sonderlich überraschen, wenn wir uns noch einmal die Spannung zwischen dem realen Gehalt der klassischen Arbeiterbewegung und ihren &#8220;sozialistischen Idealen&#8221; in Erinnerung rufen. Der tradierte Marxismus und die praktische Bewegung, die sich in ihm reflektierte, bezog ihren chiliastischen Schwung aus der Diskrepanz zwischen allgemeiner Logik des Kapitals und dem erreichten empirischen Stand kapitalistischer Entwicklung. Was er wirklich bekämpfte, war nicht das &#8220;Kapital&#8221; schlechthin, sondern die antediluvianischen unzureichenden Formen, in die sich die empirische kapitalistische Herrschaft kleidete. Die Arbeiterbewegung war der ständige Stachel, der die Entfaltung der Wertvergesellschaftung auf ihren eigenen, vorgezeichneten Bahnen vorantrieb. Die emanzipatorischen Potenzen, die in den identifikatorischen Bewusstseinsformen, in der selbstbewussten Vertretung des Arbeiterstandpunkts lagen, konnten nur als Moment der Herausbildung der totalen abstrakten Geldbeziehung und damit der abstrakten Individualität wirksam werden. Die progressive Rolle, die die Arbeiterbewegung in der Geschichte spielte, enthüllt sich ex post als eine Seite der zivilisatorischen Mission des Kapitals. Damit ist aber auch klar, dass gleichzeitig mit der bürgerlichen Gesellschaft auch jede positive Arbeiterbewegung am Ende ihres Weges angelangt ist.</p>
<p>Es kann keinesfalls unsere Aufgabe sein, diese Tatsache zu bedauern und in das vorherrschende Lamento über die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; einzustimmen. Denn im Gegensatz zum landläufigen linken Vorurteil wird der Gedanke der revolutionären Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft vor dem skizzierten Hintergrund keineswegs zur nostalgischen Reminiszenz. Im Gegenteil, er kann auf dieser heute erreichten Grundlage erst konkret gedacht und schließlich eingelöst werden. Die Eingemeindung des wertkonstituierten Arbeiterinteresses schafft die objektive Krise der bürgerlichen Gesellschaftsformation nicht aus der Welt. Weder die Notwendigkeit noch die Grundbedingung einer revolutionären Bewegung verschwindet. Wenn das Arbeiterinteresse mittlerweile zu sich selber gefunden hat, sich als profanes Geld- und Konkurrenzinteresse weiß, und ein für allemal auf jeden sozialistischen Überschwang verzichtet, so ist damit nur die Verknüpfung von kommunistischer Revolution und positivem Arbeiterinteresse hinfällig geworden, nichts weiter. Klar geworden ist nur, dass jede emanzipative Entwicklung innerhalb der bürgerlichen Formbestimmtheit ein für allemal abgeschnitten ist und dass jeder weitere Fortschritt nurmehr den Bruch mit Wert, Geld und allen davon konstituierten Interessen und Daseinsweisen, allen voran die Lohnarbeiterexistenz, zum Inhalt haben kann. Diese Desillusionierung ist gegenüber dem alten selbstaffirmativen Arbeiterstandpunkt ein gigantischer Fortschritt. Denn heute drängt sich praktisch auf, was Marx begrifflich schon in seinen Frühschriften als Quintessenz des Übergangs zum Kommunismus aufgezeigt hat. Es wird endlich handgreiflich, dass der Kampf für die Aufhebung des Kapitalverhältnisses die bewusste Negation der Arbeiterkategorie überhaupt einschließt.</p>
<p>Die Desavouierung des &#8220;revolutionären Subjekts&#8221; von anno dazumal bedeutet nicht die Verewigung des Kapitalverhältnisses, sie ist die Voraussetzung einer neuerlichen revolutionären Perspektive. Bevor die wahren Totengräber des Kapitalverhältnisses sich ihres Berufes bewusst werden können, muss zunächst einmal der vermeintliche Totengräber und reale Geburtshelfer der Wertvergesellschaftung seine Planstelle räumen und ohne falsche Rücksichtnahme unter die Erde gebracht werden. Dieses negatorische, kritische Werk öffnet erst den Weg zu einer Neubestimmung des sozialistischen Ziels und macht den Blick für positive Anknüpfungspunkte frei, die die moderne Wirklichkeit einer revolutionären Bewegung gegen Wertbeziehung, Geldinteresse und Lohnarbeit bietet. Nur wenn wir die praktisch längst verfaulte, klassenstolze Proletenfaust endlich theoretisch abhacken und uns radikal von allen sonstigen an dieser Metapher klebenden Bildern verabschieden, lassen sich jene Momente im Auflösungsprozess der bürgerlichen Gesellschaft aufspüren, in denen sich die Herausbildung einer revolutionären Subjektivität andeutet. Dann wird klar, dass die moderne bürgerliche Gesellschaft nicht nur negativ zum Marxschen Gedanken der &#8220;Selbstaufhebung des Proletariats&#8221; drängt, indem sie die alten Illusionen und Hoffnungen ad absurdum führt, sondern damit gleichzeitig auch erstmals die positiven Voraussetzungen für die Selbstkonstituierung revolutionärer Subjektivität jenseits von Wert und Ware schafft. Damit kann endlich der logische Widerspruch jeder bisherigen radikalen Position aufgelöst werden, die Revolution gleichzeitig als Verwirklichung des Arbeiterstandpunkts und als Aufhebung der proletarischen Arbeit denken zu müssen. Indem heute sichtbar wird, dass bereits innerhalb der kapitalistischen Entwicklung selber die Arbeit im bisherigen Sinne krisenhaft abgeschafft wird, wird auch die Vorstellung vom &#8220;Absterben des Wertes&#8221; in einer fernen nachrevolutionären Zukunft gegenstandslos, mit der sich bisher die Sozialisten um das Konkretisieren einer Aufhebung der bürgerlichen Basiskategorien herumgedrückt haben. Wenn sozialistische Umwälzung und die Abschaffung des unmittelbaren Produzenten nicht mehr um Jahrhunderte auseinanderfallen, dann kann auch das kommunistische Ziel nicht mehr als Konsequenz des Arbeiterstandpunkts erscheinen.</p>
<h4>Neuntes Kapitel</h4>
<p>Auch wenn ein revolutionäres nichtidentifikatorisches Bewusstsein schon ex definitione nicht einfach der korrekten &#8220;Widerspiegelung&#8221; der eigenen gesellschaftlichen Seinsweise entspringen kann, so schwebt die Bereitschaft und Fähigkeit, den Horizont des eigenen konstituierten Daseins zu durchstoßen, natürlich trotzdem nicht frei über der realen gesellschaftlichen Existenz. Das Auseinandertreten von Waren- bzw. Geldform und konkret stofflichem Inhalt der gesellschaftlichen Beziehung trifft heute nicht mehr nur auf von der Wertform positiv konstituierte, sondern auch bereits auf von ihrem Ver- und Zerfall gezeichnete Daseinsweisen und führt entsprechend zu divergierenden Verarbeitungsformen. Die Krise des Werts zieht sich nicht auf einen Punkt zusammen, dessen Erreichen schlagartig die Reproduktionsunfähigkeit des Gesamtsystems nach sich zieht und alle Interessenkategorien gleichermaßen vollautomatisch in die Luft sprengt, sie füllt eine ganze Epoche, und in deren Brüchen und Sprüngen müssen wir uns theoretisch wie praktisch notgedrungen bewegen. Angesichts der realen Zersetzung der Wertbeziehung und aller von ihr konstituierten Interessen wird die Antizipation ihrer Verlaufsform notwendig und möglich.</p>
<p>Gerade weil unter den heutigen Bedingungen der Gedanke der &#8220;Selbstaufhebung des Proletariats&#8221;, der Kampf für das Verschwinden aller bestehenden Sozialkategorien, endlich virulent wird, reicht es nicht aus, ihn abstrakt-philosophisch zu denken. An die Stelle des ausgezehrten, greisenhaft schwächlich und impotent gewordenen &#8220;Klassenstandpunkts&#8221; kann nicht der exhumierte moralisierende &#8220;Menschheitsstandpunkt&#8221; aus dem Grabmal der bürgerlichen Aufklärung des 18. Jahrhunderts treten, dessen gebleichte Gebeine heute eine endgültig närrisch gewordene demokratische Linke noch einmal zum Tanzen animieren möchte. Die Auflösung der Geschichte in die allseitige und unaufhörliche Konkurrenz der abstrakten Individualität, die sich als das in Wirklichkeit übergreifende Moment aller denkbaren &#8220;Standpunkte&#8221; innerhalb der Warenform herausstellt, verwandelt die revolutionäre Kritik dieser Form keineswegs in eine reine Kopfgeburt und eine dieser Kritik entsprechende revolutionäre Bewegung nicht in eine bloße Vereinigung aller Einsichtigen. Auch jenseits von warenförmigem &#8220;Klassenstandpunkt&#8221; und &#8220;Klassenkampf&#8221; bleibt die weitergehende Negation der Warenform selber in den realen Verhältnissen und deren Entwicklung auffindbar als prozessierender Selbstwiderspruch des Kapitals auf höherer Stufenleiter. Das bisher als &#8220;Klassenanalyse&#8221; firmierende Problem löst sich also nicht in Wohlgefallen auf, sondern stellt sich nur auf veränderter, nunmehr negativ gewendeter Grundlage. Es gilt nicht mehr, von einer warenförmig konstituierten sozialen Klassenkategorie aus positiv eine &#8220;gesamtgesellschaftliche Hegemonie&#8221; innerhalb dieses Gehäuses strategisch zu formulieren, sondern vielmehr eine &#8220;negative&#8221; Umkehrung dieses Konstrukts zu bestimmen; aber auch diese muss in den realen Verhältnissen selbst angelegt sein. Krise und Zerfall der Wertform bringen soziale Charaktere hervor, die nur noch negativ zu den vorgefundenen Verkehrsformen quasi als &#8220;Antiklasse&#8221; zu definieren wären, weil sie nicht mehr in den Konstitutionszusammenhängen der warenförmigen Reproduktion aufgehen. Wir müssen bei der Bestimmung der revolutionären &#8220;Antiklasse&#8221; antizipieren, wo und wie die von der Geldform konstituierten &#8220;Interessen&#8221; brüchig werden und der immer noch blinde soziale Prozess Subjekte hervorbringt, die in ihrem ganzen Dasein nicht mehr mit der warenförmigen Konstituiertheit übereinstimmen können und wollen, also den erreichten Stand der gebrauchswertmäßigen Produktivkräfte gegen die wertabstraktiven Produktionsverhältnisse auf einem neuen Widerspruchsniveau repräsentieren.</p>
<p>Die Kritik des &#8220;Klassenkampffetischs&#8221; kann nur das Prolegomenon zur Analyse der Entstehungsbedingungen von Antiklasse und negativem Klassenbewusstsein sein. Vorweggenommen sei nur, was nach dem Gesagten auf der Hand liegt. Ein neues revolutionäres Subjekt ist dort zu suchen, wo innerhalb der gesellschaftlichen Gesamtarbeit schon unter kapitalistischen Bedingungen Elemente einer ideellen und praktischen Negation der Arbeit selber auftauchen, d.h. des abstrakten Verausgabungsprozesses menschlicher Arbeitskraft als einer vermeintlich &#8220;natürlichen&#8221; und &#8220;sinnstiftenden&#8221; Angelegenheit. Diese Negation der proletarischen Arbeit geschieht am ehesten nicht in den traditionellen Industrien, sondern in den fortgeschrittensten Sektoren des Verwissenschaftlichungsprozesses, wo Lohnabhängige sich heute schon durch die Negation familiärer Reproduktion (&#8220;Familienverweigerung&#8221;), Teilzeitarbeit, bewusstes Ausnützen der sozialstaatlichen Netze usw. von einer totalen Subsumtion unter die abstrakte Arbeit zu entkoppeln und die Höhe des Vergesellschaftungsprozesses der Reproduktion für sich selber zu mobilisieren suchen, im offenen Gegensatz zur traditionellen Arbeiterbewegung ebenso wie zu den &#8220;alternativen&#8221; Reaktionären der kruden &#8220;Selbermacher&#8221;- und Selbstausbeutungs-Szene (den Schwachsinn der &#8220;Belegschaftsbetriebe&#8221; eingeschlossen). Diese fortschrittliche negatorische Einstellung zur abstrakten Arbeit existiert bereits real, sie scheint auf in den gängigen soziologischen (und natürlich begriffslosen) Analysen des &#8220;Wertewandels&#8221;, in dem sich das Obsoletwerden der abstrakten Arbeit widerspiegelt.</p>
<p>Revolutionäre Subjektivität wird sich also gerade dort herausbilden, wo die Charaktermasken nicht mehr als zweite Haut organisch mit ihren Trägern verwachsen, und die eigene Sozialkategorie den Individuen selber ein äußerliches und eher befremdliches Merkmal wird. Die zentrale Voraussetzung für die Genesis eines transzendierenden Bewusstseins ist die Entstehung einer inneren Distanz zu allen Emanationen der Wertbeziehung in Menschengestalt, also auch zur eigenen Sozialfunktion. Diese radikal neue Grundhaltung ist keine fiktive Zukunftsmusik, sie zeichnet sich längst massenhaft empirisch ab. Von den marxistischen Nostalgikern unbemerkt hat sich eine breite soziale Schicht herauskristallisiert, für deren Angehörige die Nichtidentifikation mit der eigenen Sozialkategorie längst zum essentiellen Bestandteil ihres eigenen Selbstverständnisses und zur alltäglichen Lebenspraxis geworden ist. In den nachwachsenden Generationen ist zunehmend ein ausgesprochen &#8220;pragmatischer&#8221; und desillusionierter Umgang mit diversen wechselnden Einkommensquellen salonfähig und weit verbreitet. Die Übergänge vom Arbeitslosengeldbezieher zum Jobber, vom Kleinunternehmer zum Bafög-Empfänger sind fließend und in beide Richtungen durchgängig geworden, ohne dass diese wechselnden bis beliebigen Bestimmungen einen besonders nachhaltigen Eindruck im Selbstverständnis der Einzelnen hinterlassen müssten. Die mit dem Totalwerden der Geldbeziehung gesetzte Gleichgültigkeit der Einkommensquellen führt gerade in den modernsten Schichten der bürgerlichen Gesellschaft dazu, dass ein spezifischer Broterwerb nicht länger zum identitätsstiftenden Merkmal taugt. Die Selbstkonstituierung des revolutionären Subjekts kann an diese von der bürgerlichen Verkehrsform selber geschaffene flexible Grundhaltung anknüpfen. Zum revolutionären Subjekt sind daher Angehörige all jener Schichten und Gruppen prädestiniert, die das moderne flexibel werdende Kapitalverhältnis schon aus dem engen Horizont identifikatorischer Lebensformen entlässt; Menschen, die alle Rollen, zwischen denen die bürgerliche Gesellschaft den freien und gleichen Individuen die Wahl lässt, im Grunde gleichermaßen als Zwang und Zumutung empfinden müssen. Das Programm der fundamentalen Kritik von Ware und Geld kann nur bei den modernen Individuen Widerhall finden, die ihrem eigenen Selbstverständnis nach weder Arzt noch Sozialhilfeempfänger, weder Arbeiter noch Student noch Bankangestellter &#8220;sind&#8221;, selbst wenn sie die eine oder andere dieser Positionen gerade innehaben. Der Weg zur konkreten revolutionären Subjektivität öffnet sich dort, wo die Menschen mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten in ihrer abstrakten, an sich selber inhaltsleeren, von Geld und Ware konstituierten Subjektivität nicht mehr aufgehen und über sie hinausdrängen.</p>
<p>Es wäre allerdings ein fataler Fehlschluss, wollten wir in Anlehnung an die von der bürgerlichen Soziologie konstatierten Phänomene wie &#8220;Wertewandel&#8221; und &#8220;Abkehr vom protestantischen Arbeitsethos&#8221; uns freudiger Erwartung hingeben und auf die allmähliche und friedliche Herausbildung eines &#8220;postindustriellen Menschen&#8221; spekulieren, der weniger auf sein unmittelbares Geldinteresse versessen wäre und dem Pflänzchen Gemeinwohl Licht und Raum ließe, weil er sich in friedlicher Koexistenz &#8220;neben&#8221; den Formationen der abstrakten Arbeit gemütlich niederlassen könnte. Die &#8220;Antiklasse&#8221; kann erst mit der vollen Wucht der Krise von Wert und Ware überhaupt zum vollen Bewusstsein gelangen. Ihr Beruf ist nicht die Kreierung eines postindustriellen Hedonismus neben Ware und Geld, sondern die bewusste revolutionäre Zerstörung dieser Form von Gesellschaftlichkeit, weil sie untragbar geworden ist.</p>
<p>Die revolutionäre Theorie hat diesen Bewusstwerdungsprozess gegen die abstrakte Arbeit in Übereinstimmung mit dem objektiven Verwissenschaftlichungsprozess der Reproduktion zu unterstützen und zu beschleunigen, nicht aber die Vergangenheit des &#8220;Klassenkampfes&#8221; wieder hilflos heraufzubeschwören. Kommunistisches Bewusstsein und &#8220;proletarisches Klassenbewusstsein&#8221; schließen sich gegenseitig aus. Deswegen gibt es auch keine &#8220;revolutionäre Klassenpartei des Proletariats&#8221; oder dergleichen mehr &#8220;aufzubauen&#8221;. Die meisten derjenigen, die in den letzten zehn Jahren von dieser &#8220;Titanic&#8221; des &#8220;klassenbewussten Parteiaufbaus&#8221; etc. abgesprungen sind, haben jedoch nicht einmal die Hälfte der Wahrheit für sich, weil sie das Obsoletwerden der proletarischen Arbeit ausgerechnet mit einer Verewigung der Warenproduktion identifizieren, innerhalb der es bestenfalls noch für &#8220;demokratische Reformen&#8221; zu kämpfen gelte. Das genaue Gegenteil ist richtig. Mit der objektiven und zunehmend subjektiven Negation der abstrakten Arbeit steht erst wirklich der Kommunismus auf der Tagesordnung, nicht als &#8220;proletarische Revolution&#8221;, sondern als Revolution gegen die proletarische Arbeit, d.h. als Revolution gegen den Wert.</p>
<hr /><a name="FN1" href="#F1">1</a> Paul Mattick, Marxismus und die Unzulänglichkeiten der Arbeiterbewegung, in: Arbeiterbewegung Theorie und Geschichte Jahrbuch 1, Frankfurt 1973, S. 193.</p>
<p><a name="FN2" href="#F2">2</a> Boudin, das theoretische System von Karl Marx, Stuttgart 1909, S. 172</p>
<p><a name="FN3" href="#F3">3</a> Karl Kautsky, zitiert nach Henryk Grossmann, Das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Frankfurt M., 1970, S. 73</p>
<p><a name="FN4" href="#F4">4</a> Alfred Braunthal, Die Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Wirtschaft, Berlin 1927, S.7.</p>
<p><a name="FN5" href="#F5">5</a> Henryk Grossmann, das Akkumulations- und Zusammenbruchsgesetz des kapitalistischen Systems, Frankfurt M., 1970, (Ersterscheinung 1929), S.140</p>
<p><a name="FN6" href="#F6">6</a> Nikolaj Bucharin: Ökonomik der Transformationsperiode, Hamburg 1970 S. 63</p>
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		<title>Demokratie und Sozialismus</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
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		<description><![CDATA[Zur Kritik einer linken Allerweltsphrase]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zur Kritik einer linken Allerweltsphrase</h3>
<p><em>Peter Klein</em></p>
<p>Wenn man der demokratischen Linken Glauben schenkt, dann steht das kapitalistische Privateigentum im Gegensatz zur Demokratie. Zumindest eine konsequent durchgeführte Demokratie, so sagt diese Linke, die &#8220;auch Wirtschaft und Arbeitswelt&#8221; umfassen würde, würde sich die &#8220;Herrschaft&#8221; des Unternehmers &#8220;über seinen Betrieb&#8221; nicht gefallen lassen und die &#8220;Güterherstellung und Güterverteilung&#8221; &#8220;der Disposition des gesamten Volkes&#8221; unterwerfen <a name="F1"></a><a href="#FN1"> 1 </a>.</p>
<p><span id="more-287"></span>Wenn sich &#8220;das Volk&#8221; heute bescheiden zeigt und sich mit der politischen Demokratie begnügt, den Unternehmer aber über seinen Bereich, den &#8220;Bereich der Wirtschaft&#8221;, &#8220;uneingeschränkt verfügen&#8221; läßt, so &#8220;wie einst der absolute Monarch über sein Land&#8221; verfügt hat (ebd.), dann sieht die demokratische Linke darin den Beweis für die fatale Wirksamkeit etlicher &#8220;Rechtfertigungs- und Verschleierungsideologien&#8221; (S.71), mit deren Hilfe es den &#8220;ökonomisch Herrschenden&#8221; <a name="F2"></a><a href="#FN2"> 2 </a> immer wieder gelingt, &#8220;den unteren Klassen einzureden, daß ihre Interessen bei niemandem so gut aufgehoben sind wie bei den Machthabern&#8221; (S. 39). An diesem Punkt der demokratischen Argumentation tauchen dann mit schöner Regelmäßigkeit die sattsam bekannten Manipulationstheorien auf, die unter Hinweis auf die &#8220;Macht der Medienkonzerne&#8221; und der anderen &#8220;ideologischen Apparate&#8221; allesamt nachweisen, daß die &#8220;öffentliche Meinung&#8221; von &#8220;ökonomischen Interessen&#8221; verzerrt werde und daß in der modernen Massendemokratie ein entsprechender &#8220;Strukturwandel der Öffentlichkeit&#8221; (Habermas) stattgefunden habe. Schlußendlich mündet der demokratische Klagegesang bei jenem Ceterum censeo, bei dem er bei allen Demokraten schon immer mündete, bei der Verfassung. Alles Unglück rührt nämlich daher, &#8220;daß die soziale Demokratie, die mindestens eine demokratische Kontrolle privater Wirtschaftsmacht, wenn nicht eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel gemäß Art. 15 (Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland) bedeuten würde, nicht realisiert worden ist&#8221; (S. 74).</p>
<p>Diese schlichte Darstellung der kapitalistischen Wirklichkeit, die mit ihrer säuberlichen Unterscheidung der beiden &#8220;Bereiche&#8221; der &#8220;Wirtschaft&#8221; (Herrschaft der Minderheit) und &#8221; des Politischen&#8221; (Herrschaft der Mehrheit) ein wenig an jene klaren Verhältnisse erinnert, die auch in Kindermärchen vorzukommen pflegen, hat, so paradox es klingen mag, ihre Berechtigung. Dann zumindest, wenn man das Alter und die Macht der Gewohnheit als Maßstab gelten läßt. &#8220;Wie einst der absolute Monarch&#8221; auf die Legitimität des Erbkönigtums im Namen des ehrwürdigen Alters dieser Institution pochen konnte, deren würdevoller Gehalt seinerzeit gerne mit dem Bild einer alten, knorrigen Eiche zur Darstellung gebracht wurde, so kann auch die demokratische Auffassung auf eine inzwischen lang währende und ruhmreiche Tradition verweisen.</p>
<p>Schon während der französischen Revolution ging die mit dem Namen Babeufs verknüpfte Richtung dazu über, die politische Freiheit mit der &#8220;sozialen Frage&#8221; zu verbinden. Die &#8220;wahre Demokratie&#8221;, so hieß es damals, müsse sich auch des Privateigentums bemächtigen. Und im Lichte dieser &#8220;Konsequenz&#8221; wird die Demokratie während des ganzen 19.Jahrhunderts betrachtet. Insbesondere ihre Gegner erwiesen ihr diese Reverenz, die sich, wie ich meine, das junge und für Schmeicheleien empfängliche Geschöpf damals noch mit einer gewissen Berechtigung gefallen lassen durfte, die aber als die fix gewordene Idee der inzwischen zweihundert Jahre alten Greisin doch verdächtig nach einer Erscheinungsform des Altersschwachsinns aussieht. So wird etwa das allgemeine Wahlrecht im Jahre 1849 von einer in Berlin erscheinenden Zeitung namens &#8220;Die deutsche Reform&#8221; bezichtigt, des &#8220;Kommunismus&#8221; verdächtig zu sein <a name="F3"></a><a href="#FN3"> 3 </a>. In der gleichen Weise charakterisiert der monarchistische Staatsphilosoph Friedrich Julius Stahl 1868 die &#8220;demokratische Partei&#8221;, die &#8220;keine Schranke des Volkswillens an dem Rechte des Individuums dulde&#8221;: &#8220;Ihr Standpunkt ist die gänzliche Unterwerfung des Einzelnen unter das Volk. Er hat kein Recht gegenüber dem Willen des Volkes, seine Freiheit ist kein Hinderniß gegenüber den Zwecken des Volkes. Sie will darum nicht unbedingten Schutz des Privateigentums, sondern viel lieber die Einziehung zum Nationaleigentum; sie schwärmt nicht für Gewerbefreiheit, Freiheit des Güterhandels, Freiheit von Kauf und Verkauf, sondern sucht vielmehr Anordnung und Garantie für die Versorgung der ganzen Volksmasse;..&#8221; <a name="F4"></a><a href="#FN4"> 4 </a>. Die Notstandsmaßnahmen der Jakobinerdiktatur während des Jahres 1793/94, allesamt &#8220;Opfer des Eigenthums zum Besten des Volkes&#8221;, sieht Stahl folgerichtig &#8220;bereits an der Grenze des Kommunismus stehen (ebd.).</p>
<p>Die zähe Beharrlichkeit, mit der sich diese Auffassung der Demokratie als &#8220;eigentlich&#8221; oder &#8220;tendenziell&#8221; kommunistisch bis heute nicht nur gehalten, sondern geradezu bis zur Bewußtlosigkeit der Allerweltsfloskel durchgesetzt hat &#8211; in jedem DDR-Schmöker zur Französischen Revolution wird diese Gedankenlosigkeit um und um gewendet mit dem immer gleichen Resultat, daß damals zum Triumph der guten Sache die Arbeiterklasse gefehlt habe &#8211; , bedeutet freilich nicht, daß sie dadurch an innerer Stärke gewonnen hätte. Auch der Absolutismus war ja zu jener Zeit, als er sich mit dem romantischen Bild der alten, knorrigen Eiche ausstaffieren zu müssen meinte, innerlich bereits hohl und morsch und brach bald darauf für immer in sich zusammen. Deshalb unternehme ich die Kritik an dem breitgetretenen Quark der &#8220;Sozialistischen Demokratie&#8221; auch nicht aus der Sorge heraus, daß er allzuviel Kraft in sich bergen könnte. Vielmehr scheint mir die Kritik deshalb erforderlich zu sein, weil die demokratische Ideologie gar keine Kraft mehr besitzt. Sie kann die oppositionelle Bewegung nicht in die Irre führen, weil sie zu gar keiner Opposition mehr taugt. Sie hat sich gleichsam zu Tode gesiegt. Nachdem zweihundert Jahre lang theoretisch und praktisch sämtliche Demokratievarianten durchgespielt worden sind, begegnet der eine Demokrat nur noch dem anderen Demokraten. Das babylonische Sprachengewirr, in dem sich die nationalen, christlichen, freien, sozialen und ökologischen Demokraten darüber streiten, welcher von ihnen mit der größten Beflissenheit &#8220;dem Volk dient&#8221;, ist bereits als jene Irre anzusehen, in die uns der als eine &#8220;konsequente Demokratie&#8221; mißverstandene Sozialismus daher nicht mehr führen kann.</p>
<p>Ich habe vor, mich dem Thema in zwei Schritten zu nähern. Im vorliegenden Artikel versuche ich zu zeigen, daß der von der Demokratie aufs Podest gehobene &#8220;Volkswille&#8221; und die &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; des einzelnen Privateigentümers zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, daß sie in der gleichen vom Wertverhältnis konstituierten Willenskategorie ihre Identität besitzen. In einem weiteren Artikel wird dieser &#8220;freie Wille&#8221; für sich zu betrachten sein &#8211; mit der Absicht, ihn als eine zum entfalteten Kapitalismus gehörige Abstraktion kenntlich zu machen, die gerade in ihrer Allgegenwart unübersehbar hilflos und für die Lösung der heute anstehenden Aufgaben direkt zu einem Hemmschuh geworden ist.</p>
<h4>Die Identität von Demokratie und Privateigentum</h4>
<p>Der grundlegende Mangel des demokratischen Bewußtseins besteht in seiner Unfähigkeit, das Privateigentum als das gesellschaftliche Verhältnis zu denken, das es ist. Wenn etwa Kühnl sich die Vorstellung macht, daß der Kapitalist &#8220;die Verfügungsgewalt über das Privateigentum&#8221; (S.54) bzw. &#8220;über seinen Betrieb&#8221; (S. 75, Hervorh. jeweils P.K.) besitzt, so hat er &#8220;das Privateigentum nicht als Verhältnis, sondern dinglich bestimmt. Das Verhältnis ist gewissermaßen in den Betrieb hineingefahren, und er hat die Eigenschaft zugesprochen erhalten, Privateigentum zu sein. Ganz entsprechend muß dann auch mit &#8220;dem&#8221; Kapitalisten verfahren werden. Sein Verhalten zu diesem &#8220;Privateigentum&#8221; als zu einem Ding verwandelt sich zu einer Bestimmung dieser Person. &#8220;Über&#8221; Privateigentum zu verfügen, wird damit nicht minder zu einer persönlichen Eigenschaft, wie es vorher die Eigenschaft des Dinges war, Privateigentum zu sein. Das Sein des Verhältnisses stellt sich dar als das Sein von Eigenschaften, die, sobald sie für sich betrachtet und gelten gelassen werden, jenes Verhältnis, indem es in ihnen erscheint, sogleich auch verschluckt und mystifiziert hätten.</p>
<p>Den Vorteil von dieser Darstellungsweise hat offensichtlich die &#8220;Verfügungsgewalt&#8221;. Da das Privateigentum als Ding bestimmt ist, über das eine Person, der kapitalistische Privateigentümer, verfügt, befindet sich dieses Verfügen ganz klar außerhalb &#8211; außerhalb der Person und des Dings. Frei und ledig von allen Zumutungen des Eigentums ist die &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; allerdings nur für einen sehr kurzen Zeitraum. Sie muß es sich nämlich allsogleich gefallen lassen, daß sie jetzt der Demokrat für sein Weltverbesserungsmodell in Beschlag nimmt. Daß nur wenige Privateigentümer &#8220;über&#8221; die Produktionsmittel &#8220;verfügen&#8221;, mit denen viele arbeiten müssen, empfindet nämlich der Demokrat als die eigentliche &#8220;Ungerechtigkeit&#8221; des Kapitalismus, die er, den armen Marx paraphrasierend, als den &#8220;Widerspruch von gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung&#8221; auf den richtigen Begriff zu bringen meint. Und ohne groß über die &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; nachzudenken, meint er weiter, sie könnte in der gleichen Beschaffenheit, in der sie jetzt bei den &#8220;Wenigen&#8221; ist, ebensogut den &#8220;Vielen&#8221; zukommen. Nachdem schon im Verlauf der bisherigen Geschichte des Kapitalismus &#8220;der Staat&#8221; mit Gesetzen &#8220;zum Schutze der sozial Schwachen&#8221; die &#8220;Verfügungsgewalt über das Privateigentum&#8230;, in mannigfacher Weise&#8221; eingeschränkt hat, warum nicht konsequent fortschreiten auf diesem Weg, die &#8220;demokratische Öffentlichkeit&#8221; mobilisieren, den &#8220;Einfluß ökonomisch mächtiger Gruppen&#8221; auf &#8220;Regierung und Bürokratie&#8221; zurückdrängen und &#8220;die Lohnabhängigen&#8221; via &#8220;Einfluß der Volksvertretung&#8221; &#8220;an die Hebel der Macht gelangen&#8221; lassen. (S. 54)?</p>
<p>Dieses demokratische Konzept zur Beseitigung oder &#8220;Überwindung&#8221; des kapitalistischen Privateigentums stellt eine kolossale theoretische Verballhornung dieses gesellschaftlichen Produktionsverhältnisses dar. Wobei ich für diejenigen, die sich bei der Erwähnung dieses &#8220;Reformismus&#8221; nicht gemeint fühlen, weil sie es mit dem &#8220;Zerschlagen des Staatsapparates&#8221; und der &#8220;Diktatur des Proletariats&#8221; halten, gleich hinzufüge, daß sie um dieser &#8220;revolutionären Konsequenz&#8221; willen noch keinen Flohsprung über das demokratische Eiapopeia der &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; hinausgelangt sind. Die Verballhornung kommt darin zum Ausdruck, daß hier mit den &#8220;Lohnabhängigen&#8221;, den &#8220;Unternehmern&#8221;, dem &#8220;Staat&#8221;, der &#8220;Volksvertretung&#8221; und dem &#8220;Privateigentum&#8221; umgegangen wird wie mit lauter positiven Tatsachen, von denen eine jede für sich etwas &#8220;ist&#8221; und demzufolge auch wollen und tun und mit sich geschehen lassen könne. Man nennt daher dieses Denken, das sich naiv und unmittelbar verhält zu den Kategorien der kapitalistischen, wertvermittelten Gesellschaft, positivistisch. Das positivistische Denken setzt sich darüber hinweg, daß die Kategorien, mit denen es umgeht, allesamt konstituiert sind von dem einen gesellschaftlichen Verhältnis des Werts, das in einer jeden von ihnen gleichermaßen erscheint und somit ihre wesentliche Identität ausmacht.</p>
<p>Es ist eine der schwierigsten Aufgaben auf dem Felde der marxistischen Theorie, dem Alltagsverstand zum Verständnis dieses &#8220;Konstituiertseins&#8221;, das schließlich ihn selbst betrifft, hinzuführen. Da der Alltagsverstand mechanisch-kausal denkt und die &#8220;Fakten&#8221;, mit denen er umgeht, immer schon in einem Ursache-Wirkungs-Gefüge wahrnimmt, behandelt er natürlich auch die Frage des Konstituiertseins ganz in diesem Sinne als die Frage nach einer &#8220;ersten Ursache&#8221;. Und in der (durchaus berechtigten) Ansicht, die er übrigens mit dem alten Kant teilt, daß hier eine Welt zum Problem gestellt ist, die sich jenseits der seinen befindet, fragt er, mißtrauisch gegen alle Metaphysik, um die es sich für ihn dabei nur handeln kann: &#8220;Wer&#8221; denn nun die in Frage stehenden Kategorien &#8220;konstituiert&#8221; haben soll. Über der Marxschen Antwort, daß es sich dabei um den zum &#8220;automatischen Subjekt&#8221; der Gesellschaft aufgestiegenen Wert handele, um ihr eigenes, zur Objektivität geronnenes Produktionsverhältnis, an dem die Menschen hängen wie Marionetten an ihren Fäden, schüttelt er noch heute den Kopf, überzeugt davon, daß ihm mit diesem &#8220;Wert&#8221; nur wieder einmal &#8211; diesmal in besonders raffinierter Verkleidung- ein Herr namens Gott aufgeschwatzt werden soll, von dem er sich doch erst in der Aufklärung glücklich befreit hatte. Mit dem Hinweis, daß es von Marx, angeblich hierzu im Widerspruch stehend, schließlich auch noch andere Aussagen gebe, worin den Menschen verständigerweise eingeräumt werde, daß sie ihre Geschichte selber machen, läßt er das Jenseits, von welchem her seinen Kategorien jenes &#8220;gemeinsame Wesen&#8221; aufgeschwatzt wird, das der metaphysische, von der Hegelschen Spekulation verführte Marx zu allem Überfluß auch noch ihre &#8220;Formbestimmtheit&#8221; genannt haben soll, Jenseits sein &#8211; und wendet sich dem Diesseits zu. Formbestimmtheit hin, Konstituiertheit her, gegen so handgreifliche Mißlichkeiten wie die Arbeitslosigkeit oder die Umweltvergiftung, allesamt &#8220;vom Kapital verursacht&#8221;, wird man wohl noch agitieren dürfen!</p>
<h4>1. Der Fetischismus der Eigenschaftsform</h4>
<p>Ich maße mir nicht an, in einem Artikel sämtliche Mißverständnisse des Alltagsverstandes &#8211; und damit diesen selbst &#8211; beseitigen zu können. Wohl aber muß ich, was die erwähnte &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; betrifft, den Versuch unternehmen, die allzu große Selbstverständlichkeit, mit welcher sie von der demokratischen Linken gehandhabt wird, zu erschüttern. Um es kenntlich zu machen, daß diese &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; selber noch ein konstitutives Moment des Privateigentums ist, gegen das sie infolgedessen nichts auszurichten vermag, ist es erforderlich, einen wenn auch nur kurzen Blick auf die logische Figur des Tauschakts zu werfen, jenes Tauschakts, durch den zwei Produkte &#8220;sinnlich verschiedener Gebrauchsgegenständlichkeit&#8221; den Besitzer wechseln.</p>
<p>Damit der Tausch vonstatten gehen kann, muß, wie Marx in der Analyse der Warenform gezeigt hat, von dieser &#8220;sinnlich verschiedenen Gebrauchsgegenständlichkeit&#8221; abstrahiert werden. Die beiden Produkte können nur als Träger von reiner Quantität in jene Beziehung zueinander treten, die sie zu Waren macht. Diese Beziehung beinhaltet eine Gleichung, die besagt, daß die Menge x der Ware A die Menge y der Ware B wert ist. Da die Entfaltung dieser &#8220;einfachen Wertform&#8221; zur &#8220;allgemeinen Wertform&#8221; und zur &#8220;Geldform&#8221; hier nicht mein Thema ist, belasse ich es bei dem allgemeinen Hinweis, daß sich in der modernen, kapitalistischen Gesellschaft, in der die Produkte immer schon für den Austausch (bzw. Verkauf) hergestellt werden, sie sich auch immer schon in der Wertform befinden. Daß zur Darstellung dieser Wertform eine bestimmte Ware als Geld dauerhaft abkommandiert worden ist, und daß dieses Geld, zum Movens aller Produktion geworden, diese Produktion kapitalistisch macht, tut hier nichts zur Sache. Hier interessiert und nur die als solche nicht in Erscheinung tretende Voraussetzung der Aktion, die darin besteht, daß die betreffenden Produkte überhaupt nur deshalb ausgetauscht und also Waren werden müssen, &#8220;weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind&#8221; <a name="F5"></a><a href="#FN5"> 5 </a>. Diese Privatarbeiten sind natürlich objektiv immer schon Glieder &#8220;des naturwüchsigen Systems der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit&#8221; und damit &#8220;Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit&#8221;, aber sie betätigen sich als solche erst &#8220;durch die Beziehung, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittelst derselben die Produzenten versetzt&#8221; (ebd.). In diesen (wertförmigen) Beziehungen erscheint die &#8220;gesellschaftliche Gesamtarbeit&#8221; ebensowohl, wie sie von ihnen verdeckt wird. In der Wertform (in der sich unmittelbar nur die Produkte zueinander verhalten), verschwindet nicht nur das vorausgesetzte System der gesellschaftlichen Arbeit, sondern, und das ist das eigentliche Kunststück, das der Tauschakt vollbringt, es nimmt obendrein auch noch die Form einer Eigenschaft an, die den Dingen als Dingen innezuwohnen scheint. Ihr eigener gesellschaftlicher Zusammenhang, den die Menschen bei der Produktion ihres Lebens herstellen, verwandelt sich also durch die Art und Weise, wie sie ihn herstellen, nämlich &#8220;vermittelst&#8221; des Austausches der Arbeitsprodukte, in eine &#8220;gesellschaftliche Natureigenschaft (..)dieser Dinge&#8221; (S. 86 Hervorh. P.K.). Diese Eigenschaftsform ist der Kern dessen, was Marx den Warenfetisch nennt.</p>
<p>Der Warenfetisch wäre noch nicht durchschaut, wenn man hinter der Wert&#8221;eigenschaft&#8221; der Waren die gesellschaftliche Arbeit auch wieder nur in der Eigenschaftsform wahrnehmen und also zu der Definition gelangen würde, daß die Waren Produkte &#8220;abstrakter durchschnittlicher gesellschaftlicher Arbeit&#8221; sind. Hierbei würde sich die gesellschaftliche Arbeit immer noch erst in ihren Produkten begegnen. An diesem Umstand, der die Produkte überhaupt erst zu Waren macht, vermöchte also ein so verfahrendes Denken, das sich lediglich um die &#8220;richtige Definition&#8221; der Ware bemüht, noch gar keinen Anstoß zu nehmen. Wer meinen würde ,mit dieser Definition den Warenfetisch entzaubert zu haben, hätte ihn damit nur umso mehr befestigt. Marx zeigt, daß dieses definitorische Denken dasjenige der &#8220;klassischen politischen Ökonomie&#8221; ist. Er räumt dieser, zuvörderst ihrem bedeutendsten Vertreter Ricardo, zwar ein, den &#8220;Inhalt&#8221; oder &#8220;Gehalt&#8221; von &#8220;Wert und Wertgröße&#8221; entdeckt zu haben (S. 90, S. 94 f.), macht dabei aber einen bedeutsamen Vorbehalt: Weil ihr die &#8220;Wertform des Arbeitsprodukts&#8221; &#8220;für die ewige Naturform der gesellschaftlichen Produktion&#8221; galt, habe sie es nie für erforderlich gehalten, &#8220;auch nur die Frage&#8221; zu stellen, &#8220;warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert&#8230;darstellt&#8221; (S. 95). Entsprechend versäume sie es, die in der Wertform erfolgende &#8220;Reduktion auf abstrakt menschliche Arbeit&#8221; ausdrücklich zu unterscheiden &#8220;von derselben Arbeit, soweit sie sich im Gebrauchswert ihres Produkts darstellt&#8221; (S. 94); geschweige, so füge ich hinzu, daß sie sie (die abstrakte Arbeit) zu problematisieren vermocht hätte <a name="F6"></a><a href="#FN6"> 6 </a>. Mit ihrer Entdeckung, daß die &#8220;Wertgröße durch die Arbeitszeit&#8221; bestimmt ist, habe sie daher lediglich den &#8220;Schein der bloß zufälligen Bestimmung der Wertgrößen der Arbeitsprodukte&#8221; aufheben können, &#8220;keineswegs ihre sachliche Form&#8221; (S. 89, Hervorh. P.K.).</p>
<p>Diese sachliche oder Eigenschaftsform des Werts erlangt in dem Masse, wie der Austausch &#8220;hinreichende Ausdehnung und Wichtigkeit gewonnen hat&#8221; (S. 87), die &#8220;Festigkeit&#8221; einer &#8220;Naturform(..) des gesellschaftlichen Lebens&#8221; (S.90). Zu dieser &#8220;Naturform&#8221; müssen sich die Menschen der tauschvermittelten Gesellschaft tagtäglich verhalten wie zu jeder anderen Tatsache von naturgesetzlicher Objektivität. Und zwar verallgemeinert sich dieses Muß paradoxerweise gerade in dem Maß, in dem die Grundlage des Warentausches, &#8220;voneinander unabhängig betriebene Privatarbeiten&#8221;, durch die kapitalistische Industrialisierung aufgehoben und also die Tauschvermitteltheit des zu einem gesamtgesellschaftlichen Organismus zusammenwachsenden Produktionsapparates zu einem Formalismus und zur Chimäre wird. Mit dieser Chimäre der Wertform steht den Menschen ihr eigener gesellschaftlicher Zusammenhang als eine selbständige, außerhalb von ihnen existierende Objektivität gegenüber. Indem sie sich zum Wert als zu einer unverrückbaren Tatsache verhalten, verhalten sie sich zu dem von ihnen selbst hergestellten gesellschaftlichen Verhältnis wie zu einer zweiten Natur, der sie bedingungslos unterworfen sind. Der Alltagsverstand, der sich auf dem Niveau der bloßen Wahrnehmung von Tatsachen bewegt, der sich bei der Organisation seines Lebens auf seine Erfahrung verläßt und dessen philosophisches Sprachrohr daher der Empirismus ist, nimmt daran keinen Anstoß. Gerade in der Selbstverständlichkeit, mit der er die &#8220;Naturformen&#8221; der tauschvermittelten Gesellschaft für das Material seines &#8220;eigenen&#8221; Denkens hält, gehört er dieser &#8220;zweiten Natur&#8221; bewußtlos an und erweist sich als von ihr unterworfen bzw. &#8220;konstituiert&#8221; &#8211; weshalb er auch den mit der kapitalistischen Krise notwendig eintretenden Substanzverlust dieser &#8220;Naturformen&#8221; nur als die Krise und das Unsicherwerden seines eigenen Denkens und Meinens erleiden kann.</p>
<p>Bis zu diesem Punkt der Marxschen Analyse pflegt übrigens der Demokrat, wenn wir einmal vom letzten Satz absehen, sein Einverständnis kundzutun. Teils zögerlich, teils mit verdächtiger Beflissenheit haben wir ihn in der Kapitalschulung mit dem Kopf nicken sehen. Noch kann er sich die Illusion machen, daß nicht von ihm selbst, sondern von dem die Rede ist, was er sich unter der Bezeichnung &#8220;Wirtschaft&#8221; oder &#8220;Ökonomie&#8221; vermeintlich gegenüberstehen hat. Insbsondere bei dem Wort &#8220;Unterwerfung&#8221; leuchten seine Augen verständnisinnig auf. Er erkennt darin nämlich allsogleich den Komplementärausdruck für die von ihm so genannte &#8220;Herrschaft des Kapitals&#8221;, um deren Beseitigung es ihm ja zu tun ist. Weshalb er mir vielleicht auch den Vorwurf machen wird, daß bisher vom Kapital und den ihm &#8220;unterworfenen&#8221; Arbeitern noch gar nicht die Rede war, sondern lediglich von jener Wertform, die die Arbeitsprodukte annehmen, indem sie als Produkte der abstrakten, das heißt von ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang getrennt verrichteten Arbeit ausgetauscht werden müssen.</p>
<p>Ich kann nun zwar zugeben, daß die Wertform erst im modernen Kapitalismus zur wirklich herrschenden Form der Produktion als einer Produktion von Waren geworden ist, von ihr fortgehen aber kann ich im Interesse unseres Themas, der &#8220;Verfügungsgewalt&#8221;, noch nicht. In dieser Hinsicht ist die Analyse nämlich beileibe noch nicht abgeschlossen. Bisher war vom Tauschakt nur im Hinblick auf die getauschten Produkte die Rede, was er aber auf der Seite der tauschenden Subjekte anrichtet, das habe ich erst angedeutet. Wenn wir diesen nächsten notwendigen Schritt tun und also auf die Frage zu sprechen kommen, wie denn nun näher die &#8220;Unterwerfung&#8221; unter die Wertform beschaffen ist, so werden wir den bisher noch leidlich gefaßten Demokraten sogleich seine Contenance verlieren sehen. Der demokratische Esel wird endgültig störrisch, wenn er zu hören bekommt, daß seine Fesseln ausgerechnet &#8220;Freiheit&#8221; und &#8220;Gleichheit&#8221; heißen. Schließlich sind dies seine mit Andacht gepflegten Heiligtümer. Deren (vermeintliche) Verunglimpfung will um so weniger in seinen Kopf, als ihm doch die Erfahrung sagt, daß alle edlen Menschen, die in den vergangenen zweihundert Jahren den Kampf für den Fortschritt und gegen die Reaktion, sei es des Absolutismus, sei es des Kapitals, geführt haben, dies im Namen von Freiheit und Gleichheit getan haben. Wie kann man allen Ernstes diesen demokratischen Kampf, der nicht nur Intelligenz, Energie und Leidenschaft, sondern auch Ströme von Blut gekostet hat, unter den Begriff der &#8220;Unterwerfung&#8221; bringen, mit dem man Demutsgesten und Friedhofsruhe zu assoziieren pflegt? Und empört den Eselsschrei ausstoßend wird er mich der Verhöhnung der Opfer anklagen und den Verdacht aussprechen, daß man, mit meinem Maßstab geurteilt, wohl alles Kämpfen hätte sein lassen sollen, da ich bei meiner lächerlichen Fixierung auf die &#8220;wertförmige Ökonomie&#8221; die demokratischen Freiheiten, die man mühsam und unvollkommen genug errungen habe, nicht zu schätzen wisse.</p>
<p>Schon mit diesem ersten spontanen Protest beweist der Demokrat &#8211; ich spreche immer von demjenigen, der den Anspruch erhebt, &#8220;Marxist&#8221; oder &#8220;links&#8221; zu sein &#8211; , daß ihm der Warenfetisch ein versiegeltes Buch geblieben ist. Obwohl er beifällig nickte, als ihm zu Gehör kam, daß im Wert der Waren ein gesellschaftliches Verhältnis erscheint, nämlich das voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten, hat er ihn hiermit dennoch längst den toten Dingen als ihre &#8220;Eigenschaft&#8221; zugeschlagen und meint jetzt, mich mit der Allerweltsphrase belästigen zu müssen, daß dieser Bereich der &#8220;Ökonomie&#8221; keineswegs ausreichend sei, um das &#8220;politische&#8221; Verhalten der Menschen zu bestimmen. Soweit die &#8220;Faktizität&#8221; der historischen Ereignisse betroffen ist, befindet sich unser Demokrat natürlich im Recht &#8211; allerdings in jeder Hinsicht und auf allen Gebieten, auf dem der &#8220;Politik&#8221; ebenso wie auf dem der &#8220;Ökonomie&#8221; &#8211; , was aber die Wertförmigkeit dieser Ereignisse anlangt, so wird sie von diesem Einwand überhaupt nicht berührt. Ich will mich hier nicht bei dem aus der Empirie genommenen Hinweis aufhalten, daß der Erfolg der Demokratie offensichtlich auch der des Kapitalismus gewesen ist, weil ich gewärtigen muß, daß der Demokrat zwar diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen womöglich bereit ist, aber nur, um darin ein weiteres Mal seine Ansicht bestätigt zu sehen, daß es der Demokratie eben immer noch an Vollständigkeit gebricht. Stattdessen will ich bei der Logik der Sache verweilen, wie sie diesmal nicht an den Gegenständen, sondern den menschlichen Subjekten der Tauschhandlung in Erscheinung tritt. Ich werde also zu zeigen versuchen, daß Freiheit und Gleichheit notwendige Momente des heutzutage alltäglichen Tausch- bzw. Kaufaktes und somit des Wertverhältnisses sind; dies gezeigt, hätten sie sich natürlich auch erwiesen, Emanationen jener von der klassischen politischen Ökonomie nicht ausdrücklich thematisierten, sondern blind vorausgesetzten &#8220;abstrakten Arbeit&#8221; zu sein, die Marx als das Wesen der Wertform herausgearbeitet hat.</p>
<h4>2. Das Jenseits des freien Willens</h4>
<p>Marx macht im &#8220;Kapital&#8221; genau auf diese logische Notwendigkeit aufmerksam, wenn er die nicht gerade umwerfende Feststellung trifft, daß die Waren &#8220;nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst austauschen&#8221; können. Sie benötigen dazu ihre &#8220;Hüter&#8221;, die Warenbesitzer. Diese müssen, um die Dinge als Waren aufeinander beziehen zu können, &#8220;sich zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so daß der eine nur mit dem Willen des andern, also jeder nur vermittels eines, beiden gemeinsamen Willensaktes sich die fremde Ware aneignet, indem er die eigne veräußert. Sie müssen sich damit wechselseitig als Privateigentümer anerkennen. Dies Rechtsverhältnis, dessen Form der Vertrag ist,&#8230;, ist ein Willensverhältnis, worin sich das ökonomische Verhältnis widerspiegelt&#8221; <a name="F7"></a><a href="#FN7"> 7 </a>. Der Wille, der hierbei wirksam wird, muß notwendigerweise &#8220;frei&#8221; sein; denn andernfalls wären die betreffenden &#8220;Warenhüter&#8221; voneinander nicht unabhängig und sie könnten sich nicht als Austauschende zueinander verhalten. Wäre dieses Moment des freien Willens nicht vorhanden, dann wäre auch das Verhältnis ein qualitativ anderes, dann würde der Stärkere vom Schwächeren nehmen, soviel er bekommen kann bzw. er würde ihn gleich als seinen Knecht oder Sklaven für sich arbeiten lassen. Wir hätten also ein Verhältnis persönlicher Abhängigkeit vor uns, in welchem die Freiheit des einen Teils die Unfreiheit des anderen ausmachen würde. Damit ist aber bereits gesagt, daß die Freiheit des Willens der Warenbesitzer nicht als eine Hierarchie von abgestuften &#8220;Freiheiten&#8221;, sondern nur in der Weise existieren kann, daß sie für alle Beteiligten die gleiche ist. Als gleiche aber muß sie gleichgültig sein gegen alle Qualität sowohl der Personen wie der Sachen, über die die Personen als private (voneinander unabhängige und getrennte) verfügen. Es darf also niemand aufgrund seiner Geburt, seiner Rasse oder Religion Eintrag erleiden an der Betätigung seines freien Willens, sofern nicht diese Betätigung ins Gehege kommt mit der Bedingung der Freiheit des Willens aller anderen Privateigentümer. Ebenso steht auch der Gegenstand, über den er als potentiell zu veräußernden verfügt, zu keiner anderen Debatte als derjenigen, die vom Rahmen dieses Willensverhältnisses abgesteckt ist. Der freie Wille besitzt also, wenn man ihn nicht auf der historischen Ebene betrachtet und als Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaftsformation begreift, die ihm mit der Verwandlung auch der Arbeitskraft in eine Ware überhaupt erst zum Durchbruch gegen die &#8220;buntscheckigen Feudalbande&#8221; verholfen hat, an sich selbst keine Qualität. Er ist ein reines, dem modernen Recht zugrundeliegendes &#8220;Prinzip a priori&#8221;, das sich zu allen bestimmten Willensäußerungen wie die leere Form verhält, als deren Inhalt sie dann erscheinen.</p>
<p>Die Erwähnung des &#8220;Apriorismus&#8221; dieser Willenskategorie erinnert nicht von ungefähr an die berühmte Formel der Kantschen Philosophie. Denn es war in der Tat Kant, der dieses subjektive Zubehör der Wertvergesellschaftung als erster wissenschaftlich präzise auf den Begriff brachte, indem er es als einen solchen Formalismus kennzeichnete. Daß sich solche zuverlässigen Aussagen über die bürgerliche Gesellschaft bereits bei Theoretikern finden, die einen zusammenfassenden Begriff von ihr noch nicht besitzen konnten, darf nicht verwundern. Wenn sich auch das Wertverhältnis erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts soweit durchgesetzt hatte, daß es zunächst als die Totalität eines gesamtgesellschaftlichen Systems, schließlich als der konkrete Kapitalbegriff des sich selbst verwertenden Werts gefaßt werden konnte, so existierten einzelne, als solche freilich noch nicht zu bestimmende Seiten dieses Systems, die nachträglich, von der Logik des fertigen Produktionsverhältnisses aus gesehen, als seine &#8220;zirkulative Oberfläche&#8221; imponieren, doch schon lange zuvor. Soweit die Ware-Geld-Beziehungen Bedeutung erlangt hatten, mußten sie sich auch schon in einer noch wesentlich vorbürgerlichen Welt in den entsprechenden Daseins- und diesen gemäßen Denkformen niederschlagen. Es ist genau dieser Gedanke, den Marx &#8220;überhaupt bei jeder historischen, sozialen Wissenschaft&#8221; festgehalten wissen will, &#8220;daß, wie in der Wirklichkeit, so im Kopf, das Subjekt, hier die moderne bürgerliche Gesellschaft, gegeben ist, und daß die Kategorien daher Daseinsformen, Existenzbestimmungen, oft nur einzelne Seiten dieser bestimmten Gesellschaft, dieses Subjekts ausdrücken, und daß sie daher auch wissenschaftlich keineswegs da erst anfängt, wo nun von ihr als solcher die Rede ist&#8221; <a name="F8"></a><a href="#FN8"> 8 </a>. In diesem Sinn, so meine ich, kann es nur nützlich sein ,wenn man sich bei der Analyse der bürgerlichen Subjektivität u.a. auch der Philosophie anvertraut. Da sie ja bis zu ihrem Ende im deutschen Idealismus so etwas wie den weltanschaulichen Vortrupp des neuen, unpersönlichen Vergesellschaftungsprinzips darstellte, mußte sie, immer im Kampf befindlich mit den zunächst als &#8220;unnatürlich&#8221;, dann als &#8220;unvernünftig&#8221; apostrophierten Anmaßungen der Geburt und der Offenbarungsreligion, ihre Kategorien mit jener Präzision und Gewissenhaftigkeit entwickeln, die sich seither, mit dem selbstverständlichen Gelten dieser Kategorien auch im Alltagsverstand, natürlich verloren hat. Man muß es nur verstehen, die nach ihrem eigenen Verständnis unhistorische &#8220;Vernunft&#8221; der Philosophen als diejenige der Ware-Geld-Vergesellschaftung zu dechiffrieren, dann besitzt man hier, zumal in der Rechts- und Staatsphilosophie, eine theoretisch so ergiebige Analyse der bürgerlichen Gesellschaft, daß die spätere &#8220;positive&#8221; Ausarbeitung und angebliche Weiterentwicklung dieses Materials im Vergleich dazu nur als die Verwässerung der zentralen Problemstellungen erscheinen kann.</p>
<p>Jedenfalls ist es, um wieder auf unser Thema zu kommen, von Kant vollkommen richtig gesehen, wenn er Freiheit und Gleichheit als die Grundelemente seiner Moral- und Rechtsphilosophie von jener Willenskategorie ableitet. Soll es eine für alle Menschen gleichermaßen verbindliche Moral- und Rechtsordnung geben, dann muß sie auf dieser Kategorie des freien Willens aufbauen, wie sie konstitutiv ist für das Verhältnis, in dem persönlich voneinander unabhängige Warenbesitzer zueinander stehen. Ebenso leuchtet es ein, daß von dieser Willensfreiheit, sobald man sie als das Gemeinsame aller Privateigentümer zusammenfaßt, nichts anderes übrigen bleiben kann &#8220;als die Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt&#8221; <a name="F9"></a><a href="#FN9"> 9 </a>. Setzt man die Freiheit als die voneinander unabhängiger Privateigentümer voraus, so muß sie für einen jeden dieser &#8220;vereinzelten Einzelnen&#8221; als ihre eigene Negation in Erscheinung treten, als die Schranke der Allgemeinheit dieses Verhältnisses. Im gleichen Moment, in dem die Freiheit solcherart auf das aus allem gesellschaftlichen Zusammenhang herausgelöste Individuum bezogen wird, liegt sie also im Hader mit diesem gesellschaftlichen Zusammenhang. Er kann für jedes Individuum eben nur als die Grenze in Erscheinung treten, jenseits welcher seine Freiheit die der anderen ebenso freien Individuen verletzen würde. In dem Gegensatz von &#8220;Individuum&#8221; und &#8220;Gesellschaft&#8221;, &#8220;Freiheit&#8221; und &#8220;Sozialismus&#8221; (oder &#8220;öffentlicher Wohlfahrt&#8221;, um an die Jakobinerdiktatur zu erinnern) bewegt sich denn auch das bürgerliche Bewußtsein seit jeher, ohne diese beiden Abstraktionen, die es als solche nicht durchschaut, miteinander vermitteln zu können.</p>
<p>Kant ist sich übrigens nicht darüber im klaren, daß er einen solchen &#8220;vereinzelten Einzelnen&#8221; voraussetzt. Sein &#8220;Mensch&#8221; kommt ihm, wie es auch bei den vorausgegangenen Naturrechtstheoretikern der Fall war, noch ganz als ein Erzeugnis der &#8220;Natur&#8221; vor. Dieser Mensch befindet sich auch schon im vorbürgerlichen Zustand in jenem (provisorischen) Eigentum, das der bürgerliche Zustand dann nur noch rechtlich zu sichern hat. Als eine gleichsam im biologischen Sinn &#8220;natürliche&#8221; Gegebenheit behandelt Kant ihn nicht als das &#8220;Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse&#8221;, das er ist, sondern als den Sitz von Sinnlichkeit, Trieb und Begierde. Als solcher ist der Mensch den Naturgesetzen unterworfen und also unfrei.</p>
<p>Zugleich ist er aber auch ein Vernunftwesen und besitzt als solches einen Willen, den Kant als das Vermögen bestimmt, nach &#8220;der Vorstellung der Gesetze&#8221; zu handeln (S.41). Da nun der Begriff des Willens den der Autonomie oder Freiheit bei sich führt, so kann jenes &#8220;Gesetz&#8221;, dem sich der Mensch als Vernunftwesen &#8220;unterworfen&#8221; erkennt, nur die &#8220;Idee der Freiheit&#8221; sein. Im Gegensatz zu den aus der Beobachtung empirischer Erscheinungen gewonnenen Naturgesetzen läßt sich die Freiheit aber nur als die schon erwähnte &#8220;Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt&#8221; formulieren. Nur diese gegenstandslose Allgemeinheit läßt sich als etwas denken, das selber keiner Bedingung unterworfen ist und daher dem Begriff der &#8220;Freiheit im strengsten, d.i. transzendentalen Verstande&#8221; (S. 138) entspricht.</p>
<p>Wie immer tautologisch diese Ableitung ist, einen freien Willen vorauszusetzen, um dann das allgemeine Prinzip dieses Willens zum &#8220;kategorischen Imperativ der Sittlichkeit&#8221; zu erklären, so unzweifelhaft stellt doch die Auseinandersetzung mit dem &#8220;Naturgesetz der Erscheinungen, nämlich dem Gesetze der Kausalität&#8221;, einen Fortschritt dar, der Kant über das naive Naturrecht, das mit der Willenskategorie noch unbefangen umgeht, hinausführt. Die Freiheit als &#8220;eine sich gänzlich von selbst bestimmende Kausalität&#8221; (S. 138) unterscheidet er zuerst und ausdrücklich von jener Sphäre der &#8220;Sinnenwelt&#8221;, in welcher die Naturgesetze gelten. Genau in diesem Gedanken, daß die Freiheit in der &#8220;Natur&#8221; nicht vorkommt, die &#8220;Vernunft&#8221; aber gleichwohl genötigt ist, sie &#8220;in praktischer Absicht&#8221; &#8220;zum regulativen Prinzip&#8221; zu machen, blitzt aber eine Ahnung davon auf, daß er sich hier auf einem anderen Gebiet befindet als auf demjenigen der Newtonschen Physik, die seiner Erkenntnistheorie bekanntlich zum Paradigma gedient hat. In der Konsequenz dieses Gedankens verlegt er die Freiheit in eine &#8220;übersinnliche Natur&#8221; bzw. in eine &#8220;intelligible Welt&#8221;, von der &#8220;unsere menschliche Erkenntnis&#8221; (theoretische Vernunft) nichts als ihr mögliches, im Hinblick auf die &#8220;Sittlichkeit&#8221; (praktische Vernunft) aber notwendiges Vorhandensein aussagen könne. Er spricht also gleichsam von dem gesellschaftlichen Verhältnis des Privateigentums, ohne eine dafür geeignete Sprache zu besitzen, ohne sich von den Denkformen der mechanischen Physik, die ihm für die des Denkens schlechthin gelten &#8211; &#8220;über die Naturbestimmung hinaus gibt es keine Theorie&#8221; <a name="F10"></a><a href="#FN10"> 10 </a> &#8211; lösen zu können. Diese Schwierigkeit ausdrücklich festgehalten zu haben, den Freiheitsbegriff &#8220;für die (nämlich seine) theoretische Philosophie transzendent&#8221; erklärt zu haben, weil von ihm &#8220;kein angemessenes Beispiel in irgendeiner möglichen Erfahrung gegeben werden&#8221; könne, auf deutsch: weil ihm mit den Mitteln des naturwissenschaftlichen Empirismus nicht beizukommen ist, darin besteht gerade die theoretische Leistung Kants und seine Wegbereiterfunktion für Hegel und Marx. In der Kantschen Philosophie zeigt der naturwissenschaftliche Empirismus gewissermaßen selbst seine Grenzen auf und erklärt sich für außerstande, solche gesellschaftlichen Erscheinungen wie das bürgerliche Recht und den darin wirksamen &#8220;freien Willen&#8221; der Privateigentümer erklären zu können.</p>
<p>Freilich brauchte Kant um dieser Beschränktheit willen kein &#8220;toter Hund&#8221; zu werden. Seine Bestimmung der Freiheit als die &#8220;Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt&#8221;, von der schon Hegel gezeigt hat, daß sie auf jeden beliebigen Inhalt paßt und es gerade dadurch unbestimmt läßt, was als &#8220;sittlich&#8221; gelten soll, sie mußte sich in dem Masse glänzend bewähren, in dem die zugrundeliegende Ware-Geld-Vergesellschaftung ihre bekannten Fortschritte machte. Kants inhaltslose &#8220;Idee der Freiheit&#8221; als das apriorische Prinzip der &#8220;reinen praktischen Vernunft&#8221; diente gleichsam als die Grundstruktur, in die hinein sich das immer dichter werdende Netz der Verrechtlichung und Formalisierung aller menschlichen Beziehungen als solcher von freien und gleichen Privateigentümern entwickeln konnte. Noch heute weiß sich die Rechtswissenschaft den historischen Erfolg ihrer Disziplin nur mit der &#8220;Freiheit&#8221; zu erklären, die, ein Gebot der Vernunft, anders als durch das Recht nicht zu gewährleisten sei. Die Kritik an diesem Formalismus, den Hegel nur für einen vom Staat &#8220;in dem Gefühl seiner inneren Nichtigkeit&#8221; <a name="F11"></a><a href="#FN11"> 11 </a> zu erhaltenden &#8220;Stand&#8221;, den der &#8220;bourgeois&#8221;, gelten lassen wollte <a name="F12"></a><a href="#FN12"> 12 </a>, während Marx ihn, und entsprechend auch den sich herausbildenden bürgerlichen Staat, als die Oberfläche des Kapitalverhältnisses bestimmte, womit er sich aus dem Reich der philosophischen Fragestellungen überhaupt verabschiedete, diese Kritik also mußte angesichts des Siegeszuges der freien und gleichen Rechtsperson, der via Lohnvertrag auch die unmittelbaren Produzenten erfaßte, (vorläufig) eine Episode bleiben.</p>
<p>Dieser Siegeszug brachte es allerdings paradoxerweise mit sich, daß selbst auch noch das von Kant seinerzeit erreichte Reflexionsniveau Schaden litt. Um dies kenntlich zu machen, scheint mir der kurze Abstecher zur Philosophie erforderlich zu sein. Kant, wie wir gesehen haben, fiel es nicht ein, den freien Willen als eine gleichsam &#8220;natürliche&#8221; Eigenschaft am einzelnen Menschen wahrzunehmen. Im Gegenteil, durch seine Fähigkeit zu &#8220;wollen&#8221;, weist sich der Mensch als &#8220;Vernunftwesen&#8221; aus, als welches er Anteil an der erwähnten &#8220;intelligiblen Welt&#8221; hat. Kant war sich also sehr wohl bewußt, daß er sich bei der Betrachtung der Willenskategorie in eine jenseits der handgreiflichen Sinnlichkeit gelegene Sphäre begab, von der er, wenn auch sonst nichts, immerhin diese &#8220;Jenseitigkeit&#8221; auszusagen wußte. Damit der Wille &#8220;moralisch&#8221; sei, muß er sich sein eigenes apriorisches Prinzip zur Maxime des Handelns machen: &#8220;die Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt&#8221;. Das Recht als die Befugnis, bestimmte Handlungen zu erzwingen <a name="F13"></a><a href="#FN13"> 13 </a>, ist dann ganz entsprechend als das gleiche Prinzip des freien Willens, aber jetzt als der äußere Rahmen des Handelns gesetzt. &#8220;Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit zusammen vereinigt werden kann&#8221; <a name="F14"></a><a href="#FN14"> 14 </a>. Ein äußerer Gegenstand meiner Willkür kann nur dann mein rechtlich-verbindlicher (peremtorischer, S.367) Besitz sein, wenn ich mich zur Anerkennung dieser Willkür auch gegenüber &#8220;jedem anderen in Ansehung des äußeren Seinen&#8221; verbinde oder verpflichte (S. 365). &#8220;Also ist nur ein jeden anderen verbindender, mithin kollektiv-allgemeiner (gemeinsamer) und machthabender Wille derjenige, welcher jedermann jene Sicherheit (des Eigentums, P.K.) leisten kann. &#8211; Der Zustand aber unter einer allgemein äußeren (d.i. öffentlichen) mit Macht begleiteten Gesetzgebung ist der bürgerliche. Also kann es nur im bürgerlichen Zustand ein äußeres Mein und Dein geben&#8221; (S. 365 f.) <a name="F15"></a><a href="#FN15"> 15 </a>.</p>
<p>Kant nimmt also den umgekehrten Weg: Er leitet die Willenskategorie nicht aus dem Tauschakt ab, um sie, wie ich es oben in gewissermaßen denunziatorischer Absicht getan habe, als Moment des Privateigentums und der abstrakten Arbeit zu erweisen, sondern er zeigt, daß es Privateigentum nur geben kann, sofern die Willenskategorie als das &#8220;regulative Prinzip&#8221; der Gesellschaft anerkannt ist, die Menschen sich also im &#8220;bürgerlichen Zustand&#8221; oder &#8220;status civilis&#8221; (S. 429), nämlich unter &#8220;der allgemeinen Gesetzgebung des a priori als vereinigt gedachten Willens&#8221; (S. 379 f.) aller befinden, dessen Ganzes der &#8220;Staat&#8221; heißt (S. 429). Er steigt also anfangend bei der Freiheit als dem reinen Apriori der praktischen Vernunft, über die Moral und das Recht herab bis zum Privateigentum, das, in seiner Vernünftigkeit außer jedem Zweifel stehend, sozusagen zur Bestätigung oder Unterstützung seines theoretischen Anliegens dient: Die Notwendigkeit und Zweckmäßigkeit eines nichtempirischen Vernunftbegriffes nachzuweisen.</p>
<p>Unbeschadet aller schon angedeuteter Mängel dieses Verfahrens, das seiner historischen Funktion nach natürlich nur erst der Durchsetzung des bürgerlichen, d.i. rechtsförmigen Eigentums dienen konnte <a name="F16"></a><a href="#FN16"> 16 </a>, gelangt Kant also zu dem gleichen Resultat, zu dem wir von &#8220;unten&#8221; her, durch die Analyse des Tauschaktes, gekommen waren. Er behandelt den freien Willen als das Strukturelement eines &#8220;Zustandes&#8221;, eines gesellschaftlichen Verhältnisses, würden wir heute sagen, in den per &#8220;Konstitution&#8221; förmlich &#8220;einzutreten&#8221; den Menschen die &#8220;Vernunft&#8221;, nämlich dieser gleiche, aber zur reinen Form a priori erhobene freie Wille, gebietet. In dieser ausdrücklich und bewußt vollzogenen Abkehr von der Sinnlichkeit liegt also bereits ein erster, theoriegeschichtlich übrigens von der Unzulänglichkeit des Rousseauschen &#8220;Gesellschaftsvertrages&#8221; angestoßener <a name="F17"></a><a href="#FN17"> 17 </a> Versuch zur Kritik an der Eigenschaftsform vor. Wenn auch erst durchgeführt am Gegenstand der selber noch unkritisch vorausgesetzten Willenskategorie, deren Ursprung gewissermaßen im Himmel und ganz und gar nicht auf dem soliden Boden der Produktion vermutet wird, handelt es sich doch, was die theoretische Analyse dieser Kategorie betrifft, unzweifelhaft um den ersten Schritt auf jenem Weg, der schließlich in der Marxschen Kritik des Warenfetischs mündet.</p>
<p>Um diesen Weg ein stückweit sichtbar zu machen, sei es gestattet, auch noch einen kurzen Blick auf die Hegelsche Philosophie zu werfen. Hegel repräsentiert insofern einen wichtigen Abschnitt auf diesem Weg, als er die von Kant nur erst halbherzig begonnene Überwindung des empiristischen Eigenschaftsdenkens konsequent zuende führt. Wie schonerwähnt, ist es der inhaltslose Formalismus des Kantschen &#8220;Sittengesetzes&#8221;, an dem er Anstoß nimmt. Wenn als das Kriterium der Sittlichkeit nur die abstrakte &#8220;Allgemeinheit eines Gesetzes überhaupt&#8221; dienen soll, so läßt sich leicht zeigen, daß von einer jeden Bestimmung, die Kant zur Illustration seines kategorischen Imperativs verwendet, auch das genaue Gegenteil in diese reine Form der Allgemeinheit erhoben werden kann; etwa die Pflicht, einen hinterlegten Geldbetrag (Depositum) nicht abzuleugnen bzw. nicht zu hinterziehen, weil dieses Ableugnen, zur Allgemeinheit eines Gesetzes erhoben, das Verleihen oder Hinterlegen von Geldbeträgen gänzlich unmöglich machen würde: &#8220;Daß es aber gar kein Depositum gäbe, welcher Widerspruch läge darin&#8221; (S. 462)? Für &#8220;die Form ist die eine der entgegengesetzten Bestimmtheiten so gleichgültig als die andere &#8230;&#8221; (ebd.). Ist das Eigentum gesetzt, so muß nach diesem tautologischen Verfahren das Eigentum sein; ist die Negation des Eigentums gesetzt, &#8220;so ergibt sich durch die Gesetzgebung ebenderselben praktischen Vernunft die Tautologie: das Nichteigentum ist Nichteigentum, wenn kein Eigentum ist, so muß das, was Eigentum sein will, aufgehoben werden. Aber es ist gerade das Interesse zu erweisen, daß Eigentum sein müsse; ..&#8221; (S. 463). Kants Fortschritt über den Empirismus hinaus erfolgt gewissermaßen in das Nichts der &#8220;reinen Form a priori&#8221; &#8211; er ist ein Ausschütten des Kindes, nämlich jedes betimmten Inhalts, mitsamt diesem Bade.</p>
<p>In der Auseinandersetzung mit diesem Formalismus versucht Hegel, die Willenskategorie aus diesem abstrakten Jenseits der für jeden beliebigen Inhalt passenden Form zu befreien und sie selbst als den entscheidenden Inhalt zu erweisen. Dies geschieht in der &#8220;Rechtsphilosophie&#8221; so, daß der Wille als das Ganze der gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt wird, das in einem jeden seiner Momente gleichermaßen anwesend ist, um sich an seiner Spitze, als Staat, selber als dieser Inhalt zu wissen und zu wollen. Der Kantsche Gegensatz von naturgegebener &#8220;Sinnlichkeit&#8221; und formaler &#8220;Vernunft&#8221; ist damit beseitigt. Alle menschlichen Dinge und Einrichtungen erscheinen jetzt als aufgehoben in jenem Vernunftbegriff des Willens bzw. der Freiheit, das heißt in unserer Terminologie: als von einem gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Verhältnis geformt oder &#8220;konstituiert&#8221;. Das gilt insbesondere auch für jene Sphäre, die Kant unter der Rubrik &#8220;Trieb und Begierde&#8221; noch ganz als ein außerhalb der &#8220;Vernunft&#8221; angesiedeltes Ensemble von &#8220;Natureigenschaften&#8221; behandelt. Hegel requiriert gerade auch dieses Territorium für den &#8220;Begriff&#8221; des freien Willens. Im &#8220;System der Bedürfnisse&#8221;, einem Kapitel, in dem ausdrücklich auf die englische politische Ökonomie Bezug genommen wird, ordnet er es sogar an einer prominenten Stelle ein, an dem sich dieser &#8220;Begriff&#8221; bereits in einem entfalteten Stadium seiner Entwicklung befindet. Dem formalen Recht und der Moral wird selbstverständlich ein Bereich ihres Geltens eingeräumt, nämlich die Sphäre des Privatrechts, aber der Absolutheitsanspruch wird ihnen aberkannt. Damit erteilt Hegel allen Theorien eine Absage, die den Staat aus der &#8220;Form eines solchen untergeordneten Verhältnisses, wie der Vertrag ist&#8221; <a name="F18"></a><a href="#FN18"> 18 </a> ableiten wollen. Beim abstrakten Ich der Rechtsperson und der für sich genommen nicht weniger abstrakten Subjektivität des individuellen (moralischen) Gewissens handele es sich nur erst um das &#8220;An sich&#8221; des freien Willens, das nur im größeren Rahmen der &#8220;Sittlichkeit&#8221; Realität besitzen kann <a name="F19"></a><a href="#FN19"> 19 </a>. Unter dieser Überschrift der &#8220;Sittlichkeit&#8221; entwirft Hegel eine Art Soziologie seiner Zeit, bestehend aus &#8220;Familie&#8221;, &#8220;bürgerlicher Gesellschaft&#8221; (in die das &#8220;System der Bedürfnisse&#8221; hineingehört) und &#8220;Staat&#8221;. Wobei es ihm bei der Zwieschlächtigkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse, die das Europa, insbesondere aber das Deutschland der &#8220;Heiligen Allianz&#8221; kennzeichnet, ohne weiteres gelingt, die Willenskategorie auch dadurch zur &#8220;konkreten Totalität&#8221; zu entfalten, daß er sie zum Wesen von allerlei vorbürgerlichen Erscheinungen ernennt: Neben der politischen Ökonomie erhalten auch der Adel und der Monarch ihre &#8220;notwendigen&#8221; Plätze zugewiesen <a name="F20"></a><a href="#FN20"> 20 </a>. Dies aber nur nebenbei.</p>
<p>Da Hegel ebensowenig wie Kant über die Oberflächenkategorien der bürgerlichen Gesellschaft hinauskommt, sich aber, was sein entscheidendes Verdienst ist, gleichwohl genötigt sieht, sie als abgeleitet oder konstituiert darzustellen, wird ihm die von Kant geäußerte Vermutung zur Gewissheit: Mit all der Konsequenz, die ihn über Kant hinausführt, mit Pauken und Trompeten sozusagen, landet er im Himmel. Der Gegenbegriff gegen die empiristische &#8220;Natur&#8221; ist ihm der &#8220;Geist&#8221; nämlich der Weltgeist, der in allen vom Empirismus fälschlich fixierten Bestimmungen als dasjenige erscheint, was ihren lebendigen Zusammenhang ausmacht: &#8220;denn der Mensch mag es wissen oder nicht, dies Wesen realisiert sich als selbständige Gewalt, in der die einzelnen Individuen nur Momente sind: es ist der Gang Gottes in der Welt, daß der Staat ist&#8230;&#8221; <a name="F21"></a><a href="#FN21"> 21 </a>.</p>
<p>So sehen wir Hegel also am Ende, das zugleich das Ende der Philosophie ist, in einem ziemlich grotesken Spagat dastehen. Einerseits ist sein Denken das allerkonkreteste: Die Philosophie, als Philosophie gleichsam an ihrer äußersten Grenze angelangt, ist der Konstituiertheit der bürgerlichen (d.h. aufklärerischen) &#8220;Tatsachenwelt&#8221; nahezu auf die Schliche gekommen; sie läßt sich von keiner &#8220;gesellschaftlichen Natureigenschaft&#8221; mehr beeindrucken und steht im Begriffe, alle fetischistischen Schleier der Verdinglichung und Verselbständigung zu zerreißen, hinter denen sich der gesellschaftliche Organismus vor sich selbst verbirgt. Hegel zeigt von den angeblich &#8220;feststehenden Tatsachen&#8221; des Empirismus, daß sie allesamt Veranstaltungen dieses abstrakten Denkens sind, Kategorien, die, ohne ihre wirkliche Voraussetzung, ohne ihren Zusammenhang gedacht und also abgetrennt von dem &#8220;lebendigen Wesen&#8221;, das in einer jeden von ihnen gleichermaßen erscheint, seelenlosen Hüllen gleichen, Kadavern, denen kein &#8220;wirkliches Sein&#8221; zukommt, weil sie so in der Wirklichkeit nicht vorkommen; er beseitigt in der Konsequenz dieses alle vermeintlich substantiellen Trennungen niederreißenden Denkens selbstverständlich auch den Dualismus von &#8220;Denken&#8221; und &#8220;Sein&#8221;, gelangt also zu jenem theoretischen Standpunkt des &#8220;Reflektiertseins-in-sich&#8221;, der sich selber noch als Moment jenes zu begreifenden Zusammenhangs weiß, jenes &#8220;Ganzen&#8221;, das von jeher (&#8220;an sich&#8221;) das konstituierende Subjekt allen menschlichen Denkens und Tuns gewesen ist, und nennt andererseits dieses Subjekt, das damit zum Bewußtsein seiner selbst gekommen bzw. &#8220;für sich geworden&#8221; wäre &#8211; nein, nicht etwa die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, sondern Gott.</p>
<p>Indem Hegel diese Kategorie des &#8220;Absoluten&#8221; ins Spiel bringt, hat er die Zuständigkeit seines Denkens natürlich auch auf den Bereich der physischen Natur ausgedehnt. Sieht man einmal von dem damit verbundenen teleologischen Grundzug ab, so handelt es sich bei diesem theoretischen Anspruch um eine noch durchaus berechtigte Seite des Gottesbegriffs. Denn die Diremtion Mensch &#8211; Natur, selber nur ein Resultat der geschichtlichen Entwicklung, ist ihrerseits keineswegs absolut und gibt daher keine Veranlassung, den beiden &#8220;Bereichen&#8221; eine je eigene &#8220;Methode&#8221; oder ein je eigenes &#8220;Denksystem&#8221; zuzuordnen. An diesem Thema hat sich bekanntlich bereits Engels versucht (&#8220;Dialektik der Natur&#8221;), und die Physik des Zwanzigsten Jahrhunderts (Einstein, Heisenberg) hätte, wenn sie bereit gewesen wäre, Hegel zur Kenntnis zu nehmen, an diesem Gedanken der Einheit, derzeit wieder einmal als eklektische &#8220;Ganzheits&#8221;-Beschwörung in Mode (Capra), vermutlich nichts auszusetzen gehabt <a name="F22"></a><a href="#FN22"> 22 </a>. Dies aber nur nebenbei.</p>
<p>Viel wichtiger in unserem Zusammenhang ist die reaktionäre Seite dieses Gottesbegriffs. Denn die &#8220;zweite Natur&#8221;, zu der sich die &#8220;Verhältnisse, die die Menschen bei der Produktion ihres Lebens eingehen&#8221; in der bürgerlichen Epoche endgültig verdichten und verselbständigen, sie wird, kaum daß sie von Hegel als solche benannt worden ist <a name="F23"></a><a href="#FN23"> 23 </a>, auch schon für sakrosankt erklärt. Die richtige Erkenntnis einer objektiven &#8220;Logik&#8221;, die sich hinter dem Rücken der Menschen durchsetzt &#8211; nicht nur ihrem unmittelbaren Wollen und Tun zum Trotz, sondern selbst noch darin erscheinend, sie verbleibt, mit dem Gottesbegriff ausgestattet, im Rahmen der Ontologie, erscheint also als die Erkenntnis des ewigen und unabänderlichen &#8220;Seins&#8221;. Es ist eine Selbstüberlistung des bürgerlichen Denkens, wenn es, auf dem höchsten Punkt seiner Entwicklung, auf dem es sogar der Konstituiertheit seiner selbst und seiner Welt innegeworden ist, meint, vor dem Subjekt dieses Konstitutionszusammenhanges in frommer Andacht verharren zu müssen. Was &#8220;an sich&#8221; der historische Skandal ist und den Stachel der revolutionären Kritik ausmacht, das von Marx so genannte &#8220;Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, dieser Konsolidation unseres eigenen Produkts zu einer sachlichen Gewalt über uns&#8221; <a name="F24"></a><a href="#FN24"> 24 </a>, ist für Hegel sowohl Anlaß wie Gegenstand der Kontemplation: Zur Erkenntnis jenes, nämlich seines eigenen &#8220;Wesens&#8221; vorgedrungen, soll das &#8220;sich in sich vertiefende Denken&#8221; die &#8220;Rose im Kreuze der Gegenwart&#8221; gefunden haben und sich daran &#8220;erfreuen&#8221; <a name="F25"></a><a href="#FN25"> 25 </a>. Die vollendete Objektivierung des Menschen durch sich selbst soll allein darin, daß sie als ihr eigenes Subjekt begriffen wird, aufgehoben sein.</p>
<p>Daß hier ein hoffnungslos somnambuler Hans-guck-in-die-Luft dringend auf den Boden unter seinen Füßen hat aufmerksam gemacht werden müssen, liegt auf der Hand. Dieser Boden ist aber eben die blind vergesellschaftete und daher nur als abstrakter Durchschnitt zur Geltung kommende Arbeit, die sich in der Form des Werts zum (kapitalistischen) Selbstzweck geworden ist. Und Marx ist es gewesen, der dieses Geheimnis gelüftet und die abstrakte Arbeit hinter der &#8220;gesellschaftlichen Natureigenschaft&#8221; des Werts aufgespürt hat. Man versteht jetzt vielleicht, warum sich Marx bei der Erwähnung des freien Willens kurz halten und sich bei der Kritik der Rechtsform und der darauf sich gründenden bürgerlichen Subjektivität auf wenige über sein ganzes Werk verstreute Bemerkungen beschränken konnte. Das liegt keineswegs daran, daß das Thema bei dem Kapitalbegriff etwa äußerlich wäre und in diesem &#8220;Bereich der Ökonomie&#8221; nichts zu suchen hätte. Der Grund ist vielmehr darin zu suchen, daß die Darstellung dieser &#8220;bürgerlichen Oberfläche&#8221; im Verlauf der vorangegangenen philosophischen Entwicklung bereits erfolgt war. Innerhalb der Philosophie war es, wie gezeigt, sogar schon zur Kritik der empiristischen Eigenschaftsform gekommen. Der zur Zeit der Aufklärung in höchster Blüte stehende Glaube, daß der freie Wille zur &#8220;Natur&#8221; des Menschen gehöre, hatte (spätestens in der Französischen Revolution) bereits Schiffbruch erlitten. Was die Dechiffrierung der Willenskategorie eines gesellschaftlichen Strukturelements anlangt, das ausdrücklich dem bürgerlichen Privateigentum als die allen Privateigentümern gemeinsame &#8220;praktische Vernunft&#8221; zuzuordnen ist, so hatte Kant keine Wünsche offen gelassen. Und nachdem Hegel auch noch über diesen Standpunkt hinausgegangen war und &#8211; wenn auch erst noch im Namen eines übersteigerten Systembegriffs, des &#8220;Absoluten&#8221; &#8211; angefangen hatte, die in dieser Sphäre des Privatrechts ansässige Willenskategorie samt der zugehörigen Freiheit des bürgerlichen Individuums als Abstraktion zu kritisieren, da beschränkte sich die im Hinblick auf die Rechts- und Staatsphilosophie noch zu lösende Aufgabe tatsächlich darauf, am schon vorhandenen Gebäude, das dadurch freilich seinen Ewigkeitswert verlor, das materielle Fundament aufzuzeigen.</p>
<p>Marx hat diese theoretische Leistung bekanntlich in das Bild gefaßt, daß Hegel &#8220;vom Kopf auf die Füße&#8221; habe gestellt werden müssen <a name="F26"></a><a href="#FN26"> 26 </a>. Wenn ich darauf verzichte, dieses inzwischen zur billigen Floskel gewordene Wort zum tausendsten Mal wiederzukäuen, so hat dies seinen guten Grund. Regelmäßig ging nämlich denen, die sich vorlaut zur Stelle meldeten, um Marx diese gymnastische Übung nachzuturnen, der entscheidende Inhalt des Hegelschen &#8220;Weltgeistes&#8221; verloren. Mitsamt dem Gottesbegriff negierten sie die darin enthaltene Kritik der empiristischen Eigenschaftsform. Aber genau diese Kritik war es gewesen, die Marx nicht nur beibehalten, sondern überhaupt erst revolutionär zugespitzt hatte dadurch, daß er sie der affirmativen Bedeutung, die sie im Rahmen der philosophischen Ontologie besitzen mußte, entkleidete. Was daher bei dem mißglückten Salto der Marxschen Epigonen nur herauskommen konnte, das war niemand anderes als unser linker Demokrat.</p>
<p>Weil er es glücklich zu einem eher zweifelhaften Atheismus gebracht hat, meint er, weit über Hegel hinausgelangt zu sein &#8211; und steht doch wieder bis zum Hals im 18. Jahrhundert: nämlich auf dem überaus &#8220;tiefen&#8221; Boden der schon damals theoretisch nicht gerade ergiebigen Fragestellung, ob es nun Gottes oder des Menschen &#8220;Wille&#8221; sei, der auf Erden geschehe. Die linke Zutat besteht einzig darin, in den allgemein-menschlichen &#8220;Willen&#8221; der Aufklärung die soziologische Unterscheidung zwischen ausgebeuteten Werktätigen und ausbeutenden Produktionsmittelbesitzern hineinzubringen und zwecks Beseitigung der letzteren dem Mehrheitswillen der ersteren die Produktionsmittel anzuempfehlen. Ein kühnes Projekt, das sich zwar damit brüsten kann, die dem Aufklärungsdenken inhärente Logik &#8220;ökonomisch&#8221; zuendezuführen, das aber die Rechnung ohne den Wirt des Konstitutionsproblems gemacht hat. Ersichtlich beruht es darauf, daß der Zusammenhang der Willenskategorie mit dem Recht, dem Staat und dem bürgerlichen Privateigentum nicht begriffen ist, und der freie Wille also als eine in &#8211; je nach &#8220;Interesse&#8221; &#8211; beliebige Richtung zu steuernde Eigenschaft der Menschen behandelt wird. Die Naivität dieses vorgeblich &#8220;marxistischen&#8221; Standpunktes hat Marx &#8211; von Anhängern sowohl wie von Gegnern &#8211; prompt die üble Nachrede eingetragen, der Vollender des Rousseauschen &#8220;Volkswillens&#8221; zu sein.</p>
<p>Daß sich diese Naivität, wiewohl theoretisch bereits von Kant überwunden, im demokratischen Alltag (der ja in allen seinen Fraktionen an den mit welchem Attribut auch immer versehenen Willen glaubt) hat durchsetzen können, führt uns eindrucksvoll die Macht dieses Alltags vor Augen. Solange die blinde Logik in Kraft ist, nach der das bürgerliche Diesseits funktioniert, bedarf es der theoretischen Kenntnis davon gerade nicht. Es gehört in die Reihe der vielen Paradoxien, die die bürgerliche Gesellschaft erzeugt, daß ihr eigener theoretischer Überbau, sobald er anfängt, sich dem alltäglichen Diesseits dieser Gesellschaft zuzuwenden und den wissenschaftlichen Begriff davon zu entwickeln, für dieses Diesseits hoffnungslos &#8220;transzendental&#8221; wird. Der theoretische Begriff der bürgerlichen Gesellschaft kommt, weil er nicht bewußt &#8220;angewendet&#8221; werden kann und die in ihm formulierte Logik der Verhältnisse geradezu auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten beruht, viel mehr in die Rolle eines schlechthin Jenseitigen, als es der christliche Jenseitsglaube im Mittelalter jemals gewesen ist. Der Anpassungsdruck, dem die Theorie unterliegt, ist entsprechend. Hat sich der mittelalterliche Mensch demutsvoll vor den haarsträubend &#8220;irrationalen&#8221; Ansprüchen der seinerzeitigen Ideologie gebeugt, so war es in den vergangenen hundert Jahren bürgerlicher Entwicklung umgekehrt die &#8220;rationalistische&#8221; Theorie <a name="F27"></a><a href="#FN27"> 27 </a>, die es dem Alltag recht machen wollte und sich den je vorgefundenen Interessen als anwendbares Instrument zur Lebensbewältigung empfahl. Es scheint sich im Verlauf dieser Entwicklung die Regel eingespielt zu haben, daß, vom jeweils neuesten Niveau der Anpassung an die &#8220;Realität&#8221; aus gesehen, der vorausgegangene theoretische Anspruch bereits als kritisch, wenn nicht gar als &#8220;subversiv&#8221; eingestuft wird. Die Folge ist ein immer rascheres &#8220;Klassischwerden&#8221; von Texten, die dann auch periodisch ihre Renaissance erleben (Weber-, Simmel,- Heidegger-, Schopenhauer-, etc.-Renaissance) und zum gauklerischen Eindruck einer &#8220;regen geistigen Auseinandersetzung&#8221; beitragen können &#8211; bis endlich das erlösende &#8220;Anything goes&#8221; gefunden ist.</p>
<p>Freilich läßt sich auch von dieser Konstellation zeigen, daß sie wie alles Menschengemachte vergänglich ist. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wenden wir uns nun dem konstituierten Diesseits des freien Willens zu.</p>
<h4>3. Das Diesseits des freien Willens</h4>
<p>Mit dem Alltäglichwerden der Ware-Geld-Beziehung mußten auch die zu dieser Beziehung gehörenden formalen Elemente alltäglich werden und in den &#8220;Besitz&#8221; eines jeden Menschen übergehen. Der moderne Mensch, dessen sämtliche Unternehmungen das Geld als die allgemeine Ware entweder voraussetzen oder zu ihrem Zweck haben, weiß sich als Mensch immer schon innerhalb jener vom Staat garantierten Rechtsstruktur, die ihn frei und gleich macht, ohne daß ihm dies zu Bewußtsein käme. Für den freien Willen, der ja das Prinzip dieser Struktur darstellt, hat dies zur Folge, daß er mit der größtmöglichen empirischen Gewissheit zum allerpersönlichsten Attribut dieses Menschen wird. Seine Identität als Individuum sieht er nirgendwo anders als in diesem freien Willen, und gesellschaftliche Zustände, in denen dieser als ein ursprüngliches Vermögen gedachte freie Wille nicht voll zur Geltung gelangt, gelten ihm, egal ob gegenwärtig oder vergangen, als unmenschlich und unerträglich. Dem freien Willen ist somit das gleiche Schicksal widerfahren, das wir schon den Wert haben erleiden sehen, und er ist auch nichts anderes als dessen &#8220;subjektive&#8221; Seite. Wie der Wert sich durch den Austausch der Arbeitsprodukte in eine &#8220;Natureigenschaft&#8221; verwandelt hat, die den DIngen als Dingen &#8211; &#8220;unabhängig von dieser Beziehung&#8221; <a name="F28"></a><a href="#FN28"> 28 </a> &#8211; zuzukommen scheint, so hat sich auch der freie Wille am einzelnen Warenbesitzer als eine &#8220;natürliche Eigenschaft&#8221; niedergeschlagen, die er, unabhängig von der Tauschbeziehung, als Mensch schlechthin zu besitzen scheint.</p>
<p>Damit stellt sich für diesen vom &#8220;Willensverhältnis&#8221; konstituierten Menschen, hinter dem wir unschwer das System der abstrakten Arbeit erkennen können, die Welt buchstäblich auf den Kopf. Das gesellschaftliche Verhältnis, das er in der Weise, wie er es als sein allerpersönlichstes Kleinod gleichsam unmittelbar auf dem Leibe trägt, verschwindet gerade aufgrund dieser intimen Nähe für ihn <a name="F29"></a><a href="#FN29"> 29 </a> und löst ihn vermeintlich aus jedem gesellschaftlichen Zusammenhang heraus. Da der Ausgangspunkt all seiner Entschlüsse sein freier Wille ist, wird ihm dieser zur ursprünglichen Kategorie. Der freie Wille erscheint nicht als das Moment und Resultat der gesellschaftlichen Entwicklung, sondern als deren Voraussetzung. Mit dieser Voraussetzung als seiner ursprünglichsten Qualität ausgestattet, steht er als punktförmiges Willensatom der damit natürlich bereits dinglich und dualistisch gedachten &#8220;Gesellschaft&#8221; gegenüber und meint, daß es nur von seinem Willen abhängt, in welchen Zusammenhang er sich begibt. Das moderne Individuum teilt also die Illusion, die Marx seinerzeit noch die &#8220;Illusion der Juristen&#8221;, nur der Juristen, nennen konnte, wonach es &#8220;zufällig ist, daß Individuen in Verhältnisse untereinander treten, z.B. Verträge&#8221;. Ihm gelten &#8220;diese Verhältnisse für solche&#8230;, die man nach Belieben eingehen oder nicht eingehen /kann/ und deren Inhalt ganz auf der individuellen Will/kür der Kontrahenten be/ruht&#8221; <a name="F30"></a><a href="#FN30"> 30 </a>.</p>
<p>Diese &#8220;Illusion&#8221; ist natürlich im Bereich der unmittelbaren Kauf- und Vertragsbeziehungen, die die verrechtlichten Menschen untereinander eingehen müssen, eine praktische Notwendigkeit. Als Illusion bewährt sie sich erst in jener Sphäre der &#8220;Allgemeinheit&#8221;, die, ebenso eine Abstraktion wie der freie Wille der vereinzelten Rechtsperson, sich zu dieser gewissermaßen komplementär verhält und ihre andere Seite ist. Während Kant diese beiden einander bedingenden Seiten des &#8220;bürgerlichen Zustands&#8221; sauber auseinanderhält und den Staat als den &#8220;a priori als vereinigt gedachten Willen aller&#8221; definiert, hält der Demokrat sie gegeneinander fest, behandelt also eine jede von ihnen als eine Gegebenheit für sich und läßt die eine Seite, den freien Willen, auf die andere nach einem Belieben, das nur in seiner Phantasie stattfindet, übergreifen. Aber indem er sich auf die Willenskategorie stützt, kann aller etwa behaupteten Staatsfeindschaft zum Trotz doch immer nur diese ihre abstrakte Allgemeinheit herauskommen. Die demokratische Ideologie (die wir nicht mit der kapitalistischen Wirklichkeit, zu deren immer dünner werdenden Oberfläche sie gehört, verwechseln dürfen) zementiert also die Konstellation, über die sie als &#8220;sozialistische&#8221; ihrem begriffslosen Meinen nach hinausstrebt.</p>
<p>In seinem Glauben an den freien Willen ist der Demokrat so weit fortgeschritten, daß er die geschichtliche Entwicklung, deren eigenes Resultat er ist, nur noch verstehen kann als die Folge einer großen, direkt auf sie gerichteten Willensanstrengung. Jede Ahnung davon, daß es sich beim freien Willen um eine gesellschaftliche Verkehrsform handelt, ist hier verlorengegangen, und er wird wirklich für die &#8220;Ursache&#8221; genommen, die die Welt bewegt. Infolgedessen sieht der Demokrat zur Erreichung seines Zweckes, der immer weiteren &#8220;Demokratisierung der Gesellschaft&#8221;, keinen anderen Weg als die Multiplikation seiner selbst. Alles Bewegen und Verändern der Gesellschaft wird zu einem Sammeln und Abspenstigmachen von Willensatomen. Zur Erklärung der geschichtlichen Entwicklung scheint die Beherrschung der vier Grundrechnungsarten auszureichen <a name="F31"></a><a href="#FN31"> 31 </a>. Nicht nur die Gegner des &#8220;Systems&#8221;, auch seine Verteidiger besitzen diesen unhistorischen Glauben an den freien Willen, den sie mit lobpreisenden &#8220;Reden auf die Republik&#8221; meinen, bei der Stange halten zu müssen. Eben dieser Eifer, mit dem sie sich agitatorisch um den Willen ihres Publikums bemühen, bewährt sich die Gemeinsamkeit dieser Demokraten. Gemeinsam ist ihnen insbesondere die Abwehrhaltung gegen ihre eigene Vorgeschichte, den Faschismus. Die das Resultat dieser historischen Epoche der diversen nationalen &#8220;Sozialismen&#8221; sind, sehen darin ein &#8220;Versagen&#8221; der Demokratie, dem man mit besseren Paragraphen und beherzterem Abwehrwillen sicherlich hätte beikommen können. Als habe es sich um das Werk bösartiger, vom &#8220;Kapital&#8221; gekaufter Verführer des Massenwillens gehandelt, fällt den in dieser Arithmetik befangenen Demokraten, weit davon entfernt, über ihr zahlreiches Vorhandensein am Ende einer überaus erfolgreichen Entwicklung des Kapitalismus zu staunen, kein besserer Reim auf die Verhältnisse ein als die dauernde Wiederholung der im Hinblick auf die historische Vergangenheit garantiert erfolgreichen Floskel: &#8220;Wehret den Anfängen!&#8221;</p>
<p>Tatsächlich ist aber der hinter uns liegende Prozeß der Demokratisierung nicht etwa die &#8220;Folge&#8221; eines als &#8220;Ursache&#8221; gedachten freien Willens, der sich außerhalb und vor diesem &#8220;Ziel&#8221; massenhaft gesammelt hätte, um sich auf seine &#8220;Verwirklichung&#8221; zu konzentrieren, sondern dieser Prozeß, seinem ökonomischen Wesen nach die Entwicklung der Produktivkräfte als gesellschaftlicher, erscheint entsprechend der Form, in der er sich vollzog und die er gleichzeitig herausbildete, vielmehr in dieser Kategorie des freien Willens selbst. Als notwendiges Attribut der Warenbesitzer, in die das Kapitalverhältnis alle Menschen verwandelte, mußte der freie Wille vom Staat nicht allein anerkannt werden, sondern dieser, indem er anerkannte und also jedermanns Staat wurde, entfaltete sich damit erst zu jener von Kant a priori konstruierten &#8220;Allgemeinheit überhaupt&#8221;, die seinen Begriff ausmacht. Im Prozeß der Demokratisierung ist sich der freie Wille selbst das Ziel. Wenn Hegel den Begriff des Staates als den &#8220;an und für sich seienden Willen&#8221; bestimmt, als das bewußte Wollen aller Verhältnisse, denen die Verbreitung und Anerkennung der Willenskategorie immanent ist, so hat er damit &#8211; übrigens seiner eigenen politisch konservativen Haltung zum Trotz &#8211; genau die Logik formuliert, der die politische Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft in den vergangenen zweihundert Jahren ihrer Entwicklung gefolgt ist. Die weite Verbreitung des (wertkonstituierten) Bewußtseins, das an den freien Willen als an ihre Ursache glaubt, steht also am Ende dieser Entwicklung, nicht an ihrem Anfang, an welchem sich erst noch eine kleine intellektuelle Avantgarde dieser antiständischen und antiklerikalen Kategorie annahm.</p>
<p>Sein endlicher Triumph ist zugleich ein Pech für dieses Bewußtsein. Es trifft jetzt zwar überall auf seinesgleichen, kann sich aber gerade deshalb zum &#8220;Wollen&#8221; eines größeren Projektes nicht mehr sammeln. Der Demokrat wurde, indem ihm jeder mit einem ausdrücklich ständischen oder elitären Anspruch auftretende Gegner abhanden gekommen ist, der Gelegenheit zum identitätsstiftenden Gemeinschaftserlebnis beraubt und wähnt sich seither laufend in der Minderheit. Freiheit und Gleichheit, jene Prinzipien des bürgerlichen Rechts, in denen sich der freie Wille noch als sein eigenes politisches Ziel, als Wille zur Demokratie besaß, haben mit dem Fortfall der Vorrechte von Geburt und Besitz ihre bewegende Kraft verloren. Wo sie noch zur ideologischen Legitimierung einer gesellschaftlichen Bewegung benützt werden, etwa im Feminismus, handelt es sich um die unzulängliche Formulierung von Aufgaben, die, wie hier die Auflösung der bürgerlichen Familie, bereits jenseits der Rechtsform angesiedelt sind.</p>
<p>Der Sieg von Freiheit und Gleichheit, der den Anhängern der Demokratie aufgrund der Konstellation ihres Weltbildes, das ewig nach der &#8220;Verwirklichung&#8221; von Prinzipien verlangt, natürlich nicht zu Bewußtsein kommen kann, teilt sich dennoch selbst auch den naivsten von ihnen mit: nämlich darin, daß der Knotenpunkt dieser Struktur, eben der freie Wille, an jedem einzelnen der damit &#8220;menschgewordenen&#8221; Warenbesitzer als seine &#8220;natürliche Eigenschaft&#8221; angekommen ist. Dem entspricht aber die Auflösung jeden &#8220;Milieus&#8221; und jeder &#8220;Wertegemeinschaft&#8221;, auch der demokratischen. Demokratie heißt, daß jedes staatsbürgerliche Individuum seinem &#8220;eigenen&#8221; Willen folgt. Sich &#8220;innerhalb gewisser Bedingungen der Zufälligkeit&#8230;erfreuen zu dürfen&#8221;, ist denn auch die Marxsche Bezeichnung für diesen Endzustand der persönlichen Freiheit <a name="F32"></a><a href="#FN32"> 32 </a>.</p>
<p>Die Entfesselung dieser Freiheit hat ihren angestammten Platz aber zunächst in der Entfesselung der Warenproduktion. Mit der Karriere des freien Willens mußte das Angebot von Gegenständen, in deren Auswahl er sich ja erst als solcher betätigt, natürlich Schritt halten. Die Verwandlung auch der Arbeitskraft in eine Ware, der entscheidende Motor der Demokratisierung, setzt voraus, daß ihr Verkäufer auch uneingeschränkt als Käufer auftreten kann, alle Produktion also Warenproduktion wird. Kaufen und sich Verkaufen, so lautet das Gesetz des Lebens, in dem der freie Wille die führende ideologische Position innehat. Inzwischen haben selbst auch die Prostituierten entdeckt, daß sie dazugehören, und auf diversen Public-relations-Veranstaltungen jenen Willen zu Gehör der christlichen Regierung gebracht, der daraus resultiert, daß ihre Ware ebensogut Ware ist wie jede andere <a name="F33"></a><a href="#FN33"> 33 </a>. Wenn nun aber auch diese Erwerbstätigkeit das Bewußtsein eines freien und gleichen Selbst mit Rentenanspruch hervorzubringen imstande ist, so wird man davon ausgehen dürfen, daß dieses Selbst sich heute von der Ware, die es jeweils verkauft, und sei es auch die eigene Haut, endgültig emanzipiert und eine jenseits davon angesiedelte Identität ausgebildet hat, daß es mit anderen Worten abstrakt geworden ist.</p>
<p>Ebenso wie dieses abstrakte Individuum ein Erzeugnis der Warenproduktion ist, durch welche es aus den überschauberen ständischen Gemeinschaften und Abhängigkeiten herausgelöst worden ist, so werden ihm seinerseits die Kauf- und Vertragsbeziehungen, die es mit seinem freien Willen täglich eingeht, zum Muster für sein Verhalten zur Welt überhaupt. Alle Institutionen, Ansichten, Wertvorstellungen und Glaubensinhalte nimmt es als Dinge wahr, die man unvermittelt haben oder nicht haben, wollen oder nicht wollen kann, die also ganz so wie die profanen Dinge der Warenwelt gegeneinander austauschbar sind. Die Demokratie erscheint ja neben den anderen &#8220;politischen Modellen&#8221;, die sich das abstrakte Individuum etwa als möglich vorstellt, selbst wie ein Ding, dessen Existenz ganz davon abhängt, ob es gewollt wird oder nicht. Erst dieser Wille, der in seiner Selbstvergessenheit nichts mehr voraussetzt als seine Freiheit, aus dem Angebot, zu dem ihm die Welt geworden ist, zu wählen, ist wirklich zum Willen des abstrakten Individuums und das heißt natürlich: zum subjektiven Dasein des Geldes geworden.</p>
<p>Das hat aber für diesen Willen zur Folge, daß er es bei der großen ihm zur Verfügung stehenden Auswahl von Gegenständen immer weniger über sich bringt, sich dauerhaft mit einem bestimmten zu verbinden. Gerade auch sein tägliches Tun wird dem abstrakten Individuum zu solch einem äußerlichen, beliebigen Gegenstand. Indem es hinter dem Zweck des Geldes, der damit verfolgt wird bzw. verfolgt werden muß, verschwindet, verliert dieses Tun selbst auch noch die Eignung zur Charaktermaske, und das ökonomische Verhältnis tritt unverhüllt zutage: die zum Selbstzweck gewordene Arbeit, die dies nur als Abstraktion, als Geld sein kann. Diese Entwicklung, in der die Aufhebung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung dadurch, daß sie sich als die Herauslösung der Individuen aus ihren &#8220;gewachsenen Strukturen&#8221; vollzieht, gewissermaßen auf dem Kopf stehend erscheint, trägt den davon konstituierten Individuen mit dem Verlust der Gewissheiten, die die stabilen &#8220;Lebenswelten&#8221; von ehedem noch besaßen, die überaus zeitgemäße Frage ein, wer sie denn &#8220;wirklich&#8221; seien. Die abstrakte Identität der Ware-Geld-Individuen ist sozusagen dauernd auf der Suche nach sich selbst. Verwiesen auf den allen gemeinsamen freien Willen, der ihnen eine Unzahl von möglichen &#8220;Identitäten&#8221; vorgaukelt, befinden sie sich auf der hektischen Jagd nach der &#8220;endgültigen&#8221;, der sie sich dann auch, allerdings meist nur für bestimmte, im übrigen immer kürzer werdende Zeitabschnitte, mit einem Fanatismus hingeben, der alle Zeichen der Sucht an sich hat. Ein rascher Wechsel der Moden und Meinungen ist die Folge, wobei es keine mehr schafft, die Gesellschaft als ganze oder auch nur einen nennenswerten Teil von ihr zu erfassen. Ihre einander ausschließenden Obsessionen verfolgen die modernen Willensatome im friedlichen Nebeneinander. Über die von der Produktion ihren Ausgang nehmende Losung des Tages kann der &#8220;pluralistische&#8221; Überbau nur milde lächeln; die &#8220;Flexibilität&#8221; ist seine Spezialität schon lange. Zwischen Politsekte und Meditationswochenende, Friedensarbeitskreis und Tierschutzverein, zwischen Bibelstunde und Computerclub, ökologischem Bauernhof und Szenekneipe, Selbsterfahrungsgruppe und Thailandtrip flottiert das abstrakte Individuum frei umher, ohne daß sein Wechseln zwischen den verschiedenen &#8220;Milieus&#8221; diese merklich zu beeinträchtigen vermöchte. Der postmoderne Zeitgeist probiert alles einmal aus und legt sich nirgends mehr fest. Das Bild einer Gesellschaft ist entstanden, die mit Enzensberger zu reden &#8220;nichts anderes ist als ein fluktuierender Komplex von vernetzten Minderheiten&#8221; <a name="F34"></a><a href="#FN34"> 34 </a>.</p>
<p>Unser Demokrat, der diesen Fleckenteppich der &#8220;dissipativen Gesellschaft&#8221; (ebd.) noch nicht als seinen fatalen Sieg begriffen hat, sichert sich den Glauben an seine oppositionelle Mission teils dadurch, daß er, was keine Kunst ist für das abstrakte Individuum, die Augen vor dieser Wirklichkeit verschließt und von den vergangenen Kämpfen als von den zukünftigen träumt, teils dadurch, daß er sich jener gesellschaftlichen Randbereiche annimmt, in denen für Freiheit und Gleichheit noch etwas zu tun übrig geblieben ist. Das zugegeben etwas weinerliche Pathos, mit dem heute Prostituierte, Homosexuelle, Behinderte und Aidskranke um ihre gleichberechtigte Integration in die angebliche Normalität der angeblichen Mehrheit kämpfen, erscheint wie das letzte verebbende Plätschern, das von der mächtigen Woge, die die Demokratie einst war, übriggeblieben ist. Die Parole, die der Bewegungsdemokrat seinem verständnisvoll nickenden Bruder im Amt entgegenschleudert, lautet sehr im Kontrast zu den Gepflogenheiten von einst: Minderheitenschutz! Auf dieser ideologischen Schiene bringt es auch die Natur, aufgefaßt als ein Potpourri aussterbender Arten, zur &#8220;Politikfähigkeit&#8221; und zu einem eigenen Ministerium. Und die ganz subversiven Revolutionäre haben sich, das Enzensberg-Wort im Ohr, auch schon unauffällig in den Trend gemogelt, der heute den Minderheiten hold ist; sie empfehlen ihre Organisation als GABBA, als das Grün-Alternativ-Bunt-Bleifrei-Autonome Jugendspektrum, in dem sich doch eigentlich jede Besonderheit, auch die der fahrradeuphorischen Epikuräer, aufgehoben fühlen müßte. Daß die weniger laute Mehrheit darüber nicht in Vergessenheit gerät, zeigt übrigens die rührende Beflissenheit, mit der sich die demokratischen Politiker ihrem Willen fügen, wenn es um die wichtige Frage des Outfits geht. Unter der Überschrift &#8220;Rückkehr zur Mehrheitsbrille&#8221; ging im Herbst 1988 die erbauliche Nachricht durch die Presse, daß Bundeskanzler Kohl, obwohl von einer seit je geringen Kurzsichtigkeit befreit, aufgrund eines von Infratest organisierten Plebiszits &#8220;in Zukunft in der Öffentlichkeit meist wieder Brille tragen&#8221; wird. &#8220;Auf die Meinung der Mehrheit muß ein Politiker auch bei diesen Dingen Rücksicht nehmen&#8221;, meinte der zuständige Ministerialdirektor &#8211; ein Verdikt bestätigend, daß schon Tocqueville über die Demokratie gefällt hat <a name="F35"></a><a href="#FN35"> 35 </a>.</p>
<h4>4. Die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel</h4>
<p>Nach dieser Schilderung des Diesseits oder der Oberfläche des freien Willens muß ich darauf gefaßt sein, daß mein Sparringpartner, der Demokrat, sich ganz und gar nicht davon beeindruckt zeigt. Von mir aus gesehen ist er zwar nur ein sogar schon ziemlich ausgebleichter Flecken auf dem besagten Teppich der dissipativen Gesellschaft, der wie die anderen seiner Art auf das abstrakte Individuum nur einen vorübergehenden Reiz auszuüben vermag, in seinen eigenen Augen aber ist er in der bisherigen Darstellung noch gar nicht vorgekommen. Weil er ja ein linker Demokrat ist, der auf die &#8220;ökonomische Basis&#8221; der Gesellschaft abzielt, wird er zunächst einmal heftig abstreiten, daß er mit den &#8220;Illusionen&#8221; des abstrakten Individuums, von dem er meint, daß ich es besser &#8220;bürgerliches&#8221; oder &#8220;kleinbürgerliches&#8221; Individuum genannt haben würde, irgendetwas zu schaffen habe. Sodann wird er auf den Kapitalismus zu sprechen kommen und mich mit inquisitorischer Miene darauf hinweisen, daß dieser einen entscheidenden Unterschied gesetzt habe zwischen den Individuen, daß dieser Unterschied von der Beschaffenheit der Ware herrühre, über die der sogenannte freie Wille jeweils verfüge, und daß ich bisher diesen Unterschied unterschlagen habe. Wie steht es mit der &#8220;Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel&#8221; und wie gedenkst Du, mit dem zugehörigen &#8220;Klasseninteresse&#8221; zu verfahren? wird er mich also in gereiztem Tonfall fragen, und er wird sich vielleicht wundern, wenn ich darauf antworte, daß genau davon die ganze Zeit über die Rede war.</p>
<p>Freilich gebe ich zu, daß es bei den tiefen Wurzeln, die das positive und soziologische Denken im Kopf unseres Freundes geschlagen hat, eine Zumutung wäre, ihn mit diesem lakonischen Hinweis abzufertigen und stehenzulassen. Die konsequent zuendegedachte Logik des Warentauschs impliziert zwar eine bestimmte Position zur &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; und zum &#8220;Klassenkampf&#8221;, kann mich aber eben deswegen nicht von der Aufgabe entbinden, sie ausdrücklich darzustellen. Begeben wir uns unter diesem Aspekt also ein zweitesmal auf den Weg durch den freien Willen; sehen wir ihn uns gerade daraufhin genau an, daß er in der Tat eine Oberflächenkategorie der kapitalistischen Gesellschaft darstellt und als solche der Wertform und der Warenproduktion unverzichtbar angehört. In diesem Zusammenhang darf selbstverständlich auch das abstrakte, warenbesitzende Individuum nicht übergangen werden. Sobald vom freien Willen als von einer Eigenschaft die Rede ist, als von einer wirklichen Qualität oder Kraft, die das, worauf sie sich richtet, wirklich verändern oder hervorbringen kann, befindet sich das abstrakte Individuum immer schon mit im Spiel. Denn nur für dieses allerdings sehr weit verbreitete Geschöpf gilt, daß es die Ware-Geld-Beziehung, der es sich verdankt, für etwas selbstverständliches nimmt und den dazugehörenden freien Willen als den ursprünglichen, nicht abzuleitenden Ausgangspunkt seines Handelns betrachtet. Daraus aber folgt, daß es logisch vollkommen unmöglich ist, die Willenskategorie aus diesem Zusammenhang herauszulösen und sie womöglich gegen ihn, gegen das Geld und gegen das Privateigentum, von dem es doch nur ein Moment ist, ins Feld zu schicken. Und schon gar nicht darf man sich von ihr als &#8220;Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel&#8221; etwas erhoffen. Diese Verfügungsgewalt, wenn sie denn ihrem Namen im stofflichen Sinn die Ehre machen und die Befähigung zur Organisation der gesellschaftlichen Arbeit nicht als abstrakter Selbstzweck, sondern als Mittel zur Befriedigung konkreter Bedürfnisse bedeuten soll, beinhaltet vielmehr die Aufhebung des abstrakten Individuums samt seines freien Willens, in dem, worauf ich in einem weiteren Artikel noch zu sprechen komme, alles Können, Wissen und Begreifen verschluckt ist. Man steht von vornherein auf verlorenem Posten, verlegt sich jeden Zugang zur Formulierung einer kommunistischen Strategie und ist zur Bestimmung irgendwelcher taktischer Schritte gänzlich außerstande, wenn man sich das von der kapitalistischen Vergesellschaftung selbst vorgezeichnete Ziel ausgerechnet mit jenen formalen Elementen ausdenkt, die der Wertabstraktion und damit dem zu kritisierenden und objektiv sich bereits in einem kritischen Zustand befindenden Ausgangspunkt der Entwicklung angehören.</p>
<p>Genau dieser Gedanke ist es ja, in dessen Licht besehen die geschilderte Kraftlosigkeit des freien Willens, seine nachlassende Fähigkeit, sich auf einen bestimmten Gegenstand dauerhaft einzulassen <a name="F36"></a><a href="#FN36"> 36 </a>, ihren eigentümlichen, die kommunistische Phantasie beflügelnden Reiz gewinnt. Diese Erscheinung wäre dann ganz und gar kein Anlaß, der kapitalistischen Wirklichkeit gram zu sein und ihr zähneknirschend das Attest auf ewiges Leben auszustellen <a name="F37"></a><a href="#FN37"> 37 </a>, sondern im Gegenteil ein höchst bedeutsames Anzeichen für dessen beginnendes Siechtum, an dem sich ablesen läßt, daß die gesellschaftliche Entwicklung bereits anfängt, über die Form, in der sie sich bisher vollzog, hinauszuwachsen. Und die Aufgabe, die sich daraus ergibt, besteht natürlich darin, weitere Risse dieser Art, an denen sich zeigt, daß die für die stoffliche Reproduktion der Gesellschaft zu eng gewordene Wertform abzublättern beginnt, als solche kenntlich zu machen, die Menschen, die als in den Zwängen und Denkmustern dieser Form befangene zunächst natürlich meinen, es handele sich um den bevorstehenden Einsturz des gesellschaftlichen Gebäudes selber, von dieser Furcht zu befreien und sie dazu anzuhalten, sich mutig auf die dahinter zum Vorschein kommende Wirklichkeit einzulassen.</p>
<p>Hierbei aber kann uns der linke Demokrat aufgrund der Zählebigkeit seiner eigenen Willensstärke, die er immer für seine ausschlaggebende Tugend gehalten hat, gerade nicht folgen. Er ordnet den freien Willen eben nicht dem abstrakten Individuum zu (als das er sich ja dann erkennen müßte) und ist nicht bereit, ihn mitsamt diesem in den Orkus zu schicken. Der Adressat seiner agitatorischen Bemühungen ist vielmehr der &#8220;Arbeiter&#8221; oder der &#8220;Werktätige&#8221;. Dessen Willen ist es, der sich, angestiftet von der täglich erlebten Mühsal in der Produktion und von der kapitalistischen Krise, die nicht einmal in der Ausbeutung eine sichere Existenz gewährleistet, zur &#8220;Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel&#8221; aufschwingen soll. Er bemerkt nicht oder will es nicht wahrhaben, daß er sich in diesem Adressaten immer schon an das abstrakte Individuum der Tauschbeziehung wendet. Denn damit jemand freier Lohnarbeiter sein kann, muß er zunächst abstraktes, warenbesitzendes Individuum sein, das, mit dem gleichen freien Willen ausgestattet wie jeder andere Warenbesitzer, zur Einwilligung in den Kauf der Ware Arbeitskraft benötigt wird. Das abstrakte Individuum ist das logische Apriori jeden Kauf- oder Vertragsabschlusses überhaupt und wird eben deshalb von der Beschaffenheit des in Frage stehenden Gegenstandes in gar keiner Weise tangiert.</p>
<p>Wer sich etwa darüber erhitzen würde, daß aufgrund ihrer besonderen &#8220;Eigenschaft&#8221;, die Wertsubstanz zu &#8220;sein&#8221;, die Ware Arbeitskraft ihrem Käufer mehr Wert einbringt, als sie ihn kostete, wäre damit bereits stillschweigend über die grundlegende Fragestellung, &#8220;warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert&#8230;darstellt&#8221; <a name="F38"></a><a href="#FN38"> 38 </a>, hinweggegangen, hätte die Arbeit als jene Abstraktion, in der allein sie die &#8220;Wertsubstanz&#8221; sein kann, hingenommen und befände sich bei einem jenseits dieses Rubikons angesiedelten Thema. Die Mehrwertproduktion wäre damit noch nicht als das objektive, zu ihrer absoluten Krise treibende Problem der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt begriffen, sondern fände sich erst noch als das sektorale Problem der &#8220;Ausgebeuteten&#8221; behandelt. Der sich daraus ergebende Appell an den selbst erst von der Warenlogik hervorgetriebenen Gerechtigkeitssinn der Arbeiter wäre ein Beitrag zur Affirmation des dem abstrakten Individuum eigenen &#8220;Wertmaßstabes&#8221; von Freiheit und Gleichheit, keineswegs dessen Kritik. Indem die alte Arbeiterbewegung dem Mehrwert die erwähnte sektorale Behandlungsweise angedeihen ließ und daraus ihren Anspruch auf &#8220;Gleichberechtigung&#8221; bzw. auf &#8220;Herrschaft&#8221; ableitete, beschritt sie genau den von diesem Appell vorgezeichneten Weg. Sie leistete damit den entscheidenden Beitrag zur Herausbildung des abstrakten Ware-Geld-Individuums, das als der Knotenpunkt der Wertvergesellschaftung, auf den sich alle Institutionen und Maßnahmen des sozialen Rechtsstaates beziehen, die Gewähr dafür bietet, daß das Kapitalverhältnis nicht etwa die Tauschlogik aufhebt oder verletzt, sondern überhaupt erst durchsetzt und verallgemeinert.</p>
<p>Genau in diesem &#8220;Durchsetzen&#8221; liegt aber das Problem, das wir mit unserem linken Demokraten haben. Es bedeutet nämlich, daß das abstrakte Individuum, obwohl unzweifelhaft eine Oberflächenkategorie der bürgerlichen Gesellschaft auf der empirischen Oberfläche zunächst durchaus nicht erscheint. Was sich dort am Beginn unserer Epoche befindet, das sind vielmehr jene ständischen Sozialcharaktere, in denen die Individuen noch fest verbunden sind mit der jeweiligen Lebenswelt, die ihnen die naturwüchsig entstandene Teilung der Arbeit zugewiesen hat. Die Frage nach der Identität treibt zu jener Zeit erst einige wenige romantisch gestimmte Literaten um. Als Ideal ist das Willensatom des abstrakten Individuums zwar schon von Rousseau und den französischen Jakobinern verkündet worden, zur empirischen Sichtbarkeit und Darstellbarkeit ist es dagegen erst spät, erst in unserer Gegenwart gelangt.</p>
<p>Es hatte demnach lange Zeit Gelegenheit, dem Schiff der Wertvergesellschaftung als eine Art virtuellen Leitsterns zu dienen. Alle Fraktionen der sich auflösenden ständischen Gesellschaft, auch wenn sie, nur ihr jeweiliges Erscheinungsbild im Auge, einander erbittert befehdeten, bewegten sich, gleichsam magnetisch davon angezogen, in dem Maß in seine Richtung, in dem sie ihr ständisch solides Dasein verloren und zum &#8220;An sich&#8221; des Kapitalverhältnisses wurden. Aufgrund der Bewußtlosigkeit dieses Vorgangs konnten natürlich alle möglichen Vorstellungen in den blinden Fleck am Horizont hineinprojiziert werden. Von unten her gesehen verhießen &#8220;Freiheit und Gleichheit&#8221; das &#8220;Morgenrot einer neuen Zeit&#8221;, während die ständisch priviligierten Oberschichten, die es gleichwohl nicht vermeiden konnten, sich ein massenwirksames, demokratisches Auftreten anzugewöhnen, den &#8220;Untergang des Abendlandes&#8221; und den Verlust aller &#8220;höheren Kulturwerte&#8221; vorhersagten. Da Freiheit und Gleichheit erst noch in der Tiefe der Zukunft verborgen waren, konnte auch die marxistische Kritik dieser dem Warenfetisch angehörenden Abstraktionen ein ganz unerwartetes Aussehen annehmen. Zurechtgeschnitten auf die Lehre vom Mehrwert, dienten sie dem zeitgemäßen demokratischen Bewußtsein insofern zur &#8220;linken&#8221; Selbsttäuschung, als dieses, unbelastet vom Konstitutionsproblem und bar jeder Kritik an der empiristischen Eigenschaftsform und am Warenfetisch, meinen konnte, sich mit dem Hinweis auf den &#8220;in der Produktion&#8221; erzeugten Mehrwert, der sich obendrein leicht verknüpfen ließ mit den reichlich vorhandenen Erscheinungen der Diskriminisierung, Demütigung und Unterdrückung der Arbeiterklasse, von der &#8220;zirkulativen Oberfläche&#8221; jeweils hinwegzubegeben, wenn es die angeblich dahinter verborgene &#8220;wirkliche Ungleichheit in der Produktion&#8221; ans Tageslicht brachte. &#8220;Produktion&#8221; und &#8220;Zirkulation&#8221; als solche von Waren sind aber bereits in dieser Zweiheit verschiedener &#8220;Sphären&#8221; von der Wertform konstituiert. Nur dem sich selber noch in dieser Form bewegenden demokratischen Bewußtsein können als unterschiedliche, einander &#8220;bedingende&#8221; Bereiche erscheinen, in denen eine je eigene Logik wirksam ist. In der Tat ist es aber dieselbe formale Wertlogik, die in der Abstraktion der Gleichheit ebenso wie in der der Ungleichheit anwesend ist.</p>
<p>Jedenfalls war dafür gesorgt, daß sich der linke Demokrat beim Auftauchen des freien und gleichen Ware-Geld-Individuums mit dem Gedanken nicht abfinden konnte, daß dies sein Ziel gewesen sein sollte und daß er nun seinerseits von der Bildfläche zu verschwinden hätte. Im schaukelnden Rhythmus der Biermann-Melodie &#8220;Das kann doch nicht alles gewesen sein&#8221; reitet er vielmehr weiter auf seiner dürren Mehrwert-Rosinante ins tiefdunkle Abendrot der Wertvergesellschaftung hinein und ist nach wie vor wild entschlossen, gegen jede sich ihm etwa in den Weg stellende Ungleichheits-Windmühle zum &#8220;letzten Gefecht&#8221; anzutreten. Für uns aber ergibt sich wieder einmal die Gelegenheit, eines der vielen mit der Wertvergesellschaftung entstandenen Paradoxe zu registrieren: Aufgrund der völlig unerwarteten Erfahrungen, die ihm bei der Verwirklichung des abstrakten Individuums begegneten, Erfahrungen, die die Revolutionäre des 18. Jahrhunderts durchaus nicht hatten voraussehen können, hat gerade der linke Demokrat, der treueste Gefolgsmann der Jakobiner, seine historischen Wurzeln aus den Augen verloren. Weil er die &#8220;Eigentumsfrage&#8221; thematisierte, freilich ohne sie, mit der Willenskategorie gedacht, über die juristische und Wertform hinausführen zu können, meinte er, sich immer weiter von seiner jakobinischen Quelle zu entfernen, während er doch laufend noch aus ihr schöpfte.</p>
<p>Für dieses demokratische Bewußtsein, das immer nur Sozialcharaktere vor Augen hat, wenn vom Kapitalverhältnis die Rede ist, ist das &#8220;Diesseits des freien Willen&#8221;, wie ich es oben nahezu übergangslos ins Spiel gebracht habe, selbstverständlich ein harter Brocken. Unweigerlich muß bei ihm der Eindruck entstehen, daß eine solche Darstellung, bei welcher das abstrakte Individuum unvermittelt selbst an den Pranger gestellt wird, das &#8220;wichtigste&#8221; vermissen läßt. Was hier in der Tat nachzutragen war, das ist eben der Hinweis auf die erwähnten ständischen Sozialcharaktere. Allerdings gilt es zu begreifen, daß es sich hierbei um Gestalten der Vergangenheit handelt, die vor der Wirklichkeit des abstrakten Individuums verblaßt sind oder dabei sind zu verblassen. In dem Marxschen Wort von den &#8220;ökonomischen Charaktermasken&#8221;, die &#8220;Bourgeoisie&#8221; und &#8220;Grundeigentümer&#8221; jeweils seien, ist genau dieser Gedanke bereits enthalten. Es drückt sich darin die Einsicht aus, daß die der Verwertung des Werts unterworfenen Sozialcharaktere keine stabile Lebenswelt mehr repräsentieren, wie das bei den schwerfälligen ständischen Sozialcharakteren, insbesondere bei der zu Anfang des 19. Jahrhunderts zahlenmäßig weit überwiegenden bäuerlichen Bevölkerung, noch der Fall gewesen ist; daß also ein Unterschied eingetreten ist zwischem dem &#8220;Individuum als solchem&#8221; und der sozialen Lage, in der es sich gerade befindet. Hinzuzufügen wäre lediglich, daß auch das neu erzeugte Industrieproletariat das Bedürfnis nach einer positiven Identifikation mit seinem Dasein noch besaß und es, seinem Begriff widersprechend <a name="F39"></a><a href="#FN39"> 39 </a>, tatsächlich dahin brachte, einen eigenen, natürlich von vornherein &#8220;maskenhaften&#8221; Sozialcharakter und eine eigene fahnengeschmückte &#8220;Arbeiterkultur&#8221; auszubilden. Über den sozialpsychologischen Mechanismus, der für diese flüchtige, spätestens wohl mit dem 2. Weltkrieg beendete Blüte einer proletarischen &#8220;Charaktermaske&#8221; verantwortlich war &#8211; &#8220;negative Integration&#8221; lautet eines der in der neueren historischen Literatur gebräuchlichen, speziell auf die deutsche Entwicklung bezogenen Schlagworte <a name="F40"></a><a href="#FN40"> 40 </a> &#8211; ist hier weiter kein Wort zu verlieren.</p>
<p>Für uns kommt es lediglich darauf an zu begreifen, daß der Prozeß der Wertvergesellschaftung, bezogen auf die ständischen und quasi-ständischen Sozialcharaktere, nichts anderes ist als das Löchrig- und Durchsichtigwerden dieser &#8220;Masken&#8221;, hinter denen die abstrakte WIllensmonade immer deutlicher sichtbar wird. Die ständischen &#8220;Milieus&#8221; und &#8220;Lebenswelten&#8221; lösen sich auf; die vorhandenen &#8220;Tätigkeitsfelder&#8221; sind keine korporativ abgeschlossenen &#8220;Berufe&#8221; mehr. Es gibt nur noch unterschiedliche, in ihren qualifikatorischen Anforderungen sich einander annäherende &#8220;Funktionen&#8221; innerhalb des einen gesamtgesellschaftlichen Produktionsaggregates, das sich unter der &#8220;privaten&#8221; Oberfläche des Wertzweckes hergestellt hat. Zwischen diesen Funktionen können die immer mehr auf den einzigen Gesichtspunkt ihrer Selbstverwertung beschränkten Ware-Geld-Individuen nicht nur wechseln, sie müssen es auch; so daß sich ihre Universalisierung gewissermaßen wie ein unerwünschter Nebeneffekt bei der Verfolgung ihres abstrakten Geldinteresses ergibt. Für Mehrwert-Fanatiker sei hinzugefügt, daß bei diesem Wechsel wertproduktive und wertunproduktive Funktionen einander ablösen können, ohne daß dies für das einzelne Individuum ins Gewicht fallen muß.</p>
<p>Daß die Kategorie der &#8220;ökonomischen Charaktermaske&#8221; theoretisch so lange steril geblieben ist, hat innertheoretisch natürlich seinen Grund im Zusammenbruch des deutschen Idealismus, speziell der Hegelschen Philosophie, äußerlich kenntlich gemacht durch Schopenhauers Aufstieg zum Modephilosophen nach 1848. Das Zeitalter der kapitalistischen Industrialisierung, das auch ideologisch den Triumph der Naturwissenschaften mit sich brachte, konnte mit der subtilen Konstitutionsproblematik &#8211; und noch gar in Gestalt der Hegelschen Ontologie &#8211; nichts mehr anfangen. Marx, soweit er der Hegelei verdächtig war, wurde damit gleich mitvernichtet und zu einem Fachwissenschaftler in Sachen Ökonomie und Arbeiterpolitik zurechtgestutzt. Ironischerweise kam im gleichen Augenblick, in dem er damit anfing, die diversen Sozialcharaktere als Masken eines tendenziell gesamtgesellschaftlichen, also globalen Produktionsverhältnisses zu durchschauen, jener Soziologismus auf, der die vorgefundenen Interessen &#8211; unbeschadet ihrer Herkunft oder ihrer ideologischen Legitimierung &#8211; mit dem nüchternen Blick der experimentellen Naturwissenschaften als &#8220;Fakten&#8221; fixierte, mit denen &#8220;man&#8221;, z.B. der erfolgreiche Politiker, zu &#8220;rechnen&#8221; habe.</p>
<p>Außertheoretisch ist als Ursache für das vorläufige Abreissen des Konstitutionsfadens der schon erwähnte Alltagsdruck zu nennen, dem die Theorie ausgesetzt war. Relevant in einem unmittelbaren Sinn kann ja der Konstitutionsgedanke erst werden, wenn wie heute die Aufhebung des Gesamtverhältnisses auf der historischen Tagesordnung steht. Wie wenig dies im 19. Jahrhundert der Fall war, zeigt sich eben daran, daß selbst die Arbeiterklasse, von Marx nicht nur zur Aufhebung der ständischen, sondern sogar der kapitalistischen Gesellschaftsformation ausersehen, ein quasi-ständisches Selbstbewußtsein zu entwickeln vermochte.</p>
<p>Dies hindert aber nicht, daß der dahinter wühlende Maulwurf des abstrakten Individuums, der sich erst heute zu jener Oberfläche emporgearbeitet hat, die seinen Begriff ausmacht, dennoch die Logik abgegeben hat, der nicht nur die Arbeiterklasse, sondern sämtliche ständisch-bornierten Sozialcharaktere im Prozeß ihrer Auflösung gefolgt sind und, sofern hier noch etwas zu tun übrig geblieben ist, auch weiterhin folgen. Die adäquate historische Darstellung dieses Prozesses steht noch aus und kann hier natürlich nicht geleistet werden. Im Zusammenhang unserer Argumentation bedarf es dieser Leistung aber auch gar nicht. Um die &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; unseres linken Demokraten ebenso durchsichtig zu machen, wie es die diversen &#8220;ökonomischen Charaktermasken&#8221; bereits sind, ist es ausreichend, wenn wir uns der Logik anvertrauen, die hinter dem Klassenkampf- und Weltkrieggetöse an der Hervorbringung der abstrakten Willensmonade gearbeitet hat. Indem sie sich des &#8220;eigentumslosen Arbeiters&#8221; bemächtigte, wurde sie allen ständischen Charaktermasken zum Verderben.</p>
<p>Sehen wir uns jetzt also diese Logik des Warebesitzens näher an. Sie läßt dem zugehörigen, mit der Rechtsform um sich greifenden freien Willen nur zwei Richtungen der Betätigung. Zum einen wird er sich unmittelbar seiner Ware annehmen müssen und danach trachten, sie den Marktchancen entsprechend zu verbessern oder in den Besitz einer besseren Ware zu gelangen. Das ist der Weg des individuellen Erfolgs und des sozialen Aufstiegs. Der Arbeiter würde hierbei den Wert seiner Arbeitskraft erhöhen oder sogar ganz aufhören, Arbeiter zu sein, und in eine andere soziale Kategorie oder Funktion hinüberwechseln. Daß dies im Kapitalismus grundsätzlich möglich ist, daß das Individuum nicht durch die Geburt und für die Dauer des ganzen Lebens mit einer bestimmten Tätigkeit und einem bestimmten Status verschmolzen ist, macht den welthistorischen Fortschritt dieser Produktionsweise gegenüber der ständische Ordnung aus. Das Arbeiterdasein wie auch jede andere Form der Erwerbstätigkeit wird den dadurch abstrakt werdenden Individuen zunehmend äußerlich und zufällig, es verliert den Geruch, ein von Gott verhängtes Schicksal zu sein. Sich auf diese Entwicklung nicht einzulassen, sie zu verdrängen oder sogar zu bedauern, das macht den konservativen und sogar reaktionären Charakter unseres linken Demokraten aus. Er demonstriert damit, daß er auf dem geistigen Niveau der ständischen Gesellschaft stehengeblieben ist und in der kapitalistischen Gegenwart ihre unentfaltete Vergangenheit repräsentiert.</p>
<p>Der zweite Weg führt den freien Willen unseres Warenbesitzers in jene Sphäre der Allgemeinheit, die er, weil sie im Kantschen Sinne gesprochen das Prinzip des freien Willens darstellt, mit allen anderen Warenbesitzern teilt. In der Tat mit allen: Da aber diese Alle nicht mit einem Schlag da sind, und sich die Ware-Geld-Vergesellschaftung der verschiedenen geographischen und sozialen Regionen zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt bemächtigt, ist er, gleichsam in einer vorpolitischen Phase der Entfaltung seines Prinzips, zunächst einmal auf seine nähere Umgebung verwiesen. Er wird also mit den anderen Anbietern der gleichen Ware &#8220;Kartell schließen&#8221;, um der Konkurrenz untereinander bestimmte Grenzen zu ziehen und die Preise nicht zu ruinieren. Beispielsweise muß der einzelne Arbeiter daran gehindert und davor geschützt werden, seine Arbeitskraft unterhalb eines gewissen durchschnittlichen Werts zu verkaufen oder sich &#8211; per freiem Lohnvertrag &#8211; in eine leibeigenschaftsähnliche Abhängigkeit zu begeben. Dieser korporative oder gewerkschaftliche Gesichtspunkt stand vor allem in den Anfängen der Industrialisierung, als die tägliche Arbeitszeit bis zu sechzehn und mehr Stunden betrug, ganz obenan unter den dringendsten Bedürfnissen, die die Arbeiter bewegten. Mit der weiteren Entwicklung des Kapitalverhältnisses erlangten dessen Funktionen einschließlich der Arbeiterbevölkerung eine solche Bedeutung, daß die Anforderungen, die sie an die gesetzlichen und infrastrukturellen Voraussetzungen seines Funktionierens stellten, von vornherein eine Berücksichtigung im gesamtgesellschaftlichen, d.h. zunächst im nationalstaatlichen Rahmen erzwangen. Oder anders: Die staatliche Allgemeinheit wurde in dem Maß, in dem sie dazu gedrängt wurde, diesem Begriff zu entsprechen, selbst immer mehr zu einer Funktion des Kapitalverhältnisses <a name="F41"></a><a href="#FN41"> 41 </a>. Die diversen &#8220;Kartelle&#8221; der Besitzer von Waren verschiedener und gegensätzlicher Art schlossen sich (etwa seit den Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts) zu großen politischen Parteien zusammen, die, selber bereits ein Resultat der Konkurrenz, nun ihrerseits darum konkurrierten, daß das jeweilige Durchschnittsinteresse ihrer Klientel, das sie repräsentierten, in dem größeren Zusammenhang, der sich hinter dem Rücken dieser Konkurrenz herstellte, hinlänglich zur Geltung gelange. Im Fall der Ware Arbeitskraft handelte es sich dabei um solche Fragen wie das öffentliche, unentgeldliche Schulsystem, die Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung; Fragen übrigens, an denen auch die Anwender der Ware Arbeitskraft ein Interesse nahmen, weshalb sich in dieser Sphäre der Allgemeinheit Interessenüberschneidungen ergaben und die Möglichkeit von Kompromissen und Koalitionen sich auftat. Letzteres betrifft auch solche Fragen wie die staatliche Zoll- und Kreditpolitik sowie die der öffentlichen Investitionen, die mit dem Erfolg bestimmter Industriezweige mittelbar auch den der Ware Arbeitskraft betreffen <a name="F42"></a><a href="#FN42"> 42 </a>. Auch an der auswärtigen Politik als an dem Erfolg des staatlichen Gemeinwesens insgesamt mußte die Ware Arbeitskraft ein Interesse nehmen und sich dementsprechend politisch zu Gehör bringen.</p>
<p>Man darf sich also die Konkurrenz, da sie auf der allen Konkurrenten gemeinsamen Grundlage der kapitalistischen Warenproduktion fußt, niemals als einen absoluten oder &#8220;unversöhnlichen&#8221; Widerspruch vorstellen. Im Gegenteil. In ihren besten Zeiten mit einer Metaphorik ausgetragen, in welcher die politischen Konkurrenten die vollkommene Unvereinbarkeit ihrer jeweiligen Interessen konstatieren, in welcher die Gesellschaft als in sich hoffnungslos gespalten, zerklüftet, zerrissen, dem Untergang und der Anarchie geweiht, erscheint, ist sie dieser ideologischen Oberfläche zum Trotz genau die Form, in welcher sich die Ware-Geld-Vergesellschaftung als die totale Verstaatlichung aller menschlichen Beziehungen vollzog. Im Lichte dieser uns inzwischen schon vertrauten Verkehrung von Erscheinung und Wesen darf man wohl die Epoche der Weltkriege als den entscheidenden Schritt ansehen, mit dem das Kapitalverhältnis anfing, sich endgültig von dem nationalstaatlichen Bezugsrahmen zu emanzipieren. Jener Dogmatismus, der mit dem Absolutsetzen der jeweils immer nur partikularen Funktion, in deren Name er sprach, meinte, ihr am konsequentesten und treuesten zu dienen, mußte sich angesichts der fundamentalen Erfordernisse der kapitalistischen Warenproduktion immer wieder blamieren und mit zunehmender Hilflosigkeit bei einem immer unglaubwürdiger werdenden Moralismus Zuflucht nehmen, der den weniger prinzipiell gestimmten Sachwaltern der unmittelbaren Interessen in schrillen Tönen Verrat am &#8220;wahren&#8221; oder &#8220;historischen&#8221; Interesse vorwarf <a name="F43"></a><a href="#FN43"> 43 </a>.</p>
<p>Dieser Vorwurf traf die kompromissbereiten &#8220;Realisten&#8221; aus dem konservativen und liberalen Lager nicht weniger als die aus dem sozialistischen. Im Nachhinein muß man sogar sagen, daß es in der vergangenen Epoche der weltweiten Durchsetzung des Kapitalverhältnisses überhaupt nur solche politischen Führer zu einer geschichtlichen Wirksamkeit bringen konnten, die dazu imstande waren, bei ihren taktischen Manövern auch jene wertkonstituierten Bedürfnisse zu berücksichtigen, für die der jeweilige politische Gegner stand. Das trifft beispielsweise auf Bismarck zu, der, ein treuer Diener der Dynastie Hohenzollern, flexibel genug war, die neuen sozialen Interessen der Großsindustrie und der Arbeiterschaft als unmittelbar berechtigte unter seine Obhut zu nehmen. Der feudalen Suprematie zum Trotz brachte er damit natürlich ein Stück weit die Entwicklung zur modernen staatlichen Allgemeinheit voran &#8211; was ihm prompt die gegen &#8220;das Heraufkommen des parlamentarischen Blödsinns, des Zeitungslesens und der literatenhaften Mitsprecherei von Jedermann und über Jegliches&#8221; gerichtete Feindschaft Nietsches eingetragen hat <a name="F44"></a><a href="#FN44"> 44 </a>. Das gilt auch für Lenin, der bei der größtmöglichen ideologischen Beständigkeit, die ihn in allen Phasen der russischen Revolution als &#8220;politischen Führer des Proletariats&#8221; hervortreten läßt, keinerlei Bedenken trug, unter dem Dach der &#8220;Dikatatur des Proletariats&#8221; allen Kategorien von Warenbesitzern die für ihr Mittun erforderliche unmittelbare Affirmation angedeihen zu lassen. Mit der jeweils siegreichen Partei, wozu auch der italienische und der deutsche Faschismus zu zählen sind, siegte immer auch jene staatliche Allgemeinheit mit, die eine Bedingung dafür ist, daß die Menschen unter Betätigung ihres freien und gleichen Willens, d.h. als Warenbesitzer miteinander verkehren können. Oder umgekehrt formuliert: Die Siegeschancen einer Partei standen um so besser, je mehr sie es vermochte, sich praktisch über die Beschränktheit, die in dem Parteinamen steckt (lat. pars=Teil), zu erheben und zur Herausbildung des modernen Staates als des Allgemeinwillens aller Warenbesitzer einen Beitrag zu leisten. Dieses Erfolgsrezept hat seine Unabweisbarkeit in den vergangenen hundertfünfzig oder zweihundert Jahren europäischer Geschichte so nachhaltig unter Beweis gestellt, daß es heute überhaupt nur noch &#8220;Volksparteien&#8221; gibt, die um die Gunst eines kaum noch näher definierten &#8220;Wählers&#8221; ringen. Diese Gunst wird ihnen um so leichter zuteil, je moderater der Tonfall ist, dessen sie sich bei ihren Werbekampagnen bedienen. Der Eindruck, man würde den &#8220;politischen Gegner verteufeln&#8221;, ist um jeden Preis zu vermeiden <a name="F45"></a><a href="#FN45"> 45 </a>. Das abstrakte staatsbürgerliche Individuum, das sich mit keinem &#8220;Milieu&#8221; und mit keiner &#8220;Klasse&#8221; mehr identifizieren kann, liebt die schroffen Töne nicht.</p>
<p>Entscheidend wichtig bei dem staatlichen Allgemeinwillen ist, daß er seiner logischen Bestimmung nach von vornherein auf den freien Willen des einzelnen, von jedem ständischen Zusammenhang befreiten, warenbesitzenden Individuums bezogen ist (vgl. Anm. 40). Es ist somit der gleiche geschichtliche Prozeß, der auf der einen Seite den modernen Staat, auf der anderen Seite die freie und gleiche Willensmonade hervorbringt. Das &#8220;Diesseits des freien Willens&#8221; ist zweigeteilt, das abstrakte Individuum immer schon ein verstaatlichtes. Die milieu- und klassenbildenden Merkmale, in denen sich die unterständischen Schichten ursprünglich als eine Besonderheit wußten, die gegen den seinerseits noch eine Besonderheit darstellenden, dem Begriff der abstrakten Allgemeinheit noch nicht hinlänglich entsprechenden Obrigkeitsstaat gerichtet war, verloren ihren oppositionellen Stachel dadurch, daß sie in einer zum politischen Erfolg der entsprechenden Parteien und Verbände parallel verlaufenden Entwicklung zunehmend ihre Berücksichtigung im Rechtssystem fanden. Es handelt sich um das Resultat genau dieser Entwicklung, wenn der moderne Staat <a name="F46"></a><a href="#FN46"> 46 </a>, anders als es sich der Liberalismus einst vorgestellt hatte, &#8220;inhaltlich gestaltend in die gesellschaftliche Sphäre&#8221; eingreift, &#8220;um soziale Gerechtigkeit&#8230;zu fördern&#8221; <a name="F47"></a><a href="#FN47"> 47 </a>. Womit wir glücklich wieder bei unserem Stichwortgeber, dem wackeren Reinhard Kühnl, angelangt wären.</p>
<p>Wenn der Staat sich, von den politischen Parteien dazu veranlaßt, auf die verschiedenen sozialen Situationen und Interessen einläßt in Gestalt etwa des Arbeitsrechts und der umfangreichen sozialen Gesetzgebung, des Wettbewerbs- und des Kartellrechts, dann bezieht er sich gerade nicht auf &#8220;ganz bestimmte Personengruppen&#8221;, wie Kühnl fälschlich meint. Er trägt lediglich der betreffenden Ware, worunter hier vorzugsweise die Ware Arbeitskraft zu verstehen ist, Rechnung und regelt, wie dies auch bei anderen technisch zu normenden Produkten der Fall ist, die Konditionen ihres Kaufs und Verkaufs. Die für die betreffende Ware charakteristische &#8220;soziale Situation&#8221; wird so selber zu einem Bestandteil des Rechtssystems. Sie hat sich damit von der jeweiligen Person, die in die entsprechende Situation hineingerät, gerade abgelöst und verhält sich dieser gegenüber vollkommen gleichgültig. Eben diese Gleichgültigkeit ist es, in der die ständischen Rangunterschiede vernichtet sind und das gleiche Gelten der auf die abstrakte einzelne Person bezogenen Grundrechte für alle Menschen sich bewährt. Ob jemand Bundeskanzler oder Sozialhilfeempfänger &#8220;ist&#8221;, Mieter oder Hausbesitzer, Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, er findet jede diese Situationen als eine bereits fertige, rechtlich definierte Struktur vor, die außerhalb und unabhängig von ihm existiert und ihn gerade deswegen als den rechtsfähigen Träger eines freien Willens und als sonst nichts voraussetzt und anerkennt. Er &#8220;ist&#8221; also all dies nicht mehr mit Leib und Seele, so sehr er sich dies noch einbilden oder als von der modernen &#8220;Sinnkrise&#8221; betroffener bereits wieder wünschen mag, sondern er ist es immer nur vorübergehend bzw. der Möglichkeit nach. Als freie und gleiche Rechtsperson kommt er für jede Ware und für jede Funktion in Frage. Soweit es am Recht und am Staat liegt, wird er nirgendwo mehr festgehalten und überall hingelassen. Die physische und informationelle Beweglichkeit, die ihm in den modernen Verkehrs- und Kommunikationsmitteln zur Verfügung steht, hat somit ihre Entsprechung in der universellen Verwendbarkeit des freien Willens der Rechtsperson gefunden. Das Alltagsbewußtsein trägt dieser zum Wert an sich aufgestiegenen Flexibilität und Dynamik darin Rechnung, daß es sich mit einer für unseren linken Demokraten nur schwer erträglichen Toleranz in nahezu jede Lage versetzen kann und angesichts aller möglicher Unbilden, die das Allgemeininteresse von bestechlichen Politikern und allzu geschäftstüchtigen Wirtschaftsführern erleiden muß, immer wieder zu der beschaulichen Weisheit findet: &#8220;Ich würde es an seiner/ihrer Stelle vielleicht genauso gemacht haben.&#8221;</p>
<p>Es ist der Gipfel der Begriffslosigkeit, wenn Kühnl genau diese Entwicklung zum freien Rechtsatom als ihr eigenes Gegenteil wahrnimmt und die Verrechtlichung aller Lebensbereiche mit der Sottise kommentiert, daß damit &#8220;der generelle Charakter des Gesetzes &#8230; nicht mehr gewahrt&#8221; werde, &#8220;da nun ganz bestimmte Personengruppen und Situationen Adressaten von Gesetzen sind&#8221; <a name="FN48"></a><a href="#F48"> 48 </a>. Er verdankt diese peinliche theoretische Fehlleistung <a name="F49"></a><a href="#FN49"> 49 </a> seinem Rechtsfetischismus, der es ihm verwehrt, in den &#8220;bestimmten Personengruppen und Situationen&#8221;, wie sie heute durchgängig das abstrakte, wertkonstituierte Individuum zugrundeliegen haben, selber noch die Rechtsform zu erkennen. Das Recht wird dann nicht in der Arbeiterkategorie selbst als der eines verträgeschließenden Warenbesitzers gesehen, sondern diese Kategorie wird &#8220;persönlich&#8221; gedacht. Sie hat dann als solche, als &#8220;der&#8221; Arbeiter ein Recht, dem dasjenige einer anderen &#8220;Person&#8221;, für welche die ökonomische Charaktermaske des Kapitalisten durchgehen muß, gegenübersteht <a name="F50"></a><a href="#FN50"> 50 </a>. Alles Heil &#8220;des&#8221; Arbeiters kann dementsprechend nur in einer Vermehrung &#8220;seiner&#8221; Rechte liegen, die ihren Gipfelpunkt im &#8220;Recht&#8221;, über die Produktionsmittel zu &#8220;verfügen&#8221;, erlangt hätte &#8211; die Rechtsform selbst dagegen wird in ihrem ungeahnten historischen Erfolg keines Blickes gewürdigt. Der Triumph des Kapitalverhältnisses, wie er in der staatlichen Anerkennung des freien Willens aller als vereinzelter Warenbesitzer zum Ausdruck kommt, verwandelt sich so auf wundersame Weise in die erfolgreiche Zähmung und Eindämmung der &#8220;Willkür der Kapitalisten&#8221;.</p>
<p>Nachdem dieses Wunder einmal vollbracht ist, ist es kein Wunder mehr, wenn sich Kühnl die endgültige Erlösung von dem kapitalistischen Übel davon erhofft, daß die gesellschaftlichen Produktionsmittel &#8220;privater Verfügungsgewalt entzogen und der Disposition des gesamten Volkes unterworfen&#8221; werden. Der Rechtsfetischismus ist, wie inzwischen klar sein müßte, nichts anderes als der naive Glaube an die bewegende Kraft der Willenskategorie. Und in der &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; sowie in der &#8220;Disposition&#8221; haben wir eben diese naiv verwendete Willenskategorie vor uns. Kühnl unterscheidet nicht zwischen dem freien Willen, wie er nur an der einzelnen Rechtsperson sein kann, einerseits und dem staatlichen Allgemeinwillen andererseits, der die Voraussetzung, das Prinzip, den Rahmen für jenen freien Willen abgibt. Entsprechend ist er auch unfähig, den notwendigen inneren Zusammenhang zwischen diesen beiden Seiten der Willenskategorie zu berücksichtigen. Wille ist für ihn gleich Wille, Verfügungsgewalt gleich Verfügungsgewalt, ungeachtet der Wertförmigkeit des gesellschaftlichen Zusammenhangs, in dem er sich mit der Willenskategorie immer schon befindet. Es kann ihm daher theoretisch keine Skrupel bereiten, den Willen der vielen, den er unabhängig von der Tauschbeziehung wahrnimmt, von den alltäglichen Kaufentscheidungen, mit denen er befaßt ist, gleichsam abzulenken oder umzuleiten und ihn auf die gesellschaftlichen Produktionsmittel zu richten. Er bemerkt nicht, daß ihm das Volk in der rechtsförmigen Gestalt, in der er es vorfindet, nämlich als eine Summe freier WIllensatome, bei diesem Manöver einerseits nicht folgen kann, andererseits aber als der nur als totaler Staat in Erscheinung treten könnende Zusammenhang dieser Willensatome sich, wie der Igel im Märchen, längst an dem von Kühnl anvisierten Ziel befindet.</p>
<p>Denn auf nichts anderes läuft das Konzept der &#8220;demokratischen Verfügungsgewalt&#8221; ja hinaus. Da es sich bei den in Frage stehenden Produktionsmitteln um ein gesamtgesellschaftlich funktionierendes Aggregat handelt, um das Ganze von &#8220;Wirtschaft und Arbeitswelt&#8221;, kann das &#8220;Volk&#8221; nur in seiner Gesamtheit, d.h. als Staat, darüber verfügen. Eine andere Lösung des Problems ist nicht in Sicht, solange das &#8220;Volk&#8221; aus lauter Rechtspersonen besteht, deren Wille jeweils unmittelbar auf das Geld als die allgemeine Ware bezogen bleibt. Da von der Aufhebung weder des Rechtes noch des Geldes die Rede ist, die Angelegenheit der &#8220;Verfügungsgewalt&#8221; vielmehr als die &#8220;Ausdehnung&#8221; der demokratischen Rechte behandelt wird, brauchen wir in Kühnls &#8220;Sozialismus&#8221; nichts anderes zu vermuten als die sattsam bekannte Verstaatlichung der Produktionsmittel. Aber als Staat ist der &#8220;Wille des Volkes&#8221; eben etwas anderes als an dem zugehörigen Warenbesitzer. Es handelt sich zwar um die gleiche, der Wertbeziehung angehörende Form; jedoch gerade als diese Form ist der freie Wille außerstande, die beiden sich zueinander polar verhaltenden Extreme, in die von ihm aus gesehen der gesellschaftliche Zusammenhang zerfällt, konkret miteinander zu vermitteln. Zwichen der einzelnen Ware-Geld-Monade und der staatlichen Gesamtheit dieser Monaden klafft der Abgrund zwischen dem Egoismus und dem Altruismus des Geldinteresses. Den Unterschied zwischen seinem wie er meint &#8220;persönlichen&#8221; Interesse und dem Staat, der ihn dieses in mehr oder weniger engen Grenzen zu verfolgen gestattet, hat aber der Warenbesitzer bisher immer noch zu bemerken vermocht. Da halfen dem Staat auch die allervolksverbundensten Arbeiter- und Bauern-Attribute, die er sich etwa zulegte, nichts. So gut ist der Ware-Geld-Mensch nicht, daß er sich die ihm gegenüberstehende Abstraktion des Allgemeininteresses dauerhaft zu eigen machen könnte. Da hat der durch inzwischen viele Glaubensenttäuschungen geläuterte Alltagsverstand schon recht.</p>
<p>Der Gegensatz zwischen den beiden Abstraktionen des Einzel- und des Allgemeininteresses, in der politischen Phraseologie bekannt als der von &#8220;Freiheit&#8221; und &#8220;Sozialismus&#8221;, wäre nur mit der Warenproduktion überhaupt aufzuheben. Das &#8220;Volk&#8221; müßte nach einem Ausspruch Tocquevilles &#8220;aufhören, Volk zu sein&#8221;. Die Rechtsperson müßte aufhören, sich mit ihrer jeweiligen Ware als mit ihrem &#8220;persönlichen&#8221; Interesse zu identifizieren. Oder noch deutlicher: Der Arbeiter müßte aufhören, Arbeiter zu &#8220;sein&#8221; und das Motiv für sein Denken und Handeln von vornherein, ohne die Dazwischenkunft des Geldes, aus dem produktiven gesellschaftlichen Zusammenhang beziehen, in dem er sich bereits befindet. Dieses dann ausdrücklich gesellschaftlich zu nennende Individuum, das in seiner keinen abstrakten Selbstzweck mehr darstellenden Arbeit auch einmal mit Genuß innehalten könnte, wäre die Aufhebung von Staat, Recht, Ware und Geld. Der Umweg, den der produktive gesellschaftliche Zusammenhang heute noch über die Willens&#8221;eigenschaft&#8221; der Menschen und die Wert&#8221;eigenschaft&#8221; ihrer Gebrauchsgegenstände zu nehmen genötigt ist, wäre beseitigt.</p>
<p>Diese Perspektive verstellt Kühnl sich entgegen der geschichtlichen Tendenz gerade dadurch, daß er, wie oben gezeigt, die von der Tauschbeziehung konstituierten Charaktermasken persönlich nimmt. Die Arbeiterkategorie wird gedanklich ebensowenig überschritten wie die jeden anderen Lohn- und Gehaltsempfängers, und auch der Arbeitgeber fehlt nicht in diesem zukunftsweisenden Konzept. Es ist jetzt der Staat, der, von Kühnl wahrscheinlich Volksstaat oder Arbeiterstaat genannt, den unschätzbaren Vorteil besitzt, daß sich sein nun auch in der &#8220;ökonomischen Sphäre&#8221; tätiges Personal durch demokratische Wahlen legitimieren läßt. Der Einschnitt ist nicht allzu revolutionär. Als unbestechliche Qualitätsprobe bewährt sich nach wie vor der Geldbeutel des Arbeiters bzw. das, was er sich dafür kaufen kann. Ein mächtiger Hebel der Kritik, der, wie die &#8220;Perestroika&#8221; genannte Verlaufsform des ökonomischen Zusammenbruchs der Sowjetunion zeigt, dem Realsozialismus eine glänzende demokratische Perspektive eröffnet.</p>
<p>Kühnl, der mit dem freien Willen kein anderes Problem hat als das seiner demokratischen &#8220;Ausdehnung&#8221; auf &#8220;Wirtschaft und Arbeitswelt&#8221;, ahnt von diesen theoretischen Implikationen natürlich nichts. Was er aber theoretisch nicht weiß, hat er und seinesgleichen dennoch längst zu spüren bekommen. Das moderne Ware-Geld-Individuum schenkt ihm nämlich keinen Glauben mehr. Der Staat hat seine Zauberkraft verloren, indem er zur selbstverständlichen Voraussetzung dieses Individuums geworden ist. Es verdankt sich ja, um dies noch einmal zu erwähnen, selbst dieser Entwicklung. Während die einen freien Willen betätigende Rechtsperson zur gesellschaftlichen Norm wurde, veränderte sich notwendigerweise der Charakter jener Organisationen, die mit ihren politischen Kämpfen dieser Norm zum Durchbruch verholfen haben. Jene milieubildenden Merkmale gesellschaftlicher Rangunterschiede, die einst ihre Gründung veranlaßt hatten, mußten, indem sie von dem einzigen Merkmal des freien und gleichen Willens der Rechtsform überlagert wurden, in den Hintergrund treten bzw. ganz beseitigt werden. Mit der Angleichung auch der verschiedenen Alltagskonventionen (Heller) zu einer einzigen &#8220;industriellen (inzwischen bereits &#8220;postindustriellen&#8221;) Lebenswelt&#8221; blieb von ihrer Raison d&#8217;^tre nur das nackte Geldinteresse ihrer jeweiligen Klientel übrig. Mit diesem Gewinn an Allgemeinverträglichkeit lagert sich die jeweilige Organisation (Gewerkschaft, politische Partei, Verband etc.) gleichsam an die schon vorhandenen Institutionen des vom Absolutismus übernommenen &#8220;Obrigkeitsstaates&#8221; an, wurde selbst als institutionalisierte Lobby, deren Funktionäre jederzeit in die Legislative oder Exekutive hinüberwechseln können, ein integraler Bestandteil des Staatsapparates und verwandelte damit das Interesse ihrer Klientel in einen anerkannten Staatszweck, der, im friedlichen Wettbewerb mit allen anderen &#8220;gesellschaftlichen Gruppen&#8221; stehend, seine routinemäßige Berücksichtigung findet. Die betreffende Klientel ihrerseits verlor damit natürlich ihre klaren Konturen und ihr &#8220;ständisch geprägtes Sozialmilieu&#8221; (Beck), sie mußte sich individualisieren. Keines der modernen Ware-Geld-Individuen hat, wenn es nicht gerade die Aussicht auf eine Funktionärskarriere ist, noch Grund dazu, der betreffenden Partei in besonderer Anhänglichkeit oder Treue verbunden zu sein. Die Rede vom &#8220;Stallgeruch&#8221; ist ihm nahezu unverständlich geworden. Es kann sich leicht außerhalb des ehemaligen Milieus bewegen. So wie es selbst, nur gleichbleibend in seinem Geldinteresse, von einer Funktion in die andere wechseln kann, so schenkt es auch sein mit nurmehr geringer Adhäsionskraft ausgestattetes &#8220;Vertrauen&#8221; abwechselnd dieser oder der anderen &#8220;Volkspartei&#8221; &#8211; oder es versagt sich die Ausübung seiner souveränen Macht, ein Kreuzchen zu malen, gleich ganz. Entscheidend ist in jedem Fall die Kalkulation des eigenen unmittelbaren Geldinteresses.</p>
<p>Dieser nüchtern-kalkulierende Blick des Ware-Geld-Individuums ist es, der sich von der &#8220;Verfügungsgewalt&#8221;, die unser linker Demokrat ihm anpreist, längst schon wieder abgewendet hat. Erstens ist mit der Wertform-Vergesellschaftung die Bedeutung des Staates als allgemeine Voraussetzung gerade auch der stofflichen Reproduktion ohnehin schon ungeheuer gewachsen. Auch in den &#8220;privatkapitalistischen&#8221; Ländern besitzt die Staatsquote an den Investitionen einen Anteil, der sich zwischen 35 (USA) und 60 Prozent (Schweden) bewegt. Und zweitens hat unser linker Demokrat diesem bereits laufenden Projekt nur noch seinen guten Willen hinzuzufügen. Denn wie vermag er sich anders von &#8220;unseren&#8221; volksverbundenen, bierfässeranstechenden Politikern zu unterscheiden als dadurch, daß er uns einen Staatsapparat in Aussicht stellt, der von sich behauptet, &#8220;das Volk selbst&#8221; zu sein und sich an treuer Hingabe für das &#8220;wahre Volksinteresse&#8221; von niemandem übertreffen zu lassen. Das ist ein alter ideologischer Schlager, aber beileibe kein Evergreen. Das abstrakte Individuum, das sich selber kennt, zuckt bei diesen Tönen, sofern es sie überhaupt noch zur Kenntnis nimmt, bloß noch mitleidig mit den Schultern. Solange sich eine &#8220;Volksvertretung&#8221; aufgrund der bekannten Konstellation nicht vermeiden läßt, mutet man sich lieber jene unauffälligen Beamtentypen zu, von denen man wenigstens soviel Besonnenheit erwarten kann, daß sie die üblichen Gemeinwohlfloskeln, denenzufolge sie lauter edelgesinnte Diener der Allgemeinheit sind, nicht auch noch selber glauben. Mit anderen Worten, die &#8220;Verfügungsgewalt des Volkes&#8221;, die Staat, Recht, Ware und Geld unangetastet läßt, hat sich zu einem der vielen ideologischen Splitter verflüchtigt, die heute auf dem Markt der Meinungen gleichberechtigt neben indischer Babymassage feilgeboten werden. Dem abstrakten Individuum, das seinen Erfolg in Geld messen muß, ist der gute Name oder der gute Wille seines Arbeitgebers &#8211; mag er auch &#8220;volkseigener Betrieb&#8221; heißen &#8211; herzlich gleichgültig, Hauptsache die Kasse stimmt. In dieser Hinsicht hat es, seinen eigenen Willen dort einsetzend, wo er hingehört, die Willensillusion unseres linken Demokraten längst hinter sich und in jenem Ghetto gelassen, das sich seither die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; nennt.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a name="FN1" href="#F1">1</a> Reinhard Kühnl, Formen bürgerlicher Herrschaft I: Liberalismus &#8211; Faschismus Reinbek bei Hamburg 1971, 156.-161. Tausend Okt. 1981, S. 75.</p>
<p>Die nachfolgenden Seitenangaben beziehen sich auf diesen Text. R. Kühnl, Marburger Faschismus-Experte, gehört in jenes breite, weit über SPD und DKP hinausgreifende Spektrum von mutigen Ideologen, deren Sozialismus seine bloß moralische Stärke vor allem daraus bezieht, daß er sich mit Inbrunst als Gegner des 1945 militärisch besiegten Faschismus bekennt. Ich benütze ihn hier lediglich als Stichwortgeber. Keinesfalls will ich den EIndruck erwecken, daß er etwa für sich ernstzunehmen oder als eigenständige theoretische Position zu bekämpfen sei. Wie so oft bei vermeintlich theoretischen Texten, die dem Leser keine eigene Denkleistung abverlangen, handelt es sich auch in diesem Fall im wesentlichen um eine idealtypische Erscheinungsform des Alltagsverstandes, dadurch ausgezeichnet, daß sie die vorausgesetzten linken Denkschemata mit fleißig zusammengestellten Zitaten bestätigt. Als Beleg für diese affirmative Funktion könnte man allein schon die von den Kühnlschen Schriften erreichte hohe Auflagenziffer heranziehen.</p>
<p>Daß diese vor allem in den siebziger Jahren modern gewesene Form von Aufmüpfigkeit sich bis in die heute grassierende &#8220;Postmoderne&#8221; hinübergerettet hat, beweisen u.a. die der Zeitschrift &#8220;Konkret&#8221; nahestehenden &#8220;Ökosozialisten&#8221; Ebermann und Trampert. Gegen den längst schon fälligen Durchmarsch der grünen &#8220;Realos&#8221; fiel ihnen noch 1988 kein anderes Hilfsmittel ein als die Wiederholung der altbekannten linken Gemeinplätze, die ihren Dienst übrigens schon gegen den historischen Faschismus versagt hatten: &#8220;Daß das Schicksal von Millionen durch Entscheidungen weniger Kapitaleigner oder -Verwalter bestimmt wird, die über Arbeitslosigkeit und Not verfügen, ohne jede demokratische Eingriffsmöglichkeit der Betroffenen, kommt schlicht nicht vor&#8221;, so lautete ihr Haupteinwand gegen das seinerzeit veröffentlichte &#8220;Manifest grüner Realpolitik&#8221; (Konkret 7/1988, S. 11). Und man darf getrost davon ausgehen, daß sie seither nicht klüger, allenfalls verbitterter geworden sind. Insofern scheint mir die Auseinandersetzung mit dem linken Demokratismus, ungeachtet seiner historischen Angestaubtheit, auch heute noch berechtigt und erforderlich zu sein.</p>
<p><a name="FN2" href="#F2">2</a> Jörg Kammler, Das sozialstaatliche Modell öffentlicher Herrschaft, in: Wolfgang Abendroth,. Kurt Lenk (Hg.), Einführung in die politische Wissenschaft, München 1982 (UTB 35), 1. AUflage 1968, S. 86 &#8211; S. 118, Zitat: S.116.</p>
<p><a name="FN3" href="#F3">3</a> Zit nach: Jacques Droz, Die Wahlrechtsfrage und das preußische Dreiklassenwahlrecht, in: Ernst-Wolfgang Böckenförde (Hg.), Moderne deutsche Verfassungsgeschichte, Köln 1972, S. 195 &#8211; 214, Zitat S. 201.</p>
<p><a name="FN4" href="#F4">4</a> Friedrich Julius Stahl, Revolution und Legetimität, in: Kurt Lenk, Franz Neumann (Hg.), Theorie und Soziologie der politischen Parteien Bd. 1, Darmstadt u. Neuwied 1974 (Luchterhand, Soziologische Texte 88), S. 106 f.</p>
<p><a name="FN5" href="#F5">5</a> Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, S.87, in Marx-Endels Werke Bd. 23 (MEW 23), Berlin 1975 (Dietz Verlag). Die nächstfolgenden Seitenangabe beziehen sich, wo nicht anders angegeben, auf diesen Text.</p>
<p>Die &#8220;abstrakte Arbeit&#8221; setzt wie gesagt &#8220;voneinanderunabhängig betriebene Privatarbeiten&#8221; voraus. Sie wird mit derAufhebung dieser Unabhängigkeit, mit dem Voranschreiten der stofflichen Vergesellschaftung der Produktion, objektiv problematisch &#8211; ein zur kommunistischen Aufhebung der Wertform drängender Prozeß, der ohne die theoretische Kategorie der abstrakten Arbeit als solcher nicht wahrgenommen und formuliert weren kann. Vgl. etwa den Artikel von Robert Kurz, Abstrakte Arbeit und Sozialismus, in Marxistische Kritik 4/1987, S. 57 &#8211; 108, sowie Ernst Lohoff, Die Kategorie der abstrakten Arbeit und ihre historische Entfaltung, in Marxistische Kritik 1/1986, S. 49- 69.</p>
<p><a name="FN6" href="#F6">6</a> MEW 23, S.99</p>
<p><a name="FN7" href="#F7">7</a> Karl Marx, Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 26 f.</p>
<p><a name="FN8" href="#F8">8</a> Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung der Metaphysik der Sitten, I. Kant, Werkausgabe Bd. VII, hrsg von Wilhelm Weischedel, Frankfurt 1974 (stw 56), S. 51</p>
<p><a name="FN9" href="#F9">9</a> Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten, Werkausgabe Bd. VIII, Frankfurt 1982 (stw 190), S. 322.</p>
<p><a name="FN10" href="#F10">10</a> G.W.F. Hegel, Über die wissenschaftlichen Behandlungsarten des Naturrechts, seine Stelle in der praktischen Philosophie und sein Verhältnis zu den positiven Rechtswissenschaften, in G.W.F. Hegel, Werke in zwanzig Bänden Bd. &#8220;, Frankfurt 1980, S. 434 &#8211; 532, Zitat: S. 483.</p>
<p><a name="FN11" href="#F11">11</a> ebd. S. 492.</p>
<p><a name="FN12" href="#F12">12</a> Kant, Metaphysik der Sitten, S. 399 ff.</p>
<p><a name="FN13" href="#F13">13</a> ebd. S. 337 und die im Text genannten nächstfolgenden Seitenangaben</p>
<p><a name="FN14" href="#F14">14</a> Die Herausarbeitung dieses &#8220;äußeren Mein und Dein&#8221; als &#8220;die bloß-rechtliche Verbindung des Willens des Subjekts mit jenem Gegenstand&#8221; (S. 363) ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Kantschen Philosophie. Kant unterscheidet den &#8220;bloß-rechtlichen Besitz&#8221; ausdrücklich vom &#8220;physischen Besitz&#8221; an einer Sache. Nur die letztere Besitzart bedeutet ein stoffliches Verfügen und Umgehen mit dem in Frage stehenden Ding, ein buchstäbliches Handanlegen. Die &#8220;bloß-rechtliche Verbindung&#8221; mit dem Gegenstand existiert dagegen &#8220;unabhängig von dem Verhältnis zu demselben in Raum und in der Zeit, nach dem Begriff eines intelligiblen Besitzes&#8221; (ebs.). Entgegen der landläufigen Vorstellung des Alltagsverstandes handelt es sich bei der rechtsförmigen Willensbeziehung also nicht um ein &#8220;unmittelbares Verhältnis zu einem körperlichen Ding&#8221; (S. 370, Hervorh. Kant), sondern um ein Verhältnis, in dem sich der Privateigentümer gemeinschaftlich mit den anderen Rechtspersonen befindet, um ein gesellschaftliches Verhältnis mit anderen Worten. Der frei über ein Ding verfügende Wille des Privateigentümers ist ein Abkömmling bzw. ein Bestandteil des &#8220;a priori als vereinigt gedachten Willens&#8221; aller Rechtspersonen (S. 380) und sagt über die wirkliche Beziehung zu dem Ding, inwieweit es durch Wissen und Geschicklichkeit beherrscht wird, nichts aus. &#8220;Durch einseitige Willkür kann ich keinen anderen verbinden, sich des Gebrauchs einer Sache zu enthalten, wozu er sonst keine Verbindlichkeit haben würde: also nur durch vereinigte Willkür aller in einem Gesamtbesitz. Sonst müßte ich mir ein Recht in einer Sache so denken: als ob die Sache gegen mich eine Verbindlichkeit hätte, und davon allererst das Recht gegen jeden Besitzer derselben ableiten; welches eine ungereimte Vorstellungsart ist&#8221; (S. 371).</p>
<p>Ich habe in der &#8220;Marxistischen Kritik&#8221; 3/1987 gezeigt, daß Engels die Unterscheidung zwischen dem rechtlichen und dem stofflichen Eigentumsbegriff nicht konsequent durchführt. Ausgerechnet das kapitalistische Privateigentum, das von jedem persönlichen Verfügen über die Produktionsmittel weiter entfernt ist, als es zuvor je ein geschichtlich aufgetretener Privateigentümer von seinem EIgentum war, behandelt er (in der Broschüre: &#8220;Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&#8221;) wie einen ungesellschaftlichen und sogar &#8220;antigesellschaftlichen&#8221; Affront der Wenigen gegen die Vielen. Ich darf den seinerzeitigen Ausführungen jetzt hinzufügen, daß er damit selbst hinter das bereits von Kant erreichte Reflexionsniveau zurückfiel. Ein theoretischer Tribut, den nicht nur Engels, sondern die alte Arbeiterbewegung insgesamt der Tatsache zu zahlen hatte, daß ihre historische Aufgabe noch nicht in der Kritik und nicht mehr in der theoretisch reinen Darstellung der Rechtsform, sondern in ihrer praktischen Durchsetzung bestand.</p>
<p><a name="FN15" href="#F15">15</a> Die &#8220;Herstellung der persönlichen Freiheit der Bauern datiert (nachdem Österreich mit den josephischen Reformen von 1781 ff. vorangegangen war) in Preußen erst von den Jahren 1799 (für die Bauern auf landesherrlichen Grundbesitz) und 1807 (&#8220;Oktober-Edikt&#8221;, das auch den adligen Grundbesitz erfaßte) an. Die &#8220;Umwandlung des vielerlei feudalrechtliche Bindungen unterworfene Grund und Bodens in privates, frei verfügbares Eigentum&#8221; hingegen, erstreckte sich.. allein auf der Ebene der Gesetzgebung über ein halbes Jahrhundert. Die praktische Durchführung und Abwicklung zog sich noch über weitere Jahrzehnte hin und reichte in manchen Fällen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein&#8221; (Rürup, S. 27 ff.). Zum Vergleich: Kants &#8220;Metaphysik der Sitten&#8221; ist zuerst im Jahre 1797 veröffentlicht worden.</p>
<p>Hegel kommentiert diese Entwicklung in seiner 1821 erschienen &#8220;Rechtsphilosophie&#8221; folgendermaßen: &#8220;Es ist wohl anderthalbtausend JAhre, daß die Freiheit der Person durch das Christentum zu erblühen begonnen hat und unter einem übrigens kleinen Teile des Menschengeschlechts allgemeines Prinzip geworden ist. Die Freiheit des Eigentums aber ist seit gestern, kann man sagen, hier und da als Prinzip anerkannt worden. &#8211; Ein Beispiel aus der Weltgeschichte über die Länge der Zeit, die der Geist braucht, in seinem Selbstbewußtsein fortzuschreiten &#8211; und gegen die Ungeduld des Meinens&#8221; (Rechtsphilosophie, S. 133).</p>
<p><a name="FN16" href="#F16">16</a> Jean-Jacques Rousseau gebührt das Verdienst, in seinem 1762 erschienen &#8220;Gesellschaftsvertrag&#8221; den Zusammenhang von Staat, Recht und freiem Willen überhaupt als ein logisches &#8220;System&#8221; konstruiert zu haben. Er ermangelt aber der Kantschen Aprioirimus und behandelt die Willenskategorie ganz im Stil des empiristischen 18. Jahrhunderts als &#8220;natürliche Eigenschaft&#8221; des Menschen, der nach ihrer Vergewaltigung durch die &#8220;Zivilisation&#8221; (= Absolutismus) wieder Anerkennung verschafft werden müsse. Abgesehen von zaghaften Ansätzen wird der staatliche Allgemeinwille (volonte generale) nicht deutlich von den empirisch vorfindlichen &#8220;Willensmeinungen&#8221; der Bürger (volonte de tous) als deren A priori unterschieden, sondern als eine Art Durchschnitt dieser Willensmeinuungen bestimmt (S. 61). Die Existenz des Staates erscheint damit nicht als das Resultat einer objektiven Entwicklung, sondern bleibt als etwas &#8220;Gemachtes&#8221; (Hegel) von diesen &#8211; Stimmungsschwankungen unterworfenen &#8211; &#8220;Willensmeinungen&#8221; abhängig. Wenn diese nicht wenigstens bei den &#8221; wichtigen und ernsten&#8221; Fragen zur Einstimmigkeit gelangen, erschlafft das &#8220;gesellschaftliche Band&#8221; (S. 131); der Staat ist verloren, wenn sich die Bürger in Gleichgültigkeit vom Allgemeinwillen abwenden und nur noch ihren privaten Geschäften nachgehen (S. 122).</p>
<p>Dieses Identischsetzen des staatlichen Allgemeinwillens mit dem Augenblickszustand des Mehrheitswillens hatte sich spätestens in der Französischen Revolution ad absurdum geführt. Robespierre, glühender Anhänger Rousseaus, mußte dies am eigenen Kopf, der 1794 fiel, erfahren. Was freilich nicht hinderte, daß der Rousseauismus, u.a. auch unter dem Namen Leninismus, auf der Grundlage entsprechend gering entwickelter Gesellschaftszustände bis ins 2O. Jahrhundert hinein virulent blieb. (Seitenangaben nach: Jean Jacques Rousseau, der Gesellschaftsvertrag*/Rest fehlt!//</p>
<p>Nebenbei gesagt, ist der Empirismus, der jede Art von Zusammenhang nur als das äußerliche und mechanische Aufeinanderwirken von lauter für sich seienden Dingen und Eigenschaften zu fassen vermag, natürlich auch in den Naturwissenschaften, deren Gegenstand objektiv ein konkretes Ganzes ist, unhaltbar. Schon die Distinktion von &#8220;Natur&#8221; und &#8220;Gesellschaft&#8221; ist, wenn sie substantiell durchgeführt wird, eigentlich eine theoretische Barbarei.</p>
<p><a name="FN17" href="#F17">17</a> Hegel Bd. 2, S. 518.</p>
<p><a name="FN18" href="#F18">18</a> vgl. Hegel, Rechtsphilosophie</p>
<p><a name="FN19" href="#F19">19</a> Ebd. S.474 ff.</p>
<p><a name="FN20" href="#F20">20</a> Ebd. S. 403.</p>
<p><a name="FN21" href="#F21">21</a> Einen mir bekannten neueren Versuch, Hegel für die Naturwissenschaft wiederzubeleben, stellt dar: Robert Havemann, Dialektik ohne Dogma? Naturwissenschaft und Weltanschauung, Reinbek bei Hamburg 1964 (rororo aktuell 683).</p>
<p><a name="FN22" href="#F22">22</a> Rechtsphilosophie, S. 301.</p>
<p><a name="FN23" href="#F23">23</a> Karl MArx/ Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 33</p>
<p><a name="FN24" href="#F24">24</a> Rechtsphilosophie, S. 26 f.</p>
<p><a name="FN25" href="#F25">25</a> sinngemäß nach Kapital Bd. 1, MEW 23, S. 27.</p>
<p><a name="FN26" href="#F26">26</a> Daß auch der moderne Irrationalismus ein Kind des &#8220;rationalen Diskurses&#8221; der Aufklärung ist, bemüht sich neuerdings zu zeigen: Panajotis Kondylis, Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, München (dtv4450). Daß solche Antinomien im Rahmen wie die von &#8220;Denken&#8221; und &#8220;Fühlen&#8221; bzw. &#8220;Kopf&#8221; und &#8220;Bauch&#8221;, um es zeitgemäß auszudrücken, von der gleichen Sorte abstrakten Verstandes erzeugt sind, ungeachtet, welcher von beiden Bestimmungen er sich jeweils zuneigt, hat freilich lange vorher schon Hegel gewußt. Vgl. etwa: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaft Bd. I, S. 42 (Theorie Werkausgabe Suhrkamp Bd. 8, Frankfurt 1983).</p>
<p><a name="FN27" href="#F27">27</a> MEW 23, S. 107.</p>
<p><a name="FN28" href="#F28">28</a> Es ist dies, daß das Nahe und Allgegenwärtige eben deshalb nicht wahrgenommen werden kann, ein Grundgedanke der Philosophie von Ernst Bloch, den dieser leider nicht konsequent bis zur Kritik der Wertform, die ja speziell das Gleichheits- und Gerechtigkeitsdenken der Aufklärung regiert, hat vorantreiben können.</p>
<p><a name="FN29" href="#F29">29</a> MEW 3, S. 64.</p>
<p><a name="FN30" href="#F30">30</a> Als eines der Kennzeichen der &#8220;neuen sozialen Bewegungen&#8221; hat dies E. Lohoff sehr anschaulich herausgearbeitet in dem Artikel: Die Privatisierung des Politischen oder: Neue soziale Bewegungen und abstraktes Individuum. Marxistische Kritik Nr. 4/87, S. 31-56.</p>
<p><a name="FN31" href="#F31">31</a> MEW 3, S. 75.</p>
<p><a name="FN32" href="#F32">32</a> Ich verweise auf die in jüngster zeit breit durch die Medien gezerrte Prostituierten-Selbsthilfeorganisation &#8220;Kassandra&#8221;, deren Talkshow-Attraktivität als Symptom dafür gelten kann, daß die vormals ständisch gegliederte Gesellschaft ihre letzten diesbezüglichen Vorurteile gegenüber den &#8220;unterständischen&#8221; Gewerben verloren und sich damit in die freilich nur formale Gemeinsamkeit aller Ware-Geld-Monaden aufgelöst hat.</p>
<p>In diesem Zusammenhang dürfen auch die &#8220;Penner und Tippelbrüder&#8221; nicht vergessen werden. Ebenso &#8220;wertneutral&#8221; wie es dem demokratischen Pluralismus gemäß ist, haben sie damit begonnen, sich als Lobby zu formieren, die für sich das gleiche Recht reklamiert, das auch alle anderen sozialen Erscheinungsformen des Wertes für sich in Anspruch nehmen (müssen): Die &#8220;Berber-Briefe &#8211; Eine Zeitung für alle, die auf der Straße leben&#8221; kümmern sich um ein verbessertes &#8220;Pennerbild&#8221; ventilieren Fragen wie das &#8220;höchstrichterlich bestätigte Recht jedes Nichtseßhaften auf einen täglichen Sozialhilfesatz von 13 Mark&#8221; und bemängeln, daß von einem &#8220;flächendeckenden Netz der Hilfsangebote für Nichtseßhafte&#8221; keine Rede sein könne. Offensichtlich haben sie entdeckt, daß auch sie marktkonforme Subjekte sind, die auf eine Nachfrage stoßen: nämlich auf die nach rechtlich einwandfrei definierten Objekten der Mitmenschlichkeit, die in Gestalt der diversen Wohlfahrtsverbände und ihres sozialtherapeutischen Personals schließlich befriedigt werden will. (Vgl. Nünberger Nachrichten vom 1.7.88, S. 22 &#8220;Münchens &#8216;Berber` haben eine eigene Zeitung&#8221; und taz vom 4.1.89, S. 13: &#8220;Handgeschrieben der &#8216;Berber-Brief`, eine Zeitung der Nichtseßhaften.)</p>
<p><a name="FN33" href="#F33">33</a> &#8216;Macht und Geist: EIn deutsches Indianerspiel`, in: &#8216;Die Zeit`, Hamburg, 8.4.1988, S. 52.</p>
<p><a name="FN34" href="#F34">34</a> Nürnberger Nachrichten vom 19.9.1988.</p>
<p>Zu dem Verdikt von Tocqueville vgl.: Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, München 1984 (dtv 2135), 1. Band von 1835, II. Teil, Kap. 7: Über die Allmacht der Mehrheit in den Vereinigten Staaten und über ihre Wirkungen, S. 284 ff.</p>
<p><a name="FN35" href="#F35">35</a> Diese &#8220;Kraftlosigkeit&#8221; äußert sich in der politischen Sphäre schon seit einiger Zeit in dem Problem, das die demokratischen Parteien mit der &#8220;Zuverlässigkeit&#8221; ihres &#8220;Wählerpotentials&#8221; haben. Die Rede von der &#8220;nachlassenden Integrationskraft der Parteien&#8221;, von der &#8220;Krise des Parteienstaats&#8221; gehört nachgerade zur täglichen Übung der Zeitungsschreiber und Politologen. Sorgfältig werden die entsprechenden Erscheinungen wie das &#8220;Ausfransen der Ränder&#8221;, die Zunahme der &#8220;Wechselwähler&#8221;, &#8220;Denkzettelverpasser&#8221; und &#8220;Stimmenthalter&#8221; regestriert und zum berufsmäßigen Stirnrunzeln verwendet. Vor jedem Bäumchen des von grün bis braun in allen matten Farben schimmernden Spektrums steht eine Meute des fleißigen Wauwaus des Zeitgeistes und gibt, aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd, Laut. Natürlich wissen sie nicht zu sagen, welcher Wald das ist, in dem sie bellen &#8211; die Krise des Werts ist ein gar zu unanschaulicher Begriff &#8211; , aber daß sich überhaupt etwas verändert und ihnen Sorge bereitend entwickelt, merken sie doch.</p>
<p><a name="FN36" href="#F36">36</a> Dieses Zähneknirschen ist der einzig mildernde Umstand, den man der von gewissen Enkeln der &#8220;kritischen Theorie&#8221; in dieser Frage an den Tag gelegten Begriffslosigkeit zugutehalten kann. Befangen in der Konstellation des Aufklärungsdenkens, bei dem es sich immer um das &#8220;Verwirklichen&#8221; von dementsprechend nicht zur Wirklichkeit gerechneten Idealen und Prinzipien handelt, bemessen sie die Chancen des Sozialismus nach der Intensität, mit welcher er als ein zu &#8220;verwirklichendes&#8221; Ziel &#8220;gewollt&#8221; wird. Mit dem Mattwerden dieses Willens, wie er für die alte, nur an Glaubensstärke reiche Arbeiterbewegung kennzeichnend war, geht ihnen dann auch die Art &#8220;historisches Subjekt&#8221; verloren, die sie zur Vollbringung des idealen Werkes für erforderlich halten. Anstatt die Willenskategorie und das ihr gemäße Verhalten zur Wirklichkeit als zu einer Ansammlung von &#8220;Gegenständen&#8221; selber noch als ein Moment des wertkonstituierten Bewußtseins zu begreifen, richten sie sie auf jenen &#8220;Gegenstand&#8221;, der eine geschichtliche Epoche bzw. eine Geschichtsformation eben niemals sein kann. */grammatikalischer Bezug ist mir unklar//Zur näheren Qualifizierung dieses &#8220;Gegenstandes&#8221;, als welcher Kapitalismus und Sozialismus jeweils behandelt werden, verwendet Wolfgang Pohrt, namhafter Vertreter dieser Richtung, zu allem Überfluß auch noch die philosophischen Ausdrücke der &#8220;Vernunft&#8221; und &#8220;Unvernunft&#8221;, um damit elegant von der &#8220;Logik des Kapitals&#8221; zur &#8220;Logik der Geschichte&#8221; hinüberzugleiten.</p>
<p>Da die aufklärerische &#8220;Vernunft&#8221; nicht etwa die &#8220;absolute Vernunft&#8221; Hegels für ein bestimmtes, über allen Werturteilen stehendes theoretisches Reflexionsniveau steht, sondern die Bedeutung von etwas an und für sich Gutem und Schönem besitzt, kann ein Revolutionär aus der Familie der &#8220;kritischen Theorie&#8221; sie dem Kapitalismus, der ja wegen seiner &#8220;Unvernunft&#8221; bekämpft werden muß, natürlich nicht konzedieren. Immerhin ist Pohrt konsequent genug, die Aporie zu bemerken die er sich mit seiner &#8220;Vernunft&#8221;, die unter der Voraussetzung &#8220;unvernünftiger&#8221; Verhältnisse erst noch &#8220;gewollt&#8221; werden muß, einhandelt: &#8220;Es bleibt bei der Konstitution der Menschheit zum historischen Subjekt unter Verhältnissen, die dies eigentlich nicht erlauben, also unter allen Verhältnissen, unter denen Revolution erforderlich ist &#8211; stets ein irrationales Restchen stehen, die freie, und das heißt: nicht am Schreibtisch prognostizierte Übereinkunft der Betroffenen nämlich, deren spontaner Wille (S. 13).</p>
<p>Das &#8220;irrationale Restchen&#8221;, das Pohrt im &#8220;revolutionären Willen&#8221; walten sieht, ergibt sich natürlich logisch aus seinem Vernunftbegriff, den er (wie Herbert Marcuse und die anderen Gevatter der kritischen Theorie übrigens auch) nur zur Formulierung des geschichtlichen &#8220;Telos&#8221; in Verwendung hat, nicht zum Begreifen der auch die Willenskategorie umfassenden Gegenwart. Ich anerkenne dies &#8220;irrationale Restchen&#8221; als einen Anflug von Selbstkritik: der bürgerliche Vernunftbegriff zeigt darin sein Ungenügen, erhebe aber Einspruch gegen die Verkleinerungsform. In Wahrheit ist nämlich dieses geschichtsphilosophische Gestammel, bei dem es sich schließlich herausstellt, daß so um das Jahr 1870 herum die Marxsche Theorie ihre Chance zur &#8220;Verwirklichung&#8221; gehabt habe, theoretisch der schiere Blödsinn und als weiteres Treten der Aufklärungsmühle seiner ideologischen Funktion nach reaktionär. Einzig der (für kritische Theoretiker allerdings obligatorische) bittere und sarkastische Tonfall, in dem hier das bekannte, mit einem feierlichen &#8220;Trotz alledem&#8221; ausklingenden Lied von der &#8220;Krise des Marxismus&#8221; vorgetragen wird, gestattet es uns, auf einen im bürgerlichen Sinn &#8220;anständigen Charakter&#8221; zu schließen. Vgl. Wolfgang Pohrt, Vernunft und Geschichte bei Marx, in Krise und Kritik. Zur Aktualität der Marxschen Theorie, hrsg. von Gerhard Schweppenhäuser u.a., Lüneburg 1983 (Dietrich zu Klampen), S. 5-14.</p>
<p><a name="FN37" href="#F37">37</a> MEW 23, S. 95.</p>
<p><a name="FN38" href="#F38">38</a> Seinem Begriff nach ist das Proletariat eigentumslos, eine Bestimmung, die in der ständischen Gesellschaft nahezu mit Rechtlosigkeit gleichbedeutend war. Die Schwierigkeit, die sich für die bürgerliche Rechtstheorie aus dieser Situation ergab, führt Kant sehr anschaulich in den Verrenkungen vor, mit denen er das im &#8220;Hauswesen&#8221; geltende &#8220;auf persönliche Art dingliche Recht&#8221; abhandelt. Vom &#8220;Hausherrn&#8221; aus gesehen, handelt es sich dabei neben dem &#8220;Erwerb&#8221; des Weibes und der Kinder um den des &#8220;Gesindes&#8221;. Einerseits ist es &#8220;nicht ein bloßes Recht gegen eine Person, sondern auch ein Besitz derselben&#8221; (S. 389) &#8220;gleich als nach einem Sachenrecht&#8221; (S. 396), andererseits soll aber dieser Zustand hinwiederum &#8220;nur durch Vertrag&#8221; (S. 396) hergestellt werden können, wozu aufseiten der Dienerschaft ein Minimum von rechtlicher Unabhängigkeit erforderlich ist. (Vgl. &#8220;Metaphysik der Sitten&#8221; a.a.O. S.388 &#8211; 397)</p>
<p>Angesichts dieser Situation konnte in den Anfängen der Arbeiterbewegung leicht die Vorstellung entstehen, daß der ähnlich gering wie das Gesinde geachtete Lohnarbeiter in die bürgerliche Gesellschaft nicht integrierbar sein würde und keine positive Identifikationsmöglichkeit mit seinem vom &#8220;bürgerlichen Recht&#8221; diskriminierten Dasein besitze.</p>
<p>Das bürgerliche Recht ist aber seiner formalen Logik antiständisch ausgerichtet und besitzt deshalb politisch, wie seinerzeit (1796) schon F. Schlegel gegen Kant geltend gemacht hat, die Tendenz zum Demokratismus. Bei der &#8220;klassenkämpferischen&#8221; Durchsetzung dieser Tendenz entstand dann sehr leicht jene optische Täuschung, durch welche die Beseitigung der ständischen Übel, weil sie mit dem &#8220;bürgerlichen Eigentum&#8221; a la Kant assoziiert zu werden pflegten, als antibürgerliche Errungenschaft zur &#8220;proletarische Identität&#8221; beitragen konnte. Bürgerlich ist aber gerade die Rechtsform und der durch nichts als seinen freien und gleichen Willen definierte, rechtsförmige Eigentümer, der sich, am Ende der Entwicklung reichlich vorhanden, ein anderes als das rechtsförmige Eigentum, das es aber gleichwohl immer schon gibt, gar nicht mehr vorstellen kann.</p>
<p><a name="FN39" href="#F39">39</a> Vgl. Dieter Groh, Negative Integration und revolutionärer Attentismus &#8211; Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges, Frankfurt/M 1973 (Ullstein)</p>
<p><a name="FN40" href="#F40">40</a> Daß mit dem &#8220;Wachstum des Systems des Besitzes&#8221; auch der &#8220;Aufwand des Staates&#8221; zunimmt &#8211; wenn auch &#8220;mehr bewußtlos und in der Gestalt einer äußeren Naturnotwendigkeit, der er überhoben zu sein sich selbst wünschte&#8221; &#8211; wußte schon Hegel. Ebenso geläufig war ihm auch schon die naive, zu seiner Zeit aber noch verzeihliche Absicht, daß diese Staatstätigkeit einen Gegensatz zum Privateigentum darstelle und mit &#8220;steigenden Auflagen&#8221; auf eine &#8220;Verminderung des Besitzes und Erschwerung des Erwerbs&#8221; hianuslaufe. Vgl. a.a.O. Bd. 2, S. 483. Die Spießer-Alternative von &#8220;Freiheit oder Sozialismus&#8221; ist hier also bereits angelegt.</p>
<p><a name="FN41" href="#F41">41</a> Zur ideologischen Bedeutung des Keynesianismus vgl. den in MK 6/89 erschienen Artikel von E. Lohoff: &#8220;Staatskonsum und Staatsbankrott&#8221;.</p>
<p><a name="FN42" href="#F42">42</a> Seit der Aufklärung, zu der man als Vorform vielleicht bereits die Reformation rechnen sollte, verständigen sich die Menschen über ihre gesellschaftlichen Interessen mit Hilfe jener Prinzipien von Freiheit und Gleichheit, zu denen ihnen der unbegriffene Prozeß ihrer wertförmigen Vergesellschaftung gerinnen mußte. Seitdem hat jede der nacheinander auf die historische Bühne getretenen Bewegungen das gleiche Schauspiel geboten, ideologisch mit zunehmenden Erfolg von der opferfreudigen &#8220;Prinzipientreue&#8221; zum gänzlich unheroischen &#8220;Machbarkeitspragmatismus&#8221; zu degenerieren.</p>
<p><a name="FN43" href="#F43">43</a> Zit. nach Thomas Mann, Betrachtungen eines Unpolitischen, Frankfurt/M. 1988 (Fischer Taschenbuch 9108, S. 79 und S. 227 &#8211; 239.</p>
<p><a name="FN44" href="#F44">44</a> Dies gilt durchaus auch für die neuerdings erfolgreiche Protestpartei der Republikaner, allem Entsetzen zum Trotz, das der linke Demokrat sofort pflichtgemäß absolvierte. Sie konnte erst dadurch salonfähig werden, daß sie die Ausländer-raus-Parole der Pissoirs und Stammtische in die &#8220;anständige&#8221; Version der &#8220;humanitären Rückführung in die Heimatländer&#8221; transformierte. Der Parteivorsitzende Schönhuber nennt den von ihm angebotenen Patriotismus denn auch zu Recht einen im Vergleich zum Nationalsozialismus &#8220;demokratisch geläuterten&#8221;.</p>
<p>Bei der komplemantären Erscheinung der Grünen (ihr Wählerpotential ist vornehmlich sozialtherapeuthisch engagiert und betreut in dieser Funktion das der Republikaner), die ohnehin die Partei des sanft-vibrierenden und um Versöhnung betenden Timbres sind, bedarf es eines solchen Hinweises ungeachtet aller Flügelkämpfe, bei denen dieDrohung mit dem Parteiaustritt (und nicht etwa -rausschmiss) die schärfste Waffe zu sein scheint, ohnehin nicht.</p>
<p><a name="FN45" href="#F45">45</a> Die Modernität zeigt sich z.B. daran, daß seine begriffslose Qualifizierung als &#8220;Obrigkeitsstaat&#8221; heute als ein wenn auch hilfloses Schimpfwort dienen kann.</p>
<p><a name="FN46" href="#F46">46</a> R. Kühnl, Das liberale Modell öffentlicher Herrschaft, in: Einführung.. (wie Anm. 2), S. 82.</p>
<p><a name="FN47" href="#F47">47</a> ebd.</p>
<p><a name="F48"></a><a href="#FN48">48</a> J. Habermas, weit davon entfernt, in der Rechtsform einen Gegner zu sehen, ist immerhin dazu in der Lage, diesen Prozeß der Verrechtlichung als solchen wahrzunehmen. Er beschreibt die öffentlichen Eingriff in ehemals ausschließlich privatrechtliche Vertragsbeziehungen, wie sie sich u.a. in der &#8220;zunehmenden Standardisierung der Vertragsverhältnisse&#8221; äußern, zutreffend als Versuch, &#8220;die Rechtsbeziehungen sozialtypisch auszugleichen&#8221; (S. 182). Durch die &#8220;Enführung sogenannter sozialrechtlicher Normen&#8221; werde &#8220;die formale Vertragsgleichheit der Partner in typischen sozialen Situationen (als Beispiel dienen die &#8220;Kollektivverträge&#8221; im Arbeitsrecht, das Mietrecht; Betriebsverfassungs-, Wohnsiedlungs- und Familienrecht) wiederhergestellt&#8221; (S. 181). Abgesehen von der verkehrten Optik, bei der sich die Entwicklung als &#8220;Wiederherstellung&#8221; eines nie existiert ahbenden Zustands tdealtypischer &#8220;Vertragsgleichheit&#8221; darstellt, befindet sich diese Position sicher näher an der Wahrheit als die von Kühnl. Mit ihr hätte sich Kühnl zumindest auseinandersetzen müssen. Vgl. Jürgen Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, Darmstadt u. Neuwied 1983 (1. Auflage 1962), 16: Tendenzielle Verschränkung der öffentlichen Sphäre mit dem privaten Bereich, S. 172-183.</p>
<p><a name="FN49" href="#F49">49</a> Daß &#8220;der Kampf zwischen den Klassen um zwei verschiedene Rechtsauffassungen gehe&#8221;, ist eine geläufige Vorstellung in der alten Arbeiterbewegung. &#8220;Nur wenn die Klassen engegengesetzte Rechtsauffassungen entwickelt hätten, könne man sagen, &#8216;daß die Klassen für sich existieren`und daß der Klassenkampf politisch sei&#8221; (S. 255f.). Es handelt sich hierbei um die Referierung von Gedanken Georges Sorels, der, zuletzt dem italienischen Faschismus nahestand, &#8220;Mitte der neunziger Jahre (des letzten Jahrhunderts) &#8230; als einer der führenden Sprecher des Marxismus in Frankreich gelten konnte (S. 245). Vgl. Bo Gustafsson, Marxismus und Revisionismus Teil 1, Frankfurt/M. 1972 (EVA).</p>
<p><a name="FN50" href="#F50">50</a> Heute noch mit dieser Position aufzuwarten, und sei es auch nur andeutungsweise, kann nur noch peinlich sein.</p>
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		<title>Die Wechseljahre der Republik</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1989 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
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		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 7 (1989)]]></category>

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		<description><![CDATA[Über die Volksparteien und ihre ungeliebten Kinder]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Über die Volksparteien und ihre ungeliebten Kinder</strong></p>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>&#8220;Die Gemeinschaft der Demokraten&#8221; hat Zuwachs bekommen. 40 Jahre nach Gründung der Republik erweist sich ihr Schoss als noch immer fruchtbar. Die demokratische Familienplanung hat abermals versagt und die bundesdeutsche Demokratie läuft trotz 5% Klausel auf ihre alten Tage noch Gefahr, auf den Status einer kinderreichen Familie herabzusinken.</p>
<p><span id="more-288"></span>Fast 10 Jahre nach der glücklichen Geburt der &#8220;Grünen&#8221; wird auch das verblasste Gespenst von Kreuth, allerdings unter gänzlich anderen Vorzeichen als sie sein mittlerweile verblichener Schöpfer im Auge gehabt hatte, zur Realität. Mutter Demokratie bringt wirklich einen weiteren, diesmal rechten Spross zur Welt. Mit diesem glücklichen Ereignis können sich ihre übrigen Kinder allerdings nur bedingt anfreunden. Die anderen demokratischen Parteien begrüssen den Nachzügler keineswegs freudestrahlend, sondern schwelgen stattdessen vorzugsweise in Abtreibungshantasien. Selbst die Hardcorefraktion der CDU-CSU wäre in diesem speziellen Fall für eine ausgesprochen liberale Interpretation des § 218 zu gewinnen, eine, die den postnatalen Schwangerschaftsabbruch als zulässige Option mit einschliesst. Trotzdem, die Republik, ob sie will oder nicht, sie hat jetzt ihre Republikaner, und weder der Unwille der unfreiwilligen Geschwister, noch deren stille Hoffnung, das Berliner Wahldebakel könne eine Eintagsfliege bleiben, werden diesen peinlichen fait accompli ungeschehen machen.</p>
<p>Die Reaktion der Restdemokraten auf die sich abzeichnende Veränderung der bundesdeutschen Parteienlandschaft schwanken zwischen schierer Leugnung, Hysterie und gereizter Verstimmung gegenüber dem abtrünnigen Wahlvolk. Die letzte Variante ist vielleicht nicht die dominierende, aber sicher die amüsanteste, und sie schwingt in den Äusserungen der erstaunten Politiker allenthalben mit. Heiner Geissler etwa springt die Empörung darüber, dass &#8220;seine Wähler&#8221; scharenweise auf Abwege geraten sind und fremdgehen, schier aus dem Gesicht. Er möchte dem Wahlvolk den Umgang mit den neuen Schmudellkindern der Demokratie am liebsten rigoros verbieten und lädt seine sozialdemokratischen, liberalen und zur Not auch grünen Kollegen zur kollektiven Standpauke: &#8220;Wir müssen dem deutschen Volk klarmachen, dass anständige Leute solche Rattenfänger nicht wählen können,&#8221; <a name="F1"></a><a href="#FN1">1</a> tönt es da reichlich angesäuert aus seinem Munde.</p>
<p>Die unwillige bis allergische Reaktion von Parteipolitikern und Freizeitdemokraten auf das Auftauchen der Republikaner lässt sich nicht auf blossen natürlichen Geschwisterneid reduzieren. Es geht um mehr als den wachsenden Konkurrenzdruck an den parlamentarischen Futtertrögen. Ein Blick in die Wiege kann das nackte Entsetzen, das alle gelernten Demokraten des Landes umtreibt, wenn nicht rechtfertigen, so doch erklären. Das neue Brüderchen ist nicht nur neu, es ist ausserdem noch ausgesprochen hässlich und unerfreulich. Das höhere Risiko, das Spätgebärende mit einer Schwangerschaft nun einmal eingehen, hat sich fatal verifiziert. Die mangelnde Begeisterung, die dem neuen Spross entgegenschlägt, die Abgrenzungs- und Distanzierungsraserei entspricht diesem traurigen Umstand. Der missgebildete Zuwachs wird als Fremdkörper im Kreise der Familie empfunden, aus der familiären Identität ausgegrenzt und von der Aussenwelt so gut es geht abgeschirmt. Die Republikaner werden dem Ideal demokratischer Tugendhaftigkeit nie zu besonderer Zier gereichen, deshalb muss sie der ideelle Gesamtdemokrat exkommunizieren und als Undemokraten entlarven. Die Familie weiss den schweren Schicksalsschlag als Makel und will mit dem missratenen Etwas nicht weiter in Verbindung gebracht werden. Diese irrationale Abwehrhaltung, auf die wir bei Familien, die plötzlich mit der Geburt eines behinderten Kindes konfrontiert werden, häufig finden, ist in unserem Fall funktional ja notwendig um das demokratische Selbstverständnis auf rechterhalten zu können. Sie entspringt der dunklen, aber nie zugelassenen Ahnung, dass es sich bei den Republikanern und ähnlichen Gruppierungen um Fleisch vom eigenen Fleisch handelt. In diesem Sinne entbehrt die herrschende Demokratenhysterie nicht der inneren Konsistenz und Folgerichtigkeit. Die Abwehr der dunklen Seite des demokratischen Bewusstseins über Bord zu werfen, hiesse, den ganzen stolzen Demokraten hinter sich zu lassen, uns so müssen wir mit einem zähen Fortleben der akuten demokratisch-antifaschistischen Entwirklichungsrituale rechnen. Denn bei den Defekten unseres Neugeborenen handelt es sich nicht um unverschuldete Mängel, um den plötzlichen Einbruch eines demokratiefremden Prinzips, mit dem die demokratische Unschuld aus heiterem Himmel konfrontiert wird wie ein kleines Mädchen mit dem Genital des Exhibitionisten, sondern um die folgerichtige Konsequenz der Entwicklung der deutschen Demokratie. Die Demokratie, die auf ihren Begriff und damit zu sich selbst kommt, produziert notwendig das was die linken Demokraten am allerwenigsten wollen: rechtspopulistische Strömungen. <a name="F2"></a><a href="#FN2">2</a> Die &#8220;neue Rechte&#8221; verdankt ihre Siege nicht vordemokratischem, faschistoidem Bodensatz, der sich demokratischer Durchdringung bis heute gesperrt hat, ihre Herausbildung lebt im Gegenteil vom völligen Sieg und schliesslich Ausbrennen der demokratischen Logik.</p>
<p>Dieser Gedanke bedarf natürlich näherer Erläuterung. Die Verknüpfung des hehren Wertes Demokratie und seiner Verwirklichung gerade mit den Schattenseiten der bürgerlichen Gesellschaft schlägt den gewohnten Denkfiguren der durch und durch demokratischen Linken allzusehr ins Gesicht, um per se einsichtig zu sein und als akkzeptabel zu erscheinen. Der herrschende Alltagsverstand hat keinen anderen Begriff im politischen Wortschatz so einhellig positiv besetzt wie Demokratie und Demokrat. Alle Fraktionen des politischen Spektrums, von rechts- bis linksaussen wetteifern geschlossen miteinander um diesen Ehrenpreis und keiner von ihnen würde je freiwillig auf den Titel Demokrat verzichten, am allerwenigsten die versammelte Linke. Die schlimmste Diffarmierungswaffe, mit der hierzulande der politische Gegner überhaupt traktiert werden kann, ist der Ausschluss aus der Gemeinsamkeit der Demokraten. Die Springerpresse hatte als stärksten ideologischen Holzhammer im kalten Krieg Anführungsstriche für die &#8220;Deutsche Demokratische Republik&#8221; bereit, und die Linke hat ihrer Lebtage zäh daran gearbeitet, sich als die besseren und &#8220;wahren&#8221; Demokraten zu erweisen. <a name="F3"></a><a href="#FN3">3</a> Daher kann der pejorative Beigeschmack mit dem wir hier das Wort Demokratie verwenden den landläufigen naiven und demokratischen Antifaschismus nur verblüffen und muss ihm als obskure Verrücktheit übel aufstossen.</p>
<p>Allein, so ungewohnt die Kritik der Demokratie auch klingen mag, sie hängt nicht in der Luft, sondern will nur transparent machen, was die wirkliche Entwicklung, vollkommen bewusstlos allerdings, längst schon vorgezeichnet hat. Die Allgemeinheit, die das demokratische Credo heute erlangt hat, kontrastiert mit einer tiefen inneren Schwäche. Die Spannkraft des demokratischen Gedankens lässt sichtbar nach, und die platte Erfahrung muss den überzeugten Anhänger der Volksherrschaft tagtäglich frustrieren. Gegenüber den drängenden Problemen unserer Zeit hat die Demokratie jede mobilisierende Kraft eingebüsst, sie hat sich quasi zu Tode gesiegt. Jeder Versuch, die realen Widersprüche der Gegenwart mit der altbekannten Demokratenmelodie: &#8220;Ausschluss vom demokratischen Entscheidungsprozess&#8221; zu intonieren, bringt nur peinliche Dissonanzen hervor. Alles, was dem linken Demokraten hierzulande als Fehlentwicklungen aufstossen muss, (von der Umweltzerstörung bis zum Ausländerhass) kann nur mit schwerfälliger Akrobatik zum Verstoss gegen die hehren demokratischen Grundsätze umgebogen werden. Der überzeugte Demokrat muss schon beide Augen gewaltsam zupressen, um nicht wahrzunehmen, dass realiter alle von ihm angeprangerten Missstände gerade im ihm umgebenden demokratischen Klima treibhausmässig gedeihen. Im selben Masse, wie die Demokratie allseits als Universalschlüssel anerkannt wurde, öffnet dieser Passepartout kein Schloss mehr. Dem staats- und parteienverdrossenen kleinen Mann ist diese allgemeine Versumpfung, die alle Facetten der demokratischen Bewegung letztendlich erfasst, dumpf bewusst. Mit ihren vordemokratischen Gegnern sind auch die Massen verschwunden, die für das demokratische Programm in die Schlacht ziehen würden, und die linken demokratischen Reformer und &#8220;Revolutionäre&#8221; leiden gar schrecklich unter diesem schnöden Umstand <a name="F4"></a><a href="#FN4">4</a>. Der Gegensatz von zu verwirklichenden demokratischen Idealen und Prinzipien und nur unzureichender Umsetzung derselben, auf dem die Linke seit Jahr und Tag herumreitet, klingt zusehens abgestanden und unglaubwürdig. Denn während der Kampf für Demokratisierung einst noch auf breite Bevölkerungsgruppen zielte und das Anliegen der Mehrheit war, sind den grossen linken Demokratisierungsstrategen heute nur noch Randgruppen geblieben, denen der Zugang zum demokratischen Reich der Glückseligkeit bislang versperrt geblieben ist. Die Suche nach den noch zu erlösenden Prinzessinnen wird mühesam. Die grosse Demokratisierungsgeste wird bestenfalls noch in Asylantenwohnheimen, auf dem Strich, in Kindergärten und psychiatrischen Klinken sowie auf U-bahnschächten fündig, wo sie mit der Heilsarmee um deren Klientel konkurrieren kann. Zu einer &#8220;Mehrheitsbewegung&#8221; wird die Demokratie nur noch, wenn sie den engen Rahmen der menschlichen spezies hinter sich lässt und sich stellvertretend auch noch auf das gequälte Tierreich wirft. Alle anderen haben ihre Verwandlung in gleichberechtigte, freie Staatsbürger nicht mehr vor, sondern längst hinter sich. Die demokratischen Denkfiguren tragen bestenfalls noch zur Belustigung bei, keinesfalls können sie mehr die Wirklichkeit erklären oder ernsthaft als Banner dienen. Das desinteressierte, apathisch bis gereizte Volksempfinden reflektiert das bewusstlos. Es zeigt an, wie vermodert und unhaltbar die 200-jährigen Ideale der Französischen Revolution geworden sind. Im müden, desillusionierten Umgang der Bundesbürger mit den sich häufenden Skandalen zeigt sich drastisch die Kraft- und Saftlosigkeit der demokratischen Prinzipien. Das demokratische Sollen lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor, und zur aktiven Verteidigung dieses kategorischen Imperativs tritt nurmehr ein Häuflein linker Moralisten an und jene Sorte von Publizisten, die sich mit hübschen Skandalgeschichten nun einmal ihr Geld sauer verdienen müssen. Das Volk, als amtsmüder Souverän, registriert mehr oder minder abgestumpft bis gelangweilt die allwöchentliche Aufdeckung neuer, gravierender Skandale. Der grosse Aufschrei fällt ersatzlos aus oder bleibt im Halse stecken, und die amtierende Bundesregierung wundert sich klammheimlich selber darüber, wie unbeschadet sie die Serie katastrophaler Pannen überstehen konnte, mit der sie die letzten Jahre geschlagen war. Die Überraschung besteht zu Recht. Diese friedliche Koexistenz von regierendem Missmanagment und permanenten Enthüllungen wäre in jedem anderen Abschnitt der menschlichen Geschichte undenkbar gewesen. Keine Regierung vor ihr hätte sich je einen solchen Zustand leisten können.</p>
<p>Das Rätsel, warum das demokratische Bewusstsein nach Abschluss seiner Sturm- und Drangperiode, endlich am Ziele angekommen, müde wird und in Lethargie versinkt, verweist nicht auf unzureichende Aufklärung und moralische Mängel der Bürger, wie es sich die linken Demokraten gerne einreden, es liegt tiefer und wirft die Frage nach den Existenzbedingungen demokratischer Herrschaft selber auf. Der komatöse Zustand, in den unser demokratisches Gemeinwesens allmählich verfällt, ist kein Betriebsunfall, er ist nur das logische und folgerichtige Endprodukt der Entfaltung der modernen Demokratie.</p>
<p>Die Lebensgrundlage der Demokratie liegt im Auseinanderfallen von Staat und Gesellschaft. Sie geht aus dieser Trennung hervor und treibt sie auf die Spitze <a name="F5"></a><a href="#FN5">5</a>. Der demokratische Konsens wendet sich gegen jeden willkürlichen Eingriff der Obrigkeit ins gesellschaftliche Gefüge. Er schafft damit aber nicht nur einen staatsfreien gesellschaftlichen Bereich, er destilliert gleichzeitig eine jenseits davon angesiedelte politische Sondersphäre aus. Bei dieser Verdopplung von Staat und Gesellschaft handelt es sich nicht um einen der bürgerlichen Produktionsweise äusserlich anhaftenden zusätzlichen Faktor, sie erwächst zwangsläufig aus deren zwieschlächtigen Charakter. Jede Form von Warenproduktion vereinigt in sich zwei einander scheinbar ausschliessende Eigenschaften. Sie ist paradoxerweise gleichzeitig gesellschaftlich und ungesellschaftlich. In einer Waren produzierenden Gesellschaft stellen selbständige und von einander unabhängige Privatproduzenten Produkte für den Markt und damit nicht für sich selber, sondern jeweils für andere her. Indem sie das tun, betätigen sie sich objektiv als Glieder eines gesellschaftlichen Produktionszusammenhangs. Sie erzeugen diesen aber nicht bewusst und willentlich, er stellt sich hinter ihrem Rücken her, während sie sich ausschliesslich in der Verfolgung ihrer Einzelinteressen erschöpfen. Die vereinzelten Produzenten schaffen an sich das Allgemeine, es existiert für sie aber in ihrer realen produktiven Anstrengung nie unmittelbar als solches. Das Allgemeine kann nur jenseits der unmittelbaren Interessen Fleisch werden. Wenn der Einzelne sich also innerhalb dieser Grundkonstellation auf den realen Gesamtzusammenhang bezieht, so kann er es nicht als das, was er tagtäglich ist und tut, sondern nur davon abgespalten, indem er seine Alltagsexistenz abstreift und zu einem Doppelleben übergeht. Im Akt ihrer staatsbürgerlichen Vereinigung beziehen die Einzelnen nicht ihre konkreten menschlichen Potenzen und Fähigkeiten aufeinander; er bleibt in einer eigenartigen Weise platonisch und erfasst die Individuen nur als leere Chimären, Staatsbürger genannt. Unter der Woche verfolgt jeder Einzelne seine speziellen Geldinteressen. In freien Stunden meldet der transzendentale, jeder unmittelbaren materiellen Notdurft enthobene Schatten seiner Wochenendliebe seine Rechte an.</p>
<p>Marx hat dieses grundlegende Charakteristikum der bürgerlichen Gesellschaft schon in seinen Frühschriften analysiert. Vor allem in seinen Bemerkungen &#8220;Zur Judenfrage&#8221; stellte er schon klassisch die Verdopplung des bürgerlichen Individuums in &#8220;bourgeois&#8221; und &#8220;citoyen&#8221; dar. Die dualistische Beziehung, die er in dieser Arbeit untersucht und heraushebt, ist kein Privileg der empirischen Bourgeoisie geblieben, wie es vielleicht die von Marx benutzten Termini nahelegen könnten. Mit der Erringung des allgemeinen Wahlrechts avancierten nacheinander auch Arbeiter und Frauen zu freien und gleichen Staatsbürgern. Das Gegensatzpaar von abstraktem Allgemeininteresse und davon getrennten Sonderinteressen verliert durch diesen Epoche machenden Fortschritt nichts an Bedeutung, sondern verallgemeinert sich. Er wird damit erst real zur alles bestimmenden Matrix, nach der sich die gesellschaftlichen Binnenbeziehungen formen. Die historische Entfaltung der Demokratie ist letztendlich identisch mit der reinen Herausarbeitung dieses Dualismus, und so muss sich revolutionäre Demokratietheorie auch um diesen Punkt zentrieren.</p>
<p>Dass hier deren Springpunkt liegen muss, wird besonders dann deutlich, wenn wir die Geschichte der Demokratie von ihrem absehbaren Ende her betrachten und den Prozess ihrer Auflösung und revolutionären Aufhebung antizipieren. Die demokratische Synthese stellt die adäquate Form der Allgemeinheit von unanhängigen einzelbetrieblichen Produzenten her. Ihr Schicksal ist mit Gedeih und Verderb an das Los geknüpft, das dieser Figuration auch immer zu Teil werden mag. Die Demokratie <a name="F6"></a><a href="#FN6">6</a> kann nur solange funktionieren, solange voneinander unabhänige einzelbetriebliche Produzenten die alles entscheidende Quelle des stofflichen Reichtums bleiben. Sie wird hinfällig und verliert ihre Grundlage, wenn dieser notwendige Gegenpart der abstrakten Allgemeinheit seine souveräne Stellung einbüsst und ein gesamtgesellschaftliches Aggregat zum entscheidenen Agens der Produktion des stofflichen Reichtums wird. Der Siegeszug der &#8220;westlichen Demokratie&#8221;, der die fordistische Akkumulation und die Verwissenschaftlichung des Produktionsprozesses flankierte, haben aber genau diesem säkularen Trend zur Vollvergesellschaftung zum Durchbruch verholfen. Die Demokratie stürzt durch diese Entwicklung in unlösbare Probleme. Denn während der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang sich in den letzten Jahrzehnten unter seiner Ägide zu einem flächendeckenden undurchdringbaren Netz verwoben hat, kann das demokratisch verfasste Gemeinwesen nach wie vor zu dieser neu entstandenen konkret stofflichen Totalität nur als Inkarnation abstrakter Allgemeinheit äusserlich hinzutreten. Die alte Form bricht sich am neuen Inhalt. Der demokratische Standpunkt muss scheitern, weil er die angesichts der realen Vergesellschaftung dysfunktional werdende Logik von Einzelbetrieb und Einzelinteresse nicht ausser Kraft setzen kann, sondern immer die Rolle des immanenten Gegenparts übernimmt. Die Demokratie stellt ihrem ganzen Begriff nach die diversen, von Wert und Geld konstituierten Sozialkategorien nicht in Frage, sie setzt sie stattdessen positiv voraus und beschränkt sich darauf, auf dieser unhintergehbaren Grundlage nachbessernd und Rahmen setzend einzugreifen. Indem die Demokratie dieser ihrer einzig möglichen Aufgabe nachkommt, affirmiert sie den unhaltbar und widersinnig werdenden einzelbetrieblichen und Einzelinteressen verfolgenden Standpunkt. Dessen Zerfall muss daher auch politisch in Erscheinung treten und auf die demokratischen Formen überschwappen.</p>
<p>Die Krise der demokratischen Syntheseform, die sich heute abzuzeichnen beginnt, ist im Kern nichts anderes als das Scheitern der Verdopplung von unabhängigen Privatinteressen und abstrakter Allgemeinheit am realen Vergesellschaftungsprozess. Die demokratische Form wird obsolet und schliesslich gesprengt, weil sie nicht die ganze Fülle des gesellschaftlichen Zusammenhangs zur konkreten Allgemeinheit zusammenfassen kann, sondern immer nur das Allgemeine in die Form seines Gegenteils presst, also zu einer weiteren Besonderung vergewaltigt.</p>
<p>Wie alle Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft, so hat auch die für sie charakteristische Verdopplung von abstraktem Staatsbürger und abstraktem Privatmensch, der seinem unmittelbaren Geldinteresse frönt, ihre Geschichte. Der Dualismus ist der bürgerlichen Gesellschaft nicht vorausgesetzt, er ist deren ureigenstes Produkt. Erst ihre volle Entfaltung prägt auch diesen Gegensatz rein aus. Die Zerstörung ständischer Reste, die Herausbildung und Vollendung von abstraktem Staatsbürger und abstraktem Privatmann, lassen auch beide Figurationen erst völlig auseinandertreten. Erst die Monadisierung und Individualsierung aller gesellschaftlichen Beziehung verdammt das zoon politicon endgültig dazu, in einem abgehobenen, dem Alltagsleben entrückten Himmelreich zu verschimmeln. In früheren Stadien bürgerlicher Entwicklung, solange die Sozialkategorien noch ständische Momente in sich trugen, war auch das politische Leben in ein klar umrissenes soziales Milieu eingebunden. Der Vorkriegssozialdemokrat war SPD-Mitglied, weil er Arbeiter war, seine soziale Daseinsweise fiel mit seiner politischen Haltung mehr oder minder in eins, und auch die bürgerlichen Parteien bezogen sich auf jeweils klar eindeutig bestimmbare soziale Segmente. Eine Partei des politischen Laienkatholizismus etwa, wie das &#8220;Zentrum&#8221;, erwuchs einer katholisch geprägten, noch in sich weitgehend geschlossenen &#8220;Lebenswelt&#8221;, wie sie heute nicht einmal mehr in oberpfälzer Dörfern existiert. Im politischen Himmel kehrten die noch scharf voneinander abgetrennt existierenden sozialen Segmente spiegelgetreu wieder, und die genuin politischen Kämpfe in der Zeit der Weimarer Republik nahmen die Färbung von (oft handgreiflichen) Auseinandersetzungen zwischen den disparaten Sozialmilieus an. Diese Konstellation fand auch in der bürgerlichen Parteiensoziologie ihren Niederschlag. Sigmund Neumann prägte in seinem 1932 erschienen Buch &#8220;Wesen und Wandel der deutschen Parteien nach dem Kriege&#8221; für die SPD den Begriff &#8220;demokratische Massenintegrationspartei auf Klassenbasis&#8221; und begriff auch die bürgerlichen demokratischen Parteien als &#8220;Integrationsparteien&#8221;, die sich auf ein spezifisches soziales Milieu beziehen. Der Sieg des Nationalsozialismus warf dieses Verhältnis gewaltsam über den Haufen und brach damit der Modernisierung der bürgerlichen Gesellschaft eine entscheidende Bresche. Trotz seiner eigenen ständischen Fermente, aus denen er in der &#8220;Kampfzeit&#8221; wesentliche Impulse geschöpft hatte, zwang die Ideologie des deutschen Faschismus die &#8220;Arbeiter der Stirn und Faust&#8221; unter einem Banner zusammen. So erfüllte der Faschismus seine Mission und wurde als ständische Bewegung gegen die Ständegesellschaft historisch wirksam. An die Macht gekommen, tat er sein Bestes, um vor allem die in sich geschlossene Arbeiterschaft aufzulösen. Die nazistischen Organisationen, von der HJ über die DAF bis zu den nationalsozialistischen Häkelgruppen, erfassten die arischen Bewohner des Deutschen Reiches ohne Rücksicht auf tradierte soziale Grenzlinien und affirmiert alle &#8220;Volksgenossen&#8221; gleichermassen. Auf dieser Grundlage errichtete der Nationalsozialismus erstmals in der deutschen Geschichte ein einheitliches alle Stände des deutschen Volkes überspannendes politisches Firmament. Der bislang zersplitterte politische Kosmos wächst zusammen und spart keinen Bestandteil des Volkskörpers aus seiner Synthese aus. In diesem Sinne wird der &#8220;Volksgenosse&#8221; zum direkten Vorläufer des abstrakten &#8220;Staatsbürgers&#8221; unserer Tage und die NSDAP zum Protoyp der Volkspartei. Die Nachkriegsdemokratie erntet in diesem zentralen Punkt jene Früchte, die der Faschismus gesät hat.</p>
<p>Allerdings müssen wir dabei einen wesentlichen Unterschied zwischen Vorform und entwickelter Gestalt festhalten, dem für die historische Bestimmmung des Faschismus zentrale Bedeutung zukommt. Die moderne bürgerliche Gesellschaft, wie sie sich in der BRD nach dem 2.Weltkrieg entwickelt hat, kennt als einzige Form gesellschaftlicher Synthese die nackte Geldform. Ausserhalb der klingenden Münze existiert keinerlei sinnstiftende Ideologie mehr, welche universellen Anspruch erheben würde und die Massen in ihrem Namen sammeln könnte. Die fanatisierten Massen verschwinden von der historischen Bildfläche und machen der Vermassung durch Vereinzelung Platz. Die auf die Spitze getriebene Wertvergesellschaftung atomisiert die Individuen und setzt sie als monadisierte Bruchstücke zueinander in Beziehung. Diese Form der Totalisierung hat es nicht mehr nötig, die Massen als solche für irgendwelche hehren Ziele zu mobilisieren. Auch die abstrakte Allgemeinheit bewegt sich in diesem Muster. Sie stellt den gesellschaftlichen Zusammenhang nurmehr pragmatisch her und beschränkt sich darauf die konkurrierenden Geldinteressen der verschiedenen Kategorien von Warenbesitzern <a name="F7"></a><a href="#FN7">7</a> miteinander zu vermitteln. Der Faschismus bewegt sich weit unterhalb dieses Niveaus, und es war seine Aufgabe, es mit herzustellen. Seinem ganzen Wesen nach hebt er auf die Mobilisierung der Massen ab. Sein Angriff auf die rechtliche Ungleichheit der Volksgenossen und alle Reste von Standesdünkel beruht noch nicht auf der alles einebnenden materiellen Basis einer vollendenten Warenproduktion. Er muss daher noch die Massen als Massen zusammenballen und in Bewegung setzen, um mit seinem ideologischen Überschuss den unzureichenden Stand der realen stofflichen Vernetzung wettzumachen. Gerade das hervorstechenste Merkmal des Faschismus, die auf Kommando im Gleichschritt maschierende Masse, charakterisiert ihn nicht als historische Regression, sondern als Übergangsphänomen zu höheren Formen bürgerlicher Vergesellschaftung. Der Faschismus schätzt das empirische Individuum gering, weil er den vereinzelten Einzelnen, das abstrakte Ware-Geld-Indivduum, nicht voraussetzen kann, und daher im Kampf für die noch fehlende empirische Gleichnamigkeit aller Individuen sie erst einmal ideologisch, jenseits der geld-individuellen Sinnstiftung, herstellen muss. Die pathetische Betonung der &#8220;Volksgemeinschaft&#8221;, das zur Schau gestellte national identitäre Selbstbewusstsein ist notwendiges Substitut, solange die Identität aller Geldinteressen realiter noch auf wackligen Beinen steht <a name="F8"></a><a href="#FN8">8</a>. Die Inviduen müssen ideologisch zusammengenötigt werden, weil sie empirisch noch nicht in der abstrakten Geldbeziehung eingeschmolzen sind <a name="F8a"></a><a href="#FN8a">8a</a>.</p>
<p>Das historische Novum einer überständischen Gesamtheit bleibt in seiner ersten, faschistischen Verkörperung notwendig doppelzüngig und halb nach rückwärts gewandt. Denn die gleichmacherische Mobilisierung der Masse kann nicht ohne die Affirmation dieser Massen als das, was sie sind und bleiben wollen, auskommen. Die faschistische Bewegung rekrutierte ihre breite Anhängerschaft bekanntlich aber ausgerechnet aus den Opfern und Gegnern des anlaufenden Modernisierungsprozesses. Die faschistischen Reihen setzen sich vorzugsweise aus Deklassierten aller Schattierungen zusammen. Unter den Wählern der NSDAP finden sich in erster Linie Bauern, die vom Aufkommen einer internationalen Agroindustrie überrollt werden, Ladenbesitzer, die den Konkurrenzkampf mit den (jüdischen) Warenhäusern nicht bestehen können, kleine Angestellte, die wenig zu essen, aber ihren weissen Kragen zu verteidigen haben, und Arbeitslose, denen die Rationalisierungswellen der 20er Jahre ihre Verankerung im &#8220;Arbeiterstand&#8221; raubte. Unter dem Hakenkreuz sammeln sich alle zerstreuten Interessengruppen, die sich von der Durchsetzung der abstrakten Geldbeziehung existenziell bedroht fühlen müssen und zäh und verzweifelt um ihr Überleben gegen fortgeschrittenere Produktionsformen kämpfen. Dieser Umstand verleiht der faschistischen Bewegung ihren schillernd doppeldeutigen Charakter. Einerseits ist sie allein schon dadurch, dass sie vor allem den breiten, in die Bredouille geratenen mittelständischen Schichten zu einer eigenen politischen Ausdrucksform verhilft, Teil jenes Modernisierungsschubs <a name="F9"></a><a href="#FN9">9</a>, den die deutsche Revolution von 1918 eingeleitet hatte, andererseits wendet sie sich gerade gegen die endgültige Zerstörung des ständischen Idylls. Die nationalsozialistische Bewegung entfaltet sich so auf der Basis auseinanderstrebender Momente. Einerseits kann sie nur siegen, weil sie sich real zum Motor der Entwicklung der Wertvergesellschaftung macht, andererseits schöpft sie ihre Energie gerade aus dem hilflosen Widerstand gegen des Abstraktwerden des gesellschaftlichen Zusammenhangs, gegen den Siegeszug der Geldbeziehung.</p>
<p>Diese bemerkenswerte Transformation eines an und für sich reaktionär-antikapitalistischen Bewusstseins leistet der moderne Antisemitismus. Er bringt ideologisch-phantastisch zusammen, was real einander ausschliesst und wird zur letzten und entsprechend kruden und blutrünstigen Form bürgerlicher Synthese ausserhalb der nackten Geldform. Das Strickmuster dabei ist relativ einfach. Im Hass auf den Juden personifiziert sich die um sich greifende Angst vor der abstrakten Geldbeziehung. Joseph Göbbels brachte diese Identität von Judenhass und reaktionärer Geldkritik in seinem Romanfragment &#8220;Michael &#8211; Ein Deutsches Schicksal&#8221; auf den Punkt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Geld regiert die Welt! Ein furchtbares Wort, wenn es wahr wird. Heute gehen wir an seiner Tatsächlichkeit zugrunde. Geld &#8211; Jude, das sind Sache und Person, die zusammengehören&#8221; <a name="F10"></a><a href="#FN10">10</a>.</p></blockquote>
<p>Der mit der Verallgemeinerung der Geldbeziehung gesetzte reale Abstraktionsprozess erscheint, aber er erscheint auf den Kopf gestellt. Er wird in sein eigenes Gegenteil, in eine biologische Konstante verwandelt. Die unfassbare, tief ins gesellschaftliche Verhältnis eingegrabene Bedrohung wird damit handgreiflich und abspaltbar; der &#8220;Stürmer&#8221;-leser weiss: &#8220;Der Jude macht den Menschen zur Ware!&#8221;. Der moderne Antisemitismus schafft es, mit dieser Projektion gleichzeitig die Kritik der Warenform, die Quintessenz jedes wirklichen Antikapitalismus, auszusprechen <a name="F11"></a><a href="#FN11">11</a> und sie zu einer universellen bürgerlichen Welterklärung umzubiegen. Das die Wirklichkeit überrollende und nach ihrem Leisten umformende Prinzip der abstrakten Geldbeziehung verkörpert der Jude, und es entsteht eine zwar irrationale, aber einheitliche und sinnstiftende Weltanschauung. Mit diesem bemerkenswerten Kunstgriff leitet der deutsche Faschismus die antikapitalistischen und antimodernistischen Impulse mit völkermörderischem Ergebnis um und öffnet damit gleichzeitig den Weg zur Mobilisierung der antimodernistischen Massen für die reale Weiterentwicklung kapitalistischer Vergesellschaftung. Dieser Doppelcharakter der faschistischen Bewegung erscheint ideologisch im berühmten Gegensatz von &#8220;raffendem&#8221; und &#8220;schaffendem&#8221; Kapital. Die abstrakte Gesellschaftlichkeit wird nicht im kapitalistischen Produktionsprozess mitverortet. Er gilt stattdessen als das Unbefleckt-Konkrete (deutsch-Handfeste), der teuflischen Herrschaft des abstrakten Geldinteresses nur äusserlich Unterworfene <a name="F12"></a><a href="#FN12">12</a>. Abstrakt ist nur das Geld, nicht die Arbeit, die sich in ihm dinglich niederschlägt:</p>
<p>&#8220;Das Geld ist der Fluch der Menschheit. Es erstickt das Grosse und Gute im Keim. An jedem Pfennig klebt Schweiss und Blut. Ich hasse den Mammon(&#8230;). Er vergiftet den Wert in uns, macht uns niederen, gemeinsamen Instinkten dienstbar. Der schlimmste Tag in der Woche ist für mich der Lohntag <a name="F13"></a><a href="#FN13">13</a>. Man wirft uns das Geld hin wie den Hunden den Knochen. Diese Welt ist hart und grausam. So hart wie Geld in den dünnen Händen des Geizigen (&#8230;). Das Geld ist der Wertmesser des Liberalismus. So wesenlos ist ist diese Lehre, dass sie den Schein zum Sein erheben konnte. Daran geht sie dann auch letzthin zugrunde. Das Geld ist der Fluch der Arbeit. Man kann das Geld nicht über das Leben setzen. Wo das geschieht, da müssen alle edlen Kräfte versiegen. Geld ist Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck. Wird es zum Selbstzweck, dann muss es notwendigerweise die Arbeit zum Mittel am Zweck entwerten (&#8230;). Während die Soldaten des grossen Krieges ihre Leiber hinhielten zum Schutz der Heimat, und zwei Millionen verbluteten, haben die Schieber aus dem roten Edelsaft Gold gemünzt. Dieses Gold hat ihnen dann später dazu gedient, die heimkehrenden Soldaten um Haus und Hof zu prellen. Der Krieg ist also vom Geld gewonnen und von der Arbeit verloren worden. Nicht die Völker sind seine Gewinner oder Verlierer. Sie haben nur Handlangerdienste am Gelde getan oder gegen diese Handlangerdienste die Arbeit verteidigt. Deutschland focht für die Arbeit. Frankreich focht für das Geld. Die Arbeit hat verloren. Das Geld hat gewonnen (&#8230;). Das Geld ist wurzellos. Es steht über den Rassen. Langsam frisst es sich in den gesunden Organismus der Völker und vergiftet allmählich seine schöpferische Kraft. Wir müssen uns durch Kampf und Arbeit vom Geld befreien. In uns selber den Wahn zertrümmern. Dann stürzt auch einmal das goldene Kalb. Der Liberalismus ist in seinem tiefsten Sinn die Lehre vom Geld. Liberalismus, das heisst, ich glaube an den Mammon. Sozialismus, das heisst, ich glaube an die Arbeit.&#8221; <a name="F14"></a><a href="#FN14">14</a></p>
<p>Die Totalität des Kapitalverhältnisses löst sich in den antagonistischen Kampf zwischen ontisch-allgemein gedachtem Arbeiterstand und davon abgetrennter abstrakter und verjudeter Geldbeziehung auf. &#8220;Das Geld hat uns versklavt, die Arbeit wird uns freimachen&#8221; <a name="F15"></a><a href="#FN15">15</a>, heisst die Parole, unter der der Faschismus zum Sammeln bläst, und unter dem Motto &#8220;Arbeit macht frei&#8221; setzt er zur Endlösung der Geld- und Judenfrage an. Die Tiraden gegen die Geldlogik münden in die ersatzweise Vernichtung der Personifikation des Geldes. Die Geschichte des automatischen Subjekts neigt nicht nur zur Ironie, sondern auch zur Bestialität, und so leiten Geld und Wert ihren fordistischen Endsieg mit einem Bauernopfer in Auschwitz und Treblinka ein.</p>
<p>Der Faschismus schreibt die Befreiung der klassenübergreifend gedachten Produzentengemeinschaft von der Herrschaft des &#8220;verjudeten&#8221; Geldkapitals auf seine Fahnen und wird de facto als Modernisierungsagent wirksam. Das Gegensatzpaar &#8220;deutsches&#8221; Industrie- und &#8220;jüdisches&#8221; Finanzkapital verlegt alle Übel kapitalistischer Entwicklung in die dünne Firnisschicht einer von den Juden dominierten Finanzsphäre, bricht dem antikapitalistischen Unmut des deutschen Kleinbürgertums die Spitze <a name="F16"></a><a href="#FN16">16</a> und mobilisiert seine aktiven Massen genau für das, wovor sie sich fürchten: für die Reduktion des gesamten gesellschaftlichen Zusammenhangs auf die nackte Geldbeziehung.</p>
<p>In diesem skizzenhaften Durchgang fehlt leider der Raum, um auf die Binnengeschichte des Nationalsozialismus, insbesondere auf den Übergang von der &#8220;Bewegungszeit&#8221; hin zum &#8220;Faschismus an der Macht&#8221; einzugehen (&#8220;Röhmputsch&#8221;-etc.). Ich will mich daher auf den Sprung vom Hitlerregime zur Adenauerära und auf den historischen Zusammenhang zwischen nationalsozialistischem Einparteienstaat und dem System der bundesrepublikanischen Volksparteien beschränken.</p>
<p>Die faschistische Bewegung mobilisiert die Massen, aber sie mobilisiert sie nicht auf ihre unmittelbare soziale Existenz bezogen.<a name="F17"></a><a href="#FN17">17</a> Die Massen treten im Faschismus zunächst im ideellen Gewande auf die historische Bühne. Die Reduktion aller realen sozialen Kategorien auf das immergleiche Geldinteresse war noch im status nascendi begriffen, und so musste die faschistische Bewegung, um den Prozess der Auflösung ständischer Restbestände zu beschleunigen, diesen Mangel noch durch ideologische Überhöhung wett machen. Der Allmachtsanspruch einer universellen, nach allen Volksgenossen gleichermassen greifenden Ideologie begleitet die Herausbildung eines vereinheitlichten, allein auf der Herrschaft des Geldes beruhenden gesellschaftlichen Zusammenhangs und eilt ihr voraus. Vor die Vollendung der im Geld objektivierten gesellschaftlichen Einheit schiebt sich noch das Phantasma einer als Gesamtsubjekt handelnden Volksgemeinschaft. Dieses überschiessende ideologische Moment nimmt irrational-subjektivistisch gewendet die sich real verallgemeinernde Geldvergesellschaftung vorweg. Das Herzstück der nationalsozialistischen Weltanschauung, der Antisemitismus, entlehnte, wie wir bereits gesehen haben, seinen einheitlich-welterklärenden Charakter bereits der im Zerrspiegel wahrgenommenen, alles in ihren Bann schlagenden abstrakten Geldbeziehung. Nachdem deren Durchsetzungsprozess eine neue Stufe erreicht hatte, das Werk des Nationalsozialismus also vollbracht war, wurden alle Formen universeller-gesamtgesellschaftlicher Sinnstiftung ausserhalb des unmittelbaren profanen Geldinteresses allmählich überflüssig und konnte schliesslich entfallen. Der Weltkrieg und sein für das faschistische Deutschland katastrophaler Ausgang raffte dabei einen Entwicklungsprozess, der sich unter anderen, friedlicheren Umständen vielleicht noch Jahrzehnte hingezogen hätte <a name="F18"></a><a href="#FN18">18</a>, auf wenige Jahre zusammen. Der abrupte Charakter des Übergangs nach 1945 muss den Schein eines völligen, von aussen erzwungenen Bruchs erwecken. Trotzdem ist die Stunde Null auch hier ein blosser Mythos. Zwischen beiden Formen bürgerlicher Herrschaft besteht ein innerer logischer Zusammenhang. Das hat allerdings mit der in der Linken gern apostrophierten Fortexistenz genuin faschistischer und daher demokratiefremder Elemente nichts, aber auch gar nichts zu tun. Der Faschismus ist in der Demokratie ganz im Hegelschen und Marxschen Sinne, also als eine ihrer Vorformen, aufgehoben. Er stellt nicht so sehr den absoluten Gegensatz zum herrschenden demokratischen Ideal dar, wie es sich der allseits beliebte moralsaure Antifaschismus vorstellt, sondern war selber Moment der Herausbildung der modernen Demokratie. Nicht ohne Grund fand der Nationalsozialismus in der BRD keine ernsthafte politische Fortsetzung. Er hat seine historische Mission erfüllt und sich damit überlebt. Der Nationalsozialismus im allgemeinen und der Antisemitismus im besonderen, war die letzte Form einer einheitsstiftenden ideologischen Synthese. Entsprechend irrwitzig fiel sie auch aus. Ihre mörderische Irrationalität war allerdings alles andere als die Wiederkehr vordemokratischen, mittelalterlichen Aberglaubens. Es war die Irrationalität der Geld- und Warenform selber, die hier zum Vorschein kam. Mit dem Zusammenbruch des Naziregimes lässt der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang die Ebene einer kohärenten und verbindlichen Welterklärung endgültig hinter sich und rutscht ins sich verallgemeinernde unmittelbare Geldinteresse <a name="F19"></a><a href="#FN19">19</a>. Die grossen historischen Erschütterungen im Gefolge des Weltkriegs beschleunigen die Reduktion allen politischen Lebens auf dieses Niveau. Im Feuersturm des Weltkriegs zerstobte, was an ständischen Überresten noch geblieben war. Der deutsche Sonderweg mündete mit dem Untergang des Faschismus im westlichen Teilstaat in den klassischen Fluss demokratischer Entwicklung. Deutschland verlor mit seinen rückständigen, agrarisch strukturierten Ostgebieten nicht nur geographisch Ballast. Die Rote Armee befreite Westdeutschland auch von der grossen Zwingburg ständischer Ordnung, die mehr als ein Jahrhundert sich der politischen Durchmodernisierung des Deutschen Reiches beharrlich in den Weg gestellt hatte. Was von Deutschland übrig geblieben war konnte sich nun nurmehr als auch politisch rein bürgerliche Gesellschaft rekonstruieren. Die ehemaligen Bewohner der Landstriche östlich der Oder wurden durch den Ansturm der Roten Armee von jedem Anflug von junkerlichem Herrschaftsgefüge gründlich befreit und wanderten schon als monadisierte Nomaden gen Westen. In der Trizone selber verlief die Entwicklung, wenn auch weniger eklatant, so doch in ähnlichen Bahnen. Der nationalsozialistische Einheitsstaat hatte nicht ohne Erfolg versucht, wesentliche soziale Beziehungen entweder in sein vielgliedriges Organisationsgeflecht einzusaugen oder zumindest jeden konkurrierenden Zusammenhang zurückzudrängen oder zu verbieten (Kirchen, Arbeiterorganisationen, aber etwa auch die bürgerliche Jugendbewegung). Wenn sich auch in den 12 Jahren, die das 1000jährige Reich währte, nicht jedes soziale Milieugeflecht in Luft auflöste, so beraubten die NSDAP-Unterorganisationen sie doch jeder öffentlich-übergreifenden Funktion. Die entstandene Lücke <a name="F20"></a><a href="#FN20">20</a> konnte die Wiederkehr der &#8220;Weimarer Systempolitiker&#8221; nicht überbrücken. Die Amputation dieser Dimension erwies sich in der Nachkriegszeit als irreversibel und damit war auch den demokratischen milieugebundenen &#8220;Integrationsparteien&#8221; ihr Nährboden entzogen. In der Nachkriegszeit wendeten die breiten Massen ihre Aufmerksamkeit von der Politik überhaupt ab; es vollzog sich ein radikaler Entpolitisierungsprozess. Das primäre Interesse war, das Überleben der eigenen Familie zu organisieren. Was darüber hinaus ging, konnte nur als überflüssiger Luxus gelten und geriet ausserdem noch leicht in den Geruch, gegen den guten Geschmack zu verstossen. Diese Grundhaltung beschränkte sich keineswegs auf die unmittelbare Nachkriegszeit, sie schleppte sich in die Ära des &#8220;Wirtschaftswunders&#8221; fort und drückte dem politischen Leben bis zur APO ihren Stempel auf. Der Nachkriegsdeutsche widmete sich fast ausschliesslich seinen unmittelbaren Interessen, während die Nebelgestalt des Staatsbürgers über eine Schattenexistenz nicht hinauskam. Die Enttäuschung über den verlorenen Krieg machte Politik überhaupt verdächtig. Nachdem sich das deutsche Volk mit dem Nationalsozialismus so gründlich die Finger verbrannt hatte, machte es einen grossen Bogen um jeden &#8220;idealistischen&#8221; Anspruch. Der Aufstieg der BRD wurde von keiner grossen Vision begleitet, sondern von politischem Desinteresse und von Apathie. Kleinmut und eine unerträglich muffige Buchhaltermentalität regierten in den 50er und frühen 60er Jahren. Die unvermeidliche Säkularisierung der staatlichen und politischen Sphäre nahm hierzulande ausgesprochen biedermännische Züge an. Vom nazistischen Rausch war über Nacht nurmehr ein übler Nachkriegskater übriggeblieben. Der frischgebackene Bundesbürger übte sich in Reue und schwor jeder Art politischer Exzesse ein für allemal ab. Was innen- wie aussenpolitisch zählte, war allein das aller unmittelbarste Geldinteresse. Während die westdeutsche Wirtschaft einen rasanten Siegeszug feierte, blieb die bundesrepublikanische Politik im Windschatten und nach Möglichkeit unsichtbar. Die einzig nennenswerte Utopie, der Traum vom vereinigten Westeuropa, zielte gerade auf die Auslöschung einer gesonderten deutschen Staatsbürgerherrlichkeit. Die BRD begnügte sich mit ihrer Rolle als prosperierender Wirtschaftsstandort, während das politische Leben auf kleinster Flamme kochte. Diesem Zustand machte erst die Studentenbewegung der 60er Jahre ein Ende. Erst sie führte zu einer gesellschaftlichen Renaissance des zoon politicon, allerdings auf gänzlich veränderter Grundlage <a name="F21"></a><a href="#FN21">21</a>.</p>
<p>Mit dieser Selbstbescheidung geht eine grundlegende Umgestaltung des politischen Systems einher. Das ideologische roll-back trifft nicht nur die politisch-staatliche Sphäre als ganze, die nicht mehr länger als eigenständiger Endzweck akkzeptiert und propagiert wird, es betrifft auch entscheidend die Binnenbeziehungen innerhalb des politischen Universums. Das Verhältnis der konkurrierenden politischen Strömungen gestaltet sich radikal um. Mit der Ablösung des nationalsozialistischen Einparteienstaats durch die pluralistische, parlamentarische Demokratie, die Volksparteien im mehr oder minder friedlichen Wettstreit miteinander vereint, verliert der politische Richtungsstreit seinen grundsätzlichen Charakter. Konservative, sozialistische und liberale Strömungen hören auf einander als prinzipienfeste Todfeinde gegenüberzutreten. CDU, FDP und SPD berufen sich auf die gleichen demokratischen, liberalen und sozialen Werte. Strittig ist allein, wie die ideale Gewichtung dieser verschiedenen Momente des demokratischen Konsenses aussehen mag. Der erbitterte Kampf feindlicher Prinzipien verschwindet aus der politischen Auseinandersetzung, die Grenzen zwischen den umstrittenen ehernen Grundfesten weicht auf, und es geht nur noch darum, wer der breiten Palette gemeinsamer demokratischer, sozialer und liberaler Werte in dieser oder jener Hinsicht und allgemein besser gerecht werde. Der freundschaftliche Streit der diversen Sozialkategorien und &#8220;Sozialpartner&#8221; ersetzt den verbiesterten Klassenkampf von anno dazumal.</p>
<p>Auch auf dieser Ebene zeigt sich, dass die parlamentarische Nachkriegsdemokratie keineswegs einfach zum Status quo ante, zur Parteien- und Organisationslandschaft der Weimarer Republik zurückkehrt. Sie entwickelt stattdessen eine eigene, völlig neue politische Geographie. Denn während der politische Pluralismus in Weimar noch von allen politischen Strömungen als ein erst einmal unvermeidliches Übel betrachtet wurde, das es in letzter Instanz aber zu beseitigen gelte, wurde er in der Nachkriegsgesellschaft selber zum allgemein anerkannten Wert <a name="F22"></a><a href="#FN22">22</a>. Die politischen Strömungen, die sich in der Nachkriegsernüchterung erneut herausbildeten und organisierten, liessen erstmals in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft das Ziel fallen im Grunde jeweils im Namen der Gesamtgesellschaft zu sprechen. Die politischen Kontrahenten galten nicht länger als zu beseitigende Feinde, und die bewusste Vertretung der beim blossen Geld angelangten Sonderinteressen der eigenen Klientel schloss von nun an die grundsätzliche Affirmation aller konkurrierenden Interessengruppen mit ein. Die Sozialdemokratie trennte sich von der antediluvianischen Phantasie, irgendwann einmal die Kapitalisten abzuschaffen, und die konservativen Strömungen erkannten die Existenz gesonderter Arbeiterorganisationen als wesentliches Moment einer modernen demokratischen Gesellschaft endgültig an. Die Fortexistenz des politischen Gegners wurde zum Bestandteil demokratischen Selbstverständnisses. Die demokratische Strömung kam nach dem Aussterben aller vordemokratischen Gegenspieler <a name="F23"></a><a href="#FN23">23</a> zur Ruhe und fächerte sich zur schon in der &#8220;Volksfront&#8221; und im &#8220;antifaschistischen Kampf&#8221; präformierten &#8220;Gemeinschaft aller Demokraten&#8221; auf.</p>
<p>Die Entwicklung des Parteiensystems, die Herausbildung und Etablierung der Volksparteien, fasst den allgemeinen Transformationsprozess hin zum &#8220;demokratischen Verbändestaat&#8221; im Brennglas zusammen. Die politischen Parteien vertreten nicht länger eine homogene, explizite Weltanschauung mit Universalanspruch, sie bedienen sich aus der ganzen Warenpalette &#8220;freiheitlich-demokratischer Grundwerte&#8221; und verstehen sich ganz pragmatisch als möglichst breit angelegtes Sammelbecken. Sinnstiftung und auf die Totalität des gesellschaftlichen Prozesses zielende Deutungsmuster bieten sie nur noch in homöopathischen, garantiert für jedermann unschädlichen Dosen an. Alle auch nur im Ansatz hochtrabenden Ideologeme dienen allein dazu, das schon überall durchschimmernde nackte Geldinteresse zumindest mit Erbarmen notdürftig zu bekleiden. Mustergültig ist dieser Umstand am &#8220;Christentum&#8221; der CDU/CSU zu verfolgen. Die Flucht vom Hakenkreuz zum Kreuz ohne Haken, der Rekurs auf die abgestandene christliche Religion, war Rückzug in Richtung ethisch-ideologische Nullebene. Die Propagierung eines nochmals verdünnten, an sich selber aber auch schon längst zahnlosen christlichen Gedankens, konnte niemandem ernsthaft weh tun. Sie war daher das ideale Feigenblatt für die neue bürgerliche Volkspartei, die nicht mehr nach einer homogenen, in sich geschlossenen Anhängernschaft strebte und stattdessen die Diversifikation der eigenen sozialen Basis zur neuen volksparteilichen Tugend machte <a name="F24"></a><a href="#FN24">24</a>. Der Vorsprung, mit dem die Christdemokraten diesen Weg einschlugen, sicherte ihren Erfolg in den ersten beiden Jahrzehnten nach Gründung der Republik. Die SPD konnte sich dagegen erst mit der Annahme des Godesberger Programms Ende der 50er Jahre endgültig vom antiquierten, klassenkämpferischen Kaninchenstallgeruch befreien. Erst nach dieser Verjüngungskur konnte sie sich daran machen, die CDU/CSU einzuholen und zu überholen.</p>
<p>So widerlich biedermännisch das Adenauerregime auch zweifellos immer gewesen ist, gegenüber dem Faschismus und den traditionellen &#8220;Klassenparteien&#8221; stellte es zweifellos die entwickeltere, modernere Stufe dar. Die &#8220;bürgerlichen&#8221; Koalitionsregierungen unter Adenauers Kanzlerschaft haben nicht mehr nötig, was für den Faschismus Lebenselexier und Hauptinhalt war. Sie müssen die Massen nicht mehr ausserhalb ihrer alltäglichen Reproduktion zusammenbringen. Sie können den gesellschaftlichen Konsens sicherstellen, ohne die Volksmassen in ihrem fetten, selbstzufriedenen, privten Stumpfsinn unnötig zu belästigen. Der gewaltige Fortschritt, den Vergesellschaftung und Normierung nach dem 2.Weltkrieg feiern können, erscheint als Beschneidung des politischen Anspruchs, als Wendung hin zu einem ideologisch selbstbescheidenen, technokratisch orientierten Staat.</p>
<p>Im Kontext dieser neuartigen Konstellation ist auch der Antikommunismus zu sehen, der das politische Klima hierzulande während des &#8220;Kalten Krieges&#8221; tiefgreifend prägte. Selber nicht als positives Prinzip bestimmt, sondern gerade als die kollektive Abwehr überholter &#8220;sozialistischer&#8221; Prinzipien, war er nicht die Fortsetzung, sondern das genaue Gegenteil der faschistischen Massenmobilisierung. Im Antikommunismus verkörperte sich die Haltung derer, die künftig nur noch in Ruhe gelassen werden wollten. Das kommunistische System war in erster Linie verhasst, weil es wie der Nationalsozialismus, mit dem das deutsche Volk gerade so erbärmlich Schiffbruch erlitten hatte, auf Affirmation der Massen abzielte. Von dieser antiquierten Belästigung hatte aber die &#8220;skeptische Nachkriegsgeneration&#8221; genauso geschlossen die Schnauze voll wie die breite Masse der überlebenden Weltkriegsveteranen. Im gemeinsamen Hang von kommunistischer und faschistischer Bewegung, die Massen überhaupt für etwas zu mobilisieren, liegt der reale Kern der Totalitarismustheorie, und er sicherte ihr ihren Siegeszug.</p>
<p>Im Konzept der Volksparteien fand die westdeutsche Wirtschaftswundergesellschaft ihre adäquate Form. In den Volksparteien wurden die konkurrierenden Geldinteressen der Gesamtklientel allesamt affirmiert und unter dem Schlagwort &#8220;Sozialpartnerschaft&#8221; zu einem Gesamtgeldinteresse der BRD auf dem Weltmarkt kondensiert. Die von den Volksparteien ohne Anteilnahme des Wahlpublikums hergestellte gesellschaftliche Synthese landete stets bei der normativen Kraft des Faktischen. Der &#8220;Sachzwang&#8221;, hinter dem sich nichts anderes als die Eigenlogik des Wertes verbirgt, übersetzte die Notwendigkeiten der Wertvergesellschaftung in politische Entscheidungen. Das reibungslose Expandieren des &#8220;Exportmodells&#8221; Deutschland wurde zur unhinterfragten Grundlage des demokratischen Konsens. In diesen Rahmen eingezwängt, konnten die konzeptionellen Differenzen zwischen der Nachgodesberger Sozialdemokratie und ihren christdemokratischen Gegnern nur zusehens marginaler werden. Die Regierungswechsel verloren immer mehr an Bedeutung, und das grosskotzig zur &#8220;Wende&#8221; hochstylisierte oder von der Linken mühevoll dämonisierte Stühlerücken 1983, hatte gerade noch eine gewisse klimatische Bedeutung, kräuselte aber in den zentralen Fragen kaum mehr die politische Oberfläche. Aber schon mindestens 1« Jahrzehnte vorher, beim Übergang von der noch reichlich hausbackenen CDU/CSU/FDP Regierung zur grossen Koalition und schliesslich zur modernen sozialliberalen Regierung, war der Rubikon ins Reich der Ununterscheidbarkeit überschritten worden. Unter den Kanzlerschaften von Brandt und Schmidt entkleideten sich die Reform- und Demokratisierungshoffnungen der Apogeneration ihrer überschiessenden Momente und reduzierten sich auf ihren realen, durch und durch wertförmigen Gehalt. Das zunächst modernere Styling der Sozialdemokratie änderte natürlich nichts am historischen Trend. Der Zwang, mit dem &#8220;Modell Deutschland&#8221; auf dem kapitalistischen Weltmarkt zu bestehen, modellierte die Profile aller konkurrierenden Volksparteien und gab ihnen die gleiche konturlose, aber stromlinienförmige Gestalt. CDU und SPD wetteiferten im Kern immer nur darum, wer die für den weltweiten fordistischen Akkumulationsschub notwendigen staatlichen Rahmenbedingungen am effektivsten und mit den geringsten Reibungsverlusten gestalten könne.</p>
<p>Die Volksparteien gehen in einer Funktion auf: sie vereinen konkurrierende Geldinteressen und bringen sie auf einen gemeinsamen staatspolitischen Nenner, sobald es ihnen gelingt, zur Regierungspartei zu avancieren. Zur Lösung jeder anderen Aufgabe sind sie vollkommen unfähig. Gesellschaftliche Problemfelder, die sich dem Strickmuster geldförmiger Sonderinteressen sperren, entziehen sich per se dem Wahrnehmungsvermögen der klassischen Volksparteien, und so muss das Parteiensystem, das sie konstituieren, unweigerlich in die Krise geraten, wenn gesellschaftliche Widersprüche virulent werden, die sich ihrer ganzen Natur nach nicht auf soziale Sonderinteressen reduzieren und ins liebe Geld übersetzen lassen. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise treibt aber ganz notwendig genau auf diese Situation hin! Nachdem der Siegeszug der Wertvergesellschaftung zunächst die bunte Vielfalt aller vorgefundenen sozialen Schichten und Interessen auf das allen Besonderungen gemeinsame Medium Geld reduziert hat, erzeugt sie unter der Hand einen stofflichen Gesamtzusammenhang, der zunächst fast unmerklich als solcher zum Problem wird. Unter dem Mantel der verallgemeinerten abstrakten Geldbeziehung bildet sich im Rahmen der zunehmenden Vernetzung und Verwissenschaftlichung der Produktion ein stoffliches, konkret-allgemeines Interesse heraus. Auf Dauer musste diese Veränderung auch an der politischen Oberfläche durchschlagen. In der Bundesrepublik war der historische Umschlagspunkt Mitte der 70er Jahre erreicht. Als Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke und für den Umweltschutz epidemisch die Republik durchseuchten, begann die lange Krise und der unaufhaltsame Zerfall der Volksparteien. Damals drangen erstmals die gesamtgesellschaftlichen Folgelasten und Risiken des fordistischen Akkumulationsschubs und der vermeintlichen Nachfolgetechnologien auf breiter Front ins öffentliche Bewusstsein. Der vergessene gesellschaftliche Gesamtzusammenhang war plötzlich wieder greifbar und vielleicht intensiver denn je. Die nach dem Zusammenbruch des Faschismus vom Ideologischen ins Faktische abgedrängte Gesellschaftlichkeit kehrte negativ gewendet wieder und wurde selber zu einem zentralen politischen Thema. Die Frage nach der über das Geld hinausgehenden Beziehung zum gesellschaftlichen Stoffwechsel tauchte allerdings nicht mehr unter ideologischen Vorzeichen, als Frage nach allgemeiner überindividueller Sinnstiftung auf, sondern ganz realistisch als Furcht vor einem universellen Gefährdungspotential. Die Erschöpfung und Zerstörung natürlicher Resourcen, die Gefahren der Atomindustrie wurden binnen weniger Jahre zu entscheidenden Feldern politischer Auseinandersetzung. Die vollkommen blindwütig auf Wachstum und Arbeitsplätze festgeschriebenen Volksparteien aber waren ihrer ganzen Anlage nach nicht in der Lage, diese Entwicklung aufzufangen und in ihrem eigenen Rahmen zu verarbeiten. Sie zeigten sich der plötzlich über sie hereinbrechenden Herausforderung nicht gewachsen. Störrisch und taub gerieten sie erst einmal in die Defensive. Das von vornherein gesamtgesellschaftliche Interesse an einer intakten Umwelt musste andere, gegen die herkömmlichen Volksparteien gerichtete Ausdrucksformen suchen und fand sie auch.</p>
<p>Das erste noch punktuelle, auf einen bestimmten Themenkomplex beschränkte Aufleuchten eines immer schon unmittelbar gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs konnte die Bindekraft der demokratischen Gesellschaft natürlich nicht zerreissen. Die Adaptionsfähigkeit der bestehenden demokratischen Ordnung blieb im wesentlichen intakt. Die Demokratie wich auf neue Sonderformen aus, um den ihr im grunde schon wesensfremden Inhalt aufzusaugen. Wo die volksparteiliche Version der Demokratie versagt hatte, öffneten sich stattdessen Spielräume für eine andere, alternative Spielart demokratischen Bewusstseins. Diese neue Variante fing den vom konkret-stofflichen ausgehenden, abstrakte Geldform und abstrakte Allgemeinheit gleichermassen sprengende Impuls ein. Die mit der Bürgerinitiativbewegung erblühende basisdemokratische Komponente führte keinen Millimeter weg vom Weg demokratischer Tugend, sondern ergänzte das System der Volksparteien, indem es den neuen a prioiri konkret-gesellschaftlichen Inhalt selber wieder in demokratische Formen und damit in die Sphäre der herrschenden abstrakten Allgemeinheit presste. Die Demokratie rettete sich auf diesem neuen, ihr bereits fremden gesellschaftlichen Boden als ihre eigene karikaturhafte Neuauflage über die Runden. Das ganz universelle und daher lobbylose Anliegen, eine halbwegs intakte Umwelt zu erhalten, der Kampf gegen die Zerstörung aller natürlichen Ressourcen durch die zum Selbstzweck gewordene Verwertung des Werts, nahm selber augenblicklich wieder die Form eines sich frisch organisierenden Sonderinteresses an. Die neu entstandene Anti-AKW-Bewegung und die in der Folgezeit spriessenden Umweltschutzverbände gerieten von Beginn an zu einer ideellen Quasilobby innerhalb des demokratisch Systems, die für die gleichberechtigte Berücksichtigung eines weiteren Spezialinteresses eintritt. Das per se Allgemeine, alles und jeden in seinen Bann Schlagende, schrumpft damit auf eine weitere Besonderung und darf in dieser kastrierten Form im weiten Oval demokratischen Interessenwettstreits mitantreten. Diese den realen Inhalt auf den Kopf stellende Formverkehrung, beraubt die ökologische Frage ihrer gesellschaftlichen Sprengkraft und macht die Ökologiebwegung mit der herrschenden Verkehrsform erst kompatibel. Diese objektive Funktion, die die Bewegung zwangsläufig ausüben musste, solange sie den im demokratischen Rechtsstaat gesetzten Rahmen selber nicht zum Kritikgegenstand erhob, stellte sich in den wilden Anfängen hinter dem Rücken der Bewegungsprotagonisten her. Für den reformistischen Flügel gehörte sie allerdings von Anfang an zum eigenen Selbstverständnis. BBU und Bund Naturschutz wollen für die belebte und unbelebte Natur das Gleiche werden, was die Gewerkschaften für die Arbeitnehmer schon lange sind. Sie verstehen sich als Vertreter eines imaginären &#8220;ökologischen Interesses&#8221;, das seine Berücksichtigung neben anderen, wirtschaftlichen und sonstigen Interessen einfordert.</p>
<p>Die Verkehrung ökologischer Forderungen zu Sonderinteressen geht mit der Überführung dieses Anliegens in die Rechtsform Hand in Hand. Wenn die Unversehrtheit der Natur zum Sonderziel wird, so verwandelt sich der Kampf gegen die Umweltzerstörung zum Kampf für die legitimen &#8220;Rechte der Natur&#8221;. Henning Friege und Michael Müller bringen diese demokratisch bornierte Sicht mustergültig auf den Punkt, wenn sie &#8220;ökologische Bürgerrechte&#8221; einklagen und diese Forderung folgendermassen erläutern:</p>
<blockquote><p>&#8220;Die Interessenvertretung für die Umwelt muss gestärkt werden. Vor allem an den Aushandlungsprozessen zwischen Kapital, Arbeit und Staat sind Umwelt- und Verbraucherverbände zu beteiligen&#8230;Das Ziel ökologischer Bürgerrechte ist es, Auswahlmöglichkeiten für die Gestaltung der Zukunft herzustellen&#8221; <a name="F25"></a><a href="#FN25">25</a>.</p></blockquote>
<p>Die Natur wird damit nicht nur zum eigenen Rechtsgut, das gegen andere Rechtsgüter abgewogen werden muss, sie avanciert im Extremfall schliesslich selber zum Rechtssubjekt. &#8220;Fortschrittliche&#8221; Juristen schlagen sich seit einigen Jahren ernsthaft mit dem absurden Problem herum, neben menschlichen Individuen und sozialen Interessengruppen auch Pflanzen- und Tierwelt in den Status juristischer Personen zu erheben, und das herrschende demokratische linke Bewusstsein nimmt diesen Irrwitz wohlwollend zur Kenntnis. Während angesichts der realen, konkret-stofflichen Vernetzung das abstrakte Rechtssubjekt längst der wohlverdienten letzten Ölung entgegendämmert, kaspern sich die linken Demokraten damit ab, diese absterbende Figur über die Grenzen der menschlichen Spezies hinaus noch verbreiten zu wollen.</p>
<p>Der Weg zu den Gerichten, der Versuch, die Rechtsform für den Kampf gegen die Umweltzerstörung zu nutzen, entspringt nicht allein (natürlich berechtigtem) taktischem Kalkül. Für die Demokratie, die entwickeltste Form abstrakter Allgemeinheit, ist das abstrakte Recht das zentrale Lebenselexier und eine demokratische Bewegung kann die zunehmend absurder werdende Rechtsförmigkeit des gesellschaftlichen Vermittlungsprozesses selber nur affirmieren und weiter vorantreiben. Das wird dort besonders deutlich, wo die Bewegungsprotagonisten ihre Skepsis gegenüber der Rechtssprechung äussern, mit der sie bei den Auseinandersetzungen um ihr Anliegen konfrontiert wurden. Ihre Kritik an bestimmen juristischen Entscheidungen, zielt immer darauf ab, die tatsächliche Abhängigkeit der Judikativen von politischen Entscheidungen herauszustellen, sie wuchs sich nie zur Kritik der abstrakten Rechtsförmigkeit selber aus. Die Anklage lebte nicht von der Realität des ausgehenden 20. Jahrhunderts, die die Vermittlung des konkreten stofflich-gesellschaftlichen Zusammenhangs über die abstrakte Rechtsform obsolet macht, sondern dümpelte in den abgestandenen Denkfiguren des 18.Jahrhunderts. Ihre Stossrichtung war es, die Diskrepanz zwischen dem Ideal der Gewaltenteilung, wie wir es aus den Schriften Montesquies kennen und einer schnöden Realität, die dieser Forderung nicht ausreichend gerecht zu werden scheint, aufzuzeigen. Diese Art der Kritik fordert gerade das abstrakte Recht und muss ins Leere laufen, sobald der eigenartige Parvenue unter den Sonderinteressen seinen legitimen Platz im demokratischen Gemeinwesen zugewiesen erhält.</p>
<p>Schon wenige Jahre nach ihrem Entstehen drängte es die Ökologiebewegung, die sich zunächst als gesellschaftlicher Quasiinteressenverband herausgebildet hatte, mit aller Macht auch in die heiligen parlamentarischen Hallen. Als die basisdemokratische, ausserparlamentarische Bewegung ihre Grenzen zu spüren begann, <a name="F26"></a><a href="#FN26">26</a> entwickelte sie eine eigene Partei &#8211; damals auch euphemistisch als &#8220;parlamentarischer Arm&#8221; bezeichnet. Damit vollzog sich auf parteipolitischem Parkett die gleiche Entwicklung, wie sie sich vorher schon bei den gesellschaftlichen Verbänden und Interessengruppen angebahnt hatte. Die Ergänzung des bundesdeutschen &#8220;Verbändestaates&#8221; durch die neuen diversen ökologischen Interessenvertretungen setzte sich mit der Entstehung der &#8220;Grünen&#8221; auch auf der Ebene des hiesigen &#8220;Parteienstaates&#8221; durch und erweiterte qualitativ das Spektrum demokratischer Parteien. Mit den &#8220;Grünen&#8221; trabten die drängenden, aber vergessenen, grossen Menschheitsfragen endlich in die Parlamente. Was die klassischen Volksparteien bei ihrem täglichen Geschäft der Synthese konkurrierender Geldinteressen nicht hatten berücksichtigen können, bekam in den &#8220;Grünen&#8221; eine eigenständige, abgespaltene Existenzform. Sie brachten moralinsauer verpackt und ohne an der herrschenden warenförmigen gesellschaftlichen Synthese auch nur zu kratzen, das aufs Tablett, was bislang immer unter den Tisch gefallen war. Neben der profanisierten, auf das Funktionieren der Ware-Geldbeziehung reduzierten abstrakten Staatsbürgerlichkeit, wie sie die &#8220;Volksparteien&#8221; vertreten, etablierte sich damit Ende der 70er Jahre noch eine höhere und abstraktere Variante des citoyen, die ihren Impuls ausschliesslich von den zentralen Menschheitsfragen wie &#8220;Ökologie&#8221; und &#8220;Frieden&#8221; bezieht. Im grünen Gewande leuchtet das klappernde Gerippe des abstrakten Staatsbürgers heller und hohler denn je, denn in seiner grünen Meta-Abart abstrahiert er nicht nur wie eh und je von seinen eigenen persönlichen Sonderinteressen, sondern darüber hinaus auch noch blind und radikal von der aus den konkurrierenden Geldinteressen extrapolierten und mittlerweile vollendeten abstrakten Allgemeinheit. Durch den Filter der Grünen Partei hindurch scheinen zwar die brennenden Fragen konkret stofflicher Vergesellschaftung auf, aber auf den Kopf gestellt und von einem moralisch-mahnenden Menschheitsstandpunkt aus. Sie sind zu zahnloser Abstraktion entwirklicht, degeneriert zur Abstraktion in 2.ter Potenz. Entsprechend erbärmlich und hilflos fallen die grünen Lösungskonzepte aus. Der Appell, über wirtschaftlichen Gesichtspunkten doch bitte die Ökologie nicht vollkommen zu vergessen, muss in einer Gesellschaft, die auf der Verwertung des Werts beruht, unerhört verhallen. Solange Geld und Wert herrschen, ist jeder gesellschaftliche Transmissionsriemen, der das allgemeine Interesse an einem intakten Öko-System in praktische durchgreifende Massnahmen übersetzen könnte, von vornherein durchschnitten. Menschliche Bedürfnisse, deren Erfüllung ihrer ganzen Natur nach nicht an einer vom Einzelnen käuflich zu erwerbenden Ware kleben können, liegen ausserhalb der Reichweite einer warenproduzierenden Gesellschaft und werden von ihr nicht berücksichtigt. Die kapitalistische Produktion bringt zwar neben der landesüblichen Zerstörungsproduktion auch biodynamisch angebaute Agrarprodukte und baubiologische Artikel hervor, sobald sich eine entsprechende Nachfrage entwickelt, sie kann aber den betriebswirtschaftlichen Standpunkt nicht sprengen und den gesellschaftlichen Produktionsprozess in seiner Tiefe allgemeinen ökologischen Gesichtspunkten gemäss nicht umgestalten. Der grüne Geldbesitzer erwirbt zwar für sich und seine Lieben gesündere Waren, den gesamtgesellschaftlichen Umweltlasten kommt er auf diese Weise aber auch nicht millimeterweise bei. Sein Schrei nach ganzheitlichem Zugriff bleibt an die einzelne Ware zwangsgekoppelt und unerfüllt. König Kunde kann die Warenwelt nicht regieren, er wird von ihr regiert.</p>
<p>In der bürgerlichen Gesellschaft ist das Allgemeine alleinige Domäne des Staates. Als Inkarnation abstrakter Allgemeinheit ringt er sich auch tatsächlich dazu durch, von Gesetz wegen da und dort höhere technische Sicherheitsstandards festzulegen und Mehrausgaben für die nachträgliche Beseitigung von Umweltschäden in Aussicht zu stellen. Die grundsätzliche, zerstörerische Logik wird damit aber nicht ausser Kraft gesetzt. Wenn der moderne, demokratische Staat sich den unübersehbaren Umweltproblemen nur halbherzig stellt, so ist das keine Frage blosser politischer &#8220;Kräfteverhältnisse&#8221;, seine Grundstruktur lässt gar kein anderes Vorgehen zu. Da er, bei allem, was er auch tun mag, auf Gedeih und Verderb auf die Alimentierung durch die wertproduktiven Sektoren der kapitalistischen Gesellschaft angewiesen ist, muss jedes staatlich-politische Handeln zuallererst das Funktionieren der Verwertung abstrakter Arbeit garantieren. Damit sind aber auf dem heutigen Produktivkraftniveau deren fatale Folgelasten ebenfalls immer schon mit gesetzt. Das staatliche Handeln lebt nicht im luftleeren Raum, in dem es nur auf energisches politisches Wollen ankäme, es bewegt sich in einer abgeleiteten Sphäre und kann sich von der zugrundeliegenden Verwertungsbasis niemals emanzipieren. Unter dem Schlagwort &#8220;Finanzierbarkeit&#8221; setzt sich ein unaufhebbares Grunddilemma durch. Umweltschutz kostet in einer warenproduzierenden Gesellschaft Geld. Wertmässig unproduktiv, bilden alle Ausgaben in diesem Bereich einen Abzug von der produzierten realen gesellschaftlichen Wertmasse <a name="F27"></a><a href="#FN27">27</a>. Unabhängig davon, ob der Staat per Gesetz den Einzelkapitalien die Abweichung von der optimalen betriebswirtschaftlichen Kalkulation aufzwingt, oder ob er die ökologische Sanierung aus dem Steuersäckel begleicht, er beschränkt damit allemal die gesamtgesellschaftliche Wertschöpfung <a name="F28"></a><a href="#FN28">28</a>, deren Wachsen doch die oberste Richtlinie all seines Tuns sein muss. Dementsprechend kann der demokratische Staat nur hilflos zwischen den Notwendigkeiten der stofflichen Reproduktion und dem Zwang, die freien Verwertungsbedingungen, die Voraussetzung seiner eigenen Existenz, aufrechtzuerhalten, hin und her schwanken. Die Verwertung des Werts als ihr eigener Selbstzweck und die vom modernen abstrakten Verwertungsprozess zwangsläufig losgetretene konkret-stoffliche Lawine treten mit der Produktivkraftentwicklung mehr und mehr auseinander, und es wird für den Staat immer schwerer, den Spagat zwischen den beiden voneinander wegdriftenden Polen durchzuhalten. Strukturell angewiesen auf die selbsttragende Kraft kapitalistischer Akkumulation, muss sich staatliches Handeln im Bereich der Ökologie zwangsläufig auf nachbessernde Eingriffe beschränken. In einer auf der Geldform beruhenden gesellschaftlichen Reproduktion kann das Resultat politischer Entscheidungsprozesse dem drängenden realen Problemdruck daher nur allzeit Hohn sprechen. Der Staat bricht bestenfalls a posteriori die groteskesten und handgreiflichesten Spitzen von Umweltzerstörung ab, aber nur, um die zugrunde liegende mörderische Logik insgesamt zu affirmieren.</p>
<p>Solange Geld und Ware als gesellschaftliche Syntheseform nicht angegriffen, sondern blind vorausgesetzt werden, verfängt sich unsere grüne Abstraktion einer Abstraktion unweigerlich in dieser Konstellation und gerät in eine unhaltbare Lage. Sobald der abstrakte Menschheitsstandpunkt die Ränge verlässt, um selber auf der politischen Arena im Wettstreit zu bestehen, macht er keine sonderlich glückliche Figur. Er kann neben dem allgemein abstrakten Geldinteresse, von dem er absieht, nicht existieren, ohne sich binnen kürzester Zeit hoffnungslos zu blamieren und fällt sehr schnell auseinander. Wer die alles in ihren Bann schlagende Geld- und Warenbeziehung nicht radikal kritisiert, der muss sich ihrer Logik nolens volens fügen. Ihm bleibt nur die vorübergehende Flucht ins Irreale. Diesen Seitenweg haben die grünen, produktivkraftkritischen Strömungen eingeschlagen. In den neugeschaffenen Emanationen abstrakter Staatsbürgerlichkeit koppelt sich die demokratische Ideologie von der voranschreitenden real-stofflichen Vergesellschaftung ab und kann ihr nurmehr überhöht und zur Weltfremdheit geläutert entgegentreten. In dieser neuen Gestalt ist die abstrakte Staatsbürgerlichkeit selbstverständlich noch weniger dazu in der Lage, realistische Zugriffsmöglichkeiten auf den ausser Kontrolle geratenen stofflichen Reproduktionszusammenhang zu eröffnen, als in all ihren früheren Versionen. Die &#8220;Basisdemokratie&#8221; ist folglich kein Gegenbild zur bürgerlichen Massendemokratie, sie karikiert sie lediglich. Die modernsten Ideologen der Demokratie begreifen am allerwenigsten die Entwicklung der objektiven Wirklichkeit und sind einige hundertausend Lichtjahre davon entfernt, irgendein praktikables &#8220;Lösungskonzept&#8221; zu erstellen. Statt realistisch nach vorn, lösen sie die Diskrepanz zwischen realer, negativer Vergesellschaftung und monadisierter Staatsbürgerlichkeit phantastisch nach hinten auf. Sie träumen davon, das erreichte Produktivkraftniveau soweit zurückzuschrauben, dass der gesellschaftliche Zusammenhang von den immer nur vereinzelt gedachten Produzenten problemlos überblickt und von ihnen noch nebenbei als &#8220;demokratisch&#8221; bewussten Bürgern gemanagt werden kann. Die moderne Wirklichkeit widerspricht dem demokratischen Ideal, also hat sie zugunsten dieses Traumbildes zurückzutreten. Diese Vorstellung, die längst über die bürgerlichen Verhältnisse hinaustreibende Wirklichkeit gewaltsam in den Rahmen demokratischer Ideale zu zwängen, ist natürlich aussichtslos und im schlechtesten Sinne utopisch. Prinzipien können sich gegen die Realität niemals durchsetzen, und auch die demokratischen Normvorstellungen werden dieses Kunststück nicht fertigbringen. Die Rückkehr zur kleinen Warenproduktion und damit zu einem Produktivkraftniveau, auf dem die altehrwürdige Figur des citoyen noch nicht ins Schwitzen kommt und die Waffen strecken muss, ist ausgeschlossen. Ein Fundamentalismus, der seines Systemopposition aus dieser ideologischen Matrix bezieht und sich am abstrakten Menschheitsstandpunkt festkrallt, bleibt daher steril und gegen jede Variante von &#8220;Realpolitik&#8221; letztlich hilflos. Neben der empirischen Beschreibung sich anbahnender ökologischer Katastrophen hat er nichts zu bieten ausser nacktem Moralismus und der Beschwörung imaginärer kleinkarierter Idyllen, und so erodiert diese Position unweigerlich. Je länger sie auf dem Markt der Meinungen feilgeboten wird, und je mehr sie sich an der schnöden Realität abarbeiten muss, desto abgeschmackter wirkt sie. Gerade darin liegt der Schlüssel zur bisherigen Entwicklung der &#8220;Grünen&#8221;. Abstrakter Menschheitsstandpunkt und Politikfähigkeit schliessen einander aus. Der Alpdruck der herrschenden Realabstraktion erzeugt das Phantasma eines abstrakt-allgemeinen Menschheitsstandpunkts nicht nur, er zersetzt ihn im nächsten Augenblick auch wieder. Die Parlamentarisierung der prinzipienstarken Unlust am politischen Geschäft enthüllt den Ausgangsimpuls schliesslich als Absurdität. Wo der abstrakte, überpolitische Menschheitsstandpunkt auf sich selbst beharrt, verurteilt er sich zur Wirkungslosigkeit und wird unhaltbar. Der fundamentalistische Flügel der &#8220;Grünen&#8221; offeriert seinen Anhängern nur die Unschuld eines reinen Gewissens und verfällt zusehens einem altjüngferlichen Ambiente. Angesichts des harten Verdrängungswettbewerbs, den sich Tschernobyl, die Verseuchung des Grundwassers, das Waldsterben, und das Ozonloch in den Schlagzeilen der Tageszeitungen liefern, wirkt der &#8220;realpolitische&#8221; Spatz in der Hand aber noch immer attraktiver als die unerreichbare &#8220;Fundi-Taube&#8221;. Gerade weil die ökologischen Probleme sich mehr und mehr zuspitzen und sich in der Bevölkerung das Gefühl verbreitet, dass die Zeit drängt, kann der Dauerclinch zwischen &#8220;Fundis&#8221; und &#8220;Realos&#8221; nur mit dem Endsieg der realpolitischen Strömung enden <a name="F29"></a><a href="#FN29">29</a>. Die Überwindung des abstrakten Geldinteresses durch die Emanationen abstrakter Staatsbürgerlichkeit scheitert wie jede Quadratur des Kreises kläglich und setzt zwei mögliche Optionen von &#8220;Realpolitik&#8221; frei. Der abstrakte, überpolitische Menschheitsstandpunkt, der konsequent vom allgemeinen Geldinteresse absieht, muss sich entweder zur Kritik von Ware, Geld und Demokratie konkretisieren oder selber wieder auf den Standpunkt einer geldhaften, abstrakten und daher auch politischen Allgemeinheit zusammensacken. Wer nicht zur fundamentalen Kritik der herrschenden Produktionsweise und all ihrer Emanationen voranschreitet, der muss vor den Aporien der Warenproduktion bedingungslos kapitulieren <a href="#FN29"></a><a name="F30"></a><a href="#FN30">30</a>. Die &#8220;Grünen&#8221; als demokratische Partei können nur die zweite Lösung wählen und erlöschen damit als Sonderform im System der modernen Volksparteien. Während sich das Anliegen Umweltschutz, soweit es in der herrschenden Geldform möglich ist, verallgemeinert hat, sind die &#8220;Grünen&#8221; bereits auf dem besten Weg dazu, sich als eigenständiger, aber inhaltlich kaum mehr unterscheidbarer Juniorpartner der geläuterten Sozialdemokratie anzupassen. Ihre Mission ist erfüllt und die grüne Strömung darf absterben <a name="F31"></a><a href="#FN31">31</a>. Heute, knapp 1« Jahrzehnte nach ihrem Entstehen, hat die &#8220;andere Demokratie&#8221; ihren Kulminationspunkt bereits längst überschritten. Ohne jeden Elan und fast ausschliesslich mit quälerischer Selbstzerfleischung beschäftigt, entpuppt sich die scheinradikale Auflösung der Krise des bundesdeutschen Parteiensystem nur als weiteres Moment eben dieser Krise. Die mit der Wertform kollidierende gesellschaftlichen Bedürfnisse bleiben uneingelöst, solange sie sich nicht von der Figur des abstrakten Staatsbürgers befreien.</p>
<p>Der gordische Knoten, zu dem sich die Krise aller tragenden Momente der Wertvergesellschaftung verschlingt, zeichnet sich deutlicher und klarer ab und schlägt auch verheerend auf die politischen Vermittlungsformen durch, wenn neben die Probleme, die aus dem Selbstlauf kapitalistischer Akkumulation auf verwissenschaflichtem Produktivkraftniveau resultieren, auch noch jene Krisenmomente treten, die aus dem Versagen der Realakkumulation erwachsen. Der Grundwiderspruch zwischen der steigenden Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung des stofflichen Produktionsprozesses und dem alleinigen Zweck der Verwertung des Werts, dem dieser neue Inhalt unterworfen bleibt, spitzt sich aber genau in dieser doppelten Weise zu. Was als Legitimationskrise begann, sobald neben den Geldinteressen sich konkret allgemeine Aufgaben auftaten, die mit der Geldform kollidieren, erreicht eine neue Qualität und trifft das etablierte demokratische System in seiner Substanz, wenn die diversen gesonderten Geldinteressen auf ihrer eigenen Grundlage in Mitleidenschaft gezogen werden. Das System der Volksparteien, das ausser dem gemeinsamen Geldinteresse keine Form gesellschaftlicher Synthese kennt, ist auf das Funktionieren des Akkumulationsprozesses angewiesen, um die gesamte Wahlbevölkerung unter seinen Fittichen vereinigen zu können. Diese Bedingung ist aber heute brüchig geworden und keineswegs so selbstverständlich erfüllt wie in den 60er und frühen 70er Jahren. Mit der sich befestigenden Verunsicherung nimmt die Konkurrenz der disparaten Geldinteressen einen harscheren Ton an, und die uns vertraute politische Landschaft gerät in Bewegung. Im Schatten, der sich abzeichnenden Krise, verwandeln sich die Brüder im Gelde in Hyänen, die sich um die verbliebenen Brocken balgen, gerade weil ihre widerstreitenden Interessen in diesem Medium korreliert und einander gleich werden.</p>
<p>Allein, mit einer wie auch immer gearteten Renaissance des traditionellen Klassenkampfes zwischen &#8220;Kapital&#8221; und &#8220;Arbeit&#8221;, die sich die neue Linke in den 60er und 70er Jahren noch von der Rückkunft zyklischer Krisen erwartete, hat das alles sehr wenig zu tun. Denn die Entwicklung der Wertvergesellschaftung hat mit der Verallgemeinerung der Geldbeziehung die einfache Bipolarität von &#8220;Lohn-&#8221; und &#8220;Profitinteresse&#8221; nicht nur nicht hergestellt, sie hat sie als das die Gesellschaft charakterisierende Merkmal zusehends im Interessenpluralismus ausgelöscht. Die vereinheitlichte Formbestimmung, die alles und jeden in ihren Bann schlagende Geldbeziehung, vereinfacht die Interessenstruktur nicht, sondern zerstückelt die Gesellschaft in eine Vielzahl einander widerstrebender und durchkreuzender Schichten und Interessengruppen. Aus der produktiven Beziehung von Kapital und Arbeit entspringt zwar die gesellschaftliche Wertmasse, die die Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt abgibt, deshalb fallen aber die dazugehörigen Binnenkonflikte im produktiven Sektor (der Gegensatz von Lohnarbeiterinteresse und dem Interesse seines Kapitalisten) noch lange nicht mit der entscheidenen Konfliktlinie zusammen, die den herrschenden gesellschaftlichen Grundkonsens aufreissen kann <a name="F32"></a><a href="#FN32">32</a>. Im Gegenteil, gerade die Interessen der produktiven Lohnarbeiter und des produktiven Kapitals rücken im Kampf aller Geldinteressen auf vielen gesellschaftlichen Konfliktfeldern einander näher und koalieren. Sobald es darum geht, Schlachten gegen die sich ständig verbreiternde Masse &#8220;Dritter Personen&#8221; zu schlagen, finden wir sie beide in schöner Regelmässigkeit auf der gleichen Seite der diffuser gewordenen gesellschaftlichen Frontlinie. Denn mit dem Universalwerden des Geldes haben sich die möglichen Geldinteressen keineswegs im bipolaren Spannungsfeld von Lohninteressen der &#8220;Arbeiter&#8221; <a name="F33"></a><a href="#FN33">33</a> und den Profitinteressen der &#8220;Kapitalisten&#8221; ausgerichtet, wie sich das der traditionelle Marxismus immer erträumte. Die Verallgemeinerung der Geldbeziehung, der der Fordismus endgültig zum Durchbruch verhalf, differenzierte stattdessen die Sozialstruktur aus und ging mit einem historisch einmaligen Anwachsen abgeleiteter Einkommensquellen einher, die sich der überkommenen Zuordnung auf Lohn oder Profit sperren, weil sie, im gesamtgesellschaftlichen Rahmen angesiedelt, allesamt wertmässig vom wertproduktiven Sektor alimentiert werden müssen und damit sowohl für das produktive Kapital als auch für die produktive Arbeit auf der Grundlage einer warenproduzierenden Gesellschaft nur als Abzug und finanzielle Belastung erscheinen können. Wenn die traditionelle Arbeiterklasse sich einst durch die mehrwertfressenden Kapitalisten um ihren &#8220;vollen Arbeitsertrag&#8221; betrogen sah, so fühlt sich der moderne Arbeiter mindestens ebensosehr durch die staatliche Steuerabschöpfung, das Zwangsversicherungswesen und den Sozialstaat insgesamt geschröpft <a name="F34"></a><a href="#FN34">34</a>. Hinter dem Gegensatz der auf breiter Front erst nach dem 2.Weltkrieg durch die staatliche Umverteilung konstituierten, an sich selber wieder vielgliedrigen Geldinteressen und den gemeinsamen Verteilungsinteressen von produktivem Kapital und produktiver Arbeit ist die Binnenkonkurrenz von Profit und Lohn ins zweite Glied gerückt und zu einem geldhaften Interessengegensatz unter vielen anderen gesundgeschrumpft. Unter den Bedingungen von Verwissenschaftlichung und wachsender Vergesellschaftung des Reproduktionsprozesses ist heute das Gegeneinander gesellschaftlich notwendiger, aber wertmässig unproduktiver Sektoren und der Waren und Tauschwert produzierenden Kernsegmente für die säkulare Entwicklung des Kapitalverhältnisses wesentlich wichtiger geworden. Auch wenn die Beteiligten um die werttheoretischen Hintergründe dieses Zusammenhangs natürlich nicht wissen, und er ihnen nur bruchstückhaft und verschroben ins Bewusstsein rückt, so trägt er mittlerweile mehr gesellschaftlichen Sprengstoff in sich als der verblassende Kampf von Kapital und Arbeit. Kapital und Arbeit geraten parallel zueinander in die Krise und gehen gemeinsam unter.</p>
<p>Die Grundlogik dieses Prozesses ist dabei relativ klar und einfach. Während der Umfang der Wertproduktion ausschliesslich an der im unmittelbaren Produktionsprozess verausgabten Arbeit hängt, er also allein aus der aktiven Arbeiterklasse fliesst, schliesst die stoffliche und soziale Reproduktion der modernen bürgerlichen Gesellschaft notwendig noch weitere, entlohnte Tätigkeitsfelder ein. Auf fortgeschrittenem Produktivkraftniveau setzt die stoffliche Produktion, von der sich der Wertbildungsprozess nun einmal nicht emanzipieren kann, flankierende, allgemein-gesellschaftliche Arbeiten (Infrastruktur, Bildungssystem, etc.) voraus, die selber wertmässig unproduktiv sind und als wachsende faux frais den Akkumulationsprozess, die Anhäufung von konstantem und variablem Kapital beschränken. Die moderne bürgerliche Gesellschaft hat mit dem Fortgang der Produktivkraftentwicklung eine breite Palette von Arbeitsbereichen herausdifferenziert und notgedrungen monetarisiert, die zwar gesellschaftlich notwendig sind, aber keineswegs in die Kriterien betriebswirtschaftlicher Profitabilität eingebunden werden können. Die dort verausgabte Arbeit kann daher ihren Rahmen nicht im Austausch des Einzelkapitals mit seinen Arbeitern finden. Sie muss stattdessen via Umverteilung und Redistribution aus dem wertproduktiven Sektor und damit zu Lasten der Einkommen von produktiven Arbeitern und Kapitalisten finanziert werden. Der entwickelte Produktions- und Verwertungsprozess kann ohne einen sich beständig ausdehnenden gesamtgesellschaftlichen Rahmen längst nicht mehr funktionieren. Das Ziel, dem dieses Mittel dient, die Verwertung des Werts, wird aber gleichzeitig von dessen wachsendem Umfang beeinträchtigt und schliesslich erdrückt. Die ständige Expansion des öffentlichen Dienstes, der heute weder nach Beschäftigtenzahlen noch nach funktioneller Bedeutung mit der vollkommen marginalen Gruppe von Staatsbediensteten in früheren Etappen kapitalistischer Entwicklung zu vergleichen ist, ist ein Symptom dieser unaufhaltsamen Entwicklung <a name="F35"></a><a href="#FN35">35</a>. Auch wenn diese objektive Logik, die die kapitalistische Produktionsweise in die Krise und damit schliesslich über sich hinaustreibt, den konstituierten Sozialcharakteren natürlich verschlossen bleibt, so gehen deren Folgen doch am Alltagsverstand nicht spurlos vorbei. Als Lohnsteuerzahler weiss der produktive Lohnarbeiter sehr wohl, dass das Einkommen seiner ÖTV-Kollegen keineswegs auf den Bäumen wächst, sondern in letzter Instanz auch aus seiner Tasche stammt.</p>
<p>Wenn hier von der Herausbildung eines gesamtgesellschaftlichen Rahmens die Rede ist, ohne den die Reproduktion einer modernen bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr funktionieren kann, so ist die Entstehung neuer Kategorien von abhängig Beschäftigten nur eine Seite dieses noch viel allgemeineren Prozesses. Die Zersetzung vorkapitalistischer Strukturen, die mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise unvermeidlich verknüpfte Monadisierung und Individualisierung, macht auch die Versorgung nichtarbeitender Personengruppen zur notwendigen gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Was landläufig unter der Rubrik &#8220;Sozialstaat&#8221; abgehandelt wird, ist keineswegs ein Problem staatlich organisierter Mildtätigkeit, sondern ist längst für den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess und damit auch als Voraussetzung des Verwertungsprozesses unentbehrlich geworden. Die Bereitstellung einer breiten Masse qualifizierter Arbeitskräfte kann nicht der privaten Finanzkraft einzelner Familien überlassen bleiben, der Staat muss selber einspringen, um von dieser Seite her eine einigermassen breit gestreute und für die Bedürfnisse des Kapitals effiziente Ausbildung zu sichern. Daher wuchern neben den abgeleiteten Arbeitseinkommen auch neue Einkommenskategorien, die kein Entgeld mehr für Lohnarbeit darstellen, aber für die Reproduktion und Qualifizierung der Ware Arbeitskraft als gesamtgesellschaftliche Potenz unerlässlich werden. Das &#8220;Lohnarbeitsleben&#8221; nimmt einen immer geringeren Bruchteil an der menschlichen Lebensspanne ein <a name="F36"></a><a href="#FN36">36</a> und die Versorgung all jener Menschen, die weder über Lohnarbeit noch als private Rentiers ihre Reproduktion bestreiten, kann immer weniger auf ein längst zerfetztes soziales Geflecht abgeschoben werden <a name="F37"></a><a href="#FN37">37</a>. Was in früheren Phasen kapitalistischer Entwicklung noch weitgehend unter den Zuständigkeitsbereich des Familienverbandes subsumiert war und inzwischen eine historisch einmalige Dimension angenommen hat, wird heute zunehmend zu wesentlichen gesellschaftlichen Sektoren ausdifferenziert. In der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die ihre eigene Gesellschaftlichkeit nur im Geldmedium abwickeln kann, münden aber all diese verschiedenen Momente von Vergesellschaftung durch Individualisierung und Vereinzelung unweigerlich in eine gigantische monetäre Redistribution. Die verschiedenen Kategorien von Lohnarbeitern, deren Arbeit in die Erstellung der gesellschaftlichen Infrastruktur eingeht, der Rentner und der Student, die nicht mehr vom eigenen Familienverband, sondern als vereinzelte Monaden auf Staatskosten unterhalten werden, sie alle liegen dem wertproduktiven Sektor auf der Tasche und werden zu Mitessern am gesamtgesellschaftlichen Wertprodukt. Der zeitgenössische Kapitalismus ist ohne diese gigantische Umverteilungsmaschinerie, von der sich unserer Vorfahren, als sie Bismarcks Sozialgesetzgebung bejubelten, nie etwas hätten träumen lassen, gar nicht mehr denkbar und auf heutigem Produktivkraftniveau auch nicht mehr funktionsfähig. Wer nicht mehr, oder noch nicht, am Lohnarbeitsleben beteiligt ist, oder wer gerade aus dem Arbeitsprozess herausgefallen ist, erhält durch staatliche und/oder pflichtversicherungsmässige Umverteilung Anteil an der gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung. Sein Unterhalt lastet auf der Gesamtheit aller Versicherten und Steuerzahler und seine jeweiligen Geldinteressen etablieren sich als weitere Konkurrenz. Selbst die Fortpflanzung der Gesamtpopulation hat aufgehört eine Selbstverständlichkeit darzustellen, die getrost dem naturwüchsigen Selbstlauf überlassen bleiben kann. Auch hier fühlt sich der Staat in die Pflicht genommen und kommt der neuen Aufgabe in der ihm einzig möglichen, dafür erbärmlich-hilflosen Form nach. Er wird zum kollektiven Teilzahlvater. Da Kinder vom Standpunkt des monadisierten Geldbesitzers und Konsumenten nur als dysfunktionaler Luxus erscheinen können, dieser &#8220;Luxus&#8221; aber für die Fortexistenz jeder Gesellschaft nun einmal lebensnotwendig ist, muss er den Einzelnen von Staats wegen, wenigstens durch Teilsubventionierung einigermassen schmackhaft gemacht werden. Wie die in allen entwickelten Industriestaaten steil abgefallene Fertilitätsrate zeigt, bleibt diesen Versuchen nur wenig Erfolg beschieden. Aber immerhin gelingt es dieser Sorte von Familienpolitik, ausser dem Gegensatz von Arbeitslosen und Arbeitsplatzbesitzern auch noch das potentielle Gegeneinander von Kinderlosen und Kindseigentümern virulent zu machen.</p>
<p>Der reale von der Verwertungslogik losgetretene Vollvergesellschaftungsprozess wuchert allenthalben über die warenförmige Verknüpfung hinaus. Unter kapitalistischen Bedingungen muss der Staat diesem Umstand Rechnung tragen und das gesellschaftliche Umfeld, das der moderne Produktionsprozess benötigt, bereitstellen. In einer auf Wert und Ware beruhenden Gesellschaft kann die öffentliche Hand und die ihr angeschlossenen Zwangsversicherungen nur durch monetäre Umverteilung diesen realen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang gegenüber den Warenproduzenten und vereinzelten Geldbesitzern und ihren getrennten Geldinteressen durchsetzen und vermitteln. Diese Funktion nimmt einen umso grösseren Stellenwert ein, je weiter unmittelbare Warenproduktion und der stoffliche Reproduktionsprozess, der die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite umspannt, auseinandertreten. Die allmählich über die Wertform hinaustreibende Durchvergesellschaftung fällt innerhalb der bürgerlichen Formbestimmtheit mit der unaufhaltsamen Expansion der öffentlichen Redistributionssphäre zusammen. Da der moderne Staat seine gesamtgesellschaftliche Aufgabe nur via Geld leisten kann, in einer Form also, die zum allgemein-gesellschaftlichen Charakter gerade im Widerspruch steht, reproduziert seine Tätigkeit den zwieschlächtigen Charakter der Warenproduktion, gleichzeitig gesellschaftlich und ungesellschaftlich zu sein, auf neuer Stufenleiter. Die Staatsintervention stellt den Gesamtzusammenhang her, indem sie unter bestimmten Gesichtspunkten Quanta abstrakten gesellschaftlichen Reichtums von der Tasche des einen freien und glücklichen Geldbesitzers zu der des anderen schaufelt. Die staatliche Zwangskopplung der Geldbeutel realisiert nicht nur die gesellschaftliche Verknüpfung der Besitzer, sie bringt sie gleichzeitig in Gegensatz zueinander. Gerade weil die staatliche Redistribution den realen gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung zu tragen versucht, diese Aufgabe aber nur im Geldmedium angehen kann, schafft sie den realen gesellschaftlichen Zusammenhang als unübersehbare Vielzahl sich bekriegender Geldinteressen. Mit jedem neuen Verteilungskriterium, das sie entwickelt, schafft sie ein weiteres, mit all seinen Artgenossen konkurrierendes, Geldinteresse. Der Sozial- und Steuerstaat, zumal wenn er in die Finanzkrise gerät, stellt den Lohnsteuerzahler allen Sozialhilfeempfängern gegenüber, macht den Beitragszahler zur gesetzlichen Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung zum Feind aller Pensionisten und Arbeitslosengeldbezieher und verwandelt jeden Steuerzahler in einen Gegner des defizitären öffentlichen Nahverkehrs. Nicht zufällig wiederholen sich deshalb an den bundesdeutschen Stammtischen nicht nur die ewig gleichen Tiraden gegen arbeitsscheue und Arbeitsplätze klauende Ausländer, sondern auch die abgestandenen Rentner-Überroll-Prämienwitze. (Es sei denn, die fröhliche Stammtischrunde setzt sich aus älteren Semestern zusammen.) Im Verteilungskampf um den abstrakten gesellschaftlichen Reichtum stehen sich nicht nur Kapitalisten und Arbeiter feindlich gegenüber, sondern auch Beitragszahler und Rentner, Steuerzahler und die diversen Empfänger staatlicher Leistungen (vom Sozialhilfeempfänger bis zur maroden Grosswerft). Alle bekriegen sich, weil sie alle nur das eine knapper werdende Gut wollen &#8211; Geld.</p>
<p>Diese neue Zerklüftung der sozialen Landschaft verliert dadurch nichts an Schärfe, dass die Unzahl neuer Geldbesitzerkategorien keineswegs neue soziale und gesonderte Milieus konstituieren, ja nicht einmal fest mit bestimmten Personen verwachsen. Der Lohnabhängige wird als Lohnsteuerzahler der Erhöhung dieser Steuer genauso begeistert gegenüberstehen, wie er als Verbraucher die höhere Mehrwertsteuer zu schätzen weiss, auch wenn er als Kindergeldbezieher oder künftiger Rentner zu den potentiellen Nutzniessern höherer staatlicher Einnahmen gehören mag. Auch der abhängig Beschäftigte kann in seiner Funktion als Sparer in die Verlegenheit kommen, Quellensteuer entrichten zu müssen und wird darüber in dumpfen Groll verfallen. Auch wenn die Individuen zwischen den verschiedenen sozialen Funktionen frei flottieren und in der sozialstaatlichen Redistribution die unterschiedlichsten Rollenbestimmungen in sich vereinen, so verfolgen sie doch ihre aktuellen verschiedenen Geldinteressen mit Klauen und Zähnen und unbekümmert der Folgelasten, die die Allgemeinheit zu tragen hat. Die bis zur Unüberschaubarkeit sich auswuchernde, aber doch immer ungenügend bleibende Differenzierung der Umverteilungsstruktur zeigt nur an, dass die Reduktion der Wirklichkeit auf Geldinteressen insgesamt obsolet wird. Die Vielfalt der konkret stofflichen Verknüpfung bricht sich an der abstrakten Geldform, in der sie sich innerhalb der bürgerlichen Verkehrsform allein darstellen kann. Statt zu befrieden, schafft die contradictio in adjecto der Verkollektivierung des abstrakten Reichtums, die Transformierung des Allgemeinen in ein abgetrenntes Besonderes, verquere Frontstellungen und blockiert ihre eigene Funktion permanent selbst. Die aktuellen, allesamt im Ansatz schon kläglich gescheiterten Versuche einer Reform von Gesundheitswesen und Rentensystem dokumentieren schlagend die Dysfunktionalität des gesamten Mechanismus. Der Tanker treibt dahin, und wenn die hilflosen Steuerleute nicht durch hektisches Manövrieren sein absehbares Auseinanderbrechen riskieren wollen, so werden sie ihn dafür zielsicher aufs Riff der Unfinanzierbarkeit setzen. Jeder breiter angelegte Reformanlauf versackt auf diesen Gebieten im Handumdrehen im Widerstandsgestrüpp der betroffenen Interessengruppen und statt rationaler Regulierung kann sich als Kompromiss beider Übel nur notdürftigste Flickschusterei durchsetzen.</p>
<p>Diese Entwicklung resultiert zwangsläufig aus der wachsenden realen stofflichen Vergesellschaftung, die in die sich dadurch erst verallgemeinernde Geld- und Warenform gepresst bleibt. Sie wird übertüncht und bleibt untergründig, solange der wertproduktive Sektor der Wirtschaft boomt und seine absolute Ausdehnung die wachsende relative Last wegstecken kann. Was sich in der Nachkriegsprosperitätsphase schleichend anbahnte, spitzt sich aber zu und wird gesamtgesellschaftlich akut, sobald der Verwertungsprozess insgesamt ins Stocken gerät und die Proportionen sich weiter, gerade auch durch die Krise, zuungunsten des wertmässig produktiven Sektors verschieben. Das Anwachsen der abgeleiteten Einkommenskategorien kann nicht einfach rückgängig gemacht werden und aus der relativen Mehrbelastung wird eine absolute. Neben die Krise der Realakkumulation treten die Krisen des Gesundheitswesens, des Rentensystems und des Sozialstaates und komplettieren sie erst. Sobald Rentner, Arbeitslose, Beamte und sonstige Empfänger abgeleiteter Einkommen überhandnehmen, verschärft sich der Verteilungskonflikt zwischen diesen Gruppen und noch mehr natürlich der gegenüber den lohnabhängigen Beitragszahlern jeder Couleur.</p>
<p>Diese Zuspitzung der allseitigen Konkurrenz trifft nicht von vornherein die gesamte Gesellschaft gleichermassen. Ihre konzentrierte Wucht entfaltet sich zunächst am unteren Ende der sozialen Skala, dort, wo der Bezug auf die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums erlischt und nurmehr Verteilungskämpfe angesagt sind. Mit dem Auslaufen des fordistischen Akkumulationsschubs hat sich die bundesdeutsche Sozialstruktur auf ihren unteren Stufen stark verändert. Was in den letzten Jahren als &#8220;Neue Armut&#8221; apostrophiert wurde, hat ihr reales Substrat. In den letzten Jahren entstand eine wachsende Schicht von Deklassierten und Dauerarbeitslosen, die endgültig aus dem Verwertungszusammenhang herausgefallen sind. Dieser nurmehr marginal (Schwarzarbeit, etc.) auf den produktiven Stoffwechsel bezogene gesellschaftliche Bodensatz fristet, zur neu entstandenen und ausufernden Kategorie &#8220;Sozialfall&#8221; <a name="F38"></a><a href="#FN38">38</a> kollektiviert und individualisiert, sein Dasein und ist in den gesamtgesellschaftlichen Rahmen als Objekt staatlicher Fürsorge eingebunden. Die Absonderung einer breiten, auf staatliche Wohlfahrt verwiesenen Pariaschicht ist kein vorübergehender Betriebsunfall im sozialen Getriebe, sie wird zum sozialen Dauerbrenner und wirft gravierende Probleme auf. Für eine neue, heterogen zusammengesetzte soziale Gruppe &#8211; sie umfasst genauso Jugendliche ohne Ausbildung, ältere Arbeitnehmer aus absterbenden Industriezweigen wie Bauern, deren bisherige Lebensgrundlage der EG-Binnenmarktintegration zum Opfer fällt &#8211; kann selbst der allseits erhoffte neue Aufschwung auf der Basis internationaler Arbeitsteilung und neuer Technologien keine Lebensperspektive bieten. Den Flexibilitätsansprüchen der neuen transnationalen high-tec-Strukturen werden sie nicht gerecht, und deren Siegeszug verengt nur den verbliebenen Spielraum. Was für die Unklasse der bereits Deklassierten akut geworden ist, bedroht potentiell weite Bereiche von unqualifizierter Beschäftigung und gewinnt so gesellschaftliche Durchschlagskraft. Im neuen multinationalen europäischen Block, der das dahingewelkte &#8220;Modell Deutschland&#8221; ablösen soll, werden die Wasserträger der fordistischen Akkumulation und ihre Kinder nach und nach in Nischen abgedrängt, während breite Teile dieser Schicht ihrer Degradierung zu Almosenempfängern entgegengehen. Glücklich ist, wer auf Grund der Gnade der frühen Geburt rechtzeitig in den verdienten Voruhestand entfleuchen kann. Jede fallende Grenze, das unaufhaltsame Voranschreiten der Weltmarktintegration, macht die Stellung der fordistischen Arbeiterschichten nur unhaltbarer <a name="F39"></a><a href="#FN39">39</a>. Gerade die klassischen Basisindustrien, die beim Nachkriegsaufschwung eine bedeutende Rolle spielten und die breite Masse lebendiger Arbeit absorbierten, werden heute und in Zukunft hierzulande abrasiert. Sie wandern in die Schwellenländer aus <a name="F40"></a><a href="#FN40">40</a>, oder sind bevorzugtes Experimentierfeld für arbeitssparende computergesteuerte Fertigung <a name="F41"></a><a href="#FN41">41</a>. Die Weltmarktintegration auf veränderter technischer Grundlage, gefährdet die alte, relativ privilegierte Position auf dem sich herausbildenden Weltarbeitsmarkt und im Gefolge auch das dolce vita im sozialen Netz eines der reicheren Länder. Die Verlierer von heute wissen, dass das Fortschreiten des Modernisierungsprozesses für sie auch weiterhin nur die Rolle des Opfers bereit halten wird. In die offiziöse politische Diskussion ist dieser Desintegrationstrend unter dem Terminus &#8220;Zweidrittelgesellschaft&#8221; lange schon eingegangen <a name="F42"></a><a href="#FN42">42</a> und schon seit geraumer Zeit wurde über dessen mögliche politische Implikationen räsoniert. Heute beginnen sie sich praktisch abzuzeichnen. Dem längst angelaufenen sozialen Desintegrationprozess folgt allmählich ein politischer. Der Zusammenhalt der bürgerlichen Gesellschaft beginnt an ihrem unteren Rand zu bröckeln, und das schlägt sich hier zu guter Letzt in neuen politischen Formen und auch im Wahlverhalten nieder. Der volksparteiliche Konsens wird in Frage gestellt, er franst aus und wird von seinen Kellerkindern angeknabbert. Die Überraschungserfolge von Republikanern und NPD bei den Senatswahlen in Berlin und den Kommunalwahlen in Hessen müssen hier als Menetekel gelten. Was lange Jahre nur untergründig innerhalb des politischen Systems wirkte, bricht durch und wird mittlerweile zum politischen Tagesproblem. Das Aufblühen rechtspopulistischer Strömungen in ganz Westeuropa, das Mitte der 80er Jahre einsetzte, greift endlich auch unübersehbar auf die Bundesrepublik und West-Berlin über. Die lange gärende Enttäuschung über die Wenderegierung und die oppositionelle Sozialdemokratie, die Einsicht, dass zumindest für das ausgegrenzte &#8220;Drittel&#8221; der Gesellschaft Hochkonjunktur, Vollbeschäftigung und steigendes Konsumniveau nicht mehr zurückkehren werden, mündet bei breiten Teilen dieser Schichten in rechtem Protest und gibt den Resonanzboden für den anlaufenden rechtspopulistischen Parteibildungsprozess ab. Das enttäuschte nackte Geldinteresse des kleinen Mannes fühlt sich von den Volksparteien verraten und verkauft und macht sich selbständig. In der &#8220;neuen Rechten&#8221; löst sich das unmittelbare Geldinteresse der von der &#8220;postfordistischen&#8221; Krise überrollten und an den gesellschaftlichen Rand gedrängten Gruppen von der volksparteilichen Synthese ab und kommt zu einer gesonderten Ausdrucksform. So überraschend die plötzliche Kulmination dieser Entwicklung in den letzten Monaten auch sein mag, auf Dauer konnte dieser neue Seperatismus am rechten Rand des politischen Spektrums kaum ausbleiben, er war daher auch voraussehbar. Die allgemeine Parteienverdrossenheit, kombiniert mit dem wachsenden Konkurrenzdruck zwischen allen Geldinteressen, kann speziell bei den diversen ausgegrenzten gesellschaftlichen Segmenten nur unmittelbar auflösend auf den herrschenden gesellschaftlichen Konsens, wie ihn die Volksparteien seit den 50er Jahren transportieren, wirken. Denn während für alle Schichten, die in die Erzeugung des gesellschaftlichen Reproduktionszusammenhangs und damit direkt oder indirekt in die Schaffung der Gesamtwertmasse eingebunden sind, die Notwendigkeiten der Kooperation im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess als Korrektiv gegenüber dem blossen Verteilungsgesichtspunkt wirksam werden, stellen die unterschiedlichen Kategorien von Wohlfahrtsempfängern füreinander und für den Rest der Gesellschaft nichts als Abzug vom eigenen Anteil dar. Alle wie auch immer im Reproduktionsprozess involvierten Schichten sind füreinander Konkurrenten und Partner. Die Herausgefallenen kennen einander nur als Gegner und ihre unwilligen Finanziers spüren sie als wachsende Last, und so werden Hass und Neid im unteren Drittel der Gesellschaft umso erbitterter, je bescheidener die Aussichten für alle Abgestürzten werden und je mehr ihre Zahl anschwillt. Unterhalb der korporatistische Züge annehmenden Interessengemeinschaft aller an der Produktion des abstrakten Reichtums Beteiligter bahnen sich zwischen und um die &#8220;sozialen Opfer&#8221; Konflikte von in der bisherigen Geschichte der Republik unbekannter Härte an. Der breiter werdende gesellschaftliche Bodensatz wird zum bevorzugten Opfer und Träger einer neuen Feindseligkeit, die die Sozialpartnerschaft der Wirtschaftswunderjahre zwar nicht ablösen kann, ihren Gültigkeitsbereich aber immer mehr einschränkt. Die Unklasse der Deklassierten gelangt zu diesem pikanten Doppelcharakter, indem sie &#8211; den inneren Bruchlinien ihres bunt zusammengewürfelten Haufens folgend- offensiv gegen die schwächsten Segmente in ihren eigenen Reihen vorgeht <a name="F43"></a><a href="#FN43">43</a>. Die Ausgegrenzten grenzen selber aus, um den Andrang an den Futtertrögen zu verringern. Die Einheitlichkeit des Interesses -alle wollen das Gleiche, nämlich Geld- verleiht den Auseinandersetzungen, dort wo der Bezug zur Erzeugung des abstrakten Reichtums gekappt ist und es allein um die Verteilung der abfallenden Brosamen geht, einen Hang zur Erbarmungslosigkeit. Der deutsche Sozialhilfeempfänger neidet seinem tamilischen Kollegen jede Mark, der Arbeitslose auf Wohnungssuche sieht den wolgadeutschen Spätaussiedler als Sargnagel all seiner Hoffnungen auf Wohnraum und Arbeitsplatz. Ausgerechnet die Deklassierten kündigen die allumfassende Sozialpartnerschaft, und ziehen ressentimentgeladen bis handgreiflich gegen andere kulturell oder national abgrenzbare &#8220;Nutzniesser&#8221; des &#8220;deutschen&#8221; Staates zu Felde. Die reale Sparpolitik des Staates, die gerade die sozial Bedürftigen hart trifft, zeitigt Wirkung. Sie schlägt vor allem im Verhältnis zu allen nichtdeutschen Bewohnern unseres Landes durch. Die auch in Zeiten der Hochkonjunktur latent vorhandene Fremdenfeindlichkeit wird manifest und zum politischen Faktor.</p>
<p>Trotzdem darf diese Entwicklung keineswegs mit der Wiedergeburt eines lebensstarken Nationalismus verwechselt werden. Das Kapital hat den nationalen Rahmen längst gesprengt und dieser Sachverhalt reflektiert sich auch in den modernen rechtspopulistischen Strömungen. Die hier immer mitschwingenden deutschtümlerischen Fermente haben nichts Genuines an sich, sie sind selber im wahrsten Sinne nur reaktionär und an sich selber hohl geworden. Wie im Zugabteil wird jeder Neuankömmling auf deutschen Boden von all seinen Vorgängern als Eindringling betrachtet, der den eigenen Platz einengt, und er wird so lange abgelehnt, bis weiterer Zuzug ihn (zumindest fast) zu einem der unseren macht. Wer heute noch stolz ist, ein Deutscher zu sein, beharrt nur auf seinen älteren Rechten, die er daraus ableitet, dass er schon länger im Lande ist, weil ihm kein anderer Vorzug geblieben ist. Mit dem alten Nationalismus als einer grössere Einheiten stiftenden Ideologie hat dies nicht mehr allzuviel zu tun. Der neue Nationalismus taugt nicht mehr dazu das deutsche Volk über die längst zerstörten ständischen Grenzen hinweg zusammenzuschweissen. Er ist zur puren Ausgrenzungsideologie verkommen, die Feindschaft und Diskriminierung bestimmter Segmente der bundesdeutschen Gesellschaft zu rechtfertigen hat. Entsprechend inkonsistent und brüchig fällt der Rekurs auf alles deutsch-nationale aus. Wie leer die Beschwörung deutschen Blutes in diesem Zusammenhang geworden ist, zeigt schlagend die Tatsache, dass der Kampf gegen neue Konkurrenten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt sich gerade besonders auch gegen deutschstämmige Spätaussiedler richtet. Den Erdrutschsieg, den die Republikaner in Berlin davontrugen, verdanken sie weniger dem Hass auf die mittlerweile vertrauten und zahlenmässig stagnierenden Türken, als vielmehr dem Neid auf die wachsenden Aussiedlermassen <a name="F44"></a><a href="#FN44">44</a>.</p>
<p>Die Vereinigung aller Geldinteressen zu einem abstrakten, gesamtgesellschaftlichen Geldinteresse, das die regierenden Volksparteien mehr als 30 Jahre lang leisteten, funktioniert nicht mehr ohne gravierende Friktionen. Nachdem das System der Volksparteien konkrete, gesamtgesellschaftliche Aufgaben, wie den Umweltschutz nicht befriedigend integrieren konnte und daher eine spezielle Partei des Moralisch-Allgemeinen absonderte, erschlafft seine Integrationskraft in der Krise auch was die unmittelbaren Geldinteressen angeht. Im selben Mass wie der fordistische Akkumulationsschub endgültig ausläuft, und sich alle stillen Hoffnung auf dessen Wiederkehr als illusionär erweisen, separiert sich auch das erbärmlichste ressentimentgeladene Geldinteresse von der volksparteilichen Synthese und entwickelt seine eigene parteipolitische Ausdrucksform. Das Fortschreiten der realen Vergesellschaftung, die sich an der Wert- und Warenform zu brechen beginnt, überdehnt die volksparteiliche Form. Angesichts der realen stofflichen Durchvergesellschaftung wird die Verdopplung von Privatinteresse und abstrakter Staatsbürgerlichkeit, die in den Volksparteien ihre entwickelte Bewegungsform fand, obsolet. Solange aber Geld und Ware fortexistieren, kann sie auch nicht überwunden werden und schleppt sich auf eine Metaebene transformiert fort. Die deutsche Demokratie löst ihren immanenten Widerspruch durch die Verdopplung der Verdopplung. Wie der citoyen in den Grünen zu seiner weiter verhimmelten Metagestalt kam, so trennt sich auf der anderen Seite vom unmittelbaren bornierten Alltagsinteresse noch einmal dessen Kellerkinderversion. Nach dem abstraktesten Menschheitsstandpunkt wird auch das allerärmlichste für sich stehende Geldinteresse politik- und parlamentsfähig. Vom realen Problemdruck in die Zange genommen, wuchert die demokratische Form über ihren volksparteilichen Rahmen. Die Demokratie bildet Metastasen und verfällt dabei dem Koma.</p>
<p>Nach den Grünen, die als Mahnung zu mehr &#8220;demokratischem Idealismus&#8221; und als eine inkarnierte Aufforderung zur Auseinandersetzung mit den &#8220;grossen Menschheitsfragen&#8221; aufgefasst werden mussten, zieht diesmal der nackte, resentimentgeladene Stumpfsinn ins Parlament. Dem Einzug der &#8220;besseren citoyens&#8221; in die Parlamente folgt nun die Parlamentarisierung der allerarmseligsten Variante von Konkurrenzinteressen. Das dumpfe Grollen des kleinen deutschen Mannes gegenüber dem Druck ausländischer Mitbewerber auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt schlägt endlich nicht mehr nur am Stammtisch, sondern auch an der Wahlurne durch.</p>
<p>Das Konzept der Volkspartei, das der politischen Entwicklung der BRD über Jahrzehnte seinen Stempel aufdrückte, fällt damit nach beiden Seiten auseinander. Weder der CDU noch der SPD gelingt es noch glaubhaft, die unmittelbarsten Geldinteresssen ihrer Wählerklientel mit einem hehren Allgemeininteresse zu integrieren, das eine gesellschaftliche Perspektive angeben könnte. Die Sozialdemokratie wurde für ihr krisenverwaltendes Weiterwursteln mit der Herausbildung der Grünen bestraft, auf der Rechten bahnt sich heute spiegelverkehrt eine analoge Entwicklung an. Genauso wie die &#8220;Grünen&#8221; einst vom linken Flügel den etablierten Dreiklang CDU/CSU, SPD, FDP auflösten, so zerfranst heute der rechte Rand der tradierten Parteienlandschaft. Dem linken Protestpotential innerhalb der parlamentarischen Demokratie erwächst das längst überfällige rechte Pendant. Die Integrationskraft der krisen- und skandalgeschüttelten CDU/CSU im reaktionären Lager ist am Ende. Dieses Zerfasern der volksparteilichen Synthese in der Krise ist unvermeidbar. Sie kann durch kein Zugeständnis an den Stumpfsinn der bornierten Geldinteressen aus der Welt geschafft werden. Denn keine Regierung, so böswillig sie auch sein mag, kann ein Land wie die BRD, das voll in den Kapital-, Arbeits-, und Warenweltmarkt integriert ist, so ausländerfeindlich und brutal reaktionär verwalten, dass sie dem Druck der dumpfen, von der realen Krise geschüttelten Masse genüge leisten könnte. Selbst ein Theo Weigel wird, in die Verantwortung genommen, an dieser Aufgabe jämmerlich scheitern und die in ihn gesetzten Erwartungen enttäuschen.</p>
<p>So wenig aber das sich anbahnende Auseinanderdriften der volksparteilichen Formen reversibel ist, so wenigen versprechen die neuen rechtspopulistischen Strömungen an sich selber eine wie auch immer geartete gesamtgesellschaftliche Perspektive. Die Hysterie der demokratischen Linken, die am Horizont wieder einmal den Faschismus anmaschieren sieht, ist völlig deplaziert und verkennt die reale Lage grundlegend. Was sich da vor unseren Augen abspielt, ist keineswegs die Wiederkehr der vordemokratischen, faschistischen Vorvergangenheit, wie es sich das unsere naiven, ewigen Antifaschisten zusammenreimen; im Gegenteil, die Ausbreitung der &#8220;neuen Rechten&#8221; entspringt dem Ausbrennen und Brüchigwerden von Ware und Demokratie, hinter die es im bürgerlichen Rahmen aber auch kein zurück mehr geben kann. Am Ende der demokratischen Entwicklung kann selbstverständlich nicht die Rückkunft ihrer Vorform stehen. Der verbreitete Rückgriff auf rechtsradikale Ideologiefragmente darf nicht mit der Lebenskraft faschistischer Politikkonzepte verwechselt werden. Das Gespenst wird Gespenst bleiben und sich, bei Tageslicht besehen, sobald es &#8220;realpolitisch&#8221; gefordert wird, als abgegriffenes Bettlaken, das mit dem Wind weht, enthüllen. Die &#8220;neue Rechte&#8221; ist nicht dazu in der Lage, ein irgendwie stimmiges und konsistentes neues Entwicklungsmodell zu transportieren, sie kann nur als reines Protestphänomen existieren. Mit der Sammlung des Unwillens der in jeder Beziehung zu kurz Gekommenen lassen sich Wahlerfolge erzielen, aber es ist kein Staat damit zu machen. Sobald Schönhuber und Consorten genötigt wären, auch nur punktuell positive Vorschläge zu entwickeln, würde sich ihre bunt zusammengewürfelte Anhängerschaft in Windeseile wieder zerstreuen. Hitler konnte für seine Vabanquepolitik noch Massen sammeln; ein politisches Phänomen wie Schönhuber wird, sich augenblicklich in Luft auflösen, sobald er so leichtsinnig wird ein zusammenhängendes Konzept formulieren zu wollen <a name="F45"></a><a href="#FN45">45</a>. Der traditionelle Faschismus war nicht nur das Resultat der Krise der vorgängigen politischen Formen, er konnte nur siegen, weil er auch Antworten auf sie parat hatte. Sowohl in der italienischen wie in der deutschen Variante war er Produkt und Auflösung einer Modernisierungskrise. Er wird allein aus seiner transitorischen Funktion verständlich. Dem moralinsauren demokratischen Antifaschismus entgeht, dass dazu heute nicht die geringste Parallele auszumachen ist. Das Aufkommen des Rechtspopulismus ist zwar ein Symptom für den Niedergang der Geldvergesellschaftung, er kann ihn aber nicht einmal oberflächlich kitten und überwinden. Es gibt kein bürgerliches Land jenseits der zerfallenden schon voll ausgebildeten Geld- und Warenform, es kann daher auch keinen postdemokratischen bürgerlichen Staat geben, und so verweist die &#8220;neue Rechte&#8221; keineswegs auf mögliche neue &#8220;Formen bürgerlicher Herrschaft&#8221;, sondern nur auf den Zerfall bürgerlicher Herrschaft überhaupt. Die bürgerliche Gesellschaft ist am Ende ihres Entwicklungsweges angelangt, sie hat ihre Zukunft hinter sich und vor sich nur ihren eigenen Zerfallsprozess. Sie wird vor sich hindümpeln, sie wird ihren Notstand verwalten, sie wird repressive Formen annehmen, sie kann aber keine qualitativ neue Etappe mehr erklimmen. Der Weg zurück hinter die moderne bürgerliche Demokratie ist auf dem heutigen Vergesellschaftungsniveau abgeschnitten. Oder anders gesagt: Die weitere krisenhafte Entwicklung wird nicht die Frage &#8220;faschistische Barbarei oder demokratische Erneuerung&#8221; auf die Tagesordnung setzen, sie wird zweifellos praktisch herausarbeiten, dass die Fortexistenz der demokratischen Regulierungsformen identisch mit der oft beschworenen sich abzeichnenden &#8220;Barbarei&#8221; ist. Eine Linke, die die Misere überwinden will, darf daher auch nicht die Verteidigung der Demokratie auf ihre Fahnen schreiben sondern deren Aufhebung.</p>
<p><a name="FN1" href="#F1">1</a> zitiert nach der &#8220;Zeit&#8221; Nr. 7 vom 10.2.1989</p>
<p><a name="FN2" href="#F2">2</a> Ein Blick über die Grenzen in unsere Nachbarländer kann uns zumindest darüber belehren, dass es sich dabei um kein spezifisch deutsches Problem handelt. Die Republikaner reihen sich bruchlos in die Vielzahl artverwandter rechter Prostestparteien ein, die auch in anderen Ländern in den letzten Jahren entstanden sind. Le Pen und seine &#8220;Nationale Front&#8221; war nur der Vorreiter. Die diversen Antisteuerparteien in Dänemark und Norwegen sind der gleichen Kategorie zuzuordnen, und es gehört nicht allzuviel an prophetischen Gaben dazu, schon heute davon auszugehen, dass parallel zur Herstellung des europäischen Binnenmarktes sich diese diffusen, durch und durch reaktionären Positionen weiter verbreiten und erst einmal verallgemeinern werden.</p>
<p><a name="FN3" href="#F3">3</a> Eine unausrottbare Denkfigur, in die sich diese Sicht kleidet, ist die Gegenüberstellung zwischen &#8220;formaler&#8221;, &#8220;bürgerlicher&#8221; Demokratie und &#8220;eigentlicher&#8221;, &#8220;sozialistischer&#8221; Demokratie. Sozialismus und Demokratie verschmelzen hier zumindest fast zu Synonymen.</p>
<p><a name="FN4" href="#F4">4</a> Vielleicht erklärt dieser Umstand den glückselig euphorischen kalten Schauer, mit dem die Linke das Aufblühen rechtspopulistischer Strömungen begrüsst. Im Widerstand gegen einen vermeintlich ausserdemokratischen Feind hoffen die linken Demokraten wieder eine Mehrheitsbewegung zusammenschaufeln zu können. Die demokratische Linke nutzt daher jetzt entschlossen die Möglichkeit, Schönhuber und Konsorten zur mit langen Eckzähnen bewaffneten Reinkarnation von Hitler zu stylisieren, und kommt so zum lange ersehnten, wenigstens ihr selber glaubhaften Gegner ihrer demokratisch-antifaschistischen Einheitsfront. Endlich taucht im politischen Spektrum der BRD eine Kraft auf, die sich nicht permanent und beflissentlich vom historischen Faschismus distanziert, gegen den die demokratische Linke seit Jahr und Tag mit aller Entschiedenheit zum Kampf hinauszieht. Bisher standen die linken Antifaschisten immer vor dem unüberwindlichen Problem, permanent biedere, rechte Demokraten als faschistische Springteufelchen und potentielle Diktatoren entlarven zu müssen. Heute treffen sie am rechten Rand zu ihrem unbeschreiblichen Glück auf eine ideologisch aufgeweichte Grenze zum Neofaschismus.</p>
<p>Auf der anderen, der rechten Seite, existiert im übrigen eine ähnliche Negativfixierung. Wenn man deren eigenen Aussagen trauen darf, so treibt die Abneigung gegen &#8220;Linke&#8221; (sprich gegen die eigenen links-liberalen Lehrer und Sozialarbeiter) besonders viele Jugendliche ins rechtsradikale Lager. Es scheint sich hier eine fruchtbare Symbiose zwischen Pseudonazismus und biederen linken Antifaschismus anzubahnen, die die Existenz beider Richtungen noch ein ganzes Weilchen sichern kann.</p>
<p><a name="FN5" href="#F5">5</a> Vorkapitalistische Formationen entwickeln bestenfalls eine embryonale Trennung von Staat und Gesellschaft. Der Staatsapparat ist nur unscharf vom empirisch herrschenden Stand abgegrenzt, ja fällt, je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, mit ihm mehr oder minder in eins. Die Aufspaltung des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die Herausbildung einer gesonderten politischen Sphäre, ist in vorbürgerlichen Gesellschaften undenkbar.</p>
<p><a name="FN6" href="#F6">6</a> Ich benutzte Demokratie und abstrakte Allgemeinheit bewusst synonym. Demokratie ist identisch mit der entwickelten abstrakten Allgemeinheit. Solange nicht allen Gesellschaftsmitgliedern der Status eines gleichberechtigten Staatsbürgers zuteil wurde, solange der Zugang zur &#8220;Politik&#8221; ein Privileg bleibt, ist die Grenze von Staat und besonderer herrschender Klasse unscharf. Auf dieser Entwicklungsstufe ist der Staat noch keineswegs der allgemeine Ausdruck der gesamten Verkehrsform, er bleibt mit dem unmittelbaren besonderen Interessen einer speziellen Schicht amalgiert. Er entspricht noch nicht seinem Begriff. Die Demokratisierung zerstört diese Relikte von Besonderung.</p>
<p><a name="FN7" href="#F7">7</a> Die Arbeiter als Besitzer der Ware Arbeitskraft sind in dieses System gleichberechtigt integriert</p>
<p><a name="FN8" href="#F8">8</a> Die Anhängerschaft der NSDAP setzt sich aus sozial heterogenen Gruppen zusammen, deren unmittelbare Interessen einander oft gerade entgegengesetzt sind. Während die volksparteiliche Syntheseform der Nachkriegszeit sich auf die Identität aller konkurrierenden Geldinteressen, die allesamt auf die Stärke der bundesdeutschen Volkswirtschaft auf dem expandierenden Weltmarkt verwiesen sind, stützen kann, fehlt in der Zeit vor 1933 noch eine ähnlich praktisch wirksame Gemeinsamkeit aller wichtigen Sozialkategorien. Auf einem wesentlich niedrigeren Vergesellschaftungsniveau kann der deutsche Faschismus die völlig heterogenen sozialen Schichten, auf die er sich stützt, nur ideologisch zusammenbringen, aber bleibt auf der Ebene der unmittelbaren Interessen notwendig diffus und vieldeutig. Diese Ausgangsposition bestimmt wesentlich die Erscheinungsweise der faschistischen Bewegung: &#8220;Die Nationalsozialisten betrieben die Gewinnung der Mittelschichten auf zweierlei Weise. Sie versprachen einmal den einzelnen Gruppen die Erfüllung ihrer traditionellen Forderungen, wobei sie auf die konkurrierenden Interessen anderer und auf die gesamtwirtschaftlichen Belange keine Rücksicht nahmen. Zum anderen versuchten sie von den Widersprüchen zwischen den von ihnen unterstützten Gruppeninteressen durch den Rekurs auf eine vorgeblich reine Politik wie durch konsequente Personalisierung ihres Kampfes gegen das &#8220;System&#8221; abzulenken. Das Übergewicht, das ideologische Postulate gegenüber ökonomischen Forderungen in Programm und Propaganda der Partei besassen, war ebenso ein Ausdruck ihrer heterogenen Interessenstruktur wie letztlich auch der Führerkult. Das Fehlen einer positiven Interessenidentität der Mittelschichten provozierte eine Scheinintegration durch militante Abwehrideologien und durch charismatische Führung. Was die Nationalsozialisten beispielsweise dem &#8216;alten Mittelstand` versprachen, verletzte die Konsumenteninteressen des &#8216;neuen Mittelstandes`. Die steuerliche Diskriminierung von Warenhäusern, Einheitspreisgeschäften und Konsumgenossenschaften nützte kurzfristig dem Kleinhandel; sie schadete den Verbrauchern insgesamt. Die Massnahmen zugunsten des Handwerks, die die Nationalsozialisten ankündigten &#8211; namentlich die allgemeine Pflichtinnung und die obligatorische Meisterprüfung -, mussten ebenfalls protektionistische Marktverzerrungen zur Folge haben. Erst recht gilt das für das landwirtschaftliche Schutzprogramm, das einer positiven Resonanz bei den Bauern sicher war&#8221;. Heinrich August Winkler, Mittelstandsbewegung oder Volkspartei? Zur sozialen Basis der NSDAP, in Wolfgang Schieder (Hg.), Faschismus als soziale Bewegung, Göttingen 1983, S. 102f.</p>
<p><a name="FN8a" href="#F8a">8a</a> Ihren entwickeltsten theoretischen Ausdruck findet diese Sichtweise wohl im Werk Carl Schmitts. Er kehrt das vom Liberalismus proklamierte Verhältnis von empirischem Individuum und Allgemeinheit um, und erklärt den für den Einzelnen transzendenten Staat zur alles entscheidenden Richtschnur. &#8220;Keine Bewertung kann bei der Individualität als lediglich empirischer Tatsache des einzelnen Menschen, jedes der Menschenanlitz trägt, stehen bleiben&#8221;. &#8220;Vor der &#8216;überpersönlichen Dignität des Staates` verschwindet das Individuum&#8221;. Nur die Würde des Staates kann den Einzelnen als dessen Funktionsträger wiederum mit Wert ausstatten. &#8220;Der Mensch hat keinen Wert, er kann allenfalls &#8216;verknüpft` werden mit einem Wert, der nach der &#8216;Hingabe an den überindividuellen Rhythmus einer Gesetzlichkeit` bemessen ist.&#8221; Diese Wertverleihung als staatlicher Funktionsträger (Seine Definition des staatlichen Funktionärs fasst Schmitt sehr weit, sie schliesst auch den Träger von Kapitalfunktionen explizit ein!!) erscheint für den Einzelnen als Akt von Selbstverleugnung: &#8220;&#8216;Die objektiv gültige Norm erfüllen heisst, vom Einzelnen aus gesehen, die eigene subjektive empirische Wirklchkeit verneinen`&#8221;. Allesamt zitiert nach Volker Neumann, Der Staat im Bürgerkrieg, Kontinutität und Wandlung des Staatsbegriffs in der politischen Theorie von Carl Schmitt, Frankfurt/M., New York, 1980, S. 32 f.</p>
<p><a name="FN9" href="#F9">9</a> Die von mir hier proklamierte Modernisierungsfunktion des Faschismus wird vielleicht klarer, wenn wir die faschistische Bewegung nicht isoliert betrachten, sondern sie in die Gesamtepoche einordnen. Der Modernisierungsschub, den der Nationalsozialismus mit sich brachte, trieb die Entwicklung zur Herausbildung und Verallgemeinerung des abstrakten Staatsbürgers weiter, welche die Revolution von 1918 eröffnet hatte. Während sich im revolutionären Prozess zu Beginn der Zwischenkriegsära die proletarischen Massen als aktive politische Subjekte auf der historischen Bühne erschienen und die Arbeiterschaft für sich die Demokratie eroberte (damit kulminierte, was die Vorkriegsarbeiterbewegung schon begonnen hatte), verblieben die mittelständischen Massen zunächst weitgehend passiv. Sie fanden erst einmal zu keiner eigenständischen politischen Ausdrucksform und blieben der Resonanzboden einer traditionellen vordemokratischen Rechten. Die Modernisierung blieb also auf halben Wege stecken. Der Arbeiter hatte seine Arbeiterdemokratie erkämpft oder zumindest angestrebt. Der Mittelstand dagegen hatte das 19. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen und blieb unselbständiges, höriges Anhängsel. Erst mit der faschistischen Bewegung tritt der Mittelstand selbstbewusst auf den Plan und fordert seinen eigenständigen Platz auf der politischen Bildfläche. Als Pendant zur Arbeiterdemokratie etabliert er die Figur des Volksgenossen, dessen universeller und einebnender Anspruch seine eigene ständische Orientierung dementiert.</p>
<p><a name="FN10" href="#F10">10</a> Joseph Göbbels, Michael &#8211; Ein Deutsches Schicksal, zitiert nach George L.Mosse, Der Nationalsozialistische Alltag, Königstein/Ts., 1978, S. 144.</p>
<p><a name="FN11" href="#F11">11</a> Das macht auch seine Überlegenheit gegenüber der konkurrierenden Arbeiterbewegung mit aus. Die Kritik von SPD und KPD an der Weimarer Republik dringt gar nicht bis zu dieser universellen Ebene vor. Die Kritik des Geldes bleibt eine Domäne der rechten Lebensphilosophie und, vollends ins Biologische übersetzt, der Nazis.</p>
<p><a name="FN12" href="#F12">12</a> Die hier nur kurz referierte Interpretation des modernen Antisemitismus stützt sich im Wesentlichen auf Arbeiten von Moishe Postone, unter anderen auf dessen Artikel &#8220;Antisemitismus und Nationalsozialismus&#8221;. Diesen Beitrag schrieb Postone in amerikanischer Sprache für die &#8220;New German Critic&#8221;. Er erschien aber auch in deutscher Übersetzung in: Die Mythen knacken, Materialien wider ein Tabu, Hrsg. Linke Liste an der Universität Frankfurt, Frankfurt, 1987, S. 273-281. Sehr zu Unrecht fand sein Ansatz bisher wenig Beachtung.</p>
<p><a name="FN13" href="#F13">13</a> Mit diesem Standpunkt dürfte Göbbels fiktiver Held Michael bei seinen Kolleggen allerdings auf wenig Verständnis gestossen sein. Hervorhebung von E.L.</p>
<p><a name="FN14" href="#F14">14</a> Joseph Göbels a.a.O., S. 144</p>
<p><a name="FN15" href="#F15">15</a> Joseph Göbbels a.a.O., S. 142.</p>
<p><a name="FN16" href="#F16">16</a> Die Gleichsetzung Jude=Geld ist natürlich keineswegs zufällig. Juden waren real schon seit dem Mittelalter in der Finanzsphäre überrepräsentiert. Der Ausschluss aus der traditionellen christlich-feudalen Gemeinschaft drängte die Juden von alters her in die modernsten und daher von der abstrakten Geldlogik am eindeutigsten beherrschten Sektoren. Das gilt aber nicht nur für die Kapitalseite, sondern genauso für die andere, von der kapitalistischen Produktionsweise konstituierten Kategorie von Warenbesitzern, den Arbeiter. Auch von dieser Seite her traten Juden gehäuft als &#8220;Modernisierer&#8221; auf. Es wäre hier müssig, die endlose Latte marxistischer Theoretiker jüdischer Abstammung herunterzubeten. Jedenfalls lief der Kampf der Arbeiter für ihr abstraktes Geldinteresse und für ihre Anerkennung als abstrakte Staatsbürger ideologisch durchaus unter &#8220;jüdischer&#8221; Ägide.</p>
<p><a name="FN17" href="#F17">17</a> An diesem Punkt ähnelt der Gehalt der faschistischen Bewegung fatal der Entwicklung, die Lenin für Russland zu Beginn der 20er Jahre konzipiert hatte und die sich schliesslich historisch durchsetzte. Auch die Oktoberrevolution bestätigte die unmittelbaren Produzenten als das, was sie schon immer gewesen sind und begnügte sich mit der ideellen Adelung der &#8220;Arbeiter&#8221; und &#8220;Bauern&#8221;. (Vergleiche in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Peter Klein &#8220;Demokratie und alte Arbeiterbewegung&#8221; &#8220;MK&#8221;3 &#8211; &#8220;MK&#8221;6)</p>
<p><a name="FN18" href="#F18">18</a> Allerdings ist es sicher auch kein Zufall, dass das nationalsozialistische Deutschland zielsicher auf seinen völligen Zusammenbruch hinarbeitete, anders als weniger entwickelte faschistisch beherrschte Länder, die sich keineswegs mit Vorbedacht in das Abenteuer eines Weltkriegs stürzten. Italien wurde mehr oder minder unfreiwillig in den Strudel mithineingerissen. Franco wusste Spanien im 2.Weltkrieg neutral zu halten, und so zog sich der Übergang zu einer modernen parlamentarischen Demokratie in diesem Land noch über Jahrzehnte hin.</p>
<p><a name="FN19" href="#F19">19</a> Diese Veränderung haben auch konservative Staatstheoretiker und Demokratiekritiker registriert. Vgl. dazu vor allem Forsthoff, Der Staat der Industriegesellschaft. Dargestellt am Beispiel der Bundesrepublik Deutschland, München 1971. In diesem Spätwerk stellt er resignativ fest, dass der Staat der Industriegesellschaft zu geistigen Impulsen nicht fähig sei, und zu seiner Legitimation ihrer auch nicht mehr bedürfe. Stattdessen liege seine Rechtfertigung in der Stabilisierung der gesellschaftlichen Entwicklung selbst, also im Wesentlichen im Voranschreiten des staatlich flankierten Wirtschaftswachstums, d.h. in der Verbindung partikularer Interessen.</p>
<p><a name="FN20" href="#F20">20</a> Die apostrophierte Lücke ist wesentlich eine Lücke der politischen Generationenfolge.</p>
<p><a name="FN21" href="#F21">21</a> Die APO politisert keine Sozialmilieus mehr, sondern vereinzelte Einzelne. Erst der Impuls, der von ihr ausgeht, und sich im &#8220;Marsch durch die Institutionen verallgemeinert&#8221;, schafft daher den citoyen in Reinkultur. Für die Zeit vorher ist die Rede von der Republik ohne Republikaner auch für die BRD nicht ohne Berechtigung. Der Unterschied zu Weimar liegt nur darin, dass dem westdeutschen Nachkriegsstaat nicht nur die Masse fanatischer Demokraten, sondern auch die überzeugten Demokratiegegner abgingen.</p>
<p><a name="FN22" href="#F22">22</a> In der französischen Revolution trat der &#8220;Dritte Stand&#8221; im Namen des ganzen Volkes an und setzte sich mit der Nation identisch. Die von SieySs nach dem Selbstverständis dieser Epoche formulierte Frage, was der &#8220;Dritte Stand&#8221; denn nun sei, beantwortete er schlicht und einfach mit &#8220;alles&#8221;. Diese Gedankenfigur überlebte das Auseinanderbrechen des Dritten Standes in einander bekämpfende Stände und Klassen. Alle politischen Strömungen, die nacheinander als Bugwelle der Demokratisierung antraten (Liberalismus, Sozialismus und Faschismus!!), nahmen für sich in Anspruch, eigentlich das Ganze zu vertreten. Partei (von lat pars der Teil) waren immer nur die anderen, die ihre Sonderinteressen verteidigten. Erst an ihr Ende gelangt, lernte die demokratische Strömung Toleranz und erklärte den Pluralismus zur Tugend. Auch dieser qualitativ neue Zug der Nachkriegsparteien ist in der bürgerlichen Parteiendebatte recht breit thematisiert worden.</p>
<p><a name="FN23" href="#F23">23</a> Als letzter vordemokratischer Partei schlug der KPD das Totenglöckchen. Allerdings ist ihre Sterbestunde nicht erst 1956 mit ihrem offiziellen Verbot anzusetzen. Schon vorher war sie zu ihrem eigenen Schatten, einem Relikt einer längst verflossenen Epoche, verkommen.</p>
<p><a name="FN24" href="#F24">24</a> Der etwas apodiktische Tonfall, den mein stichpunkthafter und entsprechend grober Durchgang durch die Entwicklung des deutschen Parteiensystems annimmt, darf natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die neue volksparteiliche Form nicht 1949, pünktlich zur Geburt der Republik, vom Himmel fiel, sondern sich erst nach und nach herauskristallisierte. Die objektive Funktion, die sich uns ex post enthüllt, war für die Zeitgenossen natürlich noch nicht ausgemachte Sache. Die Gründungsväter der CDU/CSU knüpften ihrem ganzen Selbstverständnis nach sehr wohl unmittelbar an die Zentrumstradition und an Fermente &#8220;christlichen Widerstandes&#8221; an. Parallel zur fortschreitenden &#8220;Entkirchlichung&#8221; gingen diese Reminiszenzen an das Vorkriegssystem aber verloren. Exemplarisch haben diesen Übergang Dorothee Buchhaas und Herbert Kühr an der CDU im rheinischen Ruhrgebiet untersucht. (Vgl. dazu: Dorothee Buchhaas/Herbert Kühr, Von der Volkskirche zur Volkspartei -Ein analytisches Stenogramm zum Wandel der CDU im rheinischen Ruhrgebiet-, in Herbert Kühr (Hrsg.) Vom Milieu zur Volkspartei, Königstein/Ts. 1979, S. 135-232)</p>
<p><a name="FN25" href="#F25">25</a> Hennig Friege und Michael Müller, Mensch und Natur sind überfordert, in &#8220;Die Zeit&#8221;, vom 5.5.1989, S. 36.</p>
<p><a name="FN26" href="#F26">26</a> Ein entscheidentes Datum war in diesem Zusammenhang die durch &#8220;polizeilichtechnische Vorfeldmassnahmen&#8221; faktisch verhinderte Grossdemonstration gegen den &#8220;Schnellen Bürter&#8221; zu Kalkar im Sommer 1977.</p>
<p><a name="FN27" href="#F27">27</a> Die in linkssozialistischen Kreisen recht beliebte Hoffnung, dass gerade die Investitionen in den Umweltschutz die Grundlage einer neuen Boomphase oder zumindest einer spürbaren wirtschaftlichen Belebung sein könnten, erweist sich vor dem Hintergrund der Marxschen Werttheorie als vollkommen illusionär. Zwar handelt es sich bei der Produktion neuer Umweltgüter zum grösseren Teil um wertproduktive Arbeiten; der in ihnen verkörperte Wert erscheint aber am Endprodukt nicht wieder und wird an diesem Punkt des gesellschaftlichen Stoffwechsels zu faux frais. Wertmässig produktiv sind nur Arbeiten, die für die Herstellung eines bestimmten Produkts mittel- oder unmittelbar notwendig sind. Was nicht an der einzelnen Ware existiert, existiert wertmässig überhaupt nicht.</p>
<p><a name="FN28" href="#F28">28</a> Die gesamtgesellschaftliche Wertschöpfung, von der ich hier spreche, hat mit der begrifflosen Kategorie des Bruttosozialprodukts natürlich nichts gemein. Zur gesamtgesellschaftlichen Wertschöpfung trägt allein die produktiv verausgabte Arbeit bei.</p>
<p><a name="FN29" href="#F29">29</a> Im wesentlichen scheint dieser Prozess mittlerweil vollzogen zu sein, und die liberale, demokratische Öffentlichkeit feiert mittlerweile bereits ausgiebig: &#8220;der Realismus siegt&#8221;. Die &#8220;Zeit&#8221; vom 10.3.89 stellt voller Genugtuung fest:&#8221;Vier Jahre dauerte der Streit um Rot-Grün, am vergangenen Wochenende ist er endlich entschieden worden. Auf ihrer Bundesversammlung in Duisburg erteilten die Grünen bei der Wahl ihrer neuen Parteispitze jenen bündnisunwilligen Gruppen eine klare Absage, deren Kurzbezeichnung &#8216;Fundis` in die Alltagssprache eingegangen ist. Fundamentalisten, Ökosozialisten und Radikal-Ökologen werden nicht länger den offiziellen Kurs der Partei bestimmen. Sie werden mit ihrer Forderung, das System von aussen mittels sozialer Bewegungen zu ändern, nicht länger die Kärrnerarbeit der kleinen Reformen in den Parlamenten behindern oder gar verhindern.&#8221;</p>
<p><a name="FN30" href="#F30">30</a> Der Ex-KBWler und &#8220;Oberrealo&#8221; Willfried Meier brachte diesen Zusammenhang in einem Artikel in der &#8220;Kommune&#8221; 3/89, Die GAL Hamburg Der Fall einer grossstädtischen radikalen Linken, treffend auf den Punkt. Pikanterweise argumentiert er allerdings in seinem Halalie auf die &#8220;fundamentalistische Systemopposition&#8221; gerade unter umgekehrten Vorzeichen. Er weist nicht unintelligent die schreienden Inkonsequenzen im fundamentalistisch inspirierten GAL-Programm nach und kommt zu dem völlig korrekten Schluss: &#8220;Die basisdemokratische Fiktion, die dem guten Gewissen der Systemoppositionellen zugrunde liegt, ist für hocharbeitsteilige Gesellschaften unhaltbar&#8221;. Er verweist ganz richtig darauf, dass &#8220;Geld sowie Staat und Recht einander bedingen&#8221;, folgert daraus aber nicht, dass jede kohärente grundsätzliche Systemkritik zur Kritik von Ware und Geld fortschreiten muss, sondern erklärt ganz selbstverständlich den Gedanken der Abschaffung des Geldes zum Hirngespinst. Damit landet er zuguter Letzt bei einer hündischen Realo-Apologetik, die angesichts der hereinbrechenden Krise von Geld und Tauschwert mindestens genauso utopisch und irreal ist wie der grüne Fundamentalismus, den Willfried Maier so scharf zurückweist: &#8220;Menschen nehmen im wirtschaftlichen Verkehr keine unmittelbar personalen Beziehungen zueinander auf, sondern vermittelt über Sachen bzw. übers Geldmedium. Wollten sie die `Entfremdung` voneinander rückgängig machen, so müssten sie auf Warenbeziehungen und aufs Geldmedium verzichten..&#8221; Aber: &#8220;Das Geld als Kommunikationsmittel, das Unmittelbarkeit und Sprache ablöst, ist (&#8230;) ganz unverzichtbar.&#8221; Der notwendige innere Zusammenhang zwischen Geldlogik und Staat wird bei ihm zur Rechtfertigung für einen starken grün gefärbten Staat. (in Kommune 3/89 S. 43-50)</p>
<p><a name="FN31" href="#F31">31</a> Siechtum und Tod der grünen Strömung müssen nicht mit dem Verschwinden der &#8220;Grünen&#8221; aus den Parlamenten einhergehn. Wahrscheinlich werden uns die Turnschuhparlamentarier und -minister erhalten bleiben. Sie hören aber auf, als das &#8220;ganz andere&#8221; zu figurieren. Das grüne Kind von Mutter Demokratie hat seine Flegeljahre weitgehend hinter sich.</p>
<p><a name="FN32" href="#F32">32</a> Diesen Gesichtspunkt habe ich zusammen mit Robert Kurz in dem Beitrag &#8220;<a href="http://www.krisis.org/1989/der-klassenkampf-fetisch">Der Klassenkampffetisch</a>&#8221; in dieser &#8220;MK&#8221; breiter entwickelt.</p>
<p><a name="FN33" href="#F33">33</a> Ich verwende hier den Begriff &#8220;Arbeiterklasse&#8221; recht eng. Unter Arbeiterklasse verstehe ich ausschliesslich die wertproduktiven, am unmittelbaren Produktionsprozess beteiligten Lohnarbeiter. Ich stelle mich damit bewusst im Gegensatz zu Positionen, die den Begriff Arbeiterklasse nach Möglichkeit zum Sammelsurium aller akuten, potentiellen und ehemaligen Lohnabhängigen aufblasen möchten und ihm damit jede analytische Trennschärfe nehmen. Besonders intensiv widmen sich einerseits DKP-orientierte Ansätze diesem Hobby, die gleiche Verballhornung betreiben aber andererseits speziell auch autonome und operaistische Autoren. In Sozialstatistiken des ISMF umfasst das bundesdeutsche Proletariat etwa 90% der hiesigen Bevölkerung. Dieser statistische Erfolg wird allerdings mit Kalauern wie den berühmten &#8220;Proletariern im Repressionsapparat&#8221; erkauft. Polizeibeamte, Bundesgrenzschutz und Bundeswehrsoldaten zählen zum Proletariat, nur weil diesen Nichtbesitzern von Produktionsmitteln ihr Einkommen in der Lohnform zufliesst. Toni Negri und Konsorten agieren ähnlich und gemeinden unter den Denkfiguren &#8220;Soziallohn&#8221; und &#8220;gesellschaftliche Gesamtfabrik&#8221; Studenten, Hausfrauen und die Empfänger staatlicher Sozialleistungen rücksichtslos in die &#8220;Arbeiterklasse&#8221; mit ein. Vielleicht lässt sich auf dieser Basis munter Schmalspuragitation betreiben, zur theoretischen Erklärung der modernen bürgerlichen Gesellschaft trägt diese Vernebelung allerdings nichts bei. Vor allem bleibt völlig rätselhaft, warum die unterschiedlichen Segmente dieser gigantischen &#8220;Arbeiterklasse&#8221; ihre angeblichen gemeinsamen Interessen nie auch nur ansatzweise realisieren, sondern einander beharrlich als Konkurrenten gegenüberstehen.</p>
<p><a name="FN34" href="#F34">34</a> Im Jahresablauf erreicht diese Einsicht ihren periodischen Höhepunkt bei der Abrechnung des &#8220;13.Monatsgehalts&#8221;.</p>
<p><a name="FN35" href="#F35">35</a> 1962 wurden in der BRD 2 348 000 Beschäftigte aus dem Steuersäckel bezahlt. 1987 zählte der öffentliche Sektor bereits 4 187 000 Beschäftigte. Bei einer Gesamtzahl von 22 883 000 beschäftigten Arbeitnehmern, arbeitet also mittlerweile fast jeder fünfte Lohn- und Gehaltsempfänger im staatlichen Bereich! ( Quelle IFO-Insitut 1988)</p>
<p><a name="FN36" href="#F36">36</a> Der Kontrast zwischen den Vorkriegsbedingungen, als der durchschnittliche Erwerbstätige nach wenigen Schuljahren ins Arbeitsleben eintrat, um es 50-60 Jahre später wieder zu verlassen, von kurzen Zeiten der Arbeitslosigkeit vielleicht abgesehen, und der heutigen Strukturierung des Erwerbslebens ist kaum zu überschätzen.</p>
<p><a name="FN37" href="#F37">37</a> In seiner Finanznot versucht der Staat das trotzdem. Die Anläufe in dieser Richtung brechen sich aber an der sozialen Wirklichkeit, bleiben Stückwerk und werden eher ideologisch denn praktisch wirksam.</p>
<p><a name="FN38" href="#F38">38</a> Interessant ist in diesem Zusammenhang die Geschichte und Entwicklung der &#8220;Sozialhilfe&#8221; in der BRD. In den Boomjahren führte diese Institution nur ein Schattendasein. Sie hatte allein die Funktion, in besonderen, persönlichen, von der Sozialgerichtsbarkeit nicht vorgesehenen Notsituationen einzuspringen und war dem eigentlichen sozialen Netz vorgelagert. Sie wurde nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen, sondern als Akt individueller Wohlfahrt, und wurde deshalb auch den Gemeinden übertragen (ganz in der Tradition der Armenfürsorge des 19.Jahrhunderts, die auch schon Angelegenheit der jeweiligen Gemeinden war). Alle Beobachter erwarteten, dass mit der weiteren Ausdifferenzierung der sozialen Sicherung das unterste Auffangbecken an Bedeutung verlieren und schliesslich absterben würde. Real setzte sich die entgegengesetzte Entwicklung durch. Mittlerweile hat die Sozialhilfe mehr und mehr die Aufgaben der Arbeitslosenversorgung übernommen. Der vehemente Streit um die Finanzierung (Kommunen contra Bund) reflektiert diese Funktionsveränderung.</p>
<p><a name="FN39" href="#F39">39</a> Für das Kapital, zumal in einem führenden Industrieland wie der BRD, ist jede nationalistische Anwandlung längst kontraproduktiv geworden. Die relativ autarke Entwicklung im nationalen Massstab kann auf dem heutigen Niveau stofflicher Vernetzung keinerlei Perspektive mehr bieten. Die hiesigen Unternehmen müssen sich global, zumindest kontinental, ausrichten. Entsprechend wenig begeistert stehen daher die Repräsentanten führender deutscher Konzerne und Banken dem Erstarken nationalistischer Ressentiments gegenüber. Sie können sich diesen Luxus auf dem heimatlichen internationalen Parkett gar nicht leisten, und daher betätigen sich wichtige Repräsentanten der deutschen Industrie und ihrer Banken (z.B. der Präsident der &#8220;Deutschen Bank&#8221;, Herrhausen) als Prediger für Toleranz und Völkerverständigung. Hierin liegt auch ein grundlegender Unterschied zwischen &#8220;neuer Rechten&#8221; und dem Faschismus der Vorkriegszeit. Auf dem Vernetzungsniveau der 20er und 30er Jahre konnte die Schaffung autarker Grosswirtschaftsräume durch militärische Expansion noch als mögliche Option gelten. Heute hat das Kapital den nationalstaatlichen Rahmen längst hinter sich gelassen. Im Weltmarkt der vielen eng verknüpften Nationen fand es seine adäquate Gestalt. Der nationalistische Gedanke hat daher in der Gegenwart nichts mehr hinter sich als dumpfe und wirre Ressentiments, der in jeder Beziehung zu kurz Gekommenen.</p>
<p><a name="FN40" href="#F40">40</a> Das klassische Beispiel ist hier sicher die Stahlindustrie. Wenn die deutsche und europäische Stahlindustrie in den letzten Jahren einen herben Gesundschrumpfungsprozess durchmachen musste, so nicht so sehr deshalb, weil der Weltstahlmarkt absolut im Abnehmen begriffen wäre, sondern in erster Linie, weil an der Peripherie neue Anbieter auftreten (Südkorea, aber auch lateinamerikanische Staaten), mit denen die bundesdeutschen Konzerne zumindest auf dem Massenstahlsektor nicht konkurrieren können.</p>
<p><a name="FN41" href="#F41">41</a> Die ersten grossen Einbrüche der neuen Fertigungsmethoden, die auf breiter Front lebendige Arbeit aus dem unmittelbaren Produktionsprozess verdrängen, sind wohl in den 90er Jahren zu erwarten. Eine Vorreiterfunktion hat hier ausgerechnet die klassische fordistische Industrie, der Automobilbau.</p>
<p><a name="FN42" href="#F42">42</a> Empirisch werfen die Verhältnisse in den USA ein Schlaglicht auf diese Entwicklung, denn dort ist der Zerfallsprozess, die neue gesellschaftliche Segmentierung, schon in der Reaganschen Scheinprosperität um einiges weiter fortgeschritten als hierzulande.</p>
<p><a name="FN43" href="#F43">43</a> Dank der eigenen Ohnmacht erfolgt diese Offensive in erster Linie mit der Faust in der Tasche, sie schlägt aber auch zunehmend in offene Brutalität um.</p>
<p><a name="FN44" href="#F44">44</a> Das liegt natürlich wesentlich daran, dass die Neudeutschen aus dem Osten für die bundesdeutschen Unterschichten eine weit realere Konkurrenz darstellen als etwa anatolische Zuwanderer. Auf die Wohnungen, in denen sich die Türken in den deutschen Grossstädten ballen, legen die deutschen Wohnungssuchenden von vornherein keinen gesteigerten Wert, und auch auf dem Arbeitsmarkt kann von einer Bevorzugung von Ausländern nun am allerwenigsten die Rede sein. Die handgreifliche reale Diskriminierung dieser Gruppen kontrastiert dagegen heftig mit einer relativen Privilegierung von deutschstämmigen osteuropäischen Einwanderern. Die Sozialwohnung, für die sich der Berliner Wohnungssuchende seit Jahren bewirbt, ist garantiert nicht für Türken, dafür aber für Aussiedler reserviert. Pikanterweise trägt daher gerade diese anchronistische, noch aus den Zeiten des Kalten Krieges stammende regierungsamtliche Deutschtümelei, die alle Deutsche auf ihre Weise heim ins Reich holen muss, zu dem Klima bei, das den rechtspopulistischen Strömungen zur Wirksamkeit verhilft. Aber nicht so sehr als unmittelbarer Vorgänger, worauf das linke Alltagsbewusstsein mit Vorliebe beharrt, sondern vor allem auch als Abstossungspunkt. Worin der Vorzug des Sowjetdeutschen, der als einziges deutsches Wort seinen Familiennamen kennt, gegenüber dem Kreuzberg-Kid liegen soll, dem die anatolische Heimat seiner Eltern genauso nur von Urlaubsreisen vertraut ist, wie seinem orginaldeutschen Klasenkameraden, ist nicht nur Lafontaine, sondern gerade auch den anschwellenden rechtspopulistischen Wählermassen schleierhaft.</p>
<p><a name="FN45" href="#F45">45</a> Ernster als der Neofaschismus in den Parlamenten, der sich auf diesem Parkett nur noch weit schneller als vor ihm die grüne Fundamentalopposition blamieren kann, ist wohl der Rechtsradikalismus auf der Strasse zu nehmen. Aber auch hier steht keine Wiedergeburt der SA und ähnlicher Gruppierungen bevor, die in einem bestimmten funktionierenden Sozialmilieu verankert waren, sondern ein freischwebendes, nur bedingt von &#8220;normaler&#8221; Bandenkriminalität abgrenzbares Gewaltpotential. Dessen wachsende Brutalität spiegelt ziemlich genau den gesellschaftlichen Zersetzungsprozess und steht in reziproker Relation zu der Unfähigkeit, grössere, geschlossene politische Zusammenhänge zu entwickeln und sich in eine politische Gesamtbewegung einzuordnen. Zwischen der passiven Wählerschaft der Republikaner und jugendlichen, neonazistischen Schlägertrupps besteht ein Abgrund, der nicht unterschätzt werden darf und der zu herben Brüchen innerhalb der Morgenluft witternden &#8220;neuen Rechten&#8221; führen muss.</p>
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