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	<title>krisis &#187; Udo Winkel</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Unsystematische Gedanken zur Aufklärungsproblematik</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Dec 2002 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 25 (2002)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[Diskussionsbeitrag zur Aufklärungs- und Wissenschaftsproblematik]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Diskussionsbeitrag zur Aufklärungs- und Wissenschaftsproblematik angeregt durch die vorgelegten Artikel und Papiere und den kontroversen Diskurs</h3>
<blockquote><p>Du glaubst, du seist dem Kloster entronnen? Es muß jetzt jeder sein Leben lang ein Mönch sein &#8212; <em>Sebastian Franck</em></p></blockquote>
<blockquote><p>Wenn wir die Warensubjekte kritisieren, heißt das nicht, daß wir schon keine mehr wären &#8212; <em>Claus Peter Ortlieb</em></p></blockquote>
<p><em>Udo Winkel</em></p>
<p>I.</p>
<p>Wer die Aufklärung zum notwendigen Ausgangspunkt für jedes kritische Denken und jegliche Reflexion erklärt, wie in sich widersprüchlich und dialektisch diese auch gesehen werden mag, kann sich darauf berufen, daß sie natürlich <em>Bedingung der Möglichkeit </em>der Reflexion in der und über die Moderne ist und insofern unhintergehbar bleibt. Jede Fetischform bringt notwendigerweise, durch die vollzogene Objektivierung ein „Subjekt-Objekt-Verhältnis” und damit Reflexion hervor, wie mystifiziert diese auch sein mag. Die Aufklärung kritisiert die Fetischformen der vorbürgerlichen Gesellschaften, wobei die Religionskritik nicht über den Priesterbetrugsvorwurf hinauskommt.</p>
<p><span id="more-561"></span>Noch Lenin bezeichnete die Religion als „Opium fürs Volk”, eine Verballhornung des jungen Marx, der in Anknüpfung an Feuerbach („Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde”) und ihn transzendierend vom „Opium des Volks” gesprochen hatte: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.”(Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, in: Karl Marx / Friedrich Engels Studienausgabe, Bd. 1, Ffm 1966, S. 17) Eine Kritik der Aufklärung auf ihrem Boden kommt nicht über den Stand von Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung” oder Adornos Kantkritik hinaus; ihre Apologeten fallen zumeist weit hinter ihre Vorbilder zurück. Auch das Aufklärungsdenken bleibt „Geist geistloser Zustände”, eben Geist der fetischisierten, verdinglichten und verselbständigten Beziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft. „Geistvolle Zustände” wären erst solche, die durch bewußtes, Bedingungen und Folgen berücksichtigendes, menschliches Handeln hergestellt werden.</p>
<p>II.</p>
<p>In jeder Wissenschaftsgeschichte ist nachzulesen: Die moderne Wissenschaft beginnt seit der Renaissance als Naturwissenschaft, deren Ergebnisse dann auch auf die Gesellschaft übertragen werden, so auch im Selbstverständnis der Protagonisten. Noch Comte sah seine Soziologie als die Krönung der Naturwissenschaften an. Doch was bedeutet Beobachten, Messen, Quantifizieren und labormäßiges Umgehen mit der Realität anderes als die Zurichtung der äußeren Natur und auch der inneren menschlichen. Es geht hier nicht, wie auch kritische Wissenschaftler annehmen, um Übertragung naturwissenschaftlicher Theoreme und Methoden, etwa der Mechanik, auf die verdinglichte Gesellschaft, sondern um den Blickwinkel der „zweiten Natur” auf die erste, ihre Verfügbarkeit und Benutzbarkeit. Schon Francis Bacon schrieb sowohl über die neue Wissenschaft Novum Organum (= das neue Werkzeug), die uns Macht über die Natur verleiht, als auch über die neue Gesellschaft Nova Atlantis, die kraft der neuen Wissenschaft zu einem irdischen Paradies werden soll. Die so konzipierten Naturwissenschaften waren ein wesentliches Moment der Herausbildung der kapitalistischen Produktionsweise und, in der industriellen Revolution, ihrer endgültigen Durchsetzung. Hobsbawn spricht hier zu Recht in Bezug auf die politische französische und die industrielle englische von einer „Doppelrevolution”.</p>
<p>III.</p>
<p>Paradigmatisch für die Auseinandersetzung mit der Aufklärung bleibt der „doppelte Marx”: Der historisch gewordene exoterische Marx der Arbeiterbewegung, der wie diese dem Aufklärungsdenken verhaftet blieb, und der esoterische, erst heute in sein Recht tretende, fundamentale Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft. Wobei neben der „Kritik der politischen Ökonomie” auch eine Beschäftigung mit Marx’ Frühschriften, seine Kritik Hegels und der Deutschen Ideologie lohnend bleibt. So schreibt Marx etwa in seiner Proudhon-Kritik, „daß alles, was existiert, daß alles was auf der Erde und im Wasser lebt, durch Abstraktion auf eine logische Kategorie zurückgeführt werden kann, daß man auf diese Art die gesamte wirkliche Welt ersäufen kann in der Welt der Abstraktionen, der Welt der logischen Kategorien – wen wundert das?” (Karl Marx: Elend der Philosophie, in MEW 4, S. 127-28)</p>
<p>IV.</p>
<p>Da die fetischistische Subjekt-Objekt-Spaltung notwendigerweise den „weiblich“ besetzten, emotionalen Bereich, der nicht in Rationalität und im System aufgeht, abspalten muß, tritt dieser immer wieder in mystifizierter Gestalt in Erscheinung. So etwa, wenn die Lebensphilosophie das Kantsche Ding an sich in den buchstäblichen Lebenstrieb verwandelt. Damit bleiben Aufklärung und Gegenaufklärung oder Aufklärungskritik polar aufeinander bezogen, oberflächlich sich ausschließend, doch wesentlich sich gegenseitig bedingend und daher auch im Zusammenhang zu kritisieren. Um Sombart zu paraphrasieren: wir wollen auf dem kapitalistischen Höllenfeuer weder rational gesotten noch irrational gebraten werden. Der Irrationalismus bleibt die Kehrseite des Rationalismus. Wenn Claus Peter Ortlieb in seinem Beitrag in dieser <em>Krisis</em>-Ausgabe schreibt, daß der Antisemitismus „zum ganz normalen Wahnsinn des Aufklärungsdenkens” gehört, ist dieser Zusammenhang angesprochen. Lessing kann in „Nathan dem Weisen” die Gleichberechtigung der Juden postulieren („Ringparabel”; im Vergleich zu Judentum und Islam schneidet das Christentum übrigens zu Recht am schlechtesten ab), einige Jahrzehnte später vertritt der berüchtigte Turnvater Jahn einen völkischen Antisemitismus, der überhaupt in der Romantik eine weite Verbreitung findet: Der Beginn des modernen Antisemitismus ist tatsächlich eine Ausgeburt des Aufklärungs-Gegenaufklärungs-Syndroms.</p>
<p>V.</p>
<p>Gerade weil die Aufklärungsvernunft abstrakt formbestimmt ist, kann sie als ahistorische überhistorisch jedwedem Interesse subsumiert werden. Gegen die Privilegien der vorbürgerlichen Gesellschaft standen die großen Postulate der französischen Revolution für die Freiheit und Gleichheit der bürgerlichen Monade in der subjektlosen Form. Die Brüderlichkeit blieb in der Konkurrenz auf der Strecke; von Schwesterlichkeit war überhaupt nicht die Rede. Schon der junge Marx hat die bürgerlichen Denker kritisiert, daß es für sie zwar eine Geschichte gegeben habe, aber keine mehr gäbe. Hatte noch Voltaire den Absolutismus als „beste aller Welten” verspottet, schien diese mit der Durchsetzung des Aufklärungsdenkens nun erreicht. Es gibt nur noch Bewegung und Veränderung innerhalb der Form – so noch ausdifferenziert und variationsreich in der Luhmannschen Systemtheorie – , ihre Sprengung ist nicht mehr vorgesehen. Auch die Arbeiterbewegung verstand sich als Streiterin gegen die ja tatsächlich noch vorhandenen Privilegien, setzte auf die politische Revolution, die, wie schon der junge Marx wußte, „die Grundmauer stehen läßt”, und setzte in ihrem Kampf erst die Verallgemeinerung des bürgerlichen Individuums durch. Doch die politische Emanzipation ist die „letzte Form der menschlichen Emanzipation <em>innerhalb </em>der bisherigen Weltordnung”. (Marx)</p>
<p>VI.</p>
<p>Claus Peter Ortlieb (ebd.) geht richtig davon aus, daß „das begriffliche Denken, wie es die Aufklärung hervorgebracht &#8230;hat, &#8230; die Trennung von erkennendem Subjekt und erkanntem bzw. zu erkennenden Objekt“ voraussetzt. Anders als in der „Form der Subjekt-Objekt-Trennung”, „läßt sich Analyse und Kritik nicht” nur „darstellen”, wenn „sie sich in dieser Gesellschaft verständlich machen” will, sondern sie ist in dieser Formbestimmtheit überhaupt nur möglich.</p>
<p>Die Soziologie kann so Gesellschaft nur als durch soziales Handeln konstituiert, im Anschluß an Max Weber, oder als vorgegebene „realité sui generis”, im Anschluß an Emile Durkheim, fassen (siehe hierzu meine Thesen „Objektivismus und Subjektivismus in der Soziologie” in <em>Krisis </em>24). Auch der Marxismus bleibt in der Polarität von gesellschaftlichen Naturgesetzen und politischem, sprich voluntaristischem, Handeln befangen; Diamat und Personenkult bedingen sich. Erst die Zusammensicht im Anschluß an Marx – die von den Menschen konstituierten Verhältnisse verselbständigen sich ihnen gegenüber, der Mensch wird vom eigenen Produkt beherrscht – führt im Denken und in der Reflexion über diese Dichotomie hinaus, wobei ohne Sprengung der Form die reale Paradoxie natürlich weiter reproduziert wird. Erst von hier aus wird das Begreifen der Geschichtlichkeit der gesellschaftlichen Formen und die Dechiffrierung der Fetischformen als bewußtes Moment möglich. Schon der junge Marx formuliert in der „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie” – in Transzendierung der junghegelianischen Religionskritik – als Aufgabe: „Es ist zunächst die Aufgabe der Philosophie, die im Dienste der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung (in der Feuerbachschen Religionskritik U.W.) entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.” (Marx/Engels Studienausgabe, ebenda, S. 18) und, so wäre zu ergänzen, die positive Wirtschaftswissenschaft in die „Kritik der Politischen Ökonomie”. Und auch daran sei erinnert, daß er hier dem Kantschen kategorischen Imperativ der Aufklärung entgegensetzt: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist&#8230;” (ebenda, S. 24)</p>
<p>Inzwischen ist die „Gestalt” des Kapitalismus „alt geworden” und die „Eule der Minerva beginnt ihren Flug” tatsächlich erst „in der Dämmerung” (Hegel). Die Unhaltbarkeit der Zustände ermöglicht überhaupt erst eine transzendierende Perspektive. Doch ob wir diese bewußt „ins Jenseits der bestehenden Gesellschaft” (Luxemburg) setzen können, ist letztlich eine praktische Frage. Notwendig bleibt der qualitative Bruch, wie ihn schon Marx in der „Deutschen Ideologie”, freilich im klassentheoretischen Verständnis, formulierte: „&#8230; daß sowohl zur massenhaften Erzeugung dieses kommunistischen Bewußtseins wie zur Durchsetzung der Sache selbst eine massenhafte Veränderung der Menschen nötig ist, die nur in einer praktischen Bewegung, in einer Revolution vor sich gehen kann; daß also die Revolution nicht nur nötig ist, weil die herrschende Klasse auf keine andre Weise gestürzt werden kann, sondern auch , weil die stürzende Klasse nur in einer Revolution dahin kommen kann, sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden.” (ebenda, S. 132). Veränderung und Selbstveränderung als Momente einer „umwälzenden Praxis” bleiben das einzige Mittel gegen die drohende Barbarei. Der „theoretische Pol” kann und muß kritisch <em>versuchen</em>, Einschätzungen von entstehenden Bewegungen zu leisten und mögliche Perspektiven deutlich zu machen. Dazu gehört auch, die Perspektivlosigkeit des Aufklärungsdenkens aufzuzeigen. Hier hat Ideologiekritik ihren Stellenwert: „Wenn der Purpur fällt, muß auch der Herzog nach” (Schiller).</p>
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		<title>Marx hat uns im Voraus überholt</title>
		<link>http://www.krisis.org/1995/marx-hat-uns-im-voraus-ueberholt</link>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 1995 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Krisis 15 (1995)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[Rosa Luxemburg nach 75 Jahren]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Rosa Luxemburg nach 75 Jahren</h3>
<p><em>Udo Winkel</em></p>
<p><a name="q1"></a>Die Linke hatte immer schon ihre Probleme mit Rosa Luxemburg(<a href="#1">1</a>). Zwar ließen sich ihre Schriften gut als Zitatenschatz mißbrauchen, doch viel schwieriger war es, sie politisch zu instrumentalisieren. Anders als etwa die zum »Leninismus« kodifizierte Theorie des russischen Revolutionsführers taugten ihre Arbeiten einfach nicht zum verbindlichen Kanon. So etwas wie einen »Luxemburgismus« erfanden in den 20er Jahren nur dessen posthume Gegner während der sogenannten »Bolschewisierung«, d.h. der administrativen Zurichtung der damaligen noch sehr heterogenen linksradikalen Bewegungen für die Staatsinteressen der Sowjetunion. Bei diesem pejorativen Konstrukt des »Luxemburgismus« handelte es sich aber lediglich um eine karikaturhafte Verkürzung der unbequemen Ansichten von Rosa Luxemburg. War sie für Lenin trotz ihrer Kritik am Bolschewismus noch ein »Adler« des theoretischen Denkens gewesen, so verglich die »ultralinke« Ruth Fischer, eine Führungsfigur im Apparat der sich bürokratisierenden KPD, die in den fünfziger Jahren schließlich als Direktorin eines Amerikahauses enden sollte, Rosa Luxemburg gar mit einem »Syphilisbazillus«. Anders als etwa Engels oder Lenin wurde Rosa Luxemburg dann später in der DDR-Literatur zwar häufig als Märtyrerin beschworen, aber kaum mehr wissenschaftlich zitiert; sie eignete sich eben nicht dazu, in das Prokrustesbett einer »wissenschaftlichen Weltanschauung« eingespannt zu werden.</p>
<p><span id="more-251"></span>Gerade das Sperrige an Rosa Luxemburgs Denken macht es heute noch interessant. Die Gefahren, die sie einst in der Entwicklung der sozialistischen Bewegung konstatiert hatte, nämlich Rückfall in die Sekte oder Umfall in die bürgerliche Reformbewegung, kehren in verwandelter Form für die Gesellschaftskritik auch heute wieder: »realpolitisches« Beweihräuchern der Zivilgesellschaft und Entdeckung der Reize der bürgerlichen Demokratie, übergossen mit einer ethischen Vanillesoße &#8211; oder Weiterbeten des verdünnten und versteinerten Marxismus der alten Arbeiterbewegung als falsche Alternative, der gegenüber ein Denken wie das von Rosa Luxemburg ein Stachel im Fleisch der theoretischen und gesellschaftskritischen Trägheit bleibt.</p>
<p><a name="q2"></a>Die interessanten und unaufgehobenen Momente des Luxemburgschen Denkens lassen sich nicht im Rahmen einer Ikonographie zu Tage fördern. Schon bei Marx gilt es zu unterscheiden zwischen dem historisch gewordenen, in die zeitgenössische Bewegung eingebundenen (und insofern heute überholten) Kämpfer und Denker einerseits und dem Theoretiker, der die Formen der Vergesellschaftung über den Wert entschleierte und die Endlichkeit des Kapitalismus nachwies, andererseits(<a href="#2">2</a>). Diese Differenzierung gilt auch für Rosa Luxemburg. Bei der Beschäftigung mit ihr kann es daher nicht um die vordergründige Aktualisierung einer historisch vergangenen Epoche gehen, sondern um die Suche nach in die Zukunft weisenden Antizipationen. Sie hat von der erst heute aktuell werdenden Seite der Marxschen Theorie weit mehr begriffen als ihre Zeitgenossen.</p>
<p><a name="q3"></a>Rosa Luxemburg hat ihre Vorstellungen natürlich im Zusammenhang der zeitgenössischen Arbeiterbewegung entwickelt, die auch ihr Adressat bleibt. Das Bemerkenswerte und Erstaunliche liegt heute aber nicht in ihrer historischen Bedeutung, sondern in den Gedanken und Erkenntnissen, die diesen Rahmen des »Marxismus der 11. Internationale« ebenso wie den ihres leninistischen Ablegers überschreiten. Rosa Luxemburgs besondere Sensibilität ist durch ihre Biographie begründet. Darauf kann hier nur kurz verwiesen werden. Paul Frölich schrieb dazu: »Dreifach lastete das Joch der russischen Zustände auf ihr: als Angehörige des vom Zarismus gefesselten russischen Volkes, des von der Fremdherrschaft niedergeworfenen polnischen Volkes und der getretenen jüdischen Minderheit«(<a href="#3">3</a>). Gleichzeitig kannte Rosa Luxemburg aber auch die deutschen Verhältnisse sehr genau aus der Innenperspektive, und sie wirkte Jahrzehnte in diesem Land mit der damals entwickeltsten Arbeiterbewegung. Dieses Wandern zwischen den Welten erleichterte es ihr, in ihrem Engagement eine kritische Distanz sowohl zur leninistischen als auch zur sozialdemokratisch-zentristischen Version des Marxismus zu bewahren. Das wird in allen ihren wesentlichen Aussagen immer wieder deutlich und hat ihren theoretischen Ansatz im offiziellen Marxismus so unbeliebt gemacht.</p>
<p><a name="q4"></a>Die Grunderfahrung des Grenzgängers teilte sie mit ihren polnischen Landsleuten aus dem Führungskern der »Sozialdemokratie des Königreichs Polen« (SDKP). Peter Nettl billigt dieser Gruppe, zu der außer Rosa Luxemburg noch Leo Jogiches, Juhan Marchlewski und Adolf Warski gehörten, einen im Rahmen der 11. Internationale einzigartigen Charakter zu: »Sie war anders als die Vorstände der streng hierarchisch gegliederten westeuropäischen Parteien, aber auch anders als die straff organisierten Verschwörergruppen mit rigorosen Normen der Parteieinheit, wie sie später die Bolschewiki verkörperten. Die SDKP-Führung war in der Hauptsache eine Arbeitsgemeinschaft von Gleichen, die eine gemeinsame Politik festlegten, sich aber das Recht auf eine eigene Meinung vorbehielten. Sie waren unabhängige Persönlichkeiten und zugleich dienende Glieder einer festen Verbindung mit bestimmten Zielen. Irgendein Widerstreit zwischen den beiden Rollen war nicht zu bemerken. Das war unter allen Umständen eine ungewöhnliche Form von Gruppenbindung. Etwas von ihrem Geist bewahrten alle Mitglieder, und sie nahmen es mit in die verschiedenen Vereinigungen und Parteien, denen sie später beitraten«(<a href="#4">4</a>).</p>
<h4>Die Zusammenbruchstheorie Rosa Luxemburgs und ihr Sozialismusverständnis</h4>
<p><a name="q5"></a><a name="q6"></a>Was Rosa Luxemburgs Marxverständnis wesentlich vom »Marxismus der 11. Internationale« unterscheidet, ist ihre »Totalitätsmethode«: der Versuch, die historisch-gesellschaftliche Entwicklung und die aktuelle gesellschaftliche Situation als »organisches Ganzes«, als Totalität zu fassen(<a href="#5">5</a>). Lelio Basso hat dies richtig herausgearbeitet: »&#8230;der Kampf Rosa Luxemburgs gegen die offiziellen Positionen ihrer Partei (war) nicht nur ein Kampf der Linken gegen die Rechten und das Zentrum um determinierte Situationen oder für oder gegen bestimmte taktische Haltungen&#8230;, sondern die Ursache (lag) im theoretischen Aufeinandertreffen einer dialektischen und einer nichtdialektischen Interpretierung des Marxismus &#8230; «(<a href="#6">6</a>).</p>
<p><a name="q7"></a>Dieses Totalitätsverständnis ist auch zentral für die berühmte Luxemburgsche Zusammenbruchstheorie. Rosa Luxemburg ging es in ihrer Arbeit »Akkumulation des Kapitals« um den Nachweis einer objektiven Schranke der kapitalistischen Entwicklung. Für sie liegt der schließliche kapitalistische Zusammenbruch in der Notwendigkeit eines »nichtkapitalistischen Milieus« für die Realisation des Mehrwerts, die jedoch in Widerspruch zur kapitalistischen Entwicklung selbst tritt: »Der Akkumulationsprozeß hat die Bestrebung, überall an Stelle der Naturalwirtschaft die einfache Warenwirtschaft, an Stelle der einfachen Warenwirtschaft die kapitalistische Wirtschaft zu setzen, die Kapitalproduktion als die einzige und ausschließliche Produktionsweise in sämtlichen Ländern und Zweigen zur absoluten Herrschaft zu bringen. Hier beginnt aber die Sackgasse. Das Endresultat einmal erreicht &#8211; was jedoch nur theoretische Konstruktion bleibt -, wird die Akkumulation zur Unmöglichkeit: die Realisierung und Kapitalisierung des Mehrwerts verwandelt sich in eine unlösbare Aufgabe&#8230; Daraus ergibt sich die widerspruchsvolle Bewegung der letzten, imperialistischen Phase als Schlußperiode in der geschichtlichen Laufbahn des Kapitals«(<a href="#7">7</a>).</p>
<p>An ihrer Zusammenbruchstheorie wird Rosa Luxemburgs theoretische Problematik deutlich. In Analogie zur Janusgesichtigkeit des Marxschen Werks kann man von den »zwei Luxemburgs« sprechen. Einerseits hält sie, wie Marx, an der objektiven Endlichkeit des Kapitalismus fest. Sie steht damit in der Geschichte der Arbeiterbewegung fast allein da, denn eine explizite innerökonomische Zusammenbruchstheorie hat außer ihr nur noch Henryk Grossmann formuliert. Andererseits kann sie, befangen im Verständnishorizont der Arbeiterbewegung mit ihrem affirmativen Arbeitsbegriff, den Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft nicht als das Obsoletwerden der Vergesellschaftung über den Wert und die »Arbeit« begreifen, sondern nur als das Problem der Mehrwert-Realisierung (Zurückverwandeln des Mehrwerts in Geldkapital); dabei deutet sie die dem Kapital gesetzte Schranke als eine gewissermaßen bloß äußere geographische Grenze.</p>
<p>Die Luxemburgsche (natürlich auf die Arbeiterbewegung fixierte) Revolutionsvorstellung und ihre Zusammenbruchstheorie bleiben daher unvermittelt. Dieses Auseinanderfallen betrifft aber nicht nur die logische Ebene, sondern auch die zeitliche Dimension. Darüber war sich Rosa Luxemburg durchaus selber im klaren. Die Zusammenbruchskrise stand für sie noch lange nicht konkret-historisch auf der Tagesordnung. Und damit hatte sie ja auch für ihre Zeit durchaus recht; wir wissen heute, welche Entwicklungsmöglichkeiten »Monsieur le Capital« noch in sich barg, die erst am Ende des 20. Jahrhunderts tatsächlich zu erlöschen beginnen. Rosa Luxemburg erwartete schon deshalb, daß ihre Zusammenbruchstheorie »theoretisches Konstrukt« bleiben würde, weil sie auf die zeitaktuelle revolutionäre Potenz der Arbeiterbewegung als Arbeiterbewegung setzte (auch hierin wieder noch im Irrtum Marx nicht unähnlich). Bevor die kapitalistische Logik an der äußeren Grenze scheitern würde, so ihre Hoffnung, hätte die Arbeiterbewegung dem kapitalistischen Spuk schon längst eine Ende gemacht.</p>
<p><a name="q8"></a>Daß Rosa Luxemburg für ihre Zusammenbruchstheorie keine Zeitaktualität in Anspruch nahm, wird in ihrer Kritik an Eduard Bernstein deutlich (dem »Vater« des Reformismus), in der sie zu bestimmen sucht, wie sich der Charakter der Krisen bis dahin verändert hat. Die bisherigen Krisen, sagt sie klipp und klar, waren Ausdruck des »Kindheitsalters« des Kapitalismus: »Es war also jedesmal die plötzliche Erweiterung des Gebiets der kapitalistischen Wirtschaft und nicht die Einengung ihres Spielraums, nicht ihre Erschöpfung, die bisher den Anlaß zu Handelskrisen gab. Die zehnjährige Periodizität der bisherigen internationalen Krisen erscheint somit als rein äußerliche, zufällige Erscheinung. Das Marxsche Schema der Krisenbildung &#8230; trifft auf die bisherigen Krisen nur insofern zu, als es den inneren Mechanismus aller Krisen und deren tiefliegende &gt;allgemeine Ursachen&lt; aufdeckt. In seinem Ganzen paßt aber dieses Schema vielmehr auf eine vollkommen entwickelte kapitalistische Wirtschaft, wo der Weltmarkt als etwas bereits gegebenes vorausgesetzt wird. Nur dann können sich die Krisen aus der inneren, eigenen Bewegung des Produktions- und Austauschprozesses auf jene mechanische Weise, ohne den äußeren Anlaß einer plötzlichen Erschütterung in den Produktions- oder Marktverhältnissen, wiederholen, wie es von der Marxschen Analyse angenommen wird. Wenn wir uns nun die heutige ökonomische Lage (kurz vor der Jahrhundertwende, U.W) vergegenwärtigen, so müssen wir jedenfalls zugeben, daß wir noch nicht in jene Phase vollkommener kapitalistischer Entwicklung getreten sind&#8230;«. Der Kapitalismus befindet sich also nach Rosa Luxemburg zur damaligen Zeit in der Übergangsperiode, »wo die Krisen nicht mehr das Aufkommen des Kapitalismus und noch nicht seinen Untergang begleiten«(<a href="#8">8</a>). Gerade diese »binnenhistorische« Betrachtungsweise Rosa Luxemburgs, der zufolge sich der Charakter der kapitalistischen Formen und der Krisen mit zunehmender Entwicklung verändert, ist heute besonders aktuell in einer Zeit, in der trotz einer qualitativ neuartigen Weltkrise besinnungsloser denn je eine immanente Verewigungsfähigkeit des Kapitalismus angenommen wird.</p>
<p>Trotz, oder vielmehr wegen ihrer zusammenbruchstheoretischen Überlegungen war Rosa Luxemburgs Denken nichts so fremd wie die im Marxismus ihrer Zeit weitverbreitete Neigung zum mechanischen Determinismus. Sie konstatierte stattdessen eine kapitalistische Doppellogik, d.h. die Logik des kapitalistischen Systems enthält ihrer Auffassung nach selbst zwei widerstreitende Tendenzen: einerseits die Entwicklung des Kapitals mit dem Bestreben, sich alle Verhältnisse zu subsumieren, und andererseits die gleichzeitige und immer massenhaftere Produktion seines eigenen »Totengräbers« (Marx/Engels), der natürlich auch für Rosa Luxemburg zeitgemäß nur das Proletariat sein konnte. Sie versuchte nun, jeweils die entgegengesetzten Logiken zu konkretisieren und ihre jeweils spezifisch historischen Formen herauszuarbeiten, d.h. es ging ihr natürlich um die Entfaltung der Arbeiterbewegung als Gegenspieler der Kapitallogik; heute ein Auslaufmodell und erkennbar als innerer Motor der »zivilisatorischen Mission« (Marx) des Kapitals selbst, damals jedoch in dieser historischen Immanenz noch gar nicht wahrnehmbar.</p>
<p><a name="q9"></a>Der erhoffte Triumph der Arbeiterbewegung entspringt dabei aber für Rosa Luxemburg nicht dem Selbstlauf des historischen Prozesses und stellt sich nicht hinter dem Rücken der Beteiligten her, er setzt vielmehr bewußte Aktion voraus. »Der Sozialismus ist die erste Volksbewegung der Weltgeschichte, die sich zum Ziel setzt &#8230; in das gesellschaftliche Tun der Menschen einen bewußten Sinn, einen planmäßigen Gedanken und damit den freien Willen hineinzutragen«. Der von Engels formulierte Sprung der Menschheit aus dem Tierreich in das Reich der Freiheit ist an eine vorhergehende qualvolle Entwicklung gebunden. »Aber er kann nimmermehr vollbracht werden, wenn aus all dem von der Entwicklung zusammengetragenen Stoff der materiellen Vorbedingungen nicht der zündende Funke des bewußten Willens der großen Volksmassen aufspringt«. Das bedeutet aber, die sozialistische Umwälzung ist nicht gesichert, es gibt keine automatische Transformation zu einer von den Menschen bewußt gestalteten Gesellschaft. Es steht nicht von vornherein fest, welche Tendenz sich durchsetzt: »Friedrich Engels sagte einmal: Die bürgerliche Gesellschaft steht vor dem Dilemma, entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei &#8230; entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof. Oder Sieg des Sozialismus, d.h. der bewußten Kampfaktion«(<a href="#9">9</a>).</p>
<p>Inzwischen läßt die Erfahrung mit der zunehmenden Barbarisierung am Ende dieses Jahrhunderts die Alternative sogar noch dringender erscheinen, und ebenso Rosa Luxemburgs nicht-fatalistische, nicht-deterministische Antwort darauf, wenn auch heute nicht mehr innerhalb ihrer arbeiterbewegten Vorstellungswelt. Es gibt zwar einen logischen Schlußpunkt des Kapitals, auf den sich die Entwicklungstendenz hinbewegt, und der nach Luxemburgs Verständnis mit dem Endziel der Arbeiterbewegung übereinstimmt. Aber die Kapitallogik, die in den Zusammenbruch treibt, setzt ihrer Auffassung nach nicht den Sozialismus frei. Zusammenbruch bedeutet Chaos, Barbarei. Die sozialistische Alternative kann nur durch bewußte Intervention verwirklicht werden. Für die Unterstützung und das Weitertreiben dieser Alternative &#8211; die damals noch nicht auf der Tagesordnung stand &#8211; hat Rosa Luxemburg bis zu ihrem Tode gekämpft.</p>
<p><a name="q10"></a>Heute stellt sich unter neuen, historisch viel weiter entwickelten Bedingungen und sicherlich auch in anderen Begriffen diese Doppellogik auf höherer Stufenleiter erstmals konkret und gleichzeitig, d.h. nicht mehr in der Zeitdimension auseinanderfallend wie (notgedrungen) noch bei Rosa Luxemburg: die absolute, logisch und ökonomisch aus dem inneren Prozeß der Kapitalakkumulation gesetzte Schranke des warenproduzierenden Systems einerseits; und die nicht-determinierte, an die Entwicklung eines entsprechenden Bewußtseins und der daraus folgenden bewußten Aktion gebundene Transformation über die Ware-Geld-Form hinaus andererseits (mit der immer möglichen Alternative des Rückfalls in die Barbarei). Auch wenn heute nicht mehr die Arbeiterbewegung (und überhaupt kein prädeterminiertes Sozialsubjekt) als Träger dieser Aufhebung gedacht werden kann, sondern vielmehr die Selbst-Konstitution einer Aufhebungsbewegung jenseits des bloß immanenten »Klassenkampfs« an den krisenhaften Bruchlinien der warenförmigen Vergesellschaftung entlang entwickelt werden muß, so bleibt Rosa Luxemburgs Doppellogik von objektivierter immanenter Schranke der Kapitalakkumulation und bewußter, nicht-objektivierter Aufhebung des Kapitalverhältnisses gerade heute, wenn auch entkoppelt von den Begriffen des Arbeiterbewegungs-Marxismus, ein entscheidender Gesichtspunkt(<a href="#10">10</a>).</p>
<p><a name="q11"></a><a name="q12"></a>Wenn, so Rosa Luxemburg, die sozialistische Revolution und die sozialistische Gesellschaft aber nur als bewußte Tat zu denken sind, dann gewinnen sie dadurch eine neue Tiefendimension. Die sozialistische Umwälzung ist für sie keine nur politische und ökonomische Revolution, sie läßt keinen Aspekt des sozialen Lebens aus. Rosa Luxemburgs Standpunkt hebt sich grundlegend von den politizistischen (und etatistischen) Konzeptionen sozialdemokratischer wie parteikommunistischer Observanz ab, wenn sie in ihrer Auseinandersetzung mit der russischen Revolution betont: »Die Praxis des Sozialismus erfordert eine ganze geistige Umwälzung in den durch Jahrhunderte der bürgerlichen Klassenherrschaft degradierten Massen«(<a href="#11">11</a>). Auch im »Spartakusprogramm« hebt sie diesen Gesichtspunkt hervor: »Die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaftsordnung ist die gewaltigste Aufgabe, die je &#8230; einer Revolution der Weltgeschichte zugefallen ist«. Sie erfordert »eine vollständige Umwälzung in den wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen der Gesellschaft&#8230; Das Wesen der sozialistischen Gesellschaft besteht darin, daß die große arbeitende Masse aufhört, eine regierte Masse zu sein&#8230; Die Proletariermassen müssen lernen, aus toten Maschinen, die der Kapitalist an den Produktionsprozeß stellt, zu denkenden, freien, selbständigen Lenkern dieses Prozesses zu werden«(<a href="#12">12</a>). Auch dieser Gedanke behält, entbunden von den Fetischbegriffen der »Arbeit« und eines Arbeiterbewegungs-Sozialismus, am Ende der Modernisierungsgeschichte seine Gültigkeit. Die kulturelle, soziale und mikrosoziale Seite der Umwälzung wird unter den heutigen Krisenbedingungen sogar wichtiger denn je, wenn die Anforderung des »Selbertuns« endgültig keinen geschichtsdeterministischen, ontologischen Hebel (»Arbeit«, Arbeiterklassenstandpunkt) mehr für sich reklamieren kann.</p>
<h4>Rosa Luxemburg zur Aufhebung der Politischen Ökonomie als Theorie und gesellschaftliche Praxis</h4>
<p>Neben den bisher betrachteten theoretischen Ansätzen, die in den praktischen Kämpfen der Zeit entstanden waren und daher eng in den Arbeiterbewegungskontext eingebunden blieben, trieben Rosa Luxemburg aber auch noch weiterreichende, diesen Zusammenhang von vornherein sprengende Gedanken um. Sie hat diese zwar nie systematisch entwickelt, sondern eher beiläufig in Gelegenheitsartikeln aufgeworfen. Trotzdem bieten gerade diese von der Luxemburg-Ikonographie unbeachteten Stellen ihre wichtigsten Antizipationen der heutigen theoretischen Problemlage. Bei diesen Bemerkungen lehnt sie sich immer eng (aber unbequem) an Marx an, um seinen Ansatz weiterzuspinnnen. Anders als bei ihren Zeitgenossen findet in ihrer Marxinterpretation aber immer wieder auch der »esoterische Marx« Beachtung.</p>
<p><a name="q13"></a>Die Bedeutung, die die Marxsche Theorie für sie hat, formuliert Rosa Luxemburg im Artikel »Karl Marx« folgendermaßen: »Durch die Entdeckung, daß die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften in letzter Linie die Geschichte ihrer Produktions- und Austauschverhältnisse ist&#8230;, durch diese Entdeckung hat Marx die wichtigste Triebfeder der Geschichte bloßgelegt. Damit war erst eine Erklärung für das notwendige Mißverhältnis zwischen dem Bewußtsein und dem Sein, zwischen dem menschlichen Wollen und dem sozialen Tun, zwischen den Absichten und den Resultaten in den bisherigen Gesellschaftsformen gewonnen. Durch den Marxschen Gedanken ist also die Menschheit zuerst hinter das Geheimnis ihres eigenen gesellschaftlichen Prozesses gekommen. Durch die Aufdeckung der Gesetze der kapitalistischen Entwicklung war aber ferner auch der Weg gezeigt, den die Gesellschaft aus ihrem naturwüchsigen, unbewußten Stadium, worin sie ihre Geschichte machte, wie die Bienen ihre Wachszellen bilden, in das Stadium der bewußten, gewollten, wahrhaft menschlichen Geschichte geht, worin der Wille der Gesellschaft und ihr Tun zum ersten Male im Einklang miteinander kommen, worin der soziale Mensch zum ersten Male seit Jahrtausenden das tun wird, was er will«(<a href="#13">13</a>).</p>
<p><a name="q14"></a>Mit diesem Verständnis, in dem sich wieder ihre grundsätzliche Ausrichtung am Gesichtspunkt der Totalität des gesellschaftlichen Prozesses zeigt, trat Rosa Luxemburg auch dem Bernsteinschen Positivismus in der Sozialdemokratie entgegen: »Diese (Bernsteinsche, U.W) Theorie faßt alle behandelten Erscheinungen des ökonomischen Lebens nicht in ihrer organischen Angliederung an die kapitalistische Entwicklung im Ganzen und in ihrem Zusammenhang mit dem ganzen Wirtschaftsmechanismus auf, sondern aus diesem Zusammenhang gerissen, im selbständigen Dasein, als disjecta membra (zerstreute Glieder, U.W) einer leblosen Maschine«. So sind Krisen für Bernstein z.B. einfach Störungen im wirtschaftlichen Mechanismus und nicht die auf kapitalistischer Grundlage einzig mögliche Methode der periodischen Lösung des Widerspruchs zwischen der unbeschränkten Entwicklung der Produktivkräfte und den engen Schranken kapitalistischer Verwertung: »Es gibt nun freilich einen Standpunkt, von dem alle behandelten Erscheinungen sich auch wirklich so darstellen, wie sie die Anpassungstheorie zusammenfaßt, nämlich den Standpunkt des einzelnen Kapitalisten, wie ihm die Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens, verunstaltet durch die Gesetze der Konkurrenz, zum Bewußtsein kommen. Der einzelne Kapitalist sieht vor allem tatsächlich jedes organische Glied des Wirtschaftsganzen als ein ganzes selbständiges für sich, er sieht sie auch ferner nur von der Seite, wie sie auf ihn, den einzelnen Kapitalisten, einwirken, deshalb als bloße &gt;Störungen&lt;, oder bloße &gt;Anpassungsmittel&lt;. Für den einzelnen Kapitalisten sind die Krisen tatsächlich bloße Störungen, und ihr Ausbleiben gewährt ihm eine längere Lebensfrist, für ihn ist der Kredit gleichfalls ein Mittel, seine unzureichenden Produktivkräfte den Anforderungen des Marktes »anzupassen«, für ihn hebt ein Kartell, in das er eintritt, auch wirklich die Anarchie der Produktion auf«(<a href="#14">14</a>).</p>
<p><a name="q15"></a><a name="q16"></a>Bernstein erweist sich so als eine theoretische Verallgemeinerung der einzelkapitalistischen Perspektive: »Bernstein erklärt, das Marxsche Arbeitswertgesetz sei eine bloße Abstraktion, was nach ihm in der politischen Okonomie offenbar ein Schimpfwort ist. Ist aber der Arbeitswert bloß eine Abstraktion, &gt;ein Gedankenbild(, dann hat jeder rechtschaffene Bürger, der beim Militär gedient und seine Steuern entrichtet hat, das gleiche Recht wie Karl Marx, sich beliebigen Unsinn zu einem solchen &gt;Gedankenbild&lt;, d.h. zum Wertgesetz zurechtzumachen. &gt;Von Haus aus ist es Marx ebenso erlaubt, von den Eigenschaften der Waren soweit abzusehen, daß sie nur noch Verkörperungen von Mengen einfacher menschlicher Arbeit bleiben, wie es der Böhm-Jevonschen Schule freisteht, von allen Eigenschaften der Waren außer ihrer Nützlichkeit zu abstrahieren.( &#8230; Bernstein hat somit ganz vergessen, daß die Marxsche Abstraktion nicht eine Erfindung, sondern eine Entdeckung ist, daß sie nicht in Marxens Kopfe, sondern in der Warenwirtschaft existiert, nicht ein eingebildetes, sondern ein reales gesellschaftliches Dasein führt, ein so reales Dasein, daß sie geschnitten und gehämmert, gewogen und geprägt wird. Die von Marx entdeckte abstrakt-menschliche Arbeit ist nämlich in ihrer entfalteten Form nichts anderes als &#8211; das Geld. Und dies ist gerade eine der genialsten ökonomischen Entdeckungen von Marx, während für die ganze bürgerliche Ökonomie, vom ersten Merkantilisten bis auf den letzten Klassiker, das mystische Wesen des Geldes ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist«(<a href="#15">15</a>). Da Bernstein die Bedeutung des Wertgesetzes bei Marx nicht begreifen kann, muß ihm das ganze System, d.h. der Aufbau des »Kapital«, unverständlich bleiben.</p>
<p>In einer Besprechung der von Kautsky aus dem Marxschen Nachlaß herausgegebenen »Theorien über den Mehrwert«(<a href="#16">16</a>) arbeitet Rosa Luxemburg den Unterschied zwischen der Nationalökonomie und der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie heraus &#8211; ein Text, der von dem heutigen »marktsozialistischen« Klerus und seinen Bischöfen wohl auf den Index gesetzt werden muß. Rosa Luxemburg macht sich dort über die »Vulgärökonomen« lustig, die die Bestimmung der »produktiven Arbeit« wie alle nationalökonomischen Grundbegriffe zur reinen »Definitionsfrage« erklären: »Das Arbeiten mit Definitionen (ist) die erprobte Methode, die es dem Ökonomen gestattet, nach einem höchst wissenschaftlich schillernden Prozeß der Untersuchung an ihrem Schluß genau dieselbe Portion Weisheit glücklich herauszufischen, die er selbst an ihrem Anfang hineingeschmuggelt hat&#8230; Ob man die Arbeit &gt;produktiv&lt; nennen soll, je nachdem sie Waren oder materielle Güter überhaupt oder auch, noch allgemeiner, &gt;nützliche Dienste&lt; leistet, ob wir die Arbeit des Schusters, des Seiltänzers und des Reichskanzlers gleichmäßig &gt;produktiv&lt; nennen oder nur einzelne Kategorien davon mit diesem schmeichelhaften Titel auszeichnen sollen, das ist ein Streitpunkt der bürgerlichen Ökonomie, der ebenso alt ist wie diese Ökonomie selbst&#8230; Marx &#8230; weist nach, daß der Begriff der &gt;produktiven Arbeit&lt; nicht Gegenstand der Privatliebhaberei oder des Esprits des einzelnen Ökonomen, sondern ein geschichtliches Produkt der Gesellschaft sei&#8230; Der Begriff der Produktivität der Arbeit liegt somit in der Marxschen Beleuchtung nicht im Verhältnis zwischen Mensch und Arbeitsstoff, allgemeiner: zwischen Mensch und Natur, allwo ihn der Vulgarus seit einem Jahrhundert im Schweiße seines Angesichts sucht, sondern zwischen Mensch und Mensch, es ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das unter dem Begriff der &gt;produktiven Arbeit&lt; steckt, genau wie unter dem Begriff von Kapital«.</p>
<p>Rosa Luxemburg zeigt außerdem, daß Marx nicht hur den Begriff der »produktiven Arbeit« als historischen Begriff dechiffriert. Sie macht klar, daß Marx überhaupt alle zum Kapitalverhältnis gehörigen Kategorien als dem geschichtlichen Wandel unterworfen begreift. In diesem Sinne ordnet sie auch die »Theorien über den Mehrwert« ein, und versteht sie als eine kritische Geschichte der Nationalökonomie. Die aufhebende Selbstkritik, die von der Nationalökonomie als bürgerlicher Wissenschaft nicht geleistet werden kann, hat Marx in den »Theorien über den Mehrwert« nachgeliefert: »Zur Geschichtsschreibung gehört &#8230; als erste Bedingung diejenige Einsicht in den Zusammenhang zwischen dem gesellschaftlichen Prozeß und seinem theoretischen Reflex, deren Fehlen gerade die wissenschaftliche Grundlage der bürgerlichen Nationalökonomie und ihrer Methoden bildet. Und daraus ergibt sich schon der merkwürdige Umstand, daß die Nationalökonomie über ihren Forschungsgegenstand, ihren Stoff selbst im dunkeln ist, indem ihre gelehrten Historiker krampfhaft den Anfängen der nationalökonomischen Theorien im ersten Morgengrauen der menschlichen Geschichte, im klassischen Orient, beinahe bei den Affenmenschen, kurz überall da nachspüren, wo sie ebensowenig zu finden ist, wie ihr einziger wirklicher Gegenstand &#8211; die kapitalistische Produktionsweise. Der Vorstellung von der bürgerlichen Gesellschaft als einer absoluten und ewigen Gesellschaftsform in bezug auf die Zukunft entspricht logisch die Vorstellung von der Nationalökonomie als einer absoluten und ewigen Wissenschaft in bezug auf die Vergangenheit«. Diese Sätze treffen nicht nur auf die alten bürgerlichen Nationalökonomen, sondern genauso auf die heutigen Marxisten und wissenschaftlichen Hiwis der »Realpolitik« zu.</p>
<p><a name="q17"></a>In ihrem Artikel »Die &gt;deutsche Wissenschaft&lt; hinter den Arbeitern« schlägt Rosa Luxemburg ein weiteres Mal in diese Kerbe und kritisiert vehement die Neigung der Nationalökonomie zur Enthistorisierung: »Wenn die klassische Schule der Nationalökonomie die Bewegung des Lohnes auf naturgesetzliche Erscheinungen, auf das Bevölkerungsgesetz und die absolute Größe des Produktionskapitals zurückführte, so verfuhr sie dabei nur konsequent nach ihrer Grundmethode: die Schranken der bürgerlichen Gesellschaft mit gesellschaftlichen Naturschranken zu identifizieren. Und die historisch-dialektische Kritik der klassischen Nationalökonomie &#8211; die von Marx gelöste Aufgabe &#8211; bestand hier wie meistens in der Rückübersetzung der &gt;Naturgesetze&lt; in Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft«(<a href="#17">17</a>).</p>
<p>Rosa Luxemburg greift in diesen Gedanken immer wieder tastend jenen »esoterischen« Ansatz von Marx auf, der weit über den Arbeiterbewegungsmarxismus hinausweist, und mit dem sie daher in ihrem sozialhistorischen und theoretischen Kontext nur Unverständnis ernten konnte: die Schlußfolgerung nämlich, daß die (ernstgenommene) Kritik der Nationalökonomie theoretisch wie praktisch deren sämtliche Grundkategorien aufzuheben und nicht etwa alternativ zu operationalisieren hat. Letztere verkürzte Lesart war bekanntlich nicht nur diejenige der Sozialdemokratie, sondern auch der realsozialistischen Planwirtschaft im Kontext »nachholender Modernisierung«, die nur mit unaufgehobenen Waren- und Geldkategorien operieren konnte. Heute ist die besinnungslose Affirmation der »nationalökonomischen Kategorien« zwar im Mainstream des realpolitischen und restmarxistischen Denkens mehr denn je vorherrschend; umso heller leuchtet Rosa Luxemburgs frühe Vorahnung des umstürzenden Gedankens, daß eine nachkapitalistische Gesellschaft keine Politische Ökonomie mehr »hat« und keine Nationalökonomie mehr »ist«, deren falsch ontologisierte Kategorien also verschwinden müssen.</p>
<h4><a name="q18"></a>Rosa Luxemburg zur Historisierung des Marxismus</h4>
<p>Rosa Luxemburg war sich darüber im klaren, daß die Marxsche Lehre selber insofern historischen Charakter hat, als sie mit dem Untergang des Kapitalismus gegenstandslos wird. Ihr Sinn für das Geschichtliche reichte so weit, daß sie sogar ein vom heutigen Standpunkt aus fast schon seherisch anmutendes Gespür für die Binnengeschichte des Marxismus entwickelte. In ihrem Aufsatz »Stillstand und Fortschritt im Marxismus«(<a href="#18">18</a>) setzt sie sich mit der Rezeption von Marx in der Arbeiterbewegung auseinander. Anlaß dieser Schrift und Ausgangspunkt ihrer Reflexion ist dabei die Aufnahme des III. Bandes des »Kapital«: »Der dritte Band des &gt;Kapital&lt; ist zweifellos vom wissenschaftlichen Standpunkt erst als die Vollendung der Marxschen Kritik des Kapitalismus zu betrachten. Ohne den dritten Band ist das eigentliche herrschende Gesetz der Profitrate, ist die Spaltung des Mehrwertes in Profit, Zins und Rente, ist die Wirkung des Wertgesetzes innerhalb der Konkurrenz nicht zu verstehen. Aber &#8230; alle diese Probleme, so wichtig sie vom theoretischen Standpunkt sind, sind doch ziemlich gleichgültig vom Standpunkte des praktischen Klassenkampfes. Für diesen war das große theoretische Problem: die Entstehung des Mehrwertes, d.h. die wissenschaftliche Erklärung der Ausbeutung, sowie die Tendenz der Vergesellschaftung des Produktionsprozesses, d.h. die wissenschaftliche Erklärung der objektiven Grundlagen der sozialistischen Umwälzung. Beide Probleme beantwortet bereits der erste Band, der die &gt;Expropriation der Expropriateure&lt; als unausbleibliches Endergebnis der Produktion des Mehrwertes und der fortschreitenden Kapitalkonzentration folgert. Damit war das eigentliche theoretische Bedürfnis der Arbeiterbewegung im großen und ganzen befriedigt&#8230; Und deshalb ist der dritte Band des &gt;Kapitals&lt; bis jetzt für den Sozialismus im ganzen ein ungelesenes Kapital geblieben«.</p>
<p>Es ist schon verblüffend, wie Rosa Luxemburg hier trotz ihrer arbeiterbewegungsimmanenten Perspektive deren Grenze überschreitet und im Grunde genommen die Beschränktheit dieser Sicht kritisch formuliert, wenn sie de facto sagt, daß Marx mehr und Weitergehendes bringt, als für den »Klassenkampf« nötig ist. Aus heutiger Sicht können wir noch klarer sehen, daß die begrenzte Marxrezeption der Arbeiterbewegung in deren letztlich immanenten Zielen begründet lag. Denn noch stand erst die »Befreiung der Arbeit« (innerhalb des warenproduzierenden Systems), nicht ihre Aufhebung auf der historischen Tagesordnung.</p>
<p>Auch Rosa Luxemburg war es erstaunlicherweise klar: »Aber auch schon die Schöpfung Marx&#8217;, die als wissenschaftliche Leistung ein riesenhaftes Ganzes in sich ist, überschreitet die direkten Anforderungen des proletarischen Klassenkampfes (sic!) &#8230; Nur in dem Maße, als unsere Bewegung in fortgeschrittenere Stadien tritt und neue praktische Fragen aufrollt, greifen wir wieder in das Marxsche Gedankendepot&#8230; Wenn wir deshalb jetzt in der Bewegung einen theoretischen Stillstand verspüren, so ist es nicht, weil die Marxsche Theorie, von der wir gezehrt, der Entwicklung unfähig sei oder sich &gt;überlebt&lt; habe, sondern umgekehrt, weil wir die &#8230; geistigen Waffen, die uns in dem bisherigen Stadium zum Kampf notwendig waren, der Marxschen Rüstkammer bereits entnommen haben, ohne sie damit zu erschöpfen; nicht, weil wir im praktischen Kampf Marx &gt;überholt&lt; haben, sondern umgekehrt, weil Marx in seiner wissenschaftlichen Schöpfung uns als praktische Kampfespartei im voraus überholt hat (sic!), nicht weil Marx für unsre Bedürfnisse nicht mehr ausreicht, sondern weil unsre Bedürfnisse noch nicht für die Verwer-tung der Marxschen Gedanken ausreichen. So rächen sich die von Marx theoretisch aufgedeckten sozialen Daseinsbedingungen &#8230; in der heutigen Gesellschaft an den Schicksalen der Marxschen Theorie selbst«.</p>
<p>Zu Beginn dieses Jahrhunderts, mitten in der Aufschwungphase der marxistischen Arbeiterbewegung, mußten derart erstaunliche Worte als dunkles Raunen verhallen. Dafür können sie uns Nachgeborenen umso mehr sagen. Wer sich heute weder über das Ende des traditionellen Marxismus hinweglügen noch seinen Frieden mit den herrschenden Verhältnissen machen will, darf die Marxsche Theorie nicht als starre, einheitliche, historisch ungebrochene »Lehre« verstehen, die man nur falsch oder richtig interpretieren kann. In diesem Sinne können wir Rosa Luxemburgs Reflexionen, die über ihre Zeit hinausreichen, erst heute angemessen würdigen, wenn wir die Krisengeschichte unserer eigenen Zeit zu begreifen suchen, statt sie zu verdrängen. Das Denken von Rosa Luxemburg bleibt dabei jedenfalls anregender als die Auslassungen der senil gewordenen Linken unserer Tage. »Die Genossin Luxemburg bringt alles durcheinander«, so jammerte die Bürokratie der alten Sozialdemokratie. Wie wir gesehen haben, schafft sie das erfreulicherweise auch heute noch. Wir müssen noch viel mehr »durcheinanderbringen«.</p>
<h4>Fußnoten</h4>
<p><a name="1"></a><a href="#q1">1</a>) Der Text basiert auf Teilen eines Referats, das der Verfasser am Vorabend des 1. Mai 1994 in einem Nürnberger Kulturladen gehalten hat.</p>
<p><a name="2"></a><a href="#q2">2</a>) Siehe hierzu die schon länger geführte Auseinandersetzung mit dieser Thematik in der »Krisis«, insbesondere den Beitrag »Postmarxismus und Arbeitsfetisch« von Robert Kurz in der vorliegenden Ausgabe, der die Differenz zwischen dem »esoterischen« und dem »exoterischen« Marx herauszuarbeiten sucht.</p>
<p><a name="3"></a><a href="#q38">3</a>) Paul Frölich: Rosa Luxemburg-Gedanke und Tat, Frankfurt 1967, S. 23.</p>
<p><a name="4"></a><a href="#q4">4</a>) Peter Nettl: Rosa Luxemburg, Köln-Berlin 1969, S. 90-91.</p>
<p><a name="5"></a><a href="#q5">5</a>) Auf die Totalität reflektieren dann erst wieder die »Hegelmarxisten«, u.a. der junge Lukács in »Geschichte und Klassenbewußtsein« (1923). Sie erregten damit den Unwillen der »Leninisten« in der Komintern und wurden scharf kritisiert.</p>
<p><a name="6"></a><a href="#q6">6</a>) Lelio Basso: Der Beitrag Rosa Luxemburgs zur Entwicklung des marxistischen Gedankens, maschinengeschriebenes Manuskript eines Referats auf dem gleichnamige Kongreß in Reggio Emilia, 18.-22.9.1973, S.6. Der inzwischen verstorbene Linkssozialist Basso hatte versucht, Rosa Luxemburg für die italienische Arbeiterbewegung fruchtbar zu machen.</p>
<p><a name="7"></a><a href="#q7">7</a>) Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals, Berlin 1923, Reprint Frankfurt/Main 1966, S.288. Rosa Luxemburgs Kritiker, meist akademische Marxisten wie etwa Otto Bauer, versuchten dagegen durch Jonglieren mit den Marxschen Reproduktionsschemata (2. Band des »Kapitals«) die Funktionsfähigkeit des wollentwickelten Kapitalismus nachzuweisen.</p>
<p><a name="8"></a><a href="#q8">8</a>) Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution?, in: dieselbe: Politische Schriften, Leipzig 1969, S. 25-26.</p>
<p><a name="9"></a><a href="#q9">9</a>) Rosa Luxemburg: Juniusbroschüre, in: dieselbe, ebenda, S. 241-42.</p>
<p><a name="10"></a><a href="#q10">10</a>) In gewisser Weise ruft die &#8220;Krisis&#8221;-Position gerade in diesem Punkt übrigens heute ähnliche Irritationen wie einst Rosa Luxemburg hervor, indem die &#8220;harte&#8221; Krisen- und Aufhebungstheorie auch heute wieder einerseits des &#8220;Determinismus&#8221; und &#8220;Objektivismus&#8221;, andererseits aber gleichzeitig des &#8220;Voluntarismus&#8221; geziehen wird. Jedesmal steht hinter diesen Anwürfen das Unverständnis der &#8220;Doppellogik&#8221;, d.h. der Dialektik von objektiver (determinierter) Krisenlogik einerseits und bewußtseins-abhängiger, in keinerlei Objektivität mehr verankerter Aufhebungsproblematik andererseits. Indem diese beiden Logiken, die für Rosa Luxemburg noch historisch auseinanderfielen, heute in eins fallen, wird ihr Verhältnis umso brisanter. Die Scheinradikalen, die uns heute wegen eines angeblichen &#8220;sozialdemokratischen Objektivismus&#8221; usw. anklagen, stehen dem Theorieverständnis für sozialdemokratischen II. Internationale viel näher, als sie glauben. Rosa Luxemburg war darüber schon hinaus.</p>
<p><a name="11"></a><a href="#q11">11</a>) Rosa Luxemburg: Die russische Revolution, in: diesselbe: Schriften zur Theorie der Sponanität, Reinbek 1970, S. 188</p>
<p><a name="12"></a><a href="#q12">12</a>) Rosa Luxemburg: Was will der Spartakusbund?, in: dieselbe: Politische Schriften, ebenda, S. 418.</p>
<p><a name="13"></a><a href="#q13">13</a>) Rosa Luxemburg: Karl Marx, in: dieselbe: Gesammelte Werke Bd. l, 2.Hbd., S. 370-71.</p>
<p><a name="14"></a><a href="#q14">14</a>)Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution? a.a.O., S. 52.</p>
<p><a name="15"></a><a href="#q15">15</a>) Ebenda, S. 61-62.</p>
<p><a name="16"></a><a href="#q16">16</a>) Rosa Luxemburg: Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, in: dieselbe: Gesammelte Werke, Bd. l, 2. Hbd., S. 465-70.</p>
<p><a name="17"></a><a href="#q17">17</a>) Rosa Luxemburg: Die »deutsche Wissenschaft« hinter den Arbeitern, in: dieselbe: Gesammelte Werke, Bd. 1,1. Hbd., S.770.</p>
<p><a name="18"></a><a href="#q18">18</a>) Rosa Luxemburg: Stillstand und Fortschritt im Marxismus, in: dieselbe: Gesammelte Schriften, Bd. l, 2. Hbd., S. 366-67.</p>
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		<title>Zur Ideologie der KPD</title>
		<link>http://www.krisis.org/1988/zur-ideologie-der-kpd</link>
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		<pubDate>Sat, 31 Dec 1988 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 4 (1988)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[Material zur alten Arbeiterbewegung]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Material zur alten Arbeiterbewegung</h3>
<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>109 &#8212;-</p>
<p><em>Udo Winkel</em></p>
<p>Hartmut Nowacki geht es in seiner Arbeit &#8220;Zwischen Lebensphilosophie und Stalinismus&#8221;, Profil Verlag München 1983, 36 DM um &#8220;Philosophische Ansätze in der Kommunistischen Partei Deutschlands (1918-1933)&#8221;: &#8220;&#8230; genauso wenig, wie die KPD in ihren Gründerjahren eine kommunistische Partei heutigen Typs war, so wenig war von 1918 bis 1923 der dialektische Materialismus weltanschaulich-philosophisches Fundament der Partei. Vielmehr lassen sich in dieser Phase lebensphilosophische, sozialhedonistische, irrationale und positivistische Ansätze und Tendenzen nachweisen; auch existierten Auffassungen von marxistischer Philosophie, die in ganz erheblichem Maße von der leninistischen Sowjetphilosophie abwichen.&#8221; (S. 4)</p>
<p><span id="more-300"></span>Hatte Nowacki ursprünglich den Anspruch, im Anschluß an Hegel die Ideologie der KPD als ihre in Gedanken gefaßte Zeit, als identisch mit der &#8220;Totalität der Empirie&#8221; (Lassalle) zu begreifen, so kommt es letztlich doch nur dazu, &#8220;einen bestimmten Fundus von Texten (zu) sammeln, (zu) strukturieren und (zu) analysieren&#8221;, da &#8220;sich die Totalität nicht &#8216;runden&#8217; wollte&#8221;. (S. 5) In diesem Sinne bietet Nowacki eine nützliche Sammlung von Material und auch einige interessante Fragestellungen, geht aber ansonsten über eine Konstatierung der theoretisch-ideologischen Einengung der KPD im Zuge der sich durchsetzenden &#8220;Stalinisierung&#8221; nicht hinaus. Auch meine Darlegungen können an dieser Stelle nur auf das vorgelegte Material verweisen und es kommentieren. Ich werde in der nächsten Nr. der MK eine Darstellung der Ideologie der alten Arbeiterbewegung zwischen Positivismus und Lebensphilosophie, Rationalismus und Irrationalismus versuchen und greife dort auch einige hier nur kurz angesprochene Probleme wieder auf.</p>
<p>Während in der frühen KPD &#8220;eine Philosophie der Tat, ein antiphilosophischer Aktionismus&#8221; virulent war, erscheint die Aneignung von Theorie in der späteren KPD &#8220;als funktionalisiert den sogn. praktischen Erfordernissen untergeordnet&#8221;. Nowacki macht Rosa Luxemburg den absurden Vorwurf, sie, die auch in der Parteischule der SPD aktiv geworden war, würde sich gegen eine Schulung der Arbeiter wenden. Während es Rosa Luxemburg in ihrer &#8220;Rede zum Programm&#8221; auf dem Gründungsparteitag der KPD &#8211; wenn sie dort formuliert: &#8220;Wir sind nämlich zum Glück über die Zeit hinaus, wo es hieß, das Proletariat sozialistisch schulen&#8221;. &#8211; darum ging, die Bedeutung der praktischen Umwälzung für die Bewußtseinsentwicklung der Arbeiterklasse herauszustellen, da ihr der Charakter des &#8220;latenten Bewußtseins&#8221; in der Arbeiterbewegung durchaus klar war. Nowacki stellt allgemein richtig fest: &#8220;So wie die ersten Jahre der Partei durch einen (antiphilosophischen) Aktionismus linksradikaler Arbeiter stark geprägt waren, so die letzten Jahre &#8211; aller Propaganda und Bildungsarbeit zum Trotz &#8211; durch die Wunschträume von Dauerarbeitslosen, die den extrem unrealistischen &#8216;idealistischen&#8217; politischen Kurs der Parteiführung mittrugen.&#8221; (S. 26)</p>
<p>Nowacki sieht die ideologische Entwicklung der KPD in zwei Phasen: Bis 1923 als &#8220;individuelle Ansätze kommunistischer Intellektueller&#8221;, danach als &#8220;Herausbildung einer einheitlichen Parteiphilosophie&#8221;.</p>
<h4>1. Individuelle Ansätze kommunistischer Intellektueller</h4>
<p>Hier geht Nowacki speziell auf Karl Liebknecht, Ruth Fischer, Heinrich Vogeler, Karl August Wittfogel, Georg Lukács und Karl Korsch ein. Karl Liebknecht, der als großer Volkstribun und Aktivist in die Geschichte der Arbeiterbewegung eingegangen ist, der sich auf den voluntaristischen &#8220;Januaraufstand&#8221; 1919 in Berlin einließ, was bekanntlich Rosa Luxemburgs scharfe Kritik hervorrief, gehört zu den linken Intellektuellen, die in der Auseinandersetzung mit dem positivistisch verdinglichten &#8220;Marxismus der 2. Internationale&#8221; und dem &#8220;marxistischen&#8221; Reformismus ein lebensphilosophisch geprägtes Weltbild entwickelten und damit wie ihre positivistischen Antipoden dem bürgerlichen</p>
<p>110 &#8212;-</p>
<p>Denken verhaftet blieben. Liebknechts Ideologie kommt insb. in seinem nachgelassenen Werk &#8220;Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung&#8221; (1922) zum Ausdruck(1): &#8220;Nicht Eklektizismus, sondern Universalismus ist die Lebenslosung unddas psychisch geistige Lebenselement des Verfassers &#8230;&#8221; Das Leben im ganzen&#8221; umfaßt einen &#8220;Trieb der Vervollkommung&#8221;:</p>
<p>&#8220;nicht nur zur besseren Erhaltung des Lebens, sondern zur Höher- und Bessergestaltung des Lebens selbst, des ganzen Lebens in allen seinen Eigenschaften, Kräften, Funktionen; des Lebens in seinem ganzen Wesen, seiner Totalität. Jedenfalls sind hier die verschiedensten, wundersamsten, rätselhaftesten Triebe, Kräfte, Erscheinungen unlöslich verbunden, miteinander verflossen, in dauernder wechselseitiger Bedingtheit; und mindestens im Zusammenhang mit und im Hinblick auf den Lebenserhaltungstrieb ist es erlaubt &#8211; ja geboten, dem Organismus im ganzen den Höherentwicklungstrieb zuzuschreiben&#8221;(2).</p>
<p>Totalität wird hier nicht im Hegelschen, sondern im organizistischen, universalistischen Sinne verwendet. Liebknecht unterscheidet eine &#8220;Notsphäre&#8221; als Ernährungs-, Schutz- und Sexualsphäre von einer dem &#8220;Lebenserweiterungstrieb&#8221; geschuldeten &#8220;Überschuß-Sphäre&#8221;,die sich zu einer &#8220;organischen Totalität&#8221;, einem &#8220;Gesamtgefühl des Lebens&#8221; &#8220;verschlingen&#8221;.</p>
<p>In dieser &#8220;organischen Totalität&#8221; wird auch der Religion eine besondere Bedeutung zuerkannt:</p>
<p>Sie dient &#8220;im höchsten Maße den praktischen Lebensbedürfnissen, wenigstens in der Tendenz: der Erhaltung und Förderung des körperlichen und seelischen Wohlbefindens, der Steigerung der Sicherheit, und zwar auch der Entschlossenheit und Tatkraft, des Zielbewußtseins, der Orientierung nach einem Sehnsuchtsziel des Enthusiasmus usw.; sowohl in der Ernährungs- , wie der Schutz-, wie der Sexualsphäre (z.B. Reglementierung der Geschlechtsbeziehungen zum Zwecke der Fortpflanzung); daneben ist sie auch dem bloßen Wohlgefühl und Genuß des Lebens dienstbar. &#8211; Freilich ist sie so leicht zu mißbrauchen und ist in der Tat unendlich viel mißbraucht worden, um andere Menschen als Werkzeuge gegen ihre eigentlichen Interessen zu lenken; und zwar in solchem Maße, daß es schier unmöglich ist, aus dem Wust des Mißbrauchs das ursprünglich und notwendig und nützlich-allgemein Menschliche herauszuschälen.&#8221;(3)</p>
<p>Politik erscheint als &#8220;Kunst des Unmöglichen&#8221;: &#8220;Die verwirklichte Möglichkeit ist die Resultante aus erstrebten Unmöglichkeiten.&#8221; Politik</p>
<p>&#8220;ist keine Wissenschaft. Ihre intellektuellen Bestandteile dienen der &#8211; vor der eigentlichen Politik liegenden &#8211; Zielsetzung, der Mittel- und Wegweisung, ja der Ausführung; aber sie dienen nur dem politischen Willen, der politischen Aktivität; &#8230; Das klar erkannte Ziel fest im Auge halten, unbeirrt und zähe verfolgen: das &#8211; so primitiv es ist &#8211; macht den Politiker: Selbst irriges, fehlsames Handeln ist ihm eher erlaubt als Willensschwäche und Untätigkeit&#8221;(4).</p>
<p>Es ist auch nicht verwunderlich, daß Liebknecht &#8211; entgegen dem sozialdemokratischen Selbstverständnis &#8211; Den Darwinismus vitalistisch uminterpretiert:</p>
<p>&#8220;Den &#8216;materialistischen&#8217; und monistischen Unfug allerdings, der seit Moleschott, Büchner, Voigt bis Häckel mit seiner Lehre getrieben wurde und wird, können wir nachgerade sich selbst überlassen. Alle Ansprüche gewisser Darwinisten auf &#8216;Materialismus&#8217;, Monismus u. dgl. beruhen auf grober Selbsttäuschung infolge ungenauer begrifflicher Klarheit und Differenzierung. Der Darwinismus ist in der Tat vitalistisch bis ins Mark, und das macht nicht seine Schwäche, sondern seine Stärke aus &#8230;&#8221;(5).</p>
<p>Liebknecht kommt &#8211; ähnlich wie der von Bergsons &#8220;élan vital&#8221; herkommende Sorel &#8211; zueiner Kritik an der &#8220;schmarotzenden Schicht&#8221; der Parteibürokratie:</p>
<p>&#8220;Keine Verbindung, die der freien Initiative Fesseln anlegt &#8230; Diese Initiative in den Massen zu fördern, ist gerade in Deutschland, dem Land des passiven Massen-Kadavergehorsams, die dringendste Erziehungsaufgabe, die gelöst werden muß, selbst auf die Gefahr hin, daß vorübergehend alle &#8216;Disziplin&#8217; und alle &#8216;strammen Organisationen&#8217; zum Teufel gehen&#8221; (zitiert nach Nowacki, S. 42).</p>
<p>Der Herausgeber des Werkes von 1922 kommt zu dem Schluß: &#8220;Liebknecht wollte nichts anderes sein als ein &#8216;revolutionärer, internationaler Soldat im Befreiungskampfe der Arbeiterklasse&#8217;. Das vorliegende Werk stellt gleichsam die tiefere metaphysische (sic!) Einordnung dieses Kampfes in den Zusammenhang der Welt und des Geschehens dar&#8221; (6).</p>
<p>Während Karl Liebknecht aus der alten Sozialdemokratie kam, sozusagen aus der sozialdemokratischen &#8220;Aristokratie&#8221; (Vater: Wilhelm Liebknecht), schlossen sich während der Revolution 1918/19 auch manche radikale Intellektuelle von außerhalb der Arbeiterbewegung der jungen kommunistischen Bewegung an. So etwa Ruth Fischer, die 1924/25 Exponent der &#8220;ultralinken&#8221; Politik der KPD wurde, die sich nicht entblödete, Rosa Luxemburgs Wirken in der Arbeiterbewegung mit dem eines &#8220;Syphilisbazillus&#8221; zu vergleichen, die in den 50er Jahren als Direktorin eines Amerika-Hauses endete, und der</p>
<p>111 &#8212;-</p>
<p>Ernst Meyer attestierte, &#8220;nicht einmal das kommunistische Manifest je gelesen zu haben, ganz zu schweigen von sonstiger theoretischer Literatur.&#8221;(7) Nowacki konstatiert richtig: &#8220;Auch als 1925 die durch den Dawesplan finanzierte Stabilisierung sich in Deutschland deutlich abzeichnete, hielt sie starr an der Formel von der &#8216;Organisierung der Revolution&#8217; fest.</p>
<p>Ruth Fischer &#8211; und die Parteilinke &#8211; verwechselte ihren eigenen Willen zur Revolution mit dem Willen der &#8216;Massen&#8217;, ihre subjektiven Wünsche mit der gesellschaftlichen Realität. &#8230; Diese Politik ist mehr vom Gefühl als vom Verstand bestimmt, mehr vom Wollen als der Wirklichkeit, und die Logik bleibt mehr als einmal auf der Strecke. So bringt es Ruth Fischer in ein und derselben Rede &#8211; auf dem 10. Parteitag &#8211; fertig, die SPD zunächst als &#8216;bankrott&#8217; und &#8216;gescheitert&#8217; zu bezeichnen, um dann über ihre &#8216;Lebensfähigkeit&#8217; zu sprechen &#8230;&#8221; (S. 62-63).</p>
<p>Der Maler und Graphiker Heinrich Vogeler, bedeutender Vertreter des Jugendstils, empfand die Niederlage im 1. Weltkrieg als moralischen Zusammenbruch, der eine neue Ethik und ethische Politik verlange. Er geht anfangs von völkischen Ideen aus &#8211; der Kommunismus ist auf &#8220;altgermanisches Recht&#8221; zurückzuführen, will die Verbindung der Menschheit mit der kosmischen Ordnung und ein erneuertes Christentum:</p>
<p>&#8220;In keiner Zeit ist wohl das Christentum so klar zu erkennen gewesen, so strahlend,aber so mißverstanden, wie jetzt. Gäbe es überhaupt Christen, wahre Christen, so ist ein Krieg wie dieser unmöglich, überhaupt Krieg. Nur Liebe im Leben ist fruchtbar, der Haßist das vernichtende Prinzip.&#8221; (zitiert nach Nowacki, S. 74)</p>
<p>Vogler versuchte seine Erziehungs- und Siedlungsvorstellungen in der Barkenhof-Kommune zu verwirklichen, es ging ihm &#8211; &#8220;small&#8221; sollte auch schon damals &#8220;beautiful&#8221; sein &#8211; um eine agrarisch-handwerkliche Bedarfswirtschaft in &#8220;kleinen Einheiten&#8221;. &#8220;Es gibt bei Vogeler kein System, sondern eher ein Konglomerat philosophischer Ideen, das irrationale und stark gefühlsmäßige Züge aufweist.&#8221; (S. 75). Wenn nun Nowacki mit Bezug auf Hendrik de Man schreibt: &#8220;Auf diese Zwiespältigkeit &#8216;der mechanistisch-rationalistischen Denkweise des Marxismus&#8217; neben dem Vorhandensein von &#8216;Solidarität, Eschatologie, religiöser Symbolik&#8217; ist bereits früh aufmerksam gemacht worden&#8221; (S. 77), so &#8220;vergißt&#8221; er hier, zwischen Marx und dem, einer bestimmten Form seiner Rezeption geschuldeten, positivistisch-verdinglichtem &#8220;Marxismus&#8221; zu unterscheiden, der &#8211; wie auch die im bürgerlichen Positivismus hypostasierte &#8220;zweite Natur&#8221; &#8211; eine aktivistische willensmäßig-irrationalistische &#8220;Ergänzung&#8221; bedarf(8).</p>
<p>Karl August Wittfogel beginnt als Dramatiker, der sich selbst als Vertreter des &#8220;revolutionären Idealismus und Expressionismus&#8221; bezeichnet. So läßt er in seiner &#8220;politischen Tragödie&#8221; &#8220;Rote Soldaten&#8221; (1921) den Revolutionär Andreas verkünden:</p>
<p>&#8220;Neue Religionen brechen aus dem Osten hervor, diesseitigere, menschenwürdigere, heldenhaftere, glaubenswertere! Neue Propheten drängen sich vorbehaltlos umunerhörte Freudenbotschaften.&#8221; (zitiert nach Nowacki, S. 81)</p>
<p>Er wendet sich den Sozialwissenschaften zu, bezeichnet den &#8220;dialektischen Materialismus&#8221; als das kommende &#8220;geistige Dach der Welt&#8221;. In seiner Schrift &#8220;Die Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft&#8221; (1922) postuliert Wittfogel:</p>
<p>&#8220;Wir wissen, daß und wie der moderne Positivismus und Empiriokritizismus aus Kant dialektisch hervorgegangen ist. Wir wiederholen, daß wir uns eine Entwicklung der Philosophie nur dialektisch über den Positivismus hinaus und durch ihn hindurch vorstellenkönnen.&#8221;(9).</p>
<p>Nowacki vermerkt richtig: &#8220;Was Wittfogel also 1922 als dialektischen Materialismus bezeichnet, erweist sich bei näherem Hinsehen als Verbindung von (marxistischer) Soziologie mit einer kritizistischen Erkenntnistheorie.&#8221; (S. 84)</p>
<p>Ein positivistisches Verständnis kommt in Wittfogels überhistorischem Naturbegriff &#8211; die formelle Seite wird gegenüber der stofflichen vernachlässigt &#8211; zum Ausdruck: &#8220;Ja, es ist wahr, der Natur gegenüber haben alle Wirtschaftsordnungen ein gleiches Interesse: Man will ihre Kräfte kennen, beherrschen und benutzen, um auf der dienstbar gemachten Naturgrundlage das starke Haus der sozialen Kultur aufführen zu können&#8221;(10). Schon Georg Lukács kritisiert in seiner Besprechung im &#8220;Grünberg Archiv&#8221; richtig: &#8220;Für den Marxisten, als geschichtlichem Dialektiker, sind die Natur, sowie alle Formen</p>
<p>112 &#8212;-</p>
<p>ihrer theoretischen und praktischen Bewältigung, soziale Kategorien, und es geht nicht an, daß ein Marxist hier etwas übergeschichtliches, übergesellschaftliches finden zu können meine&#8221;(11).</p>
<p>Wittfogel wird seit Mitte der 20er Jahre &#8220;linientreu&#8221; und versucht &#8211; durch &#8220;Anwendung der materialistischen Dialektik&#8221; &#8211; eine &#8220;marxistische Ästhetik&#8221; zu entwickeln, die den Primat des sozialen Inhalts vor der ästhetischen Form eines Kunstwerks proklamiert und die Kunst für politische Zwecke funktionalisieren möchte.</p>
<p>Wittfogel, der auch Sinologie studiert hatte, war Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Seine größte wissenschaftliche Leistung bleibt seine 1931 erschienene umfangreiche Studie über &#8220;Wirtschaft und Gesellschaft in China&#8221; als &#8220;asiatischer Produktionsweise&#8221;(12). Später in seinem Werk &#8220;Die orientalische Despotie&#8221; (1957) mit dem Untertitel &#8220;Eine vergleichende Untersuchung totaler Macht&#8221; dehnt er diesen orientalen Despotismus auf die Sowjetunion und den &#8220;Sowjetkommunismus&#8221; überhaupt aus. Überhistorisch geht es ihm nun nicht mehr um die Analyse des Kapitalismus und seine mögliche Überwindung, sondern um Grundsituationen menschlichen Seins, wobei ihm der &#8220;Westen&#8221; als freiheitlich und der &#8220;Osten&#8221; als despotisch erscheint. Nowacki sieht richtig: &#8220;Die dabei entstehende Nähe zum Existenzialismus ist unübersehbar.&#8221; Man könnte hinzufügen, so neu ist die &#8220;Neue Philosophie&#8221; der ehemals 68er Linken in Frankreich also auch nicht(13).</p>
<p>Georg Lukács kann, ebenso wie Karl Korsch, an dieser Stelle nur kursorisch behandelt werden. Seine Bedeutung für die und eine Auseinandersetzung mit seiner Marxrezeption muß einer eigenen Arbeit vorbehalten bleiben(14). Das Lukács-Kapitel ist das interessanteste in Nowackis Arbeit, weil er hier v.a. auch Material zur Auseinandersetzung mit Lukács von Seiten der KPD und Komintern, der Sozialdemokratie und des links- und rechtsbürgerlichen Akademismus zusammengetragen hat.</p>
<p>Nowacki stellt fest: &#8220;Der Titel dieser Untersuchung &#8216;Zwischen Lebensphilosophie und Stalinismus&#8217; ist in seinem vollen Umfang verkörpert in der Person von Georg Lukács. Lukács hatte unter anderem bei Simmel und Rickert studiert und war ursprünglich von Lebensphilosophie und Neukantianismus beeinflußt. Seine Abscheu gegenüber dem Weltkrieg trieb ihn praktisch zur revolutionären Arbeiterbewegung und theoretisch zu Hegel und Marx. Während der Stalinära lebte Lukács lange in der Sowjetunion, was nicht ohne Einfluß auf seine Schriften blieb.&#8221; (S. 97)</p>
<p>Lukács stand auf der Höhe der bürgerlichen Wissenschaft seiner Zeit, er studierte u.a. bei Rickert, Simmel und Max Weber und rezipierte Hegel. Anfangs dominierte die Lebensphilosophie. Nach dem Kriegsausbruch befand sich Lukács, wie er selber sagt, &#8220;in einer Stimmung der permanenten Verzweiflung über den Weltzustand&#8221;. Er begriff die Gegenwart mit Fichte als &#8220;Zeitalter der vollendeten Sündhaftigkeit&#8221;. Wenn die Welt aus den Fugen ist, kommt es zum Verlust von Totalität und Lebensimmanenz:</p>
<p>&#8220;Unsere Welt ist unendlich groß geworden und in jedem Winkel reicher an Geschenken und Gefahren als die griechische, aber dieser Reichtum hebt den tragenden und positiven Sinn ihres Lebens auf: die Totalität. Denn Totalität als formendes Prius jeder Einzelerscheinung bedeutet, daß etwas Geschlossenes wird und nichts auf ein höheres Außen hinweist; &#8230;&#8221; (S. 100) Diese Argumentation ähnelt der von Simmel in seiner &#8220;Philosophie des Geldes&#8221;.</p>
<p>Die russische Revolution von 1917 erscheint als Ausweg: Lukács beteiligt sich aktiv in der ungarischen Arbeiterbewegung und wird stellvertretender Volkskommissar für Unterrichtswesen in der ungarischen Räterepublik. Gleichzeitig rezipiert er Marx über Hegel. Noch haben seine Arbeiten einen abstrakt-ethisierenden Charakter wie &#8220;Der Bolschewismus als moralisches Problem&#8221; (1918) und &#8220;Taktik und Ethik&#8221; (1919).</p>
<p>Nowacki verweist darauf, daß Lukács schon 1922 in einigen Aufsätzen in der &#8220;Roten Fahne&#8221; und der &#8220;Internationale&#8221; die Verflachung der dialektischen Methode in der Arbeiterbewegung kritisiert und einen Rückfall hinter Feuerbach feststellt. In seinem &#8220;Opus Magnum&#8221; &#8220;Geschichte und Klassenbewußtsein&#8221; von 1923 legt er dann &#8220;Studien über marxistische Dialektik&#8221; vor. Es geht ihm um &#8220;eine Interpretation, eine Auslegung der Lehre von Marx im Sinne von Marx. &#8230; diese Zielsetzung (ist) von der</p>
<p>113 &#8212;-</p>
<p>Anschauung bestimmt, daß in der Lehre und der Methode von Marx die richtige Methode der Erkenntnis von Gesellschaft und Geschichte endlich gefunden worden ist. Diese Methode ist in ihrem innersten Wesen historisch. Es versteht sich deshalb von selbst, daß sie ununterbrochen auf sich selbst angewendet werden muß, und dies bildet einen der wesentlichen Punkte dieser Aufsätze&#8221;(15). Wenn Lukács hier des öfteren von Methode spricht, so geht es doch immer um die Methode ihres Gegenstands, nicht um ein abgelöstes Instrumentarium.</p>
<p>Für Lukács ist &#8220;die konkrete Totalität die eigentliche Wirklichkeitskategorie&#8221;(16). Die konkrete Totalität ist nicht einfach eine seiende, sondern von Menschen geschaffene, durch Auseinandersetzung mit der Natur und untereinander produzierte und damit ein sich entwickelnder und verändernder gesamtgesellschaftlicher Zusammenhang. So ist für Lukács auch die &#8220;Natur &#8230; eine gesellschaftliche Kategorie. D.h. was auf einer bestimmten Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung als Natur gilt, wie die Beziehung dieser Natur zum Menschen beschaffen ist und in welcher Form seine Auseinandersetzung mit ihr stattfindet, also was die Natur der Form und dem Inhalt, dem Umfang und der Gegenständlichkeit nach zu bedeuten hat, ist stets gesellschaftlich bedingt&#8221;(17). Totalität bedeutet immer historische Totalität. &#8220;Die inhaltlichen Wahrheiten des historischen Materialismus sind &#8230; Wahrheiten innerhalb einer bestimmten sozialen und Produktionsordnung.&#8221; &#8220;Der historische Materialismus in seiner klassischen Form (die leider bloß vulgarisiert ins allgemeine Bewußtsein übergegangen ist) bedeutet die Selbsterkenntnis der kapitalistischen Gesellschaft.&#8221; Und Lukács erkennt: &#8221; &#8230; daß das Kapitel über den Fetischcharakter der Ware den ganzen historischen Materialismus &#8230; in sich verbirgt.&#8221;(18)</p>
<p>Ausgehend vom Warenfetischkapitel im 1. Band des &#8220;Kapital&#8221; stellt Lukács die Herrschaft der Produktionsbedingungen über die Produzenten und die Verdinglichung der gesellschaftlichen Beziehungen im wichtigsten Aufsatz der Sammlung: &#8220;Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats&#8221; dar. Lukács Darstellung kann hier nicht entfaltet werden, es sei nur beispielhaft auf ein auch heute durch die abstrakte &#8220;Gewalt-Diskussion&#8221; aktuelles Problem verwiesen:</p>
<p>&#8220;Die scharfe und mechanische, begriffliche Trennung von Gewalt und Ökonomie ist überhaupt nur dadurch entstanden, daß einerseits der fetischistische Schein der reinen Sachlichkeit in den ökonomischen Beziehungen ihren Charakter als Beziehungen zwischen Menschen verdeckt und sie in eine die Menschen fatalistisch-gesetzmäßig umgebende zweite Natur verwandelt. Andererseits dadurch, daß die &#8211; ebenfalls fetischistische &#8211; juristische Form der organisierten Gewalt ihr latentes, ihr potentielles Vorhandensein in und hinter jeder ökonomischen Beziehung vergessen macht; daß Unterscheidungen wie Recht und Gewalt, wie Ordnung und Aufstand, wie legale und illegale Gewalt die gemeinsame Gewaltgrundlage aller Institutionen der Klassengesellschaften in den Hintergrund drängen&#8221;(19).</p>
<p>Lukács zieht die Schlußfolgerung aus der Wertvergesellschaftung:</p>
<p>&#8220;Diese Verwandlung der Arbeit in Ware entfernt einerseits alles &#8216;Menschliche&#8217; aus dem unmittelbaren Dasein des Proletariats, andererseits vertilgt dieselbe Entwicklung in steigendem Maße alles &#8216;Naturwüchsige&#8217;, jede direkte Beziehung zur Natur usw. aus den gesellschaftlichen Formen, so daß sich gerade in ihrer menschenfernen, ja unmenschlichen Objektivität der vergesellschaftete Mensch als ihr Kern enthüllen kann. &#8230; Der Träger dieses Bewußtseinprozesses ist aber &#8230; das Proletariat. Indem sein Bewußtsein als immanente Folge der geschichtlichen Dialektik erscheint, erscheint es selbst dialektisch. D.h. einerseits ist dieses Bewußtsein nichts als das Aussprechen des geschichtlich Notwendigen. Das Proletariat &#8216;hat keine Ideale zu verwirklichen&#8217;. &#8230; Andererseits (muß) &#8230; zu dem bloßen Widerspruch &#8211; dem automatisch gesetzmäßigen Produkt der kapitalistischen Entwicklung &#8211; &#8230; etwas Neues hinzutreten: das zur Tat werdende Bewußtsein des Proletariats. Indem aber sich dadurch der bloße Widerspruch zum bewußt-dialektischen Widerspruch erhöht, indem das Bewußtwerden zum praktischen Übergangspunkt wird, zeigt sich die Wesensart der proletarischen Dialektik abermals konkreter: da das Bewußtsein hier nicht das Bewußtsein über einen ihm gegenüberstehenden Gegenstand, sondern das Selbstbewußtsein des Gegenstandes ist, umwälzt der Akt des Bewußtwerdens die Gegenständlichkeitsform seines Objekts&#8221;(20).</p>
<p>So wird das Proletariat zum identischen Subjekt-Objekt der geschichtlichen Umwälzung. Siegfried Marck schreibt in seiner Rezension in &#8220;Die Gesellschaft:&#8221; &#8220;Indem das Proletariat als die erste ihre Beziehung auf die gesellschaftliche Totalität klar erkennende Klasse betrachtet wird, erhält es die Rolle des Hegelschen Weltgeistes, dessen Selbstbewußtsein die Geschichte vorwärtstreibt.&#8221; (zitiert nach Nowacki, S. 112). Nun ist Lukács natürlich klar, daß das Proletariat als identisches Subjekt-Objekt sich vom empirischen Proletariat unterscheidet. Das bezeichnete &#8220;enorme Bewußtsein&#8221; (Marx) kann nur ein ,.zugerechnetes&#8221;, ein antizipiertes Bewußtsein sein. Und hier setzt für Lukács dann auch die Bedeutung</p>
<p>114 &#8212;-</p>
<p>der Partei ein, die den Teil des Proletariats umfaßt, der schon zum theoretischen Bewußtsein seiner Lage gekommen ist. Hier entsteht natürlich die Gefahr, daß die Partei selbst zum identischen Subjekt-Objekt wird. So kritisiert Marck:</p>
<p>&#8220;Denn wer entscheidet in praxi über die Zurechnung des Verhaltens der Arbeiterschaft zum echten Klassenbewußtsein? Wir wissen es, daß sich die kommunistische Zentrale als der Statthalter der metaphysischen Potenz Proletariat auf Erden fühlt. Papismus und Inquisition sind der notwendige organisatorische und praktische Ausdruck eines theoretischen Absolutismus und einer dogmatischen Scholastik der Unfehlbarkeit, resp. jene Theorie ist Überbau der diktatorischen Praxis.&#8221; (zitiert nach Nowacki, S. 125-26)</p>
<p>Doch bei Lukács selbst verwandelt sich die Partei nicht in den Weltgeist, sie entspricht einem Zustand des proletarischen Bewußtseins, in dem es sich &#8220;darum handelt, das Unbewußte bewußt, das Latente aktuell zu machen.&#8221; &#8220;Auch theoretisch handelt die kommunistische Partei nicht stellvertretend für das Proletariat. Ist sein Klassenbewußtsein, in bezug auf Denken und Handeln der ganzen Klasse etwas Prozeßartiges und Fließendes, so muß sich dies in der organisatorischen Gestalt dieses Klassenbewußtseins, in der kommunistischen Partei widerspiegeln. Nur mit dem Unterschied, daß sich hier eine höhere Bewußtseinsstufe organisatorisch objektiviert hat &#8230; Das Prozeßartige, das Dialektische des Klassenbewußtseins wird also in der Theorie der Partei zur bewußt gehandhabten Dialektik&#8221;(21). &#8220;Geschichte und Klassenbewußtsein&#8221; sollte in der Absicht von Lukács &#8220;die Frage der dialektischen Methode &#8211; als lebendige und aktuelle Frage &#8211; zum Gegenstand der Diskussion machen&#8221;. Doch schon Ernst Bloch befürchtete in seiner zustimmenden Rezension: &#8220;Zwar wird es das Buch nicht leicht haben, seine guten Leser zu finden. Die Russen etwa, welche philosophisch handeln, aber denken wie die ungebildeten Hunde, werden sogar einen Abfall darin wittern.&#8221; (zitiert nach Nowacki, S. 121). Von Seiten der Komintern erfolgte ein vollständiger Verriß; Deborin, Rudas u.a. zeihten Lukács des Idealismus, Kantianismus, Hegelianismus. Hier soll nur auf die Kritik Hermann Dunckers verwiesen werden, der aus der alten SPD-Linken um Rosa Luxemburg gekommen war und für theoretische und Schulungsfragen zuständig war. Nowacki schreibt: &#8220;Für Dr. phil. Duncker war die geistige Akrobatik eines Lukács &#8216;schwer (zu) enträtseln&#8217;, so daß er auf eine systematische Wiedergabe des Textes verzichtete. Er knüpfte offensichtlich an den antitheoretisch-antiphilosophischen Ressentiments in der Partei an. &#8216;Unverständlichkeit&#8217; ist ein wichtiger Vorwurf. Zu Lukács These, &#8216;orthodoxer&#8217; Kern des Marxismus sei nur seine Methode, kommentiert Duncker, er gerate damit in eine &#8216;verflucht enge Nachbarschaft zu Reformisten wie Renner&#8217;. Außerdem habe er eine &#8216;überraschende Verengerung&#8217; der Dialektik auf die sozialhistorische Wirklichkeit vorgenommen. Daß für Lukács die Natur als gesellschaftliche Kategorie vorhanden ist, davon weiß Duncker ebenso wie Deborin nichts. Bezüglich Lukács&#8217; Überlegungen zur Gültigkeit des historischen Materialismus im Sozialismus &#8211; wo ja Geschichte bewußt gestaltet werden soll und das falsche Bewußtsein scheinbar selbständiger geistiger Sphären überwunden ist, äußert Duncker die Befürchtung:</p>
<p>&#8216;Der gewaltige Bau eines soziologischen Monismus, eines ökonomischen Determinismus, wie ihn Marx und Engels aufgerichtet haben, kracht zusammen, wenn man mit Lukács den historischen Materialismus selbst nur als eine vorübergehende historische Kategorie, und zwar eine Kategorie der kapitalistischen Gesellschaft deklariert.&#8217;</p>
<p>Da vermag Duncker nicht mehr zu folgen, es ist ihm &#8216;schleierhaft&#8217;, was das mit orthodoxem Marxismus zu tun haben soll.&#8221; (S. 123) Der auch von der Komintern übernommene, wenn auch revolutionär aufgeputzte, &#8220;Marxismus der 2. Internationale&#8221; kann von seinem Selbstverständnis her Lukács Arbeit nur als Angriff auf die &#8220;Prinzipien des Marxismus&#8221; verstehen.</p>
<p>Karl Korschs Biographie zeigt die Entwicklung eines intellektuellen Reformsozialisten zum Revolutionär: In England Mitglied der Fabian Society, in Deutschland 1912 Mitglied der SPD, 1919 der USPD, ab 1920 schließlich der KPD. Auch Korsch sieht sich, wie Lukács, im Zusammenhang der &#8220;Aktualität der Revolution&#8221;. In seiner wichtigsten Schrift: &#8220;Marxismus und Philosophie&#8221; (1923), erhebt er den Anspruch, die materialistische Geschichtsauffassung auf sie selbst anzuwenden und macht drei Phasen der bisherigen Entwicklung des Marxismus aus. Eine erste, wo die marxistische Theorie bei Marx und Engels selbst &#8220;eine alle Gebiete des gesellschaftlichen Lebens als Totalität erfassende Theorie der sozialen Revolution&#8221;(22) war. In der 2. Phase des &#8220;Marxismus der 2. Internationale&#8221; löst sich &#8220;das System</p>
<p>115 &#8212;-</p>
<p>des Marxismus&#8221; &#8220;in eine Summe von Einzelwissenschaften, samt einer äußerlich noch dazutretenden praktischen Anwendung ihrer Ergebnisse auf.&#8221;(23) In der 3. Phase beginnt für Korsch mit Rosa Luxemburg und Lenin ein Wiederherstellungsprozeß des revolutionären Marxismus. Da auch Theorie und Ideologie ein Moment der gesellschaftlichen Wirklichkeit darstellen, muß zum politischen und ökonomischen Kampf auch der ideologische hinzutreten &#8211; wobei für Korsch diese Kampfformen selbst wieder sich bedingende Momente des revolutionären Prozesses sind. Schon in seiner Schrift &#8220;Der Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung&#8221; (1922) hatte Korsch seinen radikalen Materialismus gegenüber dem kontemplativen formuliert &#8211; der ihn auch folgerichtig in Gegensatz zur &#8220;Widerspiegelungstheorie&#8221; brachte:</p>
<p>&#8220;So ist also grundsätzliche Irreligiosität, ein aktiver Atheismus, die selbstverständliche Vorbedingung für eine volle Diesseitigkeit des Denkens und Handelns im Sinne des Marxschen Materialismus. Es wird aber diese volle Diesseitigkeit durch die Überwindung der religiösen Jenseitsvorstellungen allein noch nicht herbeigeführt. Es gibt ein &#8216;Jenseits&#8217; auch noch im &#8216;Diesseits&#8217;, solange man an die zeitlose und somit unirdische Geltung irgendwelcher theoretischer oder praktischer &#8216;Ideen&#8217; glaubt. Und selbst wenn das menschliche Denken auch diese Stufe noch überwunden hat, so kann es vorkommen, daß es immer noch die eigentliche und letzten Endes einzig wirkliche Diesseitigkeit verfehlt, welche nach Marx (2. These über Feuerbach) nirgends anders als in der &#8216;Praxis&#8217; des menschlichen Handelns selbst gelegen ist. Als eigentliche Vollendung der &#8216;Diesseitigkeit&#8217; im System der materialistischen Geschichts- und Gesellschaftsauffassung von Marx erscheint daher erst das Hinausgehen auch über jene &#8216;Jenseitigkeit&#8217;, die dem bloß &#8216;naturalistischen&#8217; oder &#8216;anschauenden&#8217; Materialismus als ein unüberwundener Überrest der bürgerlich-dualistischen Epoche immer noch anhaftet. Der entscheidende Schritt, durch den der neue, marxistische Materialismus diese letzte und wichtigste Vollendung seiner Diesseitigkeit erlangt, besteht darin, daß er der bloß als &#8216;Natur&#8217; im engeren, naturwissenschaftlichen Sinne des Wortes bestimmten Wirklichkeit die Wirklichkeit des &#8216;geschichtlich gesellschaftlich praktischen Lebensprozesses der Menschen&#8217; entgegensetzt&#8221;(24).</p>
<p>Korsch sieht sich selbst in dieser Zeit übrigens als kämpferischen Leninisten, der den ideologischen Kampf forciert. Mit dem Sieg der &#8220;linken Opposition&#8221; wurde er 1924 kurzfristig Chefredakteur der &#8220;Internationale&#8221; und brachte es fertig, zu gleicher Zeit nicht nur Lukács&#8217; Leninbuch, sondern auch Stalins: &#8220;Lenin und der Leninismus&#8221; zu loben: &#8220;Ein Lehrbuch für Marxisten, zur Erlernung des Lenismus!&#8221;,dem &#8220;kristallene Klarheit und bildhafte Sprache attestiert werden. Während Korsch, ähnlich wie Lukács, im Anschluß an Lenins neuer Hegellektüre während des 1. Weltkriegs um eine Vertiefung der Dialektik stritt, setzte sich in der Komintern letztlich doch der Lenin von &#8220;Materialismus und Empiriokritizismus&#8221; durch. Korsch verfiel wie Lukács dem Verdikt des Revisionismus. Sinowjew rechnet auf dem V. Kominternkongress von 1924 mit beiden ab: &#8220;Wenn in Italien der Genosse Graziadei mit einem Buch auftritt, in dem er seine alten Artikel veröffentlicht, die er zu einer Zeit geschrieben hat, als er noch Sozialdemokrat und Revisionist war, und in denen er sich gegen den Marxismus wendet, so kann dieser theoretische Revisionismus bei uns nicht straflos vor sich gehen. Wenn der ungarische Genosse G. Lukács dasselbe auf philosophischem und soziologischem Gebiet tut, werden wir es auch nicht dulden. &#8230; Wir haben eine gleiche Strömung in der deutschen Partei. Genosse Graziadei ist Professor, Korsch ist auch Professor (Zwischenruf: Lukács ist ebenfalls Professor!). Wenn noch einige solche Professoren kommen und ihre marxistischen Theorien verzapfen, dann wird es schlimm um die Sache bestellt sein. Einen solchen theoretischen Revisionismus können wir in unserer Kommunistischen Internationale nicht ungestraft dulden&#8221;(25).</p>
<p>Das grundsätzliche Dilemma marxistischer Intellektueller während der beginnenden &#8220;stalinistischen&#8221; Periode wird sichtbar: Während Lukács Selbstkritik übte, sich von &#8220;Geschichte und Klassenbewußtsein&#8221; distanzierte und in der Komintern &#8220;überlebte&#8221; und kleine Spielräume ausnutzt, wurde Korsch zum &#8220;heimatlosen Linken&#8221;, der nur noch im Rahmen kleiner Sekten wirken konnte.</p>
<p>116 &#8212;-</p>
<h4>2. Herausbildung einer einheitlichen Ideologie</h4>
<p>Der V. Weltkongreß der Komintern (1924) stellte die Weichen zum &#8220;Leninismus&#8221;; es begann der Prozeß der &#8220;Bolschewisierung&#8221; der Parteien der 3. Internationale, vor dem Hintergrund der sich wieder stabilisierenden ökonomischen und politischen kapitalistischen Verhältnisse, obwohl verbal an der &#8220;Aktualität der Revolution&#8221; festgehalten wurde. Ein wichtiges Instrument bei der Herausbildung einer einheitlichen Ideologie der kommunistischen Parteien war das ab März 1925 erscheinende theoretische Organ der Komintern &#8220;Unter dem Banner des Marxismus&#8221;. 1926 forderte Duncker in der &#8220;Internationale&#8221; zur &#8220;Propaganda des Marxismus-Leninismus&#8221; auf. &#8220;Ein unklarer Kopf in der Partei ist schlimmer als zehn außerhalb der Partei. Daher müssen die Kommunisten die Kommandohöhen des wissenschaftlichen Kommunismus besetzen, wenn diese auch hinter der augenblicklichen Feuerlinie des Tageskampfes liegen.&#8221;(26) Die Herausgabe von Lenins &#8220;Materialismus und Empiriokritizismus&#8221; in deutscher Sprache 1927 wurde Grundlage für die Rezeption der &#8220;marxistischen Philosophie&#8221;.</p>
<p>1928 erschien auch das erste deutschsprachige Lehrbuch, August Thalheimers &#8220;Einführung in den dialektischen Materialismus&#8221;. Hatte Duncker noch 1928 dem &#8220;Thalheimerschen Buch&#8221; &#8220;weiteste Verbreitung&#8221; gewünscht, verfiel es dann 1929 dem Verdikt der Komintern. Inzwischen war Thalheimer als theoretischer Kopf der &#8220;Rechtsopposition&#8221; zusammen mit dieser &#8211; die sich dann zur &#8220;Kommunistischen Partei (Opposition) (KPO)&#8221; konstituierte &#8211; aus der KPD ausgeschlossen worden(27).</p>
<p>Nowacki ist zuzustimmen, wenn er schreibt: &#8220;Thalheimer war zwar in politischen und taktischen Fragen oft anderer Meinung als KPD und Komintern, seine philosophischen Auffassungen &#8230; gingen mit der Marxismusauffassung der Komintern durchaus konform: Thalheimer muß sogar als ein Vorkämpfer des &#8216;dialektischen Materialismus&#8217; in der deutschen Sozialdemokratie und im deutschen Kommunismus bezeichnet werden.&#8221; (S. 158-59) Er spielt damit auf eine Kontroverse Thalheimers mit Mehring an, wo er schon 1910 auf die Schaffung eines dialektischen &#8220;Werkzeugs&#8221; beharrte. 1923 griff Thalheimer in seinem Aufsatz &#8220;Über den Stoff der Dialektik&#8221; in der &#8220;Internationale&#8221; diese Kontroverse noch einmal auf: &#8220;Franz Mehring, der auf dem Gebiet der Geschichte die materialistische Dialektik meisterhaft handhabte, empfand immer ein gelindes Grauen, sobald darauf die Rede kam, die dialektische Methode abstrakt, d.h. abgelöst vom Stoff, zu behandeln. &#8230; Dem tiefen Zerfall der materiellen Ordnung der kapitalistischen Welt entspricht der tiefe Zerfall ihrer Ideologie. In den fortgeschrittensten Teilen des Weltproletariats entsteht das Bedürfnis, über die praktischen Anforderungen des Kampfes und des sozialistischen Aufbaues hinaus sich ein umfassendes und streng geordnetes Weltbild zu schaffen. Das ist neben der dialektischen Bearbeitung der Einzelwissenschaften und der einzelnen Zweige praktischer Tätigkeit wiederum die Forderung nach einer Dialektik. &#8230; Der Stoff der Dialektik sind die Denkkategorien, die die Einzelwissenschaften als bekannt und gegeben &#8216;voraussetzen&#8217;. &#8230; Die Dialektik hat den systematischen Zusammenhang der Denkkategorien als die gedankliche Widerspiegelung des Zusammenhangs der Wirklichkeit darzustellen&#8221;(28).</p>
<p>Die &#8220;Einführung in den dialektischen Materialismus&#8221; ging aus Vorlesungen hervor, die Thalheimer an der Sun-Yat-Sen-Universität in Moskau gehalten hatte. Er stimmt grundsätzlich mit dem alten Engels des &#8220;Anti-Dühring&#8221; und der &#8220;Dialektik der Natur&#8221; und dem Lenin von &#8220;Materialismus und Empiriokritizismus&#8221; überein: &#8220;Marx betrachtet die Dialektik als Summe der allgemeinen Bewegungsgesetze der wirklichen materiellen Welt und der diesen Gesetzen entsprechenden Denkgesetze im Kopfe des Menschen, d.h. die wirkliche materielle Welt ist dialektisch, befolgt die Gesetze der Dialektik, und diese Dialektik findet sich auch im menschlichen Kopfe vor, weil der menschliche Kopf auch ein Bestandteil der materiellen Welt ist.&#8221; Das Denken erscheint &#8220;als Sonderfall der allgemeinen Wechselwirkung der Dinge&#8221;. Die drei Hauptsätze der Dialektik lauten: &#8221; 1. Hauptsatz: Satz von der Durchdringung der Gegensätze.&#8221; &#8220;2. Hauptsatz der Dialektik: Gesetz der Negation&#8221;. &#8220;3. Hauptsatz der Dialektik: Umschlag der Qualität in die Quantität und der Quantität in die Qualität&#8221;.(29). Die Problematik dieses &#8220;dialektischen Materialismus&#8221; zeigt sich z.B. gerade bei der Frage des falschen Bewußtseins, das hier nicht als das fetischistische &#8220;richtige Bewußtsein einer falschen Wirklichkeit&#8221; (Marx) begriffen werden kann,</p>
<p>117 &#8212;-</p>
<p>sondern nur als Selbsttäuschung des Proletariats und als bewußte Manipulation der herrschenden Klasse erscheint: &#8220;Das falsche Klassenbewußtsein nennt man auch Klassenillusionen, d.h. Einbildungen, die eine Klasse sich über ihre Lage und Interessen macht. &#8230; Ich will hier auch erwähnen, daß es &#8230; natürlich auch bewußte Täuschungen, Ideen, die eine Klasse in Zirkulation setzt, um andere Klassen zu täuschen, irrezuführen&#8221; gibt(30).</p>
<p>Als Prinzipien dieses Materialismus erscheinen bei Thalheimer wie bei den Ideologen der Komintern überhaupt: Atheismus, Materialismus kontra Idealismus und Dialektik kontra Metaphysik. Auf die Problematik ist weiter hinten im Zusammenhang mit Lenin zurückzukommen.</p>
<p>Welche Probleme ein im Grunde vormarxsches Materialismusverständnis mit sich bringt, zeigt Nowacki im Zusammenhang mit der Einschätzung des bürgerlichen Materialisten Ernst Haeckel durch Lenin auf: &#8220;Zwar weist er (Lenin, U.W.) darauf hin, daß Haeckel &#8216;persönlich&#8217; den Bruch mit den &#8216;Philistern&#8217; habe vermeiden wollen, doch seine &#8216;Welträtsel&#8217; seien eine &#8216;Waffe des Klassenkampfes&#8217;. Sie seien zu Hunderttausenden &#8216;ins Volk gedrungen&#8217; und hätten einen &#8216;Krieg&#8217; der Philosophieprofessoren und Theologen ausgelöst. Nun war Haeckel Mitglied des Alldeutschen Verbandes, der sich den &#8216;Schutz des Deutschtums überall, kraftvolle Außen-, Kolonial- und Ostmarkenpolitik im Sinne Bismarcks, Ausbau der deutschen Wehrmacht&#8217; zum Ziel gesetzt hatte; nach Angaben Pannekoeks war Haeckel ein scharfer Gegner des Sozialismus, der den Darwinismus gerade deshalb empfahl, weil er den &#8216;bodenlosen Unsinn der sozialistischen Gleichmacherei&#8217; widerlege.&#8221; (S. 171-72)</p>
<p>Nowacki geht dann in Exkursen zu der Frage &#8220;nach der Herausbildung und Auslegung der &#8216;Klassiker&#8217; der marxistisch-leninistischen Philosophie&#8221; über. &#8220;Während die &#8216;Rote Fahne&#8217;, vor allen Dingen in der Zeit bis 1923, auch für Schriften von Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Ferdinand Lassalle und Paul Levi warb, von den sowjetischen Autoren, die der Carl-Hoym-Verlag herausgab, keineswegs nur Lenin, sonder auch Radek, Sinowjew, Bucharin und insbesondere Trotzki zur Lektüre empfahl, waren zu Beginn der dreißiger Jahre nur noch diese großen Vier für die Auslegung der wahren kommunistischen Lehre maßgeblich. Die bloße Anführung eines Zitates von Marx, Engels, Lenin oder Stalin (Wobei Marx bezeichnenderweise kaum zitiert wurde, muß man hinzufügen, U.W.) galt als &#8216;Argument&#8217;, ganz unbeschadet der Lager der Tatsachen, ganz gleich, wann und unter welchen Bedingungen das betreffende Zitat entstanden war.&#8221; (S. 178)</p>
<p>a.) Marx/Engels</p>
<p>Noch auf Anregung von Lenin war 1921 in Moskau ein Marx-Engels-Institut entstanden, das unter der Leitung von Rjazanow eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels (MEGA) herausgeben sollte. Er wurde 1931 abgelöst und sein Nachfolger Adoratski gab nur noch wenige, wohl von Rjazanow vorbereitet, Bände heraus. Die bedeutendsten editorischen Leistungen waren die Erstveröffentlichung der &#8220;Deutschen Ideologie&#8221; 1926 im &#8220;Marx-Engels Archiv&#8221; (1932 in der MEGA) und der &#8220;Pariser Manuskripte&#8221; 1932 in der MEGA.</p>
<p>Wie vollzog sich nun die Aufnahme dieser Schriften in der KPD? Schrieb Fried noch in seiner Besprechung des 1. Bandes des &#8220;Marx-Engels Archivs&#8221; in der &#8220;Internationale&#8221; zur Bedeutung der &#8220;Deutschen Ideologie&#8221;: &#8220;Vor allem für das Problem der Beziehungen zwischen Natur und Mensch, Natur und Gesellschaft, das in den marxistischen Diskussionen der letzten Jahre eine bedeutende Rolle gespielt hatte, bietet das Manuskript ganz neues, in den anderen Schriften von Marx und Engels nicht auffindbares .Material&#8221;(31), so kann von einer wirklichen Rezeption nicht gesprochen werden. Hatte Duncker 1930 in den &#8220;Elementarbüchern des Kommunismus Bd. 13&#8243;: &#8220;Marx/Engels: Über historischen Materialismus Teil I&#8221; wichtige Teile der &#8220;Deutschen Ideologie&#8221; ediert, so stellte er sie doch in seinem Artikel &#8220;Einführung in das Studium des Marxismus&#8221; in der Schulungszeitschrift der Marxistischen Arbeiterschule (Masch) &#8220;Der Marxist&#8221; von 1931 ohne jede Problematisierung neben die oben genannten Arbeiten des alten Engels und Lenins sowie Stalins &#8220;Fragen des Leninismus&#8221; . Während es hier um die Herausbildung und Schaffung eines Systems des &#8220;Marxismus-Leninismus&#8221; geht, betätigte sich Marx gerade</p>
<p>118 &#8212;-</p>
<p>nicht als &#8220;Weltbildhauer&#8221; (Brecht). Nowacki sieht richtig: &#8220;es geht (bei Marx, U.W.) um die Welt des Menschen nicht um eine Welt &#8216;an sich&#8217;.&#8221; (S. 185).</p>
<p>Anders als etwa Herbert Marcuse in der &#8220;Gesellschaft&#8221;, nahm das theoretische Organ der KPD &#8211; es konnte wohl mit der Entfremdungsproblematik und der Marxschen Darlegung des Geldfetischs nichts anfangen &#8211; von den &#8220;Pariser Manuskripten&#8221; erst Notiz, und zwar polemisch, als Mayer und Landshut bei Kröner eine Auswahl der Marxschen &#8220;Frühschriften&#8221; in 2 Bänden herausgaben. &#8220;Faschistische Ideologie unter der falschen Flagge des Marxismus&#8221;, lautet charakteristischerweise der Artikel von Paul Braun in der &#8220;Internationale&#8221;. Wenn Mayer und Landshut in ihrer Einleitung zum &#8220;Kapital&#8221; schreiben:</p>
<p>&#8220;Die dramatische Bewegung, die dieses Werk zum Thema hat, stellt sich als die Aktion des Titelhelden selbst dar: des Kapitals. Das Kapital ist das Subjekt der Bewegung, wie bei Hegel der Geist, und eine geistreiche Bemerkung, die das Kapital als die Wiederholung der Hegelschen Phänomenologie des Geistes bezeichnet, d.h. die Darstellung, wie der Geist selbst in Erscheinung tritt, jetzt in der Form des Geistes der bürgerlichen Gesellschaft, trifft durchaus zu. Daß aber das Kapital das wahre Subjekt des Geschehens ist, das der Geist der bürgerlichen Gesellschaft in seiner Wahrheit im Kapital als seinem Subjekt in Erscheinung tritt, darin kommt nichts anderes zum Vorschein als jenes Verhältnis des Menschen zu seiner Welt, das Marx sonst unter dem Stichwort der Selbstentfremdung begreift&#8221;(32),</p>
<p>so kann Braun darin nur eine &#8220;idealistische Geschichtskonstruktion&#8221; sehen. Mayer und Landshuts Einführung gehört zu den &#8220;theoretischen Auffassungen des &#8216;neuen Revisionismus&#8217;(sic!), die ihrem Inhalt nach alle wesentlichen Merkmale der faschistischen Ideologie aufweisen, der Form nach aber im pseudomarxistischen Gewande auftreten&#8221;(33).</p>
<p>b.) Lenin</p>
<p>Lenins Schrift &#8220;Materialismus und Empiriokritizismus&#8221;, 1909 in der innerfraktionellen Auseinandersetzung entstanden und 1927 ins Deutsche übersetzt, wurde die Grundlage einer einheitlichen Weltanschauung in der KPD und Komintern(34).</p>
<p>1928 heißt es in der Besprechung Frieds in der &#8220;Internationale&#8221; unter dem bezeichnenden Titel &#8220;Der Kampf gegen den philosophischen Revisionismus&#8221;: &#8220;Lenins &#8216;Materialismus und Empiriokritizismus&#8217; bietet uns die Grundlage zu einer ideologischen Befestigung(sic!) und Vertiefung der revolutionären Arbeiterbewegung in Westeuropa &#8230; &#8220;(35).</p>
<p>Kritik setzte von Marxisten außerhalb der Komintern ein. So wies, nach Nowacki, Kramer in seiner Rezension in den &#8220;Monistischen Monatsheften&#8221;, einem Organ der Freidenker, darauf hin, daß &#8220;die westeuropäischen Marxisten Lenins Standort bestimmen als &#8216;letzten Mohikaner&#8217; der bürgerlichen Aufklärung, als Nachtrotter des Feuerbachschen Materialismus, als letzter Ableger der Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts.&#8221; (S. 207) Korsch schreibt in der 2. Auflage von &#8220;Marxismus und Philosophie&#8221; von 1930 in dem ergänzenden Teil &#8220;Der gegenwärtige Stand des Problems &#8216;Marxismus und Philosophie&#8217;&#8221;:</p>
<p>&#8220;&#8230; Lenin (kehrt nun) zu jenen von Hegel dialektisch überwundenen absoluten Gegensätzen von &#8216;Denken&#8217; und &#8216;Sein&#8217;, &#8216;Geist&#8217; und &#8216;Materie&#8217; zurück, über die einst im 17. und 18. Jahrhundert der philosophische und zum Teil noch religiöse Streit zwischen den beiden Richtungen der Aufklärung geführt wurde.</p>
<p>Natürlich ist nun ein solcher Materialismus, der von der metaphysischen Vorstellung eines absolut gegebenen Seins ausgeht, trotz aller formellen Beteuerungen in Wirklichkeit auch nicht mehr eine allseitig dialektische oder gar materialistisch-dialektische Auffassung. Indem Lenin und die Seinen die Dialektik einseitig in das Objekt, die Natur und die Geschichte verlegen, und die Erkenntnis als eine bloße passive Widerspiegelung und Abbildung dieses objektiven Seins in dem subjektiven Bewußtsein bezeichnen, zerstören sie tatsächlich jedes dialektische Verhältnis zwischen dem Sein und dem Bewußtsein, und in einer notwendigen Konsequenz hiervon dann auch das dialektische Verhältnis zwischen der Theorie und der Praxis. Nicht genug, daß sie dem von ihnen so sehr bekämpften &#8216;Kantianismus&#8217; einen unfreiwilligen Tribut damit entrichten, daß sie die schon durch die Hegelsche Dialektik und erst recht durch die materialistische Dialektik von Marx und Engeis in einem viel umfassenderen Sinne gestellte Frage nach dem Verhältnis zwischen dem gesamten geschichtlichen Sein und allen geschichtlich vorhandenen Formen des Bewußtseins nach rückwärts revidieren zu der sehr viel engeren, erkenntniskritischen oder &#8216;gnoseologischen&#8217; Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Objekt und dem Subjekt der Erkenntnis, &#8230; (kehren sie zugleich) &#8230; zu einer ganz und gar abstrakten Gegenüberstellung einer reinen Theorie, die die Wahrheiten entdeckt und einer reinen Praxis, die diese endlich gefundenen Wahrheiten auf die Wirklichkeit anwendet&#8221;(36).</p>
<p>Anton Pannekoek hat 1938 in &#8220;Lenin als Philosoph&#8221; versucht, aus den Bedingungen der von ihm als bürgerliche Umwälzung verstandenen russischen Revolution, auch Lenin zu erklären:</p>
<p>119 &#8212;-</p>
<p>&#8220;Der russische Bolschewismus konnte den Weg des Marxismus nicht verlassen; denn er ist nie marxistisch gewesen. Das beweist jede Seite des Leninschen Buches; und der Marxismus selbst, durch seinen Satz, daß theoretische Anschauungen durch die gesellschaftlichen Verhältnisse und Notwendigkeiten bestimmt werden, beweist, daß es nicht anders sein konnte. Der Marxismus zeigt aber zugleich die Notwendigkeit dieser Legende; jede bürgerliche Revolution braucht die Illusion, daß sie mehr und anderes sei. &#8230; Natürlich bleibt Lenin ein Schüler Marxens, in dem Sinne, daß seine wichtigsten Ansichten, ohne welche der Kampf in Rußland nicht zu führen war, dem Marxschen Werk entnommen sind; wie ja auch aus ähnlichen Gründen die Sozialdemokraten Schüler von Marx sind. &#8230; Es handelte sich um die Frage, ob der bürgerliche Materialismus oder der bürgerliche Idealismus &#8211; eventuell ein Mischmasch beider &#8211; die Theorie für den revolutionären Kampf gegen den Zarismus liefern sollte. Da ist es klar, daß die Ideologie einer selbstzufriedenen niedergehenden Bourgeoisie nie für eine emporkommende Bewegung &#8211; auch wenn sie von einer bürgerlichen Klasse getragen wird &#8211; taugen kann. &#8230; Nur die Rücksichtslosigkeit des Materialismus konnte die Partei so hart machen, wie es zur Revolution notwendig war. Das Streben der Machisten, das dem Revisionismus in Deutschland einigermaßen parallel lief, mußte darauf hinauslaufen, den Radikalismus im Kampf, die geschlossene Einheit der Partei in Theorie und Taktik zu brechen. Das war die Gefahr, die Lenin richtig durchschaute.&#8221; Und Pannekoek resümiert: &#8220;Von einem Sieg des Marxismus, des dialektischen Materialismus, kann man nicht reden, wo es sich nur um eine &#8211; angebliche &#8211; Widerlegung bürgerlich-idealistischer Strömungen mittels der Anschauungen des bürgerlichen Materialismus handelt. Aber sicher ist das Leninsche Buch ein hervorragendes Beispiel zur Parteigeschichte; und es hat auch der weiteren philosophischen Entwicklung in Rußland ihre theoretische Form gegeben. Dort wurde nach der Revolution der &#8216;Leninismus&#8217; &#8211; eine Verbindung des naturwissenschaftlichen Materialismus mit der von Marx übernommenen Lehre der gesellschaftlichen Entwicklung, mit etwas dialektischer Terminologie aufgeputzt &#8211; zur offiziellen Staatsphilosophie erhoben&#8221;(37).</p>
<p>Es bleibt zu vermerken, daß Lenin später in seinen &#8220;Philosophischen Heften&#8221; zu einem tieferen Verständnis Hegels kommt, auf das sich auch Lukács und Korsch beziehen. Auch Nowacki stellt fest: &#8220;Er bewertet jetzt &#8216;Hegls klugen Idealismus&#8217; höher als einen naiven Materialismus und gewinnt aus dessen &#8216;Logik&#8217; seine 16 &#8216;Elemente der Dialektik&#8217;, die die Hegelsche Dialektik wesentlich differenzierter wiedergeben als das etwa Engels in der &#8216;Dialektik der Natur&#8217; versucht hatte.&#8221;(S. 213).</p>
<p>c.) Stalin</p>
<p>Paul Levi vermerkte schon 1924:</p>
<p>Es sei &#8220;das Entstehen einer Leninphilologie&#8221; festzustellen, &#8220;ähnlich der Goethephilologie in Deutschland oder der Pandektenliteratur des Mittelalters. Da wird also in jeder einzelnen Situation nach Band, Kapitel, Paragraph und Absatz der Satz von Lenin zitiert, der auf die gegebene Situation paßt und manchmal auch nicht paßt. An Stelle der lebendigen Kritik tritt der Gedanke: autos epha, der Meister hat&#8217;s gesagt. Nicht nur zitiert Trotzki so die Worte Lenins: er mit einer gewissen schelmischen Berechtigung, indem er Lenins Wort den leibhaftigen Pächtern Leninschen Geistes gegenüberstellt. Nicht faul, holten seine Widersacher, Sinowjew, Kamenew und Stalin alle Werke, Worte und Winke Lenins heran zu Trotzkis Widerlegung; Kommentare und Traktate reden und werden geredet &#8230; Wird so die Person Lenins gleichzeitig versteinert und in den Himmel gehoben, so geschieht das gleiche mit seinem Werk&#8221;(38).</p>
<p>Der politische Sieger im Fraktionskampf, Stalin, wurde auch zum maßgeblichen Interpreten und eigentlichen Begründer der &#8220;Leninismus&#8221;. Stalins ideologische Wirksamkeit auch in der Komintern setzte ein mit der Herausgabe seiner Vorlesungen &#8220;Über die Grundlagen des Leninismus&#8221; (1924) an der Swerdlow-Universität. Hier proklamierte Stalin:</p>
<p>&#8220;Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen. Marx und Engels wirkten in der vorrevolutionären Periode &#8230;&#8221; (zitiert nach Nowacki, S. 222).</p>
<p>Damit wird auch der Hegemonieanspruch der KPdSU in der Komintern begründet. Bereits 1925 taucht dieser Text als Pflichtlektüre in Schulungen der KPD auf. 1931 verordnete Stalin in einem Brief an die Redaktion der &#8220;Proletarskaja Rewoluzija&#8221;, daß über die &#8220;Axiome&#8221; des Bolschewismus nicht diskutiert werden dürfe. Die von ihm geforderte &#8220;Wissenschaft&#8221; &#8211; in &#8220;bolschewistische Bahnen&#8221; gelenkt &#8211; erscheint obligatorisch in der &#8220;Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), Kurzer Lehrgang&#8221; (1939). Dort wird im Kapitel &#8220;Über dialektischen und historischen Materialismus&#8221; der &#8220;Marxismus-Leninismus&#8221; auf einigen zwanzig Seiten in ein Formelsystem gegossen: der &#8220;historische Materialismus&#8221; gilt nun als eine Ausdehnung der Leitsätze des &#8220;dialektischen Materialismus&#8221; auf die Gesellschaft.</p>
<p>120 &#8212;-</p>
<p>Die Arbeiten Kurt Sauerlands &#8220;markieren den vollständigen Übergang der KPD auf stalinistische Positionen&#8221; (Nowacki). Dieser &#8220;Haustheoretiker im Münzenberg-Konzern&#8221; &#8211; so das theoretische Organ der KPO &#8220;Gegen den Strom&#8221; &#8211; war Chefredakteur des &#8220;Roten Aufbaus&#8221;, gehörte der Gruppe um Heinz Neumann an und verteidigte noch im Juni 1933 die Sozialfaschismus&#8221;theorie&#8221;. Er schrieb auch Artikel für die &#8220;Rote Fahne&#8221; und die &#8220;Internationale&#8221; und war Lehrer an der Masch in Berlin im Fach Dialektischer Materialismus.</p>
<p>In seinen programmatischen Aufsätzen geht es um &#8220;eine lebensbejahende und zukunftsfrohe, fortschrittliche Weltanschauung&#8221; im Anschluß an Lenin und um die Popularisierung der &#8220;materialistischen Dialektik&#8221;. Als Grundlage seines 1932 erschienenen Lehrbuches &#8220;Der dialektische Materialismus&#8221; formuliert Sauerland:</p>
<p>&#8220;Ist es heute unmöglich, den dialektischen Materialismus nicht als Lehre des Marxismus-Leninismus darzustellen, nicht die Höherentwicklung der Dialektik bei Lenin als Ausgangspunkt zu nehmen, so es es auch unmöglich, dies ohne eine kritische Auseinandersetzung mit den wichtigsten falschen Auffassungen über Lenin als Theoretiker und allen Entstellungen des Leninismus zu tun. In diesem Punkte konnte ich mich auf die Lehren des bedeutendsten Meisters der marxistischen Theorie der Gegenwart, auf Stalin, stützen, dem das Verdienst zufällt, den Leninismus gegenüber allen Entstellungen in seiner wahren Gestalt gelehrt, auf die Praxis angewandt und weiter konkretisiert zu haben&#8221;(39).</p>
<p>&#8220;Der dialektische Materialismus nun, sagten wir, ist die revolutionär-proletarische Klassen- und Parteiphilosophie. &#8230; Der dialektische Materialismus ist &#8230; die Philosophie der fortgeschrittensten Teile des revolutionären Proletariats, die am besten, am klarsten und folgerichtigsten die Interessen der Gesamtklasse zum Ausdruck bringen und verteidigen. Er ist die theoretische Grundlage der Vorhut der proletarischen Klasse, das heißt die Philosophie der Partei, der Führerin des revolutionären Proletariats, und insofern diese Partei die Vorhut und die höchste Form der Klassenorganisation des Proletariats ist, insofern ist die Theorie der Partei die höchste und entwickeltste Form der proletarischen Klassenideologie&#8221;(40).</p>
<p>Hier zeigt sich deutlich die Instrumentalisierung der &#8220;Theorie&#8221; in der Hand der &#8220;leninistischen&#8221; Parteileitung.</p>
<p>Die Art und Weise wie sich Sauerland mit den Widersachern des &#8220;Leninismus&#8221; auseinandersetzt, zeigt etwa seine Behandlung Rosa Luxemburgs. Im Anschluß an die Aufzählung ihrer Häresien über die &#8220;Rolle der Partei und Organisation, Gewerkschaftstaktik, Imperialismus, nationale Frage, Kolonialfrage usw.&#8221; heißt es:</p>
<p>&#8220;Auf dieser Plattform hat sich eine ganze Schule entwickelt, der Luxemburgianismus, der heute die theoretische Plattform konterrevolutionärer Richtungen geworden ist. Schon früher wurden die Argumente der Luxemburgschen Theorien gegen den Leninismus verwandt, wie ja Rosa Luxemburg selbst schon im Jahre 1903 Lenin und die Bolschewiki angriff; heute aber sind ihre Theorien in besonderem Maße zu Waffen des Trotzkismus und anderer konterrevolutionärer Gruppierungen geworden, wie der Brandlerianer (d.h. der KPO, U.W.) oder z.B. der &#8216;Sozialistischen Arbeiter-Partei&#8217;, die die klägliche Aufgabe zu erfüllen hat, die nach vielen Enttäuschungen den revolutionären Weg suchenden sozialdemokratiscben Arbeiter aufzufangen und in einer scheinrevolutionären Politik wieder an den Sozialfaschismus zu fesseln&#8221;(41).</p>
<p>Nach Nowacki &#8220;(liegt) die Bedeutung von Sauerlands Buch darin, daß er mit den philosophischen Traditionen des deutschen Sozialismus &#8211; auf seine Weise &#8211; abrechnete und der Lenin-Stalinschen Philosophie eine umfangreiche Begründung gab.&#8221; (S. 244).</p>
<p>Wilhelm Reich schrieb 1934 in seinem kritischen &#8220;Beitrag zur Neuformierung der Arbeiterbewegung&#8221;: &#8220;Was ist Klassenbewußtsein?&#8221;:</p>
<p>&#8220;Die marxistische Methode wurde für sich als Philosophie betrieben, meist in Form von endlosen Debatten über &#8216;Zufall und Notwendigkeit&#8217;, die kein gewöhnlicher Sterblicher verstand. Das berühmt gewordene Buch von Kurt Sauerland über den &#8216;Dialektischen Materialismus&#8217; war ein Musterbeispiel dieser Art; es war Verflechtung von philosophischem Formalismus und Parteiopportunismus. Die wissenschaftliche Forschungsarbeit auf naturwissenschaftlichem Gebiet lag brach; auf gesellschaftlichem kaum weniger. Der Sachkenntnis der bürgerlichen Forscher war man nicht gewachsen. Selbst die Zeitschrift &#8216;Unter dem Banner des Marxismus&#8217;, die die Aufgabe hatte, die marxistische Wissenschaft zu pflegen und auszubauen, erstarrte, von einigen guten Arbeiten abgesehen, in formelhafter Sprache und in abstrakter Dialektik. Keine Rede davon, daß sie Diskussionen angeregt, in bürgerlich-wissenschaftliche Streitfragen anders eingegriffen hätte, als durch Beteuerungen der revolutionären Treue&#8221;.(42).</p>
<p>121 &#8212;-</p>
<h4>Anmerkungen und Zitatennachweise</h4>
<p>(1) Insb. auf Liebknechts Kritik an der Marxschen Werttheorie (&#8220;eine echte Erbsünde&#8221;), die Nowacki nicht behandelt, ist zurückzukommen.</p>
<p>(2) Karl Liebknecht: Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung, Hamburg 1974, S. 38</p>
<p>(3) ebenda, S. 48</p>
<p>(4) ebenda, S. 270</p>
<p>(5) ebenda, S. 173</p>
<p>(6) ebenda, S. 25</p>
<p>(7) Zitiert nach Rosa Meyer-Levine: Im Innern Kreis, Köln 1979, S. 109</p>
<p>(8) Auf diese Problematik ist im einzelnen zurückzukommen, und dabei auch Hendrik de Mans: Zur Psychologie des Sozialismus (1926) zu berücksichtigen.</p>
<p>(9) Karl August Wittfogel: Die Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, Berlin 1922, S. 50</p>
<p>(10) ebenda, S. 18</p>
<p>(11) Rezension in Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, hg. v. D. Carl Grünberg, 11. Jg., Leipzig 1925, S. 226</p>
<p>Und Lukács fährt fort: &#8220;Freilich setzt eine solche Auffassung eine tiefergreifende Analyse der ökonomischen Struktur der Gesellschaft und ihrer ideologischen Folgen voraus, als sie W. vornimmt. Sie darf nicht bei den &#8211; relativ &#8211; einfachen Analogien zu Großbetrieb und Kleinbetrieb, Akkumulation etc. stehen bleiben, sondern muß von den methodisch grundlegenden Kapiteln der marxistischen Lehre, vom Warenfetisch ausgehend, die verschiedenen Wissenschaften auf Ihre Struktur hin zu untersuchen, um von hier aus auf die klassenmäßig bedingte Soziologie ihrer Fragestellungen, ihrer Methode usw. zu stoßen.</p>
<p>Erst dann könnten die typischen Probleme der modernen bürgerlichen Wissenschaft, ihr &#8216;Formalismus&#8217;, die spezifische Art ihrer &#8216;Arbeitsteilung&#8217; (die Probleme der scharf abgegrenzten und höchstens eklektisch zusammengefaßten &#8216;Einzelwissenschaften&#8217;) usw. als konkrete, soziologische Probleme beleuchtet werden.&#8221;, ebenda, S. 226</p>
<p>(12) Wir können hier nicht weiter auf diese Problematik eingehen. Eine gute Zusammenfassung gibt Wittfogel in seinem Aufsatz: Die Theorie der orientalischen Gesellschaft&#8221;, in: Zeitschrift für Sozialforschung, Jg. 7, Paris 1938, S. 90-122. Er sieht hier die &#8220;künstliche Bewässerung als spezifizierendes Moment der agrikolen Produktion&#8221; und die &#8220;Größenordnung des Wasserbaus als zweites spezifizierendes Moment&#8221;. &#8220;Der dogmengeschichtlichen Tradition folgend, bezeichnen wir die Produktionsweise &#8230; als asiatische Produktionsweise, das daraus erwachsende Produktionsverhältnis als das der orientalischen Gesellschaft und den dieser Gesellschaft entsprechenden Staat &#8230; als orientalische Despotie.&#8221;, ebenda, S. 102</p>
<p>(13) &#8220;Während die Herren Sowjetrußlands ein Wesensmerkmal einer agrardespotischen Gesellschaft, die monopolistische Stellung ihrer herrschenden Bürokratie bewahrten, taten sie doch viel mehr als nur jene Gesellschaft aufrechtzuerhalten. &#8230; Die Agrardespotie der alten Gesellschaft, die höchstenfalls semimanagerial war, vereinigte totale politische Macht mit beschränkter sozialer und geistiger Kontrolle. Die industrielle Despotie der vollentwickelten und total managerialen Apparatgesellschaft vereinigt totale politische Macht mit totaler sozialer und geistiger Kontrolle.&#8221;, Karl A. Wittfogel: Die Orientalische Despotie, Ffm-Berlin-Wien 1977, S. 54-45. Nach dieser Horrovision kann für Wittfogel nur noch die Frage stehen: &#8220;Kann der Westen diese Entwicklung, die das System der bürokratischen Staatssklaverei auf zwei Drittel der Menschheit ausdehen würde, aufhalten?&#8221;, ebenda. S. 551. Von der Wittfogelschen Analogie von asiatischer Produktionsweise und heutiger SU zehren viele Kritiker bis hin zu Rudi Dutschke und Rudolf Bahro.</p>
<p>(14) Hier wäre vor allem eine genaue Analyse von &#8220;Geschichte und Klassenbewußtsein&#8221; (1923) zu leisten und die Auseinandersetzung um dieses Werk und seine unterschiedliche Rezeption zu verfolgen.</p>
<p>(15) Georg Lukács : Geschichte und Klassenbewußtsein, Neuwied und Berlin 1970, S. 51</p>
<p>(16) ebenda, S. 71</p>
<p>(17) ebenda, S. 372. Lukács schreibt in einer Fußnote: .,Diese Beschränkung der Methode auf die historisch-soziale Wirklichkeit ist sehr wichtig. Die Mißverständnisse, die aus der Engelsschen Darstellung der Dialektik entstehen, beruhen wesentlich darauf, daß Engels &#8211; dem falschen Beispiel Hegels folgend &#8211; die dialektische Methode auch auf die Erkenntnis der Natur ausdehnt. Wo doch die entscheidenden Bestimmungen der Dialektik: Wechselwirkung von Subjekt und Objekt, Einheit von Theorie und Praxis, geschichtliche Veränderung des Substrats der Kategorien als Grundlage ihrer Veränderung im Denken etc. in der Naturerkenntnis nicht vorhanden sind.&#8221; ebenda, S. 63</p>
<p>(18) ebenda, S. 364 und S . 297-98</p>
<p>(19) ebenda, S. 381-82</p>
<p>(20) ebenda, S. 307-9</p>
<p>(21) ebenda, S. 497</p>
<p>122 &#8212;-</p>
<p>(22) Karl Korsch: Marxismus und Philosophie, Ffm 1966, S. 110</p>
<p>(23) ebenda, S. 100</p>
<p>(24) ebenda, S. 162</p>
<p>(25) Grigori Sinowjew: Bericht über die Tätigkeit der Exekutive, in: Furio Cerrutti u.a.: Geschichte und Klassenbewußtsein heute, Amsterdam 1971, S. 64-65</p>
<p>(26) Hermann Duncker: Zur Propaganda des Marxismus-Leninismus, in: Die Internationale, Jg. 9, 1925, Heft 3, S. 85</p>
<p>(27) Die Rechtsopposition, die sich in ihren führenden Köpfen aus alten Kadern der Spartakusgruppe, hervorgegangen aus der Linksopposition in der Vorkriegssozialdemokratie, rekrutierte, versuchte eine Synthese von Lenin und Luxemburg. Sie wandte sich gegen den &#8220;Linkskurs&#8221; von KPD und Komintern und kritisierte die &#8220;Sozialfaschismus&#8221;- und RGO-Politik und versuchte eine proletarische Einheitsfront &#8211; auch entgegen der späteren Volksfrontpolitik &#8211; gegen den Faschismus zu bilden. Thalheimers Analyse des Faschismus gehört wohl zum besten, was der &#8220;Marxismus der 3. Internationale&#8221; leistete. Die theoretischen Diskussionen derKPO werden dokumentiert in dem, jetzt auch als Nachdruck vorliegenden, theoretischen Organ der KPO &#8220;Gegen den Strom&#8221;.</p>
<p>(28) August Thalheimer: Über den Stoff der Dialektik, in: Die Internationale, Jg. 5, 1923 Heft 8, S. 270-71</p>
<p>(29) August Thalheimer: Einführung in den dialektischen Materialismus, Wien und Berlin 1928 (Reprint Bremen o.J.), S. 93, 100, 112, 119, 127</p>
<p>(30) ebenda, S . 148-49</p>
<p>(31) Adalbert Fried: Der erste Band des Marx-Engels-Archivs, in: Die Internationale, Jg. 9, 1926, Heft 13, S . 414(32) Karl Marx: Der historische Materialismus, 1. Bd., hg. v. S. Landshut und J.P. Mayer, Leipzig 1932, S. XXXIII</p>
<p>(33) Paul Braun: Faschistische Ideologie unter der falschen Flagge des Marxismus, in: Die Internationale, Jg, 15, 1932, Heft 1, S. 201</p>
<p>(34) An dieser Stelle kann nicht auf Lenins Kritik an Mach eingegangenwerden. Zur Auseinandersetzung um Mach und seine Rezeption in der Arbeiterbewegung siehe Nowacki, S. 193-96</p>
<p>(35) A. Fried: Der Kampf gegen den philosophischen Revisionismus, in: Die Internationale, Jg. 11, 1928, Heft 1, S. 16</p>
<p>(36) Korsch, ebenda, S. 61-62</p>
<p>(37) Anton Pannekoek: Lenin als Philosoph, Ffm 1969, S. 114, 115, 116</p>
<p>(38) Paul Levi: Einleitung zu Trotzki: 1917 &#8211; Die Lehren der Revolution, in: derselbe: Zwischen Spartakus und Sozialdemokratie, Ffm 1969, S. 143-44</p>
<p>(39) Kurt Sauerland: Der dialektische Materialismus, Berlin 1932, S. 5</p>
<p>(40) ebenda, S. 286</p>
<p>(41) ebenda, S. 133</p>
<p>(42) Ernst Parell (d.i. Wilhelm Reich): Was ist Klassenbewußtsein?, Kopenhagen-Paris-Zürich 1934, S. 52</p>
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		<title>Von der &#8220;Rekonstruktion&#8221; zur &#8220;Krise des Marxismus&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 31 Dec 1987 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 3 (1987)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 114 &#8212;- Udo Winkel I. War im 1. Teil (siehe Udo Winkel: Die Krise des Marxismus, in: MK Nr. 2) auf die Verwandlung des akademischen &#8220;Marxismus&#8221; in einen positivistischen Splitter des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus eingegangen worden, so soll im 2. Teil eine Auseinandersetzung mit der Arbeit von E. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>114 &#8212;-</p>
<p><em>Udo Winkel</em></p>
<h4>I.</h4>
<p>War im 1. Teil (siehe Udo Winkel: <a href="http://www.krisis.org/1986/krise-des-marxismus">Die Krise des Marxismus</a>, in: MK Nr. 2) auf die Verwandlung des akademischen &#8220;Marxismus&#8221; in einen positivistischen Splitter des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus eingegangen worden, so soll im 2. Teil eine Auseinandersetzung mit der Arbeit von E. Dozekal folgen, der den Anspruch erhebt, die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; durch die Form seiner Rezeption zu bestimmen: DOZEKAL, EGBERT: VON DER &#8220;REKONSTRUKTION&#8221; DER MARX&#8217;SCHEN THEORIE ZUR &#8220;KRISE DES MARXISMUS&#8221;. DARSTELLUNG UND KRITIK EINES DISKUSSIONSPROZESSES IN DER BUNDESREPUBLIK 1967 bis 1984; Pahl-Rugenstein Verlag, Köln 1985, 36.- DM.</p>
<p><span id="more-304"></span>Dozekal versucht die Logik eines theoretischen Prozesses herauszuarbeiten, der von einer bestimmten Rekonstruktion, d.h. der Verwandlung des Marxismus in Erkenntnistheorie und Methode ausgehend, über seine empirische Verifikation als Realanalyse insbesondere als Krisentheorie und &#8211; Prognose, hin zur Krise als Demontage der rekonstruierten Marx&#8217;schen Theorie führte. &#8220;Die &#8216;Rekonstruktion&#8217; der Marx&#8217;schen Theorie im Gefolge der Studentenbewegung wurde explizit in Opposition zu und als Kritik an der etablierten &#8216;bürgerlichen&#8217; Gesellschaftswissenschaft betrieben, &#8230; und die Marx&#8217;sche Theorie (wurde) als theoretische Begründungsinstanz anerkannt, an der sich die gesamte Sozialwissenschaft zu messen habe; und zwar nicht mehr an einer auf die &#8216;Frühschriften&#8217; verkürzten Marxrezeption, sondern auf einem Gebiet, das auch Marx als sein Hauptanliegen und -Werk bezeichnete, der &#8216;Kritik der Politischen Ökonomie&#8217;. 15 Jahre später bietet sich das umgekehrte Bild. Nicht bloß, daß die Diskussion um die &#8216;Politische Ökonomie&#8217; an der Wende zu den 80er Jahren zu einer weitgehend akademischen Debatte geworden ist, wenn sie überhaupt noch geführt wird. Vielmehr haben eben die Protagonisten der seinerzeitigen &#8216;Rekonstruktion&#8217; der Marx&#8217;schen Theorie selbst &#8230; die &#8216;Krise des Marxismus&#8217; ausgerufen&#8221; (S. 9-10). Symptomatisch erscheint auch, daß die Arbeit Dozekals u.W. bisher vollständig ignoriert, also weder rezipiert noch kritisiert wurde.</p>
<h4>II.</h4>
<p>Dozekal sieht die Intention einer verhängnisvollen &#8220;Rekonstruktion&#8221; der Marx&#8217;schen Theorie &#8211; sein Ausgangspunkt bildet das Kolloquium &#8220;Kritik der politischen Ökonomie heute &#8211; 00 Jahre &#8216;Kapital&#8217;&#8221;, das 1967 in Frankfurt/M stattfand &#8211; in: 1. der Isolierung einer &#8220;dauerhaften Methode&#8221; getrennt von den materialen Aussagen, 2. verbunden mit einer Kritik an den materialen Aussagen von Marx, 3. der Glaube an eine Überlegenheit der Methode des &#8216;Kapital&#8217; ohne eine inhaltliche Überprüfung und 4. daraus folgend der Rekonstruktion der Marx&#8217;schen Theorie als Methode. Schon hier zeigt sich, daß Dozekal es sich sehr einfach macht, indem</p>
<p>115 &#8212;-</p>
<p>er die Rezeptionsprozesse undifferenziert einem Schema subsumiert, es ihm somit eher um die Sache der Logik als die Logik der Sache geht. Seine Darstellung bleibt theorieimmanent, abstrahiert von den Bedingungen dieser seit Mitte der sechziger Jahre einsetzenden Rezeption, verkürzt ihren komplexen Charakter und verkennt damit ihre Bedeutung. Diese kann nur erfaßt werden, wenn der damalige Stand oder Zustand des &#8220;Marxismus&#8221; berücksichtigt wird &#8211; hier kann auf diese Probleme nur verwiesen werden; Aufarbeitung und Darstellung der Problematik bleibt ein Desiderat. Es dominierten damals der in ein Formelsystem gegossene, der Realität übergestülpte positivistische &#8220;Sowjetmarxismus&#8221; des &#8220;Realsozialismus&#8221; mit seiner Funktion als Rechtfertigungsideologie und seine &#8220;marxologischen&#8221; Kritiker andererseits, die den jungen gegen den alten Marx ausspielten, d.h. ihn anthropologisierten und zu einer Variante des Existenzialismus machten. Wo im akademischen Bereich an Marx als einem gesellschaftskritischen Theoretiker festgehalten wurde, geschah es im Rahmen der &#8220;Kritischen Theorie&#8221; der &#8220;Frankfurter Schule&#8221; als Kulturkritik und in der Marburger Abendroth-Schule als politische Theorie.</p>
<p>In diesem Zusammenhang kann die Wiederentdeckung des Marxismus als einer &#8220;Kritik der politischen Ökonomie&#8221; &#8211; gerade im Gegensatz zum Verständnis einer positiven Wissenschaft &#8211; in ihrer Bedeutung und Eröffnung einer neuen Perspektive kaum überschätzt werden.</p>
<p>ROSDOLSKY verwies auf dem Frankfurter Kolloquium auf die großen Veränderungen &#8220;seit dem Ende des letzten Weltkrieges, seitdem der westliche Kapitalismus so gewaltige Wandlungen erfahren und seitdem es auch gilt, die im Osten neu entstandenen Gesellschaftsgebilde wissenschaftlich zu erfassen. Auch diesmal muß sich die Theorie, um mit Marx zu sprechen, &#8216;im Dünger der Widersprüche&#8217; emporarbeiten, wenn sie allem Neuen, das die konkrete Wirklichkeit darbietet, Rechnung tragen soll. Und unsere Theorie KANN es, wenn sie sich von jedem Dogmatismus fernhält und wenn sie die unendlich fruchtbare Methode des KAPITAL richtig anzuwenden weiß, d.h. wenn sie jene Vermittlungen aufzufinden vermag, die die abstrakten Theoreme dieses Werkes mit der konkreten Wirklichkeit VON HEUTE verbinden. Eben das erscheint uns als die Zentralaufgabe der heutigen marxistischen Ökonomie; und sollte unser Beitrag irgendwie zur Bewußtwerdung dieser theoretischen Aufgabe beigesteuert haben, dann ist sein Zweck vollauf erfüllt&#8221;(1).</p>
<p>Diese Forderung nach den Vermittlungen ist nicht nur legitim, sondern notwendig, wenn die Oberflächenphänomene der kapitalistischen Realität begriffen werden sollen und wenn man nicht, wie anscheinend Dozekal, bei der &#8220;Kerngestalt&#8221; (Marx) stehenbleiben will. Eine Kritik Rosdolskys hätte dort einzusetzen, wo er von der Verbindung der &#8220;abstrakten Theoreme&#8221; mit der &#8220;konkreten Wirklichkeit von heute&#8221; spricht und damit verkennt, daß diese &#8220;abstrakten Theoreme&#8221; eben die verdinglichte kapitalistische Realität ausdrücken.</p>
<p>Die Bedeutung des Kolloquiums für die Überwindung des alten, sich selbst als positive Wissenschaft verstehenden verdinglichten &#8220;Marxismus&#8221; und die Aufzeigung einer neuen, dem originären Marx verpflichteten theoretischen Perspektive zeigen etwa die Diskussionsbei-</p>
<p>116 &#8212;-</p>
<p>träge von Alfred Schmidt. So betont er etwa die Aufhebung der verdinglichten &#8220;zweiten Natur&#8221; als Voraussetzung des Kommunismus: &#8220;Immerhin hat Marx sehr deutlich gesagt, daß er unter Kommunismus einen Zustand versteht, in dem es keine Verhältnisse und Mächte gibt, die von den Menschen unabhängig existieren. Man darf nicht zur wissenschaftlichen Norm erheben, sozusagen zur Tugend eines erkenntnistheoretischen Realismus machen, was die Not des von Marx kritisierten Zustands war. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Es hat gar keinen Sinn, in der Theorie noch einmal zu fetischisieren, was in der Wirklichkeit schon fetischisiert ist. Je &#8216;objektiver&#8217; diese Gesetze sind, desto schlimmer für uns. Engels hat früh bereits den klassischen Ökonomen, die sich viel zugute hielten auf die &#8216;Naturgesetze&#8217; der kapitalistischen Produktion, entgegnet: Worauf beruhen diese Naturgesetze? Auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten &#8211; und das scheint mir überhaupt der Sinn des Sozialismus bei Marx zu sein, daß man nicht bei der bloßen Konstatierung stehenbleibt (man geniert sich fast, es zu wiederholen), daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt &#8211; endlich</p>
<p>soll das Bewußtsein übers Sein gebieten. Es ist doch der Zweck der Ökonomie, wie sie Marx vorgeschwebt hat, daß die Menschen bewußt ihre Verhältnisse gestalten und durch keine zweite Natur gefesselt werden, die viel gewalttätiger ist als die erste, und zwar deshalb, weil das Subjekt sich in ihr vergegenständlicht hat. Je mehr Subjektivität nämlich in der Objektivität verkörpert ist, desto &#8216;bewußtseinsunabhängiger&#8217; ist sie &#8211; im zu kritisierenden und aufzuhebenden Sinne&#8221;(2).</p>
<p>Und zur Wertproblematik führte Schmidt aus: &#8220;Während noch Ricardo, der fortgeschrittenste klassische Ökonom, sich damit begnügt, die Wertbildung als naturgegebene Eigenschaft der Arbeit anzusehen, deckt Marx den spezifisch gesellschaftlichen, das heißt historisch vergänglichen Charakter des Wertes auf. Er geht von der Wertgröße zur Analyse der Wertform über. Wenn die unter dem Aspekt des Tauschwerts betrachteten Waren sich nur quantitativ unterscheiden, dann setzt das ihre qualitative EINHEIT voraus, den Umstand, daß sie abstrakt menschliche Arbeit verkörpern. Diese Konsequenz entgeht den klassischen Ökonomen, weshalb sie auch den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang nicht begreifen. Der Marx&#8217;sche Begriff der Produktionsverhältnisse, ja der bürgerlichen Gesellschaft, steht und fällt mit der Anerkennung der zugleich logischen und historischen Objektivität des Wertes. Marx hat keineswegs geglaubt, es handle sich hier um einen &#8216;denkökonomischen&#8217; Begriff im Sinn der positivistischen Wissenschaftstheorie. Vielmehr können wir ihn nur deshalb nützlich anwenden, weil ihm eine tagtäglich im Produktionsprozeß vollzogene Abstraktion entspricht, die sich in den einzelnen Kaufakten bloß manifestiert. Er darf nicht nur als Arbeitshypothese, als denktechnische Notwendigkeit betrachtet werden. Marx hat schon in der KRITIK DER POLITISCHEN ÖKONOMIE, also 1859, nachgewiesen, daß es sich bei der Wertbildung um eine Abstraktion handelt, die nicht nur methodisch bedeutsam ist, sondern das Objekt der Untersuchung selbst strukturiert. Übergehen wir diesen Punkt, dann geraten wir in große Schwierigkeiten, dann können wir den für Marx so wichtigen Zusammenhang zwischen politischer Ökonomie und gesellschaftlicher Totalität nicht wirklich erfassen&#8221;(3).</p>
<p>117 &#8212;-</p>
<p>(Das auf dem Kolloquium gehaltene Referat von Alfred Schmidt: Zum Erkenntnisbegriff der Kritik der politischen Ökonomie, S. 30-43, bietet immer noch eine ausgezeichnete Einführung in die Problematik der Kritik der politischen Ökonomie). Dozekal expliziert nun seine Kritik an der Marxrezeption am Beispiel von H. Reichelt, C. Offe und J. Bischoff. Er verweist darauf, daß für REICHELT die &#8220;Kritik der politischen Ökonomie&#8221; eine doppelte theoretische Herausforderung darstellt: &#8220;Auf der einen Seite hat sich die Rezeption des &#8216;Kapital&#8217; weiterhin mit Problemen der METHODE bei Marx, &#8216;der dialektischen Darstellung der Kategorien und Erörterung dieser Darstellungsform&#8217;, der Extrapolation einer &#8216;Ableitungsstruktur als methodisches Vorbild&#8217;, der möglichen historischen Beeinflussung der &#8216;abstrakt kategorialen Darstellungsform&#8217; usw. im Bewußtsein zu befassen, daß es nur so &#8216;möglich wird, sich abschlußhaft über die Marx&#8217;sche Methode und ihre Eignung für die Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus zu äußern&#8217;. Auf der anderen Seite ist die methodische Selbstbeschäftigung mit dem &#8216;Kapital&#8217; durch ein später als &#8216;REALANALYSE&#8217; bezeichnetes &#8216;Studium des wirklichen Kapitalismus&#8217; im Bewußtsein zu ergänzen, erst dadurch &#8216;wirkliches&#8217; Wissen über den gegenwärtigen Kapitalismus zu erarbeiten und damit zugleich die &#8216;Eignung&#8217; der aus dem &#8216;Kapital&#8217; extrapolierten Marx&#8217;schen Methode zu verifizieren&#8221; (S. 75).</p>
<p>Hier gilt es eine differenziertere Beurteilung als die im schlechten Sinne abstrakte Dozekals. Er verkennt, daß es hier ja erst einmal um die Entdeckung und Aneignung der &#8220;Kritik der politischen Ökonomie&#8221; ging und die theoretisch-methodischen Reflexionen Reichelts in seiner Arbeit &#8220;Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx&#8221; diese Aneignung förderten. In Bezug auf die &#8220;Realanalyse&#8221; legt Dozekal den Finger auf die Wunde, wobei es hier allerdings nicht um eine Kritik an der Forderung der Analyse des zeitgenössischen Kapitalismus gehen kann, sondern an der fehlenden bzw. nicht gelingenden Vermittlung zur &#8220;Kernstruktur&#8221;. So degenerierte die &#8220;Realanalyse&#8221; tatsächlich vielfach zur positivistischen Aneignung der erscheinenden Oberfläche.</p>
<p>Dozekal zeigt richtig, daß OFFE schon damals Fragestellungen entwickelte, die sich heute im akademischen &#8220;Marxismus&#8221; durchgesetzt haben. Er wendet sich dagegen, &#8220;die Frage nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus in naiver Weise zu stellen&#8221;. &#8220;Offe will vielmehr den marxistischen Krisentheoretikern die methodischen Bedingungen vorgeben, wie dieselbe Frage reflektiert zu stellen und ergänzend zu beantworten wäre: &#8216;Unter diesen Bedingungen wäre eine Krisentheorie nur dann überzeugend, wenn sie als eine Theorie über die Grenzen politischen und ökonomischen Krisenmanagements aufträte&#8230;&#8217;. Die sachliche Unhaltbarkeit von Krisentheorien, die &#8216;dem Kapitalismus eine graue Zukunft prophezeien&#8217;, bildet also geradezu die Grundlage, auf der das methodologische Konzept von Offe beruht. In ihm entwickelt umgekehrt Offe unabhängig vom sachlichen Gehalt der Krisentheorien die methodischen Maßstäbe und systemtheoretischen Kriterien, wann ihre Begutachtung der Überlebenschancen des kapitalistischen Systems als gelungen angesehen werden darf. Den ERFOLG einer kritischen Sozialwissenschaft, die sich auf die Marx&#8217;sche Kapitalis-</p>
<p>118 &#8212;-</p>
<p>musanalyse beruft, sieht Offe dabei zuallererst in der &#8216;Wahl&#8217; des überlegenen methodischen &#8216;Rahmens&#8217; verkörpert und durch ihn garantiert. Zugleich allerdings gilt Offe von Anfang an der &#8216;Marx&#8217;sche Kapitalismus-Begriff&#8217; als &#8216;Wahl&#8217; eines bloß möglichen &#8216;Ansatzes&#8217;, jederzeit vergleichbar, ergänzbar und kombinierbar mit ebenso möglichen systemtheoretischen Entwürfen. Indem der politische Soziologe Offe schon 1971 das Problem aufwarf, &#8216;ob und inwiefern systemtheoretische Konzepte dem Bezugsrahmen der Marx&#8217;schen politischen Ökonomie legitimerweise integriert werden können&#8217;, hat er bereits in der Phase der Rekonstruktion der Marx&#8217;schen Theorie deren Relativierung betrieben. Insofern hat Offe die RELATIVITÄT der Marx&#8217;schen Kapitalismuskritik je schon behauptet &#8211; zehn Jahre vor der &#8216;Krise des Marxismus&#8217;&#8230;&#8221; (S. 93).</p>
<p>In seiner BISCHOFF-Kritik verweist Dozekal auf ein m.E. wichtiges Moment in der damaligen Marxrezeption, was in seiner Logik tatsächlich zur &#8216;Krise des Marxismus&#8217; führte: die unmittelbare Bindung der Theorie an den praktischen Erfolg einer politischen Bewegung. &#8220;Die Identifikation der theoretischen Geltung des wissenschaftlichen Sozialismus mit der erfolgreichen praktisch politischen Durchsetzung einer kommunistischen Bewegung, die sich wissenschaftlich begründet, hat folgenschwere Konsequenzen: Auf der einen Seite wird damit das praktische Erfolgskriterium der als Ideologie kritisierten bürgerlichen Sozialwissenschaften übernommen, denen wissenschaftliche Urteile als &#8216;graue Theorie&#8217; gelten, solange sie nicht die gesellschaftlichen &#8216;Fakten&#8217; auf ihrer Seite haben. Aus einer ursprünglich GEGEN die etablierten Geistes- und Sozialwissenschaften gerichteten Rekonstruktion der Marx&#8217;schen Theorie wird ein Konkurrenzverhältnis MIT der &#8216;bürgerlichen&#8217; Wissenschaft, welche Theorierichtung über den adäquaten &#8216;theoretischen Ausdruck&#8217; der bestehenden Praxis verfügt. Damit ist auf der anderen Seite der Umschlag der Geltung der Marx&#8217;schen Theorie in die INFRAGESTELLUNG ihrer theoretischen Gültigkeit immer schon in nuce angelegt. Die methodische Vorgabe des praktischen Erfolgs einer politischen Bewegung als Instanz der wissenschaftlichen Gültigkeit der theoretischen Kapitalismuskritik zieht im Falle des praktischen Mißerfolgs die prinzipielle Skepsis nach sich, ob die Marx&#8217;sche Theorie nicht ein inadäquater und unzeitgemäßer &#8216;Ausdruck&#8217; der wirklichen Verhältnisse sei&#8221; (S. 106-107).</p>
<p>Nun führte dieses Verständnis &#8211; dies gilt es Dozekal ergänzend festzuhalten &#8211; bei Bischoff im weiteren nicht einfach zum &#8220;Abschied vom Marxismus&#8221;, sondern zum Reformismus, zur Anpassung an die real existierende &#8220;Arbeiterbewegung&#8221;, um ausgehend von der SEW/DKP über die italienische KP schließlich wieder bei der SPD zu landen (Die ML-Parteien kamen übrigens zu einem noch kurzschlüssigeren &#8220;Theorie-Praxis&#8221;-Verhältnis im Sinne einer unmittelbaren Instrumentalisierung der Theorie für die &#8220;revolutionäre Praxis&#8221;).</p>
<h4>III.</h4>
<p>Für Dozekal liegt nun der Skandal bei der weiteren Entwicklung des so rezipierten &#8220;Marxismus&#8221; darin, daß etwa ALTVATER versuchte, aus dem Verhältnis von &#8220;Marx&#8217;scher Darstellung des Kapitalbegriffs&#8221; und Interpretation der &#8220;empirischen Oberfläche&#8221; die methodische Not-</p>
<p>119 &#8212;-</p>
<p>wendigkeit einer &#8220;Realanalyse&#8221; zu begründen. &#8220;Marx selbst hat in einer Fülle von Artikeln, Erklärungen, Reden, Adressen permanent zu aktuellen politischen Fragen Stellung bezogen, ohne jeweils im einzelnen auf den &#8216;Kapitalbegriff im Allgemeinen&#8217; zu rekurrieren &#8230; Insofern ist die Aneignung der Marx&#8217;schen Theorie unbedingt notwendig, aber nicht als ein Instrument, das VOR der Auseinandersetzung mit Problemen der wirklichen Bewegung und Theorien gelernt sein muß, und auch nicht als ein Dogma, das nur noch &#8216;ex cathedra&#8217; auslegebedürftig sei, sondern als BEGRIFFLICHE Abstraktion der WIRKLICHEN Bewegung des Kapitalverhältnisses, die mit der historischen Entwicklung des Kapitalismus auch neue Fragen aufwirft, die nicht das Wesen dieser Gesellschaft, die Form ihrer Widersprüchlichkeit, wohl aber die Erscheinungsformen des Kapitalverhältnisses berühren. Und die &#8216;Realanalyse&#8217; umschließt sowohl die Analyse des Wesens als auch der Erscheinungen (sowohl in ihrer systematischen begrifflichen Herleitung als auch ihren konkreten historischen Verlaufsformen). Die Betonung des &#8216;doppelgleisigen&#8217; Vorgehens &#8211; Aneignung der von Marx dargestellten logischen Struktur des Kapitalbegriffs und Analyse historischer Erscheinungsformen des Kapitalismus &#8211; darf allerdings keinesfalls als methodisches Postulat verstanden werden. Allerdings gibt es auch keinen Königsweg vom allgemeinen Kapitalbegriff zur Oberfläche des Kapitalverhältnisses und den historischen Verlaufsformen einer konkreten Gesellschaft&#8221;(4).</p>
<p>Die Problematik liegt nicht in der fehlenden Abstinenz Altvaters und der &#8220;Prokla&#8221;, die sich zurecht nicht der Dozekal&#8217;schen Askese unterwerfen, &#8211; sie geben durch ihre Vermittlungsversuche und ihre Diskussionen, wie immer sie heute im einzelnen eingeschätzt werden können, eine marxistische Perspektive, deren kritische Aufarbeitung auch heute noch lohnt. Nicht Klassenanalyse, Konjunktur- und Krisenanalyse und -Prognose sind von Übel, sondern, wie schon oben vermerkt, der UNMITTELBARE PRAKTISCHE BEZUG auf die bestehende Arbeiterbewegung, bei Altvater und der &#8220;Prokla&#8221; vor allem auf die Gewerkschaften. Die seit Anfang der 70er Jahre erstellten Konjunktur- und Krisenprognosen enthielten als Quintessenz die These, daß die Krise des Kapitals zwangsläufig einen Aufschwung der Klassenkämpfe in der BRD bringen würde. Zehn Jahre später konstatiert Altvater, daß die westdeutsche &#8220;Arbeiterbewegung mit ihren Organisationen, den Gewerkschaften und den traditionellen Arbeiterparteien in eine Krise geraten ist &#8230; Manche haben behauptet, mit der ökonomischen Krise, mit der Situation der wachsenden Arbeitslosigkeit mit Lohnminderungen, mit zunehmender Arbeitshetze würde auch ein Aufschwung revolutionären Bewußtseins einhergehen, die Leute würden dann, um es etwas burschikos auszudrücken, gleich sauer werden und gegen das System anrennen, um es über den Haufen zu werfen. Das ist offensichtlich nicht so!&#8221;(5).</p>
<p>Dozekal konstatiert hier richtig: &#8220;Die beständige praktische Widerlegung des in den Krisenprognosen erwarteten Zusammenhangs von Krise des Kapitals und Aufschwung des Klassenkampfs macht Altvater zum Argument für eine pauschale Infragestellung der bislang für gültig befundenen marxistischen Krisentheorie, die über eine kritische Überprüfung einzelner Urteile und behaupteter Zusammenhänge auf ihre Stimmigkeit längst hinaus ist. Altvater äußert den Generalzweifel, ob er nicht in seiner bisherigen Theorie das Funktionieren</p>
<p>120 &#8212;-</p>
<p>des bundesrepublikanischen Kapitalismus und die Stabilität seiner Herrschaft unterschätzt habe, ob also seiner bisherigen Kritik nicht angesichts des Erfolgs des &#8216;Modell Deutschland&#8217; der Boden unter den Füßen weggezogen sei. Die &#8216;Krise des Marxismus&#8217; besteht somit darin, daß marxistische Theoretiker Abstand nehmen von ihren früheren Krisentheorien und Krisenprognosen, indem sie den praktischen ERFOLG des Kapitalismus zu einem theoretischen ARGUMENT gegen SICH machen: &#8216;Die vielberedete &#8216;Krise&#8217; der Linken rührt zu einem guten Teil daher, daß ein ganzer Traditionsbestand an politischen Analysen, Konzepten und Strategien sozialrevolutionärer Veränderung fragwürdig, ja, von der Entwicklung nachhaltig dementiert worden ist&#8217; (J. Hirsch)&#8230;&#8221; (S. 203-204).</p>
<p>Die &#8220;Krise des Marxismus&#8221;, so ist Dozekal zuzustimmen, bezeichnet eine Blamage früherer &#8220;revolutionsstrategischer Erwartungen&#8221; westdeutscher Linker, nicht eine Widerlegung von Marx. &#8220;Vom Standpunkt der an der Selbstverständnisdebatte über die &#8216;Krise des Marxismus&#8217; Beteiligten stellt sich dieser Sachverhalt allerdings genau umgekehrt dar: Weil für SIE die rekonstruierte Marx&#8217;sche Theorie von Anfang an weniger die theoretische AnaIyse und wissenschaftliche Kritik der kapitalistischen Verhältnisse leisten, sondern vor allem empirische Einschätzungen zukünftiger Krisenentwicklungen und realanalytische Interpretationen möglicher Klassenkämpfe erstellen sollte, wird in ihren Augen der praktische Erfolg des bundesdeutschen Kapitalismus in den 70er Jahren, die Krisenbewältigung ohne merkliche Gegenwehr der von ihr betroffenen Arbeiterklasse durchgesetzt zu haben, zu einem theoretischen Argument gegen den MARXISMUS&#8221; (S. 226-227).</p>
<p>Der 3. Teil der Arbeit erscheint mir als der interessanteste, wo Dozekal die Blüten zeigt, die die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; treibt. Neben dem &#8220;Abschied vom Proletariat&#8221; des früheren Syndikalisten André Gorz und der &#8220;Hinwendung zur Menschheit&#8221; bei Rudolf Bahro sind vor allem die Schlußfolgerungen aus der &#8220;Krise des Marxismus&#8221; bei M.Th. Greven, J. Hirsch und W.E. Haug symptomatisch.</p>
<p>GREVEN knüpft an der &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221; an. Während aber die Studentenbewegung versuchte, mit Hilfe des Marcuse&#8217;schen Aktivismus, die Adorno-Horkheimer&#8217;sche Spätform der Kritischen Theorie zu transzendieren, geht Greven hier voll konform, indem er vom &#8220;Ende der Geschichte&#8221;, vom &#8220;Übergang zur verwalteten Welt&#8221;, von der &#8220;Geschichte als Verhängnis&#8221; spricht. Ja, er zieht Konsequenzen, die ein &#8220;Überschreiten&#8221; in ganz andere Richtung bedeuten: &#8220;Der praktische Anspruch der Theorie bleibt ohne historisches Subjekt konsequenz- und perspektivlos &#8230; Die Kritik wird, ohne sich je affirmativ zum Bestehenden verhalten zu können, gleichwohl fest ans Gewordene und Bestehende gebunden. Darin liegt ihr konservatives Moment&#8230;&#8221;, und &#8220;wo sich in der wirklichen geschichtlichen Situation der Gegenwart die offenkundigen Widersprüche und Konflikte eben nicht zur wirklichen Bewegung über den gegebenen Zustand hinaus verdichten, da kann Geschichtstheorie, die das angemessen reflektiert, gar nicht anders, als konservativ sein&#8221;(6).</p>
<p>Es kommt zu einer Konvergenz von kritischer und konservativer Theorie, sozusagen zu einer neuen Theorie des status quo, der attestiert wird, adäquater Ausdruck der Realität zu</p>
<p>121 &#8212;-</p>
<p>sein: &#8220;Der Konservatismusbegriff &#8230; löst sich von seinem sozialgeschichtlichen Entstehungskontext ebenso wie von der damit verbundenen sozialen und interessenbedingten Basis und wird zur Strukturkategorie, in der der historisch neuartige Verlust der transzendierenden Zukunftsperspektive ebenso wie der sie tragenden sozialen und politischen Bewegung begriffen wird&#8221;(7).</p>
<p>Der vorgebliche Realismus der Anerkennung dieser Strukturgesetzlichkeit drückt allerdings &#8211; wie auch im französischen Strukturalismus &#8211; nichts anderes aus, als das Aufsitzender unbegriffenen gesellschaftlichen als verdinglichter Realität.</p>
<p>J. HIRSCH plädiert für eine andere Perspektive: die Weitertreibung der marxistischen Theorie zu einem die Erfahrung der Individuen integrierenden &#8220;plebejischen Wissen&#8221;. Die Marx&#8217;sche Theorie erscheint selbst als &#8220;Herrschaftswissen&#8221;: &#8220;Viel bedeutsamer als an vielleicht korrekturbedürftigen Einzelaussagen (des Marxismus) ist indessen die Kritik an einer spezifischen STRUKTUR von Theorie &#8230; &#8211; Theorie als im Rahmen herrschaftlicher Arbeitsteilung formulierte Auskunft ÜBER Subjekte und deren Handeln, als Feststellung von Regelmäßigkeiten und objektiven Zusammenhängen von außen, als katalogisierende Typisierung und Ordnung, kurz: als Produktion von Wissen ÜBER gesellschaftliche Individuen, das diese verfügbar macht und das wenig zu tun hat mit praktischem Wissen der Handelnden von und über sich selbst. Diese Wissensform, die im Kern den &#8216;bürgerlichen&#8217; Charakter von Wissenschaft ausmacht, prägt in eigentümlicher Weise und gegen ihren Anspruch auch wesentliche Teile der sich auf Marx berufenden Theorie. Das beginnt in bestimmter Weise schon bei Marx selbst, dessen ökonomisches Spätwerk &#8230; sich als &#8216;Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft&#8217; auf die Analyse objektiver gesellschaftlicher Strukturzusammenhänge und Bewegungsgesetze konzentriert&#8221;(8).</p>
<p>Hirsch sieht Marx also durch die Brille des positivistisch verstandenen &#8220;Marxismus&#8221; und lastet ihm &#8211; dem es ja gerade um die Entschleierung des &#8220;gesellschaftlich notwendigen Scheins&#8221; (Marx) und letztlich um die Aufhebung der &#8220;zweiten Natur&#8221; geht &#8211; die gesellschaftlich produzierte Verdinglichung an. Die Fiktion einer Wissenschaft, die dem Subjekt Gewalt antut, weil sie es zum Objekt ihrer Betrachtung macht &#8211; während umgekehrt das Kapital als Subjekt der warenproduzierenden Gesellschaft die Menschen den Marktgesetzen unterwirft &#8211; führt zur Forderung nach &#8220;Lebensnähe&#8221;, nach dem Aufgreifen von Erfahrungen des Alltagsverstandes und der Phantasien der Individuen. Hier reproduziert sich ideologisch letztlich die alte Problematik der bürgerlichen Gesellschaft, daß die Menschen zwar ihre Geschichte selbst machen, aber ohne Bewußtsein (als bewußtem Sein): Die Gesellschaft als verdinglichte Struktur, als &#8220;realité sui generis&#8221; (Durkheim), wird mit dem irrationalistischen Willen der Individuen konfrontiert, der Positivismus findet sein Pendant in der Lebensphilosophie.</p>
<p>HAUG schließlich &#8220;löst&#8221; die &#8220;Krise des Marxismus&#8221; auf spezifisch originelle Weise, indem er allen &#8220;marxistischen&#8221; Varianten ihre Lebensberechtigung zuerkennt und auf einen &#8220;plurizentrischen Marxismus&#8221; setzt. Er gibt sich als &#8220;ideeller Gesamtmethoduloge&#8221; (Dozekal),</p>
<p>122 &#8212;-</p>
<p>dem es um eine &#8220;produktive Konvergenz auch in der Divergenz der unterschiedlichen Marxismen&#8221;(9) geht, um eine &#8220;marxistische Ökumene&#8221;. So landet Haug im Methodenpluralismus, die Akademisierung der &#8220;marxistischen&#8221; Varianten wird vollendet, in der universitären Gelehrtenrepublik kann trefflich und folgenlos gestritten werden.</p>
<h4>V.[! Abschnitt IV nicht vorhanden!]</h4>
<p>Dozekals Arbeit hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck. So wichtig es ist, daß Dozekal die Problematik der Marxrezeption überhaupt stellt und so richtig und nützlich viele Fingerzeige seiner Darstellung sind, sie leidet letztlich doch an ihrer rein theorieimmanenten Logik. Dozekal resümiert richtig: &#8220;&#8230; wenn die VORtheoretischen &#8216;Erwartungen&#8217; auf Gesellschaftsveränderung zum methodischen Leitgedanken der THEORIEbildung erhoben werden, dann muß sich das Ausbleiben solcher Veränderung nicht nur als Niederlage des praktischen Interesses an ihr, sondern auch als grundsätzliches Versagen der eigenen Theorie darstellen. Nur dann erscheint die Stabilität des &#8216;Modell Deutschland&#8217; nicht als Anlaß der theoretischen und praktischen KRITIK der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern als Argument für eine längst überfällige SELBSTKRITIK des Marxismus&#8221; (S. 292).</p>
<p>Doch indem er die theoretischen Bedingungen der von ihm kritisierten Rezeption ausklammert und sich nicht um den Zustand des &#8220;Marxismus&#8221; heute, auch jenseits dieses Rezeptionsprozesses, kümmert, erscheint er selbst eher als &#8220;Marxismuspapst&#8221; à la Kautsky, der von den Zinnen des &#8220;Kapital&#8221; seinen Bannfluch schleudert, die Abweichler an Marx mißt, sie züchtigt und dann weiter macht wie vorher.</p>
<p>Ein Marxverständnis, das sich dagegen als Moment der realen Totalität begreift, muß in der Kritik des verkürzten Theorie-Praxis-Verständnisses der dargestellten Marxrezeption die Notwendigkeit der relativen Selbständigkeit des &#8220;theoretischen Pols&#8221; erkennen, den Entwicklungsstand der kapitalistischen Vergesellschaftung untersuchen und damit die Problematik des Obsoletwerdens des Wertgesetzes klären, um von hier aus überhaupt erst zu einer kommunistischen Perspektive zu kommen.</p>
<h4>ZITATENNACHWEISE</h4>
<p>(1) Kritik der politischen Ökonomie heute &#8211; l00 Jahre &#8220;Kapital&#8221;, hgg. von W. Euchner und A. Schmidt, Ffm. 1968, S. 21</p>
<p>(2) ebenda, S. 57</p>
<p>(3) ebenda, S. 277</p>
<p>(4) Altvater, Elmar: Zu einigen Problemen des Staatsinterventionismus, in: Probleme des Klassenkampfs &#8211; Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik Nr. 3/1972, S. 3</p>
<p>(5) Altvater, Elmar: Es muß sich noch mehr ändern, als sich bereits geändert hat!, in: Redaktionsgruppe Sozialistische Konferenz (Hg.): Ökologie und Sozialismus, Hannover</p>
<p>123 &#8212;-</p>
<p>1980, S. 12-13</p>
<p>(6) Greven, Michael Th.: Konservative Kultur- und Zivilisationskritik in &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221; und &#8220;Schwelle der Zeiten&#8221;, in: Konservatismus &#8211; Eine Gefahr für die Freiheit?, hgg. von E. Henning und R. Saage, München 1983, S. 156</p>
<p>(7) ebenda</p>
<p>(8) Hirsch, Joachim: Der Sicherheitsstaat, Ffm. 1980, S. 136</p>
<p>(9) Haug, Wolfgang Fritz: Krise oder Dialektik des Marxismus?, in: Aktualisierung Marx&#8217;, Argument Sonderband l00, Berlin 1983, S. 31</p>
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		<title>Krise des Marxismus</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 2 (1986)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur neuen Marxrezeption der alten akademischen Linken]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zur &#8220;neuen&#8221; Marx-Rezeption der &#8220;alten akademischen Linken&#8221;</h3>
<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>70 &#8212;-</p>
<p><em>Udo Winkel</em></p>
<h4>I.</h4>
<p>Die sogenannte &#8220;Krise des Marxismus&#8221; und seine Verwandlung in eine positive, mit der bürgerlichen konkurrierende, sich mit ihr austauschende und ihre Prämissen und Theoreme übernehmende Wissenschaft, die heute allenthalben im vormaligen akademischen Marxismus sichtbar wird, ist kein auf die &#8220;Postmoderne&#8221; beschränktes Phänomen. Der &#8220;gesunde Menschenverstand&#8221; des bürgerlichen Bewußtseins, als eben das &#8220;richtige Bewußtsein&#8221; einer &#8220;falschen Realität&#8221;, affiziert immer wieder &#8211; unter bestimmten Bedingungen &#8211; auch marxistisches oder vorgeblich marxistisches Denken.</p>
<p><span id="more-306"></span>So zeigt schon Karl Korsch 1923 in seinem Versuch die Etappen der Entwicklung der marxistischen Theorie zu bestimmen, die qualitative Veränderung des &#8220;Marxismus der 2. Internationale&#8221; gegenüber Marx und Engels auf:</p>
<p>&#8220;Aus der materialistischen Geschichtsauffassung, die bei Marx und Engels wesentlich materialistische Dialektik gewesen war, wird bei ihren Epigonen schließlich etwas wesentlich undialektisches: Bei der einen Richtung verwandelt sie sich in eine Art heuristisches Prinzip für die wissenschaftliche Einzelforschung; bei der anderen gerinnt das flüssige methodische Prinzip der materialistischen Dialektik Marxens zu einer Anzahl theoretischer Sätze über den kausalen Zusammenhang der geschichtlichen Erscheinungen auf den verschiedenen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, d.h. also zu etwas, was man am richtigsten als eine allgemeine systematische Soziologie bezeichnen würde. Die einen behandeln also das materialistische Prinzip Marxens als einen &#8216;subjektiven Grundsatz bloß für die reflektierende Urteilskraft&#8217; im Sinne Kants, während die anderen die Lehren der marxistischen &#8216;Soziologie&#8217; als ein je nachdem mehr ökonomistisches oder mehr geographisch-biologisches System dogmatisch hinnehmen. Alle diese und noch eine Reihe anderer, weniger eingreifender Deformationen, die der Marxismus in der zweiten Periode seiner Entwicklung in den Händen der Epigonen erlitten hat, können wir charakterisieren mit dem einen, alles zusammenfassenden Satz: &#8216;Die einheitliche Gesamttheorie der sozialen Revolution ist umgewandelt in eine wissenschaftliche Kritik der bürgerlichen Wirtschaftsordnung und des bürgerlichen Staates, des bürgerlichen Erziehungswesens, der bürgerlichen Religion, Kunst, Wissenschaft und sonstigen Kultur, die nicht mehr nach ihrem ganzen Wesen notwendig verläuft in einer revolutionären Praxis, sondern ebensogut verlaufen kann und tatsächlich</p>
<p>71 &#8212;-</p>
<p>in ihrer wirklichen Praxis meist verläuft in allerhand Reformbestrebungen, die grundsätzlich den Boden der bürgerlichen Gesellschaft und ihres Staates nicht überschreiten.&#8217;&#8221; (Korsch, Karl, Marxismus und Philosophie, Ffm. 1966, S.102-104).</p>
<p>Geistesgeschichtlich erscheint der Bernsteinsche Revisionismus als Antwort auf das Scheitern des verdinglichten Vulgärmarxismus der alten Kautskyschen &#8220;Marxorthodoxie&#8221;. Der neue kapitalistische Aufschwung nach der langen Phase der &#8220;Großen Depression&#8221; (1873-95) ließ den Glauben an eine &#8220;naturnotwendige Entwicklung&#8221; zum Sozialismus obsolet werden. In dieser Situation einer &#8220;Krise des orthodoxen Marxismus&#8221; erfolgte eine Ergänzung und Revision der Marxschen Theorie durch Übernahme des bürgerlichen Verständnisses von Wissenschaft, während ihrerseits bürgerliche Wissenschaftler den &#8220;Marxismus&#8221; durch die Bernsteinsche revisionistische Brille rezipierten. Gegen &#8220;die Fallstricke der hegelianisch-dialektischen Methode&#8221; fordert Bernstein,</p>
<p>&#8220;daß der Sozialdemokratie ein Kant nottut, der einmal mit der überkommenen Lehrmeinung mit voller Schärfe kritisch-sichtend ins Gericht geht, der aufzeigt, wo ihr scheinbarer Materialismus die höchste und darum am leichtesten irreführende Ideologie ist, daß die Verachtung des Ideals, die Erhebung der materiellen Faktoren zu den omnipotenten Mächten der Entwicklung Selbsttäuschung ist, die von denen, die sie verkünden, durch die Tat bei jeder Gelegenheit selbst als solche aufgedeckt ward und wird.&#8221; (Bernstein, Eduard, die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Reinbek 1969, S.217).</p>
<p>So wird die Dialektik Hegels durch den kantigen Dualismus von theoretischer und praktischer Vernunft ersetzt. Die Realität der Arbeiterbewegung spaltet sich auf in die ethisch begründeten und eben wissenschaftlich nicht begründbaren sittlichen Ideale des Sozialismus und den durch das positivistische Trial and Error (Versuch und Irrtum) &#8211; Verfahren bestimmten praktischen Reformismus. Von Marx soll das übrigbleiben, was für eine positive Tatsachenforschung fruchtbar sei.</p>
<p>Hier knüpft nun die zeitgenössische bürgerliche Soziologie an. Man kann hier von einem &#8220;bürgerlichen Pendent des Revisionismus&#8221; (Lenk) sprechen: Bernsteins Forderung, die Einzelaussagen des historischen Materialismus als bloße Arbeitshypothesen zu bewerten, wurde in der Soziologie &#8211; v.a. bei Max Weber, Troeltsch und Werner Sombart &#8211; zur methodischen Selbstverständlichkeit, verbunden mit einer Relativierung, da das ökonomische Erklärungsprinzip als eines von vielen möglichen &#8211; wie dem psychologischen, ethnologischen, religionswissenschaftlichen u.a. &#8211; in die soziologische Methodik eingeführt wird (Methodenpluralismus). Bernstein und der Soziologie erscheint die Theorie inadäquat in Bezug auf die Buntheit und Mannigfaltigkeit des &#8220;wirklichen Lebens&#8221;.</p>
<p>72 &#8212;-</p>
<p>Konsequenterweise begründet er seinen Eklektizismus mit dem Hinweis, daß &#8220;das Leben umfassender als alle Theorie&#8221; sei. Hatte Marx den Anspruch erhoben, die inneren Zusammenhänge der gesellschaftlichen Totalität zu bestimmen, so erfolgt aus der Leugnung der Dialektik durch den positivistischen Wissenschaftsbegriff der nominalistische Charakter der positivistisch-revisionistischen Konzeption: Die begrifflichen Bestimmungen werden zu allenfalls zweckmäßigen Setzungen, die bestimmte Merkmalskombinationen zusammenfassen.</p>
<p>Kurt Lenk hat in seiner Kritik bürgerlicher Marxrezeption als einer der Wenigen begriffen, welche Bedeutung der Warenfetisch und seine Eliminierung für die &#8220;Verbürgerlichung&#8221; des Marxismus hatte (und hat), er sei deshalb hier ausführlich zitiert:</p>
<p>&#8220;Die Eliminierung der Entfremdungskategorie aus der ursprünglichen Marxschen Konzeption ist das gemeinsame Merkmal der orthodoxen Richtungen des Marxismus, des Vulgärmarxismus und des Revisionismus. In ihnen wird die Marxsche Ideologiekritik auf das simple Theorem reduziert, Ideologien seien lediglich zum Zwecke der Beherrschung der ausgebeuteten Klassen ersonnene gedankliche Instrumente. Die genetisch-kritische Herleitung der ideologischen Bewußtseinsformen, die mit einem historischen Verständnis ihrer Funktion und ihrer Wahrheitsmomente einherging, verschwindet im gleichen Maße, als die Analyse des Warenfetisches vom Ideologieproblem getrennt wird. Tritt die Subjekt-Objekt-Dialektik, wie sie nicht nur in den Frühschriften Marxens entwickelt worden ist, hinter einem neutralen Abbildtheorem zurück, so können Wahrheit und Unwahrheit einer Theorie nur mehr am Grad der Abbildhaftigkeit der in ihr enthaltenen Aussagen gemessen werden. Sowohl die gesellschaftliche Wirklichkeit als auch die ihr entsprechenden Bewußtseinselemente werden dann als vorgegebene Größen eingeführt, nach deren Wahrheit und Unwahrheit nicht mehr gefragt werden müsse, da sich diese nur dadurch bestimmten, in welchem Maße ein Urteil adäquate Widerspiegelung des Objekts leistet. Allein die Praxis bestimme darüber, inwieweit dies der Fall sei.</p>
<p>Wahrheit, Entfremdung und Ideologie sind bei Marx voneinander unablösbare Kategorien, denn ohne Entfremdungstheorie kann es für ihn auch keine wissenschaftliche Entscheidung über das Wahrheitsproblem geben. Ebensowenig ist eine Erörterung des Ideologieproblems ohne den Begriff der Entfremdung &#8211; der ökonomischen wie der geistigen &#8211; möglich und sinnvoll. Der objektive, klassische Ideologiebegriff Marxens, der aus der gesellschaftlichen Herrschaftsstruktur selbst abgeleitet wird, ist nur im Zusammenhang mit seiner Theorie des Warenfetischismus und der daraus resultierenden ökonomischen Entfremdung zu bestimmen. Denn im Verschwinden des konkreten Lohnverhältnisses hinter abstrakten Wertrelationen der zirkulierenden Waren auf dem Markt liegt der eigentliche Grund für das Entstehen entfremdeter Bewußtseinsformen. Bei Marx wird der Überbau nicht einfach als das gegenüber der gesellschaftlichen Praxis Unwahre eingeführt. Schon deshalb nicht, weil die gesellschaftliche Realität von ihm als eine von Grund auf verkehrte und entfremdete bestimmt wird. Während Praxis stets als historisch-umwälzende, revolutionäre Praxis gefaßt ist, als eine, die durch begriffliche Transzendierung des</p>
<p>73 &#8212;-</p>
<p>bloß Wirklichen realiter das einlöst, was in der Philosophie an kritischen Momenten enthalten ist, tritt bereits beim späten Engels eine Fetischisierung der Praxis ein. Der Wertakzent, den Marx der umwälzenden Praxis gegenüber einer nur im Denken sich vollziehenden &#8220;Revolutionierung&#8221; verliehen hatte, verschiebt sich in der Folgezeit derart, daß nun aller Praxis im Sinne der Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens ein Primat gegenüber der &#8220;bloßen&#8221; Theorie zukommen soll. Die Wahrheit wird gleichgesetzt mit geschichtlicher Wirkkraft, was dazu führt, daß man dem &#8220;Unterbau&#8221; ex definitione mehr &#8220;Wahrheit&#8221; zugesteht als dem ideologischen Überbau. Hatte Marx noch den Akzent auf politisch-historische Praxis als einer revolutionären gelegt, so wird dieser Praxisbegriff tendenziell nun in der Weise vergröbert, daß jede gesellschaftlich-politische oder industrielle Tätigkeit bereits als ein in der Theorie überlegenes Element gilt. Die damit vollzogene Neutralisierung des Marxschen Praxisbegriffs geht mit der Eliminierung der Entfremdungstheorie einher: Marx hat die Philosophie als eine Kritik der bestehenden Wirklichkeit ernster genommen als die Philosophen selbst. Sie sollte auch in Deutschland wirklich und damit praktisch werden. Im orthodoxen Marxismus hingegen wird Theorie abgewertet, weil sie gegenüber der historischen Praxis als minder wirklich &#8211; im Sinne von &#8220;unmittelbar wirksam&#8221; &#8211; erscheint. Der Überbau gewinnt mit dieser neuen Akzentuierung einen gewissermaßen irrealen Charakter.&#8221; (Lenk, Kurt, Marx in der Wissenssoziologie, Neuwied und Berlin 1972, S. 212-214).</p>
<p>Gerade das Nichtbegreifen bzw. Nichtbegreifenkönnen, daß die gesellschaftliche Realität eine im Prozeß kapitalistischer Wertproduktion mitproduzierte Wirklichkeit darstellt, die eigenen Produkte sich den Menschen gegenüber verselbständigen und sie beherrschen (Marktgesetze) und ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse ihnen als verdinglichte, als quasi &#8220;zweite Natur&#8221; gegenübertreten, läßt sie eben &#8211; bis hin zum &#8220;strukturalistischen Marxismus&#8221; Althussers &#8211; dieser Verdinglichung aufsitzen. Während dem jungen Lukács klar war, daß im Kapitel über den Warenfetischismus im 1. Band des &#8220;Kapital&#8221; die Grundlagen der materialistischen Geschichtsauffassung gelegt wurden, zerfällt den Epigonen &#8211; und darin manifestiert sich ihr bürgerliches Bewußtsein &#8211; die Totalität in die Pole Individuen hier und verdinglichte gesellschaftliche Struktur dort, die nur äußerlich zusammengebracht werden können. D.h. wie die erste Natur kann auch die zweite nur mit einem äußerlichen Instrumentarium und ihr äußerlich bleibenden Methoden, als Objekt, untersucht werden. Damit ist und bleibt der Positivismus die Grundlage bürgerlicher Wissenschaft. Will man auf dieser Grundlage weiterhin an einem, wie auch immer gearteten, Sozialismus festhalten, so kann dieser eben selbst nur äußerlich als ethischer begründet werden. Daher auch die Bedeutung des Neukantianismus für den im &#8220;kategorischen Imperativ&#8221; wurzelnden &#8220;Sozialismus&#8221;.</p>
<p>74 &#8212;-</p>
<h4>II.</h4>
<p>Der quantifizierende qualitätslose Kreislauf des kapitalistischen Akkumulationsprozesses verführt das bürgerliche Denken zur Reproduktion des immergleichen. So unterscheidet sich auch die heutige Marxkritik und -revision &#8211; bei erhöhtem wissenschaftstheoretischem Aufwand &#8211; kaum vom alten Revisionismus und der Rezeption von Marx durch die Soziologie der Jahrhundertwende.</p>
<p>So kommt das Editorial &#8220;Mehrwert&#8221; 25, das die Referate eines Kolloquiums unter dem Titel &#8220;Was bleibt von Marx?&#8221; wiedergibt, zu dem Ergebnis:</p>
<p>&#8220;Wie schon der kurze Blick auf die vergangenen Debatten auf dem Gebiet der Politischen Ökonomie lehrt, bestand ihr allgemeines Resultat darin, mehr alte Gewißheiten aufgelöst zu haben als daß sie zu einem einheitlichen corpus von methodischen und inhaltlichen Überzeugungen geführt hätte. Die Diskussion um Marx hat sich enorm verfachlicht und damit vervielfältigt. Mochte es früher vielleicht ausreichen, Marx gründlich gelesen zu haben, oder für wahr zu halten, was für Marx Resultat seiner Forschungen war, so ist heute die Beschäftigung mit Marx ohne Einbeziehung der Forschung anderer &#8220;Schulen&#8221; völlig undenkbar geworden. Man kann nicht mehr Marxist sein, ohne die Bereitschaft, Marxsche Lehren zu revidieren. Marx ist in den Kontext der modernen Wissenschaften gestellt und aus dem Kontext der Arbeiterbewegung herausgelöst worden. Das hat einerseits zu einer gewissen akademischen Anerkennung geführt, andererseits aber die Antwort auf die Frage erschwert, wodurch ein wissenschaftlicher Ansatz sich als marxistisch auszeichnen kann. Ein bestimmtes Glaubensbekenntnis kann dies ebenso wenig sein wie ein schon abgeklärter Satz von theoretischen Grundannahmen, auf den alle in der Tradition der Politischen Ökonomie stehenden Forscher sich verpflichtet fühlten. Was die von der Kritik der Politischen Ökonomie angetriebenen Forschungen eint, scheint uns das gesellschaftstheoretische Interesse an einer Produktionsweise zu sein, der &#8220;universelle Kulturbedeutung&#8221; (Weber) zukommt, die heute mehr denn je schicksalhaft die gesellschaftliche Entwicklung im Weltmaßstab prägt. Dieses Forschungsinteresse ist in emanzipatorischer Absicht zusammengehalten; es ist angeleitet von der Idee einer besseren, Ausbeutung und Entfremdung diskriminierenden Gesellschaft. Die Funktion eines Weltbildes, das als Interpretationsrahmen für die Fülle der Ereignisse die kollektive Identität einer Gruppe stiftet, kann dieses Interesse heute nicht mehr übernehmen. Insofern reflektiert sich in dem Zerfall der einheitsstiftenden Funktion dieses Weltbildes auch, daß das historisch Mögliche komplexer geworden ist. Ist dies nicht auch ein Vorteil?&#8221; (Mehrwert 25, Berlin November 1984, S. 5-6).</p>
<p>Karl-Ernst Lohmann hat in einer positiv-übereinstimmenden systematischen Rezension dieses Bandes im &#8220;Argument&#8221; das Selbstverständnis der &#8220;neuen&#8221; Marxrezeption der &#8220;alten&#8221; akademischen Linken gut herausgearbeitet, daher erscheint es nützlich, diesen Text in die Kritik miteinzubeziehen. Lohmann konstatiert richtig die &#8220;Verwissenschaftlichung&#8221; der Kritik der politischen Ökonomie zur positiven Ökonomie:</p>
<p>75 &#8212;-</p>
<p>&#8220;Generell kann man denn auch den Weg vieler linker Ökonomen seit 1968 so bezeichnen: Von der rebellischen Attitüde, mit der die &#8220;bürgerliche Nationalökonomie&#8221; aufgrund ihres &#8220;Klassencharakters&#8221; angegriffen wurde, zur nachdenklichen Frage, wie man kritischer Ökonom bleiben und die in der kapitalistischen Ökonomie existierenden Herrschaftsbeziehungen weiter thematisieren kann, ohne hinter das Niveau eben jener &#8220;bürgerlichen&#8221; Wirtschaftswissenschaft zurückzufallen. Von der politökonomischen zur fachökonomischen Analyse, von der &#8220;dialektischen&#8221; zur analytischen Methode. (Anführungszeichen sind bekanntlich immer ein Zeichen von Hilflosigkeit &#8211; und so könnte man auch formulieren: Den kritischen Ökonomen ist seit 1968 fraglich geworden, was das Bürgerliche, den Klassencharakter der herrschenden Orthodoxie ausmacht und umgekehrt, wie legitim das methodisch Andere, das Dialektische, und die politischen Implikationen der marxistischen Heterodoxie sind.)</p>
<p>Es könnte sein, daß sich ein &#8220;Neomarxismus&#8221; herausbildet, der diesen Namen verdient, der also in einem ähnlichen Verhältnis zum Marxismus steht wie die Neoklassik zur Klassik: Gewisse (sozialistische, kritische) Intentionen beibehaltend, dabei aber methodisch und inhaltlich eine gänzlich andere Theorie aufbauend.&#8221; (Das Argument, Rezensionsbeiheft, 27.Jg., Dezember 1985, S. 191-194).</p>
<p>Die &#8220;neue&#8221; positive Ökonomie beruht auf folgenden Postulaten:</p>
<p>1. Methodisch werden die Forderungen der analytischen Wissenschaftstheorie akzeptiert. So fordert Glombowski die stärkere &#8220;Verwendung mathematischer Modelle&#8221;, die durch empirische Analysen ergänzt werden sollen (Der abstrakt-unhistorische Charakter der Modelle in der bürgerlichen Ökonomie wird selbst vom kritischen Rationalisten Albert als &#8220;Modellplatonismus&#8221; bespöttelt.). Das Aufgeben der Totalitätssicht führt hier zum unmittelbaren Gegeneinander bzw. zur äußeren Ergänzung von abstrakt-verdinglichtem System (wie auch in den soziologischen Systemtheorien) und konkret empirischem Material.</p>
<p>2. Inhaltlich geht es um eine &#8220;Revision bzw. Reformulierung der Marxschen Werttheorie. Danach ist eine substanzialistische Interpretation des Werts (&#8220;Als Kristalle dieser ihnen (den Waren) gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz (der abstrakt menschlichen Arbeit) sind sie Werte &#8211; Warenwerte.&#8221; (MEW 23, S. 52)) unzulässig, sie wird durch die Definition einer Wertrelation ersetzt. &#8230;&#8217;Jede Wertschöpfungslehre hat (&#8230;) den Webfehler, im Kern Rechtfertigungslehre zu sein &#8211; entweder für die jeweils gegebene Einkommensverteilung oder für die Alternative zu ihr.&#8217; (so Küntzel). Eine arbeitswerttheoretisch begründete Ausbeutungstheorie hat normative Prämissen &#8211; und die kann man eben akzeptieren oder auch nicht.&#8221; (S.192). Schon Bernstein sah ja in der Favorisierung der objektiven oder subjektiven Wertlehre eine rein normative Entscheidung. Marx hat</p>
<p>76 &#8212;-</p>
<p>schon in einem Brief an Kugelmann vom 11. Juli 1868 auf die Unsinnigkeit des &#8220;Beweisens&#8221; des Werts verwiesen:</p>
<p>&#8220;Was das &#8216;Centralblatt&#8217; angeht, so macht der Mann die größtmögliche Konzession, indem er zugibt, daß wenn man unter Wert sich überhaupt etwas denkt, man meine Schlußfolgerungen zugeben muß. Der Unglückliche sieht nicht, daß, wenn in meinem Buch gar kein Kapitel über den &#8216;Wert&#8217; stünde, die Analyse der realen Verhältnisse, die ich gebe, den Beweis und den Nachweis des wirklichen Wertverhältnisses enthalten würde. Das Geschwätz über die Notwendigkeit, den Wertbegriff zu beweisen, beruht nur auf vollständigster Unwissenheit, sowohl über die Sache, um die es sich handelt, als die Methode der Wissenschaft. Daß jede Nation verrecken würde, die, ich will nicht sagen für ein Jahr, sondern für ein paar Wochen die Arbeit einstellte, weiß jedes Kind. Ebenso weiß es, daß die den verschiedenen Bedürfnissen entsprechenden Massen von Produkten verschiedene und quantitativ bestimmte Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit erheischen. Daß diese Notwendigkeit der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit in bestimmten Proportionen durchaus nicht durch die bestimmte Form der gesellschaftlichen Produktion aufgehoben, sondern nur ihre Erscheinungsweise ändern kann, ist self-evident. Naturgesetze können überhaupt nicht aufgehoben werden. Was sich in historisch verschiedenen Zuständen ändern kann, ist nur die Form, worin jene Gesetze sich durchsetzen. Und die Form, worin sich diese proportionelle Verteilung der Arbeit durchsetzt in einem Gesellschaftszustand, worin der Zusammenhang der gesellschaftlichen Arbeit sich als Privataustausch der individuellen Arbeitsprodukte geltend macht, ist eben der Tauschwert dieser Produkte.</p>
<p>Die Wissenschaft besteht eben darin, zu entwickeln, wie das Wertgesetz sich durchsetzt. Wollte man also von vornherein alle dem Gesetz scheinbar widersprechenden Phänomene &#8216;erklären&#8217;, so müßte man die Wissenschaft vor der Wissenschaft liefern. Es ist gerade der Fehler Ricardos, daß er in seinem ersten Kapitel über den Wert alle möglichen Kategorien, die erst entwickelt werden sollen, als gegeben voraussetzt, um ihr Adäquatsein mit dem Wertgesetz nachzuweisen&#8230;</p>
<p>Der Vulgärökonom hat nicht die geringste Ahnung davon, daß die wirklichen, täglichen Austauschverhältnisse und die Wertgrößen nicht unmittelbar identisch sein können. Der Witz der bürgerlichen Gesellschaft besteht ja eben darin, daß a priori keine bewußte gesellschaftliche Regelung der Produktion stattfindet. Das Vernünftige und Naturnotwendige setzt sich nur als blindwirkender Durchschnitt durch. Und dann glaubt der Vulgäre eine große Entdeckung zu machen, wenn er der Enthüllung des inneren Zusammenhangs gegenüber drauf pocht, daß die Sachen in der Erscheinung anders aussehn. In der Tat, er pocht darauf, daß er an dem Schein festhält und ihn als letztes nimmt. Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft?&#8221; (Marx, Karl-Engels, Friedrich, Briefe über das &#8216;Kapital&#8217;, Berlin 1954, S. 184-186).</p>
<p>Das objektive Obsoletwerden des Wertes (siehe Robert Kurz: Die Krise des Tauschwerts, in: MK, Nr.1) kann nicht mehr als historische Schranke des Kapitals begriffen werden, sondern tritt als &#8220;Krise&#8221; der unbegriffenen Marxschen Werttheorie in Erscheinung.</p>
<p>3. Politisch formuliert Lohmann seine Kritik an dem &#8220;Beitrag Backhaus&#8221;, der indeutlichem Kontrast zu den Beiträgen der genannten Ökonomen</p>
<p>77 &#8212;-</p>
<p>steht, der also am originären Marx festhält. Auch hier zeigt sich, daß Lohmann nicht weit über Bernstein hinauskommt, der schon Hegel zum toten Hunde erklärte und meinte, was Marx und Engels theoretisch erreichten, hätten sie nicht wegen, sondern trotz Hegel erreicht.</p>
<p>&#8220;Ihm (Backhaus, d.V.) zufolge besteht der Gegenstand der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie in Nachweis und &#8216;Ableitung&#8217; der &#8216;Verrücktheit&#8217; der ökonomischen Formen, d.h. der &#8216;objektiven &#8216;Irrationalität&#8221; kapitalistischer Ökonomien. Diese Irrationalität veranlasse den Theoretiker &#8216;allenfalls zur Anstrengung, Nichtklares klar zu denken; nicht aber kann das zum Kriterium der Sache selbst gemacht werden&#8217; (Adorno, zit.7), und Backhaus fügt hinzu: &#8216;schon gar nicht zu einem ökonomischen Sinnkriterium&#8217;. Umgekehrt wird der Wirtschaftswissenschaft vorgeworfen, daß sie &#8216;die in den widersprechenden Bestimmungen der Dinge selbst liegenden Schwierigkeiten gern als &#8230; Widerstreit der definitions wegschwatzen will&#8217; (Marx, zit. 7). Was folgt, ist ein Plädoyer für die Rekonstruktion der Marxschen Formanalysen mit Hilfe der Hegelschen Dialektik.</p>
<p>Wollten die kritischen Okonomen diesem Forschungsprogramm folgen, dann wäre der Preis, den sie zu zahlen hätten, sehr hoch: Denn der Weg in den Hegelschen Sprachdschungel ist ein Weg ins marxphilologische Ghetto. Es würde dann allenfalls zu jener resignativen Arroganz à la Backhaus reichen, der der Fachökonomie pauschal die Wissenschaftlichkeit abspricht und ihr &#8216;Niveau&#8217; beklagt. Der Verzicht auf Klarheit der Formulierungen und auf logische Widerspruchsfreiheit kann überhaupt nicht hingenommen werden. Jede Rede von &#8216;Widersprüchen&#8217;, etwa von dem zwischen Gebrauchswert und Wert, muß sich in Aussagen übersetzen lassen, die a) verständlich und b) logisch konsistent sind. Würden kritische Ökonomen auf diese Forderung verzichten, hätten sie zu Recht keine Chance, in der wissenschaftlichen Offentlichkeit ernstgenommen zu werden.&#8221; (S. 193-194).</p>
<p>Neben dem gänzlichen Unverständnis der dialektischen Methode gegenüber &#8211; man könnte von einem Positivismus par excellence sprechen &#8211; zeigt sich hier vor allem auch ein wichtiges Motiv der positiv gewendeten &#8220;kritischen Okonomie&#8221;: die Sorge um die wissenschaftliche Reputation im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb.</p>
<p>Der &#8220;herrliche Sonnenaufgang&#8221; (Hegel) der Marxrezeption der Studentenbewegung mit der Forderung nach der &#8220;Kritik bürgerlicher Wissenschaft&#8221; endet so in der &#8220;ewigen Polarnacht&#8221; des universitären Akademismus, als splitterhafter Bestandteil des bürgerlichen Wissenschaftspluralismus, d.h. als Methodenpluralismus auf positivistischer Grundlage.</p>
<p>Der II.Teil wird sich mit der Arbeit von Dozekal = von der &#8220;Rekonstruktion&#8221; der Marxschen Theorie zur &#8220;Krise des Marxismus&#8221; beschäftigen.</p>
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		<title>Wissenschaft, Rationalisierung und Qualifikation im Kapitalismus</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 1986 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Marxistische Kritik 1 (1986)]]></category>
		<category><![CDATA[Udo Winkel]]></category>

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		<description><![CDATA[[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe] 70 &#8212;- Udo Winkel 1. Einleitung: Rationalisierung und Entfremdung. Zur Problematik der kapitalistischen Industriegesellschaft. MAX WEBER hat die Entstehung und Entfaltung des okzidentalen Kapitalismus als umfassenden Prozeß der &#8220;Rationalisierung&#8221; und &#8220;Entzauberung&#8221; der Welt beschrieben. Dieser Kapitalismus beruht auf rationaler Organisation formell freier Arbeit, basierend auf der Trennung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>[Vorbemerkung: Die Seitentrennung bezieht sich auf die Original-Ausgabe]</em></p>
<p>70 &#8212;-</p>
<p><em>Udo Winkel </em></p>
<h4>1. Einleitung: Rationalisierung und Entfremdung. Zur Problematik der kapitalistischen Industriegesellschaft.</h4>
<p><span id="more-312"></span>MAX WEBER hat die Entstehung und Entfaltung des okzidentalen Kapitalismus als umfassenden Prozeß der &#8220;Rationalisierung&#8221; und &#8220;Entzauberung&#8221; der Welt beschrieben. Dieser Kapitalismus beruht auf rationaler Organisation formell freier Arbeit, basierend auf der Trennung von Haushalt und Betrieb und der &#8220;rationalen Betriebsführung&#8221;. &#8220;Der spezifisch moderne okzidentale Kapitalismus nun ist offenkundig zunächst in starkem Maße durch Entwicklung von technischen Möglichkeiten mitbestimmt. Seine Rationalität ist heute wesenhaft bedingt durch Berechenbarkeit der technisch entscheidenden Faktoren: der Unterlagen exakter Kalkulation. D.h. aber in Wahrheit: durch die Eigenart der abendländischen Wissenschaft, insbesondere der mathematisch und experimentell exakt und rational fundierten Naturwissenschaften. Die Entwicklung dieser Wissenschaften und der auf ihnen beruhenden Technik erhielt und erhält nun ihrerseits entscheidende Impulse von den kapitalistischen Chancen, die sich an ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit als Prämien knüpfen&#8221;(1). Den grundlegenden Unterschied zu vorkapitalistischen Gesellschaften hat Weber am Selbstverständnis abendländischer Wissenschaft in seinem Vortrag über &#8220;Wissenschaft als Beruf&#8221; angeführt: &#8220;Daß Wissenschaft heute ein FACHLICH betriebener &#8216;Beruf&#8217; ist im Dienste der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge, und nicht eine Heilsgüter und Offenbarungen spendende Gnadengabe von Sehern und Propheten oder ein Bestandteil des Nachdenkens von Weisen und Philosophen über den SINN der Welt &#8211; das freilich ist eine unentrinnbare Gegebenheit unserer historischen Situation, aus der wir, wenn wir uns selbst treu bleiben, nicht herauskommen können&#8221;(2). Die formale Rationalität, die für Max Weber die umfassende, alle gesellschaftlichen Erscheinungen umspannende Kategorie für das Verstehen von Genesis und Struktur des Kapitalismus bildet, bedeutet ihm &#8220;Entzauberung der Welt&#8221;, weil der moderne Mensch davon überzeugt ist, daß man im Prinzip alle Dinge durch Berechnen beherrschen könne.</p>
<p>KARL MARX hat demgegenüber gerade von einer &#8220;Verzauberung&#8221; der Gesellschaft unter Bedingungen kapitalistischer Warenproduktion gesprochen. Die &#8220;Entfremdung&#8221; (so der junge Marx), die &#8220;Verdinglichung&#8221; und &#8220;Fetischisierung&#8221; der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen, d.h. die Verselbständigung der von den Menschen geschaffenen Verhältnisse ihnen selbst gegenüber, entspringt gerade der &#8211; im Gegensatz zum Einzelbetrieb &#8211; nicht gesamtgesellschaftlich geplanten Produktion. Der gesamtgesellschaftliche Zusammenhang stellt sich auf der Grundlage individueller Warenproduktion eben nicht in der Produktion, sondern erst über den Markt, also über Tauschbeziehungen, über Waren, d.h. eben</p>
<p>71 &#8212;-</p>
<p>über Dinge, und zwar erst im nachhinein her. Die Konkurrenz der Warenproduzenten schlägt sich in sie selbst beherrschenden Marktgesetzen nieder: &#8220;Die freie Konkurrenz macht die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion dem einzelnen Kapitalisten gegenüber als äußerliches Zwangsgesetz geltend&#8221;(3). D.h.: &#8220;Die bei der Teilung der Arbeit im Innern der Werkstatt a priori und planmäßig befolgte Regel wirkt bei der Teilung der Arbeit im Innern der Gesellschaft nur a posteriori als innere, stumme, im Barometerwechsel der Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkür der Warenproduzenten überwältigende Naturnotwendigkeit (die als &#8216;zweite Natur&#8217;, als &#8216;gesellschaftliche Naturgesetze&#8217; in Erscheinung tritt, d. V.). Die manufakturmäßige Teilung der Arbeit (die Arbeitsteilung innerhalb der Fabrik, d.V.) unterstellt die unbedingte Autorität des Kapitalisten über Menschen, die bloße Glieder eines ihm gehörigen Gesamtmechanismus bilden; die gesellschaftliche Teilung der Arbeit stellt unabhängige Warenproduzenten einander gegenüber, die keine andere Autorität anerkennen als die der Konkurrenz, den Zwang, den der Druck ihrer wechselseitigen Interessen auf sie ausübt, wie auch im Tierreich das bellum omnium contra omnes (der Krieg aller gegen alle, d.V.) die Existenzbedingungen aller Arten mehr oder minder enthält&#8221;(4).</p>
<p>Formale Rationalität, geplante Effektivierung und Verwissenschaftlichung der Produktion und Entfaltung der produktiven Fähigkeiten der Menschen im Einzelbetrieb und gesamtgesellschaftliche Planlosigkeit und Regulierung über den Markt im nachhinein stehen nicht in einem äußeren, sondern einem inneren notwendigen Widerspruch, dessen Seiten oder Momente sich gegenseitig bedingen. Die vorher nicht gekannte Dynamik und ständige Umwälzung der Produktion und ihrer Bedingungen entspringt gerade der Notwendigkeit für den Einzelbetrieb, im Konkurrenzkampf zu überleben und sich durchzusetzen. Die von Weber konstatierte innerbetriebliche Rationalität erfolgt auf der Folie der von Marx analysierten äußeren Zwangsgesetze des Marktes.</p>
<h4>II. Wissenschaft, Produktionsweise und Technologie</h4>
<h4>1. Die neuzeitliche Wissenschaft</h4>
<p>MAX SCHELER hat die Naturwissenschaft als &#8220;Kind der Vermählung von Philosophie und Arbeitserfahrung&#8221; bezeichnet(5). Das neuzeitliche Wissenschaftsbewußtsein wird durch die Verbindung von drei reflexiven Momenten &#8211; Gesetz, Experiment, Fortschritt &#8211; geprägt: Seit der Spätrenaissance wird sich der Mensch darüber klar, daß er selbst die gesellschaftlichen Fortschritte hervorgebracht hat, wie er sie gestalten und fortsetzen kann. &#8220;Das Bewußtsein der Innovationsfähigkeit des Menschen und die Bewertung der Innovation als Fortschritt ist die grundlegende und allgemeine reflexive Thematisierung zu Beginn der Neuzeit&#8221;(6). Diese Vorstellung erhält ihre Grundlage, ihre eigene Methode im Experiment(7). Einzelne Gesetzeserkenntnisse kombinieren sich allmählich zu zweckmäßigen Verfahren.</p>
<p>72 &#8212;-</p>
<p>&#8220;Die Überzeugung von der Gesetzmäßigkeit der Natur macht diese Einheitlichkeit VORWEG zum Prinzip; das moderne Bewußtsein stellt diese Einheit THEORETISCH her&#8221;(8). Wie WOLFGANG KROHN gezeigt hat, bleibt die Definition von Wissenschaft ein Desiderat der Wissenschaftssoziologie. Er arbeitet drei soziologische Definitionsgesichtspunkte heraus(9):</p>
<p>a) &#8220;Wissenschaftliche Innovationen des Westens&#8221;: Die neuzeitliche Wissenschaft als kulturelle Innovation wird als Bestandteil des sozialkulturellen Wandlungsprozesses in die Gesellschaft integriert.</p>
<p>b) &#8220;Die Institutionalisierung der Wissenschaft&#8221;: Erst im 17. Jahrhundert kommt es zur &#8220;sozialen Stabilisierung&#8221; der Wissenschaft durch die Akademiegründungen im Absolutismus.</p>
<p>c) &#8220;Die gesellschaftliche Definition legitimer Wissenschaft&#8221;: Die Institutionalisierung der Wissenschaft drückt gleichzeitig einen Kompromiß mit den herrschenden Gewalten aus(10). WOLFGANG BÜCHEL bezeichnet die gesellschaftlichen Kräfte, die die neuzeitliche Naturwissenschaft konstituieren(11):</p>
<p>a) Der Humanismus: Herausbildung einer an weltlicher Bildung interessierten Gelehrtenschicht im 14. Jahrhundert in den italienischen Städten(12).</p>
<p>b) Der Frühkapitalismus: Handel und Messewesen bringen im 13. Jahrhundert in Italien &#8211; dem Durchgangsland des Handels zwischen Orient und Okzident &#8211; kapitalistische Wirtschaftsformen hervor, die die Naturwissenschaft stimulieren(13).</p>
<p>c) Die Künstler-Ingenieure: &#8220;Sie erwuchsen aus den Leuten, die sich den Zwängen der Zünfte entwunden hatten und, angestachelt durch den wirtschaftlichen Wettbewerb, Kanonen, Papier-, Draht-, Brechmühlen und Hochöfen konstruierten und maschinelle Vorrichtungen in den Bergbau einführten. Sie waren in Personalunion Künstler, Architekten und (Militär) Techniker&#8221;(14). Hat die moderne Naturwissenschaft wesentliche Impulse von handwerklich-technischen Fragestellungen erhalten, so hat umgekehrt die Naturwissenschaft bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die technologische Entwicklung kaum gefördert.</p>
<p>Erst die industrielle Massenproduktion erforderte die Anwendung wissenschaftlicher Methoden(15).</p>
<h4>2. Entwicklung der Produktion und Technologie(16)</h4>
<p>Ausgangspunkt der modernen Produktion und Technologie ist das mittelalterliche Handwerk. Es ist durch qualifizierte Handarbeit des Meisters und seiner Gesellen, durch dezentralisierte Produktion in der eigenen Werkstatt (&#8220;Hauswerk&#8221;) und dezentralisierten Absatz durch Kundenbestellungen geprägt. Das Handwerk bleibt als feudal geprägte Produktionsform in die Zunft eingebunden, die Charakter, Umfang und Qualität der Produktion und der Produkte vorschreibt. Das Eindringen des Handelskapitals in die Produktion schafft, auf der Grundlage der Hausindustrie, das Verlagssystem. Die Handwerker produzieren in ihren eigenen Werkstätten und liefern die Produkte an den Verleger: die</p>
<p>73 &#8212;-</p>
<p>Produktion bleibt weiterhin dezentralisiert, der Absatz wird zentralisiert. &#8220;Der Kaufmann bringt mittels seiner finanziellen Überlegenheit den wirtschaftlich schwachen Lieferanten in ein immer fester werdendes Abhängigkeitsverhältnis. Er leistet ihm Vorschüsse an Geld, an Rohstoffen, ja Arbeitswerkzeugen, und bestimmt zugleich mehr und mehr Richtung, Umfang und Umstände der handwerklichen Produktion&#8221; (17). Der Handwerker bleibt nur formell selbständig und wird faktisch zum Lohnarbeiter. Der nächste logische Schritt ist dann die Zusammenfassung der abhängig gewordenen Handwerker in einem Raum, während der Kapitalist als Unternehmer die Produktionsleitung übernimmt. In der Manufaktur ist nun auch die Produktion zentralisiert(18). Hier kommt es auch zur endgültigen Trennung von Werkstatt und Haushalt. In der HETEROGENEN Manufaktur werden Einzelteile selbständig produziert und zusammengesetzt (wie in der Uhrenproduktion), in der ORGANISCHEN Manufaktur wird das Produkt arbeitsteilig hergestellt (wie in der Nadelproduktion). In der Manufaktur wird die Arbeitsteilung soweit vorangetrieben, daß ein Übergang zur maschinellen Produktion möglich wird. Die industrielle Produktion tritt an ihre Stelle, wobei unter Industrialisierung der &#8220;Übergang von der handarbeits-orientierten zur maschinenorientierten Tätigkeit&#8221; (HENNING) verstanden wird.</p>
<p>Auf dieser neuen Grundlage wird die Arbeitsteilung und die Umwälzung der Tätigkeitsformen beschleunigt vorangetrieben. MARX hat den qualitativen Unterschied der neuen Produktionsweise gegenüber der handwerklichen und manufakturellen klar herausgearbeitet: &#8220;In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt&#8221;. Und: &#8220;Die Maschinerie &#8230; funktioniert nur in der Hand unmittelbar vergesellschafteter oder gemeinsamer Arbeit. Der kooperative Charakter des Arbeitsprozesses wird jetzt also durch die Natur des Arbeitsmittels selbst diktierte technische Notwendigkeit&#8221;(19).</p>
<p>RAMMERT unterscheidet drei Formen von Rationalisierung auf der Grundlage des Industriebetriebs(20):</p>
<p>1. Die formale Organisierung legt die standardisierten Arbeitsanforderungen im Sinne des vorgegebenen Betriebsziels fest, was funktionale Arbeitsteilung und hierarchische Stufung der Arbeitsorganisation umfaßt, im Sinne von &#8220;Auslese und Anpassung, Kooperation und Kontrolle der Arbeitskräfte&#8221;.</p>
<p>2. Die Technisierung, also Rationalisierung der Arbeitsmittel und -gegenstände, im Sinne einer verstärkten Ersetzung menschlicher Arbeitsfunktionen durch Maschinen und technische Vorrichtungen zwecks Steigerung der Arbeitsproduktivität.</p>
<p>3. Verwissenschaftlichung als Erhöhung des verfügbaren Wissenspotentials über den Produktionsprozeß durch Methoden wissenschaftlicher Informationsgewinnung und Datenverarbeitung.</p>
<p>74 &#8212;-</p>
<h4>3. Verwissenschaftlichung der Produktion</h4>
<p>Erst mit der Durchsetzung der mechanisierten Massenproduktion wird die Verwissenschaftlichung der Produktion zur Notwendigkeit. Wissenschaftliches Wissen tritt an die Stelle rational-handwerklichen Wissens. &#8220;Das rationale Verfahren ist ebenso charakteristisch für den Frühkapitalismus, wie das wissenschaftliche Verfahren für den Hochkapitalismus&#8221; (SOMBART)(21). Erst jetzt entstehen neue Produktionszweige auf wissenschaftlicher Grundlage und ihrer technologischen Anwendung, wird naturwissenschaftliche Forschung zur Basis neuer Industrien(22).</p>
<p>Doch es findet nicht nur eine Anwendung der Wissenschaft auf die Industrie statt, sondern auch eine Industrialisierung der wissenschaftlichen Arbeit. Wurden im 19. Jahrhundert die meisten Erfindungen von Einzelforschern an Hochschulen oder im Privatbereich gemacht, so dominiert heute das industrieeigene Forschungslabor. So stieg in den USA die Zahl der industriellen Forschungs- und Entwicklungslabors von 1910: ca. 100 auf 1960: 5400 an(23). Der geistige Arbeitsprozeß wird so betriebsmäßig organisiert und in Funktionsbereiche aufgegliedert. So etwa in Grundlagen- Anwendungs-, Entwicklungs- und Konstruktionsforschung zerlegt. Die Verwissenschaftlichung der Arbeit drückt sich nicht nur in der Ersetzung der praktischen Handwerker- und Ingenieurserfahrung durch Planung wissenschaftlicher Verfahren in Forschungs- und Entwicklungsinstituten aus, sondern auch zunehmend in der Wissensverarbeitung als organisierter Verwaltungs- und Planungsarbeit. &#8220;Da das Steuerungs- und Kontrollwissen für die ökonomische Position des Unternehmens gegenüber seinen Marktkonkurrenten und für die interne Machtstellung des Managements gegenüber den Beschäftigten zunehmende Bedeutung gewinnt, wird die INFORMATISIERUNG DER WISSENSVERARBEITUNG zu einer unternehmerischen Strategie, sich das lebendige Wissen der Arbeitenden anzueignen und die Erfahrungen und das Gedächtnis einzelner Individuen durch wissenschaftlich verkodete Informationen zu ersetzen, die sich zentral speichern und kontrolliert verteilen lassen&#8221;(24). Die Zentralisierung des Wissens durch die moderne Informationstechnologie ermöglicht dem Management eine Informationshierarchisierung, die die bestehende Trennung von planender, steuernder und kontrollierender sowie ausführender Tätigkeit zementiert und verstärkt.</p>
<h4>III. Technologie, Wissenschaft und abhängig Beschäftigte</h4>
<p>Voraussetzung für die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise sind die Anhäufung von Kapitalfonds, die produktiv eingesetzt werden können und der im Doppelsinn &#8220;freie Lohnarbeiter&#8221;, der, im Gegensatz zum feudal abhängigen leibeigenen Bauern, persönlich frei, Besitzer seiner eigenen Arbeitskraft, seines Arbeitsvermögens ist, andererseits aber auch von eigenen Produktionsmitteln &#8220;befreit&#8221; gezwungen ist, seine Arbeitskraft auf dem Markt als Ware anzubieten. MARX hat diesen mehrere Jahrhunderte dau-</p>
<p>75 &#8212;-</p>
<p>ernden Prozeß der Herausbildung des &#8220;freien Lohnarbeiters&#8221; am Beispiel Englands beschrieben(25). Auch WEBER nennt neben &#8220;Marktfreiheit&#8221;, &#8220;rationaler, d.h. im Höchstmaß berechenbarer und daher mechanisierter Technik&#8221;, &#8220;rationalem Recht&#8221; und &#8220;Kommerzialisierung der Wirtschaft&#8221; vor allem &#8220;Appropriation (Aneignung, d.V.) aller sachlichen Beschaffungsmittel (Grund und Boden, Apparate, Maschinen, Werkzeuge usw.) als freies Eigentum an autonome private Erwerbsunternehmungen&#8221; und &#8220;freie Arbeit, d.h., daß Personen vorhanden sind, die nicht nur rechtlich in der Lage, sondern auch wirtschaftlich genötigt sind, ihre Arbeitskraft frei auf dem Markt zu verkaufen&#8221; als Voraussetzungen des Kapitalismus(26).</p>
<h4>1. Technologischer Wandel, Arbeitsplatzstruktur und Lohnarbeit</h4>
<p>Die Stimulanz der kapitalistischen Produktion ist die Gewinnerwirtschaftung. Es geht also um die Verwertung von Kapital, das zum Subjekt dieser Produktionsweise wird (s.o. Einleitung). Es setzt somit in seinem &#8220;Akkumulationsprozeß&#8221; auch die Arbeitsbedingungen, die es permanent umgestaltet und weiterentwickelt und damit auch die verschiedenen Kategorien von Arbeitern. Das bedeutet Entwicklung von Qualifikationen und Dequalifikationen, die Entstehung neuer und das Verschwinden alter Berufe. Die sich wandelnde Arbeitsteilung und Kooperation der Arbeitenden bietet so die Grundlage ihrer Stratifizierung (Schichtung), Spezialisierung und Professionalisierung im Betrieb. Kam es im Zuge der industriellen Revolution zu einer Nivellierung und Angleichung der Tätigkeit und Qualifikation, was sich, insbesondere in der Textilindustrie, im massiven Einsatz von Frauen- und Kinderarbeit niederschlug, so setzte sich mit der Ausweitung und Differenzierung der Produktion auch eine Hierarchisierung der Arbeit und des Wissens durch: gelernte Facharbeiter, angelernte und ungelernte Arbeiter. In der Industriesoziologie wird der Zusammenhang von technischer Entwicklung und industrieller Arbeit idealtypisch in einem &#8220;Drei-Phasen-Schema&#8221; zusammengefaßt(27): Die 1. Phase der &#8220;handwerklichen Produktion&#8221; ist geprägt durch den idealisierten Facharbeiter, d.h. hochqualifizierte Werkzeug- und Maschinenbedienung, hohe Autonomie und Dispositionsspielräume, vielfältige soziale Interaktion und informelle Kommunikationsmöglichkeiten. Die 2. Phase der &#8220;Maschinen- und Fließbandproduktion&#8221; setzt den umfassenden Maschineneinsatz und arbeitsorganisatorische Rationalisierung durch. D.h. die immer weiter getriebene Zerlegung des Arbeitsprozesses reduziert die Tätigkeit der Maschinen- und Fließbandarbeiter auf immer wiederkehrende und routinisierte Handgriffe (repetitive Teilarbeit), bewirkt geringe Qualifikation, hohe physische und psychische Belastung und kaum Möglichkeit von sozialer Interaktion und Kommunikation. Die 3. Phase der &#8220;automatisierten Produktion&#8221; substituiert menschliche Arbeitskraft durch die Einführung teil- oder vollautomatisierter Maschinensysteme, d.h. die menschliche Tätigkeit konzentriert sich auf Kontrolle, Überwachung, Wartung und Instandhaltung der Produktion, was relativ hohe Qualifikation (wenn auch meist kompli</p>
<p>76 &#8212;-</p>
<p>zierte Angelerntenfunktionen), geringe physische und hohe nervliche Belastung bei guter Regenerations- und Kommunikationsmöglichkeit bedeutet. Im Störfall ist der Dispositionsspielraum zwar gering, bei der Überwachungstätigkeit der Autonomiegrad der Arbeit aber groß. KERN und SCHAUER arbeiten 1978 drei Tendenzen der weiteren Rationalisierung in der Metallindustrie heraus(28):</p>
<p>1. Mechanisierung und Effektivierung vorhandener Einrichtungen</p>
<p>2. Weiterentwicklung von elektronischen Bauelementen</p>
<p>3. Spezielle Rationalisierungsverfahren in der Kleinserienfertigung.</p>
<p>Aus der Sicht der Arbeitsanforderungen sind eine allgemeine Tendenz zur Polarisierung der fachlich-technischen Anforderungen im Sinne von Höherqualifizierung in den der Produktion vor-, neben- und nachgelagerten Bereichen (kleine Gruppe) und Dequalifizierung in der Produktion, d.h. Herabsinken auf Angelerntentätigkeiten (größere Gruppe) festzustellen (s.u.).</p>
<p>Mit der Entfaltung der industriellen Produktion nimmt seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts (Großindustrie, Monopolbildung) auch die Büroarbeit im kaufmännischen, technischen und verwaltenden Sektor des Betriebs zu, was auch zu einem raschen quantitativen Anwachsen der abhängig Beschäftigten, d.h. der Angestellten führt(29). Auch diese Tätigkeit ist der Technisierung und Mechanisierung unterworfen. Historisch bilden sich, wie BAHRDT gezeigt hat(30), das &#8220;Fabrikkontor&#8221; (Aufstiegsmöglichkeiten und geringe Delegation von Unternehmerfunktionen), das &#8220;Vorzimmerbüro&#8221;, das parallel zum industriellen Großbetrieb entsteht (den Teilbereichen der Leitung, Organisation und Verwaltung zugeordnet; gewisse Arbeitsteilung nach den Fachbereichen; beginnende Technisierung und Feminisierung; Entstehung der besonderen Schicht der Büroangestellten) und das &#8220;Großbüro&#8221; heraus (Routinisierte Tätigkeit in Bürosälen; Einsatz einfacher und entwickelter Büromaschinen und differenzierte Arbeitsteilung; restriktive Tätigkeit bei geringer Qualifikation). Nach BRAUN(31) lassen sich drei Phasen der Technisierung der Büroarbeit unterscheiden:</p>
<p>1. Die &#8220;instrumentale&#8221; Phase als Vereinfachung und Effektivierung der routinemäßigen Arbeiten durch Einsatz einfacher Büromaschinen (Schreib-, Rechen- und Vervielfältigungsmaschinen);</p>
<p>2. die Phase der &#8220;Büromaschinen&#8221; im Sinne einer Rationalisierung komplexerer Büroarbeit und Arbeitsteilung nach Erfordernissen dieser Maschinerie (Buchungsmaschinen, einfache Lochkarten- und Hollerithmaschinen);</p>
<p>3. die Phase der &#8220;automatischen und elektronischen Datenverarbeitung&#8221; führt zur Technisierung ganzer Bürokomplexe und erfaßt auch die mittleren und höheren Qualifikationen.</p>
<p>2. Verwissenschaftlichung der Produktion als Taylorismus</p>
<p>Arbeits- und Zeitdisziplin der Beschäftigten ist eine wesentliche Voraussetzung für die</p>
<p>77 &#8212;-</p>
<p>Kontinuität und Berechenbarkeit der Kapitalverwertung, wobei die Kontrolle immer stärker von der persönlichen Beaufsichtigung hin zu ihrer Integration in die Technologie und Arbeitsorganisation verlagert wird. Der amerikanische Ingenieur F.W. TAYLOR hat die verschiedenen Methoden der organisatorischen Rationalisierung zum System der &#8220;wissenschaftlichen Betriebsführung&#8221; zusammengefaßt(32). RAMMERT konstatiert: &#8220;Trotz vieler Kritiken und Verbesserungen durch die modernen Arbeitswissenschaften &#8230; sind die Zwecksetzungen und Prinzipien Taylors auch für die heutige Unternehmenspraxis der Arbeits- und Betriebsrationalisierung richtungweisend&#8221;(33). Die Bedeutung liegt eben darin, daß die organisatorische Rationalisierung vorrangig ein Instrument der Rentabilitätssteigerung bleibt. TAYLOR hat die vier Prinzipien der &#8220;methodischen Betriebsführung&#8221; am Beispiel der Maurertätigkeit herausgearbeitet(34):</p>
<p>1. &#8220;den Aufbau der Wissenschaft des Mauerns mit festen Regeln für jede Bewegung jeden Arbeiters sowie der zweckmäßigsten Vervollkommnung und Normalisierung aller Arbeitsgeräte und Arbeitsbedingungen&#8221;.</p>
<p>2. &#8220;Der sorgfältigen Auswahl der geeigneten Leute und der darauffolgenden Erziehung sowie der Ausschaltung aller jener Leute, denen der gute Wille oder die Fähigkeit fehlt&#8230;&#8221;.</p>
<p>3. &#8220;Der Herbeiführung einer bestimmten Beziehung zwischen den geeigneten Arbeitern und der Wissenschaft durch dauernde Nachhilfe und Überwachung seitens der Betriebsleitung&#8230;&#8221;.</p>
<p>4. &#8220;Einer fast gleichen Verteilung der Arbeit und der Verantwortung zwischen Arbeiter und Leitung&#8221;.</p>
<p>Die Verfeinerung und Ergänzung der Taylorschen Prinzipien führt zu einer &#8220;Kontrollstruktur&#8221;: &#8220;Kontrolle über die räumlich-zeitliche Dimension der Arbeitsverausgabung&#8221; (Festlegung des Ablaufs und Standardisierung der Bewegungen und Zeiten); &#8220;Kontrolle über den fachlich-qualifikatorischen Aspekt des Arbeitsprozesses&#8221; (Rekrutierung spezifisch geeigneter Arbeitskräfte und Anlernung); &#8220;Kontrolle über den arbeitswirtschaftlichen Aspekt des Lohn-Leistungs-Verhältnisses&#8221; (Leistungsabgabesteuerung durch Pensumvorgabe und Lohnanreizsysteme) und &#8220;Kontrolle über die Quellen der politischen Gegenmachtbildung&#8221; (durch Aneignung des Arbeits- und Organisationswissens und ihrer zentralen Steuerung und Koordination durch die Unternehmensleitung)(35).</p>
<h4>3. Die neue Qualität von Automation und Rationalisierung heute und ihre Auswirkungen</h4>
<p>U. BRIEFS hat in einer zusammenfassenden Darstellung gezeigt, daß die mit Mikroelektronik, EDV und Kommunikationstechnologie umschriebenen neuen Formen von Technologie und Organisation zu einer neuen Qualität von Automation und Rationalisierung geführt haben(36). Diese Tendenz läßt sich an Indikatoren des &#8220;technischen Wandels&#8221; von 45 Sektoren der industriellen Produktion (außer Bau- und Energiewirtschaft) aufzeigen. Im Zeitraum von 1970-1977 erhöhte sich die Nettoproduktion um 13,5 Prozent, das Be-</p>
<p>78 &#8212;-</p>
<p>schäftigungsvolumen (Zahl der Beschäftigten multipliziert mit der Arbeitszeit) verminderte sich um 21,3 Prozent; darin drückt sich das Absinken der Beschäftigtenzahlen um 14,5 Prozent (1,246 Millionen Personen) aus. Der potentielle Kapitalkoeffizient dagegen (Kapitaleinsatz je produzierte Einheit) erhöhte sich um 7,1 Prozent, die Produktivität pro Stunde stieg um 44,3 Prozent. Im Bereich der Büro- und Datenverarbeitungsmaschinen stieg im gleichen Zeitraum die Nettoproduktion um 48,9 Prozent, die Beschäftigtenzahlen sanken um 25,8 Prozent, das Beschäftigungsvolumen um 27,5 Prozent, die Produktivität pro Stunde stieg um 105,5 Prozent, der potentielle Kapitalkoeffizient sank um 16,3 Prozent(37). FRIEDRICHS sieht in der Mikroelektronik die &#8220;Schlüsseltechnologie unseres Jahrzehnts&#8221;: Die Möglichkeit ihrer Anwendung ist so vielfältig, daß alle Bereiche der Ökonomie und Gesellschaft in irgendeiner Form betroffen werden; der Preisverfall erfolgt so extrem, daß eine rasche Verbreitung zu erwarten ist (in den frühen 60er Jahren kostete eine Transistorfunktion 100 Pf., heute nur noch 0,1 Pf.). Viele Typen des &#8220;technischen Wandels&#8221; sind in gleicher Weise kapital- und arbeitssparend (Datenverarbeitung, Textverarbeitung, numerisch gesteuerte Maschinen, Industrieroboter, computergestützte Fabrikation, computergestütztes Konstruieren u.a. werden wesentlich billiger werden); war in der Vergangenheit die Automation auf Massenproduktion beschränkt, so werden in Zukunft mikroelektronische Kontroll- und Steuergeräte einen hohen Grad von Elastizität für automatische Produktion in Klein- und mittelgroßen Serien und in kleinen Produktionsstätten ermöglichen. In der Vergangenheit konzentrierte sich &#8220;technischer Wandel&#8221; auf die Produktion, in Zukunft wird die Mikroelektronik auch eine wichtige Rolle in privaten und öffentlichen Verwaltungen und innerhalb der Dienstleistungen spielen (38).</p>
<p>Die Elektronische Datenverarbeitung (EDV) zeichnet sich aus durch eine hohe Rechenund Verarbeitungsgeschwindigkeit, durch Erfassung, Verarbeitung und Speicherung sehr großer Datenmengen, durch die Möglichkeit, Daten und Informationen entsprechend den Notwendigkeiten der jeweiligen Arbeitsprozesse gezielt zu erfassen, zu kombinieren, zu verarbeiten und zu speichern, weiter durch die Möglichkeit, Daten und Informationen über große Entfernungen zu transportieren und zu verarbeiten, ferner durch die Möglichkeit, im Zusammenhang mit Telekommunikation und anderen Technologien komplexe Informationssysteme, Datenbanken, Netzwerke von Computern u.a. Informationsverarbeitungsgeräten usw. aufzubauen (auch die DV-Geräte verbilligen sich weiter: von 1970 bis 1978 sank der Preisindex von 100 auf 82,6 Punkte). Die neuen Technologien bilden tendenziell eine komplexe Infrastruktur aus: Die INTEGRATION von unterschiedlichen technischen Systemen wie EDV, Werkzeugmaschinen, Geräten zur Nachrichtenübermittlung, Bürotechnologien etc. führt mehr und mehr zu teil- und schließlich zu vollautomatischen Gesamtprozessen, die als einheitliche Gebilde zu steuern und zu kontrollieren sind: Die Bildung von komplexen HIERARCHIEN von Systemkomponenten, d.h. eine Zentralanlage steuert mehrere andere Computer, von denen wiederum größere Zahlen von Geräten an den einzelnen Arbeitsplätzen gesteuert werden. BRIEFS verweist darauf, daß zwar einer-</p>
<p>79 &#8212;-</p>
<p>seits am Arbeitsplatz mehr maschinenunterstützte Verarbeitungskapazität, mehr Zugang zu gespeichertem Wissen, mehr Möglichkeiten zum planmäßigen Umgang mit Arbeitsobjekten zur Verfügung gestellt werden, andererseits aber gleichzeitig die Verhältnisse in den Betrieben im Interesse der Betriebsleitungen neu durchdacht, gestaltet und strukturiert werden (Einerseits Einsatz von zahlreichen spezialisierten kleinen Geräten &#8211; Mikrocomputer &#8211; für die Automation in Betrieb und Büro, andererseits Entfaltung flächendeckender Computernetze).</p>
<p>BRIEFS hat die sozialen Auswirkungen der Durchsetzung der neuen Technologien herausgearbeitet:</p>
<p>a) MASSENARBEITSLOSIGKEIT: In den nächsten 10 bis 15 Jahren werden 10 Millionen, d.h. die Hälfte aller Arbeitsplätze erfaßt. Es wird geschätzt, daß 30 Prozent aller Arbeitsplätze der Banken und Versicherungen wegfallen und 25 Prozent aller Arbeitsplätze im Einzelhandel. Im Öffentlichen Dienst können &#8211; laut Siemensstudie &#8211; 72 Prozent aller Tätigkeiten formalisiert und 38 Prozent automatisiert werden. Die IBM schätzt, daß allein von der Ausbreitung der CAD/CAM-Systeme 1,1 Millionen Arbeitsplätze in der Bundesrepublik Deutschland betroffen werden. Im gewerblichen Bereich sind allein 700.000 Arbeitsplätze durch den Einsatz von Mikroprozessoren und Mikrocomputern bedroht.</p>
<p>b) AUSWIRKUNGEN AUF DIE QUALIFIKATIONS- UND ARBEITSBEDINGUNGEN: 1. Polarisierung der Qualifikationen: Auf der einen Seite werden kleine Gruppen im Sinne besserer Qualifikationen und Entfaltungsmöglichkeiten begünstigt. EDV-Spezialisten, technische und kaufmännische Fachkräfte oft mit Doppelqualifikation, vielfach mit Hochschulausbildung, Organisationsfachkräfte und &#8220;Berater&#8221;, Teile des Managements und der Stabsspezialisten, Teile der Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, Dokumentationsspezialisten u.a. Allerdings sind diese Positionen einem verstärkten Qualifikationsdruck ausgesetzt. Auf der anderen Seite werden große Teile der Beschäftigten dequalifiziert, ihre Kenntnisse und Erfahrungen werden entwertet. Die traditionellen qualifizierten Sachbearbeiter werden zu Bürohilfsarbeitern, die Facharbeiter zu Angelernten. 2. Verschärfung der Arbeitsbedingungen: Die Anwendung der analytischen Arbeitsplatzbewertung, wie MTM-Verfahren u.a., und die darauf aufbauenden Organisationsanalysen führen zur Bürokratisierung und Routinisierung der Tätigkeiten, die Zerstückelung zur repetitiven Teilarbeit mit der allgemeinen Auswirkung einer Intensivierung der Arbeit.</p>
<p>c) VERSCHÄRFTE ÜBERWACHUNG UND KONTROLLE IN BETRIEB UND BÜRO: 1. Kontrolle durch die Steuerungssysteme der Datenverarbeitung. Die Erfassung der Arbeitsplätze durch die Netzwerke aus Computern, Bildschirmgeräten und anderen Terminals machen die jeweilige Tätigkeit transparent und kontrollierbar, etwa durch &#8220;Buch führen&#8221; der einzelnen Tätigkeiten am Bildschirm. 2. Kontrolle durch Personal-Informations-Systeme. Die bisher entwickelten Systeme können mehr als tausend Informationen je Beschäftigten erfassen und damit ein bisher nicht vorstellbares Maß von Kontrolle erreichen. D.h. es wird neben dem Leistungsverhalten im Betrieb auch ansatzweise das außerbetriebliche</p>
<p>80 &#8212;-</p>
<p>Verhalten der Beschäftigten erfaßt. Insbesondere die Personaleinsatzplanung wird durch die Erstellung der individuellen Leistungs- und Persönlichkeitsprofile effektiviert. 3. Kontrolle im Zuge der wissenschaftlichen Rationalisierung: Methoden mathematischer Programmierung und Simulation eröffnen neue wissenschaftliche Rationalisierungsmöglichkeiten. So werden aus den Informationssystemen die Ausgangsinformationen für Planungen und Rationalisierungskonzepte bereitgestellt und computergestützte Modelle und Rechenverfahren dienen der Durchführung und Durchrechnung der Planung selbst(39).</p>
<p>d) VERÄNDERUNG DES GRUNDCHARAKTERS DER ARBEIT: Neben der schon genannten dauerhaften und massenhaften Arbeitslosigkeit, der Beschäftigungsunsicherheit und Existenzbedrohung kommt es zur Zersetzung der traditionellen Vorstellungen über den Beruf, d.h. Sinn und Perspektive der Arbeit wird zunehmend in Frage gestellt, der Job und die Beschäftigung unter der eigenen Qualifikation setzt sich durch. Die aktiven und gestaltenden Momente der Arbeit werden zugunsten passiver Anforderungen zurückgedrängt. Die traditionelle Bindung an die Arbeit und ihre Inhalte (und die damit verbundene Selbstbestätigung) bei Facharbeitern und angestellten Sachbearbeitern löst sich auf. Die Spannungen zwischen den von dieser Entwicklung Begünstigten und der Mehrzahl der negativ Betroffenen steigen. Die Atomisierung der Beschäftigung durch den Kommunikationsverlust in der Arbeit bzw. durch den Trend hin zur technisch vermittelten Kommunikation verschärft die negative Entwicklung. &#8220;Die Zerstörung vieler traditioneller Qualifikationen und möglicherweise des traditionellen Berufs- und Qualifikationsbegriffs überhaupt führt nicht zur Bildung eines neuen Qualifikationsbegriffs, sondern setzt an dessen Stelle ein Sammelsurium von Fähigkeiten und Kenntnissen, das gerade nicht die Herausbildung eines besseren Gesamtverständnisses und einer verbesserten Gesamtfähigkeit der Beschäftigten zur aktiven Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt ermöglicht&#8221;(40).</p>
<p>Es bleibt die Frage, ob in dem hier skizzierten Prozeß nicht auch Ansätze für neue, höherwertige Qualifikationen &#8211; über den kleinen privilegierten Stamm hinaus &#8211; geschaffen werden. BRIEFS bejaht das als Möglichkeit; im Gegensatz zu den benannten sozialen Auswirkungen gebe es auch Tendenzen, die auf die Schaffung und Weiterentwicklung neuer Qualifikationen verweisen. Die schon benannten &#8220;Doppelqualifikationen&#8221;, also die Verbindung von Kenntnissen über die Produktions- und Verwaltungsprozesse mit Kenntnissen über die informationstechnologischen Systeme, könnten auf alle Beschäftigten ausgedehnt werden. Ein breites Wissen über die neuen Technologien könnte vermittelt werden. BRIEFS fragt: &#8220;Wäre es nicht möglich, auf diesem Wege einen Massenprozeß der ständigen Erneuerung und Verbesserung der Produktionsbedingungen durch die Beschäftigten selbst in ihrem eigenen Interesse entstehen zu lassen, einen Prozeß, der zugleich die gewaltigen schöpferischen Kräfte der Massen mobilisieren und ihnen Möglichkeiten für eine vielseitige Entfaltung in der Arbeit geben würde?&#8221; Könnte nicht die &#8220;Universalität und Komplexität&#8221; der neuen Technologien mit einer Vermittlung von ebenso komplexen und universalen Kenntnissen korrespondieren? Doch die bezeichneten Möglichkeiten werden sich,</p>
<p>81 &#8212;-</p>
<p>so BRIEFS, unter den bestehenden gesellschaftlich-ökonomischen Verhältnissen kaum verwirklichen können: &#8220;Tatsachlich bilden sich quer zur vorherrschenden Tendenz der Entwertung menschlicher Arbeit gewisse Hinweise für neue Qualifikationselemente und neue Herausforderungen für die Entwicklung und Ausbreitung von besseren Formen menschlicher Beherrschung der neuen Technologien heraus. Diese werden jedoch unter den gegebenen Bedingungen der chaotischen kapitalistischen Produktionsweise nur partiell, fragmentarisch, ohne ganzheitlichen Charakter und ohne innere Logik entwickelt. Die positiven Tendenzen werden nur unzureichend genutzt, sie werden vergeben, deformiert oder sogar pervertiert&#8221;(41).</p>
<h4>Exkurs: Zur &#8220;Humanisierung der Arbeit&#8221;(42)</h4>
<p>In der Diskussion um eine Humanisierung der Arbeit geht es um eine Verbesserung, eine Vermenschlichung der Arbeitsbedingungen. Hier drückt sich, wie WIENDIECK betont, die &#8220;Diskrepanz zwischen Arbeitsrealität und Arbeitshoffnung&#8221;(43) aus. Die Ansprüche an eine humanere Arbeit beziehen sich allgemein auf vier Ebenen:</p>
<p>1. Konkrete Bedingungen am Arbeitsplatz (Belastung, Handlungsspielraum, Unfallgefahr, Arbeitstempo usw.); 2. Situation in der Institution und dem Herrschaftsverband Betrieb (Kooperationsmöglichkeiten, Herrschaftsverhältnisse, Anerkennung und Aufstiegsmöglichkeiten, Betriebsklima usw.); 3. Lage der abhängig Beschäftigten auf dem Arbeitsmarkt (Betriebsbindung, berufliche Karrieremöglichkeiten, Bedeutung sozialer Merkmale wie Alter, Geschlecht, Nationalität usw.); und 4. Einfluß von Arbeitsbedingungen auf die Freizeit (etwa Bedeutung von Arbeitszeitregelung und Arbeitsbelastungen auf die Möglichkeiten von Freizeitgestaltung).</p>
<p>Der verschärfte betriebliche Rationalisierungsdruck hat die Diskussion vor allem auf die erste Ebene bezogen. Das 1974 angelaufene Forschungsprogramm &#8220;Humanisierung der Arbeitswelt&#8221; der Bundesregierung ist aus der Sicht der Gewerkschaften letztlich gescheitert. Während die Unternehmerverbände eine mangelnde wirtschaftliche Rationalität des Programms kritisieren, verweisen die Gewerkschaften auf seine mangelnde Umsetzungskapazität: die &#8220;Humanisierung&#8221; erscheint als &#8220;Fortsetzung der Rationalisierung mit anderen Mitteln&#8221;.</p>
<p>Die &#8220;Humanisierung der Arbeit&#8221; bleibt letztlich ein Nebenprodukt der technologischen Entwicklung. Etwa dort, wo die Zerstückelung der Arbeit so weit vorangetrieben wurde, daß eine weitere Steigerung der Arbeitsproduktivität und -effektivierung nicht mehr möglich war, wird auf Methoden der Ausweitung und Anreicherung der Tätigkeit oder Gruppenarbeit zurückgegriffen. (So beim Paradebeispiel Volvo.) Typen solcher neuen Formen von Arbeitsorganisation sind: 1.&#8221;Job-Rotation&#8221;: Arbeitsplatzwechsel durch systematisches Rotieren; 2. &#8220;Job-Enlargement&#8221;: Vergrößerung der individuellen Arbeitsaufgaben am Arbeitsplatz; 3. &#8220;Job-Enrichment&#8221;: Vergrößerung der individuellen Arbeitsaufgaben und ihre Verselbstän-</p>
<p>82 &#8212;-</p>
<p>digung; 4.&#8221;Teilautonome Gruppen&#8221;: Übertragung von Entscheidungen in die Kompetenz der zuständigen Gruppe.(44)</p>
<h4>IV. Formen der Qualifikation</h4>
<p>Der Arbeitende muß, um den Anforderungen eines spezifischen Arbeitsplatzes nachkommen zu können, eine entsprechende Qualifikation besitzen, eben die hier geforderten Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Zwar ist die jeweilige Qualifikation formal durch den Berufsbildungsabschluß bestimmt, doch konkret wird sie vielfach durch betriebsspezifische Qualifizierung und Berufserfahrung ergänzt und modifiziert. Die Qualifikationsanforderungen eines bestimmten Arbeitsplatzes hängen von den arbeitsorganisatorisch zugeordneten Teilfunktionen, d.h. dem Grad der Arbeitszerlegung und von der Art der Arbeitsmittelausstattung, d.h. dem Grad der Mechanisierung ab. SCHUMM unterscheidet zwischen beruflichfachlichen und normativen Qualifikationen.(45) Die technisch-organisatorischen Qualifikationen umfassen drei zusammenhängende Ebenen:</p>
<p>1. Anforderungen an &#8220;sensumotorisches Verhalten&#8221; (präziser Umgang mit Werkzeugen, Bewegungssicherheit, Fingerfertigkeit);</p>
<p>2. Anforderungen an &#8220;perzeptiv-routinisiertes Verhalten&#8221; (Materialgefühl, Sensibilität für</p>
<p>optische, akustische und taktile Wahrnehmung) und</p>
<p>3. Anforderungen an &#8220;diagnostisch-planendes Verhalten&#8221; (Planung von Montageschritten, Suchvorgänge bei Störungen). Die normativen Qualifikationsanforderungen umfassen &#8220;die Gesamtheit aller motivational geprägten und an Wertvorstellungen gebundenen Einstellungen, die zu erfüllen von Beschäftigten erwartet wird, wenn Tätigkeiten im Rahmen einer bestimmten gesellschaftlichen Organisation der Arbeit ohne ständigen äußeren Zwang ausgeführt werden sollen&#8221;.(46) Wobei die Ambivalenz normativer Qualifikationen im Widerspruch der Anforderungen an Anpassungsbereitschaft und eigenständigem Handeln liegt. Wir werden uns im weiteren auf die beruflich-fachliche Qualifikation beschränken.</p>
<p>In der Diskussion um die Entwicklung von Qualifikation ist zu unterscheiden zwischen den Qualifikationsanforderungen eines Arbeitsplatzes und der Qualifikation eines Individuums die sein Arbeitsvermögen bestimmt, denn gerade im möglichen Auseinanderfallen der beiden Momente liegt die Problematik beruflicher Qualifizierung, also die Frage individueller Entwertung von Qualifikationen, der Anpassung an neue Bedingungen durch Umschulung oder Weiter- und Neuqualifizierung. Vor allem zeigt sich hier auch die Problematik der Koordination von Bildungssystem und Beschäftigungssystem, auf das unten noch zurückzukommen ist.</p>
<p>KERN UND SCHUMANN haben für den Produktionsbereich die These von einer Polarisierung von Qualifikationsanforderungen im Zuge der technologischen Umwälzung entwickelt.(46) Der technische Fortschritt führt nicht zu einer allgemeinen höheren Qualifizierung der Tätigkeiten, sondern zu einer Differenzierung der Gesamtgruppe der Industriearbeiter.</p>
<p>83 &#8212;-</p>
<p>Nur für eine kleinere Anzahl erhöhen sich die Anforderungen an Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten (wie etwa Instandhaltungsarbeit und Meßwartentätigkeit); während es bei der Mehrheit zu einer Verringerung der Anforderungen und wachsender Restriktivität der Arbeit kommt (Repetitive Teilarbeiten und Automatenkontrolle). Auch im Bereich der Büro- und Verwaltungstätigkeiten ist diese Polarisierung der Anforderungen festgestellt worden.(48)</p>
<p>Die Polarisierungsthese ist sehr kontrovers diskutiert worden, wobei bisher nicht endgültig entschieden werden konnte, ob sie einen säkularen Trend oder eher eine Übergangsphase darstellt. Wenn im Zuge der Automatisierung die Arbeitsplätze mit geringen Anforderungen wegrationalisiert werden, also verschwinden, erhebt sich im Sinne einer Requalifizierungsthese das Niveau der verbliebenen Arbeitsplätze, so die Argumentation der &#8220;PROJEKTGRUPPE AUTOMATION UND QUALIFIKATION&#8221;.(49) Bei verringertem Personaleinsatz erhöht sich die Flexibilität im Einsatz des verbliebenen Personals.(50) Demgegenüber vertritt BRAVERMAN die These vom Trend zur Dequalifizierung durch fortschreitende Taylorisierung und Abtrennung der geistigen Potenzen der Arbeit. Der qualitative Unterschied zeigt sich etwa darin, daß ein gelernter Maschinenschlosser eine vierjährige Lehre benötigt, um seine Grundausbildung zu erhalten, während der Bediener einer numerisch gesteuerten Maschine in vier Monaten ausgebildet wird. Entscheidend aber bleibt, daß die abhängig Beschäftigten keinen Einfluß auf die Entwicklung der Qualifikationsanforderungen im Betrieb haben und damit auch allein das Risiko der Entwertung der erworbenen Qualifikationen tragen. LITTEK verweist darauf, daß die &#8220;betriebliche Personalpolitik &#8230; im Zuge der organisatorisch-technischen Rationalisierung prinzipiell bestrebt (ist), sich von der Notwendigkeit des Einsatzes hoher Qualifikationen zu befreien&#8221;.(51)</p>
<h4>V. Ausblick</h4>
<p>KERN UND SCHUMANN versuchen in einer neuen Nachfolgeuntersuchung zu ihrer Studie über &#8220;Industriearbeit und Arbeitsbewußtsein&#8221; (siehe weiter oben) eine Prognose der weiteren Entwicklung zu geben. (52) Neben den krisenbestimmten Branchen wie Stahl- und Werftindustrie,die massenhafte Arbeitslosigkeit hervorbringen, existieren noch &#8220;funktionierende Kernbereiche&#8221;, wie Autoindustrie, Werkzeugmaschinenbau, Großchemie, die differenzierter zu sehen sind. Neben der auch von ihnen konstatierten Wegrationalisierung und &#8220;Freisetzung&#8221; der wenig Qualifizierten durch die neuen Technologien entsteht auch eine Tendenz der Requalifizierung und Reprofessionalisierung in Gestalt des &#8220;Produktionsfacharbeiters&#8221;. &#8220;Das darf man sich nicht als schlichte Rückkehr zu den Berufsprofilen der Vergangenheit vorstellen, zu jenen &#8220;Professionisten&#8221;, die den Arbeitskörper vor allem der Metallindustrie vor 70 Jahren bestimmten und die in den klassischen handwerklichen Metallberufen noch rudimentär fortbestehen. &#8220;Produktionsfacharbeiter&#8221; kann in unserem Zusammenhang nur eine Arbeitskraft bedeuten, die in einem organisierten mehrjährigen Lernprozeß ausbau-</p>
<p>84 &#8212;-</p>
<p>fähige Grundkenntnisse über die Technisch-physikalischen-chemischen Funktionsprobleme moderner Produktionsprozesse erworben hat und die durch Gebrauch dieser Fähigkeiten einen wichtigen Beitrag zum optimalen Betrieb neuer Produktionssysteme leistet. In Status und Entlohnung werden solche industriellen Produktionsfacharbeiter den Handwerkern alter Art auf Dauer gleichgestellt werden, in Qualifikationsinhalten und Funktionen unterscheiden sie sich gewaltig von ihnen.&#8221;(53) KERN UND SCHUMANN unterscheiden vier ihnen wesentlich erscheinende Gruppen von Arbeitern: Die genannten Produktionsfacharbeiter in den industriellen Kernbereichen als &#8220;Rationalisierungsgewinner&#8221;; die &#8220;Rationalisierungsdulder&#8221; mit einem traditionalen Arbeitsplatz im Kernbereich, die in der dauernden Gefahr stehen &#8220;ausgefiltert&#8221; zu werden; die Arbeiter der krisenbestimmten Branchen ohne Perspektiven und die Arbeitslosen, deren Chance schwindet, überhaupt noch einmal in den Produktionsbereich hineinzukommen. Als Fazit wird formuliert: &#8220;Seit den unmittelbaren Nachkriegsjahren sind noch nie die Lageunterschiede innerhalb der Arbeiterschaft so groß gewesen wie jetzt. Wenn das Wort von den disparitären Lebensverhältnissen je einen Sinn gehabt hat, so jetzt. Für die Unternehmer heißt dies allemal &#8220;teile und herrsche&#8221;, also relativ leichtes Spiel&#8230;. Vernünftigerweise kann auch niemand das negative Moment leugnen, daß die neuen Produktionskonzepte nicht nur vorhandene Differenzierungslinien verfestigen, sondern mit der ungleichgewichtigen Verteilung der Rationalisierungslasten auch einen gesellschaftspolitisch höchst problematischen Zug aufweisen. Unter diesem Blickwinkel ist Segmentierung gleichsam die moderne Variante der Polarisierung.&#8221;(54)</p>
<h4>ANMERKUNGEN</h4>
<p>(1) Max Weber: Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. München und Hamburg 1965, S. 18-19</p>
<p>(2) Max Weber: Wissenschaft als Beruf. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. Tübingen 1968, S.609. Siehe hierzu Johannes Weiß, M. Weber: Die Entzauberung der Welt. In: Grundprobleme der großen Philosophen, hrsg. v.J. Speck, Bd. IV Philosophie der Gegenwart, Göttingen 1981.</p>
<p>(3) Karl Marx :Das Kapital Bd.1, MEW Bd. 23. Berlin 1962, S.28. Marx entfaltet die Logik des Prozesses der Verschleierung der menschlichen Verhältnisse in den drei Bänden des &#8220;Kapital&#8221;. Siehe hierzu im einzelnen Elmar Treptow: Die Entfremdungstheorie bei Karl Marx. München 1978.</p>
<p>(4) Marx, ebenda. S.377. Dabei verweist Marx auf einen bis heute existierenden Widerspruch: &#8220;Dasselbe bürgerliche Bewußtsein, das die manufakturmäßige Teilung der Arbeit, die lebenslängliche Annexation des Arbeiters an eine Detailverrichtung und die unbedingte Unterordnung der Teilarbeiter unter das Kapital als eine Organisation der Arbeit feiert, welche ihre Produktivkraft steigere, denunziert daher ebenso laut jede bewußte gesellschaftliche Kontrolle und Regelung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses als einen Eingriff in</p>
<p>85 &#8212;-</p>
<p>die unverletzlichen Eigentumsrechte, Freiheit und sich selbst bestimmende &#8216;Genialität&#8217; des industriellen Kapitalisten. Es ist sehr charakteristisch, daß die begeisterten Apologeten des Fabriksystems nichts Ärgeres gegen jede allgemeine Organisation der gesellschaftlichen Arbeit zu sagen wissen, als daß sie die ganze Gesellschaft in eine Fabrik verwandeln würden&#8221;. Ebda, S. 377.</p>
<p>(5) MAX SCHELER: Die Wissensformen und die Gesellschaft. Bern 1960, S. 92.</p>
<p>(6) WOLFGANG KROHN: Zur soziologischen Interpretation der neuzeitlichen Wissenschaft.</p>
<p>In: Edgar Zisel: Die sozialen Ursprünge der neuzeitlichen Wissenschaft. Ffm. 1976, S. 13.</p>
<p>(7) ebda, S. 13.</p>
<p>(8) ebda.</p>
<p>(9) Ebda, S. 18-23.</p>
<p>(10) Ebda, S. 21. &#8220;Seit dieser Zeit verzichten Politik und Theologie darauf, Wissenschaft zu verfolgen, sofern sie sich in den engen Grenzen eines Natur- und Technikverständnisses aufhält, das die Problematisierung sozialer Verhaltnisse ausschließt. Diese restriktive Definition der Wissenschaft beseitigt die emanzipatorischen Ansprüche, die bis ca. 1650 geradezu selbstverständlich mit ihr verbunden waren&#8221;.</p>
<p>(11) WOLFGANG BÜCHEL: Gesellschaftliche Bedingungen der Naturwissenschaft, München 1975.</p>
<p>(12) Ebda, S. 52-53.</p>
<p>(13) Als günstige Bedingungen erwiesen sich: 1. Die Verlagerung des kulturellen Lebens von Klöstern und Ritterburgen in die Städte und damit Überwindung der religiösen und militärischen Dominanz. 2. Technische Neuerungen in Produktion und Militärwesen stimulieren naturwissenschaftliche Fragestellungen. 3. Aushöhlung der traditionalen Autoritäten und des sozialen Gefüges durch individualistischen Wettbewerb im Zuge der sich durchsetzenden Warenproduktion. 4. Ökonomische und technische Rationalität bereiten den Boden für das neuzeitliche naturwissenschaftliche Denken.</p>
<p>(14) Ebda, S. 54-55.</p>
<p>(15) &#8220;Mit der Vergrößerung der Nachfrage nach den Produkten der chemischen und der Eisen- und Stahlindustrie erreichten die Produktionsanlagen eine kritische Größenordnung, die zu neuen Verfahrensproblemen führte, welche nicht einfach durch das herkömmliche Ausprobieren gelöst werden konnten. Ihre Lösung erforderte eine genaue THEORETISCHE ERKENNTNIS der chemischen Eigenschaften und der thermodynamischen Reaktionsweisen der Stoffe unter verschiedenen Bedingungen, wie sie die wissenschaftlichen Disziplinen der Chemie und Physik anboten und wie sie in der chemischen Verfahrenstechnologie systematisiert wurden&#8221;. WERNER RAMMERT: Verwissenschaftlichung der Arbeit: Industrialisierung der Wissensproduktion und der Informationsverarbeitung. In: W. LITTEK u.a. (Hrsg.): Einführung in die Arbeits- und Industriesoziologie. Ffm. &#8211; New York 1982, S. 77.</p>
<p>(16) Siehe hierzu ERNST MICHEL: Sozialgeschichte der industriellen Arbeitswelt. Ffm.</p>
<p>1947. Karl Marx hat im 1. Band des &#8220;Kapital&#8221; die Entwicklungsformen kapitalistischer</p>
<p>86 &#8212;-</p>
<p>Produktion vom Verlag über die Manufaktur bis zur Fabrik verfolgt und im einzelnen analysiert.</p>
<p>(17) KARL A. WITTFOGEL: Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Hannover 1977, S. 233-34.</p>
<p>(18) Die Manufaktur hat nicht die umfassende Bedeutung bekommen wie das Handwerk, der Verlag und die Fabrik; sie ist aber als logisches Zwischenglied zwischen handwerklicher und maschineller Produktion wichtig.</p>
<p>(19) MARX: Das Kapital Bd.1, S. 445 und 407.</p>
<p>(20) WERNER RAMMERT: Kapitalistische Rationalität und Organisierung der Arbeit. In: W. LITTEK u.a. (Hrsg.): Einführung&#8230;, a.a.O., S. 45-46.</p>
<p>(21) WERNER SOMBART: Der moderne Kapitalismus, Bd. 3, München und Leipzig 1928, S. 80.</p>
<p>(22) RAMMERT: Verwissenschaftlichung&#8230;, a.a.O., S. 79-80. &#8220;Die Nutzung der Wissenschaften für den Produktionsprozeß führte seit Beginn des 20. Jahrhunderts zur Entstehung und schnellen Ausbreitung ganz neuer Industriezweige, die eng mit bestimmten wissenschaftlichen Entdeckungen verbunden sind, besonders in der Elektrotechnologie (Telegraph, Telefon, Glühbirne, Radio, Fernsehen, Haushaltsgeräte, Büromaschinen, Computer, Kernkraftwerke), in der chemischen Industrie (Benzin, Anilinfarben, Pharmaka, Gummi, Plastik,Kunstfasern, synthetische Waschmittel, Margarine) und in der Stahl-, Maschinen- und Fahrzeugbauindustrie (Edelstähle, Aluminium, Benzinmotor, Diesellokomotive, Propellerflugzeug, Turbine, Raketenantrieb)&#8221;.</p>
<p>(23) Nach SILK und BIRR, zitiert bei RAMMERT, a.a.O., S. 80.</p>
<p>(24) RAMMERT, a.a.O., S. 83.</p>
<p>(25) MARX: Das Kapital Bd.1, Kap. 24. Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, S. 741-91.</p>
<p>(26) MAX WEBER: Wirtschaftsgeschichte. München und Leipzig 1923, S. 239-40.</p>
<p>(27) R. BLAUNER: Alienation and Freedom. Chicago 1964; J. BRIGHT: Automation and Management. Boston 1958; A. Touraine: L&#8217;évolution du travail, ouvriers aux usines Renault. Paris 1955. Siehe auch: A. OPPOLZER: Hauptprobleme der Industrie- und Betriebssoziologie. Köln 1976.</p>
<p>(28) H. KERN und H. SCHAUER: Rationalisierungs- und Besitzstandssicherung in der Metallindustrie. In: Gewerkschaftliche Monatshefte 5/1978, S. 272-76.</p>
<p>(29) Siehe zur Angestelltenproblematik generell SIEGFRIED BRAUN: Zur Soziologie der Angestellten, Ffm. 1964.</p>
<p>(30) H.P. BAHRDT: Industriebürokratie. Stuttgart 1958.</p>
<p>(31) BRAUN, a.a.O.</p>
<p>(32) Siehe hierzu die ausführliche Darstellung bei HARRY BRAVERMAN: Die Arbeit im modernen Produktionsprozeß, Ffm. &#8211; New York 1977, Kap. 4: Wissenschaftliche Betriebsführung.</p>
<p>87 &#8212;-</p>
<p>(33) RAMMERT: Kapitalistische Rationalität, a.a.O., S. 51. Auch BRAVERMAN hebt die Bedeutung des Taylorismus hervor: &#8220;Trotz vieler Kritiken und Verbesserungen durch die modernen Arbeitswissenschaften seit Erscheinen der beiden Hauptwerke &#8230; sind die Zwecksetzungen und Prinzipien Taylors auch für die heutige Unternehmenspraxis der Arbeits- und Berufsrationalisierung richtungsweisend&#8221;, BRAVERMAN a.a.O., S. 74-75.</p>
<p>(34) F.W. TAYLOR: Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung. München und Berlin 1919, S. 89-90.</p>
<p>(35) RAMMERT, a.a.O.</p>
<p>(36) ULLRICH BRIEFS: Arbeiten ohne Sinn und Perspektive? Köln 1980. Ich stütze mich im wesentlichen auf diese m.E. bisher umfassendste und beste Gesamtdarstellung zur Automations- und Rationalisierungsproblematik. Der Band enthält auch ein umfassendes Literaturverzeichnis.</p>
<p>(37) GÜNTHER FRIEDRICHS: Mikroelektronik &#8211; eine neue Dimension von technischem Wandel und Automation. In: Gewerkschaftliche Monatshefte 4/1980.</p>
<p>(38) FRIEDRICHS, a.a.O., S. 279.</p>
<p>(39) BRIEFS verweist hier auch auf die Bedeutung der neuen Technologien für politische Kontrollmöglichkeiten (ungeheure Verbundmöglichkeiten und geringe Transparenz), a.a.O., S. 85-90.</p>
<p>(40) BRIEFS, a.a.O., S. 95.</p>
<p>(41) Ebda, S. 97.</p>
<p>(42) Siehe hierzu G. WACHTLER: Humanisierung der Arbeit und Industriesoziologie. Stuttgart 1979.</p>
<p>(43) GERD WIENDIECK: Humanisierung der Arbeitswelt. In: Handwörterbuch der Betriebspsychologie und Betriebssoziologie, hrsg. von P.G. von Beckerath, P. Sauermann und G. Wiswede. Stuttgart 1981, S. 200.</p>
<p>(44) Hierzu im einzelnen WACHTLER, a.a.O., S. 128-139.</p>
<p>(45) WILHELM SCHUMM: Sozialisation durch Arbeit. In: LITTEK u.a. (Hrsg.): Einführung &#8230;, a.a.O., S. 250-258.</p>
<p>(46) SCHUMM, a.a.O., S. 255.</p>
<p>(47) HORST KERN und MICHAEL SCHUMANN: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein. Frankfurt 1970. Hierzu auch O. MICKLER u.a.: Technik, Arbeitsorganisation und Arbeit. Frankfurt 1976.</p>
<p>(48) Siehe hierzu etwa U. JAEGGl und H. WIEDEMANN: Der Angestellte in der Industriegesellschaft. Stuttgart 1966, und W. KUDERA u.a.: Betriebliche Rationalisierung und Angestellte. Köln 1979.</p>
<p>(49) Projektgruppe Automation und Qualifikation: Theorien über Automationsarbeit. Berlin 1978.</p>
<p>(50) 0. MICKLER und M. SCHUMANN, in SOFI-Mitteilungen Nr. 3, Ffm 1980.</p>
<p>(51) W. LITTEK: Arbeitssituation und betriebliche Arbeitsbedingungen. In: derselbe u.a.</p>
<p>88 &#8212;</p>
<p>(Hrsg.): Einführung&#8230;, a.a.O., S. 131.</p>
<p>(52) HORST KERN und MICHAEL SCHUMANN: Ein Stachel im Fleisch der Rationalisierungsgewinner, Teil I und II. In: Frankfurter Rundschau v. 10. und 12.3.1984, S. 10 und 14. Nach Abschluß dieses Manuskripts wurde die Untersuchung publiziert: HORST KERN/MICHAEL SCHUMANN: Das Ende der Arbeitsteilung? München 1985.</p>
<p>(53) Ebda, S. 14.</p>
<p>(54) Ebda.</p>
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