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	<title>krisis &#187; »Alltag und Wahn«</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Oben bleiben. Weiter gehen</title>
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		<pubDate>Sun, 26 Sep 2010 09:35:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Naturverhältnis und Ökologie]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Emanzipation und Frieden]]></category>

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		<description><![CDATA[Jeder vernünftige Mensch ist gegen Stuttgart 21 Emanzipation und Frieden Jeder vernünftige Mensch ist gegen Stuttgart 21. Doch nicht jedes Argument gegen S21 ist vernünftig. Es ist z.B. vernünftig zu sagen, das Geld solle besser für dringende soziale Bedürfnisse ausgegeben werden. Falsch ist es jedoch, S21 „volkswirtschaftlichen Irrsinn“ zu nennen (so z.B. U. Maurer von [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Jeder vernünftige Mensch ist gegen Stuttgart 21</h3>
<p><em>Emanzipation und Frieden</em></p>
<p>Jeder vernünftige Mensch ist gegen Stuttgart 21. Doch nicht jedes Argument gegen S21 ist vernünftig. Es ist z.B. vernünftig zu sagen, das Geld solle besser für dringende soziale Bedürfnisse ausgegeben werden. Falsch ist es jedoch, S21 „volkswirtschaftlichen Irrsinn“ zu nennen (so z.B. U. Maurer von der Linkspartei). Denn dieses &#8212; zweifelsohne irrsinnige &#8212; Projekt macht wirtschaftlich durchaus Sinn. Und das ist der Kern des Problems.<span id="more-4470"></span></p>
<p>Es ist verrückt, wegen 15 oder 30 Minuten „Zeitersparnis“ kilometerlange Tunnel in risikoreiche geologische Strukturen unter einer Stadt zu fräsen. Es ist irrsinnig, riesige Mittel dafür aufzuwenden, „dass die Züge an der Geislinger Steige nicht mehr herunterbremsen müssen“ (www.das-neue-herz-europas.de), während Schulgebäude bröckeln, Universitäten Gebühren eintreiben, Arbeitslose in die Armut geschickt werden und in Krankenhäusern Patienten sterben, weil nicht genügend Personal da ist. Doch nicht ein paar Spinner an den Schalthebeln der Macht sind die eigentliche Ursache dieses Irrsinns. Die ganze Gesellschaft wird von einem zerstörerischen Wachstums- und Geschwindigkeitswahn beherrscht. Dabei mangelt es noch nicht einmal an der Einsicht, dass es „eigentlich“ so nicht weitergehen kann. Doch es ist kein Zufall, dass noch nirgendwo wirkliche Konsequenzen gezogen wurden. Man kann tausendmal verstanden haben, wie gefährlich Atomkraftwerke sind &#8211; wenn man dort sein Geld verdient, hat man ein Problem. Man kann hundert Prozent verstehen, wie falsch es ist, die Welt mit immer mehr Autos zuzustopfen. Wenn jede Menge Arbeitsplätze von der Produktion der Dreckschleudern abhängen, werden steigende Absatzzahlen allgemein akzeptiert. Auch nach der Katastrophe im Golf von Mexico nimmt die Sucht nach Treibstoff kein Ende. Und was ist die Antwort auf die Staatsverschuldung? „1,7 Billionen Euro Miese &#8211; Wie Deutschland der Schuldenfalle entkommt“ titelt Spiegel Online (01.09.10) und weiß die Antwort: „Wachstum, Wachstum, Wachstum“. Niemand widerspricht &#8211; kein Arbeitgeberverband, keine Partei, keine Gewerkschaft, keine Regierung.</p>
<h4>Immer mehr und immer schneller: Irrsinn, dein Name ist Marktwirtschaft</h4>
<p>Denn der Wachstumszwang ist mehr als falsches Bewusstsein. Er ist ein verhängnisvoller Konstruktionsfehler der Marktwirtschaft. Die interessiert sich nämlich nicht für das konkrete Leben. Ihr Sinn und Zweck ist es allein, aus Geld mehr Geld zu machen. Gesundheit, Bildung, eine menschenfreundliche Stadt sind für sie keine Kriterien. In der mörderischen Ellenbogenkonkurrenz den größtmöglichen Profit herausschlagen, um am meisten und schnellsten investieren zu können, um am meisten Profit… usw. ohne Ende, das ist der Kreislauf der Kapitalverwertung. Ob Brausetabletten, Bungalows, Bombenflugzeuge oder Bahnhöfe &#8211; alles Stoffliche interessiert die Marktwirtschaft nur unter einem Aspekt: taugt es für die Wachstumsmaschine oder nicht? Mehr, mehr, schneller, schneller! Um jeden Preis! Das ist ihr Credo. Um ein paar Cent im Konkurrenzkampf zu sparen, werden gigantische Warenmengen in rasender Geschwindigkeit über den Erdball hin und her gejagt, Menschen hetzen ihnen mit heraushängender Zunge voraus und hinterher. Die Gier der Marktwirtschaft walzt alles nieder, was ihr im Wege steht, sie untergräbt zunehmend unsere Lebensqualität. Viele können keinen Millimeter mehr hinausblicken über das Diktat des Marktes, ein paar Minuten zu sparen und „Stuttgart wettbewerbsfähig zu halten“: „Schluss mit den Demos gegen Stuttgart 21“ hat schon über 10 000 Fans auf Facebook. „Vernünftig“ erscheint ihnen S21 nur, weil sie die stummen Zwänge abstrakter Verhältnisse verinnerlicht haben. Konformistisch brüllen sie gegen jene, die zumindest ahnen, dass das, was ist, nicht alles ist. In ihrer inneren Zurichtung und Entsagung können sie nicht ertragen, dass andere noch nicht ebenso zugerichtet sind… Doch obwohl diese anderen wenigstens noch spüren, dass es auch anders sein könnte, hängen sie noch oft genug dem herrschenden Wahn an. Bestes Beispiel dafür ist das Projekt K21.</p>
<h4>Die einen sind oben. Die anderen sind unten. Der Wahn ist überall.</h4>
<p>Es ist empörend: Die einen sitzen an der Quelle und bereichern sich, die anderen können froh sein, wenigstens noch mit Hartz IV abgespeist zu werden. Die einen haben Entscheidungsmacht über vieles, was die Lebensverhältnisse der anderen berührt, die weitaus meisten sind machtlos. Und trotzdem ist auch die Macht „derer da oben“ begrenzt: Sie können die Logik der Kapitalverwertung nicht außer Kraft setzen. Wäre S21 wirklich „volkswirtschaftlicher Irrsinn“, würden die Verantwortlichen entgegen der Systemlogik handeln. Doch mit den Milliardenbeträgen sorgen sie dafür, dass die Maschine aus Maximalprofit und Wachstumswahn weiter brummt. Die Vorstellung, „die da oben“ behinderten die Marktwirtschaft ist nicht nur absurd, sie ist auch die Mutter aller Verschwörungsphantasien: „Wenn nur diese Gierigen, diese Bande, dieses Lügenpack nicht wäre, dann hätten wir das Problem gar nicht&#8230;“ Ein wenig überzeugendes Weltbild. Selbstverständlich gibt es Profiteure und Seilschaften bei S21. Aber würde bei K21 niemand profitieren, kein Finanzgeschäft getätigt, kein Deal gedreht, kein Billiglohn gezahlt? Viele scheinen ernsthaft zu glauben, dass dann keine „Spätzles-Connection“ lügen, manipulieren und tricksen und keine „unvor-hergesehene“ Kostensteigerung nach der anderen aus dem Hut gezaubert würde. Heilige Einfalt! S21 und K21 sind &#8211; genauso wie immer mehr Autobahnen, immer mehr Fluglärm und immer mehr Umweltkatastrophen &#8211; Ausfluss der Zwänge eines verrückten Systems. Die Marktwirtschaft kann’s eben nicht besser.  Das Verflixte ist allerdings, dass unser aller Einkommensquellen, seien wir Arbeiter, Unternehmer, Freischaffende, Rentner oder Hartz IV-Bezieher, letztendlich vom Funktionieren der Kapitalverwertung abhängen &#8211; ohne sie gibt es weder Arbeitsplätze noch Steuereinnahmen. Insofern protestiert, wer gegen die Auswirkungen des Wachstums- und Geschwindigkeitswahns rebelliert &#8211; ob er will oder nicht &#8211; immer auch gegen seine eigene materielle Lebensgrund-lage. Freitags gegen S21 demonstrieren, samstags mal eben schnell zum Geschäftstermin oder in den eh so knappen Urlaub um die halbe Welt düsen? Wie viel „S21“ steckt eigentlich in uns allen? „Wir können nur leben, wenn wir unsere Lebensgrundlagen zerstören“, lautet die frohe Botschaft der Marktwirtschaft. Der Weisheit letzter Schluss?</p>
<h4>Entweder die Marktwirtschaft beseitigt die Menschen oder umgekehrt.</h4>
<p>Es ist an der Zeit, über Grundsätzliches nachzudenken. Gut, dass es Widerstand gegen Stuttgart 21 gibt. Nicht nur wegen der Untertunnelungsrisiken und weil das Geld für dringende soziale Bedürfnisse benötigt wird. Je mehr die Protestierenden ein gutes Leben gegen den herrschenden Geschwindigkeits- und Leistungswahn einfordern, umso emanzipatorischer wird die Bewegung sein. S21 wird hoffentlich verhindert, aber noch notwendiger wäre der Aus-stieg aus dem &#8220;Immer-mehr-und-immer-schneller&#8221;, anstatt nur für Varianten des Wahns zu kämpfen.  Schließlich wissen ja auch Sie, dass es so nicht weitergehen kann, oder?  „Wachstum“ könnte auch ganz anders klingen… In einer human eingerichteten Gesellschaft wären die Güterströme auf das stofflich notwendige Maß begrenzt und nicht von Profitmaximierungserwägungen gesteuert. Der Großteil der heutigen Arbeit und des heutigen Verkehrs, der allein dem Schmieren der großen Geldmaschine dient, würde ohne jeden Verlust an Lebensqualität wegfallen: Reisen aus Lust am Kennenlernen der Welt und der Menschen, entspannt und oft auch langsamer, ohne den idiotischen Zeitdruck im Nacken, weil man nur zwei Wochen Urlaub hat oder der Auftrag flöten geht, wenn man eine Stunde „zu spät“ ist. Wissenschaft und Technik könnten unser Leben entwickeln und bereichern statt immer mehr Minuten und Leistung aus uns rauszuquetschen. Das Wort „Wachstum“ könnte für die Lust am Leben und nicht mehr für eine tödliche Sucht stehen. Und die schlechte Alternative „entweder blindes und zerstörerisches Wachstum oder noch mehr Sparen auf Kosten der Mehrheit“ wäre auch von gestern. Eine solche Gesellschaft wäre schon lange möglich. Wir können heute mit so wenig Arbeit wie noch nie so viel Reichtum hervorbringen wie noch nie. Doch die Marktwirtschaft macht aus überflüssiger Arbeit „überflüssige“ Menschen und stresst diejenigen, die noch Arbeit haben, ohne Ende. Es ist schon lange Zeit, diese verrückte Organisation der Gesellschaft zu beenden.</p>
<h4>Warum demonstrieren Sie eigentlich nicht gegen die Rente mit 67?</h4>
<p>Die Rente mit 67 bzw. 70 wäre vollkommen unnötig, denn beim heutigen Niveau der Arbeitsproduktivität können schon lange immer weniger Menschen immer mehr versorgen. Sie bedroht massiv unsere Lebensqualität: die der Alten sowieso und die der Jungen, weil sie noch schlechtere Chancen auf Arbeitsplätze haben, wenn die Alten län-ger arbeiten müssen. Anders als bei S21 gibt es hier jedoch keine Handvoll „Bösewichter“, die an allem schuld zu sein scheinen, man muss schon ein paar grundsätzlichere Fragen stellen. In Frankreich wird massiv gegen die Rente mit 62 gestreikt. Bei S21 merken immer mehr Leute, dass man für sich selbst eintreten kann. Das geht nicht nur da.</p>
<h4>K21 ist keine wirkliche Alternative.</h4>
<p>K21 hat unbestritten ein paar Vorteile, z.B. „nur“ 24 statt 66 km Tunnelröhren. Aber das vermeintliche &#8220;Alternativprojekt&#8221; (www.kopfbahnhof-21.de/fileadmin/bilder/stellungnahmen/Kopfbahnhof_2007.pdf) bricht nicht mit dem Geschwindigkeits- und Wachstumswahn. Zitate: „Der TGV von Paris nach Stuttgart wird durch S21 nicht schneller.“ „Ebenso falsch ist die Behauptung, nur mit S21 könne die Fahrtzeit nach Ulm verkürzt werden.“ “ K21 „bindet die Landeshaupt-stadt vollwertig in die europäische Magistrale Paris-Budapest ein.“ „Die Fahrzeiten von Ulm und Tübingen ent-sprechen denen von S21.“ „Vordringlich sollte die Kapazität im Hauptbahnhof durch einen neuen Rosensteintunnel gesteigert und die Neubaustrecke realisiert werden, weil allein sie die Reisezeit verkürzt.“ „Auch der Flughafen/Messe wird in 13 Minuten schnell erreicht.“ Das Konzept will neue Gleise, neue Brücken, neue Tunnel, preist den direkten Anschluss von Messe und Flughafen. Und, als Gipfel: Mit K21 werde „eine größere Leistungsfähigkeit erreicht als beim Durchgangsbahnhof“. Sprich: Mehr Wachstum und Geschwindigkeit mit K21!</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen:</strong><br />
<a href="http://www.emanzipationundfrieden.de/09-03-15_EuF_Flyer_-_Every_Bank_is_a_Bad_Bank.pdf">Every Bank is a Bad Bank<br />
</a> <a href="http://www.emanzipationundfrieden.de/10-04-18_EuFFlyer_Niewieder.htm">Nie wieder so viele Autos bauen. Nie wieder so lange arbeiten.</a><br />
<a href="http://www.emanzipationundfrieden.de/unseretexte/texteeinzelnerautorinnen1/G-B_Arbeit_und_Wachstum.pdf"> Arbeit und Wachstum für Umwelt?</a></p>
<p>www.emanzipationundfrieden.de &#8211; info@emanzipationundfrieden.de &#8211; Förderverein Emanzipation und Frieden e.V. &#8211; Kto. Nr. 472 912 003 Stuttgarter Volksbank BLZ 600 901 00 IBAN: DE40 6009 0100 0472 9120 03 BIC: VOBADESS &#8211; Ihre Spende ist steuerlich absetzbar</p>
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		<title>Arm, aber mutig</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Mar 2010 12:15:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Bierwirth]]></category>

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		<description><![CDATA[Julian Bierwirth Der Kapuzinermönch richtet seinen besorgtem Blick in die Kamera: Viel zu viele Jugendliche in Deutschland lebten in zu großer Not, hätten keine Arbeit und kein zu Hause. Deshalb, so Bruder Paulus, unterstütze er das Europäische Jahr 2010, weil es die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben fordere. Die Kamera zoomt dichter an den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Julian Bierwirth</em></p>
<p><em></em><br />
Der Kapuzinermönch richtet seinen besorgtem Blick in die Kamera: Viel zu viele Jugendliche in Deutschland lebten in zu großer Not, hätten keine Arbeit und kein zu Hause. Deshalb, so Bruder Paulus, unterstütze er das Europäische Jahr 2010, weil es die Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben fordere. Die Kamera zoomt dichter an den Geistlichen heran. Alles im Auftreten des Bettelmönchs ist auf einen Effekt aus: der sorgsam einstudierte Text, der mitfühlende Blick, das aufmunternde Nicken beim Sprechen, die sorgsam eingestreuten Vokabeln aus einer vermeintlichen Alltagssprache von Jugendlichen: es soll Lebensnähe und Fürsorglichkeit, Kompetenz in der Sache und Ernsthaftigkeit im Anliegen gleichermaßen zum Ausdruck bringen.<span id="more-4001"></span></p>
<p>Zu finden ist dieser Effekt auf der Homepage zum Europäischen Jahr 2010 zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung mit dem passenden Titel &#8216;Mit neuem Mut&#8217;. Unter diesem Motto nämlich möchten EU und Bundesregierung gemeinsam mobil machen – nein, nicht gegen Armut und Ausgrenzung. Aber zumindest doch dafür, dass Armut und Ausgrenzung den Menschen nicht egal sein sollte. In ihrem Grußwort zählt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen einige der vielen Probleme auf, die mit Armut einhergehen. Und verkündet auch gleich, wie sie die Probleme anzugehen gedenkt: „Überall in Deutschland gibt es eine Vielzahl von Initiativen, die gezielte Unterstützung anbieten und den Betroffenen neuen Mut machen.“</p>
<p>Und so konnten sich soziale Initiativen bewerben, um von der EU ein wenig finanzielle Unterstützung zu bekommen. Über 800 Projektanträge sind eingereicht worden Es habe „sehr gute, sehr mutige Ideen“ gegeben, so von der Leyen. Und ganze 40 von ihnen sollen nun als „Leuchttürme“ im Kampf gegen Armut und Ausgrenzung die deutsche Sozialpolitik hell erstrahlen lassen. In Göttingen gibt es beispielsweise ein Projekt, das vom Landkreis Göttingen in Kooperation mit der Kreisvolkshochschule angeboten wird und das dem einzigen Zweck dient, Langzeitarbeitslose in Ein-Euro-Jobs zu vermitteln. In einem Projekt in Sassnitz sollen Jugendliche dazu animiert werden sich weiterzuqualifizieren und „erforderliche Schulabschlüsse“ nachzuholen, um „mittelfristig am Erwerbsleben teilnehmen können“. In einer mecklenburgischen Kleinstadt sollen Jugendliche durch Lehmbau Selbstbewusstsein aufbauen und Gemeinschaftsgefühl erleben, in Bremen zielt die Teilnahme an einem Zirkusprojekt auf ganz ähnliche Ziele.</p>
<p>Was diese überaus mutigen Projekte eint, ist der grundsätzliche Blick auf Armut und Ausgrenzung: sie gelten nicht als gesellschaftlich hervorgebrachte und entsprechend auch nur gesellschaftlich lösbare Phänomene, sondern als im wesentlich selbstverantwortet und durch individuelle Hilfestellungen aus der Welt zu schaffen. Dabei liegt das Problem gemäß dieser Sichtweise auch weniger in fehlenden finanziellen Ressourcen als vielmehr im Ausschluss der Betroffenen aus einem als wesentlich erachteten gesellschaftlichen Bereich: dem der Arbeit.</p>
<p>So reiht sich das Europäische Jahr gegen Armut und Ausgrenzung in einen Zeitgeist ein, der zwar von individuellem Fehlverhalten gerne spricht, von der Krise der Arbeitsgesellschaft aber um so vehementer schweigt. Da die besagte Krise nicht zuletzt auch in einer Krise des Leistungsprinzips besteht, soll letzteres reanimiert werden. Dabei wird die gängige christliche Doktrin, dass nur essen soll wer auch arbeitet ergänzt um die umgekehrte Annahme, dass wer nicht isst, scheinbar vor allem der Arbeit bedarf. Vor dem Hintergrund von sinkenden Staatseinnahmen und steigenden Staatsausgaben sollen die staatlichen Sozialleistungen durch Eigenengagement und nichtstaatliche Projekte abgelöst werden. Damit kann der Staat einerseits das ernsthafte Bemühen zu künftigen Einsparungen demonstrieren und andererseits die Ideologie forcieren, die Menschen seien selbst schuld an ihrem Schicksal.</p>
<p>Doch damit nicht genug &#8211; auf der Kampagnenhomepage können wir lesen, worum es beim Europäischen Jahr 2010 gehen soll: „Das öffentliche Bewusstsein für die Risiken von Armut und sozialer Ausgrenzung zu stärken und die Wahrnehmung für ihre vielfältigen Ursachen und Auswirkungen zu schärfen &#8211; das sind die Ziele des Europäischen Jahres 2010“. Nun ist bekanntermaßen auch und gerade in der Regierung, der Arbeitsministerin von der Leyen angehört, das Bewusstsein für die Risiken von Armut und sozialer Ausgrenzung nicht gerade besonders hoch. Erst vor kurzem bemerkte Vizekanzler Westerwelle, das Leben mit Arbeitslosengeld II sei geradezu „römische Dekadenz“ und auch Kanzlerin Merkel wollte ihm nicht widersprechen. „Das sind nicht meine Worte“, so konnten wir von ihr hören. In der Sache aber schien es keinen Dissenz zu geben.</p>
<p>Nun könnte es scheinen, als sei das Europäische Jahr ein bloßes Lippenbekenntnis, dass niemanden ernstlich interessiert. Dem ist jedoch bei Weitem nicht so. Vielmehr fügt es sich elegant ein in die sozialpolitischen Reformbestrebungen im krisenhaften Kapitalismus. So ist auch nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes entgegen der Hoffnung nicht zuletzt vieler Linker bei weitem noch nicht klar, wohin der Zug fährt: das Gericht hat ausdrücklich angemerkt, nicht die Höhe der Leistungen zu kritisieren, sondern lediglich ein Abweichen von einer als solcher problemlosen Berechnungsmethode an einigen wenigen Stellen. Ob das jedoch ein Mehr oder ein Weniger an Leistungen bedeutet, ist bislang noch nicht absehbar.</p>
<p>Die Auseinandersetzung um die zukünftige Höhe der Sozialleistungen ist jedenfalls in vollem Gange. Westerwelles Vorstoß dient wohl vor allem dazu, gesellschaftliche Ressentiments zu wecken und eine Erhöhung als Ungerechtigkeit gegenüber den Menschen mit niedrigen Einkommen erscheinen zu lassen. Tatsächlich hat sich seit der Einführung des Arbeitslosengeld II ein ansehnlicher Niedriglohnsektor gebildet, in dem die Menschen oftmals nicht viel mehr verdienen, als ihnen an Arbeitslosengeld zusteht. Da insbesondere die Zuverdienstmöglichkeiten für sog. „Mini“- und „Midi“-Jobs verbessert wurden und die ausgezahlten Gelder für ein anständiges Leben vorne und hinten nicht reichen, gehen viele nebenbei Jobben – auch, wenn da nicht viel Geld extra im Portemonnaie ankommt.</p>
<p>Diese Erkenntnis ist nicht zuletzt das Ergebnis einer unlängst vorgestellten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). In der Studie wurde die finanzielle Absicherung von Arbeitslosen in Relation zu ihrem letzten Verdienst im internationalen Vergleich dargestellt. Die in Deutschland ausgezahlten Sozialbezüge liegen zwar oberhalb des Durchschnitts aller untersuchten Länder, innerhalb der EU allerdings in der unteren Hälfte. Das Ergebnis ist dabei ein ziemlich direkter Spiegel der Sozialpolitik in den letzten Jahren. So ist beispielsweise auffällig, dass in Deutschland sowohl bei Normal- als auch bei Geringverdienenden Haushalte mit Kindern besser abschneiden als Familien ohne Kinder. Während alleinstehende Langzeitarbeitslose im Durchschnitt nur 36% ihres letzten Nettoverdienstes ausgezahlt bekommen, bekommen sie satte 61%, wenn im Haushalt zwei Kinder leben. In Familien mit bislang einem Erwerbstätigen steigen die durchschnittlichen Sozialleistungen von 46% auf 63%, sobald zwei Kinder der Haushaltsgemeinschaft angehören. Der Grund ist dafür ist recht simpel: die Einkommen sind schlicht und ergreifend zu gering, um Familien mit Kindern auf einem erträglichen und deutlich über dem Existenzminimum liegenden Niveau zu versorgen.</p>
<p>Auch wenn es graduelle Unterschiede zwischen einzelnen Staaten gibt, vom Grundsatz her trifft dieser Befund für sie alle zu. In Zeiten knapper Kassen und kriselnder Ökonomien sollen die Bedürfnisse der Menschen nach einem guten Leben in noch stärkerem Maße ignoriert werden als das bislang der Fall war. Über diese Entwicklungen wird dann auch im März beim 6. Europäischen Sozialforum in Istanbul gestritten werden. Es wird sich zeigen ob die AktivistInnen der sozialen Bewegungen bereit sind, offensiv sowohl mit der staatlichen Verarmungspolitik als auch mit den endlosen Versuchen zur Stärkung des Leistungsprinzips zu brechen. Was es dafür bräuchte, wäre jedoch eine Perspektive nicht nur für soziale Sicherheit, sondern für eine solidarische Gesellschaft jenseits von Markt und Staat. Und davon ist derzeit allerdings nicht viel zu sehen.</p>
<p>(Der Text wurde in einer gekürzten und leicht  veränderten Version in der  <a href="http://jungle-world.com/artikel/2010/08/40408.html">Jungle World 08/2010</a> veröffentlicht.)</p>
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		<title>Kapital braucht Arbeit</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/kapital-braucht-arbeit</link>
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		<pubDate>Wed, 16 Sep 2009 16:16:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Rückkehr zum auf Arbeit gegründeten Kapitalismus wird es nicht geben. Das wissen Politiker wie Wähler. Und dennoch: Die Politiker behaupten es, und die Wähler wählen sie dafür. Ernst Lohoff »Arbeit muss sich wieder lohnen«, heißt es auf den aktuellen Wahlplakaten der FDP. Seit Jahrzehnten wird dies auf deutschen Wahlplakaten proklamiert. Die SPD verspricht in [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/8f5d6449ba874ed6b1effcc8930f10c3" width="1" height="1" alt=""></span></p>
<h3>Eine Rückkehr zum auf Arbeit gegründeten Kapitalismus wird es nicht geben. Das wissen Politiker wie Wähler. Und dennoch: Die Politiker behaupten es, und die Wähler wählen sie dafür.</h3>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>»Arbeit muss sich wieder lohnen«, heißt es auf den aktuellen Wahlplakaten der FDP. Seit Jahrzehnten wird dies auf deutschen Wahlplakaten proklamiert. Die SPD verspricht in diesem Jahr: »Die SPD kämpft für Arbeitsplätze«. »Jobs, Jobs, Jobs«, heißt es auf den Plakaten der Grünen. Mit der gleichen Prioritätenliste werben auch alle anderen Parteien. Ist also alles wie immer? Nicht so ganz.<span id="more-3791"></span></p>
<p>Schon dass an die Stelle des mit sakraler Bedeutung aufgeladenen deutschen Wortes »Arbeit« der profane Anglizismus »Job« gerückt ist, deutet an, wohin die Reise geht. Früher siegte die SPD noch mit dem Versprechen, künftig würden auch die Arbeitskraftverkäufer ihren Anteil an der Scheinblüte des Kapitalismus abbekommen. Schröder legte sich auf konkrete »Beschäftigungsziele« fest, an denen er gemessen werden wollte.</p>
<p>Angesichts der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise fallen die Ziele weit bescheidener aus. Der Kreis derer, die sich Hoffnungen auf Teilhabe am kapitalistischen Betrieb machen dürfen, schrumpft, und auch was das »Anspruchsniveau« angeht, besteht weiterer Korrekturbedarf. Gleichzeitig hat sich das ideologische Szenario enorm verändert, in dem der Primat der Beschäftigung beschworen wird.</p>
<p>Seit dem Finanzmarktcrash im Herbst vorigen Jahres wettert alles gegen die verantwortungslosen Banken, und kein Kommentator nimmt mehr einen Begriff wie »Hedgefonds« in den Mund, ohne sich zu bekreuzigen. Über Jahrzehnte war es um den Gegensatz zwischen dem guten »schaffenden Kapital«, dem Zwillingsbruder der Arbeit, und dem bösen »raffenden Kapital«, deren vermeintlichem Todfeind, still geworden. Heute verurteilt man den Finanzmarktkapitalismus, damit der verrückten kapitalistischen Produktionsweise auch noch angesichts ihrer Krise ein Persilschein ausgestellt werden kann.</p>
<p>Das Comeback geht allerdings mit einer Bedeutungsverschiebung einher. Einst stand das »raffende Kapital« für die Auspressung der Arbeit, die ihrerseits als die eigentliche gestaltende gesellschaftliche Kraft gefeiert wurde. Heute hat sich das Arbeitspathos längst verflüchtigt, während die primäre Furcht, die sich am Spekulationskapital festmacht, die vor der Marginalisierung der Arbeit ist. Das Wort Ausbeutung taucht zwar noch in ideologischen Reden auf, dahinter steckt aber in erster Linie die Angst, vom kapitalistischen Standpunkt aus überflüssig zu sein bzw. zu werden.</p>
<p>Die Politiker machen beim Spekulanten-Bashing munter mit, und doch handeln sie entgegen ihren ideologischen Verlautbarungen. Von der CDU bis tief in die Partei »Die Linke« hinein herrscht Konsens darüber, dass die Notverstaatlichung des maroden Bankensystems unumgänglich war. Während darüber schwadroniert wird, das verselbständigte Finanzkapital zu regulieren, wird alles getan, um die Dynamik fiktiver Kapitalschöpfung wieder in Gang zu kriegen, diesmal, der Beschäftigung wegen, mittels einer globalen Staatsblase. Die Begründung dafür hat Peer Steinbrück (SPD) schon vor einem Jahr geliefert. Das müsse sein, weil die einzige Alternative dazu »die Apokalypse« wäre.</p>
<p>So viel ist an dieser dem Crashzeitalter angepassten Neuinterpretation des Tina-Prinzips (There is no alternative) berechtigt: Immer vorausgesetzt, der Kapitalismus würde die einzig denkbare gesellschaftliche Ordnung darstellen und soziales Leben wäre nur innerhalb der kapitalistischen Logik möglich, würde das Ende des ungeliebten Finanzmarktkapitalismus tatsächlich unweigerlich den Super-Gau bedeuten. Spätestens mit der mikroelektronischen Revolution hat die Produktivitätsentwicklung den Punkt überschritten, an dem es für diese Gesellschaft noch möglich ist, auf der elenden Grundlage der massenhaften Vernutzung lebendiger Arbeit zum Zwecke der Kapitalverwertung weiter zu funktionieren.</p>
<p>Schon Marx hatte unter anderem im so genannten Maschinenfragment herausgearbeitet, warum das System der abstrakten Arbeit mit der Verwissenschaftlichung der Produktion seine historische Grenze erreicht. Aus dieser Prognose ist indes längst eine Diagnose geworden. Der Kapitalismus hat sich nur dadurch über sein historisches Verfallsdatum hinaus retten können, dass er sich mit der ständig ausgeweiteten fiktiven Reichtums­kreation an den Finanzmärkten eine höchst prekäre Ersatzbasis geschaffen hat. Das Ende der fiktiven Kapitalschöpfung kann für dieses System nie und nimmer die Rückkehr zu einem auf Arbeit gegründeten Kapitalismus bedeuten, sondern nur den Absturz ins Bodenlose.</p>
<p>Die politische Klasse kennt diese Zusammenhänge nicht und will sie nicht kennen, trotzdem trägt sie dieser historischen Konstellation auf ihre Weise praktisch Rechnung und tut das Gegenteil dessen, was sie propagiert: Weit davon entfernt, das Finanzkapital streng zu regulieren, wird der Staat zu dessen Hauptagent und tut alles, um die Schöpfung fiktiven Kapitals aufrecht zu erhalten. Diese höchst zwiespältige Haltung findet bei den Wählern durchaus Zustimmung, was sich leicht erklären lässt.</p>
<p>Das »Wahlvolk« ist in seiner überwältigenden Mehrheit nicht weniger zwiegespalten als seine Repräsentanten. Einerseits ist die Erbitterung über das kasinokapitalistische Treiben groß, andererseits steht die Unhintergehbarkeit der herrschenden Ordnung völlig außer Frage. Nicht nur der internalisierte vorauseilende Gehorsam gegenüber den Systemimperativen ist ungebrochen, man ahnt durchaus auch, worin diese Zwänge bestehen.</p>
<p>Zwei Verarbeitungsformen überlagern sich und prägen die Stimmung. Auf der einen Seite werden am laufenden Band Illusionen über die Möglichkeit eines Kapitalismus mit menschlichem Antlitz produziert und die strukturelle Abhängigkeit der glorreichen Marktwirtschaft wird von der Dynamik des fiktiven Kapitals wegphantasiert. Überall kursieren Phantombilder einer erneuerten Marktwirtschaft, in der ökonomische Prosperität gerade auf der Berücksichtigung ökologischer und sozialer Belange beruhen soll und in der die Arbeit eine Renaissance erlebt.</p>
<p>Auf der anderen Seite weiß auch das werte Publikum im Grunde sehr wohl, dass so etwas einer Quadratur des Kreises gleichkäme und wie abhängig Wachstum und Beschäftigung von der Aufrechterhaltung der so lautstark beklagten finanzmarktkapitalistischen Exzesse sind. Was die praktischen Konsequenzen angeht, endet die Kritik am Finanzkapital denn auch in den Wahlkampfdebatten auf der rein symbolischen Ebene. Gemessen an den Summen, die zur Rettung der HRE und anderer Geldinstituten aufgebracht wurden, dreht sich etwa die Boni-Debatte um Peanuts.</p>
<p>Je dramatischer die kapitalistische Entwicklung, je weitreichender die Folgen des staatlichen Krisenmanagements, desto langweiliger der politische Richtungsstreit. So macht es den Eindruck. Ende September wird jedenfalls der fadeste Bundestagswahlkampf seit 1949 enden. Noch nie waren die sachlichen Gegensätze so gering, selten war so früh absehbar, wer das Rennen auf das Kanzleramt für sich entscheiden dürfte. Die allgemeine Zustimmung zu Merkels Politik wird von Kommentatoren häufig auf ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis zurückgeführt. Gerade in turbulenten Zeiten, so heißt es, klammere sich »der Wähler« an das Bewährte und scheue vor gesellschaftlichen Experimenten zurück.</p>
<p>Diese Erklärung ist genauso wirklichkeitsfremd wie der laufende Wahlkampf. Zum einen hat sich das Bewährte nicht bewährt. Zum anderen erwartet kein Mensch ernsthaft von der kommenden Regierung einen Verzicht auf Experimente. Der moderne Kapitalismus ist nun einmal der größte Menschenversuch aller Zeiten, und zwar, wie spätestens seit dem Kriseneinbruch des vorigen Jahres klar geworden ist, ein völlig aus der Kontrolle geratener. Auch wenn es eigentlich keiner wissen will, hat sich das herumgesprochen.</p>
<p>Solange die prinzipielle Entscheidung zwischen der Fortsetzung und der geregelten Abwicklung der Frankensteiniade Kapitalismus erst gar nicht ins Auge gefasst wird, stehen unweigerlich weitere Experimente ins Haus. Das ist auch für die wahlberechtigten Versuchskaninchen ein offenes Geheimnis. Merkels Popularität beruht wesentlich darauf, dass sie mit ihrem auf Wahlkampfverzicht ausgerichteten Wahlkampf die vorherrschende Bedürfnislage besser trifft als die Konkurrenz. Das Gros der Wähler will die letzten schönen abwrackprämienkapitalistischen Tage genießen und bloß nicht hören, womit es längst rechnet und sich bereits abgefunden hat.</p>
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		<title>Jobs, Jobs, Jobs</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Sep 2009 16:11:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Behrens]]></category>

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		<description><![CDATA[Die belanglosen Slogans der Parteien ­offenbaren vor allem eins: grenzenlosen Konformismus. Roger Behrens Es steht seit einer Woche direkt vor unserem Haus und verstellt die Aussicht aus dem Küchenfenster: Das Wahlplakat von Bündnis 90/Die Grünen. »Jobs, Jobs, Jobs« ist darauf zu lesen. Das ist allemal keine Forderung, sondern eine Drohung. Sie ist ernst gemeint, aber freundlich: [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Die belanglosen Slogans der Parteien ­offenbaren vor allem eins: grenzenlosen Konformismus.</h3>
<p><em>Roger Behrens</em></p>
<p>Es steht seit einer Woche direkt vor unserem Haus und verstellt die Aussicht aus dem Küchenfenster: Das Wahlplakat von Bündnis 90/Die Grünen. »Jobs, Jobs, Jobs« ist darauf zu lesen. Das ist allemal keine Forderung, sondern eine Drohung. <span id="more-3785"></span>Sie ist ernst gemeint, aber freundlich: darauf verweisen die fröhlichen Icons, durch die bei den drei »Jobs« jeweils das »O« ersetzt wurde: eine gelbe Sonne, ein roter Bauschutzhelm, ein kleines blaues Windkraftwerk. Beige Schrift auf hell- bis dunkelgrünem Hintergrund. So sieht es also aus, wenn die Grünen von Kapitalismus reden.<br />
Auf den ersten Blick bleibt der Themenwechsel von der Ökologie zur Ökonomie politisch völlig unauffällig, denn vielmehr überrascht die grafische Einfallslosigkeit, mit der hier billige Durchhalteparolen propagiert werden. Hier gibt es kein Dahinter, keine versteckte Botschaft, kein ideologisch überhöhtes Versprechen, das als Lüge enttarnt werden könnte. Politische Inhalte werden hier nicht, wie es eigentlich die Psychologie der Public Relations seit Edward Bernays lehrt, in klug-ästhetische, einfühlsam-manipulative Formen verpackt, sondern formlos-unmittelbar präsentiert. Die Kampagne der Grünen ist keine Ausnahme, ganz im Gegenteil: Die Plakate der anderen deutschen Volksparteien operieren nicht anders, unterscheiden sich nur in den parteitypischen Farbhintergründen, auf denen Slogans in Großbuchstaben gedruckt sind, die sich in ihrer Sinnlosigkeit von den Sprüchen der Titanic-Partei oder der Horst-Schlämmer-Partei kaum unterscheiden. Besonders schön, nicht nur für den philosophisch interessierten Demokraten: »Wirtschaft mit Vernunft« von der CDU.<br />
Trotz ihrer Dämlichkeit und Belanglosigkeit erfährt man durch solche Kampagnen etwas über den Stand des kollektiven Bewusstseins, über den konformistischen Charakter und seine bedingungslose Bereitschaft mitzumachen. Von daher ist bemerkenswert, dass die Grünen sich »Jobs, Jobs, Jobs« zur Parole haben machen lassen: Das ursprüngliche Umweltprogramm ist längst nicht mehr an gesellschaftliche Alternativen geknüpft und wird von jeder anderen Partei ebenso vertreten. Mit dem Elan, mit dem sich die Grünen hier auf das realpolitische Feld »Wirtschaft« stürzen, ist jede Forderung nach Verbesserung der Lebensqualität verschwunden. Früher wollten die Grünen die Wähler dort abholen, wo es Widerspruch gab, Unzufriedenheit, Bereitschaft zur Veränderung. Heute werden die Wähler dort abgeholt, wo sie sich selbst am wohlsten fühlen: in der beharrlichen Fiktion der deutschen Normalgesellschaft, die vor noch nicht langer Zeit als »Neue Mitte« deklariert wurde.<br />
War der einst von der SPD ausgegebene Befehl »Arbeit, Arbeit, Arbeit« noch Schlachtruf im Kommando-Ton gegen Faulheit und Schlendrian, Sozialschmarotzer und Eigensinn, so wirkt dagegen »Jobs, Jobs, Jobs« sanfter, unverbindlicher: Heute betreibt man Gelegenheitspolitik und wirbt mit Gelegenheitsarbeit. Viel zu tun gibt es nicht, aber jeder und jede soll beschäftigt sein – oder zumindest so tun, als ob. Auch dazu passen Sonne, Bauhelm und Windrad: Kapitalismus auf Playmobil-Niveau. Im Prinzip könnte da auch stehen: »Spielen, Spielen, Spielen«.<br />
»Arbeit, Arbeit, Arbeit« war noch eingerahmt in die sozialdemokratische Liebeserklärung an den autoritären Staat: »Law and Order is a Labour Issue« hieß es damals. »Jobs, Jobs, Jobs« ist hingegen für Menschen, die glauben, Gesellschaft und Staat längst hinter sich gelassen zu haben, weil sie sich restlos mit Gesellschaft und Staat identifizieren; für Wähler, die Politik irgendwie albern finden, aber sich immer noch für kritisch halten – und die deshalb auch am ehesten eine Partei wählen würden, die aus Nein-Sagern besteht, die immer nur »Ja« sagen. Insofern ist »Jobs, Jobs, Jobs« nicht nur die postfordistische Antwort auf das fordistische »Arbeit, Arbeit, Arbeit«, sondern auch die postmoderne Verballhornung des libertären Rechts auf Faulheit. Anders gesagt: Das Gegenteil von Arbeit ist Nichtstun – das Gegenteil von Job ist ein anderer Job.<br />
Doch der Unterschied zwischen »Jobs, Jobs, Jobs« und »Arbeit, Arbeit, Arbeit« ist ein ideologisch leicht durchschaubarer und deshalb eigentlich keiner. Damit scheint man auch bei dieser Kampagne zu rechnen, denn längst haben die adressierten Jobber mit großer Furore postuliert: »Wir nennen es Arbeit«. Und tatsächlich bedeutet das Wort »Job« ja erst einmal nichts anderes als Gelegenheitsarbeit; genauer, etymologisch, stammt der »job« vom »job of work«, also von »ein Stück Arbeit«, wobei sich »job« vom französischen »gobet« (Bissen) herleitet.<br />
Das Wort »job« taucht im neunzehnten Jahrhundert auf und ist mit der Entwicklung des modernen Kapitalismus eng verbunden. Doch bemerkenswert ist, dass sich das Wort nicht über die Industriearbeit etabliert, in der ja für das Proletariat zunächst jedes Lohnverhältnis Gelegenheitsarbeit ist, sondern über das Börsenwesen. Umgangssprachlich ist ein »Jobber« anfangs ein Spekulant, jemand, der skrupellose Geschäfte macht. Die etwas differenziertere Definition findet sich in den großen Konversationslexika Ende des neunzehnten Jahrhunderts: »Auf der Londoner Effektenbörse nennt man Jobber die Personen, welche für eigene Rechnung kaufen und verkaufen, im Gegensatz zu den Brokers, die für ihren Auftraggeber Geschäfte machen«, heißt es im Brockhaus von 1894. Und im Meyers von 1885 lässt sich zusätzlich zur obigen Definition nachlesen: »In Deutschland wird der Ausdruck Jobber nur im schlechten, verächtlichen Sinn zur Bezeichnung eines waghalsigen Börsenspielers im Gegensatz zum soliden Geschäftsmann gebraucht.« Bei Engels findet sich noch die Variante »Jobbery«, mit der er »die Benutzung eines öffentlichen Amts zu Privatvorteilen für den Beamten oder seine Familie« meint.<br />
In die eigene Tasche zu wirtschaften, wird aber spätestens mit Entfaltung der kapitalistischen Leistungsgesellschaft zum allgemeinen Charakter des homo oeconomicus und fällt zusammen mit der Ideologie, dass Konkurrenz ein »fair play« zu sein habe. Es dürfte demnach nicht von ungefähr kommen, dass das Wort »job« in den Vereinigten Staaten des New Deal sich endgültig mit positiver Konnotation etabliert. Die Verwandlung von Lohn­arbeit in Jobs gehört zur sukzessiven Ausweitung der Produktionsverhältnisse in das allgemeine gesellschaftliche Leben. Wesentlich ist dabei die Entqualifizierung der Arbeit; für den »good job« braucht man keine Ausbildung, sondern höchstens »skills«.<br />
Bei der Arbeit im emphatischen Sinne ging es noch um den vermeintlichen Wert des Produkts, um Handwerk und Sorgfalt. Der Job hingegen ist das Bekenntnis zur Tätigkeit als bloßes Geldverdienen. Der von Max Weber beschriebene »Berufsmensch« wird im zwanzigsten Jahrhundert zum »Jobmenschen«. Der Jobber ist dem Glauben verfallen, den Kapitalismus für eigene Interessen nutzen zu können; hier realisiert sich die Irrationalität der ökonomischen Vernunft, im egoistischen Handeln der Gesellschaft dienen zu wollen. Genau darin begründet sich aber auch die Illusion der Unabhängigkeit, die bis in die Alternativökonomie und Kreativwirtschaft dem Ideal des Jobbens anhängt und im Postfordismus nachgerade zum Programm der individuellen Selbstverwirklichung wird.<br />
Dass Die Grünen »Jobs, Jobs, Jobs« im Rahmen ihres Hauptslogans »Aus der Krise hilft nur Grün« propagieren, ist insofern zynisch: Dass beim gegenwärtigen Stand der Krise nur noch Jobs übrig bleiben, bezeichnet nicht die Lösung des Problems, sondern fordert die Bereitschaft, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse einfach mit einer anderen Einstellung zu ihnen auszuhalten, sozusagen der Krise eine andere Farbe zu geben. Und dieser neue Anstrich des Kapitalismus wäre dann – der neue Job.</p>
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		<title>Geschmacks- und Herrschaftsfragen</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Jul 2009 08:02:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Aufklärung und Gegenaufklärung]]></category>
		<category><![CDATA[Patriarchat und Geschlechterverhältnis]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Bierwirth]]></category>

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		<description><![CDATA[Anmerkungen zu Martin Scheuringers Beerdigung der Kritischen Theorie Streifzüge 46/2009 Julian Bierwirth Als ich im Juli 2008, also ziemlich direkt während der Fußball-Europameisterschaft, die Streifzüge aufschlug, da war ich zunächst recht begeistert. &#8220;Endlich schreiben die mal was über die Hintergründe der elendigen Fahnenschwenkerei!&#8221;, dachte ich bei mir, als ich Martin Scheuringers &#8220;Rausch ohne Rechnung! Fußball, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Anmerkungen zu Martin Scheuringers Beerdigung der Kritischen Theorie</h3>
<p>Streifzüge 46/2009</p>
<p><em>Julian Bierwirth</em></p>
<p><em></em><br />
Als ich im Juli 2008, also ziemlich direkt während der Fußball-Europameisterschaft, die Streifzüge aufschlug, da war ich zunächst recht begeistert. &#8220;Endlich schreiben die mal was über die Hintergründe der elendigen Fahnenschwenkerei!&#8221;, dachte ich bei mir, als ich Martin Scheuringers &#8220;<a href="http://www.streifzuege.org/2008/rausch-ohne-rechnung" target="_blank">Rausch ohne Rechnung! Fußball, Ökonomie, Pädagogik und Begeisterung</a>&#8221; zum ersten Mal erblickte. Die Begeisterung war jedoch schnell verklungen.<span id="more-3686"></span> Statt einer scharfsinnigen Kritik traf ich hier auf die Auslassungen von einem, dessen Wunsch, auch mal dabei sein zu dürfen, unübersehbar war. Dass er doch tatsächlich beim Siegestor mitfiebert, wird ihm zum Ausgangspunkt dafür, dass, von der schweren Last des reflexiven Denkens erleichterte Momente&#8221; einfach auch total schön sind und wir sie deshalb genießen sollten. &#8220;Leidenschaft&#8221; nennt er das &#8211; und genau da will er hin. Leben, einfach Leben und das Leben genießen &#8211; ist das nicht der Sinn des &#8220;kommunistischen Begehrens&#8221; (Bini Adamczak)? Dass Pädagogik und aufklärerische Vernunft das überlegte Handeln in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellen, wird so zum Anlass, sich einfach mal gehen zu lassen: &#8220;Beim Mitfiebern mit der Nationalmannschaft werde ich alles vergessen und genießen. Ich werde begeistert sein und ohne Rücksicht auf ökonomische Verluste konsumieren.&#8221;<br />
Dabei verwundert es schon, wie er sich ernsthaft einbilden kann, mit dem Geschimpf auf eine Kommerzialisierung des Fußballs, die diesem alles Authentische raube, würde er irgendwie etwas zur Befreiung beitragen. Derartige Entwicklungen stehen immer mal wieder in der Kritik &#8211; allerdings nicht von links. Der völkische Stumpfsinn fühlt sich bedroht durch die Kommerzialisierung der Umgangsformen. Der altbackene Fußball-Adel kämpft auf diesem Spielfeld für gewöhnlich gegen die moderne Soccer-Bourgeoisie. Letztere will &#8220;kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose bare Zahlung&#8221; (Marx und Engels im Kommunistischen Manifest). Obwohl Nation und Ökonomie schon immer aufeinander verwiesen waren, geraten sie heute in einen Widerspruch: zwei Seiten einer Medaille, die nicht ohne einander, aber scheinbar auch nicht miteinander können. Sich für eine Seite dieser Medaille zu entscheiden ist dabei allerdings gar nicht nötig. Beide wollen den Sport, die Kultur, das Leben der Menschen für einen höheren Zweck einspannen. Beide wollen die Einzelnen der Gemeinschaft unterordnen &#8211; entweder als Standortsicherung oder als nationalen Selbstzweck. Dieser Unterschied zwischen aufgeklärtem und borniertem Nationalismus ist beileibe keiner ums Ganze.Es ist eher der Streit zwischen zwei Parteien, deren Zeit eigentlich mal gekommen wäre Platz zu machen für eine Welt, in der der Mensch im Mittelpunkt der Gesellschaft steht.<br />
Was Scheuringer mit dem trotzigen Ausruf &#8220;Ohne kritische Theorie schmeckt&#8217;s besser!&#8221; einfordert, hat mit Emanzipation schlichtweg nichts zu tun. Es ist vielmehr tieftes Ressentiment. Sicherlich, in Einigem hat er recht: Kritik greift Menschen in ihrer Subjektivierung an. Alles das, was sie bislang dargestellt haben, steht plötzlich zur Disposition. Wer möchte sich da schon gerne drauf einlassen? Weshalb Kritik tatsächlich immer vor dem Problem steht, die an die Wurzel gehende Analyse so darzustellen, dass die Kritisierten tatsächlich auch die Möglichkeit haben, einen Schritt zurückzutreten und sich auf den Gedanken einzulassen. Das alles spricht aber nicht gegen Kritik, sondern formuliert allerhöchstens Ansprüche an die Art und Weise, wie sie daherkommt.<br />
Denn der Reflex, mit dem Scheuringer hier jede Kritik an ihm zurückweist, ist allseits bekannt. Wann immer Menschen die Grenzen ihrer Mitmenschen überschreiten, ihre körperliche oder seelische Integrität antasten &#8211; sie beharren darauf, dass sich das alles so furchtbar authentisch angefühlt hätte. Richtig oder gar vertretbar wird es dadurch allerdings noch lange nicht. Es gehört kritisiert, keine Frage. Aus dem Blick männlicher, weißer Heterosexueller wird hier allerdings für gewöhnlich affirmiert statt kritisiert. Sie spielen ja mit. Sie sind es, die sich die Welt untertan machen dürfen, zumindest soweit die bornierten Formen das zulassen. Und so projiziert Scheuringer dann auch seine männlich-heterosexuelle Sprecherposition auf den Rest der Menschheit: &#8220;Kritisches Wissen verdirbt nicht nur die Erektion, sie richtet ihn auch nicht wieder auf, und wenn du glaubst, mit deinen intellektuellen Spielereien kannst du eine Frau &#8230; lassen wir das.&#8221;<br />
Der Kritiker, das ist für Scheuringer ein Mann. Er ist sexuell aktiv und erfährt die Welt mittels seiner Erektion. Darüber hinaus richtet sich sein Begehren stets auf die Frau, die für ihn bloßes Objekt ist und die weniger auf &#8220;intellektuelle Spielereien&#8221; denn auf echte männliche Erektionen steht. Mir dünkt, da ist der Wunsch der Vater des Gedanken.<br />
Das alles spricht nun aber weder gegen Sexualität als solche noch gegen den Versuch, sich das Leben angenehm zu gestalten. Sicher ist Askese keine Lösung. Aber es richtet sich gegen bestimmte Vorstellungen von Sexualität, die passive Frauen begehrende aktive Männer zur Norm setzen. Und es richtet sich gegen bestimmte Formen der Unmittelbarkeit, die im praktischen Ausleben des Herrschaftsverhältnisses vergessen, dass unreflektiertes Handeln nicht einfach neutral, sondern häufig (aus emanzipatorischer Perspektive) kontraproduktiv ist. Wer Nationalfahnen schwenkt, der oder die verhält sich nicht einfach unreflektiert. Hier wird nicht apolitisch gefeiert, hier wird politisch agiert. &#8220;Unpolitisch sein&#8221;, schrieb einst Rosa Luxemburg, das heiße lediglich &#8220;politisch sein, ohne es zu merken.&#8221; Und so einfach sollten wir es uns dann doch nicht machen.<br />
Wenn nun Scheuringer, wie er schreibt, Askese auf Anraten einiger theoretischer Tiefflieger jahrelang praktiziert hat, so wäre diesen ebenso Einhalt zu gebieten. Das reine Aufgehen in der Theorie ist ebenso falsch wie das reine Aufgehen im unreflektierten Handeln. Gerade die Vermittlung von gesellschaftlichem Erleben und theoretischem Denken wäre das anzustrebende Ziel emanzipatorischen Handelns. Das ließe sich tatsächlich von Adorno lernen, der sich bekanntlich stets schwer damit tat, sich einfach für eine der gängigen Varianten zu entscheiden.</p>
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		<title>Der Allmächtl von Amstetten</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Mar 2009 20:19:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Schandl]]></category>

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		<description><![CDATA[Anmerkungen zum Prozess gegen Josef Fritzl “Freitag” online 16.3.09 Franz Schandl Wollte Österreich heuer Linz als europäische Kulturhauptstadt präsentieren, so ist nun eine ganz andere Stadt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Der „Jahrhundertprozess“ gegen Josef Fritzl macht’s möglich, St. Pölten ist nicht nur weltberühmt, es erscheint dieser Tage gar als die Barbareihauptstadt des Kontinents. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Anmerkungen zum Prozess gegen Josef Fritzl</h3>
<p>“Freitag” online 16.3.09</p>
<p><em>Franz Schandl</em></p>
<p>Wollte Österreich heuer Linz als europäische Kulturhauptstadt präsentieren, so ist nun eine ganz andere Stadt in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Der „Jahrhundertprozess“ gegen Josef Fritzl macht’s möglich, St. Pölten ist nicht nur weltberühmt, es erscheint dieser Tage gar als die Barbareihauptstadt des Kontinents.<span id="more-3436"></span> Die internationalen Medien sind vor Ort, die Hotels sind ausgebucht, die ganze Welt starrt auf die Stadt im Alpenvorland, die erst 1986 in einer äußerst fragwürdigen Volksbefragung zur niederösterreichischen Landeshauptstadt aufgestiegen ist. Vorher hatte das Land keine, die Landesregierung residierte Wien, in der Herrengasse.</p>
<p>Ein geachteter Herr, das war auch der Angeklagte Josef Fritzl. Einer vom alten Schlag, Geschlagener und Schläger in einem. Der Allmächtl fungierte in seinen privaten Räumlichkeiten als unumschränkter Despot, selbstsicher wie selbstverständlich verfügte er über Zuwendung und Übergriff. In der Zeit, in der Fritzl selbst groß geworden ist, wurde das Schlagen von Kindern nicht nur geduldet, es war die gebräuchliche Form der Erziehung. Und damit sind nicht nur gelegentliche Watschen gemeint, sondern wahre Rituale der Züchtigung: systematisches Prügeln, stundenlanges Knien, tagelanges Einsperren, fortwährender Liebesentzug. Eine Studie über die häusliche „Privatgerichtsbarkeit“ in Österreich wäre durchaus von Interesse. Auch das Schlagen von Kindern in der Schule wurde erst in den Siebzigerjahren sanktioniert und zurückgedrängt. Der sexuelle Missbrauch weiblicher Familienangehöriger galt sowieso als Bagatelle. Es ist noch gar nicht so lange her, da diskutierte man hierzulande, ob der Tatbestand der Vergewaltigung in einer aufrechten Ehe überhaupt klagbar sei.</p>
<p>Möglicherweise sind es weniger die Untiefen der Seele als die Oberflächen der Gesellschaft, die an Fritzl manifeste Konsequenzen zeitigten. Natürlich, sich an der eigenen Tochter 3000 mal zu vergehen, sie und die mit ihr gezeugten Kinder über viele Jahre hinweg in einem Keller einzusperren, das ist schon einmalig. Doch das sadistische Regiment, das patriarchale Gehabe oder die sexuelle Protzerei, das ist alles nicht so abwegig, wie die Kommentare suggerieren. Unüblich ist nur die Dimension, nicht jedoch die Disposition.</p>
<p>Dass der Vergewaltiger ein Kavalier und Charmeur war und als ein respektiertes Mitglied der Gemeinschaft galt, widerspricht sich ebenfalls nicht. Solche Typen beherrschten die provinziellen Stammtische wie die lokale Wirtschaft, prägten die Vereine und die politischen Parteien. Er war nicht keiner von uns. Nur so ist auch erklärbar, dass sein Verbrechen stattfinden konnte, eben weil die Umgebung viele Jahre nicht hinsehen wollte. Wenn die Richterin zu Prozessbeginn festhält, dass es hier um das „Verbrechen eines Einzelnen“ gehe, dann ist das juristisch richtig. Mehr jedoch nicht.</p>
<p>Die Konstitution des Typus erfolgt nicht aus dem Nichts. Niemand ist zum Vergewaltiger geboren. Mit dem Begriff „Monster“ wird Fritzl vom Alltäglichen ins Mythologische verschoben. Dort ist er uns anscheinend am liebsten. So ist es ganz obligat, vom „Einbruch des Bösen in die Wirklichkeit“ zu sprechen, nicht jedoch vom Bösen in der Wirklichkeit. Das Böse wird als etwas Äußeres halluziniert, das da wie ein Naturphänomen über die Gesellschaft kommt und somit in der individuellen Schuld und Verantwortung des Täters liegt. So funktioniert Entsorgung. Fritzl auf Fritzl zu reduzieren ist so, als erklärte man die Inquisition aus dem Sadismus der Inquisitoren.</p>
<p>Natürlich sind die Taten Fritzls nicht aus Werdegang und Umfeld unmittelbar ableitbar, aber ohne diese mit jenen in Verbindung zu setzen, kapituliert der Geist vor den Ereignissen. Die Gefahr einer vorschnellen oder falschen Antwort entsorgt die Frage nach dem „Warum“ nicht. Fritzl zu erklären entschuldigt ihn nicht. Fritzl nicht zu erklären hinterlässt hingegen nur Staunen und Ratlosigkeit. Das ist einerseits äußerst bequem, andererseits bedient es die Faszination des Rätselhaften. Lasset uns also weiterhin geschockt sein.</p>
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		<item>
		<title>Uni als Unterwerfungsinstanz</title>
		<link>http://www.krisis.org/2009/uni-als-unterwerfungsinstanz</link>
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		<pubDate>Sun, 18 Jan 2009 15:59:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Bierwirth]]></category>

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		<description><![CDATA[Julian Bierwirth In den letzten Jahren ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen durchregiert worden. Das bislang Privateste, das Ich, wurde als ökonomische Ressource entdeckt. Der direkte Konkurrenzkampf zwischen den Einzelnen soll die Lösung sein für zunehmend enger werdende Handlungsspielräume. Alle werden zu Marktsubjekten und sollen sich selbst als ökonomische Ressource begreifen, ihre kreativen und produktiven Potenziale [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Julian Bierwirth</em></p>
<p>In den letzten Jahren ist in vielen gesellschaftlichen Bereichen durchregiert worden. Das bislang Privateste, das Ich, wurde als ökonomische Ressource entdeckt. Der direkte Konkurrenzkampf zwischen den Einzelnen soll die Lösung sein für zunehmend enger werdende Handlungsspielräume. Alle werden zu Marktsubjekten und sollen sich selbst als ökonomische Ressource begreifen,<span id="more-3054"></span> ihre kreativen und produktiven Potenziale aktivieren, sollen sich unterwerfen und zugleich aktiv einbringen, am besten so transparent und offensichtlich, dass die eigenen Bemühungen auch immer erkennbar sind.</p>
<p>Diese Entwicklung lässt sich auch innerhalb der Bildungsreformen nachzeichen, von denen die heutige Studienrealität geprägt ist. Die Studiengebühren etwa tragen dazu bei, dass Studierende sich als TrägerInnen von Humankapital wahrnehmen. Gleichzeitig kann so das Lernarrangement als eines der Konkurrenz organisiert werden: Studierende müssen nicht nur den Lehrstoff lernen, sondern zugleich sich als unternehmerisches Individuum zu verstehen, das seine zukünftigen Ressourcen ausbildet. Studiengebühren führen so zu einer strukturellen Isolation und Vereinzelung der frischgebackenen KundInnen, die gerade versuchen, zu erfolgreichen VerkäuferInnen zu werden. Als von ihrer Umwelt abgeschlossene Einheit versuchen sie sich durchzuboxen.</p>
<p>Der Wille zum Überleben ist dabei unübersehbar. Jeder Misserfolg, jede Versagensangst muss verdrängt werden. Wenn KommilitonInnen mit dem Studium nicht klarkommen, dann liegt es an ihnen. Ich hingegen werde es schaffen. Bestimmt! Die Möglichkeit, dass das Problem nicht in den Studierenden, sondern in den Anordnungen des Bachelor-Systems zu suchen sein könnte, taucht oftmals gar nicht mehr als Option auf.</p>
<p>Mit dem Bachelor ist eine vollständige Modularisierung der Studiengänge eingeführt worden. Er kann deshalb als Einführung betriebswirtschaftlicher Handlungsmodelle in den Studienalltag begriffen werden. In Anlehnung an die ökonomische Lehre von der Arbeitszergliederung ließe sich hier von einer Re-Taylorisierung des Studiums sprechen. Analog zu betriebswirtschaftlichen Rationalisierungsprozessen soll nun der Studienalltag derart optimiert werden, dass jeder Arbeitsschritt genau vorgegeben und hinterher abgeprüft wird.<sup><a id="fn1232358226807" class="footnote" href="#fn1232358226807n">1</a></sup></p>
<p>Ein weiterer Punkt, in dem der Zugriff der Studienorganisation auf die Einzelnen deutlich wird, ist der ständige Leistungsvergleich, der etwa durch das Prüfungssystem FlexNow<sup><a id="fn1232358263827" class="footnote" href="#fn1232358263827n">2</a></sup> ermöglicht wird. Hier kann die strebsame Studierende stets ihren Lernerfolg im Klassenspiegel bewundern.  So wird eine stete Selbstkontrolle installiert, in der über einen dauerhaften Leistungsvergleich die je individuelle Motivation, dem Lernerfolg auch noch das letzte Quäntchen Freizeit zu opfern, hergestellt werden soll Diese stetige Selbstevaluierung wird ergänzt durch semesterweise durchgeführte Lehrevaluationen und ergänzende Fremdevaluationen durch vermeintlich objektive Instanzen. „Total Quality Management“ heißt das im Fachjargon und kommt auch in diesem Fall aus der Betriebswirtschaftslehre.</p>
<p>Im letzten Beispiel wird bereits deutlich, dass das, was aus Sicht der Studierenden beschrieben werden kann, auch für die Uni als ganze gilt. Hier wird durch das Vergleichbarmachen von wissenchaftlichen Erfolgskriterien ein Forschungsranking eingeführt, in dem jeder Lehrstuhl, jedes Institut und jede Fakultät sich an allgemeingültigen Kriterien zu bewähren hat. So soll es dem Management, also dem Universitätspräsidium, ermöglicht werden, im Rahmen gesteigerter autokratischer Kompetenzen die Spreu vom Weizen zu trennen.</p>
<p>Die Herstellung von Vergleichsgrößen führt somit nicht zu einer solidarischen Anerkennung anderer in ähnlicher Situation als Gleicher, sondern zu einem gnadenlosen Konkurrenzkampf. Was schon immer galt, wird verabsolutiert: Wichtig ist nicht, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse der Menschheit zu einem schöneren Leben verhelfen, sondern dass wissenschaftliche Reputation zum individuellen Aufstieg gesammelt wird. An mehreren Standorten wird gleichzeitig an demselben Problem gearbeitet, ohne dass die Beteiligten sich miteinander über ihre Erfahrungen austauschen würden. Wer schneller ist, heimst den Ruhm ein, wer die Ergebnisse vor der Veröffentlichung noch einmal überprüft, muss damit rechnen, dass seine Forschungsleistungen in der Zwischenzeit entwertet  werden.</p>
<p>Diese Konkurrenz zwischen den Hochschulen wird vom bundes- und weltweiten Universitätenranking begleitet. Vergleichbarkeit sorgt nicht für höhere Wissenschaftlichkeit oder bessere Qualität, sondern für borniertes Durchsetzen der je eigenen Interessen. Dabei kann der Erfolg der Universität im Exzellenz-Wettbewerb dann auch den einzelnen, von Misserfolgen bedrohten Studierenden als Spiegelfläche der eigenen Selbstherrlichkeit dienen: auch ich bin Elite.<sup><a id="fn1232358323693" class="footnote" href="#fn1232358323693n">3</a></sup></p>
<p>Nun machen jedoch die regelmäßigen Änderungen der Studienordnungen stets klar, dass die aktuellen Regelungen durchaus willkürlich sind. Was in der Handhabung dieser Regeln auch zu einem gewissen Opportunismus führt. Die vorhandenen Regeln werden als Rahmen behandelt, den eigenen Erfolg voranzubringen. Koste es, was es wolle. Wer sich durchsetzt, hat die Regeln verstanden und gilt als würdig, sich am Arbeitsmarkt zu verdingen. Ob das was hilft, steht dann noch mal auf einem anderen Blatt. Denn gerade am Arbeitsmarkt nimmt das Gedränge zu. Gerade im Zuge der Krisenprozesse, die wir derzeit erleben, wird auch für AkademikerInnen die Chance, sich noch einigermaßen durchzuschlagen, rapide absinken.<sup><a id="fn1232358367687" class="footnote" href="#fn1232358367687n">4</a></sup></p>
<p>Dieser Text ist in einer leicht veränderten Fassung im Zusammenhang 19 erschienen.<sup><a id="fn1232358150922" class="footnote" href="#fn1232358150922n">5</a></sup></p>
<p>Basisliteratur:<br />
Detlef Hartmann/Gerald Geppert: Cluster. Die neue Etappe des Kapitalismus. (Assoziation A, Berlin 2008)<br />
Paolo Virno: Grammatik der Multitude. Mit einem Anhang: Die Engel und der General Intellect. (Verlag Turia und Kant, Wien 2005)<br />
Andre Gorz: Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie. (Rotpunktverlag, Zürich 2004)</p>
<ol class="footnotes">
<li id="fn1232358150922n">Der Zusammenhang ist die hochschulpolitische Publikation des Basisdemokratischen Bündnis in Göttingen. www.bb-goettingen.de  [<a href="#fn1232358150922">zurück</a>]</li>
<li id="fn1232358226807n">Vgl. zur zwiespältigen Wirkung des Bachelor: Gartenzwerging &#8211; Bachelor macht alles gleich  [<a href="#fn1232358226807">zurück</a>]</li>
<li id="fn1232358263827n">FlexNow ist ein Online-Prüfungssystem, das in der Universität Göttingen zum Einsatz kommt. Hier werden Prüfungen, Klausuren und dergleichen mehr in einer zentralen Datenbank verwaltet. Dadurch wird es etwa möglich, bei geschriebenen Klausuren die Notenverteilung aller Prüflinge zu sehen und sich innerhalb dessen einzuordnen.  [<a href="#fn1232358263827">zurück</a>]</li>
<li id="fn1232358323693n">„Kollektiver Narzißmus läuft darauf hinaus, daß Menschen das bis in ihre individuellen Triebkonstellationen hineinreichende Bewußtsein ihrer sozialen Ohnmacht, und zugleich das Gefühl der Schuld, weil sie das nicht sind und tun, was sie dem eigenen Begriff nach sein und tun sollten, dadurch zu kompensieren, daß sie, real oder bloß in der Imagination, sich zu Gliedern eines Höheren, Umfassenden machen, dem sie die Attribute alles dessen zusprechen, was ihnen selbst fehlt, und von dem sie stellvertreend etwas wie Teilhabe an jenen Qualitäten zurückempfangen. ( &#8230; ) Es genügt schon der Besuch einer höheren Schule, gelegentlich bereits die Einbildung, aus guter Familie zu stammen. Die Attitüde, in der Halbbildung und kollektiver Narzißmus sich vereinen, ist die des Verfügens, Mitredens, als Fachmann sich Gebärdens, Dazu-Gehörens.“ (Theodor W. Adorno: Theorie der Halbbildung. In: ders.: Soziologische Schriften I. Frankfurt 1972)  [<a href="#fn1232358323693">zurück</a>]</li>
<li id="fn1232358367687n">Vgl. dazu „Die Uni kriegt die Krise“ von 180°,<a href="http://www.180-grad.tk/254"> </a><a href="http://www.180-grad.tk/254">http://www.180-grad.tk/254</a> [<a href="#fn1232358367687">zurück</a>]</li>
</ol>
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		<title>Gross Social Happiness</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Jan 2009 15:57:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[English]]></category>
		<category><![CDATA[Maria Wölflingseder]]></category>

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		<description><![CDATA[Deutsche Version Maria Wölflingseder The new magic formula against poverty, unemployment and all other grievous dislocations is: “Invest in Social Capital. Enjoy immediate profit, the personal surplus value of voluntary activity. You, dear entrepreneur, create social and ecological surplus value.” Sociology has discovered “social capital” as a wonder cure. People with an intact social network, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4><a href="http://www.krisis.org/2008/bruttosozialglueck">Deutsche Version</a></h4>
<p><em>Maria Wölflingseder</em></p>
<p>The new magic formula against poverty, unemployment and all other grievous dislocations is: “Invest in Social Capital. Enjoy immediate profit, the personal surplus value of voluntary activity. You, dear entrepreneur, create social and ecological surplus value.” Sociology has discovered “social capital” as a wonder cure.<span id="more-3044"></span></p>
<p>People with an intact social network, many friends (and at least nine persons whom they can call in the night) and active charitably, with a high income and a secure job are optimistic and happier in all situations in life than others. This is analogously true for societies. Those regions in which persons live with high social capital are on a successful economic and political course. Social capital has dangerously disappeared in the last years and decades. Still through a stimulated “social capital research,” every citizen should be animated to re-appropriate this “quickly renewable resource.” Social capital is the trendy word for voluntary activity, “social competence” and “social engagement.” If these are lacking, the costs of the welfare system explode. Every individual and the communities should take responsibility – instead of delegating the problems to the “system” and worry about ecological and social concerns. This is urged by Agenda 21 and by groups that consume fair trade products and eco-electricity or propagate the coolness of public transportation. Obviously the macro-plane must be included. In the whole economy, there should be more cooperation and less competition, more sustainability and less conventional monetary striving for gain.</p>
<p>In his extolled work “New Values for the Economy. An Alternative to Communism and Capitalism,” the leading thinker in the cause of capital reification Christian Felber, co-founder of Attac Austria, celebrates how easily the economy can be turned to the better. With its sky-blue book cover, the book follows his earlier bestseller “50 Proposals for a Just World.” “While most of the proposals are positive, they all encounter a common obstacle: the profit-interest of powerful corporations.” Still this contradiction can be removed. The legislators (!) only need to give other goals to private businesses, rewarding them for their public interest instead of their profit making. Then the “hocus pocus” of the growth pressure in the economy would be unnecessary because one business would no longer have to realize a higher profit than the others or devour one another. The annihilation competition would be extinguished. Capital would change from an end to a good means.</p>
<p>Even the World Bank is calculating wealth no longer only in GDP but increasingly including social criteria. In remote Bhutan, the absolutist-Buddhist kingdom, new happy democratic times appear. The sociologist, cultural anthropologist and extraordinary university professor Andreas Obrecht explored the cultural, social and economic effects of the electrification of this backward country carried out with Austrian development cooperation. In his radio feature (2008), he reported how the remote village population – that hardly came in contact with money – first learned to rightly value their work. To pay for the furnished electricity, they have to objectify themselves from now on in paid labor. This circumstance is registered pointblank as a success by our researchers. Obrecht emphasizes how the “gross social happiness” begins to multiply. Like many others, he also speaks of spirituality in this connection. Sometimes it is of Buddhist origin but always involves solidarity with a greater whole arising through the new value community. Investment should be in social capital, which includes spirituality, and not in short-term pleasure.</p>
<p>Can all these positively applied terms from the capitalist economy be imagined “garnished with religion”? Don’t alarm bells ring for critics? Seeing the connection and effects of capitalist conditions and questioning its foundations is manifestly such a great taboo that no costs and efforts are spared in bending capitalism, stylizing it as colorful and flavoring it to be tasty so it can be presented as a humanized, ecological and tamed alternative. All this recalls the esoteric movement. It also positively remodels everything unbearable and grievous. For example, the oppression and discrimination of the woman should be annulled by means of spiritual eco-feminism by describing the feminine as outdated and the rescuer. All this very superficial criticism is obviously fruitless… “One cannot solve problems with the way of thinking that created the problems.” Without this helpful discovery formulated by Albert Einstein, nothing will change for the better.</p>
<p>(Abridged translation by Marc Batko, published at  miami.indymedia.org)</p>
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		<title>Begrabt Haider</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 15:11:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Exner]]></category>

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		<description><![CDATA[Andreas Exner Sekretärinnen stellen an ihren Arbeitsplätzen Kerzen auf; Schulklassen pilgern in den Landtag, um seinen Sarg zu sehen; ein Meer von Kerzen macht aus der Unfallstelle einen Friedhof; der ORF wittert große Traurigkeit; sie lege sich auf den Klagenfurter Hauptplatz, breite sich aus über das ganze Land. Und wirklich, wer dieser Tage den Winden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Andreas Exner</em></p>
<p>Sekretärinnen stellen an ihren Arbeitsplätzen Kerzen auf; Schulklassen  pilgern in den Landtag, um seinen Sarg zu sehen; ein Meer von Kerzen  macht aus der Unfallstelle einen Friedhof; der ORF wittert große  Traurigkeit; sie lege sich auf den Klagenfurter Hauptplatz, breite sich  aus über das ganze Land. Und wirklich, wer dieser Tage den Winden  Südösterreichs lauschte, hörte sie leise weinen. Unsere Kärntnerinnen  und Kärntner. Trauert, Leute, trauert. Und zwar um mich. Ich wohne hier,  es ist entsetzlich.<span id="more-2320"></span></p>
<p>Die Reaktion auf Haiders Tod ist ein soziales Phänomen, das wir  analysieren müssen. Diese Hysterie ist eine Warnung. Ihre Gefühlswucht  macht im ersten Moment nachgerade fassungslos. Noch fassungsloser aber  macht, dass nicht nur seine Anhänger, sondern auch angebliche Kritiker  von Haiders Tod betroffen sind. Jedenfalls wird der Sachverhalt so von  den Medien dargestellt. An sich ist das bereits ein soziales Faktum, das  befremden muss.</p>
<p>Haider war der Typ, dem man im NS besser nicht begegnet wäre, sofern man  kein Nazi war oder kollaborierte. Haider wusste, was er tat; und ihm war  klar, worauf seine Politik hinauslief. Wie funktionieren also  Haider-Gegner psychisch, wenn sie angesichts seines Todes Trauer spüren,  oder Betroffenheit?</p>
<p>Zweierlei ist denkbar. Entweder es gibt eine Identifikation mit dem  Angreifer. So erklärt die Psychoanalyse die paradoxe Sympathie, die  Opfer von Gewalt mitunter für die Täter fühlen. Das scheint fraglich,  denn Basis dieses Mechanismus ist ein Gefühl großer Ohnmacht, die im  Fall der Kritik an Haider nicht gegeben war. Es ist aber auch Folgendes  möglich: Vermeintliche Kritiker übten ihre Kritik aufgrund ihnen  äußerlicher Normen, und weniger aus dem Motiv, Haiders Politik zu  brechen. Könnte es nicht sogar möglich sein, dass, wer Haider  kritisierte, das weniger aus einer grundsätzlichen Ablehnung heraus tat,  sondern eher weil sein Auftreten zu rabiat und rotzig, zu irrational  war, inhaltlich aber durchaus Übereinstimmungen bestanden?</p>
<p>In diese Richtung deutet jedenfalls, dass man Haider nicht unbedingt  dafür verurteilte, was er wollte, sondern weil er es nicht umsetze. So  wurde zumal in Teilen der Linken argumentiert. Wetterte Haider gegen die  Globalisierung, wollte er einen starken Staat, setzte er sich für die  &#8220;kleinen Leute&#8221; ein, denunzierte er arrogante Bonzen oder agitierte  gegen &#8220;Schmarotzer&#8221; und migrantische Billigarbeitskräfte, so wusste er  in der Tat den sozialdemokratischen Volkskonsens unter sich, der Nation,  Arbeit und Autorität hoch hält wie sonst nichts und sich von den  Gewerkschaften bis in die Globalisierungskritik hinein erstreckt.</p>
<p>Wahre Haiderfans allerdings unterscheiden sich von einer solchen  Übereinstimmung, die still bleibt und sich unter Kritik verbergen  konnte, durch das Moment der Begeisterung. Woher rührt sie?</p>
<p>Ihre Quelle liegt darin, dass Haider der Idealtypus des konformistischen  Rebellen war. Er war der Cop der Politik. Wie der Bulle abendlicher  Krimiserien war Haider ein Zwitterwesen, das Widersprüchliches vereinte:  Während er der Autorität ins Gesicht schlug, sehnte er sich zugleich  nach Autorität, ja, er übte sie mit Genuss in Kärnten aus. So brachte er  einen fundamentalen Zwiespalt adäquat zum Ausdruck &#8211; nämlich den Hass  auf &#8220;die da Oben&#8221;, die &#8220;uns&#8221; kanifeln und sich erheben, gegen die man  dennoch nicht aufbegehrt, sondern lieber selbst kanifelt und sich  erhebt. Aus diesem Hass wächst keine Sehnsucht nach Befreiung, sondern  die Leidenschaft dafür, hart durchzugreifen. Man will sich nicht die  Autorität vom Leib halten, sondern schlicht eine andere; will endlich  selbst autoritär sein dürfen, am besten noch autorisiert. Das Progrom  als Verhaltensvorlage.</p>
<p>Der konformistische Rebell verspottet das Gesetz, nur um es selbst noch  härter einzufordern und zu setzen. War Haider der Polit-Cop, so die  &#8220;Altpartei&#8221; der Staatsanwalt. Der Polit-Cop wühlt auch ohne den Befehl  zur Hausdurchsuchung, erpresst ein Geständnis und prügelt, er, der Arm  des Gesetzes, braucht sich um Verfassungsnormen nicht zu kümmern &#8211; er  nämlich ist des Gesetzes Ursprung, der nackte Wille zur Gewalt außerhalb  des Raums des Rechts. Dieser Wille spannt diesen Raum erst auf. Der  Polit-Cop Haider: Freiheit und Notwendigkeit in Personalunion. Seine  Freiheit war Einsicht in das, was man als kleiner Mann für nötig hält.  Arbeit muss sein. Österreich den Österreichern. Freiheit für uns, damit  wir tun können, was wir müssen.</p>
<p>Damit bewegte sich Haider im weiten Feld der Schnittmenge im  Gefühlshaushalt der Rechten und der Linken. Das konnte er so spielend  leicht, nicht nur weil er eine psychobiografisch bedingte Begabung dafür  aufwies, sondern weil die konformistische Rebellion in allen steckt, die  es in dieser Gesellschaftsform aushalten sollen. Sein potenzielles  Publikum war demnach groß. Denn Rebellion ganz ohne Konformismus heißt  in der kapitalistischen Gesellschaft letztlich, die eigene Vernichtung  zu betreiben. Konformismus ohne Rebellion jedoch ist ebensowenig  möglich, weil dem Zwang am Individuum immer etwas entkommt &#8211; sexuelle  Leidenschaft, ein Traum vom besseren Leben, Zweifel, Enttäuschung, Wut,  die Erfahrung von Liebe.</p>
<p>Die besondere Gefährlichkeit von Haider und seinen Fans liegt allerdings  darin, das, was in ihnen vorgeht, vollständig zu verdrängen. Sie können  so ungeniert den Anderen zum Sündenbock, zur Ursache ihres Leidens  erklären, weil sie ihr Leben für so richtig halten. Alles daran stimmt:  die Heimat, die so schön ist; die Arbeit, die man tun muss; die  Leistung, die belohnt wird; und dass man kein Slowene ist, ein Ausländer  oder gar ein Jude; und auch kein Homosexueller (der Haider &#8211; Heuchelei  verpflichtet &#8211; offenkundig war).</p>
<p>Das freilich ist wiederum Allgemeingut, in abgeschwächter Form. Und  genau deshalb ist die kapitalistische Gesellschaftsform, gerade in ihrer  Krise, so gefährlich: dass in dieser Sicht im Grunde alles daran stimmt  &#8211; die Lohnarbeit, die man mitbestimmen will; die Steuern, die man zahlen  soll; die Demokratie, die unser höchstes Gut ist und die man ausweiten  müsste; der Nationalstaat und das Geld, beides feine Sachen; würde man  nur richtig regieren und regulieren. Wären da nicht die Regellosen und  die Deregulierten.</p>
<p>Anders als beim Polit-Cop Haider und in Leserbriefen an die  <em class="moz-txt-slash"><span class="moz-txt-tag">/</span>Kronen-Zeitung<span class="moz-txt-tag">/</span></em>, wo man hinter der Finanzkrise dunkle Personen ahnt,  die ins Gefängnis gehören, steht man hier, im Allgemeinen, allerdings  auf der Seite des Staatsanwalts. Man fordert Regeln für die Reichen,  appelliert an die Autorität, in deren Händen die Macht zum Guten liegt.  Ist Haider ein konformistischer Rebell, so handelt es sich hier um einen  rebellischen Konformismus. Befreiung ist für ihn ein Fremdwort, die  Regulierung ist sein Nonplusultra.</p>
<p>Wenn Bundespräsident Heinz Fischer Jörg Haider &#8220;Talente&#8221; und  &#8220;Begabungen&#8221; nachsagt, so ist das deutlich zu relativieren. Haider  glänzte weder intellektuell noch moralisch oder ästhetisch. Er war nicht  integer und auch kein Visionär. Als Haider plakatierte, &#8220;Er hat Euch  nicht belogen&#8221;, glaubten ihm das laut einer Umfrage nicht einmal seine  Wähler. Hier ist eine Analogie zu Hitler ausnahmsweise stimmig.  Allerdings springt diese Durchschnittlichkeit, mit dem Abstand der  Jahrzehnte, bei Hitler noch frappierender ins Auge. Wer heute mit  heutigen Augen und Ohren eine Rede Hitlers verfolgt, sieht einen  unscheinbaren, ja, unappetitlichen Menschen, hört einen, der brüllt und  undeutlich Sätze artikuliert, die keinen Sinn mehr haben. &#8220;Groß&#8221; und  &#8220;bedeutend&#8221; war Hitler, war Haider, nicht aus eigener Kraft, sondern  weil die Leute ihre Kraft auf sie projizierten, sich ihrer  Eigenständigkeit enteigneten, die zum Idol gerann.</p>
<p>Der konformistische Rebell zieht alle Wünsche der Wunschlosen auf sich.  Er verkörpert das, was ihnen abgeht: ihren Zusammenhang als Menschen.  Das tut er, weil die, die ihn anhimmeln, sich nicht anders aufeinander  beziehen können als durch ihn, das allgemeine Äquivalent ihrer Ohnmacht,  Spektakel ihrer Unterwürfigkeit, in die sie selbst sich begeben haben.  Wer Äußerungen zum Tod von Haider liest oder hört, dem wird dieses  Moment ins Auge springen &#8211; Haider, der mir geholfen hat; Haider, ohne  den ich Angst habe; Haider, der Sicherheit gab; Haider, ohne den wir  nicht wissen, wie es weitergeht; Haider, der ein echter Haider war, bis  in den Tod; das war einfach er, der Haider.</p>
<p>Ich und Haider, Haider und Ich. Wir, die Haiderianer. Nicht Du und Ich,  keine freie Assoziation der Individuen, sondern die Uniformität der  Isolierten, der voneinander Abgewandten und deshalb auf ihn  Ausgerichteten &#8211; das wird hier deutlich sichtbar. Seine Fans existieren  als Fans nur durch ihn und in ihm, wie Dr. Haider als Dr. Haider nur in  ihnen und durch sie existiert, fleischgewordene Projektionsfigur ihres  wunschlosen Unglücks.</p>
<p>Als Erich Fromm in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, also  am Vorabend der NS-Herrschaft, den Sozialcharakter von Arbeitern und  Angestellten in Deutschland mit den Methoden der statistischen  Psychoanalyse studierte, kam er zu folgendem Ergebnis: 10 % der mehr als  3.000 Befragten hatten einen autoritären, 15 % einen stark  antiautoritären Charakter. 75 % fielen in die Kategorie des ambivalenten  Charakters zwischen diesen Polen. Fromm wollte wissen, &#8220;in welchem  Ausmaß die jeweiligen politischen Meinungen mit der Gesamtpersönlichkeit  übereinstimmen.&#8221; Seine These war, dass bewusst verfolgte Ziele, all das,  was Menschen behaupten, politisch anzustreben, nicht unbedingt das sein  muss, was sie tatsächlich mit Leidenschaft erhoffen, und wofür sie  letztlich eintreten.</p>
<p>Diese These erwies sich nach Abschluss der Erhebungen, die in der  Hauptsache zu Beginn der Großen Depression, 1929 und 1930 durchgeführt  worden waren, von einer schlagenden Evidenz, &#8220;denn der Triumph des  Nationalsozialismus enthüllte einen erschreckenden Mangel an  Widerstandskraft in den deutschen Arbeiterparteien, der in scharfem  Gegensatz zu deren numerischer Stärke stand, wie sie sich in den  Wahlergebnissen und Massendemonstrationen vor 1933 gezeigt hatte&#8221;,  schreibt Fromm. Tatsächlich entsprach der Massencharakter der Menschen,  die in der Arbeiterbewegung aktiv waren, eher einem autoritären Muster,  was es den Nazis leicht machte, ihre Ziele zu erreichen, als sie darum  zu kämpfen begannen, die Ambivalenten auf ihre Seite zu ziehen.</p>
<p>So erklärt sich auch der politische Verlauf vieler Rebellionen und eine  häufige persönliche Biografie politisch Aktiver. &#8220;Man könnte das  politische Leben des zwanzigsten Jahrhunderts als einen moralischen  Friedhof von Persönlichkeiten bezeichnen, die als angebliche  Revolutionäre begannen und sich als bloße opportunistische Rebellen  entpuppten&#8221;, schreibt Erich Fromm in <em class="moz-txt-slash"><span class="moz-txt-tag">/</span>Der revolutionäre Charakter<span class="moz-txt-tag">/</span></em> 1963.</p>
<p>Wohin wird die Globalisierungskritik tendieren, wenn die Krise erst  einmal ihre Regulierungsillusionen überrollt hat? Wie werden die  Gewerkschaften reagieren, wenn die Hoffnung, mit Wohlverhalten  Zugeständnisse abringen zu können, zunichte ist? Wie handeln wir, wenn  das Eintreten für eine gesellschaftliche Alternative schwieriger, aber  auch entscheidender wird? Wollen wir auf Autoritäten vertrauen oder  beginnen wir, ein anderes Leben praktisch ins Werk zu setzen? Wie können  wir den Konformismus zurückdrängen und die Eigenständigkeit stärken,  auch in uns selbst? Wie wird die Freiheit vom Leiden an der Gesellschaft  attraktiv &#8211; und damit die einzige Perspektive, die uns bleibt, real.</p>
<p>Dass Haiders Tod massenhaft Trauer auslöst, ist schlimm genug. Schlimmer  jedoch ist die Rücksichtnahme auf die Gefühle seiner Fans, die von allen  geteilte Betroffenheit, die allgemeine Identifikation mit der  Herrschaft. Der konformistische Rebell ist eine gefährliche Figur. Nun  ist zu sehen, dass diese Charakterstruktur hierzulande dominiert.  Begrabt Haider.</p>
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		<title>Skandal als Skandalisierung</title>
		<link>http://www.krisis.org/2008/skandal-als-skandalisierung</link>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 05:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag und Wahn]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Franz Schandl]]></category>

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		<description><![CDATA[Schrägstellungen zur Anatomie gesellschaftlicher Affären]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Schrägstellungen zur Anatomie gesellschaftlicher Affären</h3>
<p>Streifzüge 43/2008</p>
<p><em>Franz Schandl</em></p>
<blockquote><p><em>&#8220;Die Skandalrepublik Österreich gibt es nicht mehr, das ist endgültig vorbei.&#8221; &#8212; Alfred Worm (2000), zit. nach: Medien und Zeit, 1/2008, S. 44</em></p></blockquote>
<p>Es ist ein echter Nestroy. Auch wenn fast alle meinen, dass er zu diesem Zeitpunkt schon hinüber gewesen sei, schrieb Johann Nepomuk Nestroy im Herbst 1862 an einer neuen Posse mit dem schlichten Titel: &#8220;Die Bank&#8221; oder: &#8220;Der Erfolg und sein Geheimnis&#8221;.<span id="more-806"></span> Die Hauptrolle darin spielt der flotte, aber letztlich gescheiterte Bankier Marcel Elster, weiters treten auf die Hausspekulanten Abgang und Flöten, die Aufsichtsräte Weniger und Verstehtnix, Elsters Nachfolger Nowoswasi und der Geldbote Sacklhater. In Nebenrollen finden sich die Parteisekretäre Misston und Kaliber, der Polizeipräsident Horny und seine Geliebte, abwechselnd Hanni oder Honey geheißen, die wenig liebevoll &#8220;Aufdeckhengste&#8221; genannten Reporter Fell, Schwamm und Heiß, nicht zu vergessen die der Bank aufs Engste verbundenen Großunternehmer Schaff, Saus und Meinis, ein umtriebiger Finanzminister namens Krasser und die über alles streng urteilende Richterin, Frau Bandit-Ordner. Zwischen den Szenen singt der Krötenchor, so heißt der Gesangsverein der Wiener Polizei nicht nur aufgrund seiner dunkelgrünen Uniform, seine Gstanzln. Echter geht&#8217;s nicht.</p>
<p>Zweifellos, der Dichter war auch nach seiner Zeit seiner Zeit weit voraus: &#8220;Was hat Nestroy gegen seine Zeitgenossen? Wahrlich, er übereilt sich. Er geht antizipierend seine kleine Umwelt mit einer Schärfe an, die einer späteren Sache würdig wäre&#8221;, schreibt Karl Kraus in einem der wenigen Kommentare zu unserem Stück, das von Germanisten leider nie zur Kenntnis genommen wurde. Bestenfalls galt es als verschollen. Unverschämterweise wurde es aber in den Vorstädten tradiert, mündlich, daher auch alterierend &#8220;Honey&#8221; und &#8220;Hanni&#8221; oder die Komprimierung der Spekulanten auf eine Person. In den letzten Jahren wurde das Schauspiel zur allgemeinen Überraschung in der Hauptstadt von echten Personen in echten Positionen uraufgeführt. Derzeit läuft der letzte Akt, es ist ein Gerichtsakt.</p>
<p>Dieser Schluss war lange umstritten. Und wirklich, es hätte auch so ausgehen können: Bei einem vom ÖGB veranstalteten &#8220;Fest für Fritz&#8221;, das für den langjährigen Gewerkschaftspräsidenten Fritz Verzetnitsch im September 2010 ausgerichtet wird, unterstreicht Alfred Gusenbauer in seiner Laudatio ausdrücklich die &#8220;nie in Frage zu stellende Untadeligkeit meines Freundes&#8221;, der &#8220;liebe uneigennützige Fritz&#8221; sei einer, der &#8220;sich aber auch nie, ich betone: nie, das Geringste zu Schulden hat kommen lassen&#8221;, der kulturbeflissene Kanzler beschwor sogar &#8220;die Glorie von Uneigennützigkeit&#8221;. Tags zuvor hatte er Ibsens &#8220;Stützen der Gesellschaft&#8221; im Burgtheater besucht.</p>
<p>Absolute Seriosität und Pakttreue werden dem geehrten Gefährten auch vom Wirtschaftskammerpräsidenten Christoph Leitl bestätigt. Alle Parteien zollen Anerkennung. Zu seinem Abschied im Nationalrat gibt es stehende Ovationen. In der <em>Krone</em> findet sich ein Vierseitenporträt. Verzetnitsch wird unisono beschieden, ein ganz Großer der Zweiten Republik zu sein. Vom Bundespräsidenten wird ihm das Goldene Kreuz ob seiner Verdienste für die Republik Österreich verliehen. 23 Jahre steht er nun schon an der Spitze der Gewerkschaft. Ein paar Jahre will er, so er gesund bleibt, noch anhängen. Auch der Kanzler habe ihn darum gebeten.</p>
<p>Monate vorher, am 12. Mai 2010 feiert Helmut Elsner in einem vollgestopften Innenstadtpalais seinen 75. Geburtstag. Die Lobesrede hält niemand Geringerer als Josef Taus. Er nennt &#8220;unseren Freund Marcel&#8221; einen &#8220;tatkräftigen Mann&#8221;, dieser sei, &#8220;und das sage ich nicht nur so dahin, wirklich einer, der sich was traut, einer, der Grenzen nicht nur auslotet, sondern gelegentlich auch überschreitet&#8221;. &#8220;Wir alle haben ihm viel, sehr viel zu verdanken.&#8221; &#8220;Manchmal hamma auch zittert, lieber Marcel, aber das ist alles Schnee von gestern&#8221;, so der Industrielle ganz launig am Schluss seiner Rede. Großes Gelächter und tosender Applaus folgen.</p>
<p>Unter vorgehaltener Hand ist freilich auch heute (also im Frühjahr 2010) noch des öfteren zu hören, dass es wirklich ein Wunder sei, dass oder besser noch wie Marcel die wilden Neunzigerjahre heil überstanden hat. Gerüchten zu Folge soll es Ende des Jahrtausends zu wilden Spekulationen gekommen sein. BAWAG und ÖGB sollen damals am Abgrund gestanden sein. Angeblich. Denn Genaues weiß man nicht. Der unaufhaltsame Aufstieg der BAWAG im ersten Dezennium hat das zu Nichtigkeiten degradiert. Auf die Frage, was er zu den nicht verstummenden Geschichten zu sagen habe, macht Elsner nur eine lapidare Handbewegung, lächelt süffisant, und murmelt fast sanft ein einziges Wort ins Mikrophon: &#8220;Makulatur&#8221;. Was Rechtes ist auch nie aktenkundig geworden. Letztlich hat Elsner die Bank nicht nur zu einer nationalen Größe aufgebaut, sondern gar zu einem internationalen Player gemacht, steht sein Name eindeutig und auf ewig für den Erfolg der ehemaligen Arbeiterbank. Was zählt und bleibt, das ist diese Leistung. Wer möchte da die Ehre versagen? Keiner!</p>
<p>Im Vorjahr, also 2009, ist die Bank auch äußerst lukrativ veräußert worden. &#8220;Die BAWAG ist zu einem transnationalen Institut geworden, bestens postiert, nicht nur am heimischen Markt. Der Verkauf an einen US-amerikanischen Fonds, bescherte ihrem ursprünglichen Eigentümer einen satten Verkaufserlös. Der ÖGB gilt nicht erst seitdem als (nicht nur bezogen auf seine Mitglieder) reichster Gewerkschaftsverband der Welt&#8221;, ist im <em>profil</em> 38/2009 nachzulesen, auf dessen Frontseite sich Verzetnitsch und Weninger im Nadelstreif gratulierend die Hand reichen. Darunter steht in fetten Lettern: &#8220;WIRTSCHAFTSWUNDER ÖGB&#8221;. Das vergrößerte Cover hängt übrigens seitdem in der Eingangshalle der aufwendig renovierten Gewerkschaftszentrale in der Hohenstaufengasse. &#8220;Und da sage noch einmal jemand, die Gewerkschaft könne nicht wirtschaften&#8221;, sagt Fritz Verzetnitsch lachend in einem ORF-Interview. Und niemand sagt sowas. Es ist ja auch alles gut gegangen.</p>
<p>***</p>
<p>Nun, wie wir wissen, ist es gar nicht gut gegangen. Es ist anders gekommen, obwohl die oben ausgeführte Parallelwelt das wahrscheinlichere Szenario gewesen wäre. Ohne die fulminante REFCO-Pleite 2005 hätten sich die angesprochenen Herren der höchsten Auszeichnungen der Republik, des größten Respekts und der besten Reputation sicher sein können. Nichts hätte dem Abbruch getan, keine karibischen Turbulenzen und auch kein Casino-Crash in Jericho. Gar nichts wäre passiert, das meiste wäre geheim geblieben. Ob Verzetnitsch, Elsner oder Flöttl gemeinhin als Falotten gelten oder als Stützen der Gesellschaft, das hing an einem seidenen Faden. Und es ist des Öfteren so: Zwischen flotten Burschen und windigen Burlis, da ist nicht viel um. Manche werden Manager des Jahres, andere sitzen hinter Schwedischen Gardinen. Was auch hintereinander möglich ist.</p>
<p>Ohne hier ein verallgemeinerndes Istgleichzeichen zu setzen, aber: Falotten sind verdiente Mitglieder der Gesellschaft und verdiente Mitglieder der Gesellschaft sind Falotten. Da mag man nun einwenden, dass solch eine Sichtweise aber die Bülcher bagatellisiert und die ehrbaren Leute diskreditiert. Nichts anderes ist beabsichtigt. &#8220;Die Vorliebe des Bürgertums für Räuber erklärt sich aus dem Irrtum: ein Räuber sei kein Bürger. Dieser Irrtum hat als Vater einen anderen Irrtum: ein Bürger sei kein Räuber&#8221;, wusste schon Bertolt Brecht.</p>
<p>Zwei zentrale Kriterien gesellschaftlicher Durchsetzung und Anerkennung sind, wie Nestroy im Untertitel richtig erkannte, der Erfolg und sein Geheimnis. Es steckt zwar in ihm, aber heimtückischerweise versteckt, d.h. jedes Werden verschwindet im Resultat. Normalerweise fragt dann niemand mehr. Im Erfolg demonstriert man, was man erreicht hat, im Geheimnis verschweigt man, wie man es bewerkstelligt hat. Geht Ersterer daneben oder wird Letzteres aufgedeckt, wird jeder Bursch zum Burli. Diesen Prozess einer öffentlichen Degradierung oder besser noch Depotenzierung erleben wir gerade.</p>
<p>Mit ein bisschen Glück hätten Flöttl senior und junior auch als die Fugger der österreichischen Arbeiterbewegung gelten können. Möglicherweise hätte Wolfgang Flöttl noch den Bestseller &#8220;Das karibische Abenteurer&#8221; veröffentlicht. Wären Flöttls Geschäfte aufgegangen (und sie hätten dann die selbe kriminelle Energie gehabt wie im Verlustfall!), wäre dieser Mann wohl als eines der größten Finanzgenies in die Geschichte des Landes eingegangen. Aus dem wird nichts, im Gegenteil, er gerät in eine Reihe mit dem Schiffeversenker Udo Proksch. Sagte Flöttl noch im September 2006: &#8220;Schlechte Geschäfte sind kein illegaler Akt&#8221; (<em>Österreich</em>, 21. September 2006, S. 8), so ist das zwar richtig und stimmt doch nicht. Geld versenken ist ein Kapitalverbrechen, weil ein Verbrechen am Kapital.</p>
<p>Es hat nicht sein sollen. Im Erfolgsfall hätte der Spekulant Wolfgang Flöttl nicht eine Sekunde an ein Schuldbekenntnis denken müssen, wäre ihm doch jedwedes Verständnis entgegengebracht worden. Sein Fehler bestand darin, als Loser und nicht als Winner daherzukommen. Die Teilgeständnisse einiger Angeklagten im BAWAG-Prozess haben also mehr mit Kalkül als mit Wahrheit oder Lüge zu tun. Sie folgen der Einschätzung, dass Verurteilungen wahrscheinlicher sind als Freisprüche, Geständnisse aber Erstere mildern. Und niemand sage, das alles habe mit der gesellschaftlichen Dynamik des Falls nichts zu tun. Sie beherrscht diesen weitgehend. Dass der unkooperative Elsner als einziger Angeklagter in U-Haft sitzt, ist vorrangig auf die veröffentlichte Meinung der Medienpropaganda zurückzuführen.</p>
<p>Die Justiz agiert in solchen Prozessen jenseits der Grenzen ihrer Disziplin. Sie hat über etwas zu richten, was sie mit ihren Instrumentarien gar nicht richtig begreifen kann. Sie hat Urteile zu sprechen, ohne Beurteilungen treffen zu dürfen. Ihre Ermessensentscheidungen sind jenseits des positiven Rechts angesiedelt, auch wenn sich ordentliche Begründungen für Frei- wie Schuldsprüche in den Paragraphen finden lassen. Noch deutlicher als anderswo ist hier das Gesetz Knetmasse der Advokaten. Sie könnten auch würfeln. Dass Frau Bandion-Ortner in den letzten Monaten psychosomatisch auf den Fall reagierte, spricht übrigens für sie.</p>
<p>***</p>
<p>Skandale stärken die bürgerlichen Werte und Normen, weil die Skandalisierung deren Zustimmung voraussetzt wie einfordert. Skandalisierung dient zur Selbstversicherung der Ideale, zur Selbstverständigung des Selbstverständlichen. Sie ist eine Art Crash-Kurs in Sachen Staatsbürgerkunde. Auf ideologischer Ebene haben die Skandalisierer leichtes Spiel, weil die Skandalisierten defensiv, nie offensiv agieren, eben weil sie selbst der gleichen Moral aufsitzen wie ihre moralischen Richter. Zumeist wollen jene es nicht getan haben. Wenn das nicht geht, ist es ihnen passiert und sie versprechen Besserung. Niemand hingegen sagt: &#8220;Ja zur Steuerhinterziehung!&#8221; &#8220;Hoch die Schmiergeldzahlung!&#8221; &#8220;Es lebe die Vetternwirtschaft!&#8221; &#8211; Das ist eigentlich schade. Denn die Fragen nach Beziehungen, nach Provisionen und der Drang, es sich zu richten, der ist uns allen nicht unbekannt. Insgeheim wissen wir, was wir nicht sagen dürfen. Es ist wieder einmal eine dieser Eigenarten, wo die Differenz von Praxis und Theorie niemandem auffallen will: Alle Gesellschaftsmitglieder sind skandalfähig und skandalanfällig, aber keines bekennt sich zu ihm. Im Gegenteil, der Skandal, das sind immer die andern.</p>
<p>Was das Empirische betrifft, ist der Skandal oft wirklich so, wie ihn sich der kleine Maxi vorstellt, nur komparativer. Das ist darauf zurückzuführen, dass der kleine Maxi im Kleinen nichts anderes tut als die großen Maxln in Politik und Wirtschaft. Aber das sagt man nicht. Maxi weiß, was er Max vorwirft, weil er sich, obwohl er sich verleugnet, kennt. Ihn entsetzt, was er tut, bei den andern, die nichts anderes tun. &#8220;Das gewöhnliche Leben ist ein Mittelzustand aus allen uns möglichen Verbrechen&#8221; (Der Mann ohne Eigenschaften I, Reinbek bei Hamburg 1987, S. 474), wusste schon Robert Musil. &#8220;Alles Verbrechen ist gewöhnlich, gerade wie alle Gewöhnlichkeit ein Verbrechen ist&#8221;, heißt es in Oscar Wildes &#8220;Das Bildnis des Dorian Gray&#8221; (München 2004, S. 240). Es ist durchaus richtig, dass die Worte &#8220;üblich&#8221; und &#8220;Übel&#8221; sehr nahe beieinander liegen.</p>
<p>Der Skandal gehört nicht bloß <em>zur</em> Normalität, er <em>ist</em> Normalität. Keine Entgegensetzung, nicht einmal ein Querschläger! Im Skandal immunisiert sich die Geläufigkeit des Normalen, indem sie eine zugehörige Besonderheit als ungeheuerliche und ungehörige Absonderlichkeit auftreten lässt. Im Skandal tritt die Banalität gerade so auf, als sei sie eine Sensation. Skandalisierung stilisiert bestimmte Erscheinungen, reißt sie aus ihrem struktiven Zusammenhang und bläst sie via medialer Berichterstattung und politischem Befund zur Wichtigkeit par excellence auf. Skandale sind da zum Abreagieren. Sie lenken ab von der Alltäglichkeit des Geschehens, indem sie nicht dieses, sondern dessen Affären zum Thema machen. Im Skandal substituiert der gesellschaftliche Lärm den gesellschaftlichen Lauf. Im Getöse verlieren die Strukturen ihre Kenntlichkeit.</p>
<p>Rufen wir uns auch in Erinnerung, weil es von zentraler Wichtigkeit ist: Der Skandal bedroht <em>nie</em> den gesellschaftlichen Zweck, Geld zu machen, sondern erfüllt ihn nur mit Mitteln, die sitten- oder rechtswidrig sind. Aber das ist ein Detail. Was sind schon die Mittel gegen das Ziel, das kaum jemandem als fragwürdig erscheint? Skandale sind in erster Linie als Folgen und Funktionen der Geldwirtschaft zu dechiffrieren. Und zwar als solche, die zwar den Zweck teilen, aber die Regeln flexibel bestimmen möchten und das auch tun. Im schier ewigen Spiel der Geldmacherei ist der Skandal nicht Bedrohung, sondern Stachel. Dass man Geld haben soll und soviel wie möglich, nimmt kaum jemand so ernst wie diese Delinquenten. Keine Regel soll aufhalten und behindern. Illegal gewesen ist auch nicht das, was illegal gewesen ist, sondern nur das, was der Illegalität überführt werden konnte. Illegale usu legale fit.</p>
<p>Das Gesetz ist diesbezüglich ein recht harmloser Geselle. In 95 Prozent der Fälle, also jenen, die nicht durch Aufdeckung a posteriori zu Unfällen werden, ist der Rechtstaat recht stad, um nicht zu sagen: ganz still. Manchmal ist er trotz aller Offensichtlichkeiten hilflos und zur Untätigkeit verurteilt. Warum sollen keine &#8220;Sympathiezahlungen&#8221;, wie Frau Wolf (Nachname wie Wortschöpfung lassen auf einen weiteren unbekannten Nestroy schließen) ihre Geschenke aus dem Geschenkskorb der EADS völlig korrekt tituliert, an diverse Sympathieträger erfolgen? Der freie Markt lässt das nicht nur zu, er fördert diese freie Übereinkunft. Und warum soll die Frau Auffangjäger Erika Rumpold nicht aus ähnlichen Eignungshonoraren ein kleines Wirtschaftsimperium aufbauen? Es sage mir doch bitte mal jemand einen wirklichen Grund? Ursprüngliche Akkumulation, die nie aufgehört hat, verläuft so. Dass Geschäft und Verbrechen beide dem Aneignungs-, somit dem Entwendungstrieb folgen, liegt auf der Hand. Und bestaunen wir nicht eigentlich derlei Bravourstücke? Sind wir nicht alle irgendwie süchtig auf einen Coup, wenngleich die meisten wohl eher auf die Lotterie oder gar einarmige Banditen setzen, was übrigens nicht für allzu große Intelligenz spricht.</p>
<p>Ob Helmut Elsner ein Gauner ist, will z.B. ein hellsichtiger Kopf wie Wolfgang Reithofer nicht einfach bejahen. &#8220;Man soll vorsichtig sein, andere so locker zu verurteilen. Man weiß nicht, was einem selber unterkommt&#8221;, (<em>Datum</em>, Februar 2007, S. 25) sagt einer der führenden Unternehmer des Landes, einer, der wahrscheinlich genau weiß, was einem so alles unterkommt. Klug auch dieses: &#8220;Niemand ist frei. Auch der Vorstand eines Unternehmens nicht, der hat andere Zwänge. Vielleicht macht man das den Menschen zu wenig bewusst.&#8221; (Ebenda, S. 22.) Was zwar nicht für die Zwänge spricht, sondern gegen die kollektive Halluzination der Bewusstlosigkeit, sich als freier Wille zu verstehen.</p>
<p>Doch weil wir das alles nicht debattieren, sondern uns bloß über dieses und jenes das Maul zerreißen, gehen Funktion und Substanz des Skandals gerade in der grassierenden Skandalisierung unter. Über Elsner und Flöttl, Verzetnitsch oder Horngacher wird viel geredet und geschrieben, aber sie werden nicht erörtert, sondern beschuldigt oder entschuldigt. Indes wäre eine Diskussion über die Konstitution solcher Typen, nicht die individuelle, sondern die gesellschaftliche von außerordentlichem Interesse. Doch darf das interessieren? Ist das nicht fad? Ist nicht jeder er selbst, ein verantwortungsbewusstes Individuum, nicht ein zuordenbares Subjekt? Haben wir es nicht so gelernt? Und warum soll es nicht stimmen?</p>
<p>***</p>
<p>Ob etwas zum Skandal gereicht oder nicht, entscheidet primär die mediale Verwertbarkeit. Nicht objektive Tatbestände machen den Skandal zum Skandal, sondern eine entsprechende kulturindustrielle Produktionsform des Investigierens. Wie der Begriff sagt, geht es dabei um Investment und Gier. Ein ganzes Journalistenvolk gibt sich gegenwärtig dem investigativen Taumel hin, dieser ist Inbegriff des professionellen Leitbilds. &#8220;Journalismus. Das heißt: aufdecken, enthüllen&#8221;, sagte Josef Votzi vor mehr als zehn Jahren. (<em>tv-Media</em> 5/97) Kurzum: &#8220;Schreibe, was ist.&#8221; (<em>profil</em> 28/96) Nicht <em>was warum ist</em>, ist der Anspruch, sondern der losgelöste Sachverhalt soll auf den Punkt gebracht werden. Zweifelsohne ein dürftiges Programm. Das Dasein, woher es rührt und wohin es führt, was ist das schon gegen die schlichte Aufforderung zur Darstellung sogenannter Fakten und Vorkommnisse?</p>
<p>Der Skandal ist eindeutig männlich konnotiert, es geht ums Stierln, ums Abgreifen und ums Abschießen. Jemanden bis auf die Unterhose ausziehen, das hat was. Was interessiert, sind die Dessous der Macht. Der Skandal ist eine Peep Show der Kulturindustrie, allerdings eine, wo eins es sich nicht aussuchen kann, jene zu besuchen oder nicht. Wir sind zugeschaltet, es gibt kein Leben abseits des medialen Banns. Elsner und Zumwinkel sind aktuelle Berühmtheiten, auch wenn sie in einigen Jahren kaum jemand mehr kennen wird. Sendungen und Zeitungen gleichen &#8220;peeping organs&#8221;. Es wird aufgegeilt, bis es fahl und fad wird. Daher geht es auch Schlag auf Schlag, folgt Fall auf Fall, Kriminal auf Kriminal. Die BAWAG-Affäre, obwohl noch nicht ganz ausgestanden, ist bereits ein Skandal von gestern. Neue stehen auf der Tagesordnung. Die Lieferung bleibt nicht aus. Verschnaufen ist nicht. Abfüttern schon.</p>
<p>Skandale aufdecken meint Selektion geheimen Wissens durch Offenbarung sogenannter Indizien und Tatbestände. Der Rezipient ist freilich kaum fähig, Gerücht und Wahrheit zu unterscheiden bzw. den jeweiligen Stellenwert zu ermessen. Er ist angewiesen und abhängig, ja ausgeliefert. Bei gezieltem Investigieren kommt auch kein Skandalisierter unbeschädigt davon. Irgendetwas bleibt hängen. Dass jedem und jeder etwas anzuhängen ist, sollte klar sein. Ob jemand unter Verdunkelungsgefahr leidet oder schon Opfer einer Enthüllungsentzündung ist, ist manchmal schwer festzustellen. Man kann über Lappalien oder gar haltlose Bezichtigungen stürzen, wie es etwa dem ehemaligen SP-Zentralsekretär Heinrich Keller passiert ist. Man kann aus Skandalen, die jeden anderen zur Strecke bringen, auch gestärkt hervorgehen: Jörg Haider ist das zwischen 1986 und 2000 einige Male gelungen.</p>
<p>Skandale werden nicht einfach enthüllt, sondern folgen einer strategischen Dramaturgie. Die Wahrnehmung gilt aber nicht vorrangig dem inkriminierten Fall, also dem Skandal, sondern vor allem der genüsslichen Aufbereitung desselben, also der Skandalisierung. Die Affäre ist das beste und einträglichste Mittel der Erregung unmittelbarer Aufmerksamkeit. Der Skandal kommt erst durch die Aufdeckung zu sich. Das Ereignis gerät erst in ihm außer sich zu seinem nachträglichen Begriff. Ein Skandal ohne Aufdeckung ist keiner gewesen, mag gewesen sein, was immer auch gewesen ist.</p>
<p>Kein Skandal ohne Skandalisierung! Gibt es Letztere nicht, hat es Ersteren nie gegeben, egal nun, wie hoch die kriminellen Ingredienzien der jeweiligen Geschäfte und Politiken zu veranschlagen gewesen wären. Der Skandal kann ohne öffentliche Kenntnisnahme nicht gedacht werden. Letztlich verschleiert die Skandalisierung mehr als sie aufdeckt, eben weil sie sich beharrlich weigert, Missstände und Zustände als Einheit zu denken, sondern deren immanente Diskrepanz stets zur kontrafaktischen, aber kategorischen Zweiheit aufbauscht. In der Aufdeckung und Konstruktion von Skandalen demonstriert das System nicht seine Instabilität, sondern im Gegenteil seine Stabilität. Trotz aller Aufregung und Empörung folgen zum Schluss Ermattung und Indifferenz. Sie sind das ungenannte, ja oft unbewusste Ziel.</p>
<p>Die Voraussetzung einer Affäre mag ein krimineller Sachverhalt sein, ihre Bedingung ist aber ihre Inszenierung. Um den Skandal als soziale Größe zu erfassen, ist es vor allem notwendig, die Methoden der Skandalisierung genauer zu untersuchen und zum Gegenstand der Kritik zu machen. Dreckmacher und Dreckstierler bilden zwar keine symbiotische, ab er doch eine synergetische Einheit. Sie gehören zusammen und führen gemeinsam ihre Stücke auf. So wie der Kasperl und das Krokodil. Gewinnen tut immer der Kasperl, sofern das Krokodil auf der Bühne erscheint. Verbleiben die Krokodile im Sumpf, dürfen sie anstellen, was sie wollen und fressen, wen sie wollen. Dass fast alle Krokodile dort sind, ist anzunehmen, im Fernsehen trocknen sie schnell aus und in der Öffentlichkeit kommen sie um. Aber im Sumpf der Zivilgesellschaft gedeihen sie prächtig. Da mögen die Kasperln denken, was sie wollen.</p>
<p>***</p>
<p>Skandalisierung und Skandal verhalten sich wie Verlogenheit und Lüge. Erscheint Letztere offensichtlich, bleibt Erstere, gerade weil sie beleuchtet, im Dunkeln. Wir wissen (oder glauben zu wissen) von den Geschäften der Aufgedeckten, haben aber wenig Ahnung von den Geschäften der Aufdeckung. Natürlich kommt es schon mal vor, dass ein Blatt ein anderes bezichtigt, Geld angeboten oder angenommen zu haben, aber das ist die Ausnahme. Und zumeist folgenlos, denn jeder darf jedem Geld geben für eine bestimmte Leistung. Warum soll man durch eine Auskunft keine Einkunft erzielen? Das sei unlauter? Nicht mehr als jedes andere Geschäfte auch.</p>
<p>Viele Fragen bleiben offen: Wer beliefert die Aufdecker? Wer bezahlt die Lieferanten? Worin unterscheiden sich Bestechung und Aufdeckung? Wo werden welche Waren gehandelt? Wie hoch sind die Preise? Abgehörte Telefonate, bespitzelte Personen, umgeleitete E-Mails, veröffentlichte Steuerbescheide, weitergereichte Rechnungshofrohberichte, gestohlene Akten, Erpressungen &#8211; das alles, obwohl tatsächlich, ist kaum präsent. Nichts ist transparent, aber alles undicht. Der Skandal, so zeichnet es sich ab, ist nur auf skandalöse Art und Weise zu bekämpfen. Oft weiß man nicht, wer der Üblere ist, der Aufdecker oder der Zudecker? Wobei die natürlich auch von Fall zu Fall die Positionen tauschen könn(t)en. Aufdeckung erfordert dieselben Methoden, gegen die sie auftritt. Wer die Dialektik des Skandals eingehend studiert, könnte wissen, dass der Saubermann oft jener Mann ist, der am meisten mit dem Dreck zu tun hat. Indes, Thema ist die Enthüllung der zu Enthüllenden nicht die Enthüllung der Enthüller. Wer sollte die auch einbringen? Die nichtbeobachteten Beobachter, die Aufdecker selbst? Die können absolut kein Interesse an solchen Geschäftsstörungen haben.</p>
<p>Die deutsche Postbankaffäre um Klaus Zumwinkel offenbart da mehr, als allen Aufdeckern recht sein kann. Der offiziell bekannt gewordene Ankauf von Daten über Steuersünder mag ein Novum sein. Dass mit solchen Sachen gehandelt wird, liegt aber auf der Hand. Wer Informationen sammelt und besitzt, der will und darf sie doch auch verkaufen. Da mag die Beschaffung auch selbst nicht ganz legal sein. Egal. Rein formal wird ein Angebot gelegt, das auf Nachfrage hofft. Hätte der BND nicht gekauft, hätte die deutsche Finanz sich zahlreiche große Fische durch die Lappen gehen lassen. Zumwinkel &amp; Co. wäre nichts nachzuweisen gewesen. Nicht die Zivilgesellschaft entledigt sich der Korruption, sondern neben der Korruption wird auch die Skandalisierung zu einer ordentlichen Businesssparte mit flexiblen Preisen. Hehlen mit brisanten Daten, da tut sich ein großes Geschäftsfeld auf.</p>
<p>Besonders gefährlich sind Leute, die prophylaktisch (oft ohne konkrete Absicht und spezifischen Hintergrund) Daten sammeln, Dateien speichern, Dossiers anlegen. Denn jene sind meist unauffällige und unverdächtige Elemente, die unmittelbar gar nicht als Gefahrenquelle erfasst werden können. Keine Spionageabwehr rechnet mit ihnen. Sie sind also unberechenbar. Wer weiß, was passiert, wenn sie übergangen, gemobbt, degradiert, gedemütigt oder arbeitslos werden? Wenn sie meinen, sie kämen zu kurz oder auch einmal ein bisschen mächtig erscheinen möchten? Wenn sie jemandem eins auswischen wollen? Oder einfach nur geldgierig sind? Soll vorkommen. Da können aus biederen Sammlern gierige Jäger werden, wahre Denunziationsbomben. Sie brauchen sich nur zu entsichern, also bei Redaktionen oder Behörden vorstellig werden und andeuten, dass sie unter Umständen was hätten, wenn&#8230;</p>
<p>Wir müssen davon ausgehen, dass auch von privater Seite kontinuierlich Berichte und Notizen angelegt werden, um sie gegebenenfalls auf dem Markt zu verhökern. Wo die Integrität sinkt, häufen sich die Intrigen. Vertrauliche Geschäfts- und Amtskenntnisse erzielen lukrative Preise am Markt. Das läuft so, nur weiß man eben nicht genau, welche investigativen Leistungen mithilfe welcher Transaktionen erzielt wurden. Dafür sorgen ironischerweise das Amts-, Geschäfts- und Redaktionsgeheimnis, deren Umgehung die Voraussetzung jeder Enthüllung ist. Faktum bleibt: Dem kriminellen Handeln erster Ordnung folgt unweigerlich eines zweiter Ordnung. Der Verrat ist nur eine besondere Form des Rats, gerade deswegen erzielt er auch einen besonderen Preis.</p>
<p>Möglicherweise inauguriert sich hier ein neuer Typus des Alltagsspitzels als Heckenschützen. Das Hehlen mit fremden Daten wird zum Geschäftszweig. Erinnern wir uns kurz an eine andere zeitgenössische Nestroy-Figur, an Josef Kleindienst. Dieser ehemalige FPÖ-Gendarm nutzte als Aufdeckungsgehilfe einer längst vergessenen Spitzelaffäre sein Geheimwissen äußerst geschickt zur ersten Akkumulation seines Vermögens, das sich zwischenzeitlich zum Immobilienimperium entwickelt hat. Aus dem Aufdecker wurde jedenfalls ein Abzocker, die Verwandtschaft der Arten ist wiederum offensichtlich. Und jeder Affirmatiker der praktizierenden Mehrheit würde hier bestätigend ausrufen: Genau so musst du&#8217;s machen! Zweifellos, wollen tun&#8217;s viele, können nur einige.</p>
<p>***</p>
<p>Anstand ist ein menschliches, kein ökonomisches Kriterium. Wer sich am Markt auf den Anstand beruft, ist in einem wirtschaftlichen Notstand. Wer anständig Geschäfte machen will, kann keine anständigen machen. Böse Zungen wie glaubhafte Sachverständige im BAWAG-Prozess behaupten gar, dass man in letzter Konsequenz nur jenen Bilanzen vertrauen dürfe, die man selber gefälscht hat. &#8220;Letztlich ist jede Bilanz objektiv unrichtig&#8221;, sagt der Gutachter Thomas Keppert, der es wissen muss. (<em>Kronen Zeitung</em>, 10. Februar 2008, S. 36) Nun, wir wollen&#8217;s nicht übertreiben, aber verantwortungsvoll im Sinne eines Unternehmens zu agieren, heißt nicht, nicht zu lügen. Es heißt, zu lügen. Zwar nicht notorisch, aber kalkulierend und spekulierend. In der Welt von Geschäft und Politik gilt: Wenn eine Wahrheit schlecht ist, ist sie schlecht und daher zu unterdrücken; wenn eine Lüge gut ist, ist sie gut und daher zu verbreiten.</p>
<p>Lüge ist ein probates Mittel, genauso wie die Wahrheit. Man muss flexibel sein und auch gut mixen können. Und jetzt bitte keine Kindersprüche wie etwa, dass die Wahrheit immer ans Licht kommt, dass Lügen kurze Beine haben, oder gar, dass man jemandem, der dreimal lügt, nicht mehr glaubt. So ein Blödsinn. Plausibilitäten von Täuschungen beherrschen unsere alltägliche Kommunikation. Oberflächlich betrachtet sind Unternehmen Erscheinungen von Inseraten und Resultaten, in Wirklichkeit aber sind sie Black Boxes, wo es dann regelmäßig verwundert, was bei Siemens und BAWAG, bei VW und Postbank alles möglich ist. Aber auch wenn gelegentlich die Eingeweide nach außen treten, sind es bloß Organe, die austreten, und nicht Organismen, die sich offenbaren. Die öffentliche Beschau der Gedärme, lässt vielleicht erkennen, was in der Scheiße ist, was deren Träger gefressen und ausgefressen haben, nicht aber, wie das große Fressen und das Abfüttern im Konkreten funktionieren. Das, was wir wissen, ist harmlos gegen das, was wir nicht wissen. Und das meiste wissen wir schlicht und einfach nicht. Gerade deswegen sollten wir uns Sorgen machen.</p>
<p>Henrik Ibsen lässt in &#8220;Die Stützen der Gesellschaft&#8221; (1877) seine Hauptfigur Konsul Bernick sagen: &#8220;Und zwingt uns nicht die Gesellschaft selbst, krumme Wege zu gehen? Was wäre hier geschehen, wenn ich nicht in der Stille gehandelt hätte? Alle würden sich auf das Unternehmen gestürzt haben, würden die ganze Geschichte geteilt, zersplittert, verdorben und verpfuscht haben.&#8221; (Sämtliche Werke, Dritter Band, Berlin, o.J., S. 512) Der höchste Eigentümervertreter der BAWAG, Fritz Verzetnitsch, hat tausendmal recht, wenn er sagt, dass er das wahre Ausmaß der Verluste von 1999/2000 vor dem ÖGB-Vorstand im Interesse von Unternehmen und Gewerkschaft hat verschweigen müssen. Hätte er geredet, hätte er BAWAG und ÖGB schon einige Jahre zuvor ins ökonomische Desaster getrieben. Derlei Wahrheiten stören nämlich nicht nur Geschäfte, sondern richten Unternehmen zugrunde.</p>
<p>Und tatsächlich, hätte ihnen REFCO 2005 nicht das Licht ausgeblasen, hätten die Spitzen in Bank und Gewerkschaft diese Chance der Vertuschung auch ordentlich genutzt und die Sache heil überstanden. Gerade der Misserfolg ist oft ein Verräter bitterer Wahrheiten, während der Erfolg der Hüter diverser Geheimnisse ist. &#8220;Zuweilen ist der Kaufmann, der Konkurs macht, ehrlicher als der, der es zu Reichtum bringt&#8221;, schreibt Vilfredo Pareto in seinem Werk &#8220;Das soziale System&#8221; (§ 2264): &#8220;Ähnlich ist es häufig bei den Politikern so, dass die erwischten zu den weniger Schuldigen gehören. &#8230; In diesen Schlachten der Politiker retten sich häufig die Schlechtesten. Es ist komisch, wenn man sie hinterher die weniger Schlechten im Namen der Tugend und der Moral richten und verurteilen sieht.&#8221; (Ausgewählte Schriften, Frankfurt/Main-Berlin-Wien 1976, S. 287.)</p>
<p>Auch Politik kann nicht nicht korrupt sein. Helfen und Nachhelfen sind obligatorisch. Es ist schwierig, den Punkt anzugeben, wo Protektion aufhört und wo Korruption beginnt. Im Prinzip gehören sie derselben Welt an. Die Übergänge sind fließend wie der Fluss von Information und Geld. Austausch und Zueignung von Gefälligkeiten (Jobvergaben, Wohnungsmittlungen, Beförderungen u.v.m.) gehören seit ehedem zum politischen Geschäft, und es ist ein Geschäft. Die Intervention ist nicht gänzlich anderen Charakters als diverse andere Interessen. Politiker sind Protektionsassistenten und daher prädestiniert für korrupte Machenschaften. Da eine Gefälligkeit und dort eine, der man sich nicht entziehen kann, und bald mag etwas notiert, aufgezeichnet oder gespeichert sein, was einmal gefährlich werden könnte. Das Problem der Politik ist nun, dass selbst die maßgeblichen Politiker nicht mehr Herren der Gefälligkeiten sind, sondern den Gefälligkeiten nicht mehr Herr werden können. Der Sog ist mächtiger als alle Sauger und Ausgesaugten.</p>
<p>&#8220;Kann man da nichts machen?&#8221;, ist eine Frage, die jeder von uns schon mal in verfänglichem Zusammenhang gestellt oder gestellt bekommen hat. Insbesondere von Politikern wird des Öfteren verlangt und erwartet, etwas zu tun, was sie nicht dürfen, wohl aber können. &#8220;Die Hälfte der Interventionen ist jenseits der Legalität. Die können wir nicht alle erfüllen&#8221;, sagte sinngemäß ein nicht nur mir bekannter Politiker. Off records. Der Politiker ist kein größerer Lump als der Bürger, den er vertritt und bedient. Wer eine Bagage sehen will, werfe zuerst einen Blick in den Spiegel. Das sollte aber weder Trost noch Anklage sein, sondern lediglich eine ernüchternde Feststellung.</p>
<p>Erkannt (nicht zu verwechseln mit anerkannt!) werden sollte, dass Korruption erfolgreichen Handlungen wie Verhandlungen nicht abträglich ist, sondern zumeist ungemein förderlich. Das sagt man zwar nicht, aber alle Praktizierenden wissen es. Nicht zu Unrecht spricht man davon, dass Geschäfte wie geschmiert laufen. Korruption, richtig dosiert, ist zweifelsohne ein wichtiges Schmier-, ja Treibmittel: Beschleuniger, Abkürzer, Erleichterer. Das, was hochkommt, ist ein Bruchteil dessen, was skandalträchtig sein könnte. Wobei der Prozentsatz, der auffliegt, nicht unbedingt steigt, denn der ist abhängig von der begrenzten Aufnahmekapazität des Publikums, wohingegen der Prozentsatz, der auffliegen könnte, im Steigen begriffen ist, weil die Informationskanäle sich immer vielfältiger gestalten und Geheimhaltung schwieriger wird. Wir wissen alle nicht, was von uns alles gewusst wird oder gegebenenfalls in Erfahrung gebracht werden könnte.</p>
<p>Kriminelle Energie ist ein Kennzeichen unserer Normalität, keines der Divergenz. Sie ist in dieser Gesellschaft eben nicht in erster Linie als persönliches Manko, sondern als strukturelle Setzung zu charakterisieren. Man mag Delinquenten also verurteilen und strafen, aber damit ist wenig gelöst und schon gar nichts geklärt. Wenn jemand aus dem Verkehr gezogen ist, ändert das für den Verkehr wenig, vor allem, wenn das Skandalisieren zum Verkehr gehört und nicht, wie allgemein angenommen, der Skandal eine Verkehrsstörung ist. Mit Affären immunisiert sich das Gesellschaftssystem gegen substanzielle Angriffe, indem es regelmäßig Säuberungen und Opferungen veranstaltet. Esoterisch sind diese ein quasi religiöses Ritual der Reinigung, exoterisch ein Räuber- und Gendarmspiel für Erwachsene.</p>
<p>Objektiv versucht die Skandalisierung nichts anderes, als die Korruption zu optimieren, d.h. Über- und Unterproduktion zu vermeiden. Bis zu einem gewissen Maß wirft Korruption Erträge ab, aber ab einem gewissen Übermaß wird sie uneinträglich und gerade deswegen unerträglich. Doch das wäre bereits ein eigenes Thema. Aufgabe von Politik und Justiz ist es jedenfalls nicht, die Korruption zu beseitigen, sondern sie entsprechend zu verwalten, ein bestimmtes Verhalten als Schuld zu definieren, und unentwegt von Fehlern und Schwächen einzelner Täter zu schwätzen. Das ist zwar auch nicht ganz falsch, aber es ist nur ein untergeordneter, wenn auch offensichtlicher Aspekt, vorausgesetzt er erblickt überhaupt das Licht der Welt. Jeder Skandal gerät so zur Beschau des Personals unter Ausblendung der es bedingenden Struktur. Wölfe sagen, dass es unter ihnen auch schwarze Schafe gibt. Was alle Schafe sofort glauben.</p>
<p>Bei der Frage, ob wir rein bleiben oder im Geschäft bleiben wollen, entscheidet sich das Gemüt meist für das Geschäft, auch weil da mehr rein kommt, als wenn man rein bleibt. Seriös oder unseriös, das war bei Geschäften nie die entscheidende, aber doch eine wichtige Komponente. Inzwischen ist aber auch der Kurs der Seriosität im Sinken begriffen. Zuschlag hat Handschlag ersetzt. Nur wer zuschlagen kann, erhält den Zuschlag. Mit dem Risiko steigt die Korruption. Erfolgreiche Businessexemplare sind fast ausschließlich Leute, die sich etwas trauen, aber auf nichts mehr vertauen können, weil sie in ihren Konkurrenten zu Recht ein Spiegelbild ihrer selbst vermuten. Gute Geschäfte haben immer etwas Verwegenes, ja Mafioses an sich.</p>
<p>Eine Studie über den tendenziellen Fall von Integrität im Geschäftsleben aufgrund objektiver Zwänge wäre von großem Interesse. Skandal und Affäre können aber nur dann die Balance halten, wenn sie nicht gänzlich aus dem Ruder laufen. Oder wie es Josef Votzi einmal in einer grenzgenialen Formulierung ausdrückte: &#8220;Macht-Missbrauch braucht Kontrolle.&#8221; (<em>profil</em> 26/96) Das scheint auch Ex-Kripo-Chef Herwig Haidinger anzudeuten, wenn er gar kryptisch meint: &#8220;Korruption übersteigt erträgliches Maß&#8221; (<em>Kurier</em>, 24. Februar 2008, S. 5) Das mit dem erträglichen Maß ist allerdings so eine Sache. Die, die die Erträge haben, hätten gerne, dass die anderen sauber bleiben. Und die, die die Erträge nicht haben, wollen, wenn es nicht gelingt, die anderen zu säubern, auch unsauber sein dürfen, um Wettbewerbsnachteile auszugleichen. So ziemlich alles spricht für die Verschmutzung.</p>
<p>Normalität ist keine Konstruktion der Norm, sondern die Norm ist eine von vielen Referenzen der Normalität, und zwar die ideelle Referenz der sich selbst täuschenden Getäuschten. Sie glauben, dass etwas so sein muss &#8211; was falsch ist, und nicht, dass sie sich etwas einbilden müssen &#8211; was richtig wäre. Auch wenn die Norm sich als Vorgesetzte referiert, sollte keine ernsthafte Analyse auf diese Anmaßung hereinfallen. Wenn etwa die Grünen im Nationalratswahlkampf 2006 Inserate schalten mit &#8220;Es geht auch ohne Skandale und Machtmissbrauch. Garantiert&#8221;, dann ist das schlichtweg Volksverblödung.</p>
<p>***</p>
<p>Im politischen Betrieb, und es ist ein Betrieb, geht es heute hauptsächlich darum, den Kontrahenten Dreck am Stecken nachzuweisen oder anzudichten. Der immanente Ruf nach der großen Säuberung ist da fast eine logische Konsequenz. Der Skandal schreit nach dem Aufräumer, der da den Saustall ausmistet und endlich für Ordnung sorgt. Da rappt dann der H.C. Strache: &#8220;Skandale, Bestechung, Korruption und Verrat/ Das sind die Eckpfleiler in unserem Staat./ Es wird Zeit, dass da jemand dagegen anrennt/ Der aufpasst, der aufschreit, Missstände aufzeigt&#8230;&#8221; usw., usf. Dass das Rappen etwas für Deppen sei, ist übrigens schon Nestroy aufgefallen, nur weiß ich nicht mehr, in welchem Stück.</p>
<p>Unsere emotionale Empfindung pendelt zwischen Empörung und Indifferenz. Kurzatmige Aufgeregtheit und dumpfe Gleichgültigkeit reichen sich oft die Hand. Alles spielt auf der Ebene &#8220;unproduktiver Empörung&#8221; (Karl Kraus). Medien stacheln, Politiker sticheln, das Publikum gibt sich entsetzt, die Volksseele kocht und die Wähler denken an den Denkzettel, also kaum. Empörung würde erst dann produktiv, wenn sie sich nicht auf eine Sache kapriziert, sondern sich selbst und die Gesellschaft insgesamt zum Gegenstand der Betrachtung macht. Nur so kann Unbehagen sich in Kritik transformieren. Was kaum passiert.</p>
<p>Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen, ist schon eine Wahrheit. Allerdings, was folgt gewöhnlich daraus? Nun eben, dass die Kleinen auch die Großen hängen sehen wollen und nicht, dass das mit dem Hängen überhaupt eine verkehrte Weise sei, dem Verkehrten zu begegnen. Die hängen gelassen werden, haben immer einen Hang zum Hängen. Sie lieben den kurzen Prozess, wohl auch deswegen, weil sie andauernd erleben, wie grob abgefertigt und billig abgespeist sie werden. Sie wollen abrechnen und heimzahlen. Sie sind adäquater Ausdruck der Verhältnisse, Opfer, die sich gerne als Täter aufspielen würden. Ihre Richtung heißt Hinrichtung. Wir werden keinen Richter brauchen, sagen zugerichtete Laienrichter. Heißgemachte wollen kaltmachen.</p>
<p>Solch Kundschaft ist ohne entsprechende Botschaft nicht denkbar. Vice versa. Vorlagen reproduzieren Kurzschlüsse, die wiederum Vorlagen erzeugen. Sie schaukeln sich gegenseitig auf. Publikum braucht Medium braucht Publikum&#8230; Natürlich werden manche Aufdecker, die sich als Aufklärer verstehen, das nicht wollen, aber was sie treiben, treibt dorthin. Ihre Handlungen legen diese Konsequenzen nahe. Doch auch die Medien sind nicht nur Betreiber, sondern auch Betriebene im Kampf um Quote und Absatz. Massenmedien stehen unter dem Gebot permanenter Sensationierung. Sie werden es so lange tun, so lange es ein Geschäft ist. Und der Skandal ist <em>der</em> Verkaufsschlager. Ganze Medienkonzerne bauen drauf auf, setzen auf ihn. Was wäre etwa die Fellner-Company ohne Skandalisierung? &#8211; Nichts!</p>
<p>Die Attraktivität von Affären liegt auch in der Tristesse des Alltags. Da ist wenigstens was los, da tut sich was. Jene befriedigen ein Bedürfnis. Wobei sich die Haltung nicht aus dem Delikt ergibt, sondern daraus, ob Coups gelungen sind oder nicht. Große Gauner sind oft ein Objekt der Verehrung, gestrauchelte hingegen ein Objekt der Verachtung. Leistet man Ersteren ideell Gefolgschaft, so sind Letztere als Schufte enttarnt und der Verfolgung preisgegeben. Es geht nie gegen die Deliquenz an sich, es geht auch hier gegen die Loser.</p>
<p>Es ist gerade der Aufdeckungsjournalismus, der das Unbehagen ins Ressentiment wandelt, ob er es nun bezweckt oder nicht. Es geht um Registrieren und Kassieren, nicht um Reflektieren und Kapieren. Mag das Unbehagen seine Berechtigung haben, so ist das Ressentiment eine Verunglückung. Dem unglücklichen Zustand folgt eine unglückliche Sicht. Nicht eine Gesellschaft kommt mit sich ins Reine, es werden vielmehr Rituale einer regelmäßigen Säuberungsaktion, demokratische Schauprozesse, geboten. Es geht um Ersatzbefriedigungen für ein Publikum, das nach Opfern und fremden Intimitäten giert. Die unaufhörlichen Sex-and-Crime-Spiele der Journaille befriedigen die niedrigsten, ja widerwärtigsten Instinkte, sie fördern primär Neid, Missgunst, Schadenfreude. &#8211; Rübe ab! Schwanz ab! Ab! Ab! Ab!</p>
<p>Skandalisierung liefert den Text (nicht bloß den Subtext) für die Aggressivierung diverser Potenziale. Dort, wo dann die Empörung &#8220;unfassbar&#8221; schreit und &#8220;ungeheuerlich&#8221; zu sagen pflegt, weiß man, dass das Hirn entweder ausgeschaltet oder nie eingeschaltet wurde. Wer meint, dies oder jenes sei ein Wahnsinn, gibt nur zu erkennen, nichts erkennen zu wollen. Der Satz &#8220;Das darf doch nicht wahr sein&#8221; zeigt an, wie Leute denken. Sie wollen die Wahrheit gar nicht so recht wissen, sie ist störend, nicht befreiend, sie ist eine Enttäuschung, da gibt man sich doch lieber den Täuschungen hin. Derer sind viele und die andern machen&#8217;s doch auch. Lasset uns dumm sein! Besser gemeinsam als einsam!</p>
<p>So kommt man als Kritiker in die unsägliche Rolle, gelegentlich sogar die Korruption gegen die Jäger zu Pferd (Medien, Politik, Justiz) und zu Fuß (Mob, Stammtisch) zu verteidigen. Schon Karl Kraus erging es so: &#8220;Aber freuen wir uns, dass die Dummheit hierzulande wenigstens ein Korrektiv findet: die Korruption!&#8221; (Sittlichkeit und Kriminalität, Frankfurt am Main 1978, S. 270) Es ist freilich ein schwacher, ja resignierender Trost. Es soll hier auch nicht die offizielle Politik in Schutz genommen werden, aber dezidiert ist anzusprechen, dass die Skandalisierung selbst eherner Bestandteil des kulturindustriellen Spektakels ist. Sie ist ja auch Kennzeichen der im Populismus untergehenden Politik. Kein Wahlkampf, ja keine Parteienauseinandersetzung mehr ohne systematische Skandalisierung. Sieht die eine Partei sich von der anderen kriminalisiert, kriminalisiert sie die andere ebenso. So campaignisieren sie sich regelrecht nieder.</p>
<p>Was für die Politik gilt, gilt für den gesamten Sektor der Kulturindustrie, insbesondere für die Medien. Wer andauernd Stimmungsbilder veröffentlicht, wo zuvor in suggestiver Weise danach gefragt wird, ob Elsner in den Häfen soll oder nicht, zeigt wie solche Organe und die von ihr Reorganisierten ticken. Es ist eine aggressive Weggetretenheit, die hier herrscht. Skandale sind Highlights, von und für Leuchten, die high sein wollen. Wenn dann 90 Prozent laut Umfrage für Einsperren sind, wie viele sind eigentlich fürs Aufhängen? Man sieht, was die Leute sehen und wie sie sich Lösungen vorstellen. Es herrscht der Volksgerichtshof der Meinungsumfrage. Ein ganzes Land entdeckt seine Lust an &#8220;klickenden Handschellen&#8221;, nicht nur der vielgescholtene Stammtisch. Kaum eine Phrase hatte im Sommer 2006 eine solche Karriere gemacht wie diese.</p>
<p>So sprach nicht nur einer aus, was jetzt folgt: &#8220;Dass diese Leute dann noch auf freiem Fuß herumspazieren, Golf spielen und sich in französischen Prachtvillen vergnügen und ihre Penthäuser noch immer nicht zurückgegeben haben, ist einfach unglaublich. Ich versteh&#8217; ehrlich gesagt nicht, wieso da die Handschellen noch nicht geklickt haben.&#8221; Im populistischen Wordrap: &#8220;Diese Leute&#8221;, &#8220;Golf spielen&#8221;, &#8220;Prachtvillen&#8221;, &#8220;Penthäuser&#8221;, &#8220;frei herumspazieren&#8221;, &#8220;vergnügen&#8221;, &#8220;unglaublich&#8221;, &#8211; &#8220;Handschellen klicken!&#8221; Hier offenbart sich der gesunde Menschenverstand der öffentlichen Meinung in all seiner beschränkten Gemeinheit. Wer das gewesen ist? Landesvater Haider? Die zerstrittenen Gebrüder Strache und Westenthaler? Onkel Pröll? Neffe Pilz? Natürlich hätte es jeder sein können, tatsächlich gewesen ist es aber der Kanzler höchstpersönlich, der in einem Interview mit dem <em>Kurier</em> vom 25. Juni 2006 (S. 4) sein Volksempfinden nachdrücklich unter Beweis stellte.</p>
<p>Resümee gefällig? Dieser Staat mag verlottert, sumpfig, ja bananig sein, aber er ist nicht verlotterter, sumpfiger oder bananiger als ähnliche westliche Demokratien. Er ist auch kein Nachzügler, sondern Avantgarde, zumindest was die populistischen Spektakel betrifft. Dieses ist abgedrehter, zugespitzter und in gewisser Hinsicht auch lustiger als etwa bei den endlosen Langeweilern durchgeknallter Ernsthaftigkeit in deutschen Landen. Wird es mal fad, dann füllt Nepomuk Napoleon im Etablisment persönlich ab, und lässt ihn anderntags betrunken durch die Felberstraße kutschieren. Vorher hatte man in irgendeiner Sonderbar noch gemeint, jetzt traue er sich das aber nimmer. Und ob er sich traut, der Napoleon. Und dann findet man im karibischen Zweitkeller des alten Flöttl auch noch brisante Unterlagen. Man sieht, man hält uns nicht nur auf Trab, die Skandalisierung gleicht einer galoppierenden Fallsucht.</p>
<p>Auffällig ist die mediale wie mentale Überdimensionalisierung von Affären. In Österreich gleichen sie stets einer riesigen Rauschpartie, wo alle, je nach Milieu besoffen, bekifft oder eingekokst sind. Kein Nestroy hätte so viele Rollen zu vergeben. Das ganze Land spielt mit: die Oberen und die Unteren, die gesellschaftliche Mitte und ihre Extremisten, Aufdecker und Zudecker, Polizisten und Geschäftsleute, die Justiz, die Bürokratie, die Parteien, der Kanzler und die Ex-Kanzler, die Schlitzohren und die Neider, die Upgegradeten und die Outgesourcten, die Saubermänner und die Schmutzfinken, die Oberfläche und die Unterwelt. Auch der hier publizierende Autor bemächtigt sich bloß der Rolle eines Schreiberlings, der Krähwinkels Schande akkurat anders interpretiert sehen will. Wer braucht das? Zur Strafe findet sich übrigens eine Figur gleichen Namens, wie könnte es anders sein, in Nestroys Original.</p>
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