31.12.2005
Die Subjektform und ihre Konstitutionsgeschichte – eine Skizze
Ernst Lohoff
1. Entzauberung als Verzauberung
Von Max Weber stammt die bekannte doppelsinnige These, der Prozess der Moderne führe zur „Entzauberung der Welt“. Wer zauberhaft als ein anderes Wort für betörend, schön und anziehend versteht, kann nur beipflichten. Die sukzessive direkte oder indirekte Unterwerfung aller sozialen Beziehungen unter die Herrschaft der Ware macht das Dasein in der Tat arm und abstoßend. Max Weber vertrat bekanntlich die zutiefst pessimistische Prognose, ein „Gehäuse neuer Hörigkeit“ sei im Entstehen begriffen. Dessen Herausbildung interpretierte er dabei als die dunkle Rückseite eines unaufhaltsamen Säkularisierungsprozesses. Das Diktum von der „Entzauberung der Welt“ steht dementsprechend nicht allein für die konsequente Verhässlichung der gesellschaftlichen Existenz, diese Formel sollte zugleich den Übergang von einer magisch-religiös bestimmten Ordnung zur Herrschaft der Ratio bezeichnen.
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31.12.2004
Aufklärung ist kein Versprechen, sondern eine Drohung: Mit “Blutige Vernunft” will Robert Kurz den “geistigen Gesamtmüll des Abendlandes” entsorgen
erschienen in: junge Welt vom 6.12.2004
von Ernst Lohoff
Die Erwartung, der Endsieg des Westens würde eine Epoche allgemeinen Wohlstands und Friedens einleiten, blieb unerfüllt. Stattdessen begann mit dem Übergang zum entgrenzten Kapitalismus ein Zeitalter entfesselter Gewalt, beschleunigter sozialer Verelendung, ökonomischer Verwerfungen und ökologischer Katastrophen. Das Scheitern des großen marktwirtschaftlichen Heilsversprechens hat eine ideologische Geistertanzbewegung ausgelöst. Quer durch die politischen Lager werden die “universellen westlichen Werte” beschworen. In den Stürmen der hereinbrechenden Krisenepoche soll die Wiederentdeckung der Ideen der Aufklärung und insbesondere des Kantschen Pflichtdenkens für Orientierung und Rettung sorgen. Gegen diese Entwicklung macht Robert Kurz Front – in seinen unter dem Titel “Blutige Vernunft” kürzlich vom Horlemann-Verlag republizierten Abschiedsaufsätzen aus der wertkritischen Zeitschrift Krisis. Die vermeintliche Lösung gilt ihm als die Wurzel des Desasters: “Der Mob des 21. Jahrhunderts” … “ist die zu sich gekommene Aufklärung selber.” “Ihrer Natur nach” … “war die Aufklärungsphilosophie” … “kein Versprechen, sondern in Wahrheit eine Drohung”.
31.12.2000
Das “Schwarzbuchs Kapitalismus” zwischen Subjektkritik und Subjektontologie
In Genua liest man über den Gefängnistoren und auf den Ketten der Galeerensträflinge dies Wort Libertas. Diese Anwendung des Leitwortes ist schön und gerecht. In der Tat sind es nur die Bösewichter jeder Art, die den Bürger daran hindern, frei zu sein. In einem Land, wo dieses ganze Gelichter auf den Galeeren wäre, würde man sich der vollkommensten Freiheit erfreuen. — Jean-Jacques Rousseau, der Gesellschaftsvertrag
Ernst Lohoff
Das schwarze Bedürfnis
Dass eine Publikation mit radikal gesellschaftskritischem Anspruch Furore macht, passiert nicht alle Tage. Dem Schwarzbuch Kapitalismus von Robert Kurz ist dieses seltene Schicksal widerfahren. Hans-Martin Lohmann feierte den achthundert Seiten starken Wälzer überschwenglich im Zentralorgan des liberalen Bildungsbürgers gleich als “die wichtigste Veröffentlichung der letzten zehn Jahre in Deutschland” (“Zeit vom 16.12.99). Weniger euphorisch, eher aufgescheucht zeigten sich die Rezensenten der meisten anderen Blätter. Eine wahre Schimpfkanonade ging auf die “Hetzschrift gegen Marktwirtschaft und Kapitalismus” (FAZ 24.1.2000) nieder. Beim Schwarzbuch, so der Tenor, handelt es sich nur um die”Bekenntnisse eines frustrierten 68ers” (NZZ vom 10.3.2000). Dessen Autor meint sich vor der geneigten Öffentlichkeit in einer “gebundenen Sammlung indoktrinärer postmarxistischer Flugschriften” (SZ vom 14.2.2000) auskotzen zu müssen.
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31.12.1989
Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus
Robert Kurz / Ernst Lohoff
Erstes Kapitel
Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. “Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen”. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.
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