Zeit für Utopie
Gaston Valdivia
Anlässlich elnes Utopieworkshops an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg, wurden die Studentlnnen aufgefordert, doch einmal ihre Wünsche für eine neue, bessere Welt frisch und frei von der Leber weg zu artikulieren. Die Resultate lösten das blanke Entsetzen bei mir aus. Offensichtlich war ich mit meiner Annahme, linke Stundentlnnen verstünden unter Utopie etwas, das sich jenseits der herrschenden Verhältnisse ansiedelt, vollkommen schief gewickelt. “Mehr staatliche Kinderbetreuung”, “billiger Wohnraum für alle”, “mehr Mitbestimmung im Betrieb und in der Politik”, “weniger Autoverkehr”, “mehr Geld für die Einkommensschwachen”, “Umverteilung”, etc., so lauteten die gewagten Ideen. Die Sachzwangrealität einer krisenhaften Zeit erzeugt offensichtlich den Drang, besonders pragmatisch und realistisch sein zu wollen. Jemehr eine Überschreitung des Horizontes notwendig wird, desto enger schliessen sich die Mauern um die Gehirnwindungen. Dass diese “realistischen Utopien” kaum etwas zu ändern vermögen, nicht einmal im bescheidensten Sinne, darauf wurde von den Krisisautoren schon öfter hingewiesen. Pragmatismus und Realitätssinn entlarven sich schnell als moderner Idealismus – Utopie im schlechten Sinn.



