31.12.2006
Wo andere einen Konflikt „Orient gegen Okzident“ oder „The West against the Rest“ ausmachen, sollte sich die Linke zurückhalten und die kulturalistische Identitätspolitik angreifen.
Aus Jungle World vom 27.9.2006
Von Ernst Lohoff
Die meisten politischen Debatten und Richtungsstreitigkeiten verebben mehr oder minder spur- und folgenlos. Viele sind quasi schon vergessen, während sie noch toben. Nur ganz wenige zeigen historische Brüche an und finden irgendwann einmal Eingang in die Geschichtsschreibung. Von der unseligen Debatte um den „Kampf der Kulturen“, die im Frühjahr 2006 nicht nur die bundesdeutsche Öffentlichkeit beschäftigte, steht zu befürchten, dass sie in diese Königskategorie fallen könnte.
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31.12.2003
erschienen in: Krisis 27 (November 2003)
Ernst Lohoff
“Ich habe”, nuschelte er wild, “immer von einer Schar von Männern geträumt, eisern entschlossen, bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel, stark genug, sich selbst rundheraus als Vernichter zu bezeichnen, frei von dem entsagungsvollen Pessimismus, der Welt vergiftet, ohne Mitleid mit irgendeinem Lebewesen, sie selbst eingeschlossen – der Tod im Dienste der Menschheit.” (Joseph Conrad, Der Geheimagent)
31.12.2003
Ernst Lohoff
Ob es gefällt oder nicht, Kriegszeiten sind allemal binäre Zeiten und laufen auf so etwas wie einen kollektiven Lackmustest hinaus. Wenn US-Army oder NATO als bewaffneter Arm des Gesamtimperialismus bomben und massakrieren, dann schrumpft die Palette möglicher Meinungen und Positionierungen unweigerlich auf eine simple Alternative zusammen: dafür oder dagegen.
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31.12.2003
Gewalt und Krieg in der neuen Weltunordnung
gekürzt erschienen in: Jungle World Nummer 23 vom 28. Mai 2003
Ernst Lohoff
1.
Dass der Untergang des Realsozialismus den Beginn einer neuen Epoche markiert, wusste schon 1989 jeder. Über den Charakter des heraufdämmernden Zeitalters machte man sich damals quer durch die politischen und ideologischen Lager freilich nicht sonderlich realistische Vorstellungen. Im siegreichen Westen herrschte allenthalben die Erwartung, der Endsieg von Weltmarkt und Demokratie würde eine Epoche des Wohlstands und des Friedens eröffnen. Selten hat sich eine Hoffnung schneller und gründlicher blamiert als die auf die vielbeschworene »Friedensdividende«. Die unmittelbare Auslieferung an den Weltmarkt brachte den ehemals realsozialistischen Ländern nicht nur einen Verarmungsschub, sondern mit dem Ende der Blockkonfrontation kehrte ein Phänomen nach Europa zurück, das diesen Kontinent fast eine halbes Jahrhundert verschont hatte: Krieg. Der Zerfall Tito-Jugoslawiens und der Sowjetunion ging mit blutigen Konflikten einher, während zeitgleich auch in anderen Teilen der Welt, insbesondere in Afrika, ethnische Konflikte aufloderten, die im Extremfall Völkermord-Dimension annahmen. Das Ende des Ost-West-Gegensatzes und der Endsieg des totalen Marktes haben diese Welt nicht friedlicher, sondern unfriedlicher gemacht.
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31.12.2003
Kurzkommentar für Freie Radios
Ernst Lohoff
Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Krieg steht vor der Tür. Nicht dass die Bevölkerung Europas und der USA sich im Kriegstaumel befände; nicht dass die Bush-Administration die UN geschweige denn die Weltöffentlichkeit von der Notwendigkeit, das Regime Saddam Husseins in den nächsten Wochen gewaltsam zu beseitigen, überzeugt hätte; der Krieg ist unvermeidbar, weil ihn die US-Führung für unvermeidlich erklärt hat.
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31.12.2002
Die Anschläge auf die Twin Towers werden als überzeitliche Katastrophe interpretiert. Aber das Desaster von heute entspringt immer der Normalität von gestern und verrät einiges über sie.
aus: Jungle World 33/2002
Ernst Lohoff
Der Standardkommentar zum 11. September begann und beginnt mit dem Satz, die Welt sei nicht mehr dieselbe wie vor dem Anschlag. Diese Lieblingsphrase aller Besinnungsaufsatzschreiber ist genauso ideologisch wie überstrapaziert. Individuen kann es widerfahren, dass Schicksalsschläge von einem Moment auf den anderen und ohne Vorankündigung die ganze persönliche Existenz verändern.
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31.12.2001
Der Kampf gegen den internationalen islamistischen Terror bildet den idealen Rahmen für eine Neuinterpretation der universellen westlichen Werte unter kulturalistisch-rassistischen Vorzeichen.
Ernst Lohoff
So viel Wirres und Irres wie nach den Kamikaze-Volltreffern in New York und Washington haben die gewählten und nicht gewählten Sprecher der demokratischen Weltgemeinschaft selten abgesondert. Immerhin einer der seit dem 11. September überall kursierenden Phrasen ist etwas abzugewinnen. »Dieser Tag hat die Welt verändert«, meinte u.a. Johannes Rau, der Chefpastor des deutschen Volkes, nicht zu Unrecht. In seiner ganzen Symbolik markiert der Zusammenbruch des World Trade Centers tatsächlich einen historischen Wendepunkt.
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31.12.2001
Der islamistische Terror und die Selbstversenkung der radikalen Linken
aus: Streifzüge 3/2001
Ernst Lohoff
Die Selbstmordattentate vom 11. September haben nicht nur die Twin-Towers gesprengt, sie sprengen auch das politische Bezugssystem. Nicht dass der Politik eine Scheu vor Leichenbergen anzudichten wäre, aber sie pflegt zu Gewalt und Massenmord eine instrumentelle Beziehung. Weniger die schiere Opferzahl macht die besondere Monstrosität der New Yorker Ereignisse aus, als vielmehr der Bruch mit der Logik politischer Gewaltanwendung, das Selbstzweckhafte der Untat. Wer an den 70er-Jahre-Terrorismus zurückdenkt, erinnert sich an Freipressaktionen, langatmige Erklärungen, konkrete Forderungen und das ständige Streben nach Anerkennung als militärisch-politisches Subjekt und Verhandlungspartner. Dem neuen Amok-Terror ist all das wesensfremd. Weg und Ziel, (Selbst)vernichtungstat und Botschaft fallen ihm unmittelbar in eins.
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31.12.1999
Ernst Lohoff
Schon immer galt: Das erste Opfer jedes Krieges ist die Wahrheit. Auch im Kosovo verschwindet, seitdem die Waffen sprechen, das reale Geschehen hinter dichten Propagandawolken. Nach mehr als einem Monat NATO-Luftangriffen ist es für den Beobachter nach wie vor kaum möglich, sich einen Überblick über das aktuelle Geschehen in Jugoslawien zu verschaffen. Die Kombattanten haben die Öffentlichkeit vom Informationsfluß abgesperrt und beliefern sie ersatzweise mit Propaganda. Niemand weiß dementsprechend Genaueres über die zivilen Opfer, die hinter den militärischen Vollzugs- und Erfolgsmeldungen der NATO stehen, keiner kann klar zwischen tatsächlichen, lancierten und frei erfundenen Greueln unterscheiden. Die Sprache der Herren des Krieges beherrscht die Szene und sie ist allemal die Sprache der Unmenschlichkeit und der Lüge. Ob die Vertreibung von Menschen mit dem Begriff “ethnische Säuberung” zu einer Art überfälligem nationalen Frühjahrsputz verharmlost wird oder im NATO-Jargon die von Bomben und Cruise Missiles zerfetzten jugoslawischen Frauen und Kinder zum “Kolateral-Schaden” neutralisiert werden, das Orwellsche Neusprech feiert allemal fröhliche Urständ.
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31.12.1996

Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung
Ernst Lohoff
Horlemann-Verlag, Bad Honnef 1996, 192 S., br., ISBN 3-89502-055-9
Westliche Beobachter sehen im grassierenden Ethnonationalismus für gewöhnlich ein anachronistisches Phänomen, das so gar nicht zu unserer ach so aufgeklärten Epoche passen will. Insbesondere die Entwicklungen im ehemaligen Jugoslawien erscheinen im heutigen Europa, wo der Siegeszug des totalen Marktes alle nationalen Grenzen längst obsolet macht, als Fremdkörper.
Ernst Lohoffs verblüffende Analyse eröffnet demgegenüber eine gänzlich andere Perspektive. Er zeichnet zunächst nach, warum in Jugoslawien das unter Tito begonnene Modernisierungsprojekt weder unter dem Banner des Sozialismus noch dem des Marktliberalismus zu einem erfolgreichen Ende geführt werden konnte. Ferner macht er deutlich, daß unter den für den jugoslawischen Vielvölkerstaat spezifischen Bedingungen der Kollaps nachholender Entwicklung zu einer Neubesetzung nationaler Gegensätze führen mußte. Im letzten Teil untersucht er die Reproduktionslogik der in diesem Zerfallsprozeß entstandenen pseudostaatlichen Regime.
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31.12.1994
Der Fall Jugoslawien
Ernst Lohoff
1.
So oft die demokratische Weltöffentlichkeit einen der Dutzende von »Bürgerkriegen«, die auf der Erde toben, zur Kenntnis nimmt(1), reagiert sie immer in derselben Weise. Sie drängt auf »politisch-diplomatische« Lösungen. Politische Lösungen lassen sich allerdings logischerweise nur dort ansteuern, wo auch genuin politische Kräfte am Werk sind. Die Weltstaatengemeinschaft definiert folglich, wenn sie sich zur friedensstiftenden Tat aufrafft, zunächst einmal ordentliche, d.h. als politisch qualifizierte Kombattanten, komplimentiert im weiteren deren Führer flugs an den Verhandlungstisch, um sie schließlich im Schnellkurs in »politische Vernunft« einzuüben. Zieren sich die Ansprechpartner, dann schrecken die UNO oder parallel zu ihr agierende internationale Institutionen auch nicht davor zurück, gehörig nachzuhelfen und die Unbotmäßigen gewaltsam auf das diplomatische Parkett zu zerren. Gelingt das Unternehmen und finden sich diplomatische Abordnungen am grünen Tisch ein, so ist die Geschäftsgrundlage gewährleistet, und das demokratische Weltgewissen zeigt sich einstweilen zufrieden. Solange staatliche oder pseudostaatliche Delegationen ihren Verhandlungsbetrieb in Gang halten, Nationalfahnen protokollarisch gehißt werden und auch sonst die politisch-staatsmännische Form gewahrt bleibt, scheint alles auf bestem Wege.
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31.12.1991
Anmerkungen zu den wundersamen Wandlungen des Anti-Antisemitismus
von Ernst Lohoff
Download (PDF): von-auschwitz-nach-bagdad.pdf