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	<title>krisis &#187; »Krisentheorie und Krisenanalyse«</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Massenausfall</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Jan 2012 06:00:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle; Entwertung;]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie der Kapitalismus an seiner eigenen Produktivität erstickt Norbert Trenkle Die Entfesselung der Finanzmärkte wird als der schlechthinnige Sündenfall gebrandmarkt, der die aktuelle Krise ausgelöst haben soll. Wurde in der Diskussion über die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ in den 1970er und 1980er Jahren noch der durchschlagende Effekt der Produktivkraftentwicklung thematisiert und darüber nachgedacht, wie die neuen [...]]]></description>
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</span></p>
<h3>Wie der Kapitalismus an seiner eigenen Produktivität erstickt</h3>
<p>Norbert Trenkle</p>
<p>Die Entfesselung der Finanzmärkte wird als der schlechthinnige Sündenfall gebrandmarkt, der die aktuelle Krise ausgelöst haben soll. Wurde in der Diskussion über die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ in den 1970er und 1980er Jahren noch der durchschlagende Effekt der Produktivkraftentwicklung thematisiert und darüber nachgedacht, wie die neuen Reichtumspotentiale vor allem durch Arbeitszeitverkürzung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Gesellschaft genutzt werden könnten, so verschob sich seit den 1990er Jahren der Fokus immer mehr hin zu einer verkürzten „Kapitalismuskritik“, die sich darauf fixierte, das Problem sei das „Überwuchern“ der Finanzmärkte.<br />
Keinesfalls jedoch ist die „übertriebene“ Spekulation die Ursache für die ökonomischen und sozialen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte, und sie trägt auch nicht die Schuld an dem aktuellen Krisenschub, der immer bedrohlichere Dimensionen annimmt.<span id="more-4766"></span><br />
 Gerade umgekehrt gilt: Ohne die massenhafte Kapitalisierung von Zukunftserwartungen hätten die gewaltigen Rationalisierungseffekte der dritten industriellen Revolution bereits in den 1980er Jahren eine unaufhaltsame Spirale massenhafter Entwertung in Gang gesetzt, und das warenproduzierende System wäre zunehmend an sich selbst erstickt. Die Entfesselung von Spekulation und Kredit verhinderte dies zunächst, weil sie neue Anlagemöglichkeiten für Kapital schuf, die in den Kernsektoren der Verwertung aufgrund der beschleunigten Verdrängung lebendiger Arbeitskraft nicht mehr gegeben waren. Doch das Verdrängte kehrt nun mit vervielfachter Gewalt zurück.</p>
<h4>Wie die Produktivitätsrevolution unsichtbar gemacht wird</h4>
<p>In den 1980er Jahren galt es noch allgemein als ausgemacht, dass die breitflächige Anwendung der IuK-Technologien zu einer massenhaften „Freisetzung“ von Arbeitskraft führen würde und deshalb, wie es damals hieß, „der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht“. Diese Einschätzung ist jedoch in dem Maße zurückgenommen worden, wie die dritte industrielle Revolution voranschritt und ihre einschneidenden Auswirkungen den anfänglichen Schrecken verloren, während gleichzeitig die Aufblähung des fiktiven Kapitals nicht nur die Krise der Kapitalverwertung überdeckte, sondern auch zur Schaffung neuer Jobs führte. Nun lag freilich der Schwerpunkt der neu geschaffenen Arbeitsplätze keinesfalls in der Industrieproduktion, sondern im sogenannten Dienstleistungssektor, der allenthalben als der große Hoffnungsträger gehandelt wurde. Schon seit den 1970er Jahren galt es als ausgemacht, dass sich die moderne Gesellschaft von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft wandeln werde. Und in der Tat schienen sich, gemessen an der quantitativen Verschiebung zwischen den Beschäftigungssektoren, diese Prognosen auch zu bestätigen. In allen kapitalistischen Kernländern ist seit den 1970er Jahren die Beschäftigung im primären und sekundären Sektor massiv zurückgegangen, während der Dienstleistungssektor einen gewaltigen Zuwachs an Arbeitsplätzen erlebt hat. So ist in den G7-Staaten der Anteil des tertiären Sektors von 62 Prozent im Jahr 1984 auf 74 Prozent in 2007 angewachsen. In den USA waren es im Jahr 2007 sogar 79 Prozent (OECD 2008, S. 38 f.).<br />
Dieser empirische Befund darf jedoch nicht zu der Annahme verleiten, dass damit auch die Abschmelzung der Arbeits- und Wertsubstanz gestoppt worden wäre. Denn entscheidend für die Verwertung des Werts ist ja nicht, dass überhaupt gearbeitet wird, sondern dass diese Arbeit einen Wert und einen Mehrwert „produziert“, der abgeschöpft werden kann. Das ist aber nur dort der Fall, wo Arbeitskraft in der Produktion von Waren im Dienste eines Kapitals vernutzt wird – und genau das trifft für einen Großteil der im Dienstleistungssektor verausgabten Arbeit gerade nicht zu.<br />
Die durchgreifenden Effekte der dritten industriellen Revolution sind aber nicht nur mit Blick auf das scheinbare „Jobwunder“ im tertiären Sektor geleugnet worden. Teilweise ist auch ganz grundsätzlich in Frage gestellt worden, dass sie überhaupt einen nennenswerten Sprung in der Produktivitätsentwicklung bewirkt habe. (So etwa auch Exner 2009.) Am weitesten ging die These vom sogenannten Produktivitätsparadoxon der IT, die zuerst von dem US-Ökonomen Robert M. Solow im Jahr 1987 aufgebracht und vor allem in den 1990er Jahren heftig diskutiert wurde. (Vgl. im Überblick Piller 1998.) Ihr zufolge soll die Einführung der Informationstechnologien überhaupt keine signifikanten Produktivitätssteigerungen zur Folge gehabt oder die Produktivitätsentwicklung sogar gebremst haben. „You can see computing everywhere but in the productivity statistics“, so Solows drastische Formulierung (Solow 1987). Die empirische Beweisführung für diese These war jedoch selbst nach den gängigen statistischen Standards immer schon mehr als fragwürdig und ist daher auch vielfach kritisiert worden; mittlerweile gilt sie als widerlegt (Arens 2004, S. 252).<br />
Im Wesentlichen operierten die Vertreter der Produktivitätsparadoxon-These mit hochaggregierten Zahlen der volkswirtschaftlichen Statistik, die alle Sektoren zusammenfassten und schon allein aus diesem Grund für eine Analyse des behaupteten Kausalzusammenhangs völlig ungeeignet sind. So argumentierte Solow, dass die IT-Investitionen in den USA seit den frühen 1960er Jahren zwar exponentiell zugenommen hätten, bei der gesamtwirtschaftlichen Produktivität jedoch keine signifikante Veränderung feststellbar sei. Unter die Kategorie „IT-Investitionen“ subsumierte er dabei im Prinzip aber alle irgendwie gearteten Ausgaben für die Computertechnologie im weitesten Sinne, ganz egal, welche Anwendungen sich dahinter verbargen. Teilweise wurden sogar die Gesamtverkaufszahlen von Computern als Indikator für den IT-Einsatz herangezogen, ohne auch nur privaten Konsum und Investitionen auseinanderzuhalten (Brödner/Rolf 2005). Es ist klar, dass die Umstrukturierungen im Produktionsprozess sich damit nicht einmal annäherungsweise erfassen lassen, sondern im Gegenteil statistisch unsichtbar gemacht werden. Soweit Solow und seine Anhänger überhaupt zwischen volkswirtschaftlichen Sektoren unterschieden, mussten sie zwar zugeben, dass die Produktivitätsentwicklung in der Industrieproduktion deutliche Steigerungen aufwies, doch galt ihnen das als nicht sehr bedeutsam, weil dieser Sektor vor allem in den USA einen nur geringen Anteil der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung repräsentiere. Im Mittelpunkt der Argumentation stand daher der Dienstleistungssektor, dessen (der statistischen Messung zufolge) äußerst schwache Produktivitätsentwicklung als Beleg für das Produktivitätsparadoxon galt.<br />
Nun sind zum einen die Kriterien für die Produktivitätsberechnung im Dienstleistungssektor selbst nach den üblichen statistischen Methoden ziemlich willkürlich und daher auch heftig umstritten: „Wenn die Statistik den Umsatz als Output-Maßgröße wählen würde, dann würde sie beispielsweise im Falle geringerer Abschlussgebühren für Versicherungen von einer fallenden Produktivität ausgehen, wenngleich die Senkung der Gebühren der gestiegenen Produktivität der Verwaltung geschuldet sein mag. Aus diesem Grunde nimmt das US-amerikanische Bundesamt für Statistik für die meisten dieser Bereiche die Lohnsumme als Maßgröße für die Ausbringungsmengen. Dies führt allerdings dazu, dass das Produktivitätswachstum weitgehend mit den Lohnsteigerungen gleichgesetzt wird.“ (Scherrer 2000, S. 11 f.) Entscheidend ist hier aber noch ein anderer Aspekt: Mit der Fokussierung auf den tertiären Sektor wurden ausgerechnet die technologisch-organisatorischen Umwälzungen im für die Wertproduktion zentralen sekundären Sektor ausgeblendet und für nebensächlich erklärt. Mehr noch: Die Abnahme der Beschäftigung in der Industrieproduktion, die ja wesentlich der rasanten Rationalisierung geschuldet war, geriet sogar implizit zum Argument für die These vom mangelnden Produktivitätszuwachs im Gefolge der IT-Investitionen.<br />
Schon eine einfache Aufschlüsselung auf Branchenebene verdeutlicht die Haltlosigkeit dieser These. Robert Brenner zufolge lag in den USA das Wachstum der Arbeitsproduktivität in den Industriezweigen für dauerhafte Güter von 1993 bis 1999 im jährlichen Durchschnitt zwischen 3,5 Prozent bei Kfz und Ausrüstungen, 12,9 Prozent bei Maschinerie für Handel und Gewerbe und stolzen 20,1 Prozent bei elektrischen und elektronischen Ausrüstungen (Brenner 2002, S. 256, FN 12). Von einer schwachen Produktivitätsentwicklung also keine Spur.<br />
Aber selbst diese durchaus beeindruckenden Zahlen zeichnen noch ein höchst unvollständiges Bild vom tatsächlichen Ausmaß der dritten industriellen Revolution. Denn die üblichen statistischen Indikatoren zur Berechnung der Arbeitsproduktivität tendieren dazu, die Entwicklung dieser Größe systematisch zu unterschätzen. Der Grund dafür liegt darin, dass die Arbeitsproduktivität ein Verhältnis zwischen stofflichem Output und Arbeitseinsatz darstellt, also in der Menge an hergestellten Waren pro Arbeitsstunde gemessen werden müsste. Da aber die Statistik gewöhnlich auf monetären Größen (Preise, Umsatz, Kosten, Einkommen, Gewinne etc.) basiert, kann sie nur indirekte Rückschlüsse auf die stoffliche Ebene ziehen (Costas 1984, S. 141). Dieses Zurückrechnen wirft jedoch eine ganze Reihe von letztlich unlösbaren Problemen und Widersprüchen auf, die umso stärker ins Gewicht fallen, je höher das statistische Aggregationsniveau ist, je mehr unterschiedliche Waren und Produktionszweige also auf einen gemeinsamen monetären Nenner gebracht werden.<br />
Ein ganz offensichtliches Problem besteht zunächst darin, dass in die Preise alle möglichen betrieblichen und außerbetrieblichen Komponenten eingehen, die mit dem Produktivitätsniveau in der Produktion nicht das Geringste zu tun haben: Verwaltungs- und Vertriebskosten, Steuern und Abgaben, Währungsschwankungen und Rohstoffspekulationen etc. Deshalb sind selbst schon auf der Ebene von Einzelunternehmen direkte Rückschlüsse vom Umsatz auf den stofflichen Output mehr als fraglich. Und selbstverständlich verschärft sich das Problem, je mehr Zahlen von Unternehmen und Branchen zusammengefasst werden. Eine Berechnung der „volkswirtschaftlichen Produktivität“ aus dem Verhältnis BIP zu Arbeitseinsatz, also auf dem höchsten Aggregationsniveau, ist daher für eine Analyse der gesellschaftlichen Produktivkraft vollkommen unbrauchbar. Allenfalls hat sie den Charakter einer Rentabilitätsberechnung (also ein Verhältnis von Geldgrößen), sagt aber rein gar nichts über die Entwicklung der stofflichen Produktivität aus.<br />
Hinzu kommt aber noch ein ganz grundsätzlicher Aspekt, der sich direkt aus dem inneren kapitalistischen Selbstwiderspruch zwischen abstraktem und stofflichem Reichtum ergibt. Wenn die Produktivitätsentwicklung ein Verhältnis zwischen physischen Größen (Menge an Produkten) und verausgabter Arbeitszeit bezeichnet, dann heißt das nichts anderes, als dass sie in der Dimension des stofflichen oder konkreten Reichtums angesiedelt ist. Steigerung der Produktivität bedeutet, dass eine größere Menge stofflichen Reichtums pro Zeiteinheit hergestellt werden kann. Damit wird die gesellschaftliche Arbeitsstunde, also die zeitliche Norm, die den Wertmaßstab bestimmt, neu definiert: Der Wert jeder einzelnen Ware des betreffenden Produktionszweiges sinkt, weil sie ja nun, bezogen auf den gesellschaftlichen Standard, weniger abstrakte Arbeitszeit repräsentiert. Das bedeutet aber nicht, dass sich der Wert der gesellschaftlichen Arbeitsstunde verändern würde. Dieser sinkt nicht und steigt nicht, sondern bleibt immer gleich (Postone 2003, S. 434 f.). Was sich verändert, ist die zeitliche Norm, die den stofflichen Inhalt bestimmt. Mit jedem Zuwachs der Produktivität stellt sich die in einer gesellschaftlichen Arbeitsstunde verausgabte abstrakte Arbeit in einem höheren Produktausstoß dar, was umgekehrt heißt, dass sich die durch sie repräsentierte Wertsumme auf eine größere Anzahl von Waren aufteilt. Wird also beispielsweise die Produktionszahl von Flachbildfernsehern pro Arbeitsstunde verdoppelt und deshalb der Wert pro Stück von, sagen wir, 600 Euro auf 300 Euro halbiert, dann bleibt der Produktionswert pro Stunde gemessen in Geldeinheiten genau gleich, nur dass die 600 Euro sich jetzt in zwei Fernsehern statt in einem darstellen. (Anm. d. Verf.: Zum Zweck der Veranschaulichung liegen dieser Argumentation einige vereinfachende Annahmen zugrunde. Zum einen wurde so getan, als ließe sich der Wert direkt in Preise übersetzen, was aus verschiedenen Gründen nicht der Fall ist. Zum anderen: Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Preisentwicklung die Wertminderung adäquat widerspiegelt, reduziert sich durch eine Halbierung der notwendigen Arbeitszeit zunächst nur der in der Produktion des Fernsehers neu zugesetzte Wert. Andere Wertbestandteile, die auf das Produkt übertragen werden, dargestellt etwa in Rohstoffen, Vorprodukten und anteiligem Maschinenverschleiß, werden im Zuge einer allgemeinen Produktivitätsentwicklung auch reduziert, aber möglicherweise nicht im gleichen Ausmaß.)<br />
Versuchen wir nun aber, die Produktivitätsentwicklung in monetären Größen zu messen, kommen wir zu dem Ergebnis, dass gar keine Veränderung stattgefunden hat. Die gleiche Zahl an Arbeitskräften „produziert“ die gleiche Wertsumme wie zuvor. Dass diese Wertsumme sich auf eine größere Menge stofflichen Reichtums aufteilt, kann in der Dimension des abstrakten Reichtums gar nicht abgebildet werden, weil in ihr ja gerade vom konkreten Inhalt der Produktion und mithin auch von den veränderten Produktionsbedingungen abstrahiert wird. Damit wird aber auch die historische Basisdynamik ausgeblendet, die, vom inneren kapitalistischen Selbstwiderspruch angetrieben, jenen „Tretmühleneffekt“ erzeugt, der sich auch als eine permanente Verdichtung der Zeit beschreiben lässt (Postone 2003, S. 436 f.). In der Dimension des abstrakten Reichtums herrscht ein merkwürdiger unhistorischer Stillstand, der in einem schreienden Kontrast steht zur ungeheuren historischen Dynamik, die der Kapitalismus gerade aufgrund des daraus resultierenden Zwangs zur ständigen Neubestimmung der vorherrschenden zeitlichen Norm, also der „gesellschaftlichen Arbeitsstunde“, entwickeln muss: „Die abstrakte Zeiteinheit lässt ihre historische Neubestimmung nicht manifest zutage treten: sie behält ihre konstante Form als Gegenwartszeit. Somit existiert der historische Fluss hinter dem Rahmen abstrakter Zeit, erscheint aber nicht in ihm. Der historische ‚Inhalt‘ der abstrakten Zeiteinheit bleibt genauso verborgen wie der gesellschaftliche ‚Inhalt‘ der Ware.“ (Postone 2003, S. 444) Aus diesem Grund ist jeder Versuch, die Produktivitätsentwicklung monetär abzubilden, von vorneherein und ganz grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.</p>
<h4>Der hedonische Preisindex und seine Brüder</h4>
<p>Ganz besonders deutlich wird das ausgerechnet dort, wo die Statistiker versuchen, der Tatsache methodisch Rechnung zu tragen, dass nicht nur die Produktionsverfahren sich verändern, sondern auch die Produkte im Zuge des technischen Fortschritts komplexer werden. So unterscheidet sich etwa ein Auto aus dem Jahr 2011 ganz wesentlich von einem aus den 1970er Jahren. Selbst ein Kleinwagen ist heute vollgestopft mit Elektronik und allerlei Sicherheitstechnologie, die früher nicht einmal in Luxuskarossen enthalten war, weil die Technik dafür schlicht nicht zur Verfügung stand. Ein Golf der ersten Generation hat mit dem neuesten Modell von heute eigentlich nur noch den Namen gemeinsam. Noch krasser stellt sich dieses Problem bei allen Produkten und Anwendungen der IuK-Technologien, wo der technologische Fortschritt extrem schnell voranschreitet. Dem sogenannten Moore’schen Gesetz zufolge verdoppelt sich die Leistung von Mikroprozessoren und Computern alle achtzehn Monate, während im gleichen Zeitraum der Preis für rechnergestützte Informationsverarbeitung auf die Hälfte fällt. Wie aber lässt sich das statistisch abbilden? Wie schlägt es sich in der Produktivitätsberechnung nieder, dass ein PC heute sehr viel billiger ist als vor zehn Jahren, dabei aber ein Vielfaches der Rechenkapazität enthält, oder ein Handy inzwischen zu einem tragbaren Multimediagerät geworden ist?<br />
Die Statistiker haben dafür verschiedene Methoden entwickelt, deren bekannteste der sogenannte hedonische Preisindex ist. Im Kern laufen alle diese Methoden darauf hinaus, die qualitativen Veränderungen der Produkte monetär zu bewerten, um auf diese Weise eine allgemeine Vergleichbarkeit herzustellen. (Vgl. Europäische Gemeinschaften 2005, S. 20 ff; Statistisches Bundesamt 2002.) Demnach wird dann beispielsweise ein Auto der neuesten Modellreihe, das gegenüber seinem Vorgängermodell zusätzliche Ausstattungsmerkmale besitzt, rechnerisch mit einem, sagen wir, 10 Prozent höheren Wert angesetzt. Ist nun der Verkaufspreis ebenfalls um 10 Prozent angehoben worden, gilt das nicht als Preiserhöhung, sondern als monetäre Entsprechung eben dieser qualitativen Verbesserung. Weil dem Mehr an Geld ja auch ein Mehr an Leistung entspricht, wird der gestiegene Preis in der Statistik daher wieder herausgerechnet.<br />
Sie weist dann bei Autos eine Inflationsrate von null aus. Bleibt der nominelle Verkaufspreis gleich, vermeldet die Statistik gar eine Preissenkung, weil ja für die gleiche Geldsumme mehr „Nutzwert“ gekauft werden kann. Tatsächlich ist aus diesem Grund der offizielle Preisindex für Automobile beispielsweise im Zeitraum 1995 bis 2001 um nur 5,2 Prozent gestiegen, während die Verkaufspreise mit 17,2 Prozent deutlich stärker zugelegt haben. Die Differenz, so die Erklärung des Statistischen Bundesamtes, „ist auf Qualitätsverbesserungen der PKWs zurückzuführen, die im gesamten Zeitraum einen Wertanteil von 11,9 Prozent der Verkaufspreise des Jahres 1995 ausmachen“ (Statistisches Bundesamt 2003). (Zu den Berechnungsmethoden im Einzelnen vgl. Frei 2005.)<br />
Was dabei freilich unberücksichtigt bleibt, ist die Tatsache, dass die Neuwagenkäufer ja gar nicht die Wahl zwischen einem Auto der neuen und einem der alten Modellreihe haben und daher die höheren Preise so oder so zahlen müssen, auch wenn die Statistik etwas anderes vermerkt. Der Alltagsverstand hat also durchaus nicht ganz Unrecht, wenn er sich über die Diskrepanz zwischen der offiziellen Inflationsrate und dem von ihm wahrgenommenen Kaufkraftschwund wundert.<br />
Nun könnten der hedonische Preisindex und ähnliche Verfahren zwar zunächst einmal als Versuch gewertet werden, die Veränderungen auf der Ebene der stofflichen Reichtumsproduktion wenigstens annäherungsweise abzubilden. Doch statt diese Veränderungen als solche in den Blick zu nehmen und systematisch darzustellen, richtet sich das ganze Bemühen darauf, sie monetär zu beziffern, also in die Kategorien der abstrakten Reichtumsproduktion zu übersetzen. Dadurch wird aber der Widerspruch zwischen den beiden Dimensionen der kapitalistischen Reichtumsform nicht etwa aufgelöst, sondern auf absurde Weise noch einmal reproduziert, womit dann die Verwirrung komplett wäre.<br />
Schauen wir uns das Vorgehen noch einmal an: Um die Qualitätsveränderungen zu erfassen, wird zunächst der in der Wertproduktion vollzogene Abstraktionsprozess zurückverfolgt. Wurden hier die qualitativ unterschiedlichen Waren A, B, C etc. einander gleichgesetzt und darauf reduziert, Ausdruck einer bestimmten Summe an Wert zu sein, versuchen die Statistiker nun in sehr aufwendigen Verfahren die stofflich-konkreten Unterschiede wieder zu entschlüsseln, die auf der Wert- und Preisebene unsichtbar sind, bei Autos beispielsweise eine Verbesserung des Bremssystems, ein höherer Aufprallschutz und hellere Scheinwerfer oder bei Computern eine höhere Taktfrequenz, schnellere Zugriffszeiten etc. Selbstverständlich kann das aufgrund der hohen Komplexität der Produkte und der Produktionsverfahren allenfalls ansatzweise gelingen, weil eine Vielzahl von Parametern berücksichtigt und verglichen werden müssen, dennoch findet zumindest eine gewisse Annäherung an die Ebene der stofflichen Reichtumsproduktion statt.<br />
Dann aber wird die ganze Sache sogleich wieder auf den Kopf gestellt. In einem nächsten Schritt werden nun nämlich die so identifizierten qualitativen Differenzen mit einem fiktiven monetären Maßstab bewertet, um daraus dann die neuen statistischen Pseudopreise zu berechnen. Kostet also beispielsweise ein Computer im Laden genauso viel wie das Vorgängermodell, sagen wir 500 Euro, weist aber eine höhere Taktfrequenz und schnellere Zugriffszeiten auf, die von den Statistikern mit 100 Euro bewertet werden, so ist er rechnerisch um 100 Euro billiger geworden, wird in der Verbraucherpreisstatistik also nur mit 400 Euro ausgewiesen, obwohl der Käufer eben jene 500 Euro hinblättern musste. Der kurze Ausflug in die Dimension des Stofflich-Konkreten endet also wieder genau da, wo er seinen Anfang nahm: in der Dimension des abstrakten Reichtums. Nur dass mit den Maßstäben auch die Ergebnisse verändert wurden, ganz so, als wollten die Statistiker den Prozess der Wertabstraktion, der seinem Wesen nach bewusstlos und hinter dem Rücken der Menschen verläuft, bewusst nachvollziehen und rechnerisch „korrigieren“.<br />
Wer sich jetzt die Augen reibt, hat Recht. Nicht ganz zufällig erinnert das Ganze an die Versuche im sogenannten Realsozialismus, die „wahren Werte“ der Produkte auszurechnen und für die volkswirtschaftliche Planung zu nutzen; eine Planung, die zum Scheitern verurteilt war, weil sie immer schon die Grundkategorien der kapitalistischen Reichtumsform (Ware, Wert, Geld, Preis, Lohn etc.) voraussetzte und sich einredete, die der Wertproduktion inhärenten, objektivierten Zwangsgesetze ließen sich bewusst steuern und „anwenden“. Dies zu versuchen kommt jedoch einer Quadratur des Kreises gleich. (Vgl. Stahlmann 1990 sowie etwas ausführlicher Kurz 1991.)<br />
Aber nicht nur methodisch, sondern auch politisch gesehen lassen sich Parallelen zum verblichenen Staatssozialismus ziehen, insofern nämlich Verfahren wie der „hedonische Preisindex“ das Material für eine systematische Schönfärberei der offiziellen Statistik liefern, die durchaus mit der im ehemaligen Ostblock vergleichbar ist. Einen Effekt haben wir schon angesprochen: Durch die monetäre Bewertung der Qualitätsverbesserungen wird die in der offiziellen Statistik ausgewiesene Inflation kleingerechnet. Weit weniger wahrnehmbar, weil weit entfernt von der unmittelbaren Erfahrung, ist der zweite wichtige Effekt: die statistische Vergrößerung des BIP. Dieser Effekt kommt so zustande, dass in Umkehrung des bei der Inflationsberechnung angewandten Verfahrens die Umsätze der qualitativ verbesserten Produkte rechnerisch höher angesetzt werden und als solche in die volkswirtschaftliche Bilanzierung eingehen.<br />
Das klingt verrückt, folgt aber der immanenten Logik, alle qualitativen Veränderungen auf der Preisebene abzubilden. Um noch einmal auf das Beispiel des Computers zurückzukommen: Da dieser unverändert 500 Euro kostet, aber die genannten technischen Verbesserungen enthält, die von den Statistikern mit 100 Euro bewertet werden, korrigieren sie in der BIP-Statistik den Preis um eben diesen Betrag nach oben, auf 600 Euro. Beträgt dann der jährliche Gesamtumsatz mit diesen und ähnlichen Computermodellen effektiv sagen wir 5 Mrd., so weist hingegen das BIP einen rechnerischen Betrag von 6 Mrd. aus. Mit anderen Worten: Das offizielle BIP, das eigentlich nur die monetäre Summe der Waren und Dienstleistungen, die in einem Jahr produziert wurden, ausweisen sollte, enthält in Wahrheit auch rein fiktive Zahlen, denen keine realen Umsätze entsprechen.<br />
Spätestens hier schlägt das Verfahren des hedonischen Preisindex’ vollends ins Absurde um. Was als Versuch begann, die stofflich-konkreten Prozesse abzubilden, gerät zu einer blanken Manipulation der Statistik. Statt die Dimension des stofflichen Reichtums sichtbar zu machen, mündet die monetäre Bewertung der mühsam herausgefilterten Qualitätsveränderungen gerade im Gegenteil darin, die Akkumulation abstrakten Reichtums schönzurechnen.<br />
Es ist gewiss kein Zufall, dass diese kosmetische Operation an der Statistik in den USA ausgerechnet in den 1990er Jahren eingeführt wurde, als die dritte industrielle Revolution an Fahrt gewann – die EU zog rund zehn Jahre später nach (Statistisches Bundesamt 2002; FAZ 21.4.2005). Ausschlaggebend war vor allem der rasante Preisverfall bei IT-Produkten im Gefolge des gewaltigen Produktivitätssprungs, der sich negativ auf die offiziellen Wachstumszahlen auswirkte. Der stoffliche Reichtum rückte also ausgerechnet zu dem Zeitpunkt ins Visier der politischen Statistik, als dieser in ein zunehmendes Missverhältnis zur Dimension des abstrakten Reichtums geriet und die Produktivitätsentwicklung zunehmend die Wertproduktion untergrub. Wo diese Tendenz ihre Spuren im BIP hinterließ, besann sich die Politik plötzlich darauf, dass die monetäre Dimension ja gar nicht den gesamten gesellschaftlichen Reichtum abbildet – allerdings nur, um genau diese Dimension noch einmal kosmetisch zu rehabilitieren.<br />
Dass fiktive rechnerische Umsätze keinen Beitrag zur Kapitalverwertung leisten, wird sogar der unkritischste Volkswirt wohl zugeben müssen. Zu den Kuriositäten des auf der Dynamik des fiktiven Kapitals beruhenden Krisenaufschubs gehört es aber, dass das statistische Facelifting dennoch seinen Teil dazu beigetragen hat, die weltwirtschaftliche Dynamik wieder in Schwung zu bringen. Denn obwohl sich die Manipulation der Statistik vor den Augen der Öffentlichkeit vollzog und in Wissenschaft und Medien breit diskutiert und kritisiert wurde, war das bald wieder vergessen und die geschönten Wachstumszahlen galten schließlich doch als Zeichen für die gewaltigen Zukunftsperspektiven der „New Economy“.<br />
Die Simulation dynamischen Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig niedriger Inflation schürte so jene Zukunftserwartungen, die den Treibsatz der Aktien- und Wertpapierspekulation ausmachten, welche wiederum auch die Realwirtschaft wieder in Schwung brachte. Insofern ist die systematische statistische Schönfärberei ein Moment der zunehmenden Fiktionalisierung der Ökonomie seit den 1990er Jahren, die auf einer permanenten Errichtung potemkinscher Dörfer beruhte. Auch darin erwies sich der westliche Kapitalismus seinem untergegangenen Bruder aus dem Osten als weit überlegen.</p>
<p>* Es handelt sich um einen gekürzten Auszug aus dem Buch „Die große Entwertung“, das der Autor zusammen mit Ernst Lohoff derzeit verfasst und das im Frühjahr 2012 im Unrast Verlag erscheinen wird.</p>
<hr />
<h4>Literatur</h4>
<p>Arens, Thomas (2004): Methodische Auswahl von CRM-Software, Göttingen 2004.<br />
Brenner, Robert (2002): Boom &amp; Bubble, Hamburg 2002.<br />
Brödner, Peter/Rolf, Arno (2005): Das Produktivitätsparadoxon der IT. Wahn und Wirklichkeit einer neuartigen Technik. Thesen zur 25. Tagung „Mensch-Maschine- Kommunikation“ (MMK 2005), http://tu-dresden.de/die_tu_dresden/zentrale_einrichtungen/mz/veranstaltungen/konferenzen/2005/mmk_2005/arbeitsgruppen/moderation_ag1.pdf.<br />
Costas, Ilse (1984): Grundlagen der Wirtschafts- und Sozialstatistik, Frankfurt/M. 1984.<br />
Europäische Gemeinschaften (2005): Handbuch zur Preis- und Volumenmessung in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, Luxemburg.<br />
Exner, Andreas (2009): Krise der Produktivität, Grenzen des Wachstums, in: Streifzüge 46/2009.<br />
Frei, Andreas (2005): Was hätte man 1960 für einen Sharan bezahlt?, Diplomarbeit an ETH Zürich, www.ivt.ethz.ch/docs/students/sa139.pdf.<br />
KfW (2004): Triebfedern des US-BIP-Wachstums im Jahr 2003, KfW-Research, Nr. 11, Februar 2004, Frankfurt/M.<br />
Kurz, Robert (1991): Der Kollaps der Modernisierung, Frankfurt/M.<br />
OECD (2008): Labour Force Statistics 1987–2007.<br />
Piller, Franz Thomas (1998): Das Produktivitätsparadoxon der Informationstechnologie, in: WIST, 27. Jg. (1998), H. 5, S. 257–262.<br />
Postone, Moishe (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, Freiburg/Brsg.<br />
Solow, Robert M. (1987): Review of ‚Manufacturing Matters‘, in: The New York Times Book Review, 12.7.1987.<br />
Scherrer, Christoph (2000): „New Economy“: Theoretische Perspektiven, in: Duisburger Arbeitspapiere Ostasienwissenschaften, Nr. 34/2000, S. 1–16.<br />
Stahlmann, Johanna (1990): Die Quadratur des Kreises. Funktionsmechanismus und Zusammenbruch der sowjetischen Planökonomie, in: Krisis 8/9, Erlangen.<br />
Statistisches Bundesamt (2002): Erstmals hedonische Qualitätsbereinigung in der Preisstatistik, innovationsreport 11.7.2002, http://www.innovations-report.de/html/berichte/statistiken/bericht-11257.html.<br />
Statistisches Bundesamt (2003): Hedonische Preismessung bei Personenkraftwagen, innovationsreport 17.2.2003, http://www.innovations-report.de/html/berichte/statistiken/bericht-16511.html.<br />
Trenkle, Norbert (1999): Es rettet Euch kein Billiglohn, in: Kurz, Robert/Lohoff, Ernst/Trenkle, Norbert (Hrsg.): Feierabend. Elf Attacken gegen die Arbeit, Hamburg 1999.</p>
<p>(veröffentlicht in: <a href="http://www.streifzuege.org/2011/massenausfall">Streifzüge 53/2011</a>)</p>
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		<title>Die Krise kurz erklärt</title>
		<link>http://www.krisis.org/2012/die-krise-kurz-erklaert</link>
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		<pubDate>Tue, 03 Jan 2012 11:20:41 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Was Sie schon immer über die Krise wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Die etwas anderen FAQ zur kapitalistischen Dauerkrise Tomasz Konicz Haben Sie sich in der Dauerkrise schon häuslich eingerichtet? Können Sie noch den Überblick behalten, bei all den über uns zusammenbrechenden Schuldenbergen? Für alle, die endlich im Krisendickicht durchblicken wollen, hier nun [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h4>Was Sie schon immer über die Krise wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Die etwas anderen FAQ zur kapitalistischen Dauerkrise</h4>
<p><em>Tomasz Konicz</em></p>
<p>Haben Sie sich in der Dauerkrise schon häuslich eingerichtet? Können Sie noch den Überblick behalten, bei all den über uns zusammenbrechenden Schuldenbergen? Für alle, die endlich im Krisendickicht durchblicken wollen, hier nun ein ganz besonderer Service: Werden Sie in wenigen Minuten zum Krisenexperten und Bescheidwisser, mit den großen FAQ zur Krise – diesmal mit verbesserter Kapitalismuskritikformel! In wenigen Antworten auf selbst erfundene Fragen werden die Krisenursachen benannt und die häufigsten Krisenmythen entlarvt. Der Clou dabei: Am Ende einer jeden Antwort finden sich Links zu Texten, die weitergehende Infos und Hintergründe zu den entsprechenden Themenkomplexen bieten. Soviel Krise war noch nie – jetzt neu mit krisenbedingter Zufriedenheitsgarantie!<span id="more-4763"></span></p>
<p><strong>Überall türmen sich gigantische Schuldenberge auf. Wer ist nun schuld an der gegenwärtigen Schuldenkrise? Die faulen Südeuropäer oder unsere gierigen Banker?</strong></p>
<p>Statt nach “Schuldigen” müssen wir nach den systemischen Ursachen der Verschuldungsdynamik suchen. Diese gigantischen Schuldenberge sind in den vergangenen Jahrzehnten entstanden, weil sie notwendig waren, um den Kapitalismus überhaupt funktionsfähig zu erhalten. Ohne Schuldenmacherei zerbricht das System an sich selbst. Private und/oder staatliche Verschuldung stellt im zunehmenden Maße eine Systemvoraussetzung dar, ohne die der Kapitalismus nicht mehr reproduktionsfähig ist.</p>
<p>Wir müssen uns nur vergegenwärtigen, dass die Kreditaufnahme eigentlich einen Wechsel auf die Zukunft darstellt, bei dem Finanzmittel im Hier und Jetzt zur Verfügung gestellt werden, die erst später vom Kreditnehmer erwirtschaftet und zurückgezahlt werden müssen. Und diese Kredite werden ja für Investitionen, Bautätigkeit oder Konsum aufgewendet. Somit schafft die Verschuldung eine zusätzliche, kreditfinanzierte Nachfrage, die stimulierend auf die Wirtschaft wirkt.</p>
<p>Im Endeffekt ist es egal, ob der Staat, die private Wirtschaft oder die Konsumenten sich verschulden: Gemeinhin stimuliert diese kreditgenerierte Nachfrage die Konjunktur und führt zu weiterem Wirtschaftswachstum. Ob nun der amerikanische Staat neue Marschflugkörper ordert, in Spanien zur Spekulationszwecken neue Ferienhäuser gebaut oder in Osteuropa Konsumentenkredite vergeben werden: All diese Aktionen generieren Nachfrage, schaffen Arbeitsplätze und beleben die entsprechenden Industriezweige. Wenn die Verschuldungsdynamik stark genug ist, dann entsteht eine sogenannte Defizitkonjunktur. Hierbei handelt es sich um einen Wirtschaftsaufschwung, der durch das Anhäufen von Schulden, also von Defiziten, getragen wird.</p>
<p>Es waren gerade diese Defizitkonjunkturen, die in der Epoche vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise in 2008 als maßgeblicher Motor der Weltwirtschaft fungierten. Hierbei handelt es sich um einen langfristigen, graduell an Intensität gewinnenden Prozess, der zeitgleich mit der Durchsetzung des Neoliberalismus und dem Aufstieg des Finanzsektors in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts einsetzte. Diese mit der Expansion der Finanzmärkte einhergehende Verschuldungsdynamik ging mit der Ausbildung von gigantischen Spekulationsblasen auf dem Finanzsektor einher, die ebenfalls – bis zu ihrem Zusammenbruch – stimulierend auf die Wirtschaft wirkten. Hier sind insbesondere die zwischen 2007 und 2008 geplatzten Immobilienblasen zu nennen, die ja vielfältige belebende Effekte auf die Industrie zeitigten, da sie ja mit realer Bautätigkeit einhergingen.</p>
<p>Es verschuldeten sich aber nicht alle Länder gelichmäßig: Die stärksten Defizitkonjunkturen – mitsamt den einhergehenden Schuldenbergen – bildenden mit weitem Abstand die USA aus, gefolgt von Südeuropa, Osteuropa, Irland und Großbritannien. Diese Länder und Regionen wiesen immer weiter ansteigende Leistungsblianz- und/oder Handelsdefizite aus, während sie zugleich eine fortschreitende Deindustrialisierung erfuhren.</p>
<p>Daneben bildete sich in einem scharfen Verdrängungswettbewerb eine Reihe von Ländern aus, die enorme Handelsüberschüsse erwirtschaften konnten und weiterhin über einen nennenswerten Industriesektor verfügen. In diesem Zusammenhang müssen China, Deutschland, Japan oder Südkorea genannt werden. Diese Länder konnten vermittels ihrer Handelsüberschüsse von den Verschuldungsprozessen in den USA oder Südeuropa profitieren, ohne sich selber verschulden zu müssen. Die enormen globalen und europäischen “Ungleichgewichte” in den Handelsbilanzen sind genau auf diese Entwicklung zurückzuführen.</p>
<p>Der Kapitalismus als ein Weltsystem kann ohne diese Defizitkonjunkturen und die damit einhergehenden Ungleichgewichte nicht mehr funktionieren: Sobald die – private oder staatliche – kreditgenerierte Nachfrage wegbricht, setzt eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale ein, in der Überproduktion zu Massenentlassungen führt, die wiederum die Nachfrage senken und weitere Entlassungswellen nach sich ziehen.<br />
<em><br />
Weitere Informationen:</em><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29184/1.html" target="_blank">Das Ende des “Goldenen Zeitalters” des Kapitalismus und der Aufstieg des Neoliberalismus</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29235/1.html" target="_blank">Explosionsartige Ausweitung der Finanzmärkte in der Clinton-Ära</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29356/1.html" target="_blank">Von der Immobilienspekulation zum Zusammenbruch der globalen Defizitkonjunktur</a></p>
<p><strong>Wieso sollte der Kapitalismus, der als eine auf höchstmögliche Effizienz ausgelegte Wirtschaftsweise gilt, nicht mehr ohne Schuldenmacherei funktionieren? Was ist die Ursache dieser angeblichen Abhängigkeit des kapitalistischen Weltsystems vom Kredit?</strong></p>
<p>Es ist gerade diese in den vergangenen Jahren immer weiter gesteigerte betriebswirtschaftliche Effizienz, die den Kapitalismus auf volkswirtschaftlicher Ebene in einen regelrechten Verschuldungszwang treibt. Das System ist zu produktiv, um weiterhin seine Reproduktion innerhalb seiner Produktionsverhältnisse ohne Defizitbildung aufrechterhalten zu können.</p>
<p>Frei nach Marx ließe sich zusammenfassen: Die Produktivkräfte sprengen gerade die Fesslen der Produktionsverhältnisse. Diese kapitalistische Systemkrise ist also tatsächlich eine Krise des Kapitals. Das Kapital muss hier bei als ein soziales Verhältnis, als ein Produktionsverhältnis begriffen werden: Der Unternehmer investiert sein als Kapital fungierendes Geld in Maschinen, Arbeitskräfte und Rohstoffe, um in Fabriken hieraus neue Waren zu schaffen, die mit Gewinn auf dem Markt verkauft werden. Das hiernach vergrößerte Kapital wird in diesem uferlosen Verwertungsprozess des Kapitals reinvestiert, um wiederum noch mehr Waren herzustellen. Dieser Prozess der Akkumulation oder Verwertung von Kapital funktioniert nicht mehr ohne die besagte Schuldenmacherei.</p>
<p>Um diese Diagnose vollauf verständlich zu machen, müssen die berühmten Widersprüche kurz dargelegt werden, die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnen. Neben dem bekannten Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit prägt das System noch eine weitere fundamentale Unvereinbarkeit, die einen permanenten Strukturwandel zur Folge hat.</p>
<p>Obwohl Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, strebt das Kapital zugleich danach, die Lohnarbeit möglichst weitgehend durch Rationalisierung aus dem Produktionsprozess zu verbannen: Es ist eine Art <a href="http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Wettlauf-mit-den-Maschinen-1370433.html" target="_blank">Wettlauf mit den Maschinen</a>. Die Marktkonkurrenz zwingt die Unternehmer in allen Industriezweigen dazu, ihre Produktion dank wissenschaftlich-technischer Innovationen immer weiter zu rationalisieren, sodass die Beschäftigung in den Wirtschaftszweigen immer weiter fällt, die schon längere Zeit etabliert sind und deren Märkte schon erschlossen sind.</p>
<p>Der gleiche technische Fortschritt, der zum Arbeitsplatzabbau in den etablierten Industriezweigen führt, lässt aber auch neue Industriezweige entstehen. Schon immer gab es in der Geschichte des Kapitalismus einen Strukturwandel, bei dem alte Industrien verschwanden und neue hinzukamen, die wiederum Felder für Investitionen und Lohnarbeit eröffneten. Folglich ist die Geschichte des Kapitalismus durch eine Abfolge von Leitsektoren der Wirtschaft gekennzeichnet, die als Akkumulations-, Konjunktur-, und insbesondere Beschäftigungslokomotiven fungierten: Textilindustrie, Schwerindustrie, Chemie, Elektroindustrie, Fahrzeugbau.</p>
<p>Dieser Strukturwandel funktioniert aber mit dem Aufkommen der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik und Informationstechnologie nicht mehr. Die IT-Industrie schafft zwar Arbeitsplätze, aber ihre Technologien und Produkte erfahren eine <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Forscher-IT-vernichtet-mehr-Jobs-als-sie-schafft-1371177.html" target="_blank">gesamtwirtschaftliche Anwendung</a>, bei der im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen weitaus mehr Arbeitsplätze verschwinden. Es findet ein Prozess des Abschmelzens der Lohnarbeit innerhalb der Warenproduktion statt: Immer weniger Arbeiter können in immer kürzerer Zeit immer mehr Waren herstellen.</p>
<p>Die avancierten kapitalistischen Gesellschaften gerieten folglich in die Krise der Arbeitsgesellschaft, die mit steigender Arbeitslosigkeit, allgemeiner Prekarisierung und/oder einem stagnierenden Lohnniveau einhergeht. Zugleich steigen mit dem technischen Niveau der Produktion die Aufwendungen für Infrastruktur, Bildung oder Produktionsinvestitionen, was wiederum die Massennachfrage und/oder die Unternehmensgewinne belastet. Die gesamtgesellschaftlichen notwendigen Investitionen zur Aufrechterhaltung der Akkumulation von Kapital wachsen immer weiter an, wodurch das Verhältnis zwischen profitabler Kapitalverwertung und den hierfür notwendigen Aufwendungen sich zugunsten der Letzteren verschiebt.</p>
<p>Die wahren Krisenursachen liegen also konträr zu der populistischen Parole, wonach die Bevölkerung der Schuldenländer Europas oder der USA “über ihren Verhältnissen” gelebt habe. Es verhält sich gerade umgekehrt: Der Kapitalismus hat ein derartig hohes Produktivitätsniveau erreicht, dass er nur noch durch ein “Leben über den Verhältnissen”, also durch Schuldenmacherei eine Zeit lang eine Art Zombieleben führen kann – bis zum großen Crash.</p>
<p><em>Weitere Informationen:</em><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/32/32551/1.html" target="_blank">Krisenmythos Griechenland</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35245/1.html" target="_blank">Roboter statt Arbeiter</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tr/artikel/Der-Wettlauf-mit-den-Maschinen-1370433.html" target="_blank">Der Wettlauf mit den Maschinen</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/5/5659/1.html" target="_blank">Ein Leichnam regiert die Gesellschaft</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/13/13628/1.html" target="_blank">Vielleicht sind wir alle schon die Insassen eines Gesamt-Irrenhauses</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35138/1.html" target="_blank">Von Schulden und Jobs</a></p>
<p><strong><br />
Welche Rolle spielen die Finanzmärkte? Es heißt doch überall, die bösen “Bankster” haben uns die Krise mit ihrer maßlosen Gier eingebrockt</strong></p>
<p>Da der Finanzkrach dem Wirtschaftseinbruch vorangeht, kann der Eindruck entstehen, dass die Finanzmärkte die reale Wirtschaft in den Abgrund gestoßen haben. Tatsächlich aber hielten die Finanzmärkte durch ihre Kreditvergabe die reale Wirtschaft überhaupt am Laufen, indem sie – wie ausgeführt – kreditfinanzierte Massennachfrage erzeugten. Die Finanzmärkte ermöglichten erst die besagten Defizitkonjunkturen, da der Kredit ja generell die wichtigste “Ware” der Finanzwirtschaft bildet.</p>
<p>Erst der Zusammenbruch der Immobilienblasen in 2008 und die damit einhergehende “Kreditklemme” ließen die Nachfrage wegbrechen, was zur Wirtschaftskrise von 2009 führte. Das jahrzehntelange Wachstum der Finanzmärkte ist selbst Folge der oben beschriebenen, aus fortschreitenden Rationalisierungsschüben resultierenden Krise der Arbeitsgesellschaft. Kapital strömt nun mal dort hin, wo die höchsten Renditen zu erwarten sind. Den Bankern maßlose Gier vorzuwerfen, ist geradezu absurd, da “Gier” – als die höchstmögliche Kapitalvermehrung – das Wesen des Kapitals bildet.</p>
<p>Dies gilt aber nicht nur für die Finanzbranche, sondern auch für die Warenproduktion. Wenn die Verwertung von Kapital in der realen, warenproduzierenden Wirtschaft stockt und zunehmende Verdrängungskonkurrenz die Renditen absenkt, dann strömt anlagewilliges Kapital nun mal in die Finanzmärkte. Generell gilt, dass Finanzexzesse auf eine Krise in der Warenproduktion hindeuten.</p>
<p>Somit schienen die rasch expandierenden Finanzmärkte die Rolle des beschriebenen Leitsektors der Wirtschaft einzunehmen, da der besagte Strukturwandel in der realen Wirtschaft nicht mehr funktionierte. Diese finanzielle Explosion ab den 80ern – und verstärkt ab den 90ern – Jahren des 20. Jahrhunderts war aber auf Dauer nicht tragfähig, obwohl selbstverständlich auch im Finanzsektor viele Arbeitsplätze geschaffen wurden. Dieses explosionsartige Wachstum der Finanzwirtschaft war auf Sand gebaut. Kapitalistischer, sich in Warenfülle äußernder Reichtum muss im Rahmen der dargelegten Kapitalverwertung tatsächlich erarbeitet werden. Die Finanzmärkte können zu diesem Prozess beitragen, indem sie Unternehmen Kreide gewähren, die zur Modernisierung der Produktionsanlagen und/oder Ausweitung der Produktionsmengen verwendet werden.</p>
<p>Aufgrund der beschriebenen systemischen Überproduktionskrise in der realen Wirtschaft verlief die Expansion der Finanzmärkte hauptsächlich in eine andere Richtung: in die reine Spekulation, die letztendlich immer zur Blasenbildung führen muss. Wir haben es seit gut zwei Jahrzehnten mit einer Art Finanzblasenkapitalismus zu tun, der durch das Aufsteigen immer größerer Spekulationsblasen gekennzeichnet ist, die in ihrer Aufstiegsphase als regelrechte Konjunkturmotoren fungieren – und die beim Platzen immer größere Verwüstungen hinterlassen.</p>
<p>Hierbei handelt es sich um einen langwierigen Prozess, in dem die Abhängigkeit des Gesamtsystems von der Verschuldungsdynamik sukzessive ansteigt: Angefangen von der Asienkrise Ende der 90er, über die Hightech-Blase von 2000, die 2008 geplatzte Immobilienspekulation, bis zur gegenwärtig zusammenbrechenden Liquiditätsblase. Dabei konnten bisher die verheerenden Folgen dieser zusammenbrechenden Spekulationsdynamik nur durch erneute Blasenbildung – durch eine blinde “Flucht nach vorn” in weitere Spekulationsexzesse- hinausgezögert werden.</p>
<p>Wir müssen uns auch vergegenwärtigen, dass die derzeitige Staatsschuldenkrise größtenteils auf das Platzen der Spekulationsblasen auf dem Immobiliensektor zurückzuführen ist. Spanien oder Irland wiesen vor Krisenausbruch in 2008 eine niedrigere Staatsverschuldung als etwa die Bundesrepublik auf. Erst durch die milliardenschweren “Hilfsmaßnahmen” für die taumelnden Finanzmärkte und die “Sozialisierung” der Krisenverlauste explodierte die Staatsverschuldung in vielen Ländern. Es scheint paradox, aber tatsächlich haben die Staaten die Finanzmärkte im Endeffekt durch weitere Verschuldung auf den Finanzmärkten stabilisiert. Damit wird die europäische Staatsschuldenkrise aber auch automatisch zu einer Finanzmarktkrise, da Staatspleiten sofort die Banken in den Bankrott treiben werden, die Staatsanleihen aufgekauft haben.</p>
<p>Beide Pole kapitalistischer Vergesellschaftung – der Staat wie das Kapital – sind somit in einer Krisensymbiose aneinander gefesselt. Es lohnt, sich in Erinnerung zu rufen, dass staatliche und private Schulden denselben gesamtgesellschaftlichen Effekt zeitigten: die Stimulierung der Wirtschaft. Folglich bilden die nun angehäuften Schuldenberge ebenfalls eine gesamtgesellschaftliche Belastung. Die Schuldenkrise ist nicht nur eine Krise der Staaten oder der Banken, sondern des gesamten Systems.</p>
<p>Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass ein wucherungsartig anschwellender Finanzsektor als ein eindeutiges Krisenphänomen zu deuten ist – nicht aber als die Krisenursache. Es ist der stürmisch vom Kapitalismus vorangetriebene Fortschritt der Produktivkräfte, der die Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise unterminiert. Die Krise hat ihre Ursache nicht im Finanzsektor, sondern in den Widersprüchen der warenproduzierenden Industrie. Gerade das exzessive Wuchern der Finanzmärkte hat die unter einer latenten Überproduktion leidende reale Wirtschaft durch schuldengenerierte Nachfrage am Leben gehalten.</p>
<p><em>Weitere Infos:</em><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29356/1.html" target="_blank">Von der Immobilienspekulation zum Zusammenbruch der globalen Defizitkonjunktur</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/31/31777/1.html" target="_blank">Das Wunder an der Wall Street</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/31/31137/1.html" target="_blank">Hurra, der (Pseudo-) Aufschwung ist da!</a></p>
<p><strong>Was können die finanziell klammen Staaten nun überhaupt noch unternehmen? Welche Optionen hat die Politik noch?</strong></p>
<p>Die Politik kann mit dem ihr zur Verfügung stehenden Instrumentarium die gegenwärtige Krise nicht lösen, sie kann aber sehr wohl den drohenden schweren Wirtschaftseinbruch hinauszögern.</p>
<p>Die Krisenpolitik befindet sich in einer Aporie, in einem unlösbaren Selbstwiderspruch, bei dem sie nur zwischen zwei unterschiedlichen Wegen in die Krise wählen kann: Die Politik kann einerseits die Staatsverschuldung immer höher treiben, um den wirtschaftlichen Absturz zu verhindern. Dieser Ansatz, der zumeist mit einer expansiven Geldpolitik einhergeht, führt letzten Endes zur Inflation oder zum Staatsbankrott – da letzten Endes die Notenpresse angeworfen werden muss, um die Verschuldungsdynamik aufrechtzuerhalten. Andererseits können Regierungen versuchen, die staatlichen Schuldenberge durch drakonische Kürzungen abzubauen. Dies jedoch bewirkt einen sofortigen ökonomischen Einbruch, der auch zu erheblicher Verelendung in der betroffenen Gesellschaft führt.</p>
<p>Die meisten Regierungen entschieden sich zuerst für die Schuldenmacherei: Die Staaten haben nach Krisenausbruch die auf den Finanzmärkten betriebene Verschuldungsdynamik im Endeffekt durch kreditfinanzierte Konjunkturprogramme ab 2008 weiter aufrecht gehalten. Die vormals durch die Finanzmärkte organisierte Defizitkonjunktur, bei der die Anhäufung von Schulden konjunkturbelebend wirkt, wurde nach Krisenausbruch verstaatlicht – bis die Staaten selber an ihre finanzielle Belastungsgrenze stießen. Mit zunehmender Krisenintensität eskalieren auch die Streitereien um die Krisenpolitik. Derzeit konnte die deutsche Regierung die Europäische Union auf strikte Sparprogramme verpflichten, während etwa die USA auf einer Fortführung von Verschuldung und Anleiheaufkäufen beharren.</p>
<p>Die Auseinandersetzungen um die konkrete Ausgestaltung der kapitalistischen Krisenpolitik gewinnen auch deswegen an Härte, weil beide Fraktionen in diesem Disput die desaströsen Konsequenzen der Politik der Gegenseite durchaus zurecht fürchten. Fakt ist, dass etliche Länder ihre Haushaltsdefizite aufgrund ausartender Staatsverschuldung tatsächlich nicht mehr auf den Finanzmärkten refinanzieren können – und etwa unter den “Euro-Rettungsschirm” flüchten mussten. Fakt ist aber auch, dass eine Einstellung der schuldenfinanzierten Konjunkturprogramme zu einer Konjunkturflaute führt, die in Stagnation und Rezession mündet.</p>
<p>Somit befinden sich tatsächlich beide Seiten in dem finanzpolitischen Streit um die Ausgestaltung der künftigen Krisenpolitik bei ihrer Diagnose im Recht: Weitere Staatsverschuldung wird unweigerlich zum Staatsbanktrott oder zur Hyperinflation führen, ein Ende der staatlichen Verschuldung wird in die Rezession führen. Beide Parteien befinden sich aber auch auf dem Holzweg, wenn sie davon ausgehen, dass ihre “Therapien”, ihre Politikkonzepte, die fundamentale Krise der Weltwirtschaft lösen könnten, die seit 2008 nur durch ausufernde staatliche Verschuldung verlängert werden konnte.</p>
<p>Aus der Unmöglichkeit, diese Systemkrise mit dem Instrumentarium der Krisenpolitik zu bewältigen, resultieren auch die irrationellen und ins Chauvinistische tendierenden Reflexe, die in Politik und Massenmedien an Breite gewinnen – und bei denen die gegebenen kapitalistischen Ideologien ins Extrem gesteigert werden.</p>
<p><em>Weitere Infos:</em><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35303/1.html" target="_blank">Politik in der Krisenfalle</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35813/1.html" target="_blank">Krise und Wahn</a></p>
<p><strong>Wieso bildet Europa derzeit das globale Krisenzentrum, obwohl andere Staaten – wie etwa die USA – ähnlich hoch verschuldet sind?</strong></p>
<p>Die Schuldenberge der USA und Europas sind in ähnlich gigantische Dimensionen angewachsen, und auch die Ursachen der Schuldenbildung auf beiden Seiten des Altantik sind auf den gescheiterten Strukturwandel und die besagte Krise der Arbeitsgesellschaft zurückzuführen. Konfrontiert mit der obig dargelegten Krisenfalle, hat die Politik in den USA aber einen anderen Weg eingeschlagen als in der Eurozone.</p>
<p>Der Unterschied zwischen den USA und der EU besteht in der Bereitschaft der USA, die Verschuldungsdynamik des US-amerikanischen Staates durch Aufkäufe von Staatsanleihen aufrechtzuerhalten – und mittelfristig eine ausartende Inflation in Kauf zu nehmen. Indem die US-Notenbank Fed notfalls im großen Stil die amerikanischen Staatsanleihen aufkauft, wird die Zinslast der USA niedrig gehalten und ein katastrophaler Wirtschaftseinbruch verhindert, da zumindest die staatliche Verschuldungsdynamik – und somit auch die kreditfinanzierte staatliche Nachfrage – weiter aufrechterhalten werden kann.</p>
<p>In der EU setzte sich hingegen Deutschland mit der Forderung nach sofortiger Haushaltssanierung durch, während die Aufkäufe von Staatsanleihen durch die EZB von Berlin vehement abgelehnt werden. Ohne Anleiheaufkäufe durch die EZB oder den ESM wird die Zinslast der südeuropäischen Schuldenstaaten bald untragbar sein, ein Auseinanderbrechen der Eurozone wird so sehr wahrscheinlich. Ohne fortgesetzte Verschuldung wird die Eurozone in einer schweren Rezession versinken, die sich bereit mit europaweit fallender Industrieproduktion ankündigt. Ein Schuldenabbau wir so vollends illusionär.</p>
<p>Zudem muss beachtet werden, dass der Euro zur Ausbildung gigantischer Ungleichgewichte in der Eurozone beigetragen hat – und dass die Krisenpolitik der EU von eskalierenden nationalen Interessensgegensätzen geprägt ist. In der Eurozone wurden Volkswirtschaften mit sehr unterschiedlichen Produktivitätsniveaus in einem Währungsraum zusammengefasst, sodass die ökonomisch unterlegenen Länder in Südeuropa ohnehin zur Ausbildung von Handelsdefiziten gegenüber den überlegenen Ländern im Zentrum neigten. Der Euro nahm den schwächeren Staaten die Möglichkeit, mittels Währungsabwertungen ihre Konkurrenzfähigkeit wiederherzustellen.</p>
<p>Zusätzlich setzte in der Bundesrepublik wenige Jahre nach der Einführung des Euro ein rabiater Sozialkahlschlag ein, der in der Einführung der Hartz-IV-Gesetze gipfelte und zur allgemeinen Prekarisierung des Arbeitslebens und einer Absenkung des Lohnniveaus beitrug. Hierdurch konnte die deutsche Exportwirtschaft weitere Exportvorteile gegenüber der Eurozone gewinnen und einen gigantischen Leistungsbilanzüberschuss von inzwischen 770 Milliarden Euro akkumulieren. Bei der EU handelte es sich also bereits um eine Transferunion – um eine Transferunion zugunsten der deutschen Exportindustrie, die nicht zuletzt dank sinkender Löhne und der Prekarisierung der Lohnabhängigen in der BRD ermöglicht wurde.</p>
<p>Diese deutschen Exportüberschüsse in die Eurozone trugen also maßgeblich zur Ausbildung der Schuldenberge in der Eurozone bei – die Exportüberschüsse Deutschlands sind logischerweise die Defizite der Zielländer deutscher Exportoffensiven.</p>
<p>Rückblickend betrachtet war die “europäische Integration” selber ein Reflex auf diese Krise. Das “Europäische Haus” wurde spätestens seit der Euroeinführung auf einen beständig wachsenden Schuldenberg errichtet, der bis zum Platzen dieser Schuldenblase allen Beteiligten die Illusion gab, an einem allgemein vorteilhaften Integrationsprozess beteiligt zu sein: Deutschlands Industrie erhielt dank des Euro Exportmärkte, während Europas Schuldenstaaten ihre kreditfinanzierte Deifizitkonjunktur erfuhren.</p>
<p>Weitere Infos:<br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35813/1.html" target="_blank">Krisenmythos Griechenland</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35514/1.html" target="_blank">Zerbricht Europa an der Krise?</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/35/35052/1.html" target="_blank">Transatlantischer Schuldenturmbau im Vergleich</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/30/30415/1.html" target="_blank">Die Weltwirtschaftskrise als Schuldenkrise</a></p>
<p><strong>Wie schlimm wird die Krise werden? Worauf müssen wir uns einstellen?</strong></p>
<p>Kurzfristig wird das System mit Sicherheit in einer schweren Wirtschaftskrise versinken, sobald die Verschuldungsdynamik zusammenbricht, die den Kapitalismus – noch – am Laufen hält. Die anstehende globale Depression könne durchaus die Schärfe und Dramatik der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts erreichen, inklusive schwerwiegender sozialer und politischer Verwerfungen und Umbrüche. Der Wirtschaftseinbruch in Südeuropa wird nicht mehr von einem späteren Aufschwung abgelöst werden. Stattdessen findet in der Peripherie der EU ein dauerhafter wirtschaftlicher und sozialer Absieg statt, der die betroffenen Länder in ihrer zivilisatorischen Entwicklung zurückwerfen wird. Es ist, als ob die “Dritte Welt” von sich Nordafrika über das Mittelmeer bis nach Südeuropa ausbreiten würde. Es findet derzeit ein Prozess des “Abschmelzens” der reaktiven Wohlstandsinseln der “Ersten Welt” im globalen Maßstab statt.</p>
<p>Die kommende globale Depression bildet dabei nur das jüngste Stadium eines langfristigen, weltgeschichtlichen Prozesses, bei dem das kapitalistische Weltsystem nach einer gut 500-jährigen Entwicklungsperiode an die dargelegte innere Schranke seiner Entwicklungsfähigkeit stößt und an seinen eskalierenden Widersprüchen zugrunde geht. Das System tritt nun in eine Phase des chaotischen Umbruchs ein, wobei die Richtung und der Ausgang dieses Prozesses nicht prognostizierbar sind. Der US-amerikanische Soziologe Immanuel Wallerstein hat diese Periode des systemischen Umbruchs folgendermaßen beschrieben: <em>“Wir leben in einer Phase des Übergangs von unserem existierenden Weltsystem, der kapitalistischen Wirtschaft, zu einem anderen System oder anderen Systemen. Wir wissen nicht, ob dies zum Besseren oder zum Schlechteren sein wird. Wir werden dies erst wissen, wenn wir dorthin gelangt sind, was möglicherweise noch weitere 50 Jahre dauern kann. Wir wissen allerdings, dass die Periode des Übergangs für alle, die in ihr leben, eine sehr schwierige sein wird. … Es wird eine Zeit der Konflikte oder erheblicher Störungen … sein. Es wird auch, was nicht paradox ist, eine Zeit sein, in der der Faktor des freien Willens zum Maximum gesteigert wird, was bedeutet, dass jede individuelle und kollektive Handlung eine größere Wirkung bei Neuaufbau der Zukunft haben wird als in normalen Zeiten, also während der Fortdauer eines historischen Systems.”</em> (Immanuel Wallerstein, Utopistik, Wien, 2002, S. 43)</p>
<p>Im gewissen Sinne können die bereits global eskalierenden Auseinandersetzungen und Verwerfungen als Teil dieses Kampfes um die Ausgestaltung des künftigen Weltsystems aufgefasst werden, auch wenn dies den Akteuren dieser Kämpfe zumeist nicht klar ist. Die ungeheure Intensivierung der Umbrüche und Konflikte resultiert aus der Tatsache, dass das gegenwärtige System für immer mehr Menschen unerträglich wird, da es an seine Entwicklungsgrenzen stößt.</p>
<p>Immer mehr Menschen fallen aus dem Prozess der Kapitalakkumulation heraus, sie werden “überflüssig” – während der Druck auf die noch in Arbeit befindlichen Lohnabhängigen immer weiter wächst. Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen im arabischen Raum etwa bildete eine wichtige Triebkraft der Umbrüche in dieser Region. Deutschland kann als eine Burnout-Republik bezeichnet werden, während in Südeuropa zweistellige Arbeitslosenraten erreicht werden.</p>
<p>Mit zunehmender Krisenintensität werden sich diese Widersprüche verschärfen. Der Ausgang dieses chaotischen Transformationsprozesses ist – wie von Wallerstein konstatiert – völlig unklar, da er von den unendlich komplex verwobenen Handlungen der daran Beteiligten Menschen abhängig ist. Das kommende Weltsystem kann viel schlimmer (hieratischer und diktatorischer) als das Gegenwärtige werden – oder auch besser, egalitärer und demokratischer. Mit Sicherheit kann aber jetzt schon konstatiert werden, dass die aus dieser Transformation hervorgehende Gesellschaft keine kapitalistische sein wird, da es das dargelegte Kapitalverhältnis selbst ist, das an seine inneren Grenzen stößt und die tiefere Ursache der gegenwärtigen Krise bildet.</p>
<p>Letztendlich scheint es angebracht, diese Krise auch als Chance wahrzunehmen; als Chance auf die Errichtung eines besseren, demokratischeren und egalitären Gesellschaftssystems. Bei Abstrahierung von den konkreten Formen kapitalistischer Vergesellschaftung nimmt die Krise ja einen regelrecht absurden Charakter an: Die Gesellschaft erstickt an ihrem Überfluss.</p>
<p>Der Kapitalismus verliert letztendlich seinen ewigen “Wettlauf mit den Maschinen.” Weil zu viele Waren mit immer weniger Arbeitskräften hergestellt werden können, versinken immer mehr Bevölkerungsgruppen und Weltregionen in Marginalisierung und Verelendung. Die technischen und materiellen Voraussetzungen zur Errichtung einer Gesellschaft, die die Grundbedürfnisse aller Menschen weltweit befriedigt, sind aber objektiv gegeben.</p>
<p><em>Weitere Infos:</em><br />
<a href="http://www.youtube.com/watch?v=nLvszWBf6BQ" target="_blank">Immanuel Wallerstein on the end of Capitalism</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/29/29687/1.html" target="_blank">“In 30 Jahren wird es keinen Kapitalismus mehr geben”</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/32/32931/1.html" target="_blank">Schleifung der Überkapazitäten</a><br />
<a href="http://www.heise.de/tp/artikel/32/32932/1.html" target="_blank">Zweite Welle der globalen Wirtschaftskrise innerhalb der nächsten Jahre</a></p>
<p>(erschienen auf <a href="http://www.heise.de/tp/artikel/36/36123/1.html">Telepolis 23.12.2011</a>)</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Il y a le feu chez les pompiers!</title>
		<link>http://www.krisis.org/2011/il-y-a-le-feu-chez-les-pompiers</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2011/il-y-a-le-feu-chez-les-pompiers#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 19 Dec 2011 17:08:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>
		<category><![CDATA[Français]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.krisis.org/?p=4780</guid>
		<description><![CDATA[Deutsche Version Ernst Lohoff La dégringolade actuelle des bourses est la plus forte enregistrée depuis la faillite de la banque Lehman Brothers à l’automne 2008. D’après le journal Welt-online, à travers la planète, l’équivalent de cinq mille milliard de dollars en actifs se seraient dissipés dans les dernières semaines. Maintenant que l’agence de cotation Standard [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.krisis.org/2011/brennende-loeschfahrzeuge">Deutsche Version</a></p>
<p><em>Ernst Lohoff</em><span id="more-4780"></span></p>
<p>La dégringolade actuelle des bourses est la plus forte enregistrée depuis la faillite de la banque Lehman Brothers à l’automne 2008. D’après le journal Welt-online, à travers la planète, l’équivalent de cinq mille milliard de dollars en actifs se seraient dissipés dans les dernières semaines. Maintenant que l’agence de cotation Standard &#038; Poor’s a abaissé la note de solvabilité concernant les emprunts d’Etat des Etats-Unis, les places financières vont certainement chuter encore. </p>
<p>Depuis les années quatre-vingts, l’industrie de la finance est devenue l’industrie de base du système capitaliste mondial et a subi régulièrement des échecs. Mais les événements actuels ont acquis une nouvelle dimension. Lors de toutes les crises précédentes qui touchaient les centres capitalistes, c’étaient toujours les Etats, prompts à s’endetter, qui jouaient le rôle de pompier. Aujourd’hui les pompiers d’hier sont le foyer de l’incendie.</p>
<p>Ce déplacement du point de départ de la crise n’est pas le fait du hasard, c’est la conséquence logique de la manière dont on a tenté de résoudre les crises précédentes. Que ce soit lors du krach de la nouvelle économie ou à la suite de la grande crise des marchés financiers de 2008, les marchés ont commencé à chuter parce que les investisseurs, déçus par la non réalisation des promesses de rentabilité, se sont détournés massivement des entreprises privées « prometteuses », ont arrêté d’acheter des actions des « entreprises d’avenir » ainsi que de fournir des nouveaux crédits hypothécaires douteux. Le soin d’enrayer la spirale descendante de l’économie mondiale était laissé aux Etats. Au moyen d’une politique de l’argent pas cher (taux d’intérêts bas), les banques centrales fournissaient la matière première pour la création d’une nouvelle bulle spéculative encore plus importante. Grace à une politique de dépense intensive,,, la puissance publique a freiné la chute de ce qu’on appelle l’économie réelle : l’augmentation toujours plus rapide de la dette devait servir de tampon jusqu’à ce que la dynamique de création de capital fictif se trouve une nouvelle sphère prometteuse et privée qui relance la machine. Après le krach de la nouvelle économie en 2000, cette approche a encore donné satisfaction. Pendant deux ou trois ans, la conjoncture mondiale restait faible mais par la suite les bulles successives, comme celle de l’immobilier étatsunien, permettaient de nouveau une croissance de l’économie mondiale. Mais après la crise des marchés financiers de 2008, aucune nouvelle sphère privée prometteuse ne s’est établie. Au moyen d’une politique de taux d’intérêts extrêmement bas, et la nationalisation des pertes de la spéculation, on a réussi à éviter l’effondrement des marchés financiers. Les programmes de soutien à l’économie ont permis de stabiliser l’économie réelle, mais la production de l’industrie financière privée est restée en dessous du niveau qui aurait permis une limitation de l’endettement public. 15 mille milliards de dollars est la somme que l’ensemble des Etats ont bien voulu débourser pour dépasser la crise de 2008, ce qui fait grimper dramatiquement l’endettement total de tous les Etats de la planète jusqu’à 39 mille milliards de dollars.</p>
<p>Et il n’y a pas d’embellie à l’horizon. L’endettement des Etats est devenu la bulle la plus importante de l’industrie financière et c’est précisément cette bulle-là qui est en train d’éclater. La politique économique se trouve devant un dilemme énorme. D’un côté l’expansion de l’endettement étatique doit se poursuivre afin d’éviter une déflation. En même temps, les Etats doivent en permanence annoncer le retour vers des budgets équilibrés afin de maintenir leur propre crédibilité pour contracter de nouveaux crédits. Ce casse-tête représente l’arrière-plan de la panique réelle qui envahit actuellement les marchés financiers. On ne peut pas définir précisément, ni pour l’Europe ni pour les Etats-Unis, ce qui fait le plus accélérer la dégringolade des bourses : est-ce qu’il s’agit de la peur que les plans d’austérités annoncés entrainent une déflation, ou alors de l’inquiétude concernant la solvabilité des débiteurs étatiques ?</p>
<p>Dans cette situation bloquée, il ne reste plus qu’une sortie. En soi la politique économique n’a plus de marge de manœuvre, mais il reste encore une option monétaire. Vu que les taux directeurs sont déjà extrêmement bas, les banques centrales ne peuvent plus baisser  les taux d’intérêts, mais par contre ils rachètent les emprunts des Etats en difficulté. Cela ouvre aux Etats de nouvelles perspectives pour s’endetter et empêche dans l’immédiat que les emprunts d’Etats qui circulent dans l’industrie financière soient dévalorisés. Le capitaliste idéel général (l’Etat) fait ici quelque chose que personne d’autre ne peut faire, il s’endette auprès de lui-même.</p>
<p>Cela était considéré il y a quelques années comme le plus grand péché contre la stabilité monétaire et cela non sans raison : une banque centrale qui stocke, pour garantir la stabilité monétaire, à la place de titres rentables des créances pourries déplace la crise sur un nouveau terrain. La dévalorisation de l’endettement public est ajournée et la conséquence est une dévalorisation rampante de l’argent. La prochaine étape logique du processus de crise est le passage de la crise des budgets étatiques vers la crise du médium argent. Le capitalisme dépasse ses crises en préparant les suivantes,  toujours plus importantes. Karl Marx disait déjà cela, mais jamais la transmutation du moyen d’éteindre la dernière crise en combustible pour la prochaine crise ne s’est faite aussi rapidement.</p>
<p>Traduction: Paul Braun</p>
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		<title>Séisme sur le marché mondial</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Sep 2011 19:17:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Français]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Des causes sous-jacentes de la crise financière English version &#8211; Versión española &#8211; Deutsche Version Norbert Trenkle (Mai 2008) En avril 2005, Franz Müntefering.1 fit une déclaration où, en guise de « critique du capitalisme », il comparait à une « nuée de sauterelles » les « cupides spéculateurs » qui, pour lui comme pour [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Des causes sous-jacentes de la crise financière</h2>
<p><strong><a href="http://www.krisis.org/2009/tremors-on-the-global-market">English version</a> &#8211; <a href="http://www.krisis.org/2009/terremoto-en-el-mercado-mundial">Versión española</a></strong> &#8211; <a href="http://www.krisis.org/2008/weltmarktbeben">Deutsche Version</a><br />
<em>Norbert Trenkle (Mai 2008)</em><span id="more-4585"></span></p>
<p>En avril 2005, Franz Müntefering.<sup><a name="f01" href="#t01"></a>1</sup> fit une déclaration où, en guise de « critique du capitalisme », il comparait à une « nuée de sauterelles » les « cupides spéculateurs » qui, pour lui comme pour une grande partie de l’opinion publique, devaient être tenus pour principaux responsables de l’actuelle crise économique et sociale. Reprise dans une brochure du Ver.di.<sup><a name="f02" href="#t02"></a>2</sup> , au moment de la crise des subprimes de l’été 2007, cette métaphore animalière déclencha en Europe et ailleurs un débat fort attendu. Mais, le problème avec ce genre de thèses, outre leurs connotations antisémites, c’est qu’elles remplacent l’analyse de la dynamique du capitalisme mondialisé par une simple condamnation morale de la finance. Evitant cet écueil, l’essai qui suit se propose, d’une part, de mettre en lumière la relation entre l’expansion débridée des marchés financiers internationaux ces dernières décennies et le krach de 2008.<sup><a name="f03" href="#t03"></a>3</sup> ; d’autre part, d’en déduire quelques considérations utiles pour les syndicats et les mouvements sociaux.</p>
<p>Pour la grande majorité des commentateurs et des économistes, l’affaire est entendue : l’effondrement des marchés financiers internationaux dont nous voyons les prémices, et qui risque bien de dégénérer en authentique crise économique planétaire, résulte de la liberté sans bornes accordée à la spéculation, en particulier aux États-Unis. Ce sont donc, logiquement, les banques et les fonds d’investissement qu’on a montrés du doigt en tant que principaux acteurs de la spéculation, mais aussi les gouvernements et leurs banques centrales (notamment le gouvernement américain et la Fed, sa « réserve fédérale ») qui les ont laissés faire, voire encouragés. Et tous ceux qui, depuis des années, derrière chaque fracture socio-économique (chômage de masse, dumping salarial, concurrence locale exacerbée et démantèlement des protections sociales), croient discerner la conséquence du fait que la spéculation a les coudées franches et est devenue une fin en soi, et considèrent la réglementation et le contrôle des marchés financiers comme les clés qui permettraient de résoudre ces problèmes, ont aujourd’hui le sentiment que les faits leur donnent raison.</p>
<p>A première vue, on pourrait effectivement penser que la finance est à l’origine de la pression accrue qui s’exerce sur la société tout entière. Qui contesterait que les marchés financiers ont acquis une importance historiquement sans précédent et influent plus fortement que jamais sur l’activité économique ? Cet état de choses n’est-il pas, en soi, suffisant pour les désigner comme les premiers responsables de la souffrance sociale ? Pourtant, si la dénonciation des hedge funds, private equity funds.<sup><a name="f04" href="#t04"></a>4</sup> et autres acteurs des marchés financiers rencontre une approbation aussi unanime (a fortiori lorsqu’elle fait appel à une imagerie incendiaire à base de « nuée de sauterelles » et de « sangsues »), ce n’est pas seulement parce qu’elle colle aux apparences. C’est aussi et surtout parce qu’elle s’appuie sur le lieu commun largement répandu selon lequel la finance, les banques et les « spéculateurs » engendreraient la plupart des effets pervers du capitalisme en faisant, sans se fatiguer, des profits sur le dos des « honnêtes travailleurs » et des « entreprises de production ». D’où le blâme s’abattant régulièrement sur ces spéculateurs animés d’une « insatiable cupidité », toujours en quête de « rendements excessifs », etc. – comme si le mode de production capitaliste n’était pas, par essence, fondé sur le principe de maximisation des profits et n’avait pas toujours été prêt à tout, y compris à marcher sur des cadavres, pour le mettre en œuvre.</p>
<p>Cette dénonciation des marchés financiers ne constitue donc en aucun cas une critique du capitalisme ; elle est, au mieux, un soupir de nostalgie au souvenir du capitalisme d’après-guerre régulé par l’Etat-providence, quand le monde paraissait encore « en ordre ». Plus grave, elle ouvre la porte à des délires antisémites basés sur la distinction, sans fondement mais communément admise, entre un « capital créatif » (concret) et un « capital accapareur » (abstrait), où la figure des « spéculateurs » rejoint celle des « Juifs » soupçonnés de tirer, depuis les coulisses, les ficelles de l’économie et de la politique mondiales. Ce dangereux amalgame idéologique ayant été identifié et dénoncé à plusieurs reprises ces dernières années.<sup><a name="f05" href="#t05"></a>5</sup> , je ne m’y étendrai pas davantage. En revanche, je m’efforcerai de montrer qu’une vision des activités financières aussi grevée de préjugés conduit à inverser les relations causales à l’œuvre dans la logique fonctionnelle du capitalisme, empêchant ainsi non seulement toute analyse pertinente de la crise en cours mais encore toute opposition adéquate aux exigences sociales et politiques que ladite logique fait peser sur nous.</p>
<h4>Les répercussions à long terme de la crise du fordisme</h4>
<p>Il suffit d’un coup d’œil à l’histoire moderne pour se convaincre que la frénésie spéculative et l’apparition de vastes bulles de crédit n’ont jamais été la cause d’aucune crise capitaliste ; elles en sont au contraire le produit, la forme prise par un processus de crise dont il faut rechercher la véritable origine dans le ralentissement de la valorisation du capital au sein de l’économie réelle. C’est encore plus vrai pour ce qui concerne l’actuelle crise financière et la longue période de spéculation qui l’a précédée, même si certaines particularités historiques distinguent cette crise des précédentes.</p>
<p>Tout le monde s’accorde sur le fait que les marchés financiers ont commencé à prendre de l’ampleur et à devenir autonomes vers le milieu des années 1970. Cependant, ce n’était pas le résultat de choix politiques arbitraires, ni de l’influence de think tanks néolibéraux ou de puissants lobbies économiques, ainsi qu’on le prétend souvent ; c’était une réponse à la crise structurelle inhérente au système, crise qui, lorsque le fordisme eut rencontré ses limites, vint mettre un terme à l’expansion capitaliste d’après-guerre. A cette époque, en effet, l’épuisement des réserves organisationnelles de productivité qu’avait créées la production de masse standardisée comprimait les taux de profits, tandis que, dans le même temps, les classes laborieuses étaient parvenues, à force de luttes, à obtenir de meilleurs salaires et avantages sociaux, et que les coûts d’investissement des infrastructures publiques augmentaient sans cesse. Dans un tel contexte, le relèvement notable du prix du baril de pétrole par les pays de l’OPEP, en faisant soudain grimper en flèche le coût de la surexploitation des réserves d’énergies fossiles, fut suffisant pour mettre en panne la dynamique de croissance auto-entretenue d&#8217;après-guerre. On cessa d’investir dans les moyens de production, usines, bâtiments, etc., ces secteurs ne rapportant désormais plus assez. D’importantes masses de capitaux se trouvèrent « libres », sans aucun investissement rentable en vue.</p>
<p>Mais étant donné que le capital est, par essence, valeur s’autovalorisant – autrement dit, étant donné que le seul but de la production capitaliste consiste à transformer l’argent en davantage d’argent (ce qui explique que le capitalisme soit condamné à la croissance quantitative perpétuelle, sans considération des besoins humains ni des limites naturelles) –, le moindre ralentissement du processus de valorisation est immédiatement synonyme de crise. Plus précisément : de crise de suraccumulation, ou encore, comme disent les économistes contemporains, de crise de surinvestissement. Une partie du capital est excédentaire (au regard des critères de sa propre fin en soi abstraite) et se voit, par conséquent, menacée de dévalorisation. En outre, lorsque cette dévalorisation se produit, elle ne se traduit pas simplement par la faillite d’un certain nombre d’entreprises et de banques (ce qui fait partie du fonctionnement normal du capitalisme), mais se répercute, transmise et renforcée par des effets négatifs amplificateurs, à travers l’économie et la société tout entières.</p>
<p>Voilà précisément la menace qui se profilait au milieu des années 1970, conformément au pronostic de nombreux économistes qui n’étaient pas tous de gauche..<sup><a name="f06" href="#t06"></a>6</sup> Mais pourquoi n’est-ce pas arrivé ? Pourquoi la grande crise économique mondiale n’a-t-elle pas éclaté ? L’une des raisons majeures à cela tient au fait qu’une part substantielle des capitaux excédentaires, ces capitaux qui ne pouvaient plus être injectés dans l&#8217;économie réelle, fut détournée vers les marchés financiers et jeta son dévolu, dans un premier temps, sur les créances publiques, puis, de plus en plus, sur la spéculation boursière et immobilière. Ce report sur la sphère financière est, en soi, une phase tout à fait normale, qui intervient lors de chaque crise de la valorisation du capital. Marx l’avait déjà analysée au moment de la crise de 1857, forgeant à cette occasion le concept de « capital fictif ». Capitaux et crédit spéculatifs sont dits fictifs car ils n’ont du capital que l’apparence. En effet, s’ils produisent bien pour leur détenteur des gains spéculatifs ou des intérêts élevés, cet argent n’entre pas véritablement dans le cycle de la valorisation, qui suppose nécessairement la production de biens ou de services au moyen d’une certaine quantité de travail abstrait, dont une partie sera prélevée au titre de la valeur ajoutée. Les « revenus » que « produisent » le capital fictif, eux, sont prélevés à d’autres sources : impôts ou emprunts nouveaux (dans le cas de la dette publique qui croît de manière exponentielle), pari sur l’avenir (dans le cas des gains spéculatifs) ou bradage de la substance sociale (dans le cas des recettes de privatisation).</p>
<p>C’est l’exemple de la dette publique croissante qui est le plus parlant : l’Etat emprunte de l&#8217;argent pour le réinjecter aussitôt dans le circuit de la consommation. Du point de vue du créancier, cet argent apparaît comme du capital, puisqu’il « produit » des intérêts. Toutefois, il est en réalité depuis longtemps dépensé, et n’a donc de « valeur » que sous la forme de titres de créances (les obligations d’État). Le crédit à la consommation et le crédit hypothécaire opèrent sur le même principe : le débiteur emprunte de l&#8217;argent pour acheter maison, voiture ou tout autre bien ; quoiqu’il ait été dépensé, ce même argent apparaît aux yeux du créancier comme un capital qui a été investi de façon rentable, ce qui, de son point de vue, est la seule chose qui importe. Aussi longtemps que la bulle continuera de grossir, crédit et spéculation lui apparaîtront comme des possibilités d&#8217;investissement on ne peut plus « réelles ».</p>
<p>Toutefois, la croissance du capital fictif ne se traduit pas seulement par de nouvelles opportunités offertes aux investisseurs ; sur le plan macro-économique, elle a aussi pour conséquence de retarder le déclenchement de la crise. Car le report du capital excédentaire sur les marchés financiers n’empêche sa dévalorisation que temporairement, tandis que, dans le même temps, par le biais de divers mécanismes, il crée une augmentation du pouvoir d&#8217;achat s’exprimant par une demande accrue de biens et de services qui permet à l’économie réelle de poursuivre sa course, voire même la stimule. Dans le cas de l&#8217;augmentation de la dette publique, ce mécanisme agit immédiatement et, à ce titre, s’est imposé comme un instrument incontournable de la politique économique. Que l’argent dépensé par l’Etat serve à construire des routes, à acheter des avions de combat ou à verser des prestations sociales, il retourne, de toute façon, directement dans le circuit de la consommation, alimentant ainsi l’économie. Comme l’a montré le récent boom de l’immobilier aux Etats-Unis, le crédit à la consommation et les prêts hypothécaires ont exactement les mêmes effets macro-économiques, à cette différence près que les débiteurs sont, cette fois, des particuliers. Quant aux profits réalisés sur les marchés financiers, ils sont eux aussi, dans une certaine mesure, réinjectés dans l’économie réelle, soit par le biais des dépenses d’équipement des banques, fonds d’investissement et autres acteurs de la finance (parcs de véhicules d’entreprise, ordinateurs, immeubles de bureaux de prestige), soit par le fait qu’employés de la finance et investisseurs indépendants couvrent leur propre consommation grâce au produit des intérêts et de la spéculation. A cet égard, le capital fictif est tout sauf un poids mort entravant la bonne marche de l’économie réelle. C’est même l’inverse : il permet à l’exploitation capitaliste de se poursuivre, pour un temps, comme si de rien n’était.</p>
<p>Aucun mécanisme, jusqu’à présent, n’était toutefois parvenu à faire durer cette situation très longtemps. A chaque fois, une courte période de surchauffe spéculative débouchait sur un vaste krach où le potentiel de destruction accumulé se déchargeait avec une violence soudaine, annihilant en un clin d’œil une part substantielle des structures économiques et sociales. La spécificité historique de la crise du fordisme tient en ce que la dévalorisation brutale des masses de crédit et de capitaux spéculatifs ne s’est pas encore produite. Mais ça ne signifie en aucun cas que la logique de la valorisation capitaliste ait été abrogée, comme on l’a souvent dit. Cette crise n’est historiquement unique que du point de vue du sursis remarquablement long dont elle a bénéficié ; pour le reste, basée sur le mécanisme du capital fictif, elle n’est pas structurellement différente des précédentes et finira donc tôt ou tard par éclater sous la forme d’une énorme vague de dévalorisation. A cette durée inhabituelle correspond logiquement la non moins inhabituelle inflation des bulles du crédit et de la spéculation. S’il s’avère exact, ainsi que l’affirment à peu près tous les journaux, qu’aujourd’hui 97% des flux financiers transnationaux sont de nature purement spéculative, il n’y a pas lieu d’y voir la preuve d’un « dysfonctionnement » de l’économie, ni celle de l’insatiable « cupidité » des spéculateurs ; cela indique simplement à quel point la crise a été longtemps ajournée et, conséquemment, quel gigantesque potentiel de destruction elle renferme.</p>
<h4>Les particularités du long ajournement de la crise</h4>
<p>D’un point de vue politique, on peut dire que c’est avant tout la dérégulation progressive des marchés financiers internationaux et le découplage définitif des monnaies par rapport à l’or (l’abandon, en 1971, de la convertibilité du dollar en or entraînait la fin du système des taux de change fixes) qui permirent de retarder si longtemps le déclenchement de la crise. Car c’est ce qui rendit possible que la masse monétaire mondiale croisse dans des proportions inenvisageables lors des précédentes crises, à cause des limites strictes à l’expansion monétaire imposées justement par l’étalon-or et les réglementations nationales des marchés. Cependant, la décision d’abattre ces limites ne fut pas un acte politique arbitraire, attribuable à l’influence de tel ou tel puissant groupe d’intérêts..<sup><a name="f07" href="#t07"></a>7</sup> Elle résulta plutôt du développement économique des années 1950-1960, qui avait peu à peu sapé les fondements du système de Bretton Woods. A mesure que les Etats-Unis perdaient leur suprématie économique incontestée – au point d’arriver tout juste à couvrir, à grand renfort d’endettement public croissant, les dépenses nécessaires au maintien de leur position de puissance militaire et politique mondiale (le coût de la guerre du Vietnam ayant joué ici, comme on le sait, un rôle de premier plan) –, ils ne parvenaient plus, au sein d’un système de taux de change fixes, à garantir les devises occidentales sur leurs réserves d’or. Ainsi se firent jour simultanément, avec le concours actif des gouvernements, des banques centrales et des organismes financiers internationaux, les conditions d’une inflation considérable de la masse monétaire. A partir des années 1970, et par-dessus tout des années 1980, de vastes quantités de liquidités non garanties furent injectées dans les marchés, soit directement via la dette publique, soit, chaque fois que les marchés semblaient un peu instables, par le biais de politiques d’aide au crédit. Les États-Unis jouèrent, certes, un rôle essentiel dans ce processus puisque leur position de superpuissance les autorisait à emprunter dans leur propre monnaie sans subir aucune perte de change, dans la mesure où le dollar fonctionnait de facto comme devise mondiale (un statut qui est aujourd’hui remis en question). Mais les autres pays occidentaux, avec leur propre dette publique et leurs politiques de création de monnaie, ont également contribué pour une part non négligeable au gonflement continuel de la bulle planétaire de capital fictif, et donc à retarder encore et encore l’éclatement de la crise.</p>
<p>Par ailleurs, le long cycle capitaliste-financier entamé dans les années 1970 présente cette autre caractéristique notable : tout en offrant un sursis à la crise du fordisme, il coïncidait avec la forte hausse de productivité consécutive à la troisième révolution industrielle, c’est-à-dire à l’introduction des nouvelles technologies de l’information et de la communication (NTIC). Sous les conditions d’une crise de suraccumulation « normale », avant d’espérer mettre en œuvre une si profonde transformation de la production, il aurait fallu passer par une grave dépression mondiale qui aurait réduit les structures économiques de l’après-guerre à un tas de décombres. Toutefois, le long ajournement de la crise permis par l’expansion du capital fictif eut pour effet de limiter cette destruction essentiellement aux pays du Sud et de l’ex-bloc soviétique. Si les structures fordistes de la métropole occidentale furent également mises à mal, c’est là le résultat d’une plus longue évolution qui vit la pression sur les conditions de travail et les systèmes sociaux s’accentuer peu à peu, tandis que les structures de production subissaient des transformations fondamentales. Cette évolution n’affecta pas les pays de la même façon en fonction de leur position sur le marché mondial et au sein de la concurrence économique, mais la tendance était partout la même : le secteur industriel, à l’aide des applications de la micro-électronique, fut rationalisé de façon radicale et peu à peu réduit à un noyau hyperproductif ; en revanche, tout segment de la production qui ne pouvait pas (encore) être rentabilisé grâce à l’automation se vit sous-traité par des pays ou des secteurs à bas salaires.</p>
<p>Dans la mesure où le secteur dit des services prit une importance accrue en même temps qu’il absorbait une part conséquente de la force de travail dont l’industrie ne voulait plus, une lecture superficielle de la situation pouvait amener à conclure que le capitalisme traversait simplement une nouvelle restructuration, caractérisée par la perte de la position dominante du secteur industriel au profit des services et de l’« économie du savoir », à quoi s’ajoutait la globalisation des relations économiques. C’est pourquoi la plupart des observateurs et des experts de l’industrie s’accordèrent à penser que le capitalisme, au moins dans la métropole, avait largement réussi à surmonter la crise des années 1970-1980 (nom de code : « crise de la société de travail »), même si cela s’était fait au prix d’une précarisation accrue des conditions de vie et de travail pour de larges pans de la population – précarisation considérée, en fonction de la couleur politique du commentateur, tantôt comme inévitable, tantôt comme le produit de politiques néolibérales qu’il fallait amender. En revanche, pour la droite comme pour la gauche, le diagnostic d’un procès de crise au fondement même du capitalisme paraissait absurde et fallacieux. « Regardez comme le capitalisme est en pleine forme ! » s’écriait-on (que ce soit sur un ton enthousiaste, critique ou résigné) au vu du déferlement de profits de ces dernières années.</p>
<p>L’actuelle crise des marchés financiers montre très clairement que cette lecture reposait sur des bases erronées. Erronées non pas parce que, comme le prétendent ceux qui fulminent contre les « nuées de sauterelles », la spéculation détruirait une économique réelle dotée d’une structure viable, mais plutôt parce que cette économie réelle, telle qu’elle a évolué depuis vingt-cinq ou trente ans, n’a jamais constitué le support permettant une phase auto-entretenue d’accumulation capitaliste. Tout au contraire : elle ne fut (et n’est toujours) viable que grâce à l’afflux constant de capital fictif. Un véritable essor auto-entretenu supposerait, dans un contexte de croissance continue, d’absorber une main d’œuvre de plus en plus nombreuse dans la sphère de la production de marchandises et au niveau de productivité standard ; c’est là le seul moyen de garantir que la masse de valeur ajoutée va continuer à croître et que le cycle « argent – marchandises – davantage d’argent » tournera sans fin. Du point de vue de la demande, cela voudrait dire qu’à chaque instant, il faut créer suffisamment de revenus du travail pour espérer vendre les marchandises produites l’instant d’avant. Voilà précisément les circonstances qui font défaut sous les conditions de la troisième révolution industrielle. La rationalisation sur la base des NTIC laboure tous les secteurs de l’économie à une telle allure que, globalement, le nombre de travailleurs devenant superflus augmente sans cesse, en dépit de ceux qu’absorbe la croissance. Cela signifie que la logique de la valorisation non seulement conduit à des coupes claires au niveau de la demande dont, pourtant, elle dépend pour réaliser sur le marché la valeur produite, mais aussi, plus fondamentalement, qu’elle sape en permanence sa propre assise..<sup><a name="f08" href="#t08"></a>8</sup> Considérée sous cet angle, la révolution micro-électronique de la production constitue une sorte de crise permanente de suraccumulation, autrement dit un afflux constant de capital excédentaire, non réalisable dans la sphère de la production, qui s’échappe vers la sphère du capital fictif et contribue ainsi considérablement à la croissance exponentielle de la bulle financière.</p>
<h4>La crise ? Quelle crise ?</h4>
<p>A l’encontre de ce diagnostic, on fait souvent valoir qu’au cours des dernières décennies, des millions de nouveaux emplois ont été créés dans des pays situés autrefois à la périphérie de l’économie-monde, notamment en Europe de l’Est et en Asie du Sud-Est, et que la base de la production de valeur s’est donc élargie plutôt que contractée. Toutefois, cet argument néglige deux points essentiels. Premièrement, la grande majorité du travail industriel dans les pays en question s’effectue à un très bas niveau de productivité, ne créant par conséquent que très peu de valeur au regard des standards régnant dans les usines automatisées et complètement rationalisées du marché mondial. En effet, ce qui permet de définir la valeur d’une marchandise n’est pas tant le nombre d’heures travaillées que le niveau de productivité socialement reconnu..<sup><a name="f09" href="#t09"></a>9</sup> Et puisque, dans les segments qui forment le cœur de la production mondiale, ce niveau s’élève continuellement, la valeur extraite du travail peu productif dans les usines externalisées chute de manière tout aussi continuelle. Cela signifie que l’externalisation n’est économiquement viable que tant qu’on peut encore trouver de plus bas salaires et de plus misérables conditions de travail..<sup><a name="f10" href="#t10"></a>10</sup> Et, en retour, cela explique pourquoi le processus de rationalisation n’a pas conduit à une réduction générale du temps de travail et à une vie meilleure pour tous (en fait, il n’a pas même ouvert la possibilité d’une amélioration relative des conditions d’existence sous le capitalisme), mais plutôt à une dégradation et un appauvrissement considérables de la société.</p>
<p>En outre, et c’est le deuxième point, l’essor de la Chine, de l’Inde et des autres « marchés émergents » n’est en aucune façon auto-entretenu ; il est même totalement dépendant du crédit et de la création de monnaie spéculative sur les marchés financiers transnationaux. Chacun sait que toute la structure économique de ces pays est orientée massivement vers l’exportation, principalement à destination des États-Unis et de l’Union Européenne, lesquels, en retour, financent largement leurs importations grâce aux revenus du crédit et de la spéculation. De ce point de vue, un phénomène qui a valeur de paradigme est constitué par le cycle de déficit entre l’Asie-Pacifique et les USA, cycle qui, depuis l’administration Reagan, est devenu le principal moteur de l’activité économique mondiale. Son fonctionnement repose sur un mécanisme très simple : un déficit commercial croissant est couvert par des apports également croissants de capital financier, lequel, en partie directement via les dépenses publiques financées par le crédit (« déficits jumeaux ».<sup><a name="f11" href="#t11"></a>11</sup> ), en partie indirectement via la sphère de la finance privée, est réinjecté dans le circuit de la consommation. Cependant, dans la mesure où la majeure partie de cette masse d’argent se déverse sur les pays asiatiques (le Japon en tête mais aussi, de plus en plus, la Chine), qui investissent les bénéfices de leurs ventes dans le secteur financier étatsunien ou accumulent des réserves de change en dollars, ces pays, en réalité, financent eux-mêmes leurs exportations. A l’ère reaganienne, c’est l’augmentation brutale de la dette publique qui alimentait ce cycle. La spéculation boursière n’a pris de l’importance que plus tard : durant le boom de la soi-disant « nouvelle économie », il n’était pas rare que des investisseurs privés financent une part de leurs dépenses grâce aux énormes hausses des prix du « nouveau marché ». Et pour terminer, ces dernières années, l’attention s’est portée sur la spéculation immobilière.</p>
<p>Ce circuit ne peut toutefois perdurer que tant que le dollar américain jouit d’une confiance suffisante et que les capitaux frais continuent d’affluer pour couvrir le déficit permanent. L’une des caractéristiques de l’actuelle crise des marchés financiers réside justement dans le fait que cette confiance est, dans une large mesure, en train de s’effriter (comme l’indique la brusque chute du dollar)<sup><a name="f12" href="#t12"></a>12</sup>. Que le gouvernement américain et la Fed échouent à renverser la tendance et le cycle de déficit du Pacifique s’arrêtera net, ce qui aurait à peu près le même impact sur l’économie mondiale qu’une interruption de la circulation du Gulf Stream sur le climat. Face à un scénario aussi menaçant, on pourrait être tenté de se réfugier dans un antiaméricanisme facile et d’accuser les Etats-Unis, comme le font toujours davantage de voix scandalisées en Europe, de « vivre aux crochets du reste du monde », de financer leur « consommation improductive » par le crédit<sup><a name="f13" href="#t13"></a>13</sup>, voire même, désormais, d’entraîner l’économie mondiale dans la crise. Mais ce serait reproduire, une fois de plus, la distinction d’ordre idéologique entre capital financier « parasitaire » et honnête capital productif (les motifs antiaméricains indiquant toujours, en Europe, une dangereuse proximité avec des constructions antisémites). Qui plus est, ce serait inverser totalement les choses, car, d’une part, les pays d’Europe ont largement bénéficié de la demande américaine financée par voie de crédit : l’industrie allemande, en particulier, serait depuis longtemps en miettes sans les gigantesques volumes exportés outre Atlantique. D’autre part, rapportées aux PIB, les dettes nationales des pays de l’Union Européenne sont du même ordre de grandeur que celle des USA, et la spéculation ne semble pas non plus y être tout à fait inconnue puisque, ces dernières années, principalement dans le sud de l’Europe, on a vu grossir une impressionnante bulle spéculative sur les marchés de l’immobilier (laquelle est d’ailleurs en train d’éclater). Enfin et de toute façon, l’économie-monde capitaliste dans son ensemble survit en réalité sous perfusion de capital fictif, pour la bonne raison que l’économie réelle n’est plus à même de la soutenir.</p>
<p>Il est donc complètement absurde d’accuser aujourd’hui, ainsi que l’ont fait tous les commentateurs des journaux de droite comme de gauche, la banque centrale américaine d’avoir encouragé la spéculation immobilière par sa politique de taux d’intérêt extrêmement faibles et, partant, d’être responsable de l’actuelle crise financière. La stratégie de la Fed après le krach de la nouvelle économie a simplement consisté à faire en sorte d’éviter la catastrophe qui, déjà, menaçait les marchés financiers. Elle a ainsi à nouveau retardé le déclenchement de la crise de sept ou huit ans, permettant cette soi-disant reprise dont on a beaucoup parlé et que chaque homme politique tente de porter à son crédit. Si l’on tient à tout prix à faire usage de catégories morales, il faudrait plutôt remercier la Fed et le gouvernement américain d’avoir, par leur politique monétaire expansionniste, accordé à l’économie-monde un nouveau répit. Mais la gratitude est ici aussi inutile que le blâme. Il est bien plus urgent de comprendre que la crise des marchés financiers, loin d’être causée par la spéculation, est plutôt, à un niveau bien plus fondamental, le fruit d’une contradiction structurelle dans le mécanisme de la reproduction capitaliste. Cette prise de conscience pourrait s’avérer essentielle pour les conflits sociaux à venir.</p>
<h4>Nouveau répit&#8230;</h4>
<p>Il n’est pas possible d’émettre un pronostic fiable quant au déroulement futur de la crise. Pour le moment, nous ne savons pas si les forces réunies des banques centrales et des gouvernements seront suffisantes pour repousser une nouvelle fois l’effondrement des marchés financiers et ses conséquences dévastatrices pour le monde entier. Si elles y parvenaient, il n’en résulterait d’ailleurs que l’inflation d’une nouvelle bulle financière. Ce serait, de plus, un camouflet pour tous ceux qui voient la solution dans la régulation de la finance – revendication désormais reprise par des gens de tous bords, y compris par d’ex-néolibéraux purs et durs dont la devise semble être : « peu importe ce que j’ai dit hier » –, car sur le plan pratique, l’intervention de l’Etat aura l’effet exactement inverse : elle se contentera de limiter les dégâts directs causés par l’éclatement de la bulle immobilière. Il est significatif que même le social-démocrate populiste Oskar Lafontaine préconise le rattrapage des banques en difficulté par le gouvernement : il sait bien que l’effondrement du système bancaire aurait des effets catastrophiques sur la société tout entière.<sup><a name="f14" href="#t14"></a>14</sup> Bien entendu, c’est en toute bonne conscience qu’il appuie cette revendication d’un meilleur contrôle des banques et des acteurs de la finance. Mais elle n’a aucun sens, car les pertes dues aux mauvaises créances d’aujourd’hui, si elles sont jamais compensées, ne pourront l’être, étant donné les circonstances, que par de futurs gains sur les marchés financiers. Que les acteurs de ces marchés soient privés ou publics, le principe demeure identique : les uns comme les autres sont soumis à la même obligation d’investir « leurs » capitaux de manière rentable, ce qui, en période de suraccumulation permanente, les perspectives de valorisation étant très limitées au sein de l’économie réelle, signifie investir quasi exclusivement dans la sphère du crédit et de la spéculation.<sup><a name="f15" href="#t15"></a>15</sup> Qu’on veuille le reconnaître ou non, ce point est démontré empiriquement. C’est pourquoi les gouvernements et les banques centrales n’auront d’autre choix que de rouvrir grand les vannes de la création monétaire. Le gouvernement américain et la Fed s’engagent d’ores et déjà dans cette voie.<sup><a name="f16" href="#t16"></a>16</sup></p>
<p>Bien sûr, l’action politique, toujours entravée par le fait qu’il lui est interdit de remettre en cause la logique fonctionnelle du capitalisme, doit se contenter d’administrer les affaires publiques sans sortir de cette logique. Toutefois, la marge de manœuvre dont dispose la politique évolue au cours de l’histoire. Elle prend une forme et des limites historiquement spécifiques qui, à leur tour, dépendent du développement aveugle de la dynamique capitaliste. A l’intérieur de ces limites, les décisions et les orientations politiques ne sont pas déterminées mais résultent de l’interaction entre plusieurs facteurs tels que les rapports de forces dans la société, les alliances internationales ou les écarts de compétitivité au sein du marché mondial ; par contre, le cadre défini par lesdites limites est hors du champ de la politique. Cela reste vrai durant l’ère fordiste qu’on a trop souvent tendance aujourd’hui à idéaliser. En dépit du degré de régulation relativement élevé à cette époque, l’action politique n’a pas davantage créé l’expansion fordiste en tant que telle qu’elle n’a pu en empêcher la fin. Mais elle fut capable, dans une certaine mesure, d’influer sur le cours interne de l’expansion et d’utiliser les possibilités restreintes qui lui étaient offertes en matière de répartition des richesses afin d’élaborer, notamment, une vaste infrastructure sociale. La période ultérieure de mondialisation d’un capitalisme en crise se présente comme le reflet inversé du fordisme : si la politique se révèle désormais incapable de donner corps, socialement parlant, aux masses de capital fictif, c’est parce que la constante inflation de la bulle du crédit et de la spéculation est un prérequis indispensable au fragile ajournement de la crise, et détermine, par conséquent, la portée et les limites de l’action politique. Celle-ci doit donc tout faire pour assurer l’existence de ce prérequis aussi longtemps que possible, ce qui, au-delà des mesures de politique monétaire, comprend également la prédation progressive des « biens publics », que l’on jette au feu de l’exploitation privée afin que la locomotive capitaliste continue à foncer encore un temps.<sup><a name="f17" href="#t17"></a>17</sup></p>
<p>En revanche, mettre un terme à la dynamique de crise du capitalisme est un objectif hors d’atteinte de la politique, dont les interventions contribuent au contraire à reproduire en permanence, à un niveau toujours plus élevé, les contradictions sous-jacentes au processus de crise. Puisque la masse de capital fictif dont il faut éviter la dévalorisation grossit de façon exponentielle (ainsi que nous le montre un simple coup d’œil à la croissance des marchés financiers), la pression sur la société et sur la majeure partie de la population, forcée de se vendre dans des conditions toujours plus précaires, augmente à chaque étape du long ajournement de la crise. Par conséquent, le coût social d’un nouveau report du grand krach ne pourra que s’avérer considérable. Primo, nous pouvons nous attendre à une forte récession qui, à l’inverse de l’actuelle « reprise », nous enverra certainement toucher le fond. Secundo, l’expansion de la masse monétaire devrait produire une accélération de l’inflation et, partant, une nouvelle contraction d’un pouvoir d’achat déjà malmené. Enfin, la prochaine vague de spéculation s’attaquera sans doute aux matières premières, à la nourriture et aux agrocarburants, et touchera donc, directement et de façon catastrophique, de vastes pans de la population mondiale. La terrible hausse des prix des denrées alimentaires ces deux dernières années peut largement être attribuée au fait que de plus en plus d’investisseurs institutionnels ont reporté leurs capitaux sur le marché à terme des marchandises. Si cette tendance se confirme, les prix exploseront inévitablement, multipliant d’autant la faim dans le monde.</p>
<p>Encore une fois, l’augmentation du volume de capital fictif ne sera pas, à proprement parler, la cause de la catastrophe, mais plutôt (comme dans le cas des privatisations) une courroie de transmission du processus de crise et de sa tendance intrinsèque à l’exclusion et à la précarisation. Nous risquons donc fort de voir le ressentiment populaire se tourner à nouveau exclusivement vers ces ennemis imaginaires que sont les « cupides » marchés financiers, et rejeter sur eux la responsabilité de toutes nos souffrances. Il est d’autant plus crucial de remettre dans le bon sens cette soi-disant « critique du capitalisme » qui prête le flanc à l’antisémitisme. Ce qui suppose, outre la nécessaire critique de l’idéologie marchande, la formulation d’une analyse correcte de la crise, permettant de réfuter la perception déformée qu’ont la plupart des gens du fonctionnement du système capitaliste. Il ne s’agit évidemment pas de préconiser que la spéculation et les marchés financiers soient exempts de toute critique ; il s’agit d’affirmer que leur expansion ne peut être comprise que comme l’un des moments essentiels de la crise du capitalisme, et que cette dernière ne conduit qu’à la totale destruction des fondements sociaux et naturels de la vie.</p>
<p>La critique doit également être dirigée contre le projet mi-nostalgique mi-populiste d’un retour aux politiques keynésiennes de croissance et de régulation. Au fond, ceux qui émettent ces propositions savent eux-mêmes pertinemment que, dans les conditions actuelles, la marge de manœuvre politique qui permettrait de les mettre en œuvre n’existe pas. Nous en avons la preuve chaque fois que la « gauche » arrive au pouvoir&#8230; et applique un programme tout opposé à ses promesses ; c’est valable aussi bien pour la coalition SPD-Die Linke à la tête de la municipalité berlinoise que pour l’ex-« coalition de centre-gauche » en Italie ou le gouvernement Lula au Brésil. Le plus insensé, c’est qu’il ne s’agit pas de la part des électeurs d’une simple question de crédulité ou du fait d’être « trompés », mais plutôt qu’en l’absence de meilleures perspectives, ils veulent croire qu’un retour à l’Etat-providence keynésien d’après-guerre est encore possible, même si, à un autre niveau de conscience, ils savent bien que ça ne se fera pas. On est ici au cœur de l’état d’esprit schizophrène qui règne en Allemagne où nous avons, d’un côté, un large soutien des revendications social-démocrates habituelles (généralisation du salaire minimum, pas de privatisation des chemins de fer, etc.) et, de l’autre, un fort capital de sympathie à l’égard du gouvernement Merkel<sup><a name="f18" href="#t18"></a>18</sup>. Là où cet état d’esprit pose problème, c’est que, dans son balancement entre souhaits irréalisables et acceptation a-critique de la logique structurelle du capitalisme, il incline dangereusement à désigner des boucs émissaires, que ce soit les fonds spéculatifs, le gouvernement américain, les multinationales ou – au bout du labyrinthe des égarements – « les Juifs ».</p>
<p>Cela a l’air d’un paradoxe mais, si vous ne voulez pas vous rendre à la « realpolitik » et à son credo des contraintes objectives, il est essentiel d’identifier précisément les limites de l’action politique dans l’actuelle période de crise du capitalisme. Non pas pour les accepter comme telles, mais pour servir de point de départ indispensable aux mouvements sociaux et aux organisations syndicales qui restent opposés à la prédation systématique de l’Etat social, à la marchandisation de tous les aspects de l’existence, à la précarité croissante, ainsi qu’au contrôle et à la répression étatiques qui les accompagnent. Si ces mouvements et organisations s’orientent vers des perspectives politiques illusoires et s’enlisent dans le bourbier de la politique partisane, il n’en sortira rien d’autre que leur neutralisation.<sup><a name="f19" href="#t19"></a>19</sup> Si, en revanche, ils se concentrent sur la tâche consistant à articuler leurs luttes par-delà les divisions dues aux intérêts catégoriels et à la pulvérisation des conditions de vie et des identités, ils pourraient parvenir à renverser la tendance à l’érosion de la solidarité qui s’est fait jour sous la pression de la crise, et à constituer une force de contestation sociale se dressant contre la politique néolibérale de démolition et d’exclusion, ramenant du même coup la défaite de la logique capitaliste dans le champ du possible.</p>
<h4>&#8230; ou crise économique mondiale ?</h4>
<p>Que les politiques visant à repousser une nouvelle fois le déclenchement de la crise échouent, et nous serons menacés par un cataclysme économique mondial d’une ampleur incalculable où se déversera tout le potentiel de destruction accumulé depuis trente ans. Il en résultera d’emblée la faillite d’une énorme quantité d’entreprises et de banques, à quoi s’ajoutera vraisemblablement une forte inflation. Il n’est pas besoin de beaucoup d’imagination pour se représenter les effets dévastateurs d’une telle stagflation<sup><a name="f20" href="#t20"></a>20</sup> géante sur les finances publiques, les systèmes de protection sociale et les conditions de vie de la grande majorité des gens. Dans une telle conjoncture, il n’est guère douteux que l’idéologie d’une gestion de crise à caractère national-populiste (que certains réclament d’ailleurs depuis longtemps, et pas seulement à droite) verra sa popularité grandir. Lorsque Jürgen Elsässer, journaliste à Neues Deutschland<sup><a name="f21" href="#t21"></a>21</sup>, appelle à un « front populaire national » contre le capital mondialisé, et plus particulièrement le capital financier (qu’il localise – ô surprise ! – principalement aux Etats-Unis), ses propos peuvent paraître aujourd’hui quelque peu excessifs. Mais ils reflètent une certaine tendance à la fermeture agressive et nationaliste des frontières, à l’autoritarisme disciplinaire en matière de politique intérieure et à la mobilisation des vieux démons antisémites. Il est pourtant évident que, ne serait-ce que pour des raisons de gestion de la crise, le caractère fortement transnational des relations économiques aujourd’hui rend un retour au large isolement des Etats-nations à peine concevable. Une désintégration de l’économie-monde en plusieurs blocs continentaux est beaucoup plus probable, et c’est d’ailleurs un scénario que, depuis quelques temps, on n’hésite plus à envisager dans les think tanks et les couloirs du pouvoir. L’effondrement prévisible du dollar américain et la perte consécutive de sa fonction de monnaie mondiale pourraient nous entraîner rapidement dans cette direction.<sup><a name="f22" href="#t22"></a>22</sup></p>
<p>Un tel scénario ne représente aucun espoir d’une authentique sortie de crise, mais seulement une forme de gestion de celle-ci. Autrement dit, si la dévalorisation brutale survenait, elle n’aurait en aucun cas le caractère d’une « crise purificatrice » grâce à laquelle, après avoir évacué la surcapacité et les créances douteuses, nous pourrions poser les bases d’une nouvelle course auto-entretenue à l’accumulation. Car nous n’aurions pas éliminé les véritables causes de la crise : le transfert de la force de travail vivante de la production directe vers le complexe social de l’économie du savoir, et le ralentissement consécutif de la création de valeur. Toute production continuerait de se voir forcée de s’aligner sur le niveau de productivité atteint grâce aux NTIC, ou mesurée à l’aune de ce niveau, tandis que la course à l’augmentation de la productivité se poursuivrait. A de bas niveaux de production de valeur, un état de suraccumulation permanente réapparaîtrait aussitôt, et avec lui la nécessité impérieuse de regonfler la bulle de capital fictif. Les contradictions structurelles propres aux étapes précédentes de la crise seraient ainsi reproduites dans des conditions socio-économiques considérablement aggravées. La vraie question est de savoir s’il est possible de développer, sur la base des résistances populaires aux effets de la crise, un mouvement d’émancipation transnational capable, à travers un programme concret, de viser une réappropriation du contexte social dépassant la logique capitaliste.</p>
<p>___________________<br />
<a name="t01" href="#f01"></a> 1 A l’époque, leader du parti social-démocrate allemand (SPD). (Ndt)<br />
<a name="t02" href="#f02"></a> 2 <a href="http://jugend.mittelfranken.verdi.de">http://jugend.mittelfranken.verdi.de</a>/aktuelles/frohe_weihnachten/data/Wipo_Broschuere_Finanzkapitalismus.pdf [Le Ver.di (Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft) est une jeune fédération syndicale allemande revendiquant plus de deux millions de membres (Ndt)]. Cf. également Lothar Galow-Bergemann, « Gegen Börsenungeziefer » [Contre la vermine qui pullule à la bourse], in Streifzüge n°42, 2008 : <a href="http://www.streifzuege.org/2008/gegen-boersenungeziefer">http://www.streifzuege.org/2008/gegen-boersenungeziefer</a>.<br />
<a name="t03" href="#f03"></a> 3 Rédigé en mai 2008, donc avant l’effondrement de l’automne suivant, et paru en allemand dans la revue Krisis : <a href="http://www.krisis.org/2008/weltmarktbeben">http://www.krisis.org/2008/weltmarktbeben</a>. (Ndt)<br />
<a name="t04" href="#f04"></a> 4 Deux catégories d’investisseurs dits « alternatifs » qui, ces dernières décennies, se sont développés aux côtés des investisseurs « institutionnels » que sont les sociétés d’assurances, fonds de pension, etc. (Ndt)<br />
<a name="t05" href="#f05"></a> 5 Cf. Norbert Trenkle, « Entsorgung nach Art des Hauses », in Streifzüge n°32, novembre 2004 : <a href="http://www.krisis.org/2005/entsorgung-nach-art-des-hauses">http://www.krisis.org/2005/entsorgung-nach-art-des-hauses</a>.<br />
<a name="t06" href="#f06"></a> 6 Cf. Elmar Altvater, Volkhard Brandes et Jochen Reiche (éd.), Handbuch 4. Inflation – Akkumulation – Krise II, 1976, qui contient de très bonnes analyses.<br />
<a name="t07" href="#f07"></a> 7 On peut trouver sous la plume de Jürgen Elsässer cette grotesque caricature de l’idée selon laquelle le renoncement à l’étalon-or aurait constitué une décision arbitraire : « En 1971, le président américain Richard Nixon annonça subrepticement la suspension de la convertibilité du dollar en or. Depuis lors, les fondations économiques du capitalisme n’ont cessé de se dégrader », in Solidarität – Sozialistische Zeitung n°57, 2007.<br />
<a name="t08" href="#f08"></a> 8 Les statistiques macro-économiques montrent clairement qu’il faut désormais, pour espérer créer des emplois, un taux de croissance du PIB beaucoup plus élevé qu’il n’était nécessaire dans les années 1970. En outre, elles donnent systématiquement une image beaucoup trop optimiste puisqu’elles additionnent les emplois sans se demander s’ils contribuent ou non à la production de valeur (l’économie, elle, se pose d’emblée la question). Pour ce qui concerne la majeure partie des services et de l’« économie du savoir », toutefois, la réponse est clairement non (cf. les articles de Samol, Lohoff et Meretz dans Krisis n°31). La croissance du secteur tertiaire ne peut donc pas compenser la tendance à la disparition progressive, sur le long terme, du travail et de la valeur.<br />
<a name="t09" href="#f09"></a> 9 Rappelons que Marx établit ce principe dès le premier chapitre du Capital : « On pourrait croire que, puisque la valeur d&#8217;une marchandise est déterminée par le quantum de travail dépensé au cours de sa production, plus un homme sera fainéant ou malhabile, plus sa marchandise aura de valeur, étant donné qu&#8217;il lui faudra d&#8217;autant plus de temps pour la fabriquer. Mais en réalité, le travail qui constitue la substance des valeurs est du travail humain identique, dépense de la même force de travail humaine. La force de travail globale de la société, qui s&#8217;expose dans les valeurs du monde des marchandises, est prise ici pour une seule et même force de travail humaine, bien qu&#8217;elle soit constituée d&#8217;innombrables forces de travail individuelles. [...] Après l&#8217;introduction du métier à tisser à vapeur, en Angleterre, il ne fallait plus peut-être que la moitié du travail qu&#8217;il fallait auparavant pour transformer une quantité de fil donnée en tissu. En fait, le tisserand anglais avait toujours besoin du même temps de travail qu&#8217;avant pour effectuer cette transformation, mais le produit de son heure de travail individuelle ne représentait plus désormais qu&#8217;une demi-heure de travail social et tombait du même coup à la moitié de sa valeur antérieure », PUF, 1993, pp. 43-44.<br />
<a name="t10" href="#f10"></a>10 Cf. Norbert Trenkle, « Es rettet euch kein Billiglohn », in Kurz, Lohoff, Trenkle (éd.), Feierabend ! Elf Attacken gegen die Arbeit, 1999.<br />
<a name="t11" href="#f11"></a>11 Déficit budgétaire doublé d’un déficit de la balance des paiements. (Ndt)<br />
<a name="t12" href="#f12"></a>12 Note de l’auteur en décembre 2008 : Ce diagnostic a été établi en mai 2008, lorsque le dollar était en forte baisse face à l’euro. En septembre-octobre, il avait retrouvé son niveau antérieur, principalement pour des raisons techniques. Aujourd’hui (fin 2008), nous assistons à une nouvelle baisse spectaculaire.<br />
<a name="t13" href="#f13"></a>13 Elmar Altvater écrit ainsi : « Les Américains ont accès à un haut niveau de consommation, l’american way of life, bien qu’ils soient terriblement endettés. [...] Toutefois, cela exige, d’une part, de forts taux d’épargne dans les autres régions du monde, permettant aux Etats-Unis et à leurs citoyens de se la couler douce ; d’autre part, les marchés financiers doivent fonctionner de telle manière que l’épargne du monde entier soit aspirée par les USA », Das Ende des Kapitalismus – so wie wir ihn kennen, 2005.<br />
<a name="t14" href="#f14"></a>14 Lafontaine [président du SPD de 1995 à 1999, puis membre fondateur et co-président de Die Linke, l’équivalent allemand du Parti de Gauche (Ndt)] a ironiquement proposé à Josef Ackermann [richissime homme d’affaires, président de la Deutsche Bank, membre du groupe Bilderberg, membre fondateur du Forum économique mondial, etc. (Ndt)] d’adhérer à Die Linke, suite à l’intervention d’Ackermann pour sauver le système bancaire affecté par la crise (Netzeitung, 20 mars 2008). D’où il ressort seulement que, lorsqu’il s’agit de gérer la crise, toutes les sensibilités politiques chantent à l’unisson.<br />
<a name="t15" href="#f15"></a>15 Ainsi, il est également absurde de reprocher aux banques leurs pertes résultant de la spéculation immobilière. Elles n’ont fait que ce que tout le monde attendait d’elles en période de hausse : investir « leur » argent de la façon la plus profitable. Si elles ne l’avaient pas fait, ces mêmes « experts » qui aujourd’hui crient au scandale en raison des lourdes pertes auraient alors sans doute critiqué leurs « précautions excessives ».<br />
<a name="t16" href="#f16"></a>16 Note de l’auteur en décembre 2008 : Ce pronostic de mai 2008 s’est vu entièrement confirmer par les gigantesques programmes de sauvetage des marchés financiers mis en branle, que ce soit aux Etats-Unis, en Europe ou ailleurs. En même temps, il est possible qu’ils aient atténué l’impact de la crise sur l’économie réelle.<br />
<a name="t17" href="#f17"></a>17 Pour une analyse de ce mécanisme, cf. Ernst Lohoff, « Out of Area – Out of Control », Streifzüge n°31 et 32, 2004 : <a href="http://www.streifzuege.org/2004/out-of-area-out-of-control-1-teil">http://www.streifzuege.org/2004/out-of-area-out-of-control-1-teil</a> et <a href="http://www.streifzuege.org/2004/out-of-area-out-of-control-2-teil">http://www.streifzuege.org/2004/out-of-area-out-of-control-2-teil-2</a> (en allemand).<br />
<a name="t18" href="#f18"></a>18 Gouvernement reposant sur une coalition CDU/CSU, c’est-à-dire de droite. (Ndt)<br />
<a name="t19" href="#f19"></a>19 Ainsi, par exemple, de larges sections du mouvement altermondialiste et des forums sociaux italiens ont accepté de rejoindre Rifondazione Comunista, ce qui les a obligées, ne serait-ce qu’indirectement, à soutenir le gouvernement Prodi. Cela leur a coûté une grande part de leur capacité de mobilisation et elles se retrouvent à présent dans une impasse politique&#8230;<br />
<a name="t20" href="#f20"></a>20 Stagnation de l’activité et de la production, accompagnée d’une hausse des prix. (Ndt)<br />
<a name="t21" href="#f21"></a>21 Quotidien de gauche, proche de Die Linke. (Ndt)<br />
<a name="t22" href="#f22"></a>22 Dans les milieux d’affaires, on évoque même très sérieusement un retour à l’étalon-or, ce qui conduirait à la totale dévaluation des créances en dollars accumulées durant des décennies : « Si le vent tourne et que personne ne veut plus d’un dollar faible, les États-Unis pourraient trancher en adossant leur monnaie à la réserve d’or de Fort Knox. Le reste du monde, qui a financé la dette américaine en achetant les bons du trésor US, retient son souffle. » (Wirtschaftswoche, 18 février 2008).</p>
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		<title>Brennende Löschfahrzeuge</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Aug 2011 18:19:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Version française Ernst Lohoff Dermaßen rasant sind die Aktienkurse seit der Pleite des Bankhauses Lehman Brothers im Herbst 2008 nicht mehr gepurzelt. Welt Online zufolge haben sich in der vergangen Woche weltweit Vermögenswerte von fünf Billionen Dollar in Luft aufgelöst. Nach der Herabstufung der Bonität von US-Staatsanleihen durch die Rating Agentur Standard &#038; Poor’s dürfte es an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.krisis.org/2011/il-y-a-le-feu-chez-les-pompiers">Version française</a><br />
<span class="zaehl"><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/fa4cf80ff00245cda67da1e8f4a98368" width="1" height="1" alt=""></span><br />
<em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>Dermaßen rasant sind die Aktienkurse seit der Pleite des Bankhauses Lehman Brothers im Herbst 2008 nicht mehr gepurzelt. Welt Online zufolge haben sich in der vergangen Woche weltweit Vermögenswerte von fünf Billionen Dollar in Luft aufgelöst. Nach der Herabstufung der Bonität von US-Staatsanleihen durch die Rating Agentur Standard &#038; Poor’s dürfte es an den Finanzmärkten noch weiter bergab gehen.<span id="more-4571"></span><br />
Seit ihrem Aufstieg zur Basisindustrie des kapitalistischen Weltsystems in den achtziger Jahren musste die Finanzindustrie schon manchen herben Rückschlag hinnehmen. Das derzeitige Geschehen hat aber eine neue Qualität. Bei allen früheren Krisenschüben in den kapitalistischen Zentren übernahm der verschuldungsbereite Staat den Part des Löschfahrzeugs. Diesmal stellt das Löschfahrzeug von einst den Brandherd dar.</p>
<p>Diese Verschiebung des Ausgangspunkts der Krise kommt nicht von ungefähr, sondern ist das logische Resultat der früheren Krisenbewältigung. Ob New-Economy-Crash oder die große Finanzmarktkrise von 2008 – die Kapitalmärkte kamen ins Rutschen, weil sich die in ihren Renditeerwartungen enttäuschten Anleger massenhaft von vorher hoch gehandelten privatwirtschaftlichen Hoffnungsträgern abwandten und aufhörten, die Aktien von »Zukunftsunternehmen« zu kaufen oder neue unsichere Hypothekenkredite zu gewähren. Es blieb den staatlichen Instanzen überlassen, eine drohende weltwirtschaftliche Abwärtsspirale zu verhindern. Die Zentralbanken stellten durch eine Politik des billigen Geldes den Rohstoff für die Bildung neuer, noch größerer Finanzblasen zur Verfügung. Die öffentliche Hand bremste mit einer expansiven Ausgabenpolitik die Talfahrt der sogenannten Realwirtschaft<br />
und überbrückte durch die beschleunigte Ausweitung ihrer Verschuldung die Zeit, bis die Dynamik fiktiver Kapitalschöpfung mit einem neuen privatwirtschaftlichen Hoffnungsträger wieder auf Touren kam. Nach dem Dot-Com-Crash von 2000 war dieser Vorgehensweise noch Erfolg beschieden. Zwei, drei Jahre schwächelte die Weltkonjunktur, dann waren Folgeblasen wie die US-Immobilien-Blase stark genug, um die Weltwirtschaft wieder wachsen zu lassen. Nach der Finanzmarktkrise von 2008 etablierten sich keine neuen privatwirtschaftlichen Hoffnungsträger mehr. Zwar ließ sich durch eine extreme Niedrigzinspolitik und die Verstaatlichung der Spekulationsverluste der Zusammenbruch der Finanzmärkte aufhalten und mit Konjunkturprogrammen die Realwirtschaft stabilisieren; die private finanzindustrielle Produktion blieb aber unter dem Niveau, das eine Begrenzung der Staatsverschuldung erlaubt hätte. 15 Billionen Dollar haben sich die Staaten der Welt die Bewältigung der Krise von 2008 kosten lassen, was die Gesamtverschuldung<br />
aller Staaten auf 39 Billionen Dollar dramatisch anwachsen ließ.</p>
<p>Besserung ist nicht in Sicht. Die Staatsverschuldung ist selbst zur wichtigsten Blase der Finanzindustrie geworden, und genau die ist jetzt im Platzen begriffen. Die Wirtschaftspolitik befindet sich in einem heillosen Dilemma. Einerseits muss die Ausdehnung der Staatsverschuldung weitergehen, um eine Deflation zu vermeiden. Gleichzeitig ist die Ankündigung einer baldigen Haushaltskonsolidierung unerlässlich, um die Kreditwürdigkeit des Staats zu simulieren. Diese strukturelle Double-bind-Situation bildet den Hintergrund für die akute Panik, die seit voriger Woche die Finanzmärkte erfasst hat. Weder für Europa noch für die USA lässt sich entscheiden, was die Talfahrt der Aktienkurse mehr beschleunigt hat: die Furcht vor der deflationären Wirkung der angekündigten neuen Sparmaßnahmen oder die Sorge um die Bonität der staatlichen Schuldner.</p>
<p>Umso klarer ist, welcher Ausweg in dieser verfahrenen Situation noch bleibt. Auf sich gestellt hat die Wirtschaftspolitik zwar keine Spielräume mehr, aber noch eine geldpolitische Option. Die Zinsen können die Zentralbanken angesichts bereits extrem niedriger Leitzinsen zwar nicht mehr senken, dafür kaufen die Zentralbanken die Anleihen ihrer notleidenden Staaten auf. Damit eröffnen sie zum einen den Staaten neue Verschuldungsmöglichkeiten und verhindern zum andern zunächst die Entwertung der in der Finanzindustrie platzierten Staatspapiere. Der ideelle Gesamtkapitalist macht etwas, was kein anderer kann, er verschuldet sich bei sich selbst.</p>
<p>Vor einigen Jahren galt genau das noch als größter denkbarer Sündenfall wider die Geldwertstabilität. Nicht zu Unrecht: Eine Zentralbank, die statt rentierlicher Papiere Staatspapierschrott als Währungsreserve einlagert, verlagert die Krise auf ein neues Feld. Die Entwertung von Staatsschulden wird vertagt, an ihre Stelle tritt die schleichende Entwertung des Geldes. Der Schritt von der Krise der Staatshaushalte zur Krise des Geldmediums stellt die nächste logische Stufe des Krisenprozesses dar. Der Kapitalismus überwindet seine Krisen, indem er die nächste größere vorbereitet. Das wusste schon Karl Marx. Noch nie ging die Verwandlung des Löschmittels der letzten Krise in den Brennstoff der nächsten Krisen derart rasant vonstatten wie heute.</p>
<p>(Dieser Text erschien in der Jungle World 32/2011)</p>
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		<title>La &#8220;crisi finanziaria&#8221; é una crisi del modo di produzione capitalistico</title>
		<link>http://www.krisis.org/2010/la-crisi-finanziara-e-una-crisi-del-modo-di-produzione-capitalistico</link>
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		<pubDate>Tue, 05 Oct 2010 16:12:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Italiano]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Deutsche Version &#8211; Version française Norbert Trenkle 1. Le cause della presente crisi economica non sono da ricercarsi nella speculazione e nell’indebitamento. Esattamente al contrario, la gigantesca espansione dei mercati finanziari era ed è espressione di una rofonda crisi del lavoro e della valorizzazione capitalistica, la cui origine risale almeno a 30 anni fa. 2. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://www.krisis.org/2010/die-finanzkrise-ist-eine-krise-der-kapitalistischen-produktionsweise">Deutsche Version</a> &#8211;  <a href="http://www.krisis.org/2010/la-crise-financiere-est-une-crise-du-mode-de-production-capitaliste">Version française</a></strong><strong><br />
</strong></p>
<p><em>Norbert Trenkle</em></p>
<p>1. Le cause della presente crisi economica non sono da ricercarsi nella speculazione e nell’indebitamento. Esattamente al contrario, la gigantesca espansione dei mercati finanziari era ed è espressione di una rofonda crisi del lavoro e della valorizzazione capitalistica, la cui origine risale almeno a 30 anni fa.<span id="more-4487"></span></p>
<p>2. Dal Crash dei mercati finanziari del 2008 rimproverare a “speculatori” e “banchieri” la loro “avidità” e la loro “ fame di profitto” è diventato uno degli sport più in voga. Ma la caccia al profitto sempre più alto è il motore fondamentale del modo di produzione capitalistico, che funziona secondo il principio “dal denaro fare sempre più denaro” (D-M-D1). È ciò che viene chiamata la “valorizzazione del capitale”. La produzione di merci e lo sfruttamento della forza lavoro per la produzione di queste merci sono solo i mezzi per raggiungere questo fine. Dal punto di vista della valorizzazione capitalistica è perciò del tutto indifferente quello che viene prodotto (dalle bombe a grappolo alla salsa per gli spaghetti), così come il modo in cui viene prodotto (intensificazione dei ritmi del lavoro, precarizzazione, lavoro minorile…) e quali conseguenze tutto questo possa avere (distruzione della natura etc.)</p>
<p>3.La logica della valorizzazione capitalistica porta però in sé una fondamentale contraddizione, che è irrisolvibile. Da un lato per poter garantire la valorizzazione del capitale deve essere utilizzata sempre più forza lavoro per la produzione di merci – poiché il fine in sé della moltiplicazione del denaro attraverso l’utilizzo di forza lavoro è astratto e quantitativo e non conosce alcun limite logico. Dall’altro lato, l’onnipresente concorrenza obbliga ad un aumento permanente della produttività attraverso la “razionalizzazione” della produzione. Questo significa produrre sempre più prodotti per unità di tempo, dunque ridurre il tempo di lavoro necessario e rendere “superflua” la forza lavoro.</p>
<p>4.La fondamentale crisi in potenza che questa contraddizione comporta è stata rinviata al futuro sin dagli anni ’70 grazie ad un accelerazione dei ritmi di crescita. Attraverso l’espansione della valorizzazione capitalistica al mondo intero e a nuovi rami della produzione la domanda di forza lavoro aumentò in modo esponenziale e con ciò vennero compensati gli effetti della razionalizzazione. La “terza rivoluzione industriale” (basata sulle tecnologie informatiche) ha tuttavia reso inefficace questo meccanismo di compensazione. Essa ha portato ad un allontanamento massiccio della forza lavoro da tutti i campi della produzione. Nonostante l’intensificazione e la globalizzazione della produzione, sempre più persone sono considerate “superflue” ai fini della valorizzazione capitalistica. Così si è però avviato un fondamentale processo di crisi che mina inesorabilmente il modo di vita e di produzione capitalistici.</p>
<p>5.Ma cosa c’entra la bolla dei mercati finanziari con tutto questo? La crisi di valorizzazione capitalistica significa innanzitutto per il<br />
capitale non trovare più opportunità di investimento soddisfacenti nell’“economia reale”. È per questa ragione che ripiega sui mercati finanziari e determina così un rigonfiamento di “capitale fittizio” (speculazione e credito). Questo è esattamente quello che è accaduto a partire dagli anni ’80. Questo spostamento verso i mercati finanziari non è che una forma di differimento della crisi. Il capitale in eccedenza trova così una nuova (anche se “fittizia”) possibilità di investimento scongiurando la minaccia di svalorizzarsi. Al tempo stesso il rigonfiamento del credito e della speculazione crea anche un potere d’acquisto addizionale, che può indurre un allargamento della produzione (per esempio il boom dell’industrializzazione in Cina)</p>
<p>6.Tuttavia il prezzo per questa proroga della crisi è l’accumulo di un sempre più grande potenziale di crisi e una estrema dipendenza dai mercati finanziari. L’“accumulazione” di capitale fittizio non può fermarsi. Quando scoppia una bolla, per salvare banche e investitori ai governi e alle banche centrali non resta che pompare liquidità non coperta nei mercati, così da riformare una nuova bolla. È dunque una mera illusione quella che si fanno i dirigenti politici di tutte le parti quando reclamano una maggior limitazione della speculazione. Misure momentanee di regolamentazione sono forse possibili, ma in realtà quello che importa è che la speculazione e il credito vadano avanti, perché il sistema capitalistico può ancora funzionare solo su queste “basi”. Non è perciò un caso che la “realpolitik” si sia condotta secondo questo modello ed abbia rimesso in moto la dinamica dei mercati finanziari.</p>
<p>7.La crisi attuale rappresenta però un salto qualitativo, poiché il crash poteva essere recuperato solo attraverso un indebitamente massiccio degli stati. Per questo la crisi, in quanto crisi delle finanze statali, si rovescia sulla società (“programmi di ‘austerity’”). Ma quando oggi ci dicono che dobbiamo fare sacrifici, perché “viviamo al di sopra delle nostre possibilità”, ci presentano le cose esattamente al contrario di come invece sono. Se oggi è possibile produrre più ricchezza materiale con sempre meno lavoro, questo apre in via di principio la possibilità di una vita migliore per tutta l’umanità. Dal punto di vista capitalistico invece comporta solo una riduzione della produzione di valore. È per questo e solo per questo che ci viene imposto l’“imperativo del risparmio” per una società che da questa produzione di valore è dipendente. Il gigantesco indebitamento è espressione del fatto che il potenziale produttivo creato dal capitalismo fa esplodere la sua propria logica e che la ricchezza in senso capitalistico può essere mantenuta solo con la violenza. La società deve liberarsi di questa forma di produzione di ricchezza, se non vuole essere trascinata nell’abisso con essa.</p>
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		</item>
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		<title>Nie wieder so viele Autos bauen. Nie wieder so lange arbeiten.</title>
		<link>http://www.krisis.org/2010/nie-wieder-so-viele-autos-bauen-nie-wieder-so-lange-arbeiten</link>
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		<pubDate>Sat, 26 Jun 2010 07:52:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>

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		<description><![CDATA[Solange sich nichts Grundlegendes ändert, geht die Krise weiter. &#8220;Emanzipation Und Frieden&#8221; Das deutsche Staatsoberhaupt macht sich Sorgen um den Kapitalismus. Man müsse ihn vor sich selbst schützen, meint Köhler. Interessant, was den ehemaligen Chef von Sparkassenverband und Weltwährungsfonds so umtreibt, doch wirklich wichtig ist eine ganz andere Frage: Wie kann man sich eigentlich selbst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Solange sich nichts Grundlegendes ändert, geht die Krise weiter.</h3>
<p><em>&#8220;Emanzipation Und Frieden&#8221;</em></p>
<p>Das deutsche Staatsoberhaupt macht sich Sorgen um den Kapitalismus. <span id="more-4290"></span>Man müsse ihn vor sich selbst schützen, meint Köhler. Interessant, was den ehemaligen Chef von Sparkassenverband und Weltwährungsfonds so umtreibt, doch wirklich wichtig ist eine ganz andere Frage: Wie kann man sich eigentlich selbst vor dem Kapitalismus schützen? Denn dieser &#8211; lange als &#8220;soziale Marktwirtschaft&#8221; beweihräuchert &#8211; reißt weltweit immer mehr Menschen in den Strudel seiner Krise und lässt ihnen wenig Hoffnung, dass sich ihre Lage jemals wieder verbessern könnte.</p>
<p>Wirtschaftswachstum bringt&#8217;s nicht: es hat die Krise überhaupt erst beschert.<br />
Allein in der Metall- und Elektrobranche werden 650.000 Arbeitsplätze verschwinden. 700.000 sind bereits in Kurzarbeit. Die Autoregion Baden-Württemberg trifft es besonders hart. Wäre Wirtschaftswachstum die Lösung, dürfte dieser Zustand nie eingetreten sein. Denn seit Jahr und Tag wurden die Wachstumsraten gefeiert. Und die kamen nur zustande, weil immer weniger Menschen immer billiger immer mehr produziert haben. Irgendwann waren trotz Abwrackprämie nicht mehr genug Leute da, die das alles kaufen konnten. Das System, das unendliches Wachstum und Maximalprofit braucht, vernichtet immer wieder selbst, worauf es angewiesen ist: Kaufkraft und Arbeit.</p>
<p>Der Staat bringt&#8217;s nicht: seine Zukunft heißt Bankrott.<br />
Letztes Jahr herrschte weltweit großes Staunen: Woher nur nahmen die Staaten die Billionen zur Stützung von Banken und Konjunktur? Die Wahrheit hieß: aus der Luft. Das rächt sich jetzt. Schon droht Griechenland und andern EU-Ländern der Staatsbankrott, auch das deutsche Staatsdefizit steigt enorm. Der Euro gerät ins Schlingern, daraus kann leicht eine Weltwährungskrise werden. Staaten können sich, wenn überhaupt, höchstens mit Inflation oder schlagartiger Einführung einer neuen Währung vor dem Bankrott retten. Das geht nur auf dem Rücken der meisten Menschen.</p>
<p>Sozialismus ist von gestern.<br />
Nichts diskreditiert die Suche nach Alternativen so wie der schon einmal &#8220;real&#8221; gewesene Sozialismus. Der ging zu Recht unter. Diktatur und Kollektivismus haben Leben und Hoffnungen von Millionen zerstört. Doch wann werden die kapitalistischen Staaten den sozialistischen in den Ruin nachfolgen? Heute geht es um Selbstorganisation freier Individuen und solidarisches Wirtschaften jenseits von Markt und Staat. Wie das geht, steht in keinem Lehrbuch und auch nicht in diesem Flugblatt. Gut so.</p>
<p>Massive Arbeitszeitverkürzung für eine bessere Zukunft.<br />
Für die, die noch Arbeit haben, wird der Stress immer unerträglicher, Millionen wollen raus aus der Mühle. Millionen andere werden von der großen Maschine für überflüssig erklärt und ausgespuckt. 20-Stunden- oder Dreitagewoche oder vier Monate Urlaub oder mit 50 aufhören oder. das können erste Schritte in ein besseres Leben sein. Um Lohnausgleich kämpfen ist gut, doch wer glaubt, die Arbeits-Wachstums-Profit-und-Lohn-Maschine könne unser Leben auf Dauer &#8220;finanzieren&#8221;, irrt. Wir müssen uns mehr freie Zeit erkämpfen, um ein selbstorganisiertes und solidarisches Leben aufzubauen.</p>
<p>Allerlei blödsinnige Erklärungen für die Krise.<br />
Unehrliche Griechen, gierige Manager, Sozialhilfebetrüger, Finanzhaie: sie sind angeblich schuld. Da müssten aber über Nacht ziemlich viele Bösewichter aufgetaucht sein, von denen man vorher nichts gehört hat. Als ob die paar lumpigen Euro mehr Sozialhilfe, die eineR hin und wieder dem Staat noch abluchsen kann, gegenüber den Billionenpaketen für die Banken irgendein Gewicht hätten und als ob nicht der eigentliche Betrug an denen stattfände, denen ein Leben mit Sozialhilfe zugemutet wird. Und was ist mit den Managern, die &#8211; ganz anders als die Prekären und Ausgegrenzten &#8211; an der Quelle sitzen und sich fürstlich bedienen? Sympathisch müssen sie einem nicht sein, aber deswegen haben sie noch lange nicht die Krise &#8220;gemacht&#8221;. Denn wenn sie alles dafür tun, damit sich Kapital bestmöglich verwertet und Maximalprofit rausholen, tun sie nur das, was ganz normal ist in der Marktwirtschaft. Anders funktioniert sie nicht. Setzt sich Daimler nicht gegen die Konkurrenz durch, steht es auch schlecht um seine Arbeitsplätze. Kann man sich bei dem Gedanken wirklich wohl fühlen? Auch wenn von Obama bis Köhler und DGB-Sommer alle den Bankern die Schuld geben und auch wenn in Nordkorea kürzlich ein Funktionär wegen der Inflation (!) hingerichtet wurde: Selber denken ist besser. Wer an Bösewichter glaubt, stellt die Systemfrage nicht. Und umgekehrt.<br />
Auch die Sache mit Griechenland ist ein wenig komplizierter.</p>
<p>Französische Ministerin radikaler als deutsche Arbeiter.<br />
Frankreichs Wirtschaftsministerin Christine Lagarde forderte öffentlich höhere Löhne in Deutschland und blamierte damit nicht zuletzt die deutschen Arbeiter und ihre Gewerkschaften. Seit 15 Jahren steigen die Löhne überall in der EU stärker als in Deutschland, wo die Reallöhne sinken, 2009 sogar erstmals die Bruttolöhne. In der EU verdienen Frauen 16% weniger als Männer, in Deutschland sind es 23%. Was hat das alles mit anderen Ländern zu tun? Mit dem Konkurrenzvorteil der relativ sinkenden Arbeitskosten überschwemmen deutsche Waren andere Länder und bringen deren eh schon krisengeschüttelte Wirtschaft in zusätzliche Schwierigkeiten. Kleine Länder wie Griechenland erwischt die deutsche Exportoffensive besonders. Da ist es zynisch, den Griechen vorzuwerfen, sie sollten sich doch ein Beispiel an den Deutschen nehmen. Umgekehrt wäre es besser. Denn während es in Griechenland (und anderswo) schon mal einen Generalstreik gibt, nimmt die große Mehrheit der Deutschen noch jede Zumutung kampflos hin. Streiken? Um Himmels Willen! Bloß nicht auffallen, bloß nicht anecken, lieber den Gürtel enger schnallen und hoffen, dass es die andern mehr trifft als einen selbst. Und immer ans Große Ganze denken. Das hieß bis 1945 übrigens Volksgemeinschaft und denen, die nicht dazugezählt wurden, ging es bekanntlich dreckig. Auch heute meinen viele Deutsche überheblich, die Griechen seien nicht so &#8220;ehrlich und fleißig wie wir&#8221; und folglich selbst schuld. Statt für seine eigenen Interessen einzutreten, unterstützt man lieber den aggressiven Kurs der Bundesregierung gegen Griechenland und andere Länder und hofft, dass etwas davon für einen abfällt.<br />
Entsprechend bedenklich ist der Zustand der Gewerkschaften. Es scheint, als wollten sie in ihrer Mehrheit gar nicht kämpferischer werden &#8211; und selbst dort, wo sie es versuchen, haben sie angesichts dieses Bewusstseins an der Basis große Schwierigkeiten. In den letzten Tarifrunden haben IG Metall und ver.di mehr auf (noch) kooperationsbereite Arbeitgeber gesetzt als auf die (zweifelhafte) Kampfbereitschaft ihrer Mitglieder. Das macht sie noch schwächer.</p>
<p>Sackgasse C-Klassenkampf<br />
Unter der Losung &#8220;Ohne C geht&#8217;s Ländle hee&#8221; (auf hochdeutsch: &#8220;Ohne die Produktion der Daimler-C-Klasse geht Baden-Württemberg kaputt&#8221;) demonstrierten Daimler-Beschäftigte gegen die Verlagerung der Produktion und dafür, dass alles so bleibt wie es ist. Wo man sich nur &#8220;Schaffe, schaffe, Auto baue&#8221; vorstellen kann, macht die Vorstellung Angst, dass es einmal nicht mehr so weitergehen könne. Solche C-Klassenkämpfe sind einerseits verständlich. Denn solange Menschen von Arbeitslohn abhängig sind, weil sie anders ihr Leben nicht bestreiten können, sind sie daran interessiert, diese Arbeit zu behalten. Das Problem ist nur: C-Klassenkämpfe stecken in der Sackgasse. Wo mit immer weniger Arbeit immer mehr produziert werden kann, sind immer mehr Menschen für den Kapitalismus zu teuer und überflüssig. Und Hartz IV-Bezieher kaufen nun mal weder die C-Klasse noch sonst viel. Auch der Staat kann nicht eine Abwrackprämie nach der andern aus dem Hut zaubern, eher wrackt er selbst ab. Außerdem weiß sowieso jeder vernünftige Mensch, dass es viel zu viele Autos gibt.<br />
Auch wenn&#8217;s weh tut: &#8220;Weiter so&#8221; war gestern.<br />
Nachdenken über Grundsätzliches ist angesagt. Warum muss eigentlich das ganze Leben aus Maloche bestehen? Warum soll das eigentlich nicht gehen: Reichtum produzieren mit wenig Arbeit? Die Technik, die Wissenschaft, das Know-how, alles ist da. Die Schaufenster quellen über. Und ist wirklich alles gut und sinnvoll, was heute produziert wird? Mit Autos verstopfte Städte und vergiftete Luft, Berge voll Waffen, Atomkraftwerke und Werbeprospekte für die Mülltonne? Wer arbeitet im Ernst gerne für solchen Mist?<br />
Stell Dir vor: Du und andere nutzen einfach das vorhandene Potential in den Betrieben, Unis und Verwaltungen (auch das in Euren Köpfen) und Ihr organisiert eine solidarische Wirtschaft, in der es &#8220;nur&#8221; um die Bedürfnisse der Menschen geht. Du müsstest Deine besten Jahre nicht mehr für &#8220;die Arbeit&#8221;, &#8220;den Profit&#8221; und &#8220;das Wachstum&#8221; verschleudern, ein reichhaltiges und erfülltes Leben wäre drin. Wäre das nicht wichtiger als &#8220;s&#8217;Ländle&#8221; und Deutschland? Denn was haben ausgerechnet die mit Deinem guten Leben zu tun? Veränderung beginnt im Kopf: in Deinem. &#8220;Mit C geht&#8217;s Läbe hee&#8221; (auf hochdeutsch: &#8220;Mit C geht das Leben kaputt&#8221;)</p>
<p>Zum Weiterlesen:<br />
<a href="http://www.krisis.org/2009/every-bank-is-a-bad-bank" target="_self"> Every Bank is a Bad Bank</a><br />
<a href="http://www.krisis.org/2009/krisengefluester-wahre-und-falsche-ursachen-der-finanzkrise" target="_self"> Wahre und falsche Ursachen der Finanzkrise</a><br />
<a href="http://www.krisis.org/2006/geld-ist-genug-da-doch-das-ist-keine-loesung" target="_self"> &#8220;Geld ist genug da&#8221; Doch das ist keine Lösung</a></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Die „Finanzkrise“ ist eine Krise der kapitalistischen Produktionsweise</title>
		<link>http://www.krisis.org/2010/die-finanzkrise-ist-eine-krise-der-kapitalistischen-produktionsweise</link>
		<comments>http://www.krisis.org/2010/die-finanzkrise-ist-eine-krise-der-kapitalistischen-produktionsweise#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 20 Jun 2010 20:57:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Sieben Thesen zu einem Seminar bei der Europäischen Kooperative Longo maï von Norbert Trenkle (Juni 2010) Version française -  Versione italiana 1.Die Ursachen der gegenwärtigen Wirtschaftkrise sind nicht in der Spekulation und der Verschuldung   zu suchen. Umgekehrt gilt: die gewaltige Aufblähung der Finanzmärkte war und ist Ausdruck einer tiefgreifenden Krise von Arbeit und Kapitalverwertung, deren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/6ac2255c3cec4cba86f30fff9aa08d06" alt="" width="1" height="1" /><br />
</span></p>
<h3>Sieben Thesen zu einem Seminar bei der Europäischen Kooperative Longo maï von Norbert Trenkle (Juni 2010)</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/2010/la-crise-financiere-est-une-crise-du-mode-de-production-capitaliste"><strong>Version française</strong></a><strong> -  <a href="http://www.krisis.org/2010/la-crisi-financiara-e-una-crisi-del-modo-di-produzione-capitalistico">Versione italiana</a></strong></p>
<p>1.Die Ursachen der gegenwärtigen Wirtschaftkrise sind nicht in der Spekulation und der Verschuldung   zu suchen. Umgekehrt gilt: die gewaltige Aufblähung der Finanzmärkte war und ist Ausdruck einer tiefgreifenden Krise von Arbeit und Kapitalverwertung, deren Ausgangspunkt gut 30 Jahre zurückliegt.<span id="more-4260"></span></p>
<p>2.Seit dem Crash an den Finanzmärkten im Jahr 2008 ist es zu einer Art Volkssport geworden, „den Spekulanten“ und „den Bankern“ ihre „Gier“ und ihre „Profitsucht“ vorzuwerfen. Tatsächlich jedoch ist die Jagd nach immer höheren Profiten das grundlegende Antriebsmotiv der kapitalistischen Produktionsweise insgesamt. Diese funktioniert nach dem Prinzip „aus Geld muss mehr Geld werden“ (G – W – G’). Man nennt das Kapitalverwertung. Die Produktion von Waren und die Verausgabung von Arbeitskraft in der Warenproduktion ist nur das Mittel für diesen Zweck. Vom Standpunkt der Kapitalverwertung ist es daher gleichgültig, was produziert wird (z.B. Streubomben oder Nudelsauce), wie es produziert wird (z.B. ständig wachsende Arbeitsverdichtung, Prekarisierung oder Kinderarbeit) und welche Konsequenzen dies hat (z.B. Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen).</p>
<p>3.Der kapitalistischen Verwertungslogik ist ein grundsätzlicher und unauflöslicher Selbstwiderspruch inhärent. Auf der einen Seite muss immer mehr Arbeitskraft in der Produktion von Waren vernutzt werden um die Kapitalverwertung in Gang zu halten; denn der Selbstzweck der Vermehrung des Geldes durch Vernutzung von Arbeitskraft ist abstrakt-quantitativ und kennt daher in sich selbst keine logische Grenze. Auf der anderen Seite erzwingt die allgegenwärtige Konkurrenz eine ständige Steigerung der Produktivität durch „Rationalisierung“ der Produktion. Und das bedeutet: immer mehr Produkte pro Zeiteinheit herzustellen, also die notwendige Arbeitszeit zu reduzieren und Arbeitskraft „überflüssig“ zu machen.</p>
<p>4.Die grundsätzliche Krisenpotenz, die in diesem Widerspruch angelegt ist, konnte bis in die 1970er Jahre hinein durch eine Beschleunigung des Wachstumstempos immer wieder in die Zukunft verschoben werden. Durch die Ausdehnung der Kapitalverwertung auf die ganze Welt und auf neue Produktionszweige wurde der Bedarf an Arbeitskräften absolut gesteigert und dadurch der Rationalisierungseffekt kompensiert. Die „dritte industrielle Revolution“ (auf Grundlage der IT-Technologien) hat diesen Kompensationsmechanismus jedoch außer Kraft gesetzt. Sie führte zu einer massenhaften Verdrängung von Arbeitskräften quer durch alle Bereiche der Produktion. Trotz einer weiteren Ausdehnung des Produktausstoßes und einer Globalisierung der Produktion wurden weltweit immer mehr Menschen für die kapitalistische Verwertung „überflüssig“ gemacht. Damit kam ein grundlegender Krisenprozess in Gang, der die Grundlagen der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise unaufhaltsam untergräbt.</p>
<p>5.Wie hängt die Aufblähung der Finanzmärkte damit zusammen? Krise der Kapitalverwertung heißt zunächst, dass Kapital keine ausreichenden Anlagemöglichkeiten mehr in der „Realwirtschaft“ findet. In der Folge weicht es an die Finanzmärkte aus und bewirkt dort eine Aufblähung des „fiktiven Kapitals“ (Spekulation und Kredit). Genau das ist seit Beginn der 1980er Jahre geschehen. Dieses Ausweichen an die Finanzmärkte stellte nichts anderes als eine Form des Krisenaufschubs dar. Überflüssiges Kapital fand eine neue (wenn auch „fiktive“) Anlagemöglichkeit und entging so der drohenden Entwertung. Gleichzeitig schuf die Aufblähung von Kredit und Spekulation aber auch zusätzliche Kaufkraft, die ihrerseits eine Ausweitung der Produktion induzierte (z.B. Industrialisierungsboom in China).</p>
<p>6.Der Preis dieses Krisenaufschubs war jedoch die Anhäufung eines immer größeren Krisenpotentials und eine extreme Abhängigkeit von den Finanzmärkten. Die „Akkumulation“ von fiktivem Kapital musste immer weiter gehen. Wenn eine Blase platzte, blieb den Regierungen und Zentralbanken gar nichts anderes übrig, als die Banken und Investoren zu retten und massenhaft ungedeckte Liquidität in die Märkte zu pumpen, um eine neue Blase  aufzublasen. Es ist deshalb auch eine bloße Selbsttäuschung, wenn nun quer durch alle politischen Lager eine weitgehende Einschränkung der Spekulation gefordert wird. Punktuelle Maßnahmen der Regulation sind vielleicht möglich. Insgesamt aber gilt: Spekulation und Kredit müssen weitergehen, weil das kapitalistische System nur noch auf dieser „Grundlage“ funktionieren kann. Es ist daher auch kein Zufall, dass die „Realpolitik“ sich genau nach diesem Muster verhalten hat und die Finanzmarktdynamik wieder angekurbelt wurde.</p>
<p>7.Die aktuelle Krise stellt einen qualitativen Einschnitt dar, denn der Crash konnte nur durch eine massive Aufblähung der Staatsverschuldung aufgefangen werden. Daher schlägt die Krise als jetzt Krise der Staatsfinanzen auf die Gesellschaft zurück („Sparprogramme“). Wenn jetzt aber gesagt wird, es müsse gespart werden, weil „wir über unsere Verhältnisse gelebt“ hätten, dann stellt das den Zusammenhang auf den Kopf. Wenn mit immer weniger Arbeit immer mehr stofflicher Reichtum geschaffen werden kann, dann eröffnet das an und für sich die Möglichkeit eines guten Lebens für alle Menschen. Unter kapitalistischen Verhältnissen aber führt es zu einer Einschränkung der Wertproduktion. Daraus und nur daraus folgt der „Sparzwang“ für eine Gesellschaft, die von eben dieser Wertproduktion abhängig ist. Die gigantische Verschuldung ist also Ausdruck davon, dass die vom Kapitalismus geschaffenen Produktivpotentiale seine eigene Logik sprengen und dass die kapitalistische Reichtumsproduktion nur noch gewaltsam aufrechterhalten werden kann. Die Gesellschaft muss sich von dieser Form der Reichtumsproduktion befreien, wenn sie nicht zusammen mit ihr in den Abgrund gerissen werden will.</p>
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		<title>La « crise financière » est une crise du mode de production capitaliste</title>
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		<pubDate>Sun, 20 Jun 2010 20:57:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Ohne thematische Zuordnung]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Français]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>

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		<description><![CDATA[Thèses de Norbert Trenkle Deutsche Version &#8211; Versione italiana 1. Les causes de la crise économique actuelle ne sont pas à rechercher du côté de la spéculation ni de l’endettement. On peut par contre constater que l’expansion gigantesque des marchés financiers est l’expression d’une crise profonde du travail et de la valorisation du capital dont [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Thèses de Norbert Trenkle</h3>
<p><a href="http://www.krisis.org/2010/die-finanzkrise-ist-eine-krise-der-kapitalistischen-produktionsweise"><strong>Deutsche Version</strong></a><strong> &#8211; </strong><a href="http://www.krisis.org/2010/die-finanzkrise-ist-eine-krise-der-kapitalistischen-produktionsweise"><strong><a href="http://www.krisis.org/2010/la-crisi-financiara-e-una-crisi-del-modo-di-produzione-capitalistico">Versione italiana</a></strong></a></p>
<p>1.<br />
Les causes de la crise économique actuelle ne sont pas à rechercher du côté de la spéculation ni de l’endettement. On peut par contre constater que l’expansion gigantesque des marchés financiers est l’expression d’une crise profonde du travail et de la valorisation du capital dont l’origine remonte à au moins trente ans.<span id="more-4259"></span></p>
<p>2.<br />
Depuis le krach sur les marchés financiers en 2008, c’est devenu en quelque sorte un sport populaire que de reprocher aux « spéculateurs » et aux « banquiers » leur « ivresse du profit » et leur « rapacité ». Mais, en fait, la recherche du profit toujours plus grand représente bel et bien le moteur de base de l’ensemble du mode de production capitaliste. Il fonctionne selon le principe de « faire avec de l’argent plus d’argent » (A-M-A’). On appelle cela la valorisation du capital. La production de marchandises et la dépense de force de travail ne sont, dans le système de production de marchandises, qu’un moyen pour arriver à ce but. Du point de vue de la valorisation du capital, il est complètement égal de savoir ce qui est produit (p. ex. des bombes à fragmentation ou de la sauce tomate), comment quelque chose est produit (intensification permanente du travail, précarisation, travail des enfants) et aussi quelles en sont les conséquences (destruction des ressources naturelles de la vie).</p>
<p>3.<br />
La logique de valorisation capitaliste porte en elle une contradiction interne et fondamentale qui ne peut pas être résolue. D’un côté, il faut qu’il y ait toujours plus de force de travail dépensée dans la production de marchandises afin de garantir la valorisation du capital ; la multiplication de l’argent, devenue une fin en soi, par le moyen de la dépense de force de travail, est abstraite et quantitative, et ne connaît pas en elle-même de limite logique. De l’autre côté, la concurrence omniprésente oblige à augmenter en permanence la productivité par la « rationalisation » de la production. Cela veut dire qu’il faut produire toujours plus de marchandises par unité de temps, c’est-à-dire réduire le temps de travail nécessaire jusqu’à rendre la force de travail « superflue ».</p>
<p>4.<br />
La potentialité de crise fondamentale que comporte cette contradiction pouvait, jusque dans les années 1970, être différée en permanence par une accélération du rythme de la croissance. Par l’extension de la valorisation du capital à toute la planète et à de nouvelles branches de production, la demande absolue en main-d’œuvre fut augmentée et ainsi l’effet de rationalisation contrecarré. Mais la « troisième révolution industrielle » (sur la base des télécommunications) a rendu inefficace ce mécanisme de compensation. Elle a entraîné une disparition massive de l’emploi dans toutes les branches de production. Malgré l’expansion et la globalisation de la production, toujours plus de gens sont devenus « superflus » du point de vue de la valorisation capitaliste. C’est ainsi que s’est développé un processus de crise fondamentale qui mine le mode de vie et de production capitaliste.</p>
<p>5.<br />
Mais qu’est-ce que le gonflement des marchés financiers a à voir avec tout cela ? La crise de la valorisation du capital veut d’abord dire que le capital trouve toujours plus difficilement moyen de s’investir dans « l’économie réelle ». C&#8217;est pour cela que le capital se rabat sur les marchés financiers et entraîne un gonflement du « capital fictif » (spéculation et crédit). C’est exactement ce qui s’est passé depuis le début des années 1980. Ce déplacement vers les marchés financiers ne représente rien d’autre qu’une forme de mise en sursis de la crise. Le capital en excédent avait trouvé une nouvelle possibilité de placement (« fictive »), échappant ainsi à la menace de la dévalorisation. En même temps, l’expansion du système de crédit et de spéculation a créé plus de pouvoir d’achat, induisant pour sa part un élargissement de la production (p. ex. le boom de l’industrialisation en Chine).</p>
<p>6.<br />
Le prix à payer pour cet ajournement de la crise est une accumulation toujours plus grande de son potentiel de destruction et une dépendance extrême envers les marchés financiers. « L’accumulation » fictive de capital doit se poursuivre inlassablement. Quand une bulle explose, les gouvernements et les banques centrales n’ont d’autre choix que de sauver les banques et les investisseurs et d’injecter massivement des liquidités non couvertes dans les marchés afin de recréer de nouvelles bulles. Les dirigeants politiques de tous bords se font donc des illusions quand ils réclament une limitation rigoureuse de la spéculation. Même si des mesures ponctuelles de régulation sont éventuellement possibles, on peut dire de manière générale que le système reposant sur la spéculation et le crédit doit perdurer parce que le système capitaliste ne peut continuer sur cette seule « base ». Ce n’est pas un hasard non plus si la « realpolitik » a procédé exactement selon ce schéma en essayant de remettre en branle la dynamique des marchés financiers.</p>
<p>7.<br />
La crise actuelle représente un tournant qualitatif car le krach n’a pu être rattrapé qu’au moyen d’une expansion massive de l’endettement étatique. C’est pour cela que maintenant la crise frappe la société sous la forme d&#8217;une crise budgétaire (« programmes d’austérité »). Mais quand aujourd’hui on nous dit qu’il faut faire des économies parce que « nous vivons au-dessus de nos moyens », on présente les choses à l’envers. Si avec moins de travail on peut créer toujours plus de richesses matérielles, cela ouvre en principe la possibilité d’une vie meilleure pour toute l’humanité. Mais le fait de rester soumis aux rapports capitalistes mène à une diminution de la production de valeur. C’est de là, et uniquement de là, que provient « l’impératif de faire des économies » pour une société régie par la dite production de valeur. L’endettement gigantesque est également l’expression de ce que le potentiel productif créé par le capitalisme fait exploser sa propre logique et que la production de richesses sous le capitalisme ne peut être maintenue que par la violence. La société doit se libérer de cette forme de production de richesses si elle ne veut pas être entraînée dans l’abîme avec elle.</p>
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		<title>Krisenmythos Griechenland</title>
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		<pubDate>Fri, 07 May 2010 08:09:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juli</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Aktuelle Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Tomasz Konicz]]></category>

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		<description><![CDATA[Athens Schuldenkrise ist nicht Ursache, sondern lediglich Auslöser der neuesten Etappe einer seit Jahrzehnten schwelenden Krise Tomasz Konicz Die veröffentlichte Meinung in Deutschland hat einen neuen Krisen-Mythos geschaffen. Nun sollen es die faulen und korrupten Griechen sein, die sich durch die Manipulation statistischen Materials in die Eurozone mogelten, die europäische Einheitswährung an den Rand des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Athens Schuldenkrise ist nicht Ursache, sondern lediglich Auslöser der neuesten Etappe einer seit Jahrzehnten schwelenden Krise</h2>
<p><em>Tomasz Konicz</em></p>
<p>Die veröffentlichte Meinung in Deutschland hat einen neuen Krisen-Mythos geschaffen. Nun sollen es die <a href="http://www.focus.de/magazin/videos/focus-titel-betrueger-in-der-euro-familie_vid_15672.html">faulen und korrupten Griechen</a> sein, die sich durch die Manipulation statistischen Materials in die Eurozone mogelten, die europäische Einheitswährung an den Rand des Zusammenbruchs führten und künftig den hart arbeitenden Deutschen auf der Tasche liegen dürften. Endlich verfügt Deutschland über ein Feindbild, das nahezu alle Gesellschaftsschichten – vom exportfixierten Unternehmer bis zum prekarisierten Niedriglohnempfänger &#8211; im nationalistisch gesättigten Hass volksgemeinschaftlich vereint.<span id="more-4200"></span></p>
<p>Das tausendfach in allen Medienorganen wiederholte Mantra geht in etwa folgendermaßen: Während in Deutschland hart angepackt werde, die deutschen Lohnabhängigen für immer weniger Geld immer länger arbeiteten und Kürzungen bei Renten und sozialen Leistungen brav schluckten, hätten es sich die Griechen dank ausufernder <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69820369.html">Korruption</a> in einer gut gepolsterten sozialen Hängematte bequem gemacht. Vielen Menschen in Deutschland schien die Krise nach den milliardenschweren Aufwendungen für Konjunkturhilfen und zur Stabilisierung des Finanzsystems fürs Erste überstanden, doch nun würden &#8220;die Griechen&#8221; die wirtschaftliche Erholung ruinieren. Das brandgefährliche nationalistische Stereotyp des &#8220;ausländischen Parasiten&#8221;, der am kerngesunden deutschen Volkskörper zehrt, findet so kaum verhüllt Verbreitung.</p>
<p>Im Folgenden soll dargelegt werden, dass die Schuldenkrise Griechenlands nicht die Ursache, sondern lediglich das auslösende Moment für das jüngste Stadium der Weltwirtschaftskrise bildete. Zudem sollen die Ursachen dieses Krisenverlaufs erhellt werden. Diese Krise durchlief bereits einen spezifischen Formwandel. Der Krisenprozess, der sich zuerst als eine Krise der Finanzmärkte äußerte, um später in einen beispiellosen Wirtschaftseinbruch überzugehen, scheint nun zu einer Krise der Staatsfinanzen mutiert zu sein.</p>
<p>Griechenland stellt aber nur das sprichwörtliche &#8220;schwächste Glied&#8221; in der Kette sich immer stärker verschuldender Staaten dar. Insofern können durchaus Parallelen zwischen der krisenbedingten &#8220;Mythenbildung&#8221; bei Griechenland und der Investmentbank Lehman Brothers gezogen werden. So wie der Ausbruch der Krise des globalen<br />
Finanzsystems immer noch gerne auf die Pleite von Lehman Brothers zurückgeführt wird, werden nun die Griechen für die sich abzeichnende Schuldenkrise der Staatshaushalte verantwortlich gemacht. In beiden Fällen handelte es sich aber nur um Auslöser, die eine langfristige krisenhafte Entwicklung ins manifeste Stadium treten ließen.</p>
<p>Der Zusammenbruch von Lehman Brothers ließ den jahrelangen – ja jahrzehntelangen! – spekulativen Turmbau zu Babel auf dem amerikanischen Immobilienmarkt und den Weltfinanzmärkten zusammenbrechen. Die griechische Schuldenkrise wiederum lässt die global im Gefolge der Weltwirtschaftskrise rasant zunehmende Staatsverschuldung in ein akutes Stadium treten. Seit Krisenausbruch lassen einbrechende Einnahmen und steigende Ausgaben die Staatsschulden geradezu explodieren. Eine ganze Reihe von Faktoren führte dazu, dass ausgerechnet Griechenland als erster Staat der Eurozone am Rande des Bankrotts taumelt.</p>
<h4>Südeuropas Defizitkonjunkturen</h4>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 408px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_brutto-staatsverschuldung.gif" alt="Haushaltsdefizit in Prozent des BIPGrafik: TP" width="398" height="303" /><p class="wp-caption-text">Grafik: TP</p></div>
<p>Zum einen hat Hellas tatsächlich bereits einen enormen Schuldenberg angehäuft. Der griechische Staat ist inzwischen mit gut 125% des griechischen Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Dieses Niveau der Staatsverschuldung ist sehr hoch, aber bei Weitem nicht einzigartig. So ist beispielsweise Italien ähnlich stark verschuldet:</p>
<p>Entscheidend in diesem Zusammenhang ist aber auch die Dynamik, mit der die weitere Schuldenaufnahme  vonstattengeht. Wie hoch fällt also das Haushaltsdefizit Griechenlands in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus? Dieses ist in Hellas viel höher als in Italien, das &#8220;nur&#8221; ein Defizit von 5,3 Prozent des BIP aufweist:</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 410px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_defizit-eurozone.gif" alt="" width="400" height="367" /><p class="wp-caption-text">Haushaltsdefizit in Prozent des BIP Grafik: TP</p></div>
<p>Griechenland liegt bei der Verschuldungsdynamik ebenfalls an der Spitze. Neben diesen Ländern der Euro-Zone weisen übrigens auch Großbritannien und die USA ein zweistelliges Haushaltsdefizit in diesem Jahr auf. Bei Hellas kommen somit zwei Faktoren zusammen, die in dieser Kombination bei keinem anderen Land der Eurozone anzutreffen sind. Griechenland hat ein ähnlich hohes Niveau der Staatsverschuldung wie Italien erreicht, und es weist ein ähnlich hohes Haushaltsdefizit wie Irland auf.</p>
<p>Neben einem bereits bestehenden hohen Schuldenniveau und der rasant ansteigenden Neuverschuldung fungierte natürlich die breit angelegte Manipulation statistischen Materials als konkreter Auslöser dieser schwelenden griechischen Schuldenkrise. Dennoch stellt Griechenland nur den Extremfall einer breiten Tendenz zur exzessiven staatlichen Verschuldung dar. Nahezu alle südeuropäischen Volkswirtschaften der Euro-Zone weisen entweder ein sehr hohes Schuldenniveau oder eine rasante Verschuldungsrate auf.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 417px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_zinsen-tilgung-staatsschulden.gif" alt="" width="407" height="263" /><p class="wp-caption-text">Grafik: TP</p></div>
<p>Bei hoch verschuldeten Staaten nimmt die Last des reinen Schuldendienstes immer weiter zu. Bei den in der obigen Grafik gemeinsam aufgeführten südeuropäischen Ländern erreicht der Schuldendienst bereits Dimensionen von Dutzenden von Milliarden monatlich. Im Falle Griechenland führten vor allem die Monate April und Mai zur Eskalation der Schuldenkrise, wo knapp 20 Milliarden Euro zur Refinanzierung anstehen. Nachdem die Renditen griechischer Staatsanleihen aufgrund der deutschen Hinhaltetaktik in astronomische Höhen von bis zu <a href="http://wirtschaftquerschuss.blogspot.com/2010/04/kollateralschaden-in-sicht.html">15 Prozent</a> schossen, wurde klar, dass ihre Refinanzierung im Mai auf den Finanzmärkten unmöglich sein wird.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 434px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_spanien-staatsverschudung.gif" alt="" width="424" height="375" /><p class="wp-caption-text">Spaniens Staatsveschuldung. Grafik: wirtschaftquerschuss.blogspot.com</p></div>
<p>Neben Griechenland gilt insbesondere Spanien als ein weiterer südeuropäischer Krisenherd, der allein aufgrund des größeren Umfangs seiner Volkswirtschaft einem regelrechten Sprengsatz für das europäische Finanz- und Währungssystem gleichkommt. Die obige Grafik illustriert sehr schön die Explosion der spanischen Staatsverschuldung, die durch wegbrechende Einnahmen und ausartende Sozialausgaben ausgelöst wurde. Dennoch muss betont werden, dass der spanische Staat vor Krisenausbruch ein sehr niedriges Schuldenniveau aufwies (siehe Grafik 1).</p>
<p>Spaniens Staat ist zwar noch nicht über die Maßen verschuldet, dafür stöhnen aber die spanischen Unternehmen und Spaniens Verbraucher unter einem riesigen <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21764/1.html">Schuldenberg</a>. Den Löwenanteil nimmt dabei die Verschuldung spanischer Unternehmen jenseits des <a href="http://www.mintme.com/wp-content/uploads/2010/01/sectoral-composition-of-debt-government-households-business-by-country-2008.png">Finanzsektors</a> ein, die allein 136 Prozent des BIP erreicht. Die Konsumenten sind mit 85 Prozent des BIP verschuldet. Somit gehört Spanien – nach Japan, Großbritannien und den USA – zu den am stärksten verschuldeten Industrieländern der Welt.</p>
<p>Wir haben nun in Griechenland einen stark verschuldeten Staat, und in Spanien tief in der Kreide stehende Unternehmen und Konsumenten. Was nun Spanien und Griechenland eint, das sind volkswirtschaftliche Effekte, die mit dieser Verschuldungsorgie der vergangenen Jahre einhergehen. Beide Länder bildeten eine Defizitkonjunktur aus. Dieser Begriff bezeichnet einen Konjunkturaufschwung, der durch die Ausbildung von Defiziten zustande kommt. Salopp gesagt: Der Aufschwung wird durch Schuldenmacherei ermöglich. Der private Sektor oder der Staat nimmt Kredite auf, gibt dieses Geld aus und schafft so kreditfinanzierte Nachfrage, die stimulierend auf die Wirtschaft wirkt. Auf der Iberischen Halbinsel wurde diese Defizitkonjunktur durch den boomenden Immobilienmarkt angefeuert, in Griechenland sorgten die kreditfinanzierten Staatsausgaben für eine Wirtschaftsbelebung.</p>
<h4>Die europäischen Defizitkreisläufe</h4>
<p>Um die Ausbildung dieser Defizitkonjunktur in den südeuropäischen Ländern der Eurozone zu verstehen, sollen im Folgenden die schweren Ungleichgewichte innerhalb dieser Währungsunion thematisiert werden.</p>
<p>Die Leistungsbilanz misst die Veränderung des Vermögens eines Landes gegenüber dem Rest der Welt. Dieses Vermögen ändert sich durch den Handel mit Waren und Dienstleistungen. Ein Exportüberschuss führt in der Regel auch zu einem Überschuss in der Leistungsbilanz und bedeutet einen Vermögenszuwachs eines Landes gegen den Rest der Welt.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 400px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_leistungsbilanzsalden.gif" alt="" width="390" height="341" /><p class="wp-caption-text">Die Leistungsbilanz misst die Veränderung des Vermögens eines Landes gegenüber dem Rest der Welt. Dieses Vermögen ändert sich durch den Handel mit Waren und Dienstleistungen. Ein Exportüberschuss führt in der Regel auch zu einem Überschuss in der Leistungsbilanz und bedeutet einen Vermögenszuwachs eines Landes gegen den Rest der Welt; Grafik: TP</p></div>
<p>Die Grafik stellt Leistungsbilanzen etlicher Länder der Eurozone in 2008 und eine Prognose für 2010 dar. Es fällt auf, dass die südeuropäischen Staaten ein sehr starkes Leistungsbilanzdefizit aufweisen, während die wirtschaftlich dominierenden Länder Deutschland, Niederlande und Österreich einen Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaften konnten. Die wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder im nördlichen Zentrum der Eurozone konnten also einen Zugewinn an Vermögen verzeichnen, während die ökonomisch schwächeren Staaten einen Abfluss von Vermögen hinnehmen mussten.</p>
<p>Erschreckend ist hier natürlich das griechische Defizit in der Leistungsbilanz, das allein im Jahr 2008 nahezu 15% der<br />
Wirtschaftsleistung betrug. Dieser Vermögensabfluss von rund 15% muss durch Schuldenaufnahme finanziert werden. Natürlich spielt Deutschland aufgrund seines ökonomischen Gewichts bei diesen Ungleichgewichten in der Leistungsbilanz eine zentrale Rolle.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 334px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_ungleichgewicht-europa.gif" alt="" width="324" height="369" /><p class="wp-caption-text">Grafik: Hans Böckler Stifung</p></div>
<p>Bei dieser Impuls-Grafik der Hans Böckler Stiftung sehen wir oben die Leistungsbilanzüberschüsse der Bundesrepublik und unten die Defizite dreier südeuropäischer Staaten – hier leider ohne Griechenland. Offensichtlich verhalten sich deutsche Überschüsse und die südeuropäischen Defizite nahezu spiegelverkehrt! Die Intensivierung der deutschen Exportoffensive führt zu steigenden Defiziten in Südeuropa. Und umgekehrt lässt der krisenbedingte Einbruch der deutschen Exporte auch die Defizite im Süden der Eurozone schrumpfen.</p>
<p>Wie verhält es sich bei der Handelsbilanz zwischen Deutschland und Griechenland? Die zwischen Flensburg und München tosende Welle nationalistischer Empörung gegen die &#8220;faulen Griechen&#8221; wurde ja durch die ursprünglichen deutschen Finanzierungsverpflichtungen in Höhe von <a href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-04/griechenland-hilfspaket-merkel">8,4 Milliarden Euro</a> ausgelöst. Ironischerweise entspricht diese Summe in ungefähr den 8,3 Milliarden Euro, auf die sich allein in 2008 deutsche Exporte nach Griechenland <a href="http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Griechenland/Wirtschaft.html">summierten</a>. Griechenland exportierte im Gegenzug Waren im Wert von nur 1,9 Milliarden Euro in die Bundesrepublik.</p>
<p>Die in den Grafiken dargelegten Leistungsbilanzdefizite der südeuropäischen Staaten sind zuvorderst Handelsdefizite.<br />
Selbstverständlich stellt die Handelsbilanz den wichtigsten Posten innerhalb der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Leistungsbilanz">Leistungsbilanz</a> dar, die ja noch Dienstleistungen und Geldüberweisungen erfasst.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 448px"><a href="http://www.heise.de/tp/r4/bild/32/32551/32551_7x.html"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_dt-importe-u-exporte.gif" alt="" width="438" height="379" /></a><p class="wp-caption-text">Die wichtigsten deutschen Handelspartner. Grafik: TP (Bild vergrößern)</p></div>
<p>Für den ehemaligen &#8220;Exportweltmeister&#8221; Deutschland, der erst in 2009 von China auf die Plätze verwiesen wurde, bildet die Europäische Union den wichtigsten Absatzmarkt. Wie die obige Grafik illustriert, bildete die Bundesrepublik im vergangenen Jahr mit nahezu allen Ländern der Europäischen Union Handelsüberschüsse aus. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass hier Deutschlands Exportmaschine schon etwas langsamer lief, da die Weltwirtschaftskrise global die Nachfrage auch nach deutschen Gütern dämpfte. Um sich diese Dimension noch einmal zu verdeutlichen: 2008 sollen sich die Exportüberschüsse der BRD nur gegenüber der Eurozone auf rund <a href="http://www.tagesschau.de/wirtschaft/handelsueberschusshirschel100.html" class="broken_link">100 Milliarden Euro</a> belaufen haben!</p>
<p>Die Überschüsse der deutschen Exportindustrie bilden aber die Defizite der importierenden Länder. Die unter Druck geratenen südlichenVolkswirtschaften der Eurozone, mussten ja irgendwie für die deutschen Waren aufkommen, die ihre Märkte überschwemmten. Dieses geschah über private oder staatliche Defizitbildung – also durch Verschuldung.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 451px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_forderungen-dt-banken.gif" alt="" width="441" height="272" /><p class="wp-caption-text">Das rote Segment stellt den jeweiligen Anteil der deutschen Banken an den Gesamtforderungen dar. Grafik: TP</p></div>
<p>Dabei waren es nicht zuletzt deutsche Finanzinstitute, die diese Defizitkonjunkturen vermittels großzügiger Kreditvergabe finanzierten. Deutsche Institute halten beispielsweise in Griechenland Forderungen in Höhe von 43 Milliarden US-Dollar. In Portugal sind es 47 Milliarden und in Spanien sind es sogar 240 Milliarden Dollar.</p>
<p>Hier erst schließt sich der Kreis der besagten südeuropäischen Defizitkonjunkturen zu einem Defizitkreislauf. Die ökonomisch überlegenen Volkswirtschaften des nördlichen Zentrums der Eurozone – allen voran die BRD &#8211; konnten nicht nur enorme Handelsüberschüsse mit Südeuropa erwirtschaften, ihre Finanzsektoren profitierten noch zusätzlich von der Kreditvergabe an den griechischen Staat oder an spanische Unternehmen, Hypothekennehmer und Konsumenten. Während von Deutschland aus die Warenströme in den Süden der Eurozone flossen, strömten in der Gegenrichtung griechische, spanische und portugiesische Wertpapiere in die Banktresore deutscher Finanzinstitute – seien es Staatsanleihen, Hypothekenverbriefungen oder Konsumentenkredite.</p>
<h4>Der magersüchtige Vize-Exportweltmeister</h4>
<p>Einen Faktor, der die Ausbildung dieser riesigen Handelsüberschüsse der deutschen Exportindustrie ermöglichte, stellt sicherlich die Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung dar. Der Euro nahm den südlichen Euro-Ländern die Möglichkeit, mittels einer Währungsabwertung die Konkurrenzfähigkeit ihrer Wirtschaft zumindest partiell wiederherzustellen. Diese Währungsabwertungen waren beispielsweise in Italien vor der Euroeinführung durchaus üblich.</p>
<p>Krisenverschärfend kommt noch hinzu, dass Griechenland aufgrund der Euro-Einführung die Kontrolle über die Geldpolitik verloren hat. Athen ist somit nicht in der Lage, die eigenen Staatsanleihen aufzukaufen, und durch diese Gelddruckerei den Staatsbankrott aufzuschieben.</p>
<p>Genau diese Verfahrensweise hat beispielsweise Großbritannien praktiziert. Die britische Notenbank kaufte bis Februar 2010 die eigenen britischen Staatsanleihen im Wert von nahezu <a href="http://www.ft.com/cms/s/0/155e5cea-117b-11df-9195-00144feab49a.html">200 Milliarden Pfund</a> auf. Bei der Ausformung der konkreten Bestimmungen der Währungsunion sorgte vor allem die <a href="http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/debatte_wirtschafts_und_finanzkrise/finanzkrise_grundlagen/2248455_Waehrungsunion-Deshalb-muss-Europa-den-Griechen-helfen.html">deutsche Politik</a> dafür, dass die Europäische Zentralbank nicht befugt war, griechische Staatsanleihen aufzukaufen.</p>
<p>Die äußerst erfolgreiche Exportoffensive der deutschen Industrie wurde aber vor allem durch eine miserable  Lohnentwicklung in der Bundesrepublik verursacht. Sie ist die zentrale Ursache für Deutschlands Exportweltmeisterschaft. Der Druck auf die Löhne und Gehälter wurde u.a. durch Abschreckung und Disziplinierung im Rahmen von Hartz-IV erreicht.</p>
<p>Zum einen wirkt die bewusst kalkulierte Verarmung der ALGII-Bezieher abschreckend auf all diejenigen Lohnabhängigen, die sich Unternehmensforderungen ausgesetzt sehen. Widerstandspotential in den Betrieben wird so minimiert. Andererseits wirkt der als &#8220;aktivierende Maßnahmen&#8221; verniedlichte Druck der Arge-Mitarbeiter gegen die Arbeitslosen. Diese sollen hierdurch zur Annahme jeglicher Arbeit gezwungen werden. Diese Maßnahmen zielten auf den Aufbau eines &#8220;Niedriglohnsektors&#8221;, auf die Herausbildung einer Klasse von &#8220;Working Poor&#8221; nach amerikanischem Vorbild. Beide Maßnahmen zur Senkung des Preises der &#8220;Ware Arbeitskraft&#8221; haben einen durchschlagenden Erfolg erzielt.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 400px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_ausweitung-niedriglohn.gif" alt="" width="390" height="271" /><p class="wp-caption-text">Grafik: Hans Böckler Stifung</p></div>
<p>Wie aus der obigen Grafik ersichtlich wird, waren allein 2007 schon 6,5 Millionen Lohnabhängige in Deutschland im Niedriglohnsektor tätig. Alle wichtigen statistischen Erhebungen der letzten Zeit weisen darauf hin, dass Deutschland bei der Lohnentwicklung in der Eurozone das Schlusslicht bildet. Zwischen 2002 und 2008 stiegen die Bruttolöhne und -gehälter in Deutschland um durchschnittlich 15 Prozent, während sie im europäischen Durchschnitt um 32 Prozent <a href="http://www.tagesschau.de/wirtschaft/arbeitskosten100.html">zulegten</a>. Inflationsbereinigt sind die Einkünfte laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sogar regelrecht eingebrochen: Die &#8220;Arbeitnehmerentgelte je Arbeitnehmer&#8221; seien demnach zwischen 2000 und 2008 in Deutschland um neun Prozent <a href="http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_02.c.289465.de">gesunken</a>. Kein anderes EU-Land hat laut DIW in diesem Zeitraum einen derartigen Einbruch des Lohnniveaus verbucht.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 225px"><a href="http://www.heise.de/tp/r4/bild/32/32551/32551_10x.html"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_frankreich-hat-besser-gewirtschaftet.gif" alt="" width="215" height="402" /></a><p class="wp-caption-text">Grafik: Hans Böckler Stifung (Bild vergrößern)</p></div>
<p>Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die Hans Böckler Stiftung, die sich auf Material des europäischen statistischen Amtes stützt. In der untersten der drei Grafiken wird die Entwicklung der Bruttolöhne pro Beschäftigten zwischen 1999 und 2008 dargestellt. Offenbar konnten die Lohnabhängigen in Frankreich langfristig ordentliche Lohnzuwächse<br />
verbuchen, während die Arbeiter und Angestellten in Deutschland heute weniger verdienen als vor zehn Jahren. Hier erschließt sich die Quelle des deutschen &#8220;Exportwunders&#8221;. Das leicht rückläufige Lohnniveau in Deutschland ging einher mit einer Steigerung der Produktivität der deutschen Industrie.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 402px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_vorteil-fuer-dt-industrie.gif" alt="" width="392" height="246" /><p class="wp-caption-text">Grafik: Hans Böckler Stifung</p></div>
<p>Hieraus ergab sich eine sehr vorteilhafte Entwicklung der Lohnstückkosten in Deutschland – also des Anteils der Löhne an den Kosten einer Ware. Während diese, wie in der obigen Grafik illustriert, im Euro-Raum zwischen 1998 und 2007 nahezu konstant blieben, sanken sie in der Bundesrepublik deutlich. Deutsche Waren sind auf den Weltmarkt deshalb so konkurrenzfähig, weil sie bei hoher Produktivität von – in Relation zu anderen Industriestaaten – gering bezahlten Arbeitskräften produziert werden.</p>
<p>Die &#8220;Exportweltmeisterschaft&#8221; Deutschlands wurde also durch eine fallende Lohnquote, durch ein stagnierendes Lohnniveau, durch einen expandierenden Niedriglohnsektor, durch Mehrarbeit und die allgemeine Hetze gegen &#8220;faule Arbeitslose&#8221; erkauft – genauso wie die nun anstehende nächste Runde von Sozialkürzungen von einer Kampagne gegen<br />
faule Griechen begleitet wird. Bei Deutschland handelt es sich sozusagen um einen magersüchtigen <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28395/1.html">Vize-Exportweltmeister</a>. Die Lohnabhängigen in der BRD mussten sich die Exportweltmeisterschaft der deutschen Exportindustrie durch beständiges &#8220;Gürtel-enger-Schnallen&#8221; vom Munde absparen.</p>
<p>Hier nochmals eine Wirtschaftsquerschuss-Grafik, die diese aggressive Wirtschaftspolitik der bundesdeutschen Exportindustrie veranschaulicht:</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 412px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_export-import-volumen.gif" alt="" width="402" height="302" /><p class="wp-caption-text">Grafik: wirtschaftquerschuss.blogspot.com</p></div>
<p>Es ist klar erkennbar, dass selbst nach dem Kriseneinbruch der Außenhandelsüberschuss Deutschlands bestehen bleibt und sich erneut ausweitet. Der Überschuss in der Handelsbilanz erhöhte sich von circa acht Milliarden Euro im Januar auf 12,6 Milliarden im Februar 2010. &#8220;Deutschland exportiert sich aus der Krise&#8221; <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,688011,00.html">titelte</a> beispielsweise Spiegel-Online. Es stellt sich nur die Frage, auf wessen Kosten diesmal diese Exportoffensive ablaufen wird.</p>
<h4>Die Zeit der Demagogen</h4>
<p>Aus den vorhergegangenen Ausführungen müsste vor allem eins klar geworden sein: Es ist Unsinn, die lohnabhängige Bevölkerung Griechenlands als eine Ansammlung von faulen &#8220;Schmarotzern&#8221; darzustellen, die von der harten Arbeit der deutschen Arbeitnehmer leben würden. Dieses propagandistische Muster fand in der hiesigen Boulevardpresse enorme <a href="http://www.bildblog.de/18326/leitfaden-wie-hetze-ich-gegen-ein-land-auf/">Verbreitung</a>.</p>
<p>Es geht aber auch anders, wie diese Passage aus einem Artikel der &#8220;Deutschen Welle&#8221; veranschaulicht:</p>
<blockquote><p>Griechenland steckt unter anderem in einer tiefen ökonomischen Krise: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 20 Prozent. Hinzu kommen sinkende Einkommen bei denen, die dennoch Arbeit finden. Viele müssen mit 800 bis 1000 Euro im Monat zurechtkommen, trotz Studium. Von der &#8220;Generation 700 Euro&#8221; ist bereits die Rede. &#8230;<br />
Hinzu kommt eine soziale Spaltung des Landes. Ein Fünftel der elf Millionen Griechen lebt unterhalb der Armutsgrenze. (<a href="http://www.dw-world.de/dw/article/0,,3865349,00.html">Deutsche Welle</a>)</p></blockquote>
<p>Wohlgemerkt, dieses Zitat stammt aus dem Dezember 2008, als schwere Unruhen Griechenland erschütterten, nachdem ein Jugendlicher von Polizisten erschossen wurde. Damals diente Griechenland &#8211; das Land mit dem nach Portugal zweitniedrigsten Lohnniveau in der Eurozone &#8211; noch nicht als kollektiver Sündenbock der veröffentlichten Meinung in Deutschland. Es ist schlicht absurd, hier eine auf Kosten deutscher Steuerzahler ein Lotterleben führende Bevölkerung halluzinieren zu wollen.</p>
<p>Bei der gegen Griechenland losgetretenen Kampagne sind neoliberale und nationalistische Demagogen bemüht, die Hoheit über den Stammtischen zu erringen. Hierbei sollen Sündenböcke präsentiert werden, die von den wahren Ursachen der jüngsten Etappe der kapitalistischen Krise ablenken sollen. Es ist nicht zufällig, wenn gerade die schärfsten neoliberalen Einpeitscher – wie <a href="http://www.bild.de/BILD/politik/wirtschaft/2010/04/24/hans-werner-sinn-warnt-vor-griechenland-hilfen/wir-sehen-unser-geld-nicht-wieder.html">Hans-Werner Sinn</a> oder <a href="http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,684637,00.html">Thilo Sarrazin</a> – sich nun auch am lautesten über die &#8220;faulen Griechen&#8221; empören.</p>
<p>Die aggressive, exportorientierte Ausrichtung der deutschen Industrie ist sowohl für die schleichende Verelendung breiter Bevölkerungsschichten in Deutschland wie auch für die griechische Defizitbildung verantwortlich. Diese expansive Ausrichtung ist aber kein ewiges Naturgesetz, sondern Produkt einer bestimmten Politik, die spätestens seit den Hartz-IV-Gesetzen unter Rot-Grün forciert wurde. Es sind die wichtigsten Propagandisten dieser aggressiven außenwirtschaftlichen Strategie, die sich nun am lautesten gegen die Opfer dieser Politik wenden – seien es nun griechische Arbeiter oder deutsche Arbeitslose.</p>
<p>Das perverseste Moment an dieser nationalistischen und demagogischen Kampagne, die von den Massenmedien und weiten Teilen der deutschen Politik getragen wird, bildet die Tatsache, dass ein Großteil der Opfer dieser Politik sich nun im nationalistischen Hass gegen die Griechen mit den politischen Kräften und gesellschaftlichen Klassen verbrüdert, die für Sozialraub und Lohnkahlschlag verantwortlich sind. Unter den circa 65% der Deutschen, die laut einer Umfrage jegliche Hilfen an Griechenland <a href="http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/2592762_Geschaeftige-Ruhe-vor-dem-Sturm.html">ablehnen</a>, befinden sich auch viele Lohnabhängige, die Einkommenskürzungen oder Arbeitszeitverlängerung in den letzten Jahren hinnehmen mussten – oder auch viele Rentner und Arbeitslose.</p>
<p>In gewisser Weise werden bei der derzeitigen Kampagne genauso Neidreflexe gegenüber den Griechen geschürt, wie sie bei der Durchsetzung der Hartz-IV-Gesetze gegenüber den Arbeitslosen entflammt wurden. Letztendlich wurde in beiden Kampagnen die Wut der vom sozialen Kahlschlag betroffenen Menschen auf die schwächsten Mitglieder der deutschen Gesellschaft und der Eurozone gerichtet. Die Implementierung einer nationalistischen Kampagne ist für die Profiteure und Propagandisten dieser Politik äußerst verführerisch, liefert sie doch den verunsicherten Menschen konkrete handgreifliche Sündenböcke für die kommenden <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,691501,00.html">Spar-Grausamkeiten</a>.</p>
<p>Griechenland ist nur das schwächste Glied einer Kette von Staaten, die durch eine ausartende Defizitbildung auf die Exportoffensive deutscher Unternehmen reagierten. Der europäische Währungsraum war charakterisiert durch den Exportvizeweltmeister Deutschland im Zentrum und die Defizitkonjunkturen Südeuropas in der Peripherie, die durch<br />
stetige Verschuldung die Exportüberschusse Deutschlands aufnahmen. Diese als Defizitkreislauf bezeichnete Wirtschaftsstruktur innerhalb der Eurozone ist längerfristig selbstverständlich nicht aufrecht zu erhalten – Deutschland wird sich nicht dauerhaft &#8220;aus der Krise exportieren&#8221; können.</p>
<h4>Defizitkonjunktur als globaler Wirtschaftsmotor</h4>
<p>Dabei ist dieser Defizitkreislauf keineswegs einzigartig oder gar der größte seiner Art. Die Weltwirtschaftskrise tritt vor allem als eine <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30415/1.html">Schuldenkrise</a> in Erscheinung. Auch in Osteuropa erblühte bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise eine Defizitkonjunktur. Westliche Banken haben sich mit insgesamt 1.500 Milliarden US-Dollar (ca. 1.150 Milliarden Euro) zwischen Baltikum und Schwarzmeer <a href="http://www.konicz.info/?p=562">engagiert</a>. Diese riesigen Kreditbeträge fungierten ebenfalls als eine Art Brennstoff, der den Konjunkturmotor in Osteuropa am Laufen hielt. Der Aufprall in der Rezession fiel bekanntlich in Osteuropa umso härter aus.</p>
<p>Griechenland ist bei Weitem nicht das erste Opfer dieser Krise der Staatsfinanzen. Schon bei Krisenausbruch mussten etliche Länder Osteuropas durch Interventionen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank vor dem Staatsbankrott bewahrt werden. Dabei ist die Tendenz erkennbar, dass sich der Krisenprozess von der Peripherie ins Zentrum des kapitalistischen Weltsystems frisst. Die Einschläge kommen sozusagen immer näher. Mit Griechenland steht erstmals ein Land der Eurozone am Abgrund.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 442px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_zusammensetzung-schulden.gif" alt="" width="432" height="341" /><p class="wp-caption-text">Diese Grafik gibt die Gesamtverschuldung etlicher Volkswirtschaften wieder. Die Verbindlichkeiten werden hier nach Sektoren aufgeschlüsselt und in Prozent des Bruttoinlandsprodukts angegeben. Quelle: http://www.mintme.com; Grafik: TP</p></div>
<p>Das Potenzial für eine weitere Eskalation der nun als Schuldenkrise sich manifestierenden Systemkrise des kapitalistischen Systems ist jedenfalls enorm. Wie aus der obigen Grafik ersichtlich wird, sind etliche Industrienationen mit mehr als 300% ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet. Auch wenn einige der Angaben in der obigen Grafik, vor allem in Bezug auf die USA, veraltet sind, visualisiert diese doch die ökonomische Funktion von Schuldenbildung sehr gut. Im Endeffekt ist es egal, ob der Staat, die private Wirtschaft oder die Konsumenten sich verschulden: Gemeinhin stimuliert diese kreditgenerierte Nachfrage die Konjunktur und führt zu weiterem Wirtschaftswachstum. Ob nun der amerikanische Staat neue Marschflugkörper ordert, in Spanien zur Spekulationszwecken neue Ferienhäuser gebaut oder in Osteuropa Konsumentenkredite vergeben werden: All diese Aktionen generieren Nachfrage und beleben die entsprechenden Industriezweige.</p>
<p>Die relativ gute globale Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahrzehnte wurde größtenteils durch diese Verschuldungsprozesse ermöglicht. Die Ausweitung dieser kreditfinanzierten Massennachfrage ging einher mit der Expansion des Finanzsektors in etlichen Industriestaaten. Diese Nachfrage wurde gerade vom Finanzsektor erst generiert, für den die Kreditvergabe die wichtigste &#8220;Ware&#8221; darstellt, die er feilbieten kann! Die Ausweitung der Verschuldung kommt für die Finanzinstitute einer Expansion ihrer Märkte gleich. Die wild wuchernden Finanzmärkte ließen somit nicht nur etliche Spekulationsblasen aufsteigen, sondern seit den achtziger Jahren vermittels exzessiver Kreditvergabe ihre eigenen Märkte expandieren. Nach den Ursachen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise befragt, benannte auch der Nobelpreisträger Paul Krugman die ausartende Kreditvergabe als den wichtigsten Faktor:</p>
<blockquote><p>Nun, ich wusste zwar, dass wir in Amerika gewaltige Probleme haben, etwa auf dem Immobilienmarkt mit seinen Billionen-Verlusten. Doch dann wurde klar, dass es sich um eine globale Kreditblase handelte, von den USA bis nach Europa. <a href="http://www.stern.de/wirtschaft/news/unternehmen/paul-krugman-deutschland-ist-ein-stolperstein-657986.html">Paul Krugman</a></p></blockquote>
<p>Im Zentrum dieses eigentlich seit Jahrzehnten betriebenen schuldenfinanzierten Perpetuum Mobile standen die Vereinigten Staaten. Aufgrund der Größe ihrer Volkswirtschaft spielt die exzessive Defizitkonjunktur in den USA global eine zentrale Rolle. Dort erreichte die Gesamtverschuldung im März 2008 mehr als 350% des Bruttosozialprodukts.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 492px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_weltweite-kreditmarktschulden.gif" alt="" width="482" height="357" /><p class="wp-caption-text">Weltweite Verschuldung der Vereinigten Staaten (Staat, Konsumenten, Privatwirtschaft) in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. Quelle: http://www.marketoracle.co.uk. Grafik: TP</p></div>
<p>Inzwischen ist auch diese Grafik überholt, da die Gesamtverschuldung der USA bei circa 390% des BIP liegen dürfte. Deutlich ist zu erkennen, wie die Schuldenaufnahme in den 80er Jahren rasch ansteigt und inzwischen sogar das Niveau der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre überschritten hat. Dies ist ein historisch einmaliges Verschuldungsniveau. Diese beispiellose Defizitkonjunktur in den Vereinigten Staaten fungierte als die wichtigste globale Konjunkturlokomotive der vergangenen Jahre. Ähnlich wie Griechenland oder Spanien bildeten die USA ein Handelsdefizit aus, das aber eine gigantische Dimension erreichte:</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 434px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_us-handelsbilanzdefizit.gif" alt="" width="424" height="230" /><p class="wp-caption-text">Grafik: wirtschaftquerschuss.blogspot.com</p></div>
<p>Auf dem Höhepunkt ihrer Defizitkonjunktur verzeichneten die Vereinigten Staaten ein Handelsdefizit von nahezu 900 Milliarden US-Dollar. Die USA glichen also einem schwarzen Loch der Weltwirtschaft, das durch sein Handelsdefizit einen Großteil der Überschussproduktion der Welt aufnahm und somit stabilisierend auf das gesamte kapitalistische Weltsystem wirkte. Bei diesen Dimensionen verblassen selbst die ökonomischen Ungleichgewichte zwischen Deutschland und den verschuldeten südlichen Ländern der Eurozone. Auf dem Grund dieser historisch beispiellosen Verschuldungsquote der Vereinigten Staaten &#8211; auf diesem &#8220;Ground Zero&#8221; der globalen Defizitkonjunktur &#8211; baut sich ein enormes globales Krisenpotential auf, wie unlängst auch der Krisenprophet Nouriel Roubini bemerkte:</p>
<blockquote><p>Heute machen sich die Märkte Sorgen um Griechenland, aber Griechenland ist nur die Spitze des Eisbergs, der Kanarienvogel in der Kohlemine, einer breiteren Palette an fiskalischen Problemen. …<br />
Schließlich werden auch die fiskalischen Probleme der USA in den Vordergrund rücken … Das Risiko, dass in den nächsten zwei oder drei Jahren in den USA etwas Ernstes passiert, ist erheblich. (<a href="http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:krisenprophet-roubini-sieht-usa-in-gefahr/50107547.html">Nouriel Roubini)</a></p></blockquote>
<h4>Verstaatlichung der Defizitkonjunktur</h4>
<p>Was passierte, als dieser schuldenfinanzierte Turmbau zu Babel auf den Finanzmärkten zusammenbrach? Sobald die Finanzmärkte nach der Pleite von Lehman Brothers in Schockstarre übergingen und global die Kreditvergabe einbrach, wandelte sich die Finanzkrise in eine Wirtschaftskrise.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 653px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_industrieproduktion-eurozone_gross.gif" alt="" width="643" height="586" /><p class="wp-caption-text">Grafik: wirtschaftquerschuss.blogspot.com</p></div>
<p>Die obige Grafik stellt den gewaltigen Einbruch der Industrieproduktion der Eurozone im Jahr 2009 dar, die im Jahresvergleich um bis zu 20% schrumpfte. Der Zusammenbruch des kreditfinanzierten Schneeballsystems ließ die Nachfrage einbrechen, die Industrieproduktion kollabierte und dies hatte folglich auch die ersten massenhaften Entlassungen von Arbeitskräften zur Folge – vor allem in Spanien, wo die Arbeitslosenquote inzwischen die 20% Hürde überschritten hat.</p>
<p>Die Reaktion der kapitalistischen Krisenpolitik auf diesen Einbruch bestand zumeist in einer Verstaatlichung dieser <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30119/1.html">Defizitkonjunktur</a>, indem die meisten Industriestaaten enorme Konjunkturpakete auflegten. Billionen Dollar und Euro wurden überdies in die &#8220;Stabilisierung der Finanzmärkte&#8221; gepumpt.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 291px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_verteilung-konjunkturpaket.gif" alt="" width="281" height="234" /><p class="wp-caption-text">Globale Verteilung der Aufwendungen bei Konjunkturprogrammen. Quelle: IfW. Grafik: TP</p></div>
<p>Die staatlichen Konjunkturprogramme erreichen auf globaler Ebene tatsächlich enorme Dimensionen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) beziffert den weltweiten Umfang der staatlichen Konjunkturhilfen auf rund drei Billionen US-Dollar. Dieser gigantische staatliche Nachfrageschub <a href="http://www.ifw-kiel.de/medien/pressemitteilungen/2009/pm1-04-09">entspricht</a> laut IfW ca. 4,7% des Welteinkommens. Es ist somit klar, dass hier im globalen Maßstab eine &#8220;Verstaatlichung&#8221; der vormals durch private Verschuldung betriebenen globalen Defizitkonjunktur stattgefunden hat.</p>
<p>Diese staatlichen Konjunkturprogramme können aber nicht in alle Ewigkeit fortgesetzt werden. Die 4,7% des Welteinkommens umfassenden Konjunkturpakete entsprechen auch einer staatlichen Verschuldung von 4,7% des Welteinkommens. Hinzu müssen noch die teilweise weitaus höheren Kosten zur Stabilisierung des Weltfinanzsystems addiert werden, die im Gefolge der Finanzkrise auf die Steuerzahler zukommen. Griechenland brach somit &#8211; aufgrund der oben ausgeführten Ursachen – schlicht als erster Staat der Eurozone unter dieser permanent zunehmenden Schuldenlast zusammen.</p>
<p>Immerhin müsste jetzt klar geworden sein, wieso die Weltwirtschaftskrise bisher den eingangs angesprochenen Formwandel durchmachte, also wieso der Krisenprozess zuerst als eine Finanzkrise auftrat, um danach in einen Wirtschaftseinbruch überzugehen, der schließlich von der gegenwärtigen Krise der Staatsfinanzen abgelöst wird: &#8220;Vater Staat&#8221; sprang mit seinen Konjunkturprogrammen schlicht in die Bresche, als die durch die Finanzmärkte organisierte Defizitkonjunktur zusammenbrach.</p>
<p>Diese Entwicklung lässt sich auch gut an der Explosion der Staatsverschuldung in den Vereinigten Staaten belegen, die den größten potentiellen Krisenfaktor für das gesamte kapitalistische Weltsystem darstellt:</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 642px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_us-staatsverschudung1.gif" alt="" width="632" height="578" /><p class="wp-caption-text">Grafik: wirtschaftquerschuss.blogspot.com</p></div>
<p><a href="http://wirtschaftquerschuss.blogspot.com/"></a></p>
<p>Angesichts dieser Verschuldungsdynamik stellt die griechische Schuldenkrise tatsächlich nur die &#8220;Spitze eines Eisberges&#8221; dar.</p>
<h4>Kapitalistische Selbstzerstörung</h4>
<p>Die Umrisse der globalen Handelsstruktur dürften sich nun abzeichnen, die tatsächlich von Defizitkreisläufen gekennzeichnet war. Exportorientierte Volkswirtschaften führen ihre Produktionsüberschüsse in sich immer weiter verschuldende Zielländer aus. Diese Defizitkreisläufe nahmen bis zum Krisenausbruch an Intensität zu – in den USA, Südeuropa, Großbritannien, Osteuropa und in Griechenland. Hierbei handelte es sich &#8211; vor allem im Fall der USA &#8211; um einen langfristigen, jahrzehntelangen Prozess. Wie dargelegt, funktionierten diese Defizitkreisläufe nur aufgrund einer stetig zunehmenden Verschuldung in den Ländern, welche die Überschüsse der exportorientierten Volkswirtschaften aufnahmen.</p>
<p>Die Preisfrage lautet nun: Wieso kann sich das kapitalistische Wirtschaftssystem ohne Verschuldung nicht mehr reproduzieren? Sobald die &#8211; private oder staatliche &#8211; schuldengenerierte Nachfrage wegbricht, setzt eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale ein, in der Überproduktion zu Massenentlassungen führt, die wiederum die Nachfrage senken und weitere Entlassungswellen nach sich ziehen. Der Kapitalismus scheint nur noch &#8220;auf Pump&#8221; zu funktionieren (ob nun die Schuldenmacherei staatlich oder privat betrieben wird, ist in dieser Hinsicht einerlei).</p>
<p>Wir müssen uns also fragen, wann diese Dynamik eigentlich an Fahrt aufnahm. Wie aus der Grafik Nr. 13 (Gesamtverschuldung USA in Relation zum BIP) ersichtlich wird, setzte dieser Prozess der Schuldenexplosion zeitgleich mit der Epoche des finanzmarktgetriebenen Neoliberalismus in den 80er Jahren ein.</p>
<p>Der Neoliberalismus selber konnte sich nur deswegen global durchsetzen, weil er einen scheinbaren Ausweg aus der fundamentalen Wirtschaftskrise – der sogenannten <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Stagflation">Stagflation</a> &#8211; in den 70er Jahren zu bieten schien. Mit zunehmender Inflation, rasch ansteigender Arbeitslosigkeit und sinkendem Wirtschaftswachstum endete in den frühen siebziger Jahren das <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29184/1.html">Goldene Zeitalter des Kapitalismus</a>, in dem seit Ende des Zweiten Weltkrieges in nahezu allen Industrienationen hohe Wachstumsraten und nahezu Vollbeschäftigung erreicht werden konnten.</p>
<p>Diese mit Inflation, zunehmender Arbeitslosigkeit und stagnierendem Wirtschaftswachstum einhergehende Krise der 70er Jahre hatte ihre Ursachen in der Erschöpfung der damals vorherrschenden Wirtschaftsstruktur, die auf massenhafter und hocheffizienter Anwendung von Arbeitskraft in der Industrie (<a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Scientific_management">Taylor-System</a>) und dem Fahrzeugbau als ökonomischem Leitsektor beruhte.</p>
<p>Zum einen erfuhren die neuen – größtenteils erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen &#8211; Märkte erstmals eine gewisse Sättigung, sodass die Konkurrenz zwischen den einzelnen Unternehmen sich verschärfte. Andererseits führte beständig zunehmende Automatisierung in der Produktion erstmals dazu, dass neue Produktionszweige nicht mehr die durch Rationalisierung überflüssig gewordenen Arbeitskräfte wieder aufnehmen konnten. Neben besagter Stagflation setzte folglich in den Siebzigern der kapitalistische Super-Gau ein, als die Profitrate massiv einbrach:</p>
<p><a href="Profitrate (Kapitalrentabilität) in den Vereinigten Staaten, 1929-2003. Grafik: http://www.glovesoff.org"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_rate-of-profit.gif" alt="" width="446" height="363" /></a><br />
<a href="http://www.glovesoff.org/features/gjamerica_1.html"></a></p>
<p>Eine ähnliche Entwicklung der Profitrate in dem verarbeitenden Gewerbe der USA ermittelt übrigens auch der amerikanische Ökonom <a href="http://books.google.de/books?id=MdzRuGutydYC&amp;printsec=frontcover&amp;source=gbs_slider_thumb#v=onepage&amp;q&amp;f=false">Robert Brenner</a>. Bekanntlich bildet nicht die Befriedigung von Bedürfnissen den letzten Zweck der kapitalistischen Wirtschaftsweise, sondern eine möglichst hohe &#8220;Verzinsung&#8221; des investierten Kapitals. Solange die im deutschen Sprachgebrauch gerne als Kapitalrentabilität bezeichnete Erwirtschaftung von Profiten auf einem hohen Niveau verbleibt, reproduziert sich das System auch bei zunehmender Verelendung oder steigender Massenarbeitslosigkeit stabil.</p>
<p>Erst aufgrund der in den USA fallenden Profitrate konnte sich der Neoliberalismus durchsetzen – und dies tat er, weil er schlicht das Problem durch eine Stagnation des Lohnniveaus löste:</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 456px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_indexes-of-output-and-real-wage.gif" alt="" width="446" height="327" /><p class="wp-caption-text">Inflationsbereinigtes Lohnniveau und Produktivität in den USA, 1890-2007. Grafik: http://www.rdwolff.com/</p></div>
<p>Seit den siebziger Jahren stagnieren die realen Löhne in den USA, was zu der Erholung der Profitrate ab den achtziger Jahren maßgeblich beitrug. In der obigen Grafik wird ersichtlich, wie das Lohnniveau in den 80ern von der stürmischen Entwicklung der Produktivität abgekoppelt wird. Für gewöhnlich würde dies ja bedeuten, dass hierdurch eine Überproduktionskrise ausgelöst würde: Die Arbeiter wurden zwar immer produktiver, aber zugleich haben sie nicht mehr Geld zur Verfügung, um die immer größer werdende Menge an Waren zu konsumieren, die sie selber produzieren. Trotz stagnierender Löhne, höherer Produktivität und erneut steigender Profitraten fand genau dies nicht statt. Des Rätsels Lösung findet sich in den Finanzmärkten und der schuldenfinanzierten Defizitkonjunktur, die sie befeuerten:</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 389px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_gesamtverschuldung-usa.gif" alt="" width="379" height="337" /><p class="wp-caption-text">Gesamtverschuldung (rot) und Bruttoinlandsprodukt (blau) der Vereinigten Staaten in Billionen US-Dollar. Grafik: wirtschaftquerschuss.blogspot.com</p></div>
<p>Es ist offensichtlich, dass zeitgleich mit der Entkopplung der Produktivität vom Lohnniveau auch eine Entkopplung des Schuldenniveaus von der Entwicklung des BIP in den USA stattfand. Die potentielle Überproduktionskrise, die aufgrund der steigenden Produktivität bei stagnierenden Löhnen eigentlich ausbrechen müsste, wurde einfach durch eine ausartende Verschuldung vertagt – bis 2007. Nach dieser langen Inkubationszeit gerät nun der jahrzehntelange Krisenprozess seit circa drei Jahren in ein manifestes Stadium. Je länger dieses globale schuldenfinanzierte Schneeballsystem aufrechterhalten wurde, desto stärker bildete sich die systemische, latente Überproduktionskrise<br />
aus.</p>
<p>Letztendlich ist der Kapitalismus schlicht zu produktiv für sich selbst geworden. Dieses System stößt an eine innere Schranke seiner Entwicklung. Die immer schneller um sich greifende Rationalisierung und Automatisierung führt dazu, dass immer mehr Waren in immer kürzerer Zeit durch immer weniger Arbeitskräfte hergestellt werden können. Neue Industriezweige wie die Mikroelektronik und die Informationstechnik beschleunigten diese Tendenz noch weiter. Diese neuen Technologien schufen weitaus weniger Arbeitsplätze, als durch deren gesamtwirtschaftliche Anwendung wegrationalisiert wurden.</p>
<p>Die kapitalistischen Volkswirtschaften entwickelten sich folglich in zwei verschiedene Richtungen, um dieser systemischen Überproduktionskrise zu begegnen: Sie verschuldeten sich, um die besagte Defizitkonjunktur auszubilden, wie Griechenland, Spanien oder die USA. Oder sie versuchen, die Widersprüche der spätkapitalistischen Produktionsweise zu &#8220;exportieren&#8221;, wie es Deutschland, China (gegenüber den USA), Südkorea oder Japan machen. Doch selbst der ehemalige &#8220;Exportweltmeister&#8221; Deutschland durchlebte erhebliche Deindustrialisierungsschübe. Bezeichnend ist auch die Tendenz zur ökonomischen Stagnation, die sich in den letzten Jahrzehnten in allen Industrieländern verfestigt hat, die keine Defizitkonjunktur ausgebildet haben.</p>
<div class="wp-caption alignnone" style="width: 389px"><img src="http://www.streifzuege.org/wp-content/data/konicz-100504_veraenderung-des-realen-bip.gif" alt="" width="379" height="354" /><p class="wp-caption-text">Entwicklung des deutschen BIP zwischen 1950 und 2004, inklusive der Durchschnittswerte pro Jahrzehnt. Quelle: Statistisches Bundesamt. Grafik: TP</p></div>
<p>Bezeichnenderweise scheinen alle Exportoffensiven der deutschen Industrie diese stagnative Entwicklung höchstens zu verlangsamen. Die Ausbildung eines gigantischen Finanzsektors und des korrespondierenden riesigen Schuldenbergs im globalen Maßstab könnte auch als eine Systemreaktion auf einen nicht mehr erfolgreich stattfindenden Strukturwandel in den führenden kapitalistischen Industrieländern aufgefasst werden. Schon immer gab es in der Geschichte des Kapitalismus einen Strukturwandel, bei dem alte Industrien verschwanden und neue hinzukamen, die wiederum Felder für Kapitalverwertung und Lohnarbeit eröffneten. Was passiert aber, wenn dieser Strukturwandel ins Stocken gerät? In dieser Hinsicht gleicht die heutige Krise durchaus der Krise von 1929:</p>
<blockquote><p>Wir haben die Produktion so erfolgreich vorangetrieben, sodass wir vor dem Problem stehen, wie die Güter, die wir produzieren, zu konsumieren sind. Wir sind genötigt, die Produktionsmaschinerie zu verlangsamen. Wir wagen nicht, ihre latenten Möglichkeiten zu entwickeln. Unsere Fortschritte im Export waren so groß, aber die Bedingungen der Welt setzten diesem Fortschritt ihrer Grenzen. (John Rascob; zit. nach: Winfried Wolf, &#8220;Sieben Krisen ein Crash&#8221;, S. 57)</p></blockquote>
<p>Diese Worte sprach der langjährige Vizechef von General Motors, John Rascob, im Jahre 1930. Bei allen Unterschieden in der Krisenpolitik zwischen den 30er Jahren und heute ist es gerade diese strukturelle Überproduktionskrise der warenproduzierenden Industrie, die letztendlich die Ursache beider Weltwirtschaftskrisen bildete und bildet. Damals zeichneten sich mit der Massenmotorisierung der Industrienationen bereits neue Industriezweige ab, die als Leitsektoren der Wirtschaft dienten.</p>
<p>Die totale (und totalitäre) Mobilisierung während des Gemetzels des Zweiten Weltkrieges führte gerade diese im &#8220;embryonalen Stadium&#8221; befindlichen Sektoren der Industrie zum Durchbruch. Das &#8220;Goldene Zeitalter&#8221; des Kapitalismus in den fünfziger und sechziger Jahren (in Deutschland als das &#8220;Wirtschaftswunder&#8221; bezeichnet) wurde auf den Leichenbergen des Zweiten Weltkrieges errichtet. Heutzutage hingegen führten alle neu entstandenen  Wirtschaftssektoren durch Rationalisierungsschübe gesamtwirtschaftlich zu immer weiterem Arbeitsplatzabbau in der Industrie.</p>
<p>Zusammenfassend lässt sich festhalten: die Krise ist nicht drei Jahre, sondern 40 Jahre alt. Die Ursachen der Krise sind nicht in den Finanzmärkten, sondern in der warenproduzierenden, realen Wirtschaft zu suchen. Die wild wuchernden Finanzmärkte haben nicht die warenproduzierende Industrie in den Abgrund gerissen, sondern diese bis zum Zusammenbruch der spekulativen Blasenbildung durch kreditfinanzierte Nachfrage überhaupt am Leben erhalten – so wie es nach Verstaatlichung dieser Defizitkonjunktur nun die Staaten tun.</p>
<p>Dem kapitalistischen System ist die – bewunderte wie gefürchtete – Dynamik eigen, seine Produktion beständig zu revolutionieren und mit permanenten Produktivitätsfortschritten sein eigenes ökonomisches Fundament zu untergraben. Es ist dieser objektive Krisenprozess der gesamten kapitalistischen Produktionsweise, der die Widersprüche zwischen einzelnen Gesellschaftsgruppen und Staaten zuspitzt und zur Eskalation treiben könnte. Da ist einerseits der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit: Die Unternehmen sind bemüht, die tendenziell fallende Profitrate durch Lohnkürzungen und Mehrarbeit der Lohnabhängigen zu sanieren – ein Paradebeispiel hierfür ist Hartz-IV.</p>
<p>Andererseits nehmen die Widersprüche zwischen Zentrum und Peripherie des kapitalistischen Weltsystems zu. Exportorientierte Staaten wie Deutschland bemühen sich, ihre Überschussproduktion in ökonomisch unterlegenen Staaten und Regionen abzusetzen, wodurch die Schuldenkrise Griechenlands wie auch der gesamten südlichen Peripherie der Eurozone (und weiter Teile Osteuropas!) maßgeblich ausgelöst wurde.</p>
<p>Zudem könnten militärisch potente Staaten versucht sein, ihren ökonomischen Abstieg mit militärischen Mitteln aufhalten zu wollen. Wie dieses Unterfangen nach Ausbruch der letzten Weltwirtschaftskrise von 1929 endete, ist hinlänglich bekannt. Die Suche nach handgreiflichen Sündenböcken hat nicht nur in Deutschland bereits begonnen.</p>
<hr /><em>Ich danke dem Blog <a href="http://wirtschaftquerschuss.blogspot.com/">wirtschaftquerschuss.blogspot.com</a>, dem Ökonomen Richard Wolff und der Hans Böckler Stifung für die Erlaubnis zur Verwendung ihrer Grafiken. </em></p>
<p>zuerst erschienen als Telepolis Artikel-URL: <a href="http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32551/1.html">http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32551/1.html</a></p>
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