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	<title>krisis &#187; »Kritik der traditionellen Linken«</title>
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	<description>Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft</description>
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		<title>Soziales Wirtschaften</title>
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		<comments>http://www.krisis.org/2009/soziales-wirtschaften#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 18 Nov 2009 22:43:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Julian Bierwirth]]></category>

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		<description><![CDATA[In der Linken wimmelt es von falschen und geschichtslosen Antworten auf die Krise
Phase2, Nr. 33, 2009
Julian Bierwirth
Seit dem Kriseneinbruch im Sp&#228;tsommer 2009 ist, so scheint es, die gestalterische Kraft der Politik zur&#252;ck. Die gro&#223;e Koalition aus SPD und CDU setzt ohne Z&#246;gern und in rasantem Tempo reformerische Ideen um, auf die innerhalb der politischen Landschaft [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>In der Linken wimmelt es von falschen und geschichtslosen Antworten auf die Krise</h3>
<p>Phase2, Nr. 33, 2009</p>
<p><em>Julian Bierwirth</em></p>
<p>Seit dem Kriseneinbruch im Sp&#228;tsommer 2009 ist, so scheint es, die gestalterische Kraft der Politik zur&#252;ck. Die gro&#223;e Koalition aus SPD und CDU setzt ohne Z&#246;gern und in rasantem Tempo reformerische Ideen um, auf die innerhalb der politischen Landschaft in Deutschland bis vor kurzem noch die Linkspartei ein Monopol hatte. Das Tempo und der Stil, in dem diese Reformen vor sich gehen, erinnern bisweilen an eine neue Variante der Notstandsgesetzgebung. Die Linkspartei, Attac und auch die Gr&#252;nen ficht das jedoch nicht an. Sie wollen, mit einer Formulierung von Elmar Altvater, den Kapitalismus »bis zur Unkenntlichkeit reformieren«.<br />
Die Kritik ist derweil auf den Hund gekommen.<span id="more-3941"></span> Die Linkspartei etwa fordert einen »Schutzschirm f&#252;r die Menschen«<sup><a name="f01" href="#t01">1</a></sup> und betont, die aktuelle Krise sei die Krise einer Wirtschaftsordnung, die allein f&#252;r den Profit und nicht f&#252;r den Bedarf produziert.« Attac fordert w&#228;hrenddessen auf der Aktionsseite »Das Casino schlie&#223;en«,<sup><a name="f02" href="#t02">2</a></sup> die Entmachtung der Banken, die Kontrolle der Finanzm&#228;rkte, das Schlie&#223;en der Steueroasen und dergleichen mehr. Beklagt wird eine »Politik radikaler Marktgl&#228;ubigkeit«. Auch nach Auffassung der Gr&#252;nen »ist etwas aus dem Lot geraten, wenn Wohlstand immer ungerechter verteilt wird und Geiz und Gier die M&#228;rkte dominieren.«<sup><a name="f03" href="#t03">3</a></sup><br />
Schuld daran sind »die oberen Zehntausend« (Linkspartei) bzw. die »Rahmenbedingungen f&#252;r die heutige globale Wirtschaftspolitik« (Attac), die in den »vergangenen Jahrzehnten von der Politik bewusst gestaltet worden«<sup><a name="f04" href="#t04">4</a></sup> sind. Damit soll jetzt jedoch Schluss sein. »Es ist Zeit f&#252;r echte Alternativen«, wie die Linkspartei schreibt. Die Gr&#252;nen sehen das ganz &#228;hnlich und fordern »einen gr&#252;nen neuen Gesellschaftsvertrag«.<br />
Was hier mit dem Flair des radikal Neuen daherkommt, ist jedoch nichts mehr als das altbackene Bekenntnis zu Markt, Staat und Kapital. Was hier mit »Systemkritik« verwechselt wird, hat mit einer Kritik des Kapitalismus reichlich wenig zu tun. Stattdessen soll der Hund, auf den die Kritik gekommen ist, nun an die Kette.</p>
<h4>Teufel und Beelzebub</h4>
<p>Geht es nach dem Willen von Attac, Linkspartei und Gr&#252;nen, dann soll im Grunde alles so weitergehen wie bislang. Dieses Faktum steht in erstaunlichem Kontrast zur Vehemenz, mit der die tief greifenden Auswirkungen der Krise geschildert werden. Von der heftigsten Wirtschaftskrise seit 1929 ist die Rede, von nie gesehenen Einbr&#252;chen bei Export und Wirtschaftswachstum – doch die Rezepte nehmen sich dagegen vergleichsweise zur&#252;ckhaltend aus. Geht es nach dem Willen der Linkspartei, so werden eine Million&#228;rssteuer, eine h&#246;here Besteuerung von Unternehmen, Erbschafts- und Verm&#246;genssteuer, ein staatliches Investitionsprogramm in H&#246;he von 100 Milliarden und andere Forderungen, wie wir sie bereits aus den Wahlprogrammen der letzten Jahrzehnte kennen, die Lage unter Kontrolle bringen. Bei den Gr&#252;nen sieht es nicht anders aus, und auch Attac macht kaum mehr, als alte Forderungen aufzuw&#228;rmen. Das Kapital soll – auch in seiner Form des Finanzkapitals – nicht abgeschafft, sondern eingehegt werden. Im Parteitagsbeschluss zum »Green New Deal« haben die Gr&#252;nen dies auf die eing&#228;ngige Formel »Bienen statt Heuschrecken« gebracht.<sup><a name="f05" href="#t05">5</a></sup><br />
Den Hintergrund dieser Forderungen bildet eine im medialen Mainstream weitgehend durchgesetzte Sicht auf die Hintergr&#252;nde der aktuellen Weltmarktkrise. Gem&#228;&#223; dieser Sichtweise hat die Politik seit den siebziger Jahren die institutionellen Rahmenbedingungen derart ver&#228;ndert, dass das Kapital statt in produktive Maschinen und Anlagen lieber in Finanzanlagen investiert habe. Diese ver&#228;nderte Schwerpunktsetzung habe dann ebenso die gestiegene Sockelarbeitslosigkeit wie auch die Abkopplung der Finanzm&#228;rkte von der Entwicklung der realen Produktion zur Folge gehabt.<br />
Diese Sichtweise verkehrt jedoch Ursache und Wirkung. Denn tats&#228;chlich gab es Mitte der siebziger Jahre in den gro&#223;en Industrienationen eine Halbierung der Unternehmensgewinne und gro&#223;e Mengen brachliegenden Kapitals, die sich nicht mehr lohnend in die von &#220;berkapazit&#228;ten gezeichneten Fabriken investieren lie&#223;en. Nachdem die Krise zun&#228;chst in den Achtzigern durch steigende Staatsausgaben &#252;berbr&#252;ckt werden konnte, kam es seit den Neunzigern verst&#228;rkt zu virtueller Kapitalvermehrung. Finanztitel unterschiedlichster Bauart wurden als Eigentumstitel gehandelt und haben so eine von der realen Produktion unabh&#228;ngige Preisentwicklung durchgemacht, auf die ein Gro&#223;teil des wirtschaftlichen Wachstums seit dieser Zeit zur&#252;ckgef&#252;hrt werden kann. Dar&#252;ber hinaus konnten die so erwirtschafteten Gewinne dann genutzt werden, um reale Waren zu konsumieren und so die Wirtschaft noch einmal anzutreiben.<br />
Die so entstandenen riesigen Mengen ungedeckten fiktiven Kapitals waren also weniger eine Belastung f&#252;r die Real&#246;konomie, sondern haben sich zu ihrem letzten Motor entwickelt. Eine selbsttragende &#246;konomische Perspektive nach dem Fordismus gab es nicht – weshalb diese Epoche zumeist lediglich in Abgrenzung zu diesem als Postfordismus bezeichnet wurde. Die vielen, oft inbr&#252;nstig vorgetragenen Anklagen gegen das b&#246;se Finanzkapital und die vermeintlich &#252;ber die flei&#223;ig arbeitenden Deutschen herfallenden Heuschrecken waren daher schon immer nicht nur mit antisemitischen Denkmustern eng verwandt, sondern auch schlicht und ergreifend falsch.</p>
<h4>Kategoriale Bestimmungen</h4>
<p>Doch auch bei dieser Feststellung ist Vorsicht angebracht. Denn selbstverst&#228;ndlich war es so, dass in den letzten Jahren und Jahrzehnten in gro&#223;em Stil Reichtum umverteilt wurde. Die Kluft zwischen Arm und Reich wurde gr&#246;&#223;er, ebenso wie der Anteil derer, die faktisch nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen k&#246;nnen. Und sicherlich waren es politische Entscheidungen, die dies erm&#246;glicht haben, die im Zweifelsfall auch anders h&#228;tten ausfallen k&#246;nnen. Es gibt keine &#246;konomische Notwendigkeit, dass im Rahmen von Steuerreformen Spitzensteuers&#228;tze st&#228;rker sinken m&#252;ssen als die Steuers&#228;tze der GeringverdienerInnen. Insofern gehen auch die Reformen der letzten 30 Jahre nicht in Systemzw&#228;ngen auf.<br />
Trotz allem l&#228;sst sich aber auch nicht verleugnen, dass der Kapitalismus partout nicht das machen will, was die Menschen von ihm wollen. Das liegt zun&#228;chst einmal daran, dass die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse hier nicht transparent gestaltet werden, sondern »hinter dem R&#252;cken der Produzenten«.<sup><a name="f06" href="#t06">6</a></sup> In warenproduzierenden Gesellschaften produzieren die Menschen nicht f&#252;r sich selber und kommunizieren auch nicht miteinander dar&#252;ber, was sie sich arbeitsteilig gegenseitig zur Verf&#252;gung stellen m&#246;chten. Sie produzieren vielmehr Dinge, damit diese dann von anderen Menschen konsumiert werden k&#246;nnen. Daf&#252;r bekommen sie Geld, und f&#252;r dieses Geld k&#246;nnen sie sich die Arbeitsprodukte anderer kaufen. Diese wurden ebenfalls von Menschen produziert, die sie keineswegs zum Zweck sinnvoller Nutzung hergestellt haben, sondern die sie lediglich als M&#246;glichkeit sehen, die von Anderen hergestellten Produkte zu erwerben.<br />
Die Menschen stehen sich dabei als getrennte PrivatproduzentInnen gegen&#252;ber, wobei privat nichts weiter bedeutet als »nur die eigene Person betreffend«<sup><a name="f07" href="#t07">7</a></sup>. Gleichzeitig produzieren sie aber f&#252;r die Gesellschaft, denn schlie&#223;lich wollen sie die Waren gar nicht selber konsumieren. Die Arbeit ist also gleichzeitig private Arbeit und gesellschaftliche Arbeit und daher auch von eben diesem Widerspruch gepr&#228;gt. Der Zugriff der Einzelnen auf den gesellschaftlichen Reichtum h&#228;ngt nun prim&#228;r davon ab, in welchem Ma&#223;e es ihnen gelingt, die verausgabte Arbeit (f&#252;r gew&#246;hnlich auf dem Markt) anerkennen zu lassen. Wird die Ware verkauft, ergibt sich daraus eine Konsumm&#246;glichkeit. Und andersherum: Die eigenen Konsumm&#246;glichkeiten sind abh&#228;ngig davon, ob die Waren auf dem Markt absetzbar sind. Und so sind es nicht mehr die Menschen, die ihre gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse machen, sondern die Waren respektive die Dinge. Ihr Verh&#228;ltnis untereinander reguliert den gesellschaftlichen Austausch, weshalb dieser Umstand oftmals auch als Verdinglichung bezeichnet wird.<br />
Diese widerspr&#252;chliche Konstitution geht mit einem grunds&#228;tzlichen Unterschied von betriebs- und volkswirtschaftlicher Logik einher. W&#228;hrend es f&#252;r die kapitalistische &#214;konomie als Ganze notwendig ist, immer mehr gesellschaftlich notwendige Arbeit in den kapitalistischen Gesamtprozess einzusaugen, funktioniert diese Logik f&#252;r die isolierten PrivatproduzentInnen oftmals andersherum: Hier kann der Ersatz von Arbeitskraft durch Maschinen die Voraussetzung f&#252;r eine effektivere und damit g&#252;nstigere Produktion sein. Wenn es den Betrieben m&#246;glich ist, mit einer Produktivit&#228;t oberhalb des gesellschaftlichen Durchschnitts zu produzieren, dann ergibt sich daraus f&#252;r sie die M&#246;glichkeit, einen Extraprofit auf sich zu ziehen. Gesamtgesellschaftlich hat dies jedoch (bei gleichbleibendem Aussto&#223;) zun&#228;chst einmal ein Sinken der vernutzten Arbeit – und damit ein Sinken des kapitalistischen Reichtums zur Folge. Solange dieser Trend durch eine Erweiterung der Produktpalette bzw. eine Ausdehnung der produzierten St&#252;ckzahlen ausgeglichen werden kann, kommt er nicht als Krisenmoment zur Geltung. Es steigt schlie&#223;lich die Menge kapitalistisch verwerteter Arbeit. Das allerdings gelingt – wie oben gezeigt – seit Mitte der siebziger Jahre nicht mehr wirklich. Seitdem kriselt es in der Wirtschaft – und es gelingt den gesellschaftlichen Eliten mehr schlecht als recht, dieses Kriseln zu kaschieren.</p>
<h4>Wirtschaft und Demokratie</h4>
<p>Den gesamtgesellschaftlichen Trends kann sich kein Unternehmen vollends entziehen. Sicherlich gibt es immer Nischen, Marktl&#252;cken, clevere Gesch&#228;ftsideen und dergleichen mehr. Aber letztlich bleibt jedes betriebswirtschaftliche Kalk&#252;l stets auf die Gesamtgesellschaft bezogen und steht daher auch in Abh&#228;ngigkeit zu ihr. Das weist auch alle &#220;berlegungen von Wirtschaftsdemokratie in enge Grenzen. Wirtschaftsdemokratie meint f&#252;r gew&#246;hnlich zweierlei: Zum einen sollen betriebliche Entscheidungsabl&#228;ufe demokratisiert werden, zum anderen soll eine Globalsteuerung der &#246;konomischen Prozesse erreicht werden.<br />
Im Heft 4 der linken Zeitschrift Lunapark 21<sup><a name="f08" href="#t08">8</a></sup> pr&#228;sentierte Beat Ringer wirtschaftsdemokratische &#220;berlegungen als eine »&#214;konomie des Irrtums« und versuchte anhand der Entwicklung in Bolivien das Nebeneinander von privat- und gemeinwirtschaftlicher &#214;konomie, von Profit- und Gemeinwohlorientierung und eine Transformation der &#214;konomie hin zu einem neuen Sozialismus zu skizzieren. Die Aufgabe, vor der &#246;konomische Transformationsprozesse st&#252;nden, so Ringer, sei es, die unbewusste und ungeplante &#214;konomie des Marktes in eine geplante zu verwandeln. Die &#246;konomischen Prozesse sollten unter die demokratisch ausgehandelten Bed&#252;rfnisse der Menschen untergeordnet werden, statt dass weiterhin die demokratischen Prozesse durch &#246;konomische Notwendigkeiten begrenzt w&#252;rden.<sup><a name="f09" href="#t09">9</a></sup><br />
Bei n&#228;herem Hinsehen wird offensichtlich, dass die von Ringer vorgeschlagenen Ma&#223;nahmen keinesfalls mit der herrschenden Wirtschaftsweise brechen und entsprechend kaum in der Lage sein d&#252;rften, dem Anspruch gerecht zu werden, »gesellschaftliche Strukturen und Prozesse zielgerichtet zu entwickeln.«<sup><a name="f10" href="#t10">10</a></sup> Denn wie in jeder anderen auf Geld und Ware beruhenden Gesellschaft w&#252;rden sich auch in diesem »neuen Sozialismus« deren Zwangsgesetze fr&#252;her oder sp&#228;ter Geltung verschaffen.</p>
<h4>Die M&#228;r von der rationalen Planung</h4>
<p>Bereits die realsozialistischen Planversuche in Osteuropa hatten mit diesen Widerspr&#252;chen zu k&#228;mpfen. Den ProtagonistInnen des Realsozialismus war es dabei durchaus gel&#228;ufig, dass es sich bei ihrer Gesellschaft um eine warenproduzierende handelt. Der Sozialismus galt ihnen als »das Gegenst&#252;ck zum Kapitalismus, nicht aber zur Warenproduktion schlechthin.«<sup><a name="111" href="#t11">11</a></sup> Und im Unterschied zur kapitalistischen Warenproduktion sollten deren Widerspr&#252;che nun »in das System der Beziehungen der planm&#228;&#223;ig organisierten Produktion eingeschlossen« werden und somit nur »eine untergeordnete Rolle« spielen.<sup><a name="f12" href="#t12">12</a></sup><br />
Dieser Versuch ist jedoch nicht nur historisch gescheitert, es lassen sich auch Gr&#252;nde angeben, die daf&#252;r nicht unwesentlich mitverantwortlich zeichnen.<sup><a name="f13" href="#t13">13</a></sup> Denn als warenproduzierende Gesellschaften zeichneten sich auch die realsozialistischen &#214;konomien durch den Widerspruch von gleichsam privater und gesellschaftlicher Produktion aus. Die sozialistischen B&#252;rokratien gaben zentrale Planvorgaben aus, die von den einzelnen Betrieben abgeleistet werden mussten. Gleichzeitig wurde die Abnahme der produzierten G&#252;ter garantiert. Wenn nun beispielsweise viel Arbeit in die Produkte floss, dann waren sie in diesem Sinne mehr »Wert«, da der Staat ihre Abnahme zugesichert hatte und die verausgabte Arbeit somit gesellschaftlich anerkannt wurde. Die jeweiligen Betriebe haben sich entsprechend dieser Ausgangslage dann mehr oder weniger rational zu der staatlichen Planungsinstanz als gesellschaftlicher Allgemeinheit verhalten. Sie versuchten, so viel gesellschaftlichen Reichtum auf sich zu ziehen, wie es nur irgendwie m&#246;glich erschien.<br />
Solange die Abnahme garantiert war, machte es durchaus Sinn, viel Arbeit f&#252;r die Produktion aufzuwenden. Wenn zus&#228;tzlich gebrauchswertorientierte Ma&#223;st&#228;be wie etwa Materialverbrauch angegeben wurden, dann konnte es sinnvoll sein, bei der Produktion m&#246;glichst viel Material aufzuwenden.<sup><a name="f14" href="#t14">14</a></sup> Die jeweilige Ausrichtung der betrieblichen Praxis war dabei an einem umfangreichen Kennziffernsystem orientiert. Zum einen wurde die verausgabte Arbeit gemessen. Um die Produktion nicht alleine durch ein sehr abstraktes Ma&#223; zu quantifizieren, wurden zus&#228;tzliche Erfolgswerte definiert. Das konnten ebenso monet&#228;re Kennziffern wie die Gewinnabf&#252;hrung, aber auch produzierte St&#252;ckzahlen oder Materialverbrauch sein.<sup><a name="f15" href="#t15">15</a></sup> Die zu erreichenden Werte wurden zun&#228;chst anhand der bekannten Betriebsdaten festgelegt. Bereits hier begann freilich ein ungewollter Wettbewerb, denn die Betriebe versuchten geradezu systematisch, die eigene Leistungsf&#228;higkeit vor den h&#246;heren Instanzen zu verschleiern. So versuchten sie das vielf&#228;ltige System aus Leistungsanreizen und Messzahlen so zu beeinflussen, dass es ihrem internen Betriebsablauf m&#246;glichst entgegenkam. Wurde beispielsweise im Wohnungsbau die bewegte Menge der verbrauchten Materialien pr&#228;miert, so wirkte sich das auf das Arbeitsergebnis aus, indem m&#246;glichst viel verbaut wurde. Waren sie nicht Teil der Leistung, so konnte es auch mal vorkommen, dass H&#228;user vollst&#228;ndig auf Schutt aufgebaut wurden und &#252;ber kurz oder lang einst&#252;rzten.<sup><a name="f16" href="#t16">16</a></sup> Oder, um ein anderes Beispiel zu bem&#252;hen: Wenn das Auto oder der Traktor erst einmal gebaut war, k&#252;mmerte sich niemand mehr um sp&#228;ter anfallende Reparaturen. Die waren nicht Teil der Planauflagen und deshalb auch nicht Teil des Kalk&#252;ls der Betriebsleitung. Das f&#252;hrte etwa in der Sowjetunion zu einer Situation, in der die Herstellungskosten der Fahrzeuge nur etwa 2 bis 4 Prozent der gesellschaftlichen Gesamtkosten ausmachten – der Rest durfte in Form von Reparaturen, Wartung etc. von den KonsumentInnen &#252;bernommen werden.<sup><a name="f17" href="#t17">17</a></sup><br />
All dies hei&#223;t nun selbstverst&#228;ndlich nicht, dass der Mensch an sich b&#246;se und gemein w&#228;re oder nicht in der Lage, sich solidarisch auf andere Menschen zu beziehen. Er wird dies lediglich dann nicht tun, wenn er sich innerhalb gesellschaftlicher Verh&#228;ltnisse bewegt, die ihn in einen institutionellen Antagonismus sowohl zu seinen Mitmenschen als auch zur gesellschaftlichen Allgemeinheit setzen. Solange die Menschen nicht f&#252;r sich oder aufgrund transparenter Aushandlungsprozesse auch f&#252;r andere produzieren, sondern stattdessen f&#252;r eine anonyme AbnehmerInnen-Gruppe unter Ber&#252;cksichtigung der jeweils verausgabten Arbeitszeit, ist ihre Produktion weder an den Bed&#252;rfnissen der NutzerInnen orientiert noch an der Nutzbarkeit der Dinge. Es braucht vielmehr zus&#228;tzliche Mechanismen, die garantieren, dass der Produktion von Unfug zumindest partiell Einhalt geboten wird.<br />
In marktvermittelten &#214;konomien ist der Markt ein solcher Mechanismus. Da die KonsumentInnen zumindest prinzipiell die M&#246;glichkeit haben, zwischen unterschiedlichen Produkten zu w&#228;hlen, lassen sich vollst&#228;ndig funktionsunt&#252;chtige Hightech-Ger&#228;te zumindest dauerhaft nicht absetzen. Im Realsozialismus war das keineswegs der Fall. Denn hier gab es die staatliche Abnahmegarantie. Und so wurde gem&#228;&#223; den Vorgaben der Planb&#252;rokratie munter drauflos produziert, auch wenn der Gebrauchswert im Zweifel gegen Null tendierte. Das Hauptziel war das Einsaugen von Ressourcen aller Art, um diese dann in m&#246;glichst umfangreiche Pr&#228;mien umwandeln zu k&#246;nnen.<sup><a name="f18" href="#t18">18</a></sup><br />
Trotz Ausschaltung der Marktfunktionen war es also nicht m&#246;glich, das Prinzip der Konkurrenz aus dem &#246;konomischen Betrieb herauszudr&#228;ngen. Sie trat hier lediglich in einer verqueren Form, n&#228;mlich der der negativen Konkurrenz, auf. Um das mit einem Beispiel zu illustrieren: Da im Zweifel damit gerechnet werden muss, dass die gelieferten Vorprodukte aufgrund der Abnahmegarantie nicht immer voll funktionst&#252;chtig waren, wurden zun&#228;chst auf Verdacht m&#246;glichst gro&#223;e Bedarfsmengen angegeben – und zwar von allen. Diese Praxis sorgte dann daf&#252;r, dass nicht nur alles stets knapp war, sondern die Betriebe zudem ihre Produktionsmengen mit dem Argument senken konnten, es fehle ihnen ja an Rohstoffen.<sup><a name="f19" href="#t19">19</a></sup><br />
Der Betrieb, der in dem Spiel mit offenen Karten spielte, bekam nicht nur weniger, er musste auch mehr leisten. Kurzum: Da der eigene Anteil am gesellschaftlichen Reichtum davon abhing, m&#246;glichst gro&#223;e Mengen bestimmter Plandaten im eigenen Betrieb zu verausgaben, wurde so eine &#214;konomie der Verschwendung in Gang gesetzt. M&#246;glichst viel Material, m&#246;glichst viel Arbeitskraft – Hauptsache, es z&#228;hlt.<sup><a name="f20" href="#t20">20</a></sup></p>
<h4>Commonismus und Peer-Production</h4>
<p>Jede Vergesellschaftung, die &#252;ber den Vergleich von Arbeitszeiten organisiert ist, muss sich diesem Problem stellen. Auch wenn im Zuge deutlicher werdender kapitalistischer Krisenmomente wieder Diskussionen um postkapitalistische Gesellschaftsmodelle in Mode zu kommen scheinen, so fehlt ihnen in aller Regel ein Bewusstsein f&#252;r die werttheoretischen Implikationen sowohl einer Kritik kapitalistischer Verh&#228;ltnisse als auch deren Folgen f&#252;r Vorstellungen von sozialer Befreiung. Im Folgenden soll diese Problemstellung kurz anhand des von Christian Siefkes vorgeschlagenen Modells der Peer-Economy diskutiert werden.<sup><a name="f21" href="#t21">21</a></sup>F&#252;r andere Ans&#228;tze wie etwa die Alternativen aus dem Rechner von den schottischen Wirtschaftswissenschaftlern Cockshott und Cottrell<sup><a name="f22" href="#t22">22</a></sup> gelten die aufgeworfenen Probleme jedoch analog.<br />
Ausgehend von den Ph&#228;nomenen der Freien Software und der Internetpiraterie versucht Siefkes die sich in diesen Bereichen als soziale Praxis etablierenden Kommunikations- und Interaktionsformen auch f&#252;r die nichtkapitalistische Produktion materieller G&#252;ter fruchtbar zu machen und entsprechend zu theoretisieren. Eine nach den Prinzipien der Peer-Economy organisierte Gesellschaft w&#228;re dezentral in unterschiedlichen Projekten mit lokalem oder auch globalem Bezug organisiert. Er geht dabei davon aus, dass innerhalb dieser Projekte eine grunds&#228;tzliche Koppelung von Geben und Nehmen beibehalten wird, dass also der Zugriff auf den produzierten Reichtum in der einen oder anderen Weise von den geleisteten Arbeitsmengen abh&#228;ngig bleiben soll. Unter Verweis auf die Robinsonade<sup><a name="f23" href="#t23">23</a></sup> im Fetischkapitel des Kapital und die marxschen &#220;berlegungen zum &#196;quivalententausch in der Kritik des Gothaer Programm gilt ihm dies als postkapitalistisches Prinzip und mit dem marxschen Werk im vollen Einklang.<sup><a name="f24" href="#t24">24</a></sup> Davon abgesehen, dass die hohe Autorit&#228;t von Marx als solche noch keine triftige Begr&#252;ndung darstellt, &#252;bersieht er dabei, in welchem argumentatorischen Kontext die marxschen Ausf&#252;hrungen stehen. Im Fetischkapitel etwa bringt Marx das Beispiel mit der Distribution der G&#252;ter anhand der zu ihrer Produktion aufgewendeten Arbeitszeit ausdr&#252;cklich »nur zur Parallele mit der Warenproduktion«<sup><a name="f25" href="#t25">25</a></sup>. Und in der Kritik des Gothaer Programm begr&#252;ndet Marx seine Annahme &#252;ber den Automatismus eines historischen Materialismus und eine damit verbundene klassische Revolutionstheorie, bei der die gesellschaftliche Macht auf einen Schlag vom Proletariat &#252;bernommen wird.<sup><a name="f26" href="#t26">26</a></sup> Diese Grundannahme bei&#223;t sich jedoch mit dem Anliegen des Konzeptes der Peer-Economy, das gerade darin besteht, kommunistische Organisierung bereits vor einer vermeintlichen Revolution zu erm&#246;glichen.<br />
Doch auch inhaltlich macht Siefkes Argument wenig Sinn. Sicherlich ist es richtig, dass im Rahmen einer Kopplung von Geben und Nehmen, bei der die Bed&#252;rfnisse und Arbeitsbelastungen bereits vor der Produktion gekl&#228;rt werden, die klassische Konkurrenz der Marktgesellschaften hinf&#228;llig wird. Doch durch die Aufrechterhaltung der Kopplung wird die Konsumtion der je Einzelnen weiterhin abh&#228;ngig bleiben von ihrer Produktion bzw. davon, wie viel dieser Arbeit gesellschaftlich anerkannt wird. Sie treten sich weiterhin als vereinzelte Einzelne gegen&#252;ber. Um am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben zu k&#246;nnen, m&#252;ssen sie ein bestimmtes Pensum an gewichteten Arbeitsstunden abliefern. Ihre individuell verausgabte Arbeit existiert auch hier zugleich als gesellschaftliche Arbeit. Entsprechend wird sich auch hier die bereits aus den realsozialistischen &#214;konomien bekannte Negative Konkurrenz etablieren.<br />
Daran &#228;ndert auch die Tatsache nichts, dass die ProduzentInnen in der einen oder anderen Weise auch KonsumentInnen sind.<sup><a name="f27" href="#t27">27</a></sup> Es ist gerade der bewusstlose Prozess, der sich hier gegen die Menschen mit ihren Bed&#252;rfnissen durchsetzt. Auch dieses Problem kennen wir aus dem Realsozialismus, in dem es ebenfalls keine Seltenheit war, dass »der an fehlerhaften oder vertragswidrig angelieferten Einzelteilen verzweifelnde Betriebsleiter kaltl&#228;chelnd selber Ausschussproduktion an den Mann bzw. an die Frau zu bringen versucht. Und somit alle und jeder einander gegenseitig und dadurch aufgrund ihres allseitigen gesellschaftlichen Vernetzungszusammenhangs letztendlich sich selber st&#228;ndig &#252;ber das ausgestreckte Bein stolpern lassen.«<sup><a name="f28" href="#t28">28</a></sup><br />
Dar&#252;ber hinaus stellt sich bei derartigen &#214;konomie-Modellen immer auch die Frage, welche T&#228;tigkeiten in den Zeitverteilungspool aufgenommen werden sollen und welche nicht – welche T&#228;tigkeiten also als Arbeit gesellschaftlich anerkannt werden und welche nicht. Denn diese Modelle und Vorstellungen m&#252;ssen strukturell von der &#214;konomie als einer aus dem gesellschaftlichen Leben herausgel&#246;sten Sph&#228;re ausgehen. Arbeit und Nicht-Arbeit, Produktion und Reproduktion, &#214;konomie und Kultur sollen als gesonderte Bereiche aufrechterhalten werden. Damit w&#252;rde jedoch auch die patriarchale Arbeitsteilung kapitalistischer Gesellschaften &#252;bernommen. Fielen beide Begriffe hingegen in eins, w&#228;re eine Bemessung von Arbeitszeiten nur um den Preis einer allumfassenden Unterwerfung aller T&#228;tigkeiten und Lebensregungen unter das zentrale Planregime m&#246;glich. Damit w&#228;re die befreite Gesellschaft eine, die von morgens bis abends unter dem Diktat von Berechnung und N&#252;tzlichkeit steht. Und das w&#228;re sicherlich auch nicht erstrebenswert.</p>
<h4>What&#8217;s left?</h4>
<p>Was also bleibt nach diesen Betrachtungen? Die kl&#228;glichen Versuche der parlamentarischen Restlinken, die Marktwirtschaft wieder flott zu kriegen, scheinen nicht sonderlich Erfolg versprechend. Und auch den zaghaften Bem&#252;hungen, zum Markt eine Alternative ins Rennen zu werfen, fehlt es derzeit noch an &#220;berzeugungskraft und inhaltlicher Stringenz. Nichtsdestotrotz werden hier die ersten Gehversuche einer Debatte unternommen, um die wir nicht herumkommen werden. Denn wenn wir tats&#228;chlich den Kapitalismus mitsamt seinen inhumanen Verwerfungen und ideologischen Borniertheiten hinter uns lassen wollen, dann werden wir um die Frage, was ein emanzipativer Postkapitalismus eigentlich w&#228;re und was er eben nicht ist, kaum herumkommen.</p>
<h4>Anmerkungen</h4>
<p><a name="t01" href="#f01"> 1</a> Beschluss des Parteivorstandes vom 14. M&#228;rz 2009. <a href="http://die-linke.de/fileadmin/download/parteivorstand/2008/beschluss_67-2008_schutzschirm_fuer_die_menschen.pdf">http://die-linke.de/fileadmin/download/parteivorstand/2008/beschluss_67-2008_schutzschirm_fuer_die_menschen.pdf</a></p>
<p><a name="t02" href="#f02"> 2</a> Zit. n. <a href="http://www.casino-schliessen.de/">http://www.casino-schliessen.de/</a>.</p>
<p><sup><a name="f03" href="#t03">3</a></sup> Wahlprogramm von B&#252;ndnis 90/Die Gr&#252;nen zur Bundestagswahl.<a href="http://www.gruene-partei.de/cms/files/dokbin/295/295495.wahlprogramm_komplett_209.pdf"> http://www.gruene-partei.de/cms/files/dokbin/295/295495.wahlprogramm_komplett_209.pdf</a></p>
<p><a name="t04" href="#f04"> 4</a> Zit. n. <a href="http://www.attac.de/aktuell/krisen/">http://www.attac.de/aktuell/krisen/</a>.</p>
<p><a name="t05" href="#f05"> 5</a> Zit. n. http://www.gruene.de/cms/partei/dokbin/207/2074Siebzig.aufbruch_zu_neuer_gerechtgkeit.pdf.</p>
<p><a name="t06" href="#f06"> 6</a> Karl Marx, Friedrich Engels, Marx-Engels-Werke 23, 59.</p>
<p><a name="t07" href="#f07"> 7</a> Zit. n. http://www.mydict.com/Wort/privatere; ob diese Person dabei eine nat&#252;rliche (also ein Mensch) oder eine juristische (also etwa ein Unternehmen) ist, spielt keine Rolle.</p>
<p><a name="t08" href="#f08"> 8</a> Lunapark 21 ist eine »Zeitschrift f&#252;r Politische &#214;konomie« unter Chefredakteur Winfried Wolf.</p>
<p><a name="t09" href="#f09"> 9</a> Beat Ringer: socialism revisited. In: Lunapark 21, 2009 H5, 40–49.</p>
<p><a name="t10" href="#f10">10</a> Ebd. 42.</p>
<p><a name="t11" href="#f11">11</a> Autorenkollektiv: Lehrbuch Politische &#214;konomie Sozialismus, Frankfurt a.M. 1972, 274.</p>
<p><a name="t12" href="#f12">12</a> Ebd., 259.</p>
<p><a name="t13" href="#f13">13</a> Im Folgenden wird lediglich auf im engeren Sinne &#246;konomische Gr&#252;nde eingegangen. Ideologische Ph&#228;nomene wie der historische Materialismus, der F&#252;hrerglaube und dergleichen mehr werden nicht ber&#252;cksichtigt. Vgl. hierzu einf&#252;hrend Bini Adamczak, Gestern Morgen. M&#252;nster 2007.</p>
<p><a name="t14" href="#f14">14</a> Johanna W. Stahlmann, <a href="http://www.krisis.org/1990/die-quadratur-des-kreises">Die Quadratur des Kreises</a>. Funktionsmechanismus und Zusammenbruch der sowjetischen Plan&#246;konomie. In: Krisis 8/9. Erlangen 1990, 47ff.</p>
<p><a name="t15" href="#f15">15</a> Zum &#220;berblick &#252;ber das Kennziffernsystem in der Sp&#228;tphase der DDR vgl.: Hannelore Hamel (Hrsg.), Bundesrepublik Deutschland – DDR. Die Wirtschaftssysteme. M&#252;nchen 1983.</p>
<p><a name="t16" href="#f16">16</a> Stahlmann, <a href="http://www.krisis.org/1990/die-quadratur-des-kreises">Quadratur</a>, 53.</p>
<p><a name="t17" href="#f17">17</a> Abel Aganbegja, &#214;konomie und Perestroika. Gorbatschows Wirtschaftsstrategien. Hamburg 1989, 56f.</p>
<p><a name="t18" href="#f18">18</a> Das hei&#223;t nun nicht, dass es nicht im Einzelfall durchaus hochwertige Produkte gegeben hat, die aus dem planwirtschaftlichen Produktionsaggregat ausgeworfen wurden.</p>
<p><a name="t19" href="#f19">19</a> Aganbegjan, Perestroika, 55f.</p>
<p><a name="t20" href="#f20">20</a> Zur negativen Konkurrenz vgl. Stahlmann, <a href="http://www.krisis.org/1990/die-quadratur-des-kreises">Quadratur</a> 1990, 58ff. Und: Ernst Lohoff, <a href="http://www.krisis.org/1996/der-dritte-weg-in-den-buergerkrieg">Der Dritte Weg in den B&#252;rgerkrieg</a>. Jugoslawien und das Ende der nachholenden Modernisierung. Bad Honnef 1996, 57ff.</p>
<p><a name="t21" href="#f21">21</a> Zur detaillierten Beschreibung des Peer-Economy-Modells vgl. Christian Siefkes, Beitragen statt tauschen. Materielle Produktion nach dem Modell Freier Software, Neu-Ulm 2008.</p>
<p><a name="t22" href="#f22">22</a> W. Paul Cockshott/Allin Cottrell, Alternativen aus dem Rechner. F&#252;r sozialistische Planung und direkte Demokratie. K&#246;ln 2006.</p>
<p><a name="t23" href="#f23">23</a> Als Robinsonade werden Geschichten oder wissenschaftliche Abhandlungen bezeichnet, die das Motiv der – zumeist unfreiwilligen – Isolation auf einer Insel bem&#252;ht.</p>
<p><a name="t24" href="#f24">24</a> Christian Siefkes, Ist Commonismus Kommunismus? Commonsbasierte Peer-Produktion und der kommunistische Anspruch. In: Prokla 155. Zeitschrift f&#252;r kritische Sozialwissenschaft. M&#252;nster 2009, 259f.</p>
<p><a name="t25" href="#f25">25</a> MEW 23, 93.</p>
<p><a name="t26" href="#f26">26</a> MEW 19, 20.</p>
<p><a name="t27" href="#f27">27</a> Siefkes, Commonismus, 263.</p>
<p><a name="t28" href="#f28">28</a> Robert Kurz, Kollaps der Modernisierung. Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Welt&#246;konomie. Frankfurt a.M. 1991, 102.</p>
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		<title>Ressentiment fressen Seele auf</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Oct 2009 20:52:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Der Mythos vom Kampf der Kulturen]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Lothar Galow-Bergemann]]></category>

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		<description><![CDATA[Okay, okay. Tief durchgeatmet und ein verst&#228;ndnisvolles L&#228;cheln aufgesetzt. Denn vielleicht hilft ja einf&#252;hlsame P&#228;dagogik. Ein offener Brief an einen aufrechten Antiimperialisten
Jungle World  Nr. 37, 10. September 2009
Lothar Galow-Bergemann
Mein Guter – bitte wundere Dich nicht &#252;ber diese Anrede, aber ich kenne Dich schon lange und wei&#223; deswegen, dass Du ja eigentlich nur das Gute [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Okay, okay. Tief durchgeatmet und ein verst&#228;ndnisvolles L&#228;cheln aufgesetzt. Denn vielleicht hilft ja einf&#252;hlsame P&#228;dagogik. Ein offener Brief an einen aufrechten Antiimperialisten</h3>
<p>Jungle World  Nr. 37, 10. September 2009</p>
<p><em>Lothar Galow-Bergemann</em></p>
<p>Mein Guter – bitte wundere Dich nicht &#252;ber diese Anrede, aber ich kenne Dich schon lange und wei&#223; deswegen, dass Du ja eigentlich nur das Gute willst. Au&#223;erdem mache ich mir ernste Sorgen um Dich, denn Du hast es im Moment wirklich nicht leicht. Fast k&#246;nntest Du mir sogar leidtun.</p>
<p>Denn das mit dem Iran ist aber auch so was von bescheuert. <span id="more-3805"></span>Wie konnte das nur passieren? Jetzt revoltieren die Menschen in der bedeutendsten Bastion des weltweiten Widerstandes gegen Imperialismus und Zionismus! Ausgerechnet dort! Welch diebische Freude haben Dir die Jungs in Teheran doch immer bereitet, wenn sie den Imperialismus mal wieder an der Nase herumgef&#252;hrt haben. Ihre etwas andere kulturelle Pr&#228;gung, etwa ihr vielleicht gew&#246;hnungsbed&#252;rftiges Verst&#228;ndnis von der Rolle der Frau, hat Dich nie gest&#246;rt, schlie&#223;lich bist Du kein Rassist. Und erst die sch&#246;nen Reden von Ahmadinejad, die man immer so ausf&#252;hrlich auf den Seiten des Friedensratschlags nachlesen kann – bei ihnen sind Dir doch die warmen Schauer nur so den R&#252;cken heruntergelaufen, wenn er es dem Imperialistenpack mal wieder so richtig gegeben hat. Die hinterh&#228;ltigen Zionisten, die ihn voller Heimt&#252;cke permanent falsch &#252;bersetzen und ihm absurderweise unterschieben, er wolle ihr verdammtes Gebilde ausradieren, konnten Dich selbstverst&#228;ndlich nie vom Glauben an seine Friedensbereitschaft abbringen. Denn Du, das bist Du Dir schlie&#223;lich schuldig, geh&#246;rst doch nicht zu denen, die auf die manipulierten Medien hereinfallen. Nat&#252;rlich hast Du auch nie vom Zionistengebilde ge­redet. Du wei&#223;t schlie&#223;lich, wie man das formulieren muss. Hierzulande, wo man ja aus bekannten Gr&#252;nden aufpassen muss, was man sagt. Und der ganze aufgebauschte K&#228;se mit den Atomwaffen, was soll’s, genau besehen ist es doch gar nicht so schlecht, hast Du immer bei Dir gedacht, hoffentlich ist Chávez auch bald so weit, das w&#228;re eine sch&#246;ne Schlappe f&#252;r den Imperialismus.</p>
<p>Und dann aus heiterem Himmel pl&#246;tzlich das! Seit Jahr und Tag tr&#228;umst Du von einer revolution&#228;ren Situation. Du wei&#223;t nat&#252;rlich, dass dann die da unten nicht mehr so weitermachen wollen und die da oben nicht mehr so weitermachen k&#246;nnen wie bisher. Schlie&#223;lich hast Du Deinen Lenin gelesen. Ich verschone Dich jetzt mal f&#252;r einen Moment mit meiner N&#246;rgelei an Deinen hei&#223;geliebten V&#246;lkern und lass mich ganz auf das Gute ein, das in Deiner Seele waltet. Du siehst doch, wie das Volk im Iran gegen seine Unterdr&#252;cker aufsteht, Du h&#246;rst doch, wie es nach Freiheit ruft. Dr&#228;ngt da nicht irgendwas in Dir mit Macht an seine Seite? Mal ehrlich und unter uns: Spr&#228;che nicht alles daf&#252;r, dass Du Dich endlich mal wieder so richtig der revolution&#228;ren Begeisterung hingibst?</p>
<p>Doch es ist wie verhext. Sie will sich partout nicht einstellen. Warum nur? Es gibt nur eine Erkl&#228;rung daf&#252;r: dieses unangenehme Gef&#252;hl in Deiner Magengrube, das Dir immer wieder zuraunt: »Achtung. Dies ist das falsche Volk. Schlie&#223;lich rebelliert es doch gegen die Richtigen.« Denn dass die Regierung in Teheran irgendwie ziemlich richtig liegt, das war Dir doch immer klar. Du denkst geopolitisch. Deswegen rechnest Du nach, um wie viel gr&#246;&#223;er die Einflusssph&#228;re der Yankees und Zionisten wohl w&#228;re, w&#228;ren da nicht die widerst&#228;ndigen Iraner. Denn diese beiden, also bitte, das ist ja nun wirklich das kleine Einmaleins eines jeden aufrechten Friedensfreundes und Revolution&#228;rs, diese beiden sind ja wohl unbestreitbar der Gipfel des &#220;bels auf der Welt, die wahre Achse des B&#246;sen, wenn man so will. Die Jungs in Teheran sprechen ja nicht ganz zu Unrecht vom gro&#223;en und vom kleinen Satan.</p>
<p>Mein Guter, vielleicht &#252;berrascht es Dich, aber ich unterstelle Dir jetzt einfach mal, dass Du einer von der feinf&#252;hligeren Sorte bist und Dich, wenn Du an die iranischen Regimegegner denkst, nicht so recht daf&#252;r begeistern kannst, »dass Ahmadinejads Leute den einen oder andern in einen Darkroom bef&#246;rdert haben«. Tja, denkst Du Dir, das mit den Foltergef&#228;ngnissen und dem Abknallen von Demonstranten ist halt doch nicht ganz das Wahre. Aber sofort meldet sich Deine Magengrube: Was wei&#223; man denn &#252;berhaupt wirklich dar&#252;ber? Wie viel hat denn da die CIA blo&#223; wieder erfunden? Und &#252;berhaupt: Muss man das nicht im Interesse der Sache in Kauf nehmen? K&#246;nntest Du das Siegesgeheul der Imperialisten ertragen, wenn die Konterrevolution&#228;re gew&#246;nnen? Nicht auszudenken!<br />
Wei&#223;t Du eigentlich, dass Deine iranischen Genossen vor 30 Jahren genauso gedacht haben, damals, als sie geholfen haben, Khomeini an die Macht zu bringen? Und dass sie daf&#252;r nach wenigen Monaten mit dem Leben bezahlt haben? Oder willst Du es blo&#223; nicht wissen? Sp&#252;rst Du immer noch so viel N&#228;he zu den Teheraner K&#228;mpfern gegen Imperialismus und Zionismus, dass Du noch nicht einmal das an Dich heranlassen kannst? Ist Dein antiamerikanisches und antizionistisches Ressentiment so gro&#223;, dass du nicht merkst, wie Du auch noch das letzte Qu&#228;ntchen Freiheitsanspruch aufgibst, wenn Du Dich mit denen weiter einl&#228;sst? Pass auf, mein Lieber, Ressentiment fressen Seele auf.</p>
<p>Da ist er wieder, dieser verdammte Magenkrampf, der sich in letzter Zeit immer &#246;fter bei Dir meldet. Also erst mal schnell die Droge einwerfen: »Alles nur ein schmutziges Machwerk des Imperialismus und seiner durchtriebenen Strippenzieher und R&#228;nkeschmiede!« Ah, sp&#252;rst du schon, wie es nachl&#228;sst, wie sich alles wieder entkrampft. Diese wohltuende Wirkung. Jetzt kannst Du Dich wieder zur&#252;cklehnen, Dein Weltbild ist wieder im Lot.</p>
<p>F&#252;r den Moment jedenfalls. Denn gleich darauf trifft Dich der Schlag: Jetzt geht der Zirkus doch wahrhaftig sogar schon in der Jungen Welt los. Da streiten sie sich auch schon &#252;ber diese Sache im Iran. Sollte denn der Mossad seine Leute sogar in Deinem Leib- und Magenblatt platzieren? Andererseits, gib’s zu: In irgendeiner abgeschirmten Ecke Deines Herzens hattest Du schon immer ein bl&#246;des Gef&#252;hl, wenn der geniale F&#252;hrer der Sozialistischen Einheitspartei in Caracas mal wieder so schamlos dem Holocaust-Leugner von Teheran in den Armen lag. K&#246;nnten die das nicht ein wenig unauff&#228;lliger machen?</p>
<p>Na, merkst Du schon, wie der imperialistische Agent in Dir zu rumoren beginnt? Verdammt, die CIA ist wirklich &#252;berall. Dabei war Dir doch bis jetzt alles so klar in Deiner Welt. Betr&#252;ger, Strippenzieher, Heuschrecken und Kriegstreiber beherrschten sie und Dich. Ob sie die V&#246;lker knechteten – ganz besonders das pal&#228;stinensische nat&#252;rlich – oder ob sie Dir die Arbeit wegnahmen und die Sozialhilfe k&#252;rzten, allein ihre Profitgier war an allem schuld. Und wie gut Deine Welt doch erst eingerichtet gewesen w&#228;re, h&#228;tten deinesgleichen nur endlich ans Ruder gedurft.</p>
<p>Ich f&#252;rchte, mein Guter, Du wirst Dich irgendwann auch noch mit Kapitalismus befassen m&#252;ssen. Das ist die Produktionsweise, die zwar Riesenprobleme schafft, aber wenigstens keine personale Herrschaft mehr braucht, keinen W&#228;chterrat und keine Sittenpolizei, die aufpasst, dass der Schleier richtig sitzt, keinen lebensl&#228;nglichen Caudillo oder &#228;hnliches. Aber dazu will ich Dir ein andermal schreiben. F&#252;r heute will ich Dir nur noch das sagen: Die gute Linke, die automatisch auf der richtigen Seite steht, weil sie schlie&#223;lich allen andern haushoch moralisch &#252;berlegen ist – die gibt es nicht. Was sich seit geraumer Zeit herausbildet, riecht nach etwas anderem. Nach einer kackbraun-blutrot-giftgr&#252;nen Einheitsfront aus Nazis, Antiimps und Islamisten n&#228;mlich, die ihr kollektivistisches Ressentiment unter der Fahne des Kampfes gegen Spekulanten, USA und Israel ausagiert. M&#246;chtest Du dazugeh&#246;ren? Einige deiner Freunde wollen das.</p>
<p>Kann man denen nat&#252;rlich nachmachen. Muss man aber nicht. Denn da gibt es erfreulicherweise noch etwas anderes. Eine emanzipatorische Str&#246;mung n&#228;mlich, deren Markenzeichen die Kritik an fetischistischer Vergesellschaftung ist (das sind Zust&#228;nde, ihn denen sich die Menschen von ihren eigenen Hirngespinsten beherrschen lassen, verstehst Du?). Sie hat keine Fahne, aber wenn sie eine h&#228;tte, w&#228;re es die der freien As­soziation der Individuen. Auch entsteht sie auf verschlungenen Pfaden und unter Geburtswehen, bringt mitunter – wie jede Befreiungsbewegung – sogar Karikaturen ihrer selbst hervor und ist sich &#252;ber ihre Konturen oft selbst noch nicht im Klaren. Aber schau, Du singst doch ab und zu das hier (oder brummst es wenigstens mit): »Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern, er will unter sich keinen Sklaven sehn und &#252;ber sich keinen Herrn.« Glaub mir, wenn Du es damit wirklich ernst meinst, wirst Du Dich fr&#252;her oder sp&#228;ter dieser Str&#246;mung zurechnen. Tja, mein lieber Noch-Antiimp, auch Du wirst Dich entscheiden m&#252;ssen. Wie sagte doch einst Dein Lenin: »Ein Mittelding gibt es hier nicht.«</p>
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		<title>Mit Muskelarbeit gegen die Gier</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Apr 2009 16:13:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Tagesgeschehen]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>
		<category><![CDATA[Lothar Galow-Bergemann]]></category>

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		<description><![CDATA[Der DGB veranstaltet einen Kapitalismuskongress und ruft zu einer Gro&#223;demonstration auf. Doch auch in der Krise tr&#228;umen die Gewerkschaften weiterhin vom „Markt f&#252;r die Menschen“.
jungle world 18/2009
Lothar Galow-Bergemann
In der Marktwirtschaft gilt das eherne Gesetz des &#196;quivalententausches: Was gibst du mir, was gebe ich dir? Die Waren werden zu einem bestimmten Wert getauscht. Schon Karl Marx [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Der DGB veranstaltet einen Kapitalismuskongress und ruft zu einer Gro&#223;demonstration auf. Doch auch in der Krise tr&#228;umen die Gewerkschaften weiterhin vom „Markt f&#252;r die Menschen“.</h3>
<p>jungle world 18/2009</p>
<p><em>Lothar Galow-Bergemann</em></p>
<p>In der Marktwirtschaft gilt das eherne Gesetz des &#196;quivalententausches: Was gibst du mir, was gebe ich dir? Die Waren werden zu einem bestimmten Wert getauscht. Schon Karl Marx hatte seine liebe Not damit, diesen Sachverhalt Leuten klarzumachen, die zutiefst davon &#252;berzeugt waren, der Kapitalismus beruhe auf Betrug. <span id="more-3554"></span>Wenn in Zeiten der mikroelektronischen Ausweitung der Produktivkraft immer gr&#246;&#223;ere Warenberge immer weniger Arbeit erfordern und folglich den auf Lohneink&#252;nfte Angewiesenen die L&#246;hne fl&#246;ten gehen, ohne dass eine Alternative zum Lohnsystem in Sicht w&#228;re, so l&#228;sst sich zwar mit Fug und Recht von beschissenen Zust&#228;nden reden. Aber Beschiss ist deswegen noch lange nicht im Spiel, handelt es sich doch um einen in der kapitalistischen Logik durchaus gerechten &#196;quivalententausch: Denn – so will es nun mal der Markt – wer nichts Brauchbares zu bieten hat, darf er auch nicht erwarten, etwas zu bekommen. Der gemeine oder von seinem Gef&#252;hl gesteuerte Antikapitalist hingegen glaubt innig daran, man k&#246;nne den »betr&#252;gerischen Kapitalismus« in eine »menschliche Marktwirtschaft« verzaubern, ginge es nur endlich »gerecht« zu.</p>
<p><strong>Auch der DGB-Vorsitzende Michael Sommer h&#228;ngt diesem Irrglauben an.</strong> »Der Markt ist f&#252;r die Menschen da«, &#252;berschrieb er j&#252;ngst einen Gastkommentar in der Financial Times Deutschland und warb dort auch gleich um »neue Werte f&#252;r unternehmerisches Handeln« und daf&#252;r, »dass nachhaltiges, Besch&#228;ftigung schaffendes und &#246;kologisches Wirtschaften kurzfristige Renditeerwartungen ersetzt«. Daf&#252;r m&#252;sse »ein starker Staat« sorgen. Wer solche Ausf&#252;hrungen guthei&#223;t, wird den »Kapitalismuskongress«, den der DGB f&#252;r Mitte Mai angek&#252;ndigt hat, sicher kaum noch erwarten k&#246;nnen. Ein Blick in das Programm best&#228;tigt jedenfalls alle Bef&#252;rchtungen. Um »Verantwortung statt Gier« und »Investition statt Spekulation« soll es dort gehen. Das l&#228;sst Analysen erwarten, die denen von Sommer an Tiefgr&#252;ndigkeit durchaus in nichts nachstehen d&#252;rften.</p>
<p>Mancher war trotzdem &#252;berrascht, als Sommer in der vergangenen Woche mit der Warnung vor »sozialen Unruhen« Schlagzeilen machte. Dabei waren die vermeintlich aufm&#252;pfigen Worte des DGB-Vorsitzenden nicht neu. Bereits Ende M&#228;rz hatte er in der Wirtschaftswoche gewarnt: »Das soziale Klima kann sich sehr schnell drehen. (…) Die Gewerkschaften k&#246;nnen auch anders.« Indes besteht kein Grund, Sommers Worte als »Aufstachelung zum Klassenkampf« zu interpretieren. Der bekennende Anh&#228;nger der Marktwirtschaft sorgt sich wohl eher, die Stimmung an der Basis k&#246;nne irgendwann der Kontrolle entgleiten. Und die hektischen Reaktionen aus Politik und Medien, in denen jeden Tag aufs Neue betont wird, wie absurd Sommers Prognose sei, machen auch den D&#252;mmsten darauf aufmerksam, dass der DGB-Vorsitzende mit dieser Sorge keineswegs allein steht.</p>
<p>Doch es handelt sich eher um pr&#228;ventive &#220;berlegungen. Selbst wenn die Gewerkschaften wirklich anders wollten – wof&#252;r es herzlich wenig Anzeichen gibt – bliebe fraglich, ob sie es denn &#252;berhaupt k&#246;nnten. Bisher jedenfalls verhalten sich die deutschen Lohnempf&#228;ngerinnen und Lohnempf&#228;nger wie gewohnt und machen es ihrer F&#252;hrung leicht. Ob Gewerkschaftsmitglied oder nicht, an der Basis ist es ruhig, die herrschende Krisenbew&#228;ltigungsstrategie hei&#223;t: wegducken und ignorieren.</p>
<p><strong>Diese Erfahrung mussten auch diejenigen Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter machen</strong>, die Ende M&#228;rz zu zwei Demonstrationen in Berlin und Frankfurt am Main aufgerufen hatten. Zieht man von den etwa 55000 Teilnehmern (andere Sch&#228;tzungen lagen teils deutlich unter dieser Zahl) alle ab, die von Attac bis zur Interventionistischen Linken dabei waren, so k&#246;nnen die Demonstrationen kaum als Zeichen eines verbreiteten Kampfeswillens gedeutet werden. Sollte dieser jedoch wirklich einmal erwachen, muss er keineswegs zu begr&#252;&#223;en sein. Zwar waren auf den Demonstrationen mit der platten Losung »Wir zahlen nicht f&#252;r eure Krise« durchaus auch Stimmen zu vernehmen, die darauf verwiesen, dass weder gierige Manager noch die USA schuld an der Krise seien, sondern vielmehr die Marktwirtschaft selbst die Ursache sei. Aber in vielen laut beklatschten Reden wimmelte es von Heuschrecken, Ackerm&#228;nnern, Zumwinkels, Zetsches und Schaefflers, die als »T&#228;ter«, »Umverteilungsw&#246;lfe« und »Brandstifter« ausgemacht wurden.</p>
<p>»Die Profiteure sollen zahlen«, lautet eine beliebte Parole, die auch am 16.Mai zu h&#246;ren sein wird, wenn der DGB im Rahmen eines europ&#228;ischen Aktionstags zu einer bundesweiten Demonstration in Berlin l&#228;dt. Zwar liegt auf der Hand, dass man die gigantischen Summen, die die Krisenverwalter aufbringen, selbst mit s&#228;mtlichen Managerboni der Welt nicht ann&#228;hernd bezahlen kann. Aber auch in den Gewerkschaften sitzt der Glaube tief, dass sich die Krise des Kapitalismus mit den Mitteln des Kapitalismus l&#246;sen l&#228;sst.<br />
Ein anderer Glaubenssatz lautet, das Leben m&#252;sse und k&#246;nne »nach der Krise« so weitergehen wie bisher. Niemand kommt auf den Gedanken, man k&#246;nne sich vielleicht sogar ein besseres Leben machen. Losungen wie »Nie wieder Vollzeit arbeiten« oder »Sch&#246;n, dass weniger Autos produziert werden« sucht man bisher jedenfalls vergeblich. Und nicht auszuschlie&#223;en ist das Aufkommen eines Volkszorns, dessen Protagonisten nicht etwa das gute Leben f&#252;r alle verlangen, sondern mit Schaum vor dem Mund einfordern, dass »die da oben« ebenfalls den G&#252;rtel enger schnallen sollen. Dabei w&#228;re es gerade derzeit bitter n&#246;tig, f&#252;r umfassende Arbeitszeitverk&#252;rzungen, gegen die Rente mit 67 und f&#252;r Mindestl&#246;hne zu k&#228;mpfen.</p>
<p><strong>Doch es tut sich hin und wieder auch Ermutigendes in den Gewerkschaften.</strong> Exemplarisch daf&#252;r ist der Streit um das urspr&#252;nglich von Sommer und anderen Funktion&#228;ren zur »optionalen Verwendung« empfohlene Plakat zum 1. Mai: Auf diesem wurde dazu aufgefordert, »1a deutsche Muskelarbeit« gegen einen billigen »EU-Sonderpreis« zu verteidigen. Nach Protesten aus verschiedenen Gewerkschaftsgliederungen musste das Plakat zur&#252;ckgezogen werden. Dass es anders geht, zeigt die Verdi-Jugend: Ihr Flugblatt mit dem Titel »Zur Lage des Systems« kommt tats&#228;chlich nicht nur ohne Personalisierungen und »Heuschrecken« aus. Denjenigen, die »Schuldige« suchen, wird sogar bescheinigt, auf »dem Holzweg« zu sein. Und anders als Sommer halten die Autoren »die Zeit f&#252;r eine andere Gesellschaft« als die kapitalistische f&#252;r reif.</p>
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		<title>A CAPITULAÇÃO PERANTE O CAPITALISMO</title>
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		<pubDate>Fri, 20 Feb 2009 12:57:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Achim</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Trenkle]]></category>
		<category><![CDATA[Português]]></category>

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Deutsche Version &#8211; Versión española
Norbert Trenkle
O marxismo tradicional evita como nenhum outro assunto a reflexão acerca dos limites históricos do sistema produtor de mercadorias da modernidade. É como se refletisse a sua própria derrota na convicção de que o capitalismo desfrute de uma “vida eterna”, de que é infinitamente flexível e, por isso, fundamentalmente em [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg04.met.vgwort.de/na/6307768a0bf04ea48d8f152c5a3a05a7" alt="" width="1" height="1" /></span></p>
<h4><a href="http://www.krisis.org/2000/kapitulation-vorm-kapitalismus">Deutsche Version</a> &#8211; <a href="http://www.krisis.org/2000/kapitulation-vorm-kapitalismus"></a><a href="http://www.krisis.org/2000/capitulacion-ante-el-capitalismo">Versión española</a></h4>
<p><em>Norbert Trenkle</em><span id="more-3120"></span></p>
<p>O marxismo tradicional evita como nenhum outro assunto a reflexão acerca dos limites históricos do sistema produtor de mercadorias da modernidade. É como se refletisse a sua própria derrota na convicção de que o capitalismo desfrute de uma “vida eterna”, de que é infinitamente flexível e, por isso, fundamentalmente em condições de superar toda crise e de tornar não daninha toda oposição, mediante sua integração. É digno de nota que essa convicção unifica as posições mais conflitantes no interior de todo o espectro do marxismo tradicional, e, por isso, a resistência ao diagnóstico do colapso do sistema forma também um denominador comum da crítica às publicações do Grupo Krisis. Num acordo inusitado, recusam as teses da Krisis – que com suas análises expõe a fauna mais anacrônica do que restou do antigo marxismo<sup><a name="sdfootnote1anc" href="#sdfootnote1sym"><sup>1</sup></a></sup>.</p>
<p>Pode soar como algo surpreendente, mas na teoria do movimento operário, o diagnóstico de Marx sobre os limites absolutos do capital não desempenham praticamente nenhum papel relevante. Os únicos intentos sérios de abordagem do tema, a saber, os de Rosa Luxemburg e Henryk Grossmann, permaneceram teoricamente isolados e sem qualquer relação com orientações práticas; também não se trata de uma mera coincidência, já que simplesmente tal reflexão não era compatível com o teor iluminista do marxismo, com seu inabalável otimismo no progresso. Se a história é compreendida como uma sucessão de etapas ascendentes da evolução humana, desde a sociedade primitiva até o reino comunista da felicidade terrestre, então simplesmente não se pode pensar em algo como um limite desastroso da forma de produção capitalista. Portanto, o socialismo e o comunismo devem aceitar a herança positiva da sociedade burguesa e continuar sua “missão civilizatória”, levando adiante o “curso da história”.</p>
<p>Do ponto de vista da burguesia do final do século XIX, essa esperança religiosa parecia soar como um “prognóstico de colapso”, porque colocava em dúvida, ao menos ideologicamente, a estrutura do poder dominante. Essa forma de ver as coisas &#8211; típica do movimento operário – acentuou-se ainda mais através de um vocabulário escatológico, que expressava somente a fé quase religiosa na inevitável vitória final do proletariado, supostamente respaldada nas “leis objetivas da história” (Lenin, por exemplo). Mesmo que, na referida perspectiva, se dissesse que o modo de produção capitalista estava chegando aos seus limites, com isso se queria dizer unicamente que ele estava tornando-se “infiel a sua vocação histórica”. Tal “vocação”, que consiste supostamente no “desenvolvimento desmedido da produtividade do trabalho humano”, demonstraria “que o capitalismo está se tornando caduco e cada vez mais inútil”, como escreveu o velho Engels em uma nota ao terceiro volume de O Capital (MEW 25, p. 272 e ss.). Aqui, claramente não se está prognosticando um fim catastrófico, mas uma ideologia legitimatória de como uma revolução proletária só poderia ocorrer no momento em que o modo de produção capitalista estivesse “objetivamente maduro”. É surpreendente que o movimento operário, ainda em formação, se acomodasse à herança do Iluminismo e se apropriasse avidamente dessa visão de mundo já banalizada, desenvolvendo-a em seu interesse próprio.</p>
<p>Não tardou para que as análises econômicas do marxismo desempenhassem funções que eram, em primeiro lugar, de mera legitimação. Se tivessem justificado as aspirações operárias de uma conquista rápida do poder, então teriam que explicar o porquê de não ter ocorrido nenhuma “revolução mundial”. A chave para esse problema é a teoria do imperialismo elaborada por Lenin. Com ela, colocou-se para fora do jogo o mecanismo da concorrência, graças ao suposto domínio do monopólio e do capital financeiro e, dessa forma, a dinâmica histórica da sociedade capitalista foi bloqueada. O capitalismo “apodrecia”, não obstante a permanência da “dominação de classe” política e militar (assim como o suborno da “aristocracia operária” e outros mecanismos). Assim, impôs-se teoricamente o “primado da política”, e a interpretação de mundo baseada no sociologismo de classe do marxismo tradicional pôde se reavivar. “Objetivamente”, o mundo estava, num certo sentido, “maduro” para a “revolução mundial, e sua vitória só dependia das relações políticas e sociais, da vontade e da força” (as quais, por desgraça, eram sempre desfavoráveis).</p>
<p>A “esquerda ocidental”, com maior profundidade teórica, se distanciou ao menos parcialmente da ideologia de legitimação, mas, no entanto, não conseguiu superá-la realmente. Também, a Teoria Crítica de Adorno e Horkheimer se move de forma excessivamente negativa quando pressupõe a todo instante e de forma pessimista a suspensão da concorrência e o “Estado total” ou (depois de 1945) o “mundo administrado”, lamentando a decadência do sujeito burguês da circulação.</p>
<p>Nas atuais reações defensivas às nossas análises a respeito da crise fica claro que a relação entre “colapso” e “revolução” é novamente produzida, mais ou menos conscientemente, assim como a filosofia iluminista da história que lhe é correspondente, mesmo que na maioria das vezes com um giro negativo: com o fim das esperanças de um levante revolucionário, se enterra também a idéia de que o capitalismo pode ter um fim.</p>
<p>Tais reações revelam mais sobre a perspectiva dos críticos do que sobre o objeto da crítica. A tese de que o modo de produção capitalista alcançou seus limites não resulta de certos constructos a propósito da filosofia da história, adaptados a uma teoria externa da crise, mas a partir da análise da contradição interna fundamental do capital, ou seja, de um momento histórico específico. Nesse sentido, temos que compreender o que Marx queria dizer com: “A verdadeira barreira da produção capitalista é o próprio capital, isto é: que o capital e sua autovalorização apareçam como ponto de partida e ponto de chegada, como motivo e finalidade da produção; que a produção seja apenas produção para o capital e não inversamente, que os meios de produção sejam meros meios para uma estruturação cada vez mais ampla do processo vital para a sociedade dos produtores. (&#8230;) O meio – desenvolvimento incondicional das forças produtivas sociais de trabalho – entra em contínuo conflito com o objetivo limitado, a valorização da capital existente”. (MEW 25, p. 260). Trata-se de uma contradição imanente insolúvel, já que o aumento da produtividade empresarial supõe efetivamente a eliminação do trabalho vivo do processo de valorização, ao mesmo tempo em que a valorização do capital não é outra coisa senão a utilização da mão-de-obra. Em si mesmo, o processo não resulta de maneira alguma na dissolução imediata das relações capitalistas. Pelo contrário: a produção de mercadorias estava ainda relativamente pouco desenvolvida, quer dizer, só havia influído superficialmente na sociedade e estava limitada essencialmente a poucos países e regiões do mundo. A partir desse reduzido desenvolvimento, desencadeia-se, então, uma monstruosa dinâmica de expansão. A diminuição permanente de massa de valor em âmbitos capitalistas limitados, mediante a diminuição de mão-de-obra, foi compensada provisoriamente na totalidade capitalista pela expansão contínua dos processos de valorização em novos ramos de atividades da produção e através da adição de regiões do mundo ao domínio capitalista. É claro que esse processo de transformação não pode funcionar indefinidamente, pois, na medida em que as contradições internas do capitalismo desenvolvem-se na história, elas, por sua vez, se intensificam. A “produção capitalista procura constantemente superar essas barreiras que lhe são imanentes, mas só as supera por meios que lhe antepõem novamente essas barreiras e em escala mais poderosa” (Marx, íbid.). Pertence à lógica do capital que mais cedo ou mais tarde se reduza em larga escala a quantidade absoluta de mão-de-obra despendida na totalidade da produção social e, dessa maneira, diminua a massa de valor produzida na totalidade do capitalismo. O capitalismo segue minando seus próprios fundamentos.</p>
<p>O marxismo não só confundiu o diagnóstico da crise formulado apenas abstratamente por Marx no sentido da “tese da decomposição”, mas, a partir daí, tem interpretado a “contradição entre as forças produtivas e as relações sociais de produção” não como algo especificamente capitalista, mas como uma contradição trans-histórica válida para todas as sociedades anteriores. De acordo com o “materialismo histórico”, o desenvolvimento das forças produtivas é interpretado como motor de toda história humana: se cada “fase do desenvolvimento” corresponde sempre a uma determinada forma de “dominação de classe”, assim como as relações de produção e exploração, o progresso das forças produtivas teria que entrar cedo ou tarde no conflito contra a ordem social e produzir uma mudança revolucionária. Aqui, estamos diante de uma evidente “retroprojeção” das relações burguesas no passado, um procedimento típico do pensamento iluminista (aqui, unicamente em sentido materialista). Nenhuma sociedade à exceção do capitalismo esteve organizada em torno da produção; só por essa razão, não podia existir em tais sociedades algo como a “contradição entre as forças produtivas e as relações de produção”.</p>
<p>Marx não foi, de maneira alguma, estranho a essa interpretação da história, já que mesmo ele colocou ao menos um pé no otimismo do progresso. Não obstante, a lógica de sua teoria da crise não é de maneira alguma compatível com essa maneira de enxergar a filosofia da história. No essencial, trata-se de levar conseq&#252;entemente até o final a crítica do fetichismo da mercadoria contida no primeiro capítulo d’O Capital. A contradição da lógica interna do capital está dada na forma nuclear da produção capitalista, enquanto a mercadoria e o movimento tautológico do “sujeito automático” (o valor) não é nada além da expansão dessa contradição elementar. Que as relações sociais se realizem como relações entre coisas (mais precisamente, entre mercadorias) e se oponham como tais às pessoas na condição de um poder estranho, não só significa que seu próprio contexto social lhes arroga leis irracionais, como se fossem fatos naturais, mas comporta igualmente sua caducidade histórica, independente de toda vontade subjetiva. Isso não tem nada em comum com algum tipo de “filosofia da história instauradora de sentido”, pois, além da lógica (em sentido histórico completamente específica) da sociedade da mercadoria, cessa toda determinação. A única garantia é que a sociedade capitalista tem que se consumir violentamente em função de suas contradições internas, mas não possuímos, de maneira alguma, a garantia de como vai ocorrer o processo de esgotamento. Tampouco, sabemos o que vai substituí-la. A superação da socialização sob a forma mercadoria só se pode pôr em marcha mediante um ato coletivo e consciente, já que a lógica fetichista da mercadoria não é outra coisa senão a falta de consciência social. Se o processo de superação será bem sucedido depende única e exclusivamente das pessoas conseguirem se emancipar ou não das formas de relação e intercâmbio constituídas de maneira capitalista. Todo otimismo exagerado em relação a isso seria um erro absoluto. Não é improvável que o processo de crise ponha em funcionamento uma dinâmica incontrolável, catastrófica, em cujo transcurso se destrua todo contexto civilizatório e até, quem sabe, os fundamentos da vida humana. Nas regiões de crise do mundo atual já se encontra clara e aterradoramente delineada essa possibilidade. De qualquer maneira, ainda permanece a opção emancipatória. Todavia, tal oposição crítica da sociedade atual está na defensiva em todo mundo. A história está aberta para que se supere a desrazão da cantilena vazia do marxismo tradicional, que em geral só dificulta a análise conseq&#252;ente do processo objetivado.</p>
<p>É natural que se discuta sobre se o capitalismo realmente alcançou hoje os seus limites históricos: se com o final do fordismo e o advento da terceira revolução industrial micro-eletrônica foi posta em marcha uma derrocada irreversível e se realmente não há mais um terreno para a acumulação. Além do mais, não é exatamente o caso de um “colapso” repentino, como supõem erroneamente muitos críticos (que, aliás, utilizam essa palavra muito mais do que nós), mas de um longo processo de decadência que provavelmente vai se expandir por várias décadas e cujo transcurso dificilmente se poderia antecipar. O Grupo Krisis tem esboçado nos últimos anos toda uma gama de argumentos teóricos e provas empíricas a favor do diagnóstico de crise. Robert Kurz desenvolveu detalhadamente esse contexto em O Livro Negro do Capitalismo. Evidentemente, não acreditamos ter resolvido todos os problemas. Por outro lado, a grande maioria das críticas até agora não teve muito sucesso em prolongar a discussão, dando a impressão de preferirem desarmar um ponto de vista teórico incômodo à trama conceitual do pensamento atual. Só assim é que se pode explicar porque autores como Freerk Huisken e Michael Heinrich, aos quais poderia se supor um conhecimento seguro da teoria da crise e da acumulação, em Konkret 3/2000 se equivocam (ou ignoram) sistematicamente e de maneira surpreendente em relação ao núcleo teórico do diagnóstico da crise. Sobretudo, não mostram nenhum vestígio de um conhecimento do problema da contradição lógica interna do capital entre o desenvolvimento das forças produtivas e o imperativo da valorização; pelo contrário, ocultam-no de maneira sistemática, observando a dimensão particular, empresarial e identificando-a repentinamente com a totalidade do processo capitalista. Huisken equivoca-se com inaptidão típica do marxismo do movimento operário: ingenuamente, coloca em jogo o interesse de valorização do capital particular e, ao que parece, vê nesse interesse a garantia de que a acumulação, em princípio, pode continuar ad infinitum. Heinrich, pelo menos, argumenta em tom diverso: remete-se ao aumento da cota de mais-valia que leva consigo ao desenvolvimento das forças de produção (Marx denominou tal processo de “produção de mais-valia relativa”), e dessa maneira pretende com toda seriedade demonstrar que “a massa de mais-valia contida na totalidade da produção” aumenta justamente “por causa do aumento da produtividade”.</p>
<p>Disparatadamente, a busca do interesse privado no processo de valorização e o aumento da mais-valia relativa são apenas um dos lados da contradição interna do capital; e justamente o que, em última análise, mina o fundamento da valorização, a saber, a redução absoluta da massa de valor na totalidade do sistema. Não se trata meramente da expressão do valor de cada mercadoria particular ou da parte relativa da mais-valia ou, ainda, do retorno por capital investido. Na concorrência, são premiados justamente os capitais que racionalizam de forma mais conseq&#252;ente e, portanto, que tornam descartável a maior quantidade de trabalho vivo; são os que recebem a maior parte da massa de mais-valia, ainda que sejam eles mesmos os que mais contribuem para que ela se torne cada vez menor. Que uma tal contradição só seja aplacada historicamente mediante abertura de novos ramos de trabalho intensivo na produção (mesmo com choques violentos) parece, a Huisken e Heinrich, razão suficiente para eliminá-la completamente. Assim sendo, eleva-se de maneira positiva uma misteriosa evidência empírica aparente à condição de evidência teórica. Quanto à referência aos limites absolutos da dinâmica de valorização (a agudização da contradição por eles ignorada), esta se manifesta em seguida como uma propensão puramente moral imputada ao modo de produção capitalista. Quando Heinrich e Huisken crêem ter ensinado nos mesmos termos aos autores do Manifesto contra o Trabalho e do Livro Negro que o “o fim imanente da produção capitalista não é a eliminação do desemprego e da miséria, mas a valorização do valor” (Heinrich, p. 40; Huisken analogamente, p. 34), então isso acaba tendo um efeito em certo sentido vergonhoso, porque são obrigados a negar ou esquecer o que eles mesmos sempre acentuam, ou seja, que o capital só pode se valorizar fazendo uso de mão-de-obra em escala crescente. Que tal mecanismo possa deixar de funcionar está tão fora da compreensão de ambos os críticos que nem sequer toleram a pergunta. Pelo visto, ainda menos compreensível lhes parece a relação entre o processo de crise no âmbito da acumulação real e a superestrutura financeira inchada pelo crédito e pela especulação.</p>
<p>Também aqui se levanta a suspeita de que se trata menos da complexidade da matéria do que da postura defensiva interiorizada. Ainda que os movimentos na superfície dos mercados financeiros transnacionais sejam tão confusos, o mecanismo básico do capital fictício, como Marx o descreveu no essencial, não são nem um pouco difíceis de compreender. Estamos diante de um movimento duplo: todo o crédito e a especulação estão a serviço do processo de retardamento da crise, porque conseguem possibilidades de inversão fictícia (não respaldadas na economia real) para o capital superacumulado e, do mesmo modo, ampliam a capacidade de compra; em última análise, isto só pode conduzir a uma agudização da crise, porque quando a bolha financeira explodir, a totalidade do potencial de desvalorização retardado pelo crédito e pela especulação vai retornar em um só golpe. Este mecanismo provoca ainda a aparência de que a especulação é a causa da crise e não apenas um de seus elementos. Por esse motivo, ela contribui para pôr em marcha as conhecidas projeções anti-semitas, um mecanismo que se torna eficiente em todo processo de crise, incluindo a atual.</p>
<p>O que é novo historicamente é que o total desacoplamento do dinheiro em relação à sua base no “padrão ouro” e a desregulamentação dos mercados financeiros têm conseguido um campo de ação espantosamente amplo para a crescente independência relativa do capital fictício diante da acumulação real. Assim, explica-se o retardamento da crise que já se prolonga há mais de vinte anos e a quantidade exorbitante de “massa de valor” fictícia “acumulada”. Reconheço que não temos apreciado de maneira adequada o horizonte temporal desse processo. De um ponto de vista estrutural, aproximadamente desde o princípio dos anos noventa, parecia praticamente inacreditável que o sistema de bola de neve pudesse se manter por outros dez anos, ou alguns anos mais. É verdade que os desenvolvimentos que tiveram lugar desde então não contradizem de nenhuma maneira o diagnóstico estrutural, ao contrário, o têm confirmado. A antecipação fictícia da criação futura de valor não tem respaldo na economia real, já que os processos de racionalização têm se acelerado e a superestrutura financeira separou-se da acumulação em um movimento exponencial. Como a valorização não pode se emancipar da utilização de trabalho vivo, a relação entre ambas esferas deve ser restabelecida &#8211; e isto, violentamente, como um estouro.</p>
<p>É bastante divertido quando um Heinrich não quer ver mais do que uma função normal da natureza do crédito, “acumular capital líquido improdutivo” para lançá-lo de volta na esfera da acumulação real. É a partir dessa aparência, absolutamente insustentável tanto teórica quanto empiricamente, que tentam criticar Robert Kurz por separar as “partes que pertencem à valorização real e as que pertencem ao setor financeiro”, a fim de preparar o terreno, dessa maneira, para projeções anti-semitas (p. 41). Se essa não é uma difamação consciente, então é digno de atenção como o “interesse brutal na matéria” (Marx) impede o autor da crítica de compreender minimamente as explicações detalhadas e respaldadas histórico-empiricamente sobre a relação interna entre o capital fictício e a acumulação real no Livro Negro (e não apenas nele).</p>
<p>Também é uma postura bastante ingênua a que identifica o prognóstico do desmoronamento irremediável do mercado financeiro (ainda que não se possa prever com exatidão o momento) com o “diagnóstico do colapso”, e depois sair alardeando que os “profetas da crise” supostamente aguardam o tão esperado “apocalipse”. Não se pode evitar a impressão de que se está tentando, pelo contrário, fazer sumir da vista o fato de que a crise está em plena marcha desde algumas décadas, de que grande parte do mundo foi declarada inútil para a valorização do valor que se desacoplou negativamente (com as conseq&#252;ências mais brutais para as pessoas que ali vivem) e que, mesmo nas metrópoles, uma parte cada vez maior da população é afetada pelo processo de desvalorização. Um desmoronamento aceleraria esse processo com um impulso violento, mas, certamente, não seria o colapso, e sim um momento do processo de decadência, que, como já foi dito, pode se estender por muitas décadas e é de se supor que vá encontrar intervalos mais aterradores, se não se constituir um movimento social-emancipatório que se atreva a levar a cabo a ruptura decisiva com a sociedade produtora de mercadorias. Talvez as previsões pouco otimistas não contribuam para fazer da idéia do esgotamento irreversível da lógica de valorização um tabu, sobretudo nos países que ainda aparecem como ganhadores no mercado mundial. Pelo visto, alimenta-se a crença de que o capitalismo dá um giro, após o fordismo, no sentido da “normalidade” que, entretanto, se enuncia de maneira abertamente ahistórica. Por isso, ela é eternamente prorrogável, algo como uma “aparência de segurança” enganosa, porque permite seguir no campo, já desarmando, do sistema de coordenadas marxista.</p>
<p>Partindo desse sistema de coordenadas, pode parecer que a crítica do capitalismo é justificada apenas por causa de sua crise ou que ela despreza a importância dos estágios de desenvolvimento que ocorreram no passado. Os que vêem “com toda a autoridade” tal coisa no Manifesto e no Livro Negro, serão obrigados a aceitar que a situação do “funcionamento normal” da economia será novamente deslegitimada, quando as atrocidades da lógica capitalista retornarem novamente no processo de crise. Devia ser banal o fato de que toda tentativa de superar a sociedade da mercadoria só possa partir da posição histórica dada em cada caso, e que não deve ser parte das tarefas de uma crítica radical da sociedade definir esse ponto de partida. Essa discussão não pode ser limitada por tabus.</p>
<p><a name="sdfootnote1sym" href="#sdfootnote1anc">1</a> Podemos tomar como exemplo o redator acadêmico de PROKLA, Michael Heinrich, Freerk Huisken da Gegenstandpunkt (ambos em Konkret, 3/2000) e o autor de Bahamas Martin Janz (Jungle World, 8-3-2000).</p>
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		<title>Zur Analyse der heutigen Gesellschaft ungeeignet</title>
		<link>http://www.krisis.org/2008/zur-analyse-der-heutigen-gesellschaft-ungeeignet</link>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Ernst Lohoff]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur Renaissance der »Klassengesellschaft«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span class="zaehl"><img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/2b334f03b71244d68f1fcd3a7c373434" width="1" height="1" alt=""></span><br />
Neues Deutschland, 14.03.08</p>
<p><em>Ernst Lohoff</em></p>
<p>In den 1960er Jahren verk&#252;ndete die bundesdeutsche Soziologie das »Ende der Klassen« und den &#220;bergang zur »nivellierten Mittelstandsgesellschaft«. Diese These hatte das goldene fordistische Zeitalter zum historischen Hintergrund, in dem auch die arbeitende Bev&#246;lkerung etwas vom kapitalistischen Kuchen abbekam. Damals schien zumindest in den Weltmarktzentren das Massenelend ein f&#252;r alle mal zu verschwinden. Der Vorstellung einer »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« kam dabei auch im ideologischen Richtungsstreit eine Schl&#252;sselfunktion zu. Sie war die Antithese zur Doppelbehauptung der Marxisten, Kapital und Arbeit st&#252;nden in einer antagonistischen Beziehung und Kapitalismus bedeute zunehmende soziale Polarisierung.</p>
<p><span id="more-767"></span>40 Jahre sp&#228;ter hat sich das Szenario gr&#252;ndlich ver&#228;ndert. Unter dem neuen Namen Prekarisierung kehrt die soziale Verelendung in die kapitalistischen Zentren zur&#252;ck und erfasst nicht nur ein paar Randgruppen. Reichlich verz&#246;gert reagiert auch die &#246;ffentliche Meinung auf die sich versch&#228;rfende Ungleichheit und beklagt die »Erosion der Mittelschichten«. Als K&#252;rzel f&#252;r diese Entwicklung wird das lange verp&#246;nte Wort »Klassengesellschaft« pl&#246;tzlich hoff&#228;hig. An der Marxschen Theorie bleibt brisant, dass sie den Kapitalismus als eine auf strukturellen sozialen Ausschluss gegr&#252;ndete Ordnung begreift. Die Verkn&#252;pfung von Ausschlusstheorie und Klassenkonzept ist aber nur vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts verst&#228;ndlich. Sie eignet sich nicht dazu, das System sozialer Apartheid auf seinen analytischen Begriff zu bringen, das sich heute formiert.</p>
<p>Die soziale Frage des 19. Jahrhunderts war das Ergebnis der Zerst&#246;rung vorkapitalistischer Produktions- und Reproduktionsweisen und begleitete die massenhafte Inwertsetzung lebendiger Arbeit. Im Zentrum standen die unmittelbaren Produzenten. F&#252;r diese Phase kapitalistischer Entwicklung war die Diskriminierung und soziale Marginalisierung der Besitzer der Hauptproduktivkraft des Kapitals, der freien Lohnarbeiter, kennzeichnend. Ausgerechnet den Besitzern der kapitalistischen Basisware, der Ware Arbeitskraft, blieb die Anerkennung als gleichberechtigte Warenbesitzerkategorie neben anderen Warenbesitzerkategorien versagt.</p>
<p>Die soziale Frage heute hat dagegen die massenhafte Verdr&#228;ngung der lebendigen Arbeit aus dem kapitalistischen Produktionsprozess als Hintergrund. In ihrem Zentrum steht die Figur des nach kapitalistischen Kriterien &#252;berfl&#252;ssigen Menschen. Statt die Inwertsetzung lebendiger Arbeit zu begleiten, ist der soziale Ausschluss das Ergebnis massenhafter struktureller Entwertung der Ware Arbeitskraft. Auch die um sich greifende &#220;berausbeutung der Besch&#228;ftigten l&#228;sst sich nur in diesem Kontext begreifen. Die Verkaufsbedingungen der Arbeitskraft verschlechtern sich ihrer potenziellen Verzichtbarkeit wegen. Die Rede von der Wiederkehr des Klassengegensatzes vernebelt, dass die heutige Entwicklung im Kern als das Resultat von Deklassierungsprozessen zu fassen ist.</p>
<p>Auch wenn Klasse heute vage-assoziativ verwendet wird, hat der Begriff eine eindeutige analytische Bedeutung. Statt beliebige Einkommensgruppen bezeichnet er die grundlegenden Funktionskategorien der kapitalistischen Gesellschaft. In diesem pr&#228;zisen Sinn war der Klassenbegriff keineswegs schon immer antikapitalistisch aufgeladen. Als Adam Smith das von Linné als biologisches Ordnungsschema entwickelte Klassenkonzept auf die Gesellschaft &#252;bertrug, diente es der Legitimation der f&#252;r den Kapitalismus charakteristischen sozialen Grundgliederung. Die klassische &#214;konomie unterschied drei Produktionsfaktoren, die gleicherma&#223;en zur Reichtums-erzeugung beitragen: Boden, Kapital und Arbeit; folglich schien es ihr nur recht und billig, dass Grundeigent&#252;mer, Kapitalisten und Arbeiter als die drei unverzichtbaren Tr&#228;ger der kapitalistischen Reichtumsproduktion deren Ergebnis in der Form von Grundrente, Profit und Lohn unter sich aufteilen.</p>
<p>In der immanenten Kritik, die Marx an dieser Sichtweise &#252;bte, erfuhr der Klassenbegriff eine bis heute nachwirkende antikapitalistische Wendung. Marx wies nach, dass zwar der stoffliche Reichtum aus der Verbindung von Natur und menschlicher T&#228;tigkeit hervorgeht, der Reichtum an Wert, und allein auf diesen kommt es im Kapitalismus an, aber allein die Arbeit zur Quelle hat. Marx kehrte das harmonische Klassenkonzept zu einer Theorie strukturellen sozialen Ausschlusses um, ohne deswegen die Bedeutung von Klasse als kapitalistische Funktionskategorie in Frage zu stellen. Wie Smith sah er in Grundeigent&#252;mern und Kapitalisten integrale Bestandteile des kapitalistischen Kosmos. Der Arbeiterklasse schrieb Marx den Doppelcharakter zu, gleichzeitig Teil und Gegenteil der b&#252;rgerlichen Gesellschaft zu sein.</p>
<p>Der Besitz der f&#252;r das Wertverwertungssystem unverzichtbaren Ware Arbeitskraft weist die Arbeiterschaft als Klasse aus; seiner vermeintlich exterritorial-negativen Stellung zur b&#252;rgerlichen Gesellschaft wegen soll der proletarische Klassenstandpunkt aber einen v&#246;llig anderen Inhalt als der anderer Klassen haben. W&#228;hrend diese nur f&#252;r ihr besonderes profanes Geldinteresse stehen, verk&#246;rpert die aus der b&#252;rgerliche Gesellschaft ausgeschlossene Hauptproduktivkraft den Standpunkt der allgemein menschlichen Emanzipation.</p>
<p>Die kapitalistische Entwicklung hat die Verkn&#252;pfung von sozialem Ausschluss und dem Klassenstandpunkt gleich zweimal dementiert. Im 20. Jahrhundert wurde nicht zuletzt durch die K&#228;mpfe der Arbeiterbewegung etwas erreicht, was das Marxsche Klassenkonzept kategorisch ausgeschlossen hatte: Die beschr&#228;nkte Emanzipation der Arbeiterklasse auf dem Boden herrschenden Verh&#228;ltnisse, die Emanzipation der proletarischen Parias zu freien und gleichen Geldsubjekten. Heute kehrt der soziale Ausschluss wieder, aber eben nicht als struktureller Ausschluss der unmittelbaren Reichtumsproduzenten. Die lebendige Arbeit r&#252;ckt in der kapitalistischen Reichtumsproduktion immer mehr an den Rand und das f&#252;hrt zu massenhafter Deklassierung. Die Marxsche Kritik der Politischen &#214;konomie liefert einen Schl&#252;ssel zum Verst&#228;ndnis dieser Konstellation, mit dem &#252;berkommenen emphatischen Klassenkonzept ist ihr aber nicht beizukommen.</p>
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		<title>Gefangen in einer heilen Modellwelt</title>
		<link>http://www.krisis.org/2008/gefangen-in-einer-heilen-modellwelt</link>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Wert, Ware, Fetisch]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Samol]]></category>

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		<description><![CDATA[Zur »Bek&#228;mpfung der Massenarbeitslosigkeit qua richtiger Wirtschaftspolitik«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Zur »Bek&#228;mpfung der Massenarbeitslosigkeit qua richtiger Wirtschaftspolitik«</h3>
<p>express, Zeitung f&#252;r sozialistische Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, 4/2008</p>
<p><em>Peter Samol</em></p>
<p>Ohne die Debatte um den sog. Heuschreckenkapitalismus neu aufzuw&#228;rmen, befasst sich der Autor im Folgenden kritisch mit einer Publikation, die er ebenfalls in der Tradition einer linken &#214;konomietheorie verortet, die sich vor allem durch die Reduktion von Krisen auf einzelne Momente kapitalistischer Vergesellschaftung und ihre ansonsten »heilen Modellwelten« auszeichne. Ein Beispiel f&#252;r solche Reduktionismen und entsprechende Aufforderungen zu einer staatlichen Gegensteuerung ist etwa die Brosch&#252;re der ver.di-Wirtschaftsabteilung »Finanzkapitalismus &#8211; Geldgier in Reinkultur!«, die kritisch seit einiger Zeit auch auf der ver.di-Homepage diskutiert wird. Dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung etwa periodische &#220;berproduktionskrisen erzeugt, verhehlt jedoch auch das k&#252;rzlich erschienene Buch »Das Ende der Massenarbeitslosigkeit« von Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker. &#214;konomie scheint hier haupts&#228;chlich auf einsamen Inseln stattzufinden und der unmittelbaren Befriedigung konkreter Bed&#252;rfnisse zu dienen. Alles ganz einfach? &#8211; fragt Peter Samol.</p>
<p><span id="more-771"></span>In ihrem Buch »Das Ende der Massenarbeitslosigkeit« gehen die Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker davon aus, dass der Kapitalismus durch die richtigen politischen Eingriffe sowohl unter Kontrolle zu bringen w&#228;re, als auch ewig weiterexistieren k&#246;nne. Vor allem das Problem der grassierenden Massenarbeitslosigkeit ist nach Meinung der Autoren lediglich einem »Versagen der Wirtschaftspolitik« (S. 8) geschuldet. Der Gedanke, dass es sich bei diesem Ph&#228;nomen sowie der Prekarisierung immer gr&#246;&#223;erer Bev&#246;lkerungsteile um einen grundlegenden Systemfehler handeln k&#246;nnte, wird ausdr&#252;cklich zur&#252;ckgewiesen. Die Autoren liegen damit voll im Trend einer sich im Kern systemerhaltend gebenden Mainstreamlinken und erfreuen sich innerhalb der Gewerkschaften, bei linken Sozialdemokraten sowie in gro&#223;en Teilen der Linkspartei gro&#223;er positiver Resonanz.</p>
<p>Unter anderem diskutieren sie vier so genannte »Jobkiller«: a) die Verdr&#228;ngung der menschlichen Arbeitskraft durch Technik, b) angeblich zu hohe L&#246;hne, c) vermeintlich »verkrustete[n] Strukturen«, und nicht zuletzt d) »die Globalisierung«. Sie alle werden als Ursachen f&#252;r die Arbeitslosigkeit verworfen. Bei den letzten drei Punkten handelt es sich um &#252;bliche Verd&#228;chtige, die in der &#246;ffentlichen Debatte hinreichend bekannt sind und hier nicht weiter behandelt werden sollen. Interessant ist vor allem der erste Punkt. Hier lautet die Kernthese: Durch den zunehmenden Einsatz von Technologie k&#246;nnen die Bed&#252;rfnisse der Menschen mit einem immer geringeren Einsatz von Arbeitskr&#228;ften befriedigt werden, Arbeitslosigkeit gilt also als logische Folge des technischen Fortschritts. Auch dieser Ansatz wird von Flassbeck und Spiecker als Erkl&#228;rung f&#252;r die empirisch vorfindliche Massenarbeitslosigkeit ausdr&#252;cklich zur&#252;ckgewiesen. Die beiden Autoren sehen in der erh&#246;hten Produktivit&#228;t kein Problem und wischen den Schluss, wonach immer mehr Menschen zur Erzeugung der ben&#246;tigten G&#252;ter &#252;berfl&#252;ssig werden, mit der theoretischen &#220;berlegung vom Tisch, dass anstelle der alten, befriedigten Bed&#252;rfnisse problemlos neue Bed&#252;rfnisse treten w&#252;rden. Um diese zu erf&#252;llen, so behaupten sie weiter, entst&#252;nden neue Arbeitspl&#228;tze, in denen die zuvor Entlassenen neue Besch&#228;ftigung finden werden: »Weniger Besch&#228;ftigte gibt es in der Summe aller Effekte nicht« (S. 34). Diese Position untermauern Flassbeck und Spiecker, indem sie auf der Grundlage &#246;konomischer Rechenmodelle die sich daraus ergebenden Szenarien durchgehen und analysieren. Als Ausgangspunkt wird dabei ein drastischer Anstieg der Produktivit&#228;t um 100 Prozent angenommen. Auf der Grundlage ihrer Modelle meinen sie nachweisen zu k&#246;nnen, dass keiner der m&#246;glichen Verl&#228;ufe zu einem R&#252;ckgang der Arbeitsnachfrage f&#252;hre. In jedem Fall w&#252;rden, so die Autoren, die durch den Produktivit&#228;tsschub freigesetzten Arbeitskr&#228;fte im gleichen Ma&#223;e wieder absorbiert.</p>
<p>Zun&#228;chst stellt sich die Frage, ob die implizite Annahme einer Unbegrenztheit menschlicher Bed&#252;rfnisse gerechtfertigt ist. Vieles spricht daf&#252;r, dass es Grenzen gibt. Das f&#228;ngt damit an, dass die wichtigsten G&#252;ter in den entwickelten Volkswirtschaften schon lange f&#252;r die breite Masse verf&#252;gbar sind. Au&#223;erdem besteht ein Tag nur aus 24 Stunden, wodurch die Zeit zum Konsumieren objektiv begrenzt ist. Ferner gibt es weitere Begrenzungen, etwa solche kognitiver Art, die z.B. der Nutzung immer neuer technischer Ger&#228;te im Wege stehen. Dies sind nur einige von vielen Argumenten, die gegen die von Flassbeck und Spiecker unterstellte Unbeschr&#228;nktheit menschlicher Bed&#252;rfnisse sprechen. Hinzu kommt, dass die Entwicklungen in der Mikroelektronik eine neue Qualit&#228;t darstellen. Durch neuere Ger&#228;te, die immer mehr Funktionen in sich vereinen, werden Unmengen &#228;lterer Ger&#228;te entwertet, wodurch ganze Branchen mit ihren Arbeitspl&#228;tzen zur Disposition stehen. Weitere Branchen geraten in Gefahr, weil mit neuen Ger&#228;ten vieles in Eigenarbeit hergestellt werden kann, was zuvor von speziellen Berufsgruppen verrichtet wurde: Scharen von Schreibkr&#228;ften wurden bereits durch Textverarbeitungsprogramme arbeitslos, Korrekturleser (oft mehr schlecht als recht) durch Rechtschreibprogramme ersetzt, Vervielf&#228;ltigungen von Texten, Fotos, Film- und Tondokumenten etc. lassen sich schneller und billiger am Heim-PC erstellen als von speziellen Dienstleistern usw. Auf diese Weise stellen die neuen Ger&#228;te nicht nur eine Konkurrenz f&#252;r bereits bestehende Produkte dar, sondern f&#252;hren auch in ganz anderen Branchen zu Arbeitsplatzverlusten, selbst dann, wenn sie nur f&#252;r den privaten Konsum verkauft werden.</p>
<p>Die Entwicklung auf den Warenm&#228;rkten zeigt ferner, dass es immer schwerer wird, neue Konsumg&#252;ter zu ersinnen und am Markt zu platzieren. Die Erfolge sind viel zu sp&#228;rlich, um damit der Freisetzung von immer mehr Arbeitskr&#228;ften dauerhaft zu Leibe zu r&#252;cken. Flassbeck und Spiecker unterstellen dagegen, dass neue G&#252;ter in jedem Fall auch ihre K&#228;ufer finden. Dabei spielt die Frage nach der N&#252;tzlichkeit neuer Produkte f&#252;r sie keine Rolle. Mit diesem Verzicht auf jegliche Kritik am Gebrauchswert neuer Erzeugnisse geht eine seltsame Sinnverkehrung einher. Sie besteht darin, dass Dinge nicht mehr produziert werden sollen, um konsumiert zu werden, sondern konsumiert werden sollen, um die Produktion in Gang zu halten. Ein historisch einzigartiges Ph&#228;nomen, das es bisher nur im entwickelten Kapitalismus gibt. Dessen Konsequenzen sind allgemein bekannt: Auch Nutzloses oder gar Gef&#228;hrliches (etwa ungesunde Lebensmittel) soll konsumiert werden, nur um Arbeitspl&#228;tze zu retten oder zu schaffen.</p>
<p>Flassbeck und Spiecker leben, was ihr theoretisches Bezugssystem betrifft, offenbar in einer modellplatonischen Welt, in der es lediglich um die Befriedigung konkreter Lebensbed&#252;rfnisse geht. Das springt besonders ins Auge, wenn sie zur Illustrierung ihrer These Robinson-Szenarien zugrunde legen, die in einer geldlosen Welt spielen – n&#228;mlich auf der einsamen Insel. Hier f&#228;ngt Robinson Crusoe mit der Hand Fische, und die Autoren stellen ganz ernsthaft die Frage, ob Robinson »arbeitslos« w&#252;rde (teilt man diesen seltsamen Denkansatz, m&#252;sste es eigentlich genauer hei&#223;en, auf »Kurzarbeit gesetzt wird«), wenn er seine t&#228;gliche Fischfang-Zeit durch die Anfertigung einer Angel auf die H&#228;lfte verk&#252;rzen w&#252;rde. Auf den Gedanken, dass »Arbeit« und »Arbeitslosigkeit« an einem Ort ohne Kapital bzw. Geld, ohne Fabriken, ohne Arbeitsamt usw. vollkommen deplazierte Begriffe sind, kommen die Autoren offenbar nicht. Wie etwa k&#246;nnte man Arbeit und Freizeitt&#228;tigkeit (genau genommen macht selbst diese Unterscheidung nur im Kapitalismus Sinn) ohne das Vorhandensein von Geld unterscheiden? In kapitalistischen Gesellschaften ist es letztlich einzig und allein die Entlohnung, die Lohnarbeit von anderen T&#228;tigkeiten unterscheidet. Alle anderen Unterscheidungsversuche schlagen bei genauer Betrachtung fehl: Auch Hobbies k&#246;nnen M&#252;hsal, auch Lohnarbeit kann Vergn&#252;gen bereiten, um nur eines der g&#228;ngigsten Klischees zu erw&#228;hnen.</p>
<p>Ferner l&#228;uft es selbst in der keynesianischen Theorietradition, der sich Flassbeck und Spiecker zugeh&#246;rig f&#252;hlen, nicht so glatt, wie die Autoren weismachen wollen. Die oben erw&#228;hnten Absatzprobleme entsprechen dem vom John Maynard Keynes selbst formulierten »Stagnationstheorem«, wonach fr&#252;her oder sp&#228;ter eine S&#228;ttigung der Konsumg&#252;ternachfrage einsetzen wird, die letztlich in eine Absatzkrise f&#252;hrt. Das Stagnationstheorem wird jedoch von Flassbeck und Spiecker mit keinem Wort erw&#228;hnt. Stattdessen ersetzen sie es stillschweigend durch eine eigent&#252;mliche Deutung des »Sayschen Theorems«, die genau das Gegenteil von Keynes’ Stagnationstheorem besagt. Die Grundaussage des Sayschen Theorems lautet: »Geplantes Angebot und geplante Nachfrage m&#252;ssen in einer geschlossenen Volkswirtschaft &#252;bereinstimmen. Wer am Markt ein Gut (etwa auch die eigene Arbeitskraft) anbietet, tut dies, um Einkommen zu erzielen, damit er selbst G&#252;ter kaufen kann. Er schafft durch sein Angebot von G&#252;tern eine Nachfrage nach G&#252;tern.« In der Regel wird das Saysche Theorem vereinfacht folgenderma&#223;en formuliert: »Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst.« Ein erh&#246;htes G&#252;terangebot w&#252;rde demnach automatisch eine entsprechend h&#246;here Nachfrage generieren. Es kann daher – von kurzfristigen Schwankungen abgesehen – ein unzureichendes Nachfrageniveau sowie Absatzprobleme per Definition gar nicht geben. So weit die neoklassische (bzw. neoliberale) Deutung. Flassbeck und Spiecker argumentieren zwar ein wenig subtiler, kommen aber zu einem ganz &#228;hnlichen Ergebnis. Im Sinne der ungek&#252;rzten Fassung interpretieren sie das Saysche Theorem so, dass es richtiger hei&#223;en m&#252;sste: »Jedes Angebot will sich seine Nachfrage schaffen«. Soll wohl hei&#223;en: Wenn jeder lediglich etwas anbietet, weil er ein seinem Angebot &#228;quivalentes Bed&#252;rfnis (also potenzielle Nachfrage) hat, dann decken sich in der Bilanz alle Angebote und alle Nachfragen. Ein Einwand gegen dieses merkw&#252;rdige Konstrukt springt sofort ins Auge. Es ist n&#228;mlich keineswegs gew&#228;hrleistet, dass jeder letztlich auch die Gebrauchswerte vorfindet, die er eigentlich begehrt. Flassbeck und Spiecker gehen auf diesen naheliegenden Einwand mit keinem Wort ein, sondern schwadronieren weiter: »Wir sind durch die Marktwirtschaft nicht zu Produktivit&#228;tssteigerungen verdammt, die wir selbst nicht wollen und die uns deshalb unausweichlich in die Arbeitslosigkeit f&#252;hren. Produktiver wird nur derjenige, der daf&#252;r auch etwas anderes (&#8230;) haben will« (S. 40). Das ist nun wirklich ein kapitaler Fehlschluss und geht an der bitteren kapitalistischen Realit&#228;t meilenweit vorbei. Produktiver wird man n&#228;mlich im Kapitalismus schon allein deshalb, um Konkurrenten zuvor zu kommen. Anbieter, die im Kapitalismus bestehen wollen, sind gezwungen, laufend ihre Angebote zu verbessern sowie neue zu unterbreiten und sich um »Innovationen« zu bem&#252;hen, um nicht von der Konkurrenz &#252;berfl&#252;gelt zu werden. Alle Unternehmer tun es – oder sie sind bald keine mehr. Gerade auf diese Weise entstehen immer wieder &#220;berkapazit&#228;ten. Und auch die Anbieter von Arbeitskraft werden st&#228;ndig zur Optimierung und Steigerung ihrer Leistungsf&#228;higkeit angehalten.</p>
<p>Es ist sehr verwirrend, dass Flassbeck und Spiecker sich selbst als Keynesianer bezeichnen, obwohl ihr Bezugssystem eher ein neoklassisches ist. Mit Say, der den Unterschied zwischen Gebrauchswert und Tauschwert nie verstanden hat, gehen sie von einfachen Produzenten im Sinne von Robinson und Co. aus, die untereinander Gebrauchswerte tauschen. In der Tat haben Produkte als Gebrauchswerte im oben genannten Sinne eine Schranke. Aber im Kapitalismus stellen Produkte immer auch Waren dar, die Tauschwert transportieren. Und diese Art von Wert strebt nichts anderes als seine grenzenlose Selbstvermehrung an. Tauschwert dr&#252;ckt sich lediglich in Quantit&#228;ten – sprich Geldbetr&#228;gen – aus. Beim Tauschwert und seiner Vermehrung gibt es keine Schranke, und insofern ist man unter kapitalistischen Bedingungen sehr wohl zur Produktivit&#228;tssteigerung verdammt.</p>
<p>So einfach, wie es Flassbeck und Spiecker versuchen, lassen sich &#220;berproduktionskrisen nicht wegr&#228;sonieren. Generell entgeht ihnen durch die Verwechslung von direktem Naturalientausch mit geldvermitteltem Tausch eine entscheidende Pointe: Durch die Einf&#252;hrung von Geld zerf&#228;llt n&#228;mlich der unmittelbare G&#252;tertausch in zwei voneinander unabh&#228;ngige Akte. Im ersten Akt wird Ware (auch z.B. Arbeitskraft) gegen Geld eingetauscht, im zweiten Akt wird das erworbene Geld wieder gegen die eigentlich begehrte Ware ausgetauscht. Aufgrund dieses Auseinanderfallens kommt es fr&#252;her oder sp&#228;ter zu einer Verkehrung: W&#228;hrend das Geld urspr&#252;nglich als Vermittler zur Erlangung von Waren diente, dienen Waren immer mehr zur Erlangung von Geld, und ihr eigentlicher Gebrauchszweck tritt zur&#252;ck. Denn w&#228;hrend Geld gegen jede beliebige Ware eingetauscht werden kann, bleibt es f&#252;r jede Ware zuf&#228;llig, ob sie gegen Geld getauscht (sprich verkauft) wird oder nicht. Wenn ihr Verkauf nicht gelingt, dann ist die Ware ein wertloses Produkt geworden und das hineingesteckte Geld verloren. Waren sind an diesem Punkt der Entwicklung nur noch Zwischenstadium zur Vermehrung von Geld. Damit ist Geld zugleich zu Kapital und die Gesellschaft zur kapitalistischen Gesellschaft geworden. Die Anh&#228;ufung von Geld und immer mehr Geld, bzw. von Wert und immer Wert ist zur allgemeinen gesellschaftlichen Form geworden, die das ganze Produktionssystem beherrscht. Das f&#252;hrt automatisch zur stetigen Erweiterung der Produktion, einschlie&#223;lich der Steigerung der Produktivit&#228;t. Anders als Flassbeck und Spiecker meinen, ist Produktion &#252;ber den Bedarf im Kapitalismus der Regelfall und ihre Auffassung: »Wir sind durch die Marktwirtschaft nicht zu Produktivit&#228;tssteigerungen verdammt, die wir selbst nicht wollen und die uns deshalb unausweichlich in die Arbeitslosigkeit f&#252;hren« (S. 40), v&#246;llig falsch. Nicht zuletzt, weil es unter kapitalistischen Bedingungen nicht ausreicht, kostendeckende Erl&#246;se zu erzielen, sondern zus&#228;tzlich ein Gewinn entstehen muss – denn andernfalls wird unternehmerisches Handeln im Kapitalismus schlicht unterlassen.</p>
<p>Eine Wirtschaftspolitik, wie sie Flassbeck und Spiecker vorschwebt, w&#228;re nur dann m&#246;glich, wenn es den Menschen wirklich nur um konkrete Bed&#252;rfnisse ginge. Aber Geld ist im Kapitalismus nicht Mittel, sondern Zweck. Es ist zum Fetisch geworden und die gesellschaftlichen Verh&#228;ltnisse zu einem Fetischverh&#228;ltnis, das im Kern darin besteht, aus Geld mehr Geld zu machen – und nicht darum, n&#252;tzliche Dinge herzustellen. F&#252;r diesen Zweck aber werden immer weniger Menschen ben&#246;tigt. Hier liegt der eigentliche Grund f&#252;r die Massenarbeitslosigkeit und ein stetig anwachsendes Prekariat. In diesem Zusammenhang ist es mehr als naiv zu glauben, man k&#246;nne den Kapitalismus und seine wesentlichen Mechanismen mit der richtigen Politik dazu bringen oder gar dazu benutzen, n&#252;tzliche Dinge und Wohlstand f&#252;r alle Beteiligten zu schaffen.</p>
<p>Neben der eigent&#252;mlichen Verwendung des Sayschen Theorems haben Flassbeck und Spiecker noch einen zweiten Kunstgriff auf Lager, um die Arbeitslosigkeit kleinzureden. Sollten wider ihrer Erwartung einmal keine neuen Arbeitspl&#228;tze entstehen, dann verbuchen sie diesen Umstand einfach als &#246;konomischen (!) Gewinn, denn &#246;konomischer Wohlstand besteht ihrer Ansicht nach aus den beiden Komponenten »G&#252;ter« und »Freizeit«; die gewonnene »Freizeit« ist demnach eine andere Form &#246;konomischen Gewinns, und von Arbeitslosigkeit kann man in diesem Zusammenhang nur sprechen, wenn unfreiwillige Einkommenseinbu&#223;en vorliegen (siehe S. 30 u. S. 154). Wer keine weiteren Bed&#252;rfnisse hat, der sucht demnach keine weitere Arbeit, um selbige zu befriedigen. Das bezeichnen sie als »freiwilliges Nichtarbeiten«, das erst gar nicht am Arbeitsmarkt erscheint und folgerichtig nicht als Arbeitslosigkeit bezeichnet werden kann. »Nichtarbeiten« erfolgt jedoch nicht in jedem Fall freiwillig. Anbieter von Arbeitskraft k&#246;nnen durchaus Bed&#252;rfnisse haben, die sich jedoch nicht erf&#252;llen lassen, da ihre Arbeit schlichtweg nicht nachgefragt wird. Selbst im Falle einer wirklich »freiwilligen Arbeitslosigkeit« w&#252;rde eine allgemein nachlassende Kombination von Arbeits- und Konsumbereitschaft aus der Sicht der Kapitalverwertung katastrophale Folgen haben. Wenn sich n&#228;mlich immer mehr Menschen die Formel »Lieber weniger arbeiten, als mehr zu konsumieren« zur Maxime machen w&#252;rden, st&#252;nden die marktaffirmativen &#214;konomen vor einem ernsthaften Problem. Solch ein freiwilliger Verzicht auf die Teilnahme am Wirtschaftsleben wird von interessierter Seite als »Konsumstreik« bezeichnet und gilt als &#246;konomische Tods&#252;nde. An anderer Stelle gestehen Flassbeck und Spiecker selber ein, dass sie solcher Verzicht ins Schleudern bringen w&#252;rde: »Wer seine Arbeitszeit freiwillig verk&#252;rzen will, weil er Produktivit&#228;tssteigerungen lieber in Form von Freizeit als in Form von Einkommen konsumieren m&#246;chte, der kann das selbstverst&#228;ndlich tun, es muss dann nur (nur? PS) ein Mechanismus gefunden werden, der verhindert, dass der Verzicht der Arbeitenden zu einem Nachfrageausfall f&#252;hrt und damit zu einer Gef&#228;hrdung der bestehenden Arbeitspl&#228;tze. <em>Dieser Mechanismus, muss man allerdings heute feststellen, ist bei Arbeitsverzicht ebenso wenig gefunden worden wie bei Lohnverzicht</em>.« (S. 38f.) Die Autoren geben also selber zu, dass Arbeits- und entsprechender Konsumverzicht hochproblematisch sind. Freizeit ist insofern eben doch kein &#246;konomischer Gewinn, und Nichtarbeit (ob freiwillig oder unfreiwillig) mit entsprechend ausbleibendem Konsum ist f&#252;r den Kapitalismus ein gravierendes Problem, das sich nicht durch einen derart plumpen Buchungstrick wegdefinieren l&#228;sst.</p>
<p>Bleibt festzuhalten, dass Flassbecks und Spieckers Behauptung, wonach Arbeitsersparnis automatisch zu neuer Nachfrage bzw. neuen Investitionen und damit zu neuen Arbeitspl&#228;tzen f&#252;hrt, letztlich nichts anderes ist als ein ungepr&#252;ftes Dogma. Was ihr theoretisches Bezugssystem betrifft, leben die Autoren offenbar gar nicht im ausgereiften Kapitalismus des 21. Jahrhunderts, sondern in der heilen Welt eines vor &#252;ber 175 Jahren verstorbenen &#214;konomen namens Jean Baptiste Say. In ihr ist die Welt per Definition immer im Gleichgewicht. Die wichtigen und grundlegenden gegenw&#228;rtigen Fragen sind auf einer solchen theoretischen Grundlage gar nicht formulierbar – ganz abgesehen davon, dass dessen Thesen schon zu seiner Zeit h&#246;chst fragw&#252;rdig waren. Damit machen sie sich blind f&#252;r die Wahrnehmung der realen &#246;konomischen Entwicklung. In ihr w&#228;chst die arbeitsvernichtende Produktivit&#228;t schon seit Jahrzehnten bedeutend schneller als die arbeitsschaffende Produktionserweiterung. Der Kapitalismus st&#246;&#223;t seine eigene Arbeitssubstanz ab, und immer mehr Menschen werden &#252;ber das Zwischenstadium der Arbeitslosigkeit ins Prekariat abgeschoben.</p>
<p>Flassbeck, Heiner; Friederike Spiecker: »Das Ende der Massenarbeitslosigkeit. Mit richtiger Wirtschaftspolitik die Zukunft gewinnen.« Westend Verlag, Frankfurt/Main 2007. ISBN 978-3-938060-20-9, 304 S., 24,90 Euro</p>
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		<title>Es geht ums Ganze</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gesellschaftliche Emanzipation]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Behrens]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und die Sozialdemokratie noch immer keine Revolution. Trotzdem muss auch wieder &#252;ber Kommunismus geredet werden]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und die Sozialdemokratie noch immer keine Revolution. Trotzdem muss auch wieder &#252;ber Kommunismus geredet werden</h3>
<p>Freitag, 28.03.08</p>
<p><em>Roger Behrens</em></p>
<p><em>In der Freitag-Serie zu den Perspektiven der Linken in Deutschland fragte der Berliner Soziologe Wolfgang Engler Anfang Februar danach, wie die vielen kleinen politischen Meinungen der Menschen und die ganz gro&#223;e politische Orientierung zusammenh&#228;ngen. Mitte Februar versuchte der Frankfurter Publizist Mario Scalla Umrisse eines neuen linken Projekts zu skizzieren, das die kritischen kulturellen Ans&#228;tze der neunziger Jahre aufnimmt und weiterentwickelt. Dem Hamburger Philosoph und Sozialwissenschaftler Roger Behrens ist das alles nicht radikal genug. Im dritten Beitrag unserer Serie pl&#228;diert er f&#252;r eine Linke, die &#252;ber das bestehende System hinausdenkt.</em></p>
<p><span id="more-774"></span>Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, und die Wahlerfolge der Linkspartei machen noch keine Revolution. &#220;berdies: Die vom Kanon der &#246;ffentlichen Meinung angestimmten Forderungen nach gesetzlichen Mindestl&#246;hnen oder geregeltem Grundeinkommen und Chancengleichheit in der Bildung sind zwar sicherlich gut gemeint, aber gewiss nicht emanzipatorisch, sondern bestenfalls im Rahmen sozialdemokratischer Gewerkschaftspolitik reformistisch oder &#8211; in ihrer weltanschaulich-moralischen Pr&#228;gung &#8211; reformatorisch.</p>
<p>Was hier neuerlich als &#8220;linke Mehrheit&#8221; in der bundesdeutschen Gegenwartsgesellschaft wahrgenommen wird und von manchen schon euphorisch mit der trotzkistischen Kampfvokabel als &#8220;Linksruck&#8221; bezeichnet wird, findet allerdings weiterhin auf dem Spielfeld des sp&#228;tb&#252;rgerlich-kapitalistischen Normalbetriebs statt. Dieses Spielfeld ist indes heute so weitl&#228;ufig durch die allgemeine Ideologie von Toleranz, Menschenw&#252;rde und Demokratie abgesteckt, dass die neue, vermeintlich linkspolitische Proteststimmung nicht einmal ann&#228;hernd in gef&#228;hrliche N&#228;he der Grenzen dieses Feldes kommt, geschweige denn diese zu &#252;berschreiten droht. Trotz der bis ins sozialistische Rot hineinreichenden Stimmungsschwankungen ist eine &#8211; wie man fr&#252;her sagte &#8211; gesellschaftliche Bewegung mit systemtranszendierender Kraft nicht in Sichtweite.</p>
<p>Es ist ja kein revolution&#228;rer Massenaufstand, der sich hier formiert; und auch wenn durch Gysi, Lafontaine und andere das Vokabular einer politischen Linken sowie linken Politik zumindest f&#252;r die &#246;ffentliche Meinung rehabilitiert zu werden scheint, so geh&#246;rt doch dazu wesentlich, dass die Begriffe von allem kommunistischen Grund- und Beiklang gereinigt werden, um sie im rechten Licht der gesellschaftlichen Mitte zu platzieren. Diese Mitte ist in Deutschland eine Gemeinschaft, die sich in erster Linie nicht politisch zur Demokratie bekennt, sondern w&#246;rtlich im Sinne der deutschen Bedeutung der Demokratie als Volksherrschaft. Das bildet auch den Rahmen f&#252;r die &#8220;soziale Demokratie&#8221;, welche nach neueren Meinungsumfragen von der &#8220;Mehrheit der Deutschen&#8221; bef&#252;rwortet wird: Das Kollektiv, welches sich hier &#8220;links&#8221; artikuliert, sind die Deutschen selbst &#8211; das &#8220;Volk&#8221;; bestenfalls ist von den &#8220;B&#252;rgern&#8221; die Rede, schlimmstenfalls vom &#8220;Wahlvolk&#8221;. (Dass das Wort &#8220;Volk&#8221; etymologisch und historisch am deutschen Blut h&#228;ngt, l&#228;sst sich nicht demokratisch retouchieren; eine linkspolitisch angemessene &#220;bersetzung f&#252;r engl. &#8220;people&#8221; oder franz. &#8220;peuple&#8221; w&#228;re so etwas wie &#8220;Leute&#8221;.)</p>
<p>F&#252;r die Erfolge der Linkspartei ist mithin entscheidend, wie ehedem im &#220;brigen auch bei den Gr&#252;nen, dass sie ihre Politik &#8211; ganz gleich wie rebellisch sie sich gerieren &#8211; auf die demokratische Mitte der Gesellschaft orientieren, dass sie also genauso wie SPD, CDU, FDP zur &#8220;Volks&#8221;partei werden. Daf&#252;r ist wichtig, dass es nicht um Klasseninteressen geht und die Linke &#8211; als Partei wie als Bewegung &#8211; nicht bestimmte gesellschaftliche Gruppen vertritt oder politisch verk&#246;rpert, sondern dass die abstrakte Allgemeinheit der B&#252;rger oder die konkrete Einheit des Volkes Adressat und Meinungstr&#228;ger bleibt. Passend dazu begeistert sich das &#246;ffentliche Interesse (das mithin auch nur eine kollektive Fiktion ist) f&#252;r &#8220;Mehrheiten&#8221;, Common Sense und &#8220;&#246;ffentliche Meinungen&#8221; und registriert enthusiastisch, wenn &#8220;stattliche 66 Prozent der repr&#228;sentativ befragten Deutschen Streiks der Lokf&#252;hrer unterst&#252;tzten!&#8221; (Wolfgang Engler in Freitag 5/08)</p>
<p>Gleichwohl: Umfrageergebnisse wie die, dass eine breite Mehrheit gegen Auslandseins&#228;tze der Bundeswehr sei, oder gar solche von Allensbach ermittelten, wonach &#8220;die H&#228;lfte aller Deutschen &#8230; Sympathie f&#252;r sozialistische Ideale&#8221; h&#228;tte, befl&#252;geln dann doch erst Mal nur &#8220;linke Phantasien&#8221;, nicht konkrete politische Praxis (Mario Scalla in Freitag 7/08): Denn diese bleibt aus &#8211; die &#8220;linke Mehrheit&#8221; macht &#8220;keine Anstalten &#8230; die politische Macht zu erobern&#8221;. &#8211; Aber genau das ist das Problem, beziehungsweise der Streitpunkt: Erstens ist die Frage ja, inwiefern hier die &#8220;politische Macht&#8221; &#252;berhaupt zur Disposition steht, oder inwiefern Machtlosigkeit oder sogar Ohnmacht mit zu der politischen Erfahrung dieser Mehrheit geh&#246;ren. Zwei Antworten &#252;berschneiden sich: Linkspartei und Gewerkschaften geben einerseits vor, dass die Macht gar nicht erobert werden muss, sondern nur innerhalb bestehender Machtverh&#228;ltnisse die entsprechenden Institutionen gest&#228;rkt werden m&#252;ssen.</p>
<p>Gar nicht einmal im Kontrast dazu, sondern nur mit anderem Blickwinkel setzt die andere Antwort auf die so genannte &#8220;Multitude&#8221;, die &#8220;Menge&#8221;, die auf die politische Macht nicht angewiesen ist, weil sie machtvoll jenseits von dieser agiert &#8211; hier er&#246;ffnen sich &#252;brigens noch andere Zonen, auf denen neue Linksbewegungen verortet werden, etwa die Globalisierungsgegner, die im letzten Jahr in Heiligendamm f&#252;r Furore sorgten; diese Bewegungen treffen dann aber &#252;ber Attac oder U2 schlussendlich doch wieder mit der &#8220;linken Mehrheit&#8221;, um die es in den neusten Debatten geht, zusammen.</p>
<p>Ohnehin erweisen sich die Stimmungsbilder der &#246;ffentlichen Meinung als Trugbilder; schon die f&#252;r die demoskopische Forschung zentrale Figur der Mehrheit ist eine Illusion des Politischen in der Moderne. Die Mehrheit setzt sich ja nicht nur aus Einzelmeinungen zusammen, und bildet keinen quantitativen Durchschnitt eines qualitativen common sense, sondern ist ein statistisches Substrat von Ideologie: notwendig falsches Bewusstsein. Die Widerspr&#252;che, die etwa hervortreten, wenn die Ergebnisse unterschiedlicher Umfragen miteinander in Konstellation gebracht werden, sind weder mathematisch noch empirisch zu l&#246;sen: Wenn Allensbach bei der H&#228;lfte der Deutschen Sympathie f&#252;r sozialistische Ideale entdeckt, scheint das demoskopisch unvereinbar zu sein mit den jedes Jahr sich best&#228;tigenden Ergebnissen der Heitmeyer-Studien, nach denen weit &#252;ber die H&#228;lfte der Deutschen fremdenfeindlich und rassistisch sind. Wie repr&#228;sentativ ist der Mob, der im letzten Sommer eine volksfestm&#228;&#223;ige Menschenjagd in M&#252;ggeln veranstaltete &#8211; im Vergleich zu den politischen Meinungsbildern, aus denen jetzt statistisch die &#8220;linke Mehrheit&#8221; ermittelt wird? Wie kann es sein, dass die eine Befragung mehrheitlich demokratische Einstellung feststellt, w&#228;hrend in der anderen ebenfalls mehrheitlich antidemokratische Ressentiments freigelegt werden?</p>
<p>Nimmt man diese Fragen f&#252;r die Bestimmung dessen, was heute eine Linke w&#228;re hinzu, wird klar, dass man sich auf Wahlergebnisse, Meinungen und Weltanschauliches nicht verlassen sollte &#8211; denn das Problem sind soziale Verh&#228;ltnisse, die in Wahlergebnissen, Meinungen und Weltanschauungen h&#246;chstens ihren partiellen Ausdruck finden. Deswegen kann der Befund, dass eine Linke, die nicht die radikale Frage nach den sozialen Verh&#228;ltnissen stellt, keine Linke ist, nicht aktionistisch als Pessimismus oder leichtfertig als revolution&#228;re Borniertheit abgetan werden; es geht schlie&#223;lich nicht um ein taktisches Problem der Politik der kleinen Schritte, sondern ums Ganze. Und das nicht wegen revolutionsromantischer Phantasie, sondern aufgrund sachlich-realer Dringlichkeit &#8211; mit Blick auf den Zustand der global-kapitalistischen Welt.</p>
<p>Anders gesagt: Ohne Frage leben heute Millionen Menschen in prek&#228;ren Situationen, wo allein um das nackte &#220;berleben zu sichern fast jede Ma&#223;nahme recht ist, auch die Reform. Das Projekt der Emanzipation, welches der Linken Form wie Inhalt verleiht, l&#228;sst sich jedoch weder vom weltpolitischen Sachzwang noch von Diskursen der &#246;ffentlichen Meinungsbildung diktieren. Es gilt mithin ebenso die radikale Frage nach den sozialen Verh&#228;ltnissen zu stellen, wie die Frage nach den sozialen Verh&#228;ltnissen radikal zu stellen. Brechts sch&#246;ne Sentenz, dass man so radikal sein muss wie die Wirklichkeit, offenbart ihre volle Bedeutung f&#252;r eine aktuelle Neue Linke in der Erinnerung an Marx&#8217; Satz von 1843: Dass radikal sein hei&#223;t, das &#220;bel an der Wurzel zu fassen. &#8220;Die Wurzel aber f&#252;r den Menschen ist der Mensch selbst&#8221; und &#8220;die Theorie ist f&#228;hig die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird.&#8221;</p>
<p>Damit aktualisierte im &#220;brigen Marx schon zu seinen Zeiten das revolution&#228;re Programm des b&#252;rgerlichen Humanismus: Man kann das in einer simplen Frage fassen, die auch heute noch in den Derivaten des b&#252;rgerlich-humanen Selbstbewusstseins immer wieder gestellt wird, freilich ohne jede Utopie; n&#228;mlich: Wie wollen, sollen oder m&#252;ssen Menschen in Zukunft leben. B&#252;rgerlich-radikal geht es jetzt weiter mit dem Zusatz: &#8230; damit die Menschen weiter Menschen bleiben und &#252;berleben (zum Beispiel stellte Physiker Stephen Hawking 2006 die Frage, wie die Menschheit das 21. Jahrhundert &#252;berlebt). Linksradikal geht es aber anders, offener und eben utopisch weiter: &#8230; damit die Menschen &#252;berhaupt Menschen werden.</p>
<p>Derart ist ad hominem zu demonstrieren, um den Menschen ihre realen M&#246;glichkeiten zu demonstrieren: das erfordert allerdings, dass die Politik &#252;ber sich selbst hinausgeht und die Linke nicht mehr eine Position innerhalb des Bestehenden darstellt, sondern eine wirkliche Bewegung in der Geschichte zu etwas Neuem: eine konkrete Utopie einer Welt, f&#252;r die es noch keinen Namen gibt, sozusagen ein anonymer Neokommunismus.</p>
<p>Das ist gleicherma&#223;en eine theoretische wie praktische Aufgabe an die radikale Linke: Sich den Sachzw&#228;ngen zu widersetzen und die Utopie direkt in die sozialen Auseinandersetzungen zu bringen: als Frage, beziehungsweise als Problem, und nicht als fertig ausgepinseltes Bild, erst recht nicht als buntes Meinungsbild. Zu erinnern ist bei dieser Gelegenheit, dass die letzte historische Situation, in der eine solche Utopie konkret fassbar schien, beim Mai &#8216;68 n&#228;mlich, vor 40 Jahren in Paris, nicht von ungef&#228;hr unter dem Motto stand: &#8220;Seien wir realistisch, fordern wir das Unm&#246;gliche!&#8221; Dieser utopische Impuls, eben bei jeder Gelegenheit &#8211; ob es um Lohnforderungen, Grundeinkommen oder Kriegseins&#228;tze geht &#8211; das emanzipatorische Interesse radikal zu formulieren und am Menschen zu zeigen, muss f&#252;r eine Neue Linke aktiviert werden.</p>
<p>Kurzum: In jedem Sciencefiction-Film werden Zukunftsszenarien entworfen, mit denen ausgepinselt wird, wie Menschen in zehn, 100, 1.000 Jahren vielleicht leben; auch wenn hier eine emanzipatorische Perspektive noch fehlt, scheinen es, als w&#228;re in der Popkultur die n&#246;tige soziale Phantasie strukturell l&#228;ngst vorhanden. Ihr w&#228;re in den konkreten Auseinandersetzungen ein Raum zu geben. Das ist kein &#246;ffentlicher Raum, der von Mehrheiten gef&#252;llt oder definiert wird, sondern ein Ort kollektiver Praxis, der in seiner Struktur und Organisation erst noch entfaltet werden muss. Mithin w&#228;re das der einzige Raum, wo die Meinung ihr Recht h&#228;tte, weil sie dann n&#228;mlich keine Meinung mehr ist, sondern Positionierung eines ver&#228;ndernden und ver&#228;nderten Subjekts.</p>
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		<title>Die gro&#223;e Illusion &#8211; Mega-Blase Weltwirtschaft</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Oct 2008 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krisentheorie und Krisenanalyse]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Andreas Exner]]></category>
		<category><![CDATA[Finanzkrise]]></category>

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		<description><![CDATA[Mega-Blase Weltwirtschaft]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>www.social-innovation.org, 6. Oktober 2008</p>
<p><em>Andreas Exner</em></p>
<p>Die “Regulation der Finanzm&#228;rkte” wird zum neuen Mainstream. Der CDU-Politiker Heiner Gei&#223;ler erkl&#228;rt, dass “die Marktideologie gescheitert” sei. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac f&#252;hlt sich best&#228;tigt. Hat man es doch seit Jahr und Tag gesagt: die “entfesselten” Finanzm&#228;rkte sind instabil. Nun f&#252;hlt Attac seine gro&#223;e Stunde gekommen, so scheint’s. Und man bl&#228;st zum Halali: “Die Krise ist die direkte Folge der Gier und der Skrupellosigkeit der Banker und Fondsmanager &#8211; und vor allem der Tatenlosigkeit der Politik”, t&#246;nt Attac Deutschland auf der Titelseite seiner Webpage.</p>
<p>Attac liegt falsch.<span id="more-800"></span></p>
<p>Die vermeintliche “Gier” ist dem Kapitalismus eingebaut. In einer Geldwirtschaft macht Produktion nur Sinn, wenn mehr Geld dabei herauskommt als investiert worden ist. Das erzwingt nicht zuletzt die Konkurrenz &#8211; wer keinen Profit macht, kommt darin um. Und weil am Markt niemand vor dem anderen sicher ist, wird der Profit auch nach Kr&#228;ften maximiert. Ganz abgesehen davon, dass in einer Geldwirtschaft es gar nicht anders sein kann als dass mehr Geld besser ist als weniger Geld. Attac fuchtelt v&#246;llig zu Unrecht mit dem moralischen Zeigefinger herum. Mehr Moral hilft keinen Zentimeter weiter, wenn das Problem in der Struktur der Gesellschaft liegt. Skrupellos ist es, nur Leben zu k&#246;nnen, wenn man sich verkaufen kann. Dass Attac dagegen jemals aufgetreten ist, habe ich noch nicht geh&#246;rt.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus ist Spekulation auch kein Privileg der Finanzm&#228;rkte. Vielmehr ist jede wirtschaftliche T&#228;tigkeit im Kapitalismus letztlich spekulativ. Kein Produzent kann n&#228;mlich sicher sein, dass sein Unternehmen auch erfolgreich ist. Das zeigt sich ja immer erst in der Zukunft. Wer keine Kristallkugel hat, muss also spekulieren. Ganz egal, ob ein Betrieb nun Waren produziert oder ein Investmentfonds Unternehmen kauft.</p>
<p>Die “Gier” der “Wallstreet” anzuprangern ist aber nicht blo&#223; falsch. Schlimmer noch: sie grenzt an Heuchelei. Der globale Norden verbraucht bekanntlich ein Vielfaches der Ressourcen des globalen S&#252;dens. Wir fressen der Welt buchst&#228;blich die Zukunft weg. Dagegen sind die vermeintlichen Eskapaden von Managern nicht mehr als Peanuts. Die “Heuschrecken” sind nicht die Manager, sondern wir selbst.</p>
<p>Warum werden dennoch “die Spekulanten” f&#252;r die Krise einer Produktionsweise verantwortlich gemacht, f&#252;r die letztlich alle die “Ursache” sind, die Konsumenten, Arbeiterinnen und W&#228;hler. Die Antwort scheint mir in zwei Richtungen zu liegen. Erstens ist es immer bequem, “die Anderen” zur Wurzel eines Missstands zu erkl&#228;ren. Weit unbequemer zum Beispiel w&#228;re es, sich f&#252;r die Hungernden einzusetzen und eine militante Kampagne gegen den individualisierten Massenverkehr zu starten. Unbequem w&#228;re es auch, Arbeitsk&#228;mpfe zu K&#228;mpfen um die gesellschaftliche Kontrolle der Produktion zu radikalisieren.</p>
<p>Zweitens aber zeigt sich in der projektiven Schuldzuweisung im S&#252;ndenbock genau die Ohnmacht und Perspektivlosigkeit, die Attac nach eigenen Aussagen eigentlich bek&#228;mpfen will. Doch anstatt zu versuchen, das eigene Leben in die Hand zu bekommen, vom Alltag bis hin zur Organisation der Produktion, stellt Attac Forderungen an “Vater Staat”. Der kann vermeintlich alles regeln, wenn man ihn mit guten Argumenten und gutem Willen &#252;berzeugt. Damit hat man sich der Chance, das eigene Leben selbst zu gestalten, schon begeben.</p>
<p>Tats&#228;chlich ist die Krise kein begrenzter Brand an der Wallstreet, den man mit ein paar Gesetzen in den Griff bekommen wird. Es zeigt sich vielmehr eine historische Grenze des kapitalistischen Weltsystems. Wir n&#228;hern uns dem Kulminationspunkt einer Krise des Wachstums und der Umwelt, die sich seit dem Ende der 1960er Jahre aufgebaut hat.</p>
<p>Damals waren beim &#214;lschock 1973 erstmals nat&#252;rliche Grenzen f&#252;r die breite Masse vorstellbar geworden. Und schon ein paar Jahre vorher begann die Profitrate der Weltwirtschaft zu fallen. Die 1970er Jahre waren deshalb ein Jahrzehnt schwachen Wachstums und zunehmender sozialer Auseinandersetzungen. Umso mehr, als eine ganze Generation die Arbeit und das Geldverdienen satt hatte und gegen Bosse, Politik und Normen rebellierte.</p>
<p>Erst die neoliberale Politik von Thatcher und Reagan setzte einen wirksamen Gegenschlag. Sozialabbau, Reallohnsenkungen, eine Versch&#228;rfung von Arbeitsdichte und Arbeitszwang &#8211; ganz allgemein eine zunehmende Kontrolle der Lohnabh&#228;ngigen durch Staat und Kapital &#8211; lie&#223;en die Profitraten wieder steigen. W&#228;hrend der globale Norden sein Konsummodell fortschrieb, trieb er allerdings auch die Ausbeutung der nat&#252;rlichen Ressourcen massiv voran. Als in den 1990er Jahren dann die Tigerstaaten sowie Indien und China die B&#252;hne der Weltwirtschaft betraten, nahm der Druck auf die Produktionsgrundlagen weiter zu.</p>
<p>Die steigenden Rohstoffpreise, die Teuerung bei Lebensmitteln und Energie zeigen also: die kapitalistische Produktionsweise erreicht ihre Grenzen.</p>
<p>Das schl&#228;gt sich bereits in der Wirtschaft nieder. So haben viele Unternehmen schon vor dem vollen Ausma&#223; der Finanzkrise, das sich nun schrittweise zeigt, Gewinnwarnungen ausgegeben &#8211; und zwar aufgrund der steigenden Rohstoffpreise. Die Provimi-Gruppe etwa, einer der weltweiten F&#252;hrer im Futtermittelsektor, vermeldete 2007 um 15 % geringere Profite als im Vorjahr. Der Grund: Teuerung bei Rohstoffen. Ebenso der Autobauer Toyota. Business Standard schlie&#223;lich berichtet, dass die Profite der indischen Wirtschaft nicht zuletzt unter hohen Rohstoffpreisen leiden. Die Liste solcher Meldungen ist lang.</p>
<p>Die Steigerung der Inputkosten schl&#228;gt sich auch auf die Erd&#246;lbranche nieder, die ohnehin eine der kapitalintensivsten Branchen der Weltwirtschaft ist. So werden etwa Erd&#246;lbohrungen teurer. Ein aktueller Bericht der International Herald Tribune sieht darin eine der Ursachen f&#252;r die Stagnation der Erd&#246;lf&#246;rderung in Nicht-OPEC-Staaten. Das ist plausibel, denn die gro&#223;en &#214;lfelder der Welt sind bereits alt und immer schwerer auszubeuten. Reserven neu zu erschlie&#223;en wird immer aufwendiger und bei steigenden Energie- und Materialkosten wird der Energy Return on Energy Invested (EROI), das Verh&#228;ltnis zwischen energetischem Aufwand und Ertrag, immer schlechter werden.</p>
<p>F&#252;r die Lohnabh&#228;ngigen steigen deshalb die Lebenshaltungskosten. Sollten sie als Reaktion darauf h&#246;here L&#246;hne durchsetzen, so w&#252;rde das die Profite noch st&#228;rker unter Druck bringen und die Rezession &#8211; falls das dann &#252;berhaupt noch m&#246;glich ist &#8211; versch&#228;rfen. Das ist f&#252;rs Erste aber ohnehin sehr unwahrscheinlich, denn in einer Rezession steigt die Arbeitslosigkeit und die Bereitschaft zu Arbeitsk&#228;mpfen sinkt.</p>
<p>Der Finanzblase geht vor den Augen der Welt die Luft aus. Doch beteiligen sich all jene, die wie Attac den Ernst der Lage verkennen und billige Rezepte verkaufen wollen, an der Bildung einer neuen Blase, die mindestens genauso gef&#228;hrlich ist: der Illusion der “Regulation”. Diese Blase freilich wird viel rascher als die Immobilienblase platzen, wenn das wahre Ausma&#223; der Krise erst einmal schlagend wird. Dann aber ist wertvolle Zeit bereits verloren.</p>
<p>Es ist unangenehm, aber wahr. Angesichts der Ressourcenverknappung und des Klimawandels ist die Weltwirtschaft bereits im Ganzen eine “Blasen-&#214;konomie”; eine monstr&#246;se Wette auf eine Zukunft, die nicht mehr kommen wird. Diese Realit&#228;t gilt es zu erkennen. Und die Konsequen daraus zu ziehen: Wir m&#252;ssen selbst Auswege suchen, die tragf&#228;hig sind. Die Politik wird dabei schwerlich helfen.</p>
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		<title>Komplizierter als man denkt</title>
		<link>http://www.krisis.org/2006/komplizierter-als-man-denkt</link>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Krieg und Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Lothar Galow-Bergemann]]></category>

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		<description><![CDATA[Widerspr&#252;chliches aus der Friedensbewegung]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Widerspr&#252;chliches aus der Friedensbewegung</h3>
<p>aus: Contraste, Oktober 2006</p>
<p><em>Lothar Galow-Bergemann</em></p>
<p>„Es war so sch&#246;n im Jahr 2003“ hei&#223;t es mit Bezug auf die Massendemos gegen den Irakkrieg. „Endlich konnten sich die Menschen als ‚Europ&#228;er’ besser f&#252;hlen, besser als ‚die Amerikaner’. Es etablierte sich so etwas wie ein Mainstream-Antiamerikanismus.“ Nanu, der Leser reibt sich die Augen. Hat er wirklich ein Buch aus der Friedensbewegung vor sich? Er hat. <em>Tobias Pfl&#252;ger</em>, der f&#252;r die PDS im EU-Parlament sitzt, wird diese Bemerkung vermutlich noch manchen &#196;rger im eigenen Lager bescheren, gilt dort doch gemeinhin allein schon die Behauptung der Existenz von Antiamerikanismus als Sakrileg.</p>
<p><span id="more-512"></span>Offensichtlich gibt es auch in der Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung ein paar Leute, deren Weltbild etwas mehr Komplexit&#228;t vertr&#228;gt als das Mantra vom Kampf der b&#246;sen USA und ihrer durchtriebenen Konzerne gegen die „friedliebenden V&#246;lker“. Die T&#252;binger Informationsstelle Militarisierung (IMI), die sich seit nunmehr zehn Jahren besonders in der Analyse deutscher und europ&#228;ischer Milit&#228;r- und Gro&#223;machtpolitik einen Namen gemacht hat, geh&#246;rt dazu. Mit dem Band <em>„Weltmacht EUropa, Auf dem Weg in weltweite Kriege“</em> hat sie jetzt einen recht umfassenden &#220;berblick &#252;ber Geschichte, Gegenwart und zu bef&#252;rchtende Zukunft dieser imperialistischen Herausforderung an die (noch) alleinige globale Supermacht vorgelegt.</p>
<p>Ob die (bisher) gescheiterte Verfassung, die Politik der EU in allen Weltregionen, ihre Fl&#252;chtlingspolitik, die Konzentration der europ&#228;ischen R&#252;stungsindustrie und die Entwicklung europ&#228;ischer „Verteidigungs“doktrinen oder Rivalit&#228;t und Kooperation mit den USA und die spezifisch deutschen Rolle bei alledem – es gibt kaum ein Thema, das die 19 AutorInnen nicht behandeln und mit einer F&#252;lle von Fakten unterlegen. Herausgekommen ist ein &#228;u&#223;erst n&#252;tzliches Handbuch f&#252;r den politischen Alltagsgebrauch, dem bedauerlicherweise ein Stichwortverzeichnis fehlt.</p>
<p>Kapitalismusanalyse ist die Sache des Bandes nicht. F&#252;r die meisten AutorInnen stellt sich der moderne Kapitalismus als eine Veranstaltung hinterh&#228;ltiger neoliberaler Strategen dar. Trotzdem k&#246;nnen die Texte Einsichten bef&#246;rdern. Z.B. die, dass die Vorstellung eines „ideellen Gesamtimperialismus unter der alleinigen F&#252;hrung der USA“ (Robert Kurz) auf wackligen F&#252;ssen steht. Die Entwicklung von ebenb&#252;rtigen Satellitensystemen und Gro&#223;raumtransportflugzeugen, die Aufstellung eigener europ&#228;ischer „battlegroups“ f&#252;r den weltweiten Einsatz, die nicht von den USA kontrollierbar sind, j&#228;hrliche R&#252;stungsausgaben von &#252;ber 200 Mrd $ und der immer offener erhobene Anspruch, Weltmacht werden zu wollen, f&#252;hren die Einsch&#228;tzung vom „europ&#228;ischen Papiertiger“ ad absurdum. Besonders aufschlussreich, was <em>Arno Neuber</em> &#252;ber den beiderseitigen Protektionismus schreibt: in den USA werden Vorkehrungen gegen eine m&#246;gliche Abh&#228;ngigkeit von europ&#228;ischen R&#252;stungsimporten getroffen. So verh&#228;lt sich keiner, der es mit irgendwelchen Zwergen zu tun hat. Es hat sich ein Gestr&#252;pp von Kooperation und Konfrontation herausgebildet: Zwar erfordert das Spiel namens globaler Kapitalismus immer mehr gemeinsame Anstrengungen aller Akteure, damit es &#252;berhaupt noch gespielt werden kann, aber deswegen hat noch lange keiner den Wunsch aufgegeben, Sieger zu sein. So trifft wohl eher die Prognose von Clintons ehemaligem Sicherheitsberater Charles Kupchan zu: „Die EU ist ein aufsteigendes Machtzentrum, das den Westen in einen amerikanischen und einen europ&#228;ischen Teil trennen wird.“ Und <em>Uli Cremer</em> ist leider zuzustimmen &#8211; „wenn die EU als globale Milit&#228;rmacht neben die USA tr&#228;te, w&#228;ren eher mehr kriegerische Konflikte zu bef&#252;rchten.“</p>
<p>Wer nun bei der Lekt&#252;re gehofft hatte, auf weitere Beispiele komplexeren Denkens zu sto&#223;en, wird allerdings entt&#228;uscht. Dass es neben dem westlichen Imperialismus m&#246;glicherweise noch mehr Menschenfeindliches auf der Welt geben k&#246;nnte, scheint au&#223;erhalb des Vorstellungsverm&#246;gens der meisten AutorInnen zu liegen. Gegen&#252;ber der weltweiten Konjunktur der zentralen kapitalistischen Krisenideologie, des Antisemitismus, herrscht glatte Ignoranz. Zwar schafft es <em>Andrè Bank</em> wenigstens <em>einmal</em> vom „antisemitischen Pr&#228;sidenten Ahmadinedschad“ zu reden, aber nur um zu betonen, die iranische Atompolitik werde ja eh von Chamenei bestimmt – bei dem, wen wundert’s, das Adjektiv schon wieder fehlt. Das passt zu der Meldung, dass sich eine der AutorInnen, <em>Claudia Haydt,</em> auf dem diesj&#228;hrigen Kongress der Bundeskoordination Internationalismus (Buko) mit der Bemerkung hervorgetan hat: „Ich wei&#223; nicht, ob Ahmadinedschad wirklich Antisemit ist.“ (jungle world, 31.5.06) <em>Banks</em> Beitrag ist &#252;berhaupt einer der schw&#228;chsten des Buches. Immerhin konzediert er &#8211; das ist neu aus einer Ecke, in der fr&#252;her Loblieder auf Arafat &#252;blich waren &#8211; dass die EU mit ihren Hilfsgeldern f&#252;r den Rais zur Etablierung eines autorit&#228;ren Regimes und zu innerpal&#228;stinensischen Militarisierung beigetragen hat. Ansonsten keine &#220;berraschung. Der antisemitische Terror f&#228;llt ihm noch nicht einmal dann ein, wenn er die zentralen Konfliktfelder in „Nahost“ aufz&#228;hlt und ausgerechnet die Milit&#228;rhilfe f&#252;r Israel, das ohne milit&#228;rische &#220;berlegenheit &#252;ber diejenigen, die es von Anfang an ausradieren wollten keinen Tag existiert h&#228;tte, ist ihm ein Dorn im Auge.</p>
<p>Die meisten AutorInnen reden vom „Terror“ nur in Anf&#252;hrungszeichen, einzig f&#252;r <em>Christoph Marischka</em> sind „die USA vermutlich tats&#228;chlich Zielscheibe des internationalen Terrorismus“ und d&#252;rften „halbwegs glaubw&#252;rdig eine Bedrohung durch Atomwaffen konstruieren k&#246;nnen“. Der Terror wird durchg&#228;ngig als irgendwie logische „Folge von Armut“ erkl&#228;rt, als ob sich saudische Milliard&#228;rss&#246;hnchen vom Dhijad abwenden w&#252;rden, wenn nur erst &#252;berall fair gehandelter Kaffee getrunken wird. <em>Uwe Reinecke</em> vom Bundesausschuss Friedensratschlag schie&#223;t den Vogel ab. F&#252;r ihn gibt es den Terrorismus gar nicht, er ist „imagin&#228;r“. Am 11.9.01 gab es „Ereignisse“ und wenn Menschen vor Terroranschl&#228;gen Angst haben, so beweist das, „dass die Propaganda funktioniert“. Die (selbstredend nicht zu rechtfertigende) T&#246;tung des Brasilianers Menendez durch die Londoner Polizei am 22.7.2005 ist ihm lediglich „dramatische Spitze der allgemeinen staatlichen Hetzjagdstimmung“. Dass ihr ein Terroranschlag mit dutzenden Toten vorherging und dass die Polizei Hinweise auf weitere Anschl&#228;ge hatte, teilt der famose Friedensfreund seinen LeserInnen erst gar nicht mit. Vielleicht hat er es aber auch nur vergessen. Solcherlei Realit&#228;tsverlust teilen bekanntlich nicht wenige.</p>
<p>Hat man sich die Augen zu fr&#252;h gerieben? Am Ende jedenfalls riecht es allzu bekannt nach Dumpfbacke. Schade eigentlich. Denn das Buch ist, kritisch gelesen, durchaus eine Hilfe f&#252;r alle, die <em>einiges </em>von dem besser verstehen wollen, was sich heute an der Oberfl&#228;che der krisengesch&#252;ttelten kapitalistischen Welt abspielt. Ob man es aber in T&#252;bingen beim n&#228;chsten Band schaffen wird, den Antisemitismus zur Kenntnis zu nehmen oder sich nicht eher doch f&#252;r das „Missverst&#228;ndnis“ in Sachen Antiamerikanismus entschuldigt – wir werden sehen.</p>
<p><em>Tobias Pfl&#252;ger/J&#252;rgen Wagner (Hrsg.), Weltmacht EUropa Auf dem Weg in weltweite Kriege, VSA Verlag Hamburg, 338 S., ISBN 3-89965-183-9, 19,80€</em></p>
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		<title>Heuschrecken im Bauch</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Dec 2006 00:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Antisemitismus und Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Kritik der traditionellen Linken]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur- und Ideologiekritik]]></category>
		<category><![CDATA[Staat, Politik, Demokratie und Rechtsform]]></category>
		<category><![CDATA[Lothar Galow-Bergemann]]></category>

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		<description><![CDATA[Regressiver Antikapitalismus am Beispiel der Linkspartei]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Regressiver Antikapitalismus am Beispiel der Linkspartei</h3>
<p><em>von Lothar Galow-Bergemann</em></p>
<p>Ende April 2006 trat ein Mitglied des WASG-Bundesvorstands zur NPD &#252;ber, um sozialpolitischer Berater der s&#228;chsischen Landtagsfraktion der Neonazis zu werden. Der folgende Text geht der Frage nach, ob dies ein Zufall war.</p>
<h4><span id="more-517"></span>Antikapitalismus hat Konjunktur</h4>
<p>Aus einem Beschluss des Bundesvorstandes einer Jugendorganisation im Juni 2005: &#8220;Die Entwicklung einer radikalen Kapitalismuskritik ist eine Aufgabe, welcher wir uns stellen m&#252;ssen&#8230; Unsere Ablehnung der kapitalistischen Verh&#228;ltnisse muss grunds&#228;tzlich sein&#8230;In dem Ma&#223;e, wie der Kapitalismus dem Einzelnen seine W&#252;rde nimmt, zerst&#246;rt er jede menschliche Gemeinschaft. Der Kapitalismus verk&#252;rzt die Vielfalt menschlichen Wesens auf das Wirtschaftliche, N&#252;tzliche und Triebhafte&#8230;&#8221; (Die Menschen) &#8220;erleben heute eine riesige Betonw&#252;ste. Sie erleben Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Armut, Verwahrlosung, trostlose Superm&#228;rkte und eine v&#246;llig gleichgeschaltete Gesellschaft. Sie erleben eine Ellenbogengesellschaft, von welcher entfernt anonym und weit weg die &#8220;Bonzenschweine&#8221; hausen und &#252;ber ihre eigenen K&#246;pfe hinweg regieren. Ihr erlebtes Deutschland ist K&#228;lte, Staatsgewalt, Dumpfheit, Mittelm&#228;&#223;igkeit, Ausbeutung und Entmenschlichung an jedem Ort.&#8221; <a name="1" href="#a1"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 1</sup></a></p>
<p>Vielleicht ist die Leserin &#252;ber das Wort &#8220;Deutschland&#8221; gestolpert. Richtig, das Papier stammt von den Jungen Nationaldemokraten. W&#228;re aber statt vom &#8220;erlebten Deutschland&#8221; vom &#8220;erlebten Umfeld&#8221; die Rede und vielleicht noch die &#8220;Bonzenschweine&#8221; gegen Lafontaines &#8220;Saubande&#8221; ausgetauscht &#8211; der Text k&#246;nnte in jeder mainstreamlinken Debatte dieser Tage anstandslos durchgehen. Die &#220;berschrift des Papiers lautet &#252;brigens: &#8220;Nationalismus hei&#223;t Kapitalismuskritik&#8221;. Ein neonazistischer Theoretiker, J&#252;rgen Schwab, sieht das antikapitalistische Profil noch nicht gesch&#228;rft genug und schreibt dazu &#8220;mit kameradschaftlichen Gr&#252;ssen&#8221; das Folgende: &#8220;Ich schlage vor &#8230; den Kapitalismus als Tendenz zur boden- bzw. grenzenlosen Verf&#252;gbarkeit von Waren bzw. Kapital und Arbeit zu definieren. Damit einher geht die entgrenzte Akkumulation des unternehmerischen Profits, was zu einer mittlerweile globalen Konzentration von Produktionsmitteln f&#252;hrt&#8230;Wir erleben nun die Situation, dass nicht die jeweiligen politischen Gemeinwesen (Staaten) in Stellvertretung ihrer V&#246;lker der ortsans&#228;ssigen Wirtschaft gemeinwohlverpflichtende Auflagen machen, die befolgt werden m&#252;ssten, sondern dass diverse Global Players den Staaten, oder was davon &#252;brig geblieben ist, sagen, wo es lang geht. So br&#252;stet sich die Vorstandsetage der Leverkusener Bayer AG damit, dass sie keine Gewerbesteuer bezahlt, weil sie ja die letzten deutschen Bayer-Arbeitspl&#228;tze ins lohng&#252;nstigere Ausland verlagern kann.&#8221; <a name="2" href="#a2"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 2</sup></a></p>
<p>Und wieder: w&#228;ren es keine &#8220;deutschen&#8221;, sondern einfach nur &#8220;Arbeitspl&#228;tze&#8221; &#8211; die Analyse entspr&#228;che voll und ganz derjenigen der so genannten Antiglobalisierungsbewegung. Das gilt im wesentlichen durchaus auch f&#252;r Schwabs L&#246;sungsvorschl&#228;ge: &#8220;H&#228;tten wir auf der Welt eine Vielfalt nationaler souver&#228;ner Staaten, die vielleicht ihre Interessen in Gro&#223;r&#228;umen (auch Wirtschaftsr&#228;ume) b&#252;ndelten, w&#228;re Akkumulation und Konzentration (Stichwort ,internationale Arbeitsteilung&#8217;) ein erster wirkungsvoller Riegel vorgeschoben. Zur nationalstaatlichen Souver&#228;nit&#228;t z&#228;hle ich hier auch die M&#246;glichkeit des Schutzzolls gegen&#252;ber Billig-Ware und des Grenzregimes gegen&#252;ber Armutsfl&#252;chtlingen bzw. Lohndr&#252;ckern (insofern ist die NPD-Forderung nach Ausl&#228;nderr&#252;ckf&#252;hrung nat&#252;rlich antikapitalistisch, weil diese der liberalistischen Freihandelsdoktrin von Arbeitskr&#228;ften fundamental widerspricht). Dass der Schutzzoll auch milit&#228;risch abzusichern ist, falls Uncle Sam daran denken sollte, die T&#252;re einzutreten, sei hier nur am Rande erw&#228;hnt. Hierzu b&#246;te sich die vielzitierte Achse Paris-Berlin-Moskau an, in der bereits zwei Partner atomar best&#252;ckt sind (Deutschland m&#252;sste nachziehen).&#8221; <a name="3" href="#a3"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">3</sup></a></p>
<p>Nat&#252;rlich wird man in globalisierungskritischen Kreisen die Forderung nach &#8220;Ausl&#228;nderr&#252;ckf&#252;hrung&#8221; emp&#246;rt zur&#252;ckweisen und zwar zweifelsohne subjektiv v&#246;llig ehrlich. Aber viel interessanter ist, dass man sich bei attac zur gleichen Zeit, in der Neonazis diese Debatte gef&#252;hrt haben, nicht auf die Forderung nach offenen Grenzen f&#252;r alle einigen konnte. Auch w&#252;rde es dem durchschnittlichen Globalisierungskritiker ganz gut tun, wenn statt &#8220;Interessenb&#252;ndelung in Gro&#223;r&#228;umen&#8221; von &#8220;Europa&#8221; die Rede w&#228;re und sich die Achse Paris-Berlin-Moskau nicht gar so milit&#228;risch g&#228;be. Dass sich Europa aber gegen den Hauptfeind von jenseits des gro&#223;en Wassers zu verteidigen habe, spricht ihm voll und ganz aus der Seele und nicht wenigen Exemplaren seiner Gattung passt eine milit&#228;rische St&#228;rkung des alten Kontinents zu eben diesem Zwecke durchaus ins Weltbild.</p>
<p>Mit anderen Worten: ein bisschen Deutscht&#252;melei weggenommen und die eine oder andere Spitze nicht ganz so entschieden formuliert, haben wir hier in den Grundz&#252;gen die gegen&#252;ber der objektiven Krise des Verwertungsprozesses v&#246;llig begriffslose mainstreamlinke Kapitalismuskritik samt darauf fu&#223;endem Politikkonzept vor uns: Profitgierige Global Players saugen &#8220;uns&#8221; aus, verlagern Arbeitsl&#228;tze ins Ausland und f&#252;hren Staaten und &#8220;V&#246;lker&#8221; an der Nase herum. Dagegen hilft nur ein starker Staat, der das Soziale wieder durchsetzen muss, am besten gleich in einem &#8220;sozialen Europa&#8221; als Gegenmodell zur &#8220;Amerikanisierung&#8221;.</p>
<p>Der Antikapitalismus der oberfl&#228;chlichen Analyse und der einfachen Antworten hat Konjunktur. Antiamerikanismus, Antizionismus und Vorformen des Antisemitismus &#8211; Stichworte Heuschrecken- und Zinskritik &#8211; feiern ebenso fr&#246;hliche Urst&#228;nd wie die Propagierung populistischer &#8220;Alternativen&#8221;: kaum verh&#252;llter Euro-Sozial-Nationalismus, Begeisterungsst&#252;rme f&#252;r die Installation eines altneuen Regimes des Personenkults unter &#8220;dem geliebten F&#252;hrer&#8221; Hugo Chavez in Venezuela, skandal&#246;se Relativierung und Verst&#228;ndnisheischen f&#252;r das reaktion&#228;re Menschenbild des islamischen Fundamentalismus, kaum verh&#252;llte Sympathie f&#252;r die Herrscher des Iran und die Hamas, Realit&#228;tsverweigerung gegen&#252;ber dem weltweit grassierenden Antisemitismus &#8211; das sind nur einige Highlights aus dem gegenw&#228;rtigen regressiven antikapitalistischen Diskurs.</p>
<h4>Kapitalismusverhafteter Antikapitalismus</h4>
<p>Ein Selbstwiderspruch, aber ein quicklebendiger. Antikapitalismus auf der Basis des Kapitalismus. Weit entfernt von einer Kritik kapitalistischer Basiskategorien wie Wert, Ware, Arbeit, Staat, Politik und Recht sucht er diese im Gegenteil gar gegen den Kapitalismus selber in Stellung zu bringen. Weil ihm auf der Grundlage der Affirmation dieser Kategorien gar nichts anderes &#252;brig bleibt, als sich im Grunde vorkapitalistische personale Herrschaftsstrukturen zusammenzuphantasieren, wo schon lange keine mehr sind, fallen ihm auch nur vorkapitalistische &#8220;L&#246;sungen&#8221; ein. Diese m&#252;nden regelm&#228;&#223;ig und zwangsl&#228;ufig in den Wunsch nach dem &#8220;guten Herrscher&#8221; oder, etwas zeitgem&#228;&#223;er ausgedr&#252;ckt, in die Sehnsucht nach der &#8220;richtigen Politik&#8221;. Diese zeichnet sich in zweierlei Hinsicht aus. Erstens ist sie der Ausdruck eines &#8220;freien Willens&#8221; und zweitens ist sie dann &#8220;richtig&#8221;, wenn sie dem von vornherein als &#8220;gut&#8221; empfundenen Willen des &#8220;Volkes&#8221; und nicht dem der &#8220;herrschenden Klasse&#8221; entspricht.</p>
<p>Die Linkspartei verf&#252;gt bekanntlich &#252;ber zwei F&#252;hrer, die diesen &#8220;Volkswillen&#8221; verk&#246;rpern: Gregor und &#8211; noch perfekter, da auch &#252;ber den letzten Verdacht irritierender Intellektualit&#228;t erhaben &#8211; Oskar. Oskar bedient, gerade indem er es nicht ganz so, sondern nur fast so formuliert, ein weit verbreitetes dumpfes F&#252;hlen: An allem sind irgendwelche B&#246;sewichter schuld. Heute sind es die T&#252;rken, morgen dann die Spekulanten oder wahlweise die unf&#228;higen Politiker, ein andermal der Bush, dann wieder die Drogendealer oder die &#214;lmultis und eigentlich dann doch wieder die korrupten Manager und die Asylanten. Und die Finanzhaie und Heuschrecken nicht zu vergessen. So unterschiedlich die auch alle sein m&#246;gen und je mehr sich der eine vielleicht mit diesen und der andere eher mit jenen Lieblingsb&#246;sewichtern die Welt erkl&#228;rt &#8211; sie haben alle miteinander eine gro&#223;e Gemeinsamkeit: &#8220;ehrliche Arbeit&#8221; ist ihnen fremd, sie &#8220;hauen einen &#252;bers Ohr und betr&#252;gen einen&#8221;.</p>
<h4>Die unheimliche N&#228;he von &#8220;National&#8221; und &#8220;Sozial&#8221;</h4>
<p>Solcherlei &#8220;Krisenanalyse&#8221; ist popul&#228;r. Ihre starken Ankl&#228;nge an antisemitische Stereotype sind manchmal un&#252;bersehbar. Auf dem Titelblatt der Mai-Ausgabe 2005 der &#8220;metall&#8221;, Zeitschrift der IG Metall, fallen Stechm&#252;cken mit Goldzahn, gebogenen Saugr&#252;sseln und Stars-and-Stripes-geschm&#252;ckten Zylindern &#252;ber deutsche Fabriken her. Vorangegangen war M&#252;nteferings Wahlkampfrede von den &#8220;Heuschrecken&#8221;, die sich seitdem in rasender Schnelligkeit im Volksmund wie im linken Sprachgebrauch etabliert haben. Diese proto-antisemitische &#8220;Kritik&#8221; verquickt das Nationale mit dem Sozialen. Aus einer Solidarit&#228;tserkl&#228;rung der WASG Th&#252;ringen an die streikenden VW-Arbeiter, November 2004: &#8220;Wir wissen, dass nicht ihr an den schlechten Verkaufszahlen eures Unternehmens schuld seid, deutsche Wertarbeit und deutscher Flei&#223; sind weltweit geachtet&#8230; Setzt stellvertretend f&#252;r alle deutschen Arbeitnehmer ein Zeichen, dass wir den Kampf gegen die neoliberalen Scharfmacher noch nicht verloren haben. Mit solidarischen Gr&#252;&#223;en Eure WASG Th&#252;ringen&#8221; <a name="4" href="#a4"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 4</sup></a></p>
<p>Die rechtsextreme Einstellung vieler Gewerkschaftsmitglieder und -funktion&#228;re ist sp&#228;testens seit der Studie von Fichter/St&#246;ss/Zeuner (FU Berlin) bekannt. <a name="5" href="#a5"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 5</sup></a> Die Rechten haben schon lange das Soziale entdeckt. Das hat sich mancheR noch mit schlichter Demagogie erkl&#228;rt. Aber jetzt wird deutlicher, dass mehr dahinter steckt, denn die Linken entdecken das Nationale. Und &#8220;wenn Sozialisten national daherreden, muss der Rauchmelder in der demokratischen Linken losgehen.&#8221;<a name="6" href="#a6"> <sup style="FONT-SIZE: 8pt">6</sup></a></p>
<p>Wer Augen hat zu sehen begreift, dass die Auslieferung an den Weltmarkt eine prinzipiell endlose soziale Abw&#228;rtsspirale nach unten in Gang setzt. Dass nun aber in Teilen der Linken ausgerechnet und zunehmend auf &#8220;nationale Souver&#228;nit&#228;tsrechte&#8221; als vermeintlichem Rettungsanker gesetzt wird, ist Ausdruck der Falle, in der die reine Mehrwertkritik der traditionellen linken Kapitalismusanalyse sitzt. Wer in den Kategorien von Staat und Kapital befangen bleibt, muss sich heute fast zwangsl&#228;ufig an den Nationalstaat als letzten Strohalm gegen die Zumutungen der weltweiten Verwertungs- und Arbeitsplatzkonkurrenz klammern. Und so verf&#228;llt man auch im Jahre 15 nach dem endg&#252;ltigen Scheitern von Stalins &#8220;Sozialismus in einem Land&#8221; noch der Illusion vom &#8220;Keynesianismus in einem Land&#8221;. <a name="7" href="#a7"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 7</sup></a></p>
<h4>Was schert uns die Erfahrung, wo doch die Illusion so sch&#246;n ist</h4>
<p>Die ganze Vergangenheit und Praxis der Linkspartei &#8211; PDS, Lafontaine, Maurer usw. &#8211; verweisen eigentlich so sehr auf die v&#246;llige Perspektivlosigkeit des ganzen Unternehmens, und das auch nur im Sinne von &#8220;Arbeit&#8221; und &#8220;sozialer Gerechtigkeit&#8221;, geschweige denn im Sinne von Emanzipation, dass es nur noch psychologisch zu erkl&#228;ren ist, wenn alleine ein kleine &#196;nderung am Firmenschild der PDS in der Lage ist, so viele Hoffnungen bis in linksradikale Kreise hinein aufkeimen zu lassen. Die konkrete Praxis der Linkspartei und ihrer Matadore ist bekanntlich katastrophal. Die Beispiele aus Berlin und der Ex-DDR w&#252;rden eh nur noch langweilen, deswegen hier ein einziges &#8211; aus K&#246;ln. Die Initiative Barmer Viertel begr&#252;ndete im M&#228;rz ihre Besetzung des B&#252;ros der Linksfraktion wie folgt: &#8220;Der Bitte &#8230; eine Sonderratssitzung gegen den Abriss zu beantragen, war die Linksfraktion nicht bereit zu entsprechen &#8230; Wir sind entt&#228;uscht dar&#252;ber, dass die Links-Fraktion f&#252;r ihr Nein gegen den Abriss nicht ihre parlamentarischen M&#246;glichkeiten einsetzt. Rot-Gr&#252;n in K&#246;ln kommt ohne die Unterst&#252;tzung der Links-Fraktion nicht aus. Diese Unterst&#252;tzung sollte Rot-Gr&#252;n nicht f&#252;r ein Linsengericht erhalten. Das Verhalten der Links-Fraktion erinnert uns an die fr&#252;heren Winkelz&#252;ge der Gr&#252;nen, mit denen sie sich von den sozialen Bewegungen verabschiedet haben&#8230;&#8221; <a name="8" href="#a8"> <sup style="FONT-SIZE: 8pt">8</sup></a></p>
<p>Dass es trotzdem so viele Illusionen in dieses Projekt gibt, muss andere Ursachen haben als die Alltagserfahrung. Zu vermuten ist, dass der eigentliche Antrieb das au&#223;erordentlich starke und weit verbreitete Bed&#252;rfnis ist, der krisenhaften Entwicklung und dem um sich greifenden Niedergang endlich etwas praktisch Wirksames entgegenzusetzen. Und zwar hier und jetzt.</p>
<p>Dieses Bed&#252;rfnis allerdings ist sehr ernst zu nehmen. Wem die Krise selber zusetzt und wem die erb&#228;rmliche und kalte Ideologie des Marktes nicht den Verstand geraubt hat, wird es teilen. Weswegen auch die sich entwickelnde Bewegung gegen Sozialabbau ernst zu nehmen, in kritischer Sympathie zu begleiten und nach M&#246;glichkeit in emanzipatorischem Sinne zu beeinflussen ist. Dazu im zweiten Teil mehr.</p>
<h4>So oder so &#8211; irgendein Lafontaine muss sein</h4>
<p>Doch zun&#228;chst noch einmal zur Linkspartei. In ihr, besonders in der WASG gibt es nat&#252;rlich auch welche, die &#8220;trotz PDS und Lafontaine&#8221; Hoffnungen mit der Sache verbinden, also das &#8220;H&#228;uflein Aufrechter&#8221; in Berlin, Gewerkschafter usw. Aber auch sie alle wissen, dass sie einen wie Oskar, zumindest aber eine Argumentation à la Oskar brauchen, denn er bringt die W&#228;hler, ohne die das ganze Projekt zum Scheitern verurteilt ist. Deswegen kann ihre Kritik an Lafontaine auch nicht wirklich &#252;berzeugen. Er und seine Denke stehen wie sonst niemand f&#252;r das ganze Projekt. Die WASG gibt das selber auch unumwunden zu. So schrieb sie im baden-w&#252;rttembergischen Landtagswahlkampf: &#8220;Wer ist die WASG? Viele W&#228;hlerinnen und W&#228;hler k&#246;nnen mit den vier Buchstaben noch nicht viel anfangen. Schlie&#223;lich ist die Partei noch jung, in Baden-W&#252;rttemberg gerade mal ein Jahr alt. Doch wenn man den Namen Oskar Lafontaine nennt, wei&#223; jeder, was gemeint ist. ,Neben den etablierten Parteien hat nur die WASG eine Chance, ins Landesparlament einzuziehen&#8217;&#8221;, sagt Lafontaine&#8230;&#8221; <a name="9" href="#a9"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 9</sup></a> Es ist folglich legitim, sich in der Kritik der Linkspartei an Lafontain&#8217;schen Positionen abzuarbeiten.</p>
<p>Er holt die Stimmen eben nicht mit der unbefleckten Forderung nach &#8220;Arbeit und sozialer Gerechtigkeit&#8221;, so problematisch das allein schon w&#228;re. Stimmenwirksam wird er erst mit dem Konglomerat aus oberfl&#228;chlicher Analyse, sozialer Demagogie und Ressentiment, das f&#252;r die Linkspartei konstitutiv ist. Er holt die Stimmen f&#252;r die Abschaffung des Asylrechts und Fl&#252;chtlingslager in Nordafrika, f&#252;r die Folter (zumindest in Deutschland, geschieht sie in den USA so ist das f&#252;r ihn allerdings ein &#8220;R&#252;ckfall in die Barbarei&#8221;), f&#252;r &#8220;scharfe Kontrollen gegen den Missbrauch der Sozialsysteme und Schwarzarbeit&#8221;, f&#252;r die Meinung, der Ausschluss Hohmanns aus der CDU habe das Urteil best&#228;rkt, bei uns d&#252;rfe man nichts gegen Juden sagen, daf&#252;r, dass &#8220;unsere Landsleute&#8221; Angst haben vor Kriminalit&#228;t, Einwanderung und Arbeitsplatzverlust, daf&#252;r, dass die Staatsb&#252;rgerschaft nur erhalten d&#252;rfe, wer deutsch spricht, Steuern zahlt und die Sozialsysteme finanziert ebenso wie f&#252;r das &#8220;deutsche Volk&#8221; als &#8220;Schicksalsgemeinschaft&#8221; und noch vieles mehr, alles hinl&#228;nglich dokumentiert und in seinen B&#252;chern und Bildzeitungskommentaren nachzulesen. <a name="10" href="#a10"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 10</sup></a></p>
<p>Richtig, die Linkspartei steht in der sozialdemokratischen, keynesianistischen Tradition der 50er und 60er Jahre. W&#228;re von ihr nicht mehr zu erwarten als der Ruf nach Arbeitspl&#228;tzen und Umverteilung des monet&#228;ren Reichtums, es w&#228;re nichts gegen sie zu sagen, au&#223;er dass sie Illusionen nachh&#228;ngt. Mehr noch: da der Kommunismus vermutlich noch ein wenig auf sich warten l&#228;sst, w&#228;re noch nicht einmal wirklich etwas gegen eine R&#252;ckkehr zu diesen Zeiten einzuwenden, wenigstens &#246;konomisch. Die Sache hat nur einen Haken. Das krisenhafte Stadium, in das die Kapitalverwertung eingetreten ist, l&#228;sst eine solche Renaissance nicht mehr zu. Wo infolge der dritten technologischen Revolution nicht nur die Investitionskosten f&#252;r neue Arbeitspl&#228;tze sondern auch die pro Arbeitseinheit geschaffenen Werte ins Astronomische steigen sind &#8220;Arbeit f&#252;r alle&#8221; und ein darauf basierender &#8220;Sozialstaat&#8221; historische Auslaufprodukte. Folglich gewinnt die Suche nach Wegen zur grunds&#228;tzlichen &#220;berwindung des ganzen auf der Wertverwertung beruhenden Systems der Warenproduktion eine unmittelbare Bedeutung f&#252;r die &#220;berlebensf&#228;higkeit der Menschen. <a name="11" href="#a11"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 11</sup></a></p>
<p>Weil aber, nach dem Willen der Nostalgiker des Keynesianismus, unbedingt sein soll, was nicht mehr sein kann, so m&#252;ssen sie auch sich selber und ihrer Klientel erkl&#228;ren, dass es irgendwelche Dummk&#246;pfe und/oder B&#246;sewichter gibt, die verhindern, dass das, was doch angeblich so leicht zu machen w&#228;re, Wirklichkeit wird. Deswegen ist die Linkspartei heute eben nicht als Keynes pur zu bekommen, als nur sozialdemokratisch, sondern ausschlie&#223;lich im Doppelpack als gleichzeitiger Transporteur eines regressiven, protoantisemitischen &#8220;Heuschreckenantikapitalismus&#8221;. Dieser Antikapitalismus ist brandgef&#228;hrlich, denn er birgt &#8211; bei weiterer Entfaltung der Krise &#8211; das Potential zur Entladung des Volkszorns im antisemitisch motivierten Pogrom in sich.</p>
<p>Micha Brumlik ist zuzustimmen, wenn er schreibt: &#8220;Endlich werden die Umrisse von Lafontaines Projekt klar: Einer durchaus w&#252;nschenswerten Verbesserung der Lebensumst&#228;nde von Armen und &#196;rmsten entspricht ein Schengendeutschland, mit Auffanglagern f&#252;r Fl&#252;chtlinge in Afrika und einer starken Polizei, die foltern darf: Oskar Lafontaines Volksstaat eben. Anders als vielfach geglaubt, handelt es sich bei diesem Projekt keinesfalls um einen R&#252;ckfall ins Vorgestern &#8211; vielmehr ist zu bef&#252;rchten, dass sich im Zuge der wirtschaftlichen Krise und der Krise der EU ein neuer politischer Formationstypus herausbildet: von protektionistischen Nationalstaaten, die entgegen allen Ank&#252;ndigungen den Geld-, Waren- und Arbeitskraftstr&#246;men eines neoliberalen Europa nichts anderes entgegensetzen k&#246;nnen als die polizeigest&#252;tzte soziale Kontrolle an seinen Grenzen und seinem Innern.&#8221; <a name="12" href="#a12"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">12</sup></a></p>
<p>Ein Projekt, das auf Gedeih und Verderb auf einen solchen F&#252;hrer mit einem solchen Konzept angewiesen ist, kann nur regressiv sein, da m&#246;gen viele ehrliche Parteiaktivisten subjektiv die besten Absichten haben. Selbst wenn die WASG in Berlin und Mecklenburg &#8211; in welcher Form auch immer &#8211; gegen die dort bereits reichlich entzauberte Linkspartei mit gutem Erfolg bei den Wahlen im September antreten w&#252;rde, k&#228;me sie haargenau in die gleichen Zw&#228;nge: der Erfolg hinge eben davon ab, den Leuten nach dem Munde zu reden; schlie&#223;lich ist es doch besser, die WASG nimmt der NPD die Stimmen von entt&#228;uschten PDS-W&#228;hlern ab, oder? Es beg&#228;nne die Suche nach dem neuen Oskar, der das fertig bringt und &#8230; siehe oben! Was dabei herauskommt ist erstens kein Gramm weniger Mist in den K&#246;pfen des Wahlvolkes und zweitens jede Menge engagierter Menschen, die sich in immer neuen Parteibildungsprojekten verschlei&#223;en und der Bewegung verloren gehen.</p>
<h4>USA und Israel als &#8220;Weltheuschrecken&#8221;</h4>
<p>Viele Linke machen sich vor, sie seien frei von Nationalismus. Oft muss daf&#252;r das Etikett &#8220;Europa&#8221; herhalten, m&#246;glichst mit dem Zusatz &#8220;v&#246;lkerverbindend&#8221;. Allein, wir erleben seit den 90ern, insbesondere aber seit dem 11.September 2001 wie sich unter der Flagge der EU ein neuer Nationalismus auf geradezu klassische Art herausbildet, dessen Protagonisten oft sogar Linke sind. Er kann bekanntlich immer die eigene, gute Nation nur gegen das Fremde, Andere, Schlechte definieren und so geht es denn nicht mehr wie vor 150 Jahren um &#8220;deutsche Werte&#8221; gegen den b&#246;sen Franzmann, sondern um &#8220;europ&#228;ische Werte&#8221; gegen den b&#246;sen Ami. Der belgische Au&#223;enminister hatte schon recht, als er die Millionenproteste vom Februar 2003 gegen den Irakkrieg mit den Worten kommentierte: &#8220;Wir erleben hier die Herausbildung der europ&#228;ischen Nation.&#8221;</p>
<p>Klar, wof&#252;r und wogegen das Herz der Linkspartei da schl&#228;gt. Sie tut sich als Protagonistin dieses kaum verhohlenen Euronationalismus hervor, nur &#8220;sozial und friedlich&#8221; soll ihr Europa sein, anders eben als das b&#246;se Gegenst&#252;ck. Denn es w&#228;re ein Wunder, sollten uns die Heuschrecken, die das Gute im Inneren bedrohen, nicht auch auf dem internationalen Parkett begegnen. Und richtig, sie sind da, sie bedrohen den Frieden und den sozialen Fortschritt in der Welt und sie hei&#223;en, wen wundert&#8217;s, USA und Israel.</p>
<p>Der Protoantisemitismus der Linkspartei kommt am konzentriertesten und offensten in ihrer Au&#223;enpolitik zum Tragen. F&#252;r Lafontaine ist &#8220;der oft verwendete Begriff der Globalisierung nur ein anders Wort f&#252;r das Vordringen der amerikanischen Vorherrschaft und Lebensweise auf dem Erdball.&#8221; Die &#8220;&#220;bernahme vieler englischer W&#246;rter in die deutsche Sprache (ist ihm) &#8230; ein Indiz der geistigen Unterwerfung unter die Gro&#223;macht USA&#8221;, Ausdruck &#8220;der Hegemonie des amerikanischen Wirtschaftsdenkens&#8221;. Er wei&#223;: &#8220;Wenn irgendwo die Spielh&#246;llen des Kasinokapitalismus stehen, dann in New York. Wenn Geld die Welt regiert, dann ist New York die Welthaupstadt.&#8221; Dem muss Europa, &#8220;der Kontinent, der die Philosophie der Aufkl&#228;rung hervorgebracht hat&#8221;, &#8220;in der Weltpolitik Gewicht und Stimme entgegensetzen&#8221;. Selbstredend nimmt er auch sein Menschenrecht auf Israelkritik reichlich in Anspruch bis hin zum Vorwurf der &#8220;Endl&#246;sung&#8221; der Pal&#228;stinenserfrage. <a name="13" href="#a13"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 13</sup></a></p>
<p>Der au&#223;enpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Linkspartei, der &#8220;V&#246;lkerrechtler&#8221; Norman Paech, zeigt angesichts ihres Wahlsieges gro&#223;es Verst&#228;ndnis f&#252;r die Hamas, die Worte Antisemitismus und Terror kommen ihm nicht &#252;ber die Lippen. Stattdessen hat die Hamas seines Erachtens &#8220;Glaubw&#252;rdigkeit&#8221; erringen k&#246;nnen durch &#8220;H&#228;rte&#8221; &#8220;gegen&#252;ber der nicht minder harten Politik Sharons&#8221;, kaum verh&#252;llt bewundert er sie daf&#252;r, dass sie sich die &#8220;Anerkennung eines souver&#228;nen Pal&#228;stina&#8221; durch nichts abkaufen lasse und referiert die bekannte Position der Hamas als eigene Meinung, wonach die PLO Israel angeblich alles gegeben und nichts daf&#252;r bekommen habe. <a name="14" href="#a14"> <sup style="FONT-SIZE: 8pt">14</sup></a> Kein Wunder auch, dass die Machthaber des Iran von ihm und seiner Partei de facto in Schutz genommen werden. Der antisemitische Vernichtungswahn, dem Ahmadinedschad und Co verfallen sind, wird bestenfalls als &#8220;nicht hinnehmbare &#196;u&#223;erung&#8221; verharmlost, ohne dass er wirklich registriert w&#252;rde oder dies gar irgendwelche praktische Folgen f&#252;r die Politik der Partei h&#228;tte. Ahmadinedschads Drohung, Israel auszuradieren, seine Leugnung des Holocausts verbunden mit dem iranischen Atomprogramm wird h&#246;chstens zu einer taktischen Dummheit kleingeredet oder zum &#8220;willkommenen Vorwand der USA&#8221; umgebogen, auf jeden Fall wird partout nicht zur Kenntnis genommen, was dahinter steckt. Dies alles ist auch verst&#228;ndlich, denn andernfalls geriete die Stabilit&#228;t des Heuschreckenweltbildes, in dem man es sich so bequem gemacht hat, doch sehr nachhaltig durcheinander.</p>
<p>Auch bei Lafontaine selber stimmt das Weltbild nach innen und nach au&#223;en gut &#252;berein. Erst k&#252;rzlich hat er &#8220;Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion&#8221; festgestellt. Die gipfeln nach seiner Ansicht darin: &#8220;Im Islam spielt das Zinsverbot noch eine Rolle, wie fr&#252;her auch im Christentum.&#8221; <a name="15" href="#a15"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 15</sup></a> Keine Frage, &#8220;a world without Zionism&#8221;, von der Ahmadinedschad tr&#228;umt, w&#228;re auch eine mit Zinsverbot. <a name="16" href="#a16"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">16</sup></a></p>
<h4>Emanzipatorischer Antikapitalismus als Aufgabe der Kritik</h4>
<p>Eine gesellschaftliche Bewegung, die aus der Verbindung von sozialer Gegenwehr und Kritik der Basiskategorien der Warengesellschaft heraus die Kraft entfalten kann, erstmals wirklich &#252;ber die kapitalistische Vergesellschaftung hinauszugehen, m&#252;sste f&#228;hig sein, sowohl die personalen Herrschaftsstrukturen als auch die &#8220;automatischen&#8221; des Verwertungsprozesses hinter sich zu lassen. Die entscheidende Schw&#228;che gegenw&#228;rtiger Gesellschaftskritik aber ist, dass ein solcher nicht regressiver, emanzipatorischer Antikapitalismus bislang in Theorie wie Praxis nur rudiment&#228;r vorhanden ist.</p>
<p>Trotzdem ist Kritik auch im Hier und Jetzt nicht machtlos. F&#252;r praktisches Vorankommen in Sachen menschliche Emanzipation kann sie dreierlei leisten: erstens muss sie unbedingt am Ziel einer globalen Assoziation freier Individuen festhalten und es als eine grundlegende emanzipatorische Selbstverst&#228;ndlichkeit gegen die Renaissance staats- und nationalstaatsfixierten Denkens in linken K&#246;pfen verteidigen. Zweitens muss die Kritik der Folgen des (Welt-)Marktes zu einer Kritik des Marktes selber vorantreiben, inklusive seiner Voraussetzungen wie Ware und Wert, Arbeit und Geld, Kapital und Staat. Drittens muss sie die regressive Pseudo-Kapitalismuskritik selbst zum Gegenstand ihrer Kritik machen.</p>
<p>Dies alles ist durchaus als Tagesaufgabe zu verstehen. Denn ohne diese Kritik wird Kapitalismuskritik zwangsl&#228;ufig regressiv oder reaktion&#228;r. Sie wird zur Kapitalistenkritik, wo doch Kapitalismuskritik angesagt w&#228;re und kulminiert derzeit in der Phantasie von &#8220;Heuschrecken&#8221; und &#8220;Stechm&#252;cken&#8221;, wobei es durchaus offen ist, was sie in Zukunft noch alles geb&#228;ren wird. Nicht durchgehen lassen darf man eine Pseudo-Kritik, die sich am &#8220;Neoliberalismus&#8221; abarbeitet, aber zum Kapitalismus schweigt und die die Politikillusion neu belebt, wie es ganz exemplarisch die Linkspartei tut.</p>
<p>Dagegen ist die Frage aufzuwerfen, was &#8220;Politik&#8221; im althergebrachten Sinne heute noch ausrichten kann. Parteien veranstalten heute alle miteinander, egal wie sie hei&#223;en m&#246;gen, im Wesentlichen das Gleiche. Nicht solange sie das Gl&#252;ck haben, in der Opposition zu sein, das ist uninteressant. Entscheidend ist die Frage: warum unterscheiden sie sich kaum noch, sobald sie &#8220;in Verantwortung stehen&#8221;? Siehe das Beispiel aus K&#246;ln: das kleinste Zipfelchen von Macht in Reichweite und schon beginnen die Grunds&#228;tze zwischen den altbekannten M&#252;hlsteinen Opportunismus und Sachzwanglogik zerrieben zu werden.</p>
<p>Noch einmal zur WASG. Der Parteiname &#8220;Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit&#8221; bringt in geradezu idealer Weise auf den Punkt, was vom Standpunkt emanzipatorischer Kapitalismuskritik aus eben nicht zu wollen ist. N&#228;mlich weder &#8220;Arbeit&#8221; noch &#8220;soziale Gerechtigkeit&#8221;, weder die Unterwerfung unseres Lebens unter die Herrschaft des blinden Formprinzips des Arbeiten-gehen-m&#252;ssen-um-Geld-zu-verdienen-weil-wir-sonst-nicht-leben-k&#246;nnen, noch die &#8220;Proportionalit&#228;t nach dem Leistungsprinzip&#8221;, sprich nach dem Diktat des Werts, denn schlie&#223;lich ist es im System des &#196;quivalententauschs nicht mehr als gerecht, eine Ware Arbeitskraft, deren Wert gegen Null tendiert, auch mit einem ebensolchen Lohn zu begl&#252;cken. Und wenn die Menschen endlich eine Alternative zu ihrem Leben unter der Knute des Warenfetischs w&#228;hlen w&#252;rden, so h&#228;tte auch das nichts mit einer &#8220;Wahlalternative&#8221; zu tun, die in einem System, dessen Handlungsspielr&#228;ume sich dramatisch verengen, noch einmal f&#252;r kurze Zeit das Gegenteil vorgaukelt nach dem Motto &#8220;Du hast keine Alternative, aber w&#228;hle sie.&#8221;</p>
<p>Anstatt in der siebten Partei zum siebenhundertsten Mal perspektivlose Beschl&#252;sse zu fassen, die den unsinnigen &#8220;Nachweis&#8221; zu f&#252;hren suchen, dass sich unser Leben auch weiterhin finanzieren l&#228;sst, wenn man es nur schlau genug anstellt, ist ein gutes Leben f&#252;r ausnahmslos alle Menschen einzufordern und das Prinzip des Finanzierungsvorbehalts f&#252;r unser Leben selber anzugreifen, ist sich schlicht und ergreifend nicht mehr um die Finanzierbarkeit zu k&#252;mmern.</p>
<p>Und das nicht passiv, indem mensch seine Stimme abgibt, sondern aktiv, also seine Stimme ganz bewusst nicht hergebend sondern behaltend. Will hei&#223;en: endlich sein Leben selber in die Hand nehmen und diesen beherzten Griff nicht mehr l&#228;nger mit demjenigen zum Stift in der Wahlkabine verwechseln. Dabei sind Teilnahme oder Nichtteilnahme an Parlamentswahlen f&#252;r die Gesellschaftskritik viel zu uninteressant, als dass es sich lohnen w&#252;rde, sie zur Prinzipienfrage zu machen. Es gibt nachvollziehbare Gr&#252;nde, nicht (mehr) an die Urnen zu gehen wie auch, trotz aller Bedenken, doch noch sein Zettelchen reinzuwerfen, von der Verkehrsberuhigung bis zur partiellen Zur&#252;ckdr&#228;ngung des Religionsunterrichts in einigen Bundesl&#228;ndern. Spannender ist die Frage, ob und wie sich emanzipatorische, &#252;ber das Hier und Jetzt hinausdr&#228;ngende Bewegungen entwickeln k&#246;nnen.</p>
<h4>Emanzipation und K&#228;mpfe im Hier und Jetzt</h4>
<p>Solange der Kommunismus noch nicht ausgebrochen ist, ist die Finanzierung von Zahnersatz nicht zu verachten. Also &#252;berhaupt nichts gegen den Kampf um die so genannten kleinen Dinge des Lebens, die im &#220;brigen, je dringender man sie n&#246;tig hat, ganz automatisch recht gro&#223; werden. Lohn, Urlaub, Rente, Arbeitszeitbegrenzung, Mutterschutz, Krankenversicherung etc. pp.</p>
<p>Auseinandersetzungen auf immanenter Basis sind alles andere als uninteressant. Erstens weil unser Leben hier und jetzt stattfindet. Was schon hinreichende Begr&#252;ndung genug w&#228;re. Zweitens aber auch aus emanzipatorischer Sicht, denn die Befreiung wird nicht eines Tages als deus ex machina &#252;ber uns kommen sondern dieses Werk, soviel bleibt sicher, k&#246;nnen wir nur selber tun. Wir, die wir doch bis dato kaum anderes kennen als eben diese immanenten K&#228;mpfe. Wir m&#252;ssen also notgedrungen in den irdischen Niederungen nach brauchbaren Ansatzpunkten f&#252;r eine solche Bewegung suchen bzw. an ihnen basteln. Die Frage lautet nicht: immanente K&#228;mpfe ja oder nein sondern in welchen immanenten K&#228;mpfen k&#246;nnen sich m&#246;glicherweise Momente des Weiterf&#252;hrenden entwickeln und wie sind sie zu beeinflussen, damit auf ihrem Boden vielleicht doch einmal etwas Neues erbl&#252;hen kann?</p>
<h4>Ein Beispiel: Streiken und W&#228;hlen</h4>
<p>Legen wir diesen Ma&#223;stab einerseits an die Linkspartei und andererseits an die Streikauseinandersetzungen der j&#252;ngsten Zeit an, so f&#228;llt zun&#228;chst ins Auge: Die Streikenden, insbesondere die Streikaktivisten und die WASG-W&#228;hler sind z.T. personell identisch, auf jeden Fall stimmen sie in Analyse und Ziel &#252;berein, es geht ihnen um Arbeit und soziale Gerechtigkeit. W&#228;hlen und Streiken sind also zwei recht immanente Angelegenheiten. Und trotzdem handelt es sich um zwei Paar Stiefel. Im einen Fall geht es um Delegation der Interessen an andere, die &#8220;es richten&#8221; sollen, im andern um widerst&#228;ndige Selbstt&#228;tigkeit. Wenn auch die Streikenden gefangen bleiben in unzureichender Analyse, teils auch im Ressentiment und wenn auch Widerstand und Selbstt&#228;tigkeit per se nicht automatisch emanzipatorisch sind &#8211; auch der Teilnehmer am Pogrom f&#252;hlt sich bekanntlich widerst&#228;ndig und selbstt&#228;tig &#8211; so bleibt doch wahr, dass eine emanzipatorische Bewegung niemals auf dem Delegationsprinzip beruhen kann, sondern eben widerst&#228;ndige Selbstt&#228;tigkeit eine ihrer Voraussetzungen ist. Und wenn auch Widerstand und Selbstt&#228;tigkeit bei einem Streik immer noch arg begrenzt sind &#8211; geht es doch bei weitem nicht ums Ganze und gibt es doch allemal die Streikf&#252;hrer, an die nicht wenig delegiert wird &#8211; so bleibt doch ein wirklicher und kein deklamatorischer Aufbruch aus der Lethargie des die Verh&#228;ltnisse Duldenden, eine praktisch gewordene Einsicht in die Notwendigkeit, sein eigenes Verhalten &#228;ndern zu m&#252;ssen, will man f&#252;r seine eigenen Interessen eintreten, f&#252;r ein besseres Leben oder doch wenigstens gegen ein noch schlechteres. Im Streik gegen die Zumutungen der Krisenverwaltung entwickelt sich &#8211; und sei es nur zeitweilig und begrenzt &#8211; so etwas wie ein aufrechter Gang, verbunden mit dem Stolz darauf und der Erkenntnis, dass man nicht zwangsl&#228;ufig zum Schlachtvieh geboren ist. Und was ArbeitskritikerInnen selbstredend besonders interessieren muss, auch wenn es nur bruchst&#252;ckhaft zu Bewusstsein kommt und bald nach Streikende droht wieder g&#228;nzlich versch&#252;ttet zu werden: die Streikenden &#252;ben sich schon mal ein wenig im Leben ohne Arbeit und das manchmal sogar wochen- oder monatelang. Ein paar wenige Momente und Ans&#228;tze also f&#252;r Emanzipatorisches, wenigstens ein leichter Hauch von weit entfernter Freiheit, der da vor&#252;berzieht.</p>
<p>Ganz anders dagegen die Linkspartei. Delegationsprinzip per se. &#8220;Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu k&#252;mmern, was sie angeht&#8221;, schrieb Paul Valery einmal. Oder auf das Fr&#252;hjahr 2006 in Baden-W&#252;rttemberg bezogen: Der Streik im &#246;ffentlichen Dienst hat der WASG mit Sicherheit gen&#252;tzt, immerhin kam sie aus dem Stand auf &#252;ber 3 Prozent. Aber was hat die WASG eigentlich dem Streik gen&#252;tzt? &#8220;Es reicht! Jetzt hilft nur noch Linkspartei!&#8221;, diese Plakate gibt es zwar nicht, in Wirklichkeit steht NPD drauf. Aber das Motto entspricht genau dem Impuls, auf den auch die Linkspartei setzt.</p>
<h4>Intervenieren</h4>
<p>Nicht, dass die soziale Bewegung im Unterschied zur Linkspartei von all dem frei ist, ganz im Gegenteil. Die Partei ist ja nur Ausdruck des Bewusstseins dieser Bewegung, sie ist gewisserma&#223;en ihr Kind. Folglich verbietet sich ein oberfl&#228;chliches &#8220;b&#246;se Partei &#8211; gute Bewegung&#8221;. Trotzdem belegen alle Erfahrungen, dass die Parteiform denkbar ungeeignet ist, kritischen Geist aufzunehmen und zu verbreiten. Sie ist per definitionem auf die Gewinnung von Mehrheiten fixiert, sie wurde nicht geschaffen, um der Kritik zum Durchbruch zu verhelfen, sondern um der Masse nach dem Munde zu reden. Deswegen sind Parteien noch immer Brutst&#228;tten der Geist- und Kritiklosigkeit gewesen und radikale Positionen haben in ihnen keine wirkliche Chance. Mehr noch, Parteien haben immer wieder kritik- und geistt&#246;tend auf die Bewegungen zur&#252;ckgewirkt. Es gibt kein Gegenbeispiel.</p>
<p>M&#246;glichkeiten zur Intervention radikaler Kritik in die Bewegung bestehen erstens in der Kritik der Partei selbst, die diese Bewegung mit Notwendigkeit hervorbringt: der Bewegung ist ihr abschreckendes Bild im Spiegel vorzuf&#252;hren. Zweitens in der damit einhergehenden Verbreitung einer emanzipatorischen Kapitalismuskritik innerhalb der Bewegung. Keiner unsolidarischen, abwatschenden, sondern einer verst&#228;ndlichen und doch prinzipiellen.</p>
<p>Zur Verdeutlichung noch einmal die vergangenen Streiks gegen die 40-Stundenwoche im &#246;ffentlichen Dienst. Wie spiegelte sich der Verlauf des Streiks im Bewusstsein der Streikenden und Streikaktivisten selber wieder? Prinzipiell lassen sich drei Ebenen von Einflussfaktoren auf den Kampf bestimmen: a) Die Strategie und Taktik der Gewerkschaft und der Gegenseite, b) Das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen den k&#228;mpfenden Seiten und c) die objektiven Rahmenbedingungen, unter denen dieser Kampf stattfand. Welche Rolle spielten nun diese Ebenen im Bewusstsein der Streikenden? In den Belegschaften wurde gro&#223;teils nur die Strategie und Taktik der k&#228;mpfenden Seiten wahrgenommen: &#8220;Die machen, was sie wollen; die hauen uns &#252;bers Ohr; das und das war ein Fehler; warum macht ver.di nicht dies und jenes?&#8221; usw. Unter vielen Streikenden, den Aktivisten und Funktion&#228;ren spielte dar&#252;ber hinaus auch die Wahrnehmung und Einsch&#228;tzung des Kr&#228;fteverh&#228;ltnisses eine Rolle, wenn auch &#8220;je nach Fraktion&#8221; auf sehr unterschiedliche Art und Weise &#8211; vom Konstatieren weitgehender Kampfunf&#228;higkeit, &#8220;weil wir zu schwach sind&#8221;, bis zum allmachtsphantasierenden Wolkenkuckucksheim, wonach der Sieg angeblich alleine am Kampfwillen der F&#252;hrung l&#228;ge.</p>
<p>Basis wie Aktivisten jedoch nahmen die objektiven Rahmenbedingungen, unter denen sich der Kampf abspielte kaum wahr; insbesondere mangelte es an einem tiefergehenden Blick auf den Zustand der &#214;konomie. Hier gilt es f&#252;r radikale, emanzipatorische Kapitalismuskritik anzusetzen. Ist es z.B. wirklich so einfach, dass halt &#8220;genug Geld da ist&#8221;, man es folglich &#8220;nur umverteilen&#8221; m&#252;sse, <a name="17" href="#a17"><sup style="FONT-SIZE: 8pt"> 17</sup></a> ist es wirklich so, dass &#8220;die&#8221; auch ganz anders k&#246;nnten, wenn &#8220;sie&#8221; nur wollten und nicht so profitgierig w&#228;ren, reicht es wirklich aus, den Neoliberalismus anzugreifen und vom Kapitalismus zu schweigen usw.?</p>
<p>Die Bewegung gegen Sozialabbau braucht solidarische Kritik. Entschieden muss sie sein: gegen die falsche Analyse, gegen das Ressentiment, gegen die Arbeitsreligion. Aber solidarisch muss sie auch sein, will sie sich nicht in &#252;berheblicher Besserwisserei gefallen sondern ihrem emanzipatorischen Vorhaben gerecht werden. Gerade wenn wir f&#252;r den Erfolg der sozialen Bewegung eintreten und Beitr&#228;ge daf&#252;r leisten wollen, dass sie ihre Fesseln sprengt und die Morgenr&#246;te der Freiheit erahnt, m&#252;ssen wir gegen das regressive Projekt Linkspartei auftreten. Denn es steht f&#252;r Nebelwerfer statt Morgenr&#246;te und droht, die Bewegung aufzufressen, noch bevor sie sich richtig entwickeln kann.</p>
<hr />
<h4>ANMERKUNGEN</h4>
<p><a name="a1" href="#1"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">1</sup></a> www.mno.org/newpages/eco27b.html</p>
<p><a name="a2" href="#2"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">2</sup></a> a.a.O.</p>
<p><a name="a3" href="#3"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">3</sup></a> a.a.O.</p>
<p><a name="a4" href="#4"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">4</sup></a> www.lag-antifa.de</p>
<p><a name="a5" href="#5"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">5</sup></a> www.labournet.de/diskussion/rechten/allg/index.html</p>
<p><a name="a6" href="#6"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">6</sup></a> Pit v. Bebenburg, Frankfurter Rundschau, 30.6.05</p>
<p><a name="a7" href="#7"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">7</sup></a> so die taz vom 13.7.05 &#252;ber Lafontaines Konzept</p>
<p><a name="a8" href="#8"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">8</sup></a> Presseerkl&#228;rung des SSK,SSM und der Initiative Barmer Viertel zur Besetzung der B&#252;ror&#228;ume der Links-Fraktion K&#246;ln; K&#246;ln, 20.3.06</p>
<p><a name="a9" href="#9"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">9</sup></a> Zeitung der WASG zur Landtagswahl Baden-W&#252;rttemberg am 26. M&#228;rz 2006, S.5</p>
<p><a name="a10" href="#10"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">10</sup></a> alle Zitate nach Thomas Ebermann, konkret 9/2006, S.12ff</p>
<p><a name="a11" href="#11"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">11</sup></a> siehe auch Lothar Galow-Bergemann, Andreas Exner, Argumentationsbl&#228;tter Nr. 01/M&#228;rz 2006 &#8220;Geld ist genug da&#8221; Doch das ist keine L&#246;sung. www.streifzuege.org</p>
<p><a name="a12" href="#12"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">12</sup></a> Frankfurter Rundschau, 16.7.05</p>
<p><a name="a13" href="#13"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">13</sup></a> alle Zitate nach Thomas Ebermann, konkret 9/2006, S.12ff</p>
<p><a name="a14" href="#14"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">14</sup></a> Neues Deutschland, 31.1.06</p>
<p><a name="a15" href="#15"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">15</sup></a> Neues Deutschland, 13.2.06</p>
<p><a name="a16" href="#16"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">16</sup></a> Zur Oberfl&#228;chlichkeit der Zinskritik und ihrer antisemitischen Konnotation siehe u.a. Andreas Exner &amp; Stephanie Grohmann, Bye bye Zinskritik&#8230;, Streifz&#252;ge Nummer 33, M&#228;rz 2005</p>
<p><a name="a17" href="#17"><sup style="FONT-SIZE: 8pt">17</sup></a> siehe Anmerkung XI</p>
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