31.12.2001
Streifzüge 3/2001
von Anselm Jappe
Eine bereits 1935 geschriebene Notiz, die sich in Adornos Minima Moralia mit dem Titel Der böse Kamerad findet, veranlaßte den Autor einer sein Objekt permanent dummdreist denunzierenden Adorno-Monographie (Hartmut Scheible, Theodor W. Adorno, Rowohlt 1989) zu einer besonderen Empörung. Adornos spricht dort davon, den Faschismus bereits vorausgeahnt zu haben in seinen Schulkameraden, “die schon mit Vornamen Horst und Jürgen und mit Nachnamen Bergenroth, Bojunga und Eckhardt hießen”. Für völlig untheoretisch, für “denunziatorisch”, für “Ressentiment und Vorurteil”, die “kaum zu unterscheiden” seinen vom “antisemitischen Ressentiment” hält der deutsche Hartmut das, und die meisten deutschen Leser würden ihm wohl recht geben. Sehr gut verstehen kann diese Stimmungsbeschreibung hingegen der Autor dieses Artikels, der bereits vor zwanzig Jahren, nach beendeten Schulen und Schulkameradschaften, Deutschland den Rücken gekehrt und das nie bedauert hat. Da er trotzdem noch zu verstehen meint, was dort vorgeht, hat er vielleicht manchmal den Vorteil des Blicks von außen. Er sieht mitunter den Wald, nicht nur die Bäume, und vermag das Gemeinsame auszumachen: etwa das, was Anti-Deutsche mit anderen Deutschen verbindet. Wer hingegen innerhalb eines Bezugssystems lebt, kann das allen Mitgliedern dieses Systems Gemeinsame schwer erkennen, und überschätzt deshalb die Unterschiede.
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31.12.1998
Zur Aktualität der Theorie von Guy Debord
erschienen in: Krisis 20
Anselm Jappe
Daß es mit der “Politik” bergab geht, hat sich mittlerweile auch bei den einfältigsten Exemplaren der Sorte “Experten” herumgesprochen, die dafür bezahlt werden, die Entwicklung der Gesellschaft zu beobachten. Allerdings sind die wenigsten bereit, darin ein unvermeidbares oder gar ein positives Phänomen zu erblicken. Die Verteidiger der Politik fühlen sich durch das allgemeine Zusammenzucken bestätigt, welches das Auftauchen anscheinend “postpolitischer” Figuren hervorruft, die ihren Erfolg keinerlei Hauch von politischem Programm mehr verdanken, sondern nur noch der geschickten Benutzung der Massenkommunikationsmittel. Dafür stehen Namen wie Berlusconi in Italien und – falls jemand sich daran erinnert – Collor de Mello in Brasilien, aber auch schon seinerzeit Reagan. Berlusconi hatte bei den italienischen Parlamentswahlen von 1994 seine Privatfernsehkanäle so schamlos und so erfolgreich ausgenutzt, daß seine Gegner mit großem Getöse eine gerechte Verteilung dieses Gutes forderten und ein Gesetz verlangten und erreichten, das allen Fernsehdemokraten einen angemessenen Zugang zu diesem modernen Gral garantieren soll. Natürlich erklärten sie gleichzeitig tugendhaft, es sei nicht schön, einen Politiker wie ein Waschmittel zu verkaufen. Die Reduktion der Politik auf ein Bild, oder schlimmer noch auf ein “reines Spektakel”, wird dann überall bejammert, vor allem seitens derjenigen, die sich momentan als Verlierer auf diesem Schlachtfeld sehen. Wer Wert darauf legt, ein ernsthafter und um das Geschick der Gesellschaft besorgter Beobachter zu sein, der verlangt, daß die “Politik”, die wahre, die seriöse, die richtige Politik wieder auf ihren Thron gesetzt werde. Und zusammen mit der Politik soll natürlich auch die Demokratie “wieder” oder “endlich” (je nach Geschmack) zu ihrem Recht kommen, das angeblich durch den “entpolitisierenden” Gebrauch der Massenmedien verletzt wird; denn diese erlauben es den Mächtigen, wen immer sie wollen “demokratisch” in sein Amt wählen zu lassen. Wir haben es hier also mit einem Aspekt der weitverbreiteten Tendenz zu tun, die Exzesse der Warengesellschaft zu beklagen, um ihr normales Funktionieren als positiv darstellen zu können.
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31.12.1995
Theorien über das Ende der Kunst bei Theodor W. Adorno und Guy Debord(1)
Anselm Jappe
Heute ist es schwer, sich der Idee zu entziehen, das in den sechziger Jahren so oft geräuschvoll verkündete und ebenso eifrig zurückgewiesene »Ende der Kunst« habe zuletzt doch stattgefunden, aber »not with a bang, but with a whimper« (T S. Eliot). Mehr als hundert Jahre lang ist die Entwicklung der Kunst gleichbedeutend mit der ununterbrochenen Abfolge von formellen Erneuerungen und »Avantgarden« gewesen, die die Grenzen der Kreativität immer weiter hinausgeschoben haben. Aber nach einer letzten Periode, die nach Glanz zumindest aussah und die am Beginn der siebziger Jahre zu Ende gegangen ist, hat sich keine neue avantgardistische Richtung mehr durchgesetzt, sondern man hat nur eine Wiederholung von isolierten und entwerteten Versatzstücken der Künste der Vergangenheit erlebt. Der Verdacht, die moderne Kunst könne sich erschöpft haben, beginnt sich nunmehr auch unter denjenigen zu verbreiten, die lange Zeit einen solchen Gedanken entschieden abgelehnt hatten. Eins zumindest darf wohl als unbestreitbar gelten: Seit Jahrzehnten ist nichts mit den künstlerischen Revolutionen der Jahre 1910-1930 Vergleichbares mehr entstanden. Natürlich gibt es geteilte Meinungen darüber, ob heute noch Kunstwerke von Wert produziert werden oder nicht. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, daß irgendjemand in der Kunst der letzten Jahre noch das »sinnliche Scheinen der Idee« zu sehen vermag oder zumindest einen so konzentrierten und so bewußten Ausdruck ihrer Epoche, wie es die Literatur, die bildenden Künste und die Musik der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts gewesen sind.
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