31.12.1993
»Wenn die Erkenntnis ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen. Die Eule der Minerva beginnt erst in der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.« — G. W. F. Hegel
Johanna W. Stahlmann
Ein pessimistisches Wort. Ein Abgesang auf eine bereits abgelaufene Entwicklung. Ein Lob der retrospektiven Erkenntnis, die nichts verändern will. Nun: die »Eule«, die für den Elster-Verlag fliegt, möchte optimistisch klingen, sie malt ein helleres Grau und scheint sich einzubilden, sie flöge in der Morgendämmerung, sie sage etwas Neues, etwas Originelles, etwas, das der gesellschaftlichen Entwicklung voraus ist. Bisher drei Monographien über Moral, Treue und Mut sind erschienen, um »eine >minima moralia< für ein richtiges Leben hier und erste elastische Normen für eine künftige Moral probeweise« (Editorial) aufzustellen.
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31.12.1992
Betrachtungen zur Krise der Kunst anläßlich einer Ausstellung über die “russische Avantgarde”
Johanna W. Stahlmann
Wer diese Thesen liest, wird sich fragen, ob der besondere künstlerische Anlaß, die derzeit in Frankfurt zu besichtigende Ausstellung “Russische Avantgarde”, nicht völlig beliebig sei. Ich muß dies schlechten Gewissens bejahen. Der Ausstellungsbesuch war mir erst vergönnt, nachdem ich die Thesen bereits weitgehend fertiggestellt hatte; nur marginale Veränderungen waren die Folge.
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31.12.1991
Reflexionen über einen Kinobesuch oder warum dem Überdruß des Raffens keine Renaissance des Schaffens folgt
Johanna W. Stahlmann
Für Theoretiker und Theoretikerinnen hält das Leben, neben der ihnen seit der Romantik zugerechneten Einsamkeit, die von der Psychoszene um eine selbstverständliche Sexualneurose ergänzt wurde, auch einige Genüsse bereit, die für den Alltagsverstand unerreichbar sind. Zentrales Glücksmoment ist hierbei möglicherweise die Aufhebung der Trennung von Arbeit und Vergnügen, dahingehend, daß für die Theoretikerin und ihren Kollegen auch der Besuch eines Fußballspiels, das Durchblättern der “Neuen Revue” oder der Besuch eines Landgasthofs, durchaus nicht nur Unterhaltung und Bauchbepinselung beinhalten, sondern im Sinne einer der Totalität und des Durchgehens durch alle “Ebenen” verpflichteten Gesellschaftstheorie auch Anregungen, empirisches Material für weitergehende theoretische Reflexionen zu liefern imstande sind. Für Otto oder Ottilie Normalverbraucher dagegen ist seine/ihre Arbeitzeit bis zur Absurdität getrennt von seiner/ihrer Freizeit, erscheint ihm/ihr seine/ihre Arbeit als Beruf und Geldquelle, alles außerhalb ihrer als Vergnügen (oder auch nicht) in Reinheit – steht komplementär zur Arbeit abstrakt die Freiheit abstrakt.
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