27.12.2006
Ernst Lohoff
1.
Was Anspruch und Ausgangspunkt angeht, liegen Peter Kleins „Die Schizophrenie des modernen Individuums“ und meine „Verzauberung der Welt“ nahe beieinander. Beiden in der krisis 29 publizierten Beiträgen geht es um radikale Subjektkritik, beide stellen dabei vor allem das antimetaphysische Selbstverständnis des Warensubjekts in Frage. Auch wenn sich das moderne Warensubjekt einredet, es sei ein ganz dem Diesseits zugewandtes Wesen und habe alles „Übersinnliche“ hinter sich gelassen, der Subjektform liegt eine zutiefst metaphysische Struktur zugrunde. Unerkannt bleibt diese nur, weil sie in die alltäglichen Beziehungen eingerückt und damit omnipräsent geworden ist, so die gemeinsame Grundthese. Der Triumph des positiven Denkens markiert demnach keineswegs die Befreiung von der Metaphysik, wie Auguste Comte und seine Erben unterstellte bzw. unterstellen, sondern den Eintritt in ihr höchstes Entwicklungsstadium. Weiterlesen »
31.12.2005
Die Subjektform und ihre Konstitutionsgeschichte – eine Skizze
Ernst Lohoff
1. Entzauberung als Verzauberung
Von Max Weber stammt die bekannte doppelsinnige These, der Prozess der Moderne führe zur „Entzauberung der Welt“. Wer zauberhaft als ein anderes Wort für betörend, schön und anziehend versteht, kann nur beipflichten. Die sukzessive direkte oder indirekte Unterwerfung aller sozialen Beziehungen unter die Herrschaft der Ware macht das Dasein in der Tat arm und abstoßend. Max Weber vertrat bekanntlich die zutiefst pessimistische Prognose, ein „Gehäuse neuer Hörigkeit“ sei im Entstehen begriffen. Dessen Herausbildung interpretierte er dabei als die dunkle Rückseite eines unaufhaltsamen Säkularisierungsprozesses. Das Diktum von der „Entzauberung der Welt“ steht dementsprechend nicht allein für die konsequente Verhässlichung der gesellschaftlichen Existenz, diese Formel sollte zugleich den Übergang von einer magisch-religiös bestimmten Ordnung zur Herrschaft der Ratio bezeichnen.
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31.12.2003
erschienen in: Krisis 27 (November 2003)
Ernst Lohoff
“Ich habe”, nuschelte er wild, “immer von einer Schar von Männern geträumt, eisern entschlossen, bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel, stark genug, sich selbst rundheraus als Vernichter zu bezeichnen, frei von dem entsagungsvollen Pessimismus, der Welt vergiftet, ohne Mitleid mit irgendeinem Lebewesen, sie selbst eingeschlossen – der Tod im Dienste der Menschheit.” (Joseph Conrad, Der Geheimagent)
31.12.2001
Oh hätt´ ich doch nie gehandelt! um wie manche Hoffnung wär ich reicher — Friedrich Hölderlin, Hyperion
“Warum hab ich Idiot bloß die blaue Pille genommen” — aus “Matrix”, der Hollywood-Version von Wertkritik
Ernst Lohoff
I. Prolegomena – zum Stellenwert der Subjektkritik in der Entwicklung wertkritischer Theorie
1.
Auf die abstrakteste Ebene gebracht, lässt sich die Kritik der Warengesellschaft auf zwei Grundaussagen reduzieren. Unter der Herrschaft der Ware verselbständigt sich der soziale Zusammenhang zu einer den Menschen fremden, objektivierten Macht; die Herrschaft der “toten Dinge” bedeutet hochgradige Vergesellschaftung, aber sie vergesellschaftet indirekt und bewusstlos. Ex negativo sind damit auch schon Aussagen über den allgemeinsten Inhalt von Emanzipation getroffen. Befreiung vom Formdiktat kann auf nichts anderes abzielen als eben auf den Ausbruch aus der Objektivierung und den Übergang zu direkter und damit auch bewusster Vergesellschaftung.
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31.12.2000
Das “Schwarzbuchs Kapitalismus” zwischen Subjektkritik und Subjektontologie
In Genua liest man über den Gefängnistoren und auf den Ketten der Galeerensträflinge dies Wort Libertas. Diese Anwendung des Leitwortes ist schön und gerecht. In der Tat sind es nur die Bösewichter jeder Art, die den Bürger daran hindern, frei zu sein. In einem Land, wo dieses ganze Gelichter auf den Galeeren wäre, würde man sich der vollkommensten Freiheit erfreuen. — Jean-Jacques Rousseau, der Gesellschaftsvertrag
Ernst Lohoff
Das schwarze Bedürfnis
Dass eine Publikation mit radikal gesellschaftskritischem Anspruch Furore macht, passiert nicht alle Tage. Dem Schwarzbuch Kapitalismus von Robert Kurz ist dieses seltene Schicksal widerfahren. Hans-Martin Lohmann feierte den achthundert Seiten starken Wälzer überschwenglich im Zentralorgan des liberalen Bildungsbürgers gleich als “die wichtigste Veröffentlichung der letzten zehn Jahre in Deutschland” (“Zeit vom 16.12.99). Weniger euphorisch, eher aufgescheucht zeigten sich die Rezensenten der meisten anderen Blätter. Eine wahre Schimpfkanonade ging auf die “Hetzschrift gegen Marktwirtschaft und Kapitalismus” (FAZ 24.1.2000) nieder. Beim Schwarzbuch, so der Tenor, handelt es sich nur um die”Bekenntnisse eines frustrierten 68ers” (NZZ vom 10.3.2000). Dessen Autor meint sich vor der geneigten Öffentlichkeit in einer “gebundenen Sammlung indoktrinärer postmarxistischer Flugschriften” (SZ vom 14.2.2000) auskotzen zu müssen.
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31.12.1993
von Ernst Lohoff
Wann immer Gesellschaftstheorie scheinbare Selbstverständlichkeiten zum Ausgangspunkt nimmt und überhistorische, allen Gesellschaften gemeinsame Konstanten präsentiert, ist Vorsicht und Mißtrauen angebracht. Hinter den beschworenen ontologischen Grundtatsachen verbergen sich für gewöhnlich spezifisch bürgerliche Kategorien und Verhältnisse. Dieser apologetische Zug setzt sich regelmäßig auch unabhängig von den Intentionen der jeweiligen Theoretiker durch. Der verblichene Arbeiterbewegungsmarxismus etwa verstand sich selber als radikale Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Dennoch wurde die marxistische Doktrin als Durchsetzungsideologie der bürgerlichen Form kenntlich und wirksam, so oft sie unabänderliche, alle Gesellschaftsformationen übergreifende Wesenheiten bemühte. Das wird besonders am „Primat der Produktion“ deutlich, das die marxistische Gemeinde ihren Lebtag lang als ein Essential des “wissenschaftlichen Sozialismus“ handelte.
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31.12.1989
Thesen zur Entmythologisierung des Marxismus
Robert Kurz / Ernst Lohoff
Erstes Kapitel
Kein Grundsatz des Marxismus scheint fundamentaler als der Bezug auf die Klassenspaltung der Gesellschaft. “Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen”. Klasse, Klasseninteresse, Klassenkampf scheinen das kategoriale A und O der Marxschen Theorie zu beinhalten.
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