Interview: Arbeit und die Logik der Abstraktion
Moishe Postone im Gespräch mit Timothy Brennan
(Überarbeitete Übersetzung vom 17.9.2010)
(Überarbeitete Übersetzung vom 17.9.2010)
Pubished in YARIM, Istanbul, Feb. 2005
1. You reformulate the basic categories of Marx’s critique of political economy. According to you: where does Marxism reveal to be nowadays unsufficient, when it comes to explain capitalist society?
2. “Labor” seems to be the basic category that constitutes capitalist life, as you by the way claim it. Can one formulate today an intelligent critique of capitalism without criticizing labor?
SÖYLEŞİ / MOISHE POSTONE ile
SÖYLEŞİ: SALİH SELÇUK
salihselcuk AT hotmail.com
Siz, Marx’ın ekonomi-politik eleştirisinin temel kategorilerini yeniden formüle ediyorsunuz. Bugünün reel kapitalist toplumunu açıklarken geleneksel Marksizm, sizce hangi konularda yetersiz kalıyor?
Marx’ın ekonomi-politik eleştirisinin ana kategorilerini benim yeniden formüle edişim, kısmen, 1973’ten sonraki devasa küresel siyasi değişimlerin etkisiyle oldu. Geriye baktığımızda, erken 21. y.y. bakış açısından daha açıkça görüyoruz ki, kapitalizm bir seri farklı tarihi biçim içinde varolmuştur – örneğin 19. y.y. liberal kapitalizm, 20.y.y. devlet merkezli “Fordist” kapitalizm ve şimdi, neo-liberal global kapitalizm. Bu gösterir ki, kapitalizm tarihi düz çizgisel bir gelişim olarak algılanamaz. Bundan da önemlisi, görülüyor ki, kapitalizmin en temel özellikleri bu özgün tarihi şekilleri ile tamamen özdeşleştirilemez.
Interview mit der Zeitschrift phase 2 (Leipzig) Nr. 10/2003
Der 1979 erschienene Aufsatz “Antisemitismus und Nationalsozialismus” von Moishe Postone wird in der Linken der BRD seit Beginn der neunziger Jahre wieder verstärkt gelesen. Im Zentrum der neuen Aufmerksamkeit stand dabei zunächst seine Erklärung von Nationalsozialismus und Antisemitismus, die beide ernst nimmt, statt sie im Gefüge einer allgemeinen Kapitalismuskritik unter ferner liefen zu behandeln. Mit seinem spezifischen Erklärungsansatz, der eine Analyse des Antisemitismus mit der Marxschen Theorie zu verbinden sucht, ist “Antisemitismus und Nationalsozialismus” in der wertkritischen Linken bis heute prägend. Das Interview mit Moishe Postone soll helfen, die historischen Entwicklungen innerhalb der spezifischen sozialen Formation des Kapitalismus zu verstehen, die für die Entstehung von Antisemitismus ausschlaggebend sind. Moishe Postone promovierte 1983 an der Goethe-Universität in Frankfurt/M. und lehrt heute an der University of Chicago Geistesgeschichte und Gesellschaftstheorie. Sein Buch “Zeit, Arbeit und soziale Herrschaft” ist soeben auf deutsch bei ça ira erschienen.
(Auszug aus: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx von Moishe Postone)
Marx verbindet also bei der Entfaltung des Kapitalbegriffes die historische Dynamik der kapitalistischen Gesellschaft sowie die industrielle Produktionsform mit der Struktur abstrakter Herrschaft, die durch die Arbeit, sofern sie sowohl produktive Tätigkeit als auch gesellschaftlich vermittelnde Tätigkeit ist, konstituiert wird. Ich werde dieses Verhältnis nun spezifizieren, indem ich der Frage nachgehe, in welcher Weise bei Marx die grundlegenden gesellschaftlichen Formen des Kapitalismus den Charakter dieser historischen Dynamik und dieser Produktionsform prägen. Statt aber die Marxsche Analyse der Produktionssphäre direkt anzugehen, seien nur die hervorstechendsten strukturellen Merkmale dieser Sphäre diskutiert, wozu ich zunächst gewissermaßen ›einen Schritt zurück‹ gehen werde, um von hier aus die Implikationen der Ausgangskategorien der Marxschen Analyse eingehender zu untersuchen. Das wird gewisse wichtige Charakteristika der Kapitalform verdeutlichen, die möglicherweise nicht zutage treten würden, wenn die Produktionssphäre unmittelbar zum Gegenstand gemacht wird. Dies wird es mir insbesondere ermöglichen, die zentrale Bedeutung der zeitlichen Dimension des Werts für die Marxsche Analyse herauszuarbeiten. Eine solche Vorgehensweise wird die Besonderheit der Dynamik des Kapitals erhellen und die Grundlagen für eine Verdeutlichung des Marxschen Verständnisses der gesellschaftlichen Konstitution des Produktionsprozesses legen. Vor dem Hintergrund der in dieser Weise bestimmten Dynamik werde ich im folgenden Kapitel erneut auf einige zentrale Aspekte der Marxschen Behandlung der Produktionssphäre zu sprechen kommen.
Moishe Postone
Aus dem Inhalt: Eine neue Interpretation der Marxschen kritischen Theorie • Der traditionelle Marxismus • Der Pessimismus der Kritischen Theorie • Abstrakte Arbeit • Abstrakte Zeit • Die Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas • Theorie des Kapitals • Die Dialektik von Arbeit und Zeit • Die Verlaufsform des Kapitals
Inhaltsverzeichnis und Leseprobe:
(Auszug aus: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx von Moishe Postone)
In diesem Buch versuche ich die zentralen Kategorien der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie auf der grundlegendsten Ebene zu reformulieren, um die Grundlage für eine radikal-kritische begriffliche Neubestimmung des Wesens der zeitgenössischen kapitalistischen Gesellschaft zu schaffen. Der traditionelle Marxismus – der die Distributionsformen (zum Beispiel den Markt und das Privateigentum an Produktionsmitteln) vom Standpunkt der Arbeit und der Produktion aus kritisiert – hat sich historisch als inadäquate Kapitalismuskritik erwiesen. Eine adäquate Kritik dagegen kann sich nicht auf die in den modernen Gesellschaften zum Ausdruck kommenden Formen von Ausbeutung und Herrschaft beschränken, sondern muß eine Kritik der Modernität selbst sein. Wobei unter Modernität die gesellschaftliche Form zu verstehen ist, die durch quasi-objektive Formen von Herrschaft (Ware, Kapital) charakterisiert ist und die eine ihr inhärente historische Dynamik in Gang setzt, welche auch die Möglichkeit für eine neue, emanzipierte Form gesellschaftlichen Lebens hervorbringt.
(Auszug aus: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx von Moishe Postone)
Ich kann nun zu der Frage nach der historischen Rolle der Arbeiterklasse und dem grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus zurückkehren und darlegen, wie sie in der späten Marxschen kritischen Theorie implizit beantwortet wird. Mit meiner Konzentration auf seine Analyse der für den Kapitalismus konstitutiven strukturierenden Formen gesellschaftlicher Vermittlung habe ich zeigen können, daß nicht der Klassenkonflikt an und für sich die historische Dynamik des Kapitalismus erzeugt, und daß er nur deshalb ein treibendes Element dieser Entwicklung ist, weil er durch gesellschaftliche Formen strukturiert ist, die eine Dynamik aus sich heraus besitzen. Wie festgestellt, widerspricht die Marxsche Analyse der Auffassung, der Kampf zwischen der Kapitalistenklasse und dem Proletariat sei einer zwischen der herrschenden Klasse im Kapitalismus und einer, die den Sozialismus verkörpere, und der Sozialismus bedeute deshalb die Selbstverwirklichung des Proletariats. Diese Vorstellung entspringt notwendig dem traditionellen Verständnis des grundlegenden Widerspruchs des Kapitalismus als einem zwischen industrieller Produktion auf der einen, Markt und Privateigentum auf der anderen Seite. Dabei wird jede der beiden großen Klassen des Kapitalismus mit einer Seite dieses angenommenen Widerspruchs identifiziert und der Antagonismus zwischen Arbeitern und Kapitalisten als gesellschaftlicher Ausdruck des strukturellen Widerspruchs zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen interpretiert. Diese gesamte Konzeption beharrt auf einem Begriff von ›Arbeit‹ als transhistorischer Quelle gesellschaftlichen Reichtums und als dem konstituierenden Element gesellschaftlichen Lebens.
Ziel dieser Studie war es, die von Marx in seinem Spätwerk entwickelte kritische Theorie vermittels einer genauen Untersuchung ihrer grundlegendsten Kategorien neu zu interpretieren und von hier aus eine begriffliche Neubestimmung des Wesens der kapitalistischen Gesellschaft vorzunehmen. Ein wichtiges Anliegen bestand darin, die erheblichen Unterschiede zwischen der Marxschen Theorie und traditionellen marxistischen Interpretationen herauszuarbeiten. Ich habe gezeigt, daß die Theorie von Marx eine stringente Kritik dieser Interpretationen bereitstellen kann, eine Kritik, die diese Interpretationen als gesellschaftlich bestimmte begreift, indem sie sie in denselben Kategorien analysiert, die sie zur kritischen Analyse des Kapitalismus verwendet. Diese erneuerte Interpretation der Marxschen Analyse ermöglicht, mit anderen Worten, eine Kritik des traditionellen Marxismus, die zugleich eine andere kritische Theorie des Kapitalismus darstellt. Und sie transformiert die Bezüge zwischen Marxscher Theorie und anderen Gesellschaftstheorien.
Von Norbert Trenkle
Moishe Postone ist hierzulande vor allem durch seinen Aufsatz »Nationalsozialismus und Antisemitismus« bekannt geworden, der die wertkritische Debatte über den Antisemitismus der letzten zehn Jahre entscheidend beeinflusst hat. Weit weniger bekannt ist bisher noch Postones grundlegendes theoretisches Werk zur Reinterpretation der Marxschen Theorie »Time, labor, and social domination«, das bereits 1993 in den USA erschien (Postone ist Dozent an der University of Chicago). Das liegt sicher vor allem daran, dass bisher das Buch noch nicht in Deutsch vorliegt. Im Herbst soll jetzt die seit langem angekündigte Übersetzung des ça-ira-Verlags erscheinen.
Quelle: www.jungle-world.com
von Moishe Postone
Für die Linke ist die historische Wende der neunziger Jahre – Zusammenbruch der kommunistischen Staaten Osteuropas, Rollback des Wohlfahrtsstaates, Entstehung des Neoliberalismus – eine Herausforderung: Einerseits muss man diesen Veränderungen inhaltlich begegnen, andererseits ist man mit der Vorhaltung konfrontiert, sie markierten das Ende der Marxismus und seiner Gesellschaftstheorie. Gleichzeitig stellt die erneut sich zeigende ungebremste Dynamik des Kapitalismus auch poststrukturalistische Geschichtsansätze und Theorien der demokratischen Selbstbestimmung in Frage.
Moishe Postone
Meine Absicht ist nicht die Beantwortung der Frage, warum dem Nazismus und dem modernen Antisemitismus ein historischer Durchbruch in Deutschland gelungen ist. Ein solcher Versuch müßte einer Betrachtung der Besonderheit deutscher Entwicklung Rechnung tragen: darüber ist zur Genüge gearbeitet worden. Dieser Essay will vielmehr untersuchen, was damals durchbrach: eine Betrachtung derjenigen Aspekte des modernen Antisemitismus, die als unabdingbarer Bestandteil des deutschen Nationalsozialismus betrachtet werden müssen. Dies auch als ein Ansatz, die Vernichtung des europäischen Judentums zu erklären, als die notwendige Voraussetzung einer adäquaten Beantwortung der Frage, warum es gerade in Deutschland geschah.
(Dieser Text erschien 1976 und weist entsprechend der damaligen Debatten noch emphatische Bezüge zum Klassenkampf und der Rolle des Proletariats auf. Wir dokumentieren diesen Text trotzdem, da er sich gegen ein positives Verständnis von Dialektik und Geschichtsteleologie wendet und eine gute Grundlage für weiterführende Theorieentwicklung bietet.)
Helmut Reinicke / Moishe Postone
Die Kritik am >Diamat<, dem >dialektischen Materialismus<, wie er als Weltanschauungssystem Legitimationsideologie in der Sowjetunion mit dem Aufbau des Sozialismus in einem Lande wurde, ist bislang meist auf ideologiekritischer Ebene geführt worden, d. h. der >Diamat< wurde als falsches Bewußtsein der kommunistischen Bewegung kritisiert, als wäre nur dieses Bewußtsein zu ändern, und schon hätte man die richtige proletarische Theorie.