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Kapitalistische Metaphysik


Von der Herrschaft der Abstraktion in der Warengesellschaft

von Karl-Heinz Lewed

1.
Die bürgerliche Gesellschaft versteht sich selbst als säkularisierte Gesellschaft. Die moderne Lebenswirklichkeit, so die Selbstwahrnehmung, sei auf das Hier und Heute gerichtet. Zentral sei, dass in der bürgerlichen Form Vernunft und Rationalität herrsche.
Vormoderne Gemeinwesen dagegen gelten dem Aufklärungs- und Fortschrittsdenken als rückständig und vom Glauben an ein Jenseits beherrscht. Diese Jenseitsfixierung verhindere, ein gutes Leben im Diesseits zu verwirklichen. Dabei beherrsche das Religiöse nicht nur die Einzelnen, sondern auch Politik und Gesellschaft.
Während demnach Religion und Metaphysik in der modernen, westlichen Gesellschaft überwunden seien, gebe es sie in den rückständigen und dunklen Ecken der Weltgesellschaft freilich noch.1 [1] Dort herrschten weiterhin unaufgeklärte Zustände und religiöser Irrglaube. Vor allem der Islam gilt dem westlichen Denken als in dieser Hinsicht sehr verdächtig.
Hinzugefügt sei an dieser Stelle, dass die Ursachen für sozial-ökonomische Verwerfungen und die teils anomischen Zustände in der globalen Peripherie von Teilen des liberal-aufgeklärten Denkens kulturalistisch umgedeutet werden; sie gelten ihm als Folge religiöser und kultureller Rückständigkeit. Damit wird der globale Krisenprozess nicht nur verharmlost, sondern die Ursachen werden umgekehrt. Denn religiöser Fundamentalismus ist nicht der Ursprung ökonomischer und politischer Verheerungen, sondern eine Reaktionsform auf diese.
Der kurz hier skizzierten Selbstwahrnehmung der bürgerlichen Gesellschaft, dass diese Religion und Metaphysik überwunden hätte, will ich mit den folgenden Ausführungen dezidiert widersprechen. Stattdessen, so meine These, ist die bürgerliche Gesellschaft sogar in einem höherem Maße von metaphysischen Prinzipien bestimmt als dies vormoderne Gesellschaften je waren.

2.
Wie ist diese metaphysische Grundlage der modernen Gesellschaft indes zu fassen. Was macht die Metaphysik im Kapitalismus aus und wie kommt es dazu, dass das Aufklärungsdenken und der bürgerliche Alltagsverstand gerade vom Gegenteil überzeugt sind; nämlich in einer durch und durch säkularisierten Gesellschaft zu leben?
Werfen wir einen Blick in die Marxsche Analyse so wird schnell deutlich, dass dort die warenförmige Gesellschaft als eine ihrem Wesen nach fetischistische Gesellschaft dechiffriert wird. Im ersten Abschnitt des
Kapital zeigt Marx, dass die Ware als Basiskategorie kapitalistischer Vergesellschaftung ein Ding „voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken“ (MEW 23, 85) ist. Er attestiert allen Warendingen einen „mystische(n) Charakter“(ebd.). Der Fetischismus ist demnach ein zentrales Kennzeichen der Warengesellschaft.
Genauer besehen bestimmt Marx den warenförmigen Fetischismus als Herrschaft von Dingen. Die sozialen Beziehungen der Menschen drücken sich im Kapitalismus notwendig in Waren aus, nehmen also gegenständliche Form an. Und zwar in einer Weise, dass diese Beziehungen paradoxerweise als Eigenschaft von Dingen erscheint. Aber: Wie kommt es dazu? Wie ist dies genauer zu fassen? Warum nehmen die Beziehungen überhaupt die Form von Warengegenständen an? Und inwiefern haben diese Beziehungen dann metaphysischen Charakter?
Der Grund dafür ist darin zu suchen, dass die Menschen sich im Kapitalismus nicht direkt aufeinander beziehen, sondern der soziale Zusammenhang in lauter vereinzelte Einzelne zerfällt. Dieser Zusammenhang stellt sich her, indem sich die Einzelnen über die Produktion von Waren aufeinander beziehen. Über den Arbeitsprozess, in dem die Waren produziert werden, sind sie mit der Gesellschaft vermittelt. Damit bildet die Arbeit das Zentrum der sozialen Beziehungen.
Diese zentrale Dimension sozialer Vermitteltheit ist allerdings nur die eine Seite des Verhältnisses. Alle Beziehungen und Tätigkeiten, die nicht der Logik der Arbeit und deren Verwertung unterworfen werden können, werden abgespalten. Dadurch entsteht eine Sphäre
, die weiblich besetzt wird, und die alle Momente aufnehmen muss, die nicht im Zusammenhang von Vernunft und Rationalitität aufgehen. Das moderne Geschlechterverhältnis ist Ausdruck dieses Abspaltungslogik (Scholz 2000).
Sehen wir uns indes die Vermittlung über Arbeit noch etwas genauer an: Die Beziehungen der Einzelnen darin, die Produktionstätigkeit, aber auch das Arbeitsprodukt erhalten einen abstrakten Charakter. Denn die Einzelnen sind keineswegs an den konkreten Produkten interessiert, die sie herstellen, genauso wenig wie an der konkreten Arbeit, die sie verrichten. Der Zweck ist vielmehr der Tauschwert und damit etwas Abstrakt-Äußerliches, das mit der konkreten Tätigkeit nichts zu tun hat. Allgemein lässt sich damit sagen, dass die Verhältnisse der Menschen zueinander bzw. zur sinnlichen Wirklichkeit einen abstrakten Charakter annehmen.
Denn der Zweck des Handelns und der warenförmigen Praxis liegt nicht im Konkret-Sinnlichen, sondern zielt auf die abstrakte Qualität des Tauschwerts. Der Tauschwert seinerseits stellt sich sinnlich-real als Geld dar. Die abstrakt-äußerliche Qualität der Arbeit bzw. des Werts erscheint also in einem Gegenstand, dem Geld.
An dieser Stelle können wir damit festhalten, dass die kapitalistische Gesellschaft in den abstrakten Beziehungen der vereinzelten Einzelnen und der Abstraktion des Tauschwerts ihr Wesen hat und gerade nicht auf das sinnlich-konkrete Diesseits gerichtet ist.
Marx stellt deswegen im Fetischkapitel treffend fest, dass der Tauschwert des Arbeitsprodukts „mit der physischen Natur … absolut nichts zu schaffen (hat)“ (MEW 23, 86).
Dass ein Produkt einen Tauschwert besitzt und dies das eigentliche, abstrakte Ziel der Produktion ist, bedeutet zugleich, dass neben den sinnlich-stofflichen Reichtum eine Form des abstrakten Reichtums tritt. Dieser Reichtum beruht nicht auf den konkret-materiellen Qualitäten. D.h. der Reichtum, der sich in Geld darstellt, ist ein Reichtum mit abstrakt-metaphysischer Qualität. Arbeit erzeugt somit nicht nur ein nützliches Produkt, sondern immer auch eine abstrakte Qualität: Wert, der sich im Geld darstellt. Die Produktion folgt dem übergeordneten Zweck, zusätzlichen Wert, Mehrwert, zu erzeugen, also aus Geld mehr Geld zu machen,
was Marx in der bekannten Formel G-W-G‘ ausdrückt. Sinnliche Bedürfnisse sind damit nur die Erscheinungsformen der übergreifenden Abstraktion des Werts. In dieser Hinsicht können wir von einer metaphysische Qualität der Beziehungen und der gesamten Lebenswirklichkeit im Kapitalismus sprechen. Allerdings ist dies immer verknüpft mit dem abgespaltenen Bereich von Beziehungen und Tätigkeiten, die sich der Logik des Werts sperren.
Die abstrakt-metaphysische Dimension der Ware erscheint indes nicht als solche, sondern sie äußert sich, wie wir schon sahen, als eine dingliche Eigenschaft der Ware, die sich ihrerseits im Geld darstellt. Deshalb beschreibt Marx den Kapitalismus sehr treffend als eine Gesellschaft, die von einem versachlichtem Fetisch beherrscht wird.

3.
Historisch wie logisch konnte Marx mit seiner kritischen Analyse an die Philosophie des deutschen Idealismus, insbesondere an die Philosophie Hegels und Kants anschließen. Allerdings mit dem nicht unerheblichen Unterschied, dass Marx eine radikale Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und deren Metaphysik formulierte, während Hegel und Kant deren Apologeten waren.
Dennoch liegt der Vorzug des Idealismus darin, die bürgerliche Gesellschaft als in ihrem Wesen metaphysisch zu begreifen. Wenn Kant die Kritik der reinen oder auch der praktischen Vernunft bestimmt, so geht es stets darum, die Bestimmungen dieser Vernunft von sinnlich-empirischen Beimengungen zu „befreien“ und sie damit als metaphysische Vernunft zu begreifen.
Auch Hegel sieht die Aufgabe der Philosophie darin, die Metaphysik als Voraussetzung des Diesseits zu bestimmen. Die überall waltende Vernunft des Geistes und des Absoluten ist demnach der Grund für alles Seiende.2 [2] Die vergänglichen Dinge sind nicht das Wahrhafte, weil sie vergehen und ein Ende haben. Der Geist dagegen ist das eigentlich Existierende und Wirkliche. Die Wahrheit oder Gott ist das Unvergängliche, Bleibende in dieser Vergänglichkeit. Und das Bleibende ist das wahrhafte Sein: „Darauf kommt es an, in dem Scheine des Zeitlichen und Vorübergehenden die Substanz, die immanent, und das Ewige, das gegenwärtig ist, zu erkennen.” (Hegel 1982, 25) Die Ewigkeit bzw. Gott ist also gegenwärtig und wirklich in der Welt. Die Welt ist selbst die Existenz und Offenbarung Gottes. Sie ist nicht gottverlassen, nicht, wie sie nicht sein soll. Die Aufgabe der Philosophie ist deswegen auch nicht, eine Welt zu konstruieren, zu erdenken, wie sie bloß sein soll aber nicht ist. Die Philosophie ist die wissenschaftliche Darstellung der Welt als Offenbarung Gottes.
In diesen Gedanken Hegels wird deutlich, dass es ihm um die Wirkmächtigkeit Gottes in der Welt geht. Die göttliche und ewige Substanz ist nicht in einer jenseitigen Sphäre zu verorten, sondern ist in der alltäglichen Lebenswirklichkeit gegenwärtig.
Marx hat die idealistische Philosophie Hegels bekanntlich vom Kopf auf die Füße gestellt. D.h. er hat das Wirken Gottes in der Welt als Realmetaphysik des Werts bzw. des Kapitals dechiffriert und damit eine fundamentale Kritik an dieser Metaphysik formuliert. Die kapitalistische Welt ist demnach nicht die Offenbarung Gottes, sondern in ihr offenbart sich und erscheint die abstrakte Logik von Wert und Kapital. Allerdings keineswegs in einer umfassenden Weise, wie dies Hegel meinte und wollte, sondern diese Logik ist stets gebrochen durch die Logik der abgespaltenen Sphäre, die gewissermaßen die dunkle Rückseite moderner Vernunft bildet.

 

4.
Zusammenfassend muss demnach das Wesen des Kapitalismus als real und dinglich gewordene Metaphysik des Werts beschrieben werden. Der kapitalistische Produktionsprozess ist die Vergegenständlichung dieses Wesens in der Ware, d.h. das Gegenständlichwerden vollzieht sich in der Verausgabung von Arbeit bzw. Arbeitszeit. Deswegen stellt auch, um in religiösen Begrifflichkeiten zu bleiben, die Arbeit im ganz wörtlichen Sinne eine Kulthandlung dar.
Die Bestimmung des Kapitalprozesses als realem Kult geht auf Walther Benjamins fragmentarischen Text „Kapitalismus als Religion“ zurück. Benjamins Betrachtungen zum Kapitalismus als realer Religion sind sehr kurz gehalten und dienten ihm nur als grobe Skizze. Von Arbeit und Wert ist bei Benjamin nichts zu lesen, aber dennoch lassen sich seine Überlegungen für die Wert- und Arbeitskritik fruchtbar machen, gerade weil sie auf den realmetaphysischen Kern des Kapitalismus zielen:
„Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. Der Utilitarismus gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung. Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus … Es gibt da keinen „Wochentag“, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pompes, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre […]. Gottes Transzendenz ist gefallen. Aber er ist nicht tot, er ist ins Menschenschicksal einbezogen.“ (Benjamin 2003, 16f.)
Menschen, ihre Beziehungen und Tätigkeiten erlangen nur gesellschaftliche Anerkennung in Beziehung zum Kult der Arbeit. Insofern kennt der Kapitalismus keine Dogmatik und Theologie, also verschiedene theologischen Auslegungen über das Göttliche. Gott ist auch nicht mehr jenseitig und transzendent, sondern höchst real als Metaphysik der Arbeit, so müsste die Perspektive von Benjamin ergänzt werden. Der Kult nimmt eine einheitliche Form an, die Form der Arbeit.
Benjamin bestimmt den Kapitalismus auch als „essentiell religiöse Erscheinung“ (ebd., 16). Und zwar in Abgrenzung zu Max Weber, der den protestantischen Geist des Kapitalismus nur als eine religiös gestimmte, mentale Prägung interpretiert hat. Kapitalismus, wie ihn Benjamin versteht, ist aber kein bloß „religiös bedingtes Gebilde“ (ebd.), sondern eine Religion, die einen auf Dauer gestellten Kult vollzieht. Vom wertkritischen Standpunkt aus kann dies so interpretiert werden, dass es hier nicht um die subjektive Wahrnehmung bzw. die Ideologie der Arbeitsreligion geht, sondern um die objektive Praxis der Wertverwertung. Im Gegensatz zu Benjamin würde ich allerdings den Begriff Religion für vormoderne Gesellschaften reservieren. Es ist meiner Ansicht nach treffender stattdessen in Bezug auf den Kapitalismus von Metaphysik oder Realmetaphysik zu sprechen. Damit kann die Spezifik dieser Form adäquater ausgedrückt werden.
Benjamin grenzt zudem andere Formen von Religion bzw. Jenseitsorientierung von der kapitalistischen Form deutlich ab, und zwar im Hinblick auf die Frage der Schuld: „Dieser Kultus ist … verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus. Hierin steht dieses Religionssystem im Sturz einer ungeheuren Bewegung. Ein ungeheures Schuldbewußtsein das sich nicht zu entsühnen weiß, greift zum Kultus, um in ihm diese Schuld nicht zu sühnen, sondern universal zu machen, dem Bewußtsein sie einzuhämmern und endlich und vor allem den Gott selbst in diese Schuld mit einzubegreifen, um endlich ihn selbst an der Entsühnung zu interessieren. […] Darin liegt das historisch Unerhörte des Kapitalismus, daß Religion nicht mehr Reform des Seins … ist.“ (ebd., 16)
Diese Bestimmung des Kapitalismus als Schuldzusammenhang ist besonders komprimiert und bedarf deswegen auch der Erläuterung. Benjamin deutet seine Perspektive hier nur an, ohne den Bedeutungsgehalt des Begriffs der Schuld hier auszubuchstabieren. Die Frage nach der Schuld lässt sich indes auf einer grundsätzlichen Ebene auf die Form des gesellschaftlichen Zusammenhangs im Kapitalismus beziehen. Um dies deutlich zu machen, ist es nützlich sich die Struktur von vormodernen Gesellschaftszusammenhängen zu vergegenwärtigen. In nichtkapitalistischen Gemeinwesen herrschen soziale Beziehungen, die nicht über die Abstraktion von Arbeit und Wert vermittelt sind. Vielmehr sind die sozialen Verhältnisse durch gegenseitige Verpflichtungsverhältnisse geprägt: „Dicht und umfassend durchziehen eine archaische Gemeinschaft Verpflichtungen, die ihr Grund und Gewähr leisten sollen. Sie bilden ein ganzes Netz aus Schuldigkeiten, in dem wechselseitig alle aneinander gebunden sind: jeder an die anderen, von denen und mit denen er lebt, und so auch an die Natur und an die Götter.“ (Bockelmann 2020, 71) Dieses Verpflichtungs- oder Schuldverhältnis bestimmt auch die Kulthandlungen. Die Schuld gegenüber den Göttern wird beispielsweise durch Opfergaben gesühnt, so dass die Verpflichtung gegenüber der jenseitigen Sphäre abgegolten ist. Periodisch ist dieser Entsühnungsakt zu wiederholen. Die Zeitspanne zwischen der Kultpraxis steht indes im Zeichen der sinnlich-konkreten Lebenswirklichkeit und ist klar unterschieden von der davon abgesetzten kultischen Handlung.
Im Gegensatz dazu, so der Benjaminsche Gedanke, ist der Kult der Arbeit im Kapitalismus „nicht entsühnend“. D.h. die „Schuld“ gegenüber dem Kapitalprozess bzw. der Verwertung des Werts ist universell und zeitlich unbegrenzt. Alles und jedes, die gesamte sinnlich-konkrete Wirklichkeit kann, ja muss sogar Warenform annehmen und hat als Darstellungsform des ewig prozessierenden Werts zu dienen. Die Schuld jedes Einzelnen besteht darin, diese Transformation oder auch Transsubstantiation zu vollziehen. Gelingt diese Einbeziehung in den Bannkreis des Werts und der Arbeit nicht, so wird der Inhalt abgespalten und gilt als gesellschaftlich inferior. Deswegen charakterisiert Benjamin völlig zurecht den Kapitalismus als einmalig und als historisch „unerhörte“ und „ungeheure Bewegung“.

 

5.
Benjamin grenzt also die Religion bzw. die Metaphysik des Kapitalismus deutlich ab von vormodernen Formen von Religiosität. Die Religion bzw. der religiöse Glaube wird auch in der Hegelschen Philosophie streng geschieden von der Offenbarung Gottes als bürgerlicher Vernunft. Daher ist der Begriff Religion auch bei Hegel für die vorbürgerlichen Verhältnisse reserviert.
In vormodernen Zuständen, ist Gott, so Hegel, noch etwas Äußerliches, während die bürgerliche Gesellschaft die reale Existenz Gottes bedeutet. Diese Hegelsche Differenzierung halte ich für überaus treffend, denn in nicht-bürgerlichen Verhältnissen herrschte die Metaphysik noch nicht in Form eines auf Dauer gestellten Alltagskults.
Hegel fasst die Religion als eine den Menschen gegebene Vorstellung folgendermaßen:
„Die Stellung der Religion ist diese: Die Wahrheit, die durch sie an uns kommt, ist äußerlich gegeben. Man behauptet, die Offenbarung des Wahren sei eine dem Menschen gegebene, er habe sich darin in Demut zu bescheiden; die menschliche Vernunft könne für sich selbst nicht darauf kommen. Die Wahrheiten der Religion sind; man weiß nicht, woher sie gekommen; der Inhalt ist ein gegebener, der über und jenseits der Vernunft sei. Dies ist positive Religion. Irgend durch einen Propheten, göttlichen Abgesandten ist die Wahrheit verkündet […] Wie Moses Gott im feurigen Busch erblickte und sich die Griechen den Gott in Marmorbildern oder sonstigen Vorstellungen zum Bewußtsein gebracht haben.“ (Hegel 1971, 92)
Die Religion beantwortet demnach die Frage nach Gott auf eine ebenso äußerliche wie gegenständliche Weise für die Anschauung und Vorstellung und zwar in Bildern, Geschichten, einzelnen geschichtlichen Begebenheiten und Gleichnissen. Dies geschieht in einer Art, die das Gefühl, den Glauben und die Phantasie des Menschen ansprechen. Religion, sei es als Vielgötterei oder als Vorstellung von einem monotheistischen Gott, ist also laut Hegel etwas von außen Gegebenes. Religiöser Glaube an ein Jenseits bestimmt dieses Jenseits immer in Trennung zum Diesseits. Diese Trennung zwischen einer jenseitigen Sphäre und dem Diesseits, die in der Religion festgehalten ist, stellt nach Hegel gerade den Mangel der Religion dar. Denn die göttliche Vernunft steht damit noch Jenseits der realen Welt. In der bürgerlichen Gesellschaft ist hingegen Gott im Anderen seiner selbst real gegenständlich geworden. Hegels Philosophie drückt diese reale Existenz Gottes in der Welt zwar verkehrt als idealistisches Konstrukt aus. Er trifft damit aber die Verhältnisse, die die bürgerliche Gesellschaft im Kern ausmachen: Gott realisiert sich als automatisches Subjekt in der konkreten Warenwelt.
Diese Differenz zwischen Religion und Realmetaphysik im Kapitalismus ist zentral. Religion ist immer eine projizierte Vorstellung, die an bestimmte Erfahrungen aus dem Diesseits anknüpft und mit diesen Erfahrungen vermittelt ist. Aber sie ist eben eine Vorstellung und keine Darstellung an realen Gegenständen. Diese Differenz drückt Marx in seiner Fetischkritik treffend aus: „Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand.“ (MEW 23, 86)
Für den Unterschied zwischen Religion und Realmetaphysik gibt Marx in diesem Zitat den entscheidenden Hinweis: In vormoderne Gesellschaften sind die „Produkte des menschlichen Kopfes mit eigenem Leben begabt“, während im Kapitalismus die verselbständigte Herrschaft aus der produktiven Praxis resultiert. D.h. wir haben es in vorbügerlichen Zeiten mit einem Jenseitsglauben zu tun, der letztlich auf religiösen Ideen und Projektionen beruht. Der aber der Praxis und dem Handeln in einem gewissen Sinne äußerlich bleibt. Der Geist ist im religiösen Glauben nicht realmetaphysisch in der Welt, die diesseitige Welt ist nicht selbst die Existenz Gottes. In der Warengesellschaft herrschen dagegen nicht jenseitige Gedanken und Vorstellungen, sondern die Metaphysik wird real in den Waren und den Subjekten.
In der religiösen Vorstellung mag der Himmel von vielen Wesen bevölkert sein, es sind aber immer nur Vorstellungen. Wenn auch die Religion in die realen Lebensverhältnisse hineinwirkt und diese teils in einer erschütternden Weise beherrscht, wie z.B. in Zeiten der Inquisition, so ist sie dennoch ihrem Wesen nach eine ins Jenseitige projizierte Vorstellung. Sie ist als „Produkt des Kopfes“ grundsätzlich von der kapitalistischen Realmetaphysik menschlicher Beziehungen und der produktiven Praxis, als „Produkt der Hand“ zu unterscheiden.
Auch wenn beispielsweise im Christentum Oblaten bestimmte wundersame Eigenschaften zugesprochen werden, wie die, das Fleisch des Herrn Jesu zu sein, so ist dies doch ein „Produkt des menschlichen Kopfes“ und nicht Ausdruck der metaphysischen Praxisform der Wertverwertung. In der religiösen Kulthandlung des Abendmahls wird zwar eine Verknüpfung zur Sphäre des Göttlichen und Jenseitigen hergestellt. Diese ist aber eine zeitlich limitierte, „entsühnende“ Handlung im Kontext religiöser Verpflichtung. Während der Kapitalismus eine auf Dauer gestellte, „nicht entsühnende“ Praxis ist.


6.
Religion, so zeigte sich, ist durch einen Zustand des Dualismus gekennzeichnet, d.h. der
prinzipiellen Trennung zwischen den praktischen Lebensverhältnissen und den religiösen Vorstellungen. Dies gilt für jede Religion, für das Judentum, den Hinduismus oder den Buddhismus genauso wie für den Islam oder das Christentum. In der christlichen Religion ist dieser Dualismus indes auf eine spezifische und sehr repressive Weise verfasst. Ein zentrales Element in diesem Verhältnis ist die Schuldbeziehung bzw. der Sündenfall. Das Christentum geht von einer ursprünglichen Einheit des Menschen in Gott aus, die durch das selbstmächtige und sündige Handeln der Menschen zerstört wurde. Durch den Verzehr der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis werden Adam und Eva bekanntlich aus dem Garten Eden verwiesen und die Gemeinschaft zwischen Mensch und Gott zertrennt. Was daraus folgt ist hinlänglich bekannt: Die Menschen mussten nun ihren leidvollen, irdischen Weg im Schweiße ihres Angesichts alleine gehen, abgetrennt von der ursprünglich herrschenden ewigen Lebensfülle im Paradies. Das Erstaunliche an der christlichen Bestimmung des Diesseits-Jenseits-Verhältnisses ist, dass die Trennung zwischen Gott und Menschen diesen als ewige Schuld angelastet wird. Darin besteht der repressive Kern des Christentums: Die Diesseitigkeit und die darauf bezogenen Handlungen des Menschen werden als Schuldverhältnis gefasst, das zudem noch von Generation zu Generation als „Erbsünde‟ fortbestehen bleibt. Damit wird die Äußerlichkeit Gottes und die Trennung von ihm als auf ewig dem Menschen zukommende Schuld bestimmt.
Dieses widersprüchliche und zutiefst problematische Schuldverhältnis des Christentums zur realen Lebenswirklichkeit weist strukturelle Ähnlichkeiten zur Logik des Kapitalismus auf. Es ist zu vermuten, dass die paradox-repressive Schuldbeziehung des Christentums zum Diesseits eine ideologisch-mentale Voraussetzung war, damit die Metaphysik des Kapitalismus historisch überhaupt Raum greifen konnte.

7.
Die traditionellen Religionen sind, wie wir sahen, immer durch den Dualismus charakterisiert, dass die göttlich-jenseitige Sphäre von der diesseitigen getrennt ist. Dem Menschen treten Gott und das Jenseits als äußere Vorstellungen gegenüber. Diese Spannung zwischen der Sphäre der göttlichen Vernunft und dem diesseitigen Handeln verweist indes darauf, dass die menschliche Praxis in vormodernen Verhältnissen keineswegs dem Religiösen in einer umfassenden Weise untergeordnet war. Vielmehr sind der religiöse Glaube und die damit zusammenhängenden Kulthandlungen als ein Moment der Lebenszusammenhänge und der gesamten Lebenswirklichkeit zu fassen.
Dem entspricht, dass in vorbürgerlichen Gemeinwesen Gesellschaftlichkeit ganz anders hergestellt wird als in der kapitalistischen Gesellschaft. Wie weiter oben schon ausgeführt, stellt im Kapitalismus die Arbeit das Zentrum der gesellschaftlichten Vermittlung dar. Die Einzelnen sind über die Produktion und den Verkauf von Waren Momente des gesellschaftlichen Zusammenhangs. In der Vormoderne ist dagegen die Produktion eingebettet in einen kulturell-symbolischen Rahmen.
Auch Karl Polanyi betont in seiner Studie „The Great Transformation“ diesen Aspekt: In vorbürgerlichen Gemeinwesen, so stellt er fest, war „die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen in der Regel in seine Sozialbeziehungen eingebettet. Sein Tun gilt … der Sicherung seines gesellschaftlichen Rangs, seiner gesellschaftlichen Ansprüche und seiner gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Er schätzt materielle Güter nur insoweit, als sie diesem Zweck dienen … Die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Bindungen … ist von entscheidender Bedeutung.“ (Polanyi, 75) Der sozio-kulturelle Rahmen stellt demnach die gesellschaftliche Bindung und Kohärenz her. Zudem verleiht er dem Handeln der Menschen eine übergeordnete Sinnhaftigkeit. Innerhalb dieses kulturell-symbolischen Rahmens spielen nun religiöse Vorstellungen eine wichtige, aber bei weitem nicht die einzige oder gar zentrale Rolle. Die Religion ist eine Dimension des kulturell-symbolischen Zusammenhangs. Gesellschaftliche Beziehungen gehen darin keineswegs auf, denn sie sind entscheidend durch direkte persönliche Beziehungen geprägt. Ethnologische Studien haben immer wieder die überaus wichtige Form von verwandtschaftlichen Verhältnissen für das soziale Gefüge herausgestellt, ebenso wie das wechselseitige Verhältnis von Verpflichtungen (Sahlins 1994).
Im Durchsetzungsprozess des Kapitalismus wurde die
durch gegenseitige Verpflichtungsverhältnisse gebildete gesellschaftliche Kohärenz gewaltsam aufgelöst. Damit verlor auch die Religion bzw. der religiöse Glauben als Moment dieser Form von gesellschaftlicher Bindung stark an Bedeutung. Allerdings hat die kapitalistische Form, wie wir sahen, keineswegs Lebensverhältnisse hergestellt, die am sinnlich-konkreten Diesseits orientiert sind. Vielmehr stellt der Kapitalismus ein spezifisches Herrschaftsverhältnis dar, in dem die Menschen von abstrakten Formen beherrscht werden. Eine Überwindung und Befreiung von metaphysischen Zuständen steht erst noch bevor.


Literatur:

Benjamin, Walther (2003): Kapitalismus als Religion. In: Kapitalismus als Religion. Herausgegeb. v. Dirk Baecker. Berlin

Bockelmann, Eske (2020): Das Geld. Was es ist, das uns beherrscht. Berlin

Grimsmann, Martin / Lutz, Hansen: Hauptgedanken Hegels. https://hegel-system.de/de/veinl1.pdf [3]

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1982): Grundlinien der Philosophie des Rechts. Werke Band 7. Frankfurt a. Main

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1971): Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Werke, Bd. 18, Frankfurt a. Main

Marx, Karl: Das Kapital, Band 1 (MEW 23)

Polanyi, Karl (1978): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt/Main

Sahlins, Marshall (1994): Kultur und praktische Vernunft. Frankfurt/Main

Scholz, Roswitha (2020): Das Geschlecht des Kapitalismus. Feminstische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats. Bad Honnef

 


Fußnoten:

1 [4]Unter Metaphysik soll, das sei hier schon einmal angeführt, allgemein der Bereich eines Jenseits sinnlicher Erfahrung verstanden werden.

2 [5] Siehe die Zusammenfassung von Grimsmann und Hansen, die z.T. im Text paraphrasiert wurde: https://hegel-system.de/de/veinl1.pdf


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