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Die Zukunft der Inflation

Überlegungen zu den inflationstheoretischen Implikationen des Theorems vom Wechsel der Geldware

von Ernst Lohoff

1.
Das Marx’sche Geldkonzept hat in der Geldtheorie eine Sonderstellung inne. Die bürgerliche Ökonomie vertritt seit den Tagen Adam Smiths eine Zwei-Welten-Theorie, derzufolge das Geld außerhalb des Warenkosmos angesiedelt sei. Geld misst den Wert der Waren und ist damit Maßstab des kapitalistischen Reichtums; es gehört diesem aber genauso wenig an wie das Maßband, mit dem der Schneider die Länge von Stoffen bestimmt, selber zu den Textilien gehört. Marx betont demgegenüber, Geld und Ware seien einander keinesfalls wesensfremd. Beim Geld handle es sich vielmehr um die Veräußerlichung des inneren Widerspruchs der Ware, gleichzeitig einen besonderen Gebrauchswert zu haben und Träger von Tauschwert zu sein. Eine bestimmte Ware übernimmt allen anderen Waren gegenüber die Funktion, die ihnen allen gemeinsame Tauschwertdimension unmittelbar zu repräsentieren. Geld hat damit den Charakter einer allgemeinen Ware.

Unter bürgerlichen Ökonomen geht man davon aus, dass die Marx’sche Geldtheorie von der Entwicklung des Geldwesens ganz offensichtlich widerlegt wurde. Die vermeintliche Falsifizierung beruht indes auf einer Verwechslung. Wenn Marx von Geldware spricht, lesen durch die eigene Doktrin vernebelte Hirne stur Warengeld und setzen das Marx’sche Geldkonzept mit dem Ricardos gleich. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die VWL der Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie einfach ihre eigene, äußerst enge Warendefinition unterjubelt.1 [1] Laut gängiger VWL-Definition ist eine Ware eine „bewegliche Sache, die Gegenstand des Handelsverkehrs ist oder die nach der Anschauung des Verkehrs als Gegenstand des Warenumsatzes in Betracht kommen könnte‟. Was auf anderen als den Gütermärkten gehandelt wird, ist nach diesem Verständnis keine Ware. So gilt etwa Elektrizität zwar als Ware, Grundstücke fallen jedoch aus der ogigen Definition heraus (ebd). Die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie fasst die Ware dagegen anders, nämlich als die universelle kapitalistische Reichtumsform. Dementsprechend besteht der Unterschied zwischen verschiedenen Märkten ihrem Verständnis nach keineswegs darin, dass hier Waren umgeschlagen würden und dort etwas anderes; vielmehr differieren nur die Warentypen jeweils. Einen Immobilienmarkt gibt es, weil im Kapitalismus Grundstücke und Häuser Warencharakter annehmen und einen Wohnungsmarkt, weil auch Nutzungsrechte an Wohnraum zur Ware werden können; der Arbeitsmarkt verdankt seine Existenz der Verwandlung von Arbeitskraft in eine dem Träger dieser Arbeitskraft gehörende Ware. Und auch der Finanzsektor bildet da keine Ausnahme: der Finanzmarkt hat sich herausgebildet, weil Geld „in seiner Eigenschaft als mögliches Kapital‟ (MEW 25, 351) Ware werden kann.2 [2]

Wer mit Marx Kreditbeziehungen als einen spezifischen Typus von Warenbeziehung fasst, für den ist es alles andere als evident, dass mit der Demonetarisierung des Goldes das Geld seinen Warencharakter verlorenen haben soll. Schließlich weiß jeder Ökonom empirisch, wie seitdem Geld in die Welt kommt. 3 [3]Alles heutige Geld entspringt Kreditbeziehungen. Gewähren Geschäftsbanken ihren Kunden Kredite, entsteht Giralgeld. Zentralbankgeld ist das Ergebnis der Kreditbeziehungen zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken. Ein Teil des Zentralbankgeldes zirkuliert zwar in der Gestalt von Bargeld, also von Geldzeichen; in Umlauf kommt das Bargeld aber ebenfalls nur vermittels Kreditbeziehung. Die Geschäftsbanken lassen sich einen Teil der ihnen gewährten Zentralbankkredite in der Form von Scheinen und Münzen auszahlen. Technisch kommen Banknoten hierzulande aus der Bundesdruckerei, ökonomisch sind sie Kinder des Kredits. In die Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie übersetzt, handelt es sich bei den Vorgängen, die in der Wirtschaftstheologie als „Geldschöpfung‟ firmieren, um nichts anderes als um eine Form der Bildung von fiktivem Kapital4 [4].

2.
Sobald man sich diese Zusammenhänge vergegenwärtigt, verändert sich auch die Perspektive auf die historische Entwicklung des Geldwesens. Für die VWL war Geld letztlich immer schon ein Zeichen und hat sich mit der Demonetarisierung als solches entpuppt. In Wirklichkeit sind dagegen zwei Prozesse zu unterscheiden, die historisch um viele Jahrzehnte auseinanderfallen. Die Demonetarisierung des Goldes bedeutet lediglich einen Wechsel in der Besetzung der Geldwarenposition. Das Gold wurde als Warenkönigin gestürzt und in den Warenpöbel zurückgestoßen, dafür wurde aber eine neue Monarchin inthronisiert. Die monetären Forderungen, die bei der Zentralbankgeldschöpfung entstehen, übernahmen den Part der Geldware. Die Dekommodifizierung des Geldes steht dagegen noch aus. Diese ist nur als veritabler Krisenprozess denkbar und läuft auf den Zerfall des Geldmediums hinaus, ein Prozess, der sich an der Oberfläche als Hyperinflation darstellen muss.5 [5] Die Wirtschaftstheologen glauben, dass Geld als reines Zeichengeld funktionieren kann und spätestens seit der Aufhebung der Goldbindung des Dollar im August 1971 als solches funktioniert. In dem Maß, wie Geld seinen Warencharakter wirklich verliert, also aufhört, fiktives Kapital zu repräsentieren und zum bloßen Zeichen degeneriert, verliert das Geldmedium indes seine Funktionsfähigkeit.

Die Krisen, die Marx vor Augen hatte, waren reine Deflationskrisen. Krisen, die eine Entwertung des Geldmediums beinhalten, kommen in seiner Darstellung genauso wenig vor wie das Phänomen zyklusübergreifender inflationärer Entwicklungen. Das liegt daran, dass er das Konzept der allgemeinen Ware noch am Gold entwickelte und er eine amtierende Königsware vor Augen hatte, die sich aus der Reihe der Gütermarktwaren rekrutierte. Auf der Grundlage eines solchen Geldsystems, in dem die Geldware selbst vergangene tote Arbeit repräsentiert, gibt es zwar Preisschwankungen, aber keine säkulare Inflation. Die Preise steigen in Zeiten der Hochkonjunktur, um in Zeiten der Baisse wieder zu fallen. Erst mit dem Wechsel der Geldware setzt ein säkularer Inflationsprozess ein. Damit ergibt sich in Hinblick auf die Teuerungsrate folgendes historisch-logisches Grobschema:

Geldware

Geld und abstrakter Reichtum

Preisentwicklung

Gold

Wertproduktion

Zyklische Preisschwankungen ohne historische Tendenz

Forderungen der Zentralbank gegenüber den Geschäftsbanken

Wertantizipation

Säkulare Inflation

Dekommodifizierung der Geldware

Geld verliert seinen Status als Teil des abstrakten Reichtums

Hyperinflation

3.
Die These vom Wechsel der Geldware taucht in meinen Publikationen das erste Mal in dem gemeinsam mit Norbert Trenkle verfassten Buch „Die große Entwertung‟ (Lohoff/Trenkle 2012) auf. Sie wird dort allerdings nicht weiter ausgeführt. Der Text „Die allgemeine Ware und ihre Mysterien‟( Lohoff 2018) sollte das nachholen und die Spezifika der neuen Geldware und des auf ihr gründenden Geldsystems skizzieren. Dummerweise hat sich beim Versuch, den Zusammenhang zwischen den abgeleiteten Erscheinungsformen des Geldes und der neuen Geldware zu umreißen, aber eine gewisse Unschärfe in die Bestimmung der allgemeinen Ware eingeschlichen. Die Passagen in „Die große Entwertung‟ waren noch eindeutig. Dort wurden „die monetären Ansprüche der Zentralbank als Geldware‟ (S.152) gefasst. Im jüngeren Text werden mal diese mal die Sicherheiten, die die Geschäftsbanken bei der Zentralbank hinterlegen müssen, wenn sie Zentralbankgeld erhalten als Geldware bezeichnet. Gelegentlich werden die Sicherheiten und monetären Forderungen auch einfach in einem Atemzug genannt und verschwimmen ineinander.

Natürlich verbindet beide Aussagen ein Grundgedanke; sie heben auf die gleichen Kreditbeziehungen ab. So oder so, die Geldware entspringt der Beziehung der Zentralbank zu den Geschäftsbanken. So oder so, genau der Akt, in dem die VWL immer nur die einseitige „Schöpfung‟ von Geld durch einen Demiurgen erkennen will, erzeugt zugleich das, was es angeblich nicht gibt, nämlich die Geldware. Auch wenn das am theoretischen Clou nichts ändert, ist es freilich nicht gleichgültig, ob man auf dem Thron der Geldware die monetären Forderungen der Zentralbank sieht, oder die Sicherheiten, die die Geschäftsbanken für die Laufzeit ihrer Kredite hinterlegen müssen. Mit den Sicherheiten als Geldware verliert die Argumentation deutlich an Konsistenz.

Wie die Sicherheiten in die Darstellung hineingeraten sind, lässt sich rekonstruieren. Beim Nachweis, dass die Geldware nur gewechselt habe und nicht verschwunden sei, liegt es erst einmal nahe, Entsprechungen zwischen alter und neuer Geldware zu suchen. Wenn unter der Herrschaft einer Gütermarktware Geldzeichen im Alltagsverkehr die allgemeine Ware ersetzen, dann ist das an die offizielle oder zumindest faktische Konvertibilität des Papiergeldes in allgemeine Ware gebunden. Eine bestimmte Summe von Banknoten steht meist für ein bestimmtes fixes Goldgewicht. Das setzt wiederum eine Form der Deckung des umlaufenden Geldes durch Edelmetall voraus, das sich in den Tresoren der Zentralbank befindet. Die Vorstellung, die Geldzeichen müssten in einem ähnlichen Sinne auch unter der neuen Geldware gedeckt sein, echot in der Annahme nach, die Sicherheiten wären die neue allgemeine Ware. Dummerweise vollzieht sich die Einbindung der Geldzeichen in den Warenkosmos im heutigen Geldsystem aber näher besehen anders und nicht über irgendeine Deckung des Zentralbankgeldes. Das Geldsystem beruht auf Wertantizipation und dementsprechend erzeugt auch der Antizipationsprozess qua Kredit unmittelbar die Geldware (Sicherheiten wären ja nur weitgegebene Wertantizipation).

Wie ist das praktisch zu denken? Indem das Bargeld über die Kreditbeziehungen zwischen Geschäftsbanken und Zentralbank in Umlauf gesetzt wird, ist es per se an Warenbeziehungen angekoppelt. Irgendwelche Deckungen geschweige Deckungsvorschriften, was als Sicherheit zu akzeptieren sei und was nicht, sind dazu nicht zwingend vonnöten. Die sind akzidentiell und nicht konstitutiv für das auf der neuen Geldware beruhenden Geldsystem.

Die bei den Zentralbanken hinterlegten Sicherheiten als Geldware zu fassen, führt insofern auf den Holzweg, als damit die Frage, ob es eine Geldware gibt, fälschlicherweise mit der Frage einer Deckung verbunden wird. Daneben handelt man sich mit dieser Vorstellung noch ein paar Ungereimtheiten ein. Das beginnt damit, dass die Aussage, die neue Geldware habe den Charakter fiktiven Kapitals nur noch cum grano salis stimmt. Als Sicherheiten dienen zwar in der Regel Wertpapiere, im Prinzip kommen aber auch Güter infrage, die keineswegs fiktives Kapital darstellen. Das betrifft zum einen Immobilien und zum anderen taugt für diesen Job natürlich auch die Geldware im Ruhestand, das gute alte Gold. Dass Geschäftsbanken solche Vermögenswerte als Sicherheiten anbieten, mag empirisch die große Ausnahme sein. Für eine Argumentation, die den Anspruch kategorialer Konsistenz erhebt, ist das dennoch keine Petitesse. Das Ärgernis verschwindet sofort, sobald man sich auf die monetären Forderungen der Zentralbanken als Geldware festlegt.

4.
Der Übergang von einem Geldsystem, bei dem die Geldware aus fiktivem Kapital besteht, hin zur Dekommodifizierung des Geldes, markiert eine Epochenschwelle. Für die Analyse des historischen Prozesses ist deren Verortung wichtig. Je nach der Besetzung der Geldwaren-Position ergeben sich unterschiedliche Ergebnisse. Dass Geschäftsbanken Kredite nur unter Vorlage solider Sicherheiten erhalten, war zwar bis zur letzten Finanzmarktkrise Usus, davon kann man heute aber nicht unbedingt ausgehen. Im Euroraum betrifft das insbesondere die ELA-Kredite, die in der letzten großen Finanzkrise eine Schlüsselrolle bei der Rettung des Bankensystems spielten. Wer die Geldware mit den Sicherheiten in eins setzt, müsste die Epochenschwelle wohl als bereits überschritten betrachten. Anders sieht die Sache aus, wenn die Geldware mit den monetären Ansprüchen der Zentralbank in eins gesetzt wird. Dann fällt die Epochenschwelle mit der manifesten Entwertung bzw. Dekapitalisierung dieser Ansprüche in eins, also wohl mit dem manifesten Bankrott des Geschäftsbankensystems. Das ist natürlich Zukunftsmusik. Im obigen Schema kommt der Prozess der Hyperinflation erst mit Verschwinden der Geldware in Gang. Inthronisiert man die monetären Ansprüche als Geldware, dann fallen Hyperinflation und Dekommodifizierung zusammen, mit den Sicherheiten als Königsware fallen sie zeitlich dagegen auseinander. Die Schwelle zu einem von solider Deckung befreitem Geldwesen wurde schon mit dem letzten Krisenschub überschritten, ohne dass das zu inflationären Tendenzen geführt hätte. Selbstverständlich ist es ein veritables Krisenphänomen, wenn die Zentralbanken sich gezwungen sehen, den Geschäftsbanken auch ohne seriöse Sicherheiten Kredite zu gewähren. Insofern lässt sich dieser Schritt sicherlich als Einstieg in den Prozess der Dekommododifizierung des Geldes betrachten. Ein Einstieg ist freilich etwas anderer als ein Fait accompli.

Der Volksmund stellt sich den Geldkreislauf ähnlich wie den globalen Wasserkreislauf vor. Geld, das einmal in die Welt gesetzt wurde, bleibt dort auch und verschwindet nicht ohne Weiteres wieder. Das klassische Golddeckungssystem funktionierte auch tatsächlich nach diesem Muster. Beim zeitgenössischen Geld und bei der zeitgenössischen Geldware sieht das freilich anders aus. Bei diesem handelt es sich um eine höchst gespenstische Angelegenheit. Geld und Geldware sind permanent im Entstehen und Verschwinden begriffen, weil die diversen Kreditbeziehungen, denen sie entspringen, immer befristet sind und auslaufen. Damit das Geldsystem stabil bleibt, muss neue Geldware das dauernde Verschwinden bisheriger Geldware kompensieren bzw. überkompensieren. Bei der Frage, wie ein Übergang zu (hyper)inflationären Entwicklungen vonstattengehen könnte, sollte man diesen Ersatzbedarf ins Zentrum der Überlegungen stellen. Die fehlende Solidität der monetären Ansprüche der Zentralbanken sind eher als Symptom der Malaise zu betrachten, nicht schon als das entscheidende Kettenglied, das den hyperinflationären Prozess einleitet. Der Übergang zur großen Inflation steht erst dann ins Haus, wenn die Geschäftsbanken als Partner bei der Erzeugung fiktiven Kapitals ausfallen. Das zwänge die Zentralbanken dazu, sich ganz oder teilweise vom doppelten Geldkreislauf zu verabschieden und zu einer Direktemission von Zentralbankgeld an die außerhalb des Bankensektors operierenden Wirtschaftsakteure überzugehen.

Solche Überlegungen über den Mechanismus, mit dem sich die Dekommodifizierng des Geldes und damit die Entwertung des Geldmediums Bahn bricht, bringt eine noch weiter auszubuchstabierenden wertkritische Geldtheorie in eine pikante Frontstellung zur Modern Monetary Theory. Bei der MMT ist es ja mehr oder minder Programm, die Geschäftsbanken aus dem Geldsystem herauszunehmen. Theoretisch insofern als Geld seinem Wesen nach als Kreation des Staates verstanden wird und das privat geschöpfte Giralgeld als unwesentlich behandelt wird (vgl. Wray 2018), aber auch perspektivisch als eine Art „Reformprojekt‟. Dass sich die Geschäftsbanken zwischen die Zentralbanken und die Nicht-Banken schieben, gilt diesem Ansatz als Umweg, auf den die kapitalistische Ökonomie auch gut verzichten könnte. Von dem hier skizzierten Standpunkt zeigt sich, dass gerade das vermeintlich Überflüssige unabdingbar ist, damit der Warencharakter des Geldes erhalten bleibt und damit die Geldwertstabilität. Die Krisenwirklichkeit drängt zum Kerngedanken der MMT, aber seine Verwirklichung eröffnet keineswegs einen Ausweg aus der kapitalistischen Krise, wie die Vertreterinnen dieses Ansatzes meinen; stattdessen nimmt diese damit eine neue Qualität an.

5.
Das Thema Inflation spielte schon sehr früh in der wertkritischen Theoriebildung eine Rolle. Schon in den einschlägigen Publikationen in den 1990er-Jahren taucht die These auf, die entfesselte Dynamik des fiktiven Kapitals sei für den dramatischen Rückgang der Inflationsraten ab den 1980er-Jahren verantwortlich. Bereits damals prognostizierten wertkritischen Autoren, dass die „Stagflation‟ der 1970er-Jahre, das Nebeneinander von Wachstumsschwäche und Inflation, unweigerlich in verschärfter Form wiederkehren werde, sobald die Dynamik des fiktiven Kapitals ihr Ende erreicht Diese Einschätzung halte ich nach wie vor für völlig richtig. Allerdings verändert sich die Begründung mit den geldtheoretischen Überlegungen entscheidend.

Vor allem eine damals entstandene und heute noch in der wertkritischen Debatte in Verwendung befindliche Argumentationsfigur wird hinfällig und verfällt der (Selbst)kritik. Irgendwann im letzten Jahrtausend machte Robert Kurz eine kleine linguistische Entdeckung: Ihm fiel auf, das in der deutschen Sprache zwar das Wort Inflation für das Phänomen steigender Verbraucherpreise reserviert ist, im angelsächsischen Sprachraum das Wort „inflation‟ auch im Zusammenhang mit einer Höherbewertung von Anlagegütern Verwendung findet. Steigende Aktienkurse etwa werden als asset price inflation bezeichnet. Gelegentlich bringen ja andere Sprachen bestimmte Zusammenhänge besser auf den Punkt als das Deutsche. Die Doppelverwendung des Inflationsbegriffs im Amerikanischen galt Robert als ein solcher Fall. Diese führe zwei Phänomene sprachlich zusammen, die auch in der Sache zusammengehören, so die Behauptung. Der Ausdruck asset price inflation wurde zum Kürzel für die These, die ausgeprägte Inflation der 1970er-Jahre sei eigentlich nie verschwunden, das überschüssige Geld sei nur in eine andere Sphäre aufgestiegen und dort quasi gespeichert, um früher oder später in die „Realwirtschaft“ zurückzukehren. Wenn es dort den Gütermarktwaren gegenübertrete, werde das Preisniveau in astronomischen Höhen katapultiert.

Bei diesem Narrativ handelte es sich immer nur um einen argumentativen Notbehelf, der in Wirklichkeit nur zeigt, wie blank der wertkritische Ansatz in den 1990er-Jahren geldtheoretisch war. Kategorial richtet er lediglich Verwirrung an. Die Vermehrung von abstrakten Reichtum in der Form des fiktiven Kapitals ist nun einmal etwas völlig anderes als der Wertverlust des Geldmediums. Außerdem nimmt dieses Narrativ die falsche Volksmundvorstellung, einmal geschaffenes Geld existiere immer weiter und der Geldkreislauf funktioniere wie ein Wasserkreislauf für bare Münze. Die Welt des fiktiven Kapitals ist aber kein Wasserreservoir, dessen Inhalt sich früher oder später wieder über die Welt der „richtigen‟ Waren ergießen wird. Die Rolle ist eine ganz andere, doppelte. In den jeweiligen Zukunftsindustrien trägt die Dynamik fiktiver Kapitalschöpfung die Akkumulation und ersetzt fehlende Profitabilität; in den Sektoren, die induzierte Wertproduktion leisten, stellt die Dynamik fiktiver Kapitalschöpfung die verlorene Profitabilität bis auf Weiteres wieder her. Wenn das System des fiktiven Kapitals kollabiert, sind nicht irgendwelche aus dem Finanzüberbau herabregnenden Geldmassen das Problem (denn die werden entwertet), sondern der Zusammenbruch der Akkumulation und der Verlust der Profitabilität, was wiederum auf das Geldsystem als solches zurückschlägt.

Endnoten

1 [6] Gablers Wirtschaftslexikon: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/ware-50827

2 [7] Marx spricht bei dieser Ware von einer Ware sui generis. Sie zeichnet sich in der Tat durch äußerst eigentümliche Bewegungsgesetze aus. Näheres dazu habe ich in Lohoff (2018) ausgeführt, wo die Geldtheorie entwickelt wird, auf die sich diese Überlegungen beziehen.

3 [8] Eine kompakte und gut lesbare Darstellung des „Geldschöpfungsprozesses“ und seiner historischen Entwicklung findet sich bei Binswanger (2015) (S.57-126)

4 [9] Wer Geld anlegt, gibt eine Geldsumme weg, um sie zu einem späteren Zeitpunkt vermehrt zurückzuerhalten. Geld wird hier für ihren Eigentümer zum Geldkapital, indem er einem anderen Akteur überlässt. Beide Seiten nutzen das Geld. Damit kommt es für Dauer dieser Überlassung zu einer Verdoppelung der Geldsumme. Neben die weggegebene Ausgangsgeldsumme tritt eine monetärer Anspruch des Kapitalgebers. Diesen Anspruch bezeichnet Marx als fiktives Kapital. (Vgl. ausführlich Lohoff 2014) Die Zentralbankgeldschöpfung weist gegenüber anderen Formen der Schöpfung fiktiven Kapitals wie der Ausgabe von Aktien oder Schuldtiteln eine Besonderheit auf.

5 [10] Hyperinflationen gab es in den kapitalistischen Zentren auch schon in der Vergangenheit. Allerdings handelte es sich dabei um den meist kriegsbedingten Ruin einer speziellen Landeswährung. Man denke nur an die hiesige Hyperinflation nach dem 1. Weltkrieg. Der historische Fluchtpunkt, auf den das kapitalistische Weltsystem zusteuert. ist diesmal die Zersetzung des globalen Geldwesens überhaupt. Das schließt einen erfolgreichen Neustart des Geldsystems à la Währungsreform nach vorausgegangen Bankrott aus.

Literatur

Binswanger, Mathias (2015) Geld aus dem Nichts – Wie die Banken Wachstum ermöglichen und Krisen verursachen Weinheim 2015

Lohoff, Ernst /Trenkle,Norbert (2012) Die große Entwertung Münster 2012

Lohoff, Ernst (2018) Die allgemeine Ware und ihre Mysterien, Krisis-Beitrag 2/2018 https://www.krisis.org/2018/krisis218/ [11]

Lohoff, Ernst (2014) Kapitalakkumulation ohne Wertakkumulation, Krisis-Beitrag 1/2014 https://www.krisis.org/2014/kapitalakkumulation-ohne-wertakkumulation/ [12]

MEW 25 = Marx, Karl (1986): Das Kapital, Band 3 Marx-Engels-Werke Bd.25, Berlin 1986

Wray, L. Randall (2018) Modernes Geld verstehen, Berlin 2018


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